Thomas Geisen · Christine Riegel (Hrsg.) Jugend, Partizipation und Migration
Thomas Geisen Christine Riegel (Hrsg.)
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Thomas Geisen · Christine Riegel (Hrsg.) Jugend, Partizipation und Migration
Thomas Geisen Christine Riegel (Hrsg.)
Jugend, Partizipation und Migration Orientierungen im Kontext von Integration und Ausgrenzung 2., durchgesehene Auflage
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Max-Träger-Stiftung und des Bundesamts für Migration (Schweiz).
. 1. Auflage 2007 2., durchgesehene Auflage 2009 Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2009 Lektorat: Stefanie Laux VS Verlag für Sozialwissenschaften ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media. www.vs-verlag.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in the Netherlands ISBN 978-3-531-16618-6
Inhaltsverzeichnis Jugendliche MigrantInnen im Spannungsfeld von Partizipation und Ausgrenzung – ........ 7 eine Einführung Thomas Geisen/Christine Riegel Teil I:Konstruktionsprozesse von Jugend Gesellschaft als unsicherer Ort ......................................................................................... 29 Jugendliche MigrantInnen und Adoleszenz Thomas Geisen Young People, Migration and Metanarratives .................................................................. 51 Arguments for a Critical Theoretical Approach Pat Cox „Drin bist du noch lange nicht…“ .................................................................................... 67 Zur biopolitischen Konstruktion des Alters bei jugendlichen Flüchtlingen Katja Schikorra/Rainer Becker Teil II: Ausgrenzung und Integration Armut bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund .................................... 89 Carolin Butterwegge Sekundärer Rassismus in der Sozialen Arbeit ................................................................ 107 Claus Melter Discovering Whiteness ................................................................................................... 129 Young Adults and their Understanding of Racism Andreas Hieronymus Für mich aber hat dieses Integrationswort mit der Zeit seinen Wert verloren................. 149 Perspektiven junger Erwachsener mit Migrationshintergrund Barbara Schramkowski Integrationsprozesse von Kindern in multikulturellen Gesellschaften ............................ 169 Karin Elinor Sauer Die Fremdheit bildungserfolgreicher Migrantinnen ....................................................... 195 Merle Hummrich
Interaktionen, Fremd- und Selbstrepräsentationen.......................................................... 215 von Jugendlichen im Kontext von Migration Susanne Lang Teil III: Bildung und Mobilität Jugend in transnationalen Räumen ................................................................................. 239 Bildungslaufbahnen von Migrantenjugendlichen mit unterschiedlichem Rechtsstatus Sara Fürstenau/Heike Niedrig Education, Work and Identity ......................................................................................... 261 Young Turkish Migrants in Germany and Young Pakistani Migrants in England Bruce MZ Cohen Der Umgang mit migrationsbedingter Vielfalt im Bildungswesen ................................. 281 – historisch gestaltete Institutionen als Rahmen für Ausgrenzungsprozesse Priska Sieber Der Übergang in die berufliche Ausbildung ................................................................... 305 Migrationsbezogene Bildungskonzepte in der Schweiz Sylvia Bürkler Youth on the Move? ....................................................................................................... 325 Exploring Youth Migrations in Eastern Germany and Northern Ireland David Cairns/Simone Menz Zu den Autorinnen und Autoren ..................................................................................... 341
Jugendliche MigrantInnen im Spannungsfeld von Partizipation und Ausgrenzung – eine Einführung Thomas Geisen und Christine Riegel
Das Thema ‘Jugend und Migration’ ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit gerückt. In der Thematisierung wird dabei vielfach das Bild eines „Kampfs der Kulturen“ (vgl. Huntington 1997) oder eines „Krieg der Zivilisationen“ (vgl. Tibi 1995) sichtbar, das sich vor allem im Anschluss an die Ereignisse des 11. Septembers 2001 für die Wahrnehmung von MigrantInnen als dominantes sozial-kulturelles Interpretationsschema in der westlichen Welt etabliert hat. Im deutschsprachigen Raum hat sich in Korrespondenz dazu die Rede von einer „Parallelgesellschaft“ (vgl. Heitmeyer et al. 1997) etablieren können. Jugendliche MigrantInnen haben in einem derart ideologisch aufgeladenen sozialen Kontext eine besondere Bedeutung. Denn ihre Handlungen werden nicht nur auf gegenwärtige Auseinandersetzungen bezogen, sondern vielmehr als Zeichen künftiger Entwicklungen angesehen. So haben etwa die Jugendrevolten in Frankreich vom Herbst 2005 nicht nur gegenwärtige Konflikte einer marginalisierten Jugend – vielfach mit Migrationshintergrund – in den Vorstädten sichtbar gemacht. Sie wurden auch als eine Art Vorgeschmack auf künftige Konflikte und Auseinandersetzungen wahrgenommen, in denen die Gewaltsamkeit sozialer Konflikte zur Alltäglichkeit wird. 2006 waren es dann nicht Jugendrevolten, die für öffentliche und mediale Aufmerksamkeit sorgten, sondern eher ‘alltägliche’ Konflikte. Die Debatte um jugendliche MigrantInnen war in dieser Zeit im deutschsprachigen Raum unter anderem von den Diskussionen um Gewalt an Schulen geprägt, etwa der Rütli-Schule im Berliner Stadtteil Neukölln. Als Ursache der Gewalt wurde in den Medien der hohe AusländerInnenanteil in der Schule und im Stadtteil diskutiert und eine neue Schul- und Integrations-Debatte ausgelöst. Auch in der Schweiz entwickelte sich vor allem in der zweiten Hälfte des Jahres eine Debatte um Jugendgewalt, die vor allem männliche jugendliche Migranten
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zum Gegenstand einer auf Ausgrenzung (bzw. konkret Ausweisung) zielenden Diskussion gemacht.1
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Integration und Partizipation jugendlicher MigrantInnen
Die Rede über Integrationsschwierigkeiten, eine mangelnde Bereitschaft zur Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die soziale Segregation bzw. die Bildung von sogenannten Parallelgesellschaften steht dabei – immer wieder von Neuem – im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Im Rahmen dieses Diskurses werden neben einer dominanten, einseitig problemzentrierten Wahrnehmung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund2, auch kulturalisierende Erklärungsansätze und ethnisierende Zuschreibungen sichtbar. Der Fokus der öffentlichen und politischen Debatte richtet sich dabei vor allem auf die Jugendlichen selbst, auf ihre ‘Integrationsbereitschaft’ und ihr Engagement im Integrationsprozess. Was dabei als „Integration“ verstanden wird bleibt vielfach unbestimmt und wenig konkret. Jugendliche mit Migrationshintergrund befinden sich daher in einer paradoxen Situation: Sie werden als „Andere“ oder als „nichtzugehörig“ zur deutschen Gesellschaft kategorisiert und ausgegrenzt, gleichzeitig jedoch auch mit spezifischen Anpassungs- und Integrationsforderungen konfrontiert (vgl. Riegel 2004). Ihre „Integration“ bleibt prekär und stellt eine „Integration unter Vorbehalt“ (Schramkowski 2007) dar – ist also immer auch von der Anerkennung durch die Mehrheitsgesellschaft abhängig. Die Integration von Jugendlichen in die Gesellschaft ist daher ein voraussetzungsreiches Unterfangen, das für sein Gelingen soziale Partizipation als Praxis und Resultat zur Voraussetzung hat. Dabei ist es wichtig zu berücksichtigen, dass die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund unter mindestens zwei Perspektiven zu betrachten ist: Erstens als Integration in Bezug auf ihre soziale Positionierung als Minderheitenangehörige und zweitens in Bezug auf das Aufwachsende in der Gesellschaft. Soziologisch wird das ‘Hineinentwickeln’ in eine Gesellschaft bis zur formalen Integration mit Erreichen des Erwachsenenstatus als individuelle Integration bezeichnet (vgl. Kreckel 1994). Dieser Integrationsprozess umfasst die Seite des Individuums, dessen Aufgabe es ist, sich die für das Leben in Gesellschaft mit anderen erforderlichen Kompetenzen, wie Sprache, kulturelle Regeln, Normen oder Qualifikationen, anzueig1
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Damit wurde zum einen ein soziales Problem ethnisiert, zum anderen wurde es als Anlass genommen, um ein ‘Scheitern’ bzw. die ‘Grenzen’ der multikulturellen Gesellschaft zu konstatieren und ausgrenzende Maßnahmen – bis hin zur Abschiebung – zu fordern. Dies ist wiederum oft mit Homogenisierung und Pauschalisierung verbunden, indem von ‘der’ Gruppe der jugendlichen MigrantInnen gesprochen wird.
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nen. Von gesellschaftlicher Seite wird die individuelle Integration durch die Einbindung der Kinder und Jugendlichen in gesellschaftliche Institutionen, vor allem im Bildungs- und Ausbildungsbereich, sowie durch Maßnahmen des Wohlfahrtsstaates unterstützt (vgl. Kreckel 1994: 16ff.). Auch die Besonderheit des Integrationsprozesses im Migrations- oder Minderheitenkontext lässt sich nicht auf kulturelle Aspekte reduzieren, noch kann er als einseitige, individuelle Anpassungsleistung verstanden werden. Er umfasst vielmehr strukturelle, soziale, kulturelle und identifikatorische Dimensionen (vgl. Beger 2000) und bedarf der entsprechenden gesellschaftlichen Voraussetzungen, sodass jugendliche MigrantInnen die (gleichberechtigte) soziale, politische und kulturelle Beteiligung ermöglicht wird. Jugendliche vollziehen also in ihrem ‘Hineinwachsen’ in die Gesellschaft einen komplexen, auf vielfältigen sozialen und institutionellen Interaktionsbeziehungen beruhenden Prozess, durch den sich die Möglichkeit der Partizipation als zunehmende Einbindung und Wirksamkeit in der Gesellschaft realisiert. Für das Verständnis der Einbindung, Beteiligung und Teilhabe3 von Jugendlichen in den gesellschaftlichen Prozessen ist es daher unerlässlich, nicht nur die Jugendlichen selbst in den Blick zu nehmen, sondern auch die strukturellen und soziokulturellen Voraussetzungen in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, etwa von Bildung, Politik, Arbeit, Gesundheit oder Freizeit. Die Möglichkeiten der sozialen und kulturellen Wirksamkeit werden dabei nicht zuletzt auch durch die Verfügbarkeit über ökonomische Ressourcen begrenzt. Denn Partizipation ist nicht nur vom Willen der Einzelnen, sondern auch von sozioökonomischen Bedingungen abhängig (vgl. Verba et al. 1995: 8). Für Jugendliche mit Migrationshintergrund sind die Möglichkeiten, sich gesellschaftlich zu engagieren und einbringen zu können, teilweise begrenzt: Ihr 3
Dieses Partizipationsverständnis geht über das enge, jedoch gängige Partizipationsverständnis hinaus, das Partizipation vor allem als politische Beteiligungsform versteht, etwa minimal als Wahlbeteiligung, bzw. der Einbindung von Individuen oder Organisationen in Entscheidungsund Willensbildungsprozesse, die sich in der Regel auf das Engagement in Parteien und Gewerkschaften oder auch weniger institutionalisierte Gruppierungen und Initiativen beziehen. Vielmehr geht es bei Partizipation auch um Formen der sozialen und gesellschaftlichen Teilhabe, als Verfügung über soziale Ressourcen und Möglichkeiten der Mitgestaltung des gesellschaftlichen Lebens. Auch wenn es sinnvoll ist, begrifflich zwischen einem solchen weiteren und einem engen, vor allem auf politische Beteiligung bezogenen Partizipationsverständnis zu unterscheiden, ist zu berücksichtigen, dass in der Fokussierung auf ein (zivilgesellschaftliches) BürgerInnenengagement bereits konzeptionell und begrifflich ein nationalstaatlich gefasstes Denken mit enthalten ist. Denn, auch wenn Partizipation hier nicht ausschließlich auf die Wahrnehmung des aktiven oder passiven Wahlrechts reduziert ist, welche den Besitz der Staatsbürgerschaft zur Voraussetzung hat, so stellt diese bereits eine wesentliche Einschränkung von Partizipationsmöglichkeiten von Menschen mit Migrationshintergrund dar, die nicht die Staatsangehörigkeit des Landes, in dem sie leben, haben, sondern hier als ‘BürgerInnen zweiter oder dritter Klasse’ nur über eingeschränkte Partizipationsmöglichkeiten verfügen.
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Zugang zu relevanten sozialen Ressourcen ist erschwert, sie sind im Bildungsund Ausbildungsbereich Benachteiligungen ausgesetzt und sie werden mit Zuschreibungs-, Ausgrenzungs- und Rassismuserfahrungen konfrontiert. Sie verfügen also nicht über die gleichen Voraussetzungen der sozialen und gesellschaftlichen Partizipation, sondern werden sozial als ethnisch Andere, mit vermeintlichem Integrationsbedarf, konzeptionalisiert. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind daher in widersprüchlicher Weise mit gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten, Integrationsanforderungen und Ausgrenzungsprozessen konfrontiert. Ihre Möglichkeiten der gesellschaftlichen Partizipation sind im Spannungsfeld von Ein- und Ausgrenzung situiert. Vor dem Hintergrund dieser ambivalenten Positionierungen entwickeln jugendliche MigrantInnen ihre individuellen Perspektiven und nehmen aktiv Bezug auf die ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Partizipation.4 Um die Frage nach einer erfolgreichen sozialen und gesellschaftlichen Partizipation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beantworten zu können, ist daher auch der Frage nachzugehen, über welche Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe sie verfügen und in welchem Verhältnis diese zu den Integrationsanforderungen stehen, mit denen sie von Seiten der Mehrheitsgesellschaft konfrontiert werden.
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Gesellschaftliche Konstruktionsprozesse der Anderen
Die gesellschaftlich dominanten Bilder über jugendliche MigrantInnen werden jedoch nicht nur durch mediale Ereignisse, öffentliche Skandalisierungen und politische Instrumentalisierungen bestimmt. Die Konstruktion gesellschaftlich ‘problematischer’ Anderer findet auch in der Konzeptionalisierung jugendlicher MigrantInnen im Rahmen wissenschaftlicher Diskurse5 und in den hieraus abgeleiteten Vorschlägen statt, unter anderem für die Bereiche Bildung und Ausbildung. So wurden bis in die 1990er Jahre (zum Teil auch heute noch) MigrantIn4
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Unter restriktiven Bedingungen können auch selbst vollzogene Ausgrenzungen, wie sie etwa in Prozessen der Selbststigmatisierung oder Selbstethnisierung zum Tragen kommen, subjektiv bedeutsame Handlungsstrategien darstellen. Die ambivalente Wirkung, die von solchen Prozessen ausgeht, wurde unter anderem von Clark et al. in „Jugendkultur als Widerstand“ (1981) untersucht. Im Blick auf die Migrationsforschung zeigen sich anhaltende theoretische und empirische Defizite in der Identifizierung und Analyse ihres Gegenstandes. So hebt etwa Michael Bommes hervor, dass Migration selbst „zumindest in der europäischen Soziologie kaum als Gelegenheit für allgemeine Theoriebildung“ (Bommes 1999: 20) betrachtet worden sei und er stellt eine „relative Distanz der Migrationsforschung zur allgemeinen Theoriediskussion“ (Bommes 1999: 22) fest. Deutlich wird dieses Defizit unter anderem in der Bestimmung des Verhältnisses von Migration und Minderheiten oder in Bezug auf den Begriff der Integration, beispielsweise dort, wo von zweiter, dritter und x-ter Generation von MigrantInnen gesprochen wird.
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nen6 von den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen vielfach unter einer homogenisierenden, also einer ent-differenzierenden, monokausalen und monokulturellen Perspektive betrachtet. Dabei ging es vor allem darum, jeweilige kulturelle Eigenheiten zu erfassen, um Lösungsansätze für konkrete soziale und politische Problemlagen in den mit Einwanderung konfrontierten Gesellschaften zu entwickeln. Das Erkenntnisinteresse bezog sich daher nicht primär auf das Verstehen der sozialen Lage der MigrantInnen in der Migrationsgesellschaft selbst, sondern vielmehr auf das Verstehen der in der Herkunftskultur erfahrenen kulturellen Prägungen. Diese wurden als Hindernis für eine Anpassung an die neuen gesellschaftlichen Gegebenheiten angesehen. Theoretisch wurde in diesem Zusammenhang von ‘Kulturschock’ und ‘Kulturkonflikt’ gesprochen, dem eine Differenz von ‘modernen’ und ‘vor-modernen’, ‘entwickelten’ und ‘nicht-’ bzw. ‘weniger-entwickelten’ Gesellschaften zugrunde liegt. Die sozialkulturelle Prägung im Sozialisationsverlauf wurde als ein Hindernis für die produktive Bewältigung der Migrationssituation angesehen. Der erziehungswissenschaftlichen Diskussion wurde hierdurch „ein zusätzlicher Begründungsrahmen für die Integrations- und Schulprobleme der Migrantenkinder“ (Czock 1993: 84) erschlossen. „In der ausländerpädagogischen Problematisierung wurden nun ‘Identitäts-Störungen’,‘Identitäts-Diffusion’, ‘Identitäts-Verwirrung’ oder sogar der ‘Verlust der Identität’ bei Migrantenkindern konstatiert. Das Muster der Argumentation verlief etwa folgendermaßen: Ursächlich an den Identitätskonflikten ist das Spannungsverhältnis zwischen Kultur des Entsendebzw. Heimatlandes und der Kultur des Aufnahmelandes. Die kulturelle Identität der Migrantenkinder wurde entsprechend als ‘hin- und hergerissen zwischen Traditionellem und Neuem’, die Migrantenkinder als ‘ohne klare Identität’, ‘in ihrer Identität widersprüchlich, unvollständig und verschwommen’, ‘kulturell zerrissen’ beschrieben“ (Czock 1993: 84). Aufgrund dieser spezifischen Prob-
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Auf der begrifflichen Ebene wird hier vor allem der Begriff ‘MigrantIn’ verwendet, da er im Gegensatz zu den Spezifizierungen einer EmigrantIn oder ImmigrantIn Raum lässt für die Prozesshaftigkeit des Migrationsgeschehens, das damit auch als temporär, veränderbar und unabgeschlossen angesehen wird. Die Termini EmigrantIn/ImmigrantIn werden daher nur für spezifische Kontexte verwendet, in denen die Richtung der Wanderung eine Bedeutung hat. Darüber hinaus werden sprachliche Hilfskonstruktionen verwendet, wie etwa ‘Kinder von MigrantInnen’ oder ‘Jugendliche mit Migrationshintergrund’. Mithilfe dieser Begriffe soll der Zusammenhang von Jugend und Migration benannt werden. Die Problematik dieser Begrifflichkeit wird jedoch spätestens im generativen Wechsel offensichtlich. Hier stellt sich etwa die Frage, wie lange die Attribuierung ‘Migrationshintergrund’ als biografisch relevant angesehen werden kann oder inwieweit sich über die generative Fortschreibung des Migrationsstatus im ‘Migrationshintergrund’ eine soziale Distanzierung in Form der Außenseiterproduktion realisiert. Begriffslogisch kann dieses Problem nicht gelöst, sondern jeweils nur empirisch bestimmt werden. Daher werden hier unterschiedliche Begriffe und Begriffskombinationen verwendet.
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lemkonstellation schien eine besondere Pädagogik erforderlich, für die die kulturelle Differenz als konstitutiv angesehen wurde. Das Gegenstück zu diesem Modell einer kulturellen ‘Desintegration’, bildete die „theoretische Unterstellung einer nationalstaatlichen Integration der modernen Gesellschaften“, die bis Ende der 1980er Jahre „die weithin unhinterfragte und ungeklärte Voraussetzung soziologischen Argumentierens“ (Bommes 1999: 34) war. Dabei wird die in den Migrationsgesellschaften herrschende soziale und kulturelle Pluralität sowohl in historischer als auch in aktueller Perspektive weitgehend ausgeblendet, implizit oder explizit als unbedeutend und daher als vernachlässigbar beurteilt.7 Die Entwicklung und Etablierung einer wissenschaftlichen Perspektive, in der Migration und migrierende Menschen (gruppen) vorwiegend als Sonderfall thematisiert8 und zu sozial- und kulturell definierten ‘Anderen’ gemacht wurden, erfolgte parallel zur Entstehung der modernen Nationalstaaten ab dem 19. Jahrhundert. Darüber hinaus entwickelte sich diese bis heute vorherrschende mono-nationale Dominanz in der Wahrnehmung der Pluralität der sozialen Wirklichkeit auch und gerade in einer historischen Epoche, die entscheidend von der kolonialen und imperialen Expansion Europas in die Welt bestimmt war. Die Etablierung einer mono-kulturellen, nationalen Differenz hatte innerhalb dieses historischen Kontextes daher eine spezifische Funktion. Sie diente der Markierung einer grundlegenden Unterscheidung, die ‘das Eigene’ vom ‘Anderen’ trennt. Diese Unterscheidung war eine doppelte: Erstens richtete sie sich auf das ‘Andere’ im Inneren. Zweitens bezog sie sich auf die Differenz zwischen den Nationen und war hier auf die Differenz zu dem der eigenen (Nation-)Äußeren gerichtet. Das ‘Andere’ im Innern nahm in der nationalstaatlichen Gesellschaft verschiedene Formen an. Einmal bezog es sich auf das Geschlecht, also auf die Differenz von Mann und Frau, immer auch artikuliert in der Differenz von Kultur als dem männlichen und Natur als dem weiblichen Prinzip. Die zweite ent7
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Einen wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung dieser Perspektive leistete die Situierung von Migrationsforschung innerhalb einer spezifischen, vorwiegend auf kulturelle Differenzen fokussierende Problemzentrierung, die den Beginn der systematischen Migrationsforschung in Deutschland entscheidend prägte. Heike Diefenbach und Bernhard Nauck weisen darauf hin, dass Migrations- und Integrationsforschung in Deutschland erst seit den 1980er Jahren systematisch betrieben werde. „Bis zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Arbeiten, die sich mit den sog. Gastarbeitern beschäftigten, rein deskriptive Arbeiten, deren Gegenstand die soziale Lage und die Integrationsprobleme der Gastarbeiter aus den Anwerbeländern waren, womit die Gastarbeiter vorrangig als Problem- oder als Randgruppe betrachtet wurden“ (Diefenbach/Nauck 2000: 37). So werden MigrantInnen etwa vielfach funktional als bloße Produkte demografischer Entwicklungen (der sogenannten Überbevölkerung), verheerender Naturkatastrophen, dramatischer sozialer Konflikte und Verwerfungen (beispielsweise als Folge von Krieg und Armut), angesehen.
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scheidende Differenz war die zwischen Juden und Nicht-Juden, die ab dem 19. Jahrhundert nicht mehr im religiösen Vorurteil, in der religiösen Konkurrenz des sogenannten ‘Antijudaismus’ fundiert blieb, sondern sich im Antisemitismus artikulierte. Und drittens schließlich die Differenz zwischen Kindern und Erwachsenen. Auch bei ihnen wurde der Unterschied als der von Natur und Kultur gefasst. Das Kind, im Unterschied zum ‘Wilden’ wurde jedoch als zur Zivilisation fähig, als ‘erziehbar’ angesehen. Im Aufwachsen und im gelingenden Erziehungsprozess findet also ein Transformationsprozess statt, in dem sich das kindliche ‘Andere’ zum erwachsenen ‘Eigenen’ entwickelt. Der ‘Wilde’, als kulturell Anderer, wurde demgegenüber als ein absolut Äußeres definiert, der erst in einem anhaltenden evolutionären Prozess in der Lage ist, den Zustand von Zivilisiertheit zu erreichen (vgl. Geisen 1996). Aufgrund von Kolonisierung und Migration war der soziale Status des ‘kulturell Anderen’ jedoch nicht mehr eindeutig lokalisierbar. Vielmehr war er strukturell sowohl Innen als auch Außen angesiedelt. Das ‘Andere’ im Außenverhältnis der eigenen Nation zu anderen Nationen war zunächst ein Verhältnis grundlegender national-kultureller Differenz, die sich vor allem über territoriale Grenzen, Sprache und über die Konstruktion national-kultureller Traditionen manifestierte. Sie realisierte sich jedoch auch in der nationalen Konkurrenz um weltweite Einflusssphären und Ressourcen. Die Expansion der europäischen Staaten über die Welt hatte zur Folge, dass sich Unterscheidungen zwischen der eigenen europäischen und den fremden nichteuropäischen Gesellschaften etablierten. Die Dominanz der europäischen Herrschaft artikulierte sich ideengeschichtlich vor allem über die Konstruktion des ‘Anderen’ als ‘Rasse’. Die Überwindung der im Nationalstaat idealtypisch angelegten Einheit von Volk, Nation und Territorium vollzog sich daher in der Ausdehnung der Nation durch Migrationsbewegungen aus den kolonialen ‘Mutterländern’ in die Kolonien. Dies bedeutete nicht nur das politische Scheitern des auf territorialer Einheit und damit auf Begrenzung angelegten Nationalstaatsmodells (vgl. Arendt 1993: 217ff.). Es bedeutete auch das Eindringen der rassistischen Differenz in die gesellschaftlichen Strukturen und in das kulturelle Gedächtnis der national verfassten Gesellschaften, in denen das ‘Nationale’ nunmehr auch rassistisch konnotiert wird. Rassismus etablierte sich hier vielgestaltig, und zwar sowohl in biologisch als auch in kulturell argumentierenden Formen (vgl. Geisen 1996; Balibar 1992). Im Kontext von Rassismus und Nationalismus wurde Migration nunmehr zu einem Prozess der Dispersion von Nationen. Diese Perspektive auf Migration hatte zur Folge, dass Migrationsprozesse zu einer dauerhaften Perpetuierung der über die Konstruktionsprozesse von Nation und ‘Rasse’ produzierten national-kulturellen Differenzen führten.
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Aufgrund dieser doppelten Unterscheidung des Eigenen vom ‘national-kulturell’ Anderen, die sich sowohl auf das Innere der eigenen Gesellschaft, einschließlich seiner Gebiete imperialer Expansion, als auch auf das Außen der anderen Nationen bezog, artikulieren sich daher kulturelle Differenzen bis heute dominant im Modus nationaler Differenzen. Die im Kontext dieser historischen Entwicklungen etablierten Unterscheidungen haben daher für die aktuellen Gesellschaften, die sich in ihrem Selbstverständnis als nationale Gesellschaften verstehen, weiterhin eine entscheidende Bedeutung. Denn hierbei handelt es sich um grundlegende politische, soziale und kulturelle Wertungen, über die sich Nation als „imaginierte Gemeinschaft“ (vgl. Anderson 1993) begründet. Es ist dieser doppelte Konstitutionsprozess, durch den die nationalstaatliche Perspektive auch eine bestimmte Sicht auf Migration eröffnet, nämlich die Wahrnehmung von MigrantInnen als existenziell Andere, für die eine Integration in die Gesellschaft prinzipiell nicht möglich ist. Denn vor dem Hintergrund des Nationalstaates bleibt Integration immer prekär, da die (natio-)kulturelle Orientierung als dominantes Prinzip kultureller und sozialer Wertungen und Unterscheidungen keinen Raum lässt für andere sowie für mehrfach-natio-kulturelle Orientierungen. Dies gilt insbesondere dort, wo die etablierten Unterscheidungen brüchig werden, also bei den Nachkommen von MigrantInnen. Hieraus resultiert die für die modernen (National-)Gesellschaften grundlegende Ambivalenz, dass soziale Heterogenität, Wanderungs- und Mobilitätserfahrungen von Menschen mit und ohne Migrationhintergrund zwar die heutigen Migrationsgesellschaften und das Aufwachsen in diesen Gesellschaften entscheidend prägen, diese Heterogenität jedoch nicht anerkannt wird – und zwar weder politisch, noch soziokulturell, etwa hinsichtlich der Gestaltung von Bildung und Erziehung in den Migrations9 gesellschaften. Für das Verständnis des Zusammenhangs von Jugend und Migration ist dies von besonderer Bedeutung, da sich über den Generationenwechsel immer auch Prozesse national-kultureller und eurozentristischer Tradierung realisieren. Dabei zeigt sich, dass die Kontinuität einer dominierenden monokulturellen Perspektive auf die nationalen Gesellschaften in Europa gerade auch dort Bestand hat, wo vielfältige soziale und kulturelle Differenzen den Alltag der Menschen in den modernen Gesellschaften bestimmen. Die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts zeichnen sich durch soziale und kulturelle Heterogenität aus und 9
Die Tatsache, dass es sich bei den modernen Gesellschaften um Migrationsgesellschaften handelt, ist ebenfalls nicht anerkannt. Dies zeigt sich insbesondere darin, dass die Kontinuität von Migrationen im kollektiven Gedächtnis nur insofern eine Bedeutung hat, als sie die Auswanderung der eigenen Bevölkerung betrifft. Ansonsten sind Migrationsprozesse lediglich als Sonderfälle im kollektiven Gedächtnis präsent, etwa die sogenannte ‘Gastarbeitermigration’ der 1950er und 1960er Jahre. Die historische und aktuelle Normalität von Migration in den (National-)Gesellschaften wird damit weitgehend ausgeblendet.
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prägen durch eine mehrfache Ausdifferenzierung und damit verbundenen Hierachisierungen die Lebenslagen und Handlungsmöglichkeiten der Individuen.10
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Jugendliche MigrantInnen in der Migrationsforschung
Kindheit und Jugend haben eine besondere gesellschaftliche Bedeutung, denn im Aufwachsen realisiert sich immer auch eine Anpassung an die bestehende Gesellschaft. Hierbei kommt es zu Formen der subjektiven Aneignung der in den gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen materialisierten Normen und Werte. Diese realisieren sich vor allem über soziale Interaktionen. Kinder und Jugendliche mit tatsächlichem oder sozial imaginiertem Migrationshintergrund sind also von Anfang an mit sozialen und kulturellen Zuschreibungen konfrontiert, in denen sie mannigfache Ausgrenzung, Aussonderung und Diskriminierung erfahren: als Kind in der Differenz zum Erwachsensein, als vermeintlich oder tatsächlich ‘ethnisch Andere’ in der Differenz zur hegemonialen, monokulturellen gesellschaftlichen Homogenität und auf unterschiedliche Weise hinsichtlich ihres jeweiligen Geschlechts. Dabei ist die im gesellschaftlichen Erziehungsprozess über national-kulturelle Zuschreibungen erfahrene implizite oder explizite Abwertung kultureller Heterogenität ein strukturell folgenreiches Phänomen, da bestehende Formen der Ausgrenzung auf diese Weise tradiert werden. Im Hinblick auf die Entwicklung des Themenfeldes ‘Jugend und Migration’ zeigt sich in der Migrationsforschung eine mit dem Zusammenhang von ‘Geschlecht und Migration’ vergleichbare Entwicklung, allerdings mit einer deutlichen zeitlichen Verschiebung. Während Geschlecht als ‘Blinder Fleck’ der Migrationsforschung lange Bestand hatte und vorwiegend in problematischer, weil kulturalisierender Weise thematisiert wurde (vgl. Lutz/Huth-Hildebrand 1998; Hahn 2000; Aufhauser 2000; Han 2003), so gilt dies auch im Hinblick auf die unzureichende Berücksichtigung der Kategorie ‘Jugend’ in der Migrationsforschung. Dieser Sachverhalt gilt ebenso für die Jugendforschung, für die der Migrationszusammenhang bis heute weitgehend ein Randthema geblieben ist (vgl. Granato 1999) und inhaltlich vor allem auf soziale und kulturelle Problem11 kontexte fokussiert . Die Situierung des Phänomens ‘Jugend und Migration’ in 10
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Auch Hoerder et al. weisen auf die Pluralität von Gesellschaften hin: „Societies (…) are composed of many intersecting cultures, defined by status as citizens or recent immigrants; by age, gender, sex, and sexuality; by access to resources; by hierarchies based on physical markers such as colour of skin, and many other aspects“ (Hoerder/Hébert/Schmitt 2005: 11). Für eine derartige Problemfokussierung in der Forschungen vgl. unter anderem Reis/Wetzstein (1998); Heitmeyer/Müller/Schröder (1997); Heitmeyer/Dollase (1996).
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verschiedenen wissenschaftlichen Kontexten, wie der Jugend-, Migrations- und Geschlechterforschung, führte also nicht unbedingt zu einer interdisziplinären Betrachtung des Gegenstandes, sondern es bestand immer die Gefahr der mehrfachen Negierung des Themas oder die Gefahr einer problematischen, weil defizitorientierten und kulturalisierenden Thematisierung, die die Konzeptionalisierung als Andere reproduzierte (vgl. Riegel 2004). Als exemplarisch für die periphere Beachtung der Lebenslage Jugendlicher im Migrationskontext kann die seit den 1950er Jahren durchgeführte ShellJugendstudie gelten, die erstmals in ihrer 13. Durchführung (Deutsche Shell 2000) auch Jugendliche mit Migrationshintergrund berücksichtigt hatte, diese Erweiterung jedoch in den Folgestudien nicht fortsetzte. Die Jugendforschung blieb daher, wie die Sozialforschung im Allgemeinen, überwiegend monokulturell und nationalstaatlich orientiert. Der Randbereich, den das Thema ‘Jugend und Migration’ in der Forschung bislang einnahm, ist inzwischen zwar breiter geworden, er ist allerdings weiterhin in spezifischer Weise gefasst und konotiert. Denn als ihren Gegenstand begreift sie immer noch überwiegend Defizite und Probleme von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in einer Gesellschaft, die vorwiegend mono-kulturell strukturiert ist und sich selbst über eine Mehrheit-Minderheiten-Dichotomie definiert. Die Notwendigkeit wissenschaftlicher Forschung gründet damit nicht nur auf spezifischen sozialen Problemlagen von Jugendlichen, etwa in sozialen Auffälligkeiten wie Gewalt, Sprach- und Bildungsdefiziten, die einer gesellschaftlichen Partizipation der nachwachsenden Generationen entgegenstehen. Vielmehr werden die sozialen Problemlagen jugendlicher MigrantInnen als in besonderer Weise durch ihre ‘kulturelle Prägung’ bestimmt angesehen. Auf diese Weise wurden (und werden) die Probleme strukturell als die Probleme von ‘kulturell Anderen’ gefasst und behandelt. Der Forschung wird in diesem Zusammenhang daher auch die Aufgabe zugewiesen, die erforderlichen Instrumente zu einer entsprechenden Behebung der diagnostizierten Defizite zu entwickeln und diese an institutionelle und professionalisierte Hilfesysteme zu vermitteln. Damit stellt sich die Frage, inwieweit die Erziehungswissenschaft selbst bislang auf die Tatsache sozialer und kultureller Differenz in den modernen Gesellschaften reagiert hat.
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Jugendliche MigrantInnen in der Ausländerpädagogik und in der Interkulturellen Pädagogik
In Deutschland war es vor allem die seit den 1960er Jahren im Kontext der sogenannten ‘Gastarbeiterwanderungen’ entstehende ‘Ausländerpädagogik’, die
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ab Ende der 1970er Jahre begann, sich verstärkt mit den Kindern der MigrantInnen auseinanderzusetzen. Das Ziel der ‘Ausländerpädagogik’ in dieser Zeit bestand in einer begrenzten Assimilation: „All jene Bemühungen der ersten Phase der Ausländerpädagogik, die sich nicht auf Remigration richten, sind als ‘Assimilationspädagogik’ analysiert worden. Mit den Mitteln der kompensatorischen Erziehung sollten die Kinder und Jugendlichen ausländischer Herkunft befähigt werden, im hiesigen Schulsystem mitzulernen und möglichst einen Abschluß zu erwerben. (...) Ausländerpädagogik richtete sich also ausschließlich an ausländische Schülerinnen und Schüler und wurde darum als ‘Ausländersonderpädagogik’ kritisiert“ (Prengel 1995: 76). Die wissenschaftliche Betrachtung der Kinder und Jugendlichen war in dieser Periode durch eine spezifische Verengung der Perspektive charakterisiert, die in der kulturbezogenen und verallgemeinernden Zuschreibung von sozialen und individuellen Problemlagen bestand.12 In den 1980er Jahren kann eine zweifache Verschiebung der Perspektive in der Migrationsforschung beobachtet werden. Einerseits wird dafür plädiert, nicht nur die ‘Schwächen’, sondern auch die ‘Stärken’ der Kinder und Jugendlichen in den Blick zu nehmen, andererseits wird die Mehrheitsgesellschaft zunehmend in die Verantwortung genommen, indem ihr vorgeworfen wird, dass sie einem Teil der Bevölkerung grundlegende Rechte, etwa das Recht auf Bildung, verweigere. Es geht also in dieser kritischen Perspektive nicht mehr primär um (sozial-)pädagogische Maßnahmen zur Hilfe und Unterstützung, vielmehr geht es um die Frage der Durchsetzung von grundlegenden Rechten für Kinder und Jugendliche (vgl. Hamburger et al. 1984). Eine Einlösung dieser Forderung steht jedoch noch aus. Dies zeigte sich erneut angesichts der PISA-Vergleichsstudien (vgl. OECD 2006). Diese haben eine deutlich ausgeprägte Bildungsbenachteiligung für die Kinder der Migrant12
In einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Forschung über „Bedingungen und Verfestigungsprozesse der Delinquenz bei ausländischen Jugendlichen“ verweisen Franz Hamburger, Lydia Seuss und Otto Wolter auf die in einer derartigen Zentrierung liegenden Problematik, sie betonen: „Selbst wohlmeinende Sozialwissenschaftler unterliegen dem ‘dunklen Einschlag des Nichtintendierten’ (...), wenn sie, in pädagogischer Absicht, sich der Erforschung der ‘problematischen’ Sozialisation, der Lebens- oder Identitäts-‘Schwierigkeiten’ ausländischer Jugendlicher widmen (...). Hierbei geschieht nichts anderes, als dass gesellschaftliche Strukturmerkmale wie der rechtlich legitimierte Ausschluß, die konsequente Weigerung des Schul- und Bildungssystems, ausländische Schüler als ‘normal’ und ‘Normale’ zur Kenntnis zu nehmen, schließlich die konkrete und alltägliche Erniedrigung kaschiert und quasi gerechtfertigt werden“ (Hamburger/Seus/Wolter 1984: 34). Gegenüber einer solchen defizitorientierten Perspektive wird weiter eingewendet: „Es gilt jedoch zu argumentieren, daß sich fernab von Kategorien wie ‘Sozialisationsdefiziten’, ‘Bildungsrückständen’, ‘Integrationsschwierigkeiten’ oder wie immer es genannt wird, ausländische Jugendliche als ganz normale Menschen entwickeln, die weniger der Hilfe bedürfen als selbstverständlich vorausgesetzt, die eher darauf warten, daß man ihnen zu ihrem Recht verhilft“ (ebd.). Damit wurde bereits in den 1980er Jahren ein Sachverhalt diagnostiziert, der bis heute seine Gültigkeit hat.
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Innen nachgewiesen. Eine Tatsache, die längst bekannt war. Interessant ist nunmehr der Umgang mit den PISA-Ergebnissen, denn hier findet nicht nur eine einfache Aktualisierung der Defizitthese statt, vielmehr findet auf der bildungspolitischen Ebene eine Form der Außenseiterproduktion statt. Es sind die vielen Kinder von MigrantInnen in den Schulklassen, die ‚Außenseiter’, die den Lernprozess der sogenannten Einheimischen, der ‚Etablierten’ behindern.13 Die Studie hat damit eine die nationalen Identifikationen stärkende Wirkung, die um den Preis des kommunikativen Ausschlusses der Kinder der MigrantInnen hergestellt wird: „Weil PISA ein Vergleich zwischen Nationalstaaten ist, produziert die Kommunikation über PISA notwendigerweise Zurechnungen, auch wenn sie unangenehm sind. Abgemildert werden können die Zurechnungen nur dadurch, dass Sündenböcke gefunden werden. Das Entlastungsmuster ‘Wenn die Migranten nicht wären oder den Lernfortschritt in den Schulen nicht behindern würden ...’ aktualisiert in Deutschland ein Strukturmerkmal einer fünfzigjährigen Verdrängung von Einwanderungsprozessen: die Behauptung der Nicht-Zugehörigkeit“ (Hamburger 2005: 7). Mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund findet die herrschende mono-kulturelle Fokussierung also eine erneute Bestätigung. Denn die Existenz von MigrantInnen und ihrer Nachkommen und die Weise, auf die sie Gesellschaft hinsichtlich ihrer sozialen und kulturellen Heterogenität mitprägen, wird als Gefahr und Bedrohung für die gesellschaftliche Entwicklung angesehen, für die kulturelle Homogenität immer noch als konstitutiv angesehen wird. Dieses homogene ‘Wir’ wird dabei als Resultat eines intergenerativen national-kulturellen Tradierungsprozesses angesehen. Hoerder et al. beschreiben diesen Zusammenhang wie folgt: „The basic assumption of adults in general and adult scholars in particular is that ‘they’ – the young people – will become like ‘us’ – the mature. This ‘us’ is adults aggregated in a nation, an ethnic group, a class, one sex or gender, or a differently defined group” (Hoerder/Hébert/Schmitt 2005: 20). Soziale und kulturelle Heterogenität wird also nach wie vor gesellschaftlich als Ausnahme und nicht als Regel angesehen und anerkannt. Die PISA-Ergebnisse haben daher in Deutschland auch ein Fortschreiben eines gesellschaftlichen und bildungspolitischen Diskurses geführt, in dem ‘fremde Sprache und Kultur’ als Problem antizipiert werden.14 Sprache und 13 14
Zur Theorie von ‘Etablierten’ und ‘Außenseitern’ vgl. Elias/Scotson (1993). Die Anfänge dieses Diskurses lagen in den 1960er Jahren: „Solange ausländische Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer fremden Staatsangehörigkeit prinzipiell nicht schulpflichtig waren, war Staatsangehörigkeit eine der entscheidenden Differenzlinien und Gegenstand der Problematisierung, nicht jedoch die ‘fremde’ Sprache und Kultur. (...) Erst seit gegen Ende der 1960er Jahre in allen Bundesländern ausländische Kinder prinzipiell in die allgemeine Schulpflicht einbezogen sind, ist Staatsbürgerschaft keine bildungsrechtliche Differenzlinie mehr, und erst ab diesem Moment werden die ‘fremde Sprache und Kultur’ als Problem definiert, so wie dies vor
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Kultur sind daher nach wie vor als Distinktionsmerkmale relevant, um die Dichotomie von ‘Eigenem’ und ‚Anderem’ aufrecht zu erhalten. Ingrid Gogolin und Marianne Krüger-Potratz betonen: „Bis heute wirkt diese historisch ausgebildete oppositionelle Fassung von ‘eigen’ und ‚fremd’, die Idee einer nationalen, in-sich-homogenen Kultur und die Gleichsetzung von ‘international’ mit ‘grenzüberschreitend’ nach. Erst in jüngster Zeit ist zu beobachten, dass auch die innerstaatliche sprachlich-kulturelle, ethnische und nationale Heterogenität als ein Moment von Internationalisierung explizit mit bedacht wird“ (Gogolin/Krüger-Potratz 2006: 75f.). Dies hat Folgen für die Gestaltung von Bildung (vgl. Leiprecht/Kerber 2005) sowie für die Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Einwanderungsgesellschaft.
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Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund
Die aufgezeigten Formen der auf Nation und (National-)Staatlichkeit beruhenden sozialen Konstruktion von Jugendlichen mit Migrationshintergrund sowie die theoretischen und institutionellen Beiträge der Erziehungswissenschaften reproduzieren also immer auch bestehende Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Ein entscheidendes Mittel hierzu bilden die Prozesse der Abwertung und Ausgrenzung des ‘Anderen’, bzw. genauer der Konstruktionsprozesse von ‘ethnisch Anderen’. Zugleich realisieren sich innerhalb dieser Konstruktionsprozesse aber auch subjektive Handlungsmöglichkeiten und Aneignungsformen. Das Aufwachsen von Jugendlichen im Allgemeinen und von Jugendlichen mit Migrati15 onshintergrund im Besonderen wird durch diese Ambivalenz bestimmt. Sie konkretisiert sich vor allem über Prozesse der sozialen Segmentierung und Fragmentierung der Gesellschaft, die unter anderem durch Ethnisierungsprozesse, aber auch durch andere Differenzlinien, etwa Geschlecht und Alter, vorgenommen werden und sich mit Verhältnissen sozialer Ungleichheit überlagern. Diese strukturellen, materiellen und symbolischen Ein- und Ausschlussprozesse prägen die Lebensrealität sowie die Handlungsmöglichkeiten und Entwicklungsperspektiven von Jugendlichen.16 Vor diesem Hintergrund gestalten Jugendliche ihr Leben, versuchen sich subjektiv zu positionieren und suchen nach
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1945 schon hinsichtlich der innerstaatlichen fremdsprachigen Minderheiten der Fall war“ (Gogolin/Krüger-Potratz 2006: 94). Zu Begriff und Konzept von Ambivalenz vgl. Geisen (2003). Jugendliche mit Migrationshintergrund werden mit personellen und institutionellen Formen des Rassismus und der Diskriminierung konfrontiert, hierdurch wird auch ihr Zugang zu sozial relevanten Ressourcen eingeschränkt.
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Möglichkeiten, sozial wirksam sein zu können und gesellschaftliche Teilhabe zu erlangen. Ein- und Ausschlussprozesse bilden daher die Voraussetzungen von konkreten, jeweils individuellen Formen gesellschaftlicher Partizipation. Dabei geht es sowohl um die Frage gleicher Rechte als auch, und eng damit zusammenhängend, um die Frage, inwieweit soziale Differenzen und Zuschreibungen zu Formen der Benachteiligung führen. Der Begriff der Partizipation wird dabei in einem weiten Sinne in Bezug auf die sozial-kulturelle Teilhabe an Gesellschaft, der Verfügung über sozial relevante Ressourcen und der Möglichkeit der sozialen und kulturellen Wirksamkeit verstanden. Partizipation realisiert sich hier konkret über Aushandlungsprozesse. Dirk Hoerder et al. sprechen in diesem Zusammenhang von „Negotiating Transcultural Lives“ (2005). Für sie ist ‘Transculturation’ ein Prozess, in dem sich Individuen und Gesellschaften über die Integration verschiedener kultureller Lebenswege verändern und in neue, dynamische Lebenswege überleiten (vgl. Hoerder/Hébert/Schmitt 2005: 13). ‘Negotiating’ bedeutet demnach: „Young people, whether long-term residents or recent immigrants, develop life-perspectives by projecting assumed present capabilities, wishes, and wide-ranging fantasies into the future, i.e. into their own future and that of their societies. They intend to establish secure yet flexible belongings. They do while aspects of adult cultures – gendered, ethno-national, or ethno-immigrant, and stratified – are being transferred to them in a process of socialization. This transfer, however, is not a straightforward passing on of stable sets of symbols and values, as infants and children respond selectively to available environmental input. (…) Mutual inter- and intragenerational negotioation and transfer involves selectivity and results in the active creation of new social worlds, whether locally or, after migration, in a distant and different space“ (Hoerder/Hébert/Schmitt 2005: 21). In den Beiträgen des vorliegenden Sammelbands steht daher die Frage im Mittelpunkt, wie Jugendliche mit Migrationshintergrund diese sozial-kulturelle Partizipation für sich subjektiv als gelingend realisieren können. Dabei wird auch nach den sozialen und politischen Grenzen gefragt, mit denen sie dabei konfrontiert werden und welche subjektiven Handlungsstrategien die Jugendlichen im Umgang mit diesen Grenzen entwickeln. Im ersten Teil des Buches finden sich Beiträge, die sich mit den „Konstruktionsprozessen von Jugend“ auseinandersetzen. Thomas Geisen beschäftigt sich in seinem Beitrag „Gesellschaft als unsicherer Ort. Jugendliche MigrantInnen und Adoleszenz“ mit dem Zusammenhang von sozialen Grenzen und Adoleszenz bei jugendlichen MigrantInnen. Die in der Adoleszenz stattfindende Hinwendung zur Gesellschaft ist für sie insofern prekär, da es sich um eine Gesellschaft handelt, die MigrantInnen auf vielfache Weise zu AußenseiterInnen macht. Hierin realisiert sich das
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(national-)kulturelle Primat der Mehrheitsgesellschaft. Pat Cox knüpft mit ihrem Beitrag „Young People, Migration and Metanarratives. Arguments for a Critical Theoretical Approach” thematisch daran an. Ausgehend von einer Auseinandersetzung mit den Konzepten von ‘Nation’ und ‘nationale Identität’, sowie dem sich kritisch hierzu verhaltenden Konzept der ‘Hybridität’, zeigt sie am Beispiel jugendlicher Flüchtlinge in Großbritannien auf, wie den Jugendlichen Rechte und Schutz verwehrt bleiben. Prozesse der Konstruktion von Jugend und deren Folgen für jugendliche Flüchtlinge stehen im Mittelpunkt des Beitrages von Katja Schikorra und Rainer Becker: „‘Drin bist du noch lange nicht...’ – Zur biopolitischen Konstruktion des Alters bei jugendlichen Flüchtlingen“. Mithilfe des Konzepts der ‘Biopolitik’ analysieren sie den administrativmedizinischen Prozess, in dem eine Altersfeststellung von jungen Flüchtlingen vorgenommen wird. Darüber hinaus fragen sie nach der Wirkung dieser biologischen Normierungspraktiken als Mittel der Ausgrenzung für die jugendlichen bzw. dann vor allem die als ‘nicht-jugendlich’ qualifizierten Flüchtlinge. Im Anschluss an die Auseinandersetzung mit den „Konstruktionsprozessen von Jugend“ folgt im zweiten Teil die Fokussierung auf „Ausgrenzung und Integration“. Carolin Reißland zeigt in ihrem Beitrag über „Armut bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ auf, dass diese in besonderer Weise von Armutsrisiken betroffen sind und dass sich hierdurch die bestehende ‘ethnische Unterschichtung’ weiter fortsetzt, die eine soziale Marginalisierung der Kinder der MigrantInnen zur Folge hat. Aufgrund ihrer vielfach schwierigen soziokulturellen Lage werden jugendliche MigrantInnen daher auch oft zu KlientInnen der Sozialen Arbeit. Im Umgang mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund und mit deren Erfahrungen von Rassismus bestehen jedoch deutliche professionelle Defizite, wie Claus Melter in seinem Beitrag über „Sekundären Rassismus in der Sozialen Arbeit“ herausarbeitet. Die Negierung und Abwertung von Rassismuserfahrungen durch SozialarbeiterInnen wird von ihm als ‘sekundärer Rassismus’ bezeichnet, da hierdurch die rassistische Erfahrung eine erneute Bestätigung und Verfestigung erfährt. Die in der Sozialen Arbeit Tätigen werden daher ihrer professionellen Verantwortung nicht gerecht. Dass Rassismuserfahrungen biografisch prägende Erlebnisse für Jugendliche darstellen zeigt Andreas Hieronymus in „Discovering Whiteness. Young adults and their understanding of racism“ auf. In den Erzählungen der jungen Menschen über ihre ersten persönlichen Rassismuserfahrungen zeigt sich, dass der Rassismus einen strukturellen, unter anderem über die Medien vermittelten Sachverhalt darstellt. Es zeigt sich allerdings auch, dass ein transnationaler Diskurs es ermöglicht, diese Erfahrungen kritisch zu reflektieren. Rassismus stellt auch ein Hindernis für eine soziale und gesellschaftliche Integration dar, mit der sich Barbara Schramkowski in ihrem Beitrag „Für mich aber hat dieses Integrati-
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onswort mit der Zeit seinen Wert verloren – Perspektiven junger Erwachsener mit Migrationshintergrund“ beschäftigt. Dabei zeigt sich, dass gesellschaftlich als ‘erfolgreich integriert’ beurteilte MigrantInnen, ihre ‘Integration’ weiterhin als mit dem Verdikt des Vorläufigen und Bedrohten behaftet sehen. Die Abhängigkeit der Integration von den gesellschaftlichen Bedingungen zeigt auch Karin Elinor Sauer in ihrem Beitrag über die „Integrationsprozesse von Kindern in multikulturellen Gesellschaften“. Soziale Differenzen gehören hier zu den entscheidenden Faktoren, die pädagogischen wie politischen Handlungsbedarf aufzeigen. Die Tatsache des Migrationshintergrundes wird damit als ein nicht allein bestimmender biografischer Faktor ausgewiesen. Merle Hummrich greift dies in ihrem Beitrag über „Die Fremdheit bildungserfolgreicher Migrantinnen“ ebenfalls auf. Für sie handelt es sich bei der Realisierung von Autonomiepotenzialen um einen Entfremdungsprozess, der nicht ethnisch bestimmt ist, sondern mit jugendlichen Ablösebestrebungen und personalen Anerkennungsbeziehungen in Zusammenhang steht. Erst wenn Migration zum Differenzkriterium wird, mittels dessen spezifische Gebundenheiten festgelegt werden, wird Migration zur Aufrechterhaltung individueller und gesellschaftlicher Ordnungsschemata instrumentalisiert. Solche Mechanismen werden in Familie und Schule wirksam. Susanne Lang verweist in ihrer Untersuchung über „Interaktionen, Fremd- und Selbstrepräsentationen von Jugendlichen im Kontext von Migration“ auf einen anderen Mechanismus des Umgangs mit dem ‘Anderen’. In ihrer rekonstruktiven Analyse einer Gruppendiskussion unter BerufsschülerInnen zeigt sie Mechanismen auf, über die eine Tabuisierung und Mythologisierung rassistischer Konflikte erfolgt. Die Beiträge des dritten Teils beschäftigen sich mit Fragen von „Bildung und Mobilität“. Denn in den modernen Gesellschaften wird ein enger Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Partizipationschancen konstatiert. Fehlende Bildung bzw. nicht realisierte Bildungschancen werden dabei vielfach individualisiert. Dass gerade für die Bildung von MigrantInnen auch strukturelle Barrieren in entscheidender Weise Bildungswege beeinflussen zeigen Sara Fürstenau und Heike Niedrig in ihrem Beitrag „Jugend in transnationalen Räumen. Bildungslaufbahnen von Migrantenjugendlichen mit unterschiedlichem Rechtsstatus“. Biografisch wird hier an Fallbeispielen die Bedeutung des rechtlichen Status von MigrantInnen für die künftige Realisierung der mit der Bildung verbundenen Aspirationen aufgezeigt. Hiermit ist also das Verhältnis der ‘aufnehmenden’ Gesellschaft gegenüber den ImmigrantInnen, den Newcomern, angesprochen. Bruce MZ Cohen belegt die Bedeutung dieses Faktors in seiner vergleichenden Studie „Education, Work and Identity. Young Turkish Migrants in Germany and Young Pakistani Migrants in England“. Für die besseren Erfolge jugendlicher MigrantInnen im Bildungs- und Beschäftigungssystem ist
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demnach die Identifikation mit der aufnehmenden Gesellschaft von hoher Relevanz, dies wird im Vergleich einer strukturell eher ausgrenzenden Praxis in Deutschland und einer partizipativen Praxis in Großbritannien aufgezeigt. Dass auch das Bildungssystem selbst zu einem strukturellen Hindernis für jugendliche MigrantInnen werden kann, zeigt Priska Sieber in „Der Umgang mit migrationsbedingter Vielfalt im Bildungswesen – historisch gestaltete Institutionen als Rahmen für Ausgrenzungsprozesse“. Dabei wird deutlich, dass das Prinzip der Homogenisierung von Schulklassen über Leistungsgruppen zu Aussonderungen und Sonderbeschulung führt, von denen aktuell vor allem MigrantInnen betroffen sind. Die hierdurch entstehenden systemischen Effekte, die zu einer strukturellen Benachteiligung von jugendlichen MigrantInnen führen können, werden für die Schweiz am Beispiel des Kantons Aargau konkretisiert. Dass die Gesellschaft letztlich jedoch nicht umhin kommt, auch bildungspolitisch auf die gesellschaftliche Benachteiligung von MigrantInnen zu reagieren, zeigt sich spätestens im Übergang vom Bildungs- ins Ausbildungssystem. Sylvia Bürkler beschäftigt sich in „Der Übergang in die berufliche Ausbildung. Migrationsbezogene Bildungskonzepte in der Schweiz“ mit dieser sogenannten ‘ersten Schwelle’. Ausgehend von der Analyse der Schweizer Gesellschaft und des bildungspolitischen Umgangs mit der Tatsache der Einwanderung stellt sie eine konkrete Übergangsmaßnahme vor, deren methodische Besonderheit darin besteht, dass sie einen subjektorientierten Förderansatz verfolgt, der bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund ansetzt, um Selbstbewusstsein und Verantwortlichkeit für den eigenen Lebensweg zu fördern. Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, dass auch Migration selbst für Jugendliche solch ein kreativer Lösungsprozess sein kann, um bestehende strukturelle Grenzen in einer Gesellschaft zu überwinden und sich neue Perspektiven zu erschließen. Mit dieser Möglichkeit beschäftigen sich David Cairns und Simone Menz in ihrem Beitrag. Sie haben zwei europäische Auswanderungsregionen, Nordirland und Ost-Deutschland daraufhin untersucht, welche Motive die Jugendlichen im Übergang von der Schule in die Erwerbswelt veranlassen auszuwandern. In „Youth on the Move? Exploring Youth Migrations in Eastern Germany and Northern Ireland” zeigen sie auf, dass sich die Jugendlichen in der Umsetzung ihrer Migrationsabsichten an ihnen bekannten Migrationsverläufen orientieren. Dabei geht es den Jugendlichen letztlich darum für sich selbst neue und bessere Lebensperspektiven zu erschließen als diejenigen, die sich für sie am jetzigen Lebensmittelpunkt realisieren ließen. In dem weit gespannten thematischen Bogen der Beiträge wird insgesamt deutlich, dass die soziale Partizipation jugendlicher MigrantInnen von unterschiedlichen Faktoren abhängt. Neben den strukturell-institutionellen gesellschaftlichen Bedingungen, die auf einen historisch gewachsenen Umgang mit
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der Migrationstatsache in nationalstaatlich verfassten Gesellschaften verweisen, ist es vor allem der Einfluss dominanter kulturalisierender und problematisierender Diskurse, in denen sich vielfach rassistische Prozesse der Ausgrenzung und Abwertung realisieren. Gleichzeitig verfügen migrantische Jugendliche nicht über die gleichen sozioökonomischen Voraussetzungen zur Partizipation. Allerdings wird in den Beiträgen auch aufgezeigt, dass über individuelle und soziale Lernprozesse, die eine kritische Reflexion der konkreten sozialen Bedingungen beinhalten, bestehende Grenzen überwunden und neue Partizipationsmöglichkeiten erschlossen werden können. In diesem Sinne ist es nicht unerheblich daran zu erinnern, dass die Migrationssituation für Jugendliche nicht nur problematische Seiten, sondern auch Chancen beinhalten kann. Eine umfassende gesellschaftliche Demokratisierung, wie sie etwa in einem kritisch verstandenen Multikulturalismus angestrebt wird (vgl. Rommelspacher 2002: 185ff.), bildet daher die Voraussetzung dafür, dass sich soziale und kulturelle Pluralität gesellschaftlich ohne Zwang und Gewalt zur Anpassung entfalten könnte. Zugleich gilt aber auch, dass die Existenz sozialer und kultureller Pluralität in einer Gesellschaft nur durch die Geltung demokratischer Prinzipien dauerhaft gesichert werden kann. Zum Gelingen dieses Sammelbandes haben unsere Lektorinnen Sybille Wilß, deutschsprachige Beiträge und Layout, und Kathleen Weekley, englischsprachige Beiträge, in entscheidender Weise beigetragen. Ihnen möchten wir an dieser Stelle herzlich danken.
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Teil I Konstruktionsprozesse von Jugend
Gesellschaft als unsicherer Ort Jugendliche MigrantInnen und Adoleszenz Thomas Geisen
In den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatten ist die Beschäftigung mit jugendlichen MigrantInnen vor allem als Problemdiskurs präsent. Dies ist kein neuer Befund, in besonderer Weise wurde er zuletzt im Rahmen der Sonderauswertung der PISA-Studie über den Bildungsstand von SchülerInnen mit Migrationshintergrund (vgl. OECD 2006) erneut zum Gegenstand publizistischer Initiativen und bildungspolitischer Stellungnahmen. Im Mittelpunkt der Debatte standen jedoch nicht diejenigen SchülerInnen, die neu eingewandert sind, sondern vielmehr die ‘Kinder der MigrantInnen’. Diese, im Generationenbezug auf die sogenannte ‘Gastarbeitermigration’ vielfach als ‘zweite’ und ‘dritte’ Generation bezeichnet, zeigen vor allem in Deutschland deutlich schlechtere Bildungsleistungen als neu eingewanderte MigrantInnen. Beide Gruppen liegen allerdings in ihren Leistungen weit abgeschlagen hinter der Gruppe der einheimischen SchülerInnen (vgl. ebd.). Im internationalen Vergleich variieren die PISA Ergebnisse der 15jährigen SchülerInnen deutlich. Es fällt jedoch auf, dass der Abstand zwischen den SchülerInnen mit bzw. ohne Migrationshintergrund in den Ländern, die in der Migrationsforschung als klassische Einwanderungsländer1 bezeichnet werden, deutlich geringer ausfällt, als dies in Deutschland der Fall ist – einem Land, das auch nach dem 1973 verhängten Anwerbestopp von Arbeitskräften und einer anhaltenden restriktiven Migrationspolitik eine kontinuierliche Einwanderung aufweist.2 1 2
Hierzu gehören etwa Kanada, die USA und Australien. Im kollektiven Bewusstsein ist Migration in Deutschland vor allem durch drei Migrationsbewegungen präsent: (1) die sogenannte ‘Gastarbeiterwanderung’ ab Mitte der 1950er Jahre bis zu Beginn der 1970er Jahre; (2) die Fluchtmigrationen verstärkt ab Mitte der 1980er Jahren, in den 1990er Jahren vor allem aus den ehemaligen jugoslawischen Gebieten; und (3) die Einwanderung von MigrantInnen aus den ehemaligen sowjetischen Republiken, die deutsche Vorfahren haben, die sogenannten ‘Aussiedler’, seit dem Wegfall des Ost-West-Gegensatzes (vgl. Bade/Oltmer 2003). Diese Migrationsbewegungen werden vielfach als Sonderfälle angesehen, die besonderen historischen Situationen geschuldet sind, etwa der spezifischen Nachkriegssituation mit Wiederaufbau und einer anhaltenden wirtschaftlichen Prosperität, dem Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten Osteuropas oder den krisenhaften politischen und ökonomischen
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Der Zusammenhang von Migration und Adoleszenz ist also in besonderer Weise mit den gesellschaftlichen Strukturen und den bestehenden Formen gesellschaftlicher Selbstwahrnehmung und Selbstbeschreibung verbunden. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich der vorliegende Beitrag mit der Frage nach der Bedeutung von Jugend in Migrationsgesellschaften3. Dabei wird aufgezeigt, dass Migration als Vergesellschaftungsprozess sich auch über Prozesse der Adoleszenz realisiert.
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Die migrationspolitische Debatte in Deutschland
Durch die PISA-Untersuchung hat die migrationspolitische Debatte in Deutschland einen ergänzenden Fokus erhalten: Neben der Frage der Ausgestaltung einer mehr oder weniger restriktiven Einwanderungspolitik ist nunmehr die Frage nach der ‘sozialen Integration’ der MigrantInnen getreten. Im Rahmen der Debatte um die Existenz sogenannter ‘Parallelgesellschaften’4 wurden MigrantInnen oft pauschalisierend ein Rückzug in die ‘eigenen’ ethnischen Gemeinschaften vorgeworfen. Dieser Rückzug sei mit einem Rückgriff auf antimodernistische Tendenzen verbunden und gehe mit einer Ablehnung moderner demokratischer Prinzipien einher. Der Diskurs um die Parallelgesellschaften beschränkte sich nahezu ausschließlich auf die Gegenüberstellung von ‘der’ kulturellen ‘Fremdheit’ türkischer EinwanderInnen muslimischen Glaubens und ihrer Nachkommen einerseits und ‘der’ als modern und säkular verstandenen westlichen Welt andererseits. Letztere sieht sich in der Tradition der Aufklärung, also in einer Tradition, die auf einer spezifischen Sichtweise der Vernunft beruht, und beruft sich in religiöser Hinsicht auf ihre christlichen Traditionen. Damit wird der Gegensatz von ‘Orient’ und ‘Okzident’ sowohl auf der Kontinuität religiöser Traditionen als auch auf der Tradition der Aufklärung begründet, zu
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Verwerfungen in einer globalisierten Welt. In dieser Perspektive wird die historische Kontinuität von Migrationsbewegungen in Deutschland weitgehend ausgeklammert oder in ihren Dimensionen negiert (vgl. Herbart 1986; Geisen 2004/2005). Vor dem Hintergrund der theoretischen Annahme, dass es Gesellschaften ohne Migration nicht geben kann, ist der Begriff ‘Migrationsgesellschaft’ insofern irreführend, als ihm die Annahme eines besonderen Gesellschaftstypus innewohnt (vgl. Geisen 2005). Er wird nachfolgend dennoch dort verwendet, wo es darum geht, die diesem Beitrag zugrunde liegende und von gängigen Konzepten abweichende Auffassung von Gesellschaft kenntlich zu machen. Der Begriff ‘Parallelgesellschaft’ wurde prominent bereits in einer Studie von Wilhelm Heitmeyer et al. mit dem Titel „Verlockender Fundamentalismus“ (1997) verwendet, fand aber erst seit Anfang 2000 im gesellschaftlichen und politischen Diskurs breite Verwendung zur Kennzeichnung von vermeintlich autarken, nach eigenen sozialen und kulturellen Prinzipien, inklusive eigener Rechtsprinzipien, funktionierenden MigrantInnenkulturen, die sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft abgeschottet haben.
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deren zentralen Prinzipien Humanität und Rationalität gehören. Je nach politischer Couleur lassen sich zwar Unterschiede in der Wahrnehmung des Bedrohten ausmachen, der Ausgangspunkt der Bedrohung ist jedoch gleich: der Islam. Während konservative und rechte PolitikerInnen das ‘christliche Abendland’ und das ‘westliche Wertefundament’ bedroht sehen und dementsprechend eine für alle verbindliche ‘Leitkultur’ einfordern, stehen für linke und liberale PolitikerInnen die ‘Werte der westlichen Demokratie’ und der ‘politischen Freiheit’ im Mittelpunkt. Eine die politischen Lager übergreifende Einigkeit besteht darin, dass die ‘Rechte der Frauen’ im Islam einer besonderen Bedrohung ausgesetzt und daher in besonderer Weise zu schützen seien.5 Der Islam wird daher gleichermaßen seiner sozialen und kulturellen Rückständigkeit wegen kritisiert und seiner politischen Modernisierung wegen angeprangert, die sich offensichtlich zu einer unkalkulierbaren Bedrohung für die westliche Welt entwickelt habe. Die Diskurse über die ‘Parallelgesellschaften’ verweisen jedoch nicht nur auf die Aktualität gesellschaftlicher Diskurse über Migration, in denen Jugendliche inzwischen in besonderer Weise als gesellschaftliches Problem wahrgenommen werden (vgl. u. a. Heitmeyer et al. 1997). Sie verweisen zugleich auf Defizite im Umgang mit der sozialen Tatsache der Migration in modernen Gesellschaften. In theoretischer Perspektive wurde Migration bislang weitgehend als Sonderfall behandelt. Der Grund hierfür lag vor allem in der expliziten und impliziten Reduktion sozialwissenschaftlicher Theoriebildung auf das Modell des modernen Nationalstaates. Nicht nur, dass die im 19. und 20. Jahrhundert sich etablierenden Nationalstaaten in Europa neue Grenzregime ausbilden. Die Kontrolle grenzüberschreitender Migration und Mobilität bekommt hier einen gesellschaftlich konstitutiven Charakter. Denn die Abgrenzung von anderen (National-)Staaten wird hier zu einem wichtigen Element der Etablierung veränderter Formen der politischen, sozialen und kulturellen Selbstbeschreibung. Erst durch diese selbst- und fremdbezogenen Konstitutionsprozesse moderner Gesellschaftlichkeit gewinnt die nationalstaatliche Implikation einer Einheit von Bevölkerung und Territorium gesellschaftliche Relevanz und Aktualität. 5
Hier wird in der Regel ein scharfer Gegensatz gezeichnet zwischen einer westlichen Welt, in der die Frauen emanzipiert seien und einer islamischen Welt, in der die Frauen keine Rechte haben und patriarchalen Strukturen unterworfen sind (vgl. Jäger 1996). Emblematisch erfährt diese verallgemeinernde Perspektive ihre Bestätigung und Aktualisierung in den verschiedenen Debatten um das Kopftuch, Zwangsverheiratung und um sogenannte ‘Ehrenmorde’. Deren Skandalisierung dient jedoch weniger dem Schutz der in ihren Familien von Unterdrückung und Gewalt bedrohten Frauen, etwa indem die bestehenden gesetzlichen Schutzrechte und Hilfsangebote für Frauen insgesamt ausgebaut werden – denn für den Schutz von Frauen und Kindern vor Unterdrückung und Gewalt in ihren Familien bedarf es keiner ‘kulturbezogenen’ Sonderrechte für MigrantInnen.
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Diese Prozesse der Selbstbeschreibung und Selbstkonstitution allein waren jedoch nicht ausreichend für die gesellschaftliche Verankerung des neuen nationalstaatlichen Paradigmas. Entscheidend hierfür waren auch die anhaltenden nationalstaatlichen Konflikte, und zwar in zweifacher Hinsicht: Erstens realisierte sich in der direkten Konfrontation die jeweilige Nation in existenzieller Form als ‘nationale Gemeinschaft’. Zweitens kam es im Verlauf dieser Konflikte zu Prozessen der freiwilligen Segregation, etwa aus Angst vor der ‘fremden’ oder aus Loyalität zur ‘eigenen’ Nation, oder erzwungenen Segregation aufgrund nationaler Zugehörigkeiten. Dieser sich in den Nationalstaaten etablierende und zunehmend durch neue staatlich-bürokratische Maßnahmen, etwa dem Passwesen6 oder die Einführung von Sonderrechten für AusländerInnen7, ausgebaute doppelte Mechanismus hatte erhebliche Konsequenzen für die gesellschaftlichen und kulturellen Perspektiven auf Migration. Denn einerseits führte Migration zu einer (national-)kulturellen Heterogenisierung der Gesellschaften, andererseits kam es aber periodisch auch zu Prozessen der sozial-kulturellen Homogenisierung durch Zwang und Gewalt. Aufgrund dieser Homogenisierungsprozesse in den Migrationsgesellschaften blieb der Status von MigrantInnen so lange prekär, als sie in ihren Fremd- und Selbstzuschreibungen als MigrantInnen identifizierbar waren. Vor diesem Hintergrund wurde das Verschwinden der sozialen und kulturellen Differenzen als Ideal der sozialen Integration von MigrantInnen angesehen. Soziale Integration wird in diesem Kontext nicht als ein End-, sondern lediglich als ein Anfangspunkt angesehen, der letztlich zur Assimilation führen sollte – zu einem individuellen und sozialen Zustand also, in dem die Tatsache der Migration dauerhaft über den intergenerativen Wandel in Vergessenheit geriet. Jugendliche MigrantInnen sind hiervon in besonderer Weise betroffen, da sich gesellschaftliche Homogenisierungsanforderungen an ihnen in besonderer Weise artikulieren. Denn im intergenerativen Zusammenhang handelt es sich bei Fragen der sozialen Integration immer auch um Fragen, die die herrschenden individuellen, 6
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Das Passwesen wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den europäischen Staaten als allgemein gültiges Reisedokument eingeführt (vgl. Torpey 2000; Lloyd 2003). Der Pass, als Ausweis einer spezifischen Person, definiert und dokumentiert die Zugehörigkeit einer Person zu einem Staat. Dies war insbesondere im Hinblick auf die Verknüpfung von Bevölkerung und staatlichem Territorium von entscheidender Bedeutung. Zugleich etablierte und festigte der Nationalstaat über die Einführung des Passes die Sonderkategorien des ‘Ausländers’ und des Staatenlosen. Während es sich beim ‘Ausländer’ um den Angehörigen eines anderen Staates handelt, so ist die fehlende Staatszugehörigkeit Kennzeichen der Staatenlosen. Im Hinblick auf Migrationsprozesse kommt diesem staatlichen Kontrollzuwachs eine wichtige Bedeutung zu. Denn die grenzüberschreitende Migration wird hierdurch zu einem zentralen Moment staatlicher Verfügung und Kontrolle gemacht. Hierzu gehören etwa die Einführung eines Ausländerrechts (vgl. Weizsäcker 2005) ebenso wie eng damit verbundene bürokratische Praxen, etwa die Visaerteilung.
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das heißt das subjektive Erziehungsverhältnis, und gesellschaftlichen, das heißt die sozial-diskursiven und institutionell-organisatorischen, Formen der Erziehung betreffen. Dies gilt sowohl in Bezug auf neu einwandernde Kinder und Jugendliche als auch für die nachwachsenden Generationen, deren Eltern einen Migrationshintergrund aufweisen. Aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive stellt sich daher die Frage, in welcher Weise die Erziehung von MigrantInnen in Migrationsgesellschaften realisiert wird. Denn das, was für die nachwachsenden Generationen im Allgemeinen gilt, die Einführung der neu Geborenen in die bestehende Welt, ist für die MigrantInnen und ihre Nachkommen unter den gegebenen Bedingungen nationalstaatlicher Vergesellschaftung in besonderer Weise zu realisieren. Sie erfolgt hier in stärkerem Maße sowohl auf der Basis vielfältiger biografischer Erfahrungen mit kultureller Pluralität als auch im Wissen um die gesellschaftlichen Reaktions- und Umgangsformen mit dieser Pluralität. Mit anderen Worten: Die migrationspolitischen Debatten in Deutschland bestimmen und beeinflussen die gesellschaftlichen Erziehungsprozesse sowohl in ihren Strukturen als auch in ihrer konkreten Praxis. Aus der Perspektive jugendlicher MigrantInnen stellen sie daher soziale Grenzen dar.
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Erziehung und kulturelle Differenz in modernen Gesellschaften
Für die modernen Gesellschaften ist die soziale Integration zu einem historisch neuen Problem geworden, das nicht nur MigrantInnen betrifft. Soziale Integration entwickelt sich historisch zu einem in besonderer Weise durch gesellschaftliche Institutionen vermittelten und von ihnen getragenen Erziehungsprozess. Kapitalistische Nutzenmaximierung und bürgerliche Erziehung folgen dabei gleichermaßen dem Prinzip der Individuierung über funktionale Eingliederung in die Gesellschaft.8 Funktionale Eingliederung und die Ausbildung einer wertproduzierenden, rationalen Haltung wurden dabei als Resultate individueller und gesellschaftlicher Erziehungsprozesse angesehen.9 Die Aufgabe einer systematischen, institutionalisierten Erziehung bestand darin, „die Individuen für das herrschende Vernunft-System funktionstüchtig zu machen“ (Mergner 1999: 141). Dabei wurde die Erziehung der eigenen Kinder „zweckrational auf ihre 8
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Dies geschieht sowohl nach der Logik der Realabstraktion (vgl. Marx 1989) als auch im Prozess der Ausbildung einer wertproduzierenden, rationalen Haltung (vgl. Weber 1988). Zu den Analogien von Marx und Weber im Hinblick auf ihre jeweiligen Analysen zur Entstehung einer „aktiven Weltbeherrschungsmentalität“ (Weber), vgl. Geisen (2006). Wolfgang Dreßen hat diesen Zusammenhang als einen Prozess der „Industrialisierung des Bewusstseins“ charakterisiert (vgl. Dreßen 1982). „Industrialisierung“ beschreibt hier eine Haltung, die die Prinzipien der sich über den Warentausch realisierenden Abstraktionsprozesse derart verallgemeinert, dass sie als ‘sachgerecht’ und ‘notwendig’ angesehen werden.
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gesellschaftliche Nützlichkeit konzentriert. Damit produzierte die ‘kulturelle Identität’ die Ambivalenz von Orientierungsfähigkeit und Borniertheit, von Erkenntnis und Beschränkung, von Anmaßung und Melancholie“ (Mergner 1999: 141f.). Damit soziale Integration als gesellschaftliches Erziehungsziel erreicht werden konnte, war einerseits kulturelle Differenz eine notwendige Voraussetzung. Ohne solche Differenzerfahrungen würde eine allgemeine, gesellschaftliche Zielsetzung für die Erziehung hinfällig werden. Andererseits war kulturelle Differenz aber auch die Bedingung dafür, dass der Erziehungsanspruch sich in der Erziehungspraxis der bürgerlichen Gesellschaft dominant als Universalität gegenüber den vielfältigen kulturellen Partikularismen etablieren konnte.10 Kulturelle Differenzen erhielten damit für die Erziehungsprozesse eine neue und andere Funktion: Sie wurden als Mittel der Disziplinierung und Kontrolle einsetzbar. Denn während die industriellen Sozialisations- und Erziehungssysteme einerseits „verfügbare, gefügige Menschen innerhalb des Systems“ benötigen, so benötigen sie andererseits in gleichem Maße auch „stigmatisierbare Gruppen außerhalb der Nützlichkeit als Gegenpol“ (Mergner 1999: 143). Nützlichkeit wird also nicht nur zu einem gesellschaftlich zentralen Unterscheidungsmerkmal, das den sozialen Handlungen eingeschrieben ist. Zugleich werden hierüber auch Eigen- und Fremdzuschreibungen individuell und sozial wirksam über Prozesse der Grenzziehung artikuliert, in denen soziale Normen und Werte über die Abwertung des Anderen als dominant gesetzt werden. Über diesen Mechanismus „wird die Grenze zwischen ‘Ihr’ und ‘Wir’ demonstriert und notfalls exekutiert. Dies führt immer wieder zu Gewalt gegen unbrauchbare, unnütze Außenseiter“ (Mergner 1999: 143f.). Das, was sich im Prozess der Grenzziehung zwischen Kollektiven in der Entgegensetzung von ‘Ihr’ und ‘Wir’“ als Normalität artikuliert, ist daher untrennbar mit Gewalt und Unterdrückung verbunden, durch die Herrschaft etabliert und perpetuiert wird.11 Als Mittel zur Disziplinierung wurden vor allem kulturell Andere eingesetzt, die man zu Außenseitern gemacht hatte, zu ihnen gehörten auch die Kinder. An ihnen exekutiert sich qua Erziehung der Zwang zur Anpassung an die 10
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Im 19. Jahrhundert setzte ein Prozess der systematischen Negation kultureller Vielfalt ein, der sich lebensgeschichtlich über die gesellschaftliche Entwertung der in den frühen Lebensjahren erworbenen kulturellen Prägungen ausdrückte. Gerade in der historischen Epoche von Industrialisierung und Kolonialisierung, der Entstehung industrieller Zentren, der großen Migrationsbewegungen in die Zentren von Handel und Industrie ebenso wie in die kolonialen Gebiete weltweit, stellten kulturelle Differenzen eine gesellschaftliche Normalität dar. Im Prozess der gesellschaftlichen Modernisierung wurden Gewalt und Unterdrückung nicht nur im Umgang mit dem ‘äußeren Fremden’ sondern auch mit dem ‘inneren Eigenen’ ausgeübt. Im Prozess der ‘Nutzbarmachung’ und ‘Verwertung’ wurde also auch die eigene Bevölkerung von den Herrschenden zum Gegenstand von Disziplinierung und Kontrolle gemacht.
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herrschenden gesellschaftlichen (Produktions-)Normen. Für Hans Mayer bildet diese wertsetzende Praxis das entscheidende Mittel zur Etablierung einer neuen sozialen Hierarchie. Demnach waren es weder die auf Ungleichheit beruhende wirtschaftliche Konkurrenz noch die Bürgertugenden, durch die sich die bürgerliche Herrschaftsform etablierte. Entscheidend war vielmehr, dass die zerstörte feudale Hierarchie durch eine neue, bürgerliche ersetzt werden musste, die im Rahmen allgemeiner Rechtsgleichheit nur auf wirtschaftlicher Ungleichheit aufgebaut werden konnte: „Fremdenfeindlich von Anfang an, wurde sie zunehmend nationalistischer. (...) Von nun an gab es Art und Abart, lebenswertes und unwertes Leben. Jeder Außenseiter wurde zur Provokation. Wer aber war undenkbar als Außenseiter?“ (Mayer 1981: 29). Die Herrschaft innerhalb der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft gründet also auf Mechanismen der Produktion und Reproduktion von sozialen, rechtlichen und kulturellen Außenseitern. Für die Erziehungsprozesse ist dieser Mechanismus konstitutiv, denn Kinder galten von Anfang an als ‘unfertig’ und ‘erziehungsbedürftig’, da sie erst einmal zur gesellschaftlichen Nützlichkeit erzogen werden müssen. Kinder und Jugendliche mit Migrationhintergrund finden sich daher in einer doppelten Außenseiterposition wieder, und zwar sowohl als Kinder als auch als kulturell Andere. Im 20. Jahrhundert ist der soziale Typus des Migranten neu zu einem zentralen Modell der gesellschaftlichen Produktion von Außenseitern geworden. In den modernen Migrationsgesellschaften hat sowohl die Praxis der Erziehung zur Entwicklung verwertbarer Potenziale – also eine Erziehung zur Nützlichkeit – als auch die Praxis der Produktion und Reproduktion kultureller Dominanz über Erziehung, die Konsequenz, dass sich hierüber Mechanismen der Außenseiterproduktion etablieren. In der Praxis realisiert sich die Außenseiterproduktion über Prozesse der Abwertung. Sozial erfolgen diese über Mechanismen der Deklassierung, kulturell über die Entwertung von lebensgeschichtlich erworbenen kulturellen Prägungen.12 Es handelt sich hierbei um ein konstitutives Moment der Außenseiterproduktion. Die erfahrenen Entwertungen und Entwürdigungen prägen sowohl das individuelle Gedächtnis als auch das kollektive Gedächtnis von systematisch deklassierten sozialen Gruppen. In Tradierungsprozessen findet daher immer auch eine Verstetigung des Außenseiterstatus statt, da nachfolgende Generationen über Selbst- und Fremdzuschreibungen sozial und 12
Unter kultureller Prägung wird in diesem Zusammenhang kein Mechanismus verstanden, über den der weitere Lebenslauf grundlegend vorherbestimmt wird. Vielmehr geht es hier um den Erwerb und die Anwendung kulturspezifischer Formen des wertenden Umgangs, durch den der Mensch Handlungsfähigkeit und Autonomie in einem spezifischen sozial-kulturellen Kontext erlangt. Damit erwirbt er jedoch zugleich auch die Fähigkeit, über diese kulturellen Grenzziehungen hinauszugelangen, das heißt, sich über die Reflexion bisheriger individueller und kollektiver Lösungen für spezifische Probleme neue Lösungen zu erproben und neue Handlungsfähigkeiten zu etablieren.
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kulturell immer auch durch die Kontinuität dominanter Zuschreibungsformen in ihren Handlungsmöglichkeiten begrenzt werden. Denn über die biografisch früh erworbenen kulturellen Muster werden die in den jeweiligen gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Kontexten geltenden sozial-kulturellen Formen und Wertungen vermittelt. Den über die Zugehörigkeit zu einem spezifischen sozial-kulturellen Kontext erworbenen Muster der Wertsetzung, die sich in den soziokulturellen Praxen bei der Lösung spezifischer sozialer Fragestellungen bewährt haben, kommt daher sowohl biografisch-individuell als auch gesellschaftlich eine besondere Bedeutung zu. Denn hierüber realisieren sich spezifische Formen der sozialen Tradierung, durch die Handlungsfähigkeit sich individuell als spezifische Form sozial-kultureller Begrenzung entwickelt. Für Mergner ist diese Ambivalenz13 von Begrenzung und Handlungsfähigkeit ein entscheidendes Prinzip der biografischen Entwicklung des Menschen: „Erst durch die kulturellen Begrenzungen und im souveränen Umgang mit ihnen werden wir zu den geschichtlichen Personen, die durch diese Begrenzungen in ihren Handlungen zwar eingeschränkt, aber zugleich handlungsfähig werden“ (Mergner 1999: 140). Für den Migrationskontext ist dieser Zusammenhang von entscheidender Bedeutung. Denn durch die Migration findet strukturell zunächst eine systematische Entwertung bisher erworbener sozial-kultureller Praxen und den damit verbundenen Orientierungen statt. Das bedeutet, dass die bisherigen Orientierungsmuster in der neuen Umgebung an Geltung und Relevanz verloren haben und die individuelle Handlungsfähigkeit begrenzen. Zugleich ist es aber gerade auch die lebensgeschichtlich erworbene Handlungsfähigkeit, die es dem Menschen ermöglicht Neues zu lernen und Lerngrenzen zu überwinden. Durch die Migration entstehen also neue Lernanforderungen. Eine systematisch-strukturelle Entwertung der früh erworbenen kulturellen Prägungen hat für Jugendliche mit Migrationshintergrund gravierende Folgen. Denn mit ihnen wird „die lebenslange Bindung des Einzelnen an seine kindlichen Erinnerungen, an die sozialen und kulturellen Dinge, in denen und mit denen er sich in seinem Leben Hoffnung, Sicherheit und Wertigkeit erworben hat“ abgewertet (ebd.). Die sozial erfahrene Entwertung der eigenen, unverwechselbaren Lebensgeschichte, aus der sich nicht nur die individuellen Vermögen schöpfen, sondern auch die persönliche Würde, zwingen dazu, „die schmerzhaft gewordenen Erinnerungen zu verarbeiten“ (ebd.). Hieraus ergeben sich unterschiedliche Folgen für die biografische Entwicklung von jugendlichen MigrantInnen, die in entscheidender Weise dadurch bedingt ist, inwieweit eine Bearbeitung dieser kritischen Lebenssituation gelingt, die sich vor allem in der 13
Zu Begriff und Konzept von Ambivalenz vgl. auch Geisen (2003).
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Phase der Adoleszenz vollzieht, in einer Phase also, in der eine Abwendung und Loslösung aus dem familiären Kontext und eine Hinwendung zur Gesellschaft erfolgt.
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Adoleszenz und soziale Integration
Der gesellschaftliche Rahmen bildet die „soziale Grenze der Erziehung“ (Bernfeld 1973: 123). Dies hat bereits für die Entstehung einer Phase der Adoleszenz in der modernen Gesellschaft Gültigkeit. Denn Adoleszenz ist das Resultat eines gesellschaftlichen Prozesses, in dem Kindheit und Jugend als neue, unabhängige Lebensphasen im Prozess der individuellen Sozialisation gesellschaftlich an Bedeutung gewinnen. Sie entstehen hier als „relativ separate Teilpopulationen, als Subsysteme, mit eigenen Verhaltenszumutungen, Umgangsstilen und Rechtsverhältnissen, die aus dem Lebensverhältnis der Erwachsenen weitgehend ausgegliedert werden“ (Brückner 2004: 26). Die Gründe hierfür lagen nicht zuletzt in der gesellschaftlichen Notwendigkeit, die direkte und unmittelbare Verwertung der Arbeitskraft junger Menschen zu vermeiden.14 Denn ein in jungen Jahren erfolgender Eintritt in die Erwerbssphäre verhindert die Ausbildung notwendiger „Basisqualifikationen“ (vgl. Brückner 2004: 27).15 Dies gilt umso mehr unter den Bedingungen postindustrieller Vergesellschaftung, die durch eine zeitliche Verlängerung der Bildungs- und Ausbildungszeiten gekennzeichnet ist. Integration und Sozialisation werden hier zu den neuen sozialpsychologischen Problemen der kapitalistischen Gesellschaft. Durch die Integration vollzieht sich die notwendige Anpassung und Normierung der nachwachsenden Generationen an die herrschenden Verhältnisse, sie bezieht sich demnach auf die Positionierung der Einzelnen innerhalb des gesellschaftlichen Kollektivs. Bei der Sozialisation handelt es sich demgegenüber um die Prozesse der Erzie14
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Die altersmäßige Verzögerung des Eintritts in die Erwerbssphäre stellte also auch eine Reaktion auf den gesteigerten Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften dar. Weitere Faktoren für die historische Verselbstständigung von Kindheit und Jugend als spezifische Teilpopulationen waren eine fortschreitende Trennung von Arbeits- und Wohnort; die Tatsache, dass Kinder von nun an „für ihre Familien eine ökonomische Belastung waren – und nicht mehr, wie früher, nützliche Arbeitskräfte, was eine Regelung ihrer sozialen Position begünstigen musste“ (Brückner 2004: 27); sowie die durch die depravierenden Folgen der Kinderarbeit im Frühkapitalismus aufgezwungene ‘Schonung’ von Kindern. Brückner weist darauf hin, dass dieser Prozess der Entwicklung einer „relativen Exterritorialität von Kindheit und Jugend“ sich im Bürgertum zeitiger herausgebildet hatte; „in den neuen Mittelschichten (vor allem seit Mitte des 19. Jahrhunderts) traten Kindheit und Jugend ganz in Strategien der äußeren Abgrenzung nach unten und des sozialen Aufstiegs ein“ (Brückner 2004: 27).
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hung, durch die subjektiv die Assimilation der „subkulturell verselbständigten und gegen die Produktion isolierten“ Kinder und Jugendlichen an die herrschenden Verhältnisse vollzogen werden soll (ebd.). Erziehung ist für Brückner daher ein integraler Bestandteil von Gesellschaftlichkeit, der sich unter jeweils spezifischen historischen Bedingungen realisiert. Mit Bernfeld kann dieses Verständnis von Erziehung auch als „die Summe der Reaktionen einer Gesellschaft auf die Entwicklungstatsache“ (Bernfeld 1973: 51) beschrieben werden. Es gibt sie überall dort, „wo Kindheit in Gesellschaft abläuft. Ihre Voraussetzung sind diese zwei: die biologische und die soziale Tatsache“ (Bernfeld 1973: 50). Sie beruht auf der „ontogenetischen postnatalen Entwicklung“ des Menschen, und ist als „unvermeidliche soziale Tatsache gegeben“ (Bernfeld 1973: 49).16 In Bernfelds Verständnis von Erziehung als der „Summe der Reaktionen der Gesellschaft auf die Entwicklungstatsache“ ist neben dem für Erziehung konstitutiven intergenerativen Bezug jedoch noch ein weiteres wichtiges Moment enthalten, nämlich der Hinweis auf die „soziale Grenze der Erziehung“ (Bernfeld 1973: 123). Bernfeld betont: „Man tut gut, die soziale Grenze übertrieben scharf zu zeichnen. (...) Sie bestimmt die Wege der Erziehung. Der von ihr gesetzte Rahmen für jede Erziehung: die Organisation der Erziehung diktiert das Erziehungsresultat, alles, was in diesem Rahmen sich abspielt, spielt sich bloß ab, ist verhältnismäßig unwesentlich, ändert im besten Fall nichts, hilft vielmehr im gewöhnlichen Fall – dem schlechtesten – geradezu zum Endresultat. Und dieses ist – wie es immer war – der Erwachsene dieser Gesellschaft, ihre Herrscher, ihre Bürger, ihre Proleten“ (Bernfeld 1973: 127). Die ‘soziale Grenze der Erziehung’ liegt also in der Tatsache begründet, dass die gesellschaftliche Erziehung in ihrer Gesamtheit einen konservierenden Charakter hat, der auf die Reproduktion der bestehenden Verhältnisse ausgerichtet ist.17 Vor diesem Hintergrund sind die sozialen Grenzen von Erziehung für Jugendliche mit Migrationshintergrund von entscheidender Bedeutung, denn sie sind mit der Tatsache konfrontiert, dass die Gesellschaft als Ziel des adoleszen16
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Erziehung kann es daher nur dort geben, wo es Erwachsene gibt: „Erst deren Vorhandensein wird der Gesellschaft eine Struktur geben, in der die Erziehung ihren Platz findet. Kindheit in einer Erwachsenengesellschaft verlaufend, das ist die Voraussetzung für die Erziehung“ (Bernfeld 1973: 51). Die von Bernfeld ebenfalls erhobene Forderung der „Freiheit jedes Menschen von Zwangsarbeit bis zu seinem achtzehnten Jahre“ (Bernfeld 1973: 125) verweist darauf. Fabrikarbeit von Kindern wird gesellschaftlich als notwendiges Erfordernis angesehen, zugleich bedeutet diese jedoch, dass die Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gestört und gehemmt werden. „Erst die Freiheit vom Zwang zur Reproduktion ermöglicht eine Wendung nach innen, über die Jugendliche an der Hervorbringung eines eigenen Selbst arbeiten und dies in Beziehung setzen können zur Eroberung der Welt, die als neues aufregendes Objekt und Gegenstand adoleszenter Größenphantasien zunächst an die Stelle der kindlichen Bezüge und Beziehungen tritt“ (King/Müller 2000: 18).
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ten Prozesses ihnen von Anfang an vielfach feindlich gegenübertritt. Denn in den gesellschaftlichen Diskursen, im Alltag und in der erzieherischen Praxis in Schule und Ausbildung im Besonderen, sind sie mit Abwertungen und Ausgrenzungen aufgrund einer gesellschaftlich dominierenden national- und monokulturellen Orientierung konfrontiert. Im Verlauf der Adoleszenz sehen sich die jugendlichen MigrantInnen daher der paradoxen Situation gegenüber, dass die Orientierung an der Gesellschaft für sie einerseits das Ziel des adoleszenten Prozesses darstellt, dieses Ziel andererseits aber zugleich für sie negativ besetzt ist. Hierdurch wird der Verlauf der Adoleszenz beeinflusst, nicht zuletzt entsteht hier ein Bewusstsein darüber, dass die Gesellschaft für die MigrantInnen kein ‘sicherer Ort’ ist, dass sie ihre Zugehörigkeit also als prekär und bedroht ansehen. „Differenzierungsgrade“ und „Kultivierungsniveaus“ (vgl. Bernfeld 1973: 126) der Persönlichkeit18 sind für Bernfeld entscheidend vom Verlauf der Pubertät abhängig: „In ihr erwachen, aus Gründen, die in der psychischen Situation dieses komplizierten Alters liegen, zum erstenmal jene Gefühle und Gedanken, um die sich als Kern der kulturelle Gehalt und Wert der Persönlichkeit gruppieren wird. Soll diese den höchsten erreichbaren Standard des, immer noch durchschnittlichen, Menschen erreichen, so muß die Pubertät in einer ganz bestimmten Weise kompliziert sein; sie muß vor allem über die kurze Spanne der physiologischen Pubertät hinaus gestreckt verlaufen, sie muß bis ins 18., ja 20. Lebensjahr anhalten“ (Bernfeld 1973: 126). Die hier von Bernfeld angesprochene ‘gestreckte Pubertät’ beschreibt die für die Ausbildung der Persönlichkeit entscheidende Lebensphase. In ihr vollzieht sich nicht allein die körperliche Reifung der jungen Menschen. Durch die Hinwendung zur Gesellschaft vollzieht sich auch eine ‘soziale’ Reifung. Denn es werden in dieser Phase vor allem diejenigen kulturellen Fähigkeiten erprobt und erworben, die es den jungen Menschen ermöglichen, sich aus ihrem familiären Kontext zu lösen und unabhängig und autonom, das heißt, erwachsen zu werden. Die von Bernfeld in Abhängigkeit von der Dauer der Adoleszenz bestimmten Möglichkeiten zur Ausbildung von „Differenzierungsgraden“ und „Kulturniveaus“ (ebd.) verweist auch auf Benachteiligungen, die aufgrund einer verkürzten Adoleszenz entstehen. Dies ist vor allem bei den unteren sozialen Schichten der Fall, zu ihnen gehören vielfach auch Jugendliche mit Migrationshintergrund. Beim Blick auf 18
Mit „Differenzierungsgraden“ und „Kultivierungsniveaus“ meint Bernfeld die persönlichkeitsbildende Fähigkeit zur individuellen und partiellen Aneignung des sozial vorhandenen Reichtums an kulturellen Möglichkeiten. Der Grad der Differenzierung und damit auch die Ebene des erreichten „Kultivierungsniveaus“ wird damit in Abhängigkeit sowohl von den individuellen Aneignungsprozessen, als auch von den je sozial und kulturell verfügbaren Formen der Aneignung bestimmt.
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die für den Eintritt ins Erwerbsleben entscheidende Dauer der schulischen Bildung zeigt sich etwa: „Bei den ausländischen Jugendlichen19 dominiert auch weiterhin der Hauptschulabschluss. Während fast 70 % der deutschen Schulentlassenen einen mittleren oder höheren Abschluss erzielen, verlassen nur knapp 40 % der ausländischen Jugendlichen die allgemeinbildende Schule mit einem solchen Abschluss“ (BeMFI 2005: 53). In der Konsequenz führt dies dazu, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund zu einem großen Teil und meist um einige Jahre früher in ein Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnis eintreten als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund. Eine verkürzte Adoleszenz wirkt sich daher in besonderer Weise strukturell nachteilig aus, denn über das Erreichen von körperlicher und sozialer Autonomie realisiert sich nicht nur ein einfacher Prozess der Ablösung und Trennung von Eltern und Familie. Vielmehr findet hier ein innerpsychischer und sozialer Prozess der Neu-Aneignung von sozialer Realität statt. Dieser vollzieht sich als Individualisierungsprozess über Formen der Selbstpositionierung, deren Möglichkeiten jedoch sozial begrenzt sind, etwa aufgrund der individuellen Zugehörigkeit zu unterschiedlichen sozialen Schichten und Klassen. Trotz unterschiedlicher sozialer Zugehörigkeiten ist das Leben des Menschen aber nicht allein Wiederholung oder Nachvollzug. Bernfeld hebt hervor, dass es neben der „Rekapitulation“ auch noch „ein Eigenes“ hat: „Es ist ein Konkretum, es verläuft an einem konkreten Ort, in einer konkreten Zeit, unter konkreten Umständen. Und was wir das Leben des Einzelnen heißen, ist jene individuelle, einmalige Nuance der Rekapitulation, die der allgemeinen Tendenz durch ihre konkrete Lokalisation aufgeprägt wurde“ (Bernfeld 1973: 144). Es sind also konkrete Erfahrungen, die die menschliche Individualität bestimmen, und zwar nicht als eine Vergangenheit, die losgelöst und getrennt von der Gegenwart existiert, sondern als eine unmittelbar gegenwärtige, die sich als eine in den konkreten menschlichen Handlungen und psychischen Reaktionen mit aufscheinende Vergangenheit realisiert. Denn „die Geschichte, die ganze Geschichte des Individuums, wirkt auf die Handlung, auf jede psychische Reaktion“ (Bernfeld 1973: 146). Innerhalb der von Bernfeld als „gestreckte Pubertät“ bezeichneten Phase der Persönlichkeitsentwicklung finden also individuelle Lernprozesse statt, die einerseits ihre Grundlage in der bestehenden Kultur selbst haben. Dies ist möglich, da die Entwicklung von Kultur „durch soziale, und das heißt durch tradierbare Lernprozesse“ erfolgt (Erdheim 1992: 275f.). Andererseits entsteht in dieser Phase auch die „Bedingung der Möglichkeit“ dafür, „daß der Mensch auch ohne die Veränderung seines Genbestandes neue Kultur- und Anpassungsfor19
Ausländische Jugendliche ist hier enger gefasst als der Begriff Jugendliche mit Migrationshintergrund, der auch Jugendliche mit deutscher Staatsangehörigkeit einschließt, bei denen mindestens ein Elternteil MigrantIn ist.
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men schaffen und erhalten kann“ (Erdheim 1992: 276). Im Rückgriff auf Freud sieht Erdheim in der „Zweizeitigkeit der sexuellen Entwicklung“ (ebd.) die entscheidende Grundlage hierfür.20 „Der Triebdurchbruch der Pubertät lockert die vorher in der Familie gebildeten psychischen Strukturen auf und schafft damit die Voraussetzungen für eine nun nicht mehr durch den familiären Rahmen beengte Neustrukturierung der Persönlichkeit, die neue Erfahrungen ermöglicht“ (ebd.). Insofern Lernprozesse als die Grundlage der Kulturentwicklung angesehen werden, kann nun Erdheim zufolge angenommen werden, „daß es die während der Adoleszenz eingeleiteten Lernprozesse sind, die die Einstellung des Individuums zur Kultur bestimmen werden. Die Verflüssigung der in der Familie angeeigneten psychischen Strukturen ermöglicht es dem Menschen, neue Anpassungs- und Kulturformen zu entwickeln, die nicht auf die Familie zurückführbar sind“ (Erdheim 1992: 277). In der Adoleszenz treten also die „stabile, konservative Familienstruktur“ und „die dynamisch, expansive Kulturstruktur“ als progressiver Faktor in ein antagonistisches Verhältnis zueinander (vgl. ebd.). Während es in der Anpassung an die Familienstruktur vor allem um die Einfügung in bestehende soziale Verhältnisse geht, tritt bei der Anpassung an die Kulturstruktur das ‘innovative Moment’ in den Vordergrund: „Anpassung bedeutet hier nicht Angleichung an vorgegebene Verhältnisse, sondern Mitarbeit des Individuums an den sich verändernden Strukturen der Gesellschaft“ (Erdheim 1992: 278). Die Adoleszenz steht daher in gewisser Weise zwischen Familie und Kultur. Erst im Verlauf der Adoleszenz zeigt sich, „ob die Distanzierung von der Familie gelingt und die progressiven Tendenzen weiter vorangetrieben und subjektiv angeeignet werden können; bleibt der Jugendliche jedoch an die Familienstruktur gebunden, wird er nicht die Bewußtseinsformen entwickeln können, die der gesellschaftlichen Entwicklung adäquat wären“ (ebd.). In den modernen Gesellschaften bildet die Phase der Adoleszenz die biografisch entscheidende Phase, in der die Jugendlichen jeweils individuell die für sie bedeutsamen Prozesse der körperlichen wie der sozialen Reifung vollziehen müssen. Dieser Prozess ist gleichermaßen komplex und widersprüchlich.21 Ziel der adoleszenten Entwicklung ist die Bindung an die Gesellschaft, Brückner hat 20
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Dies bedeutet zugleich, dass nicht die Erfahrungen der frühen Kindheit allein ausschlaggebend sind, sondern dass „die Dynamik der Adoleszenz einen entscheidenden Beitrag zur Möglichkeit des Kulturwandels leistet“ (Erdheim 1992: 276). Denn der adoleszente Entwicklungsprozess unterscheidet sich von einem linearen Prozess der Tradierung sozialer Werte und Normen, wie dies etwa in vormodernen Gesellschaften durch die Initiation vollzogen wurde. Denn während die Initiation auf die unmittelbare und unverbrüchliche Bindung des jungen Menschen an die sozialen Werte und Normen abzielt und sich daher hier die Dominanz der sozialen Gemeinschaft gegenüber dem Individuum realisiert, findet in der Adoleszenz ein umgekehrter Entwicklungsprozess statt.
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dies als „soziale Integration“ bezeichnet, aber die Form der Bindung ist nicht die Produktion von Gemeinschaftlichkeit, sondern von Individualität. Vera King und Burkhard K. Müller haben diese soziale Aufgabe der Adoleszenz wie folgt beschrieben: „Adoleszenz bezeichnet in diesem Sinne die soziale und psychische Komponente der Geschlechtsreifung und der Wandlungen vom abhängigen Kind zum eigenverantwortlichen Erwachsenen. Insofern dieser Prozess auf der Subjektebene seit Beginn der Moderne mit der Idee der Selbständigkeit und Individuierung verknüpft ist, stellt die Adoleszenz die Bedingung der Möglichkeit der Individuierung dar“ (King/Müller 2000: 16). Die Vorstellung vom Menschen als einer selbstständigen und selbstbewussten, als einer unabhängigen und freien Persönlichkeit bildet daher den entscheidenden gesellschaftlichen Modus, der sich in der Adoleszenz vollzieht. Im eigentlichen Sinne bedeutet dies die Entwicklung individueller Fähigkeiten, sich sowohl von den durch das Aufwachsen in der Familie erworbenen kulturellen Prägungen zu lösen als auch im Prozess der Orientierung auf die Gesellschaft zu kulturellen Veränderungen in der Gesellschaft beizutragen. Die Entwicklung der Fähigkeit zur Veränderung schließt jedoch zugleich auch die Notwendigkeit ein, die Fähigkeit zu entwickeln, Kultur zu bewahren. Erdheim beschreibt diese in der Adoleszenz strukturell angelegte Ambivalenz wie folgt: „Der Antrieb, Kultur zu verändern, muß im Menschen ebenso angelegt sein wie seine Fähigkeit, sie sich anzueignen und zu bewahren. Beide Momente spielen in der Adoleszenz eine entscheidende Rolle: Die Adoleszenz treibt den Menschen einerseits dazu, das Überlieferte in Zweifel zu ziehen, zu verunsichern und neue Perspektiven zu suchen, und andererseits stellt sie ihn vor die Aufgabe, sich nicht zu verlieren und die Kontinuität zu wahren“ (Erdheim 1992: 296):22 Adoleszenz im Migrationskontext bedeutet jedoch mehr und Anderes, da die Jugendlichen hier vor eine doppelte Aufgabe gestellt werden. Einerseits geht es um die Loslösung von den Eltern und ihrem sozial-kulturellen Erbe, andererseits geht es um die Hinwendung und Selbstpositionierung in zwei unterschiedlichen sozial-kulturellen Kontexten – und zwar derjenigen der Kultur der Eltern und der ‘neuen’ Kultur des Aufenthaltslandes. Entscheidend ist hier also auch der jeweilige soziale Ort, von dem aus der Verlauf der Adoleszenz geprägt wird. „Je nach sozialem Ort und infolge der Gesamtstruktur der Gesellschaft, sei die Arbeit und Größe der Aufgabe der Triebbewältigung eine andere. (...) denn die Größe der Entbehrung bemesse sich nicht bloß nach der Stärke der Triebregung, sondern auch nach den erreichten Befriedigungsmitteln“ (Erdheim 1992: 315). 22
Mit dem Eintreten in die Adoleszenz wird den Jugendlichen die Komplexität der zu bewältigenden Aufgabe bewusst. Denn erst „in den Bemühungen, die Adoleszenz zu meistern und in die Kultur zu integrieren, werden die Kräfte sichtbar, die bewältigt werden müssen“ (Erdheim 1992: 284).
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Die gesellschaftlichen Bedingungen setzen dem adoleszenten Prozess Grenzen und beeinflussen damit in entscheidender Weise ihren Verlauf. Erdheim fügt dieser Bedeutung des sozialen Ortes noch ein weiteres wichtiges Element hinzu, nämlich die Dynamik des sozialen Ortes: „Ich nehme an, daß das Schicksal der Adoleszenz jeweils ein anderes ist, je nachdem, welche gesellschaftlichen Kräfte auf den sozialen Ort in welchem der Adoleszente lebt, einwirken“ (Erdheim 1992: 315f.). Bei der hier angesprochenen ‘Dynamik’ des sozialen Ortes handelt es sich um die Einbeziehung der Wirkungen bestehender und sich verändernder Machtund Herrschaftsverhältnisse, die sich jeweils konkret in vielfältigen und komplexen Figurationen von „Etablierten und Außenseitern“ (vgl. Elias/Scotson 1993) realisieren. Bezogen auf Migrationsgesellschaften ist damit nicht die Frage der Zugehörigkeit an sich problematisch, denn Menschen als soziale Wesen werden von Anfang an in ein heterogenes Geflecht sozialer Beziehungen und vielfältiger sozialer Zugehörigkeiten hineingeboren. Entscheidend sind vielmehr die sozialen, kulturellen und politischen Beziehungen, die die verschiedenen sozialen Gruppen untereinander unterhalten und welche Stellung dem Individuum in diesem Geflecht zukommt. Damit geht es hier primär um die Art und Weise der Verteilung von Macht und um die Formen der Entstehung und des Erhalts von Macht innerhalb der bestehenden sozialen Figurationen. Die Frage von Zugehörigkeit wird jedoch erst dort problematisch, wo Herrschaft dazu führt, dass bestehende soziale Gruppen, die mit unterschiedlicher Macht ausgestattet sind, zu kulturellen Zwangsgemeinschaften erstarren.23 Die Entscheidung über die Zugehörigkeit wird hier nicht nur einfach zu einer Frage der gesellschaftlichen Verteilung von Ressourcen. Sie führt vielmehr zu einer sozialen und kulturellen Begrenzung der individuell-biografischen und gemeinschaftlichen Potenziale. Unter den Bedingungen von Herrschaft und kultureller Dominanz werden damit auch Fragen von Anerkennung virulent. Vera King betont in ihrer Auseinandersetzung mit dem Anerkennungskonzept im Kontext von Adoleszenz, dass hierbei nur partiell auf diese zurückgegriffen werden könne. Denn Adoleszente „kämpfen nicht im einfachen Sinne um Anerkennung (...), sondern müssen sich im Prozess der Individuation immer auch von der Anerkennung der Anderen unabhängig machen. Individuation gelingt in dem Maße, wie es Adoleszente aushalten können, gerade in ein Anerkennungsvakuum einzutreten, die damit verbundenen Schmerz-, Einsamkeits- und Verlustempfindungen auszuhalten und diese Erfahrung produktiv zu wenden“ (King 2004: 55). Bezogen auf jugendliche MigrantInnen ist dieser Zusammenhang von besonderer Relevanz, denn den Jugendlichen geht es nicht im „einfachen Sinne 23
Bei kulturellen Zwangsgemeinschaften handelt es sich um Gemeinschaften, deren Interessen nicht mehr diskutierbar sind.
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um Anerkennung“ durch eine Gesellschaft, in der sie marginalisiert sind und zu den AußenseiterInnen gehören. Nicht der „Kampf um Anerkennung“ (vgl. Honneth 1994), der auf der Grundlage von Missachtungserfahrungen geführt wird, steht für sie im Mittelpunkt, sondern ihnen geht es vielmehr um ‘Respekt’ (vgl. Sennett 2004). Dieser beruht einerseits auf Selbstachtung und andererseits auf Anerkennung. Während jedoch die Anerkennung durch andere – auch und gerade in ihrer Gegenseitigkeit – auf der Erbringung von Leistungen gründet, so ist die Selbstachtung in der Persönlichkeit fundiert. Im Bedürfnis nach ‘Respekt’ geht es daher um anderes als im Anerkennungsprozess. Es geht um ein fragloses Angenommen werden durch den oder die Anderen, das nicht auf Leistung gründet, sondern vielmehr auf der Gemeinsamkeit im Menschsein, dem das Dasein in einer gemeinsam geteilten Welt zugrunde liegt. Ein weiterer Unterschied liegt darin, dass im Anerkennungsprozess implizit oder explizit persönliche oder soziale Wertmaßstäbe zur Anwendung gebracht werden. Anerkennung steht damit immer auch in enger Verbindung mit Herrschaftsprozessen, denn die in der Anerkennung vollzogene Zuschreibung definiert zugleich auch ein Recht auf die Bestimmung von Differenz. Ganz anders der Respekt: Er bezieht sich auf den Anderen indem das Gemeinsame im gegenseitigen Bedürfnis nach Selbstachtung erkannt und bewahrt wird, indem die Differenz nicht zum Ausgangspunkt wertender Deutungen gemacht wird. Bei jugendlichen MigrantInnen geht es in der Phase der Adoleszenz daher nicht allein um die Anerkennung durch Andere, sondern ebenso um Selbstachtung in einer Gesellschaft, die MigrantInnen zu AußenseiterInnen macht. Richard Sennett beschreibt die Folgen mangelnden Respekts wie folgt: „Mangelnder Respekt mag zwar weniger aggressiv erscheinen als eine direkte Beleidigung, kann aber ebenso verletzend sein. Man wird nicht beleidigt, aber man wird auch nicht beachtet; man wird nicht als ein Mensch angesehen, dessen Anwesenheit etwas zählt“ (Sennett 2004: 15). Für den erfolgreichen Verlauf der Adoleszenz von Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind Selbstachtung und Respekt entscheidende, zugleich aber auch knappe Ressourcen. Die adoleszente Entwicklung Jugendlicher mit Migrationshintergrund ist daher entscheidend davon abhängig, inwieweit es ihnen gelingt, Selbstachtung und Respekt zu erwerben. Die Anstrengungen hierzu erfolgen auf unterschiedlichen Ebenen, etwa im familiären, beruflichen oder Peer-Kontext, und zum Teil auch auf höchst widersprüchliche Weise, etwa an gesellschaftlich akzeptierten Leistungsprinzipien oder an subkulturellen Werten orientiert. Individualisierung als Resultat adoleszenter Prozesse vollzieht sich daher für jugendliche MigrantInnen über verschiedene Formen der Identifikation in verschiedenen sozialkulturellen Kontexten.
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Adoleszenz als Möglichkeitsraum
Die Phase der Adoleszenz stellt eine entscheidende Entwicklungsphase im Leben jugendlicher MigrantInnen dar. Vera King versteht Adoleszenz als einen „Bildungsprozess und Entwicklungsraum“, in dem ein „generativer Umschlag vorbereitet wird und insofern immer auch schon stattfindet“ (King 2004: 55). Die Produktivität von Generativität beschreibt damit den Inhalt von Adoleszenz, die in modernen Gesellschaften auf einer gelingenden Individuation gründet. Dieser Prozess vollziehe sich in erster Linie in einem psychischen und sozialen Sinne und erst in zweiter Linie auch im biologischen Sinne (vgl. King 2004: 59). Da Individualisierung den Kern von Adoleszenz in modernen Gesellschaften ausmacht, erhält diese zugleich eine formale Ausrichtung: „Sie bezeichnet den Hintergrund und den Möglichkeitsraum dafür, dass Neues entstehen kann. Sie gibt jedoch keine Inhaltlichkeit vor im Sinne eindeutig oder konkretisierbarer Tradierungen“ (King 2004: 60). Die Struktur des adoleszenten Möglichkeitsraums und damit auch der Verlauf der Adoleszenz werden entscheidend über die für die Adoleszenten verfügbaren materiellen und psychosozialen Ressourcen bestimmt. In der Adoleszenz realisieren sich daher immer auch psychosoziale Tradierungsprozesse, die nicht nur bestehende soziale Verhältnisse, sondern umfänglicher auch die mit diesen aufs Engste verknüpften psychischen Haltungen und kulturellen Wertigkeiten ganz oder teilweise reproduzieren. Im generativen Modus der Adoleszenz findet also eine psychisch-soziale Tradierung von Privilegiertheit und Ungleichheit statt. Hierin ist die spezifische Chancenstruktur des adoleszenten Möglichkeitsraums verankert: „In modernisierten Gesellschaften werden soziale Privilegiertheit oder Ungleichheit vorrangig über die Qualität des adoleszenten Moratoriums hergestellt und reproduziert. Diese Qualität des psychosozialen Moratoriums resultiert aus der Chancenstruktur des adoleszenten Möglichkeitsraums, wie sie sich im Zusammenspiel innerer und äußerer Ressourcen ergibt. Die Komplexität dieser Chancenstruktur ergibt sich daraus, dass gesellschaftliche und kulturelle Bedingungen, familiale Voraussetzungen und Dynamiken und individuelle Ressourcen verschränkt sind“ (King 2004: 94). Entscheidend für den Verlauf der Adoleszenz ist damit das ambivalente Verhältnis von Autonomie und Bindung. Adoleszente Verläufe lassen sich daher nicht mehr linear auf bestimmte Herkunftsmilieus zurückführen, gleichwohl sind sie auch nicht als davon unabhängig zu verstehen. Dies gilt besonders dann, „wenn die Bedeutung von Geschlecht, nationaler oder ethnischer Zugehörigkeit einbezogen werden. Denn offenkundig ist nach wie vor zumindest, dass sich die Chancenstrukturen von männlichen und weiblichen, deutschen oder nicht deutschen Adoleszenten in einigen wesentlichen Bereichen (wie z.B. die Art der Einmündung ins Berufssystem) unterscheiden“ (King 2004: 94f.).
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Die Charakterisierung von ‘Adoleszenz als Möglichkeitsraum’ verweist jedoch nicht nur auf verschiedene Möglichkeiten gelingender Adoleszenz, sondern auch auf die Möglichkeit ihres Scheiterns. Das Problem einer ‘verkürzten Adoleszenz’ wurde bereits angesprochen. Deutliche Unterschiede in der Dauer der Adoleszenz gehören immer noch für viele Jugendliche zur sozialen Realität. In Bezug auf geschlechtsspezifische Differenzen erfolgt eine verkürzte Adoleszenz bei jungen Frauen nicht nur aufgrund verkürzter Bildungsphasen, sondern auch etwa durch eine frühe Mutterschaft24. Problematische Verläufe der Adoleszenz25 ergeben sich nach King und Müller aber auch aufgrund von „Überfrachtungen und Fremdbestimmungen“, die sich durch „Identitätszumutungen“ ergeben, „wie sie mit konventionellen Geschlechtsstereotypen verknüpft sind, wenn zum Beispiel männliche wie weibliche Jugendliche in entsprechende Peer-GroupIdeale hineingezwungen werden, um dort anerkannt zu werden (...), oder allgemein: durch die geschlechtsspezifische Verteilung biographischer Chancen und Risiken“ (King/Müller 2000: 19)26 . Die Hinweise von King und Müller auf die Möglichkeiten eines Scheitern der adoleszenten Prozesse machen deutlich, „dass die Chancenstruktur der Adoleszenz sich nicht konzipieren lässt über einfache Labels wie ‘Unterschicht’, ‘ausländische Jugendliche’ usw., sondern über die Art und Weise, wie die adoleszenten Entwicklungsprozesse im jeweiligen Feld und Fall einzuschätzen sind“ (King 2004: 96). Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich bestimmte Fälle nicht anhand charakteristischer Merkmale bündeln lassen. Die empirisch auffindbaren Gemeinsamkeiten in den Verläufen der Adoleszenz jugendlicher MigrantInnen sind evident. King verweist darauf, dass es „durchaus charakteristische Korrelationen oder Konstellationen“ gebe, und zwar „insofern, als zum Beispiel Migrantenjugendliche ebenso wie arbeitslose Jugendliche überdurchschnittlich häufig mit dem Problem der fehlenden sozialen Anerkennung zu 24 25
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Zu geschlechtsspezifischen Differenzen in der Adoleszenz vgl. vor allem King 2004. Eine systematische Analyse charakteristischer Abweichungsformen vom Idealtypus der „verlängerten Adoleszenz“ hat Mario Erdheim vorgelegt. In seiner Typologie unterscheidet er die eingefrorene, die zerbrochene und die ausgebrannte Adoleszenz. Als eine weitere Möglichkeit erwähnt Erdheim schließlich noch einen vierten Typus, bei dem es aufgrund vorhergehender massiver Störungen der Ich-Struktur zu keiner eigentlichen Adoleszenz kommt (vgl. Erdheim 1992: 321). Hier könne man jedoch nicht von „Zerstörung“ sprechen, „weil die entsprechenden Reifungsprozesse nicht stattgefunden haben“ (Erdheim 1992: 321). So könne sich beispielsweise eine fehlende Verankerung in stabilen äußeren und verinnerlichten Beziehungen in einer charakteristischen Orientierungslosigkeit männlicher Jugendlicher ausdrücken, denen männliche Vorbilder fehlen, mit denen sie sich konstruktiv auseinandersetzen könnten. Schwierige Verläufe in der Adoleszenz entstehen aber auch dort, wo sich die Generationengrenzen vermischen, etwa „wenn die Eltern den Ablösungen der Kinder durch eigene quasi-adoleszente Aufbrüche, Trennungen usw. zuvorkommen, wie es, familiendynamisch betrachtet, häufig vorkommt“ (King/Müller 2000: 20).
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kämpfen haben oder mit dem Problem ungünstiger gesellschaftlicher Rahmenbedingungen für die Verankerung in der Kultur der Einwanderungsgesellschaft“ (King 2004: 96).27 Theorie und Konzept des ‘adoleszenten Möglichkeitsraumes’ sind daher im eigentlichen Sinne auf den Menschen als einem handlungsfähigen Subjekt bezogen. Für jugendliche MigrantInnen bedeutet dies, dass für sie hier jeweils individuell die Möglichkeit entsteht, die im bisherigen Verlauf der biografischen Entwicklung erworbenen Bindungen und Handlungsmuster zu verändern und neu zu gestalten. Die von ihnen zu leistende Entwicklungsaufgabe im Sinne einer doppelten Adoleszenz besteht darin, die Ablösung von den Eltern und die Orientierung auf die Gesellschaft einerseits und die Ablösung von den familalen kulturellen Traditionen und die sozial-kulturelle Selbstpositionierung in der Gesellschaft andererseits biografisch zu realisieren. In der qualitativen Forschung über Jugendliche mit Migrationshintergrund wird dieser gelingende Prozess der Selbstpositionierung seit einiger Zeit beobachtet und analysiert, etwa in Bezug auf bildungserfolgreiche MigrantInnen (Badawia 2002; Hummrich 2002). Dabei zeigt sich, dass jugendliche MigrantInnen aufgrund ihres pluri-kulturellen Hintergrundes über ein erweitertes Potenzial an (kulturellen) Handlungsmöglichkeiten verfügen, das sie für die weitere biografische Gestaltung ihres Lebenswegs produktiv einsetzen können. Damit kann es ihnen zugleich auch gelingen, bestehende Formen sozialer Ungleichheit und Benachteiligung zu überwinden. Christine Riegel hat diesen Zusammenhang in ihrer Studie über junge Migrantinnen herausgearbeitet: „An dem Punkt der Neuorientierung im Übergang von Schule zum Beruf bzw. ins Leben einer Erwachsenen bekommt der Migrationhintergrund eine qualitativ neue Bedeutung. Sie interpretieren und erfahren ihren transnationalen Kontext und die damit verbundenen Kompetenzen als Erweiterung ihres Möglichkeitsraums in beruflicher und privater Hinsicht“ (Riegel 2004: 334).
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Abschließende Bemerkungen
Im Rückgriff auf Bernfelds Erziehungsbegriff, der Erziehung als die ‚Summe der Reaktionen von Gesellschaft auf die Erziehungstatsache’ versteht, wurde die besondere Bedeutung der Gesellschaft für die Erziehungsprozesse von Jugendlichen mit Migrationshintergrund herausgearbeitet. Dabei wurde argumentiert, 27
Im Konzept des ‘adoleszenten Möglichkeitsraums’ werden also sowohl die positiven Entwicklungspotentiale benannt und die Kräfte sichtbar gemacht, die es in einer verlängerten Adoleszenz erfolgreich zu überwinden gilt, als auch die nicht gelingenden Verläufe der Adoleszenz thematisiert und untersucht.
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dass in den modernen Gesellschaften kulturelle Differenz und Ungleichheit die soziale Grundlage für die gesellschaftliche Organisation der Erziehungsprozesse in systematischer und institutionalisierter Form sind. Die moderne Erziehung verfolgt dabei eine doppelte Zielsetzung, denn es geht ihr sowohl um die ‘Erziehung zur Nützlichkeit’ (Mergner) als auch um die Produktion ‘sozialer Integration’ auf der Basis von Individualisierungsprozessen. Brückner zufolge ist ‚soziale Integration’ zur historisch neuen Aufgabe der modernen Massengesellschaften geworden. Die Erziehungsprozesse werden hier nicht nur durch individuelle und gemeinschaftsbezogene Grenzen bestimmt, sondern auch von ‚sozialen Grenzen’ (Bernfeld). Diese bestehen nicht nur in sozialen und politischen Strukturen, sondern auch in kulturellen Normen und Werten, die in der nationalstaatlichen Fundierung moderner Gesellschaften begründet sind. Sie beruhen auf dem Prinzip einer spezifischen national-kulturellen Homogenität, mit der die Differenz zu anderen Nationen markiert wird. Migrationsprozesse stellen diese national-kulturellen Prozesse der Grenzziehung einerseits infrage, andererseits werden die national-kulturellen Grenzen über Migrationsprozesse aber auch überhaupt erst sichtbar gemacht. Diese Ambivalenz von Migrationsprozessen in modernen Nationalstaaten realisiert sich auch im Umgang mit MigrantInnen. Denn bei den soziokulturellen Prozessen der Grenzziehung handelt es sich nicht um abstrakte Prozesse, vielmehr sind diese sowohl in die gesellschaftlichinstitutionellen Strukturen als auch in die sozial-kulturellen Praxen der Subjekte eingeschrieben. Bezogen auf die gesellschaftlichen Erziehungsprozesse stellt das nationalstaatliche Prinzip daher eine soziale Grenze dar. Gesellschaftliche Erziehungsprozesse sind hiervon nicht nur beeinflusst, vielmehr ist es ein grundlegendes Strukturierungsprinzip. Die Marginalisierung der MigrantInnen stellt daher das Resultat sozial-kultureller Prozesse der Außenseiterproduktion dar. (National-) Kulturelle Differenz wird dabei zu einem Distinktionsmerkmal gemacht, über das eigene Zugehörigkeiten nicht nur artikuliert sondern andere auch infrage gestellt werden. Die Kontinuität von Privilegien und Ungleichheit tradiert sich kulturell und psychosozial daher auch über Erziehungsprozesse, vor allem in der Phase der Adoleszenz. Doch gelingt es gerade unter Bezugnahme auf die sich in der Adoleszenz realisierende Ambivalenz von kultureller Bewahrung und der Entstehung von Neuem aufzuzeigen, dass hinsichtlich der Entwicklungsverläufe jugendlicher MigrantInnen nicht von einem deterministischen Verlauf ausgegangen werden kann. Für das Verständnis der aktuellen gesellschaftlichen Lage jugendlicher MigrantInnen ist daher die Analyse der biografischen Entwicklungsverläufe von entscheidender Bedeutung. Denn die Zuschreibung einer allgemeinen Benachteiligung jugendlicher MigrantInnen in der Gesellschaft ist ebenso falsch wie eine generelle Negierung bestehender Benachteiligungen,
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etwa in Bezug auf den erfolgreichen Übergang von der Schule in die Ausbildung oder den Arbeitsmarkt. Aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive ist es notwendig, sowohl die Prozesse des Gelingens als auch diejenigen des Scheiterns biographischer Entwicklungsverläufe jugendlicher MigrantInnen differenziert zu analysieren. Dabei geht es auch um die Frage nach den Einflüssen der sozialen Grenzen von Erziehung und um die Frage ihrer Überwindung.
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Young People, Migration and Metanarratives Arguments for a Critical Theoretical Approach Pat Cox
In the context of the year 2007 being designated ‘European Year of Equal Opportunities for All’ and in the context of worldwide debates about migration, I undertake some initial explorations of issues concerning young people, migration and metanarratives. In this chapter I examine the metanarratives of childhood and youth as developmental stages in becoming adult – ‘becoming’ rather than ‘being’ – and metanarratives of nation and national identity. I explore some of the understandings and concepts that subvert each of these metanarratives and then analyse some of the British government’s welfare policies for young people and the effects of immigration policies on children and young people who are asylum seekers or refugees (survivors of forced migration). I argue that a critical approach is needed in order to address the particular issues for children and young people in these circumstances. The terms ‘nation’ and ‘national identity’ continue to develop meanings that are many and various, but a detailed analysis of these is beyond the scope of this chapter. I draw here on the work of certain sociologists in order to illustrate and illuminate, not to elide these different meanings (Bhabha 1990, 2004; Brah 1996; Gilroy 1993, 2000; Hall 1992). ‘Children and young people’ are paired together throughout this chapter, indicating that I am writing about a range of ages. ‘Migrant peoples’ is not a coherent or even a homogenous category: the experiences of people thus classified can differ from one to another to the point that there may be no substantial category binding together those who have been and are called ‘migrant peoples’.
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Issues of Ontology
Any chapter such as this raises issues of ‘representativity’: ‘Who and what do we represent when we speak out, and how do we negotiate the inevitable problem in the social sciences of having to speak about people while trying not to
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speak for them?’ (Moore 1994: 79) For Henrietta Moore, ‘representativity’ is an important issue in researching, writing and speaking about issues of migration. Writing in another context, Suzanne Sgroi (1989) uses the image of individuals recovering from trauma moving through ‘circles’ of development, until they reach a ‘circle’ where they no longer identify themselves by the trauma they have experienced. In similar fashion, very few of us are likely to want to identify ourselves as ‘migrants’ or ‘immigrants’ (see for example Swirsky 1999: 193). However, issues of migration are not only ‘out there’; they are also ‘in here’. My commitment to understanding, researching and writing about migration arises from knowledge of my own migrant heritage. The granddaughter and great-granddaughter of immigrants to Britain, my heritage is a combination of North London Irish Catholic; Dublin Irish Catholic; East London Jewish; French Protestant; and Dorset. Self-understandings arising from this admixture lead to a position that is simultaneously both ‘in’ and ‘out’ (Harris 1995: 2). ‘In’ because I grew up having information about my heritage and having the luxury of absorbing this information prior to sharing it; ‘out’ because I am not a migrant and thus understanding of these particular experiences is second hand, not first hand. Because I am ‘white’, I am automatically assumed to be a British citizen with the mono-dimensionality (and safety) that implies and – unlike a number of friends and colleagues – I am rarely required to answer the question: ‘where are you from?’
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Migration and International Contexts
Issues of migration are currently widely debated across the world (see Castles and Davidson 2000; Geisen et al 2004; Kraus 2004; Martin 2001; Riegel 2004). What is frequently overlooked is that, at various times in history, most nations in the world have been settled in by migrant peoples who then became that nation and developed its resources. Hoerder limns the movements of individual and migrant peoples at micro, meso and macro levels: individual lives become part of transoceanic and even global connections. In the processes of departure and insertion into the receiving society, migrants subtract themselves from old and add themselves to new societies. They are part of macro-level socio-economic change (Hoerder 2004:32).
The particular experiences of children and young people in these processes are often overlooked or disregarded.
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Metanarratives of Childhood and Youth
Until about twenty years ago, the dominant metanarratives about childhood and youth were that these are developmental stages in becoming adult – emphasising ‘becoming’ rather than ‘being’. The main disciplines for studying children and young people had been psychology and education, both of which focus on growth, development and socialisation into the adult world. In North America and Britain it is only in the last two decades or so that migrant children and young people have become a focus for sociological study and research (Ambert 1986), though in Germany there is a well-established tradition of research with migrant children and young people (Riegel 2004). The situations of migrant children and young people have become the focus of research even more recently (Nguyen 2005; Stanley 2001). As noted by Brannen and O’Brien, the psychological focus of earlier studies had led to a view of children and young people as incomplete, not competent: … human becomings rather than human beings…adults in the making, rather than children in a state of being (Brannen and O’Brien 1995: 730).
Work by British sociologists led to recognition of this ‘absence’ of children and young people from sociology and their status as a ‘muted group’ in both sociology and society. It led also to recognition of the ways in which ‘childhood’, ‘young people’ and ‘youth’ had been and are socially constructed by adults, particularly in British society, within different social groupings at different historical times (James and James 2004; James and Prout, 1997; James, Jenks and Prout 1998; Qvortrup et al 1994). The immaturity of children is a biological fact of life, but the ways in which this immaturity is understood and made meaningful is a fact of culture (James and Prout 1997)
Thus, while previous understandings of childhood and youth were biologically determinist and of naturalistic construction, childhood and youth are now understood not as objective, universal states, but as socially constructed ones (Hacking 1999). They are also shown to be both historically and culturally determined, as is evident from both anthropological and historical research (see for example, Aries 1962; Benedict 1935; Jordanova 1989). Earlier metanarratives and assumptions have been subverted by concepts of childhood and youth further developed by social constructivist sociologists, particularly by the concept of young people’s agency and their right to be the subjects of their own lives (Archard 2004; Karban and Horrocks 2000).
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Research with children and young people continues to demonstrate their agency and their resistance to an uncritical acceptance of identities placed upon them by others. For example, the Social Identities in Adolescence Study (undertaken in London) by the Department of Health (1996), showed that young Londoners interviewed as part of this research … had a range of ways in which they negotiated their racialised identities in different contexts and at different times…the ways in which they had constructed their identities had changed over time. It is likely, therefore, that the accounts they negotiated in their interview will change over time…most of the young people were clear that they made their own decisions about whether to accept or reject the constructions that their parents, teachers and friends attempted to persuade them to use (Phoenix and Owen 1996: 92).
We might assume that this more general acceptance of childhood and youth as socially constructed, and the emphasis on young people’s rights and agency is permeating social policies relating to children and young people. However, while this is true in some instances (Bradshaw and Mayhew 2005; Hendrick 2005), one specific policy area remains almost untouched by such understandings – British Government policies in relation to immigration and protection (I return to this below).
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Metanarratives of Nation and of National Identity
The concepts of ‘nation’ and ‘national identity’ continue to be the subject of debate and analysis (see Anderson 1991; Chatterjee 1993; Hobsbawm 1990; Nairn 1990). As a result of such debate and analysis, the concepts have different meanings within a variety of discourses (Brah 1996: 15). For Benedict Anderson the nation is ‘an imagined political community’ (Anderson 1991:6), a development of the particular historical and cultural conditions in eighteenth century Europe: What then was required was a secular transformation of fatality into continuity, contingency into meaning…few things were better suited to this end than an idea of the nation. If nationstates are widely conceded to be ‘new and ‘historical’, the nations to which they give political expression always loom out of the immemorial past, and, still more important, glide into a limitless future. (Anderson 1991: 11).
Here Anderson illuminates both the mythic nature of national narratives about the origin of a nation and the image of destiny – also a significant component of many national metanarratives. Metanarratives of nation and of national identity have provided members of those nations with a sense of identity and belonging; Avtar Brah (1996) writes
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of home being an ‘invocation of narratives of “the nation”’ (Brah 1996: 3). However, she and other sociologists, including Stuart Hall, also note that a tendency to ‘essentialise’ nationality blurs the commonalities and similarities between groups and obscures very real intra-group differences: ‘things are related as much by their differences as through their similarities’ (Hall 1980: 320). Brah writes of the ‘psychic investment in belonging to “a people”’, a feeling she sees as common to many of us and not necessarily problematic in or of itself. What is problematic, she notes, is how this positive experience shades into the excesses of nationalism and racialised discourses. The concepts of nation and nationality can be used to justify racism and persecution and genocide, as in the former Yugoslavia (Brah 1996: 3). Nazir (1986) challenges many of the extant analyses of nation, national identity and nationalism: there cannot be a general or a universal definition or a general theory of nation, nationality or nationalism….no universal definitions are possible…instead of identifying essences, we need to explore concrete sets of historical relations and processes in which these ideologies become meaningful (Nazir 1986: 494-501).
Concepts of nation and of national identity are also challenged and subverted by the idea of hybridity, developed by Homi Bhabha, drawing on the work of Bakhtin. ‘Hybridity’ is a term well-known within the field of biology, where it is used to describe the result of crossing two plants or other species. Bhabha deploys the term in order to represent a ‘condition between states’ – whose virtue is that it escapes the control of either. As such, it has considerable subversive potential. Bhabha seeks to re-think issues of nation and of nationalism, emphasising a ‘third space’ (Bhabha 1990) between two cultures and in that space, ‘the emergence of a hybrid national narrative’ (Bhabha 2004: 240). He aims to disrupt familiar and taken-for-granted identity myths. The third space – the ‘inter’ and the ‘in-between’ (Bhabha 2004) – contains the potential for an identification of the self, such identification being a social construct, a movement from ‘roots’ to ‘routes’ as conceptualised by Gilroy (cited in McLeod 2000: 231). Social theorists such as Stuart Hall (1992) commend the subversive potential of ‘cultures of hybridity’, similar to Gilroy’s conceptualisation of a ‘Black Atlantic’ (1993 2000), transcending ethnicity and nationality. However, like other terms in this chapter, ‘hybridity’ itself has become a contested term. Wicker (2006) argues that hybridity is based upon an assumption that the pre-existing cultures are complex wholes whereas they are more likely to be already heterogeneous. Young (1995) points out that hybridity is a term that was used negatively in imperial and colonial discourse and expresses
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reservations about indiscriminate use of it. Parker asserts that hybridity’s dynamic potential is under-emphasised: The focus should be on specific processes of identity formation, rather than subsuming them all into one state of hybridity (Parker 1995: 26).
Questions have been asked about the limitations of this concept (Brah and Coombes 2000) and the difficulties of maintaining ‘spaces of resistances and protest’ in the face of racialised discourses that pathologise hybridities (Werbner and Modood 2006). Thus while the term has positive creative and resistant properties in the sense deployed by Bhabha, together with clear connotations of agency, it appears to remain on the level of the psychic and cultural and thereby to ‘obliterate political economy’ (Kraniauskas 2000: 250). The ideologies of origin and destiny identified by Anderson therefore continue to underpin – albeit at an unconscious and not clearly articulated level – metanarratives about nationality and national identity and membership. One manifestation of such metanarratives in Britain today is found in immigration policies and it is to an examination of such policies that I now turn.
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British Government Policies – Immigration and Protection
This section focuses on specific policies and their impact upon young people. I address issues for both unaccompanied asylum-seeking children and those who arrive in England with their families as asylum-seekers - both groups are survivors of enforced migration. In particular I examine the contradiction between legislation and policies developed in relation to young refugees and asylum seekers, which are influenced by ideologies of nation and national identity, and legislation and policies aimed at securing the welfare and safety of children and young people.1 The Immigration and Asylum Act of 1999 established the National Asylum Support Service (NASS). Since April 2000, this government body has been responsible for providing accommodation and support to destitute asylum seekers, including adults, families with children, children and young people. Home 1
In September 2008 the UK government withdrew its general reservation to the United Nations Convention on the Rights of the Child (1989) on immigration and citizenship, and agreed that children seeking asylum and those who have been trafficked into the UK will have the same rights to support and services as British-born children (UNICEF, 2008). It is hoped that this will make a significant difference to how refugee children and young people will be treated in future, although progress to date has not been swift and delivery of services will need to match up with rhetoric (Aynsley-Green, 2009; Bilson and Cox, 2007; HMIP, 2008).
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Office statistics show that 3,180 applications for asylum in Britain were made by children in 2003. Unaccompanied or separated children and young people do not undergo the same experiences as those who arrive with their families. Many do not have documentary evidence of their date of birth or age, either because their date of birth was never registered in their country of origin and they do not know it, or because they have been unable to bring papers with them. Some young people have had to make their journeys using false papers (which are sometimes adult papers) in order to avoid unnecessary attention. All of the foregoing may result in their age being disputed on arrival in Britain. If they are deemed to be 18 or over, they will be turned over to NASS and subject to treatment as adults, or they are detained until the dispute about their age is resolved. Some of those arriving with false documents have been charged in the courts and sent to secure training centres, despite the potential protection of Article 31 of the 1951 Refugee Convention, which explicitly states that asylum seekers should not be penalised for arriving in a country using false documentation (Refugee Council 2003a: 9). The placing of children in detention centres (with or without their families) is an example of the clash between immigration policies and policies whose object is the welfare of children (Refugee Council 2003b; Crawley and Lester 2005; Refugee Council and Refugee Action 2006). Such detention is contrary to international standards set out in the United Nations Convention on the Rights of the Child (1989) (UNCRC) and by the United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR). In 1991, the then Conservative government in Britain ratified the UNCRC. However, it also entered a reservation to the effect that children who are subject to immigration control can be excluded from the Convention’s provision, thus undermining the commitment to ensure the well-being of all children and young people, and permitting the government to put requirements of immigration control above those of vulnerable children and young people. The reservation is incompatible with the principles of UNCRC articles, 2, 3, 9 and 10, yet recent research (2005) has found increased use of detention centres: to meet the objectives of UK asylum and immigration policy … recent policy changes and failures in practice related to age-disputed asylum-seekers mean that both children in families and those who have become separated from their parents or other carer are increasingly liable to be detained (Crawley and Lester 2005: viii).
The research found evidence of children being detained for between 7 and 268 days, with the review process focussing on issues of immigration, rather than on issues of child welfare. Detention affects the mental and physical health of children. There are also unexplained transfers between detention centres, lack of
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access to good quality legal advice and lack of attention to protection from harm and abuse. In March 2006 the Refugee Councils for the UK, Scotland and Wales, Save the Children and BID (Bail for Immigration Detainees) launched a publicity campaign to stop the Home Office locking up children and young people in detention centres and to develop more humane and child-centred alternatives (Refugee Council 2006a: 1; No Place for a Child Campaign, 2006). In July 2006 the Chief Inspector of Prisons, Anne Owers, published a report that called for a ‘complete overhaul of the detention of children’ (Home Office 2006). Section 9 of the Asylum and Immigration Act (2004) has been shown to have a significant impact on children and their families. This section states that families who have come to the end of the asylum process with no further right to appeal may have financial support and accommodation withdrawn from them if they ‘fail to take reasonable steps’ to leave Britain. If they become destitute, their children may be removed from them to be cared for by social services. This section of the Asylum and Immigration Act 2004 was first implemented in three areas of Britain and the Refugee Council and Refugee Action reported on this ‘pilot’. The report by the Refugee Council and Refugee Action (2006) concluded that use of Section 9 resulted in increased levels of physical and mental illhealth amongst families, due to the potential for children to be removed and the loss of accommodation. Almost a third of families in the pilot left their accommodation and withdrew from contact with agencies – effectively going underground. The policy was found to be incompatible with basic standards of human rights and was criticised by the majority of agencies involved in its implementation. The stated aim of encouraging families to opt for voluntary return was not achieved and calls were made for the government to abandon this practice (Refugee Council and Refugee Action 2006). The British Association of Social Workers (BASW) commented on the contradiction between Section 9 and other existing child welfare policies: The possibility of children’s social services removing children from their families as a result of Section 9 is incompatible with UK childcare legislation, which upholds the fundamental right of all children to live with and be cared for by their parents….This policy is incompatible with the 1989 Children Act and the UN Convention on the Rights of the Child (BASW 2005).
As this goes to press (early 2007), the Home Office has not rolled out Section 9 any further, despite government pressure on it to do so (Refugee Council 2006b). This contradiction between the requirements of immigration policy and policy to safeguard children and young people is also apparent elsewhere. The Children Act 1989 stipulates that any child or young person under 18 referred to
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a local authority social services department must have his or her needs assessed by that department which has a duty to provide appropriate services to meet such needs. Under Section 17 of the Act, a local authority has a duty to provide services ‘appropriate to the child’s needs’. Section 20 of the Children Act 1989 places a duty on a local authority to look after a child by providing them with services and accommodation: this is a more protective level of care. The decision to provide such care is based on a comprehensive assessment of need (Department of Health 2000). Generally the majority of unaccompanied refugee and asylum-seeking children and young people have received the less protective level of support under Section 17. New guidelines issued by the Department of Health in 2003 in the form of a local authority circular, state: Where a child has no parent or guardian in this country, perhaps because he has arrived alone seeking asylum, the presumption should be that he would fall under the scope of Section 20 and become looked after, unless the needs assessment reveals particular factors which would suggest that an alternative response would be more appropriate. While the needs assessment is carried out, he should be cared for under Section 20.
This circular and a High Court judgement known as the Hillingdon Judgement together have increased the responsibilities of local authority social services departments for unaccompanied refugee and asylum-seeking children. However, research undertaken by the Refugee Council has shown that a year after policy was changed, local authorities were inconsistent in how they responded to unaccompanied asylum-seeking children (Refugee Council 2005: 7). Additional research into the effectiveness of the policy (Free 2005) showed that the majority of local authorities surveyed (two thirds of the total) were providing Section 20 support and that half of the remainder were making better provision under Section 17 whilst moving towards support under Section 20. The other half of the remainder had no plans to move from Section 17 support. The local authorities surveyed reported being concerned about the level of support they could offer and cited funding constraints and conflicting government policies as two of the things limiting their responses to the needs of unaccompanied young people. More recent child welfare legislation (Children Act 2004) has established a Children’s Commissioner and has listed agencies charged with the duty to safeguard children and young people. Meanwhile, children and young people continue to be treated differently in immigration policy and legislation. More policy changes were announced in August 2006 when the Home Office began to draw up plans for the forcible repatriation of up to 500 children to Vietnam. Repatriation of these Vietnamese children (failed asylum-seeking children without fam-
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ily in the UK) was to be a ‘trial run’, part of a programme that would then be extended to children and young people from other countries (Lewis 2006:1-2). Objections were raised by the Refugee Council and by a number of children’s charities (see, for example, Bull 2006). In the same month, a newspaper article addressing the subject of deportation of refugees and asylum seekers noted the ‘growing disregard for the opinion of independent experts’ in relation to asylum seekers and commented that ‘the UK is failing to meet its international obligations to protect those whose lives genuinely have been destroyed by conflict and violence’ (Moorhead 2006: 15).
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Discussion: Beyond Social Constructionism and Hybridity – Towards a Critical Theoretical Approach.
Social constructionist accounts of children and young people, with their focus on agency, individuality and subjectivity, may overlook the extent of the political, economic and social powers which adults can exercise over children and young people. While understandings of children’s rights have begun to permeate some social policy development, policies developed by adults relating to asylum and immigration remain virtually untouched by such ideas. Hybridity remains a psychic and cultural rather than a political term – the emphasis on individuality and subjectivity does not translate into free choice for all. Uncritical use of the concept of hybridity ignores structural issues such as the political, economic, racial and social contexts in which migrant peoples struggle to fashion and re-fashion their identities. Understandings and applications of hybridity in and of themselves do nothing to change the predominant culture, or to make life better for those who have been denied access to its privileges. To argue thus is not to argue for a return to essentialist notions of identity. Postmodern thinking has clearly established that identities are fluid and contingent, with nationality being one factor amongst, and inter-connected with, many others, such as gender, class and sexuality. In Britain, metanarratives of nation and nationality are being inappropriately deployed to centralise ideologies of national identity in immigration policies at the expense of the well-being of migrant children and young people. Davidson (2004) has analysed how hostility towards certain migrants results in state manipulation of borders and laws: in Britain, laws and policies are certainly manipulated so that vulnerable children and young people are subject to immigration controls ahead of their status and needs as children. Both social constructionist accounts of childhood and youth, and cultural accounts of hybridity have conceptual and analytical strengths, but they need to
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be set alongside understandings of social structures and issues of unequal power relations – patriarchy, capitalism, racism and colonialism – that permeate societies across the world. Questions of the inter-relationships between structure and agency are central in considering these issues. I argue that critical theory (particularly as developed within the Frankfurt School) facilitates a robust consideration of these issues and that applying critical theory is a necessary first step to resolving them. In his inaugural speech in 1931 to the Institut für Sozialforschung, Horkheimer described critical theory as a human activity that takes society as its subject and attempts to transcend tensions between individual spontaneity and the work-process relationships on which society is based (Horkheimer 1993). According to Geuss (1981), critical theory is inherently emancipatory, has cognitive content, is self-conscious and self-critical. Calhoun describes the endeavour … to distinguish critical theory from the sort of ‘traditional theory’ that accepted the selfdefinitions of the familiar and failed to look more deeply at how the categories of our consciousness were shaped and how they in turn constituted both the world we saw, and what we took to be possible….the idea of critical theory as a distinctive project, and a project that would distinctively combine traditionally abstract and universal philosophy with historically concrete and empirical knowledge of the social world …(Calhoun 2000: 515).
Writings of the Frankfurt School from Horkheimer through to Habermas are characterised by commitment and concern to make theory ‘work’ for society: the point of theory is to respond to political needs and move society in one social direction rather than another: ‘a theory of society conceived with a practical intention’ (Habermas 1973: 1). Whilst critical theory is criticised for ‘metanarratives of emancipation’, Rorty (1995) comments that there is no sense of ‘we’ and what ‘we can do to improve society’ in the work of such critics. The analytic and questioning approach of critical theory means that it can be applied to confront the ‘taken-for-granted’ metanarratives of childhood and youth and of nation and national identity. Critical theory’s political commitment to the possibilities of a freer, more inclusive society means that it can be applied to examine and critique the limitations in social constructionist concepts of children’s agency and in the concept of hybridity. Current British immigration policies de-legitimise the experiences of children and young people who are refugees or who seek asylum here: they become disempowered and are unable to make choices or create change for themselves. Critical theory’s engagement with the contemporary social world enables challenges to be made to redress these inequalities, arguing for the re-organization of national policy frameworks and moving towards ‘the development of new forms of living’ (Beck 1992: 235).
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Conclusion
Calhoun (2000) and Scambler (1998) assert the potential of critical theory to stimulate and inform ‘self-reflexive public discourse’ (Calhoun 2000: 505) within a reconstituted democratic public sphere. Scambler (1998) argues for the emergence of social critics with moral responsibilities, which includes creating and engaging effectively in a reconstituted public sphere and building alliances with other critics and with activists. A reconstituted public sphere in Britain would take time and effort to develop – but it is long overdue. Habermas (1973) criticised research that represents only what is, without using that knowledge to drive change. Research such as that described and analysed here is already having some impact, including the current Home Office reluctance to continue to roll out Section 9of the Asylum and Immigration Act (2004). A recent research report from the Institute for Public Policy Research addresses the advantages for the government and for the nation of an amnesty, making legal all those who remain in Britain illegally (Farrant et al 2006: 1). Further research, focusing on children and young people and informed by critical theory, is required. The current treatment of refugee and asylum-seeking children and young people in immigration policies contravenes many of their rights and directly contradicts other policies which address their safety and welfare. Critical engagement with these issues in ‘self-reflexive public discourse’ (Calhoun 2000: 505) is one way forward, as is Scambler’s (1998) recommendation of building alliances with like-minded critics and activists. Critical theory opens up the possibility of a unity of theory and practice in politics; in working towards these goals, I am joining the campaign against the detention of children and continuing to write and develop research in this area. The issue was not just a use of theory in the service of political ends – a version of instrumental reason – but, rather, the development of a broader sense of political practice as the constitution of ways of living together that enabled the full realisation of human potential (Calhoun 2000: 526).
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„Drin bist du noch lange nicht…“ Zur biopolitischen Konstruktion des Alters bei jugendlichen Flüchtlingen Katja Schikorra und Rainer Becker
There are, indeed, many modes of treatment in the political, as well as animal body, that contribute to accelerate or retard the approaches of age: but there can be no chance of success (...) for keeping either of them in perpetual youth. (...) A different policy (...) would infuse fresh life and vigour into every state. T.R. Malthus, On the principle of population (1798)
Menschen mit deutschem Pass können in 129 Länder einreisen, ohne ein Visum beantragen zu müssen. Besonders innerhalb der Schengen-Staaten sollen sich Menschen weitgehend frei bewegen können. Doch diese Reisefreiheit wird nicht allen Menschen zuteil. Flüchtlingen und Menschen, die aus Armut ihr Land verlassen, bleibt der Zugang nach Deutschland versperrt, ein Visum zu bekommen ist für sie geradezu utopisch. In vielen außereuropäischen Staaten nimmt der Auswanderungsdruck jedoch nicht ab. Vielerorts gibt es Krieg und Verfolgung – auch der Abstand zwischen arm und reich klafft teils erheblich auseinander. Viele Menschen sehen nur einen Ausweg: ihr Land zu verlassen, um zu versuchen, zumindest sich und ihren Familien an einem anderen Ort eine Zukunftsperspektive zu eröffnen. Unter ihnen sind Jugendliche, die allein in die Bundesrepublik einreisen. Da eine Entscheidung zu einer Flucht zumeist ohne langwierige Vorbereitung getroffen wird, versuchen sie ohne oder mit gefälschten Papieren – mithilfe von Fluchthelfern – in die BRD zu gelangen. Da diese Fluchthelfer oft die verwendeten Ausweispapiere einbehalten, besitzen viele junge Flüchtlinge diese nach der ‘Einreise’ nicht mehr und können somit auch ihr Alter nicht nachweisen. Im Behördenkontakt (Jugendamt, Ausländerbehörde) sind sie jedoch gezwungen,
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Katja Schikorra und Rainer Becker
ihr Alter anzugeben. In einigen Fällen wird das angegebene Alter angezweifelt, woraufhin eine Alterfeststellung durchgeführt wird.1 Wir werden im Folgenden schildern, welche Praktiken zur Feststellung des Alters angewendet werden, in welchen Kontext sie administrativ eingebettet sind um diese dann in einer umfassenderen, insbesondere historischgenealogischen Perspektive zu verorten. Biopolitische Kontextualisierungen des Phänomens ‘Jugend’ wie auch dieser Praktiken können so sichtbar werden. Basale Ein- und Ausschlussmechanismen, die sich an unserem Beispiel zeigen, bringen erhebliche Folgen mit sich – auch und besonders für junge Flüchtlinge. Das hinzugezogene Material beruht auf einer Untersuchung, die der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge e. V. (BUMF e.V.)2 im Jahr 2004/05 durchführte, um zu erheben, welche Feststellungsverfahren in den einzelnen Bundesländern angewendet, wie und durch wen sie angeordnet werden. Hier wurden zum einen die Justiz- und Innenministerien der Länder sowie Amtsgerichte schriftlich befragt. Um Daten zu medizinischen Altersfeststellungen zu eruieren, wurden zum anderen insgesamt 220 medizinische Institute aus den Bereichen Orthopädie, Psychologie, Ethnologie, Gynäkologie, Neonatologie, Pathologie, Pädiatrie, Rechtsmedizin, Urologie und Zahnheilkunde angeschrieben. 43 der Institute legten eine Antwort vor und konnten in eine Auswertung miteinbezogen werden (vgl. BUMF e.V. 2005: 12). Die Datenerhebung erfolgte ausschließlich über die Auswertung der beantworteten Fragebögen.
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Praktiken der Altersfeststellungen
Um das Alter jugendlicher Flüchtlinge nachweisen können, werden in der BRD verschiedene Alterfeststellungsverfahren durchgeführt.3 Es kristallisieren sich zwei administrative Verfahren heraus:
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2
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Wie viele Altersfeststellungen tatsächlich durchgeführt werden, wird nicht statistisch erfasst (siehe lediglich für Hamburg die kleine schriftliche Anfrage der Abgeordneten Antje Möller unter http://www.asyl.net/Magazin/Docs/2004/M-4/5912.pdf, 10.10.2006). Der Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge e.V. ist ein Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Interessen unbegleiteter junger Flüchtlinge in Deutschland zu vertreten und deren Situation zu verbessern. Als Zusammenschluss von haupt- und ehrenamtlichen Einzelpersonen und derzeit 35 Organisationen setzt er sich seit 1998 für die Rechte von Minderjährigen ein, die als Flüchtlinge ohne Eltern oder Erziehungsberechtigte in die Bundesrepublik einreisen. Er führt unterschiedliche Projekte durch – zum einen zur Wissensentwicklung von/über die Jugendlichen, zum anderen werden Praxisprojekte mit Partizipation der Jugendlichen initiiert. Altersfeststellungen werden nur dann durchgeführt, wenn Jugendliche ‘augenscheinlich’ älter sind als sie angeben. Wir konnten keine Hinweise darauf finden, dass Altersfeststellungen im
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eine Altersbestimmung durch Inaugenscheinnahme eine medizinische Altersdiagnostik
Innerhalb der einzelnen Bundesländer gibt es keine einheitlichen Verfahren zur Altersfeststellung4, das heißt in den Bundesländern werden Altersfeststellungen von unterschiedlichen Behörden auf verschiedene Art und Weise durchgeführt (vgl. BUMF 2005: 13). Die befragten Innenministerien der Länder gaben mehrheitlich an, eine sogenannte ‘Inaugenscheinnahme’ als einziges Instrument zur Altersfeststellung heranzuziehen. Hierbei wird behördlich ‘nach Augenmaß’ ein fiktives Geburtsdatum festgelegt. Die Beweislast liegt danach bei den Betroffenen: Sie sind es, die den Nachweis erbringen müssen, dass ihr angegebenes Geburtsdatum ‘der Wahrheit entspricht’. Dies gestaltet sich sehr schwierig, eben weil zumeist keine diese Variable bezeugenden Papiere existieren. Daher bleibt den jungen Flüchtlingen oft nichts anderes übrig, als einer medizinischen Altersfeststellung zuzustimmen, die sie unter Umständen sogar finanziell selbst tragen müssen. Bereits an diesem Punkt ist unklar, welche Gesetze diesem Verfahren zugrunde liegen, welche Rechtswege den Jugendlichen offenstehen und welche Behörden letztendlich federführend sind. So bestehen gewichtige Unstimmigkeiten auf Länderebene. Trotz der Angabe der meisten Innenministerien, nur Inaugenscheinnahme als Altersfeststellungsverfahren anzuwenden, gaben insgesamt acht von 43 fachmedizinischen Instituten an, Altersfeststellungen bei jugendlichen Flüchtlingen durchzuführen (vgl. BUMF 2005: 15). Führend sind hier rechtsmedizinische Institute, gefolgt von pädiatrischen und zahnheilkundlichen Sachverständigen. Altersfeststellungen an rechtsmedizinischen Instituten werden zumeist durch einen richterlich beauftragten Gutachter durchgeführt. Unklar ist hierbei, ob diese Altersfeststellungen mittels eines Verdachtsfalls auf Straffälligkeit (zum Beispiel einer Falschbeurkundung) angeordnet werden, die Ergebnisse der Untersuchungen dann jedoch für das Asylverfahren verwendet werden. Insgesamt ist die Gesetzeslage undurchsichtig: Wer übernimmt die Kosten? Wer ist zuständig für die Einleitung einer Altersfeststellung? Wer muss dem zustimmen? Es besteht Grund zur Annahme, dass hier primär nicht im Sinne des Wohls des Kindes gehandelt wird, sondern rein auf die Feststellung asylrelevanter Daten hin. Die staatliche Fürsorgepflicht wird zugleich abhängig gemacht von einer ‘medizinischen Untersuchung’.
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umgekehrten Fall durchgeführt werden, zum Beispiel wenn Jugendliche jünger als 16 Jahre alt wirken, sie jedoch ihr Alter mit über 16 Jahren angeben. Lediglich aus Rheinland Pfalz und dem Saarland wurde von einheitlichen Verfahren berichtet, was darauf zurückzuführen sein könnte, dass es in beiden Bundesländern nur jeweils eine einzige Aufnahmestelle gibt.
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Die rechtsmedizinischen Institute selbst befürworten eine Kombination verschiedener Untersuchungen: an erster Stelle ein Handwurzelröntgen der linken Hand5, darauf folgend Untersuchungen des Gebisses sowie des gesamten Körpers (‘Pubertätsstatus’). Die Standardabweichungen des Alters-‘Ergebnisses’ variieren dabei erheblich. Einige Institute gaben eine – prinzipiell wenig zielführende – Fehlerquelle von bis zu +/- 4 Jahren an (vgl. ebd.: 16). Besonders bei der Untersuchung sexueller Reifezeichen und körperlicher Entwicklungen gäbe es zusätzliche erhebliche Fehlerquellen, die sich unter anderem auf ethnische und soziokulturelle Spezifika zurückführen ließen (Ernährungszustände, frühere Pubertät etc.). Das Röntgen des linken Handgelenks ist zwar in diesem Kontext ein sehr weit verbreitetes Verfahren, es ist jedoch – und leider scheint hier bisher die einzige Kritik an dieser Praktik anzusetzen – auch sehr umstritten, da hierbei von potenziell schädigender Strahlenexposition auszugehen ist. Den Gutachtern bleibt verborgen, wie häufig der Jugendliche in der Vergangenheit derartigen Strahlen ausgesetzt war. Auch aus anderen europäischen Ländern wird von ähnlichen Untersuchungen berichtet.6 Selten allerdings gelangen sie an die Öffentlichkeit. In die Schlagzeilen geraten Extremfälle, wie beispielsweise Altersfeststellungen bei afrikanischen Jugendlichen, die 1999 im Rahmen „der größten Polizeiaktion der 2. Republik“ (Schmidt 2001), der „Open Spring“, in Asylbewerber- und Flüchtlingsunterkünften Österreichs wegen des Verdachts auf Drogenkonsum und handel festgenommen wurden. Johann Szilvassy, Professor für biologische Anthropologie an der Universität Wien, Autor für das freiheitliche Magazin „Aula“ und Kurator des „Rassensaals“ im Wiener naturkundlichen Museum7 wurde hierbei für die Altersfeststellungen als Gerichtsgutachter bestellt, um zu entscheiden, ob die jungen Angeklagten unter das Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht fallen, was für die betroffenen Menschen ein unterschiedliches Strafmaß bedeutete (vgl. Ralser 2000; Leisch/Landgraf 2000). Seine angewandten Methoden in diesem Fall waren Handwurzelröntgen, Vermessung der Mundbreite, der Nasenlänge, der Hoden und die Untersuchung der Achsel- und
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Bei der Methode des Handwurzelröntgens wird eine Röntgenaufnahme des linken Handgelenks gemacht. Aus dem Verknöcherungsgrad des Handwurzelknochen wird aufgrund von Vergleichsuntersuchungen auf das ‘tatsächliche’, aktuelle Alter des/der Betroffenen geschlossen (vgl. Schulz-Ehlbeck 1999: 277). Vgl. zu England: http://www.socialeurope.com/pdfs/asylumproject/Minutes_workshop1_phase2 _english.pdf (25.02.06). Dieser Saal wurde erst 1996 geschlossen. Die Haltung Szilvassys zum Thema Migration zeigt folgende Aussage: „Wenn die Zuwanderung weitergeht, werden die Blonden bei uns in den nächsten Generationen verschwinden. Die Pigmentierung wird dunkler werden“ (Kurier 11.05.2000).
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Schambehaarung.8 Dieser öffentlichkeitswirksame, weil rassistische Stereotype direkt ansprechende Fall, bleibt allerdings eine Ausnahme der Wahrnehmung von Altersfeststellungen in der Öffentlichkeit. Auch im sozialwissenschaftlichen Kontext liegt unserem Kenntnisstand nach bisher so gut wie keine Forschung vor. Wie eindeutig rassistisch das Beispiel aus Österreich auch sein mag, mit einem reinen Rassismus-Vorwurf gegenüber administrativen Altersfeststellungspraktiken ist es in unseren Augen nicht getan. Diese erschöpfen sich weder in Vermessungen à la Szilvassy, noch sind sie darauf reduzierbar. Zudem werden sie weiterentwickelt und sollen selbst – verschiedene Interessengruppen machen sich dafür stark – in Methode und Durchführung weiterentwickelt und standardisiert werden.9 Problematisch sind die Methoden der Altersfeststellung für den gesunden Menschenverstand allemal, wie sich am österreichischen Beispiel zeigt. Noch problematischer werden die Praktiken allerdings, wenn man fragt, warum sie – in welcher Form auch immer – überhaupt angewendet werden. Warum ist beispielsweise das Alter von Fremden, von Flüchtlingen eine derartig zentrale Variable im Migrationskontext?
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Administrative Entscheidungspunkte bei jungen Flüchtlingen
Es kristallisieren sich aktuell in der BRD drei bedeutsame juridisch-administrative Entscheidungspunkte heraus. Das Alter von Flüchtlingen ist wichtig
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Trotz heftiger Kritik an diesen Verfahren hielt das Landesgericht Wien lange Zeit an deren Ergebnissen fest. Später wurden weitere Gutachter bestellt, die jedoch nicht vor Gericht erschienen. Sie verfassten ein Schreiben, in dem es heißt, dass es derzeit keine zuverlässige Methode gäbe, mit der das Alter von Menschen exakt festgestellt werden könne und sie sich aus diesem Grund weigern würden, die Gutachten zu verfassen (vgl. Der Standard 1./2.07.2000). Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Österreich „medizinische Altersfeststellungsverfahren in der Richtlinie für die Aufnahmebedingungen oder in dem demnächst vorliegenden revidierten Vorschlag zu Asylverfahren verankern“ möchte (Pro Asyl 2002). 9 Problematisch ist, dass bei den vorliegenden Reformbestrebungen die Verfahren der Altersfeststellung an sich nicht hinterfragt werden, sondern nur ihre ‘Verbesserung’ angestrebt wird. So gründete sich in Deutschland beispielsweise eine „Arbeitsgemeinschaft für forensische Altersdiagnostik“ mit bezeichnener Herkunfts- und Interessenlage. Ihr Anliegen ist es, eine ethisch akzeptable Revision und Standardisierung der Altersfeststellungspraktiken durchzusetzen. Ihre Kritik betrifft jedoch einzig den Modus der Altersfeststellungen, nicht die Praktiken als solche (vgl. AGFA 2006).
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in Bezug auf wohlfahrtliche Leistungen der Jugendhilfe, in Bezug auf das Asylrecht, zur Feststellung des Zeitpunkts eines selbstverantwortlich zu stellenden Asylantrags, in Bezug auf das Strafrecht, zur Feststellung der Strafmündigkeit.
Alle einheimischen Jugendlichen bis 18 Jahre können Leistungen der Jugendhilfe erhalten.10 Bei jungen Flüchtlingen verhält sich dies jedoch anders. Sie gelten mit 16 Jahren schon als asylmündig, das heißt, sie müssen selbstständig einen Asylantrag stellen. Dies nutzen einige Jugendbehörden dazu, sich für nicht mehr zuständig zu erklären. Somit werden junge Flüchtlinge zwischen 16 und 18 Jahren nicht mehr als Jugendliche, sondern als Erwachsene behandelt. Kein Vormund und kein Rechtspfleger werden ihnen zur Seite gestellt. Untergebracht werden sie nicht in Wohngruppen, sondern in Asylbewerberunterkünften.11 Auch entfällt bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ab 16 Jahren der Abschiebeschutz.12 Somit können sie leichter abgeschoben oder in ein „sicheres Drittland“ „zurückgeführt“ werden. Es macht demnach einen großen Unterschied, ob ein Jugendlicher nun 15 oder 16 Jahre alt ist. Während beim jugendhilferelevanten Alter der Jugendlichen gravierende Unterschiede zwischen einheimischen und Flüchtlingsjugendlichen gemacht werden, bleiben die Altersgrenzen für die Strafmündigkeit gleich. Relevante Grenze ist nach § 19 StGB das 14. Lebensjahr. Einem Kind unter 14 Jahren wird eine generelle Schuldunfähigkeit und damit Strafunmündigkeit zugesprochen. Ab 14 gilt das Jugendstrafrecht, dessen Grenze bei 18 bzw. in Ausnahmefällen 21 Jahren liegt. Werden nun junge Flüchtlinge auf ein Alter von 18 Jahren geschätzt, unterliegen sie nicht mehr länger dem Jugendstrafrecht. Auch in Österreich zeigte sich dies bei der Polizeiaktion „Open Spring“, in deren Gefolge das Alter vieler ehemals unter 18-jähriger auf über 18 Jahre datiert wurde. Sie konnten damit nach dem regulären Strafrecht verurteilt werden. 10 11
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In Ausnahmefällen auch als junge Volljährige bis 27 Jahre. Lediglich Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren scheinen oftmals noch eine Chance zu haben, in Mädchenwohngruppen aufgenommen zu werden (vgl. BUMF e.V. 2005: 19). In die Presse geriet der Fall von drei Jugendlichen aus Guinea, deren Alter die Hamburger Ausländerbehörde von angegebenen 15 Jahren auf 16 Jahre festlegte. Die Jugendlichen klagten gegen die Übernahme ihrer von der Hamburger Ausländerbehörde festgelegten Geburtsdaten durch die Ausländerbehörden in Baden-Württemberg: „Die Kläger waren 2001 ohne Papiere nach Hamburg gekommen und hatten um Asyl ersucht. Hierbei gaben sie an, 15 Jahre alt zu sein. Sachbearbeiter der Ausländerbehörde stuften die Jugendlichen jedoch ein Jahr älter ein. Als nunmehr 16-Jährige galten sie nach dem Asylverfahrensgesetz als erwachsen und verloren damit Abschiebeschutz wie ihren Anspruch auf Jugendhilfemaßnahmen und einen Vormund fürs Asylverfahren. Das Verwaltungsgericht in Freiburg, wo die Männer heute leben, hat der dortigen Asylstelle jetzt die Übernahme der angeblichen Geburtsdaten untersagt“ (taz 10.07.2004).
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Die drei für die Behandlung von Flüchtlingen hinsichtlich Strafmündigkeit administrativ relevanten Altersgrenzen 14, 16 und 18 entsprechen zwar als rechtliche Kriterien denjenigen, die auch für Einheimische gelten. Da jedoch bei der einheimischen Bevölkerung wie bei den meisten Flüchtlingen die biologische Altersvariable ‘amtlich’ bekannt ist, kann direkt zur Anwendung derjenigen Gesetze geschritten werden, die den Umgang mit Eigenem wie Fremdem regeln. Die zentrale Relevanz der Altersvariable wird erst in dem Moment sichtbar, ihre Selbstverständlichkeit erst dann problematisch, wenn Personen dieses Datum eben nicht ‘einfach so’, nämlich administrativ beglaubigt ‘vorweisen’ können – und es erst ‘nachholend’ qua biotechnischer ‘Dienstleistung’ erhoben werden muss.
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Biopolitische Einordnung der administrativen Verfahren
Die vermeintliche Selbstverständlichkeit der inkludierten Bevölkerung ‘ihrer’ administrativ gesicherten Altersvariable gegenüber zeigt in dem Moment ihre janusköpfige Gestalt, wenn deren Problematischwerden den Blick auf die Geschichte dieser und anderer vermeintlicher politischer Selbstverständlichkeiten weist. So genügt es nicht, in der Kritik der hier verhandelten Erhebungspraktiken bei einer moralischen Verurteilung oder einem zu kurz gegriffenen Rassismusvorwurf stehen zu bleiben. Die (für manchen womöglich vor-) wissenschaftliche Struktur der Altersfeststellungspraktiken ist – wie zu zeigen sein wird – vielmehr eindeutig in historische Linien anthropometrischer, also weitgehend wissenschaftlich anerkannter Vermessungsverfahren einordbar, die auch und insbesondere die inkludierte Bevölkerung traf und trifft. Pragmatischer betrachtet: ‘Kritik’ am status quo der Praktiken kommt mittlerweile auch von anderer Seite, beispielsweise von einem Zusammenschluss sogenannter ‘forensischer Altersdiagnostiker’. Deren Vorschläge zur Weiterentwicklung und partiellen Neukontextualisierung der Praktiken verbleibt jedoch gerade – wissenschaftshistorisch betrachtet – auf dem bisher verfolgten Kurs. Die aktuell von diesen ExpertInnen diskutierten „ethisch verantwortlichen“ Standardisierungen der Festsetzungsverfahren vertiefen gerade eine bestimmte historische Filiationslinie dieser Praktiken und entwickeln sie fort. Dennoch kann sich der Eindruck aufdrängen, dass es nach einer solchen Reform stärker ‘wissenschaftlich’ zugehen könnte. Eine aus größeren gesellschaftlichen Problemzusammenhängen, wie der Reproduktionsmedizin, bekannte Arbeitsteilung könnte sich derart anschicken, sich im Feld der Altersfeststellungspraktiken ‘im Kleinmaßstab’ zu reproduzieren: gesellschaftlich und bevölkerungspolitisch hochproblematische, wissenschaftlich fundierte Praktiken auf der einen,
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oftmals praxiserfahrene (bio-)ethische ExpertInnen auf der anderen Seite differenzieren ein zusehends für Außenstehende – jenseits von Fundamentalopposition (vgl. Jelinek 2006) – nicht mehr wirklich kritisierbares Praxisgeflecht aus.13 Hier wie dort wird auf diese Weise zu kurz greifenden moralischen Reflexen zusehends bereits ihre Angriffsfläche entzogen. Aber sind Vorschläge weniger offensichtlich ‘eingreifender’ Maßnamen potenziell zukünftiger Altersfeststellungen (beispielsweise mittels neuer bildgebender Verfahren oder mittels Gentests) wirklich weniger problematisch oder besser akzeptabel? Um das Feld der Altersfeststellungspraktiken in seinen Grundzügen zu beleuchten, ist es zur Entwicklung eines weiteren Beurteilungsrahmens notwendig, die vorherrschende Perspektive zu weiten und die Praktiken historisch zu untersuchen und beim Namen zu nennen: In den Verfahren der Altersfeststellung zeigen sich grundlegende biopolitische Züge moderner politischer Praxis, die Einheimische wie Fremde gleichermaßen betraf und betrifft. Es handelt sich um Ausläufer zentraler Ein- und Ausgrenzungsmechanismen, die sich im Kontext der Entwicklung der modernen Nationalstaaten in den letzten 200 Jahren stetig entwickelt und ausdifferenziert haben. Diese wie andere In- und Exklusionspraktiken in ihrem Gesamt subsumiert der Wissenschafts- und Sozialphilosoph Michel Foucault in seinen Studien zu modernen Machtformen unter dem Namen „Biomacht“.14 Die Praktiken, die das strikt moderne Phänomen der „Bevölkerung“ (Foucault 2004a: 115) betreffen, werden selbst als „biopolitische“ thematisch.15 Seine machtanalytische Perspektivierung einer „Lebensmacht“ („bio-
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Vgl. zu diesem Kontext: Gehring 2006: 110-127. Vgl. Foucault 1983: 159-173. Foucault führt den Begriff im Kontext eines Vortrags (Foucault 2005b) und von Vorlesungen 1975/76 ein (Foucault 2001: 282-312), um sie dann erst (Foucault 1976) einzusetzen. Der vorliegende Text bewegt sich auf dem Boden der bisherigen Debatte (vgl. zum Beispiel Canguilhem 1974; Magiros 1995/2004; Bröckling et al. 2000; Jacob 2002; Stingelin 2003; Bertani 2003; Gehring 2006). Einige Theoretiker entwickelten dabei Foucaults Ansatz in vielfältige Richtungen weiter (vgl. Agamben 2002; Negri/Hardt 2002). Auch im linken Spektrum wird er aktuell wieder stärker diskutiert (vgl. iz3w 225/1997 ‘Biopolitik’; Fantomas 2/2002 „Macht, Leben, Widerstan“’, Jungle World 51/52 „Vive la Evolución“; Phase 2. Zeitschrift gegen die Realität. 17/2005 „Das regierte Leben. Die Bedeutung der Biopolitik nach Foucaul“). Foucaults Begriff ‚Biopolitik’ wendet die realpolitische Verwendung des Begriffs (1902 ‚biologische Politik’ beim Rassenhygieniker Schallmayer, in den 30er Jahren ist bevölkerungsstatistisch von ‘biopolitischer Überlegenheit’ und völkisch von ‘biopolitischem Grenzkampf’ die Rede) zu einem historisch-genealogisch vorgehenden Analysefokus um. Er konstatiert dabei, dass die Definition von Aristoteles, der Mensch sei ein zoon politikon, ein „lebendes Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist“ durch biopolitische Interventionen ihr Antlitz wechsle. In diesem Sinne versteht er unter Biopolitik eine Lebens-Politik, die sich fürsorglich und steigernd nicht nur ‘dem Leben’ des Menschen, sondern seiner als Lebewesen annimmt. Er wird so zu einem „Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.“ (Foucault 1983:171). Vgl. zum realpolitischen Begriff und seiner Geschichte: Rölli 2002.
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pouvoir“; Bios: griechisch „Leben“)16 legt ihren Akzent nicht in erster Linie auf negative Gewaltformen, zudem nicht allein auf Praktiken des Ausschlusses oder des Einschlusses, sondern auf Machtpraktiken der Grenzziehung überhaupt, welche bspw. staatlich ein Innen (das Eigene, beispielsweise den modernen Nationalstaat, seine Bevölkerung wie seinen vorherrschenden Subjekttyp) und sein Außen (das Fremde), das Innen dieses Außen (die Natur der Fremden) wie das Außen des Innen (Abweichung in der eigenen Bevölkerung) stetig generieren und weiter prozessieren. Die positive Schaffung eines ‘Mehrwerts’ von Leben, dessen stetige Verbesserung, steht bei diesen (Bevölkerungs-) Praktiken im Zentrum, negative Effekte ergeben sich erst in hierdurch legitimierten ‘hygienischen’ Abwehrgesten, beispielsweise „Formen des indirekten Mordes: jemand der Gefahr des Todes ausliefern, für bestimmte Leute das Todesrisiko oder ganz einfach den politischen Tod, die Vertreibung, Abschiebung usw. erhöhen“ (Foucault 2001: 303). Die Praxis der Feststellung des Alters bei Jugendlichen wird unter Zurhilfenahme zentraler Konzepte Foucaults in einer weiteren historischen Perspektive als Verästelung weitergehender Praxisfelder sichtbar: Sie stammt historisch ab von der sukzessiven Entwicklung bevölkerungspolitischer Praktiken wissenserhebender Durchdringung, Vermessung und Verdatung der eigenen Bevölkerung wie ihren Subjekten, um Daten über Normalität, Abweichung und Fremdes entstehen zu lassen. Diese Daten wiederum dienen Foucault zufolge unter anderem zur schrittweisen wie dauerhaften normalisierenden Verbesserung eines im selben Zuge zusehends stärker biologisch verstandenen ‘Lebens’ des nationalen Kollektivs, des Bevölkerungskörpers. Denn gerade für dessen Wohlergehen tragen die spezifischen lokalen Machtpraktiken moderner ‘Biomacht’ Rechnung. In deren Logik gilt nach Foucault das Leben der inkludierten Individuen bestimmter Bevölkerungen nur insofern als administrativ schützenswert, als diese als sicher Geschützte eine höhere (Lebens-)Wertschöpfung des Ganzen garantieren: eine Maximierungsstrategie. Hierzu dienen nicht nur staatliche oder private Institutionen, sondern grundlegender ein stetig an ihnen in den letzten 200 Jahren entstandenes, heute selbstverständlich gewordenes, Wissen um eine biologische wie soziale Normalentwicklung: beispielsweise entwicklungsbiologisches Wissen um altersspezifische Knochen- und Organentwicklung sowie entwicklungspsychologische, altersoziologische und -pädagogische Individualgenese – eine zumeist rein quantitative, statistisch fundierten Wissensbasis also. 16
Foucaults Biomacht-Arbeiten bauen, was oftmals übersehen wird, neben einer Kritik an modernen ‘Arbeits’-Konzepten auch grundlegend auf eine historische Kritik der modernen Biologie und ihrer Vorstellung von ‘Leben’ auf. Vgl. dazu Foucault 1971, insbesondere 269-366; zum quasi-metaphysischen Charakter des modernen ‘Lebens’-Konzepts vgl. insbesondere Foucault 1971: 322-342, insbesondere 383; 425-439.
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Das Wissen um normale Entwicklung ist jedoch nicht phänomenal vom individuell Gegebenen direkt ‘abzulesen’.17 Selbstverständlich muss ein Wissen wie das einer ‘Norm’ nicht nur im Einzelfall ‘gewusst’ werden, um angewendet zu werden, sondern umgekehrt als Norm selbst erst einmal entstehen. Hierzu wurde beispielsweise bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts damit begonnen, Menschen zu segregieren und zu beobachten. Die solcherart ‘Eingeschlossenen’ wurden stetig mit klinischen (vergleichende Anatomie, später Röntgen etc.) wie mit pädagogischen Mitteln (Prüfung, Test, Untersuchung) veranlasst, ein organisches wie psychologisches ‘Innenleben’ offenzulegen, um dementsprechende Konzepte nicht nur entstehen, sondern auch ausdifferenzieren zu können. Verdatet erfasst, in funktionale Einheiten zergliedert und mit der bereits zuvor amtlich gesicherten, identitären Geburtsvariable korreliert, wurden Ergebnisse dieser Studien in Beziehung setzbar. Statistische Normwerte – als späteres Kriterium beispielsweise eines Ein- oder Ausschlusses – wurden so erst möglich.18 In solcher Form entstanden nicht nur – staatlich forciert – konkrete Grundzüge der heutigen statistischen Verfahren.19 In der Traditionslinie sogenannter ‘anthropometrischer’, menschenvermessender und ‘biometrisch’ normierender Verfahren stehen gerade jene Praxistypen, die heute Altersfeststellungen ihr spezifisches Gepräge geben.20
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‘Normale Entwicklung’ gilt hier sozialkonstuktivistisch als Abstraktum, das historisch erst zu einem weitestgehend selbstverständlichen Ordnungsraster geworden ist. Als konkrete Begutachtungsfolie wurde sie erst zu einem ‘Gesetz’, was habituell, sozial wie biologisch annähernd zu erreichen und in dieser Annäherung als Wahrheit zu verkörpern ist. Die Probleme des entstandenen Normkonzepts sind vielfältig: Beispielsweise werden Normen heutzutage jeweils als bereits ‘latent“ existent veranschlagt. Sie werden jedoch zudem auch als normaler Entwicklungsgang vorausgesetzt und teils bangend (was heute beispielsweise bei der Sorge von Eltern um kindliche Wachstumsstörung bis zum Gang zum Radiologen führt) in ‘manifester’ Form erwartet. Das Wissen um ‘Norm’ wird darüber hinaus als quasi-deskriptive Größe in Stellung gebracht, gilt aber zugleich auch als ein Wissen um Wahrscheinlichkeiten, wird zudem prospektiv in Stellung gebracht und dient gleichzeitig als regulative Größe. Vgl. zum Kontext Foucault 1988. Vgl. zur Geschichte der Statistik als Herrschaftswissen vgl. Hacking 1990; Desrosières 2005. Wir können hier nur eine kleine Geschichte der Menschenvermessung und ihrer Normen skizzieren. Zum weiteren Einstieg: Gould 1983; Kaupen-Haas/Rothmaler 1994/99 sowie Foucault 2003.
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Exkurs: Von den Anfängen der Anthropometrie bis zur Altersfeststellung
Die Vermessungen und Verdatung der jugendlichen Flüchtlinge stehen in einer historischen Traditionslinie, die mit der Entstehung der sogenannten Anthropometrie ihren Anfang nahm. Johann Friedrich Blumenbach hatte dazu bereits um 1800 anhand seiner Schädelvermessungen fünf „Rassen“ (kaukasisch, amerikanisch, malaysisch, mongolisch, äthiopisch)21 separiert.22 Gall betreibt erste „phrenologische“ Praktiken (Gall 1808). Er versucht nicht nur geistige Eigenschaften eigens differenzierten Hirnarealen zuzuweisen, was über Broca und Wernicke bis zur aktuellen Hirnforschung nicht folgenlos bleibt. Auch sein Versuch, von Schädelformen (ab Taylor Morton: -volumina) auf Charakter sowie Intelligenz zu schließen, hat viele Nachahmer gefunden.23 Gall gilt auch als Wegbereiter derjenigen Schädelmessung, der Kraniometrie, die sich erst um 1900 von allzu ‘unwissenschaftlichen’ phrenologischen Kontexten löst.24 Adolphe Quetelet lernte um 1820 nicht nur durch Laplace dessen Wahrscheinlichkeitsrechnung kennen, sondern führte zudem Untersuchungen zum Brustumfang von Soldaten durch, die ihn erstmals das Gaußsche Konzept „Normalverteilung“ im Kontext der Messung menschlicher Körpermaße auffinden und umsetzen ließen. Er entwickelt um 1835 in seiner „sozialen Physik“ das erste Konzept eines „mittleren Menschen“ („homme moyen“) und im Gefolge den „Body-Mass-Index“. Insbesondere seine Begründung der Sozialstatistik – auch der ersten internationale Statistik-Konferenz von 1853 – wie im speziellen seine ersten Untersuchungen zur „Moralstatistik“ – bei denen insbesondere „antisoziale“ Verhaltensweisen untersucht werden – gehen auf seine anthropometrischen Forschungen (Quetelet 1871) zurück. Francis Galton, Vater der Eugenik, problematisiert auf dieser Basis 1869 Abweichungen vom neuentstandenen „mittleren Menschen“ in verschiedenen Typisierungen.25 Cesare Lombroso folgt dabei Galton, indem er Verbrechen quasi-zoologisch aufarbeitet (Lombroso 1876). Er legt Grundsteine für das von 21
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Wobei „seine Bezeichnung ‘Kaukasier’ für die weiße Rasse in den angelsächsischen Ländern noch heute verwendet wird“ (Braunfels et al 1973: 107). Dazu baute er auf Vorarbeiten des Anatomen Pieter Camper auf, der erstmals das Maß des Gesichtswinkels normierte. Beispielsweise bei Broca und Montessori zu geschlechterdifferenten Hirnvolumina. Denn bereits in Galls Gefolge hatten sich um 1820 „phrenologische Gesellschaften“ gegründet, die noch bis 1967 anhand der Schädelform diagnostische Vorhersagen zur Bestimmung der Kindsentwicklung inklusive Berufsvorschlägen anboten und sie zum Beurteilungskriterium für Geisteskrankheit und Straffälligkeit ausdifferenzierten. Francis Galton gilt auch als Vater eines Verfahrens der „Mischfotografie“, bei der aus Zusammenblenden von zuvor einem Typus zugeordneten Menschen auf Fotos ein mittleres „Typus“Antlitz erscheint, gewissermaßen erste ‘Phantombilder’.
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Alphonse Bertillon 1880 entwickelte „morphologische Vokabular“, „anthropometrische Signalelemente“. In breit angelegten Studien stellt Bertillon standardisierte Fotos der Länge/Breite des Kopfs, der Füße, Finger, des Vorderarms, der Größe/Farbe der Augen her und entwickelt anhand dieser einen Code, eine Symbolsprache zur Beschreibung von Körpermerkmalen und deren Abweichungen. Diese können nun erstmals symbolisch codiert werden, wodurch sich nicht nur statistisch Spezifika rubrizieren und einzelnen devianten Typgruppen zuordnen lassen. Ganze Landstriche werden nun physisch erfassbar („Bertillonage“), Datensätze telegrafisch übertragbar. Die Bertillonage wird in Frankreich erst um 1910-14 zugunsten der Abnahme des Fingerabdrucks eingestellt, der wiederum bereits 1871 von Henry Fauld und Galton im Kontext des „Criminal Tribes Act“ der Kolonialregierung Indiens eingesetzt wird, um nomadische „gefährliche Kollektive“, „kriminelle Kasten“, die sich durch ihre Nichtsesshaftigkeit dem herrschenden System der Landwirtschaft/ Lohnarbeit entziehen, per Fingerabdruck dingfest zu machen.26 Rudolf Martin führt nun 1914 sämtliche anthropologischen wie –metrischen Methoden und Maße in einem noch heute relevanten Einführungswerk zusammen (Martin 1914/1929). Die Prominenz des Gebiets im Faschismus ist bekannt.27 Im Kontext der Anthropometrie sind nicht nur stetig eine Vielzahl das Alter betreffende biologische Normen erhoben worden, sondern auch bei jeder neuen, aktuellen anthropometrischen Erhebung tritt auf diese Forschungen aufbauend die Altersvariable an zentraler Stelle entgegen, bleibt ein „sehr wichtiges Kriterium für die Gruppierung von Daten und Merkmalen“ (Karolyi 1971: 70). Ist sie nicht bekannt, wird sie nun auf Basis der bereits verdateten „Normwerte“ (Karolyi 1971: 71) ablesbar indiziert.28 In anthropometrischen Verfahren wird so auf die historisch früher konstituierten Normwert-Richtmaße zurückgegriffen, wenn Alter nicht „beurkundet“ (Karolyi 1971:70) ist. 26
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William James Herschel hatte dazu bereits 1853 Grundlagen für eine „Daktyloskopie“ gelegt, die erstmals 1896 von Ivan Vueti in Argentinien im Kontext landesweiter Statistiken erkennungsdienstlich eingesetzt wird. Wird im heutigen Selbstverständnis der Anthropometrie zwar nicht mehr phrenologisch von physischen Körpermerkmalen auf Charaktermerkmale geschlossen oder Spezifika einzelner biologischer oder sozialer ‘Rassen’ verhandelt, sind nach wie vor Rückschlüsse erlaubt: beispielsweise von der durchschnittlichen Körpergröße auf den ‘Lebensstandard’. Hierauf bezogen liegen genaueste Daten vor, alle Körpersegmente lassen sich, auf Mittelwerte gebracht und nach Alter, Untersuchungszeitpunkt und „Region“ sortiert, in international standardisierter Datenform auffinden (vgl. Jürgens/Aune/ Pieper 1989, zu den Methoden Karolyi 1971). Indizien sind: „anatomische und morphologische Merkmale:/ a) Entwicklung und das Wachstum der Zähne bzw. des Gebisses;/ b) Verknöcherungsmerkmale am Skelett und Schädel;/ c) Angaben über Körperproportionen und Merkmale: Gesichtsentwicklung, Körperentwicklung besonders der Weichteile, die sogenannten Geschlechtsmerkmale, Behaarung/ funktionelle und physiologische Merkmale:/ a) Geschlechtsmerkmale (erste Menstruation und erste Pollution)/ b) Stimmwechsel/ c) Physiologische Veränderungen (hormonale/serologische Merkmale)“ (ebd.).
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Die klinisch erhobene, im europäischen Raum traditionell staatlich erfasste und gesicherte Altersvariable (‘Geburtsdatum’) mit ihrem Raumindex kann derart nicht nur als allgemein aussagekräftiger Index für eine eindeutige Zuordnung eines Individuums zu einem spezifischen ‘Lebensraum’ dienen. Sie ermöglicht mittels ihres Zeitindex auch die Verbindung sozialer und biologischer, beispielsweise weiterer anthropometrischer Datenerhebungen, um eindeutige, normale (Alters-)Entwicklungskoordinaten der eigenen, verdateten Bevölkerung allererst statistisch aufstellen zu können. Als solche dient sie dann als Basis normalisierender, Sicherheit, Ordnung und Lebensqualität verbessernder Interventionen im eigenen Bevölkerungskörper. Zugleich aber ermöglicht sie wiederum – zumeist qua Passdaten – auch die räumlich-eindeutige Identifikation von Fremden. Das Problem der Nichtexistenz oder Nichtnachweisbarkeit dieser Altersvariable im konkreten Fall jugendlicher Flüchtlinge unterstreicht dabei ihre zentrale biopolitische Bedeutung überhaupt und bringt diejenigen anthropometrischen Praktiken an die Oberfläche gesellschaftlicher Praxis, die der inklusiven NormStatuierung des eigenen Bevölkerungskörpers zugrunde liegen. Die Existenz administrativer Altersdaten wird so als eine fundamentale biopolitische Notwendigkeit zur identitären Erhebung, Normierung und Regulation des Eigenen wie zur Zuordnung und Behandlung des Fremden verständlich. Als solche erst kann sie – als einer der ambivalentesten Punkte der Moderne – beispielsweise entwicklungspsychologisch fundiert, auch juridisch als Kriterium dienen. Wo das amtliche Geburtsdatum und damit die Altersvariable bisher administrativ eine nur untergeordnete Rolle gespielt oder gar, trotz ihrer auch kolonialen Geschichte, ganz gefehlt hat, wurden vergleichende anthropometrische, biometrische respektive entwicklungsbiologische Studien, die Erfassung entsprochener Normen von vornherein erschwert.29 Kulturalistisch bedacht, plant die AG forensischer Altersdiagnostiker jedoch bereits biologische Studien, beispielsweise in afrikanischen Ländern, um diesem Daten-Desiderat entgegenzuwirken (ebd.). Da die Genetik bereits im Kontext der Anthropometrie deutlich an Gewicht gewonnen hat30 ‘hilft’ sie vielleicht bald auch hier aus einem ‘ethischen Dilemma’. Bevölkerungsweite Gendatenerhebungen sind in einigen Ländern bereits abgeschlossen. Erste Altersfeststellungspraktiken auf Genbasis ebenfalls (vgl. Szilvassy 1979; Polzin 2001; Links AGFA). Überspitzt formuliert: Unerschöpflich produktiven, formbaren, also jugendlichen Lebensrohstoff dürfte die Genetik in absehbarer Zeit nicht anbieten können. Biopolitisch wird man in überalterten Gesellschaften mit geringen Geburts29 30
Vgl. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 101; Heft 18 vom 30.04.2004. Vgl. dazu Karolyi 1971: 64; Braunfels et al. 1973: 142/143; IAHB Links; AGFA Links.
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raten andere Wege gehen.31 Der Hinweis, dass forensische Altersdiagnostiker ebenfalls Altersfeststellungsrichtlinien anbieten, die nicht hinsichtlich der potenziellen In-/Exklusion junger, sondern verrentbarer, älterer MigrantInnen (vgl. AGFA) nutzbar sind – ein Problem, das zusehends ebenfalls im Kontext ‘Gastarbeiter’ virulent wird – tangiert nur die weitere Oberfläche des Feldes.
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Folgen der Altersfeststellung
Der geschilderte Zusammenhang von Altersfeststellungen und biopolitischer Bevölkerungsregulation mittels Konzepten biologischer wie sozialer Normalentwicklung weist auf eine Matrix zentraler In- und Exklusionsprozesse hin, welche die ambivalenten Entwicklungen des modernen europäischen Nationalstaats seit seiner Entstehung wie seiner Entwicklung und seinem Export begleiteten. An unserem historischen Exkurs soll ein Hintergrund deutlich werden, vor dem sich Fragen nach einer ‘biologischen Wahrheit’ in ihrer jeweils spezifischen Form, beispielsweise in Altersfragen, erst abzeichnen können. Aber auch jenseits dieses historischen Hintergrunds weisen die konkreten Praktiken der Altersfeststellung Probleme auf: So sind bei den aktuell genutzten Altersschätzungen Fehlerspannen von +/- 2 Jahren bis +/- 4 Jahren möglich. In diesem Zeitraum liegt jedoch genau die Altersspannweite, in der von Seiten der Behörden Zweifel gehegt werden. So werden meist bei Jugendlichen Altersfeststellungen durchgeführt, die ihr eigenes Alter zwischen 14 und 17 Jahren angeben. Selbst wenn das Altersfeststellungsprocedere qua Reformen zu wissenschaftlich eindeutigeren Vorentscheidungen für administrative Entscheidungen führen sollte, verliert sich ihre politische Relevanz keineswegs. Vielmehr gewinnt sie noch an Schärfe, wenn so eine weitere Etappe ihrer wissenschaftspolitischen wie wissenschaftshistorischen Relevanz erreicht wird. Nicht zuletzt hierzu will der historische Exkurs Hinweise geben. Das höhere Festsetzen des Alters jugendlicher Flüchtlinge, in der Regel auf 16 oder auch auf 18 Jahre, hat gravierende Folgen für deren (Über-)Leben. Unbegleitete junge Flüchtlinge haben aufgrund der Trennung von ihrem sozialen Umfeld vielfältige Verlusterfahrungen. Durch Krieg, unter dem Eindruck von Tod, Gewalt und Zerstörung und/oder einer dauerhafter Bedrohung tragen sie oft Traumatisierungen davon.32 Auch auf der Flucht erfahren sie oftmals in vielfacher Hinsicht schwer zu verwindende Erlebnisse. Das Misstrauen und der 31
32
Der stetigen Abwertung von Lebenserfahrung und ihrer ‘biologischer’ Zeichen zugunsten von Jugend korrespondiert dabei eine Aufwertung einer liberalen, privatisierten Eugenik (vgl. dazu Fittkau 2006). Vgl. dazu Ahmad/Rudolph 1999; Gäßler 1995; Sobotta 1992.
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Zweifel an ihren Berichten von Flucht, Vertreibung und Tod führen zu weiteren psychischen Belastungen. Die Rechtfertigungsposition ist eindeutig vorgegeben: Sie sind es, die beweisen müssen, dass sie diejenigen sind, die sie vorgeben zu sein. Die Möglichkeit an dieser Gesellschaft zumindest rudimentär partizipieren zu können – nämlich durch eine sichere und bedarfsgerechte Unterbringung, durch die Möglichkeit einen Arbeitsplatz zu bekommen oder eine Schule besuchen zu dürfen – wird ihnen genommen. Die medizinischen Altersfeststellungen übertreten zudem gravierend die Intimsphäre der jugendlichen Flüchtlinge33, was unter Umständen zu einem Wiederaufflammen zurückliegender Verwundungen führen kann. Vertrauen und Sicherheit, die eigentlich notwendig wären, um sich nach den Erlebnissen zu stabilisieren, können sie in einer solchen Atmosphäre des potenziellen Übergriffs, Misstrauens und verdatender Durchleuchtung kaum entwickeln. Wird ihr Alter auf 16 oder höher geschätzt, sind sie asylmündig, das heißt, dass sie ihr Asylverfahren ohne Rechtspfleger durchführen müssen. Auch entfällt oftmals die Hilfe und Unterstützung eines Vormundes. Diese auch für erwachsene Personen nicht einfache Situation trifft unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ungleich härter: Wer würde sich in kürzester Zeit in fremder Umgebung mit diesen Hintergründen auch noch alleine im Dickicht eines solchen Asylrechts zurechtfinden? Untergebracht werden die jugendlichen Flüchtlinge in der Regel mit erwachsenen Flüchtlingen in Gemeinschaftsunterkünften, die zumeist am Rande der Städte oder auf dem Land gelegen sind. Abgesehen von der Struktur, wie von Besetzungs- und Finanzlagen dieser Einrichtungen, haben junge Flüchtlinge schon allein durch die räumliche Situierung kaum Möglichkeiten, gesellschaftlich zu partizipieren. Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Vergangenheit und bei der Planung ihrer Zukunft ist so kaum zu erwarten. Ihr ‘besonderer Hilfebedarf’ findet keine Beachtung. Bei unbegleiteten jungen Flüchtlingen entfällt ab 16 Jahren der Abschiebungsschutz. Erich Peter weist darauf hin, dass sie grundsätzlich zur Sicherstellung der Abschiebung auch in Haft genommen werden dürfen (vgl. Peter 2001: 194). In Abschiebehaft sind Flüchtlinge – nicht selten monatelang – interniert, obwohl sie keine Straftat begangen haben – ohne rechtliche Vertretung. Als ‘Alternative’ zur Abschiebehaft wurden sogenannte „Ausreisezentren“ geschaffen, in denen gleichermaßen 16- bis 18-jährige Flüchtlinge untergebracht werden. Diese Art der Unterbringung ist für Flüchtlinge gedacht, deren Herkunft nicht geklärt ist und die aufgrund fehlender Papiere nicht abgeschoben werden können. Aufgrund der Ausweglosigkeit ihrer Lebensperspektive in Deutschland 33
Vgl. dazu die Berichte bei Kleffner 1999 und Dethloff/Neumann 2004.
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sollen sie dort „in eine gewisse Form der Hoffnungs- und Orientierungslosigkeit geführt werden“ wie der Leiter für Flugabschiebungen Dietmar Martini Emden erklärte (vgl. Martini Emden 2002), die sie letztlich dazu bringen soll, Deutschland ‘freiwillig’ zu verlassen. Ab dem 16. Lebensjahr erhöht sich zudem die Gefahr einer „Rückführung“ in ein „sicheres Drittland“. So können Minderjährige, die über 16 Jahre alt sind, etwa nach Italien zurückgeführt werden, wenn sie erstmals über dieses Land nach Europa eingereist sind. Wird ein Jugendlicher dorthin zurückgeschoben, wird noch nicht einmal überprüft, inwiefern er dort auch bedarfsgerecht untergebracht wird. Aus Furcht vor einem Leben in den „Ausreisezentren“, vor Abschiebung, Rückführung und Abschiebehaft wählen einige minderjährige Flüchtlinge eine Flucht in die Illegalität. Mit diesem Schritt verlieren sie dann jedes Anrecht auf Lebensunterhaltssicherung, auf medizinisch-gesundheitliche Versorgung, auf Erziehung, auf Bildung, auf Rechtsbeistand. Wie sich zeigt, ist es ein nicht unerheblicher Unterschied, ob ein alleinreisender Flüchtling 15 oder 16 Jahre alt ist – oder dafür gehalten wird – wenn er noch halbwegs unversehrt dieses Land betritt.
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Ausblick
Eine zunehmende Verdatung wie biologische Herleitung von Alter ist mehr als problematisch für die In- wie Exkludierten. Auch und insbesondere für jugendliche Flüchtlinge hat diese Entwicklung schwerwiegende Folgen. Es ist offensichtlich, dass die letztlich kostensparende Methode des ‘Ältermachens’ von jugendlichen Flüchtlingen faktisch einen gesellschaftlichen Ausschluss bedeutet und dass ihnen auf diese Weise jede Partizipation unmöglich gemacht wird. Altersfeststellungen sind nur ein Bestandteil der aktuellen deutschen Flüchtlingspolitik. Andere Verfahren wie Abschiebungen, Abschiebehaft, die Einrichtung von „Ausreisezentren“ wie auch Kettenduldungen etc. stellen andere Abwehrstrategien dar.34 Zentral am Kontext Altersfeststellung selbst scheinen uns mittels der Variable Geburtsdatum fundierte biologisch-soziale Normen zu sein, auf die in der Praxis zurückgegriffen wird – sowie ihre Entstehung im Kontext anthropo- wie
34
Es sei hier darauf hingewiesen, dass sich mittlerweile jugendliche Flüchtlinge zusammengeschlossen haben, um gegen ihren Ausschluss und für eine Verbesserung ihrer rechtlichen Situation mit ihren Mitteln zu kämpfen – und damit an die Öffentlichkeit gehen (vgl. http://www.hier.geblieben. net/download/Karlsruhe%20Doku%201.pdf, 10.11.2006)
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biometrischer Datenerhebung.35 Die amtliche Altersvariable wie ihre administrative Feststellung anhand von über 200-jährig akkumulierten biologischen und sozialen Normen bildet ein wichtiges Scharnier der Behandlung des Fremden und des Eigenen, des Nomadischen und des Sesshaften, des Anderen und des Gleichen. ‘Jugend’ stellt dabei heutzutage nicht nur in Fragen temporaler, migrantischer In- oder Exklusion in den Bevölkerungskörper ein Problem dar, auch einheimische In- und Exklusionsprozesse verlaufen zusehends über diese Währung und Vermittlung. Die Relevanz des Alters trifft so die biopolitisch regulierte, inkludierte Bevölkerung, wie sie als Kriterium zur In- oder Exklusion schutzsuchender Flüchtlinge dient. Die migrantischen Altersfeststellungspraktiken markieren die Spitze eines biopolitischen Problemfelds – mit unübersehbaren wie gravierenden Folgen für jugendliche Flüchtlinge. In bevölkerungspolitisch problematischen Zeiten, wenn für die Mehrheitsgesellschaft kontrafaktisch eine bestimmte Form von Jugend zur Norm zu gerinnen scheint, stellt migrationspolitisch die Konstruktion der Phänomene Alter, Kindheit und Jugend in biologischer, sozialer wie juridischer Hinsicht einen nicht zu unterschätzenden (bio-)politischen Einschnitt zu Beginn des ambivalenten Prozesses der abendländischen Moderne und der Entwicklung der Nationalstaats, wie dessen Ein- und Ausschlussmechanismen dar. Diese biopolitischen Konstrukte in ihren historischen Verbindungen zum Problem Migration sowie zu den Ein- und Ausschlussprozessen bedürfen – hier nur skizziert – dringend weiterer theoretischer wie praktischer Auseinandersetzung. Gerade die aktuelle Lage jugendlicher Flüchtlinge dürfte dies mehr als deutlich machen.
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Die Geschichte forensischer wie medizinischer Anthropometrie ist hierbei in unseren Augen nicht zu separieren, beide sind auf einem einzigen, weitergehenden biopolitischen Dispositiv angesiedelt.
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Teil II Ausgrenzung und Integration
Armut bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund Carolin Butterwegge
Armut und soziale Deprivation von Kindern und Jugendlichen sind in Deutschland zwar keine historisch unbekannten Probleme, haben aber ein erhebliches Ausmaß angenommen, wie die insbesondere während der 1990er-Jahre gestiegene Kinderarmutsquote1 belegt (vgl. Fertig/Tamm 2005: 240). Seit Hauser (1989: 126) die „Infantilisierung“ als neuen Armutstrend bezeichnete, ist dieser durch umfangreiche Forschungen dokumentiert worden.2 Die sich besonders in benachteiligten Stadtgebieten abzeichnende Kinderarmut wird in der Regel als relative und nicht als absolute Armut beschrieben, weil sie sich nicht in die physische Existenz bedrohenden Notlagen (wie in sogenannten Entwicklungsländern), sondern als differenziell benachteiligte Lebenslage in Relation zu gesellschaftlichen Einkommens- und Versorgungsstandards manifestiert (vgl. Reißlandt/Nollmann 2005). Mit Blick auf physische und psychosoziale Notlagen von auf der Straße lebenden Jugendlichen (auch mit Migrationshintergrund) und von ausländischen Familien mit ungesichertem bzw. fehlendem Aufenthaltsstatus könnte die These ausschließlich relativer Armut sicherlich hinterfragt werden (vgl. Schönig 2005), was aber eine andere Fragestellung wäre. 1
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Diese weist den Anteil von Kindern und bis 17-jährigen Jugendlichen an allen unter 18-Jährigen aus, die in Familien mit einem Einkommen unterhalb der jeweils genutzten Armutsgrenze leben. In Anlehnung an die UN-Kinderrechtskonvention und den englischen Sprachgebrauch, der mit children auf alle Minderjährigen abhebt, werden bis zu 17-jährige Kinder und Jugendliche in sogenannten Kinderarmutsquoten eingerechnet und auch im Folgenden der besseren Lesbarkeit halber gelegentlich ‘Kindern’ zugerechnet. Bis in die 1990er Jahre galt in der Regel die Hälfte des durchschnittlichen (nach der alten OECD-Skala gewichteten) sogenannten Haushaltsäquivalenzeinkommens als Armutsgrenze. Inzwischen hat sich, so auch im 2. Armuts- und Reichtumsbericht, eine Armutsschwelle von 60 Prozent des (nach der neuen OECD-Skala gewichteten) Medians des Haushaltsnettoäquivalenzeinkommens durchgesetzt, was im Jahr 2003 einem monatlichen Einkommen von € 938 für eine alleinstehende Person entsprach. Vgl. BMGS: Lebenslagen in Deutschland. Der 2. Armuts- und Reichtumsbericht. Anhänge. Berlin 2005, Anhang X – Ergebnisse im Überblick: 86. Vgl. Bieligk 1996; BMFSFJ 1998: 90ff.; Mansel/Neubauer 1998; Klocke/Hurrelmann 2001; Butterwegge 2001; ders. u. a. 2003; Chassé u. a. 2003; Holz u. a. 2000a/2000b; Holz/Skoluda 2003; Holz u.a. 2005; APuZ 2006.
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Kinderarmut im Sinn familiärer Einkommensarmut manifestiert sich jedoch in sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Benachteiligungen eines Kindes sowie in dessen defizitärer materieller Grundversorgung. Die individuellen Auswirkungen von Kinderarmut sind damit viel facettenreicher, als es rein auf Einkommensarmut abhebende Armutskonzepte abbilden könnten (vgl. Holz u. a. 2005: 34ff.), weshalb sich in der Armutsforschung Lebenslagenansätze etabliert haben, die Armut als Unterversorgung in zentralen Lebensbereichen (Wohnen, Bildung, Gesundheit) begreifen. Gleichwohl wird die gestiegene Armut von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Folgenden als eine spezifische, ethnisch aufgeladene Ausprägung infantilisierter, relativer Armut begriffen, als ein facettenreiches Phänomen mithin, das kontextuell in soziale Polarisierungsprozesse (Zunahme von Reichtum, Armut und sozialer Ausgrenzung) in der Gesellschaft eingebettet ist. Schon allein, weil verschiedene wissenschaftliche Armutskonzepte und indikatoren miteinander konkurrieren, ist das Ausmaß der Armut von Kindern und Jugendlichen in Deutschland kaum präzise auszuweisen; es lassen sich aber Entwicklungstendenzen nachzeichnen. So stieg die Ende der 1980er-Jahre auf einem Tiefststand von 4,5 Prozent liegende Kinderarmutsquote in Westdeutschland (berechnet als Anteil von Kindern in Familien mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens) danach erheblich und blieb von 1994 bis 1998 unter einigen Schwankungen auf hohem Niveau um 8 Prozent stabil (vgl. Corak u. a. 2005: 6). Nach einem zwischenzeitlichen Rückgang auf 6 Prozent 1999 kletterte sie mit fast 10 Prozent 2001 auf einen historischen Höchststand in Westdeutschland. Klocke und Hurrelmann (2001c: 296) bezeichneten dies als eine „Sockelarmut“ bei Kindern und Jugendlichen in den 1990er-Jahren. Nimmt man das Sozialhilferisiko als Armutsindikator und schlüsselt es nach Altersgruppen auf, zeigt sich für Unter-18-Jährige mit rund 7 Prozent eine doppelt so hohe Empfängerquote wie im Bevölkerungsdurchschnitt (für Ende 2003), gleichzeitig stellten sie mit 1,1 Millionen das Gros der SozialhilfeempfängerInnen und ihre Armutsrisikoquoten stiegen, je jünger die Altersgruppe war (vgl. Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) 2005: 60). Seither gibt es keinen Grund zur Entwarnung: Im Jahr 2005 hat sich die Zahl von auf Sozialhilfeniveau lebenden Kindern durch die Einführung des Arbeitslosengeldes II und die Umgestaltung der sozialen Sicherungssysteme auf 1,7 Millionen (14,2 Prozent) erhöht, schätzte der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (vgl. DPWV 2005: 22f.). Die Armut von Kindern und Jugendlichen habe hierzulande „eine historisch neue Dimension und eine neue Qualität erreicht“; nicht nur die Größenordnung des Problems sei neu, sondern „auch die Tatsache, dass diese Rekordkinderarmut mit Inkrafttreten von Hartz IV quasi über Nacht entstand“ (ebd.: 4). Im Juni des Folgejahres lebten nach Angaben
Armut bei Kindern und Jugendlichen
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der Bundesagentur für Arbeit bereits 1,89 Mio. Unter-15-Jährige in SGB-IIBedarfsgemeinschaften (vgl. Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) 2006: 2); rechnet man Kinder aus Asylbewerberleistungsempfänger- und Sozialhilfehaushalten und in verdeckter Armut hinzu, ergibt sich eine geschätzte Größenordnung von 2,5 Mio. armen Minderjährigen (Deutscher Kinderschutzbund 2006).
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Armutsrisiken und -risikogruppen bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationhintergrund
Neben Kindern und Jugendlichen von Alleinerziehenden, Arbeitslosen und solchen aus kinderreichen Familien identifizierte die Armutsforschung ausländische Kinder schon früh als besonders von Armut gefährdete Gruppe innerhalb der Minderjährigen. 1998 resümierte der Zehnte Kinder- und Jugendbericht (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) 1998: 91), dass ausländische Familien generell von kurz- und längerfristiger Armut stärker als deutsche betroffen seien, was sich sowohl in dem mit 30 Prozent sehr hohen Ausländeranteil minderjähriger SozialhilfeempfängerInnen (1993) als auch in den mit rund einem Drittel ebenso hohen relativen Kinderarmutsquoten bemerkbar machte. Dies bestätigen auch die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung aus den Jahren 2001 und 2005 (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (BMAS) 2001a: 208; BMGS 2005: 201). Wenngleich nichtdeutsche Kinder und Jugendliche somit unbestritten zu den armutsgefährdetesten Gruppen innerhalb der Minderjährigen zählen, ist die Forschungslage zu ihrer spezifischen Armutsbetroffenheit keineswegs weit gediehen. Noch weniger sind das Ausmaß, migrationsspezifische Erscheinungsformen, Ursachen, Einflussfaktoren und Bewältigungsstrategien von familiärer Armut und kindlichen Belastungen für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund erforscht. Diese Erkenntnislücken resultieren primär aus der mangelhaften Präzision amtlicher Statistiken und vieler Untersuchungen, die allein die Staatsangehörigkeit, nicht aber eine familiäre Migrationsgeschichte, das Geburtsland oder die Sprachpraxis in Familien ausweisen – was der gewachsenen Pluralität von Migrationsformen in Deutschland, darunter etwa (statusdeutsche aber zugewanderte) AussiedlerInnen, Eingebürgerte und eine wachsende Zahl binationaler Ehen, immer weniger gerecht wird. Statistische Informationen zum genauen Anteil einzelner Herkunftsnationalitäten, Aufenthaltsstatus und Aufenthaltsdauer oder familiären Sprachpraxen sind überwiegend für
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größere ausländische Migrantengruppen aus den ehemaligen Anwerbeländern3 verfügbar. Hinzu kommt, dass die Mehrzahl wissenschaftlicher Studien lediglich zwischen Deutschen und AusländerInnen differenzieren, nicht aber einzelne Herkunftsgruppen von MigrantInnen unterscheiden.4 Die Zahl von in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund lässt sich nur annähernd ermitteln, zumal die Größenordnung von hierzulande aufhältigen, ‘papierlosen‘ MigrantInnen und TouristInnen unbekannt ist. Erstmals für 2005 wies der Mikrozensus für 15,3 Mio. oder 19 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einen sog. Migrationshintergrund nach, 8 Mio. bzw. 52 Prozent davon waren Deutsche mit Migrationshintergrund (Eingebürgerte, SpätaussiedlerInnen und die zweite Generation) und 7,3 Mio. bzw. 48 Prozent AusländerInnen (vgl. Statistisches Bundesamt StBA, 2006b: 76). Das bereinigte Ausländerzentralregister bezifferte indes die Ausländerzahl für Ende 2005 auf 6,76 Mio. (vgl. StBA 2006c). Schätzungsweise 30 Prozent der in Deutschland aufwachsenden Kinder und Jugendlichen stammen aus Familien mit einer Migrationsgeschichte; in westdeutschen Großstädten beträgt ihr Anteil an 15-Jährigen sogar bis zu 40 Prozent (vgl. Bundesintegrationsbeauftragte 2005: 25). Die repräsentative Internationale Schulleistungsstudie PISA (vgl. 2000: 343) wies rund 30 Prozent der NeuntklässlerInnen hierzulande als ‘Jugendliche mit Migrationshintergrund’ (also mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil) aus, worunter die größte Gruppe mit 38 Prozent aus Spätaussiedlerfamilien kamen. Unter ausländischen Kindern und Jugendlichen bilden türkische Minderjährige mit einem Viertel die größte Gruppe, ein weiteres Viertel ist BürgerIn eines EUAnwerbestaates (Italien, Griechenland, Spanien und Portugal für 2003, vgl. Bundesintegrationsbeauftragte 2005: 314); beide Gruppen sind weitgehend der zweiten bzw. dritten Generation zuzurechnen. Die ‘übrigen’ AusländerInnen haben eine Vielzahl von Staatsbürgerschaften, darunter jene der Russischen Förderation, des ehemaligen Jugoslawiens und von Ländern des Nahen Ostens, Asiens und Afrikas. Rund 1,08 Mio. bzw. fast 15 Prozent aller Nichtdeutschen zählten Ende 2003 zu Flüchtlingen, Asylsuchenden oder deren Familienangehörigen; bei der Mehrzahl handelte es sich um Frauen und Kinder (Bundesamt 2004: 76 f.).
3
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Mit ca. 1,8 Mio. die größte Gruppe bilden nach wie vor Zuwanderer aus der Türkei, jene aus Italien sind mit 600.000 die zweitgrößte Gruppe, es folgen Zuwanderer aus Griechland mit 350.000; Kroatien mit 236.000, Portugal mit 130.000 und Spanien mit 126.000 Menschen; vgl. BMGS 2005: 159. Zu Ausnahmen vgl. die sogenannte AWO-ISS-Studie (Holz u. a. 2000a/2000b, 2005); BoosNünning 2005; Boos-Nünning/Karakaolu 2005; BMAS 2002.
Armut bei Kindern und Jugendlichen
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Unabhängig davon, welche Armutsindikatoren und Datenquellen herangezogen werden, zeigt sich, dass nichtdeutsche Kinder und Jugendliche nach wie vor einem erheblich höheren Armutsrisiko als deutsche Vergleichskohorten ausgesetzt sind. Der Erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (vgl. BMAS 2001b: 271) belegt, dass die Zahl ausländischer Kinder und Jugendlicher im Sozialhilfebezug von rund 57.000 im Jahr 1985 auf einen Höchststand von 272.000 1992 zunahm und bis 1998 auf 240.000 sank. Der Rückgang setzt sich seither fort; am Jahresende 2004 lebten noch 217.000 ausländische Minderjährige von laufenden Sozialhilfeleistungen (StBA 2006a: 14), womit sich deren Gesamtzahl seit 1985 insgesamt mehr als verdreifacht hat. Die höheren Sozialhilferisiken ausländischer Kinder und Jugendlicher zeigen sich zwar für alle Altersgruppen, sind aber (ebenso wie bei deutschen) bei den Jüngsten am ausgeprägtesten (StBA 2006a: 26). Je nach Altersgruppe lag ihre Sozialhilfequote im Jahr 2004 zwei bis drei Mal so hoch wie jene der deutschen Vergleichsgruppe: Am höchsten war sie mit 24 Prozent bei bis zu 3-jährigen ausländischen (und 11 Prozent bei deutschen) Kindern; bei 3- bis 7-jährigen ausländischen Kindern betrug sie rund 18 Prozent (8 Prozent bei deutschen) und bei 15- bis 18-Jährigen lag sie mit rund 13 Prozent (bzw. 4 Prozent bei deutschen) am niedrigsten. Gleichermaßen alarmierend sind die Befunde, wenn die Armutsquoten von Migrantenkindern mittels des Anteils aller Minderjährigen in Haushalten mit weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens im Zeitverlauf ausgewiesen werden. Laut Corak u. a. (vgl. 2005: 8) kann die während der 1990er-Jahre in Westdeutschland insgesamt zu beobachtende Zunahme von Kinderarmut weitgehend auf einen Anstieg der Armutsquoten von Kindern mit Migrationshintergrund zurückgeführt werden: Während die Kinderarmutsquote insgesamt von 7,7 Prozent im Jahr 1991 um 2,5 auf 10,2 Prozent 2001 leicht zunahm, erhöhte sie sich unter deutschen Kindern nur geringfügig um 0,5 auf 8,1 Prozent, verdreifachte sich allerdings bei den ausländischen Kindern von 5 auf 15 Prozent. Allerdings verbergen sich hinter diesem starken Anstieg der Kinderarmut bei MigrantInnen höchst unterschiedliche Betroffenheitsrisiken, die Zusammenhänge etwa mit dem familiären Zuwanderungszeitpunkt aufweisen. Corak u. a. (vgl. 2005: 8) zeigten sogar, dass die Kinderarmutsquote in Haushalten von ArbeitsmigrantInnen aus Anwerbeländern von 1995 bis 2001 um rund 2 auf 9 Prozent sank, während Kinder aus Haushalten neuerer (vor allem osteuropäischer) Einwanderungskohorten mit 20 Prozent (1996) und 17 Prozent (2001) das mit Abstand höchste Armutsrisiko unter Kindern Zugewanderter trugen (vgl. auch Sterbling 1998; Dietz 1999).
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Schließlich sind Kinder und Jugendliche aus asylsuchenden Familien und Flüchtlingsfamilien mit prekärem oder fehlendem Aufenthaltsstatus die Gruppen unter den Migrantenkindern, welche die höchsten Armutsrisiken tragen (vgl. Angenendt 2000; Holzapfel 1999). Die Zahl von Flüchtlingen und Asylsuchenden, welche die um rund ein Drittel unter dem (im Eckregelsatz festgeschriebenen) soziokulturellen Existenzminimum liegenden laufenden Unterhaltsleistungen des Asylbewerberleistungsgesetzes erhalten, stieg seit der Einführung dieser ‘migrantenspezifischen Säule’ des sozialen Sicherungssystems 1993 auf einen Höchststand von 490.000 im Jahr 1996. Seither sinkt ihre Zahl kontinuierlich, vornehmlich bedingt durch eine zurückgehende Asyl- und Flüchtlingszuwanderung sowie die Rückkehr von Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien (vgl. StBA 2006a: 18). Ende 2004 bezogen noch 230.000 Personen Asylbewerberleistungen; fast ein Drittel (84.000) davon waren minderjährig, rund 32.000 (14 Prozent) unter 7 Jahren und weitere 18.000 (8 Prozent) zwischen 7 und 11 Jahren (vgl. StBA 2006a: 19). Mit der Ausdehnung des gesetzlich vorgeschriebenen Adressatenkreises durch das Anfang 2005 in Kraft getretene Zuwanderungsgesetz dürfte sich diese Zahl wieder erhöht haben (vgl. Classen 2005: 57ff.).
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Armutsrisiken verschiedener Migrantengruppen
Obgleich eine staatliche Armutsberichterstattung bis 2001 fehlte, ist die Prekarisierung der Einkommenslagen von MigrantInnen in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre in einer Vielzahl von Armutsuntersuchungen, insbesondere von Wohlfahrtsverbänden, dokumentiert worden.5 AusländerInnen zählen neben Alleinerziehenden inzwischen zu den (Kinder-)armutsgefährdetesten Bevölkerungsgruppen in Deutschland.6 Die verbreitete These pauschal größerer Armutsrisiken von MigrantInnen (Bremer 2000: 108ff.) erscheint gleichwohl nur auf den ersten Blick plausibel – wenn allein das seit den 1980er-Jahren erheblich gestiegene Armutsrisiko von AusländerInnen in den Blick genommen wird. So verdoppelte sich die Armutsrisikoquote der ausländischen Bevölkerung in Westdeutschland von 10,6 (1985) auf 21,9 Prozent (1996), sank danach aber wieder erheblich auf 14,4 Prozent (1998), nahm also über den gesamten Zeitraum um 3,8 Prozent zu (vgl. BMAS 2001b: 269). Bis 2003 stieg sie (hier für das gesamte Bundesgebiet) von 19,6 auf 24 Prozent und lag damit deutlich über jener der Gesamtbevölkerung von 15,4 Prozent (vgl. BMGS 2005: 166). 5
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Vgl. Hanesch u. a. 1994: 291/2000: 390ff.; Büchel u. a. 1997; Hübinger u. a. 1995; Seifert 2001; Bremer/Gestring 2004 Vgl. BMGS 2005: 166ff.; Bremer 2000; Boos-Nünning 2001/2005
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Armut und Niedrigeinkommensverhältnisse sind bei MigrantInnen damit nach wie vor verbreiteter als bei Deutschen. Die in den 70er- und 80er-Jahren konstatierte „ethnische Unterschichtung“ (Hoffmann-Nowotny 1973: 51; Esser 1980: 123) der deutschen durch die ausländische Bevölkerung (aus den ehemaligen Anwerbeländern) ist zwar immer noch eine dominante, aber längst nicht mehr die einzige Entwicklung. Dies ist mehreren Gründen geschuldet. So hat sich das Migrationsgeschehen etwa durch die Förderung der Zuwanderung Hochqualifizierter erheblich ausdifferenziert, ebenso die Einkommenslagen der früher angeworbenen ‘GastarbeiterInnen’, bei deren Nachkommen zum Teil durchaus eine soziale Aufwärtsmobilität zu verzeichnen ist. Hinzu kommt das Faktum, dass neue Migrantengruppen an die unterste Stelle der Einkommenshierarchie getreten sind, die allerdings vom haushaltsbezogenen SOEP oder anderen Datenquellen nur unzureichend (am ehesten noch in der Kategorie der DrittstaatlerInnen) erfasst werden. Bei diesen am stärksten von Armut bedrohten Gruppen innerhalb der Bevölkerung mit Migrationshintergrund handelt es sich um in Sammelunterkünften lebende, meist neu eingereiste Asylsuchende, um auf den Asylbewerberleistungsbezug verwiesene Flüchtlinge mit prekärem Aufenthaltsstatus (zum Beispiel mit dem befristeten Status der Duldung) sowie um ‘illegale’ MigrantInnen (vgl. Hanesch 2000: 429f.), zu denen allerdings kaum gesicherte Erkenntnisse vorliegen, etwa im Hinblick auf die Größenordnung von Kindern und Jugendlichen ohne Aufenthaltspapiere. Die Armut solcher MigrantInnen mit prekärem oder fehlendem Status basiert zumindest bei den zuerst Genannten auf ihrer aufenthaltsrechtlichen Schlechterstellung durch das Asylbewerberleistungsgesetz, weshalb dies zu Recht als „staatlich verursachte Armut“ (Boos-Nünning 2001: 156) oder „Armut per Gesetz“ bezeichnet wird. Bei der Betrachtung sogenannter Armutsrisikogruppen (als besonders von Armut bedrohten Gruppen) unter MigrantInnen konstatiert der Zweite Armutsund Reichtumsbericht, dass Zuwanderer aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien die größten und zugleich am längsten dauernden Armutsrisiken tragen und dass auch unter SpätaussiedlerInnen jede/r Vierte in Einkommensarmut lebte (vgl. BMGS 2005: 166 f.). Tucci und Wagner (2005: 82ff.) zeichneten für 2002 nach, dass die zweite Generation mit 34 Prozent das höchste Armutsrisiko trug. Die zweithöchsten Risiken hatten AusländerInnen aus nichtwestlichen Ländern mit 33 Prozent, es folgten AussiedlerInnen mit 25, Eingebürgerte mit 18, Deutsche mit 13 und AusländerInnen aus westlichen Ländern (EU-15 und andere) mit 11 Prozent. In Bezug auf soziodemografische Merkmale trugen insbesondere Jüngere und Ältere sowie Frauen mit Migrationshintergrund ein wachsendes Armutsrisiko.
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Polarisierung der Einkommenslagen von Zugewanderten
Im Zuge fortschreitender sozialstruktureller Differenzierungs- und Globalisierungsprozesse bildet sich seit langem eine wachsende Polarisierung von Einkommens- und Vermögenslagen und damit eine Spaltung der Gesellschaft in arme und reiche Bevölkerungsgruppen heraus (vgl. Butterwegge 2006:63ff.; Mansel/Heitmeyer 2005). Daten des Sozioökonomischen Panels7 belegen diese seit Mitte der 1980er-Jahre beobachtbaren Polarisierungstendenzen in Einkommens- und Vermögenslagen nicht nur für die deutsche Bevölkerung (vgl. StBA 2004: 624), sondern auch zwischen AusländerInnen und Deutschen sowie zwischen AusländerInnen untereinander. So bestätigte der Erste Armuts- und Reichtumsbericht (vgl. BMAS 2001b: 269) für 1985 bis 1998 nicht nur einen Zuwachs der Anteile einkommensarmer (um 4 auf 17 Prozent), armutsnah lebender (um 7,7 auf 31 Prozent) und einkommensreicher AusländerInnen (um 0,8 auf 1,6 Prozent), sondern auch einen Rückgang bei ausländischen Wohlhabenden um 1,2 auf 8 Prozent. Mehrfach belegt worden ist, dass die Einkommenssituation von Zugewanderten maßgeblich von ihrem Herkunftsland und weiteren migrationsspezifischen Einflussfaktoren abhängt. Laut des Datenreports (vgl. 2004: 581) erzielten im Jahr 2001 allein MigrantInnen aus den damaligen EU-Staaten mit jenen Westdeutscher vergleichbar hohe Bruttoeinkommen, während türkische Einwanderer, AussiedlerInnen und Zugewanderte aus Ex-Jugoslawien deutlich niedrigere Einkünfte hatten. Der Folgedatenreport (vgl. 2006d: 566) dokumentierte indes monatliche Haushaltsäquivalenzeinkommen und wies aus, dass MigrantInnen aus Südwesteuropa (Griechenland, Italien, Portugal und Spanien mit 1.110 €) ein leicht unter jenem der Deutschen (1.360 €) liegendes Einkommen erzielten, noch niedriger war es bei AussiedlerInnen (940 €), MigrantInnen aus Ex-Jugoslawien (879 €) sowie aus der Türkei (850 €). Eine „starke, auf Herkunft basierende Polarisierung der Einkommenslagen“ unter MigrantInnen – die sich unter anderem darin zeigt, dass einzelne, privilegierte Migrantengruppen systematisch von der Mehrheit armutsnah lebender Einwanderer unterschieden werden können – bestätigt ein Gutachten Tucci und Wagners (auch zum Folgenden: vgl. 2005: 84) für den Zweiten Armuts- und Reichtumsbericht. Im Jahr 2003 erzielten die mit Abstand höchsten Einkommen Zuwanderer aus anderen (als den im Folgenden genannten) westlichen Ländern; sie waren häufiger als gebürtige Deutsche im höchsten und seltener im niedrigs7
Die in Privathaushalten erhobene Zuwandererstichprobe des SOEP war bis zum Jahr 2005 die einzige Datenquelle, die Zuwanderer differenziert nach Migrationshintergrund auswies, sodass auch SpätaussiedlerInnen und Flüchtlinge erfasst wurden. Seither ist auch der Mikrozensus verändert worden, erste Auswertungen sind allerdings erst 2007 zu erwarten.
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ten Einkommensquintil anzutreffen. AusländerInnen aus Italien, Spanien, Portugal und Griechenland waren in den beiden höchsten und im mittleren Segment relativ stark und im untersten Quintil kaum vertreten, womit sie insgesamt im Mittelfeld der Einkommensverteilung lagen. Schließlich waren Zuwanderer der zweiten Generation, hier auf ‘im Inland geborene AusländerInnen’ unter 36 Jahren sowie deren Nachkommen eingegrenzt, mit fast 30 Prozent stärker als andere Migrantengruppen (mit Ausnahme jener aus westlichen Ländern) in den beiden höchsten Quintilen vertreten, mit ca. 28 Prozent aber auch fast ebenso häufig im untersten Segment anzutreffen wie Zuwanderer aus dem ‘ehemaligen Ostblock’ und AussiedlerInnen. Die zweite Generation war dort zudem mit einem geringeren Anteil vertreten als Zuwanderer aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien (über 40 Prozent) sowie aus Drittländern (mehr als die Hälfte). Die zuletzt genannten Gruppen wiesen überdies die geringste Repräsentanz im obersten Quintil auf. Diese Befunde deuten nicht nur auf herkunfts(land)abhängige Einkommenslagen und Armutsrisiken innerhalb der zugewanderten Bevölkerung, sondern überdies auf die Einflüsse der Aufenthaltsdauer, des ausländerrechtlichen Status und der damit verbundenen Teilhaberechte (etwa im Zugang zum Arbeitsmarkt oder wohlfahrtsstaatlichen Leistungen) hinsichtlich der Einkommensgenerierung hin: Mit Ausnahme der zweiten Generation und statusdeutschen SpätaussiedlerInnen, die über relativ kurze Aufenthaltszeiten verfügen, zeigen alle Migrantengruppen mit gesichertem Status (etwa als freizügigkeitsberechtigte EU-BürgerInnen) große Anteile in hohen und jene aus EU-Drittstaaten, wie der Türkei und Ex-Jugoslawien, große Anteile in niedrigen Einkommensbereichen. Die Einkommenslagen von MigrantInnen können damit als ein breiter gewordenes Spektrum begriffen werden, an dessen Extrempolen – insbesondere in materieller Armut, vermehrt aber auch im Reichtum – tendenziell mehr Zuwanderer als früher leben: Während sich die Einkommen von MigrantInnen aus westlichen Industrie- und EU-Ländern an jene Einheimischer angleichen (sich also auch in hohen Lagen sammeln), ist am unteren Ende die Konzentration einer höchst heterogenen Gruppe zu beobachten: Die Migrantengruppen mit den niedrigsten Einkommen, also EU-DrittstaatlerInnen, Zugewanderte aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien, AussiedlerInnen sowie andere MigrantInnen aus Ländern des ehemaligen ‘Ostblocks’ sind häufig erst während der 1990er-Jahre zugewandert. Sie verfügen über keine, niedrige oder nicht anerkannte Berufsqualifikationen, geringe Deutschkenntnisse oder einen ungesicherten Aufenthaltsstatus mit nachrangigem oder keinem Arbeitsmarktzugang. Es kann daher mit Blick auf die höchst unterschiedlichen Einkommensund Armutstendenzen innerhalb der allochthonen Bevölkerung zur sozioökonomischen Situation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
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resümiert werden, dass die These einer ethnischen Unterschichtung der deutschen durch die ausländische Bevölkerung schon lange keine zutreffende Charakterisierung mehr ist. Ebenso wenig ist das Bild einer einfachen Ethnisierung der (Kinder-)Armut in Deutschland vollumfänglich geeignet, sodass nach weiteren Erklärungen zu suchen ist. Vielmehr zeichnet sich die bei der einheimischen Bevölkerung zu beobachtende Polarisierung der Einkommensverhältnisse ebenso innerhalb der allochthonen Bevölkerung ab. In diesem Zusammenhang zeigt sich daher in gewisser Weise eine zweite Form der ethnischen Unterschichtung innerhalb der Migrantengruppen selbst, was besonders für Kinder und Jugendliche türkischer oder jugoslawischer Nationalität und für jene mit prekärem bzw. fehlendem Aufenthaltsstatus mit beträchtlichen Armutsrisiken verbunden ist. Kinder und Jugendliche aus diesen Migrantenfamilien sind in entwicklungsrelevantem Alter erheblichen Risiken ausgesetzt, in einem durch Armut belasteten familiären (und Wohn-)Umfeld aufzuwachsen, das unter anderem ihre späteren Bildungschancen minimiert.
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Einflussfaktoren für Armutsrisiken von Migrantenkindern
Obwohl die Armutsrisiken von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund seit den 1990er-Jahren erheblich zugenommen haben, sind sie nicht erst seit der jüngeren Asyl- und Aussiedlerzuwanderung zu beobachten. Ihre vielfältigen Ursachen sind deshalb sowohl in migrationshistorischen als auch in jüngeren Prozessen ‘neoliberaler’ Modernisierung zu suchen, die Um- und Abbautendenzen des Wohlfahrtsstaates durch eine Reprivatisierung sozialer Risiken forcieren und eine Infantilisierung bzw. Maternalisierung der Armut von Alleinerziehenden und Kinderreichen begünstigen (vgl. Beisenherz 2002: 54). MigrantInnen sind hiervon tendenziell eher betroffen, weil sie in durchschnittlich größeren Familienzusammenhängen als Deutsche und zudem häufiger von sozialen Transferleistungen wie Sozialhilfe bzw. Arbeitslosengeld II leben. Die beschriebenen differenziellen Ethnisierungstendenzen der Armut wurzeln in der durch die Anwerbung von ArbeitsmigrantInnen geprägten Geschichte von Migration und Integration(spolitik) der jungen Bundesrepublik. Sie begünstigte die als ethnische Unterschichtung beschriebene Eingliederung der nur als ‘vorübergehende Gäste’ wahrgenommenen MigrantInnen, die in den 1960/70er-Jahren vor allem in die untersten Ränge der gesellschaftlichen Statushierarchie erfolgte. Weil die Angeworbenen und ihre Familienangehörigen traditionell aus bildungsfernen Milieus kamen, vielfach geringe Deutschkenntnisse aufwiesen und als Un- bzw. Angelernte vornehmlich in industriellen, für Einheimische unattraktiven (weil niedrig entlohnten) Berufen arbeiteten, wurden die hohen Ar-
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mutsrisiken von MigrantInnen lange Zeit kaum problematisiert. Mit der wachsenden Ausdifferenzierung von Migrationsformen und den hohen Armutsrisiken der zweiten, häufig schulisch und beruflich wesentlich qualifizierteren Generation von MigrantInnen stellt sich allerdings erneut die Frage, wie sich die vor allem in den 1990er-Jahren gestiegenen Armutsrisiken der Kinder und Jugendlichen eines bestimmten Migrationshintergrunds generieren. Die Ursachen der gewachsenen Armutsrisiken von Migrantenfamilien werden meist auf deren andere soziodemografische und -ökonomische Merkmale (deutlich jüngere und größere Haushalte, geringere Bildungs- und Berufsabschlüsse), die ‘fremdkulturelle’ Herkunft oder migrationsbezogene individuelle Merkmale wie eine geringe Aufenthaltsdauer oder Deutschkompetenz zurückgeführt (vgl. Bundesintegrationsbeauftragte 2005: 62; BMGS 2005: 167). Wagner (vgl. 1995: 137) wertete niedrigere Qualifikationsniveaus und, damit zusammenhängend, erhöhte Arbeitslosigkeitsrisiken sowie eine größere Kinderzahl in Migrantenfamilien als maßgebliche Einflussfaktoren. Vor allem dem Einfluss der intergenerationalen ‘Vererbung’ von niedriger Bildung und hohen Armutsrisiken beispielsweise in der zweiten und dritten Generation türkischstämmiger Zuwanderer kommt dabei eine hohe Bedeutung zu. Hanesch u. a. (2000: 49) zeigten, dass MigrantInnen unter jenen Gruppen stark vertreten, die auch in der Gesamtbevölkerung ein hohes Risiko tragen, in Armut oder prekärem Wohlstand zu leben. Büchel u. a. (vgl. 1997: 279) hoben hervor, dass der häufigere Sozialhilfebezug von AusländerInnen nicht auf ihre nationale Herkunft, sondern auf ihre schwächere Sozialstruktur zurückzuführen sei, und dass vor allem nach 1984 Zugewanderte sehr hohe Armutsrisiken trügen, die allerdings mit steigender Aufenthaltsdauer schnell und stark abnähmen. Die bisher skizzierten Erklärungsmuster für migrationsspezifische Armutsrisiken erscheinen allerdings als verkürzt, weil sie die komplexen strukturellen Wirkungszusammenhänge auf wenige, überwiegend personale, Einflussfaktoren reduzieren. Soziodemografische und -ökonomische Merkmale der zugewanderten Bevölkerung (deutlich jüngere und größere Haushalte, geringere Bildungsund Berufsabschlüsse) sowie die häufig angeführten sprachlichen ‘(Integrations)Defizite’ einiger Herkunftsgruppen tragen zwar beträchtlich zur Genese erhöhter Armutsrisiken von Kindern mit Migrationshintergrund bei. Dies gilt insbesondere angesichts der sich seit den 1990er-Jahren tendenziell polarisierenden und im unteren Bereich verstärkt prekarisierenden Einkommenslagen von Deutschen und Zugewanderten, die als working-poor häufig Armutslöhne erzielen, welche den Lebensunterhalt (besonders von kinderreichen und alleinerziehenden) Familien kaum mehr sichern. Als alleinige Erklärungsfaktoren reichen diese Merkmale aber bei Weitem nicht aus, weil Armutsrisiken sich stetig neu reproduzieren, indem neue MigrantInnen zuwandern, die zunächst mindere oder
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keine Teilhaberechte etwa im Arbeitsmarkt besitzen oder über ein nur geringes ökonomisch verwertbares soziales und kulturelles Kapital verfügen (vgl. Kristen 2002). Darauf weist auch Boos-Nünning (vgl. 2005: 163ff.) hin, die neben der höheren Arbeitslosigkeit und niedrigeren Erwerbseinkommen die größere Kinderzahl in Migrantenfamilien sowie – und damit setzt sie sich von den auf die Individuen zentrierten Erklärungsmustern ab – die asylrechtliche Zuweisung von Flüchtlingsfamilien in den Asylbewerberleistungsbezug als Ursachen der höheren Armutsbetroffenheit bestimmter Migrantengruppen sieht. Bei der Genese von Armutsrisiken unter Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zeigt sich vielmehr, dass ein ganzes Bündel von individuellen, familiären, sozialräumlichen, institutionellen und anderen makrostrukturellen Einflussfaktoren wirksam werden, deren Wurzeln auf mehreren Ebenen (unter anderem im Arbeitsmarkt, im Bildungssystem und in den entsprechenden Politikfeldern) anzusiedeln sind. Viel ausgeprägter als bei Einheimischen, AussiedlerInnen und Eingebürgerten determinieren bei ausländischen MigrantInnen aber strukturelle, also gesellschaftliche und institutionelle, meist im geltenden Ausländerrecht festgeschriebene Rahmenbedingungen die Einkommens- und Handlungsspielräume, was beim nachrangigen Arbeitsmarktzugang von DrittstaatlerInnen mit prekärem Aufenthaltsstatus (vgl. Hanesch u. a. 2000: 402ff.) und ihrem Zugang zu Sozial- und Asylbewerberleistungen (vgl. Classen 2005) besonders deutlich wird. Für Angehörige einiger ethnischer Gruppen – auch Teilen der zweiten Generation – kommen Mechanismen indirekter Diskriminierung hinzu, die als ‘weiche’ Zugangsbarrieren eine gleichberechtigte Teilhabe etwa im Wohnungs- oder Ausbildungsmarkt erschweren. Diese zeigen sich auch am Beispiel multidimensionaler Ursachen der ethnisierten Bildungsungleichheit (vgl. Diefenbach 2003/2004) bzw. am Beispiel der Entstehung und Reproduktion von Bildungsarmut (vgl. Allmendinger 1999) unter MigrantInnen, der eine hohe Relevanz bei der Vererbung von Armutsrisiken zukünftiger Erwachsenengenerationen zuzuweisen ist. Die Grundlagen hierfür werden häufig bereits bei Vorschulkindern als Auffälligkeiten, unter anderem im kulturellen Bereich8 gelegt und verstärken sich besonders bei armen Kindern mit steigendem Kin8
Für die Bestimmung einer Auffälligkeit im sogenannten kulturellen Bereich untersuchten Hock u. a. (2000a: 36) das Spiel-, Sprach- und Arbeitsverhalten der Kindergartenkinder. Als auffällig zählte jenes Fünftel der Kinder mit den wenigsten Punkten in einem der drei Bereiche. Hinsichtlich des Spielverhaltens wurde bewertet, wie ein Kind spielt (ausdauernd, intensiv, fantasievoll, mit anderen Kindern zusammen), während beim Sprachverhalten erfasst wurde, ob es auf Fragen antwortet, sein Gegenüber dabei anschaut, deutlich und grammatikalisch richtig bzw. verständlich spricht, einen großen Wortschatz hat und Gesprochenes versteht. In Bezug auf das Arbeitsverhalten floss ein, ob ein Kind Anweisungen versteht, schnell oder eher zögerlich mit Aufgaben beginnt und diese zügig, sorgfältig und selbstständig bearbeitet, seine Aufgaben beendet und anderen Kindern hilft oder selbst Hilfe von Erziehern in Anspruch nimmt.
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des- und Jugendalter (vgl. Hock u. a. 2000a; Holz u. a. 2005). Die PISA-Studien haben die Bildungsarmut von Kindern mit Migrationshintergrund – auch wenn sie hierzulande aufgewachsen sind – zuletzt eindrucksvoll untermauert, die sich in der mit rund 19 Prozent nach wie vor sehr hohen Quote ausländischer SchulabgängerInnen ohne Abschluss (vgl. StBA 2006e: 254) und ihrer seit Jahren sinkenden, 2005 bei nur noch 4,6 Prozent aller Auszubildenden liegenden Ausbildungsbeteiligung (vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung 2006: 113) fortsetzt. Auch Becker und Lauterbach (2004: 23) sehen Einflussfaktoren für Bildungsungleichheiten auf einer Mikro-, einer Meso- sowie einer Makroebene. Nicht zuletzt ist die Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf die frühe Selektion nach Schulformen (vgl. Auernheimer 2006), auf Mechanismen institutioneller Diskriminierung im Schul- und Ausbildungssystem (vgl. Gomolla/Radtke 2002) sowie auf länderspezifische Schulangebotsstrukturen (vgl. Below 2002/2003; Hunger/Thränhardt 2006) zurückzuführen, und nicht, wie häufig angeführt, allein auf (‘Humankapital’-)Defizite von MigrantInnen (vgl. Kristen 2002). Auch Hanesch u. a. (vgl. 2000: 410ff.) betonen, dass Armutsrisiken Zugewanderter durch eine Vielzahl zusätzlicher, strukturell und aufenthaltsrechtlich verankerter Faktoren beeinflusst sind. Zentrale strukturelle Bedingungsfaktoren für die Genese und Zunahme von prekären Einkommenslagen unter Zuwanderern sind etwa in sozial-, arbeitsmarkt- und migrationspolitischen Reformen zu sehen, wie zuletzt in der „Hartz IV“-Reform und den Neuregelungen im Zuwanderungsgesetz (vgl. Butterwegge/Reißlandt 2005a/2005b; Classen/Rothkegel 2006). Insbesondere das Ausländerrecht bzw. die ihm zugrunde liegenden integrationspolitischen Entscheidungen haben sowohl in der Vergangenheit als auch im beginnenden 21. Jahrhundert entscheidend dazu beigetragen, ein hierarchisch stratifiziertes System der sozialen, arbeitsmarktbezogenen und politischen Teilhaberechte bzw. -chancen von MigrantInnen zu konstituieren und zu stabilisieren (vgl. Mohr 2005: 383), das sich mittelbar in den finanziellen Spielräumen und Einkommenslagen Betroffener niederschlägt. Die spezifischen Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund (etwa in den Bereichen Bildung und materieller Grundversorgung) sind daher unter anderem auch ein Resultat der sich wandelnden Ausländer- und Integrationspolitik, die verschiedene Migrantengruppen mit äußerst unterschiedlichen politischen und sozialen (Teilhabe- bzw. Zugangs-)Rechten, etwa in der Inanspruchnahme sozialer Sicherungsleistungen (Sozialhilfe-, Asylbewerberleistungs-, Grundsicherungs- und Arbeitslosengeld II-Leistungen, Kindergeld, Hilfen zu Erziehung etc.), ausstattet. Auch wenn Integrationspolitik sich als eine „die Eigendynamik des Integrationsprozesses nur fördernd begleitende, nicht aber ersetzende Maßnahme“
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versteht (Bade 2005: 219), prägt sie in Verbindung mit sozial- und arbeitsmarkt