Paul Kellermann (Hrsg.) Geld und Gesellschaft
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Geld und Gesellschaft Interdisziplinäre Perspe...
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Paul Kellermann (Hrsg.) Geld und Gesellschaft
Paul Kellermann (Hrsg.)
Geld und Gesellschaft Interdisziplinäre Perspektiven 2. Auflage
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.
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1. Auflage Juli 2005 2. Auflage Mai 2006 Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006 Der VS Verlag für Sozialwissenschaften ist ein Unternehmen von Springer Science+Business Media. www.vs-verlag.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Druck und buchbinderische Verarbeitung: MercedesDruck, Berlin Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in Germany ISBN-10 3-531-34486-2 ISBN-13 978-3-531-34486-7
Inhaltsverzeichnis Paul Kellermann und Heinrich C. Mayr Vorwort ........................................................................................................... 7 Arno Bammé Fetisch „Geld“ ................................................................................................. 9 Peter Filzmaier Wieviel Geld ist uns die Politik wert? ......................................................... 83 Peter Heintel Zur religiösen Bedeutung des Geldes – dargestellt am Beispiel der Einführung des Euro und der Rolle der Banken ............................................................................ 93 Paul Kellermann Geld ist kein „Mysterium“ – Geld ist „Handlungsorientierung“ ......................................................... 115 Roland Mittermeir Geld und Information ................................................................................ 139 Gerda E. Moser Gekaufte Liebe? Geld als Handlungsorientierung am Beispiel Prostitution ............................................................................. 171 Winfried B. Müller Elektronisches Geld und Kryptographie: Eine Balance zwischen Akzeptanz, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit ............................................................. 179 Wolfgang Nadvornik Shareholder Value – die Magie betriebswirtschaftlicher Entscheidungsfindung durch Finanz-Kennzahlen ......................................................................... 189
Reinhard Neck und Gottfried Haber Geldpolitik und Finanzpolitik in der Währungsunion: Gegner oder Partner? ................................................................................ 201 Klaus Ottomeyer Zur psychologischen Wirkung des Geldes ................................................ 227 Michael Potacs Globaler Geldmarkt und Europarecht ..................................................... 251 Verzeichnis der Autoren ............................................................................ 267
Arno Bammé
Fetisch „Geld“
Prolog Jeder kann Geld als Geld brauchen, ohne zu wissen, was Geld ist. Karl Marx
Als Stanley 1871 nach Ostafrika aufbrach, um Livingstone zu finden, nahm er dreierlei Sorten an Geld mit: Kupferdraht, Tuch und Perlen. Was Geld und Afrika betraf, entsprach dies in seinen Augen dem, was im zeitgenössischen London und New York Gold, Silber und Kupfer waren. Wie sich herausstellte, brauchte er nicht viel von diesem Geld, ein Geld, das rund zweihundert Träger durch den halben Kontinent schleppen mussten. Er bediente sich letztlich einer anderen Währung des neunzehnten Jahrhunderts: der Gewehrkugel. Stanleys Problem bestand darin, dass auf dem Weg zum Tanganjika-See, wo er Neuigkeiten über Livingstone zu erfahren hoffte, die Münzen, die das englische Pfund repräsentierten, Gold-Sovereigns, nicht akzeptiert wurden. Was in dem einen Gebiet als „Geld“ angenommen wurde, wurde ein paar Meilen weiter weg abgelehnt. Der eine Stamm, so berichtete er später, zog weiße Perlen den schwarzen vor, ein anderer braune den gelben, ein dritter rote den grünen, ein vierter grüne den weißen und so fort. Zum Beispiel wurden in Unganwezi rote Perlen gern genommen, alle anderen jedoch abgelehnt. Es kam für ihn also darauf an, genau so viel von einer Währung mitzunehmen, dass die Expedition eine Währungszone durchqueren und später wieder durch sie zurückkehren konnte, keinesfalls aber mehr, denn diese Geldsorten waren schwer, und je mehr er davon mitführte, desto mehr Nahrungsmittel brauchte er, um die Männer zu ernähren, und desto mehr Geld, um die Nahrungsmittel zu kaufen – und so weiter, und so fort. Nachdem Stanley sich mit einigen Arabern beraten hatte, die in Sansibar mit Sklaven handelten, beschloss er, Geld in folgender Sortierung mitzunehmen: 30.000 Meter unterschiedlicher indischer und amerikanischer Stoffe, 22 Säcke mit elf verschiedenen Perlensorten und etwa 120 Kilogramm Kupferdraht in den Stärken Nr. 5 und Nr. 6. Diese Geldsorten, so schrieb er später in seinem Bericht „How I found Livingstone“ (London 1874), entsprachen voll und ganz den Gold-, Silber- und Kupfermünzen Europas und der Vereinigten Staaten. Zusätzlich führte er eine Menge Munition mit, was sich dort als nützlich erwies, wo Geld versagte. Die Expedition, die am 18. Februar 1871 von Baganogo aus
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aufbrach, bestand letztendlich aus 192 Männern, die Güter von über 5.000 Kilogramm Gewicht trugen. Die Geschichte, die ich in etwas abgewandelter Form von James Buchan (1999: 31 f., 384) übernommen habe, ist aufschlussreich, weil sie Auskunft gibt über die Vielgestaltigkeit dessen, was wir gemeinhin als „Geld“ bezeichnen. Geld, was immer auch das sein mag: Es kann sich in Münzen ebenso gut manifestieren wie in Muscheln, in Messern, in Salz, Äxten, Häuten, Eisen, Reis, Mahagoni, Tabak, in Personen, in Papier, Plastik oder elektronischen Impulsen. Archäologie, Ethnografie und Geschichtswissenschaft belehren uns darüber (vgl. Weimer 1992; kritisch Thomasberger und Voy 2000 sowie Stadermann 2000). Aus heutiger Sicht lässt sich ergänzen, dass nicht nur die Gestalt variieren kann, sondern dass sie sich auch von der Substanz, die sie verkörpert, weitgehend abgelöst hat, mehr noch, dass sie abstrakt, virtuell geworden ist: Geld ist, was als Geld gilt. 1 Geld und Gewalt In einer modernen Großstadt, die unter Belagerung steht, geht zuerst das institutionelle Geld unter – die Kreditkarten, Schecks, Banknoten, Münzen; und was bleibt, sind die harten Währungen: Gold, Lebensmittel und Munition. James Buchan
Geld, so heißt es, habe in den zwischenmenschlichen Beziehungen manifeste Gewalt ersetzt. Darin bestehe eine seiner zivilisatorischen Funktionen. Herrschaftsverhältnisse, die nach wie vor existieren, würden nun in befriedeter Form exekutiert (Kitzmüller 1996; Dumouchel, Dupuy 1999; neuerdings Kitzmüller und Büchele 2004: 59-82). Nach Luhmann (1988) besteht die Leistung des Mediums „Geld“ darin, dass es „Dritte beruhigt“, sie dazu anhält, die Zugriffe anderer auf „knappe Güter“ zu tolerieren, obwohl sie selbst am Zugriff interessiert sind. Damit beantwortet sich ihm eine grundlegende Frage der modernen Gesellschaft: „Wie kann eine derart unwahrscheinliche friedliche Lösung erreicht oder sogar erwartbar gemacht werden? Wie kann sie normalisiert werden, wie kann sie Systemstruktur werden, an die die anderen anschließen können?“ Die Antwort lautet: „Geld macht es möglich.“ Vermittelt über das Geld, kann die Gesellschaft ihre Zugriffe auf knappe Güter wie in einem Monitor beobachten, steuern und kontrollieren. „Weil der Erwerber zahlt, unterlassen andere einen gewaltsamen Zugriff auf das erworbene Gut. Geld wendet für den Bereich, den es ordnen kann, Gewalt ab.“ (a.a.O.: 253). Doch nach wie vor gilt auch das Gegenteil. Die Geschichte um Stanley belehrt uns darüber: Wenn Geld nicht (mehr) hinreicht, dann wird Gewalt (wieder) notwendig. Und nicht nur das! Geld selbst provoziert
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und wendet Gewalt an. Auch in dieser Hinsicht ist Buchans Traktat eine wahre Fundgrube. Die historische Substitution von Gewalt durch Geld, die man lange für einen Markstein der Zivilisation hielt, schreibt er, zeitigt zugleich ungeahnte Ausnahmen in mehrerlei Hinsicht: Weil es eine besondere Anziehungskraft auf Verbrecher ausübt, wird Geld selbst zum Gegenstand von Gewalt. So wäre es zum Beispiel recht unbesonnen, seinen Nachbarn umzubringen und dessen Besitz ins eigene Haus zu karren, nur damit die Hüter des Gesetzes ihn dort entdecken. Weitaus klüger sei es, des Nachbarn Geld zu stehlen. Denn wenn man es erst einmal habe, gehört es einem und nicht mehr dem Nachbarn: Geld gehört dem, der es hat. Alle Versuche, Geld mit seinem rechtmäßigen Besitzer in Verbindung zu bringen, seien auf Grund der inneren Natur des Geldes zum Scheitern verurteilt. Sie würden nicht nur in die Privatsphäre der Kriminellen eingreifen, sondern auch in die der Gesetzestreuen und dadurch den Handel behindern. Verbrechen dieser Art, so lautet Buchans Fazit, seien im Zeitalter des Geldes ebenso schwer zu regulieren wie die Finanzen (Buchan 1999: 333). Meist wird angenommen, dass nur die Armen unter Geldproblemen leiden, doch so einfach ist die Sache nicht. Es stimmt zwar, „dass Menschen ohne Geld immer versuchen, an finanzielle Mittel zu kommen, doch Menschen mit Geld verbringen oft besonders viel Zeit damit, sich voll und ganz aufs Geld zu konzentrieren und noch mehr anzusammeln. Viele Verbrechen, bei denen Geld eine Rolle spielt, werden von Menschen begangen, die, objektiv betrachtet, kein Geld brauchen“ (Boundy 1997: 25). Darüber hinaus ist das Geld im Laufe der Zeit zum Handlanger des legalisierten Verbrechens, der Kriegsführung, geworden (Singer 2003, 2004; Leymarie 2004). „Mit Geld kann man ganze Völker in den Tod schicken, ohne sich sonderlich aufzuregen“, heißt es bei Liebrucks (1970: 183). Als Beispiel führt Buchan unter anderem den Golfkrieg von 1990/1991 an: „Saddam Hussein, Diktator des Irak, nutzte die Bedrohung durch seine Truppen dazu, den schwächeren Golfstaaten Geld abzupressen, und als dann seine Armee aus vierzig Divisionen bestand, erhöhte er seine Forderungen. Allerdings besaßen die Scheichtümer ausreichend tiefe Taschen, um auch noch eine internationale Expedition zu finanzieren, die diese Armee wieder auf ein ortsübliches Maß zurechtstutzte“ (Buchan 1999: 336 f.). Die Folge war eine „Kriegsführung in ihrer aufs äußerste zugespitzten Form: saudisches Geld gegen saudisches Geld.“ Der Grund für den Krieg war „die Sicherung der saudischen Monarchie, die über einen Großteil der in der Welt bekannten Rohölvorkommen verfügt.“ Die finanziellen Aufwendungen für die alliierten Expeditionen, die als „Desert Storm“ und „Desert Shield“ bekannt wurden, waren enorm, selbst wenn man die Baukosten der Luftbasen und Militäranlagen in Saudi-Arabien, die in den siebziger und achtziger Jahren zu eben jenem Zweck angelegt worden waren, nicht berücksich-
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tigt und auch die im Pentagon und in Whitehall angefallenen Nebenkosten außer Betracht lässt. Allein „wenn wir nur die Zahlungen berücksichtigen, die die saudischen und kuweitischen Regierungen an die Alliierten geleistet haben, dann kommen wir auf eine Summe von einer Million Dollar für jeden toten irakischen Soldaten: zehntausend tote Millionäre“ (a.a.O.: 338). Zu diesem Preis, so ließe sich ergänzen, sollten sich Feinde eigentlich kaufen lassen. 2 Unterschätzt und verharmlost Dass die Ökonomen keine ihrer Quantitäten jemals auch nur für sie selbst befriedigend genau messen können, weder Preise noch den Zinssatz erklären können und sich nicht einmal darüber einig sind, was Geld eigentlich ist, das erinnert uns daran, dass wir es hier mit einem Glauben zu tun haben, nicht mit Wissenschaft. James Buchan
Kaum ein Sozialkonstrukt wird so unterschätzt und verharmlost wie das Geld und zugleich so überschätzt und verteufelt. In einer der elaboriertesten Sozialtheorien der Gegenwart, der Bielefelder Systemtheorie (Luhmann 1972, 1983, 1984, 1986, 1988), wird Geld als Medium des gesellschaftlichen Subsystems „Wirtschaft“ betrachtet. Der Blick ist auf die Tauschmittelfunktion des Geldes gerichtet. Die Sphäre der Produktion bleibt ausgeblendet. Abstrahiert wird davon, dass Geld nicht nur Tauschmittel, sondern auch Kapital sein kann, dass Zahlungen in diesem Fall nicht nur einfach, sondern vermehrt zurückfließen müssen. Luhmanns Modell eines „Doppelkreislaufs“ der reziproken Weitergabe von Zahlungsfähigkeit und Zahlungsunfähigkeit, seine Vorstellung einer wechselseitigen Verweisung von Geld- und Gütermengen (1988: 137) verkennt die Asymmetrie im Konstitutionsverhältnis von Geld und Gütern in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem. Es verharmlost die Funktion des Profits und mit ihr die spezifische Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft. Mit seiner These, das Geld entlaste die Gesellschaft, befriede sie, indem es „Dritte beruhige“, übersieht Luhmann, dass es sie ebenso stimuliert. Der weitaus größte Teil der heutigen Kriminalität dreht sich der einschlägigen Literatur zufolge um Geld (Amsel 1965; Castells 2003). Solange „Dritte“ (noch) stillhalten, merkt Deutschmann in seiner Luhmann-Kritik an, sei dies wohl eher auf Institutionen wie Justiz und Polizei, vielleicht auch auf Ethik und Moral, kaum aber auf Geld zurückzuführen (2001: 67-79, hier: 72). Ihm zufolge ist Geld gerade kein „Kommunikationsmedium“ neben anderen: „Wissenschaft und Politik brauchen keine Liebe, Wissenschaft und Familie keine Macht, Politik und Familie nicht unbedingt Wahrheit, alle einschließlich der Wirtschaft brauchen jedoch Geld“
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(a.a.O.: 78). Für Deutschmann ist Geld deshalb nicht nur Medium der Ausdifferenzierung eines besonderen Subsystems der Gesellschaft, der Wirtschaft, sondern die Basis der Differenzierung selbst. Die Eleganz, die innere Schlüssigkeit einer Theorie ist eine Sache. Ob sie aber (noch) ihre reale Entsprechung in der Welt dort draußen findet, eine ganz andere. Die Ökonomie zum Beispiel als ein funktional ausdifferenziertes Subsystem der Gesellschaft zu definieren macht Sinn, solange Grenzen zu anderen Subsystemen einigermaßen plausibel zu ziehen sind. Schwieriger wird es, wenn sie sich aufzulösen beginnen, wenn zum Beispiel die Ökonomie oder die Politik das Subsystem „Wissenschaft“ kolonisierend überformen, ohne dass dieses überhaupt noch eine Chance hätte, die ihm fremden Codes „Geld“ bzw. „Macht“ in den ihm eigenen Code „Wahrheit“ umzumünzen. Die Systemtheorie verfährt mit dem Geld in ähnlicher Weise wie mit dem Phänomen der Technik: Geld trage ebenso wenig wie die Technik dazu bei, Gesellschaft zu reproduzieren (Japp 1998: 228). Eine solche Sichtweise mag mit Ordnungserfordernissen der Theoriebildung zu tun haben. Innere Stimmigkeit ist sicher ein legitimes Konstruktionsziel. Und zweifellos fügt sie sich in den vorgegebenen systemtheoretischen Rahmen schlüssig ein. Fraglich ist allerdings, ob eine solche Theorie, so elegant und konsistent sie in sich ist, die Realität, die sie begrifflich zu fassen versucht, mit dieser Begrifflichkeit auch adäquat zu erklären vermag. Denn Geld ist, wie gesagt, mehr als nur ein harmloses Kommunikationsmedium. Es hierauf zu reduzieren, hieße, der Ideologiekritik bereitwillig Tür und Tor zu öffnen. Neben der Funktion, die es als Kommunikationsmedium unter anderem erfüllt, nämlich Zirkulations- und Zahlungsmittel zu sein, kann es zum Beispiel auch die Verkörperung eines Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisses bedeuten: die Geldform des Kapitals. Und in dieser Funktion reproduziert Geld sehr wohl die Gesellschaft, und zwar in einer sozialhistorisch ganz spezifischen Weise. Zweifellos, das, was die Systemtheorie, in welcher Ausprägung auch immer, schlüssig zu erklären vermag, ist die funktionale Ausdifferenzierung sozialer Subsysteme. Ihre weitgehende, disziplinübergreifende Akzeptanz erreichte sie vor allem durch diesen Topos, nicht zuletzt deshalb, weil er sich mit den Alltagserfahrungen, auch den laienhaft verarbeiteten von Nicht-Soziologen, weitgehend deckte. Die Marx’sche These, dass die kapitalistische Ökonomie sämtliche Bereiche der bürgerlichen Gesellschaft kolonisierend durchdringe, erschien seit den dreißiger, spätestens seit Ende der sechziger Jahre, als nicht mehr haltbar, und die Systemtheorie versprach mit ihrer funktional-strukturalistischen Deutung theoretische Abhilfe. Gesellschaftliche Subsysteme wie das der Politik, der Wissenschaft, der Bildung, um nur einige wichtige zu nennen, hatten sich in erkennbarer Form herausgebildet und in weitgehend autonomer Weise, eigenen Impe-
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rativen folgend, profiliert. Zumindest wurde es so wahrgenommen. Die Ökonomie als gesellschaftsprägende Kraft hatte offensichtlich, so wurde vermutet, an Einfluss verloren. Dieses Bild jedoch beginnt in jüngster Zeit brüchig zu werden. Von einer „Hybridisierung“ der Subsysteme, von einer „Verwischung der Grenzen“ („blurring of the boundaries“) ist zunehmend die Rede. Die Anzeichen verdichten sich, dass wir gegenwärtig in eine sozialhistorische Phase eintreten, in der die funktionale Differenzierung, die Grenze zwischen den einzelnen Teilsystemen, wenn schon nicht aufgehoben, so doch ein Stück weit zurückgenommen wird. Manuel Castells spricht deshalb in seinem auf drei Bände angelegten Monumentalwerk prospektiv vom „Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“ (2001). Nicht nur von einer (funktionalen) Entdifferenzierung gesellschaftlicher Subsysteme und einer Vermischung ihrer Funktionen ist zunehmend die Rede, sondern auch davon, dass traditionelle Imperative der Ökonomie, die in der systemtheoretischen Soziologie lange vernachlässigt wurden, nun wieder massiv in andere Systeme eindringen, sie kolonisierend überformen, ohne dass diese eine Chance hätten, die ihnen fremden Codes in systemeigene zu transformieren. Es schleicht sich der Verdacht ein, dass die funktionale Ausdifferenzierung sozialer Subsysteme, soweit sie auf der Ruhigstellung, wenn nicht gar Zähmung ökonomischen Dominanzstrebens beruhte, nur einen relativ kurzen Zeitabschnitt, nämlich jenen des Kalten Krieges, betrifft, und dass die Rückkehr zu „normalen“ Verhältnissen, für jedermann offensichtlich, eingeleitet wurde mit dem Fall der Berliner Mauer. Vor diesem realgeschichtlichen Hintergrund böte sich dann folgende Interpretation an: Die bloße Existenz einer sozialhistorischen Alternative, die des „real existierenden Sozialismus“, so unpopulär er auch sein mochte, zwang die westlichen Industriegesellschaften, dem an sich brutalen ökonomischen Imperialismus Zügel anzulegen, ihn ein wenig zu zähmen (Stichwort „soziale Marktwirtschaft“), ein Ansinnen, das die Eigenlogik der gesellschaftlichen Subsysteme, insbesondere das der Politik („put politics in command!“), zwangsläufig stärken musste. Der „Wettstreit der Systeme“ führte gleichfalls zu einer Aufwertung und stärkeren Verselbständigung sowohl des Bildungs- als auch des Wissenschaftssystems. Picht (1964) lieferte mit dem Diktum von der Bildungskrise das Stichwort, der „Sputnikschock“ den äußeren Anlass. Der (vorübergehende) Dominanzverlust der Ökonomie spiegelte sich ebenfalls im Wandel sozialwissenschaftlicher Theorien wider (von Marx zu Habermas und Luhmann), wobei der Systemtheorie, unter modellästhetischen Gesichtspunkten betrachtet, in ihrer gegenwärtigen Ausprägung Eleganz und Konsistenz nicht abgesprochen werden kann. Schließlich wurde von Parsons bis Luhmann viel Entwicklungsarbeit in sie investiert (Schimank 1996). Die Frage allerdings, die sich aufdrängt, ist, ob und inwieweit sie (seit dem Fall der Berliner Mauer und dem damit einhergehenden und immer offener zu Tage tretenden Imperialismus der Ökono-
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mie) die empirisch vorfindbare gesellschaftliche Realität (noch) angemessen abzubilden vermag. Ich würde nicht so weit gehen, Luhmanns kommunikationstheoretische Fassung des Geldbegriffs als antiquiert zu bezeichnen, wie Riese das tut (2000: 100), aber die Grenze einer intelligent formulierten Ideologie wird durch sie doch hart touchiert (Paul 2002: 164). Weder kann Geld als ein bloßes Hilfsmittel zur Abstimmung exogen motivierter Bedürfnisbefriedigung interpretiert werden noch als ein in seiner Funktion auf das Wirtschaftssystem beschränktes „generalisiertes Medium“. Beide Sichtweisen fallen weit hinter die bereits bei Marx und Simmel erreichten Einsichten zurück. Geld ist keineswegs nur Träger der „Autopoiesis“ des wirtschaftlichen Systems, sondern der evolutionäre Schrittmacher sozialer Systemdifferenzierung schlechthin (Deutschmann 1994: 93 f.). Die mit dem Geld verknüpften historisch-spezifischen Bedingungen von Macht und sozialer Ungleichheit bleiben in der Systemtheorie weitgehend ausgeblendet. Sie eskamotiert zentrale Aspekte der ihnen zu Grunde liegenden Ursachen, indem sie den Geldbegriff passgerecht in das Prokrustesbett ihres vorgefertigten Kategorienrahmens einfügt. 3 Überschätzt und verteufelt Raubt der Sache diese gesellschaftliche Macht und ihr müsst sie Personen über Personen geben. Karl Marx
„Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten“, so lautet der Werbespruch von Banken und Sparkassen, der uns auf überdimensionierten innerstädtischen Reklametafeln entgegenprangt. Das dazu gehörige Foto zeigt einen Mann in legerer Freizeitkleidung, lang hingestreckt auf einer Couch, ein Buch in der Hand, ein Glas „Single Malt“ neben sich. Geld, so wird uns bedeutet, kann sich von selbst auf wundersame Weise vermehren, ohne unser Zutun. Aber Geld wird nicht nur in seinen positiven, sondern auch in seinen negativen Wirkungen überschätzt und hypostasiert. Geld äußert sich nicht nur symbolisch, sondern auch, worauf Luhmann, eher verschämt als systematisch, hingewiesen hat, diabolisch (1988: 230 f.). In der jüngsten Diskussion um die Finanzmärkte etwa wurde Geld für alles und jedes, was schief laufen kann, verantwortlich gemacht. Es wurden geldinduzierte Krisenszenarien heraufbeschworen, die Ängste auslösten, Ängste, die noch verstärkt wurden dadurch, dass in einer Sprache geredet wurde, die dem Verständnis dessen, was da vor sich ging, nicht gerade förderlich war. Vieles von dem, was mit geradezu mystischer Inbrunst an Horrorszenarien diskutiert wurde, war zum Beispiel gar nicht so sehr
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dem „Geld als Geld“, sondern der Geldform des Kapitals geschuldet. „Das Geld als Kapital ist eine Bestimmung des Geldes, die über seine einfache Bestimmung als Geld hinausgeht. Es kann als höhere Realisation betrachtet werden; wie gesagt werden kann, dass der Affe im Menschen entwickelt ... Jedenfalls ist Geld als Kapital von Geld als Geld unterschieden“ (Marx 1953: 162). Es wäre also zunächst einmal deutlich zu machen, von welcher Form und von welcher Funktion des Geldes die Rede ist, bevor kausale Zuordnungen zu Krisensymptomen getroffen werden: von der allgemeinen Äquivalentform der Waren, vom Geld als Zirkulations- oder Zahlungsmittel, von der Geldform des Kapitals usw. Denn je nach Form und Funktion, in der Geld in Erscheinung tritt, variieren die Ursachen der Krisensymptome und wären dementsprechend differenziert zu analysieren (Heintel 2002: 59). Zu Recht weist Kellermann auf die Gefahr von Mystifizierungen hin, wenn von „dem Geld“, das heißt: im Singular, gesprochen wird (2003: 386 f.). „Die Babylonier haben das Geld erfunden“, teilt uns Nestroy mit, „aber warum so wenig?“, fügt er resignierend hinzu. Dass vom Geld im Singular und zudem in unhistorischer Weise gesprochen wird, hat Tradition. Selbst in Lehrbüchern wird oft von einem abstrakten Begriff ausgegangen, der dann in alle möglichen Ethnien und Zeitalter hineinprojiziert wird, statt die unterschiedliche Substanz, die er bezeichnen könnte, aus ihnen heraus zu entwickeln. So finden denn die Autoren in den entferntesten Ethnien und Zeitaltern zu ihrem Erstaunen genau das wieder, was sie zuvor in den Begriff hineingelegt haben. Eine wohlfeile, eine schlechte Abstraktion würde der an Hegelschem Denken geschulte Marx eine solche Vorgehensweise nennen. Es nimmt deshalb nicht wunder, dass Stadermann (1996: 29-57) seinen Aufsatz über die „Entstehung des Geldes“ mit folgender Rechtfertigung einleitet: „Ökonomen sind Menschen, die von einer fehlerhaften Idee des Tausches so infiziert werden, wie vom Ziegenpeter: Sie stecken sich im frühesten Stadium ihrer Studien an. Gewöhnlich geschieht es auf den ersten Seiten des erstbesten Lehrbuches. Anders aber als vom Ziegenpeter erholen sie sich gewöhnlich nicht wieder. Der falsch eingeschätzte Tausch bleibt ihnen eine zentrale Kategorie der Wirtschaftswissenschaft. Daraus folgt, dass auch heute noch Anlass für einen Beitrag »Von der Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft« besteht“ (a.a.O.: 29). Auf den daran anschließenden Seiten müht Stadermann sich redlich, nachzuweisen, dass Tausch und Geld in unterschiedlichen Ethnien zu unterschiedlichen Zeiten etwas ganz Unterschiedliches bedeutet haben. Seine „Art der Geldbestimmung“, darauf weisen Biervert und Held in ihrem Überblicksartikel „Money matters“ (1996: 7-28) hin, „ist nicht etwa ein »Ausweichen« vor einer klaren Definition, sondern trifft den Punkt, dass Geld über die Zeiten hinweg starken Wandlungen unterliegt“ (a.a.O.: 13). Deshalb muss man von der konkreten Gesellschaft ausgehen, in der Geld seine Funktio-
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nen erfüllt, um Geld erklären zu können, und nicht von einem Abstraktum „Geld“, um es dann überall wieder zu finden. 4 Marx und Simmel Die Darstellung der Welt, wie die Welt selbst, ist ein Werk der Menschen; sie beschreiben sie aus ihrem Blickwinkel, den sie mit der absoluten Wahrheit verwechseln. Simone de Beauvoir
Zwischenzeitlich sind die Sozialwissenschaften in ihre dekonstruktive Phase eingetreten. Postmoderne Sorglosigkeit im Umgang mit Begriffen ersetzt gegenwärtig die bislang vorherrschenden, weitgehend eurozentrisch geprägten Begriffkonstruktionen. Dass Zeichen arbiträr sind (de Saussure), wird oftmals dahingehend missverstanden, sie seien in jeder Hinsicht folgenlos und beliebig. Seit Duhem und Quine aber wissen wir, dass einzelne Begriffe, Hypothesen und Aussagen ihren ganz präzisen Sinn, ihren Stellenwert und ihren Wahrheitsgehalt im Rahmen der Theoriengebäude erhalten, in die sie eingebettet sind. Theorien nun haben in der Regel zwei Wurzeln. Sie stellen Reaktionen dar entweder auf vorgängige Theorien oder auf reale Veränderungen im gesellschaftlichen Umfeld. Ersteres ist zwar nicht immer, aber häufig genug innerakademischen Profilierungszwängen, die sich sowohl in Kleinpikanterien als auch in Großscharmützeln äußern, geschuldet (vgl. etwa die Kontroverse um die Systemtheorie Luhmannscher Prägung in Heft 2 der Zeitschrift „Ethik und Sozialwissenschaften“, 2000: 195-287, und Willkes entnervtes Schlussresümee), Letzteres dem brökkelnden Untergrund, auf dem sie basieren, also wenn Realität und Realitätserfassung allzu sehr auseinander klaffen (Riese 2000: 99). Und selbst dann, wenn sie sich auf reale Veränderungen beziehen, nehmen sie diese üblicherweise gefiltert wahr, vermittelt durch Begriffe und Kategorien vorhandener Deutungsmuster. Das bedeutet, auf unser Thema bezogen, es kann sinnvollerweise nicht darum gehen, Geld abstrakt, gleichsam naiv, zu diskutieren, sondern das Verhältnis von Zeichen (Signifikant) und Bezeichnetem (Signifikat) ernst zu nehmen, es aus seiner sozialhistorischen Bestimmung heraus und in seiner theoriegeschichtlichen Vermitteltheit zu begreifen. Im Folgenden werde ich mich in meiner Argumentation deshalb bewusst auf zwei Autoren stützen, die, zumindest aus sozialwissenschaftlicher Perspektive, bislang unübertroffene Schlüsseltexte zum Thema „Geld und Gesellschaft“ formuliert haben: Marx und Simmel. Zwar haben beide, sowohl Simmel als auch Marx, zum Geld, diesem „letzten Rätsel der Nationalökonomie“ (Riese 1995: 45), Grundlegendes gesagt, in den einschlägigen fachökonomischen Texten finden sie jedoch kaum noch Beach-
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tung. Die in hohen Auflagen verbreiteten Lehrbücher zur Geldtheorie und -politik nennen nicht einmal mehr ihre Namen (vgl. etwa Issing 2003, Borchert 1999). Sofern sie überhaupt noch Erwähnung finden, geschieht das allenfalls in dogmenhistorischen Werken. Bei Stavenhagen etwa (1964) wird Simmel einmal, Marx immerhin mehrfach und ausführlicher konnotiert. Dass beide Autoren für die moderne Geldtheorie gänzlich uninteressant sind, hat natürlich Gründe. In beiden Fällen handelt es sich um Verfasser von Gesellschaftstheorien, denen ein völlig anderes Erkenntnisinteresse zu Grunde liegt als den ökonomischen Fachtheorien, wie wir sie heute kennen. Die Charakterisierung des Geldes als „Verkörperung gesellschaftlicher Verhältnisse“, die dialektische Verflüssigung von Begriffen wie Tauschwert, Geld oder Kapital, übersteigt bei weitem den Erkenntnishorizont einer reinen Geldtheorie. Ihr muss das Ansinnen von Simmel und Marx schlichtweg als überflüssig, wenn nicht gar als unverständlich erscheinen: „philosophischer Hokuspokus“ (Dietz 2000: 194). Gleichwohl ist es in jüngster Zeit, nicht zuletzt begünstigt durch das Erscheinen der Gesamtausgabe, zu einer Renaissance der Simmel-Rezeption gekommen (Pohlmann 1987; von Flotow 1995; Kintzelé/Schneider 1993; Backhaus, Stadermann 2000). Als zeitlich erster Band erschien die „Philosophie des Geldes“, der alsbald im Zentrum des Interesses interdisziplinär geführter Diskurse stand. Im Verlauf dieser Diskussionen stießen auch Marx’ Texte auf erneute Aufmerksamkeit. Neben die Frage, was uns Simmel heute noch zu sagen habe, gesellte sich als weitere, in welchem Verhältnis Simmel, hinsichtlich seines Geldverständnisses, zu Marx stand: Fällt er hinter ihn zurück oder geht er über ihn hinaus? (Busch 2000). Während es den fachökonomischen Autoren um handhabbare Theorien mittlerer Reichweite geht, möglichst in operationaler Form und in Formalkalküle übersetzt (Klausinger 2000: 522), erheben Marx und Simmel den Anspruch, die bürgerliche Gesellschaft als Ganzes zu erklären, als gesellschaftliche Totalität. Marx’ erklärte Absicht ist es, das „Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen“ (1971: 15 f.). Dass dem Geld dabei eine zentrale Rolle zukommt, wurde ihm alsbald deutlich. So wie Marx in der Ökonomie schließlich die Basis der bürgerlichen Gesellschaft verortet und im Geld eine ihrer zentralen Kategorien, so begreift Simmel das Geld als reinste Verkörperung der Moderne, als ihr Symbol, in höchster Vollendung, und macht es deshalb gleichfalls zum zentralen Gegenstand seiner Gesellschaftsanalyse. „Geld“ beschreibt bei ihm keinen einzelnen Aspekt der Gesellschaft, sondern ihres Wesens Kern. Es ist ihr allgemeines Interessenzentrum schlechthin. Geldtheorie wird damit zur Gesellschaftsund Kulturtheorie (Ötsch 2000: 273). Insbesondere für Marx gilt, dass Geld mehr ist als nur ein Wertmesser und ein Tauschmittel. Seine Bedeutung geht weit über seine wirtschaftliche Funktion hinaus. Die moderne Gesellschaft ist
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eine monetäre Gesellschaft, und zwar nicht allein auf Grund der Tatsache, dass die Transaktionen in ihr auf Geld basieren oder durch Geld beeinflusst werden, sondern weil der moderne Geist im Geld adäquat zum Ausdruck kommt (Aglietta 1993: 188). Über das, was die Substanz, das Wesen des Geldes sei, herrscht in der einschlägigen zeitgenössischen Literatur wenig Einigkeit. Weitgehende Übereinstimmung besteht hingegen darin, welche Funktionen Geld zu erfüllen habe: Es ist Recheneinheit (numéraire) bzw. Wertmaß, Tauschmittel, Zahlungsmittel und Wertaufbewahrungs- bzw. -transportmittel (Issing 2003: 1 ff.; Borchert 1999: 25 ff.). Dem könnten, mutatis mutandis, auch Marx und Simmel weitgehend zustimmen, wenngleich sie, wie wir später sehen werden, in ihren Analysen völlig andere, für sie ungleich wichtigere Schwerpunkte setzen. Beide vollziehen eine scharfe Trennung dieser Funktionen des Geldes von seiner Substanz, dem gesellschaftlichen Wert, sowie der einzelnen Funktionen untereinander. Marx insbesondere wendet sich gegen Interpretationen, in denen einzelne Funktionen des Geldes zu dessen Begriffsinhalt erhoben und damit die Funktionen zur Substanz des Begriffs gemacht werden: „Der Austauschprozess gibt der Ware, die er in Geld verwandelt, nicht ihren Wert, sondern ihre spezifische Wertform. Die Verwechslung beider Bestimmungen verleitete dazu, den Wert von Gold und Silber für imaginär zu halten. Weil Geld in bestimmten Funktionen durch bloße Zeichen seiner selbst ersetzt werden kann, entsprang der andere Irrtum, es sei ein bloßes Zeichen“ (Marx 1971: 105; ferner 1953: 55 f., 59). Aber ich greife der weiteren Argumentation vor. Simmel erblickt in der Bedeutungsverschiebung des Geldes von seinem Substanz- zum Funktionswert eine unumkehrbare historische Tendenz der Geldwirtschaft. Die sinkende Bedeutung des Substanzwertes und die steigende Bedeutung des Funktionswertes, die er nicht müde wird hervorzuheben, interpretiert er allerdings nicht als dessen Auflösung oder Bedeutungsverlust, sondern, ganz im Gegenteil und in Übereinstimmung mit Marx, als dessen Vervollkommnung. In ihr gelange der „soziologische Charakter“ des Geldes zu immer „vollkommnerem Ausdruck“ (Simmel 1989: 212). „Erst in dem Maß, in dem die Substanz zurücktritt, wird das Geld wirklich Geld ...“ (a.a.O.: 246). Auf eine Absicherung des Geldes durch Material jedweder Art, sei es Gold, Silber oder Kupfer, kann verzichtet werden, wenn an seine Stelle eine glaubwürdige systemische Absicherung tritt. Obgleich Simmel Geld seinem Wesen nach letztendlich als reine Funktion interpretiert, glaubte er nicht daran, dass das Geldwesen auf die Dekkung durch eine wie immer geartete Substanz je völlig zu verzichten in der Lage sein würde (vgl. Dietz 2000: 191). Ähnlich sah es Marx: Obwohl das Kreditgeld das metallische Geld mehr und mehr aus der Zirkulation verdrängen werde, bleibe das Geld in der Form der edlen Metalle die Unterlage, wovon das Kre-
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ditwesen der Natur der Sache nach nie loskommen könne (1971: 620). Dass in dieser Frage letztlich beide irrten, sowohl Simmel als auch Marx, sei, so ergänzt Busch, „der historischen Begrenztheit ihrer Erkenntnisfähigkeit zuzuschreiben, den in den Gegebenheiten des 19. Jahrhunderts verankerten theoretischen Systemen, und insofern kein alles in Frage stellender substanzieller Fehler“ (2000: 132). Wohlwollender formuliert Heinrich (1991: 193): „Indem Marx seine Geldtheorie an die Existenz einer Geldware knüpft, verquickt er die abstrakteste Bestimmung des Geldes mit einem bestimmten historischen Geldsystem“ (vgl. ferner Busch 2000: 126). Damit wird er seinem methodischen Anspruch gerecht, das begriffene Konkrete in seiner historisch begrenzten Ausprägung zum Gegenstand der Betrachtung zu machen. 4.1 Simmels „Philosophie des Geldes“ Keine Zeile dieser Untersuchungen ist nationalökonomisch gemeint. Georg Simmel
Simmels „Philosophie des Geldes“ zerfällt in zwei inhaltlich ungleiche Teile. Das ist immer wieder hervorgehoben worden (Thomasberg, Voy 2000: 220 ff., 229 ff.; Riese 2000: 96; von Flotow 1995: 93 ff.; Nadelmann 1993: 401 ff.; Köhnke 1993: 148 f.; Müller 2002: 159 f.). Die Existenz zweier Teile, die miteinander kaum kompatibel sind, hat ihre Ursache in der „Doppelrolle des Geldes“ (Simmel 1989: 126), Tauschmittel und, weit darüber hinausgehend, Movens der gesellschaftlichen Dynamik zu sein. Im analytischen Teil will Simmel „das Geld aus denjenigen Bedingungen entwickeln, die sein Wesen und den Sinn seines Daseins tragen.“ Geld ist hier gleichsam die abhängige Variable der ihm zu Grunde liegenden „sozialen Beziehungen“, der „logischen Struktur der Wirklichkeiten und Werte“ (a.a.O.: 10). Es ist diese Thematik, die Marx vor allem im Auge hat. Im synthetischen Teil hingegen untersucht Simmel die Folgewirkungen des Geldes „auf die innere Welt: auf das Lebensgefühl der Individuen, auf die Verkettung ihrer Schicksale, auf die allgemeine Kultur“ (ebd.). Geld gilt ihm hier gleichsam als unabhängige Variable. Es drückt den Menschen, bis in die tiefsten Seelenwindungen hinein (Dahme 1993: 62), seinen Charakter auf. Es entstehen soziale Typen wie der Arme, der Zyniker, der Blasierte, der Geizige, der Verschwender, der Asket, Typen, die in dieser spezifischen Ausprägung woanders kaum oder überhaupt nicht vorkommen. Solche „Charakterzüge des modernen Menschen“ ergeben sich für Simmel zwangsläufig aus der zur Normalität gewordenen „Notwendigkeit fortwährender mathematischer Operationen im täglichen Verkehr“ (1992: 192). Damit betritt er den Boden sozialpsychologischer Argumentation. „Das Leben vieler Menschen wird von solchem Bestim-
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men, Abwägen, Rechnen, Reduzieren qualitativer Werte auf quantitative ausgefüllt.“ Es wird ihnen zur zweiten Natur. „Diese trägt sicher bei zu dem verstandesmäßigen, rechnenden Wesen der Neuzeit gegenüber dem sehr impulsiven, auf das Ganze gehenden, gefühlsmäßigen Charakter früherer Epochen“ (ebd.; vgl. Grözinger 1993). Dieser Prozess wird von Simmel, ähnlich wie bei Piaget und Elias, sowohl individuell (psychogenetisch) als auch kulturell (soziogenetisch) gedeutet. Er wird von ihm als „fortschreitende Differenzierung unseres Vorstellens“, als fortschreitende „Intellektualisierung“, als abnehmende „Gefühlsfunktion gegenüber der Intellektfunktion“ und als fortschreitende „Objektivität des Lebensstils“ bzw. der „Lebensverfassung“ beschrieben (1989: 591616). Geld bedeutet Intellektualisierung gesellschaftlicher Verkehrsformen. Das wird von Simmel ganz wunderbar herausgearbeitet. Und vieles von dem, was heute sozial- und tiefenpsychologischer Allgemeinplatz ist (vgl. etwa Borneman 1973; Kurnitzky 1974; ferner Ottomeyer in diesem Band), wird von ihm ansatzweise vorweggenommen. Wenn zum Beispiel Kurnitzky „die Bedeutung des Geldes im psychischen Haushalt der Individuen und der Gesellschaft“ zu seinem Thema macht, beabsichtigt er in vergleichbarer Weise wie Simmel, der Marx’schen Theorie des Geldes „ein Stockwerk unterzubauen“ (Simmel): Auch er „stellt nicht die Wirksamkeit der Logik des Marx’schen »Kapital« oder des Wertgesetzes in Frage, im Gegenteil. Andererseits ist jedoch die Tatsache nicht zu übersehen, dass die Totalität der gesellschaftlichen Realität, insbesondere das gesellschaftliche Naturverhältnis, in dieser Logik nicht vollends aufgeht. Darum ist dies zugleich ein Versuch einer nicht-transzendentalischen Materialisierung des Materialismusbegriffs“ (1974: 1). Zu recht wurde deshalb verschiedentlich die Frage aufgeworfen, weshalb aus dem ursprünglich als „Psychologie des Geldes“ konzipierten Buch Simmels schließlich eine „Philosophie“ wurde und, wenn überhaupt eine Umbenennung notwendig war, warum nicht eine „Soziologie“ (vgl. Rammstedt 1993: 19 ff.; Dahme 1993: 49 ff.). Die in der „Philosophie des Geldes“ enthaltene Kulturgeschichte lässt sich, wenn man Flotow (1995: 138 ff.) folgt, zu fünf zentralen Trendaussagen verdichten: (1) Individualisierung: die zunehmende Fähigkeit der Menschen, sich aus personalen Machtverhältnissen herauszulösen, (2) Vergesellschaftung: die zunehmenden Wechselwirkungen der Individuen untereinander, (3) Erweiterung: die zunehmende Ausdehnung des sozialen Raumes, zum Beispiel in geografischer Hinsicht, (4) Versachlichung: eine zunehmende Funktionalisierung sozialer Beziehungen, (5) Zentralisierung: die zunehmende Entwicklung immer mächtigerer Zentralinstanzen, etwa der moderne Staat. Ötsch (2000: 275) weist auf fünf damit einhergehende ökonomische Implikationen dieser Aspekte hin: (1) die Entstehung des Privateigentums und die wachsende Zurechnung von Ereignissen und „Dingen“ zu Individuen, (2) die zunehmende Arbeitsteilung und die
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Entwicklung immer komplexerer ökonomischer Systeme, (3) die zunehmende Erweiterung des Geltungsbereiches des Geldes, (4) eine zunehmende Organisation sozialer Beziehungen im Hinblick auf monetäre Aspekte, (5) die Entstehung immer mächtigerer Zentralinstanzen, die Geld prägen und regulieren. Kurz zusammengefasst: Der analytische Teil „soll das Wesen des Geldes aus den Bedingungen und Verhältnissen des allgemeinen Lebens verstehen lassen, der andere umgekehrt Wesen und Gestaltung des Letzteren aus der Wirksamkeit des Geldes“ (Simmel 1989: 11). 4.1.1 Zur jüngeren Rezeptionsgeschichte Die systematische Verdrängung des Geldes konstituiert die Wirtschaftswissenschaft als Wissenschaft. Aldo J. Haesler
Ich bin etwas ausführlicher beim synthetischen Teil verweilt, weil Simmel hier, und nur hier, über Marx hinausgeht. Das lässt sich auch aus der einschlägigen Literatur heraus belegen. Für Liebrucks ist Simmel deshalb hinsichtlich der Brisanz seiner Erkenntnisse über das Wesen des Geldes, insgesamt gesehen, „harmloser“ als Marx (1970: 159). Zwar sieht Simmel, dass Geld Kapitalcharakter haben kann und insofern mehr ist als ein Zeichen relativer Tauschwerte. Seine Äußerungen zum Zusammenhang von Geld und Kapital bleiben jedoch auf verschiedene Kapitel verstreut, ohne dass eine systematische Klärung erfolgt. Begriffe wie Zins, Profit oder Rente werden von ihm synonym verwendet, aber nicht systematisch eingeführt bzw. abgeleitet (vgl. von Flotow 1995: 101106). Ähnliches ist bei Busch nachzulesen. Ihm zufolge gelingt es Simmel vorzüglich, „phänomenalistisch Wandlungsprozesse in der Gesellschaft seismografisch zu registrieren, nicht aber sie zu erklären, das heißt, sie aus ökonomischen und sozialen Zusammenhängen und Veränderungen herzuleiten“ (2000: 118 f.). „In Simmels Werk“, so ein weiterer Autor, Cavalli (1993: 160), „fehlt ein einheitlicher theoretischer Rahmen, der die verschiedenen Fragmente seiner Analyse des Wertproblems verbindet.“ Was Simmel unterschätzt hat, was er theoretisch vernachlässigt hat, ist, dass in der bürgerlichen Gesellschaft das Geld nicht mehr so sehr den Tauschvorgängen dient, sondern dass diese vornehmlich dem Geld dienen. „Das Geld, das diese Tauschbarkeit symbolisiert, gelangt so zu neuer Konkretion: jener, um seiner selbst willen begehrt zu werden, nicht mehr nur den Wert (der Objekte des Tausches) zu inkorporieren, sondern Wert an sich zu haben. Und dieser besteht in der neuen Möglichkeit des Geldes, Quelle des Profits und des Zinses zu sein: der Funktion der Kapitalisierung. Je mehr das Geld sich »entsubstanzialisiert«, abstrakt wird, um so konkreter wird es im Sinne
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seiner Kapitalisierung. Dies hat meines Erachtens Simmel nicht gesehen. Vernachlässigt man seine seltsamen Bemerkungen in den dem »Superadditivum« des Geldwertes gewidmeten Passagen, so hat er nicht aufgehört, Geld ausschließlich als »Vehikel« zu denken, Geld im Dienst der Tauschvorgänge und er hat nicht gesehen, dass dieses Geld, das er grundsätzlich als Metapher benutzte, um die Bestimmung des »Lebens« in seiner Auseinandersetzung mit der westlichen kulturellen Dynamik zu leisten, selbst ein »Leben« besaß“ (Haesler 1993: 236 f.). Noch dramatischer formuliert es Deutschmann: Der Versuch Simmels, „das Geld als ein kulturelles Phänomen zu deuten, scheitert offenbar deshalb, weil er zu kurzschlüssig angelegt ist, weil er die Wirtschaft nur unter dem Gesichtspunkt der Zirkulation und Konsumtion betrachtet und deren Vermittlung wie auch die der Kultur durch die gesellschaftliche Produktion und deren transzendentalen Status übersieht“ (1994: 86). Hingegen fällt für Deutschmann die Bilanz des „synthetischen“ Teils von Simmels Untersuchung im Vergleich zu Marx sehr viel positiver aus als die des „analytischen“, weil es Simmel in ihm gelinge, soziale und kulturelle Implikationen des Geld- und Kapitalverhältnisses herauszuarbeiten, die in dieser Präzision bei Marx nicht zu finden seien (a.a.O.: 93). Simmel quält sich lange mit der klassischen Streitfrage, ob das Geld, um seine Funktion der Verkörperung der universellen Relativität aller Werte zu erfüllen, selbst wertvoll sein müsse oder auf ein bloßes Zeichen reduziert werden könne. Er neigt zur Symboltheorie des Geldes und konstatiert eine historische Tendenz zur Funktionalisierung, die aber, wie gesagt, nicht zur völligen Aufhebung seines Substanzwertes führe. Deutschmann ergänzt deshalb: „Für jemanden, der mit der Marx’schen Geldtheorie vertraut ist, werden diese Ausführungen wohl kaum Umwälzendes bieten. Er wird kaum einen Aspekt des Problems entdecken, der nicht bei Marx überzeugender analysiert worden wäre“ (a.a.O.: 82 f.). Zwar erkenne Simmel den sozialen Formcharakter des Tauschwertes, doch gelinge es ihm nicht, diesen von der nutzentheoretischen Begründung zu lösen. Der Prozess der Vergesellschaftung, die sich im Tauschwert und schließlich im Geld manifestiert, werde ausschließlich als eine Beziehung warenbesitzender Konsumenten gedeutet. Woher die in den Austausch eingebrachten Güter kommen, bleibe unberücksichtigt und werde nicht analysiert. Im Resultat führe das zu einer völligen Konfusion der Kategorien „Gebrauchswert“ und „Tauschwert“. Simmel gelingt es nicht, den Widerspruch zwischen der funktionalen und der substantialistischen Deutung des Geldes als Wertausdruck und als Wertmaß aufzulösen. Marx vermeidet diese Schwierigkeiten dadurch, dass er die Vergesellschaftung, die sich im Tauschwert reflektiert, vorrangig nicht als eine Vergesellschaftung von Konsumenten, sondern von Produzenten dechiffriert. Was die
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Subjekte folglich im Austausch gleichsetzen, sind nicht, wie bei Simmel, die Güter mit einem je individuell versehenen Nutzen, sondern die vergesellschaftete Arbeit, die sie hervorgebracht hat. Nun ließe sich zugunsten Simmels grundsätzlich einwenden, dass es ihm lediglich darum ging, die Marx’sche Analyse zu ergänzen, ihr, in eigenen Worten, „ein Stockwerk unterzubauen, derart, dass der Einbeziehung des wirtschaftlichen Lebens in die Ursachen der geistigen Kultur ihr Erklärungswert gewahrt wird, aber eben jene wirtschaftlichen Formen selbst als das Ergebnis tieferer Wertungen und Strömungen, psychologischer, ja, metaphysischer Voraussetzungen erkannt werden“ (1989: 13). Oder an anderer Stelle, in der berühmten „Selbstanzeige“ seiner „Philosophie des Geldes“: „Die Behauptung des historischen Materialismus, der alle Formen und Inhalte der Kultur aus den jeweiligen Verhältnissen der Wirtschaft aufwachsen lässt, ergänze ich durch den Nachweis, dass die ökonomischen Wertungen und Bewegungen ihrerseits der Ausdruck tiefer liegender Strömungen des individuellen und des gesellschaftlichen Geistes sind“ (1989: 719). Deutschmann kommt deshalb, und durchaus in weitgehender Übereinstimmung mit der einschlägigen Literatur, zu dem Schluss, „die Marx’sche Theorie und den synthetischen Teil der Analyse Simmels als komplementäre Beiträge zu behandeln, die sich in ihren jeweiligen Stärken und Schwächen gegenseitig auf geradezu ideale Weise kompensieren: Was die Marx’sche Theorie über Simmel hinaus zur Klärung der geld- und werttheoretischen Grundlagen leistet, leistet umgekehrt Simmel über Marx hinaus zur Klärung der kulturellen Bedeutung des Geldes“ (1994: 93). 4.1.2 Simmels „soziologischer Impressionismus“ Aber ich mag nichts hören von der Ehre – wir wissen hier nur etwas vom Kredit. Die Ehre ist ein Totschläger und Blutvergießer, geht auf den Straßen umher und fängt Zank an, der Kredit aber ist ein anständiger, ehrlicher Mann, der zu Hause sitzt und fleißig rechnet. Sir Walter Scott
Das Komplementaritätsverhältnis lässt sich noch auf eine andere Art und Weise argumentieren: Simmel hat in seiner mehr als 700 Seiten umfassenden „Philosophie des Geldes“ außer dem „Kapital“ von Marx keine weiteren Quellen angeführt. Diese alleinige direkte Bezugnahme deutet Busch (2000: 118) als Referenz, „wenn nicht gar als bewusstes Bekenntnis zu einer bestimmten Denktradition.“ Folgerichtig erscheint ihm Simmel weniger als Kritiker und Antipode von Marx, für den man ihn lange Zeit gehalten hat, sondern als dessen „Fortsetzer“ und „Ergänzer“. Und Marx ist für ihn dementsprechend ein Vorläufer Simmels. Allerdings schränkt er ein: „Dies gilt jedoch, wohlgemerkt, nur für bestimmte
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geldtheoretische Aussagen, nicht aber für das jeweilige Gesamtwerk und den damit verbundenen Platz in den Disziplinen“ (a.a.O.: 116). Für Busch kann es deshalb auch kein Zufall sein, „dass die Hauptthesen Simmels zum Geldbegriff und zur Rolle des Geldes in der bürgerlichen Gesellschaft sowie eine Vielzahl einzelner Aussagen zur Phänomenologie des Geldes halbe oder ganze Zitate von Marx sind. Offensichtlich hat Simmel hier, als Ausdruck großer geistiger Übereinstimmung und Befruchtung, Gedanken von Marx wie Aphorismen aufgegriffen, sie sprachlich umformuliert, ergänzt und ausgebaut, in einen soziologischen Kontext gestellt und mit eigenen Ideen verknüpft“ (a.a.O.: 118). Auch Müller konstatiert, dass die Nähe in den Formulierungen von Marx und Simmel oft frappant sei, und zwar nicht nur hinsichtlich der Texte von Marx, die Simmel gekannt haben dürfte, sondern auch hinsichtlich der Texte, deren Kenntnis ihm verschlossen war, in erster Linie die Pariser Manuskripte von 1844 sowie die Londoner Manuskripte von 1850 bis 1859 (2002: 163 f.), ein Sachverhalt, der Marx ebenfalls zum Vorläufer Simmels werden lässt. Die Suche nach den Quellen seines nationalökonomischen Denkens werde dadurch behindert, dass Simmel es versäumt habe, auch nur eine Fußnote anzuführen, beklagt sich Cavalli (1993: 158 f.). Er zitiere nur das „Kapital“. Überhaupt sei für Simmel charakteristisch, dass er von der akademischen Norm abweicht, was seine Rezeption und zeitgeschichtliche Einordnung sehr erschwere. „Diese Vorgehensweise ist Simmel als Essayismus, als Ästhetizismus oder gar als Impressionismus vorgehalten worden. Und dies verband sich mit dem Vorwurf, Simmel verfüge über kein theoretisches System“ (Rammstedt 1993: 37). Tatsächlich ist der Essay Simmels bevorzugte Textsorte, eine Form reflektierend-zergliedernden Denkens, die vor Metaphern, Analogien und Bildern nicht zurückschreckt. Viel kann darin behauptet, nichts muss bewiesen werden. Eine solche Darstellungsweise ist atypisch und nicht gerade karriereförderlich innerhalb des akademischen Wissenschaftsbetriebs. Anlässlich seines Bewerbungsverfahrens für eine philosophische Professur in Heidelberg sprach sich denn auch einer der Gutachter vehement dagegen aus, Simmel zu berufen. Bereits dessen Dissertation war 1881 wegen Mängel der Darstellungsform abgelehnt worden, unter anderem mit der Begründung, dass Simmels „ganze Ausführung einen aphoristischeren Charakter“ trage, „als dies einer streng wissenschaftlichen Untersuchung erlaubt ist.“ Vergleichbare Schwierigkeiten hatte Simmel mit der Habilitation (vgl. Bammé 1994: 155-160). 4.2 Marx’ Theorie vom Gelde Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an.
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Schwierigkeiten ergaben sich auch bei der Rezeption der Marx’schen Geldtheorie. Die nun waren allerdings ganz anders gelagert. „Okkasionalismus“, „soziologischer Impressionismus“ – so lauteten die Vorwürfe nicht. Eher im Gegenteil. Die geradezu zwanghaften Widerlegungsversuche sind Legende. Missverständnisse und Fehldeutungen, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, haben die Rezeption des Werkes begleitet wie bei keinem zweiten in der Geschichte der Sozialwissenschaften. Das mag zum einen daran liegen, dass die Marx’schen, auf die Totalität gesellschaftlicher Prozesse gerichteten Fragestellungen einer in Fachdisziplinen aufgespaltenen, voneinander isoliert betriebenen Wissenschaft fremd geworden sind: „Wir sind bescheidener geworden, anspruchsloser in unseren Fragestellungen ... Wir fragen nicht mehr nach dem »ökonomischen Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft« ...“ Nicht von ungefähr sehen deshalb „viele Marx-Kritiker bei ihren oberflächlichen Interpretationsversuchen über einige sehr wesentliche Dinge elegant oder aus Unkenntnis hinweg: vor allem darüber, dass das theoretische System von Marx ... ganz bewusst als einheitliches, in sich geschlossenes Gesamtsystem konzipiert“ worden ist, als „artistisches Ganzes“ (Dobias 1973: 228, 253 f.). Zum anderen gibt es Fehldeutungen, die sich in ihrer Zwanghaftigkeit nur psychologisch erklären lassen. Ein Beispiel mag verdeutlichen, was gemeint ist. In seiner „Geschichte der Wirtschaftstheorie“ referiert Stavenhagen die Kontroverse zwischen Knies und Marx unwidersprochen mit folgendem Satz: „Der Wert selbst gründet sich, so behauptete Knies in einer Auseinandersetzung mit Marx, niemals auf menschliche Arbeit an sich, sondern auf diese nur, soweit sie Gebrauchswerte schafft“ (1964: 404). Nun ist richtig, dass Marx, um die Kapitalfunktion des Geldes erklären zu können, zuvor die Zweck-Mittel-Verkehrung kapitalistischer Produktion dargestellt hat, also das Dominantwerden des Tauschwertes über den Gebrauchswert aus der Sicht des Kapitals: Egal was produziert wird, Kanonen oder Butter, den Durchschnittsprofit muss es allemal realisieren. Dazu ist allerdings immer vorausgesetzt, dass die produzierte Ware Gebrauchswert für andere hat. Originalton Marx: „Endlich kann kein Ding Wert sein, ohne Gebrauchsgegenstand zu sein. Ist es nutzlos, so ist auch die in ihm enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als Arbeit und bildet daher keinen Wert“ (1971: 55). Dieser Zusammenhang war für Marx so selbstverständlich, dass er ihn, einmal entwickelt, später nicht mehr interessiert hat. Daraus nun eine Gegenposition aufzubauen, darüber kann man nur ins Staunen geraten.
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4.2.1 Schwierigkeiten der Werkrezeption Tatsächlich steht die Geldtheorie auch in ihren neuesten, mathematisch zugemessenen Kleidern nackt da, sobald man fragt, wovon sie eigentlich redet, wenn sie vom „Wert“ im Sinn des „Wertmaßes“ oder „Wertaufbewahrungsmittels“ spricht, welchen Wert sie vom Geld „messen“, „aufbewahren“ und „übertragen“ lässt. Hans-Georg Backhaus
Wenn man sich der Marx’schen Begrifflichkeit nähert, dann gilt es, zwei Dinge im Auge zu behalten. Zum einen sind die von Marx verwendeten Kategorien und Begriffe Elemente eines theoretischen Gesamtsystems, eines „artistischen Ganzen“ (Brief an Engels vom 31.7.1865). Von diesem her gedacht, erhalten sie ihren Sinn und Stellenwert. Das gilt auch für die Kategorie des Geldes. So wird im ersten Band des „Kapitals“ (1971: 109) Geld „der Vereinfachung halber“ durchgängig als Gold bzw. Silber oder als dessen papierner Stellvertreter gefasst, wobei die Frage, warum statt anderer Waren Gold, Silber oder sonst etwas als Material des Geldes dient, inhaltlich keine Rolle spielt, denn „sie fällt jenseits der Grenze des bürgerlichen Systems“ (1963: 159). Von allen entwickelteren Formen, die „einer höheren Stufe des Produktionsprozesses“ angehören, wie dem „Kreditgeld“, wird zunächst abstrahiert (1963: 62). Demgegenüber unterstellt Marx im dritten Band, bei der Behandlung des zinstragenden Kapitals, vollständig entwickeltes Kreditgeld. Zum Zweiten ist zu berücksichtigen, dass das Marx’sche Forschungsprojekt unvollendet geblieben ist. Die geplanten Bücher zum Grundeigentum, zur Lohnarbeit, zum Staat, zum auswärtigen Handel und Weltmarkt sowie zu den Krisen sind nicht mehr geschrieben worden und selbst der dritte Band des „Kapital“ ist Fragment geblieben (vgl. Brief an Engels vom 2.4.1858). Man muss deshalb das, was Marx publiziert hat, immer in Beziehung setzen zu den zwischenzeitlich veröffentlichten Pariser Manuskripten, den Londoner Manuskripten, den Mehrwert- und Briefbänden (vgl. Rosdolsky 1968; Backhaus 1997; Reichelt 1974). Dann wird sofort deutlich, dass Marx im Kreditgeld den für den Industriekapitalismus adäquaten Geldtyp sah. „Da seine Forschungsmethode, im Unterschied zur Darstellung, von den konkreten monetären Phänomenen in der bürgerlichen Gesellschaft ausging, wusste er von Anfang an um die Differenz zwischen dem abstrakten Geldbegriff seiner Theorie und den konkreten Erscheinungsformen des Geldes seiner Zeit. Er wies deshalb immer wieder darauf hin, dass sich seine Untersuchung zunächst nicht auf die modernen Formen des Geldes beziehe ... Erst im fünften Abschnitt des dritten Bandes, nachdem die Grundlagen der Entfaltung der Geldverhältnisse im Kapitalismus umfassend entwickelt worden sind,
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kommt Marx expressis verbis auf das Kreditgeld, als dem kapitalistischen Geld, zu sprechen, misst ihm aber sogleich gebührende Bedeutung bei, indem er umreißt, wie das Geld als Kaufmittel allmählich durch das Zahlungsmittel substituiert wird, dann Schuldtitel, Wechsel etc. zu Zahlungsmitteln werden und schließlich Kreditgeld das Geld in der bisherigen Form »ersetzt«. Den methodologischen Ausgangspunkt dafür bildet das Geld als Zahlungsmittel. Da hier, im Unterschied zum Zirkulations- oder Tauschmittel, die Geldbewegung von der Warenbewegung »zeitlich getrennt« ist und das Geld, von einer bestimmten Entwicklungsstufe ab, »über die Sphäre der Warenzirkulation« hinausgreift, drückt seine Bewegung »einen schon vor ihr fertig vorhandnen gesellschaftlichen Zusammenhang« aus“ (Busch 2000: 133 f.). Ich habe nicht nachgezählt, aber Busch weist darauf hin, dass Marx nicht weniger als 16 Kapitel seines Hauptwerkes darauf verwandt habe, „um zu zeigen, wie aus dem Kreislauf des Geldes als Kapital, der Verselbständigung des Geldkapitals gegenüber dem industriellen Kapital und seiner Verwandlung schließlich in eine Ware, als Leihkapital, sukzessive, das heißt über die verschiedenen Formen des Handels- und Bankgeldes, entwickeltes Kreditgeld entsteht“ (ebd.). Die Triftigkeit der Logik dieser Übergänge ist lange Zeit gar nicht verstanden worden. In den Londoner Manuskripten ist der Argumentationsstrang, der dieser Logik zu Grunde liegt, im Prozess seiner Entstehung nachzuverfolgen, einerseits wenig geordnet, andererseits vielfältig ums Problem kreisend und lebendig. Im „Kapital“ selbst, in den seinerzeit publizierten Teilen, entfernt sich Marx, methodisch begründet, von seinem umfassenden Blick aufs Ganze und lässt sich immer detaillierter auf bestimmte, zunächst der Erklärung bedürfende Aspekte ein. Nur wenn man von dem Gesamtzusammenhang des Marx’schen Forschungsprojektes absieht, also die Pariser und Londoner Manuskripte ignoriert, ist es möglich, Marx geldtheoretisch als „Metallisten“ umstandslos zu vereinnahmen. Bereits in seiner frühen Schrift „Zur Judenfrage“ (1843), worauf Busch jüngst wieder hingewiesen hat, bestimmt Marx den Egoismus als „das Prinzip“ der bürgerlichen Gesellschaft und das Geld als „Gott“ dieses Prinzips. Im Geld als das „dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins“, das ihn beherrscht und das er anbetet, verkörpern sich die sozialen Verhältnisse zwischen Privateigentümern, so wie diese sich im Tausch und im Tauschwert darstellen. Das Geld ist die Verdinglichung dieser Verhältnisse (1957: 374 f.). „Wie der Hegelsche Geist, in seiner Bewegung zurückkehrend, sich selbst im Denken erfasst,“ schreibt Busch, „so konstatiert der Marx’sche Wert in seiner selbständigen Form, im Geld, sich selbst als äußere und verselbständigte Erscheinungsform“ (2000: 121). Damit grenzt sich Marx in Bezug auf das Wesen des Geldes von den Monetaristen und Metallisten gleichermaßen ab, die in einer Art „sinnlichen Aberglaubens“ an „das exklusive Dasein dieses Wesens im edlen
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Metall“ glauben, und verspottet sie. Noch deutlicher wird er in seiner Auseinandersetzung mit Proudhon: „Das Geld ist nicht eine Sache, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis“ (1947: 82). Damit distanziert sich Marx definitiv von jedweder metallistischen Position und gibt für das Wesen des Geldes eine „soziologische Erklärung“. Busch weist in diesem Zusammenhang ausdrücklich darauf hin, dass die später vorgenommene Begriffsbestimmung des Geldes als Ware bzw. Geldware „Gold“ dem nicht widerspreche. Die Bindung des Geldbegriffs an eine spezifische Ware, die Geldware „Gold“, sei einerseits von methodologischer Bedeutung und daher für die Stringenz des Theoriesystems unverzichtbar, andererseits aber einfach auch der historischen Situation im 18. und 19. Jahrhundert geschuldet, in der das Gold auf Grund seiner besonderen Eigenschaften Geld wurde. Während die Metallisten daraus aber nun den Schluss zogen, Gold sei quasi von Natur aus Geld, betont Marx, sich von diesem Aberglauben scharf abgrenzend: „Die Natur produziert kein Geld ... Da die bürgerliche Produktion aber den Reichtum als Fetisch in der Form eines einzelnen Dings kristallisieren muss, sind Gold und Silber seine entsprechende Inkarnation.“ (1963: 161 f.). Mit anderen Worten: Gold und Silber sind nicht von Natur aus Geld, aber Geld ist in einer spezifischen historischen Situation, gleichsam von Natur aus, Gold und Silber. Mit dieser Bindung des Geldes an eine bestimmte Ware, erfährt der Geldbegriff eine sozialhistorische Präzisierung. Mit dem Auftreten der edlen Metalle als Äquivalent im Warentausch vollendet sich die Wertform als Geldform. Geld ist gegenüber der Warenwelt allgemeines Äquivalent. Aber, und das ist für Marx wichtig, es tritt zwar auf als Gold oder Silber, dahinter verbirgt sich jedoch „ein Verhältnis zwischen Personen“, mehr noch: „ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis“. Gold und Silber verkörpern zwar Geld, aber die Geldform heftet sich mehr oder weniger zufällig an sie. Im Prinzip könnte sich die allgemeine Äquivalentform der Warenwelt in jeder anderen Ware zur Geldform kristallisieren. Wichtig ist etwas anderes: dass sich unter ihrer dinglichen Hülle ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis verbirgt. Hierin, in dieser Einsicht, unterscheidet sich Marx fundamental von Simmel. Simmel bindet die „Wechselwirkung unter Individuen“, die sich im Geld „zu einem für sich bestehenden Gebilde kristallisiert“, an die Funktion des Tausches (1989: 209), während Marx, obwohl er das Geld ebenfalls als eine Kategorie des Austausches fasst, hinter dem Tauschverhältnis immer auch das Produktionsverhältnis mit im Blick hat. Dementsprechend unterscheidet Marx streng zwischen der Substanz und den Funktionen des Geldes. Der Substanz nach ist Geld nichts anderes als die Inkarnation, der sichtbar gewordene Ausdruck abstrakt allgemeiner, gesellschaftlicher Arbeit, die ihrerseits nur im Prozess der Warenmetamorphose ihre Verwirklichung und Bestätigung finden kann. Darin und nicht in seinen Funktionen erblickt Marx das Wesen des Geldes: „Die Waren werden
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nicht durch das Geld kommensurabel. Umgekehrt. Weil alle Waren als Werte vergegenständlichte menschliche Arbeit, daher an und für sich kommensurabel sind, können sie ihre Werte gemeinschaftlich in derselben spezifischen Ware messen und diese dadurch in ihr gemeinschaftliches Wertmaß oder Geld verwandeln. Geld als Wertmaß ist notwendige Erscheinungsform des immanenten Wertmaßes der Waren, der Arbeitszeit“ (1971: 109). Neben der Substanz unterscheidet Marx verschiedene Funktionen des Geldes. Die erste Funktion besteht darin, als Maß der Werte zu fungieren. In seiner zweiten Funktion, als Zirkulations-, Kauf- bzw. Tauschmittel fungiert das Geld, indem es die Warenzirkulation vermittelt und die Preise der Waren realisiert. „Geld in seiner dritten Bestimmung“ übt drei weitere Funktionen aus, als Schatzbildung, Zahlungsmittel und Weltgeld. Nimmt Geld die Gestalt des Zahlungsmittels an, so tritt an die Stelle des Verhältnisses von Verkäufer und Käufer das von Gläubiger und Schuldner. Während Simmel in der Bedeutungszunahme der Funktionswerte des Geldes auf Kosten seines Substanzwertes so etwas wie die historische Tendenz der Geldwirtschaft erblickt, misst Marx, von dem die Metapher, dass das „funktionelle Dasein“ des Geldes „sein materielles“ absorbiere, ursprünglich stammt (1971: 143), dieser Frage weitaus weniger Gewicht bei. Ihm geht es stattdessen darum, zu zeigen, wie sich Geld in Kapital verwandelt und wie sich mit dem Übergang von Metall- zum Kreditgeld die Genese der dem Kapitalverhältnis adäquaten Geldform vollzieht. Den methodischen Ausgangspunkt dafür bildet das Geld als Zahlungsmittel. Die Marx’sche Theorie ist Gesellschaftstheorie. Sie ist, ebenso wie Simmels „Philosophie des Geldes“, keine (fach-)ökonomische Theorie. Der Charakterisierung des Geldes „als gesellschaftliches Verhältnis“ zum Beispiel liegt ein völlig anderes Erkenntnisziel zu Grunde als jenes, das eine reine Geldtheorie verfolgt. Vom rein geldtheoretischen Standpunkt aus muss das Marx’sche Ansinnen deshalb, ebenso wie das Simmel’sche, schlichtweg als überflüssig, wenn nicht gar als unverständlich erscheinen. Hinzu kommt, dass die Kategorien, Begriffe und Gesetzmäßigkeiten, die Marx formuliert, gleichsam immer nur Momentaufnahmen innerhalb eines dynamischen prozessualen Geschehens sind: „Es ist überhaupt bei der ganzen kapitalistischen Produktion immer nur in einer sehr verwickelten und annähernden Weise, als nie festzustellender Durchschnitt ewiger Schwankungen, dass sich das allgemeine Gesetz als die beherrschende Tendenz durchsetzt“ (Marx 1971: 171). Einen statischen Kapitalismus gibt es nicht. Das wäre ein Widerspruch in sich. Beide Theorieansätze, sowohl die Marx’sche als auch die reine Geldtheorie, sind, schon vom Anspruch her, nicht kompatibel. „Mit der Symbiose von nominalistischer »Geldwesenslehre«, subjektiver Werttheorie, Kreditschöpfungslehre und makroökonomischer Begriffsbildung wurde die Inkommensurabilität von
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moderner und marxistischer Geldtheorie nahezu unaufhebbar“ (Backhaus 1997: 80f.). Das nun allerdings ist nicht, wie Backhaus nahe legt, ein rein ökonomietheoretisches Phänomen, sondern eines der Sozialwissenschaften schlechthin. Es hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Tendenz etabliert und verstärkt, die Erkenntnis funktionaler Zusammenhänge als ein legitimes Endziel wissenschaftlicher Tätigkeit zu akzeptieren. Es scheint, dass funktionelles Denken um so eher den wissenschaftlichen Regulativen einer Disziplin genügt, je komplexer ihr Gegenstand ist. Es geht nicht mehr so sehr um die kognitive Reproduktion eines Gegenstandsbereiches, um ihn zu verstehen, sondern eher darum, ihn zu handhaben, zu steuern, also um Verhaltensmodifikation, Krisenmanagement usw. Mit funktionellen Theorien kann man strategisch verfahren, ohne den Kausalmechanismus, der einem Gegenstandsbereich zu Grunde liegt, verstanden zu haben. Man muss nur seine wichtigsten Funktionen kennen. Mit anderen Worten, eine Ausrichtung der Wissenschaftsentwicklung an Zwecke ohne dazwischengeschaltete Phase der Theorieentwicklung im klassisch-emphatischen Sinn, wie er sich noch bei Marx findet, ist möglich, weil ihr Mangel an (kausaler) Erklärungskraft die Brauchbarkeit ihrer Ergebnisse für bestimmte Zwecke nicht ausschließt bzw. beeinträchtigt. Für Marx ist „Geld“ ein Moment im Gesamtsystem jener Kategorien, mit denen er die Entwicklungsdynamik der bürgerlichen Gesellschaft auf den Begriff zu bringen sucht. Von daher ist bei der Lektüre seiner Schriften immer darauf zu achten, von welcher Funktion und von welcher Form des Geldes die Rede ist: von der allgemeinen Äquivalentform der Ware, vom Geld als Zirkulations- oder als Zahlungsmittel, von der Geldform des Kapitals usw. Zwar übernimmt Marx von der klassischen Ökonomie den begrifflichen Rahmen, er löst aber, und darin besteht seine Originalität, die einzelnen ökonomischen Kategorien, wie Wert, Geld, Kapital, Rente, Kredit usw., in Flussgrößen, in soziale Abhängigkeitsverhältnisse auf, die in verschiedenen Phasen ihrer Entwicklung durchaus unterschiedliche Bedeutung haben können (vgl. Zelený 1969; Iljenkow 1969). Es ist diese an der Hegelschen Methode orientierte Flexibilität der Begrifflichkeit, die dem an hard facts orientierten Fachökonomen zwangsläufig Unbehagen bereiten muss und oft genug den Verdacht provoziert, hierbei handle es sich um dialektischen Hokuspokus. Ein Problem, an dem die klassische ökonomische Theorie gescheitert war, findet bei Marx seine Lösung: die Trennung von Gebrauchswert und (Tausch-) Wert und ihre Reformulierung als Einheit und Widerspruch in der Ware, ein Problem, an dem auch Simmel schier verzweifelte. Am 10. Mai 1898 schreibt er an Rickert, dass er „recht deprimiert“ sei. Der Grund dafür ist, „dass ich in meiner Arbeit auf einen toten Punkt – in der Werth-Theorie! – angelangt bin und weder vorwärts noch rückwärts kann. Der Werthbegriff scheint mir nicht nur
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denselben regressus in infinitum, wie die Kausalität, sondern auch noch einen circulus vitiosus zu enthalten, weil man, wenn man die Verknüpfungen weit genug verfolgt, immer findet, dass der Werth von A auf den von B, oder der von B nur auf den von A gegründet ist. Damit würde ich mich schon zufrieden geben und es für eine Grundform des Vorstellens erklären, die mit der Logik eben nicht auszuschöpfen ist – wenn nicht, ebenso thatsächlich absolute und objektive Werthe Anspruch auf Anerkennung machten. Die Lösung dieser Schwierigkeit, die ich für manche Fälle gefunden habe, versagt bei andern und ich sehe auch kein Ende der Schwierigkeiten ab, denn ich halte allerdings daran fest, dass ich bei meinem Relativismus nur bleiben kann, wenn er alle die Probleme, die sich die absolutistischen Theorien stellen, gleichfalls zu lösen imstande ist.“ Und am 25. August heißt es ebenfalls in einem Brief, wiederum an Rickert adressiert: „Über meine Werththeorie stöhne und verzweifele ich. Gerade das Allerelementarste macht mir – bisher unüberwundene Schwierigkeiten“ (zitiert bei Flotow 1995: 20). Damit eng verknüpft ist ein weiteres Problem, an dem die klassische ökonomische Theorie gescheitert war (vgl. Heinrich 1991: 156) und das bei Marx ebenfalls einer Lösung zugeführt wird: Wie ist eine Abschöpfung von gesellschaftlich erzeugtem Mehrwert bei gleichzeitigem Äquivalententausch möglich? Damit zusammen hängt die Verteilungsfrage: Wer eignet sich das Mehrprodukt an? Wer entscheidet über seine Verwendung? Im Rahmen einer konsistenten Gesellschaftstheorie gelingt es Marx, sowohl die Wertschöpfung und -verteilung als auch den Äquivalententausch zu erklären. Im Gegensatz zu Simmel, dessen Betrachtung im Wesentlichen auf die Zirkulationssphäre beschränkt bleibt, fokussiert Marx seinen Blick zunächst und vor allem auf die Produktionssphäre. Dort entsteht das gesellschaftliche Mehrprodukt, das sich dann am Markt, in der Zirkulationssphäre, realisieren muss, damit aus Geld tatsächlich mehr Geld wird. Entscheidend ist hier also, im Gegensatz zu Simmel, nicht das Geld als solches, sondern das Geld als Kapital. Die Verwandlung der Warenform des Geldes in seine Kapitalform nachzuvollziehen, so wie Marx sie entwickelt, heißt, einer Argumentation zu folgen, die sich über die drei großen Stufen der Kapital-Bände erstreckt, wobei im Auge zu behalten ist, dass die zwei letzten Bände mehr oder weniger Fragment geblieben sind (Backhaus 1997: 17). Im ersten Band wird die Gestalt des Kapitals im Produktionsprozess entwickelt, für sich genommen: seine unmittelbare Produktionsweise und das ihr entsprechende Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital, die Schaffung und Aneignung von Mehrwert durch die Anwendung der Ware „Arbeitskraft“ im Produktionsprozess. Hier geht es, in Hegelscher Diktion, um das Wesen des Kapitals. Im zweiten Band thematisiert Marx die Gestalt des Kapitals in seinem Zirkulationsprozess, in Hinblick auf die Formbestimmungen, die es dort annimmt. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht
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das Kapital als Zirkulationsverhältnis. Hierbei handelt es sich, wiederum in den Worten Hegels, um die Erscheinung seines Wesens. Im dritten Band schließlich wird der Bewegungsprozess des Kapitals als Ganzes betrachtet, als Einheit von Produktion und Zirkulation. Im Zentrum der Analyse stehen die Wechselwirkungen und Äußerungsformen der einzelnen Kapitalien. Hierbei geht es, Hegelsch formuliert, um die Einheit von Wesen und Erscheinung (vgl. Eberle 1973; Holt et al. 1974). Diese Form der Darstellung, abgesehen davon, dass sie Fragment geblieben ist, hat zahlreiche Missverständnisse provoziert. Beschränkt man zum Beispiel seine Lektüre auf den abstrakten Geldbegriff, wie er im ersten Abschnitt des ersten Bandes entwickelt wird, also auf jene Passagen, in denen Ware und Geld an sich, also ohne jegliche inhaltliche kapitalistische Bestimmung, entwickelt werden, dann unterliegt man nur allzu leicht der Versuchung, diese abstrakt allgemeinen Bestimmungen schon als das Ganze der Bestimmung des Geldes zu nehmen. Dann erscheint einem das Wesen des Geldes als das stets immer gleiche, sei es nun Geld der einfachen Warenproduktion oder des entwikkelten Kapitalismus. Das wäre eine, wie Marx sagen würde, wohlfeile, eine schlechte Abstraktion. Tatsächlich aber lässt sich keine einzelne Kategorie oder Begrifflichkeit bei Marx in ihrer gesellschaftlichen Bestimmtheit oder Funktion sinnvoll verstehen, wenn man sie nicht im Kontext des Gesamtzusammenhangs der Theorie liest und verortet. Im Verhältnis des ersten zum dritten Kapital-Band heißt das: Die bürgerliche Gesellschaft ist, zumindest ihrem Selbstverständnis nach, Arbeitsgesellschaft. Sie ist darüber hinaus warenproduzierende Gesellschaft. Die in ihr erzeugten Waren tauschen sich allerdings nicht zu ihrem (Arbeits-)Wert aus, also nicht entsprechend den in ihnen enthaltenen Arbeitszeitäquivalenten, sondern orientiert an den zu ihrer Herstellung erforderlichen Produktionspreisen, die es dem eingesetzten Kapital erlauben, den Durchschnittsprofit zu realisieren. In der bürgerlichen Gesellschaft gilt für den einzelnen Tauschakt nicht mehr die Vorstellung „gleiche Arbeit gegen gleiche Arbeit“, also nicht mehr das Modell der einfachen Warenproduktion auf der Abstraktionsebene des ersten Bandes, sondern der Imperativ „für gleiches Kapital gleichviel Profit“, eine Aussage, die auf der Konkretionsstufe des dritten Bandes, also dichter an der empirisch vorfindbaren Realität angesiedelt ist. Die Arbeitswertgleichung ist ersetzt durch die Profitgleichung. Die Produkte gelangen nicht zu ihren (Arbeits-)Werten, sondern zu ihren Produktionspreisen (Kostpreis plus Durchschnittsprofit) auf den Markt. Das gesellschaftlich erarbeitete Mehrprodukt erscheint nicht als Mehrwert, sondern als Gewinn von Profit bringendem Kapital. Was bei Marx nun zentrales Element seiner methodischen Herangehensweise ist, oberflächlich betrachtet: die Differenz zwischen der Ebene des ersten und des dritten Kapital-Bandes, wurde ihm aus fachökonomischer Sicht als contradictio in adjecto ausgelegt, denn zweifellos: Die reale Welt ist eine
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Welt der Preisrechnung. Zur Lösung der ihr immanenten Probleme bietet die Arbeitswerttheorie nur geringe Hilfe (vgl. Iljenkow 1969: 166 ff.). Folgerichtig haben sich die Wirtschaftswissenschaften von ihr verabschiedet und ausgefeilte Preistheorien entwickelt, die für ihre Zwecke sicher nützlicher sind. Schwierigkeiten bereitet auch immer wieder das Verhältnis von logischer Struktur der Begrifflichkeit und historischer Genese dessen, was sie beschreibt. Im Gegensatz zu Simmel und Menger (vgl. Thomasberger/Voy 2000: 223) entwickeln sich für Marx beide keineswegs in identischer Weise. Es wäre deshalb „untubar und falsch, die ökonomischen Kategorien in der Folge aufeinander folgen zu lassen, in der sie historisch die bestimmenden waren. Vielmehr ist ihre Reihenfolge bestimmt durch die Beziehung, die sie in der modernen bürgerlichen Gesellschaft aufeinander haben, und die genau das umgekehrte von dem ist, was als ihre naturgemäße erscheint oder der Reihe der historischen Entwicklung entspricht.“ Ihm geht es „nicht um das Verhältnis, das die ökonomischen Verhältnisse in der Aufeinanderfolge verschiedener Gesellschaftsformen historisch einnehmen (...), sondern um ihre Gliederung innerhalb der modernen bürgerlichen Gesellschaft“ (1963: 255). Obwohl zum Beispiel Handelskapital und zinstragendes Kapital historisch vor der modernen Grundform des Kapitals erscheinen, leitet Marx seinen allgemeinen, einheitlichen Kapitalbegriff logisch zunächst aus den theoretischen Grundbestimmungen des Geldes ab und entwikkelt erst dann die verschiedenen Kapitalbegriffe und -formen – das Handelskapital, das zinstragende Kapital usw. – aus den entsprechenden Funktionen der einzelnen Kapitale, die sie abwechselnd bald in der Produktionssphäre, bald in der Zirkulationssphäre des gesellschaftlichen Gesamtprozesses einnehmen (vgl. Fritsch 1968: 64-69). Eng verknüpft mit dem Verhältnis von Logischem und Historischem ist das von Abstraktem und Konkreten: „Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen. Im Denken erscheint es daher als Prozess der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als Ausgangspunkt, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt und daher auch der Ausgangspunkt der Anschauung und der Vorstellung ist“ (Marx 1963: 248). Der Forschungsprozess nimmt seinen Ausgang in der Anschauung des ungeordneten Realen, des unbegriffenen Konkreten, und steigt über immer dünnere Abstrakta auf bis zu den einfachsten Bestimmungen. Der Darstellungsprozess beginnt mit diesen und macht die Reise wieder rückwärts zum nunmehr geordneten Realen, zum begriffenen Konkreten als Einheit des Mannigfaltigen (vgl. Kosik 1970; Zelený 1968; Iljenkow 1969). Einen weiteren Anlass zu Missverständnissen ergibt sich oftmals aus dem Verhältnis von Theorie und Empirie. Die profane Welt der Preise, ich erwähnte es bereits, scheint in direktem Widerspruch zur Metaphysik der Werte zu stehen.
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Und in der Tat ist ja der Wertbegriff eine Abstraktion, die nur im Prozess der Warenmetamorphose ihre Verwirklichung und Bestätigung finden kann, ansonsten aber, als realer Gegenstand, in der Wirklichkeit nicht existiert. Gemessen am Anspruch und Design handlungspraktischer Theorien kürzerer Reichweite, ist eine solche Begrifflichkeit sicher kein Prädikat einer operationalen Theorie. Das wollte sie auch nie sein. Ihr geht es darum, die Bewegungsgesetze der bürgerlichen Gesellschaft aufzudecken. Insofern gibt es immer wieder Probleme mit durchaus „gut gemeinten“ Studien, wie der von Krause (1979), in denen versucht wird, Wertrelationen zu operationalisieren. Verfehlt muten auch jene zahlreichen Versuche an, die Werttheorie mit Hilfe von Einzelbeispielen auf der Preisebene zu widerlegen. Die Marx’sche Theorie liefert keine Beschreibung individueller Wahlhandlungen oder der Folklore orientalischer Basare. Sie zielt auf die Analyse funktionaler makroökonomischer Zusammenhänge. Die Methode der Gesamtgrößenbetrachtung, etwa bei der Entwicklung der Reproduktionsschemata im zweiten Band des „Kapitals“, geht mit der Verwendung von Durchschnittsgrößen, so etwa dem Aggregativbegriff der Arbeit im ersten Band, Hand in Hand. Arbeitskraft zum Beispiel, verstanden als makroökonomische Größe, wird demgemäß „in dem gewöhnlichen Durchschnittsmaß der Anstrengung mit dem gesellschaftlich üblichen Grad von Intensität verausgabt“ (Marx 1971: 210). 4.2.2 Vom Zahlungsmittel zum Superadditum/Kapital Wo aber Geld gegen Kredit verkauft wird, da tritt die Wahrheit des gesellschaftlichen Verkehrs insofern am deutlichsten zutage, als beide Teile nur Geld wollen und kein anderes Bedürfnis haben. Ferdinand Tönnies
Im Gegensatz zu anderen Theoretikern trennt Marx sehr deutlich zwischen der Substanz des Geldes und den Funktionen, die es ausübt. Geld ist nach Marx nichts anderes als die Inkarnation, der sichtbar gewordene Ausdruck der abstrakt allgemeinen, gesellschaftlichen Arbeit. Darin besteht seine Substanz. Seine erste Funktion besteht darin, Werte (und Preise) zu messen. Auch wenn der Zirkulationsprozess den Schein erzeugt, als ob erst das Geld die Waren kommensurabel macht, verhält es sich für Marx in Wirklichkeit genau umgekehrt: Weil alle Waren als Werte vergegenständlichte Arbeit, daher an und für sich kommensurabel sind, können sie ihre Werte gemeinschaftlich in derselben spezifischen Ware messen und diese dadurch in ihr gemeinschaftliches Wertmaß oder Geld verwandeln. Als Zirkulationsmittel, und darin besteht für Marx die zweite Funktion des Geldes, setzt es auf dem Markt die Ware um, vermittelt es die Verwand-
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lung des Warenwertes aus der ideellen Geldform in die reale Geldform. Aus der Funktion des Geldes als Zirkulationsmittel entspringt seine Münzgestalt und es beginnt der Scheidungsprozess von Nominal- und Realgehalt der Münze. Das Geld bildet neue Formen aus, die unter eigenen Gesetzen stehen. Symbolisches Geld kann reelles ersetzen, weil das materielle Geld, zum Beispiel in Form von Goldmünzen, als bloßes Tauschmittel selbst symbolisch ist. Geld als Gold, so weit es nur als Zirkulations-, als Tauschmittel fungiert, kann durch jedes andere Zeichen, das ein bestimmtes Quantum seiner Einheit ausdrückt, ersetzt werden: Während Gold zirkuliert, weil es Wert hat, hat das Papier Wert, weil es zirkuliert. Marx nennt noch drei weitere Funktionen des Geldes, die er unter dem Begriff des Geldes als solchem zusammenfasst: (1) Schatz, (2) Zahlungsmittel, (3) Weltgeld. In der ersten bleibt das Geld außerhalb der Zirkulation, zieht sich aus ihr zurück, in der dritten streift es seine Lokalformen ab, wird universell. In der zweiten dieser drei zuletzt genannten Funktionen tritt das Geld zwar in die Zirkulation ein, aber auf Grund der Zeitdifferenz, die sich zwischen Leistung und Gegenleistung schiebt, verändert sich der Charakter der Warenmetamorphose. An die Stelle des Verhältnisses von Käufer und Verkäufer tritt das von Schuldner und Gläubiger. Die Natur des Geldes als Zahlungsmittel liegt im Produktionsprozess selbst begründet. Die unterschiedliche Dauer der Produktions- und Transportzeiten entwickelt „Verhältnisse, wodurch die Veräußerung der Ware von der Realisierung ihres Preises zeitlich getrennt wird“ (Marx 1971: 149). Der Käufer vertritt hierbei symbolisch das Geld dadurch, dass er kreditwürdig erscheint. Damit eröffnen sich zugleich Ansatzpunkte für ein sich entwickelndes Kreditwesen. Aus der Funktion des Geldes als Zahlungsmittel entspringt, indem man die Schuldzertifikate für verkaufte Waren selbst wieder zur Übertragung von Schuldforderungen zirkulieren lässt, Kreditgeld. In Marx’scher Sicht ist die Kreditwirtschaft nichts anderes als eine entwickelte Form der Geldwirtschaft. Geld- und Kreditwirtschaft sind nicht verschiedene, selbständige Verkehrsformen, sondern verschiedene Entwicklungsstufen der kapitalistischen Produktion, wobei die Geldwirtschaft die Grundlage der Kreditwirtschaft bildet. So wie beim Geld unterscheidet Marx auch beim Kredit verschiedene Funktionen und Formen. Zum einen lässt sich mit Hilfe von Krediten die Umschlagzeit des Kapitals verkürzen. Die Zirkulationszeit stellt eine grundsätzliche Schranke der Wertschöpfung und Wertrealisierung dar, nicht eine Schranke der Produktion schlechthin, sondern eine der Produktion des Kapitals spezifische Schranke. Aus der Natur des Produktionsprozesses als Kapitalverwertungsprozess resultiert zwangsläufig die Tendenz, die Zirkulationszeit nicht nur abzukürzen, sondern sie, wo möglich, gleich Null zu setzen, also eine „Zirkulation ohne Zirkulationszeit“ anzustreben. Der Kredit ermöglicht es, das in Zirkulation befindliche Geld durch Surrogate zu ersetzen. Eine zweite Funktion besteht in der
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Vermittlung von Kapitalbewegungen aus Produktionssphären mit niedriger Profitrate in solche mit hoher Profitrate. Das Kapital vermag physisch, in Gestalt von Produktionsmitteln, nicht, zwischen den Anlagesphären hin und her zu wandern. Die Kapitalwanderung vollzieht sich in der Regel in Form von Geldkapital. Der Kredit ist damit zugleich ein starker Hebel für die Konzentration und Zentralisation der Kapitale. Indem er die Verfügungsgewalt über fremdes Kapital und fremdes Eigentum steigert, forciert er die Trennung von Kapital- und Unternehmerfunktion. Für Marx fungiert das Geld als ein „gesellschaftliches Monopol“ innerhalb der Warenwelt, wodurch „gesellschaftliche Macht (...) zur Privatmacht“ wird. Das, was Marx erklären will, ist „nicht der Warencharakter des Geldes, sondern die Umstände, die eine Ware zu Geld machen“ (Heinrich 1991: 188). Die Schwierigkeit besteht für ihn nicht darin zu begreifen, „dass Geld Ware, sondern wie, warum, wodurch Ware Geld ist“ (1971: 107). Ihm zufolge ist das Geld den anderen Tauschobjekten als „gesellschaftliche Macht in privater Hand“, als Ware von größter „Tauschbarkeit“ und „Schlagfertigkeit“ und schließlich als magischer „Geldkristall“ überlegen, weil und soweit es als Vermittler der Warenzirkulation die Funktion des Zahlungsmittels erlangt, das heißt, weil an die Stelle eines mit sich selbst identischen und symmetrischen Austauschprozesses der Tauschwirtschaft die asymmetrische Struktur von Verkauf und Kauf tritt. Entscheidend hierbei ist die zeitliche Differenz zwischen Kauf bzw. Verkauf und Zahlung. „Die Trennung zwischen Verkauf und Kauf macht mit dem eigentlichen Handel eine Masse Scheintransaktionen vor dem definitiven Austausch zwischen Warenproduzenten und Warenkonsumenten möglich,“ nämlich Geldbeschaffung, Kreditgewährung, Zinsen. Sie „befähigt so eine Masse Parasiten, sich in den Produktionsprozess einzudrängen und die Scheidung auszubeuten“ (1963: 98 f.). Wie ist das zu verstehen? An einem Beispiel (Stadermann 1996) und in heutiger Sprache reformuliert, sei der Sachverhalt erläutert. In der Geldwirtschaft verschafft der Vermögenseigentümer einem Wirtschafter, der zur Verschuldung bereit ist, Zugriff auf die in der Gesellschaft verfügbaren Ressourcen der Güterproduktion, indem er ihm eine Note auf sein Vermögen aushändigt. Diese Note ist Geld und als Derivat des Vermögens vom Vermögen selbst zu unterscheiden. Im Gegensatz zum Wucherer in der Naturalwirtschaft, der sein Vermögen auf den Schuldner überträgt, ein Vorgang, durch den das Vermögen der Gesellschaft in ihrer verfügbaren Menge in keinerlei Weise verändert wird, entsteht in der Geldwirtschaft mit der Emission von Geld stets ein Nominalvermögenswert zusätzlicher Art. Es ist der vom Gläubiger erworbene und mit einer Bürgschaftserklärung des als zahlungsfähig bekannten Vermögenseigentümers handelbare Schuldvertrag. Wichtig hieran ist, dass der Vermögenseigentümer in einer Geldwirtschaft auf Konsum in der Gegenwart weder verzich-
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tet noch verzichten muss, um in der Zukunft mehr konsumieren zu können. Im Gegenteil. Wenn er sein Vermögen, etwa durch Unterschrift auf einem zur Refinanzierung bei einer Zentralbank geeigneten Wechsel, belastet, bezieht er in der Gegenwart ein zusätzlich konsumierbares Einkommen und fordert unbeteiligten Dritten, die davon keine Ahnung haben, unter der Hand eine Ersparnis ab, weil die Konkurrenz um die gegenwärtig verfügbare Gütermenge mit dem vertraglich neu geschaffenen Geld verschärft wird. Mit anderen Worten: In dem Maß, wie es gelingt, ein beständiges Notenvolumen in der Zirkulation zu halten, wirkt es als indirekter zinsloser Kredit des Publikums an die Kreditnehmer der Vermögenseigentümer. Das Publikum und nicht die Vermögenseigentümer stellen dem Unternehmer durch einen Minderkonsum Produktionsmittel aus der laufenden Produktion zur Verfügung. Stadermann sieht hierin eine der zentralen „zivilisatorischen Leistungen“ des „einzigartigen Weges, den Europa seither gegangen“ ist. „Die Revolution besteht darin, den Zwang zur unmittelbaren Übertragung eines Vermögenswertes vom investierenden Gläubiger auf den unternehmenden Schuldner aufzuheben. Statt des Vermögens, etwa in der Form geprägten oder ungeprägten Edelmetalls, erhält der Schuldner Geld, das heißt, nur eine Anweisung auf das Vermögen des Gläubigers. Geld erlaubt, die Vermögenswerte, die in der Produktion untergehen müssen, dem Kreislauf der Wirtschaft zu entziehen. Nicht der Gläubiger leistet einen isolierten Verzicht, sondern der Volkswirtschaft wird konsumierbare Gütermenge simultan zu einem Anstieg der Beschäftigungsmenge vermindert. Die Gesamtheit der Wirtschafter leistet damit den Nichtkonsum, der unverzichtbar einer Investition vorausgehen muss“ (1996: 35, 47). Die Wucherer der Naturalwirtschaft mussten sich von ihrem Vermögen trennen, um ein größeres Vermögen zurückzuerhalten. In der Geldwirtschaft ist das anders. Hier zirkulieren die Noten und nicht das Vermögen. Die Noten werden denen überlassen, die etwas unternehmen wollen, im Rahmen eines Kreditvertrages. „Die Verfügung über Noten erlaubt, Ressourcen und Waren uneingeschränkt zu kaufen. Es scheint, als könnte die Ausstellung die Noten aus dem Nichts hervorbringen. Tatsächlich kommen sie ebenso wenig aus dem Nichts, wie die Güter und Ressourcen, die sie kaufen können. Es halten sich in der Zirkulation nur die Noten, die auf das Vermögen eines Eigentümers gezogen wurden, dessen Einlösefähigkeit für den Notfall unbezweifelt ist“ (a.a.O.: 47 f.). Oder anders ausgedrückt: Wer Nichteigentümer mit Noten ausstattet, verschafft diesem Zugriff auf Güter oder auf Ressourcen für die Güterproduktion. Er gibt ihm aber keine Anweisung, auf sein persönliches Vermögen zuzugreifen und dieses im Tausch einzusetzen. Statt dessen erwartet er, der Schuldner werde sich seinen Produktionsmittelbedarf mit den Noten am Markt von Dritten verschaffen. Aus diesem Einsatz erhofft er die Erwirtschaftung der Gütermenge, aus der
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die Schuld nachträglich wieder aufgelöst werden kann, einschließlich der vereinbarten Zinsen. Ein Rückgriff auf das Vermögen des Gläubigers erfolgt nur im Fall des wirtschaftlichen Scheiterns der Aktivität. Nur dann haftet er mit seinem Eigentum für die in misslungenen Wirtschaftsplänen untergegangenen Werte. Die Eigenschaft des Geldes, sich zu vermehren, scheinbar aus dem Nichts heraus, ist bei Marx strukturelles Attribut der Kapitalfunktion des Geldes. Sie ließe sich auch in etwas oberflächlicherer Weise mit einem Begriff Simmels als Superadditum bezeichnen, als ein im Geldvermögen angelegtes soziales Machtpotenzial, dem „metaphysischen Wesen des Geldes“ zugehörig (Simmel 1989: 281), ihm gleichsam gratis und automatisch immer beigegeben. Solches zu tun, und in der einschlägigen Literatur wird es hin und wieder nahe gelegt, hieße aber, die Simmel’schen Kategorien zu überfordern. Die Kapitalfunktion des Geldes hat Simmel gerade nicht im Sinn, wenngleich er etwas irreführend den „unearned profit der Bodenrente“ zur Erklärung seiner Kategorie des Superadditums heranzieht (a.a.O.: 274). Ihm geht es um etwas anderes, um Aspekte sozialer Stratifikation, die sich am Reichtum, über den eine Person verfügt, festmachen. Folgerichtig steht im Zentrum seiner Argumentation das Gegensatzpaar „arm“ versus „reich“, nicht das von „Schuldner“ versus „Gläubiger“ bzw. „Lohnarbeit“ versus „Kapital“. Im weiteren Verlauf der Entwicklung des Kredit- und Geldwesens ersetzen (Zentral-)Banknoten und Scheidemünzen zunehmend die privaten Schuldtitel (vgl. Fiehler 2000). Ausgangs- und Rückkehrpunkt ist das Bankwesen. Es tritt an die Stelle privater Vermögenseigentümer. Als gesetzmäßiges Zahlungsmittel erfüllt das Zentralbankgeld Geldfunktionen, nämlich Maßstab der Werte, Zirkulationsmittel und schlicht Geld zu sein. Der Zahlungsverkehr, den die Banken abwickeln, teilt sich auf in den über das umlaufende Zentralbankgeld einerseits und in den über das Verrechnungssystem der Bankeinlagen andererseits, was gemeinhin mit Bar- und Buchgeld unterschieden wird. Das Zentralbankwesen verwandelt die Geldzirkulation in eine Währung, weil es das gesetzliche Zahlungsmittel emittiert und seine Verhältnismäßigkeit zum, wie Fiehler es nennt, „wirklichen Geld“ wahrt. Allerdings, so Fiehler, sei die Währungsfunktion mysteriös, denn zwar verbannte das Zentralbankwesen nicht nur Gold und Silber aus der Zirkulation, sondern mit der Auflösung von Bretton Woods wurde auch jede Denomination von Währungen für obsolet erklärt, andererseits aber werde täglich der Preis des Goldes fixiert, und zwar in den wichtigsten Währungen. „Einerseits haben wir eine fundamentale Bestimmung des umlaufenden und verharrenden Geldes entwickelt, an deren Stelle Wertzeichen getreten sind.“ Dabei sei andererseits aber „nicht ersichtlich, wie sich diese Zeichen zum wirklichen Geld verhalten“ (Fiehler 2000: 169). Einerseits steht das Geld in all seiner Naturwüchsigkeit für die Selbststeuerung der Wirtschaft und für individuelle
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Freiheit. Darin, Bentham lässt grüßen, sieht Fiehler die Basis der Idealisierung dieser Gesellschaft. Andererseits aber, so gibt er zu bedenken, mache an der Spitze des zweistufigen Bankensystems ein Kreis von Damen und Herren die Geldpolitik von Ermessensfragen abhängig. Darin wiederum sieht Fiehler die Basis willkürlicher Instrumentalisierung des Kredit- und Geldsystems (a.a.O.: 224). Wie ist dieser Widerspruch aufzulösen? Mit der Entwicklung des Zentralbankwesens stellt sich die kapitalistische Produktionsweise in einem neuen Licht dar. Es verhilft dem zinstragenden Kapital zu seiner Verallgemeinerung. Kapital erscheint als Geld, Zins erscheint dem Geld als Wesenseigenschaft zuzukommen, und die kreditvermittelte Konkurrenz vergegenständlicht sich im Geld. Das Geld ist zu einer Zentralbanknote oder Scheidemünze geworden, die nicht nur allen angebotenen und nachgefragten Waren sowie Dienstleistungen zu ihren Geldpreisen verhilft, sondern, weit darüber hinausgehend, vermag das Zentralbankgeld allen wirklichen und virtuellen Vermögensgegenständen zu ihrem Kurswert zu verhelfen. Dadurch verschafft das Geld dem Kapital eine Form, die es zur Triebkraft seiner Zirkulation macht. „Es erscheint daher als primus motor, Anstoß gebend dem ganzen Prozess“ (Marx 1971: 354). 4.2.3 Der Fetischcharakter des Geldes Wie der Mensch, solange er religiös befangen ist, sein Wesen nur zu vergegenständlichen weiß, indem er es zu einem fremden phantastischen Wesen macht, so kann er sich unter der Herrschaft des egoistischen Bedürfnisses nur praktisch betätigen, nur praktisch Gegenstände erzeugen, indem er seine Produkte, wie seine Thätigkeit, unter die Herrschaft eines fremden Wesens stellt und ihnen die Bedeutung eines fremden Wesens – des Geldes – verleiht. Karl Marx
Durch die Kreditwirtschaft, basierend auf einem sich ausweitenden Bankensystem, kommt es zu wesentlichen Veränderungen im Verhältnis von ursprünglich vorgeschossenem Kapital und kapitalisiertem Mehrwert, zur Trennung der „Geldkapitalisten“ von den „produktiven Kapitalisten“, und zwar „nicht nur als juristisch verschiedene Personen, sondern als Personen, die ganz verschiedene Rollen im Reproduktionsprozess spielen“ (Marx 1971: 385). Die quantitative Teilung des Profits in Nettoprofit und Zins schlägt in eine qualitative um. Nicht nur entsprechen die personellen Eigentumsverhältnisse der Mehrwertaneignung immer weniger denen der Mehrwertverwertung. Wichtiger noch: Die zeitliche Überlassung von akkumuliertem Mehrwert zu Verwertungszwecken ist an die Ausstellung einer Schuldforderung gebunden, deren „Wert“ sich nach dem (erwarteten) Ertrag richtet, den das vom Schuldner im Produktionsprozess einge-
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setzte Geldkapital abwerfen soll. Entsprechend dem Charakter der kapitalistischen Produktionsweise decken sich die für die Wertbestimmung eines Schuldtitels maßgebenden Erwartungen jedoch nur ausnahmsweise mit den realen Verwertungsmöglichkeiten. Oder sie stellen gar nur Anweisungen auf längst verausgabtes und verbrauchtes Kapital dar, wie dies bei der Staatsschuld der Fall ist. Hier hat sich die Wertbewegung der Schuldtitel vollständig losgelöst vom materiellen Reproduktionsprozess. Dementsprechend unterscheidet Marx zwei Formen von fiktivem Kapital: erstens Titel, die als Anweisung auf künftigen Ertrag aufzufassen sind, Aktien zum Beispiel, und zweitens Titel, die überhaupt nur eine illusionäre Objektivation von Kapital darstellen, weil das von ihnen repräsentierte Vermögen schon längst verbraucht, konsumiert ist: die Staatspapiere (Marx 1971: 481 ff.; vgl. ferner Fritsch 1968: 136 ff.). Wertpapiere an sich schaffen weder Wert noch Mehrwert. Doch sie berechtigen ihren Inhaber, sich einen bestimmten Teil der Ergebnisse zukünftiger exploitierter fremder Arbeit in Gestalt von Zins und Dividende anzueignen. In Marx’schen Kategorien gedacht, enthält der Zins eine dreifache Bestimmung: Erstens, oberflächlich betrachtet, bezeichnet er ein Verhältnis zwischen zwei Kapitalisten. Zweitens, quantitativ betrachtet, ist der Zins Anteil des Profits. Drittens, qualitativ betrachtet, ist der Zins Mehrwert (Marx 1971: 390, 396). Der Inhaber von Wertpapieren nimmt an der Aufteilung des Mehrwerts teil, obwohl er keinerlei Beziehung zur Mehrwertproduktion hat. Außer dem Gebrauchswert, den es als solches in seinen vielfältigen Funktionen besitzt, erhält Geld so, darüber hinaus, einen zusätzlichen Gebrauchswert, nämlich den, abstrakt als Kapital fungieren zu können, unabhängig von seiner je spezifischen Konkretisierung in Form des industriellen Kapitals. Damit verschiebt sich auch der Schwerpunkt der Marx’schen Analyse vom Produktionsprozess auf den Zirkulationsprozess. Im zinstragenden Kapital erreicht die Verselbständigung und Fetischisierung der Geldform des Kapitals ihre äußerste Form. Weil sich jede Geldsumme in Geldkapital verwandeln, „kapitalisieren“, das heißt, in einen Einkommenstitel verwandeln lässt, der dem Inhaber das Recht gibt, an der künftigen Aufteilung des gesellschaftlich erarbeiteten Mehrwertes teilzuhaben, entsteht die Illusion, als erziele jede Geldsumme, die „arbeitet“, einen „Normalertrag“. Tatsächlich handelt es sich hierbei nicht um eine dem Geld als solchem innewohnende geheimnisvolle Eigenschaft, sondern um die Frucht des mit dem Einkommenstitel verknüpften Zugriffsrechtes auf das in Zukunft gesellschaftlich zu erwirtschaftende Mehrprodukt. In dieser Eigenschaft, als mögliches Kapital, als Mittel zur Produktion von Profit, wird es selbst zur Ware, aber eine Ware sui generis: Kapital als Kapital wird zur Ware (Marx 1971: 404-412). Daraus hat sich in der bürgerlichen Gesellschaft die Gewohnheit entwickelt, jedes Geldeinkommen als Ertrag eines zum durchschnittlichen Zinsfuß bewerteten imaginären Kapitals zu be-
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trachten, und die Illusion befestigt, das Geld als solches sei der Vermehrung fähig. Im Rahmen einer solchen Vorstellung würde zum Beispiel ein Jahreseinkommen von € 5.000,- bei einem Zinsfuß von 5% als der Ertrag eines fiktiven Kapitals von € 100.000,- erscheinen. Obwohl Marx die „Untersuchung über den Zins und sein Verhältnis zum Profit“ auf einen späteren Zeitpunkt verschoben hat, war ihm doch von Anfang an klar, dass erstens in der modernen Gesellschaft die Kategorie des Zinses die volle Entwicklung des industriellen Kapitals voraussetzt und dass zweitens im zinstragenden Kapital die „Veräußerlichung“ des Kapitalverhältnisses, seine Fetischisierung ihren Höhepunkt erreicht. „Geld als Kapital“ geht weit über „seine einfache Bestimmung als Geld“ hinaus. Freilich, „gegenständlich existiert es nur als Geld“, aber dieses Geld „ist jetzt an sich schon Kapital; als solches Anweisung auf neue Arbeit“ (Marx 1953: 272 f.). Hier tritt das Kapital also nicht mehr nur in ein Verhältnis zu vorhandener Arbeit ein, sondern zu zukünftiger. Erst dadurch wird es möglich, dass „das Kapital selbst ... zur Ware“ wird, oder dass „die Ware (Geld) als Kapital verkauft“ wird (a.a.O.: 734). Ähnliches zum Verhältnis von Zins und Profit (bzw. Mehrwert) ist im Manuskript des dritten Bandes der „Theorien über den Mehrwert“ nachzulesen: „Da auf Grundlage der kapitalistischen Produktion eine bestimmte Wertsumme ... die Macht gibt, ein bestimmtes Quantum Arbeit aus den Arbeitern auszuziehen, bestimmten Mehrwert sich anzueignen – so ist es klar, dass das Geld selbst als Kapital verkauft werden kann ... Es kann als Quelle des Profits verkauft werden“ (1962: 453 f.). Im zinstragenden Kapital ist der Fetisch des sich selbst reproduzierenden Automaten rein herausgearbeitet: der sich verwertende Wert, Geld heckendes Geld. Alle Narben seiner Entstehung sind gelöscht. Wert zu schaffen, Zins abzuwerfen, wird zur Eigenschaft des Geldes wie, metaphorisch gesprochen, die eines Birnbaums, Birnen zu tragen. Mehr noch: „Während der Zins nur ein Teil des Profits ist, das heißt, des Mehrwerts, den der fungierende Kapitalist dem Arbeiter auspresst, erscheint jetzt umgekehrt der Zins als die eigentliche Frucht des Kapitals, als das Ursprüngliche, und der Profit, nun in die Form des Unternehmergewinns verwandelt, als bloßes im Reproduktionsprozess hinzukommendes Accessorium und Zutat. Hier ist die Fetischgestalt des Kapitals und die Vorstellung vom Kapitalfetisch fertig: ... Fähigkeit des Geldes, resp. der Ware, ihren eigenen Wert zu verwerten, unabhängig von der Reproduktion – die Kapitalmystifikation in ihrer grellsten Form“ (Marx 1971: 405, 484). Die Bereitstellung einer dieser Entwicklung entsprechenden Ideologie ließ nicht lange auf sich warten. Es wurden ökonomische Theorien des Zähneputzens, der Heirat, des Kinderkriegens, der Kriminalität entwickelt. So berechnet Becker (1982) unter anderem die „Kosten des Verbrechens“ (41 ff.) bzw. den „Gewinn, der aus einer Ehe zu ziehen ist“ (228 ff.). Eine seiner Forschungsfra-
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gen lautet zum Beispiel: „Wie viel Ressourcen und welches Maß an Strafe sollte man einsetzen, um verschiedene Arten von Gesetzen durchzusetzen? Um eine äquivalente, aber ungewöhnlichere Formulierung zu benutzen: Wie viele Rechtsverletzungen sollte man dulden und wie viele Straftäter sollte man straffrei lassen?“ (a.a.O.: 40). Mittlerweile, so weiß Helmedag unter Bezugnahme auf die einschlägige Fachliteratur zu berichten, existieren auch Untersuchungen über die Ökonomik des Kirchenbesuchs, des Scrabble-Spiels, der Geisteskrankheit, der Körperverletzung und der Herabsetzung des Lehrdeputats von Fakultäten. Es gibt eine ökonomische Theorie des Schmuggels, des Straßenraubs und des ehelichen Seitensprungs (1992: 7). Die Grenze zur Satire wird dabei manchmal hart gestreift. Ein Highlight in dieser Beziehung stellt das „radikal-marktwirtschaftliche Modell“ der Psychologie dar, wie es von Simon et al. (1992) propagiert wird. Ihm zufolge ist „Psychologie zu hundert Prozent Wirtschaft“, denn „jede menschliche Interaktion lässt sich als eine Form der Marktwirtschaft verstehen … Menschliche Verhaltensweisen lassen sich als Waren betrachten, die unterschieden, bezeichnet, bewertet und ausgetauscht werden.“ Entscheidend bei diesen ideologischen Verdrehungen und Verkehrungen ist, worauf bereits Marx in seinen Fetischismus-Passagen hingewiesen hat, dass es sich hierbei nicht bloß um Äußerungsformen eines „falschen Bewusstseins“ handelt, sondern dass dieser Fetischismus den bürgerlichen Produktionsverhältnissen selbst anhaftet, dass es sich also nicht nur um ein erkenntnistheoretisches, sondern vor allem um ein ontologisches Phänomen handelt: Die Menschen nehmen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse so wahr, wie sie erscheinen, nur erscheinen diese Verhältnisse anders als sie sind. Sie leben in einer „verzauberten Welt“: Die Welt selbst und nicht ihre Wahrnehmung ist verzaubert. Im Verhältnis von Kapital und Zins ist diese Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise, die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse, das unmittelbare Zusammenwachsen der stofflichen Produktionsverhältnisse mit ihrer geschichtlich-sozialen Bestimmtheit vollendet: die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, wo Monsieur le Capital als sozialer Charakter und zugleich unmittelbar als bloßes Ding seinen Spuk treibt (Marx 1971: 838). Die verkehrte Erscheinungsform der grundlegenden Verhältnisse ist nicht bloß unwesentliche „Oberfläche“, sie ist die einzige Form der Wirklichkeit dieser Verhältnisse und damit auch das Material für die Wahrnehmung der bürgerlichen Gesellschaft und des daraus resultierenden Bewusstseins (Heinrich 1991: 240 ff.). Der Geldfetisch ist ubiquitär geworden (Altvater und Mahnkopf 1996: 145196). Oberflächlich betrachtet, erscheint das Geld an sich als die mysteriöse und selbstschöpferische Quelle des Zinses, als Quelle seiner eigenen Vermehrung, und diese Fähigkeit wiederum erscheint als eine ihm selbst zukommende Eigen-
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schaft. Tatsächlich liegt die Ursache dieser mysteriösen Fruchtbarkeit nicht im Geld als solchem, sondern in der Geldform des Kapitals, also in einem gesellschaftlichen Aneignungsverhältnis. Jedes neu auftretende Kapital erscheint zunächst als Geldkapital. Dass es Kapital ist, sieht man dem Geld nicht an. Oberflächlich betrachtet, ist es nur Geld, Zirkulations- oder Zahlungsmittel, vollzieht also nur Geldfunktionen. Geld ist Geld: Als solches scheint es harmlos, kaum wissenschaftlicher Beachtung wert. Aber dadurch, dass es in Elemente des produktiven Kapitals verwandelt werden kann, verändert sich die Situation völlig. Mit der Entwicklung des Bankwesens, insbesondere des Zentralbanksystems stellt sich die kapitalistische Produktionsweise in einem neuen Licht dar. Es verhilft dem zinstragenden Kapital nicht nur zu seiner Verallgemeinerung, sondern sorgt für seine weitere Selbstmystifizierung. Es macht das Geld zu einem Vermögen schlechthin, zu einem Superadditum (Simmel). Da die Banken jeden Geldbetrag in ein zinstragendes Kapital verwandeln können, rückt die unmittelbare Form des zinstragenden Kapitals in den Mittelpunkt nicht nur ihres, sondern des gesellschaftlichen Interesses insgesamt. In der Gestalt des Zinses hat der Mehrwert jede Verbindung zu seiner Herkunft verloren und ist charakterlos geworden. Die allgemeine Profitrate verschwimmt zu einem „Nebelbild“. Geld regiert die Welt. Das zinstragende Kapital wird so zur Mutter, zur Gebärerin „aller verrückten Formen“ (vgl. Marx 1971: 483). Das Kreditsystem macht alle Äußerungsformen des zinstragenden Kapitals zu Anlagesphären. Überlässt zum Beispiel ein Rentier seinem Staat Geld gegen Zinszahlungen, dann handelt es sich zunächst um eine Form des zinstragenden Kapitals. Beginnen aber die Rentiers untereinander schwunghaften Handel mit diesen Staatspapieren zu treiben, dann wechselt fiktives Kapital die Hände und öffnet der Spekulation Tür und Tor. Das fiktive Kapital, der Schuldtitel, wird zur Ware sui generis (Fiehler 2000: 161, 167-174). Umschlagplatz nicht nur für das fiktive Kapital, sondern für Effekten, für „Wertpapiere“ schlechthin, die Geldsummen repräsentieren, ist die Börse. Im Mittelpunkt der Börsentätigkeit steht der Handel mit Zinstiteln bzw. fiktivem Kapital: die Spekulation. Die durch Spekulation erzielten Gewinne oder Verluste entstehen aus den Differenzen der jeweiligen Bewertungen gehandelter Zinstitel. Es sind reine Differenzgewinne, Schnäppchen. Die Abwicklung der Börsengeschäfte wird wesentlich erleichtert durch die Möglichkeit der Inanspruchnahme von Krediten, durch die Begrenzung des damit verbundenen Risikos und durch die Beschleunigung der Umsätze. Die Geschwindigkeit, mit der Börsengeschäfte abgewickelt werden, hat ihre Ursache im Bedürfnis der Spekulation, geringe, kurz andauernde Preisschwankungen ausnutzen zu können. Für die Spekulanten bedeutet jede Kursvariation, jeder neue Umschlag eine neue Verwertungsmöglichkeit, verspricht neuen Geldgewinn, ein neues Schnäppchen. Die
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Differenz, die sich aus den Bewertungen der Titel zu einem gegebenen Zeitpunkt zwischen Käufern und Verkäufern ergibt, bildet den Spekulationsgewinn des einen, den Spekulationsverlust des anderen (Hilferding 1968: 178 ff.). Geld ist zum Selbstzweck geworden, hat sich tendenziell losgelöst von der Realwirtschaft. So stellt Kunitzki verwundert fest: „Der black monday des 19. Oktober 1987 kannte einen Börsenkrach, der den »schwarzen Freitag« vom 29. Oktober 1929 rein technisch in den Schatten stellte. Der Krach von 1929 leitete eine lange Krise ein, führte zum Zweiten Weltkrieg und veränderte die Welt. Der noch tiefere Zusammenbruch vom 19. Oktober 1987 blieb im Geldbereich hängen: Überall auf der Welt hatten Menschen ein Drittel ihres Vermögens verloren, was sich jedoch auf die realen Vorgänge des Konsums, der Produktion und sogar der Investition nicht auswirkte“ (1993: 337). Ähnlich stellte sich die Situation dar, als im Frühjahr 2001 die Kurse der Aktien an den internationalen Börsen ins Bodenlose stürzten und die „speculative bubbles“ wie Seifenblasen zerplatzten. Ende März notierte der Nemax um 82 Prozent unter seinem Vorjahresstand. Der Nesdag verlor 65 Prozent. Selbst Standardtitel wurden vom Abwärtssog mitgerissen. Innerhalb von zwölf Monaten verlor der Dax fast 25 Prozent. Beim Dow Jones betrug das Minus 14 Prozent. Aus war es mit dem Traum von jährlichen Renditen zwischen 20 und 30 Prozent. Die Enttäuschung war groß, führte die Realökonomie aber keineswegs in eine Katastrophe. Die Kapitalbewegungen am internationalen Finanzmarkt haben sich, was Marx schon kommen sah (1971: 404 f., 413 ff., 560 f.), immer stärker aus der Abhängigkeit von den realiter in den Unternehmen erwirtschafteten Gewinnen gelöst. „Sie folgen weitgehend spekulativen Motiven und fließen in Finanzanlagen, Derivate und Devisengeschäfte. Die Abkoppelung wird schon aus den Größenordnungen der jeweiligen Umsätze deutlich: Das durchschnittliche Volumen der täglichen Umsätze auf den internationalen Finanzmärkten betrug Mitte der 90er Jahre rund 1.200 Milliarden US-Dollar, das des Welthandels ganze 10 Milliarden Dollar (...). Die bis in das Jahr 1998 anhaltenden Höhenflüge der europäischen und amerikanischen Börsen weisen auf den gleichen Sachverhalt einer spekulativen Entkoppelung des Aktiengeschäfts von der realen Investitionstätigkeit und ihren Erträgen hin. Das unternehmerische Wagnis stellt nur noch eine unter vielen anderen, in der Regel attraktiveren Möglichkeiten der Kapitalanlage dar und gerät unter den Druck eines permanenten Vergleichs mit den letzteren“ (Deutschmann 2001: 162; ferner Binswanger 1996, 2002; Hartmann-Wendels, Spicher 1997). In Relation zum heute vorhandenen Finanzkapital ist die Realwirtschaft immer kleiner geworden und damit auch die Möglichkeit, dort Erfolg versprechende Investitionen zu tätigen. Das fiktive Kapital hat sich vom realen Produktionsgeschehen weitgehend abgekoppelt. Das kapitalistische Eigentum erscheint an der Börse in seiner rei-
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nen Form: als Ertragstitel, in dem das Ausbeutungsverhältnis, die Aneignung von Mehrarbeit begrifflos geworden ist. Es hat aufgehört, irgendein bestimmtes Produktionsverhältnis auszudrücken. Die Ertragsanweisung existiert völlig unabhängig von irgendeiner Tätigkeit, ohne Beziehung zur Produktion, zum Gebrauchswert, als rein quantitatives Verhältnis. Die Zahl ist alles, die Sache nichts. Die wirkliche Wertbildung ist ein Vorgang, der der Sphäre der Papierinhaber, der Spekulanten gänzlich verborgen bleibt. Jedenfalls scheint er mit der Arbeit als wertschaffender Potenz des Menschen nichts zu tun zu haben. Ist schon in der Profitrate der unmittelbare Zusammenhang von Arbeit und Kapitalertrag verhüllt, so vollends in der Zinsrate. Die Form des fiktiven Kapitals löscht jede Einsicht in den Zusammenhang von Arbeit und Wertschöpfung aus und erzeugt den Schein einer wundersamen Vermehrung aus sich selbst heraus. Doch der Schein trügt. Alle Fiktionalisierung, durch die reale Werte umverteilt werden, hat zur Voraussetzung die Existenz einer Sphäre realer Produktion. Mehr als der dort erwirtschaftete Reichtum kann nicht umverteilt werden. Aus ihm speisen sich letztlich die Differenzgewinne des fiktiven Kapitals, soweit sie als reale Größen sich behaupten können. Wäre es anders, so gäbe es nur eine Erklärung: Die Preise, also die in Geld ausgedrückten Werte der Waren einer Gesellschaft, wären rein nominell, hätten sich von der Wertbasis, der menschlichen Arbeitskraft, abgelöst. Sie hätten aufgehört, eine objektiv bestimmbare Größe zu sein. Die der Arbeitswerttheorie zu Grunde liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse wären am Ende. Das Kapitalverhältnis selbst stünde dann zur Disposition. Der Schein könnte zwar noch eine Zeit lang aufrecht erhalten werden, aber das so gepflegte business as usual würde zunehmend zur Simulation verkommen (Baudrillard 1982). 5 Zur neueren Geld-Diskussion Dem Kapitalismus ist es höchst gleichgültig, was die Menschen einschließlich der Wissenschaftler von ihm denken. Deshalb ist er auch dann funktionsfähig, wenn die Einsichten der Wissenschaftler unzureichend oder gar falsch sind. Hajo Riese
Vor dem Hintergrund expandierender Finanzmärkte (Hartmann-Wendels/Spicher 1997; Binswanger 1996), ihrer Abspaltung vom realen Produktionsgeschehen (Stichwort: profits without production), zum Teil im Gefolge der neueren Simmel-Rezeption, zum Teil aber auch völlig losgelöst davon, sind in jüngster Zeit sowohl in der Ökonomie als auch in der Soziologie theoretische Anstrengungen unternommen worden, das Rätsel „Geld“ einer endgültigen Lösung zu-
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zuführen. Aufsehen erregte zunächst einmal die „Eigentumstheorie des Geldes“ der Bremer Schule um Heinsohn und Steiger (1996) sowie die sich daran anschließenden Kontroversen (Betz/Roy 1999). Heinsohn und Steiger verstehen ihren Ansatz nicht als Weiterentwicklung bestehender ökonomischer Theorien. Diesen werfen sie vielmehr vor, strukturell unfähig zu sein, das Wesen des Geldes und des Zinses zu erfassen. Sie plädieren daher für einen Bruch mit den bestehenden Deutungsversuchen und konzipieren – ihrem eigenen Selbstverständnis nach – einen völligen Neuanfang ökonomischer Theoriebildung, ausgehend vom Begriff des Privateigentums. Ihr Vorschlag lautet, dass im kreditären Schaffen eines anonymisierten Eigentumstitels, den sie „Geld“ nennen, sowie im Verleihen dieses Geldes weder ein Güterverlust noch ein Geldverlust eintritt. Vielmehr falle ein temporärer Verlust an immaterieller „Eigentumsprämie“ an. Es sei dieser Verlust, der durch „Zins“ kompensiert werden muss. Erst dadurch komme das „Wirtschaften“ auf den Weg (1999: 10, 17). Heftige Kontroversen entwickelten sich ebenfalls um den „Monetärkeynsianismus“ der Berliner Schule. Ihrem Hauptvertreter und Initiator, Hajo Riese, zufolge lässt sich „die Ökonomie des Geldes in zwei Sätzen zusammenfassen: 1. Geld ist kein Kredit, weil es Zahlungsmittel ist. 2. Geld entsteht aus dem Kredit“ (1995: 56). „Diese beiden Sätze“, so ihr Autor, „reichen aus, das Rätsel der Nationalökonomie in Wohlgefallen aufzulösen.“ Geld, in diesem Sinne verstanden, steuere die Marktbeziehungen, anstatt dass es sich aus Marktund Tauschbeziehungen ableitet. Es entsteht durch die Verschuldung der Geschäftsbanken bei der Zentralbank. „Geld“ heißt bei Riese deshalb immer Zentralbankgeld. Die Zentralbank als Institution der Geldschöpfung steht am Anfang der Geldwirtschaft. Sie produziert Zahlungsmittel als Medium der Kontrakterfüllung. Für die herrschende Nationalökonomie bleibe Geld eine unverstandene Kategorie, weil seine Funktion als Medium, das vom Vermögensmarkt und der Zentralbank knapp gehalten wird, der liberalen Auffassung von einer egalitären Allokation vorgegebener Ressourcen widerspreche (vgl. Riese 2000: 487-498, sowie die daran sich anschließende Kontroverse: 498-554). Zweifellos wird in der herrschenden Lehre, nicht nur in der Ökonomie, auch in der Soziologie, primär die Tauschmittelfunktion des Geldes ins Auge gefasst. Die anderen Funktionen entschwinden dabei nur allzu leicht dem Blick und damit das Besondere des Geldes. Die überkommenen Probleme mit den Zinstheorien, den Begründungen von Gewinnen usw. haben vor allem darin, so Biervert und Held, ihre Ursache. Geld aber ist ebenso Mittel zur Tilgung von Schulden bzw. zur Vergabe von Krediten wie es Zirkulationsmittel ist. Es übt Zahlungsmittelfunktion aus, die weit über seine Tauschmittelfunktion hinausgeht. Das zu betonen ist wichtig, um die Verengung des Blicks auf die Tauschmittelfunktion aufzubrechen. In vergleichbarer Weise problematisch ist es jedoch,
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wenn nun andere Geldtheoretiker, wie etwa Riese, Heinsohn und Steiger, ihrerseits nur noch diese Funktion als wesentlich zur Erklärung des Geldes ansehen. So wichtig die Zahlungsmittelfunktion und damit das Verständnis von Geld als Gläubiger-Schuldner-Verhältnis ist, so bedenklich ist es, wenn darüber, in überschießender Reaktion, die anderen Funktionen vernachlässigt werden (Biervert, Held 1996: 14; ferner Haesler 1993: 236 f., 2002: 184 f.). Die Luhmannsche Variante, Geld medientheoretisch zu fassen, habe ich bereits erwähnt. An ihr seien, Ganßmann zufolge, wenigstens drei Aspekte problematisch (1996: 128-162): Erstens werde durch die Analogie von Sprache und Geld die dingliche Qualität des Geldes vernachlässigt. Zweitens bleibe die Redeweise vom Geld als Symbol unbefriedigend, weil letztlich ungeklärt. Drittens sei der von Marx bis Weber betonte Zusammenhang von Geld und Herrschaft unterbelichtet. Deshalb hat Ganßmann in einer neueren Studie (2002) versucht, und zwar durchaus in Anlehnung an, zugleich aber auch in Abgrenzung von sprachtheoretischen Überlegungen, den Geldgebrauch spieltheoretisch zu reformulieren: Im „Geldspiel“ geht es nicht wie bei der Sprache lediglich um Kommunikation, denn es werden nicht nur Bedeutungen übermittelt, sondern physische Ressourcen verfügbar gemacht. Geld werde nicht bloß mitgeteilt, sondern übertragen. Zwar verfüge Geld auch über die Eigenschaften einer Sprache, im Gegensatz zur Sprache aber müsse es privat angeeignet werden. Das heißt, es muss auch in seiner abstraktesten Form so behandelt werden, als ob es eine Ware wäre. Deutschmann (2001: 58 f.) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass in Situationen, in denen das Vertrauen in die abstrakte Form des durch eine Zentralbank regulierten Zeichengeldes zusammenbricht, Geld nach wie vor wieder die Warenform in Gestalt von Gold, Immobilien oder anderen Sachwerten annimmt. Geld ist daher weder allein Symbol, noch bloß Ware, sondern beides zugleich – „eine prozessierende Paradoxie, eine niemals greifbare Realität. Was es ist, ist es stets nur in der Bewegung, die es vollzieht.“ Weil man von ihm nicht nur wissen, sondern es auch haben könne, ergeben sich aus ihm die wirksamsten Motive aller nur denkbaren „Handlungsorientierungen“ (Kellermann). In seiner Analyse des Kapitalismus als säkularisiertem Mythos knüpft Deutschmann an Marx, Schumpeter und Simmel an, um den „Vermögenscharakter“ des Geldes und die sich daraus ergebenden quasi-religiösen Folgen herauszuarbeiten. So abwegig, wie es auf den ersten Blick scheint, ist dieser Gedanke gar nicht. Bei Riese, einem gestandenen Nationalökonom immerhin, lesen wir, „dass Geld aus dem Nichts entsteht“ (1995: 60). Dank Zentralbank. Denn „Geldschöpfung heißt ... Knapphalten eines Nichts ... Das Knapphalten eines Nichts bedarf einer Institution ... Diese Institution nennen wir Zentralbank“ (2000: 493). Überlegungen solcher Art lassen fast zwangsläufig an die christliche Lehre
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der creatio ex nihilo denken (May 1978), bezeichnet sie doch, in zugespitzter Form, nichts anderes als die absolute Voraussetzungslosigkeit der Schöpfung aus dem Nichts und damit Gottes Allmacht als ihren einzigen Grund. Die Lesart „Zentralbank“ für „Gottes Allmacht“ drängt sich fast von selbst auf. Für Deutschmann jedenfalls ist Geld „das Medium sinnhafter Bewältigung des Unbestimmbaren, das in der modernen Gesellschaft den Platz einnimmt, den die Religion in der vormodernen Zeit innehatte“ (2001: 7). Es sei die „zyklische Bewegungsform innovativer Dynamik“, orientiert an Leitbildern und Mythen, angetrieben durch das „Superadditum“ Geld (Simmel), die den Wirtschaftsprozess als Wachstums- und Innovationsvorgang auszeichnen. Es gebe letztendlich nur zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: endloses kapitalistisches Wachstum oder Tod des Kapitalismus durch Sklerose, Verheißung absoluten Reichtums oder Verharren in den Bahnen bloßer Reproduktion (a.a.O.: 145 ff.). Ich habe fünf geldtheoretische Ansätze kurz vorgestellt, die, zumindest im deutschen Sprachraum, die jüngere Diskussion maßgeblich geprägt haben. Die Liste ließe sich um weitere, weniger bekannte verlängern. Insgesamt stellt sich die Diskurslage unübersichtlich dar (Müller 2000). Einzelne „approaches“ und Schulen konkurrieren miteinander um die wahre Sicht der Dinge, und sie widersprechen einander vehement, ohne allerdings den jeweiligen Kontrahenten vollständig aus dem Feld schlagen zu können. Keine der Ansichten, die sie vertreten, ist eigentlich falsch. Aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit, die sich in ihnen äußert. Vieles läuft parallel, überkreuzt sich, widerspricht einander. In zentralen Belangen divergieren die einzelnen Theorien und Methoden erheblich, bleiben zum Teil Fragment. Selbst die chronologische Abfolge eines Disputes muss, auch wenn die einzelnen Vertreter der sich bekämpfenden Schulen das so sehen, nicht zwangsläufig bedeuten, dass spätere Deutungen die vorherigen ersetzen oder gar widerlegt hätten. Zwar stilisieren einzelne Autoren ihre Aussagen in dieser Weise zur endgültigen Wahrheit schlechthin, in Wirklichkeit eröffnen sie aber lediglich eine Perspektive, eine Sichtweise unter anderen, um sich des zu Grunde liegenden Problems zu bemächtigen. Darin allerdings, nicht in der Hypostasierung ihres Wahrheitsanspruches, sind sie durchaus ernst zu nehmen. Man wird deshalb genau unterscheiden müssen zwischen dem Gefechtslärm, der innerakademischen Profilierungsritualen geschuldet ist (auch hier gilt: „There’s no business like show business“), und dem, worum es substanziell geht. Abschließend möchte ich zwei Fragestellungen skizzieren. Die eine knüpft an Passagen aus den „Grundrissen“ von Marx an, die so nicht in das „Kapital“ übernommen wurden, die andere an Simmels Diktum, das Geld, erst einmal entwickelt und etabliert, drücke den Menschen bis in die tiefsten Seelenwindungen hinein seinen ihm eigenen Charakter auf.
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5.1 Mit Marx weiterdenken Geld ist bloß ein Moment im Gesamtsystem der ökonomischen Kategorien. Karl Marx
Globalisierung und Abspaltung der Finanzmärkte vom realen Produktionsgeschehen, profits without production, maßlose Geldmengenvermehrung durch Kredite und die Funktionalisierung des Geldes durch EDV (Binswanger 1996; Gottschalk 1996; Guttmann 1996; Hartmann-Wendels/Spicher 1997; Heine/ Herr 1996; Hirsch-Kreinsen 1998; Misik 1997; Rojas 1996; Schneider 1998) – solche und ähnliche Schlagzeilen, spektakulär formuliert, trugen sicher dazu bei, dass sich in jüngster Zeit das sozialwissenschaftliche Interesse dem „Rätsel Geld“ (Schelkle, Nitsch) wieder verstärkt zuwandte. Ganz unspektakulär trat dabei die Frage der klassischen Ökonomie nach der gesellschaftlichen Wertschöpfung in den Hintergrund. Stattdessen, wie gesagt, wurden geldinduzierte Krisen heraufbeschworen, ein Sachverhalt, der Ängste schürte, Ängste, die noch verstärkt wurden dadurch, dass er in einer Sprache formuliert wurde, die dem Verständnis dessen, was da vor sich ging, nicht gerade förderlich war. 5.1.1 Marx und Keynes Die Bedeutung des Geldes liegt vor allem in dessen Funktion als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft. John Maynard Keynes
Auch ich gehe davon aus, dass die neuen Technologien den gesellschaftlichen Lebenszusammenhang der Menschen grundlegend verändern werden, aber nicht so sehr dadurch, dass die Informations- und Kommunikationstechnologien die Wirksamkeit und den Einfluss der Finanzmärkte noch mehr steigern, sondern, viel grundlegender, durch die Substitution menschlicher Arbeitskraft schlechthin (Bammé 1993; Bammé/Fleissner 1994). Die Frage nach der Schöpfung und der Verteilung des gesellschaftlich erwirtschafteten Reichtums wird sich durch die arbeitskraftsubstituierende Technologie viel radikaler stellen als in der spektakulären Diskussion um die Expansion der Finanzmärkte. Geld ist nur die abstrakte Symbolform, in der sich gesellschaftliche Verhältnisse, Arbeits- und Verkehrsformen, abbilden, also nicht die ihm zu Grunde liegende Realität selbst („Geld kann man nicht essen“). Dieser Sachverhalt wird in der Abkoppelungsthese auch ganz richtig zugespitzt. Vernachlässigt wird dabei aber, dass die dort erörterten Probleme ihre Ursache gar nicht so sehr im Geld als solchem, im Geld als
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Tausch- bzw. Zirkulationsmittel, sondern in der Geldform des Kapitals, also in einem gesellschaftlichen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis haben. Die Ausdehnung der Finanzmärkte, ihre räumliche und zeitliche Entgrenzung sind durch die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien zweifellos forciert worden. Die Schnelligkeit der Geschäftsabschlüsse, die Übersicht über die Marktsituation, all das ist erheblich verbessert worden. Aber hierbei handelt es sich nur um technische Veränderungen. Die ihnen zu Grunde liegende ökonomische Struktur bleibt davon zunächst unberührt. Erst wenn die Technologie die menschliche Arbeitskraft als wertschöpfende Potenz überflüssig macht bzw. marginalisiert, würden sich tief greifende Veränderungen in der ökonomischen Struktur ergeben (vgl. Duve 1977, 1978). Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufhört, die Quelle des gesellschaftlichen Reichtums zu sein, würde die Arbeitszeit aufhören, sein Maß zu sein. Die auf dem Tauschwert beruhende Produktion käme zu ihrem Ende. Das Kapitalverhältnis selbst stünde dann zur Disposition. Nicht mehr die Arbeitszeit, sondern die frei verfügbare Zeit wäre dann das Maß des Reichtums einer Gesellschaft. Die „wirkliche Ökonomie“ besteht für Marx in der „Ersparung von Arbeitszeit“: „Ökonomie der Zeit, darein löst sich schließlich alle Ökonomie auf“ (1953: 89). Diese Ersparung fällt für ihn zusammen mit der „Entwicklung der Produktivkraft“ und impliziert, was wichtig ist, „keineswegs Entsagen von Genuss“, sondern ganz im Gegenteil das „Entwickeln von power, von Fähigkeiten zur Produktion und daher sowohl der Fähigkeiten, wie der Mittel des Genusses. Die Fähigkeit des Genusses ist die Bedingung für denselben, also erstes Mittel desselben und diese Fähigkeit ist Entwicklung einer individuellen Anlage, Produktivkraft (...) Sie kann vom Standpunkt des unmittelbaren Produktionsprozesses aus betrachtet werden als Produktion von capital fixe; dieses capital fixe being man himself“ (a.a.O.: 599). Am Ende dieses historischen Prozesses steht ein anderer Mensch als der dumpfe Lohnarbeiter der frühbürgerlichen Gesellschaft: „Die freie Zeit – die sowohl Mußezeit als Zeit für höhere Tätigkeit ist – hat ihren Besitzer natürlich in ein anderes Subjekt verwandelt und als dies andere Subjekt tritt er dann auch in den unmittelbaren Produktionsprozess. Es ist dieser zugleich Disziplin, mit Bezug auf den werdenden Menschen betrachtet, wie Ausübung, Experimentalwissenschaft, materiell schöpferische und sich vergegenständlichende Wissenschaft mit Bezug auf den gewordenen Menschen, in dessen Kopf das akkumulierte Wissen der Gesellschaft existiert“ (ebd.). In dieser Situation ist die „Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit, als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder – deren powerful effectiveness – (...) in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr ab-
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hängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie, oder der Anwendung dieser Wissenschaft auf die Produktion“ (a.a.O.: 500). Und er fährt fort: „Die Arbeit erscheint nicht mehr so sehr als in den Produktionsprozess eingeschlossen, als sich der Mensch vielmehr als Wächter und Regulator zum Produktionsprozess selbst verhält (...). Es ist nicht mehr der Arbeiter, der den modifizierten Naturgegenstand zwischen das Objekt und sich selbst einschiebt; sondern den Naturprozess, den er in einen industriellen umwandelt, schiebt er als Mittel zwischen sich und die unorganische Natur, deren er sich bemeistert. Er tritt neben den Produktionsprozess, statt sein Hauptagent zu sein. In dieser Umwandlung ist es weder die unmittelbare Arbeit, die der Mensch selbst verrichtet, noch die Zeit, die er arbeitet, sondern die Aneignung seiner eigenen allgemeinen Produktivkraft, sein Verständnis der Natur und die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gesellschaftskörper – in einem Wort die Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums, die als der große Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums erscheint“ (a.a.O.: 593, Hervorhebung durch mich). Marx lässt keinen Zweifel daran, wer bzw. was Motor dieser Entwicklungsdynamik ist: nicht ein seltsames „Superadditum“ (Simmel), sondern das Kapital in seiner großen geschichtlichen Bedeutung und zivilisatorischen Funktion. Allerdings: „Seine historische Bestimmung ist erfüllt, sobald einerseits die Bedürfnisse soweit entwickelt sind, dass die Surplusarbeit über das Notwendige hinaus selbst allgemeines Bedürfnis ist, aus den individuellen Bedürfnissen selbst hervorgeht, – andererseits die allgemeine Arbeitsamkeit durch die strenge Disziplin des Kapitals, wodurch die sich folgenden Geschlechter durchgegangen sind, entwickelt ist als allgemeiner Besitz des neuen Geschlechts, – endlich durch die Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit, die das Kapital in seiner unbeschränkten Bereicherungssucht und den Bedingungen, worin es sie allein realisieren kann, beständig voranpeitscht, soweit gediehen ist, dass der Besitz und die Erhaltung des allgemeinen Reichtums einerseits nur eine geringe Arbeitszeit für die ganze Gesellschaft erfordert und die arbeitende Gesellschaft sich wissenschaftlich zu dem Prozess ihrer fortschreitenden Reproduktion, ihrer Reproduktion in stets größerer Fülle verhält: also die Arbeit, wo der Mensch in ihr tut, was er Sachen für sich tun lassen kann, aufgehört hat. (...) Als das rastlose Streben nach der allgemeinen Form des Reichtums treibt (...) das Kapital die Arbeit über die Grenzen ihrer Naturbedürftigkeit hinaus, und schafft so die materiellen Elemente für die Entwicklung der reichen Individualität, die ebenso allseitig in ihrer Produktion als Konsumtion ist, und deren Arbeit daher auch nicht als Arbeit, sondern als volle Entwicklung der Tätigkeit selbst erscheint; in der Naturnotwendigkeit in ihrer unmittelbaren Form verschwunden ist, weil an die Stelle des Naturbedürfnisses ein geschichtlich erzeugtes getreten ist. Daher
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ist das Kapital produktiv; d.h. ein wesentliches Verhältnis für die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte. Es hört erst auf als solches zu sein, wo die Entwicklung dieser Produktivkräfte an dem Kapital selbst eine Schranke findet“ (a.a.O.: 231). Das Kapital erscheint hier zum Schluss ganz deutlich als prozessierender Widerspruch, zwar als „Bedingung für die Entwicklung der Produktivkräfte, solange sie eines äußeren Sporns bedürfen“, der aber „zugleich als ihr Zaum erscheint, Disziplin derselben, die überflüssig und lästig wird auf einer gewissen Höhe ihrer Entwicklung“ (a.a.O.: 318). Ähnlich sah es Keynes, durchaus kein Parteigänger von Marx, im Gegenteil (Mattick 1971; Scherf 1986). Er ging davon aus, „dass eine ordentlich geführte Gemeinschaft, die mit modernen technischen Ressourcen ausgestattet ist und deren Bevölkerung nicht drastisch zunimmt, in der Lage sein sollte, die marginale Effizienz des im Gleichgewicht befindlichen Kapitals, den Profit, innerhalb einer Generation auf nahezu Null zu bringen, womit der Zustand einer quasistationären Gemeinschaft erreicht wäre, in der Wandel und Fortschritt nur aus Veränderungen der Technik, des Geschmacks, der Bevölkerung und der Institutionen erwächst, in der die Produkte des Kapitals zu einem Preis verkauft werden, der dem Arbeitsaufwand, der ihnen innewohnt, usw. entspricht, nach genau den gleichen Grundsätzen, nach denen die Preise von Verbrauchsgütern bestimmt werden, in die Kapitalkosten nur in einem unbeträchtlichen Grade eingehen“ (Keynes 1936: 220; deutsche Fassung: 184 f.). Geld als Kapital würde dann keinerlei Produktivität mehr haben. Vielleicht würde es seinen Besitzern gar zur Last werden. Sie würden es nicht mehr anhäufen, weil es ihnen keinerlei Ertrag bringt, sondern ihn zerstört, weil es keinen wahren Reichtum bringt, sondern ihn vernichtet. Wenn Zins und Profit wegfielen, würden die Menschen die wahre Natur ihrer Wünsche erkennen können und wären in der Lage, sie zu befriedigen. So jedenfalls lautet Keynes’ Vision. Schon „eine kurze Betrachtung wird zeigen, welche enormen sozialen Veränderungen aus einem allmählichen Verschwinden der Verzinsung angehäuften Kapitals erwachsen würden. Noch immer könnte man seinen Verdienst anhäufen, um ihn zu einem späteren Zeitpunkt auszugeben. Aber dieses Kapital würde nicht wachsen. Man wäre einfach nur in der Situation wie der Vater von Pope, der bei seinem Rückzug aus dem Geschäftsleben eine Truhe voller Guineas mit in seine Villa nach Twickenham nahm und damit seinen notwendigen Unterhalt bestritt“ (a.a.O.: 220 f.; deutsch: 185). Die Folgen wären dramatisch und einer dramatischen Wortwahl bedient sich unser Autor: „Es würde die Euthanasie des Rentiers bedeuten und folgerichtig auch die Euthanasie der kumulierenden tyrannischen Macht des Kapitalisten, die Knappheit des Kapitals auszubeuten“ (a.a.O.: 376; deutsch: 317). Doch noch ist es nicht so weit. Die gegenwärtige Situation lässt sich eher als Zwischenstadium charakterisieren: „Immer mehr Reichtum wird mit immer
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weniger Kapital und Arbeit produziert. Die Produktion verteilt in Folge an eine abnehmende Zahl von Berufstätigen eine abnehmende Menge von Löhnen und Gehältern, wodurch die Kaufkraft eines wachsenden Anteils der Bevölkerung sinkt und Arbeitslosigkeit, Armut, unumgehbare Not sich ausbreiten. Die schnell ansteigende Produktivität von Arbeit und Kapital bringt einen Überschuss an Arbeitskraft und Kapital mit sich. Zusätzlich versucht sich dieses auch noch ohne die Vermittlung produktiver Arbeit – durch Operationen auf den Finanzund Devisenmärkten – zu vermehren oder durch Investitionen in Billiglohnländern. Durch das sinkende Lohnaufkommen, aber auch auf Grund der von den Staaten dem Kapital eingeräumten Steuerbefreiungen, die seine Abwanderung bremsen sollen, sind die kurzfristig nicht rentablen Aktivitäten und Investitionen (wie Forschung, Erziehung, öffentliche Dienste und Einrichtungen, Umweltschutz etc.) nicht mehr finanzierbar. Privatisierung öffentlicher Dienste, Kürzungen von Sozialausgaben und Sozialleistungen greifen ineinander“ (Gorz 2000: 129 f.). Um das Empörende dieser Situation begreifen zu können, muss man nicht Soziologe sein. Jedem mit einfach einsichtiger Vernunft ausgestatteten Menschen (Heintel) fällt auf, dass unsere Gesellschaft nicht an Güterknappheit leidet. Im Gegenteil! Sie erstickt geradezu an Autohalden, Rindfleisch- und Butterbergen, Milchseen und Obstüberschüssen. Knapp, und damit zugleich überflüssig, werden Autos, Rinder, Milchprodukte und Obst dadurch, dass nicht jeder dafür zahlen kann. Gorz belegt seine Argumentation mit Berechnungen aus Deutschland: Zwischen 1979 und 1994 seien die Gewinne der Unternehmen um 90%, die Löhne um 6% gestiegen. Der Anteil der Gewinnsteuern am gesamten Steueraufkommen sei von 35% im Jahr 1960 auf 25% 1980 und auf 13% 1994 gesunken. In der gleichen Zeit sei der Anteil der Steuern auf Löhne und Gehälter von 16% im Jahr 1960 auf 30% 1980 und auf 36% 1994 gestiegen (ebd.). Weil die Arbeitszeit nicht mehr als Maß des geschaffenen Reichtums dienen kann, so folgert er, könne sie auch nicht mehr die Grundlage sein, auf der die verteilten Einkommen und der überwiegende Anteil der staatlichen Umverteilung sowie der Staatsausgaben beruhen. Die Distribution der Tausch- bzw. Zahlungsmittel müsse künftig dem Umfang des gesellschaftlich produzierten Reichtums entsprechen und nicht dem Umfang der geleisteten (Lohn-)Arbeit. Da das Sozialprodukt aus integrierten Mensch-Maschinen-Systemen hervorgeht, in denen der besondere Beitrag der Einzelnen nicht mehr messbar ist, wird es zu einem wirklichen Gemeingut. Die Verteilungsfrage stelle sich deshalb nicht mehr in Begriffen von „kommutativer“, sondern von „distributiver Gerechtigkeit“. Die Distribution der Tausch- bzw. Zahlungsmittel wird keine Entlohnung im traditionellen Sinn mehr sein können, sondern die Form eines „sozialen Grundeinkommens“, eines „Bürgergeldes“, wie immer man diese Anweisung auf den erwirtschafteten Reichtum der Gesellschaft nenne, annehmen müssen (Büchele/Wohlgenannt
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1985; Opielka/Vobruba 1986). Das ökonomische Problem der Wertschöpfung wird historisch abgelöst von dem politischen Problem der Verteilung des gesellschaftlich erwirtschafteten Reichtums. Es besteht darin, bewusst zu entscheiden, wie der gesellschaftlich produzierte Reichtum verteilt werden soll, wenn der Marktwert der Arbeitskraft als Maß der individuellen Leistung an Bedeutung verliert, wenn also die tradierte Gleichsetzung von Arbeit und wohlstandsmehrender Leistung immer fragwürdiger wird. 5.1.2 Mit Marx über Marx hinaus Der Kapitalismus ist eine Schönheit. Man kann, je detaillierter man ihn analysiert, ins Staunen und Schwärmen geraten. Robert Misik
Vorbehalte gegenüber den zitierten Keynes-Bemerkungen sind in zweierlei Hinsicht anzumelden. Technik, Geschmack, Bevölkerung, Institutionen – all das sind keine Nebensächlichkeiten. Es handelt sich um bestimmende Größen gesellschaftlicher Wirklichkeit, die vom Geld, wenn nicht erschaffen, so doch verändert werden. Und die Veränderungen dieser Größen zerstören ständig Kapital, machen es knapp und erstrebenswert. Zweitens, und vielleicht noch wichtiger: Keynes spricht von der tyrannischen Macht des Kapitalisten. Die Situation, die ich als Zwischenstadium bezeichnet habe, zeichnet sich aber gerade dadurch aus, dass die gesellschaftliche Macht, die das Kapital als prozessierender Widerspruch ausübt, viel gewaltiger ist als die bloße Herrschaft von Personen. Es ist gerade die Abstraktion von personaler Macht, die, wenn man so will, die Schönheit oder, je nach Geschmack, die Hässlichkeit des Kapitalismus ausmacht. Insofern führt jede Rhetorik gegen die Kapitalbesitzer in die Irre, weil sie nicht eigentlich das Kapital kritisiert, sondern vielmehr die Kapitalisten, die als persönliche Subjekte des in Wirklichkeit subjektlos funktionierenden Gesellschaftsverhältnisses der Warenwelt erscheinen (vgl. Kurz 1991). Das wird nirgendwo deutlicher als in den beeindruckenden Aktionen des Finanzkapitals. Ein Beispiel mag wiederum verdeutlichen, was gemeint ist. Zu den mächtigsten global players auf den internationalen Kapital- und Finanzmärkten zählen heute die amerikanischen Pensionsfonds. Von einem Prozent 1950 stieg ihr Anteil am Gesellschaftskapital der US-Unternehmen allein bis 1989 auf 26 Prozent. Rund ein Drittel davon entfällt auf öffentliche Pensionsfonds. Die Vermögen, die diese Fonds verwalten, stiegen in diesem Zeitraum von 5,3 Milliarden US-Dollar auf 600 Milliarden US-Dollar (vgl. Misik 1997: 956; ferner Gorz 2000: 30; sowie Binswanger 1996: 180 ff.). Das Kapital, das sie verwalten, sind die Rentenbeiträge amerikanischer Arbeiter und Angestellter.
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Was sie im Auge haben, ist die maximale Rendite zum Besten ihrer Anleger, denen sie so ein finanziell abgesichertes Alter bieten. Dieses Ziel lässt sich nur erreichen, wenn die Unternehmen, in die sie investieren, Gewinne abwerfen. Das gelingt am besten, wenn die Einnahmen gesteigert und die Kosten gesenkt werden, beispielsweise durch Reduktion von Personalkosten: Lohnsenkungen oder Entlassungen. Um zu verdeutlichen, dass die gesellschaftliche Macht, die das Kapital als versachlichtes Prozessgeschehen darstellt, von viel gewaltigerer Natur ist als die bloße Herrschaft, die man Personen, Unternehmen, Institutionen zuschreibt, stellt Misik ein zwar bizarres, aber gleichwohl realistisches Gedankenexperiment an: „Wenn ein Stahlarbeiter in einen Pensionsfonds einzahlt, dieser dessen Beiträge an einen Investitionsfonds weiterreicht, welcher wiederum Anteile an seinem Stahlwerk kauft und zur Erhöhung der Rentabilität in der Folge Arbeitsplatzabbau oktroyiert, dann ist es im materiellen Interesse dieses Stahlarbeiters in seiner Rolle als künftiger Rentner, sich selbst zu entlassen“ (a.a.O.: 957). Dass der Kapitalismus aus vielerlei Teilrationalitäten ein irrationales Gesamtsystem gebiert, ist an sich keine neue Erkenntnis. Schon zu Marxens Zeiten galt, „dass ein Unternehmer, der den Anteil der Lohnkosten zu drücken sucht, subjektiv rational und aus der Perspektive des Gesamtsystems irrational handelt, ebenso wie ein Lohnabhängiger, der nach billigeren Waren sucht und so der Lohnkonkurrenz einen weiteren Impuls versetzt.“ Neu ist, „dass es nicht mehr des Umwegs von der Produktion über die Distribution zur Konsumtion bedarf, damit sich die Subjekte darin verfangen; dass dieser Kapitalismus also, indem er aus den Produzenten veritable Kapitalbesitzer macht, die Struktur des Systems nicht etwa aufbricht, sondern nur noch raffinierter gestaltet; dass also die Produzenten nicht mehr bloß in ihrer Rolle als Konsumenten in Widerspruch zu ihrem Produzenteninteresse geraten, sondern an den Prozess der Produktion selbst als Agenten des Verwertungsprozesses rückgeschlossen werden“ (a.a.O.: 959). Einem System, das aus seiner bloßen ökonomischen Selbstbewegung heraus solches zustande bringt, sei eine gewisse Hochachtung nicht zu versagen. Das System so raffiniert zu strukturieren, dass die Arbeiter und Angestellten zu Agenten des Verwertungsprozesses werden, das sei es, was man die Schönheit des Kapitalismus nennen könne. Man müsse, je detaillierter man ihn analysiert, ins Staunen und Schwärmen geraten. Aber, beeilt Misik sich sogleich hinzuzufügen, es ließe sich ebenso berechtigt von der Hässlichkeit dieses Systems sprechen, denn elegant oszillieren die einander widersprechenden Teilrationalitäten ja nur auf der Oberfläche, am Ende dieses Prozesses dominiere ein einziges, banales Prinzip: der radikalisierte Ökonomismus des shareholder values, der jedes mögliche andere Prinzip erschlägt (a.a.O.: 957).
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Ökonomisches Wachstum, das auf Automation und intelligenter werdenden Maschinen beruht, schafft per Saldo keine Arbeitsplätze mehr. Im Gegenteil, mehrheitlich vernichtet es sie. Keynes hatte in diesem Zusammenhang von „technologischer Arbeitslosigkeit“ gesprochen, weil „unsere Entdeckung von Mitteln zur Einsparung von Arbeit schneller voranschreitet als unsere Fähigkeit, neue Verwendung für Arbeit zu finden.“ Und er machte sich ernsthaft Sorgen darüber, wie die Menschen mit dieser Situation fertig werden würden. „Mit Schrecken“ dachte er „an die Umstellung der Gewohnheiten und Triebe des gewöhnlichen Menschen, die in ihm seit ungezählten Generationen gezüchtet“ worden waren „und die er nun (...), ihrer herkömmlichen Zwecke beraubt, (...) von sich abwerfen soll.“ Er befürchtete einen gesellschaftlichen „Nervenzusammenbruch“, dem niemand „ohne Furcht entgegenblicken könnte.“ Zwar sei es, fährt er fort, „für den gewöhnlichen Menschen ohne eine besondere Begabung (...) eine beängstigende Aufgabe, sich selbst zu beschäftigen (...) Eine Drei-Stunden-Schicht oder eine Fünfzehn-Stunden-Woche“ könne das Problem „noch eine Weile hinausschieben.“ Aber schließlich müssten wir „uns von vielen der scheinsittlichen Grundsätze lossagen, die uns seit zweihundert Jahren wie ein Alpdruck verfolgt haben, wobei wir einige der abstoßendsten menschlichen Eigenschaften in die Stellung höchster Tugenden emporgesteigert haben“ (1956: 267 ff.). Vieles spricht dafür, dass die menschliche (Lohn-)Arbeit aufhört, die Quelle gesellschaftlichen Reichtums zu sein, und dass es sich hierbei nicht um ein vorübergehendes konjunkturelles, sondern um ein strukturelles, um ein sozialhistorisches Problem handelt. Ökonomisch gesehen, werden die Menschen weitgehend überflüssig. Obwohl die Technologie, indem sie die Sphäre heteronomer Arbeit minimiert, Freiräume eröffnet, lautet die politische Strategie üblicherweise aber nicht, diesen neu sich eröffnenden Raum gesellschaftlich mit Sinn zu füllen, sondern, im Gegenteil, den historischen Prozess der Minimierung heteronomer Arbeit aufzuhalten, wenn nicht gar rückgängig zu machen und umzukehren. Statt den Menschen zu sagen, dass sie nicht mehr so viel zu arbeiten brauchen, heißt es: „Die Arbeit wird knapp.“ Die historische Errungenschaft von mehr Freizeit verwandelt sich in die Aussage, dass es „weniger Arbeitsplätze geben wird“. Die Gesellschaft ist an einem Punkt angelangt, an dem es im offiziellen Sprachgebrauch nicht mehr heißt, die Arbeit schafft Produkte, sondern die Produktion schafft Arbeit. Wenn aber eine Gesellschaft produziert, um zu arbeiten, statt zu arbeiten, um zu produzieren, dann ist die Arbeit insgesamt mit Sinnlosigkeit behaftet. Ihr hauptsächlicher Zweck besteht darin, „Leute zu beschäftigen“, um die sozialen Unterordnungs-, Wettbewerbs- und Disziplinierungsverhältnisse, auf denen die Funktionsweise der bürgerlichen Gesellschaft bislang beruhte, fortzuschreiben.
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Allerdings, das gilt es festzuhalten: Der Gesellschaft geht nicht die Arbeit schlechthin aus, wie in den Theorien vom „Ende der Arbeitsgesellschaft“ oft unterstellt wird. Zu tun gibt es auch in Zukunft genug, damit eine Gesellschaft existieren, funktionieren und sich weiterentwickeln kann. Was sich ihrem Ende nähert, ist eine bestimmte Form der gesellschaftlichen Arbeit, die Lohnarbeit, Arbeitskraft als Ware, die sich gegen Kapital austauscht, um jenes zu mehren. Wenn also davon die Rede ist, dass es mit der Arbeit zu Ende gehe, dann in dem Sinne, dass die Verausgabung von Arbeitskraft als mehrwertschaffende Potenz im Dienste des Kapitalverhältnisses aufhört zu existieren. Lohnarbeit und Kapital sind lediglich zwei Seiten ein und derselben Medaille: Ohne Kapital keine Lohnarbeit, ohne Lohnarbeit kein Kapital. In Zukunft wird gesellschaftlich notwendige Arbeit immer weniger innerhalb der Mauern und Zäune von Kapitalbetrieben, also im traditionellen erwerbswirtschaftlichen Sektor geleistet werden, sondern, zunehmend wichtiger, in der Öffentlichkeit, in der Gemeinde, in Bürgerinitiativen, heute schon in den so genannten NGO’s, den non-governmental organizations. Und obwohl sie dort nicht unbedingt als Lohnarbeit geleistet wird, muss sie doch gleichwohl professionell sein. Vor diesem Hintergrund gesellschaftlichen Umbruchs hat die Berliner Studentin Sandra Jenssen in einem programmatischen Essay auf die veränderte Rolle der Universitäten und die neuen Funktionen, die auf sie zukommen, aufmerksam gemacht: „Wenn sie Schlimmeres verhindern will, muss sich die Gesellschaft auf die weitere Reduzierung des Arbeitsmarktes vorbereiten (...). Kreativität, Orientierungsfähigkeit und Eigeninitiative, die die unterbeschäftigte Gesellschaft mehr denn je nötig haben wird, müssen gelernt und folglich auch gelehrt werden (...). Wer anders als die Hochschulen sollte denn den Bürger darauf vorbereiten können, seiner Überflüssigkeit kreativ zu begegnen? (...) Bildung wird als soziale Funktion, nicht nur als ökonomischer Wert erforderlich sein, um die demokratische Gesellschaft im Zeitalter der Massenarbeitslosigkeit lebensfähig zu erhalten. Es geht am Problem vorbei, zu fragen, ob wir nutzlos Geld in arbeitslose Akademiker investieren. Wir werden den gebildeten, kreativen, orientierungsfähigen, mit einem Wort den akademischen Arbeitslosen noch brauchen“ (1998: 8). Die Menschen, die keine Arbeit mehr „haben“, müssen gleichwohl mit Kaufkraft ausgestattet werden. Wenn die mit einem minimalen menschlichen Arbeitsaufwand hergestellten Produkte gekauft werden sollen, müssen an die Bevölkerung Zahlungsmittel vorab verteilt werden. Diese stünden in keinem zurechenbaren Verhältnis mehr zum traditionellen Kostpreis der Arbeit. Einkommen und (entlohnte) Beschäftigung hätten sich endgültig entkoppelt. Die erzeugten Produkte haben zwar weiterhin einen Preis, aber zu sagen, sie hätten einen Wert, der letztlich auf dem Anteil der in ihnen verausgabten Arbeit beruht, macht keinen Sinn mehr. Dass die Güter nach wie vor einen Preis haben – was auch im-
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mer seine wesensmäßige Bestimmung, Basis und Begründung sei – macht hingegen durchaus einen Sinn, denn die Unternehmen müssen kalkulieren können. Mit natürlichen Ressourcen muss nach wie vor sparsam umgegangen, Innovationen müssen belohnt werden. Das Verteilungsproblem besteht darin, dass den mit Preisen ausgestatteten Produkten keine nennenswerte Kaufkraft, keine in Geld ausgedrückten Bezugsrechte, die sich aus geleisteter Arbeit herleiten, gegenüberstehen. Es arbeiten ja immer weniger Menschen für Lohn. Auf der anderen Seite kann man sie nicht „verhungern“ lassen. Man muss sie mit Geld ausstatten. Die Umverteilung des gesellschaftlich erwirtschafteten Reichtums wird zum politischen Problem. Es ist kein rein ökonomisches mehr. Es findet eine Verlagerung der Verteilungskonflikte von der Produktions- in die Finanzsphäre statt. An die Stelle der Lohnkämpfe treten Auseinandersetzungen um Renten. Das heißt, gesellschaftliche Diskurse, die politisch und argumentativ geführt werden, gewinnen zunehmend an Bedeutung gegenüber klassischen Lohnkonflikten. Nach wie vor agieren die Unternehmen am Markt und versuchen, ihr eingesetztes Kapital zu vermehren. Fondsgesellschaften und deren Manager wachen darüber, dass die Unternehmen hohe Renditen erzielen. Bei ihnen sammeln sich, weitgehend abgekoppelt vom realen Produktionsgeschehen und eigenen Imperativen folgend, die erzielten Gewinne der Unternehmen. Aus ihnen wären die von Arbeit Freigesetzten mit Geld, mit Kaufkraft auszustatten. Der Zugriff auf sie müsste gleichsam als Bürgerrecht kodifiziert werden. Über die Verteilungsmodi und die Höhe wäre politisch zu entscheiden. Unterschiedliche Möglichkeiten sind denkbar: Soll jeder Bürger Anteilseigner, also eine eher privatrechtliche Lösung favorisiert werden? Oder sollen die Fondserträge einer überproportional hohen Besteuerung unterzogen werden? Das hieße, einer staatlichen Versorgungsregelung den Vorzug zu geben. Denkbar wären auch Mischformen. Darüber, wie der Zugriff auf die Fondsvermögen zu regeln sei, wird ernsthaft nachzudenken sein, denn sonst werden wir in Zukunft ganz sicher furchtbare Probleme bekommen. Darin ist Keynes ohne weiteres Recht zu geben. Wie auch immer die politische Lösung schließlich aussehen mag, schon jetzt ist abzusehen, dass sich die Auseinandersetzungen um den Einfluss auf die Verteilung des gesellschaftlich erwirtschafteten Reichtums von den Betrieben, den Stätten der Produktion, zu den Fondsgesellschaften, den Sammelstätten des Finanzkapitals, verschieben werden. Ökonomie der Zeit, sparsamer Umgang mit Ressourcen, all das wird die Produktion in ihrer materiellen, in ihrer stofflichen Dimension, also die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt, zwar nach wie vor prägen. Innovationen in diesem Bereich müssen sich rechnen. Die Fondsmanager werden ein Auge darauf haben. Aber das wird völlig abgekoppelt sein von der Frage, nach welchen Kriterien der bei den Fonds’ nominell, das heißt, in
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Geldeinheiten angesammelte Reichtum auf die Mitglieder der Gesellschaft verteilt wird. Ich habe mich in meinen Ausführungen, wie auch früher schon, weitgehend auf Gorz’ Konzept des garantierten Grundeinkommens gestützt, das er jüngst (2000) radikalisiert hat. Die diesem Konzept zu Grunde liegenden Basisüberlegungen finden sich in der Literatur auch woanders (vgl. etwa Kellermann 1991). Sie sind inzwischen nahezu Gemeingut vorausdenkender Sozialwissenschaftler geworden. 5.2 Mit Simmel weiterdenken Geld denotiert nichts, konnotiert alles. Christoph Deutschmann
Ein Aspekt im Erkenntnisinteresse Simmels, der sich wesentlich vom Marx’schen unterscheidet, besteht in der Frage, wie die zwischenmenschlichen Verkehrsformen, vor allem die Verhaltensantriebe und Handlungsorientierungen der beteiligten Menschen, durch die Geldwirtschaft konstituiert, verändert und legitimiert werden und worin sie sich äußern. Nach wie vor handelt es sich hierbei um eine durchaus aktuelle Problemformulierung, die in der einschlägigen Literatur Beachtung findet. „Für immer mehr Menschen steht das Geldverdienen, der Schutz des Eigentums, die Kaufsucht, Schulden machen, die Gier nach Geld oder das Horten von Geld im Mittelpunkt des Lebens, so dass andere Lebensziele, etwa befriedigende Beziehungen, Seelenruhe und kreative Interessen, davon überschattet werden“ (Boundy 1997: 19). Die Pathologien, in denen sich die Störungen im Umgang mit Geld äußern, durchziehen sämtliche Schichten der Bevölkerung, wenngleich in durchaus unterschiedlicher Weise. „Ein gestörtes Verhältnis zum Geld hat im Grunde wenig mit der eigentlichen Geldmenge zu tun. Man kann völlig abgebrannt und doch gierig sein, man kann über viel Geld verfügen und dennoch immer zwanghaft Schulden machen. Es ist nicht die verdiente, ausgegebene oder geliehene Geldmenge, die den unvernünftigen Umgang ausmacht, sondern die Art und Weise, wie man sein Geld einsetzt und wie sich dies auf das eigene Leben auswirkt. Trotz vieler Probleme werden bestimmte Verhaltensmuster ständig wiederholt“ (a.a.O.: 19). Simmel, ich erwähnte es bereits, nennt unter anderem Geldgier, Geiz, Verschwendung, asketische Armut, modernen Zynismus, Blasiertheit als deren Äußerungsform (1989: 292-337). Anders formuliert lautet seine Frage: In welcher Weise prägt die durchdringende Landnahme des Geldes die Lebenswelt der davon betroffenen Menschen? Wie verändert Geld, soziologisch verstanden als „substanzgewordene Sozialbeziehung“, bzw. die Form, in der es sich äußert, die tradierte „Funktion des Tau-
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sches“? Diese Frage auf der Höhe der Zeit zu stellen, heißt, sie vor dem Hintergrund einer sich abzeichnenden „cashless society“ zu reformulieren. Dabei gilt es im Auge zu behalten, dass der ökonomische Tausch zugleich immer auch eine Lernbeziehung darstellt, dass sein Funktionieren im gesellschaftlichen Kontext auf Lernerfahrungen beruht. 5.2.1 Legale und kriminelle Ökonomie Krieg, Handel und Piraterie, Dreieinig sind sie, nicht zu trennen. Johann Wolfgang von Goethe
Das Erlernen der Zahlen, das Umgehen mit ihnen beim Bezahlen, die Einübung quantitativer Vergleiche, das Abwägen, Unterscheiden und Manipulieren von Zeichen und Werten gehen sowohl lebens- als auch sozialgeschichtlich einher mit dem progressiven Erlernen der Gegenseitigkeit als moralischer Mindestnorm. Spätestens seit Mead, Piaget und Kohlberg wissen wir das. Konsumieren lernen, sein Budget pflegen usw., all das ist nicht voraussetzungslos. Vergleichs-, Mess-, Bewertungs-, Kommensurationsoperationen, aber auch die Handhabung von Zeitkonten und die Verteilung von Risiken stellen praktische Anforderungen dar, denen nachzukommen jedes Mal eine Suche nach und ein „Begreifen“ von Sinn ist, selbst wenn dieser nur dem normativen Minimum, welches sich im materiellen Interesse äußert, entspricht, ganz abgesehen von den moralischen Implikationen des Tauschgeschehens, der Frage, bis zu welchem Punkt „Übervorteilungen“ legitim und legal sind. Wie dünn und fließend die Grenze zwischen ökonomisch korrektem und kriminellem Handeln ist, wurde in der jüngeren Vergangenheit sehr schnell deutlich im Transformationsprozess der Sowjetunion vom „real existierenden Sozialismus“ zur „freien Marktwirtschaft“. Es geht eben nicht nur um die bloße Handhabung ökonomischer Instrumente und Hebel, sondern auch um die Einhaltung von „Spielregeln“, von zuvor verinnerlichten ethischen Normen und Imperativen (Maier 1992: 19). Sie zu beachten und zu beherrschen setzt langjährige Erziehungs- und Lernprozesse voraus. Sie sind nicht naturgegeben. Schon Goethe wusste um den Ursprung des legalen Tausches: „Krieg, Handel und Piraterie, Dreieinig sind sie, nicht zu trennen“ (Faust II, Fünfter Akt, Palast). Ökonomische Austauschvorgänge beinhalten Abstraktionsleistungen, die historisch (soziogenetisch) und lebenspraktisch (psychogenetisch) erlernt werden müssen. Die Psychogenese der Erwachsenenhabitus in der zivilisierten Gesellschaft lässt sich nicht verstehen, wenn man sie unabhängig von der Soziogenese unserer Zivilisation betrachtet. Nach einer Art von soziogenetischem Grundgesetz durchläuft das Individuum während seiner kleinen Geschichte noch einmal etwas von den Prozessen, die seine Gesellschaft
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während ihrer großen Geschichte durchlaufen hat. Dieser Gedanke, dass sich die wichtigsten Etappen der Soziogenese in der Psychogenese wiederholen, findet sich sowohl bei Elias als auch bei Piaget. Vom Mainstream der sozialwissenschaftlichen Literatur weitgehend unbemerkt blieb lange Zeit ein Kausalnexus, der von Castells (2003) unter dem Begriff der kriminellen Ökonomie populär gemacht worden ist. Vernachlässigt wurde dieses Phänomen zu Unrecht, weil es droht, zu einem strukturierenden und tragenden Element normaler gesellschaftlicher Reproduktion zu werden. Dass seine Entstehung wesentlich mit der Anonymisierung und Globalisierung „hyperdynamischer“ Finanzströme zusammenhängt, darauf wurde allerdings bereits sehr früh, zu Beginn der 60er Jahre, hingewiesen. Amsel war einer jener „monetary cranks“ (Schelkle), die das Geld in seiner anonymen Form als Zirkulations- und Zahlungsmittel abschaffen wollen, weil in ihm „das entscheidende Problem der heutigen Kriminalität überhaupt zu sehen ist“ (1965: 8), weil es „in jeder Hinsicht das Zentralproblem der Kriminalität ist“ (a.a.O.: 72). Amsels „Beitrag zum institutionellen Denken“ erschien 1965 und mutet aus heutiger Sicht rührend, geradezu biedermeierlich an, „cranky“ eben. Während Amsel noch kleinkriminelle Vergehen im Auge hatte, stellt sich der Zusammenhang von Geld und Kriminalität heute in einer Zeit der internationalen Finanzmärkte und der weltweiten Verflechtung nationaler Ökonomien, wie gesagt, etwas anders dar. Folgt man den Berichten der Vereinten Nationen (1995), so ist das organisierte Verbrechen eng mit der legalen Wirtschaft verflochten. Die Öffnung der Märkte, der Niedergang des Wohlfahrtsstaates, die Privatisierungen, die Deregulierung der internationalen Finanz- und Geschäftswelt haben die „Zunahme unerlaubter Machenschaften“ und die „Internationalisierung der damit einhergehenden Wirtschaftskriminalität“ in besorgniserregender Weise begünstigt und forciert. Den UNO-Angaben zufolge belaufen sich die jährlichen Einkünfte der transnationalen Verbrecherorganisationen weltweit auf zirka tausend Milliarden Dollar. Das entspricht dem Bruttosozialprodukt aller Länder, die – mit insgesamt drei Milliarden Einwohnern – von der Weltbank als einkommensschwach eingestuft werden. Dabei umfasst die geschätzte Summe sowohl den Erlös aus illegalen Waffenverkäufen, aus dem Drogenhandel, dem Schmuggel atomaren Materials als auch die Profite aus Geschäften, die von kriminellen NGO’s wie der Mafia kontrolliert werden (Prostitution, Glücksspiel, Devisenschwarzmärkte). Unberücksichtigt bleiben hingegen die laufenden Investitionen, mit denen sich kriminelle Organisationen die Kontrolle über rechtmäßige Geschäfte sichern und damit ihren Machteinfluss auf die Produktionsmittel zahlreicher Bereiche der legalen Wirtschaft ausdehnen. Denn, so ist den einschlägigen Dossiers zu entnehmen, parallel zu ihren ungesetzlichen Machenschaften arbeiten kriminelle Organisationen mit gewöhnlichen Firmen zusammen und investieren in
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eine ganze Reihe legaler Unternehmungen, die nicht nur zur Tarnung von Geldwäsche dienen, sondern auch ein sicheres Mittel darstellen, Kapital außerhalb der kriminellen Sphäre zu akkumulieren. Solche Investitionen gehen hauptsächlich in Bereiche wie Luxusimmobilien, Freizeitindustrie, Verlagswesen und Medien sowie Finanzdienstleistungen, aber auch in den öffentlichen Sektor, in Landwirtschaft und Industrie. Um zwanzig Millionen Dollar zu waschen, benötigt eine kriminelle Organisation zum Beispiel nur zweihunderttausend Dollar an Kommissionsgeld. Das Geld aus dem Drogenhandel zirkuliert so weitgehend ungehindert im internationalen Geldkreislauf und fließt zu neunzig Prozent in die legale Wirtschaft zurück (Chesneaux 1996; Chossudovsky 1996). Aktuelle Schätzungen über die Profite und Finanzströme, die aus der kriminellen Ökonomie stammen, weichen erheblich voneinander ab, und sie sind nicht unbedingt zuverlässig. Sie geben jedoch eine ungefähre Vorstellung davon, in welchen Größenordnungen sich das Ganze bewegt. So berichtet Castells, dass der Wert des globalen Drogenhandels etwa 500 Milliarden Dollar im Jahr betrage. Das ist weitaus mehr als der Welthandel mit Erdöl umsetzt, fast das Doppelte. Der Gesamtprofit aus kriminellen Tätigkeiten aller Art wird sogar mit 750 Milliarden Dollar jährlich beziffert. Andere Schätzungen kommen auf eine Zahl von einer Billion Dollar pro Jahr für 1993, was ungefähr so viel ist, wie der USBundeshaushalt zur selben Zeit betrug. Ein großer Teil der Profite wird, wie gesagt, gewaschen, wobei die Wäscher üblicherweise eine Provision zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Prozent des nominalen Dollarpreises erhalten. Einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge erreichte die globale Geldwäsche 1999 einen Umfang zwischen 500 Milliarden und 1,5 Billionen Dollar. Das entspricht in etwa fünf Prozent des globalen Bruttosozialprodukts. „Diese Kontinuität zwischen Profiten aus krimineller Tätigkeit und ihrer Investition in legale Tätigkeiten macht es unmöglich, die wirtschaftlichen Auswirkungen des globalen Verbrechens allein auf den kriminellen Bereich zu begrenzen, weil der legale Sektor eine große Rolle dabei spielt, die Gesamtdynamik des Systems zu sichern und zu verschleiern.“ Ergänzt wird diese Art der Abwicklung von Geschäften durch eine Kombination der Manipulation legaler Verfahren und Finanzsysteme, sowohl national als auch international, mit dem gezielten Einsatz von Gewalt und der Korruption von Beamten, Bankern, Bürokraten und Gesetzeshütern (Castells 2003: 175-220, hier: 178 f.). In einer Zeit der weltweiten Verflechtung von Gütermärkten und Finanzkapital wird die Rolle der organisierten Kriminalität im Bereich der Wirtschaft nach wie vor in grob fahrlässiger Weise falsch eingeschätzt. Während kleinkriminelle Vergehen marktschreierisch angeprangert werden, erfährt die Öffentlichkeit kaum etwas über die systemkonforme Rolle und den systemstabilisierenden Einfluss internationaler Verbrecherorganisationen in Politik und Wirtschaft. Auf
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Grund von Hollywood-Klischees und Sensationsjournalismus denkt die Öffentlichkeit beim Begriff „Kriminalität“ sehr vordergründig und spontan an den Zusammenbruch öffentlicher Ordnung. Das Gegenteil ist oft der Fall. Der flexible Zusammenhang dieser kriminellen Aktivitäten innerhalb internationaler Netzwerke bildet einen wesentlichen Bestandteil der neuen globalen Wirtschaft und der politisch-sozialen Dynamik des, wie Castells es nennt, Informationszeitalters. Komplexe Finanzpläne und internationale Handelsnetzwerke binden die kriminelle Ökonomie in die legale Ökonomie ein. Die Wirtschaft und die Politik vieler Länder – Castells nennt unter anderem Österreich, Luxemburg und Italien – seien ohne die Dynamik der kriminellen Netzwerke gar nicht zu verstehen. Aber, empört er sich: Zwar werden die Bedeutung und die Realität dieses Phänomens zunehmend zur Kenntnis genommen, und es gibt auch reichlich Beweismaterial. „Doch die Sozialwissenschaften kümmern sich meist wenig um das Problem, wenn es darum gehen soll, Wirtschaft und Gesellschaft zu verstehen.“ An dieser Verdrängungsleistung nimmt er, als Soziologe, Anstoß: „Wenn man feststellt, dass ein Phänomen eine fundamentale Dimension unserer Gesellschaften und sogar des neuen globalisierten Systems ausmacht, dann müssen wir auch alle verfügbaren Beweismittel einsetzen, um die Zusammenhänge zwischen diesen kriminellen Aktivitäten sowie Gesellschaften und Wirtschaften insgesamt aufzuklären“ (a.a.O.: 176 f.). Castells stellt als Soziologe einen Zusammenhang her zwischen dem prosperierenden Drogenhandel und der Perspektivlosigkeit Jugendlicher in der postmodernen Gesellschaft. Der Drogenhandel ist zu einem überragenden Geschäftszweig geworden, was so weit geht, dass die Legalisierung von Rauschgift vermutlich die schwerste Bedrohung darstellt, der sich das organisierte Verbrechen gegenüber sieht. Aber, argumentiert Castells, kriminelle Organisationen können sich auf die politische Blindheit und das deplatzierte Moralempfinden der Gesellschaft verlassen, die sich einfach nicht der Grundwahrheit stellt, um die es hier geht: Nachfrage bestimmt das Angebot. Die Quelle der Drogensucht und damit des größten Teils der Kriminalität auf der Welt liege in den psychischen Verletzungen, die den Menschen in unserer Gesellschaft durch das Alltagsleben zugefügt werden. Es werde deshalb ungeachtet aller Repression auf absehbare Zeit den Massenkonsum von Drogen geben. Und das globale organisierte Verbrechen werde Mittel und Wege finden, um diese Nachfrage zu befriedigen (Castells 2003: 183). Was aber in Zukunft vielleicht noch wichtiger ist: Der Einfluss der globalen Kriminalität beeinflusst auf subtile und in zunehmender Weise das kulturelle Selbstverständnis zahlreicher Gesellschaften. In einer von Geld dominierten Gesellschaft vermögen kriminelle Organisationen eine neue Kultur zu initiieren, Bindungen, Sicherheit und Identität zu schaffen, Vertrauen und Kommunikationsfähigkeit, die der Gleichgültigkeit einer ausschließ-
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lich auf Geldvermehrung basierenden Lebenswelt abhanden gekommen sind. „In vielen Zusammenhängen sind wagemutige, erfolgreiche Kriminelle zu Rollenmodellen für eine junge Generation geworden, die keine einfache Möglichkeit sieht, der Armut zu entkommen und sicherlich keine Chance auf den Genuss von Konsum und wirklichem Abenteuer hat. Von Russland bis Kolumbien bestätigen die Beobachter die Faszination, die die Mafiosi auf die lokalen Jugendlichen ausüben. In einer Welt der Exklusion und inmitten einer Krise der politischen Legitimität verwischen sich zunehmend die Grenzen zwischen Protest, Mustern der unmittelbaren Befriedigung, Abenteuer und Verbrechen (...). Junge Kriminelle sind gefangen zwischen ihrer Begeisterung für das Leben und ihrer Einsicht in ihre eigenen Grenzen. Deshalb pressen sie das Leben in ein paar Augenblicke, um es voll auszukosten und dann zu verschwinden. Während dieser kurzen Momente der Existenz entschädigen das Durchbrechen der Regeln und das Gefühl des Machtgewinns für das monotone Bild eines längeren, aber elenden Lebens. Ihre Wertvorstellungen werden von anderen Jugendlichen weitgehend geteilt; freilich nicht in so extremer Form. Die Verbreitung der Kultur des organisierten Verbrechens wird durch die Allgegenwart des Alltagslebens der kriminellen Welt in den Medien noch unterstützt. Menschen auf der ganzen Welt ist vermutlich die Medienversion der Arbeitsbedingungen und der Psyche von Killern und Drogenhändlern vertrauter als die Dynamik der Finanzmärkte, wo ihr eigenes Geld investiert wird“ (a.a.O.: 219 f.; ferner Castells 2001: 313-319). Kriminalität ereignet sich natürlich nicht ohne Ursache. Weil in der Geldwirtschaft die Tauschwerte über die Gebrauchswerte herrschen, bleibt die Produktion unter den Möglichkeiten, die die Ressourcenausstattung und die Technologie zuließen. In der Alltagserfahrung der Menschen stellt sich das so dar: Die Regale stehen voll, aber die Menschen vermögen nicht, sie leer zu kaufen; es gibt genug sinnvolle Betätigungsfelder für Arbeitskräfte und zugleich hohe Arbeitslosigkeit (vgl. Schelkle 1995: 14 f., 20, 40 f.). Das eine ins Auge springende Skandalon dieser Paradoxie besteht in vollen Regalen bei gleichzeitiger Bedürftigkeit, das andere darin, dass Arbeitskräfte nicht extensiv, das heißt, bis zur Vollbeschäftigung, stattdessen mit einer historisch einmaligen Intensität eingesetzt werden. Es werden Arbeitszeitverlängerungen, also die intensivere Nutzung beschäftigter Arbeitskräfte, durchgesetzt bei einem gleichzeitig hohen Stand der Arbeitslosigkeit. Bei beidem handelt es sich nicht um zufällige Fehler des Preissystems, der institutionellen Handhabung der Geldversorgung, sondern um Struktureigenschaften einer Geldwirtschaft, in der Geld zu Kapital wird. Es handelt sich um einen Wesenszug des Systems und nicht bloß um einen vorübergehenden Zustand im Konjunkturzyklus (Helmedag 1992: 326 ff.).
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5.2.2 Mit Simmel über Simmel hinaus No cash accepted, only major credit cards taken.
Ausdehnung, Diversifikation und Beschleunigung der monetären Praktiken bewirken ein Hinauswachsen des Funktionswertes des Geldes über seinen Substanzwert. Für Simmel vollzieht sich darin einer der entscheidendsten Fortschritte, den die Menschheit je verwirklicht hat: die Entstehung der Abstraktionskraft, der Fähigkeit, zwei verschiedene Objekte unter Bezugnahme auf ein drittes zu vergleichen (1989: 163). Das Geld, dieses generalisierte Dritte, nimmt nicht nur teil an einem tiefgreifenden kulturellen Prozess der Intellektualisierung und Symbolisierung, sondern, worauf insbesondere Sohn-Rethel (1976) hingewiesen hat, es prägt und treibt ihn in maßgeblicher Weise voran. Hieran knüpft Haesler in seiner „Prolegomena zu einer Philosophie des unsichtbaren Geldes“ an, wenn er feststellt, „dass wir heute mit einem Phänomen ringen, das uns wahrlich verwirrt: das »elektronische« Geld, das »Plastik«-Geld oder einfach das »unsichtbare« Geld“ (1993: 231). In seinen Überlegungen beschränkt er sich, bewusst in der Tradition Simmelscher Argumentation verbleibend, auf das unsichtbare Geld, „von dem wir täglich Gebrauch machen“, jenes der „verschiedenen Karten“. Das heißt, er bezieht sich im Wesentlichen auf die Tausch- bzw. Zirkulationsmittelfunktion des Geldes. „Das Geld der großen elektronischen Ströme, das Geld der »Geofinanz«, das nach einem anderen systematischen Rahmen verlangen würde“, bleibt ausgeblendet (hierzu Fischer 1997; Zapf 1997). Das Geld als Kapital, Kredit, Zins und Spekulation, also alles, was aus der Zahlungsmittelfunktion folgt und gegenwärtig unter dem Begriff des Casinokapitalismus und dem Aspekt des „transaktiven“ Geschehens auf den Finanzmärkten diskutiert wird, interessiert hier nicht. Die semiologische Funktion, die das Geld, so wie Simmel es beschreibt, ausübt, indem es im selben Moment die gemeinsame Sprache aller Tauschvorgänge wird, befindet sich, Haesler zufolge, auf dem Rückzug, zumindest im Hinblick auf unsere alltäglichen Praktiken: „Anstelle jener Beziehungen der Reziprozität zwischen Individuum und Individuum schleichen sich Beziehungen des Individuums zur Maschine ein. Anstelle dessen, was Simmel den »Intellektualisierungs«-Prozess nannte, tritt ein »Digitalisierungs«-Prozess: Selbst die »Zahl« ist nicht mehr Platzhalter der Ware, sondern ein Code, den wir mit den Fingerspitzen aktivieren“ (a.a.O.: 238). Simmel hatte festgestellt, dass die materielle Abstraktion des Geldes eine Intensivierung und zunehmende Komplexität der „psychischen“ Operationen bei seinem praktischen Gebrauch nach sich ziehe. Haesler fragt, was passiert, wenn
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wir diese Linie stets wachsender Konzentration und Kondensation der Geldsubstanz bis an ihre Grenze treiben, bis hin zur Möglichkeit der Bezahlung durch digitale Fingerabdrücke. Welche mentalen und kognitiven Korrelationen würden mit dieser Entwicklung einhergehen, die den gesamten Prozess dessen, was bislang den Tausch repräsentierte, aus der Erfahrungswelt des Individuums hinausverlagert? Wie werden wir uns jenseits der Schwelle verhalten, ab der die monetären Operationen uns völlig entgleiten und der Tausch sich in automatischer Weise vollzöge? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für unsere Beziehungen zur Welt, zu unseren Mitmenschen, zu den uns umgebenden Objekten? Haesler vermutet zwar, „wir würden glauben, in einer Freiheit ohne gleichen zu handeln und zu wählen und, darüber hinaus, ohne fassbare Vermittlung durch irgendwelche monetäre »Materie«, aber,“ schränkt er sogleich ein, „dies wird tatsächlich hinter unserem Rücken geschehen, dies wird »sich« selbst gestalten – wir werden nichts anderes machen als auszudrücken, was das vorhandene System verlangen wird, dass wir es ausdrücken und wir werden es um so leichter tun, da wir glauben, unsere Wünsche und Antriebe zu realisieren, die eine »coole«, hyperindividualistische Ideologie uns als die Vervollständigung unserer Subjektivität verspricht“ (a.a.O.: 239 f.). Haesler liebt es, sich einer dramatischen Sprache zu befleißigen. Aber so ganz von der Hand zu weisen sind seine Befürchtungen nicht. Die sozialen Folgen der Verwendung elektronischer Karten in all ihrer Funktionsvielfalt, sei es als Kredit-, Zugangs-, Konto-, Magnetstreifen- oder Mikrochip-Karten, sind bis heute nur unvollkommen analysiert. Notwendig wären Studien in der Art, wie Turkle oder Schurz und Pflüger sie hinsichtlich der psychosozialen Folgewirkungen des Computers durchgeführt haben. Erste Befürchtungen gehen dahin, dass die Verwendung der Karten zu einer noch stärkeren Verschuldung der Benachteiligten führen wird, vergleichbar jener von Jugendlichen, die der Faszination des Mobiltelefons erliegen und (noch) keine Sensibilität hinsichtlich der mit seinem Gebrauch verbundenen Kosten entwickelt haben. Wie überhaupt zu beobachten ist, dass die heute nachwachsende Generation einen anderen Umgang mit und einen unbeschwerteren Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen pflegt als jene Generation, die bleibende Erfahrungen noch mit der Zigaretten„Währung“ machen konnte (Boundy 1997; Haubl 1996). Zu befürchten ist ferner eine noch brutalere Marginalisierung jener, die keinen Zugang zu den Karten haben, eine noch größere soziale Kontrolle durch die elektronischen Netze hindurch, eine noch stärkere Konditionierung des (zwischen-)menschlichen Verhaltens durch die technischen Normen und durch den Verfall authentischer Formen der Kommunikation. „Visa“ zahlt, heißt es abstrakt und verlockend zugleich in einer der täglich ausgestrahlten Rundfunkreklamen, als ob nicht letzten Endes doch und ganz
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konkret der Karteninhaber für die getätigten Ausgaben gerade stehen müsste. Die Art der Abstraktion, die mit dem „unsichtbaren“ Geld einhergeht, vollendet jene, die das Papiergeld einführte. Was dem Kartengeld fehlt, ist die sinnlich erfahrbare Reziprozität des Tauschaktes, das „Loslassen“ des hingegebenen Geldes, jener Begriff des Opfers, der die indirekten traditionellen Tauschhandlungen bis in die Neuzeit hinein überdauert hat. Der Akt der Abstraktion, der eine Ziffer und einen Fetzen Papier einem realen Gut entsprechen ließ, wird hier nochmals verdoppelt. Statt gegebenen Geldes gibt es nur die sinnlich nicht mehr nachvollziehbare, per Tastendruck in actu realisierte Belastung des Kontos. An die Stelle der Kontrolle des „Flusses“ an Werten, des sich leerenden Portemonnaies, tritt allenfalls, wenn überhaupt, die Kontrolle des noch vorhandenen „Vorrats“ an Werten. Hatten wir es bislang entweder mit einem gleichwertigen, sinnlich nachvollziehbaren Tausch oder einem Geschenk zu tun, so eröffnet sich jetzt ein völlig neuer Erfahrungshorizont. Haesler wird nicht müde, immer wieder auf diesen Wandel in seinen Auswirkungen auf Wahrnehmung und Erfahrung hinzuweisen. Zwar habe der traditionelle Tausch, der auf der Wahrnehmung seiner Reziprozität beruhte, nicht aufgehört zu existieren, aber durch die Transaktion mittels Chip-Karte haben die ihm zu Grunde liegende Logik und Dynamik die Grenzen einer bewussten individuellen Kontrolle in vielerlei Hinsicht überschritten. Es bricht ein ganzer Bereich unserer auf Erfahrung gegründeten Gewohnheiten und Beziehungen hinsichtlich zu erwerbender Objekte zusammen. Musste man sich bislang, in sinnlich erfahrbarer Weise, von etwas trennen, von einem Teil seiner Kaufkraft, von so und so vielen Scheinen und Münzen, und war man dadurch gezwungen, zu zählen, zu vergleichen, abzuwägen, genau und mit Akribie, um sich nicht von den Verlockungen der begehrten Objekte widerstandslos vereinnahmen zu lassen, so könnte sich das nun ändern. Was passiert, wenn wir die Karte vorzeigen, um mit ihr ein begehrtes Objekt zu erwerben? Um welche Art von Zeremonie handelt es sich, wenn wir auf diese Weise erwerben, „kaufen“? Ist die Karte eine abstrakte Anweisung auf den gesellschaftlich erwirtschafteten Reichtum, Zugangsberechtigung zu einem wohlgefüllten Warenlager und Aufforderung sich zu bedienen? Was bedeutet es, wenn „der Bezug zwischen dem Geld, das für Konsum ausgegeben, und dem Geld, das durch Arbeit eingenommen wird, erlebnismäßig schwindet“ (Haubl 1996: 923). Es wäre sicher übertrieben, von einer „Zerstörung des Geldes“ schlechthin zu sprechen (Mattick 1976), denn die Veränderungen, so gravierend sie aus psychosozialer Sicht auch sein mögen, beziehen sich zunächst einmal nur auf die Tausch- bzw. Zirkulationsmittelfunktion des Geldes. In dieser Hinsicht aber dürften sie, zumindest aus sozialwissenschaftlicher Perspektive, eine bedenkenswerte Herausforderung, ein Forschungsdesiderat, darstellen (grundlegend hierzu: Kurtzmann 1993; ferner Mittermeir und Müller in diesem Band).
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Haesler hat seinen Versuch, die verschiedenen, zuvor skizzierten Fragen einer Beantwortung zuzuführen, in einer späteren Arbeit zu vier vorläufigen Thesen verdichtet: (1) Die genannten elektronischen Geldsurrogate schaffen die Möglichkeit einer kognitiven und verhaltensmäßigen Programmierung des Handelns und der Handlungsorientierungen, welche die traditionellen, über Geld vermittelten Tauschbeziehungen, die, minimal zumindest, reflexiv und objektiviert waren, in eine reaktive und prozedurale Beziehung verwandelt. Zwar wird immer noch mit Geld bezahlt, um eine Ware zu erhalten, doch im konkreten, sinnlich erfahrbaren Handlungsakt ersetzt die Kartenpräsentation die Darbietung von Zahlungsmitteln. Das do ut des des traditionellen, durch materielles Geld vermittelten Kauf- bzw. Verkaufsgeschehens ist nur noch virtuell vorhanden. Die Präsentation der Karte ist Identifikation, Kontrolle und Bezahlung in eins, doch tritt der eigentliche Opfercharakter der Bezahlung im Präsentationsritual gegenüber den beiden ersten Aspekten in den Hintergrund. Größere Diskretion, Reserviertheit und Distanz gegenüber dem traditionellen Kaufakt paaren sich mit einer steigenden Entpersönlichung, einer schwächeren Kontrolle seitens der Benutzer und einer neuen, bislang nicht gekannten Leichtigkeit des Bezahlens. Der Vorstellung einer schier unendlichen Wahlfreiheit entspricht die Illusion, zumindest die Gefahr der Illusion eines nahezu unendlichen Budgets, einer immer unmittelbareren Bedürfnisbefriedigung. An die Stelle der vermittelten Reziprozität des do ut des haben sich zwei Sequenzen geschoben: der Erwerb einer Ware und die Präsentation der Karte. Beide Sequenzen folgen durchaus unterschiedlichen Logiken. An die Stelle traditioneller Rechenarbeit treten technisch-prozedurale Verfahrensschritte: Man muss Codes eintippen, man muss sich identifizieren lassen, man muss warten, bis man aus der Prozedur wieder entlassen wird, während man früher rechnete, addierte und verglich. Haesler berichtet aus empirischen Studien, die er über Jahre hinweg durchgeführt hat, von Kontrollverlusten der Käufer, sowohl was Preisvergleiche angeht als auch über die effektiv getätigten Ausgaben und das Budget, als Resultat dieser Verschiebung. Der traditionelle Kauf habe Geldausgabe und Gütererwerb in unmittelbarer Weise verbunden. Die Aufschiebung der realen Bezahlung relativiere dagegen sowohl Zeithorizont wie Kostenwahrheit. Bezahlt werde immer später, konsumiert aber im Augenblick. Das habe nicht nur Konsequenzen hinsichtlich der Verschuldung zur Folge. Das Auseinanderdriften der beiden Tauschpole unterlaufe zugleich die im Alltagshandeln bislang aktualisierten Reziprozitätsnormen und ersetze sie durch technische Dispositive und Wunschdelirien, die ihrerseits wiederum technisch im Zaum gehalten werden müssen (2002: 191 ff.). So berichtet zum Beispiel Boundy davon, dass es ihr erst dann gelang, ihre gestörte Beziehung zum Geld in Ordnung zu bringen, als sie auf die Benutzung
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von Kreditkarten verzichtete: „Zu meiner Genesung zählte (...), dass ich dadurch, dass ich jetzt alles bar bezahlte, keine Schulden mehr machte“ (1997: 13). Und während ich diese Zeilen schreibe, startet mobilcom in Deutschland unter der Überschrift „Schützen Sie Ihr Kind vor der Kostenfalle Handy“ eine Werbekampagne, in der besorgten Eltern Handy-Verträge für ihre Sprösslinge angeboten werden „mit voller Kostenkontrolle durch ein Limit der zuvor vereinbarten monatlichen Ausgaben“ (www.mobilcom.de). Die Kampagne kommt zur rechten Zeit. Sie trifft auf die volle Zustimmung von Verbraucherministerin Renate Künast, die unlängst besondere „Kids-Tarife“ forderte, bei denen die Minimierung des Kostenrisikos im Mittelpunkt steht, denn laut Bundesverband der Deutschen Inkasso-Unternehmen hat inzwischen jeder zehnte Jugendliche Schulden von durchschnittlich 1.800 Euro (unter pädagogischem Aspekt recht amüsant zu lesen: Mainka 1997). (2) Auf institutioneller Ebene eröffnen die elektronischen Geldsurrogate, vermittelt über spezifische Verschuldungs- und Privilegierungsmechanismen, neue Formen sozialer Stratifikation, welche eine Verstärkung der sozialen Kontrolle mit einer Legitimation neuer Ungleichheiten verknüpft. Solange wesentliche Zahlungsprozesse dem Blick der Banken verborgen blieben, weil sie bar abgewickelt wurden, glich die Risikoabschätzung eines Großteils der Kunden einem Blick in die Kristallkugel. Erst durch die „Verkartung“ der traditionellen Bankkunden wurden Informationen in schnell bearbeitbarer Form verfügbar. Sie wurden immer transparenter und ließen sich so differenzierten Risikokategorien zuordnen. Mit Hilfe sogenannter scoring-Methoden, die weit über die Erfassung von Zahlungsgewohnheiten der Karteninhaber hinausgehen und sämtliche verfügbaren Informationen über ihr Privatleben einbeziehen, ist es den Kartenfirmen und Banken möglich, Kundenrisiken sehr genau einzuschätzen. Ist als Folge solcher Einschätzung eine Kundensegmentierung erst einmal vollzogen, so ergibt sich daraus fast zwangsläufig, dass risikoreichere Bankkunden höhere Zinsen zahlen, Zahlungskarten, wenn überhaupt, dann nur mit sehr eingeschränkten Benutzungsmodalitäten erhalten, dass ihr Bankscheckverkehr nicht mehr gratis abgewickelt wird usw. Mit anderen Worten: Serviceleistungen der Banken, die früher allen Kunden zugänglich waren, werden verknappt, verrechnet oder gar ganz abgeschafft, ein höchst selektiver Vorgang. So werden neben den Standardkarten immer mehr Prestigekarten herausgegeben. Mit steigendem Prestige steigen auch die mit den Karten verbundenen Privilegien. Allerdings, so Haesler, werden die Kosten dieser Privilegien stets nach unten verlagert. Die Barzahler zahlen für die Privilegien der Standardkartenbesitzer und diese ihrerseits für die Privilegien der Prestigekartenbesitzer. So entsteht über die Technik der Benutzersegmentierung eine Segmentierung der Zahlungsmittel selbst. In dieser Kartenwelt ist ein Euro nicht mehr
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gleich einem Euro. Im Prinzip handelt es sich bei dem, was Haesler hier beschreibt, um eine aktuelle Ausprägung dessen, was Simmel (1989: 274-281) als „Superadditum des Reichtums“ bezeichnet, ein im Geldvermögen stratifiziert angelegtes und verallgemeinertes soziales Machtpotenzial, dem „metaphysischen Wesen des Geldes“ zugehörig (a.a.O.: 281), ihm gleichsam gratis und automatisch immer beigegeben. Haesler bezieht sich in seinen empirischen Ausführungen auf die Usancen im Retail-banking und auf die Situation in Frankreich und in der Schweiz. Sie dürften aber, mutatis mutandis, durchaus verallgemeinerbar sein. Jedenfalls zieht er aus ihnen eindeutige Konsequenzen: Bislang sei soziale Ungleichheit über Besitz, Zugang zu Produktionsmitteln, Bildung und Erbe erklärt worden. Ob nun wirtschaftliches oder symbolisches Kapital in Betracht gezogen wurde, die Reproduktion sozialer Ungleichheiten sei traditionellerweise über alle möglichen Flussgrößen der Gesellschaft, nie jedoch über die besondere Form der Zahlungsmittel erfolgt. Heute hingegen habe der Arme nicht nur weniger Geld in der Tasche als der Reiche, sein Geld sei als solches auch weniger wert. Dabei denkt Haesler nicht nur an das Prestige gewisser Karten, an die zahlreichen so genannten Zusatzleistungen, sondern ganz allgemein an ein System verborgener sozialer Ungleichheiten, das auf eine nahezu perfekte Weise reproduziert und kontrolliert werde. Die Karte ermögliche eine soziale Kontrolle über das Geld, die von bislang unerreichter Einfachheit und Perfektion ist: „Die Ausgeschlossenen werden insofern über Geld kontrolliert, als sie keins haben und somit Unterstützte sind, die Eingeschlossenen ihrerseits werden auch über Geld kontrolliert, insofern alle wichtigen Informationen via Zahlungskarte den Kontrollorganen übermittelt werden.“ Haesler nutzt diese Erkenntnis zur Ausdifferenzierung der Foucault’schen Machttheorie. Ihm zufolge werde das Prinzip der klassischen sozialen Kontrolle, die Normativität, durch das Prinzip der Lokalität ersetzt: „Das Individuum muss nicht mehr diszipliniert, sondern nur noch lokalisiert werden. Und die Karte in all ihren Erscheinungs- und Gebrauchsformen ist hierzu das ideale Mittel. Denn während Normativität stets über einen lebenslangen Sozialisationsprozess eingeübt und erlernt werden muss, kann sich die neue soziale Kontrolle damit begnügen, das verschuldete Individuum in seinem lebensweltlichen Handeln auf Schritt und Tritt zu folgen.“ Die Schlussfolgerungen, die er daraus zieht, sind gleichermaßen beunruhigend wie bedenkenswert: Die Dematerialisierung des Geldes verwandle nicht nur die objektivierbare, reflexive Handlungspraxis der Reziprozität in ein soziotechnisches Set transaktiver und reaktiver Handlungssequenzen. Sie schaffe zugleich einen institutionellen Rahmen, der diese neue Irreflexivität „naturalisiert“, indem er einerseits die inegalitären Schichtungsverhältnisse versachlicht, andererseits neue Kontrollme-
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chanismen aufbietet, die diese Einsperrungen normalisieren und mit dem Schein konsumtiver Freiheiten umgeben (a.a.O.: 193 ff.). (3) Auf gesellschaftlicher Ebene führen die Geldsurrogate zu einer Synthesestruktur, einem „operativen System“, in der die sozialen Beziehungen immer mehr durch maschinelle Dispositive geregelt werden. Diese These Haeslers ist wohl die gewagteste insofern, als er die zunehmende Technostruktur der Gesellschaft auf die Maschinisierung der Tauschmittelfunktion des Geldes zurückführt und nicht andersherum die Maschinisierung der Tauschmittelfunktion des Geldes auf die zunehmende Technostruktur der Gesellschaft. Er beruft sich dabei auf die Theorie eines französischen Philosophen, Jean-Joseph Goux, derzufolge materielles Geld eine Nomenklatur indiziere, die jedem Wort einen Sinn, jedem Zeichen eine Bedeutung zuordnet, während der Übergang zu fiduziarischem Geld ein neues Symbolisierungssystem anzeigt, in dem ein Zeichen, ein Wort, eine Bedeutung nur noch im jeweiligen System, in seiner Differenz zu einem anderen Zeichen oder Wort bestimmt werden kann. Mit dem Übergang schließlich zum dematerialisierten Geld werde jeder Bezug zum Sprachakt, zur Handlung, zur Wirklichkeit, aufgehoben: „In gleicher Weise, wie sich die Geldtransaktionen automatisch vollziehen, wird das heute dominierende Symbolisierungssystem zu einem Hypertext, der sich selbst schreibt und in dem die Intervention des Subjekts der lächerlichen Figur des Notars bei der Ziehung der Lottozahlen gleicht: Das Tastendrücken könnte getrost einem Schimpansen anvertraut werden.“ Ins Soziologische übersetzt: Galten Institutionen bisher als Gefäße, innerhalb derer menschliche Interaktionen reflexiv initiiert, repräsentiert und artikuliert werden konnten, besteht in der Institutionalität der gegenwärtigen Kontrollgesellschaft Haesler zufolge nur noch ein Menü möglicher Interaktionen, das durch Anklicken aktiviert werden kann. Reaktivität ersetzt auch hier Reflexivität, allerdings verbrämt durch den Schein wohlfeiler Wahlfreiheit. Gesellschaft sei so zu einem operativen System, zu einer Sozietät geworden, in welcher der Störfaktor „Mensch“ gänzlich durch die Vorbestimmung möglicher Interaktionen neutralisiert worden sei und von der selbst Luhmann nur ein unzulängliches Bild gezeichnet habe. Um die Metapher weiterzuspinnen: „So wie der Notar bei der Lottomaschine durch einen Schimpansen, so kann dieser noch viel besser durch einen Zufallsgenerator ersetzt werden“ (a.a.O.: 195 ff.). (4) Auf kultureller Ebene verschleiern die elektronischen Geldsurrogate den Widerspruch zwischen einer hypertrophierten „objektiven Kultur“ (Simmel) und der epochalen Verknappung aller natürlichen Ressourcen. Mit dieser These verlässt Haesler unausgesprochen die Diskursebene der Tauschmittelfunktion des Geldes. Durch sein Unsichtbarwerden sei das Geld im Begriff, elementarste Gegenseitigkeitsvorstellungen auszuradieren, das heißt für
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Haesler, den Traum der nie endenwollenden Prosperität, allen Wirklichkeiten zum Trotz, weiterzuträumen (hierzu vgl. ausführlicher Deutschmann 1998 und 2001), ein historischer Traum, der den Markttausch als kooperatives „Positivsummenspiel“ zum eigentlichen Architekten der Modernität auserkor. Mit dem Geld, das Tauscharbeit als Positivsummenspiel symbolisiert (Originalton Haesler), ist, mit Marx gesprochen, das Geld als Kapital gemeint. Während die Tauschpraxis, selbst in ihrer Trivialform, als Markttausch, aus dem reflexiven Handlungsrepertoire der Akteure verschwindet, wuchere das Positivsummenspiel, die „monetäre Dynamik aus dem Nichts“, weiter. 1972 entsprachen sich Weltgeld- und Weltgütermenge grosso modo, weiß Haesler zu berichten, wenige Jahre später sprach der damalige US-Staatssekretär James Brady von einem Verhältnis von 1.000 zu 3. Man muss den pessimistischen Schlussfolgerungen Haeslers nicht unbedingt zustimmen, aber Recht zu geben ist ihm darin, „dass sich dieses Geldvolumen nicht samt und sonders einfach in seinen transaktiven Verstrickungen in Luft auflösen kann, dass es sich, wenn auch vielleicht nur marginal, irgendwann einmal auch realisieren muss, dass es umgetauscht werden muss in Ware, Wert und Wirklichkeit und dass dieser Umtausch schlichtweg unmöglich ist, und wenn, dann nur durch komplette Geldzerstörung vonstatten gehen kann.“ Der pessimistischen Schlussfolgerung Haeslers, wie gesagt, muss man nicht unbedingt zustimmen, denn immerhin lässt er, weithin hörbar, seinen Weck- und Warnruf erschallen. Und darin ist er bei weitem nicht der einzige. Bleibt abzuwarten, ob sein Menetekel erhört wird: „Eine Gesellschaft ohne Tausch, deren Dynamik immer mehr von den erratischen Bewegungen der Finanzmärkte diktiert wird, ist zur Reflexion ihrer Existenzgrundlagen nicht länger in der Lage. Das Wunder des Geldes bestand darin, dass es als Medium einer jahrhundertelangen Inszenierung den Rausch des Schlaraffenlandes über die Menschheit gebracht hat. Jetzt hindert die Dematerialisierung des Geldes sie daran, aus diesem schlimmen und süßen Traum aufzuwachen“ (a.a.O.: 197 f.). Epilog Die Dynamik der Entgrenzung und Globalisierung, die ökonomistische Unterspülung aller Regulationen, der liberalistische Frontalangriff auf Staat und Politik: Es ist einem System, das aus seiner bloßen ökonomischen Selbstbewegung solches zustande bringt, eine gewisse Hochachtung nicht zu versagen. Robert Misik
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Die Situation ist unübersichtlich. Vom „Babylon der Diskurse“ (Fiehler) ist die Rede und vom „Terror der Ökonomie“ (Forrester). Das fiskal- und geldpolitische Dilemma, dem sich die fortgeschrittenen Industrienationen heute ausgesetzt sehen, hat Fiehler jüngst noch einmal in einer griffigen Formel zusammengefasst: (1) Wachsende Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Steuerung bei (2) abnehmenden Wertmaßstäben und (3) zunehmenden Problemen in der gesellschaftlichen Willensbildung (2000: 223). Auf der einen Seite, so schreibt er, sei gesellschaftliche Steuerung möglich geworden. Davon handeln die Kontroversen über Zentralbank und Wohlfahrtsstaat. Binnenmarkt-, Kredit- und Außenwirtschaftspolitik bieten Spielräume. Gleichzeitig aber, so fügt er hinzu, bleibe die Einflussnahme an die Akkumulation des Kapitals und ihre weltwirtschaftliche Bewertung gebunden. Auf der anderen Seite verliere die Gesellschaft an Wertmaßstäben. Fiehler begründet diese These in dreifacher Weise: „Das Eigentum verliert die Stütze der Selbständigkeit, die Leistung rechnerische Zuordnung und das Geld seine handgreifliche Gestalt. Davon zeugen die Legitimationskrisen.“ In der Tat: Das Verhältnis von Preis und Leistung, von Wert und Preis scheint immer weniger zu stimmen. Es soll inzwischen Langzeitarbeitslose geben, die ihren Tag als Schnäppchenjäger verbringen und nicht schlecht dabei fahren. Großbanken und unternehmen investieren immer weniger in die Arbeitsplätze schaffende Produktion, sondern legen ihr Kapital lieber in spekulativen Werten an. Moral wird zunehmend flexibel gehandhabt, zunächst bei den gesellschaftlichen Eliten, dann ganz allgemein (Raith 1998). Diese Krisen nun, so Fiehler, machen die politische Willensbildung, die für die Rationalisierung der Gesellschaft unabdingbar ist, immer schwieriger. Quellenverzeichnis Um Handelsbeziehungen zu betreiben und aufrecht zu erhalten, bedarf es des Schutzes und der Gunst eigener Waffen. Handel ist nicht möglich ohne Krieg und Krieg nicht ohne Handel. Jan Coen Aglietta, Michel (1993): Die Ambivalenz des Geldes. In: Kintzelé/ Schneider (1993): 175-220 Altvater, Elmar (1991): Die Zukunft des Marktes. Ein Essay über die Regulation von Geld und Natur nach dem Scheitern des „real existierenden Sozialismus“. Münster: Westfälisches Dampfboot Altvater, Elmar/ Mahnkopf, Birgit (1996): Grenzen der Gobalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft. Münster: Westfälisches Dampfboot Amsel, Hans Georg (1965): Geld und Kriminalität. Ein Beitrag zum institutionellen Denken. Heilbronn: Hünenburg (Anonym) (1993): Kämpfen und Kungeln. In: Der Spiegel 43. 1993: 50-63
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Peter Filzmaier
Wie viel Geld ist uns die Politik wert?
Wir wissen, was ein Liter Milch und unsere Wohnungsmiete kosten, aber wie viel geben wir eigentlich für Politik aus? Anders gefragt: Was kostet die Demokratie? In der Öffentlichkeit ist meistens von exorbitanten Ausgaben die Rede, auf jeden Fall gibt es das Gefühl „Politiker und Parteien bekommen zuviel Geld!“. Das ist ein unqualifiziertes Vorurteil, denn Politik ist letztlich nichts Anderes, als dass wir allgemein verbindliche Entscheidungen zur Regelung menschlichen Zusammenlebens – d.h. für uns alle – treffen. In repräsentativen Demokratien erfolgt die Entscheidungsfindung auf indirektem Wege, d.h. durch demokratisch legitimierte und kontrollierte Volksvertretungskörper und Entscheidungsträger. Die Verweigerung der Bürger bzw. der Mitglieder eines Gemeinwesens, der Politik als gesellschaftliches Subsystem für das Gemeinwohl Geld bereitzustellen, kann demzufolge Ausdruck einer emotional geringen Demokratiebereitschaft oder zumindest von politischem Desinteresse sein. Die Politikfinanzierung ist jedoch auch mit Blick auf die Eliten ein nicht immer sachlich evaluierbares Thema, weil politische Akteure meistens eine geringe Auskunftsfreude über ihre Finanzen an den Tag legen und publizierte Bilanzen mit großer Vorsicht zu interpretieren sind. Dahinter steht eine doppelte Doppelmoral.1 Die Geschichte zeigt, dass die Vorstellung, Politik dürfe kein öffentliches Geld kosten, reichlich naiv ist. Zu Pharaonenzeiten ebenso wie im antiken Rom erkaufte sich der Adel das Wohlwollen der Obrigkeiten. Als am 28. Juni 1519 Karl V. zum Kaiser gewählt wurde, floss rund eine Million Gulden, um die Kurfürsten zu entsprechender Stimmabgabe zu ermuntern. „Handsalben“ nannte man den Vorgang. In der Frankfurter Paulskirche von 1848/49, als der deutsche Parlamentarismus geboren wurde, und im Deutschen Reichstag unter Bismarck wurde von dem Abgeordneten erwartet, dass er ein Mann von Verdienst und Vermögen war oder anderswo sein Geld bekam. Honorige Persönlichkeiten, nur ihrem Gewissen verpflichtet, sollten Politiker werden. Die Wirklichkeit war weniger idealtypisch: Die Vorenthal1
Siehe als Grundlage der nachstehenden historischen Überlegungen vor allem einen Beitrag von Peter Gillies: Das Volk ist streng mit „denen da oben“. In: Die Welt, 22. Dezember 2004.
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tung jeder Bezahlung hatte auch dafür zu sorgen, dass Sozialisten es sich mangels privater Finanzbasis überlegen mussten, ins Parlament zu gehen. In Wahrheit stellt die Frage der von der Allgemeinheit anerkannten Aufwendungen eines Gemeinwesens für Politik eine demokratiepolitische bzw. politikwissenschaftliche Grundsatzfrage dar (Nassmacher 2001, Sickinger 2002, von Arnim 2005; unmittelbar wahlbezogen siehe Alexander 2000). Bereits das Thema „Politikfinanzierung“ ist weit gefasst. Der Begriff ist zunächst gegenüber der engeren „Parteienfinanzierung“ (von Arnim 2003a) abzugrenzen. Als Politikfinanzierung versteht man die Aufwendung öffentlicher und privater Gelder aller unmittelbar an der politischen Willensbildung beteiligten Personen und Organisationen (d.h. Mandatare, Fraktionen in Volksvertretungskörpern, politische Parteien, jedoch auch Fortbildungsinstitutionen der Parteien bzw. parteinahe Stiftungen usw.). Zu beachten ist jedenfalls (Sickinger 2001: 3-6): • Die Finanzierung von Politik ergibt Möglichkeiten für die Transformation wirtschaftlicher Macht in politischen Einfluss. • Die Deckung des Finanzbedarfs der Politik sowie insbesondere der Parteien und eine Bezahlung von politischen Funktionären aus staatlichen Mitteln kann zwar die Abhängigkeit der Parteieliten von großen privaten Geldgebern mindern, schwächt zugleich aber auch deren Bindung an die Mitglieder und kleinen Sympathisanten und wird – siehe oben – von einem großen Teil der Bevölkerung als „Verschwendung öffentlicher Mittel“ abgelehnt. • Die (staatlichen) Regelungssysteme der Finanzierung von Politik sind Ergebnis von Entscheidungen der politischen Eliten selbst, d.h. diese bestimmen über eigene finanzielle Interessen. Zumindest hinsichtlich persönlicher Interessen (Abgeordnetengehälter o.ä.) würde das in anderen Fällen einen Ausschließungs- bzw. Befangenheitsgrund darstellen. Daraus resultiert die Frage, ob spezifische Rahmenbedingungen – öffentliche Meinung und verfassungsrechtliche Schranken – ein ausreichendes Regulativ für Korruptionsanfälligkeit darstellen. 1 Öffentliche versus private Politikfinanzierung Bei der Abwägung einerseits der Notwendigkeit, dass sich die politischen Akteure in erster Linie selbst finanzieren sollten, und andererseits der Gefahr, dass diese Akteure und deren politische Arbeit bei zu hohen Spenden fremden und undemokratischen Einflüssen ausgesetzt sind, haben sich die Gesetzgeber in den deutschsprachigen Ländern – im Unterschied beispielsweise zu den USA – dazu entschieden, in gesetzlich genau umrissenen Fällen, in denen durch den unzuläs-
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sigen Einfluss auf die Parteien demokratische Grundsätze verletzt werden könnten, die Annahme von Spenden insgesamt zu verbieten, im übrigen die Spendenhöhe nicht zu begrenzen und der Korruptionsgefahr durch eine möglichst große Transparenz zu begegnen (von Arnim 2003b). Die staatliche Teilfinanzierung jeder Partei orientiert sich an dem Maßstab ihrer Verwurzelung in der Gesellschaft. Eine Partei, die in der Gesellschaft Widerhalt findet, soll größere staatliche Finanzmittel erhalten als eine Partei, die von der Gesellschaft abgelehnt wird. Maßstab für diese so genannte „Verwurzelung in der Gesellschaft“ ist primär das Wahlergebnis als quantifizierbare Größe. Je mehr Stimmen eine Partei bekommt, desto mehr öffentliches Geld erhält sie. Zahlreiche Beispiele des innenpolitischen Streites um die Politik- und Parteienfinanzen zeigen, dass sowohl verfassungsrechtlich als auch realpolitisch in der Verfassungswirklichkeit oft kein ausreichender Grundkonsens besteht. Sowohl können Eliten in Regierungsfunktion die öffentliche Politikfinanzierung missbrauchen als auch wollen Eliten in der Opposition sich mit entsprechenden Vorwürfen profilieren. Anlassfälle in der Bundesrepublik Deutschland und Österreich, die an der Schnittstelle von rechtlicher Grundsatzfrage und tagesaktuellem Diskurs angesiedelt sind, waren 2004 u.a.: • Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat eine Neufassung des Parteienfinanzierungsgesetzes für verfassungswidrig erklärt, weil in Zukunft für die Teilnahme am System der staatlichen Parteienfinanzierung in einer Landtagswahl die Marke von drei anstatt bisher einem Prozent der gültigen Stimmen vorgesehen war (BVerfG, Urteil vom 26. Oktober 2004; 2 BvE 1/02; 2 BvE 2/02). Diese Regelung wurde für einen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes gehalten. Die Entscheidung entsprach der bisherigen Rechtsprechung des Gerichts: Der politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozess ist möglichst offen zu gestalten, und wenn aus Gründen der Entscheidungseffizienz eine relativ hohe Sperrklausel (Mindestprozentzahl an Wählerstimmen) für den Einzug in Volksvertretungskörper eingeführt wird, müssen zugleich alle Parteien, die auch nur ein Mindestmaß an Ernsthaftigkeit aufweisen, in den Genuss staatlicher Unterstützung kommen. Gegen die Novelle hatten die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) und die Partei „Die Grauen – Graue Panther“ geklagt, weil die Chancengleichheit kleinerer Parteien verletzt werde, sowie ein Verlust der politischen Vielfalt drohe. Doch auch die Gegenargumente sind zu beachten: Ursprünglich sollten ab 2005 Parteien nur noch unter erschwerten Bedingungen Anspruch auf staatliche Zuwendung haben. Somit sollte verhindert werden, dass radikale Klein- und Kleinstparteien mit geringem Aufwand an der staatlichen Teilfinanzierung teilnehmen können.
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• Dem 2004 gewählten Präsidenten des österreichischen Rechnungshofes(!), Josef Moser (FPÖ), wurde seitens der Grünen vorgeworfen, Spenden in der Höhe von 5 Millionen Schilling am Parteienfinanzierungsgesetz vorbeigeschwindelt zu haben. Eine so wichtige Funktion werde nach Abhaltung eines „lächerlichen Puppenspiels“ besetzt; das habe sich der Rechnungshof wahrlich nicht verdient (siehe die Anfrage der Grünabgeordneten Pilz u.a. im österreichischen Parlament, 22/JPR XXII. GP, 18. Juni 2004). • Im Bundesland Kärnten wurden von allen Parteien zusätzlich der grundsätzlichen Förderung 2003 eine einmalige Förderung für die Landtagswahl 2004 – eine Wahlkampfkostenrückerstattung im Vorhinein – und 2004 eine Verdoppelung der Grundförderung zur nochmaligen – diesmal nachträglichen – Abgeltung der Wahlkampfkosten beschlossen (vgl. dazu Protokolle der Kärntner Landtagssitzung vom 18. November 2004).2 Demgegenüber stehen Modelle der privaten Politikfinanzierung, die solche Dilemmata verhindern sollen, doch auch in den Demokratien von heute werden viele Hände gesalbt. Bestenfalls sind unsere Rechtsprinzipien detaillierter und die Moralvorstellungen strenger geworden. „Handsalbungen“ zwischen Wirtschaft und Politik sind rechtlich und ethisch schwieriger zu vertreten. Die zahlreichen Affären um Parteispenden, Bestechungsmanöver oder verbotene Insidergeschäfte sind eindeutig illegal. Bevor jedoch eine Rechtswidrigkeit ruchbar wird, hat die Öffentlichkeit längst ein negatives Urteil gefällt. Die Bürger reklamieren von „denen da oben“ eine höhere Moral. Es sind dieselben Bürger, die in der Schattenwirtschaft dreistellige Milliardensummen illegal verdienen, für die es ein Breitensport geworden ist, Finanzamt, Versicherung oder Sozialbehörden zu beschummeln. Herr und Frau Normalverbraucher sind streng mit ihren Obrigkeiten, wie sich in der Bundesrepublik Deutschland zuletzt anhand der Fälle von Geldzahlungen des Energiekonzerns RWE zeigte.3 Es schickt sich einfach nicht, dass 2
Das Landesgesetz, welches in seiner Grundfassung aus dem Jahre 1991 stammt, sichert den Kärntner Parteien einen Anspruch auf Förderung ihrer politischen Arbeit zur Schulung der Mandatare, Öffentlichkeitsarbeit und die dafür erforderlichen Sach- und Personalaufwendungen zu. Die Grundsatzförderung ist unterteilt in einen Sockelbetrag und in Steigerungsbeträge. Der Sockelbetrag steht jeder Landtagspartei zu (bis 2004 FPÖ, SPÖ und ÖVP, seit 2004 zusätzlich den Grünen). Hinzu kommt ein Steigerungsbetrag von etwa 62.500 Euro für jeden Abgeordneten. Zusätzlich zu dieser Grundförderung wurde im Jahr 2003 eine einmalige Förderung für die Landtagswahl 2004 beschlossen und im Verhältnis der damaligen Stärke der Landtagsparteien aufgeteilt. Die von FPÖ und SPÖ in der Landtagssitzung vom 18. November 2004 beschlossene Novelle des Parteienförderungsgesetzes sah vor, dass alle im Landtag vertretenen Parteien Anspruch auf eine Verdoppelung der Grundförderung der Parteien haben. 3 Am 8. Dezember 2004 hat die Affäre um Zahlungen des Energiekonzerns RWE dem Bundesvorsitzenden des christdemokratischen Arbeitnehmerflügels, Hermann-Josef Arentz, sein Amt
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Politiker sich von Wirtschaftsunternehmen – ohne oder mit geringer Gegenleistung – Geld überweisen lassen. Dahinter steht die (nicht abwegige) Vermutung, der Mandatsträger gerate oder begebe sich in Abhängigkeit (von Arnim 2005). Wie unabgängig sind Abgeordnete, die Gruppeninteressen artikulieren? Wollen aber im Gegenzug Bürger wirklich unabhängige Parlamentarier oder wählen sie diese wegen ihrer artikulierten Lobbyansichten? 2 Fallbeispiel 1: Teuer und/oder korrupt? Überraschende Länderdaten Nach Ländern gestaffelt, ergeben sich für die Parteienausgaben beträchtliche Unterschiede. Besonders hoch sind Ausgaben in Japan, Österreich, Israel und Italien (mit Indexwerten von 2,7 bis 2,5; der Index berechnet sich als Parteiausgaben pro Kopf der Wahlberechtigten im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt), und besonders niedrig in Dänemark, Kanada, Australien, Niederlande und Großbritannien (0,4 bis 0,2). Die Bundesrepublik Deutschland liegt – zusammen mit Frankreich, Irland, den USA und der Schweiz – im unteren Mittelfeld (0,7 bis 0,5). Für die Unterschiede gibt es eine ganze Reihe von Ursachen. So sinken in der Regel die relativen Kosten mit der Wirtschaftsleistung eines Landes, und ein hoher Staatsanteil am Bruttoinlandsprodukt korreliert grundsätzlich mit hohen Aufwendungen für den Parteienwettbewerb (Nassmacher 2004: 22-25). Ähnlich unerwartet gestaltet sich ein Ländervergleich für politische Korruption als Konsequenz der Politikfinanzierung (Hodess/Inowlocki et al. 2004). Korruption wird in diesem Zusammenhang definiert als Machtmissbrauch politischer Führer zu ihrem persönlichen Nutzen. Besonderes Augenmerk ist auf die Transparenzbestimmungen und ihre Umsetzung, Wechselbeziehungen zur privaten Wirtschaft (aus internationaler Sicht vor allem der Waffen- und Ölindustrie), und legale Schranken der Aufklärung politischer Korruption, namentlich die Immunität von Politikern, zu richten. Spitzenreiter der Korruption ist wahrscheinlich Indonesiens ehemaliger Staatschef Mohamed Suharto, der in seiner Amtszeit schätzungsweise 15 bis 35 Milliarden US-Dollar auf seine Konten fließen ließ. Aber auch in einem vermeintlichen Rechtsstaat wie Griechenland zogen ernsthafte Zweifel an der Einhaltung der Transparenzregeln im Wahlkampf 2000 keinerlei Konsequenzen nach sich. Im globalen Korruptionsbericht 2004 wird festgestellt, dass lediglich in 13 Prozent der 118 untersuchten Länder Politikfinanzierung als völlig transparent bezeichnet werden kann. In der Gruppe der Staaten mit dem höchsten Transpagekostet. Exakt zwei Wochen später, am 22. Dezember, trat CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer zurück.
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renzgrad findet sich beispielsweise Armenien (das im aktuellen Corruption Perception Index Rang 78 einnimmt), während Schweden (Rang 6) in der Gruppe der Staaten mit der am wenigsten transparenten Finanzierung von Politik angesiedelt wird. Offensichtlich kann man sich bei der Bekämpfung von (politischer) Korruption nicht allein auf einen Ausbau der Transparenzregeln verlassen. 3 Fallbeispiel 2: Wahlkampffinanzierung in den USA als „Scheckbuchdemokratie“ Die USA stellen – siehe dazu Filzmaier/Plasser 2002 und 2005 – einen exemplarischen Fall für exponentiell steigende Wahlkampfausgaben, fragwürdige Finanzierungspraktiken und ein de facto kollabiertes Regelungssystem der Wahlkampffinanzierung dar. Die demokratische Wettbewerbspraxis wird von Kritikern pointiert mit dem Begriff „checkbook democracy“ bezeichnet. Darunter versteht Darrell M. West (West 2000) „a form of government in which money has hijacked the campaign process. It is a system characterized by large contributions, secret influence, citizen cynicism, weak public representation, and increasingly unaccountable elected officials”. Die „Scheckbuch-Demokratie“ bezieht sich auf die zentrale Bedeutung finanzieller Ressourcen und kapitalstarker Geldgeber für wahlpolitische Erfolge, die Tatsache, dass mittlerweile rund die Hälfte des verfügbaren Zeitbudgets von Kongressabgeordneten für das Spendensammeln und Kontakte mit potenziellen Geldgebern verwendet wird, die steigende Abhängigkeit von Kongress- und Präsidentschaftskandidaten von kapitalstarken Interessengruppen, die Transformation der lokalen und regionalen (bis 2002 auch nationalen) Parteiorganisationen in Plattformen für die Aufbringung und Verteilung direkter Spendenmittel (hard money) und indirekter Zuwendungen (soft money) an Kongress- und Präsidentschaftskandidaten, schließlich den definitiven Kollaps eines in sich widersprüchlichen, hyperkomplexen Regulierungssystems, das von Kandidaten und deren Rechtsberatern variantenreich umgangen wird. Dazu kommt erschwerend, dass die USA zu den wenigen traditionellen Demokratien zählen, in denen Parlamentswahlkämpfe ausschließlich privat finanzierte Unternehmungen darstellen. Staatliche Parteienfinanzierung ist in den USA ebenso unbekannt wie indirekte Subventionen in Form ermäßigter Posttarife, Nutzung öffentlicher Einrichtungen bzw. Gratis-Sendezeiten für die Verbreitung von Werbebotschaften, wie sie etwa in Großbritannien (wo es wie in den USA keine öffentliche Wahlkampffinanzierung gibt) politischen Parteien bei Unterhauswahlen zur Verfügung gestellt werden.
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Die Konsequenzen für den politischen Wettbewerb in den USA sind dramatisch. Im Fall von Finanzierungsvorteilen, die das Doppelte der Mittel des Gegenkandidaten überschreiten, kann unabhängig von anderen Faktoren nicht von einem kompetitiven Wahlkampf im engeren Sinn gesprochen werden (outspending). In allen Kongresswahlen der letzten Jahre haben zu über 90 Prozent den Sitz im Repräsentantenhaus und den Senat jene Kandidaten gewonnen, die über mehr Finanzmittel verfügten. In nahezu zwei Drittel aller Wahlkämpfe um Repräsentantenmandate ist ein Kandidat, fast immer der Amtsinhaber, dem jeweiligen Herausforderer beim campaign money im Verhältnis von wenigstens 10:1 überlegen. Lediglich in rund 15 Prozent der 435 Wahlkämpfe ist die Ungleichheit geringer als 2:1, sodass von financially competitive races gesprochen werden kann. 2002 und 2004 wurden 98 bzw. 99 Prozent der Amtsinhaber wiedergewählt. Dabei weist das US-amerikanische System der Wahlkampffinanzierung in der Theorie durchaus vergleichsweise strenge Beschränkungen auf, die für die Spendenhöhe von Political Action Committees (PACs) und Einzelpersonen gelten. Wirtschaftlichen Interessenverbänden – etwa Unternehmen und Gewerkschaften (corporate money) – ist die direkte Wahlkampffinanzierung verboten. Als Begründung wird auf eine „Korruption“ im politischen Bereich verwiesen, weil im Unterschied zu privaten Wahlkampfspenden die ökonomischen Ressourcen von Unternehmen keine öffentliche Unterstützung politischer Meinungen widerspiegeln und daher eine Wettbewerbsverzerrung bedingen. Wahlkampfspenden von ausländischen Organisationen bzw. Personen, die keine Staatsbürger der USA sind, werden mit dem Argument, dass keine Beeinflussung des politischen Prozesses in den USA von außen erfolgen darf, verboten. Die Realität sieht anders aus. Konservative Schätzungen sprachen bereits im Präsidentschaftswahlkampf 1996 von realen Ausgaben, die weit über eine Milliarde US-Dollar betragen haben. Die Gesamtausgaben im Kongress- und Präsidentschaftswahlkampf 2000 wurden mit bis zu vier Milliarden US-Dollar beziffert. 2004 wurde dieselbe Summe allein für den Präsidentschaftswahlkampf angenommen, doch gab es sogar Spekulationen bis zur doppelten Höhe des Betrages. Ursachen der Differenz entstehen durch eine „kreative Wahlkampfführung“ (Corrado 1992) und bestehen in Form „einer Tasche voller Tricks gefundener Schlupflöcher“ (Rosenberg 1996). Entscheidendes Problem und gravierender Schwachpunkt ist die faktische Unterscheidung von offiziell deklarierten Geldspenden (hard money) und sonstigen Geldern (soft money). Als soft money – national nur bis 2002 offiziell erlaubt – ist corporate money von Arbeitgeberund Arbeitnehmerinteressen zulässig. Ungeachtet der rechtlichen Beschränkun-
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gen ist ein exponentielles Wachstum der indirekten Wahlkampfspenden für party building-Aktivitäten zu beobachten, wobei es sich zumeist um Spender mit unmittelbar wirtschaftspolitischen Interessen handelt. Grenzfälle, etwa Spenden an Parteien mit dem Argument einer Verbesserung der Demokratiequalität, sind vorprogrammiert. Im Zusammenhang mit der fortschreitenden Internationalisierung/Globalisierung – Stichwort multinationale Konzerne – und der soft moneyProblematik ist auch das Verbot von ausländischen Geldmitteln kaum zu überprüfen. Eine zentrale Ursache der Kostenexplosion und des Stellenwerts von soft money ist, dass sich seit den achtziger Jahren ein permanentes Wechselspiel zwischen Regierungspolitik und Wahlkampfführung (permanent campaigning) herausgebildet hat (Blumenthal 1980; Mann/Ornstein 2000). Flächendeckende Fernsehwerbung, exzessive Meinungsforschung, konsequentes Marketing usw. sind kostenintensiv und enden keineswegs nach dem Wahltag. Für die frühzeitige Sicherung der Wiederwahl und die Umsetzung von individuellen Politikvorhaben im Wahlkampfstil sowie die Stärkung der persönlichen Abgeordnetenposition im Kongress und im fragmentierten System der institutionellen Gewaltenteilung werden kostenaufwendige Dauerkampagnen geführt. Hinzu kommt die direkte Platzierung von issue advocacy durch einem Kandidaten verbundene Gruppen und Verbände zur Wählermobilisierung, was in den Wahlkämpfen mittlerweile eine bedeutsame Rolle spielt. Politisch interessierte (Interessen-)Gruppen leisten nicht allein Wahlkampfspenden an Kandidaten, sondern können unter Verweis auf ihre Grundrechte (Meinungsfreiheit usw.) Werbung für bzw. gegen einen Kandidaten organisieren oder Finanzmittel den Parteien zur Verfügung stellen. Issue advocacy wird oft unmittelbar und parteienunabhängig von Interessengruppen organisiert. Von politik- und kommunikationswissenschaftlichem Interesse ist insbesondere die Frage, inwiefern Interessengruppen durch issue advocacy Wahlkämpfe als Podium bzw. Plattform für ihre (Mobilisierungs-)Politik benützen, um als dritter Akteur neben den Politikern (Kandidaten) und Medien die Themenlandschaft in der öffentlichen Diskussion zu bestimmen. Interessengruppen nützen jedenfalls bezahlte Anzeigen und professionelle Medienberater, um Wahlkampagnen für ihre Interessen zu instrumentalisieren, zielgruppenorientiert eigenständig Botschaften auszusenden und selbst Thema der medialen Berichterstattung zu werden (West/Loomis 1998). Als jüngste Fortsetzung des issue advocacy und neues „Schlupfloch“ formierten sich im Kongress- und Präsidentschaftswahlkampf 2004 sogenannte 527 groups. Diese – genauso wie analoge 501(c) groups – namentlich auf einen Gesetzparagraphen bezogenen Gruppen sind steuerbegünstigt, in ihren Ausgaben nicht limitiert und formal unabhängig. Selbstverständlich besteht jedoch ein inhaltliches Naheverhältnis mit einem Kandidaten; eine strategische Koordinati-
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on für Werbekampagnen und Wählermobilisierung darf angenommen werden. Trotz einer Berichtspflicht der Ausgaben an das Internal Revenue System (IRS) liegen noch keine endgültigen Zahlen vor, doch sind Wahlkampfaktivitäten in der Höhe von mehreren Hundert Millionen US-Dollar unbestritten. 4 Conclusio Das Grunddilemma ist, dass das System der Politikfinanzierung ein qualitatives Element der Demokratie(-qualität) darstellt, während die gegenwärtigen und zukünftigen Gesetze sich zwangsläufig allein an quantitativen Messungen orientieren, so dass gesetzliche Neuregelungen nicht zu einer vollständigen Problemlösung führen können. Folgerichtig ergibt sich systemunabhängig – d.h. gleichermaßen in Staaten mit öffentlicher oder privater Politikfinanzierung bzw. in den USA und den deutschsprachigen Ländern – eine Negativeinstellung gegenüber der Tatsache, dass es erforderlich ist, für die Akteure im politischen System Geld auszugeben. Ein Kausalzusammenhang zu den Standardindikatoren zur Messung der wichtigsten Einstellungen für eine politische Kultur (Demokratiezufriedenheit, Institutionenvertrauen, Effizienzindex usw.) kann vermutet werden. Nachdem sich das Misstrauen gegenüber Politikfinanzierung und politischem System parallel erhöht, sind grundsätzlichere Lösungsansätze als neue Gesetze mit detaillierten Subparagraphen gefragt, die freilich durch Anlassfälle eines fragwürdigen Umgangs mit öffentlichem Geld unterminiert werden. Ungeachtet unverständlicher Gebräuche wie beispielsweise die Diätenabrechnung für Abgeordnete im Europäischen Parlament – zum Ausgleich für national unterschiedliche Gehälter werden die realen Ausgaben überschreitende Reiserechnungen ohne Beleg toleriert (von Arnim 2004: 1422) –, wären zwei Denkansätze zu beachten: • Eine Erhöhung der Transparenz und Vereinfachung, weil die Kritik der Bevölkerung sich häufig an für Laien undurchschaubaren bzw. nicht nachrechenbaren Regelungen entzündet, auch wenn diese rechtens sind und in der Summe keine Erhöhung der Politikfinanzierung mit sich bringen. Polemisch gesagt: Politiker sollen 10.000 Euro und mehr verdienen, jedoch nicht in mathematischer Komplexität als Summe von Gehalt, Funktionszulagen, Aufwandsentschädigungen usw. • Ein Hinterfragen der gesellschaftlichen Einstellung zum Faktor Geld als Element der Anerkennung von Leistung. Während in den USA ein hohes Einkommen selbstbewusst verkündet wird (und zugegeben trotzdem die Politikfinanzierung gemäß Drew 2000 korrumpiert ist), verschweigt man in der
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Bundesrepublik Deutschland und Österreich ein solches tunlichst. Wenn aber Entgelte für qualifizierte Arbeit prinzipiell nicht ausreichend akzeptiert werden, ist es unmöglich, dass wir verstehen, warum große Beträge unseres eigenen (Steuer-)Geldes für die Generierung von Entscheidungen über uns – in einer Demokratie mit uns, doch wird das nicht wahrgenommen – zu verwenden sind. Quellenverzeichnis Alexander, Herbert E. (2000): Election Finance. In: Rose, Richard (ed.).: International Encyclopedia of Elections. Washington D.C.: MacMillan: 77-82 Arnim, Hans Herbert von (2005): Institutionalized Political Unacountability and Political Corruption in Germany. In: Eberhard Bohne/ Bonser, Charles F./ Spencer, Kenneth M.(eds.): Transatlantic Perspectives on Liberalization and Democratic Governance. Hamburg: LIT, im Erscheinen Arnim, Hans Herbert von (2004): Diätenwildwuchs im Europäischen Parlament. In: Neue Juristische Wochenschrift 2004: 1422-1427 Arnim, Hans Herbert von (2003a): Parteienfinanzierung. Zwischen Notwendigkeit und Missbrauch. In: Neue Zeitschrift für Verwaltungsrecht 2003: 1076-1080 Arnim, Hans Herbert von (2003b): Political Finance. Checks and Abuses. Current Problems and New Developments. FÖV Discussion Paper, December 2003 Blumenthal, Sidney (1980): The Permanent Campaign. Inside the World of Elite Political Operatives. Boston: Beacon Press Corrado, Anthony (1992): Creative Campaigning. PACs and the Presidential Selection Process. Boulder: Westview Press Drew, Elisabeth (2000): The Corruption of American Politics. What Went Wrong and Why. Woodstock: Carol Publishers Group Filzmaier, Peter/ Plasser, Fritz (2002): Campaign Finance in den USA. In: Sickinger (2002): 41-60 Filzmaier, Peter/ Plasser, Fritz (2005): Politik auf amerikanisch. Wien: Manz, im Erscheinen Hodess, Robin/ Inowlocki, Tania et al. (eds.) (2004): Global Corruption Report 2004. London: Profile Books Naßmacher, Karl-Heinz (ed.) (2001): Foundations for Democracy. Approaches to Comparative Political Finance. Baden-Baden: Nomos Naßmacher, Karl-Heinz (2005): Ist unsere Demokratie zu teuer? In: Einblicke Nr. 39. 2005. 22-25, verfügbar unter http/www.uni-oldenburg.de/presse/einblicke/39/index.htm Ornstein, Norman/ Mann, Thomas E. (eds.) (2000): The Permanent Campaign and Its Future, Washington D.C.: Congressional Quarterly Press Rosenberg, Liza (1996): A Bag of Tricks. Loopholes in the Campaign Finance System. Washington D.C.: Congressional Quarterly Press Sickinger, Hubert (ed.) (2002): Wahlkampffinanzierung, Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft. 2002. Heft 2. Wien: Nomos West, Darrell M. (2000): Checkbook Democracy. How Money Corrupts Political Campaigns. Providence: Northeastern University Press West, Darrell M./ Loomis, Burdett (1998): The Sound of Money. How Political Interest Get What They Want. New York: W.W. Norton
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Zur religiösen Bedeutung des Geldes – dargestellt am Beispiel der Einführung des Euro und der Rolle der Banken
Als Tauschmittel ist Geld Voraussetzung und Gewährleistung anonymer ökonomischer Kommunikation, so lautet unsere erste Annäherung an dieses Medium. Geld wird Geld in eminenter Form dort, wo Gesellschaften eingerichtet sind, die als anonyme organisiert, „abstrakte“ Tauschverhältnisse einrichten müssen. Abgesehen von der Verdienstspanne der Händler geht man davon aus, dass im Warentausch letztlich Gebrauchswerte getauscht werden – einer etwas hat oder produziert, was der andere braucht und umgekehrt. Gebrauchswerte werden aber in einer anonymen differenzierten Gesellschaft nie unmittelbar und direkt getauscht, so wie es der obige Satz nahe legt. Die einen produzieren „Überschuss“, oft ohne zu wissen, ob die Ware, die sie zur Verfügung stellen, auch tatsächlich in dem hergestellten Umfang gebraucht wird. Andere sammeln Waren auf Vorrat, weil sie der Meinung sind, sie würden noch gebraucht werden und in einer näheren Zukunft mehr Gewinn oder andere, bessere Waren bringen. Wieder andere sammeln das Medium (Geld) als der unbeschränktesten Möglichkeit, jeweils alles, was man braucht, zu erwerben. In diesem unterschiedlichen Tausch- und Sammelverfahren ändert sich der Gebrauchswert – wie schon oft bemerkt –, er kann bei der gleichen Ware einmal höher und einmal tiefer sein. Und ebenso verliert Geld seinen bloßen „medialen“ Charakter und wird selbst Ware. Man kann mit Geld handeln, ohne einen „gegenständlichen“ Warenkontakt zu haben. Während „gegenständliche“ Waren im allgemeinen einen genau bestimmbaren Gebrauchswert haben, einen, der ja gerade seine Gegenständlichkeit, Form und seinen Zweck ausmacht, hat Geld sozusagen einen „absoluten“ Gebrauchswert. Es ist die Möglichkeit der Aneignung aller anderen Gebrauchswerte. Hier kommt zwar wieder sein Charakter als Medium zum Vorschein, aber in besonders ausgezeichneter Form. Das Medium bekommt dadurch „Substanz“, dass in ihm alles Mögliche wirklich werden kann. Was ist nun „substanzieller“? Das bestimmt Wirkliche, die einzelne Ware und ihr eingeschränkter Gebrauchswert oder die „Ware der Waren“, die absolute Möglichkeit ihrer Wirklichkeit im Sinne des je gewünschten Gebrauchs? Die einzelne Ware ist beschränkt, endlich, und überhaupt nur für mich wirklich, wenn ich Geld zu ihrem Erwerb habe; ohne Geld ist sie für mich unwirklich, nicht erreichbar,
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ohne Wert. Das Geld hingegen ist ihr gegenüber unbeschränkt, ungebunden, unendlich, allgemein und als Möglichkeit aller Warenrealität für mich das Vorgeordnete, das Bedingende, die erste Ursache, der unbewegte Beweger. Auf die Ökonomie, den anonymen Warentausch bezogen, ist Geld so etwas wie Gott für die ganze Schöpfung. Er ist ebenso unbestimmt, unendlich, wird als Prinzip (das Erste, die Ursache, die Möglichkeit) alles Seienden angesehen, ist also „Nichts“ (Bestimmtes und Bestimmbares), das aber als Ermöglichung zugleich Alles ist, in allem ist (ens realissium). Gott, das Absolute, ist zunächst eigentlich auch nur Medium (Vermittlung) der Gesamtorganisation der Menschen, im übrigen insbesondere einer hierarchischen, in der das Allgemeine (das Abstrakteste), das Höchste, Ausgezeichnetste ist. Er ist die Chiffre, die transzendentale Voraussetzung, die absolute Möglichkeit für jeden bestimmten Zusammenhang, für jede sinnvolle Ordnung, für jedes darin aufgehobene bestimmte Sein. Dieser Bedingungs- und Ermöglichungscharakter (der „Schöpfer Gott“) hebt ihn sowohl über jedes konkrete Seiende hinaus, als es ihm, dem unsichtbaren, unbestimmbaren Medium eine eminente, übergeordnete Substanz gibt. Er ist die Substanz aller Substanzen. Obwohl eigentlich nur als diese Voraussetzung relevant und substanziell, ist es auch Gott nicht erspart geblieben, „ontologisiert“ zu werden. Er hat, so wie das Geld, auch viele Prädikate bekommen, man hat ihn „vergegenständlicht“, an unsere Vorstellung anschlussfähig gemacht. Als Transzendenz des Gesamtsystems konnte in ihn freilich mehr „hineinontologisiert“ werden, als in das Geld, insbesondere auch Wünsche und Utopien, die in der realen Ordnung der Gesellschaft nicht vorhanden waren. Geld ist als Medium einem ähnlichen Ontologisierungsverfahren unterworfen, zunächst aber auf ökonomische Kommunikation bezogen, nicht von gleicher universeller Projektionsmöglichkeit. Ich meine aber, dass man um Ähnlichkeit und Konkurrenz sehr wohl und sehr früh Bescheid wusste. Nicht zufällig ist der erste Organisationsort des Geldes die Tempelwirtschaft, gibt es Sprüche wie „Geld regiert die Welt“, „mit Geld kannst du alles haben“, „Gott Mammon“ usw. Als „irdische“ Konkurrenz Gottes (weltliche Universalität) wurde es von den Kirchenvertretern daher auch immer wieder geächtet, die Händler und Wucherer aus dem Tempel vertrieben, als „Götze“ bezeichnet, mit dem Teufel in Verbindung gebracht, und der Versuch gemacht, es nicht für sich mächtig werden zu lassen (Zinsverbot, Wuchergesetze). Die immer wieder moralisch vorgetragene Verbindung zwischen Geld und Gott („für unser materialistisches Zeitalter ist der Gott aller Menschen das Geld“), hat also einen äußerst realistischen Hintergrund: Er liegt im analogen Mediencharakter und dem Bedürfnis der Menschen, diesen zu ontologisieren. Und da gibt es viele Parallelen zwischen beiden Medien. Man könnte sogar sagen, dass welthistorisch betrachtet für den Menschen das Geld die größere Medienmacht darstellen muss. War es doch jene, die tatsächlich Menschen
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weltweit verbunden hat, zu Zeiten, als noch die verschiedensten „Götter“ und Religionen die Welt unter sich „aufteilten“. Insofern ist es gar nicht so abwegig zu sagen, „das Geld ist der Gott dieser Welt“, wenn man davon ausgeht, dass es tatsächlich bisher im wesentlichen die Ökonomie war, die für eine Art Weltgesellschaft gesorgt hat. Der vom Anfang an bestehende (prinzipielle) sakrale Charakter des Geldes – im Zusammenhang mit dem Teufel seine magische Kraft – ist historisch einer eigentümlichen Dialektik unterworfen worden. Man hat ihn einerseits ständig „abwerten“ (auch real: Geld muss einem Inflationsprozess unterworfen werden, das ist seine säkularisierte „Verteufelung“), sozusagen eine „weltliche“ Sakralität entwikkeln müssen (vom Mythos des Geldes, über die Alchemie bis hin zur Universalität von Kreditkarten als überall zur Verfügung stehendes „Sesam öffne dich“), andererseits aber auch positiv ontologisieren wollen. Das Handlungsprinzip könnte lauten: Das abstrakte, allgemeine Machtmedium Geld wird abgewertet (ist des Teufels oder gar er selbst), jeder kann über es schimpfen, das bestimmte ontologisierte Geld hingegen wird aufgewertet. Es ist nicht mehr absolut, sondern der bestimmte „kleine Gott“; diesen darf man sich gegenüber dem großen auch „leisten“. Ein ähnliches Schicksal hat auch Gott erlitten: Auch er wurde regionalisiert, nationalisiert, sogar individualisiert („in jedem Menschen, Bruder ist Christus“), wenn nicht überhaupt seine Stellvertreter, die Heiligen und Priester ihn örtlich an Wichtigkeit übertreffen. Der wahre, wirkliche, unendliche Gott rückt in die Ferne und ist „nur mehr“ Gegenstand der Theologie; dort darf man zeitweise sogar sagen, dass er „Nichts“ (Bestimmtes) ist. Es hat sich gezeigt, dass die Dialektik des Geldes in der Diskussion um Euro und Landeswährung wieder deutlich wurde und hochgekocht ist. Die Landeswährung ist der „kleine Gott“, den man sich gestatten darf, der bestimmt ist, der eine bestimmte Region, Nation zusammenhält und ihr Identität gibt. Die (Eigen-)Währung ist jene Wahrheit der Einheit, die man noch glaubt nachvollziehen zu können. Was über sie hinausgeht, ist eben die Wahrheit einer anderen fremden Identität, und als solche analog anerkannt. Man sieht ein, dass jeder so seinen kleinen Gott haben muss. Mit ihm verspricht man sich auch „Zähmung“ des abstrakten Mediums. Es ist nicht nur selbst bestimmt worden, man meint, es auch sonstigen Normen und Sicherheiten, überblickbaren Einheiten, unterworfen zu haben. Daher ist auch im gegenseitigen Vollzug und Austausch folgendes Phänomen zu beobachten: Eine feste Währung stützt regionale und nationale Identitäten, auch wenn es nicht deren Verdienst ist, diese gewährleistet zu haben; umgekehrt zerrütten Inflationen, Unsicherheit in der Stabilität des Geldes die gesamte Einheit, in der dieses Geld Währung ist. Der Euro hat diese Bestimmungen nicht oder noch nicht. In ihm wird die alte Abstraktion wiedergeboren. Dies hat zwei Nachteile: Erstens findet eine Entonto-
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logisierung statt, das Geld wird wieder „reineres“ Medium, mit bindungsloser, unbestimmter, unendlicher, unkontrollierbarer Macht ausgestattet; vor dieser „kalten Anonymität“ schrecken alle zurück, die sich an ihre Währung gewöhnt haben. Zweitens wird damit, als Konkurrenz zum „Göttlichen“, wiederum das Magische, Teuflische in Erinnerung gebracht. Wer hat nämlich noch Macht über den Euro, wenn die bisherigen Zuordnungseinheiten von Geld ausfallen? Lobbies, das anonyme Finanzkapital, undurchschaubare Bürokratien etc. Damit wird mir als Einzelnem bewiesen, wie ohnmächtig ich bin, dass ich auf Geld und Geldpolitik überhaupt keinen Einfluss habe. Europa selbst war ja nie eine Einheit, es gibt viel zu viele verschiedene Interessen, „kleine Götter“. Sie kann man in ihrem internen Konkurrenzkampf aber noch überblicken und vielleicht national beeinflussen. Wenn aber diese Möglichkeiten wegfallen, erkennt man seine tatsächliche Abhängigkeit und Ausgeliefertheit. Realistisch bestand diese natürlich auch jetzt schon. Aber erst der (abstrakte) Euro bringt die Wahrheit an den Tag. Von dieser will man aber nichts wissen. Schon die Frage, die mit dem Aussehen des Euro zusammenhing und heftig diskutiert wurde – was soll z.B. auf einer Euro-Banknote dargestellt werden? – zeugt von dieser Dialektik des Geldes. Das Medium nämlich ist für sich „bildlos“ (auch von Gott soll man sich ja bekanntlich kein Bild machen). Jede Ontologisierung aber braucht ihr Bild. (Der „Bilderstreit“ bezüglich Gott ist in unserer Tradition immer zugunsten der Bilder ausgegangen. Im Islam war lange Zeit eine gegenteilige interessante Entwicklung zu beobachten: Dem Bilderverbot entspricht ein Zinsverbot; beide Medien sollen „rein“ bleiben. Dies ist aber nicht „menschlich“; daher konnte beides oft nur gegen die Menschen aufrecht erhalten werden; manchmal war dazu religiöser Fanatismus notwendig. In ihm setzen sich allerdings einzelne Menschen als Interpreten an die Stelle Gottes, des Mediums, und erreichen damit eine noch schlimmere Ontologisierung: Gott ist in den einzelnen Verkündern.) Es wäre also durchaus problematisch, wie von einigen verlangt wurde, im Sinne eines Bilderverbotes „nichts“ auf die Banknote zu drucken oder nur sehr abstrakte Muster. Auch wenn die Entwicklung in Richtung Plastikgeld gehen mag, sie wird kaum in ihm aufgelöst werden; wenigstens in der Phantasie existiert hinter jeder Kreditkarte immer noch die Landeswährung. Die genannte Dialektik des Geldes manifestiert sich auch im Unterschied zwischen Geld und Währung. Währung ist das bestimmte, versinnlichte, Identitäten stiftende Geld, das ontologisierte Medium. Sie macht Geld fassbar, gegenständlich und kontrollierbar. Der kleine Gott hat seinen Tempel bezogen und die Priester wachen über ihn; sie sorgen, dass er uns gewogen bleibt, uns nicht verlässt, uns Sicherheit gibt. Die National- und Bundesbanken sind die institutionalisierten Währungshüter. Sie gehören zwar einem Land, einer Nation an, haben sich ihren Regierungen gegenüber aber eine gewisse Selbständigkeit erkämpft. Auch in ihrer Rolle zeigt sich die Dialektik des Geldes: In einer Funktion sind sie Währungshüter
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der bestimmten Landeswährung (des ontologisierten Mediums), sehen auf Stabilität und deren Sicherung. In der anderen Funktion sind sie vom Lande, dessen Währung sie sichern, zugleich unabhängig; entsprechend können sie seine nationale Besonderheit schützen. Auch mit den Kirchen gibt es staatliche Verträge, Konkordate, es gibt Landeskirchen. Zugleich ist aber klar, dass Gott keiner Nation angehören kann und darf – auch wenn sich in Kriegen (Gefährdung nationaler und regionaler Identitäten) immer wieder Nationen auf ihn berufen haben. Die genannte Widersprüchlichkeit konnte insbesondere bei der Einführung des Euro identifiziert werden. In den sogenannten „Hartwährungsländern“ (z.B. auch Deutschland und Österreich) wurde die emotionell positive Besetzung der nationalen Währung deutlich. Es fiel schwer, von der DM, vom Schilling Abschied zu nehmen und für viele ist bis heute der Euro (= Teuro) unbeliebt geblieben. Insbesondere in Deutschland ist seine Währung eng mit dem nationalen Wiederaufbau, dem Überwinden von Kriegsschrecken und „Niedergang“ verbunden gewesen. Die DM repräsentierte die deutsche Wirtschaftskraft, für viele nach der Katastrophe des Nationalsozialismus die einzig überzeugende nationale Identifikationsmöglichkeit. Diese emotionelle Gesamtlage bringt bis heute die Nachfolger der Tempelwirtschaft, die Banken, in Schwierigkeiten. Man will mit ihnen auch die Absicherung der nationalen Währung sowie die Stützung der nationalstaatlichen Wirtschaft verbunden wissen. Die ökonomische Sachlogik lässt dies aber nur teilweise zu. Der Finanzmarkt ist, wie auch das Finanzkapital international und global weit mehr als die Realmärkte. Regionale und nationale Verpflichtungen können nur beschränkt eingegangen werden. Man muss als große Bank zum „global player“ werden; damit indirekt die Abstraktion des Geldes, des Mediums auch organisatorisch ins Bewusstsein zurückrufen. Sie werden, wie einst für das Proletariat aus Solidaritätsgründen gefordert, zu den wahren „vaterlandslosen Gesellen“, was ihnen bei Fusionen und Verlegung von Betriebsstätten, womöglich gar des head quarters als Verrat ausgelegt wird. Die Auflösung der nationalen Währung in den länderübergreifenden Euro wurde vielfach in diese Richtung hin interpretiert. (Eine besondere Rolle in diesem Zusammenhang kam und kommt noch heute der „Deutschen Bank“ zu, deren Namen ja bereits Symbol ist; sie wird deshalb oft auch mit der Deutschen Bundesbank verwechselt und damit indirekt in die Rolle des Währungshüters gedrängt. Mit Argwohn betrachtete man daher auch immer wieder die Auslandsengagements, vor allem die mit den Briten und Amerikanern. Und ob die Zentrale von Frankfurt an einen – ökonomisch – günstigeren Ort übersiedelt, ist immer wieder Gegenstand heftigster Diskussion.) Mit der voranschreitenden Globalisierung verliert sich die Bestimmbarkeit des Mediums immer mehr; es wächst damit auch die reale oder eingebildete Unbeeinflussbarkeit. Das macht nicht zu Unrecht Angst. Früher nannte man das „Gottferne“ und sah es als Strafe und Liebesentzug an.
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Obwohl die Unternehmen der Sache nach am entschiedensten dem Medium Geld entsprechen, verdächtigt man sie gerade deshalb auch der Bindungs- und Charakterlosigkeit; sie sind an Identitätsräumen nur sehr peripher interessiert; lassen sich nicht national bestimmen. Zunehmend wird klar, dass diese Bindungslosigkeit nicht bloß eine Sache willkürlicher Machtdemonstration ist, sondern der ökonomischen Logik entspricht. Global player ist man nicht freiwillig oder weil Reisen so schön ist, sondern weil man muss. Die ökonomische Logik verträgt sich hier aber keineswegs mit der psychologischen. Diese verlangt Zuordnung, Loyalitätsprioritäten, soziale, gesellschaftliche Verpflichtungen und Verantwortungen, allerdings nur soweit es ihre Einheiten betrifft. Bei der Absicherung eines Betriebes denkt naturgemäß dort niemand daran, dass es vielleicht am neuen Standort für die dort Lebenden Vorteil und Glück bedeutet. Nun könnte man ja davon ausgehen, dass die ökonomische Logik, weil wichtiger, existenzsichernder, als „übergeordnet“ zu betrachten ist, jedenfalls nicht in der beschriebenen Weise mit der psychologischen zu verquicken sei. Eine Trennung, egal ob in Über- oder Unterordnung durchgeführt, könnte aber nur dann stattfinden, wenn die Ökonomie nicht das dominante System (zusammen mit Technologie) unserer Geschichte geworden wäre. Damit ist es gezwungen, in sich aufzunehmen, was dem Charakter nach gar nicht zu ihm passt. Wenn alles in die Richtung des Slogans tendiert „um Geld könne man sich alles kaufen, es käme nur auf die Höhe an“, darf es auch nicht verwundern, was an Projektionen und Übertragungen es aushalten muss. Letztere haben aber immer eine mehr oder weniger lokale Ausprägung. Wird diese aufgelöst, beginnen die Anknüpfungspunkte zu fehlen. Selbst der Vatikan kann auf einen eigenen Staat offensichtlich nicht verzichten und auch der Protestantismus kennt seine „Landeskirchen.“ So wie Gott nur in diversen Ontologisierungen „aushaltbar“ ist (die radikalste war deren einzig sinnvolle Aufhebung in seiner „Menschwerdung“), so scheint es auch mit dem Geld seine Bewandtnis zu haben. Eine Internationalisierung seiner Institutionen macht die Ontologisierung schwieriger und eine „Menschwerdung“ ist im Geld mitnichten zu bemerken. Das Medium Geld entzieht sich immer mehr seiner außerökonomischen Bestimmbarkeit, was eigentlich Anlass zu einer nüchternen Deontologisierung sein sollte. Das Gegenteil ist aber oft der Fall. Die Anonymisierung, die Auflösung in höhere Abstraktionen, setzt, wie auch oft in Religionen, die sich „keine Bilder machen“, fatalistische Unterwerfungsgesten frei. Man sieht sich erst recht einer absoluten Macht gegenüber und entkoppelt sie von den Akteuren, die sie „unsichtbar“ weiterbestimmen. Die Ökonomie macht aber nicht nur das Medium abstrakter und unsichtbarer, auch seine Institution wird ungreifbarer. Früher gab es zentrale Tempel (hier die Konkurrenz, wer die höchsten Türme = Kirchentürme aufweisen kann) und es gab in vielen Orten Filialen (Filialkirchen). Heute kann man oft nicht mehr genau sa-
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gen, wo das Zentrum ist, und die Filialen verschwinden immer mehr von der Bildfläche. Früher war ein Filialdirektor (die Titel wurden meist abgeschafft) in seinem Ort oft auch gesellschaftlicher „Normträger“ (im Vorstand bestimmter Vereine, Sponsor lokaler Aktivitäten); das anonyme Medium Geld hatte seine personale Repräsentation. Diese tritt immer mehr in den Hintergrund zugunsten einer „internationalen Institution“, die zwar immer unsichtbarer wird, aber der Vermutung nach überall seine Finger im Spiel hat (Pantheismus). Diese Entwicklung ist deshalb so schwer nachvollziehbar, weil bisher Institutionen regional und national identifizierbar waren, internationale waren hingegen sowohl abstrakt, schwer greifbar oder man spottete über ihre Ineffizienz. Institutionell bleiben den Banken aber Aufgaben, die sie nun überhaupt nicht mehr auf andere Institutionen (z.B. politische) abschieben können. Sie müssen dafür sorgen, dass der internationale Geldverkehr klappt, dass Weltwirtschaft funktioniert, dass das Medium Geld in einer supranationalen Weise klaglos zur Verfügung steht. Dies ist eine Aufgabe, die deshalb als institutionelle zu bezeichnen ist, weil in ihr Sicherung und Kooperation (mit anderen Banken) im Vordergrund stehen, nicht Konkurrenz und Gewinn. Das Problem ist nur, dass diese Aufgabe für Regionen, Länder, Individuen so abstrakt erscheint, dass sie Schwierigkeiten haben, sie überhaupt zu sehen. Das Internationale hat keine Identität, für deren Sicherung bisher Institutionen tätig waren. Dazu kommt, dass die Beobachtung eher und schneller die andere Seite sieht: Die Macht des Finanzkapitals, das sich, wie es scheint, längst von allen realen Warenströmen, Investitionsprogrammen und Realwertbedeckungen abgekoppelt hat und „unkontrollierbar“ durch die Welt (besser die Welt der Computer) floatet. Dort wird der große Gewinn gemacht, im großen Weltcasino spielen unbekannte Akteure. Sie dirigieren wahrhaft die Welt, sind unfassbar und nur an sich selbst interessiert. Man weiß nie, wie stabil das ganze ist, ob und wann es zum Crash kommt und wie man ihm begegnen kann. Währungen sind hier nur mehr unterschiedliche Jetons. Mit allen kann man gewinnen, mit allen verlieren. Auch wenn diese Sichtweise reale Anknüpfungspunkte vorweisen kann – und letztlich der Nachweis wird geführt werden können, dass die religiöse Identifikation von Geld und Gott nicht zielführend ist, dass es noch anderer internationaler Institutionen bedarf, die jene des Geldes steuern, kontrollieren, einer demokratischen Öffentlichkeit zugänglich machen –, auffallend ist dennoch der mythologische Charakter einer überbordenden Phantasie. Die Börse wird zum alles vereinigenden Heiligtum, die Börsianer die Hohenpriester der Wirtschaft und die mächtigen unbekannten Akteure „geistern“ unsichtbar wie eben Geister und Dämonen durch die Welt. Die brave, biedere Sicherung des Welthandels als international institutionelle Aufgabe sehen eigentlich nur die, die es betrifft; international tätige Wirtschaftsunternehmen. Diese haben auch weniger Schwierigkeiten mit der Lockerung nationa-
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ler Verbindung ihrer Geldinstitute. Die Zahl der in internationalen Unternehmen Tätigen war aber nie so besonders groß und gegenwärtig ist sie weiter im Sinken begriffen; es gibt weit mehr Menschen, die nach wie vor „national“ leben, was nicht heißt nationalistisch. Diese wünschen sich nach wie vor eine nationale Institution, eine stabile Währung und fassen es psychologisch nicht, dass dies gerade durch internationale Tätigkeit heute am ehesten gewährleistet zu sein scheint. Also werden sie böse, wenn sich ihre Institution in alle Richtungen des Globus hin entfernt, man sogar Ausländer in den Vorstand nimmt, wo diese ohnehin schon überall aufscheinen. Es hat sich gezeigt, dass bei der Einführung des Euro diese Widersprüchlichkeit zwischen Ökonomie und Psychologie so richtig zum Ausbruch gekommen ist; vor allem dann, wenn eine Bank diese Einführung mit Einsatz und Werbemaßnahmen unterstützt hat. Leichter taten sich Geldinstitute, die hier „sparsam“ waren, womöglich sich noch partiell auf die Seite des beunruhigten Kunden geschlagen haben. Mit anderen Worten, man könnte es in keinem Fall allen recht machen. Wie die Bundesbanken wären die Geldinstitute dazu aufgefordert, als Institutionen die Währung zu schützen, zu sichern und zu stützen. Als Institution der Sicherung von Weltwirtschaft ist jede nationale Währung problematisch, zumindest umständlich. Das werden aber nur jene Kunden verstehen, die international tätig sind. Der Euro ist aber nicht bloß eine andere Währung, eigentlich ist er psychologisch gesehen zunächst überhaupt keine (ungebundenes Medium, der unbestimmte Gott). Damit fällt eine der wichtigsten Außenhalte für menschliche Sicherheits- und Realitätsbedürfnisse, nämlich die Ontologisierung des Mediums. Dies merkte man schon an der Schwierigkeit, den Euro „sichtbar“ zu machen, zur Darstellung zu bringen (der „Ecu“ war vorsorglich nur Verrechnungseinheit und ist gleich gar nicht „in die Welt getreten“). Wie macht man aber aus dieser Abstraktion ein Etwas, eine neue Währung, mit der man sich identifizieren kann? Traditionell bietet sich nur ein Weg an: Hinter der neuen Währung muss eine neue politische „Einheit“ stehen, zumindest ein identifizierbarer Raum, dem man sich allmählich zugehörig fühlt. Es wäre also psychologisch und politisch in diese Richtung zu arbeiten. Viele tun das auch mit beschwörender Geste. Man muss aber zugleich festhalten, dass diese Identitätsbildungen historisch meist mit Kriegen, zumindest mit der Konstruktion von Außenfeinden, Konkurrenten verbunden waren. Kann dies bei einer derartigen weltwirtschaftlichen Interdependenz Interesse der Banken sein? Ist nicht Europa „überholt“, bevor es noch geboren wurde? Kann man aus Dollar und Yen wirklich „Feinde“ konstruieren wollen? Dies sind Fragen, auf die es keine konkreten Antworten geben kann. Man hat wohl versucht, die Währung auf ökonomische Weise zu stabilisieren. Dafür wurden die Maastricht-Kriterien erfunden, die alle Nationalstaaten anzuerkennen hatten. In ihnen glaubte man, mehrere Fliegen mit einer Klappe treffen zu
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können. Ökonomisch können sie sinnvoll sein, weil sie einen Ausgleich der Haushalte sichern und verhindern, dass einige auf Kosten anderer leben und die Inflation anheizen. Psychologisch sind sie sinnvoll, weil sie neue Sicherheiten versprechen. Der alten religiösen Ontologisierung entsprechen sie insoweit, weil sie das neue Abstraktum an Gesetze und Zahlen binden und es so wiederum zur Erscheinung bringen. Man kann daher auch beobachten, mit welch dogmatischer Verbissenheit die einen die Einhaltung verfolgen und verteidigen, andere sie als willkürliche Festsetzungen relativieren; meist allerdings jene „Häretiker“, die die vorgeschriebenen Prozente nicht erfüllen können. Sie sollen „Bußgeld“ zahlen, müssen „bestraft“ werden. Die „Rechtschaffenen“ zeigen aber wie immer schon, wie geldund gottgefällig Vorschriften eingehalten werden können. Man kürzt Haushalte, spart auf allen möglichen Seiten, fordert auf, „den Gürtel enger zu schnallen“, also Askese, Selbstkasteiung, bis hin zur „Selbstbestrafung“, weil wir es uns ohnehin zu gut haben gehen lassen. Was in Europa allgemein auffällt, ist die geringe Informiertheit der Europäer über den Euro und die EU. Eigentlich wissen nur die mehr, die sich professionell damit auseinandersetzen müssen (Banken, Politiker, Experten, Ökonomen, einige internationale Konzerne, Spekulanten). Diese verfügen über ein Fachwissen, hauptsächlich ökonomisch-technischer Natur, das, in sich logisch argumentierbar, dennoch kaum die Mehrheit der Bevölkerung erreicht. Obwohl auch die Medien hier unterstützend tätig sind, hat man den Eindruck, dass auch sie kaum viel mehr ausrichten. Woher also diese Uninformiertheit? Fast könnte man meinen, man habe es hier mit Abwehr und Widerstand zu tun. Man will es eigentlich nicht so genau wissen. Wenn dies aber richtig ist, dann nützen Informationskampagnen, Aufklärungsschriften etc. recht wenig. Man muss den Ursachen nachgehen. Uninformiertheit bezüglich eines doch bedeutenden Ereignisses – und um ein solches handelt es sich zugegebenermaßen in der Europäischen Union – produziert nämlich folgende Haltungen: Schicksalsergebenheit, grundsätzliches Misstrauen, Wichtigmacherei der Halbinformierten, Anfälligkeit auf Sensationelles als Bündelungs- und Reduktionsversuch von Komplexität und, was sicher am problematischesten ist, es werden Verbindungen des „Ereignisses“ mit dem geläufigen Alltag gesucht und sicher auch gefunden, ob sie nun tatsächliche oder nur phantasierte sind. Da dieses Vorgehen meist misstrauensgeleitet ist, fallen die Verbindungen meist negativ aus. (Verbindung von Euro und Sparpaket, Sozialabbau, „Ausländerüberfremdung“, Angst vor Lebensstandardverlust, Verlust nationaler Identität etc.) Psychologisch muss man wissen, dass „schicksalhafte Ereignisse“ positiv oder negativ überbesetzt werden, vor allem dann, wenn man wenig über sie und ihre Auswirkungen weiß. Man schiebt ihnen alles Erklärenswürdige zu und macht sie zur Ursache aller Miseren, denen man genauso ohnmächtig gegenübersteht. Dieser Reduktionsmechanismus tritt bei erhöhter Komplexität häufig auf; er entspricht
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auch unserem Bedürfnis, lineare Kausalitäten herzustellen. Insbesondere findet er sich dort ein, wo das Ereignis depersonalisiert ist, wenn man keine Personen oder Personengruppen so ohne weiteres mit ihm in Verbindung bringen kann. Anonymität hat ein großes Maß an Verunsicherung in sich. (Auf Personen bezogen zeigt der gleiche Reduktionsmechanismus ein weit positiveres Bild: Der „starke Mann“, der Visionär und Charismatiker. Sie alle werden oft mit Sehnsucht erwartet. Immer noch hat man zu Menschen mehr Vertrauen – auch wenn historische Beispiele die fatalen Konsequenzen desselben zur Genüge vor Augen geführt haben – als zu abstrakten Ereignissen; wir denken immer noch primär in Personen und nicht in Strukturen, Systemen etc.) Man darf sich übrigens aus diesem Grund nicht wundern, wenn die Medien eifrig darauf aus sind, hinter den Ereignissen die Personen „aufzustöbern“; Bekenntnisse, klare Stellungnahmen, Prognosen, Prophezeiungen verlangen. Nun wissen wir alle, dass diese höchst problematisch sind, kaum in der erwünschten Klarheit abgegeben werden können. Was aber passiert, wenn man „herumredet“? Umso schlechter für das Ereignis. Man hat ja gleich gewusst, dass hier Einiges im Argen liegt. Dahinter steht folgende Grundhaltung: Neue „Wahrheiten“, entscheidende Eingriffe in historische Kontinuitäten – und der Euro war zweifellos ein solcher Eingriff – erzeugen immer und selbstverständlich Unsicherheit. „Das sichere Unglück ist vielen lieber als das unsichere Glück.“ Ist der Ausgang ungewiss, sind die Rahmenbedingungen aber zusätzlich höchst komplex, steigern sich Unsicherheitsund Ohnmachtsgefühle. Aus ihnen wird kaum Energie geschöpft, sich nun energisch Komplexität anzueignen. Im Gegenteil, man verweigert und „regrediert.“ Regression ist hier ein Rückzug in alte Sicherheitsmuster, sowohl historisch als auch lebensgeschichtlich. Dies bedeutet, dass einerseits alte historische Muster wieder relevant werden (erhöhter Nationalismus, Ausländerfeindlichkeit, Hierarchiebildung – bessere und schlechtere Völker, hegemoniales Denken, Ablehnung von Organisation, Rückzug in direkte Kommunikation), dass andererseits „symbiotische Sicherheitswünsche“ frei werden, die sich ihre Personen suchen. Man kann nun diese Regressionen ausschließlich negativ sehen und sich über die generelle Ungebildetheit und Unaufgeklärtheit der Menschen ärgern – zumal, wenn sie sich in längst überwunden geglaubten Entwicklungsstufen fixieren. Man kann sie aber immer auch als Symptom für reale Überforderung verstehen, wo gleichsam zurückgegangen werden muss, damit man mit einem längeren Anlauf vielleicht die neue Hürde schafft. Zugleich stellt Regression immer auch gewissermaßen die „Maßfrage“: Ist das Neue, das erwartete Ereignis, nicht vielleicht tatsächlich etwas, das den „historisch-endlichen“ Menschen überfordert? Es ist also zweckmäßig, in jedem Falle diese Regression ernst zu nehmen. Ihr gegenüber nützen weder Ironie, Durchschauen unserer Schwächen, noch theoretische Aufklärung. Es handelt sich um einen Prozess, um eine soziale Szenerie, die als solche
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begleitet werden muss. Neue Sicherheiten bekommt man dann, wenn es gelingt, bestehende Probleme (Unsicherheiten) sozial zu vergemeinschaften; es nützt nichts, wenn wissenschaftliche Experten ihr Wissen in vermeintliche Gemeinschaften hineinhämmern wollen. Dieser Prozess findet unorganisiert und irgendwie zwar ohnehin statt, nicht immer aber im Sinne einer geglückten Aufarbeitung der Probleme. Er wäre daher zu organisieren. Dies hieße eine neue Form von Politik zu installieren, politische Öffentlichkeit und Medien mitzuorganisieren. Negative Auswirkungen kollektiver Regression sind nämlich historisch die häufigeren. Sie gehen in zwei Richtungen: Man sucht „hinter“ Ereignissen entweder die Person oder die Institution – und findet sie auch. Es ist auffallend, dass sich in der Geschichte neue Wahrheiten nur dann „durchgesetzt“ haben, wenn eine Person dafür einstand und dies meist mit ihrem Leben bezahlte (Opfer, Märtyrer, „die Revolution frisst ihre Kinder“) oder wenn es eine Institution gab, die ausreichende Macht besaß, Richtungswechsel einzuleiten und durchzusetzen. Auch wenn wir Aufgeklärte uns hundertmal vorsagen können, dass entscheidende Ereignisse nie bloß aus Personen oder einzelnen Institutionen kommen, sondern diese meist nur das kollektiv Unbewusste zur Sprache bringen – wir brauchen anscheinend unsere Instanzen. Diese Ausgangslage war schon bei der Einführung des Euro maßgebend, Zuordnungen sind geschehen, da nach wie vor soziale und politische Öffentlichkeit nicht auf eine problembewältigende, eigenständige Ereignisbewältigung organisiert ist. Und die Medien unterstützen „populistisch“ eher Regressionsphänomene (sie sind emotionell dichter und können deshalb leichter „verkauft“ werden). Man hat Personen und Institutionen gesucht und diese in eine Doppelrolle gebracht: Einerseits wollte man mit ihnen die Hoffnung verbinden, den Glauben, dass sie aus dieser unsicheren Situation zu unser aller Vorteil herausführen; andererseits brauchte man Opfer, Sündenböcke, wenn alles schief lief. Alle, die als Verantwortliche auf diese Rollenübernahme hin angesprochen wurden, fühlten diese doppelte Botschaft und verhielten sich daher eher vorsichtig – wer will schon gerne Opfer sein. Es ist aber gerade dieselbe Vorsichtigkeit, die das Misstrauen erhöhte: „Die wissen ja selber nicht, was sie wollen.“ Was erwünscht ist, ist vielmehr Eindeutigkeit, Klarheit, Simplizität. Offenbarungseide, die den „ganzen Einsatz der Person“ dokumentieren; denen man daher „vertrauen“ kann. Das Fatale heute ist nur das, dass man sich klar für einen Weg entschieden hat, die Entscheidungssituation und ihre verschiedenen Optionen und Auswirkungen aber so komplex sind, dass man selbst immer weniger Sicherheit und Eindeutigkeit zur Verfügung stellen kann. Hier bedürfte es eines großen schauspielerischen Talents, und dieses ist auch nicht jedermanns Sache. Das Paradoxe besteht in folgender Lage: Wenn man ehrlich ist, kann man die erwünschten und projizierten Sicherheiten nicht liefern; weil man aber den Druck fühlt, der auf ei-
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nem ruht, doch Sicherheiten anzubieten, führt man leicht einen merkbaren „Eiertanz“ vor. Man will ehrlich sein, gibt dort und da Zweifel und Bedenken von sich, lässt diese aber wieder nicht gelten, nimmt sie zurück, will überzeugend wirken etc. Wahrscheinlich war es in unkomplexeren Zeiten – wenn es sie je gab – leichter, Charismatiker, Visionär zu sein. Denn – und dies ist wahrscheinlich emotionell die größte Schwierigkeit – die bisher überzeugenden Wahrheitsapostel, Visionäre etc. konnten sich immer noch auf eine greif- und fassbare soziale Identität beziehen (eine Gemeinde, ein Volk Israel, den römischen Bürger, das Proletariat, eine Nation usw.), was aber jetzt geschieht, besteht im Überschreiten gerade dieser „naturwüchsigen“ Identitätsrückhalte. Personen stehen heute daher nicht bloß für ihre „Ursprungsidentität“ (Deutschland, die deutsche Wirtschaft etc.), sie stehen für etwas, was darüber hinausweist, und dieses hat noch keine vergleichbare Identität (z.B. Europa, die Weltgesellschaft). Sie sind daher potentielle „Verräter“ der eigenen Sache. Frühere Verräter hatten es aber auch hier leichter: Die andere Gruppe, Identität war fassbar und vorhanden, das Loyalitätsproblem klar abgrenzbar. Unsere heutigen „Führer“ sollen uns aber in eine bislang unidentifizierte Landschaft führen, sind also Verräter in ein „Nichts“, bestenfalls „Noch-Nicht“. Dies ist eine neue Zumutung, die damit zusammenhängt, dass wir notwendigerweise unsere Geschichte und Zukunft neu und selbst gestalten lernen müssen, da wir uns auf bestehende Instanzen und Identitäten nicht mehr zurückziehen können. Diese Neugestaltung hat keine historischen Vorbilder, umso größer die Angst davor. Wird man daher in die Rolle des Sicherheitsspenders und Propheten gedrängt, kann man heute nur versagen. Die doppelte Botschaft, die man erhält, ist unbeantwortbar. Wie kann aber hier ein neues Klima für Wunsch und Realsituation und deren Bewältigung hergestellt werden? Das müssten sich doch alle fragen, die in der geschilderten misslichen Situation sind. Eigentlich müssen sie die an sie herangetragenen Wünsche enttäuschen. Tun sie dies aber allein, werden sie „abgehackt“ und man sucht den Nächsten. Irgend jemanden findet man schon und wenn nicht, dann siegen die Gegner; die, die sich gekonnt an die Regression anhängen und die Negativseite bündeln und artikulieren. Die „Populisten“ sind auch deshalb im Vormarsch, weil die anderen seriöserweise die Projektionen und Sicherheitswünsche nicht mehr absorbieren können. Was man allerdings hier auch als Person tun kann, ist Prozesse und Öffentlichkeit organisieren. Die eigene Problemsituation vergemeinschaften, weg von der alten Personenkonzentration. Hier ist vor allem den Medien Widerstand zu leisten, die ohne es zu wissen, ein zweideutiges Spiel inszenieren: Einerseits wollen sie überhaupt nur mit Autoritäten, Experten, zuständigen Hierarchen sprechen, andererseits bringen sie sie in eine Situation, wo genau diese Autorität unvermeidbar abgebaut wird. Wir meinen, dass Glaubwürdigkeit heute auch dadurch steigt, dass man die eigene Unsicherheit nicht verbirgt, sondern sie als notwendige entscheidungsbe-
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dingte Tatsache herausstellt. Was gibt dann aber noch Sicherheit? Jenes Vorgehen, das einerseits ungeschminkt über Positives und Negatives spricht (und nicht bloß das Positive zu verkaufen versucht), das andererseits im Sinne von Zeugenschaft die individuelle Situation verallgemeinert (nicht ich sehe es so, es lassen sich genug Zeugen beibringen), das schließlich den offen-experimentellen Charakter von Zukunftsmaßnahmen deutlich hervorstreicht. Denn bei unsicherer Zukunft haben wir, so paradox es klingt, nur eine Sicherheit, nämlich uns diese genau anzuschauen, um uns die Freiheit zu sichern, bei nicht optimalen Entscheidungen diese auch zurücknehmen zu können, so wie bei Experimenten eben üblich. Für diese Beweglichkeiten einzutreten, für Feedback-Einrichtungen zu sorgen, das kann man versprechen, nicht aber über die Wahrheit der Zukunft zu verfügen. Die Einsicht, dass man dies nicht allein kann, liegt nahe. Allerdings ist mit diesen Verfahren eine Haltungsänderung verbunden, die nicht stattfinden wird, wenn nicht medial unterstützte Öffentlichkeitsprozesse zugleich stattfinden. Diese Veränderung bezieht sich auf unsere Einstellung gegenüber Zukunft, Wahrheit und Expertentum sowie unsere Abneigung gegen Komplexität, Anonymität und Abstraktion. Historisch sind wir in Konsequenz des arbeitsteiligen Systems daran gewöhnt worden, für alle Bezirke Experten zu haben. Also: Für Geld sind Ökonomen zuständig, für Politik Politiker oder Politologen, für die Zukunft Zukunftsforscher etc. Von ihnen fordern wir Expertisen und Sachwahrheit. Fürs „Kleine“ ist dieser Wunsch adäquat, nicht aber für historische Ereignisse. Man kann die Einführung des Euro als reine Währungsmaßnahme verstehen wollen und sie Finanzexperten zuweisen. Wenn man aber weiß, was Geld bedeutet, wird man hier sein Auskommen nicht finden. Also fragt man Psychologen, Politologen etc., die ihrerseits Mosaikbausteine beitragen. Was aber allesamt und noch viel mehr Experten nicht wissen können, ist, wie all die Aspekte, Motive, Sachgründe, Strukturmaßnahmen sich in Zukunft zueinander verhalten. Hier finden nämlich komplexe Prozesse, gegenseitige Beeinflussungen, Verstärkungen, Abschwächungen, Neuentwicklungen statt, die niemals vorhersehbar sind. Exakte Prophezeiungen über die Zukunft kann nur der abgeben, der in ihr Macht hat, sie so zu gestalten, wie er es will. Diese Macht gibt es weit und breit nicht mehr. Die Zukunft kommt eher zustande aus einer Verschränkung unzähliger Interessen, Vorstellungen, Plänen etc. Aber, auch wenn wir nicht wissen, wie die Zukunft sein wird, wir müssen dennoch versuchen, sie zu gestalten. Dieses Paradoxon ist unlösbar und bleibt bestehen. In unseren Gestaltungsvorstellungen und -vorschlägen liegt aber noch nicht die Wahrheit der Zukunft. Gerade diese aber wird immer wieder und verständlicherweise verlangt. Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus? Nicht, indem man weitere Experten sucht, auch nicht, indem man Entscheidungsinstitutionen vorsieht, die sich allmählich dem Blick der Öffentlichkeit entziehen. Die Wahrheit der
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Zukunft besteht nämlich in einem Doppelten: Indem, was wir mit ihr wollen (unsere derzeitigen Vorhaben, Entscheidungen, Pläne etc.), und dem, wie sie darauf antwortet (letzteres wissen wir nicht). Wenn es also um beabsichtigte historische Ereignisse geht – z.B. Einführung des Euro –, ist daher ebenso zweifach vorzugehen. Einmal klar und deutlich zu sagen, was wir alles mit dieser Gestaltungsmaßnahme wollen, entscheiden etc., und womöglich wissentlich nichts Wichtiges zu verschweigen. Zum anderen Sensoren einzurichten für die ausstehenden und kommenden Antworten, um bereit und flexibel genug zu sein, unsere Gestaltungen zu revidieren. Dies ist im wesentlichen zunächst eine organisatorische Maßnahme, was wiederum beweist, dass Wahrheit auch ein Produkt prozessorientierter Organisation ist. Im Sinne verlangter Offenbarungseide fühlen wir uns allerdings faktisch in eine andere Richtung gedrängt. Man verlangt von uns die (Experten)Wahrheit der Zukunft schon jetzt und ohne Abwarten von Antworten. Lassen wir uns hier in diese Richtung drängen, müssen wir immer mehr geben, als wir eigentlich können. Das Fatale ist, dass es genug Experten gibt, die immer noch von sich glauben, dies tatsächlich zu können. Was aber angebrachter ist: Mut zu wichtigen Experimenten, Gestaltungen und Sensibilität auf Wirkungen und Bereitschaft von Zurücknahme und Revision. Eine derartige zukunftsoffen-kritische Haltung könnte als Herausforderung motivieren und Regressionen vermeiden helfen. Diese Reflexionen auf das Thema Zukunft bringen aber eine weitere Dimension in Sicht, die Einfluss hat auf die religiösen Ontologisierungsversuche des Geldes. Zukunft war nämlich immer schon positiv gesprochen „offen“, negativ unsicher. Das wusste man und war wiederholt bestrebt, ihr das Überraschende, Unvorhergesehene zu nehmen. Dies konnte auf zweierlei Weise geschehen: Entweder man versuchte, die jeweilige Gesellschaftsform stabil zu halten und so auf „Dauer“ zu stellen (wenig Veränderung, „Wiederkehr des Gleichen“) oder man sicherte sie mit allerlei „Transzendenzen“ ab (das Jenseits, das Jüngste Gericht, die Heilsgeschichte, das Eschaton, die „List der Vernunft“, die invisible hand, der Fortschritt in die klassenlose Gesellschaft etc.). Am besten, man ließ beide Seiten einander ergänzen (die mittelalterliche Schöpfungsordnung plus eine Heilsgeschichte, den „Sachzwang“ der Ökonomie und Technik plus Fortschrittsglaube und Markt = invisible hand usw.). Es sind aber in den letzten Jahrzehnten gegen alle Versuche, diese Bezüglichkeiten zu retten, diese allesamt brüchig geworden. Die welthistorischen Katastrophen haben die List der Vernunft, erst recht die heilsgeschichtlichen Angebote obsolet gemacht. Am Fortschritt nagen berechtigte Zweifel, die Wirtschaftsprognosen werden in immer kürzerer Zeit revidiert und kaum nach der günstigen Seite hin. Die Ungewissheit mit der Zukunft schlägt zusätzlich tiefe Kerben in die Gegenwart (Unsicherheit des Arbeitsplatzes, Durchlässigkeit des „sozialen Netzes“ etc.). Wenn aber weder Gott noch die Vernunft, noch der Markt für zukünftiges Heil verantwortlich gemacht werden können, wir auch bemerken müssen,
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dass man vergeblich nach sinnvollen kollektiven Gestaltungsinstanzen Ausschau hält, dann muss man wenigstens seine eigene Zukunft im Auge behalten. D.h., man muss für sie vorsorgen. Wie anders kann das gehen als mit Geld. Dieses schafft die Möglichkeit, auch seine Zukunft abzusichern. Im Medium verliert sie ihre Unbestimmtheit. Damit wird dieses allerdings substantiell bedeutsamer. Sparen, Vorsorge treffen (es scheint gegenwärtig eine wahre Begeisterung zu geben, in Pensionsfonds einzuzahlen), Geld für die Zukunft zu binden, d.h. auch umgekehrt die Zukunft an Geld zu binden, das der Gegenwart entzogen werden muss, ist eine der gegenwärtigen Reaktionen („Geiz ist geil“). In diesen Zusammenhang gehört auch unsere Einstellung zum Erben. In früheren religiösen Vorstellungen begann ja unsere eigentliche Zukunft erst nach dem Tod mit unserer Unsterblichkeit. Schon damals konnte man dorthin nichts mitnehmen, war aber wohl durch Gottesnähe und ewige Seeligkeit zu trösten. An dieser Unsterblichkeit ist die Säkularisierung nicht spurlos vorbeigegangen. Ersatzformen mussten gefunden werden, weil man das Skandalon des Todes nicht einfach so für sich stehen lassen konnte. Eine davon ist sein Vermögen in Geldform weiterzuvererben und darin in gewisser Weise „weiterzuleben“ (es war ja schließlich mein Vermögen, das nun gleichsam mit dem eines anderen sich vereinigt; deshalb binden manche die Erbschaft auch an Bedingungen, in denen sie weiterzuleben sich vorstellen können). Bilanz Geld ist Leitmedium anonymer, ökonomischer Kommunikation. Als solches muss es gesichert werden. Dafür müssen ebenso sichere Institutionen zuständig gemacht werden. Institutionen entlasten Einzelne und Gruppen von einer Verantwortung, die sie zu leisten nicht imstande wären. Das Medium muss funktionieren, ohne dass man sich bei jeder Gelegenheit um es bemühen muss. Das Medium als VerMittelndes ist selbst vorerst gegenstandslos, unsinnlich, „charakterlos“ („pecunia non olet“). Dieser Wesenszug ist für den sinnlich-gegenständlich orientierten Menschen schwierig zu akzeptieren. Daher wird Geld in doppelter Hinsicht substantialisiert und ontologisiert. Es wird ihm ein sinnliches Substrat unterlegt (vom Gold bis zur Kreditkarte) und es wird Währung, d.h. der „Kontrolle“ und Verfügung sozialer Einheiten, Identitäten zugeordnet. Damit wird das Medium bestimmt. In der Symbolik der Zeichen auf den Banknoten z.B. kommen beide Vergegenständlichungen zusammen. Ein ähnliches Schicksal hat das Absolute (Gott) „erlitten“, der einerseits sinnlich-gegenständlich gemacht wurde (selbst „Mensch“ wurde und „Hauptgegenstand“ der Kunst) und in Institutionen (Kirchen) auf Erden ein „Haus“ erhielt. In beiden „Fällen“ will man den „reinen“ Vermittlungscharakter, das reine „Medium“ nicht zur Kenntnis nehmen und dies ist etwas, was gegenwärtig für
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Abwehr sorgt: Der Euro bringt dieses (in seiner ganzen Bestimmungs- und Charakterlosigkeit) wieder in Erinnerung und in der Inkulturationsbewegung weiß man längst, dass Gott nicht einer Kirche zugeordnet werden kann, was diese nicht gerade freut. Wir befinden uns, wie es scheint, vor einem neuen welthistorischen Schritt: Die traditionellen sozialen Einheiten und Identitäten genügen für die Organisation der Weltgesellschaft nicht mehr, sind in ihrer Medienverwaltung dieser sogar eher im Wege. Wir wissen aber, dass der Zusammenhalt dieser Weltgesellschaft auf einem ökonomischen „Minimalkonsens“ beruht, der nur sehr wenige, wenn auch wichtige Bereiche unseres Lebens umfasst. Es besteht eine begründete Angst vor dem Ungewissen, für das man die Medien nun freilassen soll. Wenn die historischen, sozialen Identitäten aufgehoben werden, welche sozialen Instanzen sorgen in Zukunft für eine adäquate Bestimmung der Medien? Bedarf es nicht zusätzlicher Vereinbarungen, „Konsense“, innerhalb derer das Medium Geld sein neues Wesen entfalten kann? Traditionell hieße die Frage: Wer oder was ist der „Gott“ dieser Weltgesellschaft, wenn nicht das Geld (wie schafft etwas seine „Selbsttranszendenz“)? Wenn man der Literatur glauben kann, soll es „Geldartiges“ schon vor dem eigentlichen Geld gegeben haben. Bereits in Gesellschaften direkter Kommunikation soll es vorgekommen sein. Heißt dies, dass die These vom Medium für anonyme Kommunikation falsch ist? Dann nicht, wenn man sieht, wofür dieses (Vor-)Geld verwendet wurde. Es diente nämlich der Regelung der einzig für diese Gesellschaften relevanten indirekten Kommunikation, nämlich der mit Göttern, Ahnen, Dämonen, d.h. mit nicht-sichtbar-Mächtigen. Diese musste man gnädig stimmen, also mit ihnen „Geschäfte“ machen, sie beeinflussen, „bestechen.“ In diesem Sinne hat hier bereits das Geld Austauschfunktion. Die Götter verfügen über lebenswichtige Güter der Menschen, die man ihnen, indem man selbst Angebote macht, „abzukaufen“ versucht. Da es sich aber um keinen „normalen“ Warenverkehr handelt, hat sowohl das Geld einen besonderen Charakter als auch der Tauschakt selbst. Weil man um die schicksalsbestimmende Macht der Götter weiß, muss das Angebot von menschlicher Seite dementsprechend sein: Der Mensch muss etwas von sich opfern. Tier- und Menschenopfer sind in dieser Betrachtung „erstes“ Geld. Bereits an diesem Geld bemerkt man, dass es sich nicht um reine Austausch-Bestechungsverhältnisse handelt. Es steht zwar ein diffuses Verhältnis zu den Göttern im Vordergrund, eigentlich, oder zumindest zusätzlich geht es aber um die Stabilisierung der jeweiligen Gesellschaftsformation. (Opfer „entschulden“ die Gesellschaft, es wird an ihnen ihre kollektive Schuld sichtbar und weggetrieben; Geld hat etymologisch auch etwas mit Schuld zu tun – etwas „gilt“, wird „abgegolten“.) Auch als man allmählich bemerkte, die Götter seien mit „weniger“ zufrieden (mit den Eingeweiden z.B.), kompensierte man dies sofort mit „höherer Symbolik“, nämlich mit „Kunstwerken.“ Auch diese sind Medium, Vermittlung zwischen
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irdischer und transzendenter Welt und die Menschen geben sich die höchste Mühe, sie zu gestalten. Bis zu einer gewissen Zeit sind die Opfer, die zur Erstellung von Heiligtümern erbracht wurden, fast