PARKER schmeckt den „Tester“ ab
Ein Roman von Günter Dönges
Lady Agatha blickte ein wenig mißtrauisch auf die Suppe,...
10 downloads
500 Views
1MB Size
Report
This content was uploaded by our users and we assume good faith they have the permission to share this book. If you own the copyright to this book and it is wrongfully on our website, we offer a simple DMCA procedure to remove your content from our site. Start by pressing the button below!
Report copyright / DMCA form
PARKER schmeckt den „Tester“ ab
Ein Roman von Günter Dönges
Lady Agatha blickte ein wenig mißtrauisch auf die Suppe, die man
ihr gerade servierte. Paul Lantin, der Besitzer des Feinschmecker-
Tempels deutete mit ausgestreckter Hand auf die Köstlichkeit.
»Eine Salatsuppe, Mylady«, erklärte er, »eine Spezialität meines
Hauses. Frischer Blattsalat in doppelter Hühnerbouillon, fein ab
geschmeckt mit einem Hauch Sherry, abgerundet mit Muskat und
angereichert mit zwei Eigelb. Dies alles vorsichtig verrührt mit
frischer Sahne.«
»Sie sieht sehr grün aus, mein Bester«, urteilte die ältere Dame,
»aber sie riecht erstaunlich gut.«
»Die Frische eines Gemüsegartens könnte nicht intensiver sein,
Mylady«, lobte der Küchenchef. »Die kleine Zwiebel und die An
deutung von einer nur kurz eingetauchten Knoblauchzehe wirken
wie ein Echo auf die Geschmacksnerven.«
»Sollte es ein Zufall sein, Sir, daß sich nur wenige Gäste bei Ih
nen eingefunden haben?« fragte Josuah Parker, der die blumige
Anpreisung der Salatsuppe nicht gehört zu haben schien.
»Ich… ich kann mir das auch nicht erklären«, wunderte sich Paul
Lantin und zeigte Nervosität. »Normalerweise ist um diese Zeit
kein freier Tisch mehr zu bekommen.«
Die Hauptpersonen:
Paul Lantin betreibt einen Feinschmecker-Tempel und serviert
eine völlig versalzende Suppe.
Dan Olsen ergreift als Spitzenkraft seiner Branche die Flucht und
landet neben einer Sprengladung.
Clive Spotson bietet verstaubte Tapeten und Spezialisten an.
Nick Bartelett engagiert Gewehrschützen, verleiht Staubsauger
und läßt sich mit Bouillon ablöschen.
Ralph Rodway schreibt Küchen-Kritiken und wird als Tester vor
gestellt.
Lome Hopper bietet nächtliche Begleiter an und gerät in Parkers
Bannkreis.
Lady Agatha Simpson reagiert empört, als man ihre Fein
schmecker-Zunge beleidigt.
Butler Parker aktiviert zwei Kriminelle als »Flitzer«. »Nun denn, mein Bester.« Lady Agatha, groß, stattlich, eine ge radezu majestätische Erscheinung, die das sechzigste Lebensjahr mit Sicherheit überschritten hatte, gab sich einen Ruck und tauchte den schweren Silberlöffel in die grasgrüne Köstlichkeit. »Sie werden überrascht sein«, prophezeite der Lokalbetreiber, doch er war nicht ganz bei der Sache, wie Parker feststellte. Paul Lantin blickte durch das große Terrassenfenster nach draußen auf den Parkplatz, der hier im Themsebogen unter hohen Bäumen angelegt war. Dabei schüttelte er ungläubig-irritiert den Kopf. Auch er vermißte die vielen Gäste, die normalerweise um diese Zeit sein Lokal füllten. Wenige Augenblicke später zuckte er wie unter einem elektrischen Schock zusammen und blickte fassungs los auf Agatha Simpson. Sie prustete sehr undamenhaft die grasgrüne Suppe über den Tisch in Richtung Fensterbank, auf der ausgesuchte Topfpflanzen standen, die förmlich eingeregnet wurden. Mylady, die die Salat suppe zerstäubt hatte, maß Paul Lantin mit einem empörten Blick, hüstelte anschließend, faßte sich an den Hals und gab Wür gelaute von sich. »Wäre Mylady mit einem Glas Wasser gedient?« fragte Josuah Parker. Während des Fragens füllte er bereits Wasser in ein Glas, das er seiner Herrin reichte. Parker, das Urbild eines hochherrschaftlichen englischen Butlers, war die Gemessenheit in Person und eine alterslose Erscheinung. Er hatte das undurchdringliche Gesicht eines erfahrenen Poker spielers, verfügte über vollendete Manieren selbst in der gefähr lichsten Situation, hielt grundsätzlich auf Würde und Selbstdiszip lin und kleidete sich entsprechend. Er trug einen schwarzen Zweireiher und zu seinem weißen Hemd mit Eckkragen einen schwarzen Binder. Die schwarze Melone und seinen altväterlich gebundenen Regenschirm hatte er auf einem freien Stuhl abgelegt. Die ältere Dame griff wie eine Verdurstende nach dem Glas und löschte das offensichtlich vorhandene Feuer in ihrem Hals. Der mittelgroße, nur ein wenig beleibte Meisterkoch, der etwa vierzig Jahre zählte, fuhr sich mit der linken Hand nervös über die vor Aufregung feucht schimmernde Glatze und blickte irgendwie fasziniert auf die diversen Topfpflanzen.
Unter der unmittelbaren Einwirkung der zerstäubten Salatsuppe ließen die an sich recht robusten Pflanzen bereits die ersten Blät ter hängen und zeigten Schwäche. »Wollen Sie mich umbringen?« fuhr Agatha Simpson den Lokal betreiber an und massierte ihren Hals. »Ich… ich verstehe nicht«, gab Paul Lantin zurück. Er hielt die Luft an, als von einigen Topfpflanzen die ersten Blätter auf die Fensterbank fielen. »Diese Suppe ist keine Suppe«, entrüstete sich Lady Agatha. »Sie haben mir Gift serviert!« »Ausgeschlossen, Mylady, ich selbst habe sie…« »Gift«, donnerte Lady Agatha, deren Stimme von Natur aus wirk lich nicht leise war. »Sie wollten mich umbringen!« »Wenn Mylady gestatten.« Parker, für den am Tisch ebenfalls gedeckt war, tauchte seinen Löffel in jene Suppe, die serviert worden war, nahm eine kleine Probe und führte sie an den Mund. »Nun, Mister Parker?« fragte Paul Lantin gespannt. »Konzentrierte Salzsäure, Mister Lantin, ist gegen diese Suppe ein Magenschoner«, urteilte der Butler. »Man muß wohl davon ausgehen, daß die Suppe in der Tat ein wenig überwürzt wurde.« Er hatte sein Urteil gerade gesprochen, als eine Fensterscheibe im Erker barst und große und kleine Splitter die Tische dort belegten. »Was war das?« fragte die ältere Dame und richtete sich steil auf. »Mylady gehen davon aus, daß man einen schallgedämpften Schuß abgefeuert haben dürfte«, konstatierte Parker, wobei sein Gesicht glatt und ausdruckslos blieb. »Man sollte sich vielleicht in Deckung begeben, falls meine Wenigkeit diesen Vorschlag unter breiten darf.« * »Eine Unverschämtheit«, wurde die passionierte Detektivin deut lich, doch sie meinte eindeutig nicht den Butler und seinen Vor schlag, sondern ärgerte sich über die Störung. Sie stand auf und baute ihre majestätische Fülle an der Wand zwischen zwei breiten und niedrigen Fenstern auf, um weiteren Schüssen zu entgehen. Parker winkte Paul Lantin hinter die nahe Theke. Er selbst bezog Position neben einem großen Wandspiegel.
»Man versucht wieder mal, mich umzubringen«, ließ Agatha Simpson sich vernehmen. Ihre Stimme klang keineswegs ängst lich. »Nun ja, ich kann es fast verstehen.« »Mylady pflegen im Umgang mit Kriminellen jeglicher Art stets zu obsiegen«, sagte Josuah Parker. »Dies löst in gewissen Kreisen verständlicherweise keine freundlichen Gefühlsregungen aus.« Ein zweiter Schuß unterblieb. Parker verließ seinen Platz, bewegte sich in Richtung Theke mit der großen Tiefkühlvitrine und bat den Meisterkoch, die Beleuch tung im Restaurant ein wenig zu mindern. In gebückter Haltung lief Paul Lantin in Richtung Durchreiche und Küche und ver schwand dann in den Wirtschaftsräumen. Obwohl erst Mittag, waren alle Deckenlampen eingeschaltet und sorgten für übergroße Helligkeit, wie Parker empfand. Dies änder te sich wenige Augenblicke später. Lantin hatte die Beleuchtung abgedreht und erschien wieder im Restaurant. »Soll ich die Polizei anrufen?« fragte er und deutete auf die zer brochene Scheibe. Bevor Parker antworten konnte, klingelte das Telefon. Der Butler hatte den Eindruck, daß dieser Anruf die Reaktion auf das Ab schalten der Beleuchtung war. Paul Lantin stand bereits am Appa rat und meldete sich. Der Butler beobachtete den Leichtbeleibten genau. Paul Lantin sprach leise, schien verlegen-besorgt zu sein, nickte wiederholt und schickte fast so etwas wie Beschwörung in die Sprechmuschel. »Man riet Ihnen gerade, etwas für Ihren allgemeinen Gesund heitszustand zu tun, Mister Lantin?« erkundigte sich der Butler. »Gesundheitszustand, Mister Parker?« Der Meisterkoch war ein schlechter Schauspieler und bekam einen roten Kopf. »Nun, man dürfte Ihnen empfohlen haben, die Polizei aus dem Spiel zu lassen«, sagte der Butler ihm direkt ins Gesicht. »So… so ungefähr«, stotterte der Meisterkoch und senkte den Kopf. »Wer hat Sie angerufen, Lantin?« ließ Mylady sich vernehmen. Ihre sonore Stimme, die zur Baßlage tendierte, klang leicht ge reizt. »Bevor Sie antworten, sollten Sie sich erst mal um meinen Kreislauf kümmern.« »Kreislauf?« Lantin machte einen bestürzten Eindruck. »Sie füh len sich krank? Soll ich einen Arzt…?«
»Papperlapapp, junger Mann«, raunzte die ältere Dame. »Ich brauche einen anständigen Cognac. Während Sie servieren, will ich wissen, wer Sie da gerade angerufen hat.« »Der… der Tester«, lautete die ein wenig verblüffende Antwort. »Sie kennen diese Person, Mister Lantin?« fragte Parker, während der Lokalbetreiber mit einem gefüllten Cognacschwenker um die Theke kam und Mylady respektvoll bediente. Sie musterte den Inhalt und nickte besänftigt. »Es könnte reichen, um meinen Kreislauf zu beschleunigen«, sag te sie und deutete dann auf ihren Butler. »Da ist noch eine Frage zu beantworten, mein Bester.« »Ob ich den Tester kenne?« wiederholte Lantin die Frage. »Sie ist Ihnen also bereits bekannt«, meinte der Butler. »Sie werden erpreßt, Mister Lantin? Dieser Schuß war sicher als eine Art Warnung gedacht.« »Wo… woher wissen Sie…?« Lantin schluckte vor Aufregung. »Die Praktiken der Schutzgeld-Gangster sind nur zu bekannt, Mis ter Lantin«, sagte der Butler. »Erst vor kurzer Zeit konnten Myla dy Kriminelle dieser Branche ausschalten.« »Sie stehen selbstverständlich unter meinem Schutz, mein Lie ber«, sagte Agatha Simpson. »Vorher will ich aber wissen, warum Sie meine Suppe derart versalzten.« »Das geht auf das Konto meines ersten Kochs«, lautete die Erklä rung. »Aber Dan Olsen ist verschwunden! – Meine Leute in der Küche sagen, er sei in den Garten gegangen. Er wollte nur für ein paar Minuten bleiben, aber bisher ist er nicht zurückgekommen.« »Man dürfte ihn umgebracht haben«, schlug die ältere Dame prompt als Erklärung vor. * Josuah Parker hatte einen kurzen Blick in die Küche des Fein schmeckerlokals geworfen und den Köchen zugenickt, die zu sammenstanden und sich leise unterhielten. Sie schienen be drückt, und Parker verzichtete darauf, sie zu befragen. Er wollte ins Freie und herausfinden, warum die erwarteten Mittagsgäste ausblieben. Seiner Ansicht nach war der schallgedämpfte Schuß von der wei ten Wiese aus abgefeuert worden. Sie war mit Strauchwerk
durchsetzt und führte zum Ufer der Themse hinunter. Man befand sich im Weichbild von Groß-London, und zwar in Richmond. Die Stadt wirkte hier bereits ländlich und zeigte keine Hektik mehr. Das Zersplittern der Scheibe hatte den Butler innerlich alarmiert. Seiner Ansicht nach mußte eine Patrone mit einem Aufschlagzün der verwendet worden sein. Dem Schützen war es mit Sicherheit darauf angekommen, spektakulär zu wirken. Paul Lantin, der die ses Feinschmeckerlokal betrieb, sollte damit wohl massiv unter Druck gesetzt werden. Parker kannte die Praktiken von Schutzgeld-Gangstern. In immer neuen Varianten versuchten die üblen Burschen, ohne Arbeit an das Geld anderer Leute heranzukommen. Und wenn sie sich schon beschäftigten, dann nur, um Zahlungsunwillige dazu zu bringen, regelmäßige Wochen- und Monatsprämien zu leisten. Mylady und er hatten in der Vergangenheit oft mit solchen Gangstern zu tun. Kriminelle dieser Art kannten nur rohe Gewalt und waren sogar bereit, Menschen umzubringen, wenn es darum ging, ihre Ziele durchzusetzten. Bisher hatten Lady Simpson und Parker sich allerdings immer gegen solche Gangster behauptet, und der Butler war innerlich bereits entschlossen, auch diesen Kampf aufzunehmen. Ganz zu schweigen natürlich von Lady Simpson, die mit Sicherheit einen neuen Kriminalfall witterte. Sie hielt sich für eine geradezu begnadete Kriminalistin und wur de eigentlich gegen ihren Willen immer wieder in die verrücktes ten Fälle verwickelt. Angst kannte die ältere Dame nicht. Ein Ge fühl für Gefahr war ihr unbekannt. Mylady nahm jede Herausfor derung begeistert an und verblüffte ihre Gegner immer wieder durch ihre unkonventionelle Offenheit, die man für gekonnte Ab sicht hielt. Abgebrühte Killer wurden unsicher, wenn Lady Agatha Schußwaffen aller Art ignorierte und Drohungen einfach überhör te. Solche Gangster gingen automatisch davon aus, daß Mylady provozieren wollte, daß sie nur darauf aus war, Fallen zu stellen. Sie bekam nie mit, daß Josuah Parker seine schützende Hand über sie hielt und sie vor Schaden bewahrte. Agatha Simpson fühlte sich nach wie vor als die Lehrmeisterin ihres Butlers, dem sie die Arbeitsmethoden eines Agenten oder Detektivs erst noch beibringen mußte.
Parker spürte plötzlich seine innere Alarmanlage. Seine Haut im Nacken lud sich elektrisch auf. Der Butler blieb neben einem Baum stehen und blickte zum Ufer hinüber. Das Gelände dort war sehr unübersichtlich. Weiden, dichtes Strauchwerk und einige Bootshäuser, von denen nur die Dächer zu sehen waren, boten Deckung jeder Art. Wenn sich dort ein Schütze aufgebaut hatte, beherrschte er die ganze Uferwiese. Parker war kein Hasardeur, der mit seinem Leben spielte. Er griff in die rechte Innentasche seines schwarzen Zweireihers und holte seine berühmte Gabelschleuder hervor, die er stets mit sich führte. Er verzichtete auf Schußwaffen und hielt sich lieber an dieses Gerät, mit dem er in seiner Jugend Erbsen und Holun derbeeren verschossen hatte. Er hatte die Schleuder natürlich weiterentwickelt und daraus ein High-Tech-Erzeugnis gemacht. Die y-förmige Gabel bestand aus zähem Stahl, die beiden Gum mistränge verlangten Kraft, um sie dehnen zu können. Parker verschoß gebrannte Ton-Erbsen, hin und wieder Stahlkugeln, dann bohnengroße Plastickkugeln und Gummigeschosse. Seine Treffsicherheit war erstaunlich. Im vorliegenden Fall hatte Parker sich bereits für eine kirschgroße Weichgummi-Kugel entschieden. Er entnahm sie einer Art Brillen etui und verschoß dieses Erzeugnis, das aus seinem privaten La bor stammte, in Richtung Themse-Ufer, nachdem er das Geschoß kurz vor dem Abflug zwischen Daumen und Zeigefinger intensiv zusammengedrückt hatte. Er tat dies natürlich nicht ohne Grund. * Die kirschgroße Gummikugel klatschte gegen den Stamm einer Weide und ließ durch vielfache Perforation der Oberfläche eine wasserklare Flüssigkeit austreten. Sie verband sich vehement und geradezu gierig mit dem aggressiven Sauerstoff in der Luft. Das Ergebnis dieser blitzschnellen Verbindung war eine schlanke Nebelsäule, die emporschoß und sich dann ausbreitete. Es dauer te nur wenige Sekunden, bis eine dichte Nebelbank am Ufer hochwuchs. Parker nutzte die Verblüffung des Schützen, falls dieser noch an wesend war. Der Butler wechselte nach links hinüber, nahm hin
ter einem weiteren Baum Deckung und brauchte dann nur noch etwa zwanzig Meter zurückzulegen, bis er bereits die Uferpartie erreicht hatte. Rechts von ihm wuchs die Nebelbank und dehnte sich weiter aus. Parker hatte sich den verblüffenden Wirkstoff auf Umwegen aus dem Labor eines Unternehmens besorgt, das für das Militär arbei tete. Die Qualität war beachtlich. Parker stieg durch das Gesträuch zum Ufer hinunter und stellte sich neben eine krumme Weide. Der Schütze mußte wohl bald erscheinen, um sich auf dem Wasserweg abzusetzen. Seine Rechnung ging auf. Aus dem Schilf neben einem der flachgedeckten Bootshäuser kam ein Boot, das über einen Außenbordmotor verfügte. Ein mittel großer, offensichtlich schlanker Mann saß auf der hinteren Bank und nestelte an der Maschine. Er mühte sich fast wütend ab, den Motor in Gang zu bringen. Er riß und zerrte an der Schnur des Anlassers, während sein breites Boot von der leichten Strömung erfaßt und abgetrieben wurde. Josuah Parker reagierte sofort. Der Mann im Boot mußte der Schütze sein, daran zweifelte er keine Sekunde. Er mußte diesen Mann stellen und befragen. Und das einzige Mittel dazu war die Gabelschleuder. Parker lud sie mit einer hart gebrannten Ton-Erbse, visierte kurz und schickte dann das seltsame Geschoß auf die Reise. Das Resultat war wie üblich frappierend. Die Ton-Erbse klatschte an den Hinterkopf des Mannes, der den Außenmotor gerade in Gang gebracht hatte. Der Getroffene fiel halb über den Steuergriff und fixierte dadurch das Ruder. Und wahrscheinlich hatte er sogar noch den Gasgriff aufgedreht, denn der Motor brüllte jetzt förmlich. Das Boot beschrieb einen sehr engen Bogen. Dann rutschte der Mann vom Griff ab, gab dem Ruder eine andere Richtung und sorgte dafür, daß das Fahrzeug jetzt direkten Kurs auf jene Ufer partie nahm, wo Parker sich aufhielt. Der Zufall führte ausgezeichnet Regie. Das Boot rasierte einen schmalen Holzsteg ab und fuhr danach mit knirschendem Kiel über das kiesbedeckte Ufer. Nachdem sei ne Kraft verbraucht war, blieb es in Schräglage vor einer Weide stehen. Der Insasse kippte aus dem Heck und blieb neben den Resten einer Holzkiste liegen.
Parker untersuchte den Mann pflichtgemäß, stellte keine direkten Schäden fest und sorgte erst mal dafür, daß dieser Mann sich nicht unnötig bewegen konnte. Er bedachte ihn mit einer seiner Einwegfesseln aus Plastik und durchsuchte anschließend die Ta schen des Jeans-Anzugs. Zu seiner Überraschung entdeckte Parker in der rechten Gesäßta sche eine Wäschereirechnung, die auf den Namen Herb Derny ausgestellt war. Die Wäscherei war laut Firmenanschrift im Stadt teil Limehouse angesiedelt und wurde von einem Les Türkei be trieben. Anschließend kümmerte sich der Butler um das Gewehr, das ein Zielfernrohr und einen Schalldämpfer hatte. Er war mit dem Er gebnis seiner kleinen Exkursion überaus zufrieden. * »Was soll denn das, Mister Parker?« fragte Agatha Simpson eine halbe Stunde später. Sie deutete durch das Wagenfenster auf einige sehr offiziell aussehende Straßensperren, die die Zufahrt zum Feinschmeckertempel verwehrten. »Es handelt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um von Kriminellen aufgestellten Sperren«, gab Josuah Parker zurück. »Darf man Myladys Aufmerksamkeit auf die beiden Schil der lenken, auf denen von Reparaturarbeiten an Gasleitungen gesprochen wird?« »Die habe ich längst wahrgenommen«, behauptete sie. »Wo ste hen sie eigentlich genau?« »Links und rechts an den beiden Sperrbalken«, antwortete der Butler höflich wie stets. Er war nicht zu erschüttern. »Man dürfte sie nach Myladys Ankunft im Restaurant aufgestellt haben.« »Natürlich hat man mich beobachtet und wollte mich bei dieser Gelegenheit umbringen«, konstatierte sie, »aber so etwas beein druckt mich nicht. Ich werde das verkommene Subjekt umgehend vernehmen, Mister Parker.« Der Butler hatte den Schützen im Kofferraum seines hochbeinigen Monstrums untergebracht. Er war mit dem ehemaligen, ausge musterten Taxi auf dem Weg zurück in die Innenstadt. Sein Wa gen, der so betagt und anfällig aussah, war nichts anderes als eine raffinierte Trickkiste auf Rädern.
Parker hatte den eckigen Wagen nach seinen Vorstellungen tech nisch modifizieren lassen. Unter der Motorhaube wartete ein Hochleistungsmotor darauf, seine Muskeln spielen zu lassen. Auch sonst konnte der Butler mit vielen sinnvollen Überraschungen für seine Gegner aufwarten. Eingeweihte und auch Betroffene nann ten seinen Wagen gern ein Monstrum auf Rädern, denn es war schon beeindruckend, was dieses Gefährt anzubieten hatte. »Der gute Lantin, oder wie immer er heißen mag, Mister Parker, hat mir gegenüber gestanden, daß er erpreßt wird«, redete Lady Simpson weiter. »Meine Vermutung war von Beginn an natürlich richtig. Man will Schutzgeld-Prämien von ihm.« »Mylady konnten in Erfahrung bringen, um welche Zahlungen es sich handelt?« Parker blickte erneut in die beiden Außenspiegel seines Gefährts und hielt Ausschau nach Verfolgern. Hatte man mitbekommen, daß er den Schützen abgefangen hatte? »Der Gute soll pro Woche fünfhundert Pfund zahlen«, beantwor tete Lady Simpson die Frage. »Ein schönes Sümmchen, würde ich sagen, Mister Parker. Dafür übernehme auch ich die Bewachung eines Restaurants.« »Mister Paul Lantin, wie der Herr tatsächlich heißt, Mylady, ist bereit, die geforderte Summe zu zahlen?« wollte Parker wissen. »Bisher hat er sich geweigert. Nu aber, nachdem man ihm die Scheibe zerschossen hat, will er keinen weiteren Widerstand leis ten. Ich werde dem armen Teufel natürlich helfen, ich habe ihm das bereits gesagt. Ich erwarte selbstverständlich keinen Dank, – nach Abschluß seines Falles aber ein opulentes Dinner.« »Was in der Tat nur recht und billig wäre, Mylady«, entgegnete der Butler. »Zwischendurch, wenn ich hier in Richmond sein sollte, werde ich hin und wieder einen Imbiß zu mir nehmen«, fuhr sie fort. »Ich werde schließlich eine Menge Unkosten haben, Mister Parker.« »Mister Lantin wird es eine Ehre sein, Mylady dienen zu dürfen«, erklärte der Butler. »Man scheint übrigens meine Wenigkeit dabei beobachtet zu haben, als man den Schützen im Kofferraum ver staute.« »Woher wollen Sie denn das wissen, Mister Parker?« fragte sie mokant. »Mylady werden seit einigen Minuten ausgesprochen hartnäckig von einem GM verfolgt«, gab der Butler Auskunft. »Auf den Vor
dersitzen dieses Wagens befinden sich zwei Männer, die wie Bö sewichter in einschlägigen Filmen Sonnenbrillen tragen.« »Wie schön«, freute sich Lady Agatha umgehend. »Ich fürchtete schon, man würde mich unbehelligt lassen, Mister Parker. Tun Sie ab sofort, was ich für richtig finde.« * Josuah Parker hatte keine Schwierigkeiten, die beiden Verfolger auf ein Terrain zu locken, das er ausgezeichnet kannte. Er blieb in den Außenbezirken der Stadt und lotste den GM in das Umfeld einer Rugby-Sportanlage. Hier sah alles ein wenig heruntergekommen aus. Vor dem einst mals sicher pompösen Eingang mit den Säulen aus Sandstein und den schweren Rundbögen gab es einige Parkplätze, die recht verwildert aussahen. Unkräuter aller Art bildeten eine Art Minia turdschungel. Es gab weiter ausgeschlachtete Autos, die man hier abgestellt hatte, und etlichen Müll. Die Verfolger blieben ahnungslos: Sie witterten offensichtlich eine Möglichkeit, hier zur Sache kom men zu können, holten ungeniert auf und schickten sich an, Par kers hochbeiniges Monstrum von den großen Zementplatten der Zufahrt abzudrängen. Der Butler spielte den unsicheren Fahrer, der gerade jetzt erst entdeckt hatte, daß er verfolgt wurde. Er ließ sein Gefährt kon trolliert ausbrechen, gab Gas, schoß plötzlich vor, bremste dann wieder und fuhr Schlangenlinien. Das alles überzeugte den Chauffeur des GM. Er leitete ein Überholmanöver ein und gab Gas. Er wollte sich wohl vor Parkers Wagen setzen und ihn ausbremsen. Doch er hatte keine Ahnung, worauf er sich da einließ, denn der Butler legte einen der vielen Kipphebel auf dem damit reichhaltig aus gestatteten Armaturenbrett um und ölte den Wagen knapp hinter sich im wahrsten Sinn des Wortes ein. Eine fette Rußwolke schoß aus unsichtbaren Düsen, die unter dem Wagenboden angebracht waren, hervor und vernebelte die Verfolger. Der Fahrer konnte schlagartig nichts mehr sehen. Der schwarze Film setzte sich auf den Wagenscheiben ab und sorgte für akute Sonnenfinsternis.
Es war nur zu verständlich, daß der Fahrer das Lenkrad verriß und anschließend das Wrack eines Kleinbusses rammte. Der Lärm war unüberhörbar. Glas splitterte, Blech kreischte fast schmerz haft. Parker fuhr ein Stück weiter und stoppte dann in Deckung eines Bauwagens. Er stieg aus und schaute sich die Unfallstelle an. Noch hüllte die Rußwolke alles ein, doch wenig später torkelten zwei Gestalten heraus und tasteten sich vor. Sie hatten eindeuti ge Sichtschwierigkeiten, weil sie sich leichtsinnigerweise die ver rußten Augen gerieben hatten. Sie blieben stehen, als sie ein ver rostetes Geländer erreicht hatten. »Darf man sich die Freiheit nehmen, Ihnen Hilfe anzubieten?« erkundigte sich Parker in gewohnt höflicher Form. Er hatte die beiden Fahrer des GM erreicht und sich hinter einem Baum auf gebaut. Einer der Männer reagierte wie eine gereizte Schlange, langte sofort nach seiner Schulterhalfter und zog eine schallgedämpfte Automatic. Er besaß sie allerdings nur wenige Augenblicke, denn der Butler schlug sie ihm mit dem Bambusgriff seines UniversalRegenschirms aus der Hand. Da dieser Griff mit Blei ausgegossen war, fiel der Schlag sehr nachdrücklich aus. Der Mann brüllte auf und wußte im gleichen Moment, daß er die Hand vorerst nicht mehr einsetzen konnte. »Sie sollten sehr daran interessiert sein, daß die Dinge nicht un nötig eskalieren«, meinte der Butler. »Angriffen, gleich welcher Art, wird man zu begegnen wissen. Die Herren unternahmen die intensive Verfolgung in wessen Auftrag?« »Du glaubst doch wohl nicht, daß wir darauf antworten, oder?« fuhr der zweite Verfolger den Butler an. »Natürlich nicht«, gab Josuah Parker zurück. »Würden die Herren sich freundlicherweise Ihrer Beinkleider entledigen?« »Unserer was…?« kam die mehr als zerdehnte Antwort. »Die Hosen, junger Mann«, ließ Lady Agatha sich mit sonorer Stimme vernehmen. »Nur keine Hemmungen…« »Seid ihr verrückt?« brauste der zweite Verfolger auf. »Das könnt ihr doch nicht verlangen.« »Mylady ist durchaus bereit, die Herren entsprechend zu ermun tern, und zwar mit Ihrer Waffe«, warnte Josuah Parker. »Schüsse dürfte man selbst in der näheren Umgebung nicht hören.«
*
Sie genierten sich. Es handelte sich mit Sicherheit um hartgesottene Männer, doch in geblümten Unterhosen, die an zu weite Shorts erinnerten, kamen sie sich sehr deplaziert und albern vor. Sie benahmen sich wie schüchterne Mädchen und deckten mit ausgebreiteten Händen gewisse Zonen ihres Körpers ab. »Was… was soll das?« fragte der Mann, dessen Hand von Parkers Schirmgriff geprellt war. »Sie können davon ausgehen, daß es Steigerungen gibt, was Ihre Kleidung betrifft«, antwortete der Butler. »Vielleicht haben die Herren die Absicht, sich als Flitzer zu betätigen.« »Als Flitzer?« kam die erstaunte Frage. »Das ist die Bezeichnung für Personen, die ohne Kleidung durch belebte Regionen der Stadt laufen und solcherart auf sich auf merksam machen wollen«, übersetzte der Butler. »Wir sollen uns…?« Der zweite Verfolger holte tief Luft. »Falls die Herren weiterhin Auskünfte verweigern«, gab Josuah Parker zurück. »Ihr habt wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank«, behauptete der erste Verfolger und wurde von einem Schlag durchgeschüt telt, der seinen Rücken getroffen hatte. Lady Agatha hatte mit ihrem harmlos aussehenden Pompadour kraftvoll und gezielt zugeschlagen. In diesem mit bunten Perlen verzierten Handbeutel, der an langen Schnüren an Myladys Handgelenk hing, befand sich der sogenannte Glücksbringer der älteren Dame. Dabei handelte es sich um das Hufeisen eines stämmigen Brauereipferdes. Lady Agatha konnte mit dem selt samen Schlaginstrument sehr wirkungsvoll arbeiten. »Wagen Sie es ruhig noch mal, mich zu beleidigen«, meinte die resolute Dame, nachdem sie den Mann attackiert hatte. »Und nennen Sie möglichst schnell den Namen Ihres Auftraggebers, sonst jage ich Sie hinüber auf die belebte Straße. Und zwar ohne Unterhose.« Er nahm ihr diesen Hinweis ab und beeilte sich, einen Namen und zusätzlich eine Adresse zu nennen.
*
»Ein hübscher Anblick«, konstatierte Agatha Simpson und blickte den beiden Verfolgern nach, die wie zwei aufgescheuchte Karni ckel die Straße entlanghüpften und von begeisterten Passanten zu Höchstleistungen ermuntert wurden. Gefährlich sahen sie beiden Kriminellen nicht mehr aus. Parker hatte sie in seiner höflichen Art gebeten, den Parkplatz zu verlas sen, und sie solange begleitet, bis die ersten Passanten Blickkon takt genommen hatten. Was jetzt geschah, entwickelte seine Eigendynamik. Die beiden Unterhosenträger wurden immer schneller und such ten verzweifelt nach einem passenden Unterschlupf. Einige Fahr rad- und Motorradfahrer begleiteten bereits die beiden Sportler und sorgten für zusätzliches Aufsehen. Parker ging zurück zu seinem hochbeinigen Monstrum und blieb nur kurz stehen, als er das typische Signal eines Streifenwagens der Polizei vernahm. Man hatte die zuständige Behörde also be reits alarmiert. Und sie würde bald feststellen, mit wem sie es zu tun hatte. Die Polizei hatte da andere Mittel und Methoden, um die Identität der beiden Männer festzustellen als er, Josuah Parker. Der Butler hatte sich nicht getäuscht. Als er mit seinem hochbeinigen Monstrum auf der Straße war, in die er die Kriminellen geschickt hatte, wurden sie gerade von zwei Streifenpolizisten in den Dienstwagen gedrückt. Die beiden Männer gestikulierten, machten dann plötzlich Parkers Wagen aus und spielten geradezu verrückt. Sie deuteten auf Lady Agatha, die leutselig winkte, und brüllten wüste Verwünschungen. Josuah Parker lüftete im Vorbeifahren überaus höflich die schwar ze Melone und hielt kurz. »Kann man seine mit Sicherheit nur schwache Hilfe anbieten?« erkundigte er sich bei einem Polizisten. »Nein, nein, alles in Ordnung«, lautete die Antwort. »Nur wieder so ein paar verrückte Flitzer… die sterben nicht aus.« »Man wird die betreffenden Personen zur Rechenschaft ziehen?« fragte Parker weiter. »Natürlich.« Der Cop lachte kurz. »Wahrscheinlich gibt’s nicht nur ‘ne Geldstrafe.«
Parker fuhr weiter und übersah die wütenden Drohungen der e hemaligen GM-Benutzer. Er gab Gas und bog in die nächste Sei tenstraße ein. »Was steht jetzt auf meinem Plan, Mister Parker?« fragte die äl tere Dame unternehmungslustig. »Man sollte sich vielleicht mit Mister Clive Spotson befassen, My lady«, schlug Josuah Parker vor. »Mister Spotson ist der Auftrag geber der beiden Personen, die ihre werten Hosen verloren.« »Ich weiß, ich weiß«, kam prompt ihre Antwort. »Ich habe alle Details genau im Kopf, Mister Parker, das sollten Sie inzwischen wohl wissen.« »Myladys Gedächtnis gleicht dem eines Computers«, behauptete der Butler. »Ein treffender Vergleich«, lobte sie sich ungeniert und nickte beifällig. »Und wann werde ich mich mit diesem Subjekt befas sen, das auf mich geschossen hat?« »Den gewissen Herrn könnte man anschließend zur Rede stellen, Mylady.« »Na schön, alles zu seiner Zeit.« Sie kuschelte sich in ihre Wa genecke. »Ich werde ein wenig über meinen neuesten Fall medi tieren.« Die passionierte Detektivin besorgte das mit Nachdruck und einer gewissen Lautstärke. Es dauerte nur wenige Minuten, bis erste Schnarchtöne zu vernehmen waren. Parker hütete sich, seine Herrin aus ihrer »Meditation« aufzuschrecken und steuerte sein Gefährt in Richtung östliche Stadt. Er wollte später einen gewissen Chief-Superintendent McWarden anrufen und ihn nach den Namen der beiden Verfolger fragen. Der hohe Yard-Beamte, der mit Mylady und Parker eng befreun det war, würde natürlich Fragen stellen, doch man hatte ja nichts zu verbergen. Gerade die Dienststelle, der McWarden vorstand, befaßte sich mit dem organisierten Verbrechen. Der Chief-Superintendent hatte mit Sicherheit nichts dagegen, daß Mylady und der Butler sich mit solchen Kriminellen anlegten. Daß man es mit dem organisierten Verbrechen zu tun hatte, stand für den Butler außer Zweifel. Durch einen Zufall – wie so oft – war man auf Gangster gestoßen, die Schutzgelder erpreßten. Ihnen mußte man schnell und nachdrücklich das schmutzige Handwerk legen.
*
»Gütiger Himmel«, entrüstete sich Lady Agatha fast, als man in Stepney das Tapeten-Fachgeschäft erreichte. In beiden Auslagen waren Tapeten ausgestellt, die Generationen von Fliegen als Lan deplatz und wohl auch als Toilette gedient hatten. Der Staub auf Leimpackungen und Farbdosen war fast fingerdick. Dennoch schienen die Geschäfte ausgezeichnet zu gehen. Vor dem Eingang stand ein teurer Bentley, der sehr gepflegt aus sah. Daneben hatte man zwei schwere Motorräder japanischer Herkunft abgestellt. Auch sie hatten enormes Geld gekostet, wie man ihnen schon rein äußerlich ansah. Parker öffnete die hintere Wagentür und lieh Mylady seine hilfrei che Hand, als sie ihre beeindruckende Fülle ins Freie schob. Sie richtete sich auf, räusperte sich explosionsartig und marschierte dann energisch in Richtung Ladentür. Die ältere Dame glich in diesem Moment einer aus der Kontrolle geratenen Planierraupe. Der Butler folgte würdevoll und gemessen. Natürlich war ihm klar, daß es zu Zwischenfällen kommen würde. Dies war bereits daran zu ersehen, daß der perlenbestickte Pompadour in nach drückliche Pendelbewegungen versetzt wurde. Im Ladenlokal wunderte sich ein etwa Fünfundzwanzigjähriger darüber, der in einem Strohsessel hing und in einem Magazin blätterte. Seine Füße lagen auf der Verkaufstheke. »Man erlaubt sich, einen wunderschönen Morgen zu wünschen«, grüßte der Butler und lüftete die schwarze Melone. »Mor’n«, gab der junge Mann irritiert zurück und nahm die Füße von der Theke. »Was wollen Sie hier?« »Was wohl, junger Mann!?« Die ältere Dame schritt auf ihn zu. Der Fünfundzwanzigjährige wollte aufspringen, doch er war nicht schnell genug. Lady Simpson drückte ihn mit starker Hand zurück und noch tie fer in den Strohsessel. Da sie sich sportlich betätigte, den Bogen schoß und auch leidenschaftlich gern und schlecht Golf spielte, war ihre Muskulatur durchaus entwickelt. Der junge Mann ächzte leicht, als er Myladys Hand auf seiner Schulter spürte.
»Im Grund geht es um Mister Clive Spotson«, schaltete der Butler sich ein. »Man darf wohl unterstellen, daß er sich in den hinteren Räumen aufhält, nicht wahr?« »Der Chef ist nicht da«, erklärte der junge Mann, hob wie beiläu fig die rechte Hand und wollte sie unters karierte Jackett kriechen lassen. »Und der Chef kommt auch erst in ein paar Stunden zu rück. Vielleicht überhaupt nicht, was weiß ich?« »Zu Ihrer Sicherheit«, Schickte Parker voraus und stach mit der Spitze seines Regenschirms gezielt zu. Er paralysierte eine Mus kelpartie des Mannes, der daraufhin nicht mehr in der Lage war, nach seiner Schußwaffe zu greifen. Parker erledigte das für ihn und zog aus einer Schulterhalfter ei nen kurzläufigen Revolver, der mit einem Schalldämpfer versehen war. Der junge Mann, in einer Mischung aus Angst und Wut, wag te nicht, Parker zu attackieren. »Ich sollte diesen Lümmel eigentlich noch zusätzlich ohrfeigen«, ließ Lady Simpson sich grollend vernehmen. »Immerhin hatte er doch wohl die Absicht, auf mich zu schießen, oder?« »Mylady sollten sich an einen Handlanger nicht unnötig ver schwenden«, beantwortete der Butler die Frage. »Richtig«, räumte sie überraschenderweise ein und nickte zu stimmend. »Da werden noch bessere Gelegenheiten auf mich zukommen, denke ich.« »Dafür mach’ ich euch noch fertig«, drohte der Jüngling halbher zig und zog sicherheitshalber den Kopf ein, als Mylady ihn gefähr lich freundlich anlächelte. »Ich meine ja nur…« »Mister Clive Spotson ist allein?« wollte Parker wissen. »Das werde ich euch auch gerade… Moment doch, klar, der ist allein. Aber ich habe nichts gesagt.« Er beobachtete die rechte Hand der Lady, die nicht gerade klein war, und atmete erleichtert auf, als Agatha Simpson ihn passierte und ungeschoren ließ. * Er lag auf einer Couch und schnarchte intensiv. Clive Spotson mochte etwa vierzig sein. Er war groß, schlank und verfügte über eine ausgeprägte Halbglatze, lag auf dem Rücken und roch intensiv nach Alkohol. Reste in einer fast leeren Bran
dyflasche waren zu sehen. Die Flasche und ein Glas standen auf einem kleinen Beistelltisch. Lady Agatha weckte den Schlafenden aufrecht eigenwillige Art. Sie hob ihren perlenbestickten Pompadour und ließ ihn senkrecht nach unten fallen. Der sogenannte Glücksbringer im Handbeutel landete auf dem Zwerchfell des Mannes, der sofort erschrak und sich verständnislos nach allen Seiten umblickte. »Wer zum Teufel…?« »Man wünscht einen harmonischen Verlauf des Tages, Mister Spotson«, grüßte der Butler und lüftete die schwarze Melone, »und man überbringt Grüße von zwei Männern, die einen GM fuh ren und inzwischen von der Polizei als Flitzer in Verwahrung ge nommen wurden.« »Von wem grüßen Sie?« fragte Spotson und wischte sich mit der linken Hand übers Gesicht. Er atmete tief durch und kämpfte ge gen seinen Rausch an. »Meine Wenigkeit könnte auch Mister Herb Derny ins Gespräch bringen«, fuhr der Butler fort. »Er war mit einem Gewehr unter wegs, aus dem er auf die Scheibe eines Restaurants schoß, Mister Spotson.« »Ich träum’ doch wohl nicht, oder?« Der Tapetenhändler wischte sich erneut übers Gesicht und musterte Lady Agatha, die vor ei nem Sideboard stand, auf dem Flaschen und Gläser sich türmten. Parker nahm zur Kenntnis, daß sie sich für einen kleinen Sherry entschied. »Die beiden erwähnten GM-Fahrer nannten Sie als ihren Auftrag geber, Mister Spotson«, erklärte Josuah Parker. »Und die Tatsa che, daß in Ihrem Ladenlokal ein bewaffneter Leibgardist saß, läßt gewisse Schlüsse zu, was Ihren wirklichen Beruf betrifft.« Spotson mühte sich ab, den Satz zu entwirren und zu verstehen. Dann stand er auf, schwankte leicht und blickte zu der älteren Dame hinüber. Er musterte dann wieder den Butler und schüttelte ungläubig den Kopf. »Klar doch, ich träum tatsächlich«, meinte er dann. »Wieso hat man euch überhaupt reingelassen, he?« »Genug der dummen Fragerei, junger Mann«, raunzte Lady Simpson jetzt. »Warum lassen Sie auf mich schießen? Ich erwarte eine Antwort! Und weshalb erpressen Sie einen Meisterkoch, der
ein bekanntes Restaurant in Richmond führt? Es ist doch Rich mond, Mister Parker, oder?« »Mylady hätten sich unmöglich präziser ausdrücken können«, gab Josuah Parker zurück. »Schießen… Erpressung…? Meisterkoch…?« Spotson langte erstaunlich schnell nach der fast leeren Brandyfla sche und wollte damit den Butler attackieren. Er holte zu einem gewaltigen Schlag aus und… litt unter Sichtschwierigkeiten. Lady Simpson hatte den Inhalt des Glases geopfert und ihm eine Portion Sherry in die Augen geschüttet. Sie hatte sich zum zwei tenmal nachgefüllt, wie Parker beiläufig registrierte. Der Butler klopfte unmittelbar danach mit dem Bambusgriff sei nes Schirmes bei dem Tapetenspezialisten an und schickte ihn zu Boden. Spotson fand keine Zeit mehr, nach seiner getroffenen Stirn zu greifen. Er rutschte haltlos in sich zusammen. Der Mann bekam nicht mehr mit, daß Parker ihn mit einer Ein wegfessel versah, einem Plastikband, das man in der Art eines Kabelbinders verwendete. In wenigen Augenblicken schlang das Band sich um die übereinander gelegten Handgelenke des Man nes. Spotson, der nachhaltig beeindruckt war, merkte nicht, daß der Butler ihn schnell und gekonnt durchsuchte. Parker fand eine Halskette, an der ein Tresorschlüssel befestigt war. Selbstverständlich nahm er diesen vielbartigen Schlüssel an sich und ersetzte ihn durch einen ebenfalls flachen Flaschenöffner. Ihm ging es darum, daß Spotson in der Höhe seiner Magengrube einen Gegenstand registrierte. »Da… dafür werden Sie mir noch büßen«, drohte Spotson, der wieder zu sich kam. Er sprach zwar noch langsam und wirkte ein wenig gehemmt, erholte sich aber zusehends. Er giftete den But ler an und zerrte an der Wegwerffessel. »Sie werden schnell herausfinden, daß Sie das Band immer fester schlingen, je intensiver Sie die Fessel strapazieren«, warnte der Butler den Tapetenverkäufer. »Nun aber sollte man zum Thema zurückkommen, Mister Spotson. Es geht um SchutzgeldErpressungen und um eine Person, die Herb Derny heißt. Dazu erhofft Mylady von Ihnen einige klärende Hinweise.« »Die Lady kann mich mal«, lud Spotson die ältere Dame leicht sinnigerweise zu einem Tun ein, das er allerdings nicht näher de finierte.
Agatha Simpson hielt sich an die gängige Interpretation einer solchen Einladung und verabreichte Spotson eine ihrer gefürchte ten Ohrfeigen. * Der Mann richtete sich wieder auf, nachdem er auf dem Boden gelandet war, und blickte die ältere Dame sehr respektvoll an. Eine Ohrfeige hatte er ganz sicher nicht erwartet. »Lassen Sie mich mit diesem Subjekt für zehn Minuten allein, Mister Parker«, sagte Lady Simpson und griff nach ihrem skurril aussehenden Hutgebilde. Spötter behaupteten, die neckische Kreation wäre eine wüste Kreuzung aus einem verunglückten Napfkuchen und einem Süd wester, wie ihn Seeleute während schwerer Stürme trugen. Diese eigenwillige Kopfbedeckung wurde von wenigstens zwei deutlich erkennbaren Hutnadeln im eisgrauen Haar der Lady Simpson festgehalten, von Hutnadeln, die an kleine Bratspieße erinnerten, was Länge und Durchmesser betraf. Die resolute Dame zog eine dieser Hutnadeln hervor und über prüfte mit Sachverstand und mit der Kuppe ihres linken Zeigefin gers die Spitze. »Moment mal, was haben Sie vor? Was bedeutet das?« erkundig te sich der Tapetenfachmann in einer Mischung aus Neugier und erster Furcht. »Warum wollen Sie mit mir allein sein?« »Der Wahrheit die Ehre, Mister Spotson«, bekannte Josuah Parker ernst und überzeugend, »aber meine Wenigkeit besitzt nicht die Nerven, einer intensiven Akupunktur beiwohnen zu können.« »Akupunktur?« staunte der Tapetenverkäufer. »Akupunktur…? Was meinen Sie denn damit, Mann?« »Eine Heilbehandlung durch den Einstich diverser Nadeln an be stimmten Körperstellen«, übersetzte der Butler großzügig. »Sie können bereits jetzt davon ausgehen, Mister Spotson, daß neue Erfahrungen auf Sie warten.« »Und… und wieso können Sie so was nicht sehen?« wollte Spot son es genau wissen. »Es ist, offen gesagt, das Blut, das nach der Perforierung von blutführenden Hautgefäßen zu Tage treten pflegt«, redete Parker überzeugend und überaus höflich weiter.
»Sie… Sie wollen mich foltern?« entrüstete sich Spotson. »Papperlapapp, junger Mann«, schaltete die ältere Dame sich ein und lachte abwehrend. »Ich werde Ihre Reaktionen testen.« »Mylady sollten diesmal vielleicht nicht so tief und intensiv zusto ßen«, bat Parker. Er bewegte sich bereits in Richtung Tür. »Halt… Warten Sie doch«, reagierte Spotson jetzt eindringlich. Sein Rausch schien verflogen. Er machte einen überaus nüchter nen und hellwachen Eindruck. Er schielte nach der Hutnadel in der Hand der älteren Dame und sah sich bereits als Opfer. »Sie haben vielleicht noch einen letzten Wunsch?« erkundigte sich Butler Parker. »Ich habe die beiden GM-Fahrer für Nick Bartelett losgeschickt«, kam nun schnell das Geständnis. »Die Leute sollten einen Typ abschirmen, der mit ‘nem Boot über die Themse kommen wollte.« »Mylady wünscht zu erfahren, wer dieser Mann ist«, gab der But ler zurück. »Keine Ahnung. Und das ist die reine Wahrheit, nichts als die Wahrheit«, schwor Spotson fast. »Bartelett kennt den Typ viel leicht, aber nicht ich.« »Wo könnte und kann man den erwähnten Mister Nick Bartelett erreichen?« schloß sich die nächste Frage des Butlers an. Spotson zierte sich nicht. Er nannte die Adresse und fragte dann nach den beiden GM-Fahrern. Er schien vergessen zu haben, daß der Butler dazu bereits Stellung genommen hatte. Der Butler informierte ihn noch mal und bat ihn anschließend, den unteren Teil eines Aktenrollschranks aufzusuchen. Spotson kam dem Wunsch umgehend nach und bezog den angewiesenen Platz. »Was ist eigentlich aus meinem Sekretär vorn im Laden gewor den?« fragte er, bevor Parker den Rollschrank schließen konnte. »Er hat in der Gästetoilette Platz genommen und wurde von mei ner Wenigkeit innigst mit einem Heizungsrohr verbunden«, sagte Josuah Parker. »Sie sollten ihm keine Vorwürfe machen, Mister Spotson. Er war einfach nicht in der Lage, Ihren Schlaf zu schüt zen.« »Irgendwie glaub’ ich nicht, was ich da mitmache«, antwortete der Tapetenspezialist kopfschüttelnd. »Das gibt’s doch nicht…« Der Butler verzichtete auf eine Antwort und verließ zusammen mit Lady Agatha die Tapetenhandlung. Sie hatte ihre Hutnadel wieder ins Haar geschoben und machte einen etwas unzufriede nen Eindruck.
»Sie hätten das Verhör intensiver führen müssen, Mister Parker«, räsonierte sie, als sie im Wagen saß. »Dieser Mann hat mich na türlich nach Strich und Faden belogen.« »Seine Furcht vor einer etwaigen Akupunktur war keineswegs gespielt«, entgegnete der Butler. »Mylady waren in der Rolle ei ner Heilerin ungemein überzeugend.« »Irgendwann werde ich wirklich diese Akupunktur lernen«, mein te sie nachdenklich. »Vorerst aber muß ich diesen Fall noch klä ren. Ich habe jetzt was vor, Mister Parker?« »Mylady beabsichtigen sicher, Mister Bartelett aufzusuchen«, un terstellte der Butler. »Er ist laut Aussage Mister Spotsons diejeni ge Person, die den Schützen abschirmen lassen wollte.« »Wer sonst, Mister Parker?« lautete ihre umgehende und strenge Antwort. »Dieser Schütze ist…?« »… Mister Herb Derny, der sich nach wie vor im Kofferraum des Wagens aufhält«, erläuterte der Butler. »Richtig«, sagte sie und nickte. »Sie haben die Übersicht nicht verloren, wie ich höre. – Weiter so, Mister Parker, Sie sind auf einem guten Weg!« Der Butler verzichtete auf eine Antwort. Sein Pokergesicht zeigte auch diesmal keine Regung. * Weit hatte man nicht zu fahren, bis man das Haus erreichte, in dem Nick Bartelett wohnte. Laut Auskunft des Tapetenverkäufers betrieb sein Auftraggeber einen Verleih von Staubsaugern, die man mit dem erforderlichen Personal zur Reinigung großer Bo denflächen mieten konnte. Auch dieses Geschäft machte einen recht verstaubten Eindruck. Es befand sich ebenfalls in Stepney und verfügte immerhin über drei kleine Firmenbusse, die Barteletts Namen trugen und mit dem Bild eines Riesenstaubsaugers versehen waren. Eine junge, recht adrett aussehende Dame von etwa fünfund zwanzig Jahren, die wie die Ground-Hostess eines Flughafens ge kleidet war, erkundigte sich ungemein höflich nach Myladys Wün schen. »Mylady wünscht Mister Bartelett zu sprechen«, sagte Parker für Agatha Simpson, die einen leicht abwesenden Eindruck machte.
»Mister Bartelett ist leider…« »Es geht um einen Großauftrag von beachtlichen Dimensionen«, unterbrach der Butler, als habe er den Beginn ihres Einwands nicht gehört. »Die Details müßte man schon mit dem Verantwort lichen des Hauses, also mit Mister Bartelett persönlich bespre chen.« »Eine Lady Simpson fertigt man nicht im Vorzimmer ab«, fügte die resolute Dame in diesem Moment mit gereizter und grollender Stimme hinzu, und setzte umgehend ihre beeindruckende Fülle in Marsch. Agatha Simpson hielt auf die junge Ground-Hostess zu, die im letzten Augenblick zur Seite sprang, um nicht überrollt zu wer den. Sie wollte dann die ältere Dame überholen und sie daran hindern, die Tür neben dem Anmeldetisch zu öffnen. »Sie sollten Ihre Gesundheit nicht leichtfertig aufs Spiel setzen«, warnte der Butler sie. Er stand plötzlich neben ihr und blockte sie eine Sekunde später geschickt ab. »Mylady sind jetzt nicht mehr aufzuhalten.« »Mister Bartelett wird mich zur Verantwortung ziehen«, sorgte sich die junge Frau. »Mister Bartelett dürfen nach der zu erwartenden Unterhaltung sicher andere Sorgen haben«, erwiderte der Butler. »Er hat wie viele Leibwächter um sich?« »Einen, der…« Die Reagierende merkte, daß sie bereits zuviel gesagt hatte und ärgerte sich. Sie hielt unwillkürlich die Luft an, als Lady Simpson in diesem Moment die schwere Tür mit gerade zu spielerischer Leichtigkeit öffnete und in den Raum marschierte. Die Detektivin sah sich einem jungen, etwas über mittelgroßen und muskulösen Mann gegenüber, der vielleicht gerade zwanzig Jahre zählt. Er war damit beschäftigt, Tageszeitungen auszuwer ten und schien bereits einiges an Arbeit hinter sich gebracht zu haben. Auf einem Beistelltisch neben dem eigentlichen Schreibtisch lagen Zeitungsausschnitte, die aus den Anzeigenseiten stammten, wie Parker mit schnellem Blick registrierte. »Moment mal, Madam. – Das geht aber nicht«, sagte der junge Mann, der durchaus korrekt gekleidet war und offenbar keine Schulterhalfter trug, wie Parker bemerkte. Der junge Mann schien aus bestimmten Gründen auch keine Schußwaffe zu benötigen, um seinen Arbeitgeber zu beschützen.
»Was geht nicht, junger Mann?« raunzte Mylady und stellte sich vor ihn. »Wollen Sie mich etwa daran hindern?« »Mister Bartelett ist jetzt nicht zu stören«, lautete die Antwort. »Bitte, gehen Sie zurück, bevor ich Gewalt anwenden muß.« Er bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines fernöstlichen Ein zelkämpfers und war sich seiner Sache völlig sicher. Er sah sich schließlich einer alten Dame gegenüber, der er sich überlegen fühlte. Was wollte die Frau schon groß gegen ihn ausrichten? Sie war in seinen Augen völlig chancenlos. »Sie wollen sich mit mir anlegen, junger Mann?« erkundigte sich Lady Agatha interessiert. »Darauf können sie sich verlassen, Madam«, lautete die Antwort. »Drehen Sie lieber ab.« »Was meinen Sie, Mister Parker?« Agatha Simpson wandte sich ihrem Butler zu, der neben ihr aufgetaucht war. Und dann trat Mylady völlig undamenhaft zu und traf das linke Schienbein des fernöstlichen Einzelkämpfers, der verdutzt stöhnte und über dem Schmerz vergaß, mit den Handkanten in die übliche Ausgangstel lung zu gehen. Als er dies nachholen wollte, setzte Parker die Wölbung seiner schwarzen Melone auf die Stirn des Mannes. Was nicht ohne Folgen blieb, wie sich umgehend zeigte. * Die Innenseite der Kopfbedeckung war mit zähem Stahlblech ausgefüttert, ebenso natürlich auch der Rand. Wenn Parker also nachdrücklich grüßte, sorgte er auf diese Weise für Knieschwä che. Der junge Mann zeigte sie deutlich und verdrehte die Augen. Er schraubte sich förmlich zu Boden und legte sich dann wie ein nas ses Handtuch über einen Hocker, den der Butler mit dem Bam busgriff seines Universal-Regenschirmes im richtigen Augenblick herangezogen hatte. Anschließend befaßte sich Parker mit den Handgelenken des Leibwächters und verwendete eine seiner Wegwerffesseln aus Plastik. Die Ground-Hostess hätte ihre guten Manieren abgelegt und woll te die ältere Dame attackieren. Dazu beabsichtigte sie ihre Hand kanten einzusetzen, wie Parker beiläufig mitbekam. Er hatte die
Gelenke des jungen Fighters bereits verschnürt und schaute zu, wie Lady Agatha mit dieser Herausforderung fertig wurde. Sie ließ sich auf nichts ein. Ihr perlenbestickter Pompadour stieg steil in Richtung Zimmerdecke und lenkte die junge Frau ab. Die Angreiferin blickte automatisch nach oben und vergaß darüber den Einsatz ihrer Handkanten. Lady Agatha nutzte ihren Vorteil und… verabreichte der jungen Kämpferin eine Ohrfeige, die keineswegs von schlechten Eltern war, wie der sprichwörtliche Volksmund es ausgedrückt hatte. Die Ground-Hostess geriet aus dem Gleichgewicht, stolperte und fiel seitlich über ihren Partner, der noch immer einem nassen Hand tuch glich und über dem Hocker lag. »Darf man sich erlauben, Mylady zu beglückwünschen?« fragte Josuah Parker. Er hielt bereits eine weitere Einwegfessel in den Händen und schlang sie blitzschnell um die Handgelenke der Frau. Als sie wie eine gereizte Wildkatze erneut hochspringen wollte, geriet sie in leichte Schwierigkeiten. Sie giftete Mylady und den Butler an. »Dafür bringen wir euch noch um«, sagte sie mit vor Wut heise rer Stimme. »Sie sollten sich damit allerdings noch ein wenig Zeit lassen«, schlug Parker ihr vor. »Ihren momentanen Ärger kann man aller dings durchaus verstehen.« »Irgendwann erwischen wir euch«, schaltete sich der junge Ein zelkämpfer ein, der allerdings ein wenig mühsam sprach. »Und dann zahlen wir alles zurück.« »Papperlapapp«, meinte Lady Agatha und blieb gelassen. »Erspa ren Sie mir dumme Redensarten, junger Mann. Mister Parker, entfernen Sie diese Subjekte aus meinen Augen.« »Wären die beiden Stahlunterschränke genehm, Mylady?« Parker deutete mit der Schirmspitze auf zwei halbhohe Aktenschränke aus Stahlblech, deren Schiebetüren geöffnet waren. »Sehr hübsch«, urteilte die ältere Dame und nickte zustimmend. »Hoffentlich sind die beiden Schränke nicht zu weit.« Parker brauchte nur wenige Augenblicke, bis er leergeräumt hat te. Mit seinem Universal-Regenschirm schob er die Aktenordner auf den Fußboden und veranlaßte dann die beiden Personen, in den Schränken Platz zu nehmen. »Hoffentlich machen Sie Schwierigkeiten«, sagte Agatha Simp son. »Ich werde dann nämlich ein wenig nachhelfen.«
Nachdem sie schnell auf ihre Hutnadeln geblickt hatte, verfügten sich die beiden in die Schränke. Sie zeigten dabei Geschmeidig keit und echtes Anpassungsvermögen. Myladys Hutnadel bewirkte wieder mal wahre Wunder. »Sie werden im Verlauf des restlichen Tages sicher entdeckt und dann auch befreit werden«, sagte Parker in seiner bekannt höfli chen Art, bevor er die beiden Schiebetüren schloß und auch die Schlüssel in den kleinen Zylinderschlössern nutzte. Er schloß ab und deponierte die Schlüssel in einer Vase, in der erstaunlich fri sche Schnittblumen waren. »Und jetzt zu diesem Mister…?« Agatha Simpson runzelte die Stirn und blicke den Butler ein wenig ungeduldig an. »Mister Nick Bartelett«, half Parker diskret aus. »Zu wem sonst…?!« Mylady räusperte sich explosionsartig. »Ich will nicht hoffen, daß er sich inzwischen abgesetzt hat, Mister Parker?« * Sein Büro war leer, aber das hatte kaum etwas zu besagen. Josu ah Parker roch den noch recht frischen Rauch einer Zigarre und blickte hinüber zu einer hellgrau gestrichenen Wendeltreppe, die in ein Obergeschoß führte. »Was ist denn, Joe?« rief eine energische Stimme von oben. Parker hütete sich darauf zu antworten, doch er sorgte dafür, daß die Neugier des Rufers geweckt wurde. Der Butler klopfte mit der Schirmzwinge gegen eine Bodenvase und sorgte auf diese Weise für einen recht überraschenden Wohlklang. »Sind Sie’s, May?« erkundigte sich die energische Stimme. Parker zuckte mit keiner Wimper, als die ältere Dame die Tür zum Büro leicht öffnete und dann zufallen ließ. Das Geräusch, das an das einer schallgedämpften Waffe erinnerte, löste im Oberge schoß einen wütenden Fluch aus. Wenige Augenblicke später waren die in Hosen gekleidete Beine eines Mannes zu sehen, die sich über die Stufen der Wendeltrep pe nach unten bewegten. Parker hielt längst seine Gabelschleuder in den schwarz behand schuhten Händen und spannte die beiden Gummistränge zum Schnellschuß. Er sah die Beine, dann den Unterkörper, die Ma
gengegend und anschließend die Brust des Mannes, der sich ge rade vorbeugte, um besser in seine Büro sehen zu können. Er hatte einen kurzläufigen Revolver mitgenommen, doch er fand keine Zeit mehr, ihn auch gemäß seiner Vorstellung einzusetzen. Die hart gebrannte Ton-Erbse, die Parker aus der Lederschlaufe entlassen hatte, landete zielgenau auf der Hand des Waffenbesit zers, der einen unterdrückten Schrei ausstieß und mit einiger Verspätung der Waffe nachblickte, die bereits auf dem Teppich boden angekommen war. Der Mann wollte flüchten, doch damit hatte der Butler gerechnet. Er stieß mit der Zwinge gegen den Boden und ließ auf diese Art einen Mündungsschoner zur Seite klappen. Damit war ein Blas rohr frei, durch das Parker bunt gefiederte Pfeile nach Art der Amazonas-Indianer verschießen konnte. Der Schirmstock diente als Blasrohr. Im oberen Teil des Schir mes, halb im Schirmgriff, war die Patrone mit der komprimierten Kohlensäure untergebracht, die die stricknadellangen Blasrohr pfeile antrieb. Parkers Treffsicherheit war immer wieder frappie rend. Kriminelle aller Art, von solch einem Blasrohrpfeil getroffen, rea gierten fast ohne Ausnahme mit Panik. Sie gingen davon aus, daß ein Pfeil nur vergiftet sein konnte. Entsprechend fielen die Reakti onen aus. Als der von Parker abgeschossene Pfeil im linken Oberschenkel des Flüchtenden landete, erfolgte ein fast erstickter Aufschrei. Der Mann floh plötzlich nicht mehr, sondern blieb wie angewurzelt auf der Wendelstufe stehen und wagte sich nicht zu bewegen. »Rühren Sie sich nicht unnötig«, riet der Butler ihm. »Steigen Sie sehr langsam nach unten, damit man Ihnen Hilfe angedeihen las sen kann!« »Der… der… Pfeil«, keuchte der Getroffene, der sich unendlich vorsichtig in Bewegung setzte und nach unten stieg. »Das Brennen, das Sie inzwischen sicher fühlen, besagt nur, daß das Präparat noch durchaus zu wirken imstande ist«, informierte der Butler. »Was tut es?« fragte der Mann mit belegter Stimme. »Wenn’s brennt, wirkt das Gift«, übersetzte die ältere Dame ge nußvoll und recht laut. »Beeilen Sie sich, wenn Sie das Gegenmit tel haben wollen!« »Aber ich soll mich doch nicht…?« Der Mann blieb stehen.
»Mylady hat es mit Mister Bartelett zu tun?« fragte der Butler.
»Ich bin Bartelett«, kam die Antwort. »Und wer sind Sie? Warum
wollen Sie mich umbringen?«
»Sie haben nicht mehr viel Zeit«, warnte Agatha Simpson ihn.
»Sie haben bereits eine graue Gesichtsfarbe.«
Bartelett, um den es sich handelte, zog sich am Handlauf des
Treppengeländers nach unten und wankte anschließend auf den
Butler zu.
»Retten Sie mich«, sagte er zitternd und fiel auf die Knie. »Ich
spür’ schon die Lähmung in den Beinen.«
»Wie schön«, ließ Lady Agatha sich vernehmen.
* »Ich schwöre Ihnen, daß ich das alles für den Tester gemacht habe«, gestand Nick Bartelett und blickte verlangend auf die wei ße Tablette, die auf der rechten Handfläche des Butlers lag. Diese Tablette machte einen rettenden Eindruck für den Mann, der sich vergiftet fühlte. Selbstverständlich war die Pfeilspitze nicht mit Gift präpariert worden. Das Mittel sorgte nur für einen Juckreiz, der fast schon wieder schmerzte. Und das Gegenmittel war nichts anderes als eine Ma gentablette, die scheußlich schmeckte. Doch das alles wußte Bar telett nicht. Er lag wie hingegossen in einem Besuchersessel und gestand am laufenden Band. »Nein, nein, den Tester kenn’ ich nicht«, redete er weiter. »Aber der kommt aus der Gastronomie, darauf geh’ ich jede Wette ein.« »Gibt es einen handfesten Anlaß, dies so nachdrücklich zu vermu ten, Mister Bartelett?« fragte der Butler. »Geben Sie mir wenigstens schon mal die Hälfte von der ver dammten Tablette«, bat Bartelett verzweifelt. »Mein ganzer Un terleib fällt schon aus.« »Und das ist erst der Anfang, junger Mann«, erklärte die energi sche Dame. »Ich will Sie ja wirklich nicht unnötig ängstigen, aber da wird noch sehr viel auf Sie zukommen.« »Guter Gott«, stöhnte Bartelett. »Okay, der Tester muß Ralph Rodway sein.«
»Gibt es Gründe für diese Annahme, Mister Bartelett?« Parker hatte die nicht gerade kleine Tablette in zwei Teile gebrochen und reichte dem Mann die erste Hälfte. Bartelett griff gierig nach dem vermeintlichen Gegengift und stopfte sich die Tablettenhälfte schleunigst in den Mund. An schließend kaute er hingebungsvoll auf dem Medikament und ver zog dabei fast angewidert das Gesicht. »Nur die beiden Teile der Tablette garantieren das, was Sie sich wünschen«, machte Parker dem Mann deutlich. »Sie erwähnten freundlicherweise einen gewissen Ralph Rodway. Mylady erwartet weitere Angaben zu dieser Person.« »Rodway schreibt für Zeitungen und berichtet über Restaurants und so«, erläuterte der Mann, der sich immer noch für vergiftet hielt. »Rodway ist mal von ein paar Küchenchefs fürchterlich ver prügelt worden. Ich glaube, dafür läßt er die jetzt bluten.« »Und ein Mann Ihres Kalibers arbeitet für einen Branchenfrem den?« wunderte sich Josuah Parker. »Sie erlauben, daß man Ih ren Worten kaum Glauben schenken möchte.« »Ich hab’ Rodway beobachten lassen… Von Joe, von meinem… Mitarbeiter… Sie kennen ihn ja… Der hat sich einige Male an Rod way gehängt und ihn beschattet. Alle Lokale, die Ärger bekom men haben, sind von Rodway getestet worden…« »Mylady ist von dieser Art Beweisführung nicht sonderlich über zeugt«, gab Parker zurück. »Die Inhaber der Lokale haben ihn aber verprügelt und ihm die Atelierwohnung zusammengehauen. Das steht nun mal fest.« »Dennoch, Mister Bartelett, man wundert sich darüber, daß Sie für einen Außenstehenden Handlangerdienste übernommen ha ben, Sie, Mister Bartelett, der doch einen Mann von Einfluß in der Szene hat.« »Dieser Tester zahlt nicht schlecht«, meinte der ReinigungsSpezialist und bemühte sich um Treuherzigkeit. »Und dafür be sorgte ich ihm doch nur ein paar Leute, die sich im Fach ausken nen. Mehr wollte der Tester ja gar nicht.« »Glaube ich diesem Subjekt auch nur ein einziges Wort, Mister Parker?« wollte die ältere Dame von ihrem Butler wissen. »Ich schwöre, daß ich die Wahrheit gesagt habe«, reagierte Bar telett hastig. »Was ich weiß, hab’ ich gesagt. – Und jetzt die an dere Hälfte… Schnell… Ich spür’, wie’s schon wieder losgeht mit der Lähmung.«
»Soll ich ihm Beine machen?« Agatha Simpson blickte Josuah Parker lächelnd an. »Man sollte Mister Barteletts Kreislauf nicht unnötig gefährden«, schlug der Butler vor. »Falls er sich nach der Einnahme der zwei ten Tablettenhälfte für wenigstens zwei Stunden völlig ruhig ver hält, dürften seine Aussichten steigen, was das Überleben be trifft.« Nick Bartelett vermied jede Bewegung und verwandelte sich in eine Salzsäule. * »Ihr Einfühlungsvermögen entwickelt sich von Monat zu Monat, Mister Parker«, stellte Lady Agatha fest, als der Butler vor einem Restaurant hielt, das einen vielversprechenden Eindruck machte. Es befand sich im Stadtteil Chelsea, wo auch jener Mann wohnte, den Nick Bartelett für den gesuchten Tester hielt, nämlich Ralph Rodway. Parker stieg aus und öffnete den hinteren Wagenschlag, um sei ner Herrin beim Verlassen des Wagens zu helfen. Sie bewegte ihre majestätische Fülle fast graziös ins Freie und musterte die Fassade des ein wenig rustikal aussehenden Restaurants. »Ein Lokal, Mylady, das in Fachschriften seit einiger Zeit gerühmt wird«, erklärte Josuah Parker. »Man sollte sich hier vielleicht er kundigen, wer Mister Ralph Rodway ist.« »Ein Vorschlag, der von mir stammen könnte, Mister Parker«, machte sie umgehend deutlich. »Genau diese Anregung wollte ich gerade geben. Selbstverständlich werde ich die Gelegenheit nut zen und eine Kleinigkeit zu mir nehmen.« »Mylady werden sich mit Sicherheit laben können«, wußte Josuah Parker. Er geleitete die ältere Dame in den Vorraum des Lokals und orderte bei dem Oberkellner einen Tisch in Fensternähe. »Und dann umgehend den Chef des Hauses«, fügte Agatha Simp son hinzu. »Richten Sie ihm bitte aus, daß Lady Simpson ihn zu sehen wünscht. Haben Sie mich verstanden?« Der Oberkellner knickte in den Hüften ein und wieselte von dan nen, nachdem er die beiden Gäste zu ihrem Tisch geführt hatte. Lady Agatha schaute sich wohlwollend nach allen Seiten um und nahm zur Kenntnis, daß die Gäste sich mehr oder weniger ver
stohlen nach ihr umblickten. Sie genoß es durchaus, daß sie Auf sehen erregte. Parker bestellte trockenen Sherry, bat um die Speisekarte und empfing anschließend den Chef des Hauses, der sich als Jean De lorme vorstellte. »Ist das Ihr tatsächlicher Name?« wollte die Detektivin wissen. »Mein wirklicher Name«, lautete die akzentfreie Antwort. »Meine Familie lebt schon in der vierten Generation in London. Sie wünschten mich zu sprechen, Mylady?« »Mister Parker wird einige Fragen an Sie richten«, erwiderte sie. »Aber bevor Sie antworten, sollten Sie mir eine Kleinigkeit emp fehlen, mein Bester.« »Nur eine Kleinigkeit? Wie wäre es mit Tournedos Rossini, Myla dy, fein abgeschmeckt mit Madeira und gekrönt mit einer Scheibe Pate? Und dazu vielleicht einige Artischockenherzen?« »Das klingt verführerisch«, lobte sie den Chef des Hauses, um sich dann ihrem Butler zuzuwenden. »Wird so etwas meine stren ge Diät aufweichen, Mister Parker?« »Auf keinen Fall, Mylady, falls man daraus keine Gewohnheit werden läßt«, beruhigte der Butler die ältere Dame. »Mylady werden auf einen Nachtisch verzichten?« »Selbstverständlich«, gab sie energisch zurück. »Eine Lady Simp son weiß sich zu bezähmen. Was gibt es denn, mein Bester?« Sie blickte den Chef der Küche und des Restaurants eindringlich an. »Mylady könnten Erdbeer-Crepes servieren lassen, oder aber auch Frucht-Törtchen mit frischen Himbeeren aus Schottland.« »Beides«, sagte Agatha Simpson ohne zu zögern. »Obst ist schließlich gesund. So, und nun zu meinen Fragen! Mister Parker wird sie an Sie richten. Und ich bitte mir Offenheit aus, denn schließlich will ich Ihnen helfen und…« Agatha Simpson kam nicht mehr dazu, ihren Satz zu beenden. Eine Dame, die – was ihr Äußeres betraf – tatsächlich eine Dame sein mußte, stieß einen halb erstickten Schrei aus und prustete anschließend eine Suppenportion aus ihrem Mund in Richtung Fensterscheibe. »Nach Lage der Dinge dürfte die gereichte Suppe überwürzt wor den sein«, stellte Josuah Parker gemessen fest und blickte den Chef des Hauses an. »Sollte der sogenannte Tester auch Sie auf das sprichwörtliche Korn genommen haben?«
*
»Das werde ich diesem Tester mit Sicherheit nachtragen«, sagte
Lady Simpson eine halbe Stunde später, als sie wieder im hoch
beinigen Monstrum des Butlers saß. »Er hat mich eindeutig um
die Tournedos gebracht, Mister Parker.«
»Die Aktivitäten dieses Kriminellen sind ausgeprägt«, erwiderte
der Butler. »Mylady denken sicher darüber nach, ob der soge
nannte Tester rein zufällig im Restaurant agierte, oder ob er
deutlich machen wollte, daß er Mylady im Visier hat.«
»Zu welcher Auffassung neige ich, Mister Parker?« erkundigte sie
sich.
»Mylady haben sicher kaum vor, sich bereits jetzt festzulegen«,
meinte der Butler.
»Völlig richtig, Mister Parker«, machte sie ihm klar. »Immerhin ist
nicht geschossen worden. Ich hoffe doch sehr, daß Ihnen dies
aufgefallen ist. Ich ziehe welche Schlüsse daraus?«
»Der Betreiber des Restaurants dürfte das Anfangsstadium einer
Erpressung erleben«, schlug der Butler als Erklärung vor. »Auch
im vorliegenden Fall fragt man sich, wie es zu dieser markanten
Überwürzung der Suppe kommen konnte.«
»Niemand vom Küchenpersonal will etwas gemerkt haben«, erin
nerte die ältere Dame. »Natürlich lügen alle.«
»Oder eine einzige Person, die gleichzeitig der Täter ist, Mylady«,
entgegnete der Butler.
»Das kann natürlich auch sein, Mister Parker. Und wer ist diese
Person?«
»Man wird sie kaum benennen oder überführen können, Mylady.
Aber diese Person dürfte ihrerseits vom Tester erpreßt werden.«
»Eine andere Erklärung finde ich wirklich nicht.« Sie nickte nach
drücklich. »Ich fahre jetzt wohin?«
»Zu einem tatsächlichen Tester, Mylady, zu Mister Ralph Rodway
hier in Chelsea.«
»Und was geschieht mit diesem Subjekt im Kofferraum?«
»Falls Mylady zustimmen, könnte man es einem ersten Verhör
unterziehen.«
»Dazu brauche ich einen Ort, an dem ich mit dem Lümmel unge
stört bin, Mister Parker.«
»Man könnte Mylady den Probenraum einer Band anbieten.«
»Akzeptiert, Mister Parker. Um welche Band handelt es sich?« »Sie nennt sich Street-Blues-Company und setzt sich zusammen aus Herren vorgerückten Alters.« »Spielen Sie etwa heimlich mit?« fragte sie und lachte dröhnend. »Vielleicht wird es eines Tages dazu kommen, Mylady«, erwiderte der Butler. »Meine Wenigkeit wurde bereits mehrfach aufgefor dert.« »Spielen Sie denn etwa ein Instrument?« staunte die ältere Dame nun doch. »Nur ansatzweise, Mylady«, gab Parker zurück. »In jungen Jah ren frequentierte meine Wenigkeit die Querflöte.« »Was Sie nicht sagen!« Agatha Simpson war tief beeindruckt und schüttelte ungläubig den Kopf. »Das hätte ich Ihnen nicht zuget raut, Mister Parker. Warum ausgerechnet die Querflöte?« »Sie ließ sich relativ leicht handhaben und transportieren«, laute te die überraschende Antwort des Butlers. »Später dann war sie durchaus geeignet, als Waffe eingesetzt zu werden.« Während der munteren Unterhaltung hatte Parker bereits das Ziel der kurzen Fahrt erreicht und bog in das Grundstück einer Fabrik ein, in der nicht mehr produziert wurde. Er fuhr mit dem Wagen an die beiden Rampen eines ehemaligen Auslieferungslagers her an und parkte sein Gefährt vor einem Kellerabgang. »Mylady werden hier völlig ungestört sein«, sagte Parker. »Auch Mister Herb Derny dürfte die Ruhe sicher zu schätzen wissen.« Parker begab sich zum Heck des Wagens und öffnete die Koffer haube, um den Mitfahrer zu einem ausführlichen Gespräch einzu laden. * »Dafür bringe ich Sie vor Gericht«, schnaubte Herb Derny, der sich übrigens zu diesem Namen bekannt hatte. Damit war klar, daß die Rechnung der Wäscherei in Limehouse für ihn ausgestellt worden war. »Werden Sie dem Gericht dann ausführlicherweise erklären, wa rum Sie ein schallgedämpftes Gewehr mit sich führten, Mister Derny?« fragte der Butler. Er hatte den ehemaligen Bootsbenut zer, den er mit seiner Zwille gestoppt hatte, hinunter in den Pro benkeller geführt.
Eierkartons an den Wänden und an der Decke sorgten für das Verschlucken von Geräuschen. Herb Derny hatte sich bereits neugierig umgeschaut und machte einen ruhigen Eindruck. »Sie haben mir das Gewehr untergeschoben, Parker«, sagte Der ny, dem der Butler sich vorgestellt hatte. »Beweisen Sie mir mal erst das Gegenteil? Auf etwaige Fingerabdrücke brauchen Sie nicht abzuheben, die besagen überhaupt nichts.« »Ich sagte Ihnen ja gleich, Mister Parker, daß hier andere Saiten aufgezogen werden müssen«, ließ Lady Simpson sich ungeduldig vernehmen. Sie hatte auf dem Sitz der Schlagzeuggruppe Platz genommen und hielt zwei Trommelstöcke spielerisch in Händen. »Dieser Mann reagiert bestimmt nur auf Druck.« »Wollen Sie mir etwa Angst einjagen?« fragte Derny in einer Mi schung aus Trotz und Überheblichkeit, wobei sich auch Angst zeigte. »Leute, ihr seid Amateure… Viele Möglichkeiten habt ihr gerade nicht, um mir ‘ne Gänsehaut zu verpassen.« »Dies dürfte den Tatsachen entsprechen«, gab Josuah Parker zurück, während Lady Agatha ohne jeden Kommentar eine Hut nadel freilegte und die Spitze betont mit der Kuppe ihres linken Zeigefingers prüfte. »Wollt ihr mich etwa schocken?« fragte Derny und lachte ein we nig gequält. »Mit Sicherheit nicht, Mister Derny«, meinte Parker in seiner höf lichen Art. »Sie werden daher einer gewissen Behandlung Ver ständnis entgegenbringen.« »Gewisse Behandlung?« Dernys Augen wurden klein. Er schluckte seine längst vorhandene Befangenheit hinunter, was ihm jedoch nur teilweise gelang. »Mylady dürfte eine Theorie an Ihnen ausprobieren, Mister Derny, wonach durch gezielte Stiche die Aussagebereitschaft angeregt werden soll«, erläuterte Josuah Parker gemessen und ernst. »Die Einstiche sollen relativ ungefährlich sein und fast unblutig verlau fen« »Seid ihr beide überhaupt noch zu retten?« brüllte der Schütze nun hemmungslos. »Relativ ungefährlich… fast unblutig… Wer hat denn die verdammte Schnapsidee gehabt?« »Mister Parker, stopfen Sie diesem ordinären Individuum sofort den Mund«, verlangte Lady Simpson energisch. »Das ist ja nicht zum aushalten! Zudem möchte ich nachher keine unkontrollierten Schreie hören wie vor zwei Tagen.«
»Darf man höflichst daran erinnern, Mylady, daß die betreffende Person relativ schnell das Bewußtsein verlor?« gab Parker zu be denken. »Der enorme Blutverlust ließ keine weiteren Schreie auf kommen.« »Und… und was wurde aus dieser Person?« fragte Derny mit ein deutig heiserer Stimme. »Natürlich schickte ich einen entsprechenden Strauß, nicht wahr, Mister Parker?« Sie blickte den Butler an. »Weiße Lilien, Mylady, die recht preisgünstig zu erwerben wa ren«, führte der Butler aus. »Weiße Lilien?« Derny schnappte nach Luft und erlitt unmittelbar danach einen leichten Hustenanfall. »Weiße Lilien, die dem Vorgang angemessen waren«, meinte Par ker. »Man sollte sich stets um die Wahrung der Formen bemü hen.« »Ihr… ihr wollt mich umbringen?« Der Gewehrschütze sog scharf die Luft ein. »Dann wären Sie ja keineswegs mehr in der Lage, Angaben zu Ihrem Auftraggeber zu machen«, setzte der Butler ihm auseinan der. »Es steht allerdings längst fest, daß Sie letztendlich für eine Person arbeiten, die sich Tester nennt.« »Ich… ich bin von Bartelett angeheuert worden«, gestand Derny hastig. »Ich weiß nicht, ob Sie den kennen. Der hat ‘ne Reini gungsfirma in Stepney und verleiht auch Staubsauger und so.« »Ihre Hinweise klingen ein wenig pauschal«, rügte der Butler den an sich sehr interessanten Hinweis. »Mylady wünscht Details in Erfahrung zu bringen.« »Bartelett wollte von mir ein paar Schüsse in die Scheiben von ‘nem Freßlokal in Richmond«, erklärte der Gewehrschütze, der inzwischen längst jede Großspurigkeit abgelegt hatte. »Und das hab’ ich auch getan. Aber ich hab’ nur einen einzigen Schuß ab gegeben, mehr nicht. Hören Sie, das müssen Sie doch mitbe kommen haben, wenn Sie dort gewesen sind. Ich hab’ auf keinen Menschen gehalten.« »Ihr Schuß hätte durchaus einen Menschen treffen können, Mister Derny«, sagte Parker. »Ich hab’ doch rauf in die Decke gehalten.« »In wie vielen Fällen sind Sie inzwischen ähnlich tätig gewor den?« verlangte der Butler jetzt zu wissen.
»‘n halbes Dutzend vielleicht.« Derny schielte nach wie vor auf die Hutnadel in Myladys Hand. Ob es Absicht oder Zufall war, als sie immer wieder in die Eierkartons stach, ließ sich nicht erken nen, doch das Spiel wirkte sehr eindringlich und aussagefördernd. »Mylady erwartet von Ihnen, daß Sie die Namen und Adressen der betreffenden Restaurants nennen«, ließ Parker ihn wissen. »Die… die können Sie haben. Aber hören Sie, was geschieht jetzt mit mir? Schließlich hab’ ich keinem was getan, oder? Die paar Fensterscheiben sind doch wohl nicht so wichtig.« »Lassen Sie sich ein wenig über Mister Nick Bartelett aus«, schlug Josuah Parker vor. »Seine Reinigungsfirma dürfte doch nur die Tarnung für andere Aktivitäten sein.« Derny verarbeitete das Gehörte, brauchte dazu einige Sekunden und nickte dann geradezu begeistert. »Bartelett hat seine Hände überall drin«, lautete die Auskunft. »Der macht in Schutzgeldern, in Drogen und in Diebstahl. Bei dem kann man sich auch Spezialisten mieten und…« Er zog den Kopf ein, als Lady Simpson sich ihm zuwandte und beiläufig die Hutnadel zeigte. »Sprechen Sie möglichst weiter«, bat Parker. »Für Mister Barte lett arbeitet demnach auch ein gewisser Clive Spotson, nicht wahr?« »Nee, der ist selbständig«, korrigierte der Gewehrschütze. »Spot son hat ein paar Spielhallen und verleiht Geld. Das reicht ihm völlig.« »Sie lassen bei einem Mister Türkei waschen, Mister Derny?« vergewisserte sich der Butler. »Bei wem?« fragte der Gewehrschütze, als hätte er nicht ver standen. »Bei einem gewissen Türkei«, wiederholte der Butler den Namen. »Ach den! Reiner Zufall, weil der in meinem Viertel wohnt«, ver hieß die Auskunft. »Das hat nichts zu sagen.« »Man wird sehen, Mister Derny. Sie verstehen wohl, daß man Sie für einige Tage in Verwahrung nehmen muß?« »Ich… ich protestiere«, brauste Derny auf, sah dann, wie Mylady erneut mit der Hutnadel in einen Eierkarton stach, und fügte ein »nicht« an den Satz. »Wie war das, junger Mann?« wollte die passionierte Detektivin genußvoll wissen:
»Einverstanden, einverstanden«, folgte schnell die fast überzeu gende Antwort. »Hauptsache, Bartelett kann mich nicht hoch nehmen, weil ich gequasselt habe.« * Er hieß Horace Pickett und war mal Meister in Sachen Taschen diebstahl. Der große, schlanke Mann, der mit seinem gepflegten Schnurrbart an einen Pensionierten Offizier erinnerte, hatte sei nerzeit nur solche Personen mit seinen Künsten beehrt, die ein deutig eine finanzielle Einbuße verkraften konnten. Pickett war nie während seines Tuns überrascht oder gar über führt worden. Eines Tages aber hatte der Meister der Fingerfer tigkeit eine prall gefüllte Brieftasche an sich genommen, die ei nem Mafioso gehörte. Erst Butler Parker hatte Pickett davor be wahrt, ermordet zu werden. Seit dieser Zeit war aus dem Saulus ein Paulus geworden. Pickett wandelte jetzt nur noch auf den Pfaden der Tugend und arbeitete eigentlich bereits fest für Lady Simpson und ihren But ler. Seine Spezialität war das Observieren von Personen rund um die Uhr. Dazu versammelte Pickett Freunde und Bekannte um sich, die ihm dabei kenntnisreich halfen. Pickett verehrte Lady Simpson und war dem Butler treu ergeben. Dieser bemerkenswerte Mann hatte sich mit dem skurrilen Paar aus Shepherd’s Market vor dem Probenraum in einem langen, dunklen Korridor getroffen. Er trug einen Trenchcoat und einen karierten Traveller-Hut. Parker hatte ihn vor etwa fünfzehn Minu ten angerufen, und Pickett hatte es auf geheimnisvolle Weise ge schafft, bereits hier zu sein. »Sind Sie geflogen, mein Bester?« wollte die ältere Dame interes siert und auch irgendwie ungläubig wissen. »Ein Bekannter von mir benutzte ein Motorrad«, antwortete Pi ckett. »Bei dem herrschenden Verkehr war es die einzige Mög lichkeit, voranzukommen.« »Was ich immer sage.« Agatha Simpson blickte ihren Butler an. »Ich denke, Mister Parker, auch ich werde mir ein Motorrad zule gen. Ich werde Sie dann auf dem Soziussitz mitnehmen.«
»Myladys Vorschläge pflegen sich ausnahmslos durch Originalität auszuzeichnen«, blieb Parker gelassen. Sein glattes Gesicht zeig te keinerlei Reaktion. »Erinnern Sie mich daran, daß ich mich nach einem billigen, ge brauchten und dennoch fast brandneuen Zweirad umsehe, Mister Parker«, bat sie sich nachdrücklich aus. »Auch Sie, mein lieber Pickett, sollten sich nach einer starken Maschine umsehen.« »Das besorge ich umgehend, Mylady«, versicherte der ehemalige Eigentumsumverteiler höflich. »Nun aber zur Sache«, drängte sie, und blickte ihren Butler an. »Ich habe da doch eine Aufgabe für den guten Mister Pickett, o der?« »Es handelt sich um eine Person, Mister Pickett, um die Sie sich für eine gewisse Zeit kümmern sollten. Mister Herb Derny wartet darauf, von Ihnen übernommen zu werden.« »Derny…? Herb Derny?« fragte der Mahn zurück, den man für einen ehemaligen Soldaten halten mußte. »In der Tat«, bestätigte der Butler. »Mister Herb Derny, der of fensichtlich recht gut mit Schußwaffen umgehen kann.« »Das ist Derny«, bestätigte Pickett und nickte. »Herb Derny ist so etwas wie Einzel-Unternehmer, Mister Parker. Man kann ihn mie ten. Für Geld erledigt er spezielle Aufträge.« »Könnte und sollte man in diesem Zusammenhang von einem sogenannten Berufsmörder sprechen, Mister Pickett?« »Von einem Killer«, erwiderte Pickett ohne jede Umschreibung. »Derny ist brandgefährlich. Ich gehe davon aus, daß er bereits einige Morde auf dem Gewissen hat.« »Sie sollten diesen Berufsschützen diskret an einen sicheren Ort schaffen, Mister Pickett«, bat der Butler. »Er schläft zur Zeit noch und dürfte auf keinen Fall merken, wohin er von wem gebracht wird.« »Kein Problem«, meinte der ehemalige Taschendieb. »Der Mann bleibt solange verschwunden, wie Sie es wünschen.« »Und verwöhnen Sie dieses verkommene Subjekt nicht unnötig«, verlangte Lady Agatha streng. »Es hat immerhin versucht, mich umzubringen. War es nicht so, Mister Parker?« »Der Schuß durch das Restaurantfenster hätte Mylady durchaus treffen können«, räumte der Butler großzügig ein. Er wandte sich ein wenig zur Seite, öffnete die Tür zum Probenraum und blickte
auf den Schützen, der am Boden lag und schnarchte. Der Spray aus Parkers Zerstäuber wirkte nachhaltig. * Raph Rodway war etwa fünfzig Jahre alt, mittelgroß und hatte einen ausgeprägten Bauch. Sein volles Gesicht mit der fleischi gen, roten Nase und der ebenfalls volle Mund mit den sinnlichen Lippen verriet einen Lebenskünstler, der sich dem guten Essen verschrieben hatte. Der Tester, der er schließlich eindeutig war, hatte seine beiden Besucher in ein italienisches Restaurant eingeladen, das sich ganz in der Nähe seiner Wohnung befand. Ralph Rodway gab sich auf gekratzt, bemühte sich um Lady Simpson und plauderte schon bald aus der Schule seiner Branche. »Zum Teufel mit dieser übertriebenen neuen Küche«, meinte er geringschätzig. »Es gibt doch nichts, was nicht als Mus angeboten wird, nicht wahr? Da bekommt man taufrische Böhnchen, einge flogen aus irgendeinem exotischen Land, zahlt ein Heidengeld dafür und muß dann erleben, daß die Böhnchen zermanscht sind. Ich könnte Ihnen die verrücktesten Beispiele nennen. Generell behaupte ich, daß nur das etwas zu taugen scheint, was wahnsinnig teuer ist. Und genau dagegen gehe ich in meinen Ko lumnen an.« »Man sagt Ihnen nach, Mister Rodway, daß Sie eine unge schminkte Ausdrucksweise bevorzugen«, behauptete der Butler. »Natürlich bin deutlich, wenn ich Kritik übe«, meinte Rodway und lachte leise. »Ich nenne die Dinge eben beim Namen. Okay, manchmal überziehe ich, aber ich vernichte keine Existenzen, wie man mir nachsagt.« »Es gab derartige Behauptungen?« fragte Parker. »Nun ja, da waren einige Gerichtsverfahren, in die man mich verwickelte«, fuhr der Tester fort, »und ich wurde in einigen Fäl len verurteilt.« »Die Urteile müssen Sie recht viel Geld gekostet haben, Mister Rodway«, tippte der Butler weiter an. »Kam es in diesem Zu sammenhang nicht auch zur Stornierung einiger Zeitungskolum nen?«
»Auch das ist richtig«, bestätigte der rundliche und sicher auch genußfreudige Tester. »Einige Zeitungen haben mir die Mitarbeit aufgekündigt. Naja, dafür werden andere Blätter kommen.« »Dem Vernehmen nach sollen aufgebrachte Küchenmeister und Restaurant-Betreiber Sie handfest zur Rechenschaft gezogen ha ben, Mister Rodway.« »Ich habe von einer Anzeige abgesehen, weil das doch nichts gebracht hätte«, erklärte Rodway und lächelte geringschätzig. »Da hätte doch jeder für den anderen einen Meineid geschwo ren.« »Ihre Arztrechnung soll beträchtlich gewesen sein«, bohrte der Butler weiter nach. »Sie sind wirklich bestens informiert, Mister Parker«, wunderte sich der Tester und lächelte verhalten. »Nach diesem Überfall, denn es war tatsächlich einer, mußte ich also ein paar Tage ins Hospital und wurde danach noch ambulant behandelt.« »Mylady würde gern erfahren, wann sich dies alles zutrug«, ließ der Butler sich vernehmen. »Das liegt jetzt ein paar Wochen zurück«, entgegnete der Kü chen-Kritiker. »Wissen Sie, ich wundere mich, warum ich Ihre Fragen eigentlich so lammfromm beantworte.« »Mylady machte Ihnen klar, Mister Rodway, daß man Mylady nicht ungestraft bei der Einnahme des Lunchs stören darf«, erin nerte der Butler. »Zudem pflegt Mylady sich mit kriminellen Ma chenschaften klärend auseinanderzusetzen.« »Ihren Fragen muß ich fast entnehmen, daß Sie mir nicht so recht über den Weg trauen«, erwiderte der Tester. »Richtig, junger Mann«, warf Agatha Simpson ein. »Aber das möchte ich jetzt nicht weiter vertiefen. Sie sagten, hier könne man ganz ausgezeichnet dinieren.« »Das ist der Grund, warum ich Sie hierher gebracht habe«, gab der Kritiker zurück. »Darf ich Ihnen zu Saltimbocca alla Romana raten?« »Jederzeit«, erwiderte die ältere Dame, die nun voll bei der Sache war. »Darunter stelle ich mir natürlich eine ganz bestimmte Spei se vor, nicht wahr?« »In diesem Fall Kalbsschnitzel, mit Schinken belegt und mit einer entsprechenden Sauce versehen. Dazu reicht der Chef hier Kar toffel-Gratin und einen Feinschmecker-Salat.« »Das klingt verlockend«, meinte Lady Simpson.
»Das Essen ist ehrlich«, erklärte der Tester und geriet in eine gewisse Begeisterung. »Kein modischer Schnickschnack, wenn Sie wissen, was ich meine, Mylady. Das alles ist im besten Sinn des Wortes eine Landküche.« »Der Betreiber des Restaurants hat sich mit gewissen SchutzgeldGangstern arrangiert?« warf der Butler ein. »Wurde in diesem Zusammenhang bereits von einem Tester gesprochen?« »Ich weiß es nicht«, erwiderte Ralph Rodway. »Um solche Dinge kümmere ich mich nicht. Mir geht es einzig und allein um das Essen.« Er winkte den Padrone an den Tisch, der sich als Giovanni Palestri vorstellte. Der Tester gab die Bestellung auf, orderte einen Wein, den er für passend hielt, und lächelte in Erwartung kommender Genüsse, als einer der vielen Kellner frisches, noch warmes Brot und gesalzene Butter servierte. »Noch etwas, Mister Palestri«, ließ der Butler sich vernehmen. »Wieviel müssen Sie pro Woche an den Tester abführen?« Der Padrone litt unmittelbar nach dieser Frage an einem mittel schweren Hustenanfall. * Das Stadthaus der Lady Simpson stand in Shepherd’s Market und war als Fachwerkbau auf den labyrinthartigen Gewölben einer ehemaligen Abtei hochgezogen worden. Es hatte ein Erdgeschoß und eine erste Etage. Der stattliche Bau, dessen untere Fenster durch Ziergitter ge schützt wurden, befand sich am Ende eines hochgestellten Recht ecks und wurde flankiert von je einer einstöckigen Hausreihe. Auch hier gab es nur reines Fachwerk. Wenn man das Tor zu dem weiten Vorhof hinter sich gelassen hatte, befand man sich quasi im Mittelalter, und nichts deutete darauf hin, daß es bis zum Hyde- oder Greenpark nur wenige Mi nuten war. Josuah Parker hatte das Anwesen im Laufe der Jahre zu einer heimlichen Festung ausgebaut. Es ging schließlich darum, Krimi nelle aller Art daran zu hindern, hier einzudringen. Parkers Vor sicht und Erfindungsreichtum hatten sich bisher bestens ausge
zahlt, denn ohne den erklärten Willen der Hausbewohner war die ser Bau nicht zu betreten. Nach dem gemeinsamen Dinner im Restaurant des Giovanni Pa lestri waren Mylady und Parker nach Shepherd’s Market zurück gefahren. Agatha Simpson wollte in aller Ruhe über ihren neuen Fall nachdenken und sich dabei eine Show im Fernsehen zu Ge müte führen. Sie wollte darüber hinaus noch Stichworte für ihren geplanten Bestseller zu Papier bringen. Es war die erklärte Ansicht der älteren Dame, eine gewisse Agat ha Christie in den literarischen Schatten zu stellen. Sie wußte bereits schon jetzt, daß Hollywood sich um die Rechte für eine Verfilmung reißen würde und plante auch eine Theater-Version ihres ersten Krimi, von dem allerdings noch nicht mal der Titel feststand, von einer einzigen Zeile ganz zu schweigen. Der Butler hatte Lady Simpson ein sehr modernes Studio einge richtet. Sie verfügte über elektronische Schreibgeräte, über Per sonal-Computer und über eine umfangreiche Bibliothek. Lady A gatha brauchte eigentlich nur noch zu schreiben. Die Hausherrin hatte sich nach oben verfügt und für die späte Stunde einen nächtlichen Imbiß bei Parker bestellt. Sie wollte etwas kaltes Huhn haben, einige Scheiben Butter-Toast, eine Scheibe Nieren-Pastete und dazu einen leichten Rotwein. Kaffee und Cognac sollten diese Kleinigkeiten abrunden. Parker hatte in der großen Wirtschaftsküche bereits alles vorbe reitet und brauchte von hier aus nur einen, Korridor zu durchque ren, um in seine privaten Räume zu gelangen. Sie befanden sich ebenfalls im ausgedehnten Souterrain des Hau ses, das keineswegs das Kellergeschoß bildete. Unter diesem so genannten Souterrain, dessen Räume normal große Fenster auf wiesen, die auf einen Lichthof führten, befand sich das eigentliche Labyrinth der ehemaligen Abtei. Auch in diesem Bereich hatte der Butler sich ausgiebig betätigt und hier Gästezimmer eingerichtet, die für bestimmte Personen gedacht waren, die man nicht aus den Augen verlieren wollte. Der Zugang zu diesen Gästezimmern war allerdings nur Eingeweihten bekannt. Josuah Parker befand sich inzwischen in seinem Apartment, ei nem großen Wohnraum, der in der Manier einer Kapitänskajüte eingerichtet war. Mahagoni und Messing überwogen. Im Anschluß an diesen großen Raum gab es das Schlafzimmer und das Bad.
Vom Wohnraum aus erreichte der Butler sein privates Labor, wie es genannt wurde. Hier entwickelte und baute er seine kleinen Überraschungen für kommende Gegner. Der Butler war ein sehr talentierter Bastler, der sich in speziellen Fachgebieten bestens auskannte. Das alarmierende rhythmische Flackern einer kleinen roten Lam pe brachte ihn natürlich nicht aus seiner Reserve. Parker langte nach der Fernbedienung für sein Fernsehgerät, gab einen be stimmten Kode ein und erhielt dann auf dem in einem Wand schrank untergebrachten Monitor ein farbiges Bild. Die außen am Haus und vorn an der Mauer aus Sandsteinquadern angebrachten Überwachungskameras hatten einen Austin erfaßt, der gerade vorsichtig die ovale Blumenrabatte im Vorplatz um rundete und dann vor der überdachten Haustür hielt. Zwei Personen stiegen aus. Sie machten einen durchaus offiziel len Eindruck, trugen dunkle Trenchcoats, derbe Schuhe und of fensichtlich billige Hemden. Beide Männer sahen aus wie unterbe zahlte Kriminalbeamte. Sie wirkten ungemein glaubwürdig und begingen dann doch einen gravierenden Fehler. Sie hatten die Sprechanlage seitlich an der Tür entdeckt und woll ten nun letzte Zweifel beseitigen. Sie gingen davon aus, daß man sie bereits akustisch wahrgenommen hatte und wollten nun noch offizieller wirken. Deshalb beugten sie sich betont zur Sprechan lage hinunter und wußten nicht, daß sie von der Optik einer Fern sehkamera unter dem Spitzdach des Vorbaus aufgenommen wur den. »Sergeant, überlassen Sie mir die Fragen«, mahnte der größere der beiden Männer seinen Begleiter. »Und kein Wort von ChiefSuperintendent McWarden.« Dieser Hinweis wäre sehr wirkungsvoll gewesen, wenn Parker nicht die Überwachungskameras gehabt hätte. ChiefSuperintendent McWarden war nämlich ein sehr enger Freund des Hauses. Er leitete im Yard das Dezernat zur Bekämpfung des or ganisierten Verbrechens und legte stets größten Wert darauf, vor allen Dingen mit Butler Parker zusammenzuarbeiten. Darüber hinaus schätzte er natürlich die gesellschaftliche Stellung der Dame des Hauses und auch ihre finanziellen Mittel. Wo er, McWarden, sehr umständlich Genehmigungen einholen mußte, um zum Beispiel einen Helikopter benutzen zu dürfen, kostete es
Mylady nur ein Fingerschnipsen, um ein solches Fluggerät vor dem Haus landen zu lassen. Parker schaltete von seinem Wohnraum aus die Sprechanlage ein und erkundigte sich in seiner bekannt höflichen Form nach den Wünschen der Besucher. Er tat so, als wüßte er nicht, daß er es mit zwei Personen zu tun hatte. »Inspektor Davis und Sergeant Blatters«, hörte der Butler. »Mis ter Parker, nicht wahr?« »In der Tat, meine Herren«, bestätigte der Butler. »Es geht um den Vorfall in Richmond, Mister Parker«, erklärte der Mann, der sich als Inspektor Davis ausgegeben hatte. »Wir brau chen Ihre Zeugenaussage.« »Damit kann Ihnen sofort geholfen werden«, versprach der Butler und betätigte über die Fernbedienung den elektrischen Türöffner oben im Erdgeschoß des Hauses. Auf dem Bildschirm des Monitors waren die Gesichter der beiden angeblichen Kriminalbeamten genau zu sehen. Sie nickten sich triumphierend zu, stießen die schwere Haustür auf und betraten den verglasten Vorflur, durch dessen Scheiben man in die große Wohnhalle mit dem imponierenden Kamin blicken konnte. Die beiden angeblichen Hüter der Gesetze fühlten sich bereits als Sieger auf der ganzen Linie. * Sie täuschten sich gründlich und erfuhren es wenige Augenblicke später, nachdem die schwere Haustür mit sanftem Klicken wieder ins Schloß gefallen war. Die Pseudo-Kriminalbeamten befanden sich in dem fast quadratischen Vorflur, dessen Boden mit Parkett ausgelegt war. Eine haarfeine Linie, im Zickzack des Parkettmus ters verlaufend, war so gut wie nicht auszumachen. Inspektor Davis, wie er sich vorgestellt hatte, drückte die Klinke der Glastür und wollte schwungvoll die große Wohnhalle betreten. Er wunderte sich dabei ein wenig, als die Tür sich sperrte. »Die klemmt ja«, behauptete sein Sergeant und übernahm es nun seinerseits, die Tür aufzudrücken. Doch auch er erlebte eine peinliche Überraschung. Die Tür rührte sich nicht. »Schweres Plexiglas«, konstatierte Davis anerkennend. »Schußfest, oder?« fragte der angebliche Sergeant.
»Darauf kannst du Gift nehmen«, lautete die Antwort. »Ziehen wir Leine, ab durch die Mitte.« Sie scheiterten allerdings an der Haustür. Der schwere Griff aus Bronze bewirkte nichts, die Tür rührte sich um keinen Millimeter. Dafür aber war die Stimme des Butlers zu vernehmen. »Darf man sich nach den wirklichen Gründen Ihres Besuchs er kundigen?« wollte er wissen. »Passen Sie mal auf, Mann«, sagte der falsche Inspektor. »Ich weiß zwar nicht, was dieser Unsinn soll, aber Sie haben’s immer hin mit zwei Zivilbeamten zu tun. – Und ich verlange, daß Sie jetzt sofort…« »Entschuldigen Sie die Unterbrechung«, bat Parker. »Sie dürften wohl im Auftrag eines gewissen Mister Bartelett kommen.« »Bartelett? Wer sollte das sein? Unser Chef im Haus ist ChiefSuperintendent McWarden.« »Den Sie gern kontaktieren dürfen, falls Sie darauf bestehen«, gab der Butler zurück. »Man könnte Mister McWarden umgehend verständigen.« »Dann müssen wir eben anders an die Sache ran!« Der angebli che Sergeant hielt plötzlich einen kurzläufigen Revolver in der rechten Hand und richtete den Lauf auf das Schloß jener Tür, die in den Wohnraum führte. »Die Herren kamen eben zu dem völlig richtigen Schluß, daß Sie es mit schußsicherem Glas zu tun haben«, erinnerte der Butler. »Sie können sich durch die Praxis selbstverständlich zusätzlich davon überzeugen.« »Verdammt, wo stecken Sie eigentlich?« wollte der PseudoInspektor wütend wissen. Ihm war wohl erst jetzt aufgegangen, daß man sich über eine Sprechanlage unterhalten hatte. »Sie sehen meine bescheidene Wenigkeit unterhalb der Freitrep pe, die hinauf ins Obergeschoß führt«, ließ der Butler sich ver nehmen. Während er sprach, schob er sich weiter nach vorn und deutete in Richtung Vorflur eine leichte Verbeugung an. Er igno rierte den Revolver, den der Mann nun auf ihn richtete. »Gut, Sie haben uns erst mal in der Tasche«, räumte der Wort führer ein, der sich als Inspektor ausgegeben hatte. »Aber das wird sich ändern, wetten?« »Sie gehen davon aus, daß Sie sich bald wieder Ihrer Freiheit erfreuen werden?« Leichtes Wundern war aus Parkers Frage zu hören.
»Sie können uns ja nicht ewig festhalten«, erwiderte der Mann und rang sich ein überlegen-spöttisches Lächeln ab. »Selbstverständlich werden Sie bereits in Kürze diesen Vorflur verlassen«, bestätigte Josuah Parker. »Daran besteht kein Zwei fel.« »Sagte ich doch!« Der Kriminelle nickte mehr als nachdenklich und schien sich Mut machen zu wollen. »Ob wir wiederkommen, hängt von Ihnen ab, Mann«, fügte der angebliche Inspektor hinzu. »Ich denke, wir haben jetzt genug geredet. Machen Sie die Haustür auf! Aber ein bißchen plötzlich, ja?« »Darf man Ihnen vielleicht einen anderen Abgang anbieten?« er kundigte sich Josuah Parker. »Was für’n anderen Abgang?« Plötzliches Mißtrauen lag in seiner Stimme. »Diesen, meine Herren!« Parker drückte eine Taste der Fernbe dienung, worauf der Parkettboden, auf dem die beiden Männer standen, sich teilte und in zwei Hälften nach unten wegkippte. Die überdimensional große Falltür tat wieder mal ihre geschätzten Dienste. * »Sie haben sich ungewöhnlich viel Zeit gelassen«, meinte der Butler zwanzig Minuten später am Telefon. Er war gerade angeru fen worden. Ein Mann, der sich als Tester vorgestellt hatte, bat um eine Unterredung. »Ich habe Ihnen da zwei Leute ins Haus geschickt, die offensicht lich nicht besonders gut waren, wie?« fragte der Tester. »Die Herren gaben sich alle Mühe«, lautete Parkers Antwort. »Sie haben keine Ahnung, wer ich bin, Mister Parker.« »Davon geht meine bescheidene Wenigkeit aus«, versicherte der Butler seinem Gesprächspartner. »Sie haben sich, was Ihre Iden tität betrifft, recht gut abgesichert, Sir.« »Das denke ich auch, Parker. Und darum möchte ich Ihnen vor schlagen, daß Sie mich nicht weiter belästigen. Ich könnte sonst sehr scharf auf Sie schießen lassen.« »Mylady ist der Ansicht, daß Sie dies bereits taten.«
»Unsinn, ich habe niemals auf Ihre Lady oder auf Sie scharf schießen lassen, Parker, sonst könnten wir beide uns nämlich bestimmt nicht mehr in aller Ruhe unterhalten.« »Mister Spotson aktivierte zwei GM-Fahrer, die Mylady und meine Person belästigen sollten. Er tat dies für Mister Bartelett, der an geblich wiederum für Sie tätig ist.« »Alles völlig richtig, Parker. Sie sehen, wie gut ich mich abgesi chert habe.« »Sie begingen dennoch einen sogenannten Kardinalfehler«, be hauptete der Butler und ließ einen Versuchsballon los. »Sie er pressen Schutzgelder von jenen Restaurantbesitzern, die ohne Ausnahme ihren sehr persönlichen Ärger mit dem RestaurantTester Rodway hatten.« »Reden… reden Sie weiter, Parker.« Die Stimme wurde vorsichtig. »Sie kennen sich also in der Gaststätten- und Küchen-Szene von London bestens aus«, tastete der Butler sich weiter vor. »Sie sor gen sehr geschickt dafür, daß Mister Rodway belastet wird.« »Wer sagt Ihnen denn, daß ich genau die Restaurants beschütze, deren Chefs Ärger mit Rodway hatten?« Spott sollte aufkommen, doch die Stimme brachte dies nur recht unvollständig zustande. »Mister Herb Derny, ein freiberuflicher Schütze, zählte die ent sprechenden Lokale genau auf«, bluffte der Butler aus dem Mo ment heraus. »Seine Angaben decken sich eindeutig mit den be kannten Tatsachen.« »Sie haben Derny… außer Gefecht gesetzt?« fragte der Tester. »Mister Derny dürfte als Schütze vorerst nicht mehr in Erschei nung treten«, versicherte der Butler seinem Gesprächspartner. »Dies gilt auch für die beiden Personen, die als angebliche Krimi nalbeamte ins Haus kamen.« »Unwichtige Handlanger. Von dieser Sorte bekomme ich in der entsprechenden Gegend jederzeit Ersatz.« »Mylady interessiert sich für das Schicksal eines Kochs namens Dan Olsen«, wechselte der Butler das Thema. »Er versalzte Myla dys Suppe und löste die weiteren Dinge damit aus.« »Dan Olsen hat sich abgesetzt«, lautete die Antwort. »Ich wette, er weiß verdammt genau, warum er mir aus dem Weg geht.« »Er könnte Ihnen Schwierigkeiten bereiten, was Ihr Inkognito betrifft?« tippte Josuah Parker an. Er lenkte das Gespräch ab sichtlich in diese Richtung.
»Schwierigkeiten, was mich angeht?« Die Wiederholung der Frage war zerdehnt. Der Tester schien zu überlegen, kam zu einem Schluß und bestätigte anschließend den Verdacht des Butlers. »Geben Sie sich keine Mühe, Parker, Dan Olsen finden Sie nicht«, meinte der Tester dann. »Und was immer er auch sagen mag, ich werde alles abstreiten. Der Mann stellt keine Gefahr für mich dar.« »Nachdem meine Wenigkeit zur Kenntnis genommen hat, daß Sie unüberführbar sind, sollte man das Gespräch beenden«, schlug der Butler vor. »Erfreuen Sie sich der wenigen Stunden, die Sie noch in Freiheit verbringen werden.« Er legte auf und war fest davon überzeugt, daß sich früher oder später der verschwundene Koch Dan Olsen melden würde. Der sogenannte Tester konnte sich solch eine einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen. * Josuah Parker rechnete fest mit unangemeldetem Nacht-Besuch. In der Vergangenheit versuchten immer wieder Kriminelle aller Schattierungen in das Fachwerkhaus der älteren Dame einzudrin gen. Sie hatten aber bisher totalen Schiffbruch erlitten. Das Haus war einfach zu gut gesichert und trug allen Eventualitäten Rech nung. Parker, der die hausinterne Alarmanlage eingeschaltet hatte, be fand sich bereits im Trakt der verschwiegenen Gästezimmer und blieb vor einer der Türen stehen. Durch einen Spion im Türblatt warf er einen Blick auf die beiden angeblichen Kriminalbeamten, die auf je einer Bettcouch lagen und gerade aus ihrer leichten Betäubung erwachten. Sie schienen aber noch recht benommen. Parker trat ein und stellte ein Tablett mit Eß- und Trinkwaren ab. Dann wandte er sich den beiden Gästen zu, die sich fast synchron die Schläfen massierten und tief durchatmeten. »Man gestattet sich, den Herren einen entspannenden Abend zu wünschen«, grüßte der Butler, der hier im Haus zu seiner schwar zen Hose eine diskret gestreifte Weste trug. »Wie… wie haben Sie uns aus dieser verdammten Fallgrube hierhergeschafft?« fragte der Mann, der sich als Inspektor ausge geben hatte. Er gähnte und rieb sich die Augen.
»Meine Wenigkeit benutzte eine Art Transportkarren«, beantwor tete der Butler die Frage. »Er wurde für diese und ähnliche Fälle konstruiert. Bevor man die Herren aufladen konnte, mußte man Ihren Begleiter und Sie ein wenig ruhigstellen.« »Sie haben uns betäubt?« »So kann man es selbstverständlich auch beschreiben«, räumte Josuah Parker ein. »Die Herren werden übrigens bald herausfin den, daß es Ihnen hier an nichts fehlen wird.« »Wollen Sie uns etwa festhalten?« »Mylady ist noch damit beschäftigt, sich eine Meinung zu bilden«, gab der Butler zurück. »Sobald Mylady einen Entschluß gefaßt hat, wird meine Wenigkeit Sie dies wissen lassen.« »Hören Sie mal, Parker, sind Sie sich eigentlich im klaren dar über, was Sie hier mit uns anstellen?« brauste der Mann nun auf und wollte aufspringen, doch die Beine benahmen sich seiner Ab sicht gegenüber noch sehr zurückhaltend. »Mylady hat Ihnen Gastfreundschaft angeboten«, antwortete der Butler. »Sie halten uns hier gegen unseren Willen fest, verdammt noch mal. Das in Sie teuer zu stehen kommen.« »Mylady dürfte gerichtlichen Auseinandersetzungen ausgespro chen gefaßt entgegensehen«, wußte Parker. »Kein Mensch denkt an ein Gericht«, widersprach der Mann hef tig. »Unser Chef wird Sie…« »Der Hinweis auf einen Chef, um Ihren Ausdruck zu verwenden, bringt die Unterhaltung in die richtige Richtung«, unterbrach der Butler. »Sie glauben doch nicht, daß ich unseren Chef verpfeife, oder?« Der Mann lachte höhnisch. »Mylady deutete in einem Gespräch mit meiner Wenigkeit an, daß es wohl einige Wochen dauern dürfte, bis Sie reden werden.« »Wochen…?!« Der Mann versuchte sich erneut im Aufspringen, doch auch jetzt reichten seine Kräfte nicht. »Einige Wochen? Sie wollen uns hier…« »Die Herren selbst bestimmen die Länge Ihres Aufenthalts«, setz te der Butler den beiden falschen Beamten auseinander. »Falls es Ihnen gefällt, könnten Sie selbstverständlich Woche um Woche und Monat um Monat verlängern.« »Das mach’ ich nich’ mit«, schaltete der angebliche Sergeant sich ein und blickte seinen Begleiter wütend an. »Ich bin für morgen
verabredet, ‘ne ganz wichtige Kiste. Da muß ich einfach dabei sein, sonst bekomme ich Ärger.« »Fühlen Sie sich auf keinen Fall unter Druck gesetzt, was die Nennung Ihres Chefs betrifft«, erinnerte der Butler höflich. »Solch ein Mißverständnis würde meine Wenigkeit ungemein bedauern.« »Er heißt Lome Hopper«, nannte der angebliche Sergeant den Namen und fügte noch eine Adresse hinzu. * »Wenn es um die Aufklärung des Falles geht, bin ich zu jedem Opfer bereit, Mister Parker«, wiederholte Lady Agatha noch mal. Sie hatte im Fond des hochbeinigen Monstrums Platz genommen und vibrierte förmlich vor Energie. Parker hatte sie in ihrem Studio aufgesucht und bei einer Denk pause vor dem eingeschalteten Fernsehgerät angetroffen. Angeb lich war die Detektivin wieder mal damit beschäftigt gewesen, die Dramaturgie eines Fernseh Krimis zu studieren. Als sie aber von einem Lome Hopper hörte, war sie sofort bereit, sich in das nächste Abenteuer zu stürzen. »Und wer, bitte, Mister Parker, ist dieser Lome Clopper?« fragte sie. »Mister Hopper ist der Chef jener Männer, die sich als Kriminal beamte ausgaben«, erinnerte der Butler. »Kenne ich diesen Lome… Wie-immer-er-auch-heißen-mag?« wollte sie nach einer kleinen Pause wissen. »Mylady fanden bisher noch keine Gelegenheit, sich mit ihm zu befassen«, antwortete der Butler. »Meine Wenigkeit war so frei, Mister Horace Pickett telefonisch zu kontaktieren.« »Der gute Pickett«, kam schon fast automatisch ihre Antwort. »Mister Pickett konnte einige interessante Hinweise liefern«, in formierte der Butler. »Mister Lome Hopper betreibt in Soho ein Touristikbüro und hat sich auf nächtliche Führungen durch diesen Stadtteil spezialisiert.« »Darunter stelle ich mir was vor, Mister Parker?« fragte Mylady fast streng. »Man kann bei Mister Hopper gewisse Ausflüge buchen. Seine Angestellten zeigen besonders interessante Lokale im Bereich von
Soho und gewähren gleichzeitig Schutz. Über Soho hinaus bietet Mister Hopper auch Stadtrundfahrten im kleinen Kreis an.« »Ich denke, ich werde mir endlich mal Soho zeigen lassen«, griff Agatha Simpson den Hinweis sofort auf und lächelte versonnen. »Bisher bin ich von Soho noch immer enttäuscht worden.« »Der Stadtteil spielt vielleicht nur noch in einschlägiger Unterhal tungsliteratur seine spezifische Rolle«, meinte der Butler. »Soho dürfte längst domestiziert sein und nicht mehr das allgemeine Lasterviertel darstellen, das man aus Filmen und Fernsehproduk tionen kennt.« »Wie wahr, Mister Parker! Und dennoch…« Sie beugte sich vor und dämpfte ihre Stimme. »Unter der glatten Oberfläche brodelt es immer noch, verlassen Sie sich darauf. Soho soll ja förmlich unterwühlt sein. Geheimgänge, Rauschgifthöhlen, Drogenbunker, und was weiß ich noch alles.« »Auch diese Dinge sollte man tunlichst nicht ausschließen«, gab Josuah Parker zurück. »Um noch mal auf Mister Hopper zurück zukommen, Mylady, er ist als Krimineller wohlbekannt und ver mietet seine Reisebegleiter auch als Schläger.« »Ich werde diesem Subjekt gründlich auf den Zahn fühlen. Es arbeitet für den Tester, nicht wahr?« »Davon kann und müßte man in der Tat ausgehen, Mylady«, ent gegnete der Butler. »Der Tester kennt sich in der Szene sehr gut aus und weiß, an wen er sich in speziellen Fällen zu wenden hat.« »Sie wissen ja, wen ich für den gesuchten Tester halte, Mister Parker?« fragte die ältere Dame fast kokett. »Mylady denken an den Tester namens Ralph Rodway?« »Richtig«, bestätigte sie. »Diese Lösung drängt sich doch förmlich auf, Mister Parker.« »Der gesuchte Tester dürfte zumindest Mister Rodway sehr gut kennen.« »Das sage ich ja die ganze Zeit«, lautete ihre ein wenig ungedul dige Antwort. »Aber auf mich hört ja keiner.« »Der gesuchte Tester wird sicher bald den verschwundenen Koch Namens Dan Olsen ins Gespräch bringen, Mylady.« »Reden Sie sich nur nichts ein, Mister Parker«, mahnte sie. »Werde ich übrigens verfolgt?« »In der Tat, Mylady«, konnte der Butler bestätigen. »Es handelt sich um einen Ford, dessen Insassen sich redlich bemühen, nicht aufzufallen.«
»Und… wie haben Sie sie entdeckt?« fragte Lady Simpson. »Meine Wenigkeit erlaubte sich, ein Stück durch eine Einbahn straße zu fahren«, gab der Butler zurück. »Der nachfolgende Wa gen wurde ebenfalls durch diese Straße bewegt.« »Reiner Zufall«, meinte die Detektivin. »Da reden Sie sich wieder mal etwas ein, Mister Parker.« »Wie Mylady zu meinen geruhen.« Parkers an sich schon glattes Gesicht wurde vielleicht noch glatter und ausdrucksloser. Seine Ruhe war unerschütterlich. * Die beiden Büroräume sahen ansehnlich und vertrauenerweckend aus. Parker hatte den Stadtteil Soho erreicht und passierte die Firma des Lome Hopper. Er fuhr recht langsam, blickte hin und wieder in den Rückspiegel und vergewisserte sich, daß die Verfol ger noch vorhanden waren. Sie hatten sich bisher überraschend passiv verhalten. Parker steuerte einen privaten Parkplatz an, der nach dem Durch fahren eines Torbogens zu erreichen war. Dieses Gelände gehörte zu einem Nachtclub, in dem man auch illegal spielen konnte. Par ker kannte den Inhaber und konnte davon ausgehen, daß man ihm einen Gefallen erweisen würde. Der Ford erschien in der Tordurchfahrt und bestrich mit seinen vollaufgedrehten Scheinwerfern für einen Moment das hochbeini ge Monstrum des Butlers. Dann wurde das Licht gelöscht, man hörte das Öffnen und Zuschlagen von Wagentüren. Josuah Parker hielt längst seine Gabelschleuder in Händen und wartete darauf, daß die beiden Ford-Benutzer im Lichtstreifen auftauchten, der von einer Außenlampe stammte. Sie ließen nicht lange auf sich warten und trabten an. Irgendwel che Vorsichtsmaßnahmen ergriffen sie nicht. Auch sie gingen wohl davon aus, es mit altersschwachen Senioren zu tun zu ha ben. Für sie war die geplante Begegnung eine Kleinigkeit. Der erste Ford-Fahrer griff sich plötzlich an die Stirn, blieb ruckar tig stehen und fiel dann auf die Knie. Sein Partner, der erst mit winziger Verspätung mitbekam, was geschehen war, bremste seinen Schwung und duckte sich. Es half ihm nichts.
Bevor er nach seiner Schulterhalfter greifen konnte – Parker ging davon aus, daß sie vorhanden war – wurde er von einer weiteren Ton-Erbse erwischt und fiel seitlich auf den Asphalt. Er rollte ab und blieb dann regungslos liegen. »Nun ja, Mister Parker, recht wirkungsvoll«, lobte Lady Agatha verhalten. »Aber passen Sie auf: Die beiden Burschen täuschen ihre Ohnmacht nur vor.« »Mylady sind nicht zu hintergehen«, meinte der Butler und trat auf die am Boden Liegenden zu. Als er sie erreichte, rührten sie sich immer noch nicht. Die Ton-Erbsen hatten wieder mal ganze Arbeit getan. Parker bedachte seine Opfer mit Einwegfesseln aus Plastik und bat die ältere Dame, ein wachsames Auge auf die Männer zu wer fen. Dann schritt er gemessen und würdevoll, als sei überhaupt nichts passiert, zu einer der beiden hinteren Türen und klingelte in einem bestimmten Rhythmus. Fast unmittelbar danach öffnete sich eine kleine, viereckige Sichtklappe in der sonst glatten Tür. »Man wünscht eine störungsfreie Nacht«, grüßte der Butler und lüftete die schwarze Melone. »Mein Name ist Parker, Josuah Par ker. Sie sollten meine Wenigkeit umgehend bei Ihrem Arbeitgeber offerieren.« »Was… was soll ich?« fragte der Türsteher verdutzt. »Melden Sie mich umgehend bei Ihrem Manager an«, verlangte der Butler. »Warum sagen Sie das nicht gleich?« Der Mann schloß die Sicht klappe und Parker zählte innerlich die Sekunden ab, bis der Mann seiner Schätzung nach die unmittelbare Nähe der Tür verlassen haben mußte. Dann langte der Butler nach seinem kleinen Spezi albesteck und setzte sich mit dem Yale-Schloß intensiv auseinan der. Dieses Spezialbesteck, von Parker entwickelt, sah zwar völlig harmlos aus, doch es hatte es in sich. Flache Metallzungen, säge blattähnliche Schieber, Dorne und kleine Dietriche sahen insge samt aus wie das Besteck eines Pfeifenrauchers, doch tatsächlich reichten die kleinen Gegenstände völlig aus, selbst komplizierte Schlösser zu öffnen. Als der Mann aus einer Art Nische kam, um die Tür zu öffnen, sah er sich zu seiner Überraschung dem Butler gegenüber, der über aus höflich die schwarze Melone lüftete.
*
»Natürlich kenne ich Lome Hopper«, sagte der Manager des Nachtclubs. Monty Blazing, ein alerter Typ von etwa vierzig Jah ren, hatte Lady Simpson gerade mit einem Cognac versorgt und zeigte der älteren Dame gegenüber großen Respekt. Er hatte die beiden Verfolger übernommen und wartete auf ihre Aussage. Sei ne Angestellten waren zur Zeit damit beschäftigt, sie zu befragen. »Mister Hopper vermietet sogenannte Reisebegleiter?« tippte der Butler an. »Das auch«, lautete die ironische Antwort. »In erster Linie ver mietet er aber Schläger, Mister Parker. Sie können von ihm aber auch Killer bekommen. Das ist alles nur eine Geldfrage.« »Sie wissen von einem sogenannten Tester, der Feinschmecker lokale mit seinen Handlangern beehrt, Mister Blazing?« fragte Parker höflich weiter. Er schüttelte kaum merkbar den Kopf, als der Manager auch ihn mit einem Cognac bedenken wollte. »Ich weiß von diesem Tester«, antwortete er, »aber an uns hat er sich noch nicht herangetraut. Das hängt vielleicht auch mit unse rer Küche zusammen, besonders toll ist sie gerade nicht.« »Oder man fürchtet nur Ihre Fähigkeit, sich zur Wehr setzen zu können«, stellte der Butler fest. »Werden im Zusammenhang mit dem erwähnten Tester Namen gehandelt?« »Man tuschelt hinter vorgehaltener Hand, Ralph Rodway sei der Mann im Hintergrund.« »Mister Rodway muß demnach eine recht bekannte Person im Bereich der Gastronomie sein«, sagte Parker. »Er ist so was wie der Papst der Kritiker«, berichtete der Manager des Nachtclubs und zuckte leicht zusammen, als Lady Simpson sich explosionsartig räusperte. »Sie sollten mir einen kleinen Snack servieren lassen, junger Mann«, forderte sie mit ihrer sonoren Stimme. »Der Cognac ist mir auf den Magen geschlagen.« »Er entsprach nicht Ihren Erwartungen, Mylady?« »Das kann ich erst nach einem weiteren beurteilen«, erwiderte die ältere Dame und nickte dem Butler zu. »Oder noch besser: Ich werde hier vorerst ja nicht gebraucht. Ich werde mich für ein paar Minuten nach vorn in Ihr Restaurant setzen.«
»Sie sind selbstverständlich Gast des Hauses«, betonte Monty Blazing hastig. »Das möchte ich mir auch ausgebeten haben«, raunzte sie und ließ sich von dem Manager aus dem Büro geleiten. Blazing kam nach wenigen Minuten zurück und machte einen erleichterten Eindruck. »Lady Simpson ist eine bemerkenswerte Frau«, stellte er fest. »Lady Simpson ist nicht zu kopieren«, pflichtete der Butler dem Manager bei. »Darf man noch mal auf Mister Ralph Rodway zu rückkommen, Mister Blazing?« »Rodway ist ein Spieler, ums mal deutlich auszudrücken«, erklär te der Gesprächspartner. »Er ist ewig verschuldet, – pumpt alle Welt an, verkauft sich und seine Kritiken…« »Darunter darf Mylady sich was vorstellen, Mister Blazing?« »Falls man ihn nicht richtig bezahlt, macht er ein Lokal völlig zur Schnecke. Der Mann kann blendend schreiben. Seine ironische Masche kommt an. – Man zahlt also, um so seiner Kritik zu ent gehen.« »Trauen Sie Mister Rodway zu, daß er Restaurants der absoluten Spitzenklasse erpreßt?« wollte Josuah Parker wissen. »Das nun wieder nicht«, schränkte der Manager des Nachtclubs sofort ein. »Dazu gehört doch noch mehr. Nein, nein, Rodway könnte sich gegen die Profis der Branche nicht durchsetzen.« »Er könnte sich aber durchaus mit einem Spitzenmann aus der von Ihnen erwähnten Branche zusammengetan haben, nicht wahr?« »Das klingt schon besser«, meinte. Monty Blazing. »Er liefert die Tips, sein Partner die Spezialisten.« »Braucht ein Spezialist die Sach- und Fachkenntnis Mister Rod ways?« fragte der Butler. »Nee, eigentlich nicht. Man braucht ja nur seine Kritiken zu lesen, dann weiß man genau, wo wie gekocht wird. Seine Kolumnen zeigen schließlich, welches die Spitzenhäuser sind.« »Sie pflegen Kontakte zu einem gewissen Mister Nick Bartelett, Mister Blazing?« Parker blickte sein Gegenüber sehr aufmerksam an. »Bartelett kommt hin und wieder hierher in den Club«, kam die unbefangene Antwort. »Geschäftlich habe ich mit ihm überhaupt nichts zu tun, Mister Parker. Sie wissen, daß er seinen Profit auch mit Schutzgeldern macht?«
»Und mit Drogen und Erpressung, wenn man Vermutungen Raum
gibt«, weitete der Butler die Aufzählung aus. »Mister Bartelett ist
wohl das, was man einen gefürchteten Bandenchef nennen könn
te und sogar müßte?«
»Ich werde mich hüten, dazu etwas zu sagen«, kam vorsichtig die
Antwort, »aber Bartelett ist schon ein Mann, der in der Szene was
gilt.«
»Für den auch ein Mister Clive Spotson sofort und ohne jedes
Nachfragen arbeiten würde?«
»Natürlich, Mister Parker. Spotson ist zwar schon recht groß, aber
an Bartelett kommt er nicht heran. Hören Sie, Sie legen sich da
mit Leuten an, die es in sich haben und die lebensgefährlich wer
den können.«
Bevor der Butler darauf antworten konnte, erschien ein Mitarbei
ter des Managers und nickte seinem Chef zu.
»Die beiden Männer haben geredet?« fragte Blazing sofort.
»Lome Hopper hat sie in Marsch gesetzt«, berichtete der Mann.
»Die beiden Typen haben das fast ohne jeden Widerstand zuge
geben.«
»Sie mußten hoffentlich nicht körperliche Gewalt anwenden«,
vergewisserte sich der Butler.
»Aber überhaupt nicht«, erwiderte der Mann umgehend und fast
entrüstet. »Wir haben uns eigentlich ganz normal unterhalten.
Und dabei haben sie Lome Hopper erwähnt.«
»Sollen die beiden Männer hier bei uns bleiben?« wollte Monty
Blazing wissen.
»Für eine gewisse Zeit«, bat Parker. »Im Moment könnten sie
vielleicht stören. Mylady und meine Wenigkeit zogen bereits zwei
andere Hopper-Mitarbeiter aus dem Verkehr, wie Sie in Ihren
Kreisen zu sagen pflegen.«
»Lome Hopper ist ja ganz schön munter«, staunte Blazing.
»Er dürfte ebenfalls sehr eng mit dem Tester zusammenarbeiten,
Mister Blazing«, vermutete der Butler. »Aber auch das wird man
erst noch beweisen müssen.«
* »Ich brauche einen handfesten, stämmigen Begleiter für die Nacht«, forderte Lady Agatha und blickte den Mann hinter der
kleinen Anmeldung streng an. »Ihre Agentur ist mir da empfohlen worden.« »Sie brauchen einen Begleiter für die Nacht?« Der Kundenberater hinter dem Tresen erlitt einen leichten Hustenanfall. »Keine Zweideutigkeiten, junger Mann«, raunzte die ältere Dame. »Ich bin sonst versucht, Sie zu ohrfeigen.« »Nein, nein, bitte mißverstehen Sie mich nicht«, redete ihr Ge genüber sich schleunigst heraus. »Ich meine ja nur, daß eine Dame wie Sie wohl kaum einen Begleiter braucht. Das war als Kompliment gedacht.« »Das möchte ich mir aber auch ausgebeten haben«, gab Agatha Simpson ein wenig besänftigt zurück. »Also, was haben Sie mir zu bieten?« »Im Augenblick nichts«, bedauerte der Berater, ein Mann von vielleicht dreißig Jahren. Er trug einen grauen, gut geschnittenen Straßenanzug und hatte ein markantes, gebräuntes Gesicht. »Wir sind völlig ausgebucht.« »Und was ist mit Ihnen?« Die füllige Kundin nahm ihre Stielbrille hoch, faltete sie auseinander und musterte den Gefragten wie ein seltenes Insekt. »Ich… ich muß hier die Stellung halten«, sagte er hastig. »Und was ist mit Ihrem Chef, junger Mann? Wie war noch sein Name?« »Lome Hopper«, antwortete der Berater prompt. »Den können wir jetzt leider nicht stören.« Agatha Simpson war um den Tresen herumgekommen und faltete die Lorgnette wieder zusammen. »Holen Sie mir Ihren Chef«, verlangte sie energisch. »Ich sagte ja schon, daß ich ihn jetzt nicht stören kann«, wieder holte der Kundenberater ungeduldig. »Sie sollten nun wirklich verschwinden, Madam. Sie werden lästig.« »Sie… Sie wollen sich wirklich mit mir anlegen?« Freude war in ihren Augen festzustellen. »Ich werde Sie sogar an die frische Luft setzen, wenn’s nötig ist.« »Sie wissen nicht, mit wem Sie sich einlassen.« »Wer immer Sie auch sein mögen, Madam, Sie interessieren mich einen Dreck.« Der Kundenberater war ärgerlich geworden. »Verzeihung, die Herrschaften, darf man sich möglicherweise einmischen?« ließ Josuah Parker sich in diesem Moment in seiner höflichen Art vernehmen. Er war kurz hinter seiner Herrin in das
Kundendienstbüro gekommen und hatte sich mit dem Inhalt eini ger Angebote vertraut gemacht. Nun aber wandte er sich Mylady und dem noch völlig ahnungslosen Berater zu. »Mischen Sie sich bitte in nichts ein«, herrschte der junge Mann den Butler gereizt an und widmete sich dann wieder Agatha Simpson. »Und Sie, Madam, sollten jetzt schleunigst verschwin den.« »Ihre Ausdrucksweise einer Dame gegenüber läßt einige Kardi nalwünsche offen«, schaltete der Butler sich erneut ein. »Ist Mis ter Hopper nun im Haus oder nicht?« »Das werde ich ausgerechnet Ihnen auf die Nase binden«, giftete der Kundenberater. »Und überhaupt! Unser Büro ist längst ge schlossen. Haben Sie nicht das Schild an der Tür gesehen?« »Ich verlange Ihren Chef zu sprechen, junger Mann«, grollte die ältere Dame. »Und wagen Sie es, mich anzufassen.« »Ich soll es wagen…?« »Die Dame bittet schließlich darum«, ließ der Butler sich verneh men und deutete einladend auf Agatha Simpson. »Ich… ich glaub’ doch glatt, daß mich ein Pferd tritt«, behauptete der Kundenberater in eindeutiger Übertreibung und… stöhnte lan ge, als er einen Fußtritt in Empfang nehmen mußte. Lady Simpson war so entgegenkommend gewesen, das nicht vor handene Pferd zu ersetzen. Die Spitze ihres großen Schuhs sorgte für nachhaltige Irritation im Schmerzzentrum des Mannes. Er zog das getroffene Bein an und faßte mit beiden Händen nach der fraglichen Stelle. »Wagen Sie es nicht noch mal, eine wehrlose Frau angreifen zu wollen«, fiel dann ihr bekannter Standardspruch. »Oder besser noch, wagen Sie es ruhig noch mal.« »Zu Mister Lome Hopper?« fragte der Butler und deutete mit der Schirmspitze auf eine Tür im Hintergrund. »Er hat jetzt wirklich keine Zeit«, stöhnte der unglückliche Kun denberater und langte dann ausgesprochen hastig nach seiner Schulterhalfter. * Er blickte den Butler aus leicht verglasten Augen an und atmete tief durch. Er saß am Fuß des Tresens und betrachtete seine Hän
de, deren Gelenke von einer Wegwerffessel aus Plastikstreifen noch zusätzlich um das Austrittsrohr einer Heizungsleitung ge schlungen waren. Der junge Kundenberater hatte keine Möglich keit, aufzustehen. »Ich hätte ihn doch ohrfeigen sollen«, meinte die resolute Dame verärgert. »Sie haben sich mit Ihrem Schirmgriff wieder mal vor gedrängt, Mister Parker.« »Um Mylady die Kärrnerarbeit abzunehmen«, meinte der Butler. »Mylady sollten sich einzig und allein auf Mister Lome Hopper konzentrieren.« »Nun gut, was nicht ist, kann ja noch werden.« Sie maß den Kundenberater mit einem hoffnungsfrohen Blick und marschierte dann zu der Tür im Hintergrund, neben der ihr Butler sich bereits aufgebaut hatte. Lome Hopper saß am Schreibtisch seines kleinen Privatbüros und bediente mit Hingabe einen Tischrechner. Er gab Zahlen ein, die er einigen Kontobüchern und Akten entnahm. »Muß man davon ausgehen, daß Sie Ihre Gewinne hochrechnen?« erkundigte sich der Butler und lüftete die schwarze Melone. Lome Hopper, der erst jetzt aufblickte, ließ seinen Unterkiefer nach un ten fallen und starrte die beiden Besucher mehr als überrascht an. »Sie haben mir da einige Individuen auf den Hals geschickt, jun ger Mann, die mir überhaupt nicht gefallen haben«, beschwerte sich Lady Simpson. »Ich verstehe kein Wort«, kam die von Parker erwartete Antwort. »Es handelt sich um zwei angebliche Kriminalbeamte, Mister Hopper, die inzwischen Myladys Gastrecht genießen«, erläuterte der Butler. »Darüber hinaus mußte meine Wenigkeit noch zwei weitere Männer zur Ordnung rufen, die Mylady in einem Ford folg ten.« »Alle vier Subjekte nannten Ihren Namen«, übernahm Agatha Simpson nun die Gesprächsführung, und zwar fast freiwillig. »Ich wünsche zu erfahren, was Sie mir dazu zu sagen haben.« »Ich weiß ja noch nicht mal, wer Sie sind«, beklagte sich Lome Hopper, doch er war ein schlechter Schauspieler. Er hatte längst herausgefunden, daß er es mit Lady Simpson und ihrem Butler zu tun hatte. Dennoch stellte Parker die ältere Dame und sich vor. Und dann sprach er sofort vom gesuchten Tester.
»Noch nie von gehört«, behauptete der Touristik-Unternehmer. »Und was diese vier Leute betrifft, nun, auch die sind mir nicht bekannt. Ich kann mir das nur so erklären, daß man Sie auf ‘ne falsche Spur locken will.« »Sie schließen also aus, daß Sie Mister Bartelett einen Gefallen erweisen wollten?« tippte der Butler an. »Bartelett? Wer soll das denn sein?« »Ihre Naivität ist schon wieder das, was man rührend nennen dürfte«, fuhr der Butler fort. »Ein Mann, der wie Sie in der Szene tätig ist, muß Mister Bartelett kennen.« »Nun ja, kann schon sein, daß ich mal von ihm gehört habe«, redete der Chef der Touristenbegleiter sich heraus. »Man hört ja eine Menge.« »Sie können sich aber auch vorstellen, daß Ihr Gedächtnis Ihnen einen Streich spielt?« erkundigte sich der Butler. »Das ist natürlich auch möglich«, räumte der Mann ein und lä chelte ironisch. »Mylady bietet Ihnen die einmalige Möglichkeit, Ihr Gedächtnis zu trainieren«, meinte der Butler nun. »Mylady lädt Sie hiermit ein, sich als Gast des Hauses zu fühlen.« »Als Gast des Hauses? Was für ein Haus meinen Sie denn?« »Myladys Haus in Shepherd’s Market«, präzisierte der Butler die Einladung. »Dort können Sie sich mit jenen beiden Männern un terhalten, die behaupten, in Ihrem Auftrag als Kriminalbeamte aufgetreten zu sein.« »Einen Dreck werde ich tun.« Lome Hopper, der längst aufge standen war, suchte im Seitenfach seines Schreibtischs nach ei ner Waffe. Und genau dies nahm die ältere Dame mit großem Wohlwollen zur Kenntnis. * Der sogenannte Glücksbringer vermittelte dem Verleiher von Be gleitern ein starkes Gefühl. Das im Pompadour untergebrachte Hufeisen klatschte gegen das Brustbein des Mannes, das die Rip pen zum Vibrieren brachte. Lome Hopper schnappte nach Luft, bekam einen tiefroten Kopf, taumelte gegen die Wand und rutschte an ihr herunter in Rich tung Spannteppich.
»Er will mich immer noch attackieren, Mister Parker?« fragte die ältere Dame und ließ ihren neckisch aussehenden Handbeutel kreisen. »Vielleicht nicht direkt, Mylady«, wiegelte der Butler ab. »Mister Lome Hopper dürfte sich im Augenblick im Stadium des Desinte resses befinden, um es mal so auszudrücken.« Parker beugte sich zu ihm hinunter und zupfte eine kleinkalibrige Automatic aus Hoppers Schulterhalfter. Der Vermittler von Kun denbegleitern ließ es widerstandslos geschehen und stierte den Butler aus großen Augen an. »Sie ließen Mylady und meine Wenigkeit in wessen Auftrag ver folgen und belästigen?« fragte Parker. »Weiß ich nicht«, antwortete er mühevoll. »Mylady könnten Ihrem Gedächtnis unter Umständen mit dem Pompadour nachhelfen«, warnte der Butler. »Bartelett«, erfolgte jetzt schnell die Antwort. »Halten Sie mir diese Frau vorn Leib, Parker.« »Sie unterstellen dem erwähnten Mister Bartelett der Tester zu sein?« »Ich weiß nichts von ‘nem Tester«, sagte der Gangster. »Ich bin nur auf Sie und die Lady angesetzt worden. Andere Sachen inte ressieren mich nicht.« »Dann sollten Sie jetzt von einem gewissen Dan Olsen reden«, schlug der Butler vor. Er konnte sich gut vorstellen, daß der Tes ter diesen Beschaffer von Spezialisten beauftragt hatte, den Spit zenkoch aus dem Weg zu räumen. Parker sprach in einer Form, die bei Lome Hopper den Eindruck erweckte, als wüßte der Butler bereits Bescheid. »Was ist mit Olsen?« Der Mann ging Parker sofort auf den Leim, doch der Butler ließ sich nichts anmerken. »Sie dürften ihn auf dem Gewissen haben, Mister Hopper. Sie wissen mit Sicherheit, was hier auf der Insel auf Mord steht.« »Wer hat Olsen ermordet?« brauste der Gangster auf. »Wer be hauptet diesen Blödsinn? Meine Leute haben Olsen weggebracht. – Er arbeitet jetzt in ‘ner Stadtküche.« »Dazu sollten Sie nähere Einzelheiten geben, Mister Hopper.« »Bevor er mich belügt, Mister Parker, müßte ich erst noch mal in Notwehr handeln«, warf Agatha Simpson ein. Sie ließ ihren per lenbestickten Pompadour nach unten fallen. Der Glücksbringer traf – vielleicht durchaus zufällig – die Zehenpartie des linken
Fußes von Lome Hopper. Der Mann jaulte auf, zog hastig die Füße
in Richtung Körper und hob abwehrend die Hände.
»Ich rede ja schon«, sagte er dann schnell.
»Wollen Sie mir etwa unterstellen, ich hätte dem nachgeholfen
und den Pompadour absichtlich auf Ihren Fuß fallen lassen?«
raunzte die ältere Dame.
»Nein, nein, natürlich nicht«, beteuerte Lome Hopper hastig.
»Das war reiner Zufall.«
»Das möchte ich mir auch ausgebeten haben«, erwiderte sie und
lächelte wohlwollend. »Wenn ich etwas hasse, mein Bester, dann
sind es bösartige Unterstellungen.«
»Es war’n Zufall, nichts als ein Zufall«, wiederholte der Gangster.
»Ich werde mir überlegen, ob ich Ihnen glauben kann, junger
Mann«, sagte Lady Simpson. »Bis dahin beantworten Sie mög
lichst schnell alle Fragen, die Mister Parker in meinem Sinn an Sie
richtet.«
»Mylady wünscht Angaben zur Person des Testers«, sagte der
Butler. »Vorher aber sollten Sie berichten, wo man Mister Dan
Olsen finden kann. Ihre Mitarbeiter haben ihn ja laut Ihrer Aussa
ge durch die Stadt bewegt.«
Lome Hopper redete – wie ein leichter Wasserfall.
* »Es wird sich doch hoffentlich herumsprechen, Mister Parker, daß ich dieses Subjekt mit nach Shepherd’s Market genommen habe«, sagte Lady Simpson. Sie stand in der großen Wohnhalle ihres Fachwerkhauses in Shepherd’s Market und hielt ein Sherryglas in der Hand. Parker war aus dem Souterrain gekommen. Er hatte den neuen Gast des Hauses, nämlich Lome Hopper, in jenem Gästezimmer untergebracht, das bereits von den beiden falschen Kriminalbe amten bevölkert wurde. »Der junge Mann vom Tresen in Mister Hoppers Büro wird den notwendigen Alarm bei Mister Bartelett auslösen, Mylady.« »Er ist der Tester, nicht wahr?« »Man sollte auch diese Möglichkeit keineswegs ausschließen, My lady«, antwortete der Butler. »Mister Bartelett dürfte aber in je
dem Fall einen sehr direkten und engen Kontakt zu dieser ge
suchten Person halten.«
»Mir ist da eben ein Gedanke gekommen, Mister Parker.« Sie
nickte beiläufig, als der Butler ihr nachschenkte.
»Myladys Gedanken zeichnen sich stets durch besondere Origina
lität aus«, entgegnete der Butler, ohne eine Miene zu verziehen.
»Ich denke an die sattgrüne Salatsuppe, Mister Parker«, redete
sie erstaunlich konzentriert weiter. »Hatte ich mein Kommen bei
diesem Spitzenkoch…«
»… Mister Paul Lantin, Mylady«, half Parker aus.
»… bei Mister Lantin angekündigt?«
»Dies war allerdings der Fall, Mylady«, antwortete der Butler.
»Normalerweise muß man dort einen Tisch vorbestellen.«
»Sie ahnen, worauf ich hinauswill, Mister Parker?« Die ältere Da
me blickte ihren Butler in einer Mischung aus Ungeduld und Tri
umph an.
»Meine bescheidene Wenigkeit vermag im Moment nicht, Myladys
Gedankenflug zu folgen«, bedauerte der Butler.
»Man wußte, daß ich kommen würde, Mister Parker. Und man
präparierte sich entsprechend. Der Tester wollte mich treffen!«
»Mittels einer überwürzten Salatsuppe, Mylady«, erinnerte der
Butler umgehend.
»Der Tester forderte mich damit heraus, Mister Parker. Er wollte
mir seine Macht beweisen.«
»Um anschließend schießen zu lassen, Mylady.« Parkers Stimme
klang neutral.
»Ich ziehe folgenden Schluß daraus, Mister Parker«, ergänzte sie
ungemein eifrig. »Dieser Mister Lantern, oder wie er heißen mag,
dieser Koch also könnte durchaus der Tester sein.«
»Der sich observiert fühlte, als Mylady sich zum Essen ansagte.«
»Richtig«, bestätigte sie. »Jetzt haben Sie endlich begriffen, Mis
ter Parker. Man muß eben Phantasie entwickeln, wenn man einen
Kriminalfall lösen will.«
»Mylady werden meiner Wenigkeit, was Phantasie betrifft, stets
ein nie erreichbares Vorbild sein und bleiben«, behauptete Josuah
Parker.
»Nun ja, das ist zwar richtig, Mister Parker, aber Sie sollten den
Mut dennoch nicht verlieren. Was halten Sie von meiner Lösung?«
»Sie klingt durchaus bestechend, Mylady«, erwiderte der Butler. »Danach täuscht Mister Paul Lantin nur vor, pro Woche fünfhun dert Pfund an den Tester zahlen zu müssen.« »Natürlich«, gab sie eifrig zurück. »Dieser Spitzenkoch zieht alle Fäden. Sorgen Sie ab sofort dafür, Mister Parker, daß ich ihn ü berführen kann.« »Meine bescheidene Wenigkeit wird sich ununterbrochen darum bemühen«, versprach der Butler, den nichts zu erschüttern ver mochte. »Haben Mylady für den Rest der Nacht noch Wünsche?« »Ich will doch sehr hoffen, daß ich wieder mal gestört werde«, lautete ihre Antwort. »Man wird schließlich alles versuchen, die sen Mann hier wieder zu befreien, nicht wahr? Wie war noch sein Name?« »Es handelt sich um Mister Lome Hopper«, erinnerte der Butler in gewohnt diskreter Manier. »Wie ich sagte.« Die passionierte Detektivin nickte und wandte sich in Richtung Treppe ab, um in ihre Privaträume zu gehen. Sie schritt wie eine regierende Monarchin majestätisch nach oben. »Denken Sie über meine Lösung nach, Mister Parker«, rief sie nach unten, als sie die Galerie erreicht hatte. Die Hausherrin winkte wohlwollend. »Morgen, nach dem Frühstück, werde ich den Tester überführen und ihn der Polizei überstellen.« Josuah Parker deutete eine Verbeugung an, die es ihm immerhin gestattete, sein Gesicht zu verbergen. * Der Butler wollte sich gerade zur Ruhe begeben, als das Telefon läutete. Er blickte auf die Uhr und nahm zur Kenntnis, daß es in zwischen auf drei Uhr zuging. Parker hob ab und schaltete auto matisch das Tonbandgerät ein, um die Unterhaltung mitzuschnei den. »Hier Dan Olsen«, sagte eine leise, ein wenig undeutliche Stim me. »Meine Wenigkeit hat absolut nichts dagegen«, antwortete der Butler. »Sie dürften sich verwählt haben. Sie sprechen mit Par ker, Josuah Parker.«
»Genau Sie muß ich sprechen«, fuhr der Mann fort, der sich als Dan Olsen vorgestellt hatte. »Ich bin der Koch aus Mister Lantins Restaurant.« »Sie überwürzten eine Salatsuppe«, erinnerte der Butler sich ge spielt. »Weil ich mußte«, erklärte der Spitzenkoch hastig und leise. »Man hätte mich sonst umgebracht.« »Wer hätte Ihnen so etwas angetan, Mister Olsen?« erkundigte sich der Butler. »Der Tester… Er hat mich wegschaffen lassen, doch ich bin vor rund einer Stunde entwischt. Ich halte mich zur Zeit in einer klei nen Pension in Paddington auf.« »Sie sind mit Ihrer momentanen Unterkunft zufrieden, Mister Ol sen?« »Mister Parker, Sie scheinen den Anruf nicht ernst zu nehmen«, beschwerte sich der Koch. »Der Tester bringt mich um, wenn er mich erwischt. Ich sitze in dieser Pension ohne einen einzigen Penny. Sie müssen mich auslösen und in Sicherheit bringen.« »Sollten Sie erraten haben, daß Lady Simpson dem sogenannten Tester auf den Fersen ist?« »Ich habe von meinen beiden Besuchern davon gehört. Die sind von einem Mister Hopper auf mich angesetzt worden.« »Sie würden es begrüßen, wenn man Sie möglichst umgehend aufsucht und in Sicherheit bringt?« »Davon hängt mein Leben ab, Mister Parker. Ich kann Ihnen viel leicht einen wichtigen Tip geben. Diese beiden Bewacher haben sich über den Tester unterhalten und in dem Zusammenhang ei nen Namen genannt.« »Den Sie jetzt am Telefon aber noch nicht nennen wollen, Mister Olsen?!« »Den halte ich solange zurück, bis Sie mir geholfen haben«, er klärte der Spitzenkoch. »Kommen Sie! Beeilen Sie sich!« »Ihre momentane Adresse, Mister Olsen?« Parker bekam eine Adresse in Paddington genannt, versprach, sich umgehend in Marsch zu setzen und legte auf. Anschließend wählte er Horace Pickett an, der um diese Zeit in seiner Wohnung war und hellwach reagierte, als der Butler sich meldete. »Meine Wenigkeit benötigt umgehend eine wichtige Überprü fung«, sagte der Butler und nannte dann die Adresse, die man ihm gerade mitgeteilt hatte. »Verfügen Sie, Mister Pickett, über
Freunde oder Bekannte, die in der Nähe dieser Adresse wohnen und sofort Nachforschungen anstellen können?« Horace Pickett nannte sofort einen Namen und versicherte dem Butler, der Bekannte sei sehr zuverlässig und auch gut. »Ihr Bekannter sollte große Vorsicht walten lassen«, mahnte der Butler. »Die Person, die sich als Olsen am Telefon vorgestellt hat, könnte ein sogenannter Killer sein.« »Wollen Sie den Mann sprechen, Mister Parker?« erkundigte sich Pickett. »Nur wenn keine unnötigen Risiken eingegangen werden, Mister Pickett. Darauf muß ich bestehen.« »Dieser Olsen gehört Ihnen schon jetzt«, entgegnete Horace Pi ckett und lachte leise. »Machen Sie sich keine Sorgen, Mister Par ker.« »Man wird Ihrem Freund selbstverständlich alle Unkosten erset zen, wie hoch sie auch sein mögen.« »Er wird Ihnen die üblichen Sätze berechnen«, gab der ehemalige Eigentumsumverteiler zurück. »Mister Derny geht es übrigens gut. Es besteht kein Zweifel daran, daß er für Bartelett geschos sen hat. Ob der aber der Tester ist, kann er nicht sagen. Unter uns, Mister Parker, Herb Derny hat nicht gerade das Pulver erfun den.« Josuah Parker wechselte noch einige Sätze mit Pickett, legte dann auf und dachte an Hopper, der ihm im Zusammenhang mit dem Spitzenkoch eine völlig andere Adresse genannt hatte. Sollte man vielleicht noch in der restlichen Nacht tätig werden? * Der Butler hatte das Fachwerkhaus auf dem Wirtschaftsweg hin ter der Rückfront des Anwesens verlassen und war in der herr schenden Dunkelheit schon allein wegen seiner schwarzen Klei dung so gut wie nicht zu sehen. Er trug über seinem Zweireiher den Covercoat und hatte sich den eng gerollten UniversalRegenschirm über den linken Unterarm gehängt. Auf dem Kopf saß die schwarze Melone, korrekt wie stets. Parker hatte es nicht weit bis zur nördlichen Durchgangsstraße. Er winkte einem Taxi und ließ sich in den Londoner Osten brin
gen. Sein Ziel war der Stadtteil Stepney, wo auch die beiden Gangster Spotson und Bartelett ihre Firmen betrieben. War Olsen nur rein zufällig dorthin gebracht worden? Lome Hopper hatte behauptet, man habe den Spitzenkoch Olsen nach Stepney geschafft. Angeblich arbeitete er jetzt in einer pri vaten Stadtküche, also einem Unternehmen, das sich auf Kanti nenessen spezialisiert hatte. Wegen Mylady machte der Butler sich keine Sorgen. Er kannte ihren festen Schlaf. Das Haus war bestens gesichert und konnte nicht heimlich besucht werden. Sicherheitshalber aber hatte Parker noch mal mit Pickett gespro chen und ihn veranlaßt, Myladys Fachwerkhaus diskret zu über wachen. Der ehemalige Umverteiler fremden Eigentums war so fort bereit gewesen, diesen Schutz selbst in die Hand zu nehmen. Parker konnte sicher sein, daß man den Schlaf der Lady nicht störte. Selbst um diese Zeit herrschte noch Leben und Treiben in der Millionenstadt, doch erfreulicherweise waren keine Staus vorhan den. Der Taxifahrer kam gut voran und brauchte etwa dreißig Minuten, bis er den Butler im äußeren Bereich von Stepney ab setzen konnte. Bis zur Stadtküche, von der Lome Hopper gesprochen hatte, war es nicht weit. Parker brauchte nur einige Querstraßen hinter sich zu bringen, um dann die Rückseite des kleinen Betriebes zu errei chen. Er war allein auf einer relativ schmalen und dunklen Straße, doch das machte ihm nichts aus. Es dauerte übrigens nicht lange, bis er vom Licht eines entgegen kommenden Wagens geblendet wurde. Die Scheinwerfer, die ihn erst vage erfaßt hatten, wurden voll aufgedreht. Der Wagen wur de jäh gebremst und an den Gehweg herangefahren. »Allein auf weiter Flur?« fragte eine eindeutig alkoholisierte Stimme. »Man wünscht einen guten Abend«, antwortete der Butler und lüftete die Melone. »Wir nehmen dich ein Stück mit«, sagte eine zweite Stimme. »Los steig’ ein, Mann! Is’ alles umsonst.« »Wir sin’ nich’ teurer als ‘n Taxi«, sagte die alkoholisierte Stim me. »Komm’ schon, Mann, bring’ mich bloß nich’ auf die Palme.« »Herzlichen Dank für Ihr Angebot«, lautete die immer noch höfli che Antwort des Butlers. Er war aus dem grellen Licht der
Scheinwerfer getreten und konzentrierte sich auf die beiden In sassen des ramponiert aussehenden Wagens. Diese Männer trugen Jeans, Lammfell-Westen und Springerstiefel. Ihr Haar war kurz geschoren. Irgendwie machten sie einen krie gerischen Eindruck. »Für runde zehn Pfund bringen wir dich glatt an die nächste Kreuzung«, bot der Mann mit alkoholschwerer Stimme seine Dienste weiter an. »Es können auch zwanzig Pfund sein.« »Oder mehr«, fügte sein Begleiter hinzu. Er hatte sich von seinem Partner gelöst und beschrieb einen Bogen um Parker. Es war sei ne Absicht, den Butler in die Zange zu nehmen. »Herzlichen Dank für Ihre so überaus hilfreichen Angebote«, er widerte Josuah Parker, höflich wie stets. »Aber die wenigen Schritte lohnen keineswegs den geplanten Einsatz. Darf man Ih nen noch einen recht angenehmen Verlauf der restlichen Nacht wünschen?« Die beiden jungen Nachtschwärmer kamen zur Sache. Sie brauchten dringend Geld und sahen in Parker ein Opfer, das man ohne Schwierigkeiten anzapfen konnte. Der Butler wirkte auch ein wenig weltfremd und hilflos. Man traute ihm keineswegs die Dy namik eines Einzelkämpfers zu. Der erste Geldforderer verstellte Parker den Weg und streckte seine rechte, flache Hand aus. »Zwanzig Pfund, Mann, bar auf die Kralle«, forderte er nun ein deutig. »Oder wir prüfen mal nach, was deine Knochen aushal ten.« Josuah Parker hörte seitlich hinter sich Schritte, die sich schnell näherten. Der zweite Straßenräuber wollte sich in Position brin gen, aber der Butler reagierte blitzschnell. * Sie saßen auf dem Gehweg und verstanden die Welt nicht mehr. Parker hatte sie auf sehr einfache, aber wirkungsvolle Weise au ßer Gefecht gesetzt. Die Bleifüllung im Bambusgriff seines Uni versal-Regenschirmes hatte wieder mal ganze Arbeit geleistet. Parker legte den beiden Straßenräubern Einwegfesseln an und verzichtete auf ein Verhör. Ihm war klar, daß es sich um eine rein
zufällige Begegnung handelte. Diese Kriminellen hatten mit dem Tester nichts zu tun. »Nehmen Sie im Wagen Platz«, forderte Parker die Männer auf und deutete mit der Schirmspitze auf das Fahrzeug. Sie hatten einige Mühe, seinem Wunsch nachzukommen, denn sie waren noch immer recht benommen. Parker bedachte sie zusätzlich mit einer Dosis aus seiner kleinen Sprühflasche und blieb dann an der hinteren Wagentür stehen. Die beiden eben noch starken Männer saßen auf dem Rücksitz und lächelten bereits mild. Das chemische Entspannungspräparat aus der Sprayflasche tat seine Wirkung. »Die Herren haben alptraumfreie Stunden vor sich«, kündigte der Butler an. »Falls die Zeit es erlaubt, wird man sich später noch mal mit Ihnen befassen.« Er schloß die Wagentüren von außen und warf den Schlüssel in einen Gully. Anschließend schritt er weiter, als sei nichts passiert. Zwischenfälle dieser Art waren ihm wohlvertraut und konnten ihn nicht aus der Ruhe bringen. Nach etwa zehn Minuten hatte er das Gebäude erreicht, in dem die Stadtküche untergebracht war, von der Lome Hopper gespro chen hatte. Es handelte sich um ein langgestrecktes, zweistöcki ges Haus, das auf einem Grundstück stand, auf dem früher mal eine Marmeladenfabrik produziert hatte. Über dem Eingang brannte eine schwachkerzige Lampe. Ihr Licht aber reichte, um zwei Wagen auszumachen. Es handelte sich um einen japanischen Geländewagen und um einen großen Vauxhall. Hinter dem Fenster links vom Eingang brannte Licht, das durch einen Vorhang schimmerte. Parker betrat den Vorplatz, hielt sich an der Brandmauer, ver schmolz förmlich mit ihr und pirschte sich an das Gebäude heran. Daß hier tatsächlich gearbeitet wurde, sah man an den überquel lenden Großbehältern für Müll und an den Kästen mit leeren Fla schen. Zwei Ratten, die sich gestört fühlten, quiekten verärgert und ver schwanden in der Dunkelheit. Parker umging die Flaschenkästen, die man übereinander gestapelt hatte, und blieb vor einer schma len Hintertür stehen. Mit seinem kleinen Spezialbesteck brauchte er nur wenige Augen blicke, bis das Schloß sich öffnete.
Parker betrat einen gekachelten Raum, der als Vorratslager dien te. Kartons, Konserven, Flaschen und Großpackungen an Mehl, Salz, Nudeln und Kartoffelpüree standen auf langen Regalbret tern. Der Butler blieb vor einer weiteren Tür stehen, horchte und be wegte dann sehr vorsichtig den Drehgriff. Er stieß die Tür zenti meterweise auf, hörte leise Musik und roch frischen Tabakrauch. Die Großküche war also besetzt. Ein Hüsteln machte ihm deutlich, daß er es mit mindestens einem Mann zu tun hatte. Seine Vermutung erwies sich als richtig. Nachdem er einen Korridor hinter sich gebracht hatte, blickte er in ein kleines Büro, in dem ein stämmiger, untersetzter Mann saß, der vielleicht dreißig Jahre alt sein mochte. Er rauchte, trank Bier aus einer Dose und hatte sich auf den Bildschirm eines tragbaren Fernsehgeräts konzentriert, das einen Krimi aus den sechziger Jahren lieferte. Parker erkannte den Film sofort wieder. Der USHauptdarsteller Robert Mitchum war unverkennbar. »Guten Morgen, wie man wohl inzwischen sagen muß«, grüßte der Butler und… berührte mit dem Bambusgriff seines Schirmes nachdrücklich den Hinterkopf des Mannes, der daraufhin nicht mehr in der Lage war, den Gruß des Butlers zu beantworten. * Dan Olsen machte einen ziemlich kühlen Eindruck. An Händen und Füßen gefesselt, lag er im Vorraum zu einem gro ßen Kühlraum. Der Spitzenkoch schluchzte vor Freude und Dank barkeit, als Parker ihn entfesselte und ihm dann vorschlug, ein belebendes Getränk zu sich zu nehmen. »Meine Wenigkeit geht davon aus, daß Sie seit einigen Stunden hier gekühlt wurden«, meinte der Butler. »Darf man in Erfahrung bringen, wem Sie dies zu verdanken haben?« »Dem Tester«, lautete die Antwort, die den Butler hoffen ließ. »Sie kennen demnach den Mann?« fragte er. »Seinen Partner«, schränkte der Spitzenkoch ein. Er schleppte sich mit Parkers Unterstützung ins Büro und warf einen erleichter ten Blick auf den Mann, dem Parker mit dem Griff seines Schirms einen guten Morgen gewünscht hatte.
»Der da hat mich bewacht«, sagte Olsen. »Und er hat sich nicht gerade gut benommen.« »Man wird ihn mit Sicherheit zur Rechenschaft ziehen«, versprach Parker dem Spitzenkoch. »Wäre Ihnen vorerst mit einem Brandy gedient, Mister Olsen?« Der Spitzenkoch nickte. Ließ sich in einen Sessel fallen und nippte anschließend ausgiebig an dem Brandy, den der Butler ihm ge reicht hatte. Olsen schien einen guten Tropfen keineswegs zu verschmähen. Er war um die vierzig Jahre alt, erstaunlich schlank und entsprach so gar nicht dem Aussehen eines Kochs, den man sich in der Regel recht rundlich vorstellt. »Sie glauben also zu wissen, wer der Tester ist«, erinnerte der Butler. »Dazu sollten Sie sich äußern, Mister Olsen.« »Ich weiß, daß mein Chef erpreßt wird«, begann der Spitzenkoch. »Alle in unserer Küche wußten das. Der Tester hat sich an die Häuser mit erstklassigen Köchen herangemacht.« »Sie mußten, wie erinnerlich, eine Salatsuppe versalzen«, lieferte der Butler das nächste Stichwort. »Ich bin’s gewesen«, räumte Olsen sofort ein. »Und ich hatte überhaupt keine andere Möglichkeit.« »Die Einzelheiten dieses Versalzens sollten Sie vielleicht noch hinzufügen«, bat Josuah Parker. »Ich bin angerufen worden«, meinte Olsen, »so einfach war das. Nachdem Sie das Essen bestellt hatten, kam der Anruf. Der Tes ter war in der Leitung und sagte mir, ich sollte mal hinüber zur Hecke hinter unserer Küche sehen.« »Was Sie selbstverständlich umgehend taten, Mister Olsen.« »Da ließ sich ein Mann blicken, der ein Gewehr mit Zielfernrohr in Händen hatte«, berichtete der Spitzenkoch. »Als ich dann wieder am Telefon war, sagte der Tester, ich sollte die Suppe zu ‘ner ungenießbaren Brühe versalzen. Falls nicht…« »… drohte man Ihnen mit einem gezielten Schuß, nicht wahr?« »Haargenau, Mister Parker«, sagte der Meister der Töpfe und Pfannen. »Offen gesagt, ich hab’ mich nicht geziert und eine Handvoll Salz in die Suppe geworfen. Und dann bin ich aus der Küche gelaufen.« »Sie hatten dabei welches Ziel vor Augen, Mister Olsen?« »Ich wollte zu mir nach Hause und allen Fragen aus dem Weg gehen. Ehrlich gesagt, ich habe mich schrecklich geschämt. Zu Hause bin ich dann abgefangen worden, noch vor dem eigentli
chen Haus. Zwei Männer stellten sich mit ihrem Wagen quer und schleppten mich ab. Schließlich bin ich hier gelandet.« »Nannte man Gründe für Ihre Entführung, Mister Olsen?« erkun digte sich der Butler. »Überhaupt keine, Mister Parker. Ich fragte mich die ganze Zeit, warum ich für den Tester so wichtig bin. Ich weiß doch überhaupt nichts von ihm.« »Sie erfuhren eine bevorzugte Behandlung«, meinte Josuah Par ker. »Sie kennen den Betreiber dieser Stadtküche hier?« »Keine Ahnung, wer das sein könnte, Mister Parker.« Er zuckte die Achseln. »Das hier ist ein Kantinenbetrieb, verstehen Sie? So etwas kann schließlich jeder Koch aufziehen, der gerade noch Kartoffeln gar kochen kann.« »Man wird Sie jetzt in Sicherheit bringen, Mister Olsen«, sagte der Butler, »das heißt, Sie sollten angeben, wohin Sie verbracht zu werden wünschen. Verfügen Sie über meine bescheidene We nigkeit.« Olsen tat es und nannte eine Adresse. * Horace Pickett hatte sich von einem Taxi in der nahen Seitenstra ße absetzen lassen und traf sich mit dem Butler in einer Tor durchfahrt. Der ehemalige Liebhaber fremder Tascheninhalte blickte den Butler interessiert an. »Ihre prompte Reaktion ist mehr als erfreulich«, sagte Josuah Parker und deutete dann mit der Schirmspitze auf ein kleines Reihenhaus, in dem ein Fenster im Obergeschoß Licht zeigte. »Dort drüben dürfte ein Mister Dan Olsen Zwischenstation ma chen.« »Olsen? Ist das nicht der verschwundene Koch?« Pickett wußte von Parker, welche Personen und Namen im Spiel waren. »Ein Koch, der für den Tester von großem Wert sein muß«, er klärte der Butler. »Mister Olsen wurde nicht ohne Grund gekid nappt und in einer Großküche festgehalten.« »Demnach weiß er etwas, das nicht an die Öffentlichkeit darf«, mutmaßte der Taschendieb a. D. »Damit dürften Sie die Dinge auf den Punkt gebracht haben, Mis ter Pickett«, gab Parker leise zurück. »Mister Olsen befindet sich
im Besitz wichtiger Informationen, die nur den gesuchten Tester betreffen können.« »Riskiert Olsen vielleicht ein privates Spiel, Mister Parker?« tippte Horace Pickett an. »Davon sollte man ausgehen«, pflichtete der Butler ihm bei. »Mister Olsen wird sicher bald wieder sein Haus verlassen und sich eine neue Unterkunft suchen.« »Er hat einen eigenen Wagen drüben?« »Davon sollte man ausgehen, Mister Pickett.« »Dann werde ich uns auch einen besorgen müssen«, schlug Pi ckett wie selbstverständlich vor. »Sie denken doch hoffentlich nicht an einen Diebstahl, Mister Pi ckett?« fragte der Butler. »Aber überhaupt nicht«, machte der ehemalige Überträger frem den Eigentums deutlich. »Ich leihe höchstens einen Wagen aus und hinterlasse eine anständige Leihgebühr.« »Sie wissen, wie sehr meine Wenigkeit ungesetzliche Dinge gera dezu haßt, Mister Pickett.« »Darum würde ich auch niemals einen Wagen nehmen«, erklärte Pickett and verschwand in der Dunkelheit. Es lauerte nur wenige Minuten, bis ein Fahrzeug vor der Toreinfahrt hielt. Pickett stieg aus und nickte dem Butler zu. »Damit möchte meine Wenigkeit sich verabschieden«, sagte der Butler. »Finden Sie freundlicherweise heraus, wohin Mister Olsen noch fahren wird, um…« »Ich glaube, es geht bereits los«, sagte Pickett rasch. Das Licht im schmalen Haus wurde abgeschaltet. Nach einigen Minuten er schien Olsen in der Haustür. Er hielt eine Reisetasche in Händen und schloß einen Renault auf, der seitlich vor seinem Haus am Straßenrand stand. Er verstaute die Reisetasche, setzte sich ans Steuer und fuhr los. Parker lüftete überaus höflich die schwarze Melone, als Horace Pickett ebenfalls anfuhr und bald mit dem Renault in einer Seiten straße verschwand. Der Butler schritt gemessen und würdevoll zurück zu jener Stelle, an der er die verhinderten Straßenräuber zurückgelassen hatte. Sie schnarchten im Duett. Parker benutzte sein Patentbesteck, sperrte die Fahrertür auf und setzte sich ans Steuer. Er fuhr mit dem Leihwagen bis in eine belebte Durchgangstraße, stieg hier aus und hatte keine Mühe, einem regulären Taxi zu winken. Er
ließ sich nach Shepherd’s Market zurückfahren und kam noch
zurecht, um für Mylady das Frühstück zu richten.
»Nun, Mister Parker?« erkundigte sie sich, als sie später im klei
nen Salon erschien. »Hat sich etwas getan, was ich wissen soll
te?«
»Nur einige grundbelanglose Dinge«, gab Josuah Parker zurück.
»Mylady sollten zur Kenntnis nehmen, daß Mister Olsen sich wie
der eingefunden hat.«
»Sehr schön«, meinte sie. »Und wer ist das?«
Parker setzte die ältere Dame ins Bild mit einer Engelsgeduld, die
er im Verlauf seiner Jahre bei Agatha Simpson bis zur schönsten
Blüte kultiviert hatte.
* »Das hier kommt mir alles recht bekannt vor«, sagte die ältere Dame. Sie saß im Fond des hochbeinigen Monstrums und muster te die Parklandschaft am Oberlauf der Themse in der Nähe von Richmond. Nach dem Frühstück war Parker von Horace Pickett angerufen und nach Richmond gebeten worden. »Mylady sind auf dem Weg zum Restaurant des Mister Paul Lan tin«, erläuterte der Butler. »Richtig, Sie sprachen davon… Eine an sich gute Küche, wenn die scheußliche Suppe nicht gewesen wäre. Dafür ist der Lokalinha ber mir noch etwas schuldig.« »Mylady denken jetzt an Mister Paul Lantin«, wußte der Butler. »An den Tester«, sagte sie mit Nachdruck. »Hatte ich nicht eine entsprechende Theorie, Mister Parker?« »Mylady befaßten sich in der Tat mit Mister Lantin«, antwortete der Butler. »Momentan dürfte sich in seinem Haus Mister Olsen aufhalten.« »Aha, meine Vermutung ist also richtig, nicht wahr?« »Dies, Mylady, wird sich sehr bald erweisen«, gab Parker vorsich tig zurück. »Mister Pickett fand nur heraus, daß Mister Olsen nach Richmond fuhr und sich zur Zeit im besagten Feinschmeckertem pel aufhält.« »Und das hat seinen Grund, Mister Parker.« Ihre Stimme klang triumphierend.
»Dem möchte und wird meine Wenigkeit nicht widersprechen«, lautete Parkers Antwort. »Könnten Mylady sich mit der Tatsache anfreunden, daß man den Wagen vor dem eigentlichen Restau rant zurückläßt und einen kleinen Fußmarsch absolviert?« »Sie wissen doch, wie gut ich zu Fuß bin, Mister Parker«, lobte sie sich. »Wie viele Kilometer verlangen Sie von mir?« »Nur einige hundert Meter, Mylady.« Parker stellte später sein hochbeiniges Monstrum hinter einer hohen Taxushecke ab und lud seine Herrin zu einem kleinen Spa ziergang ein. Sie machte einen sehr entschlossenen Eindruck, als sie auf ihren stämmigen Beinen stand, schnaufte fast drohend und setzte dann ihre beeindruckende Fülle in Bewegung. »Hoffentlich haben Sie an eine Erfrischung für meinen Kreislauf gedacht« meinte sie schon nach knapp hundert Metern. »Zu Myladys Diensten.« Parker blieb stehen und holte die leder umspannte Taschenflasche aus seinem Covercoat. Er schraubte den ovalen Verschluß ab und benutzte ihn als Becher. Mylady brauchte zwei kleine Cognacs, bis ihr Kreislauf sich wieder stabilisiert hatte. Ihre Wangen röteten sich zusehends, ihre grau en Augen blitzten. »Ich befinde mich in Höchstform«, sagte sie energisch. »Wo, Mis ter Parker, ist nun dieser Tester, der mir die Suppe versalzte?« »Könnten Mylady vorerst mit Mister Pickett vorliebnehmen?« Par ker deutete mit der Schirmspitze auf den ehemaligen Eigentum sumverteiler, der hinter mächtigem Rhododendron hervortrat und höflich grüßte. »Mein lieber Pickett«, sagte sie und lächelte wohlwollend. »Ich hoffe sehr, daß Sie mir gute Nachrichten bringen.« »Dan Olsen ist seit gut drei Stunden drüben im Restaurant«, sag te Pickett. »Inzwischen ist auch Lantin gekommen. Und dieser Bartelett.« »Wer ist Lantin?« fragte Agatha Simpson leicht gereizt. »Der Betreiber des Restaurants, der Mylady noch ein Menü schul dig ist«, erinnerte der Butler. »Ich weiß, ich weiß«, gab sie ungeduldig zurück. »So etwas ver gesse ich nie, Mister Parker. Nun denn, voran… Folgen Sie mir!« »Vielleicht sollte man sich mehr oder weniger heimlich an das Restaurant heranpirschen«, schlug der Butler vor. »Im Grunde hasse ich Heimlichkeiten«, sagte die ältere Dame, »aber in diesem Fall will ich eine Ausnahme machen.«
»Sie sind allein, Mister Pickett?« fragte Parker.
»Ich habe nach und nach ein paar gute Freunde eingeladen, hier
aufzukreuzen«, antwortete der ehemalige Eigentumsumverteiler.
»Nach getaner Arbeit werden wir doch sicher eine Kleinigkeit es
sen können, wie?«
»Fühlen Sie sich von Mylady bereits eingeladen«, versicherte der
Butler ihm.
»Warum auch nicht, mein lieber Pickett«, pflichtete die ältere
Dame ihrem Butler bei. »Selbst belegte Brote müssen hier doch
recht passabel schmecken.«
Parker und Pickett tauschten einen schnellen Blick. Sie kannten
schließlich die Sparsamkeit der Lady Simpson.
* Das Bild hatte sich wiederholt. Spitzenkoch Olsen saß erneut auf dem gekachelten Boden, trug zur Abwechslung aber diesmal eine Kochmütze und war an Hän den und Füßen gefesselt. Man schien ihn mit dem Inhalt eines großen Kochtopfes behandelt zu haben. Eine zäh wirkende Nu delmasse wälzte sich von seinem Kopf auf die Schultern. Vor ihm stand eine Reisetasche, aus der erstaunlicherweise das Oberteil eines Weckers mit zwei Glocken schaute. Was dies zu bedeuten hatte, konnte man nur ahnen. Vor Olsen stand Paul Lantin. Neben ihm hatte sich Bartelett auf gebaut. Die beiden Männer blickten auf den Spitzenkoch hinunter, der einen kläglichen Eindruck machte. »Wir fahren gleich los«, sagte Bartelett, der sich eigentlich mit Staubsaugern befaßte. »Sie werden nicht noch mal versuchen, uns zu erpressen, Olsen.« »Chef, das können Sie doch nicht machen«, beschwor der Spit zenkoch den Betreiber des Feinschmeckertempels. »Ich würde Sie niemals verpfeifen.« »Sie haben versucht, mich zu erpressen«, antwortete Lantin. »Das reicht bereits. Kommen Sie, Bartelett, ziehen wir einen Schlußstrich!« »Moment mal, denken Sie an diesen Butler«, bäumte Olsen sich auf.
»Der und seine Lady sind ebenfalls reif«, antwortete Bartelett wütend. »Die haben mir lange genug Ärger gemacht. Die lasse ich gezielt abschießen.« »Ich… ich hab ‘ne Nachricht hinterlassen… Die wird veröffentlicht, falls mir was passiert… Ich hab’ schon die ganze Zeit über geahnt und dann gewußt, daß Sie der Tester sind, Chef.« »Ach ja, wirklich?« Lantin lachte leise. »Ich habe ein paar Gespräche zwischen Ihnen, und Bartelett mit geschnitten«, redete Olsen hastig weiter. »Sie haben vor, diesen Artikelschreiber Rodway als Tester vorzuschieben.« »Er ist der geborene Täter«, schaltete Bartelett sich ein. »Olsen, geben Sie sich keine Mühe. Wir werden Sie zusammen mit ihm in die Luft sprengen, sobald er hier ist.« »Und… und wie wollen Sie das der Polizei gegenüber erklären?« fragte der Spitzenkoch mit heiserer Stimme. »Sie haben den Tester, nämlich Rodway, dabei überrascht, als er hier ‘ne Sprengladung legen wollte«, setzte Bartelett ihm ausein ander. »Und dabei ist die Ladung leider hochgegangen.« »Damit kommen Sie niemals durch… Denken Sie an das Tonband, Chef«, kreischte Olsen förmlich. »Wenn Sie mich am Leben las sen, ziehe ich das Papier und das Tonband zurück.« »Was Sie da abziehen, Olsen, ist ein mieser Bluff«, ließ Bartelett sich leise auflachend vernehmen. »Selbst wenn das Zeug existie ren sollte, wird es keine Beweiskraft haben. Sie werden nämlich dazu nichts mehr sagen können. Halten Sie jetzt aber endlich den Rand, Olsen, wir wollen den guten Rodway doch nicht abschre cken, oder?« Und dann wollte Bartelett mit einer riesigen Aluminium-Kelle zu schlagen. Er holte weit aus und hatte die Absicht, die Außenwöl bung der Kelle in Olsens Gesicht zu plazieren. Er nahm allerdings davon Abstand, nachdem Parker den Griff sei nes Schirmes als Bremse eingesetzt hatte. Er hakte hinter das Armgelenk und sorgte dafür, daß Bartelett die Kelle aus der Hand fiel. Bevor der Gangster sich auf seinen Gegner einstellen konnte, der sich ihm leise genähert hatte, trat Lady Agatha in Erschei nung. Sie hatte sich für eine Hühnerbouillon entschieden, die auf dem großen Herd zu kochen begann. Nachdem sie ihm eine ausgiebige Portion in den Hemdkragen ge kippt hatte, wurde Bartelett zu einem Sprinter, der schreiend und gestikulierend um die Feuerstelle kreiste, dann durch die Tür nach
draußen rannte und dort die Aufmerksamkeit einiger Freunde von Horace Pickett erregte. Mit der Schirmspitze fischte der Butler einige Dynamitstäbe aus der Reisetasche. Sie waren mit Klebeband umwickelt und durch bunte Drähte mit dem Wecker verbunden. »Eine überaus wirkungsvolle Kombination, Mister Lantin«, sagte der Butler zu dem Betreiber des Feinkosttempels. »Daß Ihr Spiel als Tester beendet ist, dürfte Ihnen doch klar sein.« »Warum, zum Teufel, mußten Sie ausgerechnet gestern bei mir aufkreuzen?« beschwerte sich der Mann fast. »Ich hatte vor, eine richtige Show abzuziehen. Ich wollte die Presse alarmieren und ihr zeigen, wie sehr ich unter Druck gesetzt wurde.« »Sie gaben Mister Olsen nicht den Auftrag, Myladys Suppe zu versalzen?« »Aber ganz sicher nicht. Das hat Olsen absichtlich gemacht.« »Stimmt haargenau«, schaltete der Spitzenkoch sich ein. »Ich wollte Parker und die Lady auf den Tester aufmerksam machen.« »Damit Sie in der Lage waren, den sogenannten Tester und sei nen Partner Bartelett erpressen zu können?« tippte der Butler an. »Nun, um ein Haar, Mister Olsen, hätten Sie dies wohl kaum ü berlebt. Nun aber zu dem Schützen, Mister Lantin…« »Der sollte schießen, sobald die Presse erschienen war, aber Ol sen hat ihn irritiert und das vereinbarte Zeichen zu früh gesetzt.« »Ein Zeichen, junger Mann?« wollte die ältere Dame wissen. »Er muß Bartelett und mich abgehört haben«, vermutete Lantin. »Derly sollte schießen, sobald hier am Haus der Sonnenschirm an der Seitentür geöffnet wurde. Und das hat ja dann auch ge klappt.« »Sie müssen Gründe gehabt haben, als Tester aufzutreten«, wechselte der Butler das Thema. »War es reine Geldgier?« »Die Geschäfte hier lohnen sich nicht mehr«, gestand Lantin und senkte den Kopf. »Die Kosten wurden einfach zu hoch. Ich schaff te es nicht mehr und hätte mein Haus verkaufen müssen. Da kam mir Bartelett gerade recht, der hier aß. Den Rest können Sie sich ja vorstellen. Und einen möglichen Täter hatten wir schnell ge funden, nämlich Ralph Rodway.« »Genug jetzt der Geständnisse«, ließ die Detektivin sich verneh men und warf einen Blick auf den Kritiker Rodway, der von einem Pickett-Bekannten hereingeführt wurde. »Und keine Erklärungen
vorerst. Ich wünsche eine Kleinigkeit zu mir zu nehmen.« Sie blickte ihren Butler an. »Wie Mylady zu wünschen geruhen«, sagte Josuah Parker und deutete eine Verbeugung an. »Die Herren Pickett und Rodway werden meiner Wenigkeit sicher dabei helfen.« »Und sofort einen Aperitif in Form eines Sherry«, verlangte die ältere Dame weiter. »Dann können von mir aus die Details be sprochen werden, die eine Lady Simpson schon nicht mehr inte ressieren. Für mich ist der Fall erledigt.« Sie bedachte alle Anwesenden in der Küche mit einem erstaunlich wohlwollenden Blick und begab sich zurück in das Restaurant. Dabei begegnete sie Bartelett, der sich von seinen BouillonSprints erholt hatte und nun lammfromm wirkte. »Damit Sie es gleich wissen«, sagte die ältere Dame und blieb kurz stehen. »Ich wußte von Beginn an, wer der Tester ist und wer ihm zuar beitete, mein Bester. Eine Lady Simpson kann man nicht düpie ren.« Parker, der ihr gefolgt war, enthielt sich jeden Kommentars.
-ENDENächste Woche erscheint BUTLER PARKER Band 494 Jochen Ko busch
PARKER spielt mit Plastiksprengstoff Für Josuah Parker ist es eine peinliche Angelegenheit, wenn mit Worten und viel Beredsamkeit nichts mehr auszurichten ist. Er sieht sich in aller Bescheidenheit gezwungen, gewisse Machtmittel zu ergreifen. Die Erfindung jenes Alfred Nobel – in verfeinerter Form – war in Parkers Melone am besten aufgehoben, aber nie mand darf den Butler nötigen, unfreie Entschlüsse zu fassen. Es kommt zwangsläufig ohnehin zu gewissen Unstimmigkeiten, die ebenjener Plastiksprengstoff auslöst. Mylady ist wenig erbaut von den Ergebnissen, zumal sie sich wieder sehr weit vorgewagt hat. Mike Rander, ihr Vermögensverwalter und Rechtsberater, vermit telt fruchtlos, und es liegt an Parker persönlich, auf bewährte Weise Frieden zu stiften…
Gönnen Sie sich jede Woche BUTLER PARKER! Curd H. Wendt