Paul Frischauer
Weltgeschichte
in Romanen
Band 2
Die Zeit nach Alexander dem Großen bis ins 4. Jahrhundert nach C...
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Paul Frischauer
Weltgeschichte
in Romanen
Band 2
Die Zeit nach Alexander dem Großen bis ins 4. Jahrhundert nach Chr.
Inhaltsangabe Nur ein Alexander der Große konnte das Weltreich vom Indus bis zum Nil zusammen halten. Unter den Nachfolgern zerfiel es, und es begann der Aufstieg einer Weltmacht, die von nun an viele Jahrhunderte lang den Erdball beherrschen sollte: Rom. Seine Geschich te steht im Mittelpunkt dieses Bandes. Um seine Macht im Mittelmeer zu festigen, mußte Rom Karthago besiegen, die Handelsgroßmacht, deren Hauptstadt im Gebiet des heuti gen Tunesien lag. Von der Liebesgeschichte der Salambo, einer karthagischen Aristokra tentochter, erfahren wir in Flauberts großartigem Roman, eine der beiden Mittelpunkte des hier vorgelegten Werkes. In der Hochblüte Roms, im augustäischen Zeitalter, schlägt die Geburtsstunde einer noch größeren Macht, als sie Rom je besaß, die Geburtsstunde des Christentums. Auszüge aus dem Roman ›Ben Hur‹ von Wallace lassen die Welt Palä stinas zur Zeit des Leben Jesu lebendig werden. Gegen Bethlehem trat das Schwert an, das Schwert der römischen Kaiser. Frischauer schildert den jahrhundertelangen Kampf, der mit dem Sieg des Christentums endete, das von Konstantin zur Staatsreligion gemacht wurde. ›In hoc signo‹ von Paul Frischauer heißt die Erzählung, die den Sieg der bisher verfolgten Religion über das römische Gottkaisertum schildert. So werden Chronik und historischer Roman ineinander verwoben, Genauigkeit und Lebendigkeit miteinander verbunden, dichterische Kraft und Chronistenpflicht in Über einstimmung gebracht.
Sonderausgabe des Lingen Verlags, Köln
© by Literarica Anstalt, Vaduz
Gesamtherstellung: Lingen Verlag, Köln
und Bercker Graph. Betrieb GmbH, Kevelaer
Schutzumschlag: Roberto Patelli
Printed in West-Germany
Alle Rechte vorbehalten
Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder
chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ☺
Der größte Nachlaß
der Weltgeschichte
I
Die natürlichen Erben Alexanders waren sein jüngerer Halbbruder Philipp und sein Sohn Alexander, den Rocane nach seinem Tode gebar. Ein mazedonischer Vertrauensmann des verstorbenen Königs wurde in aller Eile zum Reichsverweser in Asien bestellt, um die Rechte der beiden zur Herrschaft unfähigen ›Könige‹ wahrzunehmen. Diese Er nennung des Perdikkas war ein Versuch, die bestehende Ordnung auf rechtzuerhalten und eine willkürliche Teilung der ungeheuren Hinter lassenschaft zu verhüten. Perdikkas vergewisserte sich der Hilfe der wichtigsten Generäle des Heeres und belohnte sie für ihre Zustimmung mit der Erhebung zu Statthaltern der von Alexander eroberten Königreiche. Jeder dieser großen Herren erhielt ein gewaltiges Gebiet zur unbeschränkten Ver waltung. Dennoch fürchteten sie, daß sie nur vom Hof entfernt werden sollten, um den Reichsverweser, der sich selbst zum König der Köni ge machen wollte, nicht im Wege zu sein. Besonders Ptolemaios, dem Ägypten zugesprochen worden war, glaubte nicht an die lauteren Ab sichten des Reichsverwesers. Er zog Truppen zusammen, aber es kam nicht zur Schlacht, denn Perdikkas wurde von seinen eigenen Offizie ren getötet. Jetzt wäre es Ptolemaios möglich gewesen, die Macht an sich zu rei ßen, aber das hätte er nur vermocht, wenn er die unnachahmliche Fä higkeit Alexanders gehabt hätte, Heeresmassen rascher in Bewegung zu setzen als seine Gegner. Ptolemaios schätzte sich selbst richtig ein. Er wußte, daß er vor allem seinem ehemaligen Kameraden Antipatros, 1
dem Stellvertreter Alexanders in Mazedonien, nicht gewachsen sein würde, wenn es zu einer Entscheidungsschlacht kam. Ptolemaios mußte auch mit Antigonos rechnen, der die kleinasiati schen Provinzen des Großreichs verwaltete, und mit Seleukos, der die Kernländer des Persischen Reiches besetzt hielt. Daß Antigonos schon die Feindseligkeiten gegen den ehemaligen Geheimschreiber Alexan ders, den gewiegten Staatsmann Eumenes, eröffnet hatte, weil dieser Gebiete beanspruchte, die Antigonos für sich wollte, war nicht auf munternd für Ptolemaios. Er beschied sich, seine Stellung in Ägypten zu festigen. Das Pharaonenreich war immerhin ein Herrschaftsgebiet, mit dem sich ein ehemaliger Offizier begnügen konnte. Ptolemaios stimmte der Erhebung des Antipatros zum Reichsverwe ser zu. Das verhältnismäßig kleine Königreich Mazedonien und die un einigen griechischen Städte durch Gewalt und staatsmännische Ge schicklichkeit in Schach zu halten, war Antipatros nicht schwergefal len. Der neuen, größeren Aufgabe war seine Gesundheit nicht gewach sen. Er lebte nur noch kurze Zeit. Sein Nachfolger in diesem undank baren Amt, Polyperchon, war nur dem Namen nach Herr. Er konnte sich weder in die Kämpfe des Antigonos gegen Eumenes einmischen, noch konnte er verhindern, daß Kassandros, der Sohn des inzwischen verstorbenen Antipatros, die Herrschaft in Mazedonien an sich riß, Olympias, die Mutter Alexanders, ermorden ließ und sich mit Thessa lonike, der Schwester Alexanders, verheiratete, um seiner Herrschaft den Anschein von Legitimität zu geben. Es war bald kein Reichsver weser mehr nötig, denn die beiden unmündigen ›Könige‹ Philipp und Alexander starben. Aus dieser allgemeinen Verwirrung, die sich durch vielfältige Feld züge eines Statthalters gegen den anderen steigerte, lösten sich schließ lich drei alte Königreiche mit neu geschaffenen Dynastien, deren Be gründer die im Machtkampf am Ende erfolgreichen Statthalter waren: Ägypten unter den Ptolemaiern, Persien, Babylonien und Syrien unter den Seleukiden und Mazedonien unter den Antigoniden. Diese Nachfolger Alexanders, die sogenannten ›Diadochen‹, be 2
schränkten sich im großen und ganzen darauf, zu behaupten, was sie im Kampf um die größte Erbmasse der Weltgeschichte erworben hat ten. Ihre Königreiche waren in sich gefestigte, abgeschlossene Herr schafts- und Wirtschaftsgebiete, die nur durch die Gewalt der Per sönlichkeit Alexanders zu einer Einheit zusammengefügt worden wa ren. Sie hatten, obwohl sie ganz und gar unabhängig voneinander wa ren, etwas gemeinsam: als Abkömmlinge gebildeter Mazedonier wa ren ihre Herrscher im griechischen Geist erzogen worden und bedien ten sich der griechischen Sprache. Die von Alexander in den neugegründeten Handelsplätzen und Städten angesiedelten Einwanderer aus dem griechischen Raum wa ren ihre verläßlichsten Untertanen. Sie verständigten sich untereinan der in der ›Koine‹, der griechischen Umgangssprache, die allmählich zur allgemeinen Handelssprache in allen Königreichen der Diadochen wurde. Wer am Geschäftsleben teilnehmen wollte, mußte sie lernen, um so mehr, als auch die Behörden die Sprache der bevorzugten Stän de benützten. Wer etwas auf sich hielt, sprach und las griechisch. Grie chische Grundsätze bestimmten die Erziehung der vornehmen Ägyp ter, Perser und Syrier. Die Götter des Olymp fanden geheiligte Haine und Tempel in den fremden Ländern. Ihre von griechischen Künst lern in Stein gemeißelten Verkörperungen vergöttlichten sich auch in der Einbildungskraft von Einheimischen. So wurde das riesige Helle nenreich, das Alexander ausgezogen war zu schaffen, als Reich grie chischen Geistes Wirklichkeit. Der eigentliche griechische Raum blieb außerhalb des unmittelbaren Einflusses der Diadochen. Dennoch hat ten – weder der Archäische Bund, in dem sich die peloponnesischen Städte unter Führung Spartas vereinten, noch der Ätolische Bund, der Athen und die mittelgriechischen Städte umfaßte, wirksame politische Bedeutung. Die Griechen im Mutterland blieben in unaufhörliche Streitigkeiten miteinander verwickelt und waren überdies nach wie vor gezwungen, um ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Aber die Feldzüge, die sie unter einander und zur Abwehr der übermächtigen mazedonischen Nach folger Alexanders führten, änderten nur belanglose örtliche Grenzen 3
und nicht den Ablauf der großen geschichtlichen Entwicklung, die sich schon vollzogen hatte. Ob Sparta oder Athen jetzt in ihrem engen Raum für kurze Zeit die Oberhand gewann oder ins Hintertreffen geriet, war einerlei. Die bei den Verfechter gegensätzlicher Staatsführung und verschiedener Le bensformen hatten ausgespielt.
2
Während die Diadochen ihre ganze Aufmerksamkeit und alle ihre Kräfte darauf verwandten, sich selbst und ihren Nachfolgern die dy nastische Macht zu sichern, und den Bestand des Königtums in ihren Ländern festigten, wurde der westliche Mittelmeerraum zum Schau platz schwerer Machtkämpfe. Diese schier endlosen blutigen Ausein andersetzungen, die zur Bildung des Römischen Weltreiches führ ten, waren durch die griechischen Städte in Sizilien und im Süden der Apenninischen Halbinsel unmittelbar und mittelbar veranlaßt. Die Neuordnung im Osten, die zu einer Stärkung der griechischen Handelsmacht in den neuen Königreichen und am Schwarzen Meer geführt hatte, trug auch zur Bereicherung der westgriechischen Han delsplätze bei. Die durch die griechische Sprache miteinander verbun denen Kaufleute des Mittelmeers zogen es vor, unter Ausschluß aller anderen Geschäftsleute miteinander Geschäfte zu machen. Das ge fährdete den karthagischen Handel. Er fühlte sich in seinem Bestand bedroht. Die großen Kaufherren, die durch den Verlust ihres phönizischen Mutterlandes an der syrischen Küste empfindlich geschädigt worden waren, fürchteten nun, daß sie auch aus ihren westlichen Umschlag plätzen verdrängt werden könnten. Sie waren verzweifelt bemüht, nicht nur die Stützpunkte, die sie hielten, zu verstärken, sondern auch neue, uneinnehmbare Festungen des Handels zu schaffen. 4
Die politischen Schwierigkeiten der Karthager waren um so größer, als sie ihre wahren Feinde weder fassen noch angreifen konnten, wie zum Beispiel Ägypten, das seine Aus- und Einfuhr aus der von Alex ander gegründeten Hafenstadt Alexandria betrieb, die zwar die neue Hauptstadt der ptolemäischen Pharaonen, im Wesen jedoch eine grie chische Stadt war. Wenn die Karthager auch alle Abenteurer des Erd kreises als Söldner anwarben, ihre Schiffe mit ihnen bemannten und Landheere bildeten, waren sie doch nicht stark genug, einen offenen Kampf gegen die ehemaligen Diadochen-Königreiche zu führen, die den griechischen Handel zum eigenen Nutzen förderten. Um das wa gen zu können, mußten sie im Westen ein gefestigtes, in sich gefüg tes Hinterland besitzen, das ihnen genügend Menschen und Rüstungs stoffe für einen Krieg gegen den Osten liefern konnte. Zu ihrer Selbsterhaltung mußten sie eine gesicherte Verteidigungs stellung ausbauen, eine Rückzugslinie, die um jeden Preis gehalten werden konnte – und das war nur durch den Angriff möglich. Die großen Kaufherren, die das Staatswesen Karthagos leiteten, wa ren die Abkömmlinge von Seefahrern. Wenn sie Landerwerbungen er wogen, dachten sie an Küsten. Am wichtigsten waren die Küsten Sizi liens. Das hatten schon ihre Vorväter erkannt, als sie den Westen der Insel besetzten. Der jahrhundertelange Kampf Karthagos mit den griechischen Städ ten hatte zu keiner Entscheidung geführt, im Gegenteil. Syrakus, die stärkste griechische Stadt auf Sizilien, war immer bedeutender gewor den und hatte wiederholt den Versuch unternommen, die Karthager aus Sizilien zu vertreiben. Syrakus war auch dadurch stärker geworden, daß die griechischen Städte im Süden der Apenninischen Halbinsel durch viel mehr Bande als durch die Gemeinsamkeit der Sprache und der Sitten mit Sizilien verbunden waren. Die Hoffnung der Karthager, daß sich die Griechen untereinander aufreiben würden, schien sich nicht erfüllen zu wollen, auch nicht, als der unternehmende Tyrann Agathokles von Syrakus mit seinen Söldnern Unteritalien eroberte, nachdem er vergeblich ver sucht hatte, Karthago in Nordafrika zu bekriegen. 5
Es war den großen Ratsherren von Karthago oft gelungen, sich in die Streitigkeiten der Griechen untereinander mit Waffengewalt oder durch Hilfeleistungen für die eine oder andere Seite einzuschalten, aber niemals mit endgültigem Erfolg. Es genügte eben nicht, daß kar thagische Kriegsschiffe da und dort eingriffen oder Söldner an Land setzten, die an den Kämpfen teilnahmen. Es bedurfte einer geschlosse nen Landmacht, die Süditalien und womöglich auch Sizilien vom Nor den her bedrohte, damit sich die Karthager der Insel und der zur Si cherung ihrer Stellung nötigen Küstenstriche als Nutznießer des Strei tes bemächtigen konnten. Die einzige Landmacht, die Karthago zur Durchführung dieses Pla nes geeignet erschien, war Rom, die Stadt am Tiber, die ihren Herr schaftsbereich durch erfolgreiche Feldzüge gegen ihre unmittelbaren Nachbarn erweitert hatte. Die Römer galten den Karthagern nicht als gefährliche Konkur renz. Sie betrieben keine nennenswerte Seeschiffahrt. Ihr Handel be schränkte sich auf die unmittelbare Umgebung. Der Großteil der Be völkerung lebte von Landwirtschaft. Rom hatte keine Eroberungskrie ge vom Zaun gebrochen. Die bedeutende Erweiterung seines Machtbe reichs war nur auf eine geschickte Verteidigung zurückzuführen. Die Führer des neuen Staates, der im Norden den Etruskern und im Sü den den Samnitern den Einfluß abgerungen hatte, waren aus Gründen der Sicherheit genötigt gewesen, die Gebiete, aus denen sie angegriffen worden waren, zur Verhütung von weiteren Angriffen zu besetzen. Vom Standpunkt der Karthager war nichts dagegen zu sagen, daß sich Rom zu einer kräftigen Militärmacht entwickelt hatte. Außenpolitisch gesehen erschien diese Entwicklung günstig, denn es war dafür gesorgt, daß selbst die höchsten Bäume nicht in den Him mel wuchsen. Die Römer waren nicht immer erfolgreich. Sie erlitten Rückschläge und waren gezwungen, sich zu bescheiden. Gegen die Römer sprach nur, daß es den Karthagern nicht gelang, römische Bürger als Söldner anzuwerben, obwohl sie doch Bürger bei nahe aller anderen Gemeinwesen und Staaten der Erde für den Söld nerdienst gewannen. 6
Die Karthager beobachteten mit gespannter Aufmerksamkeit die Vorgänge auf der Apenninischen Halbinsel. Sie waren gewiß, daß die immer weiter nach Süden ausgreifenden Römer schließlich mit den griechischen Städten in Kampf geraten würden. Es war eine unruhige Zeit. Ein neuer Aufstand der Samniter, die sich mit den ihnen benachbarten Lukanern im Süden der Apenninischen Halbinsel zusammengeschlossen hatten, zwang die römischen Legio nen, wieder zu marschieren. Sie errangen entscheidende Siege und wa ren dadurch in der Lage, neue römische Festungen zu bauen, die sie ›Coloniae‹ nannten. Unterworfene Orte mußten ihr Land an römische Bürger abtreten, die zwar ihr volles Bürgerrecht in Rom behielten, aber in der Kolonie Patrizier wurden und die Stadt und die Gegend nach rö mischem Muster verwalteten. Die Verbündeten, die ›socii‹, behielten ihre eigene Verwaltung, mußten jedoch Hilfstruppen oder Schiffe stel len, wenn Rom es von ihnen verlangte. Aus dieser Verpflichtung der ›socii‹ entstand die römische Flotte. Im Verhältnis zu den griechischen Seestreitkräften oder gar den kar thagischen war die römische Flotte zu klein, um überhaupt in Rech nung gestellt zu werden. Dazu kam noch, daß sich Rom in Verträgen mit griechischen Städten gegen Handelsbegünstigungen Beschrän kungen in der freien Schiffahrt auferlegt hatte. Einen dieser Verträ ge hatte der Senat mit Tarent, der reichsten und mächtigsten griechi schen Stadt in Unteritalien, geschlossen. Es war festgelegt, daß römi sche Kriegsschiffe nicht in den Golf von Tarent einfahren durften. Als es sich zur Sicherung des römischen Stützpunktes in der kleinen grie chischen Stadt Thurii als nötig erwies, Kriegsschiffe in den Golf von Tarent zu entsenden, griffen die Tarentiner an, beschlagnahmten fünf Schiffe und vertrieben die römische Besatzung aus Thurii. Rom ver langte Genugtuung. Die Gesandten wurden in Tarent beschimpft. Rom erklärte den Krieg. Die Bürger von Tarent waren Kaufleute. Sie hatten in ihren bisheri gen militärischen Auseinandersetzungen nie eigene Truppen verwen det. Sie waren allerdings nicht reich genug, Söldnerheere aufzustellen, wie die Karthager. Wenn es gefährlich wurde, riefen sie Bundesgenos 7
sen zu Hilfe. Der beste Bundesgenosse, den sie in diesem Fall rufen konnten, war der junge König Pyrrhos von Epirus, dem dieser Hil feruf sehr gelegen kam. Er hatte längst schon den Plan, die Griechen in Unteritalien und Sizilien unter seiner Herrschaft in einem großen Reich zu vereinigen. Er landete mit einem vorzüglich ausgerüsteten Heer auf italienischem Boden und stellte sich bei Heraclea den römi schen Legionen zur Schlacht. Sein Sieg war so vollkommen, daß die Samniter ihr Bündnis mit Rom kündigten und Pyrrhos den Marsch auf Rom unternehmen konnte. In allen befreundeten Städten, auch in Tarent, hatte er die Bürger zum Kriegsdienst ausgehoben. Er verfügte nicht nur über die üblichen Fußtruppen und die Reiterei, die er nach mazedonischem Muster in eine vielgliedrige Phalanx einsetzte. Er hat te auch Kriegselefanten erworben, die die Schlachtordnung der Feinde wie bewegliche Türme angriffen. Widerstand gegen ihn erschien aus sichtslos. Er schickte einen Gesandten an den Senat von Rom mit der Weisung, Frieden zu schließen. Pyrrhos war sehr erstaunt, als er er fuhr, daß der blinde Appius Claudius sein Friedensangebot im römi schen Senat kurzerhand abgewiesen hatte. Eine zweite Schlacht fand bei Ausculum statt. Diesmal war der Sieg nicht so leicht. Pyrrhos er klärte: »Noch so ein Sieg und ich bin verloren.« Er hatte das Gefühl, seine Kräfte am falschen Ort zu verschwenden, um so mehr, als die Römer einen mächtigen Bundesgenossen gewonnen hatten, Karthago, das endlich den Augenblick gekommen sah, Sizilien in die Zange zu nehmen. Wenn es Rom zu Hilfe kam, konnte es seine Söldner mit den Legionen vereinigen. Noch während Karthago mit dem Senat darüber verhandelte, sand te es eine Flotte gegen Syrakus. Rom lehnte die Landung eines kartha gischen Heeres in Italien ab. Nachrichten aus Sizilien veranlaßten Pyrrhos, sich nach dieser In sel zu begeben, wenn er nicht die Idee seines westhellenischen Reiches aufgeben wollte. Seit dem Tode des Agathokles, des Tyrannen von Sy rakus, war die Macht der Karthager in raschem Fortschreiten. Sie er oberten eine der griechischen Städte Siziliens nach der anderen und waren schon nahe daran, Syrakus zu erobern, das nach dem Tode des 8
Tyrannen schnell von seiner Großmachtstellung herabgesunken war. Bedroht von der Fremdherrschaft der Karthager, riefen die Syrakusa ner Pyrrhos herbei, den Schwiegersohn des toten Agathokles, damit er die Stadt, wenn sie schon nicht ihre Freiheit behaupten konnte, wenig stens die Hauptstadt des von Pyrrhos geplanten Hellenenreiches wer de. Die karthagische Flotte vermochte die Landung des Pyrrhos und sei nes Heeres in Sizilien nicht zu verhindern. Durch seine ritterliche Lie benswürdigkeit gelang es Pyrrhos, die feindlichen Parteien der Grie chen in Sizilien zu einigen. Nach kurzem Ringen wurden die Kartha ger nach Lilybaeum, einer Festung auf der westlichsten Spitze der In sel, zurückgeworfen. Sie boten mutlos den Frieden an, wenn ihnen die se wichtige Festung verbliebe. Es schien, als sollte sich der Traum des Pyrrhos von einem westhellenischen Reich verwirklichen. Er rüstete schon zu einer Expedition nach Nordafrika, um Karthago selbst an zugreifen, aber er scheiterte an der Uneinnehmbarkeit von Lilybaeum, dessen Eroberung die Griechen Siziliens von ihm forderten. Als es ihm trotz aller Bemühungen nicht gelang, vergaßen die Griechen Siziliens ihre Dankbarkeit gegen den Retter vor den Karthagern. Von Ekel vor ihrer kleinlichen Selbstsucht erfaßt, kehrte Pyrrhos nach Italien zu rück, wo eine Anzahl der griechischen Städte unterdessen von den Rö mern erobert worden war. In der Schlacht von Beneventum unterlag Pyrrhos den Römern. Die Elefanten, die in früheren Schlachten seine Rettung waren, wurden durch die Brandpfeile der Römer in Verwirrung gebracht und wandten sich gegen seine eigenen Leute. Seines erfolglosen Ringens müde, kehr te Pyrrhos in seine Heimat zurück. Dort bemühte er sich, durch neue Kriege sein winziges Königreich zu vergrößern. Nach der Erstürmung von Argos wurde er im Straßenkampf von einem Ziegel getroffen, den eine Frau vom Dach schleuderte. Feindliche Kriegsknechte schlepp ten den Bewußtlosen in einen Hausflur und schnitten ihm den Kopf ab. Der mazedonische König, nach dessen Krone Pyrrhos gestrebt hat te, ließ den Toten ehrenvoll bestatten. Nach der Niederlage des Pyrrhos bei Beneventum hatten die römischen Legionen den Weg frei. Sie zo 9
gen in Tarent ein und besetzten nacheinander alle griechischen Städte an der Küste. Rom war nun nicht mehr eine unbedeutende Macht, de ren Bürger sich durch Landwirtschaft und unbedeutenden Handel er nähren mußten. Es beherrschte ein Gebiet, das vom Rubikon bis zur Südspitze Italiens reichte. Mit der ihnen eigenen Präzision sicherten die Römer die Eroberung durch die Errichtung von Festungen und durch den Bau von Heerstra ßen. Sie übernahmen den Handel der griechischen Städte, teils auf ei gene Rechnung, teils als Beteiligte der neuen ›socii‹, die sie durch die Verleihung beschränkter Bürgerrechte und durch vollen militärischen Schutz an sich banden. Karthago war fürs erste nicht beunruhigt, denn die Schwächung des griechischen Einflusses erschien den hohen Herren des Rates günstig. Rom war ihr Verbündeter, mit dessen Hilfe sie hofften, Sizilien endlich erobern zu können.
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Es kam anders. Kampanische Söldner, die vom Tyrannen Agathokles von Syrakus angeworben worden waren, hatten auf der Rückkehr in die Heimat in Messana haltgemacht und sich der Stadt bemächtigt. Sie nannten sich ›Mamertiner‹, das heißt Marsmänner. Sie weigerten sich, Messana zu verlassen. Sie wurden von König Hieron II. von Syrakus angegriffen, riefen Karthago zu Hilfe und, um ganz sicherzugehen, auch Rom. Der römische Senat schwankte. Die Bürgerschaft beschloß, den Mamertinern Hilfe zu leisten. Rom war schneller als Karthago und schlagkräftiger. Eine römische Flotte setzte Truppen in Messana an Land. Sie besetzten die Stadt. Zum erstenmal waren jetzt die Kar thager und die Syrakusaner Bundesgenossen und Gegner der Römer. Sie belagerten die Römer in Messana. Vergebens. Der Erste Punische Krieg hatte begonnen. Sein Ende war nicht ab 10
zusehen. Rom konnte nur erfolgreich bleiben, wenn es auch über eine Flotte verfügte. Alle Mittel wurden dazu verwendet. Die Römer bau ten Schiffe mit fünf Ruderreihen, nach dem Muster eines gestrandeten karthagischen Kriegsschiffes, aber sie fügten noch eine Neuerung hin zu: Enterbrücken. Nach einer siegreichen Seeschlacht bei Mylae lan deten römische Truppen zum ersten Male an der afrikanischen Kü ste. Ihr Aufenthalt war nur kurz. Das gelandete Heer wurde von einem karthagischen Söldnerführer spartanischer Herkunft geschlagen, der Konsul M. Atilius Regulus gefangen. Der Rest der Truppen, durch eine römische Flotte heimgeholt, ging unterwegs durch Schiffbruch verlo ren. Der Krieg ging weiter. In der nächsten Seeschlacht bei Drepana sieg ten die Karthager. Ihr Feldherr, Hamilkar Barkas, verteidigte sich sechs Jahre mit Erfolg gegen die Römer auf sizilischem Boden. Inzwischen bauten die Römer Schiff um Schiff und errangen einen vollkommenen Seesieg bei den Ägatischen Inseln über die Karthager unter Hanno. Karthago mußte Frieden schließen. Es verzichtete auf den Besitz Si ziliens. Es wurde zur Zahlung einer ungeheuren Kriegsentschädigung verurteilt. Der westliche Teil Siziliens wurde die erste römische Pro vinz. Der südöstliche Teil blieb unter der Hoheit des mit Rom verbün deten Königs Hieron von Syrakus. Die Römer hatten damit eine Korn kammer gewonnen. Sie konnten sich ernähren, ohne selbst Landwirt schaft betreiben zu müssen.
Die furchtbaren Folgen für Karthago, die die Niederlage seiner Flot te bei den Ägatischen Inseln nach sich zog, schildert Gustave Flau bert in seinem weltberühmten Roman ›Salambo‹. Die karthagischen Söldner, die zuletzt in Sizilien gekämpft hatten, wurden zu ihrer Ent lohnung unvorsichtigerweise alle nach Afrika übergesetzt und in der Stadt Sikka versammelt. Dort eröffnete ihnen der karthagische Feld herr Hanno, daß sich Karthago in Geldverlegenheit befinde und den ausgemachten Sold nicht in voller Höhe zahlen könne. Die Enttäusch 11
ten reagierten darauf mit einer Meuterei, durch die sie die Hauptstadt bedrohten. Je schwächer sich die Regierung zeigte, um so unverschäm ter wurden die Forderungen der Meuterer, die durch Zulauf der von Karthago hart bedrückten libyschen Untertanen die Hauptstadt vom Hinterland völlig abschneiden konnten. Hanno erwies sich als ein ge gen diesen Aufruhr völlig hilfloser Feldherr. In dieser Not wird der Feldherr Hamilkar Barkas (Barkas – Blitz) der Retter des Vaterlandes.
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Salambo
von Gustave Flaubert
Die Söldner, die Hamilkar in Sizilien befehligt hatte, feierten in den Gärten des Feldherrn in Megara, der Vorstadt Karthagos, ein großes Gelage. Ihre Anführer und Befehlshaber lagerten im breiten Mittel gang, über dem von der Stallmauer bis zur Terrasse des Palastes ein goldbefranstes Purpurdach gespannt war. Die gemeinen Soldaten da gegen waren unter den Bäumen verstreut, durch deren Stämme die Wirtschaftsgebäude und Schuppen, der Elefantenhof und ein Sklaven gefängnis hindurchschimmerten. Den Park durchschnitt eine hohe Zypressenallee. Die Wege waren mit schwarzem Kies bestreut, der durch den beigemischten Korallenstaub rötlich schimmerte. Der aus gelb geädertem Marmor erbaute Palast mit seinen vier terrassenar tigen Stockwerken, die gewaltige Freitreppe aus Ebenholz, zu beiden Seiten mit den Schiffsschnäbeln eroberter Kriegsschiffe geschmückt, die roten Türen des Palastes, die durch vergoldetes Drahtgeflecht ge schützten Fenster, diese verwirrende Pracht wirkte auf die Söldner un nahbar und hoheitsvoll wie das Gesicht Hamilkars. Halbnackte Küchensklaven hasteten diensteifrig zwischen den Bäu men hin und her. Der Duft der Zitronenbäume vermischte sich mit den Ausdünstungen der erhitzten Menschen, die sich hemmungslos der Festesfreude hingaben. Angehörige aller Völkerschaften nahmen an dem Gelage teil: Ligu rer, Lusitaner, Neger und römische Überläufer. Die Griechen erkann te man an ihrer schlanken Gestalt, die Ägypter an ihren hohen Schul tern, die Kantabrer an ihren sehnigen Waden. Kappadozische Bogen schützen hatten mit Pflanzensaft Blumen auf ihren nackten Körper ge malt. Andere hatten sich festlich mit Zinnober angestrichen, daß sie aussahen wie Korallenstatuen. Sie lagerten auf Ruhekissen, hockten im Kreis um große Schüsseln oder streckten sich auf den Bäuchen aus und 14
zogen die Fleischstücke mit jener Art Gemächlichkeit und Würde an sich, mit der Löwen ihre Beute verzehren. Da die Küchen Hamilkars nicht genügten, hatte der Rat von Kar thago Sklaven, Geschirr und Ruhebänke geschickt. Im Garten waren große Feuer angezündet worden, an denen Ochsen gebraten wurden. Anisbrote lagen neben schweren Käsescheiben, und Krüge mit Wein und Wasser standen neben Körben aus Goldfiligran, die mit Blumen gefüllt waren. Das Vergnügen, in dieser Umgebung schwelgen zu dürfen, weitete die Augen der Söldner. Manche begannen bereits zu singen. Als erstes Gericht wurden Vögel in einer grünen Tunke aufgetragen, die auf roten, mit schwarzen Mustern verzierten Tonschüsseln herum gereicht wurden. Dann gab es Muscheln, Suppen aus Weizen, Bohnen und Gerste, Schnecken in Kümmel gekocht, auf gelben Bernsteinplat ten. Darauf erst wurden die Braten auf die Tische gestellt: Antilopen, noch im Schmuck ihrer Hörner, Pfauen im Gefieder, ganze Hammel, in süßem Wein geschmort, Kamel- und Büffelkeulen, Igel in Beize, ge backene Heuschrecken. In mächtigen Holzschüsseln schwammen mit Safran gewürzte Speckstücke. Berge von Früchten waren auf Honigscheiben aufgetürmt. Es wurde auch ein ausschließlich karthagisches Gericht auf den Tisch gestellt, das den Abscheu der meisten erregte: kleine, dickbäuchige Hunde mit rosigem Seidenfell, die mit Olivenschalen gemästet worden waren. Die Nacht war hereingebrochen. Das Zeltdach über dem Mittelgang der Zypressenallee wurde entfernt, es wurden Fackeln gebracht. Die helleuchtenden Flammen des brennenden Öls in den Porphyrscha len erschreckten die geweihten Affen in den Wipfeln oben. Sie stießen gellende Schreie aus, was die Soldaten in ungehemmte Heiterkeit ver setzte. Die gewölbten Bäuche der metallenen Mischkrüge warfen den Söldnern ihr in die Breite verzerrtes Spiegelbild zurück. Sie drängten sich zu den Wunderspiegeln und schnitten Grimassen, um sich gegen seitig zum Lachen zu bringen. Manche begannen bereits, sich über die Tische hinweg mit elfenbeinernen Fußbänken, goldenen Löffeln und dergleichen zu bewerfen. Dennoch hörten sie in ihrer Unersättlichkeit 15
nicht auf, von allen Sorten Wein in vollen Zügen zu trinken. Je heftiger die Trunkenheit zunahm, um so erregter gedachten sie der Unredlich keit Karthagos. Sie hatten ihren Sold nicht ausbezahlt bekommen. General Gisko, dem der Hohe Rat den Befehl über alle zurückgekehr ten Truppen gegeben hatte, war zwar vorsichtig genug gewesen, sie nur in einzelnen Abteilungen von Sizilien nach Afrika zu schicken, um die Auszahlung des rückständigen Soldes zu erleichtern; nach der Mei nung des Volkes von Karthago aber schuldete man ihnen nichts. Der Kampf war trotz des Widerspruchs von Hamilkar zu Ende, die Söld ner galten dem Volk als feindliche Macht genau wie Rom. Die Frie denspartei hatte sich zähneknirschend bereit erklärt, zehn Millionen Talente als Kriegsentschädigung an Rom zu bezahlen. Das war ohne hin mehr, als Karthago leisten konnte. Sie verwünschten die Söldner, die sie nicht mehr zu brauchen glaubten und die sie nicht bezahlen konnten. Aus Gehässigkeit gegen Hamilkar hatten die großen Herren des Ho hen Rates seinen Palast für das Gelage zur Verfügung gestellt. Er hatte den Krieg geführt, er war abwesend, ihm gedachte man auch die un geheuren Kosten des Festes – es wurde der Jahrestag der Schlacht am Eryx gefeiert – aufzubürden. Im Rausche erschienen den Söldnern die überstandenen Strapazen in keinem Verhältnis zu dem versprochenen geringen Lohn zu ste hen, der ihnen überdies noch vorenthalten wurde. Sie prahlten mit ih ren Verwundungen. Sie erzählten von den Jagden in ihrer Heimat, sie ahmten das Geschrei der wilden Tiere nach und wie sie sprangen. Sie steckten die Köpfe in die großen Steinkrüge und tranken ohne abzu setzen, wie Kamele, die vor Durst verschmachtet sind. Plötzlich vernahm man einen Klagegesang, der stärker und immer stärker anschwoll. Es waren die Sklaven im Gefängnis. Die Söldner sprangen auf, um sie zu befreien. Sie trieben unter lautem Geschrei zwanzig totenblasse Männer vor sich her; ihre Ketten klirrten wie das Gerassel rollender Kampfwagen. Einer der Sklaven blieb abseits stehen. Er blickte mißtrauisch um sich und kniff, vom Fackelschein geblendet, die Augen zusammen. Als 16
er erkannte, daß kein Söldner ihm etwas zuleide tun wollte, lallte und lachte er vor Freude, während ihm Tränen über die Wangen rollten. Er hieß Spendius. Die Karthager hatten ihn in der Schlacht bei den Äga tischen Inseln gefangengenommen. Er dankte den Söldnern in grie chischer, ligurischer und punischer Sprache für seine Befreiung. Dann sprach er seine Verwunderung aus, die Trinkschalen der karthagi schen Garde nirgends zu sehen. Diese Schalen, aus sechs goldenen Flächen bestehend, die je ein Wein stock aus Smaragden zierte, gehörten einem Verband der hervorragend sten Patriziersöhne. Es war ein besonders geheiligtes Vorrecht, aus ih nen zu trinken. Die Söldner befahlen, sie rasch herbeizuschaffen. Die Sklaven kamen zurück und berichteten, daß zu dieser Stun de alle Mitglieder der staatsrechtlich organisierten Familienverbände schliefen. »Dann weckt sie!« schrien die Söldner. Endlich gestanden die Sklaven zitternd, die Schalen wären in Hän den des Generals Gisko. Gisko erschien, von einer Ehrengarde begleitet. Sein faltiger schwar zer Mantel, der ihn von der edelsteingeschmückten Mitra bis zu den Hufen seines Pferdes umwallte, ließ seine Erscheinung im Dunkel der Nacht verschwimmen. Nur der weiße Bart, das Funkeln seines Kopf schmucks und die breite blaue Schuppenkette auf seiner Brust waren sichtbar. »Die Schalen! Die Schalen!« schrien die Söldner, als sie ihn sahen. Gisko erklärte, daß niemand besser als er wisse, daß sie der Schalen würdig seien. Sei er nicht mit dem Letzten von ihnen auf der letzten Galeere zurückgekehrt? »Das ist wahr!« heulten die Söldner. Da sprang ein Gallier über die Tische hinweg auf Gisko zu und fuch telte mit entblößtem Schwert. Der General schlug ihm mit seinem schweren Elfenbeinstock auf den Kopf. Der Mann brach zusammen. Die Gallier heulten, und ihre Wut übertrug sich auf die anderen. Gisko erklärte: »Die Republik hat eure Bräuche immer geachtet. Ihr alle seid frei in Karthago! Die Schalen sind Privateigentum.« 17
Man hörte ihm auch kaum noch zu. Er erkannte, daß sein eigener Mut ihm den aufgeregten Männern gegenüber wenig helfen konnte. Seine Garde war kaum imstande, ihn zu beschützen. Er gab seinem Gefolge einen Wink zum Rückzug. Das Gelage wurde fortgesetzt. Doch sie wußten, daß Gisko wieder kommen und sie durch Umstellung des Palastes gegen die Mauern drücken konnte. Sie fühlten auf einmal ihre ganze Verlassenheit, und die große Stadt mit den hohen, dunklen Häusern, mit den unbekann ten Göttern flößten ihnen plötzlich Angst und Schrecken ein. – Wo war Hamilkar? Warum hatte er sie verlassen? War das Zerwürfnis Ha milkars mit dem Hohen Rat am Ende nur Blendwerk, um sie zu ver derben? In diesem Augenblick sackte ein Neger zusammen und schlug am Boden mit Händen und Füßen um sich. Sein Blick war starr, der Hals verrenkt, und Schaum stand ihm vorm Munde. Jemand schrie, er sei vergiftet. Sogleich glaubten sich alle vergiftet und stürzten über die Sklaven her. Eine wahnsinnige Zerstörungswut erfaßte sie. Sie schleu derten brennende Fackeln in die Baumkronen. Sie schossen mit Pfei len in die Löwengrube. Balearische Schleuderer waren an eine hohe Umzäunung aus indischem Rohr gekommen, durchschnitten die Rie men des verschlossenen Tores mit Dolchen und befanden sich nun vor der nach Karthago zugewandten Front des Palastes. Auf blauem Grund standen weiße Blumen gleich schimmernden Sternenketten. Baumstümpfe, mit Zinnober bestrichen, sahen wie blutige Säulen aus. Die Söldner erleuchteten die Dunkelheit mit ih ren Pechfackeln und bemerkten einen kleinen Weiher, der durch blau es Gestein in mehrere Becken geteilt war. Das Wasser war so klar, daß das Licht der Fackeln bis auf den Grund ging und daß auf dem wei ßen Sand Goldstaub zitterte. Das Wasser begann zu schäumen, Fun ken sprühten, große Fische mit Edelsteinen im Maul tauchten auf. Die Söldner steckten den Fischen die Finger in die Kiemen und schleppten sie zu ihren Tischen. Es waren die Fische der Barkiden. Der Sage nach hatten die Vorfahren dieser Tiere das Ei, aus dem die Göt tin stammte, ausgebrütet. Der Gedanke, einen gottlosen Frevel zu be 18
gehen, reizte die Söldner. Sie entzündeten Feuer unter ehernen Bek ken und freuten sich daran, die Fische im kochenden Wasser zappeln zu sehen. Gesänge mischten sich mit dem Todesröcheln der Sklaven. Die Söld ner schrien nach Wein, nach Fleisch und Gold, nach Weibern. Im Dunkeln brüllten die verwundeten Löwen. Da erhellte sich plötzlich die oberste Terrasse des Palastes. Eine Frauengestalt, Hamilkars Tochter selbst, in schwarze Gewänder ge hüllt, stieg die Treppe hinab und blieb auf der untersten Terrasse ste hen. Hinter ihr standen zwei lange Reihen bleicher Männer in weißen, rot gesäumten Gewändern. Diese Eunuchenpriester hatten weder Bart noch Haare, noch Augenbrauen. Sie sangen mit gellend aufklingenden Stimmen ein Loblied auf Tanit, die erhabene Göttin Karthagos. Salambo schritt die Freitreppe hinunter; die Priester folgten. Nie mand kannte sie. Im Mondenschein sah sie blaß aus. Etwas Göttli ches umwob sie. Ihre Augen schienen über alles Irdische hinweg in weite Fernen zu blicken. In ihrer Rechten hielt sie eine kleine Leier aus Ebenholz. Während sie gesenkten Hauptes an den Tischen der Hauptleute vor beischritt, murmelte sie: »Tot! Alle tot! Oh, Göttin, erbarme dich mei ner!« Die Söldner drängten sich heran, ohne ihre Rede zu verstehen. Sie bewunderten ihren Schmuck. Salambo sah mit langen, erschrockenen Blicken über die Menge hin, dann hob sie die Arme und rief: »Was habt ihr getan! Was habt ihr getan! Hattet ihr nicht genug Fleisch, Brot und Öl? Ich habe Ochsen kommen lassen, Jäger in die Wüste geschickt …« Ihre Stimme wurde erregter: »Wo seid ihr denn hier? Seid ihr in einer besiegten Stadt oder im Palast eines Gebieters? Es ist das Haus mei nes Vaters Hamilkar. Er allein weigerte sich, eure Waffen auszuliefern, nun klebt das Blut seiner Sklaven daran!« Ihre feinen Nasenflügel beb ten. »Armes Karthago!« klagte sie. »Bejammernswerte Stadt! Wo sind die Helden, dich zu schützen, wie einst in vergangener Zeit?« Sie sprach in einer alten, kanaanitischen Mundart. Keiner der Bar baren verstand sie. Sie fragten sich, was diese Frau mit den schreckens 19
vollen Gebärden ihnen wohl sagen wollte. Sie stiegen auf Bänke und Tische, um mit offenem Mund und vorgestrecktem Kopf zu lauschen. Es war etwas spukhaft Geheimnisvolles. Was war es? Niemand aber schaute so andächtig auf Salambo wie ein junger numidischer Häuptling. Ein Zufall hatte ihn zum Fest geführt. Sein Va ter hatte ihn zu den Barkas geschickt – nach dem alten Brauch der Kö nige, die ihre Kinder zu vornehmen Familien sandten, um neue Bezie hungen anzuknüpfen. Doch er hatte in den sechs Monaten, die er be reits im Palast der Barkas zugebracht hatte, Salambo niemals zu Ge sicht bekommen. Auf den Fersen hockend, das Kinn auf die Schäfte seiner Wurfspieße gestützt, blickte er mit geblähten Nüstern starr zu ihr empor wie ein Leopard, der im Bambusdickicht kauert. Ihm gegenüber hockte ein hünenhafter Libyer, der nur mit einem Pan zerhemd bekleidet war. Sein Antlitz unter dem kurzen schwarzen Kraus haar war mit Blut bespritzt. Er lächelte mit weit offenem Munde. Um den Zorn der Barbaren zu besänftigen, sprach sie nun die Grie chen, die Ligurer, die Kampaner und Neger in ihren eigenen Sprachen an. Es dünkte jeden, in ihrer Stimme die süßesten Heimatlaute zu hö ren. Sie sprach von den alten Schlachten Karthagos gegen Rom. Man klatschte ihr Beifall. Der Anblick der funkelnden Schwerter begeister te sie. Die Leier fiel zu Boden. Beide Hände gegen das Herz gedrückt, stand sie mit halbgeschlossenen Lidern und weidete sich an der Erre gung der Männer, die sie entzündet hatte. Mathos, der Libyer, neigte sich ihr entgegen. Sie trat auf ihn zu und reichte ihm eine goldene Schale mit Wein als Versöhnungstrunk: »Trink!« sagte sie. Er setzte die Schale an die Lippen. Ein Gallier klopfte ihm auf die Schulter und machte lachend in der Sprache seines Landes Witze. Spendius, der dicht dabeistand, erbot sich zum Dolmetscher. »Die Götter sind dir hold«, sagte er. »Reich wirst du werden. Wann soll es Hochzeit geben?« »Was für eine Hochzeit?« »Die deine! Wenn ein Weib einem Soldaten einen Trunk reicht, bie tet sie ihm damit ihr Bett an!« 20
Spendius hatte die Worte kaum übersetzt, als der junge numidi sche Häuptling Naravas aufsprang und einen Wurfspieß gegen Ma thos schleuderte. Der Speer durchbohrte den Arm des Libyers und nagelte ihn mit sol cher Gewalt auf der Tischplatte fest, daß der Schaft in der Luft zitter te. Mathos zerrte ihn heraus, hob den beladenen Tisch und schleuderte ihn gegen Naravas. Söldner warfen sich zwischen die beiden. Mathos brach sich mit Kopfstößen Bahn. Als er sich wieder aufrichtete, war Naravas verschwunden. Aber auch Salambo war fort. Er blickte zum Palast empor, wie sich hoch oben eine rote Tür schloß. Er lief zwischen den Schiffsschnäbeln hinauf, die drei Treppen aufwärts und rannte ge gen die rote Tür mit der ganzen Wucht seines Körpers an. Dann lehnte er sich keuchend an die Mauer, um nicht umzusinken. Er erkannte in der Dunkelheit einen Mann, der ihm gefolgt war. »Geh!« rief Mathos. Ohne zu erwidern, begann Spendius seine Tunika mit den Zähnen zu zerreißen, kniete neben Mathos nieder, ergriff seinen Arm behut sam und sah eine klaffende Wunde. Er verband sie. »Laß mich! Laß mich!« »Nein«, entgegnete Spendius. »Du hast mich aus dem Kerker befreit, du bist mein Herr!« Mathos tastete sich über die Terrasse die Mauer entlang. Er horchte bei jedem Schritt auf und versuchte, durch das Goldgeflecht der Fen ster in die stillen Gemächer zu blicken. Er blieb verzweifelt stehen. »Hör mich!« sagte Spendius. »Und verachte mich nicht um meiner Geringheit willen! Ich habe in diesem Palast gelebt. Ich kann durch alle Mauern schlüpfen. In der Ahnengruft finden wir einen Goldbar ren unter jeder Steinfliese.« »Was geht mich das an?« fragte Mathos. Spendius schwieg. Sie standen auf der Terrasse. Nun stieg die Sonne empor. Spendius breitete die Arme aus und jauchzte. Ei ne Flut rotgol denen Lichts ergoß sich über alles. Rings um die karthagische Halb insel zog sich kräuselnd ein weißer Schaumgürtel, während das sma ragdgrüne Meer sich belebte. Große Karren, vom Lande kommend, rollten über das Straßenpflaster. Kamele, mit Ballen beladen, schwank 21
ten die Abhänge hinunter. In den Gassen spannten die Wechsler die Schutzdächer über ihren Läden auf. Im Hain der Tanit erklangen die Schellentrommeln der geheiligten Hetären. Spendius neigte sich über das Geländer und wies mit ausgestreckter Hand auf die Stadt: »Was für Reichtümer! Und die sie besitzen, haben nicht Schwerter genug, sie zu verteidigen!« Er zog Mathos zum andern Ende der Terrasse und wies zum Park hinab, in dem die Schwerter der Söldner im hellen Sonnenschein an den Bäumen hingen. »Hier dage gen siehst du Männer, von Haß beseelt.« Mathos stand gegen die Mauer gelehnt. Spendius redete mit leiser Stimme auf ihn ein: »Begreifst du, was ich meine, Bruder? Wir könn ten in Purpurmänteln gehen wie Satrapen. Wir könnten uns in Wohl gerüchen baden. Hast du es nicht satt, auf harter Erde zu schlafen und immer nur den Weckruf der Trompeten zu hören? Du wirst dich auch einmal ausruhen wollen, aber nicht erst dann, wenn man dir den Pan zer vom Leib reißt und deine Leiche den Geiern vorwirft. Ein Mann wie du … Wenn du nur wolltest! Wer hindert dich? Hamilkar ist nicht da. Gisko kann mit den Feiglingen, die um ihn sind, nichts ausrichten. Du aber bist tapfer und verwegen, dir gehorchen die Söldner. Sei ihr Führer! Karthago ist uns verfallen.« »Nein!« erwiderte Mathos. »Molochs Fluch lastet auf mir. Ich hab's in ihren Augen gelesen. Jüngst ist im Tempel ein schwarzer Stier vor mir zurückgewichen.« Um sich blickend, fragte er: »Wo ist sie?« Spendius begriff, welch eine ungeheure Verstörtheit den Mann er griffen hatte. Die in der Nacht angezündeten Bäume schwelten immer noch. Aus den verkohlten Zweigen fielen hin und wieder halb verbrannte Affen knochen in die Schüsseln. Mitten unter den Leichen schnarchten die trunkenen Soldaten mit offenem Munde. Die Elefanten in ihren Ge hegen schwenkten die blutigen Rüssel. Die Pfaue schlugen Räder und schrien. Mathos verfolgte, beide Fäuste auf die Terrassenmauer gestützt, ei nen sich fortbewegenden Punkt am Horizont. Auch Spendius beug 22
te sich vor. Ein goldenes Etwas blinkte im Staub der Straße. Es war die Achse eines mit zwei Maultieren bespannten Wagens. An der Spit ze der Deichsel lief ein Sklave und hielt die Pferde an den Trensen. Im Wagen saßen zwei Frauen. Ein langer Schleier wehte hinter ihnen im Wind. Zwei Tage danach verließen die Söldner Karthago. Der Große Rat hatte jedem von ihnen unter der Bedingung, daß sie ihren Standort nach Sikka verlegten, ein Goldstück ausgezahlt und an Schmeiche leien nicht gespart. »Ihr seid die Retter Karthagos. Wenn ihr jedoch hierbliebet, brächtet ihr Hungersnot über uns und machtet uns zah lungsunfähig. Zieht ab! Wir werden neue Steuern erheben; eures Sol des könnt ihr sicher sein! Wir werden auch Kriegsschiffe ausrüsten, um euch zur Heimat zurückzubringen.« Es war nicht schwer, die kriegsgewohnten Männer, die sich in der Stadt langweilten, zu überreden. In buntem Durcheinander zogen sie ab; leichte Bogenschützen neben schwer Bewaffneten, Offiziere ne ben Gemeinen. Ihre Rüstungen waren zerbeult von Katapultgeschos sen. Ihre zerrissenen Panzerhemden klapperten auf den Schwerter griffen. Die Lanzen, die Streitäxte, die Wurfspeere, die Stahlhelme, die Filzhauben bewegten sich in gleichmäßigem Takt auf dem Pfla ster zwischen den sechsstöckigen Häusern, die mit Erdpech getüncht waren. Alle hatten Angst, die Söldner könnten doch noch, da sie sich stark sahen, auf den Einfall kommen zu bleiben. Man warf ihnen Spezerei en, Blumen und Geldstücke zu. Man schenkte ihnen Amulette gegen Krankheiten, hatte vorher aber dreimal darauf gespuckt, um den Tod für die Beschenkten heraufzubeschwören. Laut rief man Segen auf sie herab, heimlich verfluchte man sie. Nun folgte der Rest des Trosses, die Lasttiere und Nachzügler, Kran ke auf Kamelen, Lahme, die, auf die Lanzenstümpfe gestützt, einher humpelten, Trunkenbolde schleppten Weinschläuche mit sich, die Ge fräßigen Fleischstücke, Kuchen, Früchte und Butter in Feigenblättern. Einige trugen Sonnenschirme in der Hand und Papageien auf den Schultern. Hunde, Gazellen, Panther und libysche Frauen auf Eseln 23
folgten dem Zug. Die Maultiere, die mit Schwertspitzen angetrieben wurden, konnten die Last der aufgepackten Zelte kaum tragen. Als alle hinaus waren, schloß man die Tore. Das Volk blieb noch auf den Mauern. Das Heer verstreute sich über die Landenge hin. Die Lan zen sahen bald nur noch wie hohe Grashalme aus. Schließlich verlor sich alles im aufgewirbelten Staub. Die Söldner waren erfreut, wieder durch die weite Ebene miteinan der zu wandern. Sie schrien und sprangen; die Lustigsten begannen Geschichten zu erzählen. In Tunis angekommen, bemerkten sie, daß ein Trupp balearischer Schleuderer fehlte. »Die werden sicher nicht weit sein!« Dann dachte man nicht mehr daran. Am nächsten Tag durchzogen die Söldner bewohntere Gegenden. An der Landstraße lag ein Gutshof der Patrizier neben dem anderen. Durch Palmenhaine zogen sich Wassergräben. Olivenbäume standen in langen grünen Reihen. Rosenduft erfüllte das Gelände. Der Wind ging heiß. In der Ferne blaue Berge. Die Barbaren verlangsamten ihren Marsch. Des Abends legten sie sich auf die Zeltplanen nieder, ohne sie aufzuschlagen. Das Gesicht den Sternen zugekehrt, schliefen sie und träumten vom Fest in den Gärten Hamilkars. Am dritten Tag hielten sie bei den Oleanderbüschen am Ufer eines Gewässers an. Die Soldaten warfen ihre Lanzen, Schilde und Schwertgurte ab, wuschen sich unter vielem Lärm, schöpften mit den Helmen Wasser und tranken inmitten ihrer Maultiere. Spendius, der auf ei nem aus den Ställen Hamilkars geraubten Kamel saß, sah nicht weit von sich Mathos, der, den Arm in der Binde, schwermütig in das Was ser starrte, während er sein Maultier trinken ließ. Sofort eilte er rufend durch die Menge: »Herr! Herr!« Aber Mathos dankte ihm kaum für den Gruß. Spendius verargte ihm das nicht, sondern blieb während des ganzen Marsches bei ihm, brachte ihm zu essen, half ihm beim Absitzen und breitete nachts eine Decke unter seinen Kopf. Durch solche kleinen Dienstleistungen gerührt, taute Mathos all mählich auf. Er war an der Großen Syrte geboren. Sein Vater hatte ihn 24
auf eine Pilgerfahrt zum Amontempel mitgenommen. Dann hatte er in den Wäldern Elefanten gejagt. Später war er in karthagischen Söld nerdienst getreten. Bei der Einnahme von Drepanum war er zum Offi zier ernannt worden. Karthago schuldete ihm vier Pferde, zwölf Zent ner Getreide und den Sold für einen Winter. Er glaubte an die Götter und hatte nur den einen Wunsch, in seiner Heimat zu sterben. Spendius war der Sohn eines griechischen Gelehrten der Redekunst und einer kampanischen Hure. Er hatte seinen Unterhalt anfangs durch Mädchenhandel verdient, dann aber, durch einen Schiffbruch völlig verarmt, hatte er mit den samnitischen Hirten gegen Rom ge kämpft. Dabei war er in Gefangenschaft geraten. Unter wechselnden Herren hatte er bei Mühsal und Mißhandlungen allen irdischen Jam mer erlitten. Als er sich aus Verzweiflung von Bord einer Triere, auf der er Ruderer war, ins Meer gestürzt hatte, war er von Matrosen Ha milkars aufgefischt und ins Sklavengefängnis nach Karthago gebracht worden. – Spendius war nicht nur ein guter Erzähler, er verstand sich auf mancherlei: er konnte Sandalen, Jagdgeräte und Fischnetze anfer tigen, wilde Tiere zähmen und Gifte mischen. Spendius schien erfüllt von heimlicher Angst. Er schaute mit besorg ten Blicken immer wieder nach Karthago zurück. Erst am Abend des vierten Tages wurde er ruhiger. Seine Hoffnung auf Rache wurde wie der lebendig und begeisterte ihn. Er preßte die Hand auf den Mund, um sein Jauchzen zu ersticken. Mathos war wieder in Schwermut versunken. Seine Beine hingen fast bis zur Erde und seine Panzerstiefel fegten unter ständigem Ge räusch über die Gräser hin. Der Weg zog sich in die Länge. Hatte man eine Ebene durchschrit ten, so kam von neuem Hochland, worauf es dann wieder zur Niede rung hinabging. In regelmäßigen Abständen traf man auf kleine vier eckige Kapellen; Raststätten für die Pilger nach Sikka. Die bebauten Ackerflächen wurden immer seltener; dafür kamen öde Sandstrek ken mit Dornengestrüpp. Jetzt ging es durch ein weites Tal, das von zwei rötlich schimmernden Hügelketten eingeschlossen wurde, als ein ekelhafter Geruch ihnen entgegenschlug. Etwas Seltsames bot sich 25
ihren Blicken: An der Spitze eines Johannisbrotbaumes hing ein Lö wenkopf. Sie liefen hin. Man hatte den Löwen wie einen Verbrecher ans Kreuz genagelt. Der riesige Kopf hing auf der Brust. Die Vorder tatzen, die zum Teil unter der üppigen Mähne verschwanden, waren auseinandergespreizt. Die Söldner lachten. Sie redeten den Löwen mit ›Konsul‹ und ›Römische Bürger‹ an. Dann warfen sie Steine nach sei nen gebrochenen Augen, um die Fliegen zu verscheuchen. Kaum hun dert Schritt weiter tauchten zwei neue Kreuze auf und dann, den Weg entlang, Kreuz auf Kreuz mit je einem Löwen daran. Manche waren schon so verwest, daß nur noch Reste ihrer Skelette am Holz hingen. So rächten sich die karthagischen Bauern an den Raubtieren und hoff ten wohl, durch dies grausame Beispiel andere von ihren Herden ab zuschrecken. Die Söldner lachten nicht mehr. Alle, besonders die Nordländer, fühlten sich merkwürdig beunruhigt, erregt und krank. Die Ruhr war unter ihnen ausgebrochen. Sie fühlten sich alle entmu tigt. Noch immer nichts von Sikka zu sehen. Viele wollten nicht mehr weitergehen. Einige machten sich auf den Rückweg nach Karthago. Endlich, am siebenten Tag, bog der Weg plötzlich scharf rechts ab, und ein Mauerstreifen tauchte auf. Blaue, gelbe, weiße Schleier weh ten im Abendrot über den Mauern. Die Priesterinnen der Tanit waren zum Empfang der Söldner herbeigeeilt. Sie schlugen Handtrommeln, Zithern und Kastagnetten. Obgleich Sikka ein Wallfahrtsort war, vermochte es eine solche Men schenmenge nicht aufzunehmen. Der Tempel mit seinen Nebengebäu den nahm allein schon die Hälfte der Stadt ein. Die Söldner lagerten sich daher in der Ebene. Die auf Zucht und Ordnung hielten, blieben in Trupps beisammen. Die Griechen schlugen ihre Zelte aus Fellen in gleichen Reihen auf. Die Iberer spannten ihre Leinenschutzdächer im Kreis nebeneinander aus, die Gallier bauten sich Bretterbuden, die Li byer Hütten aus hartem Stein. Die Neger scharrten mit den Händen Gruben in den Sand, um darin zu schlafen. Die Ebene war ringsum von Gebirgszügen eingeschlossen. Die Berg gipfel hatten die Form von Mondsicheln, oder sie wölbten sich üppig 26
wie volle Frauenbrüste gen Himmel. Ein Gießbach schäumte von der Felsenhöhe herunter, auf der sich der Tempel der karthagischen Venus mit ehernen Säulen und goldenem Dach erhob. Es war eine schöne, das Herz erwärmende Landschaft. Spendius hatte sich für den Erlös seines Kamels einen Sklaven ge kauft. Er selbst lag den ganzen Tag vor dem Zelt des Mathos ausge streckt und schlief. Oft aber schrak er empor; ihm war, als hätte er im Traum eine Peitsche sausen hören. Wenn Mathos ausging, begleitete ihn Spendius wie ein Trabant. Manchmal stützte Mathos nachlässig den Arm auf die Schulter des kleinen Mannes. Als sie eines Abends durch das Feldlager schritten, begegneten sie einigen Männern in weißen Mänteln, darunter Nara vas. Mathos erbebte. »Gib mir dein Schwert!« rief er. »Ich erschlage ihn.« Spendius hielt ihn zurück, denn Naravas trat schon vor und küß te ihm zum Zeichen freundschaftlicher Gesinnung seine beiden Dau men. Er entschuldigte die zornige Aufwallung während des Festes mit der allgemeinen Trunkenheit. Dann sprach er feindselig von Kartha go. »Will er uns verraten oder die Republik?« überlegte Spendius. Naravas blieb bei den Söldnern. Es schien, als ob er sich mehr an Ma thos anschließen wollte; er schickte ihm gemästete Ziegen, Goldstaub und Straußenfedern. Der Libyer wußte nicht, ob er solche Freund lichkeiten erwidern oder in Zorn geraten sollte. Er ließ sich von Spen dius besänftigen. Er wurde immer unselbständiger. Er verfiel einem Zustand unbezwingbarer Teilnahmslosigkeit, wie jemand, der einen Trank zu sich genommen hat, an dem er sterben muß. Eines Morgens, als sie zu dritt zu Löwenjagd aufbrachen, verbarg Naravas einen Dolch in seinem Mantel. Spendius ließ ihn nicht aus den Augen, und so kehrten sie wieder zurück, ohne daß er von seinem Dolch hätte Gebrauch machen können. Ein andermal lockte Naravas Mathos und Spendius weit fort bis an die Grenze seines Reiches; dann erklärte er lächelnd, er wisse nicht mehr den Weg. Spendius fand sich zurecht. 27
Oft streifte Mathos schon vor Sonnenaufgang in der Gegend um her und streckte sich in den Sand, um bis zum Abend unbeweglich lie genzubleiben. Er suchte alle Weissager im Heere auf, Sterndeuter und Sachverständige, Zauberer, die auf den Lauf der Schlangen achteten und auf die Asche von Toten bliesen. Negerweiber ritzten ihm mit gol denen Dolchen die Haut an der Stirn und sangen im Mondschein be schwörende Worte. Er behängte sich mit Amuletten. Spendius hörte ihn seufzen und mit sich selber reden. Eines Nachts ging er zu ihm hinein. Mathos lag nackt auf einer Löwenhaut ausgestreckt, das Gesicht ver barg er in beiden Händen. Eine Hängelampe beleuchtete seine Waffen, die über seinem Kopf am Zeltmast hingen. »Was hast du?« fragte Spendius. »Fehlt dir etwas? – Antworte doch!« Endlich sah Mathos mit großen, verstörten Augen zu ihm auf, legte einen Finger auf die Lippen und sagte leise: »Hamilkars Tochter verfolgt mich. Ich fürchte mich vor ihr. Ich bin krank! Kennst du mächtige Götter oder sonst irgendeinen Zauber, der mich heilen könnte?« »Wovon denn?« fragte Spendius. Mathos schlug sich mit beiden Fäusten gegen die Stirn. »Ich will wie der frei sein! Es ist kein Zweifel, daß ich das Opfer eines Gelübdes bin, das sie vor den Göttern abgelegt hat. – Sie hält mich fest. Wenn ich gehe, schreitet sie mir voran. Bleib' ich stehen, so verweilt auch sie. Ich höre ihre Stimme. Ihre Augen glühen mich an, sie ist immer um mich. Es ist mir, als sei sie meine Seele geworden! Manchmal hab' ich das Ge fühl, als hätte ich sie nie gesehen, als lebte sie nicht – als wär' alles nur ein Traum.« Spendius wurde von Mitleid ergriffen. Er erinnerte sich jener Jüng linge, die mit goldenen Gefäßen in den Händen ihn angefleht hat ten, wenn er seine Huren durch die Städte geführt hatte. Er sagte: »Sei stark, Herr! Wende dich an deinen Willen, nicht aber an die Götter. Erscheint es dir nicht schimpflich, um eines Weibes willen so zu lei den?« 28
»Bin ich ein Kind? Glaubst du, daß Weiber überhaupt noch einen solchen Eindruck auf mich machen können? Wir hatten in Drepanum genug davon. Ich habe sie besessen – oft mitten im Sturmangriff unter stürzenden Dächern. Doch diese, diese eine …« Spendius unterbrach: »Wenn sie nicht Hamilkars Tochter wäre …« »Nein!« schrie Mathos. »Sie hat nichts mit andern Erdenweibern ge mein. Hast du ihre großen Augen unter den gewölbten Brauen ge sehen? Zwischen den Diamanten ihrer Halskette leuchtete die Zart heit ihrer nackten Brust. Ihrem Wesen entströmte ein Etwas, süßer als Wein, schrecklicher als der Tod. Ich will sie haben! Es geht nicht an ders; ich sterbe sonst!« Er senkte den Kopf. »Bei dem Gedanken, sie in meine Arme zu schließen, packt mich ein Freudentaumel. Dabei has se ich sie, daß ich sie schlagen möchte. Was soll ich tun? Ich habe Lust, mich zu verkaufen, um ihr als Sklave zu dienen.« Mathos wollte sich mit Wein betäuben. Doch nach der Trunkenheit fühlte er sich noch elender als vorher. Er ließ sich zu den heiligen He tären führen, doch kam er schluchzend wieder wie einer, der von ei nem Begräbnis kommt. Spendius dagegen wurde immer kecker und vergnüglicher. Er hielt in den aus Reisig errichteten Schenken der Söldner lebhafte Reden. Er machte Gauklerkunststücke und kannte Heilkräuter für Kranke. Er war lustig und schlau, voll von munteren Einfällen. Er machte sich un ter den Söldnern beliebt. Sie alle warteten auf einen Gesandten aus Karthago, der ihnen auf Maultieren Körbe voller Gold bringen sollte. Sie überschlugen die alte Rechnung und malten mit den Fingern Zahlen in den Sand. Jeder hat te Zukunftspläne. Der eine wollte sich Dirnen, Sklaven und Länderei en kaufen, der andere seine Schätze vergraben oder im Seehandel aufs Spiel setzen. Die Untätigkeit wirkte erregend auf die Gemüter. Fort während gab es Streitereien. Täglich kamen Zuzügler ins Lager, fast nackt, zum Schutz gegen die Sonne Gras über dem Kopf. Es waren Schuldner der reichen Karthager, die zum Frondienst auf den Feldern gezwungen worden und nun entlaufen waren, Bauern, die durch die hohen Steuern zugrunde gerichtet waren, Geächtete und Missetäter. 29
Alle ereiferten sich gegen die Republik. Spendius wurde der Wortfüh rer. Man sprach davon, auf Karthago loszumarschieren und die Römer zu Hilfe zu rufen. Eines Abends vernahm man ein dumpfes Geräusch, das allmäh lich näher kam. In der Ferne tauchte etwas Rotes im welligen Gelän de auf. Es war eine große Purpursänfte, die an ihren Ecken mit Strau ßenfedern verziert war. Kristallketten und Perlenschnüre schlugen ge gen die geschlossenen Vorhänge. Seiten der Sänfte schützten von Kopf bis Fuß in goldene Schuppenpanzer gekleidete Reiter. Jetzt wurde das Feldzeichen der Republik sichtbar: Blaue Holzstangen, an deren Spitze sich ein bemalter Pferdekopf oder ein vergoldeter Pinienapfel befand. Die Söldner klatschten Beifall und eilten der Sänfte entgegen, die auf den Schultern von zwölf mit kleinen raschen Schritten im Gleichtakt laufenden Negern lastete. Nun wurden die Purpurvorhänge geöffnet. Auf gelbseidenen Kissen lagerte das widerlich aufgedunsene Gesicht eines Mannes. Das Gesicht war so bleich, als wäre es mit Marmorstaub gepudert. Der Körper des Mannes war von Fellen verdeckt. Die Söldner erkannten den General Hannon. Sie erinnerten sich, daß die Schlacht bei den Ägatischen Inseln durch seine Langsamkeit verlo rengegangen war. Sie wußten von seiner Habgier. Es war bekannt, daß er alle Gefangenen auf eigene Rechnung verkauft, der Republik aber ihren Tod gemeldet hatte. Zwei Trompeter stießen in ihre silbernen Hörner. Hannon stieg, auf zwei Sklaven gestützt, schwerfällig aus der Sänfte. Er befahl, die Haupt leute zusammenzurufen, und dann begann er seine Rede mit Lobsprü chen auf die Götter und die Republik. Er redete um alles herum, wen dete Sprichwörter und Gleichnisse an. Er fragte: »Wenn ein Herr nur drei Weinstöcke hat, ist es da nicht recht, daß er zwei für sich behält?« Er erklärte, man müsse vernünftig sein, denn die Zeiten seien schwie rig! Dabei nickte er fortwährend mit dem Kopf, als wolle er damit Bei fall erzwingen. Bald erschienen sämtliche Häuptlinge und Offiziere und Söldner kompanien in ihren volkstümlichen Rüstungen und Rangabzeichen. 30
Hannon setzte ihnen die schwierige Lage der Republik auseinander. Der Staatsschatz sei erschöpft, die Zwangszahlungen an die Römer er drückend, der Große Rat wisse nicht mehr aus noch ein. Karthago sei beklagenswert. Er rollte einen langen Papyrusstreifen auf und verlas einen Bericht über die Ausgaben der Regierung. Die Dunkelheit brach herein; sie brachte der Ebene keine Stille. Einer ging zum andern, alle fragten: »Was bedeutet das Gerede? Was will er? Weshalb zahlt er das Geld nicht aus?« Sie drängten sich an die Gruppe um Hannon heran. Die gepanzerten Reiter schwankten auf ihren Pfer den. Es entstand ein Tumult. Jeder wollte hören, was Hannon zu sa gen hatte. Die einen wollten die andern zum Schweigen bringen. Alle schrien durcheinander. Plötzlich sprang ein Mann dicht vor Hannon hin, entriß einem Herold die Trompete und blies hinein. Es war Spen dius. Er kündigte in fünf Sprachen – Griechisch, Lateinisch, Libysch, Gallisch und Balearisch – an, daß er etwas Wichtiges sagen müsse. Hannon hatte es unterlassen, seine Dolmetscher mitzubringen. Er hatte punisch gesprochen. Die Hauptleute und Offiziere hatten seine Erklärungen nicht verstanden. Sie waren alle froh, daß einer in allen Landessprachen redete. Sie riefen: »Los! Rede!« Spendius zögerte. Er zitterte. Endlich wendete er sich an die Liby er, die am zahlreichsten waren. »Habt ihr die furchtbaren Drohungen dieses Mannes gehört?« Hannon widersprach nicht. Spendius atmete auf. Hannon verstand nicht Libysch. Spendius wiederholte den Satz in allen andern Sprachen. Die Offiziere blickten einander an. Sie waren erstaunt. Sie hatten Han non nicht drohen hören. Spendius rief: »Merkt alle auf, was er gesagt hat! Zunächst hatte er behauptet, daß die Götter aller Völker, außer denen Karthagos, nichts als Hirngespinst wären. Er hat euch Feiglin ge, Gaukler, Lügner und Söhne von Hündinnen genannt. Ohne euch, sagte er, wäre es niemals dahin gekommen, den Römern Tribut zahlen zu müssen. Er nannte euch die Schuldigen. Ihr sollt bestraft werden. Man will euch beim Straßenpflastern, beim Schiffbau arbeiten lassen. Ihr sollt in Bergwerken die Erde durchwühlen.« Spendius übersetzte seine eigene Rede den Galliern, den Kampanern, 31
den Balearen. Die meisten waren überzeugt, daß Spendius die Rede Hannons wortgetreu wiedergegeben habe. Manche riefen allerdings: »Du lügst!« Ihre Stimmen wurden vom Lärm übertönt. Spendius begann von neuem: »Habt ihr nicht gesehen, daß er drau ßen vor dem Lager Reiter zurückgelassen hat? Auf ein Zeichen von ihm fallen sie über euch her.« Die Söldner wendeten sich der von Spendius bezeichneten Richtung zu. Da teilte sich die Menge, und ein menschliches Wesen tauchte vor ihnen auf: tiefgebückt, abgemagert, völlig nackt. Seine Hände zitter ten und bebten. Er verzog den Mund zu einem blödsinnigen Grinsen. Plötzlich stieß er einen Entsetzensschrei aus, verkroch sich hinter den Söldnern und stammelte: »Da sind sie! Da sind sie!« Er wies auf die Leibgarde Hannons, die unbeweglich in ihren glänzenden Rüstungen verharrte. Das menschliche Gerippe schlug mit den Händen und Fü ßen um sich und heulte: »Alle haben sie erschlagen!« Da er diese Worte in balearischer Sprache geschrien hatte, traten die Balearen an ihn heran und erkannten einen Kameraden. Ohne auf ihre Fragen zu antworten, schrie er: »Alle ermordet! Alle! Wie Trauben zu sammengequetscht! Alle!« Spendius konnte seine Freude kaum beherrschen, als er den Libyern und Griechen den grauenhaften Bericht übersetzte. Dreihundert ba learische Schleuderer, die am Tag vorher erst ausgeschifft worden wa ren, hatten die Stunde des Abmarsches verschlafen. Als sie vom Hafen in die Stadt kamen, waren die andern Söldner schon ausgerückt. Man ließ sie bis zu dem mit Erzplatten beschlagenen Doppeltor der Satheb straße marschieren. Dort warf sich das Volk mit einem Ruck auf sie. Darauf legte man ihre Leichen in die Arme der Götterbilder, die um den Khamon-Tempel standen. Man machte die armen Hingemordeten für alle Schandtaten der andern Söldner verantwortlich, verstümmelte ihre Leiber in schimpflicher Weise. Am Abend wurden sie auf Schei terhaufen verbrannt. Solange der dem Massaker entkommene balearische Schleuderer ge sprochen hatte, hatten die Söldner mit ihrer Entrüstung zurückgehal ten. Erst als Spendius ihnen die Grausamkeiten anschaulich gemacht 32
hatte, brach das Unwetter los. Sie wollten sich auf Hannon und sei ne Garde stürzen. Einige Besonnene hinderten die Erregten. Sie woll ten erst erfahren, ob Hannon sie bezahlen wolle. Alle schrien: »Unser Geld!« Hannon sagte, er habe es mitgebracht. Die Söldner stürzten zum Lager hinaus und trieben die bepackten Kamele in die Mitte des Lagers. Sie öffneten die Körbe. Sie fanden hya zinthenblaue Gewänder, Schwämme, Rasiermesser, Spezereien und Antimonstifte zum Bemalen der Augenlider. Das alles gehörte zum Luxus der reichen Leute. Sie entdeckten eine große kupferne Wanne. Sie gehörte Hannon, der unterwegs darin badete. Sie sahen, daß er für jede Bequemlichkeit seiner Person vorgesorgt hatte. Sie fanden Wie sel in Käfigen, man verbrannte sie lebend, um Arzneien aus den ver kohlten Leibern zu machen. Sie fanden ungeheure Vorräte an Eßwa ren und Wein. Unter allgemeinem Hohngelächter kam immer Neues zum Vorschein. Der versprochene Sold aber füllte kaum zwei Körbe. In einem fand man jene runden Lederstückchen, deren sich die Republik in Erman gelung von Metallgeld bediente. Hannon erklärte, die Berechnungen seien sehr schwierig. Der Große Rat hätte noch keine Zeit gehabt, alles zu prüfen. Fürs erste schickte er dieses. Da gab's kein Halten mehr. Alles wurde niedergerissen und umge rannt: Maultiere, Diener, Sänfte, Vorräte, Gepäck. Die Söldner ergrif fen die Geldbeutel, um Hannon zu erschlagen. Mit knapper Not ent floh er auf einem Esel. Die Ehrengarde galoppierte neben ihm. Die Söldner schrien ihm nach: »Mach, daß du fortkommst! Feiger Lump! Schwein! Erstick in deinem Gold und deiner Pest! Fort mit dir!« Die Wut der Söldner war nicht zu besänftigen. Sie erinnerten sich derer, die in den ersten Tagen ihres Marsches nach Karthago zurück gekehrt waren. Sicher hatte man auch diese ermordet. Die Söldner be gannen die Zeltpfähle auszureißen, die Mäntel zu rollen, ihre Pferde zu zäumen. Jeder griff nach Helm und Schwert. Alles war marschbe reit. Als die meisten bereits aufgebrochen waren, kam Spendius auf ei 33
nem punischen Hengst, gefolgt von seinem Sklaven, der ein drittes Pferd am Zügel führte, von einem Ritt durch die Ebene zurück. Ein einziges Zelt im Lager war stehengeblieben. Spendius trat hinein. »Auf, Herr! Mach dich bereit! Wir marschieren!« »Wohin denn?« fragte Mathos. »Nach Karthago!« Da schwang sich Mathos auf das Pferd, das der Sklave für ihn am Zügel hielt. Leute vom Land, auf Eseln, zu Fuß, flohen vor dem Heer der Söld ner atemlos und halb irr vor Angst in die Stadt. In drei Tagen hatten die Söldner den endlosen Weg von Sikka zurückgelegt, um Karthago im Sturm zu nehmen. Karthago war in der ganzen Breite der Landenge stark befestigt. Zu erst durch einen Graben, dann durch einen Rasenwall und schließ lich noch durch eine dreißig Ellen hohe Steinmauer mit doppeltem Stockwerk. In diesen Bauten befanden sich Ställe für etwa dreihun dert Elefanten, Rüstkammern und Vorratsräume. Sie gaben Raum für viertausend Pferde und zwanzigtausend Soldaten mit ihren Rüstun gen und sämtlichem Kriegsgerät. Auf dem zweiten Stockwerk erhoben sich Türme, die mit Panzerplatten bedeckt waren. Diese Befestigun gen beschützten zunächst das Viertel der Färber. Dahinter baute sich die Stadt mit ihren hohen, würfelförmigen Häusern amphitheatralisch auf. Die verschiedensten Bauwerke verdeckten in buntem Durchein ander die Hügel der Akropolis, die Tempel mit gewundenen, durch eherne Kapitäle und metallene Ketten geschmückten Säulen, die Obe lisken. Hinter der Akropolis zog sich die Straße der Mappalier von der Küste bis zur Katakombenstadt. Inmitten blühender Gärten standen stattli che Häuser. Die Vorstadt Megara, in der sich der Palast Hamilkars be fand, erstreckte sich bis zur Felsenküste. Die in der Ebene von Kartha go lagernden Söldner erkannten von fern die Marktplätze und Stra ßenkreuzungen. Sie stritten über die Lage der Tempel. Dort war die Kupferkugel: das heilige Haus Tanits. Der Anblick von Karthago reiz te die Söldner. Sie bewunderten und haßten die Stadt zu gleicher Zeit. 34
Was barg der Kriegshafen, den eine dreifache Mauer schirmte? Hoch über der Stadt lag das Schloß Hamilkars. Immer wieder und wieder blickte Mathos in diese Richtung. Er kletterte auf Ölbäume, neigte sich vor und beschattete die Augen mit der Hand. Die Gärten waren leer. Die rote Tür auf der vierten Ter rasse war geschlossen. Er irrte um die Wälle der Stadt, einen Durch schlupf suchend. Eines Nachts warf er sich in den Golf und schwamm ununterbrochen drei Stunden lang, bis er an die steile Felsküste kam. Beim Versuch, hinaufzuklettern, stieß er sich die Knie blutig und brach sich die Nägel ab. Schließlich fiel er in die Flut zurück und kehrte um. Seine Machtlosigkeit erbitterte ihn. Er war eifersüchtig auf Kartha go, das Salambo umschloß, wie auf einen Mann, der sie leiblich beses sen hätte. Er war nun von stürmischer Tatenlust erfüllt. Das Herz ging ihm oft in namenloser Wut über. »Laß deinem Zorn freien Lauf!« sagte Spendius. »Tobe und morde! Dein Leid kann nur mit Blut gelöscht werden. Da dich die Liebe hun gern läßt, nähre den Haß!« Mathos übernahm wieder den Befehl über seine Soldaten. Er ließ sie schonungslos exerzieren. Sie schätzten ihn um seines Mutes willen, vor allem aber wegen seiner Kraft. Außerdem hatten sie eine mystische Angst vor ihm. Sie glaubten, daß er nachts mit Geistern rede. Das Heer war bald in guter Zucht, denn die andern Hauptleute ahm ten Mathos nach. Die Karthager hörten täglich die Trompetensignale, die die Söldner zum Dienst riefen. Der Große Rat überlegte, was zu tun sei. Karthago verfügte nur über eine sechstausend Mann starke Garde, und es hätte zweier bedurft, den Söldnern in den Rücken zu fallen. Alle Vorsicht war am Platz. Wenn sie sich nach Süden wandten, konnten sie sich mit den Nomaden ver binden und die Handelsstraßen abschneiden. Wenn sie sich nach dem Westen wandten, konnte sich Numidien erheben. Das schlimmste war, daß der Mangel an Lebensmitteln sie veranlassen konnte, die Umge bung zu verwüsten. Die Begüterten zitterten um ihre Landsitze, Wein gärten und Äcker. Hannon schlug grausame Maßnahmen vor: Man solle auf den Kopf 35
eines jeden Söldners einen Preis setzen oder ihr Lager mit Hilfe von Schiffen und Geschoßmaschinen in Brand stecken. Gisko bestand dar auf, daß man die Söldner bezahle. Aber da Gisko beim Volk beliebt war, haßten ihn die Herren des Großen Rates. Sie fürchteten, daß er sich zum Herrscher aufschwin gen könne. Endlich faßten die großen Herren einen Entschluß: Sie ka men ohne Halsketten und Gürtel in das Lager der Söldner, als kämen sie zu Nachbarn. Sie begrüßten die Hauptleute und blieben hier und da stehen, um mit den Söldnern zu sprechen. Sie sagten, daß man in Kar thago geneigt sei, die Wünsche der Söldner zu erfüllen. Mehr wollte niemand. Die Söldner forderten Lebensmittel und wa ren damit einverstanden, daß diese vorerst gegen den rückständi gen Sold verrechnet werden sollten. Man sandte ihnen Rinder, Scha fe, Perlhühner, getrocknete Früchte und auch jene hervorragenden ge räucherten Makrelen, die Karthago nach allen Häfen verschiffte. Doch die Söldner bemäkelten die Lieferungen und die Preise. Sie boten für einen Widder so viel, wie eine Taube wert war, und für drei Ziegen so viel, was sonst ein Granatapfel kostete. Bevollmächtigte des Großen Rates schrieben genau auf, für wieviel Dienstjahre man jedem Söldner den Sold schuldig sei. Die Herren wa ren entsetzt über die ungeheuren Summen, die sie auszahlen sollten. Sie forderten alle Bürger auf, sich an etwaige Bekannte unter den Söld nern zu wenden und sie mit freundlichen Worten zu milder Gesin nung zu überreden. Die Karthager gingen nun in das Lager und staunten über die Vor räte, die dort aufgestapelt waren. Sie zeigten ihre Unruhe sowenig wie möglich. Zwischen den Söldnern und Marketendern trieben sich Wei ber aller Rassen umher. Sie waren von Seeleuten gekauft, von Karawa nen gestohlen, bei Plünderungen gefangen worden. Solange sie jung waren, wurden sie mit Liebe geplagt, wenn sie alt wurden, mit Schlä gen. Gewöhnlich geschah es, daß sie bei irgendeinem Rückzug mit dem Gepäck im Stich gelassen wurden oder kläglich am Wege ende ten. Kräftige, nackte, unbeschnittene Kinder rannten den Gästen aus der Stadt mit dem Kopf gegen den Leib oder schlichen sich von hinten 36
heran und bissen sie in die Hände. Die Söldner klopften den Kartha gern auf die Schulter und luden sie ein, an ihren Spielen teilzunehmen. Beim Diskuswerfen aber richteten sie es dann so ein, daß den arglosen Karthagern die Füße zerschmettert wurden, und schlugen andern, die sich am Faustkampf beteiligten, beim ersten Gang die Kinnbacken ein. Die Schleuderer schreckten sie mit ihren Schleudern, die Schlangenbe schwörer mit ihren Vipern, die Reiter mit ihren Pferden. Die an fried liche Beschäftigung gewohnten Männer ließen allen Hohn schweigend über sich ergehen und zwangen sich sogar zu einem Lächeln. Einige, die sich besonders tapfer zeigen wollten, deuteten an, daß sie auch ger ne Söldner wären. Die Karthager wurden von den meisten Söldnern für unermeßlich reich gehalten. Daher liefen diese auch hinter den Gästen her und begehrten alles, was ihnen gefiel. Wenn dann der gänzlich ausge plünderte Karthager rief: »Was willst du noch? Ich habe doch nichts mehr!« Dann sagten sie frech: »Dein Weib!« und schließlich: »Dein Leben!« Die Schuldberechnungen wurden den Hauptleuten zugestellt, den Söldnern vorgelesen und für richtig anerkannt. Aber jetzt, da der Sold anerkannt worden war, wünschten die Söldner auch, daß man ihnen alles Getreide nachzahle, das ihnen schuldig geblieben worden sei, und zwar zum Höchstpreis des Getreides während der Kriegszeit. Auch das wurde zugestanden. Es kam zwischen den Bevollmächtigten der Söldner und den Abge sandten des Großen Rates zu einer Versöhnungsszene, bei der, unter Anrufung aller Götter, mit Treueschwüren nicht gespart wurde. Die Unterhändler überboten einander in Entschuldigungen und Lobsprü chen. Jetzt forderten die Söldner als ersten Freundschaftsbeweis Kar thagos, daß die Verräter bestraft würden, die schuld an ihrer Uneinig keit mit der Republik wären. Die Bevollmächtigten gaben sich den An schein, als verstünden sie nicht. Die Söldner erklärten kurz und bün dig: »Gebt uns den Kopf Hannos!« Der Große Rat hätte vielleicht nachgegeben, wenn nicht eine letz te, unverschämte Forderung das Maß zum Überlaufen gebracht hät 37
te. Die Söldner verlangten, daß ihren Häuptlingen Jungfrauen aus den vornehmsten Familien Karthagos zur Ehe gegeben würden. Das war der Einfall von Spendius, und die meisten Häuptlinge fan den auch nichts Besonderes dabei. Die Karthager aber empfanden die Anmaßung der Barbaren, sich mit punischem Blut mischen zu wol len, als schwere Beleidigung. Sie wiesen sie schroff zurück mit der Dro hung, überhaupt nichts mehr zahlen zu wollen. Nun schrien die Söldner, man hätte sie betrogen, und drohten ih rerseits, sich in Karthago alles zu holen, wenn das Versprochene nicht binnen dreier Tage zur Stelle sei. Der Große Rat sah nur noch einen Ausweg: sich an Gisko zu wen den. Die Söldner nahmen seine Vermittlung an und liefen ihm mit lauten Willkommensrufen entgegen, als er ins Lager kam. Schnell ließ er aus Säcken eine Rednertribüne errichten und verkün dete laut, daß er nicht früher gehen werde, bis alle Löhnungen rich tig ausbezahlt seien. Ein Beifallssturm brach los. Es dauerte lange, ehe es Gisko möglich war, weiterzureden. Dann sprach er offen über alle Fehler, die sowohl von der Republik als auch von seiten der Söldner begangen worden waren. Dann begann er die Söldner zu löhnen und fing mit den Libyern an. Sie zogen in geordneten Reihen an ihm vor bei und gaben mit hochgehobenen Fingern die Zahl ihrer Dienstjahre an. Jedem, der seinen Lohn empfangen hatte, wurde ein Zeichen mit grüner Farbe auf den linken Arm gemalt. Es war ein langwieriger Vor gang. Als die Nacht kam, sprach Spendius zu den Libyern, die noch nicht ausbezahlt worden waren. Er ging von Mann zu Mann: »Wenn die Ligurer, Griechen, Balearen und Italiker aus gezahlt worden sind, werden sie davonziehen. Ihr aber, die ihr in Afrika bleibt, seid ohne je den Schutz. Die Republik wird an euch sich rächen. Traut den schönen Worten nicht!« »Was sollen wir tun?« fragten die Männer. »Denkt darüber nach!« sagte Spendius und machte sich an die Gal lier heran: »Die Libyer werden nun ausgelöhnt, dann folgen die Grie chen, die Balearen, die Asiaten und alle andern. Ihr aber, die ihr nur 38
wenige seid, werdet leer ausgehen. Denkt nur nicht, daß ihr Schiffe zur Heimreise bekommt! Sie werden euch alle beiseite schaffen, um die Kosten zu sparen!« Die Gallier gingen sogleich zu Gisko. Es gelang den Söldnern, in das Zelt des Generals einzudringen. Sie faßten seine Hände und zwangen ihn, ihre zahnlosen Münder, ihre abgemagerten Arme und ihre ver narbten Wunden zu betasten. Vagabunden traten in Kriegstracht auf und behaupteten, sie seien vergessen worden. Immer mehr Lärmma cher strömten herbei. Zelte krachten und fielen zusammen. Wenn der Lärm zu arg wurde, stützte sich Gisko auf seinen elfenbeinernen Stab und blickte starr aufs Meer hinaus. Unbeweglich saß saß er da, die Fin ger in seinen Bart vergraben. Hin und wieder beriet sich Mathos mit Spendius, dann trat er vor den General, und Gisko fühlte seine Blicke flammend auf sich gerich tet. Sie riefen einander Schimpfwörter zu, die weder der eine noch der andere verstand. Inzwischen nahm die Löhneauszahlung ihren Fortgang. Der Gene ral fand bei allen Schwierigkeiten eine passende Lösung. Als die Bale arer Frauen statt Geld verlangten, sagte Gisko es ihnen zu und verkün dete, daß eine ganze Karawane Jungfrauen bereits unterwegs sei. Da sprang der Baleare, der von der Metzelei übriggeblieben war und sich wieder erholt hatte, auf die Schultern seiner Freunde und schrie: »Hast du auch für die Hingemordeten welche bereit?« Gisko wollte reden, aber er kam nicht zu Wort. Er verließ langsamen Schrittes seinen Sitz und schloß sich in sein Zelt ein. Bei Sonnenauf gang fand er seine Dolmetscher vor dem Zelt mit starren Augen, das Gesicht blau angelaufen, mit lang heraushängender Zunge. Jeder hatte um seinen Hals eine feine Binsenschnur. Gisko wußte, daß Karthago ihn im Stich lassen würde. Trotzdem wollte er die Ehre seines Vaterlandes hochhalten. Er schwor beim Mo loch, alles Versprochene auf eigene Kosten zu liefern, und warf zum Pfand seines Eids sein Halsband unter die Menge. »Geld!« schrien die Söldner ihm zu. »Geld! Wir wollen keine Ver sprechungen, wir wollen Geld!« 39
Gisko blickte den in stürmischem Haß auf ihn Eindringenden mit unbeweglichem Gesicht entgegen. Seine Wangen waren weißer als sein Bart. Auf einen Wink von Mathos fielen die Libyer über den greisen Mann her. Er breitete die Arme aus, dann fiel er zu Boden und verschwand im Getümmel der sinnlos wütenden Männer. Sie plünderten sein Zelt. Sie fanden nur die zum Leben notwendigsten Dinge darin. Dann, als sie genauer suchten, kamen drei Bilder der Tanit zum Vorschein und ein in Affenhaut gewickelter schwarzer Stein, der vom Mond gefallen sein sollte. Die vornehmen Karthager, die Gisko begleitet hatten, gehörten zur Kriegspartei. Sie waren Freunde der Söldner. Sie wurden aus ihren Zel ten gerissen und in die Latrinen geworfen. Dort fesselte man sie mit ei sernen Ketten an Pfähle, überschüttete sie mit Schimpfreden und warf ihnen Steine ins Gesicht. Am nächsten Morgen stellte sich eine Art Ernüchterung ein. Der Zorn war verraucht, und Bangigkeit überkam die Söldner. Mathos war zumute, als habe er Salambo persönlich beleidigt. Die vornehmen Karthager gehörten in seiner Vorstellung irgendwie zu ihrer Person. Er setzte sich an den Rand der Latrine und fand in dem Gewimmer dort unten etwas von den Lauten wieder, die sein Herz erfüllten. Am Abend fragte Spendius ihn, ob es im Innern Karthagos Quel len gäbe. »Nicht eine«, erwiderte Mathos. Am nächsten Morgen führte ihn Spendius zum steilen Seeufer. »Herr!« sagte er. »Wenn du beherzt bist, führe ich dich nach Kartha go hinein.« »Wie willst du das zustande bringen?« »Schwöre, daß du allen meinen Anordnungen nachkommst und mir wie mein Schatten folgen wirst!« Mathos hob seinen Arm zum Himmel. »Bei der Tanit, das schwö re ich!« Spendius erklärte: »Morgen, nachdem die Sonne untergegangen ist, erwarte mich am Fuße des Aquädukts zwischen dem neunten und 40
zehnten Bogen! Bring eine eiserne Hacke, einen blanken Helm und le derne Sandalen mit!« Der Aquädukt, von dem Spendius sprach, war ein mächtiges Bau werk, das quer über die ganze Landenge hinlief. Karthago hatte sich diese neue Erfindung der Römer zunutze gemacht, um die Stadt mit Wasser zu versorgen. Spendius und Mathos stellten sich zur festgesetz ten Stunde bei dem Riesenbau ein. Spendius knüpfte einen eisernen Haken an ein Seil und schleuderte es empor. Der Haken blieb an der Mauer hängen. Sie kletterten an dem Seil empor. Bald befanden sie sich auf der obersten Plattform der drei übereinander gebauten Bogenrei hen. Spendius bückte sich von Zeit zu Zeit, um die Steine zu betrach ten. »Hier geht es«, sagte er. »Fangen wir an!« Es gelang ihnen, eine der Steinplatten zu lockern. Sie sprangen in das Loch, das durch das Auf heben der Steinplatte entstanden war, und gelangten in das Innere der Wasserleitung. Das Wasser reichte ihnen bis zum Leib. Es riß sie mit sich fort, sie mußten schwimmen. Als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten, konnten sie sich vor Erschöpfung kaum noch auf recht halten. Spendius stieß gegen ein Gitter. Sie rüttelten beide dar an. Es gab nach, sie standen auf den Stufen einer Treppe. Es gelang ih nen, mit der Spitze eines Dolches den Riegel einer Bronzetür beiseite zu schieben. Sie waren wieder im Freien. Die Nacht war von feierlicher Stille erfüllt. Die Stadt schlief. Baum gruppen ragten über Mauern hinweg. Die Feuer der Vorposten blink ten wie gefallene Sterne. Spendius, der drei Jahre im Kerker verbracht hatte, fand sich in der Stadt nicht zurecht. Mathos erklärte, daß man sich nach links wenden müsse, um zum Palast Hamilkars zu kommen. »Nein«, sagte Spendi us. »Du sollst mich zum Tempel der Tanit führen!« Sie schlichen an den Kaktushecken entlang, die die Wege begrenz ten. Wasser rann ihnen vom Leib. Ihre nassen Sandalen machten nicht das geringste Geräusch. Spendius suchte Schritt für Schritt die Gebü sche ab. Er ging hinter Mathos und hielt in beiden Händen Dolche, die er unter den Armen verbarg. Als sie die Gärten verlassen hatten, kamen sie an die Mauer von Me 41
gara, die ihnen den Weg versperrte. Endlich fanden sie einen Spalt im Gemäuer, schlüpften hindurch und gelangten auf einen freien Platz. »Hör mir zu!« Spendius sprach nachdenklich, als müsse er jedes Wort genau überlegen. »Erinnerst du dich der Stunde auf der Terras se Salambos, als ich dir beim Sonnenaufgang Karthago zeigte? Da mals waren wir stark, aber du wolltest von all dem nichts wissen!« Er fuhr fort: »Herr! Das Heiligtum der Tanit birgt einen geheimnisvol len Schatz, ein Schleiergewand, das vom Himmel gefallen ist. Es um hüllt die Göttin.« »Ich weiß das«, sagte Mathos. Spendius erklärte leise: »In diesem Schleier steckt Wunderkraft, weil er die Göttin berührt. Karthago besitzt den göttlichen Schleier, dar um ist Karthago mächtig. Ich habe dich hierhergeführt, damit wir ihn rauben.« Mathos wich entsetzt zurück: »Ich biete meine Hand nicht zu einem solchen Frevel.« »Tanit ist dir feindlich gesinnt. Bezwingst du sie aber, so wird sie dir gehorchen. Dann wirst du so gut wie unsterblich und unbesiegbar sein. Herr! Ich sage dir, eines Tages wirst du in Karthago Einzug halten. Die Priester sollen deine Sandalen küssen. Bedrückt dich der Schleier der Tanit auch dann noch, so magst du ihn wieder in den Tempel zurück tragen. Komm, holen wir ihn!« Heißes Begehren erregte Mathos. Er wünschte, in den Besitz des Schleiers zu kommen. Jedoch, der Gedanke einer Tempelschändung war ihm so furchtbar, daß er ihn nicht zu Ende zu denken vermochte. »Gehen wir!« sagte er kurz. Der Weg führte durch enge Gassen. Plötzlich erweiterte sich die Aus sicht auf die Akropolis. Am Fuße des Berges erhob sich massig und dü ster der Tanit-Tempel. Er bestand aus Gebäuden und Gärten, aus Hö fen und Vorhöfen, die von einer niedrigen Steinmauer umgeben wa ren. Die erste Einfriedung umschloß einen Platanenhain, der zum Schutz gegen die Pest angelegt worden war. Mathos zögerte, die drei Stufen aus Ebenholz zu überschreiten, die zur zweiten Umfriedung führten. 42
»Vorwärts!« rief Spendius. Granat- und Mandelbäume wechselten in starrer Regelmäßigkeit mit Zypressen und Myrten ab. Blauer Kies be deckte den Weg und knirschte unter ihren Schritten. Sie gelangten vor ein ovales Becken, das mit einem Gitter überspannt war. Mathos, den die Stille bedrückte, sagte zu Spendius: »Hier wird süßes Wasser mit salzigem vermischt.« Sie stiegen über sechs silberne Stufen in die dritte Einfriedung. Vor ihnen stand der Tempel. Zwei Säulengänge, deren Tragbalken auf dicken Pfeilern ruhten, umgaben einen viereckigen Turm, den eine Mondsichel schmückte. Am Eingang stand ein Steinkegel zwischen ei ner goldenen und einer smaragdenen Säule. Im Vorüberschreiten küß te sich Mathos die rechte Hand. Die Decke des ersten Raumes hat te zahllose Öffnungen, durch die die Sterne zu sehen waren, längs der Wände waren Bart- und Kopfhaare in Schilfkörben aufgehäuft: die er sten Opfer der Jugend. In der Mitte des kreisförmigen Raumes erhob sich ein Frauenkörper aus einem mit Brüsten bedeckten Sockel. Das fette, bärtige Gesicht lächelte mit gesenkten Lidern. Mathos und Spendius gelangten durch einen offenen Quergang wie der ins Freie. Ein winziger Altar stand vor einer Pforte aus Elfenbein. Die Pforte war verschlossen. Nur die Priester durften sie öffnen, denn der Tempel der Tanit war kein Versammlungsort für die Menge, sondern die geheiligte Wohnung der Göttin. Spendius betrachtete die Mauern prüfend. Er mußte den Schleier ha ben! Nicht etwa, weil er von dessen Macht überzeugt war, sondern weil er klug genug war, sich zu sagen, daß der Verlust des Schleiers die Kar thager in tiefste Mutlosigkeit stürzen würde. Die Männer gingen von hinten um das Gebäude herum, um einen Zugang zu finden. In einem von Lotosblumen eingefaßten Spring brunnen tummelten sich ähnliche Fische wie in Salambos Garten. Sie schritten durch zwei gleichlaufende Galerien, an deren Seiten sich klei ne Zellen befanden. Darin lagen auf Matten schlafende Frauen. Ihre von Salbe fettglänzenden nackten Körper strömten Düfte von Gewür zen und Räucherwerk aus. Mathos erstickte fast in der betäubenden Luft. Die Symbole der Befruchtung, die an den Zedernholzwänden 43
angebracht waren, die Wohlgerüche, die Schwüle der Umgebung be drückten ihn und trieben seine Gedanken noch heftiger Salambo zu. Der Tempel war von keiner Seite zugänglich. Sie gelangten wieder in den offenen Gang. Spendius stöberte und suchte überall umher, wäh rend Mathos vor der Pforte auf den Knien zu Tanit betete. Da entdeck te Spendius eine schmale Öffnung über der Tür. »Erhebe dich!« sagte er und hieß Mathos, sich mit dem Rücken an die Mauer zu stellen. Er kletterte an ihm empor, erreichte die Höhe des Loches, schlüpfte hin ein und verschwand. Dann warf er Mathos den geknoteten Strick zu, den er sich um den Leib gebunden hatte, bevor sie in die Zisterne ein gedrungen waren. Mathos kletterte empor und befand sich nun neben Spendius in einem weiten, düsteren Raum. Ein Lichtschein kam von der Lampe, die vor dem Sockel einer Statue stand. Ihr langes, blaues Gewand war über und über mit diamantenen Monden bedeckt. Ma thos unterdrückte einen Schrei. »Da! Da! Das ist sie!« Spendius nahm die Lampe, um die Statue besser zu beleuchten. »Sei nicht so ruchlos!« murmelte Mathos. Dennoch folgte er Spendius. Das Gemach, das sie nun betraten, enthielt nichts als das düstere Ab bild einer Frau: Die Beine stiegen an der Wand empor, der Leib nahm die Decke ein. Der Oberkörper hing mit dem Kopf nach unten an der andern Wand hinab. Die Fingerspitzen berührten die Steinfliesen. Von der Decke hing an einer Schnur vom Nabel der Frau ein riesengro ßes Ei. Spendius hob einen Wandvorhang auf. Die Zugluft verlöschte das Licht der Lampe. Sie irrten wie verloren umher. Sie traten auf et was Weiches. Funken knisterten und sprühten. Es war, als gingen sie durch Feuer. Spendius erkannte, daß der Boden mit Luchsfellen ausge legt war. Ein dickes, naßkaltes, klebriges Seil schien sich zwischen ih ren Beinen hindurchzuwinden. Durch schmale Mauerspalten drang dünnes Licht. Sie tasteten sich durch das Halbdunkel und sahen eine große, schwarze Schlange, die eiligst davonglitt. »Laß uns fliehen!« stieß Mathos schaudernd hervor. »Ich fühle die Nähe der Göttin. Sie kommt! Sie kommt!« Spendius erwiderte: »Der Tempel ist ganz leer.« Sie sahen in einen Raum, dessen Wände mit den scheußlichsten 44
Tierfratzen bemalt waren. Zwölf blaue Kristallkugeln, von tigerähn lichen Bestien gehalten, waren im Raum kreisförmig aufgestellt. Von den Füßen bis zum Bauch deckten Fischschuppen, Federn, Blumen und Vögel ihre Leiber. Sie blickten aus aufgequollenen Augäpfeln auf die höchste Gottheit, die im Hintergrund auf einem zweirädrigen El fenbeinwagen thronte: Auf die Allesbefruchterin Astarte! Ein leuchtender Stein in Gestalt eines unzüchtigen Symbols war in ihre Stirn eingefügt und erhellte den ganzen Saal. Als Mathos vorsichtig einen Schritt näher trat, verschob sich eine Steinfliese. Bewegung kam in die starren Massen. Die Kristallkugeln drehten sich plötzlich, die Tiere, die sie hielten, begannen zu brüllen, dazu erklang eine erhabene und gewaltige Musik. Mathos hatte das Gefühl, daß Tanits wilde Seele sich in den Raum ergoß, daß die Göttin sich erhebe, ins Ungeheure wachse und die Arme öffne. Da schnappten mit einem Ruck die Rachen der Ungeheuer wieder zu, und die Kugeln standen still. Dumpfe Töne schwirrten noch durch die Luft; sie verhallten allmählich. »Und der Schleier?« fragte Spendi us. Er zog Mathos hinter Tanits Wagen. Sie kamen in einen kleinen, runden Saal, der dem Innern einer Säule glich. Ein großer, schwarzer Stein, auf dem Flammen emporzüngelten, stand vor einem gewalti gen Ebenholzkegel, der Kopf und Arme hatte. Hinter dieser seltsamen Holzstatue wurde etwas sichtbar, das leicht und duftig war wie ein Ge wölk, durch das Sterne funkeln. Wie ein weiter Mantel breitete sich ein wunderbares Gewebe hinter dem Haupt des Götterbildes an der Mau er aus. Es schimmerte blauschwarz wie die Nacht, glühend wie das Morgenrot und golden wie die Sonne. Das war das Schleiergewand der Göttin, der heilige Zaimph, den nie mand anschauen durfte. Sie waren erschrocken: »Nimm ihn!« sagte Mathos kurz. Spendius stürzte sich auf die Statue und löste das Gewebe von der Mauer. Ma thos nahm es an sich, steckte den Kopf durch den Halsausschnitt, hüll te sich völlig darin ein und streckte die Arme aus, um es besser be trachten zu können. »Wir müssen gehen!« sagte Spendius. 45
Mathos keuchte vor Erregung. Er blickte gespannt auf die Steinfliesen nieder. Plötzlich rief er: »Wenn ich nun zu ihr ginge! Ich fürchte ihre Schönheit nicht mehr. Nun bin ich mehr als ein Mensch! Wie sollte sie mir jetzt widerstehen! Salambo! Dein Herr und Gebieter kommt!« Da näherten sich Schritte. Eine Tür tat sich auf. Ein Priester mit ho her Mütze wurde sichtbar. Er riß die Augen entsetzt auf, doch ehe er der geringsten Bewegung fähig war, stieß ihm Spendius seine Dolche in die Seite. Der Kopf des Ermordeten schlug auf die Fliesen. Spendius ging in einem schmalen Gang voran. Mathos folgte. Sie be fanden sich in den Säulenhallen fast unmittelbar vor der dritten Ein friedung. Hinter den Zellen mußte ein kürzerer Weg zum Ausgang führen. Sie hasteten vorwärts. Unter den Bäumen rief jemand hinter ihnen her, und Mathos, der in das heilige Gewebe gehüllt war, fühl te mehrmals, daß man es sanft von unten her zupfte. Es war ein gro ßer, frei umherlaufender Pavian. Mathos wagte es nicht, ihn abzuweh ren, um durch das Geschrei des Tieres nicht in Gefahr zu geraten. Der Pavian sprang an der Grenze des heiligen Gebietes mit einem Satz auf einen Palmenbaum. Als sie die letzte Umzäunung hinter sich hatten, wandten sie sich dem Palast Hamilkars zu. Spendius wußte, daß es vergeblich wäre, Mathos davon abzuhalten. An einer Mauerecke stie ßen sie auf einen Mann, der beim Anblick der gleißenden Gestalt, die das Dunkel jäh durchbrach, erschrocken zurückwich. »Verbirg den Zaimph!« flüsterte Spendius. Sie erzwangen sich den Eingang in den Garten des Palastes durch die Judendornhecken, deren Zweige sie mit ihren Dolchen zurückhie ben. Sie sahen überall noch Spuren des Söldnergelages: Die Parkanla gen waren zertrampelt, die Quellen versiegt. Die Türen der Sklaven kerker standen offen. Mathos sah sich suchend um. »Wo finde ich sie? Ich muß sie sehen! Führe mich zu ihr!« »Das ist ja Wahnsinn!« erklärte Spendius. »Sie wird ihre Sklaven zu Hilfe rufen. Du wirst trotz deiner Kraft umkommen!« Mathos hob den Kopf. Er glaubte, hoch oben ein matt schimmern des Licht zu sehen. Spendius wollte ihn zurückhalten, aber er jagte die 46
Stufen hinauf. Sobald er an die Stelle kam, an der er sie zuerst gese hen hatte, versank alles andere vor ihm, was sich inzwischen ereignet hatte. Hell flammte am Himmel das erste Morgenrot. Das Meer ver schwamm mit dem Horizont, mit jedem Schritt tat sich die Unend lichkeit weiter vor ihm auf. Mit der Leichtigkeit, die man sonst nur in Träumen empfindet, stieg er Stufe um Stufe höher. Das Geräusch des die Steine streifenden Umhangs rief ihm seine Macht ins Bewußtsein. Das letzte und kleinste Stockwerk lag wie ein Würfel auf der obersten Terrasse. Mathos suchte die rote Tür. Sein Herz klopfte zum Zersprin gen, jetzt hätte er am liebsten die Flucht ergriffen. Er faßte nach der Tür. Sie tat sich auf. Eine brennende Lampe in Gestalt einer Galeere hing im Hinter grund des Raumes. Ihrem silbernen Kiel entglitten drei Strahlen und zitterten auf den vergoldeten Balken der Decke, die mit Amethysten und Topasen verziert war. Ein niedriges Ruhebett aus weißem Leder erstreckte sich von einer Längswand zur andern. Eine Onyxstufe führ te um ein ovales Becken, an dessen Rand noch ein Paar zierliche Pan toffeln aus Schlangenhaut und ein Alabasterkrug standen. Nasse Fuß spuren waren deutlich erkennbar. Köstliche Wohlgerüche erfüllten die Luft. Mathos schritt über die mit Gold, Perlmutter und Kristall ausgeleg ten Fliesen. Trotz der Glätte war ihm zumute, als wate er durch tiefen Sand. Nun stand er vor dem schwebenden Lager, dem ein Ebenholz schemel als Trittbrett diente. Das Licht fiel nur auf den Rand des Bet tes. Ein Zipfel des roten Seidenpolsters und eine nackte Fußspitze wa ren sichtbar. Vorsichtig zog Mathos die Lampe näher. Salambo schlief, die Wange in eine Hand gestützt. Die gelösten Haa re umwallten sie, so daß sie wie in schwarze Fittiche gebettet zu sein schien. Das lange, weiße Gewand ließ deutlich die edlen Formen ihres Körpers erkennen. Mathos stand regungslos und hielt die silberne Ga leere weit von sich. Salambo erwachte. Sie sah ihn groß an. »Was bedeutet das?« frag te sie leise. Er erwiderte: »Siehst du den Schleier der Göttin?« 47
»Tanits Mantel!« schrie Salambo und neigte sich entsetzt über den Rand ihres Bettes. »Für dich habe ich ihn aus dem Allerheiligsten geholt! Sieh her!« sag te Mathos. »Weißt du, daß du mir Nacht für Nacht im Traum erschie nen bist?« Sie setzte einen Fuß auf den Ebenholzschemel. Er fuhr fort: »Ich flehe dich an: Laß uns fliehen! Folge mir! Wenn du aber nicht willst, so bleibe ich. Ertränke meine Seele im Hauch deines Atems! Laß meine Lippen an den Küssen verbrennen, die sie auf dei ne Hände drücken!« »Ich will den Schleier sehen!« sagte Salambo. »Näher! Ganz nahe!« »Ich liebe dich!« stöhnte Mathos. Sie stammelte nur: »Gib ihn mir!« Er trat zurück. Salambo schritt, in ihr weißes, schleppendes Gewand gehüllt, mechanisch auf ihn zu. Ihre großen Augen waren starr auf das Zaubergewebe gerichtet. Mathos betrachtete sie, von der Schönheit ih res Antlitzes geblendet. Er hielt ihr das Gewebe hin und wollte sie um fangen. Schon breitete sie die Arme aus, da blieb sie plötzlich stehen, und sie sahen sich regungslos an. Ohne seine Absicht völlig zu verstehen, erfaßte sie plötzlich ein Schauder. Da schlug sie gegen eine Metallplatte und schrie: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Zurück, du Tempelschänder, du verfluchter!« In einer Fensteröffnung wurde der Kopf des Spendius sichtbar, und er zischte: »Flieh! Sie kommen!« Ein ungeheurer Lärm entstand auf der Treppe. Frauen, Bediente, Skla ven stürzten, mit Spießen, Keulen, Messern und Dolchen bewaffnet, ins Zimmer. Mathos stand hinter den Säulen. In den heiligen Mantel ge hüllt, erschien er wie der Sternengott selbst inmitten des Firmaments. Die Sklaven wollten sich auf ihn stürzen. Salambo hielt sie zurück: »Rührt ihn nicht an! Er hat den Mantel der Göttin!« Sie streckte den Arm gegen ihn aus: »Sei verflucht, der du Tanit be raubt hast! Möge dich der Schlachtengott zerschmettern, der Totengott dich erwürgen und der, dessen Namen man nicht nennen darf, dich mit Feuer vernichten!« 48
Mathos stieß einen Schrei aus. Sie aber rief immer wieder: »Fort mit dir! Geh! Geh!« Die Sklaven wichen entsetzt zurück. Mathos schritt mit gesenktem Kopf langsam zwischen den Menschen hindurch die Treppe hinab. Spendius war in wilden Sätzen von Terrasse zu Terrasse gesprungen, über Hecken und Gräben, und glücklich den Gärten entronnen. Er glitt an einer unbewachten Stelle der Mauer hinab, umging in weitem Bogen die Salzlagunen und kehrte in das Lager der Söldner zurück. Die Sonne war bereits aufgegangen. Mathos hörte von überallher ver worrenes Lärmen. Er wußte nicht, wie er zu den Toren der Stadt hin auskommen sollte. Von allen Seiten eilten Menschen herbei, man griff zu Schwertern, Beilen und Stöcken, doch das Hindernis, das Salambo im Bann gehalten hatte, schreckte auch sie zurück. Wie konnte man das Gewebe zurücknehmen, ohne es zu berühren? Sein Anblick allein war schon ein Verbrechen, da es göttlichen Ursprungs war, seine Berührung brachte den Tod. In den Säulenhallen der Tempel rangen die Priester verzweifelt die Hände. Gardereiter galoppierten planlos umher. Mathos ging indessen weiter. Die Straßen leerten sich bei seinem Erscheinen. Mathos sah nichts als weit aufgerissene Augen, die ihn zu verschlin gen drohten, aufeinander beißende Kiefer und geballte Fäuste. Immer schneller lief Mathos durch die offenen Straßen, die mit Ketten, kleinen Wagen und Karren abgesperrt waren, um es ihm unmöglich zu machen, die Stadt zu verlassen. Endlich erreichte er das große, verschlossene Tor. Er glaubte sich verloren. Es war sehr hoch. Es war aus Eichenkernholz, mit Eisennägeln und ehernen Platten beschlagen. Mathos warf sich mit voller Wucht dagegen. Das Volk, das sich angesammelt hatte, trampelte vor Freude mit den Füßen, als es seine Ohnmacht sah. Mathos sah mit großen, irren Augen über die Menschen hin. Sein Puls klopfte zum Zer springen. Er war dem Umsinken nahe und taumelte wie ein Trunkener. Da entdeckte er plötzlich die lange Kette, an der man ziehen mußte, um den Hebebaum in Bewegung zu setzen. Er sprang hoch, packte sie und zerrte mit seinem ganzen Gewicht so lange an ihr, bis sich die riesigen Flügel endlich ein wenig öffneten. Als er draußen war, schlüpfte er aus dem weiten Gewebe und hielt es so hoch wie möglich über den Kopf. 49
Vom Seewind getragen, flatterte es durch die Luft. Die herrlichen Far ben, die glitzernden Edelsteine und die göttlichen Gestalten in dem hei ligen Gewand leuchteten im Sonnenlicht. So trug Mathos den Zaimph durch die Ebene bis zu den Zelten der Söldner. Das Volk auf den Mauern aber sah dem entschwindenden Glück Karthagos nach.
»Ich hätte sie entführen sollen«, sagte Mathos am Abend zu Spendius. »Niemand hätte es gewagt, sich mir in den Weg zu stellen. Wie kommt man noch einmal nach Karthago?« »Weiß ich nicht!« Spendius gab sich voller Behagen der wohlverdien ten Ruhe hin. Dem ungestümen Mathos aber riß da die Geduld: »Du bist an allem schuld! Erst verführst du mich, dann läßt du mich im Stich, Feigling erbärmlicher! Du Kuppler, du Sklave, du hündische Kreatur!« Spendius antwortete nicht. Er blickte auf die schimmernde Pracht des Zaimphs, der am Zeltmast aufgehängt war. Mathos begann sich plötzlich die Stiefel anzuziehen; er schnallte seine Rüstung um und griff nach dem Helm. »Wohin willst du?« fragte Spendius. »Ich muß sie holen. Wer sich mir widersetzt, den zertrete ich wie eine Schlange. Auch die Frau muß sterben. Du wirst sehen, ich töte sie!« Spendius griff hastig nach dem Zaimph und versteckte ihn unter Schaffellen in der Ecke des Zeltes. Draußen waren Stimmen laut ge worden. Fackeln flammten auf. Naravas trat ein. Etwa zwanzig Männer, die ihm folgten, trugen Mäntel aus weißer Wolle, hölzerne Ohrgehänge und Schuhe aus Hyänenhaut. Sie blieben am Eingang des Zeltes stehen. Naravas war noch besser gekleidet als die andern. Mit Perlen be stickte Riemen schmückten seine starken Arme. Seine weißen Zäh ne blitzten. Sein Blick war belebt, seine Bewegungen waren beherrscht und doch gewandt. 50
Er erklärte, sich mit den Söldnern verbinden zu wollen, auf Ge deih und Verderb. Karthago bedrohe seit langem sein Reich. »Ich wer de euch Elefanten liefern, auch Wein, Öl, Getreide und Datteln; fer ner Pech und Schwefel für die Belagerung, zwanzigtausend Fußsolda ten und zehntausend Pferde. Ich wende mich an dich, Mathos, weil du durch den Besitz des Zaimphs zum Führer des Heeres geworden bist. Außerdem«, fügte er hinzu, »sind wir ja alte Freunde.« Mathos blickte Rat suchend auf Spendius, der dem Gespräch gefolgt war und durch leichtes Kopfnicken seine Zustimmung zu erkennen gab. Naravas rief die Götter zu Zeugen an und verfluchte Karthago. Mathos erklärte, er nehme das Bündnis an. Die Begleiter Naravas' brachten einen weißen Stier und ein schwarzes Schaf als Sinnbilder des Tages und der Nacht. Die Tiere wurden über einer Grube geschlachtet. Mathos und Naravas tauchten ihre Hand in das Blut und legten einander die blutigen Hände auf die Brust zur Be siegelung des Bündnisses. Das gleiche Blutzeichen drückten sie auf die Leinwand ihrer Zelte. Am nächsten Morgen sandten Spendius, Naravas und Mathos Bo ten an alle Stämme des punischen Gebietes. Diese Völker wurden von Karthago förmlich ausgesogen. Wenn ein Dorf sich empörte, wurden die Bewohner als Sklaven verkauft. Jenseits der Gebiete, die Kartha go unmittelbar unterstanden, dehnten sich die Bundesstaaten aus, die nur geringe Abgaben leisteten. Während des letzten Krieges aber hat ten sich die Erpressungen gegen die Bewohner dieser Länder so gestei gert, daß fast alle libyschen Städte bei den Römern Schutz gesucht hat ten. Zur Strafe dafür hatten sie tausend Talente, zwanzigtausend Och sen, dreihundert Säcke Goldstaub abliefern müssen, und die Anführer des Protestes gegen die Republik waren entweder ans Kreuz geschla gen oder den Löwen vorgeworfen worden. Besonders Tunis verwünschte Karthago; vor ihren Mauern lag es im Sumpf und blickte tückisch wie ein giftiges Tier zu ihr empor. Es war bereit, gegen die Hauptstadt zu kämpfen. Als die Boten der Söldner ankamen, brach in den Provinzen ein 51
wahrer Freudenrausch aus. Die Beamten der Republik wurden in den Bädern erdrosselt. Die in Höhlen versteckten Waffen wurden hervor geholt, neue aus Pflugscharen angefertigt. Die Kinder schärften Pfeil spitzen an den Türschwellen. Die Frauen gaben ihre Ketten, Ringe und Ohrgehänge her, um auch zur Zerstörung Karthagos beizutragen. Schlachtvieh wurde zusammengetrieben und Geld zur Verfügung ge stellt. Mit diesem Geld zahlte Mathos auf Anraten des Spendius den Söldnern den rückständigen Lohn aus. Durch diese Handlung machte er sich zum obersten Heerführer. Hilfstruppen strömten in das Lager der Söldner. Zuerst Eingeborene, dann Kriegssklaven. Die Menge vergrößerte sich unaufhörlich durch neu Hinzukommende. Nur Utika und Hippo-Diarrhyt verweigerten die Annahme eines Bündnisses mit den Söldnern. Sie wünschten, neutral zu bleiben und in Frieden zu leben. Durch ihre Lage waren diese Städte nicht zu um gehen. Utika, das in der Tiefe einer Bucht gelegen war, konnte einen Durchzug von Truppen nach Karthago ermöglichen, und wenn es ge stürmt wurde, konnte an seiner Stelle Hippo-Diarrhyt die Hauptstadt mit Lebensmitteln versorgen und dadurch uneinnehmbar machen. Spendius riet zu einer sofortigen Belagerung Karthagos. Naravas war dagegen; erst sollten die Grenzorte eingenommen werden. Diese Mei nung teilten auch Mathos und die andern Hauptleute, und so wurde beschlossen, daß Spendius Utika und Mathos Hippo Diarrhyt angrei fen sollten. Ein drittes Heer dagegen sollte, von Tunis unterstützt, die Ebene von Karthago besetzen. Naravas wollte sich in sein Reich be geben, um die versprochenen Elefanten zu holen und dann die Nach schubstraßen mit seiner Reiterei freizuhalten. Die Söldner traten ihren Marsch an. Der plötzliche Aufbruch der Be lagerer rief großes Erstaunen in Karthago hervor. Man sah die Söld ner an den Bergen entlang auf Utika zu wandern. Eine andere Abtei lung blieb vor Tunis, der Rest tauchte am andern Ufer der Bucht auf und zog durch die Wälder weiter. Es waren ungefähr achtzigtausend Mann. Die Karthager wußten, daß ihre Stadt abgeschnitten und dem Hunger preisgegeben sein würde. Aber was sollten sie tun? Der Staats 52
schatz war durch den Krieg mit Rom und durch das, was man an die Söldner vergeudet und verloren hatte, erschöpft. Und doch waren Sol daten notwendig! Wer aber traute noch der Republik? Wer würde ihr Geld borgen? Die Karthager hingen an ihrem Geld wie an den Göttern, und ihre Vaterlandsliebe war von der Verfassung der Republik diktiert. Die Macht gehörte allen; kein einzelner war stark genug, sie an sich zu rei ßen. Die Männer kanaanitischer Abstammung hatten das Alleinrecht des Handels. Nur wer die Erträgnisse der Seeräuberei durch Wucher geschäfte zu vermehren verstand, wer Grund und Boden, die Sklaven und die Armen ausnützte, wurde reich. Und nur wer reich war, erhielt Staatsämter. Obwohl sich Macht und Reichtum von Geschlecht zu Ge schlecht vererbten, blieb es bei der Oligarchie, weil jeder die Hoffnung hatte, einmal zur Herrschaft zu gelangen. Die Handelsgesellschaften ernannten die Finanzverwalter, und diese stellten den Großen Rat, der aus hundert Mitgliedern bestand. Die beiden Generäle wurden aus den vornehmsten Familien gewählt, aber sie waren Scheinkönige. Sie durften über die Entscheidung, ob Krieg oder Frieden herrsche, nicht mitberaten. Wenn sie aber besiegt wurden, ließ der Große Rat sie ans Kreuz schlagen. Nach dem Abmarsch der Söldner wurde General Hannon zum Oberbefehlshaber ernannt. Er befahl die Anwerbung aller kampffähi gen Bürger, ließ Geschütze auf die Türme bringen, verlangte vom Gro ßen Rat ungeheure Waffenlieferungen und ordnete sogar den Bau von vierzehn Kriegsschiffen an, deren man gar nicht bedurfte. Er ließ sich an den Leuchtturm und in die Schatzkammern tragen. Nachts, wenn er nicht schlafen konnte, brüllte er in seinem Palast mit Donnerstim me Kommandoworte, um sich auf den Krieg vorzubereiten. Die übertriebene Angst machte alle Karthager kampfbereit. Selbst die Patrizier übten sich schon bei Morgengrauen im Gebrauch von Lanzen. Die einen meinten, viel essen zu müssen, um Kräfte zu sam meln. Sie mästeten sich. Die andern legten sich freiwillig Fasten auf, um sich von ihrer Fettleibigkeit zu befreien. Utika hatte schon mehrmals Karthago um Hilfe gebeten. Doch Han 53
non wollte die Stadt nicht verlassen, solange noch irgend etwas an den Kriegsmaschinen fehlte. Er benötigte volle drei Monate für die Ausrü stung der hundertzwölf Elefanten, die schon einmal siegreich gewesen waren. Er ließ die Platten, die ihre Brust schmückten, umschmelzen, ihre Stoßzähne vergolden, Purpurdecken mit schweren Fransen für sie anfertigen. Ihre Führer, die ›Indier‹ genannt wurden, sollten nach indi scher Mode gekleidet werden, mit weißen Turbanen und Pumphosen. Der gallische Häuptling Autharit hatte das Kommando des Söldner heeres, das vor Tunis lag. Neger hatten Stöcke mit furchterregenden Gestalten aufgestellt; die Barbaren tanzten, fochten miteinander, trie ben allerhand bunten Hokuspokus. Ein anderer als Hannon hätte die unorganisierte, plumpe Horde mit Leichtigkeit besiegen können. Der Gallier war ein guter Kämpfer, aber ein schlechter Befehlshaber. Er war mutlos. Er wäre am liebsten schon wieder in seiner Heimat gewesen. – Die Sonne verlor oft mitten am Tag ihren Glanz. Eine braune Staub wolke, die senkrecht über der Erde schwebte, kam wirbelnd heran, bog die Palmenbäume. Der Himmel verschwand. Steine flogen durch die Luft. Der Gallier blickte erschrocken durch die Luftlöcher seines Zel tes auf das unheimliche Spiel der Natur. Er atmete in Gedanken den Duft der heimatlichen Triften an goldenen Herbsttagen, sah Schnee flocken und hörte das Brüllen der Auerochsen durch den Nebel. Die in Sikka gefangenen Karthager konnten jenseits der Bucht die Dächer Karthagos sehen. Aber sie waren von Wachen umringt und an eine gemeinsame Kette geschmiedet. Jeder einzelne trug ein Hals eisen. Die Weiber des Lagers zeigten ihren Kindern lachend die zer lumpten Gewänder, die den Unglücklichen in Fetzen um die abgema gerten Glieder hingen. Mathos belagerte Hippo-Diarrhyt. Er hatte niemals ein derartiges Unternehmen geleitet. Die Stadt hatte drei Wälle, und auf den sie über ragenden Höhen zog sich eine durch Geschütztürme gesicherte Mauer hin. Wie konnte er dagegen anrennen? Außerdem quälte ihn der Ge danke an Salambo. Er war von einem wilden, ruhelosen Begehren ge quält. Er träumte von der Wonne ihres Besitzes. Er dachte sogar dar an, sich als Vermittler anzubieten, in der Hoffnung, auch sie zu sehen, 54
wenn er nach Karthago kam. Er ließ oft zum Sturmangriff blasen und stürzte auf den Damm, den er im Meer hatte errichten lassen, um den Mauern von dieser Seite näher zu kommen. Die Söldner folgten im tol len Durcheinander, ihre Sturmleitern barsten und stürzten ins Wasser, das sich dann in blutgefärbten Wellen an den Mauern brach. Mathos setzte sich, nachdem das Getümmel vorbei war, außerhalb der Zelte fassungslos nieder, fuhr sich mit dem Arm über das blutbe spritzte Gesicht und blickte in die Richtung Karthagos. Er sah nur den Horizont. Dann legte er sich flach auf den Boden, krallte seine Nägel in die Erde und weinte. Er fühlte sich unsäglich elend und verlassen. Nie mals würde er sie besitzen; war er doch nicht einmal fähig, eine Stadt zu erobern. Manchmal entfernte er sich heimlich, stieg über die in ihre Mäntel gewickelten, schlafenden Söldner, warf sich auf ein Pferd und war zwei Stunden später in Utika bei Spendius. Spendius ermahnte ihn zur Vernunft. »Bezwinge deine Seele! Solche Kümmernisse sind deiner nicht würdig. Du befehligst ein Heer. Wenn wir Karthago auch nicht erobern, wird man uns wenig stens Länder zuteilen, in denen wir als Könige herrschen können.« Spendius ließ vor Utika einen langen, viereckigen Wall errichten. Er hatte Geduld, obwohl die Stadtmauer im gleichen Verhältnis zum Wall erhöht wurde. Spendius versuchte, sich aller Kriegslisten zu er innern, von denen er auf seinen Reisen gehört hatte. Er war vorsich tig, er schonte seine Leute. Er plante allerlei. Aber bevor er einen Ent schluß faßte, wollte er wissen, ob Naravas nicht zurückkam; das beun ruhigte alle. Hannon hatte endlich seine Vorbereitungen beendet. In einer mond losen Nacht schaffte er seine Elefanten und Soldaten auf Flößen über den Golf von Karthago. Man kam bei diesem Manöver so langsam vorwärts, daß sein Plan, die Barbaren eines Morgens zu überraschen, gänzlich fehlschlug; man kam bei hellichtem Tag an. Östlich von Uti ka dehnte sich eine Ebene bis an den großen Salzsee der Hauptstadt. Die Söldner hatten sich weiter links gelagert, so daß sie den Hafen ver sperrten. Sie schliefen gerade in ihren Zelten, als das karthagische 55
Heer vor den Hügeln auftauchte. Gardetruppen mit goldenen Schup penpanzern bildeten die vorderste Linie. Dann kamen junge Mann schaften, die niedrige Helme und in jeder Hand einen Wurfspieß aus Eschenholz trugen. Hinter ihnen kam schwere Infanterie mit langen Hellebarden. Alle trugen so viele Waffen, wie sie nur tragen konn ten. Endlich folgten die hohen Gerüste der Kriegsmaschinen auf von Ochsen gezogenen Karren. Je mehr das Heer vorankam, desto eifriger rannten die Hauptleute hin und her und gaben Befehle weiter, sorgten für Geschlossenheit der Reihen, Innehaltung der Abstände. Die Stabs offiziere waren in Purpurmäntel gekleidet. Ihre mit roter Farbe bemal ten Gesichter glänzten unter den mächtigen Helmen, die mit Götter gestalten geschmückt waren. Ihre Schilder mit Elfenbeinrändern, die Edelsteine umfaßten, leuchteten wie Sonnen. Die Karthager bewegten sich so schwerfällig, daß die Söldner sie höhnisch zum Sitzen auffor derten und ihnen zuschrien, sie sollten getrost sein, man würde ihnen schon Erleichterung verschaffen. Über dem Zelt des Spendius wurde ein grünes Tuch als Kampfeszei chen aufgezogen. Die Karthager antworteten durch ein entsetzliches Konzert ihrer Trompeten, Zimbeln, Pauken und Flöten. Die Söldner sprangen über die Palisaden und warfen ihre Speere. Ein balearischer Schleuderer legte eine tönerne Kugel in seine Schleuder. Ein Elfen beinschild krachte. Die beiden Heere stießen aufeinander. Die Grie chen stachen mit den Spitzen ihrer Lanzen in die Nüstern der feind lichen Pferde, die sich überschlugen und ihre Reiter unter sich begru ben. Die karthagischen Fußsoldaten legten beim Fechten mit den lan gen Schwertern ihre rechte Flanke bloß. Die Söldner drangen in ihre Reihen ein und mähten sie nieder. Die Reihen der Karthager lichteten sich mehr und mehr. Ihre Geschütze staken im Sand. Plötzlich schlug die Sänfte des Generals um, die große, kristallbehangene Sänfte, die seit Beginn des Kampfes über den Köpfen der Soldaten sichtbar gewe sen war. Die Söldner stimmten schon eine Jubelhymne an. Da verschlug es ihnen den Atem, als sie Hannon plötzlich auf dem Rücken eines Elefanten sahen. Er saß barhäuptig und mit offenem Mund unter einem baumwollenen Schirm, den ein Neger über ihn 56
hielt, und wiegte in der Hand eine strahlende Lanze, deren Spitze ei ner Lotosblume glich. Auf einmal dröhnte die Erde, und die Söldner sahen entsetzt, daß sämtliche Elefanten Karthagos auf sie losstürmten. Ihre vergolde ten Stoßzähne, die blaubemalten Ohren, die Ledertürme über ihren scharlachfarbigen Decken, die Bogenschützen, die sie mit schußbe reiten Waffen bedrohten, erschreckten die Söldner so, daß sie kaum dazu kamen, zu den Waffen zu greifen. Ein Regen von Wurfspießen, Brandgeschossen und Bleimassen stürzte auf sie nieder. Die Elefanten durchbrachen ihre Reihen wie wilde Eber ein Gebüsch, rissen mit ih rem Rüssel die Lagerpfähle aus und stießen die Zelte um. Die Söldner flohen und versteckten sich in den Hügeln am Rand des Tales, durch das die Karthager marschiert waren. Hannon zog als Sieger vor die Tore Utikas. Er kündigte sich durch Trompetensignale an. Drei Räte der Stadt erschienen in der Öffnung einer Schießscharte. Die Bewohner von Utika verweigerten die Auf nahme bewaffneter Gäste. Hannon geriet in Wut. Da willigten die Räte ein, ihn mit einem kleinen Gefolge einzulassen. Die Straßen wa ren zu eng für die Elefanten. Sie mußten draußen bleiben. Sobald Hannon in die Stadt eingezogen war, ließ er sich in die Bä der führen und verlangte seine Köche. Drei Stunden später saß er noch immer in dem mit Zimtöl gefüllten Badebecken und aß Flamingozun gen mit Mohnkörnern in Honigtunke. Die Pflege seines Körpers hielt ihn nicht ab, die politischen Interessen wahrzunehmen. Er diktierte einen Brief an den Großen Rat. Er wollte auch die Gefangenen sehen, die seine Truppen gemacht hatten. Als er ihrer ansichtig wurde, brach er in schallendes Gelächter aus. »Ha! Ha! Meine Helden von Sikka! Heute brüllt ihr gar nicht! Hier bin ich! Erkennt ihr mich wieder? Ihr verlangtet Pferde, Weiber und Länder. Weshalb nicht? Ich werde euch in ein Land schicken, das ihr nie mehr verlassen sollt!« Hannon keuch te wie ein Nilpferd und rollte die Augen. Durch die Schwere seines un gefügen Körpers floß das wohlriechende Öl über. Er schrie: »Man ziehe ihnen bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren. Sofort!« Die Erregung hatte Hannon mitgenommen. Über blauroten Lippen 57
kam ein ekler Hauch. Seine wimpernlosen Augen glichen glühenden Kohlen. Die Ohren standen ihm weit vom Kopf ab und sahen unheim lich groß aus. Weniger aus Appetit als aus Prahlerei begann er wieder zu essen. Zwischen zwei Bissen erklärte er: »Sie sollen alle verrecken! Es wäre vielleicht besser, sie im Triumph nach Karthago zu bringen. Aber sicher sind nicht genügend Ketten mitgebracht worden!« Er überlegte, dann befahl er: »Bringt mir ihre abgehauenen Hände in Körben!« Seltsame Schreie, heiser und schrill, drangen in das Bädergebäude. Der Lärm wuchs, und plötzlich ertönte das wütende Gebrüll der Ele fanten – als wenn die Schlacht von neuem begänne. Die Karthager hatten sich nicht die Mühe genommen, die Söldner zu verfolgen. Sie hatten sich am Fuße der Mauern gelagert und in ih ren prächtigen Zelten gütlich getan. Aber Spendius hatte seine Beson nenheit wiedergefunden. Er sandte einen Boten zu Mathos und sam melte alle seine Leute im Gehölz; die Verluste erschienen gering. Als sie ein Faß Erdöl fanden, das die Karthager im Stich gelassen hatten, waren die Söldner wieder zum Kampf bereit. Spendius ließ Schweine aus den Meierhöfen holen, bestrich sie mit Öl, zündete sie an und hetz te sie gegen Utika. Die Elefanten ergriffen vor den Flammen die Flucht. Sie rann ten bergan, geradewegs auf die lagernden Karthager los, durchbohr ten sie mit ihren Stoßzähnen und zermalmten sie unter ihren Füßen. Die Söldner folgten ihnen. Das punische Lager, das keinen Wall hatte, wurde im Handstreich eingenommen und die Karthager gegen die ge schlossenen Stadttore getrieben. Im Morgengrauen rückten die Fuß truppen des Mathos vom Westen her an. Auch Reiter tauchten auf. Das waren die Numidier Naravas'. Sie hetzten die flüchtenden Kartha ger wie Jäger die Hasen. Dieser jähe Wechsel des Kriegsglücks überraschte Hannon. Er schrie, man möge ihn aus dem Bad heben. Er flüchtete mit seinem Gefolge aus Utika in die Berge, um sein Heer zu erreichen. Er fand nur noch küm merliche Reste seiner Truppe vor. Vier Tage später sah er von der Höhe seines Engpasses die Truppen des Spendius vorbeiziehen. Unter tau send Mühseligkeiten kehrte er nach Karthago zurück. Er marschierte 58
nur bei Nacht. Tagsüber verbarg er sich in den Olivenwäldern. Als er mit seinen Leuten das Vorgebirge von Hermäum erreichte, war er so erschöpft, daß er seinen Arzt um Gift anflehte. Er war besiegt worden und wollte nicht am Kreuze sterben. Aber Karthago hatte nicht mehr die Kraft, ihm zu zürnen. Ein einzi ger Mann konnte die Republik noch retten: Hamilkar.
Der Mann, der jede Nacht auf dem Eschmun-Tempel Wache hielt, be merkte eines Morgens ein Schiff mit drei Ruderreihen, das an seinem Bug einen geschnitzten Pferdekopf trug: Es war Hamilkars Trireme. Der Verkünder des Mondes griff nach seinem Horn und ließ seinen Weckruf über Karthago erschallen. Das Schiff fuhr auf den Hafen zu und wurde von der laut rufenden Menge begrüßt. Die Karthager waren außer sich vor Freude. Da stand er auf dem Deck: Hamilkar. Ein roter Mantel hing ihm um die Schul tern und ließ die kräftigen Arme frei. Sein dichter, schwarzer Bart reichte ihm bis zur Brust. In seinen Ohren hingen zwei besonders gro ße, kostbare Perlen. »Willkommen, du Göttlicher!« riefen sie. »Heil dir! Hilf uns! Befrei uns!« – Er antwortete gar nicht. Niemand außer dem General des Meeres hatte die Erlaubnis, das Ad miralshaus zu betreten. Hamilkar schritt durch die verlassenen Räu me. Alles, was er inzwischen gesehen und erlebt hatte, zog im Geist an ihm vorüber: die Sturmangriffe und Feuersbrünste, die gewalti gen Heeresmassen, die gegeneinander gekämpft hatten – fünf lange, schwere Kriegsjahre, bis zu jenem Unglückstag, da er die Waffen strek ken mußte und Sizilien verlorenging. Eine plötzliche Schwäche über kam ihn, und er fühlte das Bedürfnis, sich den Göttern zu nahen. Er bestieg das oberste Stockwerk seines Hauses, entnahm einer gol denen Muschel, die an seinem Arm hing, einen Schlüssel und öffne te ein kleines ovales Zimmer. Durch schwarze, durchsichtige Platten drang mattes Licht in den Raum. Zwischen den Scheiben befanden sich Nischen, in denen runde, dunkle, schwere Steine lagen. Es waren 59
Wundersteine, die vom Mond gefallen waren. Sie versinnbildlichten die Gestirne, den Himmel, das Feuer. Ihre Farbe war dunkel wie die Nacht und ihre Undurchsichtigkeit rätselhaft wie der Zusammenhang aller irdischen Dinge. Hamilkar zählte die heiligen Steine. Dann bedeckte er das Gesicht mit einem safrangelben Schleier, kniete nieder und warf sich mit weit ausgestreckten Armen auf den Boden. Das einfallende Licht wirkte grauenerregend und doch still und fei erlich. Hamilkar versuchte, aus seinem Empfinden alle menschlichen Vorstellungen der Gottheit zu verscheuchen, um den gewaltigen Geist, der das Weltall erfüllt, erfassen zu können: Jene nie versiegende Kraft, die die Planeten bewegt, durchströmte auch ihn. Verachtung gegen den Tod und alle Wechselfälle des irdischen Lebens machten ihn fest und unzugänglich sowohl gegen die Furcht als auch das Mitleid. Er wollte den Turm besteigen, der hoch über Karthago hinausragte. Seine Blicke glitten suchend den Horizont entlang. Er streckte beide Arme in der Richtung nach Rom aus und sah, daß die Menge sich vor dem Gebäude drängte, um ihn herauskommen zu sehen. Sie grüßte ihn. Er zog sich zurück, um ihre Ungeduld noch zu steigern. Unten im Saal fand Hamilkar die bedeutendsten Männer seiner Par tei vor. Sie berichteten ihm alles, was sich seit dem Friedensschluß zu getragen hatte: den Geiz des Großen Rates, den Abzug der Söldner, ihre Rückkehr, ihre Forderungen, die Gefangennahme Giskos, den Raub des Zaimphs. Nur von den Ereignissen, die Hamilkar persönlich betrafen, sprach keiner. Kaum hatten sie den Saal verlassen, als vor der Tür ein großer Lärm entstand. Trotz der Abwehr der Wache wollte jemand durchaus in den Saal. Hamilkar befahl, den Menschen vorzulassen. Er sah eine alte, kraftlose, zitternde Negerin, die von oben bis unten in weite, blaue Schleier gehüllt war. Plötzlich zuckte er zusammen, und auf einen Wink seiner Hand verließen alle andern den Raum. Dann ergriff er den Arm der Alten und zog sie vorsichtig in ein entlegenes Gemach. Sie warf sich zu Boden, um seine Füße zu küssen, doch er riß das Weib heftig empor. »Wo hast du ihn gelassen, Iddibal?« 60
»Dort drüben, Herr!« Das Weib ließ ihre Hüllen fallen und rieb sich das Gesicht mit dem Ärmel. Die schwarze Farbe verschwand, aus dem zitternden Negerweib wurde ein alter, rüstiger Mann, dessen Haut von Wind und Meer gegerbt war. Ein Busch weißer Haare auf seinem Schä del sah aus wie der Federstutz eines Vogels. »Das hast du gut gemacht, Iddibal!« sagte Hamilkar. Er setzte hinzu: »Weiß auch niemand davon?« Der Alte schwur, daß das Geheimnis sicher sei. Sie verließen nie ihre Hütte, die drei Tagereisen von Hadrumet entfernt sei. Der Strand dort ist nur von Schildkröten bevölkert. »Ich habe ihn so, wie du es befoh len hast, Herr, unterwiesen, Speere zu werfen und Gespanne zu len ken.« »Er ist stark, nicht wahr?« »O ja, Herr, stark und furchtlos! Weder Schlangen noch Dornen oder Gespenster schrecken ihn!« »Erzähle mir von ihm!« »Er erfindet Fallen für wilde Tiere. Es ist kaum zu glauben: Im vori gen Monat hat er einen Adler gefangen! Seit einiger Zeit aber hat ihn Unruhe gepackt. Er fragt nach den Göttern und verlangt, nach Kar thago gebracht zu werden.« »Noch nicht!« Der Sklave schien die Gefahr zu kennen, die Hamilkar beunruhig te. »Wie soll ich ihn zurückhalten! Ich muß ihm bereits Versprechun gen machen, um ihn zu beruhigen. Ich bin nur nach Karthago gekom men, um ihm einen Dolch mit silbernem, perlengeschmücktem Griff zu kaufen.« Er habe Hamilkar auf der Terrasse gesehen und sich bei den Hafenwachen als eine von Salambos Frauen ausgegeben, um zu ihm gelangen zu können. Hamilkar blieb lange in Gedanken versunken. Dann sagte er: »Mor gen sollst du bei Sonnenuntergang hinter den Purpurfabriken in Me gara dreimal den Schrei eines Schakals nachahmen. Wenn du mich dann dort nicht antriffst, wirst du am ersten Tag eines jeden Monats nach Karthago kommen.« Er setzte hinzu: »Du darfst ihm jetzt schon von Hamilkar erzählen.« 61
Als der Abend einfiel, verließ Hamilkar das Haus ganz ohne Gefol ge. Die Straßen waren still. Der Moloch-Tempel stand am Fuß einer Schlucht an einer unheimlich finsteren Stelle. Von unten war nichts als ein riesenhaftes Gemäuer zu sehen, das wie die Felswand eines riesigen Grabmals aufstieg. Das Tor führte in einen weiten, viereckigen Hof, der von Säulengängen umgeben war. In der Mitte erhob sich ein acht eckiges, steinernes Gebäude, über dem eine Riesenkuppel thronte. Feuer brannten in zylinderförmigen Drahtgeflechten auf hohen Stangen, die von Männern getragen wurden. Auf den Steinfliesen lagerten sphinxartig in regelmäßigen Abstän den riesenhafte Löwen, lebendige Verkörperungen der verzehrenden Sonne. Sie schlummerten mit halbgeschlossenen Lidern. Beim Nahen der Schritte erwachten sie, erhoben sich schwerfällig und kamen auf die Herren des Großen Rates zu, die ›Alten‹, die sich hier im MolochTempel trafen. Die ›Alten‹ umarmten und begrüßten einander so herz lich wie Brüder, die sich lange nicht gesehen hatten. Dann begrüßten sie Hamilkar und beglückwünschten ihn. Es waren zumeist untersetzte Männer mit gebogenen Nasen. Man che verrieten jedoch die Herkunft von Nomaden. Die Geschäftsleute hatten bleiche Gesichter. Die Seefahrer erkannte man am wiegenden Gang, die Landleute am Geruch, der dem Heu und dem Schweiß der Maultiere eigen ist. Sie alle waren religiösen Gebräuchen ergeben, li stig, erbarmungslos und reich. Jetzt sahen sie sorgenvoll und mißtrau isch drein. Am Ende eines Saales erhob sich das starre Götzenbild des Molochs, in dessen Brust eine breite Öffnung klaffte. Seine ausgespannten Flügel bedeckten die ganze Wand. Drei schwarze Steine auf seiner Stirn, von gelben Kreisen umrahmt, stellten seine Augen dar. Er hatte das Stier haupt erhoben, als sei er im Begriff, laut loszubrüllen. Vor dem Hochaltar stand ein großer Armleuchter, der mit geschmie deten Blumen reich verziert war. Hamilkar näherte sich dem Leuchter, umschritt ihn, betrachtete die brennenden Dochte und bestreute sie mit duftendem Pulver; violette Flammen flackerten in allen Blumenkelchen auf. Die hundert ›Alten‹ 62
und die vier Oberpriester hatten auf Ebenholzschemeln, hinter denen Fackelträger aufgestellt waren, Platz genommen. Sie stimmten eine Hymne an und wiederholten die gleichen Silben immer lauter. Ihre Stimmen wurden schriller, schwollen an, klangen immer grauenhafter und verstummten plötzlich ganz. Hamilkar zog aus seinem Gewand eine kleine dreiköpfige, saphir blaue Figur und stellte sie vor sich auf. Es war das Abbild der Wahr heit, der Schutzgott seiner Worte. Als er die Figur wieder in seinem Gewand verbarg, schienen alle wie von plötzlicher Wut erfaßt: »Verrä ter! Schurke! Hältst du Freundschaft mit den Barbaren? Bist du nur zu rückgekehrt, um unsern Untergang zu sehen?« Als die Stimmen ruhiger geworden waren, erhob sich der Oberprie ster des Molochs und wandte sich an Hamilkar: »Wir fragen dich: Wa rum bist du nicht früher nach Karthago zurückgekommen?« »Das geht euch nichts an!« antwortete er verächtlich. »Wessen klagt ihr mich an? Habe ich den Krieg schlecht geführt?« Da fingen sie von neuem ihr wildes Geschrei an. Mit absichtlich leiser Stimme, die ihm Gehör erzwingen sollte, fuhr Hamilkar fort: »Ich täusche mich wohl, ihr Gottbegnadeten! Es gibt noch unerschrockene Männer unter euch. Gisko, wo bist du?« Mit halb geschlossenen Lidern, als suche er jemanden, schritt Ha milkar auf die Altarstufen und rief: »Antworte, Gisko! Du kannst mich ruhig verklagen, denn dich werden sie schützen!« Er gab sich den An schein zu überlegen: »Ach, er wird in seinem Hause sein! Jedenfalls ist er glücklich und zählt die Ehrenketten, die ihm das Vaterland verlie hen hat.« Sie zuckten mit den Schultern, wie von Peitschen getroffen. Ohne sich um ihr Geschrei zu kümmern, erklärte Hamilkar, daß man ihn und damit die Republik schmählich im Stich gelassen habe. Der römi sche Friede, so vorteilhaft er ihnen auch erscheine, sei unheilvoller als zwanzig verlorene Schlachten. Einige Anwesende spendeten Hamilkar Beifall. Seine Gegner aber waren in der Mehrzahl. Die Angesehensten hatten sich um Hannon geschart, der am andern Ende des Saales vor der durch einen hyazinthenblauen Vorhang verdeckten Tür thronte. 63
Er hatte die Geschwüre seines Gesichts mit Schminke übertüncht. Um seine Hände trug er Leinenbinden, die mit fettigem, zur Erde trop fendem Balsam getränkt waren. Seine Augen verschwanden unter den dicken Falten seiner Lider, so daß er den Kopf heben mußte, wenn er sehen wollte. Seine Anhänger veranlaßten ihn zum Reden: »Mäßige deinen Hochmut, Barkas! Wir alle sind geschlagen worden. Jeder tra ge sein Unglück mit Würde!« Hamilkar lächelte höhnisch. »Du benimmst dich wie ein Rhino zeros, das auf seinem eigenen Mist herumtrampelt. Du stellst deine Dummheit öffentlich aus. Schweige lieber!« Hannon erklärte es für unwürdig, ihn so zu beleidigen. Hamilkar fuhr fort: »Hättet ihr an mir gehangen wie an diesem da, so wäre heute Jubel in Karthago! Wie oft habe ich euch um Hilfe ge beten. Ihr habt mir das Geld stets versagt. Als meine Sache verzwei felt stand, rieft ihr sogar die letzten Schiffe zurück, die mir noch ge blieben waren.« »Wir durften nicht alles aufs Spiel setzen«, warf ein Goldminenbe sitzer ein. »Was tatet ihr hier in Karthago, wohlbehütet hinter euern Mauern? Nicht einmal die Gallier am Po habt ihr aufgeboten. Die Römer hatten sogar Gesandte an Ptolemäus geschickt!« »Nun stellt er uns gar die Römer als Beispiel hin! Was zahlen sie dir dafür, daß du ihr Loblied singst?« »Danach frage die Ebene von Brutium, die Ruinen von Lokri und Herakleia. Ich habe alle ihre Bäume verbrannt, ihre Tempel geplündert und bis zum Tode ihrer Enkel …« »Du sprichst wie ein Meister der Redekunst«, unterbrach ein vorneh mer Kaufmann. »Ich sage euch nur, daß man entweder klüger oder gewaltiger sein muß! Wenn ganz Afrika das Joch abschüttelt, so kommt das daher, daß ihr Memmen es nicht versteht, den Ochsen einzuspannen. Wenn erst die Libyer im Osten sich mit den Numidiern verbinden und die Noma den vom Süden und die Römer vom Norden kommen werden, dann werdet ihr euch an die Brust schlagen und eure Kleider zerreißen.« 64
Ein Schrei des Entsetzens ertönte. Hamilkar fuhr mit lauter Stimme fort: »Es wird zu spät sein! Ihr werdet in Rom Mühlsteine drehen oder auf dem Hügel von Latium Winzerarbeit verrichten.« Die ›Alten‹ schlugen vor Entrüstung ihre Schenkel. Ihre weiten Är mel flatterten wie große, verängstigte Vögel. Hamilkar stand hoch oben auf der letzten Altarstufe, bebend und furchterregend. Etwas Gewaltiges in ihm selbst riß ihn mit sich fort. Er hob die Arme, daß die Strahlen des brennenden Leuchters hinter ihm wie goldene Pfeile durch seine Finger schossen. »Ihr werdet eure Schiffe verlieren! Eure Ländereien! In euren Palästen werden Schaka le hausen, und der Pflug wird über eure Gräber gehen. Du wirst fallen, Karthago, fallen!« Die Oberpriester streckten ihre Hände aus, um den Fluch von sich abzuhalten. Alle hatten sich erhoben. Aber Hamilkar, der als General der Meere zugleich Oberhaupt der Priester war, stand unterm Schutz der Sonne und war unantastbar, solange ihn nicht der Staatsgerichtshof verurteilt hatte. Kurze Zeit herrschte vollkommene Stille im Saal. Dann begannen die ›Alten‹ sich gegenseitig zu befragen. Ihr Hab und Gut, ihr Leben war durch die Barbaren bedroht. Ohne die Hilfe Hamilkars waren sie nicht zu besiegen. Die großen Herren zogen Hamilkars Anhänger zur Seite und ver söhnten sich mit ihnen, trafen geheime Abmachungen, gaben ihnen Versprechungen. Aber Hamilkar selbst wollte mit keiner Regierungs angelegenheit mehr etwas zu tun haben, sosehr ihn auch alle beschwo ren und bedrängten. Er war wie von einem heiligen Zorn gepackt. Als dann das Wort ›Verrat‹ von neuem aufklang, packte ihn heiliger Zorn. Der einzige Verräter sei der Große Rat, schrie er. Denn die Verpflich tungen der Söldner gingen nicht über den Krieg hinaus. Wenn der Krieg beendet sei, hätten sie das Recht auf ihre Freiheit. Er übertrieb die Tapferkeit der Söldner und erwog die Vorteile, wenn man sie durch Schenkungen und die Gewährung besonderer Rechte für die Republik gewinnen könnte. Ein ehemaliger Statthalter ergriff das Wort mit rollenden Augen: 65
»Barkas!« schrie er. »Du bist durch deine ständigen Reisen ein Grie che oder Lateiner geworden! Deine Reden über die Belohnung dieser Kreaturen sind unverständlich. Es ist besser, daß zehntausend Barba ren zugrunde gehen als ein einziger von uns!« Die ›Alten‹ nickten Beifall. Sie riefen: »Barbaren gibt's genug!« »Gewiß! Man entledigt sich ihrer auf die bequemste Art: Man läßt sie einfach im Stich, wie ihr es in Sardinien getan habt. Man verrät dem Feind ihre Wegrichtung, um sie loszuwerden. – Denkt an die Gal lier in Sizilien!« »Als ob sie nicht hundertmal zum Feind übergelaufen wären!« Hamilkar schrie empört: »Warum habt ihr sie nach Karthago zu rückgerufen? Und als sie schon in der Stadt waren, ebenso zahlreich wie arm, da kamt ihr nicht einmal auf den Gedanken, sie durch Ab sonderung zu schwächen? Ihr ließet sie ziehen mit Weib und Kind, ohne auch nur einen als Geisel zurückzubehalten! Habt ihr vielleicht gehofft, sie würden sich gegenseitig töten? Ihr haßt sie, weil sie stark sind! Mich, ihren Befehlshaber, haßt ihr noch mehr!« Wenn die im Hof schlafenden Löwen brüllend in den Saal gesprun gen wären, hätte der Lärm nicht wüster sein können. Da erhob sich der Oberpriester, die Ellbogen an den Leib gepreßt, die Hände halb geöff net, und sprach: »Karthago braucht dich, Barkas! Übernimm den Be fehl der Streitkräfte gegen die Söldner! Verlaß uns nicht!« »Ich lehne es ab.« »Du sollst über alle Macht verfügen!« riefen die einen. Die andern ergänzten: »Du kannst tun und lassen, was dir beliebt. Wir geben dir Geld, alle Gefangenen und für jeden feindlichen Leichnam ein Stück Land.« »Nein und abermals nein! Es ist ja unmöglich, mit euch zu siegen!« Sie riefen durcheinander: »Er hat Angst! Er will die Söldner schonen, um sich an ihre Spitze zu stellen und über uns herzufallen!« Aus der Tiefe des Saales heulte endlich die Stimme Hannons: »Er will sich zum König erheben!« Alle sprangen auf, warfen die Schemel und Fackeln um und stürzten mit gezücktem Dolch auf Hamilkar zu. 66
Er stand leicht vornübergebeugt, den linken Fuß etwas vorgesetzt, und sah mit zusammengebissenen Zähnen dem Ansturm entgegen. Dabei faßte er in seinen Ärmel und zog zwei breite Messer hervor. Sie alle hatten Waffen mitgebracht; das war ein Verbrechen. Er schrocken sahen sie einander an und drehten sich um. Sie waren voller Wut über sich selbst und über ihn. Einer rief: »Er weigert sich um sei ner Tochter willen.« Eine zweite Stimme rief lauter: »Kein Zweifel, da ihr Liebhaber ein Söldner ist!« Hamilkar wankte. Die ›Alten‹ grinsten ihn höhnisch an. Sie riefen durcheinander: »Man hat ihn aus ihrem Gemach kommen sehen!« »Es war der Räuber des Zaimphs.« Da riß Hamilkar die kostbare Tiara, das Zeichen seiner Würde, vom Kopf und schleuderte sie mit aller Kraft zu Boden. Sein ganzer Kör per zitterte. Er stieg zum Altar empor. Es schien, als wolle er sich dem Gott als Opfer anbieten. Er blieb zwischen den Beinen des riesenhaf ten Ungeheuers stehen und rief: »Bei den hundert Fackeln aller geisti gen Mächte! Bei allem, was da brennt! Bei der Vergänglichkeit alles Le bendigen!« Er nahm zwei Hände voll von der Asche, die in einem Bek ken unter dem Körper des Gottes heiliggehalten wurde, und setzte die Beschwörung mit furchtbarer Stimme fort: »Bei der Asche eurer Nach kommen! Bei der Asche der Brüder eurer Ahnen, mit der ich jetzt die se Asche vermenge – ihr, die hundert des Rates von Karthago, habt ge logen, als ihr meine Tochter beschuldigtet, und ich, Hamilkar Barkas, der General des Meeres, Oberhaupt der Patrizier und Herrscher des Volkes, ich schwöre vor dem stierhäuptigen Moloch« – er hielt inne und fuhr mit ruhiger Stimme fort: »Ich schwöre, daß ich ihr gegenüber nicht einmal ein Wort darüber verlieren werde!« Die ›Alten‹ taumelten fast vor Ermattung, als sie den Tempel verließen. Sie atmeten die frische Luft des anbrechenden Morgens, während der Schweiß über die wachsbleichen Gesichter rann. Sie hatten sich heiser ge schrien. Ihr Zorn gegen Hamilkar war jedoch nicht erloschen, und ihre Abschiedsworte waren Drohungen, die Hamilkar nicht unerwidert ließ. »Auf Wiedersehen morgen nacht, Barkas, im Eschmun-Tempel! Wir werden dich von den Patriziern verurteilen lassen.« 67
»Und ich euch durch das Volk.« »Sieh dich vor, daß du nicht am Kreuze endest!« »Und ihr, daß ihr nicht auf offener Straße zerrissen werdet!« Läufer und Rosselenker warteten vor dem Tor. Hamilkar sprang auf seinen Wagen und ergriff die Zügel. Mit stolzgebogenem Hals trab ten die Pferde davon. Sie hielten vor einem hohen Turm, dessen drei Stockwerke die Form von riesengroßen Zylindern hatten. Dieser hohe Bau überragte alle andern Gebäude auf dem Besitz Ha milkars. Alle Diener rannten herbei. Sie waren mit Fellen bekleidet und schleppten Ketten an den Knöcheln. Die Arbeiter der Purpurfa briken hatten rote Arme wie Henker. Die Schiffsleute trugen grüne Mützen, die Fischer Korallenketten, die Jäger ein Netz auf der Schulter und die in Megara angestellten Männer weiße oder schwarze Gewän der, Lederhosen und Stroh-, Filz- oder Leinenhüte, je nach ihrer Tätig keit. Hinter den Bedienten drängten sich in Lumpen gehüllte Bettler. Sie schliefen nachts in den Gärten und verschlangen die Abfälle der Küchen. Hamilkar duldete sie aus kluger Berechnung. Je mehr Anhän ger er hatte, desto mehr Macht besaß er. Die auf den Anblick ihres Herrn neugierigen Sklaven wurden zu rückgestoßen, damit ihn ihr Geruch nicht belästige. Sie warfen sich flach auf den Bauch und schrien: »Liebling der Götter! Dein Haus blü he und gedeihe!« Abdalonin, der Oberaufseher, schwenkte ein Weihrauchgefäß. Da kam Salambo die Freitreppe herab. Ihre Frauen folgten. Da und dort ragte ein Eunuch um Haupteslänge über alle hinaus und lächelte blö de. Die Frauen bedeckten ihre Gesichter mit den Ärmeln und stießen seltsame Schreie aus, die wie das Heulen von Wölfinnen klangen. Der Wind verfing sich in den Schleiern. Es war im Monat Februar, mit ten im Winter. Die blühenden Granatbäume hoben sich prächtig vom blauen Himmel ab. Zwischen den Zweigen sah man das Meer und eine im Nebel verschwindende Insel. Hamilkar betrachtete Salambo. Sie war ihm nach dem Tode meh rerer Knaben geboren worden. Die Geburt von Töchtern galt in al len Ländern, in denen man die Sonne anbetete, unheilbringend. Die 68
Götter hatten ihm zwar später noch einen Sohn geschenkt, aber seine Enttäuschung nach der Geburt Salambos und seine Verfluchung un erwünschten Kindes hatten einen Stachel in seiner Seele zurückgelas sen. Salambo kam näher. Vielfarbige Perlen hingen in langen Trauben von ihren Ohren. Ihr Haar war so fein gekräuselt, daß es ihren Kopf wie eine Wolke umgab. Ihr hyazinthenfarbiges Kleid schmiegte sich eng an die Hüften. Das glänzende Rot ihrer Lippen ließ ihre Zähne weißer und das Antimon in den Wimpern ihre Augen größer erschei nen. Als sie vor Hamilkar stand, hob sie den Kopf und sprach, ohne ihn anzusehen: »Heil, Sieg und Ruhm dir, o Vater! Zufriedenheit, Muße und Reichtum! Mein Herz war lange traurig, und das Haus hat sich nach dir gesehnt. Unter deinen Blicken, o Vater, wird überall Freude und neues Leben erblühen!« Sie reichte ihm ein längliches Gefäß, in dem eine Mischung aus Mehl, Butter, Zimt und Wein dampfte. »Labe dich an dem Begrüßungstrunk, den deine Magd dir bereitet hat!« »Segen über dich!« erwiderte Hamilkar, ergriff den Goldpokal und betrachtete Salambo so scharf, daß sie verwirrt stammelte: »Man hat dir berichtet, Herr …« »Ich weiß!« sagte Hamilkar mit leiser Stimme. »Ach, Vater!« rief Salambo. »Auch du vermagst nicht zu ersetzen, was unwiderruflich verlorenging!« Er prallte zurück. Er flößte ihr Furcht ein wie eine fremde Gottheit. Sie fühlte sich an dem Tempelraub mitschuldig. »Gnade!« schrie sie. Hamilkar senkte langsam das Haupt. Salambo wagte es nicht, ih ren Mund zu öffnen, obwohl sie sich anklangen wollte. Hamilkar wur de es schwer, seinen Schwur nicht zu brechen. Er blickte sie so durch dringend an, als könnte er in der Tiefe ihrer Seele alles Verborgene er gründen. Dieser Blick traf Salambo so vernichtend, daß sie schwer atmend den Kopf in den Nacken fallen ließ. Jetzt war er überzeugt, daß sie ihre Ehre in den Armen eines Söldners verloren hatte. Er hob, vor Wut 69
bebend, beide Fäuste. Sie aber stieß einen Schrei aus und sank in die Arme ihrer sich eifrig um sie bemühenden Frauen. Hamilkar drehte sich auf dem Absatz um. Alle Verwalter folgten ihm schleunigst. Man öffnete das Tor des Speichers. Er betrat einen geräu migen runden Saal, in dem lange Gänge mündeten wie die Speichen in der Achse eines Rades. Die Gänge führten wieder zu anderen Räumen. Hamilkar durchschritt sie mit großen hastigen Schritten. Der Anblick seiner Schätze beruhigte ihn wieder. Bronzestücke, Sil ber- und Eisenbarren, Zinnblöcke, in Schläuche gepreßter Goldstaub, Palmbastsäcke, mit Harzen gefüllt, Korallenbüsche, Säcke mit Gewür zen und Spezereien, Bündel von Straußenfedern und Elefantenzähne, die so aufgestellt waren, daß sich ihre Spitzen berührten und einen Bo gen über den Eingängen bildeten. Hamilkar stieg auf eine steinerne Tribüne. Alle Verwalter verharr ten mit gesenktem Kopf und gekreuzten Armen. Nur Abdalonin stand stolz aufrecht. Seine spitze Mütze ragte kerzengerade auf. Hamilkar verhörte erst den Schiffsverwalter. Er hatte nur wenig Gutes zu berich ten: König Ptolemäus von Ägypten hatte keinen Weihrauch ausführen lassen, Syrakus und Korsika hatten nichts geliefert. Ein Dreiruderer sei von den Numidiern gekapert worden. »Sie halten es mit den Söld nern, Herr!« Hamilkar zog die Stirn in Falten und winkte dem Karawanenaufse her, Bericht zu erstatten. Die Karawanen waren zu Beginn des Winters planmäßig aufgebro chen. Von tausendfünfhundert Männern, die mit vorzüglichen Kame len, neuen Schläuchen und Vorräten an bunter Leinwand in das äußer ste Äthiopien gereist waren, war nur ein einziger nach Karthago zu rückgekehrt. Andere Karawanen hatten aus Indien Pfauen gebracht, Pfeffer und neue Gewebe. Die Karawanen aber, die nach den Syrten und zum Amonstempel ausgezogen waren, seien zweifellos im Sand umgekommen. Hamilkar verstand: Die Söldner hielten die Ebene besetzt. Der Gü terverwalter hatte nun solche Furcht, Bericht zu erstatten, daß er zit terte. »Ach Herr! Sie haben alles geplündert, alles verwüstet, alles zer 70
stört! Dreitausend Fuß Bäume abgehauen, die Speicher eingerissen, die Brunnen verschüttet, Mehl fortgeschleppt, die Hirten getötet, die Her den geschlachtet! Und dein herrliches Haus aus Zedernholz verbrannt, in dem du im Sommer zu wohnen pflegst! Die Sklaven sind in die Ber ge geflohen. Von den Eseln, den Maultieren, den Ochsen, den Pferden ist nicht eines geblieben!« Er schloß weinend: »Wenn du wüßtest, wie gefüllt die Keller waren, wie die Pflüge glänzten! Und die prächtigen Widder, die schönen Stiere …« »Schweig!« schrie Hamilkar zornig. »Bin ich denn ein Bettler! Ich muß wissen, was ich verloren habe! Abdalonin, bring mir die Abrech nungen sowohl über die Flotten als auch über die Karawanen, die Gü ter und über das Haus! Wenn euer Gewissen nicht rein ist, dann wehe euch!« Die Verwalter verließen, rücklings schreitend, den Saal. Sie berühr ten den Boden fast mit den Fingern. Abdalonin entnahm dem Mittelfach eines Wandschranks Rollen aus Leinwand, Papyrus und Schafschulterblättern, die mit zierlichen Schriftzügen bedeckt waren. Er begann seinen Bericht: »Hundertzwei undneunzig Häuser in der Straße der Mappalier zu je einem Taler mo natlich an Neukarthager vermietet.« »Das ist zuviel! Schone die Armen! Weiter!« Abdalonin zögerte. Hamilkar riß ihm die Leinenrollen aus der Hand. »Was ist das? Drei Paläste am Khamonplatz zu nur zwölf Ke sitah im Monat? Zwanzig verlangst du von nun an dafür! Die Reichen sollen mich nicht übervorteilen!« Abdalonin verneigte sich tief und fuhr in seinem Bericht fort: Er ver las hastig die Erträgnisse der Eisenwerke, der Korallenfischereien, der Purpurfabriken, der Pacht, der Ausfuhr von Silber nach Arabien und brachte den Zehnten von allem für den Tempel der Göttin in Abzug. »Dabei habe ich jedesmal ein Viertel weniger angegeben, Herr!« »Das weiß ich. Und die Verluste?« – »Hier ist die Abrechnung!« »Immer dasselbe!« murmelte Hamilkar, während er die Schriftstük ke überflog. Er stand mit gesenktem Haupt still. Plötzlich fuhr er auf. »Ich finde die Ausgaben für Megara nicht!« 71
Abdalonin entnahm einem andern Schrank Tafeln aus Sykomorenholz, die auf Lederschnüren aufgereiht waren. Gespannt folgte Hamil kar den Ausführungen des Oberverwalters. Die Eintönigkeit der auf zählenden Stimme beruhigte ihn. Plötzlich ließ Abdalonin die Holztafeln fallen und warf sich mit ausgebreiteten Armen nieder wie ein Verurteilter. Hamilkar bückte sich und hob die Tafeln auf. Seine Augen weiteten sich vor Staunen, als er die Ausgaben für einen einzigen Tag sah. Ein ungeheurer Verbrauch an Vieh, Fischen, Geflügel, Wein und Gewür zen war aufgeschrieben. Daneben stand auf einer Liste ein Verzeichnis aller zerbrochenen Gefäße, getöteten Sklaven und verdorbenen Teppi che. Abdalonin verharrte in seiner Stellung und berichtete über das Fest mahl der Söldner. Er habe sich den Befehlen des Großen Rates nicht widersetzen können. Es sei auch Salambos Wille gewesen, daß an nichts bei der Bewirtung dieser Männer gespart werde. Bei der Nennung ihres Namens zerriß Hamilkar die Fransen seines Sessels mit den Nägeln und keuchte. »Steh auf!« befahl er Abdalonin. Der Verwalter folgte ihm mit schlotternden Knien, ergriff eine Ei senstange und begann wie ein Wütender die Steinfliesen zu lockern und beseitigte einen Holzblock. »Sieh, Herr! Göttlicher!« sagte er, als mehrere der breiten Platten zum Vorschein kamen, die Getreidegru ben verdeckten. »Sie haben nicht alles genommen, dieser Keller ist fünfzig Ellen tief und bis zum Rand gefüllt. Während deiner Abwe senheit habe ich sie überall anlegen lassen. In den Arsenalen, in den Gärten, kurz, überall. Dein Haus ist voller Getreide, wie dein Herz vol ler Weisheit ist.« Ein Lächeln überflog Hamilkars Züge: »Recht so, Abdalonin!« Und dann flüsterte er: »Laß mehr von allem kommen, woher und zu wel chen Preisen ist einerlei! Kauf ein! Ich allein muß im Besitz von Kar thagos sämtlichem Getreide sein.« Abdalonin öffnete mit einem der Schlüssel, die an seinem Gürtel hingen, einen in der Mitte durch Pfeiler geteilten viereckigen Raum. Auf Tischen lagen aufgehäufte Gold-, Silber- und Erzmünzen. Behäl 72
ter aus Nilpferdhaut waren mit Geld gefüllt. Haufen von Scheidemün zen türmten sich zu Hügeln auf den Fliesen. Sie durchschritten einen andern Gang. Es gab Vorratskammern mit Alguminstangen, Säcken voll Henna, übereinander gestapelte, mit Perlen gefüllte Schildkrötenschalen, ungeheure Stücke Bernstein. Ha milkar betrachtete alles gleichgültig. Nur als der Verwalter ihm mel dete, daß er nicht wisse, wo drei Kisten mit Narden hingekommen sei en, geriet er außer sich. Der Aufseher des Saales, in dem Arzneien hergestellt wurden, ge stand, daß die Söldner mit Messern in den Raum eingedrungen seien und er ihnen die Kisten gegeben habe. »Die fürchtest du also mehr als mich!« schrie Hamilkar. Er befahl: »Abdalonin, du wirst diesen Kerl noch vor Sonnenuntergang Spießru ten laufen lassen. Mag er dabei in Fetzen gehen!« Dieser Verlust, weit geringer war als die andern Verluste, die er fest gestellt hatte, brachte Hamilkar so auf, da er wieder an die Söldner er innert wurde. Seine Bemühung, sie aus seinen Gedanken zu verban nen, schien unmöglich. Ihre Ausschreitungen verschmolzen in seinem Empfinden mit der Schande seiner Tochter. Er zürnte dem ganzen Haus. Alle wußten darum und verheimlichten ihm. Es trieb ihn, wei terzuforschen. Er begab sich in die Schuppen hinter dem Verwaltungs gebäude, in denen die Vorräte an Erdpech, Holz, Ankern und Tauwerk eingelagert waren, die Stofflager, Nahrungsmittelreserven, Marmorla ger und Silphiumspeicher. Er eilte durch die Hütten der Handwerker, von Schneidern zu Netzeflechtern, Schuhmachern und Papyrusglät tern. Die Ambosse der Schmiede dröhnten. »Schmiedet Schwerter!« rief er den Schmieden zu. »Immer mehr Schwerter! Ich werde sie brau chen!« Klar, wie in den wildesten Schlachten, durchdrang auch jetzt sein Geist alle Einzelheiten der Geschehnisse. Häßliche Dinge fielen ihm ein: Schmähliches und Schändliches, wovon er sich abgewandt hatte. Er wollte alles wissen! Nichts durfte ihm entgehen. Es ging ihm durch den Kopf, daß die Feldaufseher aus Angst vor den Söldnern – vielleicht auch im Einverständnis mit ihnen – von seinen Gütern geflohen wa 73
ren. Alle Welt betrog ihn. »Man führe sie her!« schrie er. »Man soll die Stirnen dieser Feiglinge mit glühendem Eisen für alle Ewigkeit brand marken!« Fesseln, Halseisen, Messer und Ketten wurden für alle säu mig befundenen Sklaven herangebracht. Die Verurteilten wurden ent weder mit dem Gesicht zur Sonne aufgestellt, manche wurden flach auf den Bauch oder auf den Rücken gelegt. Zwei Männer standen vor den zur Geißelung Verdammten: Der eine zählte die Hiebe, der ande re teilte sie aus. Blut ergoß sich über das am Boden liegende Laub. Die Gegeißelten brachen zusammen, ließen die Köpfe mit geschlossenen Augen von einer Seite auf die andere fallen. Die Löwen, die vielleicht an das Festmahl erinnert wurden, reckten sich gähnend am Rand ih rer Gruben hoch. Hamilkar bemerkte Salambo, die auf der Plattform ihrer Terrasse er regt hin und her lief. Es schien ihm, als strecke sie um Gnade flehend ihre Arme nach ihm aus. Mit einer Gebärde des Abscheus wandte er sich dem Elefantenpark zu. Vor seiner Abreise hatte Hamilkar den Aufseher der Elefanten ei nen Eid schwören lassen, daß er sie sorgsam behüten werde. Nun wa ren fast alle an ihren Verstümmelungen eingegangen. Nur drei lagen matt im Hof vor ihren zertrümmerten Krippen. Sie erkannten ihren Herrn und kamen auf ihn zu. Der eine hatte zerfranste Ohren, der an dere eine tiefe Wunde am Knie, dem dritten fehlte der Rüssel. Das rüs sellose Tier senkte seinen gewaltigen Kopf, beugte die Knie und ver suchte, Hamilkar mit dem Ende seines scheußlichen Stumpfes zu lieb kosen. Tränen traten Hamilkar in die Augen. Er stürzte auf Abdalonin zu: »Elender! Ans Kreuz mit dir! Ans Kreuz!«
Hinter der Purpurfabrik, aus deren Schornsteinen blaue Rauchwolken emporstiegen, ertönte ein Schakalschrei. Hamilkar blieb stehen. Der Gedanke an seinen Sohn beschäftigte ihn plötzlich wie die Nähe einer Gottheit. Sein Sohn würde die Verstärkung seiner eigenen Kraft sein! Die unendliche Fortsetzung seiner Persönlichkeit! Die Sklaven begrif 74
fen nicht, woher eine mildere Stimmung so plötzlich über ihn kam. Da schrie der Schakal dreimal hintereinander. Hamilkar horchte auf. Er gab keinen Laut von sich und äußerte sich auch durch keine Gebärde. Als aber die Sonne völlig untergegangen war, verschwand er hinter ei ner Kaktushecke. In der Nacht erschien er in der Versammlung der Patrizier im Eschmun-Tempel und erklärte ohne Einleitung: »Ich erkläre mich be reit, die Führung der punischen Streitkräfte gegen das Heer der Söld ner zu übernehmen!« Am nächsten Tag legte Hamilkar den Patriziern und dem Volk Kopfsteuern auf. Er beschlagnahmte alle Maulesel, Pferde und Waffen und ließ in Ligurien dreitausend Söldner anwerben. Seine nächste Sorge galt der Erneuerung der Garde. Er setzte viele Offiziere kurzerhand ab und ließ die Mannschaft rennen, springen, berganlaufen, Spieße werfen und im Freien nächtigen. Er stellte aus den bei Utika entkom menen und aus Privatbesitz stammenden Elefanten ein Regiment von zweiundsiebzig Tieren zusammen und rüstete es kriegsmäßig aus. Von frühmorgens bis spätabends zogen Bewaffnete durch die Stra ßen Karthagos. Auf Wagen wurden Schilde, Zelte und Spieße vorbei gefahren. Die ganze Republik wurde zur Kriegsdienstleistung heran gezogen. Hamilkar hatte seine Soldaten so eingeteilt, daß in den langenRei hen stets ein Starker neben einem Schwachen zu stehen kam, damit der Schwache oder Feige von zwei Seiten vorwärts gedrängt werden konn te. Aber mit den dreitausend Ligurern und den Kerntruppen Kartha gos konnte er doch nur eine einfache Phalanx von etwa viertausendein hundert Schwerbewaffneten aufstellen. Zweitausend junge Männer tru gen nur Schleudern und einen Dolch; diese Truppe ergänzte er durch achthundert Mann, die mit runden Schilden und römischen Schwer tern ausgestattet waren. Die schwere Reiterei Hamilkars bestand aus tausendneunhundert Reitern, den Resten der Garde, und aus vierhun dert berittenen Bogenschützen, die mit zweischneidigen Äxten bewaff net waren, und aus tausendzweihundert Negern aus dem Karawanenviertel. Alles war bereit, und dennoch ging Hamilkar nicht vor. 75
Oft verließ er nachts die Stadt ohne Begleitung. Seine Gegner im Großen Rat verdächtigten ihn, daß er sich mit den Söldnern verstän digen wolle. Ihre Verdächtigungen fielen in sich zusammen, als er ei nes Tages dreihundert Söldnern die Tore öffnete. Es waren Überläufer. Furcht oder Treue hatte sie zu ihrem ehemaligen Feldherrn zurückge trieben. Die Rückkehr Hamilkars hatte die Söldner nicht überrascht. Sie hofften, er sei wiedergekommen, um seine Verpflichtungen zu erfül len. Diese Hoffnung erschien durchaus nicht unsinnig, denn sie waren sich keiner Schuld gegen ihn bewußt. Ihre Grausamkeiten während des Festmahls hatten sie längst vergessen. Aufgegriffene Spione aber überzeugten die Söldner, daß Hamilkar nicht gekommen war, um sich friedlich mit ihnen auseinanderzuset zen. Das war eine Genugtuung für die Kampflustigen. Der Belage rungszustand dauerte zu lange. Nur eine Schlacht konnte helfen. Mathos war außer sich vor Freude. Er jubelte: »Endlich! Endlich!« Sein Groll gegen Salambo wandte sich nun gegen Hamilkar. Jetzt hat te er ein Ziel vor Augen, sah eine Beute, die er jagen wollte. Gleichzei tig aber erfüllte ihn eine noch innigere Zärtlichkeit für Salambo und noch grenzenlosere Sehnsucht. Einmal sah er sich, wie er im Gewühl der Schlacht Hamilkar eine Lanze durch den Kopf rannte; dann sah er sich wieder auf dem Purpurbett Salambos. Sie lag in seinen Armen. Er bedeckte ihr Antlitz mit Küssen und strich zärtlich über ihr schwar zes Seidenhaar. Dieser Traum quälte Mathos unsagbar. Er schwor sich, dem Heer ein treuer Führer zu sein, da es ihn zum Oberbefehlshaber erwählt hatte, jedoch die Gewißheit, daß er nicht lebend zurückkehren wer de, gab ihm den Antrieb, den Kampf erbarmungslos zu führen. »Ruf deine Leute zusammen!« befahl er Spendius. »Meine Leute sind bereit. Vergiß nicht, den Gallier sofort zu benachrichtigen. Wir sind verloren, wenn Hamilkar uns angreift.« Spendius war durch dieses gebieterische Auftreten verblüfft. Mathos ließ sich im allgemeinen leiten. Seine Erregung pflegte schnell zu verge hen. Jetzt aber wirkte er gleichzeitig ruhig und doch furchterregend. 76
Spendius bewohnte eines der eroberten karthagischen perlenverzier ten Zelte, ließ sich Erfrischungen in silbernen Bechern reichen und kümmerte sich wenig um den Fortschritt der Belagerung. Er war über zeugt, daß sich die Tore Karthagos in kurzer Zeit von selbst öffnen würden. Naravas, der zwischen den drei Söldnerarmeen umherstreifte, un terstützte diese Meinung. »Kehr um, wenn du Furcht hast!« schrie Ma thos ihm zu. »Du hast uns Elefanten, Fußvolk und Pferde versprochen. Wo sind sie?« Naravas erklärte, die Elefanten würden noch in den Wäldern gejagt, die Fußsoldaten ausgerüstet und die Pferde seien unterwegs. Da stürzte ein unbekannter Mann in das Zelt, in Schweiß gebadet und verstört, mit blutenden Füßen und offenem Gürtel. Er blickte mit entsetzensweiten Augen um sich, stieß unverständliche Laute hervor. Naravas stürzte hinaus, sammelte seine Reiter, teilte seine Mann schaft in zwei Hälften, befahl der ersten, auf ihn im Lager zu warten, schwang sich auf sein Pferd und ritt mit der andern in gestrecktem Ga lopp den Bergen zu. »Herr!« murmelte Spendius erschrocken. »Mir gefällt das nicht: Ha milkar kehrt zurück, und Naravas eilt davon!« »Mag er!« meinte Mathos verächtlich. Die Situation erschien mit einem Male überaus schwierig. Wenn die Söldner die Belagerung der Stadt aufgaben, würden die Einwohner ei nen Ausfall versuchen und den Söldnern in den Rücken fallen, wäh rend die Karthager anmarschierten. Nach langem Hin und Her wurden folgende Maßregeln getroffen und zugleich ausgeführt: Spendius rückte mit fünfzehntausend Mann bis zur Makar-Brücke vor, deren Verschanzung durch vier Geschüt ze verstärkt wurde. Hamilkar würde nicht über die Berge kommen, denn er mußte wissen, daß der Gallier Autharit ihm mit seinen Trup pen den Weg versperren würde. Eine Niederlage zu Beginn des Feld zuges aber würde ihn vernichten. Er konnte nur den Vormarsch gegen die Söldner am Rande des Sumpfgebietes der Makar-Mündung wagen. Dort wollte Mathos ihn erwarten. 77
Als nach fünf Tagen weder eine Spur von Hamilkar noch von seinem Heer zu sehen war, wurde Mathos ungeduldig und rückte am Morgen des sechsten Tages ab. In den Häusern Karthagos herrschte die glei che Unruhe wie in den Zelten der Söldner. Auch die Karthager war teten auf die Entscheidungsschlacht und fragten sich, was Hamilkar so lange zurückhalte. Wozu stieg er immer wieder auf die Kuppel des Eschmun-Tempels und beobachtete den Wind? Eines Abends befahl er seinem Heer plötzlich, sich marschbereit zu machen. Bei Sonnenuntergang zog es durch das westliche Tor. Aber anstatt den Weg nach Tunis oder in die Berge zu nehmen, marschierte es an der Meeresküste entlang und kam bald an die Lagunen. Der Bo den wurde weicher, die Füße von Mann und Tier sanken ein. Hamil kar ritt schweigend voran. Es war eine mondlose Nacht. Der Schlamm wurde immer höher. Einige Männer klammerten sich an die Schweife ihrer Pferde. Ligurer stießen das Fußvolk mit den Spitzen ihrer Lanzen vorwärts. Die Dunkelheit nahm zu. Hamilkar schickte Männer aus, die vorher aufgestellten Wegzeichen zu suchen. Das Heer folgte lang sam. Endlich wurde das Erdreich fester. Eine weißliche Linie wurde in der Ferne sichtbar: das Ufer des Makar. Es war kalt. Hamilkar verbot, Feuer anzuzünden. In der Nacht feg ten eisige Windstöße über die ruhenden Männer. Er ließ die Soldaten wecken, aber ohne Trompetenruf. Die Hauptleute klopften den Sol daten leicht auf die Schultern. Ein hochgewachsener Mann stieg ins Wasser des Makars. Es reichte ihm kaum zum Gürtel. Der Fluß konn te durchwatet werden. Hamilkar befahl, zweiunddreißig Elefanten in den Fluß hineinzustellen und dann die übrigen vierzig weiter flußab wärts, um die von der Strömung fortgerissenen Soldaten aufzufangen. Die Waffen über dem Kopf tragend, durchschritt das Heer den Fluß wie zwischen zwei Mauern. Nun war es in der Nähe von Utika am linken Ufer angekommen – in einer weiten Ebene, die für das Manöver mit Elefanten vorteilhaft war. Dieser Geniestreich begeisterte die Soldaten. Sie wollten sich sofort auf die Söldner stürzen. Aber Hamilkar ließ sie erst zwei Stunden ruhen. Bei Sonnenaufgang ließ er das Heer in drei Abteilungen in der Ebene 78
aufmarschieren. Voran die Elefanten und das leichte Fußvolk, dahin ter die Reiterei und schließlich die Phalanx. Die vor Utika und an der Brücke lagernden Söldner glaubten erst, daß eine Herde Ochsen sich in den vom starken Wind aufgewirbel ten Sandwolken nähere. Sie sahen tatsächlich Hörner, denn die Kar thager trugen aufrechte Hörner auf den Helmen. Manche unter den Söldnern sahen wehende Mäntel und glaubten, es seien Flügel; andere, Vielgereiste, zuckten die Achseln und hielten das Ungeheuerliche, das sich näherte, für eine Luftspiegelung. Alle Söldner verließen ihre Zelte und hielten Ausschau. Die Einwohner von Utika standen auf den Wäl len und überblickten die Ebene. Erst waren nur mehrere parallele Li nien zu unterscheiden, die von hohen Buckeln überragt waren. Je nä her sie kamen, desto höher wuchsen die auf- und niederschwankenden schwarzen Hügel. Das waren die Elefanten. Ein einziger Aufschrei er klang im Söldnerheer: »Die Karthager!« Die Belagerer von Utika und die Brückenbesatzung versuchten, sich ohne Befehl zu ordnen, um sich auf Hamilkars Heer zu stürzen. Spendius stammelte außer sich: »Hamilkar! Hamilkar!« Mathos war ferne, was sollte er tun? Die Überraschung, seine Angst vor Hamilkar und besonders die Notwendigkeit, einen Entschluß fassen zu müssen, verwirrten ihn. Er sah sich bereits von Schwertern durchbohrt, ent hauptet. Indessen warteten dreißigtausend Mann seines Befehles. Da erfaßte ihn wilde Wut gegen sich selbst. Er schminkte sich mit Zinno ber, bewaffnete sich, stürzte eine Schale Wein hinunter und eilte sei nen Mannschaften nach. Sie vereinigten sich so schnell mit den Be lagerten von Utika, daß Hamilkar keine Zeit mehr hatte, eine neue Schlachtordnung aufzustellen. Er verlangsamte seinen Anmarsch. Die Elefanten standen still, wiegten ihre mit Straußenfedern geschmück ten Köpfe und schlugen sich mit den Rüsseln gegen die Schultern. Hin ter ihnen konnten die Söldner die Leichtbewaffneten sehen und die Helme der Garden. Aber das elftausenddreihundertsechsundneunzig Mann starke karthagische Heer erschien kleiner, als es in Wirklichkeit war, da es in einem langen Rechteck mit schmalen Flanken formiert war. Angesichts eines so schwachen Feindes waren die Söldner außer 79
sich vor Freude. Hamilkar war nicht zu sehen. War er in der Stadt zu rückgeblieben? Die Verachtung, die die Söldner für die Krämer Kar thagos hegten, stärkte ihren Mut. Noch ehe Spendius den Befehl zum Angriff zu geben vermochte, war er bereits ausgeführt. Die Söldner entwickelten eine lange gerade Linie – über die Flügel des punischen Heeres hinaus, um es zu umfassen. Aber, als sich die Heere in einer Entfernung von etwa dreihundert Schritten gegenüber standen, wandten sich die Elefanten plötzlich um. Die Truppen Ha milkars taten das gleiche. Die Karthager hatten also Angst und flohen? Die Söldner brachen in ein gewaltiges Hohngeschrei aus, und Spen dius rief vom Rücken seines Dromedars herab: »Das wußte ich wohl! Vorwärts! Vorwärts!« Pfeile, Spieße und Schleuderkugeln schwirr ten durch die Luft. Die Elefanten, in die Kruppen getroffen, rannten schneller und verschwanden plötzlich wie Schatten in einer Wolke. Im Hintergrund erklang das Dröhnen von Schritten, das von schar fen Trompetensignalen übertönt wurde. Der von Staubwirbeln verne belte Raum zog die Söldner an. Sie rannten in eine Falle. Hamilkar hatte der Phalanx befohlen, Elefanten, Fußvolk und Reiterei durchzu lassen, damit sie sich an die Flügel begeben und diese verlängern könn ten. Er hatte die Bewegungen der Söldner so klug vorausberechnet, daß das ganze karthagische Heer im Augenblick des Zusammenstoßes eine einzige gerade Linie bildete, während die Söldner ihre Schlachtli nie nicht eingehalten hatten. Durch die übermäßige Ausdehnung wa ren Bogen und Lücken entstanden. Alle Söldner keuchten atemlos vom Laufen. Die punische Phalanx näherte sich gewichtig und stieß mit ge fällten Lanzen vor. Die Linie der Söldner brach in der Mitte. Sie wur den in zwei große Hälften auseinandergedrängt, aber von den Schleu derkugeln und Pfeilen der rasch entstandenen Flügeltruppen Hamil kars von neuem der Phalanx vor die Lanzen gejagt. Den Söldnern fehl te es an Reiterei. Die wenigen Berittenen waren eingekeilt und konnten sich kaum aus den feindlichen Massen lösen. Die Gefahr war so dro hend, daß nur ein schneller Entschluß helfen konnte. Spendius befahl, die Phalanx an beiden Flanken gleichzeitig anzu greifen. Aber auf den Seiten war die Wirkung der Phalanx, die sich 80
gegen die Söldner wandte, ebenso furchtbar wie von vorne. Die Söld ner hieben auf die Schäfte der Lanzen, die Reiterei griff sie von hinten an, und die Phalanx, dicht an die Elefanten gedrängt, blieb elastisch, schloß sich bald zusammen und dehnte sich bald wieder aus. Brust körbe krachten gegen Panzer. Leichname hingen mit zurückgesunke nem Kopf in Armen, die sie umklammerten. Ton- und Bleikugeln flo gen durch die Luft. Eine Kompanie von sechzig Umbriern zwang zwei Karrees der Phalanx, zurückzuweichen. Die punischen Schleuderer wurden unsicher. Die Phalanx begann zu wanken. Die Söldner sam melten sich wieder und stürmten vor. Der Sieg schien doch auf ihrer Seite zu sein. Da erscholl plötzlich ein entsetzliches Gebrüll: ein Auf schrei des Schmerzes und der Wut. Zweiundsiebzig Elefanten stürmten in die Schlacht. Hamilkar hatte nur darauf gewartet, die Söldner in einem Raum beieinander zu sehen, um die Tiere auf sie loszulassen. Ihre Führer hatten die Elefanten grausam gestachelt. Die mit Mennige bestriche nen, senkrecht emporgehaltenen Rüssel sahen wie rote Schlangen aus. Aus der Brust jedes Elefanten ragte ein Spieß. Die Stoßzähne waren durch gekrümmte Schwerter verlängert. Außerdem waren die Elefan ten durch eine Mischung von Pfeffer, Wein und Weihrauch wild ge macht worden. Die Elefantenführer duckten ihre Köpfe vor den Brandpfeilen, die die Söldner abzuschießen begannen. Sie gingen in dichten Massen vor. Die Elefanten stürmten gegen sie an. Ihre Spieße spalteten wie Schiffs schnäbel die zurückweichende Flut der Kämpfenden. Die Elefanten umfaßten die Männer mit ihren Rüsseln und erdrückten sie oder war fen sie über ihre Köpfe. Mit ihren furchtbaren Stoßzähnen schlitzten sie den Söldnern die Bäuche auf. An ihren Elfenbeinhauern hingen Fetzen von Eingeweiden. Die Söldner versuchten, den Tieren die Au gen auszustechen, die Kniekehlen durchzuschneiden. Andere krochen unter die Bäuche der Elefanten und stießen ihre Schwerter bis zum Heft hinein und wurden dann von den fallenden Tieren zerquetscht. Vierzehn Elefanten, durch ihre Wunden zur Raserei gebracht, wand ten sich um und rannten gegen die Karthager. Da schlugen ihnen die 81
indischen Führer die Schädeldecken mit Meißeln und Hämmern ein. Die riesigen Tiere brachen zusammen, fielen übereinander und türm ten sich zu Bergen. Auf einen solchen Berg kam ein Riesenelefant zu liegen, der ›Baalschreck‹ hieß. Ein Pfeil stak ihm im Auge. Er brüll te unaufhörlich. Die vorstürmenden Elefanten ließen ihrer Wut freien Lauf. Sie zertrümmerten alles, was ihnen in den Weg kam. Um die an stürmenden Söldner zurückzudrängen, stellten sie sich auf die Hinter beine und drehten sich so lange im Kreis, bis nichts mehr ihren Weg verstellte. Während die Karthager ihre Kraft wiederfanden und die Schlacht von neuem begannen, ermatteten die Söldner. Die griechischen Schwerbewaffneten warfen ihre Waffen fort. Schrecken ergriff die an dern. Sie liefen auf Utika zu. Schon machten sich die karthagischen Truppen zur Verfolgung be reit, als Hamilkar plötzlich vor ihnen anhielt. Er zügelte sein in Schweiß gebadetes getigertes Pferd und brachte mit einem Zeichen seiner drei zackigen Lanze das Heer zum Stehen. Er befahl der Phalanx, lang sam vorzuschreiten. Sie vernichtete die Söldner, die noch übriggeblie ben waren. Die Verwundeten reckten die Kehlen hin und schlossen die Augen. Nur wenige wehrten sich. Manche rannten davon. Die Punier warfen Steine nach ihnen wie nach tollen Hunden. Hamilkar hatte be fohlen, Gefangene zu machen. Die Karthager gehorchten widerwillig. Es war ihnen ein besonderer Genuß, ihre Schwerter in die Leiber der Söldner zu stoßen. Die, denen es zu heiß geworden war, hatten begon nen, mit entblößten Armen zu arbeiten. Die Nacht brach herein. Flüchtige Elefanten jagten mit brennen den Rückentürmen umher. Sie leuchteten durch die Finsternis wie Blinkfeuer im Nebel. In der weiten Ebene gab es keine andere Bewe gung mehr als die Strömung des Flusses, die die Leichen in das Meer schwemmte. Im schwachen Licht der Sterne sah Mathos unregelmäßige Erhöhun gen. Es waren Söldner, die übereinanderlagen. Er rief. Keine Antwort. Er hatte am Morgen noch mit seinen Truppen Hippo-Diarrhyt ver lassen, um auf Karthago zu marschieren. Als er in Utika ankam, war 82
das Heer des Spendius bereits abgezogen gewesen, und die Einwoh ner hatten sich darangemacht, die Belagerungsmaschinen in Brand zu stecken. Als der Schlachtenlärm immer stärker geworden war, hatte Mathos sich auf dem kürzesten Weg in die Richtung der Brücke be geben. Vor ihm im Dunkel erhoben sich kleine Pyramiden, und diesseits des Flusses blinkten dicht über dem Boden Lichter. Die Karthager aber hatten sich hinter die Brücke zurückgezogen, und Hamilkar hatte nur Wachtposten auf dem andern Ufer aufgestellt, um die Söldner zu täu schen. Mathos glaubte, punische Feldzeichen zu entdecken: Es waren Pfer deköpfe, die auf den Spitzen von Lanzenpyramiden staken. Aus der Ferne hörte er Liederklang und Becherklirren. Er wußte nicht, wo er war, noch wie er zu Spendius kommen könnte. Er fühlte sich in der Finsternis verloren. Er hatte Angst. Der Morgen graute, als Mathos vom Gebirge herab die Stadt erblick te, die von den durch das Feuer geschwärzten Belagerungsmaschinen umgeben war. Tiefes Schweigen hing über dem Zeltlager. Halbnack te Männer schliefen, auf dem Rücken liegend oder den Kopf auf die Arme gestützt, im Freien. In den schmalen Lagergassen marschierten die Posten auf und ab, um sich zu erwärmen. Sterbende wiegten stöh nend den Kopf hin und her. Manche wickelten blutige Binden von den Beinen. Mathos fand Spendius in einem zerrissenen Zelt, die Hände um die Knie geschlungen, mit gesenktem Kopf. Sie verharrten beide in Schwei gen. Endlich murmelte Mathos: »Also besiegt!« »Ja, besiegt!« erwiderte Spendius mit dumpfer Stimme. Da öffnete Mathos das Zelt. Das Bewußtsein, die Schlacht versäumt zu haben, brachte ihn mehr zur Verzweiflung als die Niederlage. Spendius begann, den Hergang der Schlacht zu erzählen. Mathos sah im Geiste alles vor sich und ereiferte sich mehr und mehr. »Du hättest deine Schlachtstellung doppelt so tief nehmen müssen und die Leicht bewaffneten nicht gegen die Phalanx vorgehen lassen dürfen! Noch im letzten Moment wäre alles zu retten gewesen.« 83
Spendius schrie: »Ich habe ihn in seinem großen, roten Mantel vor beireiten sehen. Ein Wink seines Hauptes regelte alles. Er sah mich an, und mir war zumute, als träfe mich ein eiskalter Stahl mitten ins Herz.« Dann sprachen sie über die Kriegslage. Spendius meinte, daß noch immer nicht alles verloren sei. Mathos erwiderte: »Und wenn es keine Hoffnung mehr gäbe, ich al lein würde den Krieg fortsetzen!« »Ich auch!« schrie Spendius. Ein seltsames Lächeln verzog sein Scha kalgesicht. »Wir werden von neuem losschlagen. Verlaß mich nur nicht mehr! Ich bin nicht geschaffen für die offene Schlacht. Der Anblick von Schwertern verwirrt mich. Ich habe zu lange im Kerker gesessen. Gib mir den Befehl, nachts über Mauern zu klettern, und ich werde in Festungen eindringen! Alles wird totenstill in den Festungen sein, ehe noch die Hähne krähen. Sage mir etwas, das ich herausholen soll: eine Sache, einen Freund, eine Frau, ich wiederhole, eine Frau, und wäre sie die Tochter eines Königs, ich bringe dir sofort, was du begehrst. Bin ich es nicht gewesen, der die Schlacht gegen Hannon wieder gewann? Ha ben meine brennenden Schweine nicht mehr genützt als eine sparta nische Phalanx?« Im Bestreben, sich in ein besseres Licht zu setzen, zählte Spendius seine Heldentaten auf. »Habe ich dich nicht nach Karthago geführt, auch zu ihr?« Er brach in ein tolles Gelächter aus. »Und ich werde noch mehr erreichen!« Mathos sah ihn mit entsetzten Blicken an. Es graute ihm vor diesem Mann, der so feig und doch so furchtbar war. Spendius ging auf Mathos zu und schüttelte ihn beim Arm. »Herr! Im Augenblick sind die Karthager ihres Sieges gewiß. Du aber hast ein ganzes Heer, das noch nicht gekämpft hat. Deine Leute gehorchen dir. Marschiere mit ihnen, und meine Truppen werden aus Rachedurst fol gen. Wir können sogar eine Phalanx bilden.« Mathos hörte mit offenem Mund zu. Sein Panzer drohte unter sei nem Herzschlag zu zerspringen. Er hob sein Schwert und rief: »Auf! Folge mir!« 84
Die Beobachter, die von ihrem Rundgang in das Lager der Söldner zurückgekehrt waren, berichteten, daß die Karthager ihre Toten fort geschafft hätten, die Brücke zerstört und Hamilkar verschwunden sei. Hamilkar hatte geglaubt, die Söldner würde ihn entweder vor Utika erwarten oder angreifen. Er zog sich an das rechte Flußufer zurück, da sein Heer weder zum Angriff noch zur Verteidigung stark genug war. Am Tage nach dem Sieg schickte er zweitausend Gefangene nach Karthago. Die Arme waren ihnen mit schweren Eisenketten auf den Rücken gefesselt worden. Auch die aus Wunden blutenden Gefange nen mußten marschieren. Die Reiter, die ihnen folgten, trieben sie mit Peitschenhieben vorwärts. Ein Freudentaumel brach in Karthago aus. Männer und Frauen um armten einander auf offener Straße. Die Reichen öffneten ihre Paläste. Die Hetären der Göttin Tanit errichteten an den Straßenecken Tribü nen aus Sykomorenholz, auf denen sie sich preisgaben. Der Große Rat bewilligte Ländereien für die siegreichen Soldaten und dreihundert Goldkronen für den Feldherrn. Hamilkar ersuchte die ›Alten‹, Verhandlungen mit den Söldnern anzuknüpfen, um den alten Gisko und die andern in Gefangenschaft geratenen Karthager ge gen die gefangenen Söldner auszutauschen. Da aber die Republik so viele Söldner gegen so wenige Karthager auszutauschen anbot, befürchteten die Söldner eine Falle und lehn ten den Vorschlag ab. Die ›Alten‹ befahlen die Hinrichtung der Ge fangenen, obwohl Hamilkar ersucht hatte, sie nicht zu töten. Er woll te die besten in sein Heer einstellen und hoffte, dadurch andere zum Abfall zu verlocken. Der Haß siegte über die kluge Berechnung. Die zweitausend Söldner wurden in der Straße der Mappalier an Grabstät ten gebunden, und dann kamen Arbeiter, Küchenjungen, Krämer, die Witwen der Gefallenen mit ihren Kindern, alle, die mordlustig waren, die Gefangenen mit Pfeil und Bogen niederzuschießen. Sie küßten die Pfeile, ehe sie sie abschossen. Sie versuchten, die Qual der Unglück lichen zu verlängern, hoben und senkten die Waffen mehrmals. Die Menge drängte sich heran; Lahme wurden auf Bahren herbeigetragen. Manche brachten ihr Essen mit und blieben bis zum Abend, um an 85
dem grausamen Schauspiel teilzunehmen. Viele verdienten sich Geld damit, indem sie Bogen verliehen. Schließlich blieben die mit Pfeilen gespickten Leichen wie Standbilder über den Gräbern stehen. Aus allen Himmelsrichtungen kamen Raben herbeigeflogen, krei sten mit lautem Geschrei über den Leichen und fanden reiche Beu te. Auf allen Terrassen, auf den Obelisken, ja selbst auf den Giebeln der Tempel saßen große Vögel mit Fetzen von Menschenfleisch in ih ren blutig gefärbten Schnäbeln. Der schlechte Geruch verpestete die Stadt. Man verbrannte die übriggebliebenen Leichen. Diese Nieder metzelung der Gefangenen schien die Söldner schwer getroffen zu ha ben. Von der Höhe des Eschmun-Tempels herab sahen die Karthager, daß sie ihre Zelte abbrachen und das Gepäck auf Maulesel luden. Teile des Söldnerheeres zogen im Hinterland von Karthago hin und her. Sie wollten Hamilkar die Annäherung an die Küstenstädte und die Rück kehr nach Karthago unmöglich machen. Spendius und Mathos woll ten Hamilkar in die Zange nehmen. Sie bekamen eine ganz unerwar tete Verstärkung: Naravas schloß sich ihnen mit dreihundert Kamelen, fünfundzwanzig Elefanten und sechstausend Reitern an. Um die Söldner zu schwächen, hatte Hamilkar es für richtig befun den, Naravas in seinem Königreich zu beschäftigen. Er hatte durch ei nen Banditenführer die numidischen Staaten aufwiegeln lassen, mit dem Versprechen, ihnen Freiheit zu verschaffen. Naravas hatte von diesem Plan erfahren, und seine Wut auf Hamilkar war daher weit aus größer als auf die Söldner. Er verständigte sich mit ihnen über den Kriegsplan. Hamilkar lagerte bald hier, bald dort. Er, der von den Söldnern ver folgt wurde, schien sie dennoch zu führen. Kaum war er in einer Ge gend angelangt, so zog er wieder in eine andere. Die Wege, die er ein schlug, blieben immer unbekannt. Dennoch schwächten diese Mär sche und Gegenmärsche die Karthager mehr als die Söldner. Hamil kars Streitkräfte nahmen ab, da sie nicht erneuert wurden. Trotz seiner dringenden Bitten an den Großen Rat kam keine Hilfe aus Karthago. An der Republik verzweifelnd, nahm er alles mit Gewalt, was er zum Krieg nötig hatte: Korn, Öl, Holz, Vieh und Menschen. Seine Solda 86
ten verwüsteten die Provinzen, vergifteten die Zisternen, steckten die Häuser in Brand. Durch den Wind wurden die Funken verweht. Gan ze Wälder brannten und lagen wie Feuerkränze über den Tälern. Hamilkar befahl Utika, das nicht mehr von den Söldnern belagert war, ihn zu unterstützen. Er bekam nur Ausreden und Entschuldigun gen. Er wählte den Hafen von Utika als Stützpunkt an der Küste, da mit er von den Inseln Lebensmittel und Soldaten herbeischaffen könn te. Beim Übergang eines Höhenrückens war er gezwungen, seine Trup pen in lang auseinandergezogenen Kolonnen marschieren zu lassen. Plötzlich tauchten hohe Helmbüsche auf, und ein furchtbarer Schlacht gesang ertönte. Das Heer des Spendius hatte römische Feldzeichen an genommen. Sie schimmerten in der Entfernung wie Löwinnen aus Metall, die über das Gras zu laufen schienen. Zu gleicher Zeit waren von links her hohe Lanzen und Schilde aus Leopardenfell sichtbar. Das waren die Truppen des Mathos. Das Wie hern der Pferde der Reiter des Naravas übertönte den Lärm der auf marschierenden Söldner, die sich durch genaue Berechnung in der Schlucht getroffen hatten, durch die die Karthager marschieren muß ten. Hamilkar stellte seine Truppen in Eile kreisförmig auf, damit sie nach allen Seiten hin Widerstand leisten könnten. Die hohen spitzen Schilde staken dicht nebeneinander im Erdreich und bildeten eine Mauer für das Fußvolk. Außerhalb des Kreises standen in Zwischen räumen die Elefanten. Die Söldner waren von den Mühen des Marsches erschöpft und ver zögerten den Angriff bis zum Anbruch des Tages. Sie waren ihres Sie ges gewiß und verbrachten die ganze Nacht mit Essen und Trinken. Die Feuer, die sie im rasch errichteten Lager angezündet hatten, erhell ten ihr Fest und ließen das punische Heer im Dunkeln. Hamilkar befahl, nach römischer Art einen Graben von fünfzehn Schritt Breite und zehn Ellen Tiefe um sein Lager zu ziehen, und er richtete aus der ausgeschaufelten Erde einen Wall, auf dem spitz sich kreuzende Pfähle als Brustwehr eingerammt worden waren. 87
Als die Sonne aufging, waren die Söldner sehr erstaunt, daß die Kar thager in einer Festung verschanzt waren. Sie erkannten Hamilkar, der von Zelt zu Zelt ging. Er trug einen braunen Panzer. Sein Pferd folgte ihm. Mancher Söldner erinnerte sich ähnlicher Morgen, wenn Hamil kar die Truppen im ersten Sonnenstrahl gemustert hatte und sie sich an seinen Blicken gestärkt hatten wie an einem Becher Wein. Eine Art Rührung ergriff sie. Nur wer Hamilkar nicht kannte, konnte sich freu en, ihn umzingelt zu sehen. Manche waren zufrieden, daß er hinter Pfählen verschanzt war. Wie konnte man sie überschreiten? Die Elefanten des Naravas waren noch nicht genügend abgerichtet! »Ihr seid alle Feiglinge!« schrie Mathos und stürzte mit den Mutig sten gegen die Verschanzung vor. Ein Steinhagel warf den Angriff zu rück. Der Übermut der Söldner verschwand. Spendius schlug vor, die augenblickliche Stellung mit Vorsicht zu halten und das punische Heer auszuhungern. Die Karthager gruben Brunnen, und da die Schlucht rings von Ber gen umgeben war, stießen sie auf Wasser. Hamilkar hatte die von den Söldnern an der Brücke zurückgelassenen Geschütze mitgenommen. Er ließ sie unaufhörlich auf dem Wall hin- und herrollen und einen Regen von Erde, Mist und Feldsteinen auf die Söldner schleudern. Aber die Quellen konnten versiegen, die Lebensmittel zu Ende ge hen und die Katapulte sich abnutzen. Die an Zahl zehnmal überlege nen Söldner würden siegen. Hamilkar begann Verhandlungen einzu leiten, um Zeit zu gewinnen. Eines Morgens fanden die Söldner in ihrem Lager ein gegerbtes Schaffell, das mit Schriftzeichen bedeckt war. Hamilkar entschuldig te sich wegen seines Sieges. Er erklärte, der Große Rat hätte ihn zum Krieg gezwungen. Und um den Söldnern zu zeigen, daß er sein Wort halten werde, bot er ihnen gleich entweder Utika oder Hippo-Diarrhyt zur Plünderung an. Die Söldner waren betroffen. Ihre Führer vereinigten sich im Zelt des Mathos. Spendius beschwor die andern bei allen Göttern, die gün stige Gelegenheit einer Einigung nicht ungenützt vorübergehen zu las 88
sen. Naravas hob verächtlich den Kopf. Mathos ging erregt auf und ab. Der Kampf gegen Karthago war eine persönliche Angelegenheit für ihn. Es empörte ihn, daß die andern ihre Meinungen äußerten, statt ihm stillschweigend zu gehorchen. Während die Söldner unschlüssig hin und her berieten, verstärkte Hamilkar seine Verteidigung. Er ließ innerhalb der Verschanzung ei nen zweiten Wall aufwerfen und Holztürme errichten. Seine Sklaven wagten sich sogar an die feindlichen Vorposten heran, um Fußangeln zu legen. Aber es fehlte an Lebensmitteln, die Tiere litten an Futter mangel, die Elefanten rissen an ihren Fesseln. Hamilkar befahl den Garden, die minderwertigen Hengste zu schlachten. Die Reiter, die den Befehl verweigerten, ließ er enthaupten. Aus dem Amphitheater, in das sie sich eingeschlossen hatten, konn ten die Karthager die Lager der Söldner beobachten. Es war ein lebens volles Bild: Blökende Ziegen grasten zwischen den Lanzenpyramiden; um ihre Feldkessel gelagert aßen die Söldner. Sie erhielten von den Stämmen des Hinterlandes so viel Lebensmittel, wie sie nur wollten. Die Karthager beobachteten eine Gruppe von etwa dreihundert Männern, die vom Lager der Söldner abgesondert gehalten wurden. Das waren die seit Beginn des Krieges gefangenen Patrizier. Die Un glücklichen waren kaum wiederzuerkennen. Sie waren skelettartig ab gemagert und sahen aus wie Mumien in zerfetzten Leichentüchern. Sie liefen hin und her, schluchzten und schrien den Karthagern zu, doch auf die Söldner zu schießen. Nur einer stand unbeweglich, schweigend, mit gesenktem Haupt. Sein langer weißer Bart hing auf die gefesselten Hände herab. Sie er kannten Gisko. Obgleich die Stelle, von der aus sie ihn sehen konnten, gefährlich war, drängten sich alle heran. Sie sahen, daß ihm eine Tia ra aus Nilpferdhaut auf den Kopf gesetzt worden war, um den gefange nen General und Karthago lächerlich zu machen. Hamilkar war empört. Jetzt hielt ihn nichts mehr zurück, mochte kommen, was da wollte. Die Karthager stürzten wütend aus ihren Ver schanzungen hervor, aber sie kamen nicht weit. Eine solche Flut von Söldnern prallte ihnen entgegen, daß sie sich eiligst hinter die Ver 89
schanzungen zurückziehen mußten. Einer von der Garde strauchelte über einen Stein. Ein balearischer Schleuderer warf ihn zu Boden und bohrte ihm den Dolch in die Kehle. Dann warf er sich über den Ster benden und saugte ihm das Blut in vollen Zügen aus der Wunde. Da nach setzte er sich auf den Leichnam und stimmte mit schrillen Lau ten einen balearischen Gesang an: eine irre, wirre Melodie, die sich in langgezogenen Tönen wie ein Echo in den Bergen wiederholte. Dieser Vorfall entsetzte die Karthager. Sie versuchten keinen Aus fall mehr, aber sie dachten auch nicht daran, sich zu ergeben, da sie des qualvollsten Todes gewiß waren. Die Lebensmittel nahmen erschrek kend ab. Es gab weder Fleisch noch Öl, noch Gerste für die Pferde. Wem es gelang, die Lagerhunde durch Steinwürfe zu töten, ließ sich mit Hilfe des Schildriemens an den Schanzpfählen herab und verzehr te das Tier, wo es verendend lag. Manchmal erhob sich lautes Gebell, und der Mann kam nicht mehr zurück. Der Hunger wurde so quälend, daß sich drei Männer der Phalanx im Streit um eine Ratte töteten. Alle sehnten sich nach ihren Familien, die Armen nach ihren Hüt ten, die Reichen nach ihren Palästen. Die Sonne schien nur in den er sten Morgenstunden und ließ den Bergkessel im Schatten zurück. Der Himmel erschien grau und kalt. Der Blick auf die Steinhügel, die mit spärlichem Moos bewachsen waren, war die einzige Sicht. Hamilkar war so erbittert gegen Karthago, daß er sich am liebsten den Söldnern in die Arme geworfen hätte, um sie gegen seine Stadt zu führen. Weder das Volk noch der Große Rat sandten eine Mitteilung, die hätte Hoff nung erwecken können. Die Nachricht von der Niederlage Hamilkars hatte Karthago in Haß gegen ihn aufgebracht. Es fehlte an Geld und Zeit, um neue Söldner zu werben. Alle klagten Hamilkar an. Er hätte nach seinem Sieg die Söld ner vernichten müssen. Die Priester verkündeten, daß die Mißerfolge die Strafe für seine Gottlosigkeit wären. Er hatte weder Opfer gebracht noch seine Truppen weihen lassen. Die Priester verziehen ihm die Be schlagnahme ihrer Kassen nicht. Sie forderten vom Großen Rat, Ha milkar kreuzigen zu lassen, falls er wiederkehren sollte. Die Mutlosigkeit und Verzweiflung des Volkes steigerte sich an je 90
dem Abend, wenn sie sich auf den Terrassen neunmal verneigten, um die sinkende Sonne durch lauten Zuruf zu grüßen. Das heilige Fest stand bevor, an dem ein Adler aus einem Scheiter haufen zum Himmel emporflog. Das war das Symbol der Erneuerung des Jahres – eine Feier, die als Bündnis, als Vermählung mit der Kraft der Sonne galt. Die des Zaimphs beraubte Mondgöttin Tanit schien in der Tat ihre Macht verloren zu haben. Sie galt als Abtrünnige, sie hatte Karthago verlassen. Das Volk schmähte sie. Aber gleich darauf beklagte es sie wieder; es liebte sie trotz allem. Alles Unglück rührte vom Verlust des Zaimphs her. Nur Salambo war die Schuldige. Das Volk verlangte, daß sie bestraft würde. Das Gerede von einer Opferung hörte nicht auf. Irgend etwas von unschätzbarem Wert mußte den Göttern geboten werden: ein schönes jungfräuliches Geschöpf aus altem Haus, den Göttern entsprossen, ein Stern der Menschheit! Der Aufruhr des Pöbels schreckte Salambo nicht. Sie hatte vorneh mere Sorgen. Ihre große Schlange, der schwarze Python, war am Da hinsiechen. Schlangen galten den Karthagern als Heiligtum. Sie waren aus dem Urschlamm Entstandene, die aus der Tiefe der Erde kamen. Ihre Be wegungen glichen den Wellen eines Stromes, und ihre feuchte Kühle erinnerte an die schleimige, fruchtbare, undurchdringliche Urmacht, der alles Leben entspringt. Der Kreis, den die Schlangen beschrieben, wenn sie sich in den Schwanz bissen, war gleichbedeutend mit dem Kreis der Planeten und dem unendlichen Geist Eschmuns. Die Schlange Salambos hatte schon mehrmals die vier lebenden Sperlinge verweigert, die ihr beim Vollmond und beim Neumond zur Nahrung angeboten worden waren. Die schöne Haut der Schlange war jetzt gelb, runzelig und zu weit für den Körper. Von Zeit zu Zeit nä herte sich Salambo dem aus Silberdraht geflochtenen Käfig und sah, daß der Python zusammengeringelt still lag wie eine verwelkte Liane. Es war Salambo zumute, als ob eine zweite Schlange sich um sie win de und sie zu erwürgen drohe. Sie war verzweifelt, den Zaimph gese 91
hen zu haben, und konnte es doch nicht unterdrücken, trotz allem ei nen heimlichen Stolz darüber zu empfinden. In der Pracht des Gewe bes verbarg sich Übermenschliches. Zumeist kauerte Salambo in einer Ecke ihres Gemachs, die Arme um ihr linkes Knie geschlungen, mit halb geöffnetem Mund und star rem Blick. Sie dachte mit Entsetzen an das Gesicht ihres Vaters. Sie fühlte eine immer erschreckendere Einsamkeit. Sie wußte nicht, was aus Hamilkar geworden war. Nach Sonnenuntergang entfernte die Sklavin die schwarzen Filz stücke aus den Öffnungen der Wände, um Salambos Tauben hinein flattern zu lassen. Die zierlichen, rosa Füße glitten über die gläsernen Fliesen zwischen den Gerstenkörnern, die Salambo mit vollen Händen ausstreute wie ein Landmann Samen auf das Feld. Oft brach sie plötz lich in heftiges Schluchzen aus. Es kam vor, daß sie tagelang alle Nahrung zurückwies. Dann sah sie wie im Traum verschleierte Gebilde an sich vorbeiziehen. Sie befahl den Oberpriester Schaha-Barim zu sich, wußte aber nicht, was sie ihm sagen wollte, wenn er gekommen war. Er ließ ihre Gemächer mit den Säften des Eisenkrauts und des Frau enhaars besprengen, um sie von ihrer inneren Krankheit zu heilen, die er dem Einfluß der Tanit zuschrieb. Sie mußte jeden Morgen Alraunewurzeln zu sich nehmen. Einen Beutel mit allerlei Gewürzen, die von den Priestern gemischt worden waren, mußte sie als Kopfkissen ver wenden. Trotzdem blieb Salambo leidend, und ihre innere Angst ver stärkte sich. In Karthago gab es keinen Mann, der sich an Weisheit mit SchahaBarim messen konnte. Er glaubte nicht daran, daß die Erde die Gestalt eines Pinienapfels habe. Er hielt sie für eine runde Scheibe, die mit so ungeheurer Geschwindigkeit in die Unendlichkeit stürzte, daß man nicht imstande war, ihren Fall zu bemerken. Er sprach mit Salambo über die Seelenwanderung. »Die Seelen der Verstorbenen lösen sich im Mond ebenso auf wie die Leichen in der Erde. Ihre Tränen geben dem Mond seine Feuchtigkeit.« Salambo fragte, was aus ihr dort werden würde. Er sagte: »Du wirst vergehen wie ein duftiger Hauch, aber nach 92
Prüfungen und Ängsten wirst du in den Mittelpunkt der Sonne kom men, an den Urquell aller Dinge.« Er pries unaufhörlich die Macht des Sonnenlichts, um nicht von Tanit, der Göttin des Mondes, zu sprechen. Er zweifelte an Tanits höch ster Macht, war aber dennoch bemüht, seinen Glauben an sie zu be wahren. Gleichzeitig sann er auf ein Mittel, das auch das Vaterland retten könnte. Er begann, Salambo den Tempelraub als ein Unglück darzustellen, das sich bis in die Weiten des Himmels erstrecke. Dann schilderte er ihr unvermittelt die gefahrvolle Lage Hamilkars, der von den Söldnerheeren unter Mathos' Führung bedrängt werde. Für die Karthager war Mathos durch den Raub des Zaimph zum symboli schen König der Söldner geworden. Schaha-Barim erklärte Salambo, daß von ihr allein das Wohl ihres Vaters und der Republik abhänge. »Von mir?« fragte sie. »Wie sollte ich …« Der Priester unterbrach sie mit verächtlichem Lächeln. Nach einer kleinen Weile erklärte er: »Du müßtest zu den Söldnern gehen, um den Zaimph zurückzufordern.« Salambo sank auf den Ebenholzschemel und blieb mit schlaff her unterhängenden Armen still wie ein Opfer am Fuße eines Altars. Es summte in ihren Schläfen. Sie war von Entsetzen erfüllt. Sie wußte, daß sie bald sterben müsse. Drei Tage vergingen, ohne daß sich der Oberpriester bei Salambo blicken ließ. Am Abend des vierten Tages ließ sie ihn holen. Er trat mit ihr auf die Terrasse und erzählte ihr von den Schmähungen, mit denen Hamilkar im Großen Rat überschüttet worden war. Sie sah das Ge tümmel der Menge, die sich vor dem Palast drängte und schrie. »Bist du bereit?« erklang Schaha-Barims Stimme hart an ihrem Ohr. »Oder soll man deinem Vater berichten, daß du ihn im Stiche läßt?« Sie verbarg das Gesicht in ihrem Schleier und kämpfte mit ihrer Angst. Sie hatte Angst vor Mathos. Dieser riesenhafte Mann, der jetzt der Besitzer des Zaimphs war, beherrschte Tanit. Mathos und Moloch wurden zu einem Begriff für sie. Hatte Schaha-Barim nicht gesagt, sie solle Moloch besiegen? 93
Sie eilte zum Käfig ihres Python. Aus der Haltung der Schlangen tat sich oft die Zukunft kund. Der Käfig war leer. Die Schlange hatte sich um den silbernen Pfeiler bei ihrem Hängebett geringelt und rieb sich daran, um ihre alte gelbliche Haut abzustreifen. Ihr glänzender heller Körper streckte sich bereits heraus wie die Klinge eines aus der Scheide gezogenen Schwertes. Je stärker der Entschluß Salambos wurde, Tanit zu helfen, um so mehr besserte sich der Zustand der Schlange. War es der Wille der Götter? Eines Morgens erwachte Salambo fest entschlos sen und fragte Schaha-Barim, was sie tun müsse, damit ihr Mathos den Schleier zurückgebe. »Ihn fordern!« »Wenn er sich nun aber weigert?« »Du wirst mit ihm allein sein.« Er setzte hinzu: »Allein in seinem Zelt.« »Und was soll ich da?« »Wenn es beschlossen ist, daß du sterben mußt, so wird das spä ter geschehen«, erklärte Schaha-Barim. »Erst später, also fürchte dich nicht! Und was er auch tun mag, rufe nicht um Hilfe! Erschrick nicht! Sei demütig und füge dich seinem Willen, der ein Gebot des Himmels ist!« »Aber der Schleier?« »Dafür werden die Götter sorgen!« »Kannst du mich nicht begleiten?« »Nein!« Er ließ sie niederknien, drückte die linke Hand an seine Brust, streckte die rechte aus und gelobte in ihrem Namen, den Man tel der Tanit nach Karthago zurückzubringen. Salambo wiederholte halb ohnmächtig jedes Wort, das er ihr vorsprach. Dann schrieb er ihr alle nötigen Reinigungen vor, erklärte ihr, wann sie zu fasten habe und wie sie zu Mathos gelangen könne. Er werde ihr einen wegekundigen Mann zur Begleitung mitgeben. Salambo vertraute ihren Entschluß niemandem an. Ihre Leibsklavin kaufte alle zur Reise notwendigen Gegenstände in der Vorstadt Kinisto in aller Heimlichkeit und wagte es nicht, ihre Herrin nach den Grün den der Vorbereitungen zu fragen. 94
So kam der von Schaha-Barim festgesetzte Tag, an dem sich Salam bo auf den Weg machen sollte. Die Sklavin entzündete in den Ecken des Gemachs die mit Rosenharz und Paradieskörnern gefüllten Drei füße. Salambo ließ sich am Rande des Wasserbeckens nieder, streif te die Ärmel zurück und begann die Waschungen, die von den heili gen Riten vorgeschrieben waren. Dann brachte die Sklavin ein Fläsch chen aus Alabaster, das eine geronnene Flüssigkeit enthielt. Es war das Blut eines schwarzen Hundes, den unfruchtbare Frauen in einer Win ternacht zwischen den Trümmern einer Grabstätte erwürgt hatten. Mit dieser Flüssigkeit rieb sich Salambo die Ohren, die Fersen und den Daumen der rechten Hand ein. Als der Mond aufging, entledigte sie sich ihrer Ohrringe, ihrer Hals ketten, ihrer Armbänder, ihres weißen Obergewandes und löste das Band ihrer Haare. Sie wiegte ihren Körper, sang Gebete und ließ nach und nach alle ihre Kleidungsstücke fallen. Die schweren Teppiche bewegten sich, und über der Schnur, auf der sie hingen, erschien der Kopf des Python. Langsam glitt die Schlange herab, schlängelte sich durch die herum liegenden Gewänder und richtete sich kerzengerade empor. Salambo zögerte aus Scham und auch aus Grauen vor dem naß-kal ten Tier. Dann aber entsann sie sich der Befehle Schaha-Barims. Sie wand den Python um ihre Hüften, unter ihren Armen hindurch, zwi schen ihre Knie, und hob den dreieckigen Rachen dicht an ihre Lip pen. Mit halb geschlossenen Augen lehnte sie sich zurück, um von den Strahlen des Mondes berührt zu werden. Die Schlange preßte ihre schwarzen, goldgefleckten Schuppen fest an Salambo, die unter der schweren Last keuchte. Ihre Hüften bogen sich. Sie fühlte sich dem Tod nahe. Der Python streichelte ihr mit dem Schwanzende sanft die Oberschenkel und sank zurück. Die Sklavin stellte zwei Leuchter auf und färbte Salambo die Hand flächen mit Henna, schminkte ihre Wangen rot, strich Antimon über ihre Augenlider und verlängerte die Augenbrauen mit einer Mischung aus Gummi, Moschus und zerdrückten Fliegenfüßen. Den Anordnungen des Schaha-Barim gehorchend, wurde sie in bar 95
barischem Geschmack geputzt. Sie zog über eine dünne, weinrote Tu nika eine zweite, die mit Vogelfedern bestickt war. Sie legte blaue, mit silbernen Sternen verzierte Beinkleider an, die durch einen goldenen Schuppengürtel um die Hüften festgehalten waren. Darüber legte sie ein weißseidenes, grüngestreiftes Gewand an und schlang ein Pur purtuch um die Schultern. Die Sklavin rief: »An deinem Hochzeitstag könntest du nicht schöner aussehen!« Sie stellte einen hohen Kupfer spiegel vor Salambo auf, damit sie sich selbst betrachten könne. Um die Hüften, an den Händen und Zehen trug sie so viel Geschmeide, daß aus dem Spiegel Strahlen sprühten. Salambo strich eine mit Goldstaub gepuderte Locke aus der Stirn. Dann schritt sie auf und ab, sie war ungeduldig, noch warten zu müs sen. Beim Schrei eines Hahnes nahm sie rasch einen langen gelben Schlei er, schlüpfte in blaulederne Schuhe und legte einen Finger an die Lippen zum Zeichen, daß die Sklavin schweigen und sich nicht rühren sollte. Dann schritt sie die Treppe hinab. Salambo ritt mit dem ihr von Schaha-Barim zur Verfügung gestell ten Begleiter erst in die Richtung der Totenstadt. Die Pferde kamen nur langsam vorwärts und glitten oft aus. Sie verließen Karthago durch das Tevester-Tor, dessen Flügel halb offenstanden. Schweigend ritten sie an den Wällen entlang. Kein Mensch zeigte sich im Umkreis von Karthago. Trotz all ihrer Kleidungsstücke erschauerte Salambo in der morgendlichen Kühle. Die beiden Tiere trotteten Seite an Seite im glei chen Schritt. Ihre Hufe versanken lautlos im Sand. Erst als sie das Ge birge überquert hatten, wurde der Boden fester. Sie trabten. Die Ländereien lagen weit und breit öd und leer wie eine Wüste. Am Wegrand erhoben sich überall halbzerfallene Mauern. Die Dächer der Hütten waren eingestürzt. Oft kroch aus den Trüm mern ein zerlumptes menschliches Wesen hervor, lief aber schleunigst davon, als es der Reiter ansichtig wurde. Die verödete Ebene wollte kein Ende nehmen. Um die Mittagszeit begegneten ihnen drei mit Tierfellen bekleidete Männer. Später tauchten noch andere auf. Salam bos Begleiter rief den Vorüberkommenden Segenswünsche oder zwei 96
deutige Scherze zu. Er antwortete jedem in seiner Sprache und erklär te, daß sein Begleiter ein kranker, junger Mann sei, der in einem fer nen Tempel Heilung suche. Indessen wurde es Nacht. Im Dämmerlicht entdeckten sie ein seltsa mes Gebäude. Ein Hund lief auf der Mauer hin und her. Sie traten in einen hohen, gewölbten Raum. In der Mitte hockte eine Frau an einem Holzfeuer, dessen Rauch durch die Luftlöcher der Decke abzog. Salambo schlief in einem Winkel des Raumes auf ausgebreiteten Pferdedecken. Noch vor Tagesanbruch weckte sie der Diener. Der Hund heulte. Der Diener hieb ihm mit einem Schlag den Kopf ab und bestrich mit dem Blut die Nüstern der Pferde, um sie zu beleben. Die Alte schrie ihnen einen Fluch nach. Salambo drückte voll Schreck ein Amulett, das sie an der Brust trug, fest an sich. Am Tage vorher hatten sie vorsichtshalber einen großen Umweg ge macht. Da die Gegend unfruchtbar war, begegnete ihnen kein Mensch. Je weiter sie kamen, desto deutlicher wurden die Spuren der Verwü stung. Oft sahen sie ein Stück Mosaikboden mitten auf dem Feld. Es war der einzige Überrest einer vom Erdboden verschwundenen Villa. Sie kamen durch Ortschaften, deren Häuser völlig niedergebrannt wa ren. An den Mauerresten lagen Skelette von Menschen, Kamelen und Maultieren. Halb zerfressenes Aas versperrte ihnen den Weg. Die Nacht brach wieder herein. Der bewölkte Himmel hing tief her ab. Aus der Tiefe eines Talkessels blinkten kleine Flammen, die sich bewegten. Das waren die Rüstungen der karthagischen Garde. Immer mehr Feuer tauchten auf: das Lager der Söldner. Salambo wollte direkt drauf zureiten. Ihr Begleiter hielt sie zurück. Sie ritten den Wall entlang, der das Söldnerlager umgab. Der Diener verschwand in einem Durchgang, um Mathos von ihrer Ankunft in Kenntnis zu setzen. Auf dem Wall ging ein Posten auf und ab. Er trug einen Bogen in der Hand und einen Spieß über der Schulter. Salambo ritt näher heran. Da bückte sich der Soldat, und ehe sie sich dessen versah, steckte ein lan ger Pfeil im Saum ihres Mantels. Der Posten rief sie an und fragte nach ihrem Begehr. 97
»Ich wünsche Mathos zu sprechen!« erwiderte Salambo. »Ich bin ein Überläufer aus Karthago!« Er ließ einen Pfiff ertönen, der von Posten zu Posten wiederholt wur de. Salambo wartete. Als Mathos kam, ging der Mond hinter Salambo auf. Er betrachtete von der Höhe des Walls die merkwürdige Gestalt, die im Zwielicht wie ein Gespenst aussah. Sie rief: »Führe mich in dein Zelt! Ich will es!« Eine unklare Erinnerung überkam Mathos. Sein Herz begann zu klopfen. Die Art ihres Befehles schüchterte ihn ein. »Folge mir!« sagte er.
Im Söldnerlager war eine ungeheure Menschenmenge in ständiger Be wegung. Man schrie, man rief, Pferde waren in langen Reihen zwi schen den Zelten und Hütten aus Schilfrohr angebunden. Manche Söldner hockten auf der Erde, andere lagen, in Matten gewickelt, be reit, sich zur Ruhe zu begeben. Salambos Pferd mußte hin und wieder über diese Hindernisse sprin gen. Mathos, der ihr voranschritt, jagte die Söldner mit einer Bewe gung seines Armes zur Seite. Einige küßten seine Hände, andere traten an ihn heran und fragten nach seinen Befehlen. Er hatte so viel Kühn heit und ausdauernden Mut bewiesen, daß ihn alle als Oberhaupt be trachteten. Sein Zelt lag am Ende des Lagers, nur dreihundert Schritt von den Verschanzungen Hamilkars entfernt. Zu beiden Seiten des Zelteinganges standen zwei Neger mit Harzfak keln. Mathos schlug hastig den Vorhang zurück, Salambo folgte ihm. In der Mitte des geräumigen Zeltes stand ein Mast. Eine mit gel bem Öl gefüllte Lampe in Form einer Lotosblume beleuchtete es. In den Ecken lag allerhand Kriegsgerät herum: Ein blankes Schwert, ein Schild, Peitschen aus Nilpferdhaut, Schellen und Ketten. Schwarz brotkrumen schimmelten auf einer Filzdecke. Auf einem runden 98
Stein lag ein Haufen von Kupfermünzen. Durch die Löcher der Lein wand wehte der Wind trockenen Staub und den Geruch der Elefan ten in das Zelt. »Wer bist du?« fragte Mathos. Salambo schaute sich schweigend um. Ihre Blicke hefteten sich an ein bläulich schillerndes Gewebe, das von einem Gestell aus Palmenzwei gen niederhing. Sie schrie auf und ging hastig darauf zu. Mathos stampfte mit dem Fuß: »Wer bist du und was führt dich hier her?« Sie wies auf den Zaimph: »Das da zu holen!« Sie riß die Schleier vom Gesicht. Mathos fuhr erschrocken zurück. Er war beinahe entsetzt. Sie sah ihn scharf an und forderte ihn beredten, machtvollen Worten den Zaimph zurück. Mathos hörte nichts, er sah nur sie. Ihre Gewänder waren eins mit ihrem Körper. Ihre Augen funkelten wie die Diamanten und der Glanz ihrer Fingernägel wie das sprühende Licht der kostbaren Steine, die sie an den Fingern trug. Die Spangen ihrer Tunika preßten ihre Brü ste nach oben und näherten sie einander. Die Blicke des Mathos ver loren sich in dem schmalen Raum dazwischen, in dem an einer dün nen Goldkette ein mit Smaragden besetztes Schmuckstück hing Ihre Ohrgehänge waren zwei kleine Schalen aus Saphiren, in denen Perlen eingebettet waren, die von Zeit zu Zeit durch eine feine Öffnung ein Tröpfchen einer duftenden Flüssigkeit durchsickern ließen, das Salam bo auf die nackten Schultern fiel. Eine unbezwingliche Neugier packte Mathos. Er drückte wie ein Kind, das eine unbekannte Frucht berührt, die Spitze eines Fingers ge gen ihre Brust. Das kühle Fleisch gab elastisch nach. Diese Berührung erschütterte Mathos bis in das Innerste seines Wesens. Es drängte ihn zu ihr. Er hätte sie umschlingen, er hätte sie verzehren, sie in sich auf lösen mögen. Er keuchte, seine Zähne schlugen aufeinander. Er faßte sie bei den Handgelenken und zog sie an sich. Dann setzte er sich auf einen Harnisch neben dem Lager aus Palmenzweigen, das mit einem Löwenfell bedeckt war. Sie blieb aufrecht stehen. Er hielt sie zwischen 99
seinen Schenkeln und schaute sie unentwegt an. Er sagte immer wie der: »Wie schön bist du! – Wie schön bist du!« Seine Blicke taten Salambo weh. Ihr Unbehagen wurde so heftig, daß sie an sich halten mußte, um nicht laut aufzuschreien. Sie erinnerte sich aber der Ermahnungen Schaha-Barims und fügte sich. Mit weitgeöffneten Nasenflügeln sog Mathos ihren Duft ein, der so belebend und doch betäubend wirkte wie Dämpfe aus einer Weih rauchpfanne: Honig, Gewürze, Rosen und andere köstliche Dinge. Wie kam sie zu ihm in sein Zelt, wie in seine Gewalt? War sie nur we gen des Zaimphs gekommen? Er senkte den Kopf, von Schwermut er griffen. »Was habe ich dir getan, daß du meinen Tod willst?« fragte Salambo mit klagender Stimme. »Ich, deinen Tod?« »Ich habe dich eines Abends in meinen brennenden Gärten gesehen, um dich herum lagen meine hingemordeten Sklaven. Dein Zorn war so groß, daß ich fliehen mußte, als du auf mich zusprangst. Seitdem ist der Schrecken in Karthago eingezogen. Du bist an allem schuld! Ich hasse dich! Du bist verflucht wie die Pest und der Krieg mit Rom! Ich bin der Spur deiner Brandfackeln gefolgt, als schritte ich hinter Mo loch einher.« Maßloser Stolz schwellte Mathos' Brust. Er hob den Kopf, er fühlte sich erhaben wie ein Gott. Mit zuckenden Nasenflügeln fuhr Salambo fort: »Und dann, als ob du dich mit dem Tempelraub nicht hättest begnügen können, bist du in der Nacht zu mir gekommen, in den Zaimph gehüllt. Was du mir gesagt hast, habe ich nicht verstanden, aber ich weiß, daß du mich zu etwas Schändlichem verführen wolltest.« Mathos hob abwehrend die Hände. »Ich wollte nichts, als dir den Zaimph schenken. Mir war zumute, als gehörte das Gewand der Göt tin dir. Bist du nicht so blütenrein und strahlend schön wie Tanit?« Er setzte mit einem Blick anbetender Bewunderung hinzu: »Am Ende bist du Tanit?!« »Ich, Tanit?« flüsterte Salambo. Beide schwiegen. In der Ferne rollte der Donner. Erschreckte Scha 100
fe blökten. »Komm näher!« bat Mathos. »Fürchte nichts! Früher war ich nur ein einfacher Söldner. Ich war friedlich, still und gutmütig. Was geht mich Karthago an? Alle seine Menschen verschwinden für mich im Staub deiner Sandalen. Alle seine Schätze, Länder, Flotten und Inseln locken mich nicht so wie deine Lippen und deine Schul tern. Ich wollte seine Mauern niederreißen, um dich zu besitzen. Da mir das nicht gelungen ist, habe ich Rache genommen. Ich zertre te die Menschen wie Nußschalen. Ich stürze mich in die Schlacht, wehre Lanzen mit nackten Händen ab, packe Hengste bei ihren Nü stern – mich tötet kein Geschoß. Ich denke während des Kampfes nur an dich. Ich sehe deine Augen im Brennen der Fackeln und in der Vergoldung der Schilde. Ich höre deine Stimme und drehe mich um nach dir. Bist du nicht da, dann stürze ich mich von neuem in die Schlacht.« Mathos hob die Arme, auf denen sich die Adern wie Efeuranken am Stamme eines Baumes kreuzten. Zwischen den gewaltigen Mus keln rann ihm der Schweiß auf die Brust. Salambo, nur an den An blick von Eunuchen gewöhnt, war von der Kraft dieses Mannes be nommen. Rächte die Göttin sich? Eine Mattigkeit befiel sie. Die Flam men der Lampe flackerten im Luftzug. Grelle Blitze zuckten auf. Nach her war die Dunkelheit um so dichter. Salarnbo sah nur die Augen die ses Mannes, die ihr wie zwei glühende Kohlen entgegenbrannten. Sie fühlte das Walten einer wunderbaren Macht, die sie vor eine Entschei dung stellte. Sie schritt kurz entschlossen auf den Zaimph zu. »Was willst du?« schrie Mathos. »Ich bringe ihn nach Karthago zurück.« »Du bringst ihn nach Karthago zurück? Du kamst also nur, um den Zaimph zu holen und mich der Macht zu berauben? Du hast dich ge irrt. Jetzt gehörst du mir! Ich habe den Hochmut deiner großen, ru higen Augen nicht vergessen. Ich bin Herr über dreimal hunderttau send Söldner. Ich werde deine Stadt und die Tempel verbrennen! Kein Haus, kein Stein, kein Baum wird übrigbleiben! Und wenn es mir an Kämpfern fehlt, hole ich mir Bären aus dem Gebirge und Löwen aus der Wüste.« 101
Er stand mit geballten Fäusten vor ihr und schrie: »Untersteh dich nicht zu entfliehen! Ich töte dich!« Plötzlich sank er schluchzend in die Knie und bat: »Vergib mir Ruchlosem! Ich weiß nicht, was ich tue. Zer tritt mich! Als du vorhin zu mir sprachst, streifte dein Atem mein Ge sicht, ich erquickte mich daran wie ein Verdurstender. Zertritt mich! Fluche mir!« Er kniete vor ihr auf dem Boden und umfing ihre Hüften mit bebenden Armen und zuckenden Händen. »Ich liebe dich so sehr! Geh nicht fort!« Die goldenen Münzen seiner Ohrgehänge glänzten auf seinem dunklen Hals. Er murmelte zärtliche, sinnlose Worte. Eine traumhaf te Weichheit ergriff Salambo. Sie verlor beinahe das Bewußtsein ihrer selbst. Sie fühlte sich von Wolken emporgehoben und sank, ihrer Sin ne nicht mehr mächtig, auf die Felle des Lagers. Mathos faßte sie bei den Fersen. Das goldene Kettchen, das ihre Knöchel verband, zerriß. Der Zaimph fiel auf sie und verhüllte sie. Sie sah das Gesicht des Mathos über ihre Brust geneigt. Seine Küsse ver zehrten sie. Sie fühlte seine Glut auf ihren Fingern, ihren Händen, ih ren Armen, ihren Füßen. Er flüsterte: »Nimm den Zaimph! Was soll er mir? Ich will das Heer verlassen. Ich will auf alles verzichten. Weit draußen im Meer liegt eine Insel. Die Luft ist so mild, daß sie den Tod verscheucht. Dort wollen wir in gläsernen Grotten wohnen und in Düften leben, die wie Weihrauchwolken zum Himmel steigen!« Er wischte ihr den Staub von den Schuhen und machte ein Kissen für ihren Kopf zurecht. Er breitete den Zaimph über ihre Füße wie eine gewöhnliche Decke. Er lachte fröhlich. Der Mond kam zwischen den Wolken hervor. »Ach, wie viele Nächte habe ich zu ihm aufgeschaut! Die Erinnerung an dich verwob sich mit seinem Schein. Zuletzt warst du eins mit mir.« Sein Kopf lag zwischen ihren Brüsten. Die Rührung übermannte ihn. Ist das wirklich der furchtbare Mann, vor dem Karthago zittert? dachte Salambo. Mathos war eingeschlafen. Sie löste sich zart aus seiner Umarmung und setzte einen Fuß auf den Boden. Dabei bemerkte sie, daß ihr Kett chen zersprungen war. Jungfrauen aus vornehmen Familien waren 102
daran gewöhnt, diese symbolische Fessel als etwas Heiliges anzusehen. Sie befestigte die beiden Enden wieder um die Knöchel. Das Gewitter verzog sich. Vereinzelte Wassertropfen schlugen noch auf das Zeltdach. Mathos lag wie ein Betrunkener auf dem Lager. Sei ne perlenbesetzte Binde war verschoben und gab seine Stirn frei. Ein glückliches Lächeln zeigte seine Zähne im Rahmen des schwarzen Bartes. Unbeweglich stand Salambo vor ihm und blickte beinahe ver letzt auf die stille Heiterkeit, die sein Gesicht überstrahlte. Neben dem Lager lag ein Dolch auf einem Tisch. Der Anblick der glänzenden Klinge erweckte ein Verlangen nach Rache in ihr. Da er wachte Mathos. Er suchte mit seinen Lippen ihre Hand, als sie nach der Waffe griff. Draußen erhob sich Geschrei. Grelles Licht leuchte te hinter dem Zelt auf. Als Mathos den Vorhang hob, sah er, daß das Lager der Libyer in Flammen stand. Die Schilfhütten brannten. Am glutroten Horizont liefen schwarze Schatten hin und her. Elefanten, Rinder und Pferde rasten durch das Gewühl und zertraten Menschen, das Kriegsgerät und was sonst noch aus den Flammen gerettet worden war. Trompeten schmetterten. Stimmen klangen auf. »Mathos! Ma thos!« Einige Söldner wollten in das Zelt eindringen. Sie riefen: »Eile dich! Hamilkar verbrennt das Lager!« Mit einem Satz war Mathos aus dem Zelt. Salambo war allein. Sie betrachtete den Zaimph und war erstaunt, nicht die Freude zu empfinden, die sie erwartet hatte. Sie fühlte sich bedrückt und traurig. Sie sah, daß sich der Zeltvorhang wieder bewegte. Ein grauenhaft aus sehendes Lebewesen kroch herein: ein langer Bart, ein in Lumpen ge hüllter Körper. Sie sah die Augen und erkannte entsetzt den alten Gis ko. Er hatte sie ins Lager kommen sehen und für eine Karthagerin ge halten. Es war ihm mit Hilfe seiner Mitgefangenen gelungen, aus dem Graben herauszukommen, und er hatte sich auf den Ellbogen zu Ma thos' Zelt geschleppt. Er hatte draußen gehorcht und alles gehört, was die beiden Stimmen gesprochen hatten. »Du bist es?« sagte Salambo. »Ich bin es. Man hält mich für tot, nicht wahr?« 103
Salambo hatte Angst vor diesem schmutzigen Wesen. Das Scheusal war grauenvoll wie ein Gespenst. »Ich bin fast hundert Jahre alt«, sagte Gisko. »Ich sah alle Schrek ken der Schlacht und das mit den Trümmern unserer Flotte bedeckte Meer. Die Söldner, die ich befehligte, haben mich an Händen und Fü ßen gefesselt. Meine Mitgefangenen sterben einer nach dem andern! Der Geruch ihrer Leichen läßt mich nachts nicht schlafen. Ich wehre die Vögel ab, die den Toten die Augen aushacken wollen, und dennoch habe ich nicht eine Stunde an Karthago gezweifelt. Nun ist alles vor bei! Alles verloren! Die Götter vernichten die Stadt! Fluch über dich! Du hast ihren Untergang durch deine Schande beschleunigt!« Salambo wollte sprechen. Gisko rief: »Leugne nicht! Ich habe alles gehört. Ein Barbar hat dir sein Begehren kundgetan, und du hast dir von ihm die Hände küssen lassen. Warum bist du nicht dem Beispiel der wilden Tiere gefolgt, die sich bei der Paarung verstecken, anstatt dich vor den Augen deines Va ters in Schande zu bringen? Weißt du nicht, daß sich Mathos in seiner Verwegenheit dicht vor das Zelt deines Vaters gelagert hat? Verflucht sollst du sein!« Salambo blickte durch den erhobenen Zeltvorhang nach Hamilkars Lager. »Dort drüben?« fragte sie. »Dort drüben ist ein heiliger Ort, den dein Blick nur beschmutzen könnte.« Sie warf sich den Zaimph über. »Ich will zu ihm!« Sie eilte in der Dunkelheit unbehelligt durch das Lager. Ein langer Wall hemmte ih ren Weg. Sie fürchtete sich vor Gisko und bildete sich ein, von Rufen und Schritten verfolgt zu werden. Der Morgen dämmerte bereits. Sie entdeckte einen schmalen Pfad, der zum Wall hinaufführte. Ein heller Ruf erklang unter ihr, als sie den Wall erklomm. Sie beugte sich hin ab und erkannte den Diener Schaha-Barims, der mit den beiden zu sammengekoppelten Pferden auf sie gewartet hatte. Salambo ließ sich zu ihm hinabgleiten, und sie ritten im Galopp um das punische Lager herum, um einen Eingang zu suchen. Als Mathos in sein Zelt zurückkehrte, gab die rauchende Lampe nur 104
noch wenig Licht. Er glaubte, daß Salambo schlafe, und betastete das Löwenfell über dem Palmzweiglager. Er rief. Keine Antwort. Er ließ Tageslicht in das Zelt. Er sah, daß auch der Zaimph verschwunden war. Im selben Augenblick erdröhnte die Erde. Lautes Geschrei und Pfer degewieher erschollen. In wilder Wut ergriff Mathos seine Waffen und stürzte hinaus. Die Söldner stiegen den Berg in langen Reihen hin ab, während die Karthager in gleichmäßigem Marsch anrückten. Son nenstrahlen durchbrachen die Nebel. Mehr und mehr Feldzeichen und Lanzenspitzen wurden sichtbar. Mathos erkannte die Führer, die Söld ner und auch den auf Eseln reitenden Troß ganz deutlich. Er sah, daß Naravas seine Stellung verließ und nach rechts abbog, als wollte er sich von Hamilkar überrennen lassen. Seine Reiter überholten die Elefan ten, die langsam vorwärts kamen. Plötzlich wandte sich Naravas ei nem feindlichen Posten zu, warf Schwert, Lanze und Pfeile von sich und verschwand im karthagischen Lager. Hamilkar hörte Naravas an, ohne ihn zu unterbrechen. Ein Mann, der sich verwegen zu einem Feldherrn begab, dessen Rache er fürchten mußte, war kein zu verach tender Bundesgenosse. Hamilkar erkannte die Nützlichkeit einer Ver bindung mit Naravas für später. Mit den Numidiern würde er sich der Libyer erwehren können. Ohne ihn zu fragen, weshalb er nicht früher gekommen war, küßte er Naravas und drückte ihn dreimal an seine Brust. »Mögen die Götter dir gnädig sein! Wie die Republik es dir loh nen wird, das weiß ich nicht. Hamilkar aber ist nicht undankbar!« Der Kriegslärm verstärkte sich. Offiziere traten in das Zelt des Ge nerals. Er legte seine Rüstung an und sagte zu dem neugewonnenen Freund: »Rasch, beeil dich! Treibe mit deinen Reitern das feindliche Fußvolk zwischen deine und meine Elefanten! Setze alles daran!« Naravas stürzte davon, den Befehl auszuführen, als Salambo er schien. Sie sprang vom Pferd, öffnete ihren Mantel und breitete mit ausge streckten Armen den Zaimph aus. Ein ungeheurer Jubel umbrauste sie. Die Marschierenden standen still. Die Sterbenden stützten sich auf ihre Ellbogen und wandten sich ihr zu, um sie zu segnen. 105
Auch die Söldner wußten nun, daß Salambo den Zaimph zurückge holt hatte. Aus der Ferne sahen sie sie in seinem Glanze stehen. In das Freudengeschrei der Karthager mischten sich das Geheul der Wut und die wilden Verwünschungen der Söldner. Hamilkar dankte Salambo nur durch ein Nicken des Kopfes. Er sah bald auf den Zaimph, bald auf sie. Da bemerkte er das zersprungene Kettchen. Er schauderte. Naravas hatte seinen Befehl weitergegeben. Er war zurückgekehrt und hielt sich in bescheidener Haltung abseits. Schweigend betrachtete ihn Hamilkar, dann trat er auf ihn zu und sagte feierlich: »Zum Lohn für die Dienste, die du mir geleistet hast, gebe ich dir meine Tochter zum Weib. Steh mir als Sohn und als Bundesgenosse zur Seite!« Naravas bedeckte die Hände Hamilkars mit Küssen. Salambo stand unbeweglich wie eine Statue. Sie errötete und schlug die Augen nie der. Hamilkar ließ das Verlöbnis auf der Stelle unlösbar vollziehen. Er befahl, Salambo eine Lanze in die Hand zu geben, die sie ihrem zu künftigen Gatten reichte. Beiden wurden die Daumen mit einem Rie men aus Rindsleder zusammengebunden. Zwölf Stunden später waren die Söldnerheere zerstreut. Hamilkar war mit aller Gewalt aus dem Bergkessel ausgebrochen. Naravas hat te die Söldner mit seiner Reiterei umstellt und von hinten angegriffen. Damit war die Schlacht entschieden. Lautlos und schattenhaft kehr ten die Geflüchteten in den rauchenden Trümmerhaufen der Lager zu rück, als der Abend kam. Sie errichteten Scheiterhaufen für die To ten. Mathos saß immer noch auf derselben Stelle am Boden, auf der er sich befunden hatte, als die Schlacht zu Ende war. Die Ellbogen auf die Knie gestemmt, die Schläfen in die Hände gestützt, hörte und dachte er nichts. Schließlich hob er den Kopf wie trunken, als er das Geheul der um ihre Männer trauernden Weiber hörte. Vor ihm flatterte ein Fetzen Leinwand an einer Stange, dessen Ende Körbe und ein Löwen fell bedeckte. Er erkannte sein Zelt. Die zerrissene Leinwand wehte im Wind und schlug ihm gegen den Mund. Seine Augen bohrten sich in den Boden, als ob Salambo dort in die Erde gesunken sei. Der flattern 106
de Fetzen, der ihn getroffen hatte, trug eine rote Spur: den Abdruck der Hand des Naravas, das Wahrzeichen ihrer Brüderschaft! Mathos griff nach einem brennenden Holzscheit und warf es auf die Überre ste seines Zeltes. Plötzlich tauchte Spendius auf. Er hinkte jämmerlich. Er hatte sich mit den Bruchstücken einer Lanze ein Bein geschient. »Nimm das nur ab!« sagte Mathos höhnisch. »Ich weiß ohnedies, daß du ein Held bist.« Spendius führte ihn zu einer Höhle, in der die andern Führer sich verborgen hielten. Alle entschuldigten die Niederlage damit, daß nie mand den Verrat des Naravas, den Brand des Lagers, den Verlust des Zaimphs hätte voraussehen können. Sie beratschlagten, was zu tun wäre. Hamilkar versperrte den Weg nach Karthago. Es gab kein Mittel, die Fortsetzung des Kampfes zu vermeiden. Aber wie sollten die mutlosen Söldner von der Notwendig keit des Kampfes überzeugt werden? »Das will ich übernehmen«, sagte Spendius. Er ließ sich auf den Schultern zweier Kappodozier von Gruppe zu Gruppe tragen und hielt Ansprachen. Er erinnerte die Söldner an die Versprechungen des Gro ßen Rats, an die Ungerechtigkeiten Karthagos. Alle, die sich freiwil lig unterwürfen, kämen als Sklaven zum Verkauf. Der Besiegten aber harrten furchtbare Martern. »Ich lüge nicht!« schrie er. Die heiße Sonne brannte auf die bloßen Köpfe. Widerlicher Geruch stieg von den Leichen auf. Die Toten waren nur notdürftig verscharrt worden. Manche Körperteile ragten noch aus dem Erdreich hervor. Als es Spendius gelang, Lebensmittel aus Hippo-Diarrhyt zu holen, aßen die Söldner mit großer Gier, rafften die Reste ihres Gepäcks und ihre zerbrochenen Waffen zusammen, nahmen die Frauen in ihre Mit te und zogen dem Meere zu wie ein Rudel abziehender Wölfe. Sie wollten zunächst Hippo-Diarrhyt besetzen, denn eine Stadt muß ten sie endlich haben. Als Hamilkar den Abmarsch der Söldner wahrnahm, hätte er sie so fort wieder angreifen mögen. Noch ein solcher Erfolg wie die letzte Schlacht, und der Krieg wäre zu Ende! Wenn er aber nicht einen ver 107
nichtenden Sieg erringen könnte, würden die Söldner wieder stärker werden. Es bestand die Gefahr, daß die Küstenstädte mit ihnen ge meinsame Sache machten. Noch am selben Abend sandte er dem Großen Rat ein mit dem Schmuck der Gefallenen beladenes Kamel und befahl unter furchtba ren Drohungen, daß ihm neue Truppen zugeführt würden. Die Karthager hatten Hamilkar längst für verloren gehalten. Als sie von seinem Sieg und der Rückeroberung des Zaimphs erfuhren, wag te es keiner, eine Klage oder Anschuldigung laut werden zu lassen. Ein Heer von fünftausend Mann wurde ausgesandt, Hamilkar den Rücken zu decken, dreitausend Mann wurden eingeschifft, um bei Hippo-Di arrhyt zu landen und die Söldner zurückzutreiben. Aber die dreitau send Mann, die unter dem Oberbefehl Hannons standen, waren keine Hilfe für Hamilkar. Hannon manövrierte so ungeschickt, daß Hamil kar den Großen Rat bat, ihn von der Hilfe Hannons zu befreien. In allen Küstenstädten machte sich das Verlangen nach Selbstän digkeit von Karthago bemerkbar. Hamilkar glaubte alles verloren. Er sandte Naravas aus, die Grenzen des Reiches zu schützen, und be schloß, selbst nach Karthago zurückzukehren, um eine neue Aushe bung zu erzwingen. Die Söldner beobachteten, wie das Heer Hamilkars wieder die Ber ge herabkam. Wohin wollten die Karthager? Trieb sie der Hunger oder wollten sie den Kampf gleich fortsetzen? Nein! Sie schwenkten rechts ab, also flohen sie. Jetzt war es an der Zeit, sie zu vernichten. Die Söld ner nahmen die Verfolgung auf. Mathos, der an der Spitze marschier te, glaubte, am Horizont einen grünen Schimmer wahrzunehmen. Der Boden senkte sich. Obelisken, Kuppeln und Häuser wurden sichtbar: Das war Karthago! Er lehnte sich an einen Baum, um nicht zu fallen, so heftig klopfte sein Herz. Alles, was seit dem letzten Aufenthalt in Karthago gesche hen war, zog an seinem Geist vorüber. Eine namenlose Freude ergriff ihn bei dem Gedanken, Salambo wiederzusehen. Am ganzen Körper bebend, starrte er auf die hohe Terrasse ihres Hauses. Er breitete die Arme aus, sandte ihr Küsse entgegen und flüsterte: »Komm! Komm!« 108
Spendius schrie ihn an: »Beeil dich! Vorwärts, Hamilkar wird uns entkommen!« Mathos sprang auf ein Kamel, riß ihm die Halfter ab und hieb mit dem Riemen auf die Nachzügler ein. Auf seine dröhnenden Zurufe schlossen sich die Reihen enger zusammen. Immer näher kamen sie den Fliehenden. Ihre Vorhut marschierte bereits im Staub der Kartha ger. Bald mußten die beiden Heere aneinandergeraten. Da taten sich die Tore Karthagos auf. Die punische Truppe teilte sich in drei Kolonnen, um in die Stadt einzuziehen. Spendius riet den Söldnern, nichts zu wagen, und so lagerten sie sich in einiger Entfernung von den mächtigen Bogen der Wasserleitung, fest entschlossen, Karthago zu erobern. Sie schlugen zu beiden Seiten des Aquädukts ein planmäßiges La ger auf. Von allen Seiten sandten die unterdrückten Völker, die tribut pflichtigen Städte, die den Sturz der Republik wünschten, Hilfstrup pen und Lebensmittel. Das Lager der Söldner wuchs an. Die Karthager sahen es mit Entset zen. Die Belagerungsmaschinen der Küstenstädte mit Masten, Tauen, Kranen und Schutzschilden rückten gegen die Mauern vor. Sie sahen, daß sechzig fahrbare Geschütze, achtzig Schleudermaschinen, dreißig Steinböller, fünfzig Sturmkrane und drei riesenhafte Katapulte aufge stellt wurden. Die Söldner hatten aus ihren Niederlagen Lehren gezogen. Sie woll ten keine nutzlosen Opfer mehr bringen und bereiteten die Belagerung sorgfältig vor. Endlich beschloß Spendius, einen alten Plan auszuführen: Er hatte beobachtet, daß die Posten auf der Wasserleitung vermindert wurden, da alle verfügbaren Männer zur Verteidigung der Mauern gebraucht wurden. Spendius übte sich mehrere Tage im Bogenschießen. An einem mondhellen Abend bat er Mathos, ein großes Strohfeuer anzünden und gleichzeitig einen fürchterlichen Lärm schlagen zu lassen. Er selbst kroch mit einem balearischen Schleuderer an den Unterbau der Pfeiler des Aquädukts. 109
Die Posten gingen ruhig auf und ab. Aber jetzt wurden lodernde Flammen sichtbar, und Trompeten schmetterten. Die Posten glaubten, daß ein Sturmangriff begonnen habe, und eilten der Stadt zu. Ein einziger war zurückgeblieben. Sein Umriß hob sich schwarz vom Himmel ab. Spendius spannte seinen Bogen mit aller Kraft und zielte. Der Pfeil sauste durch die Luft, der Posten verschwand. »Wenn er verwundet wäre, müßten wir ihn hören«, flüsterte Spen dius und stieg mit Hilfe eines Seiles und einer Harpune genauso wie beim erstenmal von Stockwerk zu Stockwerk. Als er neben der Leiche des Postens stand, ließ er das Seil herab. Die Trompeten waren ver stummt. Spendius hob eine der Steinplatten auf und stieg ins Wasser. Er berechnete die Entfernung nach der Zahl seiner Schritte. Er kam an eine Stelle, an der er von außen einen kleinen Spalt in der Mauer wahr genommen hatte. Er arbeitete ununterbrochen mit wildem Eifer. Er konnte kaum Luft genug durch die Fugen der Steinplatten bekommen und glaubte sich dem Tode nahe. Endlich stürzte ein riesiger Steinbrocken von Stockwerk zu Stockwerk, und plötzlich ergoß sich ein ge waltiger Strom gleich einem Sturzbach in die Tiefe. Das bedeutete den Tod für Karthago und den Sieg für die Söldner. Bald darauf erschienen die aus dem Schlaf geweckten Karthager auf den Mauern und den Dächern von Häusern und Tempeln. Auch die Söldner stürzten herbei und tanzten wie rasend um den großen Was serfall. Oben auf der Plattform aber stand ein Mann in braunem zerrisse nem Gewand. Er beugte sich stolz über den Rand der Brüstung und schaute auf die brausenden Wasser, als staune er über sein eigenes Werk. Dann richtete er sich hoch auf. Sein stolzer Blick schien zu sa gen: »Dies alles ist jetzt mein!« Da brachen die Söldner in lauten Jubel aus, die Karthager aber heul ten vor Verzweiflung.
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Mathos stellte das Heer der Söldner in einem großen Halbkreis auf und schloß so Karthago vollständig ein. In der vordersten Reihe waren die Fußsoldaten aufgestellt, hinter ihnen die Schleuderer und die Reiterei, ganz hinten der Troß. Vor dem Heer aber, etwa hundert Schritt von den Türmen Karthagos entfernt, war die Stellung der Belagerungsma schinen. Spendius stellte die drei größten Katapulte so auf, daß sie die drei wichtigsten Abschnitte der Mauern beschießen konnten. Vor jedem Tor wartete ein Widder, vor jedem Turm stand ein Pfeilgeschütz be reit, Zerstörung und Tod zu verbreiten, wenn der große Angriff be gann. Hamilkar hatte die erregten Gemüter der Karthager mit der Erklä rung beruhigt, daß in den Zisternen vorerst noch Wasser für hun dertdreiundzwanzig Tage vorhanden sei. Seine Anwesenheit und die Rückkehr des Zaimphs stärkten ihren Mut. Sklaven wurden bewaff net, jeder Bürger bekam einen Posten und ein Amt zugeteilt. Zimmer mannsleute, Waffen- und Goldschmiede setzten die wenigen Geschüt ze instand, die Karthago trotz der römischen Friedensbedingungen noch besaß. Die Stadt war vom Golf und vom Meer her uneinnehmbar. Baum stämme, Mühlsteine, Kessel mit Schwefel und Fässer voll Öl wurden auf den Wall geschafft, die nächstliegenden Häuser mit Sand ausge füllt, um die Widerstandsfähigkeit der Mauern zu erhöhen. Diese Vorbereitungen versetzten die Söldner in Wut. Eines Mor gens schoben fünfundsiebzig Mann einen Widder an Seilen gegen das Khamon-Tor. Der Balken war dreimal so dick wie der Körper eines Mannes, achtzig Meter lang und bewegte sich, von unzähligen Armen gestoßen, vor und zurück. Gleichzeitig stürmten die Schleuderer in Schwarmreihen vor und Söldner, die Töpfe mit brennendem Harz un ter den Schilden verbargen. Der Kugel- und Feuerregen überflog die Mauern in hohem Bogen. Auf dem Wall oberhalb des Tores tauchten lange Krane auf, wie sie zum Aufrichten von Schiffsmasten benützt wurden. Riesige Zangen packten den Widder. Die Söldner versuchten, den Balken mit Gewalt 111
zurückzuziehen, doch die Karthager zerrten ihn immer wieder nach oben. Dieser Kampf um den Widder dauerte bis zum Abend. Als die Söldner am nächsten Morgen wiederkamen, waren die Mau ern und Zinnen mit Baumwollballen und Kissen ausgepolstert. Auf dem Wall waren Stangen mit Hackmessern und Sägen befestigt. Baumstämme schlugen auf den Widder ein; dennoch brach das Khamon-Tor. Doch die Karthager hatten so viele Gegenstände hinter den Torflügeln aufgetürmt, daß sie sich nicht öffneten. Spendius war unermüdlich damit beschäftigt, die Geschütze zu rich ten. Wenn die Balken der Schleudermaschinen aufschnellten, wenn Pfeile und Steine durch die Luft sausten, beugte er sich vor und warf die Arme in die Luft, als wolle er der Bahn der Geschosse folgen. Die Söldner folgten freudig seinen Befehlen, doch die Geschütze vermoch ten nichts gegen den Wall auszurichten. Mathos befahl, Holztürme aufzubauen, die die gleiche Höhe errei chen sollten wie die Steintürme auf dem Wall. Holzleitern, Stricklei tern, Fallbrücken waren bereit, im gegebenen Augenblick wie Brücken auf die Mauern zu fallen. Die Söldner stiegen mit den Waffen in der Hand auf die Holztürme. Kein Karthager zeigte sich auf den gegen überliegenden Wällen. Als die Brücken gelegt und die Söldner schon ziemlich weit vorgedrungen waren, öffneten sich die Schießscharten. Sandmassen wirbelten auf, siedendes Öl und flüssiges Blei floß über die Helme und brannte Löcher ins Fleisch der Stürmenden. Ein Funkenre gen sprühte in ihre Gesichter. Die Haare der mit Öl begossenen Män ner brannten. Sie liefen davon, aber trotz des furchtbaren Empfangs hielt der Sturmangriff an, denn die Söldner hofften, den Sieg durch das Übergewicht an Kraft und Kühnheit doch zu erringen. Da Sturmleitern und Fallbrücken nichts ausrichteten, wurden hohe Gerüste mit langen Kranen herbeigeschafft, die viereckige Körbe bewe gen konnten, in denen dreißig Mann mit ihren Waffen untergebracht waren. Mathos wollte den ersten Korb besteigen, doch Spendius hielt ihn zurück. In einer Höhe von dreißig Metern senkte sich der Riesen arm und setzte den mit Menschen beladenen Korb auf die Stadtmauer. Die Söldner stürzten sich auf die Karthager – sie kehrten nicht mehr 112
zurück. Dennoch wurden noch mehrere solcher Gerüste aufgestellt. Äthiopische Bogenschützen wurden darin hochgezogen. Während die Körbe in Schwebe gehalten wurden, schossen die Schützen vergiftete Pfeile auf die Karthager. Hamilkar ließ die Schwerbewaffneten, die die Mauern beschützten, jeden Morgen den Saft gewisser Kräuter trinken, die das Pfeilgift un schädlich machten. In der Nacht schiffte er eine besonders ausgerü stete Stoßtruppe im Hafen ein und landete im Rücken der Söldner. Er richtete ein großes Blutbad an. In derselben Nacht glitten fackeltragen de Männer an Seilen die Mauern hinunter, um die Kriegsmaschinen in Brand zu stecken. Jedes neue Hindernis steigerte den Zorn von Mathos. Das Versa gen des Sturmangriffs erbitterte ihn. Er dachte verworren und lud in Gedanken Salambo zu sich ein. Er erwartete sie so, als ob ihr Be such Wirklichkeit wäre. Wenn er sie tot vor sich gesehen hätte, hätte er die Belagerung aufgegeben. In seiner Wut verdoppelte er die Posten, pflanzte am