Ursula Mense-Petermann · Gabriele Wagner (Hrsg.) Transnationale Konzerne
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Ursula Mense-Petermann · Gabriele Wagner (Hrsg.) Transnationale Konzerne
Ursula Mense-Petermann Gabriele Wagner (Hrsg.)
Transnationale Konzerne Ein neuer Organisationstyp?
Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.
1. Auflage August 2006 Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006 Lektorat: Frank Engelhardt / Marianne Schultheis Der VS Verlag für Sozialwissenschaften ist ein Unternehmen von Springer Science+Business Media. www.vs-verlag.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in the Netherlands ISBN-10 3-531-14707-2 ISBN-13 978-3-531-14707-9
Vorwort
Der hier vorgelegte Sammelband geht auf teils schon langer bestehende Forschungskontakte und -kooperationen zwischen einigen der beteiligten Autoren zuriick. Diese gemeinsamen Forschungsperspektiven wurden unter der Fragestellung nach „Transnationalen Konzemen als neuem Organisationstyp" auf einem Workshop, den die Herausgeberiimen im Dezember 2002 am Institut flir Weltgesellschaft der Universitat Bielefeld ausgerichtet haben, systematisch zusammengefiihrt und durch weitere Beitrage erganzt. Der Sammelband ware ohne die Untersttitzung von Menschen und Einrichtungen an der Universitat Bielefeld nicht zustande gekommen, denen wir an dieser Stelle unseren Dank aussprechen wollen. Wir danken dem Institut fiir Weltgesellschaft und dem Graduiertenkolleg „Weltbegriffe und globale Strukturmuster" ftir die organisatorische und vor allem auch fiir die fmanzielle Untersttitzung des Workshops. Unser Dank gilt auch dem Lektor des Verlages fiir Sozialwissenschaften, Frank Engelhardt, fiir die konstruktive Zusammenarbeit. Ebenfalls zu danken haben wir alien Vortragenden und Teilnehmerinnen und Teilnehmem an den Diskussionen des Workshops fiir zahlreiche wichtige Beitrage zur Frage nach „Transnationalen Konzemen als neuem Organisationstyp". Sowohl bei der Organisation des Workshops als auch bei der Erstellung der Druckvorlage fiir den hier vorliegenden Sammelband haben wir auf die engagierte und kompetente Untersttitzung von Astrid Dinter vertrauen konnen. Hierfiir schulden wir ihr besonderen Dank.
Bielefeld, im Marz 2006
Ursula Mense-Petermann Gabriele Wagner
Inhalt
Gabriele Wagner / Ursula Mense-Petermarm: Zur Einleitung: Transnationale Konzeme als neuer Organisationstyp? Glokalitat als Organisationsproblem
I.
Jenseits des normativ-evolutionaren Paradigmas Theoretisch-konzeptionelleDeutungsangebote
33
Philipp Hessinger: Zwischen Weltmarkt und Weltgesellschafl: Transnationale Untemehmen im Umbruch der globalen Warenketten
35
Ursula Mense-Petermann: Transnationalisierung als glokale Restrukturation von Organisationsgrenzen
63
Mike Geppert / Dirk Matten / Peggy Schmidt: Hintergrunde und Probleme der Transnationalisierung multinationaler Untemehmungen: Globale Isomorphismen, national business systems und , transnationale soziale Raume'
II. Transnationalisierung - Prozessdynamiken zwischen „ModeUtransfer" und Lokalisierungsprozessen Christoph Dorrenbacher: Mikropolitik in Multinationalen Untemehmen: Konturen eines neuen Forschungsfeldes
85
121
123
Inhalt
Florian Becker-Ritterspach: Wissenstransfer und -integration im Transnationalen Konzem: Eine soziologische Perspektive
Matthias Klemm / Michael Popp: Die Lokalitat transnationaler Untemehmen
Ill.Informelle Netzwerke, Reputation und Vertrauen Infrastrukturen von Transnationalisierungsprozessen? Gabriele Wagner: Expatriates als Netzwerkarchitekten
153
189
223
225
Johannes Gliickler: Lokale oder globale Reputation? Auf der Suche nach globalen Wettbewerbsvorteilen in der Untemehmensberatung
249
Hermann Kotthoff: Wer bekommt den Kassenschltissel hinter der Grenze? Vertrauensbeziehungen im globalisierten Konzem
279
Autorinnen und Autoren
3 00
Zur Einleitung: Transnationale Konzerne als neuer Organisationstyp? Glokalitat als Organisationsproblem
Gabriele Wagner, Ursula Mense-Petermann
1.
Einleitung
Transnationale Konzerne - unter diesem ,Label' hat sich in der organisationsund industriesoziologischen sowie betriebswirtschaftlichen Globalisierungsforschung eine lebhafte Debatte um den Wandel von Organisationsstrukturen und -strategien grenziiberschreitend tatiger Untemehmen entwickelt. Als „treibende Krafte" wirtschaftlicher Globalisierung (Altvater/ Mahnkopf 1997), als die zentralen Akteure in Prozessen weltwirtschaftlicher Vergesellschaftung (Ztindorf 1999) und als Verkorperung eines neuen , one best way' des Umgangs mit hochst komplexen und global konstituierten Umwelt- und Wettbewerbsbedingungen (Bartlett/ Ghoshal 1989; 1990) stehen sie im Zentrum unterschiedlicher theoretischer Perspektiven in der Globalisierungs- und Weltgesellschaftsdebatte. Der vorliegende Sammelband kniipft an diese Diskussion an, indem er einerseits die Kritik der international vergleichenden Organisationsforschung an dem normativ-evolutionaren „Idealtypus" des transnationalen Untemehmens aufnimmt, andererseits jedoch die vielfaltigen empirischen Beobachtungen eines grundlegenden Wandels in der Organisation grenziiberschreitender Wirtschaftsorganisationen emst nimmt. Obwohl die meisten der hier versammelten Beitrage auf eigenen empirischen Forschungsergebnissen der Autoren beruhen, geht es hier nicht in erster Linie darum, die empirische Basis fur diesen Wandel zu verbreitem. Vielmehr will der Band die Diskussion weiterfuhren, indem er fragt, wie sich dieser Organisationswandel jenseits eines normativ-evolutionaren Begriffs von Transnationalisierung theoretisch-analytisch beschreiben und erklaren lasst. Der Begriff des transnationalen Untemehmens soil hier also zunachst nur auf gewandelte Organisationsformen grenziiberschreitender Wirtschaftsorganisationen verweisen. Die Frage, ob Transnationale Konzerne einen neuen Typus
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von Organisation darstellen, und wenn ja, wie er sich theoretisch modellieren und empirisch rekonstruieren lasst, steht im Zentrum des Bandes. Denn was aussteht, ist eine genuin organisationssoziologisch ausgerichtete Theoretisierung von Transnationalisierungsprozessen und -formen: Was bedeutet Transnationalisierung flir die Umweltbezuge von (Wirtschafts-) Organisationen? Was bedeutet sie flir die Inklusion von Mitgliedem? Wie verandert sich ihre soziale Einbettung? Was geschieht mit kulturell verankerten Deutungssystemen und Relevanzstrukturen?
2.
Transnationale Unternehmen im Spiegel unterschiedlicher theoretischanalytischer Perspektiven
Die in den 1990er Jahren forcierte Globalisierungsdebatte speist sich ganz wesentlich aus dem Refund der starken Zunahme von auslandischen Direktinvestitionen seit den 1970er Jahren, die zunehmend das Wachstum der Inlandsproduktionen und des intemationalen Handels iiberfltigelt (vgl. Friedrichs 1999). So stiegen seit Beginn der 1980er Jahre die Kapitalabfliisse in Form von auslandischen Direktinvestitionen jahrlich um 27,8%, d.h. sie stiegen dreimal so schnell wie der Export und viermal so schnell wie das Weltsozialprodukt. Gleichzeitig nimmt auch der Teil des intemationalen Handels zu, der innerhalb von transnationalen Konzemen abgewickelt wird - die OECD beziffert ihn auf 25-30% (Altvater/ Mahnkopf 1997: 251; Boltanski/ Chiapello 2003: 23f.). Galten noch vor wenigen Jahrzehnten solche Konzeme als typisch nordamerikanische Erscheinung, so zahlt die United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) Anfang des 21. Jahrhunderts iiber 65.000 transnationale Konzeme mit mehr als 850.000 auslandischen Tochterfirmen und 54 Millionen Angestellten (UNCTAD 2002; vgl. Kohler 2004: 29). „Damnter gibt es Konzeme, deren Umsatz groBer ist als das Bmttosozialprodukt mittlerer Staaten" (Altvater/ Mahnkopf 1997:248). Es sind aber nicht allein die wirtschaftsstatistischen Befunde, die die offentliche wie auch wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf global agierende Unternehmen lenken. Transnationale Konzeme gelten als zentrale Akteure im Prozess globaler okonomischer Integration und als „maBgebliche Vemrsacher okonomischer Schwerpunktverlagemngen oder ,global shifts"' (Kohler 2004: 29). Der quantitative Bedeutungsgewinn intemationaler Handelsstrome und intemational
Transnationale Konzeme als neuer Organisationstyp?
tatiger Organisationen verweist auch auf qualitative Bedeutungsverschiebungen, die je nach analytischem Zugriff unterschiedlich konzeptionell gerahmt werden. In der polit-okonomischen Perspektive fokussiert der Begriff des transnationalen Untemehmens auf eine Herauslosung grenziiberschreitend tatiger Wirtschaftsorganisationen aus politischen und staatlich-regulativen Einbindungen. Der Begriff des transnationalen Untemehmens dient hier dazu, Fragen nach dem Verhaltnis von Wirtschaft, Globalisierung und Nationalstaat in den Blick zu nehmen und kritisch auf die abnehmenden Regulations- und Steuerungschancen von Nationalstaaten hinzuweisen (vgl. Reich 1993). Problematisiert wird weiterhin ein Demokratiedefizit, das seinen Grund m der scheinbar ,grenzenlosen' Macht der global player hat. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass der Begriff des transnationalen Untemehmens hier unspezifisch genutzt wird. Die spezifischen Organisationsstmkturen, -strategien und -konzepte grenztiberschreitender Untemehmen bleiben in der black box und so der Thematisierung entzogen. Ablesen kann man das unter anderem an der Art, wie der Transnationalisiemngsindex (TNI) konstruiert ist, den die UNCTAD seit Anfang der 1990er Jahre regelmaBig berechnet. Der Transnationalisiemngsindex ist der arithmetische Mittelwert aus dem Anteil der auslandischen an den gesamten Vermogenswerten, der auslandischen an den gesamten Umsatzen und der auslandischen an der gesamten Beschaftigung (Kohler 2004: 31). Gemessen wird hier die Quantitat des Auslandsengagements, nicht jedoch die Qualitat im Sinne von Fragen nach der spezifischen Organisationsweise dieses Auslandsengagements. Die, nicht nur fur die Berechnungen der UNCTAD typische, synonyme Verwendung so unterschiedlicher Organisationskonzepte wie das Internationale, das multi-, transnationale Oder globale Untemehmen blendet die Frage komplett aus, ob der quantitative Bedeutungsgewinn auch eine qualitativ neue Stufe von Globalisiemngsprozessen einlautet oder nicht. Festgehalten werden kann, dass in der politokonomischen Perspektive der Begriff der Transnationalisiemng in gesellschaftstheoretischer und vor allem in gesellschaftskritischer Absicht genutzt wird. Eine organisationstheoretische Fundierung der kritischen Beobachtungen und politischen Befurchtungen bleibt jedoch auBen vor.'
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Zwar beziehen sich die polit-okonomischen Globalisierungsansatze explizit auf die Ebene der Gesellschaft und nicht auf die der Organisation. Die fehlende organisationssoziologische Fundierung hat aber, das zeigen auch die Beitrage in diesem Band, Folgen fur die Ergebnisse, zu der eine solche makro-soziologische Betrachtung kommt. Unserer Ansicht nach wird hier die
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In einer ahnlichen, ebenfalls makrosoziologischen Perspektive nutzen Weltgesellschaftstheorien den Begriff des transnationalen Untemehmens, um die Frage nach dem Verhaltnis von grenzuberschreitend tatigen Wirtschaftsorganisationen und (welt-)gesellschaftlichen Prozessen zu klaren. So unterscheidet Zundorf (1999: 34) mit Weltmarkten, transnationalen Untemehmen und intemationalen Organisationen drei Typen der weltwirtschaftlichen Vergesellschaftung. Transnational Untemehmen spielen dabei fur ihn die zentrale Rolle: „Wenn man (...),Export' als Indikator fur transnationale Marktvergesellschaftung und ,Tochteruntemehmen' als Indikator fur transnationale Untemehmensvergesellschaftung nimmt, kann man Transnationalisierung bzw. Abwanderung als Wandel der Vergesellschaftungsform von der Markt- zur Untemehmensvergesellschaftung interpretieren. Mit diesem Wandel der Vergesellschaflungsform geht eine Zunahme der Vergesellschaftungsintensitat einher. Denn der Aufbau eines Tochteruntemehmens im Ausland bringt ein sehr viel starkeres Interesse an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhaltnissen des jeweiligen Gastlandes mit sich als jeder Export" (ebd.: 41). Daher komfnt Ziindorf zu dem Ergebnis, dass „Untemehmen bzw. ihre Fiihrungsgruppen die wichtigsten Agenturen weltwirtschafllicher Vergesellschaftungen sind. Untemehmen haben eine logische Prioritat gegentiber Markten, well es in den weitaus meisten Fallen Untemehmen sind, die Markte entwickeln, miteinander vemetzen und, sofem es sich um Faktormarkte handelt, gelegentlich auch intemalisieren" (ebd.: 49). Auch in dieser Perspektive ist Transnationalisierung ein organisationstheoretisch unspezifischer Begriff, der, wie bereits im Zusammenhang mit politokonomischen Ansatzen gezeigt, lediglich auf die Tatsache der ,t}berschreitung' Oder des ,Unterlaufens' von nationalstaatlichen Grenzen durch die Griindung Oder tjbemahme von Tochtergesellschaften sowie die wirtschaftliche Betatigung jenseits des ,eigenen' Heimatlandes abhebt. Wie Tochtergesellschaften in Konzemstrukturen integriert werden, wie sie gesteuert werden, welche Funktionen, welche Handlungs- und Entscheidungskompetenzen sie im Rahmen des Konzemverbunds haben, wie die Beziehungen zwischen den verschiedenen Tochtergesellschaften ausgestaltet sind - all diese Fragen werden in den beschriebenen makrosoziologisch argumentierenden Ansatzen nicht gestellt. So konnen auch Probleme, Widerspriiche und Blockaden, wie z.B. interkulturelle Konflikte, mikro-politische Auseinandersetzungen, Steuerungsparadoxien nicht
,Potenz' transnationaler Untemehmen uberschatzt, Bruche und Blockaden im Globalisierungsprozess, die aus organisationsintemen Prozessen resultieren, dagegen unterschatzt.
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in den Blick geraten. Es fehlt diesen Ansatzen eine organisationssoziologische Unterfutterung, was das Risiko von - nicht im normativen, sondem im phanomenologischen Sinne - allzu globalisierungsoptimistischen Einschatzungen beinhaltet. Zwar wird den Organisationen als weltwirtschafllichen Akteuren viel ,zugetraut' - Probleme, Widersprtiche und erst recht das jederzeit mogliche Scheitem der Umsetzung von Globalstrategien bleibt aber auBerhalb der Analyse (vgl. auch Matthai 1999). Mit einem Wort: Nicht gestellt wird die entscheidende und empirisch wie theoretisch spannende Frage, wie Transnationalitat iiberhaupt konkret organisiert und stabilisiert wird (Greve/ Heintz 2005). So betont denn auch Hirsch-Kreinsen (1997) aus einer industriesoziologischen Perspektive, dass das Szenario „eines sich friktionslos durchsetzenden und ungebrochen ausdehnenden Prozesses der okonomischen Globalisierung (...) so lange nicht tiberzeugend (ist), als nicht auch Grenzen, Beharrungskrafte und damit Unwagbarkeiten der Entwicklung und ihrer Ruckwirkungen auf die Verhaltnisse in einzelnen Landem genauer in die Analyse einbezogen werden. Dies gilt insbesondere fur die Strategien der intemationalisierten Untemehmen und die Funktionsweise der sich weltweit etablierenden Produktions- und Wertschopfiingsketten" (ebd.: 487). Ganz anders als in diesen makrosoziologischen Ansatzen wird der Begriff des transnationalen Untemehmens in der dezidiert auf der Ebene der Organisation ansetzenden managementwissenschaftlichen Perspektive genutzt: Bartlett und Ghoshal (1989; 1990) haben das transnationale Untemehmen als einen Organisations- und Strategietypus neben anderen - namlich dem intemationalen, dem multinationalen und dem globalen Untemehmen - entwickelt. Der Fokus liegt hier explizit auf den oben genannten Fragen nach dem wie der Organisation grenziiberschreitender Wirtschaftsaktivitaten (vgl. auch Macharzina 1995; Riedl 1999). Da Bartlett und Ghoshals Vorschlag einer „transnational solution" (1989) zur Organisation grenziiberschreitender Wirtschaftsaktivitaten in Zeiten fortschreitender Globalisiemng sowohl in der managementwissenschaftlichen Debatte um intemationale Untemehmensfiihrung als auch in der intemational vergleichenden Organisationsforschung stark rezipiert worden ist, und im letztgenannten Bereich zu dem Bezugspunkt kritischer Debatten und vielfaltiger empirischer Forschungen - nicht zuletzt auch in diesem Band geworden ist, soil dieser Ansatz etwas ausftihrlicher vorgestellt werden. Bartlett und Ghoshal (1989, 1990) unterscheiden vier idealtypische Strategic- und Orga-
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nisationstypen im Bereich des Managements grenziiberschreitender Untemehmensaktivitaten:^ Das internationale Unternehmen iibertragt Produkte und Konzepte, die am heimischen Markt und in der heimischen Organisation bereits etabliert sind, auf die auslandischen Standorte. Die Standorte sollen so vom Wissen und von den Innovationen, die in der Untemehmenszentrale generiert worden sind, profitieren. Zugrunde liegt hier die Produktlebenszyklus-Theorie (Vernon 1966; vgl. auch Macharzina 1995: 722ff): Produkt- und Prozessinnovationen werden zunachst auf heimischem Terrain, wo das Unternehmen eine starke Marktposition hat, durchgesetzt. Das hier erworbene Erfahrungswissen wird dann transferiert, um Skaleneffekte zu erzielen. Das multinationale Unternehmen setzt auf Prasenz in und moglichst gute Anpassung an unterschiedliche nationale Markte und Produktionsstandorte. Es gewahrt seinen auslandischen Tochtergesellschaften einen hohen Grad an Autonomic hinsichtlich der Fragen nach Produkt-, Produktions-, Beschaffungs- und Absatzpolitiken mit dem Ziel, eine moglichst gute Anpassung an die unterschiedlichen nationalen Bedingungen zu gewahrleisten. Zugunsten der moglichst hohen lokalen Akzeptanz auf den unterschiedlichen nationalen Markten wird auf mogliche „Integrationsvorteile" (Riedl 1999) verzichtet. Der multinationale Konzem ist daher eher ein Portfolio zahlreicher nationaler Einheiten denn ein international oder global integriertes Unternehmen. Das globale Unternehmen agiert strategisch genau umgekehrt. Es setzt auf globale Effizienz und orientiert sich dabei auf den Weltmarkt als integriertes Ganzes. Es entwickelt und vertreibt standardisierte ,Weltprodukte' und operiert mit standardisierten, ,weltbezogenen' Strategien. Das transnationale Unternehmen nun will globale Effizienz und lokale Anpassung gleichzeitig erreichen. Dies geschieht durch Modul- oder Plattformstrategien, bei denen Basiskomponenten und grundlegendes Design standardisiert werden, Einzelheiten oder Erscheinungsbild aber nach den Anforderungen unterschiedlicher lokaler Markte modifiziert werden konnen. Ziel ist die globale Wettbewerbsfahigkeit, d.h. „Marktnahe ist primar ein Instrument, um im internationalen G^sohMi flexibel reagieren zu konnen" (Bartlett/ Ghoshal 1990: 84; Herv. i.O.).
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Vgl. auch den Uberblick bei Riedl (1999) auf einer breiteren Basis intemationaler Managementliteratur.
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Innovation ist im transnationalen Untemehmen ebenso zentral wie Effizienz. Dabei ist wichtig, dass Innovationen nicht nur von der Untemehmenszentrale erwartet werden, sondem in vielen Bereichen des Untemehmens entstehen konnen. Das setzt eine transnationale Lemfahigkeit des gesamten Untemehmens voraus. „Transnational denkende Manager wissen, daB Ressourcen auBerhalb des Stammlandes fur das Gesamtuntemehmen nutzbringend eingesetzt werden konnen. Sie fordem die Entwicklung entsprechender organisatorischer Werte iind sichem sie fiir das Gesamtuntemehmen" (Bartlett/ Ghoshal 1990: 90). Die einzelnen Tochtergesellschaften und Untereinheiten werden nicht mehr - wie im multinationalen Untemehmen - nach nationalen Markten, oder - wie im globalen Untemehmen - nach Produktionskosten, sondem funktional differenziert. Einige Tochtergesellschaften konnen also reine Produktionsstandorte sein, andere konnen Forschungs- und Entwicklungsaufgaben fur das Gesamtuntemehmen tibemehmen. „Das transnationale Untemehmen konzentriert manche Ressourcen im Hauptquartier, andere im Ausland, wieder andere werden unter den zahlreichen nationalen Filialen aufgeteilt. Daraus resultiert eine komplexe Konfiguration von verstreuten, aber spezialisierten Vermogenswerten und Kompetenzen. Die weitgestreuten Ressourcen werden durch starke Interdependenzen in das Untemehmen eingebunden" (Bartlett/ Ghoshal 1990: 85). Diese anspmchsvolle Integration soil eine starke Unternehmenskultur leisten: „Des-" halb besteht die wichtigste Aufgabe transnationaler Manager darin, eine gemeinsame Vision und personliches Engagement zu fordem und die Organisation im BewuBtsein jedes einzelnen Mitarbeiters zu verankem" (Bartlett/Ghoshal 1990: 93). Zusammenfassend kann man das „transnationale Untemehmen" sensu Bartlett und Ghoshal als integriertes Netzwerk funktional differenzierter Einheiten ohne einheitliches hierarchisches oder geographisches Zentrum beschreiben. Hedlund (1986) hat dafiir den Begriff der Heterarchie gepragt. Im Anschluss an kontingenztheoretische Annahmen (vgl. auch Ghoshal/ Noria 1989) gehen Bartlett und Ghoshal davon aus, dass jeder dieser Strategic- und Organisationstypen zu markt- und branchenspezifischen Umweltbedingungen ,passt'. D.h. Organisationen konnen dann erfolgreich sein, wenn sie eine den in der jeweiligen Branche, auf dem jeweiligen Markt, zur jeweiligen historischen Phase vorfmdlichen Umweltbedingungen ,angepasste' Organisationsstrategie verfolgen. Neben dieser kontingenztheoretischen Anpassungsthese gehen die Autoren weiterhin davon aus, dass sich die Wettbewerbsbedingungen fur weltweit operierende Untemehmen m alien Branchen und auf alien Markten in einem konvergenten Entwicklungsprozess befmden, und zwar in eine Richtung, die die transnationale Strategic und Organisationsform zur altemativlos richti-
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gen, angepassten ,Losung' macht. Insofem beinhaltet die Typenbildung von Bartlett und Ghoshal auch eine evolutionare Vorstellung, in der das transnationale Untemehmen als „transnational solution" schlechthin ausgeflaggt wird, und zwar verstanden als one best way der Organisation grenziiberschreitender Wirtschaftsaktivitaten. Das transnationale Untemehmen ist dann nicht ein moglicher Strategie- und Organisationstyp unter anderen. Der Begriff meint vielmehr einen „Idealtyp" nicht nur im methodisch-methodologischen Weber'schen Sinne, sondem auch im normativem Sinne als erfolgversprechende oder gar garantierende organisational Losung fur die mit einer fortschreitenden Globalisierung und weltweiten Vemetzung und Verdichtung von Wirtschaft verbundenen Wettbewerbsprobleme grenziiberschreitend tatiger Untemehmen (Bartlett/ Ghoshal 1990: 91). Mit solchen Formuliemngen ebnen Bartlett und Ghoshal den Unterschied zwischen der Beschreibung eines Phanomens, seiner stmkturellen Hintergrtinde wie moglichen Folgen einerseits und den normativ aufgeladenen Erfolgsversprechen der managementnahen Beratungsliteratur andererseits ein. In der Rede von der „transnational solution" konvergieren also die Analyse von moglichen Organisationsstmkturen transnational operierender Untemehmen und die (Management-)Semantik des erfolgreichen Organisierens von Transnationalisierung. Diese wenig tiberzeugende Vermischung ,beremigt' die kritische Literatur, indem sie mit der semantischen Figur gleichzeitig auch die Beschreibung eines spezifischen Organisationsphanomens fallen lasst, fur dessen Existenz sich unseres Erachtens sowohl empirische Beobachtungen als auch organisationssoziologische Argumente anftihren lassen. Bevor wir auf die empirischen Evidenzen und mogliche organisationssoziologische Deutungen eingehen, wollen wir einen kurzen Blick auf die Uberaus kritische Rezeption des managementwissenschaftlichen Ansatzes von Bartlett und Ghoshal werfen.
3.
Transnationalisierung in Question 7MY Kritik am normativ-evolutionaren Paradigma
Vor allem in der soziologisch orientierten international vergleichenden Organisationsforschung richtete sich die Kritik insbesondere auf den normativen bias, die Starke Konvergenzannahme einer weltweit homogenen Umwelt, die den transnationalen Organisations- und Strategietypus als einzig angepasstes Erfolgsmodell erscheinen lasst. Diese Kritik kommt aus zwei Richtungen:
Transnationale Konzeme als neuer Organisationstyp?
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Die erste, und vom Forschungs- und Publikationsumfang her bisher bedeutendere, lasst sich in grober Vereinfachung als institutionalistisch charakterisieren. Die entsprechenden Studien waren in erster Linie angeleitet von der ,alten' Frage der international vergleichenden Organisationsforschung nach Divergenz Oder Konvergenz von Organisationsformen und -strategien (vgl. Eckardt et al. 1999a). Diese Kritik zielte zunachst auf die in Bartlett und Ghoshals „Idealtypus" implizit - bei Robert Reich (1993) explizit - enthaltene These vom ,footlose enterprise' und wendet sich gegen die Vorstellung von Untemehmen ohne nationalspezifische Bindungen mit einem intemationalisierten Management gleichfalls bindungs- und ortloser „Globalmanager" (Bartlett/ Ghoshal 1993), die tiberall auf der Welt Niederlassungen aufbauen und wieder schlieBen, je nach Profiterwartungen (Hirst/ Thompson 1999: 11). Hirst und Thompson (1999) kritisieren insbesondere die Vorstellung - die allerdings eher Reich (1993) als Bartlett/ Ghoshal (1989, 1990) zuzuschreiben ist -, dass transnationale Untemehmen nationalstaatliche Regulierungen unterlaufen und damit jeglicher Kontrolle und Beschrankung entgehen konnten (ebd.). In ihrer Kritik an der Transnationalisierungsthese betonen Hirst und Thompson, dass „intemational firms look for particular comparative and competitive strengths in locational advantages associated with national or regional production, innovation and business systems. MNCs thus seek to tap into the advantages offered by particular locations so as to strengthen their overall competitive performance and success" (1999: 93; eigene Hervorhebung). Das flihrt laut Hirst und Thompson nicht zum Unterminieren von regionalen oder nationalen Innovations- und business systems, sondern gerade zu ihrer Starkung. Weiterhin betonen Hirst und Thompson, wie auch eine Reihe anderer institutionalistisch orientierter Forscher^ die Bedeutung des Heimat- oder Stammlandes fur Strategic- und Organisationstypen sowie Globalisierungspfade von Untemehmen. Die Einbettung in nationalspezifische business systems (Whitley 2000, 2001), industrielle Komplexe (Ruigrok/ van Tulder 1995) oder Aushandlungsarenen (Dorre 1996) fiihrt zu deutlichen Unterschieden zwischen grenzliberschreitend tatigen Untemehmen. Die je nach Kontexten hochst unterschiedlichen Organisations- und Globalisiemngsstrategien sind in einer Reihe von
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Allerdings zeigen Geppert et al. (in diesem Band), dass dies fur den europaischen, nicht aber fiir den amerikanischen Institutionalismus zutrifft. Letzterer betont nicht die landerspezifischen Unterschiede in den instituitonellen settings, sondern die transnationalen Angleichungsprozessen in wichtigen Umweltbereichen von Organisationen.
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empirischen Studien dokumentiert. So weisen Ruigrok und van Tulder (1995) auf die Bedeutung industrieller Komplexe hin. „Demzufolge muB die Intemationalisierung von Konzemen im Zusammenhang mit den jeweiligen produktiven, politischen und sozialen Stammland-Einbindungen sowie der damit verbundenen Kontrollstrategien analysiert werden. (Hier wird) das Zusammenspiel von Organisationsstrukturen und -strategien sowie die Machtaspekte innerhalb und zwischen den in die industriellen Komplexe involvierten Organisationen hervor(gehoben). Die Betonung der jeweiligen regionalen Meso- oder Netzwerkebenen - und damit der Perspektive nicht auf individuelle Untemehmen sondem weitere Kooperationskomplexe sowie die entsprechende Einbettung von Internationalisierungsverlaufen - spricht sowohl gegen eine extreme und weltweit einheitliche ,Applikation' von Produktionsmodellen als auch gegen deren Konvergenz im Sinne eines one best way" (Eckardt et al. 1999a mit Bezug auf den Ansatz industrieller Komplexe). Ebenfalls auf dieser Linie unterstreicht Dorre (1996) die bleibende Einbettung deutscher'Weltuntemehmen' in die historisch gewachsene und durch das deutsche Institutionensystem und dessen korporative Akteure konstituierte Aushandlungsarena, in der Globalisierungsstrategien ,verhandelt' werden. Als letzter Beleg ftir „die Macht des Ortes" (Flecker 2000) sei hier auf die Arbeiten von Whitley hingewiesen. Whitley (2001) geht davon aus, dass die Intemationalisierungspfade von Untemehmen, d.h. die Frage wo investiert wird, welche Funktionen im Ausland angesiedelt werden, und wie die Beziehungen zwischen Untemehmenszentrale und Standorten gestaltet werden, in ganz erheblichem AusmaB von den jeweiligen business systems des Stammlands einerseits, aber auch der Gastlander der Niederlassungen andererseits beeinflusst wird. Er meint sogar, dass Untemehmen, die in bestimmten, namlich hoch integrierten und koharenten business systems beheimatet sind, sich gar nicht in die transnational Richtung entwickeln werden. Die zweite, bisher noch wenig ausgearbeitete, aber in diesem Band forcierte Kritiklinie ist eine organisationssoziologisch informierte, handlungstheoretisch argumentierende. Ausgangspunkt dieser Kritik ist die bei Bartlett und Ghoshal implizit gehaltene Vorstellung einer bmchlosen Durchsetzung der Strategien des Top-Managements und die optimistische Einschatzung bezuglich der Steuemngskapazitat von ,Kultur'. Gegen solche Deutungen wird aus einer mikropolitischen Perspektive auf die Eigeninteressen der Akteure in den Niederlassungen und auf deren Machtressourcen und Widerstandspotentiale gegen zentral formulierte Strategien und ,Rollenzumutungen' verwiesen (vgl. Forsgren 1990; Flecker 2000; Dorrenbacher in diesem Band). Die inteme Strukturierung der Zentrale-Standort-Beziehungen wird dann nicht (allein) als Folge emer monolinea-
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ren Managementdirektive verstanden, sondem als Ergebnis von wechselseitigen Macht- und Austauschbeziehungen, die nach den Akteurskonstellationen und Machtressourcen fragt (vgl. Femer/ Varul 2000; Forsgren 1990; MensePetermann 2005). „Unter dieser interaktionistischen und machtpolitischen Perspektive ist das Binnenverhaltnis der Untemehmen, d.h. das Zusammenspiel zwischen Standorten und Zentrale im Intemationalisierungs- und Restrukturierungsprozess zu untersuchen, wobei dem Managementprozess zentrale Bedeutung zukommt. Die Bedeutung eines Standortes im Konzernverbund diirfte sich nicht allein aus dem jeweiligen Aufgaben-, Ressourcen- und Kompetenzzuschnitt ergeben, sondem auch aus der ,Macht des Ortes' (vgl. Flecker 2000), die sich aus lokalen Machtressourcen speist, wozu der ,okonomische Erfolg' ebenso gehort wie starke ,Landesfursten' bzw. ein hoher Prestigewert auf der intemen Standorteskala" (Matthai/Kotthoff 2001: 19). Auch andere akteurtheoretische Perspektiven, wie die strukturationstheoretische (vgl. Becker-Ritterspach 2004 und in diesem Band) oder die phanomenologische (vgl. Klemm/Popp in diesem Band), stellen eine umstandslose Ubemahme von zentralen Vorgaben in Frage und betonen stattdessen die kommunikativen Prozesse der Rezeption, Ubersetzung und Aneignung sowie Modifikation zentraler strategischer und organisatorischer Vorgaben an den verschiedenen Standorten. In den Blick geraten also Prozesse der Hybridisierung von Organisations- und Produktionsmodellen (vgl. die Sammelbande von Boyer et al. 1998 und Dorrenbacher 2003), deren Ergebnis dann nicht mehr den Blaupausen der headquarters entspricht. Auch aus einer akteurtheoretischen Perspektive heraus muss also die Konvergenzthese von Bartlett und Ghoshal mit deutlichen Fragezeichen versehen werden. SchlieBlich ist auch die ,Heterarchie-Annahme' (Hedlund 1986), d.h. die Vorstellung vom transnationalen Untemehmen als Netzwerk ohne einheitliches Zentrum, in Frage gestellt worden. Empirische Studien zeigen, dass aktuelle Reorganisationsprozesse vor allem von Untemehmen des multinationalen Typs mit einer Zentralisierung von Handlungs- und Entscheidungskompetenzen in den Konzemzentralen verbunden sind (vgl. Bochum 2000; Mense-Petermann 2005). Mit Blick auf die hier rekonstmierten institutionalistischen wie auch akteurtheoretischen Argumentationslmien steht die international vergleichende Organisationsforschung liberaus kritisch dem Begriff des transnationalen Untemehmens gegentiber; manche Forscher lehnen es aufgrund seiner normativen Vorbelastung und der diskutierten kritischen Konnotationen uberhaupt ab, ihn zu verwenden und nutzen an seiner Stelle den Begriff des multinationalen Unterneh-
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mens, der dann als Oberbegriff fiir alle Varianten international agierender Untemehmen steht (vgl. Dorrenbacher in diesem Band). Allerdings lauft eine Kritik, die den normativen Implikationen und one best woy-Vorstellungen der semantischen Figur der „transnational solution" eine Absage erteilt und dabei gleichzeitig auch den phanomenologisch-beschreibenden Teil des Strukturbegriffs der transnationalen Organisation verabschiedet, Gefahr, einen tatsachlich empirisch beobachtbaren Wandel von Strategien und Organisationsformen grenziiberschreitender Wirtschaftsaktivitaten (und deren gesellschaftliche Folgen) zu iibersehen. Das nicht zuletzt deshalb, weil man vorschnell auf die begrifflichen Unterscheidungsmoglichkeiten verzichtet, die Typologien wie die von Bartlett und Ghoshal vorgeschlagene bieten, Und empirisch gibt es vielfaltige Hinweise auf einen qualitativen Organisationswandel grenzuberschreitend tatiger Untemehmen, die begrifflich eingefangen und organisationssoziologisch verstanden werden wollen. Zunachst muss - was die Kritik haufig ignoriert - betont werden, dass die Entwicklung des „Idealtyps" des transnationalen Untemehmens von Bartlett und Ghoshal auf einer empirischen Studie von neun global operierenden Untemehmen beruht. Verfolgt wurde die Entwicklung der globalen Wettbewerbsfahigkeit dieser Untemehmen und diese wurde in Beziehung gesetzt zu den Strategic- und Organisationsformen der Untemehmen. Der Idealtyp des transnationalen Unternehmens wurde dann aufgmnd der beobachteten Strategic- und Organisationsformen der global erfolgrcichen Untemehmen des samples entwickclt. Bartlett und Ghoshal betonen ausdrucklich den Untcrschied zwischen den empirisch beobachteten Organisationsformen und dem theoretisch konstruierten und ,verdichteten' Idealtypus. Aber auch und gerade empirische Studien aus dem Bereich der soziologischen, intemational vergleichenden Organisationsforschung, die sich kritisch von dem normativ-evolutionaren Ansatz abgrenzen, haben eine Reihe von Hinweisen auf einen qualitativ bedeutsamen Wandel in den Organisationsformen und -strategien grenzuberschreitend tatiger Untemehmen geliefert. Unstrittig ist, dass sich seit Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre die Strategien und Stmkturen, mit denen grenzuberschreitend tatige Untemehmen ihre weltweiten Aktivitaten organisieren, maBgeblich gewandelt haben (Morgan 2001; Lane 2001; Flecker/ Simsa 2001; Pries 1999; Eckardt et al. 1999b; Hirsch-Kreinsen 1997). Kempunkte dieses Wandels sind der LFbergang von einer segmentaren zu einer fiinktionalen Arbeitsteilung und Spezifikation der einzelnen Untemehmensteile, die Entwicklung neuer, transnationaler und netzwerkformiger Kom-
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munikations-, Kooperations- und Koordinationsformen und eine sehr viel engere Integration der weltweiten Aktivitaten. So beobachten Pries und seine Kollegen, dass sich die drei groBen deutschen Automobilhersteller am Anfang des 21. Jahrhunderts im Ubergang von der multinationalen zur transnationalen Organisationsform befmden (vgl. Pries 1999). Letztere ist gekennzeichnet durch eine „grundlegende Reorganisation der konzemintemen Arbeits- und Funktionsteilung zwischen den weltweit verteilten Standorten: Innerhalb der Konzeme treten Standorte aus verschiedenen Weltregionen „in einen systematischen und teilweise bewuBt forcierten Wettbewerb um Investitionen, Produktmodelle und Produktionsquoten" (Eckardt et al. 2000: 4). Im Zuge der Transnationalisierung werden die bis dahin „weitgehend isolierten Montage- und Produktionsaktivitaten der verschiedenen Lander (...) in eine immer dichter und komplexer werdende transnationale Aufgabenstruktur und Arbeitsteilung eingebunden" (Eckardt et al. 1999b, S. 174). Faust et al. (2004a) konzentrieren sich vor allem auf die Frage der Organisation von Wertschopfungsketten (vgl. auch Hessinger in diesem Band) und konstatieren hier „a strong move into network-like forms to organize production (...)" (Faust et al. 2004a: 26). Faust et al. beschaftigen sich zwar nicht in erster Linie mit global operierenden Konzemen, sondem untersuchen die Neukonfiguration von organisationsintemen und -extemen Austauschbeziehungen und Wertschopfungsketten im Zuge von outsourcing-FolitikQn. Dabei weisen sie aber - und das ist durchaus auch relevant fiir unseren Zusammenhang - auf einen kulturellen Wandel in der Wahmehmung von Moglichkeiten und Chancen durch Globalisierung hin. Tradierte Selbstverstandlichkeitsannahmen und Uberzeugungen beztiglich ,richtiger' Organisationsstrukturen und -strategien werden durch die Wahmehmung neuer Moglichkeiten in Frage gestellt und iiberdacht. Das heiBt nicht unbedingt, dass die etablierten Organisationsweisen zugunsten neuer, globaler best practices verabschiedet werden. Das Ergebnis einer solchen Infragestellung althergebrachter Organisationsstmkturen und -strategien kann auch sein, dass man sich entscheidet, an ihnen festzuhalten. Aber sie verlieren vor dem Hintergrund neuer, globaler Sinn- und Deutungsangebote ihren Status der Selbstverstandlichkeit und Unhmterfragbarkeit (Faust et al. 2004a: 22; vgl. zu diesem Argument auch Lane 2001). Auch Morgan (2001) verweist zwar auf die bleibende Bedeutung institutioneller Kontexte fiir die Organisationsformen und Globalisiemngspfade grenz-
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iiberschreitend tatiger Untemehmen, beobachtet aber gleichzeitig „a new level of social interaction that creates new relationships" (ebd.: 127), die er als transnationale soziale Raume untersucht (vgl. auch Kotthoff 2001)/ Was in diesen empirischen Befunden - die sich ja jeweils an den Fragen nach Konvergenz versus Divergenz von Strategien und Organisationsformen, nach Einbettung in oder Entbettung aus national- oder landerspezifischen institutionellen settings, nach Zentralisierung oder Dezentralisierung von Handlungs- und Entscheidungskompetenzen sowie nach Hybridisierungsprozessen abarbeiten - zusammenfassend deutlich wird, ist die Frage nach einem neuen Verhaltnis von Globalem und Lokalem. Diese Diskussion wird in der Globalisierungsforschung unter dem Begriff der Glokalitdt (Robertson 1998) gefuhrt. Mit diesem Begriff bezeichnet Robertson die „simultaneity and interpenetration of what are conveniently called the global and the local" (Robertson 1995: 30). Er beobachtet einen doppelten Prozess: „die Aneignung universeller Werte und Artefakte im Kontext lokaler und lebensweltlicher Gemeinschaften einerseits sowie die Werbung fur bzw. Verteidigung von lokalen und regionalen Werten und Identitatsformen in einer globalen Arena andererseits" (Dtirrschmidt 2002: 54). Dieser Begriff der Glokalitat lasst sich nun mit Gewinn auch in die Debatte um neue Organisationsformen grenziiberschreitender Wirtschaftsaktivitaten einfuhren. Er stellt so etwas wie die hidden agenda hinter den hier versammelten Beitragen dar. Denn auch beim „Idealtypus" des transnationalen Untemehmens geht es ja zentral darum, dass die lokalen Niederlassungen einerseits bei der Bearbeitung ihrer Aufgaben die globale ,Konzembrille' tragen, d.h. die Belange des Gesamtunternehmens im Blick haben, andererseits jedoch je spezifische lokale Ressourcen in das Gesamtuntemehmen einbringen, was gewisse Freiraume fur die Entwicklung und ,Pflege' solcher lokalen Spezifika voraussetzt. Glokalitdt in diesem Sinne wird in dem hier vorliegenden Band jedoch nicht als ,Losung', sondem als Problem verstanden.
Das aus der Migrationssoziologie ubemommene Konzept des ,transnationalen sozialen Raums' (vgl. Vertovec 1999; Faist 2004, Pries 2001a) wird hier genutzt, um auf Prozesse des Organisationswandels und eine neuartige Qualitat der grenzijberschreitenden Koordinations- und Kooperationsformen innerhalb von Organisationen hinzuweisen, ohne gleich die Organisation als Ganze als transnational beschreiben zu miissen - mit all den normativen und teleologischen Implikationen, die bei Bartlett und Ghoshal damit verbunden sind, Letzterem steht vor allem Kotthoff (2001 und in diesem Band) sehr kritisch gegenuber.
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4. Die Beitrage Im I. Teil des Bandes sind Beitrage versammelt, denen es - jenseits der semantischen Figur des transnationalen Untemehmens in der beratungsnahen Managementliteratur - darum geht, theoretisch-konzeptionelle Vorschlage zu machen, die es erlauben, ohne normativen bias Prozesse des Organisationswandels grenziiberschreitender Untemehmen in den Blick zu nehmen. Der Beitrag von Philipp Hessinger untemimmt den Versuch, die Handlungsbedingungen zu klaren, unter denen transnationale Untemehmen in der globalisierten Okonomie agieren. Dabei wird auf Befunde verwiesen, denen zufolge die Transnationalisierungsstrategien der Untemehmen in einer komplementaren Beziehung zu der Entstehung globaler Warenketten stehen. Globale Warenketten werden dabei als ein spezifischer Modus der Einbettung okonomischen Handehis in ein „polykontexturales" Umfeld verstanden, welches aus verschiedenen Funktionssystemen „komponiert" ist. Ausgehend von diesen tJberlegungen wird deutlich, dass Transnationalisiemngsstrategien mit einer deutlichen Komplexitatszunahme in der Beziehung von Organisation und Umwelt verbunden ist. Daraus ergibt sich die - nur auf den ersten Blick tiberraschende - These eines relativen Machtverlustes eben dieser Untemehmen in ihren relevanten Netzwerken. Ursula Mense-Petermann schlagt vor, die Organisation der Transnationalitat als „glokale Restmkturation von Organisationsgrenzen" begrifflich zu fassen. Diese Rekonfiguration von Sinn- und Erwartungsgrenzen hat zur Folge, dass lokale Rationalitaten anschlussfahig sein mtissen an die Rationalitat der Gesamtorganisation. Damit, und darauf kommt es an, entstehen glokale Regeln der Legitimation, Sinnkonstitution und Herrschaft, die sicherstellen, dass sich Handeln und Entscheiden an den einzehien Standorten als viabel mnerhalb beider, also der lokalen und zugleich der globalen-zentralen Bedeutungsrahmen erweisen. Damit wird jedoch in keinster Weise der Globalisierungseuphorie oder dem best practice Optimismus von Bartlett und Ghoshal das Wort geredet. Ob die Organisation von Transnationalitat im Sinne der glokalen Restmkturation von Sinn- und Erwartungsgrenzen gelingt, welche Sinndeutungskomplexe im Medium der Viabilitat entstehen und welche konkrete Organisationsgestalt die transnationale Rekonfiguration letztlich annimmt, ist eine empirisch offene Frage, die sich auch an mikropolitischen Machtkonstellationen (Dorrenbacher in diesem Band) und den Translationskompetenzen der relevanten Akteure (BeckerRitterspach in diesem Band) entscheidet.
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Mike Geppert, Dirk Matten und Peggy Schmidt eruieren in ihrem Beitrag die theoretischen Moglichkeiten eines neo-institutionalistischen Ansatzes fur die Analyse von Transnationalisierungsprozessen. Hier rticken die Umwelten von Organisationen ins Zentrum der Beobachtung. Anders als in der managementwissenschaftlichen Literatur, die vor allem auf Strategic und organisationsinterne Prozesse des Organisationsaufbaus und der Steuerung fokussiert, wird hier die Einbettung von Organisationen in institutionelle Umwelten betont. Dabei nutzen die Autoren die Unterscheidung zwischen US-amerikanischen neoinstitutionalistischen Ansatzen, vor allem reprasentiert von John Meyer und seinen Kollegen sowie von Powell und DiMaggio, die sich in erster Linie auf den Staat und seine Gesetzgebung, Professionen und ihre Organisationen sowie organisational Felder als zentrale Umwelten von Organisationen beziehen, und europaischen institutionalistischen Ansatzen, die vor allem auf das Bildungssystem und die industriellen Beziehungen als zentrale Institutionen in der Umwelt von Wirtschaftsorganisationen abheben, um einen Analyserahmen aufzuspannen, in dem dann die Transnationalisierungsfrage diskutiert werden kann. Die Autoren zeigen, dass der europaische Institutionalismus geeignet ist, die Einfliisse je nationalspezifisch verfasster institutioneller Umwelten auch auf Globalisierungsstrategien und -pfade deutlich zu machen. Globalisierung erscheint in dieser Perspektive nicht als Prozess der Loslosung von landerspezifischen Einbindungen, und die Ergebnisse von Untemehmensglobalisierung liegen dementsprechend nicht in einer weltweiten Konvergenz von Organisationsstrukturen. Der US-amerikanische Institutionalismus hebt dagegen auf Institutionen ab, die selbst einem Transnationalisierungsprozess unterliegen und betont dementsprechend konvergente Entwicklungen in der Organisation von Wirtschaftsaktivitaten. Erst beide institutionalistischen Perspektiven zusammengenommen erlauben, jenseits von one-best-way-Axm^hmQn und Transnationalisierungsidealen, eine differenzierte Analyse der komplexen Prozesse von Einbettung und Nutzung je unterschiedlicher institutioneller Umwelten und von Transnationalisierungsprozessen. Die Beitrage des II. Teils fokussieren die organisationsintemen Interaktionsdynamiken zwischen Konzernzentralen und lokalen Niederlassungen. Im Zentrum stehen hier Versuche von Konzernzentralen, die transnationale Integration durch den Transfer von best practices oder ganzen Produktionsmodellen zu verstarken, sowie die daraus resultierenden interaktiven Prozesse zwischen Zentrale und Standorten. Christoph Dorrenbdcher schlagt in seinem Beitrag eine mikropolitische Perspektive auf international tatige Untemehmen vor. In einer solchen handlungs-
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theoretischen Perspektive werden die organisationsintemen Machtspiele und Interessenauseinandersetzungen fokussiert, die die Organisation konstituieren. Dorrenbacher zeigt, dass die international vergleichende Organisationsforschung bisher eher institutionalistisch oder funktionalistisch argumentiert und damit zentrale Aspekte der Organisation grenziiberschreitender Aktivitaten nicht in den Blick bekommen hat. Dabei konimt es ihm zunachst allgemein - unabhangig von der konkreten Organisationsform der grenziiberschreitenden Aktivitaten - auf den Nachweis der zentralen Bedeutung mikropolitischer Prozesse an. Daher nutzt er auch den allgemeinen Begriff des multinationalen Untemehmens, mit dem schlicht auf die Tatsache der Ausweitung von Untemehmensaktivitaten iiber das Stammland hinaus ohne organisatorische Implikationen verwiesen werden soil, anstelle des Begriffs des transnationalen Untemehmens, der ihm normativ zu stark vorbelastet erscheint. In zweiter Linie und am empirischen Beispiel von Mandatsverhandlungen und damit verbundener mikropolitischer Konstellationen wird dann jedoch auch deutlich, dass (iber die Analyse mikropolitischer Konflikte auch ein Wandel in den Organisationsformen grenztiberschreitend tatiger Untemehmen beobachtet werden kann. Sichtbar wird in dieser Perspektive, dass eher mit einer Pluralisierung von Organisations- und Strategietypen zu rechnen ist, denn mit der Durchsetzung des transnationalen Unternehmens als one best way. Florian Becker-Ritterspach wendet sich dem Problem zu, dass die besonderen Organisationsstrukturen transnationaler Konzeme hohe Anfordemngen an Prozesse des lateralen und vertikalen Wissenstransfers stellen. Die Gleichzeitigkeit von steigendem Innovationsdmck und globaler Standardisiemng in Kombination mit der geforderten Anpassung an lokale Kontexte verhindert einen unproblematischen Transfer als universal giiltig gedachten Wissens. Obgleich das Thema Wissen und Wissenstransfer in der Intemational Business und Managementliteratur eine groBe Rolle spielt, gibt es dennoch zwei bemerkenswerte Dunkelfelder. Zum einen erfahrt man in den Beitragen wenig iiber die Frage, was mit dem iibertragenen Wissen geschieht und wie sich der aufhehmende Kontext im Prozess des Wissenstransfers verandert. Zum anderen liegen keine ausgearbeiteten Studien vor, die Prozesse der Wissensintegration mikrosoziologisch auf der Ebene der Interaktion konkreter Akteure, ihrer Interessen, Machtressourcen und Deutungskompetenzen rekonstmieren. In seinem Beitrag verbindet Becker-Ritterspach Argumente aus dem Skandinavischen Institutionalismus mit der Stmkturationstheorie, um ein altematives Modell zur praziseren Analyse von Wissenstransfers zu formulieren. Das Translationskonzept des Skandinavischen Institutionalismus unterstreicht, dass sich der Wissenstransfer
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angemessen nur als dialektische Transformation beschreiben lasst. Wissen wird nicht einfach ubertragen, es wird iibersetzt, wobei der Zielkontext das transferierte Wissen genauso verandert wie die Transferinhalte das aufhehmende System andem. Dieses Argument wird um die Strukturationstheorie erweitert, um zu zeigen, wie Translationen durch die Einbettung von Akteuren in organisatorische Kontexte und ihrer „Positionierung" (Giddens) in sozialen Systemen ihrerseits sozial strukturiert sind. Der hier vorgeschlagene Analyserahmen lenkt die Aufmerksamkeit darauf, wie komplex und voraussetzungsvoll die oft zitierte Anforderung an transnationale Organisationen ist, Transferinhalte an lokale Kontexte anzupassen. Ganz offensichtlich ist darunter mehr und anderes zu verstehen als eine kontingenztheoretisch informierte Adaption an gegebene Umweltbedingungen. Das unterstreicht auch der Beitrag von Matthias Klemm und Michael Popp, der ebenfalls das Verhaltnis von lokalen, zentralen und glokalen Wissensinhalten und Deutungsangeboten fokussiert. Auf der Basis einer empirischen Fallstudie iiber die Integration eines tschechischen Automobiluntemehmens in den Konzemzusammenhang eines deutschen global operierenden Automobilkonzems beobachten sie Kommunikations-, Kooperations- und Koordinationsformen, die als transnational charakterisiert werden konnen. Diese werden jedoch nicht - wie von Bartlett und Ghoshal vorgestellt - von ,oben' implementiert, sondem emergieren in transnationalen Kommunikationsbeziehungen. Klemm und Popp schlagen eine phanomenologisch-wissenssoziologische Perspektive auf Prozesse des Organisationswandels im Zuge fortschreitender Globalisierung vor, mit deren Hilfe die Kontingenz und die Hybriditat der Ergebnisse solcher Transnationalisierungsprozesse in den Blick geraten. Insbesondere die Rolle der Lokalitdt in ihrem Verhaltnis zu globalen Beziigen wird hier ins Zentrum gertickt. So kommen die Autoren zu einer differenzierten Antwort auf die Titelfrage nach dem transnationalen Konzem als neuem Organisationstyp: Nicht im transnationalen Unternehmen als Heterarchie sehen sie den neuen Organisationstypus, sondem im Offhen einer „entscheidungsoffenen Aushandlungsarena", in der die Beziehungen zwischen Konzernzentrale und Standorten ausgehandelt werden. Im III. Teil schlieBlich werden mogliche Jnfrastrukturen' von Transnationalisierungsprozessen untersucht. In den Beitragen dieses Teils wird zum einen die ,Unwahrscheinlichkeit' von Transnationalisierung als hochvoraussetzungsvollem Prozess betont, zum anderen dann aber danach gefi-agt, welche Akteure, Medien und Strukturbildungen Transnationalisierung - empirisch, d.h. von Fall zu Fall - dann doch ermoglichen.
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So beginnt Gabriele Wagner ihren Beitrag denn auch mit der These, dass die Stabilisierung transnationaler Organisationsstrukturen unwahrscheinlich ist, in dem Sinne, dass sie zwar empirisch moglich, aber hochvoraussetzungsvoll ist. Der Beitrag geht dann der Frage nach, welches eigenthch die Bedingungen fur eine solche Stabilisierung transnationaler Organisationsformen sind. Dabei zeigt Wagner die Widerspriiche einer Organisationsstrategie auf, die gleichzeitig auf global effectiveness und local responsiveness setzt. Am empirischen Beispiel von deutschen expatriates, die Niederlassungen in der Russischen Federation leiten, werden die mit einer solchen Strategic verbundenen Spannungen, aber auch mogliche Ressourcen des Umgangs mit diesen Spannungen herausgearbeitet. Wagner zeigt hier die zentrale Bedeutung sozialer Netzwerke fur die Abarbeitung dieser Spannungen und Widerspriiche. Dabei macht sie jedoch deutlich, dass solche sozialen Netzwerke zum einen nicht nur Ressource sein, sondem auch Blockadepotential haben konnen, und zum anderen als Ressourcen aufierhalt der formalen Organisation liegen und daher von diesen nicht umstandslos kontrolliert und instrumentalisiert werden konnen. Ebenso fragt Johannes Gluckler nach den Voraussetzungen, die eine transnationale Organisationsstrategie iiberhaupt ermoglichen und dauerhaft stabilisieren. Diese Frage grtindet in der These, dass sich Transnationalitat gerade im Prozess der Transnationalisierung von Organisationen analysieren lasst. Ftir eine solchermaBen prozessorientierte Untersuchungsperspektive sind transnationalisierungskritische Momente wie der Markteintritt und die ErschlieBung neuer Kunden besonders instruktive Untersuchungsgegenstande. Am Beispiel von international tatigen Untemehmensberatungen geht der Beitrag der Frage nach, wie diese Untemehmen soziale, kulturelle und geographische Distanzen iiberwinden und wie sie sich in den anvisierten lokalen Markten zu etablieren versuchen. Dabei zeigt GlUckler, dass globale Bekanntheit und weltweit sichtbare offentliche Reputation zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung fur einen erfolgreichen Markteintritt und eine dauerhafte Etablierung in auslandischen Markten darstellen. Entscheidend fur die dauerhafte Stabilisierung transnationaler Untemehmensberatungen ist vielmehr die Einbettung in lokale soziale Netzwerke und die dort geltenden spezifischen Regeln der Gewahrung von Netzwerkreputation. Damit verweist auch der Beitrag von Gltickler auf empirische Grenzen von Transnationalisierung, die ihrerseits in dem Problem griinden, dass Prozesse der Transnationalisierung auch auf nichtokonomischen Voraussetzungen okonomischen Handelns aufruhen. Auch im Beitrag von Hermann Kotthoff stehen solche nicht-okonomischen Voraussetzungen okonomischen Handelns im Zentrum. Kotthoff markiert die
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Grenzen von Transnationalisierungsprozessen mit Blick auf das Vertrauensproblem. Trotz der transnationalen Ausrichtung der von ihm untersuchten Konzeme und der zu beobachtenden Intemationalisierung des Managements werden an den Auslandsstandorten sensible Positionen, etwa die Stelle des Finanzdirektors, auBerst selten mit lokalen Managem besetzt. Entscheidungsrelevant bei der Besetzung solcher Stellen sind mit ,Nationalitat' und ,Familie' Kriterien, die man wohl kaum mit einer hoch ausdifferenzierten Organisation in der ,Weltgesellschaft' in Verbindung bringen wtirde. Dabei zeigt Kotthoff, dass es gerade die komplexen, langen Handlungs- und Entscheidungsketten in transnationalen Konzemen sind, die den Ruckgriff auf Nation und soziale Herkunft als Entscheidungspramissen motivieren. Die Zugehorigkeit zur gleichen Nation oder einer bestimmten Familie fangt das Problem auf, dass nur in weitreichend standardisierbaren Organisationsstrukturen, Produkten oder Prozessketten sich personales Vertrauen durch Systemvertrauen ersetzen lasst. Demgegenuber zeichnen sich transnational agierende, komplex strukturierte Organisationen durch einen chronisch hohen Bedarf an personalem Vertrauen aus. Auch aus der Beobachtung der bemerkenswerten Kopplungen , Internationales bzw. globales Untemehmen/Sy stem vertrauen' und ,transnationales Untemehmen/personales Vertrauen' ergeben sich kritische Ruckfragen an das evolutorische Stufeimiodell, das Bartlett und Ghoshal mitflihren.
5. Resumee In der Gesamtschau zeigen die Beitrage dieses Bandes, dass sich Transnationalisierung als Strategic grenzuberschreitend tatiger Untemehmen empirisch durchaus nachweisen lasst. Diese Strategic wird jedoch im Organisationsalltag vielfaltig gebrochen durch mikropolitische Interessengegensatze und Aushandlungsprozesse, durch tJbersetzungs- und Hybridisierungsprozesse ,vor Ort', sowie durch Probleme der Schaffling fur Transnationalisierung notwendiger sozialer Infrastrukturen. Zusammengefasst: Untemehmen, die eine Transnationalisierungsstrategie verfolgen wollen, sind mit dem Problem der Herstellung von Glokalitdt konfrontiert. Dass dieses Problem und seine Bearbeitung keineswegs - wie die Managementliteratur nahe legt - trivial ist, das zeigen die hier versammelten Beitrage. Mit Bezug auf die Titel-Fragestellung werfen die Beitrage insofem mindestens genauso viele Fragen auf, wie sie Antworten anbieten. Zusammenfassend
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lassen sich zwei Punkte festhalten: Mit der Durchsetzung der transnationalen Organisationsform als einzige Antwort auf sich global konstituierende Umwelten ist nicht zu rechnen. Vielmehr muss von einer Pluralitat von Organisationsund Koordinationsformen grenzUberschreitender Wirtschaftsaktivitaten ausgegangen werden. Das transnationale Untemehmen als eine solche Organisationsform lasst sich aber sehr wohl empirisch beobachten und theoretisch als neuer Organisationstyp bestimmen, insofem als es sich im Hinblick auf seine Umweltbeziige, die Inklusion seiner Mitglieder, seine soziale Einbettung, seine Grenzziehungen und seine sozialen Infrastrukturen deutlich von anderen Koordinationsformen grenzUberschreitender Wirtschaftsaktivitaten unterscheidet.
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Teill Jenseits des normativ-evolutionaren Paradigmas Theoretisch-konzeptionelleDeutungsangebote
Philipp Hessinger
Zwischen Weltmarkt und Weltgesellschaft:
Transnationale Unternehmen im Umbruch der globalen Warenketten^
1. Weltmarkt oder Weltgesellschaft? Schaut man in die reichhaltige Literatur zum Thema ,Globalisierung' der Weltwirtschaft, so fmdet sich fast in jedem Beitrag die Annahme, dass dieser Prozess auf zwei eng miteinander verflochtene Trends verweist: zum einen der Trend zur Reorganisation bestehender Untemehmensstrukturen und zum anderen der Trend zur raumlichen Restrukturierung der relevanten Produktionsensembles. In der Diskussion tiber die raumlichen Auswirkungen der Globalisierung wirtschaftlicher Aktivitaten fmden sich wiederum zwei einander entgegengesetzte Interpretationen der ktinftigen Entwicklung. Auf der einen Seite wird die Herausbildung eines global-homogenisierten Wirtschaftsraumes hervorgehoben, in dem national verankerte okonomische Strukturen zunehmend an Bedeutung verlieren (Albrow 1998; Reich 1998; Ohmae 1996). Auf der anderen Seite wird auf die fortbestehende Unterschiedlichkeit „nationaler Einbettungskontexte" verwiesen (Abelshauser 2003; Hall/ Soskice 2001; Boyer/ Drache 1997; Crouch/ Streeck 1997). Ungeachtet ihrer gegensatzlichen Einschatzungen der Folgen und Reichweite von Globalisierungsprozessen gehen beide Deutungsangebote davon aus, dass der Nationalstaat infolge der weltweiten
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Ich danke insbesondere Gabriele Wagner fur kritische Hinweise und konstruktive Vorschlage.
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Veranderungsprozesse an wirtschaftspolitischen Einfluss verlieren wird. Fiir radikale Vertreter der Globalisierungsthese ergibt sich die Notwendigkeit des Abbaus nationaler Kemkompetenzen oft aus der neo-liberalen Vision (insbesondere auch im Bereich der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik) eines von nationalstaatlichen Beschrankungen ,befreiten' Weltmarktes. Fiir die Vertreter der ,Einbettungshypothese' stellt die nationale bzw. die regionale Handlungsebene ein ,Auffangnetz' dar, welches schadliche Auswirkungen dieses Deregulierungsprozesses gleichsam ,abfangen' kann (Boyer/ Drache 1997; Sabel 1989). Was die lokale Handlungsebene anbelangt, wird diese Meinung auch von manchen neo-liberalen Vertretem der Globalisierungsthese geteilt (Ohmae 1996). Die Frage ist, ob es sich hier um eine einigermaBen realistische Option handelt (vgl. Hessinger 2002; 1995b). Die empirisch fundierte Beantwortung dieser Frage impliziert allerdings, dass man die raumlichen Strukturen in der heutigen Weltwirtschafl differenzierter betrachtet. Zunachst fallen in dieser Hinsicht einige groBe Strukturumbrtiche ins Auge. Wahrend die Entfaltung des Weltmarktes im 19. und im frUhen 20. Jahrhundert in erster Linie auf der ErschlieBung neuer Absatzgebiete und deren monopolistischer Absicherung beruhte (raumliche Markterweiterung), ging der in den 1980er Jahren neu einsetzende Intemationalisierungsprozess mit einem globalen Standortwettbewerb, einer Dezentralisierung groBbetrieblicher Strukturen und einer Aufwertung regionaler innovativer Milieus einher (Reich 1991; Camagni 1991; Aydalot/ Keeble 1988). Dabei lasst sich der Aufbau neuer Kooperationsformen entlang globaler Wertschopfiingsketten beobachten, aus denen heraus ein neues Muster intemationaler Arbeitsteilung entsteht. In diesem Licht betrachtet erscheint es sinnvoll, die theoretische Perspektive zu verandem und das Augenmerk nicht mehr auf den isolierten nationalstaatlichen Wirtschaftsraum, sondem statt dessen auf jene Reorganisationsprozesse auszurichten, die auf eine verstarkte, globale Verkniipfung eben dieser raumlichen Einheiten zielen. Das erfordert allerdings einen theoretischen Ansatz, der es erlaubt, den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Differenzierungsprozessen und organisatorisch vermittelten Herrschaftsverhaltnissen zu thematisieren. In der aktuellen Globalisierungsdebatte werden demgegeniiber diese beiden Strukturdimensionen oft nur isoliert voneinander betrachtet. In der derzeitigen Theorielandschaft der Soziologie sind es vor allem zwei Ansatze, die sich mit dieser Froblematik befassen: die von Luhmann konzipierte Theorie der „Weltgesellschaft", die die evolutionare Bedeutung gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse herausstreicht, und die vor allem von Wallerstein vertretene so
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genannte „Weltsystem-Theorie", die sich neuerdings verstarkt mit Herrschaftseffekten im Rahmen von Interorganisationsbeziehungen beschaftigt. Die in diesem Aufsatz verfolgte argumentative StoBrichtung zielt dabei auf ein Konzept, das es erlaubt, ausgehend von der Analyse der Interorganisationsbeziehungen die tieferliegende Dimension der „Polykontexturalitat" der modemen Gesellschaften in den Blick zu bekommen. Als Leitfaden dienen in dieser Hinsicht die Uberlegungen von Tiirk (Tiirk 1995) und Benson (Benson 1977a; Benson 1977 b) zu einer „politischen Okonomie der Organisation" bzw. zu einer „politischen Okonomie interorganisatorischer Netze". Diese lange ,liegengebliebene' und erst jiingst reaktualisierte Konzeption zielt darauf, die intra- und interorganisatorischen Beziehungen als Manifestation gesellschaftlicher Krafteverhaltnisse zu betrachten und davon ausgehend gesellschaftliche Reorganisationsprozesse zu untersuchen. Wallerstein geht in seiner Konzeption von dem Gegensatz von „Weltmarkt" und „Weltreich" aus (Wallerstein 1974). Das modeme Weltsystem - so Wallerstein - verdankt seme Entstehung der Zerstorung der geschlossenen Wirtschaftsraume der alten „Weltreiche" durch den Weltmarkt - ein Prozess, der im 16. Jahrhundert begann und im 19. Jahrhundert im wesentlichen zum Abschluss gekommen ist. Hopkins/ Wallerstein beschreiben Entwicklungen in der modernen Weltwirtschaft ausgehend von dem Marx'schen Konzept der Kapitalverwertung als ein Ineinandergreifen von Monopolisierungs- und Demonopolisierungsprozessen (Hopkins/ Wallerstein 1994: 18). Kapitalverwertung verstehen die beiden Autoren als ein Prinzip der „Schrankenlosigkeit" in gesetzten „Grenzen". Die so gewonnene Einsicht in die Entwicklungslogik des weltwirtschaftlichen Prozesses besagt: Zunachst werden technologische Kemkompetenzen in Untemehmen des „Zentrums" gebiindelt. Der wahrend dieser Innovations- und Expansionsphase im Zentrum vorherrschende Monopolisierungsimpuls schwacht sich dann in der darauf folgenden Phase ab, in der einzelne - arbeitsintensive und leicht standardisierbare - Gewerke ausgegliedert und an die Peripherie verlagert werden. Damit werden die Grenzziehungen zwischen Zentrum und Peripherie gleichsam ,von innen her' aufgebrochen und neu definiert. Ahnlich wie die Weltsystemtheorie geht die Theorie der Weltgesellschaft von einem umfassenden Trend zur globalen Verkntipftang aller gesellschaftlichen Aktivitaten aus (Stichweh 2000). Aus systemtheoretischer Perspektive ist allerdings nicht so sehr der rein wirtschaftlich bedingte Trend der Entwicklung zum „Weltmarkt" von Bedeutung. Das eigentliche Thema der Theorie der Weltgesellschaft ist vielmehr das der Entstehung autonomer Funktionssysteme. Luhmann entwickelt dieses Konzept in scharfer Abgrenzung vom alteuro-
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paischen Gesellschaftsmodell der „Zivilgesellschaft" (Koinonia), welches auf der Leitidee des „Primats des Politischen" basierte (Luhmann 1991: 51). Der Prozess der fUnktionalen Differenzierung unterstellt demgegentiber die Abdankung von „Politik" als „Letzthorizont" und die Fokussierung aller Kommunikationen mxf funktionsspezifische Sinnhorizonte (Luhmann 1997: 145 ff.). Das bedeutet weiterhin, dass raumliche Segmentierungen sozialer Strukturen - etwa im nationalstaatlichen Rahmen - im Hinblick auf die eigentliche Entwicklung der Funktionssysteme nur von sekundarer Bedeutung sind. So gesehen ist die modeme Gesellschaft in ihrer Eigenschaft als Weltgesellschaft ein ,polykontexturales' Gebilde, das sich nur aus dem je spezifischen Eigensinn der jeweils einzelnen Funktionssysteme - z. B. des Wirtschaftssystems, des politischen Systems, des Wissenschaftssystems - heraus begreifen lasst. Von besonderem Interesse sind in diesem Kontext die Uberlegungen von Stichweh. Dieser defmiert die Beziehungen innerhalb der Weltgesellschaft als „Interrelationen". Die spezifische Pointe seines Ansatzes besteht in dem Aufweis, dass „globale Interrelation (global interconnectedness) kein Phanomen der Interaktionsordnung ist und in keinem Fall in eine interaktionelle Realitat transformiert werden kann" (Stichweh 2000: 258). Aus der Perspektive Wallersteins betrachtet zielt dieses Argument auf den Sachverhalt, dass filr die Herausbildung einer zentralen Position im Weltsystem das Zusammenspiel verschiedener gesellschaftlicher Funktionssysteme in den betreffenden Nationalokonomien entscheidend ist. Diese Annahmen lassen sich zu der Hypothese verdichten, dass in der heutigen Wissensokonomie eine Monopolstellung einzelner Produzenten deswegen viel schwerer erreichbar ist, well Wissensvorsprtinge aus dem komplexen Zusammenspiel von Funktions- und Organisationssystemen (z. B. im Rahmen nationaler Innovationssysteme) entspringen und nicht allein aus der spezifischen Position eines Interaktionspartners in einem Netz. Die scharfe Dichotomisierung von Zentrum und Peripherie ist nach Stichweh deshalb nur typisch fiir die fruhmodeme und nicht die aktuelle Phase der Weltwirtschaft, d.h. sie ist ihm zufolge ein „Interaktionsphanomen". Diese Hypothese lauft nicht notwendigerweise auf die Behauptung hinaus, dass Monopolisierungstendenzen in der heutigen wirtschaftlichen Realitat keine Rolle spielen. Auch wenn man mit diesem Argument d'accord geht, bleibt namlich offen, welche Interaktionsstrukturen im organisatorischen Binnenverhaltnis der modemen Weltgesellschaft zu finden sind. Diese Hypothese unterstellt fi-eilich, dass MachtAbhangigkeitsbeziehungen, die sich in Interaktionszusammenhangen einspielen, im weltgesellschaftlichen Kontext nur von sekundarer Bedeutung sein konnen.
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Organisationstheoretische gestern und heute
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tFberlegungen:
Globale
Warenketten
Die Einschatzungen von Stichweh und Wallerstein scheinen nur auf den ersten Blick ganzlich unvereinbar zu sein. Beide Positionen lassen sich namlich dann produktiv in Beziehung setzen, wenn man ihre allgemein gehaltenen gesellschaftstheoretischen Aussagen in organisationstheoretische Fragestellungen iibersetzt. Generell ist in dieser Hinsicht sicherHch Tiirk zuzustimmen, der Zentrum/Peripherie-Differenzen auf ein starkeres MaB an „Organisiertheit" im „Zentrum" im Vergleich zur Peripherie zuriickfuhrt (Tiirk 1995: 162). Offen bleibt freilich, was daraus fur die Interorganisationsbeziehungen im Weltmarktzusammenhang folgt. Ich mochte in dieser Hinsicht auf die aus der netzwerktheoretischen Diskussion stammenden Begriffe ..Organisation Set' und ..Action Set' zurtickgreifen (Aldrich/ Whetten 1981). Dem Begriff des Organisation Set liegt die Annahme zugrunde, dass die Umwelten von Organisationen selber aus Organisationen bestehen, deren Verhalten fur die betreffende ReferenzOrganisation „einen Unterschied macht" (Evan 1966). Daraus resultiert wiederum die Annahme, dass die Struktur des jeweiligen Organisation Set die interne Struktur der Organisation beeinflusst. Auf diese zweite Annahme zielt der Begriff des ..Action Sets". Dieser Begriff beschreibt Muster bzw. Pfade von ineinandergreifenden Handlungen (Mayer 1966). Diese konnen - entsprechend der je gegebenen „Aufgabenumwelt" der Organisation (Thompson 1967: 27f) - die Grenze zwischen Binnenbereich und Umwelt iiberbriicken, wodurch deren Binnenstruktur mit den Gegebenheiten des Organisation Set in Beziehung gesetzt wird. Zunachst ist also mit dem Begriff des Action Set die Annahme verbunden, dass es stabile grenzuberschreitende Transaktionsmuster gibt. Da Austauschbeziehungen in der Kegel mit Unsicherheiten verbunden sind, entstehen aus ihnen wechselseitige Abhangigkeiten zwischen Organisationen. Dabei konnen sich auch in der Beziehung der Organisationen untereinander stabile Action Sets einspielen, wie z. B. in Form von Oligopolen, strategischen „Spielen" etc. (Aldrich/ Whetten 1981: 389). Thompson analysiert nun die Entstehung von Machtunterschieden zwischen Organisationen ausgehend von den Austauschbeziehungen zwischen ihnen (Thompson 1967: 31). Macht ist so gesehen kein ,Attribut', sondem ein Beziehungsmodell. Dieses hat - insbesondere unter Bedingungen hoher wechselseitiger Abhangigkeit - den Charakter eines NichtNullsummenspiels (Emerson 1962). Zentrum-Peripherie-Beziehungen im Sinne Wallersteins sind in diesem Sinne Macht-Abhangigkeitsbeziehungen, die in letzter Konsequenz diuf Action Sets verweisen.
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Ausgehend von dieser Begrifflichkeit lasst sich die Stichwehsche These vom Primat der Interaktionsebene in den frtihrnodemen Wirtschaftsbeziehungen am Beispiel der niederlandischen „Vereinigten Ostindischen Compagnie" veranschaulichen (Braudel [1979] 1990: 234ff.). Diese 1602 gegrtindete Handelsgesellschaft kann als das dominante Weltuntemehmen der Periode der niederlandischen Vorherrschaft in der Weltwirtschaft gelten. Bezogen auf die Dimension der Action Sets stellt die Griindung dieses Untemehmens einen gewaltigen Zentralisierungsschub in den Handelsbeziehungen dar. Dem einheitlichen Muster seines Action Sets, welches sich in einem System von Flottenstiitzpunkten und Stapelplatzen manifestierte, stand allerdings eine Spaltung der Organisation Sets des Untemehmens in zwei scharf voneinander abgehobene Bereiche entgegen: zum einen das System des Kustenhandels in Asien, welches an den Grenzen der Whtschaftsraume der asiatischen „Weltreiche" (Indien, China, etc.) angesiedelt war, zum anderen der innereuropaische Handel. Die Struktur der heutigen Weltwirtschaft unterscheidet sich von der in dieser frtihen Periode nun offensichtlich dahingehend, dass sich die Organisation Sets der Untemehmen mittlerweile bruchlos in ein weltwirtschaftliches Beziehungsmuster integrieren lassen. Der Schritt, die Weltsystem-Theorie in einer Action 5'^^Begrifflichkeit zu reformulieren, ist eng verbunden mit dem Konzept „globaler Warenketten". Nach der Definition von Hopkins/ Wallerstein sind globale Warenketten ein „network of labor and production processes whose end result is a finished commodity (Hopkins/Wallerstein 1994:17). Spezifische Segmente oder Teilprozesse der Warenketten gelten als „Boxen", die als Produktionssegmente ftmktional definiert werden, nicht aber eine technologisch zwingende Strukturierung der Warenkette darstellen. Allgemein zeichnen sich Warenketten nach Hopkins/ Wallerstein und Gereffi durch - eine Input-Output-Struktur ihrer Boxen, - eine spezifische Form von „govemance" und - eine spezifische territoriale Struktur aus (Hopkins/Wallerstein 1994: 18fi). Sie integrieren gleichermaBen Zulieferer, Endabnehmer, strategisch bedeutsame Dienstleister, aber auch staatliche Agenturen und Forschungseinrichtungen, die in regionalen Untersttitzungsnetzen eine bedeutsame Rolle spielen konnen. So gesehen integrieren Warenketten Organisationen und Agenturen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilsystemen, wie z.B. dem politischen, dem wirtschaftlichen und dem Wissenschaftssystem.
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Warenketten existieren heutzutage nicht in alien - gleichwohl aber in sehr vielen - Wirtschaftsbereichen. Aus Entwicklungen in unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen tritt immer mehr ein konsistentes Gesamtbild hervor. So fiihrte die „passive Lohnveredlung" in der deutschen Bekleidungsindustrie in den spaten 1970er und fruhen 1980er Jahren zum Aufbau eines dichten Zuliefemetzes zunachst in Stidosteuropa (Ungam, Jugoslawien) und dann in Siidasien (Pakistan, Ceylon, Indien) (Frobel et al. 1977). Wenig spater fiihrte die sogenannte „maquiladora-Strategie" der US-Autokonzeme zum Aufbau einer eigenstandigen Zulieferindustrie jenseits der mexikanischen Grenze und zunehmend in ganz Lateinamerika (Lee/ Cason 1994). Ahnliche Entwicklungen mit Ausstrahlungseffekten auf den US-amerikanischen Raum loste zum selben Zeitpunkt die koreanische und die japanische Automobilindustrie aus (Kim/ Lee 1994). Auch die Elektro- und Elektronikindustrie folgte dieser Entwicklung (Henderson 1997). In der Sportschuhbranche machte Anfang der 1990er Jahre der Markenhersteller Nike von sich reden, der ein - durch Zwischenhandler und GroBhandler koordiniertes - Produktionsnetzwerk in Ost- und Stidostasien fur seine strategischen Zwecke einsetzte (Korzeniewicz 1994). Ein weiteres Beispiel ist der Aufbau eines weltweit operierenden Netzwerks von Franchise-Untemehmen durch den Benetton-Konzern, was sich als eine viable Alternative zu einer Vorwartsintegration des Mutteruntemehmens in den Vertriebsbereich bewahrte (Benetton/Lee [1990] 1994). Das Warenketten-Konzept der Weltsystemtheorie lasst in theoretischer Hinsicht gleichwohl eine Reihe von Fragen unbeantwortet. Die erste Frage bezieht sich darauf, wieso Zentrum-Peripherie-Verhaltnisse nicht schon immer mittels dieses Ansatzes untersucht worden sind? Anders herum gewendet kann man auch sagen: das Warenketten-Theorem bezieht sich offensichtlich auf empirische Spezifika des heutigen Kapitalismus. Eine Analyse dieser konkreten Bedingungen macht allerdings anstelle einer Action ASe^Perspektive eine eingehende Analyse der relevanten Organisation Sets erforderlich. Daran anschlieBend lasst sich dann weiter die Frage stellen, welchen Einfluss die Existenz von Warenketten auf die Handlungsbedingungen der Untemehmen hat? Ich mochte nun an dieser Stelle wieder auf das Konzept der Weltgesellschaft zuriickgreifen. Dieses Konzept blendet die Bedeutung von Action Sets (das heiBt von „Interaktionen") in der modemen Weltwirtschaft systematisch aus, seine Starke liegt demgegeniiber offensichtlich darin, dass es theoretisch gehaltvolle Aussagen und Hypothesen (iber die Entwicklung von Organisation Sets ermoglicht. Zugespitzt formuliert konnte man sagen: dem Konzept der Weltgesellschaft liegt die Annahme zugrunde, dass sich mit einer Erhohung der „Erreich-
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barkeit" von Kommunikationen und Austauschprozessen im weltgesellschaftlichen Kontext die „Polykontexturalitat" der Organisation Sets der Untemehmen erhoht. Anders ausgedriickt: im Zuge des Fortschreitens des Prozesses der funktionalen Differenzierung auf Gesellschaftsebene erhoht sich die Wahrscheinlichkeit, dass den jeweiligen Organisation Sets der Untemehmen Organisationen angehoren, die primar nicht dem Wirtschaftssystem, sondem anderen Funktionssystemen - wie z. B. dem Wissenschaftssystem, dem Erziehungssystem, dem politischen System etc. - zuzurechnen sind. In enger Beziehung zu dieser weltgesellschaftlichen Perspektive steht dann eine Konzeption der Untemehmung, die diese nicht mehr als eine rein wirtschaftliche Einheit defmiert, sondem auf die „Differenz" zur Gesellschaft abhebt. Baecker zufolge greifen Untemehmen - indem sie „Geschafte machen" - immer auf gesellschaftliche Vorgaben zurtick. Die Pointe des „Geschaftemachens" besteht dann darin, sich im Rahmen gegebener Vorgaben von diesen Vorgaben zu unterscheiden (Baecker 1993: 202 ff). Das Verhaltnis von Organisation und funktionaler Differenziemng ist bis heute ein offenes und vieldiskutiertes Problem der Soziologie (vgl. Tacke 2001; Turk 1995). Ich mochte nun im Folgenden die Uberlegungen Luhmanns zu diesem Thema als eine Art Leitfaden nutzen. Luhmann zufolge setzt die Entwicklung einer stabilen „Systemidentitat von Organisationen Differenziemng (d. h. die flinktionale Differenziemng gesellschaftlicher Teilsysteme, Philipp Hessinger) voraus und ist ohne sie nicht denkbar" (Luhmann 1968:51). Ihm zufolge kann sich namlich nur ein System „dadurch invariant halten, dass es mit verschiedenen Umwelten verkehrt (a. a. O.). Der spezifische Vorteil von Luhmanns Darstellung liegt m. E. nun darin, dass er es erlaubt, die Entstehung von Zentmm/Peripherie-Differenzen gleichzeitig organisationstheoretisch und differenziemngstheoretisch zu begrtinden. Folgt man namlich der These von Tiirk, dass Zentmm/Peripherie-Differenzen - z. B. zwischen „entwickelten" und weniger entwickelten Nationalokonomien - auf ein unterschiedliches Niveau an „Organisiertheit" verweisen, so lasst sich an dieses Argument das oben genannte Luhmannsche Argument unmittelbar anschlieBen. Die Vermutung besteht also, dass ein hoherer Grad an Organisiertheit aus einem hoheren Niveau an Polykontexturalitat in den Organisationsumwelten resultiert. Die reicher und vielfaltiger
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ausdifferenzierten Nationalgesellschaften verfugen tiber die stabileren Organisationen und insgesamt betrachtet tiber ein hoheres Organisationsniveau.^ Bezieht man nun diese Annahmen auf die Entwicklung von MachtAbhangigkeitsbeziehungen in Inter-Organisationskontexten, so konnte man weiter folgem, dass eine Zunahme an Polykontexturalitat in den relevanten Organisation Sets mit einem Zugewinn an Autonomie der einzelnen Organisationen in ihrer Beziehung zueinander einher gehen muss. Organisationen, die in unterschiedlichen Funktionssystemen operieren, sind tendenziell in sich stabiler und autonomer als solche Organisationen, die sich in ,,einsinnigen" Abhangigkeitsbeziehungen befinden. Das trifft auch und gerade auf einsinnige Abhangigkeitsverhaltnisse wirtschaftlicher Art zu.^ M.a.W. - in einem so zur Weltgesellschaft ,aufgeweiteten' Weltmarkt werden Zentrum-Peripherie-Unterschiede zunehmend durch gegenlaufige Krafte ausbalanciert. Die Theorie der Weltgesellschaft ist freilich zu abstrakt angelegt, um solchen ,struktureir wirksamen Krafte in angemessener Weise Rechnung zu tragen (Berger 2003). Gleichwohl ist sie von einem hohen heuristischen Wert, da sie nachzuzeichnen erlaubt, welche gesellschaftlichen Folgen der Prozess ftmktionaler Differenzierung hat und wie sich in dieser Hinsicht die institutionellen Grundmuster verschieben. Ich mochte nun im ft)lgenden an der Konzeption der Polykontexturalitat modemer Gesellschaften als einer starken Hypothese festhalten, ohne sie dabei jedoch dogmatisch - wie es in der Luhmannschen Systemtheorie der Fall ist ausschlieBlich auf „Weltgesellschaft" zu beziehen. Vielmehr ware zu fi-agen, ob es nicht Sinn macht, die Beziehungen auf nationalgesellschaftlicher Ebene, die in jtingerer Zeit unter dem Stichwort ..varieties of capitalism'' diskutiert werden, in diesem Sinn zu deuten. Hall und Soskice gehen etwa davon aus, dass die Unterschiede auf nationalgesellschaftlicher Ebene, die sich aus komparativen institutionellen Vorteilen ableiten lassen, im Zuge der Globalisierung - das heiBt auch: im Zuge der Entwicklung zur Weltgesellschaft im Luhmannschen Sinne zumindest stabil bleiben und nicht etwa abnehmen (Hall/ Soskice 2001: 56). Es ist an dieser Stelle allerdings nicht moglich, die Debatte zwischen Anhangem der Differenzierungstheorie und ihren Kritikem auch nur ansatzweise zu eror-
Diese Argumentation iiberschreitet freilich den Rahmen der Luhmannschen Theorie der Weltgesellschaft insofem als sie von der Fortexistenz ,nationalgesellschaftlicher' Strukturen ausgeht. Die Zuordnung von Organisationen zu Funktionssystemen ist systemtheoretisch gesehen freilich nur „ein Schema der Beobachtung", gleichwohl sind Organisationen in der Regel mit einem spezifischen Funktionssystem enger verbunden, wie z.B. Untemehmen mit dem Wirtschaftssystem, Gerichte mit dem Rechtssystem etc. (Tacke 2001).
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tern (vgl. Schimank 2000). Um die Notwendigkeit der nationalgesellschaftlichen Rtickbindung der Theorie der Weltgesellschaft (bzw. der Theorie funktionaler Differenzierung, vgl. Tyrell 1978: 187), plausibel zu machen, beschranke ich mich vielmehr auf die Ausfuhrung eines zentralen Arguments, welches in jtingerer Zeit von Berger vorgebracht wurde. Berger zufolge zielt die Luhmannsche Theorie im Kern darauf, die selbstreferentielle Geschlossenheit der Funktionssysteme zu iiberhohen, weil sie die Emergenz je unterschiedlicher Sinn- und Weltbeziige zum zentralen Angelpunkt der Theorie deklariert. Damit gerat diese Theorie allerdings in Widerspruch zu zentralen Gedanken der ,alten' Differenzierungstheorie, der es darum ging, Differenzierung als ein Dekompositionsprinzip je konkreter Gesellschaften zu begreifen (Berger 2003: 222). Durch die ,phanomenologische' Fassung des Systembegriffs, der auf die Emergenz autonomer Sinn- und Kommunikationsspharen abhebt, werden die Prozesse struktureller Ausdifferenzierung ausgeblendet, die sich auf die Differenzierung von etwas anderem in einem je gegebenen Ganzen beziehen. Vor diesem Hintergrund betrachtet macht es daher Sinn, von je konkreten nationalgesellschaftlichen Strukturbedingungen auszugehen, um Prozesse gesellschaftlicher Differenzierung naher zu untersuchen. Die von Hall und Soskice vorgebrachte These einer Beibehaltung nationalgesellschaftlicher Diversitat im Kontext der Globalisierung lasst sich dann so interpretieren, dass im Zuge der Ausdifferenzierung unterschiedlicher Funktionsbereiche und Handlungsspharen - man denke etwa an die Bereiche Erziehung und Wissenschaft, Recht oder Politik - die Variationsmoglichkeiten in der Verknupfung dieser Bereiche zunehmen. Aus dieser Variationsmoglichkeit heraus ergeben sich dann komparative institutionelle Vorteile bzw. Nachteile in der Beziehung von Nationalokonomien zueinander. So gesehen gibt es eine Briicke zwischen der weltgesellschaftlichen Konzeption universeller Erreichbarkeit von Kommunikationen im Rahmen funktionsspezifischer Zuordnungen und der der hierarchischen Positionierung von Nationalokonomien, wie sie die Weltsystemtheorie vertritt. Vor dem Hintergrund des hier vorgestellten Analyserahmens mochte ich im Folgenden zwei Thesen diskutieren. Die erste These lautet: Man kann zeigen, dass sich Theorie und Praxis der sogenannten ,transnationalen Untemehmung' ausgehend von der zunehmenden Polykontexturalitat der Aufgabenumwelten dieser Untemehmen begreifen lasst. Die zweite These ist: Die Emergenz globaler Warenketten ist nichts anderes als der Ausdruck eines Kontrollverlustes von transnationalen Untemehmen in diesem Rahmen, der sich in der Entstehung von extemen Netzwerken manifestiert.
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Das Organisationskonzept des ,ti*^nsnationalen Unternehmens'
Die gesellschaftliche ,Einbettung' transnationaler Untemehmen in je spezifische und veranderbare Organisation Sets ist ein wichtiges Thema der derzeitigen Globalisierungsdebatte. Gemeinsamer Ansatzpunkt dieser Theorien ist die Unterscheidung von Mutter- und Tochteruntemehmen. Ein wesentliches Charakteristikum des derzeitigen Globalisierungsprozesses ist nun die Schaffung transnationaler Produktionsstrukturen. Hirsch-Kreinsen beschreibt diesen Prozess als die Verschmelzung zweier vormals getrennter Strategien der Intemationalisierung der Wirtschaftsbeziehungen - einer Exportstrategie, die ausgehend von einer nationalen „home-base" (gesteuert von einem Mutteruntemehmen) den Weltmarkt ins Visier nahm, und einer Strategie der „Multinationalisierung", die auf die Schaffung eines Konglomerates von Niederlassungen in den verschiedenen Weltregionen zielte und die nur sehr lose Verkniipfungen zwischen Zentralund Tochtergesellschaften vorsah (Hirsch-Kreinsen 1998: 21). Die spezifischen Wettbewerbsvorteile dieser Strategie waren im ersten Fall die Erzielung von Skalenertragen („ economics of scale''), im zweiten Fall die Vorteile der groBeren Marktnahe. Hirsch-Kreinsen zufolge verschranken sich mittlerweile diese beiden Strategien. Ziel ist es nunmehr, an verschiedenen und evtl. wechselnden Orten flir den Weltmarkt zu produzieren. Was diese Weltmarktorientierung anbelangt, gibt es allerdings wiederum zwei verschiedene Beobachtungsoptiken. Auf dem einen Pol situiert sich eine Strategie der „Globalisierung", die nur begrenzte Variationsspielraume in einem einheitlichen Produktspektrum zulasst und weiterhin in erster Linie auf Skalenertrage setzt. Eine derartige Strategie tiberschreitet den Rahmen einer Exportstrategie, zielt aber gleichermaBen auf die Schaffung integrierter Wertschopfungsketten. Beispiele fiir Untemehmen, die diese Strategie verfolgen, sind etwa MacDonalds, Coca Cola oder auch WalMart. Bartlett und Goshal denken in diesem Fall auch an Untemehmen wie Ericsson und General Electric, welche in den 80er Jahren begannen - ausgehend von dem Mutteruntemehmen - Innovationsprozesse im weltweiten MaBstab anzustoBen und zu organisieren. Auf dem anderen Pol situieren sich Strategien der „Transnationalisierung", die auf komplexere Marktsituationen reagieren und sich auf ein Management von Veranderlichkeit und Vielfalt als zentrale Herausfordemng einstellen. Folgt man der Analyse von Castells, so hat man es im letzteren Fall mit jenem Produktionstyp zu tun, der der Stmktur der Weltwirtschaft im Zeitalter des „Informationalismus" am besten entspricht (Castells 2001: 199). Welche Bedeutung in diesem Kontext dem nationalen Standort der Untemehmenszentrale - und damit dem nationalen ,Charakter' der Untemeh-
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menskultur - zukommt, ist eine offene Frage. Reich vertritt in dieser Hinsicht sicherlich eine Extremposition, wenn er vom „Ende des nationalen Champions" spricht (Reich 1991: 111 ff.). GroBeren Zuspruch erhalten in der derzeitigen Debatte eher die Einschatzungen von Ruigrok und van Tulder oder die von Castells, die von einem bestimmenden Einfluss der nationalen Herkunft der Untemehmen auf ihre Govemance-Strukturen ausgehen und m dieser Hinsicht so etwas wie Pfadabhangigkeit der Untemehmensentwicklung ausmachen. (Ruigrok/van Tulder 1995: 152 ff.; Castells 2001: 124 ff., 186 ff). Genau betrachtet unterstellt freilich auch dieses Argument ein Schwinden der Bedeutung nationaler Einbettungskontexte, da sich die verschiedenen nationalen Strategien ja auf den Weltmarkten zunehmend durchkreuzen. Der spezifische Beitrag der Konzeption der ,Varietaten des Kapitalismus' zu dieser Debatte besteht nun m dem Hinweis, dass die Frage der embeddedness organisatorischer Strukturen nicht hinreichend beantwortet werden kann, wenn man sie auf den Aspekt von Governance- und Kontrollstrukturen beschrankt (Streeck/ Hopner 2003: 14). Anstelle einer derartigen reduktionistischen Fassung des Einbettungsproblems fordem etwa Hall und Soskice ein mehrdimensionales Modell, welches neben dem Aspekt der corporate governance auch die Bedeutung der industriellen Beziehungen, der Untemehmenskultur, der spezifischen Form von Berufsausbildung und Erziehung und der interorganisatorischen Beziehungen (z. B. im Rahmen von nationalen Innovationssystemen) herausstreicht (Hall/ Soskice 2001: 7). Das „Embeddedness-Theorem" lenkt dabei die Aufmerksamkeit auf jene Abhangigkeiten und Wechselwirkungen, die sich aus den Interaktionen zwischen den einzelnen Organisationen und Betrieben und ihren lokalen Umwelten ergeben. So gesehen geht es nicht um relativ festgelegte Abhangigkeitsstrukturen zwischen Mutter- und Tochteruntemehmen, welche sich ausgehend von dem Organisation Set des Mutteruntemehmens beschreiben und gleichsam „dingfest" machen lassen. Vielmehr hat man es nun mit jenem Muster „fortlaufender Beziehungen" (Granovetter) zu tun, welches betriebsinteme Strukturen und Prozesse mit solchen aus den lokalen Umwelten der Betriebe verknupfen. Anders ausgedriickt: an Stelle einer Organisation Set- Perspektive wird nun eine Action Set- Perspektive eingenommen. Ein derartiger Perspektivenwechsel steht dabei im Zentrum von Bartletts und Goshals Konzeption des „Netzwerkunternehmens", dessen Entscheidungsstrukturen in besonderer Weise umwelt- und kontextsensibel ausgelegt sind . Die Frage ist nun, welche Auswirkungen diese Strukturveranderungen in den Organisation Sets im Hinblick auf die Handlungsspielraume (und damit die relevanten Action Sets) der Untemehmen haben? Ist die Frage so gestellt, so
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lasst sie sich nur beantworten, wenn man sich eingehender mit der Entwicklung der Organisationsstrukturen im Rahmen globaler Produktionsverbiinde beschaftigt. Grosso modo stehen sicher derzeit in dieser Hinsicht zwei Extrempositionen gegeniiber: zum einen die Position von Reich, der von einer „Auflosung" der Untemehmen in das „globale Netz" spricht (Reich 1991: 131) und in dieser Hinsicht offen lasst, ob diese Untemehmen ilberhaupt noch strategiefahig sind. Zum anderen die Position von Ruigrok und van Tulder, die ein relativ groBes AusmaB von Strategiefahigkeit in den von ihnen untersuchten „rivalisierenden Intemationalisierungsstrategien" ausmachen (Ruigrok/van Tulder 1995: 174 ff.). Die von ihnen empirisch analysierten Typen von Intemationalisierungsstrategien ergeben sich aus den Interdependenzmustem der Untemehmen. Die Autoren unterscheiden zwischen den zwei Handlungsarenen ..bargaining within the value chain" und ..bargaining outside the value chain" (ebd.: 63 ff., 91 ff.). Offen bleibt allerdings, wie sich in diesem Kontext die nnXQxnQhmQYisinternen Stmkturen verandem. Sofem man nun der systemtheoretischen Einsicht folgt, dass sich Systeme nur auf ihre Umwelt beziehen konnen, in dem sie sich auf sich selbst beziehen, ist die eingehende Betrachtung der Verandemng der organisationsintemen Stmkturen als wesentliche Vorbedingung dafiir zu verstehen, wie sich der Umweltbezug und die Action Sets der Untemehmen verandem. Auch aus der Perspektive einer Theorie der ,Varietaten des Kapitalismus' betrachtet ist eine derartige Vorgehensweise unabdingbar, um zu einem nichtreduktionistischen Verstandnis der spezifischen Formen der gesellschaftlichen Einbettung des Unternehmenshandelns zu gelangen. Eine entsprechende Herangehensweise, die eine Organisation Set und Action Set- Perspektive zusammenflihrt, fmdet sich in der Konzeption des transnationalen Untemehmens von Bartlett und Goshal (1989/1990). Im Zentmm ihrer Studie steht dabei - wie in den anderen Ansatzen auch eine eingehende empirische Analyse der Organisation Sets intemational operierender Untemehmen, von der ausgehend eine Reihe von interessanten Schlussfolgerungen gezogen werden. Die Theorie von Bartlett/ Goshal ist oft als eine neue one-best-way-KonzQption des Managements interpretiert worden - nicht ganz zu Unrecht, was den stark positiv aufgeladenen Begriff der „Transnationalisiemng" anbelangt (Bartlett/ Goshal [1989] 1990). Um ein one-best-way Konzept handelt es sich bei ihrer Theorie gleichwohl trotzdem nicht. Dem widerspricht namlich die Tatsache, dass die beiden Autoren mit ihrem Untemehmenskonzept weder ein konkretes Organisationsdesign, noch ein spezifisches Optimummodell verbinden. Vielmehr geht es den Autoren damm, die spezifischen Umweltbeziehungen von Weltuntemehmen zu begreifen. Sie beschreiben
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dabei den Prozess der Transnationalisierung der Untemehmen als den der globalen Verkniipfiing von Organisation Sets. Der Untemehmenstyp, den die Autoren vor Augen haben, hat dabei bestimmte Einseitigkeiten der Strategiedesigns historisch jfriiherer' Untemehmensformen iiberwunden. Der Typus des „globalen Untemehmens" setzt noch auf eine starke Zentralisierung von Kompetenzen in einem auf Kosteneffizienz ausgerichteten globalen Netz. Es handelt sich in diesem Fall um eine Dominanz des Organisation Sets des ,Mutteruntemehmens' iiber die der Filialen. Der Typus des „multinationalen Untemehmens" basiert demgegentiber auf dezentralisierten Strukturen, wobei ausgehend von den nationalen Tochteruntemehmen die MarkterschlieBung vorangetrieben wurde. In diesem Fall sind die Organisation Sets von Mutter- und Tochterunternehmen voneinander isoliert. Die Konzeption des „transnationalen Untemehmens" zeichnet sich gegeniiber diesen beiden Modellen durch ein Modell der umfassenden Integration der Organisation Sets auf globaler Ebene aus. Von zentraler Bedeutung ist die Erkenntnis, dass es gelingen muss, die Ziele der Marktdifferenziemng, Effizienz und Innovation gleichzeitig zu verfolgen und in diesem Kontext weltweite Stimuli zu nutzen. Gedacht ist hier an ein Wechselspiel von zentralisierter Kontrolle in weltweitem MaBstab und dem Eingehen auf regionale und nationale Besonderheiten. Dabei treiben Bartlett und Goshal ihre Analyse bis zu dem Punkt, an dem die embeddedness in eine der Unternehmen je spezifische regionale Stmktur selber zum Thema wird. Das eigentliche Ziel der Organisationsform ,Transnationalitat' besteht darin, ein in sich koharentes Spezialisiemngsmuster der Untemehmensaktivitaten aus den konkreten Action Sets heraus zu schaffen. Die Autoren zeigen nun in ihrer Studie, dass der Ubergang von der „fbderalistischen" Stmktur eines „multinationalen" Untemehmens zu der „zentralistischen" Stmktur eines „globalen" Untemehmens einen klaren Bmch darstellt. Ein Beispiel dafiir ist der Fall der „General Electric" Anfang der 70er Jahre als ein Konzept der „direkten Beziehungen" - auf der Basis neu geschaffener „strategischer Geschaftseinheiten" - zwischen der Zentrale und den Auslandstochtem installiert wurde. Das Ziel der Schaffung eines „transnationalen Untemehmens" - so die Autoren - lasst sich durch derartige drastische Umstmkturiemngen allerdings nicht erreichen. Die Etabliemng eines in sich koharenten Spezialisiemngsmusters erfordert eher „langsame, vorsichtige und in sich konsistente Stmkturverandemngen" (Bartlett/ Goshal [1989] 1990: 109). Das Paradebeispiel hierfur ist der Reorganisationsprozess von Philips in den ausgehenden 1980er und den 1990er Jahren.
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Die wesentlichen Charakteristika des Transnationalisierungs-Konzeptes lassen sich namlich erst richtig verstehen, weim man die spezifische Struktur der Beziehung von Untemehmen und Umwelt ins Auge fasst. Bartlett / Goshal (1990) skizzieren diese Beziehungen ausgehend von einer Beschreibung der Wechselwirkungen zwischen Action Sets und Organisation Sets. Sie unterscheiden in dieser Hinsicht zwischen Beziehungen innerhalb eines einzelnen je gegebenen lokalen Organisation Set - ^Within Density" - und Beziehungen innerhalb des globalen Organisation Sets der Untemehmung: .Across Density". Dabei gehen sie weiter davon aus, dass rein okonomisch motivierte Entscheidungen in um so starkerem MaBe den „fortlaufenden Beziehungen" im jeweiligen Setting angepasst werden, je dichter die Beziehungen in diesem Setting sind (vgl. Granovetter 1985). Aus dieser Perspektive betrachtet zeichnen sich „globale Untemehmen" durch eine geringe Within- und eine hohe Across-Density ihrer Beziehungsmuster aus, d.h. durch einen relativ geringen Dichtegrad lokaler Einbettung und einen hohen Dichtegrad globaler Querverflechtungen. Spiegelverkehrt dazu haben „multinationale Untemehmen" einen hohen lokalen Einbettungsgrad (Within-Density) und einen geringen Querverflechtungs- und Zentralisiemngsgrad. Ftir den ersten Untemehmenstyp sind rein okonomisch motivierte, ,rationale' Entscheidungen typisch. Der zweite Untemehmenstyp weist hingegen ein hohes MaB fortlaufender Beziehungsmuster in seinen jeweiligen lokalen Kontexten auf, die die okonomische Entscheidungsrationalitat beeintrachtigen. Die Pointe von Bartlett/ Goshals Konzeption besteht nun darin, dass der Typus des transnationalen Untemehmens gleichermaBen durch eine hohe Within-Density als auch durch eine hohe Across-Density seines Beziehungsmusters gekennzeichnet ist. Dieses Untemehmenskonzept ist eigentiimlich doppeldeutig. Einerseits spielen aufgmnd des permanenten Rtickbezugs auf die Entscheidungszentrale (Across-Density) rein okonomisch motivierte Entscheidungen (Economies of scale, Standortentscheidungen etc.) eine groBe Rolle, andererseits lasst sich diese Logik nur aus den „nodalen Charakteristika" des Untemehmensnetzes, d. h. dem je gegebenen Positioniemngs- und Spezialisiemngsmuster, ableiten. Dieses ist wiedemm abhangig von institutionellen Einbettungskontexten mit ihren je gegebenen Mustem fortlaufender Beziehungen. Die Frage ist nun, wie man ausgehend von diesen Uberlegungen die empirisch relevanten Action Sets der Untemehmen noch etwas genauer in den Blick bekommt. Schaut man sich an, welche empirischen Trends die Autoren im Auge haben, wenn sie von der weltweiten Nutzung von Umweltstimuli sprechen, so sticht sofort die gestiegene Bedeutung ,komplexer Technologien' ins Auge. In der Tradition der Organisationstheorie Thompsons lasst sich das Kon-
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zept von Bartlett/ Goshal dann als ein Modell der Unsicherheitskontrolle in relativ ,mehrdeutigen', well polykontexturalen kompetitiven Kontexten begreifen. Thompson zufolge gibt es zwei wesentliche Quellen von organisatorischen Unsicherheiten: zum einen „Technologie", zum anderen Unsicherheiten in bezug auf Elemente des Organisation Sets. Die Kontrolle derartiger Unsicherheiten zielt ausgehend von der konkreten „Aufgabenstruktur" des Untemehmens auf die Kontrolle der Organisations-"Domane" (Thompson 1967: 26 ff.). Dieser Begriff beschreibt die „Anerkennung", die die Organisation im Rahmen ihres Austauschkontextes fmdet. Diese Austauschstrukturen sind wiederum durch je spezifische Macht-Abhangigkeitsbeziehungen gekennzeichnet, d.h. die Organisation agiert in „verhandelten" und „verhandelbaren" Umwelten. Thompson spricht in diesem Kontext von einem Management der InterdependenzBeziehungen. Von wesentlicher Bedeutung ist dabei die Einsicht, dass sich diese Interdependenzen nie auf einzelne, sondem immer auf mehrere Elemente im Handlungskontext beziehen. In bezug auf den Aspekt der Technologie bedeutet das: die eigentliche Quelle von technologischer Unsicherheit ist in der Regel nicht eine je einzelne Technologie, sondem die „technologische Matrix" des Untemehmens, in der je verschiedene Einzeltechnologien Jnkorporierf sind/ Bezogen auf die Kontakte im Organisation Set heiBt das zum anderen: Die relevanten Ressourcen sind immer auf mehrere Tauschpartner verteilt. Unter dieser Bedingung ist nun die Abhangigkeit des Untemehmens von seinem Organisation Set umso hoher, je starker die Ressourcenverteilung auf eine Gmppe von Partnem konzentriert ist. Diese Abhangigkeit erhoht sich dann noch zusatzlich, wenn die Intensitat des Bedarfs der Organisation in Hinblick auf diese spezifischen Ressourcen groB ist (Emerson 1962). Trifft intensiver Bedarf auf ein konzentriertes Angebot, so empfiehlt sich - so Thompson ~ eine Strategic der „Koalition" der voneinander abhangigen Organisationen. Treffen eher verstreute Bedarfe in einigen Bereichen auf konzentrierte Angebote, so empfiehlt sich eine Strategic der „Kooptation", um diese einseitig gelagerten Unsicherheitsquellen zu neutralisieren. Im Falle einer Kooptationsstrategie hat man es also mit einer einseitig angelegten Strategic zu tun, die auf eine Absorption der Unsicherheitsquellen zielt. Koalitionsstrategien sind hingegen beidseitig
Interorganisatorische Netze lassen sich dann so gesehen als „Interdependenzmuster" (d.h. als gestaltbare „Govemances") und als (gegebene und veranderbare)„Inkorporierungsmuster" beschreiben (vgl. Hessinger 1995a; ders., 1995b).
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angelegt, da in diesem Fall die Unsicherheitsquellen auf beide Seiten verteilt sind. Diese beiden Strategien der Unsicherheitsbewaltigung - und die ihnen entsprechenden Action Sets - verweisen auf tieferliegende Differenzierungsprozesse in den Organisation Sets. Das Konzept der „technologischen Matrix" ist so gesehen ein Ausdruck davon, dass das Muster der Arbeitsteilung zwischen Organisationen dynamisch und veranderlich ist, so dass es tendenziell zur Ausdifferenzierung neuer Kemkompetenzen und Qualifikationen kommen kann und muss.
4.
Empirische Befunde und Trends
Von dieser allgemein gehaltenen Action 5'e^Perspektive ausgehend, erscheint es moglich, einige empirische Trends in der Entwicklung der Umweltstrukturen global operierender Untemehmen ins Auge zu fassen. Bartlett/ Goshal betonen in ihrer Studie vor allem zwei Aspekte: Zum einen die gestiegene Heterogenitat der relevanten technologischen Matrix und daraus folgend ein intensiver Knowhow -Bedarf; zum anderen einen Trend zur Konzentration der Ressourcen innovativer Prozesse in bestimmten Clustern und Regionen. Folgt man den Ausfiihrungen Thompsons, bedingen beide Trends einen Machtverlust der fokalen Organisation und Autonomiegewinne fur die angrenzenden Organisationen. Zugespitzt formuliert: es geht um ,Heterarchie' anstelle von ,Hierarchic' in den Inter-Firmen-Beziehungen. Was diesen Aspekt anbelangt hat das Konzept des transnationalen Unternehmens deutliche Parallelen zum Modell des ,innovativen Milieus'. Dieses kann sich auf eine breite empirische Evidenz in den unterschiedlichsten Branchen stiitzen. Aydalot und Keeble zufolge beruhen High-Tech-Innovationen auf relativ diffusen FaktorenbUndeln, die sich nicht ex ante auf gegebene Standortfaktoren zurtickfuhren lassen (Aydalot/ Keeble 1987). Innovative Milieus stellen spezifische Konstellationen von unterschiedlichen Organisationstypen dar. In innovativen Milieus uberschneiden sich dabei die Smnhorizonte verschiedener Funktionssysteme derart, dass die Kommunikationen ein hohes MaB an Mehrdeutigkeit aufweisen (vgl. Galas/ McGuire 1990: 98). Ahnlich wie Bartlett/ Goshal gehen Aydalot und Keeble davon aus, dass die spezifische Herausforderung in Hinblick auf die strategische Nutzung innovativer Milieu darin besteht, aus diesem diffusen Kontext ,selektive Stimuli' herauszufiltem. „[...] the key factor today are the specific and distinctive properties and caracteristics of cur-
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rent new technologies [...]" (Aydalot/ Keeble 1988: 4). Die Identifizierung eines Spezialisierungsvorteils ist also selber ein kreativer Akt. Sie kann nicht auf gegebene okonomische Daten - wie z.B. Standortfaktoren im Sinne Alfred Webers (1923) - rekurrieren. Vielmehr erfordert sie im Sinne Bartlett/ Goshals sowohl ein hohes MaB an Within-Density in den lokalen Kontexten (d.h. ein hohes Augenmerk auf die Beobachtung fortlaufender Beziehungen) als auch einen dichten Informationsaustausch und Datenabgleich auf zentraler Ebene. Das alles erfordert einen spezifischen Beobachtungstypus, der das Management von Netzwerkbeziehungen und die Informationsverarbeitung miteinander kombiniert. M.a.W. - das Untemehmen muss aus der Perspektive seiner ,spezifischen Nische' heraus, die Eigenschaften und Charakteristika des umgebenden innovativen Milieus interpretieren. So gesehen sind Spezialisierungsprofil und Identifikation von Spezialisierungsvorteilen rekursiv aufeinander bezogen (Baecker 1993: 13ff.). Ein pragnantes Beispiel fur diesen doppelten Trend zur Heterogenisierung der technologischen Matrix und zur Heterarchisierung der Inter-Firmen-Beziehungen ist die industrielle Entwicklung des Santa-Clara-County in Kalifornien, des sogenannten ,Silicon-Valley', im Umbruch von den VOer zu den 80er Jahren (Liithje 2001). Das Silicon-Valley mit mehr als einer Million Beschaftigten in der IT-Branche kann heutzutage - etwa neben den Regionen von Boston und Tel Aviv - als eines der innovativsten Milieus der Branche von weltweiter Bedeutung angesehen werden. In den 60er und 70er Jahren setzten die Fokaluntemehmen der Region - wie etwa die Chiphersteller Intel oder AMD - zunachst auf eine Strategic der ,verlangerten Werkbanke'. Das Kennzeichen dieser Strategic war ein scharfes Machtgefalle zwischen Fokalbetrieben mit hochqualifizierten Ingenieurs- und Angestelltentatigkeiten, und den nachgeordneten Produktionsbetrieben mit ausgesprochen niedrig qualifizierten und gering entlohnten Tatigkeiten. Die zentrale Schwachstelle dieses Konzepts eines ,Bloddy Taylorism' war das gering entwickelte Qualitatsbewusstsein in den Produktionsbetrieben. In den 80er Jahren kam es dann zu einer Existenzkrise dieses Produktionsmodells infolge des Auftretens global agierender japanischer Anbieter, die gleichermaBen qualitatsbewusst wie kostengtinstig produzieren konnten. Die japanischen Untemehmen setzten dabei nicht auf eine Strategic der verlangerten Werkbanke und der Zuliefererdiskriminierung, sondem vielmehr auf ein Modell der kooperativen Zusammenarbeit von Endfertigem und hochkompetenten ,Systemzulieferen' im Rahmen von Firmen-Allianzen. Dieser Aufbau von neuen Kemkompetenzen im Produktions- und Zulieferbereich bedeutet einen doppelten Schritt in Richtung auf eine weitere Heterogenisierung der
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technologischen Matrix sowie in Richtung auf eine Heterarchisierung der Zulieferbeziehungen auf Basis stabiler Vertrauensbeziehungen im Rahmen von Firmen-Allianzen. Die Krise der 80er Jahre konnte von den US-Untemehmen deswegen erst dann tiberwunden werden, als es gelang ein den USVerhaltnissen ( d.h. gering ausgepragten Vertrauensbeziehungen der Untemehmen zueinander) angepasstes Modell der Inter-Firmen-Vemetzung zu entwickeln, welches - ahnhch wie das japanische Vorbild - einen intensiven Wissensaustausch zwischen Endfertigem und Zulieferem ermoglichte. Die Folge war ein Schub in Richtung auf eine Heterogenisierung der technologischen Matrix des Silicon-Valley und eine Machtverschiebung in den Inter-FirmenBeziehungen zugunsten der neu entstandenen Systemzulieferer. Stellt man in dieser Beziehung gestiegene ,Einbettungsbedarfe' in Rechnung, so gewinnt die Bemerkung Bartletts und Goshals - transnational Unternehmen seien groBen „zentrifugalen Kraften" ausgesetzt - eine besondere Brisanz (Bartlett/ Goshal 1990a: 91). Empirische Befunde in Hinblick auf die Entwicklung globaler Warenketten weisen in Richtung eines zunehmenden Kontrollverlustes ,fokaler Untemehmen'. Das gilt zunachst far die Input/Outputstrukturen globaler Warenketten. Fokale Untemehmen spielen in dieser Hinsicht eine wesentliche RoUe, als sie die Entwicklung der technologischen Matrix vorantreiben. Gereffi (1994) unterscheidet - entsprechend der Struktur des Interdependenzmusters - zwischen „vertriebsgetriebenen" Ketten (etwa in der Sportschuh- oder der Bekleidungsindustrie) und „produzentengetriebenen" Ketten (etwa in der Automobil- oder der Elektronikindustrie). Jtingere Befiinde haben in dieser Hinsicht allerdings deutlich werden lassen, dass die Kontrolle einer heterogener werdenden technologischen Matrix einzelnen Fokalunternehmen zunehmend entgleitet. Ein prominentes Beispiel dafur ist die IT-Branche (Liithje/ Schumm/ Sproll 2002), andere Beispiele lassen sich in der maritimen Industrie (Eichhom et al. 2003), der Medizintechnik (ebd.), der opto-elektronischen Industrie (Hessinger et al. 2000) oder der Schienenverkehrsindustrie (ebd.) finden. Die kompetitiven Kontexte der Untemehmen unterscheiden sich daher zunehmend vom Idealtypus ,gesicherter' Oligopolmarkte, d.h. die Markte werden zunehmend ,bestreitbar' im Hinblick auf die beiden Dimensionen Technologic- und Produktmanagement (Baumoletal. 1988). Zweitens entgleiten den Fokaluntemehmen die ,Govemance'-Ressourcen, um ihre vielfaltigen Aufgabenkontexte zu kontrollieren. Normen - wie z. B. Produktnormen fur ,Systemprodukte' konnen sich nicht mehr einseitig dekre-
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tiert Oder einsinnig patentiert werden. Normgebung verlangt tendenziell Verhandlung und Kompromiss (vgl. Toffler [1990] 1993: 175ff.). SchlieBlich zeichnen sich drittens die raumlich-geografischen Strukturen von Warenketten durch Konzentrationstendenzen in den innovativen Segmenten aus. Die dadurch gestiegene Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit der Beziehungen ist immer weniger ausgehend von einem Fokaluntemehmen kontrollierbar. In einer intemen Studie des SOFI Gottingen werden globale Produktionsnetzwerke als ..captive production networks", „turn-key-production networks" und ..relational production networks" typisiert (Berger et al. 2001). Der erste Typ eines einseitig dominierten Netzwerkes steht fiir ein starkes ZentrumPeripherie-Gefalle, ein Beispiel ware etwa die produzentengetriebene Warenkette der IT-Industrie in der Friihphase des Silicon-Valley. Der zweite Typ eines mediatisierten Netzwerkes ist durch eine gestiegene Bedeutung von SchliisselUntemehmen in der Zulieferkette (turn-key-enterprises), wie z. B. ,Systemzulieferem', gekennzeichnet. Der letzte Typ eines ,relationalen', reziprok strukturierten Netzwerkes defmiert schlieBlich die Basisbedingungen fur die Entstehung eines regionalen ,innovativen Milieus' bzw. eines lokalen ..industrial districts", Wie es scheint, haben in der bisherigen Forschung vor allem einseitig dominierte Netzwerke (..captive production networks") einen GroBteil der wissenschaftlichen Neugier auf sich gezogen. In einer der jtingeren Studien des IfS Frankfurt wird demgegenuber ein ganz anderer Typus untersucht, der eine besondere Auspragung eines Netzwerkes von Schlusseluntemehmen darstellt (Liithje/ Schumm/ Sproll 2002). In der ITBranche haben sich namlich mittlerweile nicht nur auf lokaler, sondem auch auf globaler Ebene transnationale Produktionsnetzwerke entwickelt, in denen ein erheblicher Teil des Know-hows der dominanten Fokaluntemehmen an Systemzulieferer abgegeben wurde. Die sich in dieser Warenkettenstruktur einspielenden Action Sets bezeichnen die Autoren als ..Contract Manufacturing", Es handelt sich hierbei um jenes Modell eines strategischen Netzwerks, welches als die spezifisch US-amerikanische Antwort auf die japanische Herausforderung der 70er und 80er Jahre gelten kann. Diese Beziehungsmuster zeichnet sich dadurch aus, dass die dominanten Fokaluntemehmen nicht mehr von einer zentralen Box aus die Kette kontrollieren, sondem dass sie sich darauf beschranken, die Zusammenarbeit in verschiedenen Boxen zu koordinieren, ohne jedoch die Autonomic der Schlusseluntemehmen einzuschranken. Es entsteht dann ein Muster von Querverflechtungen. Wie es scheint, hat in diesem Kontext - seit den Zeiten als Unternehmen wie Intel, AMD oder IBM noch eine unangefochtene Dominanzposition innehatten - auch hier eine Machtumverteilung stattgefunden.
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Diese Befunde werden durch eine jungere Studie des SOFI Gottingen auf eine breitere Basis gestellt (Faust et. Al. 2004). In dieser Studie werden am Beispiel von drei Branchen (der Elektronikindustrie, der Automobilindustrie und der Bekleidungsindustrie) Veranderungen in den strategischen Wertschopfungsketten im europaischen Raum untersucht. Ahnlich wie in der Frankfurter Studie wird dabei eine neue Qualitat der Beziehungen im Zuge der Entwicklung von ^Contract Manufacturing" ausgemacht. Die Gottinger konstatieren dabei gerade in Europa eine Abkehr von Beziehungsmustem, die auf einseitiger Dominanz beruhen, und eine Hinwendung zu offenen Beziehungsmustem, die auf die Realisierung von (positiven) Netzwerkextemalitaten und Innovations- anreizen hinzielen. In der relativen Stabilitat und Vertrauensbasiertheit der Inter-FirmenBeziehungen in Europa wird dabei von den Gottingem ein wesentlicher komparativer Standortvorteil der europaischen gegentiber den US-amerikanischen Produzenten gesehen. Die so entstandenen mediatisierten Netzwerke {turn-keynetworks) - so ihr Befiind - haben dabei einen eher heterarchischen als einen hierarchischen Charakter. Ihre konkrete Ausgestaltung verweist deswegen auf lokale Aushandlungsprozesse im Rahmen des je gegebenen institutionellen Settings. Ich mochte diese Beobachtungen und tJberlegungen nun anhand einiger Beftinde aus einer eigenen Untersuchung weiter konkretisieren (vgl. Eichhom et al. 2003). Es handelt sich um eine Studie uber die Entwicklung der Warenketten der maritimen und der medizintechnischen Industrie am Beispiel zweier Industrieregionen in Deutschland. In beiden Fallen zeigt sich interessanterweise ein Trend in Richtung auf eine zunehmende Polykontexturalitat der Warenkettenbeziehungen. Die Input/Outputstrukturen der Warenketten der maritimen Industrie haben sich im letzten Jahrzehnt in Richtung auf eine zunehmende Heterogenisierung der technologischen Matrix verandert. Zur Konstruktion von Schiffen und maritimen Verkehrssystemen werden immer wissensintensivere Inputs aus verschiedenen Branchen und Bereichen benotigt (ebd: 203ff.). Der Trend der Entwicklung des Schiffs zum ,Systemprodukt' geht eng einher mit einer zunehmenden technologischen Verkniipfung mit der Offshore-lndusXriQ (ebd.: 216ff.). Insbesondere der Trend zur Entwicklung maritimer Verkehrssysteme, die eine Integration von Satellitentechnik, Navigationstechnik und Schiffstechnologie vorsehen, impliziert eine Offhung des Horizonts der maritimen Industrie in Richtung auf die Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten, Klassifikationsgesellschaften, Universitaten und politischen Agenturen. In ahnlicher Weise bedingt der Trend zur Systemproduktentwicklung in der medizintechnischen Industrie die Auswei-
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tung der technologischen Matrix (ebd.: 100 ff.). Im gleichen Zuge werden die Beziehungen in das Gesundheitssystem - etwa vermittelt iiber die Krankenhausgesellschaften - aber auch in das Wissenschaftssystem enger und vielfaltiger. Von wesentlicher Bedeutung ist in dieser Hinsicht die gestiegene Verbindlichkeit der Qualitatsstandards des Gesundheitssystems. Ein zentrales Charakteristikum der Govemance-Strukturen in der maritimen Industrie ist die tiberragende Bedeutung der Klassifikationsgesellschaften, d.h. jener Einrichtungen, die fiir die sicherheitstechnische Endabnahme von Schiffen zustandig sind (ebd.: 193ff.). Klassifikationsgesellschaften sind politisch legitimierte, auf untemehmerischer Basis arbeitende Gesellschaften. Diese ,Drittpartner'-Organisationen sind in der maritimen Industrie - vor allem im letzten Jahrzehnt - zu wichtigen Promotoren von technologischen Innovationen in dieser Branche geworden. Auch in der medizintechnischen Industrie gibt es Agenturen der Normenkontrolle, die die technologischen Innovationsprozesse beobachten und teilweise stimulieren. Zu nennen ist hier vor allem die USamerikanische, staatliche ,Food and Drug Administration', die in den USA fiir die Kontrolle technologischer Standards im Gesundheitssektor zustandig ist (ebd.: 99f.; 109ff.). Begleitend zu den Aktivitaten der ,FDA' hat sich in BadenWUrttemberg ein ganzes Netz von Unterstiitzungsaktivitaten gebildet, das von der IHK und den Agenturen der Steinbeis-Stiftung betrieben wird und dabei wichtige Steuerftinktionen austibt. SchlieBlich gibt es in beiden Branchen einen deutlich erkennbaren Trend zur Herausbildung regionaler innovativer Milieus, in denen Forschungseinrichtungen, politische Agenturen, Fachschulen und Wirtschaftsuntemehmen integriert smd (ebd.: 105ff.; 22Iff.). Erganzend dazu lasst sich ein Trend zur Auflosung lokaler old boys -Netzwerke auf der Ebene der ,Industriedistrikte' beobachten (Hessinger 2002). Dieser Trend geht mit der Integration iiberregionaler, relativ ,wirtschaftsfi'emder' Organisationen in die jeweiligen Organisation Sets einher. Die zunehmende Polykontexturalitat der untemehmerisch relevanten Beziehungsmuster erschwert - wie es scheint - den Kontrolldurchgriff seitens einzelner, fokaler Untemehmen. Eine derartige Kontrollstrategie - im Sinne der Etablierung eines einseitig dominierten ..captive production networks" versuchte in den 90er Jahren der Vulkan-Konzem zu implementieren (ebd.: 229ff). Dieses Unternehmen der maritimen Industrie verfolgte eine Expansionsstrategic, die auf einer umfassenden Beherrschung der vertikalen Wertschopftmgskette hinzielte. Ein wesentlicher Grund fiir den Bankrott dieses Untemehmens diirfte dabei in den fehlenden horizontalen Kooperationen auf Untemehmensebene und letztlich im Fehlen untemehmenstibergreifender Innovati-
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onsnetze liegen. Im Gegensatz dazu hat die britisch-norwegische Kvaemer Gruppe im selben Zeitraum ein transnationales Netz von Untemehmensfilialen installiert, dessen zentraler Spezialisierungsvorteil in seiner ingenieurstechnischen Exzellenz liegt (ebd.: 234 ff.). Im Vergleich zur Vulkan-Gruppe handelt es sich hier um ein sehr viel lockereres mediatisiertes Netzwerk, das ein horizontales Arrangement von Schltisseluntemehmen und Kemuntemehmen darstellt. (In der medizintechnischen Industrie sind relationale Netzwerke weit verbreitet, in denen Zentrum-Peripherie-Verhaltnisse in den Machtbeziehungen zwischen den Untemehmen oft nur eine sehr geringe Rolle spielen ) (ebd.: 191 ff.). Aus einer Action iS'^^Perspektive betrachtet erscheint die Vulkan-Strategie dann als ein misslungenes Kooptationsmodell (zwischen Untemehmen und Politik, aber auch zwischen dem Werften- und dem Reedereibereich). In den anderen genannten Fallen sind die transnationalen Untemehmen - in durchaus unterschiedlicher Weise - in Koalitionen ,eingebettet', die ihre Handlungsfreiheit in sehr viel groBerem MaBe binden als das in emem Kooptationsmodell der Fall ware. Wie immer man diese veranderten Organisationsbeziehungen bezeichnen mochte, von groBer Bedeutung ist, dass die Strukturen dieser neu entstandenen globalen Warenketten einen emergenten Charakter haben. Alles in allem ist der GroBkonzem in „einer solchen Wirtschaftsform nicht eigenstandig und selbstgeniigsam, und wird es auch nicht mehr werden. Die Arroganz der IBMs, Philips und Mitsuis dieser Welt ist zu einem Thema der Kulturgeschichte geworden" (Castells 2001: 186). Diese Stmkturen haben sich also Uber den Radius ,fokaler, einseitig dominierter Netzwerke' hinausentwickelt und sind deswegen nicht mehr in terms eines Analysemodells beschreibbar, welches die Einzeluntemehmung ins Zentrum der Betrachtung riickt. Der Emergenzcharakter dieser Interorganisations-Netze wird dann deutlich, wenn man sich die Tatsache vor Augen fiihrt, dass auch diese Netze in Umwelten eingebettet sind, die , einen Unterschied machen'.
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Schlussbemerkungen und Fazit
Von diesen Befiinden ausgehend lasst sich sicherlich nicht die Annahme bestatigen, dass Zentmm-Peripherie-Verhaltnisse in der heutigen Weltwirtschaft mit einem Zauberschlag verschwinden. Aber sie zeigen doch immerhin das Aufkommen starker gegenbalancierender Krafte. Dieser Tatbestand hat offensichtlich mit der zunehmenden Polykontexturalitat der relevanten Beziehungsmuster
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zu tun. Je wissensintensiver die Produktion wird, umso groBer wird der Einfluss von Organisationen mit nichtwirtschaftlicher Zielsetzung und das fiihrt wiederum zu einer Umverteilung von Macht zu Ungunsten der fokalen Wirtschaftsuntemehmen. So gesehen verweist die Entstehung globaler Warenketten auf einen derartigen Prozess der Machtumverteilung, Damit scheint eine Konzeption der weltwirtschaftlichen Beziehungen, welche einseitig auf ,Okonomie' setzt, unrealistisch zu sein, denn diese leugnet die zunehmende Verflechtung und Ausdifferenzierung zwischen den verschiedenen Funktionssystemen und Sinnwelten. Der Eindruck einer Macht- und Einflusszunahme der transnationalen Konzeme und ihrer Reprasentanten im Rahmen der demokratischen Offentlichkeit begriindet sich deswegen im Wesentlichen auf Veranderungen, die auBerhalb der relevanten Organisation Sets zu verorten sind. Zu nennen ist hier in erster Linie die zunehmende Machtasymmetrie zwischen den Untemehmensleitungen und der Gruppe der abhangigen Beschaftigten. Diese ist unmittelbare Folge der gestiegenen Kapitalmobilitat und damit des gestiegenen Mobilitatsdifferentials zwischen Kapital und Arbeit. Aus der Perspektive einer poUtischen Okonomie interorganisatorischer Netze haben wir es in dieser Hinsicht mit dem Problem einer doppelten Asymmetric zutun: •
•
zum einen eine gestiegene Asymmetric in der Beziehung zwischen demokratischer Offentlichkeit und transnational agierenden Untemehmen zugunsten der letzteren und zum anderen einer gesunkenen Machtasymmetrie in den Inter-FirmenBeziehungen im Rahmen globaler Warenketten zuungunsten der Fokalunternehmen.
Der paradoxe Effekt dieser beiden gegenlaufigen Trends besteht darin, dass gerade der relative Machtverlust in den Inter-Firmen-Netzen die Chance eines relativen Machtgewinns im Hinblick auf die Beziehungen in die Netzwerkumwelt (d. h. insbesondere die demokratische Offentlichkeit) bestehen lasst, ja diese geradezu eroffnet. Diese Chance besteht in der gezielten Nutzung des .bargaining Chip'' (Horst Kern) der Standortverlagerung als Spieleinsatz im politischen Aushandlungsprozess der Interessengruppen. Eine Folge dieses paradoxen Effekts ist der - viel beklagte, aber wenig verstandene - Trend einer Entlastung weltweit agierender Untemehmen von Steuerpflichten und Beitragen zum offentlichen Gemeinwohl. Das tragt wiederum zur chronischen Unterfmanzierung von Organisationen aus eben jenen gesellschaftlichen Bereichen und
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Teilsystemen bei, deren Leistungen in langfristiger Perspektive betrachtet von entscheidender Bedeutung fur die Leistungsfahigkeit (der Organisationen) des wirtschaftlichen Teilsystems sind. Ein Beispiel ist etwa die chronische Unterflnanzierung des Wissenschaflssystems in der Bundesrepublik Deutschland. Pointiert ausgedriickt handelt es sich hier um die Wiederkehr des alten Widerspruchs zwischen offentlicher Armut und privatem Reichtum (bzw. zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung) auf weltwirtschaftlicher und weltgesellschaftlicher Ebene. Das neo-liberale Klischee globaler Standortkonkurrenz als eines rat-race um die Verbesserung der ,Verfugbarkeit' des Faktors ,Arbeit' scheint deswegen der Realitat der heutigen Weltgesellschaft nur sehr bedingt zu entsprechen. Der reale Hintergrund dieses Interpretaments sind demgegeniiber die Macht- und Verteilungskampfe um die Positionierung in den globalen Warenketten. Diese wirtschaftlichen Netze diirfen aber eben nicht losgelost von ihrer Einbettung in die Beziehungen zwischen den gesellschaftlichen Teilsystemen auf nationalgesellschaftlicher Ebene betrachtet werden. Anders ausgedriickt: eine Fixierung der Wahmehmung auf die Veranderungen in den Action Sets der Untemehmen verstellt die Perspektive auf die Veranderungen in den Organisation Sets. Es sind nicht die strategischen Spiele um einzelne Standortfaktoren - und sei es ein so wichtiger wie der Faktor ,Arbeit' - die fur den langfi-istigen Erfolg von Weltuntemehmen entscheidend sind, sondem deren ,gelungene' Einbettung in ein ftmktionssystemiibergreifendes Beziehungsgeflecht. Dem tragen einige Industriegewerkschaften, wie z.B. die IG-Metall, mittlerweile Rechnung, indem sie in Verhandlungen tiber Standortverlagerungen Untemehmenspriifer einschalten, die moglichem Managementversagen in dieser Hinsicht nachspiiren sollen. Realitatshaltig ware dann das Deutungsmuster eines rat-race nur insofem, als es dem Kontrollbediirfhis jener Wirtschaftseliten entgegenkommt, die in jiingerer Zeit die Erfahrung eines Kontrollverlustes machen mussten und daraus keine Lehre ziehen wollten.
Literatur Abelshauser, Werner (2003): Kulturkampf. Der deutsche Weg in die Neue Wirtschaft und die amerikanische Herausforderung. Berlin; Kadmos Verlag Albrow, Martin (1998): Abschied vom Nationalstaat. Frankfijrt a. M.: Suhrkamp Aldrich, Howard/ Whetten, David (1981): Organisation-sets, action-sets and networks: making most of simplicitiy. in: Nystrom/ Starbuck (Hrsg.), Handbook of Organisational Design, Vol. 1, Oxford Aydalot, Philippe/ Keeble, David (1988): High Technology Industry And Innovative Environments. The European Experience. London/New York: Routledge
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Ursula Mense-Petermann
Transnationalisierung als glokale Restrukturation von Organisationsgrenzen
1.
Einleitung
Die in den 90er Jahren forcierte Globalisierungsdebatte^ speist sich ganz wesentlich aus dem Befund der starken Zunahme von auslandischen Direktinvestitionen seit den 70er Jahren, die zunehmend das Wachstum der Inlandsproduktionen und des intemationalen Handels tibersteigt (vgl. Friedrichs 1999). So stiegen seit Beginn der 80er Jahre die Kapitalabfliisse in Form von auslandischen Direktinvestitionen jahrlich um 27,8%, und damit dreimal so schnell wie der Export und viermal so schnell wie das Weltsozialprodukt (Altvater/ Mahnkopf 1997: 251). Gleichzeitig steigt auch der Teil des intemationalen Handels, der innerhalb von grenziiberschreitend tatigen Untemehmen abgewickelt wird - die OECD beziffert ihn auf 25-30%. „Darunter gibt es Konzeme, deren Umsatz groBer ist als das Bruttosozialprodukt mittlerer Staaten. Seit den 70er Jahren ist die Zahl solcher Untemehmen von 7.000 auf gegenwartig etwa 37.000 gestiegen" (ebd.: 248). Altvater und Mahnkopf bezeichnen solche Konzeme, die fiir den Transfer von Finanzkapital, Technologic und Managementstrategien verantwortlich sind, daher als ,,'treibende Krafte' der weltweiten Integration" (ebd.: 249). Multinationale Untemehmen und ihre Globalisiemngsstrategien sind daher Gegenstand einer Vielzahl von Studien gewesen (vgl. die Sammelbande von Boyer et al. 1998; Eckardt et al. 1999a; Morgan et al. 2001; Dorrenbacher 2003;
Fur ,Starke' Globalisierungsthesen vgl. Castells (2001), Albrow (1998), Altvater/ Mahnkopf (1997), Martin/ Schumann (1996), ),Reich (1993), Ohmae (1990). Fur eher skeptische Globalisierungsthesen vgl. Whitley (2001), Hirst/ Thompson (1996). Fiir empirische Studien zu Unternehmensglobalisierung vgl. Schmidt/ Trinczek (1999), Eckhart et al. (2000), Lane (2001). Fur einen neueren Uberblick uber die Debatte vgl. Guillen (2001).
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Faust et al. 2004). Fragen nach Konvergenz oder Divergenz von Organisationsformen im Globalisierungsprozess, nach Zentralisierung versus Dezentralisierung von Entscheidungskompetenzen, nach tjbertragungsmoglichkeiten und -verlaufen von Produktionsmodellen, nach mikro-politischen Konflikten und nicht zuletzt nach Problemen der interkulturellen Kommunikation und Kooperation innerhalb solcher Untemehmen wurden hier untersucht. Diese Studien haben gezeigt, dass sich im letzten Jahrzehnt grenztiberschreitend tatige Unternehmen strategisch neu orientiert und organisatorisch restrukturiert haben. Verwiesen wird hier in erster Linie auf die AufspHtterung und raumliche Neustrukturierung von Wertschopfungsketten (Faust et al. 2004; Hessinger in diesem Band), auf die Einftihrung von marktlichen Steuerungselementen in Organisationen, sowie auf eine Neukonfiguration von Entscheidungskompetenzen zwischen Konzemzentrale und Standorten. Keine Einigkeit besteht allerdings dariiber, wie auf diesen organisatorischen Wandel begrifflich reagiert werden soil. In der Debatte ist die Rede von intemationalen, multinationalen, globalen - oder eben: transnationalen Konzemen. Die einen wollen mit Begriffen wie global players oder global operierendem Konzem auf eine neue Qualitat organisatorischer Formen und Strategien und die enge Verwobenheit mit dem Globalisierungsprozess verweisen (Eckardt et al. 1999b), die anderen betonen die bleibende Konzentration der Aktivitaten solcher Konzeme auf die Lander der Triade und zeigen mit dem Begriff des mternationalen oder multinationalen Konzems Zuruckhaltung gegeniiber allzu globalisierungseuphorischen labels an. Dem Begriff des transnationalen Konzems schlieBlich wird vorgeworfen, im Sinne von Bartlett und Ghoshal (1989) oder Robert Reich (1993) one-best-way- OAQV footlose enterprise - Implikationen zu transportieren (vgl. Hirst/ Thompson 1996; Trinczek 1999). Vor diesem Hintergrund macht dieser Beitrag einen Begriffsvorschlag: Mit dem Begriff des transnationalen Konzems soil auf einen grundlegenden qualitativen Wandel in den Organisationsstmkturen und -strategien grenziiberschreitender Konzeme verwiesen und diese von multinationalen und intemationalen Organisationsformen abgegrenzt werden. Transnationalisierung - so wie ich den Begriff benutze bezeichnet einen Wandel in den Internationalisierungsstrategien grenztiberschreitend tatiger Untemehmen, der in den 80er Jahren einsetzte. „Wahrend der multinationale Konzem sich aus ahnlich stmkturierten Zweigbetrieben zusammensetzt, die in spezifischen Landem mit anderen Untemehmen konkurrieren, ist der transnational Konzem durch Internalisiemng der intemationalen Arbeitsteilung global organisiert." (Korff^ Heidenreich 1991: 2). Multmationale Konzeme bestanden aus einem Stammunter-
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nehmen und aus Niederlassungen, die mehr oder weniger funktional und kulturell autonom vom Stammhaus waren. Transnationale Untemehmen dagegen sind polyzentrische, vemetzte Gebilde. Im Zuge von Transnationalisierung werden die bis dahin „weitgehend isolierten Montage- und Produktionsaktivitaten der verschiedenen Lander (...) in eine immer dichter und komplexer werdende transnationale Aufgabenstruktur und Arbeitsteilung eingebunden" (Eckardt et al. 1999b: 174). Empirisch beobachtbare Formen transnationaler Organisation sind nicht nur grenziiberschreitende Liefer- und Leistungsstrome zwischen den weltweit verteilten Standorten, sondem vor allem auch standort- und grenzuberschreitend zusammengesetzte Projektgruppen, Entwicklungsteams, Gesprachsrunden sowie eine zunehmend Zirkulation von Personal (den sogenannten expatriates) zwischen den Standorten (vgl. Riedl 1999; Wagner und Kotthoff in diesem Band). Ziel dieser Organisationsstrategie ist es, untemehmensweit auf ,economies of scale' zu setzen und gleichzeitig ,local responsiveness' sicherzustellen (vgl. Dorrenbacher/ Riedel 2000). Es geht also zunachst darum, organisationsstrukturelle Entwicklungen im Zuge von Globalisierungsprozessen begrifflich zu fassen, nicht raumliche oder gesellschaftliche. Damit soil die Frage nach den Organisationsformen und strategien grenziiberschreitend tatiger Untemehmen zunachst getrennt werden von der Frage nach den politischen und sozialen Folgen von Transnationalisierung. Meine These ist - und das rechtfertigt meiner Ansicht nach die Ablosung des Begriffs des multinationalen durch den des transnationalen Konzems -, dass transnationale Konzeme einen neuen Organisationstypus darstellen, der durch eine glokale Restrukturation von Organisationsgrenzen gekennzeichnet ist.^ tjber die Analyse der Art und des Wandels von Grenzen zwischen Zentrale und auslandischen Standorten grenztiberschreitend tatiger Untemehmen - so die Ausgangsannahme dieses Aufsatzes - lasst sich die Eigenart von Transnationalisierung fassen. Im Folgenden werde ich in einem ersten Schritt untersuchen, welcher Art die Grenzen zwischen Konzem und Standortuntemehmen in grenziiberschreitend tatigen Konzemen sind und dann meine These von der
Ich danke den Teilnehmerinnen und Teilnehmem des Bielefelder Workshops „Transnationale Konzeme als neuer Organisationstyp?", auf dem ich den vorliegenden Beitrag prasentiert habe, insbesondere aber Gabriele Wagner fur hilfreiche Anregungen und Kommentare. Diskussionen mit Veronika Tacke verdanke ich wichtige Anregungen bezughch der Theoretisierung von Inter- und Intra-Organisationsgrenzen.
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glokalen Restrukturation dieser Grenzen im Zuge von Transnationalisierung prazisieren. Im nachsten Schritt werde ich dann mit Hilfe eines strukturationstheoretischen Zugriffs anhand eines empirischen Beispiels diese These entfalten. AbschlieBend werde ich dann einige tJberlegungen dazu prasentieren, welche empirischen Phanomene und Probleme mit dem von mir prasentierten theoretisch-analytischen Rahmen ,beobachtet' und erklart werden konnen.
2.
Grenzen von und in Organisationen - Zum Verhaltnis von Konzern und Standortunternehmen
Fragt man nach Organisationsgrenzen, so sind Konzeme - ob national oder grenztiberschreitend - ein sperriger Gegenstand. Zu fragen ist namlich, ob es sich bei den Grenzen zwischen Konzern und Standortunternehmen um Intraoder Interorganisationsgrenzen handelt. Auf der einen Seite findet man einen Bezug auf Konzerne als Organisationen, wobei dann samtliche Tochtergesellschaften und Standorte mitgemeint sind (Mayrhofer 1997), auf der anderen Seite werden Standortunternehmen als eigenstandige Organisationen und dann Konzeme als Organisationsnetzwerke untersucht (Riedl 1999). Dabei wird dieser jeweilige Bezug selten explizit reflektiert und begrundet. Dies ist aber fiir die Frage nach der Eigenart von Transnationalisierung zentral. Denn - so meine These - das Spezifikum von Transnationalisierung besteht genau darin, dass sich die Grenzen zwischen Konzern und Standortunternehmen wandeln. Eine Analyse dieses Wandlungsprozesses setzt jedoch eine genaue Bestimmung des Verhaltnisses von Konzern(zentrale) und Standorten, d.h. der Art der jeweiligen Grenzen voraus. In einem ersten Schritt soil daher zunachst unter Ruckgriff auf grundlegende Ausfuhrungen von Tacke (1997) zu Organisationsgrenzen eine theoretische Perspektive auf die hier interessierenden Grenzen von bzw. in grenziiberschreitend tatigen Untemehmen entwickelt werden. Organisationsgrenzen sind zunachst zu verstehen als Sinngrenzen - also nicht physischer oder territorialer Natur. Enger gefaBt sind Organisationsgrenzen Erwartungsgrenzen, d.h. sie stellen Grenzen der Erwartbarkeit von Handlungen dar. Dabei gelten innerhalb der Organisation andere Erwartungen als auBerhalb. Gleichzeitig ist die Erwartungsgrenze von Organisationen eine Mitgliedschaftsgrenze - Mitgliedschaft ist an die Anerkennung von Mitgliedschaftsnormen gebunden. In Arbeitsorganisationen stutzt sich Mitgliedschaft auf Arbeitsvertrage und Erwartungen sind an ,Stellen' gekntipft. Organisationen entwickeln so auch eine Iden-
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titat, die sie von anderen Organisationen unterscheidet und die sowohl von innen (von den Mitgliedem) als auch von auBen erkennbar ist. Orgmiisditionsinterne Grenzziehung, d.h. die Herausbildung von Subsystemen, erfolgt dann durch die Spezifizierung von Erwartungen: die SubsySterne losen je eigene Probleme und haben je spezifische Relevanz- und Irrelevanzregeln, die sie von ihrer organisationsintemen und -extemen Umwelt unterscheiden. Diese allgemeinen Uberlegungen werde ich nun fiir multinationale und fur transnationale Konzeme spezifizieren. Es wird sich dann zeigen, dass in beiden Fallen die interne Grenzziehung und Subsystembildung auf unterschiedliche Art und Weise, nach unterschiedlichen Rationalitaten verlauft. Wie lasst sich nun die Frage nach der Art der Grenze zwischen Konzem und Standortuntemehmen beantworten? Zieht man zunachst das Mitgliedschaftskriterium heran, so muB man feststellen, dass die Mitglieder eines Standortuntemehmens allenfalls mittelbar Mitglieder des Konzems sind. Sie haben ihren Arbeitsvertrag mit dem Standortuntemehmen geschlossen, das ein rechtlich eigenstandiges Untemehmen ist. Organisationsmitglieder des Konzems sind sie somit nur vermittelt uber die Zugehorigkeit , ihrer' Organisation zum Konzern. Erwartungen konnen daher vom Konzem nicht direkt an einzelne Mitglieder, sondem nur vermittelt Uber die Standortorganisation adressiert werden. Wahrend sich Erwartungen einer Organisation an ihre Mitglieder auf Mitgliedschaft qua Arbeitsvertrag stiitzen, bemhen Erwartungen eines Konzems an seine Mitgliedsorganisationen auf Eigentums- und Kontrollrechten. Im Weiteren wird sich zeigen, dass - ohne dass sich diese Mitgliedschaftsverhaltnisse andem - es im tjbergang von einer multinationalen zu einer transnationalen Organisationsform grenzUberschreitend tatiger Konzeme zu einem qualitativen Wandel der Erwartungsgrenzen zwischen (auslandischen) Standorten und Konzernzentrale kommt. Konzeme werden hier also als Organisationen verstanden, die Grenzen zwischen Konzemzentrale und Standortorganisationen als org2ms?iX\o\\smterne Grenzen.^
Ob die Organisationsform transnationaler Konzeme plausiblerweise als Netzwerk beschrieben werden kann, muss einer netzwerktheoretischen Erorterung uberlassen bleiben. Als Alternative zum Organisationsbegriff kommt der Netzwerkbegriff jedenfalls nicht in Betracht, da sich im Weiteren zeigen wird, dass sich im Zuge von Transnationalisierung der Detaillierungs- und Formal is ierungsgrad von Erwartungen der Konzeme sogar noch erhoht.
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Typisch fur den multinationalen Konzem ist, dass die Anforderungen an Erwartbarkeit gering und auf nur wenige Parameter, wie Gewinnbeitrag oder Marktanteil in dem zu bedienenden, peripheren Markt, beschrankt sind. Hierbei handelt es sich um vergleichsweise unspezifische Erwartungen, die nicht im Hinblick darauf, wie die Erreichung dieser Ziele intern organisiert werden sollte, spezifiziert sind. Diese Spezifizierung obliegt vielmehr der lokalen Standortorganisation, die dafiir das Mitgliedschaftsverhaltnis zu ihren Beschaftigten nutzen kann. Im Rahmen einer solchen multinationalen Strategie erfolgt die Subsystembildung auf der Ebene des Konzems nach einem segmentaren Muster: Die Tochtergesellschaften sollen groBe, haufig periphere Markte mit einfachen Massenprodukten bedienen. Sie sind kaum in den Konzem integriert und verftigen - abgesehen von der Finanzkontrolle durch den Konzem - tiber weitgehende lokale Handlungs- und Entscheidungsautonomie (Riedl 1999). Dies andert sich nun im Rahmen einer transnationalen Strategie: Die Standortuntemehmen werden nun eingebunden in eine global orientierte Konzemstrategie und in eine immer engere fimktionale Arbeitsteilung (vgl. Eckardt et al. 1999b). Dadurch steigen die Anfordemngen an Erwartbarkeit, Erwartungen werden sehr viel spezifischer. So bedeutet z.B. die Umstellung von der Produktion fur bestimmte, nationale Markte auf die Produktion fur einen Weltmarkt, dass an alien Standorten die Qualitatsstandards des Konzems eingehalten werden miissen. Dies zieht dann konzerneinheitliche Qualitatssichemngssysteme und -verfahren nach sich. Transnationalisierung ist also erstens mit einer ReSpezifizierung und Detaillierung von Erwartungen und zweitens mit neuen Arten der Herstellung von Erwartungssicherheit verbunden. Diese unterschiedliche Art der Grenzziehung zwischen Konzemzentrale und Standorten verweist auf unterschiedliche Rationalitaten hinter der multinationalen und der transnationalen Organisationsform. Damit ist auf den transnationalen Konzern als einen neuen Organisationstyp verwiesen. Bei der Umstellung von einer segmentaren, gering integrierten, mit unspezifizierten Erwartungen operierenden Organisationsform grenziiberschreitend tatiger Konzeme auf eine funktionale, integrierte, mit spezifizierten Erwartungen operierende, ,transnationale' Organisationsform handelt es sich um eine ,glokale' Form der Grenzorganisation in dem Sinne, dass sich zum einen lokale Rationalitaten mit Blick auf das spezifizierte Aufgabenumfeld der jeweiligen lokalen Einheiten herausbilden - das gilt auch im Fall der multinationalen Organisationsform -, dass - und das ist nun neu - diese lokalen Rationalitaten jedoch gleichzeitig immer auch anschlussfahig an die Rationalitat der Organisation als Ganzer sein miissen. Wenn z.B. ein Automobil-Konzem mit ,Weltmo-
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dellen' ein Qualitatsproblem mit einem seiner Modelle hatte, wiirde dieses Problem dem Konzem als ganzem zugeschrieben, und nicht dem Standort, an dem die konkreten, fehlerhaften Autos produziert worden sind. Derin der Kunde weiB ja im Fall von ,Weltautos' nichts dariiber, wo sein konkretes Auto produziert worden ist. Der Begriffsvorschlag lautet also, Transnationalisierung zu verstehen als Rekonfiguration von Sinn- und Erwartungsgrenzen innerhalb grenziiberschreitend tatiger Organisationen. Solche Erwartungen richten sich immer an die Mitglieder der Organisation. Die Mitglieder sind jedoch nicht nur Adressaten von Rollenerwartungen. Vielmehr zeigt uns die Hybridisierungsforschung (vgl. Boyer et al. 1998; Becker-Ritterspach 2004), dass Programmierungen von Untemehmenszentralen in der Form von Regeln, Routinen oder Organisationsmodellen in die jeweiligen lokalen Kontexte ,eingepasst' und verandert werden (vgl. die Sammelbande von Boyer et al. 1998;Dorrenbacher 2003). Arbeiten zu mikro-politischen Konflikten in Re-Organisationsprozessen (vgl. D5rrenbacher/ Riedel 2000; Dorrenbacher/ Gammelgaard 2004; Becker-Ritterspach et al. 2003; Dorrenbacher in diesem Band) zeigen dariiberhinaus, dass haufig die von der Konzemzentrale zu tibertragenden Organisationsmodelle von den Standorten ganz abgelehnt oder machtpolitisch unterlaufen werden. Daher reicht zur Untersuchung der Frage nach dem Wandel von Organisationsgrenzen im Zuge von Transnationalisierung der Blick auf die Programmierungen der Konzemzentrale nicht aus. Vielmehr miissen die alltaglichen Strukturationen der Organisationsgrenzen der Akteure in den Blick genommen werden. Deshalb wechselt nun die Perspektive von der Organisation auf die Mitglieder als Akteure, und zwar im Rahmen eines strukturationstheoretischen Ansatzes.
3.
Zur glokalen Restrukturation von Organisationsgrenzen im Zuge von Transnationalisierung
Im Anschluss an Giddens (1984) und Ortmann (1995) mochte ich zwei strukturationstheoretische Konzepte nutzen, um die These vom Wandel der Grenzziehungsrationalitat zu entfalten: die Giddens'schen Dimensionen des Sozialen und das Konzept der Viabilitat. Giddens unterscheidet drei zunachst nur analytisch trennbare Dimensionen des Sozialen:
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structur
signification
^
^
domination
^ ^
^
legitimation
A T
\
A
interpretative
facility
norm
A T
A T
modality k
r interaction commu]nicaiion
^
w
power
^^
w
sanction
Giddens (1984: 29)
Auf der Ebene sozialer Strukturen heiBen diese Dimensionen Signifikation, Legitimation und Domination. Auf der Ebene des Handelns bzw. der Interaktion heiBen sie: Kommunikation, Sanktion und Macht. Die Akteure vermitteln in ihren Interaktionen die Handlungs- mit der Strukturebene, indem sie die Regeln und Ressourcen unter situativen Umstanden situationsspezifisch zu Modalitaten ihres Handelns machen. (Ortmann et al, 1997: 319f) Diesen Dimensionen entsprechen auf der Strukturebene zwei Arten von Regeln und zwei Arten von Ressourcen:
1. ,yRegeln der Sinnkonstitution (Signifikation) begrunden das, was man eine kognitive Ordnung eines sozialen Systems bzw. hier: einer Organisation nennen kann. Giddens faBt darunter alle diejenigen Aspekte, die mit der Interpretation der Welt als Grundlage von Handeln zusammenhangen. Das be-
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zieht sich in Organisationen beispielsweise auf Interpretationsschemata, auf Symbole, Mythen etc. (...). 2. Regeln der Sanktionierung sozialen Handelns (Legitimation) begrtinden die normative Ordnung einer Organisation. (...). 3. Allokative Ressourcen ermoglichen Akteuren die Kontrolle materieller Aspekte sozialer Situationen, z.B. die Verfugbarkeit tiber Produktionsverfahren, produzierte Gtiter oder Geld. 4. Autoritative Ressourcen erlauben dagegen, Macht Uber Menschen auszuiiben, zum Beispiel durch die Festlegung von Arbeitsablaufen, -zeiten und -entgelten." (Ortmann et al. 1997: 320f, Herv. i.O.). Die letzteren konstituieren die Herrschaftsordnung einer Organisation. An diese Dimensionierung kntipft Ortmann nun sein Konzept der Viabilitat: In Abgrenzung zu universalistischen Modellen von Effizienz, von rational choice oder Zweckrationalitat betont er, dass organisational Formen (und damit Entscheidungen und Handlungen) nur dem Kriterium der Viabilitat geniigen miissen, d.h. sie mtissen in die kognitive, normative und politisch-okonomische Umwelt ,passen'. Wichtig daran ist, dass dies auch im Fall von Wirtschaftsorganisationen nicht nur fur die okonomische, sondem fur alle drei Dimensionen des Sozialen gilt. Legen wir nun diese Konzepte an die zu prlifende These an, so miisste sich zeigen lassen, dass sich im Zuge von Transnationalisierung die Viabilitatsbedingungen von Entscheidungen an den lokalen Standorten derart verandem, dass Regeln der Sinnkonstitution und der Sanktionierung von Handeln sowie allokative und autoritative Ressourcen nicht mehr allein lokal produziert und reproduziert werden - bei nur loser Kopplung an konzemweite Regebi und Ressourcen -, sondem dass eine konzemweite kognitive, normative und Herrschaftsordnung zur lokalen Ordnung hinzutritt. Organisationale Entscheidungen mtissten dann innerhalb beider Ordnungen viabel sein. Das setzt voraus, dass beide Ordnungen nicht unabhangig nebeneinander stehen, sondem dass das Verhaltnis zwischen lokaler und konzemweiter Ordnung als eines von Ordnung und Meta-Ordnung bzw. von abstrakter und spezifizierter Ordnung zu sehen ist. Glokale Re-Stmkturation von Organisationsgrenzen meint dann genau den Prozess des Wandels der lokalen kognitiven, normativen und Herrschaftsordnung
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zu einer an die konzemweite Ordnung anschlussfahigen, spezifizierten Ordnung. Dieser Re-Strukturationsprozess soil im folgenden an einem empirischen Beispiel aufgezeigt werden.
4.
Das Beispiel Volkswagen
Bei diesem Beispiel handelt es sich um VW do Brasil - eine Tochterfirma des Volkswagen-Konzems. VW do Brasil wurde in den 50er Jahren gegrtindet, um den groBen brasilianischen und lateinamerikanischen Markt mit einfachen Massenprodukten zu bedienen. In groBen Sttickzahlen wurde zunachst der Kafer (dort: Fusca) und dann der Gol, ein speziell fiir den brasilianischen Markt entwickelter Kleinwagen, produziert. Daneben wurden teils Modelle, die in den europaischen Werken bereits ausgelaufen waren, wie der Kombi (VW Bulli), teils auf VW-Modellen basierende, fiir den lateinamerikanischen Markt angepasste Modelle wie der Santana gefertigt. Die Einbindung von VW do Brasil in den VW-Konzem bis Mitte der 90er Jahre schildem Interviewpartner so: „... vorher war es ja so, daB wir sogar manchmal vergessen haben, daB es hier VW gab, da6 es eine VW AG hier bei uns gab, weil die Arbeit viel lokalisierter war, alle Entscheidungen und so, das wurde alles hier getroffen." (B12: 4).
„Fruher waren unsere Programme brasilianische Programme, da gab es keine globalen, weltweiten Programme. Da batten wir mehr Freiheit, innerhalb dieser Programme unsere eigene Art und Weise, die Dinge zu machen, zu entwickeln.Z.B. schon vor langer Zeit machten wir ein Auto, das Brasilia hiefi, und das war ein vollkommen brasilianisches Programm. Also haben wir unsere Werkzeuge entwickelt, eigene Wege entwickelt."(B14: 12).
VW do Brasil war also bis zu dieser Zeit eine typische Tochtergesellschaft eines Multinationals, die kaum in die konzeminteme Arbeitsteilung integriert war, und verfugte - abgesehen von der Finanzkontrolle durch den Konzem - tiber weitgehende Handlungs- und Entscheidungsautonomie/ Darauf verweisen auch
In den 80er Jahren wurde VW do Brasil mit dem brasilianischen Fordwerk zu dem Gemeinschaftsuntemehmen ,Autolatina' fusioniert, was zu einer noch weiteren Entkopplung vom VW-
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die eigene Entwicklungsabteilung, selbstentwickelte bzw. an die lokalen Bedingungen angepaBte Modelle, eine sehr hohe Fertigungstiefe, Eigenfinanzierung von Investitionen sowie Eigenstandigkeit mit Bezug auf Marketing und Vertrieb, Arbeitsorganisation und Personalpolitik sowie Produktionspolitik. Vor diesem Hintergrund bezogen sich Erwartungen der Konzemzentrale an den brasilianischen Standort vor allem auf den Gewinnbeitrag der Tochtergesellschaft zum Konzem. Die Spezifizierung dieser Erwartung in der Form von Programmen oblag der Standortorganisation. Unter diesen Bedingungen hatte sich eine eigenstandige, lokale interpretative, normative und Herrschaftsordnung herausgebildet. Dies mochte ich im folgenden anhand des Beispiels der kognitiv-interpretative Ordnung deutlich machen. Auf die anderen beiden Dimensionen werde ich dann nur kurz eingehen. Zur kognitiv-interpretativen Ordnung von VW do Brasil als eigenstandigem Tochteruntemehmen eines multinationalen Konzems gehorte, dass das Unternehmen Produkte fur den lateinamerikanischen, vor allem den brasilianischen Markt entwickelt, dass es dafur das entsprechende Markt-Know-How hat, dass es am brasilianischen Markt ein sehr erfolgreiches Untemehmen ist, das ilber lange Jahre hinweg die Marktfiihrerschaft innehatte. Diese Marktfuhrerschaft wird marktspezifischen Produkten wie insbesondere dem Gol zugeschrieben. Der Gol ist das zentrale Symbol des Erfolgs und der Leistungsfahigkeit von VW do Brasil. Er sicherte fiir fast 20 Jahre die Marktfuhrerschaft von VW auf dem brasilianischen Markt und gilt als an die spezifische Nachfrage des brasilianischen Marktes ideal angepasst und erfiillt auch die hier geltenden Qualitatsstandards. Und obwohl in Folge des Markteintritts von japanischen, italienischen und fi-anzosischen Herstellem von preisgtinstigen Kleinwagen VW do Brasil seit Anfang der 90er Jahre massiv an Marktanteilen verloren hat, gelten die bei der Gol-Produktion entwickelten Prozesse und Verfahren vielen Beschaftigten weiterhin als funktionsfahig (d.h. es ist bewiesen, dass sie erfolgreich funktionieren und zielfLihrend sind), situationsangemessen (d.h. sie passen zu den Kontextbedingungen am brasilianischen Standort) und nachahmenswert. Im Zuge einer neu justierten global ausgerichteten Standortstrategie des Konzems seit Mitte der 90er Jahre wurde VW do Brasil dann aber sehr viel
Konzem ftihrt. Erst 1995 wurde Autolatina wieder aufgelOst, da der VW-Konzem den brasilianischen Standort in seine neue, global ausgerichtete Produktions- und Absatzstrategie einbeziehen wollte.
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enger in konzemweite Beschaffungs-, Produktions- und Absatznetzwerke integriert. Seit Mitte der 90er Jahre werden erstmals in Brasilien sogenannte ,Weltautos' auf jeweils aktuellen Konzemplattformen gebaut, so z.B. Golf, Audi A3 Oder Polo. In dieser neuen, dritten Intemationalisierungsphase^ spielt die Plattformstrategie eine zentrale Rolle. Alle neuen Modelle, unabhangig von der Marke, werden nun auf gemeinsamen Konzemplattformen bzw. mit konzemeinheitlichen Modulen gebaut. Dies bedeutet einen „konzemweiten Standardisierungsschub hinsichtlich von Produkten und Fertigungsprozessen" (Eckardt et al. 2000: 174) - unter Einschluss der Marken Volkswagen, Audi, Seat und Skoda^ Die konzemweite Durchsetzung der Plattformstrategie geht auch einher mit einer qualitativen Funktionverschiebung zwischen Zentrale und Standorten sowie Standorten untereinander: „Insgesamt wird in dieser neuen Phase ... das Gef^lle zwischen ,Zentrum und Peripherie' hinsichtlich Produkten und Produktionskonfigurationen immer weiter eingeebnet. Innerhalb des Gesamtkonzems treten die Produktionsstandorte in eine Beziehung wechselseitiger Konkurrenz und wechselseitigen Lemens." (ebd,: 175).
Am Beispiel von VW do Brasil werde ich nun versuchen zu verdeutlichen, wie sich die Grenzen zwischen Konzem und Standortunternehmen im Zuge dieses Prozesses wandeln: Im Zuge der Transnationalisiemng wird der lokale kognitivinterpretative Rahmen irritiert durch eine andere Wahmehmungs- und Interpretationsordnung, der VW do Brasil als eines von vielen lokalen Standortuntemehmen des VW-Konzems sieht, dessen Aufgaben, sowie Handlungs- und Entscheidungskompetenzen durch seine Funktion innerhalb des Konzems bestimmt werden. Dieser andere Bedeutungsrahmen wird in erster Linie von expatriates, die sich zeitweise am brasilianischen Standort aufhalten, zum anderen aber auch durch Konzemrichtlinien und Verfahrensstandards an VW do Brasil herangetragen.
Dies gilt nicht fur den VW-Konzern allein, vgl. auch Fleury/ Salerno (1998: 278): „In the 1990s, however, these multinationals (notably Ford, Volkswagen (VW), and General Motors do Brasil (GMB) began to redefine the role of Brazil in their global strategies". So werden der Polo 3, der Skoda Fabia und der Seat Ibiza 3 auf der selben Plattform gebaut, wie bereits zuvor der Polo 2 und der Ibiza 2, ebenso auch der VW Lupo und der Seat Arosa (vgl. Mory 2002: lOf). In der unteren Mittelklasse werden der Golf, der New Beetle, der Audi A2 sowie der Skoda Oktavia auf der selben Plattform gebaut.
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In diesem anderen Rahmen wird der Gol nicht als Erfolgsmodell auf dem brasilianischen Markt wahrgenommen, sondem vor der Kontrastfolie von ,Weltautos' nach europaischem Standard als veraltet und unmodem wie die folgende InterviewauBerung eines expatriates zeigt: „Gerade hier in diesem Werk Anchieta jetzt haben wir das Problem, das wir uber 20 Jahre den sogenannten Gol bauen. Das ist ein Fahrzeug, da kann man driiber ... die Brasilianer sind stolz auf diesen Gol, soil man ihnen ja auch nicht nehmen, aber fur uns ist es ein veraltetes Auto. Ein echt veraltetes Auto. Es wurde zwar Facelift gemacht, und so weiter, die ein modemeres Aussehen machen, aber das Auto selber in seiner ganzen Fiigefolge ist veraltet. Und das mu6 erst mal aus den Leuten raus. Und das ist schwierig."(Bl: 3)
Deutlich wird hier auch, dass beide Bedeutungsrahmen nicht miteinander vereinbar sind und ihr Aufeinandertreffen Konfliktpotential enthalt. Hier trifft eine kognitiv-interpretative Ordnung, zu der auch Produzentenstolz, Wissen um lokale Verhaltnisse und Problemlosungskompetenz gehort, auf eine andere Wahmehmungs- und Interpretationsordnung, in der Europa und Japan als Zentren der globalen Automobilindustrie die Standards fiir Modemitat und technische Kompetenz setzen. Und die letztere wird nun nicht als Angebot, sondem als Zumutung an die brasilianischen Beschaftigten herangetragen: Sie sollen ihre selbstverstandlichen Situationswahmehmungen und -interpretationen aufgeben und sich den neuen Bedeutungsrahmen zu Eigen machen. Dies wird in der folgenden Interviewpassage noch einmal deutlicher angesprochen: „Hier kennen die ihre Methoden, hier haben sie 20 Jahre den Gol mit ihrer alten Methode gemacht, und das aus den KOpfen rauszubekommen ist schwierig. Hier habe ich oft festgestellt, oft kommen sie in eine Besprechung mit Kollegen und sagen: ,Aber beim Gol machen wir es doch so und so, warum nicht so, das war doch viel besser, aus unserer Sicht...',, (Bl:9).
Diese Sicht - die Sicht der Lokalen -, die noch im Rahmen des multinationalen Konzems viabel war, weil zwischen dem Konzem und VW do Brasil eine Erwartungsgrenze verlief, die eigenstandige Erwartungen fur VW do Brasil zulieB, mussen sich kognitiv-interpretative Selbstverstandlichkeitsannahmen heute auch auf der Konzemebene als viabel erweisen. Die konzemweite kognitivinterpretative Ordnung geht dabei, wie oben gezeigt, vom ,Weltauto' als konzemeigenem Produkt aus, das sich auch VW do Brasil zueigen machen muss. Ein zweites Beispiel betrifft die Frage der Produktqualitat. Wie bereits gesagt, ist die Vorstellung davon, was ein qualitativ gutes Auto ausmacht, bei VW do Brasil identisch damit, was am brasilianischen Markt, m.a.W. vor allem von den Kaufem des Gol, als Qualitatsmerkmale gesehen wird. Auch hier wird diese
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Sichtweise aber nun im Zuge von Transnationalisierung konfrontiert mit einer zweiten Sichtweise, namlich der Konzemsichtweise. Die folgende InterviewauBerung macht das Aufeinanderprallen beider Wahmehmungs- und Interpretationsrahmen deutlich: „Wenn man jetzt in einer globalisierten Welt eine Automobilindustrie anschaut, mochte man in diesen Markt ein bestimmtes Fahrzeug einfiihren, in diesen das gleiche und in diesen auch das gleiche. Das ist jetzt die Richtung. Die gleiche Plattform in Brasilien, in Spanien und in der Slowakei einzufiihren. Aber der Markt ist vollkommen verschieden in Spanien, in der Slowakei und in Brasilien. Wir haben hier in Brasilien 70% vom Markt 11Motoren. Das sind 75 PS. Und der Brasilianer, der mOchte ein billiges Auto, der schaut nicht auf die Qualitat, das Auto mu6 fahren,mu6 ihn von einem Punkt zum anderen bringen. Das heifit, es ist wegen der Verhaltnisse der Brasilianer. Die Mehrheit der Brasilianer ist von der unteren Schicht und hat kein Geld. Und wenn die einmal Geld hat, wenn sie ein Auto bekommen, die miissen 13.000, 15.000 Rs dafUr zahlen, was am billigsten ist, wird dann gekauft. VW hat die teuersten Autos und mit der Globalisierung in diesem und diesem Markt kommt das zu Reizen. Wir als Mitarbeiter sagen: ,Mensch, warum geht man in die Richtung, der Markt mOchte was anderes,' und ich schatze als Mitarbeiter, dafi diese Richtungen von Wolfsburg defmiert werden, und das ist falsch." (B8: 11)
Durch das Herantragen eines zweiten Bedeutungsrahmens werden nun die bisher unhinterfragt giiltigen Wahmehmungen und Interpretationen irritiert und damit der Reflexion zuganglich gemacht. Zu beobachten ist, dass die Lokalen nicht mehr ,selbstverstandlich' auf ihre Interpretationsschemata zurtickgreifen, sondem in der Kommunikation den anderen - wenn auch haufig noch ,fremden' - Rahmen mitberticksichtigen und sich z.T. auch zueigen machen. Neue Regeln der Sinnkonstitution entstehen, und zwar in diesem Sinne glokale Regeln der Sinnkonstitution. D.h. sinnhaftes Handeln und Entscheiden muss sich innerhalb von beiden Bedeutungsrahmen als viabel erweisen. An den zuletzt angefiihrten InterviewauBerungen lasst sich ablesen, wie die kognitiv-interpretative Ordnung re-strukturiert wird. D.h. was als sinnvolle Handlung oder Entscheidung gilt, hangt nicht mehr nur von lokal produzierten Regeln der Sinn-Konstitution ab, sondem bezieht immer beide frames of meaning mit ein. Eigene Handlungen und Entscheidungen werden als sinnhaft ausgeflaggt, indem nicht mehr nur der vormals als selbstverstandlich geltende Sinnrahmen herangezogen wird, sondem indem auch der jeweils andere - wenn auch oft noch fremde - herangezogen wird - und sei es nur zur Abgrenzung. In der Dimension der kognitiv-interpretativen Ordnung ist das Ergebnis von Transnationalisierung dann eine multiperspektivische Ordnung. Nur der Vollstandigkeit halber soil an dieser Stelle erwahnt werden, dass sich auch fur die normative Ordnung eine solche glokale Restmkturation der Organisationsgrenzen zeigen lasst: Wahrend vor Beginn des Transnationa-
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lisierungsprozesses Entscheidungen bei VW-do-Brasil legitimiert wurden durch Bezug auf die Erhaltung der marktfuhrenden Position im lateinamerikanischen Markt, ist heute der konzeminteme Wettbewerb zwischen den weltweiten Standorten der legitimatorische Rahmen filr Entscheidungen. Dies bedeutet auch einen inhaltlichen Wandel: Da Entscheidungen iiber Modelle nicht langer lokal getroffen werden, ist das Standortuntemehmen nicht verantwortlich fur erfolglose Modelle. Aber es ist verantwortlich (und wird sanktioniert) fiir das Verfehlen von Konzern-benchmarks bei Produktionskosten, Qualitat, Lieferzeiten, etc. Gleiches lasst sich auch fur die Herrschaftsordming zeigen: Allokative und autoritative Ressourcen wurden vor dem Transnationalisierungsprozess in erster Linie lokal produziert und reproduziert. Heute stammen zentrale allokative und autoritative Ressourcen aus der intemen Umwelt des Konzems: Transnationalisierung ist mit einer abnehmenden Kontrolle lokaler Akteure iiber materielle Ressourcen wie Kapital, Produktionsanlagen, Informationen verbunden. Die Chancen lokaler Akteure, Entscheidungen aufgrund ihrer eigenen Autoritat zu treffen, nimmt im Zuge von Transnationalisierung ab. Ein Beispiel hierftir die Einfuhrung des Audi-Gruppenarbeitssystems, das zur arbeitsorganisatorischen ,Plattform' in der Produktion aller Standorte geworden ist. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass im Zuge von Transnationalisierung lokale Ordnungen, Rationalitaten - nicht nur vereinzelt, sondem als Dauerzustand - konfrontiert werden mit kognitiv-interpretativen, normativen und Herrschaftsordnungen auf der Ebene des Gesamtkonzems. Erwartungen an die Mitglieder der lokalen Organisationen werden nicht mehr (nahezu) ausschlieBlich von der lokalen Organisation an sie herangetragen, sondem in deutlich verstarktem AusmaB vom Konzem. Mit anderen Worten: Transnationale Konzeme sind in dem Sinne glokal organisiert, dass Entscheidungen auf der Ebene lokaler Standortuntemehmen immer zugleich an lokalen und an konzemweiten kognitiven, normativen und Herrschaftsordnungen bzw. Rationalitaten orientiert sind. Dies ist auch verbunden mit einer Spezifiziemng der Erwartungen auf der Ebene der lokalen Standorte: Diese sind nicht mehr allzustandig fur die Beschaffung, die Produktion und die Distribution sowie das Management ihrer Organisationsgrenzen, sondem tiberaehmen spezifizierte Aufgaben innerhalb des Konzems: die Produktion bestimmter (vom Konzem ,zugeteilter') Modelle, die Beliefemng bestimmter Markte, deren Relevanz sich aus KonzemMarktpolitiken bestimmt. Das kann einerseits bedeuten, dass bestimmte Funktionen - wie die Entwicklung - gar nicht mehr am jeweiligen Standort vorkommen, es kann aber auch bedeuten, dass Funktionen wie der Einkauf oder die
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Entwicklung arbeitsteilig an den verschiedenen Standorten erfiillt werden. So kann die Einkaufsabteilung an einem Standort z.B. die Zustandigkeit fiir einen bestimmten Zuliefermarkt ubertragen bekommen^ oder bestimmte Entwicklungsaufgaben iibemehmen.^ Aus einer segmentaren Konzemorganisation, die in erster Linie relativ unspezifische Erwartungen an ihre MitgliQdsorganisationen richtet und die Spezifizierung dieser Erwartungen und deren Adressierung an die Beschdftigten als Mitglieder der Standortorganisationen den letzteren liberlasst, wird so eine funktionale Konzemorganisation, die Erwartungen in weiten Bereichen direkt din die Beschaftigten an den Standorten adressiert. Die so entstehenden neuen intemen Grenzziehungen verlaufen nun - anders als im Fall der multinationalen Organisationsform - haufig quer zu den geographischen Grenzen zwischen Konzemzentrale und Standorten. Deutlich wird dabei im tFbrigen auch, dass die Art der intemen Grenzorganisation unabhangig davon, worauf diese bemht - Mitgliedschaft versus Eigentums- und Kontrollrechte - variieren kann. Zusammenfassend konnen wir festhalten, dass Transnationalisiemng eine Restmkturation von Organisationsgrenzen bedeutet. Aus einer segmentaren Grenzziehung zwischen der Konzemzentrale und den einzelnen Standortorganisationen als fiinktional vollstandige und eigenstandige Organisationen werden funktionale Grenzziehungen. Diese verlaufen nicht mehr - jedenfalls nicht in jedem Fall und nicht selbstverstandlich - entlang der geographischen und rechtsfbrmigen AuBengrenze der Standortorganisationen, sondem entlang von fiinktionalen Spezifizierungen. Diese Restmkturation der Organisationsgrenzen wurde als glokale Restmkturation in dem Sinne beschrieben, dass Handlungen und Entscheidungen an den Standorten sich immer an zwei Arten von Erwartungen orientieren mtissen: Erwartungen, die am Standort selbst generiert werden, und Erwartungen, die vom Konzem als ganzem an den Standort gerichtet werden.
Das zeigen Klemm/ Popp (2005) am Beispiel VW-Skoda: Skoda hat die Zustandigkeit, ^wr den ganzen Konzern den Zuliefermarkt in Ost-Mitteleuropa zu beobachten, zu evaluieren und Zulieferer zu qualifizieren. So bekam VW do Brasil die Aufgabe, einen neuen Kleinwagen, den Fox als Nachfolger des Lupo, fur den VW-Konzem zu entwickeln.
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5.
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Transnationalisierung als glokale Re-Strukturation von Organisationsgrenzen - Zum ,Nutzen' des theoretisch-analytischen Konzepts
Im Vorangegangenen wurde Transnationalisierung als glokale Restrukturation von Organisationsgrenzen charakterisiert. Die Frage ist nun, was eine solche Fassung von Transnationalisierung mit Blick auf die Debatten um Globalisierung und organisationale Entwicklung grenzuberschreitend tatiger Unternehmen bedeutet. AbschlieBend mochte ich daher meine Perspektive auf Transnationalisierung in diese Debatten einordnen, indem ich vier solche Probleme bzw. Fragestellungen kurz anreiBe und versuche wenigstens anzudeuten, welchen Beitrag der hier prasentierte theoretisch-analytische Zugriff auf Transnationalisierung zur Erfassung und Erklarung in diesen Bereichen leisten kann:
1. In der Globalisierungsdebatte wird Transnationalisierung verstanden als Rationalisierungsstrategie, die es den Untemehmen ermoglicht, weltweit Kostendifferentiale auszunutzen sowie economies of scale und economies of scope TAX verbinden. In der hier vorgeschlagenen Perspektive wird dagegen Transnationalisierung als systembezogene Rationalisierungsstrategie fokussiert. Aus Organisationen in der Organisation werden Sub-Systeme, die die Moglichkeiten der Multireferentialitat der Organisation ,Konzern' erhohen und damit die Moglichkeiten des Umgangs mit komplexen Umwelten steigem. Die im Zuge von Transnationalisierung zu beobachtenden Konflikte erscheinen dann als interne ,Grenzkonflikte', und zwar im Sinne glokaler Grenzkonflikte, d.h. sie resultieren aus der Spannung zwischen der Gesamtrationalitat des Konzems und der je einzelnen Rationalitat der Subsysteme, eine Spannung, die prinzipiell nicht nach einer Seite hin aufgelost werden kann. Transnationalisierung erscheint so nicht einfach als Rationalisierungsstrategie des Managements, sondem als widersprlichlicher und konflikthafter Reorganisationsprozess, der prinzipiell auch scheitem kann. 2. Vor diesem Hintergrund stellt sich auf neue Art und verscharft das Problem der Steuerung und Sozialintegration grenztiberschreitend tatiger Konzeme, d.h. das Problem lokaler Rationalitaten und deren ,Einbindung' in eine globale KonzemRationalitat. In den Blick geraten damit neue Steuerungs- und Integrationsmodi. Wahrend jedoch in der Debatte um Zentralisierung versus Dezentralisierung vor
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allem auf konzemweite Vorgaben bezuglich Standards, Verfahren und Organisationsformen als Beleg fiir die Zentralisierung von Handlungs- und Entscheidungskompetenzen geschaut wird, gerat in der hier vorgeschlagenen Perspektive immer auch die ,Gegenseite' solcher Programmierungen in den Blick, namlich die Einbindung der Standortorganisationen bzw. ihrer Mitglieder in Entscheidungsprozesse im Rahmen von transnational zusammengesetzten Teams in alien Bereichen der Organisation, transnationalen Gremien als Entscheidungsarenen, transnationaler Mobilitat von breiten Beschaftigtengruppen. Programmierungen der Konzemzentrale auf der einen Seite und die Ausweitung von Partizipationschancen fur Mitglieder der Standortorganisationen an den Entscheidungen iiber solche Programmierungen auf der anderen Seite sind zwei Seiten einer auf Glokalitat zielenden Steuerungs- und Integrationsstrategie. 3. In der Debatte um Globalisierung und Transnationalisierung - insbesondere wenn es um Konflikte in diesen Prozessen geht - spielt der Bezug auf kulturelle Differenzen eine groBe Rolle. Konflikte werden hier als interkulturelle Konflikte gesehen, die aus der Einbettung der Standorte und der Konzemzentrale bzw. der lokalen Beschaftigten und der entsandten expatriates, in unterschiedliche Landeskulturen resultiert (Hofstede 1997, 2001; Mayerhofer 1997). Die so haufig im Zusammenhang mit transnationalen Konzemen thematisierten kulturellen Differenzen und Konflikte erscheinen in der hier vorgeschlagenen Fassung von Transnationalisierung als Konflikte zwischen globalen und lokalen Bedeutungsund Legitimationsrahmen. Diese Fassung lasst durchaus einen Bezug zu den jeweiligen national-kulturellen oder institutionellen Kontexten zu, setzt aber keinen holistisch-essentialistischen Kulturbegriff im Sinne einer einheitlichen und homogenen Landeskultur voraus.^ Uber den Begriff der Re-Strukturation kann die Dynamik in der Entwicklung von kognitiv-interpretativer, normativer
Fiir eine Kritik eines holistisch-essentialistischen Kulturkonzepts, das von kulturellen Unterschieden zwischen Branchen, einzelnen Untemehmen, ja sogar unterschiedlichen Untemehmensbereichen wie Vertrieb und Produktion zugunsten einer Identifizierung von Kultur mit Gesellschaft bzw. Land abstrahiert, vgl. D5rrenbacher/ Riedel (2000: 23). Vgl. auch Wimmer (1996) in einer allgemeinen Kritik des klassischen Kulturbegriffs: „In der fachintemen Diskussion dagegen wurde seit den funfziger Jahren Abstand von einem holistischen und essentialisierenden Kulturverstandnis genommen, weil unter diesen Vorzeichen die Probleme der intrakulturellen Variation, der Machtgebundenheit des Kulturellen, des kulturellen Wandels wowie der Konzeptualisierung individuellen Handelns als unl5sbar erschienen." (Abstract des Autors)
Transnational is ierung als glokale Restrukturation von Organisationsgrenzen
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und Herrschaftsordnung erfasst werden, ohne dass zugleich von einer Uberlagerung von societal durch organizational effects (Mueller 1994) ausgegangen werden muss. 4. Die beschriebene glokale Restrukturation der organisationsintemen Grenzen lasst erwarten, dass dies auch Folgen fiir ihre Einbettung in ihre gesellschaftliche Umwelt hat. Wenn Tacke (1997) im Anschluss an Luhmann darauf hinweist, dass Subsystembildung die Referenzen vermehrt, die das System auf seine Umwelt beziehen, dann bedeutet ein Wandel in der Art der intemen Grenzziehung gleichzeitig einen Wandel der Bezugnahme auf Umwelt. Auch die Debatte um disembedding und reembedding verweist auf dieses Thema (Giddens 1995). In der hier vorgeschlagenen Theorieperspektive wird im Zuge des Transnationalisierungsprozesses der Konzem als ganzes und die anderen Sub-Systeme zur relevanten intemen Umwelt fiir lokale Standortuntemehmen. Die organisationsexteme Umwelt dagegen wird zur Sache des Konzems. Die Frage ist dann, ob und in welcher Form Standortuntemehmen (bzw. bestimmte Sub-Sub-Systeme) Grenzstellenfunktionen iibertragen bekommen. In jedem Fall mtiBten die Beziehungen von Standortuntemehmen zur organisationsextemen Umwelt als Grenzstellenfunktion des Konzems untersucht werden. Ein Verstandnis von Transnationalisierung als glokaler Restmkturation von intemen Organisationsgrenzen lasst also eine Reihe von Forschungsfragen in einem neuen Licht erscheinen. Deutlich wird, dass der Begriff der Transnationalisiemng auf einen qualitativ neuen Typus grenztiberschreitender Untemehmen verweist. Damit ist jedoch gerade nicht gesagt, dass sich transnational Organisationsformen im Sinne einer best practice problemlos implementieren und als Rationalisierungsstrategie nutzen lassen. Vielmehr geraten gerade in der hier vorgeschlagenen Perspektive die WidersprUche, Spannungen und moglichen Blockaden von Transnationalisiemng - auch als Grenzen von Globalisiemng in den Blick.
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Mike Geppert, Dirk Matten, Peggy Schmidt
Hintergriinde und Probleme der Transnationalisierung multinationaler Unternehmungen: Globale Isomorphismen, national business systems und ,transnationale soziale Raume'
1.
Einfiihrung und Problemstellung
Viele Studien zur Transnationalisierung von multinationalen Untemehmen warden immer noch sehr stark von okonomisch rationalen (Buckley 1996; Casson, 1997; Buckley/ Ghauri, 1999) bzw. kontingenztheoretisch funktionalen (wie z.B. Bartlett/ Ghoshal 1989; Egelhoff 1982; Prahalad/ Doz 1987) Annahmen bestimmt. Kritische Anmerkungen iiber Hintergriinde und Probleme von Transnationalisierung waren lange Zeit auf kulturalistisch orientierte intemationale Vergleichsstudien - meistens mit Bezug auf die Arbeiten von Hofstede (2001) beschrankt. Allerdings gibt es seit Beginn der 1990er Jahre in Nordamerika, aber auch in GroBbritannien, eine wachsende Zahl von Forschungsarbeiten, die, ausgehend von einer organisationssoziologischen Kritik, die bisherige Dominanz 5konomisch-funktionalistischer Studien durchbrechen und die Rolle von institutionellen Umwelten ftir die Organisation und das Management von multinationalen Untemehmen betonen. Dabei wird allerdings der Einfluss der Unternehmensumwelten im Zuge des Transnationalisierungsprozesses sehr unterschiedlich interpretiert. Im Gegensatz zu institutionalistischen Forschem in Europa, die die bleibende Bedeutung des Einflusses von Nationalgesellschaften auf Entscheidungsprozesse in den Konzemzentralen und Niederlassungen betonen, sehen nord-amerikanische Institutionalisten Transnationalisierung als zwangslaufiges Resultat einer sich regulativ, normativ und kognitiv konstituierenden Weltgesellschaft.
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Mike Geppert, Dirk Matten, Peggy Schmidt
Der vorliegende Aufsatz diskutiert den Einfluss unterschiedlicher kultureller und institutioneller Umwelten auf das Management und die Organisation von multinationalen Untemehmen. Ausgehend von einer kurzen kritischen Revision okonomisch-funktionalistisch orientierter Studien wird ausfuhrlich die Bedeutung institutionalistischer Erklarungsansatze fur das Verstandnis organisatorischer Entwicklungstendenzen in multinationalen Untemehmen diskutiert. Besondere Aufmerksamkeit werden wir zuerst auf den Beitrag des sogenannten europaischen Institutionalismus richten. AnschlieBend setzen wir uns damit auseinander, inwieweit Kemargumente nord-amerikanischer Institutionalisten gewinnbringend zum besseren Verstandnis der Transnationalisierung sozialer Praktiken und organisationaler Prozesse in multinationalen Untemehmen beitragen konnen. In der zusammenftihrenden Diskussion beider Ansatze konzentrieren wir uns auf die folgenden Aspekte: den Einfluss des Heimatlandes auf das Management und die Organisation von multinationalen Untemehmen, die Macht und Autonomie der auslandischen Tochtergesellschaften sowie die Entstehung transnationaler sozialer Raume. Unsere zentrale These ist, dass nationale Unterschiede in multinationalen Untemehmen auch im Transnationalisiemngsprozess weiterhin thematisiert werden mussen, insbesondere aufgrund der fortbestehenden Einflusse des Herkunftslandes und der verschiedenen Gastlander auf die Aktivitaten der Niederlassungen. Neben einer extensiven Diskussion der einschlagigen Forschungsliteratur werden wir exemplarisch auf ein eigenes, erst ktirzlich abgeschlossenes, intemational vergleichendes empirisches Forschungsprojekt zur Reorganisation von Arbeitssystemen in multinationalen Untemehmen zuriickgreifen (vgl. Geppert 2003; Geppert et al. 2003; Geppert et al. 2003; Matten/ Geppert 2004; Geppert/ Matten 2006). Einerseits fanden wir hier zwar durchaus empirische Evidenz fur das Entstehen von transnationalen Stmkturen und Praktiken in multinationalen Untemehmen. Gleichzeitig zeigt unsere Analyse jedoch auch, dass mehr Skepsis im Hinblick darauf angebracht ist, ob die von fiihrenden Managementforschem beschworene transnational solution (Bartlett/ Ghoshal 1989) wirklich der geeignete Weg ist, um die Lemund Anpassungspotentiale der gesamten multinationalen Unternehmung zu erhalten und zu verbessem. Der normative Fokus auf strukturelle und kulturelle Integrationsmechanismen in transnationalen Untenehmen verstellt u. E. den Blick darauf, dass der Erhalt kontextueller Rationalitaten und institutioneller Vielfalt gerade fiir die Entwicklungs- und Wandlungsfahigkeit multinationaler Untemehmen weit wichtiger ist, als oftmals angenommen. Darauf, und auf neuere konzeptionelle Entwicklungen im Forschungsfeld werden wir abschlieBend eingehen und dabei auch auf die Grenzen der zuvor diskutierten institutionalisti-
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87
schen Ansatze verweisen. Am Schluss folgt eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse dieses Beitrages und ein Ausblick auf die Herausforderungen zuklinftiger institutionalistischer Forschung.
2.
Okonomisch-funktionalistische Erklarungen transnationalen Unternehmung
zur
,Evolution'
der
Okonomisch-funktionalistische Theorien zur TransnationaHsierung der multinationalen Unternehmung konnen nach Child (2000) als low-context-Ajv^ditzQ bezeichnet werden, da sie insbesondere auf die unterschiedlichen sozialen, politischen, kulturellen und institutionellen Kontexte nur insoweit eingehen, wie diese Niederschlag in okonomisch kalkulierbaren Variablen finden. Lowcontext-AnsatzQ fiiBen insbesondere auf drei Annahmen, die alle auf eine zunehmende Konvergenz in Managementprozessen und -strukturen in multinationalen Firmen hinauslaufen: •
Okonomischer Universalismus
Der okonomische Universalismus geht davon aus, dass der Intemationalisierungsprozess mit einer weltweiten Offhung von Markten, dem Abbau von Handelsschranken und der Liberalisierung von GUter- und Kapitalflussregulierung einhergeht, und damit strikten Marktprinzipien unterliegt. Zugespitzt fuhrt okonomischer Universalismus zu einer weitgehenden Ignoranz kultureller und politischer Besonderheiten im intemationalen Management. •
Technologischer Universalismus
Insbesondere die forcierte Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien hat in dieser Perspektive eine weltweit zunehmende Homogenisierung von Managementprozessen ermoglicht. Technologische Universalisten wtirden argumentieren, dass durch den verstarkten Emsatz von immer ahnlicheren Technologien (wie z.B. von Computerhard- und software) Entscheidungsprozesse und -strukturen in Untemehmen sich weltweit angleichen. Neben okonomischen Aspekten geht es dabei um Fragen, in deren Mittelpunkt der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien im Prozess der Intemationalisierung steht.
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•
Psychologischer Universalismus
Der psychologische Universalismus geht davon aus, dass Menschen weltweit nicht nur weitgehend ahnliche Bediirfhisse und Motivationsstrukturen teilen, sondem auch Ahnlichkeiten in sozialen Lemprozessen aufsveisen. Somit wird beispielsweise Managem aus ehemals plansozialistischen Landem empfohlen, erfolgreiche westliche Managementkonzepte und -praktiken, wie Accounting, Controlling, Human Ressource Management oder Marketing, zu tibemehmen, um marktwirtschaftlich erfolgreich zu werden (vgl. Geppert/ Merkens 1999). Dies fiihre wiederum dazu, dass Manager, insbesondere in multinationalen Untemehmen, auf universelle Motivations-, Personalmanagement- und Lemmodelle zuriickgreifen. In okonomischen Theorien wird das multinationale Untemehmen als rationaler Akteur beschrieben, der sich in auslandischen Markten aufgrund eines rein okonomischen Kalktils engagiert.^ Es wird im wesentlichen davon ausgegangen, dass Transaktionskosteniiberlegungen die zentrale Rolle spielen, wenn Unternehmen die heimischen Grenzen tiberschreiten und sich transnational engagieren. Strategische Entscheidungen uber Intemationalisierung und das Wachstum von Untemehmungen werden so in erster Linie als Logik der Minimierung von Transaktionskosten diskutiert und in Beziehung zu den okonomischen Bedingungen auf den inlandischen und auslandischen Markten gesetzt (Vgl. z.B. Buckley 1996; Buckley/ Chapman 1999 und Buckley/ Ghauri 1999). In diesem Sinne wird Transnationalisierung von Organisation und Management in multinationalen Unternehmen als funktionales Komplement von immer globaler werdenden Markten und Austauschprozessen betrachtet. Im Zentrum der Analyse stehen hauptsachlich die oben diskutierten okonomischen Universalismen. Der bekannteste und wohl auch tonangebendste Beitrag in der gegenwartigen Diskussion um die Transnationalisierung ist allerdings das ,evolutionare Paradigma' von Bartlett und Ghoshal (1989, 1997). Im Vergleich zu okonomischen Modellen wird der ProzeB der Transnationalisierung hier aber viel breiter und umfassender diskutiert. Die kontingenztheoretischen Grundaussagen der Vielfalt von Aufgabenumwelten werden dabei weitgehend relativiert. Vielmehr wird angenommen, dass das Zusammenwirken aller drei oben aufgefuhrten
1
Wichtige Vertreter sind z.B. Buckley (1996); Casson (1997) und Dunning (1998).
Globale Isomorphismen, national business systems und ,transnationale soziale Raume'
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Universalismen zur Herausbildung idealtypisch ahnlicher Organisationsstrukturen und -prozesse fiihrt. Eine zentrale These ist, dass die drei ersten Stufen in der ,evolutionaren Typologie' der multinationalen Untemehmung nur unzureichende trade offs fur das Dilemma von transnational agierenden Firmen bieten. Um beides zugleich - global effizient und lokal angepasst - sein zu konnen, wird die transnationale Untemehmung als die optimale ,Losung' angesehen. Die Annahme ist, dass diese neue Organisationsform besser geeignet ist, landerubergreifend okonomische Effizienz mit organisationaler Lemfahigkeit zu verbinden, als das in den drei ,evolutionaren Vorstufen' der Fall ist. Fortflihrungen dieses Ansatzes stellen auf die Beziehungen von Zentrale und Niederlassungen sowie auf Lemprozesse in multinationalen ,Heterarchien'^ ab. So setzt z.B. Hedlunds (1986; 1993) Kritik bei der traditionellen strukturalistischen Sicht an, die die Beziehungen zwischen der Muttergesellschaft und ihren Tochteruntemehmen als zentralisiert, hierarchisch und formalisiert sieht. Dieses Bild deckt sich jedoch kaum mit realen Entscheidungsprozessen in international operierenden Firmen, die oft in eher komplexe, laterale und informelle Beziehungsgeflechte eingebettet sind, und sowohl nach innen als auch nach auBen gerichtet sind. Hedlund schlagt daher vor, den Begriff der ,Hierarchie' durch den der ,Heterarchie' zu ersetzen. Letzterer Vorschlag wird auch von Nohria und Ghoshal (1997) aufgegriffen, wenn sie von multinationalen Untemehmen als ,differenzierten Netzwerkorganisationen' sprechen. Diese werden nicht mehr von einer Zentrale aus gesteuert, sondem sind in komplexe Verhandlungen mit intemen und extemen stakeholdern eingebunden. Damit sind diese nicht nur komplexer, sondem auch vielfaltiger, flexibler und lemfahiger als traditionell hierarchisch organisierte multinationale Untemehmen. Diese Rekonzeptualisiemng der multinationalen Untemehmung von einem statischen und stmkturalistischen Modell, in welchem die Muttergesellschaft die strategischen Entscheidungen trifft, zu einem eher dynamischen und prozessorientierten Ansatz ftihrte auch dazu, den Niederlassungen eine aktivere Rolle zuzusprechen. So verweisen Birkinshaw und Hood darauf, dass wichtige strategische Entscheidungen in multinationalen Untemehmen durchaus auch von den Niederlassungen selbst getroffen werden konnen (Birkinshaw/ Hood 1998; 2001). Die Kritik an den okonomistischen Ansatzen ft)kussiert im wesentlichen auf die ,rationalistische' Konzeptioniemng von Akteuren in multinationalen Unter-
Wichtige Vertreter sind z.B. Hedlund (1986, 1993); Kogut (1993); Gupta/ Govindarajan (2000, 2002).
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nehmen, die ihre Entscheidungen an eigeninteressierten, okonomischen KostenNutzen-Kalktilen ausrichten. Insbesondere vemachlassigen diese Ansatze die soziale Einbettung rationaler Entscheidungsprozesse, Irrationalitat und Unsicherheit in Organisationen sowie die soziale Konstruktion von Markten und unterschiedliche lokale Rationalitaten in den multinationalen Firmen.^ So kritisiert z.B. Scott (1998), dass die Theorie der Organisation sich lange Zeit hauptsachlich auf den Einfluss technischer und okonomischer Umwelten auf Unternehmenshandeln konzentriert hat und dabei die Bedeutung institutioneller Umwelten und ihrer symbolisch-kulturellen und kognitiven Effekte vemachlassigt hat. Kritik an universellen Konvergenzannahmen in der intemationalen Managementforschung und der Rolle von multinationalen Firmen in diesem Prozess liben vor allem sogenannte high-context-AnsaXzQ in der international vergleichenden Managementforschung (Child 2000). Im Unterschied zu universalistischen Theorien sind high-context-AnsditZQ eher historisch, empirisch und komparativ orientiert. Landervergleichende Studien widerlegen die Konvergenzannahme und betonen die kulturelle und institutionelle Vielfalt von Organisationsund Managementformen in unterschiedlichen nationalen Kontexten. So kamen z. B. Child und Kieser (1979) bereits vor mehr als 25 Jahren in einer britischdeutschen Vergleichsstudie zu dem Ergebnis, dass neben situativen Faktoren auch nationalkulturelle Faktoren Managementrollen und -strukturen in Firmen beeinflussen.
3.
Institutionalistische Erklarungen zur Transnationalisierung Unternehmensumwelten von multinationalen Unternehmungen
der
Es gibt eine wichtige Gemeinsamkeit, die institutionalistische mit okonomischen und kontingenztheoretischen, aber auch mit den oben kurz erwahnten kulturalistischen Ansatze teilen: Dass die Untemehmensumwelt eine entscheidende Rolle flir das Verstandnis von Managementprozessen in Organisationen spielt. Allerdings gibt es unterschiedliche Vorstellungen darliber, inwieweit die Umwelteinflusse eher universeller oder spezieller Natur sind. Wie wir gesehen
3
Eine sicher extreme Position dazu vertritt z.B. Rugman (2000), der wesentliche Eckpunkte der Diskussion zusammenfUhrt.
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haben, tendieren okonomisch und kontingenztheoretisch orientierte Forscher dazu, die universellen Einfltisse zu betonen. Kulturalistische Studien zeigen allerdings, dass kulturelle Normen und Werte nur bedingt universelle Giiltigkeit haben, und betonen ihre nationale Vielfalt. Eine transnationale Angleichung dieser unterschiedlichen Nationalkulturen wird hier skeptisch gesehen (vgl. Hofstede 2001, Hampden-Turner/ Trompenaars 1993; 2000). Diese Frage von Konvergenz und Divergenz spielt auch eine entscheidende Rolle in der Art und Weise, wie institutionalistische Theorien den Zusammenhang von Wandel der Untemehmensumwelten und Transnationalisierung von Organisation und Management in international operierenden Untenehmen thematisieren. Grundlegend fur das Verstandnis und die Anwendung institutionalistischer Ansatze in der organisationssoziologischen Literatur ist daher die Differenzierung zwischen europaischem und nord-amerikanischem Institutionalismus/ Wahrend Transnationalisierung im amerikanischen Institutionalismus als unabdinglicher Prozess durch global wirkende institutionelle Isomorphismen (Meyer 2000) erklart wird, verweist der europaische Institutionalismus darauf, dass nationalstaatlich verfasste Institutionengefuge weiterhin Einfluss darauf haben, wie multinationale Untemehmen konstituiert werden. Der zentrale Transmissionsmechanismus besteht in der Sicht des europaischen Institutionalismus in den Institutionen des jeweiligen national business systems, wie z.B. das jeweilige nationale Finanz- und Bankensystem oder das Bildungssystem. Internationale Vergleichstudien zeigen, dass nationale Unterschiede von betrieblichen Struktur- und Handlungsmustem nicht hinreichend durch die Aufgabenumwelt oder okonomische Logik des Marktes erklart werden konnen, sondem im wesentlichen durch ihre institutionelle Einbettung in sehr unterschiedliche societal contexts (Sorge 1991), industrial orders (Lane 1994) oder eben national business systems (Whitley 1997) bestimmt werden. Als solche ist diese Theoriefamilie nicht in erster Linie auf die multinationale Untemehmung als Untersuchungsobjekt fokussiert, erfahrt aber in jtingster Zeit gerade aus dieser Richtung verstarkte Aufmerksamkeit (Morgan et al. 2001). Im Gegensatz dazu betont jedoch der nord-amerikanische Institutionalismus, dass Organisationen im selben ,organisationalen Feld' (z.B. im industriellen Sektor) uber nationalstaatliche
Vgl. Tempel/ Walgenbach (2004). Djelic und Bensedrine (2001) unterscheiden z. B. in diesem Zusammenhang zwischen dem phanomenologischen, hauptsachlich in den USA entwickelten und dem in der europaischen Managementvergleichsforschung entwickelten historischkomparativen Institutionalismus.
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Grenzen hinweg ahnliche kulturelle Muster, Managementkonzepte und strukturen implementieren (Meyer/ Rowan 1977; DiMaggio/ Powell 1983). Damit wird z.B. die verstarkte globale Ausbreitung des shareholder value Denkens Oder der ISO-9000-Konzepte in weltweit operierenden Untemehmen erklart (vgl. Meyer 2000; Walgenbach 2000). Im Gegensatz zu okonomischen und kontingenztheoretischen Studien wird der Wandel von Untemehmensumwelt in nord-amerikanischen institutionalistischen Studien aber nicht so sehr an technologische und okonomische Effizienz gekoppelt. Vielmehr wird angenommen, dass Entscheidungsprozesse in Unternehmen gesellschaftlich durch kognitive, normative und regulative Umweltzwange konstituiert werden. Somit kniipfen die einschlagigen Studien nord-amerikanischer Institutionalisten, wenn auch nicht auf low-context- Niveau, an die universelle Logik oben diskutierter Theorien der multinationalen Untemehmung an. Wie wir im weiteren zeigen werden, haben die unterschiedlichen konzeptionellen Herangehensweisen beider institutionalistischer Ansatze signifikante Auswirkungen darauf, wie Transnationalisierung von multinationalen Firmen analysiert wird, ob z.B. die Herausbildung von global mindsets und das Management transnationaler Untemehmenskulturen im Vordergrund der Analyse stehen (wie in nord-amerikanischen phanomenologischen Studien) oder aber Ursachen und (oftmals positive) Effekte von institutioneller Vielfalt und lokaler Anpassung hervorgehoben werden (wie in den komparativen europaischen Studien).
3.1 Der europdische Institutionalismus Als der am weitesten entwickelte und theoretisch umfassendste Ansatz im europaischen Institutionalismus kann der national business systems-AnsdiXz von Richard Whitley angesehen werden (Whitley 1992; Whitley/ Kristensen 1996; Whitley 1997; Whitley/ Kristensen 1997; Quack/ Morgan/ Whitley 1999; Whitley 1999; Morgan/ Kristensen/ Whitley 2001). Den zentralen konzeptionellen Rahmen von Whitley zeigt Abbildung 1.
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Historisch gewachsenes Institutionengefuge eines Landes Poiitisches System
Finanzsystem
Beschaftigungs& Bildungssystem
Kulturelies System
"National Business System'' Charakteristika der Unternehmung ("nature of the firm")
Organisation marktiicher Prozesse
Koordination und Steuerungssysteme
Abbirdiing 1 : Grundelemente des ^National Business Systems"
Ausgangspunkt des theoretischen Bezugsrahmens im nationaUbusiness-systemsAnsatz sind die Schllisselcharakteristika eines historisch gewachsenen Institutionengefuges eines Landes, i.d.R. synonym mit einem Nationalstaat. Hier unterscheidet Whitley vier Kemelemente: •
Das politische System
Als besonders bedeutsam wird in der Literatur der Aspekt herausgestellt, inwieweit der Staat Wirtschaftsprozesse steuert und bereit ist, Risiken mit privaten Akteuren zu teilen. Eine starke Auspragung dieser Neigung, beispielhaft sei Japan erwahnt, beeinflusst das entsprechende national business system erheblich. Dazu zahlt auch die Rolle, die Wirtschaftsverbanden, Gewerkschaften und Interessengruppen eingeraumt wird. Und schlieBlich hat das politische System bedeutenden Einfluss darauf, in welchem AusmaB ein Staat Markte reguliert und kontrolliert.
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•
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Das Finanzsystem
Das bestimmende Charakteristikum des Finanzsystems im jeweiligen national business system besteht in der Frage, ob es eher auf Kapitalmarkt- oder Kreditfmanzierung beruht. Wahrend anglo-amerikanische Lander dem Kapitalmarkt eine zentrale Rolle einraumen, bestimmt in Kontinentaleuropa vielfach Kreditfinanzierung den Markt, woraus sich gravierende Konsequenzen fur das national business system ergeben. •
Beschaftigungs- und Bildungspolitik {labour system)
Eine Schliisselrolle in den Vergleichstudien spielt der Einfluss des nationalen Ausbildungs- und Weiterbildungssystems auf die Differenzierung von Spezialabteilungen und Leitungshierarchien, Technikeinsatz sowie die Auspragung bestimmter Managementrollen und der Einfluss von Facharbeitem bzw. Unund Angelemten im betrieblichen Handlungskontext. Dariiber hinaus ist insbesondere das System der industriellen Beziehungen und die Unabhangigkeit, Starke und der Organisationsgrad der Sozialpartner zu beachten. In diesem Zusammenhang hebt die Literatur auch die formelle Regulierung der Arbeitsmarkte und den Zentralisierungsgrad von Tarifabkommen als wesentlichen Faktor hervor. •
Kulturelles System
In diesem Bereich berticksichtigt der national-business-systems-Ansditz einige Elemente, die auch fur kulturalistische Theorien, z.B. bei Hampden-Turner und Trompenaars (1993) und Hofstede (2001), zentral sind. Allerdings liegt der Fokus hier auf der Frage, inwieweit sich kulturelle Werte und Normen in Institutionen manifestieren. So spielt z.B. die Verlasslichkeit von Institutionen, die die Herausbildung von Vertrauensbeziehungen zwischen verschiedenen Managementfunktionen und Beschaftigungsgruppen (z.B. zwischen Managem und Arbeitem) bestimmt, eine zentrale Rolle. Ferner erweist sich die Institutionalisierung von Autoritatsbeziehungen als entscheidend. Diese konnen entweder eher patemalistisch oder gemeinschaftsbezogen sein. Abhangig von den institutionellen Rahmenbedingungen einer Volkswirtschaft bildet sich dann ein konkretes national business system heraus. Aus soziologischer Sicht lassen sich, folgt man Whitley (1997; 1999), im wesentlichen drei Kemelemente eines national business systems identifizieren.
Globale Isomorphismen, national business systems und ,transnationale soziale Raume'
(1)
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Charakteristika der Untemehmung {the nature of the firm)
Der institutionelle Rahmen einer Volkswirtschaft bestimmt die wesentlichen Strukturmerkmale der Untemehmung. Wichtige Elemente sind unter anderem: • • • •
(2)
der Grad, in dem private untemehmerische Hierarchien okonomische Prozesse steuem die Freiheitsgrade, die die Eigentlimer den Managem des Untemehmens einraumen die Spezialisierung von Fuhrungsaufgaben der Einfluss von Wachstumsprozessen auf radikale Veranderungen in Kemkompetenzen und Untemehmensaufgaben Organisation marktlicher Prozesse
Institutionelle Rahmenbedingungen verleihen Markten und ihrer Organisation spezifisches Profil. Dazu zahlen insbesondere folgende Aspekte: • • • • (3)
das AusmaB von langfristigen Kooperationsbeziehungen zwischen Firmen in einem Sektor die Bedeutung von Intermediaren in der Vermittlung und Koordination von Markttransaktionen die Stabilitat, Integration und Reichweite von Wirtschafts- und Interes senverbanden die Abhangigkeit von Kooperationsbeziehungen von personlichen Bindun gen und Vertrauen Koordinations- und Steuerungssysteme
Institutionen bestimmen schlieBlich die Art und Weise, in der Wirtschaftsprozesse von privaten Akteuren koordiniert und gesteuert werden. Wesentliche Charakteristika sind hier: • • • •
Integration und Interdependenz von okonomischen Prozessen Anonymitat von Autoritats- und Abhangigkeitsbeziehungen Aufgaben, Ausbildungs- und Rollenspezialisierung und Individualisierung Differenzierung von Autoritatsrollen und Fiihrungsfahigkeiten
96
• • •
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Dezentralisierung von operativer Kontrolle und das Niveau von Autonomic am Arbeitsplatz Distanz zu Vorgesetzten AusmaB der Verantwortung des Managements gegeniiber den Beschaftigten
Der Beitrag des europaischen Institutionalismus fur die Erforschung international operierender Untemehmen ist bedeutend. In seiner jtingeren Geschichte hat er insbesondere dadurch Auftrieb erhalten, dass nach Beendigung der meisten (sozialistischen) Planwirtschaftsmodelle bei gleichzeitiger Intensitat von Globalisierungsprozessen sich verstarkt das Bewusstsein dafur durchsetzt, dass innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftsmodells erhebliche Unterschiede und teils geradezu ,divergente' Kapitalismusentwiirfe^ vorliegen. Schwerpunkte der Forschung liegen klar in der vergleichenden Erforschung untcmehmerischen Handebis in verschiedenen kapitaHstischen Wirtschaftssystemen. Einen Hauptansatzpunkt bilden hierbei Vergleiche innerhalb Europas. Dabei hat sich cine Vielzahl von Forschem, alien voran die Aix-Group in Aix-en-Provence um Marc Maurice und Amdt Sorge, der Frage gewidmet, wie auf relativ engem Raum in Europa vergleichsweise sehr unterschiedliche Industriestrukturen und Fiihrungsparadigmen entwickelt werden konnten/ Da die business systems von GroBbritannien und Deutschland in bestimmter Hinsicht auf einem Kontinuum am weitesten auseinander liegen, smd wesentlich Meilensteine der Forschung gerade in Vergleichsstudien zwischen diesen beiden Landem gesetzt worden (vgl. u.a. Child/ Kieser 1979; Maurice 1980; Sorge/ Warner 1986; Lane 1992; 1994; 2000; 2001; Geppert et al. 2002).
3,2 Der nord-amerikanische Institutionalismus Im Gegensatz zum europaischen Institutionalismus, der vor allem die Verschiedenartigkeit der institutionellen Umwelten und ihren Einfluss auf Untemehmenshandeln betont, liegt der Fokus der Vertreter des nord-amerikanischen Institutionalismus auf der Homogenisierung von institutionellen Umwelten uber nationale Grenzen hinweg (vgl. die oben kritisierten universellen und oft okonomistischen Ansatze in der intemationalen Managementforschung). In Anleh-
5 6
So der Titel des Standardwerkes zum national business systems Ansatz von Whitley (1999). Vgl. als jungeren Uberblick Maurice/ Sorge 2000.
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nung an Pionierarbeiten in der Organisationstheorie von Weber liber Selznick, Parsons bis hin zu Berger und Luckmann wird davon ausgegangen, dass regulative, normative und kognitive Mechanismen dafur sorgen, dass Organisationen rationalized organizational practices bzw. best practices iibemehmen. Dies geschieht nicht, weil diese effizienter, profitabler oder transaktionskostenoptimal waren, sondem weil sie in bestimmten institutionellen Umwelten als legitim angesehen werden (Scott 1998). Im Zentrum der Uberlegungen steht hierbei nicht mehr das Institutionengefuge eines bestimmten, konkret eingrenzbaren Nationalstaates, sondem die institutionelle Umwelt der Organisation - das organizational field, D.h. in den Worten von zwei fuhrenden Vertretem dieses Ansatzes: „those organiztions that, in the aggregate, constitute a recognized area of institutional life: key suppliers, resource and product consumers, regulatory agencies, and other organizations that produce similar services and products" (DiMaggio/ Powell 1983: 64-65).
Die Idee der Legitimitat von Handeln in bestimmten organizational fields, wie z.B. industriellen Sektoren, ist damit nicht mehr national definiert, sondem wird als global oder transnational begriffen und knUpft damit direkt an die aktuelle Diskussion um die Rolle von multinationalen Untemehmen in diesem Prozess an. Bin wichtiges theoretisches Konstmkt zur Erklarung der weltweiten Annahemng von Organisationen, welche im selben organizational field operieren, ist die Idee des Isomorphismus. Unterschieden werden dabei drei Formen (DiMaggio/Powell 1983): • Coercive isomorphism resultiert aus politischem Druck und der Abhangigkeit von Organisationen von anderen Organisationen, insbesondere weil Unternehmen ihre Entscheidungen gegeniiber intemen (z.B. den Beschaftigten) und extemen (z.B. Investoren, Zulieferem oder Regiemngsbehorden) stakeholdern legitimieren miissen. Bei Nichteinhaltung rechtlicher oder gar informaler Vereinbamngen drohen Sanktionen und Ansehensverlust. • Mimetic processes werden als der Hauptgmnd angesehen, wamm es weltweit zur Verbreitung von Managementmoden, best practices und der Einfuhmng immer ahnlicherer Organisationsstmkturen und -prozesse kommt. Es wird angenommen, dass immer komplexer werdende Technologien, Zielambiguitat und Umweltunsicherheiten Manager in Organisationen dazu ermuntem, erfolg-
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reiche Untemehmen zu kopieren, um selbst erfolgreich zu erscheinen und die Legitimitat ihres Handelns zu erhohen. • Normative pressures werden vor allem darin gesehen, dass modeme kapitalistische Staaten immer professionalisierter werden, was mit einem Bedeutungszuwachs von bestimmten Bemfsgmppen und -verbanden einhergeht, z.B. von Accountants im angelsachsischen Kontext. Vor allem zwei Aspekte der Professionalisierung werden hervorgehoben: Zum ersten die zunehmende Bedeutung formaler Bildungsabschltisse, insbesondere von Abitur und Hochschulabschliissen, um (iberhaupt bestimmte Karrierechancen in Untemehmen zu haben bzw. auf bestimmte Managementpositionen zu gelangen. Zum anderen sind professionelle Netzwerke, wie Berufs-, Bildungs- oder Industrieverbande, liber Landesgrenzen hinweg immer machtiger und einflussreicher. Beide Aspekte sind jedoch auf vielfaltige Art und Weise miteinander verquickt. So wird insbesondere im angelsachsischen Sprachraum, aber zunehmend auch in Europa und im asiatischen Raum, darauf Wert gelegt, dass Manager in bestimmten Funktionen MBA-Abschlusse haben. Dies wird gerade in international operierenden Firmen als immer wichtiger angesehen und fuhrt wiederum dazu, dass Manager mit ahnlichen Ideen und cultural mindsets von den Business Schools in die Unternehmen kommen. Anders als von Hofstede und den europaischen Institutionalisten postuliert, besteht in dieser Sicht das Resultat solcher isomorpher Prozesse eben nicht in kultureller und institutioneller Vielfalt nationaler und lokaler Rationalitaten, sondem in zunehmender Homogenitat. In Bezug auf die Thematik dieses Beitrages und ausgehend von den Grundannahmen des nord-amerikanischen Institutionalismus stellt sich nun erstens die Frage, ob und inwieweit international operierende Untemehmen noch von nationalen Institutionen beeinflusst werden, d.h. einerseits von der institutionellen Einbettung in ihrem Herkunftsland und andererseits durch die verschiedenartigen nationalen Institutionengefuge in den Landem, in denen sie Niederlassungen haben. Zweitens ware zu fragen, inwieweit die drei Formen des Isomorphismus die Herausbildung kulturell homogener transnationaler Managementrollen und Organisationsformen in multinationalen Untemehmen befordem. Auf beide Fragen wird im folgenden Abschnitt naher eingegangen.
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Lokale und globale Isomorphismen, national business systems und die Transnationalisierung der multinationalen Unternehmung
4.1 Relativierung des , evolutiondren Paradigmas' vor dem Hintergrund institutionalistischer Theorien Es gibt vielfaltige Ansatze, insbesondere in der US-amerikanischen intemationalen Managementforschung, die die ,evolutionare Theorie' mit Kemideen des nord-amerikanischen Institutionalismus anzureichem versuchen; vgl. z.B. Ghoshal/ Bartlett (1993) und Nohria/ Ghoshal (1997). So zeigen z.B. letztere Autoren auf, dass „value creation" und Innovation, insbesondere in multinationalen Untemehmen, die in relativ dynamischen globalen Umwelten operieren, nicht mehr von den Konzemzentralen gesteuert werden kann. Nohria und Ghoshal Studie macht deutlich, dass klassische hierarchische Koordinations- und Steuerungsmechanismen in innovativen international operierenden Firmen zunehmend von netzwerkartigen Beziehungen, sowohl der Konzemzentrale zu ihren Niederlassungen als zwischen einzelnen Niederlassungen selbst, abgelost werden. Neben der Betonung der Dynamik der Aufgabenumwelt wird hier nun auch der institutionellen Umwelt eine wichtige Rolle eingeraumt. Zwar wird in diesem Zusammenhang auch erwahnt, dass spezifische lokale Isomorphismen und Legitimationsprobleme weiterhin zu Anpassungen in den auslandischen Niederlassungen an die Umweltbedingungen in den Gastlander fiihren. Allerdings wird von den Autoren insbesondere die Wirkungsweise globaler Isomorphismen herausgestellt. In Bezug auf DiMaggio und Powell's Isomorphismus-Idee (1983) und der These von der Welt als ^global village" (Levitt 1983) wird hervorgehoben, dass mimetische und normative isomorphe Mechanismen in differenzierten Netzwerken starker zur Geltung kommen. Es wird hierbei angenommen, dass dezentrale netzwerkartige Strukturen inner- und interorganisatorische Lemprozesse besonders befbrdem, was dann wiederum zur Angleichung (Konvergenz) verschiedenartiger Wahmehmungs- und Denkmuster uber Lander- und Untemehmensgrenzen hinweg fuhrt (Nohria/ Ghoshal, 1997). Die beschriebenen Versuche, vor allem von Hauptvertretem dieser Forschungsrichtung, einige der Grundaussagen des nord-amerikanischen Institutionalismus zu integrieren, haben jedoch die Kemthesen des ,evolutionaren Modells' (insbesondere den normative bias) nicht grundsatzlich in Frage gestellt. Danach nahem sich international operierende Firmen mit steigendem Grad der Globalisierung ihrer Geschaftstatigkeiten zunehmend einem ,transnationalen Modeir an. Dieses erscheint nicht nur als die beste Losung fxir das Dilemma
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von multinationalen Untemehmen, gleichzeitig global zu integrieren und dennoch lokal angepasst zu bleiben, sondem auch als der (neue) one best way, um weltweites Lemen und Innovationen iiber nationale Landergrenzen hinweg zu befbrdem (Bartlett/ Ghoshal 1997; Macharzina et al. 2001). Interessanterweise haben sich die Integrationsversuche der ,evolutionaren Theorien' der multinationalen Untemehmung mit institutionalistischen Theorien bisher ausschlieBlich auf den nord-amerikanischen Institutionalismus beschrankt. Eine Rezeption des europaischen Institutionalismus in der US-amerikanischen Debatte zu multinationalen Untemehmen hat bisher faktisch nicht stattgefiinden. Darauf wird noch zuriickzukommen sein. Aus institutioneller Perspektive ergeben sich neben der eingangs diskutierten generellen Kritik an den Konvergenzannahmen universeller und kontingenztheoretischer Theorien insbesondere folgende Probleme, welche die Erklarungsmacht des iiber 30 Jahre in der intemationalen Managementforschung dominanten ,evolutionaren Modells' erheblich verringem: • Die ,evolutionare' Logik, die ja mehr oder weniger direkt auf die transnationale Untemehmung als neuem one best way hinauslaufl, versperrt den Weg ftir eine differenziertere Betrachtung der multinationalen Untemehmung - insbesondere darauf, wamm es jenseits technologischer und okonomischer Zwange durchaus Sinn fur international operierende Firmen macht, nicht oder nur in eine geringe Anzahl von Landem zu expandieren (Westney/ Zaheer 2001) bzw. in einem der ,friih-evolutionaren' Stadien zu verharren."^ • Auch wenn US-amerikanische Firmen am weitaus haufigsten unter den am meisten globalisierten Untemehmungen zu fmden sind, gibt es eine wachsende Zahl von international erfolgreich operierenden Fumen aus unterschiedlichen Herkunftslandem, die nicht unbedingt dem ,evolutionaren Modell' vom multinationalen (iiber das globale und Internationale) zum transnationalen Stadium folgen.^
Diese Frage wird in der international vergleichenden Studie von Geppert et al. (2003) naher beleuchtet. Vgl. Westney/ Zaheer (2001). Dies bestatigt z.B. auch ein in der Financial Times publizierter Report: Unter den ersten 10 der 500 (nach Marktkapitalisierung) am meisten globalisierten Firmen kommen 9 aus den USA. Unter den ersten 20 sind es 14 US Firmen und unter den ersten 50 immerhin noch 33. Der Report zeigt allerdings deutlich, dass neben den drop outs vor allem durch den Kurssturz in den Aktienmarkten multinationale Untemehmen aus neuen Herkunfts-
Globale Isomorphismen, national business systems und ,transnationale soziale Raume'
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• Der Starke ..unilateral, monotonic bias towards international expansion'' (Westney/ Zaheer 2001: 369) ,evolutionarer Ansatze' der multinationalen Untemehmung verhindert auch eine differenziertere Betrachtung institutioneller Vielfalt der Einfltisse und Rationalitaten z.B. durch das national business system des Gastlandes der Niederlassungen (Geppert/ Williams/ Matten 2003). Auf die letzten beiden Aspekte wollen wir nun im Weiteren detaillierter eingehen. Wie zu zeigen sein wird, werden sowohl home country als auch host country ejfects in beiden institutionalistischen Ansatzen diskutiert. Der groBe Unterschied jedoch ist, dass der europaische Institutionalismus historisch durch international vergleichende Studien gewachsen ist und auf eher qualitativen Forschungsmethoden basiert. Der nord-amerikanische Institutionalismus bezieht sich jedoch weitgehend auf quantitative Analysen von Populationen von Organisationen {organizational forms) und beschrankt sich auf einen Nationalstaat, meistens die USA (Rosenzweig/ Singh 1991; Tempel/ Walgenbach 2004). Wie wir im weiteren sehen werden, hatte diese Herangehensweise der Theoriekonstruktion eine einschrankende Wirkung auf die Erforschung der Organisation international operierender Firmen und damit auch auf das Verstandnis der Rolle der institutionellen Bedingungen des Herkunftslandes und der Gastlander.^
4.2 Der Einfluss des Heimatlandes auf die Art und Weise der Transnationalisierung von multinationalen Unternehmen Wie wir gesehen haben, wird der Rolle des Heimatlandes, insbesondere von ,evolutionaren Theorien' in den hoheren (,intemationalen' und ,transnationalen') Stadien der Entwicklung der multinationalen Untemehmung eine zunehmend verschwindende Bedeutung zugewiesen. Bartlett und Ghoshal (1989) verweisen zwar auf die bleibende Bedeutung des administrative heritage im multinationalen Unternehmen, konzentrieren sich aber in ihrer Analyse mehr auf die Frage, warum und wie Manager in global agierenden Firmen neben transnationalen Strukturen, Untemehmensprozesse und eine globale Kultur
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landem Eingang in die Liste der 500 Global fanden. Hier ware z.B. Russland zu nennen, dass erst 1998 in die Liste aufgenommen wurde (vgl. Financial Times 2003). Siehe auch Tempel und Walgenbach (2004), die eine gute Ubersicht der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Institutionalismen geben.
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(bzw. global mentality) entwickeln miissen (Bartlett/ Ghoshal 1989: 35-55). Diese Diskussion wird von nord-amerikanischen Institutionalisten dahingehend aufgegriffen, dass Strategien von multinationalen Untemehmen auf die kulturelle bzw. die institutionelle Distanz zwischen Herkunfts- und Gastland zuriickzufuhren sind. Das erste Konstrukt geht dabei mit Hofstede davon aus, dass insbesondere die Toleranz fur Unsicherheit zwischen Nationalstaaten erheblich differiert und damit die Art und Weise, ob und wie die Mutteruntemehmen ihre Niederlassungen integrieren bzw. kontroUieren. Es wird angenommen, dass vor allem formale Kontroll- und Koordinationsformen positiv mit kultureller Distanz korrelieren (Rosenzweig/ Singh 1991). Neuere Studien haben diese Idee verfeinert und verweisen darauf, dass nicht allein kulturelle Unterschiede zwischen Herkunftsland und Gastland der multinationalen Untemehmung dartiber entscheiden, welche strategischen Entscheidungen getroffen werden. Es ist vielmehr auch wichtig, ob die Strategien in der Niederlassung als legitim anerkannt werden. Die Frage der institutionellen Distanz wird somit an den institutionellen Unterschieden (insbesondere im Rechtssystem) des Gastlandes zum Herkunftsland der multinationalen Untemehmung festgemacht bzw. ganz im Stile ,evolutionarer Theorien' mit strukturellen Kontingenzen der multinationalen Firma in Bezug auf ihre Aufgabenumwelt (wie z.B. Industriestruktur, Organisationsstruktur, Eigentumsverhaltnisse etc.) erklart (Xu/ Shenkar 2002). Dabei werden zwei Arten institutioneller Umwelten unterschieden: 1. die institutionelle Umwelt des Gastlandes und 2. das strukturelle Design des multinationalen Untemehmens, welches als institutional field interpretiert wird (Rosenzweig/ Smgh 1991; Westney 1993). Damit wird eine neue Antwort auf das alte Dilemma international operierender Firmen gegeben. Die richtige Mischung zwischen globaler Integration und lokaler Anpassung kann eben nicht allem mit okonomischen und technischen Zwangen erklart werden. Sie ist dartiber hinaus davon abhangig, wie Manager in multinationalen Unternehmen die Legitimitat ihrer Handlungen intern, also gegentiber anderen Abteilungen und Niederlassungen und extern, also gegentiber den relevanten stakeholders im Gastland, herstellen. Im Gegensatz zum europaischen Institutionalismus wird das Institutionengeftige des Herkunftslandes als gegeben angesehen. Diskutiert wird lediglich die institutionelle Distanz des strategischen Ansatzes der Muttergesellschaft im Verhaltnis zum Gastland. Hierbei werden sowohl regulative, normative als auch kognitive Elemente institutioneller Einfllisse berUcksichtigt. In diesem Sinne wird angenommen, dass multinationale Untemehmen (Xu/ Shenkar 2002):
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• in global industries eher in ahnlichen institutionellen Umwelten, mit ahnlichen normativen und kognitiven institutionellen Mechanismen, investieren. Multinationalen Untemehmen in multidomestic industries engagieren sich dagegen in institutionell verschiedenen Umwelten. • mit groBerer institutioneller und struktureller Vielfalt dazu tendieren, toleranter gegeniiber verschiedenen Normen und Regeln in ihren auslandischen Niederlassungen zu sein. Daher existiert auch eher eine Bereitschaft, dort zu investieren. Homogene multinationale Untemehmen operieren eher in ihren Heimatlandem ahnlichen Kontexten. • dort, wo die normative und kognitive institutionelle Distanz zum Gastland groB ist, eher zu sogenannten greenfield investments neigen. Akquisitionen finden statt, wo diese Distanz eher klein ist. • eher dazu bereit sind, eine Mehrheit bzw. die voile Eigenttimerschaft in einem Joint Venture zu tibemehmen, wenn die regulative und normative institutionelle Distanz gering ist. Auch die multinationale Untemehmung selbst wird in dieser Familie von institutionellen Ansatzen als institutionelles Feld thematisiert und damit, abhangig von bestimmten Konstellationen kultureller oder institutioneller Distanz, als mehr oder weniger global ausgerichtet gesehen. Dieser spezifische Fokus des nord-amerikanischen Institutionalismus ist jedoch auch problematisch, wie vor allem Femer und Quintanilla (1998) in Bezug auf den Einfluss des Herkunftslandes deutlich machen. Insbesondere wird die a-historische und die statische Thematisierung von nationalen institutionellen Bedingungen kritisiert, welche sich, wie schon angemerkt wurde, einseitig auf die nationalen Unterschiede im Gastland konzentriert, aber die Heimatlandeinfltisse eher unberiicksichtigt lasst. Sie kommen daher zu folgendem SchluB: „it seems ironic that writers using an „institutionalist perpective to analyse MNCs should not focus more on institutional differences between countries" (Femer/ Quintanilla 1998: 714).
Im Unterschied zum nord-amerikanischen Institutionalismus ist dieses Thema eine zentrale und traditionell wichtige Fragestellung im europaischen Institutionalismus (Harzing/ Noorderhaven 2003). Daflir gibt es vielfaltige Griinde. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Analyseebene, die eben beim europaischen Insti-
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tutionalismus explizit auf den Nationalstaat und das Institutionengefiige des national business systems bezogen ist und nicht auf organizational fields, wie bestimmte industrielle Sektoren. Hier liegt das Verdienst des europaischen Institutionalismus. Ausgehend von der Grundannahme, dass es keinen one best way der Organisation okonomischer Aktivitaten gibt, wird die Existenz eines einheitlichen Funktionsmechanismus fur kapitalistische Institutionen, wie er im nordamerikanischen Institutionalismus durchscheint, bestritten. Eine Kemfrage ist daher, inwieweit international operierende Firmen von den Wettbewerbsvorteilen des national business systems des Heimatlandes profitieren. Diese Frage bekommt vor dem Hintergrund der Dominanz des ,evolutionaren Models' in der intemationalen Managementforschung, wobei die ,transnationale Losung' als best practice oder der neue one best way propagiert wird, besondere Brisanz. Insofem kann das Aufzeigen von country of origin effects auch als Versuch begriffen werden, nicht nur die institutionellen Einfltisse des Herkunftslandes aufzuzeigen. Vielmehr sind multinationale Untemehmen niemals vollig integriert oder kulturell homogen, sondem existieren eher als ein Geflecht verschiedener ,kontextueller Rationalitaten' (Morgan 2001). Die Diskussion uber den verbleibenden Einfluss nationaler Rationalitaten verweist auch auf verstarkte Spannungen und Konflikte. Diese werden insbesondere dann virulent, wenn Firmen intemationalisiert werden - ein Prozess, den Femer und Quintanilla mit ^^nglo-Saxonization'' (Femer/ Quintanilla 1998) bezeichnet haben. Studien, die den verbleibenden Einfluss des national business systems des Herkunftslandes trotz Tendenzen der Anglo-Saxonization betonen, beschaftigen sich vor allem mit den folgenden Problemkomplexen: Internationale Akquisitionen (Child et al. 2001), Human-Resource-Management-Praktiken (HRM) (Femer 1997; Edwards/ Femer 2001; Gunnigle et al. 2002), Kontrolle und Koordination (BeckerRitterspach et al. 2002; Femer 2000; Harzing/ Sorge 2003) und Wandel von Arbeitssystemen (Sorge 1995; Geppert et al. 2003; Geppert et al. 2003). Wir wollen uns hier exemplarisch auf den letzten Aspekt konzentrieren und werden dabei hauptsachlich auf die aktuellen Ergebnisse der eingangs erwahnten intemational vergleichenden Studie Uber Verandemng von Arbeitssystemen in multinationalen Untemehmen zurtickgreifen. Die Studie vergleicht, wie ein deutscher, ein finnischer und ein US-amerikanischer Konzem in derselben industriellen Branche ihre Arbeitssysteme weltweit reorganisieren. Die Unterschiede im Wandel von Arbeitsystemen warden konkret anhand von Organisationsstruktur, Entscheidungsprozessen sowie Technik- und Personaleinsatz komparativ untersucht. Besonderes Augenmerk wurde der Beziehung der Muttergesellschaften zu ihren Niederlassungen geschenkt.
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Transnationalisierungseffekte waren in den Arbeitsystemen von alien drei untersuchten multinationalen Gruppen anzutreffen. So fanden wir z.B. die zunehmende Bedeutung finanzieller Aspekte im Managementdiskurs (Geppert 2003), die in alien drei multinationalen Firmen zu einer verstarkten Orientierung auf die Bereiche Marketing, Service & Instandhaltung fuhrten. Im Vergleich zur Fertigung erwies sich der Ausbau dieser Untemehmensfunktionen in oftmals kostenfixierten Reorganisationsprozessen als kurzfristig effektives Mittel zur Ertragssteigerung. Hier fanden wir also durchaus Bezugspunkte zu normativen und kognitiven Elementen des nord-amerikanischen Institutionalismus. Auch wenn nicht alle Untemehmen denselben regulativen finanziellen Zwangen des Aktienmarktes unterliegen, konnten wir schon beobachten, dass shareholder value Konzepte im Denken leitender Manager eine wachsende Rolle spielen, allerdings in unterschiedlichem Umfang. Allerdings fmden wir auch institutionell vermittelte nationale Unterschiede in den Konzernstrategien. Diese sind u. E. ein wichtiges Indiz des bleibenden Einflusses des Herkunftslandes auf die globalen und lokalen Strategien zur Restrukturierung der Arbeitssysteme. Im Falle des deutschen Konzems besteht auch weiterhin eine Tendenz zu Produktionssystemen, die Sorge und Streeck als diversifizierte Qualitatsproduktion (im folgenden DQP) defmiert haben (Sorge/ Streeck 1988). Einhergehend mit einer Ansiedlung der Produktpalette im oberen Marktsegment waren die wertschopfiingsintensiven Arbeitsvorgange enger miteinander verzahnt, als das in den beiden Vergleichsfirmen der Fall war. Aufgrund der hohen Kundenorientierung war des weiteren eine intensive Kooperation zwischen F&E und Fertigung zu beobachten. Das Arbeitssystem spiegelt wichtige Elemente des deutschen business systems wider, wie z.B. langfristige strategische Orientierung, hoher Stellenwert beruflicher Bildung, formale Ausund Weiterbildung und verbriefte Rechte von Arbeitnehmem. Diese Elemente ermoglichen die kontinuierliche Verbesserung sowohl von Arbeitsprozessen als auch von Produkten und Produktionsprogrammen. Im Gegensatz dazu setzte die US-amerikanische Firma auf globale Standardisierung von Strukturen, Prozessen und Produkten sowie die weltweite Rationalisierung der Produktion. Diese Befunde decken sich mit den Ergebnissen einer anderen komparativen Studie. Darin kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass US Firmen dazu tendieren, ihre HRM-Praktiken stark zu standardisieren und weniger dazu bereit sind, diese an lokale Bedingungen anzupassen (Gunnigle et al. 2002). Diese Strategic spiegelt natiirlich auch die eingangs beschriebenen Tendenzen der Anglo-Saxonization wider, allerdings auf sehr USamerikanische Art und Weise. Da der amerikanische Konzem als einziger der
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untersuchten Untemehmen an der New Yorker Borse gelistet ist, schlagt die kurzfristige Finanzorientierung am starksten durch. Daneben sind auch Zielvereinbarungen im Management, Budgetierung und Entlohnungssysteme typisch amerikanisch auf kurzfristige Gewinnmaximierung ausgerichtet. Die Strategie des fmnischen multinationalen Untemehmens hat viele Ahnlichkeiten mit der US-amerikanischen. Die Strategien beider multinationalen Untemehmen sind im Sinne von Porter auf Kostenfuhrerschaft ausgerichtet, wobei der deutsche Konzern, im Vergleich dazu, klar eine qualitatsfokussierte Differenzierungsstrategie verfolgt (Porter 1980). Die Anglo-Saxonization der fmnischen Firma kann u. E. aus den tiefgreifenden Veranderungen im fmnischen business system erklart werden (Lilja et al. 1992). Wie Tainio und Koautoren zeigen, hat die verstarkte Offiiung des Landes fur Internationale Investoren und damit auch die Bedeutung von shareholder value zu einer Amerikanisierung vieler fmnischer multinational operierender Firmen gefuhrt (Tainio et al. 2001). Allerdings zeigen sich auch hier Elemente des bleibenden Einflusses des national business systems, z.B. die starke Technologieorientierung der Firma (sie ist Technologiefiihrer im Fahrstuhlbereich) und die enge Einbindung fmnischer Manager in die interorganisationalen Netzwerke des Herkunftslandes. Insbesondere zeigt das finnische Beispiel, dass es sinnvoll ist, beide institutionalistischen Ansatze miteinander zu verbinden, um insbesondere den Wandel von national business systems za erklaren, ein Aspekt, mit dem sich die europaisch orientierte komparative Forschung bisher eher schwer getan hat (vgl. Tempel und Walgenbach 2004). Darliber hinaus zeigt dieses Beispiel auch, dass national business systems in kleineren Nationalokonomien starker globalen Isomorphismen ausgesetzt sind. Im Vergleich zu Deutschland sind die Transnationalisierungseffekte in den Untemehmen in Finnland unmittelbarer und direkter. Zwar gibt es in Deutschland naturlich auch Prozesse des institutionellen Wandels (vgl. Hassel und Williamson 2004). Es kann allerdings angenommen werden, dass die unmittelbaren Effekte auf die deutschen Untemehmen erstens schwacher und zweitens komplexer sind. D.h. aufgmnd der foderalen Stmktur der Bundesrepublik und natiirlich auch durch die Wiederveremigung kann nicht nur eine Ungleichzeitigkeit institutionellen Wandels konstatiert werden, z.B. in den einzelnen Landem und in Ost- und Westdeutschland, sondem auch eine Verlangsamung institutioneller Reformen. DarUber hinaus kann z.B. aufgmnd der GroBe der deutschen Nationalokonomie angenommen werden, dass sich die Transnationalisiemngsprozesse in den Untemehmen industriesektorspezifisch unterschiedlich verteilen, ein Aspekt, der z.B. auch von Schmidt und Williams (2002) hervorgehoben
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wird. Im Vergleich zu kleineren national business systems, wie z.B. dem finnischen, beobachten wir auch in Deutschland eine Anglo-Saxonization etablierter Institutionen, z.B. in der Untemehmensfinanzierung und auch im System der industriellen Beziehungen. Allerdings verlauft dieser Prozess weniger radikal und komplexer. So sind die schwindende Macht der Gewerkschaften und die Verbetrieblichung der Tari^olitik auf der einen Seite klare Anzeichen des Wandels etablierter gesellschaftlicher Institutionen (Hassel und Williamson 2004). Im nun folgenden Abschnitt werden wir sehen, dass insbesondere die betrieblichen Mitbestimmungsrechte lokaler Manager und Arbeitnehmer in den deutschen Niederlassungen mehr Verhandlungsspielraum bieten, Einfluss auf den Verlauf des Transnationalisierungsprozesses zu nehmen, als das z.B. in britischen Niederlassungen der Fall ist (vgl. Williams und Geppert 2006). Das ist ein klares Indiz dafur, dass die Paradoxien und dialektische Dimension institutionellen Wandels auf gesellschaftlicher Ebene eben nicht zwangslaufig zu einer Schwachung etablierter institutioneller Arrangements auf betrieblicher Ebene flihren muss (vgl. auch Sorge 2005).
4.3 Der Einfluss des Gastlandes auf die Macht und Autonomie der Niederlassungen im Transnationalisierungsprozess von multinationnalen Unternehmen Das Interesse an der Rolle der Niederlassungen ist vor allem durch die Kritik an den filihen, eher hierarchisch orientierten, Herangehensweisen ,evolutionarer' Ansatze entstanden. Sowohl die weitere Entwicklung dieses Ansatzes durch Hedlunds heterarchy-KonsXxvikX (1986), als auch die Diskussion von multinationalen Unternehmen als ,differenzierte Netzwerke' von Nohria und Goshal (1997) haben dazu gefuhrt, dass die vormals eher als passiv defmierte Rolle von Niederlassungen hinterfragt - und insbesondere durch die Forschungen von Birkinshaw und Koautoren (Birkinshaw/ Fry 1998; Birkinshaw/ Hood 2001) neu definiert wurde. In verschiedenen Beitragen wird hier zunSchst an die Ideen der ,evolutionaren Theorie' angekntipft. Allerdings geht die Diskussion um ..subsidiary evolution" dartiber hinaus (Birkinshaw/ Hood 1998). Es wird gezeigt, dass Niederlassungen nicht nur Autonomie brauchen, um innovativ zu sein oder gar .entrepreneurship^ TAX entwickeln. Darauf aufbauend wird darni weiter diskutiert, wie Niederlassungen diese durch ..charter enhancement' erringen konnen. So wird gezeigt, dass die Autonomie von Niederlassungen
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wachst und damit auch ihre Innovationsfahigkeit sowie untemehmerisches Handeln im Management. Voraussetzung dafur ist, dass die Niederlassung Kemkompetenzen hat, die sie gegeniiber anderen Untemehmenseinheiten wettbewerbsfahiger macht. AuBerdem ist das Vorhandensein eines .strong track record' notwendig. Des weiteren wurde beobachtet, dass die Entscheidungsprozesse in der gesamten multinationalen Unternehmung dezentraler organisiert sind, wenn die strategische Orientierung der Muttergesellschaft nicht ethnozentrisch ist. (Birkinshaw/ Hood 1998). Soweit zu den intemen Faktoren, die die Autonomie und damit auch die Machtposition der Niederlassung in der multinationalen Unternehmung erhohen. Dartxber hinaus werden, ganz im Stile der ,evolutionaren Theorie' der multinationalen Firma, aber auch die strukturellen und okonomischen Bedingungen des Gastlandes genannt, die sowohl positiven als auch negativen Einfluss auf die Autonomie der Niederlassung haben konnen. Genannt werden hier: • die Dynamik des Markes und die zusatzlich entstehenden Kosten fur die multinationale Firma im Gastland • die strategische Wichtigkeit des Gastlandes fur die multinationale Firma • die Bereitschaft des Gastlandes, die Aktivitaten der multinationalen Firma durch Fordermittel zu unterstiitzen. Alles in allem konnen wir zusammenfassen, dass die Idee der subsidiary evolution eine Weiterentwicklung des evolutionaren Ansatzes darstellt. Dieser setzt sich starker mit der Rolle der Niederlassungen auseinander - ein Aspekt, der in der mainstream-T>\:^k\xss>\on vemachlassigt wurde. Inwieweit die institutionelle Umwelt die Autonomie und Macht der Niederlassungen beeinflusst, wird nur am Rande angerissen (z.B. mit Verweis auf die regulative Funktion des Staates im Gastland), jedoch nicht systematisch untersucht. Wie schon im vorigen Abschnitt angemerkt, wird der Rolle der institutionellen Umwelt des Gastlandes im nord-amerikanischen Institutionalismus eine groBere Bedeutung beigemessen als dem Herkunftsland. Die Grundnahme ist, dass die Niederlassungen sich vor allem aufgrund regulativer und normativer Zwange an die institutionelle Umwelt des Gastlandes anpassen mtissen. Betont wird auf der einen Seite, dass sich Managementkonzepte, die in einem ganz bestimmten nationalen Kontext entwickelt wurden, uber interne isomorphistische Prozesse im ganzen Untemehmen ausbreiten und somit legitime best practices werden. Allerdings wird auf der anderen Seite auch herausgestellt, dass die multinationale Firma Einfluss auf die Institutionenbildung im Gastland nehmen
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kann und auch nimmt. So wird etwa das Beispiel der Hotel-Luxuskette Marriott angeflihrt, die nach der Eroffiiung eines Hotels in Hong-Kong Einfluss auf die Regulierung der Wochenarbeitszeit nahm.^^ Letztendlich wird damit auch der Riickgang des Einflusses der nationalen Institutionen erklart. Oder anders formuliert: Die wachsende Macht der multinationalen Untemehmung auf nationale Gesetzgebung und die Finanzierung vormals offentlicher, d.h. staatlich finanzierter Dienstleistungen durch multinationalen Untemehmen, wird als Indiz dafur angesehen, dass spezifische national gepragte institutionelle Unterschiede immer mehr verschwinden. Eine Schlussfolgerung daraus ist, dass im Gegensatz zum europaischen Institutionalismus von der Entstehung eines ..global intercorporate isomorphism" ausgegangen wird (Femer/ Quintanilla 1998). Die Annahme ist dabei, dass sich multinationale Untemehmen in nationalen Umwelten wiederfmden, die einander immer ahnlicher werden (Rosenzweig/ Singh 1991). Solche isomorphistischen Prozesse werden auch fiir die Entstehung transnationaler Raume verantwortlich gemacht. Darauf werden wir im nachsten Abschnitt naher eingehen. Studien in der Tradition des europaischen Institutionalismus lassen jedoch Zweifel dariiber aufkommen, der Einfluss der Gastlander wiirde ganzlich schwinden. Interessant sind hier insbesondere die Ergebnisse einer vergleichenden Studie zur Einfiihrung von Gruppenarbeit in deutschen und franzosischen Niederlassungen in der Automobilindustrie (Woywode 2002). So stellt Woywode zwar fest, dass sich durchaus isomorphistische Tendenzen in den Niederlassungen fmden lassen, welche sich global durch den gesamten industriellen Sektor ziehen. Genannt werden kann hier z.B. das Gruppenarbeitskonzept, welches urspriinglich in japanischen Automobilfertigungsstatten zur Anwendung kam. Dieses ist nun in der gesamten Branche iiber Landergrenzen hinweg anzutreffen. Allerdings weist Woywode auch nach, dass die lokalen Anpassungen eine starke Einfarbung durch das national business system im untersuchten industriellen Sektor erfahren, der gerade von vielen als Musterbeispiel fiir das Vorhandensein globaler Industrien (Rosenzweig/ Singh 1991: 349) bzw. als ein ..continuous globalizing" - Sektor (Whitley/ Kristensen 1997) angesehen wird.
10 In diesem Falle ist das ein positives Beispiel. Die Sechstage-Arbeitswoche reduzierte sich fur die Arbeitnehmer auf 5 Tage (vgl. Rosenzweig/ Singh 1991: 353-354). Allerdings gibt es genugend Beispiele die belegen, dass Landesregierungen von multinationalen Untemehmen unter Druck gesetzt werden, wie es z.B. bei Auslandsdirektinvestitionen in Ost- und Mitteleuropa der Fall war, um z.B. Umweltgesetze oder Sozialgesetze zu ihren Gunsten und damit zuungunsten der Arbeitnehmer zu verandem.
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In diesem Siime wurde festgestellt, dass insbesondere die Unterschiede im Bildungssystem und in den industriellen Beziehungen ftir einen hoheren Grad an multiplen Qualifikationen bei den Gruppenmitgliedem, mehr Zusammenarbeit in der Gruppe, mehr Bereitschaft zu job rotation und damit auch eine hohere Gruppenautonomie in den deutschen Niederlassungen verantwortlich waren. Diese Befiinde decken sich weitgehend mit den Erkenntnissen aus dem Vergleich britischer und deutscher Niederlassungen in der Fahrstuhl- und Rolltreppenfertigung. Zwar lasst sich in den deutschen und britischen Niederlassungen aller drei von uns untersuchten multinationalen Untemehmen in der Tat eine zunehmende Finanzorientierung und ein verstarkter Trend zum Ausbau der Servicefunktionen im Management feststellen (Geppert/ Matten/ Williams 2003). Gleichzeitig jedoch zeigte ein Vergleich der Reorganisation der Arbeitssysteme in beiden Landem starke Unterschiede sowohl in der Veranderung von Strukturen und Entscheidungsprozessen als auch dem Einsatz von Fertigungstechnologien und Personal. Damit wu-d trotz Globalisierungstendenzen die bleibende Bedeutung unterschiedlicher national business systems unterstrichen. In den deutschen Niederlassungen hatten die Arbeitssysteme aufgrund der engeren Interdependenz von arbeitsmarktpolitischen, bildungspolitischen und gewerkschaftlichen Institutionen eine starke Tendenz zu DQP. In GroBbritannien dagegen ist das business system weniger eng mit den Arbeitssystemen verzahnt. D.h. konkret, dass die industriellen Beziehungen eher schwach und die arbeitspolitischen MaBnahmen eher unterentwickelt sind. Die berufliche Bildung und Weiterbildung, insbesondere von Facharbeitem, Technikem und Ingenieuren, hat hier einen geringen Stellenwert. Die Beschaftigten in den Fertigungsstatten waren daher eher angelemt oder ungelemt und weniger in Managementprozesse einbezogen. Daruber hinaus verfugten Personen in strategischen Entscheidungspositionen zumeist iiber einen Managementabschluss. Im Gegensatz dazu werden in deutschen Niederlassungen diese Managementfunktionen mehrheitlich von Ingenieuren wahrgenommen. Ein massiver Abbau von bad performing Fertigungskapazitaten und eine Reorientierung der Funktionen des Arbeitssystems auf das fmanziell weitaus lukrativere Geschaft in Verkauf und Service erschien somit vielen der befragten Manager als die beste Losung (Geppert/ Williams/ Matten 2003). Im Lichte von Birkinshaws entrepreneurship-KonzQpt lasst sich abschlieBend restimieren, dass die deutschen Niederlassungen in beiden Studien groBere ..charter responsibilties'' haben. Somit haben die lokalen Manager dort auch groBere Entscheidungsmacht und Autonomic. Des weiteren bleibt festzuhalten, dass aus der Vogelperspektive (bzw. einer abstrakteren Ebene), die multinatio-
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nalen Untemehmen in den beiden zuletzt diskutierten Studien durchaus globale isomorphistische Tendenzen aufweisen. Hier kommen dann auch die Starken des nord-amerikanischen Institutionalismus zum Tragen. Verlasst man jedoch diese Abstraktionsebene und versucht, die interaktiv erzeugten und sozial konstruierten lokalen Managementrationalitaten zu verstehen, entwickelt sich ein besseres Verstandnis fur die ,feinen Unterschiede'. Erst die Wahl eines solchen methodisch interpretativen Ansatzes macht es moglich zu erkennen, warum und auf welche Art und Weise der Einfluss von nationalen Institutionen auch weiterhin von Bedeutung sein wird. In diesem Sinne haben Geppert und Koautoren darauf verwiesen, dass, im Gegensatz zu den Annahmen der ,evolutionaren Theorie der multinationalen Firma', ,nationale Effekte' in transnationalen Untemehmen eben nicht zunehmend verblassen. Vielmehr kommen die nationalen Unterschiede der Niederlassungen eher noch starker zum Tragen (Geppert/ Matten/ Williams 2003). Dartiber hinaus wird argumentiert, dass multinationale Untemehmen diese Differenzen strategisch sogar ganz bewusst in Kauf nehmen bzw. ausnutzen. Dies ist z.B. der Fall, wenn sie ihre globalen Fertigungskapazitaten rationalisieren. Der Vergleich in der Fahrstuhl- und Rolltreppenfertigung beispielsweise zeigte die bewusste Nutzung von kompetitiven Vorteilen und Kapazitaten von Arbeitsystemen im deutschen business system. Im Vergleich zu den britischen Tochtemntemehmen hatten die deutschen eher strategische Funktionen inne und waren gleichzeitig flir die innovativen F&E-Aktivitaten verantwortlich (Geppert 2003; Geppert/ Matten, 2006).
4.4 Multinationale Unternehmungen als Jransnationale soziale Raume': Ein neues Forschungsfeld jenseits der traditionellen Grenzziehungen der beiden institutionalistischen Ansdtze Ein wichtiger Zweig in der aktuellen organisationssoziologischen Debatte zur Rolle von multinationalen Untemehmen ist die Frage nach der Entstehung von ,transnationalen sozialen Raumen' (Pries 2001; Morgan 2001b). Die Kemfrage dieser jiingeren Forschungsrichtung im intemationalen Management zielt auf die Entstehung und Verandemng von makro-institutionalistischen Stmkturen durch soziale Praktiken und Akteure ab. Die Institutionalisiemng von , transnationalen sozialen Raumen' wird hier als ein sozio-politischer Prozess konzeptualisiert, der verschiedene Formen sozialen Handelns beinhaltet (wie z.B. Zwang, Widerstand und Verhandlung) (Geppert/ Clark 2003). In diesem Sinne richtet sich die Erforschung ,transnationaler sozialer Raume' auf die Frage aus, wie die
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Grenzen von transnational communities in und auBerhalb von multinationalen Firmen strukturiert sind, gemanagt werden und wie diese Einheiten sich (re-)definieren und in Verhandlungen (z.B. zwischen extemen stakeholdern wie Gewerkschaften oder Banken oder zwischen verschiedenen Einheiten innerhalb der Firma selbst) ausgehandelt werden. Transnationale Raume entstehen im Wechselspiel von kulturellen und institutionellen Kontexten, durch ausgehandelte formale und informelle Regeln, durch Zugang oder den Besitz von bestimmten Fahigkeiten oder Kapazitaten und Ressourcen (z.B. in den Niederlassungen), die durch sozio-poUtische Prozesse zusammen gehalten werden oder auch wieder auseinander brechen konnen. Fiir die Theorie der multinationalen Untemehmung und die Erforschung ,transnationaler sozialer Raume' ergeben sich damit eine Reihe von Fragestellungen. Wiewohl die Forschung zu transnationalen sozialen Raumen beiden hier diskutierten Institutionalismen konzeptionell eine Heimat bietet, wird die Frage nach globaler Konvergenz bzw. divergenten national-spezifischen Unterschieden jtingst nicht mehr allein durch Riickgriff auf abstrakte isomorphistische makro-institutionelle Mechanismen oder die Makro-Institutionen des Nationalstaates zu beantworten versucht. Mikro-institutionelle Vertreter dieser Richtung kritisieren den eher deterministischen bias institutionalistischer Ansatze und verweisen darauf, dass Institutionen nicht nur einschrankende, sondem auch ermoglichende Wirkung auf Strukturen und Handlungen in Untemehmen haben. Sie schlagen daher vor, transnationale soziale Raume' nicht nur als ,institutionalisierte Arenen', die sich nicht grundsatzlich verandem, sondem auch als ,institutionalisierende Arenen', in denen selbst standig neue Institutionalisierungsprozesse stattfmden, zu defmieren (Djelic/ Quack 2002; 2003). D.h. zukiinftige Forschung sollte nicht nur darauf abstellen, wie relativ stabile nationale Institutionen multinationale Untemehmen beeinflussen, sondem auch, wie signifikante Verandemngen nationaler Institutionen ihre Strategien in diesem national business system beeinflussen. Dieser Aspekt wurde bereits kurz in den oben erwahnten Ergebnissen des Forschungsprojektes von Geppert und Koautoren (Geppert/ Williams/ Matten 2003) im Falle des fmnischen Konzerns aufgegriffen und diskutiert. Aus deutscher Perspektive stellt die Diskussion insbesondere auf die Frage ab, inwieweit ,der Standort Deutschland' - oder institutionalistisch gesprochen: das deutsche business system - flir multinationale Untemehmen mit dem Heimatland Deutschland noch in der Lage ist, Rahmenbedingungen erfolgreicher untemehmerischer Aktivitat zu bieten (Bergedorfer Gesprachskreis 2000).
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Eine weitere Fragestellung in diesem Kontext zielt darauf ab, inwieweit multinationale Untemehmen direkt und aktiv Einfluss auf die Entstehung und Veranderung nationaler und transnationaler Institutionen nehmen. Eine Frage, die wie wir oben gezeigt haben - von Vertretem des nord-amerikanischen Institutionalismus diskutiert wird. Hier besteht allerdings noch erheblicher Forschungsbedarf, da weitaus differenzierter aufzuzeigen ware, auf welche Art und Weise machtvolle soziale Akteure (d.h. einflussreiche transnational agierende Eliten und kollektive Akteure) die Wirkungsweise der drei Isomorphismen strategisch vorantreiben. In diesem Sinne ist die Entstehung ,transnationaler sozialer Raume' in und durch multinationale Untemehmen eher eine Frage, die sich auf dem mikro-institutionellen Level abspielt, und ist damit zutiefst politisch. Als solcher ist dieser Aspekt in der ,evolutionaren Theorie' der multinationalen Untemehmung und den institutionalistischen Ansatzen bisher eher vemachlassigt worden. Die Idee des ,transnationalen sozialen Raumes' in und durch multinationale Untemehmen geht davon aus, dass diese durch verschiedene Strategien machtvoller Akteure entstehen (vgl. Morgan 2001; Geppert/ Clark 2003). Der Fokus zuktinftiger Forschung liegt also nicht nur darauf, ob sie mehr oder weniger institutionalisiert sind (Scott 1998) bzw. eine hohe oder geringe institutionelle Dichte aufweisen (Whitley 1997), sondem auf der sozio-politischen Dynamik des Wandels transnationaler Institutionen. Es bleibt allerdings abzuwarten, inwieweit sich die hier behandelten institutionalistischen Ansatze in Zukunft diesen neuen Herausfordemngen stellen konnen und dazu beitragen werden, die Dynamik sozialen Handelns im Prozess der Institutionalisierung ,transnationaler sozialer Raume' besser einzufangen. Es kann jedoch vermutet werden, dass beide Ansatze von unterschiedlichen konzeptionellen Pramissen und methodischen Blickwinkeln an diese Probleme herangehen und daher auch weiterhin eher zu unterschiedlichen empirischen Befunden in Bezug auf Organisation und Management in und von multinationalen Untemehmen kommen werden.
5.
Resiimee und Ausblick: Herausforderungen Forschung
fiir die zukunftige
In diesem Beitrag haben wir versucht, die Transnationalisiemng von Organisation und Management in multinationalen Untemehmen jenseits weiterhin dominanter okonomischer und kontingenztheoretischer Ansatze zu diskutieren.
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Im Gegensatz zu diesen Studien haben wir zuerst gezeigt, dass die Entscheidungen iiber den Verlauf und den Grad der Transnationalisierung multinationaler Firmen nur bedingt von zweckrational handelnden Managem bestimmt werden, denen es entweder um die Minimierung von Transaktionskosten oder die Beseitigung von .misfits' zwischen Organisationsstrukturen und sich globalisierenden Untemehmensumwelten geht. Unsere Analyse hat sich insbesondere mit den Grenzen des sogenannten ,evolutionaren Paradigmas' auseinandergesetzt und gezeigt, dass die hier prasentierten Vorschlage zum transnationalen Untemehmen als neuem Organisationstyp, insbesondere vor dem Hintergrund komparativer institutionalistischer Studien, zu idealistisch und problematisch sind. Wir haben gezeigt, dass uns der nord-amerikanische Institutionalismus hilft zu verstehen, warum z.B. Gruppenarbeitskonzepte oder intemationale Qualitatsoder Accountingstandards, wie beispielsweise ISO und GAAP, transnational in multinationalen Untemehmen an Bedeutung gewinnen, ohne dass damit notwendigerweise eine Verbesserung der okonomischen Leistungsfahigkeit einhergehen muss (vgl. Walgenbach 2000). Die Grundthese ist hier, dass Manager regulativen, normativen und kognitiven institutionellen Zwangen ausgesetzt sind, die untemehmens-, lander- und brancheniibergreifende Transnationalisierungseffekte hervorrufen. Institutionalistische Analysen betonen, im Sinne von Westney (1993), dass multinationale Untemehmen verschiedenen institutional pulls' ausgesetzt sind, die notwendigerweise nicht immer in dieselbe Richtung weisen. Diese pulls konnen aus verschiedenen Richtungen untersucht werden. Wir haben uns hier ausfuhrlich darauf konzentriert, im Sinne komparativer Studien des europaischen Institutionalismus, die bleibenden Einfliisse der national business systems, des Heimatlandes und des Gastlandes aufzuzeigen - Aspekte die im nord-amerikanischen Institutionalismus eher vemachlassigt werden. Wir pladieren deswegen hier dafur, den Fokus der Analyse von Transnationalisierungsprozessen, jenseits von okonomischer Zweckrationalitat , nicht allein auf globale isomorphe Prozesse zu beschranken. Der im vorigen Abschnitt diskutierte Vorschlag von Morgan (2001), multinationale Untemehmen als ,transnationale soziale Raume' zu betrachten, die durch eine Vielzahl kontextueller Rationalitaten interaktiv konstituiert werden, verweist darauf, dass diese Firmen nur sehr bedingt transnational kontrollierund steuerbar sind. Analysen zur Transnationalisiemng von multinationalen Untemehmen, die sich hauptsachlich auf die Verbessung struktureller und kultureller Integrationsmechanismen beschranken, greifen u. E. daher zu kurz. In der Tradition komparativer institutionalistischer Studien darf ktinftige Forschung die Suche nach Ursachen von lokalen und nationalen Divergenzen und daraus
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resultierenden Vor- und Nachteilen fur einzelne Untemehmenseinheiten nicht vemachlassigen. Ein gutes Beispiel fur diese Art Forschung ist das ktirzlich von Kristensen und Zeitlin (2005) veroffentlichte und auf Fallstudien basierende Buch. Ausgehend von einer Kritik der normativen Aspekte des ,evolutionaren Paradigmas' und des Vorschlags, multinationale Untemehmen als transnationale ,differenzierte Netzwerke' zu untersuchen (vgl. Nohria und Ghoshal 1997), schlagen diese Autoren altemativ vor, nach den Grtxnden dafiir zu suchen, warum und wie sich lokale Akteure in den Niederlassungen, bestimmten {AngloSaxon) Formen der Transnationalisierung zu entziehen versuchen und wie sie lemen, „how to play the [global] game of the HQ [headquarters]" (Kristensen und Zeitlin 2005: 196), um dieses „game" in ihrem Sinne beeinflussen zu konnen. Vor dem Hinterund dieser zusammenfassenden tJberlegungen sehen wir die Herausforderungen fur die zukiinftige institutionalistische Managementforschung vor allem auf drei Ebenen. Zunachst besteht auf Untemehmensebene weiter groBer Bedarf, das zuletzt angedeutete Spannungsfeld der multinationalen Untemehmung als ein Akteur zwischen globalen Isomorphismen auf der einen Seite und kontextuellen Rationalitaten und Politiken verschiedener lokaler Akteure mit unterschiedlichen nationalen Hmtergriinden auf der anderen Seite weiter und differenzierter auszuleuchten, Alsdann ergibt sich auf einer eher nationalen Ebene insbesondere die Frage, welchen Einfluss multinationale Untemehmen auf das Institutionengeftige verschiedener Nationalstaaten nehmen. Diese Frage erfreut sich nicht zuletzt aufgrund der wachsenden offentlichen Anfragen an die Rolle von multinationalen Untemehmen in (Entwicklungs-) Landem mit relativ schwach ausgebildeten Institutionen zunehmender Beliebtheit. Andererseits weist die zwar wachsende, aber zweifelsfrei noch vergleichsweise diinne empirische Forschung zum Einfluss von national business systems auf multinationale Untemehmen - auf Heimat- und Gastlandebene - noch erhebliche LUcken auf. Und schlieBlich bietet sich aus institutionalistischer Perspektive eine transnationale Ebene als immer drangenderes Forschungsgebiet an. Die rapide Entstehung und Weiterentwicklung globaler Institutionen - von Regierungsorganisationen wie der Europaischen Union oder der World Trade Organization tiber globale Nicht-Regierungsorganisationen bis hin zu einer Vielzahl kleinerer transnationaler Organisationen - hat zunehmend direkten Einfluss auf untemehmerisches Handeln, speziell fur global agierende Firmen. Nicht nur die Entstehung und Gestaltung globaler Organisationen, sondem auch deren Einfluss auf untemehmerisches Handeln ist ein Forschungsfeld, welches gerade aus institutionalistischer Perspektive tiberaus spannend ist.
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