Paul Frischauer
Weltgeschichte
in Romanen
Band 1
Von den Anfängen
der Menschheitsgeschichte
bis ins vierte Jah...
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Paul Frischauer
Weltgeschichte
in Romanen
Band 1
Von den Anfängen
der Menschheitsgeschichte
bis ins vierte Jahrhundert v. Chr.
Inhaltsangabe So alt wie die Geschichte ist die Sehnsucht der Menschen, von der Vergangenheit zu er fahren, sie sich lebendig und nutzbar zu machen. Geschichtsschreiber, Chronisten, Dich ter haben immer wieder in unendlich vielfältigen Formen die Vergangenheit den Leben den beschworen und deutlich gemacht. Paul Frischauer hat in seiner ›Weltgeschichte in Romanen‹ eine eindrucksvolle und spannende Geschichte der Menschheit vor uns entstehen lassen, Kernstück sind kurze historische Romane, die in großen Gemälden einzelne wichtige Epochen nachzeichnen. Informierende Texte verbinden die Werke und ermöglichen so dem Leser Zusammen hänge herzustellen und einen Gesamtüberblick zu erhalten. Der erste Band reicht von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis zu 323 v. Chr. dem Todesjahr des großen Alexander, König von Mazedonien und sagenumwobener Eroberer der Welt. Die Geschichte der ägyptischen Königstochter Uarda, die in Ägypten zur Hochzeit die ses Reiches lebte, ein Roman über Aspasia, Frau des berühmten griechischen Heerführers und Staatsmannes Perikles - sie gehört zu den faszinierendsten Frauen des Altertums -, bilden das Kernstück des ersten Bandes. Die Uranfänge unserer Menschheitsgeschichte, die Welt der Babylonier, der Ägypter und der Griechen entsteht vor den Augen des Le sers, Kulturen beginnen, entfalten ihre Pracht und sinken in das Dunkel der Geschichte zurück, um Neuem Platz zu machen. Frischauer beschreibt die Geschichte, ohne deren Kenntnis unser Leben ärmer wäre.
Sonderausgabe des Lingen Verlags, Köln
by Literarica Anstalt, Vaduz
Gesamtherstellung: Lingen Verlag, Köln
und Bercker Graph. Betrieb GmbH, Kevelaer
Schutzumschlag: Roberto Patelli
Printed in West-Germany
Alle Rechte vorbehalten
Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder
chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ☺
Abenteuer der Weltgeschichte im Auf und Ab der Jahrhunderte, ewi ger Kampf des Menschen um die Beherrschung der Erde! Dem Dun kel entwachsen Kulturen und gehen ins Dunkel zurück, Kriege werden geführt, Reiche entstehen und versinken wieder. Und dazwischen der Alltag der Jahrtausende und die unaufhörliche Sehnsucht des einzel nen nach endlich befriedetem Dasein: Nach dem besseren Leben. Wo wäre das alles lebensvoller geschildert als durch die hellseheri sche Wiedergabe der erschütternden Ereignisse in großen historischen Romanen, deren Verfasser im Haupt- oder Nebenberuf zumeist Alter tumsforscher und fachmännische Gelehrte der Zeitabschnitte waren, die sie im visionären Rückblick überzeugend gestalteten! Sie ergänz ten nüchterne Tatsachen der Wissenschaft mit tiefem Einfühlungsver mögen durch Dichtung, wo allein die Phantasie ein lebendiges Bild zu schaffen vermag. Durch wohl fundierte, einführende Texte, durch reiches Anschau ungsmaterial zur Kulturgeschichte, bringen die in diesem Band ent haltenen Kurzfassungen historischer Romane den Ablauf der Zei ten menschlich näher und ermöglichen es, das Verständnis und die Kenntnis der Vergangenheit mühelos und in genussreicher Form zu erwerben. So ist hier ein volkstümliches Universalwerk der Menschheitsge schichte geschaffen worden, das die wuchtige Dramatik, die uner schöpfliche Dynamik und dunkle Faszination der Geschehnisse in al ler Ursprünglichkeit vermittelt.
Von den Anfängen
der Menschheitsgeschichte
bis ins dreizehnte
Jahrhundert v. Chr.
Woher? Wohin? Die Entstehung unserer Welt ist noch ungelöstes Geheimnis. Vor je dem Beginn, den die Wissenschaft gefunden zu haben glaubt, steht immer wieder ein neuer Beginn, und je größer die Summe des Er forschten ist, desto dringender wird die Frage nach dem Unerforsch ten: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Die Reliquien der vorgeschichtlichen Vergangenheit des Menschen wurden von Fachgelehrten mit den modernsten Methoden untersucht und mit Tierknochen und Skeletten aus der gleichen Zeit verglichen. Auf diese Untersuchungen gestützt, sagt die Wissenschaft, daß men schenähnliche Wesen schon vor über einer Million Jahren lebten. Mehr als eine Million Jahre! – Das ist ein für unsere Begriffe un fassbarer Zeitraum. Es hilft unserem Vorstellungsvermögen nur we nig, daß die Fundorte der Schädel und Knochenreste als Kennwor te zur Bezeichnung unserer Vorfahren dienen: Heidelberg-, Peking-, Java-, Steinheim-, Neandertal-Urmensch und Altmenschen – wir se hen Schädel, deren Formen sich für unser ungeschultes Auge kaum voneinander unterscheiden. Wer die niedrige Schädelhöhe, die fliehen de Stirn, die mächtigen Augenbrauen und vor allem das vorspringen de Gebiss des Java-Menschen mit dem Schädel eines Affen vergleicht, könnte der alten Lehre der Abstammung des Menschen vom Affen zu neigen. Der Schädel des Steinheimer Menschen hingegen, ist der Kopfform des heutigen Menschen schon ähnlicher. Zahlreiche Skelettreste wurden im Neandertal bei Düsseldorf ge funden. Wenn man die Erscheinung des nach dem Fundort benann ten Neandertalers nachbildet, fallen der ungewöhnlich große Schädel und der untersetzte Bau des Körpers auf. Auch der Neandertaler hat eine niedrige, fliehende Stirn, eine breite Nase, ein vorstehendes Ge 2
biss, und wenn man sich vergegenwärtigt, daß er sich gebückt vornübergebeugt vorwärts bewegte und zum Schutz gegen Kälte dicht be haart war, dann erscheint der Gedanke nicht ganz erfreulich, daß die Neandertaler als unser urmenschlicher Vorfahre gelten soll. Der Ne andertaler hat in der so genannten ›jüngeren Altsteinzeit‹ gelebt. Wir dürfen uns nicht dadurch befremden lassen, daß die Geologen, die Erforscher der Erdschichten, mit noch unvorstellbareren Zeiträu men rechnen als diejenigen Forscher, die sich ›nur‹ mit dem Ursprung der Menschheit beschäftigen. Für die Geologen ist der Mensch ein Neuankömmling auf der Erde, die sich nach ihren Berechnungen seit mehr als dreieinhalb Milliarden Jahren um die Sonne und um die ei gene Achse dreht. Seit ihrem Anfang hat die Erde verschiedene For men angenommen und sich in ihrer Zusammensetzung unaufhörlich verwandelt: vom flüssigen Feuer sich spaltender Atome zu dampfenden Gasen und Nebeln, zu Verdichtungen aller Art, bis die feste Kruste der Erdoberfläche entstand, die von den Meeren umspült wird. Aber auch seit der Erdball seine heutige, an den Polen abgeflachte Kugelform an genommen hat, sind Veränderungen auf seiner Oberfläche vor sich ge gangen. Die Erdschichtforscher haben diese Entwicklung genau unter sucht und zeitlich eingeteilt; sie sprechen von der Erdfrühzeit (Algon kium), dem Erdaltertum (Paläozoikum), dem Erdmittelalter (Meso zoikum) und der Erdneuzeit (Neozoikum). In diesen schier unendlichen Zeiträumen haben sich die geologi schen Schichten gebildet, die durch Tiefbohrungen erforscht wurden. Trotz modernster Methoden sind diese Bohrungen bisher aber nicht tiefer unter die Erdoberfläche gedrungen als etwa sechstausend Me ter. Diese geologischen Untersuchungen, die von Gelehrten anderer na turwissenschaftlicher Gebiete überprüft und ergänzt wurden, haben zu wertvollen Erkenntnissen geführt, zum Beispiel über die Entste hung der Öl- und Kohlevorkommen unter der Erdoberfläche und über die Entstehung und Weiterentwicklung des Lebens in den einzelnen Epochen der Erdbildung: vom Schalentier zum Krustentier, vom Fisch zum Reptil, von den Vögeln zu den Säugetieren. 3
Die Ergebnisse und die Bewertung dieser Forschungen schwanken mit den Methoden der wissenschaftlichen Erkenntnis. Die Gelehrten sind gezwungen, sich über das Konkrete, das Greifbare und Fassbare in eine abstrakte Welt zu erheben und sich durch Formen und Sinnbil der miteinander zu verständigen, die oft nur dem, der in die Geheim nisse der höheren Mathematik eingeweiht ist, verständlich sind. So gar auf einem Gebiet, auf dem sich die gesamte Gelehrtenwelt schon recht sicher fühlte, traten in letzter Zeit neue Anschauungen auf, durch die bereits feststehende Gesichtspunkte im wahrsten Sinne des Wor tes verschoben werden. Es handelt sich um die so genannten Eiszei ten, die Frostperioden, die den Erdball in den letzten sechshundert tausend Jahren heimgesucht haben sollen und durch Warmzeiten un terbrochen waren. Die allgemeine Anschauung ging dahin, daß große Teile Nordamerikas, Asiens und Europas viermal von Eis bedeckt wa ren. Diese Eiszeiten – wurden nach kleinen Flüssen des deutschen Al penvorlandes, den Abschmelzrinnen einzelner Gletschervorstöße, als Günz-, Mindel-, Riß- und Würm-Eiszeiten benannt. Die Entstehung und Dauer dieser Eiszeiten und die sie ablösenden Warmzeiten wur den auf Schwankungen der Strahlungsenergie, welche die Erde von der Sonne empfängt, zurückgeführt. Die neueste Forschung unternimmt es, nachzuweisen, daß die Eiszeiten nicht dadurch, sondern durch die Bewegung der Erdkugel entstanden sind, die in ihrer Drehung um sich selbst und um die Sonne ihren Nord- und Südpol verschoben hat, so daß sich die Wirkung der Sonnenstrahlen auf verschiedene Gebiete der Erdoberfläche entsprechend dieser Verschiebung verändern muß te. Die Vertreter der bis vor kurzem noch unbestrittenen Eiszeitenein teilung deuten mit Nachdruck darauf hin, daß sie nicht wüssten, ob wir uns zur Zeit einer neuen Eiszeit oder einer neuen Warmzeit nä hern. Auch die neuesten Forschungen geben uns keinen sicheren Hin weis, welche Gebiete der Erdoberfläche sich in einer vorerst noch un berechenbaren Zukunft in den Nord- oder Südpol des Erdballs ver wandeln werden. So befindet sich die Erde in unaufhörlicher Entwicklung. Sie ist un 4
aufhörlich Veränderungen ausgesetzt. Wir wissen nicht genau, wie sie entstanden ist, können ihre Zukunft nicht voraussehen. Während sich der Ablauf eines Tages, eines Jahres unseres Lebens in erschreckender Raschheit vollzieht, stehen wir im Mittelpunkt einer Entwicklung, de ren unendliche Langsamkeit unserer Vorstellung ebenso unfassbar er scheint wie Zeit und Raum, in denen sie vor sich geht.
Vom Denken zum besseren Leben Wie sie auch immer entstanden sein mögen – es steht fest, daß es Eis zeiten und Warmzeiten gegeben hat. Während der Warmzeiten gab es lange Regenperioden, in denen eine üppige Pflanzen- und vielge staltige Tierwelt auch in Gegenden gedieh, die wir heute nur als Wü sten kennen. Wassermassen strömten von den Gletschern in die Mee re, Landhebungen und Landsenkungen formten die Kontinente, ver schütteten alte Lebensformen und ersetzten sie durch neue. Vermut lich hat damals keine einzige Stelle der Erdoberfläche so ausgesehen, wie sie heute aussieht. Manche Gegenden, die heute mit ewigem Sommer gesegnet sind, wa ren vormals kalt, und manche jetzt von Eis und Schnee heimgesuchte Gebiete genossen tropisches Klima. Man muß über eine starke Einbil dungskraft verfügen, um sich vorstellen zu können, daß sich einst Ele fanten im Wiener Becken tummelten und Dattelpalmen an den Ufern des Rheins unter einem stets wolkenlosen blauen Himmel wuchsen. Man kann in Museen und auf Abbildungen Skelettreste oder Nach bildungen der so genannten ›vorsintflutlichen‹ Reptilien und Fossili en betrachten – mit ungeheuren Fängen und gewaltigen Gebissen aus gestattete Urtiere, ungeheure Eidechsen, die sich schleichend oder mit Kängurusprüngen vorwärts bewegten und die sogar in der knöcher nen Leblosigkeit des Skeletts Angst und Grauen erwecken. Wenn man 5
sich vorstellt, wie auch noch Tiere, die sich später entwickelten, aus sahen, und daß unsere Vorfahren zu ihrer Abwehr keine natürlichen Waffen besaßen, erscheint es wie ein Wunder, daß sie überhaupt fähig waren, sich am Leben zu erhalten, ja sich zu einer Gattung zu entwik keln, der es schließlich gelang, die Erde zu beherrschen. Man könnte die Entwicklungsgeschichte des Menschen als die Ge schichte der Überwindung größter Widerstände bezeichnen. Die Na tur setzte den Menschen eisiger Kälte und glühender Hitze aus – den Menschen, das zweibeinige Lebewesen, dem sie zum Schutz der emp findlichen Haut nur eine immer spärlicher werdende Behaarung ver liehen hatte, dessen Zähne nicht Hauer waren wie die der Raubtiere, dessen Zehen- und Fingernägel verkümmert schienen im Verhältnis zu den Krallen seiner vierbeinigen Zeitgenossen. Der Mensch hatte Augen zum Sehen, er konnte riechen und hören, tasten und schmecken, aber weder sein Geruchssinn noch sein Gehör waren so vollkommen entwickelt wie bei den meisten Tieren. Er muß te, um den Tieren gewachsen zu sein, seine fünf Sinne besser zusam menhalten, um überlegen zu sein. Er durfte nicht wie die Tiere nur der schnuppernden Nase vertrauen oder dem scharfen Ohr. Er mußte ler nen zu denken. Daß dies dem Menschen gelang, ist schlechthin gran dios. Was heißt: denken? Es gibt darüber viele Theorien, doch es mag am einfachsten sein, sich zu vergegenwärtigen, wie der Urmensch – die ses mit so mangelhaften' Abwehrwaffen in die angriffslustige Welt ge stellte Wesen – dazu kam, das Denken, das ihn von den anderen Le bewesen unterscheidet und über sie erhebt, zu seiner ureigenen, sei ner eigentlichen Funktion zu machen: er lauert, er hat Hunger, er hat Angst – eine ewige Angst, wie Tiere Angst vor anderen haben, stärke ren, überlegeneren. Er muß vor allem eines besser können: sich verber gen, sich verborgen halten, solange die gefährliche Nähe des anderen währt. Er muß das andere beobachten – und damit beginnt der Denk prozess. Während der Affe, dieses dem Menschen ähnlichste Lebewesen, sich fast ausschließlich damit begnügt, seine Umwelt im wahrsten Sin 6
ne des Wortes nachzuäffen, äfft der Mensch nicht blindlings nach, er sieht, er horcht, er lernt aus dem Verhalten des anderen Lebewesens, was er für das eigene Leben braucht. In seinem früheren Lebenskampf, in der harten Schule der Natur, half dem ersten Mann die erste Frau – ganz anders als dem Tiermänn chen das Weibchen. Freilich verband die Menschen noch ein weiteres: die Sprache. Es mag erst nur eine Folge von Lauten gewesen sein, mit der sie Erschei nung der Umwelt, Gegenstände, Gefühlsempfindungen und auch sich wiederholende Ergebnisse ihres Denkvorganges bezeichneten und zum Ausdruck brachten. Nicht deutlich ausgesprochene Worte waren es, durch die sie sich miteinander verständigten, lediglich kurze Mit teilungen, Laute der Freude und des Vergnügens oder der Unlust und des Schmerzes. Die Organe entwickeln sich durch Übung. Sprechen zu lernen und das Gesprochene nicht nur zu hören, sondern auch im Sinn zu erfas sen, wurde eine der großen Erfahrungen und Leistungen des Men schen. Die Fähigkeit zur Verständigung führte auch dazu, daß Mann und Frau sich nicht nur durch die körperliche Vereinigung miteinander verbanden und fortpflanzten, sie teilten sich auch Gedanken mit und wurden dadurch einig und eins. Ob die Frau die Lehrmeisterin des Mannes war oder umgekehrt, das wird wohl nie zu ergründen sein. Gewiß ist allerdings, daß ihr Verhalten zueinander, die Bewertung ihrer gegenseitigen Bedeutung, die Achtung, die sie voreinander hatten, schon in frühester Zeit von ihren Lebensgewohnheiten abhing. Wie meist in der Tierwelt ist in der Welt der Menschen der Mann körperlich überlegen. Er ist höher gewachsen, er hat stärkere Muskeln, er scheint widerstandsfähiger zu sein. Aber es ist sehr wahrscheinlich, daß in der Zeit der frühesten Menschen die Frau besser oder mehr gedacht hat, denn sie war es, die das Genießbare aufspürte und kostete, sammelte und verwahrte. Sie legte Vorräte an und verwaltete sie. Sie war die Hüterin der Höhle, die dem Mann und ihr selbst Schutz gewährte. Sie sandte den Mann hin 7
aus auf die Jagd und sorgte dafür, daß er am Eingang der Höhle Wa che hielt. Die verschiedenen Tätigkeiten von Mann und Frau erforderten bald auch verschiedene Hilfsmittel. Der Mensch hat weder große Fänge noch nennenswerte Krallen. Was er aber nicht hat, das kann er her stellen. Er hat die Hand: das Werkzeug der Werkzeuge. Ein scharfer Stein in seiner Faust ersetzte die Kralle des Raubtieres, und wenn sich der Stein nicht durch Sonnenglut oder Regen vom Felsen gelöst hatte, dann löste ihn der Mensch. Wenn das abgesplitterte Stück von vorn herein nicht scharf genug war, lernte der Mensch den Splitter schär fen. So entstanden der Faustkeil und die erste Klinge, die in der harten Hand festgehalten, Kralle und Zahn des Raubtieres ersetzten. Für die Hände der Frau war der Stein zu hart. Holz und Knochen waren die Stoffe, die sie brauchte, und der Mann schuf daraus die er sten Geräte für die Arbeit der Frau. Vor allem benötigte die Frau den Grabstock, ein zurechtgeschnitztes Knochen- oder Holzstück, das es ihr erleichterte, Wurzel und Knollen aus der Erde zu heben. Sie war genügsamer und beherrschter als der Mann, der auf seiner Nahrungs suche das Tier erlegte und dann gleich so viel davon verzehrte, wie er konnte. Die Frau sammelte Wurzeln und Knollen und brachte sie in die Behausung – unter Felsvorsprünge im Sommer und im Winter in die Höhle. Sie legte Vorräte an, und unter ihrer Obhut gediehen die jungen Menschenkinder. Die Warmzeiten brachten neues Wachstum auf der Erdoberfläche hervor, Regenfälle belebten die ausgetrocknete Erde. Neue Pflanzen sprossen aus dem Boden. Von Generation zu Generation entwickelte sich immer mehr die Fähigkeit der Beobachtung, die Gabe des Men schen, zu lernen. Er spürte einen Drang, dem zuliebe er rastlos nach Neuem suchte, Neues fand und erfand, und der ihn auch wieder von den andern Lebewesen des Erdkreises unterschied: den Drang nach dem besseren Leben.
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Leben und Sterben Das bessere Leben ist schon seit der Urzeit das Leitmotiv des menschli chen Daseins. Die wesentlichsten Ergebnisse des Fortschritts sind die jenigen, die zum Ersatz oder zur Ergänzung der Natur führen: sich warm zu halten, wenn es kalt ist, sich vor der Hitze in kühlen Räumen zu schützen, sich das Zusammenspiel der Naturkräfte in seiner gan zen Vielfalt dienstbar zu machen. Das erste der Naturelemente, das der Mensch als einziges Lebewesen sich nutzbar machte und zu be herrschen unternahm, war das Feuer. Es wurde seine angebetete Gott heit, die Himmelskraft und seine gefügige Magd – wenn es ihm ge lang, die ›freie Tochter Natur‹ zu zähmen. Der Herd wurde das Sinn bild der Häuslichkeit. Der Mensch, der das Feuer beherrschte, begnüg te sich nicht mehr mit Faustkeil und Klinge. Er erzeugte bessere Gerä te; besonders ein kleines, dreieckiges Feuerstein-Werkzeug, das er zum Kratzen, Schaben und Bohren verwendete, und auch schon handliche re Klingen, die sich in der Form von Messern unserer Tage kaum un terscheiden. Zu den schwierigsten und gefährlichsten Aufgaben, de nen sich der Urmensch gegenübersah, gehörte die Jagd auf Großwild: Nashorn, Elefant und Höhlenbär. Knochenfunde bekunden, daß der Höhlenbär drei Meter hoch war – kein Gegner, dem man einfach ent gegentreten konnte! Wer aber einmal gesehen hatte, daß ein Höhlen bär, der nicht auf den Weg achtete, abstürzen und sich dabei den Hals brechen oder die Glieder verrenken konnte, der versuchte es, dem stär keren, schier unüberwindlichen Gegner Fallen zu stellen. Wem die Natur nicht hilft, der kann sich mit dem Verstand helfen. Wo es kei ne Abgründe gab, in die der Höhlenbär stürzen konnte, mußte man sie schaffen. So wurde eine Grube gegraben, in die der Höhlenbär ah nungslos fiel und in der er mit der Klinge getötet werden konnte. 9
Das war nicht die einzige Methode, den überlegenen Gegner zu Fall zu bringen: Was ein Mensch allein nicht konnte, das konnten mehrere, wenn sie sich zusammentaten. Der Bär konnte sich eines, zweier, dreier Menschen erwehren, aber wenn ihn viele gleichzeitig von allen Seiten überfielen, dann siegte die Überlegenheit der Mehrzahl. Man mußte sich nur miteinander verständigen können, um gemeinsam zu schaf fen, was der einzelne allein nicht konnte. Das führte zu gemeinsamer Leistung – und zur Teilung der Beute, die ja durch die gemeinsame Leistung vervielfacht wurde. Wer richtig anzuordnen und gerecht zu teilen vermochte, erhielt mehr als die anderen. Die Erfahrung, daß viele erreichen können, was einer allein nicht kann, führte über die natürliche Gruppe der Familie zum Zusammen schluss mehrerer Familien. So entstand die Horde. Vermutlich waren es meist Blutsverwandte, die herangewachsen waren, solange die El tern noch lebten, und die beisammen blieben, weil die Erfahrung sie gelehrt hatte, daß vereinte Kräfte Besseres und mehr erwirken können als vereinzelte. Das Zusammensein verminderte die Angst vor der Umwelt. Der Mensch hatte gelernt, sich zu schützen, er verbesserte seine Lebens bedingungen Jahrhundert um Jahrhundert, Jahrtausend um Jahrtau send. Er fand sich auf dem Erdkreis zurecht. Wenn es irgendwo nichts mehr zu jagen und zu sammeln gab, zog er woanders hin. Auch der Wechsel der Jahreszeiten erschreckte ihn nicht. Er schützte sich vor dem Winter, er genoß den Sommer. Was ihn jedoch erschütterte und zu erneutem Denken zwang, war das Unfassbare des Todes. Er hatte es in der Tierwelt beobachtet, er wußte, daß von einer Stunde zur näch sten das mächtigste, das größte Tier plötzlich umfiel und sich nicht mehr bewegte. Wenn er selbst es auch erst nicht wagte, sich der ge waltigen Tierleiche zu nähern, so sah er doch, daß Wetter und Zeit die Formen des ehemaligen Lebewesens zerstörten. Er war Zeuge des Verfalls – und wollte es nicht wahrhaben, daß der Vater, der Bruder, daß seinesgleichen einmal aufhörten zu sein so wie das Tier, das in den Farnen verendete und zerfiel. Sein Vater und sein Bruder konnten doch nicht für immer vergehen! 10
Der Tote wurde mit den Gegenständen, die er im Leben gebraucht hatte und die ihm gehörten, begraben. Die gute Erde, die Wurzeln und Knollen hervorbrachte, von denen die Menschen sich nährten, nahm die Toten auf. In einer Höhle, durch Steinblöcke, die auf und um den Körper gelegt wurden, geschützt, lebte er in der Vorstellung der Leben den als Toter fort. Am besten war es, den Toten in der Nähe des Herdes im wahren Sinne des Wortes ›beizusetzen‹, denn er wurde zumeist in sitzender Stellung begraben: Er lebte nach dem Tode weiter.
Der Alltag der Jahrtausende Wir können die aufeinander folgenden Abschnitte der Menschheits geschichte zeitlich nicht genau begrenzen. Wir wissen auch nicht, wie es auf der Erde ausgesehen hat zu den verschiedenen Zeiten, in die wir das Auftreten der frühen, nach den Fundorten benannten Menschen stellen. Tausende von Jahren trennen die einzelnen Abschnitte vonein ander und zeigen eine langsame Entwicklung der menschlichen Fähig keiten. Der Jäger, der erst in verzweifeltem Lebenskampf ein Tier erleg te, entwickelte Methoden der Jagd und schuf neue Geräte, neue Waf fen. Er jagte nicht mehr, weil er mußte – er jagte, weil er es konnte. Als die Frau, eifrig im Sammeln von Knollen, wahrgenommen hat te, daß die Abfälle dieser Knollen auf dem Lagerplatz neues Leben aus der Erde trieben, begann sie zu pflanzen. Die Frau hatte bis dahin ge erntet, ohne zu säen; jetzt lernte sie zu säen, um zu ernten. Der Lagerplatz, der bis dahin als vorübergehender Aufenthaltsort galt, wurde zu dem Ort, an dem die Nahrung aus der Erde wuchs. Es ist sicher, daß der Ort, an dem gesät und geerntet wurde, zunächst ge wechselt hat, bis es den Menschen auffiel, daß es gute und schlech te Äcker gab, gute Erde, die mit Zins und Zinseszins wiedergab, was ihr anvertraut worden war, und kargen Boden, der wenig hergab. Gu 11
ten Boden zu verlassen, um in der ungewissen Ferne neue Erde zu su chen, erschien widersinnig. Es entstand ein Zugehörigkeitsgefühl zur Erde, ein Gefühl der Dankbarkeit für den Boden, der gab, was zum Le ben notwendig war. Man brauchte vor Wind und Wetter nicht unter überhängenden Fel sen Schutz zu suchen, wenn man diese überhängenden Felsen in ande rer Form nachahmte. Die Erdhöhle mußte nicht durch die Erschütte rung der Natur in der Bergwand entstanden sein, sie konnte gegraben und mit Laub oder übereinander gelegten Tierfellen bedeckt werden. Während die Frauen den Boden um ihre Wohngruben und -höhlen bebauten und den Ertrag der Ernte verwalteten, gaben die Männer ih rem unsteten Wesen nach und gingen auf die Jagd. Solange es Beute in der Umgebung der Wohnstätten gab, hatten die Männer auch keinen Grund, nicht zu den heimischen Lagerstätten zurückzukehren. Wenn es kalt war, erwartete den Jäger ein wärmendes Feuer und Nahrung, auch wenn ihm die Jagd misslungen war. Wenn sie aber erfolgreich gewesen war, dann konnte er die Freude mit der Familie, der Horde teilen und Haut und Knochen des erleg ten Tieres verwerten. Die Felle verwandelten sich in Kleidungsstücke, die Knochen in Werkzeuge. Waren Knochen auch nicht so haltbar, so konnten sie doch zu Werkzeugen geformt werden, die im täglichen Le ben dienten. Die zweckmäßige Verbesserung der Werkzeuge hielt Schritt mit der Verbesserung der Lebensverhältnisse. Das eine war durch das ande re in steter Wechselwirkung bedingt. Die Frauen erlernten das Nähen, das Aneinanderfügen verschiedener Felle, und so entstanden die er sten Kleider und Zelte, die die Wohnstätte beweglich machten. Das Flechten und Knüpfen war nicht weniger wichtig. Schon aus früherer Zeit stammen Knochennadeln, deren feines Öhr verrät, daß das Nä hen eine der frühesten menschlichen Erfindungen war, ebenso wie die Bogensehne, die dem Jäger half, seine Beute aus der Ferne zu erreichen, und Gefäße, die der Urform der Höhlung im Gestein nachgeformt wa ren. Irgendwo und irgendwann geschah es, daß ein Stück ausgehöhl ter Tonerde in der Sonnenglut hart wurde und daß dadurch ein Ge 12
fäß entstand, das vom einen oder andern Mitglied der Horde zögernd nachgebildet wurde. Bald wurde neben der Sonnenhitze, die sich bei der Gestaltung solcher Gefäße bewährt hatte, auch das Herdfeuer ver wendet. So entstand die Keramik, die Fertigkeit, aus weicher gefügiger Tonerde Gefäße zu formen und zu brennen, die Flüssigkeit aufnehmen konnten und sie ebenso festhielten und bewahrten wie die natürlichen Höhlungen im Gestein. Wenn man harte Knollen und Wurzeln in diesen Gefäßen erhitzte, wurden sie weich; sie veränderten ihren Geschmack und blieben nicht nur genießbar, sondern boten auch den zusätzlichen Genuss des Ge kochten. Auch Fleisch veränderte die Form und den Geschmack, wenn es in solchen Gefäßen erhitzt wurde. So nahm die Kochkunst ihren Anfang. Ein Gerät nach dem andern entstand in den Wohnhöhlen, das dem gehörte, der es geschaffen hatte. Wer sich besonders dazu eignete, Ge räte herzustellen, tauschte sie mit seinem Nachbarn, der befähigter war zur Jagd oder erfolgreicher in der Erzeugung von Klingen und Hand beilen und über mehr Felle und kräftigere Knochen von seiner Beute verfügte. So entstand der Tauschhandel. Fähigkeiten führten im Gemeinschaftsleben zur Bevorzugung. Bald war es nicht mehr nur die Kraft oder Behendigkeit des einzelnen, nicht nur seine Geschicklichkeit in der Handhabung von Waffen, die sei ne Stellung in der Gemeinschaft bestimmte. Auch die Begabung zur Herstellung des erwünschten Werkzeugs oder Gegenstandes führte zu Bevorzugungen. Die Kenntnis der Methoden, wie ein Gegenstand er zeugt wird, war eine wertvolle Eigenschaft, die über den andern hin aushob. Die Vermittlung dieser Kenntnis mochte ohne Entgelt erfol gen, aber die Anerkennung konnte nicht ausbleiben. Der Kenntnisrei che, der Wissende wurde geachtet. Nicht mehr die Hände mit ihrer Kunstfertigkeit, der Kopf wurde am höchsten geschätzt – der Kopf, der das Denken beherbergt, das Haupt. Und wer den besten Kopf hat te, das beste Haupt, wurde Häuptling. Der Häuptling kannte die besten Jagdgebiete, er konnte das Wetter, die Witterung voraussehen. Wer sich mit ihm nicht beriet oder sich 13
seiner Führung nicht anvertraute, dem konnte es geschehen, daß er ohne Beute heimkehrte. Wer ihm gehorchte, konnte der Beute gewiß sein. Die Kenntnisse verschafften dem Häuptling den Ruf der Seherga be. Ihn umgab das Geheimnis der Magie. Der Häuptling wurde nicht nur der Anführer der Jagden, sondern auch der Zauberer, und er genoß als solcher den Ruf, mit den höhe ren Kräften im Einklang zu stehen. Wenn er voraussagte, daß es reg nen werde, und es regnete tatsächlich, dann wurde angenommen, daß er es war, der den Regen hervorgerufen hatte, und wenn nicht er selbst, so doch die höhere Gewalt, mit der er als Häuptling in Verbindung stand. Man gehorchte ihm nicht nur, weil er über scheinbar übernatürliche Kräfte verfügte, sondern auch weil die Zahl der Männer, die an ihn glaubten, überwog. Wenn es in einer Gemeinschaft mehr als einen solchen Mann gab, der sich mehr Wissen angeeignet hatte oder mehr Wissen anmaß te, dann trat ein Wettbewerb ein. Ein Kampf fand statt – oder aber eine Spaltung der Horde, die zum Aufsuchen neuer Lagerplätze, neu er Wohnorte führte. Aber nicht nur zweckdienliche Fertigkeiten erhöhten das Ansehen in der Horde, sondern auch die zauberhafte Fähigkeit, Gesehenes wie derzugeben, das Tier der Jagd an die Felswand zu malen und dadurch das Unwirkliche heraufzubeschwören, als sei es wirklich. Die Jagdbeu te wurde durch solch eine Fähigkeit magisch festgehalten, sozusagen ›übernatürlich gestellt‹, und konnte dem Jäger nicht mehr entgehen. Die bildliche Darstellung des erwünschten Beutetiers entwickel te sich zum Kult, in dem die zur Andacht Erregten ihre Waffen nach den Abbildungen schleuderten, um sich im geheiligten Vorspiel bereits den Erfolg der Jagd zu sichern. Die Spuren dieses Jagdzaubers sind in den meisten Felshöhlen erhalten, in denen vorgeschichtliche Zeich nungen gefunden worden sind. Der Zauber begnügte sich nicht nur mit Zeichnungen. Das Darstellungsvermögen der früheren Menschen beschränkte sich nicht nur auf die Fläche. Das Bedürfnis nach kör perlicher, greifbarer Wiedergabe von Tieren, die gejagt werden sollten, 14
führte zur Schnitzerei und auch zu Ritzzeichnungen auf Knochen und Elfenbein. Nicht jede Horde verfügte über eine Felsenhöhle, deren Wände be malt werden konnten. Geschnitzte Sinnbilder erfüllten ähnliche Zwek ke. Die Darstellung von Wildpferden und Rentieren, von Mammuts oder Bisons diente dem Jagdzauber, aber es haben sich auch geschnitz te Abbilder beleibter Frauen erhalten, die zumeist als Göttinnen beur teilt werden, vielleicht aber auch dem Wunsch der Männer Ausdruck gaben, diese Frauen zu besitzen. Das heilig gehaltene Sinnbild – ein Tier, das nicht gejagt, eine Pflan ze, die nicht verzehrt werden sollte – wurde zum Wahrzeichen, zum ›Totem‹ der zu einem Clan vereinigten Familien, die sich zum gemein samen Leben zusammengeschlossen hatten. Es herrschte der Glaube, daß das Totemtier dem Clan Kraft gäbe und die Gemeinsamkeit ge währleiste, und es entstand der Aberglaube, daß Mitglieder der To temsippe keine Ehe miteinander eingehen, sondern nur in einen ande ren Clan einheiraten dürften. In diesem Abschnitt der Menschheitsgeschichte galt das Mutter recht. Die Bedeutung der Frau, die durch den Anbau die Ernährung der Familie sicherte, war größer als die des Mannes. Sie besaß das von ihr bebaute Land, und es galt als natürlich und selbstverständlich, daß der Mann bei der Heirat in das Haus der Frau zog. Er war von ihr ab hängig. Ihre Verbundenheit mit der Erde, der sie die Nahrung entlock te, verlieh ihr den Ruf geheimnisvoller Zauberkraft. Die Frau wurde zur sinnbildlichen Spenderin der Fruchtbarkeit.
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Die ersten Bauern Mensch und Tier traten einander zunächst feindlich entgegen. Ihre Be ziehung zueinander beruhte auf Furcht und bestand aus Angriff und Abwehr. Die Anbauflächen um die Siedlungen der Menschen erregten den Spürsinn und die Neugier gewisser Tiere, die Pflanzennahrung suchten oder auf Abfälle hofften. Wenn sie nicht von den Menschen vertrieben wurden, kamen sie wieder oder blieben. Die ersten Tiere, die sich an die neugegründeten Wohnstätten der Menschen heranmachten, waren der Hund und das Schwein. Sie wur den gezähmt und im wahren Sinne des Wortes Haustiere. Bald kann te der Jäger keinen besseren Gefährten zur Jagd als den Hund, und das Schwein zog die gesicherte Existenz dem unsicheren Nahrungs aufspüren vor. Aus der Vogelwelt war es das Huhn, das, vom Anbau der Hirse gelockt, lieber dort blieb, wo es Hirse vorgesetzt bekam, statt selbst auf die Körnersuche zu gehen. Die Flügel verkümmerten, weil das Huhn Nahrung bekam, ohne daß es die Flügel zum Flug ge brauchen mußte. Gleichzeitig mit den Menschen vermehrten sich die Tiere, die von ihnen gehalten wurden und die zum Unterhalt der Menschen beitru gen. Bald kam das Rind zu den Haustieren hinzu. Aber während der Mensch den Hund, das Schwein und die Hühner mit den Abfällen sei ner Mahlzeiten ernähren konnte, mußte er für das von ihm gefangene und gezähmte Rind Weidegebiete finden. Der Wechsel der Jahreszei ten machte es notwendig, daß sich die Menschen, die Rinderzucht trie ben, auf die Suche nach neuen Weideplätzen aufmachen mußten. Wer sich zur Rinderzucht entschloß, konnte nicht sesshaft bleiben. So entstand eine soziale Spaltung der Menschen in diejenigen, die dort blieben, wo sie angebaut hatten, und in diejenigen, die um ihrer Her 16
den willen zu Nomaden wurden, wenn sie auch den Wunsch hatten, zu ihren ursprünglichen Heimen – zur Heimat – zurückzukehren. Um eine Großherde zusammenzuhalten und zu überwachen, be durfte es zahlreicher Hirten. Meist waren es die Mitglieder einer Fa milie, die sich unter Führung des Geschicktesten zusammenschlossen. Oft war es der älteste, den seine Lebenserfahrung zum Oberhaupt ei ner Familie machte. Die Entfernungen, die die Viehzüchter mit ihren anwachsenden Herden auf der Suche nach Weideplätzen und Tränkstellen zurückle gen mußten, waren oft gewaltig. Manchmal vergingen Jahrzehnte, bis sie wieder an ihren Ausgangspunkt zurückkehren konnten. Sie hatten auf diesen beruflichen Zügen neue Gebiete erforscht, Gefahren bestan den, Neues gesehen und fanden bei ihrer Rückkehr nur wenige ihrer ehemaligen Nachbarn und Stammesangehörigen vor. Sie waren nicht mehr willkommen. Wenige waren ausgezogen, und viele kehrten zu rück. Inzwischen hatten sich auch die Bebauer der Anbauflächen ver mehrt und ihre Lebensweise verbessert und verwehrten den heimkeh renden Nomaden die Ansiedlung in ihrem Gebiet. Das war der Anlass zu den ersten kriegerischen Auseinandersetzun gen zwischen Horden. Wenn die Viehzüchter siegten, wurden die An sässigen ihre Untertanen und gezwungen, für alle die Arbeit zu leisten, die sie vorher nur für sich allein geleistet hatten. Der Sieger blieb in der Siedlung, und die älteren sandten die jüngeren aus, für die Großherden neue Weideplätze zu suchen. Die älteren hatten inzwischen gelernt, die Siedlung zu schützen: erst durch Wachtposten, die sich verschanzten, dann durch Schanzen, die mit Wachtposten besetzt wurden. Auf den Feldern wurde nicht mehr mit dem einfachen Grabstock ge arbeitet. Dessen Unterteil war breiter geworden. Mit dem so entstan denen Spaten arbeitete es sich leichter und schneller. Wenn zwei Frau en einen Spaten bedienten und ihn mit Hilfe eines Zugseils durch den Boden zogen, ging es noch rascher. Wenn die Erde hart war, wider stand sie dem Ziehspaten; so wurde die Hacke erfunden und schließ lich der Pflug. Am Strand der Meere, an den Ufern der Seen lernte der Mensch fi 17
schen. Er benutzte dazu Pfeile und Knochenharpunen. Er hatte beob achtet, daß Holz auf dem Wasser schwimmt, sogar wenn es belastet ist; er zimmerte Einbäume oder Flöße. Um das tun zu können, mußte er Bäume fällen. Er lernte auch, die Rinde der Bäume zu verwenden: er knüpfte aus Rindenbast Netze zum Fischfang. Wieweit eine Menschenhorde der andern bei diesen urzeitlichen Er findungen behilflich war, läßt sich kaum feststellen. Gewiß ist aller dings, daß die vom Klima und der Landschaft begünstigten Menschen sich in den frühen Zeiten reicher entwickelten, während die vom Kli ma benachteiligten in ihrer Entwicklung zurückblieben. In dieser Epoche der Jungsteinzeit gab es in Mesopotamien schon entwickelte Bauernkulturen. Die Menschen lebten in Dörfern und Stadtsiedlungen. Sie lernten das Feuer in einer ganz neuen Art anwen den. Gewisse Gesteine schwitzten, wenn sie der Glut ausgesetzt wur den, eine rotleuchtende Masse aus ihren Adern: das Kupfer. Während die Jäger und Fischer an der Ostsee ihre Beile immer noch aus Rentier geweihen schnitzten, fertigten die Menschen in Mesopotamien und Ägypten ihre Geräte schon aus Kupfer an. Die Verteilung der Arbeit änderte sich. Der Mann übernahm den Hauptteil der schweren Feldarbeit, die Frau die Versorgung der Haus tiere. Verbesserungen des Handwerkszeuges waren eine selbstver ständliche Folge der Sesshaftigkeit. Die Steingeräte wurden jetzt ge glättet, durchbohrt und geschäftet. Aus Pflanzenfasern, Stroh und Streifen tierischer Häute wurden Geflechte erzeugt: das Weben war erfunden. Noch immer verehrten die Menschen mütterliche Erdgottheiten, aber der Himmel, aus dem die Sonne schien und der Regen fiel, er weckte und bestärkte den Glauben an einen Himmelsgott. Am Ur sprung der Quellen und im geheimnisvollen Dunkel der Höhlen ver mutete die Einbildungskraft schützende Gottheiten und betete sie an, und auch das Rind, das als Zugtier die Kultur des Pflugbauern ermög lichte, wurde mancherorts als göttliches Wesen verehrt. Aber immer noch erschütterte den Menschen die furchtbare Er scheinung des Todes. Der Mensch wollte es nicht wahrhaben, daß sei 18
ne Gefährten nicht mehr weiterleben sollten, wenn der Tod sie ereil te. So wie früher in den Höhlen setzte er die Toten in seinem Hause in der Nähe des Herdes bei, von Steinplatten behütet, und gab ihnen Ge brauchsgegenstände und eine Wegzehrung für das Weiterleben nach dem Tode mit. Freilich entwickelten sich die Lebensgewohnheiten, die Arbeitswei sen und die Kulte für die Lebenden und die Toten verschieden in den einzelnen geographischen Gegenden. Die großen Naturkatastrophen – der Wechsel der Warm- und Eiszeiten – waren zu Ende mit der Peri ode, die sich der geschichtlichen Datierung näherte, und die Erdober fläche hatte im wesentlichen schon die Gestalt, die sie noch heute be sitzt. Vom Beginn der Zeitrechnung an aber ist der Mensch der Natur gegenüber Herr seines Schicksals.
Volk am Strom I Die Suche nach neuen Weideplätzen führte immer wieder andere asia tische Nomadenhorden an die Küste des Mittelmeeres. Auf diesen Zü gen nach dem wärmeren Südwesten hatten sie da und dort ergiebiges Land entdeckt. Sie hatten Siedlungen an Wasserläufen und in Tälern gegründet, und ihre Kinder und Kindeskinder waren so lange sesshaft geblieben, bis sich Menschen und Tiere der Horde so vermehrt hatten, daß es vorteilhafter schien, lieber eine neue Wanderung zu beginnen, als sich gegenseitig in den zu eng gewordenen Gebieten zu bedrän gen. Die Erde war weit. Man mußte sich nur auf den Weg machen, um ihre Weite zu nützen. Das Vieh graste während des gemächlichen Zu ges durch immer neue Landschaften. Daß ab und zu ein Raubtier nach 19
Beute suchte und bei der Verteidigung der Herde erlegt wurde, erhöh te den Reiz des schier endlosen Marsches in die unerforschte, geheim nisvolle Fremde. Auf einem dieser Züge nach dem Süden stießen die Nomaden auf eine neue Erscheinung. Sie kannten wohl das Meer, sie hatten den An blick des Wassers erlebt, das nur durch den Horizont in weiter Ferne begrenzt ist. Aber was sie jetzt vor sich sahen, kannten sie nicht: Vor ihnen lag ein Sandmeer, das endlos schien. Wenn sie sich auch vor wärts wagten, die Entfernung zum Horizont blieb die gleiche. War es das Ende der Wanderung? Das Ende der Welt? Waren die weiten Ge biete, durch die sie gezogen waren, auf der einen Seite durch das Meer, auf der anderen durch die unheimliche Sandwüste begrenzt? Auf ihrem Wege waren die Nomaden durch Sterne am Himmel ge lenkt worden und hatten gelernt, sich mit ihrer Hilfe zurechtzufinden. Es gab neugierige, wagemutige Männer und ihre Anhänger, die der Vorstoß ins Unbekannte nicht abschreckte. Vielleicht bedeutete der Beginn der Wüste doch nicht das Ende der Welt. Wie viele den Marsch durch das Sandmeer unternahmen und wie lange es dauerte, bis sich ganze Horden in Bewegung setzten, um jenseits der Wüste Wasser zu finden, ist ungewiss – ebenso ungewiss wie der Ablauf der Zeiten, in denen das ehemals üppige regenreiche Gebiet ausgetrocknet war. Wir wissen, daß die Wüste nicht immer Wüste gewesen ist und daß in der Landschaft der östlichen Sahara, ehe der Sand sie zudeck te, Menschen gelebt haben. Das bezeugen zahlreiche Funde von bear beiteten Feuersteinen, diesen stummen und verlässlichen Marksteinen der Vorgeschichte. In welcher Periode der Warmzeit die unerbittlichen Gluten der Sonne das Wachstum in diesen und anderen Gebieten ver nichtet hat, darüber gibt es verschiedene Meinungen. Vielleicht war es in der Zeit der großen Landhebungen und Landsenkungen, als die er regte Erde die Wassermassen der Meere verschob, so daß sie die Land brücken überschwemmten, die Italien und Spanien mit Afrika verban den, und die beiden flachen Binnenseen zwischen dem europäischen und dem afrikanischen Kontinent zum heutigen Mittelmeer vereinten. Griechenland wurde von Vorderasien gerissen, und damals mochten 20
auch die britischen Inseln vom europäischen Festland getrennt wor den sein. Die unentwegten Nomaden, die die Sandwüste auf ihrem Weg nach dem Westen durchquerten, fanden eine Gegend, die ihnen nach der Wanderung über den trockenen Wüstensand als das erträumte Wunschland erschien. Da überschwemmten die Fluten eines mächti gen Stromes schwarze fette Erde, und wenn sie versickerten, wuchsen auf dem reichen Boden Bäume, die saftige Früchte trugen, und Getrei de gedieh auf den weiten Feldern. Es war zwar kein breites Gebiet, nur ein Band üppig blühendes Land, das den Strom zu beiden Seiten be gleitete, aber der Lauf des Stromes schien endlos zu sein. Wo er seinen Ursprung hatte, wußten die Nomaden nicht. Sie konnten sich auch mit den Bewohnern dieses Wunschlandes kaum verständigen. Das Volk der Ufer sprach eine fremde Sprache, aber es war freundlich und fried lich, gastfrei und zutraulich wie alle Menschen, die im Überfluss leben. Sie hatten Behausungen, die denen der Nomaden nicht unähnlich wa ren. Die Pflanzen, die an den Ufern des Stromes wuchsen, das Schilf und die lehmige Erde lieferten ihnen geeignetes Baumaterial. Auch lie ßen sie das Wasser des Stromes nicht nur ihr Land bewässern, sondern auch Lasten in Kähnen befördern. Die Bewohner dieses Landes waren dunkelhaarige Menschen. Die Männer trugen Felle über den Schultern und einen kurzen Schurz aus weißem Stoff um die Lenden. Die Frauen kleideten sich in Gewän der, die von den Schultern bis zu den Knöcheln reichten. Der Stoff der Schurze und Gewänder war weich und schmiegsam. Er war aus Fasern gewebt, die die Nomaden nicht kannten. Diese Menschen begnüg ten sich nicht mit der vom Honiggelb ins leichte Braun schimmern den Farbe ihrer Haut, um gefällig zu wirken. Sie verrieben das grü ne Pulver eines Steines auf ihren Wangen und über den Augenlidern und schmückten ihre Finger und Arme mit geschnitzten Knochen. Sie hängten sich Ketten aus rundgeschnittenen Feuersteinen, farbi gen Karneolen und Achaten um den Hals. Auch sie formten Töpfe aus Tonerde wie die Nomaden, aber sie schmückten sie mit reichen Orna menten, deren Linien sie den Umrissen von Tierkörpern und Pflanzen 21
nachgezeichnet oder selbst erfunden hatten. Das großartigste aber wa ren Deiche, Kanäle und Bewässerungsanlagen für ihre Felder. Die ersten vereinzelten Nomadengäste des Niltales lernten es, sich mit ihren Gastfreunden zu verständigen. Sie erfuhren, daß diese ihr Land ›Quemt‹ nannten, das schwarze Land – im Gegensatz zur gelben Wüste, die es zu beiden Seiten des Stromes umgab. Sie selbst nannten sich einfach ›die Menschen‹ und waren sehr stolz darauf, daß sie sich die größte Macht, die sie auf Erden kannten, freundlich gestimmt hat ten: den Nil. Aber sie waren noch viel stolzer auf eine andere, unver gleichlich bedeutsamere Errungenschaft. Es war ihnen gelungen, das gewaltigste Problem der Menschheit zu lösen: das Problem der Fort setzung des Lebens nach dem Tode.
II Die Uferlandschaft, die durch die alljährliche Überschwemmung und Schlammablagerung des Nil fruchtbar wurde, erstreckte sich in einer Breite von fünfzehn bis fünfzig Kilometern zu beiden Seiten des Stro mes etwa eintausendzweihundert Kilometer lang. Die bereicherte Erde gewährte dreimal eine Ernte im Jahr. Im Norden war die Nillandschaft vom Mündungsdelta begrenzt, im Osten und Westen von der Wüste und im Süden von den Katarakten, den Wasserfällen. Das Niltal war wie eine mächtige Oase, vom Sandmeer geschützt. Die Volksstämme, die während der großen Glut, durch die die Saha ra zur Wüste wurde, an den Ufern des Stromes Zuflucht gefunden hat ten, waren auf keinen Überfall gefaßt. Sie waren ungeübt im Gebrauch von Waffen. Sie hatten es nicht nötig gehabt, ihren Erfindungsreich tum an die Herstellung zerstörender Geräte zu verschwenden. Waffen sind nur nützlich zur Abwehr und ein überflüssiges Gerät, wenn kein 22
Angriff zu befürchten ist. ›Die Menschen‹ vertrugen sich untereinan der. Sie mußten sich vertragen, um sich den Nil in gemeinsamer Arbeit dienstbar machen zu können. Das Niltal wurde ein dichtbevölkertes Land. Der Strom verband Dörfer und Städte, deren Bewohner in gleicher Weise von ihm abhän gig waren. An beiden Ufern herrschten die gleichen Lebensbedingun gen, und so hatten sich ähnliche Lebensgewohnheiten entwickelt. In manchen Gegenden hatten sich Dörfer und Städte freiwillig miteinan der vereinigt oder waren unter die Herrschaft eines Mannes oder ei ner Familie geraten. Diese größeren Einheiten wurden Gaue genannt. In diesen Gebieten gab es Märkte, auf denen landwirtschaftliche und handwerkliche Erzeugnisse ausgetauscht wurden. Dieser Austausch dehnte sich auch auf Nachbargebiete aus. Stromaufwärts und stromab wärts fuhren Kähne, schwer beladen mit Überschüssen, zu den näch sten Märkten. Es herrschte ein reger Handelsverkehr. Aber in südlicher Richtung ging es nicht weiter als bis zum ersten Katarakt. Schon jenseits des er sten Wasserfalles am oberen Flusslauf des Nil lebten andere Völker, dunkelhäutiger als das Volk des unteren Flusslaufs. Sie lebten nicht un ter so günstigen Lebensbedingungen wie ihre nördlichen Nachbarn. Der Strom segnete ihre Ufer nicht mit der Ablagerung seines befruch tenden Schlammes. Im Norden verzweigte sich der Strom in ein ge waltiges Mündungsdelta, dessen Landschaft ebenso dicht besiedelt war wie die Landbänder an seinen Ufern. Auch die Haut der im Del ta lebenden Menschen schimmerte dunkler als die der Bewohner von Quemt. Es handelte sich um die Abkömmlinge von später als libysch bezeichneten Volksstämmen, die aus dem Westen in das Delta einge drungen waren. Der Nil brachte alljährlich Wohlstand durch die Überschwemmung. Die Bewohner des Schwemmlandes hatten Deiche und Kanäle bauen müssen, die dem Wasser Schranken setzten und für gleichmäßige Be wässerung des Landes sorgten. Überall gab es Sachverständige, die in eigenen Schulen darin ausgebildet wurden, Bewässerungsanlagen zu errichten, instand zu halten und zu verbessern. 23
Dieses geordnete Studium der ersten Ingenieure wurde durch ein neuartiges Lehrmittel gefördert und vereinfacht: durch die Schrift. Sie bestand aus Bildern ähnlich denen, die die Tongefäße des tägli chen Gebrauchs schmückten und dem Tierleben und der Pflanzenwelt nachgezeichnet waren. Jedes Bild war ein Zeichen mit bestimmter Be deutung. Als erste Schreiber wirkten die Priester der Gottheiten, die Verkün der und Bewahrer der Gottesverehrung. Sie waren zumeist auch die Häuptlinge, die Ältesten, die Fürsten. Ihr Glaubensbekenntnis be herrschte das Niltal. Sie bekannten sich zu den großen Göttern Osiris und Seth, Horus und Anubis, Thot und Ptah. Sie verehrten auch Gott heiten, die Sinnbilder der unmittelbaren Umgebung waren: Bäume und Felsen, Vögel und wilde Tiere galten ihnen als überirdische We sen, über die der Mensch keine Macht hatte. Es waren gute und böse Geister, die Krankheiten verbreiten und Segen bringen konnten. Es gab auch örtliche Gottheiten, die ein Dorf oder eine Stadt ausschließ lich für sich beanspruchte. Alles Wirken der Natur, das sich offenbar te, wurde zur Gottheit erhoben. Der Himmel war eine ungeheure Kuh, die, den Kopf im Westen, über der Erde stand. Die Sonne wurde täg lich als Kalb neu geboren. Sie fuhr in einer Himmelsbarke dahin, bis sie, in einen alten Mann verwandelt, unterging. Der Himmel war auch das Meer, das von vier Pfeilern über der Erde getragen wurde. Das Meer spielte überhaupt eine bedeutende Rolle in der Vorstellung der Menschen des Niltals. Es war ›der große Kreis‹, der die Erde um schloß, denn sie glaubten, daß der Nil dem Meer im Süden entsprang und sich im Norden wieder mit ihm vereinte. Im Westen, in dem die Sonnenbarke allabendlich verschwand, wohn ten die Toten. Ihr Herrscher war Osiris. Er galt als Sohn und Nachfol ger des Sonnengottes Re und als göttlicher Wohltäter der Menschen. Osiris war von seinem Bruder Seth betrogen und erschlagen worden. Der hundsköpfige Anubis hatte sich sein ewiges Amt als Wächter der Unterwelt dadurch erworben, daß er Isis, der Schwester und Gattin des ermordeten Osiris, geholfen hatte, die von ihr aufgefundene, zerstük kelte Leiche nach altem Brauch für das Begräbnis zurechtzumachen. 24
Obwohl Isis den toten Gatten wiederbelebt hatte, konnte der verstor bene Gott nicht mehr auf Erden weiterleben. Er wurde Herrscher der Unterwelt. Horus, der Sohn, den Isis ihm gebar, nahm Rache an Seth für den Vater und wurde Sonnengott – an Stelle seines Großvaters Re, der ihm jedoch oft gleichgesetzt wurde. Der Mond, nach dessen Lauf die Bewohner des Niltals die Zeit maßen, wurde der Gott der Zeit. Er hieß Thot und war der Meister des Rechnens, der Wissenschaft und der Weisheit. Die Mutter des Horuskindes, Ises, die ihrem Gatten die Treue bis über den Tod hinaus bewahrt hatte, war die göttliche Beschützerin der Frauen und Mütter des Niltales. Ptah war der Schutzherr der Künst ler und Handwerker. Dort, wo die Sonne an jedem Abend begraben wurde, war die To tenwelt der Ägypter. Wer so gelebt hatte, wie es der Glaube vorschrieb, konnte gewiß sein, im Lande des Jenseits weiterzuleben, nachdem er den letzten Atemzug getan hatte. Osiris war der ›erste derer, die im Westen sind‹. Er war der ›König der Gerechtfertigten‹. Das Wort ›ge rechtfertigt‹ hatte eine übersinnliche Bedeutung. Es besagte, daß sich der Tote auf seinem Weg in den ewigen Westen, in das Land der Toten, zu den Handlungen seines Lebens zu bekennen hatte. Erst dann konn te er ›eins werden mit Osiris‹. Solche Rechtfertigungen wurden von den Besitzern der Grabstätten selbst oder von ihren überlebenden Verwandten in den Grabstätten aufgezeichnet. Es haben sich Texte erhalten wie: »Ich habe dieses Grab gebaut als ein gerechtes Eigentum, und nie habe ich mir etwas angeeig net, das einem andern gehörte. Ich habe nie jemand Gewalt angetan.« Es gab auch bescheidenere Rechtfertigungen: »Von meiner Geburt an wurde ich niemals in Gegenwart eines Beamten geschlagen. Nie habe ich einem Mann mit Gewalt sein Eigentum fortgenommen. Sondern ich tat, was allen Menschen wohlgefiel.« Diese in Stein gemeißelten Bekenntnisse, die in wenigen Wor ten das wesentliche Leben zusammenfassten, bezeugen nicht nur die Angst des Sterbenden, daß ihm das selige Land der Toten verschlos sen bleiben könnte. Sie legen auch Zeugnis ab von der allgemeinen An 25
erkennung bestimmter Moralgesetze: Du sollst niemand Gewalt an tun! Nichts nehmen, das einem andern gehört! Du sollst tun, was al len Menschen wohlgefällt! Ob sich diese Moralgesetze als eine natürliche Folge des Zusammen lebens entwickelt haben oder ob sie von Ältesten vorgeschrieben wur den, sei dahingestellt. Gewiß ist, daß der Totenkult, der die selige Ver einigung mit Osiris von der Beobachtung solcher Moralgesetze abhän gig machte, in hohem Maße für ihre Befolgung verantwortlich war. Wer an das Leben nach dem Tode glaubte und gewiß sein wollte, von freundlichen Geistern zur Barke des letzten Fährmanns gebracht zu werden, mußte auf ein gerechtes Leben zurückblicken können, denn der Fährmann der Barke, das ›Wendegesicht‹, der ›Schauzurück‹ nahm nur Fahrgäste auf, ›die kein Übel getan haben‹. Die Toten wurden in tiefen Gruben außerhalb der Städte und Dörfer beerdigt. Viele solcher Gräber sind gefunden worden. Die Leichen liegen in zusammengekauerter Stellung in ein Fell oder ein Gewebe gehüllt auf Matten aus Binsengeflecht. Um sie herum sind Ton- und Steingefäße angeordnet, die die Wegzehrung des Toten ent hielten: Speisen, Getränke und Salben, die ihm ›im Westen‹ nicht fehlen sollten. Die Leichen sind mit Ketten aus polierten Steinen ge schmückt, und manche haben auch Säckchen mit grünem, zerriebe nem Malachit ins Grab mitbekommen, damit sie sich gehörig schmin ken konnten, wenn die Farbe auf den Wangen oder Augenlidern ver blichen war. In den Gräbern gab es auch Feuersteinwaffen und mit Steinspitzen versehene Harpunen, die der Tote zur Jagd oder zum Fischfang verwendet hatte und die er im Lande des Jenseits nicht ent behren sollte. Das Volk des Niltales glaubte, daß die Körper zur Zeit ihres irdischen Daseins von einer lebendigen Kraft, dem ›Ka‹, beseelt waren. Das ›Ka‹ verließ den Körper im Augenblick des Todes, aber es mußte in den un versehrten Körper wiederkehren können. Die Leiche mußte bleiben, wie sie war – in ihrem ewigen Haus. Außer dem ›Ka‹ hatte der Mensch auch eine Seele. Auch der Schat ten, den er warf, galt als wirkliches Wesen. In welcher Beziehung der 26
›Ka‹ zur Seele und zum Schatten stand, wissen wir nicht genau. Viel leicht war der ›Ka‹ das Lebendige, das den Körper im Augenblick des Todes verließ, die Seele das Geistige, das ihn im Leben bewegte, und der Schatten seine Beziehung zur Sonne, die den Schatten erzeugte, wenn ihre Strahlen den Menschen berühren.
Namenlose Nomaden Mit der fortschreitenden Besiedlung und Zivilisation der Erde hat das eigentliche Nomadentum ein Ende genommen. Können wir daraus schließen, daß sich der Nomade seiner freien Lebensform nicht frei willig ergeben hat und sich nur dann auf die Wanderung begab, wenn er keine Möglichkeit hatte, sich niederzulassen, oder wenn das Leben in einer übervölkerten Niederlassung unerträglich wurde? In Gegen den, in denen das fruchtbare Land die Menschen einlud, an Ort und Stelle für den Lebensunterhalt zu sorgen, sind Siedlungen entstanden, Dörfer und Städte, aus denen später größere Einheiten, ganze Staatsge bilde wurden, die sich Nomaden fernhielten, um nicht in ihrem fried lichen Dasein gestört zu werden. Die Bebauung des Bodens im Zweistromland, dem Gebiet zwischen dem Lauf der beiden Ströme Euphrat und Tigris, führte zu einer ähn lichen Kultur wie der des Niltals. Die Bewohner des Zweistromlan des genossen nicht die Vorteile der sicheren Abgeschlossenheit, die das Niltal besaß. Sie mußten auf Abwehr bedacht sein. Die zwangsläufige Erlernung des Kriegshandwerks hemmte sie in ihrer kulturellen Ent wicklung. Von allen Seiten bedrängten sie Nomadenhorden, gegen de ren Einfall sie sich wehrten, meist ohne Erfolg. Dann geschah es, daß sie sich unterwerfen mußten und gezwungen waren, sich nicht nur ei ner neuen Lebensform, sondern oft auch einem Wechsel der Gottes verehrung zu fügen. 27
Die im Vorderen Orient sesshaften Menschengruppen, die zu Völ kern wurden, lebten unter besseren Bedingungen als diejenigen, die weiter westwärts zogen, an der Nordküste des Schwarzen Meeres, an den Ufern der Donau und des Rheins entlang, und die sich dann nach dem Süden gewandt haben, bis in die gebirgigen Gegenden Spaniens, in deren Felsenhöhlen die Zeichnungen der urgeschichtlichen noma dischen Jäger erhalten geblieben sind. Sachverständige nahmen an, daß die Höhlenzeichnungen von Al tamira mindestens zehntausend Jahre vor unserer Zeitrechnung ent standen sind. Wir wissen nicht viel mehr von den frühen Bewoh nern der Iberischen Halbinsel als das, was uns diese Zeichnungen sa gen. Wir sehen wilde Tiere an Felswände gemalt, wir sehen, daß sie von Pfeilen getroffen werden. Die zersplitterten Stellen an den farbi gen Zeichnungen bekunden, daß die Bewohner von Altamira das my thische Vorspiel der Jagd betrieben haben, die sinnbildliche Verzaube rung der Tiere, die sie zu erlegen hofften. Im allgemeinen wird das Leben dieser frühen europäischen Men schen nach keramischen Funden gekennzeichnet. Man reiht sie in den donauländischen Kreis der Bandkeramiker ein, die ihren Namen nach den bandartigen Verzierungen führen, die sie auf ihre halbkugelförmi gen Töpfe geritzt haben. Die Spuren der Bandkeramiker deuten auf ih ren Weg donauaufwärts nach dem Westen bis nach Belgien und dem Elsass. Aber auch in Böhmen, in Süddeutschland und Schlesien und am Balkan wurden Spuren ihrer Siedlungen gefunden. Diese Menschen blieben so lange sesshaft, wie der Boden ertrags fähig war. Sie bauten rechteckige Häuser und umgaben ihre Siedlun gen da und dort mit Wällen und Gräben. Wir können annehmen, daß sie Getreide anbauten, Erbsen und Linsen zogen; ihre Haustiere waren das Rind, das Schwein, die Ziege, das Schaf. In den küstennahen, felsigen Gebieten zu beiden Seiten des Ärmel kanals wurden die mächtigen Reste eigenartiger, aus großen Steinen zusammengefügter Totenhäuser gefunden. Sie werden ›Dolmen‹ oder ›Menhir‹ genannt. Das Wort ›dolmen‹ ist eine Zusammensetzung des bretonischen ›dol‹ und ›men‹, Tisch und Stein. »Hir« bedeutet lang. 28
Solche ›Langsteine‹, sind oft über zehn Meter hoch, sie stehen in kilo meterlangen Reihen noch immer in der Bretagne. Nach den Funden zu schließen, wendeten die Bewohner dieser Ge genden mehr Sorgfalt an die Errichtung ihrer Gräber als ihrer Wohn stätten. Sie gaben ihrem Glauben an ein Leben nach dem Tode durch die Erbauung steinerner Grabmäler Ausdruck, während sie oft ihr irdi sches Leben in dürftigen Höhlen fristeten. Auch im Norden Euro pas, auf den dänischen Inseln, in Südschweden, in Nord- und Nord westdeutschland wurden Steingräber gefunden – bis zu dreißig Meter lange Totenhäuser, im Volksmund ›Hünengräber‹ genannt. In Mittel deutschland lebten die Schnurkeramiker. Sie verzierten ihre Tongefä ße mit einem Muster, das dem Abdruck einer Schnur ähnelt. Waffen, Schmuck und Lebensmittel, die mit den Toten bestattet wurden, deu ten darauf hin, daß die frühen Menschen Europas ebenso oder doch ähnlich an ein Leben nach dem Tode glaubten wie diejenigen Men schen früher Kulturen, die diesen Glauben durch geschriebene Wor te bewiesen haben. Der Ursprung dieser Nomaden, die sich da und dort niedergelassen haben, wird wohl nie eindeutig festgestellt werden können. Der ergeb nisreichste Versuch, sie voneinander zu unterscheiden, oder unter ei nem gemeinsamen Nenner zusammenzufassen, ist durch die verglei chende Sprachforschung unternommen worden. Er führt die Herkunft der meisten Menschen des europäischen Raumes auf einen indoeu ropäischen Ursprung zurück. Die anderen Methoden der Forschung versuchten festzustellen, welche Haustiere das Urvolk züchtete, welche Metalle es kannte, welche Geräte es benützte, aber gewiß ist nur, daß die wandernden Nomadenhorden und Jägerstämme sich zu Völkern vereinigten und eigene, wenn auch miteinander verwandte Sprachen und Kulturen entwickelten, deren Eigenheit sie im Lauf der Zeit mehr und mehr voneinander trennte. Einige dieser Völker sind uns später unter dem Namen Iberer, Li gurer, Pelasger bekannt geworden. Ihre Sprache weist eine gewisse Verwandtschaft mit der kaukasischen Sprache der Gegenwart auf. Sie 29
dürften aus dem südrussischen Raum gekommen sein und besiedelten den ganzen europäischen Raum, einschließlich der Balkan-, der Apen ninischen und der Iberischen Halbinsel. Nur einige tausend Kilometer entfernt von noch unter urzuständli chen Bedingungen lebenden Nomaden und Jägern entstand die soge nannte ›El-Obeid-Kultur‹, nach El Obeid benannt, dem Fundort, in dem die Überreste von Siedlungen mit gesellschaftlich und wirtschaftlich ge gliederter Bevölkerung gefunden worden sind. Die Menschen, die in diesen Siedlungen lebten, bedienten sich schon der Töpferscheibe. Das Kupfer, das sie mit Hilfe des Feuers aus dem Gestein gelöst hatten, wur de von ihnen schon zu Metallgefäßen verarbeitet. Ihre Tonkrüge waren nicht mehr einfarbig und glatt, sondern mit Ornamenten verziert. Welchem Zweck dieses oder jenes Gebäude der Fundstätte von El Obeid diente, wird aus der Anlage der Räumlichkeiten und aus den Zierraten klar, die es geschmückt haben. Freilich stellten die gemeißel ten Köpfe und Gestalten nicht immer die ursprünglichen Bewohner dieser Gegenden dar – oft waren es Monumente der Eroberer, die sich in Stein verewigen ließen. Die ersten Siedler im Zweistromland hatten sich zwar nach altem Brauch verschanzt, um den Einbruch von No maden in ihre Gebiete abzuwehren. Aber ihre Verteidigung war dem Ansturm der Überzahl nicht gewachsen. Die wilden Horden, die eine nach der andern aus dem Norden und Nordosten in das Schwemm land zwischen dem Euphrat und Tigris einbrachen, waren den bäuerli chen Ansiedlern überlegen und unterwarfen ihr Gebiet in immer neu anstürmenden Wellen. In Abständen von Jahrhunderten vollzog sich immer wieder das glei che: die kriegslustigen Sieger siedelten sich an und wurden friedferti ge Bauern, die wieder von neuen kriegslustigen Horden überfallen und versklavt wurden. Aber jede Gruppe von Siegern versuchte, sich immer wirksamer ge gen solche Überfälle zu schützen. Sie baute Städte, das heißt Ansamm lungen von Häusern, die sie mit Mauern umgab, und sorgte dafür, daß innerhalb der Mauern nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Krieger und Handwerker Unterkunft fanden. Die Häuptlingspaläste standen 30
meist auf künstlichen Hügeln inmitten der Siedlung. Von ihrer Höhe aus überblickten sie das Land und trugen zur Verhinderung von Über raschungsangriffen bei. Der Hochtempel in Ur ist zweifellos die eindrucksvollste Ruine eines solchen Monumentalbaus. Er stand auf einem Fundament von zwei undsechzig mal dreiundvierzig Meter Grundfläche, das elf Meter hoch war. Ein zweites Geschoß, sechsunddreißig mal sechsundzwanzig Me ter im Geviert und sechs Meter hoch, erhob sich darauf und darüber noch ein Geschoß und der eigentliche Tempel. Neben den Palästen entstanden die Tempel der Gottheiten, in de ren Namen der Lugal, der ›Große Mensch‹, regierte. Die Fürsten wa ren auch Priester und Stellvertreter der Gottheiten. Sie forderten den Gehorsam aller in und um die Stadt wohnenden Menschen und wie sen ihnen im Namen der Gottheit die Arbeit an. Was einer in seinem Handwerk oder durch die Bebauung der Felder leistete, gehörte nicht ihm. Die Gottheit empfing den Ertrag aller Arbeit und verteilte ihn durch die Priesterfürsten an die Untertanen nach ihrem Ermessen. Das Leben in den Städten des Zweistromlandes war nicht völlig ab geschlossen. Die Städte standen miteinander in freundschaftlichem und feindlichem Wettbewerb. Der Austausch des überschüssigen Ge treides und Viehs verband sie, aber sie bekämpften einander wegen des Wichtigsten ihres Daseins: des Wasserrechts. Denn auch die Be wohner des Zweistromlandes hatten gelernt, Dämme und Kanäle zu bauen, die das Land vor Trockenheit bewahrten und mit Wasser ver sorgten, und es mußte eindeutig festgelegt werden, welche Stadt diesen oder jenen Zufluss des Stroms für sich in Anspruch nehmen konnte, ohne die benachbarte Stadt zu beeinträchtigen. Ordnung war geboten, die Sicherung des Besitzes notfalls mit Gewalt. Da es nötig war, den Palast, den Tempel und die Häuser der Krieger durch Mauern zu schützen, erwies es sich auch als ratsam, jene Men schen in den Schutz einzubeziehen, die für die Erhaltung des Gemein wesens unentbehrlich waren, vor allem Handwerker und Beamte, die für die Erhaltung der vom Priesterfürsten eingesetzten Ordnung sorg ten, und schließlich auch Händler. 31
Der doppelte Mauerring der Stadt Uruk trug etwa neunhundert Tür me und besaß eine Länge von rund neuneinhalb Kilometern. Da die meisten Städte im Zweistromland die gleichen landwirtschaft lichen Erzeugnisse und handwerklichen Geräte produzierten und deshalb ihre Überschüsse nicht gegenseitig tauschen konnten, muß ten Käufer für die Überschüsse gefunden werden. Das war nur in der Fremde möglich, und dazu bedurften die Priesterfürsten der Händler. Erst waren es Kundschafter, Männer mit offenen Augen, die aus gesandt wurden, um Möglichkeiten und Gelegenheiten aufzuspüren. Sie mußten nicht nur wissen, welche Waren sich in den Vorratskam mern ihrer Städte türmten, sondern auch, welche Waren im Austausch gebraucht wurden. Überschüssig waren Getreide und Vieh, benötigt wurden vor allem Kupfer und Gold, die Metalle, die zur Herstellung von Geräten, Waffen und Kleinodien unentbehrlich waren. Die Handwerker in den Städten hatten Weihgeschenke für die Gott heit aus Gold und Elfenbein und aus farbigen Steinen hergestellt. Die Priesterfürsten hatten aber in den Tempeln der Gottheiten bald so vie le Weihgeschenke aufgestapelt, daß auch diese Kunstwerke zum Über schuss zählten. Auch diese Waren mußten die Händler absetzen und, wenn es nicht anders ging, gegen Rohmaterial eintauschen, aus dem wieder Kunstwerke hergestellt werden konnten. In verarbeiteter Form war das Gold eines Barrens mehrere gleichge wichtige Barren Goldes wert. Die Arbeit lohnte sich. Man mußte ihren Wert bestimmen, der sich in Maß und Zahl ausdrücken ließ. Jede Zahl bekam ein Sinnbild. Die lehmige Erde des Schwemmlan des trocknete schnell. Wenn man einen Strich oder mehrere Striche in die weiche Masse drückte, blieb der Strich beim Trocknen erhalten. Die Händler machten sich das zunutze. Sie vertrauten ihren Tontafeln mehr als ihrem Gehirn. Sie vereinigten sich mit den Priesterfürsten und deren Gehilfen, legten Maße und Gewichte fest und entwickel ten ein Zahlensystem mit der Zahl sechzig als Einheit. Sie teilten den Tag in zwölf Doppelstunden und waren bald in der Lage, genaue Auf zeichnungen über die Ablieferung von Bodenerträgen, über Vorräte und über die Zahl der Arbeiter zu machen, die das Land bestellten. 32
Sie entwickelten eine Bilderschrift, um das, was sie festhalten woll ten, zu versinnbildlichen. Die Händler, die zum Beispiel nach dem gebirgigen Norden Kleina siens ausgezogen waren, hatten es nicht nötig, persönlich in ihre Städ te zurückzukehren, um den Austausch von Kleinodien, Getreide und Vieh gegen Kupfer und Gold zu vollziehen. Sie bedienten sich der ersten ›Briefe‹ der Weltgeschichte, der Tontafeln, in die sie die keilförmigen Schriftzeichen, ihre Mitteilungen mit Rohrgriffeln eingedrückt hatten. Das Volk, das diese erfinderischen Händler und Priesterfürsten her vorbrachte, wurde ›Sumerer‹ genannt. Ihre Gestalten waren kurz und untersetzt, und sie hatten runde Schädel und fliehende Stirnen und, nach den erhaltenen Denkmälern zu schließen, breite fleischige Na sen. Sie sahen nicht gewinnend aus, aber sie waren ein geistig regsa mes Volk, das sich nicht nur mit den praktischen Fragen des Lebens auseinandersetzte. Der Wohlstand, den die Sumerer durch ihre Überschußwirtschaft genossen, erlaubte es ihnen, sich auch den feineren Dingen des Lebens zuzuwenden. Sie veredelten den Schmuck, sie verfeinerten ihre Klei dung, sie verbesserten ihre Küche, sie erforschten den Himmel und versuchten auch, in die Vergangenheit zurückzuschauen, um ihr Welt bild abzurunden. Sie wußten, wo sie waren; sie wollten wissen, woher sie gekommen waren. Sie schufen den Mythos eines Götterhimmels und gestalteten überlieferte Erzählungen von Göttern und Helden der Vorzeit in neuer Form. Auch von gewaltigen Naturereignissen der Ver gangenheit wußten sie, die sie später im so genannten ›GilgameschEpos‹ zusammenfassten. Es ist das älteste Heldenepos der Menschheit und handelt von der Gewinnung des ewigen Lebens nach der Erkennt nis des unausbleiblichen, unvermeidbaren Todes. Es ist auch ein Welt schöpfungsepos. Sein Inhalt mutet uns vertraut an, wenn wir lesen: »Sechs Tage und sechs Nächte rauschte der Regen nieder wie Wasser bäche. Erst am siebenten ließ die Sturmflut nach. Es war eine Stille wie nach der Schlacht. Nach zwölf Doppelstunden stieg eine Insel auf wie ein Berg. Sechs Tage hielt der Berg das Inselschiff fest und ließ es nicht mehr schwanken …« 33
In Tempelbauten mit Pfeilern und Säulen, mit Nischen und bunten Mosaiken wurde geopfert und gebetet. Tempelmusik und Hymnen erfüllten die heiligen Räume, die Andächtigen blickten auf die Sta tuen von Göttern und Menschengestalten. Es war eine große Zeit, in der die Sumerer sich ihres Überflusses erfreuten. Sie hätten ihn län ger genossen, wenn sie nicht die Habgier ihrer Nachbarn wachgeru fen hätten.
Die neuen Ägypter In der Zeit, in der die Sumerer ihre Siedlungen in geschützte Städ te verwandelten, erkannten unternehmungslustige Nomadenhäuptlin ge, daß ein Angriff gegen feste Mauern verlustreich war und keinen si cheren Erfolg brachte. So zogen diese Häuptlinge, die semitischen Ur sprungs waren, in Richtung des Roten Meeres mit dem Ziel, die Wüste zu durchqueren und das Niltal zu erobern. Die Horden, von denen die wehrlosen Bewohner Quemts überrascht wurden, waren vermutlich nicht zahlreich, aber wie viele es auch ge wesen sein mochten, das Ergebnis wäre das gleiche gewesen. Wer ein Bewohner des Niltals war und der Segnungen des Stromes teilhaftig werden wollte, mußte sich den Gewohnheiten des Stromes fügen. Auch der Sieger mußte dafür sorgen, daß die Kanäle und Dei che erhalten blieben und verbessert wurden. Er mußte sich dazu der Eingeweihten bedienen, die erfahrenen Handwerker und Ingenieure in ihren Diensten belassen. Und da die Lebensform der Vornehmsten, der Stadtältesten und der Gaufürsten, der Lebensform der Nomaden weit überlegen war, änderten sich nach der Eroberung des Landes nur die Namen der Regierenden, alles andere blieb im wesentlichen beim alten. Gewisse Erfahrungen hatten die Nomadenhäuptlinge aber doch mit 34
gebracht. Das zeigte sich vor allem in ihrem Bedürfnis, das Land, das sie erobert hatten, ebenso zu leiten, wie sie die Horden von ihren Zel ten aus geführt hatten. Doch erst galt es zu lernen, sich das neue Land gefügig zu machen und es ergiebig zu erhalten. Dazu war es nötig, das Vertrauen und den guten Willen jener einheimischen Priesterfürsten zu gewinnen, die sich in das Schicksal gefügt hatten, nicht mehr Für sten zu sein, die aber doch Priester bleiben wollten. Es gibt zwei Methoden, einen Besiegten zu beherrschen: sich dem Besiegten anpassen oder ihm den eigenen Willen aufzwingen. Die Nomadenhäuptlinge, die Ägypten besetzten, besaßen keine be stimmte Lebensform, die sie den Bewohnern des Niltals hätten auf zwingen können. Sie passten sich deshalb an. Das allerdings glaubten sie nur dann ungefährdet tun zu können, wenn sie sich von den Be siegten zu Gottheiten erheben ließen oder wenigstens zu Nachkom men der Gottheiten, die von den Bewohnern des Landes verehrt wur den. Das war ihnen auch angenehm, es erhob sie über sich selbst, es machte sie groß und in ihrer eigenen Vorstellung größer, als sie sich bis dahin gefühlt hatten. Es steigerte ihren Genuss am Sieg und machte sie nachsichtiger gegen die Besiegten. Ihre Söhne und Verwandten und die mutigsten Männer der sieg reichen Horde konnten, ohne daß es zu Blutvergießen oder zu son stigen Gewalttaten kam, einfach die Ämter der Ältesten in den Dör fern und Städten des Niltals übernehmen, ihre Häuser beziehen und sich des Sieges freuen. Es war für alles gesorgt. Sie waren von Hirten zu Herren geworden. Sie brauchten keine Arbeit mehr zu leisten. Das Volk, das sie unterworfen hatten, arbeitete für sie. Sie brauchten kei ne Brautschau zu halten, sie konnten die Mädchen des Landes wäh len, die ihnen gefielen. Da sie die Stellvertreter des als Gottheit herr schenden Häuptlings waren, ehrte es jedes Mädchen, ihnen anzugehö ren. Sie gründeten Familien und nahmen die Gewohnheiten des Lan des an. Nur eines behielten diese in den freien Urformen des Lebens aufgewachsenen Menschen auch in der zivilisierten Welt bei: als An gehörige eines wandernden Clans hatten sie das gemeinsame Sinnbild der Zusammengehörigkeit der Horde heilig gehalten – die einen eine 35
Pflanze, die andern ein Tier. Das einzige Geheiligte ihrer Vergangen heit wollten sie nicht verlieren: ihr Totemsymbol. So kam es, daß in den Dörfern und Städten des Niltals ursprünglich landfremde Tiere zu örtlichen Gottheiten wurden und durch Jahrtau sende göttliche Verehrung genossen. Die Häuptlinge der semitischen Nomadenhorden, die das Niltal er obert hatten, hatten sich als ›gute Götter‹ niedergelassen. Sie waren Ägypter geworden. Sie errichteten große Gebäude, die ihrer Gött lichkeit oder Gottähnlichkeit angemessen waren. Der Wohnsitz des Herrschers trug den Namen ›Großes Haus‹, ›Per-o‹. Aus dem ›Großen Haus‹ kamen die Erlasse und Verordnungen, die das Leben des Volkes regelten. Jeder Befehl, der aus dem Per-o kam, mußte befolgt werden, als hätte die Gottheit selbst befohlen. Bald wurde der Begriff ›das Große Haus‹ im Volk mit dem göttli chen Fürsten, dem König gleichbedeutend. Er selbst wurde ›Pero‹ ge nannt. Im Text des Alten Testaments wurde ›Per-o‹ in ›Pharao‹ umge wandelt. Über die Taten der ersten ägyptischen Pharaonen gibt es keine ge nauen Nachrichten. Für die Auslegung und Erklärung dieser Zeiten sind wir auf Denkmäler angewiesen, denen wir entnehmen, daß es ein Südreich und ein Nordreich im ägyptischen Raume gegeben hat. Das Schatzhaus des Südreiches wurde das ›Weiße Haus‹ genannt. Der Kö nig trug eine hohe weiße Krone. Den König des Nordreiches schmück te eine rote Krone. Sein Schatzhaus wurde das ›Rote Haus‹ genannt. Es fehlt an Kunde, wie sich die Siedlungen innerhalb dieser beiden von einander getrennten Reiche zu in sich geschlossenen Einheiten ent wickelt haben. Nur wenige erhalten gebliebene Spuren deuten darauf hin, daß das nördliche Reich im Delta des Nil sich früher als das süd liche zu einer höheren Kultur entwickelte. Der erste Kalender entstand unter der Regierung der ›Roten Krone‹. Die königlichen Sterndeuter und Himmelsbeobachter hatten den Tag im Juli ermittelt, an dem der Sirius gleichzeitig mit dem Sonnenaufgang am östlichen Himmel er scheint. Dieser Tag wurde als Jahresbeginn festgelegt. Dann wurde der Ablauf des Jahres in zwölf Monate zu je dreißig Tagen eingeteilt. Da 36
aber bis zum Tag der Wiederkehr des gleichzeitigen Aufgehens des Si rius mit der Sonne noch fünf Tage fehlten, wurden diese fünf Tage hei lig gesprochen und zu Festtagen erklärt. Der erste Geschichtsschreiber, der eine – wenn auch später umstrit tene – Ordnung in die Folge der ägyptischen Königshäuser brach te und es uns ermöglicht, die ägyptische Geschichte durch die Auf zählung von Dynastien einzuteilen, hieß Manetho. Er war ein ägyp tischer Priester, der im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte und ein Werk in griechischer Sprache verfasste, das ›Ägyptische Denkwürdigkeiten‹ heißt. Von diesem Werk sind nur Bruchstücke er halten und auch diese nur durch die Mitteilung späterer Geschichts schreiber, die sie wörtlich anführten. Manetho teilte den Ablauf der ägyptischen Geschichte in die Regie rungszeit von dreißig Dynastien ein. Er begann seine Zeitrechnung mit Menes, dem ersten König der Ersten Dynastie, der das Südreich mit dem Nordreich vereinte und der erste geschichtlich nachweisbare Pharao gewesen ist. Von den vorhergegangenen Herrschern des Nord- und Südreichs sprach Manetho einfach nur als ›Toten‹. Sie sind vergessen, in den Schatten gestellt durch ihre Nachfolger, deren Namen und Daten durch seine Geschichtsschreibung erhalten geblieben sind. Aber auch die Regierungszeit des Pharao Menes steht nicht genau fest. Manetho verfügte nicht über die Hilfsmittel der modernen Wis senschaft. Seine Jahreseinteilungen schwanken und werden immer wieder von den Ägyptologen berichtigt. Jedenfalls hat Menes das gro ße ägyptische Reich gegründet und die Hauptstadt, um die beiden ur sprünglichen Teile des ägyptischen Reiches besser verwalten zu kön nen, in die Mitte des neuen Reiches verlegt, in die Gegend des späte ren Memphis. Menes und seine Nachfolger, die Könige der frühdynastischen Zeit, die ›zwiefache Herren‹ genannt wurden, da sie die Weiße und die Rote Krone auf ihrem Haupt vereinten, sind Denkmalfiguren geblieben. Ihre Namen sind bekannt, ihre Taten im einzelnen nicht. Ihre Porträt plastiken sind erhalten, und manchen Hinweis auf Einzelheiten ihrer 37
Lebensführung geben Ruinen und Gegenstände ihres Gebrauchs: mit Elfenbein eingelegte Kästen aus Ebenholz, zart gearbeitete Schalen aus Kupfer, Schmuckstücke aus Gold und Halbedelsteinen, kunstvolle Re liefs, auf denen Menschen und Tiere im Gegensatz zu der starren, sti lisierten Art der späteren ägyptischen Kunstwerke vollendet natürlich dargestellt sind.
Das Alte Reich Das Alte Reich, in dem der König die sichtbare Verkörperung des Fal ken- und Himmelgottes Horus war, wurde durch Djoser begründet. Dem König gehörte das ganze Land. Der ›Gute Gott‹ umgab sich mit einem Hofstaat, dessen Etikette ebenso festgelegt war wie der Götterdienst. Marschälle und Palastkämmerer sorgten für die Bedürfnisse der königlichen Person. Es gab königliche Leibärzte, Perückenmacher, Friseure, Garderobenvorsteher, Fachleute für jeden Handgriff. Die göttliche Stellung des Pharao befreite ihn nicht von irdischen Pflichten. Wenn er König bleiben wollte, mußte er sein irdisches Reich verwalten und sich der begabtesten und mächtigsten Männer des Lan des bedienen und sie in Abhängigkeit halten. Ein ungeheurer Beam tenstab war nötig, um die Staatsgewalt auszuüben – eine umständli che Verwaltung, deren Fäden im ›Großen Haus‹ zusammenliefen. Ver mutlich bediente sich der König der ehemaligen Gaufürsten oder ihrer Nachkommen, sofern sie ihm treu geblieben waren, als Gouverneure der Gaue. Diese hohen Würdenträger verwalteten ihre Landeseinhei ten ähnlich wie die ›Ältesten‹, die Priesterfürsten der Vergangenheit. Was der königlichen Staatsgewalt die einheitliche Leitung des Lan des erleichterte, war und blieb die Gemeinsamkeit, die der Nil für alle Bewohner seiner Ufer geschaffen hatte. Die wesentlichen Ereignisse des Jahres, um die sich das Leben auch unter der einheitlichen Herr 38
schaft der Könige drehte, waren die alljährliche Überschwemmung des Nil, die Aussaat, die Ernte, die Erhaltung und der Ausbau der Deiche und Kanäle, kurz: die Wiederkehr der landwirtschaftlichen Verrich tungen, denen sich die Bevölkerung an beiden Ufern des Stromes und im Delta widmete. In früheren Zeiten, als es das einige Reich noch nicht gegeben hatte, war das Leben des kleinen Mannes ein besseres, ein freieres gewesen. Jetzt arbeitete der kleine Mann für das bessere Leben der großen Her ren, die im Auftrag des Königs und der Gaufürsten dafür sorgten, daß der größtmögliche Ertrag in die Vorratskammern des Königs und sei ner Stellvertreter abgeliefert wurde. Da die Herrschaft zentralisiert war, vermehrte sich die Zahl der Be amten, die für die Aufrechterhaltung der vom ›Großen Haus‹ vorge schriebenen Ordnung sorgten. Diese Beamten wurden bevorzugte Nutznießer der Wirtschaft. Je näher sie dem königlichen Thron stan den, desto höher waren ihre Einkünfte. Sie bauten ihre eigenen Häu ser, sie entwickelten sich zu einer vornehmen Adelsklasse, die die Le bensführung des Königs im kleineren Stil nachahmte und dazu einer ständig anwachsenden Klasse von Handwerkern bedurfte, die sich ih rerseits wieder von dem einfachen, den Boden bebauenden Volk unter schied, Häuser baute und ihre Lebensführung verbesserte. Sie entwik kelten sich von Erzeugern zu Verbrauchern, für die andere erzeugen mußten. So hob sich der Lebensstandard der Ägypter in den Jahrzehn ten der ersten Dynastien zu einer noch nie dagewesenen Höhe. Ein all gemeiner Wettbewerb im Luxus belebte den königlichen Hof und die Haushaltungen der Gaufürsten und der hohen Beamten des Reiches. Neben diesem vom König unmittelbar bevorzugten Stand der vor nehmen Beamten gab es noch eine zweite Gruppe von Sonderberech tigten, die sich in ihrer Art nicht weniger bereicherten: die Priester, die der König um so weniger entbehren konnte, als sie nicht nur die Hüter des Glaubens, sondern auch die Lehrer des Nachwuchses waren. Die Kunst des Schreibens, die anfangs nur wenigen Eingeweihten be kannt war, hatte sich zu einer Notwendigkeit für viele entwickelt. Wer Beamter werden wollte, mußte erst Schreiber geworden sein, denn an 39
ders war es nicht möglich, Nachrichten zu übermitteln und Ordnung in der Verwaltung zu halten. Die Schreiber, die in den Tempeln aus gebildet wurden, waren zwar nicht unmittelbar von der Priesterschaft abhängig, aber sie gehörten der gebildeten Klasse an, deren hervorra gendste Mitglieder die Priester waren. Die Schreiber waren nicht Wissenschaftler um der Wissenschaft oder der Wahrheit willen. Ihre Erziehung bezweckte die Heranbildung für die Beamtenlaufbahn in allen ihren Stufen vom Arbeitsaufseher bis zum Gouverneur des Gaues. Wer in Ägypten vorwärts kommen wollte, mußte die Aufgaben des täglichen Lebens lösen können. Am besten könnte man die frühe ägyptische Wissenschaft als Mischung von nützlichen Erfahrungen und Aberglauben charakterisieren. Die Medizin schrieb zum Beispiel zur Verhinderung des Grauwerdens der Haare den Aufguss von gekochten Haaren eines schwarzen Kalbes vor. Trotz solcher abergläubischer Verordnungen hatte sich aber die Heil kunde durch sorgfältig gesammelte Erfahrungsergebnisse weit entwik kelt. Augen- und Magenkrankheiten, Krankheiten der Atmungsorga ne, des Blutkreislaufes wurden fachmännisch behandelt. Eine der größten Errungenschaften der ägyptischen Mathematik war die Entwicklung des Dezimalsystems. Es gab besondere Zeichen für die Zehnerzahlen und sogar für die Million. Sie wurde durch eine menschliche Figur wiedergegeben, die beide Hände verwundert hebt. Auch die Könige mußten lesen und schreiben lernen, wenn sie sich auf dem laufenden halten wollten. Ihre Bildung war ein wesentlicher Bestandteil ihrer Herrschergewalt, die sie nur ausüben konnten, wenn sie Bescheid wußten. In jedem königlichen Palast gab es Arbeitsräume, die als ›die bei den Kabinette‹ bezeichnet wurden. Dort empfing der König seine ho hen Beamten, mit denen er sich über die Regierungsgeschäfte beriet, vor allem den ›Obersten über alle Arbeiten‹. Er war das ausführende Organ des Pharao. Seine Macht wurde nur vom König beschränkt. Er war auch Oberaufseher der Würdenträger, die die Gaue als wirtschaft liche Einheiten verwalteten und den leeren Titel ›Erster unter dem Kö nig‹ führten. Diese örtlichen Gouverneure ahmten im kleinen die Ver 40
waltung des ›Großen Hauses‹ nach. Auch sie hatten ein Schatzhaus und einen eigenen Beamtenstab, der für die Erhaltung der Deiche und Kanäle sorgte und Archive und Ortschroniken in Ordnung hielt. Sie unterhielten Gerichtshöfe, in denen sie die Rechtsprechung nach ge schriebenen Gesetzen ausübten. Ihre Schatzbeamten sorgten dafür, daß die ›Schatzbeamten des Gottes‹ die festgelegten Abgaben an Er zeugnissen des Landes und der Handwerker alljährlich erhielten. Über diese Einkünfte mußten die ›beiden Kabinette‹ Buch führen. Dazu gab es im ›Großen Haus‹ ein eigenes Archiv, das zusammenfas send ›die Schriftstücke des Königs‹ genannt wurde. Dort wurde auch der Landbesitz eingetragen und war so durch den Pharao beziehungs weise den ›Obersten über alle Arbeiten‹ rechtlich geschützt. In diesem spinnwebartigen Netz der Verwaltung gab es eine Lük ke, die sich später nur allzu deutlich bemerkbar machte: es gab kei ne Zusammenfassung der militärischen Kräfte. Jeder Gau hatte wohl eine Art von Miliz, und auch die Tempel besaßen ihre eigenen Trup pen, die als bewaffnete Aufseher der versklavten arbeitenden Bevöl kerung dienten. Aber außer einer Leibwache, die aus den zu Hofoffi zieren ernannten Söhnen der Vornehmen bestand, verfügte der ›Gute Gott‹ über keine Soldaten. Die Könige der frühen Dynastien gaben sich dem gleichen unbeküm merten, von Angst unbeschwerten guten Lebensgefühl des Wohlerge hens hin, aus dem heraus auch die von ihren Vorfahren unterworfe nen Siedler unbewaffnet geblieben waren. Es gab zwar dann und wann kriegerische Unternehmungen im Norden und Süden, aber wenn die ›Ersten unter dem König‹ ihre Miliz willig vereinigten und dem ›Gu ten Gott‹ zur Verfügung stellten, war das Kriegsheer stark genug, um gelegentliche Angreifer abzuwehren. Die Augen des ›Großen Hauses‹ waren auf das Delta und das Niltal gerichtet. Da gab es nichts zu befürchten. Der Landbesitz des Königs wurde von Leibeigenen bearbeitet, die zum Grund und Boden gehör ten. Die vornehmen Grundbesitzer ahmten diese bequeme Lösung der Arbeiterfrage nach und vererbten ihren Kindern nicht nur das Land, sondern auch die Leute, die es bebauten. Die Handwerker waren frei. 41
Ihre Tätigkeit war durch das Gesetz des Königs geschützt. Sie waren unbehinderte Nutznießer der blühenden Wirtschaft und wurden zur Vervollkommnung ihres Handwerks durch immer größere und verfei nerte Ansprüche ihrer reichen Kunden angetrieben. Zu den wichtigsten Werkstätten gehörten die Anlagen, in denen Pa pyrus verarbeitet wurde. Aus der Staude wurde Papier erzeugt und aus ihren Stängeln und Fasern Tauwerk. Die Lederbearbeitung war schon in früher Zeit hoch entwickelt. Die Schuster verarbeiteten kunstvoll gegerbte Häute mit Ahle, Nadel und Hammer. Es gab besondere Werk stätten, in denen das Leder zu Bezügen von Bänken, Stühlen und Kis sen verarbeitet wurde. In den Goldschmiedewerkstätten gab es Bla sebälge zum Treten, die dem Schmelzofen Luft durch lange Rohrlei tungen zuführten. Es gab Töpfer und Glasbläser, Mumiensargmacher, Kürschner und Schreiner, Walker und Färber. Der Handel, der sich auch unter der Aufsicht des ›Obersten aller Ar beiter‹ entwickelte, sorgte für Rohstoffe. Es gab Kupfer im Überfluss, grünen und blauen Malachit, Türkis und Lapislazuli, Gold und Silber. Kunsttischler schnitzten reiche Ornamente aus eingeführtem Zedernund Ebenholz für bequeme Möbelstücke: Betten und Liegestühle, Ti sche, Sessel und Truhen. Das Flussbett des Nils blieb die große Straße des Warenverkehrs. Je der Gau, jede Stadt, jedes Dorf baute eigene Schiffe, deren Größe mit den Lasten wuchs, die zu befördern waren. Nicht nur Ruder, auch der in Segeln aufgefangene Wind half den Schiffern, die Fahrt zu beschleu nigen, so daß sie es wagten, dem Nil auf seinem Weg ins Meer zu fol gen und die Küsten des Mittelmeers zu befahren. Dieser immer zunehmenden Wirtschaft wurde der einfache Waren austausch zu schwierig. Es hatte sich ergeben, daß ein Sack Zwiebeln auf einem Markt gegen einen Tonkrug getauscht werden konnte, auf einem andern nur gegen einen Fisch und wieder auf einem anderen Markt gegen ein Schmuckstück. Es war nötig, eine Einheit zu schaf fen, die den wahren Werten entsprach. Das ›Große Haus‹ ließ Goldund Silberringe schmieden, die ein bestimmtes Gewicht hatten und zu Gradmessern des Wertes wurden. Diese Ringe wurden das erste Me 42
tallgeld der Erde. Der Reichtum wurde nach Ringen bemessen. Es hieß nicht mehr, ein Mann sei reich an Land und Vieh – er war jetzt reich an Ringen. Um sich die Lebensweise der Ägypter im dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung vergegenwärtigen zu können, müssen wir die gesellschaftlichen Errungenschaften der Gegenwart aus der Vorstel lung verbannen. Die Menschen jener Zeit führten ein zivilisiertes, ge ordnetes Dasein. Jedoch die Reichen genossen alle Vorteile des Reich tums, die Armen litten unter allen Nachteilen der Armut. Für die Armen des Nillandes gab es keine vergnüglichen Zerstreu ungen. Sie mußten von der frühesten Jugend an ihr Leben der Arbeit widmen, der Bestellung des Landes, dem Webstuhl, den Töpfereien und Ziegeleien, die den größten Teil des Baumaterials lieferten. In den Städten lebten die Armen in langen Arbeiterbaracken. Die engen Un terkünfte der einzelnen Familien waren nur durch geflochtene Schilfwände voneinander getrennt. Diese Menschen waren Sklaven und Sklavinnen, und obwohl sie gezwungen wurden, in der Stadt zu leben, gehörten sie zu dem Grund und Boden, auf dem sie oder ihre Vorfah ren geboren waren. Die Glücklicheren, die das Land bebauten und das Vieh versorgten, wohnten in urtümlichen ländlichen Behausungen wie ihre Vorfahren, in der Nähe des Grundstücks, das ihrer Arbeit bedurfte, um Ertrag zu bringen. Keine andere Erde als die vom Nil genährte hätte einer so rasch anwachsenden armen Bevölkerung auf so engem Raum Unter halt gewähren können. Trotz der so ärmlichen Lebensbedingungen, unter denen die Men schen nichts besaßen als das, was sie am Leibe trugen – ein paar Fet zen, die zur Not gerade noch ihre Blöße bedeckten –, waren sie nicht hoffnungslos unglücklich. Der Glaube an ein besseres Jenseits erhielt ihre Lebenskraft. Nur so kann man es verstehen, daß sich Tausende und aber Tausende von Leibeigenen ohne Widerspruch und ohne auf zubegehren zu den riesigen Arbeitsleistungen verwenden ließen, die ihre Zeit verewigt haben. Schon die Betrachtung der Pyramiden, die von den ersten Dynasti 43
en erbaut wurden, kann eine Vorstellung der Arbeitsleistung vermit teln, die zu ihrer Errichtung nötig war. Vor allem mußten die gewal tigen Granitblöcke aus den Felsen gelöst und behauen werden. Dazu waren Tausende Steinbrucharbeiter und Steinmetze nötig. Die Granit blöcke wurden auf fünfzig Meter langen Flussschiffen zum Bauplatz transportiert. Ein Heer von Menschen war nötig, sie zu heben und auf einanderzutürmen. Die erste große Pyramide wurde von König Djoser erbaut. Er war in der schon erwähnten Liste Manethos der erste König der Dritten Dy nastie. Auch über Djoser weiß man nur wenig. Er war, wie Priesterüberliefe rungen berichten, ein tatkräftiger, wir würden heute sagen: ein moder ner Monarch, der das Glück hatte, den großen Weisen Imhotep zum Ratgeber zu haben. Bis zu Djoser hatten auch die Könige ihre Grabstätten nur in ›Ma stabas‹, in großen Steinbauten. Aber für einen König wie Djoser, der die Macht Ägyptens nach dem Osten über die Wüste hinaus zu den Bergen des Sinai erstreckt hatte und sich durch den ersten Katarakt in der Erweiterung seines Regierungsbereiches nicht hatte abhalten las sen, war eine einfache ›Mastaba‹ als Grab nicht groß genug. Er setzte auf die erste ›Mastaba‹ eine zweite, verbreiterte die Basis der ersten und setzte noch eine ›Mastaba‹ und wieder eine auf die vorhergehende. Im mer wieder wurde der Unterbau erweitert, bis schließlich ein terras senförmiger, sechsstöckiger Bau von nahezu sechzig Metern Höhe ent standen war: der erste große Steinbau der Weltgeschichte. Einer seiner Nachfolger, der erste König der Vierten Dynastie, Snofru, war ein noch erfolgreicherer Herrscher. Aus seiner Regierungszeit sind schon mehr Nachrichten vorhanden. Er führte einen Feldzug gegen Nordnubien, bei dem er siebentausend Gefangene machte und zwei hunderttausend Stück Vieh erbeutete. Ihm genügte es nicht mehr, daß einzelne Segelschiffe an der Küste des Mittelmeeres kreuzten. Er sand te eine ganze Flotte von vierzig Schiffen aus, um für seine Bauten Ze dernbalken vom Libanon zu holen. Er errichtete für sich ein ähnliches Grab wie das des Königs Djoser. 44
Als die Stufenpyramide vollendet war, ließ Snofru die Zwischenräu me ausfüllen, so daß von der Spitze des Baues bis zu ihrem Fuß gleich mäßig abfallende Wände die erste glatte Pyramide bildeten. Aber auch eine so ungeheure Grabstätte wie diese genügte einem Nachfolger Snofrus nicht, dem durch den Bau der größten Pyrami de für alle Zeit berühmt gewordenen König Cheops. Kein namhafter Feldzug, keine außerordentliche Regierungshandlung hebt Cheops aus der Reihe seiner königlichen Nachfolger und Vorgänger hervor. Von seiner unvorstellbaren Macht und seiner überlegenen Fähigkeit zu pla nen kündet nur die Grabstätte, die er für sich erbauen ließ, um eine ungeheure, ungestörte Ruhestätte für seine Leiche zu schaffen. Es wurde später festgestellt, daß die Cheops-Pyramide aus etwa zwei Millionen dreihunderttausend Steinblöcken aufgebaut wurde. Jeder dieser Quader wiegt zweieinhalb Tonnen. Der Bau erhebt sich hun dertfünfundvierzig Meter über dem viereckigen Unterbau, der zwei hundertfünfundzwanzig Meter auf jeder Seite misst. Spätere Über lieferungen und wissenschaftliche Nachforschungen haben bewiesen, daß hunderttausend Arbeiter durch volle zwei Jahre am Bau der Pyra mide beschäftigt wurden. Aber diese gewaltige Arbeitsleistung konn te erst vor sich gehen, als das für den Bau nötige Material schon am Bauplatz vorbereitet war. Dazu waren wieder Hunderttausende von Menschen nötig, in den Steinbrüchen und zum Transport, der nur zur Flutzeit möglich war, wenn die Ebene unter Wasser stand. Am Unter bau des Pyramidenhügels war eine ungeheure Steinrampe erbaut wor den, ein Damm, dessen Höhe errechnet werden mußte, damit die mit Steinen beladenen Flöße auf ihm landen konnten, wenn sich das Was ser des Stromes zurückzog. Es hat zehn Jahre gedauert, allein diese Rampe zu erbauen. Schwierige Verwaltungsarbeiten stellte der Bau der Pyramide. Die Arbeiterschaft mußte untergebracht und verpflegt werden. Ihre Ko lonnen mußten geradezu nach Generalstabsplänen an jedem Morgen an die ihnen zugewiesenen Arbeitsstätten geführt werden. Fachleu te mußten berechnen, wie viele Arbeiter zum Transport eines Steines eine bestimmte Strecke weit oder auf eine bestimmte Höhe nötig wa 45
ren. Je höher hinauf die Beförderung der Steine ging, desto mehr Arbei ter waren nötig, desto schwieriger wurden die Sicherungen, nicht für die Menschen, sondern gegen Zeitverlust. Jeder Stein, der in die Tie fe stürzte, verzögerte die Vollendung des Riesenwerks, das der ›Gute Gott‹, der zwiefache Herrscher, König Cheops, noch zu seinen Leb zeiten beendet wissen wollte, um der vollkommenen Ruhe und Unge störtheit nach dem Tode gewiß zu sein. Als die Cheops-Pyramide vollendet war, hatten Tausende und aber Tausende von Arbeitern ihre Lebensarbeit und ihr Leben daran gege ben, dem Pharao das Leben nach dem Tod soweit zu sichern, wie es menschenmöglich war und seiner irdischen Macht entsprach. Cheops begnügte sich nicht mit seiner eigenen Grabstätte. Er ließ auch drei kleinere Pyramiden für Mitglieder seiner Familie errichten. Es scheint, daß sein irdisches Leben nur seinem zukünftigen Leben nach dem Tod gewidmet war. Die Cheops-Pyramide und alle anderen pyramidenförmigen Bau werke, die Grabstätten der Könige, ihrer Angehörigen und hervorra gendsten Mitarbeiter, sind die mächtigsten Zeugen für den Unsterb lichkeitsgedanken der ägyptischen Glaubensbekenntnisse. Der ganze Kraftaufwand des Volkes, der Wissenschaft und Regierung wurden zu dem einzigen Zweck vereinigt, dem König das Jenseits so zu sichern, wie es der Vorstellung des Diesseits entsprach.
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Vom Alten zum Mittleren Reich I Der Höhepunkt des so genannten ›Alten Reiches‹ gipfelte in den Pyra miden. Die unmittelbaren Nachfolger der großen Monarchen, die sich durch ihre Grabmäler verewigten, hatten nicht mehr die Mittel oder nicht mehr den Wunsch, Baudenkmäler so ungeheuren Ausmaßes zu errichten. Selbst der Reichtum des Niltals und die Arbeitskraft und der Arbeitswille eines in vollkommener Knechtschaft gehaltenen Volkes hatte seine Grenzen. Die rücksichtslose Ausübung der Herrschergewalt war immer nur möglich, wenn sich ihr keine Widerstände entgegensetzten, die entwe der auf einem Erlahmen der wirtschaftlichen Möglichkeiten und Mit tel oder auf einem Erstarken der Untertanen beruhten. Einzelberichte darüber fehlen. Zwischen den einzelnen Dynastien, den einzelnen Re gierungen sind nur Strömungen erkennbar, selten Ereignisse, die einer Aufzeichnung wert erachtet wurden. Die zeitgenössische Geschichtsschreibung war Aufgabe der von den Herrschern angestellten und abhängigen Schreiber und ihrer Hand werker. Deshalb wurden mit wenigen Ausnahmen nur die Erinnerun gen ruhmreicher Taten, an bemerkenswerte Errungenschaften und Re gierungshandlungen festgehalten; wenn zum Beispiel ein König, wie Sahure, seine Flotte nach ›Punt‹, an der Somaliküste am Südende des Roten Meeres, sandte und von dort achtzigtausend Maß Myrrhen ho len ließ, aus denen Salben, Schminken und Harze, die zum Balsamie ren dienten, erzeugt wurden, oder wenn er Schiffe nach Nubien über den ersten Katarakt hinausschickte, so waren diese Unternehmun 47
gen eigentlich nichts anderes als eine Fortsetzung und Vertiefung von Handelsbeziehungen, die schon vorher angebahnt worden waren. Das Leben im fruchtbaren Delta und an den Landbändern des Nils verlief ungestört, und der Ehrgeiz der Pharaonen, der ›Guten Götter‹, beschränkte sich im wesentlichen darauf, zu behalten, was sie hatten. Die innenstaatliche Verwaltung nahm sie so sehr in Anspruch, daß sie sich nur ganz selten einen Ausblick ins Ausland erlaubten, im Sü den über den ersten Katarakt hinaus, den sie allmählich in ihren Besitz brachten, nach dem Osten in Richtung des Roten Meeres, an dessen Küste sie Hafenanlagen brauchten, um den sich entwickelnden Han del zu fördern. Der Schiffbau nahm zu. Sahure sandte auch eine Flotte nach der phönizischen Küste, vermutlich um Holz einzuführen. Es hatte kei nen Sinn, Eroberungen zu machen. Kein angrenzendes Gebiet, über das die Kundschafter dem König berichten konnten, war annähernd so fruchtbar wie Ägypten, und es war einfacher und billiger, Handel zu treiben, als Krieg zu führen. Es war nur wichtig, die Straßen zu si chern und zu erweitern, besonders im Süden, nach dem Innern des Erdteils, aus dem Gold, Straußenfedern, Ebenholz und Elfenbein be zogen wurden. Dieses Gebiet südlich der Katarakte wurde ›Kusch‹ genannt. Nord nubische wilde Stämme lebten dort und stellten eine ständige Bedro hung für Ägypten dar. Sie mußten besiegt oder beschwichtigt werden. Lange Zeit blieb es bei belanglosen Scharmützeln zwischen der Mi liz der südlichen Gaufürsten und den nubischen Stämmen, bis König Phiops I. sie unterwarf. Dieser dritte Herrscher der Sechsten Dynastie war der letzte mächtige Monarch des Alten Reiches. In der langen Rei he der Könige war er vielleicht der einzige, der sich noch den immer mächtiger werdenden Gaufürsten, Beamten und Priestern überlegen zeigen konnte. Er hatte das Glück, sich die Anhänglichkeit eines aus gezeichneten Ratgebers namens Una sichern zu können, der ihm die Augen öffnete und ihn veranlaßte, seine Aufmerksamkeit mehr auf sein Reich auf dieser Erde als auf das Land des Jenseits zu lenken. Una war kein Vornehmer von Geburt. Er hatte seine Laufbahn als 48
Unteraufseher in der königlichen Verwaltung begonnen, war von Phiops zum Richter ernannt worden und schließlich zu seinem ober sten Ratgeber und zum Oberbefehlshaber aller militärischen Einhei ten Ägyptens. Das bedeutete freilich nicht, daß alle Gaufürsten dem König ihre Miliz zur Verfügung stellten. Una hatte in seinem Leben als kleiner Beamter die Gewohnheiten der großen Herren beobachtet und wußte, daß sie nur dann im Schach zu halten waren, wenn er ein eigenes neu artiges Heer auf die Beine stellte: aus Söldnern, die von den unterwor fenen Nubierhäuptlingen gestellt wurden. Diese unter seiner Aufsicht ausgebildete Truppe ergänzte Una mit freiwilligen Ägyptern und war so in der Lage, nicht nur den Süden des Reiches zu schützen, sondern auch Strafunternehmungen gegen No madenstämme aus dem Norden zu führen, die den Osten des Deltas hin und wieder beunruhigten. Vom Nachfolger des Phiops, Mermere, auch zum Gouverneur des Südens ernannt, sicherte Una die Grenzen gegen Überfälle und sorgte dafür, daß die mächtigen Adeligen der Gegend den Titel ›Wächter des Südtores‹ erhielten und mit ihren eigenen Milizen die Grenze schütz ten. Una blieb ein ergebener Diener Mermeres, für dessen Pyramide er gewaltige Granitblöcke vom Süden in die Residenzstadt des Königs bringen ließ. Dort wurde Mermere in einem Granitsarg begraben. Sein Leib, der sich durch die Jahrtausende erhalten hat, ist die älteste uns bekannte Mumie eines ägyptischen Königs. Solange Una lebte und ›die Augen der Könige offen hielt‹, blieb die Macht der Pharaonen unverändert. Mit seinem Tod und dem Aus sterben der Dynastie, der er gedient hatte, siechte das Königtum da hin. In ihren eigenen Residenzen, beinahe so reich wie die Könige selbst, mit einem Beamtenstab, der dem ›Großen Haus‹ nachgebildet war, mit einer eigenen Miliz, die sie militärisch – oder besser gesagt: po lizeilich – abhängig machte, waren die Gaufürsten zu unbeschränk ten Herrschern ihrer Gebiete geworden und durch Heiraten mit Mit 49
gliedern der jeweiligen Königshäuser den ›Guten Göttern‹ so blutsver wandt, daß sie sich auch selbst als Nachkommen der Gottheiten füh len oder sich für solche ausgeben konnten. Als die Sechste Dynastie, die Phiops und sein Vertrauter Una groß gemacht hatten, erlosch, war es nicht möglich, einen einzigen Nach folger aus der Reihe der Fürsten zu wählen, der von den andern aner kannt worden wäre. Die Siebente und Achte Dynastie, die nach Ma nethos Übersicht dreißig Jahre das Land beherrschten, weisen die Na men von zwanzig Königen auf. Selbsterkorene? Von andern Gewähl te? Von vielen umstrittene Usurpatoren? Legitime? Es sind nur Na men, Inschriften, in Kalkstein und Granit gemeißelte Hinweise in der Bildersprache, die vielleicht nur Ansprüche und nicht einmal Regie rungszeiten überlieferten. Die großen Herren des Landes regierten. Das Alte Reich zerfiel in Fürstentümer und Gaue, die selbständig und unabhängig voneinander waren – ein ähnlicher Zustand wie der in der vorgeschichtlichen Zeit, ehe die Nomaden das Volk des Niltals unterworfen hatten. Dadurch aber kam auch die kulturelle und zivilisatorische Entwicklung nicht nur für geraume Zeit zum Stillstand, sondern wurde sogar das Opfer eines Gegenangriffs, der die ins Unermessliche gehobene Macht des Königtums zum Ziele hatte. Die Volkswut – vermutlich nicht durch die untersten Schichten des Volkes verkörpert, sondern nur durch die größeren und kleineren Herren, die sich vor der königlichen Gewalt hatten ducken müssen – richtete sich gegen die Grabbauten der ver storbenen Herrscher. Ihre Statuen wurden zertrümmert, ihre Grab stätten und Tempel geplündert und geschändet. Aus Inschriften zeitgenössischer Fürsten können wir uns einen Be griff von dieser rechtlosen, chaotisch unruhigen Zeit verschaffen. In einem der Felsengräber stand geschrieben: »Jeder Beamte war an sei nem Posten. Niemand kämpfte oder schoß mit dem Bogen. Kinder wurden nicht erschlagen neben ihrer Mutter, noch ein Bürger neben seinem Weib. Es gab keinen, der Böses tat oder der an seinem Haus Gewalt übte.« In einem andern Felsengrab: »Wenn die Nacht kam, so lobten mich die, welche auf der Straße schliefen, denn sie waren wie 50
Menschen in ihrem eigenen Haus. Die Furcht von meinen Soldaten war ihr Schutz.« Das sind verneinende Rechtfertigungen, die deutlicher sprechen als Berichte. Aber nicht alle Fürsten hatten das Bedürfnis, sich im Sinne der Ordnung zu bekennen. Es war ihnen wichtiger, große Herren zu sein, die sich erst die Herrschaft auf Erden und dann das Weiterleben nach dem Tode sichern wollten. Dieser Wettbewerb um die Krone des ›Guten Gottes‹ dauerte jahr hundertelang. Es ist allerdings fraglich, ob sich die Revolution der Für sten auch im Leben des Volkes tatsächlich bemerkbar gemacht hat – mit Ausnahme der Rechtsunsicherheit, die um sich griff. In den Städ ten und Dörfern mochte das Leben genauso weitergegangen sein wie bisher. Der Klassenunterschied, der Abstand des Volkes von den Vor nehmen war so groß, daß sich die Machtverschiebungen gewisserma ßen auf einer höheren Ebene vollzogen; auf der höchsten Ebene unter den Gaufürsten selbst, die für die Erhaltung der Kanäle und Deiche sorgten, ihre Herden vermehrten, Truppen und Flotten in Bereitschaft hielten und Handel betrieben. Zu den mächtigsten Gaufürsten entwickelten sich die ›Verwalter des Südtores‹, die Herren von Theben, die mit den Gaufürsten von Siut um die Macht kämpften, während das Haus von Herakleopolis im Delta den Königstitel beanspruchte. Schließlich gelang es dem Haus von Theben unter Mentuhotep II. die Vormacht zu gewinnen. Einer seiner Nachfolger hatte das Glück, in Henu einen Ratgeber zu gewinnen, der so tat, als wäre nichts gesche hen, und die Handelsbeziehungen nach dem Süden fortsetzte, als wä ren sie nie unterbrochen gewesen. Er erhielt den Titel ›Verwalter des Südtores‹ und führte eine Expedition nach dem Roten Meer so sorg fältig durch, daß die dreitausend Mann, die den Marsch unternahmen und den Weg sicherten, auf dem Marsch täglich neuntausend Krüge Wasser und sechzigtausend Brote erhielten. Der letzte dieser Dynastie hatte keinen Erben. Ein thebanischer Ade liger namens Amenemhet stürzte ihn, um endlich dem Verfall des Kö nigreichs ein Ende zu machen. 51
II Dieser erste König der Zwölften Dynastie mußte sich als ›primus inter pares‹, als Erster unter Seinesgleichen, behaupten. Die Gaufürsten wa ren alle in ihren kleinen Reichen unabhängige Fürsten geworden und nicht gewillt, sich in ihrer Macht beschränken zu lassen. Sie waren be reit, einen König anzuerkennen, wenn ihre Interessen nicht darunter litten, sondern, im Gegenteil, gefördert wurden. Solange der Pharao sie im ungestörten Genuss ihres ›väterlichen Grundbesitzes‹ beließ und ihnen als Belohnung für ihre Regierungstätigkeit als Gaufürsten so ge nannten ›gräflichen Grundbesitz‹ zur Nutzung überließ, waren sie be reit, ihm zu huldigen, ihn als ›Guten Gott‹ anzuerkennen und sich so gar die Überwachung durch das ›Große Haus‹ gefallen zu lassen. Da der Pharao ihnen die Vererbung nicht nur ihres Besitzes, sondern auch ihrer Ämter garantierte, hatten sie nichts dagegen, daß die ›zwiefache Krone‹ auf die Nachkommen des Königs vererbt wurde. Unter der weisen Regierung des Amenemhet entwickelte sich eine Vertiefung des Begriffs der Königstreue, der sich durch viele Gene rationen erhielt. Das ist durch Inschriften an Grabsteinen bewiesen, die davon künden, daß der ›Gute Gott‹ nicht nur für den Bestand der Macht- und Vermögensverhältnisse seiner Großen sorgte, sondern auch für die Erziehung ihrer Kinder an seinem Hofe. Solche Inschriften lauten: »Meine Majestät sendet dich, da mein Herz sicher ist, daß du alles dem Wunsch Meiner Majestät entspre chend tust, denn du bist ja aufgezogen worden im Unterricht Meiner Majestät; du bist aufgewachsen als Pflegling Meiner Majestät und als einziger Zögling seines Palastes.« Eine andere Inschrift auf einem Grabstein ist eine Ermahnung ei nes großen Herrn an seine Kinder. Sie lautet: »Kämpft für seinen Namen, schwört bei ihm und ihr werdet frei von Nöten sein. Der vom König Geliebte soll gesegnet sein, aber es gibt kein Grab für 52
den Feind Seiner Majestät, und seine Leiche soll ins Wasser gewor fen werden.« Die ärgsten Beschwörungen waren und blieben diejenigen, die sich auf das Leben nach dem Tod bezogen, die Androhung, der Leiche nicht die Wohltat der Erhaltung durch Balsamierung, sorgfältige Bestattung und sicheres Grab zu gewähren. Unverändert blieb in der ägyptischen Welt die Angst um das Leben nach dem Tod. Allerdings veränderten sich die Gräberformen. Es ging nicht mehr an, alle Einkünfte und alle Arbeitskräfte des Landes für die Erbauung von Gräbern aufzuwenden. Anstatt Steine aus dem Fels zu brechen, zu befördern und zu ›Mastabas‹ und Pyramiden aufzutürmen, erschien es den Königen und Großen zweckmäßiger, ihre Gräber in die Felsen einzuhauen und Tempel zu errichten, um sich selbst und die Gotthei ten, als deren Nachkommen sie galten, zu verewigen. Amenemhet war ein großer König geworden, der von sich sagen konnte: »Ich pflanzte Getreide und liebte den Erntegott.
Mich grüßte der Nil in jedem Tal.
Niemand litt Hunger in meinen Jahren und keinen
dürstete.
Die Menschen wohnten in Frieden durch das, was
ich tat, und sprachen von mir.«
Er ernannte seinen Sohn Sesostris noch zu seinen Lebzeiten zum Mit regenten. Aus dem Rat, den er dem künftigen Nachfolger gab, spricht eine ganz andere Auffassung der Königsmacht und gibt einen deutli chen Hinweis auf die damaligen Verhältnisse in Ägypten: »Höre auf das, was ich dir sage,
Damit du König seiest auf Erden,
Damit du die Länder beherrschest
und das Gute mehrest.
Verhärte dein Herz gegen alle Untergebenen!
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Das Volk gibt acht auf den, der es in Schrecken hält;
Nahe dich ihnen nicht allein!
Lass deinem Herzen keinen Bruder lieb werden!
Kenne keinen Freund
Und mach dir keinen Vertrauten – Es ist
nichts Vollkommenes dabei. Wenn du
schläfst, bewache selbst dein Herz,
Denn ein Mensch hat niemanden
Am Tage des Unglücks.«
Die Großen Herrscher Mesopotamiens Im Gebiet des Zweistromlandes konnte kein so in sich geschlossener Kulturkreis entstehen wie in Ägypten, da die beiden Ströme Euphrat und Tigris nicht ein einheitliches Gebiet durchfließen wie der Nil und die fruchtbaren Landschaften nicht durch die Wüste natürlich ge schützt sind. Mesopotamien hatte nicht nur Nachbarn, die es von allen Seiten bedrängten. Auch im eigenen Lande hatten sich durch Überfälle und Einbrüche neue Siedlungen entwickelt, die von den zu unfreiwilligen Nachbarn gewordenen Städten in Jahrhunderten das erlernten, was diese in Jahrtausenden erlernt hatten. Die Neuankömmlinge bauten neue Städte und verbesserten nicht nur die Befestigungsanlagen, die sie erspäht, sondern auch die Lebensform, die sie angetroffen hat ten. Die Namen der Fundorte von Uruk und Djendet-Nasr sind nur Kennworte zur geschichtlichen und archäologischen Bezeichnung von Entwicklungen, deren Fortschritt im wesentlichen Merkmale aufweist, die allen Kulturkreisen gemeinsam sind. In der so genannten ›Uruk-Zeit‹ begnügten sich die Fürsten damit, 54
das zu behalten, was sie hatten, und es nach besten Kräften und bestem Wissen zu verwalten. Die Kriege, die sie führten, beschränkten sich auf die Abwehr ihrer unmittelbaren Nachbarn. Sie trieben Handel und strebten durch handwerkliche Errungenschaften nach einer Verbesse rung des Lebens. Sie hatten nichts dagegen, wenn sich neue Menschen im Gebiet des Zweistromlandes ansiedelten, sofern sie das eigene Volk in der Entfaltung nicht störten. So mochte es gekommen sein, daß sich im Lauf der Jahrhunderte Angehörige der semitischen Völkerfamilie, die Akkader genannt, im Zweistromland unbehelligt angesiedelt und einen natürlichen Vortrupp ihrer noch in nomadischer Freiheit leben den Stammesangehörigen gebildet hatten. Die Horden der Akkader griffen das Zweistromland an der Stelle an, an der sich der Euphrat und Tigris in ihrem Lauf am nächsten kom men, in der Gegend um die alte Stadt Kisch. Es war ein ungleicher Kampf: auf der einen Seite Stadtfürsten, die die Schwächen ihrer Menschlichkeit unter dem Priestermantel der Gott heit, die sie vertraten, verbargen, auf der andern ein Mann, der sich durch seine Persönlichkeit und Leistung zum Gott erhob. Der Begründer des ersten ›Weltreiches‹ wurde ein Akkader namens Sargon. Seine Abstammung ist unbekannt. Legenden und Inschrif ten berichten, daß seines Vaters Bruder im Gebirge lebte. Seine Mut ter habe ihn als Kind in einem Rohrkasten heimlich auf dem Euphrat ausgesetzt. Dort sei er von einem Gärtner aufgefunden und selbst zum Gärtner erzogen worden. Die Göttin Ischtar sei von Liebe zu Sargon ergriffen worden, und mit ihrer Gunst habe er die Herrschaft über die ›Schwarzköpfigen‹, die Akkader, errungen. Wie alle großen Eroberer verdankte Sargon seine Siege der Erfin dung neuer Waffen. Wir können Reliefs der akkadischen Zeit entneh men, daß er Bogen und Wurfspeer bei seinem Massenangriff einsetzte und seine Truppen aufrollte und dadurch die Mann an Mann mit Lan ze und Axt kämpfenden Sumerer besiegte. Er eroberte Uruk, nahm den König gefangen und überließ ihn dem Volk zum Gespött, in ei nen Käfig wie ein wildes Tier eingesperrt. Dann erbaute er seine eige ne Stadt: Akkad. 55
Wo sich diese Stadt befunden hat, ist noch nicht entdeckt worden. Gewiß ist, daß sich Sargon nach der Eroberung der sumerischen Ge biete erst ›König des Landes‹ und dann ›Herrscher der vier Weltgegen den‹ nannte. Diesen Titel erwarb sich Sargon dadurch, daß er die benachbarten Länder eroberte, weil es ihm einfacher erschien, sie zu beherrschen, als ihre Rohstoffe durch Handel zu erwerben. Wenn er Widerstand fand, zerstörte er die Siedlungen so, ›daß selbst Vögel dort nicht mehr hau sen konnten‹. Den größten Ruhm erwarb sich Sargon unter den noma dischen Stämmen dadurch, daß er seine Eroberungen ausdehnte ›in das Land des Sonnenuntergangs bis an sein Ende‹. Das Ende war das Mittelländische Meer, und es war auch die Nord küste Kleinasiens, in der die sumerischen Vorgänger Sargons das Kup fer gefunden hatten. Sargon unterhielt ein stehendes Heer von fünftausendvierhundert Mann, die ›täglich vor Sargon aßen‹. Unter dem Schutz dieses Heeres, das von ›Söhnen des Palastes‹ geführt wurde, blühte der Handel zwi schen den Städten seines Königreiches. Er konnte seinem Sohn Rimus und seinem Enkel Naramsin ein Weltreich überlassen, das so lange von Bestand war, als der Geist Sargons und die Energie seiner Nach kommen anhielten. Das akkadische Reich fiel dem Einfall eines wilden Volksstammes aus Iran, den Gutäern, zum Opfer. Sie hießen in den Texten der Be siegten ›die Drachen des Gebirges, die dem Gatten die Gattin, den El tern die Kinder geraubt, das Königtum in die Berge geschleppt ha ben‹. Hundert Jahre regierten die Gutäer, die sich ›Könige der Guti und der vier Weltteile‹ nannten, über das Zweistromland. Sie wurden plötzlich von einem Fürsten von Uruk vernichtet. Aber auch diese neue Dyna stie war unfähig, sich zu halten. Die Söldner, die sie zur Festigung ih rer Militärmacht herangezogen hatte, wurden schließlich stärker als sie und beherrschten das Land. Die im Nordosten ansässigen Elamiten und eine neue Welle von Westsemiten, die syrischen Amoriter, Nomaden der Wüste, brachen 56
in das Land ein, bekämpften einander, einigten sich wieder und führ ten Kriege zur Erlangung der Oberherrschaft im Zweistromland. Die Elamiten hatten ihren Hauptsitz in der alten Sonnenstadt Larsa, die Westsemiten in der am Euphrat gelegenen Stadt Mari, dem Mittel punkt des Ischtar-Kults. Den Fürsten beider Regierungen, die sich ›Oberkönige‹ nannten, schwebte die Wiederherstellung des sumerisch-akkadischen Reiches vor – die Einigung der beiden Gebiete, die einmal ein Reich gewesen waren. Es fragte sich nur, unter wessen Herrschaft das wiederherge stellte Reich stehen würde. Während dieses schier endlosen Wettbewerbs der Elamiten und der Westsemiten um die Macht, durch die sich beide Parteien schwächten, gelang es den Fürsten von Assur, ihre Macht zu festigen und zu erwei tern. Eine Zeitlang schien es, als ob die Elamiten unter ihrem König RimSin das Ziel erreichen würden. Das ganze Land war in seinem Besitz bis auf das kleine Gebiet um Babylon, das die Westsemiten hielten. Rim-Sin, der nicht nur ein bedeutender Feldherr war, begnügte sich nicht mit seinen Eroberungen. Er ließ neue Kanäle graben, erbaute Tempel und vertraute dem Ablauf der Zeit, die ihm während seiner ruhmreichen Regierung immer behilflich gewesen war, das mit Ge duld zu erreichen, was er mit Ungeduld nicht erreichen konnte: Auch Babylon würde ihm zufallen wie eine reife Frucht. In Babylon wuchs indessen der Sohn des Königs, Hammurabi, her an, der von seinem Vater gelernt hatte, Schicksalsschläge zu ertragen und sich nicht zu ergeben. Als Hammurabi den Thron bestieg, versuchte er als erstes, die freundschaftliche Verbindung zu denjenigen Stadtkönigen westsemi tischer Abkunft herzustellen, die sich der Oberherrschaft Rim-Sins unterworfen hatten. Er berief sich dabei auf die Gemeinsamkeit ihrer Abstammung und beschwor die Erinnerung der großen akkadischen Tradition herauf. Das Weltreich Sargons sollte nicht durch einen el amistischen, sondern durch einen westsemitischen Herrscher regiert werden. Aber Hammurabi fand nicht nur taube Ohren bei den mei 57
sten Fürsten, sondern auch Widerstand bei den blutsverwandten Herr schern von Assur, die ihrerseits Anspruch auf die Oberherrschaft er hoben. Da es ihm nicht gelang, sein Ziel mit diplomatischen Mitteln zu errei chen, griff Hammurabi zum Schwert. In zeitgenössischen Siegeshym nen sind seine Erfolge in wenigen Worten zusammengefaßt: »Ham murabi, der König und starke Held, der niedermacht die Feinde, der Sturmwind der Kämpfe, der niederwirft der Widersacher Land, der die Kämpfer zunichte macht, der die Empörung unterdrückt, der die Streiter zerstört wie ein Bild aus Ton …« Noch als jungem Mann gelang es Hammurabi, alle Gegner zu be siegen. Der Elamitenkönig Rim-Sin mußte sogar Larsa aufgeben und sich in sein Stammland jenseits des Tigris flüchten. Hammurabi folgte ihm nach und nahm ihn gefangen. Damit war er endlich Herr über die Länder und Völker der vier Weltgegenden geworden und konnte sich als ›Vater seines Volkes‹ der Neuordnung des durch so viele Kriege und innere Zerrissenheit in Verfall geratenen Reiches widmen. Über alle Zeiten hinaus berühmt wurde Hammurabi durch seine Gesetzgebung, die allerdings wahrscheinlich nicht mehr war als eine Zusammenfas sung bestehender Gesetze, die er im Sinne allgemein menschlicher Ge rechtigkeitsgrundsätze ergänzte und ausbaute. Das Gesetz Hammurabis war ein überaus strenges. Es beruhte auf dem Grundsatz ›Auge um Auge, Zahn um Zahn‹. Allerdings galt dies nur bei Verbrechen gegen Freie. Bei Verletzungen von Knechten und Hörigen genügte eine Geldstrafe. Hammurabi ließ seine Satzungen auf einer zwei Meter hohen Stein säule anbringen. Auf dieser Säule stand obenauf: »Vor dieses Bild soll der Geschädigte, der einen Rechtsstreit hat, treten. Er soll die Inschrift lesen und sich die kostbaren Worte zu Herzen nehmen. Die Gesetzes tafel soll ihm dann seinen Streit aufklären, damit er sein Recht finde und sein Herz aufatme mit den Worten: Hammurabi ist dein Herr, der wie ein leiblicher Vater für sein Volk sorgt.« Aus in Keilschrift geschriebenen und durch Tonhüllen geschützten Dokumenten ist ersichtlich, daß man schon vor der Zeit Hammura 58
bis kaum eine Ehe, einen Kauf oder eine Adoption abschloss, ohne das Geschäft aufzuschreiben, zu bezeugen und zu besiegeln. Aber das garantierte noch nicht, daß die Vereinbarungen eingehalten wurden. Erst Hammurabi sorgte für eine einheitliche Rechtsprechung durch königliche Richter und Beamte, die er selbst beaufsichtigte. Er sorg te auch für die genaue Einordnung der verschiedenen Berufszweige in ihre Stände. Es gab Palastbeamte, Kaufleute, Handwerker und Krieger. Jeder Angehörige dieser Berufe war des Rechts sicher. Nichts kann die Verwaltung Hammurabis besser vermitteln als das Studium der Gesetze. Aus ihrer Auslegung erwuchs ein einheitlicher Beamtenstaat. Es gab Großgrundbesitzer, große und kleine Städte mit einem Ältestenrat, es gab eine Kaufmannsgilde unter einem Ober kaufmann. In den Städten lebten, durch das Gesetz Hammurabis ge schützt, bürgerlich freie Handwerker. Die Bauern pachteten das Land von den Großgrundbesitzern und die Soldaten erhielten Lehensgüter, die sie allerdings nicht vererben konnten und die sie zum Kriegsdienst verpflichteten. Ähnlich wie in Ägypten das ›Große Haus‹, wurde im Königreich Hammurabis der ›Palast‹ der Mittelpunkt des Reiches, in dem alle Fä den zusammenliefen. Kein Zweig der Wirtschaft war wirklich frei. Der Palast beaufsichtigte auch die Tempel, die große Güter erhielten und deren Priester unmittelbar für den Tempel, mittelbar jedoch für den Schatz des Königs tätig waren. Die von den Priestern abhängigen Fischer, Geflügelzüchter, Schaf hirten, Händler mit ausländischen Rohstoffen: alle arbeiteten für den König. Wolle und Getreide wurden in Vorratshäusern aufgespeichert und von königlichen Beauftragten dem Handel zugeführt. Es wurden ähnliche wirtschaftliche Verfahren angewandt wie in der frühen Zeit der sumerischen Städtebildung – mit dem Unterschied, daß der König nicht über eine Stadt, sondern über das ganze Land herrschte. »Kaufmännische« Methoden leiteten nicht nur das Geschäftsleben, sondern auch das persönliche Leben der Untertanen Hammurabis. Die Ehe wurde durch einen Kaufvertrag geschlossen. Der Bräutigam zahlte dem Vater der Braut einen Kaufpreis und nahm dagegen eine 59
Mitgift in Empfang. Beim Tode des Mannes fiel die Mitgift an die Frau zurück, bei ihrem eigenen Tod an die Kinder, wenn sie kinderlos war, an den Vater. Hammurabi schuf auch neue Scheidungsgesetze. Früher wurde jede Frau, die sich von ihrem Mann trennen wollte, in den Fluss geworfen. Jetzt konnte sie, wenn das Recht für sie war, zu ihrer Familie unter Mitnahme ihres Kaufpreises zurückkehren. Der Ehemann, der sich früher beliebig scheiden lassen konnte, mußte der schuldlos ge schiedenen Frau nicht nur die Mitgift geben, sondern auch noch einen Teil seines Vermögens. Wenn eine Ehe kinderlos war, hatte der Gatte das Recht, sich eine Nebenfrau zu halten. Aus solchen und ähnlichen, zum Teil bereits unserem eigenen Rechts gefühl entsprechenden Gesetzen ist das moderne Denken Hammura bis erkennbar. Leider ist aus seiner Regierungszeit kein gewaltiges Bau denkmal erhalten geblieben. Der berühmte babylonische Palast Ham murabis ist im Grundwasser des Euphrat versunken und konnte nicht freigelegt werden. Aber aus den großartigen Palästen seiner Anhänger und seiner Gegner und aus Tempelruinen kann man sich einen Ein druck von den fürstlichen Lebensgewohnheiten dieses bedeutendsten Monarchen des Zweistromlandes verschaffen. Hammurabi war nicht nur Bauherr und Gesetzgeber. Er faßte die Gesetze in einer Sammlung zusammen und veranlaßte die Zusam menfassung der Dichtungen der Vergangenheit im Gilgamesch-Epos. Auch um die Entwicklung der Himmelskunde und der Schrift erwarb sich Hammurabi Verdienste.
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Kultur auf Wanderschaft I Die großen Kulturen, die im dritten vorchristlichen Jahrtausend in Ägypten und im Zweistromland entstanden, fanden eine Parallele in den Städten des Indusgebietes und im ägäischen Raum des Mittelmee res. In Harappa, in Mohenjo-Daro, im Industal befinden sich Ruinen ausgedehnter Gebäude, die von planvoll aus gebrannten Ziegeln er richteten Wohn- und Arbeitervierteln mit Werkstätten und Getreidespeichern umgeben waren. Fast jedes Haus hatte seine eigenen Baderäume und war an ein Kanalisationssystem angeschlossen. Man fand Stein-, Holz- und Metallgeräte und auch Siegel, die erkennen lassen, daß die Fürsten von Harappa und Mohenjo-Daro mit Babylon Han del getrieben haben. Großartiger noch war der auf der Insel Kreta gelegene Palast des Oberkönigs von Knossos, dessen Anlage der Sage vom Labyrinth zu grunde liegt. Den Palast von Knossos umgaben keine Mauern. Die Oberköni ge, die in Kreta herrschten, waren die Oberherren des Mittelmeeres. Ihre Macht war unbestritten, denn zu ihrer Zeit wurden Kriege nur zu Land und nicht zu See geführt. Das Meer diente dem Handel, den die Kreter von ihrer Insel aus ungehindert betrieben. Wer nicht Fischer war, widmete sich dem Ackerbau. Die nach dem sagenhaften König Minos benannte minoische Kultur auf Kreta und ihre spätere Entfaltung in Knossos bieten zahlreiche Be weise dafür, daß nicht nur die Insel Kreta, sondern auch Ägypten, Me sopotamien und die Reiche im Gebiet des Indus Beziehungen zueinan der unterhielten und voneinander lernten. 61
Einen mächtigen Wettbewerber hatte Kreta in der Stadt an der West küste Kleinasiens. Die berühmten Ausgrabungen Schliemanns förder ten die Ruinen Trojas zutage und bezeugten die Wirklichkeit der ur alten Legende.
II Der fest gefügte Bestand und die Entwicklung der kulturellen Mittel punkte der frühen Geschichte mag um so erstaunlicher erscheinen, wenn man bedenkt, daß sich die meisten Menschen zur gleichen Zeit noch auf Wanderschaft befanden. Sie lebten als Nomaden und Jäger von der Hand in den Mund, während ihre Zeitgenossen im Gebiet des Indus, in Ägypten, im Zweistromland und im ägäischen Raum bereits zivilisiert lebten, eine klare gesellschaftliche Schichtung hatten und durch Gesetze geregelte Verhältnisse. Die Bewohner der großen Kulturkreise hielten Frieden miteinan der. Das mochte nicht so sehr auf friedfertiges Wesen zurückzufüh ren gewesen sein – die gewaltigen Räume, die sie trennten, und das ausschließliche Interesse an den eigenen Gebieten machten Reibun gen unmöglich. Aber zwischen diesen Kulturoasen und im weiten asiatischen Hin terland bewegten sich Stämme und Völkerschaften, die wie tausend Jahre zuvor auf der Suche nach Weideplätzen und nach geeigneten An siedlungsgebieten waren. Die einzelnen Entwicklungsstufen dieser Nomaden sind geschicht lich nicht festzuhalten. Die Namen der Stämme haben im Laufe der Jahrtausende Veränderungen erfahren und lassen sich nur durch Sprachvergleichung ordnen. Man spricht von Indo-Germanen, IndoEuropäern, Semiten, Hamiten. (Zu oft wurde das Wort ›Arier‹ miss braucht. Es ist die Übersetzung des indischen Wortes ›die Reinen‹ und 62
bezieht sich auf ein Bergvolk, das in das Gebiet des Indus eindrang und die dunkelhäutige Bevölkerung beherrschte.) Manche Völkerna men, die in den Sprachgebrauch der frühen Geschichte eingedrungen sind, entstanden durch klangliche Verunstaltung, wenn die Verteidi ger über die Angreifer berichteten. Eine genaue Festlegung des wah ren Ursprungs der Völkernamen ist noch nicht gelungen. Am besten tut man daran, die meisten zusammenfassend als die ›Bergvölker‹ zu bezeichnen. Diese Völker, die nach dem Zusammenbruch des Hammurabi-Rei ches den Ablauf der vorderasiatischen Geschichte gestalteten, brachten eine Gesellschaftsform mit, die dem Rittertum und dem Lehenswesen späterer Zeiten vergleichbar ist. Es waren vor allem drei Völkergrup pen, die in das ehemalige Reichsgebiet des ›Königs der vier Weltteile‹ eindrangen und es beherrschten. Es ist allerdings nicht gewiß, ob das Eindringen eines dieser Völker, der Kassiten, sich nicht ähnlich vollzo gen hat wie das Eindringen der Elamiten einige Jahrhunderte vorher. Abgespaltene Horden von Kassiten mochten sich in der Gegend von Kisch oder Babylon angesiedelt haben, ehe die Hauptgruppe der No maden ihren Eroberungszug unternahm. Die ausgedehnten Gebiete vom nördlichsten Teil des Zweistromlan des bis nach Palästina und bis zur syrischen Mittelmeerküste wurden von den Churri-Völkern überflutet. Diese Stämme, die auch ›Hurriter‹ genannt wurden, verdrängten die ansässigen Westsemiten und ver mengten sich mit dem Volk der Assyrer, das seit dem Aufkommen des Königtums von Assur schon ein Mischvolk gewesen war. Ein ande res Volk, das als ›Hethiter‹ bezeichnet wurde, mochte den Hurritern stammesverwandt gewesen sein, stand aber im ständigen Kampf mit ihnen. Die Forschungen, die sich auf Sprachbau und Wortschatz, gesell schaftliche Gliederung oder Glaubensvorstellungen stützen, bezeich nen diese in den Bereich der Geschichte tretenden Völker als ›IndoEuropäer‹, wobei die Forscher wieder zwischen westindogermanischer und ostindogermanischer Sprachgestaltung unterscheiden. Die Staatenentwicklung Kleinasiens gestaltete sich nun so, daß der 63
nordöstliche Teil von den Hethitern beherrscht wurde, der südwest liche von den Churri-Völkern und Kassiten. Manche eingesessenen Stadtkönige des alten Sumerer-Landes blieben als Vasallen der Kas siten in ihren Städten. Unter churrischer Oberherrschaft entstand das Königreich Mitanni, dessen Schwergewicht im assyrischen Gebiet lag. Das churrische Volk wurde von einer indischen Adelsschicht be herrscht. Seine Könige führten rein indische Namen. Welchen Weg alle diese Völkerschaften nahmen, bevor sie in Kleina sien sesshaft wurden, konnte bisher nicht einwandfrei festgestellt wer den. Ihr Ursprung ist in den Gebirgslandschaften Nordindiens anzu nehmen. Auf ihrem Marsch nach dem Westen mochten sie durch das gegenwärtige Südrussland gezogen sein, an der Nordküste des Schwar zen Meeres entlang in das europäische Festland, und dann wieder eine Schwenkung nach Osten vorgenommen und die Meerenge, die den asiatischen Kontinent vom europäischen trennt, überschritten haben. In den ganz frühen Zeiten der Menschheitsgeschichte waren die No maden streifende Horden gewesen, die auf ihrem Zug jagten und an Orten lagerten, wo sie Nahrung und Futter finden konnten. Seit sich größere Gruppen zu Völkern vereinigt hatten und durch zufällige Mitteilungen oder durch Kundschafterberichte von besseren Lebens formen der in Städten und Reichen Lebenden erfuhren, gewannen ihre Wanderungen Ziele. Der Weg ging nicht mehr ins Unbekannte. So wie die Ansässigen die handwerklichen Geräte in ihren Siedlun gen entwickelt hatten, verbesserten auch die Nomaden ihrerseits all mählich die Herstellung von Handwerkszeug. Sie machten sogar Er findungen, die für den Sesshaften nicht so nötig waren wie für sie, die sich auf ewiger Wanderschaft von Landschaft zu Landschaft befanden. Erst hatte ihre Habe nur aus einzelnen Geräten bestanden, aus Waf fen, die sie brauchten, um zu jagen, sich zu wehren und zu kämpfen, dann aus Hebestöcken der Frauen, die Knollen aus der Erde gruben, aus den Kleidungsstücken, die sie benötigten, um sich gegen plötzliche Kälteeinbrüche zu schützen, aus Fellen, die sie für ihre Zelte verwen deten. Aber sie hatten auch durch Beobachtung, durch gelegentliche Berührung mit zivilisierten Siedlern, vielleicht auch aus eigener Er 64
fahrung gelernt zu weben, Tontöpfe anzufertigen und Metalle aus dem Gestein zu lösen und zu verarbeiten. Um diese Habe, die ihnen ›un ter den Händen anwuchs‹, von Lagerplatz zu Lagerplatz mit sich füh ren zu können, genügte es nicht, daß sie das Vieh beluden oder ihren Besitz auf den Schultern trugen. Es waren bessere Beförderungsmittel nötig. So erfanden sie das Rad und den Wagen. Erst waren es nur zwei runde Scheiben, die durch eine gemeinsa me Achse verbunden wurden, auf der man eine Plattform rollend vor wärts bewegen konnte. Nach und nach gab es zwei Paare solcher mit Achsen verbundener Scheiben, die eine Plattform zusammenhielt. Auf so einem Wagen durch die Landschaft zu rollen, war Frauen und Kin dern angenehm, und man konnte Gepäck transportieren. Es war aber eine langsame Art der Fortbewegung. Sie genügte den Männern nicht. In den Steppen jedoch, durch die sie zogen, gab es Vierfüßler, die nur schwer zu fangen waren, da sie rascher laufen konnten als Menschen und sich schon bei der ersten Annäherung in rasenden Rudeln aus dem Staub machten: die Pferde. Solcher Tiere habhaft zu werden und sie sich gefügig zu machen, wurde das Ziel der Nomaden. Ein Pferd zu besitzen, war zunächst eine Seltenheit. Es wurde auch nicht geschlachtet, wenn es gezähmt war, da jedes einzelne, zur Zucht verwendet, als Kostbarkeit erschien. Man mußte lernen, die gefange nen Pferde in Umzäunungen zu halten, damit sie nicht wieder flie hen konnten. Man mußte einen Weg finden, sie gefügig zu machen, so daß sie geführt werden konnten; die Trense und der Zügel mußten er funden werden. Das Pferd wehrte sich gegen die Gefangennahme, es wehrte sich gegen die Zähmung, auch wenn es von Geburt an schon in Gefangenschaft gehalten worden war. Es hielt den Kopf aufrecht, es war ein edles Tier. Ein jedes war verschieden vom andern und jedes mußte anders behandelt werden, auf seine eigene Art und seinem eige nen Wesen entsprechend. Die Nomaden zähmten und züchteten die Pferde in der Regel, um sie vor ihre Wagen zu spannen; nur wenige Pferde wurden als Reittiere benützt. Aber da die Schnelligkeit der Pferde in keinem Verhältnis zur 65
Schwerfälligkeit der Lastwagen stand, ging es darum, bessere, leichte re Räder herzustellen. Die Nomaden, denen das gelang, konnten auf zweirädrigen Wagen, die sie stehend lenkten, mit einer Schnelligkeit vorwärts kommen, die bisher unerreicht gewesen war. Diese von Pfer den gezogenen Wagen wurden militärischen Zwecken zugeführt: der Streitwagen entstand, eine überraschend mächtige Kampfwaffe, gegen die es keine Verteidigung zu geben schien, wenn die auf dem Streitwa gen dahinjagenden Kämpfer ihre Feinde überraschten und umzingel ten. Nicht nur die vordere Wand des Wagens wurde mit Kupferbeschlä gen geschützt, auch die Pferde erhielten Brustpanzer und Kopfschutz masken, die sie beinahe unverwundbar machten. Das Schmiedehand werk gewann Ansehen, und das erst recht, als die Schmiede nicht mehr Kupfer allein zu Geräten schmolzen und hämmerten. Sie hatten ein grauweißes Metall entdeckt, das Zinn, das sich geschmolzen mit dem Kupfer verband und eine härtere Masse erzeugte. So entstand die Bronze und gab einem neuen Zeitalter seinen Namen. Mit bronzenen Waffen und Panzern für Wagen und Pferde stürm ten die auserlesensten, kräftigsten Angehörigen der Nomadenvölker durchs Land, brachen jeden Widerstand, nahmen Besitz von allem, was ihnen gefiel, immer auf dem Weg zu den Rohstoffgebieten, die das Ziel ihres Marsches waren: die metallreichen Berge des nordöstlichen Kleinasiens. So müssen wir uns den unaufhaltsamen Siegesmarsch der Hethiter vorstellen, als sie ein neues Reich errichteten. Einmal am Ziel ange langt, benahmen sie sich wie die meisten Sieger der Geschichte: aus Siegern wurden Siedler. Sie hatten das Land unterworfen, sie waren seine Herren, ihre Frau en und Kinder lebten in Häusern und Palästen. Sie hatten ihre eigenen Kenntnisse mitgebracht, aber es war ihnen genehm und günstig, sich der Landeskenntnisse zu bedienen und von den landesüblichen Ge bräuchen diejenigen zu übernehmen, die einer angenehmeren Lebens führung dienten. Im Verhältnis zur eingeborenen Bevölkerung waren die Erobe 66
rer nicht zahlreich. Sie wurden aufgezogen und glichen sich an. Ihre Häuptlinge wurden sesshafte Fürsten, aus deren Mitte sie Könige wähl ten, die den Fürsten ihren Besitz und ihre bevorrechtete Stellung bestä tigten und kräftigten. Die streitbaren Krieger waren die Auserlesenen. Über je mehr Streit bare ein Fürst oder ein König verfügte, desto mächtiger war er, desto mehr Land und Leute konnte er sich untertänig machen. Für die arbeitende Bevölkerung war es einerlei, wer sie beherrschte. Sie wurden in jedem Fall beherrscht. Es ging nur darum, daß die Hand des Fürsten nicht zu hart und zu schwer war. Die meisten Gesetze, die vor der Eroberung gegolten hatten, blieben wesentlich in Kraft. Sie wa ren aus den Notwendigkeiten des Landes entstanden, aus dem Zusam menleben der Menschen; Gesetzesveränderungen berührten nur die obersten Schichten. Das vorderasiatische Gebiet, das der Tummelplatz so verschiedener Völkerschaften gewesen war, gewann allmählich eine eigene Prägung, die sich wie die Bronze, die das Hauptmetall des Zeitabschnittes ge worden war, aus verschiedenen Metallen zusammensetzte. Es gab das Königreich der Hethiter, das Königreich Mitanni und das Reich der Kassiten im südöstlichen Teil des altsumerisch-akkadischen Raums. Die Verhältnisse gewannen Beständigkeit. Die kraftgespannte, trieb hafte Bewegung, die den Vorderen Orient unausgesetzt aufgewühlt hatte, schien sich zu beruhigen. Handelsbeziehungen traten an Stel le kriegerischer Auseinandersetzungen, ein Austausch des Wissens und der Erzeugungsverfahren fand statt. Es schien, als sei die Mensch heit zumindest in Kleinasien auf dem besten Wege friedlichen Fort schritts. Aber die Hethiter waren nicht das einzige Nomadenvolk, das den Streitwagen kannte. Die östlichen Indo-Europäer hatten die glei chen Erfahrungen gemacht. Sie zogen nach dem Osten und brachen in das Gebiet des Indus ein. Die alten Reiche von Harappa und MohenjoDaro hielten dem Ansturm der neuen Waffe nicht stand und wurden von den so genannten ›Ariern‹ vernichtet. Alles, was von ihrer hohen kulturellen Lebensform übrig geblieben ist, sind Ruinen. 67
Vom königlichen Grabstein zum bürgerlichen Papyrus I Amenemhet von Ägypten, der große Fürst von Theben, mit dem die Elfte Dynastie begonnen hatte, konnte seinen Kindern und Kindeskin dern nicht genug zur Vorsicht raten. König von Ägypten zu sein bedeu tete für seine Nachkommen nicht mehr, allmächtig zu sein, wie es die Könige früher gewesen waren. Das Land war wohl in seiner Gesamtheit ein einiger Staat unter der zwiefachen Krone der Pharaonen, aber die tatsächliche Macht lag in den Händen der großen Herren, der Gaufür sten, die dem König Gehorsam schuldeten und manchmal auch leiste ten, aber sich weder wie Beamte noch wie treue Diener verhielten. Die Fürsten bauten ihre eigenen Tempel und Paläste, ihr örtliches Regierungsgebäude war zwar nicht das ›Große Haus‹, aber in ihren ›Kleineren Häusern‹ benahmen sie sich, als wären sie selbständige Herrscher. Sie brachten ihre Unabhängigkeit auch dadurch zum Aus druck, daß sie ihren Stolz dran setzten, daß es der Bevölkerung, die unter ihrer Herrschaft lebte, ausnehmend wohl erging, damit sie selbst sich durch ihre Großzügigkeit und Großherrlichkeit von den Nach barfürsten unterschieden; sie wollten sich auch den örtlichen Gotthei ten und Priesterschaften gefällig zeigen, um sich des Lebens nach dem Tode würdig zu erweisen. So berichtete ein Gaufürst über sich selbst: »Ich war reich an Korn. War das Land in Not, so erhielt ich die Stadt mit Getreide. Ich ließ den Bürger selbst Korn holen für sich und sein Weib, für die Witwe und ihren Sohn. Ich erließ alle Schulden, die aus der Zeit meiner Väter unbezahlt geblieben waren. Ich füllte die Wei 68
den mit Vieh, alles war fruchtbar. Die Kühe warfen zwiefach, die Hür den waren voll von Kälbern.« Ein anderer Fürst ließ seine Lebensgeschichte in seinen Grabstein meißeln: »Es gab keines Bürgers Tochter, die ich missbrauchte, keine Witwe, die ich bedrückte, keinen Bauern, den ich von mir stieß. Es gab keinen Hirten, den ich fortjagte, keinen Sklavenbesitzer, dem ich zur Entschädigung unbezahlter Steuern seine Leute fortnahm. Niemand war elend in meinem Staat, niemand hungrig zu meiner Zeit. Kamen Jahre der Hungersnot, so ließ ich alle Felder des Antilopengaues pflü gen bis an seine südliche und nördliche Grenze. Ich erhielt seine Men schen am Leben und versah sie mit Nahrung, so daß keiner hungrig war. Ich gab der Witwe ebenso wie der, die einen Mann hatte. Ich zog den Großen nicht dem Kleinen vor in allem, was ich gab. Dann kamen große Nilüberschwemmungen, reich an Korn' und an allen Dingen, aber ich trieb die rückständigen Steuern doch nicht ein.« Diese Fürsten waren eine selbstbewusste, von ihrer Macht und selbstzufriedenen Menschlichkeit erfüllte Schicht, die sich das König tum gefallen ließen, um sich ihrer Lebenslust selbstgefällig ergeben zu können. Für sie war diese unbedeutende Zeit Ägyptens, in der nichts Außerordentliches geschah, eine große Zeit. Das kam auch in der im mer prächtiger werdenden Ausstattung ihrer Grabstätten zum Aus druck, deren Kostbarkeit zunahm im Verhältnis, in dem die Macht des Königtums abnahm. Die Vornehmen lebten nicht nur gut, sie starben sozusagen auch gut. Sie waren mit ihrem Diesseits und der Sicherung ihres Fortlebens im Jenseits so zufrieden, daß sie sogar den Grundsatz: ›Leben und leben lassen‹ ausdehnten auf: »Leben und nachleben lassen.« Warum auch nicht? Die Handwerker, die für die Paläste der Fürsten, ihre Tempel und Grabstätten immer köstlichere Geräte und Kleinodien schufen, sie, die durch ihre Arbeit und Handfertigkeit so viel gaben, sollten an allem teilnehmen können: Die freien Bürger der Städte, Kaufleute, de ren Geschicklichkeit im Handel zum Wohlstand der Fürsten beitrug, Grundbesitzer, die die Bewässerungsanlagen in ihren Gebieten ver vollkommneten, Kunsthandwerker, die neue Formen schufen oder 69
sich neue Stoffe gefügig machten, sollten auch den Weg in den ewigen Westen nicht missen! Wir finden zum Beispiel auf dem Friedhof von Abydos viele Hunderte kostbar ausgestattete Gräber von Männern, die keinen Titel hatten. Offenbar genügte es, ›Bürger der Stadt‹ und wohl habend zu sein, um neben den Hochbetitelten und Hochgeborenen, den Adeligen und den Fürsten begraben zu werden. Oder war es nicht nur der Tod, der den Rangunterschied verwischte und es zuließ, daß Bürger neben Fürsten begraben wurden? Ob der Mann aus dem Vol ke, der sich heraufgearbeitet hatte, auch zu Lebzeiten das Vorrecht ge noß, Sport und Jagd, die geselligen Zerstreuungen des Adels zu teilen, ist ungewiss. Gewiß ist aber, daß in Grabsprüchen titellose Väter ihre Söhne ermahnten, sich zu bilden, Schreiber zu werden; denn das Amt des Schreibers allein brachte Ehre und Reichtum. So strebte in der ge sellschaftlichen Ordnung, die sich unter der Hut der Fürsten entwik kelte, ein Bürgertum auf, das die Lebensgewohnheiten der hohen Her ren immer strebsamer nachahmte. Außer den Fürsten aber blieben die Priester in ihren sich immer mächtiger erweiternden Hoheitsgebieten und Tempelanlagen, die Schlössern glichen, der wichtigste Stand im Mittleren Reich. In jeder größeren Stadt war der Tempel nicht nur der Sitz des Heiligtums der örtlichen Gottheit, er war gleichzeitig die Hohe Schule zur Vorberei tung für alle höheren Berufe. Obwohl eine immer heftigere zunehmen de Gegensätzlichkeit zwischen der Priesterschaft der einzelnen Tempel bestand, die die Bedeutung ihrer örtlichen Gottheiten gegeneinander ausspielten, waren doch alle Priester in ihrer Gesamtheit ein das ganze Land ebenso einheitlich verbindendes Band wie der Nil. Unter den unmittelbaren Nachkommen Amenemhets erwies sich nur Sesostris III. als bemerkenswerter König. Er war eine so starke Persönlichkeit, daß die einzelnen Gaufürsten willig waren, ihm sogar militärische Gefolgschaft zu leisten. Es mochte auch sein, daß Seso stris durch die kriegerischen Züge der Hethiter, Churriter und Kassi ten angeregt war, seinerseits kriegerische Unternehmungen zu wagen. In der Zeit der großen Unruhen unter seinen Vorfahren war die so mühsam errungene Herrschaft über die nordnubischen Stämme, die 70
dem großen Feldherrn und Staatsmann Una Söldner gestellt hatten, verloren gegangen. Sesostris eroberte die Gebiete wieder und verschob die Grenze Ägyptens weiter nach Süden. Er baute einen Kanal, um den Fluss aufwärts fahrbar zu machen, und unternahm einen Straf zug nach Kusch, um die östlich vom Niltal lebenden Barbaren abzu schrecken. Er begnügte sich nicht mit der Ausdehnung der Grenzen Ägyptens im Süden. Aus den Minen von Sinai jenseits der Wüste hatte das ägyp tische Reich schon lange Rohstoffe bezogen. Diese Minen mußten mi litärisch gesichert werden. Sesostris unternahm einen Vorstoß nach Syrien. Der Grabstein eines Generals, der den Pharao auf diesem Feld zug begleitet hatte, berichtet über die Belohnung, die er von Sesostris III. erhielt: »Er gab einen Stab aus Silbergold in meine Hand, einen Bo gen und einen Dolch, mit Silbergold verziert, dazu die Waffen der Ge fangenen.« Diese erfolgreichen Unternehmungen des Pharao brachten ihm Ruhm, Ehre und Beute. Aber sie führten dazu, daß Ägypten sich nicht mehr nur auf die innere Verwaltung des Landes beschränken konnte. Fürs erste schien es doch, daß alles beim alten bleiben würde. Der Sohn des Sesostris, sein Nachfolger, Amenemhet hatte nämlich nur das Inland im Auge. Der Sohn war kein Kämpfer wie der Vater. Er war kein Kriegsherr, sondern ein Bauherr. Aber nicht nur zur Verewi gung seines Ruhmes, sondern um bessere Lebensbedingungen für das Volk zu schaffen. Amenemhet III. lenkte sein Augenmerk vor allem auf die Erhöhung der Ertragsfähigkeit des Landes durch den Ausbau der Bewässerungsanlagen. Er ließ den praktischen Maßnahmen wis senschaftliche Überlegungen vorausgehen. Er ließ die Höhe des Nil standes am zweiten Katarakt alljährlich feststellen, um den Grad der bevorstehenden Überschwemmung vorausberechnen zu können. Von der Höhe des Wasserstandes hing das Ausmaß der Überschwemmung ab. So konnte der Ertrag der Ernte des kommenden Jahres abgeschätzt werden. Er vollendete Arbeiten, die seine Vorgänger begonnen hat ten. Etwa hundert Kilometer oberhalb der südlichen Spitze des Del tas senkte sich die Wüste in einem Gebiet, das sechzig Kilometer breit 71
und lang war. Dieses Gebiet ist als das ›Faijum‹ bekannt. Wenn der Nil aus seinen Ufern trat, entstand dort ein großer See. Um das Stauwasser nutzbar zu machen, errichtete Amenemhet eine Mauer von vierzig Ki lometer Länge. Durch diese Maßnahme konnte er mehr als zehntau send Quadratkilometer Ackerland gewinnen. Er baute die ›Krokodils tadt‹ als Hauptstadt der von ihm geschaffenen reichen Provinz, Tem pelanlagen und Regierungsgebäude, deren Ausmaße so gewaltig wa ren, daß sie das ›Labyrinth‹ genannt wurden. Es wurde später ange nommen, daß der Palast von Knossos, das kretische Labyrinth, dem Pharao als Muster vorgeschwebt hatte! Der König von Ägypten wollte keinem König der Erde an Prachtentfaltung nachstehen!
II Unter Amenemhet III. erfreute sich Ägypten des größten Wohlstands und Wohlergehens. Immer, wenn sich ein freier Bürgerstand entwik kelte, der die Lebensformen der höheren Schichten, des Adels und der Fürsten ungestört nachzuahmen vermochte, verbesserten sich gleich zeitig die Lebensumstände des ganzen Volkes. Das kann in Ägypten in diesem Zeitabschnitt am besten an den Be stattungen der Toten festgestellt werden. Der reiche Bürger, der Titellose, konnte nach dem Tode wie der König in gleicher Weise, mit den gleichen Mitteln balsamiert und in köstlichen Gewändern beigesetzt werden, um als Mumie, vor allen Unbilden bewahrt, der Rückkehr des ›Ka‹ gewärtig zu sein. Es war auch nicht mehr nötig, sich gewaltiger Steinplatten zu be dienen, um die eigene Lebensgeschichte und die Vorschriften, die auf dem Weg ins Jenseits befolgt werden mußten, in sie einzumeißeln. Der Papyrus, der in immer weiteren Kreisen verwendete Schreibstoff, er setzte den Stein und erfüllte den gleichen heiligen Zweck. 72
Gewiß, die Masse des Volkes, die Bauern und Arbeiter, lebte in un veränderter Armut und unter dem gleichen Druck, so als ob keine Ver änderung im Leben der Freien vor sich gegangen wäre. Sie hatten kei nen Vorteil davon, daß ein immer regerer Verkehr auf den alten Han delsstraßen einsetzte und neue, immer entferntere Handelsstützpunk te geschaffen wurden. Es war den ägyptischen Töpfern, den kerami schen Malern, den Handlangern der Goldschmiedekunst und den Steinmetzen kaum bekannt, daß ihre kostbaren Erzeugnisse in den großen Städten des ägäischen Raumes, in Knossos und Troja, ebenso verwendet wurden wie in den Residenzen der Hethiter-Könige und am Hofe von Babylon. Auch blieben sie Hörige, die nur das Allernötigste zur Erhaltung ihres Daseins zugewiesen bekamen. Der Reichtum des Landes nahm durch die Urbarmachung im Deltaraum zu. Die Armut der Armen blieb gleich. Es war allerdings eine friedliche Armut, denn sie blieben fürs erste noch von der Plage verschont, zur militärischen Dienstleistung herangezogen zu werden. Trotz aller Maßnahmen und Gesetze, die den neu aufstrebenden Bürgerstand immer sicherer und besser schützten, gab es kein Gesetz zum Schutze der Besitzlosen, kei ne Maßnahme, die ihr Leben tatsächlich verbesserte. Und doch waren diese Menschen die eigentlich Verantwortlichen für das Wohlergehen des Landes. Aber in ihrer Mitte entwickelte sich kein Widerstand ge gen die herrschenden Mächte. Sie wurden auf jeden Fall so belastet, daß es ihnen ganz und gar gleichgültig war, wer sie unterdrückte. Wenige Jahre nach dem Tode Amenemhets III. erlosch seine Dy nastie. Sowohl die Listen Manethos als auch andere von Ägyptologen aufgefundene Listen erwähnen dann eine Reihe von Pharaonen, die vom ›Großen Haus‹ aus regiert haben. So enthält die Königsliste im so genannten Turiner Papyrus hundertachtzehn Namen von Königen, von denen viele vermutlich zu gleicher Zeit gelebt und sich die Krone gegenseitig streitig gemacht haben. Eine dunkle Zeit für Ägypten hatte wieder begonnen. Die wirtschaft liche Lage des Landes verschlechterte sich. Das war vor allem darauf zurückzuführen, daß die einheitliche Verwaltung der Bewässerungs anlagen fehlte und die einzelnen Fürsten im Kampfe um die Oberherr 73
schaft ihre Mittel verbrauchten und nicht der Wirtschaft zuführten. Der Außenhandel kam zum Erliegen. Man darf sich diesen Verfall der Wirtschaft Ägyptens nicht als ei nen jähen Verfall vorstellen. Es war ein langsamer Vorgang, der sich über mehr als hundert Jahre erstreckte und dem Land durch die Ver fallerscheinungen jede Widerstandskraft gegen einen Einfall von au ßen nahm. Der Versuch dieses Einfalls wäre wahrscheinlich in jedem Fall un ternommen worden, denn in den großen Königreichen, die im Vor deren Orient entstanden waren, im Reich der Hethiter, im Königreich Mitanni, in den von den Kassiten beherrschten Gegenden gärte es un aufhörlich. Der ritterliche Adelsstand, dessen mit Pferden bespannte Streitwagen die weiten Landschaften unterworfen hatten, war unruhi gen Geblüts. Es waren an Bewegung gewohnte Menschen, denen das Stillhalten schwer fiel, auch wenn sie die kriegerische Tätigkeit in eine sportliche verwandeln konnten und die Zahl der alljährlichen Festtage vermehrten. Sie lebten in Luxus. Die Ausgrabungen in Gebieten, in de nen ihre Paläste und Tempel standen, deuten auf eine erhöhte Lebens freude und verfeinerte Lebensart hin. Niemand weiß wirklich, ob die Hyksos, die Ägypten durch einen jähen Überfall unterwarfen, ein von den Hethitern, den Churritern oder den Kassiten abgezweigter Stamm waren, oder ob sie, aus dem Osten kommend, an den schon gefestigten Reichen vorbeigefahren waren – Abenteuer oder Eroberung suchend. Es gibt verschiedene Deutungen des Worts ›Hyksos‹. Manetho be zeichnete sie als Hirtenkönige. ›Hyk‹ bedeutet Herrscher und ›sos‹ Hirte. In zeitgenössischen Inschriften wurden die Eroberer kurzweg als ›Asiaten‹ und ›Barbaren‹ bezeichnet, in manchen auch als ›Herr scher der Länder‹. Manche Theorien gehen dahin, daß sie ihre Hauptstadt Avaris des halb im nördlichen Delta erbauten und Ägypten von dort aus regier ten, um nicht zu weit von ihren ursprünglichen kleinasiatischen Ge bieten entfernt zu sein und die Verbindung dorthin leichter aufrechter halten zu können. Vielleicht blieben sie auch in Avaris – von dem üb rigens keine Spur erhalten ist –, weil das Delta nach Gewinnung des 74
neuen Fruchtlandes durch Amenemhet III. das reichste Gebiet Ägyp tens geworden war. Sie begnügten sich mit einer Tributzahlung der südlicheren Fürstentümer am Nil und damit, daß sie als ›Könige von Ober- und Unterägypten‹ anerkannt wurden. Es erging den Hyksos ganz ähnlich wie den ersten Nomadenstäm men, die das Niltal erobert hatten. Ihr Häuptling wurde König, seine Verwandten und besten Krieger Gaufürsten. Nur wenige der alten Ge schlechter blieben an der Macht, und die neuen, die sich in ihren Palä sten breitmachten, übernahmen nicht nur die Schatzhäuser und Vor ratskammern, sondern sie schlüpften gewissermaßen mit Haut und Haar in die Stellung der von ihnen Besiegten und Verdrängten. In we nigen Jahren oder Jahrzehnten hatten sie sich, genauso wie ihr König in einen Pharao, in ägyptische Fürsten und Vornehme verwandelt und den Sitten des Landes, das sie unterworfen hatten, angepasst. Es gab allerdings einen besonderen Unterschied zwischen dieser und der vorhergegangenen Eroberung und Besetzung Ägyptens durch No madenstämme. In der ersten Besetzung zweitausend Jahre vorher hat te es noch nicht die verzweigte Wirtschaft und den sie überwachenden Beamtenstab gegeben. Auch nicht die ungeheuren Hoheitsgebiete der Priester, deren Tempel in jedem Gau ein Fürstentum bildeten. Sowohl der Beamtenstab als auch die Glaubensverwaltung mußte von den Er oberern im wesentlichen aufrechterhalten werden, damit sie Nutzen aus der Eroberung ziehen konnten. Aber die Tempel mit ihren zahlreichen Priesterschaften und Lehr anstalten ermöglichten die Bildung der ersten geschichtlichen Unter grundbewegung gegen eine Besatzungsmacht. Es gab zahlreiche jun ge Ägypter, die unter dem Deckmantel der Mitarbeit die neue Waffen gattung der Eroberer kennen lernten: Die Verwendung von Pferden, die zum ersten Mal in Ägypten auftauchten, und die Handhabung von Streitwagen, die nun in ägyptischen Werkstätten für die Eroberer her gestellt wurden und schließlich der Untergrundbewegung dienen soll ten. Nach der Liste Manethos hat es sechs Hyksos-Könige gegeben. Ihre hundertjährige Herrschaft hatte zwei entscheidende Folgen: Sie brach 75
ten das Pferd ins Niltal und entfachten in den bisher so unkriegeri schen Ägyptern zum ersten Male das Bedürfnis, Berufssoldaten aus zubilden. Die jungen Männer der Untergrundbewegung, deren Vorfahren als ›Gefolgsleute des Königs‹ freiwillige Soldaten gewesen waren, wurden in heimlichen Zusammenkünften geschult. Sie wurden Bogenschüt zen, Speerkämpfer und Wagenlenker und erwarben sich die Kenntnis der Züchtung und Behandlung von Pferden. Mit der den Ägyptern ei genen Geschicklichkeit im Handwerklichen vervollkommneten sie die Wagen und wußten bald so gut mit ihnen umzugehen, daß die Führer der Untergrundbewegung, die ehemaligen Fürsten von Theben, es wa gen konnten, offene Feindseligkeiten gegen die Hyksos anzufangen. Es sind nur wenige Einzelheiten über die blutigen Kämpfe bekannt, die dazu geführt haben, daß die Hyksos aus Ägypten vertrieben wur den. Aber mit der Vertreibung begnügten sich die Befreiungskämpfer nicht. Sie verfolgten unter ihrem neuen König Amosis I. aus der Acht zehnten Dynastie die Eindringlinge bis nach Asien.
III
Der Krieg gegen die Hyksos, die heftigen Widerstand leisteten, hat wohl über zwanzig Jahre gedauert und eine Umschichtung im ägypti schen Volk herbeigeführt. Wenn es früher der größte gesellschaftliche und berufliche Aufstieg eines jungen Mannes war, Schreiber zu wer den, so war jetzt der Soldatenstand das ersehnte Ziel. Jungen Adeligen und Bürgern galt der Soldat als der wünschenswerteste Beruf. Man ge wann Ehre, man machte Beute und diente dem Land und dem König. Man half, dafür zu sorgen, daß Ägypten nicht mehr von Fremden be setzt werden könne, und trug dazu bei, daß Ägypten fremde Lande be 76
setzte. So wurde Ägypten zu einem Militärstaat. Es hatte ein stehendes Heer, und mit der wissenschaftlichen Fähigkeit, die sie im Landwirt schaftlichen und im Handel bewiesen hatten, machten sich die Ägyp ter daran, die Kriegskunst zur Wissenschaft zu erheben. Man mußte nicht nur tapfer und ausdauernd sein. Die Soldaten und Offiziere waren durch die praktischen Erfahrungen auf den Schlachtfeldern zu theore tischen Erkenntnissen gekommen. Sie lernten den Wert der Flanken bewegungen kennen und machten die Erfahrung, daß Schlachtlinien dem Gelände angepasst sein müssen. Sie verbesserten die ursprüng lichen Formen der Streitwagen und legten Gestüte an, um die besten Pferde zu züchten. Als erster Herr des neuen Militärstaates war Arnosis I. unum schränkter Herrscher. Er machte das ganze Land zu seinem persön lichen Besitz. Er beschlagnahmte die Ländereien, die die Hyksos be sessen hatten, und auch die der adeligen Herren, die seiner Erhebung nicht uneingeschränkt zustimmten. Gleichzeitig belohnte er seine An hänger, die ehemaligen Angehörigen der Untergrundbewegung, und zeichnete die wichtigsten darunter mit dem Titel ›Erster Sohn des Kö nigs‹ aus. Eine neue Zeit begann im neuen Staat Amosis' I. Das Land wurde in siebenundzwanzig Bezirke aufgeteilt zum Zweck der besseren land wirtschaftlichen Nutzung. Der Besitz des Königs wurde in einzelne Grundstücke aufgeteilt, die als Lehen vergeben wurden, aber in ho hem Ausmaß steuerpflichtig waren. Wie alle großen Herrscher ord nete Amosis auch das Rechtswesen. Es sollte gleiches Recht für alle geben. Ein Richter war nach des Amosis Meinung nur der, ›der ge recht richtet, keine Parteilichkeit zeigt, zwei Männer befriedigt ent lässt, die Schwachen und die Mächtigen richtet‹ oder: ›Der den Großen dem Niedrigen nicht vorzieht, der den Unterdrückten belohnt, der das Böse den büßen läßt, der es begangen hat‹. Das neue Königtum der Achtzehnten Dynastie, das Ägypten zur Weltherrschaft führte, stützte sich auf eine neue Gesellschaft. Der landeingesessene Adel war zum größten Teil – während der HyksosHerrschaft aus seinen Besitzungen vertrieben und vernichtet worden. 77
Der neue Adel unter Amosis war ein ›Adel der Leistung‹, der Männer, die ihm bei der Neubildung des Landes behilflich waren und sich Ver dienste erwarben. Es war einerlei, welcher Herkunft ein Mann war, wenn er nur in seinem Amt etwas leistete. So berichtet zum Beispiel ein Beamter: »Ihr sollt davon reden, einer zum andern, und die Al ten sollen es die Jugend lehren: Ich stamme aus einer armen Familie und aus einer kleinen Stadt, aber der Herr der beiden Länder erkann te mich. Er erhob mich höher als die königlichen Gefährten und führ te mich ein unter die Prinzen des Palastes.« Dieser war nur einer, der sich hinaufgearbeitet hatte. Aber auch der Soldat, der bereit war, dem König zu dienen, wurde, gleichgültig um seine Herkunft, ein Bevorzugter. Er wurde als ›Bürger des Heeres‹ be zeichnet. Neben den Soldaten wurden die Priester die einflussreichsten Män ner des Landes. Da die neue Dynastie aus Theben stammte, wurde der Tempel Amons, des örtlichen Gottes von Theben, der wichtigste und reichste Tempel Ägyptens. Amon wurde mit dem uralten Sonnengott Re gleichgestellt. Er hieß jetzt Amon-Re. Sein Kult im gewaltigen Tem pelpalast, der ihm errichtet war, war der prunkvollste Gottesdienst, an dem der Pharao, die Königin als ›Gemahlin des Gottes‹ und alle hohen Würdenträger unter Führung des Hohenpriesters teilnahmen. Im traurigen Jahrhundert, in dem die Hyksos Ägypten besetzt hielten, war es nicht einmal den Reichen und Vornehmen möglich gewesen, sich das Leben nach dem Tod in prachtvollen Grabstätten zu sichern. Nicht nur das volkliche Leben schien für immer beendigt zu sein, es schien auch, daß das Leben nach dem Tod gefährdet war. Aus dieser unendlichen Bedrängnis fanden die Priester der Unter grundbewegung einen Ausweg zum Schutze der Gläubigen und zur Erhaltung des Glaubens. Wir wissen, daß Osiris, der Herr der Unterwelt, den Vorsitz über das Totengericht hält, dem sich jeder Verstorbene unterziehen muß, der sich vor Osiris ›rechtfertigen‹ muß, um mit ihm eins werden zu kön nen. Auf einer Waage wird sein Herz abgewogen, das Gegengewicht ist eine Feder, das Sinnbild der Wahrheit. Zweiundvierzig schreckliche 78
Dämonen sitzen in der Halle des Osiris zu Gericht. Sie gelten als die Vertreter der zweiundvierzig ursprünglichen ägyptischen Gaue oder aber als die Repräsentanten der zweiundvierzig Sünden, die der Ver storbene nicht begangen haben darf, wenn er von diesem letzten Ge richt freigesprochen werden will. Im wesentlichen sind diese Sünden auch ›unsere‹ Sünden: Mord, Diebstahl, das Berauben von Unmün digen, Lüge, Betrug, falsches Zeugnis, Verleumdung, Schmähen, Un keuschheit, Ehebruch, Sünden gegen die Götter oder gegen die Toten durch Lästerung oder Diebstahl der Totenopfer. Sie sind allerdings vielfältiger als unsere ›Zehn Gebote Gottes‹, die die Grundlage unse rer Moralgesetze sind. In den Begräbnisstätten waren diese Todsünden, in Stein gemeißelt, aufgestellt worden, damit das ›Ka‹, das sich auf den Weg zum Toten gericht des Osiris machte, die Fragen, die diese Sünden betrafen, vor wegnehmen und beantworten könne. Kein Toter, der es unterließ, sich für unschuldig zu erklären, konnte des Lebens nach dem Tode gewiß sein. Die Priester verfertigten aus Papyrus das ›Totenbuch‹, mit dessen Hilfe der Tote dem Gericht antworten konnte. Es war nicht mehr nö tig, einen prächtigen Grabbau zu errichten oder die Rechtfertigung in einen kostbaren Steinsarg einmeißeln zu lassen, es genügte, der Mu mie das Totenbuch auf die Brust zu legen, um reich und arm das Jen seits zu sichern. In der Zeit der Hyksos war die Anfertigung und der Verkauf der To tenbücher eine der wichtigsten Einnahmequellen des Priesterstandes. Gemeinsames Unglück vereinigt ein Volk und macht seine Angehöri gen gleich. Arme und Reiche kauften die Papyrusrollen des ›Totenbu ches‹. Nach dem Sieg Amosis' I. gab es geringfügige, aber doch hervor stechende Änderungen im Totenkult. Die neuen Reichen und Vor nehmen und diejenigen, die wieder zu Wohlstand gekommen waren, wollten nicht das Leben im jenseits so verbringen, wie sie es unter der Herrschaft der Hyksos hatten tun müssen, nämlich als Fortsetzung des Diesseits. 79
Man glaubte nämlich, daß derjenige, der im Leben gepflügt oder an derweitig mit seinen Händen gearbeitet hatte, auch im Jenseits dazu aufgefordert werden könnte. Um das zu verhüten, ließen die Wohlha benden kleine Statuen anfertigen, die mit Werkzeugen für die Feldar beit ausgerüstet waren und in ihre Gräber gelegt wurden, um sich von diesen vertreten zu lassen, wenn der Aufruf zur Feldarbeit im Jenseits erfolgte. Die Gleichheit von Rang und Klasse hatte nur so lange angehalten, als das Hyksos-Reich gedauert hatte. Jetzt sollte erst im Leben nach dem Tode wieder die alte Ordnung beginnen!
Das Tor zur Welt 1 Durch die Vertreibung der Hyksos und ihre Verfolgung nach dem Nordosten eröffnete sich den Pharaonen ein neuer Ausblick: Das Niltal war nicht die ganze Welt! Die ägyptischen Könige hatten wohl durch Handelsbeziehungen von den Reichtümern, die es jenseits der Wüste und jenseits der Meere gab, Kenntnis genommen. Sie hatten ihre Waren gegen Holz aus dem Liba non ausgetauscht, gegen kostbare Metalle und Steine aus Syrien, Klei nasien und anderen Gegenden, und guten Gebrauch von den Rohstof fen gemacht, die sie eingetauscht hatten. Aber ihrem Bewußtsein war die Ferne nicht näher gerückt. Jetzt aber stand das Tor zur Welt offen. Die Truppen, die sie ausge bildet hatten, um die Hyksos zu verjagen, konnten wohl noch zur Un terwerfung nubischer Stämme verwendet werden, die bestraft werden mußten, da sie in der Zeit der Erniedrigung Ägyptens abgefallen wa ren, auch Libyer des Nordwestens mußten aus dem Delta vertrieben 80
werden, aber das waren keine wahrhaft großen militärischen Aktio nen für das so bedeutende Heer, das Amosis I. geschaffen hatte. Tausende und aber Tausende erfahrener Krieger waren in der Bedie nung des Streitwagens bewandert, tatendurstig und mußten in Übung bleiben und eingesetzt werden, wenn der militärische Geist nicht ver fallen oder die Krieger selbst nicht zu Rebellen werden sollten. Amenhotep, der Nachfolger des Amosis, unternahm einen eiligen Streifzug, der die ägyptischen Streitwagen bis an den Euphrat führ te, den Strom, von dem die Ägypter sagten, daß er ›in umgekehrter Richtung‹ fließe, da er nicht wie der Nil vom Süden nach dem Norden, sondern vorn Norden nach dem Süden verlief. Aber dieser Streifzug scheint nicht mehr als nur eine Machtkundgebung Amenhoteps gewe sen zu sein. Erst unter seinen Nachfolgern Thutmosis I. und schließ lich Thutmosis III. entwickelte sich das Nilland zum Weltreich. Der Begriff ›Weltreich‹ kann freilich nur die Staaten einbeziehen, über die es dokumentarische Nachrichten gibt: Ägypten, Syrien, das Zweistromland, das nördlich davon gelegene Hethiter-Königreich und die großen Städte im ägäischen Raum. In Syrien lebten verschiedene Völker, die unter dem Sammelnamen ›Kanaanäer‹ zusammengefaßt werden können. Es waren semitische Volksstämme, die in Stadtfürstentümer aufgeteilt waren und deren größtes Reich, das Königreich von Kadesch, am Orontes gelegen war, und die ›Phönizier‹, die an der Küste, vom Inland durch die Libanonkette abgetrennt, lebten. Die Phönizier hatten eine den Ägyptern geradezu entgegengesetzte Entwicklung. Sie bewohnten eine von der Natur vernachlässigte Ge gend. Sie waren auf den Fischfang zur Ernährung angewiesen und auf die Früchte der Dattelpalmen, die auf dem sandigen Boden gedie hen. Um leben, um besser leben zu können, mußten sich die Phönizi er von Fischern in Seefahrer verwandeln. Was ihre Küste ihnen nicht bot, mußten sie an anderen Küsten suchen. Sie hatten mit den jenseits der Bergkette des Libanon lebenden Siedlern und Nomaden jahrhun dertelang Handel getrieben und sich allerlei Geräte in größerer Men ge hergestellt, die sie als Tauschwaren benützten. Diese Erzeugnisse 81
ihrer eigenen Handfertigkeit nahmen die Phönizier auf ihre Handels fahrten mit und schufen Niederlassungen, eine nach der andern, erst an der Küste Kleinasiens, dann im ägäischen Raum, und immer wei ter nach dem Westen zu. Diese phönizischen Niederlassungen entwickelten sich bald zu grö ßeren Hafenstädten. Ihre Schiffe befuhren nicht nur den Norden des Mittelmeeres, sie fuhren an der libyschen Küste entlang, immer weiter. Bald unterhielten die Phönizier und ihre Tochterstädte im Norden und Süden des Mittelmeeres unmittelbare Verbindung miteinander, so daß sie ein Netz des Seehandels schufen, das sie kühn ausbauten, da ihnen durch den Handel auf dem Seeweg keine Gefahr zu drohen schien. Das Mutterland an der syrischen Küste wurde reich. Die Phönizier bauten Hafenstädte, die durch Mauern geschützt waren und als Um schlagplätze des Handels dienten, mit Vorratshäusern und Schiffs werften. Das kleine Volk der Phönizier betrachtete die Welt als große Schule. Sie lernten von allen Völkern, mit denen sie Handel trieben, was immer sie lernen konnten, und vervollkommneten ihr Wissen im Mutterland. Phönizische Schiffe hatten auch Waren nach Ägypten gebracht und ihre Häfen der ägyptischen Schifffahrt offen gehalten. Aber es war so, daß die Ägypter die Herkunft der Händler mit der Herkunft der frem den Erzeugnisse bezeichneten. Die Ägypter nannten das mykenische Reich ›Keftiu‹. So wurden die phönizischen Schiffe, die Waren aus My kenä nach Ägypten brachten, ›Keftiu-Schiffe‹ genannt. Offenbar kenn zeichnete nicht wie heute die Flagge, sondern der Ursprung der Ware die Handelsschiffe. Auf ihren ersten Eroberungszügen ließen die Ägypter die phönizi sche Küste unberührt. Die Bergkette des Libanon schützte das Land vor Thutmosis der auszog, Syrien zu unterwerfen und ihre Fürsten tri butpflichtig zu machen. Dieser Kriegszug war eine große militärische und staatsmännische Leistung. Thutmosis sicherte dadurch den äußeren Frieden. Aber als er siegreich heimkehrte, fand er das ›Große Haus‹ in Gärung. Er war durch seine Heirat mit der Prinzessin Ahmose Pharao geworden. Das 82
einzige Kind aus dieser Ehe war die Prinzessin Hatschepsut, die dem nach die einzige rechtmäßige Erbin der thebanischen Fürsten war. Schon bevor Thutmosis seinen Siegeszug unternommen hatte, war er veranlasst worden, Hatschepsut zur Nachfolgerin zu erklären, obwohl sie eine Frau war und er seinen nach ihm benannten Sohn Thutmo sis, das Kind einer Nebenfrau, der Prinzessin Mutnofret, zum Nach folger gewünscht hätte. Thutmosis hatte von einer unbekannten Kebs frau noch einen zweiten Sohn, der gleichfalls Thutmosis hieß und den er im Amonstempel von Theben mit dem bescheidenen Rang und Ti tel eines ›Gottesdieners‹ hatte anstellen lassen. Als der Pharao zurück kehrte, war dieser prinzliche Priester bereits mit Hatschepsut verhei ratet. Den König erwartete eine noch größere Überraschung: Die Prie sterschaft erklärte sich mit der Eheschließung des jungen Thutmosis einverstanden und veranlaßte ihn selbst, seinen glanzvollen Siegeszug durch die Erbauung einer Säulenhalle und zweier gewaltiger Tortürme vor dem alten Amonstempel zu feiern. Als das mächtige Bauwerk voll endet war, fand ein Staatsfest zur Einweihung statt. Das Bild des Got tes Amon wurde aus seinem Heiligtum in die Säulenhalle getragen, in der der König und der gesamte Hofstaat versammelt waren. Zu bei den Seiten der Halle hatten die Gottesdiener Aufstellung genommen, als einer von ihnen der junge Prinz, den Hatschepsut geheiratet hatte. Die Priester trugen das geheiligte Standbild des Gottes Amon die Säu len entlang. Als sie vor dem Prinzen ankamen, warf sich dieser ehrer bietig zu Boden, wurde von den Priestern im Namen des Gottes aufge hoben und feierlich zum König erklärt. Thutmosis I. war jetzt gezwun gen, als Privatmann weiterzuleben, und konnte seinen alten königli chen Einfluß nur noch dazu gebrauchen, die Erhebung seines ältesten Sohnes Thutmosis, der durch den priesterlichen Prinzen zur Seite ge schoben worden war, zum Pharao zu erwirken. Dabei war ihm seine Tochter Hatschepsut behilflich gewesen, da sie sich mit ihrem Gatten Thutmosis stritt, denn sie wünschte nicht nur ›seine große königliche Gemahlin‹, sondern auch herrschende Königin oder zumindest Mit herrscherin zu sein. In den wenigen Jahren, die Thutmosis II. Pharao war, mußte Hat 83
schepsut jedoch die Demütigung über sich ergehen lassen, daß ihr Name auf allen Denkmälern ausgetilgt wurde. Wo sich der ehemalige Priesterprinz Thutmosis III. befand, als sein Bruder Thutmosis II. un ter der Leitung seines Vaters herrschte, ist unbekannt. Aber nach dem Tode Thutmosis' I. scheint Thutmosis III. geschickt und mächtig ge nug gewesen zu sein, sich von Thutmosis II. zum Mitherrscher ernen nen zu lassen. Nach dem Tod Thutmosis' II. wurde Thutmosis III. Alleinherrscher. Nicht für lange. Die priesterlichen Freunde Hatschepsuts, die ihm nach seiner Verheiratung mit ihr die Krone zugespielt hatten, hatten es mehr um ihret- als um seinetwillen getan. Sie erwirkten, daß er Hatschepsut zur gleichberechtigten Königin erhob und gemeinsam mit ihr herrsch te. Das führte schließlich dazu, daß Thutmosis III. weniger König als nur Königsgemahl war. Es war ein seltsames Paar. Hatschepsut war die erste große Frau der Geschichte. Sie übertrug ihren Anhängern und Freunden, die ihr die Treue gehalten hatten, alle mächtigen Ämter des Reiches, und diese sorgten dafür, daß ihr Name, obwohl in öffentlichen Inschriften gele gentlich auch der Name ihres Gatten genannt wurde, als der der wirk lichen Herrscherin des Landes anerkannt wurde. Hatschepsut verewigte ihren Namen durch die Errichtung prächti ger Bauten, vor allem des großen Tempels, der noch heute ihren Na men führt. Er steht vor den gewaltigen, aus den Felsen herausgehau enen Königsgräbern und wurde von ihr mit den wunderbaren Reli efs ausgeschmückt, die den Zug darstellen, den sie unternehmen ließ, um ihrem Gott Amon einen wahren Lustgarten zu errichten. Das war offenbar auf Veranlassung der Priester geschehen, ihrer Günstlinge, von denen sie abhängig war, denn Hatschepsut berichtete selbst über den Tempel: »Ich habe Amon ein Punt gemacht in seinem Garten, wie er es mir befohlen hatte. Es ist groß genug für ihn, um sich darin zu ergehen.« Diese Inschrift ist durch die Handlung auf den Reliefs er klärt: Durch die Hyksos-Kriege war der Handel mit ›Punt‹ unterbro chen worden. Jetzt nahm Hatschepsut ihn wieder auf. Eine schwer be ladene Flotte landete im Hafen von Theben und brachte Myrrhenbäu 84
me, die im Tempelgarten gepflanzt wurden, Ebenholz, Gold, Affenund Pantherfelle mit sich. Wenige Jahre später feierte Hatschepsut die Wiederkehr ihrer Erhebung durch die Errichtung der höchsten Obe lisken, die sie in die Säulenhalle stellte, in der ihr Gatte Thutmosis III. zum König ausgerufen worden war. Ihre Schatzkammer empfing alljährlich den Tribut der unterworfenen Fürsten und die ungeheu ren Einkünfte der königlichen Hoheitsgebiete. Sie sandte Baumeister und Handwerker in das ganze Land, um jene Tempel und Denkmä ler wiederaufzustellen, die in der Hyksos-Zeit vernichtet oder beschä digt worden waren. In all den Jahren, in denen Hatschepsut als die Königin Ägyptens ge feiert und angebetet wurde, war Thutmosis III. gezwungen, sein Amt als König, das nach außen hin das eines Schattenkönigs war, im stillen auszuüben. Er war als Priester aufgewachsen. Er hatte die Macht der Priester erkannt. Er wußte, daß jedes Aufbegehren dagegen ihm nur Nachteil bringen konnte. Es mußte ihm nur eines gelingen: am Leben zu bleiben, um seine Ziele später verwirklichen zu können. Im könig lichen Gewand hielt er sich bescheiden im Hintergrund und wartete und lernte. Die Armee war sein eigentliches Gebiet. Er hätte die ihm anhänglichen Generäle und Soldaten jederzeit zu einem Aufruhr an führen können. Es wäre ihm vielleicht gelungen, seine Frau und Mit herrscherin vom Thron zu stoßen. Aber entweder verband Thutmosis III. ein zu starkes Band mit der Königin oder er erkannte, daß er durch einen Aufruhr schließlich nur sich selbst schädigen würde. Er wollte ein einiges Land beherrschen und mit den vereinten Kräften das gro ße Ziel seines Lebens, die Festigung der Weltherrschaft Ägyptens, er reichen. Niemand kannte das Steuerwesen besser als Thutmosis III. niemand das Staatsgeschäft, niemand beherrschte den Beamtenstab in jeder Einzelheit besser als er, niemand war geduldiger. Wenn die Zeit ihm zu lange wurde, entwarf er Prunkgefäße und überwachte die Arbeit der Kunsthandwerker. Sein Bedürfnis nach Tätigkeit war so groß, daß er am liebsten jeden Beruf in dem riesigen Reich, dessen König er zu gleich war und nicht war, ausgeübt hätte. 85
Mit dem Tod Hatschepsuts kam die Zeit Thutmosis' III. Er hatte lan ge genug darauf gewartet. Er hatte auch lange genug gelitten. Nichts sollte nun von Hatschepsut übrig bleiben, die seine Sonne beschat tet hatte. Ihre Anhänger wurden beseitigt, ihr Vermögen eingezogen, ihre Stellungen neu besetzt. Der Name ›Hatschepsut‹ wurde von den Wänden aller Bauten entfernt. Das Tempelbauen war zu Ende. Er hat te die Bausteine seiner künftigen Macht gesammelt: die Armee. Er war kriegsbereit. Wie immer hatten die tributpflichtigen Fürsten und Stadtkönige sich auch diesmal die Unruhe Ägyptens zunutze gemacht und sich zu ei nem Bündnis zusammengeschlossen, um die Oberherrschaft abzu schütteln. Der König von Mitanni unterstützte den Aufruhr. Das war der große Augenblick für Thutmosis, seine Feldherrnkunst zu zeigen. Er marschierte unverzüglich gegen das Heer der asiatischen Verbün deten, das unter dem Oberbefehl des Königs von Kadesch stand und die wichtige, am Nordabhang des Karmelgebirges gelegene Festung Megiddo besetzt hatte. Megiddo war das Tor nach dem Osten. Um keine Zeit zur Eroberung zu verlieren, führte Thutmosis seine Truppen auf dem unmittelbaren Weg durch einen Engpass, gegen den Rat seiner Generäle, in die Ebe ne vor der Stadt. Er gewann die Schlacht. Es gelang ihm sogar, das La ger des Königs von Kadesch zu erbeuten. Aber das genügte Thutmo sis nicht. Er eroberte die Festung, und weiter ging es nach dem Nor den, eine Stadt nach der andern öffnete ihm die Tore. Er ersetzte die Herrscher, die sich gegen ihn gestellt hatten, durch andere und ließ ih nen freie Hand, solange sie ihre jährlichen Abgaben regelmäßig nach Ägypten sandten. Jedes Jahr kehrte Thutmosis in die eroberten Gebiete zurück. Aber er ließ sich nicht dazu verleiten, den König von Kadesch in seinen Län dern anzugreifen. Erst wollte er seine bisherigen Eroberungen in sich festigen. Die bisherigen Kriegszüge waren nur zu Land geführt worden. Thut mosis wollte es nicht wagen, nach dem Norden vorzudringen, solange die phönizischen Küstenstädte seine Flanke bedrohen könnten. Nun 86
rüstete er eine Flotte aus, beförderte seine Truppe über das Meer und marschierte gegen die phönizischen Küstenstädte. Er siegte wieder, und ›das Heer Seiner Majestät war Tag für Tag trun ken und mit Öl gesalbt wie bei einem Fest in Ägypten‹. Aber Thutmo sis war kein Zerstörer. Er hatte kein Interesse daran, die phönizischen Küstenstädte zu zerstören. Er wollte sich nur ihren Reichtum zunut ze machen und einen Flankenangriff verhindern. Jetzt konnte er nach Kadesch marschieren. Die Stadt lag am Orontes. Sie war die mächtigste Festung Syriens, und es war keine leichte Aufgabe, sie zu erobern. Monatelang dauerte die Belagerung, bis Kadesch endlich fiel. Aber damit war der Eroberungs lust des Thutmosis noch immer nicht Genüge getan. Er marschierte nach dem Norden. Der Bericht über die Entscheidungsschlacht, die er lieferte, nennt den Feind nicht. Es dürfte der König von Mitanni gewe sen sein, dessen Heer Thutmosis gänzlich aufrieb. »Keiner blickte hin ter sich, sondern sie flohen wie eine Herde von Bergböcken.« Thutmosis überschritt den Euphrat und errichtete auf dem Ostufer seine Grenztafeln. Neuen Triumph feierte er bei einer Elefantenjagd, in der hundertzwanzig Tiere erlegt wurden. Jetzt war er bereit, die Huldi gung asiatischer Fürsten entgegenzunehmen. Er hatte erreicht, was er wollte, es mußte nur noch in sich gefestigt werden. Nie vorher hatte Ägypten solche Triumphe erlebt. Aus aller Welt er schienen Gesandte mit Geschenken am Hofe von Theben. Der Reich tum Phöniziens, goldene und silberne Gefäße, gefärbte Stoffe, der Reichtum Zyperns und Kretas, geschnitztes Elfenbein, mit Gold aus geschlagen, Pferde für die Ställe des Königs, alles, was die Felder, Gär ten, Weinberge und Fluren Asiens hervorbrachten, wurde im Hafen Thebens ausgeladen. Aus Nubien kamen die jährlichen Abgaben an Gold, Negersklaven, Ebenholz und Elfenbein. Und diese Schätze ver schwanden nicht in der königlichen Schatzkammer. Der Pharao, der die Grenzen Ägyptens erweitert hatte, veränderte auch das Gesicht seines Landes. Jeder Sieg bedeutete Neubauten, aber nicht nur von Tempeln. Der Wohlstand, der durch die Beute von Solda ten den Bürgern zugeführt wurde, belebte die Wirtschaft. Theben ent 87
wickelte sich zur Großstadt. Die Pracht des Königshofes und der Tem pel wurde in den Häusern der Bürger nachgeahmt. Die Lebenskunst, die in den Kulturen des Zweistromlands und der phönizischen Siedlungen zu einem Höhepunkt entwickelt worden war, wurde von ägyptischen Kunsthandwerkern und Künstlern veredelt. Ägyptische Köche lernten kochen, wie man in Knossos aß. Brett-, Würfel- und Ballspiele, die an den Höfen von Babylon und in den Palästen der ›Ältesten‹ der phönizi schen Städte zum Zeitvertreib erfunden worden waren, wurden in The ben vervollkommnet. Blumen- und Tierzüchter wetteiferten mit Gold schmieden und Edelsteinschleifern, mit Teppichwebern und Kunstmö beltischlern, um die Lebenshaltung genussvoller zu gestalten. Die Mode wurde reicher. Es war der Höhepunkt ägyptischer Lebenskunst.
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Nach einer Herrschaft von vierundfünfzig Jahren starb Thutmosis III. Er hatte erfahren, daß die Nachfolge eines Herrschers gesichert sein müsse, wenn er ungestört herrschen wolle. Er hatte einen Sohn, der ihm von einer Kebsfrau namens Hatschepsut-merit-re geboren wor den war. Diesen erhob er als Amenhotep II. ( = Amenophis II.) zum Mitherrscher. Auf der Grabinschrift Thutmosis' III. äußerte sich Amon selbst über ihn: »Ich bin gekommen und habe dir verliehen, die Asiaten niederzu werfen – ich bin gekommen und habe dir verliehen, das Ostland nie derzuwerfen – ich bin gekommen und habe dir verliehen, das Westland niederzuwerfen – ich bin gekommen und habe dir verliehen, die Inselbewohner niederzuwerfen – ich bin gekommen und habe dir ver liehen, die Libyer niederzuwerfen – ich bin gekommen und habe dir verliehen, die äußersten Enden der Welt niederzuwerfen – die Umge bung des Ozeans ist in deine Faust gegeben.« 88
Thutmosis III. war noch zu seinen Lebzeiten eine legendäre Erschei nung geworden. Die Nachricht von seinem Tode wirkte wie ein Auf ruhr zur Empörung in allen Ländern, die der große Eroberer unter worfen und sich tributpflichtig gemacht hatte. Die kleinen Könige der syrischen Städte und der mächtige König von Mitanni verweigerten dem Nachfolger ihres Besiegers die Tribute. Manche erhoben sich so gar in offenem Aufruhr gegen die Beamten und Besatzungen des neu en Pharao. So viele Jahrhunderte war das Königreich Ägypten eine fer ne Macht gewesen, mit der sie nur im Handelsverkehr gestanden hat ten. Sie wollten die Zeit zurückdrehen. Könige wie Amosis und seine Nachfolger, die das friedfertige Volk des Niltales bewaffnet und sieg reich angeführt hatten, galten den asiatischen Feinden als vorüberge hende Erscheinungen, mit deren Wiederkehr sie nicht rechnen muß ten. Sie schlossen Bündnisse untereinander, sie verteilten am Verhand lungstisch untereinander die Gebiete, die sie zurückerobern würden. Ihre Armeen setzten sich in Marsch gegen die ägyptischen Besatzun gen, die Thutmosis III. in festen Plätzen ausgerüstet hatte. Amenhotep II. hatte von seinem Vater nicht nur das Königreich, er hatte auch die Geduld geerbt und war von ihm zum Soldaten erzogen worden. Er hatte Thutmosis III. eine besondere Eigenschaft voraus, die ihm das Kriegshandwerk als solches noch reizvoller machte: Er war übermäßig stark. Kein Mensch außer ihm war in der Lage, seinen Bo gen zu spannen. Diese Fähigkeit, die Amenhotep bei der Jagd, seinem leidenschaftlichsten Zeitvertreib, im Kampf gegen Löwen bewiesen hatte, wollte er auch auf dem Schlachtfeld zeigen. Er schickte die Fuß truppen voran und fuhr in seinem Streitwagen gegen die Feinde. Der Bericht über die große Schlacht, die in Nordpalästina ausge tragen wurde, bekundet, daß Amenhotep mit eigener Hand achtzehn Mann und sechzehn Pferde erbeutete und den Feind durch sein per sönliches Auftreten in solche Verwirrung brachte, daß ein Widerstand gegen die ägyptische Großmacht sinnlos erschien. Die Rückkehr Amenhoteps nach Ägypten gestaltete sich zu einem neuartigen Triumphzug. Das Volk sah nicht nur, daß der Pharao hun derttausend Pfund Kupfer und tausendsechshundert Pfund Gold er 89
beutet hatte, es sah auch mehr als fünfhundert gefangene syrische Für sten mit ihren Weibern, Wagen und Pferden, die vor seinem Sieges zug einhergetrieben wurden. Amenhotep begnügte sich nicht mit die ser eindrucksvollen Zurschaustellung seiner Macht. Als er das fürstli che, geschmückte Nilschiff bestieg, das ihn von Memphis nach Theben brachte, hingen am Vorderteil des Schiffes mit dem Kopf nach unten sieben Stadtkönige, die er gefangengenommen hatte. Sechs dieser un glücklichen Fürsten opferte er persönlich dem Gott Amon, die Leiche des siebenten ließ er an der Stadtmauer der Grenzstadt im Süden zur Abschreckung der nubischen Häuptlinge aufhängen. Diese Grausamkeit hatte eine lang anhaltende, abschreckende Wir kung. Amenhotep erreichte dadurch, daß kein Fürst in seinem Macht bereich es wagte, seine Waffen gegen Ägypten zu erheben oder den vereinbarten Tribut zu verweigern. Die wiedereroberten Länder wurden befestigt und die ägyptischen Waffenplätze ausgebaut, so daß kein Zweifel an der Unverletzlich keit und Unbrechbarkeit der ägyptischen Macht bestehen konnte. Die Nachbarn enthielten sich nicht nur jeglicher Herausforderung, um nicht einen ähnlichen Rachefeldzug heraufzubeschwören, sie täten so gar alles, was in ihren Kräften stand, um sich das Wohlwollen der Pha raonen zu sichern. Ein Freundschaftsverkehr, die ersten verzweigten ›diplomatischen‹ Beziehungen zwischen Mächten, wurde angebahnt. Die Könige von Mitanni, von Babylon, von Assyrien und sogar der Insel Zypern be mühten sich um das Wohlwollen des mächtigsten Herrschers der Erde. Eheliche Verbindungen wurden angestrebt, damit die Freundschaft durch verwandtschaftliche Bande gefestigt werde. In erhalten gebliebenen Briefen, die nach dem Fundort Tell-el Amar na-Briefe genannt werden, kommt das Bestreben der asiatischen Für sten, die nützliche Beziehung zu den Pharaonen auszugestalten, in un verhüllter Weise zum Ausdruck. Das bezeichnendste Schriftstück ist der vom König von Mitanni an Amenhotep III. gerichtete Brief: »An den großen König von Ägypten, meinen Bruder, meinen Schwieger sohn, der mich liebt und den ich liebe. So spricht der große König, 90
dein Schwiegervater, der dich liebt, der König von Mitanni, dein Bru der. Mir geht es wohl. Möge es auch dir wohl ergehen, deinem Haus, meiner Schwester und deinen übrigen Frauen, deinen Kindern, deinen Wagen, deinen Pferden, deinem Heere, deinem Land und allem, – was dir gehört, möge es sehr, sehr wohl ergehen! Einst haben deine Väter mit meinen Vätern sehr gute Freundschaft gehalten. Du hast sie noch vermehrt und hast mit meinem Vater sehr, sehr innige Freundschaft gehalten …« Diese Begrüßung war nur die Einleitung zu dem Brief, der den Zweck hatte, den Pharao unter Berufung auf verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen um Gold zu bitten. Der König von Mi tanni schließt mit den Worten: »So möge mein Bruder mir sehr viel Gold senden, unzählbar viel möge mein Bruder mir senden, mein Bru der möge mir mehr Gold senden als meinem Vater. Gibt es doch in dem Lande meines Bruders so viel Gold wie Sand …« Je nach der persönlichen Beziehung des Pharao zu den gekrönten Häuptern der Länder, mit denen er Freundschaft hielt, gab er Geschen ke oder nahm er Tribut. Ägypten war so reich geworden, daß es gleich gültig war, ob der Pharao nahm oder gab. Die bedeutendsten Fürsten nannten ihn ›Bruder‹, die kleineren bezeichneten sich als ›der Boden, auf den du trittst‹, oder ›der Schemel deiner Füße‹. Einer unterzeich nete sogar als: ›Dein Hund‹. Alle wollten das gleiche: Ermäßigung der Tribute und Geschenke des Pharao. In ihrer Unterwürfigkeit gingen die asiatischen Fürsten so weit, dem Pharao sogar ihre Soldaten als Söldner anzubieten. Das erleichterte die militärischen Unternehmungen des ›Großen Hauses‹. Söldnertruppen aus dem Norden wurden an der Südgrenze verwendet und Rekruten aus dem Süden im Norden. Die militärische Ordnung, die das ganze Reichsgebiet und alle Vasallenstaaten zusammenhielt, kam der Ver waltung zustatten. Der Handel Ägyptens blühte wie nie zuvor. Die di plomatischen Beziehungen drückten sich nicht nur im Austausch von Geschenken und Tributen aus. Die Freundschaft wurde durch den Austausch von Waren gefestigt, der durch militärisch gesicherte Kara wanen und zur See betrieben wurde. Der Austausch von Waren brach 91
te auch einen Austausch geistiger Güter mit sich. Die Völker tauschten ihre Erfindungen und Erfahrungen aus. Den größten Nutzen davon hatte Ägypten als der Mittelpunkt der diplomatischen Bemühungen infolge seiner anerkannten Überlegen heit.
3 Wenn man die Lebensführung des ägyptischen Menschen von Jahr hundert zu Jahrhundert verfolgt, läßt sich eine zunehmende Verfeine rung von Jahrhundert zu Jahrhundert feststellen. Der Luxus nahm un geahnte Formen an. Wir dürfen dabei freilich nur an die bevorzugten Stände denken. Das Volk blieb in seiner verzweifelten ärmlichen Ab hängigkeit. Es wurde als Besitz der immer reicher werdenden freien Bürger und Adeligen, hohen Würdenträger und Fürsten zur namenlo sen, rechtlosen, hilflosen Masse. Während der Lendenschurz der reichen Männer jetzt einem mo disch kunstvoll zurechtgeschnittenen und gefalteten Kostüm und ei nem kostbaren Obergewand mit weiten Ärmeln gewichen war, fehlte den Armen bald sogar das einfachste, handgewebte Kleidungsstück. Wer reich war, wer es sich leisten konnte, begnügte sich nicht mehr mit den im Inland gewebten Stoffen. Die Phönizier hatten Farben er funden, mit denen man die Gewänder in Gemälde verwandeln konn te. Die Goldschmiedekunst der ägyptischen Handwerker wurde durch die Einbürgerung fremdländischer Goldarbeiter vervollkommnet. In der Küche versuchten sich ausländische Sachverständige in der Be reitung neuartiger Gerichte, deren Zutaten durch Karawanen und im Schiffsraum nach Theben gebracht wurden. Dieser Handel wurde zu kleinlich für die Händler des Königs, die ge nug damit zu tun hatten, das Handelsnetz zu überwachen. Allein die 92
Verarbeitung der Papyrusstaude war eine so große Industrie gewor den, daß eine kleine Armee von Beamten zu ihrer Verwaltung not wendig war. Alljährlich überschwemmte der Nil das Ackerland. Die Ernten über füllten die Vorratshäuser. Der Überschuss mußte außer Landes ge bracht werden und brachte immer mehr und immer neue Tauschwa ren in das unberechenbar reich gewordene Niltal. Vielerorts wuchsen Sommerhäuser aus dem ewiggrünen Gelände und waren mit reizen den Gärten umgeben. Allerorts bauten die Priester ihre Tempel in pa lastartige Hallen aus, um die örtlichen Gottheiten würdig anbeten zu können. Das großartigste Gebäude dieser Art entstand in der südlichen Vor stadt von Theben vor dem Amonstempel. Säulen, deren Kapitäle auf brechende Papyrusknospen darstellten, trugen die Decke einer gewal tigen Halle, die zur rechten und linken Hand in Seitenschiffe abgestuft war. Amenhotep III. hatte einen Baumeister, der einer der berühmtesten Weisen war und freie Hand für seine Baupläne erhielt. Seine Pracht bauten wurden nicht nur als selbständige, in sich geschlossene Einhei ten errichtet. Sie wurden durch Palmenalleen und Alleen von steiner nen Widdern miteinander verbunden, damit die Anlagen der großen Tempel eine ungeheure Einheit darstellten. Die Ruinen dieser Kolos salbauten, Obelisken, Porträtstatuen haben sich bis zum heutigen Tag erhalten. Aber selbst die ungeheuren Säulen und Denkmäler vermit teln nur eine blasse Vorstellung von dem Glanz dieses Zeitabschnittes der ägyptischen Vergangenheit. Säulen und Steinwände, Statuen und Obelisken waren vergoldet und bunt bemalt. Die Fußböden der gewal tigen Hallen waren mit Silber ausgelegt, da und dort glänzten Edelstei ne auf und vervollkommneten in ihrem Farbenspiel den überirdisch wirkenden Glanz. Die Bürger, Vornehmen und Fürsten des Reiches lebten wie Könige, die Könige aber wie Götter.
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4 In dieser von der Sonne beschienenen, unendlichen Pracht wuchs Amenhotep IV. heran und mochte im Gefühl, daß er zur Erhöhung des vollkommenen Königtums äußerlich nichts mehr beitragen kön ne, in sich gegangen sein. Er mochte Einsicht im wahren Sinne des Wortes gehalten haben. Die Untersuchung, die dieser philosophi sche Nachkomme von großen Eroberern vornahm, war einzigartig. Er fragte sich: Wie war das Reich, das er ererbt hatte, entstanden? Welche Gottheit hatte es gefügt, daß aus den kleinen Anfängen eines beschei denen Bauernvolkes das mächtigste Volk der Erde geworden war? Gewiß, der Nil hatte durch seine alljährliche Überschwemmung eine wesentliche Voraussetzung gegeben. Aber der Boden, dem der Strom die reichen Ablagerungen zugeführt hatte, hätte keine Früchte getra gen, wäre er nicht erwärmt und gespeist worden, wenn die Sonne nicht an jedem Morgen ihre Siegesfahrt unternommen hätte. Das Vieh wäre nicht gediehen, die Küken nicht aus ihren Schalen gekrochen, die Bäu me wären nicht gewachsen, die Früchte nicht reif geworden. Nichts wäre entstanden ohne die Sonne. Im Norden des Reiches, im Delta, beteten die Bewohner der Städte und Dörfer das Krokodil an. In jedem Ort, in jeder Stadt diente ein an deres Sinnbild, Tier oder Pflanze, dem Kult der Bewohner. Selbst der Großvater Amenhoteps IV. hatte seiner Verehrung für den örtlichen Gott durch die Errichtung von Widderalleen Ausdruck gegeben. War es nicht eine geistige Spaltung, eine Glaubenszersplitterung des so ei nigen, bis in die letzten Einzelheiten gleich verwalteten Reiches, daß keine einzige umfassende Gottheit von allen Ägyptern als das höchste Wesen angebetet wurde? Was war das höchste Wesen, in dessen Schein alles gedieh, in dessen Schatten alles verging? Die Sonne! Amenhotep IV. beschloß, die Verehrung und Anbetung aller andern 94
Gottheiten in seinem Königreich zu verbieten und die Sonne zur ein zigen Gottheit zu erheben. Das konnte er nicht im ererbten Königspalast von Theben tun. Er er baute in der Gegend des heutigen Tell-el-Amarna eine gewaltige Tem pelstadt, die auch sein ›Großes Haus‹ beherbergte. Dann verlegte er den Sitz der Regierung und befahl die Vernichtung aller Standbilder und Heiligtümer, die nicht ausschließlich dem Sonnenkult gewidmet waren. Sein Königshof, an den er die besten Künstler berief, wurde nicht nur der Mittelpunkt einer Glaubensumwälzung, Amenhotep IV. woll te auch den Schönheitssinn der Ägypter, der von seinem Standpunkt aus durch Jahrtausende verzerrt worden war, neu schaffen. Er änderte nicht nur den Glauben, er änderte auch seinen von seinem Vater ererb ten Namen ›Amenhotep‹ = ›Amon ist zufrieden‹ in ›Echnaton‹ = ›Es ist dem Aton angenehm‹. Er ließ den Namen seines Vaters aus den Denk mälern und Inschriften ausmeißeln. Auch seine eigene Stadt nannte er mit dem Sonnennamen ›Achetaton‹ = ›Horizont des Aton‹. Das Wort ›Aton‹ (= die Sonne) ersetzte im neuen Glaubensbekennt nis das Wort ›Gott‹. Der König vergöttlichte die lebenschaffende Glut, die er als die Begleiterin alles Lebens bezeichnete. Neben seinen eige nen Namen setzte er immer die Worte: »Der von der Wahrheit lebt.« Die Wahrheit, das Wirkliche, das, was ist, im Gegensatz zum Ein gebildeten, zum Aberglauben, zu dem, was nicht ist und nur durch die Vorstellung zum Glauben wird: Die Wahrheit leitete Echnaton in all seinen Handlungen und Äußerungen. Er schuf keinen neuen ober flächlichen Glauben, als er die Sonnenscheibe zum Sinnbild erhob. Er ging weit in die Zeit zurück, in der der Sonnengott als die wichtig ste, die erhabenste Gottheit angebetet worden war. Er verurteilte die Vielgötterei, die ihren ursprünglichen Sinn und Inhalt verloren hat te und sich mit äußerlichen, priesterlichen Handlungen oder Geba ren begnügte. Er befahl die Errichtung von Sonnentempeln im gan zen Reich. All diese Veränderungen ordnete Echnaton ganz ohne Rücksicht auf Widerstände an. In seinem Bestreben, der Wahrheit die geistige Welt 95
zu erobern, setzte er sich darüber hinweg, daß die Priester der ein zelnen Gottheiten schon ihrerseits vorher den Versuch gemacht hat ten, den Glauben an ihre jeweiligen Gottheiten aus der Verdunkelung zu heben und einem philosophischen Weltbild einzufügen oder anzu passen. So war in Memphis Ptah, der alte Schutzherr der Künstler und Handwerker, zum obersten Geist erhoben worden. Der Gott, der die Arbeitsstätten der Baumeister und Handwerker begnadete und ihren Geist mit den zu ihren Schöpfungen nötigen Plänen befruchtete, wur de von seinen Priestern als ›Der Meister der Weltwerkstatt‹ gepriesen. Der Gedankengang dieser Eingeweihten des Ptah-Kults beruhte dar auf, daß es für alles erst einen Plan gegeben haben mußte, bevor es ver wirklicht worden sein konnte. So mußte die Welt, Götter und Men schen, erst als Gedanke bestanden haben – als der Gedanke Ptahs –, bevor sie erschaffen worden waren. Es gibt Theorien, die dahin gehen, daß das der Weltschöpfung Ptahs vorangegangene ›Wort‹, das in griechischer Sprache ›logos‹ heißt, die Urzelle späterer weltumfassender philosophischer Erkenntnisse und Glaubensbekenntnisse geworden ist. Aber der welterschaffende Ge danke Ptahs war nicht so fassbar, so sichtbar, so nachweisbar, so über zeugend wie die Kraft der Sonne, des ›Aton‹, die sich täglich selbst be wies. Er war nicht so ›wahr‹. Auch die Lehren und Riten, die Amon-Re, den Schutzgott von The ben, verherrlichten, widersprachen dem wahrhaften Sonnenglauben Echnatons. Er schuf eigene Hymnen, in denen er mit wunderbaren Worten einen Ein-Gott-Glauben verherrlichte. Gewiß fand Echnaton zahlreiche Anhänger, die ebenso dichterisch veranlagt waren wie er oder von seiner dichterischen Ausstrahlung be rührt waren. Aber die Zahl dieser echten Anhänger war nur allzu ge ring im Verhältnis zu der Zahl seiner Gegner, die ihn als den ›Frevler von Achetaton‹ verdammten. Zum ersten Mal in der Geschichte zeichnete sich deutlich der Kampf des Neuen gegen das Alte ab – der Kräfte, die verändern wollen, was besteht, gegen die Kräfte, die es erhalten wollen. Mehr als zweitausend Jahre hatte sich das ägyptische Volk der ›Gu 96
ten Gottheit‹, dem Vertreter der Götter auf Erden, untergeordnet. Es hatte sich im Laufe der Zeiten in alle Arbeiten gefügt, alle Leiden auf sich genommen, um der Gläubigkeit willen – wenn auch unter Zwang. Die Gesellschaftsordnung hatte sich unter der Hut des Glaubens ent wickelt, beziehungsweise sie war von den Hütern des Glaubensbe kenntnisses geformt worden. Schon die Erfindung der Schrift und die Kunstfertigkeit in der Herstellung von Bewässerungsanlagen, Deichen und Kanälen waren den Priestern der verschiedenen Gottheiten zu danken gewesen. Die Bedeutung der Gottheiten hatte sich ja nach der Bedeutung der Fürsten verändert, die in dem Landabschnitt herrsch ten, in dem die Gottheiten verehrt wurden. Durch Generationen und Generationen waren die Gemeinschaften der Priester und ihre Tempel von den Vornehmen, den Fürsten und Königen mit reichen Gütern be schenkt worden und hatten sich nicht nur zu einer geistigen, sondern auch zu einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Macht entwik kelt, die oft, wenn auch im Hintergrund, gewaltiger gewesen war als die des Königs. Der Ahnherr Echnatons, Thutmosis III. der große Eroberer, war von den Priestern des Amon zum König erhoben worden. Er hatte erst ihrer Übermacht weichen müssen und war später wieder durch ihre Gnade zum Alleinherrscher geworden. Alle seine Nachfolger hatten der unge heuren Macht der Amons-Priester Rechnung getragen, so weit, daß sie sich Namen gegeben hatten, die ihre Abhängigkeit vom Gotte Thebens laut und deutlich verkündet hatten: »Amon ist zufrieden.« Ein Amen hotep nach dem andern herrschte für Amon, in dessen Tempel der Ho hepriester des Amon herrschte. Nach außen hin war der Pharao der unbeschränkte, der absolute Herr des Reiches. Aber das nur, solange er Amon nicht nur durch die Erwähnung in seinem Namen diente. Die Priesterschaft konnte darauf pochen, daß die Pharaonen, die un ter ihrem Einfluß oder im Einvernehmen mit ihnen gehandelt hatten, die erfolgreichsten, die mächtigsten Könige Ägyptens geworden wa ren. Kein Land der Erde war jemals vorher so übermächtig gewesen, keines hatte seine Grenzen so weit nach Nordosten und Süden ausge 97
dehnt, keines so reiche Handelsbeziehungen unterhalten. Die Lebens führung war niemals so luxuriös gewesen wie unter dem Schutzgott Amon. Man sah ja, was geschah, wenn ein König die Macht, die er doch nur von Amon empfangen hatte und für Amon verwaltete, dazu miss brauchte, Amon durch ›Aton‹ zu ersetzen. In seinem Bestreben, die Umgestaltung des Glaubens in ganz Ägyp ten durchzuführen und auch die eroberten Gebiete Asiens dem glei chen, dem einzigen Gott, der Sonne, unterzuordnen, beachtete Ech naton die Warnungen nicht, die ihm von den bedrohten Grenzen sei ner Gebiete zukamen. Er dichtete seine Hymnen, er erhob sich über das Irdische in überirdischen Betrachtungen über den ›Beginn des Be ginnens‹, die Weltentstehung. Er schloß in seine Gebete und Hymnen auch die Untertanen der eroberten Gebiete ein und stellte sie sogar den Ägyptern gleich. Denn jedermann unter der Sonne wurde von ihr be schienen. All das tat Echnaton, während an den Nordgrenzen der asiatischen Kolonien Ägyptens die Hethiter bereits aufmarschierten, um die ägyptische Macht in Kleinasien zu brechen. Sie rückten unaufhaltsam vor. Es nützte nichts, daß treue Stadtfürsten Gesandte nach Acheta ton schickten, um den König zu warnen und um Hilfe zu bitten. Ech naton hatte kein Ohr für den Ernst der Lage. Es genügte ihm, wenn er beschwichtigende Nachrichten erhielt. Er handelte nicht, auch nicht, wenn er dringend gebeten wurde. Es hieß: »Seit zwanzig Jahren haben wir unserem Herrn, dem König von Ägypten, Boten gesandt, aber kei ne Antwort ist uns gekommen, nicht ein einziges Wort …« Ein semitischer Volksstamm, die Chabiri, drang im Süden der asia tischen Besitzungen Ägyptens ein in einen Landstrich, der ›Palästina‹ genannt wurde, und durchzog das Land sengend und brennend. Die eingeborenen Völker flohen ins Gebirge oder suchten in Ägypten Zu flucht. Jetzt erst sandte der König einen General aus, um Ruhe und Ord nung herzustellen. Es war zu spät, denn die Hethiter drangen unauf haltsam weiter vor. Eine Stadt nach der andern fiel in ihre Hände und 98
vermehrte das Reich, das sie geschaffen hatten und das von den Ägyp tern ›Groß-Cheta‹ genannt wurde. In Achetaton blieb der Pharao dabei, sich der Philosophie und der Kunst zu widmen. Es war ihm nicht so wichtig, daß die Grenzen seines Reiches enger wurden. Schließlich herrschte Gott Aton über die gan ze Welt in väterlicher Fürsorge für alle Menschen, ohne Unterschied, ohne Rücksicht auf Rasse oder darauf, welchem Volk sie angehörten. Wichtiger war, daß die Künstler das darstellten, was sie wirklich sa hen: die ›Wahrheit‹, von der Echnaton lebte. Während das Reich zerfiel, entstanden in Achetaton die wunderbar sten Kunstwerke, die mit geradezu fotografischer Genauigkeit und in anatomischer Richtigkeit das darstellten, was die Künstler sahen: das vor den Hunden fliehende Wild, einen springenden Wildstier, den Lö wen, der verwundet ist, Porträts des Königs und seiner Gattin Nofre tete. Der Pharao hatte keinen Sohn, aber er hatte verheiratete Töchter. Er erhob Sakere, den Mann seiner ältesten Tochter Merit-Aton (= ›Die von Aton Geliebte‹), zum Mitherrscher. Aber Sakere war den Strömungen, die sein Schwiegervater entfesselt hatte, nicht gewachsen. Kurz nach dem Tod Echnatons gab er die Macht an seinen Schwager Tut-anchAton ab. Das Land war in Aufruhr. Die einzige Macht, die in sich geschlossen war, waren die Priester des Amon. Sie zwangen Tut-anch-Aton, seinen Namen zu ändern und durch diese Namensänderung Echnaton und seinen Glauben zu verleugnen. So hieß er nunmehr ›Tut-anch-Amort‹ (= Lebendes Abbild des Amon). Er beendigte durch diese Namens änderung den Glaubensumsturz, der verging, wie er gekommen war. Dennoch hielt sich Tut-anch-Amon nicht auf dem Thron. Das Land verfiel bald der Anarchie und wurde durch einen ehemaligen Günst ling Echnatons, den General Haremhep wieder in die alte Ordnung zurückgeführt. Haremhep war ein Günstling des Amon-Tempels, und die von ihm herbeigeführte Neuordnung vollzog sich ganz und gar unter der Auf sicht der Priesterschaft des Amon. Es war eine Wiedergutmachungs 99
Regierung, die nicht nur die Glaubensschäden der Regierungszeit Ech natons zu beheben hatte, sondern sich auch eine Umgestaltung des Rechts in Ägypten zum Ziel setzte. Haremhep ließ verkünden: »Sei ne Majestät gibt die Gesetze für Ägypten, um seine Einwohner gedei hen zu lassen.« Dem General auf dem Thron – war es nicht vergönnt, sich durch die Wiedereroberung der verlorenen Gebiete unsterblich zumachen. Aber er konnte mit Recht von sich sagen: »Seine Majestät verbrachte seine ganze Zeit, indem er nach der Wohlfahrt Ägyptens strebte.« Unter seinen Nachfolgern Ramses I. und Sethos I. und Ramses II. lebte die Großmacht Ägyptens zum letzten Male auf.
In dem nachstehenden Roman ›Uarda‹, den der bedeutende Ägyptolo ge Georg Ebers verfasst hat, ersteht das in dichterischer Vorstellung ge sehene Zeitbild Ägyptens in seiner geschichtlichen Größe. Der Roman verdankt seine Entstehung dem klassischen PentaurEpos, das aus der Zeit der Ereignisse stammt. ›Uarda‹ ist kein Tatsa chenbericht. Das Buch ist Dichtung und Deutung zugleich. Es ermög licht dem Leser, hinter die Kulissen der Weltgeschichte zu blicken.
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Uarda
von Georg Ebers
Die Höhenzüge, die den Nil begleiten, nehmen bei dem alten hun derttorigen Theben entschiedenere Formen an. Kegelförmige Spitzen überragen den flachen Rücken des Kalkgebirges, auf dem keine Pal me und kein Kraut Wurzel schlägt. Zwischen diesen beiden Hügelreihen, die den Wüstensand von den Mauern abwehren, fließt der se genspendende Strom – der Vater und die Wiege von vielen Millionen Existenzen. Auf dem Spiegel seines Wassers schwimmt die Lotosblu me, und im Papyrus Schilf seiner Ufer nisten Wasservögel. Zwischen dem Nil und den Bergen liegen Felder, die nach der Saat im bläulichen Grün schimmern und wie Gold glänzen, wenn die Ernte naht. Bei den Brunnen und Schöpfrädern erheben sich schattende Sykomorenbäu me und Dattelpalmen. Das ebene, alljährlich von der Überschwem mung benetzte und gedüngte Fruchtland sticht vom sandigen Fuß der Berge wie die dunkle Erde eines Blumenbeetes von den hellen Kieswe gen ab. Am rechten Ufer des Nils erhob sich im 13. Jahrhundert v. Chr. die be rühmte Pharaonen-Residenz Theben. Hart am Strom standen die un geheuren bunten Tempel der Amonsstadt und bis zum Fuße der östli chen Berge die Paläste der Könige und Großen und die hohen schma len Häuser der Bürger, eng aneinandergereiht. Auch am westlichen Nilufer fehlte es nicht an stattlichen Bauten, an die sich dann Häuser und Hütten drängten wie Kinder, die sich an die schützende Mutter schmiegen. Aber während drüben auf dem rech ten Stromesufer alles in heftiger Bewegung bei Arbeit und Erholung war, bei Tat und Rede, wurde auf dem linken Ufer nur wenig gespro chen. Ein Zauber schien hier die Schritte zu hemmen und eine blas se Hand das Lächeln von den Lippen zu bannen. Klagegesänge ertön ten, und Prozessionen Leidtragender entstiegen glänzend geschmück ten Barken, die am Ufer dieser Totenstadt anlegten. Die Sarkophage, die in die Totenstadt von Theben übergeführt wur den, bargen wohl Leichen, aber die galten nicht als Tote. Man drück 102
te ihnen die Augen zu, man begleitete die leblosen Körper in das Haus des Balsamierers, des Kolchyten, und in die Gruft. Aber im Bewußt sein des Ägypters lebte die Seele des Verstorbenen fort. Sie fuhr in der Sonnenbarke, gerechtfertigt als Osiris, in den Himmel und durfte in einer Gestalt, die sie anzunehmen wünschte, auf Erden erscheinen und in den Lebenslauf der Hinterbliebenen eingreifen. Darum sorgten die Ägypter für eine würdige Bestattung, vor allem aber für eine dauerhaf te Balsamierung der Leichen und für Totenopfer an Fleisch und Geflü gel, Getränken und wohlriechenden Essenzen, Gemüsen und Blumen, die zu bestimmten Zeiten zu erneuern waren. In dieser Totenstadt Nekropolis wohnten große Priestergenossen schaften in Tempeln, und an die ausgedehnten Balsamierungsgebäude lehnten sich die Häuser der Kolchyten, deren Geschäft sich vom Vater auf den Sohn vererbte. In der Totenstadt gab es aber auch Handwerker und Händler. Sarko phage aus Stein und Holz, Leinwandbinden zur Umwicklung der Mu mien und Amulette wurden hier angeboten. Man konnte Spezereien und Essenzen kaufen, Blumen und Früchte, Gemüse und Backwerk. Auf eingehegten Weideplätzen wurden Rinder, Gazellen, Ziegen, Gän se und anderes Geflügel gefüttert, damit die Leidtragenden sich die von den Priestern für rein erklärten Opfertiere aussuchen und gleich mit dem heiligen Siegel versehen lassen konnten. Manche kauften bei den Schlachtbänken auch nur einzelne Fleischstücke, und die Armen mußten sich sogar nur mit buntem Gebäck in Tiergestalt begnügen. In den vornehmsten Läden nahmen priesterliche Diener Bestellun gen auf Papyrusrollen auf, die in den Schreibstuben der Tempel mit je nen heiligen Texten versehen wurden, welche die Seele der Verstorbe nen wissen und aussprechen mußte, um die Dämonen der Tiefe ab wehren, die Tore der Unterwelt öffnen zu können. Dort muß sie von Osiris und den 42 Beisitzern des unterirdischen Gerichtshofes für ›ge recht‹ befunden werden. Was in den Tempeln geschah, entzog sich den Blicken der Laien, denn die Tempel – waren von hohen Mauern um geben. Ihre Haupttore wurden nur geöffnet, wenn ein Priesterchor ins Freie trat, um dem Sonnengott Hymnen zu singen. 103
Wenn das Abendlied der Priester verklungen war, leerte sich die Ne kropole. Große Menschenmengen, die in feierlichen Aufzügen gekom men waren, eilten an den Strom, von den Wachmannschaften ange trieben, die die Grüfte vor Räubern zu schützen hatten. Die Verkäufer schlossen die Läden, die Kolchyten und Arbeiter beendeten ihr Tage werk, die Priester kehrten in ihre Tempel zurück. Die einzigen Lebe wesen, die sich jetzt noch in ihren Straßen bewegten, waren Schakale. Es war verboten, sie zu jagen, sie galten als die heiligen Tiere des Got tes Anubis, des Wächters der Gräber, ›der für die Götter wachte wie die Hunde für die Menschen‹. Nachts verzehrten die Schakale die auf den Opferaltären niederge legten Fleischstücke zur Genugtuung der Spendenden, die am näch sten Tag glaubten, das Fleisch habe liebe Verstorbene gesättigt.
An diesem Sommerabend des Jahres 1252 vor unserer Zeitrechnung goß der Mond sein blasses Licht über das stattliche Bauwerk des SetiHauses, dessen Mauern von Fackeln rötlich bestrahlt waren. Ein un tersetzter Mann in reicher Kleidung pochte so heftig an das mit Erz be kleidete Tempeltor, daß die Schläge weithin schallten. Das Licht einer Fackel flackerte über einen zweiräderigen Wagen, in dem die hohe Ge stalt einer vornehmen Frau neben ihrem Rosselenker stand, und über eine Sänfte, in der ein junges Weib saß. Der Pförtner, der von der Höhe seines Torturmes auf die Ruhestörer niederschaute, konnte nur erraten, daß sie den vornehmsten Ständen, ja vielleicht der königlichen Familie angehörten. »Wie lange sollen wir hier noch warten, fauler Hund«, rief die rohe Stimme des Klopfenden. »Wenn die Fackeln nicht hell genug brennen, um dir zu zeigen, wer wir sind, dann wird meine Peitsche dich leh ren, wie man fürstliche Gäste aufnimmt.« Während der eingeschüch terte Pförtner rasch hinabstieg, um das Tor zu öffnen, wandte sich die Frau auf dem Wagen dem untersetzten Mann zu und sagte entschie den: »Du vergisst, Paaker, daß du wieder in Ägypten bist und es nicht 104
mit wilden Räuberstämmen, sondern mit freundlichen Priestern zu tun hast, von denen wir außerdem einen Dienst erbitten wollen«, und sie setzte noch hinzu: »Man klagt auch sonst über deine Rauheit.« Die Faust des Angeredeten schloß sich fest um den Griff der Gei ßel und führte, während er sich demütig zu verneigen schien, einen so kräftigen Schlag auf die nackten Beine des neben ihm stehenden Skla ven, daß dieser wie von Frost geschüttelt zusammenfuhr, dabei aber – denn er kannte seinen Herrn – keinen Klagelaut vernehmen ließ. Indessen hatte der Pförtner das Tor geöffnet. Mit ihm trat ein junger Priester ins Freie. Paaker wollte wieder das Wort ergreifen, aber die auf dem Wagen stehende Frau kam ihm zuvor und erklärte: »Ich bin BentAnat, die Tochter des Königs, und diese Frau in der Sänfte ist Nefert, die Gattin des edlen Mena, des Rosselenkers meines Vaters. Wir bega ben uns in das Nordwesttal der Nekropole, um die neuen Arbeiten zu besichtigen. Auf dem Heimweg führte ich selbst die Zügel und hatte das Unglück, ein Mädchen zu überfahren und schlimm zu verletzen. Die Gattin des Mena hat die Kleine verbunden, dann ließen wir sie in das Haus ihres Vaters schaffen, eines Paraschiten.« »Du hast die Hütte eines Leichenöffners betreten, Prinzessin?« frag te der Priester. »Ich mußte, heiliger Vater. Ich weiß, daß man sich verunreinigt, wenn man die Schwelle dieser Leute betritt, aber … –« Der Kammer herr Penseba fiel ein: »Ich bin der Zeremonienmeister der Prinzessin. Ich habe mein Bedenken nicht zurückgehalten. Ich schlug vor, dem Vater ein Geschenk zu senden.« »Und die Prinzessin?« fragte der Priester. »Sie handelte, wie immer, nach ihrem eigenen höchsten Ermessen.« »Und das trifft stets das Rechte!« rief die Gattin des Mena. »Wollen die Götter, es wäre so«, sagte die Prinzessin leise. Sie wandte sich an den Priester: »Du kennst den Willen der Himmlischen und die Herzen der Menschen, heiliger Vater. Konnte ich diesen unglücklichen Men schen gegenüber anders handeln?« Der Priester hob die Rechte zum Segen: »Du hast recht gehandelt! Die Schöngesichtigen bildeten dein Herz, und die Herrin der Wahr 105
heit lenkt es. Gewiß habt ihr unsere Nachtgebete nur gestört, um ei nen Arzt für das verwundete Mädchen anzufordern. Ich werde den Oberpriester um die besten Heilkünstler für äußere Verletzungen bit ten und sie gleich der Kranken senden. Aber wo befindet sich das Haus des Paraschiten?« »Nördlich von dem Terrassenbau der Hatschepsut. Es liegt mir dar an, morgen früh zu erfahren, wie es der Kranken geht!« Sie rief: »Paa ker!« Der Gerufene verbeugte sich bis zur Erde. Die Prinzessin fuhr fort: »Ich bestimme dich zum Führer der Ärzte. Dem Wegeführer des Kö nigs wird es leicht fallen, das Häuschen wieder zu finden. Übrigens bist du mein Mitschuldiger.« Sie erklärte dem Priester: »Das Unglück ge schah, als ich mit meinen Rossen die syrischen Pferde Paakers, die er für schneller als die ägyptischen ausgab, zu überholen versuchte.« Paaker verneigte sich wieder schweigend; die Prinzessin winkte, der junge Priester hob segnend die Hände, und der nächtliche Zug beweg te sich zum Nil hin.
Nur der Prachtbau jener Königsfamilie, die vom Großvater des der zeit regierenden Königs entthront worden war, überbot den Glanz des Seti-Hauses. Für seine Ausstattung, den Unterhalt der Priesterschaft und die Erhaltung der Lehrinstitute waren gewaltige Summen ausge geben worden. Innerhalb der gewaltigen Mauern war die hohe Schu le untergebracht, in der Priester, Ärzte, Richter, Mathematiker, Astro nomen und Grammatiker unterrichtet wurden. Nachdem sie die Wür de der ›Schreiber‹ erlangt hatten, wurden sie auch auf Kosten des Kö nigs ernährt und konnten sich daher ganz ihren wissenschaftlichen Forschungen widmen. Eine Bibliothek, in der Tausende Schriftrollen aufbewahrt wurden und an die eine Papyrusfabrik angeschlossen war, stand den Gelehrten zur Verfügung. In einem besonderen Gebäude wohnten die Tempelpensionäre, Söhne der vornehmsten Familien, die von den Priestern gegen hohe Bezahlung erzogen wurden. 106
Seti I. der Gründer des nach ihm benannten Tempels, hatte seine Söhne, auch den Thronfolger Ramses, im Seti-Haus unterrichten las sen. In dieser Schule genossen die königlichen Prinzen keine Vorrech te, obwohl hier der Stock eine große Rolle spielte. Außer der Elementarschule für die allgemeine Bildung gab es im Se ti-Haus auch eine Lehranstalt für Künstler, Bildhauer, Maler und Ar chitekten. Alle Lehrer gehörten zur Priesterschaft des Seti-Tempels. Die acht hundert Priester waren in fünf Klassen geteilt und wurden von drei so genannten ›Propheten‹ geleitet. Der erste Prophet war der Hoheprie ster des Seti-Hauses. Er war auch der Oberste aller tausend und aber tausend niederen und höheren Diener der Gottheiten, die in der To tenstadt von Theben angebetet wurden. Das eigentliche Seti-Haus war ein aus massiven Kalksteinblöcken zusammengefügter Tempel. Eine Reihe von Sphinxen führte vom Nil zur hohen Mauer und zu den breiten Toren, die Einlass in einen wei ten, von Säulengängen umgebenen Vorhof gewährten, hinter dem sich ein zweiter Bau erhob, hinter dem wieder ein Vorhof lag, der von ei ner stattlichen Säulenreihe abgeschlossen war, die den Kern des Tem pels umschloß. Hinter dem Seti-Haus erhoben sich große Gebäude aus Nilziegeln, die mit Kalk beworfen und mit bunten Darstellungen und hierogly phischen Inschriften bemalt waren. Die innere Anordnung all dieser Gebäude war die gleiche. In der Mitte befand sich ein ungedeckter Hof, in den die Türen der Zimmer von Priestern und Gelehrten mündeten. An den Seiten dieser Höfe war ein schattenspendender hölzerner Säulengang, und in der Mitte jedes Hofes ruhte ein mit Zierpflanzen geschmückter Wasserbehälter. Besonders auffallend und durch wehende Fahnen geschmückt war das zwischen einem gepflegten Hain und einem klaren Teich – dem heiligen See des Tempels – etwa hundert Schritte hinter dem Seti-Haus gelegene Haus des Hohepriesters. Dieser einem alten und edlen Geschlechte entstammende Hüter der Religion war weit mehr als der unbeschränkte Leiter des Tempels. 107
Er galt als die Verkörperung der priesterlichen Idee. Auch der König schätzte ihn und hatte ihn sogar als Siegelbewahrer an den Hof zie hen wollen. Ameni aber verachtete äußeren Glanz und wollte keinen Dienst bei dem schwer zu beeinflussenden Pharao. Ameni war Anfang Fünfzig. Er war hoch gewachsen. Sein glattra sierter Schädel hatte die Form eines länglichen Ovals; sein Profil war von seltener Feinheit. Auffallend waren seine großen Augen; sie gli chen gut geführten Heeren, die der Feldherr vor und nach dem Kamp fe ruhen läßt, damit sie siegesgewiss in die Schlacht treten können. Ameni trug einen fein gefalteten Schurz aus schneeweißer Leinwand, der ihm bis an die Waden reichte. Um seine Hüften schlang sich eine mit Fransen verzierte Schärpe, deren breite, stark gesteifte Enden seine Knie berührten. Ein Tragband aus Silberbrokat hielt den Faltenrock. Von seinem Hals hing bis tief auf die nackte Brust ein aus Perlen und Steinen zusammengesetztes breites Halsband, und an seinen Oberar men glänzten große goldene Armbänder.
Erstaunt über die nächtliche Unruhe im Heiligtum, erhob er sich von seinem löwenfüßigen Ebenholzstuhl und winkte einem kauernden Diener. Dieser setzte behutsam und schweigend eine lange, dichte Lok kenperücke auf den kahlen Schädel des Oberpriesters und hängte ihm ein Pantherfell, dessen Kopf und Krallen in Goldblech gefaßt waren, um die Schultern. Eben wollte ihm ein anderer Sklave den Krumm stab, das Zeichen seiner hohen Würde, überreichen, als ein Priester ihm den Schreiber Pentaur meldete. Ameni winkte, und der junge Geistliche, mit dem Prinzessin Bent-Anat am Tore des Tempels ver handelt hatte, betrat das Gemach. Er küßte kniend die Hand des Ober priesters, der ihn segnete. »Steh auf, mein Sohn«, sagte Ameni in so stilisierter Sprache, als lese er aus einem Buch: »Dein Besuch wird mir einen Weg ersparen, wenn du mir mitteilen kannst, was unseren Tempel beunruhigt.« »Wenig Bemerkenswertes, heiliger Vater.« Pentaur erhob sich: »Ich 108
würde dich nicht gestört haben, wenn die Prinzessin Bent-Anat nicht persönlich erschienen wäre und um einen Arzt bäte.« »Ist die Tochter des Pharao erkrankt?« »Du sagst es.« »Und sie bittet nun, daß wir sie reinigen?« »Ich glaubte, sie freisprechen zu dürfen, Vater, da die reinste Men schenliebe sie zu der Handlung bewog, die freilich gegen die Sitte ver stößt.« Der junge Priester erklärte mit Bestimmtheit: »Wenn die Son ne in ihrer goldenen Barke den Himmel befährt, dann bescheint ihr Licht nicht früher und nicht reicher den Palast des Pharao als die Hüt te des Geächteten.« »Ich höre den Dichter Pentaur reden und nicht den Priester, den ich meinen Bruder nenne. Was du vor wenigen Wochen gelobtest, das habe ich vor vielen Jahren im Angesichte des Allerheiligsten beschwo ren: das Wissen zu hüten als ein Eigentum der Eingeweihten. Die Zei ten haben sich geändert, mein Sohn. Die Augen der Uneingeweihten sind schärfer geworden. Ich sehe Risse in den ehernen Mauern, die das heilige Feuer umgeben, und der eine erzählt dem anderen, was er durch die glühenden Spalten erspäht zu haben meint. Wir aber verflu chen und stoßen jeden Geweihten aus, der diese Risse vergrößert.« Der Oberpriester trat Pentaur näher und legte ihm die Hände auf die Schultern. »Ich tadle dich«, sagte er, »du hast geduldet, daß an einer Sat zung der Vorzeit gerührt worden ist – du hast dich doppelt vergangen, denn die Übertreterin war die Tochter des Königs. In wenigen Tagen wird es heißen: die Paraschiten sind Menschen wie wir, und das alte Gesetz, sie zu meiden, war Torheit. – Die Prinzessin wird morgen die Hütte des Paraschiten wieder besuchen. Du wirst sie dort erwarten, um ihr zu verkünden, daß sie sich vergangen hat und unserer Reinigung bedarf. Für diesmal sei dir jede weitere Strafe erlassen. – Noch eines: Sende Ärzte aus und befiehl ihnen, die Verwundete so zu behandeln, als sei sie die Königin selbst. Wer kennt die Wohnung des Mannes?« »Die Prinzessin«, erwiderte Pentaur. »Sie hat den Wegeführer des Königs, Paaker, im Tempel zurückgelassen, damit er die Ärzte in das Haus führt.« 109
Der Oberpriester lächelte. »Paaker sorgt für ein Paraschitmädchen!« Auch der junge Priester lächelte. »Und der Gärtnersohn Pentaur spricht einer Tochter des Königs die Reinheit ab!« »Der Priester Pentaur hat es nicht mit der Tochter des Königs, son dern mit einer Übertreterin des Gesetzes zu tun.«
Viele Ärzte wurden im Seti-Haus ausgebildet, doch nur wenige blieben dort nach bestandenem Examen. Die Begabtesten wurden nach Helio polis gesandt, der berühmtesten medizinischen Fakultät des Landes. Von dort kehrten sie als Meister der Chirurgie oder der Augenheil kunde oder eines anderen Spezialgebietes nach Theben zurück, um als Leibarzt in der Nähe des Königs zu bleiben oder als Lehrer zu wirken. Jeder gehörte jedoch zu dem Priesterkollegium, unter dessen Aufsicht er ausgebildet worden war. Wer einen Arzt brauchte, sandte daher in den Tempel, dem der Arzt angehörte. Hier blieb es dem Vorsteher der Ärzte überlassen, jenen Arzt auszusuchen, der für den vorliegenden Fall am geeignetsten war. Wie alle Priester lebten auch die Ärzte von den Einkünften ihres Grundbesitzes, von den Geschenken des Königs, von Steuern der Lai enschaft und von Zuschüssen aus dem Staatsschatz. Von den Patien ten, die sie behandelten, hatten sie keine Honorare zu erwarten. Doch versäumten die Geheilten es nie, den Tempel, der den Arzt gestellt hat te, zu beschenken. Nicht selten machten die priesterlichen Mediziner die Genesung der Leidenden auch von gewissen, dem Tempel darzu bringenden Gaben abhängig. Obwohl die ägyptische Heilkunst bedeu tend war, galt es für selbstverständlich, daß die Ärzte ›als Diener der Gottheit‹ sich nicht mit der rationellen, medizinischen Behandlung der Leidenden begnügten, sondern zusätzliche mystische Gebete und Beschwörungen für unentbehrlich hielten. Von allen ärztlichen Lehrern des Seti-Hauses mochte Pentaur seinen Altersgenossen Nebsecht am liebsten. Er bewunderte seine Gelehr samkeit und Geschicklichkeit. Oft durchstreifte er mit dem schwäch 110
lich gebauten, stotternden Schulfreund die Dickichte am Nilufer, die Wüste und das Gebirge, um Pflanzen oder Tiere zu suchen. Der lei denschaftliche Naturforscher sah tausend Dinge, die dem Dichter ent gangen wären; sie waren ein ungleiches Paar, aber auch Nebsecht lieb te Pentaur, der alles besaß, was ihm selbst fehlte: männliche Schönheit, kindliche Heiterkeit, freimütige Offenheit und die Gabe, in Wort und Lied zu fassen, was sein Herz bewegte. Das Zimmer des Naturforschers lag zu ebener Erde unter einem Kornspeicher, abgesondert von allen übrigen Wohnräumen des Ge bäudes. Es war groß wie ein Saal, und dennoch fand Pentaur den Weg zum Tische Nebsechts von großen Bündeln der verschiedenartigsten Pflanzen verlegt, von Käfigen aus Palmstäben, die übereinander ge stellt waren, und von größeren und kleineren, mit durchlöchertem Pa pier bedeckten Tontöpfen. In diesen Behältern bewegten sich Nil-Ei dechsen, Eulen, Frösche, Schlangen, Skorpione und Käfer. Auf dem Tisch lagen Tierknochen, scharfe Feuersteine und Bronzemesser. Als Pentaurs Schritte hörbar wurden, schob Nebsecht, ängstlich wie ein Schüler, der ein verbotenes Spielzeug vor dem Lehrer zu verbergen sucht, einen umfangreichen Gegenstand unter den Tisch, – warf eine Decke darüber und verbarg den scharfen, an einem hölzernen Griff befestigten Feuersteinsplitter, den er eben noch als Operationsmesser benützt hatte, in den Falten des Gewandes. Als er sah, daß der Ein tretende Pentaur war, sagte er statt der Begrüßung: »Du hättest mich nicht so erschrecken sollen.« Dann griff er unter den Tisch und holte ein an ein Brett gebundenes Kaninchen hervor, in dessen aufgeschnit tenem und mit Holzstäben auseinander gehaltenem Leib sich das Herz bewegte. »Du gehst zu weit«, sagte Pentaur, »und du bist unvorsichtig. Wer ein unschädliches Tier zu keinerlei Nutzen martert, dem sollen die Geister der Unterwelt das gleiche tun, so lehrt es das Gesetz.« Er beugte sich zu dem Kaninchen nieder: »Wie merkwürdig, das Tierchen lebt und at met noch immer. Ein Mensch würde dabei schon gestorben sein. Sein Organismus ist wohl auch kostbarer und feiner und darum leichter zerstörbar.« 111
Nebsecht zuckte die Achseln. »Vielleicht.« »Ich dachte, du müsstest das wissen.« »Ich?« fragte der Arzt. »Sie erlauben mir nicht einmal zu untersu chen, wie sich die Hand eines Fälschers bewegt.« »Bedenke, was die Schrift lehrt. Die Wohlfahrt der Seele ist abhängig von der Erhaltung des Körpers.« Nebsecht hob die klugen kleinen Augen. »Macht ihr mit der Seele, was ihr wollt. Ich will nur den Körper kennen und flicke ihn, wenn er Schaden erleidet.« »Deshalb bin ich zu dir gekommen.« »Bist du krank?« »Ich wollte dich bitten, noch heute ein krankes Mädchen zu besu chen. Die Prinzessin Bent-Anat.« »Die königliche Familie hat ihre eigenen Ärzte.« »Lass mich doch zu Ende sprechen. Die Prinzessin Bent-Anat hat ein Mädchen überfahren und schwer verwundet.« »Liegt sie drüben in der Stadt oder hier in der Nekropole?« »Hier. Es ist die Tochter eines Paraschiten.« »Eines Paraschiten? Dann gehe ich.« Er erhob sich und pinselte Strychnosgift auf die Nase und das Maul des Kaninchens, das sofort zu atmen aufhörte. »Ich bin bereit«, sagte er. »In diesem schmutzigen Kleid kannst du das Haus nicht verlassen.« Der Arzt nickte, nahm ein reines Gewand aus seiner Kleiderlade und wollte es anziehen. Pentaur lachte. »Erst wird der Arbeitsrock ausgezo gen. Aber du bist ja vielhäutig wie eine Zwiebel.« Nebsecht lachte auch. »Jetzt weiß ich, warum es mir um Mittag so unmenschlich heiß war. Lasse bitte inzwischen den Oberpriester fra gen, ob ich den Tempel verlassen darf.« »Er hat mich selbst beauftragt, einen Arzt zu den Paraschiten zu sen den, und hinzugefügt: Die Kranke soll wie eine Königin behandelt werden.« »Ameni? Wenn du noch sagst, daß er wußte, es handle sich um ein Paraschitenkind, dann fange ich an zu glauben, daß man Glieder mit Beschwörungen einrenken kann. Geh, während ich mich ausziehe, 112
zum Propheten Kagabu und bitte ihn, daß er den Pastophoren Teta als Litaneisänger mit mir gehen läßt, der begleitet mich gewöhnlich. Ich hätte aber nichts dagegen, wenn er zu Hause bliebe. Sein Kopf und sein Herz haben mit seinem Sprechwerkzeug sowieso nichts zu tun.« »Das ist wahr«, lachte Pentaur, »ich habe neulich gesehen, wie Teta seine Litanei an einem Krankenbett sang und dabei heimlich die Dat teln im Sack zählte, die ihm von den Verwandten des Kranken ge schenkt worden waren.« Pentaur wußte, wo der Prophet Kagabu zu finden war. In einem von buntbemalten Holzsäulen eingefassten und mit Lampen erhellten Hof saßen die schmausenden Priester auf bequemen Lehnstühlen. Vor je dem stand ein Tischchen, und Diener holten von einem in der Mit te des Hofes stehenden Büfett Gazellenkeulen, gebratene Gänse und Enten, Fleisch- und Fischpasteten, Artischocken, Spargel, Kuchen und Süßigkeiten und füllten die Becher mit rotem und weißem Wein. Me tallene Becken, in denen sich die Priester nach jedem Gang die Hände wuschen, und Blumen wurden unaufhörlich herumgereicht. Alle Gä ste trugen lange, schneeweiße Gewänder, wie es sich für die in die My sterien Eingeweihten gehörte. Als der Oberpriester den Hof betrat, erhoben sich alle Festgenossen. Er winkte ihnen freundlich und würdevoll zu, nahm seinen Ehren platz ein und begann: »Was stört an diesem Abend das Gleichgewicht eurer Seelen?« »Wir gedenken des Fremden, das übermächtig in Ägypten eindringt, und der Notwendigkeit, ihm Widerstand entgegenzusetzen.« »Ihr werdet mich unter den Vorkämpfern gegen alles Fremde fin den«, erklärte Ameni. »Aus dem Norden sind neue Nachrichten ge kommen, die mich schwer bekümmern.« »Haben unsere Truppen eine Niederlage erlitten?« »Sie blieben siegreich, aber wieder sind Tausende unserer Landsleu te Opfer des Todes geworden. Ramses begehrt neue Hilfsvölker. Der Wegeführer Paaker hat mir einen Brief von unseren Priesterfreunden, die den König begleiten, und dem Statthalter ein Schreiben des Pha rao selbst überbracht. Der König befiehlt, ihm fünfzigtausend Streiter 113
nachzusenden und, da die ganze Kriegskaste und alle Hilfsvölker be reits unter Waffen stehen, die Hörigen der Tempel, die Männer, die un sere Äcker bestellen, auszuheben und nach Syrien zu senden.« Ein Gemurmel des Unwillens erhob sich. Kagabu fragte: »Was ge denkst du zu tun?« »Ich werde zunächst die Vorsteher aller Tempel der Amonstadt zu ei ner Ratsversammlung einberufen.« In diesem Augenblick betrat Pentaur die Halle und bat, indem er sich frei und würdig vor den anderen Priestern und tief vor Ameni verneigte, ihm zu gestatten, den Pastophoren Teta mit dem Arzt Neb secht zu der Paraschitentochter senden zu dürfen. Ameni nickte zu stimmend und rief: »Sie sollen sich beeilen. Paaker wartet an der gro ßen Pforte auf sie.« Als Pentaur die Schmausenden verlassen hatte, wandte sich der äl teste Priester aus Chennu Ameni zu: »Wahrlich, heiliger Vater, so und nicht anders habe ich mir euren Dichter vorgestellt. Er gleicht dem Sonnengott. Gewiß entstammt er einem edlen Haus?« »Sein Vater ist ein schlichter Gärtner«, erwiderte der Oberpriester. »Wir erzogen den begabten Knaben zu dem, was er ist.« »Welche Ämter bekleidet er im Tempel?« »Er unterrichtet die ältesten Zöglinge der hohen Schule in der Sprach lehre und Redekunst. Er ist auch ein vortrefflicher Beobachter des ge stirnten Himmels und der sinnreichste unter unseren Traumdeutern.« Das Gespräch wandte sich Paaker zu. Die Priester aus Chennu hatten seinen Namen zum ersten Male gehört. Bemerkungen über sein rau es, ungeschlachtes Benehmen waren gefallen. »Er war der unglücklich ste von all den vielen Knaben, die meiner Obhut anvertraut waren«, erklärte Ameni. »Den Spaß der Mitschüler nahm Paaker für Ernst, ihre Neckereien für Anfeindungen und sein als Erzieher unweiser Va ter munterte ihn statt zur Nachgiebigkeit zum Widerstand auf, um ihn für das kampfreiche Leben eines Mohar vorzubereiten.« »Ich habe oft von den Taten des Mohars gehört«, sagte der älteste Priester aus Chennu, »doch weiß ich nicht genau, was dieses Amt von ihm verlangt.« 114
»Er hat mit auserlesenen und verwegenen Leuten Feindesland zu durchstreifen, die Art und Zahl der Bevölkerung zu erkunden, die Richtung der Berge, Täler und Flüsse zu erforschen, seine Wahrneh mungen aufzuzeichnen und sie dem Herrn des Kriegshauses zu über geben, der nach diesen Meldungen die Märsche der Truppe anord net.« »So muß der Mohar Krieger und Schreiber zugleich sein?« »Du sagst es, und Paakers Vater war nicht nur ein Held, sondern auch ein ausgezeichneter Schriftsteller. Er war der erste, der den Titel eines ›Mohars‹ erhielt.« »Gehört er einem edlen Geschlecht an?« »Einem der ältesten und edelsten des Landes. Sein Vater war der Krie ger Assa, der die Nichte des Königs Ho-em-heb heimführte, die ein Anrecht auf den Thron besäße, wenn nicht der Großvater des Ramses ihr Geschlecht durch einen Gewaltstreich des Thrones beraubt hätte.« »Wäge deine Worte«, unterbrach Ameni, »Ramses I. ist und bleibt der Großvater unseres Königs, und in seinen Adern fließt durch seine Mutter das Blut der echten Nachkommen des Sonnengottes.« »Aber voller und unvermischter fließt es doch in den Adern des Statt halters.« »Ramses trägt die Krone.« Ameni beschloß das heikle Thema. Der Priester aus Chennu fragte dann weiter: »Ist die Würde eines Mohar erblich wie die eines Reichsfürsten?« »Bewahre, aber des Winzers Sohn hat den Mund voll Trauben, und das Kind des Türhüters sprengt die Schlösser mit Worten. Immer hin hat sich Paaker als Mohar Verdienste erworben und besitzt Eigen schaften, die zu loben sind. Er ist einer der Frömmsten; kein Großer des Landes besitzt einen reicheren Schatz an Amuletten und Götter figuren, und die Totenopfer, die er seinem verstorbenen Vater stiftete, waren königlich.« »Er eifert ihm nach in allen Stücken«, spottete Kagabu, »und er ist ihm so ähnlich geworden, wie die Gans dem Schwan oder die Eule dem Adler. Da war Stolz, hier ist Hochmut, da war Würde, hier ist Dünkel, 115
da freundliche Strenge, hier rohe Härte. Fromm ist er, und seine Ge schenke können wir gut gebrauchen, aber Paakers Gaben können die Himmlischen nicht erfreuen. Lange habe ich die Gebete dieses Man nes geleitet, und niemals hörte ich ihn um edle Güter flehen, aber tau sendmal um die Vernichtung des Menschen, den er hasst.« »Trotzdem beurteilst du den Wegeführer zu hart. Der Feind, um des sen Vernichtung er fleht, ist Mena, der Rosselenker des Königs. Er wür de übermenschlich edel oder unmännlich schwächlich handeln, wenn er Gutes für diesen Mann wünschen würde, der ihm das schöne Weib geraubt hat, das für ihn bestimmt war.« Ameni erklärte: »Paaker war mit der ganzen Kraft seines ungelenken, aber leidenschaftlichen und zähen Herzens seiner Base Nefert zugetan, der Tochter der Katuti, und man hatte sie ihm zum Weib versprochen. Da wurde sein Vater, den er auf seinen Zügen begleitete, in Syrien tödlich verwundet. Der Kö nig stand am Sterbelager des Mohar, gewährte ihm die letzte Bitte und belehnte Paaker mit seiner Würde. Der brachte die Mumie seines Va ters nach Theben, ließ sie fürstlich bestatten und mußte vor Ablauf der Trauerzeit nach Syrien zurück, wo er, während der König nach Ägyp ten heimgekehrt war, neue Gebiete auszukundschaften hatte. Als er endlich den Kriegsschauplatz verlassen durfte, hoffte er, sich mit Ne fert vermählen zu können. Er hetzte die Rosse schier zu Tode, aber schon in der Ramses-Stadt Tanis erfuhr er, daß die ihm versprochene Base die Gattin eines anderen, des schönsten und tapfersten Mannes im Heere, des edlen Mena, geworden war. Seither hasst er Mena, und die Rinder zählen nach Hunderten, die er unseren Göttern darbrachte, um ihren Zorn auf den Räuber seines Glücks zu lenken.« Kagabu fiel ein: »Ich habe die Verwünschungen Paakers mit an gehört. Jammer und Tod hat er auf Mena herabgewünscht und Un fruchtbarkeit und Herzeleid auf das arme Weib, dem ich es nicht ver denke, daß es ein Schlachtross dem Nilpferd, einen Mena dem Paaker vorgezogen hat.«
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Vier schmächtige, nur mit Schürzen und Kopftüchern aus Goldbro kat bekleidete Stabträger liefen die Fahrstraße entlang. Ihnen folgte ein zweiräderiger Wagen, von zwei braunen Pferden gezogen, die rote und blaue Federbüsche auf den Köpfen trugen und mit reichbestick ten Schabracken in Silberblau und Purpur geschmückt waren – den Farben der königlichen Prinzessin Bent-Anat, die sie mit kaum wahr nehmbaren Bewegungen lenkte. Zwei Läufer folgten dem Wagen und beschirmten das Antlitz der Gebieterin vor den heftigen Sonnenstrahlen mit weißen Straußenfe dern, die an langen Stäben befestigt waren. Neben Bent-Anat wurde Nefert, die Gattin des Mena, in einer ver goldeten Sänfte von acht rotbraunen Männern getragen, die in ihrem taktmäßigen Lauf nicht hinter den Pferden der Prinzessin zurückblei ben durften. Beide Frauen waren von seltener, doch verschiedener Schönheit. Die Gattin des Mena hatte die Mädchenhaftigkeit behalten, ihre großen mandelförmigen Augen blickten erstaunt und träumerisch. Die Kö nigstochter war noch nicht neunzehn Jahre alt, und doch breitete sich über ihr Wesen frauenhaftes Selbstbewußtsein. Sie war größer als die Freundin, ihre Haut war heller, der Blick ihrer klugen blauen Augen ohne Schwärmerei, das Profil edel, aber scharf geschnitten und dem ihres königlichen Vaters ähnlich. Ihre kaum merklich gebogene Nase war das Erbteil ihrer semitischen Vorfahren. Über die linke Schläfe hing ihr eine mit Goldfedern durchwebte Flechte – das Zeichen der kö niglichen Geburt – bis auf die Brust. Sie trug ein durchsichtiges pur purnes Kleid, das von einem Goldgürtel und breiten Tragbändern ge halten war. Sie trug eine Kette aus Perlen und kostbaren Steinen, die wie ein Kragen befestigt war. Den Fahrzeugen der Frauen folgten drei Sänften, in denen je zwei Hofbeamte saßen, dahinter liefen ein Dutzend Sklaven und Stockträ ger, die die Säumigen antrieben, ferner leichtbewaffnete Soldaten, die ein dolchartiges Schwert im Gürtel trugen. Ein Beil in der rechten und zum Zeichen ihres friedlichen Dienstes einen Palmenzweig in der lin ken Hand. 117
Den im raschen Trab vorwärts eilenden Zug umschwärmten kleine, leichtbekleidete Mädchen, die Wasserkrüge auf dem Kopf trugen und auf den Wink jedes Durstenden zur Hand waren. Bei einer Erweiterung der Straße, an der Mündung des Quertals, in dem die letzten Könige des entthronten Herrscherhauses bestattet wa ren, hielt der Zug. Paaker war der Prinzessin entgegengefahren, von seinem Wagen gesprungen und erklärte Bent-Anat nach den üblichen Begrüßungsförmlichkeiten: »In diesem Tal befindet sich das widerliche Nest der Leute, denen du, Prinzessin, Gnade zu erweisen gedenkst.« Paaker verneigte sich, Bent-Anat warf dem Rosselenker die Zügel zu und befahl den Höflingen und Wedelträgern: »Ihr bleibt alle zurück, nur Paaker und Nefert gehen mit mir.« Das Tal war still und öde. Auf dem höchsten Kamm der Bergwand, die sich rechts senkrecht erhob, saßen Geier so reglos, als hätte die Hitze des Mittags ihre Flügel gelähmt. Paaker verneigte sich vor ih nen, den heiligen Tieren der großen Göttin von Theben. Auch die bei den Frauen verneigten sich. »Dort«, sagte der Mohar und wies auf zwei hart an der linken Talwand aus Ziegeln von getrocknetem Nilschlamm erbaute Hütten. »Dort, die besser erhaltene Hütte!« Nach wenigen Schritten standen sie vor einem aus Rohrstäben, Pal menzweigen, Dornen und Stroh kunstlos zusammengeflochtenen Zaun. Ein herzzerreißendes Jammergeschrei kam aus der Hütte. Die Prinzessin befahl dem Mohar: »Geh uns voran!« Paaker verneigte sich tief: »Ich werde den Mann rufen, denn wir dürfen die Schwelle nicht überschreiten. Das würde uns verunreinigen.« Bent-Anat erklärte: »Ich fürchte die Verunreinigung nicht.« Sie wink te Nefert zu, aber diese erhob entsetzt die Hände. Bent-Anat zuckte die Achseln und trat durch eine Öffnung des Zaunes in einen kleinen Hof, in dem ein Esel mit gekoppelten Vorderbeinen stand und zwei brau ne Ziegen lagen. Sie näherte sich der Türe und wäre am liebsten umge kehrt. Sie fühlte, je länger sie in die Hütte schaute, daß sie den staubi gen Boden nicht anders betreten dürfe als in Demut und wie eine um Vergebung Bittende. Sie sah ein kauerndes altes Weib mit verwitter ten dunklen Zügen und wirren grauen Haaren. In ihrem Schoß lag der 118
Kopf eines Mädchens, dessen schlanker Leib auf einer schmalen zer rissenen Matte ruhte. Neben den weißen Füßen der Kranken hockte ein alter Mann, der nur mit einem groben Schurz bekleidet war und sich vorbeugte, um die Fußsohlen des Mädchens zu reiben. Die Kranke trug ein kurzes Röckchen aus grobem, hellblauem Stoff. Ihr Gesicht war zart und ebenmäßig geformt; ihr volles, aber ungeord netes rotblondes Haar floß über den Schoß der alten Frau auf die Mat te. Die Wangen des Mädchens waren weiß und rosenrot, und als der Arzt Nebsecht, der an seiner Seite kauerte, das zerrissene Tuch hob, das über der verletzten Brust lag, wurde das schimmernde Weiß der Haut sichtbar, das nur die Töchter des Nordlandes besaßen, die als Kriegsgefangene in Theben verkauft wurden. Zur linken Seite des Mädchens knieten auf einem kleinen Teppich zwei Heilkünstler aus dem Seti-Haus, die auf den Atem des Mädchens horchten und den Umschlag mit einem weißlichen Heilmittel befeuch teten. Sooft die Kühle eines Umschlags die Kranke erschreckte, öffnete sie die Augen und wandte sie erst überrascht, dann aber mit frommer Ehrfurcht in eine bestimmte Richtung. Die Prinzessin sah Pentaur, der an der rechten Wand des Zimmers lehnte, in ein langes schneewei ßes Priestergewand gekleidet. Sie machte einen Schritt vorwärts, und er sah jetzt, daß sich die Türöffnung verdunkelte und eine tiefgebück te Gestalt mit über der Brust gekreuzten Armen das Zimmer betrat, um sich schweigend neben der Kranken niederzulassen. Da war also die Prinzessin gekommen, und er hatte dem Befehl des Oberpriesters Ameni zu gehorchen. Die Ärzte wollten sich erheben, um die Prinzessin ehrerbietig zu be grüßen. Sie winkte ihnen ab, schaute der Kranken lange und liebe voll ins Gesicht, streichelte sie und flüsterte der Alten zu: »Wie schön sie ist!« Die Paraschitenfrau nickte. Das Mädchen bewegte lächelnd die Lip pen, als habe sie verstanden. Der Paraschit fuhr fort, die Fußsohlen der Kranken zu reiben, und flüsterte: »Das vergelte dir Hathor, die dir deine Schönheit gegeben hat.« 119
Bent-Anat kniete neben dem Mädchen nieder und sagte: »Vergib mir, daß ich dir solche Schmerzen bereitet habe.« Der Alte hob die Hände und fragte laut: »Bist du Bent-Anat?« »Ich bin es«, erwiderte die Prinzessin. »Verlasse meine Hütte, denn sie – wird dich verunreinigen.« »Nicht, ehe du mir vergeben hast.« »Ich dir vergeben? Die Hufe deiner Pferde wurden unrein, als sie auf diese Brust traten!« Der Paraschit zog das Tuch von dem Mädchen und wies auf die rote Wunde. »Das ist die Rose, die du meiner Enkelin auf die Brust gelegt hast!« Da sagte Pentaur: »Nun, die Rose, die diese edle Hand dir reichte, hat dein gekränkter Sinn nicht erkannt. Die Menschenliebe legte die Fürstin deiner Enkelin zu Füßen. Nicht mit Gold, sondern mit Demut kam die Tochter des Ramses. Die Götter werden Bent-Anat das nicht vergessen! Du aber vergib, wenn du willst, daß die Schuld vergeben werde, die du als Erbteil deiner V