Andrea Mennicken · Hendrik Vollmer (Hrsg.) Zahlenwerk
Organisation und Gesellschaft Herausgegeben von Günther Ortmann...
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Andrea Mennicken · Hendrik Vollmer (Hrsg.) Zahlenwerk
Organisation und Gesellschaft Herausgegeben von Günther Ortmann, Thomas Klatetzki und Arnold Windeler Wie wünscht man sich Organisationsforschung? Theoretisch reflektiert, weder in Empirie noch in Organisationslehre oder beratung sich erschöpfend. An avancierte Sozial- und Gesellschaftstheorie anschließend, denn Organisationen sind in der Gesellschaft. Interessiert an Organisation als Phänomen der Moderne und an ihrer Genese im Zuge der Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus. Organisationen als Aktionszentren der modernen Gesellschaft ernstnehmend, in denen sich die gesellschaftliche Produktion, Interaktion, Kommunikation – gelinde gesagt – überwiegend abspielt. Mit der erforderlichen Aufmerksamkeit für das Verhältnis von Organisation und Ökonomie, lebenswichtig nicht nur, aber besonders für Unternehmungen, die seit je als das Paradigma der Organisationstheorie gelten. Gleichwohl Fragen der Wahrnehmung, Interpretation und Kommunikation und also der Sinnkonstitution und solche der Legitimation nicht ausblendend, wie sie in der interpretativen resp. der Organisationskulturforschung und innerhalb des EthikDiskurses erörtert werden. Organisation auch als Herrschaftszusammenhang thematisierend – als moderne, von Personen abgelöste Form der Herrschaft über Menschen und über Natur und materielle Ressourcen. Kritisch gegenüber den Verletzungen der Welt, die in der Form der Organisation tatsächlich oder der Möglichkeit nach impliziert sind. Verbindung haltend zu Wirtschafts-, Arbeits- und Industriesoziologie, Technik- und Wirtschaftsgeschichte, Volks- und Betriebswirtschaftslehre und womöglich die Abtrennung dieser Departments voneinander und von der Organisationsforschung revidierend. Realitätsmächtig im Sinne von: empfindlich und aufschlussreich für die gesellschaftliche Realität und mit Neugier und Sinn für das Gewicht von Fragen, gemessen an der sozialen Praxis der Menschen. So wünscht man sich Organisationsforschung. Die Reihe „Organisation und Gesellschaft“ ist für Arbeiten gedacht, die dazu beitragen.
Andrea Mennicken Hendrik Vollmer (Hrsg.)
Zahlenwerk Kalkulation, Organisation und Gesellschaft
Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.
1. Auflage April 2007 Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2007 Lektorat: Frank Engelhardt Der VS Verlag für Sozialwissenschaften ist ein Unternehmen von Springer Science+Business Media. www.vs-verlag.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Satz: Anke Vogel Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in the Netherlands ISBN 978-3-531-15167-0
Inhalt
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Inhalt Inhalt
Günther Ortmann Vorwort: Was wirklich zählt................................................................................................... 7 Andrea Mennicken und Hendrik Vollmer Einleitung: Fundstellen von Zahlenforschung ........................................................................ 9 Peter Miller Wie und warum das Rechnungswesen in der Soziologie in Vergessenheit geriet ............... 19 Uwe Vormbusch Die Kalkulation der Gesellschaft .......................................................................................... 43 Bettina Heintz Zahlen, Wissen, Objektivität: Wissenschaftssoziologische Perspektiven ............................ 65 Martin Messner, Tobias Scheytt und Albrecht Becker Messen und Managen: Controlling und die (Un-)Berechenbarkeit des Managements ........ 87 Peter Pelzer Basel II, oder: die Einsicht in die unzureichende Verlässlichkeit reiner Quantifizierung.......................... 105 Michael Power Die Erfindung operativer Risiken ....................................................................................... 123 Herbert Kalthoff Ökonomisches Rechnen: Zur Konstitution bankwirtschaftlicher Objekte und Investitionen ..................................... 143
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Inhalt
Alex Preda Formel-Bolschewismus: Eine historische Soziologie der Euro-Umrechnung.................... 165 Stefan Kühl Zahlenspiele in der Entwicklungshilfe: Zu einer Soziologie des Deckungsbeitrages ........ 185 Andrea Mennicken und Alexandra Heßling Welt(en) regulierter Zahlenproduktion zwischen Globalität und Lokalität: Reflexionen zu globalen Standards in Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung............ 207 Daniel Schmidt Buchführung für Oikos und Etat ......................................................................................... 229 Tobias Werron Die zwei Wirklichkeiten des modernen Sports: Soziologische Thesen zur Sportstatistik ............................................................................. 247 Die Autorinnen und Autoren............................................................................................... 271
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Vorwort: Was wirklich zählt
Vorwort: Was wirklich zählt
Günther Ortmann Ansehen-als, Erklären-für oder Betrachten-als heißt im Englischen „to account for“. Als intransitives Verb heißt „account“: „Rechenschaft ablegen über“, „verantwortlich sein für“, „erklären“, „begründen“. Als Substantiv: Rechnung, Jahresabschluss, Konto – „Das geht auf dein Konto!“ –, Rechenschaftsbericht, Darstellung, Wichtigkeit („of no account“ = „ohne Bedeutung“). „To take account of” heißt „Rechnung tragen”, „To leave out of account” „außer Betracht lassen”, „To take into account” umgekehrt „in Betracht ziehen”. „Accountability” ist „Verantwortlichkeit”. „To give an account of oneself“ bedeutet, dass jemand eine Geschichte über sich selbst erzählt, um sich dem anderen verständlich zu machen – sich zu erklären. Und „accounting“ heißt Rechnungswesen. Was wirklich zählt, ist, wie es scheint, Zahlenwerk: Kennziffern, Ratings, ScoringModelle. Auditing, Accounting, Budgeting, Controlling, Benchmarking. Evaluation, Kalkulation und quantitative Analysen. Grund genug, sollte man meinen, dieses Feld nicht der Betriebswirtschaftslehre (und den Statistikern) allein zu überlassen. Jedoch, seit Georg Simmel, Max Weber und Werner Sombart sich für die Genese und die Effekte der doppelten Buchführung und der Kapitalrechnung und gar eine Philosophie des Geldes interessiert haben, ist die Aufmerksamkeit zumal der Soziologie für diese spröde Materie für beinahe ein Jahrhundert nahezu erloschen – ein paradigmatischer Fall institutionellen Vergessens und/oder einer Kapitulation vor der Zuständigkeit und Definitionsmacht eben jener Ökonomen, deren Imperialismus die Soziologen doch zu Recht beklagen. Zu erinnern wäre allerdings an die marxistisch inspirierten Analysen der Genesis der Elementarformen der abstrakt geistigen Tätigkeit und des Verhältnisses von Geld und Geist Alfred Sohn-Rethels und Rudolf Wolfgang Müllers, aus bekannten, guten und schlechten Gründen versunken im Orkus der Geschichte. Dabei ist ja die Schnittmenge solcher Termini und Begriffe frappant, die beide heute „zuständigen“ Disziplinen, Betriebswirtschaftslehre einerseits und Soziologie andererseits, in Anspruch nehmen, um ihre respektiven Probleme einzukreisen: Den accounts der Ethnomethodologie – methodische Praktiken der Aufweisung von Sinn im Sprechen und Handeln – korrespondiert das Accounting der Betriebswirtschaftslehre, in dem der aufgewiesene Sinn in Soll und Haben und in Ketten der Verursachung von Outputs durch Inputs terminiert. Accountability ist ein Begriff des Managements und auch der Unternehmensethik. Der Attributionsproblematik der Soziologie entspricht das zentrale Problem der betriebswirtschaftlichen Zurechnung – Kosten, Leistungen, Gewinne und Erfolge müssen (daher so genannten) Kosten-, Leistungs- oder Erfolgsträgern zugerechnet werden. Am meisten aber sticht mir jener Zusammenhang zwischen Zählen und Gelten ins Auge, der mit den Mitteln der Sprechakttheorie durch Austin und Searle ins Blickfeld gerückt worden ist. John Searles performativer Sprechakt der allgemeinen Form X zählt als Y im Kontext K
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Günther Ortmann
heißt ja deswegen „performativ“, weil er das „Zählt-als“ – das „Gilt-als“ – nicht etwa konstativ behauptet, sondern wirksam etabliert. Er ist für Searle Ausdruck und sprachlicher Kern von (machtabhängigen) Prozessen der Institutionalisierung – eines In-Kraft- oder InGeltung-Setzens: X1 zählt als Bundespräsident im Kontext K1. Dieses Stück Papier zählt als Geld im Kontext K2. X3 zählt als Erfolg von Jürgen Schrempp im Kontext K3. X4 zählt als Stückkosten des Produkts Y im Kontext K4. Eine Ebene der Abstraktion höher: Die Unternehmen, Schulen, Krankenhäuser, Leistungen, Produkte X5-X9 etc. zählen als vergleichbar im Kontext K5-9. Und nun, noch eine Ebene höher: Zahlenwerke – und näher hin: betriebswirtschaftliche Rechnungen – zählen als maßgebliche Systeme performativer Sprechakte im Kontext K10, im Kontext einer dem Funktionalismus ergebenen Moderne. In diesem letzteren Performativ – es ist ein Meta-Performativ, weil er performativ festlegt, welche Performative zählen – kommt als institutioneller Imperativ zum Ausdruck, dass Zahlenwerke nicht nur eine konstative, sondern eben auch und vor allem eine dominante performative Funktion haben. Typisch dafür sind betriebswirtschaftliche ZuRechnungen. Sie sagen nicht nur, was ist, sondern, um Austins berühmten Buchtitel zu paraphrasieren, sie „tun Dinge mit Zahlen“. Sie präsentieren uns die Rechnung. Das ist ihr Werk. Zahlenwerke behaupten nicht nur quantitative Zusammenhänge, sondern etablieren sie als geltend – verschaffen ihnen anerkannte, alsbald kaum mehr bezweifelbare Geltung. So auch, wenn es heißt: X11 zählt als operatives Risiko im Kontext K11. X12 zählt als signifikant im Kontext K12. Nicht zuletzt von dieser Dimension der Performanz, der Intervention im Unterschied zur Repräsentation, der Konstruktion, des Enactment, schließlich auch der Fabrikation und Manipulation handelt dieser Band. Er bietet dabei auch einen Überblick über den avancierten Stand der sozialwissenschaftlichen – überwiegend angloamerikanischen – AccountingForschung im weitesten Sinne und über die noch jungen Beiträge aus dem deutschsprachigen Raum. Da herrschte noch vor kurzem gähnende Leere, indiziert dadurch, dass hier eine Zeitschrift fehlt, die in England im Jahre 1976 gegründet worden ist: Accounting, Organizations and Society. Die repräsentative, vor allem aber die performative, selektive, konstruktive, ordnende, kontrollierende, evaluierende, klassifizierende, imprägnierende, vergleichende, gleichmachende, zurichtende, zurechnende Funktion von Zahlenwerken, ihre Institutionalisierung als calculative agencies in der modernen Gesellschaft, die Ausbildung entsprechender „epistemischer Kulturen“ und eines „kalkulierenden Selbst“, schließlich das wechselseitige Steigerungsverhältnis von Kalkulation und Organisation: das alles ist wichtig. Wir müssen darauf Acht geben, wenn wir wissen und wahren wollen, was wirklich zählt.
Einleitung: Fundstellen von Zahlenforschung
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Einleitung: Fundstellen von Zahlenforschung
Andrea Mennicken und Hendrik Vollmer1 „Durch die ganze Geschichte des Westens haben wir traditionsgemäß und zu Recht die Schrift als Wiege der Zivilisation betrachtet und in unseren Literaturen ein Gütezeichen kultureller Leistung gesehen. Doch auf dem ganzen Wege hat uns der Schatten der Zahl begleitet. [...] Genau wie die Schrift eine Ausweitung und Trennung unseres neutralsten und objektivsten Sinnes ist, so ist die Zahl eine Ausweitung und Trennung unserer intimsten und am stärksten in gegenseitiger Beziehung stehenden Tätigkeit, nämlich unseres Tastsinns.“ (McLuhan 1992: 129)
Zahlen und Rechenpraktiken sind in der Gegenwartsgesellschaft, ihren Organisationen, ihren Alltagswelten, in Wirtschaft, Politik, Massenmedien, Erziehung und Wissenschaft allgegenwärtig. Jeden Tag werden wir mit Zahlen, z. B. in der Form von Prognosen, Preisen, Risikobewertungen, Kostennutzenanalysen, Schulnoten, Bilanzen, Sportergebnissen und Tabellen oder innerbetrieblichen Kennzahlen konfrontiert. Privates und öffentliches Zusammenleben vollzieht sich in numerisierten Umwelten (Rose 1991). Gleichwohl findet man in den Sozialwissenschaften kaum systematisches Interesse daran, ob und inwiefern die massenhafte Mobilisierung von Zahlen, Messungen und Kalkulationen die Aufrechterhaltung sozialer Ordnung beeinträchtigt, abstützt oder unterläuft. Auch die Diskussion über organisiertes Rechnen, die im englischsprachigen Raum seit geraumer Zeit unter dem Oberbegriff des „Accounting“ geführt wird (z. B. Hopwood/Miller 1994; Vollmer 2003a), ist weitgehend auf Spezialistenkreise beschränkt geblieben. Der vorliegende Band möchte dazu beitragen, diese Randständigkeit sozialwissenschaftlicher Zahlenforschung zu überwinden und ihr Erkenntnispotential in einem breiten Spektrum an Fragen zu den Voraussetzungen, Folgen und Problemen des Umgangs mit Zahlen und Rechenwerken in Organisationen, Wirtschaft und Gesellschaft verorten: Welche Rolle spielen Zahlen und Rechenprozesse in gegenwärtigen Ordnungsregimen? Wie greifen sie in die Gestaltung sozialer Beziehungen in, zwischen und über Organisationen hinaus ein? Inwiefern vermitteln sie zwischen Organisationen und Gesellschaft, stabilisieren, transformieren und regulieren Organisationen und Organisationsfelder, bis hin zu weltgesellschaftlichen Gefügen? Die Beiträge des Bandes dokumentieren eine allmählich erwachende sozialwissenschaftliche Aufmerksamkeit für das Thema der „Macht der Zahlen“ in unserer Gesellschaft (Vormbusch 2004; Wagner 2005). Sie bedienen sich verschiedener theoretischer wie auch methodischer Ansätze und Konzepte und testen dabei Schnittstellen zwischen Soziologie und Betriebswirtschaftslehre, organisations- und gesellschaftstheoretischen sowie kulturwissenschaftlichen Ansätzen. Keineswegs verfolgen die Autorinnen und Autoren hierbei ein einheitliches Forschungsprogramm. Alle teilen jedoch die Ansicht, dass Zahlen und 1
An dieser Stelle möchten wir uns bei Susan Geideck bedanken, die die Idee zu diesem Band mitentwickelt hat. Ohne ihre Initiative und ihren Einsatz in der Anfangsphase wäre das Buch wahrscheinlich nicht entstanden.
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Andrea Mennicken und Hendrik Vollmer
Zahlenwerke mehr als einer Erfassung von Tatsachen, mehr als einer neutralen, objektiven Wiedergabe ökonomischer und gesellschaftlicher Sachverhalte dienen. Durchgängig heben die Beiträge konstruktive, wirklichkeitsgenerierende Effekte des Gebrauchs von Zahlen und Rechenverfahren hervor. Sie demonstrieren: Der Wirkungsbereich von Zahlen geht weit über eine Repräsentation und Symbolisierung von Werteinschätzungen hinaus. Zahlen greifen substanziell in die Reproduktion sozialer Ordnung ein. Verfahren und Methoden der Kalkulation bringen neue ökonomische und regulatorische Objekte hervor, wie die Beiträge von Kalthoff, Preda, Power sowie Messner, Scheytt und Albrecht im vorliegenden Band besonders deutlich machen. Zahlen und Rechenapparaturen fungieren als Scharniere, die politische Programmatiken, individuelle und organisationsspezifische Handlungsmotive miteinander verknüpfen und transformieren (Miller, Schmidt, Vormbusch, Pelzer). Sie produzieren neue Evaluations- und Vergleichsräume, Kommunikationsmöglichkeiten und Differenzierungsmuster (Heintz, Werron, Mennicken und Heßling). Gleichzeitig sind Zahlen und Rechenwerke sozial eingebettet und angewiesen auf ein Netzwerk an sozialen Vorkehrungen, Konventionen, Regeln und Definitionen, sei es in und zwischen Organisationen (Kühl), in Organisationsfeldern (Power) auf zwischenstaatlicher (Pelzer, Preda) oder globaler Ebene (Mennicken und Heßling). Trotz aller Unterschiedlichkeit in der Herangehensweise erscheint Zahlengebrauch also durchgängig als mehr als nur eine arithmetische Operation. Nun geht es den Autorinnen und Autoren nicht darum, diesen Tatbestand zu skandalisieren. Weder finden sich hier Versuche einer Denunzierung ‚ungenauer’, ‚falscher’ oder ‚nicht-objektiver’ Zahlen, noch sind die Beiträge auf der Suche nach normativen Bemessungsgrundlagen für Sinn und Zweck des Messens, Zählens, Kalkulierens. In erster Linie bemühen sie sich um ein besseres, breiteres und wirklichkeitsnäheres Verständnis des Umgangs mit Zahlen, also darum, die soziale Beschaffenheit von Zahlenwerken in ihren Bedingungen, Möglichkeiten, Grenzen und Konfliktstellen im Kontext von Organisationen und Gesellschaft zu erkunden. Es geht um den sozialen Zusammenhang, die soziale Einbettung und Verflechtung des Zahlengebrauchs, von Messen zu Managen, Rechnen zu Regieren oder Kalkulieren zu Konstruieren; nicht darum, derlei Zusammenhänge kontrafaktisch abzuschütteln, sondern darum, sie zunächst einmal in ihrer sozialen Tragweite zu verstehen. Mit seinen Beiträgen stellt der vorliegende Band wesentliche Aktivposten gegenwärtiger Zahlenforschung erstmalig in einem gemeinsamen Rahmen vor. In dieser Hinsicht möchte er als Materialsammlung dienen und zur Entstehung eines gemeinsamen, transdisziplinären Feldes beitragen, das die unterschiedlichen Interessen und Ansätze nicht nur seiner Autorinnen und Autoren zusammenführt, sondern auch, so hoffen wir, seine Leserinnen und Leser zu weiterer Erkundung einlädt. Hierfür importiert der Band eine Reihe von Forschungsansätzen aus dem englischsprachigen Raum, deren Resonanz in Deutschland bis heute ausgesprochen bescheiden blieb. Doch auch im internationalen Fachdiskurs gab es bislang erstaunlich wenig Brückenschläge zwischen Arbeiten aus dem Bereich der „critical accounting studies“ (z. B. Hopwood/Miller 1994; Miller/Rose 1990; Power 1997, 2004) und solchen der „social studies of finance“ (z.B. Callon/Muniesa 2005; Knorr Cetina/Preda 2005; MacKenzie/Millo 2003), den vielleicht produktivsten Aktivposten zeitgenössischer Zahlenforschung. Beide haben je für sich nahezu das Niveau einer Schulenbildung erreicht. Mit welcher Erkenntnisrendite? Wie Miller in seinem Beitrag zu Beginn des Bandes aufzeigt, hat sich die Schule der soziologisch orientierten „critical accounting studies“ seit Anfang der achtziger Jahre vor-
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wiegend im angelsächsischen Raum herausgebildet. Die soziologisch orientierte Accounting-Forschung hat sich seitdem sowohl mit der Frage nach der Einbindung von Praktiken der Rechnungslegung, des Controlling, Performance Managements und anderen Formen organisierten Rechnens in soziale, organisationale und gesellschaftliche Zusammenhänge, als auch mit der Auswirkung jener kalkulativer Praktiken auf die Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft befasst. Sie hat die Bedeutung von Accounting-Praktiken im Hinblick auf die Sichtbarmachung ökonomischer Größen, die Hervorbringung bestimmter Muster des Managements sowie die Erzeugung von Machtstrukturen thematisiert. Wie Miller verdeutlicht, knüpft das Forschungsfeld der „critical accounting studies“ hierbei an verschiedene, zum Teil konfligierende soziologische Theorieströmungen und organisationstheoretische Ansätze an. Hierzu zählen etwa Neoinstitutionalismus, Praxistheorien, die Ethnomethodologie, Ansätze aus der Politischen Ökonomie, marxistische Theorien sowie an Foucault orientierte Ansätze. Trotzdem hat sich die soziologisch orientierte AccountingForschung interessanterweise außerhalb der Disziplin der Soziologie entwickeln und etablieren müssen. Obwohl das frühe soziologische Interesse an Zahlenforschung unter anderem bei Max Weber (1980: 45ff.), einem der Gründungsväter der Soziologie, eine zentrale Stellung einnahm, wurde dieses Interesse, wie Miller feststellt, bereits wenig später innerhalb der Disziplin der Soziologie weitgehend vergessen. Dabei hatte neben Weber auch sein Zeitgenosse Werner Sombart in der doppelten Buchführung viel mehr als eine Technik rationalen Wirtschaftens erkannt. „Ohne doppelte Buchführung, so Sombart, kein Kapitalismus“, rekapituliert der Beitrag von Vormbusch, um danach einen erweiterten Begriff der ‚Soziokalkulation’ zu entwickeln, der in gewisser Weise den Sombartschen Diffusionsgedanken generalisiert: „Weder die Funktionalität noch die Kulturbedeutung von Soziokalkulation als Steuerungstypus ist noch an ökonomische Zusammenhänge im engeren Sinne gebunden“ (Vormbusch). Aus dieser Perspektive sollte die wachsende gesellschaftliche Bedeutung von ‚Accounting’, accounting-ähnlichen und accounting-geleiteten Praktiken (Controlling, Evaluation, Budgetierung, Benchmarking, Ergebnissteuerung usw.) Grund genug sein, einen Teil der in Accounting Departments und Management Schools exportierten Zahlensoziologie zu re-importieren. Im Gegensatz zu den „critical studies of accounting“ entwickelte sich das jüngere Feld der „social studies of finance“ weitestgehend innerhalb der Disziplinen von Soziologie und Anthropologie. Unter der Anwendung von Methoden und Theorien der „science and technology studies“ sind hier seit Mitte der neunziger Jahre Finanzmärkte bzw. deren Institutionen, Instrumente und Akteure untersucht worden. Der Beitrag Kalthoffs demonstriert die hierbei federführenden empirischen Forschungsinteressen. Diese haben sich beispielsweise auf Transaktionspraktiken von Wertpapierhändlern (Knorr Cetina/Brügger 2002), die räumliche Organisation von Trading Rooms (Buenza/Stark 2004) oder Aushandlungsprozesse im Direktorium der US-amerikanischen Notenbank gerichtet (Abolafia 2004).2 Das Augenmerk finanzsoziologischer Forschung liegt so einerseits auf lokal situierten Praktiken, in die ökonomisches Handeln eingebettet ist, andererseits auf der konstitutiven Bedeutung bzw. „Performativität“ (MacKenzie/Millo 2003) ökonomischer Darstellungen (Graphiken, Formeln, Rechenmodelle), die ökonomisches Handeln rahmen und gestalten oder, wie Callon (1998) es nennt, „formatieren“. Der Beitrag von Preda greift diese Erkenntnismotive auf: Vor dem Hintergrund der sozialen Einbettung der Entwicklung und Anwendung der Euro2
Vgl. dazu auch den Sammelband von Knorr Cetina und Preda (2005) für ein Spektrum aktueller Beiträge.
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Umstellungsformel, so Preda, „gab es für den Euro keine andere Wahl, als Bolschewik zu sein“. Accounting-Forschung und Finanzsoziologie bilden zusammengenommen einen thematischen Schwerpunkt sozialwissenschaftlicher Zahlenforschung, dem sich die vorliegende Sammlung, auch wenn sie sich um eine möglichst breite Aufstellung ihres Interesses an Zahlenforschung bemüht, also nicht ganz entziehen kann. Bis heute liegt das Gravitationszentrum sozialwissenschaftlicher Zahlenforschung überwiegend im Bereich des organisierten Rechnens mit Finanzzahlen, also dort, wo schon das frühe soziologische Interesse an Zahlenforschung bei Weber und Sombart seinen Platz hatte. Doch in vieler Hinsicht haben sich insbesondere die selbst nun schon traditionsreichen „critical accounting studies“ bereits um eine breitere Einbettung ihrer Forschungsinteressen bemüht. Hierfür stehen insbesondere ihre von Foucault inspirierten Arbeiten. Vor allem in Foucaults posthum veröffentlichten Vorlesungen über die „Gouvernementalität“ (Foucault 2000, 2004), die in Großbritannien ein gutes Jahrzehnt früher rezipiert wurden als im deutschsprachigen Raum (Burchell et al. 1991), spielt die Statistik eine maßgebliche Rolle bei der Transformation bürokratischer Herrschaftsapparate in wissenshungrige Abwickler periodisch wechselnder Regierungsprogramme. Nun ist ‚statistisches Denken’ für sich genommen seit geraumer Zeit bereits Thema sozialwissenschaftlicher Forschung gewesen (z. B. Porter 1986; Hacking 1990), wohl nicht zuletzt, weil es die Soziologie selbst so direkt betrifft – angefangen bei Durkheims Auseinandersetzung mit Selbstmordraten (Durkheim 1983; vgl. Vanderstraeten 2006). Der Aufstieg der Statistik ist eng verbunden sowohl mit dem Aufbau bürokratischer Herrschaftsapparate (Spittler 1980; Woolf 1989), als auch mit der wechselhaften Geschichte ihrer Regierungs- und Regulierungsprogramme (Hacking 1982, 1991; Desrosières 1998; Keller 2001). Sie ist von sozialen Interessen durchzogen (MacKenzie 1978), eingebunden in eine gemeinsame Matrix von Programmen und Technologien des Regierens – und genau das verbindet sie mit einem breiten Spektrum zeitgenössischer Accounting-Praktiken (vgl. Rose/Miller 1992). Zahlen machen dabei nicht nur gesellschaftliche Wirklichkeiten, Bevölkerungsgruppen, Populationsgrößen, Selbstmordraten, Arbeitslosenzahlen usw. zugänglich für politische Interventionen, sondern erfassen und adressieren zudem den Einzelnen, seine Leistungen, seine Karriere, wenn nicht sein Leben per se. Nicht alleine die Entfaltung von Gouvernementalität, sondern auch das Streben nach Disziplinierung (im Sinne von Foucault 1977) begleitet die historische Verbreitung von Accounting-Praktiken (Roberts/Scapens 1990; Hoskin/Macve 1994). Der Beitrag von Schmidt im vorliegenden Band spürt einem Disziplinierungsimpuls nach, der nicht in erster Linie auf die Herrschaftsbürokratie, sondern auf die Alltagswelt des Einzelnen zielt. Die Führung von Haushaltsbüchern soll die ökonomische Selbstregulierung der Haushaltsbewohner an die Stelle disziplinierender Interventionen des Staates setzen. Schmidt zeichnet diesen Diskurs nach, nicht ohne den in beunruhigender Weise kontinuierlichen Beitrag der Soziologie bis in die Gegenwart zu verfolgen. An der Ausbreitung von Soziokalkulation, so könnte man mit Vormbusch reformulieren, ist die Soziologie alles andere als unbeteiligt. Neben ihrer intensiven Foucault-Lektüre hat die Accounting-Forschung seit den neunziger Jahren eine Reihe von Ansätzen aus der Wissenschaftssoziologie rezipiert. Schließlich legt es die Allgegenwart von Mess- und Bewertungsapparaturen in Organisationen gerade in ihrer Kombination mit Programmen verwissenschaftlichter Betriebsführung nahe, die Fabrik als Laboratorium zu betrachten (Miller/O'Leary 1996). Als besonders einschlägig
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für entsprechende Analysen hat sich die Actor-Network-Theory im Anschluss an Latour (1987) erwiesen. Gerade vor dem Hintergrund dieser Berührungspunkte fällt jedoch auf, wie wenig Korrespondenz die Accounting-Literatur bislang zur Soziologie der Mathematik als von jeher zentralem Bestandteil der neueren Wissenschaftssoziologie unterhalten hat. Mit der Formulierung ihres „strong programme“ hatte sich diese schließlich mit der Mathematik gezielt demjenigen Gegenstandsbereich zugewandt, von dem sie den heftigsten Widerstand gegen die soziologische Erklärung wissenschaftlichen Wissens erwartete (Bloor 1976, 1994). Heintz nimmt ihren Beitrag zum vorliegenden Band zum Anlass, wesentliche Erkenntnisse und Inspirationen in Augenschein zu nehmen, die sich einer breiter aufgestellten sozialwissenschaftlichen Zahlenforschung aus wissenschaftssoziologischer Perspektive anbieten lassen. Vor allem mahnt Heintz Differenzierungen an, die bislang weder in der zeitgenössischen Accounting-Forschung noch in der Finanzsoziologie hinreichend in Anschlag gebracht wurden: Quantifizierung ist nicht gleichzusetzen mit einer Durchsetzung von Mathematik; die Überzeugungskraft von Formeln ist eine andere als die Überzeugungskraft von Zahlen. Die Beiträge von Kalthoff und Preda zeigen, dass Verbindungen zur Wissenschaftssoziologie zum jetzigen Zeitpunkt in der Finanzsoziologie sicherlich etwas aktiver genutzt werden als in der Accounting-Forschung, was nicht zuletzt wohl den Überschneidungen im Forschungspersonal geschuldet ist. Es sind die grundlagenorientierten Fragestellungen, die hier aufgenommen werden – im Anschluss an Heidegger bei Kalthoff, im Anschluss an Wittgenstein und Austin bei Preda – die diesen Bereich zeitgenössischer Zahlenforschung so viel versprechend für eine Erweiterung ihrer Forschungsinteressen in neue Gegenstandsbereiche hinein erscheinen lassen (Vollmer 2003b: 16-18). Der Beitrag von Heintz und insbesondere die Kritik am Zahlenverständnis Porters (Porter 1995), die aus dieser Perspektive resultiert, illustriert auch, wie viel Arbeit zu leisten bleibt, um ein gleichzeitig allgemeines wie soziologisch differenziertes Verständnis des Umgangs mit Zahlen in Wissenschaft, Wirtschaft und anderswo zu entwickeln. Vielleicht findet sich dann die bedeutsamste Lücke im Gegenstandsbezug sozialwissenschaftlicher Zahlenforschung in einer bislang weitgehend fehlenden Alltagssoziologie des Zahlengebrauchs. Erste Schritte in diese Richtung lassen sich wiederum in der Finanzsoziologie durchaus ausmachen, etwa in ihrer Beschäftigung mit Laieninvestoren (Preda 2001). Auffällig ist hier, wie mit dem Börsenticker ein Medium der Zahlenpräsentation den vielleicht wesentlichsten Einstiegspunkt für die Inklusion von Publikum in die Interaktion auf Finanzmärkten markiert (Preda 2006; Stäheli 2004). Ohne Zweifel sind weitere Studien zum Umgang mit Finanzzahlen im Alltag wünschenswert, schließlich ist schon der Gebrauch einfacher Arithmetik kaum unter Absehen ihrer Verwendungskontexte soziologisch zu dechiffrieren (so schon Wittgenstein 1974; vgl. Lave 1986). Doch der Zahlengebrauch im Alltag begrenzt sich keineswegs auf Finanzzahlen, und der Beitrag von Werron nimmt einen ganz anderen Bereich gesellschaftlicher Aktivität und Aufmerksamkeit unter die Lupe: den Sport. Zahlen, Verfahren der Leistungsmessung und -bewertung, so Werron, binden nicht nur die Aufmerksamkeit eines Publikums, sondern leisten auch einen gewichtigen Beitrag zur Ausdifferenzierung des Sports und seiner Sportarten. Das Eigentümliche am modernen Sport besteht in der Einbettung lokaler Ereignisse in umspannende Vergleichszusammenhänge, in Tabellen und Rekordbücher, Individual- oder Vereinsstatistiken. Das situative Erleben (Mitfiebern, Wetten auf usw.) einzelner Wettkampfereignisse
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findet vor der Präsenz eines größeren (nationalen, globalen) Wettkampfgeschehens statt, in das es sich anhand von Zahlen einordnet. Wenn sich in dieser Einbettung einzelner Situationen in situationsübergreifende soziale Ordnungen, Organisationen, Organisationsfelder oder (Welt-)Gesellschaft ein besonders einschlägiger sozialer Effekt des Umgangs mit Zahlen beobachten lässt, dann ist der Blick in die Gegenrichtung – von der Alltagswelt über Organisationen in Richtung Weltgesellschaft wenigstens ebenso lohnenswert. Wenn die Vergleichbarkeit von Zahlen ein entscheidendes Scharnier der Einbettung von Situationen und Organisationen in übergreifende, tendenziell globale gesellschaftliche Ordnungen darstellt, rückt damit beinahe zwangsläufig das Problem der Standardsetzung ins Blickfeld (Brunsson/Jacobsson 2000; Loya/Boli 1999; Mennicken 2006). Diesem Problem widmet sich der Beitrag von Mennicken und Heßling anhand desjenigen Bereichs gesellschaftlichen Zusammenlebens, in dem mit zunehmender Globalisierung auch Prozesse der Standardsetzung für die Erzeugung und Zirkulation von Zahlen außerordentlich weit vorangeschritten ist: der Wirtschaft. Hier zeigen sich wie kaum anderswo Formen einer globalen Regulierung der Zahlenproduktion, einer Regulierung, die in erster Linie nicht von staatlichen oder zwischenstaatlichen Institutionen, sondern in großen Teilen von privaten Autoritäten getragen und durchgesetzt wird. Mennicken und Heßling hinterfragen die Funktionalität globaler Wirtschafts- und Rechnungslegungsstandards und betonen die Fragilität der Fiktion von Vergleichbarkeit, die den Standards so oft zugrunde gelegt wird. Sie zeigen, dass die Standards ein Streitobjekt konstituieren, in das verschiedene Vorstellungen von Unternehmenskalkulation und -repräsentation hineinprojiziert werden, und untersuchen unterschiedliche Vorstellungen darüber, was ein Standard ist und leisten soll, bzw. inwieweit er regulierend in Praktiken der Unternehmenskalkulation einzugreifen habe. Wir befinden uns damit erneut im Gravitationszentrum sozialwissenschaftlicher Zahlenforschung. Das Regelwerk von Basel II ist für zwei weitere Beiträge dieses Bandes der Anlass, einem konkreten und besonders komplexen Versuch programmgesteuerter Regulierung von Organisationen und Organisationsfeldern – hier: von Banken – im Kontext des globalen Finanzsystems auf die Spur zu kommen. Die Beiträge von Pelzer und Power zeichnen nach, in welch komplexer Weise Mess- und Rechenverfahren in die Baseler Regulierungsanstrengung und ihre Aufnahme durch Organisationen verflochten sind. „Regulierung als Stück auf der Bühne, Aufsicht als Autoren und Schiedsrichter in einem, und all das auf dem turbulenten Markt mit einer eingebauten Neigung zur Übertreibung und dazu eine übertrieben erscheinende Quantifizierung“, so formuliert Pelzer seinen Eindruck. Die Komplexität dieser Konstellation, so Pelzer, ist auch eine Spiegelung der Komplexität der Regulierungsbedingungen im globalen Finanzsystem. Der Beitrag von Power konzentriert sich demgegenüber auf die Konzeption operativer Risiken, die Basel II in Geltung zu setzen versucht. Power zeichnet den Siegeszug operativer Risiken hin zu ihrer Institutionalisierung als Schlüsselkomponente globaler Bankenregulierung nach. Erfolgreich in diesem Sinne sind operative Risiken jedoch nicht, weil sie ein robustes und wohldefiniertes Kontrollinstrument darstellen, sondern weil sie als formbares „boundary object“ fungieren, das die Interessen unterschiedlicher Zahlenexperten mit ihren je spezifischen Kalkulationsphilosophien in seinen Bann zieht. An einem ganz anderen Bereich, der Entwicklungshilfe, zeigt der Beitrag von Kühl eine ähnliche Verflechtung von Zahlenproduktion und Zahlentausch in Aushandlungsprozesse nicht nur in, sondern auch zwischen Organisationen auf. Das Zurückgreifen auf Zahlen
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und Kennziffern, so Kühl, führt keineswegs zu einer Reduktion von Verhandlungskonstellationen auf ‚Zählbares’, sondern eher zu einer Verkomplizierung von Machtspielen, die ihren Teilnehmern gleichzeitig auch eine Fortsetzung bestehender Kooperationsbeziehungen erlaubt. Der Austausch von Zahlen verändert Mikropolitik, aber ersetzt sie nicht. Das gilt auch für einen Kernbereich organisierten Rechnens, der im deutschsprachigen Raum wie kein anderer für die voranschreitende Bindung organisierter Sozialordnungen an die Produktion und Wiederverwertung von Zahlen steht: das Controlling. Der Beitrag von Messner, Scheytt und Becker demonstriert, dass sich auch das Controlling keineswegs als ein durch Messen, Rechnen und Kalkulieren sterilisiertes Organisationsinstrument begreifen lässt. Schon die Trennung zwischen Controlling und Management, die solch einem Verständnis vorauszusetzen wäre, erweist sich für Messner, Scheytt und Becker als nicht tragfähig. Wenn die Autoren dann fragen, welche Folgen aus der steigenden Bedeutung des Controlling für das Managements selbst, für seinen Charakter und seine Handlungsmöglichkeiten resultieren, zeigt sich einmal mehr: Die Expansion organisierten Rechnens verändert nicht nur das, was Organisationen gegenwärtig ausmacht, sondern auch das, was sie in Zukunft sein können. „Management, das als Makler von Zahlen zwischen Organisation und Gesellschaft wirkt, und der Ort ist, an dem Zahlen auch in gesellschaftlich relevante Entscheidungen umgesetzt werden, müsste als gesellschaftlich bedeutsame Praxis beschrieben werden“, so Messner, Scheytt und Becker in ihrem Fazit. Vielleicht deutet sich hier ein wesentlicher Schlüssel für den weiteren Ausbau der Programme sozialwissenschaftlicher Zahlenforschung und gleichzeitig einer der Gründe ihrer fortgesetzten Faszination für die organisierten Bereiche gesellschaftlichen Zahlengebrauchs an. Organisiertes Rechnen transformiert organisierte Sozialordnungen (Vollmer 2004), und in der Organisationsgesellschaft heißt dies in besonderer Weise: Organisiertes Rechnen verändert Gesellschaft. Vielleicht hat die Allgegenwart der Zahlen selbst dort, wo es (noch?) nicht in erster Linie um Investition und Rendite geht, auch etwas damit zu tun, dass sich gesellschaftsweit eine generalisierte Idee von Organisierbarkeit verbreitet, die in der modernen Vorstellung von Management einen privilegierten Ausdruck findet. Auch wenn die Rhetorik in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in der Regel für sich in Anspruch nimmt, ihre Organisationen (Behörden, Unternehmen, Universitäten usw.) durch Zahlen gesellschaftlicher Kontrolle und Steuerung zugänglich machen zu wollen, vermag die Pointe der massenhaften Verbreitung von Zahlen, Messungen und Kalkulationen dann womöglich nur zu erkennen, wer in die Gegenrichtung blickt: Vor Organisationen, die sich über Zahlen Zugang verschaffen, ist gesellschaftliche Ordnung, egal wo, niemals sicher. Die Beiträge des Bandes zeigen, dass dieser Umstand keineswegs aus einer dem Sozialen enthobenen Neutralität des Zahlengebrauchs resultiert, sondern aus seiner Verflochtenheit in vielschichtige Dynamiken des Erlebens und Handelns in der Organisationsgesellschaft erwächst. Literatur Bloor, D. (1976): Knowledge and Social Imagery. London: Routledge and Kegan Paul. Bloor, D. (1994): What Can the Sociologist of Knowledge Say About 2+2=4? In: Ernest, P. (Hg.): Mathematics, Education and Philosophy: An International Perspective. London: Falmer, S. 21-32. Brunsson, N./Jacobsson, B. (2000): A World of Standards. Oxford: Oxford University Press.
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Peter Miller Die meisten Experten stehen ihrer Vergangenheit entweder gleichgültig gegenüber, oder sie bereitet ihnen Unbehagen. Ob dies mit schlechtem Gewissen zu erklären ist, was dazu führt, dass Kommentare von außen häufig als Kritik aufgenommen werden, oder aber durch Fortschrittsglauben, welcher frühere Wissensstadien irrelevant erscheinen lässt, ist an dieser Stelle weit weniger wichtig als das Ergebnis dieses Umstandes. Im Falle des Rechnungswesens hat dies dazu geführt, dass heute eine Soziologie der Rechnungslegung und ihrer kalkulativen Praktiken lediglich in unausgereifter Form existiert. Es wäre falsch, dafür in erster Linie oder gar ausschließlich die Experten zur Verantwortung zu ziehen, sehen diese doch meist keinen oder nur einen geringen Nutzen in einem erhöhten Selbstverständnis ihrer Praxis. Die Ursache dafür ist woanders zu suchen, nämlich bei derjenigen Wissenschaftsdisziplin, die es bislang versäumt hat, sich einem der wichtigsten Phänomene des zwanzigsten Jahrhunderts – dem Zuwachs der Vielfalt an Formen ökonomischer Kalkulation, die weitläufig unter dem Begriff des Accounting zusammengefasst werden können – entsprechend gründlich zu widmen. Es scheint, als habe sich die Soziologie zu sehr beeindrucken lassen von Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaften, als habe sie zu lange deren Elemente als gegeben, objektiv und unantastbar angenommen und sich verunsichern lassen von einem Territorium, das dicht bestückt ist mit augenscheinlich hochkomplexen Techniken und Instrumentarien. Zu sehr vereinnahmen lassen hat sich die Soziologie zudem von Professionen wie Medizin oder Recht, sich dementsprechend verachtungsvoll gegenüber der Rechnungslegung verhalten und dieser nicht die Beachtung geschenkt, die ihr eigentlich zukommen sollte. Außerdem scheinen Sozialwissenschaftler und soziale Regierungseinrichtungen es traditionell eher vorzuziehen, sich mit dem Leben der Armen, Kranken, Verrückten, Abweichler und Ausgeschlossenen zu befassen, anstatt sich mit den kalkulierenden Maschinen auseinanderzusetzen, die den gegenwärtigen Kapitalismus gestalten und verkörpern. Die Vernachlässigung des Rechnungswesens in der Soziologie ist umso merkwürdiger, als es gerade die Soziologie war, die zu Beginn ihrer Entstehung dem Rechnungswesen eine zentrale Rolle in Wirtschaft und Gesellschaft zugewiesen hat. In den Schriften Max Webers wird die Kapitalrechnung als das Herzstück ‚rationaler’ kapitalistisch-ökonomischer Aktivitäten betrachtet, während in den Werken von Karl Marx dem Rechnungswesen eine wichtige Bedeutung für die Entwicklung und Reproduktion kapitalistischer sozialer Beziehungen 1
Anmerkung der Übersetzerin: Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt. Im englischen Original lautet der Titel: How and Why Sociology Forgot Accounting. In der deutschen Überschrift wurde der Begriff des „Accounting“ mit dem des „Rechnungswesens“ übersetzt. Der englische Begriff des „Accounting“ umfasst allerdings nicht nur Praktiken der Rechnungslegung und Buchführung, sondern ebenfalls kalkulative Praktiken des Controlling und Performance Managements und ist dementsprechend weitergefasst als die deutschen Begriffe des Rechnungswesens und der Rechnungslegung.
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zugeschrieben wird. Gegen Ende des neunzehnten und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts spielten solch kühne Behauptungen eine zentrale Rolle in der sich entwickelnden soziologischen Vorstellungskraft. Jedoch folgte darauf für fast ein halbes Jahrhundert ein Schweigen der Soziologie, was umso überraschender ist in Anbetracht der Tatsache, dass innerhalb dieser Zeit Webers zentrale Schriften zum Thema des Rechnungswesens von Talcott Parsons, dem Begründer amerikanischer strukturfunktionalistischer Soziologie, ins Englische übersetzt wurden.2 Erst in den fünfziger Jahren wurde das Interesse der Sozialwissenschaftler am Thema ‚Accounting’ wieder wach. In den sechziger Jahren ist ein Aufkeimen verhaltenswissenschaftlicher Studien zu beobachten, die unter dem Begriff der „behavioural accounting studies“ zusammengefasst werden können. Diese Studien konzentrieren sich weitestgehend auf die Analyse organisationsinterner Prozesse und Probleme und sind theoretisch meist in sozialpsychologischen Ansätzen verankert. Erst 1976 bekam die soziologisch orientierte Accounting-Forschung eine Zeitschrift – Accounting, Organizations and Society. Und erst gegen Anfang der achtziger Jahre begann sich eine Forschungsrichtung herauszubilden, die sich ernsthaft mit dem Zusammenspiel von Formen des Kalkulierens und Prozessen gesellschaftlichen Organisierens auseinandersetzt. In den letzten zwei Jahrzehnten ist generell eine Wiederbelebung und Wiederbegründung der Ökonomie als Objekt soziologischen Interesses zu beobachten, und zwar diesseits und jenseits des Atlantiks (siehe z.B. Abolafia 1996; Amin/Thrift 2004; Callon 1998; DiMaggio 2001; Fligstein 1990, 2001; Granovetter 1985; Kalthoff 2005; Kalthoff et al. 2000; MacKenzie 1996, 2003, 2004; Miller 1994a; Smelser/Swedberg 2005). Aber trotz dieser durchaus ermutigenden Belebung soziologischen Interesses an Wirtschaft und Märkten haben Soziologen weiterhin den kalkulativen Praktiken des Rechnungswesens erstaunlich wenig Beachtung geschenkt. Am besten lässt sich dies vielleicht am Beispiel der kürzlich erschienenen und überarbeiteten zweiten Auflage des Handbook of Economic Sociology (Smelser/Swedberg 2005) aufzeigen. Obgleich das Handbuch von beeindruckendem Umfang und bemerkenswerter Vielfalt ist, kann man leicht beim Lesen des Buches den Eindruck gewinnen, dass sich Wirtschaft und Märkte lediglich aus Institutionen, Organisationen und Netzwerken zusammensetzen. Kalkulative Praktiken des Accounting scheinen in Bemühungen, ökonomische Prozesse zu visualisieren und kalkulier- und handhabbar zu machen, keine Rolle zu spielen.3 Wissenschaftler in Europa haben sich im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kollegen diesem Thema mit mehr Aufmerksamkeit zugewandt. Dennoch wurden auch hier Praktiken ökonomischer Kalkulation eher undifferenziert betrachtet und kein direkter Bezug zu weitergehenden Fragen und insbesondere nicht zu Fragen der ‚Regierung’ ökonomischen Lebens hergestellt. In diesem Zusammenhang sind in erster Linie die Arbeiten Callons zu erwähnen mitsamt seines Aufrufs, endlich zu den Waffen zu greifen und die Wechselbezie2
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Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus wurde 1904-5 als Zweiteiler zum ersten Mal in Deutsch veröffentlicht. 1930 wurde das Buch ins Englische übersetzt. The Theory of Social and Economic Organization, eine englische Übersetzung des ersten Teiles von Wirtschaft und Gesellschaft, wurde 1947 veröffentlicht. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Karl Polanyis The Great Transformation 1944 auf Englisch erschien; ein Buch, das ebenfalls ausdrücklich auf die Notwendigkeit einer Soziologie des Marktes und des Finanzwesens hinweist. Im Index dieses Buches taucht noch nicht einmal ein Eintrag zum Begriff des „Accounting“ auf. Gleichwohl sollte darauf hingewiesen werden, dass der Beitrag von Carruthers in diesem Buch eine bemerkenswerte Ausnahme darstellt. Carruthers setzt sich mit Fragen des Messens auseinander und der Bedeutung des Rechnungswesens (Accounting) für die Quantifizierung ökonomischer Werte. Daneben zeigt er generelle Problemlagen der Quantifizierung auf.
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hungen zwischen Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaften näher zu untersuchen (Callon 1998), was einen positiven, wachrüttelnden Effekt hatte auf das, was im weitesteten Sinne unter Wirtschaftssoziologie verstanden werden kann. Diese ‚technologische Wende’ hat zwar dazu geführt, dass auf die materielle Verfasstheit von Kalkulation aufmerksam gemacht worden ist, aber nach wie vor fehlt eine dem entsprechende Hinwendung zu den ‚Programmatiken’ und ‚Ideen’, die bestimmte Arten und Weisen des Kalkulierens ausbilden, formulieren und platzieren helfen. Zeitweise schien sich sogar die Sicht verbreitet zu haben, als ob alle Formen ökonomischer Kalkulation von den Wirtschaftswissenschaften her abgeleitet bzw. diesen untergeordnet werden könnten.4 Wenn wir aber die konstitutiven Effekte der verschiedenen, vielgestaltigen Formen ökonomischer Kalkulation, die unser Leben beeinflussen, hinreichend verstehen wollen, benötigen wir einen differenzierteren Denkansatz. Zweifelsohne schließt dies ein Erforschen der Beziehungen zwischen Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaften, ökonomischen Modellen und ökonomischem Leben mit ein (vgl. dazu auch Morrison/Morgan 1999). Ebenfalls zentral sind Untersuchungen über die Beziehungen zwischen Finanzinstitutionen und -theorien – ein Forschungsbereich, in dem gerade in letzter Zeit vielleicht einige der innovativsten wirtschaftssoziologischen Arbeiten hervorgebracht worden sind.5 Allerdings ist es ebenso wichtig, den konstitutiven Effekten und unterschiedlichen Charakteristika von Praktiken des Accounting Beachtung zu schenken. Denn diese ermöglichen es erst, dass Individuen, Organisationseinheiten sowie intra- und interorganisationale Beziehungen ökonomisch sichtbar und kalkulierbar gemacht werden können. Während einige dieser Accounting-Praktiken, wie z.B. die Renditeberechnung (return on investment) oder die Kapitalwertmethode (net present value) aus den Wirtschaftswissenschaften hervorgegangen sind, lassen sich andere Methoden wiederum, wie z.B. die Plankostenrechnung (standard costing) oder die Varianzanalyse (variance analysis) eher auf das Ingenieurwesen zurückführen (Miller 1998). Wirtschaftswissenschaften (Economics), Finanzwissenschaften (Finance) und Rechnungswesen (Accounting) weisen viele Gemeinsamkeiten auf, aber sie sollten nicht als eine Einheit behandelt werden, weder als eine Gruppe kalkulativer Praktiken noch als eine Anhäufung von Idiomen und diskursiven Repräsentationen. Alles in allem sollten Accounting-Praktiken als relativ eigenständige, jedoch nur temporär stabilisierbare, Ansammlung – „assemblage“ – von Instrumenten der Intervenierung betrachtet werden, deren Entstehung in mehreren, unterschiedlichen Bedingungen begründet liegt.6 Der folgende Beitrag befasst sich sowohl mit dem Wie, als auch mit dem Warum des oben geschilderten Falles institutioneller Amnesie, und verweist auf ihre geographisch jeweils unterschiedliche Ausprägung. Er skizziert ihre Konturen, liefert aber keine vollständige Darstellung. Die Frage des Wie erfordert vorwiegend deskriptive Darstellungsarbeit. Sie verlangt nach einem Umriss der seltsam punktuellen Geschichte der Soziologie 4 5
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Vgl. dazu Barry und Slater (2002: 176): „Seen in these terms the concept of economics has to be understood broadly to include not just academic economic theory, but all the institutions, techniques and professional practices (such as accountancy and audit) that serve to make actions and objects calculable“. Die weitestgehend noch im Entstehen begriffene Finanzsoziologie bestätigt den verhältnismäßig eigentümlichen Charakter des Zusammenhanges von Finanzwissenschaft und Finanzpraxis (vgl. dazu Beunza/Stark 2004; Kalthoff 2005; Knorr Cetina/Bruegger 2002; Knorr Cetina/Preda 2005; MacKenzie 2003, 2004; MacKenzie/Millo 2003). Selbstverständlich ist jede „Assemblage“ leicht durchdringbar und geprägt durch mehr oder weniger dauerhafte Prozesse der „Hybridisierung“ (Miller et al. 2006).
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des Accounting und der Beachtung des Umstandes, dass das Rechnungswesen (Accounting) zu Beginn der Entwicklung der Soziologie im Zentrum ihrer Überlegungen stand, dann aber für ca. ein halbes Jahrhundert in Vergessenheit geriet.7 Als das Rechnungswesen (Accounting) in den fünfziger und sechziger Jahren als Untersuchungsgegenstand wiederbelebt wurde, war dies maßgeblich durch Forschungsgruppen geschehen, die sich zu dem Zeitpunkt mit internen Organisationsprozessen befassten, allerdings wenig für weitergehende soziologische Fragen interessierten. So hat die Wiederbelebung der Accounting-Forschung in den Nachkriegsjahren gerade wegen ihres starken Fokus auf die Gruppe und interne Organisationszusammenhänge dazu geführt, dass breiter angelegten soziologischen Fragestellungen zu Accounting-Praktiken Raum genommen wurde. Erst gegen Mitte der achtziger Jahre begann sich wieder ein stärkeres Interesse an Beitrag und Einfluss von Accounting-Praktiken auf die Regierung und Steuerung ökonomischen Lebens herauszubilden. Mit der Frage nach dem Warum begeben wir uns auf spekulativeres Gelände. Hier müssen wir sowohl nach Erklärungen für das lang andauernde Schweigen suchen, als auch nach den Bedingungen der Möglichkeit zu seiner Aufhebung fragen, wenngleich diese Momente der Aufhebung bislang nur auf einige wenige Forschungskreise beschränkt geblieben sind. Der Begriff der Praxis verschafft uns hier einen guten Ausgangspunkt, um beide Begebenheiten, wenn auch nicht vollständig, zu ergründen. Ebenfalls würde sich dazu natürlich auch ein Fokussieren auf Instrumente, Technologien oder Werkzeuge eignen. In unterschiedlichem Ausmaß und in unterschiedlicher Weise haben sowohl Weber als auch Marx es in ihren Schriften versäumt, sich mit der Vielfalt und den Funktionen kalkulativer Praktiken auseinanderzusetzen, die in ihrer Gesamtheit die Apparatur des Rechnungswesens ausmachen. Webers mehr oder weniger ausschließliche Konzentration auf die Rationalisierung der Lebensführung und die Rolle der doppelten Buchführung darin neigt dazu, andere wichtige kalkulative Praktiken des Accounting zu marginalisieren. Selbst Webers breites Verständnis von Rationalisierung scheint eher eine eindimensionale Auffassung über Beschaffenheit und Auswirkungen des Rechnungswesens nahe zu legen. Marx bietet ebenfalls keinen adäquaten Ansatz, der bei der Konzeptionalisierung unterschiedlicher Typen ökonomischer Kalkulation in kapitalistischen Unternehmungen helfen könnte, da er dem Accounting noch nicht einmal eine konstitutive Bedeutung für die Verkörperung und Darstellung von Wert zuspricht (Cutler et al. 1977, 1978). Obgleich dem Rechnungswesen (Accounting) in frühen soziologischen Studien viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, nahm es dennoch eine eher untergeordnete Rolle gegenüber anderen erforschten Phänomenen ein und wurde nicht als Ansammlung von Praktiken betrachtet, die sui generis als wichtiges Untersuchungsobjekt zu betrachten wären, nicht zuletzt wegen ihres großen Wirkungskreises in der Welt. Dem entgegengesetzt lässt sich die jüngst zu beobachtende Wiederentdeckung des Accounting in der Soziologie (wie sie sich auch im vorliegenden Band ausdrückt), zumindest mittelbar, unter anderem mit dem Auftrieb soziologischen Interesses am Begriff der Praxis und der Untersuchung von Praktiken erklären. In den letzten zwei Jahrzehnten haben wir ein starkes Anwachsen soziologischen Interesses an der Rolle von Instrumenten und Techniken der Kalkulation und Intervention beobachten können. Eine ganze Reihe von Studien, innerhalb von Soziologie, Geschichtswissenschaft und Wissenschaftsphilosophie, haben in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit des Themas der Praxis hervorgehoben. Hacking (1983) zum Beispiel hat Wissenschaftler dazu angehalten, sich von den früher vorherr7
Vgl. dazu auch Vollmer (2003).
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schenden Fragen nach Möglichkeiten und Problemen der Repräsentation wegzubewegen und sich mehr auf Experimente und Arten und Weisen des Intervenierens zu konzentrieren. Der Begriff der „mediating machines“ (Wise 1988) hat dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken wie Maschinen gleichzeitig physikalische und gesellschaftliche Ideen in sich vereinen und praktisch einzubetten vermögen. Naturwissenschaft wird als „Praxis“ (Pickering 1992) betrachtet, und der Blick auf die Dichte und Vielgestaltigkeit des Praktizierens von Wissenschaft gelenkt, z.B. auf Tätigkeiten, die die Entwicklung neuer Instrumente oder die Planung und Durchführung von Versuchen ermöglichen. Begriffe wie „action at a distance“, „centres of calculation“, und „immutable and combinable mobiles“ (Latour 1987), wie auch MacKenzies (1996) Betonung der Materialität von Wissen und Technologie, veranschaulichen die begrenzte Einsatzfähigkeit von Konzepten, wie Wissen oder Macht. Im Hinblick auf Accounting hat Callon (1998) aufgezeigt, dass Kalkulation als komplexe kollektive Praxis verstanden werden muss, die Akteure und Aktanten, Instrumente und Inskriptionen, miteinander verbindet und in Beziehung setzt.8 Zusammengenommen haben diese Untersuchungen dem schlichten aber wichtigen Gedanken, dass Kalkulation nicht ohne kalkulative Instrumente und Praktiken existieren kann, direkt und indirekt beachtlichen Aufwind gegeben. Angewandt auf das Gebiet des Accounting, heißt das, dass der ‚Werkzeugsatz’ von Buchhaltern, Controllern, Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern in das Zentrum von Fragen, die die Operationalisierung und Instrumentalisierung von Märkten und den sie konstituierenden Einheiten betreffen, rückt. Gekoppelt mit weitergehenden Fragen danach, wie verschiedenste Instrumente, Werkzeuge und Techniken Führung und Verhalten von Personen beeinflussen und als „Selbsttechnologien“ (technologies of the self) fungieren können, hat das Konzept der Praxis an soziologischer Signifikanz gewonnen (Foucault 1988; Miller 2005; Miller/Rose 1990; Rose/Miller 1992). Der Aufsatz setzt sich mit dieser Thematik in folgender Reihenfolge auseinander: Zunächst befasst er sich mit der makro-strukturellen Verortung von Accounting in den Schriften von Marx und Weber. Dann untersucht er die ‚Wiederentdeckung’ des Rechnungswesens (Accounting) in den fünfziger und sechziger Jahren im Zusammenhang mit der Entwicklung und Ausarbeitung des Konzeptes der Gruppe durch Sozialpsychologen, Verwaltungswissenschaftler und Soziologen. Im Anschluss werden Bemühungen diskutiert, die sich innerhalb der Accounting-Literatur etwa seit Mitte der siebziger Jahre beobachten lassen und darauf abzielen, Accounting-Praktiken auf organisationaler und gesellschaftlicher Ebene zu analysieren. Des Weiteren werden verschiedene Orte betrachtet, an denen sich ein Interesse an soziologisch orientierter Accounting-Forschung herausgebildet hat: Der Beitrag fragt, inwiefern dieses Interesse dazu beitragen kann, dass Accounting in seiner Funktion als Regierungsmodalität ökonomischen Lebens eine größere Aufmerksamkeit zuteil wird. Abschließend wird herausgestellt, dass ein vollständiges Verständnis des Wechselspiels von Arten und Weisen des Organisierens und Kalkulierens nicht ohne eine angemessene Auseinandersetzung mit den kalkulativen Praktiken des Rechnungswesens (Accounting) entwickelt werden kann. Gleichzeitig wird allerdings betont, dass diese Auseinandersetzung stets der Ergänzung durch weiterführende Fragen nach den (Regierungs-) Rationalitäten bedarf, die bestimmten Formen des Kalkulierens zugrunde liegen und diesen Form und Sinn verleihen.
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Vgl. dazu auch Kalthoff et al. (2000).
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Accounting und Rationalisierung Max Weber, dessen Werk hauptsächlich in den ersten zwei Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts entstanden ist, betrachtet die Entwicklung des Rechnungswesens als zentrales Element der Rationalisierung von Gesellschaft im Kapitalismus. Weber lehnt die Vorstellung ab, dass Kapitalismus maßgeblich von Habgier oder Geiz angetrieben ist. Stattdessen argumentiert er, dass Kapitalismus als kontinuierliches Bemühen um Profit mit den Mitteln der „rationalen, kapitalistischen Unternehmung“ (Weber 2004) verstanden werden müsse. Ökonomisches Handeln, so Weber, sei insofern kapitalistisch, als es von einer Gewinnerwartung bestimmt sei, die sich auf die Möglichkeit der Durchführung von Tauschgeschäften beziehe. Und dieses „rationale“ Gewinnstreben erfordere im Gegenzug Kapital erfassende Kalkulationen. Die Entstehung der modernen, rationalen Organisation des kapitalistischen Unternehmens, behauptet Weber, wäre ohne die kalkulative Praxis der Buchführung nicht möglich gewesen. In Webers Werk ist Rationalisierung ein durchgängiges Thema. Die mehrdimensionale Rationalisierung unseres Lebens belegt er mit dem Begriff der Rationalisierung der „Lebensführung“ (Gordon 1987; Hennis 1987). Weber befasst sich mit den Bedingungen, welche die Ausbildung und Verbreitung einer „spezifisch modernen kalkulierenden Haltung“ (Weber 1980) ermöglichen und fördern. In seinen Analysen der soziologischen Bedingungen wirtschaftlicher Aktivität nimmt das Rechnungswesen sowohl im Hinblick auf Formen des Budget-Managements, als auch der Kapitalrechnung eine zentrale Stellung ein. Weber zufolge ist Geld „technisch angesehen“ als „das ‚vollkommenste’ wirtschaftliche Rechnungsmittel, das heißt: das formal rationalste Mittel der Orientierung wirtschaftlichen Handelns“ zu betrachten (Weber 1980: 45). Geldrechnung, und nicht aktuellen Geldgebrauch, betrachtet er als das spezifische Mittel „zweckrationaler Beschaffungswirtschaft“ (Weber 1980: 45), und dem rationalen wirtschaftlichen Erwerben zugehörig ist für ihn eine besondere Form der Geldrechnung: die Kapitalrechnung (Weber 1980: 48). Weber definiert wirtschaftliches Unternehmertum als „ein an Kapitalrechnung autonom orientierbares Handeln“ (Weber 1980: 48). Weiter schreibt er, dass jene Orientierung durch Kalkulation erfolge (Weber 1980: 48). Insofern räumt er der Kalkulation einen zentralen Platz in der soziologischen Analyse wirtschaftlicher Aktivität ein. Kalkulation betrachtet er als das Medium, das zwischen rationalen, profitorientierten Unternehmen und ihren (Markt-)Möglichkeiten zu vermitteln hilft. Weber zufolge stellt die doppelte Buchführung die „technisch (bisher) höchst entwickelte Form der Buchführung“ dar (Weber 1980: 49), da „durch ein Kontensystem die Fiktion von Tauschvorgängen zwischen den einzelnen Betriebsabteilungen oder gesonderten Rechnungsposten zugrunde gelegt wird, welches technisch am vollkommensten die Kontrolle der Rentabilität jeder einzelnen Maßregel gestattet“ (Weber 1980: 49). Webers Ausführungen wurden durch die Studien Sombarts ergänzt, der eine ähnliche, allerdings wesentlich stärkere Argumentationslinie, die Verbindung von doppelter Buchführung und Kapitalismus betreffend, verfolgte (Sombart 1987). Sombart behauptet nicht nur, dass die rationale Kalkulation wichtig für die Entwicklung des kapitalistischen Unternehmen gewesen ist, er geht sogar so weit, sich zu fragen, ob die doppelte Buchführung nicht als Ursache für die Entstehung des Kapitalismus betrachtet werden muss (vgl. dazu auch den Beitrag Vormbuschs in diesem Band). Für unsere Diskussion ist weniger wichtig, ob diese Behauptung als richtig oder falsch einzustufen ist. Weitaus wichtiger ist, dass diese Behaup-
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tung dazu beigetragen hat, ökonomische Kalkulation als etwas Zentrales, soziologisch Bedeutsames zu sehen. Sie weist ökonomischer Kalkulation nicht länger eine untergeordnete, sondern eine zentrale und prägende Funktion zu. Zusammen mit den Ausführungen Webers hat Sombart so dazu beigetragen, eine Verbindung zwischen Accounting und Soziologie aufzubauen, die bis heute noch Bestand hat. Accounting ist hier zum ersten Mal als bedeutsamer Gegenstand soziologischer Analyse identifiziert worden. Vor Weber hatte schon Marx auf die wichtige Bedeutung des Verhältnisses von Accounting (bzw. Buchführung) und Kapitalismus hingewiesen. In einem indirekten Verweis auf die imaginäre Welt der politischen Ökonomie vermerkt Marx im ersten Band des Kapitals, dass eine der ersten Tätigkeiten Robinson Crusoes auf seiner einsamen Insel darin bestanden habe, Buch zu führen (Marx 1989/1867: 91): „… unser Robinson, der Uhr, Hauptbuch, Tinte und Feder aus dem Schiffbruch gerettet, beginnt als guter Engländer bald Buch über sich selbst zu führen. Sein Inventarium enthält ein Verzeichnis der Gebrauchsgegenstände, die er besitzt, der verschiednen Verrichtungen, die zu ihrer Produktion erheischt sind, endlich der Arbeitszeit, die ihm bestimmte Quanta dieser verschiednen Produkte im Durchschnitt kosten. Alle Beziehungen zwischen Robinson und den Dingen, die seinen selbstgeschaffnen Reichtum bilden, sind hier so einfach und durchsichtig, daß selbst Herr M.Wirth sie ohne besondre Geistesanstrengung verstehn dürfte. Und dennoch sind darin alle wesentlichen Bestimmungen des Werts enthalten.“ Im zweiten Band des Kapitals, in dem Marx sich mit dem Zirkulationsprozess des Kapitals, der Transformation von Kapital in Waren, von Waren in Geld und von Geld in Waren auseinandersetzt, spricht er unter anderem auch über die Kosten der Arbeitszeit, die mit Buchführung verbracht wird. Laut Marx müsse ein Teil des Kapitals immer dem Produktionsprozess entzogen werden, um das Fortsetzen des Zirkulationsprozesses zu unterstützen. In diesem Zusammenhang wird die Buchführung als „unproduktive Verausgabung von Arbeitszeit“, als etwas dem produktiven Prozess Folgendes und sich aus diesem her Ableitendes dargestellt, wenngleich sie auch als unerlässlich für die Aufrechterhaltung der Zirkulation betrachtet wird (Marx 1986/1885: 135-137). Marx zufolge spiegelt die Buchhaltung – „the machinerie of the office“ – die Bewegung von Wert durch produktive Prozesse wider; sie erstellt ein „symbolisches Abbild“ von ihnen (Marx 1986/1885: 135). Insofern Kapital stets nach seiner eigenen Reproduktion strebt, ist diese Ableitung oder Widerspiegelung dessen, was Marx als den realen Produktionsprozess betrachtet, ein wesentlicher Teil desselben. Und je mehr der Produktionsprozess an „rein individuellem Charakter“ verliert und an gesellschaftlichem gewinnt, desto notwendiger wird die Buchführung (Marx 1986/1885: 137). Marx schreibt dem Accounting keine so zentrale Rolle zu, wie Weber dies tut. Gleichwohl räumt Marx dem Accounting, wenn man es in den Kontext seiner Werttheorie und der Theorie der kapitalistischen Produktionsweise stellt, einen zentralen Stellenwert neben anderen politischen Interventionen in Produktionsverhältnisse ein. In Marx’ Schriften wird dem Accounting eine makro-strukturelle Funktion zugewiesen, die zugleich die kapitalistischen Produktionsverhältnisse gestaltet und reproduziert. In dieser Hinsicht könnte man sagen, dass Marx und Weber ein ähnliches Terrain bearbeiten. Für beide gilt Accounting als zentraler Bestandteil der Gestaltung sozialer und ökonomischer Verhältnisse. So nahm die Auseinandersetzung der Soziologie mit dem Gebiet des Accounting ihren Anfang. Es folgte daraufhin jedoch kaum etwas. Erst in den fünfziger und sechziger Jahren, mit Einsetzen der Entwicklung der „behavioural accounting studies“, erfuhr das Thema einen erneuten Aufschwung.
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Die Wiederentdeckung des Accounting und die Entdeckung der Gruppe Nach den Schriften Webers und Sombarts fand bis in die fünfziger Jahre hinein so gut wie kein Dialog zwischen der Disziplin des Accounting und der Soziologie statt. In den fünfziger Jahren, als die Soziologie wieder ein gewisses Interesse für das Rechnungswesen (Accounting) zu zeigen begann, hatte sich ihr Forschungsfokus von der Makroebene, von der Analyse gesellschaftlicher Rationalisierungs- und Akkumulationsprozesse, wegbewegt und auf die Mikroebene der sozialen Gruppe, der Analyse von Gruppendynamiken und der Funktion von Accounting darin, verlagert (Platt 1996). Gut veranschaulichen lässt sich dieser Perspektivenwechsel am Beispiel des einflussreichen Aufsatzes von Chris Argyris (1952), der die Auswirkungen von Finanz- und Wirtschaftsplänen (Budgets) auf das menschliche Verhalten thematisiert. Argyris ging hier der Frage nach, wie so genannte „budget people“ zu den von ihnen aufgestellten Finanz- und Wirtschaftsplänen stehen und inwiefern sich davon die Einstellungen der Produktionsleiter unterscheiden. Er verknüpfte seine Studie über Accounting-Praktiken mit seinem Interesse an Gruppen und Gruppendynamiken. Er betrachtet hierbei Gruppen nicht als etwas Gegebenes und Selbstverständliches, sondern beschreibt die Interaktion zwischen Menschen und Budgets als eine Aktivität, die zur Gruppenbildung beiträgt. Unter anderem behauptet er, dass vom Management ausgeübter erhöhter Druck Prozesse der Gruppenbildung fördere. Die Gruppenbildung könne dazu beitragen, den erhöhten Druck, der vom Management auf einzelne Individuen ausgeübt wird, zu verarbeiten und abzufangen. Haben sich solche Gruppen einmal ausgebildet, so können sie über einen längeren Zeitraum hinweg bestehen – auch dann, wenn der Druck von oben, der einst zu ihrer Entstehung führte, nicht mehr vorhanden ist. In seinen Arbeiten griff Argyris auf die Ergebnisse soziologischer Forschungen zurück, die innerhalb zweier Jahrzehnte maßgeblich dazu beigetragen hatten, die Soziologie des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts neu zu justieren. Mit Beginn der dreißiger Jahre rückten Gruppen und Gruppendynamiken immer mehr in das Zentrum sozialwissenschaftlichen Interesses. Die Grenzen zwischen Sozialpsychologie und Soziologie begannen zunehmend zu verschwimmen, und Sozialwissenschaftler benutzten ‚die Gruppe’ in fast jedem Feld als grundlegende Untersuchungseinheit. Im Hinblick auf den Perspektivenwechsel, der sich auch innerhalb der Untersuchungen von sozialen Beziehungen in Unternehmen vollzog, ist Elton Mayo von zentraler Bedeutung. Die Studien, die zwischen 1927 und 1932 unter seiner Anleitung in den Hawthorne Works der Western Electric Company in Chicago durchgeführt wurden, veranschaulichen den Wandel (Mayo 1933). Die Untersuchungen kommen allesamt zu dem Schluss, dass Gruppendynamiken Veränderungen in den Produktionsleistungen besser erklären können als technische Faktoren. Das Unternehmen wird als soziales System betrachtet und zwischenmenschliche Beziehungen und Gruppendynamiken als das Herzstück dieses sozialen Systems. Andere Wissenschaftler, wie zum Beispiel der Verwaltungswissenschaftler Chester Barnard, kamen zu ähnlichen Schlüssen: „the most usual conception of an organization is that of a group of persons“ (Barnard 1938: 68). Barnard zufolge bilden Interaktionssysteme die Basis einer jeden Gruppe, und die formale Organisation müsse dementsprechend als ein System „of consciously coordinated activities or forces of two or more persons“ (Barnard 1938: 73) betrachtet werden. Der zweite Weltkrieg und seine unmittelbaren Nachwirkungen boten den Forschern ein „Laboratorium“, in dem sie Gruppen und Gruppenbeziehungen in allen Facetten und Details untersuchen konnten (Miller 1986).
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In den fünfziger und sechziger Jahren nahm das Konzept der Gruppe auch einen zentralen Platz in der sich rasch ausdehnenden Soziologie ein. Der Soziologe George Homans (1951) war einer der ersten, die versuchten, das Konzept der Gruppe theoretisch zu verankern. Eine ganze Reihe unterschiedlicher Einflüsse, wie zum Beispiel die Theorie Freuds, Kurt Lewins Sozialpsychologie oder die Soziometrie Munros, schürten das wachsende Interesse an Untersuchungen der Kleingruppe. Homans suchte diese verschiedenen theoretischen Stränge in einer allgemeinen soziologischen Theorie zu vereinen, die die Gruppe als Ausgangspunkt für die Analyse sozialer Beziehungen nimmt. Neben dem synthetisierenden Theorieversuch Homans beschäftigten sich auch andere Soziologen eingehend mit Themen wie Arbeitsabwesenheit, Personaldurchsatz, Arbeitsmoral, Produktivität und Arbeitskämpfen, die ebenfalls auf den Einfluss von Gruppendynamiken hin untersucht wurden. Der von Gouldner (1954) untersuchte „wildcat strike“ wurde von ihm im Rahmen einer „allgemeinen Theorie der Gruppenkonflikte“ behandelt. Ebenso gut konnte man auch die Lackierung von Spielsachen an einem Fließband im Hinblick auf Gruppendynamiken und Gruppenbeziehungen untersuchen, wie Strauss (1955) zeigte. Dalton (1959) wiederum stellte die Behauptung auf, dass Cliquen, kleine Gruppen von Personen mit gemeinsamen Interessen, unabdingbare Elemente sowohl in der Förderung, Stabilisierung als auch der Hemmung von Wandel darstellen. Bion (1946) führte den Begriff der „leaderless group“ ein, um die Stellung von Individuen innerhalb eines Komplexes interpersoneller Beziehungen zu untersuchen, während Jaques (1951) Arbeitskonflikte zwischen Managern und Arbeitern in problematischen Gruppenverhältnissen begründet sah. In der Accounting-Forschung wird die Flut an Arbeiten, die seit den späten fünfziger Jahren begonnen hatte, Erkenntnisse aus der soziologischen und sozialpsychologischen Gruppenforschung aufzugreifen, unter den Begriff des „behavioural accounting“ gefasst. Der Forschungszweig der „behavioural accounting studies“ befindet sich an der Schnittstelle zwischen Soziologie und Betriebswirtschaft und setzt sich auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Zusammenwirken von Accounting und Gruppenbeziehungen auseinander. In einem frühen Aufsatz, der mehr an Soziologen als an „Accountants” gerichtet war, zeigte Dalton (1959) auf, wie Kostendruck gepaart mit Anreizstrukturen das Fälschen von Akten und Bilanzen begünstigen kann. In Anlehnung an Ansätze der Entscheidungstheorie (z.B. March/Simon 1958) und Ideen der „Human-Relations-Forschung“ (z.B. McGregor 1960; Likert 1961; Herzberg 1968) verfestigten die „behavioural accounting studies“ den Fokus auf Gruppenbeziehungen in der Organisationsforschung. In den sechziger und siebziger Jahren zogen vor allem Verhaltens- und Organisationsaspekte von Budgetierungsprozessen die Aufmerksamkeit der soziologisch orientierten Accounting-Forschung auf sich. Becker und Green (1962) erweiterten Argyris’ Studien um eine Analyse der Gruppendynamiken in Budgetierungsprozessen. Sie untersuchten den Zusammenhang zwischen der Kohäsionskraft von Arbeitsgruppen und der Akzeptanz von Wirtschaftszielen, und den Einfluss dieses Zusammenhanges auf das Betriebsergebnis. Hofstede (1968) beschrieb Budgetierungsprozesse als Spiel, an dem Individuen um des Spielens willen teilnehmen. Ihm zufolge seien Budgetierungsprozesse maßgeblich von dem „Spielgeist“, mit dem Manager in die so genannten „Budgetspiele“ einsteigen geprägt. Diese Argumentationslinie wurde später von Hopwood (1974) aufgegriffen, der vor allem auf die Bedeutung von Partizipation für Budgetierungsprozesse hinweist und die Debatte neu konzentrierte, indem er drei deutlich unterschiedliche Arten des Umgangs mit Budgets identifizierte. Hopwood unterscheidet zwischen „streng an Budgets ausgerichteten” („bud-
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get constrained“), „profitbewussten” („profit conscious“) und „nicht betriebswirtschaftlichen“ („non-accounting“) Umgangsweisen. In seinen Studien zeigt er auf, dass nur eine „profitbewusste“ Umgangsweise es schaffen kann, eine Kostenorientierung herbeizuführen, die, im Gegensatz zu streng an Budgets ausgerichteten Umgangsweisen, nicht von Bilanzmanipulationen und Verschlechterungen des Betriebsklimas begleitet ist. Zwei Jahrzehnte behavioristischer Forschungen, die sich mit verhaltenswissenschaftlichen Aspekten von Budgetierung und Evaluierung auseinandersetzten, veränderten die akademische Disziplin des Accounting nachhaltig. Accounting wurde nicht mehr als ein rein technischer Prozess betrachtet, sondern als geprägt von organisationalen Kontexten und menschlichem Verhalten. Allerdings blieb der Blickwinkel jener Untersuchungen weiterhin auf die Organisations- und Mikroebene der Gruppe beschränkt. Dies sollte sich allerdings bald schon ändern, wenn auch im Zuge anderer Entwicklungen, die sich innerhalb der Soziologie und ihrem weiteren Umfeld abspielten. Accounting als organisationale und soziale Praxis Mitte der siebziger Jahre war die behavioristische Accounting-Forschung als Forschungsgebiet fest etabliert. Allerdings war die Aufmerksamkeit dieser Forschungsrichtung fast ausschließlich auf Prozesse gerichtet, die innerhalb von Organisationen stattfinden. Die von Weber, Sombart und Marx formulierten Forschungsprogramme, die darauf abzielten, die Beziehungen zwischen tief greifendem sozialen Wandel und Accounting zu untersuchen, waren fast gänzlich von der Beschäftigung mit Gruppen und Gruppendynamiken abgelöst worden. Hopwood (1974) brachte als erster das Anliegen vor, dass dem entgegengewirkt werden müsse und die Makroebene nicht vernachlässigt werden dürfe. Ihm zufolge sind Prozesse, die es Gruppen ermöglichen, die Funktion des Accounting zu beeinflussen und zu kontrollieren, immer auch begleitet von Einflüssen aus der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwelt einer Organisation. In dem Maße wie heute viele AccountingPraktiken und -Theorien das Ethos des Kapitalismus widerspiegeln, könne man auch allgemeiner davon ausgehen, dass sich Gestalt und Philosophie des Accounting in Korrespondenz zu seiner weiteren sozialen und politischen Umwelt entwickeln. Hopwood bekräftigt diesen Punkt 1976 im Editorial der ersten Ausgabe der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Accounting, Organizations and Society. Hier vertritt er die Auffassung, dass verhaltenswissenschaftliche Accounting-Studien um breiter angelegte Studien über Macht, Einfluss und Kontrolle ergänzt werden müssen. Wortwörtlich schreibt er: „There is now an urgent need for research which can provide a basis for seeing accounting as both a social and organizational phenomenon” (Hopwood 1976: 3). Allerdings sollte es noch einige Jahre dauern, bis sich die Dinge grundlegend zu verändern begannen. Ende der Siebziger stellt Hopwood immer noch fest, dass nur wenige Studien in der Accounting-Forschung politischen und gesellschaftlichen Einflüssen hinreichend Beachtung schenken (Hopwood 1978). Der vor allem in der nordamerikanischen Forschungstradition verankerte Fokus auf die Mikroebene dominierte nach wie vor das Feld, während die mehr makro-orientierten europäischen Ansätze, die sich mit Fragen der Organisationssoziologie und weitergehenden strukturellen Umwelteinflüssen auseinandersetzen, nur zögerlich in Erscheinung traten.
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Auch in den achtziger Jahren blieben soziologische Analysen des Accounting, die Mikro- und Makroebene erfolgreich miteinander zu verknüpfen wissen, ein noch nicht erreichtes, anzustrebendes Ziel. In der Tat war nicht einmal klar, welche Konzepte und Fragen solch ein Forschungsprogramm überhaupt anleiten sollten. Allerdings wurden einige Vorschläge dazu 1980 in einem einflussreichen Artikel von Burchell, Clubb und Hopwood gemacht, der verschiedene Funktionen des Accounting in Organisation und Gesellschaft zu identifizieren versucht (Burchell et al. 1980). Eine ganze Reihe an Fragen, die bislang vernachlässigt worden waren, sollten nach Auffassung der Autoren nicht länger unbeachtet bleiben, und dementsprechend auch die konzeptionellen Grundlagen der Accounting-Forschung grundsätzlich überarbeitet werden. Die technische Seite des Accounting sollte nicht länger als etwas von gesellschaftlichen Dynamiken Unabhängiges betrachtet werden, sondern in ihrer Wechselbeziehung zur Gesellschaft gesehen werden. So wie Argyris behauptet hat, dass Accounting-Praktiken zu Gruppenbildung führen können, wurde nun behauptet, dass Accounting auch andere gesellschaftliche Zusammenhänge hervorbringen helfe. Untersucht werden müsse die Funktion des Accounting für die Herstellung von organisationaler Sichtbarkeit, die Hervorbringung bestimmter Muster des Managements sowie die Erzeugung von Machtstrukturen. Die Untersuchung von AccountingPraktiken in Organisationen sollte explizit mit einer Analyse allgemeiner Formen ökonomischen und sozialen Managements verbunden werden. Mit anderen Worten sollte Accounting nicht länger als ein rein organisationales Phänomen betrachtet werden. Es wurde auf die frühe soziologische Forschung, die sich mit Accounting befasste, wie die Studien von Marx und Weber, Bezug genommen mit dem Hinweis, dass diese Fragen aufgeworfen haben, die es wert seien, systematischer untersucht zu werden. Sowohl Prozesse der Rationalisierung seien eingehender zu analysieren, wie auch mythische, symbolische und rituelle Bedeutungen von Accounting-Praktiken. Studien der organisationalen Funktionen des betrieblichen Rechnungswesens sollten um Untersuchungen seiner gesellschaftlichen Funktionen ergänzt werden. Ab 1980 begannen diese Veränderungen Boden zu gewinnen. Die Bandbreite verwendeter Methoden wurde größer und der Fokus der Accounting-Forschung weitete sich. Institutionellen Strukturen und Prozessen wurde zunehmend mehr Aufmerksamkeit gewidmet. In den folgenden zwei Jahrzehnten wandelte sich das Verhältnis zwischen Soziologie und Accounting damit ganz grundlegend. Soziologische Untersuchungen von AccountingPraktiken wurden mehr und mehr in der Disziplin des Accounting selbst verankert, und mit dieser Entwicklung änderten sich auch Konzepte und Definitionen des Untersuchungsgegenstandes. Nicht länger ging es um die Übertragung vorgegebener soziologischer Konzepte auf das Gebiet des Accounting, sondern die Konzepte selbst wurden in enger Anlehnung und Auseinandersetzung mit den kalkulativen Praktiken des Accounting generiert. Die Disziplin des Accounting wurde reflexiver und fing an, aktiv zur weiteren Entwicklung der Sozialwissenschaften beizutragen. Insgesamt lassen sich drei Forschungsstränge erkennen, die zur soziologischen Ausweitung der Accounting-Forschung beigetragen haben: Erstens Untersuchungen, die sich mit den institutionellen Umwelten des Accounting befassen; zweitens die Politische Ökonomie des Accounting; und drittens Ethnographien des Accounting. Soziologie und Organisationstheorie hatten Untersuchungen institutioneller Umwelten des Accounting den Boden bereitet. Hier wurden bereits in den späten siebziger Jahren erste Studien über die „institutionalisierten Mythenstrukturen“ (Meyer/Rowan 1977) ratio-
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nalisierter Gesellschaften durchgeführt. Meyer und Rowan kritisierten, dass damals vorherrschende Theorien Fragen nach der Legitimität rational formaler Strukturen im Gegensatz zu täglichen Arbeitsaktivitäten vernachlässigt hätten. Insofern als unpersönliche, rationalisierte Vorschriften technischen Arbeiten eine gesellschaftliche Funktion beimessen und festlegen, wie diese genau auszuführen seien, verdienen sie es auch, als eigenständiges Untersuchungsobjekt behandelt zu werden. Meyer und Rowan bezeichnen solche Vorschriften als „Mythen“, deren Tragweite im Ausmaß ihrer Institutionalisierung, das heißt ihrer Verfestigung in Normen und Verhaltensmustern, begründet liegt. Meyer und Rowan zufolge üben solche Mythen auf bestimmte Organisationen eine verpflichtende Wirkung aus und wirken so an der Gestaltung von Organisation und Gesellschaft mit. Die Mythen des Accounting nehmen damit ihren Platz neben denen der Medizin, Juristerei und anderer Professionen ein. Ob es sich um eine bestimmte Kostenkategorie handelt oder die, in rationalisierten Gesellschaften verankerte, zeremonielle Bedeutung von Finanzwerten – Mythen, Organisationen und Prozesse der Rationalisierung sind stets im Zusammenhang miteinander zu betrachten. Im Anschluss an Max Weber werden formale Organisationen als Einheiten aufgefasst, die von ihrer Umwelt dazu bewegt werden, vermeintlich rationale Praktiken und Prozeduren in sich aufzunehmen. Die Konventionen des modernen Accounting, das Vokabular der Personalexperten sowie Organigramme wurden als Mechanismen verstanden, die Organisationen in ihre institutionelle Umwelt einbinden helfen. Mit der Übernahme vermeintlich rationaler Praktiken aus ihren institutionellen Umwelten verschaffen sich Organisationen, so wird behauptet, Legitimität und erhöhen somit ihre Überlebenschancen. Aus neoinstitutionalistischer Sicht kann Accounting als einer der Mechanismen aufgefasst werden, die es Organisationen ermöglichen, rationale Konzeptionen des Organisierens in sich aufzunehmen und einzubetten. Das Accounting stellt eine Reihe an Techniken zur Organisation und Kontrolle von Tätigkeiten bereit und stattet uns mit einer Sprache aus, die es ermöglicht, Organisationsziele, -prozeduren und -politiken zu definieren und artikulieren. Accounting-Praktiken üben zudem eine zeremonielle Funktion aus, die dazu beiträgt, eine Organisation vor ihren Mitgliedern und ‚Nutzern’, wie z.B. der Öffentlichkeit, Aktieninhabern oder Regulierungsbehörden, wie der amerikanischen Securities Exchange Commission (SEC), zu legitimieren. Anstatt von der Annahme der Effizienz auszugehen, kann die Aufnahme und Diffusion bestimmter Accounting-Praktiken im Hinblick auf ihre Funktion als rationalisierter institutioneller Mythos hin untersucht werden. Und auf Gesellschaftsebene kann gefragt werden, inwiefern Accounting-Praktiken in bestimmten Gesellschafts- oder Organisationsordnungen nicht nur von internen technischen Arbeitsvorgängen, sondern auch, und zwar oft maßgeblich, von ihren externen Umwelten bestimmt werden. Der Fokus auf die institutionellen Umwelten des Accounting hat der AccountingForschung die Begründung eines neuen wichtigen Forschungsprogramms ermöglicht. Von nun an konnte dem Verhältnis zwischen Organisation und Umwelt ein zentraler Platz eingeräumt werden. Innerhalb der Accounting-Disziplin wurden Forscher dazu ermutigt, einen Blick über die Organisation hinaus zu werfen und Organisationswandel im Zusammenhang mit weiteren Umweltveränderungen zu betrachten. Accounting-Praktiken verloren an mutmaßlicher Einzigartigkeit und wurden Teil des gesamtgesellschaftlichen ‚Kulturapparats’. Praktiken der Budgetierung innerhalb einer Organisation wurden nicht länger nur unter dem Gesichtspunkt der Gruppendynamik oder des Spieltriebs einzelner gesehen. Sie wurden ebenso als Ausdruck und Spielart gesellschaftlicher Erwartungen, z. B. im Hinblick auf die
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Definition akzeptabler Budgetierungspraktiken in Zeiten des Niedergangs einer Organisation verstanden (Covaleski/Dirsmith 1988). Fragen danach, wie solche Erwartungen sich bilden, welchem Zweck sie dienen, von wem und an welchem Ort sie vorgebracht werden, gehen weit über den unmittelbaren Kontext der Organisation hinaus. Die wachsende Präsenz von Finanzpersonal in der Kontrolle großer Unternehmen konnte mit dem Hinweis auf Veränderungen in Organisationsstrukturen und -strategien, Veränderungen des Kartellrechts und der Tendenz von Firmen einander nachzuahmen erklärt werden (Fligstein 1990). Der Wandel von Machtbeziehungen in Organisationen wurde als Resultat von weiteren, in der Organisationsumwelt stattfindenden Ereignissen betrachtet sowie der Art und Weise, wie zentrale Akteure in Organisationen ihre Probleme und Aufgaben definieren, zugeschrieben. Eine Reihe weiterer Studien, die weniger eng an der neoinstitutionalistischen Perspektive ausgerichtet waren, zeigten auf, wie wichtig es ist, Veränderungen von Accounting-Praktiken innerhalb einer Organisation im Zusammenhang mit den Erwartungen und Anforderungen, die aus der institutionellen Umwelt an sie herangetragen werden, zu sehen (Berry et al. 1985; Espeland/Hirsch 1990; Ansari/Euske 1987). Daneben haben auch Ansätze einer Politischen Ökonomie des Accounting die Aufmerksamkeit auf die Wichtigkeit der Makroebene und des weiteren Umfeldes von Organisationen gelenkt, und sie taten dies in Anlehnung an die Schriften von Marx und ihm folgende Autoren. Jene Ansätze betonen das Konfliktpotential, das Accounting-Praktiken innewohnt, und den Einfluss ökonomischer Interessen, die sowohl innerhalb als auch außerhalb von Organisationen wirken. Insbesondere wurde historisch spezifischen Machtverhältnissen und ihrem Einfluss auf, bzw. ihrer Gestaltung durch Accounting-Praktiken Beachtung geschenkt. Das Bild, welches das Rechnungswesen als technisch neutrale, objektive Praxis skizzierte, wird von den Anwälten einer Politischen Ökonomie des Accounting entschieden zurückgewiesen. Stattdessen wird Accounting als parteiische, von Interessen durchsetzte Sprache und Praxis begriffen, die bestimmte Beschäftigtengruppen und Klassen repräsentieren und Strukturen verfestigen hilft. Der Boden für die Erneuerung des Interesses an Ansätzen der Politischen Ökonomie war unter anderem durch die Veröffentlichung des Buches Labor and Monopoly Capital (Braverman 1974) bereitet worden. Dieses Buch war als intellektueller ‚Waffenruf’ an all diejenigen gerichtet, die sich mit dem Wandel von Produktionsprozessen und Arbeitsverhältnissen des vergangenen Jahrhunderts auseinandersetzten. Braverman zufolge hätten sich neue Industriezweige herausgebildet, wie z. B. das Bank- oder Versicherungswesen, in denen „the productive processes of society disappear into a stream of paper“ (Braverman 1974: 301). Im Monopolkapitalismus würden immer mehr Ressourcen für das Rechnungswesen aufgewandt, was sogar soweit ginge, dass die damit verbrachte Arbeitszeit sich an die mit produktiven Tätigkeiten verbrachte Zeit anzunähern begänne, bzw. diese sogar in einigen Fällen zu übersteigen drohe. Für Braverman war diese Aufblähung der Rechenapparate von Organisationen nicht nur das Ergebnis ansteigender Komplexität. Für ihn hatte dies ebenfalls etwas mit Vertrauen, bzw. dem Mangel dessen zu tun. Misstrauen und die Unterstellung von Unehrlichkeit, „dem ersten Grundsatz des modernen Accounting“ (Braverman, 1974, S. 303), wurde von Braverman als Ursache für diesen gewaltigen, der doppelten Buchführung zutiefst innewohnenden Drang zur Ausdehnung verstanden. Wenn Misstrauen zur Norm erhoben werde, bedürfe es der Wirtschaftsprüfung, die Braverman mit feiner Ironie als „Profession der Ehrenhaftigkeit“ bezeichnet, um Außenstehende von der Richtigkeit der Geschäftsbücher zu überzeugen. Hieraus ergebe sich ein monströses
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„Papierreich“, das laut Braverman in seiner Erscheinung genauso real sei wie die physische Welt, die es nun mehr und mehr zu beherrschen drohe. In der Accounting-Forschung hat eine ganze Anzahl von Wissenschaftlern Ansätze der Politischen Ökonomie aufgegriffen und, wenn auch mit unterschiedlichen Gewichtungen, weiterentwickelt. So wurden Veränderungen in Form und Inhalt von Jahresabschlussberichten mit wandelnden Strategien der Kapitalakkumulation in Zusammenhang gebracht (Neimark 1992; Neimark/Tinker 1986). Weiter wurde vorgeschlagen, eine „Sozialkritik des Accounting“ (Tinker 1985: 201) zu etablieren, die mit der Begründung eines „emanzipatorischen Accounting“ (Tinker 1985: 201) einhergehen sollte. Andere haben sich weniger direkt an die Schriften von Marx angelehnt und sich mehr auf neuere Ansätze der Politischen Ökonomie bezogen. Hier wurden Unterschiede in der Regulierung des Accounting mit Unterschieden in den institutionellen und politischen Strukturen verschiedener Länder in Zusammenhang gebracht (Puxty et al. 1987) oder Funktionen des Accounting in industriellen Beziehungen und Tarifverhandlungen untersucht (Bougen 1989; Bougen et al. 1990). Die Herrschaft der Accounting-Kontrollen über Arbeitsprozesse in Großbritannien wurde mit dem Verweis auf das „collective mobility project“ der Accounting-Profession und ihrer dominanten Position erklärt, die sie und Accounting-Praktiken innerhalb der globalen Arbeitsweise des Kapitals erreicht hätten (Armstrong 1985, 1987). Im historischen Vergleich wurde die unterschiedliche Ausbreitung von Accounting-Praktiken, z. B. von standard costing, budgeting und performance reports, in Amerika und Großbritannien untersucht. Eine Anzahl weiterer Studien untersuchte die Wechselwirkungen zwischen staatlichem Handeln und Accounting-Politiken und ihre Folgen für die Güterverteilung (Arnold 1991) sowie Zusammenhänge zwischen Techniken des „cost accounting“ und den Bemühungen, Arbeitsprozesse zu kontrollieren. In jüngerer Zeit wurde die Wichtigkeit von Konzepten wie Klasse, Ideologie und Sozialstruktur in der Analyse von Arbeitsbeziehungen, insbesondere im Zusammenhang mit betrieblichen Reorganisationsprozessen, erneut hervorgehoben (Arnold 1998; Froud et al. 1998). In den frühen achtziger Jahren entstand ein weiteres Forschungsprogramm, das man als die Ethnographie des Accounting bezeichnen kann. Das Anliegen dieses Programms besteht darin, die Bedeutung und Vorstellungen von Akteuren, die Accounting-Techniken selbst entwickeln und benutzen, in ihrer unmittelbaren Umgebung zu untersuchen. Die meisten Untersuchungen konzentrieren sich hier auf Analysen der Bedingungen und Folgen von Accounting-Praktiken in spezifischen Organisationskontexten. In Fallstudien untersucht man die „gelebte Erfahrung“ einzelner Akteure und betont die Funktion des Accounting für die Ermöglichung und Strukturierung von Interaktion (Boland/Pondy 1983). Es wird versucht, ein Verständnis dafür zu entwickeln, auf welche Weise AccountingPraktiken in die Produktion und Reproduktion organisationalen Lebens eingebunden sind (Roberts/Scapens 1985). In der Ethnographie des Accounting bemüht man sich zu begreifen, was in einer bestimmten Situation gesagt, getan und gedacht wurde. Der Blick auf die wandelnden Beziehungen zwischen Volumen und Kosten in der verarbeitenden Industrie verlangt nach der Berücksichtigung lokal situierter Praktiken und Prozeduren, behaupten z. B. Jonnson und Gronlund (1988). Um die Entwicklung neuer Formen des Accounting hinreichend untersuchen und verstehen zu können, schaut man auf lokal situierte Bedeutungs- und Interaktionsmuster (Nahapiert 1988). Das Aufkommen neuer, im Accounting verankerter Organisationskulturen ist z. B. unter Zuhilfenahme von Ansätzen der interpretativen Sozialforschung
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analysiert worden (Dent 1991). In Untersuchungen der Fabrikation von Budgets (Preston et al. 1992) und des Einflusses der Inspektionstätigkeit des britischen Finanzamts auf interne Accounting-Prozeduren (Preston 1989) konnte so die Relevanz verschiedener Bedeutungsund Interpretationsmuster aufgezeigt werden. Des Weiteren hat eine Ethnographie über drei Krankenhäuser dazu beigetragen, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie und warum neue Accounting-Zahlen produziert werden und wie dies unter anderem durch die sozialen Verbindungen einer relativ kleinen Gruppe ermöglicht wird (Chua 1995). Daneben ist aufgezeigt worden, dass der Ausbildungsprozess des professionellen Accountant (Power 1991) in Analogie zur „moralischen Karriere eines Geisteskranken“ (Goffman 1961) betrachtet werden kann. Die drei oben vorgestellten Forschungsrichtungen erlauben es natürlich nicht, die ‚Wiederentdeckung’ des Accounting seit Mitte der siebziger Jahre vollständig und erschöpfend zu behandeln. Sie sprechen allerdings für die Vielfalt der Ansätze, die zur Analyse der gesellschaftlichen und organisationalen Signifikanz des Accounting herangezogen wurden und werden. Um die Wechselbeziehungen zwischen kalkulativen Praktiken und den verschiedenen Formen, in denen ihnen Sinn und Bedeutung zugeschrieben werden, allerdings umfassender zu verstehen, ist es sinnvoll, noch eine weitere Reihe an Arbeiten zu berücksichtigen. Charakteristisch für die Arbeiten, denen wir uns nun im nächsten Abschnitt zuwenden werden, ist ihr Fokus auf die Rolle des Accounting in Prozessen der Regierung und Steuerung ökonomischen Lebens. Accounting und die Regierung ökonomischen Lebens Mit Mitte der achtziger Jahre wurde zunehmend deutlich, dass Accounting weitaus mehr zu bewirken vermag, als ökonomische Realitäten widerzuspiegeln, und dass der Einflussbereich des Accounting sich weit über die Grenzen von Firmen und Organisationen hinaus erstreckt. Ein umfassenderes Verständnis davon, wie Accounting soziale Beziehungen formt und gestaltet, wie es unser Leben beeinflusst und verändert, blieb jedoch noch zu entwickeln. Erst mit Mitte der neunziger Jahre begann sich eine solche breitere Sichtweise auf das Accounting herauszubilden und zu etablieren. Möglich gemacht wurde dies durch eine Reihe unterschiedlicher, aber dennoch lose miteinander verbundener Arbeiten. Die Auseinandersetzung mit der Unternehmenskalkulation in verschiedenen kapitalistischen Ökonomien hatte bereits einige Jahre zuvor verschiedenen Formen der Organisation und Bedingungen der Unternehmensführung Aufmerksamkeit geschenkt (Cutler et al. 1977, 1978). Hier wurde die Ausbildung bestimmter Merkmale und Formen von Kalkulation unter anderem auf die Charakteristika bestimmter institutioneller und gesellschaftlicher Umfelder zurückgeführt. Die Gewinn- und Verlustrechnung wurde als Ergebnis bestimmter Normen und Messvorschriften gesehen, und jene Normen und Messvorschriften wiederum wurden in Bezug zu den nationalen Kontexten gesetzt, die sie hervorgebracht und zu ihrer Durchsetzung beigetragen haben. In diesem Zusammenhang wurde auch der Einfluss von Zielen und Praktiken der Wirtschaftspolitik auf die Konstitution kalkulativer Praktiken untersucht (Tomlinson 1994). In gewisser Weise wurden hier bereits einige der Argumente von Callon (1998) vorweggenommen: Ökonomische Kalkulation wurde als etwas betrachtet, das kalkulierender „Aktanten“ und Handlungen bedarf, die wiederum im Bezug auf ihre Einbettung in ein weit verzweigtes, organisationales und institutionelles Gerüst beschrieben werden können (Thompson 1986).
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Andere wiederum haben auf die Wichtigkeit der Untersuchung historisch spezifischer „Accounting-Konstellationen“ hingewiesen (Burchell et al. 1985). Unter dem Begriff der „Konstellation“ wurde der soziale Raum betrachtet, in dem sich, zu einem bestimmten Zeitpunkt, bestimmte Praktiken, Prozesse und Institutionen überkreuzen und miteinander verweben. Der Aufstieg und Niedergang des „value-added accounting“ wurde in diesem Zusammenhang im Kontext der verschiedenen Beziehungen betrachtet, die sich zwischen kalkulativen Praktiken und Normen, bestimmtem Wissen, Wirtschafts- und Verwaltungsprozessen sowie Institutionen herausbilden. Auf ähnliche Art und Weise, allerdings im Rückgriff auf anderes empirisches Material, hat auch Robson (1991) in seiner Studie über die Accounting Standardsetzung in Großbritannien diesen Ansatz explizit verfolgt und zu erweitern versucht. Robson zeigt auf, dass Accounting-Praktiken sich unter anderem dann wandeln, wenn eine bestimmte Gruppe oder Institution es schafft, andere Akteure in ihre Pläne und Sichtweisen mit einzubeziehen und deren Interessen in ihre Lösungsvorschläge zu übersetzen und einzuarbeiten. In diesem Prozess des „enrolment“ werden die Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Probleme hervorgehoben, Allianzen gebildet, Argumente mobilisiert und die Interessen anderer Gruppen, Parteien und Institutionen in ein gemeinsames Projekt überführt. Der Begriff der Praxis, wie er innerhalb und im weiteren Umfeld wissenschaftssoziologischer Studien ausgearbeitet worden ist, hat solche Auseinandersetzungen mit ökonomischer Kalkulation beeinflusst und bekräftigt. Hacking (1983) unterstreicht die Wichtigkeit, Prozesse der Intervention and Repräsentation in ihrer Verknüpfung miteinander zu betrachten. Er betont dies später noch einmal, allerdings hier in anderer Formulierung, mit seiner, auf den ersten Blick trügerisch einfach erscheinenden Einteilung verschiedener Elemente der Laborwissenschaften in „ideas, things and marks“ (Hacking 1992). Pickering (1992) vertritt eine ähnliche Auffassung mit seinem Verweis auf die Komplexität und Vielschichtigkeit von wissenschaftlicher Praxis, wie auch Knorr Cetina mit ihrem Begriff der „epistemischen Kulturen“ (Knorr Cetina 1999). Die gleichzeitige Auseinandersetzung mit Fragen der Repräsentation und Intervention mündeten unter anderem in der Ansicht, dass Instrumente, Maschinen und Modelle eine wichtige Vermittlungsfunktion zwischen verschiedenen Arenen und Akteuren ausüben können. Instruktiv ist in dieser Hinsicht auch die von Wise (1988) durchgeführte Untersuchung verschiedener Vermittlungsmodi, die an der Entwicklung der Dampfmaschine und des elektrischen Telegrafen beteiligt waren, auch wenn die Analyse dieser Modi in einer eher einfachen Sprache vom „sozialen Kontext“ gefasst ist. Wenn dieser „soziale Kontext“ existiere, behauptet Wise, dann nur in vermittelter Form. Eine Maschine, die in einem bestimmten sozialen Kontext fungiert, trage sowohl Ideen und Konzepte in und mit sich, die ihren technischen Betrieb erklären, als auch solche, die ihre soziale Funktion erläutern helfen. Durch diese beiden Ideensets, so Wise, interagieren Mensch und Gesellschaft mit der Maschine. Die gleichzeitige Einbettung technischer und sozialer Konzepte ermögliche es, dass Begriffe und Kategorien einer lokalen „scientific community“ und breitere, politische und ökonomische Konzepte sich wechselseitig definieren. In ähnlicher Weise können auch abstrakte Modelle als „mediating instruments“ (Morrison/Morgan 1999) fungieren. Modelle können deshalb als Werkzeuge wissenschaftlicher Untersuchungen fungieren, weil sie sich aus einer Mixtur sehr unterschiedlicher Elemente zusammensetzen. Morrison und Morgan zufolge gelte dies nicht nur für den Bereich der Naturwissenschaften, sondern auch für den der Sozialwissenschaften. Ob es sich um Modelle der Supraleitfähigkeit, Modelle
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des „confinement“ von Quarks, Leontiefs Input-Output Modelle oder Modelle multivariater Zeitreihenanalysen handelt, sie alle fungieren sowohl als Mittel der Intervention, wie auch als Mittel der Repräsentation. Des Weiteren spielen Modelle eine wichtige Rolle in der Messung, und somit nehmen sie ihren Platz ein neben Experimenten, Theorien und Erhebungsdaten als essentielle Bestandteile wissenschaftlicher Praxis. Callon (1998), der ebenfalls in seinen Arbeiten dem Thema der Kalkulation einen zentralen Stellenwert einräumt, setzt sich hauptsächlich mit der materiellen Wirklichkeit von komplexen kalkulativen Praktiken auseinander den Zahlen, Mechanismen und Inskriptionen, die für die Durchführung von Kalkulation von entscheidender Bedeutung sind. Kalkulation und agency seien zwei Seiten derselben Medaille, und die Existenz von calculative agencies sei eng korreliert mit dem Vorhandensein kalkulativer Werkzeuge. Werkzeuge und calculative agencies definieren sich ebenso wechselseitig wie Art und Inhalt der Kalkulationen, die von ihnen durchgeführt werden. Die Werkzeuge selbst sind flexibel, plastisch, unterschiedlich einsetzbar und veränderbar. Andere Autoren, wie MacKenzie und Millo (2003), haben sich in ähnlicher Weise mit dem Thema auseinandergesetzt, allerdings in diesem Falle mit Blick auf die „Performativität“ der Wirtschaftswissenschaften im Kontext des Optionshandels. Beunza und Stark (2004) beschreiben die Verbindungen zwischen Personen und Instrumenten in einem Trading Room der New Yorker Wall Street. Kalthoff (2005) untersucht Praktiken des bankwirtschaftlichen Risikomanagements. Er betrachtet Praktiken des Risikomanagements als epistemische Praktiken und „investments in form“ (Thévenot 1984), die Unternehmen und andere bankwirtschaftliche Objekte mitkonstituieren (vgl. dazu auch den Beitrag Kalthoffs in diesem Band). Diese Betonung der dynamischen und konstitutiven Funktion von Kalkulation hat sowohl den Horizont, als auch den Aktionsradius der Wirtschaftssoziologie erheblich erweitert und uns ein wesentlich besseres Verständnis von den Instrumenten geliefert, die die heutigen Finanzmärkte beleben. Jedoch sind während der, verständlicherweise wichtigen, Bemühungen darum, sich von überholten Begriffen des sozialen Kontexts zu distanzieren, Wechselwirkung und Zusammenspiel von Arten und Weisen des Kalkulierens und verschiedenen Weisen der Regierung und Steuerung ökonomischen Lebens aus dem Blickfeld geraten. So wie die Wirtschaftssoziologie dazu tendiert hat, kalkulative Praktiken zu übersehen, so führt der „technological turn“ in den Wissenschaftsstudien indirekt dazu, dass Ensembles von Kalkulationen, Inskriptionen, Taktiken, Strategien und Aspirationen, die historisch spezifische Machtmodi herausbilden und begründen helfen, vernachlässigt werden. Anders ausgedrückt ist der Fokus auf Instrumente (zumindest in den meisten Fällen) nicht begleitet von einer ebenfalls wichtigen Auseinandersetzung mit „Ideen“, wie Hacking (1992) es in entwaffnend einfacher Sprache nennt. Oder, noch anders ausgedrückt, die Analyse von Technologien geht nicht mit einer entsprechenden Analyse von politischen Programmen und Programmatiken einher. Eine ganze Reihe an Autoren (z. B. Gordon 1980; Miller/Rose 1990; Rose/Miller 1992) hat jedoch aufgezeigt, dass Programme und Technologien, Rationalitäten und Werkzeuge, Ideen und Instrumente gemeinsam untersucht werden müssen, wenn wir Prozesse der Regierung und Lenkung ökonomischen Lebens vollständig verstehen wollen. In Bezugnahme auf Foucaults Studien zum Verhältnis von Wissen und Macht hält Gordon (1980) uns dazu an, mehr Acht auf die komplexen und dichten Beziehungsgefüge, die zwischen Programmen und Techniken der Macht bestehen, zu geben. Ein programmatisches Schema, behauptet er, erfülle seine Bestimmung nur, wenn es durch die Ausarbeitung ent-
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sprechender Techniken komplementiert werde. Miller und Rose (1990) unterscheiden in ähnlicher Weise zwischen Programmen und Technologien der Macht, um diskursive und technische Dimensionen der „Gouvernementalität“ voneinander zu trennen. Jede Art von Regierung benötigt bestimmte Modi der Repräsentation und Wissen über den jeweiligen Herrschaftsbereich, genauso wie sie verschiedener Technologien bedarf, um auf die Regierungsobjekte, die sie erdenkt und entwirft, einwirken zu können. Rose und Miller (1992) haben aufgezeigt, dass Regierungsprogrammatiken erst durch Technologien betriebsfähig gemacht werden können. Und Kalkulation, so behaupten sie, sei einer der eminentesten Modi durch die Programme übersetzt und betriebsfähig gemacht werden können. Unter der Annahme, dass Ziffern und Zeichen intrinsisch mit Programmatiken verknüpft sind und die Bereiche, die sie repräsentieren, transformieren können, liefert die allein stehende Finanzzahl ein exzellentes Beispiel einer Technologie der Intervention (Miller 1994b). Denn die allein stehende Finanzzahl verleiht Dingen und Aktivitäten nicht nur Objektivität und Neutralität, sondern macht diese Aktivitäten auch dann vergleichbar, wenn sie sonst eher wenig miteinander gemein haben. Die allein stehende Finanzzahl, so wie sie von den kalkulativen Routinen des Accounting produziert wird, vermag es, Akteure und Aktivitäten in einen funktionierenden kalkulativen und programmatischen Gesamtzusammenhang einzubinden. So wie der Bereichsleiter eines multinationalen Unternehmens in ein „kalkulierendes Selbst“ transformiert werden kann, kann dies auch der Arzt, Sozialarbeiter oder Lehrer. Das „kalkulierende Selbst“ kann mit ganz verschiedenen kalkulativen Räumen verbunden werden: abstrakten Räumen, wie z. B. Profit Centers, oder physischen Räumen, wie z. B. einer Fabrikhalle oder einer Krankenstation. Und in diesem Prozess der Vermittlung, Intervention und Erfindung kann die Fabrik selbst in ein Labor umgewandelt werden, in dem sowohl mit neuen Formen der Kalkulation ‚experimentiert’ wird, als auch neue Formen der Identität und des Menschseins entworfen werden (Miller/O’Leary 1994). Auf die Wichtigkeit einer Analyse der Verbindungen zwischen Programmen und Technologien hat auch mit Nachdruck Power (1997) hingewiesen. In seinen Studien über Auditing hebt er hervor, dass zur Erklärung der „Audit Explosion“ sowohl Prozesse der Generalisierung der Audit-Idee, als auch die Fülle der Instrumente und Techniken der Audit-Praxis herangezogen werden müssen. Versuche Auditing zu definieren seien Bemühungen, festzuschreiben, was Auditing sein könnte oder sein sollte und somit Projektionen einer idealisierten, normativen Sicht auf sein Potential. Diese programmatische Dimension des Auditing ist entscheidend, denn hier werden breitere Ambitionen und politische Ziele des Auditing entwickelt und vorgestellt. Regulierungsbehörden und -systeme machen sich Auditing für die Projektion ihrer Programmatiken zunutze und passen es in ganz verschiedene politische Programme, Ziele und Arenen ein. Techniken des Auditing, wie z. B. Checklisten, die Erstellung von Untersuchungsproben oder bestimmte analytische Prüfungsverfahren, wiederum sind von „Unterprogrammen und Metadiskursen“ umgeben. Powers doppelter Fokus auf technische und programmatische Aspekte des Auditing ermöglicht es ihm, seine Analyse von technokratischen und funktionalistischen Sichtweisen zu distanzieren. Auditing mag zwar aus einer Ansammlung von Tests und Evidenz generierenden Tätigkeiten bestehen, jedoch stellt es genauso eine „assemblage“ von Werten und Zielen dar, die ihm in den offiziellen Programmatiken, die es begehren und anfordern, zugewiesen werden. Rückblickend kann gesagt werden, dass mit den neunziger Jahren die konstitutiven und schöpferischen Eigenschaften kalkulativer Praktiken zu einem festen Bestandteil einer
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ganzen Reihe von Studien geworden sind. Zunehmend wird akzeptiert, dass wirtschaftliche Kalkulationen soziale Beziehungen gestalten sowie unsere Sicht auf uns selbst und andere beeinflussen. Jedoch ist die Wichtigkeit einer Analyse der Verbindungen zwischen Ideen und Praktiken der Kalkulation, zwischen Programmen und Technologien der Kalkulation, weitaus weniger fest etabliert. Das Zusammenspiel von Ideen und Praktiken, Programmen und Technologien der Kalkulation ermöglicht es jedoch erst, die Funktionen verschiedener kalkulativer Praktiken für die Regierung und Steuerung ökonomischen Lebens zu verstehen, und ist von zentraler Wichtigkeit für eine Soziologie des Accounting, wenn sie denn überkommene Begriffe des Kontexts überwinden und eine Sicht auf kalkulative Praktiken als Selbstläufer vermeiden will. Schluss Dieser Aufsatz behandelte die Frage, wie und warum in der Soziologie das Rechnungswesen (Accounting) für ungefähr ein halbes Jahrhundert in Vergessenheit geraten konnte. Er skizzierte die eigenartig punktuelle Geschichte der soziologischen Auseinandersetzung mit Accounting und Accounting-Praktiken innerhalb des letzten Jahrhunderts. Während das Rechnungswesen noch einen zentralen Platz in der Soziologie des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts eingenommen hatte, verschwand es danach für ca. ein halbes Jahrhundert aus dem Blickfeld der Soziologen. Als das Accounting als Untersuchungsobjekt von den Sozialwissenschaften in den fünfziger und sechziger Jahren ‚wiederentdeckt’ wurde, fand dies in einem relativ engen Rahmen statt, der durch den sozialpsychologischen Fokus auf Gruppen und Gruppenprozesse abgesteckt war. Erst in den siebziger Jahren wurde das Interesse an den gesellschaftlichen und organisationalen Dimensionen des Accounting wieder langsam wach. Und erst Mitte der Achtziger begann man sich mit Fragen nach den Funktionen des Accounting für die Regierung und Steuerung ökonomischen Lebens auseinanderzusetzen. Dieser Beitrag hat diesen Prozess in seinen Konturen dargestellt und eine erste vorsichtige, aber ohne Zweifel nicht vollständige, Erklärung für seinen Verlauf angeboten. Es wurde vorgeschlagen, dass im Kern dieses Phänomens das Fehlen bzw. Aufkommen einer Analyse kalkulativer Praktiken liegt. Während das ‚Vergessen’, zumindest in Teilen, auf die Unfähigkeit oder das Versagen der Soziologen zurückgeführt werden kann, sich adäquat mit der Reichweite und Vielfältigkeit von Accounting-Praktiken auseinanderzusetzen, so kann die Wiederentdeckung des Accounting im Gegenzug mit der Wiederentdeckung bzw. erneuten Konzentration auf die Funktionen von Accounting-Praktiken in der Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft erklärt werden. Aus diesem synoptischen Rückblick auf mehr als ein Jahrhundert soziologischer Auseinandersetzung mit Accounting können eine Anzahl verschiedener Schlussfolgerungen gezogen werden. Erstens haben der „technological turn“ in der Wissenschaftssoziologie sowie die Wiederentdeckung der Wirtschaft als soziologisches Untersuchungsobjekt direkt und indirekt dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit der Soziologie erneut auf das Accounting und andere verwandte Formen der ökonomischen Kalkulation zu lenken (vgl. dazu auch die Beiträge von Heintz, Kalthoff, Preda und Vormbusch in diesem Band). Aber dies war zumindest bislang nicht gepaart mit der Entwicklung eines gleichwertigen Interesses an breiter angelegten Fragestellungen, die die Regierung und Lenkung ökonomischen Lebens betreffen.
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Das fast ausschließliche Interesse an kalkulativen Praktiken hat dazu beigetragen, dass Fragen nach den ‚Ideen’ oder ‚Programmen’ der Kalkulation häufig an den Rand der Aufmerksamkeit gedrängt werden. Dies ist bedauerlich, da wir doch weiter oben gesehen haben, dass Praktiken des Auditing nicht von Ideen des Auditing getrennt werden können. Die Kalkulation von Varianzen und der Abweichung von Standards ist untrennbar mit Konzepten der Effizienz verbunden. Praktiken des Benchmarking gehen typischerweise Hand in Hand mit breiteren Diskursen über Wettbewerbsfähigkeit. Und die Sprache der Märkte kann dazu beitragen, die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Sektor zu verschieben und eine Lawine an Zahlen loszutreten, die von einer ganzen Reihe verschiedener Kalkulationsmaschinen produziert wird. Wir sollten uns nicht nur mit der konstitutiven Funktion kalkulativer Praktiken auseinandersetzen, sondern uns ebenso damit beschäftigen, wie Kalkulationen mit Bedeutungen versehen werden, die über die unmittelbaren Aufgaben, die ihnen zugewiesen werden, hinausgehen. Selbst noch so alltägliche und banale kalkulative Tätigkeiten führen immer auch ein Bündel an weitergehenden Gedanken und Ideen mit sich. Ob es sich dabei um die Wechselbeziehung zwischen Praktiken der Evaluierung und Vorstellungen einer elektronischen Zukunft in der Mikroprozessorindustrie handelt (Miller/O’Leary 2006) oder um den Zusammenhang zwischen Instrumenten, die die Performanz des Gesundheitswesens berechnen, und weiteren Prozessen der Vermarktlichung – eine Untersuchung der Verbindungen zwischen Techniken und Programmatiken der Kalkulation ist vonnöten, wenn wir ein hinreichendes Verständnis darüber entwickeln wollen, wie ökonomisches Leben bestimmt, gestaltet und regiert wird. Zweitens ist deutlich geworden, dass wir uns mit den Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaften, Finanztheorie und Finanzinstitutionen, genauer beschäftigen müssen. Allerdings sollten wir beachten, dass sich nicht alle Arten ökonomischer Kalkulation notwendigerweise von den Wirtschaftswissenschaften her ableiten lassen oder diesen untergeordnet werden können. Wir müssen uns deshalb stärker mit dem Komplex an Wissen und Praktiken, die ökonomisches Leben gestalten, repräsentieren und in es intervenieren, empirisch auseinandersetzen. Wir sollten die Verbindungen zwischen den verschiedenen Disziplinen und Praktiken, die mithelfen, der Wirtschaft ihre gegenwärtige Form zu verleihen, untersuchen. Accounting, Versicherungswissenschaft, angewandte Psychologie, Ingenieurswissenschaften, Finanzwissenschaften, Operations Research und, neuerdings, Risikoanalysen gehören zu den Disziplinen, denen wir uns zuwenden sollten. Natürlich sind viele dieser Disziplinen mit den Wirtschaftswissenschaften auf die eine oder andere Weise mehr oder weniger eng verbunden. Jedoch sind es die „assemblages“, die sich aus einer Vielzahl verschiedener Konzepte und Praktiken zusammensetzen, und deren variablen und durchlässigen Grenzen, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken sollten. Denn durch sie werden Eingriffe in die Ökonomie ermöglicht und wichtige Prozesse der Hybridisierung von Praxis in Gang gebracht. Drittens haben wir angemerkt, dass die ‚Wiederentdeckung’ des Accounting durch die Soziologie geografisch unterschiedlich verlaufen ist und dass das Untersuchungsobjekt Accounting es bis heute nicht geschafft hat, bis in die Hauptströmung der Wirtschaftssoziologie vorzudringen. Während die Wissenschaftssoziologie dazu tendierte, Fragen nach der Regierung und Lenkung ökonomischen Lebens auszublenden, hat sich die herkömmliche Wirtschaftssoziologie weiterhin mehr oder weniger ausschließlich mit der Analyse von Institutionen, Organisationen und Netzwerken befasst und dabei die Bedeutung kalkulativer
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Praktiken fast vollständig vernachlässigt.9 Beides ist bedauerlich und widersinnig. Während in unserer viel gerühmten und kritisierten ‚globalen’ transnationalen Welt die Praktiken und Ideen, von denen die Wirtschaft belebt und angetrieben wird, weiterhin die nationalen Grenzen mehr und mehr verschwinden lassen, sind die Disziplinen, die diese Prozesse untersuchen, in geografischer wie intellektueller Hinsicht bis heute in bemerkenswerter Weise voneinander abgegrenzt geblieben. Übersetzung: Andrea Mennicken Literatur Abolafia, M.Y. (1996): Making Markets. Cambridge, Mass.: Harvard University Press. Amin, A./Thrift, N. (2004): The Blackwell Cultural Economy Reader. Oxford: Blackwell. Ansari, S./Euske, K. (1987): Rational, Rationalizing and Reifying Uses of Accounting Data in Organizations. In: Accounting, Organizations and Society 12, S. 549-570. Argyris, C. (1952): The Impact of Budgets on People. Controllership Foundation. Armstrong, P. (1985): Changing Management Control Strategies: The Role of Competition Between Accountancy and Other Organisational Professions. In: Accounting, Organizations and Society 10, S. 129-148. Armstrong, P. (1987): The Rise of Accounting Controls in British Capitalist Enterprises. In: Accounting, Organizations and Society 12, S. 415-436. Arnold, P. (1998): The Limits of Postmodernism in Accounting History: The Decatur Experience. In: Accounting, Organizations and Society 23, S. 665-684. Arnold, P. (1991): Accounting and the State: Consequences of Merger and Acquisition Accounting in the US Hospital Industry. In: Accounting, Organizations and Society 16, S. 121-140. Barnard, C.I. (1938): The Functions of the Executive. Cambridge, Mass.: Harvard University Press. Becker, S./Green, D. (1962): Budgeting and Employee Behavior. In: The Journal of Business, S. 392-402. Berry, A.J./Capps, T./Cooper, D./Ferguson, P./Hopper, T./Lowe, E.A. (1985): Management Accounting in an Area of the NCB: Rationales of Accounting Practices in a Public Enterprise. In: Accounting, Organizations and Society 10, S. 3-28. Beunza, D./Stark, D. (2004): Tools of the Trade: The Socio-Technology of Arbitrage in a Wall Street Trading Room. In: Industrial and Corporate Change 13, S. 369-400. Bion, W. (1946): The Leaderless Group Project. In: Bulletin of the Menninger Clinic, Volume 10. Boland, R.J./Pondy, L.R. (1983): Accounting in Organizations: A Union of Natural and Rational Perspectives. In: Accounting, Organizations and Society 8, S. 223-234. Bougen, P. (1989): The Emergence, Roles and Consequences of an Accounting-Industrial Relations Interaction. In: Accounting, Organizations and Society 14, S. 203-234. Bougen, P.D./Ogden, S.G./Outram, Q. (1990): The Appearance and Disappearance of Accounting: Wage Determination in the UK Coal Industry. In: Accounting, Organizations and Society 15, S. 149-170. Braverman, H. (1974): Labor and Monopoly Capital: The Degradation of Work in the Twentieth Century. New York: Monthly Review Press. Burchell, S./Clubb, C./Hopwood, A./Hughes, J. (1980): The Roles of Accounting in Organizations and Society. In: Accounting, Organizations and Society 5, S. 5-27. Burchell, S./Clubb, C./Hopwood, A.G. (1985): Accounting in its Social Context: Towards a History of Value Added in the United Kingdom. In: Accounting, Organizations and Society 10, S. 381-413. 9
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Uwe Vormbusch Der folgende Beitrag untersucht zwei Thesen: Erstens beginnen sich im Feld der gesellschaftlichen Steuerung und Kontrolle spezifische Formen des ‚Rechenschreibens’ und ‚Rechensprechens’ durchzusetzen. Sie repräsentieren den Versuch, gesellschaftliche Phänomene im Medium organisierten Zahlengebrauchs zu rekonstruieren und zu manipulieren. Einer ihrer historischen Vorläufer ist in der doppelten Buchführung zu sehen, welche sich in Europa seit dem 13., 14. Jahrhundert als „Schrift des Kapitals“ (vgl. Baecker 1993) zu etablieren begann. Gegenwärtig lässt sich vor dem Hintergrund der Steuerungsanforderungen moderner kapitalistischer Gesellschaften eine gesellschaftliche Verallgemeinerung dieser Formen des Rechenschreibens in Gestalt soziokalkulativer Praktiken beobachten, in deren Zuge aus der ökonomischen Schrift des Kapitals eine ‚Schrift der Gesellschaft’ wird. Zweitens wird argumentiert, dass soziokalkulative Praktiken auf der Ebene der Kulturtechniken auf die Verbreitung ‚kalkulativer Lesefähigkeiten’ angewiesen sind (numeracy). Die erste These zielt offensichtlich auf die ökonomische und politische Relevanz kalkulativer Praktiken, d. h. auf ihre Systemfunktionen. Die zweite These hebt dagegen auf Prozesse der individuellen und kollektiven Deutung moderner Gesellschaften im Medium kalkulativer Praktiken ab, d. h. auf die Art und Weise, in der wir unserer Welt handlungspraktisch einen Sinn geben, auf welche Deutungsmuster wir uns hierbei stützen, und schließlich auf die kulturelle Legitimität kalkulativer Praktiken und Konstrukte, d. h. auf die Bereitschaft, diese als angemessene und legitime Darstellungsformen der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu akzeptieren. Welche ‚Wirklichkeit’ nimmt das ‚Zahlenwissen’ für uns heute an, nachdem es historisch betrachtet den engen Käfig der wirtschaftlichen Buchführung längst verlassen hat und zu einer gesellschaftlich beinahe ubiquitären Praxis geworden ist? Diese Frage nach der Kulturbedeutung des Kalkulativen ist die Frage danach, welche spezifische gesellschaftliche Wirklichkeit die handelnden Subjekte mit kalkulativen Konstrukten und kalkulativen Praktiken verbinden. Da diese ‚innere Wirklichkeit’ der wissenschaftlichen Beobachtung weitgehend verborgen ist und zumindest die Soziologie keinen Anspruch darauf erhebt, diese erschließen zu können, müssen hierzu Handlungsstrategien und Aushandlungsprozesse in solchen Feldern rekonstruiert werden, die durch kalkulative Praktiken geprägt sind. Systemfunktionen und kulturelle Basis kalkulativer Praktiken sind zwei eng miteinander verknüpfte Aspekte einer gesellschaftlichen Kalkulationsweise. Der Begriff der Produktionsweise wird in der Regel ausgehend von Marx als eine Form des gesellschaftlichen Zusammenspiels von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen verstanden. Eine Kalkulationsweise ist dementsprechend ein spezifischer Teil dieses Wechselspiels, der sowohl die Techniken der zahlenbasierten Steuerung und Kontrolle in Wirtschaft und Gesellschaft umfasst, als auch die kulturelle Relevanz kalkulativer Praktiken und schließlich den Pool an Lese- und Interpretationskompetenzen, ohne den die „gesellschaftliche Macht der Zahlen“ (Vormbusch 2004; Wagner 2005) auf tönernen Füßen stehen würde. So wie
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neue Formen der Schriftlichkeit, wie der Druck und das Lesen von Büchern, an die gesellschaftliche Diffusion entsprechender Lesefähigkeiten und -neigungen gebunden war und diese zugleich beförderte, so sind auch die gesellschaftlichen Formen des Rechenschreibens an die Verbreitung entsprechender Lese- und Interpretationskompetenzen gebunden, für welche im Folgenden der Sammelbegriff der „numeracy“ verwendet wird. „Literacy skills have a significant impact on economic success” (OECD/UNESCOUIS 2003: 36). Gesellschaftliche Schreib- und Lesefähigkeiten, deren Oberbegriff im angelsächsischen Sprachgebrauch „literacy“ bildet, sind laut der internationalen PISA-Studie auch auf der Ebene individueller Denkweisen relevant: „Literacy provides access to literate institutions and resources, and it has an impact on cognition because it shapes the way in which we think“ (OECD/UNECO-UIS 2003: 36; Hervorhebung U.V.). PISA testet und misst Lese- und mathematisches Verständnis dabei in getrennten Erhebungsabschnitten bzw. Skalen. Einer der Aspekte kulturell und ökonomisch relevanter Lesefähigkeiten und entsprechend eine der Skalen in diesem Zusammenhang ist die „mathematical literacy scale“. Aufschlussreich für unsere Fragestellung ist hierbei, dass „mathematical literacy“ konzeptionell nicht allein als die Fähigkeit aufgefasst wird, mathematisch abstrakte Gleichungen und Aufgaben zu lösen, sondern als die Fähigkeit sowie die Bereitschaft, mathematisches Wissen und Fähigkeiten praktisch anzuwenden. Bestandteil von PISA sind also nicht nur entsprechende (kognitive) Fähigkeiten, sondern gewissermaßen auch eine Disposition, sozialen Phänomenen im Medium des Zahlengebrauchs einen Sinn zu verleihen. Insbesondere soll die Kompetenz jugendlicher SchülerInnen evaluiert werden, Einschätzungen zu sozialen Sachverhalten abgeben zu können, welche numerisch bzw. kalkulativ1 dargestellt und aufbereitet werden, d. h. zum Beispiel komplexe kalkulative Schemata wie einen politischen ‚Haushalt’ oder einen Bildungsetat verstehen und eine Meinung hierzu bilden zu können. „Mathematical literacy“ soll im Folgenden als ein Teil des weiter gefassten Konzepts der „numeracy“ interpretiert werden. Die Ergänzung des Oxford English Dictionary von 1976 definiert „numeracy“ als „ability with or knowledge of numbers“ und führt den Begriff auf einen 1959 erschienenen Report über Bildung in England zurück, in dem „illiterate scientists“ den „innumerate humanists“ gegenübergestellt werden (vgl. Cohen 1999: 4f.). Diese Unterscheidung reflektiert eine tief verankerte kulturelle Überzeugung, welche ‚Zählen’ und ‚Erzählen’ (vgl. Hörisch 2002) ganz unterschiedlichen Wissens- und Wissenschaftskulturen exklusiv zurechnet – eine Unterscheidung, deren Einfachheit ihrer Fruchtbarkeit diametral entgegengesetzt ist. Im Übrigen wurde und wird der Begriff der „numeracy“ in Analogie zu „literacy“ verwendet. Er scheint regelmäßig lediglich in politischen Debatten über die Reorganisation des Bildungswesens in Großbritannien verwendet zu werden. In den USA wird stattdessen der Begriff der „quantitative literacy“, in PISA der (engere) Begriff der „mathematical literacy“ verwendet. „Numeracy“ wird auf der Homepage des UK Department for Education and Skills folgendermaßen definiert (Hervorhebungen U.V.): 1
Im Folgenden wird der Ausdruck des „Numerischen“ durch denjenigen des „Kalkulativen“ (des kalkulativen Handelns etc.) ersetzt, weil dieser im Sinne kalkulativer sozialer Praktiken („calculative practices“) in der kritischen angelsächsischen Accounting-Forschung fest etabliert ist (vgl. z. B. Vollmer 2003, 2004). Die Verwendung des Begriffs der „kalkulativen Praktiken“ in diesem Kontext verdeutlicht, dass hiermit – ebenso wie im Fall von PISA – keine abstrakten mathematischen Operationen gemeint sind, sondern eine spezifische soziale Praxis, welche gesellschaftliche Phänomene im Medium des Zahlengebrauchs rekonstruiert und verändert.
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„Numeracy is a proficiency which is developed mainly in mathematics but also in other subjects. It is more than an ability to do basic arithmetic. It involves developing confidence and competence with numbers and measures. It requires understanding of the number system, a repertoire of mathematical techniques, and an inclination and ability to solve quantitative or spatial problems in a range of contexts. Numeracy also demands understanding of the ways in which data are gathered by counting and measuring, and presented in graphs, diagrams, charts and tables.”
Bemerkenswert ist, dass hier ausführlicher als in der PISA-basierten Definition die Relevanz der sozialen Praktiken des Messens und der Aufbereitung von Messergebnissen in Graphiken, Diagrammen, Tabellen und ähnlichem hervorgehoben wird. Numeracy wird so zu einem komplexen Sammelbegriff, unter den verschiedene Transformationspraktiken subsumiert werden: die Überführung von Wahrnehmungen in „Daten“ durch Weisen des Kategorisierens und Zählens sowie die diesbezüglichen Übereinkünfte ebenso wie die Visualisierung dieser Transformationen in Graphen, Tabellen und Schaubildern und die praktischen Fähigkeiten des Umgangs hiermit (vgl. zum Aspekt der Visualisierung die Beiträge in Lynch/Woolgar 1988; Kalthoff 2000). Im Folgenden soll zunächst anhand der Arbeiten Werner Sombarts zum Zusammenhang von Buchführung und der Genese des okzidentalen Kapitalismus der Kulturbedeutung des Kalkulativen nachgegangen werden. Seine Arbeiten zum „modernen Kapitalismus“ können auch als die Frage danach interpretiert werden, in welcher Weise die doppelte Buchführung als zentraler Baustein der Kalkulationsweise des aufkommenden Kapitalismus sowohl eine spezifische Denkweise als auch die spezifischen Erwerbsmotive der Trägerschichten dieses Kapitalismus mit hervorbrachte. Im Anschluss hieran soll anhand des Konzepts der Soziokalkulation nach der Bedeutung kalkulativer Praktiken für die Steuerung der fortgeschrittenen Gegenwartsgesellschaften gefragt werden. Die These lautet, dass kalkulative Praktiken in den modernen Gegenwartsgesellschaften eine historisch neuartige Textform des Rechenschreibens etablieren. Deren Bedeutung geht weit über ihren ökonomischen Entstehungskontext hinaus, Formen der Soziokalkulation werden zu einer generalisierbaren Basis von Steuerung und Kontrolle in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Handlungsfeldern (vgl. auch den Beitrag von Schmidt im vorliegenden Band). Die Relevanz kalkulativer Praktiken und Konstrukte liegt in diesem Zusammenhang nicht darin, dass sie der einzige Schlüssel zu einer kritischen Gesellschaftsanalyse wären, sondern darin, dass sie ein immer wichtigerer Baustein politischer und ökonomischer Programme und Rationalitäten sind (vgl. Miller 1992: 80). Die Genese des okzidentalen Kapitalismus und die doppelte Buchführung Zeitgleich untersuchten sowohl Max Weber als auch Werner Sombart die doppelte Buchführung im Zusammenhang der Genese des okzidentalen Kapitalismus. Ihnen geht es in diesem Zusammenhang keineswegs nur um technische Innovationen der Buchführung und der Organisation von Wirtschaftsunternehmungen, sondern um das Wechselspiel der gesellschaftlichen Wirkungen und der gesellschaftlichen Bedingtheit der Buchführung – d. h. um ihre ‚Kulturbedeutung’. Weber konzentriert sich dabei auf den Aspekt der Organisierung bzw. Bürokratisierung, während Sombart sich wesentlich ausführlicher mit der Evolution der buchhalterischen Techniken in den norditalienischen Stadtstaaten im 13. und 14.
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Jahrhundert und ihrer Einbettung in den Wandel der Unternehmensformen und der Wirtschaft auseinandersetzt. Seine Frage nach dem Verhältnis von Kalkulation und modernem Kapitalismus ist die doppelte Frage nach der Relevanz kalkulativer Praktiken für das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem und für die Handlungsmotive bzw. die Denkweise der Trägerschichten dieses Wirtschaftssystems. Es ist Sombart, der die Buchführung in ihrer Funktion als Bindeglied zwischen der Organisation von Unternehmungen und der Entfaltung des kapitalistischen „Erwerbstriebes“ als eines Teiles des „kapitalistischen Geistes“ untersucht. Ohne doppelte Buchführung, so Sombart, kein Kapitalismus: „Man kann schlechthin Kapitalismus ohne doppelte Buchführung nicht denken: sie verhalten sich wie Form und Inhalt zueinander. Und man kann im Zweifel sein, ob sich der Kapitalismus in der doppelten Buchführung ein Werkzeug, um seine Kräfte zu betätigen, geschaffen oder ob die doppelte Buchhaltung erst den Kapitalismus aus ihrem Geiste geboren habe.“ (Sombart 1987: 118)
Seine Analyse des Verhältnisses von Buchführung und Kapitalismus ist Teil der weiter gefassten Analyse historisch distinkter Gesellschaftsformationen. Sombarts einschlägiger Begriff des „Wirtschaftssystems“ orientiert sich an der von Marx gut fünfzig Jahre vor ihm entwickelten Theorie des historischen Materialismus, mit dem Unterschied allerdings, dass Sombart neben der „Ordnung des Wirtschaftslebens“ (den „Produktionsverhältnissen“) und der „Technik“ (den „Produktivkräften“) eine dritte Grundkategorie, die des „Geistes im Wirtschaftsleben“ einführt. Dieser Geist sei entweder vom Bedarfs- oder vom Erwerbsprinzip geprägt, entweder von traditionaler oder rationalistisch-effizienzorientierter Mittelwahl und entweder von einem individualistischen oder aber solidarischen Verhalten der Subjekte zueinander (vgl. Appel 1992: 104). Durch die Einführung des „Geistes im Wirtschaftsleben“ wird die „materialistische Analyse (...) ergänzt durch eine Darstellung der mentalen Triebkräfte, die hinter den wirtschaftlichen Handlungen stehen“ (Appel 1992: 107). Die Eigenart des europäisch-amerikanischen Kapitalismus liegt für Sombart wie für Weber in der Verbindung dieser historisch neuartigen Wirtschaftsgesinnung – des „kapitalistischen Geistes“ – mit Veränderungen der wirtschaftlichen Organisations- und Verkehrsformen, denn kapitalistische Verkehrsformen – hier stimmen beide vollkommen überein – habe es in unterschiedlichen Epochen und Weltregionen gegeben (vgl. Weber 1958: 303). Auch wenn Sombart und Weber geteilter Meinung über die Ursprünge und demzufolge auch über den historischen Zeitpunkt des Auftretens der methodisch-rationalen Lebensführung und des ökonomischen Rationalismus sind, so teilen sie neben der charakteristischen Betonung des „Geistes“ im Wirtschaftsleben das Interesse an Buchführungstechniken für die Analyse der kapitalistischen Entwicklungsdynamik. Die Genese des Kapitalismus ist erstens, so ihre gemeinsame Überzeugung, an die Psychogenese affiner Handlungsdispositionen bzw. Motivlagen gebunden. Zweitens – und hier trennen sich ihre Wege – deutet Sombart diese Psychogenese im Zusammenhang der Kulturbedeutung bestimmter technisch-kultureller Innovationen, insbesondere der Kapitalrechnung, während Weber die Bedeutung einer religiös begründeten Ethik der protestantischen Sekten hervorhebt. Insbesondere die Sombartsche Zusammenhangsthese öffnet eine gesellschaftstheoretisch reiche Perspektive auf den Zusammenhang von Kalkulation und Kapitalismus. Denn so gesehen findet das Kalkulative nicht allein auf der Ebene des Wirtschaftssystems – als Form der Repräsentation ökonomischer Prozesse, als Controlling etc. – seinen Ausdruck. Es reicht stattdessen bis in die subjektiven Handlungsmotive, die indivi-
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duellen Antriebe und ihre kulturelle Verankerung hinein und prägt diese in einer für die Herausbildung des kapitalistischen Wirtschaftssystems entscheidenden Weise. Die Bilanz steht stellvertretend für das methodische und theoretische Anliegen Sombarts, das kapitalistische Wirtschaftssystem als Verbindung struktureller und ideeller Bewegungsmomente zu betrachten. Sie ist für ihn das Scharnier, mittels dessen das kapitalistische Handlungssystem und das gesellschaftliche Inventar wirtschaftlicher Handlungsmotive miteinander verbunden werden. Neben der (äußeren) Ordnung der wirtschaftlichen Vorgänge sieht Sombart (1987: 119) eine im Hinblick auf die Formierung der wirtschaftlichen Handlungsmotive „innere“ Wirkung der doppelten Buchführung in der Trennung des abstrakten Gewinnziels „von allen naturalen Zwecken der Unterhaltsfürsorge“ und damit von den Prämissen der mittelalterlichen Bedarfswirtschaft. Der Ordnung der äußeren Wirtschaftsvorfälle entspricht sozusagen die Herstellung einer für entscheidende Trägerschichten des frühen Kapitalismus verbindlichen inneren Ökonomie, welche die Motivstruktur der Wirtschaftssubjekte grundlegend zu verändern weiß. An die Stelle der mittelalterlichen Bedarfs- tritt die rational-kontinuierliche Erwerbsorientierung. Damit aber ist eine radikale Veränderung der wirtschaftlichen Handlungsmotive bezeichnet. Die doppelte Buchführung stellt demnach auch ein ökonomisches Deutungsmuster dar, welches die Aufmerksamkeit der Wirtschaftssubjekte auf einen einzigen Zweck lenkt: die Vermehrung des Buchgewinns. „Wer sich in die doppelte Buchhaltung vertieft, vergißt alle Güter- und Leistungsqualitäten, vergißt alle organische Beschränktheit des Bedarfsdeckungsprinzips und erfüllt sich mit der einzigen Idee des Erwerbes (...)“ (Sombart 1987: 120). Die doppelte Buchführung ist das Medium der Durchsetzung einer ebenso abstrakten wie schrankenlosen Profitorientierung. Gleichzeitig vollzieht sich über sie ein enormer Schub der Rationalisierung der Wirtschaft; alle wirtschaftlichen Vorgänge werden in quantitativen Begriffen darstellbar, Wirtschaft erhält die (letztlich inhaltsbestimmende) Form der „allgemeinen Rechenhaftigkeit“ (Sombart 1987: 120). Alle wirtschaftlichen Erscheinungen nur in Quantitäten zu erfassen, löst einen enormen Schub sowohl für die formale Rationalisierung des Wirtschaftslebens als auch für die Abstraktifizierung des Erwerbsprinzips, d. h. seine Loslösung von bedarfsorientierten Erwägungen, aus. Die doppelte Buchführung ist somit ein wesentlicher Bestandteil der Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit unter kapitalistischen Bedingungen und gleichzeitig konstituiert sie das spezifisch Kapitalistische dieser Wirtschaft mit (zusammen mit ebenso grundlegenden Aspekten wie der Betriebsförmigkeit der Arbeit, der Orientierung an kontinuierlichem Erwerb, dem kapitalistischem Geist): durch die mit ihr implizierten Quantifizierung, durch sowohl die regulative Idee als auch die konkrete Organisation des Kreislaufs des Kapitals und schließlich durch die hiermit implizierte Idee der Vermehrung des Kapitals um des Kapitals willen. Indem sie in dieser Weise den Begriff und die Vorstellung von Kapital erst erzeugt, schafft sie gleichzeitig die spezifische Vorstellung der kapitalistischen Unternehmung als der Organisationsform des Prozesses der Kapitalverwertung. Die Einheit des „Geschäfts“ leitet sich nicht mehr aus der unverwechselbaren Person des Unternehmers ab, vielmehr tritt sie „dem Unternehmer als ein Selbständiges gegenüber, das nach inneren, eigenen Gesetzen bewegt wird“ (Sombart 1987: 123). Die doppelte Buchführung als das paradigmatische kapitalistische Zeichensystem ist so gesehen nicht nur im technischen Sinne eine „doppelte“, sondern auch, insofern sie eine neue und doppelte Realität für die Wirtschaftssubjekte erzeugt. Diese tritt dem Unternehmer in ihrer entwickelten Form als etwas Objektives, als systemisch verankerter Hand-
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lungszwang gegenüber, an dem er sich bei Strafe des Untergangs zu orientieren hat. Sie bildet aber auch einen Teil seiner inneren Realität und formiert als solche die Handlungsmotive kapitalistischen Wirtschaftens. Die Buchführung erscheint so – noch weit vor den Arbeiten der kritischen Accounting-Forschung des 20. Jahrhunderts – nicht als ein technisches Instrument zur Lösung von ‚Sachproblemen’, sondern als eine Kulturtechnik, durch welche der Erwerbstrieb zugleich entfesselt als auch in spezifisch kapitalistischer Weise geformt werden konnte. Während es für Weber die innerweltlichen Wirkungen bestimmter Glaubensüberzeugungen, insbesondere des Protestantismus sind, welche den ursprünglich rohen und gewalttätigen Erwerbstrieb in ein Handlungsmotiv des disziplinierten, temperierten und zugleich entgrenzten Kapitalismus umformen, ist es bei Sombart die doppelte Buchführung, welche dieses gleichsam unbehauene und ungestüme Erwerbsmotiv in rational-kalkulierte Bahnen lenkt. Folgt man der von Sombart vorgeschlagenen Argumentation, dann liegt die soziogenetische Bedeutung der doppelten Buchführung darin, dass sie auf beiden Vergesellschaftungsebenen – sowohl der Ebene der systemischen Verknüpfung von Handlungen und Handlungsfolgen als auch auf der Ebene der psychischen Dispositionen und Motivlagen – wirksam wurde. Hierdurch ist die Durchdringung der kapitalistischen Entwicklungsdynamik auf den Ebenen von Person, Kultur und System und damit der Siegeszug des Kapitalismus überhaupt erst möglich geworden. Das erinnert – nicht zufällig – an die Funktionen, welche im Rahmen der zitierten PISA-Studie den „literacy skills“ zugesprochen werden, nämlich sowohl für die ökonomische Leistungsfähigkeit von Gesellschaften, als auch für das ‚Denken’ ihrer Mitglieder von fundamentaler Bedeutung zu sein. Sombart gelangt zu der beinahe euphorischen Einschätzung der wirtschafts- und soziogenetischen Bedeutung der doppelten Buchführung durch die Annahme, dass sie zwei Aspekte des „kapitalistischen Geistes“ – die allgemeine Rechenhaftigkeit des bürgerlichen Subjekts und den „Erwerbstrieb“ des Unternehmers – fundamental verändert. Aus einem an dem konkreten Lebens- bzw. Reproduktionsbedarf orientierten mittelalterlichen Subjekt wird so ein frühbürgerliches Marktsubjekt, welches seine Markt- und Akkumulationschancen durch die Bilanz systematisch zu kontrollieren lernt und gerade hierdurch einen historischen Prozess einleitet, welcher es am Ende selbst den systemischen Handlungszwängen eines entfesselten Kapitalismus subsumiert – ökonomisch als auch in Hinblick auf seine innerpsychischen Handlungsmotive. Dass der Mensch aufhört, das „Maß aller Dinge“ zu sein (so Sombart), ist zum einen die kulturelle Voraussetzung der Explosion kapitalistischer Handlungsmotive und Handlungssysteme, es ist zum anderen aus Sombarts Sicht der Anfang vom Ende des Kapitalismus selbst, weil hierdurch letztlich die motivationalen Grundlagen des Kapitalismus abgetötet werden.2
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In Sombarts Sichtweise fällt das Absterben des aus Abenteurertum geborenen dynamischen, wagemutigen Unternehmungsgeistes im Spätkapitalismus mit dem Absterben der motivationalen Grundlagen des Kapitalismus überhaupt zusammen. Die Zerfalls- und Selbstdestruktionstendenzen des Spätkapitalismus sieht er als eine Folge dieser Erosion der Motivationsbasis des Kapitalismus bei gleichzeitiger Durchrationalisierung des gesamten Wirtschaftslebens.
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Soziokalkulation am Beispiel der „Hochschulsteuerung 2010“ in Nordrhein-Westfalen Sombarts Analyse des Zusammenhangs von Buchführung, Wirtschaftssystem und Erwerbsmotiv ist auch eine Skizze der frühkapitalistischen Kalkulationsweise, selbst wenn er diesen Begriff nicht verwendet hat. Sie ist in ihrer weit reichenden Ableitung der Veränderung des „Erwerbstriebs“ aus materiellen Veränderungen der Gesellschaft (nicht allein auf der Ebene der Buchführung) nicht frei von funktionalistischen Argumenten, was werkgeschichtlich vor allem auf seine frühe Orientierung an Marx zurückzuführen sein dürfte. Die Verbindung von System- und Kulturbedeutung des Kalkulativen verweist für die heutige Zeit auf das Wechselspiel der Veränderung der Steuerungs- und Kontrollformen in den fortgeschrittenen Kapitalismen, auf die Fähigkeit und Bereitschaft der Subjekte, sich in diesen zu positionieren, sie zu reproduzieren bzw. zu verändern, sowie auf die soziale Legitimität kalkulativer Formen der Weltdeutung und -bearbeitung. Soziokalkulative Praktiken sind in diesem Sinne nicht nur als ein Scharnier zu betrachten, über welches gegebene systemische Handlungsimperative und gegebene individuelle bzw. organisatorische Handlungsmotive bzw. -ziele in mechanischer Weise verknüpft würden. Vielmehr muss auch (in Fortführung der Sombartschen Untersuchungsperspektive) danach gefragt werden, in welcher Weise kalkulative Praktiken beide zu verändern in der Lage sein könnten: im Sinne einer Umdeutung organisatorischer oder gar gesellschaftlicher Ziele und Strategien und im Sinne einer Instanz, welche über Routinisierung, die Sedimentation kalkulativer Weltdeutungen und schlichte Macht subjektivierende Wirkungen entfaltet. Zur Veranschaulichung der doppelten Relevanz kalkulativer Praktiken auf den Ebenen systemischer Handlungszwänge und individueller bzw. kollektiver Handlungsmotive soll auf ein Beispiel aus dem so genannten New Public Management (vgl. Brülle et al. 1998) zurückgegriffen werden, an dem die Grundzüge dieses Steuerungsmodells und die konstitutive Bedeutung kalkulativer Praktiken skizziert werden können. Die Bereitstellung öffentlicher Güter ist zunehmend mit der Prämisse konfrontiert, dass sie nur mehr in Form messbarer ‚Outputs’ als förder- und finanzierbar gelten. Damit verschieben sich die Bezugspunkte für die Produktion und die gesellschaftliche Legitimierung dieser Leistungen dramatisch. In Hinblick auf die Reorganisation der sozialen Dienstleistungen im Rahmen des New Public Managements in Großbritannien kommen Dominelli und Hoogvelt (1996: 199) zu dem Schluss, dass hierdurch die Wohlfahrtspolitik als eine „Beschäftigung mit Bedürfnissen“ („concern with needs“) in eine Leistung verwandelt werde, die sich primär auf die Einhaltung von Budgets („concern with budgets“) konzentriere.3 Helmut Fangmann (2005), Gruppenleiter für Grundsatzangelegenheiten und Hochschulplanung im MIWFT4 in Düsseldorf, plädiert dagegen für eine Umsetzung der Steuerungsmodelle des New Public Management auch in der deutschen Hochschulsteuerung und -entwicklung. Die Ausgangsüberlegung im Rahmen des „Hochschulkonzeptes 2010“ des Landes NRW besteht zunächst darin, dass es im Feld der Hochschulen keinen Markt oder einen äquivalenten Mechanismus gebe, welcher die Funktionen der Ressourcen- und der Aufgabenallokation übernehmen könne (Fangmann 2005: 1). Die Voraussetzungen der teilautonomen Selbststeuerung bzw. der „Kontextsteuerung“ (Fangmann 2005: 3; vgl. Willke 3 4
Das schließt positive „sekundäre“ Wohlstandseffekte wie z. B. die Erreichung auch klassischer Bildungsziele nicht aus, weil marktorientierte Steuerungsanreize und faktische Steuerungs- bzw. Bildungserfolge nicht vollständig entkoppelt sind, Steuerung also nicht ausschließlich dysfunktionale Folgen hat. Ministerium für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen
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1984) in diesem Bereich werden dementsprechend in der Verschränkung von Hochschulautonomie und Wettbewerb zwischen den Hochschulen gesehen (ebd.). „Wettbewerbssteuerung“ sei vor allem sinnvoll im Verhältnis von Staat und Hochschulen. Das „Hochschulkonzept 2010“ setzt deshalb zum einen auf ein bereits existentes System der Leistungskontrolle durch Kennzahlen über alle Hochschulen und Fächer hinweg. Darüber hinaus soll ein Monitoring-System etabliert werden, welches eine beständige Evaluation von Zielen und Zielerreichung zwischen Ministerium und Hochschulen erlaubt, die kontinuierliche Verbesserung vorantreibt und ein Instrument der Selbstreflexion darstellen soll. Die leistungsorientierte Mittelvergabe beläuft sich in diesem Zusammenhang in Zukunft auf 20% des „bereinigten Haushaltssolls“ (Fangmann 2005: 8) und stellt damit einen erheblichen, bei Strafe des organisatorischen Untergangs bzw. der Marginalisierung in der Hochschullandschaft nicht zu ignorierenden Anreiz dar. Das Ziel liegt in einer forschungsstrategisch zu begründenden Profilbildung, aber auch darin, das Lehrangebot an die tatsächliche Nachfrage anzupassen. Fachbereiche mit „Ausbildungsüberschuss“, welche weniger als 80% Auslastung aufweisen, sollen „überprüft und neu justiert“ werden (Fangmann 2005: 8). Hierzu werden auf der Grundlage vergleichsweise einfacher, weil über die in Universitäten, Ministerien und Verwaltungen vorhandenen Statistiken möglichen Kapazitäts- und Auslastungskalkulationen Portfolios und Matrizen gebildet, von denen hier aus Platzgründen nur die beiden folgenden wiedergegeben werden sollen (vgl. Fangmann 2005: 12f.). Abbildung 1:
Schematische Darstellung des Evaluationskonzepts für den Lehr- und Forschungserfolg, Quelle: Fangmann (2005: 12f.)
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Abbildung 2:
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Erfolgsparameter „Lehr- und Forschungserfolg“ in den Fachbereichen Chemie an den Hochschulen in Nordrhein-Westfalen, Quelle: Fangmann (2005: 12f.)
Die Konstruktion zentraler Erfolgs- bzw. Funktionsparameter, ihre hierarchische Durchsetzung und Visualisierung in Tabellen, Portfolios und Matrizen ist als solche nicht neu. So beruht beispielsweise die Produktion und Stabilisierung von Wissen in den Naturwissenschaften auf einer spezifischen „Visualisierung von Beweisen“ (vgl. Amann/Knorr-Cetina 1988). Es ist als ein weiterer Hinweis auf die Veränderung des gesellschaftlichen Steuerungsmodus zu interpretieren, dass über die Kommunikation von Forschern und Experten in Wissenschaft und Statistik hinaus auf Kalkulation und auf Visualisierung zugleich beruhende Verfahren nunmehr gesellschaftlich verallgemeinert werden. Dementsprechend lassen sich ähnliche Graphiken mittlerweile in beinahe allen organisierten Handlungsbereichen der modernen Gegenwartsgesellschaften finden. Umso bedeutsamer ist es, ihre Funktionsprinzipien und -voraussetzungen, insbesondere ihren spezifischen Bezug auf kalkulative Praktiken zu untersuchen. Welche Transformationen und ‚Übersetzungen’ müssen vorgenommen werden, um zu dieser Graphik zu gelangen und die soziale Realität der Fachbereiche Chemie an den nordrhein-westfälischen Hochschulen damit in eine handhabbare Entscheidungssituation zu überführen? Zunächst wird ein „abstrakter“ bzw. „kalkulierbarer Raum“ entworfen (vgl. Miller 1992: 75ff.), indem die beiden für die Steuerung der Hochschule bzw. einzelner Fachbereiche zentralen Indikatoren als „Lehrerfolg“ und „Forschungserfolg“ identifiziert bzw. hie-
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rarchisch vorgegeben werden. In der Regel stellen die Dimensionen solcher Vier-FelderMatrizen zwei gleichermaßen erwünschte, jedoch nicht gleichzeitig zu erreichende Ziele dar, welche damit in Konkurrenz zueinander stehen. An beiden Indikatoren hängen entsprechende Messvorschriften und Operationalisierungen (die Graphik gibt Hinweise hierauf: „Forschungserfolg“ gemessen in „Drittmittel je Wissenschaftlerstelle“ etc.).5 Die Indikatoren verweisen ihrerseits auf traditionale Deutungsmuster des Bildungsauftrags von Hochschule („Lehre und Forschung“ und nicht etwa „Beitrag zur regionalen Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft“). Und es dürfte lohnend sein festzuhalten, dass diese Leistungsparameter zwar das Ergebnis von Aushandlungen in einem Feld sind, an dem Universitätsleitungen, Ministerium, Wissenschaftler, Fachbereiche, Wirtschaftsberater und evtl. sogar Studierendenorganisationen partizipieren konnten, mit ihrer Festschreibung als zentrale Leistungsparameter nunmehr jedoch diesen Aushandlungen für die nähere Zukunft entzogen sind und damit von den Akteuren dieses Feldes als ‚Datum’ behandelt werden müssen. Dies verweist nicht nur auf das hierarchische Verhältnis von Ministerium und Universitäten, sondern ebenso auf den bereits etablierten Diskurs um die Parameter der Hochschulsteuerung, an dessen Entwicklung auch Akteure wie CHE (Centrum für Hochschulentwicklung), Unternehmensberatungen und andere Akteure aus dem Feld der Evaluierung, des Audit und allgemein des ‚Accounting’ beteiligt waren. Der ‚praktische’ Datumscharakter der gewählten Indikatoren verweist hierüber hinaus auf wissenschaftliche und methodologische Begründungsmuster, welche aus dem Feld der Statistik stammen und z. B. besagen, dass einmal gewählte Indikatoren nicht jedes Jahr verändert werden können, wenn man halbwegs aussagekräftige Zeitreihen etablieren möchte. Die verwendeten Kalkulationspraktiken sind also sowohl diskursiv als auch methodologisch und hierarchisch fixiert. Es sollte noch erwähnt werden, dass die gewählten Indikatoren beide quantifizierbar sind, jedoch nur einer („eingeworbene Drittmittel“) eine monetäre Größe darstellt und auf einen ‚Markt’ der Forschungsförderung verweist, auf dem Institutionen und einzelne Wissenschaftler um private und öffentliche Gelder konkurrieren. Die Graphik reflektiert mithin die relativen Leistungen der Universitäten bzw. Fachbereiche Chemie anhand der zentralen Parameter „Lehrerfolg“ und „Drittmitteleinwerbung“. Sie vermag aber noch mehr, indem sie jeder Kombination der beiden zentralen Erfolgsparameter, d. h. einer in spezifischer Weise ‚gewichteten’ Lehr- und Forschungsleistung eine Position ober- oder unterhalb einer Faktorkurve zuweist. Deren konkreter Verlauf basiert auf einer hierarchischen Setzung, und nicht etwa ausschließlich auf ‚Sachargumenten’. Der Verlauf dieser Faktorkurve und die hiermit determinierte Position einzelner Fachbereiche ober- bzw. unterhalb dieser Linie setzt spezifische Aushandlungs- und Legitimationsmuster in Gang. Der Aushandlungs- und Entscheidungsraum ist insbesondere durch die Einführung dieser sehr simplen ‚Trennung’ eindeutig definiert und die reale Komplexität einer unübersichtlichen Entscheidungssituation von seiner überschießenden Komplexität (d. h. auch von den Unsicherheitszonen, welche die Akteure der ‚Vergleichspopulation’ besitzen) weitgehend befreit: Es kann um nichts anderes mehr gehen als um die ‚Spitzenfachbereiche’ und um diejenigen im ‚kritischen Bereich’. Man beachte, dass die vier Quadranten jeweils mit einem mathematischen Kürzel bezeichnet wurden, welches in seiner Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: „0“ für solche Bereiche, welche zunächst unproblema5
Weiterführende Einschränkungen und Spezifizierungen, in welcher Weise konkret die Daten erhoben bzw. ‚gemessen’ wurden, werden an dieser Stelle nicht gemacht (was gilt als „Drittmittel“, welche Periodisierungen der Messintervalle werden vorgenommen, was ist eine „Wissenschaftlerstelle“ etc.).
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tisch erscheinen, ein „+“ für solche mit einer überdurchschnittlichen Leistungskonstellation, und schließlich ein „–“ für Bereiche mit „Überprüfungs-“ und „Justierungsbedarf“ (dieser letzte Quadrant wird informell auch schon einmal als der „Todesquadrant“ apostrophiert). Das bedeutet vor dem Hintergrund der Ausgangsüberlegungen des Modells (Profilbildung und Wettbewerb) sehr wahrscheinlich, dass die Population dieses Quadranten mit potenzieller Schließung, Zusammenlegung, Ressourcenentzug oder auch ‚Planungsentzug’ konfrontiert werden wird. Im Ergebnis wird eine sehr komplexe und kontingente Situation in einem mehr oder weniger beliebigen sozialen Feld, welche sich für alle Akteure aus ihrem jeweiligen organisatorischen, politischen oder auch biographischen Kontext (denkt man beispielsweise an den Bereich der Personalentwicklung, in dem mittlerweile ähnliche Verfahren angewendet werden) heraus zwangsläufig unterschiedlich darstellt, in eine kaum disputable Text- bzw. Präsentationsform mit einer annähernd binären Entscheidungslogik transformiert. Tatsächlich liegen die Dinge etwas komplizierter, auch in der Praxis der ‚neuen Steuerung’. Denn diese zielt nicht ausschließlich – ja nicht einmal vordringlich – darauf, dass hierarchisch übergeordnete Akteure Entscheidungen unter Bezug auf „kalkulierbare Räume“ sowohl treffen als auch legitimieren können, sondern primär auf das produktive Potential, welches in der Stimulierung von Aushandlungsprozessen liegt, eine Produktivität, welche in Hinblick auf durch technische Parameter definierte Verbesserungsziele definiert ist. So stellt sich für das MIWTF das Problem zum einen als Frage danach dar, in welcher Weise die Faktorkurve Lehr- und Forschungserfolg generell nach rechts oben verschoben werden kann, d. h. das allgemeine Leistungsniveau aller Fachbereiche Chemie der Summe nach verbessert werden kann, und zum anderen als ein Problem der ‚Profilbildung’, d. h. als die Frage danach, welche Universität, welcher Fachbereich hierzu in überdurchschnittlicher Weise beitragen kann – und welche nicht. Für die Universitäten stellt sich das Problem als die Frage danach dar, wie man aus dem rot schraffierten Bereich einer in doppelter Hinsicht ungenügenden Leistung in die komfortablere (aber keinesfalls ‚sichere’) Gruppe der ‚Spitzenuniversitäten’ aufsteigen kann. Im Ergebnis zielt dieser Mechanismus auf die Parallelisierung der Handlungs- und Entwicklungsmotive der Universitäts- und Fachbereichsleitungen mit den Handlungsvorgaben des Ministeriums, wobei dies empirisch nicht zwangsläufig bedeutet, dass nicht auch parallel andere und im Sinne des Modells kontraproduktive Strategien des „cheating by the numbers“ verfolgt werden. Im Zuge der Etablierung eines abstrakten Vergleichsraums gehen die individuellen Merkmale der sozialen Objekte, die in diesen ‚eingetragen’ werden, verloren (vgl. sehr eindrücklich Kalthoff 2000). Stattdessen werden diese Objekte in einen neuen, artifiziellen Kontext gestellt, in dem die modellhaften Beziehungen zwischen den Objekten durch die Parameter der Leistungsmessung neu definiert werden: in einen Mikrokosmos, der keine Repräsentation des sozialen Raums darzustellen beabsichtigt, sondern eine gezielte Reduktion und Idealisierung desselben. Der so gewonnene abstrakte Raum wird in der Regel durch eine Vergleichspopulation anderer sozialer Einheiten bevölkert, und es wird möglich sein, durch die Transformation der ursprünglichen Daten eine Kommensurabilisierung der Vergleichsobjekte durchzuführen, um sie in eine bestimmte (ordinale oder gar metrische) Ordnung zu bringen. Die individuelle soziale Einheit (das Unternehmen, die Universität, das Krankenhaus, der Beschäftigte) hört damit auf, der Referenzpunkt der Evaluation zu sein. Der Raum von Daten und Argumenten, auf den sich Debatten um zukünftige Entscheidungen, den zukünftigen Entwicklungspfad etc. zu beziehen haben, ist nicht mehr der
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Raum der ursprünglichen sozialen Entität. Es ist auch nicht der Raum, der sich durch Verweis auf die individuellen und kontextgebunden Ziele der Entität (Bildungsauftrag z. B.) ergibt. Sondern es ist der Raum, der sich durch die gewählten Leistungskriterien, die Form ihrer Messung und Darstellung, und die hierdurch etablierten neuen Beziehungen zwischen den zu evaluierenden sozialen Einheiten ergibt. Form und Ergebnisse der in dieser Weise stimulierten Aushandlungsprozesse folgen einerseits einer gewissen (argumentativen und ‚realweltlichen’) Eigenlogik, andererseits sind sie eine Funktion der zugrunde gelegten Taxonomie und der Fähigkeit kalkulativer Praktiken, soziale Phänomene in organisierbare, komplexitätsreduzierte und handhabbare Größen zu transformieren. Der erste und unter Umständen wichtigste Schritt der kalkulativen Rekonstruktion des Sozialen liegt in der Messung sozialer Phänomene, d. h. ihrer Überführung in eine spezifische Taxonomie. Hierzu – und damit sind wir im Bereich kalkulativer bzw. soziokalkulativer Praktiken – werden spezifische Zeichen verwendet, welche zugleich bezeichnen und zählen.6 Erst dies ermöglicht eine Bewertung durch den Vergleich von Zeichenausprägungen: entweder anhand eines Vergleichs mit anderen Merkmalsträgern, d. h. als Konkurrenz, oder anhand eines diachronen Vergleichs mit sich selbst, z. B. durch die Etablierung von Zeitreihen, welche die Ergebnisse von Verbesserungsstrategien im Zeitverlauf sichtbar und evaluierbar machen. Das zitierte Beispiel gibt nur wenig Aufschluss über die sozial voraussetzungsreichen Aushandlungsprozesse, welche schließlich zur Konstruktion und Durchsetzung der beiden zentralen Vergleichsparameter „Lehr- und Forschungserfolg“ führen. Prinzipiell jedoch sind dem „measurement of everything“ (Power 2004: 767) keine Grenzen gesetzt. Die Leistungen von Universitäten können ebenso gemessen werden wie das Entwicklungspotenzial von Beschäftigten (vgl. Oechsler 2000: 574ff.; Vormbusch o.J.), das „Wissen“ von Unternehmen (vgl. Leitner 2001), die „soziale Sicherheit“ in den Ländern der Europäischen Gemeinschaft (vgl. Tangian 2005) oder eben auch die Schreib- und Lesefähigkeiten ganzer Bevölkerungen (vgl. PISA). Möglich wird dies unter anderem dadurch, dass Soziokalkulation mehr ein konstruktiver als ein rekonstruktiver Mechanismus ist. Es muss sogar noch entschiedener formuliert werden: Die Ziele, welche mit Soziokalkulation verfolgt werden, können nicht erreicht werden, wenn die Absicht darin besteht, die ‚Wirklichkeit’ außerhalb des durch Soziokalkulation aufgespannten Raumes zu ‚repräsentieren’, sondern nur dann, wenn es gelingt, durch die Erzeugung eines neuen und an andere Ziele (Profilbildung etc.) gebundenen Bezugsrahmens zu einer Neukonstruktion des sozialen Phänomens zu kommen, auf welche sich die Steuerungs- und Rationalisierungsanstrengungen konzentrieren. Es geht damit explizit nicht um eine Repräsentation dessen, was ist, sondern um die Herstellung neuer Beziehungen zwischen Objekten, welche die gesellschaftliche Wertigkeit derselben neu justieren. Das Ziel besteht nicht darin, die komplexen Abhängigkeiten eines sozialen Feldes oder von Gesellschaft generell zu ‚verstehen’, sondern dieselben gezielt zu manipulieren. Wenn man es mit Begriffen aus der industriellen Innovation beschreiben wollte, geht es nicht um ‚Forschung’ und nicht um ‚Entwicklung’, sondern um das prototypische ‚Design’ eines Handlungsbereichs bzw. sozialen Milieus. Dies schlicht als Visualisierung (im Sinne von Abbildung) zu betrachten, wäre irreführend. Es geht um die Konstruktion eines neuen Feldes von funktionalen Vergleichsmöglichkeiten, welche so vorher 6
Über die notwendige Bedingung für Beobachtungen, dass „unterschieden und bezeichnet“ wird (vgl. z. B. Luhmann 1990), tritt im Falle kalkulativer Praktiken die zusätzliche Bedingung, dass „unterschieden, bezeichnet und gezählt“ wird (auf welchem Zählniveau auch immer).
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noch nicht vorhanden waren. Die Visualisierung ist lediglich der Ausdruck soziokalkulativer Praktiken, wenn auch die spezifischen Wahrnehmungs- und Interpretationsmöglichkeiten, die Visualisierung nahe legt, eine eigene Untersuchung rechtfertigten.7 Soziokalkulation ist dabei ein hochselektiver Mechanismus. Diese Selektivität der Konstruktion soziokalkulativer Räume ist kein Manko, sondern eine ihrer funktionalen Bedingungen. Die Selektivität der Konstruktion von Vergleichsmaßstäben verweist sowohl auf den Aspekt der Nicht-Objektivität bzw. Konstruktivität kalkulativer Praktiken, als auch auf die Prämisse der jeweiligen übergeordneten Instanz im Kontext der neuen Steuerung, weniger und nicht etwa mehr wissen zu wollen (vgl. hierzu Vormbusch 2006). Des Weiteren zielt diese gezielte Reduktion und Konstruktion auf die Hervorbringung klar strukturierter Verhandlungs- und Entscheidungssituationen mit modellhaftem Charakter. Es ist die Aufgabe der Akteure in dem kalkulativ rekonstruierten Feld, die modelltheoretisch etablierten Zusammenhänge und die ‚realen’, alltäglichen Abläufe in all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit zu vereinbaren. Dies verweist sowohl auf die spezifische Produktivität dieser Steuerungstechnologie als auch auf die Frage, warum hier von Soziokalkulation – und nicht lediglich von kalkulativen Praktiken – gesprochen wird. Zum einen soll diese Begriffswahl deutlich machen, dass Kalkulation auf soziale Phänomene zielt und sich nicht etwa in einer Sphäre abstrakter mathematischer Kalküle abspielt. Entscheidender noch ist, dass Soziokalkulation selbst eine soziale Praxis darstellt und konzeptionell auch so verstanden wird – vermutlich selbst von den involvierten Akteuren. Die Produktivität dieser Technologie aus Sicht der Steuerung beruht nicht auf der rechnerischen Überführung sozialer Phänomene in einen kalkulierbaren Raum und der selektiven Messung einiger konstruierter Eigenschaften des Phänomens. Sie liegt vielmehr in den spezifischen sozialen Aushandlungsprozessen, welche durch die Positionierung eines Objekts in einer Vergleichspopulation und der Etablierung vergleichsweise eindeutiger Konkurrenzbeziehungen zwischen diesen Objekten stimuliert werden. Die Produktivität beruht auf der Verschränkung einer kalkulativen ‚Rahmung’ mit den innerhalb derselben stattfindenden diskursiven Aushandlungen. Es geht weniger um objektivierende Fremdbeschreibung als um die subjektivierende Veränderung der Selbstbeschreibungen der Akteure im Feld mit dem Ziel einer Transformation ihrer Handlungsziele und -motive (vgl. dazu auch den Beitrag von Schmidt im vorliegenden Band). Voraussetzung hierfür ist, dass die gewählten Parameter bzw. Messgrößen in gewisser Weise einfach und verständlich sind (wenn nicht ihre sozialen und methodologischen Konstruktionsmechanismen dekonstruiert werden, ein im üblichen Gang der Dinge eher unwahrscheinlicher Vorgang). Auch dies erklärt sich aus der Absicht, unter der Bedingung der Intransparenz und Überkomplexität der zu steuernden Bereiche Entscheidungen über den künftigen Gang der Dinge hierarchisch nicht vorgeben zu können, sondern diese erst vor dem Hintergrund der Aushandlungsprozesse im Feld selbst treffen zu können. Hierzu müssen alle Akteure die spezifische Konstruktion des Feldes ‚verstehen’ und etwaige Konsequenzen schlüssig ableiten können. Die zitierte Graphik mit ihrer Faktorkurve ist ein wunderbares Beispiel hierfür: hopp oder topp – soviel zumindest dürfte jedem sofort klar sein. Die Transformation des Feldes und seiner Akteure (ihrer Ziele, ihres Selbstverständ7
Vgl. zu wissenschaftlichen und disziplinären Repräsentationspraktiken den Sammelband von Lynch/Woolgar (1988), in dem die Funktion von Visualisierungen in Hinblick auf die Rekonstruktion und Beherrschung des Sozialen aus einer Vielzahl von Perspektiven untersucht wird, deren gemeinsamer Nenner vermutlich ihr „Konstruktivismus“ ist.
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nisses) vollzieht sich dabei in der Diskussion über die Optimierung der Erfolgsparameter und deren etwaige Konsequenzen – und ggf. den Strategien ihrer Vermeidung – und ist deshalb als „Subjektivierung“, d. h. als die durch kalkulative Räume induzierte Selbsttransformation der beteiligten Akteure zu interpretieren – sofern sie denn aus Sicht der Steuerung empirischen Erfolg hat. Im Zuge solcher Aushandlungen gehen vorgegebene Erfolgsparameter in die Selbstbeschreibungen und Strategiebildung der Akteure ein. Soziokalkulation etabliert auf der systemischen Ebene (d. h.: man muss nicht daran glauben!) bestimmte Handlungs- und Selbstdarstellungszwänge, denen man sich – aufgrund des in der Regel hierarchischen Settings – nur bei Strafe des Untergangs verweigern kann. Die scheinbare Einfachheit, visuelle Zugänglichkeit und Transparenz des Optimierungsraums stellt zwar ein potenzielles Einfallstor für eine Kritik dar, welche sich an der Güte der ‚Repräsentation’ einer modellexternen ‚Realität’ orientiert. Konzeptionell ist sie jedoch nicht etwa als ein Mangel des Verfahrens, sondern als seine funktionale Voraussetzung zu betrachten. Denn es geht hier nicht darum, Akteure von dem Diskussions-, respektive Optimierungs- und Selektionsprozess auszuschließen, sondern sie in spezifischer Weise zu beteiligen: Soziokalkulation ist ein partizipatives Steuerungsinstrument. Eine seiner Stärken liegt in einer vordergründigen Simplizität, welche seinen ‚demokratischen’ Partizipationscharakter unterstreicht. Die Verbindungen des Konzepts der Soziokalkulation zu dem Ansatz „kalkulierbarer Räume“ (Miller 1992) und der „Qualculation“ (Callon/Muniesa 2005) liegen auf der Hand. Miller (1992) gehört der Verdienst, als einer der ersten den Beitrag des Accounting zur Konstruktion „kalkulierbarer Räume“ und „kalkulierender Subjekte“ analysiert zu haben. Er folgt dabei stärker einem durch die Arbeiten von Foucault zur „Gouvernementalität“ inspirierten analytischen Rahmen. Einige seiner Argumente sind hierüber hinaus an die Vorstellung geknüpft, das Accounting übersetze komplexe und empirisch ganz unterschiedliche Prozesse bzw. Phänomene in eine „single figure“ (eine „letzte Zahl“, wie das Bruttoinlandsprodukt, Return on Investment, Cash Flow etc.): „Accounting makes comparable activities and processes whose physical characteristics and geographical location may bear no resemblance whatsoever. And it does so by linking this single figure to calculating selves rendered responsible and located in calculable spaces. This objectifying-subjectifying capacity has allowed accountancy to offer so much to such diverse political programs.” (Miller 1992: 68)
Die beobachtbaren soziokalkulativen Praktiken in Hochschulsteuerung, Bildungssystem, Unternehmen und sozialen Einrichtungen scheinen aber eher (grundsätzlich kann dies meines Erachtens gegenwärtig nicht entschieden werden) einem Ansatz zu folgen, der sich von der alleinigen Ausrichtung auf (finanzorientierte) eindimensionale Kennzahlensysteme bzw. „letzte Zahlen” abwendet, Verfahren also „which in some sense recognize that there is no bottom line, no single figure” (Power 2004: 775). Dieses Vorgehen scheint – insbesondere vor dem Hintergrund der Kritik des „New Management Accounting“ an eindimensionalen, finanzorientierten Kennzahlen – deshalb sinnvoll, weil eine „einzelne Zahl“ (ein Preis, eine Bruttorendite) zu sehr von den ‚realen’, in sich widersprüchlichen Handlungsbedingungen im Feld abstrahiert, um Diskussionen über operativ angemessene Verbesserungsstrategien praktisch anleiten zu können. Es scheint produktiver, die Akteure in Gestalt widersprüchlicher Optimierungsdimensionen von vornherein mit der Widersprüchlichkeit
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des Feldes, in dem sie sich bewegen, zu konfrontieren: Soziokalkulation dient weniger der hierarchischen Kontrolle als der Stimulierung einer unabschließbaren Selbstoptimierung. Obwohl das Konzept der Soziokalkulation sich gleichfalls auf die Vorstellung „kalkulierbarer Räume“ bezieht, liegt der bedeutsamste Unterschied zu dem Konzept der „Qualculation“ darin, dass ‚Rechnen’ in diesem nicht eine notwendige Bedingung kalkulativer Praktiken darstellt. „Calculating does not necessarily mean performing mathematical or even numerical operations (Lave 1988)” (Callon/Muniesa 2005: 1231). Die Auffassung, dass das Feld des Kalkulativen viel weiter ist als dies in der wirtschaftswissenschaftlichen Thematisierung der Rechnungslegung oder des Controlling angenommen wird, teilt offensichtlich auch der Ansatz der Soziokalkulation. Auf der anderen Seite ist es meines Erachtens notwendig, den Begriff der Kalkulation spezifisch an das zu binden, was Vollmer (2004) als „organisiertes Rechnen“ bezeichnet hat. Vollmer meint damit insbesondere die gesellschaftlich immer weiter hervortretenden Praktiken der Buchführung, des Controllings, der Auditierung, Bilanzierung und Budgetierung sowie der Evaluation, theoretisch beschreibbar als die an die „Evolution organisationaler Formen und Organisationserfordernisse“ gekoppelte „Ausdifferenzierung und Weiterentwicklung komplexer Zähl-, Kontierund Rechenapparaturen“ (Vollmer 2004: 451). Kalkulation, das bemerkt John Law treffend, „carries a sizable quantitative baggage” (zitiert nach Callon/Law 2003: 3). Organisierter Zahlengebrauch ist deshalb eine notwendige Bedingung, um kalkulative Praktiken sinnvoll und trennscharf von anderen sozialen Praktiken differenzieren zu können. Rechenschreiben, Rechenlesen, Rechensprechen: Aspekte der Kalkulationsweise moderner Gesellschaften Im Folgenden soll die These vertreten werden, dass das Konzept der Soziokalkulation für die gegenwärtige gesellschaftliche Kalkulationsweise und damit für den vorherrschenden Typus von Steuerung und Kontrolle paradigmatisch ist. Seine Eigenheiten können dabei insbesondere im Vergleich zu anderen Ansätzen herausgearbeitet werden, welche auf ähnliche gesellschaftliche Phänomene bzw. Entwicklungen abheben. So geht Boes (2005: 6) von einer sich historisch gewissermaßen immer weiter vertiefenden Kluft zwischen sinnhaft integrierten und systemisch durch Informatisierung gekennzeichneten Symbolsystemen aus: Verschriftlichung und die Schaffung von Informationssystemen bilden die beiden Schlüsselprozesse der Informatisierung. Während die Verschriftlichung ihre Anwendung bei Informationsarten findet, welche „nicht-codifiziert“ (Pirker 1962) sind, d. h. nur „sinnbezogen“ (Luhmann 1987) gehandhabt werden können, werden Informationssysteme dann anwendbar, wenn die Informationen „codifiziert“ sind und dementsprechend ‚regelhaft’ zu handhaben sind. Der eingangs zitierte PISA-Report erinnert uns jedoch daran, dass dieser doppelte Prozess der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung der Schriftlichkeit auf der Seite der Subjekte entsprechende Lese- und Schreibfähigkeiten voraussetzt. Nicht nur Literatur, auch Bilanzen wollen geschrieben und gelesen werden. Wenn man, wie das Konzept der Informatisierung dies tut, zwar von einer spezifischen Zweigleisigkeit des gesellschaftlichen Verschriftlichungsprozesses ausgeht, gleichwohl jedoch vor allem die formative Kraft der Informatisierung, d. h. „codifizierter“, „nicht-sinnhaft“ zu verkoppelnder Information hervorhebt (vgl. Schmiede 1996a, 1996b; Baukrowitz/Boes 1996), wird nur eine Seite der Veränderung gesellschaftlicher Schriftformen thematisch, die andere jedoch systematisch
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ausgeblendet. Es ist nicht zu leugnen, dass viele informationsgestützte Prozesse heute ohne Sinnverstehen ablaufen, dass sie also die definitorische Bedingung der Informatisierung erfüllen, „Informationen vom konkreten Subjekt unabhängig nutzen zu können“ (Boes 2005: 5) – und dementsprechend der gesellschaftlichen Macht der Information die Ohnmacht der Subjekte, der politischen Steuerung, der Moral gegenübergestellt werden kann. Für soziokalkulative Praktiken gilt dies nicht, weil sie notwendig auf dem Sinnverstehen handlungsfähiger Akteure und der Veränderung ihrer Selbst- und Weltbeschreibungen beruhen: nicht Informatisierung, sondern Formierung, nicht Ausschaltung von Subjektivität, sondern Subjektivierung. Aus der Perspektive des Konzepts der Soziokalkulation beleuchtet das Theorem der Informatisierung nur eine Hälfte dessen, was in einer kritischen Analyse kalkulativer Praktiken zusammengedacht werden sollte: die Veränderung von Mess- und Kalkulationsvorschriften ebenso wie die korrespondierenden Veränderungen der in der Gesellschaft verfügbaren kalkulativen Lese- und Interpretationskompetenzen und ihre spezifische kalkulative Kultur. Wenn man Aussagen bezüglich einer historisch und gesellschaftlich spezifischen Kalkulationsweise treffen will, dann muss auch der Prozess der Ausbildung entsprechender ‚Lesefähigkeiten’ thematisiert werden. Mit ‚Lesefähigkeiten’ ist hier in einem umfassenden Sinne das Lesen, Interpretieren und Bearbeiten kalkulativer Symbolsysteme gemeint, d.h. von Zeichen, die zählen, sowie ihrer Verknüpfung und Visualisierung. Hierzu – auch darauf weist der PISA-Report hin – sind nicht nur Fähigkeiten notwendig, sondern auch bestimmte Bereitschaften: das Kalkulative bzw. kalkulativ bestimmte Zeichensystem nämlich überhaupt als eine adäquate und legitime Darstellungsbzw. Artikulationsweise gesellschaftlicher Wirklichkeit anzuerkennen. Dies verweist wiederum auf die Akzeptanz kalkulativer Repräsentations-Formen in der Gesellschaft, mit anderen Worten auf die Kulturbedeutung des Kalkulativen. Das Konzept der Informatisierung blendet diese Aspekte in seiner gegenwärtigen Form aus. Der kulturelle Vorrat diesbezüglicher Lesefähigkeiten und Legitimationsmuster kommt ihm nicht in den Blick. Demgegenüber verdanken wir Sombart die Einsicht, dass die frühneuzeitlichen Trägerschichten des Kapitalismus vor allem auch lernen mussten, Bilanzen zu lesen, die Ausbildung kalkulativer Lesefähigkeiten mithin ein Aspekt eines gesellschaftsweiten kognitiven Lernprozesses darstellen. Die Bilanz bzw. allgemeiner die doppelte Buchführung begann – folgen wir Sombart – nicht nur Teil der äußeren, sondern auch der inneren Realität der Wirtschaftssubjekte zu werden. Die allgemeine „Rechenhaftigkeit“ wird dabei sowohl auf der Ebene des Persönlichkeitssystems als auch des Wirtschaftssystems wirksam. Als Bestandteil des Persönlichkeitssystems bezeichnet sie eine bestimmte kalkulative Mentalität, d. h. die Form, in der sich die Mäßigung, Sparsamkeit und der Geschäftssinn des Bürgers entfaltet. Auf der Ebene des Wirtschaftssystems bildet sich im Laufe der Jahrhunderte ein objektiviertes System des Rechnens und der Kalkulation heraus, das sich allmählich von den Handlungsdispositionen der Wirtschaftssubjekte abzulösen beginnt und ihnen in der Folge als Bestandteil einer systemisch integrierten ökonomischen Struktur entgegentritt. Diesen letzten Aspekt betont das Konzept der Informatisierung. Es spricht aus der Sicht des hier skizzierten Konzeptes jedoch viel dafür, eine kritische Analyse der gesellschaftlichen Bedeutung kalkulativer Praktiken wieder unter beiden Gesichtspunkten: dem des Handlungssystems und demjenigen der hierauf bezogenen individuellen und kollektiven Deutungen zu integrieren. Gerade, weil es aus der heutigen Sicht schwierig erscheint, mit weit reichenden Pauschalkategorien wie „kapitalistischer Geist“ oder „Erwerbstrieb“ zu argumentieren, wäre ein erster, recht praktischer Schritt eine in diesem Sinne integrierte
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Betrachtung soziokalkulativer Praktiken und der hierauf bezogenen Deutungskompetenzen und -muster der Subjekte.8 Welche Relevanz besitzen kalkulative Konstrukte und Praktiken im Alltagsbewusstsein der Akteure und in welcher Weise werden sie im Rahmen soziokalkulativ strukturierter Aushandlungen, Politiken und Mikropolitiken tatsächlich bedeutsam? PISA hat uns die Relevanz dieser Verbindung praktisch vor Augen geführt. Im Kontext einer soziokalkulativen Steuerung in modernen Gesellschaften werden entsprechende Schreib- und Lesefähigkeiten nicht nur in der Schule, sondern auch im Büro, im Forschungslabor, in der Fabrik, in den Sozialverwaltungen, an der Börse, d. h. in allen organisierten Handlungsbereichen – auch, aber nicht ausschließlich in denjenigen mit ‚Marktnähe’ gefordert. Waren kalkulative Schreib- und Lesefähigkeiten im Frühkapitalismus nur für die kleinen Trägerschichten des sich entwickelnden Kapitalismus von Bedeutung, so werden sie vor dem Hintergrund der Ausdehnung kalkulativ geprägter Selbstbeschreibungen des modernen Kapitalismus und der Ausdehnung von Programmen der Selbststeuerung bzw. der „Selbstregierung“ (vgl. Miller/Rose 1994) gesellschaftlich verallgemeinert. Die Fähigkeit und die Bereitschaft der interpretierenden Aneignung kalkulativer Konstrukte ist heute keine Anforderung mehr, die auf bestimmte Eliten oder Expertenkulturen beschränkt wäre. „Numeracy“ im Sinne einer Interpretation einer großen Vielfalt sozialer Sachverhalte im Modus des organisierten Zahlengebrauchs wird stattdessen zu einer Grundvoraussetzung der Teilnahme am gesellschaftlichen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozess überhaupt. Hiermit soll keineswegs behauptet werden, dass nunmehr alle relevanten gesellschaftlichen Sachverhalte soziokalkulativ ‚ausgedrückt’ würden. Soziokalkulative Praktiken stellen jedoch einen immer wichtigeren Teil der gesellschaftlichen Textualität9 in vielen Handlungsbereichen dar, nicht nur des Finanzreportings auf der Ebene der Unternehmensberichterstattung oder der Statistik auf der Ebene des Nationalstaats. Es soll auch nicht behauptet werden, dass ‚der’ Markt oder ‚der’ Kapitalismus die einzigen Antriebskräfte dieser Entwicklung wären. Numeracy beruht auf einem langwierigen historischen Entwicklungsprozess, in dem die wachsende Bedeutung des Marktes und marktbezogener Messungen (Kula 1986), von Naturwissenschaft, Technik und deduktiv-hypothetischen bzw. experimentellen Wirklichkeitsempirien (Bonß 1982), Abenteurertum und der im Zuge der Globalisierung steigende Bedarf, Berichte aus entfernten Teilen dieser Welt nachvollziehbar und überprüfbar zu machen (Cohen 1999) als auch schließlich die enge Verbindung von Statistik und entstehendem Nationalstaat (vgl. Desrosières 2005) eine entscheidende Rolle spielten. Man kann demzufolge darüber streiten, ob die gegenwärtigen Anforderungen an kalkulative Lesefähigkeiten einen weiteren Schub in der kalkulativ geprägten Konstruktion der Wirklichkeit oder eher eine kontinuierliche Entwicklung reflektieren. Wie auch immer diese Frage eingeschätzt wird, es liegt nahe, die Relevanz soziokalkulativer Praktiken heute in den Zusammenhang von Strukturmerkmalen entwickelter kapitalistischer Gesellschaften zu stellen. So gesehen ist es erstens deren strukturelle Unübersichtlichkeit, zweitens der Verlust eines hierarchisch übergeordneten Steuerungszentrums, drittens die Abstraktifizierung von Produktion und Erfahrung, und viertens die Etablierung 8 9
Der Begriff der „Kompetenz“ integriert in der Regel die beiden hier relevanten Dimensionen der „Fähigkeit“ und der „Bereitschaft“. Zum Begriff der „Textualität“ vgl. Hoskin/Macve (1986, 1994), welche deren Veränderung – anders als dies in diesem Aufsatz nahe gelegt wurde – nicht auf das ökonomische System, sondern auf das Bildungssystem zurückführen.
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markt- und effizienzorientierter Konkurrenzbeziehungen zwischen teilautonomen Einheiten der Selbststeuerung, welche die Vorteile soziokalkulativer Praktiken gegenüber hierarchischen oder rein marktbasierten Formen der Steuerung begründen. Die Attraktivität von Kalkulation ist bei Cohen (1999) daran gebunden, die Ferne in der Nähe rekonstruier- und erfahrbar zu machen. Die Rekonstruktion entfernter oder strukturell undurchsichtiger Kontexte ist ein generelles Motiv, welches Soziokalkulation heute in gestiegenem Maße zugrunde liegt. Soziokalkulative Praktiken etablieren – ganz im Gegensatz zu jenen Ansprüchen der Objektivität, Wissenschaftlichkeit und Neutralität, mit denen Kalkulation oftmals assoziiert wird – ein neues Netz sozialer Beziehungen und Wertigkeiten. Wenn wir Soziokalkulation als den sozialen Prozess der Aushandlung und Fixierung der relativen Wertigkeit sozialer Objekte mittels der Transformation sozialer Phänomene in numerisch darstellbare ‚Wirklichkeiten’ auffassen, dann kann es nicht verwundern, dass die Ergebnisse und Schlussfolgerungen dieses Prozesses für die Betroffenen (das können Einzelne sein wie im Feld der Personalentwicklung, Gruppen von Personen in funktionalen Zusammenhängen wie bei Schülern oder Mitgliedern von Arbeits- und Projektgruppen, aber auch Organisationen wie im Feld der Hochschulentwicklung) nicht nur ihre Markt-, Wettbewerbs- und gesellschaftlichen Teilhabechancen massiv verändern, sondern auch eine normative Bedeutung besitzen. Soziokalkulative Praktiken weisen den ‚taxierten’ sozialen Objekten ihren gegenwärtigen gesellschaftlichen Wert in Relation zu relevanten Anderen zu. Hierüber hinaus spannen kalkulative Messgrößen und Zielvorgaben einen Entwicklungs- und Bewegungsraum auf, innerhalb dessen ein soziales Objekt auf- oder absteigen kann. Sie definieren damit Bewegungsziele als auch die Kenngrößen, mittels derer diese Positionsveränderungen potenziell realisiert werden können. Durch hierarchisch gesetzte Grenzwerte, wie die skizzierte Faktorkurve, verdeutlichen sie darüber hinaus den Knappheitscharakter der umkämpften gesellschaftlichen Ressourcen und machen mithin klar, dass nicht alle Individuen der betrachteten ‚Population’ gleichermaßen unbeschadet die nächste Runde der Evaluierung überstehen werden. Soziokalkulation bietet sich damit als ein Steuerungsinstrument in der gesellschaftlichen Krise an, welches für die übergeordnete Instanz nicht nur eine gewisse Planungssicherheit für die kommende Periode herzustellen weiß (weil in der Gegenwart bereits quantifiziert werden kann, in welchem Rahmen in der Zukunft gespart werden wird), sondern auch die gesellschaftliche Legitimität für die Selektion von ‚Underperformern’ sichern soll und kann. Dieses ‚Können’ hat sowohl etwas mit der spezifischen Einfachheit von Soziokalkulation auf einem bestimmten Level und seiner visuellen Überzeugungskraft zu tun, welche die Kommunizierbarkeit des Modells und seiner Konsequenzen für breite Rezipientenschichten möglich machen (seiner Rhetorik also), als auch mit seinem ‚partizipativen’ und ‚inklusiven’ Ansatz: Jede soziale Einheit kann teilnehmen (nein: sie muss!) und sich nach Maßgabe der in Anschlag gebrachten Parameter verbessern. Es ist ein gesellschaftsöffentliches Leistungsspiel, das hier entfaltet wird, und die Konsequenzen dieses Spiels erscheinen so lange als leistungsgerecht, als jeder Betroffene über die Möglichkeit der Teilnahme verfügt. Unter gesellschaftlichen Bedingungen, welche die Früchte erbrachter Leistungen immer stärker an den ‚Erfolg’ knüpfen (vgl. Neckel et al. 2005), erscheint Soziokalkulation in gewissem Sinne sogar als der im Vergleich zum Markt legitimere Mechanismus der Verbindung von Leistungen und Ressourcen, weil sich die betroffenen Akteure im Gegensatz zum anonymen Marktgeschehen politisch bzw. diskursiv artikulieren können.
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Für Baecker (1993: 258) liegt die „Schrift des Kapitals“ nicht nur dem Kapitalismus, sondern auch dem (als sein stabilisierendes Gegenüber untergegangenen) Kommunismus zugrunde. Das liegt daran, dass aus seiner Sicht die Schrift des Kapitals immer schon eine Schrift der Gesellschaft ist, denn „wenn es so etwas wie einen primären Akt der Gesellschaft gibt, dann besteht er darin, einen Kredit einzuräumen und anzunehmen“ (Baecker 1993: 269). Am Anfang der Buchführung stehe also nicht das Konto (wie Sombart annahm), sondern die „Interpretation der Einheit des Vermögens als Differenz von Soll und Haben“ (Baecker 1993: 266). Ein Kredit als ursprünglicher Gesellschaftsakt ist deshalb als (temporalisierte) Einheit der Differenz von Zahlung und Rückzahlung zu interpretieren, und das gelte im Übrigen auch für den „Kapitalismus der Trobriander“ im Sinne einer moralischen Buchführung über Gabe und Gegengabe (Baecker 1993: 269): „Die Schrift des Kapitals ist eine Schrift der Gesellschaft.“ (Baecker 1993: 268). Auf dieser Generalisierungsebene klingt das zunächst plausibel. Wenn nämlich Schuld gleich Schulden ist, dann ist die Bilanz nicht nur der Ausdruck der Akkumulation von Kapital, sondern ebenso eine ‚moralische Bilanz’, welche Auskunft nicht nur über Äquivalenzverhältnisse, sondern auch über die reziproke Verflechtung der Gesellschaft durch Gabe und Gegengabe gibt. Diese Übergeneralisierung der in der Kontenstruktur der Bilanz angelegten Interdependenzidee eröffnet einerseits Einsichten in die kaum untersuchten Verbindungen von Bilanz, Kalkulation und Moral bzw. Ethik (Weber und Sombart würden hier vermutlich einen guten Ausgangspunkt darstellen). Sie verbirgt andererseits erstens die Differenzen in der Form der ‚Kontierung’, welche zweifelsohne zwischen Ökonomie und Lebenswelt, Politik und Moral bestehen. Zweitens verbirgt sie historische Formveränderungen der Bilanzierung (zwischen der moralischen Ökonomie der Trobriander, dem Frühkapitalismus und der Gegenwart beispielsweise). Anhand des Vergleichs frühkapitalistischer Buchführung und der gegenwärtigen Formen der Soziokalkulation werden jedoch auch die historischen Mutationen und fundamentalen Unterschiede in der „Schrift des Kapitals“ deutlich. Die Genese der Schrift des Kapitals im Frühkapitalismus ist an ökonomische Strukturveränderungen gekoppelt. Sie hat hierüber hinaus die Erwerbsmotive der Trägerschichten des Kapitalismus tief greifend verändert und mit den kapitalistischen Systemimperativen, insbesondere der entgrenzten und gewissermaßen ‚selbstgenügsamen’ Akkumulation des Kapitals, parallelisiert. Ihre Systemfunktionen blieben jedoch ebenso an die Ökonomie gebunden wie sich ihre Kulturbedeutung auf die Eliten des neuen Wirtschaftssystems beschränkte. In der Gegenwart erodieren diese beiden Einschränkungen: Weder die Funktionalität noch die Kulturbedeutung von Soziokalkulation als Steuerungstypus ist noch an ökonomische Zusammenhänge im engeren Sinne gebunden. Erst die Generalisierung als gesellschaftliches Steuerungsmedium, die skizzierten Formveränderungen soziokalkulativer Praktiken, welche diese Generalisierung erst möglich machen, und schließlich ihre Bedeutungszunahme als Teil des „kulturellen Gepäcks“ (vgl. Gorz 2004) zunehmend breiterer Schichten der Bevölkerung lassen es gerechtfertig erscheinen, von einer veränderten und entgrenzten Schrift des Kapitals als einer Schrift der Gesellschaft zu sprechen. Diese Schrift der Gesellschaft, das macht das Konzept der Soziokalkulation hierüber hinaus deutlich, hat nichts mit naiven Vorstellungen einer Repräsentation des Sozialen zu tun. Sie basiert ebenso auf Praktiken des Rechensprechens wie auf spezifischen Lesekompetenzen der Gesellschaftsmitglieder und einer historisch variablen Legitimität des Zahlenwissens, d. h. auf einer spezifischen Kulturbedeutung des Kalkulativen. Der Begriff der Soziokalkulation bezeichnet in diesem Zusammenhang ebenso eine historisch bislang einmalige Ausdehnung
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des Objektbereichs kalkulativer Praktiken wie ihren eigentümlichen modus operandi: als soziale Selbsttransformation im Medium des Kalkulativen. Kalkulation ist damit ein Spiegel, in dem die moderne Gesellschaft weniger sich selbst in einer naiven Weise ‚anschaut’, sondern welcher in spezifischer Weise den Blick für alternative Gegenwarten und potenzielle Zukünfte öffnet – und damit die Selbsttransformation der Gesellschaft in Gang setzt. Literatur Amann, K./Knorr-Cetina, K. (1988): The Fixation of (Visual) Evidence. In: Lynch, Michael; Steve Woolgar (Hg.): Representation in Scientific Practice. Cambrigde, Mass.: The MIT Press, S. 85-121. Appel, M. (1992): Werner Sombart: Historiker und Theoretiker des modernen Kapitalismus. Marburg: Metropolis-Verlag. Baecker, D. (1993): Die Schrift des Kapitals. In: Gumbrecht, H.U./Pfeiffer, K.L. (Hg.): Schrift. München: Wilhelm Fink, S. 257-272. Baukrowitz, A./Boes, A. (1996): Arbeit in der ‚Informationsgesellschaft’. Einige Überlegungen aus einer (fast schon) ungewohnten Perspektive. In: Schmiede, R. (Hg.): Virtuelle Arbeitswelten. Arbeit, Produktion und Subjekt in der ‚Informationsgesellschaft’. Berlin: edition sigma, S. 129-157. Boes, A. (2005): Informatisierung. In: SOFI/IAB/ISF München/INIFES (Hg.): Berichterstattung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland – Arbeits- und Lebensweisen. Erster Bericht. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 211-244 (Seitenzahlen zitiert nach Manuskript). Bonß, W. (1982): Die Einübung des Tatsachenblicks: Zur Struktur und Veränderung empirischer Sozialforschung, Frankfurt am Main: Suhrkamp. Brülle, H./Reis, C./Reiss, H.-C. (1998): Neue Steuerungsmodelle in der Sozialen Arbeit. Ansätze zu einer adressaten- und mitarbeiterorientierten Reform der öffentlichen Sozialverwaltung? In: Reis, C./Schulze-Böing, M. (Hg.): Planung und Produktion sozialer Dienstleistungen. Die Herausforderungen ‘neuer Steuerungsmodelle’. Berlin: edition sigma, S. 55-79. Callon, M./Law, J. (2003): On Qualculation, Agency and Otherness. Online paper Centre for Science Studies Lancaster University, published on 20th December 2003. Callon, M./Muniesa, F. (2005): Peripheral Vision. Economic Markets as Calculative Collective Devices. In: Organization Studies 26, S. 1229-1250. Certeau, M. de (1988): Kunst des Handeln. Berlin: Merve. Cohen, P.C. (1999): A Calculating people. The Spread of Numeracy in Early America. New York/ London: Routledge. Desrosières, A. (2005): Die Politik der großen Zahlen. Eine Geschichte der statistischen Denkweise. Berlin u.a.: Springer. Dominelli, L./Hoogvelt, A. (1996): Globalisation, the Privatisation of Welfare, and the Changing Role of Professional Academics in Britain. In: Critical Perspectives on Accounting 7, S. 191-212. Fangmann, H. (2005): Hochschulsteuerung in Nordrhein-Westfalen. Strukturen und Instrumente, Sachstand und Perspektiven, Vortrag auf der IHF-Fachtagung „Neue Finanzierungs- und Steuerungssysteme“, München, 7. Oktober 2005. Gorz, A. (2004): Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie. Zürich: Rotpunktverlag. Hörisch, J. (2002): Zählen oder Erzählen. Hinweise auf neuere Geld-Literatur. In: Deutschmann, C. (Hg.): Die gesellschaftliche Macht des Geldes. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 316-324. Hoskin, K.W./Macve, R.H. (1986): Accounting and the Examination: A Genealogy of Disciplinary Power. In: Accounting, Organizations and Society 11, S. 105-136. Hoskin, K.W./Macve, R.H. (1994): Writing, Examining, Disciplining: The Genesis of Accounting’s Modern Power. In: Hopwood, A. G./Miller, P. (Hg.): Accounting as Social and Institutional Practice. Cambridge: Cambridge University Press, S. 67-97. Kalthoff, H. (2000): Entscheiden unter Ungewissheit: Bankwirtschaftliche Standortsuche in Mittelund Osteuropa. In: Zeitschrift für Soziologie 29, S. 103-120.
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Bettina Heintz In seinem breit rezipierten Buch „Trust in Numbers“ hat Theodore Porter die Auffassung vertreten, dass Quantifizierung ein Kommunikationsmedium ist, das Aussagen mit Objektivität versieht und das vor allem dann zum Einsatz kommt, wenn andere konsensbildende Mechanismen nicht mehr greifen. „Numbers, graphs and formulas (are) first of all strategies of communication. ... Reliance on numbers and quantitative manipulation minimizes the need for intimate knowledge and personal trust“ (Porter 1995: viii, ix). Der unpersönliche Charakter von Zahlen verhelfe dazu, Argumente mit einer Aura des Notwendigen zu versehen, und trage damit dazu bei, Akzeptanz herzustellen. Dies wird aber erst dann notwendig, wenn persönliches Vertrauen nicht mehr gegeben ist und Konsens nicht mehr über direkte Interaktion hergestellt werden kann. Quantifizierungsbestrebungen setzen folglich dann ein, wenn die Kommunikation von persönlicher Begegnung auf schriftlichen Verkehr umgestellt wird und das persönliche Vertrauen gering ist. Aus systemtheoretischer Perspektive lässt sich Porters These dahingehend umformulieren, dass Quantifizierung ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium ist, ähnlich wie Liebe, Wahrheit, Geld oder Macht (Luhmann 1997: 316ff.). Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien sind Kommunikationsanweisungen, die es ermöglichen, an sich unwahrscheinlichen Kommunikationen Akzeptanz zu verschaffen. Sie sind der historisch letzte Typus einer Reihe von Kommunikationsmedien, die das Problem der dreifachen Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation zu lösen helfen: Verstehen, Erreichen von Empfängern und Kommunikationserfolg (Luhmann 1981). Sprache ist das historisch primäre Medium. Ihre Entwicklung erleichtert das Verstehen einer Kommunikation. Verbreitungsmedien (Schrift, Buchdruck, Zeitungen, elektronische Medien etc.) schließen daran an und erweitern den Adressatenkreis. Sprache allein legt nicht fest, wie auf eine Kommunikation reagiert wird, ob mit Zustimmung oder Ablehnung. Im Falle mündlicher Kommunikation wird die sprachlich gegebene Möglichkeit zur Negation in vielen Fällen vermieden und stattdessen Konsens signalisiert, auch wenn die Meinungen faktisch auseinander gehen (Messmer 2003). Insofern führt Anwesenheit zu einer erhöhten Bereitschaft, Mitteilungen zu akzeptieren und die Artikulation von Dissens zu vermeiden resp. durch „korrektive Verfahren“ aufzulösen (Goffman 1982). Sobald jedoch durch die Entstehung von Verbreitungsmedien der unmittelbare Zusammenhang von Mitteilung/Information und Verstehen auseinander gerissen wird, braucht es andere Verfahren, um das Verstehen und die Annahme einer Kommunikation zu sichern. An dieser Stelle kommen für Luhmann die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien ins Spiel. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien steigern die Akzeptanz von Kommunikationen, indem „die Konditionierung der Selektion zum Motivationsfaktor gemacht wird“ (Luhmann 1997: 321), d. h.
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indem sie signalisieren, dass ihre Auswahl bestimmte Voraussetzungen erfüllt.1 Insofern sind sie keine Sachverhalte, sondern „semantische Einrichtungen“, die auf Sachverhalte hinweisen und ihnen Kausalität zuschreiben. So ist das Kommunikationsmedium Liebe kein Gefühl, sondern eine Kommunikationsanweisung, wie Liebe auszudrücken ist, und ähnlich bezeichnet Wahrheit als Kommunikationsmedium keine Eigenschaft von Sätzen, sondern eine Kommunikationsanweisung, die signalisiert, dass die Auswahl der Information durch die Beachtung anerkannter Verfahren und nicht durch eine Laune des Mitteilenden zustande kam. Porters These, dass Quantifizierung die Akzeptanz von Aussagen wahrscheinlich macht und dies vor allem dann notwendig ist, wenn andere konsensbildende Mechanismen nicht mehr greifen, lässt jedoch zwei Fragen unbeantwortet: 1. Was geschieht vor der kommunikativen Verwendung von Zahlen? Wie werden Zahlen generiert und unter welchen Bedingungen werden sie von ihren Produzenten als objektiv interpretiert? 2. Weshalb ist eine Argumentation mit Zahlen konsenserzeugender als eine Argumentation, die sich ausschließlich der Sprache bedient? Oder anders gefragt: Inwieweit ist Quantifizierung tatsächlich ein Kommunikationsmedium? Auf diese Fragen gehe ich im Folgenden unter Beiziehung wissenschaftssoziologischer Konzepte näher ein. In einem ersten Abschnitt beschreibe ich den Wandel des Objektivitätsbegriffs und unterscheide in diesem Zusammenhang zwei Strategien, über die in der Wissenschaft Objektivität erzeugt wird. Die eine setzt bei der Beobachtung ein, d. h. in jener Phase, in der Daten resp. Zahlen generiert werden, die andere bezieht sich auf die nachfolgende Phase der Forschungskommunikation. In der Quantifizierungsliteratur wird der Umgang mit Zahlen oft in die Nähe der Mathematik gerückt. Abgesehen davon, dass sich die Quantifizierungsbemühungen zu einem großen Teil unabhängig von der Mathematik vollzogen haben, gibt es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Mathematik und Rechnen. Im Gegensatz zu Zahlen, die am Ende immer auf einen externen Referenten verweisen und darüber ihre Bedeutung erhalten, handelt die moderne Mathematik nicht von Zahlen, sondern von Zeichen, die keinen externen Bezug haben. In einem zweiten Teil werde ich deshalb kurz auf die Mathematik eingehen und zeigen, dass und inwiefern mathematische Formalisierung als ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium verstanden werden kann. Formalisierung und Quantifizierung sind nicht dasselbe. Auch wenn man eine konstruktivistische Position bezieht und den realitätserzeugenden Charakter von Zahlen betont, anstatt sie als Repräsentationen einer gegebenen Wirklichkeit zu begreifen (Kalthoff 2005), verweisen Zahlen am Ende doch auf eine Außenwelt. D. h. im Gegensatz zu mathematischen Operationen setzt die Produktion von Zahlen Messung voraus und hat insofern einen externen Bezug. Mit der Frage, auf welche Weise und unter welchen Bedingungen einer Beobachtung resp. Messung Objektivität zugeschrieben wird, hat sich vor allem die Wissenschaftssoziologie beschäftigt. Darauf gehe ich in einem dritten Teil ein. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie und unter welchen Bedingungen Wissenschaftler die von ihnen erzeugten Daten als Fakten interpretieren und nicht als Artefakt der von ihnen verwendeten Apparaturen bzw. Verfahren. Der Eindruck, auf ein Faktum gestoßen zu sein, wird allerdings erst dann zu einem wissenschaftlichen Ereignis, wenn es gelingt, andere davon zu überzeugen. Auf diesen Überzeugungsprozess bezieht sich Porter mit seiner These, dass Zahlen ein Kom1
Es ist in Luhmanns Medientheorie nicht immer klar, ob es nur um die Akzeptanz oder auch um das Verstehen einer Kommunikation und damit um Anschlussfähigkeit per se geht, unabhängig davon, ob die Kommunikation angenommen oder ihr widersprochen wird, vgl. dazu auch Göbel (2000: 245ff.).
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munikationsmedium sind. Mit den verschiedenen Strategien, Akzeptanz zu erzeugen, befasse ich mich im vierten Abschnitt. In einem fünften Abschnitt fasse ich die Argumentation noch einmal zusammen. Objektivierungsverfahren in der Wissenschaft: Regulierte Beobachtung und normierte Kommunikation Mit seiner These, dass Zahlen Objektivität signalisieren und dadurch die Akzeptanz von Aussagen fördern, bezieht sich Porter auf jene Phase, in der bestehende Zahlen einer weiteren Öffentlichkeit vermittelt werden. Dieser Phase ist jedoch ein Prozess vorgelagert, in der Zahlen produziert und von den Produzenten als objektiv eingestuft werden. Diese Unterscheidung entspricht der in der Wissenschaftssoziologie geläufigen Unterscheidung zwischen Forschungshandeln und Forschungskommunikation. Es ist eine Sache, wann Wissenschaftler ihren Forschungsergebnissen Faktizitätscharakter zuschreiben, und eine andere, wie sie ihre Ergebnisse kommunizieren und unter welchen Bedingungen sie von der Fachgemeinschaft als objektiv wahrgenommen werden. Entsprechend unterscheiden sich auch die Objektivierungsbedingungen. Wie wissenschaftshistorische Untersuchungen zeigen, sind die Vorstellungen darüber, wie objektives Wissen garantiert werden kann, historisch wandelbar. Die für uns heute selbstverständliche Gleichsetzung von „objektiv“ mit „unabhängig von persönlichen Einschätzungen“ und die ebenso geläufige Assoziation von „Objektivität“ und „Wahrheit“ ist eine Entwicklung, die sich erst im 19. Jahrhundert endgültig durchgesetzt hat (u. a. Daston 2001). Die Anfänge dieser Entwicklung reichen bis ins späte 16. Jahrhundert zurück, als sich zuerst in England, später auch in anderen Ländern die epistemischen und sozialen Regeln zu konstituieren begannen, die heute das Selbstverständnis der Wissenschaft ausmachen. Die moderne Wissenschaft, die sich in dieser Zeit als eigenständiges Funktionssystem auszudifferenzieren begann, inthronisierte die Empirie und das Experiment als grundlegendes Erkenntnisinstrument (u. a. Shapin 1996). Anstatt Autoritäten und Bücherwissen zu vertrauen, wurden die Augen zur ultimativen Erkenntnisinstanz. Nur was mit eigenen Augen beobachtet wird, d. h. empirisch erfahrbar und intersubjektiv überprüfbar ist, kann zu einer wissenschaftlichen Tatsache werden. Damit stellte sich jedoch ein Problem, dessen Lösung in unterschiedliche Verfahren zur Herstellung von Objektivität mündete. Beobachtungen sind lokale Ereignisse. Es ist ein konkretes Individuum, das an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt seine Beobachtungen macht. Unter welchen Voraussetzungen bekommt dieses notwendig lokale und subjektgebundene Wissen den Status einer objektiven Tatsache? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit der „view from somewhere“ (Porter 1992: 646) zu Thomas Nagels „Blick von nirgendwo“ wird (Nagel 1992)? Zur Lösung dieses Problems wurden zwei Strategien entwickelt. Die eine Strategie setzt bei der Beobachtung an, die andere bezieht sich auf die Regeln der wissenschaftlichen Kommunikation.
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Disziplinierung der Beobachtung Wie Werner Kutschmann (1986) in seiner informativen Studie zeigt, avancierte methodische (Selbst-)Disziplinierung seit dem späten 16. Jahrhundert zum wichtigsten Garanten für Objektivität. Um zu Wissen über die Natur zu gelangen, braucht es den Wissenschaftler als „Aufzeichnungsgerät“, gleichzeitig muss dessen Subjektivität und Körperlichkeit aber weitgehend ausgeschaltet werden, damit die Natur tatsächlich „für sich selbst sprechen kann“, d. h. objektive Erkenntnis möglich ist. Die Lösung dieses Problems bestand einerseits in der Entwicklung strikter methodischer Regeln und andererseits in der apparativen Aufrüstung des menschlichen Auges. Die Erfindung des Teleskops und des Mikroskops eröffnete dem Naturbeobachter nicht nur Schichten der Wirklichkeit, die dem Auge vorher nicht zugänglich waren, sondern hatte gleichzeitig die Funktion, die wissenschaftliche Beobachtung von den prinzipiell fehlbaren menschlichen Sinnen unabhängiger zu machen. Die Strategie, wissenschaftliche Beobachtung an technische Apparaturen zu delegieren, wurde im Verlaufe des 19. Jahrhunderts perfektioniert. Lorraine Daston und Peter Galison (1992) sprechen in diesem Zusammenhang von „mechanischer Objektivität“. Mechanische Objektivität zielt auf eine vollständige Ausschaltung des „Apriori des Leibes“ (Kutschmann 1986), indem Apparaturen den Körper als Beobachtungs- und Messinstrument ersetzen (sollen), und sie beruht auf der empiristischen Annahme, dass sich Theorie und Beobachtung trennen lassen. Das Ideal ist die subjektfreie Beobachtung über Aufzeichnungsgeräte, mit deren Hilfe sich die Natur selbst beschreiben kann, ohne menschliches Dazwischentreten. Beispielhaft dafür sind die wissenschaftliche Photographie und die Entwicklung von selbstregistrierenden Instrumenten in der Biologie (vgl. u. a. Chadarevian 1994). Damit wird das Problem der Kontingenz wissenschaftlicher Beobachtung jedoch nicht gelöst, sondern nur verschoben, indem das Gesehene nun abhängig ist von der Funktionstüchtigkeit eines technischen Geräts.2 Dieses Dilemma, das H. M. Collins (1985) als „experimentellen Zirkel“ bezeichnet und das sich in gleicher Form auch bei der Produktion von Zahlen in Unternehmen oder statistischen Ämtern stellt, lässt sich nicht auflösen, sondern höchstens latent halten. Normierung der Kommunikation Mechanische Objektivität reicht nicht aus, um individuell und lokal erzeugtem Wissen den Status unzweifelhafter Objektivität zu verleihen. Denn mit der erfolgreichen Durchführung eines Experiments wird erst ein Geltungsanspruch erhoben, der von der Fachgemeinschaft akzeptiert werden muss, damit das Ergebnis zu einer wissenschaftlichen Tatsache wird. Wie wissenschaftshistorische Studien zeigen, haben sich die Akzeptanzbedingungen und Überzeugungsstrategien im Verlaufe der Zeit grundlegend geändert. In der Frühphase der modernen Wissenschaft musste ein experimentelles Resultat durch Zeugen öffentlich, d. h. in einem Akt gemeinsamer Wahrnehmung, beglaubigt werden, damit es den Status einer wissenschaftlichen Tatsache erhalten konnte (Shapin/Schaffer 1985). Als Zeugen kamen 2
Ein berühmtes Beispiel ist Galileos Versuch, seine Gegner durch den Blick durchs Fernrohr von der Existenz der Jupitermonde zu überzeugen. Das Scheitern dieses Versuchs macht deutlich, dass das menschliche Auge durch den Einsatz von Beobachtungsinstrumenten nicht ersetzbar, sondern auf neue Art gefordert ist (vgl. Blumenberg 1965).
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nur Personen in Betracht, deren sozialer Status Unvoreingenommenheit garantierte. Bezahlte Experimentatoren waren aufgrund ihrer materiellen Interessen nicht in der Lage, ihre Resultate mit Glaubwürdigkeit zu versehen: „They made the machines work, but they could not make knowledge“ (Shapin 1988: 395). D. h. in einer Gesellschaft, die auf stratifikatorischer Differenzierung beruhte, war Vertrauenswürdigkeit an den sozialen Rang gebunden und erst sekundär mit wissenschaftlicher Kompetenz assoziiert. Shapin (1988) spricht deshalb auch von „Gentlemen-Wissenschaft“. Dies änderte sich im Verlauf des 18. und vor allem im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der endgültigen Ausdifferenzierung der Wissenschaft als eigenständiges Funktionssystem. Der Zugang zur Wissenschaft wurde nun nicht mehr über den sozialen Stand geregelt, sondern neu an den Erwerb von Qualifikationen gebunden, die die Wissenschaft selbst festlegt. Wissenschaft wird mit anderen Worten zu einem Beruf, der nach bestimmten Verfahren gelehrt wird und dessen Ausübung die Befolgung anerkannter Forschungstechniken voraussetzt. Gleichzeitig führten die Expansion der Wissenschaft und ihre Verankerung an den neu gegründeten Universitäten zu einer Veränderung und Ausweitung des Adressatenkreises mit Folgen für die wissenschaftliche Kommunikation. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts nahm die Publikationsaktivität explosionsartig zu und der Zeitschriftenaufsatz, der sich an ein anonymes Publikum richtet, etablierte sich als Standardform der (natur-)wissenschaftlichen Kommunikation (Stichweh 1984: 401ff.; Wagner-Döbler 1997). Zudem entstanden zahlreiche internationale Kommissionen und Kooperationen, in denen Wissenschaftler aus unterschiedlichsten Ländern zusammenarbeiteten (Schofer 1999). Angesichts dieser institutionellen Veränderungen versagen Strategien, die auf sozialer Glaubwürdigkeit und direktem Kontakt beruhen wie im Falle der „Gentlemen-Wissenschaft“. Ähnlich wie es Porter beschreibt, mussten Überzeugungsstrategien entwickelt werden, die die Akzeptanz von wissenschaftlichen Aussagen auch dann wahrscheinlich machen, wenn gemeinsame Wahrnehmung nicht mehr vorausgesetzt werden kann und sich die Teilnehmer nicht persönlich kennen. Wie Lorraine Daston zeigt, wird Objektivität neu über Kommunizierbarkeit definiert und der Kunst entgegengesetzt, die nun die Sphäre der nichtdiskursivierbaren Subjektivität verkörpert. „L’art c’est moi, la science c’est nous“, mit dieser Formulierung hat der französische Physiologe Claude Bernard 1865 das neue Selbstverständnis der Wissenschaft auf den Punkt gebracht (zit. in Daston 1998: 82). Während es früher die Anwesenheit sozial vertrauenswürdiger Zeugen war, die einer wissenschaftlichen Aussage Objektivität und damit Akzeptanz verlieh, verlagert sich das Gewicht nun auf die Form der Mitteilung. Wissenschaftliche Aussagen können dann den Anspruch auf Objektivität erheben, wenn sie in einer Form mitgeteilt werden, die ihren exakten Nachvollzug gestattet, d. h. wenn die Begriffe genau definiert sind, der Gedankengang keine Lücken enthält und die Ergebnisse in einer Weise erzeugt wurden, die ihre Wiederholung an anderen Orten, zu anderen Zeiten und durch andere Personen möglich macht. Dieses neue Verständnis von Objektivität stellte die Wissenschaftler vor die Anforderung, den Messvorgang zu standardisieren und ihre Kommunikation zu normieren. Die Standardisierung der Maße, Messinstrumente und Messbedingungen hatte zur Folge, dass die Forschungsbedingungen weltweit vereinheitlicht wurden. Forschungsresultate sind zwar grundsätzlich partikular, indem sie an bestimmten Orten, zu bestimmten Zeiten und von bestimmten Personen erzeugt werden, die durch Standardisierung erreichte Vereinheitlichung führt jedoch dazu, dass sie vergleichbar und kommunikativ anschlussfähig werden. Heute ist es für uns selbstverständlich, dass Länge, Gewicht und Zeit an jedem
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Ort der Welt auf dieselbe Weise gemessen werden. Historisch gesehen ist diese Vereinheitlichung der Maße aber ein relativ neues Phänomen. Viele der heute gebräuchlichen Maßeinheiten und Messverfahren wurden erst im Lauf des 19. Jahrhunderts festgelegt und nach teilweise langen Auseinandersetzungen international für verbindlich erklärt (vgl. u. a. Galison 2006; Kula 1986; Wise 1995). Eine ähnliche Standardisierung erfolgte auch in Bezug auf die Messinstrumente. Während die Messapparaturen in der Frühzeit der empirischen Wissenschaft fast immer Unikate waren, deren Zuverlässigkeit abhängig war von der Geschicklichkeit des Experimentators, war die Instrumentenentwicklung im 19. Jahrhundert auf Standardisierung ausgerichtet: Im Idealfall konnten die Messergebnisse auf einer Skala in Form von Zahlen abgelesen werden und entsprachen damit dem Ideal der mechanischen Objektivität. Mit der Durchsetzung des Labors, das im Verlauf des 19. Jahrhunderts in zunehmendem Maße das „Feld“ als Arbeitsstätte und Untersuchungsgegenstand ersetzte, wurden schließlich auch die Messbedingungen vergleichbar gemacht.3 Laboratorisierung der Wissenschaft heißt, dass die wissenschaftliche Beobachtung unter Bedingungen stattfindet, die sich gezielt variieren und systematisch kontrollieren lassen. Damit werden Bedingungen geschaffen, die im Prinzip überall reproduzierbar sind, im Gegensatz zur Feldwissenschaft, die von externen Restriktionen und natürlichen Kontingenzen abhängig bleibt und in der die Messbedingungen dem Zugriff und der Kenntnis der Forscher weitgehend entzogen sind. Dazu kommt, dass die im Labor untersuchten Objekte nicht von außen importierte „natürliche“ Gegenstände sind, sondern in vielen Fällen im Labor erst erzeugt werden. Die durch die Standardisierung der Maße, Messinstrumente und Messbedingungen geschaffene Vereinheitlichung macht die notwendig lokal produzierten Ergebnisse kommunikativ anschlussfähig und ermöglicht einen potentiell weltweiten Vergleich von Forschungsresultaten hinsichtlich ihrer „Wahrheit“. Diese Entwicklung trug entscheidend zur Globalisierung der Wissenschaft bei (zu einer ähnlichen Entwicklung im Sport vgl. den Beitrag von Werron in diesem Band).4 Parallel zur Standardisierung des Messvorgangs wurde auch die wissenschaftliche Kommunikation normiert mit dem Ziel, die Anschlussfähigkeit wissenschaftlicher Kommunikation auch dann zu sicherzustellen, wenn der unmittelbare Zusammenhang zwischen Autor und Leser nicht mehr gegeben ist und das Verstehen einer Aussage folglich voraussetzungsvoller und ihre Akzeptanz unwahrscheinlicher wird. Bis Ende des 18. Jahrhunderts wurden wissenschaftliche Beiträge häufig in Briefform publiziert (u. a. Daston 1991; Goldstein 2003). Der Autor machte sich als Person kenntlich und sprach ein ihm bekanntes Publikum an. Dies änderte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert. Die Schrift löste sich als eigenständiges Medium von der mündlichen Kommunikation und erhielt von nun an Modellfunktion. Wissenschaftliche Texte waren von nun an nicht mehr Simulationen eines Gespräches, sondern entwickelten eigenständige Stilmittel, die auf Unpersönlichkeit und Exaktheit ausgerichtet sind.5 Die persönliche Anrede wurde durch Sprachformen ersetzt, 3
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Die Durchsetzung des Labors und die Umwandlung der Feldwissenschaften in Laborwissenschaften erfolgten allerdings in unterschiedlichem Tempo und erfassten nicht alle Disziplinen gleichermaßen. Vgl. zur Laboratorisierung im 19. Jahrhundert James (1989), und zu den Feldwissenschaften Rees (2001) sowie Kuklick/Kohler (1996). Die zeitlich parallel laufende Nationalisierung der Wissenschaft, z. B. in Form der Gründung von nationalen Zeitschriften und nationalen Wissenschaftsvereinigungen, steht dazu nicht im Widerspruch, sondern ist als Folge und Reaktion auf die Entstehung eines zunehmend globalen Kommunikationszusammenhangs zu verstehen. Zu den Verschiebungen im Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Übergang zur Moderne vgl. Bohn (1999).
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die den Autor und seine Adressaten zurücktreten lassen zugunsten einer entpersonalisierten Beschreibung von Sachverhalten. Der Anspruch auf Wahrheit wird nicht mehr über den sozialen Rang des Schreibenden und die damit verbundene Zurechnung von Wahrhaftigkeit gestützt, sondern über die Beachtung der zulässigen wissenschaftlichen Verfahren. Das Resultat sind wissenschaftliche Texte, deren sprachliche Form zum Ausdruck bringt, dass sie einen Sachverhalt wiedergeben und nicht durch persönliche Urteile gefärbt sind. Diese Umstellung des wissenschaftlichen Kommunikationscodes von persönlicher Anrede zu entpersonalisierten Beschreibungen ist beispielhaft für die Operationsweise von symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien (vgl. Einleitung). Als Kommunikationsmedium ist Wahrheit eine „semantische Einrichtung“ (Luhmann 1982: 21), die signalisiert, dass eine Aussage auf wissenschaftlichen Grundlagen beruht und nicht bloß Meinungen und Wertungen wiedergibt (Luhmann 1990: 173ff.). Im Unterschied zu anderen Kommunikationsmedien liegt die Besonderheit des Mediums Wahrheit darin, dass die Selektion der Information der Umwelt („Erleben“) und nicht den Beteiligten („Handeln“) zugerechnet wird. Diese Zurechnung auf Erleben ergibt sich nicht von selbst, sondern wird durch den spezifischen Kommunikationscode wissenschaftlicher Publikationen nahe gelegt. Indem sich wissenschaftliche Aussagen als Beschreibungen von Sachverhalten präsentieren, die durch Befolgung anerkannter methodischer Regeln zustande kamen, erhöht sich ihre Akzeptanzwahrscheinlichkeit. Ein Forschungsergebnis wird also dann mit Objektivität assoziiert, wenn unterstellt werden kann, dass es einen externen Sachverhalt wiedergibt, und nicht die persönliche Meinung der Beteiligten. „Wenn man neues, ungewöhnliches Wissen als wahr vorschlagen will, muss man das eigene Handeln hinten anstellen. Man kann schließlich nicht sagen: es ist wahr, weil ich es so will oder weil ich es vorschlage“ (Luhmann 1990: 221). Genau dies formuliert der moderne Objektivitätsbegriff als normative Vorgabe, und hier liegt auch der Berührungspunkt zwischen Luhmanns Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien und den historischen Arbeiten zur Geschichte der Objektivität. Formalisierung als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium In seinem Buch nennt Porter Formalisierung und Quantifizierung, Mathematik und Rechnen oft im gleichen Atemzug. Diese Gleichsetzung von Mathematik und Rechnen findet sich nicht nur bei Porter, sondern zieht sich auch durch praktisch die gesamte AccountingLiteratur. Für die Manipulation von Zahlen sind mathematische Techniken zwar unabdingbar, zwischen Rechnen und Mathematik besteht jedoch ein grundsätzlicher Unterschied mit der Folge, dass die Überzeugungskraft von Zahlen auf anderen Mechanismen beruht als die Überzeugungskraft von Formeln. Während sich Zahlen letztlich immer auf einen externen Referenten beziehen, sind die Referenzbeziehungen in der Mathematik ausschließlich interner Natur. In der modernen (reinen) Mathematik gibt es keinen Verweis mehr auf irgendetwas außerhalb des mathematischen Systems, heiße das nun Anschauung, Evidenz oder Intuition. Mathematiker operieren nicht mit Zahlen, sondern mit Zeichen, die intern definiert sind und nicht auf einen externen Sachverhalt verweisen. Das Selbstverständnis der Mathematik als ein geschlossenes System, das die Objekte, mit denen es operiert, und die Regeln, nach denen es vorgeht, selbst erzeugt, ist eine Entwicklung des 19. Jahrhunderts und hängt entscheidend mit dem im vorangehenden Abschnitt beschriebenen instituti-
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onellen Veränderungen und dem damit verbundenen Wandel des Objektivitätsbegriffs zusammen (vgl. für das Folgende ausführlicher Heintz 2001). Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts wurde der „naive abstractionism“ (Gray 1992) der früheren Mathematik überwunden und durch Objekte ersetzt, die ausschließlich mathematikintern definiert sind. Diese „De-Ontologisierung“ war auch deshalb notwendig geworden, weil die Mathematiker zunehmend Begriffe eingeführt hatten, die nicht mehr als Idealisierungen bzw. Abstraktionen aus empirischen Erfahrungen verstanden werden konnten, sondern ausschließlich „fiktiven“ Charakter hatten. Das bekannteste Beispiel sind die imaginären Zahlen, die von Leonhard Euler treffend als „ohnmögliche“, „eingebildete“ oder eben als „imaginäre“ Zahlen bezeichnet wurden (Toth 1987: 115) und die man bis weit ins 19. Jahrhundert verwendete, ohne sie systematisch hergeleitet zu haben. Im Zuge dieser „Theoretisierung“ der Mathematik (Jahnke 1990) wurden die mathematischen Grundbegriffe sukzessiv hinterfragt und in ein explizites System überführt. Dies gilt, um nur einige Beispiele zu erwähnen, für den Begriff des Raumes (Riemann), den Funktionsbegriff (Weierstraß) und den Begriff der Zahl (Dedekind). Den Endpunkt dieser Entwicklung bildete David Hilberts formale Axiomatisierung der Geometrie. In der inhaltlichen Axiomatik – das bekannteste Beispiel ist die Euklidsche Geometrie – werden die Axiome über ihre kognitive oder sinnliche Evidenz und damit indirekt über ihren externen Bezug gerechtfertigt. Demgegenüber verzichtet die formale Axiomatik auf eine inhaltliche Qualifizierung der Axiome. Axiome sind Annahmen hypothetischer Art, „Satzungen“ gewissermaßen, deren inhaltliche Wahrheit nicht zur Debatte steht. Wahrheit wird nicht mehr über Korrespondenz mit einer wie auch immer gearteten externen Wirklichkeit definiert, sondern gleichgesetzt mit Widerspruchsfreiheit innerhalb einer vom Mathematiker selbst geschaffenen Ordnung. Wahr sind die Axiome dann, wenn aus ihnen kein Widerspruch resultiert. In gleicher Weise wird auch der Begriff der Existenz von allen ontologischen Bezügen befreit. Existent ist das, was den Axiomen nicht widerspricht.6 Was die über die Axiome definierten Begriffe „bedeuten“, ist offen und hängt von ihrer semantischen Interpretation ab. Solange sie mit den Axiomen verträglich seien, könne man sich, so Hilbert, unter „Punkten“, „Geraden“ oder „Ebenen“ auch „Tische“, „Stühle“ und „Bierseidel“ vorstellen (zit. in Blumenthal 1935: 403). Im Hilbertschen Formalismus verweisen die Begriffe auf nichts mehr außerhalb des mathematischen Systems, innerhalb dessen sie definiert wurden. Die Mathematik wird damit referenzlos, was die Außenwelt betrifft, und selbstreferentiell in Bezug auf sich selbst. Oder wie es Herbert Mehrtens formuliert: „Eine mathematische Theorie ist eine Symbolsprache, die sich auf nichts außer auf sich selbst bezieht“ (Mehrtens 1990: 123).7 Die zweite Veränderung bezieht sich auf das Verständnis des Beweises. Wie die Geschichte der Mathematik zeigt, sind die Auffassungen darüber, unter welchen Bedingungen 6
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„Wenn sich die willkürlich gesetzten Axiome nicht einander widersprechen mit sämtlichen Folgen, so sind sie wahr, so existieren die durch die Axiome definirten Dinge. Das ist für mich das Criterium der Wahrheit und Existenz“, so David Hilbert in einem Brief an Gottlob Frege, der die geometrischen Axiome in traditioneller Manier inhaltlich begründen wollte: „(Geometrische) Axiome nenne ich Sätze, die wahr sind, weil ihre Erkenntnis aus einer der logischen ganz verschiedenen Erkenntnisquelle fließt, die man Raumanschauung nennen könnte“ (zit. in Frege 1976: 63, 66). Eine ähnliche Umstellung findet zur gleichen Zeit innerhalb der Sprachwissenschaft statt. Ähnlich wie in der Mathematik definiert Ferdinand de Saussure die Bedeutung eines sprachlichen Zeichens nicht mehr über den Bezug zu einem außersprachlichen Referenten, sondern über seine sprachinterne Relation resp. Differenz zu anderen Zeichen (de Saussure 2001). Diese Parallelität ist ein wissenssoziologisch interessanter Befund, dem näher nachzugehen sich lohnen würde.
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eine mathematische Aussage gerechtfertigt ist und damit als wahr akzeptiert werden kann, historisch wandelbar. Noch im 18. Jahrhundert war es nicht unüblich, Resultate und Begriffe zu verwenden, die nicht im strengen Sinn bewiesen waren, sondern über Plausibilitätsüberlegungen, induktiv-empirisch oder auch bloß pragmatisch über das Argument gerechtfertigt wurden, dass sie funktionieren (Grabiner 1981; Kline 1980: Kap. 6). Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Tatsache, dass viele Ergebnisse nicht durch Beweise gedeckt waren, zunehmend als Problem erkannt. Um der Forderung nach strengeren Beweisen nachzukommen, mussten neue Sprachkonventionen entwickelt und durchgesetzt werden. Ein „strenger“ Beweis ist ein Beweis, bei dem die verwendeten Begriffe über die Axiome definiert sind, die Argumentation deduktiv und möglichst lückenlos erfolgt und die Alltagssprache weitgehend durch eine formale Sprache ersetzt wird. Im Idealfall sind Beweise in einer Weise formuliert, dass sie durch jeden anderen Mathematiker ohne weitere Erklärungen nachvollziehbar sind. Diese Anforderungen hatten neben ihrer epistemischen auch eine wichtige kommunikative Funktion: die Forderung nach strengeren Beweisen zwang die Mathematiker dazu, ihre Kommunikation zu disziplinieren und ihre Überlegungen Schritt für Schritt in eine Form zu bringen, die sich an den expliziten Vorgaben und Standards der mathematischen Gemeinschaft orientiert. Die Mathematik wird damit, so Mehrtens, „zu einer Schriftsprache mit scharfen, allgemein gültigen Gebrauchsregeln, auf die jeder Sprecher verpflichtet werden kann“ (Mehrtens 1990: 41). Die Festlegung von strikten Regeln, wie mathematische Aussagen zu begründen und in welcher Form sie zu formulieren sind, verweist darauf, dass Objektivität auch in der Mathematik die Bedeutung von Kommunizierbarkeit annimmt. „Was objektiv ist“, so der französische Mathematiker Henri Poincaré 1905, „muss mehreren Geistern gemein sein und folglich von einem dem anderen übermittelt werden können, und da diese Übermittlung nur durch die Rede vor sich gehen kann (...), sind wir gezwungen, zu schließen: Ohne Rede keine Objektivität“ (Poincaré 1905: 197). Ähnlich wie die empirischen Wissenschaften auf die Anonymisierung und Heterogenisierung des Adressatenkreises mit einer Standardisierung des Messvorgangs und einer Entpersonalisierung der wissenschaftlichen Sprache reagiert haben, verändert auch die Mathematik ihren Kommunikationscode, um die Akzeptanzwahrscheinlichkeit von Kommunikation zu erhöhen. Die im 19. Jahrhundert einsetzende Formalisierung der Mathematik, d. h. ihre Axiomatisierung und die Etablierung strenger Beweiskonventionen, hat m. a. W. nicht nur innermathematische Gründe, sondern ist auch als Antwort auf das sich verschärfende Problem der „Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation“ (Luhmann) zu verstehen: Unter der Bedingung anonymer und indirekter Kommunikation braucht es eine präzise Sprache, um Argumente mitteilbar, und „strenge“ Methoden, um sie überzeugend zu machen. Ein in einer formalen Sprache formuliertes Argument, das deduktiv und (praktisch) lückenlos aufgebaut ist, hat zwingenden Charakter: es lässt keinen Raum offen für Uneindeutigkeiten und Missverstehen und lässt sich nicht bestreiten. Mathematische Formalisierung erfüllt damit jene Funktion, die Luhmann symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien zuschreibt – die spezifische Art der Selektion motiviert zur Annahme einer Kommunikation.8 Dies macht deutlich, dass das Konzept symbolisch generalisierter Kommunikati8
„Man kann eine zugemutete Kommunikation annehmen, wenn man weiß, dass ihre Auswahl bestimmten Bedingungen gehorcht; und zugleich kann derjenige, der eine Zumutung mitteilt, durch Beachtung dieser Bedingungen die Annahmewahrscheinlichkeit erhöhen und sich selbst damit zur Kommunikation ermutigen“ (Luhmann 1997: 321).
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onsmedien nicht epistemische Beliebigkeit impliziert. Mit Wahrheit als Kommunikationsmedium ist nicht gemeint, dass der Inhalt der Aussagen irrelevant ist und es nur auf die Form der Mitteilung ankommt. Ansonsten wären Fälschungen ebenso akzeptierbar wie korrekte Ergebnisse. Gemeint ist vielmehr, dass die Kommunikationsform indiziert, dass das mitgeteilte Ergebnis unter Anwendung akzeptierter und im Prinzip überprüfbarer Verfahren zustande kam und insofern der Umwelt („Erleben“) zugerechnet werden muss und nicht den Präferenzen und Interessen der Beteiligten („Handeln“). „Die Frage, was der Fall ist, muss ergänzt (nicht ersetzt!) werden durch die Angabe, wie man zuverlässig feststellen kann, was der Fall ist“ (Luhmann 1997: 339). Die Frage ist: lässt sich auch Quantifizierung als Kommunikationsmedium interpretieren, wie Porter es behauptet? Oder erfordert eine Argumentation mit Zahlen zusätzliche, außerepistemische Unterstützungsmaßnahmen, da die Herstellung von Zahlen Messung und damit Apparaturen voraussetzt, deren Zuverlässigkeit grundsätzlich bestreitbar ist? Auf die Frage, unter welchen Bedingungen Wissenschaftler ihren Messungen Faktizitätscharakter zuschreiben, gehe ich im nächsten Abschnitt ein, um anschließend die Frage zu diskutieren, ob numerische Argumentationen in gleicher Weise als Kommunikationsmedium angesehen werden können wie Formalisierung in der Mathematik. Herstellungsstrategien – die Konstruktion einer wissenschaftlichen Tatsache Die Produktion von Zahlen setzt Messung voraus.9 Entsprechend hängt die Einschätzung der Objektivität von Zahlen in entscheidendem Maße von der Glaubwürdigkeit der verwendeten Messapparaturen und -verfahren ab, technisch gesprochen: von ihrer Reliabilität und Validität. So zweifelt (heute) niemand mehr daran, dass ein Fieberthermometer tatsächlich die Temperatur eines Menschen misst und es dies immer auf die gleiche Weise tut, unabhängig von Ort, Zeit und Person. Und ebenso wenig wird in Frage gestellt, dass die Temperatur bei allen Menschen messbar ist, unabhängig davon, worin sie sich sonst noch unterscheiden. Dies macht deutlich, dass Messung Kommensurabilität erfordert (vgl. Espeland/Stevens 1998). Phänomene, die in eine numerische Ordnung gebracht werden, müssen unter Absehung ihrer individuellen Unterschiede als vergleichbar eingestuft werden – z. B. Güter hinsichtlich ihres Preises, Länder hinsichtlich ihres Bruttosozialprodukts pro Kopf. Allerdings gibt es auch Phänomene, die sich aus kulturellen Gründen gegen Vergleichbarkeit und damit gegen eine Quantifizierung sperren. Ein Beispiel dafür ist Liebe, die im Gegensatz etwa zu wirtschaftlichen Produktionsleistungen gerade umgekehrt über Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit definiert wird. Vergleichbarkeit ist den vermessenen Objekten nicht inhärent, sondern das Resultat einer Kategorisierung, die sozial voraussetzungsvoll und entsprechend potentiell kontrovers ist (Bowker/Star 2000; Vanderstraten 2006). Kategorisierung bedeutet, dass nur einige Merkmale als relevant ausgewählt werden und alles andere ignoriert wird. Insofern impliziert Kategorisierung Abstraktion und Komplexitätsreduktion (vgl. anschaulich Borges 1981).10 All diese sozialen Prozesse – Kategorisierung, Herstellung von Ver9 10
Grundsätzlich können auch qualitative Beurteilungen in eine numerische Form gebracht werden, z. B. in Form von Noten oder Rankings, im Normalfall ist Quantifizierung jedoch an Messung gebunden. Ähnlich unterscheidet Townley (1995) im Anschluss an Foucault zwischen „taxonomy“ und „mathesis“. Taxonomien haben eine standardisierende Funktion, indem sie Vergleichbarkeit zwischen Phänomenen herstellen, die ursprünglich als qualitativ verschieden angesehen wurden. Sie bilden die Voraussetzung für Quantifizierung, d. h. für die Zuordnung von Zahlwerten (mathesis).
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gleichbarkeit und Messung – sind der Produktion von Zahlen vorgelagert, und entsprechend ist es umso erstaunlicher, dass Zahlen in vielen Fällen nicht strittig sind. Niemand erhebt Einspruch gegen die Zeitmessung bei einem Hundertmeterlauf, wohl aber gegen die medizinischen Interventionen, die diese Leistung erst möglich machten; niemand streitet über die Ozonwerte, wohl aber über deren Ursachen und Folgen; kaum jemand stellt die Zahlen zur Altersverteilung in Frage, wohl aber deren politische Einschätzung. Zahlen, die nicht strittig sind, werden nicht als selektive Beschreibungen einer zugrunde liegenden Wirklichkeit angesehen, sondern mit dieser selbst gleichgesetzt. Faktisch handelt es sich aber um das Ergebnis eines Reifikationsprozesses, dessen Struktur erst dann sichtbar wird, wenn hinsichtlich der Zuverlässigkeit der Messverfahren Unsicherheit oder Dissens besteht. Mit der Frage, unter welchen Bedingungen Messungen Faktizitätscharakter zugeschrieben wird, hat sich vor allem die konstruktivistische Wissenschaftssoziologie beschäftigt. Wie kann man beurteilen, ob eine Messung einen Sachverhalt wiedergibt oder ob sie ein Artefakt der verwendeten Messverfahren ist? Am Beispiel einer Kontroverse in der Physik hat H. M. Collins zu zeigen versucht, dass diese Frage in eine Paradoxie führt (Collins 1985: 79ff.). Ende der 60er Jahre stellte der Physiker Joseph Weber die Behauptung auf, es sei ihm gelungen, ein Gerät zu entwickeln, mit dem sich die Gravitationsstrahlung, deren Existenz bis dahin nur theoretisch postuliert worden war, messen lasse. Die Reaktion der Physiker auf dieses Ergebnis war gespalten. Für die einen waren die Ergebnisse von Weber tatsächlich ein Beweis für die Existenz von Gravitationswellen, für die anderen waren sie ein Artefakt der von ihm entwickelten Apparatur. Das Phänomen des „experimentellen Zirkels“ (Collins) erklärt, weshalb eine solche Kontroverse zwar geschlossen, aber nicht aufgelöst werden kann. Um sicher zu sein, dass die Apparatur tatsächlich misst, was sie messen soll, muss sie „richtige“ Resultate liefern. Ein richtiges Resultat setzt aber voraus, dass die Apparatur zuverlässig funktioniert. Ob dies der Fall ist, kann man aber erst entscheiden, wenn sie richtige Resultate liefert, und so weiter. „Zuverlässigkeit“ und „Richtigkeit“ bestimmen sich m. a. W. gegenseitig und führen insofern in eine Paradoxie, die prinzipiell nicht auflösbar ist. Diese Paradoxie ist im Prinzip jeder Datenerhebung eigen. Solange jedoch Konsens über die Zuverlässigkeit der angewandten Verfahren besteht und sie als selbstverständlich angesehen werden, bleibt sie latent. Offen zutage tritt sie erst dann, wenn im Rahmen von Kontroversen Messungen in Frage gestellt werden.11 In der Praxis der Forschung geht es über weite Strecken darum zu entscheiden, wann eine Messung als objektives Merkmal der Außenwelt zugerechnet werden kann und wann sie als Artefakt der verwendeten Verfahren interpretiert werden muss. In der Wissenschaftstheorie wird Forschung in der Regel als ein Vorgang behandelt, bei dem zwei Größen aufeinander abgestimmt werden müssen: gesucht wird ein „fit“ zwischen Theorie und Beobachtung resp. Messung. Mikrosoziologische Studien des Forschungshandelns zeigen jedoch, dass das Problem um einiges komplizierter ist. Es sind mehrere Größen, die aufeinander abgestimmt werden müssen, bis sich der Eindruck herstellt, auf ein Faktum gestoßen 11
Ein instruktives Beispiel für den paradoxalen Charakter des „experimentellen Zirkels“ ist die Kontroverse um die Zulässigkeit von computergestützten Beweisen in der Mathematik. Soll man einen Beweis akzeptieren, der nur mit Hilfe eines Computers durchführbar ist und sich folglich mit den üblichen Werkzeugen der Mathematik – Kopf, Bleistift und Papier – nicht überprüfen lässt? Während einige Mathematiker Computerbeweise strikt ablehnen, übrigens mit ähnlichen Argumenten, wie sie Collins anführt, plädieren andere dafür, neue Kriterien für die Akzeptanz von Beweisen einzuführen: Nachprüfung des Programms durch Gutachter, Replikation durch andere Computer etc. Die Paradoxie lässt sich damit zwar latent halten, aber nur auf Kosten einer Einschränkung der Beweisanforderungen, vgl. ausführlicher Heintz 2000: 352ff.
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zu sein, und alle Größen, nicht nur die theoretischen Annahmen, sind im Prinzip veränderbar. Pickering (1989) unterscheidet zwischen drei Komponenten, zwischen denen Kohärenz hergestellt werden muss: phenomenal models (theoretische Annahmen und Forschungsfragen), instrumental models (messtechnische Annahmen über die Funktionsweise der Apparatur bzw. der Versuchsanordnung) und schließlich das Forschungshandeln selbst – die Bedienung und Überwachung der Apparaturen, das Hantieren mit Proben, die Änderung der Versuchsanordnung (material procedures; vgl. ähnlich Hacking 1992). Das Resultat – die Messung – fehlt in dieser Aufzählung. Der Grund dafür liegt in dessen oszillierendem ontologischen Status. Diesen Status zu fixieren, ist das Hauptziel der Forschungsarbeit, und ihr Erfolg hängt entscheidend vom Vertrauen in die Messapparaturen ab. Am Beispiel von Pickerings Untersuchung lässt sich veranschaulichen, unter welchen Bedingungen einer Messung Objektivität zugeschrieben wird. Die Studie beruht auf einer Rekonstruktion einer Serie von Experimenten, die der italienische Physiker Giacomo Morpurgo in den 60er Jahren durchgeführt hat. Kurz zuvor war in der Kernphysik die Behauptung aufgestellt worden, dass es Teilchen gebe – so genannte Quarks –, deren Ladung nur einen Bruchteil, nämlich 1/3 oder 2/3 der Ladung eines Elektrons ausmache. Dies war zu dieser Zeit eine radikale These, da man bisher davon ausgegangen war, dass die Ladung des Elektrons die kleinstmögliche ist. Die Experimente von Morpurgo hatten zum Ziel, diese neue Behauptung zu testen. Er orientierte sich dabei an einer Versuchsanordnung, die um 1910 von Robert Millikan entwickelt worden war, und wandelte sie für seine Zwecke ab. Die ersten Messungen, die Morpurgo durchführte, widersprachen seinen theoretischen Erwartungen. Anstatt das theoretische Modell (phenomenal model) zu modifizieren, wie es das Falsifikationsmodell einfordern würde, revidierte er seine Vorstellungen über die Funktionsweise der Apparatur (instrumental model): Mit Hilfe einer Zusatzhypothese, die die Versuchsanlage betraf, gelang es ihm, Beobachtung und theoretisches Modell in Einklang zu bringen. Unter der Annahme einer spezifischen Funktionsweise der Apparatur wiesen seine Messungen darauf hin, dass es keine Teilchen mit einer geringeren Ladung als das Elektron gibt. Kurz nachdem er dieses Resultat beschrieben hatte, machte er eine Beobachtung, die diesem Resultat widersprach. Morpurgo führte diese Diskrepanz auf die Versuchsanordnung zurück und begann mit ihr zu experimentieren. Mit Hilfe einer geringfügigen Änderung des experimentellen Verfahrens (material procedures) ließen sich die für ihn unerwarteten Ladungen zum Verschwinden bringen. Damit war es Morpurgo gelungen, zwischen allen Komponenten Kohärenz herzustellen: zwischen den theoretischen und messtechnischen Annahmen, seinem experimentellen Handeln und den Messungen, die damit für ihn – und zunächst nur für ihn – den Status einer wissenschaftlichen Tatsache bekamen. Das Ideal der mechanischen Objektivität unterstellt, dass apparategestützte und quantitative Messverfahren zuverlässiger sind als Verfahren, die auf direkter Beobachtung beruhen. Messungen sind, so die verbreitete Annahme, unabhängig von Person, Zeit und Raum und damit prinzipiell wiederholbar – im Gegensatz zu qualitativen Einschätzungen, die nicht ohne weiteres explizierbar und folglich nur bedingt in eine standardisierte (und damit im Prinzip auch mechanisierbare) Handlungsanweisung übersetzt werden können (Roth/ Bowen 2001). Die mikrosoziologischen Untersuchungen zur experimentellen Praxis machen jedoch deutlich, dass der Unterschied zwischen qualitativem Urteil und quantitativer
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Messung nicht grundsätzlicher Natur ist.12 Messergebnisse werden nicht von vornherein als objektiver Sachverhalt der Umwelt zugeschrieben („Erleben“), sondern können auch als Artefakte des experimentellen Handelns oder der verwendeten Apparatur aufgefasst werden. Damit ein Datum als Faktum interpretiert wird, müssen eine Reihe komplexer und hoch selektiver Voraussetzungen gegeben sein, angefangen bei der Etablierung einer kognitiven Ordnung (Kategorienbildung) über technische Standardisierung bis hin zur erfolgreichen Abstimmung von theoretischen Annahmen, messtechnischen Überlegungen, Forschungshandeln und der Messung selbst. Was am Ende als Faktum eingestuft wird, ist das Ergebnis eines Reifikationsprozesses, bei dem es primär darum geht, Vertrauen in die Messverfahren zu gewinnen, und in dessen Verlauf „subjektiver Sinn zu objektiver Faktizität“ wird (Berger/Luckmann 1970: 20; vgl. ähnlich auch Mead 1903). Sobald dies geschehen ist, haben die Messungen keinen vorläufigen und hypothetischen Charakter mehr, sondern werden als „Tatsachen“ der Außenwelt zugerechnet, während der Herstellungsprozess selbst in Vergessenheit gerät. Es ist dieser Umschlag der Zurechnung von „Handeln“ auf „Erleben“, die Messungen ihre Überzeugungskraft verleiht: „The result of the construction of a fact is that it appears to be unconstructed by anyone“ (Latour/Woolgar 1986: 240). Überzeugungsstrategien – die Durchsetzung einer wissenschaftlichen Tatsache Die Studie von Pickering bezieht sich auf das Forschungshandeln und rekonstruiert, wie auf individueller Ebene Faktizität hergestellt wird. Davon zu unterscheiden sind Objektivierungsprozesse im Rahmen der Forschungskommunikation. Um zu einem wissenschaftlichen Ereignis zu werden, muss ein Resultat mitgeteilt und von der Fachgemeinschaft akzeptiert werden. Im Anschluss an Shapin und Schaffer (1985) lassen sich drei Strategien unterscheiden, über die sich die Akzeptanzbedingungen beeinflussen lassen: „material technologies“, „social technologies“ und „literary technologies“ (S. 25ff.). Diese drei „technologies of fact-making“ greifen auf unterschiedliche Weise in die Forschungskommunikation ein und asymmetrisieren sie in Richtung Akzeptanz. Materielle Technologien präformieren Akzeptanz, indem ein Teil des bestreitbaren Wissens in die soziale und technische Infrastruktur eingelagert und damit der direkten Auseinandersetzung weitgehend entzogen ist. Beispielhaft dafür ist die Etablierung von international anerkannten Maßeinheiten und Messinstrumenten. Davon zu unterscheiden sind soziale Strategien, die über Allianzenbildungen und Exklusionsverfahren die Kommunikation in Richtung Akzeptanz steuern. Die Untersuchung solcher Sozialstrategien und ihrer epistemischen Folgen stand im Mittelpunkt des frühen Sozialkonstruktivismus im Umkreis von David Bloor (1976). Die Akteur-Netzwerk-Theorie führt diese Fragestellung weiter – allerdings unter Einschluss von nicht-menschlichen „Aktanten“ – und wendet sich damit gegen die im Bloorschen Symmetriepostulat angelegte Trennung von „sozialen“ und „rationalen“ Einflussfaktoren (vgl. Latour 1987; sowie als Überblick Belliger/Krieger 2006). Dadurch wird der einseitige Soziodeterminismus der konstruktivistischen Wissenschaftsforschung zwar korrigiert und durch eine in doppelter Hinsicht „realistischere“ Einschätzung ersetzt, allerdings um den Preis einer Überdehnung des Akteurs- und vor allem des Kommunikationsbegriffs (vgl. anders Teubner 2006). 12
Vgl. auch den Beitrag von Messner, Scheytt und Becker im vorliegenden Band, der mit Blick auf das Verhältnis von Controlling und Management zu einer ganz ähnlichen Einschätzung kommt.
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Indem Sozialstrategien außerwissenschaftliche Ressourcen wie Macht, Einfluss, Geld etc. mobilisieren, stehen sie im Widerspruch zur normativen Struktur der Wissenschaft, deren Objektivitätsanspruch gerade umgekehrt auf einem Primat der Sach- gegenüber der Sozialdimension beruht. Weniger umstritten sind die von Shapin und Schaffer als „literarische Technologien“ bezeichneten Strategien. Literarische Technologien verwenden kommunikative Verfahren, um Behauptungen mit Überzeugungskraft auszustatten. Die Verfahren reichen vom Gebrauch spezifisch wissenschaftlicher Stilmittel über den Einsatz von Bildern und Zahlen bis hin zur Verwendung einer formalen Sprache. Im Vergleich zu Texten sind Zahlen (und Bilder) besser geeignet, Objektivität zu signalisieren und dadurch Akzeptanz zu mobilisieren. Der Grund dafür liegt weniger in ihrem unpersönlichen Charakter, als vielmehr darin, dass Zahlen – und das gilt erst recht für Bilder – schwerer negierbar sind als sprachlich formulierte Aussagen. Während Sprache aufgrund ihrer binären Struktur über das Gegebene hinaus verweist und damit gewissermaßen von selbst Kontingenz erzeugt, ist in numerische und visuelle Repräsentationen nicht von vornherein eine Alternativfassung eingebaut. Die Blockierung von Kontingenz ist im Falle von wissenschaftlichen Bildern besonders ausgeprägt (vgl. dazu ausführlicher Heintz/Huber 2001a). Ähnlich wie massenmediale Bilder suggerieren wissenschaftliche Bilder Objektivität. Sie geben vor, eine Realität zu zeigen, die außerhalb von ihnen liegt und durch sie sichtbar gemacht werden kann. Diese Objektivierungsleistung beruht darauf, dass wissenschaftliche Bilder im Gegensatz zu künstlerischen Bildern ihre Bildhaftigkeit nicht zum Thema machen, sondern insinuieren, dass sie sich ausschließlich auf etwas Bildexternes beziehen. Demgegenüber sind künstlerische Bilder selbstreferentiell, indem sie zeigen, dass und wie sie etwas zeigen.13 Während das wissenschaftliche Bild die Differenz von Bild und Realität einebnet, indem es seine Visualität gewissermaßen unterschlägt, thematisiert das künstlerische Bild das Bildhafte des Bildes und damit den kontingenten Charakter des Gezeigten (Boehm 2001). Die durch wissenschaftliche Bilder suggerierte Evidenz des Augenscheins ist umso erstaunlicher, als sie in hochgradigem Maße artifiziell sind. Zwischen dem vermessenen Objekt und seiner bildlichen Darstellung liegt eine Vielzahl von Aufzeichnungen und Bearbeitungsschritten, die sich im Prinzip an jedem Punkt in verschiedene Richtungen verzweigen können. Ob ein Bild „richtig“ ist, d. h. die Oberflächenstruktur eines Atoms oder eine cerebrale Läsion adäquat wiedergibt, lässt sich nicht durch einen Blick auf die „Sache selbst“ entscheiden, sondern nur durch andere Bilder: bildexterne Kriterien gibt es in den meisten Fällen nicht (vgl. illustrativ die „Werkstattberichte“ in Heintz/Huber 2001b).14 Die Objektivierungsleistung von Zahlen funktioniert über einen ähnlichen Mechanismus. Während Sprache immer eine Ja- und eine Nein-Fassung bereitstellt und insofern ein Satz seine Negationsmöglichkeit bereits in sich trägt, muss Negation im Falle von Zahlen aktiv erzeugt werden. Um numerische Aussagen zu relativieren, braucht es m. a. W. alternative Zahlen resp. ein Wissen darüber, auf welche Weise sie zustande kamen. Ablehnung wird damit voraussetzungsvoller. Dies – und nicht ihre semiotische Besonderheit – erklärt, weshalb Zahlen eher als Texten Objektivität zugeschrieben wird. Dies bedeutet selbstverständlich nicht, dass Zahlen nicht in Frage gestellt werden – das werden sie häufig und 13 14
Das Lehrbuchbeispiel dafür ist René Magrittes Bild „Ceci n’est pas une pipe“. Dies gilt sogar für die Medizin. Obschon mit der klinischen Untersuchung alternative Beobachtungsverfahren zur Verfügung stehen, wird eine Diskrepanz zwischen Bild und klinischem Befund in zunehmendem Masse zugunsten des Bildes entschieden, vgl. Burri (2001).
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immer wieder (vgl. etwa McBarnet et al. 1993; Lehmann 1992). Dies kann aber nur dann wirkungsvoll geschehen, wenn die Verfahren zur Generierung von Zahlen transparent sind und eigene Ressourcen zur Datengenerierung zur Verfügung stehen. Ein weiterer Grund für die Objektivitätsaura von Zahlen liegt darin, dass sie Wissen in hoch verdichteter und komprimierter Form darstellen und insofern weniger indexale Bezüge aufweisen als sprachlich formulierte Aussagen. Für Bruno Latour sind Zahlen ähnlich wie Landkarten, Diagramme, Texte, Photographien oder Formeln „Inskriptionen“, über die die „Welt“ mental und kommunikativ verfügbar gemacht werden kann (Latour 1987: 215ff.). Zahlen stehen dabei nicht am Anfang, sondern sie sind Zwischenglieder in einem komplexen Übersetzungsprozess, in dessen Verlauf Beobachtungen in Inskriptionen und Inskriptionen in andere Inskriptionen übersetzt werden (vgl. anschaulich Latour 1996). Während nur der Beobachter sieht, was er sieht, sind die von ihm produzierten Tabellen, Bilder oder Texte im Prinzip allen zugänglich. Um als Verbreitungsmedien zu fungieren, müssen Inskriptionen allerdings drei Bedingungen erfüllen: sie müssen transportierbar sein, in ihrer Form über die Zeit hinweg stabil bleiben, und sie müssen kombinierbar und manipulierbar sein. Zahlen erfüllen diese Bedingungen in besonderem Maße (Robson 1992). Die Differenz zu anderen Medien liegt vor allem in ihrer Kombinierbarkeit und Manipulierbarkeit. Aus Zahlen lassen sich durch statistische Verfahren schrittweise neue Zahlen generieren mit zunehmendem Generalisierungs- und Komplexitätsgrad, ohne dass dabei der Bezug zum repräsentierten Objekt verloren geht. Die Erzeugung von Zahlen aus Zahlen vollzieht sich auf einer rein syntaktischen Ebene, d. h. unter Absehung ihrer Bedeutung, ähnlich wie die Deduktion eines formalen Beweises (vgl. Vollmer 2007). Auf dieser syntaktischen Ebene können Zahlen für alles stehen – für Dinge unterschiedlichster Art, aber auch für andere Zahlen. Über die Zuordnung von Zahlwerten lässt sich qualitativ Verschiedenes vergleichbar machen und zueinander in Beziehung setzen: das Bruttosozialprodukt mit den Unternehmensausgaben für Forschung und Entwicklung (Robson 2004) oder die Aufenthaltsdauer von Patienten in einem Krankenhaus mit der Art der Erkrankung und dem finanziellen Aufwand für Pflege, Forschung und Betrieb (Chua 1995). Durch Kombination, Aggregation und Transformation entstehen neue Vergleichsmöglichkeiten und Zusammenhänge, die sich ihrerseits wieder numerisch darstellen lassen, z. B. in Form eines Rankings der Kosteneffizienz von Krankenhäusern. Power spricht in diesem Zusammenhang von „metameasurement“ (Power 2004: 771ff.), Vollmer (2003) von einer „Hyperrealität“ der Zahlen. Wie aggregiert eine Zahl auch immer ist, entscheidend ist, dass ihr (im Normalfall) eine Messung zugrunde liegt, im Gegensatz zu einer mathematischen Formel.15 Die Zurechnung von Objektivität impliziert folglich ein doppeltes Vertrauen: einerseits in die Zuverlässigkeit der Messverfahren, über die die Rohdaten gewonnen wurden, und andererseits in die Zuverlässigkeit der verwendeten statistischen Verfahren und deren korrekte Anwendung. Nur unter dieser Bedingung kann Quantifizierung als Kommunikationsmedium fungieren und die Kommunikation zwischen Personen erleichtern, die sich persönlich nicht kennen. Während die Präsentation von Zahlen in der Wissenschaft mit der Erwartung einhergeht, dass sich Mess- und Bearbeitungsverfahren rekonstruieren und durch andere Wissenschaftler überprüfen lassen, ist dies in andern gesellschaftlichen Bereichen nicht oder nur bedingt der Fall: Akzeptanz stützt sich nicht auf „Verständnis“, sondern auf „Einverständnis“ (im Weberschen Sinne). Daten sind entweder öffentlich nicht zugänglich oder es 15
Es gibt natürlich auch den Nicht-Normalfall: Fälschungen in der Wissenschaft oder „creative accounting“ in der Buchführung.
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besteht faktisch ein Datenmonopol, wie z. B. im Falle von statistischen Ämtern oder Publikationsdaten (Weingart 2005). Dazu kommt, dass die statistischen Verfahren teilweise so komplex sind, dass sie von den Adressaten nicht rekonstruierbar sind. Während in der Wissenschaft Datenproduzenten und Datenrezipienten über dieselbe Qualifikation verfügen, stehen sich in anderen gesellschaftlichen Bereichen Experten und Laien gegenüber. Entsprechend haben die vertrauensgenerierenden Maßnahmen eine andere Form: an die Stelle der Replikation durch andere Wissenschaftler tritt das Auditing durch spezialisierte Firmen. Auditing ist so gesehen ein funktionales Äquivalent zur Replikation in der Wissenschaft, mit dem Unterschied allerdings, dass es sich in der Regel um eine bezahlte Leistung handelt und die Überprüfung nicht systematisch erfolgt (Power 1997). Diese Unterschiede erklären, weshalb die Zurechnung von Objektivität in außerwissenschaftlichen Bereichen zwar nicht notwendig geringer, aber instabiler und kontroverser ist als in der Wissenschaft. Ausblick Zahlen signalisieren Unbestreitbarkeit und Objektivität. Die