Peter Imbusch (Hrsg.) Jugendliche als Tiiter und Opfer von Gewalt
Peter Imbusch (H rsg.)
Jugendliche als Tater und O...
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Peter Imbusch (Hrsg.) Jugendliche als Tiiter und Opfer von Gewalt
Peter Imbusch (H rsg.)
Jugendliche als Tater und Opfer von Gewalt
III
VS VERLAG FOR SOZIALWISSENSCHAFTEN
eonoeanscne Informationner neurscnen nauonauabnctnee Die Deutsche reanonammnomek verzercnnet rnese Publikaticn in oer Deutschen Nationalbibliografie; detailliene bibliografische Dalen sind im Internet uoer -ehtt p.r/dob.d-nb.des abrutbar.
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Bundesministerium fil r wirtschaftlicheZusammenarbeit undEntwicklung
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1. Auflage 2010
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e VS verlag tur soneiwtssenscnenen I GWV Fachverlage GmbH, wresteoen 2010 tektorat: Frank Engelhardt VS Verlag fOr sonaiw'ssenscnanen ist Teil der gactwerlagsgruppe Springer scence-ausmess Media. www.vs-verlag.de Das wenc einschlieBlich aller seiner rene ist urheberrechtlich geschutzt. Jeoe Verwenung auBerhalb oer engen crenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des vertags unzulassig und sneroar. cas gilt insbesondere tur vervielfattigungen, Dbersetzungen, M i~roverfilmungen und die Hnspetcherung uno verarbeitung in erektronrscnen svstemen. DieWiedergabe von eeoraucnsnarren. Hancetsnamen. Warenbezeichnungen usw in diesemwere berechtigt aucn ohne oesonoere rennzechnung nrcnt zu der Annahme. cess serene Namen im Sinne der warenzecnen- uno Markenschutz-Gesetzgebung als Irei zu oet-acnten waren uno daher von jeoemenn benutzt weroen onrtten. tjmschlaggestaltung: xuneenooea Medienentwtcklung. Heidelberg Druck uno buchbindertsche veeartenung: Ten Brink, Meppe! ceouckt aut sauretrerem und ctuorfrei gebtechtem Papier Printed in the Netherlands ISBN 978-3-531-170S6-5
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
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Peter Imbusch Jugendgewalt in EntwicklungsHindern - Hintergrtlnde nod Erklarungsmuster
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Silke Oldenburg Zwischen Akz eptanz nod Widerstand - Jugendliche Lebenswelt en im kolumbianischen Biirgerkrieg
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Andrea Kirschner Jugend, Gewalt nod sozialer Wandel in Afrika
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Sabine Kurtenbach Jugendliche in Nachk riegsgesellschaften - Kontinuitat nod Wandel von Gewalt
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Sebastian Huhn / Annika Gettler I Peter Peetz Jugendbanden in Zentralamerika - Zur sozialen Konstruktion einer teuflischen Tiitergruppe
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Birte Hewera School Shootings und Amok - Perspektiven der GewaHforschung
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Uber die Autorinnen und Autoren
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Einleitung Peter 1mbusch
In den letzten Jahren ist in der Offentlichkeit und in den Medlen wieder vers tarkt von Jugendgewalt die Rede. Db es sich dabei urn jugendliche Schlager in UBahnen, brutale Uberfalle und Diebstahle vo n Mindeij ahrigen , GraffitiSchmierereien, Hooligans im FuBball, Jugendproteste, gewaltsame Randale, rechtsextreme Ubergriffe gegenuber Migranten und Minderheiten ode r urn Amoklaufe von Sc hulem handelt - immer sind es j unge Leute, die mal instrume ntell, mal expressiv Gewa lt einsetze n, urn Lebensein stellungen, Frus tratlo nen oder einfac h nur ihre Lust am Zoff auszuagieren. Schaut man einmal tiber den deutsch en oder europaisch en Tellerrand hinaus, dann finde n in vielen Bntwicklungs lande m offensichtlic h nieh t weniger problematische Entwic klu ngen statt. Stichwo rte wie Jugendga ngs , Ki ndersoldaten, Gewalt befordemde youth bulges, Bandenkriminalitat und organisiertes Verbrechen, no-go-areas sowie hohe Hom izidraten sind nur d ie beu nruhigendsten Erscheinungen, die leicht urn die ganz gewohnlichen Formen der Gewalt von Jugend lichen erganzt we rden konn ten. Hier wie dort sind Jugen dlic he und j unge Mann er fiir das Gros aller Gewa lttaten verantwo rtlich. Die Jugendlichen sind allerdings nicht nur Tate r. Jugendliche bzw . j unge Manner sind rein qu ant itativ gese hen auch die Hauptopfer vo n Gewalt. Dies ist in Europa nicht anders als in No rda merika und in we iten Teilen der .Dritte n Welt". Die gro Be Mehrh eit aller Gewa lttaten findet in einer Leb ensspann e zwischen dem 12. und dem 24. Lebensjahr sta tt. Jugendgewalt gilt dabei als besonders schwerwiegend bzw. problematisch , weil sie in einer Sozialisationsphase auftritt , d ie vie lfac h prage nd fl lr das spatere Leben ist. Hier werden d ie Regel n des Zusa mmenlebens ge lemt , hier we rden moralische und ethisc he MaBstabe gese tzt, und hier werde n die Mittel und Formen erlemt, sich in einer GeseJlschaft durchzusetzen. Verh alten sich die Jugendlichen in dieser Phase aggressiv, krimin ell oder gewa lttatig, dann hat das in der Regel Folgen fi ir das weitere Leben. Deshalb verfllge n aile Gesellschaften tiber spezifische Forme n des Um gangs mit Jugendgewalt , die im Idealfall auch der beso ndere n Situation der Jugendlichen Rechnung trage n. Ju gend ist ei ne Entwicklu ngsphase , die mit groBen Amb lvalenzen filr die Heranwachsenden verbunden ist, weil sie mit Selbstfindun g, Identi tats- und Personlichkeitsentwickl ung sowie neuen Rollen und Erfahrungen verbunden lst . In vie len Bntwlckl ungslandern kom men neben diese n allge meinen Faktoren noch eine Fulle soz ioo konomische r Probleme, soz iale Unglei chheit und weitve rbreitete Annut so wie nicht zuletzt eine brisante demographische Entwic kJung hinzu, die es fur Jugend liche sch wer macht , einen anerkannten Platz in der Gese llschaft zu finden. Das T hema Jugend und Gewa lt muss in viele n Entwic klungslande m vo r dem Hin-
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Peter Imbusch
tergrund einer breiten und tiefgreifenden Gesellschaftskrise gesehen, die Jugendgewalt selbst als eine Verschlimmerung dieser Krise betrachtet werden. Unter den gegebenen Umstanden und Bedingungen ist es deshalb in vielen Uindem der .Dritten Welt" eigentlich weniger erstaunlich, dass Jugendliche Ilberhaupt gewalttiitig werden, als dass noch vergleichsweise wenige Jugendliche Gewalt fiir sich als eine Option betrachten. Gewalterfahrungen verandem Menschen und Gesellschaften auf Dauer. Sie zeitigen betrachtliche Konsequenzen fur den Einzelnen - sei er Opfer oder Tater und haben dramatische Auswirkungen fiir das Zusammenleben und den Zu sammenhalt einer Gemeinschaft. Gesellschaften konnen und durfen deshalb Gewalt nieht ignorieren, da sie immer starke Verselbstandigungstendenzen beinhaItet und leicht endemische Formen annimmt. Damit angemessen auf Gewalt reagiert werden kann , muss nicht nur zwischen verschiedenen Formen der Gewalt differenziert werden, sondem auch etwas tiber die Hintergriinde, Ursachen und Entstehungsbedingungen sowie tiber mogliche Erklarungsansatze bekannt sein . Nur so ist es meglich , fruhzeitig passformige Gegenstrategien zu entwerfen oder situationsadaquat auf Gewalt zu reagieren. 1m Kontext von Unterentwicklung, Armut, sozialer Polarisierung und Burgerkriegen ist Gewalt vielfach zu einem endemischen Phanomen geworden, so dass immer hauflger von regelrechten .Kulturen der Gewalt" gesprochen wird . In vielen Landem der .Dritten Welt" besteht zudem aufgrund eines begrenzten staatJichen Gewaltmonopols, eines weit verbreiteten Bandenunwesens und einer korrupten Polizei ein erheblich grolleres Risiko , zum Opfer einer Gewalttat zu werden als hierzulande. In anderen Landem beherrschen seit langem Burgerkriege oder gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Gruppen das Bild , haben sich regelrechte Gewaltmarkte heraus gebildet und sorgen warlords fiir die Aufrechterhaltung vo n "Ordnung". Neben diese reale Unsicherheit tritt vielerorts noch eine gefuhlte Unsicherheit, nimmt doch nicht zuletzt infolge einer sensalionalistisehen oder manipulativen Medienberichterstattung das allgemeine SicherheitsgefUhl der Burger abo Der Einsatz privater Sicherheitsdienste, die Uberwachung offentlicher Raume sowie das Tragen von Waffen, die eigentlieh dazu dienen sollen, wenigstens die eigene Sicherheit zu erhohen, verstarken dabei noch das ohnehin prekare Sicherheitsgefiihl der Menschen. In jungster Zeit haben zudem Diskussionen urn das Konfliktpotenzial sag. youth bulges - also eines hohen Anteils junger Menschen an der Gesamtbevolkerung, wie er fur aile .Dritte Weit-Gesellschaften" in unte rschiedlichem MaRe konstitutiv ist - dazu beigetragen, besorgte Fragen nach den generellen Bntwicklungsmoglichkeiten von Jugendlichen und deren Zukunftsperspektiven zu stellen. Angesichts weitreichender gesellschaftlicher Krisenprozesse sind die Jugendlichen im besonderen MaGe davon betroffen. Das Bueh versammeIt Beitrage, die sieh mit dem Phanomen der Jugendgewalt vornehmlich in .Entwicklungslandem" auseinandersetzen. Es beleuchtet Unterschiede und Gemeinsamk:eiten von Jugendgewalt zwischen .Brster" und .Dritter
Einleitung
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Welt"; es fragt nach den unterschiedlichen Kontexten der Gewalt; es setzt sich mit der schwierigen Lebens- und Uberlebenssituation von Iugendlichen unter gewalttatigen gesellschaftlichen Bedingungen auseinander; es geht angesichts geringer Partizipationsmog lichkeiten urn die Rolle von Iugendlichen in Nachkriegsgesellschaften; und es zeichnet Diskurs- und Sicherheitsstrategien im Umgang mit Jugendlichen nach, welche die I ugendlichen eher diskriminieren und kriminalisieren als dazu beitragen, ihre Handlungen und Verhaltensweisen zu verste hen. Insgesamt mochte der Band zu einem differenzierten Verstandnis der sozialen Situation Ju gendlicher in Entwicklungsgesellschaften und ihrer Beziehung zur Gewalt beitragen. In dem einflihrenden Beitrag von Peter Imbusch geht es zunachst urn die Hintergrunde und Erscheinungsformen von Iu gendgewalt in den Landem der .Dritten Welt" und sodann urn allgemeine Erklarungsansatze und Theorien tiber die Ursachen der Gewalt von Jugendlichen. Der Beitrag von Silke Oldenburg setzt sich mit den jugendlichen Lebenswelten im kolumbianischen Btirgerkrieg auseinander und beschreibt mit ethnographischen Methoden die schwierige Situation von vertriebenen Iugendlichen in Altos de Cazuce. In ihrem Beitrag wird sehr deutlich, wie schnell Iugendliche zu Opfern von Gewalt werden, aber auch unter welchen Urnstanden und was sle zu Tatem werden lasst. Andrea Kirschner geht der Frage nach , welche Bedeutung I ugend in Afrika zukommt und welche Rolle die Gewalt vo n Iugendlichen fur den sozialen Wandel spielt. Nach einer Auseinandersetzung mit der in Afrika nicht unproblernatischen Kategorie der Jugend fragt sie naeh Erklarungsrnustem fllr Iugendgewalt. Sie setzt sich ausfuhrlich mit der These vom Generationenkonflikt auseinander und schreibt der Gewalt - etwa als Ausweg aus dem Stigma Jugend - aueh positive Funktionen zu. Der Beitrag von Sabine Kur tenbach geht der Frage der Kontinuitat und des Wandels von Gewalt in Nac hkriegsgesellschaften nachoAls besondere soziale Raume konstituieren Nachkriegsgesellschaften fiir unterschiedliche Typen von Jugendlichen ein Spannungsfeld, in dem Gewalt aus verschiedensten Grunden irnrner wieder autbricht und die angestrebte Nachkriegskonsolidierung nachhaltig in Mitleidenschaft ziehr. Am Beispiel der Iu gendbanden in Zentralamerika gehen Sebastian Huhn, Anika Oettler und Peter Peetz der Frage nach, wie die Jugendbanden in der offentlichen Wahmehmung zu einer geradezu teuflischen Tatergruppe werden. Aus ihrer Analyse ergibt sic h, dass es sich dabei wesentlich urn eine sozia le Konstruktion handelt, die durch machtvolle Diskurse von Politik und Medien gesteuert und aufrecht erhalten wird. Sie rnachen zugleich deutlich, welche dramatischen Konsequenzen solch stigmati sierende Diskurse fi lr den Umgang mit den J ugendbanden beinhaIten. Der letzte Beitrag stellt dagegen starker konzeptionelle Oberlegungen tiber die unterschiedlichen Wege der Gewaltforschung an. Birte Hewera untersucht darin am Beispiel von school shootings und Amoklaufen, wie sich der sag. "mainstream" und die sog. .Jnnovateure" der Gewaltforschung analytisch der Gewalt nahem, welche Er-
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Peter Imbusc h
kenntnisse sie dabei gewi nnen, und wo die Starken und Scbwachen ihrer jeweilige n Analysen liegen. Der vorliege nde Band ist damit kein klassisches Buch tiber d ie Gewalt von J ugendlichen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten, sondern eines, das neben der inhaltlichen Differenzierung der Gewaltproblematik von Jugen dlichen analytische Perspektiven auf das Thema Jugendgewalt eroffnet. Es setzt sich mit einer Gruppe auseinander, d ie im globa len MaBstab betrachtet das Gros der Bevel kerung stellt. Und es wi ll nicht zuletzt einen Beitrag zu der interna tional Hingst ganz oben auf der politischen Agenda ste hende n Debatte urn die Zukunft der Jugendlic hen und die Rolle der Gewalt leisten und entsprechende Diskuss ionen weiterfu hren.
Jugendgewalt in EntwickJungsl3ndern - Hintergriinde und Erklarungsmuster Peter Imbusch
1. Einflihrung Die folgende Untersuchung setz t sich mit de m Problemfeld Jugen d und Gewalt in sogenannten Entwic klungsllindem auseinander . Insbesondere ge ht es dabei urn m6gliche Ursachen und Hintergriinde filr Jugendgewalt sowie urn Erklarungs ansatze, d ie verstandlich machen, wie es zu dieser Gewalt komm t, welche Ausl osefaktoren es fur die Gewalt Jugendlicher gibt und mittels we lcher Theorien sich Jugendgewalt erkl iiren lasst. Sodano wird auch nach mcgli chen Bekampfun gsmoglichkeilen gefragt und werde n Dberlegungen im Hinblick auf die Reintegr ation von Ju gendlichen nach Gewalterfahrungen angestellt. Es ist unmi ttelb ar einsichtig, dass das Phanome n Jugendgewalt bereits an sic h hoch st viel schichtig ist und eine Vielzahl unterschi edlicher Phanomen e und Aspekte beinhaltet. Dies trifft noch starker zu, wenn das Thema Jugendgewalt in Entwlc kl ungslandem im Foku s der Betrach tung steht. Deshalb wird im Foigenden vers ucht, Erscheinungsfo rme n und Hintergrande vo n Jugendgewalt kultu rspezifisch fur einzelne Regionen zu beleuchten, urn einen Eindruck von der Unterschiedlichkeit und der Bandbreite der Gewa lt von Jugendlichen zu vermitteln. Denn trotz manch er grundlegender Gemeinsamkeit zw ischen Jugendlichen in hochentwickelten Induslriegesell schaften und unterentwic kelten Regionen gibt es doch bet rachtliche Differenzen zwischen ihn en , die nich t nur mit dem allgemeinen EntwickJungsniveau, sondem insbesondere mit den konkreten Lebensbedin gungen und der Lebenssitu ation von J ugendlichen z u tun haben . Auch variiert das Verstandnis vo n dem, was Jugend jeweils bedeutet oder hei6t , betrachtlich. Das ist aber nur die eine Seite des Problemfeldes Jugend und Gewalt, namlich die von Jugendliehen als Ta tem. Zumindesl ebenso gewichtig ist jedoch die Kehrseite, namli ch Jugendli che als Opfer. Jugendl iche sind in hohem Mage und in ganz versehi edenen Lebenskontexlen der Gewalt - zumeist relativ schutzlos - ausgeliefert. Sie sind in vielen Landem die Hauptleidlragenden von Gewa Itanwen d ungen oder der Foigen von Gewalt . So sind sie beispielsweise Gewalt in hohem Ma6 e im sozialen Nahbereich (Famili e, Verwandlschaft, Nachbarsehaft) ausgesetzt; Ju gendliche selbst sind die Hauptopfe r von Jugend gangs und Banden; Gewalt erfa hre n sie aber aueh durch gewaltsame Konflikte, Staatszerfall und Biirgerkri ege . Ents preehend zieht sieh durch die gesa mte Literatu r tiber das Thema J ugend und Gewalt ein fundamentaler Gegen satz: Entweder werd en Jugendliche als passive Opfer gesehen, denen geholfen werden muss, od er sie werden als aktive Tater und damit als
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Bedrohungen fur die Sicherheit und Ordnung eines Landes betrachtet. Differenzier te, auch die Ambivalenzen der Jugendphase reflektierend e Betrachtungen sind se llen. In diesen einfuhrenden Be merkunge n wird es neben einigen grundlegenden Ausftihru ngen zur Problematik der Jugendphase v.a. urn Definitione n und Begriffe , urn Gru ndlagen und Abgrenzun gen, urn Diffe renzierunge n gehen, die zum vcrstandnis der Probl ematik Jugend und Gewalt w ichtig sind. Denn es ist nlcht unbedingt klar, was Iiberhaupr gemei nt ist, we nn vo n Jugend gewalt in de n Entwicklung-
slandem die Rede ist. Wie viele gewalttatige Jugendliche gibt es in der Dritten Welt ? Wer sind d ie Jugendli chen, urn die es geht? Welche Eigensc hafte n und Attribute besitzen sie? In we lche n sozialen Kon texten leben sie? Schli eBlich : Was sind typ isch e Fo rmen von Ge walt Jugendli cher? Und welche Kosten beinhaltet diese Gewalt fur die Gese llsc haft?
1.1 Wer sind die Jugendlichen ? Eine adaquate Defin ition des Begriffs Jugend zu gebe n und damit zug leic h die Lebenswelten der Jugendli chen ein zu fangen, ist zunac hst einmal schwierig. Das liegt weniger daran , dass man nicht chronologisch ein bes timmtes Alt er fes tlegen ko nnte , in dem man die Heranwachsenden als Jugendliche bezeichn et , so ndern wesentlich an fun ktionalen oder kulturellen Aspekten, tiber die Jugend ebenfalls definiert werde n konnte. So bezeic hnet etwa die Ubl-Kinderkonve ntio n gleich zu Beginn in ihrem etst en Artikel , dass ein Kind jedes menschliche Wesen unter 18 Jahren ist, so fe m nicht Gese tze bestehen, die de n Erwachsenensta tus ausdrucklich eher festlege n. In der groBen Mehrh eit der U nder liegt die Schwelle zum Erwachse nsei n jedoch bei 18 Ja hren, so dass sie sic h auch in wei teren Konventionen findet. And ere chronologisch angelegte Definition von Ujc-Organlsa uonen weisen gege nube r dieser sta rk dichotomen und ju ridischen Sicht weise (K inder vs. Erw ac hsene) starker e Differenzier ungen und v.a. Uberlappu ngen auf. Als Jugendliche (adolescents) geIten der WHO, UN ICEF und UNFPA etwa aile Personen der Alt ersgruppe zwisc hen 10 und 19 Jahren. Die UNO se lbst bezeichnet das Alte r zwischen 15 und 24 Jahren als Jugend (youth) und betracht et Personen zw isc hen 10 und 24 Jahren als j unge Leut e (young people). Wei! die meisten Defi nitionen von Jugend auf wes tlichen Verstandnisse n bzw. Th eori en der Kindentwicklung aufruhen, die jedoch keineswegs uberall Giiltigke it bes itzen, gibt es daneben noc h starker funkt ional oder kulturell ausgerichtete Defin itionsversuche. Funktionale Defi nitio nen von Jugendlichen heben darauf ab, dass Jugend etwa das Alter umfasst, in dem es urn den Ubergang vo m Kindsein zum Erwachse nsein geht , und das durch bestimmte Ritu aIe und phys isc he Vera nderunge n gekermzeichnet ist. Kulturelle Defini tionen hin gegen nehmen starker auf die sozialen Kontexte Bezug, also auf die Roll en , di e Individ uen in einer bestimmten Gese llsc haft zugeschrieben we rden oder ubemehmen. Beide Definitionslini en beriicksichtigen dami t sta rker die regionale kulturelle
JUi endcewalt in Entwicklun&slandem
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Vielfalt und die groBe Variabilitat der Zuschreibung des Status' Jugendlicher, der eben friiher oder spater erreicht wird . Jugend ist dann ein soziales Konstrukt und kein ein fiir aile Mal festgelegter Altersabschnitt. Jugend hat weniger mit einer bestimmten Altersstufe zu tun, als mit einem bestimmten Status und Verhalten. Der World Youth Report gibt folgende allgemeine Definition : "Youth represents the transition from childhood to adulthood and is therefore a dynamic stage in an individuals development. It is an important period of physical, mental and social maturation, during which young people are actively forming their identities and determining acceptable roles for themselves within their communities and societies. They are increasingly capable of abstract thought and independent decisionmaking. As their bodies continue to change, their sexuality begins to emerge, and they are presented with new physical and emotional feelings as well as new social expectations and challenges." (World Youth Report 2005: 150) Betrachtet man Jugend in diesem Sinne, dann lasst sich der Ubergangsprozess wesentlich durch funf Dimensionen kennzeichnen: intensives Leme n, urn skills und Humankapital fUr das Leben zu bilden; Eintritt in das Berufsleben, urn sich und ggf. die Familie verso rgen zu konnen; Gesundbleiben und mit Gesundheitsrisiken und -gefahrdungen umzugehen lernen; Familien griinden und sich auf die Elternschaft vorbereiten; BOrgerrec hte und Bilrgerpffichten in einem Gemeinwesen kennen- und auszuiiben lernen. Nicht selten wird der Terminus Jugend entsprechend im Sinne einer allumfassenden Kategorie benutzt, urn eine koharente Gruppe zu charakterisieren, in der Differenzen von Geschlecht, Klasse, Ethnizitat o.a. als sekundar gege niiber der gemeinsamen Identitat als Jugendliche betrachtet werden. Es darf aber nicht tibersehen werden, dass diese Aspekte der Jugendphase keineswegs auBerlich bleiben. Das Leben von Jugendlichen in der Dritten Welt oder in einzelnen Entwicklungslandem zeichnet sich durch groBe Disparitaten im Zugang zu Ressourcen, enorme soziale Ungleichheiten und sehr unterschiedliche Lebensstile zwischen einzelnen Gruppen von Jugendlichen aus. In vielen Teilen der Welt leiden junge Menschen an Hunger, ihnen fehlt der Zugang zu Bildung und Gesundheitseinrichtungen, sie haben schlechte Berufsaussichten und sind in der Folge auch Unsicherheit und Gewalt ausgesetzt. Neben diesen ungleichheitsbasierten Aspekten spielen noch ethnische Untergliederungen fOr die Lebenschancen Jugendlicher eine gewichtige Rolle. Sind Gesellschaften stark ethnisch segregiert oder gibt es in ihnen starke ethnische Minderheiten, dann schlagen sich die unterschiedlichen Normen, Wertvorstellungen und Lebensweisen so nieder, dass sie schlieBlich eigenstandige Spalrungs- und Trenn linien in einer Gesellschaft konstituieren, die soziale Ungleichhei t noch verstarken. Nicht zuletzt muss darauf hingewiesen werden, dass Jugend auch eine bedeutsame und weitreichende Gender-Dimensio n enthalt. In diesem Entwicklungsstadium trennen sich namlich endgOltig die gesellschaftlichen Erwartungen und personlichen Aspirationen von Jungen und Madchen. Gerade Madchen und junge Frauen erfahren in diesem Zeitabschnitt neue Restriktionen und ihre Einstel-
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lungen und ihr Verhalte n, insbesondere ihre Sexualitat, wird starker .,iiberwacht". Haufig we rden junge Madchen aus den kulturellen Normen einer Ge sellschaft (Reinheit, Heiratsfahigkeit, Familienrepu tation, Ehre etc.) heraus starker "beschutzt" als dies bei Jungens der Fall ist. Wahrend sich die Handlungsspielraum e fur die mannlichen Jugendlichen erweitern, nehm en sie fi ir die weiblich e Jug end in der Regel eindeutig abo
1.2 Die Probleme Lugendlicher Entwicldung
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dem Hintergrund der demographischen
Die demographischen Trends in vielen Bntwicklungslandem verlaufen vollkommen kontrar zu denen der entwic kelten Industrieland er: Wiihrend letztere mi t Problernen der zunehmenden Uberalterung ihrer Gesellschaften zu kampfen haben, die bereits zu einem weitreichenden Umbau in den sozialen Sicherungssystemen zwin gen und noch ganzlich unabsehbare Konseque nzen fiir die Zukunft beinhalten, sind die meisten EntwicklungsUinder sehr junge Gesellschaften, d.h. der Anteil von Kindem und Jugendli chen an der Gesamtbevolkerung ist sehr hoch. Gegenwartig gibt es in den Entwicklungslandem die gr6Bte Jugendpopulation seit Mensch engedenken. UN-Statistiken sprechen davon, dass bis zu 48% der w eltbevol kerung unter 24 Jahre alt ist; 86% der 1O-24-Jahrigen leben in den Entwicklungslandern. Dort sind allein 1,3 Mrd. junge Leute zwisc hen 12-24 Jahren alt. Nahm e man den Anteil der Kinder hinzu, so erhohte sich der Anteil noch deutlich. Bezieht man diese in Bevolkerungsproje ktionen ein, dann wird die Zahl derI 2-24-Jahrigen ihren Gipfelpunkt mit 1,5 Mrd. Menschen im Jahr 2035 erreichen und danach nur graduell abnehmen. Hinter diesen allgemeinen Zahlen verbergen sich jedoch unterschiedliche regionale Trends: So hat die Zahl an Jugendlichen in Ostasien (insbesondere China) schon seinen Gipfelpunkt erreicht und nimmt langsam wieder abo Das gleiche gilt fur weite Teile Europas und Zentralasiens. Am anderen Ende der Skala findet sich die jugendliche Bevdlkerung im subsaharischen Afrika , die sich bereits seit 1950 vervierfacht hat und schnell weiter wachsen wird. Stidasien, Lateinamerika und die Karibik sowie die MENA-Region haben schon ei nen Gipfelpunkt (besser: ein hohes Plateau) erreicht und liegen zwischen den beiden Extremen, wobei die j ugendliche Bevclkerung in Lateinamerika eher auf hohem Niveau stag niert, in der MENA-Region (Middle East and North Africa) noch langsam wachst und erst in den nachsten 25 Jahren ihren absoluten Hohepunkt e rreicht (vgl. W orld Bank ZOO7: 33).
Wie sind diese unterschiedlichen demographischen Entwicklungstre nds zu erklaren? Wahrend in den westlichen lndu strieland em der demographisch e Wandel bere its im Laufe des 19. Jahrhunderts eintrat und das Sinken der Sterblichkeit schlieBlich mit einem verringerten Geburtenwachstum einherging, so dass sich Geburten- und Mortalitatsraten ungefahr die Waage hielten - das Bevolkerungswachstum betrug kaum 1% - . so verlief die demographische Entwicklung in quantitati-
lugendgewalt in Entwickluni-s!andem
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ver Hinsicht in den meisten Entwicklun gslandem ganzfich anders. Hier nahmen die Sterblichkeitsraten in den 1950er und 1960er Jahren stark ab und erz eugten ein Bev61kerungswachstum, das in manchen Landem tiber 4% pro Jahr betrug. Das rapide Bev61kerungswachstum dieser Jah re - die soge nannte Bev6lkerungsexplosion ist der Ursprung der gegenwartigen youth bulges, denn die heutigen Jugendlichen sind die Kinder der Generation jener Bev6lkerun gsexplo sion . Es ist unmittelbar einsichtig, dass nicht nur die Uberalte rung von Gesellschaften diese vor groBe Herausforderungen stellt, sondem dass ein hoher Anteil von Kindem und Jugendlichen ebenfall s zum Krisenfaktor fur Gesellschaften werden kann . Wenn Kinder und Jugendli che auch haufig pos itiv bewerte t und ihr grundlegender Beitrag zu Entwieklungsprozessen hervorgehoben werden, so machen in den letzten Jahre n doch immer baufiger Schlagworte einer ,,youth cisis " bzw. einer ,,youth in crisis" oder Vorst ellungen einer mit demographischen und sozioo konomischen Faktoren in Verbindung stehenden und .ausufemden Jug endgewalt" die Rund e. Wie immer man diese ,) ugendkrise" naher bestimmt - es ware interessant zu untersch eiden , ob es sieh urn ein e genuin e Krise der Jugend handelt, die dann Auswirkungen auf die Gese llschaft hat, oder ob sieh nieht die Gese llschaft in ein er Krise befindet, die wiederum dramatische Riickwirkungen auf die Jugendlichen hat scheint es zu stimmen , dass die Jug endliehen als Kategorie in der Meh rzahl hoch gradig unzufrieden mit ihrer Lebenssituation sind - und zwar unabhangig von der Weltregion . Relati v einhellig fiihlen sie, dass ihnen eine gute Ausbildung vor enth alten wird bzw. sie keine gute Erziehung bekommen k6nnen; sie haben nur schlechte Beschaftigungsaussichten und marginat e Hoffnungen auf eine n guten Beruf; sie identifi zieren sich kaum mit dem Denken und Handeln der Elte m; sie fiihlen sich in der Gesellschaft an den Rand gedrangt und sehen sich ohne wirklichen Einfluss. Wenn dies auch mit den schwierigen Ubergangsprozessen zum Erwachsenenalter zu tun haben mag, in dem Fragen der Identitat besonders gravierend sind, so kann ein Blick auf die realen Probleme in den einzelnen W eltregionen doch die Wahmehmung fur iiber schwierige Abgrenzungs- und Identitatsbildungsprozesse hinaus gehende spezifische Probleme der Jugendlichen scharfe n (vgl. zum folgend en World Bank 2006). Der afrikanische Kontinent steht mit seinem schnellen Wachstum der ju gendliche n Bevolkerung vor den gr66ten Herausforderungen . Uber 200 Mio. Menschen sind dort im Alter von 12-24 - und die Zahl wird in den nach sten 20 Jahren weiter stark wach sen. Die sich hier schon andeutende demo graphi sche Beule wird den Kontinent vor verschiedene Herau sforderungen stellen: Die mangelnde Gesundheitsvorso rge und die AIDS- Epidemie haben ein en ve rheerenden Effekt auf die Jugend des Kontinents. AIDS ist zur erste n Todesursache unter den jungen Leuten geworden, so dass die Leben serw artung fallt und die Mortalitat steigt. Viele Lander des Kontinents sind du rch Biirgerkri ege, gewaltsame Konflik te und Staatszerfall gekennzeichnet oder verfligen insgesamt nur tiber fragile
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Staatsstrukturen. Die Wiederherstellung einer grundlegenden Infrastrukt ur und sozialer Dienste, urn die Bediirfnisse von Jugendlichen zu befriedigen, wie auch die Demobi lisierung und Reintegration vo n ehema ligen Kampfe m und Kindersoldate n in das ziv ile Lebe n, sind vo rdringliche Aufgaben fur eine zu kiinftige Krisenpravention und eine Rezivilisierung. Auc h das Erziehungssystem steht VOT groBen Herausforderungen. Obwohl die Einsc hulu ngsraten iiberall gestiegen sind, schlie8en 45% der j unge n Menschen die Grundschule (primary schoo l) nicht abo Da der Uberga ng zu mittleren und hoheren Sc hulformen wege n mange lnder offen tlicher Unterstiitzung haufig nic ht mog lic h und der Zuga ng zur Universitat nach wie VOT exk1usiv Ist, sind fiir die meisten Jugendlichen Aussichten auf gute Jobs preka r. Die Jugendarbeitslosigkeit ist auf dem afrikanisc hen Kontinent von allen Welt regionen am hochsten. Da viele j unge Me nschen gezw ungen sind, schon friih zum Le bensunter halt beizutrage n, gibt es zudem im subsa harischen Afrika einen hoh en Anteil vo n Kindera rbeit im informellen Sektor. Info rmalitat und Kinde rarbeit bedeuten aber eine geringe Oualitat der Beschaftigung ohne jegliche soziale Sicherheit. Dariiber hinaus sind Fragen de r Herausbi ldu ng einer mann lich en ldentitat von besonderer Bedeutung, weil sie an de r Schnittstelle zwi sc hen Kon flikt und Gewalt, Sex und AIDS Iiegen und viel mit Gesch lechterhierarchien und Rollenzuweisungen zu tun haben. Die Zahl der Jugendlichen im Alter zwi schen 12-24 in Ostasien und der Pazifikregion hat mit ca. 450 Mio . Menschen - das Gras entfallt dabei auf China - nahezu ihren Hohep unkt erre icht. Besondere Probleme der Jugendlichen konnen in folgenden Tatsachen gese hen werden: Die Jugendarbeitslosigkeit ist in den meisten Landem erheb lich hc her aIs die der Erwac hsenen . Gr6Bere Diskrepanzen zwischen den Erzieh ungssystemen und den Arbeitsma rktanforderungen und abrupte Ubergange von der Schu le ins Arbeitslebe n sorgen hier fi lr relati v groBe Friktlonen. Konfl ikte und politische Instabilitat haben im Verbund mit w irtsc haftlichen Krisen und Regierungsversagen zu sozialen Entw urzelungsprozessen geftihrt, welche die Jugendlichen zu ei nem lnstabilitatsfaktor ersten Range s machen. Jugendliche kampfen in Ost-Timor fur die Unabhangigkeit, protestieren in Indo nesien gegen die repressive Politik der Regierung oder gehen in versc hiedenen anderen Landem als StraBengangs krimi nelle n Aktivitaten nach o Viele j unge Leute sind gezw ungen, fur bessere Lebe nsperspektiven ihre ange stammten Woh norte zu vertassen und zu migrieren. Sowohl die innergesellsc haftl ichen (La nd-Stadt-Migration) wie auch internationalen Migrationsbewegunge n sind vom Umfang her beachtlich, aufgrund der schlechten Ausbildung von Jugendlic hen aber aulierst risikoreich.
Jugendgewalt in Entwicklungslandern
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1m osteuropaisch-zentralasiatischen Raum gibt es annahemd 65 Mio. junge Leute im Alter von 14·25 - die Mehrheit davon in Zentralasien. Die wesentlichen Herausforderun gen kdr men hier in folgenden Aspekten gesehen werden: Der Ubergang von der Schute in die Arbeitswelt gelingt vielen Jugendlichen nicht. Es gibt hohe Abbreeherquoten, Analphabetismus und betriichtliche Fehlqualifikationen sowie eine hohe Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen. Ober 18 Mio. Jugendliche der Region (27%) sind sehlichtweg .ji berffussig'', d.h. sie arbeiten nicht und gehen auch nieht zur Schule. Diese Jugendli chen unterliegen Multi-Exklusionen und sind besonders anfallig fi ir kriminelle Aktivitaten jeder Art. Auch in dieser Region gibt es hohe interne und externe Migrationsziffem unter den jun gen Leuten. Der brain drain gut ausgebildeter Krafte und ein ausgepragter Menschenhandel gehoren mit zu den schwerwiegendsten Problemen fiir die Region und die Jugend. Mehr als 80% aller AIDS-Infizierten in der Region sind unter 30 Jahre alt. Drogenhandel, die Art des Drogengebrauchs und Prostitution tragen entscheidend zur Ausbreitung der Epidemie bel. Hall und Orientierung gebende Familienstrukturen losen sich durch den begrenzten Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt auf, so dass das Heiratsverhalten hinaus gezogert wird und die Zahl auBerehelieher Kinder dramatisch zunimml. Damit steigt das Armutsrisiko betrachtlich. Die Jugendlichen sind zu einem kritischen politischen Akteur in der Region geworden, weil sie nur ungenugend in politische Prozesse involviert und durch zentralistisch-autoritare Strukturen von effektiver Partizipation und sie betreffenden Entscheidungen ausgeschlossen sind. Die Zahl der Jugendlichen in Lateinamerika und der Karibik betragt ca. 140 Mio. Die Mehrheit der U nder erlebt diesbezuglich gerade einen demographischen Gipfelpunkt , in anderen steht er noch bevor. In einigen Landem betragt der Anteil der Jugendlichen an der Bevclkerung bis zu 60%. Soziale Ungleichheiten kennzeichnen hier die Situation der Jugendlichen . Schicht- und milieuspezifische Schulbildun g, unterschiedliche Beschaftigungsm6gIichkeiten, Arbeit im fonnellen oder informellen Sektor sowie Arbeitslosigkeit und Unterbeschaftigung sorgen fur eine betrachtliche Chancenungleichheit, die noch durch Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts und der ethnischen Zugeh6rigkeit verstarkt werden. Ein berrachtlicher Anteil der jungen Leute verfiigt nicht tiber eine angemesse ne Schuldbildung. Von den 20·Jahrigen haben 50% nicht die secondary school abgeschlossen, hohere Bildung ist nach wie vor einer kleinen Schicht vorbehalten. Die Jugendarbeitslosigkeit betragt durchschnittlich 15% und liegt dam it betrachtlich tiber der der Erwachsenen. Die groBe Mehrheit der Jugendlichen verfugt nicht uber Erziehungs-Kapital und ist somit auch nicht in der Lage, ent-
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sprechendes Sozialkapita l zu bilden . Ca. 20% der Jugendlichen ziihlen zu de n sogenannte n " Oberfllissigen". Die AIDS -Infek tionen steigen insbesondere unter den Jugendl ich en in der Ka ribik stark an, ihr Zugang zu Gesundheitsdienstieistungen ist gJeichzeitig begrenzt. Jugendgewalt ist tiber die gesamte Region hinweg weit verbreitet. Insbesonde re die Bedeut ung vo n Jugendbanden und Gangs sowie die mit Orogen in Verbind ung ste hende Gewalt hat stark zugeno mmen. Die Mortalitatsraten unte r den Jugend lichen sind - liinderspezifisch unterschiedli ch - hoch . Vie le Jugendli che sehen den ei nzigen A usweg in regional er und iiberregionaler Migration. Ende der 1990e r Jah re lebten beispielsweise 2,3 Mia . j ugend liche Latei namerikaner in den USA. Dies hat in einigen Lande m bereits dramat ische Foige n fur die Familienstrukturen . In der MENA-Region leben etwa 100 Mio. J ugendliche zw ischen 12 und 24 Jah ren. Die Zahl der j ungen Menschen wi rd ihren Hochststand hier erst in den nach sten 25 Jahr en erre ichen. Die Jugendarbeitslosigkeit iSI eines der vordringlic hsten Probleme in dieser Region . Zwar iSI die Arbeitslosigkeit generell hoch , aber die Ju gendarbeitslosigkeit Iiegt haufig zw ischen 50 % und 60%. Angesichts der gro Ben Za hl Ju gendlic her stehen die Arbeitsmarkte ent er einem enonne n Druck, der nu r part iell durch die Expa nsion des Erziehungssystems und Migrat ionsprozesse ve rringert werde n kann . Obwohl Bildung und Erziehung bereits stark ausgewe itet w urden, ist die Qualitat und d ie Relevanz des Erlernten haufig gering, so dass die Besch aftigungsaussic hte n trotz verbesserter Alige meinbildung nicht steigen. Die politischen Systeme der Land er des Nahen und Mittleren Oste ns und Nord afrikas er lauben es den Ju gendlichen in der Regel nicht, an politischen Prozessen teilzuhaben und ihre Interessen geltend zu machen . Hohe Arbeitslosigkeit und blocki erte politische Kommunikationskanale sorgen filr Frustratio nen , die das Konfliktrisiko erhohen, Gerade in Transitionsgesellsc hafte n ist die Kon tliktivitat hoch . Das Zusa mmenspiel eines hohen An teils frustrierter Ju ge ndlicher mit wirtschaftlichen Krisenprozessen und polit ischen Block aden e rklart einen Gutte il der Konffikte der letzten Jah re innerh alb der Region. In der gesamten Region sind Gender-Diffe renzen stark ausgepragt. Obwo hl sic h der Zugang zu Bildung und Arbeit fllr Frauen in den letzten Jahren scho n verbessert hat, besteht hier ei ne betrac htliche Lucke fo rt, we il haufi g soziale Nor men den gleichberechtigte n Zugang beg renzen. Entsprec hend ist die AI· beitslosigkeit unter j ungen Frauen hoch und sind die erreic hte n Bildungsabschlllsse geringe r als die der jungen Manner. Schwangerschafte n stellen zudem in de r Region ein bet rachtliches Ges undheitsrisiko dar, weil damit verbundene Erkrankungen eine bedeutende Todesursache fur junge Frauen sind.
Ju~ndiewalt
in EnlwickJungsUindem
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In Siidasien bet ragt die Zahl j unger Mensch en zwischen 12-24 Jahre n ungefahr 400 Mia. Das sind ein Fiinftel der Gesamtbevo lkerung der Regio n und etwa 30% aller Jugendlich en in den Entwicklungslandem. Ihre Zahl wird noch langsam zune hme n und in den nach sten 25 Jahre n in den meisten Ui ndern einen Gipfelpunkt erreichen. J ugendliche stellen auch in diese r Regio n etwa die Halfte aller Arbei ts losen. Das Beschaftigungswachstum hat hier nicht mit de m allgemei nen w irtsch aftswachstum Schritt gehalten und es gibt ein betrachtliches Missverhalt nls zwischen den in der Schule erworbenen und den vo n Unte me hmen erwarteten Qua lifikationen. Zudem ist der Anteil vo n Kindera rbeit in dieser Regio n se hr hoch. Die Jugendlichen sind in hohem Mabe Gesundheitsrisiken ausgesetzt: Dies betrifft zum eine n die geringe Kenntn is tiber sex uell iibertragbare Kra nkheite n und risikoreiches Sex ualverhalten - 50 % aller Neuinfektionen mit AIDS entfalle n auf Jugend liche -, zum anderen eine sch lechte Ges undheit sversorgung so sind 15%-20% de r Todesfalle von jungen Fraue n auf Schwangerschaftskomplikationen zuriickzufil hren. Auch ist der Tabakkonsum unter Jugendlic hen stark angestiegen. Gender-Untersc hiede sind zudem in de r Region von groBer Bede utung. Sie benac hteiligen junge Frauen auf vielfaltige Art und Weise. Dies beginnt mit geringen Einfl ussmoglichkeiten in Bez ug auf d ie Ausbildung, betrifft soda nn d ie mogliche Partnerwahl und setzt sich spater bei Entsc heidungen in der Familie fort . Uber 40 % der weib lichen Jugendlichen sind verheiratet , bevor sie das 18. Lebensjahr erreicht haben. Die Analphabetenquoten sind unter j ungen Fra uen er heblich hoher als bei mannlic hen Verg leichsgruppen. Zudem sin d die jungen Fra uen in hoh em Mafie Gewa lt im soz ialen Nahbereich ausgesetzt und hau sliche Gewalt ist eine der baufigsten Todesursac hen fiir j unge Fraue n in der Region. Frauen handel und sexuelle Ausbeutung, insbesondere von Fra uen aus armen landl ichen Gegenden, sind an der Tagesordnung.
1.3 J ugend und Gewall Wenn es urn die T hematik ,,Jugend und Gewalt" geht , ist man zunachst gut bera ten, sich vor allfalligen Vereinseitigungen des Themas zu hiiten. Nic ht nur ist der Umfang des Problems in einzelnen Lande m hoch st unterschied lich , sondern es gibt auch das , was man die "Normalitiit" von Jugend nennen konnte . Damit ist gemeint, das s auch Jugendlic he in der Dritte n We lt in relativ gesc hiitzten oder behiiteten Ver haltni ssen aufwachsen , nicht ode r kaum mit Gewalt in Beriihrung kommen und sie - du rch welche Umstande auch imme r - nicht gewa lttatig we rden. GewaIt hat auc h in der Dritten Welt einen relativ eindeutigen Sc hicht - und Milieubezug, d.h. diejenigen Jugendlic hen, die zu Gewalttatem werden, entstammen in ihrer iibergroBen Meh rheit aus den untere n Schichte n ode r prekare n Sozialmilie us. Zudem muss daran eri nnert werden, dass Jugendgewalt in der Dritte n Welt - wie auch
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hierzuland e - heiflt, dass ganz uberwiegend junge Manner Gewalt anwe nde n uod junge Frauen nur zu einem verschwindend geri ngen Anteil daran beteiligt sind. Dass das Thema .J ugend und Gewa lt" so stark im Mittelpunkt des offe ntlichen
Interesses steht, hat zum einen damit zu tun, dass Jugendgewalt in viel h6herem MaSe sichtba r ist als die Gewalt andere r Gruppe n. Sic findet namlich - im Gegensatz etwa zu hauslicher Gewalt - haufig als Gruppengewalt in Gangs, in der Of· fentlichkeit ode r in der Schule statt. Zu rn andere n erregt die Gewalt und Brut alitat Ju gendlich er aufgr und ihres Alters ordn ungspolitisc he und sozialpadagogische Aufme rksa mke it, wei! es urn Sic herheitsbediirfnisse der Bevolkerung und Praventions- oder InterventionsmaBnahmen ge ht, um die Jugendl ichen wie der oder Ilberhau pt in die Gese llsc haft zu integ rie ren. Sch lie6l ich tragt die medi ale Berichterstattung daz u bei, di e Gewalt von Ju gendlichen grell auszuleuch ten und Hilder und Metaphem in der Offe ntlichkeit zu verbreiten, d ie dann haufig zu einer Ube rsc hatzung des Phanomens wie der Gewalt genere ll fU hren. Gleichwohl ist der immer wiede r hergestellte Nexus von Ju gend und Gewalt d urchaus berechtigt, denn Jugendliche sind wei t ube rproportional in gewaltsa me Ko nfli kte verstrickt und das Gros der Gewalt, der Straftaten, von Devianz und kriminellem Verhalten wird vo n Jugendlich en und j ungen Mann em begange n. Hier ist sogar im letzten Ja hrze hnt eine VerjUngung der Gewalttater und eine Verroh ung im Gewaltve rhalten Jugendlicher festste llbar. Neben der diffu sen ungerichtete n Ge wa lt oder rein instrumen tellen Gewalthand lungen muss Gewalt aber auch im Kon text der Ausdr ucksm6glichkeiten von Jugendli chen betr achtet werden, die in spateren Le bensabschnitte n an Releva nz verlie ren. Das Jugendalter gilt als eine experimenti erfr eudige Lebensphase , in der Ide ntita te n ge bildet und Pers6nlichkeitsmuster geformt we rden. Mannlicbkeitsnormen und Mannhaftigkeitsrituale, die auch den Einsatz ko rper licher Gewalt als Mittel der eigenen Interessendurchsetzung bei nhalten, und Legitimie runge n agg ress ive r und auffa lliger Ve rha ltensmuste r sind an der Tagesordn ung. Die komplexe, dur ch hoch gradige A mbivalenzen gekennzeichnete und identitatsmabig bruchige Jugendph ase ladt also gewissermaBen auch zur Gewa lt ei n bzw . legt sie als Handl ungsmuster zur Selbstbehauptung nahe.
1.4 Um welche Gewalt geht es? Doc h was so li Uberhaupt unter Gewa lt verstanden werde n? w elche Arten und Typen vo n Gewalt we nde n Jugendliche an oder sind sie ausgesetzt? Und welche Hintergriinde und Ursac hen hat deren Gewalt ? Da ein Te il dieser Fragen in den fo lgende n Abschnitten niiher er6rt ert wi rd, so llen an dieser Ste lle nur einige ei nfuhrende und gru ndlege nde Differenzie ru ngen vor genommen werden. Das betrifft zunachst den Gewaltbegriff und die universell gultige Unterscheidu ng von direkter, struktureller und kultureller Gewalt (Imbusc h 2(02). Ais Gewalt wird in der Regel zunac hst der Kernbereich der direkte n physischen Gewaltanwe ndung gegen ande re Personen versta nde n, deren Ziel die Sc had igung, Uberwaltigu ng oder Ube rmacht i-
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gung ist. Die Gewalt selbst kann dabei eher ungeriehtet sein (z.B. bei Cliquen, Gangs oder Jugendbanden, die mit wahllosen Uberfallen, Diebstahlen und Bedrohungen auf sieh aufmerksam machen), instrum entellen oder zielgerichteten C harakter haben (z.B. bei Raubem und M6rdern, deren Gewa lt in der Regel auf ein be sti mmtes Ziel oder Gut gerichtet ist; oder bei Hooligans, Skinheads und rechtsextremen Gruppen, die ihre fremdenfeindlichen und rassistischen Mentalitaten in Gewa lt umsetzen) oder rein express iv ausge ubt werden (z.B. als Ausagieren vo n Msnnlichkei tsritualen , Lust am Zoff, SpaB an harteren Gangarten etc.). Diesem Kernbereich der direkten physischen Gewa lt, die als Variation auch noch die psychische Gewalt beinhaltet, steht die strukturelle Gewalt gegenl lber. Unter stru ktureller Gewalt versteht man jene Formen und Arten der Gewa lt, die ohne direkten Tater auskommen und die sich eher aus den anonymen Strukturen einer Gesellschaft ergeben. Sie beschneidet Entfaltungsmoglichkeiten von Menschen, reduziert Lebenschancen und verbaut Zukunftsoptionen, ohne dass dies dem Einzelnen immer bewusst ist. Die Wirkung tritt in der Regel als sozialer Zwang auf, der von Ge und Verboten begleitet wird, erlebt wird sie als soziale Ungerechtigkeit. Erfahrungen struktureller Gewalt von Jugendl ichen (Armut, Ausgrenzung, Marginalitat) konnen - je nach Umgang mit dieser Realitat - selbst eine wichtige Quelle vo n Gew alt seite ns der Jugendlichen werden . Aufstandsbewegungen, riots, gewa ltsa me Proteste und Plunderungen sind die gelaufigen Ausdrucksformen dieser aus Verhaltnissen struktureller Gewalt resultierenden Gewaltformen. Ais kulturelle Gewalt beze ichnet man demgegenuber all jene legitimatorischen, beschcni genden, beschwichtigenden und verdec kenden Argumentationen, die darauf abzi elen, Gewalt nicht mehr als solche erscheinen zu lassen, ihren an sich problematischen Charakter zu verkleinern oder ihren Einsatz boffahig zu machen. Kultur elle Gew alt weis t ein groBes Spekt rum von moglichen Begrundun gen fur Gewa lt seitens der an Gewalt Interessierten auf und besteh r etwa in der Vemiedlichung der Gewalt (z.B. .Jst doch nicht so schlimm", "hat uns auch nieht gesc hadet") , der Akzeptanzsteigerun g von Gewa lt (z.B. .jst doch gar keine Gewalt", "ist notwendig zur Verteidigung") und der Legitimierung bestimmter Gewa ltarten (z.B. "wir mussen hart und mit alIen Mitteln zurucksc hlagen" , "Gewalt ist das einzige, was jetzt noch hllft"). Nimmt man hier noch symbolische Gewa lt hinzu, also Gewalt, die sich iiber Worte (z.B . Propaganda, Beschimpfen, Abwerten), Gesten (z.B. Uberlege nhe itsgesten, P6be leien, Mobbing, Bullying) ode r kulturelle Normen (z.B. Zwangsbesc hneidung (Female Genital Mutilation - FGM) , kcrperliche Ziichtigung) realisiert, da nn lasst sich in Bezug auf Jugendliche nieht nur feststellen, dass diese bauflg einen ruppi ge ren Umgangston pflegen, der auch vor dem Einsatz von Korperkraft nieht zuruckschreckt, sondern in ocr Auseinande rsetzung mit anderen Jugendlichen auch kraftmeierische Haltungen an den Tag legen, die bereits im Vorfeld der eigentlic hen Gewa lttat Ehrfurcht, Angst oder Schrecken verbreiten sollen.
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1.5 Umf ang und Form en der Gewalt Jugendliche und JURge Manner sind in allen Gesellschaften die hauptsachlichen Gewalttater. Gewa lt durch Jugendliche gehort zu den sichtba rsten Formen der Gewalt in jeder Gese llschaft. Die Jugendlichen sind abet auch diejenigen , die am haufigsten Opfer von Gewalttate n werden. Morde und nicht todlich verlaufende Gewalt sind weltweit eine zentrale Ursache fur vorzeitigen Tad, schwerwiegende Verletzun gen und Invalidi tat. Da ei ne genaue Erfass ung alle r Gewalttaten nicht moglich ist und diesbeziiglich nieht nur betrachtlich e Dunkelziffem , sondem haufig auch nur Hickenhafte statistische Aufzeic hnungen existieren, soil im Foigende n am Beispiel der Mordraten an Jugend lichen Ausma6 und Umfang des Problems annaheru ngsweise verdeutlicht werden. Fiir das Jahr 2000 wird gesc hatzt, dass etwa 199.000 Jugendliche durch Tot ungsde likte umgekommen sind (das sind 9,2 pro l00.()(X) Einwo hner). Das bede utet, dass im Durchschnitt j eden Tag 565 Jugendliche zwischen 10 und 29 Jahren an den Folge n interpersoneller Gewaltanwendung gestorben sind. Die Homiz idrate n variiere n je nach Region betrachtlich : Sie reichen von 0,9 pro 100.000 in den westeuropaischen Gesellschaften und Te ilen Asie ns und des Pazifiks iiber 17,6 pro 100.000 in Afrika bis hin zu 36,4 pro 100.000 in Lateinamerika (WH O 2(02). Die Ho mizidrate n unterscheiden sich aber nicht nur in verschiedenen Weltregion en, sonde rn auc h hinsichtlich einzelner Lander drastisch voneinande r (siehe Tabelle 1). Vo n den Lande m , fiir die iiberhaupt entsprechende WHO-Daten ve rfiigbar sind, weisen die j ugendlichen Homizidrate n fl lr bestimmte lateinamerikanische Staaten - 84,4 pro 100.000 in Kolumbien; 50,2 pro 100.000 in El Sa lvado r; 32,5 pro 100.000 in Brasilien - und die Karibik - 41,8 pro 100.000 in Puerto Rico - die hoch sten Werte auf. Mit Werten zwischen 15 und 25 Tot ungsdeli kte n pro 100.000 folge n z.B. Venezuela, Ekuado r, Mexi ko und Panama. Vergleic hswei se geringe Raten (3 bis 6 pro 100.(00) weisen dagegen Arge ntinien, Chile, Uruguay und Costa Rica auf. In Osteuropa we isen die Russische Federation (18,0 pro 100.000) und Alba nien (28,2 pro 100.(00) die hoc hsten Werte auf. Abgesehen von den USA mit einer Homizidrate vo n 11,0 pro 100.000 sind die meisten Staaten mit Homizidraten iiber 10 pro 100.000 entweder Entwicklungslander oder sog. Transformatio nslander, die einem schne llen sozioo kono mischen Wande l ausgesetzt sind. Die U nder mit den geringsten Homizid raten liegen in Westeuropa - 0,6 pro 100 .000 in Frankreich; 0,8 pro 100.000 in Deutsc hland; 0,9 pro 100.000 in Gro8britannien - ode r in As ien - 0,4 pro 100.000 in Japan.
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Tabelle 1: Homizidraten unter Jugendlichen (10-29 Jahre) in ausgewahlten Landem Lond
Jahr
Albani en Argent inien Australien Ase rbaidsc han Brasilien Chile Deutsc hland Ekuador EI Sa lvador
1998
1996 1998 1999 1995 1994 1999 1996 1993 Frankreich 1998 GroBbritannien 1999 Italien 1997 Japan 1997 Kanada 1997 Kasachstan 1999 Kirgistan 1999 Kolumbien 1995 Kuba 1997 Mexiko 1997 Nicderlande 1999 Paraguay 1994 Polen 1995 Puerto Rico 1998 Russland 1998 Snanien 1998 Siidkorea 1997 1994 T hailand Turkmenistan 1998 Ukraine 1999 1999 Unzam USA 1998 Usbekistan 199 8 Venezuela 1994 WeiBruss land 1999 (WHO : World Report on
Gesamtza hl
Homizidraten
total 28,2 325 628 5,2 1,6 88 194 6,7 20386 32,5 146 30 156 0,8 757 15,9 1147 50, 2 91 0 ,6 139 0, 9 210 1,4 127 0,4 143 17 631 11,5 4,6 88 12834 84,4 348 9,6 5991 15,3 60 1,5 10,4 191 186 1,6 41 ,8 538 7885 18,0 96 0 ,8 282 17 1456 6,2 131 6,9 8,7 1273 41 1,4 8226 11,0 249 2,6 2090 25,0 267 8,8 Vio lence and Health, S. 28f. )
pro 100.000 Einwo hner mannlich 53,5 8,7 2,2 12,1 59,6 5, 1 1,0 29 ,2 94,8
0,7 1,4 2,3 0,5 2,5 18,0 6,7 156,3 14,4 27 ,8 1,8 18,7 2,3 77 ,4 27,5 1,2 21 10,0 12,4 13,0 14 17,9 3,8 46,4 13,2
weib lich 5,5
I6 1,0
--5,2
--0,6 2,3 6,5 04 0,4 0,5 0,3 0 ,9 5 ,0 2,4 11,9 4,6 2,8 1,2
--0,8 5,3 8,0 0,4 1,3 2,2
--4,3 1,5 3,7 1,3 2,8 4,3
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1m Bereich der Homizidraten zeigen sich auch bedeutsame gesch lechtsspezifische Unterscbiede. Beina he iiberall ist die Betroffenheit vo n jungen Fra uen betrachtlich geringer als die von jungen Mannem. Grund satzlich gilt: Je hoher die Homizidrate ist, desto starker sind auch mannliche J ugendliche die Opfer und desto weniger sind Madchen und JURge Fra uen betroffen. In den Landem mit den hoch sren Homizidraten betragt die Re lation ca . 1:15. Da sich Jugendgewalt nicht in Totungsd elikte n erschopft, konnen zur Abschiitzung ihre s AusmaBes zumindest fur manche Lander auch noch weitere Daten tiber nicht todlich ver laufe nde Gewalt herangezoge n werden , urn zu ei nem abgerundeteren BiJd des Phanomens zu gelangen. Diesbeztigliche St udie n haben ergeben, dass zu jedem Totungsdelikt noch 20-40 Gewalttaten hinzugerechnet werden mussen , die nieht tod lich enden , deren Ve rlet zungen aber eine medizinische Versorgung notwendig mac hen . Die groBe Mehrheit der Opfer ist auch in diesem Fall mannlich (WHO 2002: 28).
1.6 Konseq uenzen der Gewalt Jugendgewalt hat betrachtliche individuelle und gese llsc haftliche Konsequenzen . Diese kon nen beispielsweise nach nichtmonetaren und direkten bzw . indirekten mo netaren Kosten differenzierl we rden . Sc hlieBlich zeitigt Gewalt so ziale und c konomisc he Multiplikatoreffekte, die Gewalt und Kriminalitat in hohem MaBe zu einem ernsthaften Entwick lungshindemis macht (Morrison/Biehl 1999 ; Buv inie/Morrison/Shifter 2003; Heinemann/Verner 2(06). Am Anfang stehen die individuelle n und nichtmonetaren Konsequenze n der Gewalt. Kind er und Jugendliche als Opfer mussen zunachst einmal mit den unmittelbaren physischen Folgesc haden fur die Gesundheit fertig werden (je nach Schwere und Art der Verletzu ngen von wieder heilenden W unden bis hin zur dauerhafte n lnvaliditat), haben Einschrankungen der sexuellen Leistungs- und Regenerationsfahlgkeit zu tragen (sex uelle Dysfunktionen , Geschlechtskrankheiten, AIDS, ungewollte Schwangerschaften), leiden unter vielfaltigen psychologischen Folgeerscheinungen der Gewalt (Alkohol- und Drogenmissbrauch, Depressio nen und Angstzustande, Ess- und Schlafstor unge n, Scham- und Schuldgefllhle, relardierle Entwicklung, gewalttatige und krimi nelle Verhaltensweisen, Hyperaktivitat, geri nges Selbstwertgefuhl, JYfSD. psych osomatische Storungen, Selbstmordgedanken), und mussen mit den langfristigen Folgewirkungen vo n Gewalt umgehen (hoh eres Ste rblichkeltsrisiko, geringere Lebe nserwartungen durch Krebs, Herz- und Kreislauferkra nkungen, Unfruchtba rkeit). Gewall bring! zudem erh ebliche finan zielle Koste n mit sich . Dies beginnt mit den direkten Kosten (wi e medizinische Behand lung und Versorg ung, Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte sowie die Inanspruchnahme anderer medizinischer Dienstleistungen), und
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den indirekten Kosten (wie Prod uktivitatsve rluste, Invaliditat, geringere Lebensqualitat und vorze itiger Tod), und reicht bis hin zu den durch Gewa lt entstehende n Kosten fur den Staat und seine Institutionen (e rhohte Ausgaben fiir Polizei und Justiz, die mit der Verfolgu ng der Tate r zu tun haben; Kosten, die Wohlfahrtseinrichtungen fur die Betre uung von Opfern und Tate m entste hen; Kosten in Zusammenhang mit Pflegebed tirftigkeit; Zersto rung von Infrastruktur). Die oko nomischen Mult iplikatorwirkungen von Gewalt betreffen v.a. makrooko nomisc he Produktivitatseffekte (verringerte Investitions- und Sparquoten, Kapitalflucht, niedrigere Staatseinnahmen, Niedergang des Tourismus, verze rrte Ausgabenstrukturen), intergenerationelle Produk tivitatseffekte (behin derte oder erschwerte Aufstiegschancen durch mangelnden Schulbesuch, geringere Einschulungsrate n du rch zerstorte oder auseinande r gerissene Familien, Wiederholung von Sc hulklassen seitens der Kinder und Jugendlichen), sowie den Arbeitsmarkt (ge ringere Partizipation am Arbeitsmar kt, geringe re Produktivitat, niedrige re Le hne, Produktionsausfalle durch Absent ismus). Die soziopolitischen Multiplikatorwirkungen von Gewa lt betreffen v.a. die zw ischenmensc hlichen Beziehunge n (A bnahme von Sozialkapital, die Wei tergabe von Gewalt tiber die Generationen, Erosio nsprozesse des sozialen Lebe ns und des Zusammen halts von Gese llschaften), die Lebensq ualltat der Burger (reduzierte Lebe nsq ualitat durch Angs t und Unsicherheit, Uberwa chungs- und Sc hutzmaBnahmen, Entstehung von no go areas, Bedroh ungsgefuhle und gestiege nes Opferrisiko), und den Staat (A utoritats- und Glaubwu rdigkeitsverluste, Erosion des staa tlichen Gewa ltmonopols, verri ngerte Partizipation an demokratischen Prozessen und Verfa hren). Es ist unmittelbar einsichtig, dass Gewalt und Krimin alitat emsthafte Entwicklungsprobleme herauf beschwore n. Durch die bet rachtlichen gesellsc haftlichen Kosten, die du rch ein hohes Gewaltnivea u entstehen, werden Mittel geb unde n, die ande rweitig sinnvoller gen utzt werden konnten. Auf diese Weise behin de rn odcr verzogem hohe Gewa ltnivea us in Gese llschaften in der Regel Entwicklungsprozesse. Vers ucht man einmal die Kosten, die mit Krimin alitat und Gewa lt einhergehen, zu beziffem, dann gehen Schatzungen etwa fur den lateinamerikan isch en Konti nent davon aus, dass sich diese Kosten auf 14% des asp belaufen; 1,9% des Human kapitals der Lande r geht jahrlich durch Gewalt verloren. Da sich die einzelnen d urch Gewalt induzierten Kosten und Effekte kumulieren, lasst sich sagen, dass in eine m extrem gewa ltdurchwirkten Land wie Kolumbien das Pro-Kopf-Einkommen heute um tiber 30% hoher Iiegen konn te als dies real der Fall ist (WHO 2004). Bei Prozessen des Staatszerfa lls und endemischer Gewalt, in Btirger kriegssituationen und langanh altenden Konfliktkonste llatio nen schlieBlich findet gar keine Entwic klung mehr statt, die diesen Namen noch verdie nte. Die Zersto rung der sozialen und oko-
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no mischen Gru ndlagen cines Landes , die Entwicklung von Gewaltmarkten und die Beanspruch ung insbesondere der jungen Mensc hen fi ir zerstorerische Aktivitaten begrundet in der Rege l de n entwickJungspolitischen Ruin und sorgt fur die nachhaltige Verarmung cines Landes.
2. Erscheinun gsforrn en und Hint ergriinde In de r Berichterstattung tiber Jugend und Gewalt in Entwicklungslandem fi nde n sich vielfaltige Ste reotypen und Ve rei nseitigungen. Lange Zeit wu rden Kindheit und Jugend in EntwickJungsgesellsc haften gar nlcht angemessen als Themen wa hrge nom men. Spiller beherrsc hte beispielsweise der Topoi des Kinderso ldaten die offentliche Aufmerksamkeit und so rgte ob der Umstande de r Rekrutierung regelmabig fi ir Emporung. Nach der Beendigung viele r gravierender Bilrgerkriege in Afrika standen eine gewi sse Zeit Jugendbanden oder Gang s etw a in Sudafrika oder in Mittelamerika irn Mittelpunkt des Interesses. He ute wird dagegen in Beso rgni s erregender Wei se tiber die sog. youth bulges gesp roc hen, als wen n ein groBer Anteil junger Menschen an der Bevo lkerung bereits fur sich genommen ei n Warnsig nal fur Ko nfli kte und Gewalt ware . Solc he offentlichkeitsw irksame n Bilder verbergen allerdings meh r als sie zu er hellen vermogen. Sie verbergen nich t nur, dass die Gewalt von Jugendlichen in de r Dritten Welt wei taus mehr Formen kennt als d ie genannte n, sie verdecken aueh die vie lfalt ige n Motive und unterschiedlichen Ursa chen der Gewalt. Sie verzerren nicht zuletzt das Bild von Jugendlichen betrachtlich, wei l sie in de r Offentlichkeit haufig nur als Prob lemfalle erscheinen, o hne de n positiven Beitrag zu sehen, den Jugendliche aueh fiir Gese llsehaften bedeuten. Die allermeiste n jungen Menschen jedenfalls schaffen den Ubergang ve rn relativ beschlltzten, abhangigen Kindsei n zum selbstandigen und eigenverantwortlichen Erwachsenen unter Ben lcksichtigung der Ilbliche n Identitatskrisen und Personlic hkeitsko nf likte recht gut. Mit Hilfe der Famil ie, der Sc hule, entspreehenden peer groups etc . bewaltigen sie d iese Stat uspassage und fi nden se hlieGlieh auch unter sehwierigen Bedingungen ihre n Weg in die Gesellsc haft . Dass dabei je naeh Au sstattung mit Ressouree n, je nach sozialer Lage und aueh Land od er Region hochst untersehiedliehe Leben sve rhaltnisse entstehen , die sich da nn wieder zu stark stratifizierten Lebe nswel ten verdichten, kann an dieser Stelle auger Ac ht bleiben. G1eichwohl weic ht eine meh r oder we niger grobe Mi nderheit von jungen Me nschen von diesem Pfad ab: Durch wagemutige oder riskante Ve rhaltensweisen setzen sie ihre Ges undheit aufs Spiel oder bedro hen sie ihren sozialen Status; mit der Erudeckung ihrer Sexualitat geh en sie bewusst oder unbewusst Risiken ein; man ehe greifen aus Frustration oder Experimentierfreude zu Orogen, Alkohol und Zigaretten; und einige entwickeln starke Aggressionen und werden deshalb gewalttatig .
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Dies liegt nicht zuletz t daran , dass sich die jungen Menschen heutzutage irn Ubergangs prozess von der Kindheit zurn Erwachsenen vielfaltige n Herausford erungen und Hind ernissen gegenubersehen, die in vielen Teilen der Welt dureh soz iale und okonomische Probl eme wie Unterentwic klung, Armut, Hunger , Krankh eit noch verst arkt werden. Dart , wo Madchen und Jungen in expliziten Konfl iktsituationen od er gar unter Burgerkriegsbedingungen aufwac hsen, beeintrachtigt die Kon front alion mit und die Erfahrung von Ge walt zusatzlic h aile Dimension en ihres Lebens. Gefl lhle des Ausge schlossenseins, von okonomischer Marginalisierung und sozialer Ex kJusion fl lh ren unter bestimmten Bedingungen zur Gewalt oder tragen zumind est zur Kontinuitiit vo n Ge walt bei. Insofern ist der UNDP (2006: 11) zuzustimm en, dass das Thema Jugend und Gewalt in Entwi cklungsland em auBers t komplex ist und es weit mehr betrifft als alle in eine .jeniterue'', .xich herumtreibend e" , "gefa hrdete", .verwabrloste'' , .jandanerende" ode r "gewalttatige" Jugend. Das Thema Jugend und Gewalt muss in v ielen Entwicklungsland ern viel mehr vor dem Hintergrund einer breit eren Gesell schaft skrise gesehen we rden, die Jugendgewalt selbst als Verschlimmerun g dieser Krise. Erstaunlich ist unte r die sen Bedingungen weni ger , warum Jugendliche uberhaup t zur Gewalt greife n, so ndern ehe r, warum so wen ige Jugendliche Gewa lt als eine Option betr achten. Gewah ist unter Jugendlichen in Entw icklungsla ndem ein schillerndes Phanomen auf unterschi edlich en Ebenen mit ganz verschiede nen Dimensionen. Sie reicht auf der einen Seite von den gewaltsamen Mitteln und Wegen, Konflikte inn erhalb der Familie zu losen, Ilber den systematischen Einsatz professioneller Morder bis hin zu Gewalt in Kriegen und Burgerkriegen . Enlsprechend vielfaltlg sind di e Formen , in der sie a uftritt bzw. ausgeilbt wird. Diese reichen vo n der individuellen Ge walthandlung (d rohen, schlage n, beraub en, uberfallen , verl etzen , toten), die von einem einzelnen jungen Men schen vorgeno mmen wird , tiber Form en der Gruppengewalt, be i denen Jugendliche in Ga ngs od er Banden auftreten und dann gege benenfalls gemeinsa m gewalttatige Handlungen ausfuhren, bis hin zu Formen koll ekliver Gewalt wie Aufstanden und Bilrgerkriegen , in denen J ugendliche ob ihres Mutes bzw. ihrer Unersc hrockenheit gefragt sind oder etwa als Kindersoldaten eingese tzt werden. Auch der Terrori smus ist ein Phiinomen vorne hrnlich junger Manner und bestimmte Formen des Te rroris mus bedienen sich Jugendlicher oder sogar Kinder zur Durchfuhrung ihrer Anschlage. Bereits an di eser Aufziihlun g diir fte deutlich werden , dass es "die Jugendgewalt" als solehe nicht gibt, so ndern d iese in eine Viel zahl vo n Phiinomenen zerfal lt, deren einigendes Band einzig der Tatbesta nd ist, das Jugendliehe als Akteure in ihrem Mittelpunkt stehen. Differenziert man auf der anderen Seite Handlungsanl iisse und Motivation sstrukturen ftir Gewa lt, dann wird man feststellen konnen. dass auch in dieser Hin sieht die Rede vo n "der Jugend gewal t" unan gemessen ist, weil die Motive und Bewe ggnlnde, die junge Men schen zur Gewalt fUh ren bzw . sie Gewalt ausube n lassen , ganz verschieden sind. Ais Hintergrund fur die Gew alt mag an dem eine n Ende des Spektrums einfache Niedertracht, 8ereieherungssucht, das Mehr-Haben-
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Wollen oder schlichtweg Egoismus und Gelt ungss ucht ste hen, die junge Le ute dazu bringen, Uberfa lle , Entfiihrungen, Raub- ode r Morddelikte zu begehen . VOTdem Hintergrun d groBer soz ialer Ungleichheit, berutlicher Perspe ktiv losigkeit und eigener Benachteil igung sc heint dies fiir ei nen Teil der Jugendli chen ein Weg zu sein , doch noeh an den Giitem der Gesellschaft teilzuhaben und gleichzei tig durch "erfolgreic h" durc hgeflihrte Taren sic h Anerkennung bei Referenzgruppe n zu versc haffe n, die ihnen ansonsten ob ihrer Lebe nss ituat ion verwehrt bleibe n wur de . Gewalt von Jugendlichen in der Familie oder in der Sc hule hat dagegen chef etwas mit beengten Wohnverhaltnissen und soz iooko nomischen Frustralionserlebnissen zu tun, lasst sich auf eigene friihe Gewa lterfahrungen als Opfer vo n Elte rn oder Verwandten zuruckfl ihren und hangt se hr stark auch mit dysfun ctional paren ting zusammen. Oroge n- und Alkohol missbrauch sind haufig Ausloser fur Gewalt in der Familie. Gewalterfa hrungen von Kind em und Jugendli chen machen aus fni heren Opfem spater Ta ter, weil Sozia lisations- und Leme ffekte dafur sorge n, Gewalt als ein probates, erfolgversprechendes Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen sc hatze n zu lernen. Davon wie derum zu unlersch eiden sind die Jugendba nden und Gangs, die in sich be reits auBersl heterogen sind und ents prec hend auch untersch iedliche Gewalt potenziale beinhallen : Neben sog. street-corner-Gruppen, die eher den Charakter von Cliquen mit zeitweitige r Lust am Zoff haben , gibt es auch mehr oder wen ige r fest orga nisiert e, gewa ltaffi ne Jugendgangs und sc hlieBlich ga nz und gar kriminell e Bande n Jugendlicher und j unger Manner, die sich gewerbsmabig im Bereich von Droge nhandel, Prostitution und Eigentumskrimi nalitat bewegen . Mogen in den harml oseren Cliq uen noch man nliche Bewah rungs- und Initiationsrituale auf dem Weg in die Welt erwachsener Maskul initat (wie z.B. die Zurschauste llung und Betonung von Kraft, Star ke, Kampfbereitschaft mitsamt den enlsprechende n Sy mbolen , die Hinn ahme und Umwertung von Verletzungen und Gewa lt, aber auch Ehre , Respe kt, Kameradschaften und Zusam menhall sowie heterosexuelles Potenzgebaren) ei n entscheidendes Motiv fur d ie Zugeho rigkeit sei n, so kommen bei den gewa llbe reite n Jugendgangs und kriminellen Bande n noch we itere Fakto ren hinzu , die es fur sie reizvoll machen, Mitglied einer J ugendbande zu werden: fehlende Aufstiegschancen und ger inge soz iale Mobilitat in Gese llschaften, die aggressiv Konsum predige n und Partizipation an der Gese llschaft v.a. an Konsumfah igkeit messen; ger inge Verfolgung und Aufklarung von Straftaten und mangelh afte Erzwi ngung von Recht und Gesetz; Schulabbruch und geri nge Bezahlung von unqu alifiziert er und gering qualifizierter Arbeit; fehlende Fiirsorg e und mangelnde Orientieru ng durch das Elternhaus oder so nstige Familienmitglie der; schwere kor perliche Zuchtigu ngen oder Viktimisierung im Eltern haus; falsche Vo rbilder oder peer groups, die bereits Mitglieder in Gangs und Bande n sind. In der Regel ist es ein kompl exes Wech selspiel vo n Faktoren, dass j unge Menschen zu Gang- und Bandenm itgJiedem werde n lasst. Diese entstehen insbesondere do rt, wo die soziale Ord nung gefllhrdet oder die Integrationsfahigkeit vo n Gese llschaften be reits zu-
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sammen gebrochen ist und alternative kulturelle Verhaitensweisen als Orientierungs mabstabe fehlen. Betrachtel man schlieBlich Phanomene kollektiver Gewalt, dann sind Kinder und Jugendliche darin zunachst einmal Opfer . In Protestaktionen und Aufstanden, bei der Aufstandsbekampfung, in Bl lrgerkriegen und regularen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Staaten, in denen Gewalt endemisc h wird und soziale Ordnung zusammen bricht, verlieren Kinder ihre Eltern, stehen Jugendlich e selbst unter Verdacht und miissen die Foigen von Krieg und Gewalt tragen. Frauen und junge Madchen sind zusatzlich sex uellen Ubergriffen und Vergewaltigungen ausgesetzt, die zu einem probaten Mittel der Kriegftihrung geworden sind. Gleichwohl erschopft slch die Rolle von Kindem und Jugendlichen nicht im Opferstatus. In den verschiedenen Burgerkriegen auf der Welt sind schatzungsweise ca. 300.000 Kindersoldaten involviert. Daneben ist eine unbekannte Zahl von Jugendli chen aktiv an den Kampfen betei!igt gewesen. In den langanhaltenden konflik tiven Auseinandersetzungen variieren die Motive zu kampfen betrachtlich. Ging man lange Zeit davon aus, dass Kinder und Jugendliche in hohem MaBe durch warlords und Banden fur kriegerische Zwecke zwangsrekrutiert wurden, so hat die neuere Forschun g auch hier ein differenzierteres Bild gezeic hnet: Viele der Jugendlichen und Kinder schlieBen sich den Biirgerkriegsparteien aus okonomischer Perspektivlosigkeit, wegen der Generierung von Einkommen, aus Griinden des Verlustes der Eltern oder simplen Verteidigungsaspekten .freiwillig" an, urn ihr Uberleben zu sichem. Das direkte lnvolviertsein einer hohen Zahl von Jugendlichen und Kindem in kriegerisc he Auseinandersetzungen beschwdrt betrachtliche Reintegrationsprobleme fur die betroffenen Gesellschaften herauf, wei! die Kinder und Jugendlichen nach Beend igung der Konflikte haufig vor dem Nichts stehen und ein betrachtliches Unruhepotenzial in den Nachkriegsgesellschaften bilden. Wenn an diesen Diagnosen durchaus einiges vertraut erscheint und die ein ode r andere Parallele zu gewalttatigen j ugendlichen Subkulturen in Europa oder Deutschland erkennbar ist, so ist doch gleichwohl auf einige Besonderheiten oder Spezifika hinzuweisen, die Differenzen im Umgang von Jugendlichen mit Gewa lt zwischen den fiihrenden Industrielandem und den Entwicklungslandem markieren . Fiinf solcher Differenzen mochte ich im Foigenden heraus stellen, wei! sie mir zentral zu einem adaquaten Verstandnis der Thematik Jugend und Gewait zu sein scheinen. Erstens, die typischen Formen und Muster von Jugendgewalt unterscheiden sic h in den entwickelten Industrielandern und den Entwicklungslandem in einigen Aspekten stark voneinander. Das betrifft zunachst die Typen von Gewa lt selbst: Wah rend alltagliche Gewalt, Kleinkriminalitat, auch Jugendgangs und Bandenwesen wahrscheinlich Phanomene sind, die in unterschiedlichem MaGe iiberall auf der Welt anzutreffen sind, so iSI z.B. der Einsatz von Kinderscldaten wesentlich ein Spezifikum von Btirgerkriegssituationen (Afrika, aber auch Asien). Soda nn betrifft er auch die Art der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche : Kinderarbeit, Kinder-
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handel und sexuelle Ausbeutung von Jugendlichen und Kindem sind in Westeuropa und Norda merika zumindest offiziell geba nnt oder sic unterliegen strenge n gese tzlichen (A usnahme-) Rege lungen. Dies ist z.B. in weiten Tei len der Dritten Welt nich t der Fall, de r Einsatz vo n Kindem zur Erziel ung vo n Familieneinko mme n allgegenwartig . Kulturell codierte Formen der Gewa lt wie die Zwangsbeschnei dung (Fema le Genital Mutilation) finden sich n UT noch im subsa harischen Afrika ; Ehrenmorde, wie sic in der arabischen Welt vorkommen, gehoren hierzulande seit langem der Vergangenheit an. Man ist also gut beraten, angesichts cines weiten Ubersch neidun gsbereichs auf dem Feld der J ugendgewalt nicht den Blic k fiir die Unt ersc hiede und Differenze n zu verlieren . Zweitens ergeben sich aus den unterschiedlichen EntwickJ ungsniveaus der Gesellschaften und ihrer sozioo konomischen Verfasstheit betrachtliche Untersc hiede im Hinblick auf die Ursachen und Hintergriinde vo n Gewa lt. Fakto ren w ie die groBe soziale Ungleichheit, relative Deprivation, Arm ut, strukturel le Heterogenitat und dara us resultierende sozialstruktu relle Verwerfungen (Marginalisierung, Exklusion ) sind als Erklarungsmuster fllr Gewalt weit hoher ei nzuschatzen als in de n entwickelte n Industrielandem, da sic h aus ihnen strukturelle und v.a. dysfunktionaIe Benachteiligungen ergeben, die lebensweltlich als soz iale Unge rechtigke it erfahren werde n. Gefl lhle sozialer Ungerechtigke it sind jedoch Ilberall auf der Welt das Movens fllr soz iale Kamp fe und Konflikte. Nic ht umsonst ist der Kontinenl mil der grolite n soz ialen Ungleichheit - Latei namerika - zugleic h auch die gewaltha ltigste Region. Dritte ns bestehen in den meiste n Landem der Dritten Welt vc llkom men unrersc hiedlic he Handlungskonlexte und Umwe lten filr Gewa lt. Zum einen ist Gewalt als Handlungsmodu s vielfac h weniger geachtet als in den enlwickelten Indu str ielandem und deshalb vie l presenter im offentllchen Raum. Zum andere n lasse n kullurelle Normierungen sie in vielen Fallen nicht als das ersc heinen, was sie e igentlich ist , narnlich schlichte Gewa lt. Schli eBlich sind vielerorts die sozialen V erh altnisse durch die allgemeine Verfllgbarkeit vo n Waffen und entsprechende Begleitideo logie n im Hinblick auf deren Benutzung sehr vie l unfriedli cher. Last und least haben sic h in ein igen Landem regelrechte Gewaltkulturen heraus gebildet , in dene n der Einsatz von Gewa lt als mehr oder we niger normal oder unausweichlich hingenomm en wi rd. Es gilt also imme r auc h nach de n spezifischen Kontexten zu frage n, wenn es daru m geht, die Gewalt von J ugendlichen zu verst ehen. Viertens haben d ie meisten Entwickl ungslander nicht solc he Grade an Zivilitat erreic ht wie etwa die weste uropaischen U nder. Durch die Art ih rer Geschichte mit Eroberung, Ausbe utung und Koloni alismus und den daraus resulti erenden deferrnierten Staatsbil dungsprozessen ist es vielerorts nicht zu einer flachend eckenden Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopo ls gekommen. Durch die fragrne ntierte Staatlichke it, deren Reichweit e sich haufig ledi glich auf begrenzte Ge biete des nationalen Territoriu ms erstreckte, hatten lokale oder regionale Herrscher eine relativ starke Stellun g. Parastaatliche Parallelordnungen und umkampfte Rechts ra ume
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waren die Foige. Auch die Durchgriffsbefugnisse und Durchgriffsmogllchkeiten seitens des Staates auf Gewaltakteure waren vielerorts begrenzt, da ihm nicht nur effektiv die Mittel dazu fehlen, Staatlichkeit tiberall zu gewahrleisten, so ndern er auch nicht fUr den ausreichenden Schutz seiner Burger sorge n kann. Unter den Bedingungen fragHer Staatlichkeit oder angesichts zerfallender Staaten verliert der Staat ats Zentralinstanz schnell seine Legitimitat und es entstehen Gewa ltordnungen, die nach eigenen Gesetzen funktionieren und sich als Iiberaus lebensfahig heraus gestellt haben. Fiinftens schlieBlich zeitigt der Einsatz von Gewa lt in vielen Entwicklungslan dern dramatischere Folgen als in den hochindustrialisierten Staaten. Haufig wi rd hier Gewalt rucksichtsloser, brutaler und unkontrollierter eingesetz t als dart , der Gewalteinsatz wirkt in besonderem MaBe unproportional, weil man bereits fi ir vergleichsweise kleine Ziele bereit ist, Menschenleben in Kauf zu nehmen. Hauflg entsteht zudem durch die Art der Gewalt der Eindruck, dass ein Menschenleben insgesamt wenig zahlt. Dies trifft im iibrigen auch auf den Einsatz staatlicher Gewa lt - sei sie legitim oder illegitim - zu. Insbesondere in den vielen Diktature n und Gewaltherrschaften zeichnen sich die Staaten durch eine besondere Riicksichtslosigkeit gegenuber realen oder perzipierten Feinden aus. Da es zudem kaum Programme fur die Opfer von Gewalt oder die Reintegration von Gewaluate m gib t, belasten die Gewalterfahrungen in der Regel in hohem MaBe das zukiinftige Z usammen leben der Menschen. Diese grundlegenden Differenzen zwischen Erster und Dritter Welt und unterschiedlichen interkulturellen Kontexten innerhalb der Dritten Welt gilt es also mitzubedenken, wenn nach schlussigen Erklarungsmustem fiir die Gewalt von Jugendlichen in Entwicklungslandem gesucht wird. Allgemeine Erklarungsmuste r - so unterschiedlich ihre Schwerpunktsetzungen sein mogen - werden nicht zuletzt die hohe Bedeutung lokaler Kontexte und situativer Faktoren filr die Gewalt einzubeziehen haben.
3. Ursa chen der Gewalt Die Ursachen fur Gewalt sind in der Regel vielschichtig und komplex. Die sozialwisse nschaftliche Gewaltforschung hat in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass es nicht die eine zentrale Ursache gibt, auf die sich etwa gewalttatiges Verbalten von Jugendlichen zuruckfl ihren lasst, sondern dass es vielmehr eines multidi mensiona len Mehrebenenansatzes bedarf, urn Gewalt zu erklaren und letztlich verstehen zu konnen. Es ist in der Regel ein weites Spektrum von Faktore n und ein komplexes Beziehungsgefiige, welches zur Gewalt fuhrt bzw. Gewalt perpetuiert. Um dieses Spektrum oder dieses Beziehungsgefiige abzubilden, hat man Faktoren auf der Mikro-, Meso- und Makroebene unterschieden. Eine etwas andere Unterscheidung, wie sie sich im World Report on Violence and Health (WHO 2(02) fin-
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det, differenziert zw ischen Risikofa ktore n auf der individuellen, der Beziehungs-, der Gemeinschafts- und der Gese llschaftse bene . In jii ngster Zeit ist noc h zusa tzlich auf mogl iche Ursachen von Gewalt auf der rein biologischen Ebene hingewiesen worden. Diese auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelten Faktoren werden je nach Art , Ty pus und Kon text der Gewalt Ans alzpunkte zur Erklarung yo n Gewalt bie ten; einzelne Fakto ren konnen bei positiver Ausp ragung aber auch dahingehend wirken, dass sic die Wahrscheinlich keit fiir Gewalt reduzieren oder den A usb ruch yo n Gewalttatig keiten sogar verhindern. Auf der Mikroebene lassen sich v.a. biologische und psychologische Dispositionen erkennen, die zu gewalttatigem Handeln fiihren kdnnen . Erklar ungsansatze liegen hier auf zwe i Ebenen: Zu m einen hat die Neurobio logie und Ge nforsc hung auf biologische Festlegungen des Menschen tiber seinen genetisc hen Code hingewiesen , der es dem Einzelnen am Ende nicht mehr erlauben wurde, mit freiem Wil len daniber zu entsc heiden, ob er Gewalt anwe nden moch te oder nic ht. Die DisJX'sition zum Gewalttater ist hier gewisserma8e n vo rprogra mmiert , einzig der Ausbru ch der Ge walt hangt noch von sit uativen Faktoren oder bestimmten Umstanden ab o Zum ande ren weist die psychologische Forschu ng darauf hin, dass bestimmte Einfliisse oder Komplikationen wahrend der Schwangerschaft dazu beitrage n ke nnen , dass die Kinder spater gew altta tiges Verhalten an den Tag legen . Insbeso ndere im Zusa mmensp iel mit anderen Problemen in der Familie (insbesondere psych isc hen oder psyc hiatrischen Erkranku ngen) steigt das Risiko, zum Gewalttater zu werden. Seit langem bekannt ist zudem, dass eine fu rsorgl iche und liebevoll e Betreuung seitens der Elte rn in den ers ten Kinde rjahren entscheidend dazu bei tragt , o b Identitatsb ildungen gelingen, we lche Perso nlic hkeitsmerkmal e ein Kind bzw. J ugendlich er ausbildet und we lche Verhaltenswe isen es an den Tag legt. Fa ktore n wie Hyper aktivit at, Impulsivitat, geringe Affektkontrolle, Aggressivitat und Aufmerksamkeitsdefizite werde n als mogl lch e Prad iktoren fiir Gewalt interpret iert; Nervositat oder A ngst sind demgegeniiber negativ mit Gewa H korreliert. Zude m werden auf dieser Ebene eine verringerte Intelli genz und sc hlechte Leistungen in der Sc hule haufig mit Gewaltneigungen von Jugendlichen zusam men gebrac ht. Ein enger Zusammenhang beste ht auch zwisc hen eige nen Erfa hrunge n mit Gewalt und spaterer Gewa ltta tigkeit: Zum eine n we rden Kinder, die Op fer von Gewalt w erden , spater selbst in hohem Ma Ge zu Ta tem . Zum ande ren sind Gewalterfahrungen unter Sozialisat ionsaspekte n interessa ru, da Gewalt immer auch ein Stuck weit g elernt wird; sie ersc heint insbesondere des halb als Opt ion , wei! man als Kind gesehen hat, dass man mit ihr etwas bew irken kann und ihr Einsatz Erfolg verspricht. Diese individuellen Risikofa ktore n auf ei ner Mik roebene existieren natii rlich nich t unabhangig von anderen Faktoren und Eintlussen, denen Kinder und Jugend liche ausge setzt sind. A uf der sozial-interaktiven Eben e sind insbesondere interperso nelle Bez iehungen der jun gen Menschen mil de n Eltern und ihren Familie n, mit Freunden und peer groups ausschlaggebend dafur, wie Personlichkeitsm uster fortgebildet werde n und ob gewalttatiges oder aggressive s Verhalten belo hnt oder
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sanktioniert wird. Insbesondere der Einfluss der Eltem und generell des familiaren Hintergrunds sind zentrale Faktoren fur die Entwicklung und Ausbildun g gewaltta tiger Verhaltensweisen von Jugendlichen . Mangelnde Filrsorge, geringe Aufmerk samkeit, Gleichgliltigkeit den Kindem gegenuber, Vemachliissigung und Verwahrlosung sowie der Einsatz harter physischer Strafen, urn Kinder zu disz iplinieren , sind dazu geeignet, Kinder wahrend der Adoleszenz in die Gewalt zu treiben. Gewalnatiges Verhalten in der Jugendphase steht zudem mit starken Konflikt en zw ischen den Eltem und einem geringen Interesse der Eltem fur die Kinder in Z usammenhang. Andere bedeutsame Faktoren sind z.B. die Zahl der Kinder in einer Familie, Mutterschaft in sehr jungen Jahren (z.B. als Teenager), und ein geringer Familienzusammenhalt. All dies fiihrt bei Abwesenheit von anderweitigen ausgleichenden Faktoren zu schwerwiegenden sozialen oder emotionalen Beeintrachti gungen und dysfunktionalen Verhaltensweisen von Kindem und Jugendliche n. Aber es ist nicht nur die Art der Familienstrukturen, die Aggressions- und Gewa ltneigungen beeinflusst, sondern auch und insbesondere der generelle sozioo konomische Status einer Familie, der mit daruber entscheidet, ob Kinder in die Gewa It abgleiten oder nicht. So entstammen jugendliche Gewalttater weit uberwiegend aus sozial und okonomisch schwachen Eltemh ausem mit geringen Bildungsniveaus, aus den unteren sozialen Schichten und aus stadtischen oder liindlichen Wohngebieten, in denen sich soziale Prableme ballen. Fiihrt man sich die Bedeutung intakter Familienverhaltnisse vor dem Hintergrund von kriegerischen Konflikt en, sexuellen Epidemien oder den mit der Globalisierung einhergehenden raschen soziookonomischen Veriinderungen vor Augen, die hiiufig zu vollkommen desintegrierten Familienstrukturen in der Dritten Welt fuhren, dann wird das AusmaB der Herausforderungen deutlich. Oer positive Einfluss von Freunden und peer groups , die wic htige Bezugspersonen von Jugendlichen sind und gra Ben Einfluss auf dere n interpersonelle Beziehungen haben, konnte hier fur einen gewissen Ausgleich so rgen , er kann sich aber auch negativ auswirken. Sind die Jugendl ichen etwa in Freundeskreise eingebunden, die selbst gewalttatig sind oder kriminellen Aktivitiiten nachgehen, in denen Orogen genommen werden und Alkohol getrunken wird, in denen Waffenbesitz verbreitet ist, dann steigt das Risiko betrachtlich , in diese Verhiiltnisse abzugleiten. Es findet dann so etwas wie eine negative Integration start, die den Jugendlichen jene Anerkennung, Aufmerksa mkeit und Verbundenheit versc hafft, die ihnen auBerhalb dieses problematischen Kreises vorenthalten bleibt. Lokale Faktoren wie die Gemeinde, bestimmte Stadtviertel und Regionen und die dort bestehenden Gemeinschaften sind ebenfalls von nicht zu unterschatzend er Bedeutung fur Eltern und Kinder, fur die Art sozialer Bezugsgruppen - und nattlrlich auch die Nahe oder Ferne zur Gewalt. Aligemein lasst sich sage n, dass in Entwicklungsliindern mannliche Heranwachsende in GroBstiidten hauflger mit gewalttatigem Verhalten in Beruhrung kommen als solche, die auf dem Land aufwachsen. Innerhalb stadtischer Agglomerationen stellen unterprivilegierte Viertel oder Slums mit hoher Gewaltkriminalitat und sozialen Problemen Umgebungen dar, die ge-
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walt tatiges Handeln wahrscheinlicher machen. Die Nahe zu Gangs und Banden, Feuerwa ffen, Orogen und Prostitution stellt eine Mischung dar, in der Gewalt allgegenwartig und die Gefahr, Opfer zu werden, graB lst. Es ist deshalb unmittelbar einsic htig, dass der Grad an sozialer Integration in einer Gemeinde auch das AusmaB an Jugendgewalt beeinflusst. Das vorhandene Sozialkapital und die soz ialen Bindungen unter den Einwohnern sind deshalb ein Ausweis fur die Oualitat der Integration, wei! sie sich auf gemeinsame Regeln und Normen, gegenseitige Verpflichtungen und das Vertrauen beziehen, das in den sozia len Beziehungen zwischen den Einwohnern, aber auch zwisc hen Einwohnem und Institutionen zum Ausdruck kommt. Junge Menschen, die an problematischen Orten mit defizienten Infrastrukturen und geringem soziale n Kapital leben, sind entsprechend eher bindungslos und fallen aus sozia len Zusammenhangen heraus, zeigen groBeres Misstrauen und haben letztlich auch eine groBere Affinitat zur Gewalt. Die gesellschaftlichen Faktoren, die gewaltfOrdemde Bedingungen und Umsta nde unter den Jugendlichen schaffen, liegen hingegen eher auf einer strukturellen bzw. soziokulturellen Ebene. Sie haben v.a. mit den Auswirkungen der GlobaIisierung, den okonomischen Modem isierungsmustem und demographischen Prozesse n zu tun. Kulturelle Globalisierung und okonomische Modemi sierun g besch leunigen den sozia len Wandel (Individualisierung, schnelle Urbanisierung, Migration) und fiihren zu einer Zunahme anomischer Prozesse und zu einer versta rkten Orientierungslosigkeit und Gewalt unter den Menschen. In vielen Entwicklungslandem sind Modemis ierungs- und Globalisierungsprozesse zudem mit Anpass ungskrisen betrachtllchen AusmaBes verbunden, die gewalttatige Rea ktionen gerade unter Jugendlichen herauf beschworen. In Afrika und Tei len Lateinamerikas sind die Anpassungspclitiken mit starken LohneinbuBen, dem Abbau von Schutzrechten fiir Arbeitnehmer und veranderte n sozialpolitischen Regelwerken, einem Niedergang in der Infrastruktur und bei den Dienstleistungen des Staates verbunden gewesen, so dass in der Foige die sozia le Ungleichheit stark zugenommen hat. Armut konzentriert sich in den groBen Stadten mit anhaltendem Bevolkerungswachstum, so dass Jugendliche zum Uberleben auf Kleinkriminalitat und Gewalt zuriickgreifen. Auf allgemeiner Ebene ist deshalb der Zusammenhang zwischen sozia ler Ungleichheit bzw. der Ungleichheit in der Einkommensverte ilung und der Gewalthaltigkeit von Gesellschaften unbestritten. Auch politische Aspekte, wie die Oualitat einer Regierung und die Art der Politik, wirken sich auf die Gewalthaltigkeit von Gesellschaften aus. Jenseits autoritarer Regimetypen, die an sich schon ein gewisses MaB an Gewalt transportieren und Gegengewa lt provozie ren, kommt es hier z.B. auf die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopo ls zum Schutz der Burger oder die Durchsetzung von Strafverfolgungsnormen gegen Gewalttater an. Werden diese Gesetze konsequent angewendet, tritt ein absc hreckender Effekt in Bezug auf Gewalttaten ein, werden sie eher lax gehandhabt, so ist dies fur Jugendl iche haufig eine Einladung zur Gewalt, wei! nicht unbedi ngt mit Strafe gerechnet werden muss. Die Sozialpolitik ist ein weiteres Feld, auf dem Regierun-
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gen aktiv auf die Gewaltniveaus einer Gese llschaft einwirken konnen . Geri nge Sozialstandards, mehr oder weniger locker geknupfte soziale Netze und wenig effek tive Schutzvorrichtungen gegen Wirtschaftskrisen fur die bedurftlgen Teile einer Gese llschaft fuhren zu einer Verstarkung etlicher Fonnen der Gewalt. Die Durchsetz ung und Gewah rung sozialer Sicherheit scheint ein machtiger Hebel gegen Gewalt zu sei n, fehlende soziale Sicherheit muss umgeke hrt als Einfallstor fur eine Vielzahl von Gewaltarten betrachtet werden. Nicht zuletzt zahlt auch Kultur zu den gesellsc haftlichen Faktoren, die sich posit iv oder negativ im Hinblick auf Gewa lt auswirken konnen. Kultur schlagt sich beispielsweise in den herrschenden Normen und Werten einer Gesellschaft nieder und ist u.a. dafiir verantwortlich , wie Me nschen auf eine sich verandernde Umwelt reagieren . Kulturelle Faktoren haben dann negative Auswirkungen auf die Gewalthaltigkeit von Gesellsc haften, wenn sie etwa Gewa lt als eine normale Methode der Konfliktregelung legitimieren und jungen Leuten solche wcrte vermitteln, die gewa lttatiges Verha llen unterstutze n oder in bestimmten Situationen nahe legen (z.B. Rache, Ehre). Die Medien sind dabei ein wichtiges Transportmitte l fur gewalt haltige Bilder, Normen und Werte , und das Internet hat z.B. iiber Computerspiele die Moglich keiten, Gewalt zu sehen ode r zu erlebe n, vervielfacht. Fur Kinder und J ugendliche, die andauernder Gewa lt im Fernse hen ausgesetzt sind, verschieben sich die Normalitatsstandards; brutale Serienhelden werden zu falschen Vorbildern und moglichen Inspirationsquellen fiir die eigene Gewalt ; Vorstellungen von .easy money" beschworen Nachahmungseffekte und krimine lle Gewaltkar rieren herauf. All jene Gesellsc hafte n, die es nicht schaffen, gewaltfreie A1ternativen der Kon f' li ktbearbeitung zur VerfUgung zu stellen und Gewalt als Mittel des Konfliktaustrags kulturell zu delegitimieren, mussen mit weit hoheren Gewalt niveaus zurecht kommen. Gese llschaften , in denen sich regel rechte Kulturen der Gewalt etabliert haben, versinke n allzu hauflg in einem Meer von Gewalt. Schaubi ld I: Der Kreislauf der Gewalt und seine Hintergn mde Defizitare menschliche Bedurfn isbe fried igung
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4. Theorien uber J ugendgewalt 1m Folgenden werden wese ntliche theoretisch e Erklarungsa nsatze zur Gewalt vorgestell t. Es wird hier zum einen darum gehen, den Foku s auf Jugendgewalt einzustelle n, zum anderen aber auch darum , kultursensitiv vorz ugehen und danach zu fragen , ob und inwieweit die in der Regel am Beispiel vo n J ugendlichen in den fort geschri ttenen Industrlelandem gewonnenen Ergebnisse auch auf Jugendgewalt in den Bntwicklungslandem ubertragbar sind oder spez ifischer Erganzungen bedurfen . Die einzelnen Abschn itte folgen j eweils einer irnpliziten Gliederung: Nach eincr knappen Einfiihrung und der grundl egend en Erorterung der Th eorie, ihrer Anwe ndungsbe reiche und Reichweite, wird zunachst nach ihrem Erklarungsgeha lt gefragt und abschlie6end auch auf Grenze n der Erklarung sowie mogliche Sch wachen und Kritik eingega nge n. Die Vorstellung und Diskussion der einzelnen Theo rieansatze beginnt zunachst mit Erklarungen auf der individuelJen Ebene, geht dann in den intermediare n Bereich tiber und endet sc hlie61ich mit Brklar ungsa nsatzen auf der gesellschaftlichen Ebene. Die neueren An satze der Neurobiolog ie we rden an dieser Stelle ausges part, wei! es hier zum einen urn sozialwisse nschaftliche Erklarungsmu ster vo n gewalttatigem Handeln ge ht, zum anderen die Forschung uber neurobi ologi sche Defizite als Verursacher von Gewa lt und Kriminalitat noch nieht so weit fortgesch ritten ist , dass die sbezugli ch scho n auf gesicherte Erkenntnisse zuruckgegriffen werd en konnt e. Vertreter dieser Forschungsrichtun g weisen selbst darauf hin, dass sich eine kriminelle oder gewalttatige Personli chkeit bestenfalls aufgrund einer Kombination vo n genetisch en und himentwicklungsmafsigen Faktoren, friihen psychischen Negat iverlebnissen sowi e nachteiligen sozlooko nomisch en Bedin gungen fnih ausbildet und stabilisiert. Es sind also nicht alle in die Gene oder die HirnentwickJung an sich, sondern allenfalls cas Zusammenwirken untersc hiedJicher Faktoren , die schlie61ich zu gewa lttat igem Handeln fllhrt (vgl. Luck/Struber/Roth 200 5; StriiberlLiick/Roth 2006).
4.1 Psych%gische Aggressions- und Triebtheorien Gewal t kann bekannterma6en sehr unte rschiedliche Ausdrucks formen annehmen. Die An tworten auf die Frage, warum sich Mensch en gewalt tatig oder aggressiv verhalten, sind se hr vielfaltig ausgefall en und konnen auf verschiedenen Ebenen gesucht werden. Psycbologische Aggre ssions- und Triebtheorien bieten intraindividuelle Erkla rungen fur Gewaltkonffikte und sehen v.a. intrapsychi sche Ursachen fiir aggressives Verhalten. Beriicksichtigt man , dass Konflikte und Gewalt immer ein e personliche Kompon ente haben und sie handlungstheor etisch bei einem ei nzelnen Individuum ihren Ausgangspunkt nehmen , dann ist es naheliegend, zunach st auf der individuellen Ebene nach mogli che n Ursachen und Brklarungen filr gewaltsames Verhalten zu suchen.
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Es gibt in der wissenschaftlichen Psychol ogie nicht die Aggre ssion stheorie, da die wese ntlichen Ansatze in ihrer urspriinglich en Fonn nie aile einschlagigen Verhalten sweisen erklaren konnten. Die Weit erentwicklung einzelner Ansatze hat zu immer komplexeren Theorien gefl lhrt, die sich dadurch auszeichnen, dass sie ei n kompliziertes Aggressionsgeschehen zugrunde legen und auch die Beziehun g der unte rschiedlichen Wirkun gsfaktoren zueinander zu erk laren versuchen. Grund satzlich lassen sich zwei Fonnen der Aggression differen zieren: Die Selbsterhaltungsaggression ist eine angeborene, durch Selektion und Mutation im evolutionaren Prozess herausgebilde te Verhalten sweise, die dazu dient , die Leben sressourcen zu erhalten und zu erweitern. Hierzu zahlen u.a. Selbst- und Revierverteidigung, Fortpflanzung, Nahrungsaufnahme, Ennittlung der Rangpo sition und der eigenen Gren zen und der Erhalt von Sicherhei t. Bei der destruktiven Aggression dagegen liegt der Zweck des schadige nden Verhalt ens darin , durch das Zufiige n von Leid materiellen Gewinn, soziale Anerkennung und Macht, innere Befriedi gung und Stimulation zu erz ielen. Ein evolutionarer Sinn lasst sich hier nieht nachweisen. lm Gegenteil: Die Vem ichtung erhaltenswerter und lebenswichtiger Ressourcen wird in Kauf genommen, soz iale Probleme werden nicht nur nicht ge lost, viel mehr werden zirkelhafte Prozesse von Gewalt und Gegeng ewalt au sgelost. Menschliche Tctun gshemmungen, Altruismusmechanismen , eine kulturelle Moral und Gewissensbild ung sowie gilnstige Sozi alisationsbedingunge n stehen diesen destruktiven Prozessen nonnalerweis e entgegen , konnen sie allerdin gs unter bestimmten Bedin gungen auBer Kraft setzen. Ahnlich hatte schon Erich Fromm in seiner ,,Anatomie der menschli ch en Destrukti vitat" (1977) vo n gutartiger und von bdsartig er Aggression gesprochen. Guta rtige Aggressionen stellen im Grunde Reakt ionen auf die Bedrohung eige ner vita ler Intere ssen dar und treten entweder als Pseudoaggressionen oder als defe nsive Aggression en auf. Bosartige Aggressionen stellen dagegen keine Verteidigun g gegen eine Bedrohung dar, sondern haben offensiven Charakter und schlagen sich in Destrukti vitat und Grau samkeit nieder. Allerdings hatte er die menschliche Dest ruktivita t und Grausamkeit nicht langer aus einem menschlichen Instinkt heraus erk lart, sondern das zentrale Problem darin gesehen, dass bestimmte Bedingungen der men schlichen Existenz fur die Oualit at und Intensitat menschlicher Aggressi ons- und Gew altneigungen verantwortlich sind. So war Fromm etwa zu der Uberzeu gung gelan gt, dass mit der Entwi cklung der Zivilisation der Grad der Destruktivitet wac hst und nicht umgekehrt. Die Vorstellung, Aggression und Gewalt seien auf einen dem Menschen angebcrenen Tri eb zurilck zu fuhren , ist eine der klassischen Grundpositionen der Psychologie, die auf Sigmund Freud (1915, 1930) zurilckgeht. Freud entwickelte se ine T riebtheo rie in mehreren Phasen, lehnte sie mythologischen Tr aditionen an und konstruierte dabei immer ein dualistisches Modell. Der anfanglichen Gegenilberstellung von Hunger und Liebe (Selbs terhaltung versus Arterhaltung) folgte spater diejeni ge vo n Liebe und Hass (libid in6se vers us aggressive Tri ebe), ihrerseits ab-
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gelcst von de m Gegensatz zwischen Lebe nstrieb (Eros) und Todestrieb (Thanatos). Die Triebtheorie sieht die Triebquelle in einem k6 rperlichen Reiz in Form eines Span nungszusta ndes, der UnJust bereitet. Das Triebziel ist dann die Aufhebung dieses Spa nnungszustandes am Objekt oder mit Hilfe eines Objektes, die mit einem Lustgefuhl verbu nden wird. Diesem so genannten Lustprinzip stellt Freud das Rea litatsprinzip gegenuber, das ange sichts bestim mter aube rer Bedingungen fur Urnwege bei der Verfolgung des Triebzieles pladiert, d.h. fur einen Aufsc hub der unmittelbaren Befriedigung. Als Fundament des Realitatsprinzips gelten in der ersten Triebtheorie Freuds (bis ca . 1915) die lch-Tr iebe, die den Se lbsterhalt ungst rieben gleichgesetzt und den Sex ualtrieben gege niibe rgestell t werden. In dieser Perspektive dominieren Lustprinzip und Realitatsprinzip das gesa mte psychische Geschehen. Insbesondere unter dem Eindruck des Ersten Welt kriegs revidierte er angesichts der schreckJichen Kriegsgeschehnisse mit ihren Massenvernichtungen se ine ursp riingliche Erklaru ng und riickte den lebenslangen Kampf von Eros und T hana tos in den Mittelpunkt. Urn die Selb stvernichtung aufg rund der betrachtlichen Tri ebenergien des Thanatos zu vermeiden, bedarf es des Eros, der als lebe nserha ltende Energie den Todestrieb in Form von agg ressiven Verhalten nach aulten ablei tet - oder durch Sublimation konstruktiv we ndel. lst eine Agg ression sabfuhr nie ht moglich, wirkt sic h die Aggressio n gegen die eige ne Perso n aus und verursacht im Inneren schwerwiegende Krankheiten ode r Stc rungen der Psyche. Auch Konrad Lorenz (1963) geht in seinen Schriften von einem angeborenen Aggressionstrieb aus, den er aus seinen ethologisc hen Forschu ngen gew onnen hat. Aggression ist fur ihn einer von fiinf Trieben, die als Instinkt sowo hl T ieren wie auc h Mensc hen eigen ist und im Grunde eine arte rhaltende Funktion hat. Er gebt zunachst davo n aus , dass von jedem Individuu m besta ndig aggressive Impulse erzeugt werden. Diese Impulse stauen sich auf, bis ein bestim mte r Auslcser die Entladun g der aufgestauten Energie bzw. Aggre ssivitat ermoglicht. Je mehr Agg res sionen aufge staut wurden, desto geringe r ist fur ihn der notwendige Aus loser fiir eine Abreaktio n. Nach der Entladung der angestauten Energien baue n sich erneut aggressive Impulse auf, bis es zur neuerlichen Abreaktion kommt . Irenaus Eib lEibesfeld (1984) hat spater ethologi sche Argume ntationen ausgeweitet und auc h Kriege als auf biologische Dispositionen riickfiihrbare anthropo logische Konstanten bet rachtet. Obwo hl grundlege nde triebt heo retisc he Annahmen in Frage gestellt wu rden, sind sie doch Ausgangspunkt fiir Weit erentwicklungen aggressio nstheoretischer Erklarungen gewe sen. So ist etwa eine Gruppe ame rikanischer Wisse nschaftle r urn Dollard in ihrem Such " Frustratio n und Agg ressio n" (1982) der Frage nac hgegangen, was eigentlich Aggres sio nen verursacht und unte r welch en Bedingungen sie ausgelost werde n. Ihre ei nfache Antwort war zunachst, dass jegliche Aggression die Foige von Frustratio n sei und Frustrationen immer zu einer Form von Aggression fiihrten . Frustration wu rde dabei als Sto rung einer zielgerichteten Aktivitat definiert , es galt den Autoren als aversives Ereignis, als au8ere Bedi ngung, die ein
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Individuum gewohnlich zu meiden sucht. Sparer sind die im Sinne von ReizReaktions-Sc hemata gefassten Hypothesen von Dollard u.a. dahingehend modi fiziert worden, dass Aggressio n als Folge von Frustration nur eine mogliche Reaktion unter anderen ist und das aggressives Verhalten nicht zuletzt von der Art der Frustratio n abhangt. So gilt es, unterschiedliche Arlen von Frustration zu unterscheiden (z.B. Hindernisfrustration, Provokationen, psychische Stressoren), denen jeweils unterschiedliches Gewic ht fur das Auftreten von Aggressionen zukommt und die auch nicht-aggressive Handlungsmoglichkeiten bereithalten k6n nen. Die Starke der Aggression hangt zudem nicht nur von der Starke der frustrierten Aktivitat ab, so ndem auch vom Grad und der Anzahl der St6rungen. Andere Autoren haben in der Folgezeit darauf hingewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit offener Aggressione n abnimmt, wenn aggressive Te ndenzen mit Straferwa rtungen belegt sind. Am starksten sei die Aggressio n gegen den Frustratlonsausloser geric htet, nur bei starker Hemmung findet eine Aggressio nsverschiebung (Su ndenbockPhanomen) oder eine Veranderung der Form der Aggressio n statt. Berkowitz ( 1962) hat in sei nen Untersuchungen bestatigt, dass Aggressionen nicht zwangslaufig eine Reaktion auf Frustrationen sind, sondern Frustratio nen lediglich die Bereitschaft zu aggressive m Verhalten fordem. Emotionale Zustande werden hier als assoz iatives Gebi lde beschrieben, in welchem spezifische Gefllhle, physiologische Prozesse, motorische Reaktionen, Gedanken und Erinnerungen miteinander verkniipft sind. Dies ist insbeso ndere dann der Fall, wenn aggressive Hinwe isreize als Randbed ingungen dafiir sorgen , dass Arger durch bestimmte Symbole ausgelost oder erin nert wird. Frustrationen scheinen zudem nur zu Aggressionen zu fllhren, wenn der Betroffene ein Ereignis als aversiv oder beabsichtigt wahrnimmt. Eine Aggressionsreaktion auf eine Frustration ist also am ehesten dann zu erwarten, wenn eine Provokation vorliegt, diese von der betroffene n Person als eindeutiges Fehlverhalten eingeschatzt wird, der Betroffene ohnehin aggressive Ve rhaltensgewohnheite n und geringe Hemmungen hat, und eine bestimmte Situation aggressive Signale und Hinweisreize, aber keine aggressionshemme nden Faktoren bereit halt. Komplexere Prozessmodelle von Aggression weisen heutzutage eher auf die Interdepe ndenzen moglicher Aggressio nsursachen hin und unterscheiden z. B. situative Variablen und Hintergrundvariablen. Zu den ersteren zahlen neben der eigentliche n Frustration etwa noch Beleidigungen, Normverletzungen, interpersonell e Konflikte oder Umweltstressoren (Hitze, Larm, Schmerz); zu den letzteren za hlen physiologische Variab len, das Temperament und die lmpulsivitat einer Person . In diesem Sinne konnen bestim mte Persdnlichkeits konfigurationen aggressive Einstellungen fordem , aber auch cine bestimmte kulturelle Umwelt die Aggress ionsneigung der Individuen verstarken. Aggressio n kann aber auch das Ergebnis sozialer Interaktionen sein, etwa wenn sich zwischen den Beteiligte n Perspektivendivergenzen auftun, die durch die bessere Bewertung der eigenen (aggressive n} Handlungen und entsprechende Reaktionen auf einen Angriff Eskalationen in Gang setz en. Agg ression ist dann eigentlich Machtausiibung eines lnleraktionspartners, die ihr Motiv in
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der Kontrolle tiber andere. in der Wiederherstell ung vo n Fairness nach Gerechtigkeitsver letzu ngen ode r dem Wunsc h, als sta rke uod machtige Person zu erscheinen, finden kann (vgl. allgemein Bierhoff/W agner 1998) . Psychologi sc he Aggre ssions- und Triebtheorien setzen fiir die Erklarung mensc hlicher Aggressivitat auf einer sehr grundlegenden anthropo logi sc hen Ebene an. Da basale Ver haltensmuster der Me nschen filr aile Me nschen gleich gultlg sei n dUrften , spricht zunachst einma l nichts gegen die Gene ralisie rung dieser Theorien als Brklarung von Aggression und Gewalt auch in andere n Teilen der We lt. Aggressio n und gewalttatiges Verhalten wiirde in dieser Perspektive zur condition humaine, zur menschliche n Grundausstattung ge horen, die sic h in untersc hiedlicher Art und Weise liberall zeigt. Gleichwohl mlissen auch die Einwa nde gegen Aggressions- und Triebtheorien zur Erkla rung der Gewalt von Jugendlichen bedac ht werde n. Zum einen ist die Vorstellung, dass Aggre ssio n ein durch auGere Umsta nde und Einfhlsse unverande rlicher, sich immer wieder quasi mechanisch Bah n brechender und angeborener Tri eb ist, in seiner Ursprungsversion als unhaltbar verworfen word en. So erlaubt etwa die An nahme eines Todestriebe s be im Me nschen im Grun de keine n Ausweg au s der Ze rstorung des Selbst oder der nach augen gerichteten Gewa lt, so dass sie das Ind ividu um in eine ausweglose und letztlich tragische Lage versetzt, we il damit e ntweder das eige ne physische oder psyc hische Kra nk- und Verletzsei n ode r die Besch adigung und Zerstorung Anderer verbunden ist. Auto ren wie Kare n Horney und Erich Fromm habe n darauf hingewiese n, dass Freud die Wirkung sozialer und kultureller Fakto ren auf die Triebsttuktur des Individ uums zu wenig berucksichti ge, und die biologisch-triebhafte Determinieru ng des Einze lnen mit dem Hi nweis auf die soziale und historische Formbarkeit und Beei nflussbarkeit relativiert. Ag gress ions- und Triebtheorien sind zudem nur schwer wissenschaftlic h verifizierbar. Gegenllber et hologi sc hen Argu mentationen lieGe sich einwenden, dass ein sc hlussiger Beleg fllr die Moglichkeit der Ubertragbarkeit vo n Erke nntnissen aus dem T'ierreich auf menschliches Verhalten noch fehlt. Es milssen zudem nicht nur innere Agg ress ionsimpulse sei n, die sich gewaltsa m entladen, sondem es kon nen auch auGere Imp ulse fiir Aggre ssio nen verantwortlich sei n. Die Frustratio ns-Aggressions-T hese und insbesonde re ihre Weiterentwicklun ge n stellen dagegen d urchau s sinnvolle Erklar ungsa ngebote zumindest fur einen Teilaspekt vo n Aggressionen dar, auch wen n sie letztlich eine zu sta rk vereinfachende, mono kausaIe Erklarung fur das Phano men Aggression in sei ner Gesamtheit sind. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin , dass die urspriingliche Theorie in ihrer Reic hweite immer w ieder ei ngesch rankt werde n musste , wodu rc h sie nur noc h einen Te il der beobachtbaren Aggressionsphanomene besc hreibe n od er erklaren kann. Insbeso ndere dort , wo die Ursachen aggressiven Verhalte ns nicht mehr in die aggressiv handelnde Person hine in verlegt werden, sondern dort , wo sie sic h auf die sozialen Ursachen aggressiven und gewa lttatigen Verhalten s konzentriert, hat sie ihre Star ken, Zudem ist sie v.a. dazu geeignet, reaktives aggressive s Verhalte n
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zu erklaren, nieht jedoe h aktives aggressives Verhalten, das ohne vorhergehende Frustration auskommt. lhren Stellenwert gewinnt sie heutzutage v.a. in Verbindun g mit ande ren T heorien - wie der Sozialisations- und Lemth eorie -, fllr die sie sinnvolle Aspe kte und Elemente bereithal t.
4.2 Gewaltan eignung in der Sozialisation und durch Lemen Gewalt kann aber nicht nur als feste Verhaltensdisposition in einem Individuum verankert sein oder sich spo radisch als Trieb entladen, so ndem Gewalt kann auch in der Sozialisation erfahren, intemalisiert und weiter gege ben ode r schlichtweg gelernt werden . Lem - und Entwicklungstheorie n knupfen in vielfaltiger Weise an die zuvor genannten Aggressio nstheorien an. Wahrend sozia lisationstheore tisehe Ansatze Gewalt biographisch betrachten und prozessual in Entwicklungsmodellen (z.B. Gewa ltkarrieren) fassen , hangt das .Brtemen" von Gewa lt und krimin ellem Ve rhalten von komple xen Bedingungen aboLemth eorien geben daruber Auskunft, wie Gewa lt als Handlungsmuster gelernt und tiber welehe Meehanismen verinnerlieht wird . Sozia lisation bezeichnet zunachst den Prozess, dureh den ein Einzelner in eine groliere soziale Gruppe oder Gemeinschaft eingegliedert wird, indem er die in dieser Gruppe vorherrschenden sozialen Normen und Rollenerwart ungen und die zu ihrer Erfullung erforderlichen Fahigkeiten und Fertigkeiten erlemt und in sic h aufnimmt (Vergese llschaftung). Akzeptiert das Individuum schlie6lieh die Verhaltensstandards, Uberzeugungen und Einstellungen als seine eige nen, dann sp richt man von der Intem alisierung derselben. Sozialisationsprozesse setze n im Grun de unmittelbar naeh der Geburt ein und reichen we nigste ns bis zum Absehlu ss der Kindheits- und Jugend phase. Neuere Sozialisationstheorien gehen dagegen von einem lebenslangen Lem en aus. Die Herausbildung grundlegender Personlichkei tsm erkmale und von Spraeh- und Handlungskompetenzen bezeichnet man als primate 50zialisation, den Erwerb neuer Rollen und die Ausdifferenzierung von Fahigkeiten als se kundare Sozialisation. Sozialisationsinstanzen sind all jene gesellschaft lichen Binrichtungen, welche die Lemprozesse von Kindem und Jugendl ichen ste uem angefangen von der Famitie, dem Kindergarten und de r Schule bis hin zu Freundeskreise n, Berufsko llegen und den Massenmedien. 5oz ialisation kann sieh a uf untersc hiedliche Bereiche erstrecken und erfolgt in der Regel schichtspezifisch. 50zialisationstheorien haben in den letzten Jahren komplexe Erkenntnisse zutage gefordert und lassen sich in psyehologiseh und sozio logiseh argumentierende Varianten differenzie ren. Die Obje ktbezie hungstheorie (u.a. Winnicott , Kernberg, Mahler) uberwand die "One-body-Psychology" und offnete den Blick auf die Beziehungsaspekte in der psychischen Entwicklung von Kindem und Jugendlichen. In der Deutung des individuellen Verhaltens wurde nicht mehr nur die libidinose oder aggressive Besetzung der Objekte berileksiehtigt, sondern aueh der Situationskontext und die Vor-
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stell ungen und Erwartungen, welche die Bezugspersonen an das Individuum haben . Obj ektbeziehungstheoretiker inter essiert besonders das Wechselspiel zwischen 50zia ler Interaktion und Intemalisierung sprozessen (Ink orporetion , Introjektion , Imitation , prim ate und se lektive Ident ifizierung). Au s der Verknupfung vo n primar en Bediirfnissen und tatsachlichen Inter aktion en mit der Umwelt entwickelt sich das Selbstbild und Selbstverstandnis (die "Se lbstreprase ntanz" ) des Kindes ebe nso wie seine Vorstellungen vo n der Beziehung zu den Inter aktionspartnern (di e .Dbjektreprasen tanz"). Vertreter der Objektbeziehungstheorie haben die Phasen der psychisc hen Entwicklung neu formuliert und mit korperlichen Reifepr oze ssen , typischen Aufgaben und Grundk onflikten in Verb indun g gebracht. Erik H. Erikso n ( 1973) erkundete verschiedene kulturelle Milieus und beschrieb in einem anthropologi sch en Modell acht Stufen der Identitatse ntwicklung. Erdheim scharfte im An sc hluss an ethnopsychoanalytische Studien das Bewusstsein fur den Stellenwert der Adoleszenz in modernen (" heiGen" ) Gese llschaften, die ihre innere Dynamik du rch einen gewi ssen Antagonismus vo n Familie und Kullur gewinnen. Die Adole szen z ist hier ei ne Phase der Umb ruche und Krisen , der Gefahren und kreativen Losungen, in der die bis dahin gebildete Personlichkeit auch nach den pragenden ersten l.ebensjahren noch einmal .J hre zwe ite Chance" bekommt. Konflikte aus der friihen Kindh eit werden wiede r belebt , die in der Latenzphase ges icherten Bestand e der bisherigen Lebensgeschichte verflussigen sich noch einmal. Die Bindungstheorie nach Bowlb y und Ain sworth (2003) verbindet ethologisches , entwicklungspsychol ogisch es, systemisc hes und psychoanalytisch es Denken. Sie befasst sich mit den grundlegenden fruhen Binffussen auf die emotionale Ent wicklung eines Kindes und versucht, die Entstehung und Ver ande rung von starken gefllhl smalli gen Bindungen zw isc hen Individuen im gesamten men sch lic hen Lebenslauf zu erklaren. Bowlby betrachte t Bez ugsperso n und Siiugling als Tei lnehmer in einem sich wechselseitig bedingenden und se lbstreguliere nde n System. Aus den vielen Interaktionsmod ell en bild et das Kind innere Madelle des Ver haltens und der damit verbundenen Affekte von sich und der Bezugsperson, so genannt e .Jnnere Arbeitsmcdelle" , heraus. Auf diese Weise werden Liebe, An gst und Wu t, manchmal auch Hass, durch ein und dieselbe Person ausgelost. Ge ner ell w ird angenommen, dass ein schneidende Trennungs- und Zurtickwe isungse rfahrungen zu feind seligen Reaktionen in der Bez iehung des bet roffenen Kindes z u seiner zentralen Bezugsperson Iuh ren. Wie in der psychoanalytischen Theorie geht man auch in der Bindungsforschung davon aus, dass die Wut auf die eigenen Eltem vielfach nicht offen ausgedrilckt werden kann . Angst vor Strafe n, besondere Zuneigung oder soz iale Norm en, die das Verhalten in der Kind -Eltern -Beziebung regeln, kormen dazu ftihren , dass das Kind se ine Wut und seine Angriffswlin sch e un terdruckt und gege benenfalls auf and ere Personen und Objekte versc hiebt. Die
neuen Erkenntnisse der Psychoanalyse und ein zunehmend interdisziplinarer Erfahrung saustausch haben ein integrati ves Verstandnis der psychischen Entwicklung
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von Kindem und Jugendlichen gef6rdert. Dabei werde n gleic hermaBen biologiscbe, psyc hosoz iale und intrapsychische Aspe kte berucksichti gt. Huesmann (2000) geht in seiner sozialen Entwic k lungstheorie davon aus, dass sozia les Verhalten zu einem groBen Te il durch Programme kont rolliert wird , die schon wa hrend der friihen Entwicklung eines Menschen gelernt we rde n. Bei de r Beobachtung des Verhaltens anderer Personen enkodiert das Kind die Ereig nissequenzen in Skripts. Solche Skripts umfassen die in der Umwelt auftretenden Ereig nisse, die Verhaltensweisen, mit denen auf diese Ereignisse reagiert werden soli, sowie die wahrscheinlichen Ergebn isse dieses Verhaltens. Wenn eine aktuelle Si· tuation den Bedingungen gleicht, unter denen das Skript ursprun glich enkodiert wurde, evaluiert das Kind die Angemessenheit dieses Verhaltens aufgr und intemalisierter Normen und antizipierten Konsequenzen und handelt dementspre chend. Auf die Handlung folgen entweder Belohnung oder Bestrafung (enaktives Lemen). Skripte, die durch die Generierung positiver Konsequenzen wahrend ihrer Erprobung im Verhaltensrepertoire des Kindes verbleiben, we rden immer resistenter gegen Modi fikationen, denn die Starke der Enkodierung des Skripts und dessen Verflechtung mit kognitiven Sc hemata nimmt zu. Nach dieser Th eorie entwic keln Kinde r, die agg ressiven Episoden ausgesetzt werde n, Skripts, die in den entsprechenden Situationen aggressive Reaktionen vorsehen. Hinter grund fiir viele Sozialisationsmodell e ist heute die Sozialisatio nstheorie von Kohlberg (1996), der selbst wieder auf den entwicklungspsychologischen Gedanken Piagets aufbaut. Kohlberg befasst sic h unter anderem mit der Psychologie der Moralentwickl ung und fragt nach deren Grundlagen und Entwickl ungsrichtung. Fur Kohlberg ist Moralentwicklung ein universell auftretender und irreversibler Prozess, der sich individuell als Ausbildung von Gerechtigkeitsde nken niede rschlagt. Die Moral entwicklun g selbst verlauft dabei von einer partikularistisc hen zu eine r universalistisehen Normorientierung. Gewalt wird in den Sozia lisatio nsmodellen v.a. defizittheoretisch gefasst, weil sie die nicht gelingende Sozia lisatio n und eine defizltare Moralentwieklun g anzeigt. Intemalisiert das Individuum die gesellsehaftlichen Werte und Normen nieht oder nur unzureichend, orie ntiert es sich an problematischen peer gro ups oder wird es medial negativ beeinflusst, dann neigt es zu abweichendem Verhalten in Form von Regelverst6Ben, krimin ellem oder gewalttatige m Handeln. Die Lerntheorien erklaren nun, wie und warum die Gewa lt im Prozess der Sozialisation zu einer Handlun gsoption fur den Einzelnen wird. Lernpsyc hologiseh betraehtet gibt es namlich im Grunde keine Aggress ionstheorien, so nde m nur verschiedene Lemtheorien, welche die Entste hung von Ag· gressionen zu erklaren versuehen. Die Grundannahme Iautet dabei, dass Aggressio nen wie die meisten anderen Verhaltensweisen gelernt werde n und eben nieht angebo rene Dispositione n ode r Triebe dafur verantwortlich sind. Bei den Lem theorien lassen sich zunachst grob zwe i Richtungen unterscheiden: ei n behavio ristischer und ein kognitiver Strang.
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In der Anfangszeit des Behaviori smus wa r die Psyche noeh cine black box. so dass man davo n ausge hen musste, dass Umwelt ereign isse oder bestimmte Re ize Reaktionen auslosen. Lemen zeigt sich dann an entsprechenden Reaktionsveranderun-
gen. Auf der Grundlage yon Tierversuchen entwickelten Pawlow und Thorndike ihre Th eori e des Klassisch en Konditionierens. Mil Hilfe des Klassischen Konditionierens lasst sich vor alJem eine affe ktive Reaktion wie Arger und Wut auf ein bestimmtes Ereignis erkl aren (Re iz-Reaktion Lemen) , aber auch die Be standigkeit erlem ter Reflexl eistungen nachweise n. Bedeutsamer ist allerdings das Konzept des Instrumentellen oder Ope ranten Konditionierens bzw . das Lemen am Erfo lg nach Skinner (1973). Er erwe iterte die Th eor ie des einfachen Konditionie rens du rch ein e Th eori e des reinforce ment und formulierte se ine These von der sekundaren Ver starkung . Demn ach ist nicht der Reiz an sich ze ntral, so ndern die Belohnung bzw . Bestrafung eines bestimmtes Verhaltens. Fiir das Erlerne n von Aggression gelten dabei im Gru nde dieselben Le m prinzipien, die auch fiir das Erlemen anderer sozialer Verbaltensweise n w ichtig sind. Ein Verh alten, das mehrmals zum Erfo lg - z.B. zu Anerkennung - gefilhrt hat und dam it positiv verstarkt wird, w ird beibehalten und wiede rho lt. Als weitere Ve rstarkung gilt die so genannte Selbstvers tarkung: Stillschweigend e Duldung aggressiven Verhahens bei Kind em wir kt als empfundene Zuslimmung verstarkend. Beweggrilnde fur aggressives Verhalt en konn en entweder primat e physiologische Bedurfnisse oder eine sekundare Moti vation wie das Bedurfnis nach Ge ltung, Macht ode r Beachtung sei n. Der Agg ressor lemt durch die unterschiedli chen Folge n sei nes Hand elns sogar, in welcher Situ ation welche Verhaltenswe isen anwendbar sind, und kann 50 auch eine Verhal ten soptimierung durchsetzen (vgl . Joerger 1984). Nach den Prinzipien der Operanten Kon ditionierung hab en in den 1960er Jah ren Burgess und Ake rs (1966, 1973; vgl. auch Akers 1998) ihre Krlminalitatstheorie ent wo rfen : Dieser Th eori e zufo lge wird auch kriminelles Verhalten erlemt. Die Wahrscheinli chk eit kriminellen Verh altens ist dabei urn so groBer, je sta rker di eses Verh alten in der Vergangenhe it belohnt (Erhohung des Selbstw ertgefllhl s, Anerkennung, Reichtum etc. ) und j e wen iger es bestraft wurde (Angst, Kritik, Ablehnung von Fre unden, Strafen etc.). Bereits zuvor hatte Sutherland ( 1968) mit sei ner Th eori e differenti eller Kontakt e darauf hingewiesen, dass delinquentes Verhalten durch den Kontakt mit Kriminellen in per sonlichen Gruppenzusamm enhangen erl em t wird. Das Kenn enlemen krimi neller Verhaltensmuster und der entsp rechenden Motive und Einstellungen ist dafilr besonder s wichtig . In diesem recht mechanisch en Mod ell men sch lichen Lemens steigt die Wahrscheinlichkeit kriminellen Verhaltens mit der Zahl der Kontakte zu Kriminell en. Die kognitivistischen Lemt heo rien betrachten dagegen Lemen als einen sozialen Proz ess in Auseinand ersetzun g mit der natilrli chen Umwe lt. Lemen w ird als Subjekt-Um welt-Inter akti on verstanden, die sich immer auf der Grundlage bereits ausge b ildeter Strukturen vollz ieht. Die Theori e des soziale n Le mens vo n Bandura ( 1979) verbindet behaviori stische und kognitivistisch e Elemente im Erfo lgs leme n
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und im Lernen am Modell. Dem Lernen am Modell , sog. Beobachtungslernen, kommt besondere Bedeutung zu. Es besteht v.a. bei Kindern im Beobachten vorgelebter Verh alten sweisen, wobei die beobachtende Person die ihr zuvor unbekannten Verhaltensweisen entweder ubem immt ode r bereits bestehend e Verhalt ensweisen bestarkt . Durch das Beobachten von reale n wie symbolischen .Modellen" (z.B. E Itern, Erzieher oder Medien), die sich aggressiv verhalten, konnen vor allem Kinder ge nau solc he Verhaltensweisen erlernen . Es geht dabei allerdings weni ger urn Imi tation als urn die Tatsache, dass erfolgreiche aggressive Modelle allmahli ch Ei nstel lunge n verandem und GefU hle gege n Gewalt abstumpfen lassen. Wird in einer Bezugsgruppe aggressi ves Verhalt en anerkennend bewertet , dann tritt dieses Verhalten haufiger auf; jed e Aggressio n erhoht damit die Wahrsch einlichkeit weite rer Aggressionen . Das Risiko, dass die vorgefuhrten Aggression en als Mittel zu Prob leml osungen "er kannt" und eingesetzt werden, ist hoch. Das Beobach tungslernen orientiert sich in der Regel am Erfolg oder Misserfolg einer Handlung. Verspricht ein bestimm tes Verhalten Gewinn , Anerkennung und Beachtung oder dient es der Verteidi gung und dem Schutz des Einzelnen (a u6ere Effekte) oder bring t es gar Gerec htigkeitserleben, Stimulierung und posit ive Selb stbewertungen (innere Effe kte) mit sich, dann konnen positive Effekte Motivat ion zu aggressivem Verhalten sein. Wird zusatzlich noch durch Referenzgruppen posi tiv auf dieses Verhalten Bezug geno mmen, dann wird die Neigun g zu aggressivem Verhalten nochmals ve rstarkt. Das Beobachtungslernen tiber Modelle erfolgt wesentlich tiber das Bekraftigungsl ernen mittels Erfolgsprozessen. Es existieren aber noch zwe i weitere Formen des Lernen s, namlich das sog. SignalJernen und das kogniti ve Lernen. Das Signa llernen stellt im Grund e ein Lernen durch eine Konditionierung von Reiz und Rea ktion dar. Bestimmte Signal e konnen entwede r mehr oder minder automati sch oder mittels gelernter Assoziationen Affekte auslosen und gewalttatige Reakti onen hervorrufen. Aggressionsrelevante Reize sind beispielsweise Waffen , Worte, Bilder, Symbole ode r Namen . Ob die Reize jeweils auch zu aggressivem Verhalten flihren, hangt von den jeweiligen Bewertungen des Reizes aboDas kognitive Lernen geht hingegen davon aus, dass Wissen und Erkenntnisse den Umgang mit Aggressionen beeinflussen, denn beim Interpretieren und Bewerten von Situationen sowie bei der bewussten Planung und Steueru ng des eigenen Verhaltens spielen diese eine wichtige Rolle. Die Interpret ation und Bewe rtung vo n Situationen ist immer abhangig von personlichen Bedeutungsbildungen , Denkweisen und Vorkenntnissen. Aggressio nsreleva nt sind nun besonders jene sozi alen Normen (etwa Werturteile und Leitvorstellun gen), die sich auf das " richtige" Handeln beziehen und festJegen , ob eine bestimmt e aggress ive Handlun g unangemessen, verboten oder auch leg itim ist. Das aufgebaute Handlun gsrepertoire flihrt dann im Verbund mit anderen soz ialen Lernprozessen entweder zu aggressivem VerhaIten oder zu einem konstruktiven Umgang mit Konflikten. Lerntheorien werden haufig im Zusammenha ng mit Medienwirkungen bemilht, we nn es urn Gewaltdarstellungen geht (vgl. Kunczik 1987; Kunczi k/Zipfel 2(02).
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Der Theorie zufolge lernen Kinder und Jugendli che gewalttatiges Verhalten durch Nachahmung und Beobachtun g realer und fiktiver Gewa lthandlunge n. Gewaltdarstel lungen in den Medlen konnen Agg ressionen stimulieren und Nachahmungseffekte auslose n, indem sie spezielle Techniken und Praktiken ze igen. die dann nach gesp ielt werden. Die Medienwirkun gen in Bezug auf das Erlernen eige nen gewal ttatigen Handelns sind jedoch umstri tten: Nac h der Katharsisthese wird ei n angebo rener Agg ressionstrieb durch den Konsum med ialer Gewalt befr iedigt, so dass Gewa lldarst ellungen in den Me die n eher zu einem Aggressionsabbau fuh ren. Nac h der Inhibitionsthese werd en dUTCh die Rezeption entsp rechender Filme und Texte Angste ausgelos t, die zu einer Hemmung der Gewaltbereitschaft fiihren sollen. Mediale Gewa lt harte somit gewaltreduzierende Wirkun gen. Nach der Habitu alisierungsthese stumpfen die Rezipienten nach einer An fa ngsphase allmahlich ab, so dass schlie6lich emotionale Reaktionen auf Me diengewalt abnehmen ode r ga nz ausbleiben. Der Konsum gewalttatiger Inhalte in den Medien bliebe demnach weitgehend wirkungslos. Nach der Suggestio nsthese werden medial ve nnittelte Gewalthandlunge n durch ihre suggestive Wirkung nachgeahmt, so dass die Wahrnehm ung von Gewalt als Stimulus wirkt, der zu entsprec henden Reaktionen fuhrt . Nach der Stimulationsthese lost der Konsum medialer Gewa lt bei bereits frustrierten Personen Aggressionsgefiihle und Gewa lt aus. Medienkonsum konnte in dieser Hinsicht ein Reiz sei n, der eine kausale Frustrations-Aggressions Spirale in Gang setzt und zu realer Gewa lt fiihrt. Nach der Assoziationsthese hat die Anzahl der Kontakte mit medialer Gewa lt ein en Einfluss auf das Erlernen der Techniken zur Ausfiihrung gewa lttat iger Handlungen und pragt entsprech ende Motive und Einste llungen aus, die dann auc h tatsachlic h zur Gewa lt fuhren. Lernth eori en, die von einer einfac hen Kausalitat von Medienwirkungen in Rich tung auf Gewalt ausgehen, ko nnen als widerlegt gelten. Gleichwo hl erweist sich z.B. der Konsum von Mediengewalt besonders fatal fur Kinde r und Jugendlich e, die in ihrer Umgebu ng auch reale Gewalt erfa hren. Dieses dop pelte Gewalterleben steigert die Wahrscheinlichke it abweichender Entwic klungen betrachtlic h. Sozia lisations- und Lerntheorien weisen vielfaltige Ubers chneidungsbereiche auf und erganzen sich gegenseitig. Der lerntheoretische Ansatz ist dabei wese ntlich kom plexer als die zuvor behandelten psychologischen Tr ieb- und Agg ressionstheo rien. Er reagiert auf das Problem menschlich er Aggressivitat mit differen zierten Erkla rungsmodellen, so dass Lemt heorien jenseits einfacher Reiz-Reaktio nsSc hemata auch als multikausale Aggressionsmodelle angese hen werden konnen, die fiir einen Gutteil von Gewaltp hanomene n plausible Erklarunge n liefem . Allerdings bleiben sie wese ntlich auf ei ner individu ellen Erklarungsebene, so dass es ihrer Erganz ung durch Theorien bedarf, die auch Gewa lt auf einer inter mediaren ode r Makroebene erfassen kann. Dies sind insbesondere soziologische Erklarungs-
J ugendgewalt in Enlwicklungslandem
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ansatze, die Gewalt in der ein oder anderen Form als gesellschaftliches Phanomen betrachten. Sie suchen die Ursachen fur aggressives und gewaltsames Verhalten nicht beim Individuum selbst, sondern ordnen es in einen bestimmten gesellschaftlichen Kontext ein und betrachten die Bedingungen, unter denen Gewalt zu einer Option wird. 4.3 Subkulturen, Protest, intrinsische Gewalt
Schaut man starker nach gesellschaftlichen Hintergrilnden und Verursachungsfaktoren fllr Gewalt, dann stehen eine ganze Reihe von Erklarungsvaria nten zur Verfugung. Eine prominente Erkliirungsrichtung hat sich dabei mit abweichendem Verhalten, das auch aggressives und gewalttatiges Verhalten einschlieBt, beschaftigt und insbesondere auf sozialstrukturelle Faktoren zur Erklarung von J ugendgewalt abge hoben. Dabei stand die Herausbildun g von Protest- und Subkulturen, die Zusammenrottung von Jugendlichen zu Banden und Gangs sowie auch expressive Formen von Gewalt im Mittelpunkt des Interesses. Unter Subkulturen versteht man zunachst in sich geschlossene Teilkulturen, die sich in ihren Institutionen, Normen, Werten, Bedurfnissen und Verhaltensweisen, aber auch Symbolen von der gesellschaftlich dominanten Mehrheitskultur signifikant unterscheide n. Aufgrund der weiterreichenden Akzeptanz und des Allgemeingultigkeitsanspruchs der Mehrheitskultur werden Subkulturen in der Regel durch deren Normen- und Wertesysteme beurteilt. Der Grad der Abweichung solcher Subkulturen von der I lbergeordneten Mehrheitskultur kann von bloBen Modiflka tionen im Normen- und Wertesystem bis hin zu ausdrucklichen Gegenpositio nen und Oppositio n reichen - womit wiederum unterschiedliche Grade offentlicher Akzepta nz oder Stigmatisierung verbunden sind. Subkulturen sind deshalb nicht selten auch Protestkulturen, wei! sie gegen eine kulturelle Ordnung aufbegehren, die fur sie inakzeptabel ist. Die spezifischen Auspragungsformen von Subkulturen als Teil kulturen werden dabei von besti mmten gesellschaftlichen Gruppen, Schichten ode r Klassen geteilt und anerkan nt. Wenn Subkulturen naher untersucht werden, geht es in der Regel a) urn Gesellungsformen und Ehrvorstellungen von kriminellen und anderen devianten Gruppen, b) die Lebensstile und Wertorientierun gen von Schichten, Klassen oder ethnischen Gruppen, c) die Gesellungsformen und express iven Eigenheiten von J ugendkulturen, oder d) die gesellschaftspolitischen Zielvorstellungen von Protestbewegu ngen und entsp rechenden Szenen. 1m Kontext der Jugendgewalt ist der Subkulturansatz v.a. zur Erklarung abweichenden Verhaitens, also von Delinquenz und Krimlnalitat, genutzt worden. Der Ausgangsp unkt des Subkulturansatzes und der Beginn der Bntwic klung eines Konzepts kann in der angelsachsischen Soziologie und Kulturanthropologie der 1940er und 1950er Jahre gesehen werden, wo Forscher der Chicago School jugendliche Bandenkriminalitat in den USA untersuchten. Subkulturansatze gehen davo n aus, dass die Normen, Werte und Symbole einer Gesellschaft nicht gleichermaBen fur
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aile Mitglieder der Gesellschaft gelten und unterschiedlich verpflichtend wahrgenom men werde n. DUTCh Abweichungen von den .Jier rschenden Normen" entste hen dann Subkultur en innerhalb einer Gesellschaft, die einen Teil dieser Werte und Normen ablehnen und dagegen eigene bilden. Die divergierenden Normen entstehen als Anpassungsprozesse an verschiedene soziale Bedingungen. Ihr Sinn und Zweck besteht grundsatzlich darin, Spannungen abzubauen, die aus einem generellen Unvermogen ode r fehlenden institutionalisierten Moglichkeiten zur Behauplung in der Gesellschaft (im Sinne einer Teilhabe an den gesellschaftlichen Funktionssystemen und partizipativer Integration sowie der Gewinnung von Anerkenflung) entslehen. Eine Losung stellt in diesem Fall der Wechsel der Bezugsgruppe dar, weil die in der eigenen Gruppe institutionalisierten Losungen nicht mehr als angemessen erscheinen. In den neuen Zusammenschliissen enlstehen dann in Inleraklionsprozesse n gemeinsame Normen, Werte, Verhaltensweisen und Rollen und damit schlussendlich Subkulturen. Whyte (1943) und Cohen (1955) haben in ihren Untersuchungen zum abweichenden Verha lten von Jugendlichen festgestellt, dass dieses selbst keineswegs regelfrei isl, sondern bestimmte Ziele verfolgt und festen Gesetzmabigkeiten unterliegt. Mitglieder von kriminellen Jugendband en, die sozialstrukturell iiberwiegend aus der Unterschicht stammen, bilden etwa eigene Handlungsethiken und Ehrvorstellungen heraus und verletzen aufgrund von sozialer Diskriminierung und mangelnden gesellschaftlichen Aufstiegsmoglichkeiten bewusst und syste matisch die Zielvorstellungen und Werte der dominanten Kultur. Konflikte ergeben sich diesbezuglich aus dem Aufeinanderprallen bzw. der Inkongruenz verschiedener Kulturen. Die ursprungliche Charakterisierung von Subkulturen als schlichtweg kriminell wurde Anfang der 1970er Jahre von Cloward und Ohlin (1961) differenziert: Sie unterschieden zwischen bewusst kriminell ausgerichteten Subkulturen , zwischen Subkulturen, die sich durch GewaIt und Aggressivltat auszeichnen, und zwischen Subkulturen mit gesellschaftlicher Ruckzugstendenz. Diese Differenzierun g wie auch die Erfass ung der Ziele von Subkulturen fiihrte schlieBJich zur Untersc heidung von progressiven und regressiven Subkulturen (Schwendter 1971). Progressive Subkulturen sind an der Veranderung bzw. Aufbebung bestehender Herrschaftsverhaltnisse orientiert und bestehen z.B. aus politischen Gruppen oder Bewegungen; regressive Subkulturen tendieren dagegen eher zur Erhaltung bzw. zur Wiederher stellung traditioneller gesellschaftlicher Standards und bestehen z.B. aus Kriminellen, Banden oder Rechtsradikalen. Die Erweiterung des Subkul turkonzepts und die Uberwindung des konstitutiven Kriteriums der Delinquenz fiir Subkulturen fiihrte zu weiteren Forschungen tiber die Sozialisationsbedingungen und sozialstrukturelle Verortung der Mitglieder von Subkulturen sowie zur Frage nach der Freiwilligkeit oder Unfreiwilligkeit der Zugeh6rigkeit zu einer Subkultur. Infolge dieser Differenzierung wurden soziale Diskriminierung und Unterprivilegierung als wesentliche Griinde fur unfreiwillige Subkulturen (kriminelle Banden, ethnische Minderheiten, aber auch soziale Problemgruppen) angesehen. Freiwillige
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Subkulturen (wie politische Bewegungen oder religiose Gemeinschaften) st rebten hingegen bessere soziale Lebensbedingungen oder alternative Wert- und Nor menstrukturen als bewusste Alternativen zur herrschenden Kuhur an. Die Entwicklung eines kriminalsoziologisch orientierten Subkulturkonzepts hatte zunachst den Vorteil, dass rein individuelle Betrachtungsweisen delinqu enten Verhaltens an Bedeutung verloren. Kritik richtete sich gleichwohl gegen die unmittelbare Gleichsetzung von Subkultur und Delinquenz, ohne die Problemlag en delinquenter Jugendsubkulturen in Beziehung zur dominierenden Kuhur zu setzen. Dieses Vorgehen fiihrte letztlich zur Stigmatisierung und Pathologisierung sozial abweichenden Gruppenverhaltens und nicht zu einem soziologischen Verstehen. Eine andere Akzentuierun g der Subkulturforschung sieht Jugendbewegungen v.a. als Protestbewegungen. Die Erklarungen, warum Jugendliche dabei auch zu gewaltsamen Handlungen neigen, variieren. Diese reichen von einem in einer schwierigen Entwicklungsphase stattfindenden Aufbaumen gegen Vorbilder und Autoritatspersonen, urn Unabhangigkeit zu erreichen und Eigenstandigkeit zu demonstrieren. Mit dem Einsatz von Gewalt werden dann OhnmachtsgefUhle iiberwunden und Macht demonstriert. Jugendgewalt als Protestgewalt kann sich j edoch auch gegen reale gesellschaftliche Missstande richten und insofern eine wichtige Signalfunktion fllr die Gesellschaft besitzen. Gewalt ware in diesem Fall fiir die Jugendlichen ein probates Ausdrucksmittel, urn sich Gehor zu verschaffen, nachdem andere Wege politischen Handelns ergebnislos geblieben sind. SchlieBlich kann die Gewalt Jugendlicher auch einfach eine Form expressiven Verhaltens sein. Mannlichkeitsrituale und Uberlegenheitsgesten, Provokationen und ausdrucksstarke Rituale. Halbstarkengesten und Kraftmeiereien sollen Aufmerksamk eit erregen und Respekt sichern. Sie dienen der korperlichen Selbstvergewisserung, sind Mutproben oder Initiationsriten und sind in diesem Faile hauptsachlich dazu da, Anerkennung und Ak.zeptanz in der peer group zu erreichen oder besonderen Mut unter Beweis zu stellen. Expressives Verhalten und Lust am Zoff kann sich jedoch auch unterschiedlich begriindeten Frustrationen schulden und eine Art Ventil fur Aggressionen darstellen. Wenn Jugendliche in S anden und Gangs zu Gewalttatem werden und Gewalt auch real ausuben, dann fiihrt das nicht nur zu der Frage, welche Prozesse, Umsta nde und Bedingungen uberhaupt zur Gewalt fiihren, sondern auch, welche Erfahrungen fiir die Jugendlichen mit ihrer Gewalttatigkeit verbunden sind. Haufig ist namlich ein weit iiberschieBendes AusmaB an Gewalt festslellbar, was sich verniinftigen Zweck-Mittel-Relationen vollkommen entzieht. Das Konzept der .Jntrinsischen Gewaltmotive'' (Sutterliity 2002, 2007) will dazu beitragen, wesentlich e Dimensionen von Gewalthandlungen Jugendlicher (Gewaltinteraktion, Erfahrung der Gewaltausiibung, Interpretation dieser Erfahrung) zu erklaren, die offensichtlich von einer spezifischen Brlebnisqualitat und Erlebnisintensitat (Gewalt als kick und thrill oder als excitement) getragen werden. Ausgangspunkt ist hier die Uberlegung, dass sich mit der Ausiibung von Gewalt durchaus positive, wenn nicht gar
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lustvolle Erlebnisse verbi nden, die darauf hinweisen , dass Gewalthandlungen von Motiven geleitet sein konnen, die sic h auf keinen Zweck und kein en Wert augerhalb dieser Handlungen beziehen. Die Motive, d ie zur Gewalthandlung fl lhren, gehen dabei in der Regel auf spezifische Oual itaten der Erlebnisse zuruck, welche die jugendlichen Tater wah rend der Gewalta usub ung erfahren. Drei Dimen sionen lassen sic h dabei unterscheiden : Oer "Triumph ph ysischer Uberlegenheit" fu hrt zu auf den Tater bezogenen Machtgefiihlen , bestat igt sein Se lbstwe rtgeflihl und verleiht ihm die Gewissheit einer gewissen Gro Be und Starke. Die " Lust an den Sc hmer zen" der Opfer ist ein zweiter wic htiger Bezugspu nkt der Gewaltmotivation Juge ndlicher, der ein tiber den eigentlichen Anlass weit hina us gehendes und vcllig unverhalt nismabiges MaB an Gewalt erklarl ich macht. In der " Oberschreitung des A lltaglichen" kann schlieBlich die dritte Dimension intrinsischer Gewalt gese hen werden. Die motivierende Kraft zur Gewalt erwachst hier aus der Entgegensetzung zu den Routinen des alltaglichen Lebe ns mit sei nen Zwa ngen und Frust rationen. Der Akt der Gewalt wird als korperlicher A usnah mezustand enthusiasmierend erfahre n, so dass sich auch darin eine Triebfede r gewalttatigen Handelns erkennen lasst. Intrinsisch e Gewa ltaustibung bedarf aber bestimmter biog rap hischer Pradisposltione n, damit Jugendlich e solehe Gewa ltmotivationen uberbaupt ausbilden konnen . 50 ist etwa auf die Bedeutun g der familiaren Sozialisation und damit verb undener Erleb nisse wie Missachtung und Gewalt hinzuweisen. Epiphane Erfahrunge n (als biograph ische Wendepunk te in der Wahrnehmung von Gewa lt) und der A ufba u gewaltaffiner Interpretationsregimes erleichte rn und ermogfichen Jugendliche n sodann in de r Regel den RolJenwechsel vom Opfer zum Tater. Schliebl ich besteht ein dritter wic htiger Punkt in der Herausbildu ng sog. Gewa ltmyt hologien, in de nen die normativen Au fladunge n ausgetlbter Gewalt zum Ausdruck kommen. Dam it schlieBt sich dann der Kreislauf der Gewalt, der auf Gr und vo n Gewalterfahrung und Missac htung mit dem Opferstatus in der Kindheit beginnt und sich tiber positive Erlebni sse mit Gewal t und epiphanischen coming outs zu einer eigenen Taterbiog raph ie verdic htet, in der gewaltaffine 5it uations interpretationen und Mytho logien vo n Gewalt schlieBlich die Entwic klung einer Gewa ltkarriere beforder n.
4.4 Modernisierun gstheorien Modernisierungs theorien haben sich in sehr unterschiedlicher Art und Weise mit der Erklarung von Gewaltphanomenen befasst. Dabei sind im Grunde zwei Richtunge n zu differe nzieren: Modemi sierun gstheorien als allge meine Entwicklungstheorie n haben nach den generellen Antriebsprozessen fur sozialen Wandel insbesondere auf einer Makroebe ne gefragt und dabei zunachst den Uberga ngsp rozess von der trad itionellen zur modernen Gese llschaft, sparer auch soziooko nomische und politisc h-kulturelle Entw icklungsprozesse innerha lb sich modernisierender Gesellsc hafte n im Blick gehabt. Als solche haben sie sich nur se hr allgemein mit Ge-
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waltphanomenen auseinander gesetzt und eher einen interprelatorischen Rahmen fur die Verortung von Gewalt in der Moderne geliefert (Wehling 1992). Als spezl fische Entwicklungstheorien haben sie sich v.a. mit den Prozessdynamiken in moderne n Gesellschaften beschaftigt und dabei jene von Modemisierung verursachren krisenhaften Entwicklungen in Betracht gezoge n, in deren Gefolge es auch zu Gewalt kommt. Hier geht es insbesondere urn die Widerspruche und Paradoxien gesellschaftlicher Modernisierung, die auch fur Gewaltphanomene einen konkreten ErkHirungsrahmen bereit halten. Die fruhen Modernisierungstheorien waren als allgemeine Entwicklungstheorien von einem unerschtltterlichen Fortschrittsoptimismus gepragt. 1m Verlauf von Entwicklung, die ziemlich unilinear und unverbruchlich von der traditioneJlen zur modernen Gesellschaft verlaufend konzipiert wurde, werden aile Entwicklungshemmnisse beseitigt und setzen sich all jene entwicklun gsfordemd en Aspekte durch, die schlieBlich die Gesellschaften dem verdeckten Idealbild der fortgesc hrlttensten westlichen Industriegesellschaft annahern sollte. In diesen und auch spateren Konzeptionen von Modernisierungstheorien herrschte im Grunde der Traum von der gewaltfreien Moderne (Joas 1994) vor: Mit der Durchsetzung von Modernitat, mit der zunehmenden Hoherentwicklung und Ausdifferenzierung von Gesellschaften und der dazugeh6rigen Affektmodellierung des Individuums wurde sich die Frage der Gewalt quasi von selbst erledigen. Diese uberaus naive und im Grunde auch mechanische Vorstellung von Entwicklungsprozesse n ging mit der Krise der Modernisierungstheorien in den 1970er Jahren verloren. Die Revitaiisierung der Modernisierungstheorien in den 1980er Jahren erfolgte dann unter ganzlich anderen Vorzeichen: Nicht mehr die nachholende Entwicklung traditioneller Gesellschaften wurde als Modemi sierung begriffen, sondem Modernisierung bedeutete nun die Weiterentwicklung evolutionarer Mechanismen funktionaler Differenzierung und gesellschaftJicher RationaJisierung. Durch das neue Design wurde es moglich, Modem isierung sowohl als krisenerzeugenden Prozess wie auch als dessen Lcs ung zu betrachten. Mit dem Topoi der Modemisierung der Modemisierung konnten namllch Krisenerscheinungen moderner Gesellschaften an Kontinu itatsvorstellungen gesellschaftiicher Modemisierung zuruckgebunden werden, so dass Krisen einerseits als Foigeprobleme von Modernisierungsprozessen wahrgenommen wurden oder aus einem Mangel an Modem itat erwuchsen, andererseits eine weitergehende Modernisierung bei Identifizierung und Beseitigung moglicher Modernisierungshindemisse und Modernisierungsblockaden grundsatzlich moglich war. Das halte auch Auswirkungen auf den Umgang mit Gewalt und die Verortung von Gewalt in der Moderne: Wahrend ein Autor wie Munch (1992) in seinen Studien zur Struktur und Kultur der Moderne den alten Gegensatz von Tradition und Modernitat wiederbelebte und die Gewa lt als Randphanomen der Gesellschaft betrachtet - sie quasi zur Ausnahme in der Modeme macht -, und Gewaltherrschaften als Bewegungen gegen die Moderne bzw. Verkorperung von Antimoderne interpretiert, unterscheidet Habermas (1990, 1998) zwischen gesellschaftlicher Moder-
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nisierung und dem Projekt der Modem e. Wahrend ihm das Projekt der Moderne mit sei nen aufklarerischen Idealen unerlasslich fur cine verniinftige Gestaltung der Lebensverhaltnisse der Menschen ist, sieht er die Gewalttatigkeiten und Barbareie n des 20. l ah rhunde rts als Auswiichse von Modemisierungsprozessen , die sich aus den Ambivalenzen und Widerspru chen modemer Gesellschaften selbst ergeben. Entzivilisierungsp rozesse, Gewalt und Barbareien sind Schattenseiten der Modem e und stellen Verirrungen dar, die das Projekt der Moderne begleiten. Erst T heorien der reffexiven Modern isierung haben die Moderne mil ihren eigenen Krisenprozessen und Folgeproblemen konfrontiert und aus dieser Konfrontation cine erneuerte Th eorie gesellschaftlicher Modernisierung begrundet. So kann etwa Beck (1993) vermei ntliche Nebenfolgen der Modernisierung, aber auch Gewa lt, als gleichurspr tingliche und gleich wichtige Phsnom ene den eige ntlichen Modernisierungsprozesse n gege nuber stellen, er vennag die Unterminierung von Modernlt at aus den Prinzipien der Modeme zu verstehen, und Gegenmodern isierung als die Nachtseite der Modemi sierung zu fassen, die gleichwohl untrennbar miteinander verbunden bleiben. Diese Dialektik von Modemi sierung und Gegenmodernisierung erlaubt es ihm, Modemi tat und Gewa lt als zueinande r gehorige Aspe kte zu fasse n und sie nieht gegeneinander auszuspielen (vgl. 1mbusch 2005 : 70ff.) Der andere Strang von Modernisierungstheorien befasst sich hingegen mit den konkreten Widersprtichen und Paradoxien gesellschaftlicher Moderni sierungsprozesse (van der Loa/va n Reije n 1992), die sich in Gewa lt niederschlagen konnen. Fragen gesel lschaftlicher Modern isierung we rden hier v.a. auf der Basis von Begriffen wie Differenzierung, Rationalisierung und Individu alisierung behandelt. Zentrales Grundmuster modemer Gesellschaften ist dabei zunachst ihre funktionale Differenzier ung. Sie gilt vielen Modernisierun gstheorien als Fortsehritts mec hanismus par exce llence, weil sie dazu beitragt, themen- und funktionsbezoge ne EigenJogiken in einzelnen gesellsehaftlichen Subsystemen durchzusetzen, die zu jener Dezentrierung de r soziale n Welt fiihrt, die diese ohne steuerndes Zentrurn erseheinen lasst. Die funktionale Ausdifferenzierung von Gese llsehaften fuhrt auf der einen Seite zu einer enonne n Anpassungs- und Integrationsfahigkeit, ande rerseits zeitigt sie aber auch negative Foigen: Funktionale Differenzierung ist beispielswei se nieht mit ubergeordn eten und allgemein verbindliehen Sinn- und Wertordnungen vertraglich und sie lost althergebraehte traditionelle Strukture n auf. Sie fordert Seg mentierung, Heterogenltat, Pluralismus und Wahlchancen und produziert damit Sinn- und Orientierungskrisen. Wird darauf mit fundamentalistischen Haltungen reagiert, steht die Wiedereinsetzung alter Werte und Tugenden und beizeiten ihre gewa ltsa me Durehsetzung auf der Tagesordnung; wird darauf relativistiseh mit Gleichgtiltigkeit gegentiber den Normensysteme n reagiert, dann bedeute t das auf Dauer die Zersto rung der sozialen Kohaslon einer Gesellsehaft. Rationalisierungsprozesse fiihren auf der einen Seite zur Autlcsung von Mythen, zur fortsehreiten den Entzau berung der Welt und zur Beseitigung religioser Weltbild er, zur Ve rwissensehaftlic hung des Lebens und zur Einsetzung der Vern unft als obers tem MaB-
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stab fiir sozia les Handeln. Auf der anderen Seite zersto ren sie jedoch auch ei n religios fundiertes A ufgehobensein und sinnhafte Bedeutungszuschreibun gen an weltliche Gesc hehnisse , losen dami t verb unde ne individuelle Orie ntierungsmabstabe und Verhaltenssicherheite n auf und versta rken ein kaltes, zweckrationales, ausschlie8lic h an Niitzlichkeitskriterien orientiertes Handeln. Individu alisierun gsprozesse haben einerseits starre und uniiberwi ndliche Klassen- und Sc hichtz ugeho rigkeiten aufgelost, enorme Aufstiegsmoglichkeite n und Entscheidungsfreiraume fiir den Einzelnen gesc haffe n und zu ei ner kulturellen Pluralisierung o hneg leichen ge fuhrt, aber andererseits auch zur Sc hwac hung von sozia lem Kapi tal und herkommlichen Vergemeinschaftungsfo rmen beigetragen, zu Vereinzelun g und Verunsiche rung gefu hrt, auf die milieuspezifisch auch mit Gewalt reag iert wird. Durch dieses Zuruckgewo rfensein auf sich selbst und die groBeren individuellen Freiheiten gehen Uberforderungsprozesse im Hinblick auf gelingen de Lebensentwiirfe einher und die Wahrung und Ausbild ung ei ner eige nen Identi tat wird immer schwieriger, wei l herkommli che Werte und Sozialisationsinstitutio nen keinen geniigende n Halt mehr bieten. Auf die allfallige n Ohnmachtsge fuhle wird vielfac h mit negativer Integration in problematische Bezugsgruppe n reagiert. Deren Weltbilder ve rbiirgen dann etwa mit Ideologien de r Ungleichwertigkeit und der Gewalt Sic herhe it und O rdnung. Rasc he Modernisierungsprozesse und schneller soz ialer Wandel bieten zudem wenig Anlass fur die Wiedergewinnung von A utonom ie und S ubjektivitat: Die ..Entwicklungsrhythmen einer Gese llschaft ... verlaufen keineswegs kon tinuierl ich, so ndern Diskontinuitat ist die Regel; die Kultur-S truktur-Entwicklung ist zumeist von Asynchronitat gekennzeic hnet; nicht Gleichzeitigkeit, sondern Ungleic hzeitigkeit bringt Wand el wie Krisen hervor; nicht konsistente Entwicklunge n, sondern Wiederspriiche werde n als Movens von Fortsc hritt angenommen ... Modemlsierung verlauft nicht glatt, sondern ist du rch setzt von Paradoxien, und Ambivalenzen werden zum zentralen Kennzeichen der Moderne erhoben." (Heitmeyer 1997: 50) Durch die Auffosung sozia ler Bindungen, die Integrationsprobleme traditio neller Vergemeinschaftungsmechanismen und den Bede utungsverlust von verbindliche n Normen und Wer ten drohen betrachtliche Anomiegefahren, zumal d urch Globalisierungsprozesse der Veranderu ngsdruck aberma ls steigt. Globalisierung schleift kulturelle Beso nderheiten weitgehend ab, relativiert die Bede utung des Natio nalstaats als zentralem Ort politischer Entscheidunge n und als identitatsstiftendem Bezugspunkt der Bevdlke rung. Die dadurch ausgelcste n Gefli hle von Ohnmac ht und Uberwal tigung im Verbund mit de n als ubermachti g empfundenen Ko nkur renz- und Verwertungslogiken des global isierten Kapitalismus starke n utilitaristische Verhaltensweise n und mache n einen iibersteigerten Individualismus hoffah ig. Sie erhohen das Konfliktpotenzial von Gese llschaften und fiihren beizei ten zu ano misc hen, rege losen Protesten, zu blindem Hass und vaga bundiere nder Gewalt. Fur die Modernisierungstheorien ist die Gewa lt also im Grunde eine Foige nich t vera rbeiteten sozia len Wandels, sie ersc heint nachgerade als eine Bewaltigungs-
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stra tegic fur die aus Modem isierungspr ozessen herriihrend en Paradoxien und Am bivalenzen. Welche Formen Gewalt dabei annimmt und welche Zielrichtung sic hat, muss jeweils kontextspezifisch geklart werden. Dies bezuglich sind Modemisierungstheorien jedoch auf andere und erganzende Theo rieangebote angewiesen , welche durchaus Pramissen der Modernisierun gstheorien teilen.
4.5 Tbeorien relativer sozialer Deprivation Zu den gelaufigsten Erklarungsansatze n fl lr das A uftreten von Konfl ikte n und Ge walt zahle n in den Sozialwissenschaften T heorie n der relativen und absoluten sozialen Deprivatio n. Sie entstanden in den 1960er Jahren in den USA, als zunehmend offensichtlich wurde, dass die Versprechun gen der Modemi sierungstheorien auf materielle Besserstellung und sozia len Fortschritt keineswegs fur aile Bevclkerungsgruppen gelten wtirden. In ihren klassischen Ausformulierunge n der Theone fragten Davies (1962) und GUIT (1968, 1970) zunachst danach, wie Revolutione n und Revolten entstehen und wann bzw. unter welchen Umstanden ihr Auftreten wahrscheinlich sei. Ihre Antwort: Gewaltsame Konflikte von der Rebellio n bis zum Burgerkrieg si nd das Resultat bzw. die Foige von Armut und Ungleichheit. In der Folgezeit ist der Zusamme nhang zwisc hen sozia ler Vngleich heit und Gewalt immer wieder hergestellt worden: Das Gros gewalttatiger Kontli kte findet sich in sog. low income countries. Mehr als die Halfte der Staate n Afrikas sind in den letzten 25 Jahren in gewalttatige und langandauemde KonfIikte verst rickt gewese n, so dass Armut und schlechte wirtschaftliche Bedingungen als wichtigste strukturelle Faktoren fiir Gewa ltausbruche genannt wurden. Der Zusammenhang von groa er sozia ler Ungleichheit und Gewalt ist auch auf dem lateinamerikanischen Kontinent gut belegt. Hier findet sich nicht nur die weltwe it groBte soziale Ungleichheit (gemesse n am Ginl-Index) , sondem zugleic h endem ische Formen der Gewalt. Schlie6lich zeigt sich der Zusammenhang von Ungle ichheit und Gewa lt auch in der zunehmenden Zahl von Slums auf der Welt. Wie in einem Mikrokosmos verdic hten sich hier soziale Not, Unsicherheit, Kriminalitat und gewalttatige Auseinandersetzungen zwischen den Bewohnem dieser Elendsviertel in Foige von relativer oder absoluter soziale r Deprivatio n. Die Gewalt wird dabei ganz uberwiege nd von ju ngen Leute n ausgeubt. Insbesondere die Theorien relativer Deprivation haben einen prominenten Status erlangt. Denn nicht absolute Verarmu ng fl lhrt zu Widerstand und Protest, sondem lediglich relative Armut. Ein Kem merkmal diese r Theorien ist ihre sozia lpsychologische Fundierung, auch finden slch Anlehnungen an die FrustrationsAgg ressions-Hypothese : Vnter relativer Deprivation versteht GUIT entsprechend die wahrgenommene Diskrepanz zwischen den Werterwartungen des Menschen und ihren Wertanspruchen, d.h. die Diskrepanz zwischen den Gutern und Lebens-
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bedi ngungen, die ihnen nach eige ner Uberzeugung zustehen, und den Gutem und Bedingungen, die sie ihrer Meinung nach tatsachli ch erla nge n und behalten ken nen. Zu den zentralen Glitern und Werten zahlt Gurr etwa Wohlstand, soziookonomische Wohlfahrt und Macht, aber auch Zuneig ung, Wertschiitzun g und Liebe. Benachteiligung und Deprivation fuhren, da die eige nen As pirationen nich t verwi rklicht we rden konnen, in der Regel zu Unzufriede nheit und Frustration, sie sc hlagen dann in Protest und gewalttatlgen Konflikt urn, wenn die Benachteiligten diese Situation als ungerecht bewe rten und glauben, dass Gewalt an dieser Benach teiligung etwas andem kann. Frustrierte Erwart ungen sind damit letztendlich die Basis fi ir kollektive Aggression und Gewa lt. Fur die Einschiitzung der Ungerechtigkeit sind wie der um soziale Vergleichsprozesse aussc hlaggebe nd. Bereits Davies hatte darauf hingewiesen , dass Erwartungen bezuglich der Verbesserung der eigenen sozia len Lage in die Zukunft projeziert werden. Klaffen die erwartete Bedurfnisbefriedigung und die Realitat der tatsac hlic hen Bedurfnisbefriedigung a llzu weit auseinande r, dann entst eht eine nicht tolerierbare Kluft zwischen beide n und es ko mmt zu Unmut und Spannungen, die sich in gewaltsamen Kontlikten entladen konnen , In das Konzept der relativen Deprivation flieBen also Erwart unge n und Wahmehrnun gen ein, so dass kognitive und normative Elemente die Verbindung bilde n zwischen der subjektiven Seite des Individuums und den obje ktiven gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen. Ob relative Depr ivation empfunde n wird, ist demnach nicht zuletzt abhangig von der Legiti mitiit herrschend er Ungleichheilen. Da Legitimitat aber sozial konstruiert ist, bestehen nicht nur er hebliche Differenzen bez uglich der Bedeutung und Schw ere der sozialen Ungleichheit innerhalb einer Gese llschaft, sondem auch zwischen den Gese llschaften hinsichtlich ihrer jeweiligen Praferenz fiir unterschiedlich e Verteilungsprinzipien. Es sind wese ntlich drei Muster relativer Deprivation unterschieden worden : Dekreme ntelle Deprivation : Hier gibt es einen groBen Konsens binsich tlich de r als legitim erachteten und anzustrebe nde n Werte, der uber die Zeit kaum variiert. Gleichwo hl wird die Wahrscheinlichkeit, die Wertposition auch wirklich zu erreichen, als immer geringer eingeschatzt. Das Gefuhl relativer Deprivat ion stellt sich in diesem Fall im Vergleic h zu dem ein, was in der Vergangenh eit moglich wa r. Dekrementelle Deprivation ist am haufigsten in traditionale n Gesellschaften anzutreffen. Aspirationale Deprivation: Hier kommt es zu einer A usweitung der Werte rwartungen o hne Aussicht darauf, dass auch die Moglichk eiten zur Wertrealis ierung zunehmen. Gefuhle der relativen Deprivatio n treten deshalb auf, weil die Menschen der Meinung sind, dass ihnen Mittel und Moglichkeiten fehlen, ihre neuen legitimen Wunsche auch zu realisieren . Diese Art der Deprivation entsteht haufig d urch den Kontakt mit fortgesc hritteneren Gesellschafte n oder S ubgruppen, in der Konfrontation mit neuen Lebe nsstilen ode r attraktiven sozialen Milieus.
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Progressive Depri vation : Hier handelt es sich im Grunde urn einen SpezialfaJl
der aspirationalen Deprivation. Gefuhle der Deprivation entstehen, wenn die proj izierten Werte rwartungen nicht meh r durch die obj ektive n Moglichkei ten
der Wertrealisierung eingelost werden konnen. Beispiele waren hier plotzl lch her einbrechende wirtschaftskri sen, hahe Inflation etc. Die konkreten Auswirkungen sozialer UngJeichheit auf das Konf'likt- und Gewaltpotenzia l von Gesell schaften haugen dann von ein er Reihe kompl exer Bedingungen abo GUIT hatte komplexe Kausalmodelle zur Erklarun g poli tischer Gewalt mit einer Vielzahl vo n Variablen entwic kelt, urn die Zusammenh ange zw ischen sozialer Un gleic hheit und gewaltsamen Prot estverhalten aufzeigen zu konnen . Neben dem Po tenzial fur kollekt ive und politische Gewalt bescha ftigte er sich auch mit dem resullierende n Umfa ng und AusmaB der Gewalt und den zu erw art end en Ar ten und Formen der Gewalt. Den Umfang pol itisc her Gew alt maB er am Grad der Beteiligun g der Bevo lkerung, der Intensltat der Gewalthandlungen und der Dau erh afti gkeit der Ge waltanwendung. Ais For men politisch er Gewah betracht ete er tumu h ar tige Au fstand e, Verschworun gen und Blirgerkriege. Und er beschaftigte sich mit intervenierenden gese llschaftlichen Vari ablen und den komplizierten Ausreifungspro zessen von politischer Gew alt . Die neuere Ungleic hheits-, Konfliktursache n- und Gewaltforschung hat mit ihren Erkenntnissen vielfaltig an die Schemata von Gun u.a. angeknupft und di ese weiter entwickelt (Imbusch 2008). Insbesondere die Tatsac he, dass es groBe soziale Ungleic hheiten, Armut und Exklus ion gibt, ohne dass sic h die benachteiligten und disk riminierten Bevolkerungsteile gegen ihre soziale Lage aufleh nen, hat zur weiteren Verfeinerun g der Modellbildung beigetragen und die Stichh alti gkeit einer d irekten Kausalitat vo n groBer sozialer Ungleichheit und Gewah konfli kten hinterfragt. Denn in den seltenste n Fallen ist ein Faktor allein fiir die Entstehung vo n Konflikten ver ant wortlich . Fur die Erklarung politischer Ge walt, von Burgerkr iegen und Rebellionen mussen vielmehr vers chiede ne Faktoren und deren Inte rde pe nden z in Betracht gezogen werden. Denn die Entscheid ung fu r de n Einsatz von politischer Gewalt ist immer ein ko mplexer Prozess, der viele Akteure umfasst und eine Vielzahl von Bedin gungen und Ums tande n kennt. Will man gar ein theoreti sc hes Erklarungs modell fiir Ge waltkonflikte entwickeln, wird man nicht nur zwisc hen Hintergrund - und Vo rdergrundbe dingunge n unterscheiden und vielfa lt ige inter akti ve Variablen berucksichtigen mussen , sondem auch eine Mehrebenenanalyse du rchzufuhren haben , weil es bekarmtlich nur sehr we nige notwendi ge, abe r se hr viele hinr eich ende Bedin gungen fur gewaltsame Auseinan dersetzun gen gl bt. Auch wenn unvorteilhafte soziookonomische Lebensbedingunge n, Armut und Exklusion zu den zentralen Hintergru ndu rsachen filr Gew alt za hlen, so ist weder 50 ziale Ungleic hheit an sich noch soz iale Depri vatio nsprozesse per se gewa lttracht ig. In de m folgend en Mod ell we rde n desh alb grundlege nde Struktu rbed ingung en mit Handlungsbedin gun gen und intervenierenden Vari ablen mit Einfluss auf ein
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Konfliktgeschehe n verkndpft und tiber langfristig wi rkende und kurzfristig w irksame Faktoren zu einer Mehrebenenanalyse vo n Konfli ktve rlaufen zusammen gebracht (vg l. Imbusch 2(08). Es lassen sich zunac hst vier Fakto ren als zentrale Verursacher von gewaitsamen Konflikten als stru krurelle Hintergr undfaktoren ausmachen: schlechte soziookonomisc he Bedi ngungen und grav ierende Formen sozialer Ungleic hheit. repressive politische Systeme und auto ritare Staaten, Umweltbedi ngungen und der Niedergang erne uerbarer Ressou rcen, und di e Politi sierung ethnischer Identitaten . Damit strukturelle Hintergrundursachen allerdi ngs wirksam we rden konnen, bedarf es zwingend ihrer Ergan zung durch Handlungsbedingunge n und Mobilisierungsstrategien der betroffenen Akteure. Daz u zahlen die Perzeption der Illegitimitat der sozialen Ungleichheite n, die Empfi ndung von Unge rec htigkeit und moralisch er Bmpdru ng, soziale Ve rgleichsp rozesse , enttauschte normative Erwartunge n an soziale n Fortsc hritt , die Orga nisie rbarkeit und Pol itisierbar keit von Interesse n, kollektive Schuld- und Verantwortungsz uschre ibu ngen an externe Akteure . Gewalttatig ausget rage ne Konflikte haben jedoch in der Regel nicht nur strukturelIe Ursac hen, die auf gunstige Handlungsbedingu ngen treffen, son dern das Konfliktpanorama wird auch durch eine Reihe kondi tion ierender Variablen, d urch Au slcsef ak toren und katalysatorische Prozesse bestimmt. Ko nd itioniere nde Variablen sind etwa d ie Macht eines politischen System s und seine Rechtmabi gkeit, die Begrenzung von Anspriichen und Anrechten, die Starke des Gegners und seine mc bilisierbaren Ressource n, di e Legiti mitat des bewaffneten Kampfe s, sowie das Vorhandense in von Unte rstiitze rgruppen in der Bevolkenmg. A usloser sind sodann jene Faktoren, die das Timing und den Beginn des jeweiligen Konflikts bestimmen. Solche trigger liegen in der Regel zeitnah vo r dem eigentlic hen Beginn der Auseinandersetzungen und bestehen aus : Provokationen des polilisc hen Gegners, po litisc hen Missgeschicken , Emporung auslose nden Akten der Gegensei te , oder beliebigen Anlassen fiir Rache oder Vergeltung. Kata lysatore n beeinflussen dagegen die lntensitat und Dauer haft igkeit eine s Konflikt s. Zu ih nen zahlen: interne Faktoren wie das militarische Krafteverhaltnis, veranderte Zie lsetzungen , d ie Ersch opfu ng der Konfli ktparteien etc., exteme Faktoren wie bewa ffnete Interventionen , Beobachtermissionen, Hil fslieferungen Dritter etc .,
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bestim mte Taktiken wie Aufstandsstrategien oder Guerillamethoden, Naturgegebenheiten wie Landschaften, Wetter, Jahreszeiten, materielle (Waffen, Geld etc.) oder kulturelle Faktoren {Einschatzungen, Interpretationen, Legitimationen etc.). Es sind also nicht Strukturen sozialer Ungleichheit oder Prozesse relativer Depriv ation an sich, die automatisch fur Gewaltpotenzial sorgen. Vielmehr sind es spezifische Bedingungen und Umstande wie die Legitimitat einer bestimmten Verteilungsordnung, die Politisierung sozial ausbeutbarer Tatbestande, die Mobilisierung von Ungerechtigkeitsempfindungen sowie spezifische Ausl6ser und Katalysatoren, die dafiir sorgen, dass iiber gewaltsame Eskalationsprozesse soziale Ordnunge n in Gefahr geraten. Die Konf'liktivitat sozialer Ungleichheit hang! letztlich stark vom Stellenwert der Ungerechtigkeit, von Missachtungserfahrungen und Ane rkennungsdefiziten abo lnsofern ist die in soziale Ungleichheit eingelagerte Frage der sozialen Gerechtigkeit und der Legitimitat der Schlussel fur den Zusammenhang von Ungleichheit, Deprivation und Konflikt.
Schaubild 2: Prozessmodell zur Entstehung und Entwicklung sozia ler Konflikte und Gewalt Strukturbedingungen
Intervenierende Faktoren
Wahrnehmun g und Verarbeitung sozialer Ungleic hheiten
y
Art und lnte nsitat
• Ko nditionierende Variablen
c)
d O'
Konfiikt-
• Ausloser
austrags
- Katalysatoren
und der Gewalt
Handlungsbedingungen
(P . lmbusch : Die Konfliktivitat sozia ler Ungleichheiten, 2(08)
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4.6 Die Desintegrationstheorie A uch der Oesintegrationsansa lz kenr u den Zusammenha ng von unterschiedli chen Forme n der sozialen Ungleichheit und einem erhohten Konfliktpotenzial, ge ht es ihm doch grundlege nd urn die ErkHirung von Phanomenen wie Gewaltkrimina litat, Rechtsextremismus und ethnisch-kulturellen Konffikten (Heitmeyer 1994, 1997; Anbut/Heit meyer 2000) . Oesintegration indiziert irn Grunde die nicht einge losten Leistunge n von gesellschaftlichen lnstitutionen , exi stenziel le Grundlagen der Gesellschaft und perso nliche Unverse hrtheit sicherz ustellen. Der Desintegration sansatz reflektiert insbesond ere die Paradoxien gesellschaftlicher Modemi sierungsprozesse: In Anbetrac ht der Entwic klungspote nziale moderner Gese llschaften wa ren die Integrationschancen nie grober als gege nwartig, gleic hzeit ig sind jedoch a uch die Desintegrationsgefah ren nie groBer gewe sen. Oer Grund dafiir kann darin gesehen werden, dass sich im Zuge des raschen sozialen Wandels ei nerseits zahlreiche Integralionshemmnisse auflose n, andererseits sich jedoch neuartige auftun. Die Dynamik rnoderne r Gese llschafte n birgt daher einige An tino mien, die Heit meyer ( 1994) ursprilnglich wie folgt gefas st hatte: Je mehr Freiheit sich durchsetzt, desto weniger Gleichheit gibt es; je wen iger Gleichhe it vorhanden ist, desto mehr Konkurrenz findet statt; je meh r Konku rrenz tobt, desto weniger Sol ida ritat gibt es noch; je weniger Solidaritatsreserven vorhanden sind, desto mehr Vere inzelung ist die Folge; je meh r Vereinzelung es gibt, desto we niger findet noch soziale Einbind ung statt; je we niger soziale Einbindung vorhanden ist, dcsto mehr rucksichtslose D urchsetzung von Eigeninteressen gibt es. Diese Am bivalenzen schlagen sich nieder in Auflosungsprozessen von Lebensz usammenhangen und Bezie hungen zu anderen Personen (Zer fall der Familie, Heterogenisierung soz ialer Milieus), in A uflosungsprozesse n der faktische n Teiln ahm e an gesellschaftlichen Institutionen (mange lnde Integration durch Arbei t und tiber Wahl en) und in Auflosungsprozesse n gemeinsamer Werte und Normen (s tarke Subje ktivierung und Pluralisierung von verbi ndlichen Leitvors tellungen zur Gesellschaft). Die Grundthese des Ansatzes lautet daher: Mit dem Grad an Des integratio nserfahrun gen und Desintegrationsangsten nehmen das AusmaB und die Intensitat sozialer Konflikte zu und nimmt de ren Regelungsfahigkeit abo Oer Desin tegratio nsansatz erklart also Gewa lt mit den ungenugenden Integrationsleistun gen moderner Gese llschafte n. "Mil Desintegrat ion wachst in der Regel die Gewalt. Sei es die staatliche Gewalt, urn soziale Kont rolle und Repression zu er ho hen und an die Ste lle integrativ wirksamer Politik zu setzen ...; sei es expressive Gewalt d urch soziale Gruppen, urn tiber Starkedemonstration wenigstens symbolisch Ansp ruche und Artikulation zu zeige n, oder regressive Gewalt durch politische Parteien Gruppen, die ethnische Kategorien zur Mobilisierung gege n Minderheiten nutzen."
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(Heitmeye r 1997: 30) Je hcher also der Desintegrationsgrad einer Gesellschaft ist, desto grober sind auch ihre Gewalt potenziale und die entsprechenden individuellen und kollektiven Gewalttatigkeiten. Spitzen sich soziookonomische oder ethnischkulturelle Probleml agen zu, dann kann Integration sogar zu einer Uberlebensfrage fur Einzelne oder Gruppen werden. Desintegrierte Gesellschaften sind also nicht nur deshalb besonders konfliktiv, we il es in ihnen soz iale Statuskampfe, Auseinandersetzungen urn soziale Ungleic hheit, symbolische K ampfe urn et hnische Zugehorigkeit und kultur elle Anerkennung gibt, so ndern v.a. deshalb , wei! sic in besonderem MaBe von offenen und versteckten, subtile n verdeckten Formen der Gewalt durcbzogen sind. Weil mit nachlassend er Integrationskraft einer Gese llschaft die Verteilungs-, Regulations- und Kohasionskonffikte zunehmen, konnen Gewa ltspiralen oder die Selbstzerstorung der Individuen die FoIge sein. Gleichwohl muss die nachl assende Integrationskraft und das steigende Gewaltund Sel bstze rstorungspote nzial nicht in eine erhohte ode r generalisierte Instabil itat vo n Gese llschaften munden, we i! offen repressive oder sanft ersc heinende Machtapp ara te die zunehmend isolierten und kaum noch zu dau erhaften Gruppe nbildunge n fahigen Menschen in Schach halten , monetar befriedigen oder gruppenspezifisch a usgrenzen kon nen. Entsprechend dem theoretischen Konzept des Desintegrationsansatzes ist die Gleichsetzung von Sta bilitat und Integration jedoch ebenso irrefl lhrend wie die von Integration und Kontliktfreihei t. Zu bedenken ist zudem, dass Integration immer auch Mechanismen der sozialen Kontrolle und des Zwa ngs enthalt - und damit Mach t- und Herrschaftszusammenhange reflek tiert - und es tiber bestimmte Ideologien , Religion oder problematische Zugeho rigkeitsdefinitione n auch zu eine r A rt negativen Integration mittels Ausschlu ss kommen kann. Umgekehrt kann Desintegration nicht immer ausschlieBlich negat iv interpretie rt werde n, we i! sie im Kontext beschleunigten sozialen Wandel s ein Stuck weit Normalitat verkorpert und ironi scherw eise auch soziale Distanz fur Zusammenhalt sorgen kann . Angesichts verand erter Integrations-Desintegrationsdynamiken fragt die Desintegrationstheo rie auch nach den Bedin gung en und Moglichkeit en gelinge nder Integ ratio n (Heitmeyer/Imbu sch 2005 ; Imbusch/Heitmeyer 2(08). Es geht dabei zum einen urn die individuell-funktional e System integration , zum ande ren urn die kommunika tiv-interaktive Sozi alintegration, und schlieBlich urn die kultur ellexpressive Sozialintegration. Unter die funktionale Systemintegration fallen die individuellen und kollektiven Zugange zu und Te ilnahmechancen an den wicht igsten Teilsyste men der Gese llschaft, also etwa der c konomische Zugang zum Arbeitsmark! oder zu den sozia len Sicherungssystemen , oder die politische Integration tiber Nationalbew usstsei n, Verfassungspatriotismus, Wir-Geflihle etc. Die kom munikativ-interakive Dimension bezeichnet hingegen die Te ilnahme an Vers tandigungsprozesse n tiber den Hestand ode r die Veranderung von Werte- und Nor rnensystemen oder die kulturelle Moral einer Gese llschaft. Die kulturell-expressive Sozialinteg ration umfasst dagegen jene lebensweltlichen Vergeme insch aftungen
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durch Gruppe nz ugehorigkeiten (Milieus, peer groups, Ge me inschaften), die sich Ilber kollekti ve ldenti taten , soz iale Bindungen , die Anerkermun g von T rad ition en und Ritu alen und die Akzep tan z vo n kulturellen und reli giosen Praktiken eins tellen . Unter sozialer bzw . gesellsc haftlicher Integration vo n Indi viduen und Gruppen versteht de r Desin tegrationsansatz nun di e befriedigende Losung von drei spezifisc hen Problem stellungen , die auf untersch iedlichen Ebenen anges iedelt sind : Auf der soz ialstrukture llen Ebene stellt sich das Problem der Teilh ab e an den materiellen und kulturellen Glltem eine r Gesellschaft, das durch ausreichende Zugange zu Arbeits-, Wohrum gs- und Kon summarkten siche rges tellt we rde n kann . Auf der institutionel len Eben e geht es urn die Sicherstellung des Au sgl eichs konfligierender Interessen , o hne die Integritat vo n Personen zu verletze n, was durch die EinhaItung basaler moralisch er , auf politische Glelchwertigkeit ausge ric hteter de mokratische r Prinzipien gesche hen kann. Au f der pe rsonlichen Ebe ne geht es sc hlieBlich urn die Herstellung emotio naler Beziehungen zwi sch en den Men schen zum Zwec ke de r Sinnstift ung und Selbstverwirklichung, urn Sinn- und lde ntit atsk risen , Orientierungs losi gkeit und Wertediffusion zu ve rme ide n. Nur dort, wo m6glichst vie le Aspekte der Integrat ion ve rwirklicht sind, gi bt es nach An sicht des Desintegrat ionsansatze s wirksa me Mitt el und Wege gegen Gewa lt. Dabe i wird allerdings kein direkt er und deterministisch er Zusam menha ng zwi sche n De sintegrationsprozessen und Gewaltha nde ln angenommen, sondem ein komplexes Modell der Ubersetzung von Desintegrationserfahrungen in antide mokra tische und abwertende Einstellunge n und ge wa lttatige Handlungen entwo rfen. Denn mit der Zunahme ode r Abn ahme des Umfa ngs soz ialer Integration und der sich damit verandemden Anerk ennungsbilan zen wird nur gesagt, das s sich die Potenz iale fur dysfu nktionale Verarb eitungen vo n Desintegratio nsprozess en vergroBern ode r ve rkle inem. Die ent scheidend e Fra ge ist demnach , wie mak rostrukturell e Entw icklunge n und Belastungen auf gesa mtgesellsch aftlicher Ebene mit mikrostrukturellen (i ndivid ueIlen) Dispositi onen und Erfahrungs hintergr unden zusa mmen wirke n und durch milieuspezifisch e ode r s ubkulturelle Mu ster der M eso eb en e relativiert werden. Der Desintegrati onsan satz ge ht hier von eine m Inei nandergrei fen der genannten Proze sse bzw. ihrer wechsel seitigen Ve rschrankun g aus (vgl. Anhut 2005 : 384). Nich t j ede Desin tegration serfahrung iiber setzt sich also in antisoziale Einstellunge n oder gewalttatiges Verhalte n, wei l dem Individuum in der Regel bestimmte Verarbeitungsformen vo n Desin tegrati onserfahrungen zur Verfu gung stehen : In spezifisc he n sozialen Kompeten zen , sozialen Vergleichsp rozessen und Mili eu zugeh 6rigkeiten konn en einlge der wichtigsten Einflussfakto ren auf die Verarbeitungsmuster vo n Desintegr ation gese he n werde n. Db es dariiber hinaus im Einze lfall zu gewaltsa me n individu ellen oder kollektiven Rea ktionsmustem
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kommt, hangt zudem vo n Folgenabschatzungen, Gelegenheitsstrukturen und kon fliktrelevanten Mobilisierungsfaktoren ab o
Schaubild 3: Die Ubersetzung von Desintegrationserfahrungen in fremdenfeind liche Einstellu ngen und gewalttatiges Handeln
•
Biogra-
Sozia le
Eigenncrmen, Situa tionsdefinitionen, individu elle Ge legenheitsstruktur en
Kompetenzen
phisch vorgangige Desintegra-
Aktuelle Desintegrations er fah-
~
rungen
Abwertung ethnisc her Anderer
lionserfahrungen
bzw .
Desin te-
Zers torung oder Beei ntrachtigung sozialer Ane r-
Gewaltbereitschaft
i
kennung
gratio nsangste
--<.
•
Schwellenw erte, Perzeption der Bezugsgr uppe, Reak tione n der sozialen Umwelt
Individ uelle Handlungen (soziale Dislanz) Kollektive Handlungen (Di skriminierung, Gewalt)
Mobilisierungsfaktoren (Erfolgswahrscheinlic hkei t, kolt. Gelege nheitsstrukturen, Legilimationen)
(R. Anhut: Die Konfl ikttheorie der Desintegrationstheorie, S. 386)
Au s ind ivid uellen, sozialen und gese llschaftlichen Desintegrationserfahrungen ko nnen also antisoziale Einstel!ungsmuster und gewalttatige Ver haltensweisen resultieren, filr die die Desi ntegratio nstheorie je nach Art der Akteure ein spezifisches Set von Erklarungen bietet. 1m Faile individuellen Gewalthandelns sind beispielsweise defizi tare fami lia re Soz ialisationsmuste r und problematische Familienkonste llatio nen entscheidende Hinte rgrundvariablen zur Erklarung der Gewalt. Individuelle Gewaltbereitschaft ist haufig mit Entwicklungsdefiziten wie Empathicmangel , Identitats- und Selbstwertstorungen verknupft. Gewaltbereitschaft und Aggressivitat miissen deshalb als Resu ltat einer Fiille negat iver Erfahrungen (Lernen am Modell, korperliche Ziichtigungen, Demiit igungen etc.) od er als Folge feh lender sozia ler Kompetenzen (infolge von Vemacblassigu nge n oder Ilbermabigem
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Behiitetsein) gede utet werden. 1m Faile von Fremde nfeindlichkeit und der Abwehr ethnischer Gruppe n macht der Desintegrationsansatz insbesondere reale Konkur renzsituationen , subjektiv gefi.i hlte Benachteiligungen oder Ungerechtigkeitsempfindungen als Hintergrunddi spositionen aus. Die Abwertung anderer hat die Funktion, Perscnlichkeitsdefizite zu ilberspielen, ein positives Selbstbild aufrecht zu erhalten ode r zukiinftig m6glichen Statusve rlusten zu entgehen. 1m Faile rechtsextremer und autoritarer Einstellungen sind insbesondere solehe Jugendli chen und jungen Erwachsenen anfallig, die mit Vereinzelun gserfahrungen, Verun sicherungsempfinden und Ohnmachtsgefi.i hlen zu kamp fen haben. DUTCh rechtsextreme Vorurteile und geschlosse ne Weltbilder wird Orientierungssic herheit und Gewissheit geboten, Ohnmacht ubersetzt sich in Sta rkedemonstration. Leistungsunabhangige Zuge horigkeiten und nationalistische Uberlege nheitsgesten sorge n fi.ir eine negative Integration in problematische Bezugsgruppe n. Die gewa hlte n Vera rbei tungsformen variieren je nach spez ifischen Desintegrationserfahru ngen und vora usgegangenen Anerkennun gsverletzungen und haben auch mit den jeweiligen Kom pensationsfunktionen zu tun. Resllmierend kann man mit dem Desintegrationsansatz feststellen: Je schlechter die Beurteilun g der Integrationsqualitat in den ge nannten Integrationsdim ensionen ausfallt, desto mehr muss mit Verunsicherung und schlie blich auch Akzeptanz dysfunkti onaler Problemverar beitungsmuster gerechnet werde n (Anhu t 2005: 387£.).
4.7 Demographie, Miinnlichkeil und Gewalt In den letzten Jahren ist von ve rschiede ner Se ite immer wieder darauf hingewi ese n worden, dass ungunstige demographisc he Entwic klungen zur Gewalt fi.i hren ke nnen. Die grundlegende These lautet im hier interessierend en Zusammenhang, dass sog. youth bulges - also ein aubergewohnli ch hoher Anteil junger Menschen an der Gesa mtbevolke rung - die Unsicherheit der Gese llschaft erhohen und diese Gesellschaften besonders anfa llig fi.ir Konflikte machen wurden. Jugendlichkeit bedeu te zwa r einerse its Vitalit at und Dynamik, Erfind ungsreic htum und hoffnungsvoller Optimism us, aber sie stelle andererseits auch ein betrachtliches Problem fi.i r die betroffenen Gese llschaften dar, weil der hohe Anteil j unger Menschen angesichts der defiziente n Strukturen vieler Entwic klungslander gar nicht angemesse n in die Wirtschaftskreislaufe und die Arbeitsmar kte integriert werden kann. Insbesondere nach den Terror anschl agen vern 11. Sept ember 2001 erfreut sich die Th ese vom youth bulge gro6er Beliebtheit und das infolge der Bevo lkerungsentwic klung hohe Angebot von mit ihrer soziookonomischen Situation unzu friedenen Jugendli ch en gilt als Ursache fi.ir Burgerkriege, gewa ltsame Konflikte und den Terrorismus. Von you th bulges bzw. einem Jugend boom oder der uberproporti onalen A usstulpung der Alterpyramide bei den 15-24-Jiihrigen wird in der Regel dann gesprochen, wenn diese Jahrgange mindestens 20% der Gesa mtbevo lkerung ausmac hen. Von child bulges ist dann die Rede, wenn Kinder zwischen 0-15 Jahren mindesten s
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30% der Bevolkerung ausmachen. Bntsc heide nd fur den Zusammenhang vo n Demographi c und Gewalt ist jedoch der youth bulge, der child bulge gibt nur einen Hinweis darauf, wie gro6 der Jugenduberschuss werden wird. Die ursprtlngliche These yon de n Gefa hrdungen durch youth bulges stammt von Gary Fuller (1995) , der in einem Aufsatz fiber die demograph ischen Hintergnlnde fur ethnische Konflikte nach den Ursachen fur den burgerkrie gsahnlichen Konflikt zwischen Ta mile n und Singhalesen auf S ri Lanka suchte. Fiir die dauerhafte Gewalt konnte er weder befriedige nde Erklarungen in dkonomisc hen Strukturveranderungen noch in Klimaverschl echterungen oder gar Hunger und Not finde n. Vielmehr kulmi nierte das gegenseitige Tore n, als es bei beiden Volksgruppen zu youth bulges gekommen war und der An teil junger Manne r zwischen 15-25 Jahren jewe ils tiber 20% gestiege n war. Dass j unge Menschen die Protagonisten von Protest, Instabilitat, Reform und Revol ution seien , hat auch Samu el Hun tington in einer Art Nebenargumentation seines .Kamptes der Kulturen" ( 1996) mit Blick auf den Islam hervorgehoben. Dessen Wiedereintritt auf die we ltpolitisc he Biihne bri ngt er u.a. mit den spektakularen Raten des Bevolkeru ngswachstums der islami schen Welt zusam men. Er Iragt sich, wieso Muslime am Ende des 20. Jahrhunderts weit mehr als Menschen anderer Kulturkreise in Gewalt zw ischen eigenen und fremden Gruppe n verwickelt waren und wodurch sich diese hohe Gew altbereitschaft erklaren lassr. Die zeitge nossisc hen inner- und auBermuslimischen Konflikte fl lhrt er letztlich auf de n demographischen Boom zuriick: " Die Bevclkerungsexplosion in muslimi schen Gese llschafte n und das riesige Reservoir an oft besc haftigungslose n Mann em zwisc hen 15 und 30 sind eine natiirliche Ouell e der Instabilitat und der Gewalt innerhalb des Islam wie gege n Nic htmuslime. Welche andere n Griinde auch sonst noch mitspielen mogen , dieser Faktor aUein erklart zu einem gro Ben Te il die muslimische Gewa lt de r achtziger und neunziger Jahre." (Huntington 1996: 433) . 1m deutschsprach igen Raum war es v.a. Gunnar Heinsohn , der mit seinen T hesen zur " nachwachsenden mannli chen Gefahr' und seinem Buch "Sa hne und Wehm acht" (2003) entsprechende Thesen popularisierte und im Mann er uberschuss ein bedeutsames Kriegspotenzial sah. Nach Heinsohn entstehen durch bevolkerungspol itisch verursachte youth bulges die wesentlichen Vora ussetz unge n fur Burger kriege , Volke rmord und Terrorismus. Heinsoh n hat dabei auch eine histo rische Perspektive eingezogen und beton t, dass Phasen hohen Bevolkerungswachstums schon immer mit einer erhohten Konfliktivitat ein hergega ngen se ien. Dabei ist es weder die absolute Menge an Soh nen in einer Nation noch Nahrungs- oder Flachenmangel, die youth bulges entste hen lassen. Youth bulges ergeben sich fur ihn vielmehr aus der Relation zwischen der Menge der Positio nen der aussc heide nden Vater und der Menge an Positio nen, die nachr uckende Sohne nachfrage n. Sc hon mehr als ein Sohn pro Vater erze uge Spannun gen; wo fi ber meh rere Generationen zwe i Millionen Vater drei Mill ionen Soh ne hinterlassen, gebe es Schwie rigkeiten; wo sec hs ode r gar neun Millionen Jun gen heranwachsen , werde es ernst.
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"Wo nun zwei oder mehr Sohne in den Familien vorhanden sind, gibt es nicht nur Reibereien, sondern aueh eine wachsende Bereitschaft, die jungen Manner risikoreich einzusetzen - nicht nur, urn ihnen ein Auskommen zu ermcglichen, sondem auch um den sozialen Frieden zu erhalten. Eine Nation mit youth bulge entwiekelt also ein ganz anderes Temperament als eine absolut viel grogere Nation ohne interne Probleme mit uberzahligen Sohnen oder gar bereits mit einem Sohnesmangel. Wiederholt sich ein youth bulge ... tiber zwei oder mehrere Generationen, kumulieren sieh se ine Effekte." (Heinsohn 2003: 25) Die Sprengkraft von youth bulges ergibt also aus einer Vielzahl junger Manner, denen in einer Gesellschaft keine akzeptablen Positionen geboten werden und die deshalb einen Mangel an Aufstiegsmoglichkeiten haben. Daraus erwachst wiederum ein ungeheures Potenzial an politiseher Aggressivitat. Die quantitativ beeind ruckendsten Beispiele fiir Heinsohn sind diesbezuglich die islamisch gepragten Lander und der schwarzafrikanisehe Kontinent, in denen es innerhalb weniger Generationen zu einem expo nentiellen Bevolkerungswachstum gekommen sei. Sehe man sich einmal die Nationen mit you th bulges genauer an, dann fanden sieh dort in ganz iiberwiegen der Mehrzahl Konffikte, Gewalt und Burgerkriege, so dass laut Heinsohn diese Phanomene hoch mit you th bulges korrelieren. .Lrnrer den 124 Nationen finden sich 67 mit youth bulge-Problemen. Von diesen 67 hatten oder haben 60 mit mehr oder weniger groBen Totu ngsaktionen zu kampfen. Die nichtblutige Losung eines youth bulge stellt in der bisherigen Geschichte womoglich die Ausnahme dar." (Heinsohn 2002 : 20) Gerade die islamisehen Staaten seien heute besonders gewalthaltig, well mit dem Auftauchen der uberschussigen Sohne zum einen die Ungleichheiten in den arabischen Gesellschaften zum Skandal werden, zum andere n die jungen Leute aus Hoffnungslosigkeit fur "Gebrauehsideologien von Gerechtigkeit, Gewissensnot und Glaubenswahrheiten" (DieBenbacher 1998: 212) anfallig werden, die sie mit Feinbildern und Gewaltbereitschaft ausstatten. Die islamistischen Terroristen toteten nicht etwa aus Armut und Mangel, sondem setzten Gewalt ein, um "Status und Macht" zu erlangen. Mit dem Schrumpfen der muslimischen youth bulges ab 2020 wiirden dann wieder friedlichere Verhaltnisse eintreten. "Youth bulges sind keine alles erklarenden Faktoren, aber Theorien weltgeschichtlicher GroBereignisse, die sie schliehtweg ignorieren, greifen zu kurz. Aueh wei l der Faktor Sohnesuberschuss so beschamend simpel ausschaut und wenig hergibt fur theoretische Finessen, lasst man ihn leichthin unausgelotet oder gleieh ganz beiseite. Selbst wo er einem irgendwie einleuehtet, behalt er etwas Repetitives und Unoriginelles. Dagegen ist nur einzuwenden, dass bei allen Ansprlichen auf Eleganz eines Arguments auf seine Relevanz gleichwohl nieht verziehtet werden karin." (Heinsohn 2003: 24) Doch wie viel Beweiskraft steckt in der These von den durch you th bulges induzierten Unruhen? Inwieweit stellen die von Heinsohn und anderen aufgezeigten Zusammenhange nur Scheinkorrelationen oder Zufalligkeiten dar? Unbestreitbar ist zunachst einmal, dass ein hoher Anteil von jungen Menschen - ebenso wie ein
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hoher An teil alterer Menschen - an der Gesa mtbev6l kerung Gesellschaften vor groBe Herausforderungen stellt. Angesichts der demographischen Entwic klungen in vielen Entwicklungslandern ist die Zukunft vieler junger Manner nicht besonders vielvers prec hend. Bedenkt man, dass etwa in Afrika das Durchschnittsa lter der Bevolkerung bei 17,5 Jahren Iiegt (Deutschland: 41 Jahre) und uber die Hal fte der Bewo hner Kinder, Jugendliche und JURge Erwachsene sind, und sich deren Zahl bis 2025 noeh deutlich erhchen wird , dann bleibt vielen von ihnen nur ei n Lebe n in den Elendsvie rte ln der Megastadte, ein Leben ohne rechtes Auskommen in Armut, in zerrissenen oder kaputten Familien, als verwaiste StraBenkinder oder auf den Gewaltmarkten. Kriminalitat und Gewalt gehore n fur viele Kinder und Jugendli che zum A ufwac hsen dazu, sie konnen okonomisc h und sozial zweckma big sein, aber auch zum Se lbstzweck werden. Bereits Thomas Hobbes hatte in seinem Leviathan darauf hingewiesen, dass die Welt der Gewa lt eine Sache j t lngerer Manner ist, die kein en Platz in der Gese llschaft haben und ihn sich sprlchwo rtlich erst erkampfen mussen. Demographische Faktoren sind deshalb unter dem Aspe kt, das sie soz iales Leid und absolute bzw. relative Deprivation verursac hen konnen , durchaus bedeutsam fur die Brkla rung besti mmter Arte n von Gewalt. Oer Anteil von Jugendlichen an der Bevo lkerung stellt som it einen demographi schen Stressfaktor dar, der unter bestimmten Bedingungen zum Ausbruch von Gewalt beitrage n kann , wen n etwa ein Staat seinen Menschen keine geeig neten Entfalt ungsmoglich keiten bietet ode r lasst. Allerdin gs liefem youth bulges an sich keine guten Erklarunge n fur das Entste hen von Konflikten , schon gar nicht fur Kriege und Burge rkriege . Wie empirisc he A useinanders etzungen mit den Th esen Heinsohns, Huntin gtons u.a. geze igt haben, fehlt es der Dramatisierung von youth bulges fur kriegerische Konffikt e schlichtweg an empirisc her Substanz. So ist z.B. ei ne Unters uchung von Henrik Urdal (2004) ube r die Effekte von youth bulges im Hinblick auf moglich e Burgerkriegskonflikte zwischen 1950 und 2000 zu dem Ergeb nis gekomme n, dass zwar ein hoher Anteil Ju gendlicher an der Bevolkerung das Risiko eines bewaffneten Konflikts fur ei nzelne Lander durchau s erhoht, dass es aber keinen kritischen Level gibt, jenseits dessen Lander besonders konfl iktanfallig sind. Urdal hal zudem den youth bulge mit bestimmt en Kon trollvariablen wie dem allgemeinen Entwicklungsniveau eines Landes, dem Regimetyp und bestimmten Wirtschaftsind ikatoren in Beziehung gesetzt und herausgefunden , dass das Entwicklungsnivea u ei ne Landes und wirtschaftliche Faktore n groBen Einfluss auf die Konffikttrachti gkeit von youth bulges haben. Der Regimetyp spielt hingegen keine Rolle. Entscheide nd ist auch, wie man die youth bulge-Variable operationalisiert : So variieren die Ergebnisse betrachtlich, we nn man den Anteil Jugendlicher mit der Gesamtbevolkerun g statt der erwachsenen Bevolker ung in Bezie hung setzt. Die Frage, wie genau youth bulges zur Konfliktneigung von Gesellschafte n beitragen, bedarf also weiterer Untersu chunge n. Die Rede von einem neuen, du rch youth bulges heraufb eschwo renen Zeitalter der Unsic herheit, scheint jedoc h weit ubertriebe n zu sein, auch we nn der
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Zusammenhang von einem hohen Anteil Jugendlicher und einer schlechten Wirtschaftsperfor manz durchau s explosiv sein kann (Cincotta u.a. 2003; vgl. Brunbo rgiUrdal 2005). Auch das .Bertin-Institut fur Bevolkerung und Entwicklung" kommt in seiner Untersuchung des Zusammenhangs der Alterstrukturen einer Bevolkerung und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen 1950 und 2000 zu dem Schluss, dass eher mangelnde nachhaltige Entwieklung als youth bulges eine Ursache fiir Gewalt und Krieg ist. Es weist insbesondere auf die Gefahr von Scheinkorrelationen hin, die Zusammenhange plausibel erscheinen lassen, die es gar nieht sind. Die Untersuchung widerspricht der These, dass ein demographischer Faktor fur die Kriegsgefahr zu erkennen ist, weil es nicht nur keine Ilberproportionale Zunahme von Kontlikten gegeben habe, sondem auch kein proportionaler Zusammenhang zwischen der Zahl der youth bulge-Nalionen und der Entwicklung der Zahl der Kriege existiere. SchHissige und koharente Zusammenhiinge im Sinne der Verfechter der youth bulge-Thesen zwischen einem kritischen hohen Jugendanteil und dem weltweiten Kriegsgeschehen sind also nicht zu erkermen. Die Studie kommt entsprechend zu dem Schluss: .Betrachtet man Kriege und demographi sche Entwicklung im Verlauf der letzten 50 Jahre, so zeigt sich, dass es nicht moglich ist, ein Frt lhwamsys tem fur Kriege allein auf demographi sche Indikatoren zu stutzen. Ganz offensiehtlieh Iiegen Konflikten eine ganze Reihe komplex vemetzter Ursachen zu Grunde." (Kr6hnert 2004: 16) Neben der demographischen Zusammensetzung der Bevolkerung mussen etwa noch soziookonomische, bevclkerungsgeogre phische, ethnische oder religiose Indikatoren mitberucksichtigt werden , wenn man die Ursachen von kriegerischen oder gewaltsamen Kontlikten erforschen mochte. Unbestritten ist jedoch auch hier, dass youth bulges die sozi06konomischen ProbIerne Jugendlich er verstarken und tiber Prozesse relativer Deprivation ihre Gewaltneigung erh ohen konnen. 4.8 Feministische Erkliirungen von Gewalt In den unterschiedlich ak.zentuierten feministischen Theorieansatzen bilden die Kategorien Geschlecht, Geschlechterverhaltnis bzw. gender das grundlegende analytische Instrumentarium, urn die Herrschaft von Marmern tiber Frauen begriftlich zu fassen (Becker/Kortendiek 2004; Heintz 2001; vgl. auch Bourdieu 2005). Formen und Inhalte dieses Herrschaftsverbaltnisses sind vielgestaltig . Es wird thematisiert als Sexismus: Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts, Patriarchal bzw. Patriarchalismus: mannliche Herrschaft, die zunachst durch die Vater, spater durch die Bruder ausgeiibt wird, Andro zentrismus: Miinnerzentriertheit der Welt, Phallogozentrismus: Zentriertheit des offentlichen Lebens urn phallische Rationalitiiten.
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Patriarchalische Herrschaftsverhaltnisse, damit einhergehend e Uber- und Untero rd nung sowie Sexismus bilden den T heori en zufo lge ein komple xes Netz vo n Unterdrilckung und Ausbeutung, die in einzelnen femin istischen Strom ungen unt ersc hie dlich gefasst wird (Ho lland-Cunz 2()(K): 1m liberalen Feminis mus wi rd die po litische, rec htliche und sozi06konomische Ungleic hbe ha ndlung vo n Frauen in
patriarchalischen Gesellschaften thematisiert und die menschenrechtlichen Verspreche n der Modeme fra uenspezifisch einge klagt; der rad ikale Feminis mus kri tisiert die private Unterwerfung und offentlic he Au sgrenzun g von Frauen und halt patriarch ale Gesellsc hafte n fi lr nieh t reformierbar ; der sozialistische Femi nis m us kritisiert die Ausbe utung und Unte rdrfickung von Frauen und ziell auf die Ube rwindung klassen- und gesc hlec htsspezifischer Herrsc haft; der humani stisch e Feminismus stellt dagegen Gleic hheitspostulate in de n M itteJpunkt se iner Argumenta tionen und ruck t die herrschaftlich e, repressive Konstruktion vo n Weiblichkeit in das Zentr um seine r Kritik; der gynozentrisc he Feminismus setzt sich mit Gesc hlec hte rdifferenzen auseinande r und kritisiert v.a. die hegemoniale Ko nstruktion sozialer Mannl ichkeit; dem postmoderne n Feminismus ge ht es sc hlieBlich urn d ie Uberwi ndung aller dualistisch angeleg ten Geschlechte rkonstruktionen und die Dekonst ruktio n essentialistische r Argume nlationsstra teg ien. Ge me insam ist den fem inistisch en Th eo rien jedoc h eine doppelte herrsch aftsk ritisch e Perspektive: Es geht zum eine n urn die Kritik patriarch alischer Strukturen fi lr gesellschaft lic he Th eorie und Praxis, und es ge ht zum anderen urn ant ipatriarchale Entwurfe fur die Gesellsc haft und die Wissensch aft. In den rneisten T heorien erga nze n sich deshalb A nalyse und Normbildung wechse lseit ig. Gewalt ist fur fem inistische Erkle rungsansatze lediglich eine we itere Facette im Rahmen ma nnlich gepragter gesellschaft licher Herrschafts- und Unterdruc kungs ve rhal tnisse, die sowohl in den Fonnen direk ter physische r Gewalt wie a uch struktureller und sy mbolische r Gewalt in ihren Wirkungen und Foigen reflektiert wi rd. Feministisc he Theorieansatze zu r Erkla ru ng von Gewalt ze ichnen sich durch einen do ppelte n Fokus aus: Zum einen themat isieren sie Gewalt als man nliches Phanomen und fragen nach dessen Hintergrtlnde n und gesellschaftlichen Ursache n; z um ande ren ste lle n sie d ie besonde re Betroffenheit von Frauen und Madch en he ra us, de nn ei ne Vielzahl von Gewaltarte n rich tet sich speziell gege n sie. Dam it erweite rn sie den Fokus herk ommli cher Gewaltanalysen und vermogen die Aufmerksamkeit auf bis her unterbelich tete Aspekte der Gewalt-Problematik zu len ken. Das ist nicht zuletz t des halb wic htig, we i! die Ve machlassigung der Ge nde r-Perspe ktive z u betrachtlic hen Ver einseitigun gen in der Auseinandersetzung mit Gewalt gefii hrt ha t. 1m Diskurs fem inistisc her T heo rien sind Frauen und Madch en sowohl zah lenmabig wie vo n der Sc hwe re der Verl etzun gen her die " Haupt-Opfer" von Gewalt: Vergewaltigung und sex uelle Notlgung, Gewalt in de r Fam ilie und im Hau sh alt sowie am Arbeitsplatz , FGM , Belasti gun gen und An mache im Offentlic he n Raum, sexistische Disk urse und Po rnographie richt en sic h insbesonde re gegen Fra ue n. Frauen ha nde l, Zwa ngse hen und Ehre nmo rde sind wei tere gewalttatige Pra ktiken,
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die nicht nur auf den inferioren Status vieler Frauen in der Dritten Welt hinweisen , sondern auch Frauenbilder pragen , die deren Unabhangigkeit und Gleichberec htigung nachh altig untermini eren . Kulturelle Fo rmen der Gewa lt finden sich soda nn in den Debatten iiber Abtreibun gsgesetzgebu ngen und neuerdin gs auch iiber die Gen- und Reproduktionstechnologien. Feministische Gewalta nalysen setzen sich nicht nur mit den iiblichen Problemstellungen urn den Begriff und das Phanomen auseinander, sondern sie sehen sich noch zusatzlichen Herausforderun gen gegeniiber: Sie miissen zum einen das tiberwiegend e Zusammenfallen von gesellschaftlichen Uberlegenh eits- und Unrerlegenheitsstrukturen mit den biologischen Gesc hlechtem auseinanderhalten, urn die individ uelle Situa tion von Mannem und Frauen nicht zu iibersehen; sie milssen zurn ande ren die Kategorien Klasse und Rasse als zum Gesc hlechterve rbaltnis querli egend e Kategorien in ihren Auswirkungen beriicksichtigen; schlieBlich gilt es, die besondere Verquickung des privaten und gesellschaftlichen Bereichs sowie die Verbindung von Sexualitat und Emotio nalitat mit Gewa lt zu beriicksichti gen. Nicht zuletzt ware darauf hinzuweisen, dass selbst in den Bereichen, in denen Gewa lt sowohl gegen Manner als auch Frauen gerichtet ist, es unterschiedl iche Auswirkunge n von Gewa lt auf die Gesc hlec hter gibt und Frauen haufig anders schwerwiege nder - von Gewalt betro ffen sind als Mann er (Kohner/Pu hl 2003 ; Lamnek/Boatca 2(03). Da Gewa lt in den meisten feminis tischen Analysen ein mannfiches und als sol ch es v.a. gege n Frauen gerichtetes Phanomen ist, stellen die entsprechenden Th ee rien explizit ode r implizit Fragen danach , welchen Stellenwert die Gewalt im Rahmen patriarch alischer Herrschaftsverhaltnisse einnimmt, warum Gewalt ganz iiberwiegend von (jungen) Mannem ausgeiibt wird, war um und wie gesellschaftIiche Strukturen Gewa lt (gegen Frauen) hervorbringe n, warum in den unterschiedlich en Gese llschaften ein so hohes GewaltmaB toleriert oder akzeptiert wird , und wie dies mit den unterschiedlichen Gesc hlechterrollen und Sozialisationspr ozess en sowi e der Pragung samtlic her Insti tutionen durch Manner zusammen hangt. Ge nerell gilt dabei zunachst, dass gesc hlechtsspezifische Gewa lt als interessengeleitetes Machth andeln von (ganz iiberwiege nd mannlichen) Gewa ltakte uren ode r als kultur ell bedingtes Phanomen aufgefasst wird; immer geht es jedoch urn die Festigung von do minanten Positionen und Kontrollanspriichen gege niiber Frauen und Madche n, In jedem Gewalthandeln bzw. in jedem Gewa ltakt spiegeln sich somit gese llschaftl iche Machtverhaltnisse, patriarchalische Strukturen und Geschlec hterhierarchien - insbesondere der inferiore Stat us von Frauen und Madchen in einer Gese llschaft - wider. Die einzelnen Gewaltarten werden als Te il interdepend enter Gewaltdynamiken verstande n, die in je spezifische Form en der Gese Il-
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schaftsorganisation wie in dazugeho rige spezifische Legitimationsmuster eingebunden sind. Gewalt ist immer dann ein probates Mittel, wenn es darum geht, die Anspriiche auf individu elle und koll ektive Sel bstbestimmung der Frauen abzuwehren und die mannliche Vorherrschaft zu sichern. Dass Gewalt ganz uberwiegend vo n j ungen Mannem ausgeilbt wird, muss in geschlechterspezifischer Perspektive nicht unbedingt bedeuten, dass sic als triebgesteuerte, irrationale Aggression zu verste hen ist, die mit mannli chen Veranlagungen oder genetischen Codes zu tun hat. Gewa lt gegen Frauen und Kinder ist vielmehr Ausdruck gesellschaftlich patriarchalischer Machtstrukturen, sie dient dazu, Geschlechterhierarchien aufrecht zu erhalten und zu bekraftigen und die .naturliche" Uber- oder Unterordnung der Geschlechter festzuschreiben. In der Gewalt drilcken sich Verfligungs- und Bemachtigungsdispositionen aus, die den Frauen das Private als Orte weiblicher Lebenszusammenhange zuweisen (Haus- und Familienarbeit), die offentliche Sphare dagegen fur Manner reservieren. In den unmittelbar kriminellen Gewaltakten kcnn en Frustrationen und enttauschte Erwartungen ebenso zum Ausdruck kommen wie das Ausleben von Mannlichkeitsbildem und -normen, sofe m sie auf Dominanz und Gewa ltbereitschaft aufbauen. In den feministischen Theorien werden patriarchalische Gesellschaftsordnungen per se als gewaltdurchselZt wahrgenommen. Dabei kommt Gewalt in allen ihren Varianten und Spielarten zum Ausdruck: In den Ungleichheits- und Uber- bzw. Unterordnungsverhaltnissen drucken sich zunachst strukturelle Gewaltve rhaltnisse aus. Sie sind in gesellschaftliche Strukturen eingelage rt und sorge n flir dauerhafte BenachteiJigungen, Ausgrenzungen und Diskriminierungen von Frauen und Madchen, die nur langfristig zu Ilberwinden sind. In Zeiten universeJler Menschenrechte und Gleichberechtigungsdiskurse sorgt strukturelle Gewalt fur die Abwehr weiblicher Emanzipationsanspriiche und die Bekraftigung mannlicher Vormachtstellungen, ohne dass dies ausdrucklich begrundet oder legitimiert werden muss. Andrezentrische Weltbilder und patriarchalische Tiefenstrukturen erscheinen damit unhinterfragbar und unveranderbar. Kulturelle Gewalt sorgt sodann fiir die Legitimierung von Gewallordnungen, in dem sie die real vorfindliche Gewalt beschonigt, bagatellisiert oder beschweigt, das Sprechen daruber tabuisiert, und nach deren T hematisierung hauflg den Opfern die Schuld dafl lr zuweist. KultureJle Gewa lt lasst bestimmte Formen der Gewalt nicht mehr als solche erscheinen, macht sie damit unsichtber und unbearbeitbar. SchlieBlich erwachsen aus den Dominanz- und Herrschaftsstrukturen der Gesellschaft auch die vielfaltigen Formen der direkten Gewa lt gegen Frauen, die mil Machtanspruchen und Gehorsamserwartungen zusammen hangen, Verftigungsgewalt und Kontrolle sicherstellen oder einfach nur verletzen und unterdnlcken wollen. Dass Gewalt gegen Frauen und Madchen in den meisten patriarchalisch strukturierten Gesellschaften in hohem Malle akzeptiert wird, erklaren die feministischen T heorien vor aHem mit den kulturellen Codes, patriarchalischen Tiefe nstrukturen und der absoluten Vorherrschaft mannlicher Werte und Normen. In den meisten
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EntwicklungsHindern sind sowohl die Bewertungsm alsstabe dessen, was als Gewa lt gilt, du rchgangig von Mannern bestimmt, wie auch die 6ffentlichen Diskurse tiber Gewalt Ausdruck einer mannlic hen Do minanzkultur. Da Manner in hohem MaBe Tater seien und Frauen Opfer , batten sie keinerle i Interesse daran, ihre sich auch tiber Gewalt durc hsetzen de Vorherrschaft in Frage ste llen zu lassen. Dazu dienen nicht zuletzt staatl iche Strukturen , von denen Feministinnen sage n, dass sie mannerbundisch strukturiert seien, sich in ihnen "Mannlichkeit als Syst em" verkorpere und .sedimentie n e marmliche Lebenserfahrungen" zum Ausdruck ka men. Gewa lt hangt nicht zuletzt mit unterschiedlichen Gesc hlechterro llen und Sozialisationsprozessen zusammen. Jugendliche und junge Mann er lernten durch die patriarchalischen Strukturen und androzent rischen Welt bilder schnell, sich d urchzusetze n und dies gegebenenfalls auch unler Einsatz von Gewa lt zu tun. Ein ausge pragter machismo und andere Mas kulinitatsvo rste llungen wie auch bestimmte Mann lichkeits konstruktionen (in Zusammenhang mit Verletzungen , Ehre, Rache) sorg en dafur, dass Gewalt ge lernt ode r anerzogen wird. Jungens wisse n in der Regel nicht nur fruhzeitig, sich in Verteilun gskampfen und Mach tspiel en durchzusetzen, und Konku rrenzdenken und Uberlegenbeitsgesten sind Ihnen vertrauter als Madchen und jungen Fraue n, sondern Gewa lt macht auch Manner. Diese Art der Soz ialisatio n mit dem Hineinw achsen in unterschiedliche Gesc hlechterro lle n wird schlieBlich durch mannl ich dominier te gesellschaftliche Inst itutionen bekraftigt und bef6rdert, so dass Ihnen Gewaltaus iibung insgesam t vie! naher ist als den ju ngen Frauen. Feministische Th eorien beschaftigen sich also v.a. mit den aus patriarch alisch strukturierten, auf Gesc hlechterungleichheite n basierenden Formen der Ausgrenzung, Unterdrtickung und Diskriminierung von Frauen als Gewalt. In ihren T heorien geht es immer auch urn die Entwicklung (mannerjherrschaftsfreier gesellschaftlicher Altern ativen. Dagegen hat die Auseinandersetzun g mit konkreten Formen direkter physischer Gewalt bislang eher einen randstandi gen Stellenwert, ei ne feministische Gewalttheorie im enge ren Sinne gibt es nicht. Andere Th emen , wie die Gewa lt von Frauen gegen Manner oder von Frauen gege n Kinder, sind dagege n - mit wenige n Ausnahmen - nach wie vor tabuisie rt oder werden in ihrer Relevanz gege nuber dem patriarchalisch strukturierten Gewa ltkomplex best ritte n.
5. Bekampfungsmogllchkelten von Jugendgewalt 1m vorhergehenden Text durfte deutlich gewo rden sein, dass die Gewalt von Kindern und Jugendli chen nicht nur ein sehr kom plexes Problemfeld ist, sonde rn J ugendgewalt auch sehr vielfa ltige Ursachen hat, je nachdem welc he Form sie annimm t und urn welc hen Typus es sich dab ei handelt. Entsprechend kompliziert stellen sich die Bekampfungsmoglichkeiten dar. Diese lassen sich zunachst einmal danach unterscheiden , auf welcher Ebene sie ansetzen (Mikro-, Meso- oder Makro-
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ebene), sodan n danach, wan n bzw. zu welchem Zeitpunkt die Interventi on erfolgt (vo r, wa hrend ode r nach dem Ausbruch der Gewalt). Sc hlieBlich lieBen sic h die einze lnen MaBnahmen auch dahingehend differenzieren, ob sic direkt a uf das Individuum ausgerichtet sind oder auf sein sozioo konomisches und kulturelles Umfe ld zielen. Zu berucksichtige n ware ferner, dass aufgrund der untersc hiedlichen Entwicklungsstufen von Kindem und Jugendlichen ein altersspezlflsches Vorge hen geboten ist. Der Gewalt Jugendlicher wird insbeson dere dann effektiv begegnet we rden konnen, we nn einzelne MaBnahmen und Programme nicht nur auf der individuellen Ebene ansetzen und kognit ive und behavioristische Faktoren in den Blick nehmen, sondern auch gesellschaftliche Faktore n in Betracht gezoge n werden, die individuelle Verhaltensweisen immer mit formen. 1m Foigende n werden die mcg li chen Auseinandersetzungen mit Jugendgewalt anhand von drei verschiedenen Bereichen aufgezeigt, in de nen sic h die zuvor genannten Ebenen in unterschiedlichem Umfa ng wiede rfinden.
5.1 Preventions- und Intervention smajJnahmen Es ist unmittelbar einleuchtend, dass die beste Strategie im Umgang mit Gewalt darin besteht, ihre Bedingungen und Hintergru nde dann zu bekampfen, wenn die Gewa lt selbst noch nicht virulent gewo rden ist. Darauf zielt eine Fiille vo n PraventionsmaBnahmen ab, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetze n und in denen es zunachst einmal urn die Diskreditie rung und Delegitimier ung von Gewalt als einer Handlun gsstrategie oder Option geht (Gugel 2006). Hierzu zahlen Programm e der Vorschul erziehung, in de nen Kindem bereits die notwendigen Sc hutzfaktoren gege n Gewalt beigebracht (z.B. Starkung sozialer Bindungen, Brhohung des Selbstwe rtgefuhls, Empat hie) und sie mil Fahigkeiten und Eigenschaften ausgestattet we rden, die sie sparer weniger anfallig filr gewaltsame Verhaltensweisen machen sollen. Andere Programme zielen darauf, antisoziales und aggressives Verhalten von Kindern und Jugendlichen durch die Erhohung sozialer Kompeten zen zu vermindern und dad urch freundliche und kooperative Verhaltenswe isen im Umgang mit peer groups und Erwac hsenen zu ermog lichen. Seiche Programme sind etwa darauf ausgerichtet, mit Angsten umgehen zu lernen , Verhaltensande rungen ei nleiten zu konnen, soziale Perspektivenlibem ahme zu fordem, moralische Entwickl ung und soft skills zu sta rken sow ie Problemlos ungs- und Konffiktbearbeitungskompetenzen zu erlangen. Soda nn konn en Kindergarten und Sc hulen generell durch eine sta rkere frledenspadagogische Ausrichtung die Diskreditle rung und Delegitimierung von Gewalt vorantreiben und Zivilcourage fordem . 1m Umgang mil Gewa lt ist gerade die Rolle von Bildung und Erziehung fundame ntal (Imbusch 2009; Davies 2004), nicht nur wei! sie notwendige Kenntnisse und Fahigkeiten im konstruktiven Umgang mit Konfli kten vermitteln kann und ein hoheres Bildungsniveau in der Rege l gewaltminde rnd wirkt, sondern weil sie die Voraussetzungen dafur sind, sparer in die AI-
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beitswelt integriert zu werden und einen befriedigenden Beruf ausiiben zu konnen. Eine gute Erziehung und Ausbildung stellen eine wesentliche Voraussetzung fiir eine angemessene Partizipation und soziale Integration im Erwachsenenalter sicher. Andere MaBnahmen zielen insbesondere auf sogenannte Risikofaktoren und die Verbesserung der Moglichkeiten Jugendlicher im Umgang mit solchen Risiken. Hier geht es beispielsweise urn Programme zur Vermeidung unerwunschter Schwa ngerschaften, urn eventuellen Kindesmisshandlungen und spateren Gewa ltkarrieren vorzubeugen; eine verbesserte pra- und postnatale Versorgung und Betreuung von jungen Madchen; um Anreize fur gewaltanfallige Jugendliche zur Fortsetz ung des Schulbesuchs oder um Hilfen zum Berufseinstieg fur unterprivilegierte Jugendliche und junge Erwachsene. Dagegen haben sich individuelle Beratungsstrategien von Jugendfichen, Trainings im sic heren Umgang mit Waffen, Kontakte mit Gefangnisinsassen, die dann tiber die Brutalitat des Lebens hinter Gittern berichten und abschreckenden Wirkungen zeigen sollen, von Unterbringungen in psychiatrischen Anstalten oder Heimen oder Informationsprogramme tiber Drogenmissbrauch als weitgehend wirkungslos im Kampf gegen Gewalt erwiesen. Ein anderes Bundel von Praventionsmafsnahmen zur Bekampfung von Jugendgewalt zielt dagegen eher auf die Art der Beziehungen ab, die junge Leute in der Regel mit anderen haben. In diesen Programmen geht es u.a. urn fehlende emotionale Bindungen zwischen Eltem und Kindem , um den schadlichen Einfluss von peer groups und das Fehlen slarker Bindungen an verantwortliche Erwac hsene. Familienorientierte Strategien dieser Art sind etwa Hausbesuche in Problemfamilien, Trainingsprogramme fi ir den liebe- und verantwortungsvollen Umgang der Eltem mit Kindem , Mentorenprogramme zum Erlernen positive r Erwachsenenrollen oder therapeutische Ansatze, die auf die Verbesserung der Kommunikationsfahigkeit der Eltem und deren Problemlosungskompetenzen abzielen. Sog. homeschool-partnerships konnen den Verpflichtungscharakter der Eltern gegenuber ihren Kindem erhohen und tragen so unter Umstanden zu einem reibungslosere n Ubergang in das Erwachsenenalter bei. Dagegen haben sich Versuche, tiber die peer groups auf Jugendliche EinfIuss zu nehmen oder gar deren Verhaltensformen zu andern, als wenig effektiv erwiese n. Praventive Interventionen auf der Gemeindeebene zielen insbesondere darauf ab, das soziale Umfeld von Jugendlichen zu beeinflussen. Auf dieser Ebene geht es zum einen urn Sicherheitsaspekte und polizeiliche Ma13nahmen, zum anderen urn die infrastrukturelle Ausstattung auf lokaler Ebene. So wird in vielen Teilen der Welt etwa die Uberwachung von als problematisch eingestuften Platzen und Gegenden durch die Polizei oder durch Burgerwebren und die striktere Anwendung von Gesetzen als vielversprechend betrachtet, urn Jugendgewalt und krirninelle Aktivitaten einzudammen. Eine andere Strategie auf lokaler Ebene zielt darauf ab, die Verfiigbarkeit von Alkohol und Waffen fur Jugendliche einzudammen. Insbeson -
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dere cine strikte Kleinwaffenkontrolle ist in Bezug auf die Anzahl schwe rer Verl etzungen und Totungsdeli kte effektiv. AuBerschulisch e Akti vltaten wie Sport- und Spielmog lichkeiten und kunstlerisches Engagement konnen dazu beitragen, dass Jugendlich e Anerkermung tiber konstruktive Akti vitaten in peer groups und Freundeskreisen bekommen. Dazu bedarf es in der Regel geei gneter Raumlichkeiten . Dort, wo infrastrukturelle Einrichtungen fur solche Akti vitaten fehlen oder entsprechende Orte hohe Risiken bergen, wei! etwa gewalttatige Band en od er gewaltbereite Jugendliche ihr Unwes en treiben ode r Erlebnisarmut und Langeweile alltaglich sind, steigen Frustration serfahrungen und Gewaitneigungen an . Weitere ntitzliche MaBnahmen auf kommunaler Ebe ne mussen in der Verftigbarkeit von Vor schuleinrichtunge n und Kindergarten , verbesserten Schul ausstattungen und der Sicherung vo n Schulwegen gesehen werden. Die Verbe sserung der Lebensqual itat in ein em Viertel ist also durchaus von Bedeutung, we nn es darum geht, mog liche Gewalt neigungen Jugendli cher ei nzudammen. Auf der gesel lschaftlichen Ebene gibt es die am wenigsten spezifischen Ma6 nahmen zur Pravention von Jugendgewall. Hier kommt es gleichwohl darauf an, soz iale und kultu relle Strukturen und eine gewa ltforderliche Umwelt zu verandem , um soziookono misc he Entwicklungsbarrieren zu beseitigen oder ube rko mmene, Ge wa lt beford emde kulturelle Normen und Wertvorstel!ungen zu verande m . An erster Stelle ist dabei an Programm e zur Arrnut sbekampfung, zur Reduktion soz ialer und Einkommensungleichheiten, fur eine grob ere Sozialstaatlichkeit und soz ialen Ausglei ch zu denken. Sodann geht es auch um di e Verrin gerung vo n Armutskonzentrationen in stadtischen Agglomerationen und eine ausgeglichenere soz iale Durchmischung von Wohn viert eln. Vergleich sweise geringe soz iale Ungleic hheiten und eine gro Bere soziale Sicherheit sind effektive Schutzmech anismen gegen ein Abgleiten in Gewa lt. Gese llschaftlich reguliert werden kann auch der Zugang zu und der Besitz von Waffen . Restrik tive Lizenzvergaben und stre nge Kriteri en flir Wa ffenbesitz tragen einde utig zur Bindammung von Ge walt bei . Ander e Strategien auf der gesellsc haftlichen Ebene bestehen etwa in Offentlichen Inform ationsund A ufkla rungs kampagnen, urn pro-soziales Verhalten zu vermittel n, in der Bekampfun g vo n uberbordender Gewalt in den Medien , in Akti vitat en und Politiken, we lche die negativen Auswir kungen raschen soz ialen Wandels abmildern , sowie in institutionellen Reformen des Erz iehungs- und Bildungssystems.
lugend gewalt in
Enl wick lu n g~landern
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Tabe lle 2: Mogliche Gewaltprave ntionsst rateg ien nac h Entwicklungsstadium und Konte xt Eco logica l Co ntext Individ ual
Adolesce nts
1(12. 19 veers)
Early ad ulthood
lZO·29 veers)
• Social development programmes (a) • Providing incentives fo r youth at high risk for violence to complete seco ndary schoo ling (a) • Individual counselling (b) • Probation or parole programmes that include meeti ngs with priso n inmates describing the brutality of prison life (b> • Residential programmes in psychiatric or co rrectio nal instituions (b) • Programmes providing information abo ut drug abuse (b) • Academic enric hment prog rammes • T raining in the safe use of guns (b) • Programmes modeled on basic mili tary training (b) • T rying young o ffenders in adult co urts (bl
• Providing incent ives to pursue co urses in higher ed ucation • Vocational training
Relation ship (e.g. family, peers)
• Mentor ing programmes (a) • Peer mediation or pee r co unselling (b) • Temporary foster care prog rammes for serious and chro nic deli nquents • Family therapy (a)
• Programme s to stre ngthen ties to family and job s, and reduce invo lvemen t in violent behaviour
Co mmunity
• Creating safe routes fo r youths o n their way to and from schoo l or other community activities • Improving school settings, including teacher practices, school polic ies and sec urity • Extracurricular activities • Gang preventio n programmes (b) • T raining health care wor kers to identify and refer youths at high risk of violence
• Etstablisbing adult recreation al programm es • Comm unity polici ng • Reducing the ava ilability of alco hol • Improving emerg ency rcsponse, tra uma ca re and access to health services • Buying bac k g uns (b)
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Peter Imbusch • Co mmunity polici ng • Reducing the availibility of alcoh ol • Improving emerge ncy res ponse, trauma care and access to helath services • Buying back guns (b)
Societal
• • • • •
Deconcenrraun g poverty Reducin g income ineq uality Public inform ation ca mpaigns Reducing med ia violence Enforc ing laws prohibiting illega l transfers of guns to youth
• Promoti ng safe and sec ure storage of firearms • Strengt hening and improving po lice and judicial systems • Reforming educat ional syste ms
• Deconcentrating pove rty • Reducing inco me ineq uality • Esta blishing jo b creation programmes for the c hronically unemplo yed • Public information ca mpaigns • Promoting safe and secure sto rage of firearms • Strengt hening and lmproving police and ju dicial sys tem>
a) Demonstrated to be effect ive In reduci ng youth violence or risk factor.; for yout h violence b) Show n to be ineffectiv e in reducing youth viole nce or ris k factors for youth violence
(WHO: Wor ld Report o n Violence and Health, S. 43)
5.2 Der Beitrag internationaler Organisationen Aber nieht nur gesellschaftliche Einrichtungen sind fi ir die Praventio n und Bekampfung vo n Jugendgewalt verantwortlich, auch intem ationale Organisat ionen haben (Jberlegunge n angeste llt, wie mit dem Phanomen Jugend gewalt umgegang en we rde n kann. Sic haben spezifische Programm e entwickelt, urn z.B. die Reintegralion von Kindem und Jugendlichen naeh Burgerkriege n zu fordem ode r die Wiedereingliederung delinquenter Jugendliche r in die Gesellschaft zu ermog liche n. Da die Programme im einzelnen sehr komplex sind, sollen an dieser Stelle led iglich die grundlegenden Hintergrund annahmen vorgestellt werden, urn zu verde utlichen, aus welcher Perspektive sich internat ionale Organisationen mit der Jugendgewalt auseinandersetzen und mittels welcher Ma6nahmen sie ihr begegnen wollen. Dabei lassen sich drei Ansatze differenzieren, die aile ihre eigene n Charakteris tika aufweisen, aber sich auch gegenseitig erganzen (Kemper 2(05). Es handeit sich dabei urn den rechte-basierten Ansatz, den c konomisc hen Ansatz und den soziopolitischen Ansatz. Der Rechte-basierte Ansatz geht davon aus, dass Kinder und J ugendli che auch in abtraglichen gese llschaftlichen Situationen wie Gewaltkonflikten und Burgerkriegen unverbruchliche Rechte besitze n. Die morali sche Verpflichtung, s ie zu schutzen, ergibt sich in dieser Perspe ktive aus dem allgemeinen Glauben, dass
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Kinde r und Jugendliche unter Konffiktsituationen am meisten leiden , dass sie in der Regel unschuldi g und einem Gewa ltgesc hehen relativ schutzlos ausge liefert sind, und dass ihr Wohlbefinden im Interesse aller liege. 1m Ergebnis zielt dieser Ansatz auf die Erftlllung kindlicher und jugendl icher Bedurfnisse, insbesondere die Gewa hrleistung von menschli cher Sicherheit, abo Die Ubl-Konvention uber die Recht e der Kinder ist das Dokument , des am weitestgehend en diese Sc hutzrechte fi ir Kinder und Jugendliche formuliert. Kinder und Jugendl iche gelten hier als eige nstandige Subje kte mit eigenen schutzwiirdigen Rechten . Dem Rechte-basierten Ansatz geht es darum, aus verletzlichen und unschuldigen Opfern eige nstandige soziale Akteure zu machen, und er vers ucht dies tiber gesetz liche Normen und internationale Konventionen zu erreichen . Auch we nn ein GroBteil der Lander die Ubl-Kin derkonvention unterzeichnet hat, breche n sich die norm ativen Mabstabe der Konvention jed och haufig an einer sozialen Realitat, die der Verwirkl ichung dieser Rechte diametral entgegensteht: In politischen Konflik t- und wirtschaftlichen Krisensituationen erweisen sich die Recht e hiiufig als ineffektiv, sie konnen zwar moralisch ei ngeklagt, aber in der Regel nicht politisch durchgesetzt werden auch wenn Organisationen wie UNICEF immer wieder darauf drangen, die Recht e von Kindem und Jugendlichen zu respektieren. Weitere Schwachen des Rechtebasierten Ansatzes kcnnen darin gesehen werden, dass er nicht zwischen Konfliktund Postkontliktsituation en unterscheidet und bewusstes gewalttatiges Handeln von Jugendlichen nicht einbezieht. Nach gewa lttiitigen Auseinandersetzungen hat die Reintegration der Kinder und Jugendlichen in ihre Familien oberste Prior itat. Dort genieBen sie noch den weitestgehenden Schutz gegen Ubergriffe von Sande n, Ex-Kombattanden und warlords. G1eichwohl hangt ihr Wohlergehen hier zum einen von der soz ialen Situation der Familien ab, in die sie zurtickkehren, z um anderen von den Verarbeitungsmoglichkeit en ihrer Gewalterfahrungen, die sich sehr unterschiedlich auf die weitere personliche Entwicklung auswirken konnen. Der Recbte-basierte Ansatz postuliert unverbruchliche Rechte filr Kinder und Jugendli che, ohne desintegrative gese llschaftliche Situationen oder fragmentierte Staatlich keiten zu bertlcksichtigen. Burgerkrle ge etwa beeintlussen nicht nur die Fahigkeit des Staates, menschliche Sicherheit zu gewahrleisten, sondern sie fuhren auch zur Veranderung der ldentitat von Jugendli chen und des Verstandnisses von Kindheit. Der Rechte-basierte Ansatz ist deshalb in Pra- und Postkontliktsituation en am brauchb arsten , weil mit ihm die Rekruti erung von Kindem und Jugendlichen fur Gewalt vermieden oder spater den Kindem und Jugendlichen ihre Wurd e zuriickgegeben werd en kann. Der okonomische Ansatz sieht dagegen Ju gendJiche v.a. als wirtschaftliche Akteure , die mehr oder weniger rational ihre Interessen verfo lgen und dabei dem Angebot und der Nachfrage von Markten folgen. Ob sie Gewalttater we rden, sich fur Btlrgerkriegsarmeen rekrutieren lassen ode r einer geregelten Arbeit nachgehen, hang t demnach von ihren okonomischen Interessenkalkulen und Verdienstmoglichkeiten abo 1m okonomischen Ansatz stehen deshalb .obje ktive" Variablen wie
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Organisation, lnteressen, Ressourcen , Moglichk eiten und Strateg ien irn Vord ergrund. Blirgerkriege entstehen in dieser Perspektive weniger dUTCh sozia le Notlagen und den Protest dagege n, sondem durch die Gier und Habsucht einzelner, die soziale Notlage n und Frustrationen gesc hickt ausbe uten. Hier geht es letztlich weniger darum, welche Auswirkungen Kriege auf Jugendli che haben , sonde rn darum, welche Wirkungen Jugendlich e auf den Krieg haben. Da Jugend dabei als ausbeut bare aggress ive Ressource erscheint , ist es das Ziel des okono misc hen Ansatzes, aus ihr einen rationalen okonomischen Akteur zu mac he n. Die hoh e Jugen darbeitslosigkeit und die Existenz eines groJ3en Anteils j unger Menschen an der Gesa mtbevcl kerung (youth bulge) sind weitere Aspekte, die fiir den okonomisc hen A nsatz ein A nlass zur Besorgnis sind. Dafilr ist nicht nur das ungenutzte Arbeitspotenzial und die Verschwendung menschlicher Ressourcen Ausschlag gebend, sonde rn meh r noch der Zusammenha ng mit der Gewa ltbereitschaft Jugendli cher. Ein hoher Anteil von arbeitslosen j ungen Leute n birgt ein hohes Risiko fur polit ische Gewalt, wei! Jugendli che dan n leichter filr radikal es Geda nkengut anfallig werden. Die Unfahigkeit der Arbeitsmarkte, die neu hinzu ko mmenden Perso nen aufz unehme n, macht es dem Staat wiederum leichte r, sie fiir Gewalteinsatze zu gew inne n. Auch wenn der gena ue Nexus zwischen den iIIegalen und kriminellen Aktivitaten junger Menschen und der Arbeitslosigkeit letztlich ungeklart bleibt, beton t z.B. die Weltban k diesen Zusammenhang und sieht in der demographischen Entwicklung und den sich daraus ergebenden Arbeitsmarktproblemen schwerwiegende Probleme. Die Programme der WeItbank , aber auch der ILO, zielen v.a. auf die arbei tslosen Jugendlichen, weil sie in ihrer sozia len Lage ei n beso nderes Risiko f ur Friede nsprozesse darstellen. Es geht ihnen darum, o konomisc he Anreize fur die Jugendl ichen zu schaffen, ordentlichen Tatigkeiten nachzugehen , die sozioo konom ische Reintegration der Jugendli chen zu fordem, sie in T rainingsprogramme auf einkommensge neriere nde Aktivitaten vorz ubereiten ode r Bildungs- und Erziehungs rllckstand e zu beseitigen, damit sie Gewa It nicht mehr als eine Option fur das Bestreiten ihres LebensunterhaIts bet rachten. Der o konomische A nsatz strebt deshalb letztlich andere Wertevorstellun gen und Wertehierarchien der Jugendli chen an. Wenn er auch manche Einseitigkeit der youth bulge-Th eorien teilt, so ist der okonomische Ansatz doch in der Lage, den Wunsch de r Jugendlichen nach Wertschatzung und Inklusion in konkre te MaBnahm en und Hilfestellungen zu I lbersetzen . Die ei nzelnen MaBnahme n lassen sich in der Regel kurzfristig umsetzen. Zusammen mit einer "richtigen" Wirtschaftspolitik kann er zu einer Reduzierun g jugendIicher Bedro hungspo tenzia le filhren und liber dere n Integration in die Arbeits markte zur gesel lschaftlichen Stabilitat beitragen . Das eigentliche Ziel der MaBnahm en ist dab ei die Erreichung von Stabili tat - wobe i allerdings deren Bezug zu sozialer Gerechtigkeit und Menschenrechten unexpliziert bleibt. Der soziopolitisc he Ansatz ist dagegen eher langfristig angelegt und sein Zie l ist die Versohnung nach Blirgerkriegen oder die Reziviiis ierung nach GewaItakten. Diese Perspektive setzt an der Selbstwahrnehmun g der Jugend und ihrer Beziehun g
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zur civil society an. Es geht dabei we der urn normative Zuschreibungen an die Jugendli chen noch urn ihren Wert in Kriegsokonomien oder fur Banden oder de n vermeintlichen Schaden fiir ei ne Volkswirtschaft, so ndern darum, d ie Belange und wu nsche der Jugendlichen Ernst zu nehmen und sie in der AusfUhrung e igener Ideen zu unterstutzen. Gesellschaften sollen mit und durch die Jugend w ieder rein tegriert we rden . Das langfristige Interesse an Frieden und Gewaltfrei heit kann dabei nur dan n umgesetzt werden, we nn man den Jugendlichen ermoglicht, ihren destruktiven Umgebungen zu entkommen und adaq uaten Ersatz auc h fur je ne Erfahrungen schafft, die mit der Involvierung in Gewalt fur unterpr ivilegierte Individ uen verbunden sind (hoher soziaIer Status, Kame radsc haft , UberlegenheitsgefuhIe). Kurz: Aus spoilern mussen peace builder werden . Der soz iopolitische Ansatz nimmt an, dass die Exk.Iusion vo n Jugend lichen nach Gewaltko nflikt en fni her oder spater zur Desintegration der Gesellschaft fiihren wird . Die Jugend sei so mit ein guter Se ismograph fur die gesamt e Gese llsc haft. Weiterhin geht der Ansatz davon aus, dass die Jugend lichen ihre scho n erworbe nen Fahigkeiten lieber in den Dienst des Friedens als der Gewalt stellen wollten, sofern ihne n nur Mogl ichkeiten dazu er6ffnet wu rden. Mit dieser ideali sierende n Sichtwei se blendet er allerdings das negative Potenzial der Jugend aus : Die Hera usforderung von Autoritat und Unabhangigkeitsstrebe n sind typische Jugendphanomene, die ganz unterschiedlic h instrumentalisiert wer den k6nnen . Die Jugend muss deshalb in jedem Fall aIs ko nstitutive Kraft fiir den Friede n betrachtet warden, weiI sie entweder fried liche Ve rhaltnisse fordert oder gefabrdet . Gerade die besondere Lebensp hase , in de r sich d ie Jugendlichen befi nden , legt deshalb andere Poli tiken und prog ram matische Ant worten nahe . In der Perspektive dieses A nsatzes mussen die Jugendl ich en in ihre n Organisati one n und Gesellungsformen so unterstutzt we rden , dass sie der Gewalt abschw6ren und zugleich Ko nffiktbearbeitungsfahigkeiten heraus bilden, di e zu Kooperation start zu Konfrontation mit anderen Mitgl iedem der Gese llsc haft fu hrt. Der soziopo litische Ansatz , der etwa von Organ isarionen w ie der GTZ, SF CG , UN DP und WCRWC verfoc hten wird , besitzt also eine j ugendzentrierte Per spektive , deren langfristiges Zie l es ist, die sozialen Bez iehungen unter den Jugendlichen und zwischen ih nen und der Welt der Erwachsenen auf der personlichen, familiaren , kommuna len und institutio nellen Ebene zu verandem . Oer soziopolitische Ansatz fordert die Versohnung und Verfried lichung der J ugend, indem er gegen die Ma rginalisie rung j unger Me nschen kampft und ihre Integration in gese llschaftliche Strukturen (z.B. Clubs, Netzwerke) f6rdert. Auch wenn dabei Gefah ren der Ube rforde rung du rch Verantwortungsubertragungen oder ein starker artikuliertes Unbehagen an bestehenden Fubrungsstrukturen die Foige sein kann, so durtte der soz iopo litisc he Ansatz langfristig der effektivste se in, wenn es datum geht, gewalttatige Jugendliche in d ie Gese llschaft zu reintegrieren ode r Gesellschaften nach Blirgerkriegen zu befrieden .
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Tabelle 3: Drei Ansatze gegenuber Jugend lic hen im Ubergangsprozess vo n Krieg / Gewa lt zu friedlichen Verhaltni ssen
Approach
Economic Approach
Socia-Po litica l Approach
Optimal Period
Preven tio n
Short T erm
Long Term
Objective
Human Sec urity
Sta bility
Reconciliation
Target Group
Childr en (less than 18 You th ( 15 to 24 years of age) years)
Flexibl e (responsive to self-percept ion and socio-cultura l con-
Ro le of Yout h (Cha ract erist ics)
Victim (vu lnerable, innoce nt)
Spoiler (frustrate d, exclu ded)
Rights-based
tex t)-
Exploita ble Rcso urce (aggressive,
greedy) Soc ial actor (ada ptab le, resilient)
Eco no mic acto r ( re~ ~rcefu l .
Typical Programs (Selection)
T yp ica l Actors (Se lection) (Y . Kemper: Yo uth
ra-
tiona l Legal norms and Eco no mic policies co nve ntions on micro/mac ro level Soc io-econo mic inReintegratio n into families; human tegra tion ; vocational rights advocacy; psy - train ing ; incomechosocial wo rk; basic genera ting acti vieducation ties ; ca tch- up ed uca tion
Instruments
Save the Childre n,
fLO , World Ban k
UNICEF In
Peace builder (transformable. act ive)
Participatory approaches Particip ator y surveys; su ppo rt of yout h activities; or ganizations and networks; pcace education
GTZ,SFCG , WCWRC, UNDP
..
w ar-to-Peace Transitions, S. 5)
Heute wird vielfach davon ausgegangen, dass die drei Ansatze sich kombinieren und integrieren lassen und sie eigentlich komplemen tar zueinander sind (vgl. Imbusch 2(09). Aile drei krinnen namlich auf unrerschiedlichen Ebenen wichtige MaBnahmen und Strategien im Umgang mit gewalttatigen oder gewaltbereiten Ju gendlichen beisteuern. Zusammen genommen stellen sie einen effektiven Schutzmechanismus gegen desintegrative Tendenzen bei Jugendlichen dar und ermoglichen eine gelingende Integration in die Gesellschaft. Auf der Grundlage des rechtebasierten Ansatzes mussen Erziehung und Bildungsangebote verbessert werden,
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urn friedliche Leitwerte in der Gesellschaft zu etablieren und Gewalt zu delegltimieren. Die soziopolitische Integration von Jugendlichen kann sodann mittels spezieller Programme gefordert werden. Zivile Alternativen zur Gewalt lassen sich insbeso ndere dann erfolgreich umsetzen, wenn Jugendliche eine grundlegende berufliche Perspektive haben und ein gewisses Einkommen fiber ordentliche Betati gungsfelder erzielen konnen. Geht die Gewalt tiber die Gruppenebene hinaus und tangiert sie die Gesellschaft als Ganze (Burgerkriege, Aufstande, etc.), dann bedarf es nicht nur einer spezifischen Aufarbeitung der Vergangenheit und einer v ersohnung und Annaherung der Kontlikt- oder Kriegsparteien, sondern auch besonderer Reintegrationshilfe n fur Jugendliche und Kinder (beispielsweise im Rahmen vo n DDR·Programmen), urn sog. lost generations zu vermeiden. 5.3 R epressionsstrategien Preventive und kurative Interventionen in Gewalthandlungen und spezifische, auf die direkte oder indirekte Eindammung von Gewalt abzielende Programme sind jedoch nur zwei Moglichkeiten des Umgangs mit Gewalt. Eine dritte Strategie ist und bleibt die Repression, die in der Regel von staatlichen Stellen gegen Gewalttater und Kriminelle gerichtet werden muss. Staaten konnen sich zur Unterdriickung ode r Eindammung von Gewalt verschiedener Mittel und Wege bedienen. Sie kennen fi ber Gesetze und Verordnungen die Anwendung von Gewalt fur iIlegitim erklaren und Gewalttaten abgestuft nach ihrer Schwere unter Strafe stellen - abweichendes Verhalten also sanktionieren. Sie konnen angesichts nicht endender Gewalt oder besonderer Gewaltereignisse mit Gesetzesverscharfungen drohen und hartere Strafen in Aussicht stellen, urn Gewalttater abzuschrecken. Zur Aufrechterhaltung von Ordnung und zur Gewahrleistung von Sicherheit wird dabei in vielen Entwicklungslandern je nach Schwere des Deliktes und der Art der Gewalt neben der Polizei hauflg auch das Militar oder paramilitarische Polizeieinheiten eingesetzt. Auf einer konkreteren Ebene geht es aber nicht nur urn die Repression von Gewalt, sondern auch urn die Kontrolle von Situationen und Ereignissen, von Ortlichkeiten und Gruppen, urn Gewalttaten rechtzeitig zu erkennen und ggf. zu verhindern. Staatliche SicherheitsbehOrden gehen sodann gegen unerwunschte Demonstrationen und iIIegale Versammlungen vor, sie losen soziale Brer mp unkte auf, aus dene n heraus Gewalt wiederholt veriibt wird. Sie bekampfen BandenkriminaIitat und Jugendgangs nicht nur mit praventiven, sondern auch mit repressiven Methoden - und tragen auf diese Weise manchmal zur Entkriminalisierung von Jugendgangs, hauflg jedoch zur Starkung der Kohasion der Bandenmitglieder und damit letztlich zur Zunahme von Gewalt bei. In diesem Zusammenhang ist nich t zuletzt zu bedenken, dass die Polizei in vielen Bntwicklungslandem ein Gewaltakteur nieht nur im Sinne eines als legitim verstandenen staatlichen Gewaltmonopols ist, sondern angesiehts schlechter Bezahlung, Korruption und der Aufnahme gewaitgeneigter junger Manner selbst eine Gefahr fur die Bevolkerung darstellt. Ef-
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fektive Repressionsstrategien vo n Gewalt sc heitern haufig nicht n UT an dem sich daraus ergebenden Zirke l yon Gewalt und Gegengewalt, so ndern auch daran, dass der Staat meistens n UT tiber ein poroses staatliches Gewaltmonopol verfugt, dass er keineswegs flac hendeckend umzusetzen ve rmag. In die "staatsfreien" Raurne SIOBen dann nicht n UT parastaatliche Organisationen mit zweifelhafter Legitimitat, sondern auch lokale oder regionale ,,starke Manner". die auf eigene Art fur Ordnung und Sic herheit sorge n. Ein weiterer kontraproduktiver Effekt von reinen Re pressionsst rategien beste ht darin, dass Jugendliche und junge Erwachsene haufig wegen vergleichsweise geri nger Deli kte schweren Strafen unterworfen werde n und dann in den Gefangnissen erst ric htig "verrohen" , wei! sie dort nicht nur Gewalt am eigenen Leib erfah ren, so ndern auch lernen, Gewalt als Mittel zur Durchsetzung eige ner Interessen - oft sogar zurn eigenen Uberleben - einzusetzen , Kontakte zu krirninellen Milieus aufba uen und nach mehrjahriger lnhaftierung gesellschaftlich isoliert sind . Damit sind Gewaltkarriere n vorgezeichnet und der Ausbruch neuer Gewalt ist lediglich eine Frage der Ze it und passender Umstande.
6. Schlussfolgerungen Das T hema Jugend und Gewalt ist - trotz einer in den letzten Ja hren intensivierten Auseinandersetzung - ein hochst strittiges und komplexes Prob lemfeld geblieben. St rittig ist es, weil es nac h wie vor weder eine verbind liehe Definition von Jugend noeh einen allgemein ane rkan nten Rahme n gibt, in dem das Thema zu behandeln ware. Die An nahme n, die vielen der Juge ndprogramme, aber auch den Brklarungsansatzen zugrun de Iiegen, sind hauflg deterministisch, wei! sie davon ausgehe n, dass Jugendgewah von ei nem oder einigen wenigen Faktoren wie der Jugend arbeit slosigkeit ode r demograp hischen youth bulges hervorgebracht wird. Dagegen ist an dieser Stelle betont worden , dass die Dynamiken, die zur Erze ugung gewaltsamer Konflikte mit und unter Jugendl iehen fllhren , komplexer sind . Jugendgewalt wird durch das Zusammenspiel multipler Faktoren ver ursac ht. Entsprechend vie lfaltig und vie lgestaltig mussen auc h die Anstrengungen sei n, urn der Jugendgewalt Herr zu werden . Die vora ngegangene Diskussion der Hintergrunde und theoretisc hen Erklerungsmoglichkeiten hat gezeigt, dass es sowohl auf der individuellen , auf der Intergruppen- wie auf der gese llschaftlichen Ebe ne eine Fiille vo n Faktoren gibt, we lche die Wahrscheinlichkeit von Aggresslv itat und Gewalt unter Jugendlichen erho hen. Idealerweise mussten Programme zur Bekampfung von Jugendgewalt ho Iistisch angelegt sein und je nach Art und Form de r Gewalt ein abge stuftes Spektrum an Interventionsmoglichkeiten bereit halten, das sowohl indiv id uelle, fami liare, kommunitare und gesel lschaftliche Aspekte umfasst. Solche Programme soli ten nieht nur direkt auf die Jugendgewalt abzielen, sondern insbesondere die dazugeho rigen Risikofaktoren wie ein ge ringes Bildungsniveau , soziookonomische De-
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privationserfahrungen, Exklusionstendenzen, Anerkennungsdefizite und geringe Partizipationsmoglichkeiten angehen. Das setzt zunachst eine akkurate Problembestimmung voraus, die starkeren Wert auf die Betrachtung der sozialen und okonomischen Herausforderungen legt, denen sich die Jugendlichen gegenuber sehen, als die Jugendlichen selbst als das eigentliehe Problem betrachtet. Erklarungsmuster und Bekampfungsmoglichkeiten von Jugendgewalt mussen zudem kontextspez ifisch angelegt sein, weil Jugendgewalt immer eine je eigene und hochsr spezifische Realitat in einem bestimmten Land darstellt, deren Ursachen und Hintergrtlnde keineswegs generalisierbar sind. Zu bedenken ist auBerdem, dass Jugend eine tlie6end e Kategorie ist, die einen Ube rgangsprozess vom Kindsein zum Erwachsensein markiert, in dem Identitaten sich vervielfaltigen bzw. verandem und widersprtichliche Verhaltensweisen zum Kern dieser Entwicklung gehoren. In diesem Prozess benotigen die Jugendlichen klare Orientierungen und verlassllche Leitbilder, die bei ihnen keine falschen Erwart ungen oder unrealisierbare Hoffnungen wecken. Jugendspezifische Programme solhen sieh zudem an dem obersten Grundsatz des ,JJo no harm" orientieren. Ein verbesserter Fokus a uf das T hemenfeld J ugend und Gewalt hatte schlie6lich nicht zuletzt Auswirkungen fur das Entwicklungsverstandnis von Gesellschaften: Es zeigte namlich, dass der Ubergang von der Kindheit I lber die Jugendphase zum Erwac hsensein ein kritischer Prozess ist, der Familien, Gemeinden und die Gesellschaft mit ihren politischen und sozioo kono misc hen Strukturen insgesamt betrifft. Es hangt dabei von der Art des Umgangs solcher Institutionen ab, ob die destruktiven oder die konstruktiven Potenziale von Jugendlichen zur Geltung kommen, wie sie an den einzelnen Teilbereichen der Gesellschaft partizipieren k6nnen und ob Jugendliche zu Frieden und EntwiekJung beitragen oder sie zu zentralen troub le makers oder zu spo ilers werden. Jugendliche v.a. unter Sicherheitsaspekten zu sehen und als Problem wahrzunehmen, ist nieht nur deshalb problematisch, weil in einer solchen Perspektive der Beitrag und das positive Potenzial von Jugendlichen fur die Gesellschaft Ilbersehen wird, sondern auch deshalb, weil die uberwiegende Mehrheit der j ungen Leute trotz schwerwiegender sozialer und 6konomischer Problemlagen I lberh aup t nieht zur Gewalt greift. Die UNDP hat deshalb vollkommen zu recht festgestellt: "The causes of the youth crisis are largely exogenous to youth - they have much to do with the sh rinking of economic, social and political prospects that young people are con fronted with. To a large degree, the 'youth crisis' is to be understood as a crisis of the transition from youth to adulthood. Young people in most developing countries have few education and employment opportunities, and thus decreasing chances of establishing themselves as adults in an increasingly competitive world. Excluded from decision-making, they may see the mainstream political channels as irrelevant. Their responses can be violent or non-violent, but their actio ns often reflect a lack of status, and are taken in an attempt to renegotiate the youth passage to adult-
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hood. The problem, therefore, is to increase both the concrete opport unities available to yo ung people and their sense o f incl usion in society." (UNDP 2006: 75) Ta d und Verlet zung durch Jugend gewalt stellen in vielen TeiJen der Welt ein ernstzunehme ndes Probl em dar, auch wenn regional eine betrachtli che Variationsbreite im Umfang und AusmaB von Jugendgew alt festzu stellen ist. Zugle ich gibt es ein breites Spektrum an Strategien im Umgang mit Jugendgewalt. Urn wirkJich effektiv zur Red uzierung von Jugendgewalt beizutragen , bedarf es jedoc h cines multiplen, mehrere Strategien komb inierenden Ansatzes, der situatlo nsadaquat sow ie kultur - und gendersensitiv ausgerichtet ist. Denn Programme und Konzep tionen , die in Deutschland oder Frankreieh erfolgreieh waren, mussen nieht automatise h oder gar notwendi gerweise auch in Kolu mbien ode r Sudafrika Erfolg verburgen. Wunschenswert wa re eine starkere Zusamme narbeit der wichtigs ten intemationalen Organisationen, die auf diesem Feld tatig sind, urn Expertise zu bt mdeln, einzel ne Programme abzustimmen und damit die Praventio nsmoglichkeiten von Ju gendgewalt insgesa mt zu ve rbessern. Obwo hl die Ju gend lichen in viele n Entwicklungslander n einen GroBteil der Bevolkerung stellen - in einigen Landern bilden sie soga r die Mehrheit der Bevolke rung -, wird ihr anteilsmabiger Status in der Regel nicht reffektiert, so dass die Ju gendlichen nur ungenugend bei der Verteilung von A nerkennung und Wertschatzung, bei m Zugang zu Bild ung und Arbeit oder in Bezug auf ihre wirtschaftliche ode r politische Position im Vergleieh zu ande ren Gruppen der Gesel lschaft benlcksichtigt werden. Es musse n deshalb effektivere Mechanismen gesc haffen werden , mittels derer die Jugendlichen auf untersc hiedlichen gese llschaftlichen Ebe nen und dauerhaft Tei l der Entscheid ungsstrukturen we rden. Politische Entsc heidungst rage r und Programmspezialisten so Uten deshalb zusam men mit de n Jugendliehen Programme entwe rfen und nieht fUr die Jugendlich en. Die Jugendli chen so llten im Zentrum der MaBnahm en stehen. Urn alle rdings zu effektiven Programmen der Prevention ode r Bekampfung von Jugend gewalt zu kommen , ist zuvorderst eine deutliche Ve rbesserung der Date nlage vonnoten. Dabei ware es wie htig zu wissen, wie viel und we lche Arten von J uge ndgewalt es Ilberhaupt gibt, wie viele Verletzte oder Tote dabei aufgetrete n und we lche A lterskohorten involviert sind. Dazu rmlssten einh eitliehe Standards der Definition und Messung von Jugendgewalt entwic kelt werden, urn we nigste ns zu annahemd vergleichbaren Daten zu ko mmen. Durch die Beru cksichtigun g von A1 ~ terska tego rien lieben sich zudem die versc hiedenen Risiken von j ungen Leuten dars tellen, in bestimmten Stadte n oder Regionen enrweder Opfer oder Tater zu werden. Das monitoring von Gewa lttatigkeiten Jugendli cher sollte insbesondere in Bezug auf Regionen wie Afrika, Slidostasien, de n Nahen Osten, aber auch armere Regionen Sud- und Mittelamerikas und des Westpazifiks ve rbessert werden, fiir die bis heute nur unzulangliche Date n vorliegen. Urn zu einer adaquateren Einschatzung des AusmaBes des Problems Ju gendgewalt zu kom men , so llten mittels spezie Uer Unte rsuchunge n Daten ilber das Verhaltnis von todlichen zu nicht-todlic hen
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A useinandersetzunge n Jugendlicher unter Beruc ksichtig ung der Method iken der Gewa lttater, des Allers und des Geschlechts des Opfers erho ben werde n, urn d ie bis her verfiigba ren reine n Mortalitatsdaren zu erganzen. FUr die Implementieru ng von Praventionsprogramm en ware es wiinschenswert und notwendig, dass aile La nder Dalen tiber Gewa lt mittels polizei licher oder anderer staa tIicher Behorden zentral erfassen und der Offe ntlichke it zur Verfugung ste llen. Obwohl die qua litative wie quantitative wisse nschaftliche Erforschung von Gewa lt auf intern ation aler Ebe ne in den letzten Jahren Fortsc hritte gemacht hal, gibt es nach wie vo r betrachtliche LUcken und blinde Flecke n, die es zu beseitigen gilt. Dazu gehore n insbesondere d ie folgenden Punkte: J ugendgewalt findet im mer in besti mmte n sozialen und kulturellen Kontexten statt. Unklar ist aber bislang, ob und inwiefern diese Gewalt uber haupt be stimmle Ku lturspezifika aufweist und ob die ihnen zugrunde liegenden Ursa c hen nic ht auf einige basa le Bestimmungen zurOckgefOhrt we rden konnen, die fu r meh r ode r we niger groBe Te ile der Jugendgewalt Gultigkeit besitzen. Nicht zuletzt um die groBen weltweiten Untersc hiede im AusmaB der Jugendgewalt zu verstehen und regionalspezi fische Pravention sprogramme entwickeln zu konnen , ist eine kulturve rgleichende und region enObergreifende Forschung tiber die Ursac hen und die Entwicklu ng vo n Jugendgewalt von noten. Internationa l vergleichende und kultu rObergreifende Unte rsuc hungen tiber Jugendgewa lt sind aber bis heute d ie Ausnahme geb Iieben. Die Va liditat von Datensatzen offizieller Institutionen in den Landem der Dritten Welt muss dringend verbessert we rden , um de n Umfa ng vo n Jugendgewalt wirklichkeitsgetreu messen zu konnen . Es fehlt insbesondere an ve rgleichenden Daten von gewalttatigen Jugend lichen mit gewa ltbere iten J ugend liche n und solchen Juge ndlichen, die iiber haupt nicht in gewalttatige Verhaltensweisen verstrickt sind, um zu verla sslic heren Aussagen tiber die Hintergrunde und Opportunitatsstruktu ren von Gewa lt zu kommen. Urn die Date ngrund Iage zu verbes sern, lst es nicht zuletzt erforderlich, ein aktives capacity development in den Entwic klungslandem zu betreibe n, urn die Situation der wissenschafllichen Gewaltforsch ung vor Ort zu starken und unabhangig von politisc hen Konj unkturen zu machen. Das betrifft sowohl die personellen Kapazitaten (etwa perso nliche Kompetenzen vo n Fachle uten) wie auch die institutionellen und o rganisatorisc hen Kapazitaten (Iernende Orga nisationen} sowie das institutionelle Umfeld. Die Aggressions-, Gewa lt und Konfliktursachenforsc hung bietet eine Vielzahl von Erklarungsmodellen und T heor ien tiber die Entste hung vo n Aggressionen und gewalttatigem Verhalten . Viele verfOgen nur tiber eine begrenzte Erklarungskraft und Reichweite, manche weise n nur eine ger inge Plaus ibilitat auf, fast aile entstam men jedoc h dem Kultu rkontext der entwickelten westlichen Lander. Ungeklart ist im Grunde, wieweit sie auf die Situationen in Entwicklungslandem anwendbar oder Obert ragba r sind und welche Erklarungsreleva nz
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ihnen fur Jugendgewalt in diesen La ndem zukommt. Es besteht somit dringender Bedarf daruber nachzudenken, welche Relevanz den hier vorgestellten Kon zepten zukommt, welche ErkHirungskraft sic in untersch iedlichen kulture1len Kontexten besitzen , ob ihre Pramissen sich Ilbertragen lassen und welche Aspekte der theoretisch en Erklarungsa nsa tze quasi eine transkulturelle Gt iltigkeit besitzen. Es musse n die zen tralen Risikofaktoren bestimmt werden, die Gewalt uberhaupt wahr sch einlich mec hen, und sodann ihre differentiellen Effekte im Hinblick auf die Dauerh aftigkeit, die Eskalatio ns- und Dee skala tionspot enziale und die Beendi gungsm oglichkeiten vo n Gewalt in versc hiedenen Alt erstufen erfasst werden. Es sollten aber auch jene Faktoren identifiziert werde n, die am besten gegen Jugend gewalt schutzen. Weiterhin fehlen nicht nur verlassl iche Langsschnittstudien, die das mcgliche Spektrum an Risiko- und Schutzfaktoren eva luieren und demit das Wissen tiber die Entwicklungsve rlaufe vo n Jugendgewalt verbessern , so ndern auch solehe, die sich mit der Wirkungsmessun g vo n Interv enti onen in der Jugendphase beschaftige n. Die Ge nderproble matik muss in zuktinfligen Analysen zur Ju gend gew alt unbedingt sta rker als bisher ber ticksic htigt werden. Frauen sind in der Regel vo n Gewalt doppelt und dreifach betroffen , sie haben weit starker unter den FoIgen vo n Gewalt zu leiden als j unge Manner , und sie sind aufgrund mange lnder Recht e in vielen Bntwicklungslandem hauflg wehr - und sc hutzlos. Es fehlt aber auch an Informationen Ilber die Rolle, Motive und Hintergrunde des Au smaBes der Beteiligung vo n Madchen und j ungen Frauen an Gewalt. Sodann bedarf es dringend eines verbesserten Verstandni sses der Wirkun gsweise sozialer und o konomischer Faktore n fur eine Reduktion vo n Gewalt, und zwa r insbes ondere vor dem Hinrergrund gro Ber sozialer Ungleic hheiten, sc harfer Einkommenskonzentra tio nen und weit ver breite ter Armut. Bildung und Erziehung sind offensic htlich w ichtige Variablen , die langfri stig zum Abbau von Gew altbereitsc haft und zur Delegitimierung vo n Gewa lt beitragen konnten. Aber ges icherte Erkenntnisse tiber diesem Zusa mmenhang gibt es bisher nicht. Gleiches gilt im Ubrigen fur die Wirksamk eit von speziell a uf die Situation von Jugendlichen in Entwicklungslandern ausgeri chteten Katal oge zur Gewa ltp ravention und die Effektivitat vo n Praventionsstrategien . Die bisherigen Erkenntnisse tiber die entsprechenden MaBnahmen sind bisher nicht se hr umfangreich und zude m widersprilchlich. Obwo hl es kaum moglich sein diirfte, Jugendgewalt (zumindest in grogere m StH) a ufgrund ihrer vie lschichtige n Ursachen und vielfaltige n Forme n zu pro gnostizieren , lassen sic h doch aus den theorelischen Ergebnissen zumi ndest Erkenntnisse gewinnen, unter welch en Umstanden und Bedingungen Jugendliche mit einer hohen Wahrscheinlichkeil zur Gewa ltanwe ndung neigen. DiesbezllgIich sollte die Modellbildung unter Beriicksicht igung der wichtigsten Va riablen und dem Ziel einer gewissen Prognose fahigkeit vora ngetriebe n werden, urn zu
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einer moglichst fruhzeitigen Identifizierung von sag. hot spots zu gelangen. Dies ist nicht zuletzt deshalb von Bedeutung, weil die Gesamtkosten von Jugendgewalt fiir einzelne Gesellschaften betrachtlich sind und sie die moglichen Kosten fi ir Praventionspolitiken bei weitem ubersteigen. Prevention von Gewalt ist nicht nur besser, sondern auch kostengiinstiger als die Konfliktintervention oder Konfliktnachsorge.
Literaturverzeichnis Abbink, J. I Kessel. I. van (Eds) (2005) : Vanguard or Vandals? Youth, Politics and Conflict in Africa, Leiden , Boston. Akers, R.L (1998): Social Learning and Social Structure . A General Theory of Crime and Deviance, Boston. Albrecht. G. (2002): Sozlolcgtscbe Erklanmgsansatze individueller Gewalt und ihre empirische Bewiihrung, in: W. H