Ethos der Weltkulturen Religion und Ethik herausgegeben von
Anton Grabner-Haider
Mit einem Vorwort von Hans Küng
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Ethos der Weltkulturen Religion und Ethik herausgegeben von
Anton Grabner-Haider
Mit einem Vorwort von Hans Küng
Vandenhoeck & Ruprecht
Die Bibliografische lnfoonalion Der Deutschen BibliOlhek Die Deulsche Bibliothe,k verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie: delaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrulbar. ISBN 13: 978-3-525-57305-1 ISBN 10: 3-525-57305-7
Gefordert von der Karl Franzens Universität Gral..
CI 2006. Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG. Göttingen. www.v-r.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Hinweis zu § 52a UrhG: Weder das Werk noch seine Teile dürfen ohne vorherige schriftliche Einwilligung des Verlages öffentlich zugänglich gemacht werden. Dies gilt auch bei einer entsprechenden Nutzung für Lehr- und Umerrichlszweckc. Primed in Geonany. Salz und Layout: Helmut Lenhan. Druck und Bindung: Hubert & Co.. Göuingen. Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier.
Bayerische Staatsbibliothek München
Inhalt
Vorwort (Hans Kiing)
Einleitung
__
7
11
AIltOIl Grabner-Haider
Ethos und Kulmr
17
Amotl Quack
2 Ethos der Starnmeskulturen
37
Heike Michael·Murmann 3 Indische Kultur
5S
Amotl Grabtler·Haider 4 Buddhistische Kultur
75
AnIon Grabner-Haider 5 Chinesische Kultur
103
Amoll Grabller·Haider 6 Japanische Kultur
131
Karl Premier 7 Werteordnung des Alten Orients und Ägyptens
159
Johanll Maier 8 Ethos des Judentums
179
Anton Grabner-Haider 9 Ethos des Christentums
243
Karl Premier 10 Islamische Kultur
277
6
lnhah
Amotf Qllack
11 Afrikanische Kulturen
Mar;ano De/gado 12 Zum Ethos der lateinamerikanischen Kultur
319
__
331
Grabner-Haider 13 Europäische Philosophie der Moral
349
Anhang Namensregister
399
AlIIon
Autorenverzeichnis Delgado. Mariano: Prof. fLir Patristik. Universität Fribourg. Grabner-Haider, Aman: Prof. für Religionsphilosophie. Universität Graz. Maier. Johann: Prof. fUf Judaistik. Universität Köln. Michael-Munnann. Heike: Indologin. Universität Mainz.. Prenner. Karl: Prof. rur Religionswissenschaften. Universitäl Graz. Quack. Anion: Prof. rur Religionswissenschaft. Theologische Hochschule SI. AugustinIBonn. Remeie. Kurt: Prof. rur Soz.ialethik. Universität Graz.
Vorwort Hans Küng
..Dogmatik trennt - Ethik eine'; das ist nur bedingt richtig! Für den ersten Teil des Satzes sprechen die Erfahrungen vieler, dass in Glaubensfragen sich Religionen vielfach uneins sind und sich gegenseitig verketzern und verteufeln. Doch gibt es gerade in neueslcr Zeit auch Erfahrungen. dass sich Religionen in ihrem Glauben annähern und feststellen. dass sie trotz aller Differenzen sich in vielem nahestehCl1. Man denke an den christlich-jf.idischcn. aber zunehmend auch den christlich-muslimischen Dialog, denke aber auch an die Annäherungen zwischen Konfuzianismus und Daoismus - "Dogmatik" braucht also nicht unbedingt zu trennen. Auch in Glaubensfragen ist Konvergenz möglich und erwünscht.
Umgekehrt gibt es auch in Mora/fragen zwischen den Religionen und selbst innerhalb der Religionen viele Gegensätze, man denke nur an die Sexual moral. Doch ist es ebenfalls eine Erfahrungstatsache, dass auch Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener Dogmatik recht gut zusammenleben können, solange sich alle an bestimmte Regeln des Umgangs halten. Ja, es ist möglich, trotz Unterschieden in der Dogmatik in der Ethik übereinzustimmen. Ethik kann einen. Doch ist dies zu präzisieren. Es ist heute allgemein anerkannt: Nonnen sind kulwrabhängig. In verschiedenen Kulturen gewachsen, bleiben sie von ihnen geprägt und auch durch die jeweilige Kulturstufe bestimmt. Doch ist es eine Einsicht der neuesten Zeit, dass es auch gewichtige kulturübergreijellde ethische Werte und Nonnen gibt. Die ethischen Systeme. also die Ethik im Sinn der Doktrin, unterscheiden sich gewiss mannigfach. Aber Übereinstimmung gibt es bezüglich elementarer konkreter ethischer Normen, Werte ulld Einsichten. Diese haben sich freilich allmählich - in einem höchst komplizierten soziodynamischen Prozess - herausgebildet. Je nachdem, wo sich Bedürfnisse des Lebens anmeldeten. wo sich zwischenmenschliche Dringlichkeiten und Notwendigkeiten zeigten, da drängten sich von Anfang an Handlungsorientierungen und -regulative für menschliches Verhalten auf: bestimmte Konventionen. Weisungen, Sitten, kurz: bestimmte ethische Maßstäbe, Regeln, Normen. Sie wurden im Lauf der Jahrhunderte. ja Jahrtausende überall in der Menschheit erprobt. Sie mussten sich sozusagen einschleifen.
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Hans Küng
Es ist auffallig: Bestimmte elementare sittliche Standards scheinen sich überall auf der Welt zu gleichen. Ungeschriebene ethische Norme" bilden nach Auffassung von Kulturanthropologen den ,.Felsen", auf dem die menschliche Gesellschaft aufgebaut ist. Man kann dies ein "Ur-Ethos" nennen, das den Kern eines gemeinsamen Menschheitsethos, eines Weltelhos. bildet. Dies ist gerade nicht im Sinn einer einzigen, in irgendeinem Stamm oder Volk vorfindbaren (aber tatsächlich nirgends auffindbaren) "Urreligion" gemeint. Im Gegcnlcil: Ein solches ..Ur-Ethos" findet sich in allen möglichen Stämmen und Völkern. Ein "Well· Ethos" hat also sein Fundament nicht nur (syn+chronisch) in den heule gemeinsa-
men Grundnonnen der verschiedenen Religionen und Kulturen. Es gründet sich auch (dia-chronisch) auf den schon in vorgeschichtlicher Zeit (vor dem Einsetzen schriftlicher Quellen) sich durchsetzenden Grundnonnen der Stammeskulturen. Auch wenn selbstverständlich nicht jede Nonn Element eines ursprünglich schon gegebenen Ethos ist, lässt sich doch zur Betonung der bei allen Transformationen gegebenen Kontinuität sagen: Heute gelebtes Welt-Ethos im Raum basiert letztlich auf einem biologisch-evoluliv vorgegebenen. in der Zeit erprobten Ur-Ethos. Erst nach Perioden von Eingewöhnung und Bewiihrung kam es zur allgemeillen Allerkellfllmg solcher eingelebter Normen. die später auch satzhaft formuliert. ja. in einzelnen Kulturen werden sie unter eine höhere religiöse Autorität. ja. unter den Willen des Einen Gottes gestellt. exemplarisch in den "Zehn Geboten" der Hebräischen Bibel. wie sie Israel nach der Sinai-Tradition durch eine Gonesoffenbarung erhielt: Nicht nur .,nicht morden. stehlen. falsches Zeugnis ablegen. Unzucht treiben". sondern: "Ich bin der Herr. dein Gott ... Du sollst nicht ,., !" (Exodus 20,1-17; DeUieronomium 5.6-21), Man entdeckt nun, dass bei allen Unterschieden und all dem verschiedenen Eingebettetsein es doch gemeinsame ethische Werte und Maßstäbe gibt. die in ähnlichen Lebensbedürfnissen und Lebensnotwendigkeiten gründen. Es ist also keine Zufälligkeit. wenn sich schon beim Begründer des Yoga. Patanjali. wie auch im buddhistischen Kanon. aber auch in Judentum. Christentum und Islam analoge ethische Imperative finden: nicht morden. nicht lügen. nicht stehlen. nicht Sexualität missbrauchen, Es ist kein Zufall. dass gerade diese Nonnen sich in verschiedenen Kulturen zeigen. Geht es doch um zentrale Bereiche menschlichen Zusammenlebens: den Schutz des Lebens, des Eigentums. der Wahrheit, der Geschlechtlichkeil. Dass dabei ethische Anschauungen in manchen Interpretationen divergieren. ist angesichts der Verschiedenheit der Kulturen selbstverständlich. Doch wichtiger ist es für unsere heutige globalisierte Welt. in der Kinder verschiedener Religionen in derselben Schulklasse, Studenten verschiedener Länder an derselben Universität. Männer und Frauen aus verschiedenen Kulturen und Religionen in demselben
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Vorwort
Büro, in derselben Fabrik, in derselben Geschäftsleitung zusammen sind und zusammen arbeiten, dass es ethische Werte und Nonnen gibt, die überall und für alle gehen. Doch wenn man sich selber als ,.Dogmatiker" nicht nur in das Glaubensverständnis. sondern auch in die Ethiken der verschiedenen Religionen einarbeiten musste. weiß man, wie viel Mühen dies kostet. wie sehr es sich aber auch lohnt. So werden denn viele Leser dem Herausgeber des Buches, Prof. Dr. Anton Grabner-Haider, dankbar sein für diese Initiative, in diesem Buch einen Überblick über die Ethiken der verschiedenen Religionen zu geben; der Herausgeber hat darüber hinaus in einer ausführlichen Einleitung überzeugend dargelegt. wie auch die größten philosophischen Geister der Menschheit- von den Vorsokratikern, Platon und Aristoteles über Augustin und Thomas von Aquin, über die Philosophen der Aufklärung und zu Immanuel Kant bis zu den Heutigen - um die Maßstäbe eines echt menschlichen, humanen Verhaltens gerungen haben. Erst recht dankbar wird man den verschiedenen Autoren sein, die sich in die so unterschiedlichen und doch in manchem ähnlichen Ethiken der einzelnen Kulturen eingearbeitet haben - vom chinesen und japanischen religiösen Stromsystcrn über das indische bis hin zum nahöstlich-scmitischen (Judentum, Christentum und Islam), während andere Autoren auch die Ethiken der altorientalischen, der afrikanischen und süd~ amerikanischen Kulturen behandeh haben. Unterschiede und Gemeinsamkeiten treten auf diese Weise plastisch hervor. Ich wünsche dem Leser viel Freude auf der Entdeckungsreise durch das Ethos der Religionen und Philosophien. Tübingen. im Juli 2005
Hans Küng
Einleitung AntOll Grabner-Haider
Mit der fortschreitenden Globalisierung der Wirtschaft rücken auch die Lebensformen und Lebenswerte fremder Kulturen vermehrt in unser Blickfeld. Wir schauen häufiger und deutlicher auf die Regeln des Verhaltens. auf die Normen des richtigen Handeins, auf Gebote und Verbote, auf das Verhältnis der Geschlechter und auf praktische Lebenswelten in fremden Regionen der Erde. Unter Ethos bzw. Moral fassen Wif die Gesamtheit der Lebenswerte und der Verhaltensregeln in einer Kultur zusammen. Ethik ist dann die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit diesen Regeln und Werten befasst. Dabei erkennen wir. dass Lebenswerte, Pflichten und Normen immer von der Entwicklung einer Kultur bzw. von Kulturstufen abhängen und sich folglich verändern. Gleichzeitig wird deutlich. dass die Grundwerte des sozialen Lebens in aBen Kulturen sehr ähnlich bzw. fast gleich sind. Sie gehören nämlich zu den Überlebensbedingungen menschlicher Gruppen. Zum einen folgen unsere Lebenswerte einer biologischen Struktur, sofern sie es ermöglichen. elementare Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Zum andern aber werden sie in bestimmten Lebenssituationen von normsetzenden Personen und Gruppen festgelegt. um konkrete Problemfelder auf vernünftige Weise zu bewäl~ tigen. Offensichtlich haben Lebenswerte auch einen emotionalen Hintergrund, sofern in ihnen emotionale Prozesse und Dynamiken zum Ausdruck kommen. Sie gehören zu den Überlebensstrategien menschlicher Kulturen, denn mit beliebigen Werten und Verhaltensweisen konnte keine Sozietät überleben. Dieses Buch versucht. in übersichtlicher und gestraffter Weise die Nonnensyslerne und Wertordnungen der großen Kulturen der Welt zusammen zu stellen und in allgemein verständlicher Weise darzulegen. Am Anfang steht ein allgemeiner Beitrag über Ethos und Kuhur,derdie Verflochtenheit von moralischen Werten mit der menschlichen Kulturentwicklung zeigt. Es folgt ein Überblick über das Ethos der Srammeskulturen in verschiedenen Kontinenten, welche ihre Lebenswerte vor allem mündlich tradieren, weil sie noch keine Schrift entwickelt haben. Dann folgen die Darstellungen des Ethos der großen Schriftkulturen Ostasiens, nämlich Indiens, des Buddhismus. Chinas und Japans. Dabei wird deutlich. dass die verschiedenen sozialen Schichten unterschiedliche Wertordnungen gebildet
12
Anion Grabncr-Haidcr
haben. die ihnen helfen, das Leben z.u bestehen. Es wird erkennbar, wie philosophische Schulen der Lcbensweisheit auch die Wcrtordnungen verändert haben.
Einen anderen Schwerpunkt bilden die Wertordnungen der Kulturen des Alten Orients (Ägypten, Sumerer, Babylonien. Persien Kanaan), sowie der jüdischen Kultur. der christlichen und der islamischen Religion. Heute wird mehr als die Hälfte der Menschheit, nämlich ca. 2 Milliarden Christen und 1,4 Milliarden Moslems. von den Wertordnungen dieser beiden Großreligionen geprägt. Es folgt ein Überblick über die Wcrtordnungen der afrikanischen und der lateinamerikanischen Kulturen und ihrer Anpassungen an modeme lebensbedingungen.
In einer kompakten Kurzfassung wird die Wertediskussion der europäischen Philosophie. von den griechischen Anfangen bis zu den Modellen der Gegenwart umfassend wiedergegeben. Dabei gehl es darum. die rationale Triebfeder der europäischen und der nordamerikanischen bzw. australischen Werteniwicklung scharf in den Blick zu bekommen. Deswegen werden die großen Themen der philosophischen Wertediskussion übersichtlich dargestellI. Im Blick auf den beginnenden .. Dialog der Kulturen" wird es uns möglich. die Lebensformcn fremdcr Kulturräume besser zu verstchen. Denn wenn wir dcren moralischen Werte und Zielsetzungen. ihre Pflichten und Gebote besser kennen. dann wird uns ihr alltägliches. ihr politisches und wirtschaftliches Handeln ver· trauter. Kulturen TÜcken dann näher zusammen. wenn sie beginnen. einander zu verstehen. Denn dann können viele der alten Vorurteile und Feindbilder abgelegt werden. Der Dialogder Kulturen aufvielen Ebenen ist eine unabdingbare Voraussetzung für einen möglichen Weltfrieden. Er ist im weitesten Sinn Friedensarbeit. Trotz aller Verschiedenheiten und daraus resultierenden möglichen Konflikten scheint es real möglich, dass wir uns in vielen kleinen Schritten auf ein globales "WeIlethos" zu bewegen, von dem Hans Küng nachhaltig spricht. Die Verständigung und Versöhnung der Religionen scheint eine Voraussetzungen für das friedliche Zusammenleben der Völker zu sein. Das Buch verfolgt ähnliche Grundannahmen und Zielwerte. indem es zeigen will. dass die Grundwerte des Überlebens und des Zusammenlebens in allen Kulturen und auf allen Kulturstufen der Tendenz nach sehr ähnlich sind. Denn es darf aufgrund unseres biologischen Wissens angenommen werden. dass die Grundbedürfnisse des Lebens für alle Menschen dieselben sind. Dazu gehören die Bedürfnisse nach Schutz, nach Nahrung. nach Überleben, nach SchmerLfreiheit, nach sozialem Austausch, nach Orientierung und nach Lebensdeutung u.a. Diese Bedürfnisse werden je nach Kulturstufe, nach wirtschaftlicher oder klimatischer Möglichkeit unterschiedlich befriedigt. Wahrscheinlich haben nur solche Gruppen und Kulturen überlebt, welche die Befriedigung dieser elementaren Bedürfnisse hinreichend gewährleisten konnten. Denn Lebenswene fallen nicht vom Himmel und sind keineswegs beliebig. sie entwickeln sich aus biologischen und emotionaJen Wurzeln und speichern eine
Einleitung
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Vielfalt von empirischen Erfahrungen und von Problemlösungsstrategien. Denn unsere evaluierenden Lebensorientierungen sind reflexive Standards zu Bewer· tungen unserer Präferenzen, aber auch stark emotional besetzte Vorstellungen über Wünschenswertes und Notwendiges. Sie stützen sich auf Gefühle der Evidenz und Gewissheit und haben immer mit dem ganzheitlichem Erleben einer Person zu tun. l Denn unser Bewertungsgedächtnis gehört neben dem Orientierungsgedächtnis zu unserem ältesten biologischem Erbe. 2 Wenn die Grundwerte des Zusammenlebens und des Überlebens in einer Kultur gesichert sind, dann erscheint die Pluralität der praktischen Lebenswerte nicht als Bedrohung. sondern als Berei· cherung einer Lebensweltln der westlichen Zivilisation bzw. in den "atlantischen Kulturen" hat sich der Glaube an die allgemeinen Menschenrechte bzw. an die Menschenwürde und Sakralität der Person weitgehend durchgesetzt. Doch dieser Lernprozess wurde erst durch den exzessiven Kulturschock der beiden Weltkriege und des Holocaust möglich. Denn darin sind auch die Religionsbilder und Menschenbilder auf der Basis der Herrschaft des Stärkeren weitgehend zusammen gebrochen. Erst heute beginnen wir zu begreifen. was hier im Bezug auf die moralische und religiöse Orientierung eigentlich passiert ist Die alten Goltcsbildcr und Moralvorschriften der Kleriker. auf die sie seit Kaiser Konstantin gesetzt haben. wurden von den Laienchristen weitgehend verabschiedet J Seit ca. sechzig Jahren buchstabieren wir aufs neue die Grundwertedes Zusammenlebens, wie sie von der griechischen Aufklärung (Sophisten) und viel später von der europäischen Aufklärung fornlUliert wurden. Es sind dies die Orientierungen an den allgemeinen Menschenrechten. an Religionsfreiheit und Demokratie, an der freien und sozialen Marktwirtschaft und an der Erhaltung des Weltfriedens. Denn dieser ist die notwendige Voraussetzung für den freien Handel an Gütern und für die Optimierung des individuellen und des soziaJen Lebensglücks. Manche Soziologen (z.B. Emile Durkheim) vertreten die Meinung, dass der Glaube an die allgemeinen Menschenrechte zur Primärreligion der modemen und postmodernen Gesellschaft werde bzw. schon geworden sei. Die politische und kulturelle Universalisierbarkeit dieser Wertorientierung sei real möglich geworden. 4 Woher kommen nun die Widerstände gegen den Glauben an die Universal isierbarkeit der allgemeinen Menschenrechte und damit gegen das Projekt "WeItethos"? Zunächst wird betont, dass sich die menschlichen Kulturen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten entwickeln und daher differente Wertordnungen bilden. Die großen Religionen (z.B. Islam, Buddhismus, indische Religionen) transportieren Lebenswerte. die kaum mit einander verträglich seien. Ein DiaH. Joas, Die Entwicklung der Wene. Frankfun 1997.44-60. Ders.. Braucht der Mensch Religion? Freiburg 2004. 44ff. I J. Kuh!. Der Kalle Krieg im Kopf. Freiburg 2005. 68-77. G. Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Frankfun 1994, 198ff. J R. Polak (Hg.). Megatrend Religion? Neue Religiositälen in Europa. Sluttgan 2002. 38ff. • H. Joas. Braucht der Mensch. 155-168. I
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AnIon Grabncr-Haidcr
log oder Polylog der Kulturen (Jacques Derrida, Franz Wimmer) sei wegen der behaupteten Offenbarungsbezüge und MonopolanspTÜche fast unmöglich. Nur durch die Relativierung und Auflösung starker religiöser Überzeugungen seien kulturelle Lernprozesse möglich. Diese Einwände sind gewiss sehr ernst zu nehmen. doch sie widersprechen nicht dem angestrebten Austausch der Kulturen.
Gewiss muss der Glaube an die allgemeinen Menschenrechte mit der Akzeptanz der allgemeinen Menschenpflichten verbunden werden, wie wir z.B. aus den Kulturkreisen des Islam oder Chinas lernen können. So wird der Dialog der Kulturen zu einem wechselseitigem Austausch an Überzeugungen. Orientierungen und Lebenswerten. Heute strebt eine interkulturelle Philosophie danach, alle philosophisch relevanten Probleme und folglich auch alle moralischen Fragen im Blickfeld aller Kulturen zu beleuchten, die uns darüber Reflexionen hinlerlassen haben. 5 Angestrebt wird dabei eine ..Entkolonialisierung'" der philosophischen und der moralischen Begriffe und Denkkonzepte. denn der traditionelle Euro- bzw. Amerikanozcntrismus sei überwindbar. Dem Dialog der Kulturen und dem Projekt "Weltethos" hinderlich ist eine subtile Mentalität der "Herrenmenschen", die ursprünglich aus der christlichen Religion stammt und vom Nihilisten Friedrich Nielzschc ins Unerträgliche persifliert wurde. Mit dieser oft unbewussten GrundeinsteIlung können die lebensordnungen fremder Kulturen vorurteilsfrei gar nicht gesehen werden. Wer von der zeitlosen Überlegenheit seiner Weltdeutung überzeugt ist, kann kein Gespräch auf gleicher Augenhöhe führen. Nicht weiter kommen auch jene philosophischen und theologischen "Erbsenzähler", die möglichst viele unterschiedliche Details der Wehdeutung heraus arbeiten und dann die großen Konvergenzen gar nicht mehr sehen können oder wollen. Hinderlich sind auch alle religiösen Monopolisten und kulturellen Fundamentalisten, die sich geistig nicht bewegen können. Sie schreien dann lauthals, ein Austausch der Kuhuren auf der Basis der Gleichwertigkeit sei gar nicht möglich, Nicht weiter kommen auch jene Philosophen, welche die gesamte Moralphilosophie auf Fragen der Metaethik und der Methodik des Diskurses reduzieren wollen. Sie tragen nicht nur zur Marginalisierung der Philosophie bei, sondern folgen auch einem konsequent skeptischem und relativistischem Standpunkt, indem sie auf Wertpräferenzen verzichten. Da auch sie ohne Wertungen nicht leben und überleben können, verhalten sie sich wertkonservativ und lassen alles, wie es ist. Für den Austausch der Kulturen scheint hingegen ein Standpunkt der Pragmatischen Philosophie optimal zu sein. wie ihn William James und in seinem Gefolge Ludwig Wittgenstein und Richard Rorty fonnuliert haben. 6 Denn es geht beim
'F. Wimmer.lnlerkulturelle Philosophie. Wien 2004, I63ff. • W. James, Thc variclics of religious cltperiencc. London 1902. L Wingenstcin. Philosophische Untersuchungen. Frankfun 1967. R. Rony. Dewey zwischen Hegcl und Darwin. In: H. 103S (Hg.), Philosophie der Demokratic. Frankfun 2000. 20-43.
Einleitung
15
Projekt ..Wehethos" und der interkulturellen Philosophie grundsätzlich um einen Austausch von Lebensfonnen und Lebenswerten, von gedeuteten Lebenswelten und von ..Sprachspielen". Nun bringen nicht alle Teilnehmer am interkulturellem Dialog bzw. am Polylog die gleichen Voraussetzungen mit. Wichtig erscheint eine gefestigte kulturelle Identität, welche zu einem hohem Maß an Toleranz für fremde Überzeugungen und Wertungen fahig ist. Dann kann nämlich auf alle MonopolanspfÜche der Lebcnsdeutung verzichtel werden. Gemessen an den Grundbedürfnissen des menschlichen Lebens zeigl sich dann sehr schnell, dass unsere Lebenswerte niemals beliebig sein können, wenn das Überleben der Gruppe gesichert werden soll. So scheitert ein strikter Kulturrelativismus schon an unserem biologischem Erbe. Der Maßstab aller Lebenswerte ergibt sich aus dem Bedürfnis nach Überleben und nach Lebcnsentfaltung. Auch hier erkennen wir, dass die allgemeinen Menschenrechte und Menschenpflichten universalisierbar sein können. Ein weiteres Hindernis für den wechselseitigen Lernprozess der Kulturen ist jene Grundhaltung vieler Wissenschaftler. die Julius Kuhl den "kalten Krieg im Kopr' genannt hat. Er meint damit die strikte Trennung zwischen der kognitiven und der emotionalen Intelligenz. Denn viele Kulturwisscnschaftler, auch Philosophen und Theologen, sind nicht fahig oder bereit, das Integrationsgedächtnis mit dem Extensionsgedächtnis zu verbinden bzw. das objektive Erkenntnissys· tem mit dem intuitivem Steuerungssystem zu vernetzen. 7 Mit dieser epistemisehen ,.Apartheid" bzw. mit einem szientistischem Monopolismus lässt sich kein herrschaftsfreier Dialog oder Polylog der Kulturen führen. Hier sind nachhaltige Lernprozesse vieler Wissenschaftler dringend nötig. Das vorliegende Buch geht von der starken Überzeugung aus, dass der Dialog bzw. der Polylog der Kulturen möglich ist und dass wir mit dem globalen Projekt "Weltethos" voran kommen können, wenn sich genügend Wissenschaftler, Philosophen und Theologen, Journalisten, Juristen, Techniker und Künstler. Politiker und interessierte Laien daran beteiligen. Es weitet den Blick für die Lebensformen und Lebenswerte fremder Kulturen, es zeigt Unterschiede, aber auch Konvergenzen der Daseinsdeutung auf. Seine Absicht ist es, das moralische Jmegrotionsgedächrnis mit dem kulturellem Extensionsgedächrnis zu verbinden und zu vernetzen. Es hegt die Hoffnung. dass der "Kampf der Kulturen" (Samuel Huntington) nicht unser unausweichliches Schicksal ist. In der Tat scheint die Versöhnung der Religionen und der Wcrtordnungen eine unabdingbare Voraussetzung für den Weltfrieden zu sein. 8
J. Kuhl. Der Kalte Krieg. l50ff. ~ H. KüngfD. Senghaas (Hg.). Friedenspolitik. Ethische Grundlagen internationaler Beziehungen. München 2003. 17-56. J. Habermas. Zwischen Naturalismus und Religion. Frankfurt 2005. 7
324-365.
Anton Grabner-Haider
Der Begriff "Ethos" leitet sich vom griechischen Wort ethos ab. das "Gewöhnung". "Sitte"... Brauch" und "Charakter" bedeutet. Es hat entfernt auch mit aidos (Scham) zu tun. Folglich verstehen wir unter Ethos die Gesamtheit dereingespielten Regeln des Verhaltens der Einzelnen in sozialen Gruppen und Gemeinschaften. Diese formen die Verhaltensweisen und Lebensformen der Menschen in einer Kultur. das Zusammenwirken der Gruppen, die Weisen der Kommunikation und das gesamte soziale Leben. Geregelte Verhaltensweisen sind die Voraussetzung dafUr. dass menschliche Gruppen überleben können. Unsere Verhaltensweisen sind uns zum Teil angeboren und biologisch determiniert. wie wir aus der vergleichenden Verhaltensforschung erkennen können. Zum andem Teil aber werden sie in den Gruppen gelernt. also ..sozialisiert" und im Lauf der Kulturentwicklung verändert. Wir Menschen folgen einem biologischen Grundprogramm. das wir mit den Hominiden weitgehend gemeinsam haben. Gleichzeitig haben wiraberdie Möglichkeit. dieses Grundprogramm durch fortschreitende rationale Erkenntnis zu verändern und weiter zu entwickeln. Die sprachliche Formulierung des Ethos ist ein wesentlicher Schritt in der menschlichen Kulturentwicklung.
Das biologische Programm Blicken wir nun zuerst auf jenes ererbte Programm unseres Verhaltens. mit dem wir unser Überleben sichern. Dieses können wir aus der vergleichenden Verhaltensforschung an höher entwickelten Säugetieren. die in Gruppen zusammenleben. vor allem aber an den Hominiden gut erkennen. Sie alle haben wie wir Menschen ein begrenztes Reservoir an Verhaltensmöglichkeiten. Da sie auf das Überleben der Gruppe. aber auch des Individuums programmiert sind, verhalten sie sich überlebenssichernd. Nur wenige scheren aus diesem Programm aus. die Mehrheit verfolgt instinkthafldie MaximierungderLebenschancen.lnderGruppe
18
AnIon Grabncr-Haider
geben sie einander Schutz. sie sichern ihre Nahrungsquellen und verteidigen ein Territorium. 1 Zu dieser biologischen Programmierung kommt schon bei den höher entwickelten Säugetieren das soziale Lernen. das die Überlebensvorteile verstärken soll. Jungtiere lernen bald nach ihrer Geburt. meist von den Müttern. aber auch von anderen Bezugstierenjenes Verhalten. das ihr Leben optimal schützt. Fehlver· halten wird durch Körpersprache bestraft. das bestrafte Tier erleidet körperlichen Schmerz. der es vor Verhaltensfehlem bewahren soll. Das richlige d.h. überlebenssichemde Verhalten wird in der Gruppe vor allem durch Imitation gelernt. die jungen Tiere ahmen die äheren nach. Sobald das Überleben für die Gruppe gesichert ist. werden die Verhaltensspielräume für die einzelnen Gruppenmitglieder größer. Sehr ähnlich verläuft die Sozialisation des überlebenssichernden Verhaltens bei uns Menschen. Auch wir lernen zum einen durch Imitation der erwachsenen Bezugspersonen. zum andern aber durch Belohung und Bestrafung. Schmerz und Frustration sollen uns vom falschen Verhalten abhalten. Die Belohung als Befriedigung ursprünglicher Bedürfnisse leitet uns zu einem Verhalten an. das unser Überleben sichen und die Gruppc zusammenhält. Als soziale Wesen können wir unser Leben nur im Bezug auf andere Menschen sinnvoll und befriedigend gestaltcn. 2 Die Regeln des richtigen Verhaltens werden in der menschlichen Kultur über lange Zeitepochen hin durch Körpersprache weitergegeben: durch Bewegungen. Gesten. Laute. Zeichen, Mimik des Gesichts. durch manuelle Belohnungen z.B. Streicheleinheiten. und Bestrafungen. Bereits höher entwickelte Tiere (z.B. Bonobos) warnen einander mit unterschiedlichen Lauten vor unterschiedlichen Feinden. um zum richtigen Verhalten anzuregen. In der menschlichen Kultur ist die Körpersprache vielfaltig weiter entwickelt worden. sie ist unsere ursprüngliche Sprachfonn. die wir mit den Tieren gemeinsam haben. Mit ihr kommunizieren wir vor allem unser emotionales Erleben. Wir erkennen. dass viele Regeln des riChtigen Verhaltens mit unserem emotionalem Erleben (z.B. Angst) zusammenhängen. Wir fühlen uns durch das Verhalten von Mitmenschen gestön, geängstigt oder bedroht. darauf reagieren wir mit dem Repcnoire unserer Körpersprache. Noch immer stellen sich uns die inzwischen kurz gewordenen Körperhaare auf. wenn wir Angst erleben. Das biologische Programm sagt uns. dass wir dann für den Angreifer größer und bedrohlicher aussehen. Ganz anders reagien unser Körper. wenn wir uns glücklich und sicher fühlen.! F. Wukclits. Warum uns das Böse fasziniert. Die Nalur des Bösen und die Illusion der Moral. Slullgart 1999. 110-121. : K. l..orenz. Der Aufbau des Menschlichen. München 1983. 171-180. I. Eibl-Eibcsfckh. Die Biologie des menschlichen VerbalIens. München 1984.4>-56. I
, I. Eibl-Eibesfeldl. Universalien menschlichen Sozialverhahens und ihre Bcdcurung rur die
Normenfindung. In: D. Neumann u.a. (Hg.). Die Nalur der Moral. Stuugart 1998. 99-111.
Ethos ulld Kultur
19
Ethos und Sprache Mit der langsamen Entwicklung der verbalen Sprache. die wir in der heutigen Fonn erst beim ern-Magnon-Menschen (seit 200.000 Jahren in Afrika. seit 40.000 Jahren in Europa) erkennen können, werden die Regeln des richtigen Verhaltens verbal sprachlich ausgedrückt. Die Menschen enlwickeln aufgrund eines veränderten Kehlkopfes bestimmte Laule, Lautfolgen. Wörter. Wortverbindungen und Sätze. um das erwünschte oder geforderte Verhalten zu erreichen. Auf dieselbe Weise wird das störende. das nicht erwünschte und das gefcihrliche Verhalten bestimmt. Nun werden die verbalen ..Sprechakte" (speech acts) der Warnung. des Verbots. des Tadels. aber auch des Wunsches, des Gebots und des Lobes entwickelt. Später kommen noch viele andere Sprechhandlungen hinzu. um Verhalten in der Gruppe zu regeln. Auch in der verbalen Sprache drücken wir erleble Gefühle aus. die durch das Zusammenleben ausgelöst werden: etwa GefOhle der Abgrenzung, der Abwehr, der Aggression. der Feindschaft. des Hasses, der Zerstörung. des Neides oder der Rache fur erlittenen Schmerz. Auf diese Weise kommunizieren wir ebenfalls Gefu hle der Geborgenheit. der Zune igu ng. der Hingabe. der Zugehörigke iI. der Liebe. der Versöhnung. des Lebensglücks u.a. Grundsätzlich kommunizieren wir unsere Gefühle sowohl durch Körpersprache. als auch durch verbale Sprechakte.· Die sprachlichen Fonnulierungen der Regeln des richtigen und falschen Verhaltens kennen wircrsl seit derZeit. als einigeAckerbaukulturen begonnen haben. sprachliche Zeichensysleme und Schriften zu entwickeln. Mit den frühen rudimentären Zeichen konnte nur eine partielle Orientierung zum Ausdruck gebracht werden; z.B. ,.Gefahr"..,richtiger Weg", ..Wasserstelle" u.a. Mit der Entwicklung der Schriftsysteme wurde es aber möglich. alle Ausdrücke der verbalen Sprache durch Symbole und Zeichen darzustellen. Jetzt wurden auch die Anweisungen zum richtigen Verhalten bzw. die Verbote des falschen Verhaltens detaillierter und komplexer. Es wurden Regeln fonnuliert. die das annähernd konfliktfreie Zusammenleben in der Gruppe sichern sollten. Gleichzeit wurden Verbote aufgestellt. die bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen unter Strafe stellten. Ersl von den frühen Schriftkuhuren (Sumer. Babyion. Ägypten. China. Indien u.a.) haben wir ein genaueres Wissen über die Regeln des Zusammenlebens in menschlichen Gruppen. Diese Regeln verändern sich mit der Größe der Gruppen, mit den Kulturtechniken und den sozialen Strukturen. Frühe Jäger und Sammler folgten anderen Regeln als spätere Hirtennomaden oder Ackerbauem. Wir erkennen eine große Variationsbreite bei den Regeln des erwünschten Verhaltens. auch bei den angesetzten Belohnungen und angedrohten Strafen.~
• F. WuketiLS. Warum uns das Böse. 148-157. R.D. Ale:under. Thc biology of moral syslems. Ncw Yon: 1987.]4 44. R. Axelrod. Die Evolution der Kooperation. MOnchen 1987,65-76.
s eh. Redman, Die ältesten schriftlichen Dokumente. In: G. Burenhult (Hg.), Die Kuhuren der Alten Welt - die ersten Sllidte und Sta;llen. Augsburg 2000, 21-26.
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Anion Grabner-Haidcf
Kulturen der Jäger und Sammler Die Menschen lebten die längste Zeit auf dieser Kuhurstufe. über 99% ihrer bis· herigen Geschichte, in kleinen Gruppen zwischen 15 und 50 Personen. ln den im 19. Jh. erforschten Kulturen erkennen wir egalitäre Strukturen, weder eine Dominanzder Männer, noch der Frauen. Erwachsene wurden aufgrund ihrer Leistungen fUf die Gruppe als höher bewertet als Kinder und Alte (sofern es diese gab). Die Gruppen hanen keine stabilen Führerrollen. die Anflihrer wurden für jedes Unternehmen neu bestimmt. Zwischen den Gruppen war auch Auktuation möglich. Zu den Grundregeln des Verhaltens gehörte der Schutz der Gruppe vor wilden Tieren und anderen Menschengruppen, die Sicherung des Lebcnsraums zum Sammeln von Nahrung und zur Jagd von Tieren. die Weitergabe des Lebens. die Schlichtung von Streit und die hinreichende Verteilung der Nahrungsmittel. Die Regeln des erwünschten Verhaltens wurden durch Riten und Kultfeiem internaIisiert. 1I In den verschiedenen Riten der Abwehr wollten die Gruppen lebensfeindliche Kräfte von ihrem Lebensraum fernhalten. Deswegen erzeugten sie Lärm. riefen bedrohliche Laute und zeigten aggressive Gesten. Sowie sie fremde Menschen· gruppen fernhiehen. so wollten sie es auch mit den vorgestellten unsichtbaren Kräften tun. Beim Ritual kommunizierten die Teilnehmer ihre erlebten Geftihle (z.B. Angst) und stabilisierten die Gruppen. Mit den Riten der Vertreibung wollten die Menschen böse Lebenskräfte aus ihrem Lebensbereich austreiben. von denen sie annahmen, dass sie dort eingedrun· gen waren. Zu diesem Zweck erzeugten sie wiederum Länn oder sie entzündeten Feuer. entwickehen Rauch. schlugen mit Hölzern und Steinen aufeinander. Nun werden diese Riten nur im Kontext der mythischen Wehdeutung verständlich. Jäger glaubten. dass in den gejagten Tieren unsichtbare Kräfte wirkten, die sie in sich aufnehmen konnten. Gleichzeitig glaubten sie an imaginäre Schutzkräfte der Tiere und der Menschen. die sie als göttliche Wesen anriefen. Und sie lebten mit der Überzeugung. dass auch in jedem Menschen eine unsichtbare Seelenkraft wirksam ist. Diese Seelenkraft kann beim Tod des Körpers nicht sterben, sie lebt in einem Seelenland weiter. Dieser Glaube ist der Hintergrund der Ahnenverehrung. die imaginären Ahnen sollten nun bei den Lebenden die Einhaltung der Regeln des richtigen Verhaltens überwachen. Denn es wurde unterstellt. dass jadieAhnen diese Regeln aufgestellt und eingerichtet hatten. Von ihnen wird nun angenommen. dass sie das riChtige Verhalten mit Lebensglück belohnen. das falsche Verhalten aber mit Krankheit und Unglück. bestrafen. Die Regeln des richtigen Verhaltens werden durch den Bezug auf imaginäre Wesen und Kräfte legitimiert. Jedes Unglück im Leben wird nun als Folge eines moralischen Fehlverhaltens gedeutel.'
• F. Vjvclo. Handbuch der Kuhuraßlhropologie. Sluttgan 1981. 71-79. J J. Campbcll. Mythen der Mcnschheit. München 1993. 7-14.
Elhos und Kultur
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Die Regeln der Moral werden durch den erzählten Mythos legitimiert. Zuerst waren es die Schamanen und Mantiker. welche diese Regeln aufstellten und vorgaben. Sie sagten. diese Regeln seien ihnen von den Ahnen oder den Schutzgöttern ..geoffenbart" worden. Dies ist die stärkste denkbare Motivation. um diese Regeln zu befolgen. Deul1ich mit der moralischen Nonnsetzung verbunden sind die Riten der Reinigung von Schuld. Die ..Sünde" galt als Verstoß gegen die Regeln des geforderten Verhaltens. sie beschmutzte und schwächte die Seelenkraft des Übeltäters. Wie Staub legte sie sich auf die Seele und hatte beim Sünder Krankheit und den frühen Tod zur Folge. Beim Ritual der Reinigung versuchten die Menschen. sich vom Staub der Sünde zu reinigen. Sie wollten den Tabustoff des Bösen aus ihrem Leben venreiben. Deswegen besprengten sie sich mit Wasser oder tauchten in dieses ein. um alle Kräfte des Bösen abzuwaschen und die Lebenskraft zu erneuern. Frühe Jäger fühlten sich schuldig. wenn sie ein Tier töteten. Außerdem fürchteten sie die Rache der Seelenkraft des getöteten Tieres. Deswegen feierten sie ein Ritual der Versöhnung mit der Seele des gejagten Tieres (z.8. Bärenritual). Dabei saglen sie. sie häuen aus Irrtum und Versehen dns Tier getötet. oder fremde Jäger hätten dies getan. Schamanen verkündeten. die Seele des getöteten Tieres würde im Seelenland weiterleben und zu einem neuen Leben geboren werden. Mit diesem Ritual wollten sie sich mit dem lier versöhnen und gleichzeitig dessen Lebenskraft auf ihr eigenes Leben übertragen.' Wenn die Feiernden die Masken von Bären oder Löwen lrUgen. wähnten sie. deren Kräfte in sich zu tragen. Ähnlich verhielten sich spätere Kulturen bei den Menschenopfern. Die Priester sagten den Opfern vor ihrem gewaltsamem Tod. ihre Seelenkräfte würden im Land der Ahnen einen besonderen Platz erhalten oder sie würden zu einem neuen Leben aufstehen. Mit den Riten der Reinigung wolhen sich die Menschen von der zerstörenden Kraft der Sünde (Regelverletzung) befreien. Deswegen besprengten sie sich mit dem Blut der geopferten liere oder Mitmenschen.
Kulturen der Hirtennomaden Mit dieser Kulturstufe wurden die Gruppen wesentlich größer (50 bis 200 Personen). es mussten neue Regeln des Zusammenleben gefunden werden. Jägergruppen hatten durch die Technik des Einpferchens entdeckt. dass sie wilde Tiere in Pferche sperren konnten und dass diese sich dort vennehrten. Auf diese Weise begannen sie. Tiere zu domestizieren und in ihre Verfligbarkeit zu zwingen. Die Menschengruppen konnten zeitweilig sesshaft werden sofern die Futtervorräte für die Tiere reichten. Sie lebten nun mit dem Schaf. der Ziege. dem Esel. dem Rind. dem Hund. dem Pferd und dem Kamel zusammen und nutzten deren Milch, das Aeisch und die Haut. IW. Burken. Kulte des Allenums. Biologische Grundlagen der Religion. München 1998. 50-63.
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Doch sie mussten für ihre Tierherden genügend Weideland finden und sie muss· ten beide gegen andere Menschengruppen verteidigen. Nun bildete sich eine frühe Arbeitsteilung, bewaffnete Krieger mussten das Weideland und die Herden schützen.ln diesen Gruppen entwickelte sich nun einedeudiche Dominanzder Männer. denn sie zähmten die wilden liere und entwickelten die Waffen zur Veneidigung. Frauen betreuten dje Kinder und waren für die Zubereitung der Nahrung und der Kleider verantwortlich. Dieses geänderte Geschlechterverhältnis erkennen wir in den Mylhen. den Riten und später in den schriftlich fixierten Gesetzen der
Hirtennomaden (z.B. Gesetze des Hammurapi).' So bildeten Hirtennomaden die ersten patriarehaien Kulturen: Männliche Gölter leiten die Gruppen. Männerpriestervollziehen die großen Riten. Männerhäuptlinge führen die Krieger an. Weibliche Schutzgöuinnen des Lebens werden in den Mythen degradiert. sie müssen sich den männlichen Himmelsherren unterordnen. Der Himmel wird als großes Nomadenzelt vorgestellt. Männliche Gesetzgeber le· gen fest. dass sich die Frauen in der Ehe den Männem unterordnen müssen und dass sie nicht selbständig die Ehepartner wählen dürfen (Gesct7-c des Hammurapi). Je nach den wirtschaftlichen Möglichkeiten dürfen Männer mehrere Frauen haben. Nun verändern sich die Regeln des Zusammenlebens. die Sippen beanspruchen den Besitz von Tieren und Herden. Die soziale Schichtung wird deutlicher. die Träger der Waffen gewinnen an politischer Macht und an Besitz. Die Sippen vereinigen sich zu größeren Stämmen. diese führen gegen andere Stammesbündnisse Kriege um Herden und um Weideland. Auch Menschen werden von fremden Stämmen geraubt und zu Sklaven degradiert, in diesen Kulturen beginnt ein früher Sklavenhandel. Die moralischen Werte orientieren sich am Besitzrecht von Tieren. von Waffen. von Werkzeugen und von Menschen. Der Verstoß gegen diese Besitzrechte wird als Raub oder Diebstahl schwer geahndet. den Dieben und Räubern werden häufig die Hände oder die Füße abgehackt oder sie werden mit der Tötung bestraft. Die Männer beanspruchen Eigentumsrechte über ihre Frauen und Kinder, der ..Ehe· bruch" wird als Einbruch im männliche Besitzrechte bestraft. Ehebrecher werden ihrer Geschlechtsteile beraubt (Kastration) oder sie werden durch Steinigung getötet. Reste dieses Strafrechtes finden sich noch in der jüdischen Bibel (christlich: Altes Testament) und in den Schriften des Islam (Koran). 10 Auch in diesen Kulturen werden die Regeln des riChtigen Verhaltens durch den Bezug auf die Ahnen und die Schutzgötter legitimiert. Die männlichen Hirn· melsgöner geben den Menschen die Gesetze und wachen über deren Befolgung. Auch männliche Stammeshäuptlinge oder Stammväter gehen die Regeln des ge· wünschten Verhaltens vor. Die Mitglieder der Sippe oder des Stammes müssen sich dem Häuptling unterwerfen und seinen Befehlen folgen. Es gelten die Regeln der unbedingten Treue zum Stamm bzw. zur Sippe, die Unterwerfung unter den • F. Vivelo. Handbuch. 122-132. .. K. Prenner. Die Stimme Allahs. Religion und Kultur des Islam. Graz 2002. 57-70.
Ethos und Kullur
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Häuptling. die Ehrlichkeit in der Kommunikation. die Arbeit flir den Lebensunterhalt der Gruppe. sowie die Verpflichtung zur Lebensweitergabe. Nun tragen auch hier Riten zur Internalisierung und Indoktrination der moralischen Regeln bei. Hier sollen nun die Opfeniten näher betrachtet werden, die bei den Hirtennomaden weit verbreitet sind. Die Menschen opfern ihren Ahnen und den Schutzgönern regelmäßig wertvolle liere, oft die Erstgeburten eines Jahres. Sie opfern aber auch Mitmenschen, nämlich Sklaven und Besiegte an ihre Götter, um ihre eigene Kampfkraft zu stärken. Den rituellen Mord an Mitmenschen deuten sie als Stärkung dereigenen Lebenskraft. denn sie glauben. dass sie die Seelenkraft des geopferten Menschen in sich aufnehmen können. Die Hirtennomaden opferten ihren Schutzgöttern Tiere und Mitmenschen. Unter ihnen bildete sich ein eigener Priesterstand, der mit den Opfern und Riten befasst war. Sie versprachen den Menschenopfern einen besonderen Platz im Seelenland der Ahnen oder eine baldige neue Geburt. Sei den Opferriten zeigten sich die Häuptlinge und die Priester als die Herren über Leben und Tod ihrer Mitmenschen. Auch dadurch wurde die Geltung der Geselze und der moralischen Normen eingeschärft. ll Beim Opfer erlebten die Menschen auch tiefe Angst. denn sie wussten, dass bei Regelverstößen auch ihr Leben den Schutzgöttern geopfert werden konnte. Die Feiernden mussten unter der Anleitung der Priester die genaue Einhaltung der priesterlichen Gesetze beschwören. Mit den Todesstrafe werden bedroht: der Ehebruch. der Viehraub. der Verrat der Stammesgeheimnisse. die Untreue zum Häuptling U.3. Das Opfer deuten die Priester als die Verbindung zur Welt derAhnen und der Schutzgötter. jede Opferhandlung kann zur Sühne von Schuld beitragen. Wer aus seinem BesilZStand TIere oder Sklaven opfert. kann damit viele SUnden tilgen. Im Lauf der Kulturentwicklung wurden die Menschenopfer schrittweise durch Tieropfer ersetzt. Dies sehen wirz.S. in der jüdischen Geschichte vom Stammvater Abraham. dem ein göttlicher Bote mitteilte, dass Gott ab sofort keine Menschen· opfer. sondern nur noch Tieropfer möchte. Eine andere Entwicklung ging dahin, statt eines Menschenlebens nur mehr einen Körperteil den Göttern zu opfern (Teilopfer). Die Feiernden opferten dann einen Finger. einen Zahn. ein Ohrläppchen oder Geschlechtsteile (Beschneidungsriten). Bei den Opferriten zeigten sich die Priester und Häuptlinge als die Herren über Leben und Tod. Die Feiernden mussten unterTränen und Klagen beschwören. dass sie die Gesetze der Herren genau einhalten wollten. Eine solche Szene sehen wir in der jüdischen Bibel, wo die Priester dem Volk die göttlichen Gesetze vorstellten. Den Gesetzesübertretern werden harte Strafen und häufig die Todesstrafe angedroht. So lebten die Menschen in großer Angst. ihr Leben zu verlieren, wenn sie gegen die Grundregeln des Stammes oder des Volkes verstießen. ll W. Bun::ert. Kulte des Altertums. 63-14. C. Bell. Ritual theory. ritual prnctice. New Von 1992.61-14. U N. Bischof: Das Rätsel des Ödipus. Die blologischen Wurzeln des Ur\:onftikts von Intimität und Autonomie. München 1985.94-117. D.P. Barnsh. Soziobiologie und Veffialten. Bertin 1980.46-60. 11
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In der weiteren Entwicklung traten Mantiker und Propheten gegen die Priester und Häuptlinge auf, indem sie sich aufeine direkte Botschaft oder Offenbarung der Ahnen oder der Schutzgötter beriefen. Sie verkündeten öffentlich, der Bundesgolt oder die Schutzgötter hätten nun an Tier- und Menschenopfern gar kein Interesse mehr; sie forderten vielmehr ein reines Herz der Menschen. eine aufrichtige Ge· sinnung und die Verwirklichung der moralischen Tugenden. Damit ist der Punkt erreicht. wo die archaischen Opferriten in gelebte Moral transformiert werden. Eine allgemeine Moral der Mitmenschlichkeil löst nun langsam die Opferriten ab. doch die Priester widersetzen sich diesen lehren. Wir erkennen dies etwa am persischen Reformer zarathustra oder an den jüdischen Propheten.
Kulturen der Ackerbauern
In einigen Flusstälern und deren Scitcnannen haben Menschengruppen erkannt. dass sie wilde Gräser an ein und demselben Ort vermehren und kuhivieren konnten. Sie lernten. den Wild weizen. dieGerstc. die Hirse. den Reis und den Wildhafer auf bewässerten und schlammigen Feldern auszusäen und zu ernten. Nun konnten die Menschengruppen für längere Zeit oder dauerhaft sesshaft werden. Sie bauten Wohngruben in die Erde. später errichteten sie Dörfer aus Lehm und aus Stein aus der Erde heraus. Ihre Gruppen wurden größer. sie lebten zwischen 200 und 1.000 Personen in Dörfern zusammen. Gezähmte liere gehörten ebenso zu ihrer wirtschaftlichen Grundlage. l ) Die niederen Ackerbauem (ohne den Pflug. das Rad und die künstliche Bewässerung) veränderten ihre soziale Struktur und entwickehen deutliche Arbeitsteilung. In ihren Mythen erzählen sie. dass die Frauen eine besondere Rolle bei der Aussaat. der Pflege und der Ernte des Getreides spielten. So wird erzählt. die Erde sei ein weiblicher Schoß. aus dem das Getreide geboren werde. Beide Geschlechter flihrten die Riten der Fruchtbarkeit aus. um das Wachstum des Getreides zu stärken. Bei vielen Riten hatten die Frauen eine leitende Funktion. Die Feiernden tanzten um die Felder oder an den Kuhplätzen und riefen die weiblichen Schutzgöttinnen der Fruchtbarkeit an. Männer und Frauen paarten sich an den Festzeiten am heiligen Ort oder auf den Feldern. um die Kräfte der Fruchtbarkeit zu stärken und das Wachstum zu wecken. Die moralischen Regeln beziehen sich nun auf die Verteilung der Früchte. den Schutz der Ernten. die Kooperation bei der Arbeit. die Achtung vor privatem Eigentum. Die Männer roden neue Felder und machen sie bebaubar. sie verteidigen die Dörfer und die Felder. sie bilden Gruppen von Kriegern. die auf die Waffen spezialisiert sind. Nun wird die soziale Schichtung deutlicher. es bildet sich die Oberschicht der Besitzenden und der Krieger. dann die Mittelschicht der Feldarbeiter, der Hirten. der Handwerker und der Händler. und als Unterschicht
" F. Vivclo. Handbuch. 89--96. E.R. Wolf. Peasants. Englc:woddlCliffs 1986.84-102.
Ethos und Kuhur
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die Unfreien und Sklaven. Für alle drei Schichten gelten besondere Regeln des riChtigen Verhaltens. Die höheren Ackerbauem entwickeln das Rad. den Pflug und die künstliche Bewässerung: bald lernen sie. ihre Werkzeuge und Waffen aus Metall (Kupfer, Bronze und Eisen) herzustellen. Ihre Gruppen werden nochmals größer. sie bilden die ersten Stadtkulturen mit I.OOQ bis 6.00Q Einwohnern (Jericho. Catal Hüyük). Die Dominanz der Männer im Bereich der Waffen, der Werkzeuge und des Rituals schreitet voran. Der ArbeilSbereich der Frauen bleibt die Sorge um die Kinder, die Zubereitung der Nahrung und der Kleider, aber auch Feldarbeit und partiell das Ritual. Diese Sozialstruktur spiegelt sich in den erzählten Mythen. männliche Götter fUhren die Krieger an und herrschen über den Götterhimmel, Göttinnen werden häufig in ihrem Rang degradiert (z.B. Athena. Hera). ihnen bleibt der Bereich der Fruchtbarkeit. 14 Auch die Ackerbauern haben ihre Opferriten. sie opfern ihren Schutzgöttern und Ahnen die Erstlingsfrochte ihrer Felder. aber auch Tiere und Mitmenschen. In ihren Städten bauen sie große Tempel und richten eine zentrale Tempelwirtschaft ein. die Stadtkönige. die Priester und die Schreiber werden für die Verwaltung des Landes zuständig. Sie selZen die Regeln des richtigen Verhaltens und die Gesetze des Zusammenlebens fest, die sie jetzt in Stein einmeisein und in den Städten aufstellen lassen. Sie haben flir Verwaltungszwecke die erste Schrift entwickelt (Donaukulruren. Sumer. Ägypten u.a.). Die Mythen dienen weiterhin der Legitimalion des geforderten Verhaltens. So lehren die Priester. aber auch Mantiker und Propheten. dass die vielen Schutzgötter der Sippen und der eine Bundesgott der Stadt dje guten Taten der Menschen mit Glück und Gesundheit belohnen. dass sie aber die Übeltäter mit Unglück und Krankheit bestrafen. Da die Belohnung oder Bestrafung in diesem Leben oft nicht erkennbar sind, werden sie hinter die Todesgrenze verschoben. Die moralisch Guten werden im Land der Ahnen ein glückliches Leben haben. die Übeltäter werden dort viel leiden müssen. Auch hier dient der Mythos dazu. das moralische Leben zu unterstützen und die Einhaltung der Gesetze zu erleichtern. Bei den großen Kuhfeiern am Tempel werden die moralischen Nonnen und die Gesetze der Stadt regelmäßig vertieft. Dies geschieht bei den kleinen und großen Opferriten, bei den Versöhnungsfeiern mit den Schutzgöuern und bei den Kultmählern. Die Menschen wollen sich mit den göttlichen Kräften vereinigen. um ein langes und gutes Leben zu haben. Wenn sie die göttlichen Kräfte in sich aufnehmen. stärken sie ihre Lebenskraft.l~ Zu den Riten der Vereinigung gehören vor allem die Tänze am heiligen Ort. Durch langsame und schnelle Bewegungen können die Tanzenden in Ekstase ge-
,. eh. Redman. Friihe mesopotamische Sliche und ihre Umgebung. In: G. Burenhuh (Hg.): Die Kuhuren der Alten Weh. Augsburg 2000. 21-26. J. AMmann. Hemchaft und Heil. München 2(XX). 76-84. "J. Campbell. Mythen. 7-16. K. Hubig. Die Sumerer. München 1989.34--45.
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raten, dann wissen sie sich mit den göttlichen Kräften verbunden. Oder sie feiun sexuelle Riten und heilige Hochzeiten. um die Kräfte der Fruchtbarkeit in sich zu stärken. Die Feiernden umannen und küssen einander am heiligen Ort. heilige Personen legen ihnen die Hände auf und salben sie mit dem Öl von Pflanzen. Und im kultischen Mahl verbinden sie sich mit den Schutzgöttern der Stadt und den Ahnen der Sippe.
Die moralischen Regeln sind hier eng milden Riten undden Lehren der Mythen verflochten. Bei den Hirtennomaden und den höheren Ackerbauem schreitet die männliche Dominanz in der Kultur und der Moral deutlich fort. Männer erhalten mehr Rechte als Frauen. Männliche Göuer verdrängen die weiblichen oder degradieren sie. Herrschaft und Anwendung von Gewalt sind auch im Himmel der Gölter vorwiegend männlich. Einige Kulturen von Hirtennomaden und Ackerbauern entwickeln sogar Kuhmonopole für männliche Bundesgöuer. das deutlichste Beispiel liefern die jüdische und die islamische Kultur. 16 So hatte der ägyptische König Echnaton im 14. Jh. v.Chr. versucht, die Verehrung der vielen Reichsgöuer durch ein Kultmonopol für den Sonnengott Aton zu ersetzen. Er ist damit gescheiten. denn seine Nachfolger haben wieder die Vielheit der göulichen Wesen hergestellt. Zarathustra in Persien hatte die Herrschaft eines obersten Gottes verkündet. in Babyion galt die Herrschaft des obersten Stadtgottes. Priester in Israel bzw. Juda konnten durchsetzen, dass in Zeiten des Krieges nur der Kriegsgolt Jahwe verehn werden durfte. Später versuchten sie. durch ein großes Schriftwerk (Tora. Bibel) das Kultmonopol dieses Bundesgottes zu erzwingen. Das Christentum und der Islam sind ihnen auf diesem Weg später gefolgt. So wurden die Gottesbilder und die Tempel von den Priestern und Königen immer zur Legitimation ihrer Herrschaft benötigt. Stadtgöuer und Bundesgötter setzten dann die Normen des richtigen Verhaltens fest. Aufgabe der Priester war es. diese Normen zu verkündigen. So sind alle Religionen der Erde mit klaren moralischen Vorgaben verbunden. sie haben wesentlich zur Ausbildung von Ethiksystemen und von Lebensformen beigetragen. Doch immer spiegeln sie dabei bestimmte Kulturstufen und Formen der Sozialisation. 17 Schon früh wurden in verschiedenen Kulturen die Nützlichkeit der sog. "GoldeIle" Regel" des richtigen Verhaltens erkannt. Sie geht von der Einsicht aus. dass es sinnvoll und nützlich ist. den Mitmenschen das Leidvolle und Schmerzliche nicht anzutun. das man selber nicht erleben möchte. Ins Positive gewendet bedeutet diese Einsicht. den Mitmenschen alles das an Befriedigung zu geben. was man selber bekommen möchte. Diese Einsicht in die Reziprozität des menschlichen Verhaltens hat wohl den größten Lernschritt in der menschlichen Kultur ausgelöst. Freilich ist es ein weiter Weg von dieser Einsicht zu ihrer praktischen Verwirklichung. Nun zeigt sich. dass diejenigen Kulturen die größten Chancen der •• J. Assmann. Ägypcen. Theologie und Frömmigkeit einer Hochkuhur. Stuugan 1984. 21-T. Den.. Herrschaft und Heil. 102-114. lJ J. Assmann. Hernchaft und Heil. Politische 1beologie in Ahägypten. Israel und Europl. München 2000. 145--156. B. Lang. Jahwe. der biblische Gou_ München 2002. 65-84.
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Entwicklung und der Überlebens hatten, die der Verwirklichung der Goldenen Regel am nächsten gekommen sind. Heute bauen fast alle großen Kulturen auf dieser Einsicht auf, nur intolerante Gruppen wollen sie nicht akzeptieren. Zunächst wurde diese Regel nur innerhalb der eigenen Gruppe angewandt. dort gab es die Verpflichtung, einander in Not zu helfen und wichtige Bedürfnisse des Lebens hinreichend zu befriedigen. Ein weiterer Lernschritt der Kultur wurde erreicht, als die Goldene Regel auch auf Mitglieder fremder Sippen ausgedehnt wurde. Nun galt die Pflicht zu gegenseitiger Hilfeauch gegenüber fremden Gruppen, was aber nicht kontrollierbar war. In der chinesischen Kultur hat diesen Übergang der Lehrer Mo Ti (3. Jh. v.ehr.) vollzogen, im Judentum wurde er von einigen Propheten angedeutet, im frühen Christentum wurde er von Jesus von Nazareth gelehrt. Die Menschen erkannten, dass sie dann auch selbst auf fremde Hilfe hoffen konnten, wenn sie anderen in No(situationen unter die Arme griffen. Auf dieser Einsicht basiert die gegenseitige Kooperation in allen großen Kulturen der Erde. la
Ansätze matriarchaler Ethik
Wir erkennen in den Kulturen deutlich patriarchale und matriarchale Ethikformen, die in den Inhalten erheblich differieren. Häufig können sie direkt einer bestimmten sozialen Schicht zugeordnet werden. Als Beispiel einer matriarchalen Ethik soll die Lehre des chinesischen Daoismlls (Taoismus) skizziert werden, sie ist die Daseinsdeutung der unteren sozialen Schichten, nämlich der Bauern, der Hirten und der Unfreien. Z.T. auch der Handwerker und Händler. Diese Gruppen hatten nie Zugang zu den Waffen der Krieger und damit zur Herrschaft, folglich haben sie andere Verhaltensregeln entworfen. In China (aber auch in Indien und Japan) sind uns auch die Morallehren der unteren sozialen Schichten in schriftlicher Form überliefert worden; z.B. im Buch ..Tao teh ching" und bei einigen Philosophen. Nach dieser Lehre ist der göttliche Urgrund (Dao) des ewigen Anfangs weiblich und wird mit einer Urmutter bzw. einem Urweib verglichen. Aus diesem Urgrund werden die beiden Kräfte des Werdens Vin und Yang, und aus diesen entstehen alle Dinge und Lebewesen. 19 Nun kämpfen diese beiden Urkräfte nicht gegen einander, sondern sie greifen in einander und ergänzen sich. Das Dunkle verbindet sich mit dem Lichten, das Weiche mit dem Harten, das Weibliche mit dem Männlichen, die Erde mit dem Himmel. Doch das Dunkle. Weiche und Weibliche ist das Ursprüngliche, es ist dem ewigen Dao am nächsten. In der patriarchalen Kultur Chinas ist die weib· liehe Kraft jetzt abgewertet, aber auf Dauer wird sie stärker als die männliche sein. Auch das Wasser ist das weichste Element und höhlt doch auf Dauer den härtesten Stein aus. W. Bauer. Geschichte der chinesischen Philosophie. Mi1nchen 2002. 127-138. 19 Tao Ich ching. Dt. von R. Wilhe1m. Köln 1978. Kap. 1-5. 11
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Damit wird das Wasser zum Symbol für das ewige Dao. aber auch für die Kräftc des Weiblichen, des Weichen und des Lebendigen. Es sucht immer den unterstell Platz in der Weh, spendet aber allen Wesen das Leben. Das Weiche ist näher beim Leben als das Harte. denn wenn ein Mensch geboren wird, ist er weich und zart: wenn er auf den Tod zu geht, ist er hart und steif. 20 Ausdiesen Lehren werden nun die Regeln des richtigen moralischen Verhaltens
abgeleitet. Diese Regeln haben den unieren sozialen Schichten das Überleben und die optimale Entfaltung ennöglicht. Der weise Mensch lässt sich vom weiblichen Urgrund leiten, er lebt nicht überheblich und stellt sich nicht über Mitmenschen. Vielmehr ist er bestrebt. allen nützlich zu sein. Er sucht in der Gesellschaft die unieren sozialen Ränge, weil erdas Wasser zum Vorbild hat, das immer nach unten Aießt. Die unteren sozialen Schichten nehmen ihre niederen Ränge bewusst an und erkennen darin sogar einen Vorteil: sie sehen sich näher beim ewigen Urgrund. Sie wissen darum, dass es im Leben auf Dauer keine Vorteile geben kann. mit dellen nicht auch Nachteile verbunden sind. Der Nachteil der oberen sozialen Schichten besteht darin, dass sie vom ewigen Ursprung weiter weg sind und mit ihrer einseitigen Herrschaft die ursprüngliche Kommunikalion stören. Freilich gibt es im Leben auf Dauer auch keine Nachteile. die nichl mit einem Vorteil verbunden wären. Die Menschen der unteren sozialen Schichten können weitgehend ohne Herrschaft miteinander umgehen. Der weise Mensch, der sich vom ewigen Dao leiten lässt. lebt nicht hektisch und nicht aggressiv gegen Mitmenschen. Er lässt sein Leben geschehen (wu wei), sowie es kommt, und versucht, aus allen Situationen das Beste zu machen. Auf keinen Fall will er als mehr erscheinen, als er tatsächlich ist. Auch macht er keine schönen und großen Worte. denn das Leben ist oft nicht schön, es ist oft sehr klein. Seine Worte sollen wahr sein und nicht täuschen. Seine Mitmenschen überzeugt er durch seine moralische Lebensfonn und nicht mit Worten. 21 Wer vom ewigen Urgrund her lebt. hilft den Mitmenschen. wenn sie in Not geraten sind. Er hält sich bei den Kleinen und Niedrigen auf. Und weil er anderen hilft. darf er hoffen, dass auch ihm geholfen wird, wenn es ihm übel ergeht. Er arbeitet für andere und schafft unentwegt Neues und Nützliches. Aber er hält das Geschaffene nicht fest, sondern gibt es an andere weiter. Mit seiner Lebenskraft geht er sparsam um, denn er will lange leben. Den Streit und den Krieg meidet er, denn dabei wird immer Leben zerstört. Im Krieg und Kampf gibt es keine Sieger. sondern nur Verlierer. Dennoch verteidigt sich der Weise mit allen geeigneten Mitteln, wenn er von anderen angegriffen wird, denn sein Leben ist ihm heilig. Zu diesem Zweck entwickelt er viele Kampftechniken der Abwehr und der schnellen Reaktion. die harten Schläge des Angreifers lässt er ins Leere laufen. Die Frauen nehmen ihr Schicksal an mit
ZOG. Bekey. Die Welt des Tao. MUnchen 1983,85-105. Schaoping Gan. Die chinesische Philosophie. Dannstadt 1997. 68-85. 11 Schaoping Gan. Die chinesische Philosophie. 68-80.
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der Überzeugung, dass sie auf Dauer stärker als die kämpfenden Männer sein werden. Aus dieser Sichtweise haben die Harten, die Starken. die Männer und die Krieger keinen dauerhaften Vorteil gegenüber den Schwächeren und den unteren sozialen Schichten. Viele Männer aus diesen Schichten haben diese weiblichen Lebenswerte internalisiert und zu leben versucht.lm Grunde besteht die Hoffnung. dass am Ende der Zeit der weibliche Urgrund die Gegenkräfte des Lebens und des Todes wieder miteinander verbinden wird. Diese Morallehren gehen von der ursprünglichen Gleichwertigkeit aller Menschen aus. 22 Spuren einer weiblichen Ethik finden wir auch imjrühell Buddhismus. obwohl er von männlichen Wanderasketen geprägt wurde. Hier gelten als Grundwerte die Ehrfurcht vor allem Leben, der Verzicht auf Rache und Kriege. die Forderung des Mitgefühls mit den leidenden Wesen. die Forderung der geeigneten Selbstverteidigung. Auch Buddhisten lehen auf der Seite der Kleinen. der Schwachen und der Geringen, sie suchen die Versöhnung der Feinde. die Venneidung der Kriege. Wenn sie von anderen angegriffen werden, dann verteidigen sie sich mit allen geeigneten Mitteln. Es ist ihnen selbstverständlich. dass vom ewigen Urgrund (nirvana) her alle Menschen denselben Wert haben. n Reste einer weiblichen Ethik bzw. einer Morallehreder unteren sozialen Schieh· ten erkennen wir auch im Lebensprogramm des Jesus von Nazareth und der frü· hen Christen. Dort wird soziale Gerechtigkeit gefordert. die Feinde sollen sich versöhnen. Hass. Neid und Krieg sollen vennieden werden. Die Kleinen und die Annen sind dem Göttlichen näher als die Reichen und die Starken. Alle sollen ihren Mitmenschen in der Not helfen und auch ihren Gegnern mit Wohlwollen begegnen. Diese weiblichen Lebenswerte wurden aber schon früh von patriarchalen Lebensordnungen zugedeckt. 24 Zum Ethos der Unleren sozialen Schichten gehört die sichere Erkenntnis, dass von NalUr her alle Menschen denselben Wen hahen. Weil alle dieselbe Luft atmen. sagen griechische Sophisten. haben alle denselben Wert. dieselben Rechte und dieselben Pflichten. Von Natur aus und von der göttlichen Ordnung her gibt es keine Herren und keine Sklaven. alle Menschen werden als Freie geboren. Die Männer haben keinen größeren Wert als die Frauen. sie sollen auch nicht mehr Rechte haben. Diese Denkansätze der allgemeinen Menschenrechte gehen in allen Kulturen von den unteren sozialen Schichten aus.
Ansätze patriarchaler Morallehren
In den patriarchalen Kulturen der Hirtennomaden und der höheren Ackerbauern prägten zunehmend männliche Lebenswcrte das Verhalten der oberen sozialen Tao Ich ching. Kap. 17-24. uM. Hutlcr. Das ewige Rad. Rc:ligion und Kultur des Buddhismus. Graz 2001. 201-224. :I< G. ~ißcn. Die Religion der erslcn Chrislcn. GÜlcr.;loh 2000. 101-120.
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Schichten. Von ihnen haben wir seil Beginn der Schriftkulturen reiche Kenntnisse. sie prägen bald auch die Lebensfonn der minieren sozialen Schichten, die nun
entstehen. Von den Lebenswel1en der unteren sozialen Schichten. der Unfreien und der SchuldskJaven, haben wir kaum Kenntnisse. Die Lebenswerte einer patriarchaJen Kultur lassen sich an einigen Eckpunkten darstellen. als Beispiel möge wieder die chinesische Kultur dienen. Der Wanderlehrer Kungju Ise (Kong 21) hatte im 6. und 5. Jh. v.Chr. zusammen mit seinen Schülern die Grundwerte der Lebensordnung der Krieger und der Verwaltungsbearnten aufgeschrieben. Er halte an mehreren Schulen für junge
Krieger und Schreiber die Kunst der Schrift, die Kampftechniken. die AhnenriteD. die alten Lieder, die Gesetze und Verträge, sowie die moralischen Regeln des tugendhaften Lebens unterrichtet. Die Grundtugenden der Krieger waren die absolute Treue zum Fürsten. die Unterordnung unler den Valer und die Ergcbung untcr dcn Lehrer. Es wurde angenommen. dass der Fürst. der Valer und der Lehrer dicsclben Forderungen an den Schüler steillen. Eine Grundforderung an die Krieger war die absolutc Unterordnung und der blinde Gehorsam, selbständigcs Denken war unerwünscht. Dic allen Regeln und Lcbensgewohnheiten mussten hochgehahen werden. sie haben sich in langen Zci· tepochen bewährt. Kriegerund Beamte mussten ihre Pflichten erfüllen. den Körper abhärten und den Willen trainieren. Von ihnen wurde verlangt. zu heiraten. Kinder zu zeugen und für die Familie zu sorgen. Die Frauen und Kinder mussten sich den Vätern unterordnen. In den Sippen der Adeligen galt die Tapferkeit im Kämpfen als Ziel wert. Schmerz musste ertragen werden. die LOge war zu vermeiden und die Autoritäten waren zu achten. U Die Schüler des Meister Kung haben seine Lehre weiter entwickelt. Einige lehrten. dass in allen Situationen die richtige Mitte zu suchen sei. Extreme im Verhalten müssen vermieden werden, maßlose Verweichlichung und übermäßige Abhärtung schaden dem Leben. Der Lehrer Meng lse (Meng Zi) war überzeugt. dass von der Natur her alle Menschen gut seien und zum Guten strebten. Erst durch schlechtes Beispiel und durch widrige Lebensumstände werden einige zu Verbrechern und Übeltätern. Sie müssen für ihre bösen Taten bestraft werden, um aus der Strafe das richtige Verhalten zu lernen. Alle Menschen. auch die Übeltäter. können das moralische Gute erlernen. wenn sie dazu gezwungen werden. In der konfuzianischen Schule galt die alte Lehre. dass der Fürst dem ganzen Volk ein moralisches Vorbild sein muss. Aber auch die Krieger und Beamten mussten gerecht. tapfer und gehorsam sein. Der Lehrer Mo Di kam zur Überzeugung. dass die sozialen Verpflichtungen über die Sippengrenzen hinaus Gellung haben müssen. Von der allgemeinen Nächstenliebe im Volk haben alle den größten Nutzen. 26
2S W. Ba~r. Geschichle. 57--64. Schaoping Gan. Die chinesische Philosophie. 47-55. »H. Schleichen. Klassische chinesische Philosophie. Münchcn 1980.84-96.
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Eine besondere Fonn der patriarchalen Moral vertreten die sog. LegalisteIl. Denn sie gehen davon aus, dass alle Menschen von ihrer Naturher böse sind und zu bösen Taten neigen. Nurdurch strenge Gesetze und harte Strafen können sie davon abgehalten werden. einander zu schädigen und zu zerstören. Die Strafen müssen öffentlich durchgeführt werden. um das Volk von Übeltaten abzuschrecken. Die Menschen müssen vor dem Herrscher zittern. sie dürfen ihn nicht lieben. Und dieser verachtet und fUrchtet das Volk. Ein größerer Staat kann nur durch Härte und Schrecken regien werden. Die Lehrer dieser Schule gelten in China als die Vordenker des autoritären Staates. 27 Eine patriarchale Moral und Rechtsordnung haben uns auch die aristokratischen Philosophen Griechenlands. Platon und Aristoteles. hinterlassen. Sie treten entschieden gegen die Lehre der Sophisten auf. dass von der Natur her alle Menschen gleichwcrtig seien. Für Platon ist die soziale Ordnung im Staat eine göttliche Einrichtung. Denn die Götter hällen den Herren und Adeligen Gold in das Blut gemiSCht. der minIeren Schicht nur Silber und den unteren sozialen Schichten gar nur Er/.. Von den Göttern erhielten die Adeligen und Krieger das Recht. über die Mitmenschen zu herrschen. Für alle drei sozialen Schichten galten unterschiedliche moralische Regeln und Pnichtcn. Die Tugend der Weisheit komme nur den Herrschenden zu, die Tugend der Tapferkeit sei den Wächtern vorbehalten. und die Tugend der Mäßigung sei für die unteren sozialen Schichten eingerichtet. Die Gerechtigkeit aber sei rür alle Menschen. sie teile jedem das seiner Schicht Gemäße (to heauton) zu. 2I Die Menschen setzen sich nicht selber die Maßstäbe des richtigen Verhaltens. wie einige Sophisten gelehrt hatten; nein. die Götter setzen diese unverrückbaren Maßstäbe. Auch für Aristoteles setzt der Gott. den die Menschen mit ihrer Vernunft erken· nen können. die Maßstäbe für das sittliche und unsittliche Handeln. Er hat es so eingerichtet. dass die Männer den Frauen überlegen sind. weil bei den Männern die Vernunft höher entwickelt sei. Die Frauen seien "Mängelwesen" und müssten durch die männliche Weisheit und Planung gelenkt werden. Nur den freien Männern in der Stadt kommt es zu. die Gesetze festzulegen und das richtige Verhalten für beide Geschlechter zu bestimmen. 29 Das frühe Christentum hat diese patriarchale Moral geerbt und weitcr entwickelt. Ln den Anfangen hatten Frauen die christliche Lebensfonn maßgeblich mitgestaltet. doch schon im 2. und 3. Jh. n.Chr. übernahmen die Männer die Dominanz. Frauen bekamen dienende Rollen und mussten in der Versammlung schweigen. sie mussten sich in der Familie den Männem unterordnen. Die Männertheologen sagten, Frauen seien leicht zur Sünde verflihrbar und sowohl körperliche. als auch geistige Mängelwesen. W. Bauer. Geschichte. 177-190. H. Schlekhen. Klassische. 127-136. 1lI A. Graeser. Die Philosophie der Antike 11. München 1983. 168-187: 232-250. ~ A. Graeser. Die Philosophie. 234-246.
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Der Islam hat bis heute eine extrem patriarchaJe Moral und Rechtsordnung. die kaum zu verändern ist. Durch die Reformen des Propheten Muhammad im 7. Jh. n. ehr. hauen die Frauen viele Rechte. die sie bisher hauen. verloren. Die weiblichen Götter wurden zu bösen Dämonen degradiert. nun herrschte im Götterhimmel nur mehr der Gott Allah. Seither bestimmen bei den Menschen die Männer die Regeln des moralischen Verhaltens und die GeselZe. Die Frauen haben sich diesen Regeln unterzuordnen, sie haben nicht die gleichen Rechte wie die Männer. JO
Moral der Herrenmenschen Schon in einigen frühen Stadtkuhuren erkennen wir die Absicht. über andere Städte herrschen zu wollen. Auch die Hirtennomaden wollten andere Stämme unter ihre Abhängigkeit zwingen. In China bereiteten zur ..Zeit der streitenden Reiche" (ca. 500 bis 221 v.Chr.) mehrere Fürstentümer die Herrschaft über andere vor. Ihre Lehrer entwickelten optimale Gesetze für die Herrschaft und ein hartes Training der Krieger. Sie zeigten. wie ein Fürstentum organisicrt scin muss. damit es über andere Stadtkulluren die Herrschaft erringen und für lange Zeit auch behahen kann. Die beiden Säulen eines solchen Staates sind der Ackerbau und die Krieger. J ' Der Mythos von der Überlegenheit der eigenen Schutzgötter gab dann die Le· gitimation für die Eroberung fremder Fürstentümer. Mit dieser Motivation gelang es dem Stadtstaat Qin im 3. Jh. v.Chr.. andere Städte zu erobern und ein k.leines Reich zu schaffen. Immer wurden der Mythos und die Religion auch dazu benutzt. um die eigene Überlegenheit über fremde Länder und Kulturen zu behaupten. Der oberste Himmelsgolt (tien) wurde nun zum Herrscher über alle Menschen im neu· en geeinigten Reich. Die Religion stellte eine Ideologie der Herrschaft bereit. Dieses Modell gilt im Grunde rur alle späteren Großreligionen. Auch im Christentum hat sich der eine Weltgolt und Schöpfer aller Menschen nur den Christen geoffenbart. Deswegen sind sie befugt und ermächtigt. über andere Länder und Völker Einfluss zu gewinnen. ja die Herrschaft zu errichten. Mit dieser Überzeugung hatten christliche Fürsten durch viele Jahrhunderte hindurch fremde Länder und Kulturen erobert. um deren Schätze auszubeuten und den Menschen den wahren Glauben und die einzig richtige Moral zu bringen. Der ..Herrengou" der Christen legitimierte alle Kriege der Eroberer und auch den Handel mit Millionen von versklavten Menschen. J2 Denselben Anspruch auf Eroberung und Herrschaft finden wir in der Religion des Islam. Muhammad halte diesen Anspruch von den Juden und den Christen gelernt. Allah war nun nicht nurder Herrschergott über allearabischen Stämme. nein .. er war der Herrscher über alle Völker und Länder der Erde. Deswegen mussten lO K. Prcnncr. Die Slimme. 289-311. J' W. Bauer. Geschichle. 180-195. H. Schleichen. Klassische. 90-98. Jl R. Wilken. Die frühen Chrislen. Wtc die Römer slc sahen. Gm 1986. 190-197. B. Lang. Jahwe. 211-230.
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sich alle gläubigen Moslems bemühen, den allein wahren Glauben und die allein richtige Moral über alle erreichbaren Länder zu verbreiten (dschihad). Im Grunde untermauern alle Religionen mit einem Monopolanspruch auf den wahren Glauben eine Moral der Herrenmenschen. Denn weil sich ihnen der eine Weltgott geoffenbart habe, erheben sie den Anspruch auf Überlegenheit und Herr~ schaft. Im 19. Jh. entstanden in Europa säkulare Ideologien der Herrenmenschen, die den religiösen Anspruch säkularisiert hatten. Da wurde von nordischen oder arischen Rassen gesprochen, denen als Urvölkern das natürliche Recht der Weltherrschaft zukomme. Aus den Erkenntnissen der Biologie (Ch. Darwin) wurde das natürliche Recht der Stärkeren auf Herrschaft abgeleitet. Einige Philosophen (z.B. F. Nietzsehe) hatten für dieses Modell der "Herrenmenschen" angeblich philosophische Argumente beigebracht. Die blonde nordische Rasse sollte über das "Hornvieh" der GeSChichte herrschen und bestimmen. Der "Übermensch" müsse sich um keine Regeln der herkömmlichen Moral mehr kümmern, denn er setze selber ständig neu und völlig autonom die Regeln des richtigen Verhaltens. Etwas später sah sich auch die marxistische und kommunistische Ideologie zur Weltherrschaft bestimmt. Am Ende des 20. Jh. hatten diese Ideologien der Herrenmenschen mehr als 120 Millionen gewaltsam getöteter Menschen zur Folge gehabt.J3
Oie allgemeinen Menschenrechte
Es waren in allen Kulturen die unteren sozialen Schichten, die im Ansatz an die Gleichwertigkeit aller Menschen glaUbten. Die griechischen Sophisten (AlkidamaSt Lykophro1l. Antiphon) gingen von der allgemeinen menschlichen "Natur" (physis) aus, die nicht zwischen den Herren und den Sklaven unterscheide. Daraus haben viele Denker späterein allgemeines Naturrecht abgeleitet, welches das Verhalten der Menschen bestimmen soll. Sowohl die griechische, als auch viel später die europäische Aufklärung argumentieren mit diesem Naturrecht. wenn sie für alle Menschendieselben Rechte und Pflichten einmahnen. Fürdie europäische und westliche Kultur sind die griechischen Sophisten und einige sokratische Schulen (Kyniker, Stoiker. Epikuräer) die Vordenker der allgemeinen Menschenrechte. 34 Das erste Argument dafür war, dass alle Menschen dieselbe Luft atmen und dieselben Bedülinisse haben. Daher seien von der Natur her die Männer und die Frauen, die Freien und die Unfreien, die Griechen und die Nichtgriechen gleichwertig. Von der Natur her gäbe es keine Wertunterschiede der Menschen, dies müsste nun auch in den Gesetzen und Moralregeln der Städte zum Ausdruck kommen .. Diese Ideen wurden von den Stoikern und Kynikern aufgegriffen und verbreitet, vom frühen Christentum wurden sie geerbt. Der christliche Missionar Paulus aus Tarsos war in der stoischen Philosophie gebildet und lehrte, auch in 1. Derrida. Politik der Freundschaft Frankfurt 2000,158-190. }I A. Gracser. Die Philosophie. 20-32: 63-80.
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der Schule der Christen seien die Rangunlcrschiede der Menschen aufgehoben (Gal 3.28). Die allgemeinen Rechte und Pflichten der Menschen seien in der göttlichen Weltordnung (Logos) vorgegeben. Freilich hat sich die chrisl1iche Reichskirche sehr schnell von diesen allgemeinen Rechten und Pflichten der Menschen verabschiedet und das aristokratische Modell der Moral verbreitet. Humanistische Denker der Renaissancezeit haben sich wieder der Denkmodelle der Stoiker und der Kyniker erinnert, sie sprachen fortan von einer allgemeinen "Menschenwürde". die jedem zukommt (Pico von Mirandola).3~ In der europäischen Neuzeit begannen einige "Freidenker", mehr Freiheit im Denken. im Glauben und in der praktischen Lebensgestahung zu fordern. Sie glaubten, dass dadurch das persönliche Lebensglück jedes Einzelnen verbessert werden könnte. Das geschlossene und autoritäre Moralsystem wurde Stück für Stück aufgebrochen und die Freiräume der Einzelnen wurden größer. Einige Län~ der (USA und Frankreich) machten die allgemeinen Menschenrechtc zur Grund· lage ihrer neucn Staatsverfassungen. In den nächsten 200 Jahren sind diese Freiheitsrechte in fast allen demokratischen Staaten der Welt verwirklicht worden. Durch den Dialog mi~ fremden Kulturen mussten neben den Menschenrechten auch die allgemeinen Pflichten für die Gemeinschaft und den Staat in Erinnerung gerufen werden.
Sichtweisen der Ethik Heute tasten wir uns in mehreren Sichtwcisen an das Phänomen der Ethik heran, um unser soziales Vcrhallen besser zu verstehcn. Eine biologische Sichtweise macht uns darauf aufmerksam, dass wir in unscrem Verhalten immer unseren bi~ alogischen Vorgaben folgen und dass folglich unser Vcrhaltensrepertoire begrenzt ist. Mit der soziologischen Sicht weise erkennen wir die Abhängigkcit unscrer Lebenswerte von sozialen Schichtungen und Strukturen einerGeseUschaft. Dabei achten wir auf die Formen der Kommunikation, das Verhältnis der Geschlechtcr. die Verteilung der Arbeit und die Weisen der Abhängigkeit. Wir nehmen an, dass sich in jedem Moralsystem soziale Strukturen spiegeln. auch wenn einige Grundwerte allgcmein akzeptiert werden. Subgruppen der Gesellschaft können in Teilbereichen ihre eigenen Wertesysteme entwickeln. Als Beispiele dafür mögen Pazifisten. Umweltschützcr, Esotcriker oder Fundamen~ talistcn dicnen. Seit langem betrachten wir unsere Wertordnungen auch untcr psychologischen Gesichtspunktcn. Wir fragen, welche emotionale Dynamikcn in bestimmten Geboten und Verpflichtungen zum Ausdruck kommen. Starke Angstgefüh le vor Feinden oder vor Bedrohung kann zu strcngcn Normen und Gesetzen führen. 36 Ein "Erasmus von Rouerdam. Ciceronianus. Vgl. A. Gail, Erasmus. München 1999.34--50. J& E. Fromm. AnalOmie der menschlichen Destruktivität. Reinbck 1917, 84-96.
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negatives Menschenbild, das alle Menschen als böse bewertet, hat offensichtlich rigide Moralnormen zur Folge. Wird von einem positiven Menschenbild ausgegangen, werden den Einzelnen mehr Freiräume des Verhaltens erlaubt. So hängen Wertordnungen immer auch von den Personstrukturen der wertsetzenden Personen ab. Die großen europäischen Diktaturen des 20. Jh. hatten alle ein sehr negatives Menschenbild und folglich ein autoritäres und totalitäres Moralsystem. Die wertsetzenden Personen waren durch ein negatives Selbstbild und durch starke destruktive Dynamiken geprägt. wie wir heute wissen. Viele \Ion ihnen wollten subtil oder offensichtlich Leben zerstören. dabei fanden sie ihre begeisterten Anhänger für diese Ziele. Wirsehen in manchen Moralsystemen auch eine selbstzerstörende Dynamik, die gar nicht so leicht zu erkennen ist. Andere Wertmodelle prägen Personen mit einem positiven SeJbslbild. mit einer lebensfreundlichen GrundeinsteIlung und mit unbedingter Lebenserlaubnis. Sie gehen davon aus. dass alle Menschen mehr das Gute als das Böse wollen, um das eigene Leben optimal zu entfalten. Auch sie wissen um die destrukti\len Dynamiken des sozialen Lebens. aber sie wollen sich optimal da\lor schÜI7..en. Die Strafe für Verbrechen erhält einen therapeutischen Sinn. damit auch Rechtsbrecher soziale Verantwortung lernen und einüben können. Die Wcrtordnungen der demokratischen Staaten gehen heute zumeist von diesen positiven Grundeinsteilungen zum Leben aus. n Wenn wir uns kulturgeschichtlich an Moralsysteme annähern. dann achten wir auf die kulturellen Bedingungen der Wertsetzung. Alle Kulturstufen entwickeln Lebenswerte als Überlebensstrategie der Gruppen. In größeren Gruppen werden die Wertordnungen komplexer. sie bekommen flexible Strukturen. Wenn wir uns mittels der sprachlichen Analyse den Wertordnungen nähern. sofern diese sprachlich ausgedruckt werden. dann versuchen wir. Inhalte und Gehungsbereiche besser zu verstehen. Wir untersuchen logische Strukturen der Normensysteme und fragen nach deren semantischen Gehalten. Oder wir fragen nach dem pragmatischen Lebensbezug, nach der "Lebensfonn" und der ..LebensweIt" (Ludwig Wittgenstein 11). aus der moralische Werte entstehen. In einer philosophischen Metaethik untersuchen wir die sprachlichen und logischen Regeln \Ion moralischen Werten. Mit der Beliebigkeit moralischer Werte ist keine Gruppe und keine menschliche Kultur überlebensfahig. Dies erkennen heute auch die Theoretiker der postmodernen Werte lehre. Die erkannte Relativität der moralischen Werte besagt keineswegs ihre Beliebigkeil. Denn diese würde nur den sozial Stärkeren nützen und die sozial Schwächeren schwer schädigen. Heute blicken wir vennehrt auf die Handlungsfolgen von moralischen Werten und fTagen nach den praktischen Konsequenzen von Moralnormen (Konsequentialismus). Wir erkennen. dass unsere Einstellungen und Gesinnungen in vielen F.men nicht ausreichend sind, um uns in der Gesellschaft sozial verträglich und kooperativ zu verhalten. J1
E. Fromm. Psychologie der Religion. Frankfun 1967. 57-65. J. Oerrida. Politik. 112-158.
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Ebenso erkennen wir. dass wir mit einer reinen Pftichtcnethik im praktischen Leben nicht das Auslangen finden. Denn wenn wir blind und ohne kritischen Blick bestimmten Pflichten folgen. dann können wir unter den Mitmenschen auch großes Unrecht anrichten. Daher scheint es nötig. dass wir die praktischen Folgen unserer Entscheidungen und Handlungen im Auge haben. Auch unsere Rechtsordnung misst problematische Handlungen immer an den konkreten Handlungs-
folgen. Sozial veranlwonJiches Handeln besteht dann darin, die Handlungsfolgen zu bedenken. sodass keine nachteiligen Wirkungen ftif konkrete Mitmenschen zu erwarten sind. Auch in der Moral sind wir immer Lernende. wir haben in keiner Lebenssituation die optimalen Regeln fUT unser Zusammenleben. Die Relativität unserer Wertordnungen erkennen wir im Blick auf fremde Kulturen und deren Nonnen. Viele nähern sich heute auf selektive Weise solchen Wertordnungen. um sie mit den eigenen Lebensregeln in Verbindung zu setzen. Der wirtschaftliche Dialog zwingl uns zum wechselseitigen Kennenlernen auch der Wcrtordnungen der Kulturen. Darin erkennen wir wohllihnliehe Grundwerte des Verhaltens. aber große Variationsbreiten in der konkreten Umsetzung dieser Grundwerte. J8 Wenn wir in einen interkulturellen Lernprozess eintreten. dann sind wir Ge· bende und Nehmende. Der Dialog der Kulturen ist wohl nur auf der Basis der allgemeinen Menschenrechte und Menschenpflichten erfolgreich zu führen .
H. KüngID. Sc:nghaas (Hg.). Friedenspolitik. Ethische Grundlagen inlemalionaler Bezie· hungen. München 2OIB. 71-99. J. Habermas. Zwischen Naturalismus und Religion. Fl1Inkfun 2005.155-165. .11
Ethos der St
eskulturen
Anton Quack
Das Ethos der Stammeskulturen. ihre Wertordnung in den Grundzügen darzustellen, ist nicht ganz einfach, zumal in der hier gebotenen Kürze. Zum einen sind die Begriffe Stamm. Stammeskulturen. Stammesgesellschaflcn, Stammesreligionen in der Ethnologie nicht unumstritten. ihr Gebrauch bedarf dahereiner Erläuterung; zum anderen ist die Thematik "Ethos" von Stammenskulturen den Ethnologen als eigenes Stichwort, als eigener Gegenstand von Forschung und ethnographischer Darstellung bisher kaum in den Blick gekommen. Dies spricht natürlich auch für die Notwendigkeit dieses Beitrages. Die vergleichsweise gute Überschaubarkeit von Stammesgesellschaftcn und -religionen erleichtert ihre Darstellung, sie erlaubt es, auch im engen Rahmen dieses Beitrages ihr Ethos vorzustellen. wenigstens in groben Strichen. Dabei darf natürlich nicht übersehen werden. dass wir es im Bereich der Stammeskulturen mit fast unendlich vielen unterschiedlichen Variationen und Ausprägungen von Lebens· und Denkweisen. von Religionen und charakteristischen Geisteshaltungen und Verhaltensweisen zu tun haben. Diese Darstellung wird also nicht allen Stammeskulturen gerecht werden können. Doch sollen einige der wichtigsten Aspekte ethischen Verhaltens vorgestellt werden.
Klärung wichtiger Begriffe Im Sprachgebrauch der Ethnologie und Soziologie bezeichnet Stamm die Menschen einer ethnischen Einheit mit gemeinsamer oder verwandter Sprache, Religion und Kultur, die eine gemeinsame Verwandtschaft und Geschichte. bzw. der Glaube daran, verbindet und deren Mitglieder ein Siedlungsgebiet teilen. Ein Stamm kann eine politische Organisationseinheit bilden (z.B. Häuptlingstümer), in der Regel fehlt ihm jedoch eine politische und rechtliche Zentralautorität; man spricht dann von akephalen oder segmentären Gesellschaften. Charakteristisch für den Stamm ist das Wir-Gefühl seiner Mitglieder; er bildet vielfach den Rahmen für
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Anton Quack
religiöse Riten und Feiern. Mehrere Stämme können sich lweck- und zielgerichtct zu Konföderationen zusammenschließen, die meist zeitlich eng befristet sind. ' Über die Nützlichkeit und Brauchbarkeit der Begriffe "Stamm", "SIammesgesellschaften" , "Stammesreligionen" usw. lässt sich bei Ethnologen keine Einmütigkeit feststellen. Während an einer Stelle z.B. ein wenig apodiktisch dekretiert wird: ,.Der Begriff .Stamm' ist nach unserem heutigen Sprachempfinden untragbar"',2 urteilen andere Kollegen zurückhaltender. Man lässt etwa den Begriff durchaus gelten; zum einen sei der Begriff "StammesgeseUschaften" wertnculraleT als andere Termini. zum anderen verweise er ..auf die große Bedeutung. die der realen oder auch fiktiven verwandtschaftlichen Zugehörigkeit als Grundlage sozialer Organisation in nicht-staatlichen Gesellschaften zukommt".) Doch die meisten der einschlägigen Einführungs- und Nachschlagewerke enthalten sich jeglicher wertender Kommentierung: allenfalls schließt man sich E. W. Müller an. der lapidar festhält: ..Der Gebrauch dieses Terminus ist in der Ethnosoziologie uneinheitl ich'·.4 Eine gewisse Unschärfe ist dem Begriff ..Stamm" freilich nicht abzusprechen. Doch cr hat nicht den pejorativen Beigeschmack, der dem englischen und fran1.Ösischen Äquivalent tribe b1.w. Irihu zugcscllricbcn wird. In jedem Falle z.iehe ich die Begriffe .,Stammeskulturen, Stammesgesellschaften, Stammesreligionen" Begriffen wie "Naturvölker", ,.schriftlose Völker" ooer gar ..Primitivkulturen" .~ "ethnische Religionen" ...Elementarreligionen" usw. vor. Wenn hier also von Stammeskulturen die Rede ist. im Gegensatz zu Wellkul~ luren, gehl es um die Denk- und Lebensweise der Menschen eines Stammes. Was Stammeskulturen von anderen. komplizierteren kulturellen Organisationsfonnen abhebt und sie eigentlich charakterisiert, ist ihre relativ große Geschlossenheit. ist die Tatsache, dass bei ihnen Kultur und Religion dem Umfang nach deckungsgleich sind. Kultur und Religion und ihr Verhaltenskooex sind allen Mitgliedern einer solchen kulturellen Gruppe gemeinsam, in der Regel jedenfalls. Und wenn von Religion oder Gesellschaft einer Stammeskultur die Rede ist. geht es immer auch um Fragen der Wertordnung, "Kultur" sei hier in einem weiten Sinn verstanden. 6 Dieser holistische, umfassende Kulturbegriff der Ethnologie unterscheidet sich von dem engeren. wie er dem landläufigen Sprachgebrauch eigen ist. Man denkt bei letzterem eher an ..geistige Kultur, Geistesleben", etwa im Sinne der deutschen Umgangssprache.
A. Quack. Stamm. In: LThKl, Bd. 9; 920-921. Freiburg 2000; Quack. A.. Heiler. Hexer und Schamanen. DarmstadI2004. IIL 1 F.J. Thiel. Grundbegriffe der Ethnologie. Berlin 1992, 86. l K.H. Kohl, Ethnologie. München 1993,25 . • E.W. Müller, Stamm. In: W. Bemsdorf (Hg.). Wörterbuch der Soziologie. Stuugart 1969. 1121 f. S Vgl. W. Duprt, Kultur und Ethos. Zum Problem der Sittlichkeit in Primitivkulturen. In: CH. Ratschow (Hg). Ethik der Religionen. Ein Handbuch. Stuttgart 1980, 79-176. • A. Quack. Inkulluration und Synkretismus. Religionscthnologische Anmerkungen. Theologie der Gegenwart 36. 1993. 134-145. I
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und assoziiert damit Begriffe wie Bildung, Erziehung, Literatur, Kunst, das Schöngeistige. Kultur in diesem Verständnis umfasst also all das, und nur das, was sich im Feuilleton einer Zeitung wiederfindet. So lässt sich von höherer und niederer Kultur reden, von Kulturgesellschaften gegenüber Naturgesellschaften; so kann man sagen, jemand habe Kultur oder jemand habe keine Kultur. Natürlich wurde über diesen zentralen Begriff der Ethnologie. der Kultur\vissenschafl par excellence, immer diskutiert, und Einheitlichkeit wird es auch in dieser Frage sicherlich nie geben. Doch würde man heute bei Ethnologen wahrscheinlich große Übereinstimmung für folgende Definition finden: Kultur ist das erworbene und mit anderen geteilte Wissen, das Menschen dazu dient. ihre Erfah* rungen zu interpretieren und gesellschaftliches Verhalten zu bestimmen. Kultur wäre demnach, kurt gesagt, der einer Gruppe gemeinsame geistige Horizont, der ihr Handeln bestimmt: die Denk- und Lebensweise einer Gruppe von Menschen, der "way of life" und seine Dokumente und Ergebnisse. alle Eigenarten und Besonderheiten, die einem an einem fremden Volk auffallen. Kuhur ist den Mcnschen nicht angeboren, sie wird durch Sozialisation odcr Enkulturation crworben. Man wächst in eine Kultur hinein. Der Begriff KulIOr umfasst also: Sprache. Philosophie. Religion, Weltanschauung, Riten, Werte, Vorurteile. JX>litische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhaltensweisen. technische Fertigkeiten usw. Kultur. so verstanden. kann nicht, entgegen der Metapher von der kulturellen Einkleidung, wie ein Kleidungsstück angezogen und bei Bedarf abgelegt werden. Kultur ist wesentlich dynamisch und der geschichtlichen Entwicklung unterworfen. sie ist offen für Veränderungen und Einflüsse von außen. Das erschwert natürlich ihre Erforschung und Untersuchung, wie sie der Ethnologie obliegt. Da Kultur eine komplexe Einheit ist. in der alle Elemente zusammenhängen und zusammenwirken, ist es unmöglich, einen Teil herauszulösen und isoliert zu verändern. ohne dass dies Auswirkungen auf das gesamte System hat. Ändert sich ein Teil. hat das Auswirkungen auf alle anderen Teile der Kultur, etwa auch auf ihr Ethos. Legt man den umfassenden. ganzheitlichen Kulturbegriff der Ethnologie zu Grunde. muss ..Religion" verstanden werden als Teil der Kultur. als ein Aspekt, der in allen Bereichen der Kultur gefunden werden kann. Was für die Definitionen von Kultur gilt, gilt auch für die Definitionen von Religion. Es gibt fast soviele Definitionen von Religion, wie es Leute gibt, die über Religion nachdenken und schreiben. Gelegentlich wird zwischen "substantiellen" und "funktionalistischen" Definitionen von Religion unterschieden. Erstere sagen, was Religion ist, letztere sagen, was Religion leistet. was ihr Sinn ist.' Die folgende Begriffsbestimmung versucht
G. Kehrer. Definitionen der Religion. In: H. CancikJB. GladigowlK.-H. Kohl (Hg.). Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Stuttgart 1998. Bd. 4; 418-425. 1
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einen Mittelweg,' sie fasst beide Aspekte von Religion zusammen: darüberhinaus wird auf die emotionelle Dimension religiösen Verhaltens hingewiesen: Religion umfass!: Glaubensvorslcllungen und -überzeugungen: die darauf auf· bauenden Verhaltensweisen (Kult. Riten); Verhaltensnormen; Gefühle.
Also: I) Vorstellungen zur Erklärung von Phänomenen und Erfahrungen der Wirklichkeit, deren Existenz durch Methoden der sog. exakten Wissenschaft nicht
nachweisbar iSI - ein System von Glaubellsvorstellllllgell also. Glaube an übermenschliche Wesen undloder Mächte. Die Lebenserfahrung einer Gruppe. vorhandene kulturelle Strukturen, wie z.B. das politische und soziale Geflige. wirken auf diese Vorstellungen ein. Diese Vorstellungen dienen ihrerseits zur ErkHirung der Umwelt und ihrer Entstehung. sowie zur Ordnung der sozialen Beziehungen und empfangener Eindrücke. 2) Den Killt. die Riten. in denen Menschen Beziehungen zu übennenschlichen Wesen aufnehmen. sei es um auf das Einwirken dieser Mächte in den menschlichen Bereich zu rC
Verwurzelung des Ethos Ethos lind Mythos Das Ethos der Slammeskulturen iSI in der Tradition verwurzelt. Es gründel im Wort der Alten. wie es z.B. im Mylhos greifbar wird. Mythen sind eine universale • Q. GächtcrlA. Quack. Symbole. Magie und Religion. AntJrropos 84. 1989. 521-529.
• Vgl. H. Vorgrimler. Ethos. In: LThK, Freiburg 19591• Bd. 3: 1136-1137.
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Erscheinung. Sie finden sich in allen Religionen und Kulturen. Sie gehören zu den drei wichtigen Formen religiösen Ausdrucks: Heilige Worte. heilige Handlungen. heilige Plätze. In Stammeskulturen bilden sie einen wesentlichen Teil der oralen Literatur. Sie sind, plastisch ausdrückt, was die Bibel für die Christen und der Koran für die Moslems ist. "In ihnen sind die ganze Glaubenslehre. die Ethik und der Kult festgelegf'.10 Sie sind Worte, die das Handeln bestimmen. Mythen sind anschauliche Erzählungen vom Beginn der Dinge, von den lebenden Wesen der Urzeit. von den Taten göttlicher Gestalten und ihrem Verhältnis zu den Menschen; sie sind die "anschauliche Darstellung der Weltanschauung von Gemeinschaften". wie es H. Baumann formuliert. 11 Erklärung, Begründung und Beglaubigung dessen. was ist und geschieht. sind die entscheidenden Aufgaben oder Funktionen des MythosY Von anderen Textformen kann Mythos abgegrenzt werden. vor allem vom Märchen. in dem zwar auch religiöse oder weltanschauliche Elemente vorkommen können. die jedoch niemals ins Zentrum rücken. In vielen Stammeskulturen wird geradezu eine Dichotomie von Mythos und Märchen betont. Man unterscheidet ..wahre" Geschichten von ..fiktiven" Geschichtcn. wobei "wahr" mit Urzeitlichem und .. fiktiv" mit Zeitlosem assoziiert wird. Baumann fasst zusammen: ..Mythen und Märchen lassen sich also im Sinneder Naturvölker selbst wesentlich scheiden nach den Gesichtspunkten: profan - sakral. urzeitlich - nichturzeitlich. wahrempfunden _ nicht wahrempfunden" .11 Funktionalistische Definitionen bestimmen Mythos als "Leistungswert einer kulturellen Institution".14 "als fundierende, legitimierende. weltmodellierende Erzählung".J5 Die Hauptfunktion des Mythos ist es, .,die an ein Vorzeitgeschehcn anknüpfende Darstellung des, Wesentlichen' in der Welt so zu gestalten, dass jenes Vorzeitereignis unmittelbar in das Bewusstsein zu rücken vermag: diese Bewusstmachungdes. Ur' dient dann zurBegründigung und Festigungdermit ihm in Verbindung stehenden Jetztzcitverhältnisse ... Bewusstmachen des Sinns einer Institution oder Idee. ihr Erklären, Begründen und Beglaubigen sind zweifellos die wichtigsten Funktionen des Mythos" .16 GeradederbeglaubigendeCharakterdes Mythos wird auch von Malinowski betont. Der lebendige Mythos sei unmittelbarer Ausdruck seines Gegenstandes, die
F.J. Thie!. Religionsethnologie. 76. 11 H. Baumann. Schöpfung und Urzeit des Menschen im Mythus der afrikanischen Völker. Berlin 1936.2. n H. Baumann. Mythos in ethnologischer Sicht. Studium Generale 12. 1959. 1-17. 111
583-597. " H. Baumann. Mythos
In
ethnologischer Sicht. Swdilml Generale 12. 1959. 1-17.
583-597. H. Baumann. Mythos. 583. I) A. AssmannlZ. Assmann. Mythos. In: H. Cancik. B. Gladigow und K.-H. Kohl (Hg.). Handbuch religionswissenschafllicher Grundbegriffe. Stungart 1998. Bd. 4; 179-200. 16 H. Baumann. Mythos. 583. I'
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narrative Wiederherstellung einer ursprünglichen Wirklichkeit. deren Erz.ählung tiefe religiöse Bedürfnisse. die Sehnsucht nach Moral, soziale Ergebenheit und Zuversicht und sogar Erfordernisse der Praxis befriedige. Unabdingbare Aufgabe des Mythos in Stammeskulturen sei: "Er formuliert. sleigert und kodifiziert den Glauben; er schützt und vertieft die moralischeOrdnung, bezeugt die Wirksamkeit des Rituals und vennittelt praktische Orientierungsregeln. So ist der Mythos ein Lebenselement der Zivilisation, nicht eine müßige Fabel. sondern eine solide. wirksame Kraft, weder intellektuelle Erklärung noch künstlerische Imagination. sondern eine pragmatische Charta des primitiven Glaubens und des moralischen Wissens",17 Die Themenvielfalt der Mythen ist außerordentlich groß. Fast alle Aspekte einer Religion. einer Gesellschaft verlangen nach Erklärung des Ursprungs. nach Beglaubigung. nach Rechtfertigung. nach einem Mythos. So gibt esAstralmythen. Schöpfungsmythen. Urstandmythen. Mythen von Kulturheroen und Heilbringem. Mythen vom Menschen (Entstehung. Geschlechtsleben. Geburt. Leben. Tod. leben nach dem Tod). Mythen von den elementaren Naturkräften. Mythen von den Ursprüngen der kulturellen Institulionen (Gesellschafts- und Wirtschaftsfonnen. Nutzpflanzen und Tiere. handwerklichen Tätigkeiten usw.). Ein weiterer Gedanke lässt sich anfügen: Die These vom engen Zusammenhang zwischen MYlhen und Riten bei Stammeskulturen war seit Ende des 19. Jh.. also seit vielen Jahrlehnlen. Allgemeingut der Religionswissenschaftler und -ethnologen. Mit viel Intensität und Phantasie versuchte man. dieses Beziehungsgeflecht zu erhellen und daraus einen theoretischen Rahmen zu gewinnen. Gegensätzliche Theorien waren das Ergebnis. Während eine Theorie in den Mythen eine Übersetzung von vorher existierenden Riten in Bilder und visionäre Geschichten sah oder davon überzeugt war. dass die Mythen aus Riten hervorgingen. sah eine andere Theorie die Riten als spätere Dramatisierungen von Mythen. Schließlich kann das Erzählen des Mythos selber zu einem Ritual. einer Kulthandlung werden. Dass also ein enger Zusammenhang zwischen Mythos und Kult gerade bei Stammeskulturen bestehl.läsSI sich kaum von der Hand weisen. Mit den Worten von A.E. Jensen: ..Die mythische Welt-Erkenntnis hat alle Lebensfonnen des Menschen emscheidend beeinflusst. Wir finden sie deshalb als wichtige geistige Grundlage nicht nur in den Kulten im engeren Sinn wieder. sondern auch viele andere Bereiche menschlicher Lebensgestaltung ... sind inhaltlich und fomlal von den mythischen Anschauungsformen her bestimmt". '! Und man argumentiert wohl zu Recht, dass für Menschen aus Stammesreligionen Tal und Wort eng zusammenhängen und dass im lebendigen Gefüge einer solchen Religion oft ein Mythos einem Ritus entspricht.
B. Malinowski. Die Rolle des Mythos im Leben. In: B. Malinowski. Schriften in vier Bänden. Bd. 4n: Schriften zur Anthropologie. 139-144. A. Jensen. Mythos und Kult bei Naturvölkern. Rcligionswissenschaflliche Belrachtungen. Wiesbaden 1951. 53. 11
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Ethos und Ahnenkult Sind für die Stammeskulturen Mythen heilige Worte, die das religiöse und gesellschaftliche Handeln ihrer Menschen bestimmen, also der Boden. in dem die Wertordnungen verwurzelt sind, so sind es oft Wort und Wille der Ahnen, in dem sich die Wcrtordnungen der Stammesgesellschaften konkretisieren. Bei der Suche nach Gemeinsamkeiten in den Stammeskuhuren stößt man auf zwei Themenbereiche. die eng zusammenhängen und miteinander verbunden sind: das Menschenbild, das Verständnis von Person einerseits, die Ahnenverehrung, der Ahnenkult andererseits. Es geht hier um Denk- und Verhaltensweisen. die sich in vielen traditionellen Kulturen Afrikas. Asiens, Amerikas. Ozeaniens in der einen oder anderen Form finden; sie zeigen ein Grundmuster, das sich in europäischwestlichen Kulturen so nicht findet. Von Menschenbild und Personenverständnis wird im nächsten Kapitel die Rede sein. Hier geht es um Ahnenverehrung und Ahnenkult, die fast einen universalen Hintergrund der Wertordnungen von Stammeskuhuren bilden. Am Beispiel der Bulsa soll dies erläutert werden. Die Gesellschaft der Bu!,tia in Nordghana ist patrilinear organisiert; die Verwandtschaft wird nach der väterlichen Linie gerechnet. die Verwandtschaftsgruppeo (Gehöft/Großfamilie. Lineage, Klan) sind exogam. Die Wohnordnung ist patrilokal: die Frauen ziehen bei der Heirat zurGruppe des Mannes. der verheiratete Sohn nimmt mit seiner Familie Wohnung beim Vater. Es handelt sich bei den Bulsa nicht um eine Ethnie oder einen Stamm im Sinne einer festen übergreifenden politischen Organisation unter der Oberherrschaft eines Häuptlings. Die Funktion eines Oberhäuptlings oder Paramount-Chiefs wurde erst zu Anfang des 20. Jh. von der britischen Kolonialmacht geschaffen. Der Gesellschaft der Bulsa ist eine solche Institution fremd. Überhaupt stellt diese Gesellschaft einen Zusammenschluss von einer Vielzahl von Verwandtschaftsgruppen dar. die wohl zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen RiChtungen in ihr heutiges Wohngebiet eingewandert sind. 19 Die Abstammungsgruppen Klan und Lineage sind in erster Linie Kultgemeinschaften. Sie respektieren gemeinsame "Totems", d.h. sie glauben sich und ihre Ahnen mit bestimmten Tieren besonders eng verbunden, doch einen eigenen Kult für solche Totemtiere gibt es nicht. Mit den Vorfahren sind die Bulsa durch Ahnenverehrung und Ahnenkult, durch Gebete und Opfer verbunden. Die verschiedenen Verwandtschaftsgruppen siedeln zusammen. Die Gehöfte werden zu Lineages, die Lineages zu einem Klan zusammengefasst. Das besiedelte und bebaute Land gehört der Verwandtschaftsgruppe, hier sind die Gräber und Altäre der Ahnen. hier sind die Lebenden und Verstorbenen der Gruppe lokal vereint. Das Gehöft der patrilinearen Großfamilie stellt die unterste Wirtschafts-, Sozial- und Ritual-einheit dar. Zur Großfamilie gehören der Gehöftherr mit seinen Frauen, seinen unverheirateten Schwestern und Töchtern, seinen jüngeren BrüR. Scholt. Aus Leben und Dichlung eines westafrikanischen Bauernvolkes. Opladen 1970,55. I.
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dem und seinen Söhnen mit deren Frauen und Kindern. Polygamie ist die soziale Norm,jedoch keineswegs die Regel der Praxis. Der Gehöftherr ist verantwortlich für das materielle Wohl und den sozialen Frieden in seinerGroßfamilie; er vollzieht die Opfer für die Ahnen des Gehöftes und für die Erde; wenn es fürirgendjemanden der Großfamilie notwendig wird (Unglück, Krankheit, Missgeschick), wendet er sich an den WahrsageT, um zu erfahren. welche übermenschliche Macht welche An Opfer von ihnen verlangt. damit die Situation bereinigt werden kann. Einige wichtigeelhische und religiöse Vorstellungen haben die Bulsa mit vielen anderen afrikanischen Völkern gemein: I) Der Wahrsager spiel! eine zentrale Rolle. Es ist nicht so sehr seine Aufgabe, die Wahrheit über bestimmte Dinge herauszufinden oder die Zukunft vorherzusagen; sondern er erforscht den Willen der Ahnen und der übermenschlichen Wesen, die für ihre "Dienste" von den Menschen Opfer verlangen; seine Aussage muss durch ein Opfer bestätigt werden, sonst gill sie nicht als glaubwürdig. 2) Es gilt in der sozialen, rechtlichen und religiösen Ordnung der Bulsa das wichtige Prinzip der Seniorität, das Prinzip der Allershierarchie. Mach!. Rechte und Pflichten sind nach dem Aller abgestuft, daher tragen die Älteren auch für die Jüngeren Verantwortung: die Ältesten sollten die Streitfalle schlichten: und die Ahnen ihrerseits sind die mächtigsten Ältesten. 3) Die Erde gill als die heilige Macht schlechthin, sie steht jenseits des Bereichs der Ahnen und Allen. Sie wird an besonderen Heiligtümern verehrt (Bäume, Aüsse, Felsen usw.). sie kann töten und ist damit die letztmögliche Sanktion für moralisch falsches Verhalten. Bei den Bulsa wie in großen Teilen Afrikas gilt die Erde vielfach als heilige Macht, die jeden verfolgt, der ihre Vorschriften verletzt; sie rächt jede Fonn von Blutvergießen, aber auch Z.B. Selbstmord, Diebstahl. Hexerei. Ehebruch, Inzest usw.. schließlich auch viele trivialere Vergehen. Die Erde nimmt niemanden auf, der ihre Gebote verletzt hat: solche Verstorbene können nicht begraben werden, sondern werden in den Busch geworfen. Oberster Priester der Erde, der Venniuler zwischen den Menschen und der Erde. ist der "Erdherr"': er entstammt meist der Gruppe, die am längsten in einem Gebiet wohnt, und er wird auch von späteren Zuwanderern geachtet und anerkannt. Bei den Bulsa heißt jedes Abweichen von den überlieferten Verhaltensnormen .. Verderben der Erde, das Land verderben". Die Autorität der Ällesten und des Erdherrn leitet sich von ihrem Recht auf religiöse Sanktionen ab, Sanktionen, die soweit gehen können, dass zur Strafe getötet wird. Das Land ist Kollektivbesitzder Gehöfte und Lineages: wer auf diesem Land bauen will, braucht dazu die Erlaubnis seines Erdherrn. Der Erdherr opfert vor Beginn der Pftanzzeit: er opfert der Erde immer. wenn böse Dinge geschehen sind, "um das Land abzukühlen". Den Willen des Erdherrn missachten. heißt den Zorn der Erde auf sich ziehen. Gegen Ende der jährlichen Trockenzeit kommen kleine Gruppen der benachbarten Tallensi zu den Bulsa. um dort Erdopfer darzubringen. Die Opfertiere werden von den Bulsa geliefert, Zweck dieser Opfer durch die Gäste aus Taleland ist
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die Bitte um Regen; einige Klansektionen der Bulsa haben keine eigenen Regenmacher und sind ganz auf die Opferdienste der Tallensi angewiesen. Die der Erde entgegengesetzte Macht. der Himmel (die Sonne, wen; es ist der gleiche Begriff. der für das Lebensprinzip der Bulsa gebraucht wird), ist in Glaube. Ritual und Alltag der Bulsa offensichtlich von geringerer Bedeutung. Die Bulsa glauben an einen otiosen "Hochgott",den sie lIawell nennen. Häuptling des Himmels. Er hat alles geschaffen und besitzt eigentlich die höchste Macht; doch er greift in die Alltagsgeschäfte der Menschen nicht ein, er hat sich von der Erde zurückgezogen. Die Bulsa zitieren gerne den Spruch: Nawen ale reng le maari ju! - Goll und die Erde mögen dir helfen! Für Schou liegen in dieser frommen Wunschfonnel. die mehr ist als eine obernächliche Redewendung, die religiösen Grundvorstellungen der Bulsa beschlossen. 20 wobei. wie ausgeführt. Gott von den Bulsa sehr viel weiter weg zu sein scheint als die Erde. Der Tod hat für die Bulsa wie für viele Stammesgesellschaften in und außerhalb Afrikas keinen absoluten Trennungscharakter. Das Leben geht weiter; es ist zwar nicht mehr menschliches Leben. es ist eher eine Überhöhung menschlichen Lebens. denn die Toten. die Ahnen sind mächtiger noch. als sie zu Lebzeiten waren. Der Tod ist nur ein Übergang in ein anderes, ncues Stadium der Existenz.. Die Toten- und Bestaltungsriten haben den Zweck. dem Verstorbenen den Weg ins Reich. ins Dorf der Ahnen zu ebnen. Die Ahnen sind und bleiben Mitglieder von Klan und Lineage. Sie spielen ihre Rolle vor allem dadurch, dass sie über das Tun und Verhalten der Menschen auf Erden wachen und aufpassen, dass die Traditionen eingehalten werden. Die Ahnen sind in den Augen der Bulsa auch die eigentlichen Eigentümer des Viehs in einem Gehöft; der Gehöftherr gill nur als Treuhänder, als Vertreter der Ahnen. Wenn mit Vieh leichtfertig umgegangen wird, wenn man es für überflüssige Luxusgüter z.B. verkauft, kann das den Zorn der Ahnen heraufbeschwören. der Mensch und Vieh im Gehöft treffen kann. Hinterlässt ein Mann bei seinem Tod seinen Brüdern und Söhnen Vieh. so sind diese zunächst verpflichtet, davon Ahnenopfer darzubringen; denn den Ahnen gehört der erste Anteil an diesem Vieh, erst später darf man an andere Zwecke denken. Vieh gilt in erster Linie als Opfergabe, und da alle Opfer für die Ahnen vom ranghöchsten Mann im Gehöft dargebracht werden müssen, ist er es, der de facto das übergeordnete Recht über alles Vieh in seinem Gehöft besitzt. Neben der "Erde" sind bei den Bulsa alsodie Ahnenjene. die über das Verhalten ihrer Leute urteilen und Sanktionen verhängen. Zunächst werden von den Ahnen die noch lebenden Ältesten für das rechtmäßige und ordentliche Verhalten ihrer Leute verantwortlich gemacht. Wer keinen guten Tod stirbt oder wer sich eines schweren Vergehens gegen die Solidarität der Gruppe schuldig gemacht hat (Unfallopfer, Selbstmörder, Diebe, Giftmischer, Ehebrecher. Hexen usw.), wird von den Ahnen nicht in ihr Land gelassen. Solche Tote irren als Geister auf der Erde 10
R. Schott, Aus
Leben,
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umher. bis sie irgendwie zugrunde gehen. Wer die Einheit des Klans. der Lineage, des Gehöftes in schwerer Weise stört. gefahrdet das Überleben der Gruppe. den Zusammenhalt der Gruppe. Er verletzt die Solidarität zwischen Lebenden und Toten. Jene. die in der Gruppe die Macht und Verantwortung tragen. die Ältesten und die Ahnen, sorgen dafür, dass die Übeltäter bestraft werden; nicht selten hat Strafe auch vorbeugenden und abschreckenden Charakter.
Die Verehrung der Ahnen gehört gleichzeitig zu den kulturellen Teilbereichen .,Religion" und "Gesellschaft", Wird der Aspekt der Religion betont (Riten. Abhängigkeit von ..übermenschlichen" Wesen), spricht man von Ahnenkult; steht der Aspekt der Gesellschaft im Vordergrund (Zugehörigkeit zur Lineage. Verantwortung für die Lineage. Garantie für die Aufrechterhaltung der Gruppenordnung), spricht man von Ahnenverehrung. J. F. Thiel definiert: .. Unter einem Ahn versteht man eine im Jenseits lebende Person der eigenen Verwandtschaftsgruppe. die bereits zu Lebzeiten einen hohen sozialen Status innehalte. der durch den rite de passage des Todes aber noch wesentlich erhöht wurde".21 Ahnenkult oder Ahnenverehrung kann verschiedene Formen annehmen. je nachdem von wem. von welcher Gruppe sie getragen wird: es gibt I) die persönliche Verehrung (eine einzelne Person). 2) Riten im Haus oder Gehöft (Kemfamilie oder Großfamilie). 3) Riten einer größeren Verwandtschaftsgruppe (Lineage. Klan). 4) jährlich wiederkehrende Riten am Todestag eines Ahn und schließlich 5) jährliche Riten für das Kollektiv der Ahnen. Gerade im Ahnenkult und in der Ahnenverehrung. die für viele afrikanischen Religionen und Kulluren charakteristisch sind. zeigt sich die Stellung. die die Alten in diesen Gesellschaften innehaben. Doch wir solhen nicht übersehen, dass dieses eine eher abstrakte Feststellung ist Die in politischer.juridischer, religiöser Hinsicht mächtige Position. die nach dem Senioritätsprinzip den Alten vorbehalten ist. bedeutet nicht. dass jeder alle Mensch eine solche Position erwerben kann. Das Aller ist für diese Rolle zwar unerlässliche Voraussetzung, aber nicht die einzige. Zum einen ist die zahl der Führungspositionen begrenzt; schließlich kann eine Familie nur ein Familienoberhaupt haben. ein Klan nur einen Chef oder Häuptling. Zum andem gilt auch die persönliche Eignung und Fähigkeit des Einzelnen als Auswahlkriterium. In Stammeskulturen sind also die Ahnen die Hüter der Tradition und damit die Garanten der Wertordnung. Sie sanktionieren das Verhalten ihrer Nachfahren, oft als verlängerter Arm höherer übennenschlicher Wesen und Mächte.
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F.J. Thie!. Religionslheologie, 138f.
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Ethos in seiner Kulturgebundenheit Werte. Nonnen, Verhallen eines Menschen richten sich aus nach seinem Menschenbild. das ihm von seiner Kultur vorgegeben ist. Was richtig und was falsch ist, was gut und was schlecht ist, was man tut und was man nicht tut, gehört zum Lernprogramm der Sozialisation, der Enkulturation, der Erziehung (bewusst und unbewusst), mitderman aufwächst. Es istdaherein groBer Unterschied, ob jemand in einer Kultur groß wird, in der das Individuum mit seinen Rechten und Pflichten im Vordergrund steht, wo also Individualwerte dominieren, oder ob jemand in einer Kultur zu Hause ist, wo der Mensch sich zuerst als Gemeinschaftswesen sieht und erfahrt. wo also Solidarwerte dominieren, wie das in vielen Stammes~ gesellschaften der Fall ist.
Zum afrikanischen Menschenbild Im traditionellen afrikanischen Kontext z.B.. wie übrigens auch in vielen anderen Teilen der nichtwestlichen Welt, definiert sich der Mensch nicht zuerst als lndivi~ duum sondern als Teil einer bestimmten Gruppe (meistens einer verwandtschaft~ lichcn Gruppe: einer Familic. einer Großfamilie, einer Lineage. eines Klans). Afrikanischcs Selbstverständnis ist also eher soziozentriert als individualzentriert. Sundenneier bemerkt zum Thema Individuum versus Gemeinschaft: "Für den Abendländer ist Leben Individualität. Lebewesen kennen wir in Gestalt von Indi~ viduuen, Entwicklung des Lebens wird als Einkehr zur Individualität verstanden. Gemeinschaft, Zusammensein mit anderen, ist sekundär".u Für das afrikanische Lebensverständnis gelte umgekehrt: ..Nur weil es die Gemeinschaft gibt. gibt es den Einzelnen .... DieGemeinschaft ist das Vorgegebene. Sieerstreckt sich zeitlich über den Horizont der Jetztzeit, rückwärts zu den Ahnen und vorwärts in Richtung auf die Nachkommen, auf die zukünftigen Geschlechter. Der Einzelne ist nur. insofern er Mitglied einer Gruppe ist." Oder wie es an anderer Stelle fonnuliert wurde: ..Menschsein gibt es nur als Familie". Zur Rolledes Individuums in afrikanischen Kulturen bemerkt Mbiti: ..Im Leben Afrikas kann der Einzelne nicht einfach für sich existieren, sondern nur als Glied derGemeinschaft .... Der Einzelne wird sich nur im Hinblick aufandere Menschen seiner Eigenart, seiner Pflichten, Vorrechte und Verantwortlichkeiten sich selbst und anderen gegenüber bewusst. ... Was immer dem Einzelnen widerfahrt, geht die ganze Gruppe an, und was der ganzen Gruppe widerfahrt, ist ebenso Sache des Einzelnen. Das Individuum kann nur sagen: ,Ich bin, weil wir sind, und weil wir sind, bin ich.' Dies ist der Kernpunkt in unserem Verständnis des afrikanischen Menschenbildes".23 Selbstverständlich kennt afrikanisches Denken auch das Individuum mit seiner ihm eigenen Personalität, seinen Eigenarten und Talenten, seinen persönlichen n T. Sundemleier, Nur gemeinsam können wir leben. Das Menschenbild schwanafrikanischer Religionen. Gütersloh 1988. 26. lJ J .M. Mbiti. Afrikanische Religion und Wellanschauung. Bedin 1974. 136.
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Bedürfnissen, Nölen und Ambitionen. Doch ist das Verhältnis Individuum-Gemeinschaft mindestens genau ausbalanciert, meistens jedoch mit einem leichten Übergewicht in Richtung Gruppe, Gesellschaft. Individualismus westlicher Tra· dition und Prägung ist unafrikanisch. Als Ideal afrikanischer Lebensweise könnte man also nennen: Die hannonische Integration des Individuums in seiner sozialen Umwelt. Am Beispiel des Stammes der Tallellsi möchte ich im folgenden Grundelemente eines Personenbegriffes und der daraus folgenden Verhaltensweisen in einer weslafrikanischen Kultur darslellen. 24 Die Tallensi. ca. 40.000 Leute. wohnen in Nordghana; wie die benachbarten und verwandlen Bulsa gehören sie zur Gur· sprachigen Gruppe der Obervolta-Völker. Ihr Lebensraum ist die parkähnliche Savanne der Sudanzone mit ausgeprägter Trocken- und Regenzeit. Sie betreiben Feldbau (Hirse- und Bohnenanen, Erdnüsse. andere Gemüsepflanzen) und Viehund Geflügelhallung (Schafe, Ziegen. Hühner). Die Gesellschaft der Tallensi ist patrilinear organisien. d.h. die Verwandtschaft wird nach der väterlichen Linie gerechnet; die Verwandtschaftsgruppen (Gehöft/Großfamil ie. Lineage, Klan) sind cxogam, innerhalb dieser Gruppen wird nicht geheiratet; die Heirat öffnet also die Gruppe nach außen. Die Wohnordnung der Jungverheiralctcn ist patrilokal, d.h. die Frauen ziehen bei der Heirat zur Gruppe des Mannes, der verheiratete Sohn nimmt mit seiner Familie Wohnung beim Vater. Bei den Tallensi gibt es eine Grundpolarität zwischen persönlichem Geschick, Schicksal. Bestimmung einerseits und sozialer Identität, sozialer Rolle andererseits. Das persönliche Geschick ist bereits vor der Gebun bestimmt, es gibt einem Menschen die unverwechselbare Individualität, die sich im Laufe des Lebens erst voll entfaltet. Was eine Person ausmacht, ist im wesentlichen fremdbestimmt: Sein Geschick ist ihm vorgegeben. seine Position in der Gesellschaft ist durch Tradition und Kultur genau definien. Die Gesellschaft macht einen Menschen zur Person. Doch Person ist ein dynamischer Begriff. Man wird nicht als solche geboren, man wird zu einer Person. Es handelt sich also um einen Prozess, um Personwerden. üb jemand eine Person war, ein vollweniger Mensch, kann man erst entscheiden, wenn er gestorben ist. Gebun und Tod sind der notwendige Rahmen. Voraussetzung für dieses Personwerden ist zunächst, dass der Mensch in einer normalen Geburt zur Welt kommt: es muss eine Einzelgebun sein (d.h. es darf z.B. keine Zwillingsgebun sein), das Kind muss gesund sein und in eine legale Familie. d.h. eine Großfamilie, eine Lineage (Sippe), einen Klan hineingeboren werden. Dem Kind wird eine festumschriebene Position zugeteilt. Nur so hat es die Chance. zur Person zu werden, als Individuum eine soziale Rolle einzunehmen, den Platz einzunehmen, der ihm kulturell vorgegeben ist. Das Ideal einer vollwenigen Person ist in der patrilinearen Gesellschaft der Tallensi ein älterer erwachsener Mann. der dem Alter und der Position nach an der l'lch SIÜlze mich dabei vor allem aufM. Fones. aufden wichtigslen Elhnographen dieses Volkes (Religion, Morality. and the Person. Cambridge 1987,247-286).
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Spitze seiner Lineage steht. männliche Nachkommen hat und einen nonnalen Tod stirbt. somit zum Ahnen werden kann. Denn der Tod entscheidet letztlich. ob einer eine Person war. Ein guter Tod beweist. dass jemand sich voll zur Person entwickelt hat, zur vollen juridischen und rituellen Autonomie gekommen ist. Dieser Tote erhält die ihm zustehende Beerdigung mit ihren Feierlichkeiten. die ihm den Weg zum Reich der Ahnen öffnet. Wer eines schlechten Todes stirbt (Unfalltod, Ertrinken. Selbstmord LB.) kann nicht Ahne werden. Er wird vergessen. er ist endgültig tot. Nach der Philosophie der Tallensi kann also erst im Nachhinein entschieden werden. wer eine richtige. eine volle Person war: Ein Mensch. nonnal und gesund geboren. legitimes Mitglied einer sozialen Gruppe, der seine gesellschaftliche Rolle verantwortungsvoll ausübt, männliche Nachkommen hat. zur vollen juridischen und rituellen Autonomie kommt. einen guten Tod hat und Ahn wird. Die Spannung zwischen I.ndividuum und seiner sozialen Identität wird durch die heiden Namen ausgedrückt. die ein Tallensi erhält: Der erste. öffentliche Name benennt seinen Ort und Platz in der Gruppe. er identifiziert ihn als Mitglied einer Familie; der zweite Name ist privat.er ist nicht öffentlich bekannt; um ihn weiß nur er selber. er und seine engstc Familie; dieser verbindct ihn mit einem persönlichen Schutzahnen. cr macht ihn zu einem eigenen. unverwechselbaren Individuum. Die Individualität eines Menschen wird auch ausgedruckt durch die ihm eigenen persönlichen Tabus und rituellen Besonderheiten. die jemand beachten muss; auch sie stehen in Beziehung zum persönlichen Ahnen eines Menschen. Die patrilineare, patriarchalische. männerdominierte Gesellschaftsordnung der Tallensi wird z.T. ausbalanciert durch eine parallele matrilineare Struktur, die die Kinder auch an die Mutter und ihre Lineage bindet. Während in der patrilinearen Struktur Autorität, Fonnalität. Pflichten und Rechte das kennzeichnende Merkmal sind. bedeutet das matrilineare Prinzip. die Beziehung zur mütterlichen Linie. zu der Verwandtschaftsgruppe der Mutter, eine Betonung der affektiven Werte: hier geht es um rein zwischenmenschliche Werte, wie Zuneigung. Freundschaft, Liebe. Vertrauen (all das ohne den strengen juridischen und rituellen Rahmen der patriarchalen Familie). Man sieht. welche Stellung eine solche Lebensanschauung dem Alter, den Alten zuerkennt. Das Leben entfaltet sich von der Jugend zum Alter hin. Das Leben nimmt an Fülle zu. es wächst zum Alter hin. Ein Kind. ein junger Mensch ist keine volle Person; das kann nur ein alter Mensch sein. Diese Sicht des Lebens hängt eng zusammen mit der Lebensweise in einer solchen Kultur. Im Beispiel der Tallensi ist dies eine Pflanzer-, eine Bauemkultur. Die Felder, das Ackerland. also die materielle Grundlage des Lebens. liegen nicht in der Hand von Individuen. Das Land gehört der ganzen Gruppe (dem Gehöft, der Lineage oder dem Klan), zu der die Lebenden und die Ahnen gehören. Die Entseheidungsträger dieser Gruppe sind die Alten. Sie sind die eigendichen Träger der wirtschaftlichen und der religiösen Macht. Denn sie vertreten die Ahnen und die Verstorbenen. sie stehen am Schnittpunkt zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Ahnen. Sie geben den Willen der Ahnen an die Lebenden weiter.
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Ein weiteres Element. das für die hohe Bewertung des Alters in traditionellen afrikanischen Gesellschaften wie derTallensi große Bedeutung hat. ist die Schrift· losigkeit dieser Kulturen. Wissen ist Macht. Und wo Wissen nicht in schriftlicher Fann gespeichert werden kann. kommt dem Gedächtnis und dem gesprochenen Wort große Macht zu. Bei den Alten sammelt sich also über die Jahre der Schatz des Wissens eines Volkes. Die Alten wissen, wie es früher war. wie es heule sein sollte. So werden die Alten zu Garanten und Kontrolleuren ihrer Tradition. Und was im modemen Europa etwa durch die Schule vennittelt wird. wird in traditionellen afrikanischen Stammeskuhuren von der Generation der Großeltern übernommen. Die Großeltern kümmern sich um die Enkelkinder. Damit wäre wenigstens auch der emotionelle Faktor noch einmal kurz angedeutet. der selbst· verständlich auch fürafrikanische Kuhuren von großer Bedeutung ist Und er wirkt sich für Frauen anders aus als für Männer. Es ist eine universale Erscheinung. etwas was für alle Kulturen der Welt zu gelten scheint. dass zwischen Müttern und Kindern. zwischen Großmüttern und Enkelkindern. enge persönliche Bindungen wachsen. die auch im Alter tragen.
Zum Ehe\'erstli"d"is i" StammeskIllture" Die Diskussion des Begriffs der Person. des Menschenbildes. im afrikanischen Kontext erweist die Kulturgebundenheit menschlichen Verhaltens. Die Ethik einer Kultur, die gemeinschaftszentriert ist. die altershierarchisch strukturiert ist. wie es viele Kulturen außerhalb Europas sind, gerade auch die Stammeskultu.ren. entwickelt andere Vemahensnormen als die Ethik einer Kultur. die individualistisch und leistungsorientiert ist. wie es cum grano salis von den sogenannten modemen westlichen Kuhuren behauptet werden kann. Am Beispiel der Heirat. der Eheschließung (in Afrika und in lndonesien) soll dies erläutert und diskutiert werden. Zum afrikanischen Eheverständnis und zur Heirat im afrikanischen Kontext schreibt Benezet Bujo: ..In [der afrikanischen) Gemeinschaft spielen Ehe und Fortpflanzung eine entscheidende Rolle .... Wer kinderlos stirbt. gerät bald in Vergessenheit und schadet gewollt oder ungewollt der Sippengemeinschaft. Ge· rade hierin muss der Hauptgrund für die afrikanische Erappe,,·EIle [Probe·Ehe! gesehen werden. Nach der herkömmlichen westlich geprägten Moral wird die Ehe als Vertrag verstanden (durch den sich zwei rechtsfahigen Personen verschiedenen Geschlechts das Recht aufeinander unwiderruflich übertragen]. Wird die Ehe aber so definiert, dann kann sie nur punktuell geschlossen werden. Genau diese Auffassung ist dem afrikanischen Eheverständnis fremd. In der Tat: Ehe ist kein Vertrag. der gesetzlich festgelegt werden kann. sondern sie ist ein dynamischer Prozess. der ein Leben lang dauert". l l
Z!
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B. Bujo. Gibt es eine spezifisch afrikanische Ethik.
Stimm~n d~r
bit 207.1989.591-606.
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Westliche. europäische. christliche Ehevorstellung sieht Ehe als Vertrag zwisehen zwei Partnern. Wieein Vertrag zu einem genau feslgelegten. fixen Zeitpunkt in Kraft lrilt. so auch die Ehe. Dem wird das afrikanische Eheverständnis gegenüber gestellt Bujo spricht von der Ehe. die sich in Etappen, in SlUfen entwickelt, also ein andauernder Prozess iSl-ein erstes Elemenl, das die heiden Auffassungen von Ehe unlerscheidet. Ein zweites unterscheidendes Element. einen zweiten wichtigen Aspekt nennt Bujo an anderer Stelle~: ..Ist die Ehe im Westen eine individuelle Angelegenheit die allein die beiden Partner betrifft. so ist das afrikanische Modell hauptsächlich gemeinschaftsbezogen. Die Ehe ist dort nämlich kein Vertrag zwischen zwei Partnern. sondern sie ist ein Bund zwischen zwei Gemeinschaften. die beiderseits sowohl die diesseitige als auch die jenseitige Gemeinschaft umfassen. Die Ehe iSl zum Überleben der ganzen Familie bestimmt. ... Wer heiratet, muss also wissen. dass er/sie nicht nur sich selbst gehört, sondern der Sippengemeinschaft. ... Folglich wird die Ehe nicht einzig durch den Konsens der heiden Betroffenen gültig. sondern sie wird erSl durch eine gemeinsame Versländigung mit der Sippcngcmeinschaft cinschließlich dcr Ahnen möglich." Ehe ist im afrikanischen Kontext also wesentlich gemeinschaftsbezogen. eineAngelegenheit die nicht nur Braut und Bräutigam angeht sondern auch und vor allem die beiden betroffenen Familien oder Verwandtschaftsgruppen. Fruchtbarkeit. Kinder. Nachkommen sind selbstverständlich auch ein Ziel afrikanischer Ehe. denn ohne sie überlebt die Familie. der Klan. das Volk nicht. Ein weiteres. wichliges Merkmal. ein driues Elemenl also. afrikanischer Ehe sind daher MUlter.;chaft und VateßChaft...Die Fruchlbarkeitsidee spielt eine grundsätzliche Rolle. Abgesehen von sozioökonomischen MOliven. die ein unfruchtbares Ehebündnis als untauglich erscheinen lassen müssen. sind die liefer gehenden Gründe religiöser Natur. Der Afrikaner überlebl nämlich in seiner Nachkommenschaft. die sein Gedächtnis lebendig bewahrt und der kommenden Generation weitertradiert. Die Nachkommen pflegen Gemeinschaft mit ihm über das Grab hinaus und sorgen durch Gebete und Opfer fur das jenseilige GIÜck".27 Eine Ehe gilt oft erst dann als dauerhaft geschlossen, wenn sich Nachwuchs einstellt. Doch das physische und kuhurelle Überleben des Individuums wie der Gruppe braucht entsprechende Rahmenbedingungen. Und eine wichtige Bedingung ist eben das Bündnis zwischen unterschiedlichen Verwandlschaftsgruppen bei und durch die Ehe. Der eben geschilderten afrikanischen Auffassung von Ehe entspriCht in vielen Punkten das Eheverständnis in der Kullurder Ren/bang in der Manggarai in WeslFlores. Indonesien. Im folgenden wird dieses indonesische Eheverständnis kurz
lJIo
B. Bujo. Afrikanische Anfragen an das europäische Menschenrcchßdcnken. In: J. Hoffmann
(Hg.). Begründung von Menschenrechten aus der Sicht unlCrschicdlicher Kullurcn. 211-224. Frank· fun 1991.221. n B. Bujo. EhefFamilie. 11. In afrikanischen Slammesreligioocn. In: H. Waldcnfels (Hg.). Le· xikon der Religionen. 128-129. Frciburg 1987. 128.
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vorgestellt; es wird zudem der Konflikt mit der katholischen Mission in diesem Punkt gezeigt und der Versuch. ihn zu übervtinden. 21
Zum Thema Gemeinschaftsbezogenheit und Prozesshaftigkeit der Ehe heißt: ,,Jede Heirat ist ein Vorgang. der alle Mitglieder der betroffenen Familen berührt. währenddieGeflihJe und Wünsche von Braut und Bräutigam praktisch keine Rolle spielen. Bis heute gilt bei den Rembong der Grundsatz. dass bei einer Eheschlie· ßung ideologische. soziale. ökonomische und politische Aspekte absoluten Vorrang haben vor den Interessen der Brautleute." Der Eheabschluss sei ein Prozess. der sich über Jahre hinziehe...Ein Paar wird sozusagen schrittweise verheiratet. es gibt verschiedene. aufeinander folgende Stufen des Verheiratetseins. Die Verbindung wird schrittweise fester und gewinnt an Unauflöslichkeit". 29 Wie in Afrika stoßen auch hier zwei unterschiedliche Eheauffassungen zusammen, die unvereinbar zu sein scheinen: die einheimische. indonesische und die katholisch-kirchliche, westl iche: t) Auf der einen Seite sind die beteiligten Familien die Konsenspartner - auf der anderen Seite sind es die Brautleute. 2) Auf der einen Seite ist die Ehe erfüllt und erreicht den Status der Unauflöslichkeit. wenn nach einer Reihe von Jahren und nach zahlreichen Riten das Paar die volle Erwachsenenreife erreicht hat und seine Fruchtbarkeit erwiesen hat. - Auf der anderen Seite ist die Ehe gültig und unauflöslich abgeschlossen. wenn das Brautpaar vor dem Priester den Konsens erklärt hat. Wie lässt sich dieser Zwiespalt bei den katholischen Rembong lösen? Antwort: ..Praktiziert wird ein Kompromiss.. Dorf-Ehe· genannt. Danach lebt das junge Paar zusammen, üblicherweise im Elternhaus der Braut, ohne dass die beiden .wirklich' [d.h. kirchlich I verheiratet sind. Erst dann. wenn der Brautpreis in voller Höhe bezahlt ist. darf die kirchliche Trauung erfolgen. Bis zu diesem Zeitpunkt können Jahre vergehen. so dass im Nonnalfall schon mehrere Kinder an der Trauung der eigenen Eltern teilnehmen". lO Die beiden unterschiedlichen Auffassungen bleiben letzten Endes nebeneinander stehen. Die katholische Kirche hält daran fest. dass erst mit der kirchlichen Trauung die Ehe beginnt und damit der Geschlechtsverkehr erlaubt ist: sie besteht zudem darauf, den Konsens der Eheleute zu erfragen. Die IraditioneUeAuffassung andererseits setzt sich aber letztlich im praktischen Leben, im Alltag durch: Die Ehe wächst langsam heran. begleitet von vielen traditionellen Riten: das Interesse der beteiliglen Familien kommt vor dem privaten Interesse der BrautJeute: das Zusammenleben der Brautleute seit Beginn des Eheprozesses hat für die Tradition der Rembong mit Sünde nicht das Geringste zu lun.
ZI Ich SIÜtze mich dabei auf einen Aufsal2 von M. Erb (1991) und seine deutsche Kurzversion, In: M. EroID. Hieb. Verheiratet - und doch Min Sünde lebend", Christliche Moral und tradilionelles Recht bei den Rembong auf Aares. Sl~'/ korrespondenz 19/41. 1991. 3--6. :. M. EroID. Hieks. Verheiratet. 3-4. :JO M. EroID. Hieb. Verheiratet. S.
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Schlussbemerkungen Das Ethos der Stammeskulturen konme hier natürlich nicht in allen Aspekten und Fomlen vorgestellt werden. Dazu ist die Wirklichkeit der Stammeskulturen zu disparat und variantenreich. Zu unterschiedlich sind die Ausprägungen und Ausformungcn von Lebens· und Denkweise. von Religionen und Verhaltensweisen solcher Völker. Vieles musste also zu kurz kommen oder ausgespart werden, etwa Bereiche wie Ethos und Magie. Schamanismus. Nur angedeutet wurde. dass gerade die meisten Stammeskulturen sich. vor allem seit dem Einbruch der Kolonialzeit. in einem rabiaten Kulturwandel befinden. der nicht zuletzt auch die traditionellen Wertordnungen in ihren Grundfesten erschüttert. Doch die Begegnung der Kulturen, forciert von den modemen Kommunikationsmöglichkeiten. muss nicht notwendig zum unabwendbaren Untergang traditioneller Grundwerte führen. Die Lebenskraft und Dynamik der Kulturen. ihre Fähigkeit. auch in den Verhaltensweisen und ihren Maßstäben Synkretismen mannigfaltiger Art herauszubilden. sollte nicht unterschätzi werden.
Indis Heike Michael-Murmann
Ethik im abendländischen und indischen Kontext Der Begriff Echik ist von dem griechischen Wort i/hos abgeleitet. das zunächst GewoJlIlheil, Brauch, Siue und dann Charakrer, Denkweise. SinnesarI bedeuten kann. Als Untcrdisziplin der Philosophie befasst sich die Ethik im Kern mit der Frage. inwiefern sich das Handeln des Menschen mit festgelegten sittlichen Prinzipien in Einklang befindet. inwieweit sein Tun. gemessen an einer zuvor bestimmten Wertorientierung. gerechtfertigt ist. Aufgabe der Elhik ist es, allgemein verbind· liehe Normen zu entwickeln. an denen das menschliche Handeln ausgerichtet sein muss, wenn es als moralisch korrekt gelten will; ein Handeln hingegen. das diese Nonnen nicht befolgt, ist als unmoralisch zu verurteilen und in geeignetem Umfang zu sanktionieren. Notwendigerweise fragt die Ethik nach dem richtigen Leben einer jeden Einzelperson wie auch der Gesellschaft als ganzer. nach dem in moralischer Hinsicht guten Leben des Menschen und den Grundsätzen für ein gutes Sozial leben der menschlichen Gemeinschaft. Nicht zwangsläufig aber besitzen die ethischen Normen. die zu befolgen uns selbstverständlich erscheint. universalen Charakter. Vielmehr können andere. vom abendländisch-christlichen Kulturkreis verschiedene Gesellschaften über eigenständige und damit von den unseren abweichende Vorstellungen von Moral und Rechtschaffenheit verfugen. über ihren je eigenen Satz an Richtschnüren und Maßstäben. an denen der Einzelne sein Leben auszurichten hat. will er sich in Einklang mit seiner Gemeinschaft befinden. Im Folgenden werden jene ethischen Konzepte näher betrachtet, die fUrdie auf dem indischen Subkontinent beheimateten Religionen des Hinduismus und des Jainismus als verbindlich gelten. Freilich sind dies nicht alle Religionen. die in Indien vorzufinden sind. Zu nennen sind neben dem Islam. dessen Anhänger eine starke Minderheit bilden. Sikhismus. Zoroastrismus. Christentum und Judentum,
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schließlich der Buddhismus. der seinen Ursprung in Indien hat. dort aber weilgehend verschwunden ist. Da diese aber bereits in eigenen Kapiteln behandeh werden. sollen sie hier in Bezug auf Indien unberücksichtigt bleiben.
Grundlagen indischen Denkens Zu Beginn sind einige Begriffe zu klären. dje für das Verständnis indischer Religionen unerlässlich sind. Was heutzutage mit dem Begriff.. Hinduismus" bezeichnet wird. umfasst eine Vielzahl von religiösen Lehren. Gemeinschaften und Prakti. ken. Die Bandbreite reicht vom Monotheismus, wie man ihn im Vi:glUismus oder Sivaismus findet. bis hin zu Stammesriten. wie sie bei den Ureinwohnern (Adivtlsl) bis heute praktiziert werden. Ursprünglich ist Hindu ein geographischer Name für Indien, abgeleitet von dem Fluss Indus. Nach der muslim ischen Invasion etwa 1000 n.Chr. waren Hindus all jene, die sich nicht Muslime nannten und deshalb eine eigene Kopfsteuer zahlen mussten, von der die Muslime befreit waren. Erst die britischen Kolonialherren wandten im 19. Jh. den Begriff Hinduismus auf alle religiösen Gruppen und Praktiken an, die sie in Indien vorfanden und nicht anderweitig z.B. als Islam identifizieren konnten. Dass es sich hierbei teils um eigenständige Religionen handelte, k.am ihnen angesichts des friedlichen Zusam· menlebens ihrer Anhänger nicht in den Sinn. Trotz der heterogenen Struktur dessen, was wir heute als Hinduismus bezeichnen, lassen sich einige Grundzüge ausmachen. die von den meisten akzeptiert werden. Dazu gehört die Lehre vom Kanna. der Glaube an die Wiedergeburt und die Anerkennung des Veda als höchste Autorität.
Karma lind Wiedergebllrt Die Grundannahme besteht darin. dass mit dem Tode nicht alles endet. sondern ein neues Leben. eine neue Wiedergebult folgt. Somit durchläuftjedereine unendliche Zahl von Existenzen. Die Qualität einer neuen Ellistenz wird dabei durch die Taten (karma) bestimmt. Jede Handlung erzeugt materielle Spuren. die sich im Armal/ festsetzen. Atman wird oft mit "Seele" wiedergegeben, was die Bedeutung des Begriffes jedoch nicht ganz trifft. Es handelt sich dabei vielmehr um das Selbst, den Kern des Menschen. der Träger der Individualität ist und als Subjekt von Sinneswahrnehmungen fungiert. Jegliche Regung des Atman ist bereits als Tat zu werten. Gute Taten führen dabei zu einer guten Existenz. schlechte Taten zu einer schlechten. Dieses Prinzip der Tatvergehung dient als schlüssige Erk.lärung für das unterschiedliche Schicksal. dem die Menschen unterworfen sind. Gleichzeitig bietet es ein System, das jedem Einzelnen erlaubt, Einfluss auf seine nächste Ellistenz durch den Erwerb guten Karmas zu nehmen. Dabei gibt es flinf Lebensbereiche. in die man hineingeboren werden kann: als Gott im Himmel, als Gandharva oder Apsaras (himmlische Musikanten und Nymphen) im Luftraum, als Mensch oderlier auf der Erde. als Dämon in der Unterwelt oder als Foltelteufel und Gequälter in der Hölle. In jedem dieser Lebensbereiche
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verweilt man so lange. bis das angesammelte Kanna verbraucht ist, dann folgt wieder eine neue Existenz. ErlösungsHihig ist daher nur der Mensch und unter diesen besonders der Brahmane. Selbst eine Wiedergeburt als Gott ist nicht hilfreich, da die Götter so von den himmlischen Freuden geblendet sind, dass sie keine Einsicht in die Notwendigkeit der Erlösung haben, einzig der Mensch hat die Fähigkeit dazu. Diese Lehre impliziert ein dualistisches Menschenbild. Der Mensch besteht aus einem grobstofflichen Körper und dem feinstofflichen Ätman. Dieser ist der Träger des Kamms, ewig und unveränderlich. Die Erlösung besteht darin, aus dem Wiedergeburtskreislauf (safTJSc7ra), der als leidhaft empfunden wird, auszubrechen. Dies ist jedoch nur möglich, wenn sämtliches Karma aufgebraucht ist und in der gegenwärtigen Existenz kein neues mehr angesammelt wird. Gemäß der angenommenen Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos wird der Ätman als Individualseele mit dem Brahman, der Universalseele, identifiziert. Alles ist in Wahrheit eins. Die Erkenntnis dieser Einheit führt zur Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten. Das Bemühen eines Hindu besteht vor allem darin. über seine eigene Person hinauszugehen und seine Identität mit der höchsten Realität zu erkennen. Eine ethische Lebensführung steht aber nur am Anfang dieser Bemühung und bildet die Voraussetzung für den weiteren Weg. Der Veda Der Veda (Wissen) bezeichnet die älteste Literatur Indiens. Träger der vedischen Kultur waren die Indoarier, die sich ab 1750 v.ehr. vom Nordwesten aus in Indien ansiedelten. Der Veda umfasst vier Teile. die alles enthalten, was für das vedische Opfer notwendig ist. I. ~gveda: Dies ist der älteste Teil der vedischen Literatur und enthält in zehn Zyklen vomehmlich Preislieder auf die Götter. die zum Opfer geladen sind. 2. Sa.maveda: Dieser enthält die Verse. die der Vorsänger während des Opfers rezitiert. 3. Yajurveda: Hier finden sich die Opfersprüche, die die einzelnen Opferhandlungen begleiten. 4. Atharvaveda: Dieser besteht aus einer Sammlung metrischer Zaubersprüche.
An diese vierTeile schließen sich späterhin die Brahmanas, ÄraQyakas (Waidtexte) und Upani~aden an. Der Veda gilt als Offenbarung (srIlri) und hat als solche höchste Autorität. Was immerder Veda vorschreibt, ist füreinen Hindu daher ohne Einschränkung zu befolgen.
Der Dharmabegriff Sucht man in der indischen Kultur nach einem Ausdruck fur Ethik. so stößt man schnell auf den Begriff dharma. der in hinduistischem Kontext die Grundlagen ethischen Verhaltens bezeichnet. Doch sein Bedeutungsspektrum umfasst weit
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mehr als unser Wort Ethik. Von der Wurzel dhr(tragen) stammend bezeichnet er das Tragende, die Ordnung im. vor und nach dem Vollzug.' Ursprünglich kommt Dhanna aus dem Bereich des vedischen Opferrituals und steht ruf alle Regeln und Vorschriften. deren korrekte Ausführung die Wirksamkeit eines Opfers garantiert. Der Dhanna vor dem Vollzug sind die Regeln und Vorschriften, im Vollzug ~zeichnet er die ausgeführte Handlung und nach dem Vollzug ist darunter die Wirkung zu verstehen. die ein mit dhormll (= dharmagemäß) oder adharma (nicht dem Dhanna entsprechend) zu beurteilendes Verhalten auf die Dauer hat. Makrokosmisch steht Dharma ftjrdie Grundlage der Welt. ftirdas. was alle Abläufe steuert und allen Vorgängen zugrundeliegt, einschließlich der Naturgesetze. So ist es der Dharma der Sonne. jeden Morgen aufzugehen und der Dharma des Mondes, stets ab· und wieder zuzunehmen. Der Dharma ist als solches allumfas· send. unabänderlich und nicht in Frage zu stellen. Dieses Verständnis von dharma liegt auch zugrunde. wenn ein Hindu seine Religion als SWIOIWI(l dharma (den ewigen Dharma) bezeichnet. Dieser universale Dharma hat mikrokosmisch sein Gegenslück im Svadharma, dcm individuellen Dharma. Dieser weist jedem Ding und jedem Wesen innerhalb der Welt seinen Ort und seine Aufgabe zu. Eine genaue Befolgung des Svadharma hat positive Auswirkungen auf den universalen Dharma. Der Svadhanna ist je nach Aller. Geschlecht. Herkunft oder Beruf unterschiedlich und ändert sich im Laufe eines Lebens. Damit beinhaltet er fUr jeden etwas anderes. Seinen Svadharma gewissenhaft zu erfüllen ist je· doch kein Selbstzweck, sondern heilvoll und bringt religiöses Verdienst. Dies gilt jedoch nur. wenn die Erflillung des Dharmas nicht aus eigennützigen Motiven geschieht. So schreibt Kumärila. ein Systematiker des 8. Jh. n.ehr.: ..Wenn gute Menschen etwas nach bestimmten Regeln ausfUhren. ohne dass dabei ein Motiv oder Handlungsziel im Bereich des Wahrnehmbaren vorliegt. so muss man es als dharma verstehen. "2 Im älleren Hinduismus besteht ein sehr enger Zusammenhang zwischen Dhar· ma und Schicksal. Das Schicksal (daiva) kommt von den Göllern (deva). die ihrerseits wiederum auch einen Svadharma haben, dem sie unterworfen sind. Verstoßen die Gölter gegen ihren Svadharma, indem sie einem Menschen ein ungerechtes Schicksal auferlegen. hat er die Möglichkeit. sich z.B. durch überge· naue Erfüllungen seines Svadharma dagegen zu wehren. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Geschichte der Königstochter Savitrf. die aufgrund ihrer Askese den TOlengott dazu bringt. ihr ihren Mann wiederzugeben: Als sie den Prinzen Satyavan heiraten will, wird ihr vom Götterboten Narada verkündet. der einzige Fehler an dieser Verbindung sei der. dass Satyav:ln in genau einem Jahr sterben werde. Dies erzeugt einen Dhannakonflikt. da S:lvitJ1 als Witwe nicht mehr ihren Dharma als Frau. nämlich Ehefrau und Mutter zu sein. erfullen kann. Ebenso 1
P. Haclr.:er. Dhanna im Hinduismus. In: Kleine Schriften Paul Hader. hrsg. von Lamben
Schmithausen. Wiesbaden 1978.496-.509.506. I Kuma:rila. Tanlravllrttilr.:a. Übersetzung nach P. Hack.er. Dharma. 500.
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ist es nicht die Schuld Satyaväns, dass er so früh sterben muss, sondern ein ihm vom Todesgott Yama ungerechtfertigter Weise auferlegtes Schicksal. Um diesem zu begegnen, übt SävitrT von dem Tage ihrer Hochzeit an Askese: Sie legt allen Schmuck ab und widmet sich asketischen Übungen. Diese sind nicht Teil ihres Svadharma, sondern werden von ihr freiwillig auf sich genommen. Kurz vor dem Todestag Satyavans legt sie ein Gelübde ab, drei Tage lang nur zu stehen und fastet in dieser Zeit. Obwohl sie dadurch stark geschwächt ist. besteht sie darauf, ihren Mann in den Wald zu begleiten, wo er Holz für das Feueropfer schlagen will. Dabei überanstrengt er sich und stirbt. Als der Totengott kommt, um Satyavan ins Totenreich zu führen, folgt SavitrT ihm. Es gelingt ihr durch die Macht der Askese, ihm einen Wunsch abzutrotzen. den er ihr erfüllen muss. Sie wählt das Leben ihres Mannes. Darauf erwacht ihr Mann wie aus einem Schlaf und kehrt mit ihr zusammen wieder nach Hause zurück. Der Dharma erweist sich hier als das neutrale Prinzip. das über den Menschen und sogar über den Göttern steht. Nutzt der Mensch seine Leidensfahigkeit, so kann er es selbst mit den Göttern aufnehmen. In späterer Zeit nimmt der Gegensatz zwischen dharma und adharma an Bedeutung zu. Dabei ist dharma das Verhalten, das in Einklang mit dem persönlichen und universalen Dharma steht, adharma ein solches, welches diesem zuwiderhandelt. In diesem Zusammenhang steht Dharma für das höchste Rechtsprinzip und findet ebenfalls Eingang in die Rechtssprechung.
Quellen des Dharma Die erste und früheste Quelle für den Dharnla ist der Veda, der von den Hindus als heiliger Text und höchste Autorität akzeptiert wird. Direkt mit dem Dharma beschäftigen sich DharmasDtras und Dhannasastras. Dabei gehören die DharmasDtras (Leitfaden des Dharma) streng genommen noch zur späten vedischen Literatur und damit eigentlich zur Offenbarung (Smti), wäh· rend die Dharmasästras (Lehrbücher des Dharma) zur Überlieferung (sm(fi) gezählt werden. Einige Werke dieser Kategorie tragen die Bezeichnung sm(fi sogar im Namen. Auch stilistisch unterscheiden sie sich voneinander. Die DhannasDtras bestehen aus kurzen, aphoristischen Lehrsätzen, die meistens nicht ohne die Erläuterung eines Lehrers verständlich sind - ein typisches Merkmal der SDtraliteratur (mit Ausnahme der buddhistischen Werke). Der älteste Text dieser Gattung stammt etwa von 500 v.ehr. Die Dharmasästras dagegen sind metrisch abgefasst und weisen Übereinstimmungen mit dem groBen indischen Epos Maha.bharata auf. Eines der bekanntesten ist die Manusmpi (Überlieferung des Manu) und ist zwischen 200 v.Chr. und 200 n.Chr. entstanden. Die Dharmalehrbücher enthalten eine Fülle von Geboten und Verboten, die alle Bereiche des Lebens regeln. Dabei wird nach Stand (varpa) und Lebensabschnitt (asrama) unterschieden. Sie behandeln daher eigentlich den Svadharma, den individuellen Dharma, nicht den universalen Dharma. Obwohl oft der Begriff Rechtsliteratur auf die Dharmawerke im Allgemeinen angewendet wird. ist dies
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sachlich nicht ganz richtig, denn das, was wir unter Recht verstehen, ist in indischem Kontext Teil des Dhanna des Königs (rOjadharma). Neben den heiden schriftlichen Quellen gibt es noch eine drille Instanz, die als Quelledes Dharmagilt. nämlich der Brauch derGuten: "Was die Ärya loben, wenn es getan wird, das ist Dhanna; was sie tadeln, das ist Adharrna."3 Dabei sind mit Ärya die Angehörigen der oberen drei Stände gemeint. Diese guten Menschen, die Arya. werden auch geographisch lokalisiert: Sie sollen in einer Gegend Nordin· diens namens Äryavarta leben, deren Bewohner für ihr beispielhaftes Verhalten bekannt und dadurch normgebend waren. Diese Definition des Dharma. die das
Verhalten von moralisch qualifizierten Menschen zugrundelegt, wird von Hacker für die älteste gehalten, da dies auch vor der Fixierung von Veda und Dhannalehrbüchern als Richtschnur gelten konnte. 4
Zllsamme,ljassllng Diese drei Quellen des Dharma, Veda, Dhannalehrwerke und vorbildliches Ver· halten guter Menschen belegen, dass der Dharma ausschließlich empirisch, nicht aber theoretisch begründet wird. Es gibt kein höheres Prinz.ip, aus dem sich dlwrlila und adlwrma ableiten ließen. Zudem besteht eine enge Verbindung zwischen universalem und individuellem Dhanna - eine Störung des einen hat auch immer eine Störung des anderen zur Folge. Diese Implikation garantiert den Fortbestand der Verhaltensregeln, da ein Zuwiderhandeln nicht nur im menschlichen Bereich Auswirkungen hat, sondern auch die Ordnung der Welt an sich durcheinander geraten lässt. Der Dhanna bestimmt sich nach sozialem Status, Lebensstadium und Geschlecht und bezieht sich auf den gesamten Bereich des ethischen moraJischen Verhaltens, des Kultes, des Rechts und der Sitten und Gebräuche.
Ethik des Hinduismus Der Dharma der vier Lebellsstadietl Die Dharmavorschriften richten sich in erster Linie nach dem sozialen Status eines Menschen und dem Lebensabschniu, in dem er sich befindet. Der soziale Status wird von zwei verschiedenen Komponenten bestimmt: zum einen der Zugehörigkeit zu einem der vier Stände (var(lCl), die die vedische Gesellschaft kennzeichneten; zum anderen durch das Lebensstadium, in dem sich der Einzelne gerade befindet. Stand (varpa) Ursprünglich standen an der Spitze der vedischen Gesellschaft die K!;iatriya. die Krieger, die für den Schutz der Gemeinschaft zuständig waren. Dann kamen die Brahmanen, die das vedische Opfer zu vollziehen hatten. Die Vaisyas bildeten den Apaslamba-Dharmasotr3. 1.7.20.6-8: Übersetzung nach P. Hacker, Dharma, SOL • P. Hacker, Dharma. 50 I.
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dritten Stand, die Händler, Bauern und Handwerker, also den Nährstand. Auf der untersten Stufe dieser Gesellschaftsordnung standen die SOdms, der Dienststand. Außcrhalb dieses indoarischen Gesellschaftssystems befinden sich die indischen Ureinwohner (dllsr). die sich selber Dalil nennen. Heute werden sie als die Unberührbaren (aspffi'a1a) bezeichnet. Im Laufe der Zeit gewannen das Opfer und das OpferrituaJ zunehmend an Gewicht. so dass die Brahmanen an die Spitze dieses GeseJlschaftsmodells rückten. Die obersten drei Ständen werden Dvija (Zweifach Geborene) genannt. da es ihnen erlaubt war, den Veda zu studieren und ihre Söhne eine Initiation (upanayana) durchlaufen mussten, die als zweite Geburt angesehen wurde. Jeder dieser vier Stände hat seinen Svadharma: Die Brahmanen sollen den Veda lehren und für andere Opfer durchführen. das die Götter günstig stimmen sollte. Die Aufgabe der K$atriyas ist es, den Umgang mit Waffen zu üben, um das Gemeinwesen zu schützen. Die Vaisyas sollen Viehzucht, Landwirtschaft und , Handel betreiben, während der Dharma der SOdras, des niedrigsten Standes, darin besteht. den Angehörigen der anderen drei Stände zu dienen. Von diesem idealtypischen Ständesystem, das vor allem brahmanischer Tra~ dition entstammt, sind die Kasten (skt. jl1tis), die sich in der hinduistischen Gesellschaft ab dem 3. Jh. v.Chr. entwickeln, streng zu unterscheiden. JOti (w. Geburt) bezeichnet zunächst einmal jegliche Form von Existenz. also auch die von Pflanzen und Tieren. Im speziellen wird der Begriffjedoch fur die soziale Gruppe verwendet, in die man hineingeboren wurde. Eine Kaste definiert sich nach Blutsverwandtschaft. der Zugehörigkeit zu Berufsgruppen und ebenso geographischen Gesichtspunkten. Die Kasten sind endogam und hierarchisch nach ihrem eigenen Grad an Reinheit geordnet. wobei die Brahmanen die höchste Reinheit besitzen. Kommen sie in Kontakt mit Mitgliedern niedrigerer Kasten.so werden sie dadurch verunreinigt. Daher gelten strenge Regeln fur Heirat und Kommensuralität. Obwohl sich alle Kasten - inzwischen gibt es mehr 3000 - zu einer der vier Stän~ de zuordnen. sind siejedoch nicht aus ihnen entstanden. Auch ist das Kastensystem nicht so starr. wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Trotz dereigentlich streng beachteten Endogamie ist es durchaus in Einzelfallen möglich gewesen. beispielsweise durch Heirat seine eigene Position zu verbessern bzw. zu verschlechtern.ja, es ist sogar ganzen Kasten möglich, in der Hierarchie aufzusteigen. Jede Kaste hat ihren eigenen Dhanna. d.h. ein Korpus von Regeln, das ihr Verhalten im täglichen Leben und im Kontakt zu Mitgliedern anderer Kasten regelt. Lebensswdium (airama) Etwa ab 500 v.Chr. entstand die Lehre der vier Lebensstadien (asrama). Diese gelten vor allem rur die männlichen Angehörigen der ersten drei Stände. Die vier Lebensabschnitte sind: Schüler (brahmacl1rya). Familienvater (g,hostha, w. Hausvater). Waldeinsiedler (vanapraslha) und Weltentsager (saf1Ulydsa). Diese Lebensstadien werden durch Übergangsriten (saTJISkiIras) eingeleitet. die den gläubigen Hindu von der Zeugung bis zur Bahre begleiten.
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Laut der Manusmrti. dem bekanntesten der Dharmalchrbücher. beginnt die Schülerschaft (brahmacar)'a) mit der Initiation (upa1laYQlla). wobei das Einlrittsalter abhängig von der Slandeszugehörigkeit variiert. Der Dharma eines Schülers besteht darin. bei seinem Lehrer zu wohnen. den Veda zu lernen und enthaltsam zu leben. Am Ende des Studiums unterzieht er sich einer Weihe (dTk$t'1). bei der ihm in einer Zeremonie die Brahmanenschnur (J'ajiiopavrta) umgelegt wird. Wenn er nach seiner Lehrzeit nach Hause zurückkehrt. ist er ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft und ftihig. eine Familie zu gründen. Als Hausvater (grhaslha) bemüht er sich um materielle Güter (art/ra). sinnliche Freuden (kanUl) und die Erfullung seiner sozio-religiösen Pflichten (dhanntl). Gleichzeitig muss er drei Schulden (~) abtragen: Für die Götter (dem) muss er opfern. rur die Väter (pitn. seine Vorfahren. einen Sohn zeugen. damil dieser die Ahnenopfer weiterfuhrt und für die Seher (~) muss er sich um das Vedastudium bemühen. Deshalb wird der Hausvaler als wichtigster Lebensabschnitt angesehen. denn ..wie alles Lebendige durch die Unterstützung der Luft am Leben bleibt. SO leben die Angehörigen der anderen drei Lcbcnssladien durch die Unterslützung des Hausvaters:') Alles hängl also von der Position des Hausvaters ab. der für das Wohl der anderen Slände sorgt. indem er seinen innerwehlichen Pflichten nachkommt. Wenn erdie drei Schulden abgetragen hat. kann er die Verantwortung an seinen Sohn übergeben und sich um seine eigene Erlösung kümmem./l Sobald die Haut eines Hausvaters faltig und sein Haar weiß wird und er die Söhne seiner Söhne sieht. kannersich inden Wald zurückziehen und imdriuen Sta· dium als Waldeinsiedler (vallaprastha) leben.} Entweder von seiner Frau begleitet oder sie bei seinem Sohn zurücklassend gründet er eine Einsiedelei (airama) im Wald. Zurückgezogen vom weltlichen Leben vollzieht er noch die Hausriten und studiert die Waldbücher (lIra{1)'akas). die einen Teil des Veda bilden. Das Ziel dieses Lebensstadiums wie auch des folgenden ist es. die eigene Erlösung (mok:;a) anzustreben. Hai er den dritten Teil seiner voraussichtlichen Lebensspanne im Wald zuge· brachl. kann er in die vierte Slufe eintrelen und als Wanderasket (saqmyasill). der alle Bindungen an die Weil gelöst hai. umherwandern. Hierbei iSI er allein und unterzieht sich den verschiedenslen Übungen. von denen im Abschnitt über die Askelenethik noch die Rede sein wird. Dieses Modell der vier Lebensstadien ist ein ideahypisches Konstrukt. das vor allem durch die Brahmanen geprägt ist. Nicht jeder Hindu durchläuft tatsächlich alle vier Stadien. sondern bleibl Familienvater. ohne in die Einsiedelei zu ziehen oder alle Besitztümer aufzugeben. Andere wählen schon direkt nach dem Ende der Studienzeit die Waldeinsamkeil oder ein Leben als Wanderaskel. ohne die Pflichten eines Hausvaters auf sich zu nehmen. 'Manu U1. 77: Übersetzung nach G. Bühler. The Laws o( Manu. Translated with extraclS o( seven commentaries by G. Bühler. Reprint Delhi 1975. • Manu lIJ. 257. J Manu VI. 2.
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In diesem System der vier Lebensstadien erkennt man den Versuch, zwei völlig unterschiedliche Lebenskonzepte miteinander zu vereinen: das Leben in dieser Welt mit allen sozialen Verpflichtungen und das der Weltentsagung. Damit begegnelen die Brahmanen der Vielzahl von Reformbewegungen, die um die Mitte des ersten Jahrtausends v.ehr. entstanden und viele Anhänger fanden. Diese verließen ihre Familien und lebten ohne die sozialen Verpflichtungen, die der Svadharma vorschreibt. Zu diesen neuen Bewegungen gehörten auch der Buddhismus und der Jainismus, von dem im Folgenden noch die Rede sein wird. Dharma der Frauen Nicht nur Lebensstadium und Kastenzugehörigkeit selzen die Eckpunkte für das sittliche Verhalten. auch der Dharma von Männem und Frauen ist grundlegend verschieden. Die Regeln. die für Frauen gehen, ihr strTdharma, ordnen sie stets ihren männlichen Verwandten unler: Als Kind untersteht die Frau dem Vater. in der Ehe ihrem Ehemann und als Witwe ihrem Sohn - sie ist zu keiner Zeit unabhängig.' Ihre pnicht ist der Gehorsam gegenüber den Männem, denen sie untergeordnet ist. selbständiges Handeln ist ausgeschlossen. Sie soll "stets guter Laune sein, geschickt in der Führung des Haushalts. vorsichtig bei der Reinigung ihrer Haushaltsgeräte und sparsam bei den Ausgaben.· l9 Selbst über den Tod ihres Mannes hinaus darf sie nichts tun, was ihm missfallen hätte. Die später praktizierte Witwenverbrennung ist also kein Gebot der Dharmalehrbücher. Obwohl sie dem Mann in jeder Hinsicht untergeordnet ist. hat die Frau in einer Ehe dennoch wichtige Funktionen zu erfüllen: "Nachkommenschaft. die Durchführung religiöser Riten, treuer Dienst, höchstes eheliches Glück und himmlische Glückseligkeit für die Ahnen und für sich selbst hängen allein von der Ehefrau ab". lo Das bedeutet. dass die Frau für alle Aspekte des Familienlebens und das häusliche Glück die Verantwortung trägt. Sie unterstützt ihren Mann beim Streben nach den drei Gütern: durch Sparsamkeit und effektives Wirtschaften hütet sie seinen materiellen Besitz (arrha), so dass dieser sich vermehren kann; auch die Liebeskunst (kt7ma) ist einer ihrer Svadharmas, sodass der Ehemann mit ihr gemeinsam sexuelle Befriedigung erlangen kann: durch Beachtung der religiösen Riten (hauptsächlich der Hausriten) und Gehorsam ihrem Manne gegenüber gibt sie ihm die Möglichkeit, seine religiösen Verpflichtungen (dharma) und damit auch seinen Svadharma zu erfüllen. Die wichtigsteAufgabeeiner Ehefrau ist es jedoch, dem Mann männliche Nachkommen zu schenken, denn nur Söhne können die Ahnenverehrung durchfuhren. Wird kein Sohn geboren, ist nach dem Tod des Mannes niemand mehr berechtigt, die Ahnenspeisung vorzunehmen, so dass diese dann verhungem. Deshalb heißt es auch, dass ein Sohn den Vater (nach dem Tode) relle. Nach hinduistischer Vor-
, Manu V. 148. , Manu V. 150. 10
Manu IX. 28.
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stellung ist die Frau dabei nur das Gefaß, der Schlauch, in den der Mann seinen Samen legt. Die Nachkommen gehören daher auch immer zur Familie des Mannes, niemals zur Familie der Frau. Eine Frau, die ihren Dharma vorbildlich erfüllt und ihrem Galten immer trcu ist, nennt man auch porivrarll, die Gattcntreue, und sie wird von allen gepriesen. Als Beispiel für besondere Gattentreue gilt Sna, die Frau des Rama, der der Held des Ramayal)a ist. Diese wird vom Dämon R3val}3 entführt und nach Sri Lanka verschleppt. Dort soll sie ihm zu Willen sein, doch sie bleibt standhaft. Rama zieht ihr nach und es gelingt ihm auch, sie mit Hilfe des Affenkönigs Hanuman zu befreien. Allerdings glaubt er nicht, dass sie ihm treu gewesen iSI und verstößt sie deshalb. Sie beschwört ihre Unschuld und besteigt zum Beweis einen Schei· terhaufen. Der Feuergott Agni rettet sie aus den Flammen und übergibt sie Ra.ma mit der Versicherung. dass sie ihm immer treu gewesen sei. Als er erneut ihre Treue anzweifelt. ruft sie die Erde als Zeugin an. Diese öffnet sich darauf und die Erdgöttin nimmt sie in ihr Reich auf. Auch auf Ramas Bitten gibt sie sie nicht mehr heraus, um ihn für sein mangelndes Vertrauen zu bestrafen. Obwohl STla stelS die Gattcntreuc bewahrt hat. ist ihr Unrecht widerfahren. so dass die Göttin sich ihrer erbannt und sie ihrem Galten entzieht. Verstößt die Frau jedoch gegen ihren Dhanna. beispielsweise durch Ungehorsam dem Manne gegenüber oder Ehebruch. drohen ihr harte Strafen, ja sogar der Tod.
Asketenethik Etwa um die Mitte des ersten Jahrtausends v.ehr. treten verstärkt Asketenbewegungen auf, aus denen auch der Buddhismus und der Jainismus hervorgegangen sind. Diese lehnten die brahmanische Opferritualistik ab und postulierten andere Wege. um zur Erlösung zu gelangen. Asketentum war jedoch auch in der vedischen Tradition nichts Fremdes. die Asketen waren berühmt. geachtet und ihrer Weisheit wegen geschätzt. Der indische Begriff, den wir mit Askese übersetzen. ist tapas (w. Hitze). Dahinter steht die Vorstellung. dass durch das freiwillige Erdulden von Leid Hitze entsteht, die Glut (tejas) erzeugt. Diese kann sich physisch als Flamme manifestieren, zeigt sich aber auch auf psychischer Ebene als Willenskraft und überwäl· tigende Ausstrahlung. der niemand widerstehen kann. Starke Askese kann selbst das Tejas. das den Göttern eigen ist, übertreffen und diese dann dazu zwingen. sich dem Willen des Asketen zu beugen. An mehreren Stellen in der Literatur wird berichtet, dass durch starke Askese der Thron des Indra zu glühen beginnt, so dass dieser um seine Macht fürchten muss. Das hauptsächliche Ziel beim Üben von Askese ist tatsächlich der Erwerb übennenschlicher Kräfte und magischer Fähigkeiten. Diese sind auch heute noch Grund für das hoheAnsehen. das Asketen in der indischen Gesellschaft genießen. Ursprünglich ist Askese in indischem Kontext also ethisch neutral. Zwar kann sie auch dazu dienen, schlechtes Kanna zu verbrennen. jedoch geschieht dies rein mechanistisch mit Askese als Mittel zum Zweck.
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Eine Ethisierung asketischer Praktiken geschieht erst in der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends v.Chr. So erwirbt man sich durch das Üben von Askese re· [igiöses Verdienst. Überdies sieht man nun in der Askese auch zunehmend eine Möglichkeit, erlösende Erkenntnis zu gewinnen. Dabei steht das Asketenturn in enger Verbindung mit dem Heilsweg des Yoga. Yoga (w. Anspannung) bezieht sich auf die Anspannung des Geistes, der nach Erlösung strebt. Der Yoga ist eng mit dem philosophischen System des Sarpkhya verknüpft, denn beide vertreten einen dualistischen Ansatz. Es wird streng zwischen der unbewussten Urmaterie und den verschiedenen Einzelseelen Urva) unterschieden. Die Ursache des Leidens (denn auch hier gilt: "Für einen, der zu unterscheiden vennag. ist alles Leid."lI) besteht darin, dass ein jeder fälschlich seine Seele mit der Materie identifiziert. Erst die Erkenntnis, dass beide voneinander verschieden sind, führt zur Erlösung. Der Haupttext des Yoga sind die Yoga-Sotras (Leitfaden des Yoga). die von Patanjali etwa im 2. Jh. v.Chr. verfasst wurden. Der Heilsweg, der hier entwickelt wird. ist achtfach. ähnlich wie im Buddhismus. An seinem Anfang stehen die sitt· lichen Gebote ()'oma). die die Grundlage für alles weitere bilden: Gewaltlosigkeit (allil115o), Wahrhaftigkeit (s(If)'a), Nichtstehlen (aparigralw). sexuelle Enthaltsamkeit (brahmacarya) und Besitzlosigkeit. Diese fünf Tugenden verbinden sich mit der Selbstzucht (niyama), deren verschiedene Arten als "Reinheit. Zufriedenheit, Askese. eigenes Studium und Hingabe an Gou"12 bezeichnet werden. Askese ist Selbstzucht, die bis hin zur SelbstqUälerei gehen kann. Zu den Übungen gehören Fasten, sexuelle Enthaltsamkeit und Schlafentzug. Einige Asketen kleiden sich in Baumrinde oder gehen nackt. stehen lange auf einem Bein. schneiden sich weder Haare noch Nägel, waschen sich nicht usw. Aus diesem Umfeld entstand auch das Bild vom indischen Fakir, der auf einem Nagelbett schläft. Einige üben Schweigen, andere starren so lange in die Sonne, bis sie erblinden. Diese Praktiken sind unter Asketen relativ weit verbreitet und nicht unerheblich für die Achtung verantwortlich, die ihnen entgegengebracht wird. Zudem sichern sie ihnen den Lebensunterhalt. Auch der in Indien weitverbreitete Vegetarismus hat seinen Ursprung in asketischen Praktiken. Aufgrund der Reinheit, die mit dem Verlieht auf Fleisch verbunden wurde, übernahmen auch andere gesellschaftliche Gruppen diese Lebensweise und ernähren sich bis heute von Pflanzen und Milchprodukten. Dennoch finden sich in den frühen Texten des Hinduismus, besonders in vi~lJ.u· itischem Kontext, Passagen, die diese gewaltsame Form der Askese entschieden ablehnen und den Begriff einer Umdeutung unterziehen. So bezeichnet die Bhagavadgna solche, die sich dergestalt selber quälen, als dumm und wirft ihnen Selbstsucht, Leidenschaftlichkeit und Gewalttätigkeit vor. Sie schädigten ihren Körperdurch Praktiken. die in den heiligen Texten nicht vorgeschrieben seien und " YogasOlrll.s 2. 15 1) YogaSOtr:ls 2. 32
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damit auch die Gottheit. nämlich Vi~Qu, in ihnen. I) Das implizien gleichzeitig. dass dieses Verhalten adharma ist also nicht ihrem Svadhanna entspricht. Stau dieser grausamen Askese werden die folgenden drei Praktiken aufgezählt;14 I. Askese des Körpers (Sarrram tapas): Diese umfasst die rituelle Verehrung (pujono) von Göttern, Brahmanen. Lehrern und Weisen. dazu noch Reinheit (Sol/ca), Aufrichtigkeit (I1rjava). sexuelle Enthaltsamkeit (brahmacarya) und Gewaltlosigkeit (ahimsa). 2. Askeseder Rede (Vl1rimayam tapas): Diese besteht vor allem in einer wahrhaft'igen. freundlichen und angenehmen Rede. die keine Verwirrung oder Aufregung (udvega) stiftet sowie Vedarezitation.
3. Askese des Denkens (manasam tapas): Diese iSI dieAbgeklärtheit des Denkens. weiterhin Milde. Schweigen. Selbslherrschung und Reinheit des Sinnes. Für diese drei Arten von Askese fügt der Text noch eine Bewertung ein. die die Motivation als Kriterium nimmt. Askese. die mit höchstem Eifer und ohne den Wunsch nach eigenem Vorteil geschieht (auch nicht nach religiösem Verdienst). ist am höchsten zu bewerten. Askese. die nur deshalb geübl wird. um das Ansehen zu erhöhen und den Respekt anderer zu erwerben. iSI unbeständig und schwankend und daher als schlechter zu bewerten. Die niedrigste Fonn Askese ist jedoch die mil Selbstquälerei verbundene Askese oder die zur Vernichtung eines anderen unternommene Askese. Zusammenfassend lässt sich sagen. dass die Askese von ihrer ähesten Form. nämlich der Selbslkasteiung zur Erlangung magischer Ausstrahlung und Fähigkeilen durch die ethisierende Interpretation des Begriffs eine Umdeutung erfahren hat. Askese in diesem Sinne ist jedem Menschen in jedem Lebensstadium möglich. Kriegerefhik
Äußerungen über den Svadharma eines Angehörigen der K~atriya finden sich genauso in den Dhannatexlen wie über die anderen Slände auch. doch sind sie brahmanisch geprägt. Ein eindrucksvolles Zeugnis für einen elhischen Konflikt findet sich in der Bhagavadgntl (Lied des Erhabenen). Dieser Text. dessen Einfluss auf die indische Kultur bis heute immens ist und der auch Gandhi als der wichtigste galt, ist Teil des Mahabharala. des großen indischen Sanskrilepos. das zwischen 400 v.Chr. und 400 n.Chr. entstanden ist. Es erzählt in 18 Büchern die wechselhafteGeschichte zweier Königsfamilien. die in eine verheerende Schlacht mündet. Die Bhagavadgna ist eine der vielen Einschübe. die das Werk kennzeichnen und befindet sich im 6. Buch. Kap. 25-42. Am Vorabend der entscheidenden Schlacht kommen Arjuna Zweifel daran. gegen seine Verwandten. die ihm im Kampfe gegenüber stehen. anzutreten. Er unterhält sich mit seinem Wagenlen·
u Bh3gavadgTl3 17. 5-6 I' BhagavadgTlll 17. 14---16
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ker, der eigentlich K~Qa, eine Inkarnation des Gottes Vi~Qu, ist. K~Qa zerstreut Arjunas Zweifel, indem er ihm in drei Postulaten die Grundsätze des ethischen Verhaltens darlegt. Das erste Postulat ist Karma, die Taten. Diese lassen sich nicht venneiden, da niemand ohne Handeln leben könne, ja. man sei sogar zum Handeln verpflichtet. Schließlich habe jede Kaste und jedes Lebensstadium einen Svadharma, den es zu erfüllen gelte. Ausschlaggebend sei aber, dass die Handlung nicht zielgerichtel. sondern in völliger Selbstlosigkeit (1I;~ama) geschehe. Ein solches Handeln sei einer völligen Untätigkeit jederzeit vorzuziehen. Für einen Krieger, d.h. einen Angehörigen der gesellschaftlichen Klasse, die die politische Macht innehat, bedeutet dies, dass er im entscheidenden Moment die Verpflichtung zum Kampfe hat, um seine Schutzbefohlenen zu schützen. Der zweite Grundsatz für ethisches Handeln ist das Wissen Vi/ana). Ohne dieses Wissen. bei dem es sich um religiöse Einsicht handelt, ist ethisches Handeln nicht möglich. Wissen dient dabei zur Läuterung des Handeins und macht es frei von jeglichem Eigennutz. Das dritte Postulat ist die hingebungsvolle Liebe (hJUlkti), die den schnellsten Weg zur Vereinigung mit der Gottheit. in diesem Falle Vi~Qu bietet. In Gestalt des Wagenlenkers verspricht KnQa demjenigen. der ihn mit Hingabe verehrt, die Befreiung von allen Sünden und Kümmernissen und die Vereinigung mit ihm. Die Lehre von der Bhakti durchzieht denn auch die gesamte Bhagavadgna und hat einen tief greifenden Einfluss auf die anderen religiösen Bewegungen, beispielsweise den Buddhismus, ausgeübt. Ein Sonderfall der Kriegerethik ist der Rajadharma, der die Pflichten des Königs umfasst. Der König war in erster Linie darum bemüht, zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Reich zu vennitteln und damit Sorge zu tragen, dass die göttliche Macht sich positiv auf sein Reich auswirkt, so dass Friede und Wohlstand darin herrschen. Als höchster Hausvater muss er ebenso wie alle anderen Opfer vollziehen und seinem Dhanna gemäß leben. Die Aufgaben des Königs bestehen im Schutz seines Volkes, der Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung, d.h. der Beachtung der Kastengrenzen und die Ausübung von Gerechtigkeit (daQ(ia w. ,.Stock·' mit dem die Strafe ausgefÜhrt wird). Der Dhanna des Königs ist es also, streng genommen, dafür zu sorgen, dass jeder seiner Untertanen ebenfaUs seinen Dhanna genauestens erfüllt und somit die Harmonie nicht nur der Gesellschaft, sondern des gesamten Universums gewahrt bleibt.
Ethik des Jainismus Der Jainismus ist. wie der Buddhismus auch. eine Stifterreligion und in Opposition zur vorherrschenden brahmanischen Ritualistik um die Mille des ersten Jahrtausends v.ehr. entstanden. Der BegTÜnder trägt den Titel jina (Überwinder), weshalb ebenfalls die Bezeichnung Jinismus gebräuchlich ist. Nach dem CenSlIs oJ India von 2001 leben etwas mehr als 4 Millionen Jainas in Indien - im Ver-
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gleich zu 827 Millionen Hindus eine verschwindend geringe Zahl. Zwar hat der Jainismus es nicht zur Weltreligion gebracht, sondern blieb weitgehend auf Indien und Südostasien beschränkt,jedoch kann er auf eine ununterbrochene Geschichte zurückblicken. Obwohl die Jainas nur 0,42% der indischen Bevölkerung ausmachen, sind sie doch von einigem Einfluss, da sie vor allem in Handel, Industrie und Technik tätig sind. Der Begründer ihrer Religion. Vardhamana MahavTra. soll nach der JainaTradition im Jahre 527 v.ehr., nach neueren Forschungen 477 v.ehr. ins NirvliQa gelangt sein. Er war also ein äJterer Zeitgenosse des Buddha. Die Biographien beider Religionsstifter weisen so viele Ähnlichkeiten auf. dass man von einer allgemeinen Legendentradition in Bezug auf einen Welterlöser ausgehen muss. Auch steht der Jina nach jainistischer Vorstellung in einer Reihe von 23 Vorgängern, den so genannten Furtbereitem (trrrhailkara). Er wanderte als nacKter Asket umher und verkündete seine Lehre. Nach seinem Tode wurden auf einem Konzil um 370 v.Chr. die heiligen Texte gesammelt lind später zu einem Kanon zusammengefasst. Ab dem 2. Jh. v.Chr. breitete sich der Jainismus zunehmend in den Westen und Süden Indiens aus. Etwa gleichzeitig erfolgt die Aufspahung in Digambaras (die Nackten) und , Sverambaras (die Weißgekleideten). Diese Spaltung ist weniger auf grundsätzliche Unterschiede in der Lehrauffassung zurückzuführen. Allerdings sprechen die Digambaras den Frauen die Erlösungsfahigkeit ab. da diese nicht als nackte Asketen umherziehen können. Die Lehre ist stark von dem Versuch geprägt, die Weil durch Kategorien und Zahlenreihen zu fassen. Die Welt und die Nichtweh bestehen aus Schichtungen der fünf Grundsubstanzen (asrikdya): Regung, Halt. Raum, Seelen urlla) und Stoffe. Alle sind anfangslos und ewig. bis auf jrva sind auch alle unbeseelt. Die ersten drei gibt es nur einmal. während Seelen und Stoffe in unendlicher Zahl vorhanden sind. Die Seele eignet sich durch Vibrieren atomkleine Stoffleilchen (paramdQII) an. Dadurch werden Einströmungen (dsalla) von Karmasubstanz möglich. die aufgrund der Leidenschaften (ka$('1ya) an der Seele haften bleiben. Diese Bindung zwischen Seele und Karmasubstanz aufzulösen, ist das Bemühen der Jainas. Diese Auflösung wird vor allem durch strenge Askesevorschriften erlangt. Dem Mönch sind die folgenden großen Gelübde auferlegt: Gewaltlosigkeit. d.h. Schonung alles Lebendigen Nichtverletzung (ahifTlSa.). Wahrheit. Nichtaneignung, sexuelle Enthaltsamkeit und Besitzlosigkeit. Diese fünf entsprechen den sittlichen Geboten, die am Beginn des Heilswegs des Yoga stehen. Ein weiteres Gelübde. wenn auch kein großes. ist die Enthaltsamkeit von Essen und Trinken in der Dunkelheit. Dies dient vor allem dazu. das erste Gebot der Schonung des Lebens zu erfüllen. da im Dunkeln versehentlich Kleinstlebewesen übersehen und getötet werden könnten. Für den Laien gehen neben den fünf oben genannten Geboten noch sieben weitere. also insgesamt zwölf: Enthaltsamkeit von zwecklosen schädlichen Handlungen. Beschränkung des Untemehmungsbereiches. Maßhal-
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ten. tägliche mehnnalige Andacht, Begrenzung des Wohnbereichs, Fasten und Spenden. Das Gelübde der Gewaltlosigkeit nimmt einen besonderen Raum ein. Man sieht auch heute noch häufig Jainas, die einen Mundschutz tragen, um nicht versehentlich ein Tier (z.B. ein Insekt) zu verschlucken. Auch trifft man sie beim Fegen des Weges, den sie gehen wollen, um nicht ungewollt auf ein Insekt zu treten. Auch der Vegetarismus. der ebenfalls von den Hindus praktiziert wird, ist als Ausdruck derGewaltlosigkeit zu sehen. Eine Vielzahl von Vorschriften sorgt dafür. dass das Leben geschützt bleibt. DieseGelübde haben vor allemden Zweck. ein neuerliches Einströmen von Karmasubstanz und ihre Bindung an die Seele zu verhindern. Neben diesen Gelübden gibt es auch eine Abwehr (sOTpvara) der Kannabindung, nämlich ein dreifaches Maßhahen bei Denken, Rede und Körper, zudem die fünffache Behutsamkeit zum Schutz des Lebens, die im Gehen, Handeln, Sprechen. Almosenbetteln und Ausscheiden beachlet werden muss. Zudem sollte der Mönch in seinem sittlichen Verhalten Langmut. Demut. Lauterkeit. Begierdelosigkeit. Wahrhaftigkeit. Selbstzucht, Askese. Enthaltung. freiwillige Armut und geistlichen Gehorsam zeigen. Diese zehn sill lichen Gebote werden von zwölf Betrachtungen aus Weltschmerz und Welt verachtung ergänzt, denen das Ertragen der 22 AnfeChtungen folgt. Man erkennt hier unschwer die Vorliebe für zahlenreihen. Der äußeren Askese steht die innere Askese gegenüber, die auch die Meditation (dhyafla) mit einschließt. Zum jainistischen Heilsweg gehört aber nicht nur das Verhindern und Abwehren neuer Kannaeinströmungen, sondern auch das aktive Tilgen der Kannasubstanz. Dies ist möglich, solange diese noch nicht durch Empfindungen aktiviert ist, sondern ruht. Die Tilgung wird durch Askese bewirkt. Dabei postuliert die jainistische Lehre 14 Stufen. die dem sittlichen Zustand des Individuums entsprechen. angefangen von Irrgläubigen bis hin zum Alleskenner, dessen letzte Karmatilgung seine Seele direkt in das Nirvlh;1a katapultiert. Die ethischen Werte des Jainismus entsprechen weitgehend der Asketenethik, mit starker Betonung der Gewaltlosigkeit gegen alle Lebewesen.
Ethik im modernen Indien Der Kontakt mit christlichen Missionaren und der harschen Kritik. die diese angesichts der vielen verschiedenen. teils widersprüchlichen religiösen Praktiken übten, ließ in Indien eine Gegenbewegung entstehen. Träger dieses Refonnbe· mühens war vor allem die indische Oberschicht. die in der Auseinandersetzung mit dem Christentum und einer Rückbesinnung auf die traditionellen Werte der hinduistischen Religionen ein neues Selbstverständnis schaffen wollte. Neuerungen betrafen vor allem das Kastenwesen und die Betonung sozialer Aspekte. So unterstützten sie beispielsweise das von den Brilen erlassene Verbot der Witwenverbrennung und setzten sich für die Einführung des englischen Bildungssystems em.
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Ethik des politischen Widerstandes: Gandhi und Sat)'agraha Eine der wichtigsten Gestalten des 20. Jh. war Mohandas K. Gandhi (1869-1948). Seine Familie stammte aus Gujarat und stand dort im Dienstedes Fürsten. Er wurde mit 13 Jahren verheiratet. nahm jedoch späterein Jurastudium in London auf. Von dort aus ging er nach Südafrika, wo er neben seinem Engagement für England
im ersten Weltkrieg als Sanitäter später die ersten Erfahrungen im Kampf um die sozialen Rechte der Inder machte. Dort gründete er auch seinen ersten Äsram. in dem erdas Leben in einer Gemeinschaft, die auf Wahrheit (sarya) beruht. erprobte. Wieder nach Indien zUlückgekehrt. selzte er seine Bemühungen um die Wahrheit fort. Auf privater Ebene gründele er wiederum einen Asram, in dem er seine ..Experimente mit der Wahrheit" - so der Tilel seiner Autobiographie - durchführte. politisch engagierte er sich in der Kongress-Partei. Durch konsequente Aufkündigung der Zusammenarbeit mil den britischen Kolonialherren und zivilen Ungehorsam gegen ungerechte Gesetze erreichte er. dass die Brilen Indien 1947 in die Unabhängigkeit entließen. Trotz aller Bemühungen konnte er die Teilung in einen hinduistischen Staat Indien und einen muslimischen Staat Pakistan nicht verhindern. Am 30. I. 1948 wurde er von einem fanatischen Hindu. der ihn für diese Teilung verantwortlich gemacht hatte. erschossen. Seine Melhode nannte er Sllt)'agrahll (Festhalten an der Wahrheil). Sie beruhte auf derGewaltlosigkeit (ahiqua), die auch als Grundlage des yogischen Heilsweges gilt. mil dem Ziel des Wohlslandes für alle (sllrvodll)'ll). Er postulierte sowohl für politische Aktivitäten als auch im persönlichen Leben bestimmte ethische Prinzipien. deren Befolgung er auch allen abverlangte. die in seinem Sinne leben wollten. Denn er war der Überzeugung. dass eine Reinigung der Politik nur möglich sei. wenn die moralischen Prinzipien der Selbslreinigung und Selbstdisziplin auch in die Öffentlichkeit getragen werden. Er suchte nach ethischen Prinzipien. nach denen der einzelne als private Person. aber auch ganze gesellschaftliche Gruppen und Nationen gleichermaßen handeln können. Diese Selbstverpflichtungen oder auch Gelübde haben zwar ihre Wurzeln im traditionellen Hinduismus und dem Jainismus. ihre Anwendung wird jedoch von Gandhi weiter gefasst: I. Wahrheil (satya) ist fürGandhi die Richtschnur allen Handeins. Aus der Wahrheil ergeben sich sämtliche Regeln riChtiger Lebensführung so dass man instinktiv richtig handelt. 2. Gewaltlosigkeit (ahilJUa) beschränkt sich nicht allein darauf. nichts Leben· diges zu töten. sondern ,.das Prinzip von Ahil"J1sa wird durch jeden bösen Gedanken verletzt. durch unnötige Eile. durch Hass. durch böse Wünsche für andere. Es wird auch dadurch verletzt. dass wir Dinge für uns zurückbehalten. die die Welt benötigt."l~ Jede nicht angemessene Handlung wird hier als Gewalt interpretiert. Dabei sind Wahrheit und Gewaltlosigkeit unauflöslich 11
M.K. Gandhi. Wohlfahn für Alle. Hg. von Bharalan Kumarappa. Würzburg 1983. 17.
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miteinander verbunden. denn Ahirpsa ist das Mine!. die Wahrheit dagegen das Ziel. 3. Keuschheit (brahmacarya): Traditionell war unter Keuschheit vor allem se· xuelle Enthaltsamkeit verstanden worden. Gandhi definiert es als "dasjenige Verhalten. das uns in Verbindung zu Gott bringt. Dieses Verhalten besteht in der vollständigen Kontrolle über alle unsere Sinne."'6 Er schließt also in die lraditionelle Auffassung auch die Mäßigung aller Sinnesorgane mit ein. Was den Umgang der Geschlechter miteinander angeht, so schlägt er vor, dass auch Eheleute einander wie Bruder und Schwester betrachten, um dieses Gebot zu erfüllen. 4. Furchtlosigkeit ist für ihn unbedingt zur Beachtung der anderen Gebote not· wendig. denn wer die Wahrheit suche. müsse furchtlos sein. 5. Nichtstehlen: Auch hier greift Gandhi auf eine traditionelle Tugend zurück. versteht aber darunter nicht nur. dass man nichts stiehlt, sondern auch. dass man nichts nimmt. das man nicht braucht. auch wenn man die Erlaubnis hat, dass man also nicht über seinen eigentlichen Bedarf lebt. Dazu zählt auch der Diebstahl von geistigem Eigentum. 6. Nichtbesilzen: Alles was man ohne Notwendigkeit besitzt. gilt für Gnndhi als gestohlen. Besitz ist Vorsorge für die Zukunft und damit etwas, dass ein Wahrheitssuchender nicht mehr braucht. Wenn jeder nur soviel besitzen würde. wie er wirklich braucht, gäbe es keine Armut mehr auf der Welt. 7. Zurückhaltung im Essen und Trinken: Dies umfasst nicht nur die Abkehr von allen Rauschmitteln. sondern auch von allen körpervergiftenden Nahrungsmitteln. zu denen er auch Fleisch zählt. Der Stellenwert dieses Gebots ist jedoch nicht hoch. seine Befolgung kein Selbstzweck. Es geht also hier nicht um eine Fastenvorschrift, sondern wieder darum. nur das zu sich zu nehmen. was der Körper braucht. um keinen Schaden zu nehmen. 8. Entsagung und Selbstaufgabe: Beide Begriffe sollten nicht als Abkehr von der Welt missverstanden werden. Selbstaufgabe soll im Gegenteil dazu dienen, mit aller Energie der Menschheit und nicht individuellen Interessen zu dienen. Dabei ist es der Geist der Entsagung, der das Handeln leiten soll. Das Leben ist Pflicht, nicht Vorrecht. 9. Broterwerb durch Handarbeit: Hier geht er davon aus, dass sichjederdas Brot. das er isst, verdienen muss. Die einzige rechte Art ist die körperliche Arbeit. Diese Tugend lehnt sich an christliche Vorstellungen an und wird dadurch begründet, dass die Arbeit leichter wird, wenn jeder Hand anlegt und die sozialen Unterschiede schwinden, arbeitet man nebeneinander. Auch hier gilt. dass jeder nur soviel arbeiten müsse. wie zum Broterwerb notwendig ist. 10. Vorrang für heimische Belange (Svaddi): Diese Tugend verlangt. dass man sich zuerst um die Belange derer kümmert, die sich in nächster Nähe befinden. also Verwandte. Nachbarn und Freunde. Denn wenn sich jeder daran I~
M.K. Gandhi. Wohlfahrt rur Alle. 19.
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hält, kommt es allen zugute, da jeder dann jemanden häue. der sich auch seiner Belange annimmt "In weit gefasster Auslegung bedeutet Svadesi den Gebrauch aller Inlandserzeugnisse unter Ausschluss ausländischer Waren. insoweit ihr Gebrauch notwendig ist zum Schutz der heimischen Industrie. genauer gesagt derjenigen Gewerbezweige, ohne die Indien verarmen wür· de:;j7 Deshalb wird dieser Punkt auch oft als Autarkiestreben bezeichnet, dessen Symbol das Spinnrad isl. Jedoch lehnt Gandhi nicht pauschal alle ausländischen Erzeugnisse ab. sondern nur diejenigen Produkte, deren Kauf die heimische Industrie schädigen.
11. AchlUng vor allen Religionen: "Religionen sind verschiedene Wege. die zum selben Ziel führen,"18 Er lehnt auch das Reden über den Glauben ab, da dieser gelebt und nicht diskutiert werden müsse. Von anderen Religionen die annehmbaren Wesenszüge zu übernehmen. ohne jedoch den eigenen Glauben aufzugeben. ist für ihn ebenfalls eine Pflicht. 12, Gegen die Unberührbarkeit: Die Gleichbehandlung und Gleichstellung der Unberührbaren. der niedersten Gruppe der indischen Gesellschaft. war Gandhi sehr wiChtig. Er nannte sie Harija/lS (Kinder Gottes) und demonstrierte. wo immer möglich. dass der Kontakt mit ihnen nicht zu religiöser Unreinheit führe. Auch wurden in seinem Asram die Aufgaben. die üblicherweise von Unberührbaren ausgeführt wurden. z.B. Latrinenreinigung. von allen über· nommen. ganz gleich, welcher Kaste sie angehörten.
Jemand. der Weisheit und Reinheit besitzt. würde - auch ohne sich darum bemü~ hen zu müssen - niemals diesen Pflichten zuwiderhandeln. und wenn nötig. sein Leben geben, um der Gemeinschaft zu dienen. Diese Tugenden. die in Gandhis Augen bis auf die Wahrheit alle Aspekte von Gewaltlosigkeit sind, nutzte er im politischen Kampf. Durch Selbstkasteiung. beispielsweise Fasten, erzielte er auch politisch erstaunliche Erfolge. Insgesamt folgt er in seinen Auffassungen dem traditionellen Weg der altindischen Asketen. verbunden mit Elementen des Yoga und des Jainismus. Diese erweiterte er u.a, auch unter Einfluss westlicher Theorien zu einer sozialen Ethik. Dabei gelingt es ihm. dies als Millel im politischen Kampf zu nutzen, indem er die Gewaltlosigkeit und das Festhalten an der Wahrheit auch auf andere wirken lässt. Im Westen findet sich dieser Gedanke z.B. in der Friedensbewegung wieder, die bemüht war. ihre Ziele durch gewaltfreien Widerstand durchzusetzen. Aber auch in Indien selber wirkten die Gedanken Gandhis fort. So war u.a. die Landschenkungsbewegung der 1960er Jahre von Gandhi inspiriert. Dabei ging es darum. die Großgrundbesitzer davon zu überzeugen. freiwillig der Umvcrleilung ihres Landbesitzes zuzustimmen.
M.K. Gandhi. Wohlfahn für Alle. 34. " M.K. Gandhi. Wohlfahrt für Alle. 34.
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Der Einfluss, den Gandhi durch sein Beispiel auf die Entwicklung eines Wel tethos ausgeübt hat, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
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Nationaler Hinduismus
Während Gandhi die Gewaltlosigkeit voranstellte, um ein friedliches Leben nach seinen ethischen Grundsätzen für das ganze Land zu verwirklichen. existierte eine andere Gruppe nationalistischer Hindus, die ihr Ziel, ein vereintes Indien der Hindus. wenn nötig auch mit Gewalt. erreichen wollte. Aus diesen Reihen kam auch der Attentäter, der Gandhis Leben ein Ende setzte. Diese fanatischen Hindus verstehen unter Hindutum (hilldlltvG) gemäß Artikel 25 der indischen Verfassung, der die Religionsfreiheit behandelt, auch die Sikhs. die Jainas und die Buddhisten. Diese Subsumierung aller Religionen, die auf indischem Boden entstanden sind und Indien als ihr heiliges Land anerkennen, stammt aus den 1920er Jahren. Dies haue einen klaren politischen Hintergrund: Dabei ging es vor allem darum, im Kampf um die Unabhängigkeit Indiens die zahlen mäßige Überlegenheit über die Muslime zu erreichen. Prominente Kräfte in diesem Bemühen sind die ViSIICl Hilldn Pari$lul (VHP, die Well-Hindu-Versammlung). die ähnlich einem Geheimbund eher im Untergrund tätig ist. Politisch wird diese Vorstellung von Hindutva durch die BharatfyCl lCll/ata Part)' (BJP. die Indische Volkspartei), vertreten, die in den letzten Jahren auch die Regierung gestellt hatte. Beide Organisationen postulieren die Einheit der Nation als Land der Hindus. in dem die traditionellen. in den Dhannalehrbüchem gelehrten Gesetze für aUe verbindlich gelten sollen. Dies verstößt gegen die indische Verfassung. in der sich Indien als säkulare demokratische Republik konstituiert. Die Haltung der Befürworter der Hindutvä ist also kein Nationalismus im eigentlichen Sinne, sondem ein kommunalistisches Ansinnen. da hier die Interessen von nureiner gesellschaftlichen Gruppe, einer commllllity. durchgesetzt werden sollen. Um dieses Ziel zu erreichen, schrecken sie auch vor Gewalt nicht zurück. So ist es der Initiative der Visva Hindo Pari~d zu verdanken. dass 1992 die Babrt-Moschee in Ayodhya von fanatischen Hindus gestünnt wurde. Die blutigen Unruhen. die folgten. forderten viele Menschenleben. Motivation für diese Gewalttat war die "Bewegung zur Befreiung des Geburtsortes des (Goues) Rama" (Rama-janma-bhami-mukti A",lolall), der sich genau am selben Platz. befinden soll. wie die Moschee. Die Existenz eines Rama-Tempel. der dort vor dem Bau der Moschee gestanden haben soll, lässt sich jedoch archäologisch nicht belegen. Nichtsdest0 trotz wird die VHP nicht müde. immer wieder darauf zu verweisen. dass sie eines Tages diesen Tempel bauen werden. Dies ist nur eine von vielen Aktionen, in denen sich die kommunalistischen Gruppierungen bemühen. durch gezielte Provokation der muslimischen Bevölkerung Unruhen herbeizuführen. Die Legitimation für ihr Handeln entnehmen sie den beiden großen Epen MaMbha:rata und Ramayana. in denen jeweils der Kampf zwischen den Guten 4
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Heike Michael-Munnann
und den Bösen beschrieben wird. In die Gegenwart transponiert ist Hindutva das Gute. also dharma. die Muslime dagegen das Böse. adharma. So rechtfertigen sie die Aktionen gegen Moscheen, in dem sie sie als den gerechten Krieg (dharmay· IIddha) bezeichnen. In der Bhagavadgna findet sich die Aussage: ,.Denn etwas Besseres als einen gerechten Krieg gibt es für einen Krieger nicht."19 Sowohl Gandhi als auch die HinduMI-Anhänger berufen sich auf die BhagavadgTUL in der sich die Askelentugend der Gewaltlosigkeit neben dem Aufruf zum Kampf findet. Gerade die Ideale der Kriegerelhik sind es jedoch. die sich die HindUlVa zum Vorbild genommen haben. Um die Einheit Indiens zu erreichen, postulieren die Hindutva die universale Gültigkeit des Dhanna. Dazu gehört auch die Ablehnung des Kastensystems. Zwar ist dieses in der indischen Verfassung bereits verboten, seine Bedeutung hat aber in den letzten Jahnehnten kaum nachgelassen. Um die indische Gesellschaft mit ihren verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen tatsächlich zu einen, muss man die Unterschiede beseitigen. Dies gilt nicht nur für das Kastensystem. sondern auch für sämtliche Glaubensrichtungen auf dem indischen Subkontinent, die sie in einem einheitlichen Hinduglauben zusammenfassen wollen. der damit auch für Christen, Buddhisten, Sikhs und Jainas Gültigkeit hiitte. Durch die Niederlage, die die BJP bei der Wahl im April 2004 hinnehmen musste, ist die Umsetzung dieser Ideen vorerst ins Stocken geraten,jedoch scheint sie entschlossen, sich auch weiterhin diesen Zielen zu widmen. Ähnliche Tendenzen gibt es auch auf muslimischer Seite in Bangladesh, das sich seit 1971 als unabhängiger demokratischer Staat konstituiert hat. Bislang galt es immer als Musterbeispiel für einen toleranten Islam und das friedliche Miteinander aller Religionen. Doch in den letzten Jahren setzen sich. wie beim großen Nachbarn Indien. auch hier nationalistische Tendenzen durch. die betonen, dass Bangladesh in erster Linie ein muslimischer Staat sei. Dies äußert sich vor allem in einer wirtschaftlichen Benachteiligung der Hindus und der Ablehnung westlicher Einflüsse. Insgesamt sind diese religiös motivierten nationalistischen Strömungen mit Besorgnis zu sehen, wenn bei ihnen die Gewaltbereitschaft den Willen zur friedlichen Koexistenz überlagert.
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BhagavadgTI3 2. 31
Buddhis
e Kultur
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Antoll Grabller-Haider
Die buddhistische Kultur haI seit langem eine globale Ausstrahlung. weltweit wissen sich zwischen 500 und 600 Millionen Menschen ihr verbunden. Genaue Zahlen lassen sich nicht angeben. weil die Grenzen der Mitgliedschaft nicßcnd sind und weil große Länder wie China keine Religionsstatislik erlauben. Seit mehr als 150 Jahren sind buddhistische Lebenswerte auch in der westlichen Kultur bekannt geworden und haben ihre Sympathisanten gefunden. Auch die Formen der Meditation und der Daseinsdeutung werden von vielen Zeitgenossen geschätzt. Der Buddhismus versteht sich als eine universale Lebensorientierung bzw. Religion, zu der alle Menschen aus aUen Kulturen freien Zultiu haben. Er überliefen eine Daseinsdeutung und Lebensfonn, die sich sehr unterschiedlichen Zivilisationen anpassen kann. Entstanden ist er im 5. oder 4. Jh. v.Chr. in Nord indien, seine Wuneln liegen in alten Asketenbewegungen, die mit noch älteren YogaTraditionen in Verbindung stehen. Die prägende Gestalt dieser Lebensfonn war Siddharra Galltama, der nach westlichen Forschungen wohl zwischen 448 und 368 v.Chr. gelebt haI. Die früheste griechische Nachricht über diese Asketenbewegung in Indien haben wir seit 300 v.Chr., nach dem Kriegszug des Makedonierkönigs Alexander nach Westindien. Siddharta Gautama aus dem Adelsgeschlecht der Shakya (Shakyamuni) lebte in der Nähe von Kapila vastu. im heutigen Grenzgebiet zwischen Nepal und Indien. Er kannte die vedisch-brahmanische Tradition nur zum Teil, denn er gehörte der Shramana-Tradition an (1. Bronkhorst), der auch die Lebensdeutung des Jainismus (1ina) und der Upanishaden zuzuordnen ist. Die Shakya-Könige waren kaum von der Lebensordnung der Brahmanen geprägt, was an ihrer Heildtsordnung erkennbar ist. Siddharta Gautama soll mit 29 Jahren seine Sippe verlassen und den Weg der "Hauslosigkeit" gewählt haben. Er schloss sich einer Gruppe von Wanderasketen an, die es in dieser Region wohl schon lange Zeit gab. l , M. Huuer. Das ewige Rad. Religion und Kultur des Buddhismus. Graz 2001. 18-22. K. Meisig. Klang der Stille. Der Buddhismus. Freiburg 1996. 10-15.
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AnIon Grabner-Haider
Seine beiden ersten Lehrer lebten in der Yoga-Tradition. von ihnen lernte er die Techniken der Meditation und die strenge Askese des Hungerfaslcns. Ein Wendepunkt in seinem Leben war das Erlebnis einer Meditation in Bodh Gaya, bei der er sich als ein ..Erweckter" (Buddha) bzw. als ein "Erleuchteter" erlebte. Vorher soll er vom Gott Mara intensiv zum Erleben der Sinnlichkeit versucht worden sein, um ihn vom begonnen Weg der "Erlösung" (moksha) abzubringen. Denn er wolhe von den Leiden des Lebens. von der Angst vor dem Tod. vom Tun des Lebensfeindlichen und Bösen erlöst werden. Er halte nämlich erkannt, dass alles Leben leidvoll ist. weil Menschen krank werden. unter dem Alter leiden und slerben müssen. 2
Bei seinem Erleuchtungserlebniserinnert sich Gautama Siddharta seiner vielen früheren Existenzen, an die er glaubte. Er teilte also den nachvedischen Glauben. der in Indien seit dem 7. Jh. v.ehr. verbreitet wurde. dass jede Menschenseele in mehreren Leben wieder geboren werden müsse, um sich von alter Schuld zu reinigen. Zum andern erkannte er die Kraft des Kanna. das nach diesem Glauben durch die menschlichen Gedanken, Worte und Taten entsteht und dann über die neue Form der Geburt der Seele entscheidet. Seine dritte Einsicht bestand darin. dass zum einen das Nichtwissen um die wahren Zusammenhänge. zum andem die sinnliche Leidenschaft zu ständig neuen Geburten führt. Doch werden die vielen Geburten als leidvoll erfahren, weil sie immer mit neuen Schmerzerfahrungen verbunden sind. J
Oie Grundlehren der Daseinsorientierung Diese dreifache Erkenntnis soll nun zur Erlösung vom Leiden führen, denn der ständig sich wiederholende Kreislauf des Lebens kann unterbrochen werden. Der Erleuchtete (Buddha) glaubte zuerst nicht, dass auch andere Lebewesen und Menschen seine Einsicht verstehen werden. Doch der Schöpfergott Brahma drängle ihn, seine Erkenntnis auch anderen Lebewesen zu verkünden. Nun verließer Bodh Gaya und zog in die Ebene des Flusses Ganges, bei Benares soll er seine erste öffentliche Rede gehalten haben. Damit aber selzle er das .,Rad der Lehre" in Bewegung. indem er die vier "edlen Wahrheiten" erläuterte und den achtteiligen Pfad zur Erlösung verkündete. Seine Lehrtätigkeit soll 45 Jahre gedauert haben. mit 80 Jahren soll er meditierend gestorben sein. Die erste der edlen Wahrheiten ist die vom Leiden aller Wesen. denn die Geburt. das Altwerden, die Krankheit und das Sterben sind leidvoll. Kummer. Wehklage. Schmerz, Unmut und Unrast begleiten das Leben. Die fünf Arten des Festhahens am Sein (skandhas) sind immer mit dem Leiden verbunden. Nun betrifft die zweite edle Wahrheit die Entstehung des Leidens. Es ist der Durst nach dem Sein, der zu ständig neuen Geburten führt. Dieser intensive Durst verbindet sich mit der
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K. Meisig. Klang. 12-16. H. Dumoulin. Spiritualität des Buddhismus. Mainz 1995. 16-26. R.A. Gare!. Der Buddhismus. Genf 1981,71-84.
Buddhislische Kultur
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sinnlichen Lust und dem Vergnügen, mit dem Trieb nach erorischer Liebe. nach Selbsterhaltung und nach Reichtum. Die dritte edle Wahrheit bezieht sich auf die mögliche Aufuebung des Leides und hängt an der Aufuebung des Durstes nach Sein bzw. an seinem Loslassen. Und die vierte der edlen Wahrheiten besteht in der Erkenntnis des achlteiligen Pfades, der zur Erlösung vom Leiden führt. Er besteht in der rechten Einsicht, im richtigen Entschluss. in der rechten Rede, im richtigen Tun, im rechten Lebenswandel, im richtigen Streben, in der rechten Wahrheit und in der riChtigen Versenkung in der Meditation. Mit diesem achtteiligen Pfad ist das Grundprogramm der buddhistischen Ethik bzw. Lebensfonn umschrieben. 4 In der Gangesebene traf der Buddha auf die von den Brahmanen geprägten Kultur. Mit zwei Brahmanen, Vasishtha und Bharadvaja. diskutiert er und zeigt ihnen die Überlegenheit seiner Lehre. Er sagt ihnen. dass sie den Schöpfergolt Brahma nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hätten und dass ihre Lebensform dem Gou zuwider sei. Denn dieser sei besitzlos und zu allen Wesen freundlich. er sei allmächtig und tue keinem Menschen Böses. Doch die Brahmanen hälten viel Besitz und Reichtum. sie seien zu den Annen fcindselig und böse. und sic hällen keine magischen Kräfte. Folglich erkennen die Brahmanen nicht den Weg ihres Gottes. Allein der Buddha habe aufgrund seiner Erleuchtung den Weg des Gottes erkannt. er müsse diesen nun allen Geschöpfen verkündigen. j Nach der Sicht des Buddha können nur die Asketen die Vereinigung mit dem Gott Brahma erreichen. Denn sie leben besitzlos und gehen nach ihrem Tod in die Welt des besitzlosen Gottes ein. Der asketische Buddhist vereinigt sich also mit dem Gott der Schöpfung. Nun erkennen die beiden Brahmanen die Richtigkeit der Lehre des Buddha, weil er Umgestürztes wieder aufrichtet. das Verborgene enthüllt, den Verirrten einen Weg weist und den Menschen in der Dunkelheit eine Öllampe bringt. Sie nehmen deswegen zum Erleuchteten, zu seiner Lehre und zu seiner Asketengemeinschaft ihre Zuflucht, d.h. sie schließen sich ihnen an. 6 In diesem Gespräch wird der Gott Brahma als der Urheber der neuen Lehre gesehen, die Buddhisten verstehen sich als die neucn bzw. als die wahren Brahmanen. Sie sagen, die alten Priester hätten asketisch gelebt und ihre Leidenschaf· ten gezügelt, sie hätten ihr inneres Selbst gehütet. Sie hätten keine Viehherden besessen und kein Geld genommen, vielmehr hüteten sie Brahma und die Lehre der Weisheit als ihren Schatz, zu jeder Zeit hätten sie voll Tugend und Redlichkeit gelebt. Zu den Mitmenschen seien sie gütig und milde gewesen, mit Geduld und Freundlichkeit seien sie den Annen begegnet. Diese frühen Brahmanen waren der ewigen Weisheit des Gottes noch sehr nahe. Doch dann sei der Wandel zum Schlechteren gekommen, die Brahmanen woll· ten wie die Krieger und Könige leben. Deswegen schmückten sie sich mit Prunk • K. Mylius. Die vier edlen Wahrheiten. Texte des ursprünglichen Buddhismus. München 1996 204-206. } K. Mylius. Die vier. 210-220. 6 K. Mylius. Die vier. 108-110.
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Anton Grabncr-Haider
und Pracht, sie fuhren Kriegswagen mit edlen Rossen, sie sammelten bunte Teppiche. Ihre Frauen liebten den Reichtum, so wurden die Brahmanen gierig nach Besitz und Gold, sie dichteten große Hymnen und verlangtcn von den Reichen große Opfer. Sie fanden Gefallen am Reichtum, doch von der ursprünglichen Weisheit des Gottes seien sie abgefallen. Der Buddha zeige nun mit seiner Besitzlosigkeit den ursprünglichen Weg des göttlichen Brahma und der ewigen Weisheit. Folglich seien die Buddhisten die wahren Brahmanen.' Auf diese Weise kritisierten die frühen Buddhisten den Reichtum der Brahmanen und das Opfenvesen. Denn die großen Tieropfer waren nur den Reichen möglich. Sie kritisierten die brahmanische Lehre von den vier sozialen Kasten und relativierten die starre Ordnung der arischen Krieger. Der Zugang zur göttlichen Welt geschehe nicht durch die Riten und Opfer der Brahmanen, sondern durch gelebte Askese, durch regelmäßige Meditation und durch die gelebte Ethik des Mitgefühls. Dieser Erlösungsweg aber sei allen Menschen möglich. unabhängig von Besitz oder Armut. von Geschlecht und Kastenzugehörigkeil. Auf diesem Weg haben alle Menschen grundsätzlich die gleichen Chancen.
Das Modell der Erlösung Dieses egalitäre Erlösungsmodell wird nun ein Kennzeichen der buddhistischen Bewegung. Für sie ist die gelebte Ethik des Mitgefühls mit allen Lebewesen wichtiger als die Zugehörigkeit zu den Kasten. Am Anfang seien alle Menschen vor den Lichtgöltern gleich gewesen. es habe keine Sklaven gegeben. alle seien frei gewesen, die Männer seien nicht über den Frauen gestanden. Später sei diese Gleichheit verloren gegangen, die Hellen {Arier} hätten sich über die Dunklen (Ureinwohner) gestellt, die Stärkeren über die Schwachen. Dies wollen nun die Buddhisten verändern, sie wollen zur urspriinglichen Gleichheit aller Menschen zurück kehren. Die reichen Brahmanen und die Krieger seien nicht höher gestellt als die Besitzlosen und Armen. Wenn kein Lohn für unsere Taten erwartet wird und kein Karma angesammelt wird, dann kommt das Rad der vielen Geburten zum Stillstand,8 Jeder Mensch kann fortan sein Schicksal selbst bestimmen, er braucht nicht mehr die großen Opferriten der Priester. Das Ahnenopfer. das Somaritual und der Analogiezauber haben überhaupt keine Wirkung. Die blutigen Tieropfer sollen gänzlich aufuören, denn fortan gilt das Gebot der Nichtschädigung (ahimsha) von Leben. Kein Mensch und kein Tier sollen fortan verletzt oder getötet werden. Der Glaube an die Kraft der Riten wird durch die gelebte Moral des MitgefÜhls zu allen Lebewesen ersetzt. Dieser kulturelle Lernschritt transformiert die archaischen Opferriten in gelebte Ethik. 9
K. Mylius. Die vier, 220-224. , K. Meisig. Klang, 35-45. HJ. Greschat: Die Religion der Buddhisten. München 1980. 47-62. 9 R.A. Gare!' Der Buddhismus, 47-60. K. Meisig. Klang. 35-45. 7
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Wer regelmäßig den Annen Almosen spendet und seine Zuflucht zum Buddha nimmt. braucht keine Opfer auszuführen. Die vedischen Götter und die Lehren der Brahmanen werden damit relativiert. Es mag göttliche Wesen geben, doch sie bestimmen nicht das Schicksal der Menschen. Jeder Mensch soll sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, denn der erste Buddha ist mit seiner Erleuchtung über die Weh der Göller hinausgelangt. Diese wirken fortan als Hilfsgeister für den Buddha und für alle nach Erlösung Suchenden. Jeder kann auf dem Weg der Erlösung über die Brahmanen hinaus gelangen, ihre Autorität wird nicht länger anerkannt. In der Folge werden auch die metaphysischen Lehren der Brahmanen relativiert, die Wanderasketen glauben nicht mehr an die magische Kraft der priesterlichen Riten. Sie wenden sich von der brahmanischen Seelenlehre ab. indem sie nicht länger an eine gleich bleibende Seelensubstanzglauben. Was die Brahmanen Seele nannten, ist in Wahrheit eine vorüber gehende Ansammlung von Wirkkräften und Elementen. Es gibt im Menschen keine gleich bleibende Seele (atman), die sich mit dem Gott Brahma verbinden könnte. Unser Selbst ist ständig in Bewegung. im Werden und in Veränderung.. Deswegen hängt der Buddhist nicht an diesem Selbst, sondem er übt sich. es loszulassen. 10 Nun weiß ein Buddhist, dass er sich weder mit seinem Körper. noch mit seinem Gefühl oder seiner Wahmehmung. seinem Bewussten oder Nichtbewussten identifizieren kann. Alle diese fünf Faktoren unseres Daseins sind Rüchtig und veränderlich. Sie sind nicht das Selbst und nicht der Ort der Seele. Wer über diese Einsicht meditiert, wird sich nicht mehr an sein Selbst klammem. sondem er nähert sich dem Nirvana (Nibbana) und entkommt dem bisherigen Kreislauf der Geburten. Nirvana bedeutet Verwehen und ist nicht beschreibbar, es ist kein paradiesischer On. sondern das Ende der vielen Geburten. Die Erleuchtung bzw. das Erwachen (bodhi) besteht in der Einsicht, dass uns Menschen kein Selbst und keine bleibende Seele gegeben ist. sondem dass ständig sich ändemde Faktoren und Kräfte unser Leben bestimmen. Damit schafft er kein neues Karma mehr und meidet jede Verursachung einer neuen Geburt. Vom ersten Buddha wird erzählt, dass er in das endgültige Verwehen eingegangen sei. Weder die übertriebene Askese. noch der sinnliche Lebensgenuss bringen die Erlösung vom Leiden. allein der mittlere Weg zwischen den beiden Extremen führt uns an dieses Ziel. Kein Mensch soll sich durch Askese quälen, aber keiner soll auch nur für die sinnliche Lust leben. ll Im Disput mit dem Brahmanen Shona Tandya sagte der erste Buddha, für den Erlösungsweg seien nur die Sittlichkeit und die Entfaltung des Verstandes nötig. Die anderen Tugenden der Brahmanen, nämlich die Zugehörigkeit zu einer hohen Kaste, die Gelehrsamkeit in den Schriften der Veden und die Hellhäutigkeit der K. Meisig. Klang. 51-61. R. Gombrich (Hg.), Der Buddhismus. Geschichte und Gegenwart. München 1989.44-60. 11 K. Meisig, Klang. 68-74. M. Baumann. Buddhismus-Buddhism. Hannover 1999. 100-110. 10
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Aryas seien dafür ohne Nulzen. Jeder Laie sei angehalten. die Grundwene der Sittlichkeit zu leben und seine Vernunft zu entfalten. Allgemein gehen die fünf Verbote, die auch von den Yogaanhängem befolgt wurden: kein Leben lölen, kein fremdes Eigentum siehlen oder rauben, keine Lügen und Täuschungen verbrei~ teo, keine unerlaubten sexuellen Beziehungen leben und keine berauschenden Getränke trinken. 12
Oie moralischen Vorgaben Auf der gelebten Sinlichkeil und der Entfaltung des Verstandes baut die buddhistische Lebensform auf. Der Verstand hat die Aufgabe. den sittlichen lebenswandel zu lenken, zu kontrollieren und zu reinigen. Umgekehrt trägt die gelebte $iltlichkeit zur Entfaltung des Verstandes bei. der ohne moralische Nonn in die
Beliebigkeit gleitet. So sind die Sittlichkeit und der Verstand wie zwei Hände. die sich gegenseitig waschen. Das sittliche Handeln wird vom gesunden Menschenverstand gelenkt und kontrolliert. er sucht in allem den mittleren Weg zwischen den möglichen EKtremen. Deswegen folgen die Buddhisten in ihrer praktischen Lebensgestahung dem Vorbild des ersten Buddha. sie richten sich nach seiner Lehre (dhanna) und wissen sich der Gemeinschaft der Glaubenden (Sangha) ver· bunden. 13 Der Lohn für ein moralisches und sittliches Leben wird den Gläubigen schon in diesem Leben zuteil. Durch sie wird Leiden verringert, die Verletzungen durch Gewalt nehmen ab, die Lügen bestimmen nicht mehr das Leben. Es entstcht eine Lebenswelt. in der alle Vorteile haben und sich sicher fühlen dürfen. Nach dem Tod des ersten Buddha nahm die Zahl seiner Schüler stetig zu. dic asketisch lebenden Mönche wurden von den vielen Laienanhängern unterstützt. In den beiden Königreichen Koshala und Magadha, wo der frühe Buddhismus entstand. ist zu dieser Zeit ein wirtschaftlicher Wohlstand erkennbar. Die Laienanhänger waren in der Lage. die Mönche und Nonnen zu ernähren und ihnen während der Regenzeit feste Unterkunft zu geben. Erstaunlich ist, dass unter den frühen Laienanhängern viele Kaufleute und Landbesitzer waren und dass die Hälfte der Mönche in der Frühzeit aus den Städten und aus reichen Familien kam. Der frühe Buddhismus machte sich die wirtschaftliche Blüte seiner Zeit zunutze, denn der erste Buddha war ein Mitglied der Kriegerkaste. Er hinterließ seinen Schülern die Lehre (dharma) und die Ordenszucht (vinaya). damit sollten sie ihr Leben gestalten können. Als Grundsatz gah. dass alles Vergängliche durch das Leiden bestimmt werde. In jedem Menschen seien fünf verschiedene Daseinselemente (skandha); nämlich der sinnlich wahrnehmbare Körper (rupa). Empfindung und Gefühl (vedana). Wahrnehmung R.A. Gan!. Buddhismus. 102-108. K. Meisig. Klang. 70-78. K. H. Golzic. Werden Bogen beherrscht. Der Buddhismus. Dilsscldorf 1995.102-112. I) R.A. Gard. Buddhismus. 75-85. K. Meisig. Klang. 70-78. K.J. Notz (Hg.). Lexikon des Buddhismus. Freiburg 1998.65-82. U
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und Unterscheidung (samjna), Gestaltung und Willenskraft (samskara) und Bewusstsein (vijnana).14 Da aUe diese fünf Daseinselemente vergänglich und unbeständig sind, ist das Leben jedes Menschen leidvoll. Der menschliche Körper ist ein Teil der Natur und ihren Wandlungen unterworfen. Doch diese fünf Daseinselemente des Menschen bilden kein Selbst und keine Seele. Zwar ist vom frühen Buddha keine TextsteIle überliefert, in der er explizit die Existenz einer gleich bleibenden Seele leugnet. doch die jüngeren Kommentare zu seinen Lehren tun dies, indem sie vom NichtSelbst (anatman, anaua) sprechen. Weil die fünf Daseinselemente des Menschen vergänglich sind, gibt es kein bleibendes Selbst. Das Begehren (trishara) nach Sein und nach Leben ist die Ursachen von allem Leiden. Das Nirvana ist nun das Ende des Begehrens und der Leidenschaft, sodass die menschlichen Taten kein gutes und kein böses Karma mehr zur Folge haben. Wer das Nirvana erreicht hat, ist nach der Sichtweise des Theravada-Buddhismus (Hinayana) ein .. Heiliger" (arhant). Der Mahayana-Buddhismus hingegen richtet sich nach den Idealen des Bodhisauva, der solange auf das Eingehen in das Nirvana verzichtet. bis auch alle anderen Lebewesen dorthin gelangen. Der Weg zu diesem Ziel setzt das rechte Wissen voraus, die gelebte Sittlichkeit, die regelmäßige Meditation. Alle Handlungen, die fremdes Leben verletzen, müssen gemieden werden. Buddhisten sollen nicht als Schlächter, als Jäger, als Fischer. als Kerkerwächter und als Henker tätig sein.'~ Durch die Techniken der Meditation sollen die Gläubigen von den fünf störenden Affekten frei werden; nämlich von der Begierde, vom Hass, von derTrägheit, von derEitelkeit und vom Zweifel. Positiv gewendet sollen sie nach Gleichmut und innerer Ruhe streben, das Mitgefühl mit allen Wesen soll den Hass überwinden. Das eifrige Streben und Arbeiten darf die Trägheit gar nicht aufkommen lassen. Demut und Unterordnung wirken dem Stolz und der Eitelkeit entgegen. Wer an die Wahrheit der Lehre glaubt, wird von den Zweifeln des Lebens nicht mehr geplagt. Durch diesen neuen Lebensweg wird die Erlösung vom Tod gefunden, denn die Gläubigen haben keine Angst mehr vor dem Sterben. 16 Der Glaubende erreicht damit einen Glückszustand im Leben, der nicht mehr von der Angst vor neuen Geburten beeinträchtigt wird. Bald bildet sich im Bud~ dhismus die Unterscheidung zwischen dem kleinen und dem großen Erlösungsweg. Das kleine Fahrzeug (Hinayana) bietet vor allem den Eliten der Mönche und Nonnen den vollen Weg zur Erlösung an, während das große Fahrzeug (Mahayana) allen Menschen, den Mönchen und den Laien den Weg zum Nirvana anzeigt. Seit dem Konzil von Pataliputra lässt sich dieser Laienbuddhismus auch in den Lehrtexten deutlich erkennen. Darin wird der historische Buddha immer mehr zu einer überweltlichen und transzendenten Gestalt der Verehrung. Der Mensch
K. Meisig, Klang, 68-72. I' M. HUlIer, Das ewige. 36-42. I. H. Oldenburg. Reden des Buddha. Freiburg 1993,93-96. I'
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Gautama Siddharta ist für die Verehrung nicht mehr wichtig. die Hingabe gilt allein der überirdischen Buddhageslall. Der Laienbuddhismus unterscheidet sich vom Mönchsbuddhismus in weileren Aspekten. So geht der Bodhisattva erst dann in das Nirvana ein, wenn er mitgeholfen hat, dass alle Wesen erlöst werden. Das Mitleid mit allen Lebewesen konkretisiert sich in den sechs moralischen Vollkommenheiten, nämlich im freizügigen Geben von Gütern an die Mönche und die Annen, in der gen auen Befolgung der fünf Grundgebote bzw. Verbote. in der Geduld mit sich selbst und mü allen Lebewesen, in der inneren Kraft, um auf dem Erlösungsweg voran zu kommen; in der regelmäßigen Meditation und in der Vertiefung des Wissens um die große Lehre. 17 Im Glauben des Volkes fungieren göttliche Wesen als Hilfskräfte des himmli· schen Buddha. Dieser begegnet den Menschen in drei Körpern, nämlich als Körper der Erscheinung, als Körper des Genusses und als Körper der ewigen Weisheit (dharma). Die Frömmigkeit der Laien zeigt sich in den Sutren der vollkommenen Einsicht und in der Lehre vom Lotos des wahren Dharma. Sie folgt der ewigen Weisheit. die den Schein der Dingwelt erkennt und aufdeckt. Das höchste Sein ist uns Menschen unfassbar. es ist ohne Entstehen und ohne Vergehen. ganz ohne die Grenzen des Anfangs. der Mitte und des Endes. Es ist in seinem Wesen leer. und die Betrachtung dieser Leerheit des Seins führt zur Erlösung vom Leiden. Die Glaubenden versuchen. das Verhältnis zwischen der Dingwelt und der Leerheit des Seins richtig zu bestimmen. l ! Diesen Spekulationen der Mönche konllIe der volkstümliche Buddhismus kaum folgen. Deswegen verehrte das Volk vor allem die Weisheit und das gren· zenlose Mitgefühl des ersten Buddha, er war das große Vorbild in der praktischen Lebensgestaltung. Durch die Meditation der Achtsamkeit soll die Vergänglichkeit des Lebens erkannt und vertieft werden. Der Meditierende achtet auf die Vorgänge in seinem Körper, im Gefühl und im Denken. auf diese Weise erkennt er ihre Flüchtigkeit. Er löst sich von seinen sinnlichen Strebungen und konzentriert sich auf inneres Erleben. Darin erfahrt er das Gefühl der Überlegenheit über die Dinge der Außenwelt und erlebt tiefes Glück. Die Schule des Nagarjlma im 2. Jh. n.ehr. konzentrierte sich auf den Erlö· sungsweg der mystischen Erfahrung, der in der Verbindung des Seins mit dem Nichtsein erfahren wird. Hingegen versteht sich die Yogacara-Sclltlle als ein Weg der Handlung. das praktische Leben der Glaubenden orientiert sich an den sechs moralischen Vollkommenheiten. Die Erlösung soll erreicht werden durch gelebte Barmherzigkeit, durch reichliche Spenden, durch Geduld mit den Lebewesen. durch Ausdauer im moralischen Streben, durch Geschicklichkeit im Leben und durch die Suche nach der Weisheit. Die Glaubenden streben zur Erkenntnis. dass alle Dinge und Lebewesen in der Welt aus reinem Geist geschaffen wurden. Die M. Huttcr. Das ewige. 53-56. R. A. Gard. Buddhismus. 127-134. 11 K. Meisig. Klang. 36-44. M. Hutter. Das ewige. 56--60. 11
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Meditation soll den Schülern helfen. zu dieser Einsicht zu gelangen und mit ihr das Leben zu gestalten. Wenn alles Wahrnehmbare nur Geist (citta) ist, wie Vasubandhu lehrte, dann ist unsere Wahrnehmung das Ergebnis unserer schöpferischen Vorstellungen. Denn unser Bewusstsein rührt an den absoluten und ewigen Geist. der wie ein großes Meergedacht wird. in das alle unsereGedanken und Erfahrungen zurück kehren. In diesem Speicherbewusstsein werden alle Samen und Keime des Kanna aufgenommen. aus diesem alles umfassenden Speicher kommt dann wieder das individuelle Bewusstsein der Menschen. Damit stammt jedes einzelne Bewusstsein aus der Quelle des absoluten Geistes. Nach der Lehre des LolOs·Sutra (2. Jh. n.Chr.) ist der Buddha der große Arzt der Menschen. der die Glaubenden von allen Leiden befreit. die Blinden sehend macht und der wie ein Vater für seine Kinder sorgt. 19 Nach dem Lotos-Sutra hat der himmlische Buddha den Weg des rechten und des guten Lebens wieder hergestellt. von dem die Brahmanen abgeirrt sind. Die Schüler des Mahayana glauben. d.1SS es in der Welt viele Buddhas gibt. ja dass jede Weltgegend und jede Zeitepoche ihren Erwecktcn bzw. Erleuchteten hat. dcr den Menschen geschenkt wird. Diese Erleuchteten verkünden uns die Lehre vom Mitgefühl mit allen Leidenden und die Überwindung des Schmer.les. Aus dem Urbuddha seien fünf himmlische Buddhas geworden. der unerschütterliche Herr des Ostens. der edle Herr des Südens. der glänzende Herr des Westens, der wunderbare Herr des ordens und der sonnengleiche Herr der Mitte. Die Hilfs· bereitschaft dieser Buddhageslahen ist ohne Grenzen. die Gläubigen können sich in jeder Notlage voll Vertrauen zu ihnen wenden. zo
Die Ethik des Laienbuddhismus Der Mahayana-Buddhismus wird stark von altruistischen Lehren und Einstellungen geprägt. Denn weil alle Wesen vom Leiden erlöst werden sollen. ergibt es keinen Sinn. wenn nur wenige nach der Erlösung streben und wenn nur die eigene Erlösung angestrebt wird. Der Bodhisattva geht erst dann in die volle Erlösung ein. wenn cr die vielen Wesen dorthin mitgenommen hat. Nun geschieht die Er· lösung aber durch die Gnadenkraft des ersten Buddha, die von den Glaubenden erfleht werden kann und soll. Die moralischen Verdienste (punya) der Gläubigen können auch auf andere Lebewesen übertragen werden. Auf diese Weise kann jeder Mensch zu jeder Zeit der Buddhanatur teilhaftig werden. alle sind ohne Unterschied zur vollen Erlösung vom Leiden fahig. Nach Möglichkeit sollen ein Leben lang die zehn moralischen Vollkommenheiten angestrebt werden. Jeder soll seinen Mitmenschen mit Güte und Bann· herzigkeit begegnen, die sittlichen Gebote sind genau zu befolgen; Geduld mit allen Lebewesen prägt das alltägliche Verhalten. Die innere Kraft soll durch die M. HUller. Das ewige. 64-66. H. Dumoulin. SpirilUaliläl. 112-122. JO M. Huuer. Das ewige. 70-74. H. Bechen. Der Buddhismus. Sfullgan 2OClO. 65-70.
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regelmäßige Meditation gesteigert werden, dann schreitet der Glaubende auf dem Weg der Erkenntnis weiler. Er übt sich in der Geschicklichkeit. um das Gelernte im alltäglichen Leben anzuwenden. Bei allem orientiert er sich an der Weisheit des ersten Buddha und bittet um seine Gnadenkraft. Er hat viele geistige Helfer. auch weibliche Buddhas stehen ihm zur Seite; besonders beliebt ist die liebliche Göttin Kannon mit dem Kind in den Armen. So erscheint der erste Buddha den Glaubenden in vielen himmlischen Gestalten. ll Der chinesische Choon-Buddhismus kam im 6. Jh. n.Chr. nach Japan und entwickelte sich dort zum Meditations-Buddhismus (Zen) weiter. Der Mönch DosJro gründete in der alten Hauptstadt Nara die erste Medit3lionshalle. Die Basis dieser Lehre ist der Laienbuddhismus. der sich sehr früh mil daoistischen Lehren aus China verbunden haUe. Er unterscheidet sich deutlich vom volkstümlichen Glaubensbuddhismus (Shin). der das kindliche Vertrauen der Gläubigen auf den ersten Buddha betont. Die Lehre des Zen setzt vielmehr auf die eigene Anstrengung jedes Gläubigen bei der Meditation und im moralischen Leben. Durch strenge Disziplin und Askese ist es möglich. aus eigener Kraft auf dem Weg zur Erlösung voran zu schreiten. Wer sich von den Bindungen an die Dinge der Außenwelt gelöst hat. kann mit Gelassenheit sein Leben gestalten. Denn alles ist in Bewegung und Veränderung. wir bewegen uns über den Abgründen des Namenlosen. Alle unsere sprachlichen Begriffe sind ungenügend. um das Namenlose zu beschreiben. Daher sucht der Mystiker den Weg der Stille und des Schweigens. Darin erkennt er die tiefe Wahrheit des Seins und des Nichts und durchschaut die Außenwelt als Täuschung. Wer einmal die Leerheit der Außenwelt erkannt hat. vermag alle Schwierigkeiten des täglichen Lebens zu ertragen. Deswegen sucht der Mystiker das Erlebnis der Erleuchtung (satori) inmitten der alltäglichen Arbeiten und Verpflichtungen. Der Gläubige ist bestrebt. die täglichen Verpflichtungen der Arbeit genau auszuftihren. in allem sucht er die Gelassenheit und das innere Gleichgewicht. Bei der regelmäßigen Meditation versucht er. sein Denken. sein Reden und sein Handeln von bösen Einflüssen zu reinigen. Er ist überzeugt. dass die richtige Grundhaltung sein Denken. Reden und Tun moralisch gut macht. Der Gläubige übt sich in der Achtsamkeit gegenüber sich selbst, den Mitmenschen und allen Lebewesen. er achtet auf die kleinen Dinge des Lebens. Er weiß um die Vergänglichkeit der Dinge und dringt in die wahre Natur seines Geistes ein. Indem er sein Leben nach innen orientiert, erfIihrt er den tiefen Grund des Seins und des Nichts. Erwill im Einklang mit der Natur leben. denn sie steht dem ewigen Urgrund sehr nahe. Das Leben lässt er geschehen. wie es auf ihn zukommt Auf keinen Fall will er durch hektisches Handeln etwas erzwingen. Beim Essen und Trinken ist er maßvoll. er will nichts übertreiben. Wenn er alle Bindungen an die Außenwelt ablegen kann. dann erlebter Ruhe und Zufriedenheit. Intuitiv schaut er
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d.ieewige Welt des Buddha, dieer mit dem ewigen Urgrund des Dao in Verbindung bringt. Auf dem mittleren Weg will er sein Leben ohne Qual gestalten. 22 Anders orientiert sich der japanische Volksbuddhismus. der sich vor allem auf den festen Glauben (shi,,) an den ersten Buddha verlässt. Die Anhänger suchen die fromme Hingabe an den Erleuchteten, von dem sie sich in allen Notlagen Hilfe erwarten. Sie rufen ihn als den Amida-Buddha an, als den glanzvollen Herrn des himmlischen Paradieses. Sie erzählen von einem "reinen Land" des Westens, in dem sie wieder geboren werden wollen. Allein durch die Gnadenkraft des ersten Buddha wollen sie von den Leiden und vom Bösen erlöst werden, die eigene moralische Anstrengung halten sie dabei nicht für wichtig. Sie verlassen sich voll Vertrauen auf den himmlischen Buddha als den Verkünder der großen Wahrheit und den Erlöser aus allen Leiden. Als Ziel ihres Lebens stellen sie sich einen Paradiesgarten mit Vögeln und Blumen, mit Düften und Wohlgeruchen vor. Dort fließen Bäche mit klarem Wasser, überall ertönt liebliche Musik. alle Menschen leben glücklich und im inneren Gleichgewicht. Doch die Zweifler können den himmlischen Buddha gar nicht sehen, nur die Gläubigen können vom Leiden erlöst werden. Freilich müssen alle Glaubenden auch gute Taten vollbringen, um vom Bösen erlöst zu werden. Doch wird die eigene Anstrengung immer durch die Gnadenkraft des Buddha ergänzt. Wenn die Glaubenden an ihn denken und seinen Namen aussprechen, wenn sie ihn voll Vertrauen anrufen, dann wird ihnen Hilfe zuteil. Auch die Verbrecher und Übeltäter können den himmJischen Buddha anrufen. doch er ruft sie zur Umkehr von ihren bösen Taten. 23 Der Vajrayalla-Buddhismlls oder das "Diamantene Fahrzeug" wird heute noch in Tibet und in Japan gelebt und hat auch in der westlichen Kultur Anhänger. Er nahm Elemente der indischen Tamralehre und der tibetischen Volksreligion in sich auf. Deswegen wurden die verschiedenen Riten wichtig, denn auch sie tragen zur Erlösung vom Leiden und vom Bösen bei. Der Diamant (vajra) ist das Symbol für die Leerheit der letzten Wirklichkeit. Die Gläubigen sprechen magische Fomleln, um sich in der Meditation zu vertiefen. Sie verehren neben dem ersten Buddha viele Bodhisattvas, aber auch alte Volksgötter (Devas) und Heilige. Sie werden als Vorbilder der konkreten Lebensgestaltung angesehen. Voll Vertrauen rufen die Glaubenden den glanzvollen Amida-Buddha an, von ihm erbitten sie Hilfe in der Not und Glück des Lebens. Von den weiblichen Bodhisattvas erbitten sie Hilfe bei Krankheiten und heilende Kräuter. Sie kennen viele Zauberspruche, um Unheil abzuwenden und Lebensglück zu vermehren. Dabei rufen sie männliche Hilfsgötter (Devas) und weibliche Gottheiten (Devis) an, um Not abzuwenden. Durch Riten und gemurmehe Fonneln sollen böse DämonenausderMenschenwelt vertrieben werden. Die Mönche und Nonnen gelten als die wahren Vorbilder des moralischen Lebens. sie sind an besondere :l K. Meisig, Klang, 163-183. Hol. Grcschal. Die Religion. 76-88. :J
K. Meisig. Klang, 177-182.
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Gebote und Verbote gebunden. Doch alle Gläubigen wissen sich zu Mitgeflihl mit den Leidenden, zum Almosengeben. lurGeduld und zur Achtsamkeit verpflichtet. Auch sie wollen durch die Meditation ihre Gedanken. Worte und Taten von bösen Einstellungen reinigen. z• Auch altindische Tantrarilcn werden ausgeführt. um auf dem Erlösungsweg voran zu kommen. Doch derGnadenweg des Buddha soll dieeigenen moralischen Anstrengungen der Gläubigen verstärken. Jeder Gläubige benötigt Ausdauer und Geduld. er muss sich auf die großen Lehren konzentrieren. Lieder und Gesänge. Bilder und Riten helfen mit. die Meditation zu vertiefen und dem Buddha nahe zu kommen. Die Mönche und Nonnen leben nur zeitweilig asketisch und in Klöstern. einige von ihnen können nach der Zeit im Kloster heiraten und eine Familie grunden. Die Gläubigen schätzen das Erleben von Sinnlichkeit und Sexualität als ein Mittel auf dem Weg zur Erlösung. Im volkstümlichen Buddhismus leben auch Elemente der indischen Shak· ti-Lehre weiter. Denn die Shakti ist die weibliche Lebenskraft des männlichen GOlles. die dieser benötigt. um ganz zu sein. Frauen leiten die Rituale. weil die weibliche Lebenskraft die Erlösung vom Bösen und vom Leiden voran bringt. Deswegen werden weibliche Buddhas und Bodhisauvas angerufen und verehrt. auch die Freudenmädchen haben zu den Riten und Gebeten Zutriu. Das Erleben der Sexualität am heiligen Ort wird als Begegnung mit der Buddhawelt gedeutet. In den sexuellen Riten nehmen Frauen und Männer die Lebenskraft des anderen Geschlechts in sich auf. In Tibet wird die alte Munergönin Tara verehrt. sie soll die Polarität der Geschlechter überwinden helfen. Das Erleben von sinnlicher Lust gilt als eine Vorstufe zur Erlösung. es muss sich aber mit gelebter Moral verbinden. Es gehen die Ziel werte des Mitgeflihls mit den Armen und Leidenden und die liebevolle Hingabe an die Welt der Buddhas. Auf Rache soll verzichtet werden. Gewalt soll nur zur Verteidigung angewendet werden. Feinde mOssen sich versöhnen. damit der Friede bewahrt werden kann. Wir erkennen in dieser Moralordnung deutlich weibliche Lebenswerte. l l
Moralregeln des täglichen lebens In den AnHingen wurde die buddhistische Moral vor allem von den Mönchen und Nonnen geprägt, denn sie beanspruchten, der Erlösung näher zu sein als die Laien mit ihren Familien. Im Lauf der Entwicklung formten die Laien ihre eigene Spiritualität und Lebensform. die allerdings auf das Vorbild der Mönche und Nonnen bezogen blieb. Auch wenn gelehrt wurde. dass beide Geschlechter zur Erlösung fahig sind und dass Körper und Geschlecht vergehen. so blieb doch eine männliche Dominanz auch in der Ethik. Zuerst wurde sogar gelehrt. dass nur l
l'
HJ. Greschat. Die Religion. 85-98. K_ Meisig. Klang. 183-190. M. Baumann. Buddhismus. 105-112. K. Meisig. Klang. 188-190.
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Männer in das Nirvana eingehen konnten. Später wurde diese Lehre aufgegeben bzw. im Volk nicht mehr akzeptiert. Für Mönche und Nonnen gelten strengere moralische Regeln als für Laien; sie sollten nur einmal am Tag essen. Tanz und Gesänge. Musik und Schauspiel meiden. auf Schmuck, Duftstoffe und Salben verzichten. Auf hohen und großen Betten sollten sie nicht liegen. Gold und Silber durften sie nicht als Geschenke annehmen.1#) Sie verpflichteten sich. nahe bei der Natur zu leben und aufVerweich· lichung zu verzichten. Musik. Gesang und Tanz kennen sie nur beim Ritual. an den Belustigungen des Volkes nehmen sie nicht teil. Um der Natur nahe zu sein, liegen sie auf Strohmatten oder auf der Erde. Schmuck verträgt sich nicht mit ihrem Gelübde der Armut. Besitz dürfen nurdie Klöster aisGemeinschaften anhäufen. die einzelnen Mönche und Nonnen sollen privat nichts oder nur sehr wenig besitzen. Die Gläubigen sind angehalten. den Klöstern reichlich Gaben zu geben. So gelingt es diesen. rei· che Kulturschiitze zu sammeln. auf die Mönche und Laien stolz sind. Die Mönche und Nonnen sollen nur eine Almoscnschale. einen Wasserfilter. eine Haarschere. eine Nadel. einen Stab und einen Zahnstocher als Holz bei sich tragen. Alle anderen Güter gehören der Gemeinschaft des Klosters. die im Verhähnis zu den Laien sehr reich sein konnten. Zu Neumond und zu Vollmond wird injedem Kloster ein Ritual derGewissens· erforschung und der inneren Reinigung durchgeführt (uposatha). In einem Rezitationstext werden 227 mögliche moralische Vergehen aufgezählt und verinnerlicht. Die Mönche und Nonnen denken darüber nach, ob sie dagegen verstoßen haben. Wer sich einer Verfehlung bewusst wird. muss sie in der Versammlung öffentlich bekennen. Dreimal wird die Frage nach einer möglichen Verfehlung an jeden Teilnehmer gestellt. Wer eine Sünde verschweigt, fallt auf dem Erlösungsweg weit zurück. Wer sich keiner Verfehlung bewusst ist, schweigt im Ritual. l1 Vor diesem Ritual bekennen sich die Mönche und Nonnen gegenseitig ihre Verfehlungen. Das Kloster ist ein Ort der Lehre und der Unterweisung. der Meditation und der Bildung. und zwar für Mönche und Nonnen. aber auch für Laien. Diese besuchen für kurze oder längere Zeit ein Kloster, um sich in der Lehre weiter zu bilden, um die moralischen Pflichten zu vertiefen. um die Meditation zu üben und die richtige Lebensfonn zu lernen. Klöster sind immer Ürte der moralischen Bildung und Fonnung für Mönche und Laien. Die Lebensform der Buddhisten ergibt sich aus der großen Lehre (dharma). aus den moralischen Geboten und aus den Formen der Meditation. Das Wissen meint die Einsicht in die Unbeständigkeit der Dinge und Lebewesen und in die Möglichkeit. den Kreis der Geburten zu beenden. Die Handlungen derGlaubenden werden durch die innere Gesinnung und Einstellung geprägt. Und bei der Meditation übt sich der Glaubende im rechten Denken. in der Aufmerksamkeit und in der inne· M. WinlcmilZ. Der illere Buddhismus nach Tcucn des Tipilaka. Tübingcn 1929. 131-t34. n K. Mylius. Dic vicrcdlen. 314--320. ~
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ren Stille. Die Ethik besteht in der Anwendung der erkannten Wahrheiten in der praktischen Lebensgestahung. Wichtig ist die Formung der inneren Einstellung. die dann zu guten Taten des Mitgefühls und der Hilfe führen soll. Wir haben es offensichtlich mit einer Gesinnungselhik zu tun, die überzeugt ist. dass die gute Gesinnung auch zum guten Handeln führen wird. Von Buddha wird der Satz überliefert: ..AlIes Böse meiden. das Gute tun und das eigene Herz läutern". Das moralische Handeln verfolgt das Ziel. die innere Einstcllungzu läutern. um zum Nirvana zu gelangen. Die Leiden aller Lebewesen sollen verringert und schrittweise überwunden werden. Das friiheGelöbnis der Glaubenden lautete: .. lch gelobe. mich desTötens zu enthalten. mich des Stehlens zu enthalten. mich der Lüge zu enthalten. mich des unrechten Wandels in der Sinnenlust zu enthalten". Erst später kam das fUnfte Versprechen dazu: ..Ich gelobe. mich der Berauschung zu enthalten·'.21 Die frühen Kommentare zu diesen fünf Grundgeboten betonen das Mitleid (karuna) mit allen Lebewesen und die Güte (maitri) zu den Mitmenschen. Bald wurden als moralische Regeln die sechs bzw. später die zehn Vollkommenheiten entwickelt. denen jeder Gläubige folgen sollte. Lange Zeit diskutiert wurde das Verbot, Leben zu töten: denn es war nicht klar. ob sich dieses Verbot auch auf das Leben der Tiere bez.ieht. Bis heute ist keine scharfe Grenze gezogen. doch wer das Fleisch von Tieren isst. kommt auf dem Erlösungsweg langsamer voran als der vegetarisch Lebende. Viele Gläubige leiten aus diesem Verbot aber einen besonderen Schutz der Tiere ab.
Die Suche nach Weisheit und Mitleid Nach der indischen Lehre von der Wiedergeburt der Seele konnte ihre Einkörpe· rung in einem Menschen, einem Tierodereiner Pflanze erfolgen. Damit waren die Grenzen zwischen den Lebewesen grundsätzlich durchlässig geworden. Gewiss wurde das menschliche Leben viel höher gewertet als das tierische. doch Buddhisten kultivierten die Ehrfurcht vor jeder Fonn von Leben. auch von Pflanzen. Das Programm des Nichtschädigens (ahimsha) bedeutet ursprung Iich: nichl erschlagen und nicht verletzen. Die Jainas halten in Indien schon seit dem 5. Jh. gelehrt, dass alle Lebewesen geschützt werden müssen. Damit standen auch sie in Opposition zu den Tieropfern der Brahmanen. Für die Buddhisten bedeutet ahimsha Respekt vor dem eigenen Leben, vor dem Leben der Mitmenschen, und abgestuft vor dem Leben der Tiere und der Pflanzen. Ein Text des Königs Ashoka zeigt diese moralische Grundhaltung an . ..Was früher nicht geschehen ist. wird heute durch die dhanna-Unlerweisung des Königs gefordert: das Nichnölen von Tieren, das Nichlverletzen von Lebewesen. anständiges Benehmen zu den Verwandten, zu den Shramanas und Brahmanen. Gehorsam gegenüber den Eltern. Ehrfurcht vor den Alten". l9 K. M)'lius. Die vier edlen. 128-131. :- U. Schneider. Die großen Fclscnediktc Ashokas. Wiesbaden 1978. 107-109. ZI
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Einige Pali·Texte betonen. dass die Nichtbefolgung des ahimsha·Gebotes mit drei bösen Geisteshaltungen zusammenhängt. nämlich mit der Gier nach Besitz und Reichtum (lobha). mit dem Zorn (krodha) und mit der Täuschung der Sinne (moha). Auch die Yoga-Anhänger waren überzeugt, dass die Zähmung von Gier und Zorn und die Überwindung des Nichtswissens die Voraussetzung fur den Erfolg der Meditation darstellen. Denn nur durch das Zusammenwirken von regelmäßiger Meditation und moralischem Verhalten im täglichen Leben können die Gläubigen auf dem Weg der Erlösung voran kommen. Wer sich vom Durst nach Leben und von der Gier nach Besitz und Reichtum zu lösen vennag. kann ganz ohne Anwendung von Gewalt sein Leben bestehen. JO Nur unerleuchtete Wesen. die im Nichtwissen verstrickt sind. wenden Gewalt gegen fremdes oder das eigene Leben an. Sie fuhren Kriege und töten andere Menschen. denn sie kennen nicht die negativen Folgen ihres Handeins. Folglich beginnen glüubige Buddhisten nicm,lls von sich aus einen Kampf oder Krieg gegen Frcmde oder sog. Feinde. Aber sie verteidigen sich mit allen möglichen Mitteln. wenn sie von anderen angegriffen werden. Sie üben ein Leben lang die Gewaltlosigkeit. weil sie überzeugt sind. dass jede Anwendung von Gewalt die Täter auf dem Erlösungsweg weit zurück wirft. Eine starke Motivation für das soziale Verhalten beinhaltet die MahayanaLehre. dass alle Lebewesen vom Leiden erlöst werden sollen. Von diesem Ziel her müssen alle Gläubigen rur alle Wesen mitsorgen und mitfUhlen, auch für Tiere und Pflanzen. Wenn die Menschen sich gegenseitig helfen und rur einander Sorge tragen. dann wird es möglich. dass viele Wesen im Frieden leben können. Jeder Gläubige soll dazu beitragen. das Leiden aller Wesen zu verringern. In der Gesellschaft bedeutet dies. dass jeder Mensch eine hohe Achtung vor dem Leben seiner Mitmenschen hat, wie auch immer dieses beschaffen sein mag. l l Die Gewaltfreiheit gilt auch in den familiären Beziehungen. in der ehelichen Partnerschaft und zu den Kindern. vor allem aber beim Erleben der Sexuali· täl. Freilich zeigen viele buddhistische Texte eine ambivalente Einstellung von Männern zu Frauen. auch deutliche Abwertung des weiblichen Geschlechts ist erkennbar. Doch der ttmtriscJre Buddhismus sieht im Erleben der Sexualität und der sinnlichen Lust ein Fortschreiten der Gläubigen auf dem Weg zur Erlösung. Für ihn ist der Körper der Sitz der Glückseligkeit. in der sexuellen Vereinigung wird die Polarität der Geschlechter aufgehoben. Männer und Frauen erleben eine tiefe Einheit. Folglich müssen alle sexuellen Beziehungen durch Gewaltlosigkeit geprägt sein. kein Partner darf abgewertet oder verletzt werden. Das dritte buddhistische Gebot (shila) besagt. dass in der sexuellen Beziehung kein Partner verletzt ooer geschädigt werden darf. Gemäß der strengen Auslegung wäre damit auch die Abwertung der Frauen in patriarchalen Kulturen verboten. Aus Achtung vor dem Leben und aus Solidarität mit allen Lebewesen müssen 'G )1
M. Hutter. Das~wige. 218-220. K.H. Golzic. Werden Bogen. 134-145. M. Baumann. Buddhismus. 112-118. M. Hulter. Das ewige. 218-222.
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Kinder in der Familie angenommen werden. Sie dürfen keinesfalls ausgesetzt oder getötet werden. Auch die Abtreibung von ungewollten Schwangerschaften ist nicht erlaubt, denn dabei wird werdendes Leben getötet. In Ländern. wo die Abtreibung als Minel der staatlichen Geburtenkontrolle eingesetzt wird. müssen die betroffenen Frauen viele Riten der Reinigung vollziehen. Und Frauen. die eine Fehlgeburt erlitten haben. rufen weibliche Bodhisattvas an. um in Zukunfl eine glückliche Geburt zu haben. Die sexuelle Prostitution wird nicht generell verboten. denn sie gehört zum Kreislauf des Lebens. Weil aber die sich prostituierenden Frauen und Männcr negatives Karma auf sich laden. sollen die Gläubigen ihnen viel Mitleid entgegen bringen, um die negativen Folgen rur den Erlösungsweg auszulöschen. Da vor allem die Männer sich den sexuellen Begierden hingeben. gehört die Prostitution zum weil lichen Leben. Die sich der käunichen Liebe hingebenden Frauen bekommen bei den Nonncn Hilfe und Zuwendung. sie müssen sich vom böscn Karma reinigen und ein neucs SelbstwertgefOhl aufbauen. Für viele Frauen. z.B. in Thailand. kann das Überleben der Familie nur durch Prostitution gesichert werden. Die Nonnen bieten ihre spirituelle und rituelle Hilfe auch dcn Fmuen nach Fehlgeburtcn oder nach Abtreibungen an. l2
Arbeit und Schub der Umwelt Die Menschen benötigen Besitz. um überleben zu können. Auch Reiche und Besitzende können den Weg des Buddha gehen. sie müssen allerdings ihre Gier nach Besitz und ihre Verhaftetheit am Reichtum innerlich aufgeben. Sie können viel von ihrem Besitz als Almosen rur Klöster. oder rur Anne und Leidende geben. Der Reichtum soll fur soziale Stiftungen und Verpflichtungen genutzt werden. denn alle Menschen sollen die Chance zum Überleben haben. Erst wenn kein materieller Mangel mehr besteht und das Überleben gesichert ist. können die Gläubigen beginnen. sich auf den spirituellen Weg der Erlösung zu begeben. Alle Gläubigen werden zu eifriger Erwerbstätigkeit ennahnt. um mit ihren Erträgen auch Mitmenschen ernähren zu können. Daher soll jeder Gläubige einer Arbeit nachgehen. ob Mönch. Nonne oder Laie. Alle müssen ihren Beitrag für den Unterhalt der Gesellschaft leisten. Wenn wirtschaftlicher Wohlstand erwirtschaftet wird, dann sollen alle in einem übcrschaubarem Bereich daran teilnehmen können. Folglich müssen in einer Gesellschaft alle Menschen die Möglichkeit haben, einer Arbeit nachzugehen und dafür entlohnt zu werden. Doch niemand soll sich aus Gier nach Besitz und Reichtum von der Arbeit versklaven lassen. Auch in der Arbeitsethik gill der Weg des mitt· leren Maßes. sowohl die Faulheit. als auch die körperliche und geistige Überanstrengung sollen vennieden werden. Die rechte Tat ist ein wesentlicher Teil des achtgliedrigen Weges. ': M. Huner. Das ewige. 222-224. K. Mcisig. Klang. lO8-t 16.
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Diese rechte Tat umschließt bestimmte Aufgaben. sie schließt aber bestimmte Berufe und Tätigkeiten aus. Buddhisten sollen nicht als Schlächter. als Jäger. als Fischer und als Henker arbeiten. der Handel mit Menschen ist ihnen verboten. Sie sollen sich auch nicht an der Verwertung und Vermarktung von Fleisch beteiligen, auch Geschäfte mit Waffen und mit Drogen sind ihnen verboten. Die rechte Tat soll so gewählt werden. dass die Arbeit fur die Gemeinschaft nützlich und flir den eigenen Erlösungsweg fOrderlich ist. Sie darf gegen keines der fünf Grundgebote verstoßen. Für Mönche und Nonnen gelten bei der Arbeit noch strengere Verbote. sie sind an ihre funf Gelübde gebunden. Grundsätzlich gill. dass keine Form der Arbeit andere Menschen und Lebewesen schädigen und zerstören darf.J3 Eine besondere Betonung findet die Solidarität mit dem nichtmenschlichem Leben. Vom ersten Buddha wird berichtet. dass er tiefes Mitleid mit den Tieren gezeigt habe. Und frühe Legenden erzählen, dass sich ein Tier dem Jäger geopfert habe. Doch es habe ihn dann überzeugt. weiterhin aufFleischgenuss zu verzichten. Einige Texte sagen. dass die Buddhanatur sich auch in den Tieren zeigen könne. Vor allem die Mahayana-Buddhisten sind überleugt. dass alle Lebewesen an dieser hinunlischen Natur Anteil haben können. Vom König Ashoka wird berichtet. dass er die Tötung von Tieren fOr Opferlwecke verboten hat. ja dass er sogar Heilungsorte für verletzte Tiere eingerichtet habe. Er wies die Ärzte an. nach Heilkräutern für die Menschen und die Tiere zu suchen.~ Diejenigen Tiere. welche von Menschen zur Arbeit eingesetzt werden, dürfen nicht gequält und überfordert werden. Denn sie stellen ihre Kraft den Menschen freiwillig zur Verfügung. Der Gläubige muss rur das Wohl seiner Haustiere sorgen. auch in ihnen kann die Buddhanatur versteckt sein. Das nichtmenschliche Leben ist ein Teil der Natur. deswegen hat der gläubige Buddhist hohe Achtung vor ihm. Er unterlässt es. die Mitnatur zu schädigen oder zu zerstören. sie bietet den Lebensraum für Menschen und für Tiere. Japanische Buddhisten betonen das Einssein von Mensch und Natur. beide sollen in einer harmonischen Beziehung leben. dann geht es heiden gut. Im 20. Jh. sind in den buddhistischen Ländern Bewegungen zum Umweltschutz und zur Bewahrung der Natur entstanden. Sie werden unter dem Sammelnamen .. Öko-Buddhismus" zusammen gefasst. Vor allem die japanischen Rinzai-Tempel pflegen die Naturfrömmigkeit und leiten die Gläubigen zu Ehrfurcht vor der ganzen Mitnatur an. Manche Lehrer zählen die Natur und die Umwelt zur Gemeinschaft der Glaubenden (Sangha). deswegen müssen sie in besonderer Weise geschützt werden. Andere Organisationen bemühen sich um die nationale und die globale Bewahrung des Friedens (Buddhist Peace Fellowship). denn zum sozialen Frieden der Menschen zählen sie auch die Bewahrung der Schöpfung und den Schutt der Natur.
HJ. Greschat. Die Religion. 124-128. M. Hulter. Das ewige. 222-226. )00 U. Schneider. Die großen. 105-107.
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Die International Society for Ecology and Cullure (seit 1978) bemüht sich
weltweit um den Schutl der natürlichen Umwelt. um die Entwicklung der Ku)· turen und um soziale Gerechtigkeit in den einzelnen Gesellschaften. Alle diese Bemühungen werden vom Prinzip der Gewaltlosigkeit (ahimsha) getragen und motiviert. Dazu kommt das geforderte Mitleid mit allen Lebewesen. die Angst vor den negativen Folgen der Gewalt und die Sorge um das Fortschreiten auf dem Weg lUT Erlösung. Denn die moralische Lebensfonn ist die Voraussetzung für die erfolgreiche Meditation. Das gelebte Mitgefühl. die rechte Aufmerk· samkeit und die regelmäßige Meditation prägen die Lebensform des gläubigen Buddhisten." Ein Buddha ist ein erleuchteter Mensch. der sich von den Mitmenschen durch sein tiefes Mitgefühl mit anderen Lebewesen. durch seine starke Liebe zu ihnen und durch die innere Gnadenkrafl. vor allem durch seine moralische Reinheit deutlich abhebt. Seine Gedanken. seine Worte und Handlungen streben nichts Böses mehr ;:In. in ihm sind überwehliche Kräfle wirksam. folglich kann sein körperliches Leben sein wahres Sein gar nicht ausdrücken. Über dem irdischen ist ein geistiger Körper wirksam. der von der ewigen Lehre und Wahrheit geformt wird. Dieser geistige Körper ist unsichtbar und unvergänglich. er ist mit der letzten Wirklichkeit in Verbindung. In diesem ewigen Dharma-Körper vereinigen sich alle Buddhas. So lebt ein Erleuchteter in einem Körper der Freude und der Wonne. dies ist die Folge seiner moralischen Verdienste. die er in einem langen Leben angesammelt hat. Diese Grundlehren des Mahayana prägen die moralischen Lebensziele des Gläubigen. Denn jeder Schüler des ersten Buddha soll sich bemühen. die Buddhanatur in seinem Leben zu entdecken und zu entfalten. Dies gelingt ihm in kleinen Schriuen. wenn er MitgefÜhl zu den anderen Lebewesen zeigt. wenn er auf Rache rur erlittenes Böses verzichtet. wenn er keinerlei Gewalt anwendct und wenn er solidarisch mit den Armen lebt. Er soll sein Leben lang nach der bleibenden Wahrheit suchen und sich in Barmherzigkeit und Milde üben.:wi Im späteren Mahayana werden die Barmherzigkeit und das Mitgefühl noch stärker betont als das innere Suchen nach der ewigcn Wahrhcit. Deswcgen soll ein Mönch haus los leben und sich von den Dingen der Welt trennen. denn sein Dasein muss sich nach der ewigen Lehre richten. Zu jeder Zeit muss er seinen Körper abhärten und seinen Geist schulen. dazu aber benötigt er die Freundschaft mit weisen Männem und Frauen. Die weltlichen Geschäfte sollen ihn nicht von seinem inneren Streben abbringen. denn sein Auge blickt immer auf die Wahrheit des Erleuchteten. Die Hitze und die Kälte. Leiden und Schmerz muss er ertragen lernen. denn er weiß um die Vergänglichkeit aller Dinge und Erfahrungen. Je besser er seine Buddhanatur erkennt. umso mehr schreitet er auf dem Erlösungsweg fon. M. HUller. Das ewige. 225-231. H. Bechert. Der Buddhismus. t48-150. ~ R.A. Gard. Buddhismus. 100-106. K.H. Golzic. Wer den Bogen. 134-145.
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Auchdie Nonnen sollen sich von den äußeren Sorgen frei machen. wenn sie sich der Gemeinschaft anschließen. Sie müssen lernen, die erlebte Lust und den erfahrenen Hass loszulassen. Wenn sie sich fürdie ewige Weisheit öffnen. erkennen sie ihre Schwächen und Fehler. Deswegen schauen sie auf den großen Buddha. dem sie nachfolgen wollen. Ihr Leben erhält einen neuen Wert. von ihm erbiuen sie Gnadenkraft. Denn sie wollen voll Mitgefühl zu allen Wesen leben. den Zweifel überwinden und die innere Ruhe finden. In der Nachfolge des Buddha erleben sie eine innere Freiheit, die sie bisher nicht kannten.J7 Mönche. Nonnen und Laien sind gemeinsam auf dem achueiligen Pfad unterwegs. um der Erlösung vom Leiden näher zu kommen. Die rechteAnschauung sagt ihnen. dass die Übel in der Welt aufhören können. Und durch das rechte Trachten erkennen siedie Möglichkeit der Entsagung. der Güte und der Freundlichkeit. Auf dem Pfad der rechten Rede lernen sie. der Lüge zu entsagen. die Verleumdung, die Beleidigung und das leere Gerede aufzugeben. Das rechte Tun sagt ihnen. dass es nie erlaubt ist, andere zu schiidigen. elwas zu stchlen oder sich der unerlaubten Lust hinzugeben. Den rechten Lebensunterhalt erwerben sie durch eifrige Arbeit und harte Anstrengung. Beim rechten Bemühen geht es darum. die Willenskmft zu stärken und den Geist zu formen. alle Lebensenergie soll auf das Ziel der Erlösung hin gelenkt werden. Durch die rechte Aufmerksamkeit erkennen die Gläubigen die Vergänglichkeit aller Dinge und des Lebens. Immer aber benötigen sie innere Begeisterung und Willensstärke. um auf dem begonnen Weg voran zu schreiten. Die Meditation hilft ihnen. die innere Ruhe, die tiefe Freude und die heitere Gelassenheit zu gewinnen. So erklären frühe Texte die Verwirklichung des achueiligen Weges. In der Pali-Theravada-Tradition flihrt die Übung der Moral zur höheren Einsicht. Denn wer seine sinnlichen Begierden reduziert und seinen Willen stärkt. der versteht die Entstehung der Übel in der Welt. Er lernt dann die moralischen Zielwerte der Geduld mit allen Lebewesen. der Hingabe an den Buddha. des Mitgefühls mit den Leidenden. der Freigiebigkeit. der Gewaltfreiheit und der Bewahrung des Friedens. Er freut sich an der Schönheit dieser edlen Ziele und schreitet in der Erkenntnis der letzten Wahrheit fort. Auf diese Weise lernt er die Liebe zu allen Lebewesen und die innere Gelassenheit. Denn immer sind es innere Einstellungen. welche die Lebensform eines Menschen prägen. 38
Ethikdiskussion im modernen Buddhismus Der Buddhismus zeichnet durch die Vielfalt der Lehren und Lebensformen aus, auch wenn die moralischen Grundwerte in allen Schulen sehr ähnlich sind. Deswegen hat er sich vielen Kulturen und Zivilisationen angepasst und lebt auch in modemen Gesellschaften mit reicher Kreativität weiter. Seit dem 19. Jh. gibt es in n R.A. Gant, Buddhismus. 132-134. HJ. Greschat. Die Religion. 144-160. )I M. Hulter. Das Ewige. 180-196. H. Dumoulin. Spiritualitäl. 134-148.
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buddhistischen Ländern Erneuerungsbewegungen. welche die Grundwerte ihres Glaubens den modemen Lebensbedingungen anzupassen versuchen. Seil mehr als 150 Jahren sind buddhistische Lehren auch in westlichen Ländern bekannt geworden. sie wurden auf unterschiedliche Weise rezipiert. In Indien engagierte sich Anagarika Dharmapala rur die Wiederbelebung der buddhistischen Lebensform in seinem Land. ErwolltedieseGlaubensform in ganz Südost-Asien erneuern. Durch neue Formen der Meditation sollten neue soziale Schichten ftirdiese Lehren und Lebenswerte gewonnen werden. Die Mönche übernahmen vennehn auch politische und soziale Verantwortung in ihren Ländern. Gleichzeitig griffen sie nationale Ideen und Denkmodelle auf. Eine buddhistische Politik sollte sich vor allem der unteren sozialen Schichten annehmen und die soziale Gerechtigkeit fördern. Dazu kam das Ziel der Befreiung von den europäischen Kolonialherren. die durch dcn gcwaltfreien Widerstand erreicht werden sollte. In Burma unterstütztcn die Buddhisten einen Aufstand der Bauern gegen ihre Grundherren (1930-1932). um mehr Rechte zu erhalten. Doch es ging den politischen Mönchen nichl nur um die Verminderung der Armut. sondern langfristig um dic Errichtung eines buddhistischen Idealstaales. Zu dieser Zeit wurden auch marxislische Ideen von der Revolution der Amlcn und von der klassenlosen Gesellschaft mit Begeisterung aufgenommen. Die buddhistischen Lehrer erkannten. dass die soziale Ungerechtigkeit vor allem durch die Gier weniger Menschen nach Reichtum und Besitz. durch den Hass der Reichen gegen die Armen und durch die Lüge in der Politik weiter getragen wird. Nach diesem Denkmodell sollte die Gütergemeinschaft der Mönche und Nonnen ein Vorbild für einen kommunistischen Staat werden. in dem es ebenfalls kein privates Eigentum geben sollte. Die Mönche lehrten. der Marxismus bringe dem einfachen Volk die niedere Wahrheit des Lebens. die höhere Wahrheit aber liege im buddhistischen Glauben verborgen. Diese Lehre von einer doppelten Wahrheit sollte die Zusammenarbeit zwischen marxistischer Politik und buddhistischer Lebensform ermöglichen. In dieser Zeit erhiehen einige Klöster sogar die Gerichtsbarkeit bei Besitzstreitigkeiten wieder zurück. J9 Nach einem religiösen Kongress in Rangun (1954-1956) wurde der Buddhismus als Staatsreligion für Burma bestimmt. Als später andere Religionen wie der Islam oder das Christentum auch staatliche Anerkennung anstrebten. gab es von den buddhistischen Klöstern heftigen Widerstand. Doch die spätere Politik des Landes wandte sich von den marxistischen Ideen ab und griff sozialdemokratische Vorstellungen auf. um sie mit buddhistischen Grundwerten zu verbinden. Hier zeigt sich. dass die buddhistische WeJ1eordnung mit vielen politischen Programmen vCJ1r