Literaturlexikon 2.A. Band 2, Boa – Den
Herausgegeben von Wilhelm Kühlmann
Walter de Gruyter
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Literaturlexikon 2.A. Band 2, Boa – Den
Herausgegeben von Wilhelm Kühlmann
Walter de Gruyter
Killy Literaturlexikon
Band 2
Killy Literaturlexikon Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes 2., vollständig überarbeitete Auflage Herausgegeben von Wilhelm Kühlmann in Verbindung mit Achim Aurnhammer, Jürgen Egyptien, Karina Kellermann, Helmuth Kiesel, Steffen Martus, Reimund B. Sdzuj Band 2 Boa – Den
Walter de Gruyter • Berlin • New York
Die erste Auflage erschien unter dem Titel Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache im Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh/München, herausgegeben von Walther Killy unter Mitarbeit von Hans Fromm, Franz Josef Görtz, Gerhard Köpf, Wilhelm Kühlmann, Gisela Lindemann, Volker Meid, Nicolette Mout, Roger Paulin, Christoph Perels, Ferdinand Schmatz, Wilhelm Totok und Peter Utz. Die in diesem Lexikon gewählten Schreibweisen folgen dem Werk „WAHRIG – Die deutsche Rechtschreibung“ sowie den Empfehlungen der WAHRIG-Redaktion. Weitere Informationen unter www.wahrig.de Redaktion: Christine Henschel (Leitung) und Bruno Jahn Redaktionsschluss: 31. Januar 2008
1 Gedruckt auf säurefreiem Papier, *
das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt. ISBN 978-3-11-020375-2 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. für die 1. Auflage by Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH, Gütersloh/München 1988 – 1993 Alle Rechte vorbehalten für die 2. Auflage 2008 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, D-10785 Berlin Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Einbandgestaltung: Christopher Schneider, Berlin Satz: Konrad Triltsch, Ochsenfurt-Hohestadt Druck und buchbinderische Verarbeitung: Hubert & Co., Göttingen
Verfasserinnen und Verfasser der Beiträge dieses Bandes Irmgard Ackermann Sylvia Adrian Philip Ajouri Michael Albrecht Heidrun Alex Robert J. Alexander Alfred Anger Klaus Arnold Matthieu Arnold Willem van Asselt Achim Aurnhammer Achim Ayren Martina Backes Claus-Ekkehard Bärsch Remigius Bäumer Arno Bammé André Barz Angelica Baum Michael Behnen Hans-Joachim Behr Wolfgang F. Bender Ingrid Bennewitz Sabine Beußel Wolfgang Beyrodt Wolfgang Biesterfeld Dietrich Blaufuß Hans Peter Bleuel Friedrich W. Block Herbert Blume Alfred Bodenheimer Gernot Böhme Alexander von Bormann Michael Braun Werner Braun Martin Brecht Dieter Breuer Gisela Brinker-Gabler Jürg Brönnimann Horst Brunner Andreas Bürgi Fritz Büsser Gudrun Busch Volker Busch
Rémy Charbon Paolo Chiarini Friederike Christ-Kutter Germinal Cˇivikov Ralf Georg Czapla Holger Dainat Birgit Dankert Lutz Danneberg Franz-Josef Deiters Christoph Dejung Heinrich Detering Werner Dettelbacher Gerd Dicke Peter Dilg Irene Dingel Peter Dinzelbacher Detlef Döring Gerald Dörner Verena Dohrn Reinhard Düchting Klaus Düwel Michel Durand Thomas Eder Hans Heinrich Eggebrecht Jürgen Egyptien Andrea Ehlert Hermann Ehmer Wilhelm K. Essler Eckhard Faul Jörg-Ulrich Fechner Ernst Feil Katharina Festner Hubert Filser Bernhard Fischer Cornelia Fischer Ernst Fischer Frank Fischer Petra Fochler Jürgen Fohrmann Konrad Franke Christian Frankenfeld Heino Freiberg Jutta Freund
Verfasserinnen und Verfasser der Beiträge dieses Bandes Jochen Fried Maria Frisé Cornelia Fritsch Wolfgang Frühwald Sabine Fuchs Frank Fürbeth Anton Gälli Martin Gaier Klaus Garber Sabine Geese Guillaume van Gemert Rolf George Michael R. Gerber Ulrich Giersch Bernd Goldmann Peter Goßens Klaus Graf Bernhard Graßl Mathias Greffrath Wolfgang Griep Detlef Haberland Wilhelm Haefs Claudia Händl Günter Häntzschel Hiltrud Häntzschel Andrea Hahn Wolfgang Harms Eberhard Haufe Jens Haustein J. P. Heering Matthias Heinzel Gabriele Henkel Christine Henschel Klaus Hensel Andreas Herberg-Rothe Walter Hettche Heribert A. Hilgers Karin Hoff Peter Hoffmann Otto Holzapfel Alexander Honold Christoph Huber Adrian Hummel Bettina Hurrelmann Bernhard Iglhaut Stefan Iglhaut Ferdinand van Ingen Andrea Jäger Bruno Jahn Herbert Jaumann Michael Jucker Renate Jürgensen Rudolf Käser Manfred Karnick
Helene M. Kastinger Riley Karina Kellermann Hans-Georg Kemper Florian Kessler Uwe-K. Ketelsen Katharina Kienholz Christian Kiening Wolfram Kinzig J. Klaus Kipf Dorothea Klein Erich Kleinschmidt Annette Kliewer Martin Klöker Kathrin Klohs Sandra Kluwe Manfred Knedlik Reinhard Knodt Jan Knopf Peter König Barbara Könneker Jürgen H. Koepp Sabine Koloch Henk J. Koning Katrin Korch Gisela Kornrumpf Fritz Krafft Hannes Krauss Wynfrid Kriegleder Marcel Krings Melanie Kronenberg Hans-Martin Kruckis Wilhelm Kühlmann Thomas Küpper Hartmut Kugler Rolf Max Kully Walther Kummerow Gerhard Kurz Volker Langeheine Corinna Laude Erwin Leibfried Felix Leibrock Wolfgang Leierseder Wolfgang Günter Lerch Pia-Elisabeth Leuschner Irmgard Lindner Charles Linsmayer Birgit Lönne Raffaele Louis Roman Luckscheiter Walther Ludwig Martin Lüdke Paul Michael Lützeler Matthias Luserke-Jaqui Cornelia Lutz
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VII Wolfgang Maaz Ulrich Maché Inge Mager Barbara Mahlmann-Bauer Kunigunde Malnieks Klaus Manger Zdeneˇk Marecˇek Hendrik Markgraf Christine Martin Dieter Martin Monika Maruska Reiner Marx Arno Matschiner Beat Mazenauer Eckehard Methler Walter Methler Wolfgang Mettmann Erika A. Metzger Dietrich Meyer G. H. M. Posthumus Meyjes Wolfgang F. Michael Josef Morlo Edgar Morscher Elfriede Moser-Rath Dominik Müller Gerhard Müller Gernot Michael Müller Philipp Müller Wolf-Dieter Müller-Jahncke Jutta Müller-Tamm Lothar Mundt Bernd Naumann Birgit Nestler Monika Neugebauer-Wölk Bernd Neumann Gunther Nickel Martin Oesch Günter Oesterle Ingrid Oesterle Peter Opitz Ernst Wolfgang Orth John Osborne Ernst Osterkamp Norbert H. Ott Clemens Ottmers Peter Karl Pabisch Walter Pape Rolf Paulus Jens Pfeiffer Kristina Pfoser-Schewig Stephan Porombka Bernd Prätorius Frank Prietz Veit Probst
Verfasserinnen und Verfasser der Beiträge dieses Bandes Rosemarie Inge Prüfer Frank Raepke Jürgen Rathje Peter Reichel Quirinus Reichen Karin Reimer-Sebald Heimo Reinitzer Helmut Riege Jörg Riemer Bodo Rinz Inge Rippmann Werner Röcke Heidi Rösch Maria Rößner-Richarz Udo Roth Arnold Rothe Thomas Rothschild Oliver Ruf Walter Ruprechter Johannes Sachslehner Eda Sagarra Hans Sarkowicz Gerhard Sauder Merio Scattola Richard Erich Schade Walter E. Schäfer Michael Schäfermeyer Andreas Schaffry Cornelia Scharpf Heinz Scheible Peter Schicketanz Jürgen Schiewe Hans-Jochen Schiewer Jörg Schilling Michael Schilling Hannelore Schlaffer Wilhelm Schmidt-Biggemann Christoph Schmitt-Maaß Heinz-Günter Schmitz Jens Schneider Joachim Schneider Sabine Scholl Oliver R. Scholz Dietrich Scholze Luise Schorn-Schütte Erhard Schütz Armin Schulz Armin Schulz Johannes Schulz Karlheinz Schulz Ursula Schulze Andreas Schumann Christian Schwarz Sabine Seelbach
Verfasserinnen und Verfasser der Beiträge dieses Bandes Ulrich Seelbach Clelia Segieth Olaf Selg Rita Seuß Christian Sieber Reinhart Siegert Christoph Siegrist Franz Günter Sieveke Celia Skrine Peter Skrine Ingar Solty Björn Spiekermann Peter Sprengel Enno Stahl Wolfgang Stein Hartmut Steinecke Robert Steinborn Reinhard Sternemann Mary E. Stewart Gideon Stiening Josef Stierli Andrea Stoll Friedrich Strack Robert Stupperich Marian Szyrocki Joachim Telle Reinhard Tenberg Heinz Thoelen Hellmut Thomke Michael Töteberg Elke Ukena-Best Erich Unglaub Anton Unterkircher Milosˇ Vec Theodor Verweyen Heinz Vestner
Reinhard Vogelsang Jochen Vogt Benedikt K. Vollmann Karin Vorderstemann Torsten Voß Harry Vredeveld Falk Wagner Hans Rudolf Wahl Till Gerrit Waidelich Bernhard Walcher Johannes Wallmann Klaus-Peter Walter Doris Walser-Wilhelm Peter Walser-Wilhelm Axel Walter Walter Weber Wolfgang Weismantel Christoph Weiß Eva Weisz Renate Werner Jonathan West Ursula Weyrer Heiner Widdig Hermann Wiegand Claudia Wiener Thomas Wilhelmi Werner Williams-Krapp Elisabeth Willnat Rainer Wolf Stephan Wolff Elisabeth Wunderle Dieter Wuttke Karin E. Yes¸ ilada Bernd Zegowitz Margot Zuckriegl
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Boas, Eduard, * 18.1.1815 Landsberg/ Warthe, † 12.6.1853 Landsberg/Warthe. – Erzähler u. Literarhistoriker. Anfänglich kaufmännisch tätig, wurde B. bald freier Schriftsteller, lebte in Berlin u. Dresden sowie an seinem Heimatort u. unternahm zahlreiche ausgedehnte Reisen nach Skandinavien u. in die Mittelmeerländer. Diese Reisen lieferten ihm auch vorwiegend den Stoff für seine Werke. Partiell bedienen sie sich der Form des Reiseberichts, wie etwa In Skandinavien. Nordlichter (Lpz. 1845). Pepita (Lpz. 1844) u. der komische Roman Des Kriegscommissär Pipitz Reisen nach Italien (4 Bde., Stgt. 1841). B.’ Reiseblüthen-Trilogie (Reiseblüthen aus der Oberwelt. 2 Bde., Grimma 1834. Reiseblüthen aus der Sternenwelt. Altenburg 1836. Reiseblüthen aus der Unterwelt. Altenburg 1836) versammelt episch-lyr. Dichtungen mit romant. Anklängen, denen das Reisemotiv gemeinsam ist. B.’ dramat. Versuche sind unbedeutend. Daneben befasste sich B. als Privatgelehrter intensiv mit der dt. Literaturgeschichte. Außer jeweils dreibändigen Nachträgen zu Goethe u. Schiller (Lpz. 1841 u. Stgt. 1838–40) schrieb er eine Monografie über Schiller’s und Goethe’s Xenien-Manuskript (2 Tle., Stgt./Tüb. 1856). Die geplante zwölfbändige Ausgabe seiner Schriften gedieh nur bis zum fünften Band (Lpz. 1846–48). Literatur: Ernst Kelchner: E. B. In: ADB. – Goedeke Forts. – Roswitha Wollkopf: Der Xenienkampf u. der Kampf um das Xenienmanuskript. Nachträglich zum 150. Todestag des Schriftstellers u. Literaturwissenschaftlers E. B. In: Germanic notes and reviews 35 (2004), S. 3–6. Christian Schwarz / Red.
Bobrowski, Johannes, * 9.4.1917 Tilsit/ Ostpreußen, † 2.9.1965 Berlin/DDR; Grabstätte: Berlin, Friedhof Friedrichshagen. – Lyriker u. Erzähler, Herausgeber. Der Sohn eines Eisenbahnangestellten, später -beamten, lebte mit seinen Eltern von 1925 an in Rastenburg, ab 1928 in Königsberg (hier 1936 Mitgl. der evang. Bekennenden Kirche), wo er bis 1937 das humanist. Gymnasium besuchte. Seit 1937 lebte die Familie in Ber-
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lin-Friedrichshagen. Nach Reifeprüfung, Arbeits- u. Militärdienst nahm B. als Nachrichtensoldat am Zweiten Weltkrieg teil, war 1939 in Polen, 1940/41 in Frankreich, 1941–1945 in der Sowjetunion (Ilmensee/ Kurland) stationiert. Im Wintersemester 1941/42 studierte er Kunstgeschichte in Berlin, 1943 heiratete er Johanna Buddrus (seit 1952 vier Kinder). Als Kriegsgefangener arbeitete B. 1945–1949 im Donezbecken im Kohlenbergbau u. wurde zweimal auf AntifaSchulen nach Rostow u. Taliza bei Gorki/ Wolga delegiert. Von 1950 an als Lektor im Altberliner (Kinderbuch-)Verlag Lucie Groszer tätig, wechselte er 1959 zum Union Verlag Berlin (Buchverlag der CDU/DDR). Sein Leben im sozialist. Deutschland, das er bejahte, blieb gleichwohl problematisch u. schwierig. Nach ersten, von Ina Seidel empfohlenen Gedichten 1944 in der Zeitschrift »Das Innere Reich« (hg. von Paul Alverdes) veröffentlichte Peter Huchel 1955 fünf Gedichte B.s in der Berliner Zeitschrift »Sinn und Form«. Die Publikation des ersten Gedichtbands Sarmatische Zeit (1961) in der DVA in Stuttgart vermittelte Joachim Moras vom Stuttgarter »Merkur«. Wichtige Freundschaften entstanden mit Peter Jokostra (1957), Edith Klatt (bes. von 1958 an), Günter Bruno Fuchs, Max Hölzer, auch Erich Arendt (1959), Christoph Meckel (1960), später Manfred Bieler u. Klaus Wagenbach. Hans Werner Richter lud B. 1960 erstmalig zur Jahrestagung der Gruppe 47 nach Aschaffenburg ein. Für seine Gedichte erhielt B. 1962 in Wien den Alma-JohannaKoenig-Preis, in Berlin den Jahrespreis der Gruppe 47. Sein Roman Levins Mühle (Bln./ DDR u. Ffm. 1964) wurde 1965 mit dem Heinrich-Mann-Preis der Dt. Akademie der Künste zu Berlin u. dem Charles-Veillon-Preis in Zürich ausgezeichnet. B.s Gesamtwerk, das in beiden dt. Staaten verlegt wurde, erhielt 1967 postum den F.-C.-Weiskopf-Preis der gleichnamigen Akademie. Seine Vorbildwirkung auf jüngere Autoren in der DDR war lange Zeit mit derjenigen Brechts vergleichbar. Übersetzungen liegen seit 1961 in fast allen europ. Sprachen vor, Levins Mühle wurde auch ins Hebräische übertragen. B.s Nachlass befindet sich im Dt. Literaturarchiv in Marbach.
Bobrowski
Seine literar. Anfänge sah B. in den Oden nach klass. Muster von 1941. Einziger Gegenstand dieser Oden war die russ. Landschaft, erst danach trat die memelländischlitauische Kindheitslandschaft als zweites Thema hinzu. Nach virtuos-epigonaler Heimat- u. Kunstlyrik fanden B.s Gedichte, unter dem Einfluss Klopstocks u. Huchels, 1952 ihre eigene, selbständige Sprache mit der themat. Rückkehr zur Odendichtung der Kriegsjahre u. in freirhythm. Versen. Sie verknüpfen metr. Elemente der Ode mit Strukturelementen der symbolist. Dichtungstradition von Baudelaire über Trakl bis Saint-John Perse. So fand B., in säkularisierender Aufnahme von Gedanken Johann Georg Hamanns, seiner wichtigsten Leitgestalt, zu einem magischen Sprach- u. Dichtungsverständnis, aus dem seine Lyrik ihre »Dunkelheit«, ihre melancholisch-evokative Kraft gewann, wie sie der Titel des zweiten Gedichtbands Schattenland Ströme (Stgt. 1962. Bln./DDR 1963) signalisiert. Der Großplan eines »Sarmatischen Divans«, deutlich fassbar seit 1954, bestimmte – obwohl später aufgegeben – die Gedichte bis 1961. Er verband sich aufs Engste mit dem Gedanken der Schuld Deutschlands u. der eigenen Mitschuld gegenüber den Völkern des Ostens. Magische Verssprache, die bis ins MythischArchaische greift, u. aufklärer. Intention, die auf Kenntnisvermittlung u. kritisches Nachdenken zielt, vereinen sich auf kompliziertproduktive Art u. bezeichnen den eigentüml. Platz dieser Lyrik im Spannungsfeld von Tradition u. Moderne. Nachdem B. 1961 systematisch zur Prosa übergegangen war u. diese das »sarmatische« Thema samt Geschichts- u. Schuldthematik übernommen hatte, artikulierte sich in den Gedichten ein neues, von numinoser Kraft geprägtes Welt- u. Naturverständnis (Wetterzeichen. Bln./DDR u. Bln./West 1967). Schwerpunkte der »Kleinprosa« (B.) wurden die Dorf- u. die Künstlergeschichte, doch spannt sich der historisch-themat. Bogen von der Taufe der Kiewer Rus 988 bis zum Berlin u. Stockholm der Gegenwart. Die offene Form der Kurzgeschichte erlaubte volkstümlich-mündl. Redeweise, lyrische Elemente, Wechsel der Erzählperspektive, Dichte der
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Darstellung, zgl. Befreiung »vom Zwang zur Fabel« (B.) u. zunehmend, wie in der Lyrik, auch Zeichensprache. Gleichzeitig mit der »Kleinprosa«, die bis 1964 der Band Boehlendorff und Mäusefest (Bln./ DDR 1965) sammelte, entstand 1962/63 der Roman Levins Mühle. Aus einem chronikalisch überlieferten Rechtsfall von 1874 im damaligen Westpreußen gewinnt der als Figur engagiert anwesende Erzähler in kühner Umbiegung der Tatsachen einen gegenwartsbezogenen Modellfall von dt. Schuld gegenüber Juden, Zigeunern, Polen u. Litauern; in der Solidarität der Armen u. Nichtkorrumpierten ein denkwürdiges moralisches Exempel. Auch im Roman wollte B. mit Hilfe eines farbigen umgangssprachlich-mündl. Erzählgestus der Technisierung u. Erstarrung der Sprache entgegenwirken. Vor die lange geplante »Kriegsgeschichte« drängte sich im Juni/Juli 1965 der Roman Litauische Claviere (Bln./DDR 1966 u. Bln./ West 1967). Angesiedelt im Jahr 1936 in B.s Kindheitslandschaft, darf dieser Roman trotz epischer Kargheit als Synthese gelten von sarmat. Dorf-, Stadt- u. Künstlergeschichte sowie von B.s Auseinandersetzung mit dem Faschismus u. dem Jahrhundert der Aufklärung (Kristijonas Donelaitis u. Hamann). Das Miteinander der Völker in Grenzgebieten u. das Fortwirken der Vergangenheit in die Gegenwart – als Gefährdung wie legitimierendes Erbe – bestimmten als zentrale Themen B.s Arbeit bis zuletzt, stets mit Blick auf die Zukunft, für die er einzig »Alles auf Hoffnung« setzte – u. die ihren christl. Grund eher verbirgt als aufdeckt. Weitere Werke: Mäusefest u. a. E.en. Bln./West 1965. – Boehlendorff u. a. E.en. Stgt. 1965. – Der Mahner. Bln./DDR 1967 u. Stgt. 1968 (E.en). – Im Windgesträuch. Gedichte aus dem Nachl. Ausgew. u. hg. v. Eberhard Haufe. Bln./DDR u. Stgt. 1970. – Literar. Klima. Ganz neue Xenien, doppelte Ausführung. Bln./DDR 1977 u. Stgt. 1978. – Herausgeber: Gustav Schwab. Die schönsten Sagen des klass. Altertums. Bln./DDR 1954. – Ders.: Die Sagen v. Troja u. v. Irrfahrt u. Heimkehr des Odysseus. Bln./ DDR 1955. – Hans Clauert, der märk. Eulenspiegel. Bln./DDR 1956 (Bearb.). – Jean Paul: Leben Fibels. Bln./DDR 1963. – Wer mich u. Ilse sieht im Grase. Dt. Poeten des 18. Jh. über die Liebe u. das Frauenzimmer. Bln./DDR 1964. – Briefe: J. B. – Peter
Bocer
3 Huchel: Briefw. Marbach 1993. – ›als wär es für mich gemalt‹. J. B. – Albert Ebert: Briefe. Bln. 1998. – J. B. – Michael Hamburger: ›Jedes Gedicht ist das letzte‹. Briefw. Marbach 2004. Ausgabe: Ges. Werke. 6 Bde., Stgt. 1998. Literatur: Gerhard Wolf: J. B. Leben u. Werk. Bln./DDR 1967. – Wolfram Mauser: Beschwörung u. Reflexion. B.s sarmat. Gedichte. Ffm. 1970. – Curt Grützmacher: Das Werk v. J. B. Mchn. 1974. – Brigitte Bischoff: B. u. Hamann. In: ZfdPh 98 (1975), S. 553–582. – J. B. Selbstzeugnisse u. neue Beiträge über sein Werk. Bln./DDR 1975 u. Stgt. 1976. – Gerhard Rostin (Hg.): Ahornallee 26 oder Epitaph für J. B. Bln./DDR 1977 u. Stgt. 1978. – Alfred Behrmann: Facetten. Untersuchungen zum Werk J. B.s. Stgt. 1977. – Fritz Minde: Das ZeichenGedicht. In: LiLi 8 (1978), S. 122–140. – Bernd Leistner: J. B. Studien u. Interpr.en. Bln./DDR 1981. – F. Minde: J. B.s Lyrik u. die Tradition. Ffm. 1981. – Werner Schulz: Die aufgehobene Zeit. Zeitstruktur u. Zeitelemente in der Lyrik J. B.s. Ffm. 1983. – Friedrich Hagemann u. Adolf Skerl: Schattenfabel v. den Verschuldungen. J. B. zur 20. Wiederkehr seines Todestages. Bln. 1985. – Stefan Reichert: Das verschneite Wort. Untersuchungen zur Lyrik J. B.s. Bonn 1988. – Eberhard Haufe: ›Schattenland Ströme‹. Zur Genesis eines Gedichtbandtitels v. J. B. In: ›Daß eine Nation die andere verstehen möge‹. FS Marian Szyrocki. Amsterd. 1988, S. 333–347. – Eva Adelsbach: B.s Widmungstexte an Dichter u. Künstler des 18. Jh. St. Ingbert 1990. – Alfred Kelletat (Hg.): Sarmat. Zeit, Erinnerung u. Zukunft. Sankelmark 1990. – Oliver Schütze: Natur u. Gesch. im Blick des Wanderers. Würzb. 1990. – Reinhard Tgahrt (Hg.): J. B. oder Landschaft mit Leuten. Marbach 1993. – E. Haufe: B.-Chronik. Daten zu Leben u. Werk. Würzb. 1994. – John Wiecorek (Hg.): J. B. (1917–65). Reading 1996. – Ralf Georg Czapla: ›Gedenke der Holunderblüte!‹ oder Schreiben wider das Vergessen. Erinnerte Gesch. bei Wilhelm Raabe u. J. B. In: Jb. der Raabe-Gesellsch. 1999, S. 33–59. – Thomas Taterka: ›Der Nachlass ist / gesichtet, der Dichter / beruhigend tot‹? Das Bild J. B.s in der Forsch. des letzten Jahrzehnts. Ein Literaturber. In: Studi Germanici 38 (2000), S. 129–183. – B. Leistner: J. B. In: LGL. – Dietmar Albrecht (Hg.): Unverschmerzt. J. B. Leben u. Werk. Mchn. 2004. – Andreas Degen: Bildgedächtnis. Zur poet. Funktion der Sinneswahrnehmung im Prosawerk J. B.s. Bln. 2004. – Heinz Ludwig Arnold: J. B. Text + Kritik 165 (2005). Eberhard Haufe / Ralf Georg Czapla
Bocer, Bocerus, Johannes, eigentl.: Bode(c)ker, * ca. 1526 Hausberge (heute Ortsteil von Porta Westfalica, nahe Minden), † 6.10.1565 Rostock. – Neulateinischer Lyriker u. Epiker. Nach dem Besuch des Martinsgymnasiums in Minden nahm B. 1540 ein Studium in Wittenberg auf; zum Sommersemester 1553 ließ er sich in Leipzig, zum Wintersemester 1556/ 57 in Frankfurt/O. immatrikulieren. In den Jahren seit der Beendigung seines Studiums in Wittenberg (vermutlich ca. 1549) bis 1557 führte B. ein unstetes Wanderleben, ständig auf der Suche nach einer festen Anstellung. Verbürgt sind, abgesehen von den genannten Studienorten, Aufenthalte in Lübeck u. Kopenhagen. Wahrscheinlich hat B. auch einige Zeit in Königsberg verbracht, als Mitglied des dortigen Dichterkreises um Georg Sabinus, der sich 1557, von seiner neuen Wirkungsstätte Frankfurt/O. aus, mit einer poet. Empfehlung erfolgreich bei Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg für B. verwandte. Im April 1558 berief ihn der Herzog auf die Rostocker Professur für Poesie u. Redekunst (seit 1563 für Poesie u. Geschichte). In dem Eintrag in die Rostocker Matrikel vom 5.1.1558 wird er erstmals als »poeta laureatus« bezeichnet; vermutlich hatte ihn Georg Sabinus ca. 1556/57 mit dieser Würde ausgezeichnet. Im Okt. 1565 fiel B. mit Frau u. Kindern einer schweren Pestepidemie in Rostock zum Opfer. In den 14 Jahren seiner publizist. Aktivität (beginnend 1551 mit der geistl. Dichtung Triumphus domini nostri Iesu Christi. Wittenb.) legte B. ein poet. Werk von beachtlichem Umfang vor. Im Zentrum stehen zwei Dichtungen zur Geschichte der Dynastie der Herzöge von Mecklenburg (De origine et rebus gestis ducum Megapolensium libri tres. Lpz. 1556) u. der Könige von Dänemark (Carminum de origine et rebus gestis regum Daniae et ducum Holsatiae comitumque Schowenburgensium libri quinque. Lpz. 1557), in denen die Herrscherpersönlichkeiten beider Häuser in annalistisch aneinandergereihten poet. Einzelporträts vorgestellt werden, sowie drei Städtelobdichtungen: zu Freiberg in Sachsen (Fribergum in Misnia. Lpz. 1553), zum schaumbur-
Bock
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gischen Stadthagen (Brevis illustratio urbis Ha- B.s Ankündigungen von Aeneis-Vorlesungen an der giensis. Rostock 1560) u. zu seiner Heimat- Univ. Rostock 1560–1563. In: Wolfenbütteler Restadt Minden (De origine, antiquitate et celebri- naissance-Mitt.en 25 (2001), S. 103–121. – Flood, tate urbis Mindae. Rostock 1563). Von seinem Poets Laureate, Bd. 1, S. 201–204. Lothar Mundt Interesse an der Bukolik zeugen seine neun Eklogen (sieben davon in der Sammlung Aeglogae septem. Rostock 1563), die z.T. bukol. Bock, Alfred, * 14.10.1859 Gießen, † 6.3. Texten des von ihm sehr geschätzten Petrus 1932 Gießen; Grabstätte: ebd., Neuer Lotichius Secundus nachgestaltet sind. Eine Friedhof. – Erzähler. große Zahl von geistl. Gedichten erschien B. entstammte einer wohlhabenden u. mugesammelt u. d. T. Sacrorum carminum et pia- sisch geprägten Fabrikantenfamilie in Gierum precationum libri quatuor (Rostock 1565). ßen. Hier studierte er Literaturgeschichte u. Hierin finden sich auch diverse Casualia u. Philosophie. Trotz vieler Reisen blieb er Gedichte autobiograf. Inhalts. Stark autobio- zeitlebens seiner oberhess. Heimat verbungrafisch ist auch das erste (u. einzige) Buch den. 1918 erhielt er die Ehrendoktorwürde seiner Elegiae (Lpz. 1554), die geprägt sind der Landesuniversität, 1924 wurde er mit von Klagen über den gegenwärtigen Weltzu- dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Seit stand (B. sieht Anzeichen eines Verfalls von 1955 befindet sich sein literar. Nachlass im Bildung u. Moral), über die Zwietracht unter Deutschen Literaturarchiv Marbach. den dt. Fürsten u. über sein persönl. MissgeB.s Erzählweise kann dem bürgerl. Realisschick (Armut, berufl. Unsicherheit, falsche mus zugerechnet werden. Er begann als LyFreunde). riker (Gedichte. Dresden 1889) u. KomödienNeben den genannten größeren Werken dichter, seine eigentl. literar. Betätigungsfelsind von B. viele Gelegenheitsgedichte der aber waren Novelle u. Roman. Dazu tru(Epicedien, Epithalamien, Genethliaca, Pro- gen wesentlich eine Begegnung mit Gustav pemptica u. a.) in Einzeldrucken oder als Freytag (1889) sowie seine freundschaftl. Beigaben zu fremden Publikationen oder Verbindungen zu Wilhelm Raabe, Carl SpitSammelausgaben überliefert. teler u. Hans Thoma bei. Bereits sein erster Weitere Werke: Panegyris de divo Iohanne Roman Die Pflastermeisterin (Bln. 1899) wurde Baptista, quae coelestis doctrinae eruditam sum- von Paul Heyse als »ein Kabinettstück echter, mam et Christiani hominis verum officium conti- feiner und derber Erzählkunst« gelobt. Den net. Wittenb. 1553. – Panegyris ad illustrissimos Flurschütz (Bln. 1901) wollte Carl Zuckmayer Principes [...] D. Iohannem Albertum et D. Udalri- dramatisieren. Mit eigenständiger Darstelcum fratres et Duces Megalburgenses etc. de nova lungskunst u. genauer Beobachtungsgabe hat dotatione et instauratione academiae Rostochianae. B. die Gattung des Heimatromans weiterRostock 1564. entwickelt. Dichtung u. Volkskunde vermiAusgaben: De origine, antiquitate et celebritate schen sich so in B.s z.T. tragikom. Erzählunurbis Mindae [Nachdr. des Originaldrucks v. 1563] / gen zu einem Genrebild des ausgehenden 19. Ursprung, Alter u. Bedeutung der Stadt Minden. Übertragung ins Deutsche v. Sievert Graf v. Wedel. u. beginnenden 20. Jh. Neben seiner umHg. Hans Nordsiek. Minden 1998. – Sämtl. Eklo- fangreichen novellist. Tätigkeit widmete er gen. Mit einer Einf. in Leben u. Gesamtwerk des sich in den letzten Lebensjahren auch kulVerf. Hg., übers. u. komm. v. Lothar Mundt. Tüb. turgeschichtl. Studien u. der vergleichenden Kunstbetrachtung (Aus einer kleinen Universi1999. Literatur: Johann Karl Opitz: Ioannis Boceri, tätsstadt. Gießen 1896). poetae Mindensis praestantissimi, vita, fata et scripta. Programm Minden o. J. [1750]. – Lothar Mundt: Einl. zu: J. B.: Sämtl. Eklogen, S. XILXXXIII. – Ders.: Verz. der Schr.en B.s u. Bibliogr. der Forschungslit. Ebd., S. 181–194. – Ders.: J. B. In: Biogr. Lexikon für Mecklenburg. Bd. 3. Hg. Sabine Pettke. Rostock 2001, S. 18–23. – Ders.: J.
Ausgaben: Das A. B.-Buch. Hg. Will Scheller. Marburg 1929. – Tagebücher. Hg. Werner Bock. Darmst. 1959. – A.-B.-Lesebuch. Hg. Michael Keuerleber. Fernwald 1991. – Gesamtausgabe: Ges. Werke. Hg. Erwin Leibfried. Marburg 1992–94. Bd. 1: Der Grenzgang (1992), Bd. 2: Der Flurschütz (1993), Bd. 3: Hausierer (1994).
5 Literatur: Bibliografie: M. Keuerleber: A.-B.-Bibliogr. Hg. v. der Forschungsstelle Literar. Kultur in Oberhessen am Fachbereich Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen. Fernwald 1990. – Weitere Titel: Fritz Droop: A. B. Marburg 1919. – M. Keuerleber: Untersuchungen zum Werk A. B.s. Ffm. 1996. Jürgen H. Koepp / Erwin Leibfried
Bock, Hieronymus, auch: Tragus, * 1498 Heidelsheim bei Bretten/Baden, † 21.2. 1554 Hornbach bei Zweibrücken/Pfalz. – Protestantischer Prediger, Arzt u. Botaniker. B. lebte spätestens seit 1522 in Zweibrücken, seit 1533 v. a. in Hornbach u. 1550/51 in Saarbrücken. Er genoss die Gönnerschaft der Zweibrücker Herzöge Ludwig II. u. Wolfgang sowie des Grafen Philipp II. von NassauSaarbrücken, stand mit Otto Brunfels u. Konrad Gessner in fachlichem Austausch u. war Lehrer von Jakob Theodor, gen. Tabernaemontanus. Bleibenden Ruhm verdankte B. seinem Kreütter Bu8 ch, einem frühneuzeitl. »Bestseller« der medizinisch-botan. Literatur (nicht illustr. Straßb. 1539. Mit Holzschnitten 1546 u. ö. 1552 lat. v. David Kyber, mit Vorw. v. Konrad Gessner. 1577 hg. v. Melchior Sebitz d.Ä. 1630 hg. v. Melchior Sebitz d.J., mit Register v. Johann Michael Moscherosch. Neudr.e der Ausg. v. 1577 Mchn. 1964 u. Grünwald 1980). Durch zahlreiche Ausgaben u. Übergang mancher Texte in Adam Lonitzers oft gedrucktes Kräuterbuch (1557 u. ö.) blieb es bis ins 18. Jh. präsent. B. hielt dafür, man könne nicht »ein jedes Gewächs also gänzlich in allen Dingen« »mit Schreiben abmalen«, doch erblickte er auch in der »schrifft« des »einfaltigen Leyen«, dem Bild, kein hinlängl. Medium zur Vermittlung pflanzenkundl. Wissens. B.s Drucker Wendelin Rihel ließ das Kreütter Bu8 ch indes aus kommerziellen Gründen von David Kandel mit Pflanzendarstellungen illustrieren. Obwohl B. nun erklärte, Kandel habe die Pflanzen unter seiner Aufsicht nach der Natur »auffs aller Einfaltigest / schlechst / vnd doch Warhafftigst [...] seüberlich abgerissen« (Vorrede), haben keineswegs nur Pflanzen als Vorlage gedient. Vielmehr ergab sich aus
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Kandels Gebundenheit an Abbildungen in den Pflanzenbüchern von Leonhart Fuchs, Otto Brunfels u. Eucharius Rößlin d.J., aus seiner pflanzenkundl. Unerfahrenheit u. einer mangelhaften Zusammenarbeit mit B., dass das Kreütter Bu8 ch neben naturgetreuen Abbildungen von der Natur mitunter weit entfernte Konstrukte enthält. Heute wird in B. kein »Reformator der Pflanzenkunde« mehr gefeiert, der die antikmittelalterl. Tradition uneingeschränkt zugunsten eines vorausweisenden Empirismus verworfen habe. Zwar bemühte sich B. in botan. Gärten u. auf Wanderungen um Pflanzenkenntnis aus eigener Anschauung, doch begegnet immer auch ein methodisch u. textlich von der pflanzenkundl. Tradition (Dioskurides, Theophrast, Plinius) abhängiger u. zwischen Autoritätsgläubigkeit u. Traditionskritik schwankender Buchgelehrter. Auch vor B.s Wirken hatte man die wichtigsten Kennzeichen der Gestalt einer Pflanze u. ihrer äußeren Lebensumstände nach der Natur beschrieben. Indes blieb es B. vorbehalten, über eine genaue Kennzeichnung der pflanzl. Hauptmerkmale hinaus die gesamte Pflanzengestalt charakterisiert, eben die »Lebensgeschichte« von Pflanzen dargestellt, die überkommenen Beschreibungen vermehrt u. um viele Beobachtungen bereichert zu haben. Diese fachgeschichtl. Verdienste trugen jedoch kaum dazu bei, dass das Kreütter Bu8 ch manche Konkurrenzschrift in der Gunst der frühneuzeitl. Leserschaft ausstach. Ins Gewicht fiel vielmehr B.s Wahl der dt. Sprache, seine mit erzählerisch-rhetor. Elementen durchsetzte Prosa, am stärksten aber wohl der medizinisch-therapeutische Grundzug des B.’schen Werks. Da B. in zeitgemäß-humanistischer Wendung wider die Arzneimittellehre der arabist. Schulmedizin den Gebrauch von »zu8 samen mischungen viler Arabischer Specereien« zugunsten von »gemeynen landt Kreüttern« bzw. »gemeynen Teütschen Simplicia« verurteilte u. über die Heilwirkungen von Hunderten fast ausnahmslos im »Vatterlandt Teütscher Nation« wachsenden Pflanzen informierte, besaß das Kreütter Bu8 ch für den nach medizinischer Selbsthilfe spähenden »gemeinen Mann« u.
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»armen gemeynen hauffen« einen beträchtl. Gebrauchswert. Ob seines entschiedenen Eintretens für den Gebrauch »teutscher« Arznei- u. Nahrungsmittel erscheint der »redliche« B. bei Johann Michael Moscherosch als ein vorbildlicher Kulturpatriot. Weitere Werke: Herbarum aliquot dissertationes. In: O. Brunfels: Herbarum [...] eicones. Bd. 2, Straßb. 1531, S. 256–265. – Regiment für das grausam Hauptwehe vnd Breune. Straßb. 1544 u. ö. – Teütsche Speiszkammer. Straßb. 1550 u. ö. (Ernährungslehre für Gesunde u. Kranke, seit 1610 auch unter dem Namen v. Bartholomäus Carrichter gedr.). – Bader Ordnung. Straßb. 1550. – Eine Pestschr. u. andere Krankheitsmonogr.n in Johannes Dryander (Eichmann): New Artznei vnd Practicierbüchlein. Ffm. 1557, Anhang. – Mitwirkung an Jacob Theodors Practick (abgeschlossen 1553). Ausgaben: Renaissance, Humanismus, Reformation. Hg. Josef Schmidt. Stgt. 1976, S. 100–105: Textprobe aus ›Kreütterbuch‹, 1595. – Der vollen brüder orden. Leipzig o. J. [1540?]. Neudr. Lpz. 1979. – Sendbrief an die Gemeinde in Hornbach, 4. Nov. 1550. Hg. Bergholz (2005, s. u.). Literatur: Engler: B. In: ADB. – Friedrich Wilhelm Emil Roth: H. B., genannt Tragus (1498–1554). In: Botan. Centralblatt 74 (1898), S. 265–271, 313–318, 344–347. – Ders.: H. B., genannt Tragus, Prediger, Arzt u. Botaniker 1498 bis 1554. In: Mitt.en des Histor. Vereins der Pfalz 23 (1899), S. 25–74. – Claus Nissen: Die botan. Buchillustration. Ihre Gesch. u. Bibliogr. Bde. I/II. Stgt. 1951, s. v. Bock. – Heinrich Marzell: Das Buchsbaum-Bild im Kräuterbuch (1551) des H. B. In: Sudhoffs Archiv 38 (1954), S. 97–103. – Hermann Ziegenspeck: B. In: NDB. – Brigitte Hoppe: Das Kräuterbuch des H. B. Wissenschaftshistor. Untersuchung. Mit einem Verz. sämtl. Pflanzen des Werkes, der literar. Quellen der Heilanzeigen u. der Anwendungen der Pflanzen. Stgt. 1969. – Jerry Stannard: B. In: DSB, Bd. 2 (1970), S. 218–220. – Hans Reichert: H. B. (Tragus) (1498–1554). In: Pfälzer Lebensbilder. Bd. 4, Speyer 1987, S. 85–103. – Michael Giesecke: Sinnenwandel. Sprachwandel. Kulturwandel. Studien zur Vorgesch. der Informationsgesellsch. Ffm. 1992, s. v. – Fritz Krafft: B. In: DBE. – Wolf-Dieter MüllerJahncke: B. In: Ärztelexikon. Von der Antike bis zum 20. Jh. Hg. Wolfgang U. Eckart u. Christoph Gradmann. Mchn. 1995, S. 67 f. – Peter Seidensticker: Zur Gesch. der Erstausg. v. H. B.s ›New Kreütterbuch‹ (1539) – Pflanzenbeschreibung u. Abb. bei H. B. In: Mitt.en des Histor. Vereins der Pfalz 94 (1996), S. 137–156. – Mechthild Haber-
6 mann: Dt. Fachtexte der frühen Neuzeit. Naturkundlich-medizin. Wissensvermittlung im Spannungsfeld v. Latein u. Volkssprache. Bln./New York 2001, s. v. – Thomas Bergholz: B. In: Bautz. – Ders.: ›Dass ich nichts als allein die heilige göttliche Schrift hab vorgetragen‹. Der Sendbrief des H. B. an die Gemeinde in Hornbach u. die Stellung der Saarbrücker Grafen zur Reformation. In: Monatsh.e für evang. Kirchengesch. des Rheinlandes 54 (2005), S. 169–192 (mit Textwiedergabe). Joachim Telle
Bock, Johann Christian, * um 1750 Dresden, † 1785 Dresden. – Bühnenautor u. Übersetzer, Verfasser humoristischer Prosa u. empfindsamer Lyrik. B.s Herkunft u. berufl. Werdegang sind nahezu unbekannt. 1772–1778 war er unter Friedrich Ludwig Schröder als Theaterdichter mit dramaturg. Aufgaben bei der Ackermannschen Gesellschaft in Hamburg angestellt. Später war er für Pasquale Bondini am Hoftheater Dresden tätig. Zu Lebzeiten wurden seine Dramen u. Dramenbearbeitungen auf dt. Bühnen erfolgreich gespielt u. z.T. mehrfach aufgelegt. Nach seinem Tod waren B. u. seine oft nur für den theatral. Tagesbetrieb verfertigten Arbeiten bald vergessen. B. debütierte als Erzähler u. Lyriker mit Erstlinge meiner Muse (Lpz. 1770) u. fand Beachtung mit seiner erzählenden Dichtung Die Tagereise (Lpz. 1770. Neuaufl. u. d. T. Geschichte eines empfundenen Tages. Lpz. 1775), in der Vers-, Dialog- u. Prosaform einander abwechseln. B. verarbeitet darin Einflüsse der zeitgenöss. Anakreontik u. Empfindsamkeit (Gleim, Johann Georg Jacobi, Ewald Christian von Kleist) u. hält dabei ein Plädoyer für eine Dichtkunst, die trotz Aufwertung von »Gefühl« u. »Leidenschaft« der aufklärer. Tugendlehre verpflichtet bleibt; der Text gipfelt in einer Hommage an Gellert u. greift ironisch das modisch gewordene Erzählmodell der »empfindsamen Reise« in Sternes Manier auf (vgl. auch B.s Empfindsame Reisen durch die Visitenzimmer [...]. 5 Bde., Hbg. 1772/73). In seinen Lustspielen zeigt B. starke patriot. Tendenzen u. führt z.B. in Die Deutschen (Hbg. 1773) eine polem. Auseinandersetzung mit frz.-»leichtlebiger« Mentalität. Gemäß der polit. Stimmung der Zeit bildet die
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freundl. Einschätzung Englands in politischer u. literar. Hinsicht den Gegenpol. B.s zahlreiche Übersetzungen u. oft im lokalen Umfeld angesiedelte Bearbeitungen, u. a. von Beaumarchais, Calderón, Goldoni u. Brooke, sind routiniert auf Bühnenwirksamkeit hin verfasst (vgl. sein Vermischtes Theater der Ausländer. 4 Bde., Lpz. 1778–81). Als Herausgeber des »Theatralischen Wochenblatts« (Hbg. 1774/75) warb er für dramaturg. Konzepte des Hamburger Theaters u. unterstützte Schröder bei der Förderung u. Aufführung junger Autoren (z.B. Jakob Michael Reinhold Lenz, Friedrich Maximilian Klinger) u. des engl. Theaters, insbes. Shakespeares. Weitere Werke: Für das dt. Theater. 2 Bde., Lpz. 1770/71 (Dramen u. Dramenbearbeitungen). – Etwas Dramaturgisches. Einige fliegende Rhapsodien [...]. o. O. 1774 (an.). – Kom. Opern der Italiener. 2 Bde., Lpz. 1881/82 (Übers.en u. Bearb.en). Literatur: Berthold Litzmann: Friedrich Ludwig Schröder. Ein Beitr. zur dt. Litteratur- u. Theatergesch. Bd. 2, Hbg./Lpz. 1894, S. 116 ff. Stefan Iglhaut / Red.
Bock, Werner, * 14.10.1893 Gießen, † 3.2. 1962 Zürich; Grabstätte: Gießen, Neuer Friedhof. – Erzähler, Lyriker, Essayist u. Literaturhistoriker.
Neben der neuromant. Linie der frühen Werke behauptete sich in den 1950er Jahren die Neue Sachlichkeit mit der Konzentration auf das Unsensationelle u. seine lebensbejahende Einstellung; in der Erzählung Maria Araña (in: FS für W. B.) etwa beschreibt B. in gedanklich präziser Prosa die kurze u. vorschnell beendete Beziehung zu einem »einfachen«, von Geheimnissen umgebenen Mädchen. Der Sammlung Tröstung, einer Auswahl der Gedichte von 1909 bis 1950 (Buenos Aires 1951), folgten Gedichte aus den Jahren 1952 bis 1956, Wenn ich Staub bin (Wiesb. 1956), sowie die Ausgewählten Gedichte aus drei Jahrzehnten (Wiesb. 1958). Eine Zusammenstellung seiner Prosawerke – von autobiogr. Impressionen über Reiseeindrücke bis zu Erzählungen u. Essays – in Blüte am Abgrund (Buenos Aires 1951. Erw. Heidelb. 1961), von Ernst Robert Curtius mit »aufrichtiger Sympathie« begrüßt, rundet B.s literar. Lebenswerk ab. Er war Mitgl. der Academia Goetheana, des Deutschen PEN-Zentrums u. korrespondierendes Mitgl. der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 1958 zog er nach Losone bei Ascona. Literatur: Lenz im Herbst. FS W. B. zum 60. Geburtstag. Buenos Aires/Ffm. 1954 (mit Bibliogr. der Arbeiten in Südamerika). – Sigfred Taubert: W. B. zum 65. Geburtstag. In: Börsenblatt 14 (1958), S. 1355 f. – Ernst Robert Curtius: Büchertgb. Bern 1960, S. 17–19. – Fritz Usinger: Miniaturen. Kleine literar. Gedenk-Bilder. Merzhausen 1980, S. 111–118. Reinhard Tenberg / Red.
Der Sohn des Fabrikanten u. hess. Erzählers Alfred Bock schloss das Studium der Germanistik, Kunstgeschichte u. Philosophie in Gießen u. München mit der Dissertation Die ästhetischen Anschauungen Wielands (1919. Bln. 1921) ab. Er lebte als freier Schriftsteller u. Bockemühl, Erich, auch: Eberhard Büveröffentlichte zeitkrit. Gedichte, Essays u. ren, * 12.6.1885 Bickenbach bei Köln, Erzählungen; ausgewählte Gedichte erschie† 12.5.1968 Drevenack bei Wesel; Grabnen in der Anthologie Das ewige Du (Weimar stätte: ebd., Evangelischer Friedhof. – 1931). 1939 emigrierte B. nach Buenos Aires, Heimatschriftsteller. wo er Mitarbeiter zahlreicher Periodika wurde, u. a. war er seit 1944 Redakteur des ar- B., dessen Vater Lehrer war, ergriff selbst den gentin. Exilorgans »Deutsche Blätter« (Sant- Lehrerberuf. Zunächst lebte er in Drevenack iago de Chile). In Südamerika schrieb er bei Wesel, ab 1941 in Mönchengladbach, seitdem in dt. u. span. Sprache; für die Er- später in Rheydt-Oldenkirchen. Zu Beginn zählungen Morir es nacer (Buenos Aires 1947) seiner schriftsteller. Arbeit gehörte er dem erhielt er den ersten Preis des »Club del Libro romantisch-konservativen »Charon-Kreis« del Mes«. 1946–1949 hatte B. an der Uni- um Otto zur Linde an. B.s erste Gedichtbände versität Montevideo/Uruguay den Lehrstuhl So still in mir (Groß-Lichterfelde 1911) u. Worte für dt. Literatur u. Philosophie inne. mit Gott (Bln. 1913) zeigen seine christl.
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Weltauffassung in der Beschreibung von Alltagserlebnissen, in Landschafts- u. Naturbetrachtungen. In den späteren Jahren wurde B.s Sprache konkreter. Hauptgegenstand seiner Dichtung war nun die niederrheinische Landschaft. Seine Absicht, einen Beitrag zur Bewahrung der Volkskultur dieser Region zu leisten, zeigen seine teilweise für Kinder geschriebenen Bücher wie Lesebüchlein vom Kreise Rees (Wesel 1926. 2. Aufl. u. d. T. Lesebüchlein vom unteren Niederrhein. Wesel 1928), Aus der niederrheinischen Vergangenheit (Wesel 1926) u. Das rheinische Heimatland (zus. mit Heinrich Burhenne. Wesel 1927). Parallel zu einer Anthologie Die moderne Mariendichtung (Gotha 1928) veröffentlichte er die Kriegschronik des Dorfes Drevenack (Im Spiegel der Heimat. Wesel 1928). Auch nach dem Zweiten Weltkrieg bemühte sich B. um Literatur, Historie u. Sagen des Niederrheins. Weitere Werke: Niederrhein. Sagenbuch. Moers 1930. Nachdr. Hildesh./New York 1976. – Goethe. Köln 1932 (Biogr. für Kinder). – Schiller. Langensalza 1932 (Biogr. für Kinder). – Aus deinen Tiefen. Querfurt 1935 (L.). – Jahr des Sommers. Querfurt 1936 (L.). – Land um den Rhein. Hg. Heribert Teggers u. E. B. Braunschw. 1956 (Haus-, Lehr- u. Lesebuch). – Das goldene Spinnrad. Duisburg 1960. 21967 (Sagen). Literatur: Kurt Erich Meurer: Der Dichter E. B. In: Ostdt. Monatsh.e 22. (1955/56), S. 628–630. – E. B.: Dank u. Gedenken. In: Das Tor. Düsseldorfer Heimatbl. 34 (1968), S. 114 f.
rungen an einen Obelisken (Mchn. 1974). Weitere Gedichtsammlungen folgten in den 1980er Jahren. Tod u. Einsamkeit, Verzweiflung u. Resignation angesichts der Vergeblichkeit aller Hoffnungen auf Liebe u. gelingende Kommunikation bilden die themat. Schwerpunkte von B.s Dichtung seit ihren frühen Anfängen. »Gib deine Hoffnung auf: / Nichts von allem, / was sich bis jetzt nicht erfüllte, / wird sich erfüllen. / Finde dich ab« (Mitte des Lebens. In: Schattenzonen. Gedichte außerhalb der Zeit. St. Michael 1981). Charakteristisch für ihre Gedichte ist eine außergewöhnliche intellektuelle Klarheit u. Dichte. Obwohl B. von einigen Kritikern (Benno von Wiese u. a.) für eine der bedeutendsten dt. Lyrikerinnen der Nachkriegszeit gehalten wurde, blieb sie in der Bundesrepublik Deutschland, im Unterschied zu Italien beispielsweise, weitgehend unbeachtet. Neben Gedichten verfasste B. seit Mitte der 1970er Jahre eine Reihe von Kinderbüchern. Weitere Werke: Maulwurf Julius u. der Nudelbaum. Freib. i. Br. 1975. – Der gläserne Vogel. Gedichte gegen die Zeit. St. Michael 1980. – Die Gehäuse der Zeit. St. Michael 1983. – Hi Ha Hexenschuß. Mchn. 1983. Literatur: Benno v. Wiese: Eine poet. Frage. In: Frankfurter Anthologie 4 (1979), S. 250–252. – Lili Simon: Stets einsam im Umkreis des Todes. In: NDH 33 (1986), S. 793–802. Peter König / Red.
Elisabeth Willnat / Red.
Bode, Johann Joachim Christoph, eigentlicher Taufname: Johann Conrad ChrisBodden, Ilona, * 8.2.1940 Hildesheim, toph, * 12.1.1730 Barum bei Braun† 17.4.1985 Hamburg (Freitod). – Lyrike- schweig, † 13.12.1793 Weimar. – Schriftsteller, Übersetzer, Verlagsbuchhändler, rin u. Kinderbuchautorin. bedeutender Vertreter der deutschen Die Tochter eines Buchhändlers wuchs in Freimaurerei. Braunschweig auf, arbeitete nach dem Abitur einige Zeit im Buchhandel u. studierte schließlich Germanistik u. Psychologie. Als kaum 20-Jährige veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband Pappeln, schwarze Federn aus Nacht (Hbg. 1960). In den folgenden Jahren schrieb sie regelmäßig Beiträge für den Rundfunk sowie für Zeitschriften u. Zeitungen in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich u. der Schweiz. 1974 veröffentlichte sie ihren zweiten Gedichtband Erinne-
B. wuchs als Sohn eines Tagelöhners in ärml. Verhältnissen auf, erhielt aber seit seinem 14. Lebensjahr Musikunterricht. Gefördert von dem Helmstedter Lehrer Johann Christoph Stockhausen, erlernte er autodidaktisch die frz., engl. u. andere Sprachen. 1752 wurde er Militärmusiker in Celle u. begann zu komponieren. Der Tod seiner ersten Frau brachte B. 1757 zu dem Entschluss, seinen Lebensunterhalt in Hamburg als freiberuflicher
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Sprach- u. Musiklehrer zu verdienen, bald auch als Übersetzer u. Zeitungsredakteur. Die reiche u. weltoffene Hansestadt bot B. die Chance zum sozialen Aufstieg. Die 1765 eingegangene Ehe mit der Hamburger Senatorentochter Simonetta Tamm brachte ihn schon ein Jahr später, nach deren Tod, in den Besitz eines beträchtl. Vermögens. Er kaufte eine Druckerei u. baute ein Verlagsunternehmen auf. Seine dritte Ehe mit Metta Maria Bohn, einer Tochter des Hamburger Verlagsbuchhändlers Johann Carl Bohn, integrierte ihn endgültig in das Handelsbürgertum Hamburgs. Die Hamburger Jahre waren für B. eine Zeit fruchtbarer literar. u. verleger. Tätigkeit. Hervorzuheben sind seine Bekanntschaften mit Lessing, Matthias Claudius u. dem Schauspieler u. Theaterreformer Friedrich Ludwig Schröder. Gemeinsam mit Lessing rief er 1767 die »Buchhandlung der Gelehrten« ins Leben, ein allerdings nur kurzlebiges Unternehmen, das durch die Kombination von Autorenselbstverlag u. buchhändlerischem Kommissionsgeschäft nicht nur anspruchsvolle Literatur herauszubringen, sondern deren Autoren auch vor unbefugtem Nachdruck zu schützen suchte. 1771 verlegte B. Claudius’ Zeitung »Der Wandsbecker Bothe« u. förderte durch Drucke, Übersetzungen u. Bearbeitungen die Bestrebungen Schröders, ein »Bildungstheater« zu schaffen. B.s geschäftlicher Erfolg blieb begrenzt, doch bahnte er bedeutenden Werken wie z.B. Lessings Hamburgischer Dramaturgie (1768/69) u. Heinrich Wilhelm von Gerstenbergs Drama Ugolino (1768) den Weg in die Öffentlichkeit. Als Übersetzer englischer Autoren wie Sterne, Smollett, Goldsmith u. Fielding wurde B. zum Wegbereiter des engl. Romans in Deutschland. Seine Übersetzung von A Sentimental Journey Through France and Italy von Sterne (1768) trug maßgeblich dazu bei, den von Lessing geprägten Begriff der »Empfindsamkeit« als Markenzeichen jener etwa von 1740 bis 1780 vorherrschenden literarisch-ästhet. Bewegung zu etablieren, die eine empathische, stark gefühlsbetonte Dichtung pflegte u. ihren Höhepunkte in Klopstocks Messias u. Goethes Die Leiden des jungen Werthers fand.
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B. wurde 1761 in die Hamburger Loge »Absalom zu den drei Nesseln« aufgenommen u. machte in dem 1764 gegründeten »Hohen Orden der Ritter vom Heiligen Tempel zu Jerusalem«, einem freimaurer. Hochgradsystem, das sich unter dem Namen »Strikte Observanz« in ganz Europa ausbreitete u. als Fortsetzung des im 14. Jh. untergegangenen Tempelherrenordens verstand, eine steile Karriere. Seine Umtriebigkeit ließ B. (im Inneren Orden »Christophorus Eques a Lilio convallium«) bald zum »Faktotum« der »Strikten Observanz« werden. Mit dem russ. Gesandten in Hamburg, Graf Alexander Musin-Puschkin (»Eques ab Elephante«), plante B. Ansiedlungsprojekte in der Ukraine, die allerdings ebenso wenig wie die anderen ökonom. Pläne der »Strikten Observanz« verwirklicht wurden. Als Prokurator der VII. Ordensprovinz gehörte B. zum Provinzialkapitel, dem engsten Führungszirkel um den Ordensgründer u. »Heermeister« Gotthelf Freiherr von Hund und Altengrotkau. Auseinandersetzungen mit der konkurrierenden »Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland« in Berlin führten dazu, dass B. die Loge »Absalom« verließ u. die heute noch bestehende Loge »Emanuel zur Maienblume« gründete. 1778 bot ihm die Witwe des dän. Reformministers Johann Hartwig Ernst Graf von Bernstorff, Charitas Emilie Gräfin von Bernstorff, an, mit ihr nach Weimar zu übersiedeln, wohin er seit 1764 mit der Loge »Amalia« Beziehungen unterhielt. Er verkaufte sein Verlagsunternehmen in Hamburg u. lebte, zum Sachsen-Meiningischen Hofrat u. Hessisch-Darmstädtischen Geheimen Rat ernannt, seit 1779 als Sekretär der Gräfin Bernstorff nur 100 Meter von Goethes Haus am Frauenplan entfernt in deren Weimarer Stadtpalais. B. arbeitete weiterhin als Übersetzer (u. a. der Schriften Montaignes), doch im Mittelpunkt standen für ihn nun die geheimen Gesellschaften. Als leidenschaftlicher Aufklärer bekämpfte er die okkulten u. myst. Strömungen, die in der »Strikten Observanz« Fuß gefasst hatten. Auch Goethe u. Herder band B. in seinen Feldzug gegen »Kryptokatholiken«, vermeintl. Jesuiten u. obskure Wundermänner wie den Grafen Cagliostro
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ein. 1780 ließ sich unter seinem Einfluss Goethe, 1782 Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach in die Loge »Amalia« aufnehmen. Als die »Strikte Observanz« infolge interner Machtkämpfe u. mehrerer Hochstaplerskandale zu Beginn der 1780er Jahre in eine Krise geriet, setzte sich B. für eine zeitgemäße Reform ein. Die Schwierigkeiten, die sich auf dem Freimaurerkonvent zu Wilhelmsbad im Sommer 1782 den Reformplänen entgegenstellten, veranlassten B. noch in Wilhelmsbad zum Anschluss an die Illuminaten, einen erst 1776 gegründeten Geheimbund, der eine aufklärer. Bildungsprogrammatik mit gesellschaftspolit. Zielsetzung vertrat. Goethe u. Herzog Carl August, die B. vermittels eines »historischen Unterrichts« zuvor noch in den Inneren Orden der »Strikten Observanz« u. dessen Geheimnisse einführte, sowie weitere Gesinnungsgenossen aus der »Amalia« folgten ihm bald. B. (Ordensname »Aemilius«) wurde Vorsteher der Ordensprovinz »Ionien«. Zwar blieb der 1784 von B., Adolph Freiherr von Knigge u. einigen Weimarer Illuminaten unternommene Vorstoß, die dubiose, konspirativ-diktator. Führungspraxis des Ordensgenerals Adam Weishaupt durch eine Strukturreform einer kollektiven Kontrolle zu unterwerfen, ohne Erfolg, doch verschob das Verbot der Illuminaten in Bayern schon 1785 die Machtverhältnisse derart, dass sich B.s Einfluss deutlich erweiterte. Der Schwerpunkt des Ordens verlagerte sich nun nach Thüringen, wo er noch bis 1788, mit einzelnen Aktivitäten sogar noch bis 1793, wirkte. Gemeinsam mit dem Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg, der 1785 die Ordensleitung übernahm u. dem verfolgten Weishaupt 1787 Asyl gewährte, suchte B. den Orden zu erneuern u. europaweit zu vernetzen. Neben dem Ausbau der Stützpunkte im nördl. Deutschland kam es zu illuminat. Logengründungen in Rom, Neapel u. Kopenhagen. Damit verband sich eine zielgerichtete Personalpolitik, die u. a. zur Berufung der von B. in Weimar u. Jena angesiedelten Illuminaten Carl Leonhard Reinhold u. Gottlieb Hufeland als Professoren an der Jenaer Universität führte, wo sie
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eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der krit. Philosophie Kants spielten. Der Schwerpunkt der illuminat. Bestrebungen B.s lag auf der Reorganisation der Freimaurerei, die er in eine aufklärerische, antimyst. Richtung zu lenken versuchte. Ähnliche Ziele verfolgte in der frz. Freimaurerei die Pariser Loge »Les Amis Réunis«, wo sich 1773 unter der Bezeichnung »Göttlicher Orden der Philalethen« ein freimaurerisches Forschungsinstitut etabliert hatte. Auf dessen ersten internat. Kongress 1785 aufmerksam geworden, beteiligten sich B. u. weitere thüring. Illuminaten an der Vorbereitung des für 1787 anberaumten Nachfolgekongresses mit Denkschriften, u. Goethe lieferte ihm aus Italien Beweise zur Entlarvung des okkulten »Groß-Cophtas« Cagliostro, dessen spektakulärer »ägyptischer Ritus« für die geistige Verwirrung in der Freimaurerei symptomatisch war. Im Juli 1787 wohnte B. dem Kongress in Paris bei. Unter dem Einfluss der illuminat. Reformdenkschriften verwarf dieser geheime Wissenschaften, Magie u. Okkultismus als geistige Grundlagen der Freimaurerei. Führende Philalethen traten dem Illuminatenorden bei. All dies hielt den Niedergang der Illuminaten jedoch nicht auf. Als Carl Friedrich Bahrdt 1789 mit der »Deutschen Union der Zweiundzwanziger« eine Konkurrenzorganisation gründete, konnte deren Aufkommen zwar durch eine Enthüllungsschrift B.s u. eine von Goethe u. Herzog Carl August veranlasste Kampagne der in Jena erscheinenden »Allgemeinen Literatur-Zeitung« verhindert werden, doch setzte sich nun die schon 1788 von Wieland öffentlich vertretene Auffassung durch, dass man das Geheimbundwesen generell überwinden müsse u. der freie öffentl. Diskurs der Königsweg zur Verbreitung aufklärerischer Ideen sei. B.s letztes großes Projekt, der »Bund der deutschen Freimaurer«, kam nicht über Anfänge hinaus. B. geriet zudem nach dem Ausbruch der Französischen Revolution ins Visier reaktionärer Verschwörungstheoretiker, die in seiner Reise nach Paris 1787 einen Beweis dafür erblicken wollten, dass die Illuminaten den polit. Umsturz in Frankreich angezettelt hätten. 1792/ 93 wurden auch in Weimar u. Gotha sämtli-
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che arkanen Gesellschaften liquidiert. Nach Bode, (Arnold) Wilhelm von (geadelt B.s Tod im Dez. 1793 nahm Herzog Ernst II. 1914), * 10.12.1845 Calvörde bei Magdedessen freimaurerischen u. illuminat. Nach- burg, † 1.3.1929 Berlin; Grabstätte: ebd., lass unter Verschluss. Er bildet heute die be- Alter Luisenfriedhof. – Kunsthistoriker. rühmte »Schwedenkiste« im Archiv der Gothaer Freimaurerloge »Ernst zum Kompass«. Erst nach einem Jurastudium wandte sich B. B.s Reformintentionen setzte Friedrich Lud- der Kunstgeschichte zu, die damals nur an wig Schröder, der langjährige Meister vom wenigen Universitäten gelehrt wurde, so in Stuhl von B.s Hamburger Loge »Emanuel zur Berlin u. Wien, wo B. studierte. Die unzuMaienblume«, um 1800 in eine nachhaltige reichenden Studienmöglichkeiten zwangen Erneuerungsbewegung der dt. Freimaurerei ihn zu weitgehend autodidaktisch betriebeum, der sich 1808 auch die Weimarer »Ama- nen Forschungen, die er 1870 in Leipzig mit der Promotion abschloss. Nach einer Italienlia« anschloss. reise wurde B. 1872 Assistent, 1883 Direktor Literatur: Harvey Waterman Thayer: Laurence Sterne in Germany. New York 1905. – Josef Wihan: der Skulpturen-Abteilung der Berliner MuJ. J. C. B. als Vermittler engl. Geisteswerke in seen. Seit 1890 war er zudem Direktor der Dtschld. Prag 1906. Nachdr. Hildesh. 1975. – Peter Gemäldegalerie, u. 1905 erfolgte seine ErMichelsen: Laurence Sterne u. der dt. Roman des nennung zum Generaldirektor aller staatl. 18. Jh. Gött. 1972. – Richard van Dülmen: Der Kunstsammlungen, eine Funktion, die er – Geheimbund der Illuminaten. Stgt.-Bad Cannstatt von 1920 an kommissarisch – bis zu seinem 1975. – Bernhard Fabian: English Books and Their Tod ausübte. Das im Jahre 1904 von B. erEighteenth-Century German Readers. In: Robert öffnete Kaiser-Friedrich-Museum trägt seit Darnton u. a.: The Widening Circle. Essays on the 1956 seinen Namen. Circulation of Literature in Eighteenth Century Als »Bismarck der Museen« verhalf B. den Europe. Philadelphia 1976. – Franklin Kopitzsch: Grundzüge einer Sozialgesch. der Aufklärung in öffentl. Kunstsammlungen Berlins zu WeltHamburg u. Altona. Hbg. 1982. – W. Daniel Wil- niveau. Er verfolgte eine konsequente Anson: Geheimräte gegen Geheimbünde. Ein unbe- kaufspolitik, die auf einem »System« von kanntes Kapitel der klassisch-romant. Gesch. Wei- Mäzenen, Kunsthändlern u. -agenten beruhmars. Stgt. 1991. – Hermann Schüttler: J. J. C. B. te. Von seinem Weitblick als Sammler u. Journal v. einer Reise v. Weimar nach Frankreich. Museumspolitiker zeugen außer zahlreichen Im Jahr 1787. Mchn. 1994. – Ders.: B. u. die Frei- Erwerbungen erstrangiger europ., islam. u. maurerei in Weimar. In: Ettersburger H.e 3 (1995), ostasiat. Kunstwerke die Gründungen neuer S. 6–29. – Hans-Jürgen Schings: Die Brüder des Marquis Posa. Schiller u. der Geheimbund der Il- Abteilungen u. zukunftsweisende Bauplaluminaten. Tüb. 1996. – W. D. Wilson: Unterird. nungen. Bedeutend für die MuseumsgeGänge. Goethe, Freimaurerei u. Politik. Gött. 1999. schichte sind ferner seine innovativen, an äs– Joachim Bauer u. Gerhard Müller: ›Des Maurers thetischen u. kulturhistor. Kriterien orienWandeln, es gleicht dem Leben‹. Tempelmaurerei tierten Inszenierungen. Förderlich für das u. Politik im klass. Weimar. Rudolstadt/Jena 2000. Fach Kunstgeschichte war B.s Mitwirken an – H. Schüttler: Der Wilhelmsbader Freimaurer- den Gründungen des Kunsthistorischen Inkonvent im Spiegel der Illuminaten. In: Geheime stituts in Florenz (1897) u. des Deutschen Gesellsch. Weimar u. die dt. Freimaurerei. Kat. zur Vereins für Kunstwissenschaft (1908). Als Ausstellung der Stiftung Weimarer Klassik im Wissenschaftler stand B. in der Tradition der Schiller-Museum Weimar 21.6. bis 31.12.2002. Hg. Joachim Berger u. Klaus-Jürgen Grün. Mchn. 2002, »Schule der Kenner«. Regelmäßige Reisen S. 175–184. – Peter de Voogd u. John Neubauer durch Europa, v. a. Italien, sowie in die USA (Hg.): The Reception of Laurence Sterne in Europe. hatten ihm eine einzigartige Objektkenntnis London u. a. 2004. – Reinhard Markner, Monika vermittelt, auf der sein umfangreiches wiss. Neugebauer-Wölk u. H. Schüttler (Hg.): Die Kor- Werk fußt. respondenz des Illuminatenordens. Bd. 1: Die Mehrzahl seiner weit über 800 Titel 1776–81, Tüb. 2005. Gerhard Müller zählenden Veröffentlichungen ist der Zuschreibung u. kunsthistor. Einordnung von ital. Kunstwerken der Renaissance sowie der
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niederländ. Malerei des 17. Jh. gewidmet. liner Skulpturenslg. u. das System W. B.: Leonardo Waren die meisten Publikationen durch Ein- da Vinci oder Richard Cockle Lucas? Kiel 2006. Wolfgang Beyrodt / Martin Gaier zelerwerbungen motiviert, mündeten sie schließlich in große Korpuswerke wie Denkmäler der Renaissance-Skulptur Toscanas (12 Bode, Wilhelm, gen.: Goethe-Bode, * 30.3. Bde., Mchn. 1892–1905) u. Italienische Bron1862 Hornhausen/Sachsen, † 24.10.1922 zestatuetten der Renaissance (3 Bde., Bln. Weimar; Grabstätte: ebd. (erneuert durch 1907–12) oder wurden von B. für ein breiteres Walther Victor). – Populärer Goethe-ForPublikum zusammengefasst (Die Kunst der scher. Frührenaissance in Italien. Bln. 1923). Jacob Burckhardt vertraute ihm die Überarbeitung Nach dem Besuch des Realgymnasiums in seines Cicerone an u. B. gab sechs Neuauflagen Halberstadt studierte der Sohn eines Landheraus (1879–1904). B.s mit seiner Disserta- wirts in Freiburg i. Br., Berlin u. Straßburg tion (Frans Hals und seine Schule. In: Jb. für Germanistik u. Romanistik. Nach der ProKunstwiss. Lpz. 1871) erworbene Kenner- motion in Straßburg über Die Kenningar in der schaft der niederländ. Malerei stellte die angelsächsischen Dichtung (Darmst./Lpz. 1886) Rembrandt-Forschung auf eine neue Grund- arbeitete B. zunächst als Lehrer, Redakteur u. lage (Beschreibendes Verzeichnis seiner Gemälde. 8 Schriftsteller in London u. Mittelweida, seit Bde., Paris 1897–1905). Ein weiteres Stan- 1900 als Schriftsteller in Isseroda u. Weimar. dardwerk legte er mit Vorderasiatische Knüpf- B. setzte sich für die Bekämpfung übermäteppiche aus älterer Zeit (Lpz. 1901. 21914. ßigen Alkoholkonsums ein: Nachdem er 3 1922) vor. Weitere Publikationen befassten 1889 den »Alkoholgegnerverband« gegrünsich mit Kunsthandel, Kunstsammlungen u. det hatte, gab er seit 1891 die »Mitteilungen Museumspolitik. zur Bekämpfung der Trunksucht« heraus u. B.s literarisches Werk ist empirisch-positi- war von 1892 bis 1899 Geschäftsführer des vistisch u. faktenorientiert, ohne den An- »Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch spruch auf eine theoret. Fundierung zu er- geistiger Getränke«. B. starb bei einem Straheben. Das in seiner Autobiografie Mein Leben ßenbahnunfall in Weimar. Seit 1900 widmete sich B. ganz der Popu(2 Bde., Bln. 1930) entworfene Selbstbild ist u. a. durch die kommentierte Neuausgabe larisierung Goethes. Neben dem eigenen Pe(hg. v. Thomas W. Gaehtgens u. Barbara Paul. riodikum »Stunden mit Goethe. Für die Freunde seiner Kunst und Weisheit« (1 Bln. 1997) relativiert worden. Literatur: Bibliografien: Friedrich Künzel: Verz. [1905]-9 [1913], 10 [1921]) veröffentlichte er des schriftl. Nachl.es v. W. v. B. Bln. 1995. – Jürgen zahlreiche Bücher u. Quellensammlungen Zimmer: Bibliogr. W. (v.) B. In: Gaehtgens/Schus- über Goethe, dessen Zeit u. persönl. Bezieter 1996 (s. u.), S. 183–249. – Weitere Titel: Ludwig hungen. Erfolgreich waren v. a. B.s themat. Justi: W. v. B. In: NDB. – Manfred Ohlsen: W. v. B.: Anthologien wie Goethes Lebenskunst (Bln. Zwischen Kaisermacht u. Kunsttempel. Biogr. Bln. 1901. 91929) u. Der fröhliche Goethe (Bln. 1904). 1995. – Thomas W. Gaehtgens u. Peter-Klaus Unter den gut recherchierten Studien zu Schuster (Hg.): Kennerschaft: Kolloquium zum einzelnen Aspekten (Die Tonkunst in Goethes 150sten Geburtstag v. W. v. B. Bln. 1996. – Wolfgang Beyrodt: W. v. B. (1845–1929). In: Altmeister Leben. 2 Bde., Bln. 1912) u. quellenkundl. moderner Kunstgesch. Hg. Heinrich Dilly. Bln. Biografien (Amalie, Herzogin von Weimar. 3 2 1999, S. 18–34. – Max Seidel: W. B. als ›Schüler‹ Bde., Bln. 1908. Die Schicksale der Friederike Jacob Burckhardts. In: Storia dell’arte e politica Brion vor und nach ihrem Tode. Bln. 1920) ragt culturale intorno al 1900: la fondazione dell’Isti- die Biografie über Goethes Sohn (Bln. 1918. tuto germanico di storia dell’arte di Firenze. Hg. 31918. Nachdr. hg. v. Gabriele Radecke. Bln. ders. Venedig 1999, S. 55–109. – Catherine B. 2002. 22004) heraus. Indem B. Trunksucht, Scallen: Rembrandt, Reputation, and the Practice Depressionen u. Ehekrisen August von Goeof Connoisseurship. Amsterd. 2004. – Ulrike Wolffthes empathetisch schildert, erhellt er die Thomsen: Die Wachsbüste einer Flora in der BerSchattenseite des großen Vaters. Auf der Methode der indirekten Charakterisierung be-
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ruht auch B.s bedeutende Sammlung Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen. Auch eine Lebensgeschichte (3 Bde., Bln. 1921–23), welche die Vielfalt der zeitgenöss. GoetheRezeption dokumentiert. Ihren Quellenwert bezeugen mehrere Neudrucke (Bern 1969. Bln./Mchn. 1982. Bln./Weimar 1999). Unvollendet blieb das große Unternehmen einer Goethe-Biografie: Goethes Leben (seit 1920) dokumentierte B. bis 1790 (Bd. 7: Rom und Weimar: 1787–1790. Bln. 1923), zwei postum erschienene Folgebände von Valerian Tornius reichen bis 1797 (Bd. 9: Der Bund mit Schiller: 1794–1797. Bln. 1927). Weitere Werke: Goethes Liebesleben. Bln. 1914. Nachdr. Bern 1970. Lpz. 1996. – Goethes Leben im Garten am Stern. Bln. 1909. 161922. – Charlotte v. Stein. Bln. 1910. 61927. – Die Franzosen u. Engländer in Goethes Leben u. Urteil. Bln. 1915. – Goethe zwischen den Propheten (u. Ergo bibamus!). Bln.-Dahlem 1922. – Goethes Schweizer Reisen. Lpz. u. Basel 1922. Nachdr. Zürich 1946. Literatur: Walther Lampe: W. B. In: Mitteldt. Lebensbilder. Bd. 5, Magdeb. 1930. – Jens Riederer in: Weimar-Kultur-Journal 12 (2003), 1, S. 28 f. Achim Aurnhammer
Bodenhausen, Eberhard Frhr. von, * 12.6.1868 Wiesbaden, † 6.5.1918 Meineweh bei Weißenfels/Sachsen-Anhalt. – Industrieller; Kunsthistoriker, Kulturpolitiker u. Mäzen. B., aus niedersächsischem Landadel, studierte nach dem Besuch der Klosterschule Roßleben Jura in Bonn u. Leipzig u. arbeitete anschließend im höheren Verwaltungsdienst (Halberstadt, Potsdam). Parallel betrieb er intensive Kunst- u. Literaturstudien. 1893 fand B. Zugang zum »Schwarzen Ferkel«, einem Berliner Treffpunkt der literar. Moderne. Mit Otto Julius Bierbaum, Richard Dehmel, Julius Meier-Graefe u. Alfred Lichtwark gehörte B. zu den Mitbegründern der exklusiven Kunstzeitschrift »Pan« (1895–1900). 1897 übernahm B. die Geschäftsführung der Tropon-Werke u. wurde in dieser Funktion zu einem der Pioniere der künstler. Reklame. Nach dem Scheitern des »Pan« nahm er 1901 ein kunstgeschichtl. Studium in Heidelberg auf, mit dem Ziel, eine Laufbahn als Kunsthistoriker einzu-
schlagen. 1903 war B. Gründungsmitglied des Deutschen Künstlerbundes u. fungierte bis 1904 als einer seiner Schriftführer. Ein Jahr nach dem Studienabschluss (1905) u. nach erfolgloser Bewerbung um den Direktorenposten des Frankfurter Städel trat B. in die Verwaltung der Firma Krupp ein; ab 1910 gehörte er dem Direktorium, später dem Aufsichtsrat an. Im Okt. 1917 wurde B. zum Reichskanzler vorgeschlagen. Er lehnte die Kandidatur für dieses Amt ebenso ab wie die ihm ein Jahr zuvor angetragene Nachfolge Wilhelm von Bodes als Generaldirektor der Berliner Museen. B. gilt als eine der bedeutendsten Gestalten der Kulturbewegung um die Jahrhundertwende. Mit seinem engen Freund Harry Graf Kessler teilte er den Glauben an eine gesellschaftl. Erneuerung durch Kunst sowie an die ihnen als Kulturträger zukommende Verpflichtung zur Verbreitung dieses Glaubens. Wie Kessler verkörperte B. den Typ des Bildungs- u. Kunstaristokraten mit seiner für das späte Kaiserreich eigentüml. Verbindung von ambitionierter aristokrat. Distinktion, bürgerlicher Liberalität u. national bewusster Internationalität. Kritisch eingestellt gegenüber der wilhelmin. Kunstpolitik, setzte sich B. insbes. für die Rezeption von Malerei u. Plastik des frz. Neo-Impressionismus ein, förderte aber auch als Herausgeber des »Pan« die literar. Moderne in ihren symbolistischen, naturalist. oder impressionist. Varianten. Er wirkte als Übersetzer u. fungierte als Unterstützer u. Mäzen u. a. für Rudolf Borchardt, Rudolf Pannwitz, Rudolf Alexander Schröder, insbes. aber für den belgischen Architekten, Gestalter u. Kunsttheoretiker Henry van de Velde. B.s Briefwechsel mit Hofmannsthal (Hugo von Hofmannsthal, E. v. B.: Briefe der Freundschaft. Hg. Dora v. Bodenhausen. Düsseld. 1953) u. mit Kessler (E. v. B., Harry Graf Kessler: Ein Briefw. 1894–1918. Ausgew. u. hg. v. HansUlrich Simon. Marbach 1978) dokumentieren B.s Haltung zu Kunst u. Literatur. Weitere Werke: Gerard David u. seine Schule. Mchn. 1905 (Monogr.). – Ein Leben für Kunst u. Wirtschaft. Hg. Dora v. Bodenhausen-Degener. Düsseld. 1955.
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Literatur: Nicolas Nabokov: Der Mensch, der andere liebte. In: Der Monat 15 (1962), Nr. 170, S. 41–56. – Otto Heuschele: Umgang mit dem Genius. Mchn. 1974, S. 173–180. – Dominik v. König: Mit großem Sinn für Kollektivitäten. E. v. B.: Ein Leben zwischen Krupp, Kunst u. Kommerz. In: Wirtschaft & Wiss. 2 (1995), S. 20–24. – Felix Billeter: Zwischen Kunstgesch. u. Industriemanagement. E. v. B. als Sammler neoimpressionist. Malerei. In: Die Moderne u. ihre Sammler. Hg. Andrea Popanken u. Felix Billeter. Bln. 2001, S. 125–143. Reinhard Tenberg / Stephan Wolff
Bodenstedt, Friedrich (Martin) von (geadelt 1867), * 22.4.1819 Peine, † 18.4. 1892 Wiesbaden; Grabstätte: ebd., Nordfriedhof. – Lyriker, Reiseschriftsteller, Übersetzer u. Kulturhistoriker.
auf die polit. Verhältnisse des Nachmärz zu verstehen sind, vermitteln schablonenhaft eine heitere, exot. Lebensweise in geschickter orientalischer Verkleidung nach dem Vorbild von Goethes Divan. Aus B.s umfangreichem Œuvre sind v. a. seine Reiseberichte von bleibender Bedeutung. B. schien das selbst erkannt zu haben, denn er beschränkte seine Gesammelten Schriften (12 Bde., Bln. 1865–69) auf eine sorgfältig gesichtete Auswahl. Unbestritten sind seine Verdienste als Übersetzer russischer Werke, v. a. von Lermontow (2 Bde., Bln. 1852), Puschkin (3 Bde., Bln. 1854/55) u. den Erzählungen Turgenjews (2 Bde., Mchn. 1864/ 65). Seit 1858 übersetzte er Dramen altenglischer Dichter u. arbeitete an einer Shakespeare-Neuausgabe mit (9 Bde., Lpz. 1866–72). Seine Erinnerungen aus meinem Leben (2 Bde., Bln. 1888–90) sind ein interessantes Zeitdokument für die Jahre bis 1850.
B. war ein unruhiger, allem Neuen gegenüber aufgeschlossener Geist. Der Sohn eines Brauers war Kaufmannslehrling, bevor er in Göttingen kurzzeitig Geschichte u. FremdWeitere Werke: Erzählungen u. Romane. 7 sprachen studierte. 1840 reiste er nach Mos- Bde., Bln. 1871/72. – Aus dem Nachlasse Mirza kau, wo er Privatlehrer im Haus eines russ. Schaffy’s. Neues Liederbuch. Bln. 1874. – F. B.: Ein Fürsten wurde. 1843 wechselte er als Gym- Dichterleben in Briefen. 1850–92. Hg. Gustav nasiallehrer nach Tiflis. Die Eindrücke dieser Schenk. Bln. 1893. Literatur: Kurt Sundermeyer: B. u. die ›Lieder Zeit beschrieb er in Die Völker des Kaukasus und ihre Freiheitskämpfe gegen die Russen (2 Bde., des Mirza-Schaffy‹. Diss. Kiel 1932. – Ernst Ffm. 1848). Er bereiste Kleinasien (vgl. den Stemplinger: F. v. B. In: NDB. – Issa Chehabi: F. B.s Verdeutschung der Hafisischen Lieder. Diss. Köln kulturgeschichtlich-ethnograf. Reisebericht 1966. – Rudolf Gregor: F. B. als Vermittler russ. Lit. Tausend und ein Tag im Orient. 2 Bde., Bln. in Dtschld. Diss. Lpz. 1965. – Johannes Mundhenk: 1849/50), wohnte ab 1846, rastlos den Auf- F. B. u. Mirza Schaffy in der aserbeidschan. Literaenthalt wechselnd, in München, Triest, Ber- turwiss. Hbg. 1971. – Veronique de la Giroday: Die lin, Frankfurt/M., Bremen, Kassel u. Thü- Übersetzungstätigkeit des Münchner Dichterkreiringen als Mitarbeiter verschiedener Zeitun- ses. Wiesb. 1978. – Lieselotte Kurth-Voigt u. Wilgen. 1854 berief ihn König Maximilian II. von liam McClain: F. B.s ›Lieder des Mirza-Schaffy‹. Bayern nach München, wo er eine Honorar- Zur Entstehung u. Rezeption eines Bestsellers. In: professur für slaw. Sprachen, 1858–1866 für Buchhandelsgesch. 2 (1980), S. B384-B397. – W. H. engl. Literatur innehatte u. Mitgl. der Dich- McClain: F. v. B. In: Nineteenth-Century German Writers, 1841–1900. Hg. James Hardin. Detroit tergesellschaft »Krokodile« war. 1866 siedel1993, S. 17–24. – Mária Rózsa: Stilist. u. sprachl. te B. als Intendant des Hoftheaters nach Probleme in den Onegin-Übers.en v. F. B. u. Károly Meiningen über, trat aber schon 1869 zurück. Bérczy. In: Studia Slavica Academiae Scientiarum Seit 1876 lebte er in Wiesbaden, unterbro- Hungaricae 40 (1995), S. 33–42. – Goedeke Forts. chen nur 1880–1882 von einer Reise in die Bernd Goldmann / Red. Vereinigten Staaten (vgl. Vom Atlantischen zum Stillen Ozean. Lpz. 1882). Bodenstein, Adam von, * 1528 Kemberg/ Große – auch internationale – Beachtung Sachsen-Anhalt, † März 1577 Basel. – fand B. allein mit seinen Liedern des MirzaArzt; paracelsistischer Publizist. 165 Schaffy (Bln. 1851. 1917), die von ihm als Übersetzungen seines Lehrers in Tiflis aus- Der Sohn des Theologen Andreas von Bogegeben wurden. Die Lieder, die als Reaktion denstein (genannt Karlstadt) studierte in Ba-
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sel (1548: Magister artium), Freiburg i. Br., sel 1557. Amberg 1611. – Isagoge (zum ›Rosarium Leipzig u. Mainz u. erlangte in Ferrara die chymicum‹ (Ps.-)Arnalds v. Villanova, mit einer Würde eines Dr. med. (1550). Nach Aufent- Epistola ad Fuggeros). Basel 1559. – Philosoph. halt in Wien (1551) lebte B. vorab in Basel, rhatschlag. o. O. 1577 (Pestschr.). Ausgaben: Onomasticon [...] Theophrasti Paratrat aber auch ins nähere Blickfeld des späteren pfälzischen Kurfürsten Ottheinrich celsi eigne auszlegung [...] seiner wörter. Basel 1575. Nachdr. Hildesh. 1981. – Dedikationen an (1502–1559), der B. zum »Diener von Haus Girolamo Priuli (Basel 1560) u. Ludwig Wolfgang v. aus« bestallte (1553). Sowohl seine lose Zu- Hapsperg (Basel 1562). Hg. Perifano (1996). – Degehörigkeit zum Paracelsistenkreis um Ott- dikation an Cosimo de’ Medici (Basel 1563). Hg. heinrich (Michael Toxites, Alexander von Perifano (1997), S. 151–170 (mit frz. Übersetzung). Suchten) als auch der Umstand, dass ihn – Widmungen u. Vorreden v. 1560 bis 1576. In: CP Ottheinrich »mehrmals gantz gnedig er- I, Nr. 6–30, S. 104–544. mahnet« hatte, »Theophrasti Schrifften zu Literatur: Bibliografie: Karl Sudhoff: Ein Beitr. lesen« (1556), wandelten den galenist. Medi- zur Bibliogr. der Paracelsisten im 16. Jh. In: ZfB 10 ziner in einen »heimlichen Jünger Paracelsi«. (1893), S. 316–326, hier S. 317–320. – Ders.: Ein Nach seiner Aufnahme in das Basler »Consi- Nachtrag [...]. Ebd. 11 (1894), S. 169–172, hier lium facultatis medicae« (1558) bewirkten S. 170. – Ders.: Versuch einer Kritik der Echtheit jedoch Heilerfolge mit Paracelsischer Arznei der Paracels. Schr.en. Tl. 1. Die unter Hohenheims Namen erschienenen Druckschr.en. Bln. 1894, (1556), dass sich B. nun offen zur Hohenpassim. – Guido Jüttner: B. In: DDL. – Weitere Titel: heim’schen »Medicina nova« bekannte. Er August Hirsch: B. In: ADB. – Gerhard Eis: B. In: gab seit 1560 zahlreiche Paracelsica heraus, NDB. – Will-Erich Peuckert: Pansophie. Ein Verwurde deshalb aus dem galenistisch be- such zur Gesch. der weißen u. schwarzen Magie. herrschten »Consilium« ausgeschlossen Bln. 21956, s. v. – Pearl Kibre: B. In: DSB, Bd. 1 (1564) u. entwickelte sich zum führenden (1970), S. 4 f. – Karl-Heinz Weimann: ParacelsusVertreter des oberrhein. Paracelsismus. B., Lexikographie in vier Jahrhunderten. In: Mediein entschiedener Parteigänger Calvins, be- zinhistor. Journal 16 (1981), S. 167–195, hier teiligte sich an religiösen Konflikten in Basel; S. 167–170. – Alfredo Perifano: Les deux dédicaces d’A. de B. au ›De vita longa‹ de Paracelse. In: ferner widmete er sich der chemiatr. Praxis u. Chrysopoeia 5 (1992–96), S. 471–491. – Ders.: Transmutationsalchemie. L’Alchimie à la Cour de Côme Ier de Médicis. SaFachliterarische Bedeutung aber erlangte voirs, culture et politique. Paris 1997, S. 131–141 B. als ein im Dienst der Lehren Hohenheims u. ö. – Ders.: Considérations autour de la Question wirkender Publizist. Er kompilierte zum du Paracelsisme en Italie au XVIe Siècle: Les Verständnis Paracelsischer Fachtermini ein Dédicaces d’A. de B. au Doge de Venise et à Côme Ier Onomasticon (Straßb. 1566: Beigabe zu B.s de Medicis. In: BHR 62 (2000), S. 49–61. – CP I, Ausg. des Opus chyrurgicum Hohenheims. Basel S. 104–544 (mit Biogr. u. weiterer Lit.). – Carlos 1575: überarb. Separatausg.), mit dem die Gilly: B. In: HLS. Joachim Telle frühneuzeitl. Paracelsus-Lexikografie ihren Anfang nahm, u. besorgte über 40 Ausgaben Bodenstein, Andreas von ! Karlstadt, paracelsischer Schriften (erschienen 1560 bis Andreas von 1576). Sie beruhen zwar auf keiner philologisch hochstehenden Leistung; im Verein mit Bodler, Johannes, * 4.12.1629 Lindau, den teilweise von B. unterstützten Paracelsus- † 8.5.1698 Neuburg/Donau. – Jesuit, PreAusgaben des Toxites, Georg Forbergers u. diger. Gerhard Dorns haben sie jedoch Aufkommen u. Fortentwicklung des europ. Paracelsismus 1649 in die Societas Jesu eingetreten, war B. langjähriger Prediger, Beichtvater u. Prinmaßgeblich gefördert. Weitere Werke: Weyssagung Sibylle. o. O. 1557 zenerzieher am Hof des Kurfürsten Wilhelm (Übers. einer Praktika für das Jahr 1557 v. Luca von der Pfalz in Neuburg. Außer einer Reihe Gaurico). – Wie sich meniglich vor dem Cyperlin der fürstl. Familie gewidmeter Einzelpre[...] waffnen solle. Vnnd bericht diser kreüter / So digten verfasste er homilet. Betrachtungen den himmelischen zeichen Zodiaci zu8 geachtet. Ba- u. d. T. Angelus salutis verbi dei praedicator (Wien
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1678), ein Festivale, den Jahreszyklus Fest- Bodman, Emanuel Frhr. von und zu, und feyr-täglicher Predigen Curs, als in einem * 23.1.1874 Friedrichshafen, † 21.5.1946 Wettrennen zu dem Ring der glückseeligen Ewigkeit Gottlieben/Bodensee. – Lyriker, Erzähler, (Dillingen 1683), u. als Pendant dazu ein Dramatiker. Dominicale Die entlarffte Falschheit oder sonntäglicher Predigen-Curs (Dillingen 1697), au- B. entstammte einer alten badischen Adelsßerdem Diskurse über Bewährung, Erklärung familie; sein Vater war württembergischer und Verthädigung deß allerheiligisten Mesz-Opffers Offizier. Nach der Gymnasialzeit in Konstanz (Heidelb. 1688). In der Vorrede zum Festivale studierte er Jura u. Philosophie in Berlin u. begründet B. den häufigen Gebrauch von München. 1905–1910 lebte B. als freier Gleichnissen damit, dass sie dem Prediger die Schriftsteller in Zürich, danach übersiedelte Gedächtnisarbeit erleichterten u. zgl. den er nach Gottlieben/Bodensee. In seinem daZuhörern, »auch den gemeinen, einfältigen«, maligen Wohnhaus ist heute die 1996 geeher verständlich seien »als die Erörterung gründete Thurgauische Bodman-Stiftung einer hohen theologischen Frage«. Er brachte ansässig. Das angeschlossene »Haus der Liteseine zuvor mündlich vorgetragenen Kan- ratur« organisiert Veranstaltungen u. Auszelreden als Muster für weniger eloquente stellungen u. verfügt über eine GästewohAmtsbrüder zum Druck u. begründete ihre nung für Stipendiaten. Ausführlichkeit: Es sei »minder Arbeit und B. war Richard Dehmel u. Rilke freundKunst, wo es nöthig, einen Theil hinwegzu- schaftlich verbunden. In seiner Lyrik ist er der nehmen [...], als einen neuen hinzuzuset- neuromantisch-neoklassizist. Abkehr vom zen«. Gleichwohl sollten nach B.s Ansicht Naturalismus verpflichtet. Eine schwärmePredigten nicht – wie im Kanzelstil des Ba- risch-lyrische Grundhaltung kennzeichnet rock üblich – mit allzu vielen Geschichten auch seine erzählende Prosa u. seine Dramabefrachtet sein; er brachte dazu den bildhaf- tik, die oft autobiogr. Züge tragen. Die histen Vergleich eines mit »überhäufte[r] Speis« torische u. soziale Realität tritt vor dem inbelasteten Magens, dem mit »gemäßigten neren Erleben in den Hintergrund. B. übergekochten Gerichten« besser gedient sei. An nimmt in stark typisierender Weise antike anderer Stelle (Festivale, S. 344) beklagt B., Formen u. Motive zur Darstellung v. a. sittdass das Kirchenvolk den »Briefmahlern« u. lich-religiöser Probleme. »Zeitungsschreibern«, also von MarktschreiDen Gedichtzyklus Der tiefe Brunnen (Konern dargebotenen illustrierten Flugblättern stanz 1924) bezeichnete B. als sein »Seelenu. Bildtafeln mit Monstren u. Wunderzeiepos«; die Dramen Donatello (Bln. 1907), Die chen, eher Glauben schenke als den von PreKrone (Mchn. 1904) sowie Der Ring mit dem digern verkündeten, von der kath. Kirche Karfunkelstein (Konstanz 1923) zeigen seine authentisierten Mirakeln u. Legenden. Die Bemühungen um eine Tragödie neuen Stils. vielfach fließenden Grenzen zwischen Aberglauben u. kirchlicher Lehre sind ein in der Das Theater sollte als Tempel begriffen werBarockpredigt allg. zu beobachtendes Phä- den, u. am Schicksal des Einzelnen sollte sich das Allgemeine offenbaren. Diese Überzeunomen (vgl. z.B. Franz Anton Oberleitner). gung lag auch seiner als erzählerisches Ausgabe: Fromme Seelen haben sich vor dem Gerichts-Tag nit unmässig zubeförchten. In: Pre- Hauptwerk geplanten Autobiografie Mär von digten der Barockzeit. Texte u. Komm. Hg. Werner Sigmund zugrunde, die mit dem Buch der Kindheit (Stgt. 1952) nur zu einem ersten Teil Welzig. Wien 1995, S. 39–49, 541–544. Literatur: Backer/Sommervogel 1, Sp. von ihm abgeschlossen wurde. Im Ersten 1564–1566. – Werner Welzig: Kat. gedr. deutsch- Weltkrieg gab B. patriot. Soldatenlieder hersprachiger kath. Predigtslg.en. Bd. 1, Wien 1984, aus. 1917 hielt er eine Erbauungsrede vor dt. S. 126–130, S. 154 f. Bd. 2, Wien 1987, S. 584 f. – Fronttruppen (Schicksal und Seele. Stgt. 1918). DBA 114,270–272. Elfriede Moser-Rath † / Red. In ihr verband er spätantike Moralphilosophie u. abstrakte Mystik zu einer Predigt von überkonfessioneller Religiosität.
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17 Weitere Werke: Zirkusluft u. Künstlerwelt. E.en, G.e, Tagebuchnotizen. Frauenfeld u. a. 2001. – Früher Mord. Frauenfeld u. a. 2002 (G.e). Ausgaben: Die ges. Werke. Hg. Karl Preisendanz. 10 Bde., Stgt. 1951–60. – Werkausw. Hg. Walter Rügert u. Heinz Bothien. Frauenfeld u. a. 2000 ff. – Briefe: Lassen Sie bald wieder Gutes u. Mutiges v. sich hören. Briefe v. u. an E. v. B. Frauenfeld u. a. 2004. Literatur: Manfred Bosch: Dichterleben am Bodensee. Frauenfeld u. a. 2002. – Jochen Kelter: Lit. auf dem Land. Fünf Jahre B.-Literaturhaus in Gottlieben. In: Allmende 25 (2005), S. 57–61. Jürgen H. Koepp / Red.
Bodmer, Johann Jacob, * 19.7.1698 Greifensee/Kt. Zürich, † 2.1.1783 Zürich. – Dichtungstheoretiker, Übersetzer u. Herausgeber, Verfasser von Dramen u. Epen. Der Sohn eines Pfarrers bezog nach dürftigen Anfängen in einer Lateinschule das Collegium Carolinum in Zürich. Bereits 1718 kehrte er dieser Gelehrtenschule den Rücken, um in Lugano u. Lyon praktische kaufmänn. Kenntnisse zu sammeln. Die Ernte dieses Aufenthalts war jedoch eher literar. Art; seine intimen Kenntnisse ital. u. frz. Autoren gehen auf diese frühe Zeit zurück. Seit 1719 war er in der Zürcher Staatskanzlei tätig. 1727 heiratete er Esther Orell, die Tochter Felix Orells zum Spiegel. 1725 wurde B. als Verweser, 1731 als gewählter Professor auf den Lehrstuhl für Helvetische Geschichte an das Collegium Carolinum berufen, den er bis 1775 innehatte. Zus. mit seinem Neffen Conrad Orell u. dem Landschreiber Konrad von Wyss gründete er die Verlagsbuchhandlung Orell & Comp. Lebhaft war der literar. Verkehr im Hause B.s: Wieland u. Klopstock erfuhren seine Förderung; Goethe, Heinse, Lavater u. Tischbein gehörten zu den Gästen des »munteren Greises« (Goethe). In der Diskussion über einen neuen, den Rationalismus Christian Wolffs u. Johann Christoph Gottscheds überwindenden Poesiebegriff kommt B. eine bedeutende Stellung zu. An der Stärkung eines spezifisch eidgenössisch-republikan. Bewusstseins hatte er entscheidenden Anteil. Entsprechend umfasst B.s Gesamtwerk, an dem Johann Jacob Breitinger maßgeblich beteiligt war, Ge-
sellschaftsschriften, histor. Studien, altdt. u. neuere dt. Texteditionen, Dramen, Epen, einen satir. Roman sowie kritisch-ästhet. Schriften. Politisch-moral. Einfluss versprach sich B. von period. Schriften, die er in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten ins Leben rief. 1720 konstituierte sich die Gesellschaft der Mahler, deren Publikationsorgan, die Wochenschrift »Discourse der Mahlern«, in 94 Nummern erschien (1721–23. Neuausg.n: Teildr. 1891. Neudr. 1969). Wegweisend war hier Joseph Addisons »Spectator« (1711/12, 1714), wobei B. eine frz. Ausgabe vorgelegen hat (Amsterd. 1714). Weniger die ästhetischpoetologischen als vielmehr die moralischpolit. Exkurse erregten das Misstrauen der Zürcher Zensurbehörden. »Stark vermehrt« u. strukturell geändert erschienen die »Discourse« später u. d. T. »Der Mahler der Sitten« (1746). Zu den Gründungsmitgliedern einer zeitweilig heimlich tagenden »Dienstags-Companie« (um 1750) gehörten u. a. Salomon Gessner u. der Stadtarzt Johann Georg Schulthess. Ihr Publikationsorgan »Crito« erschien lediglich für das Jahr 1751. Die vielfältigen Arbeitsgebiete B.s – u. teilweise auch Breitingers – kommen in einer Reihe von Zeitschriften zur Geltung. Beiträge zur Literaturkritik älterer u. neuerer Epochen vereinigt die Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvoller Schriften (Stücke 1–12, Zürich 1741–44). Distanzierte Wissenschaftssprache u. Polemik (meist gegen Gottsched) gehen hier ineinander über. Vorwiegend der Wiederentdeckung u. Neubewertung mhd. Denkmäler sollten die »Freimüthigen Nachrichten von neuen Büchern, und anderen zur Gelehrtheit gehörigen Sachen« (Jg. 1–8, 1744–51) dienen. Eindeutig die Stärkung republikan. Bewusstseins verfolgten B. u. Breitinger mit der Herausgabe der Helvetischen Bibliothek (6 Stücke, 1735–41), in der die geistige Nähe zur Geschichtsauffassung Montesquieus deutlich wird. Bleibende Verdienste kommen B. auf dem Gebiet der germanist. Wissenschaftsgeschichte zu. Nicht zuletzt ist es dieser Themenkomplex der Mittelalterrezeption, der Versuch, das »güldene schwäbische Alter« für das 18. Jh. fruchtbar zu machen, dem die neuere Forschung vermehrt ihre Aufmerk-
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samkeit widmete. Zus. mit Breitinger richtete er nach 1743 seine Aufmerksamkeit auf den sog. Minnekodex (heute: Große Heidelberger Liederhandschrift. Cod. pal. germ. 848. Zu B.s Zeit in der Kgl. Bibl. Paris) u. das Nibelungenlied. Nach langwierigen Verhandlungen u. durch Vermittlung des Straßburger Gelehrten Johann Daniel Schöpflin erhielten die beiden 1746 die Handschrift zur Einsicht. Von den 140 Sängern des Codex stellten sie 18 der Öffentlichkeit vor in den Proben der alten schwäbischen Poesie des Dreyzehnten Jahrhunderts (Zürich 1748). 1758 legten sie den ersten, 1759 den zweiten Teil der Sammlung von Minnesingern aus dem schwäbischen Zeitpuncte (Straßb.) vor; aufgenommen wurden alle 140 Sänger. Vorausgegangen war der Edition eine von B. u. Breitinger veranstaltete Ausgabe von Ulrich Boners Edelstein u. d. T. Fabeln aus den Zeiten der Minnesinger (Zürich 1757). In die zweite Hälfte der 1750er Jahre fällt auch die Beschäftigung mit dem Nibelungenlied. Die literar. Transaktion ging zurück auf die Vermittlung des Mediziners Jacob Hermann Obereit, der auf den Aufbewahrungsort, Schloss Hohenems/Vorarlberg, aufmerksam gemacht hatte (Hs. C, Hohenems-Laßbergische Hs.). 1757 erschien die Ausgabe Chriemhilden Rache, und die Klage, zwey Helden-Gedichte aus dem schwäbischen Zeitpuncte (Straßb.); nur das letzte Drittel des Nibelungenlieds sowie die »Klage« wurden aufgenommen. Charakteristisch ist die Auflösung der Langzeilen in Kurzzeilen. B.s Editionsprinzipien sind nur zu verstehen, wenn man seinen histor. Ort berücksichtigt. In der Einteilung beruft er sich auf die Darstellungsweise Homers, die ihm seit der Lektüre Theodor Blackwells vertraut war. Erst nach Breitingers Tod befasste sich B. erneut mit Editionsplänen, ohne dass er zu einem Abschluss gekommen wäre. Ergänzt wurden seine altdt. Bemühungen durch eine Reihe freier Bearbeitungen des Parzival-, Nibelungen- u. Willehalm-Stoffs, bezeichnenderweise zumeist in Hexametern (Der Parcival. In: Calliope von Bodmern. Bd. 2, Zürich 1767. Wilhelm von Oranse. Zürich 1774). Erst in der Sammlung Altenglische und altschwäbische Balladen. In Eschilbachs Versart (Zürich 1781) befreit sich B. vom Hexameterzwang. Sowohl zum Minnesang als auch
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zur mhd. Epik, altengl. u. altnord. Dichtung erschienen zahlreiche Einzelbeiträge, u. a. in den Critischen Briefen (Zürich 1746), den Neuen Critischen Briefen (Zürich 1749) u. den Freymüthigen Nachrichten (1744 ff.). Nicht zuletzt durch literar. Übersetzungen versprach sich B. die Anerkennung seiner ästhetisch-poetolog. Vorstellungen. Sowohl seine Milton- als auch seine Homer-Übersetzung (1778) übten nachhaltigen Einfluss auf Zeitgenossen aus (Klopstock, Herder, Wieland). Fünf Jahrzehnte beschäftigte ihn Miltons Paradise Lost: Die erste Auflage (Verlust des Paradieses) erschien in Zürich 1732, eine sechste 1780. B.s Affinität zur engl. Literatur fand ihren Niederschlag in den Übertragungen der Satiren Samuel Butlers u. Popes (Hudibras. Zürich 1737. Alexander Popens Duncias. Zürich 1747), die in die literar. Fehde mit Gottsched eingriffen. Im Zusammenhang mit der Klärung des eigenen Stilideals steht die Herausgabe einiger neuerer dt. Texte (Ludwig Meyer von Knonau: Ein halbes Hundert neuer Fabeln. Zürich 1744. Samuel Gotthold Lange u. Immanuel Jakob Pyra: Thirsis und Damons freundschaftliche Lieder. Zürich 1745. N. [recte: Christian] Wernike: Poetische Versuche in Überschriften [...]. Zürich 1749). Als bemerkenswertes Dokument in der Editionsgeschichte neuerer dt. Texte kann B.s gemeinsam mit Breitinger veranstaltete Ausgabe Martin Opitzens von Boberfeld Gedichte (Zürich 1745; nur der 1. Tl. erschienen) gelten. Zum Korpus der kleineren ästhet. Schriften gehört die zus. mit Breitinger verfasste Schrift Von dem Einfluss und Gebrauche der Einbildungs-Krafft (Ffm./Lpz. 1727), die Christian Wolff dediziert wurde. Nach Ausweis der »Vorrede« ist sie nur der kleinere Teil eines größeren Plans. Einbildungs-Krafft wird hier noch ganz im Sinne Wolffs u. Gottscheds mit dem Witzbegriff in Verbindung gebracht. Eine Sonderstellung innerhalb des Korpus der ästhet. Schriften nimmt der Brief-Wechsel von der Natur des poetischen Geschmackes (Zürich 1736. Neudr. Stgt. 1966) ein. Dieses bedeutende Zeugnis eines dt.-ital. Austauschs über Fragen des guten Geschmacks, der Rolle der Empfindung sowie der Wirkungen der Tragödie beruht auf 76 Briefen, die zwischen B.
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u. Pietro dei Conti di Calepio in Bergamo gewechselt wurden. Auf Gemeinsamkeiten zwischen dem Briefwechsel u. Lessings Hamburgischer Dramaturgie (Diskussion der aristotel. Affekte) wurde gelegentlich hingewiesen. Bis in die 1720er Jahre lässt sich die Entstehung der beiden großen dichtungstheoret. Schriften B.s zurückverfolgen. So eignet dem Traktat Anklagung des verderbten Geschmackes (Ffm./Lpz. 1728. Gewidmet Johann Ulrich König) der Charakter eines Prolegomenons insofern, als hier Gottscheds »Tadlerinnen« u. »Patriot« in ihrer Substanz in Zweifel gezogen werden. Die Diskussion der großen Epentradition (Milton, Dante, Tasso, Homer) steht im Mittelpunkt der Critischen Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie und dessen Verbindung mit dem Wahrscheinlichen (Zürich 1740. Neudr. Stgt. 1966) sowie der Schrift Critische Betrachtungen über die Poetischen Gemählde der Dichter (Zürich 1741. Neudr. Ffm. 1971). Mit dem Verweis auf Addison u. die spätantike Autorität eines Pseudo-Longin (Peri Hypsous, Über das Erhabene) rechtfertigt B. insbes. den kühnen Bildgebrauch Miltons – seine »Gemählde« – als affektsteigerndes Mittel gegen die Kritik Voltaires u. Gottscheds. Damit fügen sich seine Überlegungen ein in die Ästhetik des Erhabenen, die für die Dichtersprache des 18. Jh. bedeutsam wurde (Klopstock, Göttinger Hainbund). Freilich bleibt festzuhalten, dass das »Wunderbare« noch nicht ästhet. Kategorie in der Sicht der Romantik wird, sondern zunächst an die Vorstellung des »Wahrscheinlichen« gebunden bleibt. Dass B. Anteil an der Entstehung der ästhetisch-poetolog. Hauptschriften Breitingers von 1740 nahm, ist gesichert: Zu beiden Büchern steuerte er die »Vorrede« bei. B.s eigene dichter. Versuche blieben meist Gegenstand des Spotts. Angeregt durch Klopstocks Messias u. Miltons Paradise Lost, legte er 1750 die Gesänge 1 u. 2 des Epos Noah ein Heldengedicht vor (1. vollst. Ausg. Ffm./Lpz. 1752), das einige Zustimmung fand. Seine Dramen, gedacht als reine Lesedramen, behandeln Stoffe der griechisch-röm. Antike (Marcus Brutus. Zürich 1778), der vaterländ. Überlieferung (Tell-Stoff), der engl. u. ital. Geschichte (Hungerthurm in Pisa. Chur/Lindau 1769), des AT u. des NT (Der Tod des ersten
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Menschen. Zürich 1776). In polemisch-parodistischer Weise bezog B. Stellung gegen Lessings Emilia Galotti (Odoardo Galotti. Augsb. 1778) u. Philotas (Polytimet. Zürich 1760). Die dramaturg. Intentionen seiner Zeitgenossen blieben ihm grundsätzlich fremd. Es war v. a. Lessing, der einer Dramaturgie des bewunderten Helden ein Ende setzte. Weitere Werke: Crit. Lobgedichte u. Elegien. Zürich 1747. – Edward Grandisons Gesch. in Görlitz. Bln. 1755 (satir. R.). – Neue theatral. Werke. Lindau 1768. – Polit. Schausp.e. 3 Bde., Zürich 1768. – Schweizer. Schausp.e. o. O. 1775. – Herausgeber: Paragone della poesia tragica d’Italia con quella di Francia. Verf.: Pietro dei Conti di Calepio. Zürich 1732. Literatur: Franz Servaes: Die Poetik Gottscheds u. der Schweizer. Literarhistorisch untersucht. Straßb. 1887. – Friedrich Braitmaier: Gesch. der poet. Theorie u. Kritik v. den Diskursen der Maler bis auf Lessing. 2 Bde., Frauenfeld 1888/89. – Jakob Baechtold: Gesch. der dt. Lit. in der Schweiz. Frauenfeld 1892. Neudr. 1919. – J. J. B. Denkschr. zum 100. Geburtstag. Zürich 1900. – Max Wehrli: J. J. B. u. die Gesch. der Lit. Frauenfeld 1936. – Nicola Accolti Gil Vitale: Verso la critica letteraria. Gottsched, B. e Breitinger, Lessing. Varese 1952. – Rinaldo Boldini: Gian Giacomo e B., Pietro di Calepio. Incontro della ›Scuola Svizzera‹ con il pensiero estetico italiano. Mailand 1953. – Enrico Straub: Der Briefw. Calepio – B. Ein Beitr. zur Erhellung der Beziehungen zwischen ital. u. dt. Lit. im 18. Jh. Diss. Bln. 1965. – Wolfgang Bender: J. J. B. u. Johann Miltons ›Verlohrnes Paradies‹. In: JbDSG 11 (1967), S. 225–267. – Ders.: J. J. B. u. J. J. Breitinger. Stgt. 1973 (mit Bibliogr.). – Helga Brandes: Von den ›Discoursen der Mahlern‹ (1721–23) zum ›Mahler der Sitten‹ (1746). Ein Beitr. zur Publizistik der Aufklärung. Bremen 1974. – Karl S. Guthke: Literar. Leben im 18. Jh. in Dtschld. u. in der Schweiz. Bern/Mchn. 1975. – JanDirk Müller: J. J. B.s Poetik u. die Wiederentdeckung mhd. Epen. In: Euph. 71 (1977), S. 336–352. – Peter Faessler: Die Zürcher in Arkadien. Der Kreis um J. J. B. u. der Appenzeller Laurenz Zellweger. In: Appenzellische Jbb. 107 (1979), S. 1–48. – Angelika Wetterer: Publikumsbezug u. Wahrheitsanspruch. Der Widerspruch zwischen rhetor. Ansatz u. philosoph. Anspruch bei Gottsched u. den Schweizern. Tüb. 1981. – Horst-Michael Schmidt: Sinnlichkeit u. Verstand. Zur philosoph. u. poetolog. Begründung v. Erfahrung u. Urteil in der dt. Aufklärung (Leibniz, Wolff, Gottsched, B. u. Breitinger, Baumgarten). Mchn. 1982. – Daniel O.
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Dahlstrom: The taste for tragedy: the ›Briefwechsel‹ of B. and Calepio. In: DVjs 59 (1985), S. 206–223. – Hans Otto Horch u. Georg-Michael Schulz: Das Wunderbare u. die Poetik der Frühaufklärung. Gottsched u. die Schweizer. Darmst. 1988. – Felix Leibrock: Aufklärung u. Mittelalter. B., Gottsched u. die mittelalterl. dt. Lit. Ffm. 1988. – Albert M. Debrunner: Das güldene schwäb. Alter. J. J. B. u. das MA als Vorbildzeit im 18. Jh. Würzb. 1996. – Mathias Janßen: Findet den, der es gemacht hat! Über Autor, Text u. Ed. bei J. J. Bodmer u. J. Grimm. In: Text u. Autor. Hg. Christiane Henkes. Tüb. 2000, S. 5–32. – Helga Brandes: Frühe Diskurse der Aufklärung. Über B. u. Breitinger. In: Literar. Zusammenarbeit. Hg. Bodo Plachta. Tüb. 2001, S. 17–23. – Annegret Pfalzgraf: Eine Deutsche Ilias? Homer u. das ›Nibelungenlied‹ bei J. J. B. Zu den Anfängen der nat. Nibelungenrezeption im 18. Jh. Marburg 2003. – Rosemarie Zeller: Literary developments in Switzerland from B., Breitinger, and Haller to Gessner, Rousseau, and Pestalozzi. In: German literature of the eighteenth century. The Enlightenment and Sensibility. Hg. Barbara Becker-Cantarino. Rochester 2005, S. 131–153. Wolfgang F. Bender
Romans Die Rosse des Urban Roithner (Innsbr. 1950. Wieder in: Gesammelte Werke. Bd. 1, Karlsr. 1982) steht ein Bauer aus der Landschaft des Waldviertels, dessen Identität durch den Konflikt zwischen Bodenständigkeit u. Bewegung zerstört wird. B.s Werk steht in der konservativen Traditionslinie österreichischer Literatur, die v. a. in den 1950er u. 1960er Jahren einflussreich war. Weitere Werke: Die Jahreszeiten. Bln. 1940 (L.). – Solange es Tag ist. Innsbr. 1953 (R.). – Sieben Handvoll Salz. Wien 1958. St. Pölten 1984 (R.). – Haiku. Mchn. 1962. Neuausg. 2002 (L.). – Sonnenuhr. Salzb. 1973 (L.). – Die Bartabnahme. Karlsr. 1982 (R.). Ausgabe: Ges. Werke in Einzelausg.n. Karlsr. 1982 ff. (bisher 3 Bde. ersch.). – Briefw. 1959–76. Martin Heidegger – I. v. B. Hg. Bruno Pieger. Stgt. 2000. Literatur: Gottfried W. Stix: Vom Geheimnis der Landschaft. Zu I. v. B.s Dichtung. In: Lenau-Jb. 24 (1998), S. 7–20. – Fausto Cercignani (Hg.): Hugo v. Hofmannsthal, I. v. B. u. a. In: Studia austriaca 9 (2001). Sabine Scholl / Red.
Bodmershof, Imma von, * 10.8.1895 Graz, † 26.8.1982 Gföhl/Niederöster- Boeck, Carl von der, auch: C. Dauer, C. V. reich. – Verfasserin von Bauernromanen Derboeck, * 22.5.1832 Münster, † 22.9. u. Gedichten. 1892 Berlin. – Mundarterzähler, Kolportage- u. Jugendromanautor. Die Tochter des Begründers der Gestaltlehre, Christian von Ehrenfels, schuf mit ihrer Prosa aus präziser Kenntnis des Landlebens zu Sinnbildern erhobene Figuren u. Konstellationen. Ihr Werk, 1958 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet, sucht eine zunehmend fragwürdig gewordene Traditions- u. Heimatverbundenheit zu stützen. Der Erfahrung von zerstörten Traditionen setzt B. eine Relativierung von Geschichte zugunsten von Ereignissen entgegen u. bekennt sich zu einer »allzeit gültigen« Sprache (»Es kommen keine Läuse über diese Worte«), die in Überwindung von Naturalismus u. Ästhetizismus eine klass. Entsprechung von schön u. wahr behauptet. In der Erzählung Stadt in Flandern (Bln. 1939) beschreibt sie die Position des Menschen im 20. Jh., dessen Ort jene Stadt ist, die durch Versandung den Anschluss ans Meer u. damit an die Natur verloren hat. Im Mittelpunkt ihres ersten
B. stammte aus einer preuß. Offiziersfamilie u. trat 1850 in das preuß. Kadettencorps ein. 1854 beendete er aus gesundheitl. Gründen seine militär. Laufbahn, um anschließend nach Amerika auszuwandern. Als Angehöriger der britisch-amerikan. Fremdenlegion nahm er am Krimkrieg teil, kehrte schließlich nach Deutschland zurück u. arbeitete zunächst als Redakteur der »Westfälischen Zeitung« in Dortmund, ab 1866 als freier Schriftsteller in Berlin. Im selben Jahr meldete er sich als Freiwilliger im preußischösterr. Krieg. Neben hochdt. Kolportage- u. Jugendromanen verfasste er auch plattdt. Texte. Obwohl aus Westfalen stammend, bediente sich der Reuter-Epigone B. dabei der Mecklenburgischen Mundart. Sein Roman Spledder un Spöhn (2 Tle., Bln. 1879/80) beschreibt humorvoll das Landleben in Mecklenburg. In Aufbau, Stil u. Sprache kann er sich mit den
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Romanen Reuters nicht messen, auch wenn einige Figuren plastisch geschildert werden. Sein hochdt. Werk ist heute nahezu vergessen. Weitere Werke: Luise, Königin v. Preußen. Ein Vorbild weibl. Tugenden. Bln. 1881 (E.). – Robinson im Diamantenlande. Bln. 1882 (E.). Literatur: Rudolf Eckart: Hdb. zur Gesch. der plattdt. Lit. Bremen 1911. Jörg Schilling / Red.
Boeckh, August, * 24.11.1785 Karlsruhe, † 3.8.1867 Berlin; Grabstätte: ebd., Dorotheenstädtischer Friedhof. – Altertumswissenschaftler. B. studierte in Halle bei Schleiermacher u. Friedrich August Wolf, den Begründern der modernen Altertumswissenschaft u. der neuen hermeneut. Textkritik. 1807 wurde er zum a. o. Professor, 1809 zum Ordinarius in Heidelberg ernannt, wo er klass. Literatur u. Geschichte der antiken Philosophie lehrte. Er stand in enger Verbindung mit Friedrich Creuzer, auch mit Carl Daub, u. lieferte zu deren »Studien« mehrere Beiträge. Ebenso schloss er sich dem Kreis der Romantiker um Brentano, Arnim u. Görres an. In Arnims »Zeitung für Einsiedler« finden sich einige von B. übersetzte Sonette. 1810 folgte B. einem Ruf an die neu gegründete FriedrichWilhelms- (die spätere Humboldt-) Universität. Im Verlauf seiner 56 Jahre währenden Lehrtätigkeit erwarb er sich große Verdienste um den Aufbau u. den Fortbestand dieser Universität, übernahm mehrfach das Amt des Dekans der Philosophischen Fakultät wie auch des Rektors. Seit 1814 gehörte er der Akademie der Wissenschaften an, lange Jahre als ihr erster Sekretär. B. hat in Forschung u. Lehre die Entwicklung der gesamten Altertums- u. Geschichtswissenschaft des 19. Jh. maßgeblich geprägt. Durch seine akribischen historisch-antiquar. Forschungen trug er viel zur Entmythisierung des vom Klassizismus verbreiteten Idealbildes der griech. Antike bei. In seinem Hauptwerk Staatshaushaltung der Athener (2 Bde., Bln. 1817. 21851) gab er eine nüchterne Darstellung nicht nur des staatl. Finanzsystems, sondern des gesamten volkswirtschaftl. Aufbaus des griech. Gemeinwesens, womit er
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einer historisch-kultursoziolog. Ausrichtung in Altertumskunde wie Geschichtsforschung den Weg ebnete. Bahnbrechend waren auch seine Untersuchungen über die Geschichte des griech. Kalenders, über Astronomie, Maßsysteme, Epigraphik u. v. a. über Musik des klass. Altertums. Als Mentor dieser realphilolog. Neuorientierung löste er teilweise heftigen Widerspruch bei den strikt sprachlich-textkritisch verfahrenden Vertretern seines Fachs (insbes. Gottfried Hermann) aus. Für die Literaturwissenschaft hat B. als ein von Schleiermacher inspirierter Repräsentant der romant. Hermeneutik Bedeutung erlangt. Er machte zahllose Generationen von Studenten mit der eigentl. Aufgabe der Philologie, dem »Erkennen des Erkannten«, vertraut (vgl. seine postum edierten Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften. Lpz. 1877. 21884. Neudr. Darmst. 1966). Abweichend von Schleiermacher legte er starkes Gewicht auf das intuitive Moment des Verstehens, das »Talent zur Kongenialität«. B.s Einfluss auf das theoretisch-philosoph. Selbstverständnis der Geisteswissenschaften reicht über Dilthey, Simmel, Scheler bis hin zu Gadamer. Weitere Werke: Graecae tragoediae principium, Aeschyli, Sophoclis, Euripidis. Heidelb. 1808. – De metris Pindari libri III. Lpz. 1809. – De platonico systemate caelestium globarum. Heidelb. 1810. – Corpus inscriptionum Graecarum. 4 Bde., Bln. 1828–58. – Kleine Schr.en. 7 Bde., Lpz. 1858–74. – Briefw. Friedrich Schleiermachers mit A. B. u. Immanuel Bekker. 1806–20. Hg. Heinrich Meisner. Bln. 1916. Literatur: Konrad Bursian: Gesch. der class. Philologie in Dtschld. 1. Hälfte, Mchn./Lpz. 1883, S. 655–705. – Max Hoffmann: A. B. Lpz. 1901. – Walther Vetter: A. B. In: NDB. – Johannes Irmscher: A. B. u. seine Bedeutung für die Entwicklung der Altertumswiss. In: Jb. für Wirtschaftsgesch. 1971, S. 107–118. – J. A. G. Klassen: A. B.s Hermeneutik, and its relation to contemporary literary scholarship. Diss. Stanford 1973. – Ernst Vogt: Der Methodenstreit zwischen Hermann u. B. In: Philologie u. Hermeneutik im 19. Jh. Hg. Helmut Flashar u. a. Gött. 1979, S. 103–121. – Bernd Schneider: A. B. Altertumsforscher, Universitätslehrer u. Wissenschaftsorganisator im Bln. des 19. Jh. Ausstellung zum 200. Geburtstag. Bln. 1985. –
Boeckler J. Irmscher: Die griech.-röm. Altertumswiss. am Übergang vom Klassizismus zum Historismus: zur 200. Wiederkehr der Geburtstage v. I. Bekker u. A. B. im Jahre 1985. Bln. 1986. – Axel Horstmann: Antike Theoria u. moderne Wiss. A. B.s Konzeption der Philologie. Ffm. u. a. 1992. – B. Schneider: A. B. In: DBE. – Christiane Hackel: Die Bedeutung A. B.s für den Geschichtstheoretiker Johann Gustav Droysen. Würzb. 2006. Jochen Fried / Red.
Boeckler, Boeclerus, Johann Heinrich, * 13.12.1611 Cronheim/Mittelfranken, † 12.9.1672 Straßburg. – Historiker u. Politologe. B. besuchte das Gymnasium in Heilbronn, studierte in Altdorf, dann v. a. in Straßburg u. wurde dort zuerst zum Lehrer am Gymnasium, dann zum Professor für Rhetorik ernannt (1637). Wenige Jahre später (1640) trat er die Nachfolge seines Lehrers Matthias Bernegger auf dem Lehrstuhl für Geschichte an. Nach Kriegsende berief ihn Königin Christina zuerst nach Uppsala (1649), bald darauf als Hofhistoriografen nach Stockholm (1650). Frucht dieses Aufenthaltes war v. a. seine Geschichte des schwedisch-dänischen Krieges von 1643–1645. Von der Königin mit einem Ehrensold bedacht, kehrte er, angeblich wegen des nordischen Klimas, schon 1652 nach Straßburg zurück u. entfaltete – auch im Briefwechsel mit namhaften Gelehrten u. Politikern (Hermann Conring, Johann Christian von Boineburg) – auf seinem alten Lehrstuhl (1654) eine rege Tätigkeit, die namhafte Schüler anzog (Leibniz, Spener, Veit Ludwig von Seckendorff). Schon vorher (1647) hatte der junge Andreas Gryphius bei B. gehört, der in lat. u. dt. Sprache auch mancherlei Kasualgedichte zu Papier brachte, u. hatten die Mitglieder der Straßburger Tannengesellschaft, v. a. deren Gründer Rompler von Löwenhalt (Briefwechsel), den Kontakt zu B. gesucht. Der reichstreue Lutheraner B. behandelte die großen Themen der Reichs- u. Universalgeschichte, allerdings wie bei Justus Lipsius zugeschnitten auf den modernen Typus des »Politikers«, v. a. in der humanist. Tradition der Quellenexegese, wobei er nament-
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lich in Tacitus den Gewährsmann einer kaiserzeitl. Literatur erblickte, in der modellhaft die Praktiken, Konflikte u. Probleme des modernen Fürstenstaates, auch die Herausforderungen eines Machiavelli vorgeprägt erschienen. Als einer der ersten akadem. Kommentatoren von Hugo Grotius’ De iure belli et pacis trug B. zgl. dazu bei, Theoreme des Naturrechts u. der interkonfessionellen Toleranz zu verbreiten. Eine zuverlässige Werkbibliografie u. eine hinreichende monograf. Abhandlung zu B. bleiben Desiderate. Werke: Dissertatio de Politicis Iusti Lipsii. Straßb. 1642. – In Corn. Taciti quinque libros histor. superstites. Annotatio politica. Straßb. 1648. – De Eloquentia Politici libellus. Straßb. 1654. – Dissertationes academicae. 3 Bde., Straßb. 1658–1712. – Museum ad Amicum. Straßb. 1672. – Institutiones Politicae. Accesserunt dissertationes politicae. Straßb. 1674. – In Hippolithi a Lapide Dissertationem de Ratione Status in Imperio nostro Romano Germano animadversiones. Straßb. 1674. – (An.): Bibliographia Historico-Politico-Philologica Curiosa. Germanopoli (d. i. Ffm.?) 1677. – Historia belli Danici 1643–45. Straßb. 1679. – Historia universalis. Straßb. 1680. 31704. – Minervae Tyrocinium Oder Praxis der Böcklerischen Anweisung Wie man die Authores Classicos bey und mit der Jugend tractiren soll. Straßb. 1680. – Orationes et programmata. Straßb. 1705. – Opera in quatuor tomos tributa. Straßb. 1712. – Bibliographia critica. Lpz. 1715. – Collegium Politicae posthumum [...] Von dem weitberühmten [...] J. H. Böcklern privatim ad calamum dictirt [...]. Hg. Wolf-Dietrich Wendel. o. O. u. J. (s. Bopp, S. 121 f.). Literatur: Paul Wentzcke: J. H. B. In: NDB. – Marcel Thomann: J. H. B. In: NDA. – G. Jacobson: J. H. B. In: Svenskt Biografiskt Lexikon. Bd. 5 (1925), S. 113–117. – E. Jirgal: J. H. B. In: MIÖG 45 (1931), S. 322–384. – Anna H. Kiel: Unveröffentlichte Briefe des Jesajas Rompler v. Löwenhalt an J. H. B. (1647–48). In: Ztschr. für die Gesch. des Oberrheins N. F. 56 (1943), S. 232–255. – Johannes Wallmann: Philipp Jakob Spener u. die Anfänge des Pietismus. Tüb. 21986, S. 82–85. – Michael Stolleis: Lipsius-Rezeption in der politisch-jurist. Lit. des 17. Jh. in Dtschld. [1987]. In: Ders.: Staat u. Staatsräson in der frühen Neuzeit. Ffm. 1990, S. 232–267, bes. 258 ff. – Wolfgang Weber: Prudentia Gubernatoria. Studien zur Herrschaftslehre in der dt. polit. Wiss. des 17. Jh. Tüb. 1992, bes. S. 140–145. – Stefan Kiedron: Andreas Gryphius zwischen Straßburg u. Leiden: ein unbekannter
23 Brief v. J. H. B. an Claude de Saumaise. In: Wolfenbütteler Barock-Nachrichten 19 (1992), S. 86–89. – Fiammetta Palladini: Un nemico di S. Pufendorf: J. H. B. In: Ius commune 24 (1997), S. 133–152. – Monika Bopp: Die ›Tannengesellschaft‹. Studien zu einer Straßburger Sprachgesellsch. v. 1633 bis um 1700. Ffm. 1998, S. 119–123. – Wilhelm Kühlmann: Gesch. als Gegenwart. Formen der polit. Reflexion im dt. ›Tacitismus‹ des 17. Jh. In: Kühlmann/Schäfer (2001), S. 41–60. – Martin Disselkamp: Barockheroismus. Tüb. 2002, S. 69–82 (zu B.s ›Historia schola principium‹). – Dietmar Thill: Transformationen der Rhetorik. Untersuchungen zum Wandel der Rhetoriktheorie im 17. u. 18. Jh. Tüb. 2004, S. 157–159. – Jaumann Hdb. – Justin Stagl: J. H. Boeclers reisetheoret. Schr. ›De Peregrinatione Germanici Caesaris‹ (1654). In: Frühneuzeitl. Bildungsreisen im Spiegel lat. Texte. Hg. Gerlinde Huber-Rebenich u. Walther Ludwig. Weimar/Jena 2007, S. 169–182. Wilhelm Kühlmann
Böckler, Otto Heinrich, auch: O. H. Johannsen, * 23.6.1867 Oranienburg, † 16.6.1932 Berlin. – Verfasser von Erzählungen u. Gedichten. Der Journalist B. war 1894–1896 Führer der antisemit. Bewegung in Stettin (1894 Mitbegründer der antisemitisch-großdt. Zeitung »Frei-Deutschland«). Nachdem er bereits durch eine Reihe »vaterländischer Schauspiele« u. histor. Erzählungen hervorgetreten war (u. a. Jatschko von Köpenick. Bln. 1899. Die letzte Schlacht. Bln. 1903. Markgraf Waldemar. Bln. 1904), veröffentlichte er während des Ersten Weltkriegs als Redakteur an Berliner Zeitungen chauvinist. Kriegsgedichte (Gedichte aus eiserner Zeit. 4 H.e, Bautzen 1914), nicht zuletzt mit dem Ziel einer Mobilisierung der Jugend zur Kriegsbegeisterung. Nach dem Weltkrieg engagierte B. sich u. a. mit der Sammlung Zu Trost und Trutz (1919) als Propagandist bedingungsloser Rache an den Siegermächten, der Dolchstoßlegende u. eines antichristlichen, »artgemäßen« Gottesglaubens (etwa in dem Gedicht Der deutsche Gott). Auch spätere Sammlungen historischer u. Zeit-Gedichte waren von dieser Haltung bestimmt (Landgraf, werde hart! Küstrin-Neustadt 1928). Weitere Werke: Der Franzosenring. Bautzen 1912 (E.). – Einquartierung. Bautzen 1913 (E.).
Bödiker Literatur: Brümmer. – Kosch TL, Bd. 1 (1953), S. 168. Heinrich Detering / Red.
Bödiker, Bödicker, Johann, * 1.5.1641 nahe Stettin, † 27.8.1695 Cölln. – Philologe u. Verfasser von Gelegenheitsschriften. Der Bauernsohn besuchte das Gymnasium zu Cölln an der Spree u. war dort Schüler Samuel Müllers. Im Sommersemester 1662 immatrikulierte er sich an der Universität Jena, wo der Mathematiker Erhard Weigel u. der Historiker Johann Andreas Bose seine wichtigsten Lehrer waren. 1665 wurde er Prediger zu Parstein in der Uckermark, 1673 Konrektor, 1675 Rektor am Gymnasium zu Cölln. Der Pädagoge erregte auch Aufsehen durch die gelehrte Ausbildung seiner Töchter. B. verfasste, ausgehend von den sprachtheoret. Arbeiten Justus Georg Schottelius’, eine praxisnahe, stark rezipierte Schulgrammatik, die Grund-Sätze der deutschen Sprachen im Reden u. Schreiben (Cölln a. d. Spree 1690. Bln. 1698. 71746), u. arbeitete an einem Wörterbuch zur Sprache der Mark Brandenburg. Er veröffentlichte zahlreiche Reden u. Abhandlungen zu pädagogischen u. philolog. Themen u. machte sich mit lat. u. dt. Gelegenheitsgedichten auf Mitglieder des brandenburgischen Herrscherhauses einen Namen als Hofdichter. Seine Prosaekloge Nymphe Mycale (Bln. 1685) ist die erste poet. Genealogie des brandenburgischen Fürstenhauses. Weitere Werke: Christl. Bericht v. Cometen, als der grosse Comet 1680 u. 1681 geleuchtet [...]. Cölln an der Spree 1681. – Einzug u. Feuerwerck, als [...] Friderich [...] Chur-Printz zu Brandenburg [...] seine [...] Gemahlinn [...] Sophia Charlotta [...] heimführete. Cölln (1684). – Erklärung der hieroglyph. Sinn-Bilder. Cölln 1685. – Ein Teil der sehr seltenen Schr.en in dem Band ›Joh. Boedickeri, opuscula quaedam [...] ab anno 1674 edita‹ der Staatsbibl. Preuß. Kulturbesitz Berlin. Ausgaben: Fischer/Tümpel 3, S. 488–491. – J. B.s Grundsäze der teutschen Sprache mit dessen eigenen u. Johann Leonhard Frischens vollst. Anmerkungen. Durch neue Zusätze vermehret v. Johann Jacob Wippel. Bln. 1746. Neudr. Lpz. 1977. Literatur: Christian Rotaridis: Denck-Altar, bey [...] Leichbestattung. Des [...] Johannis Bödikeri [...]. 1695. In: J. B.: Triumphbogen, denen SeligVerstorbenen [...]. Hg. Carl Etzard Bödiker. Tl. 2,
Böhlau
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Ffm./Lpz. 1699, S. 1174–1212. – Wilhelm Scherer: J. B. In: ADB. – Carl Daniel Küster: Altes u. Neues Berlin. Bd. 1, Bln. 1737, S. 975. – Raisa Ibragimovna Kusova: Iogann Bediker i nemeckaja grammaticˇeskaja tradicija XVII-XVIII vekov (J. B. u. die dt. Grammatiktradition des 17. bis 18. Jh.). Ordzoˇnikidze 1975. – Eva Pauline Diedrichs: J. B.s ›Grund-Sätze der dt. Sprache‹: mit den Bearb.en v. Johann Leonhard Frisch u. Johann Jakob Wippel. Heidelb. 1983. – E. P. Diedrichs: Die orthograph. Regeln im ›Wohlgebahnten Weg zu der Teutschen Poesie‹ des Johann Joachim Statius (1716). In: Sprachwiss. 9 (1984), S. 126–138. – Noack/Splett 1, S. 31–64 (mit Werkverz.). – Werner Heinrich Veith: Bestrebungen der Orthographiereform im 18., 19. u. 20. Jh. In: Sprachgesch. Ein Hdb. zur Gesch. der dt. Sprache u. ihrer Erforsch. (= HSK Bd. 2). Hg. Werner Besch u. a. 2. Teilbd., Bln./New York 22000, S. 1782–1803 (u. Register). Renate Jürgensen / Red.
Böhlau, Helene, auch: Madame Al Raschid Bey, * 22.11.1859 Weimar, † 26.3.1940 Augsburg; Grabstätte: Widdersberg bei Herrsching/Ammersee. – Erzählerin u. Romanautorin. Nach guter Erziehung u. Bildungsreisen mit den Eltern – ihr Vater war Inhaber des Hermann Böhlau Verlags (u. a. »Sophienausgabe« der Werke Goethes) – publizierte B. 1882 als Erstlingswerk Novellen (Bln.) nach Heyses Vorbild. 1886 heiratete sie den Privatgelehrten Friedrich Arndt, der zum Islam konvertierte, um diese – seine zweite – Ehe eingehen zu können, sich nun Omar Al Raschid Bey nannte u. ihrer schriftsteller. Arbeit viel Verständnis entgegenbrachte. Sie lebten 1886–1888 in Konstantinopel, danach in Ingolstadt u. München. B. wurde bald zu den bedeutendsten Autorinnen ihrer Zeit gerechnet. Sie machte sich hauptsächlich in zwei Genres einen Namen: mit humoristischen, heute leicht manieriert wirkenden Erzählungen aus Altweimar, in denen sie einen ausgeprägten Sinn für die alltägl. Lebenswelt ihrer Figuren bewies, sowie mit frauenrechtlerischen, naturalist. Romanen. Von ihren als bürgerl. Familienlektüre rezipierten Erzählungen erzielten u. a. die humoristischen Rathsmädelgeschichten (Minden 1888. 131911) u. die Altweimarischen Liebes- und Ehegeschichten (Stgt. 1897) einen
langjährigen Publikumserfolg. In ihrer Zeit viel diskutiert wurden B.s gesellschaftskrit. Romane, die aus der Feder der populären Autorin gemütlicher Humoresken umso provokativer wirkten, so Der Rangierbahnhof (Bln. 1896. Neudr. Mellrichstadt 2004), Das Recht der Mutter (Bln. 1896. 51908) u. Das Halbtier (Bln. 1899. 51907. Neudr. Mellrichstadt 2004). Mit Das Halbtier, »eine[m] der provokantesten Frauenromane des 19. Jahrhunderts« (Becker), wollte B., die sich wie Gabriele Reuter mit der bürgerlich-gemäßigten Richtung der zeitgenöss. Frauenbewegung identifizierte, die Aufmerksamkeit des Lesepublikums auf die seelische Degradierung der bürgerl. Frau durch die wirtschaftl. Abhängigkeit in der Ehe zwingen. Autobiografischen Charakter tragen die Romane Das Haus zur Flamm’ (Bln. 1907) u. Isebies (Mchn. 1911). Insgesamt boten die meisten ihrer zahlreichen Romane seit der Jahrhundertwende lediglich leichte Unterhaltungskost, wie ihre Veröffentlichungen in der Reihe »10 Pfennig Unterhaltungshefte für die Nationalstenographen«. Weitere Werke: Der gewürzige Hund. Bln. 1916 (R.). – Die drei Herrinnen. Mchn. 1937 (histor. R.). Gesamtausgabe: Ges. Werke. 9 Bde., Weimar 1927–29. Literatur: Theodor Lessing: H. B. In: Die Gesellsch. 13 (1898). – Ernst v. Wolzogen: Wie ich mich ums Leben brachte. Erinnerungen u. Erfahrungen. Braunschw. 1923. – Josef Becker: H. B. Leben u. Werk. Diss. Zürich 1978. – Sandra L. Singer: Free Soul, Free Woman? A Study of Selected Works by Hedwig Dohm, Isolde Kurz, and H. B. New York 1995. – Gaby Pailer: ›Nixchen‹ u. ›Halbtier‹. In: Frauen MitSprechen MitSchreiben. Hg. Marianne Henn u. Britta Hufeisen. Stgt. 1997, S. 256–273. – Sabina Becker: H. B. Halbtier (1899), Philister über Dir! (Ms. 1900; Regie- u. Soufflierbuch), Salin Kaliske. Nov. (1882). In: Lexikon deutschsprachiger Epik u. Dramatik v. Autorinnen (1730–1900). Hg. Gudrun Loster-Schneider u. G. Pailer. Tüb. 2006, S. 49–52. – Helen Chambers: Humor and Irony in Nineteenth-Century German Women’s Writing. Studies in Prose Fiction 1840–1900. Rochester/New York 2007, S. 67–86. Eda Sagarra
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Boehlendorff, Casimir (Ulrich), * Anfang 1775 (gelegentlich wird 1776 angegeben) Mitau/Kurland, † 10.4.1825 Gut Markgrafen/Kurland (Freitod). – Verfasser von Dramen, Gedichten u. geschichtlichen Abhandlungen. Der mit fünf Jahren verwaiste B. studierte 1793/94 Rechtswissenschaft in Mitau, 1794 dann in Jena, das mit den Professoren Fichte, Schiller, Paulus u. a. die jungen dt. Intellektuellen faszinierte. Hier wurde er 1795 Mitgl. eines Freundschaftsbundes, der 1794 gegründeten »Gesellschaft der Freien Männer«, die sich der Aufklärung u. der Literatur verschrieben hatte u. mit der Französischen Revolution sympathisierte. »Wahrheit ist unser einziges unser höchstes Ziel«, heißt es in der Präambel der »Konstitution«. Auf den wöchentl. Sitzungen hatte sich jedes Mal ein Mitgl. mit einem Aufsatz der Diskussion zu stellen; 1795 las B. Über den Übergang des Zeitalters vom Wissen zum Tun. Zu dem Freundschaftsbund gehörten u. a. der Pädagoge u. Philosoph Johann Friedrich Herbart u. die Philosophen August Ludwig Hülsen u. Friedrich Muhrbeck. Friedrich Hölderlin, sein Freund Isaak von Sinclair u. Henrik Steffens standen dem Bund nahe. In diesen freundschaftl. Beziehungen bewegte sich auch B.s späteres Leben. 1797–1799 war B. in der Schweiz als Hauslehrer in Berner Patrizierfamilien tätig u. reiste mit dem Freund Johann Smidt durch die Schweiz bis nach Italien. Ein Ergebnis dieser Jahre sind die in den Abentheuerlichen Briefen festgehaltenen Reiseeindrücke (in: Taschenbuch für das Jahr 1803. Ffm. 1803) u. die Abhandlung Geschichte der Helvetischen Revoluzion von 1798 (in: Geschichte und Politik. Hg. Karl Ludwig Woltmann. Bln. 1802 u. 1803. Beide Texte als reprograf. Nachdr. hg. v. Klaus Pezold. Bern/Stgt./Wien 1998). B. verficht darin Republikanismus u. die Unabhängigkeit der Schweiz gegen das frz. Direktorium. 1799 führte ihn eine Deutschlandreise nach Homburg, wo er mit Hölderlin, Sinclair u. Muhrbeck zusammentraf. An Schiller gesandte Gedichte wurden zurückgewiesen. In Jena hörte B. bei Schelling u. A. W. Schlegel;
Boehlendorff
hier begegnete er Clemens Brentano u. Carl von Savigny. In Dresden beendete er seine dramat. Versuche Ugolino Gherasdesca, ein Trauerspiel (Dresden 1801), ein »Nachklang des Wallenstein« (Goethe in einem Verriss in der »Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung« 1805), u. Fernando oder Kunstweihe, eine dramatische Idylle (Bremen 1802), ein Künstlerdrama – keine Tragödie – mit Zügen romant. Kunstreligion. Auf dieses Stück bezieht sich Hölderlins wichtiger Brief vom 4.12.1801 an B., in dem jener über den Anlass hinaus das Verhältnis von griechischer u. moderner dt. Kunst bestimmt. Die Zeit vom Ende des Jahres 1800 bis Anfang des Jahres 1802 verbrachte B. in Bremen, wo er sich mit histor. Vorlesungen für ein kleines Publikum u. Italienischunterricht seinen Unterhalt zu verdienen suchte. Seine Versuche, sich als Autor zu etablieren, blieben auch hier erfolglos. 1802 war B. in Berlin als Privatsekretär u. Redakteur der »Vossischen Zeitung« tätig. Der Tod einer engen Freundin u. ein Verriss seines gemeinsam mit dem Oldenburger Gerhard Anton Gramberg herausgegebenen Poetischen Taschenbuchs für das Jahr 1803 von Garlieb Merkel trieb ihn in eine seel. Krise. Alte »hypochondrische« Ängste brachen auf, sein Zustand war »erschütternd«, wie Freunde berichteten. 1803 kehrte B. nach Kurland zurück, von Freunden unterstützt u. beschützt. Dort lebte er noch fast 22 Jahre als sog. »Krippenreiter«, ein von Hof zu Hof ziehender Hauslehrer. Immer wieder in zerrütteten Zuständen, verbrannte er 1804 u. 1818 seine Papiere, versuchte mehrmals erfolglos nach Deutschland zurückzukehren, reiste unstet, ohne Anstellung u. in ständiger finanzieller Not herum. 1808, 1809, 1820 u. 1824 erschienen einige Gedichte B.s in verschiedenen kurländ. Anthologien u. Zeitschriften. 1825 setzte er seinem ruhelosen, vagierenden Leben ein Ende. Die Nähe von B.s Leben zu dem Hölderlins inspirierte Johannes Bobrowskis Prosaskizze in Boehlendorff und andere Erzählungen (Stgt. 1965) bzw. in Boehlendorff und Mäusefest. Erzählungen (Bln. 1965).
Böhme
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Ausgabe: Werke in drei Bänden. Hg. Frieder Schellhase. Ffm. 2000. Literatur: Karl Freye: C. U. B., der Freund Herbarts u. Hölderlins. Langensalza 1913. – Renate Böschenstein-Schäfer: Hölderlins Gespräch mit B. In: HölderlinJb 14 (1965/66), S. 110–124. – Ernst Zunker: C. U. B. u. die pommerschen Freunde aus der Gesellsch. der Freien Männer u. im Einflussbereich Hölderlins. In: Balt. Studien N. F. 60 (1974), S. 101–126. – Hubert Ohl: C. U. B. – histor. u. poet. Gestalt. Zu Johannes Bobrowskis Erzählung ›Boehlendorff‹. In: JbFDH 1978, S. 552–584. – Robert Habeck: C. U. B.s Gedichte. Eine stilkrit. Untersuchung. Würzb. 1997. – Eva Zimmermann: Die Harmonie der Kräfte. C. U. B.s dramat. Dichtung. Weimar 1997. – Jens Stüben: Der ›Sänger, ein Wandrer‹. Zur Lyrik C. U. B.s. In: Johann Gottfried Herder u. die deutschsprachige Lit. seiner Zeit in der balt. Region. Hg. Claus Altmayer u. Armands Gutmanis. Riga 1997, S. 232–265. – Susanne Siebert u. Matthias Wolfes: C. U. Karl B. In: Bautz.
Weitere Werke: Morgenrot. Mchn. 1933 (L.). – Sommersonnenwende. Mchn. 1933 (R.). – Des Blutes Gesänge. Bln. 1934 (L.). – Volk der Arbeit. Potsdam 1936 (L.). – Ruf der SA. Mchn. 1938 (Liederslg.). – Andreas Jemand. Hbg. 1939 (R.). – Die zärtl. Verirrungen. Mchn. 1940 (E.). – Die guten Sterne sind mit uns vereint. Bln. 1944 (L.). – Ein gewonnenes Leben. Mchn. 1954 (N.). – Bekenntnisse eines freien Mannes. Mchn. 1959 (Ess.). – Am Wohnsitz der Götter. Mchn. 1964 (Balladen). – Die Ordnung der Werte. Mchn. 1967 (Reden u. Aufsätze). – Vermächtnis u. Auftrag. Letzte Reden, Aufsätze, Sprüche, Gedichte. Mchn. 1973. – Autobiografie: Aus meinem Leben. In: Die Neue Lit. 4 (1941). Literatur: Kurt Fischer: H. B. Mchn. 1937. – Joseph Wulf: H. B. In: Lit. u. Dichtung im Dritten Reich. Gütersloh 1963. – B. in: Lexikon nationalsozialist. Dichter. Biogr.n, Analysen, Bibliogr.n. Hg. Jürgen Hillesheim u. Elisabeth Michael. Würzb. 1993. Frank Raepke / Red.
Gerhard Kurz
Böhme, Herbert, * 17.10.1907 Frankfurt/ O., † 23.10.1971 Lochham bei München. – Verfasser u. Herausgeber nationalsozialistischer Propagandaliteratur. B. studierte 1928–1934 in München u. Marburg Germanistik u. Philosophie (Promotion 1940). Von 1935 an war er Obersturmführer der SA u. Reichsfachschaftsleiter für Lyrik in der Reichsleitung. Vor seiner Berufung in die oberste SA-Führung fungierte B. als Kulturreferent der »Ostmark« u. erhielt 1944 eine Professur in Posen. Neben der Herausgebertätigkeit für mehrere Anthologien faschistischer Lyrik (Rufe in das Reich. Bln. 1933/34. Gedichte des Volkes. Bln. 1938. Wir reiten gen Tag. Bln. 1938–45) verfasste B. selbst nationalsozialist. Propagandaliteratur, wie z.B. zahllose »Führer-Gedichte«. Insbes. das u. d. T. »Trommelgedicht« bekannt gewordene Der Führer wurde in zahllosen Zeitschriften abgedruckt. Nach 1945 konnte B. als Präsident des 1950 von ihm gegründeten Deutschen Kulturwerks europäischen Geistes in unverhohlener Weise seine rassistische u. kulturfeindl. Arbeit fortführen. Aufsätze u. Reden aus den Jahren 1950–1970 offenbaren B.s ungebrochen nationalistisches Denken.
Böhme, Jacob, * 1575 Alt-Seidenberg bei Görlitz, † 17.11.1624 Görlitz. – Mystiker. B. war das vierte Kind nicht unvermögender Bauersleute. Wegen seiner schwachen Gesundheit erlernte er das Schusterhandwerk. Nach den übl. Lehr- u. Gesellenjahren erwarb er 1599 das Meister- u. Bürgerrecht in Görlitz u. kaufte am 24.4. eine Schuhbank auf dem Untermarkt. Im gleichen Jahr (10.5.) heiratete er die Fleischhauertochter Katharina Kuntzschmann u. kaufte ein Haus vor dem Neißetor auf dem Töpferberg (21.8.). Am 29.1.1600 wurde der älteste Sohn Jakob geboren (die Taufmatrikeln erwähnen bis 1606 die Geburt von drei weiteren Söhnen); um diese Zeit hatte B. seine erste Vision. 1610 bezog die Familie ein neues Haus zwischen den Neißetoren. Anfang 1612 erfolgte eine abermalige Erleuchtung; die Bilder kamen wie in einem »Platzregen« (»was er trifft, das trifft er.« ep. 18, 12. Zitiert nach der Gesamtausg. Leiden 1730 mit Kapitel u. Abschnittszählung. Das Kürzel »ep.« = Sendbriefe). Zwischen Jan. u. Pfingsten 1612 schrieb B. sein erstes Werk nieder, die Morgenröthe im Aufgang (im Folgenden Morg.). Der Adlige Karl Ender von Sercha, der einem Schwenckfeldisch gesinnten Kreis angehörte, ließ sich das (Fragment gebliebene) Buchmanuskript zei-
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gen u. veranlasste eine Abschrift. Alsbald kursierten mehrere Kopien; eine davon geriet im Juli 1615 dem Görlitzer Pastor Primarius Gregor Richter in die Hände. Da Görlitz im ausgehenden 16. Jh. bereits als Hochburg des Paracelsismus galt u. dort das Gedankengut des von der luth. Orthodoxie hart bekämpften Valentin Weigel früh in Umlauf war, wollte Richter ein Exempel statuieren u. reichte beim Rat der Stadt eine Beschwerde ein. B. wurde am 26.7. nach kurzer Gefangensetzung ermahnt, »von solchen Sachen abzustehen«, sein Manuskript wurde beschlagnahmt. Richter war das zu wenig: Am 28.7. brandmarkte er B. in einer Strafpredigt als gefährl. »Enthusiasten«, am 30.7. folgte ein Glaubensverhör; B. erhielt Schreibverbot. B. hatte schon im März 1613 seine Schuhbank verkauft u. einen Garnhandel angefangen, was ihm eine gewisse soziale Unabhängigkeit verschaffte. Geschäftstüchtig wie er war, spekulierte er mit Garn u. Leder, was mitunter zu Misshelligkeiten mit den Zünften führte. Inzwischen setzte Richter seine Anfeindungen fort. B. muss aber mächtige Gönner gehabt haben (Karl Ender u. seine Standesgenossen); vielleicht schützte ihn auch der Bürgermeister Bartholomäus Scultetus, ein bekannter Humanist, der u. a. mit Tycho Brahe u. Johannes Kepler in Verbindung stand. Jedenfalls ließ man B., der bald das Interesse gebildeter Männer fand, gewähren. Der Arzt Tobias Kober, ein Paracelsist, verkehrte in seinem Haus; 1617 trat der in Fragen der Alchemie u. der jüd. Kabbala bewanderte Arzt Balthasar Walter an B. heran (der Name »Philosophus Teutonicus« geht auf ihn zurück). Er gab den Anstoß zu den Viertzig Fragen von der Seelen Urstand u. brachte B. in Verbindung zu Christian Bernhard, der »zu einer Art von Generalsekretär und Botschafter« B.s (Grunsky) wurde. Durch solche Kontakte mag B. in Berührung mit dem esoter. Gedankengut geraten sein, das er in »viel hoher Meister Schriften gelesen« habe (Morg., 10, 27); gerade in der Lausitz war es verbreitet. Der Mythos vom »Bauernphilosophen« ist also ebenso zu korrigieren wie die Legende vom unbemittelten u. alleinstehenden Visionär. Neuere Forschungen ergeben ein anderes Bild.
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Nicht nur wurde die geistige Kultur der Stadt Görlitz von einem humanist. Gelehrtentum geprägt, die polit. Lage in Görlitz (die Habsburger kümmerten sich kaum um das entlegene Grenzland) begünstigte auch eine relativ freie Entfaltung religiöser Strömungen zwischen dem orthodoxen Luthertum Sachsens einerseits, dem Katholizismus in den südl. u. östl. Gebieten andererseits. Eine aktive luth. Orthodoxie musste es namentlich mit Calvinisten, Täufern, Mährischen Brüdern u. Schwenckfeldianern aufnehmen. Der schwenckfeldisch gesinnte Adel der Lausitz gründete auf seinen Gütern Sondergemeinden, widersetzte sich damit unter Ausnutzung seiner Privilegien dem Landeskirchentum u. opponierte auch gegen die Gegenreformation des habsburg. Absolutismus in Schlesien u. Böhmen, wodurch er den dortigen Adel im Widerstand stärkte. Die Heterodoxie behauptete also innerhalb der von polit. u. kirchl. Zwängen beherrschten Wirklichkeit einen eigenen Freiraum. Vor diesem Hintergrund der von breiten sozialen Schichten getragenen freireligiösen Gruppen ist B.s Wirken zu sehen. Die oppositionelle Ausrichtung gab ihm die besondere Note: B. wurde geradezu zum »Exponenten der heterodoxen Parteien« (Gorceix). Mit gesellschaftl. Rückendeckung u. geistiger Förderung konnte B. es wagen, das Schreibverbot zu missachten u. die erworbenen Kenntnisse in die Praxis umzusetzen. 1618/19 entstand die Schrift von den Drey Principien, die sich gegenüber der Morgenröthe durch größere begriffl. Klarheit auszeichnet. Die Hauptschaffenszeit setzte 1620 ein. B. hatte sein Geschäft großenteils aufgegeben u. widmete sich ganz seiner Berufung. In schneller Folge entstanden mehrere Traktate. In das Jahr 1620 fallen die beiden Hauptwerke Von der Menschwerdung Jesu Christi u. Sechs theosophische Punckte. Zwischen 1621 u. 1624 unternahm B. sechs Reisen durch Schlesien. Er kam nach Breslau, Striegau, Glogau, Bunzlau, Liegnitz, wo er im Kreis von Gleichgesinnten disputierte. Die Theosophischen Sendbriefe nehmen auf diese Zusammenkünfte Bezug. Im Striegauer Kreis lernte B. bei Johann Theodor von Tschesch 1622 Abraham von Franckenberg kennen, der sein
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erster Biograf werden sollte. Die Gespräche brachten ihm auch Anregungen, die er in seinen Schriften verarbeitete. Die Schrift Von der Geburt und Bezeichnung aller Wesen (De Signatura rerum) wurde 1622, Von der Gnadenwahl Anfang 1623 abgeschlossen, das sehr umfangreiche Mysterium Magnum (Von der Offenbarung Göttlichen Worts durch die drey Principia Göttlichen Wesens) entstand 1622/23. Das einzige zu Lebzeiten B.s gedruckte Werk, Der Weg zu Christo (o. O. u. J. [Görlitz 1624]), bündelt die drei Schriften Von wahrer Busse, Von wahrer Gelassenheit u. Gespräch [...] von dem Über-Sinnlichen Leben. Es ging auf die Initiative des schles. Adligen Hans Siegismund von Schweinichen zurück, dem B. ein trostreicher »Seelenführer« gewesen war. Pastor Richter fühlte sich durch die Veröffentlichung herausgefordert u. setzte zum Angriff an. Der Stadtrat konnte keinen einhelligen Beschluss fassen u. beließ es vorläufig bei einer Verwarnung. B. war um seine Familie besorgt u. verfasste eine Schutzrede gegen Gregor Richter. In dieser unruhigen Zeit nahm er eine Einladung vom Hofarzt Benedikt Hinckelmann an den Dresdner Hof an, wo man ihm zu Verbindungen mit mehreren kurfürstl. Räten verhalf. Die Dresdner Episode brachte aber keine Änderung von B.s persönlicher Lage. B. reiste im August 1624 für einige Wochen nach Schlesien u. kam schwer krank nach Görlitz zurück, wo er am 17. Nov. starb. Der luth. Pfarrer Nikolaus Thomas weigerte sich zunächst, den Trauergottesdienst zu leiten; der Pöbel zerstörte das von B.s Freunden errichtete Grabkreuz. Wenn auch heute wohl feststeht, dass B. alchemistische u. paracelsist. Elemente verarbeitet hat, lassen sich diese Spuren dennoch nicht genau bestimmen. Dazu kommt, dass B. sich zwar um ständige Verfeinerung seiner Lehren bemühte, an deren Anfang aber kein System steht, sondern die überwältigende, Höhen u. Tiefen der Weltschöpfung durchdringende Schau, der visionäre Durchbruch der Erkenntnis des »rechten Himmels«, der »bis anhero den Kindern der Menschen fast verborgen gewesen« ist (Morg., 19, 1). Es ist B.s ureigenster Anspruch, ohne das Wissen der Welt u. allein durch die göttl. Gnade die Auflösung der Widersprüche des Lebens wie
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der Schöpfung in einer übergreifenden Einheit geschaut zu haben. Immer wieder betont B. den Kampf mit dem Teufel, der der Erleuchtung vorausgeht. »Du darffst auch nicht dencken, daß ich sey in Himmel gestiegen, und habe solches mit meinen fleischlichen Augen gesehen [...] unser Leben ist wie ein steter Krieg mit dem Teufel [...]. Wenn er aber überwunden ist, so gehet die Himmels-Pforte in meinem Geiste auf: dann siehet der Geist das Göttliche und himmlische Wesen, nicht ausser dem Leibe, sondern im Quell-Brunne des Hertzens gehet der Blitz auf in die Sinnlichkeit des Hirns, darinnen speculiret der Geist« (Morg., 11, 67 f.). So sei auch die erste Vision erfolgt: Als B. »hart wider GOtt und aller Höllen Porten stürmete«, da sei »nach etlichen harten Stürmen [...] mein Geist durch der Höllen Porten durchgebrochen bis in die innerste Geburt der Gottheit« (Morg., 19, 10 f.). B. vergleicht seinen Kampf mit Jakobs Hadern mit Gott u. seine Erleuchtung mit dem Erklimmen der Jakobsleiter (Morg., 13, 10). B.s gesamtes Schaffen wurzelt im luth. Glauben (»sola fide«, »theologia crucis«). Er weiß um die Bedeutung der Buße u. hebt die Kreuztragung hervor: »[...] daß er will in Christi bitter Leiden und Tod eingehen, und seiner Sünde und bösen Eitelkeit darinnen täglich absterben, und ernstlich GOtt bitten um die Erneuerung seines Gemüthes und Sinnen« (ep. 28, 2). Der Teufel hatte für B. die gleiche Realität wie für Luther; Anfechtung u. Melancholie bildeten den Anfang seiner Gottessuche: »ich habe allein das Hertz GOttes gesucht, mich vor dem Ungewitter des Teufels darein zu verbergen« (Morg., 23, 84); »Ich suchte allein das Hertze JEsu Christi, mich darinnen zu verbergen vor dem grimmigen Zorn GOttes, und den Angriffen des Teufels, und bat GOtt ernstlich um seinen H. Geist und Gnade« (ep. 12, 6). Dann erst wurde ihm die Gnade der Erkenntnis zuteil: »[...] ist mir die Pforte eröffnet worden, daß ich in einer Viertheil-Stunden mehr gesehen und gewust habe, als wann ich wäre viel Jahr auf hohen Schulen gewesen, dessen ich mich hoch verwunderte, wuste nicht wie mir geschahe« (ep. 12, 7).
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In luth. Geist schildern immer neue Wendungen Kampf u. Gefahr solcher Gottsuche. Keiner überwindet, der nicht umgürtet ist »mit dem Schwert des Geistes«: »Denn er muß durch eine grausame Tieffe steigen, der Schwindel wird ihm oft in Kopf kommen: darzu muß er mitten durch der Höllen Reich steigen [...]. Ich habe es in diesem Kampf auch oft müssen mit traurigem Hertzen erfahren: die Sonne ist mir oft verloschen, aber wieder aufgegangen« (Morg., 13, 21 f.). Das unterscheidet B.s Wesensschau von der Gelassenheit der Mystik jeglicher Observanz: »Du mußt dem Teufel und der Welt absagen wilst du kämpfen; sonst siegest du nicht [...], Es ist fürwahr ein enger Steg, der da will durch der Höllen Pforten zu GOtt dringen, er muß manchen Druck und Quetsch des Teufels leiden« (Morg., 13, 24 f.). Nach solchem Kampf wird die geistige Schau als eine Wiedergeburt erfahren: »[...] es läst sich auch mit nichts vergleichen als nur deme, wo mitten im Tode das Leben geboren wird, und vergleichet sich der Auferstehung von den Todten« (Morg., 19, 12). Die Erleuchtung (das »Triumphiren im Geiste«; ebd.) wird mit den traditionellen myst. Begriffen der Klarheit, der Sonne u. des Lichts umschrieben, so wie auch ein »Göttlich Licht« den Verstand erleuchten muss, denn »welcher im Lichte GOttes siehet, begreifet es« (Drey Principien, 2, 1); er allein erfährt den Triumph: »was das für ein Licht und Bestätigung sei, wer das Centrum naturae erfindet« (Vier Complexionen, 95). Hier unterscheidet B. sich grundlegend von der Mystik; sein Ziel ist Beschreibung u. Deutung alles Seienden: »Dann ich sahe und erkante das Wesen aller Wesen, den Grund und Ungrund: Item, die Geburt der H. Dreyfaltigkeit, das Herkommen und den Urstand dieser Welt, und aller Creaturen« (ep. 12, 8). B. verharrt also nicht im beseligenden Gefühl einer »unio mystica«, sondern beansprucht Wissen u. Erkenntnisse, die er vermitteln will – »so ist alsbald in diesem Lichte mein Willen gewachsen mit großem Trieb, das Wesen GOttes zu beschreiben« (Morg., 19, 13). B.s Modernität liegt darin, dass er mit seinen visionären Erlebnissen die Gotteserkenntnis zu einem Blick auf die Schöpfung als Ganzes
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ausweitete, Glauben u. Wissen verband: »In diesem Lichte hat mein Geist alsbald durch alles gesehen, und an allen Creaturen, so wol an Kraut und Gras GOtt erkant, wer der sey, und wie der sey, und was sein Wille sey« (ebd., 19, 13). Gott offenbart sich in der Schöpfung; die Erkenntnis muss von deren Krone, dem Menschen, ausgehen: »Dann das Buch, da alle Heimlichkeit innen lieget, ist der Mensch selber; Er ist selber das Buch des Wesens aller Wesen, dieweilen er die Gleichniß der Gottheit ist; das grosse ›Arcanum‹ lieget in ihme, allein das Offenbaren gehöret dem Geiste GOttes « (ep. 20, 3). Die Buchmetapher bringt zum Ausdruck, dass der Mensch zgl. Subjekt u. Objekt der Betrachtung ist, allerdings nicht der »fleischliche«, sondern der in Christus wiedergeborene Mensch. Ihm gilt B.s großes Buch Von der Menschwerdung Jesu Christi (1620). B. wird nicht müde, diesen einzigen Weg zu betonen (u. steht darin Luther sehr nahe): »wir müssen nur durch die Thüre, die uns GOtt in Christo hat aufgethan, eingehen, und in GOttes Reich ausgrünen« (ep. 20, 20). Solche theolog. Anthropologie setzt einen ständigen Kampf »wieder das irdische verderbte Leben« voraus: »Dann durch den Streit wird das grosse ›Arcanum‹ eröffnet, und die ewigen Wunder in GOttes Weisheit aus der seelischen Essentz offenbar« (ebd., 11 f.). Nur durch Christus u. den Hl. Geist gelangt der Mensch zu Gott als dem »Einen gegen der Creatur, als ein ewig Nichts« (Mysterium magnum, I, 2); er ist ohne Grund u. Ort, B. nennt ihn Ungrund u. Willen. Es ist eine dynamisch gedachte Gottheit in unendlicher Selbstgebärung: »Er gebäret von Ewigkeit in Ewigkeit sich selber in sich« (ebd.). Mithilfe der traditionellen theolog. Bestimmungen der drei göttl. Personen entwickelt B. seine eigenwillige Lehre von der dreifachen Geburt des ewigen Willens: »Also (1) heisset der unergründliche Wille Ewiger Vater; (2) und der gefundene, gefassete, geborne Wille des Ungrundes heisset sein geborner oder Eingeborner Sohn, denn er ist des Ungrundes Ens, darinnen sich der Ungrund in Grund fasset. (3) Und der Ausgang [ = Aushauchen, Aussprechen] des ungründli-
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chen Willens durch den gefasseten Sohn oder Ens, heisset Geist, denn Er führet das gefaste Ens aus sich aus in ein Weben oder Leben des Willens, als ein Leben des Vaters und des Sohnes« (Gnadenwahl, 1, 6). Der Ausgangsbewegung als Selbstfassung Gottes folgt eine Einwärts- oder Rückwendung zu sich selbst – der »ewige Prozeß« im Sinne der neuplaton. Seinsspekulation, den B. als Spannung von gegensätzl. Elementen denkt. In Gott wirken nämlich von Anfang an die Urgegensätze des Guten u. des Bösen, was sich in der ganzen Schöpfung spiegelt. »Wille« u. »Wiederwille« wirken gegeneinander – »Und befindet sich, daß es also seyn muß, sonst wäre kein Leben noch Beweglichkeit [...] sondern es wäre alles ein Nichts« (Drey Principien. Vorrede, 13). Wenn der Mensch daher Gutes u. Böses in sich findet, soll er begreifen, »daß solches alles von und aus GOtt selber herkomme, und daß es seines eigenen Wesens sey, das Er selber ist, und Er selber aus sich also geschaffen habe: und gehöret das Böse zur Bildung und zur Beweglichkeit, und das Gute zur Liebe« (ebd., 14). Es ist ein gewagtes Konzept, bei dem Liebe u. Zorn miteinander streiten, aber doch nicht ohne den freien Willen, über den auch das Ebenbild Gottes verfügt: »Denn ein ieder Mensch ist frey, und ist wie ein eigener GOtt, er mag sich in diesem Leben in Zorn oder ins Licht verwandeln: [...] was der Mensch für einen ›Corpus‹ in die Erde säet, ein solcher wird auch aufwachsen [...] alles nach des Samens Qualität« (Morg., 18, 19). Im Tod geht er »in sein Nichts« ein, ist »dem Schöpfer wieder heimgefallen, der machet das Ding wie es ist im ewigen Willen erkant worden, ehe es zur Creatur geschaffen ward«; er ist »an der Natur Ende« (De signatura rerum, 15, 51). Dann hat er an dem »einigen Liebe-Hall GOttes« teil: »alles was GOtt in sich selber ist, das ist auch die Creatur in ihrer Begierde in Ihme, ein GOtt-Engel und ein GOtt-Mensch, GOtt alles in allem, und ausser Ihme nichts mehr: [...] und das ist der Anfang und das Ende aller Dinge« (ebd., 52). B. betrachtet die Schöpfung als ein SichOffenbaren des Wesens Gottes: »Und ist kein Ding in der Natur [...] es offenbaret seine innerliche Gestalt auch äusserlich, dann das
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innerliche arbeitet stets zur Offenbarung, als wir solches an der Kraft und Gestaltniß dieser Welt erkennen, wie sich das ewige Wesen mit der Ausgebärung in der Begierde hat in einem Gleichniß offenbaret« (De signatura rerum, 1, 15). Das bildet den Antrieb zur Erforschung der Natur u. des Menschen: »Siehe, das ist der rechte Einige GOtt, aus dem du geschaffen bist, und in dem du lebest: Wenn du ansiehest die Tieffe, und die Sternen, und die Erden, so siehest du deinen GOtt, und in demselben GOtt lebest und bist du auch, und derselbe GOtt regiert dich auch, und aus demselben GOtt hast du auch deine Sinnen, und bist eine Creatur aus Ihme und in Ihme, sonst wärest du nichts« (Morg., 23, 9). Die Essenz offenbart sich in der Signatur, die sich nicht nur (wie bei Paracelsus) in Form u. Gestalt, sondern auch in der lautl. Äußerung zeigt: »Das Innere offenbaret sich im Halle des Wortes, dann das ist des Gemüthes natürliche Erkenntniß seiner selbst« (De signatura rerum, 1, 6). Zum Beobachten muss sich daher das Hören gesellen: »Darum ist in der ›Signatur‹ der größte Verstand, darinnen sich der Mensch [...] nicht allein lernet selber kennen [...] dann an der äusserlichen Gestaltniß aller Creaturen [...], item, an ihrem ausgehenden Hall, Stimme und Sprache kennet man den verborgenen Geist, dann die Natur hat iedem Dinge seine Sprache nach seiner Essentz und Gestaltniß gegeben [...]; Ein iedes Ding hat seinen Mund zur Offenbarung« (ebd., 16). Das ist die berühmte Natursprachen-Lehre, die Lehre von der »Natur-Sprache, daraus iedes Ding aus seiner Eigenschaft redet, und sich immer selber offenbaret« (ebd., 17). B.s Denken bewegt sich im Spannungsverhältnis zwischen Aufgabe der sündigen »Ichheit« u. Ruhe in Gott einerseits, Beobachtung u. Erforschung der gottdurchwirkten Natur andererseits. Eines ist aber ohne das andere nicht zu denken. Der von Gottes Größe u. Liebe überwältigte Sünder muss mit seinem »verderbten Willen in seinem Tode in und mit Ihme sterben, und ein Nichts in Ihme werden«: »so bin ich in Ihme todt, so lebe Er in mir wie Er wil« (De signatura rerum, 9, 57 f.). Wenn Christus in des Menschen »Nichtheit lebet« (ebd., 64), schaut der
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geisterfüllte Blick ungetrübt in das Wesen der Dinge. Der erleuchtete Geist, der nach dem Schema von den sieben Qualitäten (bitter u. herb, sauer u. süß, Liebe, Ton, Materialisation) im Buch der Natur liest, begreift die Schöpfung u. kann sie im nennenden Wort nachsprechen: »Also hat nun der Mensch den Gewalt von dem unsichtbaren Worte GOttes empfangen, zum Wideraussprechen, daß er das verborgene Wort der Göttlichen ›Scientz‹ wieder in Formungen und Schiedlichkeit ausspricht, auf Art der zeitlichen Creaturen« (Mysterium magnum. Vorrede, 6). Darin liegt B.s dichter. Sprachschöpfung begründet, seine genaue Beobachtung der phonet. Zeichen, denen er eine tiefere Bedeutung verleiht. Die Natur ist ihm religiös gedeutete Erfahrung, die sein gestaltbildender Blick in ihrer Weite u. Tiefe zu erfassen versucht. Dazu prägt B. neue Wörter u. verwendet herkömml. Begriffe in neuem Sinn. Die Rede vom Grund u. Ungrund, vom Wollen u. Wallen u. Weben des ewigen Gottes, die Vorstellung von dem sich ständig selbst gebärenden Alleinen, das Ineinander von Lichtwelt u. Finsterwelt – alles bekundet einen unersättl. Erkenntnisdrang, der sich in bisher ungeahnte Höhen vorwagt. Doch im Zentrum von B.s Metaphysik bleibt überall das Wesen Gottes, das auf »Art der Creaturen« als leiblich vorgestellt wird: »Wenn du sinnest und denckest, was da sey in dieser Welt und ausser dieser Welt, oder das Wesen aller Wesen, so speculirest du oder sinnest du in dem gantzen Leibe GOttes, welcher ist das Wesen aller Wesen: und der ist ein unanfängliches Wesen« (Morg., 16, 53). Die naturmyst. Betrachtungsweise gibt immer wieder Anlass zu konkreten Vergleichen, die das »Ausgebären« Gottes in der Schöpfung ins Bild heben. Am Anfang der Morgenröthe steht ein Baum mit seinen Wurzeln, Ästen u. Zweigen – »Ich vergleiche die gantze ›Philosophiam‹, ›Astrologiam‹ und ›Theologiam‹, samt ihrer Mutter, einem köstlichen Baum, der in einem schönen Lustgarten wächst« (Vorrede, 1). An einem Baum verdeutlicht B. auch die »Qualität«: »Wilst du das nicht glauben, so thue deine Augen auf, und gehe zu einem Baum, und siehe den an und besinne dich; so siehest du
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erstlich den gantzen Baum, nim ein Messer und schneide darein, und koste ihn wie er ist [...]« (ebd., 9, 39). So weiß B. die »Geheimnisse« im plast. Bild sinnfällig zu machen; so führt er den Leser an die Dinge des Geistes auf volkstüml. Art heran. Es ist ein dichterischer Theologe, der so redet: »Du wirst kein Buch finden, da du die Göttliche Weisheit köntest mehr inne finden zu forschen, als wenn du auf eine grüne und blühende Wiesen gehest, da wirst du die wunderliche Kraft GOttes sehen, riechen und schmecken, wiewol es nur ein Gleichniß ist« (Drey Principien, 8, 12). Es erstaunt nicht, dass von B. eine starke Faszination ausging. Damals weissagte man wiederholt das Weltende; es war die Zeit der »neuen Propheten«. Das Geheimnis der Natur u. das Studium geheimnisvoller Bücher fanden das Interesse von Schwenckfeldianern, Paracelsisten u. Weigelianern, meist hochgebildeten Leuten. B.s Betonung der Gegenwart des sich in seiner Schöpfung offenbarenden Gottes war gegenüber Luthers verborgenem Gott ein revolutionärer Gedanke. – »Er ist in, bei und durch uns, und wo er in einem Leben mit seiner Liebe beweglich wird, allda ist GOtt in seiner Wirkung offenbar« (Theosophische Fragen, 1, 3). Kein Zweifel, B. kam dem Verlangen seiner Zeit nahe. Dennoch wurde zu seinen Lebzeiten einzig Der Weg zu Christo veröffentlicht. Seine Manuskripte wurden von holländ. Anhängern gesammelt u. in den Druck gegeben (A. W. van Beyerland); in Amsterdam erschien die erste Gesamtausgabe. In Deutschland lebte B.s Theosophie zunächst weiter im Kreis der schles. Freunde u. ihrer Schüler; Abraham von Franckenberg, Daniel von Czepko, Angelus Silesius; dann in pietist. Kreisen (erwähnt sei nur Gottfried Arnolds Kirchen- und Ketzerhistorie. 1699 f.); insbes. in Schwaben (Friedrich Christoph Oetinger) u. Philadelphia. B.s eigentl. Wiederentdeckung erfolgte in der Romantik. Hegel bewunderte B., Schelling aber erfuhr, nachdem Franz von Baader ihn mit B.s Lehre bekannt gemacht hatte, dessen tiefgreifenden Einfluss. Die romant. Dichter, allen voran Tieck u. Novalis, sahen bei B. ihre Naturfrömmigkeit vorgeprägt. Das Verständnis Gottes als »das Nichts und
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das Alles« u. das »Ewige Eine« (ep. 47,1 f.) faszinierte sie als Ausdruck ihrer eigenen Totalitätsvorstellung; nicht zuletzt waren sie von der urtüml. Sprachgewalt des (wie sie glaubten) »ungelehrten« Schusters beeindruckt. Auch wo es ihnen nicht um den philosoph. Kern von B.s Lehre ging, vollzog sich doch eine produktive Rezeption, durch die das Gedankengut des »deutschen Philosophen« in breite Kreise Eingang fand. Weitere Werke: Der Weg zu Christo, o. O. u. J. [Görlitz 1624]. 21628. Amsterd. 31635. 41658. 5 1674. 61677 u. ö., teilweise v. 1718 an u. d. T. Christosophia. Neuausg., hg. v. Gerhard Wehr. Freib. i. Br. 31979. – Josephus redivivus. o. O. [Amsterd.] 1631. 21635. – Aurora Das ist MorgenRöthe im Auffgang. o. O. [Amsterd.] 1635. 21639 [?]. Neuausg., hg. v. G. Wehr. Freib. i. Br. 1977. – Trost-Schr., Von vier Complexionen. o. O. u. J. [1639?]. – Zween seher schöne SendBriff. o. O. 1639. – Bedencken über Esaiae Stiefels Büchlein, o. O. [Amsterd.] 1639. 21676. Ffm. 31678. – Mysterium magnum. o. O. [Amsterd.] 1640. Amsterd./ Ffm. 21678. – Von Christi Testamenten. [Dresden 1642]. 2. Aufl. Amsterd. [1658?]. 1658 sep. 2. Fassung. – Gebethbüchlein. [Dresden 1642]. o. O. 2 1656. 3. Aufl. [Büdingen 1728?]. – Viertzig Fragen. Amsterd. 1648. 21663. – Dialogus. Amsterd. 1649. Amsterd./Ffm./Lpz. 21692. – Theosoph. Send-Schreiben. Amsterd. 1658. Neuausg., hg. v. G. Wehr. 2 Tle., Freib. i. Br. 1979. – Beschreibung der drey Principien. Amsterd. 1660. – Hohe u. tieffe Gründe. Amsterd. 1660. – Von der Menschwerdung Jesu Christi. Amsterd. 1660. Neuausg., hg. v. G. Wehr. Freib. i. Br. 1978. – Clavis. Amsterd. 1662. – Von sechs Puncten. Amsterd. 1665. – Von der Gnaden-Wahl. Amsterd. 1665. Neuausg., hg. v. G. Wehr. Freib. i. Br. 1978, – Apologia [gegen G. Richter]. Amsterd. 1675. Erw. u. d. T. Judicium [...]. Amsterd. 1677. – Das Umgewante Auge. Amsterd. 1676. – Gründl. Bericht vom [...] Mysterio. Amsterd. 1676. – Apologia [...] Vollkommenheit des Menschen. Amsterd. 1676. – J. B.s Erste Apologia wider Balthasar Tilken. Amsterd. 1676. – J. B.s Andere Apologia wider B. Tilken. Amsterd. 1677. – J. B. Werke [Morgenröte, De Signatura Rerum]. Hg. Ferdinand van Ingen. Ffm. 1997. Ausgaben: Gesamtausgaben: Des Gottseeligen [...] J. Böhmens [...] Alle / Theosoph. Wercken. 15 Bde., Amsterd. 1682 (= Erste oder Amsterdamer Gesamtausg.). – Theosophia Revelata. Das ist: Alle Göttl. Schr.en [...] J. Böhmens. 2 Bde., o. O. 1715 (= Zweite oder Hamburger Gesamtausg.). – Theosophia Revelata [...]. 16 Tle. in 14 Bdn., o. O. 1730 ( =
32 Dritte oder Leidener Gesamtausg.). Neudr., hg. v. Will-Erich Peuckert: J. B., Sämtl. Schr.en in 11 Bdn., Stgt. 1955–61. – J. B.s sämmtl. Werke. Hg. K. W. Schiebler. 7 Bde., Lpz. 1831–47. – Teilausgaben: 1. Von Gott. 2. Von der Hl. Dreyfaltigkeit. 3. Was Gott nach Lieb vnd Zorn [...] Aus J. B. T. Schr.en gezogen, o. O. u. J. [um 1652–54]. – Optimè de pietate et sapientia meriti [...] oder J. Böhmens [...] Theosoph. Schrifften. 15 Tle. in 1 Bd., Amsterd./ Ffm. 1675. – Der Für die Einmütigen epitomirte [...] J. B. Amsterd. 1700. Neudr. Calw 1820. Bln. 1918. – J. B. Die Urschr.en. Hg. Werner Buddecke. 2 Bde., Stgt. 1963–66. Literatur: Bibliografien: Werner Buddecke: Verz. v. J. B.-Hss. Gött. 1934. – Ders.: Die J. B.-Ausg.n. 2 Bde., Gött. 1937–57. – Dünnhaupt 2. Aufl. Bd. 1, S. 672–702. – Biografisches: Will-Erich Peuckert: Das Leben J. B.s. Jena 1924. – Andrew Weeks: J. B. An Intellectual Biography of the Seventeenth Century Philosopher and Mystic. New York 1991. – Gesamtdarstellungen: Paul Hankamer: J. B. Gestalt u. Gestaltung. Bonn 1924. – Hans Grunsky: J. B. Stgt. 1956. 21984. – Heinrich Bornkamm: J. B. In: Die Großen Deutschen. Hg. Hermann Heimpel. Bd. 1,Bln. 1956, S. 500–513. – Alexandre Koyré: La philosophie de J. B. Paris 1929. 21971. – Gerhard Wehr: J. B. in Selbstzeugnissen u. Bilddokumenten. Hbg. 1971. – Ernst-Heinz Lemper: J. B. Leben u. Werk. Bln. 1976. – Bernhard Gorceix: J. B. In: Dt. Dichter des 17. Jh. Hg. Harald Steinhagen u. Benno v. Wiese. Bln. 1984, S. 49–73. – Bo Andersson: ›Du Solst wissen es ist aus keinem stein gesogen‹. Studien zu J. B.s ›Aurora oder Morgen Röte im auffgang‹. Stockholm 1986. – Jan Garewicz u. Alois M. Haas (Hg.): Gott, Natur u. Mensch in der Sicht J. B.s u. seiner Rezeption. Wiesb. 1994. – Erkenntnis u. Wiss. J. B. Internat. J. B.-Symposium. Görlitz 2000. – Sibylle Rusterholz in: Ueberweg, Bd. 4/1, S. 61–102. – Gesch. Piet. Bd. 1, S. 205–217. – Beziehungen: Heinrich Bornkamm: Luther u. J. B. Bonn 1925. – Wirkungen: Edgar Ederheimer: J. B. u. die Romantiker. Heidelb. 1904. – Walter Feilchenfeldt: Der Einfluß J. B.s auf Novalis. Bln. 1922. – Julius Richter: J. B. u. Goethe. In: JbFDH 1934, S. 3–55. – Ernst Benz: Schellings theolog. Geistesahnen. In: Abh.en der Akademie der Wiss.en u. Lit. Mainz 1955. – Günther Bonheim: Zur literar. Rezeption J. B.s im Allgemeinen u. zur dadaistischen im Speziellen. In: Daphnis 25 (1996), S. 307–367. – Edwin Lüer: Aurum u. Aurora. Ludwig Tiecks ›Runenberg‹ u. J. B. Heidelb. 1997. – Themen: Mystik: Ders.: Der vollkommene Mensch nach J. B. Stgt. 1937. – R. T. Llewellyn: J. B.s Kosmogonie in ihrer Beziehung zur Kabbala. In: Antaios 5 (1964), S. 237–250. – Eberhard H. Pältz: Zur Eigenart des
33 Spiritualismus J. B.s. In: Wort u. Welt. FS Erich Hertzsch. Bln. 1968. – Susanne Edel: Die individuelle Substanz bei B. u. Leibniz. Stgt. 1995. – Ferdinand van Ingen: ›Der Anfang der Morgenröte‹. J. B.s reformator. Mystik. In: Die Kirchenkritik der Mystiker. Prophetie aus Gotteserfahrung. Hg. Mariano Delgado u. Gottfried Fuchs. Bd. 2, Fribourg/Stgt. 2005. – Sprache: Wolfgang Kayser: B.s Natursprachenlehre u. ihre Grundlagen. In: Euph. 31 (1930), S. 521–562. – Ernst Benz: Zur metaphys. Begründung der Sprache bei J. B. In: Euph. 37 (1936), S. 340–357. – Peter Schäublin: Zur Sprache J. B.s. Winterthur 1963. – Stephen A. Konopacki: The Descent into Words. J. B.s Transcendental Linguistics. Ann Arbor 1979. – Günther Bonheim: Zeichendeutung u. Natursprache. Ein Versuch über J. B. Würzb. 1992. – F. van Ingen: J. B. u. die Natursprache. Eine Idee u. ihre Wirkung. In: Internat. J. B.-Symposium 2000, S. 115–127. – B. Andersson: J. B.s Denken in Bildern. In: Morgen-Glantz 13 (2003), S. 303–319. Ferdinand van Ingen
Böhme, (Wilhelmine) Margarethe, Margarete, (Susanna), geb. Feddersen, auch: Ormános Sandor, * 8.5.1867 (nicht 1869) Husum, † 23.5.1939 Hamburg-Othmarschen. – Romanautorin. B. wuchs im Haus der Lena Wies auf, der »Märchentante« Theodor Storms. Erste Romane u. Erzählungen erschienen noch während ihrer Husumer Zeit in verschiedenen Wochenblättern u. Illustrierten unter ihrem Mädchennamen oder dem Pseudonym Ormános Sandor (»eine spielerische Betätigung meiner lebhaften Phantasie«). In der Folgezeit war B. als Journalistin in Hamburg u. Wien für norddt. u. österr. Zeitungen tätig. 1894 heiratete sie den Zeitungsverleger Friedrich Böhme (eine Tochter). Nach sechs Jahren wurde die Ehe geschieden. Mit Tochter u. Haushälterin zog B. von Boppard nach Berlin-Friedenau. Um finanziell überleben zu können, verfasste sie jährlich vier Romane. Sie selbst bezeichnete sich in dieser Zeit als »Heimarbeiterin« u. »armselige Romanfabrikantin«. In dem Maße, wie es ihr gelang, sich finanziell abzusichern, wurden ihre Romane realistischer u. sozialkritischer. Ihr Handlungshintergrund ist nun sorgfältig recherchiert. Ihren größten Erfolg erzielte B. mit dem Tagebuch einer Verlorenen (Bln. 1905). In ihm
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wird die Karriere einer Eiderstedter Apothekertochter zur Prostituierten, gleichsam dokumentarisch, nachgezeichnet u. die bürgerl. Doppelmoral, die eine solche Karriere erst ermöglicht u. fördert, angeprangert. Mit einer Gesamtauflage von über 1,2 Mio. Exemplaren u. Übersetzungen in 14 Sprachen ist es eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Bücher jener Zeit. Es folgen Bühnenbearbeitungen u. Theaterskandale in Berlin, Hamburg, Frankfurt/M., Hannover u. Kiel. Bis spät in die 1930er Jahre dauerte der Streit der Experten verschiedener Disziplinen, ob es sich bei dem »Tagebuch« um ein Originaldokument oder um einen Roman (in Tagebuchform) handelt. Der Soziologe Leopold von Wiese ersuchte B. um Unterstützung bei seinen sozialpsycholog. Studien. Der Psychologe Willy Hellpach empfahl, das Buch in der akadem. Lehre als Fallstudie einzusetzen. Die Wiener Prozesse »Weinlich« u. »Riehl«, in denen es um Kinderprostitution ging u. die international Aufsehen erregten, wurden in der Tagespresse unter Berufung auf das »Tagebuch« kommentiert u. bewertet. Es erschienen zahlreiche Plagiate, u. Verbotsanträge wurden gestellt. Zweimal wurde das Tagebuch verfilmt, 1918 von Richard Oswald u. 1929 von Georg Wilhelm Pabst, mit Louise Brooks in der Hauptrolle. Das »Tagebuch« leitete einen neuen Abschnitt im Schaffen B.s ein. Es erschienen nun ähnlich gestaltete Werke, gleichfalls sozialkritisch u. sorgfältig recherchiert. Auch sie erreichten hohe Auflagen u. wurden in andere Sprachen übersetzt. W.A.G.M.U.S. (Bln. 1911), ein Roman über den Konkurrenzkampf der Berliner Kaufhäuser Wertheim u. Passage, nach eigenem Bekunden wohl das beste Werk aus ihrer Feder, wurde von der frz. u. engl. Literaturkritik mit Emile Zolas Au bonheur des dames verglichen. In dem Roman Christine Immersen (Dresden 1913) schildert B. das Arbeitsleid des neuen Berufsstandes der Telefonistinnen (»dieser lebendigen Automaten am Apparat«, »dieses Kanonenfutters des Verkehrs und der Kommunikation«). Aufgrund ihres Buches Die grüne Schlange (Bln. 1920), das die sozialen Unruhen in Braunschweig um 1918 zum Thema hat, geriet B. in den Verdacht, mit dem Kommu-
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nismus zu sympathisieren. In dem Roman Gesch. eines bewegten Lebens. Bln. 1921. – MariSarah von Lindholm (Lpz. 1914) skizziert sie die anne Wendels Leidensgang. Dresden 1922. – Meine Persönlichkeit einer Werftbesitzerin, einer Schuld, meine große Schuld. Bekenntnisse einer Frau, die in ihrem Betrieb sozialpolit. Refor- armen Sünderin. Dresden 1922. – Die goldene Flut. Dresden 1922. – Die Heirat der Mieze Biedenbach. men im Sinne Ernst Abbes durchzusetzen Was die Kellnerin weiter erlebte. Bln. 1923. – Rotrachtet. switha. Die Gesch. einer Glücklichen. Bln. 1923. 1911 heiratete B. ein zweites Mal, den Literatur: Arno Bammé (Hg.): M. B. Die ErBrotfabrikanten Theodor Schlüter (»Schlüter- folgsschriftstellerin aus Husum. Mchn./Wien 1994. Brot«). Sie bestand auf einen notariell be- – Eva Borst: Ichlosigkeit als Paradigma weibl. Daglaubigten Ehevertrag, der ihr Selbständig- seins. Prostitution bei M. B. u. Else Jerusalem. In: keit in wichtigen Belangen zusicherte (»Die Deutschsprachige Schriftstellerinnen des Fin de Liebe ist ein anormaler Seelenzustand, und siècle. Hg. Karin Tebben. Darmst. 1999, der Entschluss zur Ehe erfordert eine in jeder S. 114–137. – Natascha Ueckmann: Intertextualität Hinsicht robuste Gesundheit der Empfin- in Romanen v. M. B. In: Zu früh zum Aufbruch? Schriftstellerinnen im Nordfriesland der Jahrhundung«). Ihr Verhältnis zur zeitgenöss. Fraudertwende. Hg. Arno Bammé u. a. Bräist/Bredstedt enbewegung war zwiespältig: Die deutsche 1996, S. 105–120. Arno Bammé empfand sie, im Gegensatz zur französischen, als nicht radikal genug. Erfahrungen, die B. in der Brotfabrik ihres Mannes gemacht Böhme, Behm, Behem(b), Bohemus, Martin, hatte, verarbeitete sie in dem Roman Die * 16.9.1557 Lauban, † 5.2.1622 Lauban. – Maienschneider (Bln. 1925), in dem es u. a. um Evangelischer Theologe, geistlicher Dichdie Einführung u. Durchsetzung eines nahr- ter. hafteren, v. a. eines gesünderen, dunklen Vollkornbrotes geht. Auch hier, wie in vielen Nach dem Schulbesuch in Lauban u. Wien ihrer späteren, anspruchsvolleren Werke, er- (1574–1577) u. der Ausbildung zum luth. weist sich B. als genaue Beobachterin. Parallel Pastor in Straßburg (1577–1580) u. Lauban dazu veröffentlichte sie weiterhin gefällige, (1580–1586) war B. bis zu seinem Tod Hauptpastor seiner Heimatstadt. In Ausschnell hingeschriebene Bücher, die themaübung seines Amtes verfasste er zahlreiche tisch an den Publikumserfolg des »TagePredigten, Kirchenlieder u. drei Dramen. Der buchs« anknüpfen sollten. Kirchen Calender (Lauban 1604), eine ErbauWeitere Werke: Im Irrlichtschein. Bln. 1903. – ungsschrift zum Jahresgeleit, erlebte sieben, Zum Glück. Dresden 1903. – Wind u. Wellen. die Sammlung von 150 Betrachtungen im Halligroman. Reutlingen o. J. – Lebensretter Belf. Geist Johann Arndts Spectaculum passionis Jesu Die Gesch. eines vierfüßigen Helden. Reutlingen o. J. – Wenn der Frühling kommt ... Bln. 1904. – Christi (Wittenb. 1616) drei Auflagen. BeVanvoegelferme. Ein Zeitroman. Lpz. o. J. – Treue. zeichnend für B.s vorpietist. Frömmigkeit Bln. o. J. – Rheinzauber. Bln. o. J. – Herzensirren. waren die 323 Reimgebete, die er ab 1606 in Chemnitz o. J. – Fetisch. Bln. 1904. – Des Gesetzes Wittenberg veröffentlichte und u. d. T. Erfüllung. Bln. o. J. – Abseits vom Wege. Bln. 1904. Centuriae tres precationum rhythmicarum das ist – Die grünen Drei. Bln. 1905 (u. d. T. Anna Nissens Drey Hundert Reim-Gebetlein (o. O. [Wittenb.] Traum. Dresden 1913). – Mieze Biedenbachs Er- 1620. 21634 u. ö.) als Sammlung herauslebnisse. Erinnerungen einer Kellnerin. Bln. 1906. brachte; sieben davon leben heute im EKG – Dida Ibsens Gesch. Ein Finale zum »Tagebuch nach (49, [317], 343, 370, 377, 378, 379, 491). einer Verlorenen«. Bln. 1907. – Apostel DodenSein Ruf als Dichter beruhte auf den Drey scheit. Briefe an eine Dame. Bln. 1908. – Die graue schönen geistl. Comoedien (Wittenb. 1618), DraStraße. Dresden 1908. – Im weißen Kleide. Dresden men, die er zur Jahrhundertfeier der Refor1912. – Das Telegramm aus Meran. Dresden 1913 (u. d. T. Frau Ines’ Firmenwanderung. Dresden mation verfasste. Judith stellt die Heldin als 1922). – Kriegsbriefe der Familie Wimmel. Dresden Kämpferin gegen die blasphem. Übermacht 1915. – Siebengestirne. Dresden 1915 (u. d. T. des Holofernes dar, eine Analogie zum reNarren des Glücks. Dresden 1923). – Millionen- formator. Streit. Tobias macht die rechte Lerausch. Bln. 1919. – Lukas Weidenstrom. Die bensführung in der luth. Familie anschau-
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lich. Acolastus, ein Drama zum Thema des verlorenen Sohns, zeichnet Abfall vom u. Rückkehr zum Vater nach: eine Darstellung von Reue u. Bekehrung des gläubigen Einzelnen. In den Komödien fasste B. die religiöse Gedankenwelt seiner Zeit zusammen: die Stellung des Christen in der Gesellschaft, im Familienkontext, als Individuum. Die gereimten Paarverse zeugen von eher biederem dichterischen Können; dass B. die altbewährten Themen des protestant. Schuldramas aufgriff, offenbart die traditionelle Einstellung zum Dichtertum: Literatur im Dienst des Luthertums. Als Dichter war er weniger bedeutend denn als Typ des schriftstellerisch aktiven protestant. Pastors. Weitere Werke: Die drey grossen Landtplagen, Krieg, Tewrung, Pestilentz [...]. Wittenb. 1601. 2 1620. 31629. – Theologica contemplatio hominis [...]. 3 Tle., Wittenb. 1624. – Busz Spiegel [...]. In XIV. Predigten verfasset. Wittenb. 1627. 21634. Ausgabe: M. Behemb’s geistl. Lieder. In einer Ausw. nach den Originaltexten hg. v. Wilhelm Nöldeke. Halle 1857. – Wackernagel 5, Nr. 274–374. Literatur: Dünnhaupt 2. Aufl. Bd. 1, S. 703–712. – Weitere Titel: Franz Spengler: M. B. In: Xenia Austriaca 2 (1893), S. 43–66. – P. Pressel u. Wilhelm Scherer in: ADB 2, S. 282 bzw. 3, S. 59. – Frels, S. 30. – Franz Lau: M. B. In: NDB. – Richard Erich Schade: M. B. (1557–1622). The Lutheran Pastor as a writer. Diss. Yale 1976. – Ders.: M. B. and Ludwig Hollonius: Lutheran apologists for drama. In: MLN 92 (1977), S. 583–594. – Heiduk/ Neumeister, S. 16, 146, 298 f. – R. E. Schade: M. B.s ›Judith‹ (1618). An anti-catholic drama on the Reformation centenary. In: Theatrum europeum. FS Elida M. Szarota. Mchn. 1982, S. 217–239. – Ders.: Zur Bildlichkeit in den Kirchenliedern M. B.s. In: Das Protestant. Kirchenlied im 16. u. 17. Jh. Hg. Alfred Dürr. Wiesb. 1986, S. 49–60. – Hans-Georg Kemper: Dt. Lyrik der frühen Neuzeit. Bd. 2: Konfessionalismus, Tüb. 1987. – DBA 117,235–239. – HKJL. Von 1570 bis 1750, Sp. 1119 f. Richard Erich Schade / Red.
Böhme, Thomas, * 24.11.1955 Leipzig. – Lyriker, Verfasser von Romanen. Nach Abitur, Armeedienst u. einem nicht beendeten Lehrerstudium war B. Bibliotheksfacharbeiter u. Werberedakteur. 1981–1984 absolvierte er ein Fernstudium
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am Johannes R. Becher Literaturinstitut in Leipzig. Seit 1985 arbeitet er als freischaffender Autor, Herausgeber, Essayist u. Fotograf. B. ist Mitglied des Deutschen PENZentrums, des Deutschen Schriftstellerverbandes u. der Freien Akademie der Künste zu Leipzig. 1988 erhielt er den Georg-MaurerPreis der Stadt Leipzig, 1994 die Ehrengabe der Schiller-Stiftung Weimar u. 2006 den Literaturförderpreis Sachsen. Gedichte & Gebilde ist der Untertitel von B.s erstem Gedichtband Mit der Sanduhr am Gürtel (Bln./Weimar 1983). In ihm regiert ein kesser Ton, der wohl auch auf Peter Gosses Einfluss zurückzuführen ist. Pop-Songs u. Alltagslyrik dienen als Ansatz für lockere Strophen; ein typischer Titel lautet: Letzte Party an der Côte d’Azur mit Mick Jagger als Marilyn Monroe verkleidet. Der amerikan. Tonfall ist provozierend gemeint, als Absage an ein zu rigides Konzept des kulturellen Erbes u. des Aufbaus einer Nationalkultur. Es gibt Prosagedichte, gekonnte Adaptionen der Elegie u. viele anaphorische Fügungen. Als seine Vorbilder nennt B. Allan Ginsberg, Charles Bukowski: »Das waren die Säulenheiligen meiner Jugendjahre«. Dazu gesellen sich Jack Kerouac, Rolf-Dieter Brinkmann, dann aber auch Stefan George, Gottfried Benn u. August von Platen: nicht eben Namen der offiziellen DDR-Kultur. In B.s zweitem Lyrikband Die schamlose Vergeudung des Dunkels (Bln./Weimar 1985) ergänzen eigenwillige Sonette, Liedstrophen, barocke Formen die freien Verse. Themen sind die Widersprüche des Alltags u. die zugehörigen gelähmten Aufbruchsneurosen, der Verlust der Naturbilder u. die Zunahme der Geräusche; die v. a. homoerotische Liebe, die das Dunkel zu schätzen weiß u. nicht vergeudet; Porträts, auch Neuerzählungen von Mythen, Grotesken. B.s dritter Gedichtband Stoff der Piloten (Bln./Weimar 1988) konkretisiert B.s Motto »nach etwas lebendem sehn« u. behandelt formal wie thematisch Motive der Enteignung u. Entfremdung des Sehens. Das führte B. erneut auf eine konsequent moderne Lyriksprache, die Zitate u. Anspielungen nur als Voyeurismus, freilich auch als Vermischung – etwa mit Stefan George –, aber nicht als
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»Erbe« gelten lässt. Die Piloten werden zu einer zentralen Metapher. So heißt es im Gedicht die piloten der bühne: »sie proben das aufschwingen / abstürzen gleiten um abends sich atemlos / vor dem Vorhang zu zeigen sich zu verneigen / als ob sie noch lebten«. Von lyrischer, bildreicher Sprache geprägt sind auch B.s Romane u. Erzählungen, die oftmals um das Motiv des (realen oder imaginierten) Reisens kreisen (Geruch des Gastes. Bln. 1996; R. Die Erzählungen des Herrn Glasenapp. Bln. 1996; E.en. Dämmerung mit Dingen. Bln. 2000; E.). Weitere Werke: Einübung der Innenspur. Bln. 1990 (R.). – ich trinke dein plasma november. Bln. 1991 (L.). – ballett der vergeßlichkeit. Lpz. 1992 (L.). – Topographien einer Wundvermessung. Bln. 1993 (L.). – Vom Fleisch verwilderte Flecken. Bln. 1995 (R.). – Und an Bahnhöfe denken. Bln. 2001 (L.).– Balthus u. die Füchse. Bln. 2004 (N.n). – Nachklang des Feuers. Bln. 2005 (L.). Literatur: Anthonya Visser: Gespräch mit T. B. In: Dt. Bücher 19 (1989), S. 89–102. – Thorsten Dönges: T. B. In: LGL. Alexander von Bormann / Red.
Böhmenschlacht, bald nach 1278. – Historisch-politische Ereignisdichtung. Die mit 185 Versen fragmentarisch (Anfang u. Ende fehlen) überlieferte Reimrede eines unbekannten Dichters berichtet zeitnah vom Sieg des dt. Königs Rudolf von Habsburg über den böhm. Ottokar II. in der Schlacht auf dem Marchfeld (26.8.1278), in deren Verlauf der König von Böhmen den Tod fand. Trotz Glorifizierung des Habsburgers bleibt jede polem. Herabsetzung des Gegners aus. In dem in zwei Handschriften (um 1300) überlieferten Bruchstück stilisiert der Dichter dies Ereignis der Reichsgeschichte gegen die histor. Faktizität als Zweikampf zweier tapferer Ritter. Streckenweise allegorisiert er das Geschehen über die Wappentiere: Habsburger Löwe u. Reichsadler besiegen den böhm. Löwen. Mit den heraldischen Elementen verbinden sich solche der Chronistik, der Heldenepik, des höf. Romans u. der Ehrenrede zu einer neuen Dichtungsform: der historisch-polit. Ereignisdichtung. Der anonyme Autor ist aufgrund von sprachlichen u. überlieferungsgeschichtl.
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Kriterien an den Mittelrhein zu setzen; er hat außer der B. fünf weitere Kleindichtungen verfasst: Schlacht bei Göllheim, Minnehof, Ritterfahrt, Turnier u. Ritterpreis. Eine Identifizierung mit dem aus der Jenaer Liederhandschrift bekannten Spruchdichter Zilies von Sayn ist haltlos. Ausgaben: Rochus v. Liliencron (Hg.): Die histor. Volkslieder. Bd. 1, Lpz. 1865. Nachdr. Hildesh. 1966, Nr. 2, S. 4–9. – Adolf Bach (Hg.): Die Werke des Verf. der Schlacht bei Göllheim. Bonn 1930, S. 210–219. Literatur: A. Bach: Die Werke (s. o.), passim. – Erich Kleinschmidt: Herrscherdarstellung. Bern/ Mchn. 1974, S. 114, 223. – Ingeborg Glier: ›Schlacht bei Göllheim‹ (u. verw. Denkmäler). In: VL. – Sonja Kerth: ›Der landsfrid ist zerbrochen‹. Wiesb. 1997, passim. Karina Kellermann
Böhmer, Paulus, * 20.9.1936 Berlin. – Lyriker, Übersetzer, Essayist. B. wuchs auf im kleinen Ort Nieder-Ofleiden im Ohmtal/Oberhessen. Er lebte (kurzzeitig) in einem kath. Internat u. war als Messdiener tätig. Von 1950 an wohnte er in Essen, wo er ein Humanistisches Gymnasium besuchte. Nach dem Abitur studierte B. zunächst Jura, dann Architektur in Frankfurt/M. Beide Studien brach er jedoch ab, um nunmehr in Berlin ein Germanistik-Studium aufzunehmen, das ebenfalls unabgeschlossen blieb. Hier geriet er in Kontakt zu literar. Kreisen, u. a. Walter Höllerer. Eng befreundet war er mit Günther Bruno Fuchs. Mitte der 1960er Jahre wurde ihm das Berliner Boheme-Leben zuviel, er kehrte zurück nach Westdeutschland u. absolvierte in Mannheim eine Lehre zum Industriekaufmann. Während dieser Zeit begann er zu schreiben, das meiste noch für die Schublade, bevor er 1963 mit dem Liederbuch der Quantität ein erstes Buch in V. O. Stomps’ Eremitenpresse veröffentlichte (Stierstadt 1963); seine Familie aber kaufte die gesamte Auflage auf, um den Vertrieb zu unterbinden. Auch zwei weitere Kleinverlagspublikationen sind heute komplett vergriffen (Pelzblumen unter den Deckeln der Marmeladegläser. Bad Homburg 1965. Softgirls. Ffm. 1970). B. arbeitete kurze Zeit als Industriekaufmann, war aber dann als Gartenge-
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stalter, Stauden- u. Ziergraszüchter tätig. In seines lyr. Werkes in verstärktem Maße ein, diese Zeit fällt seine erste umfangreichere auch u. gerade initiiert von jüngeren LyriVeröffentlichung Aktionen auf der äusseren kerkollegen wie Nico Bleutge oder Jan Volker Rinde. 1966–1969 (Ffm. 1972), die in Jörg Röhnert. Insbesondere die Sprachgewalt der Schröders legendärem März-Verlag erschien. B.’schen Schöpfungen wurde dabei zu Recht Hierbei handelt es sich um eine experimen- herausgestellt, da es in der Tat eines außertelle Mischform von Lyrik u. Prosa, im Stil der gewöhnlichen Atems bedarf, um ein solches Zeit sind Fotos, Materialcollagen u. Fund- 350-seitiges Langgedicht zu inszenieren. stücke eingeschaltet. 1973 wandte sich B. 2007 erschien eine umfangreiche Fortsetzung nach Frankfurt/M., wo er als freiberuflicher unter dem Titel Kaddish XI-XXI (Ffm.), die den Reizwarenlieferant, Lektor u. Werbetexter Zyklus abschließt. wirkte. Zus. mit Peter O. Chotjewitz veröfWerke: Dein schwarzgekacheltes Blut. Dein fentlichte er zwei Kinderbücher (Itschi hat ei- Blut. Gießen 1993. – Säugerleid. Ffm. 1996. – Die nen Floh im Ohr, Datschi eine Meise. Hann. 1973 Ohm. Ostheim/Rhön 1997. – Eben noch, vor langer u. Kinder, Kinder! Hann. 1973), bevor er nach Zeit, jetzt. Ein Gedicht. Ffm. 1997. – Palais längerer Pause einen bibliophilen Band mit d’Amorph. Ffm. 1999. – Jehuda Amichai: Zeit Bildern, Gedichten, Gouachen u. Collagen (Übers. mit Lydia Böhmer). Ffm. 1998. – Die 13 Schnecken (mit Katharina Hacker). Ffm. 1999. – vorlegte (Des Edelmannes Ernst muss Luxus sein. Jehuda Amichai: Jerusalem-Gedichte (Übers. mit L. Friedberg 1985[?]). 1985 wurde B. Leiter des Böhmer). Zürich/Mchn. 2000. – Du aber bist schön Hessischen Literaturbüros in Frankfurt/M., wie eine Million Waggons. Ffm. 2000. – Wäre ich eine Position, die er bis 2001 bekleidete. Seit unsterblich. Gedichte 1996–99. Mchn. 2001. – dem Ende der 1980er Jahre begann B. in Lama Lama Sabachthani. Ostheim 2001. – Fuchsschneller Folge Gedichtbände zu veröffentli- leuchten. Ffm. 2004. – Kaddish I-X. Sonderausg. chen (Darwingrad. Gießen 1989. Mein erster zum 70. Geburtstag 2006. – Die Formeln der BeTod. Ffm. 1989. Da sagte Einstein. Gießen schwörung. Elisabeth Borchers zum 80. Geburtstag 1990). Seine Lyrik ist in ihren Anfängen ge- (Hg. mit Jochen Winter). Ffm. 2006. – Zeit bis zum prägt von der Rezeption der Beat Generation, Zug, erzähl! (Hg. mit Wolfgang Roth). Ffm. 2006. Literatur: Bibliografien: DDL-Ergänzungsbd. 2, insbes. von den Langgedichten Allen Ginsbergs, aber auch von der vitalist. Prosapoesie Sp. 224/225. – DDL, Das 20. Jh., Bd. 3, Sp. 277. – Weitere Titel: Alban Nikolai Herbst: ›Wer ich bin?‹ Walt Whitmans. Ähnlich wie der dt. NaturaNotizen zu P. B. Ffm. 1998. – Ders.: Jedes Stilleben list Arno Holz ordnet B. seine Lyrik grafisch Lüge. Kleine Anmerkung zur Dichtung P. B.s. In: zentriert an, richtet also das Layout grund- Akzente 45 (1998), 1, S. 38–41. – Alexander Frank: sätzlich an der Mittelachse der Buchseite aus, Lebendiges Totes. P. B.s universale Gedichte. [Rez. sodass der Textfluss visuell vehement voran- zu:] Kaddish I-X. In: NDL 51 (2003), H. 548, getrieben wird. Wirkungsästhetisch wird S. 173–175 . – A. N. Herbst: P. B. In: LGL. – Jan dem Leser so eine quasi meditative, nicht re- Volker Röhnert: Wenn der Kritiker am Kunstwerk flexive Rezeption nahegelegt. Trotz der graf. scheitert. Entgegnung auf Alexander Franks Rez. v. Überstimmung sind inhaltl. Einflüsse von P. B.s ›Kaddish‹. In: NDL 51 (2003), H. 550, Holz kaum zu bemerken. 1991 veröffent- S. 147–150. – Ders.: Picasso Passo im Palais d’Amorph. Der Dichter P. B. u. der Surrealismus. lichte B. seinen ersten Kaddish (Bln.), ein GeIn: GRM N. F. 55 (2005), 2, S. 191–203. dicht, benannt nach der jüd. Totenklage. Enno Stahl Diese Form baute B. in den nächsten fünfzehn Jahren konsequent aus. Nach weiteren Gedichtbänden u. Übersetzungsarbeiten erBoehn, Max von, * 5.2.1860 Potsdam, schien 2002 sein Kaddish I-X (Ffm.), der ein † 17.5.1932 Berlin. – Kunst- u. Kulturvorläufiges, umfangreiches Resümee des historiker. Kaddish-Zyklus darstellte. Kaddish I-X ist der Versuch, ein kosmologisches Weltgedicht zu Der preuß. Landadel entstammende B. wurde entwerfen, das Zeiten u. Räume zusammen- in jungen Jahren zu einer militär. Laufbahn fasst. Mit diesem ersten Buch in einem Pu- gedrängt, entschied sich jedoch gegen den blikumsverlag setzte die öffentl. Rezeption Offiziersberuf u. lebte vor der Jahrhundert-
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wende als Privatgelehrter in München, später Boeldicke, Joachim, auch: Sincerus, * 3.5. in Berlin. 1704 Plänitz/Priegnitzer Mark, † 15.5. Auf den Spuren der west- u. südeurop. 1757 Spandau/Berlin. – Prediger u. poKunstgeschichte sammelte er Stoff für mo- pularphilosophischer Schriftsteller. nograf. Darstellungen (Giorgione und Palma Vecchio. Bielef. 1908. Lorenzo Bernini. Bielef. Vom Sommersemester 1726 an studierte B. 1912) u. literar. Reiseberichte (Spanische Rei- Theologie in Jena u. Halle (Immatrikulation sebilder. Bln. 1904), in denen er seine Begeg- 15.4.1728); 1732 wurde er Rektor in Königsnungen mit der Kunst zu kultischen Annä- berg/Neumark, 1736 Diakon in Kalbe an der herungen an geniale Meisterwerke stilisierte. Milde, seit 1742 war er Diakon in Spandau u. Es folgte eine Reihe umfangreicher kul- Pastor zu Sacken/Mark Brandenburg. B. trat 1746 mit einem Abermaligen Versuch turhistor. Werke (Biedermeier. Bln. 1911. Vom Kaiserreich zur Republik. Bln. 1917). Hier zeigte einer Theodicee, darinn von dem Ursprung des Bösich das veränderte Interesse B.s, dem die sen in der besten Welt, der Güte, Weisheit und Gekulturellen Überlieferungen nunmehr als rechtigkeit Gottes, wie auch der Freyheit des MenZeugnisse zivilisationsgeschichtlicher Epo- schen gehandelt wird (Bln.) hervor, in welchem chen galten. Auf der Grundlage detaillierter er Leibniz’ Lehrgebäude von Gottes SchöpQuellenstudien entwarf B. facettenreiche Sit- fung als der besten aller Welten auf der tenbilder vergangener Zeiten. Mit seinen Grundlage einer ausgeprägt eudämonist. launigen Beschreibungen von Gemälden, Anschauungsweise zu verbessern suchte. B.s Karikaturen, Briefen, auch Fotografien u. a. Versuch war heftigen Angriffen vonseiten der Dokumenten ließ er Szenen des Alltags aus luth. Orthodoxie ausgesetzt, wurde aber auch der Sicht eines freisinnigen Aristokraten le- von aufklärerischer Seite kritisiert: Georg bendig werden. Seine im Plauderton verfass- Friedrich Meier (Beurtheilung des abermaligen ten »Geschichten«, die mit aufwendigen Re- Versuchs einer Theodicee. Halle 1747) konnte in produktionen ausgestattet waren, zielten auf ihm keinen Fortschritt gegenüber Leibniz u. die Unterhaltung eines großbürgerl. Publi- Christian Wolff erkennen. kums. Weitere Werke: Quod dubia apparentia in saDie größte Beachtung erfuhr Die Mode. cro codice obvia non cum sapientia dei pugnent Menschen und Moden vom Untergang der alten [...]. Praes.: J. B., Def.: Samuel Friedrich Boeldicke. Welt bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts (8 Bde., Küstrin o. J. [1735]. – Nikolaus Friedrich Herbst: Mchn. 1907–25. Neuausg. v. Ingrid Loschek. Prüfung des in dem abermaligen Versuche einer 2 Bde., Mchn. 1976. 21982). B. schilderte Theodicee enthaltenen Lehrgebäudes vom Urdarin nicht nur die Chronologie der Kleider- sprunge des Bösen u. J. B., Vertheidigung desselmoden, sondern versuchte, sie als Ausdruck bigen [...]. Bln./Lpz. 1747. – Auflösung neun epochaler Lebenshaltungen zu deuten; aller- wichtiger Zweifelsknoten, welche seiner Erklärung dings beschränkte er sich dabei auf den Ha- vom Ursprunge u. Bestrafung des Bösen entgegen bitus jeweils herrschender Gesellschafts- gesetzt worden. Bln. 1748. – Sinceri Gutdeutender Versuch, die wahre Absicht Nic. Machiavels [...] zu schichten. Weitere Werke: England im 18. Jh. Bln. 1920. – Das Bühnenkostüm in Altertum, MA u. Neuzeit. Bln. 1921. Nachdr. Rom 1995. – Dtschld. im 18. Jh. Bln. 1922. – Der Tanz. Bln. 1925. – Wallenstein. Wien/Bln. 1926 (Biogr.). – Polizei u. Mode. Bln. 1926. Volker Busch / Red.
entdecken. o. O. 1750. – Encyclopaedia eruditionis versibus germanicis comprehensa [...]. Bln. ca. 1750. – Des abermahligen Versuchs einer Theodicee zweiter Teil, worinn v. den Kennzeichen der Wahrheit, der Glückseligkeit, den Gesetzen der Glückseligkeit, der Ehre Gottes, dem Ursprunge des Bösen, u. der besten Welt gehandelt wird, u. insonderheit dasjenige, was die Herren Herbst, Müller, Obbarius, u. a. eingewendet haben, widerleget wird. Lpz. 1751. Ausgaben: Das Leben der schönen Österreicherin, beschrieben v. Sincero. Ffm./Lpz. 1747. Nachdr. Ffm. 1970.
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Literatur: DBA 118,350–352. – Ueberweg, Bd. 4/2, S. 1076 f. Ernst Fischer / Red.
nernden Wahrnehmung gleichberechtigt als eine von vielen Geschichten erzählt.
Böldl, Klaus, * 21.2.1964 Passau. – Prosaautor; Skandinavist.
Literatur: Thomas Kraft: K. B. In: LGL. – Uwe Schütte: Epiphanien unter eiskaltem Himmel. Zum Prosawerk v. K. B. In: Neoph. 89/3 (2005), S. 419–445. Florian Kessler
B. studierte nordische Philologie, GermanisBöll, Heinrich, * 21.12.1917 Köln, † 16.7. tik u. Komparatistik in München u. Lund 1985 Kreuzau-Langenbroich; Grabstätte: (Schweden). 1999 promovierte er über die Bornheim-Merten. – Erzähler u. Essayist. Rezeption der Edda in Aufklärung u. Romantik, 2005 erfolgte die Habilitation mit Als Sohn eines Kunsttischlers waren B. Eigi einhamr. Beiträge zur Eyrbyggja und anderen Kindheits- u. Jugendjahre zwischen den Isländersagas (Bln./New York 2005). B. ist Pri- Kriegen bestimmt von einem kleinbürgerlich vatdozent am Institut für nordische Philolo- u. katholisch geprägten Kölner Milieu. Die gie der Universität München. enge, affektive Anbindung an die eigene faNeben zahlreichen wiss. Arbeiten, Über- miliäre Herkunft, an Region u. Religion, an setzungen u. Herausgeberschaften im Bereich Zeit u. Gesellschaft hat B. rückblickend als der Nordistik bestimmt das Interesse an Fundament seines literar. Schaffens bezeichSkandinavien anfänglich auch B.s Prosawerk. net. Nach dem Abitur 1937, einer abgebroDer Debütroman Studie in Kristallbildung (Ffm. chenen Buchhandelslehre, nach Reichsar1997) u. die nachfolgende Erzählung Südlich beitsdienst u. Studienbeginn (Germanistik, von Abisko (Ffm. 2000) bilden in detailreich Altphilologie) erfolgte die Einberufung zur ruhiger Sprache das Innenleben einsamer zi- Wehrmacht. Als Soldat war B. an der West- u. vilisationskrit. Protagonisten ab, die in den Ostfront eingesetzt; er geriet bei Kriegsende kargen Lebenswelten Grönlands bzw. Lapp- in frz. u. engl. Gefangenschaft u. kehrte Ende lands besonders durch die Konfrontation mit 1945 nach Köln zurück. Seit 1942 war er mit den Dimensionen nordischer Landschaft in der Lehrerin Annemarie C¸ech verheiratet; einen Zustand der Entschleunigung u. zwischen 1947 u. 1950 wurden die Söhne Wahrhaftigkeit geraten: »Die Landschaft hier Raimund, René u. Vincent geboren. wirft jedoch nichts zurück. Sie läßt den Neben verschiedenen Gelegenheitsarbeiten Menschen stehen, so wie er ist.« Während nahm die literar. Tätigkeit einen immer gröbeide Veröffentlichungen ihre jeweiligen Ta- ßer werdenden Platz in B.s Leben ein; seit bleaus u. Reflexionen mit Hilfe reduzierter, 1947 veröffentlichte er erste Kurzgeschichten fast nur angedeuteter Handlungsläufe an- in Zeitungen u. Zeitschriften. Nach der Pueinanderbinden, verzichtet das Reisebuch Die blikation seiner ersten beiden Bücher (1950) fernen Inseln (Ffm. 2003) auf jegl. »Überbau« lebte B. seit 1951 als freier Schriftsteller. Im u. widmet sich in der freien Assoziation eines selben Jahr erhielt er den Literaturpreis der erzählenden Ichs den Landschaften, Witte- Gruppe 47, zu deren Gründungsmitgliedern rungen, Sagen u. Geschichten Islands u. der er gehörte, u. war bereits in den 1950er JahFaröer-Inseln. In Anklang etwa an Peter ren eine zentrale Figur der sich neu konstiHandke oder W. G. Sebald verfestigt sich so tuierenden, nonkonformistisch u. sozialkrizwischen Erzählung u. Anschauung eine tisch ausgerichteten westdeutschen NachPoetik der Kontemplation u. des plötzlichen kriegsliteratur. metaphys. Moments. Diesem Prinzip folgt In den folgenden Jahren unternahm B. auch die Erzählung Drei Flüsse (Ffm. 2006), längere Reisen, u. a. nach Irland u. in die Sodie sich mit der Vergegenwärtigung der Hei- wjetunion, u. erhielt zahlreiche bedeutende matstadt Passau einem biografisch grundier- Preise u. Auszeichnungen, darunter den ten Hintergrund zuwendet. Die Passauer Großen Kunstpreis des Landes NordrheinKindheit des erzählenden Ichs wird innerhalb Westfalen (1959), den Literaturpreis der Stadt seiner nuancenreich empfindenden u. erin- Köln (1961), den Georg-Büchner-Preis der
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Deutschen Akademie für Sprache u. Dichtung (1967) u. den Nobelpreis für Literatur (1972). Als Präsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland (1970–1972) u. des Internationalen PEN (1971–1974) engagierte er sich für soziale Belange von Autoren u. in vielen Einzelfällen für verfolgte Kollegen in aller Welt. Dem Ausgleich zwischen den Deutschen u. Osteuropa galt seine besondere Anstrengung. Zgl. protestierte er mit zunehmender Schärfe gegen innenpolit. Repression u. – in seinen letzten Lebensjahren mit großer moralischer Autorität innerhalb der Friedensbewegung – gegen weltweite Aufrüstung. Seit 1983 war B. Ehrenbürger seiner Heimatstadt Köln. Er lebte zuletzt in BornheimMerten, wo er im Lamuv Verlag mitwirkte, den u. a. sein Sohn René gegründet hatte. Im Sommer 1985 erlag B. einem Kreislaufleiden. Für sein Schreiben ist sowohl die »Gebundenheit an Zeit und Zeitgenossenschaft« wie auch die »Fortschreibung« bestimmter Themen u. Motive konstitutiv. B. entwickelte u. variierte über vier Jahrzehnte hinweg ein Repertoire solcher Themenfelder, Handlungsmuster u. Schreibweisen, die in fast allen seiner Werke wiederzufinden sind. Da diese fast ausnahmslos auf die jeweilige Gegenwart mit ihren historischen, sozialen, moralischen u. ideellen Problemen bezogen sind, hat man sie denn auch als einen »fortlaufenden Kommentar zur Geschichte Nachkriegsdeutschlands« (Wolfram Schütte) bezeichnet. So versuchen sowohl die Kurzgeschichten des Bandes Wanderer, kommst du nach Spa ... (Opladen 1950 u. ö. Mchn. 351995) als auch die längere Erzählung Der Zug war pünktlich (Opladen 1950 u. ö. Köln 1996. Lpz. 1998) u. der episod. Kurzroman Wo warst Du, Adam? (Opladen 1951 u. ö. Mchn. 231995) die typischen Erfahrungen von Krieg u. Nachkriegszeit in eine lakon. Erzählsprache umzusetzen. Der Verlust aller Ordnungen u. Wertorientierungen sowohl in der katastrophalen Kriegsrealität als auch in den nicht weniger chaotischen Trümmerjahren nach 1945 wird hier aus individueller Perspektive zum Thema. B.s sympathische Erzählerfiguren misstrauen dem brutalen System des Militärs ebenso wie
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den subtilen Zwängen der »verwalteten Welt«, die sie als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln erleben (exemplarisch in der Kurzgeschichte An der Brücke. In: Wanderer kommst du nach Spa ...). Erfüllung u. Lebenssinn erfahren sie nur in flüchtigen Momenten zwischenmenschlicher Begegnung u. gemeinsamen Genusses; die geteilte Zigarette wird zu einem für diese Zeit typischen Leitmotiv. B. hat seine literar. Anfänge wie die seiner Generationsgenossen eine »Suche nach einer bewohnbaren Sprache in einem bewohnbaren Land« genannt. Seine frühen Texte schließen weniger an die literar. Tradition der Exilliteratur an, als dass sie Anregungen des frz. Renouveau Catholique (u. a. Léon Bloy) u. amerikanischer Erzähler wie Ernest Hemingway aufnehmen u. von einer bisweilen überzeichneten Symbolik gekennzeichnet sind. Die Arbeit an der Großform des Romans zeigt ähnl. Tendenzen. Die Romane der 1950er Jahre, die sich primär der Nachkriegsrealität zuwenden, weisen thematisch wie erzählerisch zunehmende Komplexität auf. Und sagte kein einziges Wort (Köln 1953. 15., neu durchges. Aufl. Mchn. 1995), B.s erster Bucherfolg, rekapituliert aus der Wechselperspektive eines Paares die Geschichte einer materiell u. religiös motivierten Ehekrise – u. ihrer Überwindung durch subjektive Glaubensgewissheit. Wer dies – wie Gert Kalow vorgeschlagen hat – als ein Buch »erneuerter Frömmigkeit« lesen wollte, musste freilich auch die scharfe Kritik an einer Amtskirche registrieren, die ihren seelsorgerischen Auftrag häufig vernachlässigt, wenn nicht sogar verraten hat. Haus ohne Hüter (Köln 1954 u. ö. Mchn. 8 1993) u. Billard um halbzehn (Köln 1959 u. ö. Zuletzt 2007), beide als Familienromane angelegt, arbeiten mit doppelter Erzählebene u. thematisieren in der Spannung von Gegenwart u. Vergangenheit zgl. den Gegensatz von Erinnern u. Vergessen. Es treten sich, wie schon in dem frühen Text Das Vermächtnis (Bornheim-Merten 1982 u. ö. Mchn. 62002) u. in vielen späteren Werken, zwei Figurengruppen gegenüber: solche, die auf ihre Erinnerung, auf Leid u. Schuld fixiert sind u. Leistung im Sinne einer Karriere verweigern,
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u. jene, die »ihre Erinnerung geschlachtet« haben u. nun in den Machtzentren der neuen Gesellschaft regieren. Lange vor Alexander u. Margarete Mitscherlich hat B. den Problemkreis der »Unfähigkeit zu trauern« erzählerisch gefasst; auch in diesem Zusammenhang brachte ihm seine drastische Symbolik (»Sakrament des Lammes« versus »Sakrament des Büffels« in Billard um halbzehn) verschärfte Kritik ein. Anders als in diesem Roman, stilistisch eine Mischung aus Familiensaga u. Montage, wählte B. für Ansichten eines Clowns (Köln 1963 u. ö. Zuletzt Mchn. 2007) eine stimmige, wenn auch artifizielle Form. In einem einzigen Telefon- u. Bewusstseinsmonolog nimmt die Kunstfigur des Clowns u. abtrünnigen Millionärssohns Hans Schnier eine »Generalabrechnung mit dem CDU-Staat« der 1950er u. frühen 1960er Jahre vor. Er kritisiert die Verleugnung der Vergangenheit, die Heuchelei der Amtskirche u. hält ihnen seine Trauer, sein privates Beharren auf dem sakramentalen Gehalt der Ehe (auch ohne Trauschein) entgegen. Mit diesem Buch, das die bis dahin heftigsten Kontroversen um B. auslöste, war er ans Ende einer Schaffensphase gelangt, die ganz der moralisch fundierten Kritik an der westdt. »Restauration« gegolten hatte. Der Blick auf den Erzähler u. bes. den Romancier B. lässt jedoch allzu leicht Seitenlinien seines Schaffens unbeachtet, die seit den späten 1950er Jahren immer wichtiger wurden: die satirische Erzählung (Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. Köln 1958 u. ö. Zuletzt 2000); die idyllische Reiseschilderung, die zgl. eine Form indirekter Deutschlandkritik ist (Irisches Tagebuch. Köln 1957 u. ö. Zuletzt 2007); die literar. Übersetzung (mit Annemarie Böll), v. a. aus dem Englischen; die polit. Publizistik als Rede, Rezension, Interview (Aufsätze, Kritiken, Reden. Köln 1967) u. schließlich die literar. Selbstverständigung (Frankfurter Vorlesungen. Köln 1966. Mchn. 3 1974). Vor allem die publizist. Arbeiten – Einmischung erwünscht (Köln 1977) u. Die Fähigkeit zu trauern (Bornheim 1986. Mchn. 1988) – gewannen bis zu B.s Tod immer mehr an Bedeutung. Im Sinne einer »Ästhetik des Humanen«, die sich, wie er sagte, ähnlich an
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Goethes, Stifters oder Jean Pauls Werk darstellen ließe, ging es ihm um die Verteidigung des Alltäglichen, des individuellen Lebensraums u. der persönl. Würde gegen die sich immer dichter zusammenschließenden Zwänge u. Ansprüche der staatlichen u. kirchl. Institutionen, des Konsumdenkens, der Massenmedien u. Meinungsmanipulation. »Es ist unsere Aufgabe«, schrieb er schon 1952 in einem Bekenntnis zur Trümmerliteratur (am 15.5. in: »Die Literatur«), »daran zu erinnern, daß der Mensch nicht nur existiert, um verwaltet zu werden – und daß die Zerstörungen in unserer Welt nicht nur äußerer Art sind [...].« Diese Motive machen sich auch in den Erzählwerken der späten 1960er u. frühen 1970er Jahre geltend, deren Form u. Stil durchaus differieren. Ende einer Dienstfahrt (Köln 1966 u. ö. Zuletzt 2003) nutzt die klass. Novellenform u. eine subtile Ironie, um anhand des Prozesses gegen die Herren Gruhl sen. u. jun., die einen Bundeswehrjeep feierlich verbrannt haben sollen, einerseits den »Unsinn« des militär. Betriebs anzuprangern, andererseits aber zu zeigen, wie nachbarschaftl. Solidarität die rechtl. Konsequenzen dieser Tat abzuwenden versteht. Das Provinzielle wird hier – harmonisierend u. idealisierend – im Sinne der Frankfurter Vorlesungen als Utopie konkretisiert. Dort sagt B.: »Wie ich Spott über Heimat für dumm halte, so halte ich es für provinzlerisch, Provinzialismus zu verachten.« Das Lob der guten Nachbarschaft u. die Verteidigung des individuellen Wohn- u. Freiheitsraums bilden auch in dem Roman Gruppenbild mit Dame (Köln 1971 u. ö. Zuletzt 2007) ein thematisches Zentrum, einem Roman, den man nicht zu Unrecht als B.s epische Summe, als sein bedeutendstes Buch bezeichnet hat. Der Versuch, die Vertreibung der ebenso unangepassten wie liebenswerten Leni Pfeiffer abzuwenden, ist darin mit der Lebensgeschichte dieser »Frau von Ende vierzig« verknüpft, die nach B.s Worten »die ganze Last dieser Geschichte zwischen 1922 und 1970 mit auf sich genommen hat«. In einer locker gefügten, die histor. Erfahrung der Leser ansprechenden Romanform u. einem wandlungsfähigen, ironischen Erzählton zeigt dieses Buch B. auf
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der Höhe seines epischen Schaffens. Er legte damit einen bedeutenden Roman erlebter Geschichte vor u. entwarf mit seiner Heldin Leni die utop. Wunschfigur einer nichtentfremdeten, am Bloch’schen »Prinzip Hoffnung« orientierten Lebensform. Ganz der gesellschaftspolitischen Aktualität verpflichtet ist dagegen die novellist. Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann (Köln 1974 u. ö. Zuletzt 2002). Thematisch verknüpft sie das Problem der Gewalttat eines Einzelnen mit dem der Zerstörung einer bürgerl. Identität durch den Missbrauch publizistischer Macht, hier in Gestalt der »BILD-Zeitung« aus dem Springer-Verlag. Der Publikumserfolg dieses Textes (mit Abstand B.s verbreitetster Titel), aber auch die Angriffe u. Schmähungen, die er dem Autor einbrachte, belegen seine Durchschlags- oder zumindest Irritationskraft. B. hatte sich bereits 1972 gegen die »Demagogie« der Springer-Presse geäußert, die er für das Klima der Diffamierung u. Verfolgung zu jener Zeit verantwortlich machte (Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit? In: »Der Spiegel«, 10.1.1972). Sein Appell, eine Eskalation von Gewalt u. Gegengewalt zu verhindern, blieb ungehört. B.s kritisches Verhalten lenkte schließlich, u. erneut im »Deutschen Herbst« des Jahres 1977, Diffamierung u. Bedrohung auf den Autor selbst. B. wurde in »BILD« als geistiger Komplize terroristischer Agitation angeprangert. Eine deutliche Verdüsterung seines Gesellschaftsbildes, wie sie in den folgenden Romanen unübersehbar wird, wurde von solchen persönl. Erfahrungen mit verursacht. Fürsorgliche Belagerung (Köln 1979 u. ö. Mchn. 8 1995) entwirft das Bild eines totalen Überwachungsstaates, dem einzig noch ein Programm des subjektiven Aussteigens entgegengesetzt werden kann. Frauen vor Flußlandschaft (Köln 1986 u. ö. Zuletzt 2007), kurze Zeit vor B.s Tod erst abgeschlossen u. postum erschienen, zeichnet ein gespenstisches Tableau totaler Korruption im Umkreis der Bonner Politik u. ihrer Machteliten. Beide Arbeiten sind von der Kritik recht skeptisch u. oft negativ beurteilt worden. Es schien, als hätten sich B.s fortgeschriebene Themen u.
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Erzählmuster in gewissem Sinne erschöpft; bes. sein letzter Roman lässt sich als ein elegisches Selbstzitat verstehen. Im Kontrast dazu bildete sich bei B. eine zunehmende publizist. Aktivität in den frühen 1980er Jahren aus, die einerseits auf aktuelle Bedrohungen wie den weltpolitischen Aufrüstungswettstreit reagierte, andererseits sich erinnernd zurückwandte zur erlebten Vergangenheit, die als Lebensgeschichte u. Zeithistorie anschaulich wurde, ein Anliegen, das bereits dem autobiogr. Text Was soll aus dem Jungen bloß werden? (Bornheim-Merten 1981 u. ö. Mchn. 51990) zugrunde liegt. B.s literarhistor. Bedeutung ist unbestritten. Dennoch war er kein Avantgardist, der die literar. Entwicklung vorangetrieben hat, kein Jahrhundertschriftsteller. Seine Erzählstoffe waren für Zeitgenossen nachvollziehbar, seine Erzählmuster konventionell u. gerade deshalb beliebt. Doch wie kein Zweiter hat er mehreren Lesergenerationen ihre eigenen Erfahrungen in Kriegs- u. Trümmerzeit, in der neudt. Restauration, der nachfolgenden Reformära u. schließlich in den Jahren der konservativen »Wende« greifbar u. durchsichtig gemacht, indem er sie in mehr oder minder kunstvollen Geschichten wiedergab. Im Blick des Auslands haben seine Schriften u. seine Person nicht wenig dazu beigetragen, das histor. Bild des »hässlichen Deutschen« zu revidieren. B. war einer der erfolgreichsten Schriftsteller der damaligen Bundesrepublik Deutschland; er hat wie kein anderer ihre Literatur u. ihre polit. Kultur geprägt. Weitere Werke: Eine dt. Erinnerung. Interview mit René Wintzen. Köln 1979. – Vermintes Gelände. Essayist. Schr.en 1977–81. Köln 1982. – Ein- u. Zusprüche. Schr.en, Reden u. Prosa 1981–83. Köln 1984. – Schr.en u. Reden 1952–85. 9 Bde., Mchn. 1985–87. – Wir kommen weit her. Gött. 1986 (G.e). – Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier. Der Briefw. zwischen H. B. u. Ernst-Adolf Kunz 1945–53. Hg. u. mit einem Nachw. vers. v. Herbert Hoven. Mit einem Vorw. v. Johannes Rau. Köln 1994. – Briefe aus dem Krieg 1939–45. Hg. u. komm. v. Jochen Schubert. Mit einem Vorw. v. Annemarie Böll u. einem Nachw. v. James H. Reid. Köln 2001. Gesamtausgaben: Werke. Bde. 1–10. Hg. Bernd Balzer. Köln 1978 ff. – Werke. Kölner Ausgabe. Bde. 1–27. Hg. Árpád Bernáth u. a. Köln 2002 ff.
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43 Literatur: Hermann Stresau: H. B. Bln. 1964. – Marcel Reich-Ranicki (Hg.): In Sachen B. Mchn. 1971. – Wilhelm J. Schwarz: Der Erzähler H. B. Bern 1967. 31973. – Hans Joachim Bernhard: Die Romane H. B.s. Gesellschaftskritik u. Gemeinschaftsutopie. Bln. 21973. – Rainer Nägele: H. B. Einf. in das Werk u. in die Forsch. Ffm. 1976. – Bernd Balzer: H. B.s Werke: Anarchie u. Zärtlichkeit. Köln 1977. – Werner Lengning (Hg.): Der Schriftsteller H. B. Ein biogr.-bibliogr. Abriß. Mchn. 51977. – Peter Bruhn u. Henry Glade: H. B. in der Sowjetunion 1952–79. Bln. 1980. – Hanno Beth: H. B. Eine Einf. [...] in Einzelinterpr.en. Königst./Ts. 21980. – James H. Reid: H. B. Withdrawal and Reemergence. London 1981. – Erhard Friedrichsmeyer: Die satir. Kurzprosa H. B.s. Chapel Hill 1981. – Text + Kritik 33 (31982). – Christian Linder: H. B. Köln 21986. – Christine Gabriele Hoffmann: H. B. Eine Biogr. Neuausg. Bornheim 1986. – M. Reich-Ranicki: Mehr als ein Dichter. Über H. B. Köln 1986. – Jochen Vogt: H. B. Mchn. 21987. – Henning Falkenstein: H. B. Bln. 1987. – Manfred Nielen: Frömmigkeit bei H. B. Annweiler 1987. – Günter Wirth: H. B. Religiöse u. gesellschaftl. Motive im Prosawerk. Erw. u. vollst. überarb. Ausg. Köln 1987. – J. Reid: H. B. A German for his time. Oxford u. a. 1988. Dt. Mchn. 1991. – Bernhard Sowinski: H. B.: Kurzgesch.n. Interpr.en. Mchn. 1988. – B. Balzer: H. B.: Ansichten eines Clowns. Ffm. 1988. – Gerhard Rademacher (Hg.): H. B. Auswahlbibliogr. zur Primär- u. Sekundärlit. Mit einleitenden Textbeiträgen v. u. über H. B. Bonn 1989. – B. u. Köln. Hg. u. mit einem Vorw. vers. v. Viktor Böll. Köln 1990. – Christian Köllerer: H. B.s Konzeption v. Lit. zwischen Moral u. sozialer Erfahrung. Eine Einf. Ffm. 1990. – B. Balzer (Hg.): H. B. 1917–85. Bern u. a. 1992. – Stephan Güstrau: Lit. als Theologieersatz: H. B. ›Sie sagt, ihr Kuba ist hier und auch ihr Nicaragua‹. Ffm. 1990. – Mohamed Habib: Die Sozialisation des Kindes u. des Jugendlichen im Erzählwerk H. B.s bis 1957. Eine literatursoziolog. Lektüre. Ffm. u. a. 1991. – Dorothee Römhild: Die Ehre der Frau ist unantastbar. Das Bild der Frau im Werk H. B.s. Pfaffenweiler 1991. – Robert C. Conard: Understanding H. B. Columbia 1992. – Kálmán Kovács: Das Menschenbild H. B.s. Ffm. u. a. 1992. – H. B. u. sein Verlag Kiepenheuer & Witsch. 5.12.1992–30.01.1993, Zentralbibl. Köln. / Der Deutsche Herbst. H. B. u. die Terrorismus-Diskussion der 70er Jahre. 10.12.1992–23.01.1993, Histor. Arch. Köln. 2 Ausstellungen. Hg. Stadt Köln. Köln 1992. – Bernhard Sowinski: H. B. Stgt. 1993. – Sun-Ok Sa: Entfremdung. Untersuchungen zum Frühwerk H. B.s (1949–63). Ffm. u. a. 1993. – Christoph Schmidt: Die russ. Übers.en der Romane H. B.s
(1949–63). Ffm. 1993. – Dietrich Kluge: H. B. u. das Hörspiel. Der Läufer auf der Aschenbahn. Ffm. 1993. – Reinhard K. Zachau: H. B.: Forty years of criticism. Columbia 1994. – Claus H. R. Nordbruch: H. B.: Seine Staats- u. Gesellschaftskritik im Prosawerk der sechziger u. siebziger Jahre. Ffm. 1994. – Lee-Seob Kim: Dualität, Humanität u. Utopie in H. B.s Roman ›Ansichten eines Clowns‹. Ffm. u. a. 1994. – Michael Butler (Hg.): The narrative fiction of H. B. Social conscience and literary achievement. Cambridge u. a. 1994. – B. Sowinski: H. B. Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Interpr. Mchn. 1994. – Heinrich Jürgenbehring: Liebe, Religion u. Institution. Eth. u. religiöse Themen bei H. B. Mainz 1994. – H. B. Dissident der Wohlstandsgesellsch. Hg. Bernd Balzer u. Norbert Honsza. Wroclaw 1995. – Gesch. u. Melancholie. Über H. B.s Roman ›Frauen vor Flußlandschaft‹. Hg. Árpád Bernáth. Köln 1995. – Werner Bellmann (Hg.): Das Werk H. B.s. Bibliogr. mit Studien zum Frühwerk. Opladen 1995. – Hans Scheurer, Maiken Jerusalem u. Markus Schäfer (Hg.): H. B. Bilder eines Lebens. Köln 1995. – Frank Finlady: On the rationality of poetry: H. B.’s aesthetic thinking. Amsterd. u. a. 1996. – Henning Falkenstein: H. B. Überarb. Neuaufl. Bln. 1996. – Heinrich Herlyn: H. B. als utop. Schriftsteller. Untersuchungen zum erzähler. Werk. Bern u. a. 1996. – Helmut Bernsmeier: H. B. Stgt. 1997. – Werner Sulzgruber: H. B. ›Haus ohne Hüter‹. Analysen zur ›Sprachfindung‹, zu den Kritikmustern u. Problemkonstellationen im Roman. Wien 1997. – B. Balzer: Das literar. Werk H. B.s Einf. u. Kommentar. Mchn. 1997. – Ingo Lehnick: Der Erzähler H. B. Änderungen seiner narrativen Strategie u. ihre Hintergründe. Ffm. u. a. 1997. – Viktor Böll u. Markus Schäfer: Fortschreibung. Bibliogr. zum Werk H. B.s. Köln 1997. – Linda M. Hess-Liechti: Leidend, subversiv u. kinderlos. Eine Untersuchung zur Rolle u. zum Bild der Muttergestalten im Werk H. B.s. Stgt. 2000. – W. Bellmann (Hg.): H. B. Romane u. Erzählungen. Interpr.en. Stgt. 2000. – Klaus Schröter: H. B. Reinb. 122001. – Heinrich Vormweg: Der andere Deutsche. H. B. Eine Biogr. Köln 32002. – Christine Hummel: Intertextualität im Werk H. B.s Trier 2002. – V. Böll, M. Schäfer u. Jochen Schubert: H. B. Mchn. 2002. – Bernd Völkl: H. B.: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Lektüreschlüssel. Ditzingen 2005. – Christiane Rogler: Ansichten eines Clowns. Inhalt, Hintergrund, Interpr.en. Mchn. 2006. – Friedhelm Kicherer: H. B. Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Hollfeld 82007. – Jürgen Schwarz: B. kennen lernen. LichtenauScherzheim 2007. Jochen Vogt / Oliver Ruf /
Bölsche
Bölsche, Wilhelm, * 2.1.1861 Köln, † 31.8. 1939 Oberschreiberhau/Riesengebirge. – Essayist, Populärwissenschaftler, Romanautor. B., Sohn eines Zeitungsredakteurs, studierte Philosophie u. Kunstgeschichte in Bonn. Anschließend ging er nach Paris, wo er erste schriftsteller. Pläne verfolgte, u. lebte ab 1885 in Berlin. Seine literar. Ambitionen erfüllten sich dort zunächst nicht. Doch fand er über den Intellektuellenkreis »Durch« bald Kontakt zu progressiven Literaten wie Eugen Wolff, Leo Berg, Bruno Wille oder Karl Bleibtreu, die eine Erneuerung der Kunst im Zeichen des Naturalismus postulierten. B.s Beitrag zu der Fülle an programmat. Schriften jener Zeit bestand in einem Essay mit dem symptomat. Titel Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena zu einer realistischen Ästhetik (Lpz. 1887. Neuausg. Tüb. 1976). Ausgehend von Zola u. dessen Übertragung des natur- u. sozialwiss. Positivismus auf die literar. Produktion, fordert B., dass »jede poetische Schöpfung [...] als ein einfaches, in der Phantasie durchgeführtes Experiment« einzurichten sei. Ziel dieses literar. Demonstrationsverfahrens ist es, jede verklärend »metaphysische« oder weltanschaulich fixierte Darstellung der Erfahrungswirklichkeit außer Kraft zu setzen u. die gesellschaftl. bzw. individuell-psych. Kausalitäten des Handelns freizulegen. Im Gegensatz zum »konsequenten« Naturalismus schloss B. in seinem Votum für einen »gesunden Realismus« jedoch nicht aus, dass der Schriftsteller auch »das Ideale in der natürlichen Entwickelung« zum Gegenstand der Literatur machen könne. B. war 1890 an der Gründung der Freien Volksbühne, die gezielt das Proletariat mit der modernen Theaterliteratur bekannt machen wollte, u. der von S. Fischer verlegten Zeitschrift »Freie Bühne« (ab 1894 »Neue Rundschau«) beteiligt, der er eine Zeitlang als Redakteur angehörte. Dem von ihm ins Leben gerufenen »Friedrichshagener Dichterkreis« gehörten die Brüder Hart, Richard Dehmel u. vorübergehend auch Gerhart Hauptmann an, mit dem B. seit 1888 befreundet war.
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Der anhaltende Misserfolg als Romanschriftsteller (u. a. Die Mittagsgöttin. 3 Bde., Stgt. 1887) trieb B. in ein Genre, in dem er dann zu einem der meistgelesenen Autoren seiner Zeit avancierte: Seine stark narrativen populärwiss. Bücher über die Entwicklungsgeschichte der Natur verbreiteten eine idealistisch gefilterte Variante des Darwinismus, die durch einen optimistischen u. teleolog. psycho-phys. Monismus gekennzeichnet ist. Er schrieb Klassiker des Genres wie Das Liebesleben in der Natur (3 F.n, Florenz 1898. Lpz. 1900–02), Vom Bazillus zum Affenmenschen (Lpz. 1900) oder Die Abstammung des Menschen (Stgt. 1904. 125. Tsd. 1931) – in 30 Jahren insges. mehr als 30 Titel. B.s Vordenker waren Ernst Haeckel, Gustav Fechner u. Wilhelm Ostwald, doch waren ihm als Herausgeber u. a. von Goethes Schriften zur Naturwissenschaft (Bd. 29/30 von Goethes Werken. Lpz. 1907–08), von Novalis u. Carus die Quellen dieses naturphilosoph. Pantheismus bestens vertraut. Weitere Werke: Paulus. 2 Bde., Lpz. 1885 (R.). – Stirb u. werde! Naturwiss. u. kulturelle Plaudereien. Jena 1913. – Das Leben der Urwelt. Aus den Tagen der großen Saurier. Lpz. 1931. – Briefe: Ernst Haeckel – W. B. Hg. Rosemarie Nöthlich. 2 Bde., Bln. 2002 u. 2006. Literatur: Bibliografie: Johannes J. Braakenburg: Bibliogr. der Schr.en v. W. B. In: W. B.: Die naturwiss. Grundlagen der Poesie. Neuausg. Tüb. 1976, S. 100–166. – Weitere Werke: Fritz Bolle: W. B. In: NDB. – Hans Urner: Gerhart Hauptmann u. W. B. in ihren Anfängen. In: Jb. für Berlin-Brandenburg. Kirchengesch. 45 (1970), S. 150–176. – Antoon Berentsen: Lit. im Zeichen v. Naturwiss. u. sozialer Frage. Zur frühen publizist. Tätigkeit W. B.s 1887–97. Utrecht 1979. – Jeremy D. Steakley: Vom Urschleim zum Übermenschen. Wandlungen des monist. Weltbildes. In: Natur u. Natürlichkeit. Hg. Reinhold Grimm u. Jost Hermand. Königst. 1981, S. 37–54. – Walter Gebhard: ›Der Zusammenhang der Dinge‹. Weltgleichnis u. Naturverklärung im Totalitätsbewußtsein des 19. Jh. Tüb. 1984, S. 330–428. – A. Berentsen; Vom Urnebel zum Zukunftsstaat. Zum Problem der Popularisierung der Naturwiss.en in der dt. Lit. 1880–1910. Bln. 1987. – Wolfram Hamacher: Wiss., Lit. u. Sinnfindung im 19. Jh. Studien zu W. B. Würzb. 1993. – Wolfgang Braungart u. Silke Jacobs: Naturwiss. Essayistik im Kontext des naturwiss. u. naturphilos. Diskurses um 1900: W. B. In: Essay-
Boemus
45 ismus um 1900. Hg. W. Braungart u. Kai Kauffmann. Heidelb. 2006, S. 49–71. Jochen Fried / Philip Ajouri
Bölte, Amely, eigentl.: Amalie (Elise Charlotte Marianna) B., * 6.10.1811 Rhena/Mecklenburg, † 15.11.1891 Wiesbaden. – Verfasserin von Romanen u. Biografien.
rückgekehrt, schrieb sie für das »Gothaer Morgenblatt«, Gutzkows »Unterhaltungen am häuslichen Herd« u. die »Grenzboten« u. verfasste zahlreiche Unterhaltungs- u. histor. Romane sowie Biografien. Zu ihrem Freundes- u. Bekanntenkreis gehörten neben anderen Schriftstellern Fanny Lewald, Gottfried Kinkel, Ida u. Ferdinand Freiligrath, Moritz Hartmann, Berthold Auerbach u. Karl Gutzkow.
Die Tochter des Bürgermeisters von Rhena Weitere Werke: Eine gute Versorgung. 2 Tle., erhielt Privatunterricht, v. a. in Musik u. Hbg. 1856 (R.). – Liebe u. Ehe. 3 Tle., Hbg. 1857 Französisch. Ihrer schwächl. Konstitution (E.n). – Winckelmann oder: von Stendal nach Rom. wegen weilte sie seit dem elften Lebensjahr 3 Bde., Bln. 1861 (Romanbiogr.). – Frauenbreviere. oft im Seebad Doberan, häufig gemeinsam Lpz. 1862. – Fanny Tarnow, ein Lebensbild. Bln. mit ihrer Tante, der Schriftstellerin Fanny 1865. – Prinzessin Wilhelmine v. Preußen. Jena 1868 (histor. R.). – Elisabeth oder eine dt. Jane Eyre. Tarnow. Eine mit 15 Jahren eingegangene 2 Bde., Wien 1872 (R.). Verlobung löste sie nach dem Tod des Vaters Literatur: Ludwig Fränkel: Amalie B. In: ADB. (1827). Ein Jahr später wurde sie Erzieherin u. – Antje Behrens: Studien zu A. B.s Briefen aus ging 1829 als Gouvernante nach England, wo England an Varnhagen v. Ense. Diss. Marburg sie im Haus Thomas Carlyles verkehrte. Sie 1954. – Goedeke Forts. – Gisela Brinker-Gabler: begann Artikel für dt. Zeitungen zu schreiben Zwischen Gouvernantentum u. Schriftstellerei. A. u. wurde die erste engl. Korrespondentin für B. in England. In: Exilanten u. andere Deutsche in Cottas »Morgenblatt«. Übersetzungen engli- Fontanes London. Hg. Peter Alter u. Rudolf Muhs. scher u. dt. Romane (u. a. von Tiecks Vittoria Stgt. 1996, S. 198–224. – Friedrich W. Bratvogel: A. Accorombona. 3 Bde., London 1846) ließ sie B. Literatin u. Bürgerin der Freiligrath-Zeit. In: Ihr eigene Erzählwerke folgen, in denen häufig gehorsamster... Hg. Werner Broer u. Fritz U. Frauenschicksale im Vordergrund stehen. Krause. Detmold 1999, S. 344–348. Gisela Brinker-Gabler / Red. Ihre erste, partiell autobiograf. Erzählung Luise, oder: Die Deutsche in England (Bautzen 1846) ist trotz des konventionellen HandBoemus, Boemus Aubanus, Bohemus, Böhm, lungsschemas, der trag. Verwicklungen u. des Johannes, Ioannes, * um 1485 Aub/Kreis glückl. Ausgangs (Heirat einer verarmten Ochsenfurt/Main, † um 1535 Rothenburg Waise mit einem jungen Lord) bedeutsam als ob der Tauber. – Verfasser einer humaThematisierung des Versuchs, als Frau eine nistischen Völkerkunde. selbständige Existenz zu gründen. Auch spätere Werke B.s kreisen um das Thema der Der Bauernsohn B. studierte nach dem BeStellung der Frau in den höheren Gesell- such der Lateinschule des Dominikanerklosschaftsschichten. Ihr Visitenbuch eines Arztes in ters in Halle/S. (1503 dort nachweisbar) nach London (2 Bde., Bln. 1852), eine lockere Ver- eigenen Angaben Theologie. Von 1508 bis knüpfung von Tagebuchform u. Liebesge- 1521 war er Hauskaplan im Deutschordensschichte, schildert die enttäuschende Erfah- haus in Ulm. In diesen Zeitraum fallen seine rung von nur aus Versorgungsgründen ge- beiden einzigen gedruckten Publikationen, schlossenen Ehen u. tritt für eine unabhän- der Liber heroicus (Augsb.: Miller 1515) u. gige Berufstätigkeit der Frauen ein, damit sie Omnium gentium mores (Augsb.: Grimm 1520). sich frei für eine Liebesheirat entscheiden B. verkehrte im Humanistenkreis des Ulmer oder zumindest selbst versorgen können. Seit Arztes Wolfgang Reichart. Er war bekannt 1844 stand B. mit August Varnhagen von mit Johannes Pinicianus, Andreas Dyrlin, JaEnse im Briefwechsel; seine Briefe veröffent- kob Locher, Nicolaus Schmirer, Johannes lichte sie später anonym (Briefe an eine Freun- Hiersdorfer, Bartholomeus Stoer u. bes. mit din. Hbg. 1860). 1851 nach Deutschland zu- Andreas Althamer, vielleicht auch mit Sebas-
Boemus
tian Franck. 1522 wechselte er auf die Ordenskomturei Kapfenburg bei Aalen. Bis mindestens 1525 schrieb er von dort Briefe (Namensform stets Bohemus). Nach einem Vermerk in Althamers Tacitus-Kommentar ist B. 1535 in Rothenburg verstorben. B. ist zu unterscheiden von dem namensgleichen Hebraisten Johannes Boemus (Behaim, Peham), einem Ulmer Priester u. Kantor, der vor 1490 von den Ulmer Juden Hebräisch gelernt u. Schriften gekauft hatte, deren Kopien an Reuchlin gelangten. B.s Hauptwerk, Omnium gentium mores, leges et ritus, gilt als eine Gründungsschrift der dt. Volkskunde (Schmidt 1904) wie auch der vergleichenden Ethnologie (Hodgen 1953). Das Werk unterteilt sich in drei Bücher. Liber I handelt in 6 Kapiteln von der Ausbreitung der Völker über die Erde u. von den Völkern Afrikas. Liber II behandelt in 12 Kapiteln die Völker Asiens, Liber III in 26 Kapiteln die Völker Europas. Das letzte Kapitel über die Insel Taprobane skizziert ein aus zehn Völkern bestehendes Gemeinwesen mit utop. Zügen. Das Kompendium sollte, wie Althamers Nachrede vermerkt, den Trägern öffentlicher Verwaltungsämter zur Unterrichtung dienen. Daraus erklärt sich, weshalb in vielen Kapiteln die Rechtsverhältnisse bes. akzentuiert sind. Wo immer möglich, kontrastiert B. die antiken Lebensverhältnisse mit den gegenwärtigen (»recentibus«). Das gelingt ihm bes. gut bei den Völkern des dt. Raums, wo er aus alten u. neuen Schriften schöpfen kann u. wohl auch Informationen aus eigener Anschauung u. Erinnerung einarbeitet. Geografische u. histor. Daten bleiben knapp, ausführlicher sind die Lebensgewohnheiten, die Rechtspflege u. die religiösen Riten geschildert. Bei den Völkern der Germania betrachtet er neben Adel, Geistlichkeit u. Bürgern ausdrücklich auch die Bauern. Gelegentliche Seitenblicke auf einzelne »Bräuche« waren bereits in den antiken u. modernen landeskundl. Schriften, von Tacitus bis Enea Silvio u. Nauclerus, zu finden. B. macht das »Brauchtum« zum Hauptthema u. entwickelt so etwas wie einen »ethnografischen Blick«, der sich bes. im systemat. Erfassen von Hochzeits- u. Begräbnisfeiern beweist.
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In den Eingangskapiteln (De origine hominis) entwickelt B. den Gedanken einer »vergleichenden Anthropologie« (Hodgen 1964): Die nach der Sintflut über die Welt zerstreuten Völker hätten aus primitivsten Anfängen heraus im Überlebenskampf gegen die wilde Natur ihre je den Umständen angepassten verschiedenen Sprachen u. Gemeinschaftswerke ausgebildet, hätten freilich auch, vom Irrglauben geleitet, ihre Errungenschaften allzu oft wieder verspielt. Unter den Autoritäten, auf die sich B. beruft, sind neben den alten (Herodot, Diodorus Siculus, Strabo, Solinus, Ptolemäus, Tacitus u. a.) auch viele neuere (recentiores): Vinzenz von Beauvais, Enea Silvio, Antonius Sabellicus, Ioannes Nauclerus, Ambrosius Calepinus, Nicolaus Perottus u. a. Enea Silvio scheint ihm am ehesten zugesagt zu haben. Celtis’ Norimberga u. das Evagatorium des Felix Fabri hat er gekannt u. benutzt. Berichte über die Neue Welt lässt er ausdrücklich beiseite, weil sie zu viel Unglaubwürdiges u. Unbestätigtes enthalten. B.s Darstellung ist wenig eifernd u. geprägt vom Blick fürs knapp u. gut erzählbare Detail. Wunderdingen gegenüber ist B. zurückhaltend. Das Werk entfaltete nach B.s Tod (u. der Aufhebung des Druckprivilegs) eine lang anhaltende Wirkung. Zwischen 1535 u. 1620 wurde der lat. Text europaweit ca. 40-mal gedruckt. Es gab Übersetzungen ins Französische, Italienische, Spanische u. Englische. Die späteren Übersetzungen wurden durch einen vierten Teil über die Neue Welt ergänzt. Die erste deutschsprachige Ausgabe, 1604 von Johann Homberg veranstaltet, ist textlich erweitert u. mit anderen Schriften zus. unter den Titel Historia moralis, das ist, Warhafftige Erzelung aller vornemsten ... Regimenten gestellt (Ffm.: Bitsch). Etliche Abschnitte der Omnium gentium mores sind aber bereits früh in deutschsprachige Werke eingegangen: in Sebastian Francks Weltbuch (1534) sowie in Sebastian Münsters Mappa Europae (1536) u. Kosmographey (1544, 1550 u. ö.). Die Gedichtsammlung Liber heroicus (einziger Druck Augsb. 1515) ist wohl zu verschiedenen Anlässen während B.’ Ulmer Zeit entstanden. Unter den 25 ihm gehörenden
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Böni
Texten sind drei hervorzuheben: der Libellus S. 17–34. – DBE (1995, fehlerhaft). – Hartmut de musicae laudibus, ein Lob der zeitgenöss. Kugler: B. In: VL Dt. Hum. Hartmut Kugler Vokal- u. Instrumentalmusik; eine quaestio Theologicalis, die den Lauf der vier JahreszeiBöni, Franz, * 17.6.1952 Winterthur. – ten mit Genreszenen (Beerensammeln, Erzähler. Schweineschlachten u. a.) veranschaulicht – manches daraus ist in Omnium gentes mores (III, Nach einer kaufmänn. Ausbildung lebt B. seit 15) übernommen; schließlich ein Carmen de 1979, unterbrochen von einigen Auslandslaude et situ Ulmiae Sueviae metropolis, mit dem aufenthalten, als freier Schriftsteller in Zürich. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, B. sich vielleicht in Ulm eingeführt hat. Darüber hinaus haben sich außer einem u. a. 1979 den Werkpreis des Kantons Zürich Dutzend Briefen an Andreas Althamer u. u. den Gastpreis des Kantons Bern, 1980 den Wolfgang Reichart/Richard nur Hinweise auf Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis, 1989 den verschollene Arbeiten erhalten. B.s dt. Über- Gesamtwerkpreis der Schweizerischen Schilsetzung einer Polemik gegen eine Sintflut- lerstiftung u. 2002 den Buchpreis des Kanprognose (Augustinus Niphus: De falsa diluvii tons Zürich. B.s Werk erzählt von der Brutalität des prognosticatione. Rom 1521) ist ebenso verArbeitsalltags von Unterprivilegierten u. schollen wie das Manuskript eines Hieronymus-Psalters in Distichen. Eine dt. Überset- Einzelgängern. Obschon gesättigt mit konzung von Ovids Metamorphosen ist offenbar kreten Details aus dem Leben von Hausierern über eine (brieflich geäußerte) Absichtser- (Der Talhändler. In: Ein Wanderer im Alpenregen. Erzählungen. Zürich/Ffm. 1979), Transportarklärung B.’ nicht hinausgekommen. beitern auf Bahnhöfen (Schlatt. Zürich/Ffm. Literatur: Gustav Veesenmeyer: Commentatio historico-litteraria de Joanne Boemo, Aubano. Ulm 1979, R.) oder Schichtarbeitern in einer 1806, S. 3–12. – Carl Ruland: B. In: ADB. – Erich Spinnerei (Die Wanderarbeiter. Zürich/Ffm. Schmidt: Dt. Volkskunde im Zeitalter des Huma- 1981, R.), sind B.s Texte nicht »realistisch«; nismus u. der Reformation. Bln. 1904, bes. das 2. denn sie stellen die Welt nicht in freischweKapitel, S. 60–107. – August Schnizlein: Einiges bender Objektivität dar, sondern aus der über Johannes Hornburg u. Joannes B. Aubanus. Perspektive von Menschen, denen das Leiden In: Beiträge zur bayr. Kirchengesch. 14 (1908), unter den Arbeitsbedingungen auch die S. 174–183, bes. S. 179–183. – Ders.: J. Böhm aus Träume eingefärbt hat. Wenn sie auf langen Aub. In: Das Bayerland 19 (1908), S. 111–113, Wanderungen dem Unerträglichen zu ent129 f. u. 140 f. – H. Greiner: Hans Böhm u. sein kommen suchen, erleben sie die Kälte u. GeLoblied auf die Reichsstadt Ulm (lat./dt.). In: Ulfährlichkeit der Natur im Gebirge als mische Blätter für heimatl. Gesch., Kunst u. Denkmalpflege 2 (1926), S. 1–3 u. 10–12. – Richard Gleichnis dessen, was sie zurücklassen Kohl: Die geistesgeschichtl. Bedeutung der möchten. Jenseits der Passhöhe ahnen sie eine Deutschlandkap. im Repertorium des Joannes B. bessere Welt, aber keiner gelangt dorthin, u. Aubanus. In: Ztschr. für Volkskunde 47 (1938), NF der Rückweg ist lebensgefährlich. Das Gefühl Bd. 9, S. 191–200. – Erich Ludwig Schmidt: J. von Geborgenheit gibt es nur in seltenen, fast Böhm aus Aub. Die Entstehung der dt. Volkskunde illusionären Augenblicken. Mit scheinbar aus dem Humanismus. In: Ztschr. für bayer. Lan- unbeholfener Sprache beschwört B. die bedesgesch. 12 (1939–40), S. 94–111. – Max Huber: B. klemmende Vision einer ausweglosen Welt. In: NDB. – Margaret T. Hodgen: Johann B. (fl. In Die Fronfastenkinder. Aufsätze 1966–1985 1500): An Early Anthropologist. In: American An(Ffm. 1985) formuliert er kompromisslos sein thropologist 55 (1953), S. 284–294. – Dies.: Early mit den Macht- u. Wortlosen solidarisches Anthropology in the Sixteenth and Seventeenth Dichtungsverständnis u. stellt sich in die Centuries. Philadelphia 1964, S. 131–143. – Klaus A. Vogel: Cultural Variety in a Renaissance Per- Nachfolge Robert Walsers. Der Roman Die spective: J. B. on ›The manners, laws and customs Residenz (Zürich 1988) bietet eine Art Panof all people‹ (1520). In: Shifting Cultures: Inter- orama von B.s Erzählwelt bis zu diesem action and Discourse in the Expansion of Europe. Zeitpunkt; mit dem Roman Amerika (Bern/ Hg. H. Bugge u. J. P. Rubiés. Münster 1995, Mchn. 1992), der anhand zahlreicher Einzel-
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episoden die Erlebnisse u. Erfahrungen eines Schriftstellers auf einer Reise durch Israel u. die USA schildert, wendet sich B. schließlich neuen Themen u. Motiven zu. Weitere Werke: Hospiz. Ffm. 1980 (E.). – Der Knochensammler. Zürich/Ffm. 1981 (E.en). – Der Johanniterlauf. Fragment. Ffm. 1984. – Die Wüste Gobi u. andere Gesch.n. Basel 1990. – In der Ferienkolonie. Ffm. 2000 (R.). – Rimini. Gedichte u. Stücke. Ffm. 2002. – Geisterstadt. Ffm. 2004 (R.). – Lange habe ich dich nicht gesehen. Fast eine Biogr. Briefe 1964–2002. Ffm. 2004. – Gruß aus der Hollywoodschaukel. Ein Lesebuch. Ffm. 2005. Literatur: Rolf Michaelis: Archipel Gletscher. Toronto 1986. – Samuel Moser: F. B. In: KLG. – Thomas Kraft: F. B. In: LGL. Rudolf Käser / Red.
Börne, (Carl) Ludwig, eigentl.: Juda Löw Baruch, * 6.5.1786 Frankfurt/M., † 12.2. 1837 Paris; Grabstätte: ebd., Père Lachaise. – Politischer Publizist, Literaturu. Theaterkritiker, Essayist. B. erfuhr als Sohn eines Frankfurter Wechselmaklers im drückenden Milieu des Ghettos eine bereits vom Reformjudentum geprägte Erziehung. Die Berührung mit frühromant. Kreisen im Haus seines Berliner Mentors, des Kantianers Markus Herz, war flüchtiger als die erotisch gefärbte Mutterbindung an Henriette Herz, welcher der erste tagebuchartige Briefwechsel des jungen B. zu verdanken ist. 1804–1806 hörte B. in Halle als Medizinstudent – denn nur dieses Studium bot zu jener Zeit einem Juden Berufsaussichten – bei dem Naturphilosophen Henrik Steffens u. dem Theologen Friedrich Schleiermacher; dort wurde ihm in der Theorie des organ. Kosmos u. der diesen reflektierenden Vernunft ein ethisches, von der Romantik geprägtes Weltbild vermittelt, das die Dialektik von intellektuellem Erkennen u. geschichtl. Handeln (bzw. künstler. Produzieren) in der Einheit von Denken u. Sein gegründet sah. Dieser philosoph. Ansatz war von nachhaltiger Wirkung auf B.s politische wie auf seine ästhet. Konzeption. Er fand seinen ersten Ausdruck in dem Essay Über Theorie und Praxis in der Politik. Das Leben und die Wissenschaft (in: Minerva 4, 1808, S. 331–347). Hier formulierte B. den für sein späteres
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Schreiben programmat. Gedanken der Synthese von Wissenschaft u. Leben u. forderte eine organ. Wechselbeziehung zwischen Staat u. Bürger. Nachdem die veränderten polit. Verhältnisse ihm einen Fachwechsel ermöglichten, promovierte B. 1808 in Gießen zum Dr. phil. in Staats- u. Kameralwissenschaften. Kritische Studien zu Fragen des Judenbürgerrechts beschäftigten ihn in den folgenden Jahren. Die den Frankfurter Juden im neu geschaffenen Großherzogtum gewährte Rechtsgleichheit eröffnete ihm 1811 die Verwaltungslaufbahn. Mit der Restitution der alten Ordnung durch den Wiener Kongress wurde der Polizeiaktuar B. 1814 von der wieder »Freien« Stadt zwangspensioniert. Kurz nach Namenswechsel u. Taufe trat B. als Publizist an die Öffentlichkeit: Von Juli 1818 bis 1821 gab er, zuerst im Selbstverlag, »Die Wage. Eine Zeitschrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst« heraus (Ffm.; ab Bd. 2, Heft 2: Tüb. Aufl. etwa 600 Exemplare). Hier entfaltete er in Theater- u. Literaturkritik sein Programm der Integration aller wesentl. Lebensbereiche in einem neuen bürgerl. Bewusstsein; von dem Wirkungszusammenhang zwischen kulturellen u. gesellschaftlich-polit. Zuständen ausgehend, suchte er mit dem Plädoyer für Pressefreiheit u. Volksvertretung die literar. Öffentlichkeit zur politischen umzugestalten (vgl. Labuhn 1980). Im Tagesjournalismus trug er als Redakteur der »Zeitung der Freien Stadt Frankfurt« (Jan. bis Juni 1819) harte Zensurfehden aus; die von ihm herausgegebenen »Zeitschwingen« (Offenbach 1819) wurden durch die reaktionären Karlsbader Beschlüsse unterbunden, bei der gleichzeitig einsetzenden Demagogenhetze geriet er vorübergehend in Haft. 1821 widerstand B. dem inoffiziellen Ruf der Wiener Staatskanzlei, die den bekannten Kritiker restaurativer Machtpolitik auszuschalten u. für die Interessen der »Heiligen Allianz« zu gewinnen hoffte. Als freier Mitarbeiter der liberalen »Neckarzeitung« u. der Cottaschen Blätter (»Morgenblatt für die gebildeten Stände«, »Politische Annalen«) lebte B. 1820–1830 in München, Stuttgart, Frankfurt, Paris u. Hannover. In dieser Periode politischer Resignation näher-
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te er sich durch Infragestellen jeglicher Machtstrukturen der utop. Anarchie (»Freiheit geht nur aus Anarchie hervor«). Gleichzeitig entwickelte B. unter dem Zwang der Zensur seine Witz u. Satire strategisch einsetzende Prosa u. perfektionierte die schon in den dramaturgischen u. zeitkrit. Rezensionen der »Wage« entwickelte »Schreibart«, mit der er »das Einverständnis zwischen Rezensent u. Publikum« (Helmut Koopmann) herzustellen u. so den Leser in den Meinungsbildungsprozess einzubeziehen suchte. Die hintergründigen Humoresken Monographie der deutschen Postschnecke (erschienen 1821 in der »Wage« 2, H. 2) u. Der Esskünstler (in: Morgenblatt, 1822), seine facettenreichen Schilderungen aus Paris (in: Morgenblatt, 1822–24), die durch rhetor. Pathos ausgezeichnete Denkrede auf Jean Paul (in: Morgenblatt, 1825), der von ihm als Gegenbild des »Hofmanns« Goethe zum »Sänger der Armen« stilisiert wurde, wie die Satire auf den Kult der Sängerin Henriette Sontag (Henriette Sontag in Frankfurt. In: Morgenblatt, 1827) erwarben dem einstigen »Wage«-Herausgeber den Ruf eines der brillantesten dt. Feuilletonisten u. Humoristen, als der er 1828 in Berlin zelebriert wurde (vgl. die Berlin-Satire im 74. der Briefe aus Paris). Als problematisch wurde u. wird seine Kritik an der polit. Abstinenz der dt. Klassik, vornehmlich an derjenigen Goethes, aufgenommen (vgl. Inge Rippmann: ›Ihn tadeln heisst ihn achten‹. Goethe im Gegenlicht. In: Forum Vormärz Forsch. Jb. 2003, S. 49–70). Durch eine erste freundschaftl. Begegnung mit Heinrich Heine wurde B. 1827 auf den Hamburger Verleger Julius Campe aufmerksam, bei dem 1829–1832 seine Gesammelten Schriften (8 Bde.) erschienen. Ab Herbst 1830 lebte B., durch die als Zeitwende empfundene Julirevolution der physischen u. psych. Depression entrissen, in Paris, das er nur noch zu Reisen nach BadenBaden u. in die Schweiz verließ. Aus der Korrespondenz mit Jeanette Wohl, seit 1816 seine Freundin, Anregerin, Kritikerin u. einzige Briefpartnerin, gingen die in einem die Bewegung der Zeit spiegelnden Sprachduktus geschriebenen, selbst von den moderiert Liberalen mit Empörung aufgenommenen
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Briefe aus Paris hervor (3 F.n, Hbg. 1831–34), die trotz vorsorglich falscher Firmierung durch Campe sofort nach Erscheinen beschlagnahmt u. in Preußen verboten wurden. Das bunte Textgewebe ist strukturiert durch Kommentare zur polit. Tagesgeschichte Europas wie durch Schilderungen des öffentl. Lebens im nachrevolutionären Paris. Ordnender Gesichtspunkt der stoffl. Selektion u. krit. Reflexion bleibt der Fortschritt in der Freiheit, d.h. für B.: die mit polit. Mitteln u. publizistischer Aufklärung voranzutreibende Emanzipation von Mensch u. Gesellschaft, nicht zuletzt die der Juden, im Kampf gegen Vorurteile, Privilegien u. die herrschaftsstützende Funktion des Kapitals. B.s von der Degeneration des Juli-Königtums geförderte, auch sprachlich zu verfolgende Radikalisierung, mit der er den spätaufklärerisch-liberalen Horizont überschritt (Heinrich Laube: »Börne als Publicist ist kein Schriftsteller, sondern eine fortlebende und fortwirkende politische That«), zeigt sich in seiner Entwicklung vom Konstitutionalisten zum Republikaner wie in der Verlagerung seines Interessenschwerpunkts u. seiner Zielgruppe vom Bürger zum Volk (so auch in den 1832 begonnenen, Fragment gebliebenen Studien über Geschichte und Menschen der Französischen Revolution). Entsprechend suchte B. Anfang 1832 die Handwerkervereine in Paris, Keimzelle der dt. Arbeiterbewegung, agitatorisch auf ihren revolutionären Auftrag vorzubereiten. Im Mai 1832 wurde er auf dem Hambacher Fest spontan als einer der Hauptanreger der freiheitlich-oppositionellen Bewegung in Deutschland gefeiert. Als B. 1834 in den Paroles d’un croyant des Sozialrevolutionärs Abbé de Lamennais eine messian. Botschaft zu hören glaubte, die den sich ankündigenden »Krieg der Armen gegen die Reichen« unter das Zeichen brüderlich-christlicher Solidarität u. Nächstenliebe stellte, übersetzte er dessen Werk (u. d. T. Worte des Glaubens. Paris 1834), um es an die dt. Handwerker in Paris zu verteilen. 1836 griff B. noch einmal auf das Medium bürgerlich-literarischer Öffentlichkeit zurück: Ziel der kurzlebigen, bis heute wenig beachteten Zeitschrift »La Balance« war es, auf dem Weg über die vergleichende Literatur
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Literatur: Bibliografien und Forschungsberichte: (Béranger et Uhland) Frankreich u. Deutschland, das handelnde u. das denkende Volk, als Ralph P. Rosenberg: Recent Börneana, 1926–36. In: Kern eines Europas der Zukunft freund- GR 12 (1937), S. 242–250. – Alfred Estermann u. a.: Bausteine zu einer B.-Bibliogr. In: L. B. 1786–1837. schaftlich zu verbinden. Ffm. 1986, S. 359–424. – Wolfgang Labuhn: Die L. Von grundsätzlicher Bedeutung auch für B.-Forsch. seit 1945. In: ZfdPh 96 (1977), die Wirkungsgeschichte B.s waren die beiden S. 269–286. – Weitere Titel: Helmut Bock: L. B. Vom Kontroversen der letzten Lebensjahre. Mit Gettojuden zum Nationalschriftsteller. Bln./DDR den Streitschriften gegen den Stuttgarter 1962. – W. Labuhn: Lit. u. Öffentlichkeit im Vor»Literaturpapst« Wolfgang Menzel (Menzel märz. Das Beispiel L. B. Königst. 1980. – Manfred der Franzosenfresser. Paris 1837), der ihn selbst Schneider: Die kranke schöne Seele der Revolution. als den am »Schmerz der Zeit« leidenden Heine, B., das ›Junge Dtschld.‹, Marx u. Engels. Patrioten vorgestellt hatte, trat B. gegen die Ffm. 1980. – Johannes Weber: Libertin u. CharakAnwendung sitten-polizeilicher, antisemit. u. ter. Heinrich Heine u. L. B. im Werturteil der Literaturgeschichtsschreibung 1840–1918. Heidelb. chauvinist. Kriterien in der von Menzel in1984. – Inge Rippmann: B.-Index. Histor.-biogr. szenierten, den Übergriff des Staatsapparats Materialien zu L. B.s Schr.en u. Briefen. 2 Halbbde., auf die Literatur provozierenden Pressehetze Bln. 1985. – Helmut Koopmann: ›Wer nicht gegen das »Junge Deutschland« auf. Stand B. schreiben kann, rezensiert‹? Zur Literaturkritik des in der Abwehr deutschtümelnder, denunzia- Jungen Dtschld. (L. B. als Literaturkritiker). In: Das tor. u. totalitärer Methoden auf der gleichen Junge Dtschld. Kolloquium zum 150. Jahrestag des Seite wie Heine, so zerbrach die Bundesge- Verbots vom 10. Dez. 1835. Hbg. 1987, S. 173–192. nossenschaft der beiden Exilschriftsteller an – I. Rippmann u. W. Labuhn (Hg.): ›Die Kunst – der zeittyp. Polarisierung von politisch-revo- eine Tochter der Zeit‹. Neue Studien zu L. B. Bielef. lutionärem u. sozial-utop. Fortschrittsge- 1988 (mit Forschungsber. v. W. Labuhn für 1976–86). – Will Jasper: L. B. Keinem Vaterland danken. Die von B. schon im Blick auf Goethe geboren. Eine Biogr. Bln. 2003. – Frank Stern u. formulierte Alternative – politisch engagierte Maria Gierlinger (Hg.): L. B. Deutscher, Jude, DeLiteratur oder Autonomie der Kunst – brachte mokrat. Bln. 2003. – Rachid L’Aoufir: L. B. Heine auf den folgenreichen Nenner: »Na- (1786–1837). Un Parisien pas comme les autres. zarener« versus »Hellene«. B. blieb damit für Paris 2004. – I. Rippmann: ›Freiheit ist das mehr als ein Jahrhundert in bürgerlicher Schönste u. Höchste in Leben u. Kunst‹. L. B. zwi(Georg Brandes, Thomas Mann, Benn) wie schen Lit. u. Politik. Bielef. 2004. Inge Rippmann marxistischer (Marx, Mehring, Lukács) Sicht der dogmatisch beschränkte, kunstfeindl. Ja- Boesch, Hans, * 13.3.1926 Frümsen/Kt. St. kobiner. Seine stilistisch u. ideologisch in- Gallen, † 21.3.2003 Stäfa/Kt. Zürich. – novative Wirkung auf die jungdeutschen u. Romanschriftsteller, Essayist. linkshegelianischen Autoren des eigentl. Vormärz schwächte sich in der zweiten Jahr- Nach einer Ausbildung an der Ingenieurhunderthälfte ab zur Anerkennung nur for- schule in Winterthur arbeitete B. als Tiefmaler Qualitäten eines thematisch überlebten bauingenieur u. Verkehrsplaner, 1970–1989 Feuilletonisten. Forschungsansätze der Zwi- wirkte er am Institut für Orts-, Regional- u. schenkriegszeit blockte die NS-Germanistik Landesplanung der ETH Zürich. Er lebte in ab. Mit der nach 1965 angebahnten Neube- Stäfa/Kt. Zürich. B. erhielt u. a. den Preis der wertung kritischer u. operativer Prosa als Schweizer Schiller-Stiftung 1969 u. 1988, den Medium der Emanzipationstendenz zeichnet Bodensee-Preis 1989, die Ehrengabe der Stadt sich eine Revision der ideologisch-polit. wie u. des Kantons Zürich 1989 sowie den JosephBreitbach-Preis 1998. der kritisch-ästhet. Aspekte des B.-Bilds ab. Bereits B.s erster Roman Das Gerüst (Olten/ Ausgaben: B.s Werke. Hist.-krit. Ausg. hg. v. Freib. i. Br. 1960. Neuaufl. Zürich 2007) Ludwig Geiger u. a. Bde. 1–3, 6, 7, 9. Bln./Lpz. o. J. [1911–14]. – L. B. Sämtl. Schr.en u. Briefe. Neu schildert Leben u. Arbeit eines jungen Techbearb. u. hg. v. Inge u. Peter Rippmann. 5 Bde., nikers, der den Auftrag erhält, in einer miliDüsseld. 1964. Darmst. 1968. Neudr. Dreieich 1977 tärisch besetzten Zone zus. mit einheimi(ohne Nachw. u. Bibliogr.). schen Arbeitern ein ausgebombtes Bergwerk
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wieder betriebsbereit zu machen. Er scheitert am Fanatismus eines Vorgesetzten. Der Roman Die Fliegenfalle (Zürich 1968. Neuaufl. Zürich 2007) ist als Lebensbeichte des Ingenieurs Pardiel angelegt, der auf Baustellen im Hochgebirge nicht nur sein eigenes Leben verpasst, sondern sich auch Schuld am Schicksal seines Freundes Jul zuschreiben muss, dessen Liebe er als Eindringling stört. Aus realistisch dargestellten Situationen (z.B. der gefährl. Arbeit im Innern eines Silos, in einem einstürzenden Graben, aber auch des Wohnens in Mietskasernen) ergibt sich das Sinnbild der Fliegenfalle. Die straffe Erzählweise lässt diesen Roman rückblickend als überzeugendes Werk B.s erscheinen, obschon ihm der Durchbruch erst mit dem vielschichtigen Roman Der Kiosk (Zürich/Mchn. 1978. Neuaufl. Zürich 2007) gelang. Nach einem Brandanschlag auf den Kiosk eines Mehrzweckgebäudes werden neben der Leiche des beinamputierten Inhabers dessen in einem Blechkübel versteckte Aufzeichnungen gefunden. Boos, früher Vermessungstechniker, erinnert sich an seine Arbeit, an die Liebe zu Eva u. an den Unfall, der sein Leben zerstörte. Sprachlich von einem traditionellen Stilwillen geprägt, zeichnen sich B.s Texte durch den Kontrast von sachkundiger Schilderung technischer Arbeitsprozesse einerseits, hymnischer Natur- u. Liebesdarstellung andererseits aus. Weil B. stets den Menschen sieht, der arbeitet, nie nur das techn. Produkt, weist er mit zunehmender Schärfe auf die Konsequenzen der Technikgläubigkeit hin. Verbissenes Vertrauen in die Machbarkeit künstlicher Paradiese, oft genährt von verschwiegener Enttäuschung, treibt einige seiner Techniker in eine Lebensferne, die für sie u. andere gefährlich wird. Dieser Grundkonflikt bestimmt auch im autobiografisch inspirierten Roman Der Sog (Zürich 1988. Mchn. 1999) das Leben einer Dorfgemeinschaft. Auf zarte u. eindringl. Weise stellt B. dar, wie das Kind Simon diese Bedrohung erlebt. Während seine Mutter der Faszination stählerner Männlichkeit erliegt, die jenseits der Landesgrenze die Macht ergriffen hat, lernt er in Margeritas Liedern u. Sinas Märchen Bilder kennen, die es ihm ermöglichen, die neue Gewalt als
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Fortsetzung eines viel älteren Geschehens der Vergewaltigung zu verstehen u. die Ahnung zu bewahren, dass Leben sich nicht machen, sondern nur empfangen u. liebevoll pflegen lässt. Von Simon Mittler, B.s Alter Ego, handeln auch die beiden folgenden Romane Der Bann (Zürich 1996. Mchn. 2000) u. Der Kreis (Zürich 1998. Mchn. 2004). Simon ist erwachsen geworden u. hat die Heimat der Kindheit verlassen. In Zürich, wo er als Geometer arbeitet, wird er Zeuge der 1968er-Krawalle, die ihm u. seinen Freunden eine Radikalität demonstrieren, die sie mehr einschüchtert als aufwiegelt. Fasziniert von der Magie des Dreiecks, hält sich Simon außerhalb u. versucht die Welt aus seiner triangulierten Weltoptik zu erkennen. Das aktive Dreieck hat die lädierte Harmonie des Quadrats aus dem Kindheitsroman abgelöst. Simons Zurückhaltung findet ihre Erfüllung schließlich in Der Kreis. 30 Jahre später sitzt er mit seinem alten Freund Abplanalp in einer Wirtsstube im engadinischen Bever u. wartet auf weitere Gäste, die wegen des starken Schneefalls aber nicht eintreffen. So kommen die beiden mit dem Wirtspaar ins Plaudern, Erzählen, Erinnern. In mehreren Erzählkreisen umspielt B. den ewigen Widerspruch zwischen Fernsucht u. Heimweh, den bes. die raue Bergwelt hervorruft. Dabei enthält er sich aller nostalg. Wehmut u. schaut zwar skeptisch, doch gelassen auf das verflossene Jahrhundert zurück. Der Kreis rundet die Romane um Simon Mittler zur großartigen Trilogie ab. Parallel zur literar. Arbeit hat sich B. immer wieder pointiert mit der modernen Stadtentwicklung auseinandergesetzt, wie es schon im Roman Der Kiosk anklang. Im Essayband Die sinnliche Stadt (Zürich 2001) hält er dem kritisierten städt. Mobilitätswahn das Modell einer lebenswerten »Langsamverkehrsstadt« entgegen. Beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit, hat er auf diesem Gebiet seit den 1970er Jahren wichtige Pionierarbeit geleistet. Danach kehrt B. ein letztes Mal zu Simon Mittler zurück u. erweitert seine Trilogie um einen luftigen Epilog, den schmalen Roman Schweben (Mchn./Wien 2003. Mchn. 2005). Auf seinen geliebten Gängen in die Berge
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begegnet Simon wiederholt einer jungen Frau, die ihre innere Unruhe körperlich in wilden Wanderungen austobt. Als sie einmal vom Schneetreiben überrascht werden, schützen sie sich in einer Felsnische u. Simon kommt ins Erzählen, redet sich mitten in die Kindheit hinein, wie sie in Der Sog geschildert ist. Präzise komponiert, voller verblüffender Landschaftsbeschreibungen u. in einer luziden, schwebenden Sprache geschrieben, scheint es, als habe sich B. hier von aller Pflicht losgelöst, streng geordnet erzählen zu müssen. Diese Leichtigkeit täuscht aber darüber hinweg, dass sie der Autor einer äußerst schmerzhaften Krankheit abgetrotzt hat. Weitere Werke: Der junge Os. Zürich/Mchn. 1957. Zürich 1979 (R). – Ein David. Zürich 1970 (L.). – Der Mensch im Stadtverkehr. Zürich 1975 (Ess.). – Das Unternehmen Normkopf. Zürich/ Mchn. 1985 (Satiren). – Samurai. Zürich 2005 (E.en). Literatur: Beat Mazenauer: H. B. In: KLG. – Rudolf Probst: H. B. In: LGL. Rudolf Käser / Beat Mazenauer
Böschenstein, Johannes, auch: Bossosthenius, * 1472 Esslingen/Neckar, † um 1540 Nördlingen. – Verfasser mathematischer, hebraistischer u. theologischer Schriften. B. war 1503–1513 Hebräischlehrer ohne besoldete Lektur an der Universität Ingolstadt (Schüler Johannes Eck u. Andreas Osiander). 1514–1518 Tätigkeit in Augsburg, wo erste Werke erschienen. Hebräischlekturen an den Universitäten Wittenberg (1518/19) u. Heidelberg (1522) versah B. jeweils nur wenige Monate. Es folgte ein unstetes Wanderleben; lediglich in Nürnberg u. Nördlingen hielt B. sich längere Zeit auf. Die letzten Lebensjahre waren durch wachsende Not gekennzeichnet. Das Bild von B. ist stark durch das negative Urteil Luthers u. Sebastian Münsters geprägt. Sein Rechenbiechlin (Augsb. 1514) lehrt die vier Grundrechenarten bei ganzen Zahlen u. bei Brüchen sowie den Dreisatz. Als kurze Einführungen in die hebräische Sprache veröffentlichte B. das Elementale introductorium (Augsb. 1514) mit Übungstexten, denen lat. u. dt. Übersetzungen beigegeben sind, u. die
umfangreicheren, auf Moses Kimchi u. Johannes Reuchlin basierenden Hebraicae grammaticae institutiones (Wittenb. 1518). Die Lesbarkeit von B.s Übersetzungen biblischer Texte (Num. 6,24–26, I Reg. 8, Bußpsalmen, Ruth, Threni) u. jüdischer Gebete (Tefilot haSchana, Zidduk ha-Din, Birkat ha-Mazon) aus dem Hebräischen leidet unter der aus didakt. Gründen gewählten Ad-verbum-Methode. Drei der vier B. zugeschriebenen geistl. Lieder (Von den syben wortten. Von den zehen geboten. Von wunderlichen dingen. Gott ewig ist) sind Bearbeitungen älterer Stücke. B.s meist nur wenige Seiten umfassende theolog. Schriften verstehen sich als Aufrufe zu Buße u. Umkehr: In Ain christenliche underricht (1523) u. Ain christenliche underweysung (Augsb. 1534) bindet er Glaube u. Liebe eng aneinander. Die tätige Liebe sei Kennzeichen des Jüngers Jesu u. finde ihren Ausdruck im friedl. Miteinander, in mildtätigen Werken u. der Hilfe für den Nächsten. Die Nächstenliebe solle auch Juden u. Muslimen zuteil werden, um sie für den christl. Glauben zu gewinnen. Hindernis für die Bekehrung Andersgläubiger bildeten die innerchristl. Streitigkeiten. Die unter dem Titel Ain christliche leer veröffentlichten Predigten über Mt. 7 (1523) kritisieren die Missachtung des Gebots der Nächstenliebe durch den in Kirche u. Staat herrschenden Eigennutz u. die Ausübung obrigkeitlicher Gewalt aus Gewinnsucht. Die Bestrafung einer nicht nach Gottes Gebot regierenden Obrigkeit zeigt B. in Ain getreuwe ermanung (Augsb.? ca. 1523) am Beispiel der alttestamentl. Könige Jojakim u. Zedekia. Mit Ain diemitige versprechung (ca. 1524) verteidigt er seine Ablehnung der Bilder. Eine sehr pessimistische Auffassung menschl. Daseins offenbart B. in seinem letzten Werk Milicia hominis (Nürnb. 1539): Das Leben des Menschen, auch des Frommen, sei von Beginn an dem Leid unterworfen; der Mensch könne allein auf die Liebe Gottes hoffen. Ausgabe: Ain diemitige versprechung. In: Andreas Osiander d.Ä.: Gesamtausg. Hg. Gerhard Müller u. Gottfried Seebaß. Bd. 1, Gütersloh 1975, S. 67–76. Literatur: Wackernagel 2, S. 1090–1097. – Biogr. Lex. LMU 1, S. 47 f. – Rainer Gebhardt (Hg.):
53 Verf. u. Hg. mathemat. Texte der frühen Neuzeit. Annaberg-Buchholz 2002, S. 145–152. – Gerald Dörner: B. In: VL Dt. Hum. Gerald Dörner
Die böse Adelheid. – Schwankhafte Versnovelle, wohl aus dem 14. Jh.
Böse Frau
Motiv der aus Trotz schließlich ertrinkenden u. vom Ehemann flussaufwärts gesuchten Frau entsprechend mehrfach. Die auf diesen Höhepunkt zusteuernde Handlung narrativ entfaltet u. konsequent die List des Mannes anhand verschiedener, im Erzählzusammenhang kohärent (nicht allein episodisch) erscheinender Beispiele kunstvoll demonstriert zu haben, ist allerdings wohl dem Anonymus der dt. Version zuzuschreiben. Die misogyne Aussage erscheint dadurch einerseits gesteigert, denn Adelheid ist nicht nur als widerspenstig u. teuflisch gezeichnet, sondern auch – u. zwar von Beginn an – als ebenso unbedacht wie manipulierbar. Andererseits gerät vielleicht auch Markhart in die Kritik: Hat er sich doch jahrelang von Adelheid quälen lassen, anstatt ihr die ihr angemessene Position als Ehefrau zuzuweisen, u. bedarf er doch schließlich auch wieder einer expliziten Anweisung in Gestalt der Empfehlung des Reiters, um von einem dem Erzähler offenbar als absurd geltenden Tun (der Suche nach Adelheid den Naturgesetzen widersprechend flussaufwärts) abgebracht zu werden.
Die schwankhafte Märendichtung Von der übeln Adelheit und irem man (183 Verse), die vermutl. im Augsburger Raum entstanden u. in nur einer aus den 30er Jahren des 14. Jh. stammenden Handschrift anonym überliefert ist, erzählt vom »übelen wîp« Adelheid, das seinem Ehemann Markhart durch extremen Starrsinn das Leben zur Hölle macht: Adelheid tut seit Jahren immer genau das Gegenteil dessen, was Markhart empfiehlt, wünscht oder erbittet. Eines Tages weigert sie sich, ihm das Mittagessen vorzusetzen, u. fängt eine wüste Prügelei an, als er ins Dorf laufen u. sich Brot kaufen möchte. Daraufhin überlegt er, wie er die »vâlentinne« (Teufelin) sich unterwerfen könne: Er verfällt auf die List, das Gegenteil von dem zu fordern, was er tatsächlich will. Auf diese Weise gelangen die Eheleute nicht nur nach Augsburg u. in den Ausgaben: Heinrich Niewöhner (Hg.): Neues Genuss eines guten Essens im Gasthaus, Gesamtabenteuer. Bd. 1, Bln. 1937. Neudr. Dublin/ Markhart wird außerdem auch stolzer Besit- Zürich 1967, S. 44–46. – Klaus Grubmüller (Hg.): zer eines modischen Rockes. Als er vor- Novellistik des MA. Märendichung. Ffm. 1996, schlägt, im Wirtshaus noch weiter zu ver- S. 208–219 (mit nhd. Übers.) (zit.). Literatur: Hans-Joachim Ziegeler: D. b. A. In: weilen, bricht Adelheid erwartungsgemäß sofort auf u. läuft zum Lech. Markhart fordert VL. – Grubmüller 1996 (s. o.), S. 1101–1106 sie auf, nicht zu nah ans Ufer zu gehen – (Komm., Lit.). Corinna Laude prompt nähert sie sich dem Fluss zu dicht u. stürzt hinein. Die Pointe besteht darin, dass Die böse Frau. – Schwankhafte VersnoMarkhart seine ertrunkene Frau nun flussvelle aus der zweiten Hälfte des 13. Jh. aufwärts sucht, denn – so erklärt er einem Vorbeireitenden – sie sei so widerspenstig Daz buoch von dem übeln wîbe wurde von einem gewesen, dass sie nicht flussabwärts getrie- unbekannten Dichter wohl nach 1250 in Tirol ben sein könne. Der Reiter rät schließlich verfasst. Es ist nur in einer späten Handdazu, die Suche abzubrechen u. Adelheid schrift, dem sog. Ambraser Heldenbuch (entdem »tievel« (Teufel) zu überlassen. standen 1504–1517), überliefert. Die Welt- u. Geschlechterordnung u. die In 820 Versen schildert ein Ich-Erzähler mit ehel. Normen zu verkehren, indem das Ge- viel Sprachwitz das leidvolle Leben als Ehehorsamsgebot missachtet wird, das Ehefrau- mann an der Seite eines »übelen wîbes«, das en ihren Männern nach theologischer Auf- ihm typusgerecht durch permanenten Wifassung u. den rechtl. Bestimmungen zufolge derspruch u. durch die (meist unmotivierte) im MA unterordnete, kennzeichnet Adelheid Anwendung von körperlicher Gewalt das Leals Typus des »übelen wîbes«, der in der ben zur Hölle macht. spätmittelalterl. Versnovellistik häufiger beDer Erzähler berichtet in einem ersten Teil gegnet. Im europ. Erzählgut findet sich das nach einem Lob der Ehe als göttlicher Ein-
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richtung, die das ewige Seelenheil verheißt, (ein beständig temporeicher Schlagabtausch von seinen eigenen gegenteiligen Erfahrun- in den Dialogen der Ehepartner; ausgefallene gen: Bereits mit der Nachfeier der Hochzeit, Reimbindungen; komplexe Wortfiguren etc.) bei der sich der Morgentrank als Giftgabe in ihre Tradition einschreibt. Der erzähler. darstellt, setzt sein Martyrium ein, das jenes Witz, mit dem hier dem in der mittelalterl. der hl. Märtyrer aufgrund seiner (lebens-) Versnovellistik gängigen Typus des »übelen zeitl. Unbegrenztheit übersteigt. Varianten- wîbes« ein früher Don Quichotte an die Seite reich wird der absolute Widerspruchsgeist gestellt wird, der sein eigenes Leiden durch der Frau beschrieben, die immer das Gegen- seine literar. »Verblendung« zumindest relateil dessen sagt u. tut, was der Mann sagt oder tiviert, wenn nicht desavouiert, begegnet in tut, u. die ihre Renitenz häufig durch körperl. der Textgruppe eher selten. Dadurch verBrutalität unterstreicht. Angesichts dieser schiebt sich die Rezeptionsaufmerksamkeit Qualen erfolgt eine Kritik an den Geistlichen, auf den männl. Part. Demgegenüber rücken die keine Trennung der Ehepartner erlauben. das »übele wîp« als klassischer Vertreter des Ein Lob der im Guten miteinander auskom- Topos von der »verkehrten Welt«, in der die menden Ehepartner u. eine Klage über das Frau sich zum »meister« über den Mann setzt u. damit rechtl. Vorstellungen wie theolog. eigene heillose Schicksal schließen sich an. Im zweiten Teil wird von sechs konkreten Argumenten des MA widerspricht, u. die u. sehr blutigen Schlägereien erzählt, welche misogyne Kritik daran ein wenig in den die Eheleute sich liefern: Während die Frau, Hintergrund. die die Handgreiflichkeiten jeweils beginnt Ausgaben: Daz buoch v. dem übeln wîbe. Hg. u. als die Überlegene daraus hervorgeht, Karl Helm. Tüb. 1955. 2. neu bearb. Aufl. v. Ernst durch ihre Tätigkeiten (Flachsschwingen, A. Ebbinghaus. Tüb. 1968. Breiproduktion in der Stampfmühle u. SpinLiteratur: Hans-Friedrich Rosenfeld: D. b. F. nen) in der Manier Neidharts als unhöfisch- In: VL. – Hanns Fischer: Studien zur dt. Mären2 dörperl. Bauernfrau ausgewiesen ist, ergeht dichtung. Tüb. 1968. 1983, S. 333–335 (Bibliogr.). Corinna Laude sich der Ich-Erzähler in ritterlich-höf. Fantasien: Er zieht nicht nur den ironisch-hyperbol. Vergleich zu Kämpfen in der Heldenepik, Boëtius, Henning, auch: Uwe Bastiansen, sondern kontrastiert seine Situation als ge* 11.5.1939 Langen/Hessen. – Romanprügelter Ehemann mit dem Schicksal beschriftsteller, Kinder- u. Sachbuchautor, kannter Liebespaare aus der höf. Dichtung Übersetzer. (u. a. Dido–Eneas, Enite–Erec, Isolde–Tristan, Belakane–Gahmuret). Im letzten Kampf wird B., als Sohn eines Kapitäns in Norddeutschihm gar ein derber Bauernstubenstuhl zum land aufgewachsen, studierte in Frankfurt/M. ritterl. Schild, mit dessen Hilfe er sich seiner Germanistik u. Philosophie u. promovierte Haut zu erwehren versucht. Doch nur dem mit einer Arbeit über Hans Henny Jahnn Eingreifen einiger Freunde des Paares, die die (Utopie und Verwesung. Bern 1967). Bis 1973 Kämpfenden trennen, verdankt er seine Ret- war er am Frankfurter Goethe-Haus Mitartung. Schließlich aber muss der Mann seiner beiter an der krit. Ausgabe der Werke BrenFrau wieder willfahren: Sie verbietet ihm tanos, um anschließend dem Wissenschaftsendgültig den Mund, u. er schweigt wie eine betrieb den Rücken zu kehren u. sich in verMaus, denn er fürchtet, andernfalls den schiedenen Berufen zu versuchen. B. arbeitete Scheinfrieden zu verletzen. u. a. als Musiker, Hausmeister, Maler u. Der Autor offenbart stupende Kenntnisse Goldschmied, lebte in dieser Zeit z.T. ohne der höf. Literatur (Heldenepik, höf. Roman, festen Wohnsitz u. fand schließlich zur LiteNovellistik, Minnesang), die er in Zitaten u. ratur. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Anspielungen ironisch bricht u. der er Berlin. gleichzeitig höchsten Respekt erweist, indem B.s umfangreiches Werk umfasst Romane, er sich z.B. ihrem Stilideal verpflichtet u. sich Novellen, Lyrik, Kinder- u. Sachbücher. Eidurch eine kunstreiche sprachl. Gestaltung nen Namen machte er sich mit Romanbio-
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grafien berühmter Schriftsteller, u. a. zu Jo- naturwiss. Betrachtungen verbinden (Troll hann Christian Günther (Schönheit der Verwil- Minigoll von Trollba. Darmst. 1981. Ffm. 2006. derung. Ffm. 1987. Mchn. 2002), Lichtenberg Troll Minigoll und das Labyrinth von Vagna. Ffm. (Der Gnom. Ffm. 1989) u. Rimbaud (Ich ist ein 2006. Troll Minigoll und die Mondscheinsonate. anderer. Ffm. 1995), die ihm von der Kritik Ffm. 2007). Die ersten beiden Teile liegen, großes Lob eintrugen. Die seel. Abgründe u. ebenso wie Phönix aus Asche, auch als Hörbuch letzten Lebensstunden der Dichter Goethe u. vor. Kleist gestalten die Novellen Tod in Weimar Weitere Werke: Der verlorene Lenz. Ffm. 1985. (Gifkendorf 1999. Mchn. 2003) u. Tod am – Undines Tod. Mchn. 1997. 21999 (histor. KrimiWannsee (Gifkendorf 2002). Daneben verfasste nalr.). – Die blaue Galeere. Mchn. 2004 (histor. R.). B. eine Reihe von Kriminalromanen um den – Die Gesch. der Elektrizität. Weinheim 2006 (JuKommissar Piet Hieronymus von der Gro- gendsachbuch). – Der Strandläufer. Mchn. 2006 ninger Polizei, der der Spur des Verbrechens (R.). – Übersetzungen: Jens Bjørneboe: Haie. Gifkendorf 1984. – Hans Henrik Jaeger: Die Bibel der an Orte in ganz Europa folgt, u. a. nach Anarchie. Gifkendorf 1997 (beide aus dem NorweLappland (Joiken. Ffm. 1992. Mchn. 1999), in gischen). die thüring. Provinz (Blendwerk. Ffm. 1994) u. Literatur: Christian v. Zimmermann: Indivinach Rom (Rom kann sehr heiß sein. Mchn. duen, Dichter, Sonderlinge: H. B.s biogr. Annähe2002). B. versteht es hier, subtile Spannung rungen an Brentano, Lenz, Günther u. Lichtenberg. mit der detaillierten, lebendigen Schilderung In: Fakten u. Fiktionen. Strategien fiktionalbiogr. von Orten u. Landschaften zu verbinden. Dichterdarstellungen in Roman, Drama u. Film seit Der Roman Phönix aus Asche (Mchn. 2000. 1970. Hg. ders. Tüb. 2000, S. 101–118. 2002) machte B. auch international bekannt. Christine Henschel Er erzählt von der letzten Atlantiküberquerung des Zeppelins »Hindenburg«, die im Böttger, Adolf, * 21.5.1815 Leipzig, Mai 1937 bei der Landung in Lakehurst in † 16.11.1870 Gohlis bei Leipzig. – Übereiner Katastrophe endete. Im Mittelpunkt setzer, Lyriker u. Dramatiker. steht die Geschichte zweier Männer, deren Schicksal durch das Unglück eng miteinander Der Sohn eines auch als Lexikograf tätigen verbunden ist: Edmund Boysen, Navigator Steuereinnehmers wurde nach dem Besuch auf der »Hindenburg« (sein Lebensweg ist der Thomasschule u. der Universität Leipzig dem von B.s Vater Eduard Boëtius nachemp- (Studium der Philosophie u. Philologie) freier funden, der selbst der Mannschaft der »Hin- Schriftsteller u. einer der bedeutendsten denburg« angehörte), u. Birger Lund, ein Übersetzer des 19. Jh. aus den neueren Spraschwed. Journalist u. Passagier an Bord, der chen. Sein Leben, ohne wesentl. Einschnitte, die Katastrophe zum Anlass nimmt, seinem in arbeitsamer Zurückgezogenheit u. ohne früheren Leben zu entfliehen. Die Männer größere öffentl. Anerkennung stets am Heitreffen nach Ende des Zweiten Weltkriegs matort verbracht, wirkt typisch biedermeieraufeinander u. diskutieren die beide quälen- lich. Seine letzten Jahre verlebte B. vereinde Frage von Pflicht u. Schuld, wobei es bald samt in schwerer Melancholie. weniger um den Zeppelinabsturz geht als um B.s Bedeutung liegt in der Vermittlung ein verantwortungsvolles Leben u. die zu- englischer Literatur, v. a. Lord Byrons, an eirückliegenden Kriegsgräuel. Brillant recher- nen größeren dt. Leserkreis; seine Byronchiert, wurde der Roman in kurzer Zeit in Übersetzung (12 Bde., Lpz. 1840) wurde mehrere Sprachen übersetzt u. bes. auf dem mehrfach aufgelegt. Weitere Übersetzungen ausländ. Markt zu einem großen Verkaufs- (u. a. von Werken Shakespeares, Popes, erfolg; die Universal Studios sicherten sich Goldsmiths, Miltons, Sternes u. Racines) die Filmrechte. schlossen sich an. B. pflegte v. a. die im BieB. gestaltete daneben die bei Kindern wie dermeier bes. beliebte Gattung der VerserErwachsenen beliebten Geschichten um den zählung u. markierte hier eine Station auf kleinen Steintroll Troll Minigoll, die mär- dem Weg zur »Goldschnitt-Literatur« natiochenhafte Elemente mit philosophischen u. nal-apologet. Charakters, als nach der
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Reichsgründung von 1871 das Versepos zur Lieblingsgattung der Gebildeten aufrückte. Zahlreiche Nachfolger fand B. als Erfinder der sog. Blumenlyrik, der seine Gedichte (Frühlingsblumen. Lpz. 1846) u. seine melodiösen, Pflanzen personifizierenden, epischlyr. Schöpfungen wie Hyazinth und Lilialide (Lpz. 1849. 41852) u. die Pilgerfahrt der Blumengeister (Lpz. 1851. 31858) zuzurechnen sind. Auch B.s Textfassung zu Grandvilles Fleurs animées gehört in diese Kategorie. Meist historisierenden Charakter haben B.s spätere Verserzählungen wie Der Fall von Babylon (Lpz. 1855) u. seine Dramen (Heinrich III. Lpz. 1836. Agnes Bernauer. Lpz. 1845). Weitere Werke: Till Eulenspiegel. Modernes Heldengedicht. Lpz. 1850. – Düstere Sterne. Dichtungen. Lpz. 1852. – Habana. Lpz. 1853 (L.). – Goethes Jugendliebe. Lpz. 1861 (L.). – Die Tochter des Kain. Lpz. 1865 (L.). – Das Galgenmännchen. Dramat. Märchendichtung. Lpz. 1870. Ausgabe: Ges. Werke. 6 Bde., Lpz. 1865/66. Literatur: Kosch TL. – Goedeke Forts. Christian Schwarz / Red.
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der »Jugend« seit 1901 erscheinende Lyrische Tagebuch des Leutnants von Versewitz (Separatdr. 2 Tle., Lpz. 1901 u. 1904), in zackigem Militärjargon u. sächsischem Dialekt gehalten, war als Absage an den wilhelmin. Nationalstolz angelegt. Mit Parodie, Ulk u. Unsinn – worin ihm sein als Joachim Ringelnatz bekannter Sohn Hans folgen sollte –, mit zahlreichen humorvollen Ritterballaden im Uhland-Ton (z.B. Alfanzereien. Lpz. 1899) u. als Herausgeber der »Kränzchen-Zeitung« (1887–1889) fand B. den Zugang zur literar. Welt unsinntreibender Gesellschaften (»Stalaktiten«, »Leoniden«). In seinen letzten Lebensjahren vollzog B. den polit. Wandel zum Konservativen, einige Gedichte dieser Zeit sind von vaterländischer Gesinnung geprägt. Weitere Werke: Heitere Stunden. Lpz. 1909. – Auerbach’s dt. Kinder-Kalender. Lpz. 1901–13. – Bismarck als Zensor. Lpz. 1907. Neuausgabe: Das lustige Jena. ›Bilder aus dem Studentenleben‹ (1895) nebst einem ›Brief über Jena‹ (1877). Hg. Detlef Ignasiak. Erlangen u. a. 1994. Literatur: Walter Pape: Joachim Ringelnatz.
Bötticher, Georg, auch: Rentier Quengler, Parodie u. Selbstparodie in Leben u. Werk. Bln. C. Engelhart, * 20.5.1849 Jena, † 15.1. 1976. Reinhard Tenberg / Red. 1918 Leipzig; Grabstätte: ebd., Johannisfriedhof. – Humorist u. UnterhalBoetticher, Hermann von, * 13.8.1887 tungsschriftsteller. Eldingen/Lüneburger Heide, † wahrDer Pfarrerssohn B., Vater von Joachim Rin- scheinlich 28.4.1941 Sonnenstein/Sachgelnatz, erhielt eine Ausbildung als Muster- sen. – Dramaturg, Dramatiker. zeichner in Dresden, besuchte die Webeschule in Chemnitz (1866/67) u. arbeitete bis 1870 in einem Pariser Atelier für gewerbl. Kunst. Er lebte in Dresden, Mannheim u. Jena, seit 1875 in Wurzen. B. veröffentlichte anfangs Fachbücher, konzentrierte sich dann aber auf literar. Arbeiten. B., der mit Detlev von Liliencron u. Johannes Trojan befreundet war u. mit Fontane, Raabe, Freytag u. a. einen regen Briefwechsel führte, trat in seinen über 40 Büchern vorwiegend als Jugend- u. Unterhaltungsschriftsteller hervor. Dem Militärischen verlieh er heitere bis groteske Züge. So werden etwa in den harmlos-lustigen Versen Wie die Soldaten Tiere werden wollten (Lpz. 1892. Mit Illustrationen von Fedor Flinzer) menschl. Eigenschaften auf Tiere übertragen. Das in
Nach abgebrochenem Schulbesuch arbeitete B. ab 1912 bei einer Bank. 1914 wanderte er nach Amerika aus u. geriet bei seiner Rückkehr im selben Jahr in frz. Gefangenschaft, floh in die Schweiz, wurde anfangs interniert u. arbeitete dann als Dramaturg u. Regisseur in Bern. Aus dieser bewegten Lebensphase stammt das Drama Jephta (Bln. 1919), das B.s Zugehörigkeit zum Expressionismus zeigt. Sein bekanntestes Drama Friedrich der Große (Bln. 1919) sucht in chronologischer Folge einen Lebensverlauf darzustellen. Im Zentrum steht der quälende Konflikt zwischen den musischen Neigungen des Kronprinzen u. dem vom Vater geforderten Pflichtbewusstsein.
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1919 wurde B. Dramaturg am Düsseldorfer Schauspielhaus; nach 1920 arbeitete er als freier Schriftsteller in Berlin, München, Rom, Genf, Paris u. hauptsächlich in Florenz. Anfang der 1930er Jahre wurde er geisteskrank. Er starb unter ungeklärten Umständen in einer Euthanasieanstalt; wahrscheinlich wurde er ermordet. Weitere Werke: Hexensabbath. Bln. 1919 (D.). – Die Liebe Gottes. Bln. 1919 (D.). – Sonette des Zurückgekehrten. Weimar 1919. – Erlebnisse aus Freiheit u. Gefangenschaft. Bln. 1919. – Das Bild. Bln. 1924 (N.). Literatur: Bernhard Diebold: Anarchie im Drama. Ffm. 1922. – Paul Raabe: Die Autoren u. Bücher des literar. Expressionismus. Stgt. 1985, S. 70 f. Matthias Heinzel / Red.
Böttiger, Karl (Carl) August, * 8.6.1760 Reichenbach/Vogtland, † 17.11.1835 Dresden. – Verfasser philologischer, archäologischer sowie theaterkundlicher Schriften. Nach seiner Gymnasialzeit in Schulpforta (1772–1778) studierte B. bis 1781 Theologie u. klass. Philologie in Leipzig. Nachdem er einige Jahre als Hofmeister tätig gewesen war, wurde er 1784 – nach seiner Promotion zum Dr. phil. in Wittenberg – Rektor des Lyzeums zu Guben/Niederlausitz u. schließlich 1790 Rektor des Gymnasiums in Bautzen. Herders Vermittlung verdankte er 1791 die Berufung zum Direktor des Weimarer Gymnasiums u. Oberkonsistorialrat für Schulangelegenheiten. In dieser Zeit veröffentlichte B. zahlreiche gelehrte Programme; seine Antrittsrede als Direktor des Weimarer Gymnasiums am 3.10.1791 beschäftigte sich mit den Vor- u. Nachteilen, die einer Schule aus der Nachbarschaft einer Universität entstehen. B. erwies sich als gründlicher Kenner der antiken Literatur u. wurde so auch mit Goethe u. Schiller bekannt, die ihm viele Stoffe für ihre Balladen verdankten (z.B. Die Kraniche des Ibykus). 1797 half er Goethe bei der Schlussredaktion von Hermann und Dorothea u. vermittelte den Verkauf des Manuskripts an den Verleger Hans Friedrich Vieweg. Goethe versuchte B.s prinzipielle Hilfsbereitschaft aus-
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zunutzen u. ihn als dienstbaren Geist an sich zu binden; B. entzog sich jedoch solcher Bindung. Nicht zuletzt deshalb kam es zum Bruch zwischen Goethe u. ihm (»dieser Tigeraffe«, Goethe an Wieland, 13.1.1802). In den Jahren 1802 bis 1804 versuchte Goethe mehrfach – u. oft mit Erfolg –, die Veröffentlichung ihm nicht genehmer Rezensionen u. Aufsätze B.s zu verhindern; so erreichte er im Jan. 1802, dass Wieland die Veröffentlichung einer Besprechung B.s im »Journal des Luxus und der Moden« unterband, die eine Aufführung von Schlegels Ion in Goethes Inszenierung zum Gegenstand hatte. Auch B.s Abschiedsrede als Direktor des Weimarer Gymnasiums im Jahr 1804 konnte wegen einer verhalten krit. Bemerkung über Herzog Karl August auf Goethes Drängen hin nur zensiert im Druck erscheinen. Im Okt. 1802 erschien in Karl Spaziers »Zeitung für die elegante Welt« eine anonyme persiflierende Besprechung der von Goethe organisierten Weimarer Kunstausstellung; erst 1925 hat man B. als den mutmaßl. Autor dieser Rezension, über die Goethe sehr verärgert war, ermitteln können (Hünich, S. 288). Auch Schiller ging auf Distanz zu B., nachdem dieser mehrmals Manuskripte Schillers ohne dessen Wissen verbreitet hatte. Als schließlich 1799 eine Kopie der Handschrift von Wallensteins Lager in Kopenhagen auftauchte, hatte man sofort – u. zu Recht – B. in Verdacht (vgl. Schiller an Goethe, 1.3.1799). In Weimar nutzte B. die großen Bestände der Hofbibliothek für seine archäolog. Studien, die er später zu zahlreichen Publikationen verarbeitete. Seine Hauptbeschäftigung in Weimar war jedoch die journalist. Tätigkeit; so gab er 1795–1803 Friedrich Justin Bertuchs »Journal des Luxus und der Moden« u. 1797–1803 Wielands »Neuen teutschen Merkur« heraus u. veröffentlichte in anderen Zeitschriften eine Vielzahl von Rezensionen u. Kulturberichten. Sein Hang zur Vielschreiberei u. seine Neigung, überall mitzureden u. mitzuhandeln, trugen ihm von Goethe u. Schiller den Spitznamen »Magister ubique« ein. Seine Sucht, »sich in
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anderer Affairen zu mischen« (Schiller), kels an Carl A. B. Hg. ders. Bern 1987. – Die Briefe machte ihn in Weimar immer unbeliebter. Johann Daniel Sanders an Carl A. B. Hg. ders. 4 1804 ging B. auf Vermittlung von Joseph Bde., Bern 1990–93. – Der Briefw. zwischen Friedrich von Racknitz u. Franz Volkmar Friedrich Nicolai u. Carl A. B. Hg. ders. Bern/Bln. 1996. – Briefw. mit Auguste Duvau. Hg. Klaus Reinhard nach Dresden, wo er erst StudienGerlach. Bln. 2004. – Aubin-Louis Millin et l’Alledirektor der Pagerie – des Pageninstituts – magne: le magasin encyclopédique – les lettres à K. wurde u. 1814–1821 Direktor der Ritteraka- A. B. Hg. Geneviève Espagne u. Bénédicte Savoy. demie u. Oberaufseher der Antikenmuseen Hildesh. 2005. war. Im Jan. 1835 trat er in den Ruhestand. Literatur: Karl Wilhelm Böttiger: K. A. B., eine In Dresden nahm B. wie zuvor in Weimar biogr. Skizze. Lpz. 1837. – Fritz Adolf Hünich: regen Anteil am literar. u. gesellschaftl. Le- Spaziers ›Visite à Weimar‹. In: Jb. der Slg. Kipben, neigte aber auch hier zur Intrige; so penberg 5 (1925), S. 277–289. – Bernd Maurach: K. verhinderte er im Okt. 1808, dass Cotta das in A. B. als Berichterstatter der Goethezeit. Diss. Univ. finanzielle Schwierigkeiten geratene Zeit- of Washington 1971. – Ders.: Zeitgenosse Goethe. schriftenprojekt »Phöbus« Heinrich von K. A. B.s verschmähte krit. Notizen über Goethe. Kleists u. Adam Müllers in seinen Verlag In: JbFDH 1978, S. 225–255. – Ernst F. Sondermann: K. A. B. Literar. Journalist der Goethezeit in nahm. Einige Angriffe auf Kleists Beiträge im Weimar. Bonn 1983. – Rüdiger Wartusch: Neue »Phöbus«, die B. in der Zeitschrift »Der Lebensspuren Heinrichs v. Kleist im Briefw. zwiFreimüthige« anonym veröffentlichte, schen B. u. Falk. In: Kleist-Jb. 1996, S. 188–200. – machten ihn zur Zielscheibe scharfer pole- Eckhard Richter: ›Verehrtester Herr Hofrath‹. mischer Epigramme Kleists. Tieck u. B. In: Ludwig Tieck. Hg. Walter Schmitz. B. hielt in Dresden populäre Vorlesungen Tüb. 1997, S. 169–191. – Carl A. B.: Literar. Zuüber Archäologie, die er u. d. T. Andeutungen stände u. Zeitgenossen. Begegnungen u. Gespräche zu 24 Vorträgen über die Archäologie (Dresden im klass. Weimar. Hg. Klaus Gerlach u. René 1806) herausgab; es folgten die Ideen zur Ar- Sternke. Bln. u. a. 1998. – Elena Agazzi: Carl A. B. u. seine Rolle als Vermittler zwischen Bühne, Alchäologie der Malerei (Dresden 1811) u. die Ideen tertumsforsch. u. Roman. In: Euph. 94 (2000), zur Kunst-Mythologie (Dresden/Lpz. 1826), de- S. 423–434. – Julia A. Schmidt-Funke: K. A. B. ren zweiter Teil nach seinem Tod 1836 er- (1760–1835): Weltmann u. Gelehrter. Heidelb. schien. Die archäolog. Werke B.s sind heute 2006. – René Sternke: B. u. der archäolog. Diskurs. nur noch von wissenschaftshistor. Wert; die Bln. 2007. Walter Hettche / Red. von seinem Sohn Karl Wilhelm Böttiger herausgegebenen Litterarischen Zustände und Zeitgenossen (Lpz. 1838. Neudr. 2 Bde., Ffm. 1972. Böttiger, Karl Wilhelm, * 15.8.1790 BautNeuausg. hg. v. Klaus Gerlach u. René zen, † 17.11.1862 Erlangen. – Historiker Sternke. Bln. 1998. 22005) geben wichtige u. Biograf. Aufschlüsse über das literar. Leben im klass. Der Sohn Karl August Böttigers wurde nach Weimar. Weitere Werke: Ueber den Misbrauch der Dt. seinem Theologie- u. Geschichtsstudium Lectüre auf Schulen. Lpz. 1787. – Ueber die besten 1819 a. o. Professor für Geschichte in Leipzig, Mittel die Studirsucht derer, die zum Studiren 1821 Ordinarius in Erlangen. Seine zahlreikeinen Beruf haben, zu hemmen. Lpz. 1789. – chen histor. Schriften waren zu seinen LebZustand der neuesten Litteratur, der Künste u. zeiten weit verbreitet u. dienten, wie die AllWiss.en in Frankreich. 2 Tle., Bln. 1795/96. – Ent- gemeine Geschichte für Schule und Haus (Erlangen wicklung des Ifflandischen Spiels in 14 Darstel- 1824. 21856) u. die Geschichte des deutschen lungen auf dem Weimar. Hoftheater. Lpz. 1796. – Volkes und des deutschen Landes (2 Bde., Stgt. Sabina: oder Morgenscenen im Putz-Zimmer einer 1835/36. 31845), als patriotisches Anschaureichen Römerin. Lpz. 1803. – Archaeolog. Aehrenlese. Dresden 1811. – Amalthea: oder Museum ungsmaterial. Die groß angelegte Weltgeschichte in Biograder Kunstmythologie u. bildl. Altertums-Kunde. 3 phien (8 Bde., Bln. 1839–44) kann als repräBde., Lpz. 1820–25. – Briefe: Der Briefw. zwischen August v. Kotzebue u. Carl A. B. Hg. Bernd Mau- sentativ gelten für die biedermeierl. Konrach. Bern 1987. – Die Briefe Garlieb Helwig Mer- zeption ›denkwürdiger Personen‹, in deren
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Wirken der teleologisch gesicherte Gang von Volk u. Geschichte beispielhaft sichtbar werden soll. Mit Litterarische Zustände und Zeitgenossen (Lpz. 1837. Neudr. Ffm. 1972) u. Karl August Böttiger. Eine biographische Notiz (Lpz. 1837) wurde er auch als Nachlassverwalter u. Biograf seines Vaters tätig. Weitere Werke: Heinrich der Löwe. Hzg. der Sachsen u. Baiern. Hann. 1819. – Kurzgefaßte Gesch. des Kurstaates u. Königreiches Sachsen. 2 Bde., Hbg. 1830/31. – Gesch. Bayerns nach seinen alten u. neuen Bestandtheilen. Erlangen 1832. Literatur: Geschichtswiss. in Erlangen. Hg. Helmut Neuhaus. Erlangen/Jena 2000, passim. Wolfgang Leierseder / Red.
Bogatzky, Karl (Carl) Heinrich von, * 7.9. 1690 Gut Jankowa/Niederschlesien, † 15.6.1774 Halle. – Erbauungsschriftsteller u. Liederdichter.
Boger weltübl. Tanzen u. Spielen zu halten sey, u. ob es nicht mit zur christl. Freyheit gehöre? Halle 1750. – Betrachtungen v. der Freiheit der Gläubigen vom Gesetz. Halle 1750. – Einer gläubigen Seele Umgang mit Gott. Halle 1752. 41867. – Der einige u. schmale Himmels-Weg u. breite Höllen-Weg zur Bekehrung der Sünder vom Irrthum ihres Weges auf Verlangen aus Gottes Wort deutlich gezeiget [...]. Halle 1754. – Theurer Schatz v. Vergebung der Sünden. Halle 1758 (Aufl.n bis in die zweite Hälfte des 19. Jh.). – Der eitle Musicant u. Schenkwirth als zwey Wunder in der Christenheit, bes. in den itzigen betrübten Kriegsläuften. Halle 1760. – Lebenslauf v. ihm selbst beschrieben. [...] Als Beitr. zur Gesch. der Spenerschen theolog. Schule hg. Halle 1801. Neuausg. Bln. 1872. Literatur: Koch 4, S. 468–478. – Paul Gabriel: K. H. v. B. In: NDB. – Dietrich Meyer: K. H. v. B. In: RGG 4. Aufl. Bd. 1, Sp. 1666. – Paul Raabe: Goethe u. B. Eine Marginalie. In: Goethe u. der Pietismus. Hg. Hans-Georg Kemper u. Hans Schneider. Tüb. 2001, S. 1–11. – Jörg-Ulrich Fechner: Carl H. v. B. (1690–1774). In: Internat. Pietismusforsch.en. Hg. Udo Sträter u. a. Tüb. 2005, S. 171–185.
Vom Vater zur Armee bestimmt, strebte der stets kränkl. Sohn während seines Studiums Heimo Reinitzer / Jörg-Ulrich Fechner in Breslau, Jena u. Halle einen juristischen, ab 1716 einen theolog. Beruf an. Ihm blieb jeBoger, Heinrich, auch: Bonger, Curvator, doch nur die Möglichkeit zu privater SeelFlexor, Versor, * vor 1450 Höxter, † Ansorge u. sozialen Diensten, v. a. im Umkreis fang 1505 Rostock. – Frühhumanist, von August Hermann Francke. neulateinischer Dichter. B. verfasste 411 geistl. Lieder u. Gebete sowie zahlreiche erbaul. Schriften, Andachten B. studierte in Erfurt, erwarb dort den Titel u. Betrachtungen. Berühmt wurde seine eines »Baccalaureus artium« (1473) u. legte Sammlung evang. Sprüche, sein Güldenes sein Magisterexamen ab (1485). 1489/90 erSchatz-Kästlein der Kinder Gottes, deren Schatz im warb er den Grad Dr. theol. (eventuell in PeHimmelreich ist (Breslau 1718. 671924. Neu- rugia); mehrere Italienaufenthalte sind beausg. u. d. T. Schatzkästchen [...]. Bielef. zeugt. 1502/03 wurde er von Maximilian I. in 1994), das erbauliche Verse u. Anmerkungen Bologna zum »poeta laureatus« gekrönt. B. enthält. Die zahlreichen verstreut oder bis kam erst ab 1490 zu verschiedenen Domherdahin noch nicht publizierten Lieder er- renpfründen (1490 u. 1501 Hamburg; 1501 schienen in der Uebung der Gottseligkeit in Rostock u. Güstrow), ab 1499 wirkte er in allerley Geistlichen Liedern [...] (Halle 1750, Rostock als Lehrer des Herzogs Erich von Vorrede vom 17.9.1749. 31775. Nachdr. Bln. Mecklenburg, den er 1502–1504 nach Italien 1844). Sie sind nicht kunstvoll oder in begleitete. 1506 erschien in Rostock postum B.s Ethedunklem, geblümtem Stil, sondern in klarer, bibl. Sprache, nicht ohne Bilder u. Gleich- rologium (= »Kunterbuntes«), das in zwölf nisse geschrieben. Etwa 50 von ihnen haben Distinctiones (Oraciuncule, Historie, Invective, Eingang in regionale Gesangbücher gefun- Familiaria, Panegirica, Epitaphia, Arenge, Doctriden, darunter Herr, gib, ach gib mir wahre Treue ne, Querele, Dialogi, Hymni, Apologi) Gelegenheitsdichtung autobiografischen, panegyr., u. Wach auf, du Geist der ersten Zeugen. Weitere Werke: Tägl. Hausbuch der Kinder religiösen, zeitgeschichtl. sowie universitätGottes. 3 Tle., Halle 1748/49. 51841/42. – Schrift- shistor. Inhalts (überwiegend in leoninisch mässige Beantwortung der Frage: was v. dem gereimten Hexametern, daneben in reimlo-
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sen eleg. Distichen) enthält. Neben dem Etherologium kursierten zwei Einblattdrucke u. mehrere Handschriften; einige Gedichte wurden ins Niederdeutsche übertragen. Trotz seiner poet. Mediokrität u. seines Mitteilungsdrangs sind B.s Dichtungen ein wertvoller Spiegel des Übergangs von der spätmittelalterl. zur humanist. Bildungswelt. Literatur: Heinrich Reincke: H. B. In: NDB. – Wolfgang Maaz: Henricus B. – ein Beitr. zur ›Vetula‹-Rezeption. In: FS für Paul Klopsch. Göpp. 1988, S. 345–358. – Christoph Fasbender: H. B. In: VL Dt. Hum. (grundlegend). Wolfgang Maaz
Bohse, August, auch: Talander, Gustav Hohes, * 2.4.1661 Halle, † 11.8.1742 Liegnitz. – Jurist; Übersetzer, Verfasser von Romanen u. Briefstellern. B. gilt als einer der ersten Autoren, die – zumindest für eine gewisse Zeit – als Berufsschriftsteller lebten. Er stammte aus einer Juristenfamilie. Nach dem Besuch des Hallenser Gymnasiums bezog er im Sommersemester 1679 die Universität Leipzig, in deren Matrikel er bereits im Wintersemester 1667 als 6-Jähriger eingetragen wurde. Dort studierte er, wie anschließend in Jena (Immatrikulation 8.7.1681), Beredsamkeit u. Jura. 1685–1688 lebte er in Hamburg, wo er öffentlich Vorträge über Rhetorik u. Recht hielt. Nach unsteten Jahren in Dresden, Leipzig u. Halle ging er 1691 als Sekretär an den kulturell rührigen Hof in Weißenfels, wo er sich auch als Opernschriftsteller versuchte. Anschließend wanderte er wieder mit Vorträgen über Land (Jena, Erfurt). 1700 wurde er in Jena mit einer Dissertatio inauguralis de iure posthumorum (Jena o. J.) zum Dr. jur. promoviert; 1708 beendete er sein unruhiges Wanderleben u. wurde Professor an der neu gegründeten Ritterakademie in Liegnitz. Um 1700 war er unter dem Pseud. Talander einer der erfolgreichsten Schriftsteller, geriet aber schnell in Vergessenheit. Neben zeitüblichen Gelegenheitsgedichten u. seinen Übersetzungen – wie etwa von Barclays Argenis (Lpz. 1701. 1709), Fénelons Télémaque (Breslau 1700. 1707. 1715. 1722) u., wie einige glauben, von 1001 Nacht – schrieb B. v. a. Briefsteller u. Romane. Mehr
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als ein halbes Hundert Einzelschriften erschienen von ihm, viele dickleibig, ein großer Teil in mehreren Auflagen. Neben Christian Friedrich Hunold, den er anregte, gilt B. als der zweite bedeutende Poet der galanten Periode. Sein unübersichtliches Werk bekommt aus dieser kulturgeschichtl. Zuordnung seine Kontur. In einer Zeit der Umorientierung schrieb er für ein informationsbedürftiges adliges Publikum u. eine aufstiegswillige u. nach Belehrung suchende bürgerl. Leserschaft. Die frz. Hofkultur u. der Salon waren seine u. seiner Leser(innen) Orientierungspunkte; von dort bezog er Vorbild u. Normen, auch wenn damit angesichts der dt. Verhältnisse mehr Illusionen als Realität verbunden waren. Als Verfasser von Briefstellern war er erfolgreich wie niemand sonst. Über eine lange Reihe hin, die mit Der allzeitfertige Brieffsteller (3 Tle., Dresden 1690–94. 71732) begann, entwickelte B. sein in Regeln kodifiziertes u. mit Beispielen u. Vorbildern belegtes Programm. Er sah im Brief ein eigenständiges Genre, das pragmat. Zielen zugeordnet ist: den Schreiber beim Adressaten in ein erfreuliches Licht zu rücken. Es gelte, den Empfänger »zu persuadiren / was er ihnen vorträget / und ihre Affecten also zu gewinnen / damit sie ihm Beyfall geben / und auf seine Seite treten«. Das war das alte Rhetorik-Programm, das unter dem Vorzeichen einer galanten Conduite aufgefrischt wurde: Der (frz.) Konversationston wurde zum Ideal. Hypotaxe, (nach damaligem Gebrauch) kurze Sätze, Abwechslung u. Schicklichkeit in der Wortwahl, Zwanglosigkeit u. Übersichtlichkeit in der Argumentation galten ihm als Ideale. Die demonstrierte Beherrschung eines weitläufigen Konversationsstils betrachtete er als Teil der einnehmenden Botschaft eines jeden Briefs. In der literar. Form schlug sich ein Stück Sozialkontrolle nieder. Ähnlichen Überlegungen entsprangen seine insg. 15 Romane, deren erster (Der Liebe Irregarten) 1684 u. deren letzter (Antonia de Palma) 1709, beide in Leipzig, erschienen. Nach frz. Vorbild passte er die tradierte Romanform den neuen Gegebenheiten an, sorgte für zeitgemäße Unterhaltung u. lieferte zgl. nützl. Handlungsanweisungen. Die
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transzendente Orientierung des Staats- u. Liebesromans wurde von einer innerweltl., »moralischen« Normierung abgelöst, aus Helden wurden Menschen, aus Staatsaktionen wurden Liebesverwicklungen. B. sprengte die Tradition nicht, er passte sie den veränderten Bedürfnissen im sich etablierenden absolutist. Staat an. In seinen Romanen malte er die Verhaltensmuster aus, die die Vertreter des »Politischen« wie Christian Weise u. v. a. Christian Thomasius theoretisch verkündet hatten. Dabei schilderte er aber weniger Vorhandenes, vielmehr webte er am Traumbild einer höf. Gesellschaft, in der sich traditioneller Adel u. durch Verdienst legitimierte Bürgerlichkeit zu einer imaginierten adligen Welt bürgerl. Zuschnitts vereinten. So verwandelte B. die Muster des Barockromans ins Galant-Höfische (Amor an Hofe. 2 Tle., Dresden 1689–1691), ins Galant-Heroische (Die getreue Sklavin Doris. Lpz. 1696) oder zu den Vorformen des nichthöf. galanten Romans (Die Eiffersucht der Verliebten. Lpz. 1689). Trotz B.s großem Erfolg war sein Nachruhm bescheiden. Schon Gottsched u. die Schweizer erwähnten ihn kaum noch. Als sich das galante Programm überlebt hatte, war auch B.s Zeit vorbei. Zwar war er einer der Ersten gewesen, die im Roman die Episodenstruktur durch eine längere Handlungskonstruktion zu ersetzen trachteten, aber er wurde schnell übertroffen. Gellerts kolloquialer Briefstil ersetzte B.s rhetor. Orientierung endgültig. Erst mit der sozialgeschichtl. Ausrichtung der Literaturwissenschaft rückte er wieder etwas stärker ins Licht. Weitere Werke: Liebes-Cabinet der Damen. Lpz. 1685. Neudr. Hildesh. 1980. – Die lebenden Todten welche in dem Herrn entschlaffen, durch unterschiedene Trauer-Reden [...] beehret [...]. Lpz. 1698. – Die liebenswürdige Europäerin Constantine. Ffm./Lpz. 1698. Neudr. Ffm. 1970. – Gründl. Einl. zun Teutschen Briefen. Jena 1700. Jena 31706. Neudr. Kronberg 1974. Ausgaben: Gedichte (Ausw.). In: Neukirch, Tl. 6, S. 87 f., 91, 93. – [Fr. de la Rochefoucauld:] Gemüths-Spiegel [...] aus der frantzösischen in unsrer teutschen Sprache vorgestellet v. Talandern (Lpz. 1699). In: Abgerissene Einfälle. Dt. Aphorismen
Boie des 18. Jh. Hg. Harald Fricke u. Urs Meyer. Mchn. 1998, S. 9–37 u. 233–236 (Ausw.). Literatur: Dünnhaupt 2. Aufl. Bd. 1, S. 713–757 (Bibliogr.). – Frank-Rutger Hausmann: Bibliogr. der dt. Übers.en aus dem Italienischen v. den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. 1 (2 Teilbde.), Tüb. 1992, Nr. [0527], 0909, 1176. – William Jervis Jones: German lexicography in the european context. A descriptive bibliography of printed dictionaries and word lists containing german language (1600–1700). Bln./New York 2000, S. 118–123, Nr. 217–221. – Weitere Titel: Ernst Schubert: A. B. gen. Talander. Breslau 1911. – Frels, S. 32. – Liselotte Brögelmann: Studien zum Erzählstil im ›idealist. Roman‹ v. 1643–1733. Diss. Gött. 1953. – Willi Flemming: A. B. In: NDB. – Reinhard Nikisch: Die Stilprinzipien in den dt. Briefstellern des 17. u. 18. Jh. Gött. 1969. – Heiduk/Neumeister, S. 17, 147, 300 f. – Elisabeth Brewer: The novel of entertainment during the gallant era. A study of the novels of A. B. Bern 1983. – Claudia Nölling: A. B.: Der getreue Hoffmeister adelicher u. bürgerl. Jugend (1703). In: HKJL. Von 1570 bis 1750, Sp. 773–791 u. 1121 f. – Dies.: A. B.: Tugend u. Laster Comoedie (1699), ebd., Sp. 930–941 u. 1122 f. – Elizabeth Bredeck: A. B. In: German Baroque Writers, 1661–1730. Dictionary of Literary Biography 168. Hg. James Hardin. Detroit 1996, S. 51–61. – Olaf Simons: Zum Korpus ›galanter‹ Romane zwischen B. u. Schnabel, Talander u. Gisander. In: Das Werk Johann Gottfried Schnabels u. die Romane u. Diskurse des frühen 18. Jh. Hg. Günter Dammann u. Dirk Sangmeister. Tüb. 2004, S. 1–34. – Florian Gelzer: Nachahmung, Plagiat u. Stil. Zum Roman zwischen Barock u. Aufklärung am Beispiel v. A. B.s ›Amazoninnen aus dem Kloster‹ (1685/96). In: Daphnis 34 (2005), S. 255–286. – Ders.: Konversation, Galanterie u. Abenteuer. Romaneskes Erzählen zwischen Thomasius u. Wieland. Tüb. 2007. Uwe-K. Ketelsen / Red.
Bohuslav Lobkowicz von Hassenstein ! Lobkowicz und Hassenstein, Bohuslaus von Boie, Heinrich Christian, * 19.7.1744 Meldorf/Holstein, † 25.2.1806 Meldorf/ Holstein. – Herausgeber u. Lyriker. B. war der älteste Sohn des aus einer Dithmarscher Familie stammenden Pastors Johann Friedrich Boie u. seiner Frau Engel Katharine, geb. Haberkorn, die einer hess. Gelehrtenfamilie entstammte. B.s Vater, der seit
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1742 Prediger in Meldorf war, zog 1757 mit seiner Familie nach Flensburg, wo er Diakonus an St. Nikolai wurde (1767 Hauptpastor, 1774 Kirchenpropst). Nach dem Besuch der Flensburger Gelehrtenschule begann B. im Sommer 1764 in Jena das Studium der Theologie, wechselte jedoch kurz darauf zur Rechtswissenschaft. Die Liebe zur schöngeistigen Literatur, die sich bereits in der Schulzeit gezeigt hatte, wurde nun ein bestimmendes Element in seinem Leben: Er las engl. Schauspiele, übersetzte u. bearbeitete einige von ihnen u. verfasste – vorwiegend nach frz. Mustern – eigene Gedichte. Schon während seiner Studienzeit knüpfte er erste literar. Kontakte, so zu Gellert u. Johann Georg Jacobi. Im Herbst 1767 kehrte B. nach Flensburg zurück. Auf der Reise dorthin besuchte er in Halle Christian August Klotz, in Halberstadt Gleim, den er kurz zuvor in Leipzig kennengelernt hatte, in Braunschweig u. a. Eschenburg u. Zachariä, in Hamburg Basedow u. Lessing, mit dem er später noch wiederholt in Braunschweig u. Wolfenbüttel zusammentraf. Im April 1769 ging er nach Göttingen, um das jurist. Studium fortzusetzen. Während er als Hofmeister seinen Unterhalt verdiente, widmete er sich dort jedoch in erster Linie seinen literar. Neigungen. Noch 1769 gründete B. zusammen mit Friedrich Wilhelm Gotter – angeregt durch den seit 1765 erscheinenden frz. »Almanach des Muses« – einen dt. Musenalmanach, der alljährlich eine Reihe von Gedichten in einer »Poetischen Blumenlese« sammeln u. dem Publikum so einen Überblick über die Lyrik der Zeit vermitteln sollte. Unterstützung erhielten die beiden Initiatoren hierbei von Abraham Gotthelf Kästner, der neben Christian Gottlob Heyne u. Lichtenberg zu den Göttinger Professoren zählte, mit denen B. privat verkehrte, u. der dessen poet. Ambitionen wohlwollend beurteilte. Der erste Jahrgang des »Musenalmanachs«, der neben Beiträgen der Herausgeber u. a. Gedichte von Klopstock, Gleim u. Kästner enthält, erschien 1770. Nach Gotters Weggang aus Göttingen gab B. fünf weitere Jahrgänge (1771–1775) allein heraus, wobei er die Redaktion des letzten Johann Heinrich Voß übertrug. His-
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tor. Bedeutung erlangte der Almanach dadurch, dass B. ihn sehr bald auch der Lyrik neuen Stils öffnete u. somit zu einem gewichtigen Organ für eine neue literar. Entwicklung machte. Bereits in den Jahrgängen 1772/73 ist die Lyrik der jungen Dichter Bürger, Claudius, Herder, Voß u. a. repräsentativ neben der älteren aufklärerischen u. anakreont. Poesie vertreten. Die Almanache für 1774 u. 1775 wurden dann zu einem Forum für die jüngere Dichtergeneration, bes. für den »Göttinger Hain«: Unter ihren Beiträgern befinden sich – namentlich genannt oder chiffriert – fast alle »modernen« Lyriker der Zeit, darunter auch Goethe mit mehreren Gedichten. Im Frühjahr 1771 war B. mit einigen in Göttingen lebenden jungen Dichtern in engere Beziehung getreten. Von den eigenen poet. Fähigkeiten inzwischen weniger überzeugt, sah er seine Aufgabe mehr u. mehr darin, heranwachsenden Talenten durch Anregung u. krit. Urteil fördernd zur Seite zu stehen. Er befreundete sich mit Bürger u. lernte Ludwig Christoph Heinrich Hölty, Johann Martin Miller u. Johann Friedrich Hahn kennen. »Wir bekommen nachgerade hier einen Parnassum in nuce«, schrieb er an Knebel (30.1.1772). »Ich suche das Völkchen zu vereinigen.« Im Frühjahr 1772 kamen Carl Friedrich Cramer u. – durch Vermittlung B.s – Voß nach Göttingen, die sich dem Kreis anschlossen. Durch Voß u. einige seiner engeren Freunde erfolgte im Sept. 1772 die feierl. Stiftung des »Göttinger Hainbundes«. B. erhielt als »Werdomar« (so heißt der Führer des Bardenchors in Klopstocks Hermanns Schlacht) eine Ehrenstelle in dieser Dichtervereinigung. Den als Vorbild verehrten Klopstock, zu dem die Ende 1772 nach Göttingen gekommenen Brüder Stolberg den Kontakt hergestellt hatten, besuchte B. im Winter 1773/74 in Hamburg u. überbrachte anschließend den Göttinger Freunden dessen Absichtserklärung, dem Bund beizutreten. B. hatte mit Klopstock, der zeit seines Lebens sein literar. Idol blieb, schon vorher in Verbindung gestanden, indem er als dessen »Premierminister« (Klopstock an Ebert, 30.6.1773) tatkräftige Hilfe bei der Subskri-
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bentensammlung für die Gelehrtenrepublik geleistet hatte. Auf Reisen erweiterte B. den Kreis seiner literar. Bekanntschaften u. damit oft auch den der Almanach-Beiträger. In Berlin lernte er im Winter 1769/70 u. a. Ramler, Anna Luisa Karsch, Moses Mendelssohn u. Nicolai kennen, in Potsdam Knebel. Im Frühjahr 1770 traf er in Erfurt mit Wieland zusammen, mit dem er trotz gelegentl. Verstimmungen in stetigem Kontakt blieb, u. ein Jahr später in Braunschweig mit Johann Arnold Ebert u. Carl Christian Gärtner. In Göttingen begegnete ihm mehrfach Herder, der ihm für viele Jahre ein enger Freund wurde. 1774 sah B. in Düsseldorf die Brüder Jacobi, in Ehrenbreitstein Sophie von La Roche, in Darmstadt Johann Heinrich Merck u. in Frankfurt erstmals Goethe, der ihm seinen Urfaust vorlas. Nach B.s Niederlegung der Redaktion des Musenalmanachs, die u. a. mit seiner inneren Distanzierung von dem zunehmenden programmat. Radikalismus der Hain-Dichter zusammenhing, kam es zu einer Spaltung des Unternehmens: B.s künftiger Schwager Voß, von ihm zum Nachfolger bestimmt, trennte sich von dem Verleger Dieterich u. gab ab 1776 einen Musenalmach in Hamburg heraus, während der Göttinger Almanach zunächst von Goeckingk, ab 1779 von Bürger u. ab 1795 von Karl Reinhard weitergeführt wurde. B. seinerseits begann gemeinsam mit Christian Conrad Wilhelm Dohm die Herausgabe einer Monatsschrift vorzubereiten, deren Ziel er in der »Ausbreitung des deutschen Geistes und Kenntniß und Verbindung wahrer Deutscher unter einander« sah (B. an Voß, 27.8.1775). Sie erschien ab Jan. 1776 u. d. T. »Deutsches Museum« u. wurde – bis Juli 1778 von B. u. Dohm, danach bis Dez. 1788 von B. allein herausgegeben – eines der wichtigsten Organe in der Geschichte des dt. Zeitschriftenwesens. B. konnte für diese Zeitschrift, die auf alle Gebiete des Wissens gerichtet war, aufgrund seiner weitreichenden persönl. Beziehungen einen großen Mitarbeiterkreis gewinnen. Zu ihren literar. Beiträgern gehörten neben den früheren Hainbündlern u. a. Klopstock, Bürger, Hamann, Lichtenberg, Herder, Goethe, Lenz, Klinger, Friedrich Heinrich Jacobi u. August
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Wilhelm Schlegel. Nach der durch den Verleger Weygand herbeigeführten Einstellung des »Deutschen Museums« machte B. im Juli 1789 bei Göschen einen Fortsetzungsversuch mit dem »Neuen Deutschen Museum«, das jedoch nicht über Juni 1791 hinausgelangte. Im Dez. 1775 erhielt B. die Stelle des zweiten Stabssekretärs bei der hannoverschen Armee, um die er sich zur Erlangung eines festen Einkommens – das ihm das »Museum« nicht bieten konnte – beworben hatte. Er übersiedelte Anfang 1776 nach Hannover, wo er fünf Jahre in der militär. Verwaltung tätig war. Von den alten Freunden traf er dort zunächst Hölty u. Johann Anton Leisewitz an, der noch 1774 als Letzter dem Hainbund beigetreten war. Während er in den Familien von Johann Christian Kestner (vgl. Goethe) u. Georg Brandes verkehrte, lernte er im Herbst 1776 Luise Mejer kennen, die bald seine engste Freundin u. über Jahre seine vertrauteste Briefpartnerin wurde. Eine weitere intensive Freundschaft entwickelte sich zu dem Arzt Johann Georg Zimmermann. Als Besucher stellten sich Bürger, Claudius u. Anton Matthias Sprickmann ein. Im Sommer 1779 war B. ausgiebig mit den Brüdern Stolberg zusammen, auf deren Wunsch er Ende des Jahres eine erste Sammlung ihrer Gedichte herausgab (Lpz. 1779). 1780 lernte B. in Kopenhagen den dän. Minister Andreas Peter Graf von Bernstorff, Schwager der Brüder Stolberg, kennen, der sich für seine berufl. Pläne einsetzte. Im Jan. 1781 erhielt er – trotz des unterdessen erfolgten Sturzes von Bernstorff – die Stelle des Landvogts von Süderdithmarschen in Meldorf, die er am 1. Mai antrat u. die mit seiner Ernennung zum dän. Justizrat (1790 Etatsrat) verbunden war. Konfrontiert mit ungewohnten berufl. Problemen (Deichbau, Bodennutzung etc.), litt er in der abgelegenen Kleinstadt zunächst unter der geistigen u. gesellschaftl. Isoliertheit. Freundschaftl. Kontakte zu der Familie des seit 1778 als Landschreiber in Meldorf lebenden Carsten Niebuhr sowie regelmäßige Reisen nach Flensburg, zu Klopstock u. anderen Freunden in Norddeutschland brachten eine gewisse Abwechslung in den einförmigen Alltag. 1789–1792 war B. auch mehrfach Gast in
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Emkendorf, einem Schloss des Grafen Friedrich von Reventlow, das zu dieser Zeit ein Zentrum des geistigen Lebens in Holstein war, doch führte der wachsende religiöse Dogmatismus u. polit. Konservativismus sowie die Intoleranz des dortigen Kreises zu einer Lösung der Beziehungen. Im Juni 1785 heiratete B. in Celle die damals 38-jährige Luise Mejer, die bereits ein Jahr später im Kindbett starb. 1788 heiratete er Sara von Hugo, eine Freundin Luises. Der Ehe entstammten vier Kinder, darunter der spätere Jurist u. Ornithologe Friedrich Boie u. der spätere Jurist u. Naturforscher Heinrich Boie. Nach dem Tod seiner ersten Frau begann B. – ermuntert durch Voß – wieder Gedichte zu schreiben, um die Mitte der 1790er Jahre auch mehrere größere Verserzählungen. 1796/97 wurden einige dieser Arbeiten in Voß’ »Musen Almanach« u. in Schillers »Horen« veröffentlicht. Erneut wandte B. sich dem schon 1779 auf Zuraten Bürgers gefassten Plan einer Sammelausgabe seiner Lyrik zu, doch kam er über die Vorbereitungen nicht hinaus. Als einzige Separatveröffentlichung B.s erschienen zwei Jahre vor seinem Tod vier Lieder der Freude (Friedrichstadt 1804) auf die Geburtstage des dän. Königs u. Kronprinzen. B.s entscheidende Leistung für die Literatur liegt in seiner Wirksamkeit als Anreger u. Vermittler. Mit größter Offenheit für die geistigen Strömungen seiner Zeit nahm er als Herausgeber des »Musenalmanachs« u. des »Deutschen Museums« Einfluss auf das literar. Schaffen in der zweiten Hälfte des 18. Jh. Er stand in Verbindung mit den älteren Dichtern der Aufklärung, entdeckte u. förderte Begabungen in der jüngeren Generation u. knüpfte Beziehungen der Schaffenden untereinander. Als Dichter war er ohne bes. Originalität; seine zahlreichen lyrischen u. epigrammat. Produktionen, vielfach nach frz. u. engl. Vorbildern gearbeitet, bleiben konventionell. Als Beurteiler, Berater u. Redakteur war er dagegen aufgeschlossen für alle Richtungen, unparteiisch, distanziert u. stets von hohem Verantwortungsbewusstsein. Hierauf beruhte zwei Jahrzehnte lang B.s Ansehen in der literar. Welt – von den Göttinger Jahren, als Gleim ihn den »Intendan-
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ten auf dem deutschen Parnaß« nannte (an Knebel, 13.10.1772), bis zum »Tode des Museums« (B. an Luise von Pestel, 21.8.1791), mit dem B. sich aus dem öffentlichen literar. Leben zurückzog. Besondere Bedeutung ist B. als – zeitlebens überaus eifrigem – Briefschreiber zuzusprechen. Seine persönl. Bekanntschaft mit nahezu allen wichtigen Vertretern des literar. Lebens seiner Zeit führte zu einer Korrespondenz, deren Umfang selbst im »Jahrhundert des Briefes« als außergewöhnlich zu bezeichnen ist. Während ein großer Teil von B.s Briefen unpubliziert oder nur in verstreuten Drucken zugänglich ist, liegt in seinem 1961 erstmals veröffentlichten Briefwechsel mit Luise Mejer ein kulturgeschichtl. Dokument ersten Ranges vor, in dem der Briefschreiber B. sich einerseits als gefühlvoll-schwärmerischer Freund u. Liebender, andererseits als distanzierter, besonnener Rationalist zeigt. Dieser Briefwechsel spiegelt somit wesentliche Züge sowohl empfindsamer als auch aufklärerischer Geisteshaltung wider. Weitere Werke: Gedichte: Verstreut ersch. in verschiedenen Ztschr.en. – Ausw. in: Karl Weinhold: H. C. B. Halle 1868, S. 282–373. – H. C. B. [Gedichte.] In: Lyriker u. Epiker der klass. Periode. Tl. 1 (Dt. National-Lit. 135, 1). Hg. Max Mendheim. Stgt. o. J. [1883], S. 30–41. – Übersetzungen: Richard Chandler: Reisen in Klein-Asien. Lpz. 1776. – Ders.: Reisen in Griechenland. Lpz. 1777. – Briefe: [Briefw. B.s mit Bürger.] In: Briefe v. u. an Gottfried August Bürger. Hg. Adolf Strodtmann. Bd. 1–4, Bln. 1874. – Briefe an H. C. B. In: Mitt.en aus dem Litteraturarchive in Berlin 3 (1901–05), S. 237–394. – [10 Briefe B.s an Christian u. Friedrich Leopold Stolberg.] In: Efterladte Papirer fra den Reventlowske Familiekreds. Udgivne ved Louis Bobé. Bd. 8, Kopenhagen 1917, S. 3–38. – Ich war wohl klug, daß ich dich fand. H. C. B.s Briefw. mit Luise Mejer 1777–85. Hg. Ilse Schreiber. Mchn. 1961. 2 1963. Neudr. 1975. – H. C. B.: Briefe aus Berlin 1769/70, in Verb. mit dem DLA hg. v. Gerhard Hay. Hildesh. 1970. – 11 Briefe v. H. C. B. u. Luise Mejer an Sophie La Roche (1779–88). Mitgeteilt v. Ursula Schulz. In: Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung 3 (1976), S. 67–99. – [Briefw. B.s mit Klopstock.] In: Friedrich Gottlieb Klopstock: Werke u. Briefe. Abt. 2, Bd. 6–8; 11. Hg. Annette Lüchow u. Helmut Riege. Bln. 1982–2007. – [24 Briefe B.s an Herder.] In: Briefe literarhist. Inhalts aus Herders Nachl.
65 Hg. Günter Arnold. In: Impulse 10 (1987), S. 274–323; 11 (1988), S. 255–313. – York-Gothart Mix: Der Intendant auf dem dt. Parnaß. 20 unveröffentlichte Briefe v. H. C. B. an Johann Arnold Ebert. In: Lenz-Jb. 2 (1992), S. 185–226. – [Erstdrucke einzelner Briefe B.s.] In: Lichtenberg-Jb. 1992, S. 132–134; 2002, S. 215; 2004, S. 152–154; 175–179; Dithmarschen 2006, S. 60–64. – Dokumente: Ernst Consentius: Aus H. C. B.s Nachl. Textgeschichtl. Mitt.en zu Klopstock, Lessing, Herder, Gerstenberg, Voß u. a. In: ZfdPh 48 (1920), S. 389–433; 49 (1923), S. 57–78, 195–229. – H. C. B.: Stammbuch. Hg. Wolfgang Vulpius, mit Ergänzungen v. Ursula Schulz. In: Genio huius loci. Hg. Dorothea Kühn u. Bernhard Zeller. Wien 1982, S. 33–78. – Kornelia Küchmeister: Der Familiennachl. B.-Voß in der Schleswig-Holstein. Landesbibl. Kiel. In: Johann Heinrich Voß. Beiträge zum Eutiner Symposium im Okt. 1994. Hg. Frank Baudach u. Günter Häntzschel. Eutin 1997, S. 295–305. Literatur: Karl Weinhold: H. C. B. Halle 1868. Neudr. Amsterd. 1970 (Zusätze u. Berichtigungen in: ZfdPh 1, 1869, S. 378–388). – Walther Hofstaetter: Das Dt. Museum (1776–88) u. das Neue Dt. Museum (1789–91). Lpz. 1908. – Hans Grantzow: Gesch. des Göttinger u. des Vossischen Musenalmanachs. Bln. 1909. Neudr. Bern 1970. – Alexander Ritter: Gelehrter Mentor für bürgerl. Lektürekultur in der ländl. Kleinstadt. H. C. B. u. die Lesegesellsch. in Meldorf/Holstein. In: Lesen u. Schreiben im 17. u. 18. Jh. Hg. Paul Goetsch. Tüb. 1994, S. 135–149. – H. C. B. Literat u. Landvogt. Hg. Wolf D. Könenkamp. Heide 1995. – Urs Schmidt-Tollgreve: H. C. B. Leben u. Werk. Husum 2004. Helmut Riege
Boie, Kirsten, * 19.3.1950 Hamburg. – Kinder- u. Jugendbuchautorin. B. studierte Germanistik, Anglistik u. Philosophie in Hamburg u. Southampton. Nach ihrer Promotion (1977, mit einer Arbeit über Brecht) arbeitete sie als Lehrerin. Den Lehrerberuf musste sie nach der Adoption zweier Kinder 1983 u. 1985 aufgeben. B. arbeitet seit 1985 als freie Autorin in Barsbüttel (Schleswig-Holstein), im Wintersemester 2006/07 hatte sie die Poetikprofessur an der Universität Oldenburg inne. B. ist eine der renommiertesten Kinderbuchautorinnen. Bereits ihr erstes Buch Paule ist ein Glücksgriff (Hbg. 1985 u. ö. Zuletzt Mchn. 2005), das die Geschichte eines farbi-
Boie
gen Adoptivkinds erzählt, war ein großer Erfolg u. wurde für mehrere Literaturpreise nominiert. Das mehr als 80 Bücher umfassende Werk wendet sich an alle Altersgruppen. Direkt u. ehrlich erzählen die Bücher für jüngere Kinder von ihrer Lebenswelt. Genauso treffend schreibt B. für Zwölfjährige. Nicht Chicago. Nicht hier (Hbg. 1999. Mchn. 9 2005) ist ein beklemmendes Buch über Mobbing in der Schule, das nicht nur durch erschreckend realistisch geschilderte Handlung, sondern auch durch seinen anspruchsvollen Stil beeindruckt. Die Kritik feiert B. als Nachfolgerin von Astrid Lindgren, weil ihre Bücher keine Massenware sind, sondern sowohl durch eingängige Handlung u. liebevolle Gestaltung als auch durch Anspruch überzeugen. B. schreibt außerdem Fernsehdrehbücher u. setzt sich in Aufsätzen wissenschaftlich mit dem Thema Kinderliteratur auseinander. Nach mehreren Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis wurde B. 2007 der Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr Lebenswerk verliehen. Weitere Werke: Heinzler mögen saure Gurken. Hbg. 1986. – King-Kong, das Reiseschwein. Hbg. 1989. 22003. – Der kleine Pirat. Hbg. 1992. 32000. – Ich ganz cool. Hbg. 1992. 22001 u. ö. – Sophies schlimme Briefe. Hbg. 1995. Mchn. 2000. 32002. – Ein Hund spricht doch nicht mit jedem. Hbg. 1996. – Man darf mit dem Glück nicht drängelig sein. Hbg. 1997. Ffm. 2005. – Wir Kinder aus dem Möwenweg. Hbg. 2000. Mchn. 2006. – Lena fährt auf Klassenreise. Hbg. 2004. Mchn. 2008. – Die Medlevinger. Hbg. 2004. – Der kleine Ritter Trenk. Hbg. 2006. 22007. – Aufsätze: So viel Größenwahn muss sein! Kann Kinderlit. die Welt verändern? In: 1000 u. 1 Buch (2003), S. 15–20. – Realismus im Kinderbuch. In: Blickpunkt Autor. Hg. Kurt Franz. Hohengehren 1996, S. 13–25. Literatur: Eva-Susanne Bertrand-Rettig: Les enfants et l’enfance dans la littérature de jeunesse contemporaine à visée réaliste de langue allemande et française. Une étude de quatre œuvres représentatives; Christine Nöstlinger, K. B., Marie-Aude Murail et Brigitte Smadja. Diss. Clermont-Ferrand 1995. – Hannelore Daubert: K. B. In: LGL. Melanie Kronenberg
Boisserée
Boisserée, Melchior (Herman Joseph Georg), * 23.4.1786 Köln, † 14.5.1851 Bonn; Grabstätte: ebd., Alter Friedhof; Boisserée, (Johann) Sulpiz (Melchior Dominikus), * 2.8.1783 Köln, † 2.5.1854 Bonn; Grabstätte: ebd., Alter Friedhof. – Kunstschriftsteller u. -sammler. Die Brüder B. waren Söhne von Nicolas Boisserée, der aus Stockem bei Maastricht stammte, den Adel abgelegt hatte u. Handelsherr (Großkaufmann) in Köln war. Sulpiz, der ältere u. später einflussreichere der beiden, sollte ebenfalls Kaufmann werden u. ging 1798 in eine Lehre nach Hamburg, kehrte aber schon im nächsten Jahr wieder zurück. Von seinem älteren Freund Johann Baptist Bertram beeinflusst, widmete er sich überwiegend ästhet. u. kunsthistor. Studien. 1803 reiste er mit seinem Bruder nach Holland, um dort gotische Kunstschätze zu studieren, dann mit ihm u. Bertram nach Paris. Melchior arbeitete seit dieser Zeit gemeinsam mit Sulpiz. In Paris schlossen die Brüder Bekanntschaft mit Friedrich Schlegel, was für beide Seiten große Bedeutung hatte. Schlegel hielt ihnen mehrere private Vorlesungen, die damals seine Haupteinnahmequelle waren. Sulpiz, der von Georg Forsters enthusiastischer Schilderung des Kölner Doms in dessen Ansichten vom Niederrhein (1791) beeinflusst war, vermittelte Schlegel ein neues Verständnis der gotischen Baukunst. 1804 zog Schlegel mit den Brüdern nach Köln; die Reise über Cambrai, Brüssel, Löwen u. Aachen schlug sich in seinen 1806 publizierten Briefen auf einer Reise durch die Niederlande [...] nieder. Ab 1804 begann in Köln die für die Kunstgeschichte bedeutsame Tätigkeit der Brüder B. Systematisch sammelten sie die nach der Säkularisation von 1803 aus Kirchenbesitz wahllos verstreuten Gemälde. Ihre Galerie mit Erwerbungen aus den Niederlanden, dem Rheinland, Franken u. Schwaben umfasste schließlich über 200 Bilder vom ausgehenden 13. bis zum Ende des 16. Jh., darunter etliche große Meister wie van der Weyden, van Eyck, Altdorfer u. Dürer.
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1810 siedelten die Brüder mit ihrer Galerie nach Heidelberg über; eine Attraktion für zahlreiche Besucher, denen die Bildersammlung im Sinne eines dt.-romant. Kunstbegriffs den Rückgriff auf die eigene Vergangenheit bedeutete. Eingang in die Literatur fand sie u. a. durch Beschreibungen in Schlegels »Deutschem Museum« (1812) u. Goethes »Über Kunst und Altertum« (1816). 1819 siedelten die B.s nach Stuttgart über, wo sie ihre Galerie erstmals der Öffentlichkeit zugänglich machten. 1827 erwarb sie König Ludwig I. von Bayern für 120.000 Taler, zunächst für Schloss Schleißheim, später kam sie größtenteils in die Alte Pinakothek in München. Die bayer. Hauptstadt wurde auch Wohnsitz der Brüder, die nun in enge Verbindung mit Görres u. Brentano kamen. 1835 zum bayer. Oberbaurat u. Generalkonservator ernannt, nahm Sulpiz bereits 1836 aus Gesundheitsgründen seinen Abschied u. hielt sich längere Zeit in Südfrankreich u. Italien auf. 1845 wurde er preuß. Geheimer Hofrat, u. die Brüder ließen sich in Bonn nieder. Sulpiz hat auch Wesentliches zu der 1842 erfolgten Grundsteinlegung zur Vollendung des Kölner Doms beigetragen. Ab 1822 veröffentlichte er die Ansichten, Risse und einzelnen Theile des Doms zu Köln (4 Lfg.en, Stgt. 1822–31), ein Prachtwerk, das mit gewaltigem Aufwand teilweise eigens in Paris hergestellt wurde; daneben besorgte er noch eine histor. Darstellung: Geschichte und Beschreibung des Doms von Köln (Stgt. 1823). Melchior, der sich für die Wiederbelebung der Glasmalerei eingesetzt hatte, hinterließ seine Sammlung alter Glasbilder der Stadt Köln. Für die Literaturgeschichte bedeutsam war Sulpiz auch durch seine Freundschaft mit Goethe. Auf Vermittlung des gemeinsamen Bekannten Karl Friedrich von Reinhard wandte er sich 1810 an Goethe. Obwohl Sulpiz als Schüler des inzwischen zum Katholizismus konvertierten Friedrich Schlegel mit großem Misstrauen empfangen wurde, gelang es ihm bei seinem ersten Besuch in Weimar, 1811, Goethes Bedenken zu zerstreuen. Es entstand eine Freundschaft, die Goethe 1814 u. 1815 nach Heidelberg u. in die B.’sche Gemäldesammlung, später auch Sulpiz häufiger nach Weimar führte. Goethe
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Bokemeyer
beauftragte ihn 1825/1826 damit, die Ver- 1996, S. 117–142. – Peter-Henning Haischer: Ruihandlungen zu seiner Ausgabe letzter Hand mit ne oder Monument? Goethes Lebenswerk im Spieden Verlegern, insbes. Cotta, zu führen. Auf- gel seiner Gotik-Studien. In: GoetheJb 122 (2005), grund der hohen finanziellen Erwartungen u. S. 215–229. Karlheinz Schulz / Red. der vielen Bedenken des Dichters sollten sich diese als recht mühsam erweisen. Sulpiz’ Tagebücher (Tagebücher 1808–1854. Hg. Hans-J. Bokemeyer, Heinrich, * März 1679 ImWeitz. 5 Bde., Darmst. 1978–95), in denen mensen bei Lehrte, † 7.11.1751 Wolfenseine Beziehung zu Goethe einen Schwer- büttel. – Kantor, Musiktheoretiker, punkt bildet, nehmen sowohl als literarhi- Sammler kirchenmusikalischer Werke; stor. Quelle wie als kunst- u. kulturge- Lyriker. schichtliches Dokument einen bedeutenden B. besuchte in Braunschweig 1693–1699 die Rang ein. St. Martins- u. die St. Catharinenschule. Er Weitere Werke: S. B.s Briefw. nebst Aufzeich- studierte 1702–1704 in Helmstedt Metaphynungen [...]. Hg. Mathilde Boisserée. 2 Bde., Stgt. sik, Logik, Naturrecht u. Theologie. Am 1861/62 (Bd. 2: Briefw. mit Goethe). 2.4.1704 wurde er zum Kantor an St. Martin Literatur: Oscar Seiler: Die Brüder B. in ihrem zu Braunschweig ernannt, 1712 Kantor in Verhältnis zu den Brüdern Schlegel. Diss. Zürich Husum, 1717 an der Fürstlichen Schule zu 1915. – Eduard Firmenich-Richartz: S. u. M. B. als Wolfenbüttel Stellvertreter des Kantors JoKunstsammler. Jena 1916. – Richard Benz: Goethe hann Jakob Bendeler, dessen Amt er 1720 u. die romant. Kunst. Mchn. o. J. [1940], übernahm u. bis zu seinem Tod bekleidete. S. 191–254. – Georg Poensgen: Die Begegnung mit Für die Literatur ist B. durch seine dt. Geder Slg. B. in Heidelb. In: Goethe u. Heidelb. Heidelb. 1949, S. 145–184. – Ernst Beutler: Die B.- dichte von Bedeutung, von denen er eine Gespräche v. 1815 u. die Entstehung des Gingo- Anzahl in einigen unter dem Menantesbiloba-Gedichtes (1940). In: Ders.: Essays um Pseudonym erschienenen Werken Christian Goethe. Zürich 1941. 71980, S. 360–390. – Gottlieb Friedrich Hunolds (z.B. Galante, verliebte und Leinz: Ludwig I. u. die Gotik. In: Ztschr. für satyrische Gedichte. 2 Tle., Hbg. 1704 u. ö.), Kunstgesch. 44 (1981), S. 399–443. – Gisela Gold- aber auch in Christian Friedrich Weichmanns berg: History of the B. Collection. In: Apollo 116 Poesie der Nieder-Sachsen (Hbg. 1721–38) un(1982), S. 210–113. – Werner Fleischhauer: Die B. terbrachte. Die Musik verdankt ihm eine in Stuttgart. In: Ztschr. für Württemberg. Landesunersetzliche, etwa 150 Bände umfassende gesch. 45 (1986), S. 229–283. – Annemarie GethSammlung musikalischer Werke des 17. u. mann-Siefert: Die Slg. B. in Heidelberg. Anspruch u. Wirkung. In: Heidelberg im säkularen Um- 18. Jh. bruch. Traditionsbewußtsein u. Kulturpolitik um 1800. Hg. Friedrich Strack. Stgt. 1987, S. 394 ff. – Doris u. F. Strack: Kunst u. Kunstgesch. in Wechselwirkung. Ein unbekanntes Ms. S. B.s zur altdt. Malerei. In: JbFDH 1989, S. 156–201. – Eva Schulz: Das Museum als wiss. Institution. Neue Ideen u. tradierte Vorstellungen am Beispiel der Slg. B. In: Wallraf-Richartz Jb. 1990, S. 285–317. – Claudia Pala: Riflessioni sull’arte del teorico e collezionista S. B. In: Collezionismo e ideologia. Mecenati, artisti e teorici dal classico al neoclassico. Hg. Elisa Debenedetti. Rom 1991, S. 285–305. – Annemarie Gethmann-Siefert u. Otto Pöggeler (Hg.): Kunst als Kulturgut. Die Bilderslg. der Brüder B. Bonn 1995. – Uwe Heckmann: ›Um dem Geschmack zu erstatten, was der Frömmigkeit entrissen wurde.‹ Die Slg. B. u. ihre Konzeption zwischen sichtbarer Kunstgesch. u. neuem Er-Lebensraum. In: Historismus u. Moderne. Hg. Harald Tausch. Würzb.
Weitere Werke: Gespräch zwischen Orthodoxo u. Alethophilo v. Ketzern u. ketzerischen Schr.en. o. O. u. J. (auch Wolfenb. 1712). Literatur: Johann Christoph Dommerich: Memoria [...] Henrici Bokemeyeri [...]. Wolfenb. 1752. – v. Dommer: H. B. In: ADB. – Werner Wolffheim: Eine Kollegankündigung des Kantors H. B. In: Gedenkboek aangeboden aan Dr. Daniel François Scheurleer. ’s-Gravenhage 1925. – Harald Kümmerling: Kat. der Slg. B. Kassel 1970. – Christian Friedrich Weichmanns Poesie der Nieder-Sachsen. Hbg. 1721–38. Neuausg. hg. v. Christoph Perels, Jürgen Rathje u. Jürgen Stenzel. Nachweise u. Register. Wolfenb. 1983, S. 56–58. – Fritz Stein: H. B. In: NDB. – Werner Braun: Dt. Musiktheorie des 15. bis 17. Jh. Von Calvisius bis Mattheson. Darmst. 1994, passim. – Peter Wollny: Zwischen Hamburg, Gottorf u. Wolfenbüttel. Neue Ermittlungen zur Entstehung der ›Sammlung Bokemeyer‹. In:
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Schütz-Jb. 20 (1998), S. 59–77. – Wolfgang Hirschmann in: MGG 2. Aufl. Bd. 3, Sp. 289–293, mit Werkverz. u. Lit. – George J. Buelow in: The New Grove 2. Aufl. Bd. 3, S. 815 f.
Boldt, Paul, * 31.12.1885 Christfelde, Kreis Schwetz/Westpreußen, † 16.3.1921 Freiburg i. Br. – Lyriker.
Jürgen Rathje / Red.
B. besuchte in Schwetz, wo seine Eltern einen Gutshof besaßen, das Gymnasium u. machte hier 1906 das Abitur. Anschließend studierte er Germanistik u. Kunstgeschichte in München u. Marburg, ab 1908 in Berlin. Dort beendete er 1913 sein Studium ohne Examen. Ab 1912 veröffentlichte B. Gedichte in der expressionist. Zeitschrift »Die Aktion«, in der nahezu sein gesamtes Werk erschienen ist. B. verkehrte im Kreis der Berliner Frühexpressionisten, wo er aber ein Einzelgänger blieb. Er trat mehrfach bei öffentl. Veranstaltungen literarischer Cabarets (»Gnu«, »Die feindlichen Brüder«) u. bei Autorenabenden der »Aktion« auf. 1914 veröffentlichte B. sein einziges Buch, den Lyrikband Junge Pferde! Junge Pferde!, der in der Reihe »Der jüngste Tag« (Bd. 11) bei Kurt Wolff in Leipzig erschien. 1915 wurde B. zur preuß. Armee eingezogen, doch bereits 1916 wegen eines Nervenleidens wieder entlassen. Im Lauf des Ersten Weltkriegs ging B.s literar. Produktion immer mehr zurück. 1918 versiegte sie völlig. In diesem Jahr begann er ein Medizinstudium in Berlin, das er 1919 in Freiburg i. Br. fortsetzte. Dort starb er 1921 an den Folgen einer Operation. B. ist einer jener Dichter, deren Name mit einem einzigen Gedicht verbunden ist. Seine Jungen Pferde erschienen Ende 1912 in der »Aktion« u. wurden von der Generation der Frühexpressionisten als Ausdruck ihres Lebensgefühls sofort begeistert aufgenommen. Wie kein zweites Werk dieser Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gibt Junge Pferde die Stimmung des Aufbruchs, der vitalistischen Lebensgier wieder. Dass dies in Bildern der Natur geschieht, ist bezeichnend für B.s ganzes, fast ausschließlich lyrisches Werk. Darin finden sich neben der expressionist. Naturlyrik Gedichte mit Motiven aus der Großstadt Berlin, v. a. aber thematisiert B. immer wieder die ambivalente Erfahrung von Sexualität: ihre lebenssteigernde Wirkung, aber auch die fatale Abhängigkeit von ihr. Unter Bevorzugung traditioneller Formen kommt es dabei häufig zu einer für B. cha-
Bolanden, Konrad von, eigentl.: Joseph Eduard Konrad Bischoff, * 9.8.1828 Niedergailbach/Rheinpfalz, † 30.5.1920 Speyer. – Erzähler u. Publizist. Im Alter von 13 Jahren bezog B. das Bischöfliche Konvikt in Speyer, 1849 trat er ein Studium der Theologie in München an. Nach der Priesterweihe 1852 wurde B. Domkaplan in Speyer, bald darauf Pfarradministrator in Kirchheimbolanden. 1856–1869 wirkte er als Pfarrer in Börrstadt u. Berghausen. Mit der erklärten Absicht, »das Volk durch historische Romane und Novellen über die Geschichtslügen aufzuklären«, ergriff B. im Vorfeld des Kulturkampfes Partei für den orthodoxen Katholizismus. Sein Erstlingswerk, Eine Brautfahrt (Regensb. 1857), stellt die Reformationsbewegung als moralisch verworfene Rebellion dar. B.s tendenziöse Prosa u. die vehemente Polemik seiner Pamphlete veranlassten 1869 selbst seinen Dienstherrn, den Bischof von Speyer, zu einer Rüge. B. trat vom geistl. Stand zurück. Als Privatmann, von Papst Pius IX. 1872 zu seinem Wirklichen Geheimen Kammerherrn berufen, lebte er bis zu seinem Tod in Speyer. Seine kath. Kampfschriften mit pfälz. Kolorit wurden in 14 Sprachen übersetzt. Gegen Ende des 19. Jh. konnte sich B. einer großen Lesergemeinde in weiten Teilen Europas u. in den USA erfreuen. Weitere Werke: Die Aufgeklärten. Mainz 1864 (R.). – Gustav Adolph. 3 Bde., Mainz 1867–71 (R.). – Kelle u. Kreuz. Mainz 1871 (E.). – Die Mageren u. die Fetten. Regensb. 1872 (E.). – Die Reichsfeinde. 2 Bde., Mainz 1874 (R.). – Kelle u. Kreuz. Die Bartholomäusnacht. 2 Bde., Mainz 1879 (R.). – Die Volksverderber. Mainz 1896 (E.). – Satan bei der Arbeit. Heiligenstadt 1908 (Ess.). Literatur: Lorenz Wingerter: K. v. B. In: NDB. – Viktor Carl: Lexikon der Pfälzer Persönlichkeiten. Edenkoben 21998. Volker Busch / Red.
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Bollinger
rakteristischen Vermischung der verschiedenen Themen- u. Bildbereiche.
schen Akademie für Kinder- u. Jugendbuchliteratur e.V. Volkach für sein Gesamtwerk.
Ausgabe: Junge Pferde! Junge Pferde! Das Gesamtwerk. Hg. Wolfgang Minaty. Olten/Freib. i. Br. 1979. Literatur: Wolfgang Minaty: P. B. u. die ›Jungen Pferde‹ des Expressionismus. Stgt. 1976. – Eberhard Scheiffele: ›Knappe, statuarische, eisklare Sinnlichkeit‹: Zum bildhaften Ausdruck in den Gedichten P. B.s. In: GRM 27 (1977), S. 76–87. – Eckhard Faul: Diese Leichtigkeit. P. B.s ›Junge Pferde‹. In: ›Wir wissen ja nicht, was gilt‹. Interpr.en zur deutschsprachigen Lyrik des 20. Jh. Hg. Reiner Marx u. a. St. Ingbert 1993, S. 25–36. – Eberhard Scheiffele: ›Ihr jugendlichen Sonnen! Fleischern Licht!‹: Junge Frauen in P. B.s Lyrik. In: GRM 51 (2001), S. 419–429. Eckhard Faul / Red.
Weitere Werke: Das Riesenfest u. andere Gesch.n. Aarau 1990. – Jakob, der Gaukler. Zürich 1991. – Ein Sommer mit dreizehn. Freib. i. Br. 1992 (E.en). – Ruth. Bibl. Nacherzählung. Zürich 1994. – Der Drache u. der Hase. Fabeln ganz neu erzählt. Ravensburg 1993. – Kalebs Esel. Eine Weihnachtslegende. Zürich 1994. – Wie Georg den Drachen bezwang. 51 Legenden neu erzählt. Freib. i. Br. 1994. – Hinter den sieben Bergen. Dreimal dreizehn Kindergedichte. Würzb. 1995. – Wichtel. Wenn Zwergenkinder streiken. Zürich 1997. – Das Ravensburger Buch der Bibl. Gesch.n. Ravensburg 1999. 2007. – Der grüne Fuchs. Ein Lesebuch. Feldbrunnen 1999. – Der Weg zur Krippe. Zürich 1999. 32000. – Kater Clemens. Aarau 2000. – Stoppel, Poppel oder Hoppel? Eine Gesch. Zürich 2000. – Ein Stern am Himmel. Niklaus v. der Flüe. Zürich 2000 (Biogr.). – Kleines Glück u. wilde Welt. Bln. 2000. Dominik Müller / Red.
Bolliger, Max, * 23.4.1929 Schwanden/Kt. Glarus. – Lyriker, Kinder- u. Jugendbuchautor. B. ist v. a. als Autor von Kinder- u. Jugendbüchern bekannt geworden, in denen er immer wieder versucht, jungen Lesern die Situation von Außenseitern nahezubringen. Seine Sprache ist einfach u. ausdrucksstark, nie kindertümelnd, weder in den Bilderbüchern für Kinder, kürzeren u. längeren Erzählungen – darunter mehrere Nacherzählungen biblischer Geschichten – noch in den »Lebensbildern« großer Persönlichkeiten für Jugendliche (Was soll nur aus dir werden? Frauenfeld/Stgt. 1977). Während diese Bücher für eine positive Lebenseinstellung werben, beherrscht B.s »Erwachsenenbücher« eine fast schwermütige Stimmung. Gefährdete Liebe, Einsamkeit, Todesahnungen u. Sprachnot sind häufige Themen der Gedichte (Gedichte. Küsnacht bei Zürich 1953. Ausgeschickte Taube. Küsnacht bei Zürich 1958. Schweigen vermehrt um den Schnee. Meilen/Zürich 1969). Die Erzählungen in Verwundbare Kindheit (St. Gallen 1957) skizzieren von Leid überschattete Kindheitsszenen. B. erhielt für sein Werk zahlreiche Auszeichnungen, u. a. 1966 den Deutschen, 1972 den Schweizerischen Jugendbuchpreis, 1991 den Jugendpreis der Deutschen Bischofskonferenz u. 2005 den Großen Preis der Deut-
Bollinger, Ulrich, * 1567 Backnang, † 26.1.1612 Waldenbuch. – Neulateinischer Dichter u. Pädagoge. Der Sohn eines »Diaconus« aus Backnang studierte nach dem Besuch der Stiftsschule Bebenhausen seit 1585 mit Unterstützung seiner einflussreichen Verwandten Nikolaus Varnbühler u. Martin Aichmann in Tübingen Philologie u. Theologie, erwarb dort 1589 den Magistergrad u. wurde wenig später von dem pfälz. Humanisten Paulus Schedius Melissus zum Dichter gekrönt. Um 1594 übernahm er ein Pfarr- u. Schulamt zunächst an der Klosterschule zu Bebenhausen, wo er den späteren Dichter Georg Maickler unterrichtete u. in Verbindung zu dem Alchemisten Oswald Crollius trat, dann im hess. Wetter. 1603 wirkte er als Pastor in Schlaitdorf u. Waldenbuch. Zu B.s Tübinger Lehrern gehörte außer dem Gräzisten Martin Crusius Nikodemus Frischlin, den er im Gefängnis besuchte u. dessen Hebraeis er 1599 u. 1610 herausgab. Neben zahlreichen Kasualgedichten, geistl. oder histor. Poemen u. Beigaben zu Werken anderer legte B. 1597 nach fünfjähriger Arbeit eine lat. Fassung der Evangeliumsparaphrase des Nonnos vor (Nonni paraphrasis evangelica secundum Ioannem. Speyer 1597), die
Bollstatter
aber mit derjenigen Eberhard Hedeneckers nicht zu konkurrieren vermochte. B. zählt zu den Vertretern des luth. Programms einer moralisch integren, von den Obszönitäten antiker Mythologie befreiten Dichtung. Seine Moseis, eine zunächst 4 (Ffm. 1597), später 9 Bücher (Tüb. 1603) umfassende Paraphrase des Exodus-Buches versteht sich als epische Exemplifikation von Luthers Lehre des rechten Bildgebrauchs. Weitere Werke: Panegyrici tres de vita, rebus gestis, et obitu [...] Georgii Principis Würtenb. et Teccii. Tüb. 1603. – Panegyricus de illustrissimis & fortissimis Marchionibus Badens. et Hochburg, Landgrav. Susenberg, Dominis Roetel. et Badowyl. Tüb. 1603. – Elegia de vera antiqua philosophica medicina. In: Oswaldus Crollius: Basilica chymica. Ffm. 1609. 1620. Genf 1631. Lpz. 1634 u. ö. – Encomium Wetterae Athenarum Hassiae. Ebd. – Joseph Aigner: Die poet. Umschreibung des Johanneischen Evangeliums v. U. B. Mchn. 1825, S. 1–235. Literatur: Georg Lucas: Ein christl. Leichpredigt bey der Begräbnuß deß Ehrwürdigen [...] Herrn M. U. B. Tüb. 1612. – Joseph Aigner: Vorw. zu: Die poet. Umschreibung (s. o.), S. III-XXIX. – Wilhelm Kühlmann u. Joachim Telle in: Oswaldus Crollius: Alchemomedizin. Briefe 1585–97. Stgt. 1998, S. 164–166. – Flood, Poets Laureate, Bd. 1, S. 212–214. Ralf Georg Czapla
Bollstatter, Konrad, auch: K. Müller, Molitor oder Mulitor, * um 1425 Öttingen, † 1482 oder später. – Schreiber u. Autor. B., Sohn des Schreibers u. Notars Konrad Müller, war, wie schon sein Vater, Kanzlist der Grafen von Öttingen (1446–1453), deren reicher Bibliothek er wohl den Grundstock seiner Literaturkenntnisse verdankt. Von 1455 bis 1458 hielt er sich zeitweise in Höchstädt/Donau u. auf dem Hohenrechberg auf. Spätestens seit 1466 war er in Augsburg ansässig, wo er bis 1482 nachweisbar ist. Er hat vielleicht eine oder zwei Pilgerreisen ins Heilige Land unternommen. Zu einer Zeit, als Augsburg sich zu einem Zentrum deutschsprachiger Druckproduktion entwickelte, widmete B. sich anscheinend ausschließlich der Herstellung deutscher Handschriften. Bekannt sind jetzt 17 ganz
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oder teilweise von B. geschriebene Codices, ein handschriftlich ergänzter Druck, der bislang als verschollen galt, dazu die Einträge im Öttinger Lehenbuch. Von B. stammt z.T. auch der Buchschmuck (Initialen u. häufig Illustrationen). Nur einen Auftraggeber hat B. namentlich genannt: den Augsburger Bürgermeister Jörg Sulzer (Prager Armenbibel, 1481). B. kopierte ältere Versdichtungen, die neuen Prosatexte der Frühhumanisten, Erbauungs-, Geschichtsliteratur, zuletzt das Berliner Weltgerichtsspiel. Darüber hinaus war er als Sammler, Kompilator, Redaktor u. gelegentlich als Autor tätig. Eine bemerkenswerte Losbücher-Kollektion u. zwei literarhistorisch interessante Spruchsammlungen sind ihm zu verdanken. Dass B. nicht nur die Straßburger Chronik des Jakob Twinger (Druck) u. Sigismund Meisterlins dt. Augsburger Chronik, sondern auch die Sächsische Weltchronik erweitert u. bis in die eigene Gegenwart fortgesetzt hat, weiß man erst neuerdings. Ausgaben: H. Schmidt-Wartenberg: Conrad Vollstatter’s Gedicht v. des Teufel’s Töchtern. In: Journal of Germanic Philology 1 (1897), S. 249–251. – Ein Losbuch K. B.s. Kommentiert v. Karin Schneider. Wiesb. 1978 (Faksimileausg.). – Berliner Weltgerichtsspiel. Augsburger Buch vom Jüngsten Gericht; Ms.germ.fol. 722. Abb. der Hs. Mit Einl. u. Texttranskription hg. v. Ursula Schulze. Göpp. 1991. Literatur: Karin Schneider, a. a. O. (grundlegend). – Elisabeth Grünenwald: Das älteste Lehenbuch der Grafschaft Öttingen. Einl. Öttingen 1975, S. 74–81, Abb. 5–17. – K. Schneider: K. B. In: VL (wichtigste ältere Lit.). – Kurt Gärtner: B.s Spruchslg. In: VL. – Klaus Graf: Exemplar. Gesch.n. Mchn. 1987, S. 192–202 (neue Hss., neuere Lit.). – Gisela Kornrumpf: Chronik u. Roman. In: Der Trojan. Krieg im dt. MA. Hg. Horst Brunner. Wiesb. 1989, S. 457–467 (zu B.s wiedergefundenem Druck). – Johannes Janota u. Werner WilliamsKrapp (Hg.): Literar. Leben in Augsburg während des 15. Jh. Tüb. 1995. – Jürgen Wolf: Die Augsburger Stadt-Weltchronik K. B.s (mit Teilabdr.). In: Ztschr. des Histor. Vereins für Schwaben 87 (1995), S. 13–38. – Ders.: K. B. u. die Augsburger Geschichtsschreibung. Die letzte Schaffensperiode. In: ZfdA 125 (1996), S. 51–86. – Ders.: Augsburger Stadtchroniken des 15. Jh. In: VL (Nachträge u. Korrekturen). Gisela Kornrumpf / Red.
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Boltz, Valentin, * Rufach/Elsass, † 1560 Binzen/Baden. – Übersetzer, Dramatiker u. Fachschriftsteller. B. war 1534 evang. Pfarrer in Alpirsbach (Württemberg), 1535–1539 in Matt/Kt. Glarus, 1539 evang. Diakon in Tübingen, 1540 Prädikant in Schorndorf, 1541 kurze Zeit Pfarrer auf dem Hirzel (Zürich), anschließend Pfarrer in Elm, 1542–1544 in Mollis. 1544–1546 wirkte er in Schwanden (alle Kt. Glarus), 1546 als Diakon in Laufen (ehemals Bistum Basel, heute Kt. Baselland), ab Herbst 1546–1555 als Spitalpfarrer in Basel, 1555–1559 war er Pfarrer in Ungershausen/ Württemberg, 1559–1560 Pfarrer in Binzen. Nach dem Zeugnis seines Basler Amtskollegen Johannes Gast war B. als begabter, temperamentvoller Prediger bes. beim einfachen Volk überaus beliebt. Mit Publij Terentij Aphri, sechs verteutschte Comedien (Tüb. 1540. Bis 61567 z.T. überarbeitete Neuaufl.n) schuf B. eine sehr frühe dt. Prosaübersetzung der Terenzkomödien. B. folgt darin seiner lat. Vorlage recht genau, achtet aber bewusst auf korrekte dt. Wortwahl u. Syntax. Die fünfaktige Tragicocomoedia Sant Pauls bekerung (Basel 1551. 21552) wurde 1546 in Basel mit großem Aufwand u. Unterstützung der Behörden von Basler Bürgern öffentlich aufgeführt u. auf Staatskosten gedruckt. Über die Aufführung berichten außer Gast auch Felix Platter in seinem Tagebuch u. Josias Simler in einem Brief an Heinrich Bullinger. Die sechs Akte der zeitkrit. Satire Der welt spiegel (Basel 1550. 21551. Neudr. hg. v. Albert Geßler in: Jacob Baechtold: Schweizer Schauspiele des 16. Jh. Bd. 2, Frauenfeld 1893) benötigten mit ihren 158 meist allegor. Figuren zwei Spieltage. Formal weitgehend ein Reihenspiel, entwickeln sich v. a. am zweiten Spieltag ab u. zu auch lebendige Dialoge. Reizvoll sind die sechs eingestreuten Kontrafakturen nach damals bekannten Melodien u. Texten. Die Oelung Dauidis deß Jünglings, Vnnd sein streit wider den Risen Goliath (Basel 1554) benutzt nicht, wie B. in seiner Widmung behauptet, Rudolf Gwalthers Monomachia Davidis et Goliae als Vorlage, sondern ist selbstän-
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dige Übersetzung u. Bearbeitung des lat. Schuldramas von Jakob Schöpper, Monomachia Davidis et Goliae (Dortm. 1550). Schöppers Werke standen auf dem Index. Sie wurden darum in der Öffentlichkeit, auch von einem evang. Theologen, als Vorlage besser nicht erwähnt. B.’ Illuminierbuoch (Basel 1549. Erfurt 18 1672. Dän. 1642), das erste seiner Art, fand weite Verbreitung. B. gibt hier zeitgenöss. Buchmalern ausführliche Anleitung zur Herstellung von Farben u. Lasuren, um möglichst naturgetreue Farbwirkungen zu erzielen. Im Anhang erhält der Leser auf 48 Seiten, mit leeren Holzschnitten als Muster, Gelegenheit, die Farben auszuprobieren. Weitere Werke: Senece gspraechsbüechlin / Wider die vnuersehenen zuofael (Basel 1552): Übers. eines lat. Pseudoseneca-Textes in dt. Verse. – Die These in Konrad Gesners ›Appendix Bibliothecae‹ (Zürich 1555), B. habe außerdem eine ›Comoediam septem artium liberalium contra abusus mundi‹, eine ›Passionis Christi historiam‹, ein ›Concilium Christi et Papae‹, eine ›Samsonis historiam‹, eine ›Tragoediam Susannae‹ u. weitere ›noch nicht gedruckte Werke‹ verfasst, ist nicht haltbar. Solche Texte ließen sich auch als Hss. oder in Aufführungsbelegen nicht nachweisen. Ausgabe: Jlluminierbuch: Wie man allerlei Farben bereiten, mischen u. auftragen soll; allen jungen angehenden Malern u. Illuministen nützlich u. fürderlich. Neudr. der Ausg. 1913. Mchn./Vaduz 1993. Literatur: Wilhelm Scherer: B. In: ADB. – Jacob Baechtold: Gesch. der dt. Lit. in der Schweiz. Frauenfeld 1892. – Gustav Bossert: Zur Biogr. v. V. B. In: Ztschr. für die Gesch. des Oberrheins 14 (1899), S. 194–206. – Joh. Baptist Hartmann: Die Terenz-Übers. des V. B. Diss. Mchn. 1911. – Fritz Mohr: Die Dramen des V. B. Diss. Basel 1916. – Karl Gauss: V. B. im Zürcher- u. Glarnerland. In: Zwingliana 3 (1920), S. 524 f. – Ders. in: Basilea Reformata. Basel 1930, S. 133 f. – Das Tgb. des Johannes Gast. Hg. u. übers. v. Paul Burckhardt. In: Basler Chroniken 8 (1945). – Emanuel Dejung u. Willy Wuhrmann: Zürcher Pfarrerbuch 1519–1952. Zürich 1953, S. 42, 209. – Felix Platter: Tgb. (1612). Hg. Valentin Lötscher. In: Basler Chroniken 10 (1976), S. 82 f. – Wolfgang F. Michael: Die ›Bekehrung Pauli‹ v. V. B. In: ZfdPh 113 (1994), S. 385–392. – Friederike Christ-Kutter: V. B. Seine Bibeldramen u. sein Trostbüchlein. Kom-
Bolzano mentierte Ed. Zürich 2007. – Pierre Paul Faust: B. In: – F. Christ-Kutter: Biogr. v. V. B. (in Vorb.). Rolf Max Kully / Friederike Christ-Kutter
Bolzano, Bernard, * 5.10.1781 Prag, † 18.12.1848 Prag; Grabstätte: ebd., Olsˇ aner Friedhof. – Philosoph, Mathematiker u. Theologe. B.s Vater kam aus der Lombardei (daher der ital. Name) u. war Kaufmann. Seine Mutter stammte aus einer deutschsprachigen Prager Familie. B. war das vierte von zwölf Kindern; außer einem älteren Bruder, der ihn überlebte, starben alle seine Geschwister in Kindheits- u. Jugendjahren. Gegen den väterl. Willen studierte B. 1800–1804 an der Universität Prag Theologie. Durch dieses Studium überwand er seine Glaubenszweifel, u. 1805 ließ er sich zum Priester weihen. Kurz darauf wurde er zum Dr. phil. promoviert. Schon früh zeigten sich sein großes Interesse u. seine Begabung für die Mathematik; bereits 1804 erschien von ihm ein Buch über Fragen der Geometrie. Obwohl sich B. auch auf eine Professur für Mathematik bewarb, erhielt er die neu eingerichtete Professur für (kath.) Religionslehre an der Philosophischen Fakultät der Universität Prag, die er am 19.4.1805 antrat. Mit dieser Professur war die Verpflichtung zur sonntägl. Abhaltung von »Erbauungsreden« oder »Exhorten« verbunden. Professuren dieser Art waren 1804 von Kaiser Franz an allen österr. Universitäten zur Bekämpfung der Aufklärung u. zur Unterstützung von Staat u. Religion eingerichtet worden. Dieser Zielsetzung zum Trotz vertrat B. in seinen Vorlesungen philosophische u. religiöse Ideen im Sinne der Aufklärung u. setzte sich in seinen Erbauungsreden für soziale u. polit. Reformen ein. (Eine Auswahl der Erbauungsreden, welche politisch brisante Passagen enthielt, erschien 1813; B.Gesamtausg. Bd. I/2, 1985.) Wegen der Verbreitung von angeblich staatsgefährdenden Lehren wurde B. auf Anordnung von Kaiser Franz am 20.1.1820 seines Amtes enthoben u. mit einem Lehr- u. Publikationsverbot belegt. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits mehrere mathemat. Werke B.s erschienen. Sein 3-jähriger Vorlesungszyklus über Religionslehre
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wurde aufgrund von Vorlesungsmitschriften von Schülern u. Freunden B.s (ohne Angabe des Verfassers) in 4 Bänden u. d. T. Lehrbuch der Religionswissenschaft (Sulzbach 1834) veröffentlicht (B.-Gesamtausg. Bde. I/6–8, 1994 ff.); dieses Werk wurde ebenso wie die Erbauungsreden von 1813 auf den Index librorum prohibitorum gesetzt. B. nutzte seine Absetzung zunächst zur Ausarbeitung eines umfassenden Lehrbuchs der Logik: Wissenschaftslehre (4 Bde., Sulzbach 1837. B.-Gesamtausg. Bde. I/11–14, 1985 ff.). Hierauf widmete er sich bis zu seinem Lebensende seinem lang gehegten Projekt einer umfassenden Neubegründung der Mathematik u. d. T. Größenlehre. Dieses Werk blieb allerdings unvollendet. Der Wiener Philosoph Robert Zimmermann, der diesen überaus wertvollen mathemat. Nachlass auf B.s Wunsch übernommen hatte u. sich um seine Veröffentlichung kümmern sollte, vernachlässigte diese Aufgabe sträflich; er übergab den Nachlass unbearbeitet der damaligen Hof- u. heutigen Nationalbibliothek in Wien, ohne Vorkehrungen für seine Bearbeitung u. Veröffentlichung zu treffen. Erst im 20. Jh. wurde B.s mathematischer Nachlass durch Zufall entdeckt. Zwischen den beiden Weltkriegen wurden einzelne Teile daraus veröffentlicht, die systemat. Erschließung erfolgte jedoch erst in den letzten 35 Jahren im Rahmen der B.-Gesamtausgabe u. ist immer noch nicht abgeschlossen. Besonders bekannt wurden unter Mathematikern (neben speziellen Lehrsätzen wie dem Theorem von B.Weierstraß) B.s Paradoxien des Unendlichen (Lpz. 1851. Nachdr. Hbg. 1975). Trotz der großen Bedeutung von Theologie u. Mathematik im wiss. Schaffen B.s steht doch die Logik im Mittelpunkt seines Gesamtwerks. Mit der Erschließung der Welt der Sätze an sich (der sog. Welt 3 bei Karl Popper) hat B. lange vor Frege u. Husserl den Pychologismus überwunden u. die Logik auf eine solide, objektive Grundlage gestellt. Sätze an sich werden dabei als der (zeitlose) Inhalt von psych. Denkakten u. gleichzeitig als der (zeitlose) Sinn sprachlicher Sätze aufgefasst; diese Sätze an sich haben nach B. (ähnlich wie später bei Frege u. Wittgenstein) Priorität gegenüber ihren Bestandteilen – den
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Bonafont
Literatur: Bibliografie: B.-Gesamtausg. Bd. E2/1 Vorstellungen an sich. Für diese objektiven log. Gegenstände stellt B. erstmals in der (1972), S. 81–170, Bd. E2/1, Suppl. 1 (1982), Bd. E2/ Geschichte der Logik (u. fast genau 100 Jahre 1, Suppl. 2 (1988); Beiträge zur B.-Forsch. Bd. 2 vor Alfred Tarski) strenge Definitionen der (1993), Bd. 10 (1999). – Biografien: Eduard Winter: B. B.-Gesamtausg. Bd. E1 (1969). – Gregor Zeitlog. Grundbegriffe (insbes. des Begriffs der hammer: Biogr. B.s. B.-Gesamtausg. Bd. IV/2 log. Wahrheit u. der log. Folge) auf; auf dieser (1997). – Schriftenreihe: Beiträge zur B.-Forsch. Grundlage entwickelte B. auch seine Wahr- Sankt Augustin 1992 ff. (bisher 20 Bde.), darin: scheinlichkeitstheorie. Bd. 8: Kurt Blaukopf: Die Ästhetik B. B.s (1996). – B. hat die Philosophie des Deutschen Gesamtdarstellung: Edgar Morscher: B. B. In: StanIdealismus vehement bekämpft u. als »Ge- ford Encyclopedia of Philosophy: http://plato. schwätz« abgetan; mit der Philosophie von stanford.edu/entries/bolzano/. Edgar Morscher Kant hat er sich trotz der vielen Unklarheiten, die er ihm vorhält, intensiv u. fruchtbar ausBonafont, Carl Philipp, auch: B. Fontano, einandergesetzt. In der Metaphysik überC. Philippi, * 22.7.1778 Rastatt/Baden, nimmt B. die traditionelle Lehre von Sub† um 1848 in Westfalen. – Schriftsteller u. stanz u. Adhärenz, im Gegensatz zu Leibniz Übersetzer. nimmt er aber eine Wechselwirkung zwischen Substanzen an. In der Ethik vertritt B. – B.s bei den Rastatter Piaristen begonnene u. ohne besondere Originalität – den Stand- an der Universität Mainz fortgesetzte Studien punkt des Utilitarismus, der jedoch in seinen fanden ein Ende, als Mainz 1792 von frz. staatsphilosoph. Auffassungen z.T. zu sehr Revolutionstruppen besetzt wurde. Eine fortschrittlichen (von Zeitgenossen als sozia- Zeitlang arbeitete er als Verwaltungsangelistisch oder gar kommunistisch eingestuf- stellter, zuletzt 1813 als Präfekturbureauchef ten) Auffassungen führte; diese Ideen hat er in Aachen. Nach einem Intermezzo als Priin seiner Staatsutopie Von dem besten Staate vatgelehrter wurde B. Professor für frz. niedergelegt, die allerdings erst 1932 veröf- Sprache am Pageninstitut in Weimar. 1819 fentlicht wurde (B.-Gesamtausg. Bd. IIA/14, wurde er entlassen, weil er die Schauspielerin 1975). B.s utilitarist. Ethik findet auch in Jagemann kritisiert hatte u. ging über Zwiseiner Ästhetik ihren Niederschlag; seiner schenstationen als Regierungssekretär nach Analyse des Begriffes des Schönen zufolge Merseburg. 1821/22 habilitierte er sich als hängt die Schönheit eines Gegenstandes nicht Professor der frz. Sprache an der Universität nur von seinen inneren Eigenschaften, son- Halle; 1827 wurde er zum herzogl. Coburgidern auch von seiner Wirkung auf den Be- schen Legationsrat ernannt. Ab 1830 lebte er trachter ab. B.s Erbauungsreden, von denen in Zeitz, später in Bonn u. in Westfalen. mehrere Auswahlausgaben postum erschieB.s schriftstellerische Laufbahn begann mit nen, bieten einen interessanten Einblick in dem epigonalen Wertherroman Der Neue die Rhetorik der damaligen Zeit; die voll- Werther oder Gefühl und Liebe (o. O. 1804). Auch ständige krit. Edition aller Erbauungsreden seine zahlreichen weiteren epischen u. drawurde 2007 im Rahmen der B.-Gesamtaus- mat. Werke sind wenig originell u. trugen B. gabe begonnen (Bd. IIA/15). Als eine der we- lediglich den Ruf eines Vielschreibers ein. nigen vollständig erhaltenen u. katalogisier- Trotzdem gelangten einige seiner vorzugsten Privatbibliotheken aus der damaligen weise auf histor. Begebenheiten basierenden Zeit stellt B.s Privatbibliothek ein interes- Dramen zur Aufführung. Bedeutender als santes Zeitzeugnis dar (dokumentiert in Bei- seine Originalwerke sind B.s Bearbeitungen träge zur Bolzano-Forschung. Bd. 14 u. 15, Sankt frz. Dramen, darunter Beaumarchais’ Eugenie u. seine Schiller-Übersetzungen (u. a. Würde Augustin 2002). Ausgaben: B. B.-Gesamtausg. Hg. E. Winter, J. der Frauen u. Das Lied von der Glocke). Berg, F. Kambartel, J. Louzˇil, E. Morscher, B. v. Rootselaar. Stgt.-Bad Cannstatt 1969 ff. (bisher 75 Bde.). – Untersuchungen zur Grundlegung der Ästhetik. Ffm. 1972.
Weitere Werke: Ein Tag aus dem Leben des großen Friedrichs. Histor. Schauspiel. Köln 1814. – Originalitäten aus dem Gebiet der Wahrheit u. Dichtung. 2 Bde., Lpz. 1820. – Reminiscenzen aus
Bonaventura meinem Leben, in Briefen merkwürdiger u. berühmter Zeitgenossen an den Herausgeber geschrieben. Münster 1847. Literatur: Brümmer. – Goedeke, Bd. 11 (1981), S. 205–209. – Kosch TL, Bd. 1 (1953), S. 179. – Johannes Werner: Von Rastatt nach Weimar u. weiter. In: Heimatbuch Rastatt 73 (1997), S. 151–158. Karin Vorderstemann
Bonaventura ! Klingemann, August Bonaventura, eigentl.: Johannes Fidanza, * 1217 oder 1221 Bagnorea/Mittelitalien, † 1274 Lyon; Grabstätte: ebd. – Franziskanertheologe u. Kirchenlehrer. B. war seit 1242 als Magister artium in Paris tätig, wo er nach den vorgeschriebenen Vorlesungen über die Sentenzen des Petrus Lombardus zum Magister/Doktor der Theologie promoviert wurde. Bereits 1243 in den Franziskanerorden eingetreten, löste er 1257 Johannes von Parma, einen Vertreter radikaler Armut u. eschatologischer Ausrichtung, als Generalmeister des Ordens ab. Im Folgenden förderte er teilweise rigoros die ideolog. Klärung der jungen franziskan. Bewegung u. deren Integration in die Gesamtkirche: Er ließ seinen Vorgänger verbannen u. schuf mit einer neuen Franziskuslegende die Grundlage, um gegen die Spiritualen – die die Lehren des Franziskus radikal wörtlich nahmen – vorzugehen. Hatte er bis dahin grundsätzliche Schriften zur Theologie (De scientia Christi, De mysterio Trinitatis) u. Mendikantenbewegung (Quaestiones de perfectione evangelica) vorgelegt, so blieb angesichts der vielfältigen Verpflichtungen als Ordensmeister nurmehr Zeit für kürzere (allerdings wirkungsreiche) Abhandlungen (Itinerarium mentis in Deum, Soliloquium) u. für Exegetisches (bes. die anti-aristotelisch geprägten Collationes in Hexaëmeron von 1273). 1273 wurde B. zum Kardinal ernannt; 1482 erfolgte im Rahmen einer B.-Renaissance, die auch den dt. Sprachraum erfasste, die Kanonisation, 1587 die Erhebung zum Kirchenlehrer; 1588 wurde dem schon zu Lebzeiten wegen seiner Sprachkraft Gerühmten von Sixtus V. der Titel eines »doctor seraphicus« verliehen.
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Mit seinen Werken stellt B. einen deutlichen Gegenpol zu den zeitgenöss., v. a. dominikan. Denkrichtungen dar. Der Aristotelismus des Thomas von Aquin blieb ihm ebenso fremd wie die Diskussion um die Intellekttheorie bei Albertus Magnus u. Dietrich von Freiberg. Von dem sich dort eröffnenden autonomen Raum der Philosophie kann bei ihm keine Rede sein: Weltliche Wissenschaft hat eindeutig hinter den Hl. Schriften, den Texten der Kirchenväter u. den theolog. Werken der Universitätslehrer zurückzustehen u. ist nur mit größter Vorsicht zu benutzen. Auch wenn Logik u. Kategorienlehre als Voraussetzungen erhalten bleiben, gilt dem Aristotelismus einschneidende Kritik: Aristoteles habe die Urbildlichkeit der Welt in Gott u., ausgehend von der Ewigkeit der Welt, die göttl. Einrichtung des Weltlaufs bestritten. B. greift demgegenüber stärker als irgendein Denker der Zeit wieder auf Augustinus zurück u. rückt den Logosgedanken ins Zentrum des Philosophierens: Die Seele, Abbild der Trinität, nimmt in sich, von den Erscheinungen der Vielheit abstrahierend u. den einen Urgrund begehrend u. suchend, das göttl. »verbum« wahr, gelangt in der Rückwendung auf sich selbst zur »unaussprechlich süßen Schau« u. zur »Verkostung« der Gottheit (Soliloquium). Gnadenhaft im Lichte der Betrachtung (»radius contemplationis«) stehend, steigt die Seele zum ungeschaffenen, uranfänglichen göttl. Licht auf: In emphatischer Metaphorik entwickelt B. eine Lichtmetaphysik, die zum Charakteristikum der Franziskanerschule werden sollte. Seine Zusammenführung monastischer u. scholast. Theologie im Itinerarium lieferte ein Modell, neuplatonisches Denken, hochscholastische Begrifflichkeit u. franziskan. Spiritualität zu vereinen. Auch die eindringl. u. innovative Sprachgebung u. die Distanz zum zeitgenöss. Aristotelismus eröffneten Möglichkeiten des Weiterwirkens: Man konnte B.s Konzeption des Willens u. der geistigen Erkenntnis (»cognitio intuitiva«) oder die Kritik an der Philosophie aufgreifen, wie es Johannes Duns Scotus u. Wilhelm von Ockham taten; man konnte aber auch den mystisch-asketischen Aspekt hervorheben, wie es in der Franziskanermystik des späten 13. u.
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frühen 14. Jh. bei Johannes Gerson u. im volkssprachl. Schrifttum geschah. Die Volkssprache wird im 15. Jh. – mit der Ausbreitung des Franziskanerordens u. des Bedürfnisses nach Laienunterweisung – zum wichtigsten Medium der B.-Rezeption. Das Soliloquium etwa liegt allein in elf mhd. Übersetzungen u. zwei Bearbeitungen vor; von den Franziskusviten u. Novizenregeln sind gleichfalls mehrere Redaktionen erhalten. Übertragungen von genuin theolog. Werken (wie des Sentenzenkommentars) befinden sich demgegenüber in der Minderheit. Kaum messbar ist die Wirkung pseudepigrafischer Schriften, die literarische u. spirituelle Traditionen begründeten: Die verschiedenen Fassungen des Stimulus amoris (Jakob von Mailand) bieten eine Anleitung zur Betrachtung des Lebens Christi, die weitverbreiteten Meditationes de Passione Christi (Johannes de Caulibus) liefern reiches Anschauungsmaterial für die Imagination der Leidensgeschichte, die viel gelesene Theologia mystica (Hugo von Balma) beschreibt modellhaft die drei Wege zur »unio«. Der meist anonyme Überlieferungsstrom setzt um 1370 ein u. erreicht v. a. im niederländ. u. alemann. Sprachraum schnell einen Höhepunkt. Für die Bewegung der Devotio moderna spielt B. nun eine ebenso wichtige Rolle wie für die zwischen 1453 u. 1460 ausgetragene Kontroverse um die myst. Theologie (an der neben Vinzenz von Aggsbach u. Bernhard von Waging auch Nikolaus von Kues beteiligt war, der B.s Aristoteleskritik im Hinblick auf das eigene Konzept der »docta ignorantia« weiterentwickelte). Auch für die Ausgestaltung einer dt. scholastischen u. mystischen Terminologie spielt die B.-Rezeption eine entscheidende Rolle. Die Notwendigkeit, theolog. Gedankengut der Laienwelt zu vermitteln, zwang zur Auseinandersetzung mit den spezif. Ausdrucksmöglichkeiten der eigenen Sprache. Ein Übersetzer des Itinerarium (1478) stellte fest, dass die Übertragung u. Bearbeitung eigenen Regeln zu folgen habe: Da das Werk für Ungelehrte bestimmt ist, »darumb muß ich vil wort haben, daz si dester paß dy maynung mügen versten«. B. avancierte im 15. Jh. zu einer der meistzitierten Autoritäten – über theologi-
Bonaventura
sche u. ordensspezif. Trennlinien hinweg. Seine Werke sind zus. mit denen des Thomas von Aquin tradiert, Abschriften stammen aus verschiedenen Ordensgemeinschaften (Dominikaner, Kartäuser, Augustiner, Benediktiner), der Franziskanergeneral bleibt über die Jahrhunderte hinweg als Kirchenlehrer präsent. Ausgaben: Opera omnia. Hg. Bonaventurakolleg. 10 Bde., Quaracchi 1882–1902. – Lateinischdeutsche Ausgaben: Soliloquium. Hg. Josef Hosse. Mchn. 1958. – Collationes in Hexaëmeron. Hg. Wilhelm Nyssen. Mchn. 1964. – Quaestiones disputatae de scientia Christi. Hg. Andreas Speer. Hbg. 1992. – Itinerarium mentis in Deum. Hg. Marianne Schlosser. Münster 2004. – Breviloquium. Hg. dies. Einsiedeln u. a. 2002. – Mittelalterliche deutsche Übersetzungen: ›De triplici via‹ in altschwäb. Übertragung. Hg. Kurt Ruh. Bln. 1957. – ›Legenda Sancti Francisci‹ in der Übers. der Sibilla v. Bondorf. Hg. David Brett-Evans. Bln. 1960. – Arbor Amoris. Der Minnebaum. Ein Pseudo-B.-Traktat. Hg. Urs Kamber. Bln. 1964. – Franziskan. Schrifttum im dt. MA. Hg. K. Ruh. 2 Bde., Mchn. 1965/85 (versch. Texte). Literatur: P. Ephrem Longpré: La théologie mystique de St. B. In: Archivum Franciscanum historicum 14 (1921), S. 36–108. – Etienne Gilson: La philosophie de St. B. Paris 31953 (dt. Lpz. 1929. Darmst. 21960). – Joseph Ratzinger: Die Geschichtstheologie des hl. B. Mchn. 1959. – St. B. 1274–1974: Volumen commemorativum. 5 Bde., Grottaferrata 1973/74. – Ewert H. Cousins: B. and the coincidence of opposites. Chicago 1978. – Andreas Speer: Triplex Veritas. Wahrheitsverständnis u. philosoph. Denkform B.s. Werl 1987. – JacquesGuy Bougerol: Introduction à Saint B. Paris 1988. – Kurt Ruh: Gesch. der abendländ. Mystik. Bd. 2, Mchn. 1993, S. 406–445. – Dieter Hattrup: Ekstatik der Gesch. Die Entwicklung der christolog. Erkenntnistheorie B.s. Paderb. 1993. – Bernard McGinn: Die Mystik im Abendland. Bd. 3, Freib./ Basel/Wien 1999, S. 168–213, 220–227. – Paul Zahner: Die Fülle des Heils in der Endlichkeit der Gesch. B.s Theologie als Antwort auf die franziskan. Joachiten. Werl 1999. – Emmanuel Falque: Saint B. et l’entrée de dieu en théologie. Paris 2000. – Marianne Schlosser: B. begegnen. Augsb. 2000. – Richard S. Martignetti: Saint B.s tree of life. Theology of the mystical journey. Grottaferrata 2004. – Gregory LaNave: Through holiness to wisdom. The nature of theology according to St. B. Rom 2005. – Wirkungsgeschichte: K. Ruh: B. deutsch. Bern 1956. – Georg Steer: Scholast. Gnadenlehre in mhd. Spra-
Bondeli che. Mchn. 1966. – Werner Höver: Theologia Mystica in altbair. Übertragung. Mchn. 1971. – Ildefons Vanderheyden (Hg.): B. Studien zu seiner Wirkungsgesch. Werl 1976. – Falk Eisermann: ›Stimulus amoris‹. Inhalt, lat. Überlieferung, dt. Übers., Rezeption. Tüb. 2001. Christian Kiening
Bondeli, Julie von, eigentl.: Susanna Juliana B., getauft 1.1.1732 Bern, † 8.8.1778 Neuchâtel. – Briefschreiberin, Salonnière u. Femme de lettres.
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durch sein unstetes Verhalten getrübt wurde; mehrfach legte er ihr Dichtungen zur Beurteilung vor, auf ihren Rat hin unternahm er Änderungen u. vernichtete er vermutlich sein Jugendwerk Lucian. Über Wieland entspann sich ein ausgedehnter Briefwechsel mit Sophie von La Roche, der u. a. zu einer emphat. Beurteilung der Geschichte des Fräuleins von Sternheim durch B. führte u. erst mit B.s Tod endete. B. gehörte zu den Anhängerinnen Rousseaus u. stand während seines Aufenthalts 1762 bis 1765 in Neuchâtel direkt u. über ihre Freunde im Austausch mit ihm. Eine innige Freundschaft u. Seelenverwandtschaft verband sie mit Johann Georg Zimmermann, diese erkaltete aber nach dessen Abreise nach Hannover 1768. Im Briefwechsel mit Leonhard Usteri, der bis an ihr Lebensende dauerte, zeigen sich ihr breiter Wissenshorizont u. ihr kritisches Denken. B. korrespondierte u. a. auch mit Johann Caspar Lavater, Jakob Heinrich Meister, Salomon Gessner, Albrecht von Haller, Elie-SalomonFrançois Reverdil u. André-Salomon Roger. Ihre umfassende Bildung u. ihre persönl. Ausstrahlung machten sie zu einer der herausragenden Persönlichkeiten der Schweizer Aufklärung u. der bedeutenden Briefeschreiberinnen des 18. Jh.
Die aus einer Berner Patrizierfamilie stammende B. erhielt schon früh gelehrten Unterricht u. entwickelte sich zum Mittelpunkt des geistig-geselligen Lebens in Bern. Nach dem Tod ihres Vaters (1761), der Mitgl. des Großen Rats in Bern war, u. ihrer Mutter (1767) geriet sie, die unverheiratet blieb, in materielle Not. Sie lebte nach 1767 bei der Generalsgattin Marie-Frédérique-Anne (Henriette) von Sandoz in Neuchâtel, von wo aus sie zahlreiche Reisen zu ihren Freunden in Bern u. im Waadtland unternahm u. wo sie 1778 nach langer Krankheit starb. War es im 18. Jh. noch ungewöhnlich, dass Frauen sich der Wissenschaft zuwandten, so hob sich B. gerade dadurch hervor, dass sie sich in mehreren Disziplinen fundierte Kenntnisse erwarb, so in philosophischen, Weitere Werke: Sophie v. La Roche: Mein literar. u. ästhetischen, histor., medizini- Schreibetisch. Bd. 2, Lpz. 1799, S. 140–366. – J. v. schen, theolog., pädagog. u. ökonomischen B. u. ihr Freundeskreis [...]. Nebst bisher ungedr. Fragen. Zwar verfasste sie keine eigenen Briefen der B. an Zimmermann u. Usteri. Hg. Werke, doch gleichen ihre durchweg frz. ge- Eduard Bodemann. Hann. 1874. – Die Briefe v. J. B. schriebenen Briefe z.T. wiss. Abhandlungen an Johann Georg Zimmermann u. Leonhard Usteri. Dt. v. Lilli Haller. Frauenfeld 1930. – Une lettre de oder literaturkrit. Traktaten. Ihre literar. J. B. à Suzanne Curchod. Hg. Manfred Gsteiger. In: Vorliebe galt den engl. Schriftstellern u. frz. Études de lettres (1985), S. 92–97. – Angelica Baum »philosophes«; zu ihren Lieblingsautoren u. Birgit Christensen (Hg.): J. B. Briefe. Zürich gehörten Shakespeare, Cervantes u. Sterne, 2008. v.a. aber Rousseau, dessen treue Anhängerin Literatur: P. Johann J. Schädelin: J. B., die sie war. Sie las aber auch die deutschsprachi- Freundin Rousseaus u. Wielands. Bern 1838. – Lilli gen Aufklärer, v.a. Mendelssohn, Sulzer, Haller: J. B. Lpz. 1924. – Angelica Baum u. Brigitte Winckelmann, Wieland u. Goethe, erkannte Schnegg: J. B. Ein Porträt in Briefen. Bern 1998. die literar. Bedeutung von dessen Werther, Felix Leibrock / Angelica Baum kritisierte jedoch die überspannte Emotionalität des Sturm u. Drang. B. korrespondierte Bondy, François, * 1.1.1915 Berlin, † 27.5. mit Suzanne Curchod, spätere Necker, der 2003 Zürich. – Essayist u. Publizist. Mutter von Germaine de Staël. Mit Wieland verband sie während dessen Berner Zeit Der Sohn des aus Prag stammenden Schrift(1759/60) eine stürmische Freundschaft, die stellers Fritz Bondy alias N. O. Scarpi wuchs aber nach seiner Rückkehr nach Biberach u. in Lugano u. Nizza auf. Studien führten ihn
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nach Paris u. Zürich. Er arbeitete als Redakteur u. a. der »Neuen Zürcher Zeitung« (Kulturberichte aus Paris), beteiligte sich 1943–1946 an der Gründung der europ. Bewegung u. war 1951–1969 politischer Redakteur der »Schweizer Monatshefte« sowie Mitarbeiter bedeutender dt., frz., engl. u. amerikan. Zeitschriften. B. erhielt u. a. 1988 den Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik u. 1994 die Johann-Jakob-Bodmer-Medaille der Stadt Zürich. Er war Mitgl. der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Aus nächster Ferne. Bericht eines Literaten in Paris (Mchn. 1970) zieht die an deutschsprachige Leser adressierte Summe aus 25 Jahren literaturkritischer Tätigkeit. Brillante Essays u. a. über Italo Svevo, Michel Leiris, Emil Cioran, Camus, zu Erzählern des Maghreb, zum Werk des Polen Witold Gombrowicz u. zum »Nouveau roman« bezeugen die polyglotte Belesenheit B.s. Er bewertete Literatur nie losgelöst von ihren polit. Entstehungs- u. Wirkungszusammenhängen. B.s polit. Erfahrungen sind zusammengefasst in Der Nachkrieg muß kein Vorkrieg sein. Europäische Orientierungen (Zürich/Köln 1985). Die Wirtschafts- u. Finanzordnung u. ihre v. a. außerhalb des atlant. Raums bedenklichen Konsequenzen werden in den Europäischen Orientierungen nicht beleuchtet. Sein zeitgeschichtliches Wissen ermöglichte es ihm, modische u. ideolog. Schlagworte kritisch zu befragen. Damit leistet er einen wesentl. Beitrag zur Kultur der polit. Sprache. Weitere Werke: Der Rest ist Schreiben. Schriftsteller als Aktivisten, Aufklärer u. Rebellen. Wien 1972. – Eugène Ionesco. Reinb. 1975. 32002. – Mein dreiviertel Jahrhundert. Zürich 1990 (R.) – Iso Camartin (Hg.): Wer Europa sagt... Ess.s u. Ehrungen v. u. für F. B. Mchn. 1995. Literatur: Richard Reich u. a. (Hg.): Homme de Lettres. Freundesgabe für F. B. Zürich 1985. Rudolf Käser / Red.
Boner, um 1350. – Spätmittelalterlicher Verfasser des ersten deutschen Fabelbuchs. »Bonerius« nennt sich im Pro- u. Epilog der Autor des nach der ersten Fabel so betitelten
Edelstein. Dialektsprachlich ist er im Umfeld seines Widmungsadressaten, des im Berner Oberland ansässigen Freiherrn Johann (I.) von Ringgenberg, zu verorten u. dort am ehesten mit dem von 1324–1350 in Bern urkundenden Dominikaner Ulrich Boner zu identifizieren, da im gleichnamigen Berner Bürgergeschlecht nur dieser die Bildungsvoraussetzungen besaß, aus den im Predigerorden verbreiteten lat. Quellen ein dt. Fabel- u. Exempelbuch zu formen. Strittig ist, ob die Epilog-Dedikation an Johann, der wohl mit dem gleichnamigen Spruchdichter der Manessischen Handschrift identisch ist, wie im Prolog noch dem lebenden galt; der Tod des Freiherrn nach 1351 liefert der Datierung der Sammlung daher nur einen ungefähren »terminus ante«. Mit 100 von Pro- u. Epilog umrahmten Fabeln, zweiteiligen, nach Akteuren u. Themenstichworten gegliederten, Überschriften u. einer an Korrespondenzen u. Deutungsbezügen der Texte orientierten Anordnung zielt B. auf ein einheitliches »buoch«, eine geschlossene Äsop-Sammlung, wie er sie v. a. bei den Hauptgewährsleuten Äsops im MA vorfand: 53 Fabeln bezog er aus den lat. Distichen des Anonymus Neveleti, 22 aus denen des Avian. Für die Umsetzung des Anonymus zog er dessen lat. Schulkommentierung nur punktuell bei, machte Handlungsdetails u. Deutungsangebote der Avian-Kommentare aber vielfach zum Bestandteil auch der dt. Versionen. 25 Texte, häufig moralisierende Kurzerzählungen mit rein menschlichem Personal, entnahm B. Stoffparallelen zufolge mlat. Exempelsammlungen, unter denen konkrete Vorlagen (z.B. das Alphabetum narrationum) aber nur selten aufscheinen. B.s Fabeltyp knüpft an das v. a. vom Stricker geprägte Reimpaarbîspel des 13. Jh. an: dem sprachlich schlichten u. konzisen Erzählteil folgt ein gegenüber den Vorlagen eigenständigeres »Fabula docet«, das den Lehrertrag in sprichworthaft verdichteten Verhaltens- u. Erfahrungsregeln ausmünzt u. sich im Variantenreichtum seiner Deutungsangebote mit der lat. Kommentartradition misst. Die Lehrausbeute zielt auf Vermittlung einer »tugenden und êren« verpflichteten »kluogkeit« (Prolog, V. 26 u. 66), die das
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Nützliche mit dem moralisch Gebotenen in S. 139–159. – Ders.: Meister Esopus. UntersuEinklang zu bringen weiß u. sich zumal in chungen zu Gesch. u. Funktion der Fabel im MA. der Bewältigung sozialer Konflikte bewährt. Mchn. 1977. – Ders. u. Gerd Dicke: Die Fabeln des Im Wertediskurs seiner Zeit bezieht B. keine MA u. der frühen Neuzeit. Ein Kat. der dt. Versionen u. ihrer lat. Entsprechungen. Mchn. 1987. – signifikanten, etwa spezifisch geistlich oriUlrike Bodemann u. G. Dicke: Grundzüge einer entierten Positionen; deutlich aber pronon- Überlieferungs- u. Textgesch. v. B.s ›Edelstein‹. In: ciert er das Thema der Freiheit, das in der Dt. Hss. 1100–1400. Hg. Volker Honemann u. NiEidgenossenschaft wie bei dem in seiner gel F. Palmer. Tüb. 1988, S. 424–468. – Wulf-Otto Souveränität bedrohten Freiherrn von Ring- Dreeßen: ›Edelstein‹-Splitter. In: ›Ist zwîvel herzen nâchgebûr‹. FS Günther Schweikle. Hg. Rüdiger genberg mit bes. Interesse rechnen konnte. Von den (inkl. Streugut) 36 zumeist illus- Krüger u. a. Stgt. 1989, S. 241–253. – Andreas trierten Handschriften u. 2 Inkunabeln der Schaffry: Im Spannungsfeld zwischen LiteraturSammlung gehören die wenigsten zu Pfeif- kritik u. philolog. Methode. Aspekte der Rezeption v. U. B.s ›Edelstein‹. In: Jb. der Oswald v. Wolfers Kl. I mit (zumindest annähernd) 100 Fakenstein Gesellsch. 7 (1992/93), S. 405–433. – Aabeln samt Vor- u. Schlussrede, während Teil- ron E. Wright: ›Hie lert uns der meister‹. Latin korpora (v. a. Kl. III: 84 Texte ohne Pro- u. Commentary and the German Fable 1350–1500. Epilog) das Gros ausmachen. Der unfeste Tempe/Arizona 2001. – Marion Wagner: Der saTextbestand geht eher auf Editionsschritte genhafte Gattungsstifter im Bild. Formen figudes Autors hin zur geschlossenen Form als rierter Autorschaft in illustrierten äsop. Fabelslg.en auf selektive Tradierung zurück. Die Typo- des 15. Jh. In: FMSt 37 (2003), S. 385–433. Gerd Dicke logie der Überlieferung (Prachthandschriften neben solchen für Schul- u. Predigtgebrauch) bezeugt die Funktionsvielfalt, ihre Breite den Boner, Hieronymus, * 1556 Colmar. – großen Erfolg des Edelstein: schon Sorti- Übersetzer griechischer u. lateinischer mentsbestandteil der Handschriften-Manu- Autoren ins Deutsche. faktur Diebold Laubers, wird er durch die Ausgaben Albrecht Pfisters (Bamberg 1461. B. entstammte einer im Oberelsass beheima1463/64) zum ersten mit Typen u. Holz- teten Stadtschreiberfamilie. Konkrete Anschnitten gedruckten dt. Buch überhaupt. haltspunkte zu seinem Bildungsgang fehlen. Nach Erscheinen von Heinrich Steinhöwels 1525 war er als Gerichtsschreiber in Colmar Prosa-Esopus (um 1476/77) lief die Weitergabe tätig, wo er sich bis zu seinem Tod fast ausschließlich aufhielt. 1527–1551 bekleidete er mit vereinzelten Abschriften aus. Im sog. Schweizer Anonymus fand B. zwar immer wieder wichtige Ämter im Stadtregieinen Nachahmer, doch blieb seine produk- ment: So hatte er elfmal als Obristmeister den tive Rezeption auf wenige Fabeln in jiddi- Ratsvorsitz inne. B. wurde auch öfter mit dischen Äsopica des 16. u. 17. Jh. beschränkt. plomat. Missionen betraut; z.B. nahm er als Aufbauend auf den Fabel- u. B.-Studien Gel- Abgesandter Colmars an verschiedenen lerts, Gottscheds u. Lessings bildete die frühe Reichstagen teil. Trotz seines polit. Engagements fand B. Germanistik anfangs des 19. Jh. v. a. am Edelstein ihr philologisch-editorisches Rüst- Zeit für eine Reihe z.T. sehr umfangreicher zeug aus (Ausgaben durch Scherz, Bodmer/ Verdeutschungen; er war einer der fruchtbarsten Übersetzer seiner Zeit. Sein Interesse Breitinger, Benecke u. a.). galt fast ausschließlich histor. Werken. Es Ausgaben: Der Edelstein v. U. B. Hg. Franz handelte sich stets um Texte, die vorher noch Pfeiffer. Lpz. 1844. – Neuausg. in Vorbereitung. nicht ins Deutsche übertragen worden waren. Literatur: Bibliografie (der älteren Forschung): DoBei griech. Autoren benutzte er immer lat. ris Fouquet: Einl. In: U. B. Der Edelstein. Faks. der ersten Druckausg. Bamberg 1461. Stgt. 1972, Vorlagen. B. bevorzugte die im 16. Jh. verS. 39–41. – Weitere Titel: Klaus Grubmüller: Ele- breitete Methode des sinngemäßen Übersetmente einer literar. Gebrauchssituation. Zur Re- zens; typisch dafür sind u.a. erklärende Zuzeption der aesop. Fabel im 15. Jh. In: Würzburger sätze u. Synonymhäufungen. Mitunter nahm Prosastudien 2. Hg. Peter Kesting. Mchn. 1975, B. auch Kürzungen vor. Er übersetzte Hero-
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dian (Augsb. 1531; nach Angelo Poliziano), Justins Epitome (Augsb. 1531), Thukydides (Augsb. 1533; nach Lorenzo Valla), Plutarch (4 Vitenpaare: Augsb. 1534. Sämtl. Parallelviten, 4 z.T. unechte Viten: Colmar 1541; nach einer lat. Sammelausg. mit Übers. v. Lapo da Castiglionchio u. a.), Herodot (Augsb. 1535; nach Valla), Orosius (Colmar 1539), Xenophon (Kyropädie, Anabasis, Hellenika: Augsb. 1540; nach der lat. Ausg. Basel 1534), Demosthenes (Philippiken: Augsb. 1543; nach Christoph Hegendorff), die Spanische Chronik von Bracellus u. Jovinianus (Augsb. 1543) u. eine Ungarische Chronik von Bonfinius (Basel 1545). Einige Übersetzungen dienten Hans Sachs als Quelle für seine Dichtungen. Literatur: Bibliogr. v. B.s Übers.en heidnischantiker Texte in: Worstbrock, Nr. 195–198, 242–243, 297–299, 412 (mit Lit.). – Frank-Rutger Hausmann: Bibliogr. der dt. Übers.en aus dem Italienischen v. den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. 1 (2 Teilbde.), Tüb. 1992, Nr. 0185, 0216. – Weitere Titel: Merzdorf: H. B. In: ADB. – Gustaph Wethly: H. B. Leben, Werke u. Sprache. Ein Beitr. zur elsäss. Litteraturgesch. Straßb. 1892. – DBA 124,315–318. – Manfred Keßler: Thukydides – Lorenzo Valla – H. B. Die ›Historien‹ des Thukydides auf dem Weg über Vallas lat. zu B.s frühneuhochdt. Übers. Diss. Univ. Augsb. 2001. – Lucien Sittler: B. In: NDA, Lfg. 2–5, S. 296. Petra Fochler / Red.
Bongs, Rolf, * 5.6.1907 Düsseldorf, † 20.11.1981 Düsseldorf. – Lyriker, Erzähler u. Essayist. Der Sohn eines Landrats studierte Germanistik, Kunstgeschichte u. Philosophie in Berlin, Marburg, München u. promovierte zum Dr. phil. Anschließend arbeitete er als Archivar u. Bibliothekar. Bis zum Publikationsverbot durch die Nationalsozialisten erschienen B.’ frühe Gedichte, die in der Tradition der Neuen Sachlichkeit stehen, in der »Rabenpresse«, erste Prosatexte in der »Vossischen Zeitung«. Im Zweiten Weltkrieg war B. Soldat u. Kriegsberichterstatter. 1945 kehrte er aus der Gefangenschaft nach Düsseldorf zurück u. wurde Journalist, Kunst- u. Literaturkritiker. Ab 1956 lebte B. als freier Schriftsteller in Düsseldorf-Lörick. 1971 war er Gastprofessor
für deutschsprachige Lyrik an der Universität Amherst/USA. Kunstreisen führten ihn durch Europa u. Kleinasien. B. erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Förderpreis zum Heinrich-Droste-Literaturpreis (1956), den Preis der Hermann-Hesse-Stiftung (1957), den Preis der Rudolf-Alexander-SchröderStiftung (1958) sowie die Willibald-Pirkheimer-Medaille (1966). Sein Nachlass befindet sich im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf. B. befasste sich in seinen wichtigsten Essays mit André Gide (Das Antlitz André Gides. Düsseld. 1953). Es ist sein Verdienst, in der Bundesrepublik Deutschland auf ihn aufmerksam gemacht zu haben. B. bewunderte Gides Mut zum Außenseitertum, zur Aufklärung u. Provokation. In Übereinstimmung mit ihm formulierte er den eigenen poetolog. Anspruch auf Deutlichkeit, Klarheit u. Einfachheit. Seine bedeutendste Erzählung, der Monolog eines Betroffenen (Stgt. 1961), thematisiert die Frage nach der Mitschuld am Dritten Reich. Schonungslose Konfrontation mit der eigenen Erinnerung ist auch Thema des Dramas Absturz (Emsdetten 1959). Die Passagiere eines Flugzeugs, dessen Absturz bevorzustehen scheint, bekennen einander in ihrer Todesangst die bisher nicht eingestandene Wahrheit. Weitere Werke: Ein Dorf siedelt um. Bln. 1942 (Tgb.). – Flug durch die Nacht. Düsseld. 1951 (L.). – Die großen Augen Griechenlands. Emsdetten 1963 (L.). – Rechenschaft. Emsdetten 1964 (L.). – Oberwelt. Düsseld. 1977 (L.). – Ein amerikan. Mädchen. Emsdetten 1980. Ffm. 1984 (R.). Literatur: Lothar Huesmann u. Hans Günther Auch (Hg.): Begegnungen mit R. B. Emsdetten 1967. – Willi Schäferdiek: R. B., ein Schriftsteller der Gegenwart. Düsseld. 1972. – Ursula u. Rolfson Bongs: Ein bibliogr. Verz. 1925–72. Düsseld. 1972. – Wolfgang Paulsen: Versuch über R. B. Der Schriftsteller als Dichter. Darmst. 1973. – Ders.: R. B. aus amerikan. Sicht. In: Der Dichter u. sein Werk. Hg. Elke Nicolai. Ffm. 1993, S. 537–542. – Ders.: Romanautor u. Romanheld: Zu E. B.’ Roman ›Das Londoner Manuskript‹. Ebd., S. 543–561. – Ders.: Erinnerungen an R. B. In: Dt. Bücher 27 (1997), 3, S. 163–179. Heinz Vestner / Red.
Bonhoeffer
Bonhoeffer, Dietrich, * 4.2.1906 Breslau, † 9.4.1945 Konzentrationslager Flossenbürg. – Protestantischer Theologe.
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des Menschen neu zu gestalten u. zu interpretieren. Die Problematik der Haft suchte er zudem in den fragmentarisch gebliebenen literar. Texten Fragmente aus Tegel (Mchn. 1978; D. B. Werke VII) u. in Gedichten (Jürgen Henkys, s. u. Lit.) zu bewältigen. Eines von diesen, Von guten Mächten, findet sich inzwischen als Lied in evang. u. kath. Gesangbüchern. B.s Bedeutung besteht in seinen durch die Praxis eingelösten theolog. Stellungnahmen u. Meditationen, in denen sich ein Glaube manifestiert, der im Kampf gegen das Unrecht nicht vergisst, dass diese Welt von Gott angenommen u. durch das Kreuz zum Heil berufen ist.
B. entstammte der seit 1912 in Berlin lebenden Familie des Psychiaters Karl Bonhoeffer. Das Studium der evang. Theologie in Tübingen, Rom u. Berlin beschloss er 1927 mit der Promotion u. 1931 mit der Habilitation. Nach Aufenthalten in Barcelona u. New York wurde er Dozent, Studentenpfarrer u. Sekretär für Internationale ökumen. Jugendarbeit. Von Anfang an leistete er Widerstand gegen den Nationalsozialismus, bereits 1933 durch sein Eintreten gegen die Deutschen Christen u. die Anwendung des Arierparagrafen auf die evang. Kirche. 1933–1935 Pfarrer in Ausgabe: D. B. Werke, I-XVII. Mchn. 1986–1992 London, bildete B. 1935–1940 illegal Vikare u. Gütersloh 1993–1999. der Bekennenden Kirche aus. Nach Entzug Literatur: Biografien: Eberhard Bethge: D. B. der Lehrbefugnis 1936 u. der Ausweisung aus Mchn. 1967. Gütersloh 92005. – Ders. u. a. (Hg.): D. Berlin 1938 erhielt B. 1940 Reichsredeverbot B. Bilder aus seinem Leben. Mchn. 1986. Neuausg. u. 1941 Schreibverbot. Auf Vermittlung sei- hg. v. Renate Bethge u. a. Gütersloh 2005. – Ferdines Schwagers Hans von Dohnanyi beteiligte nand Schlingensiepen: D. B. Mchn. 2005. 42006. – er sich seit 1940 am Widerstand im Kreis um Einzeltitel: Ernst Feil: Die Theologie D. B.s. Mchn. 5 Admiral Canaris u. Hans Oster, in dem später 1971. Münster 2005. – E. Bethge u. a. (Hg.): Indas Hitler-Attentat vom 20. Juli mit vorbe- ternat. B.-Forum I-IX. Mchn. 1976–93. – Werner reitet wurde. Bereits 1943 verhaftet, wurde B. Kallen: In der Gewißheit seiner Gegenwart. Mainz 1997. – E. Feil (Hg.): Internat. Bibliogr. zu D. B. zwei Jahre später hingerichtet. Gütersloh 1998. – Jürgen Henkys: Geheimnis der Literarisch gewirkt hat B. zu Lebzeiten Freiheit. Die Gedichte D. B.s aus der Haft. Biogr. – insbes. durch seine meditative Schrift Nach- Poesie – Theologie. Gütersloh 2005. – Josef Aufolge (Mchn. 1937, D. B. Werke IV), die ange- ßermair u. Gregor Maria Hoff (Hg.): D. B. Orte sichts der sich ständig verschärfenden Aus- seiner Theologie. Paderb. 2007. – Reihe: Christian einandersetzungen mit dem nationalsozia- Gremmels u. a. (Redaktion): D.-B.-Jb. Gütersloh list. Regime einen Aufruf zur Kreuzesnach- 2003 ff. Ernst Feil folge der Christen formuliert. Weithin bekannt wurde B. jedoch durch postum publizierte Schriften: In der Ethik (Mchn. 1949. D. Bonin, Christian Friedrich Ferdinand AnB. Werke VI) reflektierte er – herkommend selm von, * 16.6.1755 Magdeburg, † 14.2. aus einer protestantisch-preuß. Tradition – 1813 Neustrelitz. – Offizier; Hoftheaterintendant, Übersetzer u. Komödienautor. die Notwendigkeit des Widerstands u. der Schuldübernahme; denn nicht zu handeln, B. entstammte einer bedeutenden Adelsfalasse auch schuldig werden. Weltliches Han- milie Hinterpommerns. Er gehörte bis 1786 deln verteidigte B. dabei nachhaltig als im dem preuß. Garderegiment »Gens d’Armes« Glauben gebotenes Handeln. In seinen Brie- an. Danach begab er sich als Hofbeamter u. fen aus der Haft Widerstand und Ergebung Hoftheaterintendant in die Dienste des Her(Mchn. 1951; D. B. Werke VIII) plädierte er zogs von Mecklenburg-Neustrelitz. In den dafür, vom christl. Glauben ausgehend, die preuß. Militärdienst zurückgekehrt, starb B. mündig gewordene Welt der Neuzeit zu ak- als hoher Offizier an den Strapazen des nazeptieren; gegen eine kulturprotestant. »Re- poleonischen Russlandfeldzugs. ligion« wies B. auf die Notwendigkeit hin, Bedeutung erlangte B. als erster u. kongechristl. Glauben angesichts der Autonomie nialer Übersetzer der hochadelskrit. Briefro-
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man-Serie Les liaisons dangereuses von Choderlos de Laclos (Paris 1782); seine Übertragung (Lpz. 1783) liegt noch der neuesten deutschsprachigen Ausgabe Die gefährlichen Bekanntschaften (Lpz./Mchn. 1987/88) zugrunde. Darüber hinaus verfasste u. übersetzte B. Soldatenstücke (Haß und Liebe. Bln. 1786) sowie Komödien von einigem Unterhaltungswert. Dabei galt während des 19. Jh. v. a. eine dreigeteilte Hauptrolle im Lustspiel Die Drillinge (Gotha 1781) als Paraderolle berühmter Schauspieler. Weitere Werke: Blanfurt u. Wilhelmine. Breslau 1779 (D.). – Sendschreiben über die Berliner u. Breslauer Bühne. Breslau 1779. – Der Sonnenritter. 2 Tle., Lpz. 1781 (R.). – Der Postmeister. Duisburg 1792 (D.). Literatur: Klaus-Ulrich Kreutke: Militär u. Schöngeist: C. F. F. A. B. In: Mecklenburg-Magazin 41 (2004), S. 22. – Klaus-Ulrich Kreutke u. Ralf Mumm: C. F. F. A. B. Mecklenburg-Strelitzer Oberst. In: Dies.: Soldaten aus Mecklenburg. Schwerin 2004, S. 17 f. Adrian Hummel / Red.
Bonn, Ferdinand, auch: Franz Baier, Florian Endli, * 20.12.1861 Donauwörth, † 23.9.1933 Bernau/Chiemsee. – Bühnenautor u. Schauspieler. Der Student der Rechtswissenschaften debütierte 1885 während seiner Münchner Studienzeit als Schauspieler am Nürnberger Stadttheater. Er wurde zu einer der schillerndsten Figuren der dt. Theaterszene um die Jahrhundertwende. Nach Engagements am Deutschen Theater in Moskau, am Hoftheater in München u. am Wiener Burgtheater war B. seit 1896 gefeierter Interpret des klass. Repertoires auf Berliner Bühnen, ehe er 1905 (bis 1907) mit einem eigenen »Berliner Theater« sein Glück als Intendant, Regisseur u. Autor versuchte. Seine auf vordergründige Bühneneffekte hin konzipierten Schauspiele lockten zwar anfangs das Publikum, stießen jedoch auf zunehmende Ablehnung der Kritik. B.s Autobiografie Mein Künstlerleben (Diessen 1920) dokumentiert in der larmoyanten Schilderung des Abstiegs vom Publikumsliebling zur komischen Figur unfreiwillig Doppelmoral
Bonnus
u. hohles Pathos des wilhelmin. Kulturbetriebs. Weitere Werke: Der junge Fritz. Lpz. 1898 (D.). – Lustige Soldatengesch.n. Bln. 1904. – Sherlock Holmes. Lpz. 1906 (D.). – Zwei Jahre Theater-Direktor in Berlin. Bln. 1908 (Autobiogr.). Ausgabe: Ges. Werke. 4 Bde., Lpz. 1911. Literatur: Brigitte Müller: F. B. – Frauenheld, Lebemann u. Weltverbesserer. Frauen, Adel u. Volk im Leben u. Werk v. F. B. Marburg 2004. Volker Busch / Red.
Bonnus, Hermann, * 1504 Quakenbrück bei Osnabrück, † 12.2.1548 Lübeck. – Evangelischer Theologe u. lateinischplattdeutscher Literat. Nach dem Besuch der Domschule in Münster studierte B. seit April 1523 in Wittenberg (möglicherweise bei Melanchthon u. im Kreis um Luther), ab 1525 lehrte er in Greifswald u. wurde 1530 erster Rektor der neu gegründeten lat. Gelehrtenschule in Lübeck (Katharineum) u. am 9.2.1531 Superintendent der durch Bugenhagen reformierten Hansestadt; obwohl er in allerlei stadtpolit. Händel verstrickt war, lehnte er auswärtige Berufungen (nach Hamburg 1532 u. Lüneburg 1535) ab u. unterstützte nur 1543 die reformator. Bewegung (Kirchen- u. Schulordnung) in Stadt u. Hochstift seiner Heimat Osnabrück. Neben Eingaben an den Rat u. einer Chronica der [...] Stadt Lübeck (Magdeb. 1539), der Ausarbeitung verschiedener Kirchenordnungen, einer Sammlung von Exempla für Prediger, der Farrago praecipuorum exemplorum (Schwäbisch Hall 1539. Internet-Ed.: Slg. Hardenberg), lateinisch-plattdt. Katechismen, Predigten (Sermones) u. Exegetica verfasste B. auch wiederholt aufgelegte Schulgrammatiken u. Geistliche Lieder u. Psalmen. Er bearbeitete das Rostocker Gesangbuch von Joachim Slüter; zwei seiner Kirchenlieder stehen noch im EKG (Nr. 57: O wir armen Sünder, Nr. 200: Mein Seel, o Herr, muß loben dich). Ausgaben: Wackernagel 1, Nr. 464–480; 3, Nr. 846–853. – Christlicke Kercken Ordenungh. Der Statt Ossenbrügge, dorch M. H. B. verfatet (1543). In: 450 Jahre Reformation in Osnabrück. Hg. Karl Georg Kaster u. Gerd Steinwascher. Bramsche 1993,
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S. 172–191 (mit nhd. Übers.). – Kerckenordnunge vor de landkercken des stifts Osenbrugge [...] (1543), ebd., S. 210–215 (mit nhd. Übers.). – Ordinatio Magistri H. B. Exercitium quotidianum in sacris scripturis [...] (1543), ebd., S. 236–239 (mit Übers.). – Herausgeber: Enchiridion. Geistlike Lede u. Psalmen. Lübeck (ca. 1547). Internet-Ed.: http://www.uni-kiel.de/ub/digiport/bis1800/ Arch4_161(1).html. Literatur: VD 16, B 6619–6641. – Hauschild, BLSHL (s. u.). – Weitere Titel: Johannes Moller: Cimbria literata [...]. Bd. 2, Kopenhagen 1744, S. 70–74. – Heppe: H. B. In: ADB. – Caspar Heinrich Starck: Kurtz-gefaßte Lebens-Beschreibung derer Lübeckischen Herren Superintendenten [...], davon der I. Theil vorstellet Hrn. H. B. Lübeck/Lpz. 1710. – Gustav Kawerau: H. B. In: RE. – Ellinger 2, S. 162. – Franz Flaskamp: Zur Reformationsgesch. des Hochstifts Osnabrück: H. B. Gütersloh 1951. – Olof Ahlers: H. B. In: NDB. – Heide Stratenwerth: Die Reformation in der Stadt Osnabrück. Wiesb. 1971. – Wolf-Dieter Hauschild: H. B.: In: BLSHL. – Vibeke Winge: Das mittelniederdt. evang. Gesangbuch König Friedrichs v. Dänemark. In: Nd. Jb. 107 (1984), S. 32–59. – W.-D. Hauschild: Leben u. Werk des Reformators H. B. (1504–1548). In: Quakenbrück. Von der Grenzfestung zum Gewerbezentrum. Zur 750-Jahr-Feier. Hg. Horst-Rüdiger Jarck. Quakenbrück 1985, S. 298–318. – Sabine Pettke: Des Lübecker Superintendenten H. B.’ Behelfskirchenordnung für Rostock v. Jahr 1533. In: Ztschr. der Savigny-Stiftung für Rechtsgesch. 104 (1987), S. 337–345 (mit Ed.). – Dies.: Ein Gutachten des Lübecker Superintendenten H. B. zur Reform der Univ. Rostock (1533). In: Schr.en des Vereins für Schleswig-Holstein. Kirchengesch., Reihe 2, Bd. 44 (1989), S. 93–97. – Petra Savvidis: H. B. Superintendent v. Lübeck (1504–1548). Sein kirchenpolit.organisator. Wirken u. sein praktisch-theolog. Schrifttum. Lübeck 1992 (mit. Lit.). – 450 Jahre Reformation in Osnabrück, a. a. O., passim. – Thomas Schmidt-Beste [Georg Karstädt] in: MGG 2. Aufl. Bd. 3, Sp. 352 f. – Martin H. Jung: Evang. Heiligenverehrung. Die Vorstellungen des Osnabrücker Reformators H. B. In: Jb. der Gesellsch. für Niedersächs. Kirchengesch. 102 (2004), S. 63–80. Reinhard Düchting / Red.
Bonsels, Waldemar, * 21.2.1880 Ahrensburg/Holstein, † 31.7.1952 Ambach/ Starnberger See; Grabstätte: Garten seiner Villa am Starnberger See. – Erzähler. B. wuchs in Ahrensburg, Berlin u. Kiel als Sohn eines Apothekers u. Zahnarztes auf. Als
Siebzehnjähriger entfloh er der Atmosphäre seines bürgerlich-pietistisch geprägten Elternhauses u. zog durch mehrere europ. Länder. 1901 arbeitete er in Karlsruhe in einer Buch- u. Kunstdruckerei, ließ sich dann aber zum Missionskaufmann ausbilden u. reiste 1903 im Auftrag der Baseler Mission nach Indien. Enttäuscht über die seiner Ansicht nach fragwürdigen Arbeitsmethoden dieser Gesellschaft, warf er ihr nach seiner Rückkehr aus Indien in einem offenen Brief (Mein Austritt aus der Baseler Missions-Industrie und seine Gründe. Mchn. 1904) die Koppelung von Missionsauftrag u. geschäftl. Gewinnstreben vor u. kündigte seinen Dienst. 1904 war er Mitbegründer eines Verlags in München, gab jedoch 1912 die begonnene Verlagsarbeit wieder auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Während des Ersten Weltkriegs hielt er sich als Kriegsberichterstatter in Galizien u. im Baltikum auf. Seit 1918 lebte er in Ambach am Starnberger See. Zu B.’ ersten Veröffentlichungen gehören die Erzählung Ave vita morituri te salutant (Mchn. 1906) u. die Romane Blut (Hbg. 1909) u. Die Toten des ewigen Krieges (Bln. 1911; seit 1917 u. d. T. Wartalun). Sie kreisen alle um das Thema der Befreiung aus der Enge des bürgerlich-pietist. Milieus u. um das Spannungsverhältnis zwischen Trieb u. Vernunft. 1912 erreichte er mit dem Natur- u. Tiermärchen Die Biene Maja und ihre Abenteuer (Bln. 1912 u. ö. Neuaufl. Mchn. 2007) den Höhepunkt seines Erfolgs. Eine mit individuellen menschl. Zügen ausgestattete Biene verlässt ihren heimatl. Bienenstock, gerät dabei in verschiedenste Abenteuer u. kann schließlich das eigene Volk vor der Vernichtung durch einen Hornissenschwarm retten. Die Biene Maja erlebte bis 1979 eine Gesamtauflage von 1,7 Mio. Exemplaren, wurde mehr als 150mal übersetzt u. mehrmals (zuerst 1924) verfilmt. Eindrücke von einem Aufenthalt in Indien legte B. in dem Bericht Indienfahrt (Ffm. 1916 u. ö. Zuletzt Zürich 1989) nieder, der die Konfrontation europäisch-christlicher Lebensauffassung mit dem Hinduismus u. Buddhismus spiegelt. In der Trilogie Aus den Notizen eines Vagabunden (Ffm. 1917–23. Neuaufl. Wien/Mchn. 1979) entwickelte B. seine
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kultur- u. religionsphilosoph. Anschauungen. Das seiner eigenen Einschätzung nach in dieser Hinsicht bedeutendste Werk, der weltanschaul. Roman Dositos (Mchn. 1943. 2. Aufl. u. d. T. Das vergessene Licht. Stgt. 1951. Zuletzt u. d. T. Der Grieche Dositos. Stgt. 1991), behandelt einen Stoff aus biblischer Zeit. Der Grieche Dositos kommt nach Jerusalem u. wird in neutestamentar. Ereignisse verwickelt. Die Begegnung mit der Lehre des Nazareners wird dabei für ihn zum Schlüsselerlebnis. Weitere Werke: Runen u. Wahrzeichen. Wuppertal 1947. – Wanderschaft zwischen Staub u. Sternen. Hg. Rose-Marie Bonsels. Bde. 1–10, Mchn. 1980. Literatur: Bibliografie: Otto Jordan: W. B. Bibliogr. Bohmstedt bzw. Mchn. 1977 [1978]. – Weitere Titel: Lini Hübsch-Pfleger: W. B. Eine biogr. Studie. In: Wanderschaft, a. a. O., Bd. 1, S. 9–65. – Rose-Marie Bonsels: W. B. im Spiegel der Kritik. Wiesb. 1986. – Dies.: Menschenbild u. Menschenwege im Werk v. W. B. Wiesb. 1988. – Roswitha Hentschel: Paula Ludwig u. W. B. Dokumente einer Freundschaft. Wiesb. 1994. – Helga Karrenbrock: Tagträume u. Kinderwünsche. Die ›Biene Maja‹ u. ihre mannigfaltigen Brüder u. Schwestern. In: Die Zoologie der Träume. Studien zum Tiermotiv in der Lit. der Moderne. Hg. Dorothee Römhild. Opladen 1999. Elisabeth Willnat / Red.
Bonstetten, Albrecht von ! Albrecht von Bonstetten Bonstetten, Karl Viktor von, auch: Charles-Victor de B., Bonstetten de Valeyres, * 3.9.1745 Bern, † 3.2.1832 Genf; Grabstätte: Valeyres-sous-Rances, Kanton Waadt. – Frühliberaler Staatsmann, Verfasser anthropologischer, archäologischer, landeskundlicher u. pädagogischer Schriften in deutscher u. französischer Sprache. B. stammte aus einem seit dem frühen 10. Jh. urkundlich erwähnten, mit den Habsburgern mehrfach liierten Freiherrengeschlecht, dessen Burg südlich von Zürich lag. Bedeutendster Vorfahre war der Humanist Albrecht von Bonstetten, Verfasser wichtiger chronikal. Werke, so der ältesten Beschreibung der Schweiz (1479). Während der Zürcher Famili-
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enzweig ausstarb, lebte die humanist. Tradition im Berner Zweig fort, vorzüglich in B. u. in dessen Enkel Gustav von Bonstetten, einem Archäologen von internat. Rang. Der Patrizier B. teilte mit seinem humanist. Ahnen die Urbanität, die er sich in Holland, England, Frankreich, Skandinavien u. Italien angeeignet hatte (er war schweizerisch-dän. Doppelbürger), ferner die (autodidaktisch erworbene) Vertrautheit mit den lat. Klassikern sowie einen ausgeprägten histor. u. ästhet. Sinn. Goethes Eckermann schildert B. als einen »Mann, der von Voltaire u. Rousseau herauf bis zu der Frau v. Staël u. Lord Byron mit aller Literatur des Jahrhunderts gelebt hat. Er besitzt eine grenzenlose Erfahrung u. eine besondere Gabe, die Eigenheiten verschiedener Personen durch die feinsten u. schärfsten Andeutungen einem anderen zu überliefern u. anschaulich zu machen« (Gespräch mit Goethe, 25. Nov. 1830). B.s attraktive Persönlichkeit, sein Erfahrungsreichtum u. sein zwischen Zeitaltern u. Kulturen vermittelnder Geist ließen ihn zu einem gesuchten Gesprächs- u. Briefpartner werden. Der großenteils überlieferte Briefbestand aus seinem europ. Korrespondentennetz bietet vielfältige Aufschlüsse über die Jahrzehnte zwischen 1760 u. 1830. B. war korrespondierendes Mitgl. der Akademien in Kopenhagen, Pisa, Neapel, Lyon sowie wiss. u. gemeinnütziger Gesellschaften. B.s Beobachtungsgabe, sein im Studium mit dem Genfer Naturforscher u. Psychologen Charles Bonnet entwickelter »art de l’observation« sowie sein volatiler Möglichkeitssinn bewährten sich in der staatsmännischen Praxis wie in seinen Studien in den Bereichen der Landeskunde (Briefe über ein schweizerisches Hirtenland. Der Teutsche Merkur 1781. Basel 1782), der klass. Archäologie (Voyage sur la scène des six derniers livres de l’Énéide. Genf 1804), der Psychologie (Recherches sur la nature et les lois de l’imagination. Genf 1807), der Nationalbildung (Über Nationalbildung Zürich 1802. Pensées sur divers objets de bien public. Genf 1815), der Anthropologie (L’homme du Midi et l’homme du Nord. Genf 1824. Études de l’homme. Genf 1821, dt: Philosophie der Erfahrung. Stgt. 1828), wobei sich diese Interessen stets miteinander verbanden.
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B. war kein systematischer Denker. Seine spräche, 1811–13. Hg. D. u. P. Walser-Wilhelm. veröffentlichten u. in Manuskripten überlie- Gött. 2005 ff. (auch in frz. Ausg.). Literatur: Aimé Steinlen: Charles-Victor de B. ferten Essays widerspiegeln ein Denken in »statu nascendi«, das sich philosophiege- Lausanne 1860. – Marie-L. Herking: Charles-Victor schichtlich zwischen den frz. »Idéologues«, de B. 1745–1832. Lausanne 1921. – Louis-G. Boursiac: Un essayiste et philosophe familier de der Schottischen Schule u. Kants Kritik der Coppet. Ch.-V. de B. et son œuvre française. Essai de reinen Vernunft bewegte u. durch seinen récréation psychologique et littéraire. Paris 1940. – »phénoménisme« in die Zukunft wies. Stefan Howald: Aufbruch nach Europa. K. V. v. B. Zweisprachig u. sprachkritisch, wie er war, 1745–1832. Leben u. Werk. Basel/Ffm. 1997. vermisste er noch im höchsten Alter eine anDoris Walser-Wilhelm / Peter Walser-Wilhelm gemessene Sprache: »Moi, j’aurais un plaisir immodéré à écrire dans une langue neuve qui Bopp, Franz, * 14.9.1791 Mainz, † 23.10. recevrait jusqu’aux moindres nuances de ma 1867 Berlin; Ehrengrab auf dem Dreifalpensée et me donnerait comme une glace pure tigkeitsfriedhof Berlin-Kreuzberg. – l’image la plus vraie de mon âme«. Um ihm Sanskritforscher u. Begründer der verals meditierendem u. spontan schreibendem gleichenden indogermanischen SprachBeobachter zu begegnen, sind (ähnlich wie wissenschaft. bei Maine de Biran) neben seinen veröffentlichten Schriften die überlieferten Manu- B. wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. skripte u. seine Korrespondenzen beizuzie- Sein Interesse an den Kulturen des Orients wurde durch den Aschaffenburger Universihen. B.s Schriften hatten eine oft unbemerkte tätslehrer Karl Joseph Windischmann geoder unterschätzte Nachwirkung, die unter weckt. Noch folgenreicher war die Lektüre der Zweisprachigkeit seines Œuvres litt. von Friedrich Schlegels Schrift Ueber die SpraSainte-Beuve widmete ihm 1860 in seinen che und Weisheit der Indier (Heidelb. 1808), Lundis drei hervorragende Studien, adoptierte welche die entscheidenden morpholog. u. strukturellen Übereinstimmungen der Spraihn als einen »aimable français du dehors« u. chen Sanskrit, Griechisch, Latein, Germawürdigte ihn zgl. als einen »esprit cosmoponisch u. Persisch thematisierte u. deren gelite, européen«. Die Vergleichende Literaturmeinschaftliche Abstammung, also Sprachwissenschaft, vor allem in den Bereichen des verwandtschaft, erwies. Unter dem Eindruck »Groupe de Coppet« sowie der frz., ital. u. der Lektüre Schlegels übersiedelte B. nach russ. Frühromantik, hat ihn so wenig verParis (1812–1816), dem damaligen »Mekka« gessen wie die Archäologie der röm. Camdeutscher Orientalisten. pagna oder die Geschichtsschreibung des euTrotz unzureichender Lehrmittel u. ohne rop. Frühliberalismus. Die seit 1996 erscheisystemat. Sanskritunterricht konzentrierten nende historisch-krit. Gesamtausgabe seiner sich seine Sprachstudien nach anfänglicher Korrespondenzen u. Schriften, auch der bisBeschäftigung mit dem Persischen u. Arabiher unveröffentlichten, belebt die Aufmerkschen auf die autodidaktische grammat. samkeit für diese hervorragende Persönlich- Analyse von Sanskrittexten. Diese schärfte keit im Übergang vom 18. zum 19. Jh. seinen Blick für die Sprachverwandtschaft u. Ausgaben: Werkausgabe: Bonstettiana. Hg. Doris führte zur Publikation der epochemachenden u. Peter Walser-Wilhelm u. a.: Hist.-krit. Ed. der Schrift Über das Conjugationssystem der SansBriefkorrespondenzen K. V. v. B.s u. seines Kreises, kritsprache in Vergleichung mit jenem der griechi1753–1832. Bern 1996–2000. Forts.: Gött. 2002 ff. schen, lateinischen, persischen und germanischen – Hist.-krit. Ed. v. K. V. v. B.s Schr.en. Bern Sprache (Ffm. 1816). Sie war trotz zeitbe1997–2000. Forts.: Gött. 2006 ff. – Online-Übersicht: www.bonstettiana.ch (zu beiden Reihen). – Aus- dingter Irrtümer der erste systemat. Vergleich wahl: Italiam! Italiam! Ein neuentdeckter K. V. v. B. des Verbalsystems indogermanischer SpraHg. D. u. P. Walser-Wilhelm. Bern 1995 (auch in chen u. gilt weitläufig als die Gründungsurfrz. u. ital. Ausg.). – Zeitgebirge. K. V. v. B., Mme de kunde der Indogermanistik. Das Werk entStaël, Friederike Brun, geb. Münter. Zwei Briefge- hält auch Episoden nebst Übersetzungen
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meist aus dem altind. Epos Maha¯bha¯rata. Auch in seinen späteren Vorlesungen versäumte B. es selten, literar. Texte zu behandeln. Während B.s Londoner Studienaufenthalt (1818–1820) wurde der damalige preuß. Gesandte Wilhelm von Humboldt sein engagierter Sanskritschüler, woraus sich ein nachhaltiges wiss. Zusammenwirken entwickelte. Bei der Erforschung der indogerman. Sprachen legte B. besonderes Gewicht auf die Erklärung der oft reichen Flexion dieser Sprachen. Während er im Conjugationssystem noch in der Tradition von Schlegels romantischer Entfaltungshypothese der grammat. Formen (»durch entsprechende Modifikation der Wurzel«, S. 18) bleibt u. die logizist. Annahme vertritt, »wie aber zuweilen das verbum abstractum [esse] mit der Stammsylbe ... verschmolzen wird« (ebd.), so folgt er schon im »Nachtrag« zum Conjugationssystem der sog. Zusammensetzungs- (oder Agglutinations-)Theorie, d.h. dem Hinzutreten ursprünglich selbstständiger (pronominaler) Elemente an die Wortwurzel. Diese theoret. Umorientierung bestimmt die Analytical Comparison von 1820, eine Art Neukonzeption des Conjugationssystems, mit der sich B. in offene Konfrontation zu Schlegel begibt. Humboldt vertrat nachdrücklich die Agglutinationstheorie. Erst 1820 in Göttingen h. c. promoviert, wurde B. auf Veranlassung Humboldts am 1. Dez. 1821 zum a. o. Prof. für Orientalische Literatur u. allgemeine Sprachkunde an die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin berufen. Nach der Aufnahme in die Preußische Akademie (1822) wurde er 1825 zum o. Prof. ernannt. Zu B.s zentralen Schriften zählen seine Akademieabhandlungen. Theoretisch bedeutsam sind seine Studien über die Pronomina, die er, zeitgenössischen sowie altind. Grammatikervorstellungen gemäß, als einsilbige Wurzeln auffasste (neben den ebenfalls einsilbigen »Verbal«-Wurzeln, den Trägern der lexikal. Bedeutungen) u. in agglutinierender Weise zur Erklärung der Flexion nutzte. Seine »Anatomie« der Sprachformen wandte B. auf weitere indogerman. Sprachen an (Keltisch u. Litauisch). Er sah das Sanskrit
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nunmehr als eine »Schwestersprache der verwandten Europäischen« (Lpz. 1972, S. 33), eine relativierende Sicht, ohne aber die Rekonstruktion einer Grundsprache zu versuchen. Unterschiede zwischen den Sprachen werden noch nicht durch rekurrente Lautentsprechungen, sondern oft spekulativ (als »Lautunterdrückungen«, »Entartungen« u. a.) behandelt, was zu fatalen Fehlgriffen bei der Vergleichung von nicht indogermanischen malayisch-polynes. u. kaukas. Sprachen führte. Bedeutsam war seine letzte Abhandlung (1855) zum indorgerman. Charakter des Albanischen. B.s wichtigstes Werk ist die Vergleichende Grammatik des Sanskrit, Zend, Griechischen, Lateinischen, Litthauischen (Altslavischen ab 2. Abt.), Gothischen und Deutschen (6 Abt.en, 1. Aufl. Bln. 1833–52. 2. umgearbeitete u. erw. Aufl. 1856–60. 3. Aufl. postum 1868–71). Darin geht es zunehmend um den Nachweis des den Sprachen gemeinsamen Formengutes, das B. »organisch« nennt, neben den einzelsprachlichen »unorganischen« Neuerungen. B. sucht das Identische in der Vielfalt der Erscheinungen, u. hierin offenbart sich die eigentliche histor. Dimension in seinem Denken u. Schaffen. Die bis heute umstrittene Theorie einer indogerman. Grundsprache ebenso wie die systemat. Erforschung der histor. Phonologie (Lautlehre) des Indogermanischen waren das Werk Nachfolgender. B. wirkte für die Verbreitung des Sanskrit als Hochschulfach. Seine Lehrbücher, Texteditionen, Grammatiken u. Wörterbücher dienten als unentbehrliche Studiengrundlage der jungen Disziplin. B.s epochales Verdienst für die Indogermanistik war der Aufweis des indogerman. Charakters der Sprachen, die er noch »indoeuropäisch« nannte. Weitere Werke: Analytical Comparison of the Sanskrit, Greek, Latin and Teutonic Languages [...]. In: Annals of Oriental Literature. London 1820, S. 1–64. – Kleine Schr.en zur vergleichenden Sprachwiss. Lpz. 1972 (danach zit.). Unveränderter Nachdr. Abh.en u. Sitzungsber.e der Kgl. Akademie der Wiss. Bln. 1824–54 (darin u. a. Schr.en zu den Pronomina, zum Keltischen, zu malayisch-polynes. Sprachen, zum Georgischen sowie zum Litauischen u. Albanischen). – Vergleichendes Accentuations-
Boppe system nebst einer gedrängten Darstellung der grammat. Übereinstimmungen des Sanskrit u. Griechischen. Bln. 1854. – Lehrbezogene Werke: Ausführl. Lehrgebäude der Sanskrita-Sprache. Bln. 1827. – Grammatica critica linguae Sanscritae. 2. erw. Aufl. Bln. 1832. – Krit. Grammatik der Sanskrita-Sprache in kürzerer Fassung. Bln. 1834 u. ö. – Glossarium Sanscritum. Bln. 1830 (ab 2. Aufl. auch lexikal. Vergleiche mit anderen indogerman. Sprachen). Literatur: Salomon Lefmann: F. B., sein Leben u. seine Wiss. 1. u. 2. Hälfte. Nachtr.: Briefw. F. B. u. W. v. Humboldt. Bln. 1891–97. – Berthold Delbrück: Einl. in das Studium der indogerman. Sprachen. Lpz. 61919, S. 61–82. – Thomas A. Sebeok: Portraits of Linguists. Bd. 1, Bloomington/ London 1966 (Aufsätze zu B. v. Russel Martineau, August Leskien, Peter A. Verburg). – Günter Neumann: Indogerman. Sprachwiss. 1816 [u. 1866]. Innsbrucker Beitr. zur Kulturwiss. Sonderh. 24. Innsbr. 1967. – Hans Arens: Sprachwiss. Der Gang ihrer Entwicklung v. der Antike bis zur Gegenwart. Bd. 1, Freib. i. Br./Mchn. 1969, S. 175–179, 218–227. – T. A. Amirova u. a.: Abriß der Gesch. der Linguistik. Lpz. 1980, S. 238–246. – Reinhard Sternemann: F. B. u. die vergleichende indoeurop. Sprachwiss. Innsbrucker Beitr. zur Sprachwiss. Vorträge u. kleinere Schr.en 33. Innsbr. 1984 (mit Verz. aller Berliner Lehrveranstaltungen). – B.Symposium 1992 der HU zu Berlin. Hg. R. Sternemann. Heidelb. 1994. Reinhard Sternemann
Boppe, zweite Hälfte des 13. Jh. – Sangspruchdichter. B. gehört zu den profilierteren »kleineren« Autoren der Sangspruchdichtung in der zweiten Hälfte des 13. Jh. Wir besitzen kein hist. Zeugnis, doch lassen sich, aufgrund historischer Bezüge in seinen Sprüchen, seine Wirkungszeit auf die 80er u. 90er Jahre des 13. Jh. u. sein Wirkungsraum auf das süddt. Gebiet eingrenzen. 1287 oder kurz danach entstand I.21 (Bitte um das Seelenheil Konrads von Würzburg, † 1287). IV.1 muss zwischen 1283 u. 1290 verfasst worden sein; auf die bad. Markgrafen Rudolf I. († 1288) bzw. Hermann VII. († 1291), auf die hier angespielt wird, bezieht sich auch I.20, auf Rudolf von Habsburg († 1291) evtl. auch I.8 u. II.1. Die Reimbelege lassen keine gesicherte dialektale Einordnung zu.
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Als literar. Eigentum B.s können am ehesten die in den älteren Handschriften überlieferten Sprüche in Ton I, der später »Hofton« genannt wird, gelten: Große Heidelberger Liederhandschrift C (20 Sprüche, mit Autorenbild); Jenaer Liederhandschrift J (18 Sprüche, zwölf davon auch in C, mit Melodie); bereits durch C u. J bekannte Sprüche finden sich außerdem in der Niederrheinischen Liederhandschrift (zwei Sprüche) u. Basel, UB, B XI 8 (ein Spruch). Basel, N I 3, Nr. 145 überliefert sechs Sprüche, drei davon befinden sich auch in C bzw. J; ein aus J bekannter Spruch findet sich nochmals im Fragment Berlin, Mgq 795, das einen weiteren Spruch enthält, von dem eine lat. Umdichtung zweifach überliefert ist. Es sind somit 30 altüberlieferte Sprüche in Ton I erhalten. Daneben findet sich eine breite Überlieferung des Hoftons in den späteren Meisterliederhandschriften; die umfangreichste bietet die Kolmarer Liederhandschrift mit ca. 190 Strophen. Diese stammen wohl größtenteils aus dem 14. u. 15. Jh., doch ist völlige Sicherheit darüber nicht zu erlangen. Die anderen sieben, nur in C überlieferten, Töne (20 Strophen) entsprechen – abgesehen von Ton VIII – anderweitig bekannten Tönen: Marners Langem Ton, Meißners Ton I, Stolles Alment, Klingsors Schwarzem Ton, Frauenlobs Grünem Ton u. Gasts Ton. Man kann annehmen, dass selbst in C unter B.s Namen Strophen verschiedener Autoren überliefert sind. Die Sprüche befassen sich mit politischen, moral. u. theolog. Fragen u. decken fast das ganze themat. Spektrum der mhd. Sangspruchdichtung ab. Neben Herrscherpreis u. -mahnung, Klage des Fahrenden, Marien-, Gottes- u. Frauenpreis liegt der Schwerpunkt auf anaphor. Explikationen höf. Tugenden u. Laster (»milte«, »kerge«, »barmunge«, »zucht«, »unzucht«, »triuwe«) sowie moral. Natur- bzw. Tierallegorese (Galadrius, Taphart, Pardus, Antilapus; der Stein Kamahu, der Komet). Mehrfach finden sich Rätsel (I.16, I.8, V.1), häufig Namenskataloge (I.9, I.19, I.20). Priamelartig zugespitzte Einzelstrophen werden gleichermaßen zum Lob der Geliebten, des Geldes, der Huld Gottes, Konrads von Würzburg u. der holstein. Stormarn verwendet. Abgesehen von V.2–6 (eine
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an Tannhäusers Lied X anknüpfende Verspottung des Minnedienstes) u. VII (Preis der »barmunge« mit mehrfachen Berufungen auf »des küniges Tirols buoch«) herrscht bei den unter B.s Namen überlieferten Tönen das Prinzip der thematisch abgeschlossenen Einzelstrophe vor. Die Bekanntheit seiner Dichtung u. seines Namens auch noch in späteren Jahrhunderten deutet darauf hin, dass seine Sangspruchdichtung bei Zeitgenossen u. Nachfahren beliebt war. Ein bei Berthold von Regensburg († 1272) u. in den Baseler Annalen zum Jahr 1270 früh bezeugter »starker« B. ist vermutlich nicht der Dichter. Sichere Belege für die Verbindung von Stärke u. Dichtertum finden sich erst ab dem 14. Jh. z.B. im Autorenbild von C (Bl. 418r; der der SimsonIkonographie entsprechend dargestellte B. biegt mit bloßen Händen ein Hufeisen auseinander) u. in Konrads von Megenberg »Buch der Natur« (1349). Den Meistersängern ist B. als Erfinder des von ihnen häufig benutzen Hoftons bekannt u. gilt als einer der zwölf Begründer ihrer Kunst: Um 1350 erscheint B. in der Liste »Von allen singern« von Lupold Hornburg. Danach begegnet B.s Name mehrfach in jüngeren Meister-Katalogen u. in der Meisterlieder-Überlieferung. Ausgabe: Heidrun Alex: Der Spruchdichter B. Ed. – Übers. – Komm. Tüb. 1998. Literatur: Gisela Kornrumpf: B. In: VL. – RSM 3 (1986), S. 209–245. – Alex 1998 (s. o.). – Jens Haustein: Beiläufiges zu sechs B.-Liedern. In: ZfdPh 119 (2000), S. 197–207. – Johannes Spicker: Geograph. Kat.e bei B. Ebd., S. 208–221. – Michael Baldzuhn: Vom Sangspruch zum Meisterlied. Tüb. 2002, passim. – Shao-Ji Yao: Der Exempelgebrauch in der Sangspruchdichtung vom späten 12. Jh. bis zum Anfang des 14. Jh. Würzb. 2006, S. 108–111 u. passim. Heidrun Alex
Borchardt, Rudolf, * 9.6.1877 Königsberg, † 10.1.1945 Trins/Tirol; Grabstätte: ebd. – Lyriker, Erzähler, Essayist, Übersetzer, Redner. Einer Königsberger Kaufmannsfamilie jüd. Herkunft entstammend, wuchs der Sohn des Bankiers Robert Borchardt in Berlin auf, wo die Familie seit 1882 lebte. Da seine Leis-
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tungen am Französischen Gymnasium nicht ausreichten, wurde er in die Obhut des Gymnasialprofessors F. Witte gegeben, der ihn an den Königlichen Gymnasien in Marienburg/Westpreußen u. Wesel/Rheinland »in den Traditionen evangelischen Lebens und der Treue gegen den König« (so B. in: »Der Ring«. Jg. 2, 1929, H. 10, S. 185) erzog. Ab 1895 studierte B. zunächst in Berlin u. dann in Bonn v. a. klass. Philologie u. Archäologie. In dieser Zeit erfuhr er entscheidende geistige Prägungen durch die Lektüre der Schriften Herders u., im Febr. 1898, durch die Begegnung mit dem Frühwerk Hugo von Hofmannsthals. Bleibende Eindrücke hinterließ auch das Werk Stefan Georges; B.s lebenslange Auseinandersetzung mit George kulminierte 1936 in einer bitteren polem. Abrechnung mit dessen Leben u. Werk (Aufzeichnung Stefan George betreffend. Aus dem Nachl. hg. u. erl. v. Ernst Osterkamp. Mchn. 1998). Im Nov. 1898 setzte B. sein Studium in Göttingen fort u. begann dort mit der Arbeit an einer Dissertation über die Gattungen der griech. Lyrik, die aber nie abgeschlossen wurde. Seit 1899 entstanden unter dem Einfluss Hofmannsthals, Georges u. der großen engl. Dichter des 19. Jh. (Algernon Charles Swinburne, Robert Browning, Dante Gabriel Rossetti) in dichter Folge die Jugendgedichte (Privatdr. Lpz. 1913. Erste öffentl. Ausg. Bln. 1920), in deren aus äußerster Formenstrenge u. einer rauschhaft-entgrenzenden Sprachgewalt spannungsvoll gefügten lyr. Gebilden die komplexen Seelenzustände des jungen B. Gestalt fanden. Nach schweren Krisen (gefährl. Erkrankung im Febr. 1901, im Jahr darauf Bruch mit dem Vater) gab B. den Plan einer Universitätslaufbahn auf u. führte jahrelang ein unstetes Wanderleben in Italien. 1906, nach seiner Heirat mit der Malerin Karoline Ehrmann, ließ sich B. auf Dauer in Italien, in der Umgebung Luccas, nieder. B. kehrte 1914 nach Deutschland zurück, um am Ersten Weltkrieg im Heeresdienst teilzunehmen. Nach der Scheidung seiner ersten Ehe (1919) u. der Heirat mit Marie Luise Voigt (1920), einer Nichte Rudolf Alexander Schröders (aus der Ehe gingen vier Kinder hervor), siedelte B. erneut nach Italien
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über, von wo ihn nur noch seine Vortragsreisen (bis 1933) nach Deutschland führten. Im Aug. 1944 wurde B. mit seiner Familie verhaftet u. nach Innsbruck transportiert. In dem Fragment gebliebenen Text Anabasis hat B. noch kurz vor seinem Tode über diese Ereignisse zu berichten versucht (Anabasis: Aufzeichnungen, Dokumente, Erinnerungen 1943–1945. Hg. Cornelius Borchardt in Verb. mit dem Rudolf-Borchardt-Archiv. Mchn. 2003). In Trins am Brenner, wo die Familie unterkam, starb B. am 10.1.1945 an einem Schlaganfall. Vom literar. Leben seiner Zeit abgewandt, entwickelte B. in seinem freiwilligen Exil in Italien das Programm einer dichter. Erneuerung der auf der griechisch-latein. Antike u. dem europ. MA beruhenden kulturellen Überlieferung. Sein Traditionsbewusstsein versetzte ihn in Opposition zu den entscheidenden Bewegungen der literar. Moderne, sei es zu den im George-Kreis vertretenen Konzeptionen einer »poesie pure«, sei es zu der Formzertrümmerung des Expressionismus. Während B. in seiner Jugend auf die Publikation seiner Werke verzichtete – abgesehen vom seltenen Erscheinen seiner Gedichte in Privatdrucken u. in der »Insel« –, drängte er seit 1905 entschieden an die Öffentlichkeit: mit dem seine künstlerische Formauffassung u. seine Übersetzungstheorie begründenden Gespräch über Formen und Platons Lysis deutsch (Lpz. 1905), der Rede über Hofmannsthal (Lpz. 1905) u. der öffentl. Ausgabe des in der Sprache der Lutherbibel erzählten Buchs Joram (Lpz. 1907. Privatdr. Basel 1905). Das gemeinsam mit seinen Freunden Hugo von Hofmannsthal u. Rudolf Alexander Schröder herausgegebene Jahrbuch Hesperus (Lpz. 1909) brachte u. a. B.s Kritik an Stefan Georges Siebentem Ring u. erste Proben seiner Übersetzung von Dantes Commedia; der ganze in ein von B. erfundenes vorlutherisches Oberdeutsch übersetzte Dante deutsch erschien 1930 in München. Ein breiteres, wenn auch nie großes Publikum erreichte B. erst nach dem Ersten Weltkrieg. Seit 1920 brachte er seine Schriften im Ernst Rowohlt Verlag heraus (von zwölf geplanten Bänden erschienen sieben, daneben mehrere Einzelausgaben). Zgl. entfaltete er
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als einer der wirkungsmächtigsten Redner seiner Zeit an Themen der Dichtung, der kulturellen Überlieferung u. der Politik sein Programm einer »schöpferischen Restauration« der dt. Nation u. Kultur aus dem Geist einer in Antike, MA u. Romantik gründenden Poesie. Im Zeichen einer Erneuerung der geistigen Überlieferung stand auch B.s Mitarbeit im Verlag »Bremer Presse« (Mchn.) seit 1912. Hier stellte er mit kanonischem Anspruch eine Folge von Anthologien zusammen (Deutsche Denkreden. Mchn. 1925. Ewiger Vorrat deutscher Poesie. Mchn. 1926. Der Deutsche in der Landschaft. Mchn. 1927). Von zentraler Bedeutung für B.s Programm einer »schöpferischen Restauration« war sein Übersetzungswerk, das er als sprachschöpferische Erneuerung der abendländ. Tradition verstand (Tacitus: Deutschland. Mchn. 1922. Altionische Götterlieder. Mchn. 1924. Die großen Trobadors. Mchn. 1924. Hartmann von Aue: Der Arme Heinrich. Mchn. 1925). Aber auch seine eigene dichter. Produktion verband B. mit dem Anspruch, in einer Zeit umfassenden Formzerfalls mit jedem Werk ein Muster seiner Gattung zu schaffen: so in der Lyrik (Die Schöpfung aus Liebe. Bln. 1923. Vermischte Gedichte. Bln. 1924), mit Verserzählungen (Der Durant. Bln. 1920), im Drama (Verkündigung. Bln. 1920. Pamela. Mchn. 1934), in zeitkrit. Erzählungen (Das hoffnungslose Geschlecht. Bln. 1929), im Roman (Vereinigung durch den Feind hindurch. Wien 1937) u. im Essay (Handlungen und Abhandlungen. Bln. 1928). B.s selbstgestellter Lebensaufgabe, in grundsätzl. »Gegnerschaft gegen den modernen Zeitgeist« an einer »Restauration deutscher Kulturtotalität aus ihren gesamten geschichtlichen Beständen« (R. B., Alfred Walter Heymel, Rudolf Alexander Schröder. Eine Ausstellung des DLA im Schiller-Nationalmuseum. Marbach 1978, S. 391) zu wirken, setzte die nationalsozialist. Machtergreifung ein Ende. Von fast allen Publikationsmöglichkeiten abgeschnitten, widmete er sich seit 1933 in Italien weiterhin seinen historischen (Pisa. Zürich 1938) u. philolog. Studien u. arbeitete an einem großen Gartenbuch (Der leidenschaftliche Gärtner. Postum Zürich 1951). B.s im Widerstand zu den geschichtl. Bewegungen seiner Zeit u. den literar. Ent-
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wicklungen der Moderne entstandenes viel- würfe. 1901–20. Hg. Friedhelm Kemp u. Gerhard schichtiges Werk hat seinen Ursprung in der Schuster. Marbach 1985. – Briefe. Hg. G. Schuster dt. Universitätskultur des 19. Jh.: »Ich bin, u. Hans Zimmermann. 6 Bde., Mchn./Wien nicht nur als wissenschaftlicher Arbeiter, 1995–2002. – R. B. – Hugo v. Hofmannsthal: Briefw. Bearb. v. G. Schuster. Mchn./Wien 1994. – sondern auch als Dichter der dankbare Sohn R. B. – Rudolf Alexander Schröder: Briefw. 2 Bde., der aus dem Geiste der Romantik wiederge- Mchn./Wien 2001. – Die Entdeckung Amerikas. R. borenen deutschen Universität« (Gesammelte B. u. Edna St. Vincent Millay. Gedichte, ÜbertraWerke in Einzelbänden. Prosa VI. Stgt. 1990, gungen, Ess.s. Hg. G. Schuster. Mchn. 2004. S. 200). B.s Werk, in dem Dichtung u. ForLiteratur: Werner Kraft: R. B. Welt aus Poesie schung, Übersetzung u. polit. Rede gleich- u. Gesch. Hbg. 1961. – Hans-Georg Dewitz: ›Dante gewichtig nebeneinander stehen, will in sei- deutsch‹. Studien zu R. B.s Übertragung der ›Dinem strengen Traditionsbezug als ein Ganzes vina Commedia‹. Göpp. 1971. – Theodor W. aufgefasst sein: als der Versuch einer geisti- Adorno: Die beschworene Sprache. In: Ders.: Noten gen Wiederherstellung geschichtlich verloren zur Lit. 4. Ffm. 1974, S. 63–89. – Hildegard Humgegangener kultureller Einheit, wie sie ihm mel: R. B. Interpr.en zu seiner Lyrik. Ffm./Bern in der Welt der griech. Antike u. des europ. 1983. – R. B. 1877–1945. Referate des Pisaner Colloquiums. Hg. Horst Albert Glaser in Verb. mit MA vor Augen stand. In seinem dichter. Enrico De Angelis. Ffm. u. a. 1987. – Susanne Selbstverständnis berief B. sich in antiker Hofmann: Bildung u. Sehnsucht. Untersuchungen Tradition auf die Idee des mit prophetischem zum Mittelalterbild R. B.s. Paderb. u. a. 1995. – Seherblick göttlich begnadeten »poeta vates« Ernst Osterkamp (Hg.): R. B. u. seine Zeitgenossen. u. begründete das Dichterische in Inspiration Bln./New York 1997. – R. B. Verz. seiner Schr.en. u. urspr. Schöpferkraft. Dennoch gehört er als Bearb. v. Ingrid Grüninger in Verb. mit Reinhard ein »poeta doctus«, der sich seiner Distanz zu Tgahrt. Marbach 2002. – Kai Kauffmann (Hg.): den zurückzugewinnenden Traditionsbe- Dichter. Politik. Studien zu R. B. Bern u. a. 2002. – ständen stets bewusst war, ganz der Moderne Ders.: R.B. u. der ›Untergang der dt. Nation‹. Selbstinszenierung u. Geschichtskonstruktion im an. In seiner Lyrik spiegelt sich dieser Wiessayist. Werk. Tüb. 2003. – Alexander Kissler: ›Wo derspruch in dem spannungsvollen Ineinan- bin ich denn behaust?‹ R. B. u. die Erfindung des der von bewusster Formenstrenge u. klang- Ichs. Gött. 2003. – Meike Steiger: Textpolitik. Zur magischer Sprachmusik, von hochgespann- Vergegenwärtigung v. Gesch. bei R. B. Würzb. tem Stilwillen u. eruptivem Gefühlsaus- 2003. – Frank Hofmann: Sprachen der Freunddruck. Als einer der großen dt. Prosaautoren schaft. R. B. u. die Arbeit am ästhet. Menschen. dieses Jahrhunderts erweist sich B. v. a. in Mchn./Paderb. 2004. – K. Kauffmann (Hg.): Das seinen Essays, deren sprachl. Reichtum u. wilde Fleisch der Zeit. R. B.s Kulturgeschichtsderen Fähigkeit zur sinnl. Evokation von schreibung. Stgt. 2004. – Ernst A. Schmidt: R. B.s Gestalten, Landschaften u. geschichtl. Situa- Antike. Heroisch-trag. Zeitgenossenschaft in der Moderne. Heidelb. 2006. Ernst Osterkamp tionen schon früh gerühmt wurden. Als Übersetzer schließlich, der sich die Schließung der Brüche in der kulturellen Überlie- Borchers, Elisabeth, * 27.2.1926 Homferung Deutschlands zur Aufgabe gesetzt berg/Niederrhein. – Lyrikerin, Erzählehatte, hat B. dem dt. Publikum – von diesem rin, Kinderbuchautorin. freilich nahezu unbemerkt – in einer großen sprachschöpferischen Leistung ein Spektrum B. wuchs im Elsass auf u. lebte längere Zeit in abendländ. Poesie erschlossen, das sich von Frankreich u. den USA, bis sie 1959 MitarSappho u. Pindar über die Provenzalen u. beiterin von Inge Aicher-Scholl an der HochDante bis hin zu Swinburne u. Edna St. Vin- schule für Gestaltung in Ulm, 1960 Lektorin beim Luchterhand Verlag u. 1971 bei Suhrcent Millay erstreckt. Ausgaben: Schr.en. 7 Bde., Bln. 1920–24. – Ges. kamp u. Insel wurde. Daneben ist sie als Werke in Einzelbdn. 14 Bde., Stgt. 1955–90. – Übersetzerin tätig u. gab bislang mehr als ein Scritti italiani e italici. Hg. Marianello Marianelli. Dutzend Anthologien heraus, darunter moMailand/Neapel 1971 (mit ausführl. Bibliogr. v. derne Märchen deutscher Dichter (von Oskar Marlis Ingenmey). – Vivian. Briefe. Gedichte. Ent- Panizza bis Wolf Wondratschek. Ffm. 1972.
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1993) u. Das Insel-Buch der Träume (Ffm. und Spiele. Neuwied/Bln. 1965), 1967 den 1975). Ihrem ersten Kinderbuch Bi, Be, Bo, Ba, Kulturpreis der Deutschen Industrie u. 1976 Bu – Die Igelkinder (zus. mit Dietlind Blech. die Roswitha-Medaille der Stadt GandersHbg. 1962. Mchn. 81983) folgten zahlreiche heim u. 1986 den Friedrich-Hölderlin-Preis weitere. Für Heute wünsch ich mir ein Nilpferd der Stadt Bad Homburg v. d. Höhe. 1996 (zus. mit Wilhelm Schlote. Ffm. 1975) erhielt wurde ihr das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. B. ist Mitgl. der Akademie der B. den Deutschen Jugendbuchpreis 1976. B.’ erste gedichte (Neuwied/Bln. 1961) sind Wissenschaften und der Literatur in Mainz, im Stil märchenhafter Erzählung gehalten u. des PEN-Zentrums der Bundesrepublik folgen der kindl. Fantasie, selten unterbro- Deutschland u. der Deutschen Akademie für chen von distanzierender Reflexion. Am Sprache und Dichtung in Darmstadt. 2003 20.7.1960 erschien in der »Frankfurter All- übte sie die Poetik-Dozentur der Universität gemeinen Zeitung« ihr Gedicht eia wasser Frankfurt/M. aus. regnet schlaf (in: gedichte). Es löste eine heftige Weitere Werke: Der Tisch an dem wir sitzen. Leserbriefdebatte über den Text, die Autorin Neuwied 1967 (L.). – Eine glückl. Familie. Neuwied u. über die Frage aus, was künstlerisch zeit- 1970 (vier Prosastücke über das Leben in den USA gemäß sei. Die einen sprachen von »entarte- u. in der BR Dtschld.). – Gedichte. Ffm. 1976 ter Kunst«, die anderen von einem »vollen- (Ausw. aus den beiden ersten Bdn. u. 34 neue, deten Gedicht«. In ihrer Antwort (in: FAZ, ausgew. v. Jürgen Becker). – Wer lebt. Ffm. 1986 (L.). – Von der Grammatik des heutigen Tages. Ffm. 10.8.1960) stellte B. ihr Gedicht in die Tra1992 (L.). – Was ist die Antwort. Ffm. 1998 (L.). – dition der modernen Kunst: »Wie es der Alles redet, schweigt u. ruft. Ges. Gedichte. Ausneuen Malerei [...] darum zu tun ist, die gew. u. mit einem Nachw. v. Arnold Stadler. Ffm. Farbe ihrer eigenen Realität zurückzugeben, 2001. – Eine Gesch. auf Erden. Ffm. 2002 (L.). – [...] geht es der Literatur [...] darum, die Lichtwelten. Abgedunkelte Räume. Frankfurter Sprache ihrer eigenen Realität zurückzuge- Poetikvorlesungen. Ffm. 2003. ben.« Gedichten ist es erlaubt, »der Realität Literatur: Peter Wapnewski: Fisch u. Feuer, [...] zu entfliehen, ihre eigene unnütze Rea- Stier u. Stadt. Zu E. B.’ Gedicht ›chagall‹. In: Gelität zu finden, und sei es die des Traums«. In dichte u. Interpr.en 6. Hg. Walter Hinck. Stgt. gedichte erschien aber auch bereits das Gedicht 1982, S. 241–250. – Wulf Segebrecht: E. B. In: LGL. spielzeug, das diese Poetologie hinter sich lässt – Magdalene Heuser: E. B. In: KLG. Walther Kummerow / Red. u. das Ende der Realitätsflucht ankündigt: »einmal werde / ich müde sein / vom singen / vom spielen / mein pferdchen / mein liedchen Borchert, Wolfgang, * 20.5.1921 Ham/ dann bring ich euch um.« Anstatt mit der burg, † 20.11.1947 Basel; Grabstätte: »eigenen Realität der Sprache« zu spielen, Hamburg, Ohlsdorfer Friedhof. – Verfaswidmen sich B.’ Gedichte in den folgenden ser von Kurzgeschichten, Dramen, Lyrik Jahren mehr der Reflexion der schmerzhaft u. einem Hörspiel. erfahrenen Realität u. der Verluste des Lebens. Sowohl thematisch als auch formal u. Der Sohn einer niederdt. Heimatschriftstelsprachlich haben B.’ Gedichte ein breites Re- lerin u. eines Volksschullehrers verließ nach gister, in dem viele Traditionslinien der dt. der Obersekunda im Dez. 1938 die OberrealLyrik seit der Romantik anklingen. B. ist eine schule in Hamburg-Eppendorf, wurde BuchPoeta docta, deren literar. Schulung sich händlerlehrling u. Schauspielschüler. Nach freilich nicht aufdringlich zeigt. Sie berührt bestandener Schauspielprüfung gab er die in ihren Gedichten vielfach aktuelle Themen, Lehre auf u. arbeitete ab März 1941 als wird aber nicht parteilich oder agitatorisch, Schauspieler an der »Landesbühne Osthansondern wahrt eine kritisch-reflektierende nover« in Lüneburg. Im Juni 1941 wurde er Distanz. zur Wehrmacht eingezogen u. bis 1943 an der B. erhielt 1965 den Erzählerpreis des Süd- Ostfront eingesetzt. Eine Anklage wegen deutschen Rundfunks für die Funkerzählung Selbstverstümmelung – B. hatte eine SchussRue des Pompiers (gedr. in: Nacht aus Eis. Szenen verletzung an der linken Hand – u. Denun-
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ziationen wegen regimefeindl. Äußerungen brachten ihm längere Gefängnisaufenthalte ein: 1942 viereinhalb Monate in Nürnberg u. 1944 neun Monate in Berlin-Moabit. Im Sept. 1944 wurde er zur »Feindbewährung« entlassen u. im März 1945 bei Frankfurt/M. von frz. Truppen gefangen genommen. Auf dem Transport gelang ihm die Flucht. Sie führte ihn im Mai 1945 wieder nach Hamburg. Hier trat er kurze Zeit in einem Kabarett auf. Seine Absicht, als Schauspieler u. Regieassistent zu arbeiten, wurde durch sein zunehmend schwerer werdendes Leberleiden unmöglich gemacht. Die Krankheit fesselte ihn ab Spätherbst 1945 bis zum Tod fast völlig ans Bett. Die letzten acht Wochen lag B. im Clara-Spital in Basel. Auf dem Krankenlager entstanden ab Jan. 1946 in rascher Folge Prosatexte; eine erste Sammlung erschien u. d. T. Die Hundeblume (Hbg. April 1947. Reinb. 1995 u. ö. Übers.en ins Serbokroatische u. Rumänische) u. eine zweite Sammlung mit dem Titel An diesem Dienstag (postum veröffentlicht Hbg. Nov. 1947. Übers. ins Katalanische). Zwischen Sept. 1946 u. Juni 1947 schrieb B. auch in drei Arbeitsschritten (Schauspiel/Hörspiel/Schauspiel) das Stück Draußen vor der Tür (Hbg. 1947. Neuausg., zus. mit anderen ausgew. E.en u. einem Nachw. v. Heinrich Böll. Hbg. 1956. Reinb. 1999), dem Ernst Schnabel, Chefdramaturg des Hörspiels im NWDR, den Titel gab. Es wurde am 13.2.1947 mit großer Resonanz vom NWDR als Hörspiel gesendet u. einen Tag nach B.s Tod in den Hamburger Kammerspielen als Schauspiel uraufgeführt. Eine Auswahl von Gedichten aus den Jahren 1940–1945 erschien im Dez. 1946 u. d. T. Laterne, Nacht und Sterne (Hbg. Neuausg. Lpz. 2002). B. hatte schon als Jugendlicher gedichtet. Drei ästhetisch nur schwer einzuordnende Stücke u. einige seiner zahlreichen Gedichte sind erhalten. Diese sind abhängig von vielerlei Leseeindrücken zwischen Rilke u. Ringelnatz. Als individuell u. stilbildend erweisen sich B.s Prosatexte der letzten beiden Jahre. Es sind Kurzgeschichten verschiedener Muster; dazu gehörten der Situationsausschnitt statischen Charakters (Die Krähen fliegen abends nach Hause), die Zustands- u. Vorgangsbe-
Borchert
schreibung mit verfremdendem Gestus (Die Kegelbahn), die handlungszentrierte Erzählung mit innerem Wendepunkt (Nachts schlafen die Ratten doch; Holz für morgen), die Simultaneitätserzählung, deren Pointe gerade im Nichtformulierten, im unausgesprochenen Zusammenhang zwischen dem zeitlich Gleichen u. räumlich Entfernten liegt (An diesem Dienstag). Daneben stehen kabarettistisch zugespitzte Kurztexte mit polemischpolitischer Intention (Lesebuchgeschichten), Gefühls- u. Gedankenprotokolle gleitender Perspektive (Die lange lange Straße lang), manifestartige Bekenntnisse (Generation ohne Abschied; Das ist unser Manifest) u. der pazifist. Appell (Dann gibt es nur eins!). Der Bestand an Stoffen, Schauplätzen u. Figurationen in B.s Werk ist begrenzt. Seine Erzählungen spielen im Krieg u. in der kriegsversehrten Nachkriegszeit, im Gefängnis, an der russ. Winterfront u. in der poetisierten, oft hymnisch in ihren Ambivalenzen gefeierten Großstadt, die nicht selten bei ihrem Namen, Hamburg, genannt wird. Sie handeln von Ausgesetzten, fast immer von Männern, von Einsamkeit u. leiser Freundschaft, von Tod u. zuweilen von unklarem erot. Getriebensein, das sich im Verhalten zu Frauen unfertig, scheu u. großspurig zgl. äußert. Wiederkehrende Motivverbindungen ergeben sich aus dem einen vielnamigen Gegensatzfeld – von Ausgesetztheit u. Aufgehobenheit, Verstoßung u. Behütung. Unterwegssein u. Heimkehrsehnsucht, Straße u. Haus, Krieg u. Frieden –, das allen Texten B.s die Grundspannung gibt. Das Zuhause wird manchmal unter der Chiffre der »Mütter« u. der Chiffre »Deutschland« sakralisiert; der Ton lässt dann an den Mutter- u. Vaterlandskult im Liedgut der Hitlerjugend denken. Dieses Zuhause wird aber nie ganz erreicht, sondern immer als ein abwesendes, ersehntes oder verlorenes berufen: »Jetzt weiß ich, daß es das Paradies war« (Die Küchenuhr). – Die Verstoßung wird erlitten u. genossen. Das Leiden daran ist eine Generationserfahrung. Sie kommt aus dem Missverhältnis von Lebensalter u. Kriegsentsetzen, Ereigniszwang u. Verarbeitungskapazität u. spezifiziert sich für den Autor als Missverhältnis von Wirk-
Bordesholmer Marienklage
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lichkeitsstoff u. Darstellungsmitteln. Daraus Stimme dieser Generation wird B. bis heute erwächst B.s »Poetik«: der Lapidarstil (»Ad- gehört; als ihre Stimme hat er sich selbst dieren, die Summe versammeln, aufzählen, verstanden. notieren«) u. der assoziativ-dissonante ReiWeitere Werke: Die traurigen Geranien u. anhungsstil einer »neuen Harmonielehre« ex- dere Gesch.n. Hg. u. Nachw. v. Peter Rühmkorf. pressionistischer Provenienz (Im Mai, im Mai Hbg. 1962 u. ö. Zuletzt Reinb. 1995 (auch Übers.en schrie der Kuckuck). Der Genuss des Ausge- ins Französische, Slowakische, Türkische). – Liesetztseins nimmt Züge der Vagantenpoesie ber? Filmaufbau Gött. 1948 (Film. Regie Wolfgang der Jugendbewegung auf u. passt zgl. in das Liebeneiner). Ausgaben: Das Gesamtwerk. Biogr. Nachw. v. Zeitklima »existentieller Geworfenheit«: Bernhard Meyer-Marwitz. Hbg. 1949. 71991. 2000. Unterwegssein als Lebenszustand. Sonderausg. 2004. – Das Gesamtwerk. Hg. Irmgard Wichtiges Stilmittel aller Texte ist die Schindler u. Michael Töteberg. Reinb. 2007. Wiederholung. Sie kann naturnahe WiederLiteratur: Peter Rühmkorf: W. B. Reinb. 1961. gabe von hamburgischen Gesprächsredun- 8 2002. – Reinhard Baumgart: Ein Hungerkünstler. danzen sein (Er hatte auch viel Ärger mit den In: Bundesrepublikan. Lesebuch. Hg. Hermann Kriegen), sie ist Mittel der Komposition u. der Glaser. Mchn. 1978. – Claus B. Schröder: W. B. zuweilen manipulativen Gefühlsintensivie- Hbg. 1985 (Biogr.). – Gustav Zürcher: W. B. In: rung (ähnlich wie bei Rudolf Kinau), u. sie ist KLG. – Erwin J. Warkentin: The unpublished zgl. Ausdruck eines permanenten Draußen- works of W. B. Ann Arbor 1995. – Kåre E. Gullvåg: u. Dazwischenseins. Man kommt nie ganz los Der Mann aus den Trümmern. W. B. u. seine Dichtung. Aachen 1997. – James L. Stark: W. B.’s u. nie ganz an. Dies bestimmt auch B.s Drama Draußen vor Germany. Reflections of the Third Reich. Lanham der Tür, eine bittere Zeitsatire mit grotesken 1997. – Jan-Geert Wolff: Die Aufarbeitung des Kriegserlebnisses im Werk W. B.s. Mainz 2001. – Zügen, ein Ich-Theater-Spiel, denn alle FiGordon J. A. Burgess: The life and works of W. B. guren sind dem Protagonisten nur beigeord- Rochester u. a. 2003. Manfred Karnick / Red. net, u. zgl. ein Weltspiel, denn alle Figuren sind auch Repräsentanten; der Form nach ist es ein Stationendrama. Es erinnert an Ernst Bordesholmer Marienklage, vermutlich Tollers Die Wandlung (1919), inhaltlich auch 1476 aufgezeichnet. – Spätmittelalterlian seine Tragödie Der deutsche Hinkemann ches geistliches Spiel. (1924). B.s Stilfigur der Wiederholung u. sein Unter den selbständig überlieferten dramat. Thema des Verstoßenseins u. der Heimkehr- Marienklagen des dt. MA ist die mittelniesehnsucht, Repetition u. Gegensatz, prägen derdt. B. M. mit ihren 855 volkssprachigen sich in der Struktur des Dramas aus u. werden Versen, von denen fast 300 gesungen wurden, semantisch durch die Frage nach der Schuld u. einer Vielzahl lateinisch-liturgischer verbunden. Der Kriegsteilnehmer Beckmann, Hymnen, Sequenzen etc. nicht nur die bisder mit steifem Bein u. Gasmaskenbrille aus lang umfangreichste: Wie kein anderes verSibirien zurückkommt, erfährt eine Reihe gleichbares Spiel zeichnet sie sich zudem von Abweisungen bis zum offenen Ende, dem durch eine ungewöhnliche textl. u. musikal. fragenden Schrei des Einsamen, der ohne Geschlossenheit aus. Niedergeschrieben Antwort bleibt. Er kommt vom Vergangenen wurde der eng in den gottesdienstl. Kontext nicht los, das sich für ihn Nacht für Nacht eingebundene Planctus devotissimus vor 1488 wiederholt. Er bleibt aus der Nachkriegsge- (vermutlich 1476) vom damaligen Propst des sellschaft ausgeschlossen, in der es für ihn Klosters Bordesholm, Johannes Reborch, der keine Zukunft gibt. Die Schuldverteilung ist jedoch nicht der Verfasser, vielmehr der Beeindeutig: Die Schuldigen, Angehörige der arbeiter einer älteren Textvorlage war. So älteren Generation, sind satt, aufgehoben, zeigen sich z.B. mehr oder minder enge Verdrinnen u. ohne Schuldbewusstsein. Der bindungen zum mhd. Gedicht von Unser durch Schuldbewusstsein von seiner Mit- vrouwen clage, zur Wolfenbütteler Marienklage u. schuld Entlastete gehört der jungen Generation an. Er bleibt »draußen vor der Tür«. Als
Borée
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zu den Marienklagen der böhmisch-schles. Borée, Karl Friedrich, * 29.1.1886 Görlitz, Gruppe. † 28.7.1964 Darmstadt; Grabstätte: ebd., Eingeleitet wird die B. M., deren Auffüh- Alter Friedhof. – Romanautor, Essayist u. rungszeit auf zweieinhalb Stunden berechnet Feuilletonist. war, durch ein lat. Responsorium der PalmB. studierte in Berlin Nationalökonomie u. sonntagsliturgie, dem sich ein von Johannes Jura u. promovierte 1913 zum Dr. jur. Der im Evangelista gesprochener predigthafter ProErsten Weltkrieg schwer verwundete Offizier log anschließt, ein ausführlicher, am Dankgewar 1919–1924 als Beamter in Berlin u. Köbet von den Sieben Tagzeiten orientierter Bericht nigsberg (seit 1920 Stadtrat). Eine 1924 in über die bisherigen Leiden Christi. Es folgen Berlin gegründete Rechtsanwaltspraxis gab – unter steter Aufforderung der Zuschauer er 1934 auf, um fortan als freier Schriftsteller zur »compassio« – Klagen Marias, Maria zu arbeiten. Magdalenas, der »mater Johannis« u. des Bereits sein erster Roman Dor und der SepApostels selbst über Sterben u. Tod Christi. tember (Ffm. 1930. Neuaufl. Mchn. 1949) war Ein kurzer Epilog des Johannes, der dem ein großer Erfolg. In journalistisch knappem Publikum den Segen erteilt, u. ein ResponStil u. v. a. im Bestreben, zeitgeschichtlich sorium der Karfreitagsliturgie beschließen relevante Geschehnisse literarisch zu verardas Spiel. Vorangestellt ist dem Text eine beiten, zeigt sich B.s Nähe zum Programm detaillierte Anweisung zu seiner Inszenieder Neuen Sachlichkeit. Sein 1936 erschienerung. In ihr finden sich Angaben zum Aufner Roman Das Quartier an der Mosel (Ffm. u. führungsort (in oder vor der Kirche), zum Darmst. 21955), der die Auflösung von Heer Aufführungstermin (Karfreitag oder Diensu. Kaiserreich im Nov. 1918 zum Thema hat, tagvormittag der Karwoche) u. zu den Ausgehört zu der seit Ende der 1920er Jahre führenden (Geistliche), daneben zum Tempo verbreiteten Kriegsliteratur, die sich um der Aufführung, zu Kostümen u. Requisiten Darstellung u. Aufklärung der Ereignisse des wie auch zur Gestik u. Sprechweise der DarErsten Weltkriegs sowie ihrer Hintergründe steller. Bes. betont wird der andächtige Chabemühte. Wegen seiner »unsoldatischen« rakter des Spiels: Es diene nicht der UnterTendenz wurde das Buch von den Nationalhaltung, sondern solle beim Zuschauer Mitsozialisten verboten. 1954 knüpfte B. in seileiden u. frommes Weinen hervorrufen. nem Roman Frühling 45. Chronik einer Berliner Ausgaben: Die B. M. Hg. Gustav Kühl. In: Jb. des Familie (Darmst.) an die frühen Versuche an, Vereins für niederdt. Sprachforsch. 24 (1898), Krisenerfahrungen in der Schilderung exemS. 1–75, 148: Melodienanhang S. 1–14. plar. Einzelschicksale anschaulich werden zu Literatur: Anton Schönbach: Über die Marilassen. enklagen. Graz 1874. – Hans Eggers: B. M. In: VL. – 1952 wurde B. Sekretär der Deutschen Rolf Bergmann: Kat. der deutschsprachigen geistl. Akademie für Sprache und Dichtung. Spiele u. Marienklagen des MA. Mchn. 1986. – Bernd Neumann: Geistl. Schauspiel im Zeugnis der Zeit. Bd. 2, Mchn./Zürich 1987, Nr. 3584. – Renate Peters: Zur Sprache der B. M. In: Lit. – Gesch. – Literaturgesch. Hg. Nine Miedema u. Rudolf Suntrup. Ffm. 2003, S. 809–824. – Ursula Schulze: Emotionalität im geistl. Lied. Die Vermittlung v. Schmerz u. Trauer in der B. M. u. verwandten Szenen. In: Ritual u. Inszenierung. Hg. Hans-Joachim Ziegeler. Tüb. 2004, S. 177–193. Bernd Neumann / Red.
Weitere Werke: Kurze Reise auf einen anderen Stern. Bln. 1937 (R.). – Die Gesch. eines Unbekannten. Bln. 1938 (E.). – Maria Nehls. Bln. 1939 (E.). – Diesseits v. Gott. Mchn. 1941 (Ess.). – Heilung. Bad Wörishofen 1948 (E.). – Die halbvollendete Schöpfung. Mchn. 1948 (Ess.). – Ein Abschied. Wiesb. 1951 (R.). – Semiten u. Antisemiten. Ffm. 1960 (philosoph. Gespräche). – Spielereien u. Spiegelungen. Darmst. 1961 (Kurzp.). – Autobiografie: Fällige Zwischenbilanz. Ein Selbstporträt. In: Welt u. Wort 3 (1948). Literatur: Arno Lubos: K. F. B. In: Die schles. Dichtung im 20. Jh. Mchn. 1961. – August Scholtis:
Borkenstein
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Born, Ignaz Edler von, * 26.12.1742 Karlsburg/Siebenbürgen, † 24.7.1791 Frank Raepke / Red. Wien. – Mineraloge, Montanist u. Satiriker. Borkenstein, Hinrich, * 21.10.1705 Hamburg, † 29.11.1777 Hamburg. – Der Sohn eines Artillerieoffiziers (u. Stadthauptmanns von Karlsburg) besuchte die Lustspieldichter. Gedenkwort für K. F. B. In: Jb. der Dt. Akademie für Sprache u. Dichtung, 1964.
B. war noch 1741 Buchhalter, ging um 1745 nach Spanien, kehrte 1764 als reicher Mann nach Hamburg zurück, erwarb dort am Jungfernstieg ein ansehnliches Stadthaus u. lebte nur mehr nach seinen privaten Neigungen. Er wurde 1766 zum kgl. dänischen Kommerzienrat ernannt u. heiratete 1768 Susanna Bruguier, die ihm einen Sohn u. drei Töchter schenkte, deren älteste, Susanna (»Susette« Gontard), als Hölderlins Diotima bekannt wurde. Der Einfluss Gottscheds, Ludvig Holbergs u. der moralist. Geist des »Patrioten« haben auf das einzig erhaltene der beiden Lustspiele B.s eingewirkt. Er wandte in diesem das Schlendrianmotiv auf die Verhältnisse seiner Zeit u. Umgebung an u. stellte in publikumswirksamen Karikaturen den hamburgischen »Bookesbeutel«, ein auf Gewohnheit, Unwissenheit u. Egoismus beruhendes Gemisch von altfränk. Sitten u. Vorurteilen, der zivilisierteren Denk- u. Lebensweise des damaligen Leipzig gegenüber. Werk: Der Bookesbeutel. Ein Lustsp. v. Drey Aufzügen. Ffm./Lpz. 1742. Hbg. 21746. 31747. Hg. v. Franz Ferdinand Heitmüller. Lpz. 1896. Literatur: Johann Friedrich Schütze: Hamburgische Theater-Gesch. Hbg. 1794, S. 260–263. – Ferdinand Heitmüller: Hamburgische Dramatiker zur Zeit Gottscheds u. ihre Beziehungen zu ihm. Wandsbeck 1890, S. 60–99. – Ders.: Der Bookesbeutel. Lustsp. v. H. B. Lpz. 1896, S. 3–30. – Günter Sasse: Die aufgeklärte Familie. Untersuchungen zur Genese, Funktion u. Realitätsbezogenheit des familialen Wertsystems im Drama der Aufklärung. Tüb. 1987. – Gero v. Wilpert: Dt. Dichterlexikon: biogr.-bibliogr. Handwörterbuch zur dt. Literaturgesch. Stgt. 31988. Jürgen Rathje / Red.
Elementarschule in Hermannstadt, ab 1755 das Gymnasium in Wien. 1759 trat er in den Jesuitenorden ein, den er 16 Monate später jedoch wieder verließ. In Prag studierte er die Rechte; nach ausgedehnten Reisen durch Deutschland, die Niederlande u. Frankreich betrieb er naturwiss. u. techn. Studien, v. a. in der Mineralogie u. Bergwerkskunde. Nach seiner Entlassung aus dem Staatsdienst wegen der Veröffentlichung neuer, geheimzuhaltender bergbautechn. Erkenntnisse zog er sich auf sein Gut in Südböhmen zurück u. forschte als Privatgelehrter. Ab 1775 gab er das Periodikum Abhandlungen einer Privatgesellschaft in Böhmen zur Aufnahme der Mathematik, der Vaterländischen Geschichte und der Naturgeschichte (6 Bde., Prag 1775–84) heraus. Seit 1776 lebte er in Wien, wohin er von Maria Theresia berufen worden war. Er legte 1778 ein bedeutendes Beschreibungswerk des kaiserl. Naturalienkabinetts vor u. wurde 1779 zum Hofrat im Münz- u. Bergwesen ernannt. Bereits seit 1770 an einer schweren Knochenerkrankung leidend, war B. bis an sein Lebensende dennoch rastlos als Wissenschaftler, Wissenschaftsorganisator, Freimaurer (ein Aufsatz B.s diente Mozart als Quelle zur Zauberflöte; B. gilt, nicht unumstritten, als »Urbild« des »Sarastro«) u. als Publizist tätig. Er war daneben aktives Mitglied mehrerer Akademien u. Sozietäten. Literarische Berühmtheit erlangte B. mit seiner 1783 zunächst lat. (Specimen Monachologiae), dann dt. unter Pseudonym veröffentlichten Satire Neueste Naturgeschichte des Mönchthums, beschrieben im Geiste der Linnäischen Sammlungen und mit drei Kupfertafeln erkläret von P. Ignaz Lojola Kuttenpeitscher, aus der ehemaligen Gesellschaft Jesu (o. O. 1783). Die satir. Wirkung des literar. »Bestiariums« als Travestie resultiert aus dem scheinwissenschaftlichen, an Linné angelehnten Beschreibungs- u. Klassifikationsverfahren von Ordensmönchen (nach Aussehen, Verhalten,
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Born
Kleidung, Ess- u. Trinkgewohnheiten u. a.) – Wilhelm Haefs: I. v. B. (1742–91). Kurzbiogr. In: als vernunftlosen Tieren, formal aus der spe- Aufklärung 12.2 (2001), S. 335–338. Wilhelm Haefs zif. Kombination von Äquivalenzen u. Kontrasten; zusätzliche Kupfertafeln im Stil naturkundlicher Beschreibungswerke der Zeit, Born, Nicolas, * 31.12.1937 Duisburg, die zgl. Lavaters Physiognomik parodieren, † 7.12.1979 Hamburg; Grabstätte: Danverstärken den satir. Effekt. nenberg/Niedersachsen. – Lyriker, ProsaDer Ruf des Wiener Kardinals Migazzi nach ist, Hörspielautor. Zensur des Buches blieb anfangs wirkungslos, da Kaiser Joseph II. B. Rückendeckung Der Sohn eines Polizisten u. einer Hausfrau gab; allerdings wurde die deutschsprachige wuchs in Praest/Niederrhein u. in Essen auf. Fassung 1786 doch noch verboten (während Nach dem Besuch der gymnasialen Unterdie lat. Version in Umlauf blieb). Dennoch stufe arbeitete B. lange Zeit als Chemigraf; er konnte dies den Erfolg u. die weitere Ver- war zweimal verheiratet u. hatte zwei Kinder. breitung des Textes bis weit ins 19. Jh. hinein Nach ersten literar. Versuchen wurde B. (die letzte Auflage erschien 1875, darüber Ende 1963 zum Literarischen Colloquium hinaus erschienen Übersetzungen ins Polni- Berlin (Walter Höllerer) eingeladen; er versche, Italienische, Französische u. Englische) öffentlichte u. a. Beiträge in der Anthologie nicht verhindern. B.s »Monachologie« ist die Prosaschreiben (1964) u. war Mitautor des von schärfste antiklerikale Satire der Literatur des Walter Höllerer angeregten GemeinschaftsJosephinismus, ein bedeutendes, von der romans 15 junger Autoren, Das Gästehaus germanist. Forschung bislang kaum beach- (Bln. 1965). Sein erster eigener Roman Der tetes literar. Zeugnis katholischer Aufklä- zweite Tag (Köln 1965) gibt sinnl. Eindrücke rung. einer Reise wieder, die in Medienklischees Weitere Werke: (Hg.): Johann Jacob Ferber: gespiegelt u. unablässig von Fantasien u. ErBriefe aus Wälschland über natürl. Merkwürdig- innerungen ergänzt u. bearbeitet werden. keiten dieses Landes an den Herausgeber derselben. Diese Reflexivität, die immer wieder um unPrag 1773. – (an.): Der Klostergeist. Geschildert in terdrückte Wut u. beschämende »Wutferne« der Untersuchung der Hindernisse einer Verbesse- kreist, unterscheidet den Roman vom Neuen rung des Kirchenwesens überhaupt, insbes. der Realismus der Kölner Schule um Dieter WelOrdensstände. Wien 1781. lershoff, der B. zugerechnet worden ist. Literatur: Paul M. Hofer: I. v. B. Leben – LeisB. erhielt 1965 den Förderpreis des Landes tung – Wertung. Diss. Wien 1956. – Mikulàsˇ Teich: Nordrhein-Westfalen u. ging als freier I. v. B. als Organisator wiss. Bestrebungen in der Schriftsteller nach Berlin. Die in dieser Zeit Habsburger Monarchie. In: Wissenschaftspolitik in Mittel- u. Osteuropa. Hg. Erik Amburger u. a. Bln. entstandenen Erzählungen, gesammelt in 1976, S. 195–205. – Leslie Bodi: Tauwetter in Wien. Täterskizzen (Reinb. 1983. 1987. Frz. 1988), Zur Prosa der österr. Aufklärung 1781–95. Ffm. belegen den schwierigen Prozess seiner 1977. – Dolf Lindner: I. v. B. Meister der wahren Trennung vom Milieu des Ruhrgebiets, das Eintracht. Wiener Freimaurer im 18. Jh. Wien seine Wahrnehmung für Konventionen 1986. – László Molnár u. Alfred Weiß: I. E. v. B. u. (Harmoniedrill u. Wutverhaltung), für die die Societät der Bergbaukunde. Zum 200. Jahrestag Verstellung der Sinne u. die Bedrohung der der Gründung der Societät der Bergbaukunde. Lebenswelt entscheidend geprägt hat. Seine Wien 1986 (mit Bibliogr.). – Günter B. Fettweis u. Lyrik (Marktlage. Köln 1967) gibt MomentanGünther Hamann (Hg.): Über I. v. B. u. die Societät bilder des Alltags üblicher Verrichtungen, der Bergbaukunde. Wien 1989. – Helmut Reinalter medialer u. sozialer Regelungen, ist aber nie (Hg.): Die Aufklärung in Österr. I. v. B. u. seine Zeit. Zufallsprotokoll, sondern fragt: »Ist der GeFfm. u. a. 1991. – Markus Meumann: Zur Rezeption antiker Mysterien im Geheimbund der Illu- danke gut genug, ihn zu beschreiben?« Wie minaten: I. v. B. In: Aufklärung u. Esoterik. Hg. diese von der industrialisierten Umwelt Monika Neugebauer-Wölk. Hbg. 1999, S. 288–304. (Ruhrgebiet, Berlin) dominierten, emotional unbewegter scheinenden Gedichte zeigen sich auch seine Gedichte in Wo mir der Kopf
Born
steht (Köln 1970. Als Tonträger: 2 CDs, 2007) von B.s zwischenzeitlicher Politisierung weitgehend unberührt. Auf Einladung nahm B. 1969/70 am Writers’ Workshop der University of Iowa teil. Dort begegnete er Werken u. Autoren der amerikan. Beat-Generation (1976 übersetzte er Kenneth Koch). Nach seiner Rückkehr nach Berlin erschien die Gedichtsammlung Das Auge des Entdeckers (Reinb. 1972), nun im Rowohlt Verlag, der sein weiteres Werk herausbrachte u. für den B. ab 1973 Mitherausgeber des »Literaturmagazins« wurde. Durch den amerikan. Einfluss sind die Gedichte dieses Bandes »weiträumiger und expressiver« (Dieter Wellershoff), in den Stimmungen aufgehellter, obwohl auch sie um verfehltes, uneigentl., nichtgelebtes Leben kreisen: »Kunst heißt / das Leben mit Präzision verfehlen!« Dieser Thematik korrespondieren fragile Wunschbilder von Glück u. Nähe. In Essays u. Kritiken, postum gesammelt in Die Welt der Maschine (Reinb. 1983), umkreist B. immer wieder den Begriff der Utopie, fasst ihn in den Gedichten u. a. in Wendungen wie: »Aber eines Tages werden alle Bilder wahr« oder »Das Erscheinen eines jeden in der Menge« u. formuliert als Aufgabe für die Literatur, »Realität immer an unserer besten Vorstellung zu messen«. Die idiosynkrat. Beobachtung des Alltags, eingespannt zwischen dauernder Lebensverfehlung u. utop. Augenblicken jenseits aller Programmatik, hat seine Lyrik zum Ausdruck des Lebensgefühls der 1970er Jahre werden lassen. Dies trifft auch auf seine Romane zu. B. gilt neben Peter Handke u. Rolf Dieter Brinkmann als führender Vertreter einer Neuen Subjektivität. Die erdabgewandte Seite der Geschichte (Reinb. 1976 u. ö. Zuletzt 1987) erfuhr neben hohem Lob (Marcel Reich-Ranicki) z.T. heftige Kritik an einer Tendenz zu Innerlichkeit u. Irrationalismus. Der 1977 mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnete Roman hat »die Vernichtung der Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Geschichte einzelner« (in: B.s Dankrede zum Bremer Literaturpreis) zum Gegenstand: Die Annäherungsbewegungen eines Berliner Intellektuellen an ihm Nahestehende führen, je intensiver sie sind, desto mehr zu Auseinan-
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dersetzung u. Entfernung, zeigen privat wie politisch seine bloße »Anwartschaft auf Leben«. B. übersiedelte 1974/75 nach Dannenberg. Die dort entstandenen Gedichte, bes. Ein paar Notizen aus dem Elbholz (in: Gedichte 1967–1978. Reinb. 1978), verschränken in lakonischer Kürze noch einmal Todesahnung u. glückhafte Wunschvorstellungen nun in Auseinandersetzung mit der bedrohten Natur: »Wie schön das Ahnungslose, und ich bin / nicht ruhig, so wie ich eile durch Verluste.« B.s letztes Werk, der hoch gelobte Roman Die Fälschung (Reinb. 1979 u. ö. Zuletzt 1993) spielt im libanes. Bürgerkrieg u. handelt von der krit. Selbstwahrnehmung eines dt. Journalisten, der sich beruflich u. privat in einer Krise befindet. Der Roman endet mit seinem Entschluss, zu seiner Familie zurückzukehren u. seinen Beruf aufzugeben. Die Verfilmung dieser umfassenden Kritik am »europäischen Voyeurismus« (Friedrich Christian Delius) durch Volker Schlöndorff (1981) erlebte B. allerdings nicht mehr. Wenige Tage nach der Verleihung des Rainer-Maria-RilkePreises starb er an Lungenkrebs. Weitere Werke: Hörspiele: Schnee. WDR 1966. – Innenleben. WDR 1970. – Fremdsprache. WDR 1971. – Oton u. Iton. WDR 1973 (Science-FictionKinderbuch). Literatur: Christa Merkes: Wahrnehmungsstrukturen in Werken des Neuen Realismus. Ffm./ Bern 1982, S. 169–203. – Antonius B. Naaijkens: Lyrik u. Subjekt: Pluralisierung des lyr. Subjekts bei N. B., Rolf Dieter Brinkmann, Paul Celan, Ernst Meister. Diss. Utrecht 1986. – Hans Christoph Buch: Nicht versöhnt. Kein Nachruf auf N. B. In: Waldspaziergang. Unpolit. Betrachtungen zu Lit. u. Politik. Hg. ders. Ffm. 1987, S. 118–140. – Martin Lüdke u. Delf Schmidt (Hg.): Literaturmagazin 21. Reinb. 1988. – Martin Grzimek u. Wera Rohowski: N. B. In: KLG. – Jörg-Werner Kremp: Inmitten gehen wir nebenher. N. B. Biogr., Bibliogr., Interpr.en. Stgt. 1994. – Anja Saupe: ›Die erdabgewandte Seite der Geschichte‹. N. B.s Prosa. Würzb. 1996. – Walter Aue: Die Anspruch auf Glück. N. B. In: Auf eigene Faust. Hg. ders. Ffm. 2001, S. 134–148. – Jörg Eggerts: Langsam kehrten die Farben zurück. Zur Subjektivität im Romanwerk, im lyr. u. literaturtheoret. Werk N. B.s. Ffm. 2002. – Mats Almegård: ›Macht ist da, weil wir auch Macht im Auge haben‹. Untersuchungen zur Machtkritik bei N. B. Göteborg 2002. – Heinrich
97 Vormweg: N. B. In: LGL. – Paul Michael Lützeler: Erfahrung u. postkolonialer Blick. In: (Post-)Kolonialismus u. Dt. Lit. Hg. Axel Dunker. Bielef. 2005. – Heinz Ludwig Arnold (Hg.): N. B. text + kritik. Mchn. 2006. Erhard Schütz / Red.
Bornemann, (Johann) Wilhelm (Jakob), * 2.2.1766 Gardelegen/Altmark, † 23.5. 1851 Berlin. – Balladen- u. Liederdichter, Verfasser von Jagdgeschichten. Der niederdt. Schriftsteller B., Sohn eines Kaufmanns, studierte nach dem Besuch des Berliner Gymnasiums zum grauen Kloster Theologie in Halle u. arbeitete später als Lotteriesekretär, schließlich als Generallotteriedirektor in Berlin. B. verfasste v. a. Lyrik in Altmärker Mundart. 1810 erschien in Berlin u. d. T. Plattdeutsche Gedichte sein Hauptwerk (mehrere Aufl.n bis 1891; seit 1816 – um zahlreiche Gedichte erweitert – in 2 Bdn.). Naturgedichte, Jagdgeschichten sowie Anekdoten über Landschaft u. Bewohner seiner Heimat prägen das Werk. Einige Balladen u. volkstüml. Lieder in Platt-, aber auch in Hochdeutsch, wie z.B. Im Wald und auf der Heide, fanden weite Verbreitung. Im Übrigen konnte B. nur regionale Bedeutung erlangen. B. zählt zu den wenigen Autoren des beginnenden 19. Jh., die sich des Plattdeutschen als Literatursprache bedienten. Als humorvoller niederdt. Schriftsteller ist er zu den Vorläufern Fritz Reuters zu rechnen. Weitere Werke: Über die gymnast. Übungen in der Hasenheide. Bln. 1811. – B.s Lehrbuch für die allg. Verbreitung der v. Friedrich Ludwig Jahn wieder erweckten Gymnastik. Bln. 1814. Neudr. mit einem Nachw. v. Henning Eichberg u. Wilhelm Hopf. Münster 1981. – Natur- u. Jagdgemälde, mit natur- u. jagdgeschichtl. Bemerkungen. Lpz. 1827. Literatur: Gerhard Cordes: W. B. In: NDB. – Heinrich-Detlof v. Kalben: Über J. W. J. B. In: Aus der Altmark 69 (1992), S. 92–98. – Gunter Pengel: W. B.: Mundartdichter. In: Altmarkblätter 12 (2001), S. 164. Jörg Schilling / Red.
Bornhauser
Bornhauser, Thomas, * 26.5.1799 Weinfelden, † 9.3.1856 Müllheim/Kt. Thurgau; Grabstätte: ebd., Friedhof. – Dramatiker, Lyriker u. politischer Publizist. Staatliche Stipendien ermöglichten dem aus einfachen Verhältnissen stammenden B. eine theolog. Ausbildung. Obwohl er vom Zürcher Carolinum relegiert wurde, ordinierte ihn sein Heimatkanton 1822 zum reformierten Pfarrer. 1824 wurde B. Pfarrer in Matzingen, 1831 in Arbon, 1849 in Müllheim. Beachtung fand B. zuerst als Redner u. polit. Publizist (Mitarbeit an liberalen Zeitungen u. Zeitschriften, mehrere Arbeiten zur Verfassungsfrage). Eine von ihm unter dem Eindruck der Julirevolution auf den 22.10.1830 nach Weinfelden einberufene Volksversammlung bildete den Auftakt zum liberalen Umschwung in mehreren Kantonen. Als Schriftsteller war B. geistig von der frz. Aufklärung, stilistisch anfänglich vom Sturm u. Drang beeinflusst. Seine polit. Gedichte in Mundart u. Schriftsprache nehmen Metaphorik u. Ton der Vormärzlyrik vorweg; die Liebes- u. Naturgedichte sind eher epigonal (Lieder. Trogen 1832). Populär wurden B.s Bearbeitungen von Sagenstoffen, z.B. das Trauerspiel Gemma von Art, das die Gründung der Eidgenossenschaft zum Thema hat (Trogen 1829), u. sein politisches Lehrgespräch über Wesen u. Organisation des republikanisch-demokrat. Staates, Andreas Schweizerbart und Treuherz (St. Gallen 1834. 31835). Weitere Werke: Heinz v. Stein oder die Schlacht an der Schwarzach. Zürich 1836 (Ep.). – Ida v. Tockenburg. Zürich 1838 (R.). – Der hl. Gallus. Eine Festg. Weinfelden 1842. – Hzg. Johann oder Königsmord u. Blutrache. St. Gallen 1844 (R.). – Rudolf v. Werdenberg im Freiheitskampf der Appenzeller. Frauenfeld 1853 (Ep.). – Selbstbiogr. In: Weinfelder Heimatbl. Beilage zur Thurgauer Ztg. Nr. 5, 1941. Literatur: Jakob Christinger: T. B. Frauenfeld 1875. – Otto Frei: Die geistige Welt T. B.s. In: Thurgauische Beiträge zur Vaterland. Gesch. 86 (1949), S. 1–85 (mit Bibliogr.). – Markus Schär: T. B. In: HLS. Rémy Charbon / Red.
Bornmann
Bornmann, Christian, * 1639 Brehna bei Halle, † 1714 Mitau. – Epigrammatiker, Verfasser von geistlicher Dichtung; Rektor.
98 raphim: Notizen die Familie Bornmann betreffend u. Stammtafel der Familie Bornmann. In: Sitzungsber.e der Kurländ. Gesellsch. für. Lit. u. Kunst 1891 (1892), S. 61–66. – Nicolai v. Denffer: C. B. Schicksal u. Werk eines vergessenen balt. Dichters. In: Sitzungsber.e der Kurzemer (Kurländ.) Gesellsch. für Lit. u. Kunst 1935/36 (1937), S. 11–34. – Flood, Poets Laureate, Bd. 1, S. 221 f. – Klaus Garber: Schatzhäuser des Geistes. Alte Bibl.en u. Bücherslg.en im Baltikum. Köln/Weimar/ Wien 2007, S. 319–329, S. 417 f. (Bibliogr.).
B. entstammte einer Pfarrersfamilie im Hallischen, besuchte die Schule in Delitzsch u. das Gymnasium in Wittenberg, wo Konrad Caseus u. der Rektor Johann Peisker auf ihn Einfluss nahmen. Ein Universitätsbesuch in Wittenberg ist nicht bezeugt, wohl aber in Klaus Garber Leipzig. Aus den Händen Kaiser Leopolds empfing er während ausgedehnter Reisen die Würde eines gekrönten Dichters. In Mitau Bornmeister, Simon, * 31.5.1632 Nürnwirkte er seit 1685 als Rektor der großen berg, † 7.12.1688 Nürnberg. – Verfasser Stadtschule. Die Stiftung der später bedeu- von geistlichen Liedern, Schuldramen u. tenden Bibliothek durch Herzog Kasimir, die historiografischen Werken. im Zweiten Weltkrieg zerstreut wurde, hat er Der Sohn des Silberarbeiters Marx Bornnoch erlebt; er arbeitete dort zeitweilig als meister studierte in Altdorf (Magister 1654) Bibliothekar. In der Residenzstadt, deren u. war später Lehrer an verschiedenen Nürngroße Zeit in das 18. u. frühe 19. Jh. fiel, berger Schulen, zuletzt Professor der Genahm er die Rolle eines Hofdichters ein. Sein schichte am Egidiengymnasium. 1668 wurde Lebensraum u. seine persönl. wie amtl. Kon- er von Sigmund von Birken zum Dichter getakte sind über sein ausgebreitetes Epi- krönt u. als »Fontano II.« in den Pegnesigrammwerk zu rekonstruieren. »Er freuete schen Blumenorden aufgenommen. B. beteisich, daß er der erste Epigrammatist in dieser ligte sich mit zahlreichen Beiträgen an GeleGegend war. Ich glaube er sey auch der letzte genheitsschriften der Pegnitzschäfer u. vergewesen« (Gadebusch). Jeweils rd. 500 Bei- fasste Schuldramen zur Erinnerung an die träge umfassen seine beiden äußerst seltenen Friedensfeierlichkeiten von 1649 (Der verSammlungen aus den Jahren 1691 u. 1705. bannte Polemophilus. Nürnb. 1679) u. über 80 Auch die Anagramm-Dichtung wurde ge- geistl. Lieder zu verschiedenen Anlässen, die pflegt (Mitau 1694). Über einen Sermo Augus- in mehreren Sammlungen veröffentlicht talis (Mitau 1699) erfolgte der Brückenschlag wurden (Poetischer Andacht-Klang. Nürnb. zum Polen August II. Selbst die geistl. Dich- 1673. Rauch-Opffer geistlicher Lieder Andacht. tung blieb in der von Opitz, Fleming u. Dach Nürnb. 1674. Geistlicher Lieder Blumenstrauß. 2 vorgegebenen Façon in Kraft, wie B.s Leidender Nürnb. 1685. 1686). Bes. bekannt wurden Jesus (1690. 21713) belegt. Seiner Wahlheimat seine Kinderbegräbnislieder. Als Historiograf beschäftigte sich B. v. a. Mitau setzte er in einem gleichnamigen Gedicht ein Denkmal (1686. 2. Aufl. o. J.). Sie mit der Geschichte der Monarchie. Weit verbreitet war sein im Auftrag des Verlegers Joging im Zweiten Weltkrieg unter. hann Hoffmann verfasster Schau-Platz der RöWeitere Werke: Flemmingus in arena et lauris. misch- und Teutschen Kaiser (Nürnb. 1669. Mitau 1700. 2 1672. Erw. 1678. 21685), eine mit Kupfern Ausgabe: Mitau. Ein histor. Gedicht aus dem 17. geschmückte Zusammenstellung kaiserlicher Jh. Neue, mit Anmerkungen vers. Ausg., hg. u. Lebensläufe von Caesar bis zu Leopold I. Für annotiert v. Johann Friedrich Recke. Mitau 1802. die gelehrte Welt bestimmt waren B.s ArbeiLiteratur: Friedrich Konrad Gadebusch: Livten zur Geografie (Pharus geographica Hispaländ. Bibl. Bd. 1, Riga 1777. Nachdr. Hann. 1973, S. 86–94. – Johann Friedrich v. Recke u. Karl Edu- niae, Galliae, Italiae. Nürnb. 1672. Prosphonesis ard Napiersky: Allg. Schriftsteller- u. Gelehrtenle- ad Hungariam. Nürnb. 1686). xikon der Provinzen Livland, Esthland u. Kurland. Bd. 1, Mitau 1827, S. 226 f. – August Robert Se-
Weitere Werke: Caesareologia metrica. Nürnb. 1666. – Introductio in hist. univ. monarchicam.
99 Nürnb. 1669. – Histor. Fürstellung der Zeiten des Alten u. Neuen Testaments. Nürnb. 1670. – Plausus votivus de Muhamede. Nürnb. 1686. – Herausgeber: Kaspar Brusch: Chronologia Monasteriorum Germaniae. Nürnb. 1682 Literatur: Johann Herdegen: Histor. Nachricht v. deß löbl. Hirten- u. Blumen-Ordens an der Pegnitz [...]. Nürnb. 1744, S. 343–345. – Georg A. Will u. Christian K. Nopitsch: Nürnberg. Gelehrten-Lexikon. Nürnb. 1755–1808: Bd. 1, S. 136–138, Bd. 5, S. 114. – Koch 3, S. 493 f. – P. Pressel: B. In: ADB. – Fischer-Tümpel 5, S. 108–122. – Adalbert Elschenbroich: B. In: NDB. – Heiduk/Neumeister, S. 16 f., 146, 299 f. – Stadtlexikon Nürnberg. Nürnb. 1999, S. 152. – Renate Jürgensen: Melos conspirant singuli in unum. Wiesb. 2006, S. 302–317. – Flood, Poets Laureate, Bd. 1, S. 222–225. Renate Jürgensen
Bornschein, (Johann) Ernst (Daniel), auch: Johann Friedrich Kessler, Christian Friedrich Möller, * 20.7.1774 Prettin bei Merseburg, † 1.4.1838 Gera. – Dramatiker u. Romanautor. Schon während des Studiums in Leipzig u. Wittenberg (1793–1797) betätigte sich B. als Unterhaltungsschriftsteller. 1799 versuchte er sich als Buchhändler in Leipzig, danach als Korrektor in verschiedenen Druckereien. Seit 1802 war er Inhaber einer Kunsthandlung in Gera u. Herausgeber der dortigen Zeitung. Sein Werk umfasst zum einen populärhistor. Schriften meistenteils zeitgeschichtl. Inhalts. Dazu zählt u. a. eine frühe NapoleonBiografie, die er einen Landgeistlichen seiner interessierten Gemeinde vortragen lässt (Leben und Thaten des General Bonaparte. Gera/Lpz. 1802). Zum andern schrieb B. zahlreiche Schauspiele u. Romane (komisch-satirische sowie Schauerromane), die den Geschmack der Leihbibliothekenbenutzer trafen, bei der Kritik jedoch durchgängig auf harsche Ablehnung stießen. Als der fruchtbarste unter den frühen Räuberroman-Autoren schuf B. mit Antonia della Roccini, die Seeräuber-Königin (Braunschw. 1801. 31838), ein weibliches Gegenstück zu Vulpius’ Rinaldo Rinaldini (1799), das seinem Vorbild weder an Heldentaten noch an Liebesabenteuern nachsteht. Weitere Werke: Karl v. Strahlenberg. Lpz. 1793 (D.). – Abentheuer u. merkwürdige Reisen des ge-
Bornstedt strengen Herrn v. Lümmel auf Lümmelsdorf. 2 Tle., Lpz. 1798 (R.). – Das Nordhäus. Wundermädchen, ein weibl. Rinaldini. 3 Tle., Gera/Lpz. 1802. – Der Seeräuberkönig. Regensb. 1803 (D.). – Der Hundssattler oder Scenen aus dem Leben eines Bösewichts. Eisenberg 1805 (R.). – Der TodtenWirth, eine Räubergesch. Erfurt 1806 (R.). Literatur: NND 1840, S. 1102–1104. – Manfred W. Heiderich: The German Novel of 1800. Bern/ Ffm. 1982. Holger Dainat / Red.
Bornstedt, Louise Freifräulein von, * 11.12.1807 Potsdam, † 3.9.1870 Bad Rehme. – Autorin religiös-erbaulicher Schriften. Die Großnichte von Alexander u. Wilhelm von Humboldt war Tochter eines Offiziers, der bei Waterloo gekämpft hatte (vgl. Das Gefecht bei Wawre [...]. Bln. 1858). 1830 zum Katholizismus konvertiert, war sie Mitgl. des westfäl. Dichterkreises u. nahm an den sonntägl. Treffen der »Heckenschriftstellergesellschaft« (Mitgl. war u. a. Levin Schücking) teil, die Elise von Hohenhausen 1838 gegründet hatte. Schwärmerisch veranlagt u. Gemütsschwankungen unterworfen, war sie der Droste eine eher lästige Freundin (in dem Lustspiel Perdu! oder Dichter, Verleger und Blaustrümpfe in der Figur der Claudine Briesen karikiert). B.s Hauptwerk ist dem kath. Erbauungsschrifttum zuzuordnen; Görres schrieb das Vorwort zu ihrer legendarischen Darstellung des Lebens der hl. Katharina (Münster 1838). Pilgerklänge einer Heimatlosen (Bln. 1838) ist in seiner Darstellung der Schicksale armer Frauen exemplarisch für das christlich geprägte soziale Interesse der Zeit. Ihre Gedichte. Gebetbuch zu Herzen Jesu und Mariä (Bln. 1853) stehen im Zeichen der Frömmigkeit des nachmärzl. Katholizismus. In ihrem Konvertiteneifer suchte sie noch 1858 Heine zum Christentum zu bekehren. B. starb in geistiger Umnachtung. Weitere Werke: Die gebannte Seele, eine religiöse Idylle. Münster 1838. – Legende v. der hl. Büßerin Maria Magdalena u. ihrer Schwester Martha. Luzern 1845. Literatur: Wilhelm Heinrich Velthaus: L. v. B. Ein Frauenbild aus dem Kreise Annette v. DrosteHülshoffs. Bückeburg 1917. – B. Plachta: ›Le papier
Bosch ne rougit pas‹. Gefühl u. Kalkül in Briefen an Annette v. Droste-Hülshoff. In: EG 14 (1991), S. 141–160. – Westf. Autorenlex. Eda Sagarra / Red.
Bosch, Manfred, * 16.10.1947 Bad Dürrheim/Schwarzwald. – Erzähler, Lyriker, Essayist, Verfasser politischer, zeitkritischer u. literaturgeschichtlicher Schriften, Herausgeber. B. ist ein Hauptvertreter der zeit- u. gesellschaftskritischen alemann. Mundartliteratur. In vier Gedichtbänden (Uf den Dag wart i. Grunertshofen 1976. Mir hond no gnueg am Aalte. Grunertshofen 1978. Ihr sind mir e schäne Gsellschaft. Rheinfelden 1980. Wa sollet au d Leit denke. Rheinfelden 1983) nimmt B. in konziser, oft lakonisch verknappter Diktion Zeiterscheinungen u. menschl. Schwächen aufs Korn. Einmontierte Zitate aus der Alltagssprache entlarven in neuem Sinnzusammenhang die Bedenkenlosigkeit des übl. Sprachgebrauchs. B.s hochdt. Gedichte (lauter helden. westerngedichte. Henstedt 1971. mordio & cetera. Mchn. 1971. lautere helden. neue westerngedichte. Bln./Erlangen 1975. Zeit-Gedichte. Mchn. 1980) befassen sich ebenfalls kritisch, oft satirisch mit Kino, Kirche, Kommerzkunst u. Politik. Nach Versuchen als Erzähler (Der Zugang. In: Geschichten aus der Provinz. Mchn. 1978; autobiogr. R. Zu Gast bei unseren Feinden. Köln 1986; UdSSR-Reiseber.) sowie einer Auseinandersetzung mit Franz Josef Strauß (Der Kandidat. Mchn. 1980) tritt, parallel zur Herausgabe der Zeitschrift »Allmende«, die Beschäftigung mit regionalen Themen in den Vordergrund. Bezeichnend sind dafür Sachdarstellungen wie Als die Freiheit unterging. Dokumentation über Verweigerung, Widerstand und Verfolgung im 3. Reich in Südbaden (Konstanz 1985) u. Der Neubeginn. Aus deutscher Nachkriegszeit. Südbaden 1945–1950 (Konstanz 1988). B.s außerordentlich gründliche u. zuverlässige, dabei auch stilistisch gut geschriebene Arbeiten zu zeit- u. literaturgeschichtl. Gegenständen werden regelmäßig zu Kompendien, die den Rang von Standardwerken erreichen, von der Presse auch entsprechend gewürdigt wurden u. ihm mehrere bedeu-
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tende Auszeichnungen eintrugen (u. a. den Hebel-Preis u. zweimal den Bodensee-Literaturpreis der Stadt Überlingen). Herausragend: Der Johann Peter Hebel-Preis 1936–1988 (Waldkirch 1988), Kindheitsspuren. Literarische Zeugnisse aus dem Südwesten (Karlsr. 1991), Bohème am Bodensee. Literarisches Leben am See von 1900 bis 1950 (Lengwil 1997), Alemannisches Judentum. Spuren einer verlorenen Kultur (Eggingen 2001), KulturLand. Die Entwicklung von Kunst und Kultur im 20. Jahrhundert in BadenWürttemberg und seinen Vorgängerstaaten (Eggingen 2001, Allmende Bde. 64/65 u. 66/67), Dichterleben am Bodensee (Frauenfeld/Stgt./ Wien 2002, Kat. des Bodman-Hauses 3) u. Schwabenspiegel. Literatur vom Neckar bis zum Bodensee 1800 bis 1950. Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung. Hg. zus. mit Ulrich Gaier u. Wolfgang Rapp. 4 Bde.: Kat., Autorenlexikon, Aufsätze (Ulm 2006). Neben eigenen Werken, z.B. Hiergeblieben oder Heimat und andere Einbildungen. Essays, Porträts, Aufsätze und Reden aus 20 Jahren (Eggingen 1997) widmete sich B. v. a. Anthologien, z.B. Warum brüllt Frau Bichler Frau Kirkowski so an? Literarische Texte aus dem Raum Lörrach (Lörrach 2000), Unser aller Weg führt übern Bodensee. Eine Landschaft und ihre Menschen in der Literatur des 20. Jahrhunderts (Eggingen 2000), sowie, in zahlreichen Publikationen u. Herausgaben, der Wiederentdeckung zu Unrecht vergessener Autoren: Sepp Mahler, Max Picard, Max Barth, Erich Schairer, Franz Schneller, Jacob Picard, Will Schaber, Otto Ehinger, Eduard Reinacher, Käthe Vordtriede, Moritz Lederer, Tami Oelfken, Curt Weller, Robert Reitzel, Hans Leip u. a. Literatur: Daniel Drascek: M. B. In: LGL. – Hannes Schwenger: M. B. In: KLG. Armin Ayren
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Bosetzky, Horst (Otto Oskar), auch: -ky, John Taylor, John Drake, * 1.2.1938 Berlin-Köpenick. – Sozialwissenschaftler; Verfasser von sozialkritischen Kriminalromanen (Sozio-Krimis), bellestristischen Werken, Jugendbüchern, Anthologien, Hörspielen, Film- u. Fernsehdrehbüchern. B. enstammt einer Berliner Beamten-, Handwerker- u. Kohlenhändlerfamilie. Er ging in Zieko/Sachsen-Anhalt u. Berlin-Neukölln zur Schule. Nach dem Abitur machte B. eine Lehre als Industriekaufmann bei Siemens (1957–1960). Anschliebend studierte er an der FU Berlin Soziologie, Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft u. Psychologie (1960–1966). 1969 promovierte B. mit einer Arbeit zum Thema Grundzüge einer Soziologie der Industrieverwaltung (Stgt. 1970) u. arbeitete eine Zeitlang als Assistent von Renate Mayntz, der »groben Dame der europäischen Organisationssoziologie«, bevor er eine Anstellung bei der Kommission für Verwaltungsreform des Bremer Senats annahm. Seit 1973 war B. Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Verwaltung u. Rechtspflege (FHSVR) in Berlin, bis er im Jahre 2000 emeritiert wurde. B.s wiss. Interesse gilt der Organisationssoziologie u. Bürokratieforschung sowie den Fragen der Integration u. Resozialisierung von gesellschaftl. Randgruppen, ein Thema, das des Öfteren in seinen Kriminalromanen aufgegriffen wurde. Von den zahlreichen Romanen (Heften) u. Hörspielen, die B. während seiner Lehr- u. Studienzeit schrieb, wurden ungefähr 15 unter den Pseudonymen John Drake oder John Taylor veröffentlicht. 1971 debütierte B. unter dem Pseudonym -ky mit seinem ersten Kriminalroman (Zu einem Mord gehören zwei. Reinb.), dem in rascher Folge zahlreiche weitere Kriminalromane u. Hörspiele folgten. Insg. hat B. bis heute über 30 Kriminalromane u. zahlreiche Hörspiele u. Drehbücher für Funk u. Fernsehen verfasst. Seit Stör die feinen Leute nicht (Reinb. 1973) mischte B. seinen Kriminalromanen in zunehmenden Mabe sozialkrit. Züge bei u. verhalf somit dem dt. Kriminalroman zu ei-
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ner neuen »Erkenntnisfunktion«; er avancierte damit zum Begründer des dt. Soziokriminalromans. Die neue Funktion umfasste einen Aufklärungsprozess in zweifacher Hinsicht, wobei das Hauptgewicht auf gesellschaftlicher u. polit. Aufklärung des Lesepublikums lag u. nicht länger im Ermittlungsverfahren. Es geht B. darum, die gesellschaftlichen, wirtschaftl. u. polit. Zustände, die für die Verbrechen verantwortlich sind, zu durchleuchten, mit der Absicht, beim Leser einen Denkprozess auszulösen. Mit seinen Kriminalromanen taucht B. absichtlich in eine andere Welt ein, eine Fantasiewelt, welche die wirkl. Welt nach seiner Erfahrung widerspiegelt, jedoch nie mit dieser identisch sein kann, noch soll. B.s Kriminalwelt bleibt in einer immer erkennbaren Realität. Seine Wiedergabe von Realität ist, nach -ky, notwendigerweise beschönigt: »Es bleibt ja immer eine Phantasie, und die gebe ich herüber. [...] Die Scheinwelt muss eigentlich besser sein als die wirkliche Welt.« Dem Leser kommen die behandelten Themen aus dem eigenen Erfahrungsbereich bekannt vor, ohne dass B. auf einen spezifischen, wirklichen Vorfall eingeht. Jedoch gibt es zwischen seinen fiktiven Darstellungen u. der Realität zu viele Gemeinsamkeiten, als dass es sich um eine zufällige Anhäufung von Spekulationen handeln könnte. In Kein Reihenhaus für Robin Hood (Reinb. 1979), während dessen Filmpremiere er das Geheimnis hinter dem Pseudonym -ky lüftete, greift B. das Thema Terrorismus auf, welches Deutschland in den siebziger Jahren schwer belastete. B. beschäftigt sich aber auch mit Rassenhass (Feuer für den großen Drachen. Reinb. 1982), Mobbing (Ein Toter führt Regie. Reinb. 1974), Sanierungsskandale während der Wendezeit (Unfassbar für uns alle. Reinb. 1995) oder mit dem Problem der zunehmenden Verarmung gewisser Bevölkerungsschichten (Ich wollte, es wäre Nacht. Reinb. 1991). Verfolgt man Bs. kriminalschrifteller. Werdegang, erkennt man, dass er sich zunehmend von den einschränkenden, traditionellen Regeln des Krimigenres entfernt u. sich auf soziolog. (Krimi-)Studien konzentriert. In diesen soziolog. Studien rückt das Sozio- u. Psychogramm einzelner Menschen
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vor dem Hintergrund des Verbrechens in den Mittelpunkt. Spannung u. Verbrechen dienen nunmehr als Trägerelemente, um mittels dieser Maske ein Abbild gesellschaftlicher Zustände zu geben. B. geht es darum, die inhumanen Züge der westlichen kapitalist. Gesellschaft aufzudecken u. die Folgeerscheinungen dieses Gesellschaftssystems für die allgemeine Bevölkerung zu durchleuchten. Ein wesentliches Merkmal von B.s Soziokriminalroman besteht weiter darin, dass die beiden Begriffe Opfer u. Täter relativiert werden, d.h. dass das Opfer als Täter, u. der Täter als Opfer entdeckt werden kann. B. gibt seiner Opfer/Täter-Umstellung eine weitere Dimension bei, indem er zwischen ethischen u. jurist. Verbrechen/Taten unterscheidet (Es reicht doch, wenn nur einer stirbt. Reinb. 1975). Somit gibt es in B.s Kriminalromanen Opfer im ethischen Sinne, aber Verbrecher im juristischen, u. die de jure-Opfer, die vom ethischen Standpunkt aus gesehen Täter sind. Berlin u. die fiktive Kleinstadt Bramme dienen B. in seinen Krimis als dt. Gesellschaftsmodelle. Während (West-)Berlins äubere Eingeengtheit (Enklave vor der Wendezeit) wie ein Katalysator für Aggressivität u. Stress wirkt, ist es die innere, psych. Einengung, die die kriminelle Struktur Brammes prägt u. dort einen Kreislauf nichtender Gewalt bedingt. B. wurde verschiedentlich für sein Schaffen ausgezeichnet. 1980 erhielt er den Preis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman, 1988 den Prix Mystère de la Critique für den besten ausländ. Kriminalroman in frz. Sprache, 1991 den Kultur-Bären der BZ, 1992 den Ehren-Glauser des SYNDIKATS für das Gesamtwerk u. die Verdienste um den deutschsprachigen Kriminalroman, 1995 den Berliner Krimi-Fuchs. Ab Mitte der 1990er Jahre begann sich B. vermehrt anderen Literaturrichtungen zu widmen. Hervorzuheben sind v. a. seine Romane der Familiensaga, in denen sich autobiogr. Elemente mit der allgemeinen, aber hauptsächlich der Berliner, Zeitgeschichte verbinden (Brennholz für Kartoffelschalen. Bln. 1995). Seine Verbundenheit mit Berlin u. seine Kenntnisse der Berliner Verkehrsmittel
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sind Gegenstand weiterer Romane, so wie Berliner Bahnen (Mchn. 2000), Das Berlin-Lexikon (zus. mit Jan Eik. Bln. 1998). Nicht erwähnt sind hier die zahllosen wiss. Arbeiten, die B. während seiner Zeit an der FHSVR als Professor der Soziologie veröffentlichte. Weitere Werke: Kriminalromane: Einer will’s gewesen sein. Reinb. 1978. – Friedrich der Grobe rettet Oberkommissar Mannhardt. Reinb. 1985. – Älteres Ehepaar jagt Oberregierungsrat K. Reinb. 1987. – Ich lege Rosen auf mein Grab. Reinb. 1988. – Da hilft nur noch beten. Reinb. 1988. – Nieswand kennt Tag u. Stunde. Reinb. 1990. – Ein Deal zu viel. Reinb. 1992. – Mit dem Tod auf du u. du. Bln. 1993. – Blut will der Dämon. Reinb. 1993. – Der Satansbraten. Stgt. 1994. – Fendt hört mit. Bln. 1994. – Wie ein Tier – Der S-Bahn Mörder. Bln. 1995. – Ein Mann fürs Grobe. Reinb. 1996. – Einer muss es tun. Reinb. 1998. – Alle meine Mörder. Reinb. 2001. – Das Double des Bankiers. Reinb. 2002. – Lieber Sport als Mord. Mchn. 2002. – Spreekiller. Bln. 2002. – Der kalte Engel. Bln. 2002. – In Bramme geht die Bombe hoch. Leer 2004. – Die Bestie vom Schlesischen Bahnhof. Bln. 2004. – Das Wandern ist des Mörders Lust. Mchn. 2004. – In Bramme fliebt Dozentenblut. Leer 2006. – Familiensaga: Capri u. Kartoffelpuffer. Bln. 1997. – Champagner u. Kartoffelchips. Bln. 1998. – Tamsel. Bln. 1999. – Quetschkartoffeln u. Karriere. Bln. 2000. – Zwischen Kahn u. Kohlenkeller. Bln. 2001. – Zwischen Barrikade u. Brotsuppe. Bln. 2003. – Küsse am Kartoffelfeuer. Bln. 2004. – Die schönsten Jahre zwischen Wedding u. Neukölln. Bln. 2006. – Nachschlagwerke u. Anthologien: Mord u. Totschlag bei Fontane. Bln. 1998. – (Hg.) Berliner Zehn-Minuten Gesch.n. Bln. 2003. – Das Wandern ist des Müllers Lust. Mchn. 2004. – Haste schon jehört? Berliner Merk- u. Denkwürdigkeiten (mit Jan Eik). Bln. 2005. – (Hg.) Neue Berliner Zehn-Minuten Gesch.n, Berlin wies es lacht u. lästert. Bln. 2005. – Mannhardts rätselhafte Fälle. Bln. 2005. – WestBerlin. Bln. 2006. – Andere Romane: Aus der Traum. Mchn. 1983. – Geh doch wieder rüber. Reinb. 1986. – Ich glaub mich tritt ein Schimmel. Reinb. 1986. – Dich reitet wohl der Schimmel. Reinb. 1987. – Der letzte Askanier. Bln. 1997. – Kante Krümmel Kracher. Bln. 2004. – Das Duell des Herrn Silberstein. Bln. 2005. – Die Liebesprüfung. Mchn. 2006. Literatur: Ulrich Schulz-Buschhaus: Formen u. Ideologien des Kriminalromans. Ein gattungsgeschichtl. Essay. Ffm. 1975. – -ky in: Lexikon der dt. Krimi-Autoren. Bochum 1992. – Karin Tantow u. Lutz Tantow: H. B. In: KLG. – Jürg Brönnimann:
103 Der Soziokrimi: ein neues Genre oder ein soziolog. Experiment. Wuppertal 2004. Jürg Brönnimann
Bosper, Albert, * 16.3.1913 Lindau/Bodensee. – Erzähler u. Dramatiker. Nach dem frühen Tod seiner Eltern absolvierte B. zunächst eine kaufmännische Lehre. Später arbeitete er u. a. als Filmkomparse, Schauspieler u. Bankangestellter. Im Zweiten Weltkrieg war er Soldat im Osten u. Südosten. Nach 1945 betätigte B. sich als Tiefbauarbeiter, Straßenbahnschaffner, Eisenbahnpolizist u. war daneben auch freier Mitarbeiter bei Presse u. Funk. Bekannt wurde er als Dramatiker u. Erzähler. Die Themen seiner Werke sind meist sozialkritischer u. polit. Art. Beispielsweise schildert B. die Armut der Bewohner eines kleinen Dorfes in Rumänien u. die dort herrschende soziale Ungerechtigkeit in seinem Roman Die schiefen Häuser (Mchn. 1952). B.s Erzählweise ist humorvoll, teilweise auch in ironisch-bissigem Ton gehalten. Am bekanntesten wurde sein Kriegsroman Der Hiwi Borowitsch (Stgt. 1958. Wien [1962]). Er berichtet vom Schicksal eines jener zahlreichen Sowjet-Soldaten im Zweiten Weltkrieg, die sich aus existentieller Not »freiwillig« zur dt. Wehrmacht meldeten. B. veröffentlichte auch Theaterstücke, Hörspiele, Funkprosa, Feuilletons u. Satiren. Weitere Werke: Der Onkel u. die Bande. Gütersloh 1955 (E.). – Kein Dtschld. ohne Ferdinand. Stgt. 1959 (R.). – Belinda oder das große Rennen. Stgt. 1960 (R.). Heino Freiberg / Red.
Boßdorf, Hermann, * 29.10.1877 Wiesenburg bei Belzig, † 24.9.1921 Hamburg; Grabstätte: ebd., Ohlsdorfer Friedhof. – Niederdeutscher Dramatiker.
Bosse
Strindberg, dessen Werke er teilweise ins Niederdeutsche übertrug. Naturalistisch sind seine 1918/19 in Hamburg uraufgeführten Dramen De Fährkrog u. Bahnmeister Dood (beide Hbg. 1919), eine Ehebruchtragödie, die bereits mit dem Titel an Hauptmanns Erzählung Bahnwärter Thiel erinnert. Die Verwendung des Plattdeutschen dient B. auch zur sozialen Charakterisierung seiner Helden, die ihrem ungünstigen sozialen Milieu nicht entfliehen können u. häufig an psych. Deformationen leiden. Dies ist der Hintergrund ihrer kriminellen Handlungen. In der niederdt. Literatur ungewöhnliche erot. Anspielungen finden sich in B.s tragischer Komödie De rode Ünnerrock (Hbg. 1921). In einer Auftragsarbeit für die Niederdeutsche Bühne Richard Ohnsorgs in Hamburg, der Komödie Kramer Kray (Urauff. Hamburg 17.1.1920), kam B. dem Geschmack eines breiten Publikums entgegen. Ehehändel, plumpe Situationskomik u. Typisierung der handelnden Personen erweisen sich hier als geeignete Mittel, um das plattdt. Theaterpublikum seiner Zeit zu begeistern. Bis heute steht das Stück auf vielen Spielplänen niederdt. Bühnen, während B.s erste Dramen sehr viel seltener aufgeführt werden. B.s theoret. Schriften über Aufgaben u. Möglichkeiten eines niederdt. Theaterschriftstellers sind kaum rezipiert worden. Weitere Werke: H. B. Ges. Werke. Hg. Willy Krogmann. 11 Bde., Hbg. 1952–55. Literatur: Albrecht Janssen: H. B. Der Mensch – Das Werk – Der Dichter. Hbg./Bln./Lpz. 1927. – Heinrich Detjen: H. B. als Dramatiker. Diss. Hbg. 1936. – Walther Niekerken: H. B. In: NDB. – Joachim Arp: Der Mensch in der niederdt. Kom. Stavenhagen, B., Schurek, Ehrke. Neumünster 1964. – Friedrich W. Michelsen (Hg.): Ndt. Tage in Hamburg. H. B., 1877–1921. Hbg. 1977. Jörg Schilling / Red.
B., Sohn eines Briefträgers, arbeitete bis zu seinem frühen Tod als Post- u. TelegrafenBosse, Friedrich, auch: Heinrich Friedrich, beamter in Hamburg. Seine ersten Prosawer* 14.1.1848 Hessen bei Wolfenbüttel, ke verfasste er in hochdt. Sprache, begann † 28.10.1909 Leipzig. – Sozialistischer aber während des Ersten Weltkriegs einige Dramatiker u. Publizist. Dramen in Plattdeutsch zu schreiben. Neben Fritz Stavenhagen zählt er zu den Begrün- 1874 ließ sich der Stellmachersohn B. als dern der ernsten neuniederdt. Bühnenlitera- Malermeister in Leipzig nieder u. war tur. Anregungen erhielt er v. a. von August 1879–1904 Vorsitzender des Fortbildungs-
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vereins für Arbeiter, den er als »Pflanzstätte der Sozialdemokratie für ganz Deutschland« verstand. Durch Zeitschriften (»Sturmglocken«, 1894–95 u. »Der freie Bund«, 1899–1902), v. a. aber als Autor des proletar. Laientheaters suchte er sozialistisches Gedankengut zu propagieren. B.s dramat. Werk umfasst allegor. Festspiele in Versform, deklamatorisch u. ohne durchgehende Handlungslinie (Die Alten und die Neuen. Lpz. 1888), dramatisierte Streitgespräche (Die Arbeiter und die Kunst. Lpz. 1897), Komödien (Eine Frau mit Vorurteilen. Lpz. 1893). Bühnengemäßer war sein Sozialdrama Im Kampf (Lpz. o. J. [1892]): Die dramat. Handlung erhält Eigengewicht gegenüber der agitator. Didaxe. Unter Einsatz melodramatischer Mittel (Mord, verschmähte Liebe), jedoch differenziert in der Figurenzeichnung, wird eine im Streik endende Konfrontation zwischen Kapital u. Proletariat dargestellt. Trotz deutlicher Reminiszenz an Schillers Kabale und Liebe – Schleicher, der die dramat. Intrige in Gang setzt, ist als Verräter seiner Klasse ein Artverwandter Wurms – lenkt B. die Handlung einem optimist. Abschluss zu: Der Intrigant wird von den Rechtsnormen eingeholt; die Arbeiterklasse aber – voran der Streikführer Fels – bleibt sich über die erreichte Interessenvertretung hinaus ihres höheren Ziels bewusst. Neuausgabe: F. B.: Frühes Leipziger Arbeitertheater. Hg. Gustav Schroeder. Bln. 1972. Literatur: Gustav Schröder: Das sozialist. Drama [...]. Habil.-Schr. Potsdam 1965. – Michael Pehlke: Ein Exemplar proletar. Dramatik. Bemerkungen zu F. B.s Streikdrama ›Im Kampf‹. In: Literaturwiss. u. Sozialwiss.en. Stgt. 1971, S. 400–434. – Frank Trommler: Sozialist. Lit. in Dtschld. Stgt. 1976. Arno Matschiner / Red.
Bossert, Rolf, * 16.12.1952 Reschitza/Rumänien, † 17.2.1986 Frankfurt/M. (Freitod). – Lyriker. B. studierte nach dem Abitur Deutsch u. Englisch an der Universität Bukarest, arbeitete anschließend vier Jahre als Deutschlehrer in Bus¸teni u. ab 1981 als Verlagslektor in Bukarest. Nach seinem Ausreiseantrag 1984 verlor B. seine Arbeitsstelle; sein Name ver-
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schwand aus den Annalen der rumäniendt. Literatur. Noch kurz vor seiner Ausreise in die Bundesrepublik (Dez. 1985) wurden bei einer Hausdurchsuchung sämtl. Manuskripte beschlagnahmt. Die Umstände von B.s Tod in einem Frankfurter Asylantenheim konnten nie vollständig geklärt werden. Der Lyrikband siebensachen (Bukarest 1979), mit dem B. debütierte, erschien in Rumänien mit großer Verzögerung. Diese frühen Gedichte stehen deutlich unter dem Einfluss der »Aktionsgruppe Banat«, einer linksoppositionellen Gruppierung deutschsprachiger Schriftsteller in Rumänien, die um 1971 unter Berufung auf Bertolt Brecht eine auf operative Funktionen u. poet. Kommunikativität verpflichtete Literatur zur Maxime erhoben hatte. B.s Gedichtband Neuntöter (Cluj Napoca 1984) lässt eine Neuorientierung in seiner Lyrik erkennen: B. bettet traditionelle lyr. Bilder in ungewohnte Kontexte ein, konfrontiert disparate Ausdrucksweisen, provoziert poet. Brüche u. Negationen. In einem poetolog. Aufsatz (in: Die wollen meine Haut, meine Wörter, s. u.) nennt B. als prägende Vorbilder die Lyrik der Expressionisten u. der frz. Surrealisten. Neben Gedichten, die mit den Mitteln der krypt. Anspielung u. einer hermet. Bildlichkeit arbeiten, finden sich bei B. auch liedhafte Formen: böse Idyllen, zornige Balladen u. »verletzte Lieder«, in denen der aggressive Ton der Vagantendichtung François Villons u. der grimmige Spott Heines oder Brechts mitschwingen. In den späteren Gedichten treten gebundene Formen zurück, die Texte zersplittern immer mehr. Auf jede direkte Benennung der Gewaltverhältnisse im autoritären rumän. Sozialismus wird verzichtet zugunsten der evokativen Kraft dicht gefügter poet. Bilder: Gedichte als zerfetzter Gesang. B. erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Lyrikpreis des Verbandes der Kommunistischen Jugend Rumäniens (1979), den Übersetzerpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes (1982) u. den Adam-MüllerGuttenbrunn-Literaturpreis (1983). Weitere Werke: Mi u. Mo u. Balthasar. Bukarest 1980 (Kinderbuch). – Der Zirkus. Bukarest 1982 (Kinderbuch). – Auf der Milchstraße wieder kein Licht. Bln. 1986 (L.). – Die wollen meine Haut,
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105 meine Wörter. Lyrik, Prosa u. eine Mitt. aus der Praxis. Bremerhaven 1987. – So entstand ein Gedicht. Eine Mitt. aus der Praxis. Geschrieben 1983. In: Die Horen 32 (1987), 3, S. 35–41. Ausgabe: Ich steh auf den Treppen des Winds. Ges. Gedichte 1972–85. Hg. Gerhardt Csejka. Ffm. 2006. Literatur: Gerhard Mahlberg: Tönender Biß in der Kehle des Tags, den sie züchten. Über R. B. In: Die Horen 32 (1987), 3, S. 42–64. – Werner Söllner: R. B. In: KLG. – Thomas Kraft: R. B. In: LGL. – Astrid Schau: Leben ohne Grund. Konstruktion kultureller Identität bei Werner Söllner, R. B. u. Herta Müller. Bielef. 2003. – Diana Schuster: Die Banater Autorengruppe. Selbstdarstellung u. Rezeption in Rumänien u. Dtschld. Konstanz 2004. Michael Braun / Red.
Bosshart, Jakob, * 7.8.1862 Stürzikon bei Winterthur, † 18.2.1924 Clavadel bei Davos; Grabstätte: Stürzikon, auf dem väterlichen Hof. – Lehrer, Erzähler, Romanautor. Der Bauernsohn aus dem Zürcher Mittelland kam erst 1885 zur Aufnahme eines wiss. Studiums an der Universität Zürich, wo er 1887 mit einer sprachwiss. Arbeit zum Dr. phil. promovierte. Nach einem Englandaufenthalt u. verschiedenen Aushilfsstellen begann er ab 1890 am Zürcher Gymnasium zu unterrichten, wo er neuartige Methoden des Französischunterrichts einführte u. 1899 zum Rektor gewählt wurde. Ein Jahr zuvor hatte er mit dem Band Im Nebel (Lpz. 1898) als Schriftsteller debütiert. Mit den düsteren Texten, die vom aussichtslosen Kampf bäuerlicher Menschen gegen ihr Schicksal handeln, entsprach B. zwar nur oberflächlich den Erwartungen des dt. Lesepublikums an einen »Schweizer Dichter«, sie genügten aber, um ihn auf das alpine, touristisch-relevante Bizarr-Schweizerische festzulegen, dem er dann mit seinen weiteren Büchern mehr oder weniger entsprach. Das Bergdorf (Lpz. 1900) u. Die Barettlitochter (Lpz. 1902) gestalten in historischem Gewand das Schicksal von eigenwilligen, innerlich unabhängigen Frauen. Beide Erzählungen spielen im von Jeremias Gotthelf literarisch erschlossenen Gebiet des alten Bern. Im bäuerl. Milieu sind fast immer auch die Erzählungen
angesiedelt, die B. 1903 u. 1910 in den beiden Novellenbänden Durch Schmerzen empor u. Früh vollendet bei Haessel in Leipzig publizieren ließ. Es sind »erschütternde ländliche Alltagstragödien« (Fritz Hunziker), die zwar die Bilder u. Motive der damals modischen Heimatliteratur verwenden, in ihrer künstler. Durchformung u. im überzeitl. Gehalt aber weit über die Werke von Jakob Christoph Heer oder Ernst Zahn hinausragen; im Band Durch Schmerzen empor ist mit der Novelle Die alte Salome übrigens ein Kabinettstück von B.s Menschendarstellung enthalten. Nicht nur die berufl. Tätigkeit – ab 1916 musste er sich allmählich vom Schuldienst zurückziehen –, auch das schriftstellerische Schaffen wurde stark in Mitleidenschaft gezogen, als B. ab 1903 an Tuberkulose erkrankte u. von diesem Leiden trotz häufigem u. in den letzten Lebensjahren ständigem Aufenthalt in einem Höhensanatorium nie mehr loskam. Zunächst verstärkte sich aus der Erfahrung des körperl. Verfalls B.s Neigung zum Erdhaften, Bäuerlich-Bodenständigen nochmals: Die Novellen in den Bänden Erdschollen (Lpz. 1913) u. Opfer (Lpz. 1920) legen dafür beredtes Zeugnis ab. Unter dem Eindruck der Streikbewegung u. der sozialen Kämpfe im Zürich der Vorkriegszeit, v. a. aber durch den als gesellschaftl. Katastrophe empfundenen Ersten Weltkrieg wurde der ständig zwischen Leben u. Tod hin- u. hergerissene Dichter zu einer radikalen Umkehr u. Rückbesinnung auf eine literarisch-polit. Richtung bewogen, die er schon 1892 mit dem unveröffentlichten Drama Der Arbeiterführer eigentlich hatte einschlagen wollen: das kämpferische Aufbegehren gegen die niederschmetternden sozialen Konsequenzen der Industrialisierung u. der kapitalistischen, das Recht des Stärkeren postulierenden Wirtschaftsordnung. Deutlichen Ausdruck fand dieser Wandel in einer Reihe von anklägerischen, sozialkrit. Novellen, die in der Sammlung Neben der Heerstrasse (Zürich 1923; illustriert v. Ernst Ludwig Kirchner) publiziert wurden; bes. bemerkenswert die beiden Erzählungen Wie Josua Grübler seinen Weg fand u. Der Friedensapostel. Ihren Höhepunkt fand B.s neue Tendenz im künstlerisch nicht restlos gelungenen, zeitgeschichtlich u. von der
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Idee her aber überzeugenden Roman Ein Rufer in der Wüste (Zürich 1921. Neu hg. v. Charles Linsmayer in: Edition »Frühling der Gegenwart«. Zürich 1982). Das Buch sollte den Anfang einer – nicht mehr zustande gekommenen – Trilogie bilden (zum zweiten Teil, Der Jugendbund, existiert ein längerer Entwurf) u. stellt den zum Scheitern verurteilten Versuch des Industriellensohns Reinhart Stapfer dar, am Vorabend des Ersten Weltkriegs die sozialen u. polit. Gegensätze innerhalb der schweizerischen Gesellschaft zu versöhnen. Stapfer, der alle zeitgenöss. Lösungsversuche der Reihe nach prüft u. schließlich die Rückkehr zu bäuerl. Einfachheit fordert, bleibt ein einsamer Rufer in der Wüste u. stirbt nach einem durch den sozialist. Jugendfreund David verübten Attentat auf dem Bauerngut seiner Vorfahren just in dem Moment, als die Welt in den Schmelzofen des Krieges hineingerät. Die Hoffnung aber geht auf den neuen Menschen über, der in derselben Stunde auf dem Golsterhof zur Welt kommt. Im Gegensatz zu Meinrad Inglin, der in seinem Roman Schweizerspiegel (1938) die gleiche Epoche der schweizerischen Geschichte darstellte, vermied es B., über die Hoffnungen u. Ideen der Zeit aus bürgerlicher Sicht ein Urteil zu fällen. Ausgaben: Erzählungen. 5 Bde., Lpz. 1913. – Erzählungen. 6 Bde., Lpz. 1919–21. – Der Grenzjäger. Verbrechensgesch.n. Hg. u. mit einem Nachw. vers. v. Hans Joachim Kruse. Bln. 1983. – Werke in 6 Bdn. Frauenfeld 1950/51. Neudr. Zürich 1988. Literatur: Max Konzelmann: J. B. Eine Biogr. Erlenbach/Lpz. 1919. – Berta Huber-Bindschedler: J. B. In: Die Schweiz im dt. Geistesleben. Frauenfeld 1929. – Fritz Hunziker: J. B. Nachw. zu den Werken in 6 Bdn. Frauenfeld 1951. – Martin Stern: J. B. Nachw. zu ›Ein Rufer in der Wüste‹. In: Ed. ›Frühling der Gegenwart‹, a. a. O. – Karl Fehr: J. B. In: Küsnachter Jahresblätter (1986). – François Comment: Der Erzähler J. B. Bern u. a. 1990. Charles Linsmayer / Red.
Bostel, Lukas von, * 11.10.1649 Hamburg, † 15.7.1716 Hamburg. – Jurist u. Politiker; Librettist. Der Sohn eines Hamburger Seidenkrämers u. Ratsherren studierte seit 1670 Jura in Hei-
delberg, später in Leiden, wo er 1674 den Doktorgrad erwarb. Noch im selben Jahr brach er zu einer mehrjährigen Bildungsreise durch fast ganz Europa auf. Nach seiner Heimkehr 1679 schloss er sich der aristokrat. Ratspartei an, um von nun an am polit. Leben Hamburgs mitzuwirken. 1682/83 war B. Vorsitzender des Niedergerichts, u. nach überstandener Belagerung durch die Dänen wurde er 1686 zum Stadtsyndikus gewählt. Wiederholt stellte er sein diplomatisches Geschick als Gesandter der Hansestädte unter Beweis. So erreichte er, dass diese in den Frieden einbezogen wurden, den Frankreich u. die übrigen europ. Mächte 1697 im niederländ. Rijswijck miteinander schlossen. 1709 wurde B. zum Bürgermeister gewählt. Am Zustandekommen des Verfassungswerks aus den Jahren 1710–1712, das weit über Hamburgs Grenzen hinaus Beachtung fand, war er als Mitautor maßgeblich beteiligt. Erfolgreich war B. als Verfasser einiger Singspiel- u. Opernlibretti, für die ihm ital. u. frz. Texte als Vorlage dienten. Erwähnenswert ist v. a. die von Johann Wolfgang Franck vertonte u. 1686 an zwei Tagen in Hamburg erstmals aufgeführte Doppeloper Cara Mustapha oder Belagerung von Wien bzw. Der glückliche und unglückliche Cara Mustapha nebst dem erfreulichen Entsatz von Wien. Ungewöhnlich sind nicht nur die sehr kurzen Verszeilen, mit denen B. die Ausdruckskraft des Textes enorm zu steigern vermochte, sondern auch die in Dialekt verfassten Coupleteinlagen, die dem Hamburger Publikum gänzlich neu waren u. dem Werk zu seinem durchschlagenden Erfolg verhalfen. Neben seinem Schaffen für die Hamburger Oper übertrug B. auch die Satiren des frz. Historiografen u. Poeten Nicolas Boileau-Despréaux ins Plattdeutsche u. blieb bis ins Alter Gönner u. Förderer junger literar. Talente. Weitere Werke: Diocletianus. Musik v. Johann Wolfgang Franck. Hbg. 1682 (Singsp.). – Vespasianus. Musik v. J. W. Franck. Hbg. 1683 (Singsp.). – Theseus. Musik v. Nicolaus Adam Strunck. Hbg. 1684. – Croesus. Musik v. Johann Philipp Förtsch. Hbg. 1684. Ausgaben: Der hochmütige, gestürzte u. wieder erhabene Croesus. Oper in drei Akten. Hg. Peter Scheibe. Halle 1989. – Das unmöglichste Ding. In
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107 einem Sing-Spiel vorgestellet. Hbg. 1684 (Komp.: Johann Philipp Förtsch). Internet-Ed.: http:// diglib.hab.de/drucke/textb-sbd-7-5/start.htm. Literatur: Frank-Rutger Hausmann: Bibliogr. der dt. Übers.en aus dem Italienischen v. den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. 1 (2 Teilbde.), Tüb. 1992, Nr. 0313, 0317. – Alberto Martino: Die ital. Lit. im dt. Sprachraum. Ergänzungen u. Berichtigungen zu F.-R. Hausmanns Bibliogr. Amsterd./ Atlanta 1994, S. 13, 196 f. – Weitere Titel: Karl T. Gaederts: Das niederdt. Drama v. den Anfängen bis zur Franzosenzeit. o. O. 1894. – Heinrich Reincke: L. v. B. In: NDB. – Hellmuth Christian Wolff: Die Barockoper in Hamburg. Bd. 1, Wolfenb. 1957. – Utz Maas: Niederdt. Sozialkritik in der Hamburgischen Barock-Oper? In: Korrespondenzblatt des Vereins für Niederdt. Sprachforsch. 93 (1986), S. 5–7. – Werner Braun: Vom Remter zum Gänsemarkt. Aus der Frühgesch. der alten Hamburger Oper (1677–97). Saarbr. 1987. – Hans Joachim Marx u. Dorothea Schröder: Die Hamburger Gänsemarkt-Oper. Kat. der Textbücher (1678–1748). Laaber 1995. – Sarah Colvin: The rhetorical feminine. Gender and Orient on the german stage. 1647–1742. Oxford 1999. – George J. Buelow in: The New Grove 2. Aufl. Bd. 4, S. 69 f. Rainer Wolf / Red.
Bostel, Nicolaus von, * 6.10.1670 Stade, † 13.1.1704 Stade. – Verfasser lateinischer, deutscher u. niederdeutscher Gedichte; Übersetzer. B. besuchte das Athenaeum in Stade, studierte Jura an der Leipziger Universität (Immatrikulation Sommersemester 1688) u. ab 1690 in Frankfurt/O., trat eine längere Auslandsreise an u. kehrte im letzten Jahrzehnt des 17. Jh. nach Stade zurück, wo er Ratsherr u. 1700 Praetor, d.h. Stadtrichter, wurde. B. starb unverheiratet im Alter von 33 Jahren. Bekannt wurde B. der Nachwelt durch die postum von einem ungenannten Freund veröffentlichte Auswahl seiner deutschen, niederdt. u. lat. Gedichte sowie seiner Gedichtübersetzungen aus mehreren Sprachen. Sein anfänglich Hoffmannswaldau, später auch Christian Weise verpflichtetes Werk zeichnet sich durch einen Hang zur Satire aus u. wurde von dem zeitgenöss. Dichter u. Rezensenten Christoph Woltereck lobend hervorgehoben wegen der plattdt. Gedichte, de-
ren eines 1688 das ganze April-Stück der Thomasius’schen »Monatsgespräche« füllte. Werk: Poëtische Neben-Wercke, bestehend in teutschen u. lat. geistl., Moral- Trauer- vermischten- u. übersetzten Gedichten. Hbg. 1708. Ausgabe: Fischer/Tümpel 4, S. 530. Literatur: Christian Friedrich Weichmann: Vorrede zu Christian Heinrich Postel: Der grosse Wittekind. Hbg. 1724. – Redlich: N. v. B. In: NDB. – Kurt Schreinert: Der Stader Dichter N. v. B. In: Stader Jb. 1954, S. 176–195. – Alberto Martino: Die ital. Lit. im dt. Sprachraum. Ergänzungen u. Berichtigungen zu F.-R. Hausmanns Bibliogr. Amsterd./Atlanta 1994, S. 431. Jürgen Rathje / Red.
Bote, Hermann, * vor 1467 (wohl um 1450) Braunschweig, † 1520 (oder später) Braunschweig (?). – Stadtschreiber, Autor von Fachprosa, Chroniken, gnomischer u. didaktischer Literatur, politischen Liedern u. einem Schwankroman. Das früheste gesicherte Datum aus dem Leben des Braunschweiger Zoll- u. Steuereinnehmers B., Sohn des Schmiedemeisters u. Ratsherrn Arnd Bote, ist der 6. (7.?) 2.1488. An diesem Tag forderte eine Gruppe aufrührerischer Gildenmitglieder vom Rat der Stadt Braunschweig u. a., dass der Zollschreiber B. gemaßregelt werden solle. Am 24.6.1488 wurde B. unter Hausarrest gestellt u. damit praktisch seines Amtes enthoben. Da ein Minderjähriger kein städt. Amt innehaben konnte, muss B. allerspätestens 1467 geboren sein. Dass die Erwähnung eines Hermann Bote in einem Braunschweiger Steuerregister 1471 bereits den nachmaligen Zollschreiber H. B. meint, ist nicht unwahrscheinlich. B. wäre dann bereits um 1450 geboren. B. wurde von der innerstädt. Opposition 1488 aus dem Amt entfernt, weil er in diesem Jahr ein »Schandlied« in der literar. Form der Testamentsparodie verfasst hatte (Vermachung der Körperteile einer Katze an die einzelnen Gilden), das den Anführer der gildischen Opposition, Ludeke Holland, verunglimpfte: nach Lage der Überlieferung B.s literar. Debüt. Diesem Spottlied folgten bis 1491/92 zwei weitere nach, ebenfalls aus Anlass der »Schicht« Hollands von 1488 ff. geschrieben (Hg. Herbert Blume. In: Braun-
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schweig. Jb. 66, 1985, S. 57–77). Von den »Schichten«, d.h. den Unruhen u. Aufruhrereignissen in der Stadt Braunschweig zwischen 1293 u. 1513/14, berichtet B. in seinem Schichtboick (Schichtbuch, erstmals abgeschlossen 1510, Nachträge bis 1513/14. Hg. Ludwig Hänselmann. Lpz. 1880. Neudr. Gött. 1962). In farbiger, meist am Stil mündl. Erzählens orientierter Prosa zeigt B. seinen (wohl patrizischen) Lesern, wohin es führen kann, wenn in den Hansestädten »twidracht« zwischen den Ständen herrscht: Das gemeine Wohl nimmt Schaden, u. die innerlich zerstrittenen Städte fallen wehrlos den politisch aufstrebenden Territorialfürsten in die Hände. B. ist hier – u. auch sonst in seinem Werk – Wortführer des bestehenden sozialen Ordo, u. er schreibt aus der Perspektive des hanseatisch-braunschweigischen Ratsbediensteten. Diese Sicht prägt auch die Schriften B.s, die in die Schichtbuch-Handschrift inkorporiert sind: Repertorien der Wappen (v. a.) der hansischen Welt, der Braunschweiger Münzu. Währungsgeschichte, der Kirchen u. Klöster in Braunschweig. Nach seiner Amtsenthebung wirkte B. mit großer Wahrscheinlichkeit als Gogräfe (Dorfrichter u. Einnehmer von Steuern u. Abgaben) im cellischen Amt Papenteich im Dorf Rötgesbüttel (zwischen Braunschweig u. Gifhorn), vermutlich bis zum offenen Ausbruch der »Großen Stadtfehde« 1492, in der die Braunschweiger Herzöge u. die Stadt einander feindlich gegenüberstanden. Von 1493 an ist B. wieder in Braunschweiger städt. Dienst nachzuweisen, zunächst nur auf nachgeordnetem Posten: als Bierschenk im städt. (Altstadt-)Ratskeller. In den Jahren des Rötgesbütteler Exils dürfte B.s Boek van veleme rade (Buch von mancherlei Rad/Rat. Druck Lübeck um 1492/93. Hg. Herman Brandes. In: Nd. Jb. 16, 1890, S. 1–41. Faks. hg. v. Werner Wunderlich. Göpp. 1985) entstanden sein: ein in Reimversen verfasstes Lehrgedicht, in dem das harmon. Miteinander der gesellschaftl. Stände in der Allegorie des reibungslos funktionierenden Räderwerks einer Mühle dargestellt wird. 1497–1513 wird B. wiederum in Braunschweiger Kämmereibüchern als Zollschreiber, d.h. als einer der sechs Stadtschreiber, geführt.
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Mit der Rückkehr in die Stadt 1492/93 setzte die literarisch fruchtbarste Periode in B.s Leben ein. Etwa 1493 begann er mit der Niederschrift der sog. Braunschweiger Weltchronik (früher: Hetlingische Weltchronik, Halberstädter Weltchronik), brach die Arbeit daran jedoch um 1502 ab u. setzte im selben Jahr zu einem neuen Werk eben dieser Gattung an, der sog. Hannoverschen Weltchronik (Auszüge aus beiden Chroniken sind hg. v. Gerhard Cordes: Auswahl aus den Werken H. B.s. Wolfenb./Hann. 1948), an der er bis etwa 1518 arbeitete. 1502/03 verfasste B. im Auftrag des Rates das Tollenboyk (Zollbuch) der Stadt Braunschweig; Nachträge von seiner Hand finden sich bis 1507. Im Zollbuch sind insbes. die Zolltarife sowie die Dienstanweisungen für den Zollschreiber u. die ihm zuarbeitenden städt. Bediensteten niedergelegt. Das bereits erwähnte Schichtbuch muss in seinen wesentl. Teilen ebenfalls im ersten Jahrzehnt des 16. Jh. entstanden sein. Seit Anfang der 1970er Jahre gilt B. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch als Autor (d.h. Bearbeiter) des bis dahin als anonym angesehenen »Volksbuchs« Ein kurtzweilig Lesen von Dyl Vlenspiegel, dessen älteste nachweisbare Druckfassung 1510/11 hochdeutsch erschienen ist (Hg. Wolfgang Lindow. Stgt. 1966; nach der Aufl. Straßb. 1515. Faks. dieser Aufl. hg. v. Edward Schröder. Lpz. 1911. Danach das Faks. v. W. Wunderlich. Göpp. 1982). Eine Vielzahl sicherer Indizien spricht jedoch dafür, dass B. den Ulenspiegel ursprünglich, wie alle seine übrigen Werke, auf Niederdeutsch verfasst hat u. dass die Straßburger Frühdrucke Produkt einer dortigen Übersetzung ins Hochdeutsche sind. Für die vereinzelt geäußerte These, das Eulenspiegelbuch sei ein hochdeutsches, in Straßburg entstandenes Originalprodukt, gibt es keine tragfähigen Argumente. Der Ulenspiegel steht in den Traditionen mehrerer literar. Gattungen des MA zugleich: v. a. der des Schwankzyklus (zum Schwankroman sich verfestigend) u. der (ständekrit.) Satire. An der Oberfläche ist B.s Ulenspiegel derb u. burlesk bis zur Unflätigkeit; auf den zweiten Blick wird auch hier vieles von B.s konservativer, moralist. Sozialkritik sichtbar.
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Am 5.6.1513 wurde B. neuerlich von aufrührerischen Braunschweiger Bürgern aus dem Amt gejagt: ein Akt des Protestes gegen die schwer auf der Bevölkerung lastende Steuerpolitik des Rats. Von 1516 bis Juni 1520 ist B. als Verwalter der städt. Ziegelei urkundlich nachzuweisen, dann schweigen die Quellen. In diesem letzten Abschnitt seines Lebens meldete B. sich nochmals (1519, zu Beginn der sog. »Hildesheimer Stiftsfehde«) als Autor politisch-polemischer Lieder zu Wort (Rochus von Liliencron: Die historischen Volkslieder der Deutschen. Lpz. 1865–69. Bd. 2, S. 315–320. Bd. 3, S. 280–283, 287–291). Schließlich stammt aus dieser Epoche B.s Köker (um 1520 entstanden, ältester Druck 1711. Ausg.: Gerhard Cordes. Tüb. 1963), eine in Hakenreimversen abgefasste Spruchsammlung: überwiegend in bitter-ironischem, manchmal sarkastischem Ton formulierte Lebensweisheiten, deren der Leser sich bedienen soll, so wie man Pfeile aus einem Köcher (Köker) nimmt. Ob die sprachlich wie inhaltlich B.s chronistischem Schaffen nahe stehende, 1492 in Mainz von Peter Schöffer gedruckte Cronecken der Sassen, die (unsicher) meist einem Namensvetter B.s, Cord Bot(h)e, zugeschrieben wird, ebenfalls ein Werk von B. sein kann, ist bislang nicht zu entscheiden gewesen. Unwahrscheinlich jedoch ist die vereinzelt geäußerte Vermutung, B. sei auch Bearbeiter oder gar Autor der Lübecker Frühdrucke Dat Narrenschyp (1497) u. Reynke de Vos (1498) gewesen, wie es im Übrigen auch für einen manchmal postulierten Aufenthalt B.s in Lübeck (zwischen 1488 u. 1493 oder 1497) keine zwingenden Argumente gibt. Da B. sich in seinen Schriften (Ausnahme: Zollbuch) nie unverschlüsselt als Verfasser nennt, ist er jahrhundertelang unerkannt u. unbekannt geblieben. Erst seit 1880 (Hänselmanns Schichtbuch-Ausgabe) wird B.s Identität schrittweise von der Wissenschaft freigelegt. Seine Schriften jedoch, nicht nur die chronistischen, sind seit dem 16. Jh., ohne dass man ihren Autor kannte, immer wieder abgeschrieben, umgestaltet, (teil-)ediert u. zitiert worden, so von Andreas Schoppius, Caspar Abel, Gottfried Wilhelm Leibniz, Julius Philipp Rehtmeier, Friedrich August
Bote
Hackmann, Karl Friedrich Arend Scheller, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Rochus von Liliencron u. a. Hänselmann verwendet in seiner Novelle Hans Dilien der Türmer (1881) Passagen aus B.s Schichtbuch. Der Ulenspiegel u. sein Stoff haben in vielerlei Wandlungen eine weltliterar. Wirkung entfaltet, die bis zum heutigen Tag ungebrochen ist. Literatur: Christoph Walther: Zur Gesch. des Volksbuchs vom Eulenspiegel. In: Nd. Jb. 19 (1893), S. 1–79. – Gerhard Cordes: Die Weltchroniken v. H. B. In: Braunschweig. Jb. 33 (1952), S.75–101. – Peter Honegger: Ulenspiegel. Ein Beitr. zur Druckgesch. u. zur Verfasserfrage. Neumünster 1973. – Bernd Ulrich Hucker: Eine neuentdeckte Erstausg. des Eulenspiegel v. 1510/11. In: Philobiblon 20 (1976), S. 78–120. – G. Cordes: H. B. In: VL. – Herbert Blume u. Werner Wunderlich (Hg.): H. B. Bilanz u. Perspektiven der Forschung. Göpp. 1982 (Bibliogr. S. 133–154). – Eberhard Rohse: Poiesis u. Tradition. Poetolog. Fragen zum Werk H. B.s. Ebd., S. 73–91. – Werner Wunderlich: ›Till Eulenspiegel‹. Mchn. 1984. – Martin Kintzinger: ›H. B. to scrivende‹. In: Korrespondenzbl. des Vereins für niederdt. Sprachforsch. 92 (1985), S. 58–66. – Georg Bollenbeck: Till Eulenspiegel. Der dauerhafte Schwankheld. Stgt. 1985. – H. Blume: H. B.s Ludeke-Holland-Lieder u. ihre Überlieferung. In: Braunschweig. Jb. 66 (1985), S. 57–77. – Detlev Schöttker u. W. Wunderlich (Hg.): H. B. Braunschweiger Autor zwischen MA u. Neuzeit. Wiesb. 1987 (Bibliogr. S. 245–255). – H. Blume: H. B. ›tollenschriver‹ in Braunschweig u. ›hogrefe‹ aus dem Papenteich? Ebd., S. 159–177. – John L. Flood: Probleme um B.s ›Cronecken der Sassen‹. Ebd., S. 179–194. – H. Blume u. E. Rohse (Hg.): H. B. Städtisch-hansischer Autor in Braunschw. 1488–1988. Tüb. 1991 (Bibliogr. S. 365–371). – H. Blume: H. B. In: Füssel, Dt. Dichter, S. 217–234. – Ders.: H. B. – Autor des Eulenspiegelbuchs? In: Eulenspiegel-Jb. 34 (1994), S. 11–32. – E. Rohse: ›Gy erliken stede‹. Stadtbürgerlichhans. Welt am Beispiel v. H. B.s Radbuch. In: Hanse, Städte, Bünde. Die sächs. Städte zwischen Elbe u. Weser um 1500. Ausstellungskat. Magdeburg. Hg. Matthias Puhle. Magdeb. 1996, S. 575–602. – Paul Derks: Der Name H. B.s. In: Eulenspiegel-Jb. 35 (1996), S. 37–88. – H. Blume: Das Weiterleben v. H. B.s Schichtbuch in der Braunschweiger Stadtchronistik der frühen Neuzeit. In: Jb. der Oswald v. Wolkenstein-Gesellsch. 10 (1998), S. 67–79. – E. Rohse: Im Vorfeld der B.Forsch.: ›Van veleme rade‹ als ›Findling‹ des Ger-
Bothe manisten Hoffmann v. Fallersleben. In: Vulpis Adolatio. FS Hubertus Menke. Hg. Robert Peters, Horst P. Pütz u. Ulrich Weber. Heidelb. 2001, S. 603–623. – Ulrich Seelbach: Vier Alphabete u. (k)ein Autor? Ist der ›Ulenspiegel‹ signiert? In: Nd. Jb. 128 (2005), S. 77–114. Herbert Blume
Bothe, Friedrich Heinrich, * 1771 Magdeburg, † 9.7.1855 Reudnitz bei Leipzig. – Altphilologe; Übersetzer, Erzähler u. Satiriker. Das Geburtsdatum ist nicht gesichert; schon 1883 beklagt sich Conrad Bursian in seiner Geschichte der classischen Philologie in Deutschland (Bd. 19, 2, Mchn./Lpz. 1883, S. 709) über »das Wenige, was sich über B.s Lebensumstände ermitteln läßt«. B. studierte in Halle Philologie u. wurde Mitgl. des Vereins für gelehrte Schulen in Berlin. Er war Privatgelehrter in Berlin, Heidelberg, Mannheim, Konstanz u. Leipzig. B. tat sich hauptsächlich als Herausgeber u. Übersetzer lat. u. griech. Klassiker hervor (Homer, Pindar, Aischylos, Aristophanes, Xenophon, Sophokles, Euripides, Horaz, Terenz, Ovid, Phaedrus, Rudens, Pseudolus, Truculentus, Seneca, Plautus u. a.). Bursian erhob gegen B. den »Vorwurf der Fabrikarbeit« (ebd., S. 710), seine altphilolog. Arbeiten, Ausgaben, Übersetzungen, Kommentare u. Nachdichtungen hielten zeitgenössischen krit. Maßstäben nicht stand, B. habe die Texte mit »maßloser Willkür« (S. 711) behandelt. B.s Vielschreiberei ist dadurch zu erklären, dass er ohne feste Anstellung war u. vom Erlös seiner Schriften leben musste. Am 30.3.1833 schrieb er an Friedrich Thiersch, er wünsche sich »manchmal ein kleines festes Einkommen als Bibliothekar [...], besonders da ich nicht allein stehe, sondern Hand in Hand mit meiner Gattin und Tochter durchs Leben pilgere. Allein Niemand nahm je auf mein Verhältniß Rücksicht« (zitiert nach ADB). B.s literar. Arbeiten sind heute vergessen, viele Texte schwer zugänglich. Seine Sammlung von Volksliedern hat die »große Absicht des Volksdichters: den moralischen Sinn zu schärfen und zu veredeln« (Volkslieder, nebst untermischten andern Stücken. Bln. 1795, S. II).
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Die Sammlung enthält vorwiegend Übersetzungen englischer, von Thomas Percy herausgegebener Volkslieder. Die Vermischten satirischen Schriften (Lpz. 1803) enthalten Aufsätze u. Spottgedichte, die B. als Kenner »im satyrischen Fache« (Aloys Hirt an Goethe am 2.12.1797) ausweisen. Rosaura (Bln. 1807) ist ein Sammelband mit teils zuvor erschienenen Erzählungen: Mein Großoheim und seine Erzählungen; Graf Montgomery; Franz usw. von Lauenstein, oder der blinde Vormund; Männerbescheidenheit und Weibergröße; Gautier; Der Gewissensfall. Auch diese Erzählungen sind Zeugnisse des herrschenden Zeitgeschmacks. Einen eigenen Weg versuchte B. mit dem Lyrikband Antikgemessene Gedichte. Eine ächtdeutsche Erfindung (Bln./Stettin 1812) zu gehen: »Wenn ich die Anwendung prosodischer Regeln, wie Griechen und Lateiner sie ausübten, auf die Sprache Hermanns eine ächtdeutsche Erfindung nenne: so geschieht es darum, weil keine der neueren Sprachen so ganz ihrer selbst mächtig ist, daß sie aus ihrer Wurzel herauf neue Zweige treibe« (S. v). Zu jedem Gedicht gab B. das Silbenmaß an (teils grafisch), nach dem die Verse zu lesen sind. Die Opuscula critica et poëtica in his Philoctetis Euripideae principium ex Dione Chrysostomo restitutum (Bln. 1816) enthalten u. a. B.s Übertragungen ins Lateinische (Carmina Latina) einiger Gedichte von Bürger, Gleim, Goethe, Herder, Klopstock, Opitz, Schiller, Weckherlin u. a. Die Neueren Schauspiele und Kantaten (2 Bde., Halberst. 1824) verstand B. als »schönwissenschaftliche Werke« zur »Erholung von ernsteren Geschäften« (S. v). Hervorzuheben ist B.s Versuch, die Kantate als eigenständige dramat. Form zu etablieren, ihre traditionelle Zuordnung zur Ode aufzuheben. Die Kantate stelle »statt bloßer Betrachtungen über die Handlung diese selbst [dar]« (S. 249). Auch die Zeitschrift »Janus. Geschichte, Literatur und Kunst« (Zürich 1837) diente »zu allgemeiner Unterhaltung« (S. v). Die meisten Beiträge stammen von B. selbst. Bemerkenswert ist die Veröffentlichung einiger Gedichte aus Friedrich (Maler) Müllers Nachlass sowie der Aufsatz Was fehlt der deutschen Literatur?, in dem die literarischen u. gesellschaftl. Veränderungen des Jahrzehnts als Chance begriffen werden, eine literarhistor. Kontinuität her-
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zustellen: »Philosophen, Dichter, Redner, denen jetzt neue Schranken geöffnet sind, schaffet eifrig, und mehrt durch eure Schätze unser geistiges Erbe aus der Vorzeit!« (S. 38). Weitere Werke: De metro iambico dissertatio quam pro stipendio regio obtinendo conscriptam cum per valetudinem non possem publice defendere tamen ut debebam edidi F. H. B. Magdeburgicus. o. O. 1795. – Emma, Rosauras Schwester. Vom Verf. der Rosaura. Bln. 1808. – Grundzüge der Metrik. Nebst einer Beurtheilung der Seidlerischen Schrift De versibus dochmiacis. Bln./Lpz. 1816. – Annotationes ad Horatium a Carolo Fea editum Romae accedunt Johannis Georgii Graevii Scholia in Horatii odarum libros duo priores nunc primum edita. 2 Bde., Heidelb. 1820/21. – Polybiana, sive annotationes ad Polybii historiarum libros decem priores. Lpz. 1844. – Die griech. Komiker. Eine Beurtheilung der neuesten Ausg. ihrer Fragmente. Lpz. 1844. – Übersetzungen: Probe einer Verteutschung v. Popens Versuch über den Menschen, nebst einer Übers. der Kriegslieder des Tyrtaeus. Bln. 1793. – Über das griech. Epigramm. Ein Versuch v. Eduard Romeo Grafen v. Vargas, aus dem Ital. übers. Bln./Stettin 1798. – Euripides Werke, verdeutscht v. F. H. B. Bln./Stettin 1800–03. – Der Rüstsaal. Ein Fragment des Alkäus. An einigen Stellen verbessert u. übers. In: Berlin. Monatsschr. (Juli 1807), S. 17–22. – Pindars olymp. Oden in ihr Sylbenmaass verdeutscht. 2 Tle., Bln. 1808. – Herausgeber: Frühlings-Almanach. Bln. 1804. Literatur: Matthias Luserke: F. H. B. In: Kleines Archiv des 18. Jh. Hg. Christoph Weiß. H. 5 (1989). Matthias Luserke-Jaqui / Red.
Bouterwek, Friedrich (Ludewig), auch: Bajocco Romano, Ferdinand Adrianow, * 15.4.1766 Oker/Harz, † 9.8.1828 Göttingen; Grabstätte: ebd., BartholomäiFriedhof. – Romanautor, Philosoph u. Literaturhistoriker. B.s Vater, der im Berg- u. Hüttenwesen tätig war, ließ den Sohn erst an der Stadtschule in Goslar, dann durch Hauslehrer unterrichten. Bes. beeinflusst wurde B. von der Mutter, die ihn mit der neueren dt. Literatur (Gellert, Klopstock) bekannt machte. Nach dem Tod des Vaters u. gleichzeitigen finanziellen Einbußen (Verlust der Häuser beim Brand Goslars) besuchte B. 1780 zunächst die Martinsschule u. später das berühmte »Collegium Carolinum« in Braunschweig. Nachhaltig
Bouterwek
von den dort unterrichtenden Johann Arnold Ebert, Karl Christian Gärtner u. Johann Joachim Eschenburg beeinflusst, nahm sein Interesse polyhistor. Züge an. Aus Broterwerbsgründen nahm der vorher lange unentschlossene B. 1784 das Studium der Rechte in Göttingen auf. Bereits während seiner Studienzeit hatte sich B. aber auch eingehend mit Philologie (er hörte bei Christian Gottlob Heyne) u. Philosophie (Georg Heinrich Feder) beschäftigt u. war wechselweise (noch sehr schwankend) für Religion, Willensfreiheit u. Materialismus eingetreten. Gleichzeitig begann seine poet. Produktivität (Gedichte in: »Göttinger Musenalmanach«), die in Graf Donamar (3 Bde., Gött. 1791–93. Neudr. Ffm. 1971), einem pathetisch-heroischen Briefroman, der zur Zeit des Siebenjährigen Kriegs spielt, ihren Höhepunkt fand. Da B. als Dichter keinen Erfolg hatte, orientierte er sich erneut zur Philosophie hin u. studierte Kant. In Göttingen suchte er in Vorlesungen (seit 1789) sowie in dem philosoph. Dialog Paulus Septimus oder das letzte Geheimniß des eleusinischen Priesters (2 Bde., Halle 1795) die kantische Philosophie zu popularisieren. 1797 wurde B. in Göttingen zum Professor berufen. Er wirkte dort bis zu seinem Tod. B. schloss sich bald enger an die philosoph. Lehre Friedrich Heinrich Jacobis an; ihr gemeinsames Ziel lag in der Widerlegung des Skeptizismus (vgl. B.s gegen Fichte gerichtete Idee einer allgemeinen Apodiktik. 2 Bde., Halle 1799. Neudr.e Brüssel 1968 u. Hildesh. 2006) u. in der Neudiskussion u. letztl. Bejahung von Metaphysik (Anfangsgründe der speculativen Philosophie. Gött. 1800. Neudr. Brüssel 1968. Lehrbuch der philosophischen Wissenschaften. 2 Bde., Gött. 1813. Religion der Vernunft. Gött. 1824). Daneben hielt B. Vorlesungen über Ästhetik u. schrieb eine Theorie des Schönen (Ästhetik. 2 Bde., Lpz. 1806. Neudr. Hildesh. 1976), der er die Ideen zur Metaphysik des Schönen (Lpz. 1807) folgen ließ. Berühmt geworden ist B. (Mitgl. der Akademien von Lissabon 1806; Göttingen, Livorno 1811; Berlin 1812; Madrid, Amsterdam 1813) durch seine Mitarbeit am Göttinger Projekt einer Geschichte der Künste und Wissenschaften seit der Wiederherstellung derselben
Bouwinghausen von Wallmerode
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bis an das Ende des 18. Jahrhunderts, das von Bouwinghausen von Wallmerode, Johann Gottfried Eichhorn geleitet wurde. B. Margareta Maria, * 7.9.1629 Stuttgart, übernahm es, die Geschichte der Poesie und Be- † nach 1679. – Übersetzerin. redsamkeit seit dem Ende des 13. Jahrhunderts (12 Die Tochter des in württemberg. Diensten Bde., Gött. 1801–19) zu skizzieren. Sie stellt stehenden Offiziers u. Diplomaten Benjamin das wichtigste Beispiel einer sich allmählich Bouwinghausen von Wallmerode († 1635) aus der überkommenen »Litterärhistorie« genoss eine sorgfältige Erziehung u. interes(historia literaria) ausgliedernden Poesiegesierte sich früh für Dichtung, Philosophie u. schichte dar. B. behandelte die ital., span. u. Sprachen (Französisch, Latein). Prägenden portugies., dann die frz., engl. u. schließlich Einfluss auf ihre geistige Entwicklung nahm die dt. Literatur. Dabei wird die Abfolge dieihr väterlicher Freund Johann Valentin Anser Literaturen als ein Wandern u. zgl. als dreae. Über ihre Lebensumstände ist wenig Zunahme des Geschmacks verstanden; der bekannt. Sie lebte zunächst in Stuttgart u. Höhepunkt liege bei der dt. Literatur, die alle siedelte gegen 1660 nach Wien über. Ihr Toübrigen Literaturen voraussetze u. deren nadesdatum ist unbekannt, aber briefl. Zeugtionaler Kern damit zgl. Universalität beannisse setzen sie noch 1679 als in Wien lebend spruche. Auf diese Weise wird in die ansonsvoraus. Sie blieb unverheiratet. ten literarhistorisch unverbundene Reihung Von besonderer Bedeutung war ihre enge ein innerer Zusammenhang gebracht, der die alte Form der »historia literaria« in die neue Freundschaft mit dem Übersetzer Johann Gattung »Literaturgeschichte« übergehen Wilhelm von Stubenberg. Sowohl von ihrem Briefwechsel mit Stubenberg als auch ihren lässt. Briefwechseln mit Georg Philipp Harsdörffer Weitere Werke: Gustav u. seine Brüder. Eine u. Sigmund von Birken haben sich nur SpuGesch. in Briefen. 2 Bde., Halle 1795. – Gedichte. Hg. Karl Reinhard. Gött. 1802. – Immanuel Kant. ren u. geringfügige Reste erhalten. In den Ein Denkmal. Hbg. 1805. Neudr. Brüssel 1969. – 1670er Jahren stand sie auch mit der österr. Lehrbuch der philosoph. Vorkenntnisse. Gött. Dichterin Catharina Regina von Greiffenberg in Verbindung. 1810. Neben einigen Gelegenheitsdichtungen u. Literatur: Kleine Schr.en philosoph., ästhet. u. litterar. Inhalts. Gött. 1818. Neudr. Hildesh. 1975, einer Todesbetrachtung schuf sie zwei beS. 1–50 (Autobiogr.). – Walter August Schönbrunn: deutende Übersetzungen, mit denen sie sich Die Romantiker als Literaturhistoriker u. ihre einen Platz in der Literaturgeschichte sicherVorläufer. Diss. Greifsw. 1911. – Fritz Jurczok: F. B. te. Gefördert durch Andreae übersetzte sie als Ästhetiker. Diss. Halle 1949. – M. W. Heiderich: 1652 das Erbauungsbuch Heaven upon Earth Fictive Sanctification: Forerunners of Ottilie in the (1606) von Joseph Hall auf der Grundlage der Popular Novel. In: Crisis and Commitment. Hg. frz. Ausgabe von Urbain Chevreau. Mit ihrer John Whiton. Waterloo 1983, S. 69–77. – Jürgen Fohrmann: Das Projekt der dt. Literaturgesch. 1668 anonym im Druck erschienenen ÜberBielef. 1987. – Michel Espagne: F. B. Krit. Gesch. setzung von Pierre Charrons De la sagesse der Philosophie: Ein Pariser Ms. In: Archiv für (1601) wollte B. ein in Gelehrtenkreisen umGesch. der Philosophie 70 (1988), S. 280–304. – strittenes Werk noch bekannter machen. Andrea Albrecht: Kosmopolit. Ideale: Das weltbürgerl. Engagement des Göttinger Literarhistorikers F. B. In: Wissenschaftsmagazin der GeorgAugust-Univ. Göttingen 3 (2004), S. 80–85. – Tommaso Pierini: Hegels Auseinandersetzung mit F. B. In: Die freie Seite der Philosophie. Hg. Brady Bowman u. Klaus Vieweg. Würzb. 2006, S. 171–185. Jürgen Fohrmann / Red.
Werke: Joseph Hall: Waarer u. großmütiger Christen Krieg- Sieg- u. Frieden-Spiegel. Tüb. 1652. – Pierre Charron: Das Liecht der Weißheit/ zu Erforsch. deß Ursprungs u. wahrer Eigenschafften aller Dinge den Weg zeigend. Ulm 1668. – Was war doch wol die Welt/ in dreymal zehen Jahren. In: Johann Christoph Wagenseil: Pera librorum juvenilium. Nürnb. 1695, S. 699–701. Literatur: Martin Bircher: Johann Wilhelm v. Stubenberg (1619–63) u. sein Freundeskreis. Studien zur österr. Barocklit. protestant. Edelleute. Bln. 1968, S. 87–97, 207–212 u. passim. – Sabine
113 Koloch u. Martin Mulsow: Die erste dt. Übers. v. Pierre Charrons ›De la sagesse‹: Ein unbekanntes Werk der intellektuellen Außenseiterin M. M. B. v. W. (1629-nach 1679). In: Wolfenbütteler BarockNachrichten 33 (2006), S. 119–150. Hermann Ehmer / Sabine Koloch
Boveri, Margret, * 14.8.1900 Würzburg, † 6.7.1975 Berlin. – Publizistin.
Boy-Ed
ihr wichtigstes Buch ist Der Verrat im XX. Jahrhundert (4 Bde., Hbg. 1956–60. Reinb. 1976). Im Dez. 1968 lernte sie Uwe Johnson kennen, mit dem sie in den Jahren bis zu ihrem Tod eine enge Freundschaft verband. Auf Johnsons Drängen (»Frau Boveri wußte zu viel«) entstanden die autobiogr. Aufzeichnungen Verzweigungen (Mchn. 1977. Ffm. 1996), die aus ihrem Nachlass (Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin) herausgegeben wurden.
B. wuchs als Tochter eines deutschamerikan. Zoologenehepaars in Würzburg zweisprachig Weitere Werke: Das Weltgeschehen am Mitauf. Sie studierte seit 1920 Geschichtswis- telmeer. Ein Buch über Inseln u. Küsten, Politik u. senschaft in Würzburg, seit 1925 in Mün- Strategie, Völker u. Imperien. Zürich 1936. – Vom chen. 1929 ging sie als Studentin an die Minarett zum Bohrturm. Eine polit. Biogr. VorHochschule für Politik in Berlin, wo sie 1932 derasiens. Zürich/Lpz. 1938. – Ein Auto, Wüsten, promovierte (Sir Edward Grey und das Foreign blaue Perlen. Ber. über eine Fahrt durch Vorderasien. Lpz. 1939. – Tage des Überlebens. Bln. 1945. Office. Bln. 1933). Mchn. 1968. Bln. 2004. – 16 Fenster u. 8 Türen. Aus einem Gefühl der Loyalität zu ihrem Bln. 1953. – Die Deutschen u. der Status Quo Heimatland traf sie nach der Machtübernah- (Aufsätze 1948–73). Mchn. 1974. me der Nationalsozialisten bewusst die EntLiteratur: Inge Meidinger-Geise (Hg.): Frauscheidung zu bleiben. Ihre Informationsfrei- engestalten in Franken. Eine Slg. v. Lebensbildern, heit bewahrte sie sich, indem sie ihr eigenes Würzb. 1985. – Roland Berbig: ›Havin learned my außenpolit. Archiv aufzubauen begann. Sie lesson‹. M. B.s Autobiogr. ›Verzweigungen‹ u. ihre wurde 1934 außenpolit. Redakteurin einer Hg. E. u. U. Johnson. In: DVjs 70 (1996), 1, der verbliebenen liberalen Zeitungen, des S. 138–170. – Ralf Breslau u. Arnulf Baring: M. B. »Berliner Tageblatts« unter Paul Scheffer. (1900–75). Eine dt. Journalistin. In: Mitt.en 9 Über den keineswegs unproblemat. Balance- (2000), 2, S. 244–266. – Ingrid Belke: Auswandern akt der Redaktion, »Gegenarbeit in der Mit- oder bleiben? Die Publizistin M. B. (1900–75) im Dritten Reich. In: ZfG 53 (2005), 2, S. 118–137. – arbeit« zu leisten, u. den »Versuch, so viele im Heike B. Görtemaker: Ein dt. Leben. Die Gesch. der Dritten Reich unerwünschte Tatsachen und M. B. Mchn. 2005. Peter König / Red. Meinungen wie möglich offen oder zwischen den Zeilen zu drucken«, berichtete sie später ausführlich in ihrem Buch Wir lügen alle. Eine Boy-Ed, Ida (Cornelia Ernestine), * 17.4. Hauptstadtzeitung unter Hitler (Olten/Freib. i. 1852 Bergedorf bei Hamburg, † 13.5.1928 Br. 1965). Im Auftrag des Tageblatts unterTravemünde; Grabstätte: Lübeck, Burgnahm sie in den folgenden Jahren verschietor-Friedhof. – Publizistin u. Erzählerin. dene Reisen nach Griechenland, Malta, Ägypten u. in den Sudan. 1936 wurde sie Ihr Vater Christoph Marquard Ed, ReichsKorrespondentin in Rom, später in Stock- tagsabgeordneter, Büchereibesitzer u. Jourholm, New York u. Lissabon. Neben Lilly nalist, war Mitarbeiter an den Cottaschen Abegg u. Irene Seligo galt sie bald als eine der Blättern u. Gründer der »Eisenbahn-Zeiwenigen überragenden weibl. Journalisten tung«. B.s gutes Verhältnis zum Vater half ihr der Zeit. in ihrer schwierigen Ehe mit dem Lübecker Nach 1945 lebte B. als freie Publizistin. Sie Großkaufmann Karl Johann Boy, den sie nach war bekannt für Detailkenntnisse u. Unab- der Geburt von vier Kindern verließ, um mit hängigkeit ihres polit. Urteils. Neben Zei- dem ältesten Sohn für über ein Jahr nach tungsartikeln zur Tagespolitik u. Aufsätzen Berlin zu gehen u. sich ganz dem Schreiben zur Politik im Zweiten Weltkrieg u. im Kalten (u. a. für das »Berliner Tageblatt«) zu widKrieg (v. a. im »Merkur«) veröffentlichte sie men. Dort hungerte sie sich durch, machte eine Reihe von Büchern zur Zeitgeschichte; aber die Bekanntschaft führender Literaten
Bozner Spiele
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der Zeit, wie Fritz Mauthner u. Paul Lindau. da ist nichts mehr, wie die Natur es gewollt. Hg. Ihre ungewöhnl. Entschlossenheit zur Britta Jürgs. Bln. u. a. 2001, S. 193–215. – Grazyna Selbstbehauptung, die ihre autobiogr. Ro- B. Szewcyk: I. B.: Aus Tantalus Geschlecht. In: Lemane (Dornenkronen. Bln. 1886. »Ich«. Stgt. xikon deutschsprachiger Epik u. Dramatik v. Autorinnen (1730–1900). Hg. Gudrun Loster-Schnei1888. Fanny Förster. Stgt. 1889) anschaulich der u. Gaby Pailer. Tüb. 2006, S. 55 f. – Caroline dokumentieren, eine Eigenschaft, die einzel- Bland: I. B.: Die Schwestern. Ebd., S. 56–58; Nicht ne, meist ältere Frauenfiguren ihrer Romane im Geleise, S. 56 f. Eda Sagarra verkörpern wie beispielsweise Aus Tantalus Geschlecht (Lpz. 1891), verhalf B. bald zu einem aufgeschlossenen Publikum. Legendär Bozner Spiele ! Raber, Vigil; ! Tiroler war die Geschwindigkeit, mit der sie ihre Spiele Werke produzierte, die das Zeitgeschehen, wenn auch meist nur schematisch, mitre- Braak, Ivo, * 12.9.1906 Marne/Dithmarflektiert. Sie veröffentlichte insg. mehr als 70 schen, † 10.8.1991 Kiel. – Verfasser nieRomane u. Erzählbände, Biografien (u. a. Das derdeutscher Schauspiele. Martyrium der Charlotte von Stein. Stgt. 1916) u. Die Mundart seiner Heimat wurde für B. Dorfgeschichten bei angesehenen Verlagen wissenschaftliches Arbeitsfeld u. künstleriwie Cotta u. zu hohem Honorar; daneben sches Medium. Er studierte dt. u. niederdt. publizierte sie auch zahlreiche Aufsätze. Philologie in Hamburg, Wien u. Kiel, proDas Niveau ihrer literar. Produktion – bes. movierte 1930 u. wurde 1949 zum Professor der Frühzeit – ist unterschiedlich: »Ich habe ernannt. Bis zur Emeritierung 1973 lehrte er mein Talent oft prostituieren müssen«, be- an den Pädagogischen Hochschulen in kannte sie. Ihr Einfühlungsvermögen in die Flensburg u. Kiel. 1934–1945 war er Leiter seelische u. soziale Lage der Frau in ver- des Niederdeutschen Bühnenbundes, schiedenen Epochen, ihre Erfindungsgabe u. 1973–1979 Vorsitzender des von ihm mitgeanalyt. Kraft – die Thomas Mann insbes. bei gründeten Bremer Instituts für Niederdeutihren Biografien hervorhob – sind jedoch sche Sprache. B. ist Herausgeber der Werke stets präsent. Nach dem Tod ihres Vaters von Klaus Groth. In seinen eigenen niederdt. (1885) gab B. u. a. durch Theaterkritiken der Schauspielen griff er die Tradition Fritz Sta»Eisenbahn-Zeitung« ihr geistiges Gepräge; venhagens u. Hermann Boßdorfs auf u. setzhier erschienen die ersten Arbeiten von Tho- te, etwa in Driewsand (Verden 1953), Motive mas Mann, für den sie später eine wichtige des Schicksalsdramas gegen die genretypiMittlerrolle in der Aussöhnung mit seiner sche Beschränkung auf den Schwank. Geburtsstadt spielte. Ihr Erfolg wuchs nach Weitere Werke: Sluderie. Verden 1929 (D.). – der Jahrhundertwende, als sie durch den Tod De Schörtenjäger. Verden 1941 (D.). – Poetik in ihres Mannes (1904) von psych. Druck befreit Stichworten. Literaturwiss. Grundbegriffe. Kiel war. Sie unterhielt einen Salon u. holte 1965. Stgt. 82001. – Gattungsgesch. deutschspraFurtwängler nach Lübeck. Zu ihren Freunden chiger Dichtung in Stichworten. Kiel 1975. – Tiezählten u. a. Richard Strauss u. Bruno Walter. den. Husum 1986 (R.). Weitere Werke: Die große Stimme. Stgt. 1893 (N.n). – Werde zum Weib. 2 Bde., Dresden/Lpz. 1894 (R.). – Ein kgl. Kaufmann. Stgt. 1910 (R.). – Die Opferschale. Bln. 1916 (R.). Ausgabe: Eine Ausw. Hg. Peter de Mendelssohn. Lübeck 1975. Literatur: Thomas Mann: Briefe an Otto Grautoff 1894–1901 u. I. B. 1903–28. Hg. Peter de Mendelssohn. Ffm. 1975. – Peter de Mendelssohn: Vorw. In: Eine Ausw. a. a. O., S. 7–23. – Gabriele Wagner-Zereini: Die Frau am Fenster. Diss. Ffm. 1999. – Cornelia Saxe: I. B. (1852–1928). In: Denn
Literatur: Gerhard Cordes: I. B. In: KlausGroth-Gesellsch. Jahresgabe 10 (1966). – I. B. In: Claus Schuppenhauer: Lexikon niederdt. Autoren. Bremen o. J. Volker Busch / Red.
Brachmann, (Karoline) Louise, auch: L. Klarfeld, Sternheim, * 9.2.1777 Rochlitz/ Sachsen, † 17.9.1822 Halle (Freitod). – Lyrikerin, Erzählerin. Als Tochter des Kreissekretärs Christian Paul Brachmann u. dessen Ehefrau Friederike
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Brachvogel
Literatur: Marie Franzen: Landschaft u. Louise, geborene Vollhard, musste Louise Brachmann, bedingt durch den Beruf des Mensch in den Novellen L. B. Diss. Halle 1947. – Vaters, in ihrer Kindheit mehrmals den Gisela Brinkler-Gabler: Dt. Dichterinnnen vom 16. Wohnort wechseln. Dabei unterrichtete die Jh. bis zur Gegenwart. Ffm. 1978, S. 153–157. – Sigrid Lange: L. B.: Das Militär. In: Dt. Erzählprosa Mutter, eine gebildete Pastorentochter, ihre der frühen Restaurationszeit. Hg. Bernd Leistner. Kinder selber. 1787 zog die Familie nach Tüb. 1995, S. 145–167. – Bernhard Buschendorf: Weißenfels, wo Louise die Geschwister Sido- Die Germanisierung v. Tassos Zauberin. Die Arnie u. Friedrich von Hardenberg (Novalis) mida-Rinaldo-Episode in der dt. Kunstballade: kennenlernte. Sidonie wurde ihre engste Ludwig Hölty, L. B. u. Joseph v. Eichendorff. In: Freundin, während Novalis sie Friedrich Torquato Tasso in Dtschld. Seine Wirkung in Lit., Schiller empfahl, der mehrere ihrer Gedichte Kunst u. Musik seit der Mitte des 18. Jh. Hg. Achim in den »Horen« u. im »Musenalmanach« (für Aurnhammer. Bln./New York 1995, S. 443–470. – Martin A. Völker: ›Gebunden sind die Flügel der 1798 u. 1799) veröffentlichte. Doch ihr Leben war geprägt von ihrer psy- Gedanken‹. L. B. (1777–1822). Lewiston 2006. Helene M. Kastinger Riley / Katrin Korch chischen Instabilität. So unternahm sie im Alter von 23 Jahren wegen einer Ehrverletzung einen ersten Suizidversuch. Als wenige Brachvogel, Albert Emil, * 29.4.1824 Jahre darauf zunächst ihre Mutter (1803) u. Breslau, † 27.11.1878 Berlin; Grabstätte: dann ihr Vater (1804) verstarben, geriet sie ebd., Domfriedhof, – Dramatiker, Rozusätzlich in finanzielle Not. Denn obwohl manautor u. Journalist. ihre Gedichte u. Erzählungen zu Lebzeiten in über 30 Zeitschriften, Almanachen u. Ta- Nach harter Jugend u. jeweils abgebrochener schenbüchern verbreitet wurden (darunter in Buchhändler-, Graveur- u. BildhauerausbilCottas »Morgenblatt für gebildete Stände«, dung unternahm der Kaufmannssohn B. der »Zeitung für die elegante Welt« u. dem 1845 einen erfolglosen Versuch als Schau»Taschenbuch zum geselligen Vergnügen«), spieler in Wien. Er besuchte die Kunstakablieb ihr die materielle Absicherung durch demie in Berlin, studierte 1847 in Breslau einen angesehenen Verleger verwehrt. Dane- Geschichte, Literaturgeschichte, Ästhetik u. ben veranlassten sie mehrere persönl. Ent- Philosophie. 1848 nahm er an der Revolution täuschungen wie unerwiderte Lieben u. ge- teil. Nach Abbruch des Studiums begann er löste Verlobungen zu wiederholten Suizid- Operntexte zu schreiben. Durch Heirat 1852 versuchen. Ihre Selbststilisierung zur »deut- Besitzer eines kleinen schles. Landguts geschen Sappho« wurde daher auch schon zu worden, wirkte er nach dem Verlust seines Lebzeiten von Kritikern aufgenommen u. Vermögens als Sekretär am Kroll-Theater in verbreitet. Nach ihrem Freitod, den sie durch Berlin (1854/55), war dann Journalist im Ertränken in der Saale bei Halle herbeiführte, Wolff’schen Telegraphenbureau u. zuletzt wurde gar ein Felsen in der Nähe von Giebi- freier Schriftsteller. chenstein nach ihr benannt (»BrachmannfelB. schrieb über 20 Bühnenstücke, 24 Rosen«), von dem man fälschlicherweise an- mane, acht Bände Novellen, acht Biografien, nahm, B. habe sich dort in die Saale gestürzt. eine Geschichte des Königlichen Theaters zu Berlin Werke: Gedichte. Dessau 1808. – Einige Züge (2 Bde., Bln. 1877–78), Erzählungen u. aus meinem Leben, in Beziehung auf Novalis. In: episch-lyr. Dichtungen. Erfolgreich waren Die Harfe. Hg. Friedrich Kind. Bd. 2., Lpz. 1815, nur das an Gutzkows Thesenstücke anknüpS. 291–310. – Romant. Blüthen (Gedichte). Wien fende u. auf Diderots Rameaus Neffe stofflich 1817. – Das Gottesurteil. Rittergedicht in fünf Ge- aufbauende Drama Narciss (Lpz. 1857) u. sängen. Lpz. 1818. – Novellen. Lpz. 1819. – Schil- Friedemann Bach (3 Bde., Lpz. 1858), eine derungen aus der Wirklichkeit. Lpz. 1820 (E.n). – sentimentale Romanbiografie mit eindrucksNovellen u. kleine Romane. Nürnb. 1822. – Ausvoller Zeitschilderung, die auch im 20. Jh. erlesene Dichtungen. Bd. 1–6, Lpz. 1824–26 (mit noch mehrfach aufgelegt wurde. Narciss steht Biogr. im 1. Bd.). an der Spitze der Aufführungsstatistik für das 19. Jh. u. wurde zehnmal so oft gespielt wie
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Ausgabe: Ges. Romane, Novellen u. Dramen. alle Stücke Hebbels zusammengenommen. Paradigmatisch belegt dies die zeitgenöss. Hg. Max Ring. 10 Bde., Jena 1879–83. Literatur: A. M. B. (1824–1878). ›Friedemann Hochschätzung des Dramas als Leitform im System der Künste. Bürgerliche Rezeption Bach‹ (Roman). In: KindlerNeu. – Goedeke Forts. – der Dramatik der Klassik als Nationalliteratur Dirk Heißerer: König Ludwig II. liebte B.s ›Narciß‹. u. postrevolutionäre Stimmung sind dabei In: Lit. in Bayern 78 (2004), S. 43–47. Christian Schwarz / Red. miteinander verknüpft. Überhöhte Sprache, klass. Fünf-Akte-Form u. Historisierung ergaben den »praktischen Klassizismus« dieser Bräker, Ulrich, * 22.12.1735 Wattwil/Kt. Jahre. B.s Narciss entspricht dieser Tendenz St. Gallen, beerdigt am 11.9.1798 Wattweitgehend. Der histor. Stoff wird durch wil/Kt. St. Gallen. – Verfasser einer AutoHerausarbeiten der sensationell-pikanten sibiografie u. Tagebuchschreiber (von 1768 tuativen Momente geschickt theatergängig bis 1798). gemacht. Außerdem enthält das Stück Identifikationsangebote durch Berücksichtigung B. kann noch immer als Sonderfall in der Limehrerer Faktoren der postrevolutionären teratur des 18. Jh. gelten, auch wenn in den Stimmung. Narciss, ein Held ohne jegl. Ak- letzten zwei Jahrzehnten vermehrt autotivität, wird von B. aus der Schmeichler-Rolle biogr. Texte von Autoren aus der Untervon Rameaus Neffen in die des ursprünglich schicht zugänglich gemacht wurden; denrevolutionären, jetzt aber zynischen Aufklä- noch stellt sein Tagebuch eine einmalige rers u. Räsonneurs versetzt. Er hasst seine Dokumentation der Lebenswelt der überehemalige Gattin Madame Pompadour, die wiegend stumm gebliebenen Mehrheit der Mätresse Ludwigs XV., als Inbild der Deka- damaligen Bevölkerung dar. Der Sohn eines denz des Ancien Régime. In der viel bewun- Taglöhners, Kleinbauern u. Salpetersieders derten Höhepunkt-Szene (IV, 2) endet Nar- wurde von früh an wie seine neun Geciss’ Dialog mit einer chines. Puppe, die alles schwister zu den typischen Kindertätigkeiten bejaht, damit, dass er sie wegen ihrer »Cha- herangezogen: Ziegen hüten, später Feld- u. rakterlosigkeit« zerschmettert. In dieser be- Stallarbeit. Dennoch trug die kümmerl. reits von Diderot u. Hegel (Phänomenologie des Wirtschaft so wenig ein, dass die Familie Geistes) verwendeten theatral. Chiffre u. im dreimal den Wohnsitz wechseln u. einmal Zynismus des Antihelden ist Ohnmacht ge- den Konkurs erklären musste. Für B.s Schulgenüber dem erneut siegreichen restaurati- besuch blieben im Winter sechsmal einige ven Regime ebenso enthalten wie resignative wenige Wochen; doch der Knabe lernte mit Anpassung. Neuerdings wird auf die nur größter Begierde. Im Hause herrschte eine notdürftig überkleidete Episodenhaftigkeit pietist. Frömmigkeit, u. der junge B. träumte des Narciss als Vorstufe moderner Dramen- davon, Prediger zu werden. Die heimatl. Enge u. eine Neugier auf die struktur hingewiesen (Schanze). Welt, die ihn lebenslang auszeichnete, trieDie übrigen Stücke B.s verlieren sich im ben ihn 1755 von zu Hause fort. Er geriet als Anekdotischen; dies gilt auch für die meisten seiner histor. Romane. Die Anpassung an die Söldner ins preuß. Heer; der strenge Drill u. neuen Verhältnisse kommt in den nach der die kärgl. Nahrung passten dem freiheitslieReichsgründung serienmäßig verfassten Bio- benden Jungen wenig, u. er quittierte den grafien zum Ausdruck (Die Männer der neuen Dienst bei der ersten sich bietenden Gelegenheit: Während der Schlacht bei Lobositz deutschen Zeit. 20 Bde., Hann. 1872–75). (1.10.1756) gelang es ihm, sich davonzumaWeitere Werke: Friedemann Bach. 3 Bde., Bln. chen. 1858 (R.). – Histor. Novellen. 4 Bde., Lpz. 1863/64. Zu Hause in Wattwil zog B. 1759 einen – Theatral. Studien. Lpz. 1863. – Beaumarchais. 4 Bde., Jena 1865 (histor. R.). – Hamlet. 3 Bde., Bln. bescheidenen Baumwollhandel auf. Um seine 1866 (R.). – Der fliegende Holländer. 4. Bde., Bln. ausgeprägte Sinnlichkeit in Schranken zu 1871 (R.). – Die Harfenschule u. a. dramat. Werke. halten, verheiratete er sich, doch nach der Bln. 1874. Hochzeit (1761) blieb das erträumte Glück
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aus, denn seine Frau Salome erwies sich als streng. Überdies verschuldete er sich mit dem Bau eines eigenen Hauses stark: Geschäft u. Ehe taumelten von Krise zu Krise, u. als 1762 sein Vater starb, hatte er überdies vier kleine Geschwister mitzuernähren. In solcher Bedrängnis boten ihm einzig das Lesen u. – zunehmend – das eigene Schreiben einen gewissen Trost, wenngleich seine Familie u. seine Umgebung diese Tätigkeiten mehr u. mehr missbilligten. Brachten sie auch zunächst noch Verständnis auf für B.s Lektüre von Bibel u. geistlicher Erbauungsliteratur, so konnten sie seine wachsende Vorliebe für die sog. »schöne« Literatur nicht mehr gutheißen. Insbes. seine Frau kritisierte zu Recht, dass er deswegen seinen Beruf u. damit das Wohl der Familie vernachlässigte. Während der großen Hungersnot von 1770 begann B. regelmäßig Tagebuch zu führen, was er bis einen Monat vor seinem Tod fortsetzte. Erneute Schulden wurden unabwendbar, Krankheiten suchten die Familie heim, B. verlor zwei vom Hunger geschwächte Kinder an der Bakterienruhr. Einen Lichtblick in diese trostlose Situation brachte ihm 1776 die Aufnahme in die Moralische Gesellschaft Lichtenstein, die ihm den Zugang zu ihrer umfangreichen Bücherei eröffnete u. ihn in Kontakt mit gebildeten Männern brachte. Zweimal gewann er sogar mit kleinen Abhandlungen den von der Gesellschaft ausgesetzten Preis, sodass man allmählich auf das verborgene Talent aufmerksam wurde. 1780–1783 druckte der Wattwiler Lehrer Johann Ludwig Ambühl in seiner Zeitschrift »Die Brieftasche aus den Alpen« erstmals drei kleine Texte des Autodidakten. Der Pfarrer Martin Imhof, der eigentl. »Entdecker« B.s, schickte Proben an den Verleger Johann Heinrich Füssli in Zürich, der ab 1788 in dem von ihm herausgegebenen »Schweitzerschen Museum« die Lebensgeschichte veröffentlichte u. sie dann 1789 als Buch herausbrachte. Der unerwartet große Erfolg öffnete B. nicht nur den Zugang zu weiteren Berühmtheiten der näheren Umgebung (Johann Caspar Lavater, Hans Caspar Hirzel, Johann Gottfried Ebel u. a.), sondern bewog Füssli, 1792 einen zweiten Band mit Tagebuchauszügen zu veröffentlichen. Als dieser
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nicht mehr den gleichen Erfolg erzielte, brach er die Publikation trotz B.s Bitten um Fortsetzung ab. Infolge günstigerer wirtschaftl. Bedingungen u. stimuliert durch den Umgang mit gebildeten Männern, lebte B. auf u. unternahm ab 1782 jährlich längere Fußreisen, die ihn durch die ganze Ostschweiz, in die Zentralschweiz u. bis nach Bern führten. Auf der anderen Seite jedoch entfremdete er sich seinen Nachbarn immer stärker u. geriet in eine gesellschaftl. Zwischenposition, war er doch kein Bauer mehr, aber auch kein vollwertiger Bürger, weder Autor noch richtiger Baumwollgewerbler, sondern alles ein bisschen u. nichts ganz. Sein Schreiben brachte ihm nie so viel ein, dass er davon hätte seinen Lebensunterhalt bestreiten können, die wirtschaftl. Sorgen wichen v. a. in den folgenden Krisenjahren nicht, der missglückte Versuch, mit seinem Schwiegersohn eine Stoffdruckerei zu betreiben, zwang ihn in den Konkurs. 1798 erklärte er den Bankrott (das Soll überwog um etwa 600 Gulden). Die ständigen Streitigkeiten mit seiner Frau – Ausdruck der komplizierten Suche nach einer neuen Rolle für Mann u. Frau am Übergang von einer agrarischen zu einer industriellen Gesellschaft – zehrten an seinen Kräften. Auch die Kinder bereiteten ihm zeitweise schwere Sorgen. Die Ereignisse im revolutionären Frankreich verfolgte er mit Skepsis, ebenso die Befreiung Toggenburgs von der Herrschaft des Fürstabts von St. Gallen, denn B. stellte die Einrichtungen des Ancien Régime nie grundsätzlich in Frage. Als dann 1798 die Franzosen durchs Toggenburg marschierten, dominierten im Tagebuch bereits die Gedanken an den Tod. Die letzte Eintragung vom 14. Aug. betraf noch einmal leidige Geldsachen. Am 11. Sept. wurde er in Wattwil begraben. Sein Tagebuch verzeichnet auf über 3000 Seiten mit ungewöhnlicher Akribie (u. einer wildwüchsigen Schreibweise) die Tagesabläufe, dokumentiert B.s Euphorien u. Depressionen, die religiösen Skrupel wie die Lesefreuden u. die immer wieder enttäuschten Hoffnungen auf eine Verbesserung seiner Lage. Die ursprünglich pietistisch orientierte Selbstanalyse macht zunehmend einer um-
Bräunig
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fassenden Darstellung seines Alltags Platz. Imhof). – Etwas über William Shakespeares Häusliche Zwistigkeiten u. Dorfklatsch, Schausp.e. Hg. Walter Muschg. Basel 1942. – Leben polit. Machenschaften u. Wetterbeobachtun- u. Schr.en U. B.s, des Armen Mannes im Tockengen wechseln ab mit Lektürekommentaren, burg. Hg. Samuel Voellmy. 3 Bde., Basel 1945. – Räisonierendes Baurengespräch über das BücherReiseberichten u. Selbstbetrachtungen. Dalesen u. den üsserl. Gottesdienst. 2 Bde., St. Gallen mit stellt B.s Tagebuch in seiner Ausführ- 1985 (Faks. der Hs. u. Transkription. Hg. Alois lichkeit u. Anschaulichkeit ein Dokument Stadler u. Peter Wegelin). – Die Gerichtsnacht oder von einzigartigem Rang dar, nicht zuletzt Was ihr wollt. 2 Bde., St. Gallen 1987 (Faks. der Hs. auch deshalb, weil es einen einzigartigen u. Transkription. Hg. A. Stadler u. P. Wegelin). – Einblick in den Prozess der Umwandlung von Etwas über William Shakespears Schausp.e. 2 Bde., Biografischem in Literatur gewährt. Bedrängt St. Gallen 1998 (Faks. der Hs. u. Transkription. Hg. von seiner Umgebung u. vom eigenen A. Stadler). – Sämtl. Schr.en. Hg. Andreas Bürgi, schlechten Gewissen wirft B. sich vor, mit Heinz Graber, Christian Holliger, Claudia HolligerWiesmann, Alfred Messerli, A. Stadler. 5 Bde., Lesen u. Schreiben seine Zeit zu verschwenMchn./Bern 1998–2008. den; auf der anderen Seite bezeugen die Literatur: Samuel Voellmy: U. B., der Arme sorgfältig kalligrafierten Titelblätter der TaMann im Tockenburg. Zürich 1923. – Ders.: Daniel gebücher am Jahresbeginn seine ursprüngl. Girtanner v. St. Gallen, U. B. aus dem Toggenburg Freude am Akt des Schreibens u. dokumen- u. ihr Freundeskreis. St. Gallen 1928. – Holger tieren die hoch entwickelte Schreibtradition Böning: U. B. Der Arme Mann aus dem Toggenim ostschweizerischen Voralpenraum. B.s burg. Leben, Werk u. Zeitgesch. Ffm. 1985 (BiAutobiografie hat dank ihrer Lebendigkeit u. bliogr. S. 221–228). – U. B. u. seine Zeit. 5 Vorträge Fülle des Berichteten immer wieder die Leser zum 250. Geburtstag. Toggenburger Bl. für Heientzückt u. bildet die Grundlage seines matkunde 36 (1985). – Christian Holliger u. a. Ruhms. Erstaunlich bleibt die wohl von sei- (Hg.): Chronik U. B. Auf der Grundlage der Tagebücher 1770–98. Bern 1985 (Bibliogr. S. 471–475). nen belesenen Freunden angeregte Entde– Alois Stadler u. Wolfgang Göldi: ›Heriemini – ckung Shakespeares, den er als den größten welch eine Freyheit!‹. U. B. über ›Himmel, Erde Dichter u. als Seelenverwandten bezeichnet, und Hölle‹. Illustriert mit Bildern aus seiner Zeit. wobei für ihn der Hamlet den Gipfelpunkt Zürich 1988. – Schreibsucht. Autobiogr. Schr.en darstellt. Sein eigener Versuch, sich in dessen des Pietisten U. B. (1735–98). Hg. Alfred Messerli u. Nachfolge am Drama zu versuchen (Die Ge- Adolf Muschg. Gött. 2004. – Susanne Hoffmann: richtsnacht) misslang, obwohl er die Handlung Gesundheit u. Krankheit bei U. B. (1735–98). Diein dem ihm vertrauten Toggenburger Bau- tikon 2005. Christoph Siegrist / Andreas Bürgi ernalltag ansiedelte. (Eine Aufführung fand erst 1977 statt.) B.s Schreiben blieb weitgehend auf den Bräunig, Werner, * 12.5.1934 Chemnitz, persönl. Erfahrungsbereich beschränkt; doch † 14.8.1976 Halle. – Lyriker u. Erzähler. gerade in dessen Wiedergabe entfaltet es seine Qualitäten. Es dokumentiert in unge- Der Sohn eines Hilfsarbeiters schlug sich zuwöhnlich intensiver Weise einen unter nächst mit Gelegenheitsarbeiten in West- u. schwierigsten Bedingungen sich abspielen- Ostdeutschland durch u. war nach dem Krieg in der DDR wegen Schmuggelei zwei Jahre den Entwicklungsprozess u. vermag diesen inhaftiert. Diese halbkriminelle Karriere zum beeindruckenden literar. Dokument wurde allerdings durch schriftsteller. Erfolg aufzuwerten. als Erzähler u. Lyriker abgelöst: Von 1956 an Ausgaben: Lebensgesch. u. Natürl. Ebentheuer machte B. als schreibender Arbeiter, als des Armen Mannes im Tockenburg. Hg. Hans Volkskorrespondent der Leipziger »VolksHeinrich Füssli ( = Sämtl. Schr.en [...] Erster Theil [...]). Zürich 1789. – Tgb. des Armen Mannes im stimme« auf sich aufmerksam, was ihm erTockenburg. Hg. ders. ( = Sämtl. Schr.en [...] möglichte, von 1958 an in Leipzig am JoZweyter Theil [...]). Zürich 1792. – Der Arme Mann hannes R. Becher-Literaturinstitut zu studieim Tockenburg. Hg. Leo Weisz. In: Raschers Mo- ren, wo er keine zwei Jahre später bereits natsh.e 1. Zürich 1930 (19 Briefe B.s an Füssli u. Dozent wurde.
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B.s Gedichte aus dieser Zeit preisen überschwänglich den technischen u. gesellschaftl. Fortschritt in der DDR (Für eine Minute. Zus. mit Horst Salomon. Lpz. 1960). In den Kreis der Lesebuchautoren aufgenommen, beteiligte sich B. an der ersten Bitterfelder Konferenz, deren Aufruf Greif zur Feder, Kumpel! er verfasste (in: »Neues Deutschland«, 24.4. 1959). Offenbar von uneingeschränkter Hingabe für den sozialist. Aufbau, überraschte B. 1963 mit seinem Roman Der eiserne Vorhang (auch: Rummelplatz; unter diesem Titel zuletzt ersch. Bln. 2007), der – unter verschiedenen Titeln – über Vorabdrucke im »Sonntag« u. der »Neuen Deutschen Literatur« zunächst nicht hinauskam. Eine 1965 entfachte rüde Pressekampagne gegen diesen Roman der orientierungslosen, wenig vorbildlichen, aber typischen Helden des DDR-Alltags hinderte B. – in den letzten, wenig produktiven Jahren vom Alkoholismus gezeichnet –, den zweiten Band zu verwirklichen. Weitere Werke: Luftbilder aus der DDR (zus. mit Lothar Willmann). Lpz. 1960. – Prosa schreiben. Halle 1968 (Ess.s). – Städte machen Leute. Reportage über Halle-Neustadt. (Mitautor). Halle 1969. – Ein Kranich am Himmel. Halle 1981 (mit Bibliogr.). Literatur: Manfred Behn-Liebherz: W. B. In: KLG. – Rüdiger Bernhardt: W. B.s ›Gewöhnliche Leute‹. In: WB 31 (1985), S. 97–112. – Martin Straub: ›Rummelplatz‹ u. das 11. Plenum 1965. Zu W. B.s Romanfragment. In: Verbrannt u. verkannt. Hg. Ulrich Kaufmann. Jena 1992, S. 16–28. Johannes Schulz / Red.
Brahm, Otto, auch: O. Anders, eigentl.: O. Abrahamsohn, * 5.2.1856 Hamburg, † 28.11.1912 Berlin. – Kritiker u. Theaterleiter. Als erster Sohn des Kaufmanns Julius Abrahamsohn u. seiner Ehefrau Emilie machte B. nach dem Realschulbesuch (1869–1871) eine dreijährige Lehre als Bankkaufmann, bevor er 1876 in Berlin das Studium der Germanistik aufnahm. Nach einem Semester in Heidelberg, wo er Freundschaft mit Paul Schlenther schloss, kehrte er nach Berlin zurück, um bei Wilhelm Scherer seine Doktorarbeit zu beginnen. Wegen fehlenden Abiturs setzte B.
das Studium zunächst in Straßburg bei Erich Schmidt, dann in Jena fort, wo er bei Eduard Sievers über Das deutsche Ritterdrama des 18. Jahrhunderts (Straßb. 1880) promovierte. Der Einstieg in den journalist. Beruf wurde B. durch Scherers Unterstützung erleichtert. Ab 1878 erschienen Aufsätze u. Kritiken von ihm, u. a. in der »Augsburger Allgemeinen Zeitung«, im »Deutschen Montagsblatt«, seit 1881 unter dem mit Rücksicht auf den herrschenden Antisemitismus gewählten Pseudonym Brahm. In den frühen Aufsätzen Paul Heyse (in: »Westermanns Monatshefte«, Nov. 1882) u. Gottfried Keller. Ein literarischer Essay (Bln. 1883) ist der Einfluss der positivist. Germanistik Scherers zu spüren. 1881–1885 war B. festangestellter Theaterkritiker (an der Seite Theodor Fontanes) bei der »Vossischen Zeitung«; 1886 ging er zur Wochenschrift »Die Nation«. Durch treffsichere u. strenge Kritik erlangte B. früh Anerkennung; zgl. trat er für eine Reform des dt. Theaters in Repertoire, Inszenierungsstil u. Schauspielkunst ein. B.s Stellungnahme zum neu gegründeten Deutschen Theater Berlin (1883/84), seine Aufnahme der Gastspiele der Meininger (1884 u. 1887) u. sein Einsatz für das Drama Ibsens verraten schon den Anspruch auf aktive Mitgestaltung des Theaterlebens. Auch seine biogr. Werke galten führenden Dramatikern: 1884 erschien die preisgekrönte, wiederholt aufgelegte Studie Heinrich von Kleist (Bln.); danach folgte eine (nicht abgeschlossene) Schiller-Monografie (2 Bde., Bln. 1888–92). Als Wegbereiter Ibsens stand B. dem Naturalismus nahe; dank seiner organisator. Fähigkeiten u. krit. Potenz verlagerte sich der Schwerpunkt der naturalist. Bewegung gegen Ende der 1880er Jahre von München nach Berlin. Bei der Begründung der Freien Bühne (1889) wurde B. von den zehn Gründungsmitgliedern (darunter Schlenther, die Brüder Hart, der Verleger Samuel Fischer) zum Ersten Vorsitzenden ernannt. B. machte es sich zur Aufgabe, der naturalist. Moderne ein – wenn auch zahlenmäßig begrenztes – Theaterpublikum zu gewinnen (zur Umgehung der Zensur wurden geschlossene Vorstellungen gegeben). Trotz Kritik an seiner diktator. Amtsführung u. mancher Anfeindungen (u. a.
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durch Conrad Alberti) gelang es B. schon in der ersten Spielzeit, mit der Aufführung von Hauptmanns Vor Sonnenaufgang (1889) dem Naturalismus zu einem bahnbrechenden Erfolg zu verhelfen. Zum Programm der Freien Bühne gehörten Werke der europ. Naturalisten (Ibsen, Tolstoi, Bjørnson, Strindberg, Henri François Becque, die Brüder Goncourt, Zola) ebenso wie der von ihnen beeinflussten Autoren des »Jüngsten Deutschland« (Holz u. Schlaf, Hartleben, Georg Hirschfeld u. a.). 1890 folgte die Gründung der Zeitschrift »Freie Bühne für modernes Leben« (ab 1894 »Neue deutsche Rundschau«, ab 1904 »Die neue Rundschau«) im S. Fischer Verlag, die B. zwei Jahre lang herausgab u. mit dem programmat. Artikel Zum Beginn eröffnete. Die darin anklingenden Differenzen zu Hermann Bahrs subjektiver Moderne-Konzeption eskalierten während dessen kurzzeitiger Mitarbeit (1890). Das Ende der Zusammenarbeit mit Fischer (1891), der über den ausbleibenden finanziellen Erfolg besorgt war, bedeutete im Wesentlichen auch das Ende der publizist. Tätigkeit B.s; von nun an widmete er sich fast ausschließlich der Theaterpraxis. Schon nach zwei Spielzeiten war trotz der gegen Hauptmanns Weber gerichteten Zensurmaßnahmen die breite Anerkennung des naturalist. Dramas gesichert. Der nächste Schritt, das Hervortreten des Theaterdirektors B. an einem öffentl. Theater, erfolgte 1894 mit der Übernahme des Deutschen Theaters von seinem Mitbegründer Adolph L’Arronge. B. leitete es zehn Jahre mit wachsendem Erfolg; nach der Verweigerung einer zweiten Pachtverlängerung durch L’Arronge ging B. 1904 zum Lessing-Theater, das er bis zu seinem frühen Tod führte. Nach dem misslungenen Versuch, das klass. Drama (Kabale und Liebe, 1894) mit realist. Bühnenmitteln zu inszenieren, konzentrierte sich B. auf die naturalist. Moderne. Sein Repertoire basierte auf den Dramen Ibsens u. Hauptmanns, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband; auch Schnitzler, Hofmannsthal, Shaw u. Maeterlinck wurden gespielt, aber B. verzichtete auf das Spätwerk Strindbergs u. die Dramen Wedekinds, was ihm den Vorwurf der Einseitigkeit eintrug. B. bezeichnete sich nicht als Regisseur, obgleich
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er in der Entwicklung des naturalist. Stils seiner Theater die maßgebl. Rolle spielte. Kennzeichnend waren das Ensemblespiel, die unpathet. Sprechweise u. eine detailgetreue, aber nüchterne Bühnenausstattung. Zu seinem Ensemble gehörten die bedeutendsten Schauspieler der realist. Schule: Emanuel Reicher, Else Lehmann, Rose Bertens, Rudolf Rittner, Oskar Sauer. Wie Josef Kainz war auch Max Reinhardt (als Schauspieler) zeitweise Mitgl. der B.’schen Truppe, er verließ sie aber 1902, da er sich durch den nicht mehr entwicklungsfähigen Brahmstil künstlerisch eingeengt fühlte. Trotz bedeutender Leistungen des Lessing-Theaters unter B. markiert die Übernahme des Deutschen Theaters durch Reinhardt (1905, nach einjährigem Interregnum) eine neue Epoche in der Theatergeschichte Deutschlands. B. blieb es nicht erspart, in den letzten Jahren die innere Abwendung seines »Hausautors« Hauptmann u. die ersten Schritte seiner Ensemblemitglieder zur Gründung eines eigenen Theaters (Deutsche Künstlersozietät) zu erleben. Weitere Werke: Karl Stauffer-Bern. Sein Leben, seine Briefe, seine Gedichte. Stgt. 1892. – Kainz. Gesehenes u. Gelebtes. Bln. 1910. – Krit. Schr.en über Drama u. Theater. Hg. Paul Schlenther. 2 Bde., Bln. 1913–15. Ausgaben: Der Briefw. Arthur Schnitzler – O. B. Hg. Oskar Seidlin. Vollst. Ausg. Tüb. 1975. – O. B. / Gerhart Hauptmann. Briefw. Hg. Peter Sprengel. Tüb. 1985. Literatur: Willi Simon (Hg.): O. B. Kundgebungen zu seinem Gedenken. Bln 1913. – Georg Hirschfeld: O. B. Briefe u. Erinnerungen. Bln. 1925. – Herbert Henze: O. B. u. das Dt. Theater in Berlin. Diss. Bln. 1930. – Paul Schlenther: Theater im 19. Jh. Bln. 1930. – Oskar Koplowitz (später: O. Seidlin): O. B. als Theaterkritiker. Zürich/Lpz. 1936. Bonn. 21978. – Werner Buth: Das Lessingtheater in Berlin unter der Direktion v. O. B. Diss. Bln. 1965. – Gernot Schley: Die Freie Bühne in Berlin. Bln. 1967. – Horst Claus: The Theatre Director O. B. Ann Arbor 1981. – Norbert Jaron u. a. (Hg.): Berlin – Theater der Jahrhundertwende. Tüb. 1986. – Samuel u. Hedwig Fischer: Briefw. mit Autoren. Hg. Dierk Rodewald u. Corinna Fiedler. Ffm. 1986. – Peter Sprengel u. Gregor Streim: Berliner u. Wiener Moderne. Wien u. a. 1998. John Osborne / Peter Sprengel
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Brambach, Rainer, * 22.1.1917 Basel, † 14.8.1983 Basel; Grabstätte: ebd., Friedhof Hörnli. – Lyriker, Verfasser von Kurzprosa.
Brandan
kurzen Reflexion zur Naturlyrik, der B. seine eigenen Gedichte zurechnet, heißt es: »[...] die alte Erde dauert. Aber neben der Tanne steht die Antenne als Nachbar und dem Himmel entlang zieht das Flugzeug.«
B. übte verschiedene, meist handwerkl. BeWeitere Werke: Marco Polos Koffer (zus. mit rufe aus, war wiederholt arbeitslos u. arbeiJörg Federspiel). Zürich 1968. Frauenfeld 1998 (L.). tete schließlich als Gärtner. Die Person des – Ich fand keinen Namen dafür. Zürich 1969 (L.). »dichtenden Gärtners« gab Stoff zu LegenAusgaben: Zeit wär’s. Gedichte u. Prosa aus dem den. B. lebte seit Anfang der 1960er Jahre als Nachl. Karlsr. 1985 (darin auch die 1947 im Prifreier Schriftsteller. Während seines ganzen vatdruck ersch. ›Sieben Gedichte‹). – Heiterkeit im Lebens wohnte er in Basel. Von der Stadt Garten. Das gesamte Werk. Hg. u. mit einem wurde B. 1965 u. 1977 mit der Ehrengabe u. Nachw. v. Frank Geerk. Zürich 1989. – R. B. Briefe 1955–83. Hg. Hans Georg Schwark. Mainz 1997. – 1982 mit dem Kunstpreis ausgezeichnet. Das schmale Werk – gut 100 Gedichte u. Ges. Gedichte. Mit einem Nachw. v. Hans Bender. zwei Bände Kurzprosa (Wahrnehmungen. Zü- Zürich 2003. Literatur: Michael Bielefeld: R. B. In: KLG. – rich 1961. Für sechs Tassen Kaffee und andere Geschichten. Zürich 1972) – bezeugt, wie Frank Geerk: R. B. (1917–83). Die Kneipe, die die Welt bedeutet. In: Grenzfall Lit. Die Sinnfrage in wichtig Landschaft, Garten u. die Arbeit im der modernen Lit. der viersprachigen Schweiz. Hg. Freien für B. gewesen sind. Immer wieder ist Joseph Blättig u. Stephan Leimgruber. Freiburg/ von handwerklicher Arbeit die Rede, vom Schweiz 1993, S. 252–265. – Petra Ernst: R. B. In: Tagwerk, so der Titel der ersten Gedicht- LGL. – Theo Breuner: R. B. In. Aus den Hinterland. sammlung (Zürich 1959). Mit gleicher Lyrik nach 2000. Hg. ders. Sistig 2005. Selbstverständlichkeit thematisiert B. aber Dominik Müller / Red. auch die Arbeit des Schreibens. Dabei kommt wiederholt zum Ausdruck, wie sehr er sich bei aller Eigenständigkeit u. der ihm eigenen Brandan. – Legendarischer Stoffkomplex, Bescheidenheit den großen Dichtern ver- etwa 10. Jh. bis Spätmittelalter. pflichtet fühlt. Viele ihrer Gedichte wusste B. Mit dem Namen des irischen Klostergründers auswendig; Günter Eich, der Freund u. För- St. Brandan (Brendan, ir. Brenaind; † 577/ derer, sprach von B.s »Gedichtnis«. Die zus. 583 n. Chr.) verbindet sich ein Stoff, der in mit Frank Geerk verfassten Kneipenlieder (Zü- unterschiedl. Traditionen mit jeweils stark rich 1974. Erw. Ausg. 1982) berichten vom variierenden Fassungen vorliegt. alltägl. Besuch im Wirtshaus: voll heiterer Eine in Irland entstandene, nicht sicher Melancholie mit einer verschmitzten, bei B. datierbare Vita S. Brendani (sieben lat. Fashäufigen Neigung zu Kalauer u. Pointe. sungen) verbindet das Wirken des Predigers B.s Werk stößt bei Liebhabern wie Spezia- u. Klostergründers mit Berichten von seinen listen durch die Verbindung von Volkstüm- Reisen. Querverbindungen bestehen zu der lichem u. Ausgefallenem, Unscheinbarem ins 9. Jh. zurückgehenden lat. Navigatio S. mit Hochverehrtem, Heiterem u. Ernstem auf Brendani. Sprachliche Eigenheiten bezeugen eine außergewöhnlich einhellige Zustim- deren irischen Ursprung, die Überlieferung mung. B.s Sprache ist unprätentiös u. knapp. auf dem Kontinent geht von Lothringen aus In den Gesammelten Gedichten (Wirf eine Münze (10. Jh.; über 130 Textzeugen bis ins 15. Jh.). auf. Zürich 1977) gibt es kein Gedicht, das Eine als siebenfacher Jahresrundweg angenicht auf einer Buchseite Platz fände, u. die- legte Seereise führt den Heiligen auf der Suser Lakonismus steigert sich in B.s letzter, che nach einem Verheißenen Land mit seinen nach längerer Schaffenspause kurz vor dem Mönchen übers Meer zu sagenhaft fernen Tod entstandenen Gedichtsammlung Auch im bzw. jenseitigen Orten, die stoffgeschichtlich April (Zürich 1983). Souverän kombiniert B. teils auf orientalische u. antike Quellen zuWörter aus dem alten Dichtervokabular mit rückgehen (z.B. Riesenfisch, der eine Insel Vokabeln der modernen Sprache. In einer vortäuscht). Anderes stammt aus der Legen-
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den- u. Visionsliteratur (Fegefeuer, Paradies, neutrale Engel, der büßende Judas). Einwirkung des Imram, eines Typus altirischer Jenseitsreisen, liegt nahe. Auch wurde frühes Wissen von überseeischer Geografie vermutet; umgekehrt wurden die real geglaubten Brandan-Inseln bis ins 18. Jh. in Expeditionen gesucht. Die Navigatio machte Namen u. Verehrung Brandans über Europa hin bekannt u. wurde in zahlreiche Volkssprachen übersetzt. Um 1457 übertrug sie der Münchner Arzt Johann Hartlieb u. um 1473 der Südtiroler Karthäusermönch Heinrich Haller ins Hochdeutsche. Ab 1478 wurde sie in Drucken der Legendensammlung Der Heiligen Leben mehrfach niederdeutsch herausgebracht, weitere Bearbeitungen folgten (bes. Gabriel Rollenhagen in den Vier Büchern [...] Indianischer Reysen. Magdeb. 1603). Eine differierende Anordnung u. Ausgestaltung der Episoden brachte die sog. »Reisefassung« (wenn abhängig vom Alexanderroman, nach 1170), die mit der Navigatio etwa die Hälfte der Episoden gemeinsam hat, aber den Aufbruch neu motiviert. Brandan verbrennt ungläubig ein Buch, das von den Wundern Gottes berichtet, u. wird zur Buße von einem Engel auf die Reise geschickt, um diese Wunder selbst zu erfahren u. erneut aufzuschreiben. Überliefert ist die Fassung später in unterschiedl. Versbearbeitungen (mittelniederländisch Anfang 13. Jh., mitteldeutsch um 1300, mittelniederdeutsch 15. Jh.) u. in einer oberdt. Prosaauflösung (15. Jh.). Es wurde erörtert, wieweit sich hier Zweifel am christl. Wunderglauben, schließlich aber dessen Bestätigung durch Erfahrungswissen niederschlagen. Eine entscheidende Rolle spielt die Glaubwürdigkeit der Tradierung in Schrift- bzw. Buchform im Gegensatz zur Augenzeugenschaft. Die Aufwertung des Buchwissens wurde auch als Rechtfertigung fiktionaler Erfahrung gelesen, wie sie in der schriftliterar. Erzählliteratur der Zeit vordringt (literarhistorischer Kontext: Alexanderroman, Spielmanns- bzw. Brautwerbungsepik, höf. Roman). Gattungsgeschichtlich liegt die Erzählung zwischen Legende, Roman, Reisebericht, Jenseitsvision. Spuren der Reisefassung finden sich bei Wolfram von Eschenbach u. in dem Streitge-
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dicht in Sangspruchstrophen Der Wartburgkrieg. Ausgaben: Navigatio: Navigatio Sancti Brendani abbatis from Early Latin Manuscripts. Hg. Carl Selmer. Notre Dame/Indiana 1959. Neudr. Dublin 1989. – Sankt Brandan. Zwei frühneuhochdeutsche Prosafassungen. Der erste Augsburger Druck v. Anton Sorg (um 1476) [Reisefassung] u. die Brandan-Legende aus Gabriel Rollenhagens ›Vier Büchern Indianischer Reisen‹ [Navigatiofassung]. Hg. Rolf D. Fay. Stgt. 1985. – Reisefassung: St. Brandans wundersame Seefahrt. Nach der Heidelberger Hs. Cod.Pal.Germ. 60. Hg., übertragen u. erl. v. Gerhard E. Sollbach. Ffm. 1987. – Brandan. Die mitteldt. ›Reise‹-Fassung. Hg. Reinhard Hahn u. Christoph Fasbender. Heidelb. 2002. – Navigatio: Sankt Brandans Meerfahrt. Ein lat. Text u. seine drei dt. Übertragungen aus dem 15. Jh. Hg. Karl A. Zaenker. Stgt. 1987. – Verschiedene Fassungen: The Voyage of Saint Brendan. Representative Versions of the Legend in English Translation with Indexes of Themes and Motifs from the Stories. Hg. W. R. J. Barron u. Glyn S. Burgess. University of Exeter Press 2002. Literatur: Carl Selmer: The vernacular Translations of the ›Navigatio [...]‹. A Bibliographical Study. In: Medieval Studies 18 (1956), S. 145–157. – Walter Haug: Brandans Meerfahrt. In: VL. – Werner Röcke: Die Wahrheit der Wunder. Abenteuer der Erfahrung u. des Erzählens im ›Brandan‹u. ›Apollonius‹-Roman. In: Wege in die Neuzeit. Hg. Thomas Cramer. Mchn. 1988, S. 252–269. – Hannes Kästner: Der zweifelnde Abt u. die mirabilia descripta. Buchwissen, Erfahrung u. Inspiration in den Reiseversionen der B.-Legende. In: Reisen u. Reiselit. im MA u. in der Frühen Neuzeit. Hg. Xenja v. Ertzdorff. Amsterd. u. a. 1992, S. 389–416. – Josef Semmler: Navigatio Brendani. In: Reisen in reale u. myth. Ferne. Reiselit. in MA u. Früher Neuzeit. Hg. Peter Wunderli. Düsseld. 1993, S. 103–123. – Clara Strijbosch: De bronnen van De reis van Sint Brandaan. Hilversum 1995. – Peter Strohschneider: Der Abt, die Schrift u. die Welt. Buchwissen, Erfahrungswissen u. Erzählstrukturen in der B.-Legende. In: Scientia poetica 1 (1997), S. 1–34. – Walter Haug: Brandans Meerfahrt u. das Wunder Gottes. In: Raumerfahrung – Raumerfindung. Erzählte Welten des MA zwischen Orient u. Okzident. Hg. Laetitia Rimpau u. Peter Ihring. Bln. 2005, S. 37–55. Christoph Huber
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Brandenburg, Hans, * 18.10.1885 Barmen, † 8.5.1968 Bingen. – Lyriker, Erzähler; Tanz- u. Theatertheoretiker.
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B.s episches Hauptwerk Vater Öllendahl (Stgt. 1938) ist in seiner westdt. Heimat angesiedelt u. spiegelt das bürgerlich-pietist. Milieu seiner Jugend wider. Von historischem, kultur- u. zeitgeschichtl. Interesse sind seine Erinnerungsbücher über die Stadt München (München leuchtete. Mchn. 1953. Im Feuer unserer Liebe. Erlebtes Schicksal einer Stadt. Mchn. 1956). 1967 wurde B. mit dem Schwabinger Kunstpreis ausgezeichnet. Sein Nachlass befindet sich in der Münchner Stadtbibliothek.
B. wuchs in einer von pietistischem Gedankengut geprägten Kaufmannsfamilie auf. Nach dem Abitur 1903 ging er nach München, das seine Wahlheimat werden sollte, u. wurde Dozent an der Volkshochschule. 1911 heiratete B. die Malerin Dora Polster, die viele seiner Bücher illustrierte. Wanderungen u. Reisen führten ihn in den folgenden Jahren durch mehrere europ. Länder. Weitere Werke: Einsamkeiten. Mchn. 1906. – B.s frühe Lyrik zeigt ihn noch in der Ab- Gesang über den Saaten. Mchn. 1912. – Ital. Elehängigkeit Detlev von Liliencrons u. trägt gien. Mchn. 1913 (L.). – Joseph v. Eichendorff. inhaltlich u. stilistisch impressionistische Mchn. 1922 (Biogr.). – Pankraz der Hirtenbub. Lpz. Züge. Seine ersten Gedichtbände wie In Jugend 1924. Literatur: Ludwig Gorm: H. B. In: Die Lit. 33 und Sonne (Mchn. 1904) wurden in Schwabinger Künstlerkreisen begeistert aufgenom- (1930/31), S. 138–140. – Jörg Petzel: H. B. In: Der Bamberger Dichterkreis 1936–43. Hg. Wulf Segemen. brecht. Ffm. 1987, S. 118–129. – Hansjörg LobenVor dem Ersten Weltkrieg begann B. sich tanzer: H. B. (1885–1968). Ein Dichter in seiner für das zeitgenöss. Theater u. insbes. für den Zeit. Leben, Werke, Würdigung. Diss. Mchn. 1997. Ausdruckstanz zu engagieren (Der moderne Elisabeth Willnat / Red. Tanz. Mchn. 1913). Gemeinsam mit den Tänzern u. Tanztheoretikern Mary Wigman Brandenburg, Michael Christoph, * um u. Rudolf von Laban, dem Schöpfer des Aus- 1694 Boizenburg/Mecklenburg, † 12.5. druckstanzes, studierte er 1914 das »tragi- 1766 Sandesneben. – Lyriker u. Librettist. sche Wort- und Tanzspiel« Der Sieg des Opfers (Heilbr. 1921) in der Absicht ein, Körper u. B. wurde im April 1714 an der Universität Raum auf einer neuen kultischen Bühne Rostock immatrikuliert u. ging als Theologiestudent im Sommersemster 1718 nach rhythmisch-chorisch miteinander zu verbinLeipzig. 1722 wurde er Pastor in Sterley bei den. B. fasste seine dramaturg. Vorstellungen Mölln, 1735 in Grönau bei Ratzeburg, 1744 später in dem Buch Das neue Theater (Lpz. Assessor des herzoglich Lauenburgischen 1926) zusammen, wobei er die gesamte EntKonsistoriums u. 1753 Pastor in Sandesneben wicklung des Theaters seiner Zeit zu bezwischen Mölln u. Bad Oldesloe. Die Hamrücksichtigen suchte. burger Patriotische Gesellschaft von 1724 B.s Ideen zur Innovation des Theaters nahm ihn als einziges auswärtiges Mitgl. auf. wurden später von den Nationalsozialisten Am 1.1.1744 ernannte ihn die Deutsche Gemissbraucht. Sie versuchten, ihn als Wegbe- sellschaft in Göttingen zu ihrem Ehrenmitreiter ihrer Thingspiele zu vereinnahmen. glied. Verheiratet war B. mit einer Tochter Doch schon 1925 hatte B. in einer literatur- des Pastors von Hitzacker, Carl Heinrich theoret. Kontroverse mit Hans Reiser u. Jo- Tusch, der Arete seiner Gedichte. hannes R. Becher seine an der klass. Dichtung Mit 54 z.T. groß angelegten Gedichten ist orientierte Auffassung deutlich gemacht, B. in Christian Friedrich Weichmanns Poesie dass für ihn Dichtung »an nichts Zeitlichem der Nieder-Sachsen (Hbg. 1721–38. Neudr. hg. zu messen und mit nichts Zeitlichem zu v. Jürgen Stenzel. Mchn. 1980) vertreten. Er richten oder zu entschuldigen« sei. Seine war zu Beginn seiner dichter. Laufbahn der unpolit. Haltung ermöglichte es ihm, die Zeit niederdt., zumal hamburgischen Opern- u. des Dritten Reichs unangefochten zu über- Kantatendichtung verpflichtet, in deren Tradition seine Oratorien, die Lübecker Abendstehen.
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musiken Gideon (Erstauff. 1716) u. Jephthah (Erstauff. 1717) stehen. Gideon wurde mit der Musik des Buxtehude-Nachfolgers Johann Christian Schieferdecker aufgeführt. Während des Leipziger Studienaufenthalts löste sich B. von seinen norddt. Vorbildern Barthold Heinrich Brockes u. Michael Richey u. wandte sich der Dichtung Johann Christian Günthers zu. Später kamen zu seinen in Anlehnung an Günther entstandenen Gedichten wieder Serenaden u. kürzere Oratorien im hamburgischen Stil. Zu ihnen gehört die von Johann Paul Kunzen vertonte Lübecker Abendmusik Belsatzar (Erstauff. 1739). Kunzen komponierte auch die Musik zu B.s Sieg des Glaubens an dem Exempel der drei jüdischen Männer in dem glühenden Ofen zu Babel (Erstauff. 1743) u. Der gläubigen Seele wehmüthigen Beherzung des bittern aber heilbringenden Leidens u. Sterbens Jesu Christi (Erstauff. 1750). Als sicher gilt, dass B. Aufsätze für den »Patrioten« (Hbg. 1724–26. Krit. Neuausg. v. Wolfgang Martens. 4 Bde., Bln. 1969–84) verfasst hat. Zugeschrieben wurden ihm die Stücke Nr. 60, 118 u. 131. In Leipzig war B. zum engen Vertrauten Günthers geworden, der ihn sogar zum Erben seines dichter. Nachlasses bestimmte. Eine postum von B. besorgte Ausgabe der Gedichte Günthers hat es gleichwohl nicht gegeben. Zu Weichmann bestanden schon freundschaftl. Beziehungen, bevor diesem die Redaktionsgeschäfte des »Patrioten« anvertraut wurden. Der Patriotischen Gesellschaft war B. so eng verbunden, dass er von einem »vollkommenen Mitgliede« sich lediglich durch seine Abwesenheit unterschied, wie Richey schrieb, der wie Johann Albert Fabricius, Johann Adolf Hoffmann u. Brockes diesem Freundeskreis angehörte. Günther rühmte B. als einen Dichter, der in der Lage sei, sein (Günthers) poetisches Werk in den eigenen Gedichten zu vollenden. Der ebenfalls zum Leipziger Freundeskreis gehörende Daniel Wilhelm Triller sah in ihm einen der »fürnehmsten teutschen Poeten«. In den 1720er Jahren war B. als Dichter des Hamburger Kreises allg. bekannt. Weichmann stellte ihn als Zeugen für die »Göttlichkeit deutscher Dichtung« in eine Reihe mit Johann von Besser, Brockes, Richey, Jo-
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hann Ulrich von König, Matthäus Arnold Wilckens u. Johann Valentin Pietsch. 1738 widmete Johann Peter Kohl B. den fünften Band der Poesie der Niedersachsen u. rühmte im Widmungsgedicht dessen Verdienste um die dt. Dichtung, die Vereinigung von Maß u. Vernunft mit einem reinen u. lebendigen Stil, mit Natürlichkeit u. Größe. Für Günthers Biografen, den Gottsched-Gegner Christian Ernst Steinbach, ist B. Autorität in dichter. Fragen. Von der Kanzel allerdings musste B. sich 1739 verunglimpfende, gegen seinen Belsatzar gerichtete Urteile gefallen lassen: Eine als zu leichtfertig befundene Arie hatte Anstoß erregt. Immerhin bezeugte Heinrich Philipp Conrad Henke noch drei Jahre nach B.s Tod, dass dessen späte Lübecker Abendmusiken großen Erfolg hatten. Ihren Autor bezeichnete er als Poeten ungefähr von Günthers Schlage, aber von unbescholtener Sittlichkeit. B. habe in der Literaturgeschichte indessen keinen Platz erhalten, stellte 1860 der Günther-Forscher Otto Roquette fest. Der Philosoph, Altertumsforscher u. Dichter Otto Friedrich Gruppe schrieb 1864 über B., der Name eines solchen Dichters verdiene wohl eine Rettung aus dem Strom der Zeiten, er stehe ungleich höher als Günther. Gruppe rühmt an B.s Werken Fülle, Feuer, Pracht, Frische, Naivität u. wahre dichter. Begabung, Wärme, Fantasie u. Schönheit. Dieser Rehabilitierungsversuch verhinderte indessen nicht, dass B. in Vergessenheit geriet. Weitere Werke: Crit. Beantwortungen einiger ihm v. den Hg. vorgelegten Fragen, über einige Stellen des Virgils. In: Johann Peter Kohl: Hamburgische vermischte Bibl. [...]. Bd. 1, Hbg. 1743, S. 480 ff. Literatur: Heinrich Philipp Conrad Henke (Hg.): Archiv für die neueste Kirchengesch. 1795–99. Bd. 2, Weimar 1796, S. 499. – Wolfram Suchier: Die Mitgl.er der Dt. Gesellsch. zu Göttingen v. 1738 bis Anfang 1755. In: Ztschr. des histor. Vereins für Niedersachsen 81 (1916), S. 63. – Jörg Scheibe: Der ›Patriot‹ u. sein Publikum. Göpp. 1973, S. 53. – Wilhelm Krämer: Das Leben des schles. Dichters Johann Christian Günther 1695–1723. 2., verm. Aufl. (mit Reiner Bölhoff). Stgt. 1980, bes. S. 401–410. – Christian Friedrich Weichmanns Poesie der Nieder-Sachsen. Hbg. 1721–38. Neuausg. hg. v. Christoph Perels, Jürgen
125 Rathje u. Jürgen Stenzel. Nachweise u. Register. Wolfenb. 1983, S. 59–66. Jürgen Rathje / Red.
Brandes, Johann Christian, * 15.11.1735 Stettin, † 10.11.1799 Berlin. – Dramatiker u. Schauspieler.
Brandes
großen Erfolg mit seinen Lustspielen Der Graf von Olsbach (Urauff. 1768) u. Der geadelte Kaufmann (Urauff. 1769). Seine Autobiografie Meine Lebensgeschichte (3 Bde., Bln. 1799–1800) ist ein lesenswertes Zeitdokument. Weitere Werke: Die Folgen der Großmut u. Redlichkeit in der Lebensgesch. des Herrn B.s. Breslau/Lpz. 1762 (R.). – Miß Fanny oder Der Schiffbruch. Urauff. 1767 (Schausp.). – Trau, schau, wem. Braunschw. 1769 (Lustsp.). – Die Komödianten in Quirlequitsch. Urauff. 1770 (Kom.). – Die Mediceer. Bln. 1776 (Schausp.). – Die Erbschaft oder Der junge Geizige. Urauff. 1780 (Lustsp.). – Rahel oder Die schöne Jüdin. Urauff. 1790 (Trauersp.). Ausgabe: Sämmtl. dramat. Schr.en. 8 Bde., Lpz. 1790/91. Literatur: Johannes Kopfleisch (Pseud.: Johannes Klaudius): J. C. B., ein Angehöriger der dt. Bühne zur Zeit Lessings. Halle 1906. – Hermann Ulbrich-Hannibal: Dt. Theaterleben im 18. Jh. Zu der Autobiogr. v. J. C. B. In: Theater der Zeit 3,9 (1948), S. 22 f. – Karl-Heinz Borchardt: ›Wenn nun aber ein Schauspieler diesen Gesang ergriff ...‹ J. C. B. u. Herder. In: Herders Idee der Humanität, Grundkategorie menschl. Denkens, Dichtens u. Seins. Hg. Jan Watrak u. Rolf Bräuer. Stettin 1995, S. 25–37. – Günther Heeg: Der Faden der ›Ariadne‹. Ursprung u. Bedeutung des Malerischen in der theatralen Darstellung des 18. Jh. In: Theater im Kulturwandel des 18. Jh. Hg. Erika Fischer-Lichte u. Jörg Schönert. Gött. 1999, S. 361–383. – Hermann Kappelhoff: Das Privattheater der Hysterikerin u. die Szene der melodramat. Heroine. Zur ›psychischen Infektion‹ des weinenden Publikums. In: Ansteckung: Zur Körperlichkeit eines ästhet. Prinzips. Hg. Mirjam Schaub u. a. Mchn. 2005, S. 187–197. Walter Hettche / Red.
B. stammte aus zerrütteten Familienverhältnissen; sein Vater hatte sein Vermögen in Spekulationen verloren u. die Familie verlassen. Nach einem abgebrochenen Studium ergriff er den Kaufmannsberuf, scheiterte aber wegen einer Veruntreuung. Er schlug sich mit einer Vielzahl von Gelegenheitsarbeiten durch u. schloss sich nach Aufenthalten in Stettin u. Berlin der Schönemann’schen Schauspieltruppe an, mit der er erstmals 1756 in Hamburg auftrat. Die Truppe löste sich 1757 auf, B. arbeitete zeitweise als Schreiber u. als Bediensteter bei einem dän. General, bis er nach Hamburg zurückkehrte u. erneut bei einer Schauspieltruppe Arbeit fand. Nach weiteren Misserfolgen wurde B. schließlich beim Schuch’schen Theater in Stettin angestellt, mit dem er bald nach Berlin ging. Hier entdeckte er sein schriftstellerisches Talent, das er an einigen Prologen u. Epilogen erprobte (Die Entführung. Die geprüfte Treue. Beide 1761 uraufg.). Bei einem Gastspiel in Breslau lernte er Lessing kennen, der ihm freundschaftlich zugetan war u. ihn nach Kräften förderte. B.’ Tochter Wilhelmine aus der Ehe mit Esther Charlotte Koch wurde Lessings Patentochter, die man ihm zu Ehren »Minna« nannte. Lessing vermittelte auch B.’ Bekanntschaft mit Moses Mendelssohn. Nach seiner Trennung von der Schuch’schen Gesellschaft war B. bei den Bühnen in Brandes, Wilhelm, * 21.7.1854 Braunlage/ München, Leipzig u. Hamburg angestellt, bis Harz, † 6.2.1928 Wolfenbüttel. – Gymer schließlich Direktor des Dresdener Hofnasialdirektor u. Oberschulrat, Schrifttheaters wurde. Danach ging er nach Mannsteller, Begründer der Wilhelm-Raabeheim u. leitete später das Hamburger TheaGesellschaft, Raabe-Editor. ter. Nach dem Tod seiner Tochter 1788 gab B. den Schauspielerberuf auf u. ging zurück B., Sohn eines Oberförsters, studierte – nach nach Stettin. Die Hoffnung auf eine Anstel- Kindheitsjahren in einer noch vorindustrielllung in Berlin zerschlug sich, sodass er von ländl. Welt (Forsthaus von Danndorf, Kreis seinen schriftsteller. Arbeiten leben musste. Helmstedt) u. Gymnasialbesuch in BraunB. war einer der beliebtesten Theaterdich- schweig – von 1872 an klass. Philologie in ter seiner Zeit; Ariadne auf Naxos (Gotha 1775) Göttingen u. Leipzig. Er promovierte dort mit der Musik von Georg Benda gilt als das 1875 mit einer Diss. über den spätlat. Dichter erste deutschsprachige Melodram. Er hatte Ausonius. Von 1875 bis 1919 war B. mit den
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Literatur: Constantin Bauer: Schr.en v. W. B. Fächern Griechisch, Latein u. Deutsch im Schuldienst tätig, zunächst in Braunschweig, (Bibliogr.). In: W. B.: Vor fünfzig Jahren in einem von 1893 an als Gymnasialdirektor in Wol- braunschweig. Forsthause. Wolfenb. 1924 (Anfenbüttel. Zudem übte er seit 1895 das Amt hang). – Horst Denkler: Panier aufwerfen für Raabe. Zur Gesch. der ›Raabe-Pflege‹ im Bannkreis der eines herzogl. (Ober-)Schulrats aus u. war Raabe-Gesellsch. In: Jb. der Raabe-Gesellsch. 1987, überdies 1889–1895 als »Dozent für deutsche S. 11–23. – Herbert Blume: Blaugelb u. SchwarzLiteratur« an der TH Braunschweig tätig. weißrot. W. B. als Schriftsteller. In: Von Wilhelm 1882 lernte er im Braunschweiger literarisch- Raabe u. anderen. Vorträge aus dem Braunschweigeselligen Zirkel der »Kleiderseller« Wilhelm ger Raabe-Haus. Hg. ders. Bielef. 2001, S. 95–129. Raabe kennen, der seit 1870 der Vereinigung Herbert Blume angehörte. Die Begegnung mit Raabe, von B. als eine Brandmüller, Johannes, auch: J. Dader »größten Glücks- und Gnadengaben« lomylius, * 2.2.1593 Basel, † 13.9.1664 seines Lebens eingeschätzt, hat seine weitere Mülhausen (Mulhouse). – Evangelischer Entwicklung entscheidend geprägt. Raabe Pfarrer; Verfasser von heroisch-historiwurde im Lauf der Jahrzehnte zu B.’ väterl. schenVersepen. Freund. Darüber hinaus machte B. sich in Reden u. Aufsätzen zum Propagator des dt. B. war Sohn eines Schneiders, stammte aber aus einer Basler Theologen- u. Gelehrtenfa(aus seiner Sicht) »Lebenskämpfers«, »Semilie. Sein Großvater Johann(es) Brandmüller hers« u. »Führers« Raabe, der ihm wesentli(† 1596), Theologieprofessor in Basel, war aus cher war als der Schriftsteller. Von solchen dem oberschwäb. Biberach eingewandert. Raabe verkennenden Überzeugungen ist Nach seinem Studium ab 1607 in Basel war B. lange auch das Selbstverständnis der 1911 Pfarrer im Toggenburg (1613), in Langenvon B. gegründeten Gesellschaft der Freunde bruck (ab 1615) u. von 1621 bis zu seinem Wilhelm Raabes (seit 1948 Raabe-GesellTod im elsässischen, damals noch zur Eidgeschaft) bestimmt gewesen, die sich deshalb nossenschaft gehörenden Mülhausen/Mulerst seit den 1950er Jahren erfolgreich zu ei- house (seit 1645 Oberpfarrer). ner wiss. Gesellschaft hat entwickeln können. Außer dt. Gelegenheitsdichtungen in antiB.’ literar. Arbeiten (Balladen. Wolfenb. ken Versmaßen von 1621 u. 1624 u. Lei1891. 41927. Vor fünfzig Jahren in einem braun- chenpredigten veröffentlichte B. nichts im schweigischen Forsthause. Wolfenb. 1924; Dra- Druck. Als Autograf (1658) größtenteils ermen für Schulaufführungen; Kleiderseller- halten ist jedoch seine große heroisch-histor. Gelegenheitslyrik u. a. m.), z.T. an Vorbildern Versdichtung, das Poema Rauricum oder Rauwie Strachwitz u. Schiller orientiert, zeichnen rachisches Versgedicht, das nicht nur den ersten sich durch mühelose Beherrschung der Form Versuch einer Epik in dt. Hexametern daru. hohe Sprachsensibilität aus, zgl. wird an stellt, sondern im Grunde auch neben Wolf vielen Stellen aber sichtbar, welches die poe- Helmhard von Hohbergs Habsburgischem Ottologisch-polit. Standpunkte B.’ waren: Er tobert (1664) die heroisch-epische Gattungsschätzte das Konzept der Heimatkunstbewe- form für das 17. Jh. in der Volkssprache origung, verachtete den Naturalismus, besang ginell vertritt. die wilhelmin. Kolonial- u. Flottenpolitik. Das Epos B.s gliedert sich in einen Vortrab Um Raabe als Schriftsteller hat B. sich durch (WLB Stuttgart, Hs. 135 Donaueschingen) u. Quellenstudien zu einzelnen Romanen, v. a. einen Haupttext, der die zwei Teile Sequania aber durch die Edition seiner Werke in 18 (UB Basel, Hs A.G. II, 12) u. Germania (verBdn. (Bln. 1913–16. 21920. 31923) verdient schollen) mit je sechs Büchern umfasst. Die Entstehung des etwa 29.000 Verse umfasgemacht. Weitere Werke: Braunschweigs Anteil an der senden Textes gehört in den Zusammenhang Entwicklung der dt. Lit. Wolfenb. 1924. – Aus dem der schweizer. Bestrebung nach Unabhänalten Land Braunschweig. Hg. Herbert Blume. gigkeit vom Deutschen Reich im Umfeld der Westfälischen Friedensverhandlungen von Braunschw. 1998.
Brandstetter
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1646 bis 1648 am Ende des Dreißigjährigen Kriegs. Das in der Spätantike des 4. Jh. nach Chr. angesiedelte, christlich ausgerichtete Epos, das kulturell aber zeitgenöss. Lebensformen abbildet, zielt thematisch auf die repräsentative Selbstdarstellung Basels (Raurica) u. Mülhausens, um deren urbane Souveränitätsansprüche u. polit. Identität es geht. Die verschlungene, personenreiche Handlung um das Heldenpaar Fidamor u. Eumela verarbeitet zwar auch historiograf. Quellen (v. a. Ammianus Marcellinus), ist aber ansonsten frei erfunden. Einflüsse des höf. Ritter- u. Schäferromans sowie des Amadis auf das schwerfällig erzählte Werk sind nicht zu übersehen, das aber auch in seiner lokalen wie überregionalen Germanenreferenz humanistisches Geschichtsbewusstsein reflektiert. Humanistischen Anregungen des 16. Jh. folgen auch die dt. Hexameter B.s, die mangels geklärter Metrik häufig noch stark tonbeugend sind. Die am Bibeldeutsch geschulte, wortschatzreiche Sprache ist weitgehend frei von Regionalismen. Die Darstellung, die auch Sagenstoffe u. Märchen einarbeitet, hat einen soziokulturellen Aussagewert zu Lebensverhältnissen u. Mentalitäten im oberrhein. Entstehungsraum des 17. Jh. Ausgabe: Raurachisches Versgedicht. Vortrab (Praeludia Poematis Raurici). Hg. Erich Kleinschmidt. Bern 1982. Literatur: Johann Georg Salathe: Christl. Leich-predigt. Basel 1664. – Ernst Martin: Verse in antiken Maßen zur Zeit v. Opitz’ Auftreten. In: Vjs. für Litteraturgesch. 1 (1888), S. 98–111. – Erich Kleinschmidt: Stadtbürgertum u. späthumanist. Gelehrtenkultur. In: JbDSG 22 (1978), S. 1–55 (mit Inhaltsübersicht des Gesamtwerks, S. 46–55). Erich Kleinschmidt
Brandstetter, Alois, * 5.12.1938 Aichmühl bei Pichl/Oberösterreich. – Verfasser von Erzählungen u. Romanen. B., Sohn eines Müllers, studierte nach dem Besuch des bischöfl. Knabenseminars in LinzUrfahr u. des Gymnasiums in Wels Germanistik u. Geschichte an der Universität Wien. Nach der Promotion 1962 (Laut- und bedeutungskundliche Untersuchungen an der Mundart von Pichl bei Wels) habilitierte er sich 1970 in
Saarbrücken mit einer Arbeit über Prosaauflösung. Studien zur Rezeption der höfischen Epik im frühneuhochdeutschen Prosaroman (Ffm. 1971). Er lehrte an den Universitäten Salzburg u. Saarbrücken u. war 1974–2007 Ordinarius für Deutsche Philologie an der Universität Klagenfurt. Im Mittelpunkt seiner ironisch-krit. »Heimatgeschichten« stehen oft Käuze u. Naive, von Frömmelei u. Volkstümelei Geängstigte, aus deren Blickwinkel erzählt wird. Die scheinbar affirmative Haltung wird mit Sprachwitz unterlaufen, der Provinzialismus sprachspielerisch ironisiert. Indem B., der mit den Prosatexten Überwindung der Blitzangst (Salzb. 1971) u. den »Natur- und Kunstgeschichten« Ausfälle (Salzb. 1972) bekannt wurde, grotesk übertreibend öffentl. Ärgernisse u. »Vorkommnisse« beleuchtet u. Redensarten parodiert, zeigt er im Lächerlichen das Schreckliche, in der Idylle das Chaos u. zerstört so das Klischee vom heiteren Landleben. In zahlreichen Geschichten u. Romanen, darunter Zu Lasten der Briefträger (Salzb. 1974), Die Abtei (Salzb. 1977), Die Mühle (Salzb./Wien 1981), Altenehrung (Salzb./Wien 1983), Die Burg (Salzb./Wien 1986), So wahr ich Feuerbach heiße (Salzb./Wien 1988), Hier kocht der Wirt (Salzb./Wien 1995) u. Groß in Fahrt (Salzb./Wien 1998), formuliert ein humanistisch gebildeter (Ich-)Erzähler – meist »monologomanisch« u. schwadronierend u. unter geschickter Verwendung von Umgangssprache u. Mundart – auf verschiedenen Sprachebenen traditionsbewusste Zivilisationskritik (»selektives Lob von Gewesenem«). Die Romane Vom Manne aus Eicha (Salzb./Wien 1991) u. Der geborene Gärtner (Mchn. 2005) führen in die Zeit um 1800 bzw. ins 13. Jh. zurück. B.s viel gelesene Texte sind jeweils auf eine Pointe, eine überraschende Umwendung des Gesagten hin angelegt; dennoch erzeugt der Autor mit seiner Zeitkritik Betroffenheit. Zu seinen »Erinnerungsbüchern« zählen Vom Schnee der vergangenen Jahre (Salzb./Wien 1979) u. Über den grünen Klee der Kindheit (Salzb./ Wien 1982). B. erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1980 den Kulturpreis des Landes Oberösterreich für Literatur, 1983 den Rauriser Bürgerpreis, 1984 den Wilhelm-Raabe-
Branstner
Preis der Stadt Braunschweig, 1991 den Kulturpreis des Landes Kärnten für Literatur, 1994 den Heinrich-Gleißner-Preis u. 2005 den Großen Kulturpreis des Landes Oberösterreich (Adalbert-Stifter-Preis). Weitere Werke: Gewissenserforsch. Pforzheim 1969 (P.). – Über Untermieter. Pforzheim 1970 (P.). – Stille Größe. Pforzheim 1971 (P.). – Der Leumund des Löwen. Gesch.n v. großen Tieren u. Menschen. Salzb. 1976. – Von den Halbschuhen der Flachländer u. der Majestät der Alpen. Frühe Prosa. Salzb./ Wien 1980. – Landessäure. Starke Stücke u. schöne Gesch.n. Stgt. 1986. – Kleine Menschenkunde. Salzb./Wien 1987 (P.). – Romulus u. Wörthersee. Ein poet. Wörterbuch. Salzb./Wien 1989. – Vom HörenSagen. Eine poet. Akustik. Salzb./Wien 1992. – Almträume. Salzb./Wien 1993 (E.). – Schönschreiben. Salzb./Wien 1997 (P.). – Meine besten Gesch.n. Salzb./Wien 1999. – Die Zärtlichkeit des Eisenkeils. Salzb./Wien 2000 (R.). – Ein Vandale ist kein Hunne. St. Pölten/Salzb. 2007 (R.). Literatur: Siegmund Geisler. Der Erzähler A. B. St. Ingbert 1992. – A. B. Linz 1998 (Die Rampe). – Egyd Gstättner (Hg.): Vom Manne aus Pichl. Über A. B. Salzb./Wien 1998. – Georg Patzer: A. B. In: LGL. – Johann Strunz u. Gerhard Zeilinger: A. B. In: KLG. Kristina Pfoser-Schewig / Bruno Jahn
Branstner, Gerhard, * 25.5.1927 Blankenhain/Thüringen. – Erzähler, Verfasser von Aphorismen, Anekdoten u. szenischen Texten, Essayist, Theoretiker.
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grobianischer Prosa (Plebejade. Bln. 1974), stets begleitet von der theoret. Reflektion (die Disputation Kantine u. die Theatertheorie Das eigentliche Theater in: Heitere Poetik. Halle/Lpz. 1987). Dem stilsicher agierenden Autor ist dabei in allen Genres eine Neigung zur Pointierung, Verkürzung, auch zu apodiktischer Diktion u. Provokation eigen. Das erklärt einerseits die Affinität zu literar. Kurzformen (Aphorismen, Anekdoten, Sprüche, Tierfabeln; etwa: Der Esel als Amtmann. Tierfabeln. Bln. 41980; Spruchsäckel. Gütersloh u. Bln. 1982; Die Ochsenwette. Anekdoten in der oriental. Manier. Rostock 1980), ist andererseits zuständig für B.s respektlosen Anspruch, komplizierte u. globale philosoph. Sachverhalte in Kurzform gültig darzustellen (Die Welt in Kurzfassung. Bln. 2000; Die neue Weltofferte. Schkeuditz 2002). Nach einer Schreibpause Ende der 1980er Jahre, als das literar. Lebenskonzept absolviert schien, sah sich B. durch die Wende in Deutschland veranlasst, sich mit politischphilosoph. Streitschriften in die nat. Gestaltungsfragen einzumischen. Sein Credo lautet: »Die konsequenteste Kritik des Marxismus ist seine Fortsetzung« (Revolution auf Knien. Politische Philosophie. Bln. 1997. Marxismus der Beletage. Schkeuditz 2000. Gegenwelt. Bln. 2002). Ausgabe: Werkausw. G. B. in 10 Bdn. Bln. 2003 ff.
Der studierte Philosoph promovierte mit eiLiteratur: Peter Reichel: Der Autor als Spielner Dissertation über Die Kunst des Humors meister. Zum Schaffen G. B.s. In: WB 33 (1987), (Halle 1980), war dann Hochschullehrer, S. 785–802. – Interview mit P. Reichel. Ebd., später Cheflektor des Berliner Eulenspiegel S. 773–784. Peter Reichel Verlages; seit 1968 freischaffender Autor, lebt in Berlin. Im Jahre 2000 gescheitertes Brant, Sebastian, latinisiert: Titio, * 31.8. Parteiausschlussverfahren (PDS); Gründer 1457 Straßburg, † 10.5.1521 Straßburg. – der Internet-Zeitschrift »Die Hornisse« Editor, Übersetzer u. Verfasser von juris(»Philosophische Streitschrift: Die führende tischem u. historiografischem FachTheorie des wirklichen Sozialismus«; inzwischrifttum, von moralphilosophisch-satischen eingestellt). rischen Dichtungen, GelegenheitsgedichDer Gegenstand seiner Dissertation beten u. politischer Publizistik. stimmte von Anfang an B.s literarisches Schaffen – als Thema u. als Methode. Die B. war der älteste der drei Söhne von Diebold »Technik der heiteren Verstellung«, die B. als Brant, der aus einer angesehenen Straßburger »systemsprengende Heiterkeit« versteht, Ratsherrnfamilie stammte u. Gastwirt der veranlasste ihn zum ständigen Rollenwechsel stattlichen »Großen Herberge zum Goldenen zwischen Lügengeschichten, komisch-satiri- Löwen« daselbst war, u. seiner Frau Barbara. scher Dramatik (Nestroy, Majakowskij) u. Als wahrscheinlich gilt eine externe Schüler-
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schaft B.s an Ludwig Dringenbergs Lateinschule zu Schlettstadt, als sicher die anschließende Ausbildung am Kollegiatsstift in Baden. Im Herbst 1475 bezog er die Universität zu Basel, studierte nach der üblichen Artes-Ausbildung, in deren Verlauf er auch mit dem Studium der griech. Sprache begann, ab 1476 Jurisprudenz (Bakkalaureat 1477/78, Lizentiat 1484) u. lehrte bereits als Bakkalaureus kanon. Recht. 1485 heiratete er Elisabeth Bürgi, Tochter des angesehenen u. begüterten Basler Messerschmieds Heinrich Bürgi; aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor. 1489 promovierte er – für diese Zeit noch ungewöhnlich – in beiden Rechten u. legte in der Folge auf den Titel »Dr. utriusque iuris« bes. Wert. Nach der Promotion wurde er a. o. Prof. der jurist. Fakultät, las nun auch über ziviles Recht – ein Novum in Basel; spätestens ab 1487 bis 1495/96 las er außerdem bei den Artisten über Poesie. 1492 wurde er Dekan der jurist. Fakultät, 1496 Ordinarius für kanon. Recht; daneben war er als Gutachter, Berater, Advokat u. Richter auch in der jurist. Praxis tätig u. als Berater, Lektor, Kommentator, Übersetzer u. Autor den Basler Verlegern Amerbach, Froben, Petri, Bergmann von Olpe u. Furter eng verbunden. Neben personellen Querelen u. wirtschaftl. Erwägungen war mit Sicherheit die bevorstehende Loslösung Basels vom Reich der Hauptgrund für die Rückkehr des reichstreuen B. nach Straßburg im Jahre 1500; dort wurde er im Aug. ins Amt des Reichskonsulenten des Rates gewählt, das er im Jan. 1501 antrat. Maximilian I. ernannte ihn im Jahre 1502 zum kaiserl. Rat u. berief ihn später zum Beisitzer des Hofgerichts. Von 1503 bis zu seinem Tod wirkte B. als Stadtschreiber u. hatte somit eine Schlüsselposition im Verkehr zwischen Reichsstadt u. Kaiser inne. Darüber hinaus machte er sich verdient um die Überarbeitung u. Kodifizierung des Straßburger Rechts u. setzte – mit den durch das Amt gegebenen Einschränkungen – seine Tätigkeit als Editor fort. B.s vielseitiges Werk, in dem sich dichterische, publizist., übersetzerische u. editor. Beschäftigung mit den verschiedensten literar. Bereichen vereint, sollte nicht zur Konstruktion einer multiplen Autorperson füh-
Brant
ren. Einheit stiftendes Prinzip ist zunächst die Kommunikatorrolle, die sich unter den Bedingungen der »Gutenberg-Galaxis« herauszubilden begann. In B.s humanistischem Gelehrtenkreis, dessen Mittelpunkt mit der Persönlichkeit Johannes Heynlins vom Stein die Basler Kartause war, hatte man die Möglichkeiten des neuen Mediums schnell wahrgenommen u. im umfassenden Sinne der Tradierung u. Konstitution von Wissen u. Handlungsorientierung zu nutzen gesucht. Diesem Prinzip der öffentlichkeitswirksamen Verknüpfung von literarischer u. sozial pragmat. Kompetenz (»litterae et mores«) ordnen sich die einzelnen Bereiche von B.s Werk auf jeweils spezifische Weise zu. In den Bereich der Wissenstradierung gehört seine Tätigkeit als Editor, Übersetzer, Lektor u. Korrektor antiker u. mittelalterl. Dichtungen u. Schriften, die eine Tendenz zur Kanonbildung erkennen lassen. Im Bereich des jurist. Schrifttums handelt es sich um Werke, die röm. u. kanon. Rechtstraditionen bereits tendenziell verbinden (Decretum Gratiani. ed. Basel 1493. Dekretalen Gregors IX. ed. Basel 1494), im Bereich der Dichtung um antike u. mittelalterl. Dichtungen, die über die Epochen hinweg als handlungsanweisende Texte kontinuierlich Bestandteil schulischer Lektüre geblieben waren u. somit als im christl. Kontext bewährt gelten konnten (Antike: Vergil-Ausgabe. Straßb. 1502. Terenz-Ausgabe. Straßb. 1503. Spätantike u. Mittelalter: Thesmophagia. ed. u. übers. Basel 1490. Facetus. ed. u. übers. Basel 1496. Disticha Catonis. ed. u. übers. Basel 1498. Moretus. ed. u. übers. Basel 1499, sowie darüber hinaus der Aesopus. lat. ed. Basel 1501 u. der Freidank. ed. Straßb. 1508). B. nimmt in diesen Textausgaben die Rolle des Wissensvermittlers auch explizit an, indem er ihnen zumeist Paratexte in Gestalt eigener Gedichte enkomischen oder »gebrauchsanweisenden« Charakters beigibt oder eine Leserichtung durch Ergänzung von inhaltlich verwandten Texten benachbarter Gattungen mitbestimmt (Aesopus-Additiones), hinsichtlich des lat. Fachschrifttums selbständige Kommentare verfasst (z.B. Expositiones sive declarationes omnium titulorum iuris. Basel 1490) u. auch in eigenen Werken (Richterlich Clagspiegel.
Brant
Straßb. 1516) oder kommentierten Editionen (Ulrich Tenglers Layenspiegel. Augsb. 1509) für die volkssprachige Verbreitung dieses Wissens bzw. überhaupt erst für dessen schriftliche Kodifizierung sorgt (Straßburger Freiheiten um 1520). B. tradiert u. kommentiert also das in Texten manifeste Handlungswissen früherer Epochen, wobei sich neben den hybriden römisch-kanon. Rechtstexten ein Korpus gnomischer Klugheitsliteratur profiliert. Wie in allen Umbruchszeiten, so vollzieht sich auch hier Selbstvergewisserung im Rückgriff auf diese Klugheitsliteratur als vermeintl. Garant gelingenden Lebens, u. B. ist ihr frühneuzeitlicher Schrittmacher in Deutschland. Als Schlüsselfigur seines histor. wie dichter. Selbstverständnisses ist Petrarca zu sehen, dessen Werke B. auf der Grundlage der Basler Kartäuser-Bibliothek gleich mehrfach editorisch befördert, zunächst in lateinischer (Opera latina. Basel 1496), dann in dt. Sprache (Von der Artzney bayder Glück. um 1520. ed. Augsb. 1532). Parallelen sind im Konzept der Einheit von Philosophie, Theologie, Politik u. Dichtung zu erkennen, die eine Verbindung von Poesie u. Wissen nahelegt. Diese Verbindung wurde möglich durch die frühhumanist. Akzentuierung eines induktiven Wissensbegriffs auf der Grundlage selbstevidenter Erfahrungszusammenhänge, der gegen den log. Formalismus u. die Autoritätenfixiertheit des scholast. Lehrbetriebs geltend gemacht wurde u. an welchem auch die Poesie mit der ihr eigenen Erkenntnisleistung teilhaben konnte. Denn die »litterae« konnten auf einen alternativen rationalen Prozess rekurrieren, der von der produktiven Aufhebung erfahrener Vergangenheit die Anwendungskompetenz für Gegenwart u. Zukunft herleitete. Die Erinnerung wird somit zur entscheidenden Grundlage aktueller Kontingenzbewältigung. So wie Petrarcas Werk von den Rerum memorandarum libri bis zu De remediis utriusque fortunae reicht, so konstituiert auch B. – in Gestalt literarisch kodifizierter Erfahrung – ein kanonisches Korpus der Memoria als leitende Quelle der Ausschreitung gegenwärtiger Entscheidungs- u. Handlungsspielräume. Dass in diesem Korpus auch christl. Literatur aufscheint, bedeutet keinen Widerspruch zum humanist.
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Konzept, da auch die Bibel, die Schriften der Kirchenväter u. selbst die Heiligenviten in den Status von Wissensliteratur mit exempelmethod. Beweiskraft rücken. Diese Synthese zeigt sich am deutlichsten in B.s tagespolitischer Publizistik v. a. der 1490er Jahre, als er in zumeist dt.-lat. Gedichten im damaligen journalist. Medium des illustrierten Einblattdrucks zu etwa 20 politischen, sozialen u. Naturereignissen deutend Stellung nimmt, dabei aber jede magische Prophetenrolle explizit abweist, sondern sich immer wieder auf Wissen, auf Rationalität beruft. Hierin trifft er sich mit dem entsprechenden historischen, d.h. auf der Legitimationsbasis der kulturellen Memoria basierenden Selbstverständnis Maximilians I. Nicht zuletzt deswegen stellt dieser für B. auch die alternativlose reichspolit. Führungspersönlichkeit dar, der er beratend zur Seite steht. In diesen Kontext handlungsleitender Memoria gehören auch die an Maximilian (Jerusalem. Basel 1495) u. Karl V. (Titus, Vespasian u. Trajan. Straßb. 1520) gerichteten historiograf. Werke B.s u. sein Projekt einer Straßburger Stadtchronik (Fragment, Straßb. 1539). Als Dichter trat B. auch außerhalb des Bereichs reiner Gelegenheitsdichtung auf, wobei hier mit den Carmina auf Heilige (Basel 1493 u. 1494), u. den beiden Sammlungen Carmina in laudem Mariae (Basel 1494) u. Varia carmina (Basel 1498) die lat. Dichtung klar dominiert. B. verwendete hier die in der klass. Literatur gepflegten Strophen u. Versmaße, insbes. das elegische Distichon u. bes. häufig die sapphische Strophe. Nur etwa ein Viertel seiner kleineren Dichtungen sind in dt. Sprache verfasst. Es handelt sich dabei um Nachdichtungen teils eigener lat. Vorlagen, zumeist aber um eigene Epigramme. Der dichter. Ruhm B.s wurde jedoch durch sein Hauptwerk begründet: die satir. Versdichtung Das Narrenschiff (Basel 1494). In 112 Kapiteln versucht B. die Krise seines Zeitalters aus der Summe vieler einzelner Erscheinungsformen menschl. Fehlverhaltens zu bestimmen, die als Narrheiten gedeutet werden u. somit v. a. Zustände intellektueller Defizienz markieren sollen. In diesem Werk gelangen alle benannten Tendenzen zur Synthese. Die an der Weisheitsliteratur stu-
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dierte u. am aktuellen Gegenstand ausgebildete auktoriale Sprechhaltung verbindet sich mit der bimedialen Publikationstechnik der Flugblätter, die hier in Serie geht, sowie mit der beschriebenen, an den »litterae« orientierten humanist. Erkenntnis- u. Handlungslehre. Letztere bestätigt sich hier ex negativo, indem ihre Nichtbefolgung hundertfaches Scheitern zur Folge hat. Negative Haltung zu Einsicht u. Erkenntnis ist es, die in der Gestalt des Narren den zeittypisch übermächtigen Gegenspieler der Weisheit erstehen lässt. Die Reformulierung antik-satirischer Topik der Zeitklage in der Narrenidee sowie der Akt, das Narrenkollektiv bildlich auf dem aus der christl. Allegorese stammenden Schiff des Lebens zu versammeln, werden von B. als originäre »inventio« beansprucht u. von Zeitgenossen wie Nachfahren anerkannt. Ihren bes. Reiz gewinnt diese Idee durch die zusätzliche semant. Doppelbesetzung der Schiffsmetapher, die im Bereich der antiken Literatur für den Vorgang des Dichtens (Vergil, Georgica II 41), im Bereich der Patristik für den Vorgang des Interpretierens (Hieronymus PL 25, 903 D) steht. Die Einheit des Werks besteht jedoch nicht allein in dieser Grundidee. Eine äußere Kohärenz stellt sich durch den wiederkehrenden Kapitelaufbau Motto – Bild – Text her, der mit allen Konsequenzen hinsichtlich der Vielfalt möglicher Sinnkonstitution auf epigrammat. Traditionen zurück- u. auf emblemat. Bauformen vorausweist. Die innere Kohärenz ergibt sich durch eine spezielle Methode literarisch-hermeneut. Vernetzung. Die eine Komponente dieses Netzwerks wird durch den Rückgriff auf den an den Schultexten studierten gnomischen Literaturtypus gewonnen, der die Kontingenz menschl. Seins durch additive Listen von Vermeidungs- bzw. Strebe-Geboten bannen u. somit quasi summarisch gelingendes Handeln garantieren sollte. Tatsächlich behandeln 91 der 112 Kapitel des Narrenschiffs in elaborierter Form Themen der Disticha Catonis. Aber die gnomische Form wird offenbar für sich allein genommen als prekär empfunden, so dass ihr eine hermeneut. Stütze in Gestalt teils aus der geistl. Allegorese, teils aus der Rhetorik (ratiocinatio) entlehnter interpretatorischer
Brant
Verfahren beigegeben wird. Hierdurch legt sich über die amorphe Masse gnomischer Einzelthesen das Paradigma einer verbindenden Sinnstiftung. Dieses integrative Konzept, verbunden mit den Möglichkeiten des neuen Mediums, nicht zuletzt auch die Mitwirkung des jungen Albrecht Dürer (über 70 Holzschnitte) bescherten dieser ersten humanist. Summe menschl. Handlungswissens in dt. Sprache ihren einzigartigen Erfolg. B. selbst betreute bis 1512 sechs Auflagen, der Wildwuchs an Nachdrucken u. Bearbeitungen (z.B. Das nüv schiff von Narragonia), gegen den B. energisch seine Autorrechte geltend machte, setzte bereits 1494 ein. Durch die von B. kontrollierte lat. Übersetzung seines Schülers Jakob Locher (Stultifera navis. Basel 1497) wurde das Werk in Europa bekannt u. in der Folge in mehrere europ. Nationalsprachen übersetzt. Im Schriftstellerkatalog des Johannes Trithemius von 1494 erscheint das Narrenschiff als einziges zeitgenöss. dt. Buch u. sein Autor zus. mit Conrad Celtis, Johannes Reuchlin u. Hartmann Schedel als einer der wenigen nennenswerten dt. Autoren. Erasmus von Rotterdam lobt B. dafür, seine (dt.) Heimat sowie die »litterae« berühmt gemacht zu haben. Erasmus’ Lob der Torheit gehört neben den Narrensatiren Thomas Murners, den Straßburger Predigten Johannes Geilers von Kaysersberg zu den ersten Zeugnissen literar. Nachwirkung B.s, die dann mit Hans Sachs, Johann Fischart, Friedrich Dedekind (Grobianus, 1549) über Moscherosch u. Grimmelshausen u. Wahrmund Jocoserius’ (Ps.) Wolgeschliffenen Narren-Spiegel in eine bis in die Medien der Neuzeit (Stanley Cramer, Erasure) ungebrochene Tradition der Narrenliteratur mündet. Ausgaben: Narrenschiff (im Folgenden NSch.): Friedrich Zarncke (Hg.): Das NSch. Lpz. 1854. Neudr. Hildesh. 1961 (mit teilweiser Übers.). – S. B.: NSch. Faks. der Erstausg. v. 1494. Nachw. v. Franz Schultz. Straßb. 1913. Neudr. mit Vorw. Hg. Dieter Wuttke. Baden-Baden 1994. – Wolfgang Virmond (Hg.): S. B.: NSch. Fotomechan. Repr. der Erstausg. v. 1494. Bln. 1979. – Manfred Lemmer (Hg.): S. B.: NSch. nach der Erstausg. (Basel 1494) mit den Zusätzen der Ausg.n v. 1495 u. 1499. Tüb. 4 2004. – Joachim Knape (Hg.): S. B.: NSch. Stu-
Brasch dienausg. Stgt. 2005. – Nina Hartl (Hg.): Die Stultifera navis. Jakob Lochers Übertragung v. S. B.s NSch. Bd. 2 (Teiled. u. Übers.). Münster u. a. 2001. – Carmina: Zarncke, a. a. O., S. 174–199 (Teilabdr.). – Flugblätter: Paul Heitz (Hg.): Flugbl. des S. B. Straßb. 1915. – Thomas Wilhelmi (Hg.): S. B. Kleine Texte. 3. Tle., Stgt.-Bad Cannstatt 1998. – Aesopus Additiones: S. B.: Fabeln. Hg., übers. u. mit einem Nachw. vers. v. Bernd Schneider. Stgt.-Bad Cannstatt 1999. Übersetzungen: S. B.: NSch. Nhd. Übers. v. Elvira Pradel. Einl. v. Claus Träger. Lpz. 1979 (nhd.). – S. B.: NSch. Nhd. Übers. v. H. A. Junghans, neu hg. v. Hans Joachim Mähl. Stgt. 2002 (nhd.). – Edwin H. Zeydel (Hg.): The Ship of Fools by S. B. Columbia Univ. Pr. 1944. Neudr. New York 1962 (engl.). – Raffaele Disanto: NSch. – La nave dei folli. Fasano 1989 (Textausg. mit ital. Übers.). – Francesco Saba Sardi: La nave dei folli. Mailand 2002 (ital.).– Antonio Regales Serna: La nave de los necios. Madrid 1998 (span.). Literatur: Bibliografien: Joachim Knape u. Dieter Wuttke: S. B.-Bibliogr. Forschungslit. v. 1800 bis 1985. Tüb. 1990. – Thomas Wilhelmi: S. B.-Bibliogr. Bern u. a. 1990. – J. Knape u. T. Wilhelmi: S. B.-Bibliogr. (in Vorbereitung). – Weitere Titel: Ulrich Gaier: Studien zu S. B.s ›NSch.‹. Tüb. 1966. – Klaus Manger: Das ›NSch.‹. Entstehung, Wirkung u. Deutung. Darmst. 1983. – Sabine Heimann: Zur Kohärenz des ›NSch.s‹ v. S. B. In: FS Wolfgang Spiewok. Hg. Danielle Buschinger. Amiens 1988, S. 189–195. – J. Knape: Dichtung, Recht u. Freiheit. Studien zu Leben u. Werk S. B.s 1457–1521. BadenBaden 1992. – John van Cleve: S. B.s ›The Ship of Fools‹ in Critical Perspective 1800–1991. Columbia/Ohio 1993. – Gonthier-Louis Fink (Hg.): Sébastien Brant, son époque et ›La Nef des fols‹. Straßb. 1995. – Harry Vredeveld: Materials for a New Commentary to S. B.s ›NSch.‹. In: Daphnis 26 (1997) S. 553–651 u. 29 (2000) S. 709–713. – T. Wilhelmi: Zu Leben u. Werk S. B.s. In: S. B. Forschungsbeiträge zu seinem Leben, zum ›NSch.‹ u. zum übrigen Werk. Hg. ders. Basel 2002, S. 7–35. – J. Knape u. T. Wilhelmi: Zum Stand der Arbeiten am S. B.-Schr.en-Zensus. In: ZfdA 133 (2004) S. 198–209. – J. Knape: S. B. In: VL Dt. Hum. (mit Bibliogr.). – Ders.: Einl. zu S. B. In: NSch. Studienausg. (s. o.), S. 11–99. Sabine Seelbach
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Brasch, Thomas, * 19.2.1945 Westow/ Yorkshire, † 3.11.2001 Berlin. – Erzähler, Lyriker, Dramatiker, Filmemacher, Hörspielproduzent u. Übersetzer. B. wurde als Sohn jüdischer Emigranten aus Deutschland in England geboren. 1947 kehrte die Familie in die Sowjetisch Besetzte Zone zurück. Sein Vater Horst Brasch avancierte zum hohen Parteifunktionär, zeitweise zum stellvertretenden Minister für Kultur der DDR. Bis 1956 besuchte B. die Oberschule Cottbus, anschließend die Kadettenschule der Nationalen Volksarmee in Naumburg, ab 1960 dann das Gymnasium in Berlin-Friedrichshagen. Er studierte nach einem Jahr in der Produktion 1964/65 Journalistik in Leipzig u. arbeitete nach seiner Exmatrikulation wegen »existentialistischer Anschauungen« wieder in verschiedenen Berufen. 1966–1968 studierte B. Dramaturgie an der Filmhochschule Babelsberg. 1968 wurde er wegen des Verteilens von Flugblättern gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die CˇSSR zu zwei Jahren u. drei Monaten Gefängnis verurteilt. Nach der Haftentlassung auf Bewährung arbeitete er wieder in der Produktion, 1971/72 dann auf Vermittlung Helene Weigels im Brecht-Archiv, anschließend als freier Schriftsteller u. Produzent v. Kinderhörspielen. 1975 erschien in der Reihe Poesiealbum eine erste Sammlung von Gedichten B.s., nachdem mehrere Theaterstücke gar nicht erst zur Aufführung gelangt oder nach wenigen Vorstellungen abgesetzt worden waren. Im Dez. 1976 übersiedelte B. in der Folge der Ereignisse nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns zus. mit der Schauspielerin Katharina Thalbach nach Westberlin. 1977 erschien im Westberliner Rotbuch Verlag der bereits vor der Ausreise fertiggestellte Prosaband Vor den Vätern sterben die Söhne, der B. sogleich berühmt machte u. bei Kritik u. Publikum begeistert aufgenommen wurde. Die pessimist. Tendenz, die der einprägsame Titel andeutet, wird v. a. in der längsten Erzählung des Bandes, Und über uns schließt sich ein Himmel aus Stahl, in einer Weise ausgestaltet, die dem Text paradigmat. Bedeutung für das Lebensgefühl der Nachkriegsgenera-
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tion in der DDR verleiht. Robert, der bei einem Fluchtversuch an der Mauer erschossen wird, der Ich-Erzähler, der während eines Verhörs die zurückliegenden Ereignisse Revue passieren lässt, u. die gemeinsame Geliebte Sophie repräsentieren Varianten einer Jugend- u. Außenseiterkultur, die sich, mit geringem Erfolg, der Macht, der Herrschaft des polit. Apparats zu entziehen versucht. Motive, die auch aus der westl. Protestliteratur der 1970er Jahre vertraut sind (das Motorrad, das Blueskonzert, die Flucht ans Meer), stehen thematisch einer (nur bedingt DDR-spezifischen) Leistungsgesellschaft gegenüber, die von Entfremdung geprägt ist. Realistische Erzählungen wie diese kontrastieren mit höchst artifiziellen Parabeln, die, wie in der DDR-Literatur – nicht nur bei Heiner Müller – recht häufig, antike Stoffe neu interpretieren. Nach dem plötzl. Erfolg des RotbuchBändchens verließ der Autor das Verlagskollektiv u. ging zu Suhrkamp. Noch 1977 erschien u. d. T. KARGO. 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen (Ffm.) eine Collage von erzählenden, lyr. u. dramat. Texten, die B. mitgebracht hatte, darunter das Stück Lovely Rita, das 1976 bereits vom Berliner Ensemble geprobt u. dann vor der Premiere abgesetzt worden war. B. adaptiert Verfahren der Moderne, zitiert Trivialformen, verknappt bisweilen bis zu Aphoristischem, Skizzenhaftem. 1978 schlossen sich die um Materialien bereicherte Buchausgabe des 1977 in Stuttgart uraufgeführten Stückes Rotter (auch Ffm. 1989), 1980 der Gedichtband Der schöne 27. September an. Die in den folgenden Jahren entstandenen Filme Engel aus Eisen (1981, Script Ffm.), Domino (1982, Script Ffm.) u. Der Passagier. Welcome to Germany (1988) komplementierten das Repertoire an Gattungen, mit denen sich B. befasste. Nachdem 1983 mit den Dramen Mercedes (1985 verfilmt für das niederländ. Fernsehen), Frauen. Krieg. Lustspiel (1988, auch Ffm. 1989) u. der 1990 uraufgeführten Romeo-undJulia-Bearbeitung Liebe Macht Tod (auch Ffm. 2002) zunächst weitere Theaterarbeiten B.s erschienen, verstummte der Autor nach dem Fall der Berliner Mauer zunehmend. Versu-
Brasch
che, einen histor. Kriminalfall aus dem Jahr 1906 in eine literar. Form zu bringen, ließen im Folgenden ein mehr als 14.000 Seiten umfassendes Manuskript entstehen. Doch erst 1999 markierte der Prosaband Mädchenmörder Brunke die literar. Rückkehr B.s. Formal nach dem musikal. Bauprinzip der Fuge gestaltet, beschreibt das rd. 90 Buchseiten umfassende Destillat der vorangegangenen Arbeit das persönliche u. berufl. Scheitern des Architekten D. H. im wiedervereinigten Berlin. Sein Versuch, das Ende einer partnerschaftl. Beziehung mittels der imaginierten Suche nach einer Liebesmaschine zu überwinden, erweist sich als fataler Irrweg: Das Gerät bleibt ebenso unauffindbar wie sein vermeintlicher Erfinder, der Banklehrling u. Mädchenmörder Karl Brunke. Erst im Moment des Todes realisiert der Architekt die Vergeblichkeit seines Ansinnens. Genau wie die in den folgenden Monaten inszenierten Dramen Stiefel muß sterben u. Die Trachinierinnen des Sophokles (nach Ezra Pound) zeichnet der Text das Bild einer traumlosen Gesellschaft, die dem Individuum keine Fluchträume mehr bietet. Am 3.11.2001 starb der u. a. mit dem ErnstReuter-Preis (1978), dem Bayerischen Filmpreis (1982) u. dem Kleist-Preis (1987) ausgezeichnete B. in der Berliner Charité an Herzversagen. Postum erschienen im folgenden Jahr der Stücke- u. Materialband LIEBE MACHT TOD u. die Lyriksammlung Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer (beide Ffm.). Wenngleich B. zuletzt weitgehend in Vergessenheit geraten war, zählt er dennoch zu den bedeutenden Schriftstellern seiner Generation. Einflüsse Brechts, Artauds, der sowjet. Avantgarde u. Heiner Müllers sind (im Laufe der Jahre in unterschiedlichem Ausmaß) wirksam, verhinderten aber nicht, dass B. frühzeitig zu einem eigenständigen Stil u. unverbrauchter Thematik fand, die gekennzeichnet sind durch asket. Rigidität, eine Tendenz zum Reduktionismus beim Personal u. in der Handlungsführung, durch sprachl. Vielfalt u. die Literarisierung von Historischem. Gemeinsam ist B.s szenischen Texten ein hoher Grad an formaler Anstrengung, die
Braschius
auch bei Gegenwartsthemen einem platten Realismus gegensteuert. Eigenwilligkeit kennzeichnet auch B.s Übersetzertätigkeit. Seine häufig gespielten Shakespeare- u. Tschechow-Übertragungen zeichnen sich durch den Versuch aus, die Aktualität der Stoffe sprachlich u. gestisch zu akzentuieren. Bereits unmittelbar nach seiner Ankunft im Westen hatte B. deutlich gemacht, dass er sich nicht in die Dissidenten-Ecke drängen lassen wollte. Folgerichtig verweigerte er zeitlebens die Vereinnahmung durch den Literaturbetrieb u. die Politik. Wenngleich am Kern der sozialist. Utopie festhaltend, thematisieren seine Texte das zwangsläufige Scheitern anarchischen Glücksstrebens an den Grenzen jedweder Staatlichkeit. Die Ästhetik der Kunst wird somit zum eigentl. Ort des Utopischen erhoben, welche sich dem Versuch einer ideolog. Inanspruchnahme rigoros widersetzt. Weitere Werke: Der Papiertiger. In: Spectaculum 26 (1977, Ffm.) (D.). Erste Fassung als Gedichtzyklus in: Poesiealbum 89 (1975, Bln./DDR). – Lieber Georg. In: Spectaculum 30 (1979). Neuaufl. Bln. 1988 (D.). – Anton Tschechows Stücke. Ffm. 1985. Neuaufl. Ffm. 2004 (Ü.). – ShakespeareÜbers.en. Ffm. u. Lpz. 2002. – Was ich mir wünsche. Ffm. 2007. Literatur: Margarete Häßel u. Richard Weber (Hg.): Arbeitsbuch T. B. Ffm. 1987 (mit Bibliogr.). – Antje Janssen-Zimmermann: Träume v. Angst u. Hoffnung. Ffm 1995. – Margrit Frölich: Between affluence and rebellion. New York 1996. – Jens Ponath: Spiel u. Dramaturgie im Werk T. B.s. Würzb. 1999. – Hanno Beth u. Michael Töteberg: T. B. In: KLG. – Norbert Otto Eke: T. B. In: Dt. Dramatiker des 20. Jh. Bln. 2000. – Thomas Martin: T. B. In: LGL. – Martina Hanf u. Kristin Schulz (Hg.): Das blanke Wesen. Bln. 2004. Thomas Rothschild / Christian Frankenfeld
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einem Netz von Beziehungen zu den Spitzen der dt. Gelehrtenrepublik der Zeit, wie eine große Zahl von Gedichten an u. von gelehrten Freunden u. Gönnern zeigt, darunter Paulus Melissus Schede, der B. am 8.9.1594 in Heidelberg zum Poeta laureatus krönte, Johannes Posthius, Friedrich Taubmann, Lorenz Wolf u. David Chytraeus, den B. als »Leuchte Sachsens« feierte. B. nimmt in seinem Werk die poet. u. orator. Gattungen des dt. Späthumanismus auf: Das Gratulationsgedicht Ad serenissimum [...] Jacobum VI. gratulatio (Rostock 1595) an Jakob VI. von Schottland feiert dessen Sieg über kath. Verschwörer in Distichen, die eine frühabsolutist. Auffassung des Königtums zeigen. Aus dem gleichen Jahr stammt eine Sammlung von Gedichten, die eine Reise zu berühmten Hochschulen Deutschlands thematisieren (Martini Braschii Carmina in itinere Germanico et ex eo nuper nata. Lpz. 1595). Den Hauptteil nimmt ein Reisegedicht ein, in dessen Zentrum der Preis der kurfürstlichsächs. Residenz Dresden steht. Heftige Konfessionspolemik des Lutheraners enthält eine Würdigung Herzog Georgs des Bärtigen von Sachsen. Dem Schulbetrieb entstammen Reden wie De gratitudine et ingratitudine (Rostock 1595). Unter den zahlreichen, z.T. erst postum veröffentlichten Gelegenheitsgedichten B.’ (in Janus Gruters Delitiae Poetarum Germanorum. Bd. 1, Ffm. 1612) ragen In natalem Christi u. ein Hymnus in Christum Salvatorem heraus. Weitere Werke: De literis M. B. oratio. Greifsw. 1592. – Classicum ad Germanos contra Turcos Musulmannos. Ffm. 1597. – Davidi Chytraeo [...] monumentum. Rostock 1600. Literatur: Index Aureliensis. – VD 16. – Hermann Wiegand: Hodoeporica. Baden-Baden 1984. – Flood, Poets Laureate, Bd. 1, S. 228–230. Hermann Wiegand
Braschius, Martin, * 1565 Grubenhagen/ Mecklenburg, † April 1601 Rostock. – Brassicanus, Johannes Alexander, * 1500 Humanistischer Lyriker u. Rhetoriker. Tübingen, † 25.11.1539 Wien. – Humanist; neulateinischer Dichter. Der Sohn des gleichnamigen Predigers studierte von 1580 an in Rostock, erwarb 1586 den Magistergrad, wurde danach Lateinschulrektor in Malchin u. 1593 Professor der Logik an der Universität Rostock. Er stand in
Der Sohn des Grammatikers Johannes Brassicanus (eigentl.: Köl) u. Bruder von Johannes Ludwig Brassicanus studierte in Tübingen (Immatrikulation 13.1.1514, Bacc. 13.6.1515,
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Brassicanus
Magister 21.7.1517) u. wurde von Maximili- wichtige Quelle ist B.’ Bericht über die bean I. (vermutlich im Febr. 1518) zum Poeta rühmte Bibliotheca Corviniana in Buda, die laureatus gekrönt. 1522 wurde B. als Nach- kurz nach B.’ Besuch von den Türken zerstört folger Johannes Reuchlins Professor der wurde. Rechte in Ingolstadt u. Doktor beider Rechte, Literatur: VD 16, B 7136–7157 (Bibliogr., un1524 Professor der Rhetorik an der Universi- vollst.). – Weitere Titel: Klüpfel: J. A. B. In: ADB. – tät Wien, an der er auch Griechisch u. Zivil- Wenzel Hartl u. Karl Schrauf: Nachträge zum dritten Bande v. Joseph Ritter von Aschbach’s recht lehrte. B.’ poet. Produktion hält engen Anschluss Gesch. der Wiener Univ. Die Wiener Univ. u. ihre an die Dichtung des Hochhumanismus. Mit Gelehrten 1520–65. Bd. 1/1, Wien 1898, S. 43–101. – Ellinger 1, S. 441 f. – Hans Ankwicz v. Kleehoven einem Gegenstück zu Ulrich von Huttens (Hg.): Johann Cuspinians Briefw. Mchn. 1933, Nemo, dem satir. Erstling Pan Omnis (Hagenau S. 130 (Lit.). – Reinhold Rau: Die Tübinger Jahre 1519), stellt sich B. in die Tradition der iron. des Humanisten J. A. B. In: Ztschr. für WürttemEnkomia (Erasmus: Lob der Torheit): In eleg. berg. Landesgesch. 19 (1960), S. 89–127. – Ilse Distichen führt Herr Jedermann, sich selbst Guenther in: Contemporaries 1, S. 191 f. – Flood, lobend, einen umfassenden Tugend- u. Las- Poets Laureate, Bd. 1, S. 230–234. terkatalog vor; ein deutlicher Seitenhieb taHermann Wiegand / Red. delt die Tübinger, die die Verdienste der Brassicani missachten. Brassicanus, Johannes Ludwig, * 1509 Im gleichen Jahr beginnt die Reihe der Tübingen, † 3.6.1549 Wien. – Jurist, HuPreisgedichte auf das habsburgische Herrmanist; neulateinischer Dichter. scherhaus, dem B. zeitlebens verbunden bleibt, mit einem Idillion auf die Wahl Karls V. B. ging im Juni 1524 mit seinem Bruder Jozum röm. König (Mainz 1519; beigefügt sind hannes Alexander nach Wien. Von 1530 an Elegien u. Epigramme). Diese Linie setzt B. stand er im Dienste Johannes Fabris, der in u. a. fort mit einem Epinikion auf die Gefan- diesem Jahr Bischof von Wien wurde. 1532 gennahme Franz I. (Wien um 1525), einem studierte er Jura in Heidelberg u. wurde, nach von einer metr. Epistel der Germania beglei- einem Studium in Padua, am 7.8.1536 an der teten Dialog von Karl u. Franz (Augsb. 1529) Universität Ferrara zum Doktor beider u. einer Gratulationselegie auf den Einzug Rechte promoviert. 1537 wurde B. Professor Ferdinands I. in Stuttgart in der Auseinan- der Pandekten, 1538 des kanon. Rechts in dersetzung mit Ulrich von Württemberg Wien u. schließlich 1548 Rat der Königin (Stgt. 1522). B.’ Stellung zu den Zeitfragen Maria von Ungarn. wird deutlich aus einer Klage über Die unsinB. widmete sich in seinen schriftsteller. nigen Bestrebungen und Parteibildungen der Men- Werken ähnl. Themen wie sein Bruder: Neschen, die er einer Teilausgabe von Leonardo ben einer philolog. Arbeit (Kommentar zu Brunis Übersetzungen der Reden der Ilias den Nutricia des Angelo Poliziano. Nürnb. beigibt (Leonardi Aretini [...] tres orationes. 1538) u. einer Einführungsrede in das StudiNürnb. 1523): erasmisch werden die Christen um der Rechte (Wien 1540) veröffentlichte B. zur Eintracht aufgefordert. ein Gratulationsgedicht auf die Rückkehr Auch sonst orientiert sich B. an Erasmus, Ferdinands I. aus Böhmen (Wien 1527). Ein zu dessen Adagia er ein Supplement verfasst, Gedicht über eine Reise von Tübingen nach aus dem Kommentare zu Sprüchen des Py- Wien (wohl 1537) erschien zus. mit Reiseelethagoras herausragen (Proverbiorum Symmicta, gien von Joachim Camerarius (Straßb. 1541). quibus adiecta sunt Pythagorae Symbola. Wien Ganz nach dem Iter Brundisinum des Horaz 1529). In der Nachfolge des Erasmus gibt B. modelliert, zeigt es in fast 180 Hexametern auch Schriften von Kirchenvätern (Salvianus nicht nur genaue Kenntnis der horazischen von Marseille, Eucherius von Lyon) heraus Satiren, etwa in der Nachahmung des »qui(Basel 1531. Internet-Ed.: Slg. Hardenberg). dam« der Schwätzersatire, sondern auch die Dem Gebiet der Byzantinistik gehört eine Fähigkeit, kleine Zwischenfälle der Reise siAusgabe der Geoponica (Basel 1539) an. Eine tuationsgerecht darzustellen. Der junge Au-
Braun
tor demonstriert als gelehrter Jurist nicht geringes Selbstvertrauen. In der Tradition der Horaz-Imitation steht auch ein Paean lyricus de victoria Caroli Augusti (gedr. in: Delitiae Poetarum Germanorum. Bd. 1, Ffm. 1612, S. 800–804. Internet-Ed.: CAMENA): Das Triumphlied auf den Sieg Karls V. u. Ferdinands I. über den Schmalkaldischen Bund versucht das höchste stilistische u. sprachl. Niveau der Augustuspanegyrik der Oden einzuhalten. Ein großes episches Trauergedicht auf den Tod von Ferdinands Gemahlin Anna (Phoenix sive luctus Austriae ob mortem incomparabilis heroinae d. Anna [...] reginae. Wien 1547) legt die Trauerklage der personifizierten Austria in den Mund u. gerät zu einem Lobpreis auf die Ahnen der Herrscherin aus dem ungar. Königshaus. Ausgabe: Carmen hodoiporikon Pannonicum. Internet-Ed.: CAMENA: Abt. Poemata bei Joachim Camerarius: Elegiae hodoiporikai. Straßb. 1541. – Weitere Gedichte: CAMENA: Abt. Poemata: Delitiae [...]. Bd. 1, S. 804–813. Literatur: VD 16, B 7158–7163. – Weitere Titel: Wenzel Hartl u. Karl Schrauf: Nachträge zum dritten Bande v. Joseph Ritter v. Aschbach’s Gesch. der Wiener Univ. Die Wiener Univ. u. ihre Gelehrten 1520–1565. 1. Bd. 1. H., Wien 1898, S. 101–128. – Ellinger 1, S. 443. – Reinhold Rau: Die Tübinger Jahre des Humanisten Johannes Alexander Brassicanus. In: Ztschr. für Württemberg. Landesgesch. 19 (1960), S. 93 f. – Richard Newald: J. L. B. In: NDB. – Hermann Wiegand: Hodoeporica. Baden-Baden 1984. Hermann Wiegand / Red.
Braun, Felix, * 4.11.1885 Wien, † 29.11. 1973 Klosterneuburg bei Wien; Grabstätte: Wien, Zentralfriedhof. – Lyriker, Dramatiker, Erzähler u. Essayist. B. studierte in Wien Kunstgeschichte u. Germanistik, erwarb 1908 den Doktortitel u. lehrte 1928–1938 als Privatdozent für dt. Sprache u. Literatur in Palermo u. Padua; 1939 ging er nach England ins Exil. Nach seiner Rückkehr 1951 war B. Dozent für Kunstgeschichte, Theater u. dramat. Kunst in Wien. 1951 wurde er mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur
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ausgezeichnet, 1965 mit dem GrillparzerPreis. Die griech. Antike, der kath. Humanismus u. das Bekenntnis zur österr. Kulturtradition bestimmen den Standort des Dichters. B. begann als Lyriker im Umkreis von Neoklassizismus, Neoromantik u. Wiener Impressionismus (Gedichte. Lpz. 1909); entscheidend für ihn war die Begegnung mit dem Werk Rilkes u. des mit ihm befreundeten Hofmannsthal. In seinen klassizist. Versdramen gestaltet B. antike Mythen (Tantalos. Lpz. 1917. Aischylos. Salzb. 1953), biblische Stoffe (Esther. Wien 1926. Die Tochter des Jairus. Wien 1950) u. histor. Themen (Kaiser Karl der Fünfte. Wien 1936. Rudolf der Stifter. Salzb. 1955). In seinem auflagenstärksten Roman Agnes Altkirchner (Lpz. 1927. Neuaufl. Olten 1957 u. d. T. Herbst des Reiches) zeichnet B. ein Bild Österreichs zwischen 1913 u. 1919, die Gestalten dieses lyrisch-symbolhaften Werks repräsentieren keine Einzelschicksale, sondern Lebenshaltungen von typischen Vertretern der Wiener Gesellschaft, die sich in neuen Ordnungen einzurichten suchen. Religiös-metaphysische Fragen wirft B. in dem Läuterungsroman Der Stachel in der Seele (Wien 1948) auf. Bekannt wurde B. auch als Herausgeber der Lyrik-Anthologien Der tausendjährige Rosenstrauch (Wien 1949 u. ö.) u. Die Lyra des Orpheus (Wien 1952). Weitere Werke: Novellen u. Legenden. Lpz. 1910. – Das neue Leben. Bln. 1913 (L.). – Die Taten des Herakles. Wien 1921 u. ö. (R.). – Der unsichtbare Gast. Bln. 1924. Wien 1928 (R.). – Dt. Geister. Wien 1925 (Ess.). – Ausgew. Gedichte. Wien 1936. – Das Licht der Welt. Wien 1949. 21962 (Autobiogr.). – Briefe in das Jenseits. Salzb. 1952 (E.). – Das musische Land. Innsbr. 1952 (Ess.). – Viola d’amore. Salzb. 1953 (L.). – Ausgew. Dramen. 2 Bde., Salzb. 1955. 1960. – Unerbittbar bleibt Vergangenheit. Ausw. Graz 1957. 21961. – Anrufe des Geistes. Graz 1965 (Ess.). Literatur: Georg Mühlberger: Das epische Werk B.s. Diss. Innsbr. 1971. – Klaus P. Dencker: Literar. Jugendstil im Drama. Studien zu B. Wien 1971 (mit Bibliogr.). – Silvia Aentres: Mythos als Darstellungsraum der Innerlichkeit. Studien zur Rezeption der Antike im dramat. Werk B.s. Diss. Wien 1974. – Donald G. Daviau: Literary and personal responses to the political events of the 1930s in Austria. Stefan Zweig, Raoul Auernheimer, and
137 F. B. In: Austria in the thirties. Hg. Kenneth Segar u. John Warren. Riverside 1991, S. 118–150. – Julia Danielczyk u. Hermann Böhm: Verzicht aufs Burgtheater. Akzeptanz u. Verweigerung am Beispiel F. B.s (1885–1973). In: Burgtheater. Mythos, Eros, Imago. Hg. Beate Hochholdinger-Reiterer. Wien 2004, S. 71–86. Ursula Weyrer / Red.
Braun, Georg Christian, * 25.10.1785 Weilburg, † 12.10.1834 Mainz. – Professor; Verfasser von Dramen, Gedichten, Versepen u. kunsthistorischen Schriften. Nach dem Studium der Theologie in Gießen u. Halle (v. a. bei Johann August Rösselt, Johann Severin Vater) wurde B. schon 1805 (1808?) als Rektor an das Gymnasium nach Wetzlar berufen, wo 1810 sein erstes histor. Trauerspiel entstand (Muhameds Tod, auf eigene Kosten; völlig umgearbeitet Wiesb. 1815). Sein frühes Interesse am Altertum u. an der Kunst wurde einerseits durch seine Lehrer, andererseits durch seinen Großvater, den Bildhauer Johann Ludwig (?) Braun, gefördert u. hat maßgeblich seine weiteren Studien bestimmt. In die Zeit als Professor für Rhetorik u. Ästhetik in Mainz, wo er seit 1813 bis zu seinem Tode wirkte, fallen B.s Hauptwerke. In seinem großen »vaterländischen« Versepos Hermann der Cherusker (Mainz 1819. 2 1821) knüpft B. v. a. an Lohensteins u. Justus Mösers patriotisch gefärbte Bearbeitung des Arminius-Stoffes an, verweist aber in der Vorrede deutlicher auf die Bedeutung des Germanenführers als Tugend-Exempel für die dt. Gegenwart. Das Epos soll die »Kenntnis des deutschen Alterthums« fördern u. liefert im Anhang daher Erläuterungen zur Historie u. eine Geschichte der Religion der alten Deutschen. Als Mitarbeiter des seit 1820 erscheinenden Schorn’schen »Kunstblattes« stand B. mit Gustav Friedrich Waagen, Carl Friedrich von Rumohr, Alfred von Reumont, Ernst Förster, Ludwig Schorn, Johann David Passavant u. a. in Kontakt u. hatte mit seinen Künstlerbiografien zu Raffael u. Leonardo (Raphaels Leben und Werke. Wiesb. 1815. 21819. Leonardo da Vincis Leben und Werke. Halle 1819) bedeutenden Anteil an der sich Anfang des 19. Jh.
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formierenden »historisch-kritischen« Kunstgeschichte. Gleichzeitig wollte B. der kritisch beurteilten zeitgenöss. Kunst Vorbilder an die Hand geben, was auch in seinen Künstlerdramen zum Ausdruck kommt (Raphael Sanzio von Urbino. Mainz 1819. Der Schmied von Antwerpen. Mainz 1824). B.s Versepos Die Rheinfahrt. Ein Natur- und Sittengemälde (Mainz 1824. Forts. Das Rheinthal. Mainz 1828) gehört zu dem umfangreichen Komplex einer kulturgeograf. Erschließung, die sich auch in zahlreichen anderen Textsorten wie Reisebeschreibungen u. Reisehandbüchern manifestiert. In der Anlage als Geschichts- u. Sagenlandschaft sowie von der geo- u. soziograf. Ausrichtung her orientiert sich das Epos am romant. Erbe etwa Brentanos oder auch an Goethes Rochusfest. Aus der Perspektive einer Schifffahrt zweier Freunde zieht die Rheinlandschaft vorbei, wobei der Verfasser durchaus auch eigene Akzente setzt: Im Mittelpunkt des zweiten Gesangs steht die Binger Geschichte, wo sich B. als scharfsinniger Schilderer des Volkes erweist. Ausführliche Erläuterungen im Anhang zu den histor. Ereignissen u. Personen lassen Schreibmotivation u. Anliegen, die Verweise auf Georg Forster u. Aloys Wilhelm Schreiber den intertextuellen Horizont erkennen. Die kunsthistor. Forschung schenkte B. zwar jüngst Beachtung, die literarhistor. Einordnung u. Interpretation des Werkes steht indessen noch aus. Weitere Werke: Aristodemus. Ein Trauersp. Altenburg/Lpz. 1821. – Der Sieg des Glaubens. Ein romant. Schausp. Mainz 1823. – Dramat. Werke, Bd. 1 (darin: Nero. Ein dramat. Charaktergemälde; Laokoon. Ein Trauersp.; Die Troerinnen des Seneka übers. u. erl.). Mainz 1824. – Geistl. Lieder. Wiesb. 1931. – Erwin v. Steinbach. Histor. Novelle. Mainz 1834. Literatur: Manfred Beller: Die Wiederentdeckung der Binger Gesch. in einem Gedicht der Spätromantik. In: Bingen u. die Rheinromantik. Hg. Matthias Schmandt. Bingen 2003, S. 79–93. – Karin Hellwig: Von der Vita zur Künstlerbiogr. Bln. 2005. Bernhard Walcher
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Braun, Isabella, * 12.12.1815 Jettingen/ Schwaben, † 2.5.1886 München; Grabstätte: ebd., Alter Südlicher Friedhof. – Jugendbuchautorin.
138 tingen. Jettingen-Scheppach 1986. – Hans Maier: Vor 100 Jahren starb I. B. In: Lit. in Bayern 1986, N. 4, S. 13–18. Eda Sagarra / Red.
Die heute zu Unrecht vergessene Pionierin Braun, Johann Adam, * 24.12.1753 Augsdes kath. Jugendbuchs lieferte mit ihren Er- burg. Sterbedatum u. -ort unbekannt. – zählungen, Dorfgeschichten, kleinen Roma- Verfasser von Briefromanen, Erzählunnen u. Kindertheater »zum Selbstaufführen« gen, Schauspielen. den Grundstock der kath. Mädchen- u. der B. veröffentlichte vornehmlich anonym. SeiVorleselektüre für Kleinkinder bis in die ne ersten Bücher erschienen in Augsburg: 1940er Jahre. B. wurde bei den Englischen 1777 Der Adler nach der Lilie [...] oder Josephs Fräulein in Augsburg zur Volksschullehrerin Reise nach Paris; 1778 die zahme Wertheriade ausgebildet u. unterrichtete 1837–1839 an Die Leiden der jungen Kunigunde. In Leipzig ereiner Schule in Neuburg/Donau. schien Die Herrlichkeit im Traume oder der Lyrant Durch ihre Gedichte zog B. die Aufmerk- als Fürst. Dieses zur Aufführung in Gasthöfen samkeit Christoph von Schmids auf sich. Er bestimmte »Originallustspiel« ist ein derbriet ihr, statt mit »100 in der Schulstube, mit komisches Possenspiel mit nebensächl. 1000 im weiten Vaterland« zu verkehren u. Handlungslogik. Einer Goethe gewidmeten schrieb das Vorwort zu ihrem ersten Buch Werther-Nachahmung, Joseph Cotardo und Bilder aus der Natur (Augsb. 1849). Es folgten Rosaura Bianki, eine rührende Erzehlung aus geBilder aus der Geschichte (Augsb. 1851) u. viele heimen Nachrichten von Venedig und Cadix geweitere Erzählbändchen. Ihr Erfolg gründete schildert in empfindsamen Briefen (Ffm./Lpz. in ihrem Verständnis der kindl. Psychologie, 1778), folgten weitere empfindsame Romane in der Förderung ihrer strikt kath. Werke von u. Erzählungen wie etwa: Lauron und Danel. kirchlicher Seite sowie in dem leserfreundl. Eine Waldgeschichte (Ffm./Lpz. 1780) mit idylFormat u. Preis. Die in Kinderhänden leicht lischen Elementen u. Das Grab der Freude oder zu haltenden Bändchen waren z.T. im Stil der Jardison und Juliane. Eine englische Geschichte damals populär werdenden Gebetbücher mit (Ffm./Lpz. 1780). Letztere ist ein Briefroman handkolorierten Lithografien illustriert, u. a. im Stil der engl. Vorbilder, der zeittyp. Thevon bekannten Künstlern wie Pocci u. Ferdi- men anspricht: Landleben versus Stadtleben, nand Rothbart, u. kosteten 10 bis 15 Neu- Ökonomie des Hauses, Gartenbau. Im Mitgroschen. telpunkt der Handlung steht ein Liebespaar, Als B.s wichtigste Leistung kann ihre dessen Tugendhaftigkeit geprüft wird. InGründung der (dann bis 1933 weitergeführ- haltlich ähnlich ist das empfindsame Schauten) »Jugend-Blätter für christliche Unter- spiel Albert und Luise Oder der Trommelschlag zur haltung und Belehrung« 1855 gelten, die sie Rebellion (Basel 1784), in dem es um Freundgemeinsam mit Freundinnen bis kurz vor schaft, Tugend, Menschenbildung u. militär. ihrem Tod edierte; eine Publikationsreihe, Tyrannei in einem wohlgeordneten Staat die in Zusammenhang gesehen werden muss unter einem aufgeklärten Fürsten geht. B.s mit der damals einsetzenden Organisation dichterisches Schaffen endete mit einem des Vereinslebens auf nationaler wie lokaler weiteren Briefroman: Heinrich von Eisenberg Ebene durch die kath. Kirche u. ihre Bemü- und Louise von Trautmannsfeld [...] (Ffm. 1787). hungen, gezielt ein weibliches u. jugendl. Über B.s Lebensgeschichte lassen sich keine Publikum anzusprechen, 1854 übersiedelte gesicherten Aussagen treffen, denn seine LeB. nach München. Ludwig II. zeichnete sie bensdaten wurden fortwährend mit denen mit der Ludwigsmedaille für Kunst u. Wis- eines 1765 in Mainz geborenen Mannes senschaft aus u. gewährte ihr eine Pension. gleichen Namens vermischt. So müssen B.s Ausgabe: Ges. E.en. 12 Bde., Donauwörth 1890. angebl. Promotion zum Arzt (Jena 1804) u. Literatur: Renate Miehle: Die braune Bill. Aus sein Aufenthalt in Russland (ab 1804) diesem dem Leben der Jugendschriftstellerin I. B. aus Jet- Mainzer Theologen u. Arzt zugeschrieben
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werden. Überliefert ist lediglich die Äußerung eines Zeitgenossen, wonach B. um 1780 in Halle ungebührlich aufgetreten sei (Joachim Christoph Friedrich Schulz: Almanach der Bellettristen und Bellettristinnen für’s Jahr 1782. Ulietea, recte Bln. 1781). Weitere Werke: Die drey Fakultisten im Weinkeller. Ffm./Lpz. 1777 (Lustsp.). – Die schöne Österreicherin [...]. Nürnb. 1779. – Gesch. des Ritters v. Charleville. Nürnb. 1780. – Andromeda u. Perseus; ein Duodrama. Halle 1780 (1783 im K. K. Nationaltheater in Wien aufgeführt). – Gespenst oder der Fanatismus; eine period. Schr. Nürnb. 1781. – Der Proceß auf dem Lande. Ffm./Lpz. 1781. – Kochems hypochondr. Stunden im Reiche der Todten. o. O.1782. – Die Spiele des Schicksals, oder Felix u. Sophie; eine Vaterlandsgesch. Basel 1784. Andrea Ehlert / Red.
Braun, Karl Johann Ritter von Braunthal, auch: Jean Charles, * 6.6.1802 Eger (heute: Cheb)/Böhmen, † 26.11.1866 Wien. – Lyriker, Dramatiker u. Epiker. Nach einer Jugend in ärml. Verhältnissen wurde B. 1826 Erzieher im gräflichen Haus Schaffgotsch in Breslau u. machte dort Bekanntschaft mit Henrik Steffens u. Hoffmann von Fallersleben; in Berlin trat er 1830 zum Protestantismus über. Im gleichen Jahr kam er nach Wien, wo er 1837 den » Österreichischen Musenalmanach« herausgab. 1845 wurde B. Archivar des Fürsten ColloredoMansfeld im böhm. Opocˇno, 1850 Bibliothekar der Wiener Polizei-Hofstelle. Seit 1855 war er freier Schriftsteller. Als Lyriker schrieb B. bevorzugt Lieder, Romanzen u. Balladen (Morgen, Tag und Nacht aus dem Leben eines Dichters. Lpz. 1843). Traditionelle romant. Sagenstoffe erzählt er in der einfachen Balladenstrophe, Natur- u. Liebesthematik behandelt er in gefühlsbetonten Romanzen, am häufigsten wählt er aber die Liedform in Anlehnung an das Volkslied. In den Abschnitten Wander- und Frühlingslieder und Bilder aus Italien wird eine stimmungsvolle Beschreibung der Natur u. des Menschen gegeben, ein heiterer, zärtlicher, auch nachdenkl. Ton herrscht in den zahlreichen Liebesliedern vor; Reflexionen über die Kunst, die Bestimmung in diesem Dasein u. allgemeingültige Lebenserfahrun-
gen u. -weisheiten beinhalten die Xenien. B.s Gedichte sind aufgrund ihrer empfindsamen Grundhaltung, der besonderen Vorliebe für Märchen- u. Sagenstoffe u. schließlich auch der poet. Verklärung der Natur der romantischen Dichtung verpflichtet. In seiner dramat. Bearbeitung des Fauststoffs (Faust. Lpz. 1835) erscheint Faust nicht als der gewissenlose Verführer u. Machtmensch, sondern als unglückliches, schwaches Opfer, das in der Selbsterkenntnis, in der Reue u. im Tod den Teufel überwindet u. so die göttl. Gnade erlangt; daneben erschienen eine Don Juan-Bearbeitung (Lpz. 1842) u. ein Drama Ritter Schakespeare (Lpz. 1836). Seine Sammlung humoristischer Sittenbilder Antithesen oder Herrn Humors Wanderungen durch Wien und Berlin (Wien 1834) skizziert mittels prägnanter Vergleiche eindringlich den jeweiligen Volkscharakter. Aufsehen erregte B. mit gesellschaftskrit. Romanen (u. a. Die Erbsünde. Lpz. 1848), in denen er schonungslos die Problematik des Geschlechterkampfs aufzeigte; in der Analyse des Adels u. des Bürgertums nähert sich B. den Positionen des »Jungen Deutschland«. Primär aus finanziellen Motiven begann B. später eine Vielzahl von histor. Romanen (z.B. Neuhof. 3 Bde., Wien/Bln. 1864) zu schreiben, in denen er eine ausführliche, dichterisch ausschmückende Darstellung der spezif. Zeitumstände mit sentimentalen Liebesgeschichten u. moralisch-eth. Betrachtungen über das Wesen der Liebe verband. Weitere Werke: Die Himmelsharfe. Wien 1826 (L.). – Loda. Wien 1826 (D.). – Graf Julian. Bln. 1831 (D.). – Phantasie- u. Tierstücke. Wien 1836 (L.). – Gedichte. Lpz. 1836. – Donna Quixote oder Leben u. Meinungen einer scharfsinnigen Edlen aus Jungdtschld. 2 Bde., Lpz. 1844 (R.). – Die Seherin v. Venedig. Wien 1845 (R.). – Napoleon I. in Wien. Wien 1860 (R.). – Napoleon II. Wien 1860 (R.). – Die Ritter vom Gelde. Wien 1860 (R.). – Der Jesuit im Frack. Wien 1862 (R.). Literatur: Anna Gauby: J. K. B. v. B. Diss. Wien 1950. – Giebisch/Gugitz, S. 38. Cornelia Fritsch / Red.
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Braun, Konrad, * um 1495 Kirchheim/ Neckar (?), † 20.6.1563 München; Grabstätte: Augsburg, Domkreuzgang. – Rechtsgelehrter, Theologe, katholischer Publizist. Ab 1510 an der Universität Tübingen in scholastisch-humanistischer Tradition ausgebildet, 1522 zum Dr. utr. iur. promoviert, Professor u. 1523/24 Rektor, durchlief B. die typische Karriere eines frühneuzeitl. »gelehrten Rates« in der Territorialverwaltung u. in der fürstl. Landes- u. Reichspolitik. 1526 trat B. in den Dienst des Würzburger Bischofs Konrad von Thüngen. 1535/36 war er fürstbischöfl. Kanzler. Auf Ständetagen u. Reichsversammlungen führte er die Politik seines Herrn, die bei kath. wie protestant. Fürsten jetzt, nach Ende der reformator. Bewegung im Bauernkrieg 1525, von der Suche nach Bündnissen bestimmt war. B. vertrat hier, wie auch als Assessor am Reichskammergericht 1533–1535, 1536–1540 u. 1540–1542 als Kammergerichtskanzleiverwalter, eine dezidiert antiirenische Haltung, die er mit dem Kirchenrecht begründete. Seine persönl. Einstellung zu den theologischen u. religionspolit. Auseinandersetzungen äußerte er damals erstmals öffentlich in zwei Flugschriften gegen Martin Bucer (Gesprech aines Hofraths mit zwaien Gelerten. Etliche Gesprech abermals), die 1539 u. 1540 im Druck erschienen. B. hielt die durch die Reformation ausgelöste Spaltung der Kirche für unumkehrbar. Die Unterschiede lagen aber weniger in den theolog. Lehrmeinungen als in der dogmat. u. jurist. Definition von Kirche. Daher konnten weder Religionsfriedensgespräche noch Kontroverstheologie etwas ausrichten. Es kam für die kath. Kirche darauf an, ihren Kirchenbegriff herauszustellen u. zu festigen. Dazu bedurfte es zunächst einer genaueren Begriffsklärung. Seinen Beitrag dazu leistete B. mit mehreren lat. Traktaten, die in seiner Zeit als Kanzler der bayer. Herzöge ab 1542 entstanden u. die 1548–50 mit Unterstützung des Kontroverstheologen Johannes Cochläus publiziert wurden. Als Jurist konzentrierte B. sich auf die äußeren Erscheinungsformen kath. Kirchenverständnisses: Liturgie u. Bilder (De cae-
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remoniis. De imaginibus. Beide Mainz 1548), v. a. aber auf die für ihn maßgebliche öffentlich-rechtliche, »politische« Dimension der Kirche (»politia ecclesia«). Dazu verfasste er mit De legationibus (Mainz 1548) eine Handreichung für kath. Vertreter auf Reichs- u. Ständetagen u. bei Religionsgesprächen. Für den Umgang mit den Protestanten im kirchl. wie im weltl. Bereich blieb er bei den alten kirchenrechtl. Bestimmungen von Häresie u. Schisma (De haereticis et schismaticis. Mainz 1549. De seditionibus. Mainz 1550). Weitere Werke waren geplant, sind aber nicht erschienen (De calumniis, de idolatria, de divinatione. De superstitionis observationibus). Über die Analyse des Ist-Zustandes hinaus entwickelte B. in allen Werken Reformgedanken, die ihn als kirchentreuen, aber zukunftsorientierten Konfessionisten ausweisen. Das zeigt auch der um 1546 entstandene dt. Katechismus, der unvollendet blieb, den zeitgleichen Werken bekannter Theologen (Gropper, Dietenberger, Nausea, Canisius) aber in nichts nachstand. 1554 gab er die Imitatio Christi des Thomas a Kempis in Deutsch heraus (Ein christelich hailsam Buechlin von der Nachfolgung Christi. Dillingen 1555. Mehrere Nachdr.e bis 1618). Neben seiner literar. u. kirchenpolit. Arbeit, u. a. für das seit 1545 tagende Konzil, war B. in der Reichspolitik tätig. Zus. mit dem Juristen Konrad Visch verfasste er 1548 eine neue Reichskammergerichtsordnung. Außerdem war er an der Landfriedens-Exekutionsordnung von 1555 beteiligt. In den Verhandlungen um den Augsburger Religionsfrieden vertrat B., von 1554 bis 1559 Kanzler des Augsburger Bischofs, Kardinal Otto Truchsess von Waldburg, eine restriktivunversöhnl. Haltung, die in einem »Protest« (Rechtsvorbehalt) gegen die Friedensverhandlungen gipfelte. In Wort u. Schrift betonte er auch nach 1555 die Autorität der kath. Kirche u. des Konzils, das allein ihre Gestalt bestimmen u. ihre Reform durchsetzten könne (Kürtzer Auszüg [...] von der hailigen Catholischen Kirchen Authoritet und gewalt. Dillingen 1559/69. De concilio universali, nur Inhaltsverz.). Daher widersetzte er sich auch als Erster der »neuen« protestant. Geschichtsdeutung der Magdeburger Centurien
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(Adversus novam historiam ecclesiasticam. Dillingen 1565). B.s Lebensweg u. Denken spiegelt anschaulich seine Bibliothek wider, die mit 442 Bänden, v. a. juristischer, theolog. u. histor. Literatur, in Salzburg, Dillingen u. München überliefert ist. Literatur: Anonym: De vita et scriptis clarissimi viri D. Conradi Bruni iurisconsulti. In: K. B.: Adversurs novam historiam ecclesiasticam [...] admonitio catholica. Dillingen 1565. – Steffenhagen: B. In: ADB. – Nikolaus Paulus: Dr. K. B. Ein kath. Rechtsgelehrter des 16. Jh. In: Histor. Jb. 14 (1893), S. 517–548. – Theobald Freudenberger: B. In: NDB. – Remigius Bäumer: K. B. In: Kath. Theologen der Reformationszeit. Bd. 5, Münster 1988, S. 117–136. – Maria Barbara Rößner: K. B. Ein kath. Jurist, Politiker, Kontroverstheologe u. Kirchenreformer im konfessionellen Zeitalter. Münster 1991 (mit Werkverz.). – Dies.: K. B. u. seine Bibl. In: Bibliotheksforum Bayern 21 (1993), S. 44–61. – Axel Gotthard: Der Augsburger Religionsfriede. Münster 2004. Maria Barbara Rößner-Richarz
Braun, Lily (Amelia Jenny Emilie Klothilde Johanna), geb. von Kretschman, verw. von Gizˇycki, * 2.7.1865 Halberstadt, † 9.8. 1916 Berlin. – Politikerin, Publizistin u. Romanautorin. B. entstammte einer Offiziersfamilie u. wuchs unter strikten Konventionen u. starren Standesvorurteilen auf. Eine Liebesheirat wurde ihr verwehrt. Wärme u. Verständnis für ihr soziales Empfinden fand sie nur bei der Großmutter Jenny von Gustedt, deren Andenken sie ihr erstes Buch Aus Goethes Freundeskreis (Braunschw. 1892) widmete. Durch die Begegnung mit dem Berliner Philosophieprofessor Georg von Gizˇycki (Heirat 1893) wurde sie mit sozialist. Theorien u. dem Werk von Marx u. Engels vertraut; sie wurde Mitherausgeberin seiner Zeitschrift »Ethische Kultur«. B. wandte sich v. a. der Frauenfrage zu u. entfaltete als Mitarbeiterin der Zeitschrift »Die Frauenbewegung« (Bln. 1895–1919) u. im Verein »Frauenwohl« ihre journalistische u. rhetor. Begabung. B.s offenes Bekenntnis zu den Gedanken der Sozialdemokratie u. des Klassenkampfs bedeutete den Bruch mit Herkunft u. Familie. Aber auch in der Partei stieß sie bald auf
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den Widerstand Clara Zetkins, der die Mitstreiterin nicht radikal genug war. Seit 1895 verwitwet, heiratete sie 1896 Heinrich Braun, der als Publizist u. sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter um den Brückenschlag zwischen Arbeiterbewegung u. geistiger Welt bemüht war. An seiner Seite trat B. für den Revisionismus Eduard Bernsteins ein. Am Widerstand der Parteimehrheit scheiterte 1903 u. 1907 der Versuch der Brauns, die Zeitschrift »Die neue Gesellschaft« (Bln.) als parteiinternes Diskussionsforum zu etablieren. In Aufsätzen u. Büchern kämpfte B. engagiert u. ideenreich für die Emanzipation der Frau: Mutterschaftsversicherung, gemeinschaftl. Kindererziehung, Befreiung von ehel. Zwängen, berufl. Unabhängigkeit waren einige ihrer Ziele. 1908 zeichnete sie mit der Zeitbiografie Im Schatten der Titanen (Braunschw.) ein lebendiges Bild des Biedermeier; der Erfolg des Buches befreite sie von ärgsten wirtschaftl. Sorgen. Mit dem autobiogr. Roman Memoiren einer Sozialistin (2 Bde., Mchn. 1909. 1911. Neuausg. Mchn. 1985) unterstrich sie ihren Rang als Chronistin, Vorkämpferin der Frauenrechtsbewegung u. Sozialistin, deren starke Emotionalität u. geistige Unabhängigkeit sich Doktrinen nur schwer unterordneten. Weitere Werke: Die Frauenfrage. Lpz. 1901 (Ess.). – Die Emanzipation der Kinder. Mchn. 1911. Neudr. Düsseld. 1981 (Ess.). – Liebesbriefe der Marquise. Mchn. 1912 (R.). – Lebenssucher. Mchn. 1915 (R.). Ausgabe: Ges. Werke. 5 Bde., Bln. 1923. Literatur: Günther Gärtler: L. B., eine Publizistin des Gefühls. Diss. Heidelb. 1935. – Inge Stolten: L. B. 1865–1916. In: Frauen. Porträts aus 2 Jh.en. Hg. Hans Jürgen Schultz. Stgt. 1981, S. 212–224. – Alfred G. Meyer: The feminism and socialism of L. B. Bloomington 1985. – Ute Speck: Ein mögl. Ich. Selbstreflexion in der Schreiberfahrung. Zur Autobiographik der Politikerinnen L. B., Hedwig Dohm u. Rosa Luxemburg. Ffm. 1997. – Ute Lischke: L. B. (1865–1916). German writer, feminist, socialist. Rochester 2000. Hans Peter Bleuel / Red.
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Braun, Marcus, * 28.11.1971 Bullay/Mosel. – Roman- und Theaterautor.
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Bereits als 17-Jähriger zum Schriftstellerberuf entschlossen, begann B. nach dem Abitur Kathrin Klohs ein Studium der Germanistik, Philosophie u. Rechtswissenschaften in Mainz. Ab 1993 erhielt er erste Arbeitsstipendien, Einladungen Braun, Reinhold, eigentl.: Emil Paul R. B.zu Autorenworkshops u. wurde mit Preisen Eckelsbach, * 10.12.1879 Berlin, † 14.12. ausgezeichnet; in Zeitschriften u. Antholo- 1959 Freiburg i. Br. – Erzähler, Lyriker u. gien erschienen frühe Texte, u. a. das Thea- Verfasser von Biografien. terstück Zett – Neues vom Untergang des Abend- Der Sohn eines Polizeiwachtmeisters war als landes (Mainz 1994). Es folgte der Erzählband Gymnasiallehrer zunächst in Grabow bei Ohlem (Mainz 1995). Den Durchbruch brachte Landsberg/Warthe, ab 1904 in Weißensee bei 1997 eine Nominierung für den Ingeborg- Berlin u. ab 1906 in Berlin tätig. Wegen eines Bachmann-Preis: B. stellte in Klagenfurt sein körperl. Leidens war er jedoch bald gezwunRomandebüt vor, die Eifersuchtsstudie Na- gen, sein Amt aufzugeben. Ausgedehnte diana (Bln. 2000). Zuerst publizierte er jedoch Reisen führten ihn durch mehrere europ. den Agentenroman Delhi (Bln. 1999. 2002). In Länder u. nach Palästina. Seit 1945 lebte B. in der Folge unterbrach er sein Studium, seither Lochham. lebt er zurückgezogen in Berlin. Bald darauf Liebe zur Heimat, häusl. Zufriedenheit soerschien Hochzeitsvorbereitungen (Bln. 2003. wie tiefe Frömmigkeit sind die Wesenszüge 2005), ein Adoleszenz- und Provinzroman, seiner Gedichte, Erzählungen u. zahlreichen zuletzt der Kriminalroman Armor (Ffm. Vorträge. B. schrieb Andachts- u. Heimatbü2007). Parallel veröffentlichte B. eine Reihe cher (Das Morgenbuch. Bln. 1922. Deutsche Heidramatischer Stücke: Auf Väter Söhne Geister mat. Gotha 1918), pries die Ehe (Wenn zwei in (Ffm. 2000), ein »lyrische[s] Oratorium« einem Himmel sind. Chemnitz 1925), das Fa(FAZ), folgten die Revue Lernbericht (Ffm. milien- u. das Mutterglück (Das Heimglück2001), die Vierecksgeschichte Bilder von Män- buch. Herborn 1920. Mutter. Chemnitz 1926) nern und Frauen (Ffm. 2003) u. schließlich u. die Freundschaft (Das Freundschaftsbüchlein. Deutsche Oper (Ffm. 2005), die Geschichte ei- Bln. 1929). Er wollte Lebensfreude u. Frohnes Zusammenpralls von Nationalsozialis- sinn vermitteln (Fröhliche Lebenskunst. Hermus, Neonazismus und Kapitalismus. born 1927) u. in Kriegs- u. anderen schweren B.s Texte sind planvoll konstruiert, an- Zeiten aufmuntern u. Trost spenden (Das spielungsreich, durchdrungen von wissen- Trostbüchlein. Bln. 1929). B. widmete eine lischaftlichen, kulturkrit. u. philosoph. Dis- terar. Studie Heinrich von Kleist (Gotha 1911) u. kursen. Impression u. Reflexion des Augen- verfasste Biografien über Albert Schweitzer blicks haben Vorrang vor zielgerichteten (Konstanz 1956) u. Helen Keller (Konstanz Handlungen u. Entwicklungen; Spiegelun- 1957). gen, Halluzinationen u. Vexierspiele vor Literatur: Hans-Christoph Kaergel: R. B. In: Kausalitäten u. Sicherheiten. Das Feuilleton Der Türmer. Jg. 32, Bd. 1, 1929/30, S. 253–255. lobt B.s Eleganz, Raffinesse u. Leichtigkeit, Elisabeth Willnat / Red. sein intellektuelles Spiel, seinen elaborierten Blick auf Alltägliches. Kritisiert wird mitunBraun, Volker, * 7.5.1939 Dresden. – Lyter der Vorrang des Artistischen, Assoziativen riker, Dramatiker, Prosaautor, Dramau. Experimentellen vor der erzählten Geturg. schichte. Eingeordnet als Antipode zur Popu. Partyliteratur seiner Altersgenossen u. ge- »Keiner schreibt so aus der Mitte des Landes handelt als literarischer Enkel Nabokovs, gilt heraus, aus ihrem unaufgehobenen WiderB. als Vertreter eines »postrealistischen Rea- spruch«, heißt es in Fritz Rudolf Fries’ Laudatio auf B. anlässlich der Verleihung des lismus« (Alban Nikolai Herbst).
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Heinrich-Mann-Preises im Jahr 1980. Die Publikationsgeschichte seines Werks ist geprägt von Konflikten mit den Zensurinstanzen der DDR. Als geschickter Stratege im Literaturkampf hat es B. immer wieder verstanden, polit. Tabus gegen den Widerstand der Kulturfunktionäre literarisch zu gestalten. B. publizierte in Ost u. West, wo er jeweils mit renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Unter dem Decknamen »OV Erbe« wurde B. von der Stasi observiert u. sah sich als einer der Initiatoren der Petition zugunsten Wolf Biermanns 1976 polit. Restriktionen ausgesetzt.. Während viele DDR-Autoren seiner Generation, darunter Freunde wie Bernd Jentzsch, Reiner Kunze u. Sarah Kirsch, resignierten u. nach Westdeutschland zogen, blieb B. im Land. Noch 1988 wurde ihm der Nationalpreis I. Klasse verliehen. Im selben Jahr schrieb er, den polit. Umbruch antizipierend, das Gedicht Die Wende (»Auf den Hacken / Dreht sich die Geschichte um«). B. gehört zu jener Generation, die von den Nachkriegs- u. Aufbaujahren geprägt wurde. Nach dem Abitur 1957 arbeitete er zunächst mehrere Jahre im Tagebau u. als Tiefbauarbeiter im Kombinat »Schwarze Pumpe«, bevor er das Philosophiestudium in Leipzig aufnehmen konnte. Seine frühen Gedichte (Provokation für mich. Halle 1965) werden von Revolutionspathos u. Optimismus getragen: »Der Hoffnung / Später Nachfahr: Die Zukunft!«. Frei von solchen Deklamationen ist der Band Gegen die symmetrische Welt (Halle u. Ffm. 1974), dessen programmatischer Titel auf Hölderlin anspielt. Hervorzuheben sind Formbewusstsein, Gestaltungsweise u. Traditionsbezug der Gedichte, in denen sich Kritik an den bestehenden Zuständen artikuliert, schwankend zwischen Enttäuschung, Skepsis u. zorniger Auflehnung. In den Lyriksammlungen Training des aufrechten Ganges (Halle 1979) u. Langsamer knirschender Morgen (Ffm. 1987) zeigt sich, dass für B. die Gewissheiten von einst erschüttert sind; allgemeine Erstarrung wird illusionslos konstatiert, zerbrochene Hoffnung spiegelt sich in den Gedichtzeilen, wenn es heißt: »Aus dem Zusammen Frohe Zukunft / Hang gerissen«, doch wird an der Utopie festgehalten.
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Ein Beispiel für die Schwierigkeiten B.s mit der Zensur liefert das Drama Die Kipper. Es dauerte fast zehn Jahre u. bedurfte mehrerer Überarbeitungen, bis das Stück 1972 in Leipzig uraufgeführt werden konnte. Held ist ein Arbeiter im Kohlebergbau, dessen Vitalität mit der Planwirtschaft zwangsläufig in Konflikt gerät u. dem die DDR als »das langweiligste Land der Erde« erscheint. Sind die frühen Stücke mit ihrem didaktisch-polit. Impetus einem operativem Theaterkonzept verpflichtet, versuchte B. später, Stoffen der antiken Mythologie, der Historie oder klass. Literatur geschichtsphilosoph. Fragestellungen u. Erkenntnisse für die gegenwärtige Realität abzugewinnen. Die geschlossene Fabel wurde aufgesprengt zugunsten einer offenen Dramaturgie; neben Heiner Müller u. Peter Hacks galt er als einer der wichtigsten Dramatiker der DDR. Heftige Kontroversen verursachte der Hinze-Kunze-Roman (Halle u. Ffm. 1985). Kunze ist Funktionär, Hinze sein Fahrer; B. variierte satirisch das Herr-u.-Knecht-Motiv u. versetzte Diderots »Jacques der Fatalist« in die DDR. Das ungleiche Paar liefert sich in grotesken Szenen u. Dialogen einen anspielungsreichen Disput, mit Raffinesse inszeniert u. virtuos geschrieben. Die Erzählung Unvollendete Geschichte (Ffm. 1977) schildert nach einem authent. Fall, wie die haltlose Verdächtigung, ein Junge plane die »Republikflucht«, das Leben eines Liebespaars beinahe zerstört. Nach Studium seiner StasiAkten sah sich B. zu einer doppelten Revision genötigt: Seine Informantin war selbst StasiZuträgerin u. beging später selbst »Republikflucht« (Die Unvollendete Geschichte und ihr Ende. Ffm. 1998). Steht sein literarischer Beginn im Kontext der sog. Aufbauliteratur, so bezeichnete er sich später als »Abrissarbeiter«. In dem Drama Die Übergangsgesellschaft (Urauff. Bremen 1987) postulierte B.: »Die Literatur hat nur einen Sinn, das wieder wegzureißen, was die Ideologien hinbauen.« Seine krit. Haltung zum sozialist. Staat machte B. nicht zum Dissidenten; er blieb Marxist. Der Zusammenbruch des Sozialismus, den er in der DDR nicht verwirklicht sah, bedeutete für B. einen Utopieverlust. In dem Prosastück Bodenloser
Braun-Prager
Satz (Ffm. 1990) bezeichnete er die dt. Wiedervereinigung als »Republikflucht der Utopien in die Messer der Konsumschlacht«. »Fortschrott. Eine Epoche vertan. Recht so«, heißt es apodiktisch in der Rede Himmelhoch, zutode (in: Wie es gekommen ist. Ffm. 2002). Die Konsequenz war aber weder Rückzug noch Verstummen. Ein angesichts des Epochenumbruchs verstörtes lyr. Ich artikuliert sich in kunstvoll hermet. Gedichten u. einer an Hebel, Kleist u. Büchner geschulten Prosa, in deren klassischer Diktion moderne Stil-Elemente, selbst Kalauer u. Mundart-Einsprengel ihren Platz finden. Im Jahr 2000 wurde B. der Büchner-Preis verliehen. Weitere Werke: Kipper Paul Bauch (D.). 1. Fassung in: Forum 18 (1966). 2. Fassung in: Dt. Theater der Gegenwart. Bd. 2, Ffm. 1967. 3. Fassung: Bln./Weimar 1972. 4. Fassung in: Stücke 1. Ffm. 1975. 5. Fassung: Ebd. Ffm. 21981. (3.-5. Fassung u. d. T. Die Kipper). – Hans Faust (Neufassung: Hinze u. Kunze). Urauff. Weimar 1968 (D.). – Lenins Tod. Bühnenms. 1970. SuF 1 (1988), S. 37–85. Urauff. Bln./DDR 1988 (D.). – Wir u. nicht sie. Halle u. Ffm. 1970 (L.). – Das ungezwungene Leben Kasts. Bln./DDR u. Ffm. 1972 (P). – Es genügt nicht die einfache Wahrheit. Lpz. 1975. Ffm. 1976 (Ess.). – Tinka. Urauff. Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) 1976 (D.). – Guevara oder Der Sonnenstaat. Urauff. Mannh. 1977 (D.). – Gedichte. Ffm. 1979. – Simplex Deutsch. Urauff. Bln./DDR 1980 (D.). – Stücke 2. Ffm. 1981. – Dmitri. Urauff. Karlsr. 1982 (D.). – Ber.e v. Hinze u. Kunze. Halle u. Ffm. 1983. – Siegfried Frauenprotokolle Deutscher Furor. Urauff. Weimar 1986 (D.). – Stücke 3. Ffm. 1987. – Transit Europa. Urauff. Bln./DDR 1988 (D.). – Verheerende Folgen mangelnden Anscheins innerbetriebl. Demokratie. Lpz. u. Ffm. 1988 (Ess.). – Lenins Tod. Urauff. Bln./DDR 1988 (D). – Texte in zeitl. Folge. 10 Bde., Halle 1989–93. – Der Stoff zum Leben 1–3. Ffm. 1990 (L.). – Böhmen am Meer. Urauff. Bln. 1992 (D.). – Die Zickzackbrücke. Halle 1992 (P.). – Iphigenie in Freiheit. Urauff. Ffm. 1992 (D.). – Der Wendehals. Ffm. 1995 (P.). – Lustgarten. Preußen. Ffm. 1996 (L.). – Die vier Werkzeugmacher. Ffm. 1996 (P.). – Wir befinden uns soweit wohl. Wir sind erst einmal am Ende. Ffm. 1998 (Ess.). – TUMULUS. Ffm. 1999 (L.). – Der Staub v. Brandenburg. Urauff. Cottbus 1999 (D.) – Die Verhältnisse zerbrechen. Ffm. 2000 (Ess.). – Das Wirklichgewollte. Ffm. 2000 (P.). – Limes. Mark Aurel. Urauff. Kassel 2002 (D.). – Das unbesetzte Gebiet. Im schwarzen Berg. Ffm. 2004 (P.). – Der
144 berüchtigte Christian Sporn. Ein anderer Woyzeck. Ffm. 2004 (P.). – Auf die schönen Possen. Ffm. 2005 (L.). – Was wollt ihr denn. Urauff. Senftenberg 2005 (D.). Literatur: Jay Rossellini: V. B. Mchn. 1983. – Christine Cosentino u. Wolfgang Ertl: Zur Lyrik V. B.s. Königst./Ts. 1984. – Ulrich Profitlich: V. B. Mchn. 1985. – Frank Hörnigk: V. B. Arbeitsbuch. Bln. 1999. – Verena Kirchner, Heinz-Peter Preußer u. Manfred Behn: V. B. In: KLG. – H.-P. Preußer: Mythos als Sinnkonstruktion. Köln 2000. – Peter Geist: V. B. In: LGL. – Rolf Jucker: ›Was werden wir die Freiheit nennen?‹. Würzb. 2004. – Ders. (Hg.): V.B. in Perspective. Amsterd. 2004. Michael Töteberg
Braun-Prager, Käthe, auch: Anna Maria Brandt, * 12.2.1888 Wien, † 18.6.1967 Wien. – Lyrikerin u. Malerin. Die Tochter eines Steuerexperten, Schwester von Felix u. Robert Braun, war u. a. als Lehrerin tätig. 1917 heiratete B. den Philosophen Hans Prager, ab 1920 arbeitete sie als Schriftstellerin, beeinflusst u. a. von der Frauenrechtskämpferin Rosa Mayreder. 1928 rief sie die »Literarische Frauenstunde« von Radio Wien (RAVAG) ins Leben, in der sie bis 1938 wöchentlich Vorträge über Dichterinnen u. Frauenfragen hielt. Ab 1930 leitete sie »Literarische Vortragsabende« in einem Wiener Hotel. 1939 ging B. ins Exil nach England u. betätigte sich dort u. a. als Malerin. Sie kehrte 1951 nach Österreich zurück u. war als freie Schriftstellerin u. Mitarbeiterin an in- u. ausländ. Zeitungen u. Zeitschriften tätig, ebenso in verschiedenen Vereinen, u. a. im Verein der Schriftstellerinnen u. Künstlerinnen Österreichs, im Wiener Frauenclub, im österr. u. engl. P.E.N.-Club, im Österreichischen Schriftstellerverband u. in der Grillparzer-Gesellschaft. B. erhielt 1958 den Theodor-Körner-Preis, als Malerin 1959 den Preis des Kunstfonds der Stadt Wien. Die Lyrik B.s zeichnet sich durch eine Vorliebe für einfache Formen aus: Vers u. Strophik, aber auch Sprache u. Bildlichkeit sind bewusst schlicht, geraten allerdings vielfach konventionell. Ansätze zur Naturbeobachtung werden überlagert von einem ausgeprägten Symbolismus, der sich auch in der Wahl der Motive geltend macht: Liebe u. Tod,
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Ehe, Mutterschaft, daneben auch dichter. Berufung gehören zu ihren bevorzugten Sujets. B. hat Übersetzungen aus verschiedenen Sprachen angefertigt, darunter aus dem Englischen die Charles Dickens-Biografie von Eleanor Graham (Wien 1954). Weitere Werke: Bei der Kerze. Darmst. 1929 (L.). – Große Frauen der Heimat. Wien 1936 (biogr. Ess.s). – Ahnung u. Einblick. Wien 1937 (Aphorismen). – Stern im Schnee. Wien 1949 (L.). – Reise in die Nähe. Aus einem engl. Tgb. Salzb. 1954. – Verwandelte Welt. Gedichte, Bilder, Gleichnisse. Innsbr. 1956. – Heimkehr. Wien 1958 (N.n). – Die Mondwolke. Wien 1963 (L.). – Das himml. Kartenhaus. Gedichte, Prosa u. Gedanken. Wien/Mchn. 1968. – Heimat in der Fremde. Erlebnisse u. E.en aus England. Nachw. v. Felix Braun. Wien 1968. – Ruhe in der Ferne. Dichtungen in Prosa. Hg. F. Braun. Wien 1972. – Die Stadt der Ewigen u. andere Novellen. Hg. u. mit einem Nachw. v. Tatjana Popovic. Klagenf. 2000. – Herausgeberin: Das Buch der Mütter (zus. mit F. Braun). Hbg./Wien. 1955. Ernst Fischer / Red.
Braunburg, Rudolf, * 19.7.1924 Landsberg/Warthe, † 21.2.1996 Waldbröl/ Oberbergischer Kreis. – Verfasser von Unterhaltungsromanen, Sachbuchautor u. Journalist. Der Sohn eines Schlossermeisters verbrachte seine Jugend in Holland, wurde 1942 zur Luftwaffe eingezogen u. als Jagd- u. Transportflieger eingesetzt. Nach dem Krieg studierte er Pädagogik u. unterrichtete anschließend an der Rudolf-Steiner-Schule in Hamburg. 1957 veröffentlichte er seinen ersten Roman Dem Himmel näher als der Erde (Hbg.). Danach schrieb er rd. 50 Bücher u. viele Beiträge für Zeitschriften u. Zeitungen. Seine Romane sind fast ausschließlich der Unterhaltungsliteratur zuzurechnen. Sie behandeln v. a. Themen aus dem Milieu der Luftfahrt: Zwischenlandung (Mchn. 1974), Nachtstart (Mchn. 1977. Hameln 1991) u. a. Vor dem Hintergrund spannender Geschichten geben B.s Romane aber häufig auch gesellschaftskrit. Anregungen zu Problemen des Umweltschutzes, denen viele seiner journalist. Arbeiten gewidmet sind. 1991 veröffentlichte er eine Monografie zur Geschichte der Lufthansa (Hbg.).
Weitere Werke: Bitte Anschnallen. Offenbach 1961 (R.). – Atlantikflug. Hbg. 1964 (R.). – Der Töter. Mchn. 1976 (R.). – Masurengold. Mchn. 1981 (R.). – Ein Leben auf Flügeln. Mchn. 1981 (Autobiogr.). – Taurus. Mchn. 1984 (R.). – Menschen am Himmel. Mchn. 1985 (R.). – Rauchende Brunnen. Mchn. 1986 (R.). – Musenküsse aus zweiter Hand. Mchn. 1987 (Parodien). – Der Abschuss. Hbg. 1987. Gütersloh 1991 (R.) – Als Fliegen noch ein Abenteuer war. Der Passagierflug von den Anfängen bis in die Nachkriegszeit. Dortm. 1988 (Bildbd.) – Hinter Mauern. Hbg. 1989 (R.). – Im Schatten der Flügel. Sgt. 1990 (R.). – Das Kranichopfer. Stgt. 1991 (E.). – Fliegerei u. Luftfahrt. Nürnb. 1993 (Kindersachbuch). – Abflug 9 Uhr 30. Stgt. 1994 (R.). – Der überfüllte Himmel. Mchn. 1994. Heino Freiberg / Red.
Braune, Rudolf, * 16.2.1907 Dresden, † 12.6.1932 Düsseldorf. – Erzähler u. Redakteur. Als Gymnasiast trat der Sohn eines Eisenbahnbeamten 1924 in die Kommunistische Jugend ein u. gab mit Mitschülern 1924/25 die Jugendzeitschrift »Mob« heraus. 1926 wurde er Buchhändler in Düsseldorf u. gehörte der Bezirksleitung der Kommunistischen Jugend als Leiter der Agitprop-Abteilung an. Ab 1928 war er Mitgl. der KPD u. zunächst Volontär, dann Redakteur ihrer Zeitung »Freiheit«. B. ertrank bei einem Sportunfall im Rhein. In seinen Romanen (Der Kampf auf der Kille. In: »Freiheit«, 1928 in Forts.en. Neuausg. Bln./DDR u. Mchn. 1978. Das Mädchen an der Orga Privat. Bln. 1930. Neuausg. Bln./DDR u. Mchn. 1975. Ffm. 2002. Junge Leute in der Stadt. Bln. 1932. Neuausg. Bln./DDR u. Mchn. 1975), in Erzählungen u. Reportagen (Der Kurier. In: Wieland Herzfelde: Neue Erzähler des neuen Deutschland. Bln. 1932. Neuausg. Lpz. u. Ffm. 1983. Expedition Ronsdorferstraße. Charkow 1933) schildert B. in sachlicher u. anschaulicher, um psycholog. Vertiefung bemühter Sprache das Alltagsleben v. a. junger Arbeiter u. Intellektueller zur Zeit der Weimarer Republik u. den Kampf der Kommunistischen Partei in der Illegalität. Er appelliert an solidarisches Engagement für soziale Veränderungen.
Braunschweigische Reimchronik
B. gilt als Mitbegründer eines sozialist. Realismus in der dt. Literatur u. als Repräsentant derjenigen Intellektuellen, die nicht der Arbeiterklasse entstammten, sich ihrem Kampf aber anschlossen. In der DDR wurden seine Werke »zu den wichtigen, literarisch herausragenden Beiträgen unserer proletarisch-revolutionären Literatur« (Ingeborg Ortloff) gezählt. Literatur: Otto Gotsche: R. B. In: ›Das Mädchen an der Orga Privat‹. Neuausg. a. a. O. – Ders.: R. B. In: ›Junge Leute in der Stadt‹. Neuausg. a. a. O. – Ingeborg Ortloff: Nachw. zu ›Das Mädchen an der Orga Privat‹. Neuausg. a. a. O. – Thorsten Unger: Klassenkampf mit einer Portion Erotik. R. B.s ›Junge Leute in der Stadt‹. In: Engagierte Lit. zwischen den Weltkriegen. Hg. Stefan Neuhaus. Würzb. 2002, S. 104–115. – Martin Hollender (Hg.): ›Eine gefährliche Unruhe im Blut ...‹. R. B. Schriftsteller u. Journalist (1907–32). Biogr. u. Bibliogr. Düsseld. 2004. Heinrich Detering / Red.
Braunschweigische Reimchronik, entstanden wahrscheinlich im letzten Viertel des 13. Jh. – Mittelniederdeutsche Fürstenchronik.
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stellt die Hamburger Handschrift sogar das Widmungsexemplar dar. Neben seiner erzieherischen Absicht bietet der Text eine groß angelegte u. panegyrisch verklärte Genealogie der Sachsenherzöge von Widukind bis Albrecht I. Allerdings beschränkt er sich nicht darauf, sondern berichtet auch über Reichs- u. Landesgeschichte, wenngleich immer aus dem Blickwinkel des Herzoghauses. Lediglich der Stadt Braunschweig gehört darüber hinaus das besondere Interesse des Autors, etwa bei der Schilderung ihrer Gründung u. späteren Entwicklung oder seiner Freude über die mit Hilfe des Stadtheiligen St. Auctor erfolgreich abgewehrte Belagerung durch Philipp von Schwaben im Jahr 1200. Für seine Darstellung stützt sich der Verfasser auf zahlreiche chronikalische u. hagiograf. Quellen, die nur zum Teil erhalten sind. Sein stilistisches Vorbild ist der Höfische Roman, von dem er die nicht immer konsequent umgesetzte Form (paargereimter epischer Vierheber) u. die Darstellung seiner Helden entlehnt, die für ein adelig-laikales Publikum mit höf. Attributen ausstaffiert werden.
Der Verfasser der Chronik ist unbekannt, Ausgaben: B. R. Hg. Ludwig Weiland. Hann. scheint aber in Braunschweig beheimatet ge- 1877 Neudr. Dublin/Zürich 1971 (MGH Dt. wesen zu sein, wie seine guten Ortskennt- Chron., Bd. 2, S. 430–585). nisse u. sein Lokalpatriotismus beweisen. Literatur: Wilfried Herdenhorst: Die B. R. als Vermutlich gehörte er zum Umkreis Herzog ritterlich-höf. Geschichtsdichtung. Diss. Gött. Albrechts I. (des Großen) (1252–1279), dessen 1964. Kurzfassung in: Niedersächs. Jb. für LiteraTod er beklagt u. den er mehrfach namentlich turgesch. 37 (1965), S. 1–34. – Thomas Sandfuchs: erwähnt, z.B. V. 7818–7820: »Dhe blome ist B. R. In: VL. – Joachim Bumke: Mäzene im MA. Mchn. 1979, S. 220 f. – Horst Wenzel: Höf. Gesch. an werdhe purpurvar, / ich meyne dhen uzBern/Ffm./Las Vegas 1980, S. 119–133. – Hanserwelthen vursten klar, / von Bruneswich Joachim Behr: Überlieferungen des Braunschweig. herzogen Albrechte«. Dass er sehr belesen Stadtnamens in mittelalterl. Zeit (in Vorb.). war, ist offenkundig; die Annahme, er sei Norbert H. Ott / Hans-Joachim Behr Kleriker am Hof des Herzogs (Weiland) oder am Stift St. Blasien (Bumke) gewesen, ist Brausewetter, Artur, auch: A. Sewett, nicht mit letzter Sicherheit zu belegen. Friedrich Leoni, * 27.3.1864 Stettin, Der Text, der in zwei Handschriften † 26.12.1946 Heidelberg. – Romancier u. (Hamburg, Wolfenbüttel) überliefert ist, Essayist. wurde – nach Gönnerverlust? – den Kindern Albrechts, v. a. dessen ältestem Sohn, Herzog Nach einem Theologie- u. PhilosophiestudiHeinrich I. dem Wunderlichen von Braun- um in Berlin u. Bonn wirkte der Kaufschweig-Grubenhagen († 1322), gewidmet u. mannssohn B. ab 1911 als Archidiakon in muss als eine Art Fürstenspiegel verstanden Danzig, 1934 in Zoppot. Seit 1945 lebte er in werden, der den Vater als Vorbild u. herr- Heidelberg. Zunächst mit dem an Raabes scherliches Ideal präsentiert. Möglicherweise Hungerpastor anklingenden »sozialen Roman«
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Der Armenpastor (Lpz. 1920) hervorgetreten, veröffentlichte B. später zahlreiche v. a. spannungsorientierte Unterhaltungsromane (u. a. Tore öffnen sich. Bln. 1936) u. polit. Schriften von nationalkonservativer Grundhaltung (Meine Fahrten an die West- und Ostfront. Bln. 1916. Danzig deutsch und treu. Lpz. 1933). Seine religiösen u. literaturhistor. Essays zielen auf eine Verbindung christlichen, patriot. u. freireligiösen Gedankenguts (etwa in Die Weltanschauung als Erlebnis. 5 H.e, Lpz. 1920). Daneben veröffentlichte der produktive Autor Sammlungen feuilletonistischer Betrachtungen u. Aphorismen (u. a. Mehr Liebe! Lpz. 1919 u. ö. Sonne ins Leben! Lpz. 1925). Weitere Werke: Wer die Liebe liebt wie Du. Braunschw. 1916 u. ö. (R.). – Eine neue Kirche. Lpz. 1933 (Ess.). – Der Ruf der Heimat. Bln. 1938 u. ö. (R.). Heinrich Detering / Red.
Brawe, Joachim Wilhelm von, * 4.2.1738 Weißenfels, † 7.4.1758 Dresden. – Dramatiker. B. war der älteste Sohn eines Beamten, der verschiedene Regierungspositionen im Herzogtum Sachsen-Weißenfels bekleidete, bevor er 1743 in kursächs. Dienste trat u. mit seiner Familie nach Dresden zog. B. besuchte ab 1750 die Fürstenschule Schulpforta u. begann 1755 ein Studium der Rechtswissenschaften in Leipzig. Er wurde dort mit Lessing, Christian Ewald von Kleist u. Christian Felix Weiße bekannt; Gellert gehörte zu seinen akadem. Lehrern. Kurz vor Studienabschluss erhielt B. die Zusage für eine Stelle als Regierungsrat in Merseburg, die er aber nicht mehr antreten konnte, denn er starb, kaum 20-jährig, während eines Besuches bei seiner Familie in Dresden. B. vollendete zwei Stücke, die aufgrund ihres Themas einen markanten Punkt innerhalb der literar. Aufklärung darstellen. Beide Male lässt er einen ausgeklügelten Racheplan exerzieren, dessen tragischer Ausgang jeweils zeigt, wie die bürgerliche bzw. republikan. Gesellschaft zugrunde geht, wenn sie nur dogmatisch agiert u. sich nicht auf die Logik ihrer vernunftwidrigen Feinde einlässt. In seinem Erstlingswerk, dem bürgerl. Trauerspiel Der Freygeist (entstanden 1756/57. Er-
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stdr. 1758 im Anhang zur Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste. Neuausg. Lpz./Weißenfels 2002), schließt B. mit der Prosaform an Lessings Miß Sara Sampson an. Er inkorporiert die zeitgenöss. Diskussion über die Freigeisterei, die er als ein Kommunikationsproblem zwischen dem ehemals tugendhaften Clerdon u. dessen bestem Freund Granville schildert, der ihn wieder zum bekennenden Christen machen will. Der gegen Clerdon intrigierende Rächer Henley sorgt mit gezielten Verleumdungen dafür, dass das argumentatorische Hin u. Her tragisch endet. Formal ganz neue Wege beschreitet B. in seinem zweiten u. letzten Werk, dem Brutus (entstanden 1757/58. Erstdr. 1768 in der von Karl Wilhelm Ramler u. Karl Gotthelf Lessing besorgten Ausgabe der Trauerspiele des Herrn J. W. v. B. Neuausg. Lpz./Weißenfels 2007). Das Stück ist eines der ersten deutschsprachigen Blankversdramen u. zgl. das erste deutschsprachige Brutus-Drama überhaupt. In den histor. Kern, die Schlacht bei Philippi 42 v. Chr., webt B. einen komplexen Vater-SohnKonflikt ein, der wieder durch einen über Jahre durchgehaltenen Racheplan ausgelöst wird. Der vielschichtige Bau des Stücks zeigt eine deutl. Entwicklung gegenüber dem Freygeist. Die überzeugende Verknüpfung historischer Topoi mit dramat. Effekten, die expressive metaphor. Sprache u. die dynam. Blankverse mit mehrzeiligen Enjambements markieren einen gewichtigen Schritt für die Etablierung des klass. dt. Bühnenverses. Dass B. seine Rächer stets triumphal sterben lässt, führte bei der zeitgenöss. Kritik zu einigem Unverständnis. Es kann jedoch als Vorstufe des Sturm u. Drang gewertet werden, dass sich der junge Autor am stärksten für den Furor seiner Intriganten interessierte, die er mit interessanten Motiven ausstattete. Richtungweisend sind die Stücke auch dadurch, dass sie sich nicht mehr an französischen, sondern an engl. Vorbildern orientieren (v. a. Youngs The Revenge, ferner Moores The Gamester u. Addisons Cato). Der Freygeist erlebte eine Vielzahl von Ausgaben, darunter Übersetzungen ins Russische (1771), Dänische (1772) u. Französische (1785), u. gehörte im 18. Jh. zum Repertoire vieler größerer
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Schauspieltruppen. Der Brutus wurde gleich nach seinem Erscheinen von der Wiener Nationaltheaterbewegung für sich entdeckt u. 1770 am Kärntnertortheater zur Uraufführung gebracht. Das Stück setzte sich letztlich jedoch nicht durch, hauptsächlich wohl aufgrund des damals noch ungewohnten Verses. Literatur: August Sauer: J. W. v. B., der Schüler Lessings. Straßb./London 1878. – Robert R. Heitner: German Tragedy in the Age of Enlightenment. Berkeley/Los Angeles 1963, S. 170–231. Frank Fischer / Jörg Riemer
Brechbühl, Beat, * 28.7.1939 Oppligen. – Schriftsetzer u. Verleger; Verfasser von Lyrik, Prosa u. Jugendbüchern; Grafiker. B. lebt als freier Schriftsteller u. Bildermacher in Pfyn/Kt. Thurgau. In den Jahren 1978–1985 leitete der gelernte Schriftsetzer (u. spätere Herstellungsleiter im Diogenes Verlag in Zürich) den Zytglogge Verlag in Bern. 1980 gründete er den Verlag im Waldgut. Seine Arbeiten zeichnen sich aus durch einen vielseitigen u. unbändigen kreativen Spieltrieb u. die »systemfreie Offenheit allem Begegnenden gegenüber« (Peter von Matt). War B.s lyrisches Debüt (Spiele um Pan. Egnach 1962) noch der in der Schweizer Lyrik der Zeit verbreitet zu beobachtenden Metaphorik aus Natur u. Mythos verhaftet, versuchte er in Lakonische Reden (Stierstadt 1965), Schweizer Postkarten (in: Auf der Suche nach den Enden des Regenbogens. Zürich 1970) u. Branchen-Buch (Köln 1974) an die knappe u. pointierte, sprachbewusste Diktion engagierter Lyriker der sechziger Jahre anzuknüpfen. Zu eigenständigen Tönen (Gesunde Predigt eines Dorfbewohners. Zürich 1966. Die Bilder und Ich. Zürich 1968) fand B. aber v. a. in Einlassungen auf das »lange Gedicht«. Er schlug damit ähnliche Wege ein, wie Walter Höllerer sie in den »Thesen zum langen Gedicht« (Akzente, 2/1965) für lyr. Entwicklungen in der Bundesrepublik beschrieben hatte. Ausgehend von der Autorperson fragt B. nach der Verantwortung u. den Möglichkeiten des Ich in einer konfliktreichen Welt. Das Verhältnis zur Sprache klärt sich auf eine selbstverständliche u. einfach erscheinende Weise: Kommunikationsfähigkeit ist entscheidend,
gegen tradierte Formen muss nicht mehr aufbegehrt werden; die Sprache ist eine alltägliche, gegenwärtige, kann als »Parlando« oder »Aussprache« bezeichnet werden. B. ist sich klar über die Einmaligkeit u. vergängl. Chance jedes Lebens, seine Angst betrifft die »Sorglosigkeit, mit der das Leben vorübergeht / an unseren Türen und Städten, an unseren Körpern, / Jahren und Wünschen«. Die Entfaltung des Reichtums des Individuums im zeitlich bemessenen Jetzt ist der Anspruch, mit dem er der Wirklichkeit begegnet; es geht ihm darum, die Spannung aus Erwartung u. Erfüllung gegen bloßes Vorhandensein zu setzen. Er propagiert unprätentiös die »Lust an der Wirklichkeit«. Der unbändige Lebensanspruch gerät notwendig in Konflikt mit dem gesellschaftl. Umfeld. Aus der Reibung entstehen Gedichte, die über das lyr. Subjekt hinausweisend gesellschaftl. Erscheinungsformen der Gegenwart wie Technokratie, Besitzstreben u. zerstörer. Anmaßungen der Zivilisation infrage stellen. Die vom Autor selbst getroffene Auswahl für den Band Traumhämmer (Zürich/Köln 1977) bietet einen repräsentativen Querschnitt der lyr. Produktion aus zehn Jahren. Der Band Temperatursturz (Bern 1984) enthält u. a. bemerkenswerte zeitkrit. Balladen. Mit seinem 2001 in Zürich erschienenen Gedichtband vom absägen der berge beweist B. nicht nur die Konstanz u. Kohärenz seiner poetischen u. menschl. Positionen, sondern er erobert sich im Umgang mit der Form der Psalmen wiederum neue Ausdrucksmittel u. setzt damit einen weiteren Höhepunkt in seiner umfangreichen lyr. Produktion. Bekannt wurde B. mit dem immer wieder aufgelegten gesellschaftskrit. Kriminalroman Kneuss (Zürich 1970; 1977 verfilmt). Es folgten die Romane Nora und der Kümmerer (Düsseld. 1974) u. Mörmann und die Ängste des Genies (Düsseld. 1976), die auf närrische Weise, anarchisch aufbegehrend u. mit erotischem Spiel gesellschaftl. Übereinkünfte in Frage stellen. Der Band Die Glasfrau und andere merkwürdige Geschichten (Zürich 1985) lässt in scheinbar alltägl. Begebenheiten surreale Momente aufblitzen, die Gewohntes zu Ungewohntem verfremden. Erfolgreich ist B.
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auch mit seinen Kinderbüchern: Den Geschichten vom Schnüff (Zürich/Köln 1976) folgten die Schnüff-Geschichten Dschingis, Bommel und Tobias (Zürich 1986). B. ist Mitgl. des Deutschschweizer PENZentrums, dem er 1993–1999 als Präsident vorstand. Er erhielt zahlreiche, v. a. Schweizer Literaturpreise. Weitere Werke: Die Litanei v. den Bremsklötzen. Bern 1969. – Der geschlagene Hund pisst an die Säulen des Tempels. Zürich 1972. – Meine Füße lauf ich ab bis an die Knie. Pforzheim 1973. – Der Schrittmacher. Sportgedichte. Pforzheim 1974. – Draußen ein ähnl. Mond wie in China. Pfaffenweiler 1975. – B. B. Ein Werkbuch. Zürich 1975 (Textausw. u. Collagen). – Das Plumpsfieber. Zürich 1978. – Lady raucht Gras u. betrachtet ihre Beine. Pforzheim 1979. – Ein verhängtes Aug. Pforzheim 1982. – Die Nacht voller Martinshörner. Haiku u. Senryu. Pforzheim 1984. – Katzenspur, hohe Pfote. Pforzheim 1988. – Josef u. Elisa. Gümligen u. a. 1991. – Liebes Ungeheuer Sara. Zürich u. a. 1991. – Das Wesen des Sommers mit Zuckerfrau. Pforzheim 1991. – Auf dem Rücken des Sees. Weinfelden 1997 (zus. mit Simone Kappeler). – Fußreise mit Adolf Dietrich. Zürich 1999. – Der du die Regenpfeifer gemacht hast: dichten gen Himmel. St. Gallen 2000. – Ameisen füttern. Pforzheim 2000. – Gedichte für Frauen u. Balsaminen. Frauenfeld 2006. Literatur: Elsbeth Pulver: Die siebziger Jahre: Eine neue Schriftstellergeneration. In: Die zeitgenöss. Lit. in der Schweiz 1, Kindlers Literaturgesch. der Gegenwart. Hg. Manfred Gsteiger. Ffm. 1984. – Bruno Weder: B. B. In: KLG. – Uta Rupprecht: B. B. In: LGL. – Schweizer Literaturgesch. Die deutschsprachige Lit. im 20. Jh. Hg. Klaus Pezold. Lpz. 2007. Birgit Lönne
Brecht, Bert(olt), eigentl.: Eugen Berthold Friedrich B., auch: Berthold Eugen, Kinjeh, * 10.2.1898 Augsburg, † 14.8.1956 Berlin/DDR; Grabstätte: Berlin, Dorotheenstädtischer Friedhof. »Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern«, stilisierte B. in dem Gedicht Vom armen B. B. seine Herkunft, um sich von seiner Geburtsstadt Augsburg zu distanzieren. Der Vater Berthold Friedrich Brecht stammte aus Achern/Schwarzwald, war kaufmänn. Angestellter in Augsburg u. stieg 1914 zum kaufmänn. Direktor der Haindl’schen Papierfa-
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brik auf. Die Mutter Sophie, geb. Brezing, kam aus Schwaben. B.s Geburtsort, der seinen Glanz als frühbürgerl. Handelsmetropole verloren hatte u. gegenüber München u. Nürnberg provinziell geworden war, galt als Hauptstadt des schwäb. Landesteils von Bayern. Die schwäb. Mundart setzte B. in seinem poet. Werk zeitlebens produktiv um. Das Kind wuchs zunächst in klein-, dann gutbürgerl. Verhältnissen auf, erhielt aber vom Elternhaus, in dem es nur wenige Bücher gab, kaum literar. Anregungen. Die übliche Schulausbildung absolvierte B. als durchschnittl. Schüler. 1922 schrieb er rückblickend: »Die Volksschule langweilte mich vier Jahre. Während meines neunjährigen Eingewecktseins an einem Augsburger Realgymnasium gelang es mir nicht, meine Lehrer wesentlich zu fördern. Mein Sinn für Muße und Unabhängigkeit wurde von ihnen unermüdlich hervorgehoben.« Die enge Bindung des Unterrichts an die christl. Erziehung machte B. früh mit der Lutherbibel vertraut, deren Lektüre nachhaltigen Eindruck hinterließ u. das literar. Interesse in ihm weckte. Der Lateinunterricht konfrontierte ihn mit dem antiken Rom, das in seinem Werk als römische Tradition lebendig bleiben sollte. Die lat. Syntax, später von B. bewusst angewendet (Partizipialkonstruktionen, v. a. das Partizip Präsens), prägte den Duktus seiner Sprache nachhaltig. Nach dem Abitur 1917 schrieb sich B. in München als Student der Medizin u. der Naturwissenschaften ein, ohne jedoch das Studium ernsthaft aufzunehmen (1921 exmatrikuliert). Er war fest entschlossen, seine dichter. Neigungen beruflich zu verfolgen, verfasste Theaterkritiken u. besuchte das Theaterseminar von Artur Kutscher, das ihn zu seinem ersten Drama Baal anregte. Es gelang ihm, mit verschiedenen Verlagen Verträge abzuschließen. Die Abenteuer-Erzählung Bargan läßt es sein (Mchn. 1921) machte B. erstmals überregional bekannt. Sein Drama Trommeln in der Nacht, 1922 in München uraufgeführt, brachte ihm im selben Jahr den Kleist-Preis ein. Der Kritiker Herbert Ihering schrieb in seiner Laudatio: »Der vierundzwanzigjährige Dichter Bert Brecht hat über Nacht das dichterische Antlitz Deutschlands
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verändert.« Ein Dramaturgenvertrag an den Münchner Kammerspielen folgte (bis 1924). B., dem München zu konservativ u. nationalistisch wurde (SA-Aufmärsche, Hitlerputsch), zog es in die Metropole Berlin. Seit 1921 suchte er Kontakte zu Berliner Theatern, 1924 übersiedelte er endgültig in die Hauptstadt. Dort erhielt er am Deutschen Theater (Leitung: Max Reinhardt) die Stelle eines Dramaturgen u. konnte auch eigene Stücke inszenieren (1924–1926). Die Erfahrung der Großstadt, ihrer Anonymität u. ihrer versachlicht-veräußerlichten Lebensweise bestimmte von da an sein poet. Werk. Freundschaften mit linksgerichteten Künstlern u. Publizisten (Arnolt Bronnen, George Grosz, Fritz Sternberg, Sergej Tretjakow u. a.) brachten ihn zunehmend in Opposition zur Weimarer Republik. Dabei erkannte er, dass die ökonom. Verhältnisse u. der rasante techn. Fortschritt, den er als revolutionär einschätzte, die entscheidenden Bedingungen für das menschl. Zusammenleben bildeten. Zunehmend begann er, sich für die gesellschaftl. Zusammenhänge zu interessieren u. sie in seinem Werk zur Sprache zu bringen. Er nannte dies: »wie die Wirklichkeit selber sprechen«. Dies führte Ende der 1920er Jahre zu einer zunehmenden Politisierung B.s, die ihn auch in die Nähe des Marxismus, von ihm verstanden als Theorie der gesellschaftl. Wirklichkeit, brachte u. sein Interesse an Marx weckte, dessen Werke er sich weitgehend mündlich vermitteln ließ, u. a. durch den Besuch von Vorlesungen, die Karl Korsch, der 1926 wegen »Revisionismus« aus der KPD ausgeschlossen worden war, in Berlin anbot. 1924 hatte B. drei Kinder mit drei Frauen: den Sohn Frank (1919) mit der Jugendliebe Paula Banholzer, deren Eltern sich einer Heirat widersetzten; die Tochter Hanne (1923) mit der Sängerin Marianne Zoff, die er 1922 geheiratet hatte (1927 geschieden) u. den Sohn Stefan (1924) mit der Schauspielerin Helene Weigel, mit der er 1929 die Ehe einging; das vierte Kind B.s, die Tochter Barbara, brachte Weigel 1930 zur Welt. Die Beziehung zu Frauen, mit deren Liebe B. stets ein intensives Arbeitsverhältnis verband, spielte für seine Produktivität eine entschei-
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dende Rolle. Neben vielen weiteren (wechselnden) Mitarbeitern benötigte er sie für seine Arbeitsweise im Kollektiv. Indem B. die Poesie als »Ausdrucksmittel« eines bürgerl. Individuums ablehnte, versuchte er – nach dem Vorbild der Theaterarbeit – die dichter. Produktion vom Einzelnen abzulösen u. zum »Bau gemeinsamer Werke« zu gelangen. Seine wichtigsten Mitarbeiterinnen wurden die Lehrerin Elisabeth Hauptmann (ab 1925), die eine Anstellung als Lektorin beim Kiepenheuer Verlag erhielt, die Arbeitertochter Margarete Steffin (1931–1941) sowie die dänische Schauspielerin Ruth Berlau (ab 1933). 1928 brachte ihm die Uraufführung der Dreigroschenoper den durchschlagenden Erfolg in Berlin, ein Erfolg, der zur Legende wurde u. B. als »Stückeschreiber«, wie er sich gern nannte, durchsetzte. Die Spielstätte der Uraufführung, das Theater am Schiffbauerdamm, stand ihm von da an (bis 1932) für seine Experimente zur Verfügung. Daneben schuf B. mit den Komponisten Kurt Weill u. Paul Hindemith zusammen einen neuen Spieltypus, das »Lehrstück« (ein Neologismus B.s), das 1929 bei der »Deutschen Kammermusik Baden-Baden« mit dem Lindberghflug u. dem Lehrstück (später: Badener Lehrstück vom Einverständnis) erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Es handelte sich um ein Genre der »Neuen Musik«, die unter dem Schlagwort »Gebrauchsmusik« stand u. eine neue Verbindung von Dichtung u. Komposition herstellte sowie darüber hinaus die Trennung von Darstellern u. Publikum aufheben u. zu einem künstler. Gemeinschaftserlebnis führen sollte. Die freundschaftl. Verbindung zu Hanns Eisler, die 1930 einsetzte, führte zur Fortführung des avantgardist. Experiments in Berlin mit Die Maßnahme, ein Lehrstück, durch das B. (bis heute) als Kommunist identifiziert worden ist, obwohl er ein scharfer Kritiker der KPD-Politik war u. die KPD ihrerseits das Stück als »revisionistisch« ablehnte. Am Tag nach dem Reichstagsbrand (27.2.1933) ging B. mit seiner Familie in die Emigration. Nach verschiedenen Stationen (Prag, die Schweiz, Paris) bezog er im Dez. 1933 ein Haus bei Svendborg auf der dän. Insel Fünen. Hier lebte er mit Unterbre-
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chungen bis 1939. 1935 wurde ihm die dt. Staatsbürgerschaft aberkannt. Vom Publikum u. von der prakt. Theaterarbeit abgeschnitten, begann eine von außen aufgezwungene, intensive Phase seiner poet. Produktion. Sie stand fast ausschließlich im Dienst des antifaschist. Kampfes, dem er sich zus. mit Walter Benjamin, Karl Korsch, Hanns Eisler u. a. widmete. An der Öffentlichkeitsarbeit beteiligte sich B. z.B. als Mitherausgeber der Moskauer Exilzeitschrift »Das Wort«, in der er auch einen Teil seiner Arbeiten publizierte. Über Schweden (1939) u. Finnland (1940/41) flüchtete er vor dem sich ausbreitenden Krieg in die USA (Santa Monica, 1941–1947). Obwohl ihn sein Fluchtweg über die Sowjetunion führte – er ließ dort seine todkranke Mitarbeiterin Steffin zurück –, vermied er es, anders als z.B. der kommunistisch orientierte Schriftsteller Johannes R. Becher, sie zum Land seines Exils zu wählen. Seine Haltung zu Stalin u. der Eskalation dessen Terrors war widersprüchlich u. herausfordernd: Einerseits verurteilte er zwar Stalins Politik gegenüber Freunden (Walter Benjamin), andererseits rechtfertigte er dessen »Säuberungsaktionen« angesichts des zunehmenden Hitlerterrors sowie der Erwartung, dass Hitler die Sowjetunion überfallen werde u. nur Stalin der Garant für eine wirksame Verteidigung sei. Obwohl er auch rechtfertigende Kommentare zur Ermordung seines Freundes Tretjakow (1938) u. zu den Moskauer Prozessen abgab, fühlte er sich in der Sowjetunion mit Recht persönlich gefährdet, wurde er doch vom sowjet. Geheimdienst als »Linksabweichler« überwacht. Hinzu kam, dass er durch die – bereits 1934 auf dem »Allunionskongreß« formulierte – Kunstdoktrin des »Sozialistischen Realismus« keine Möglichkeit sah, dort seine Anschauungen durchzusetzen u. frei zu arbeiten. Die kapitalistischen USA, auf die er mit zunehmender Verachtung reagierte, waren für ihn das kleinere Übel. B.s Versuche, sich den amerikan. Verhältnissen anzupassen u. in Hollywood als Drehbuchautor tätig zu werden, hatten nur mäßigen Erfolg oder wurden, wie im Fall von Fritz Langs Film Hangmen Also Die vorsätzlich sabotiert. Als Autor u. Stückeschreiber
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konnte er sich nicht etablieren, da sich die amerikan. Kulturindustrie für B.s Theater nicht interessierte. Die Theaterarbeit mit Charles Laughton am Leben des Galilei (1945–1947) blieb Episode u. hatte beim Publikum auch nur mäßigen Erfolg. Stattdessen setzte er seine schriftstellerische Arbeit – u. a. mit Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Eric Bentley, Hanns Eisler, Paul Dessau – im Hinblick auf das Kriegsende u. die Rückkehr nach Deutschland fort. Die Rückkehr erfolgte 1947 über die Schweiz, in der er – trotz aller Bemühungen – kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht erhielt. Auch seine Pläne, sich in Salzburg als Regisseur oder gar Direktor der Festspiele zu etablieren, scheiterten an polit. Vorurteilen gegenüber dem Dichter. Da er zudem Einreiseverbot in die Westzonen hatte, blieb ihm 1949 nur der Ostsektor von Berlin, das vor der Teilung noch Berlin-Mitte war u. wo die wichtigsten Spielstätten angesiedelt waren. Seine 1950 erworbene österr. Staatsbürgerschaft sollte ihn für das gesamte Deutschland, an dessen Zustandekommen er bis zuletzt geglaubt hatte, offen halten. B. setzte sich zwar für den Aufbau des Sozialismus in der DDR ein, war jedoch von Beginn an der heftigste Kritiker der Methoden. Er vertrat prinzipiell eine Revolutionierung »von unten« (auch poetisch z.B. mit Die Tage der Kommune. 1949. Urauff. Bln./DDR 1956), kritisierte die Etablierung des Funktionärsstaats, den er nach dem 17. Juni 1953 als »Naziapparat« qualifizierte, u. versuchte – z.T. unter erhebl. Schwierigkeiten – seine Kunstauffassung gegen die des offiziell vertretenen »Sozialistischen Realismus« durchzusetzen. Obwohl B. außergewöhnl. Arbeitsbedingungen erhielt, die freilich in ganzem Umfang erst ab März 1954 mit der Überlassung des Theaters am Schiffbauerdamm gegeben waren, u. obwohl er offiziell geehrt wurde, wurden seine Arbeiten von der DDRKultusbürokratie u. vom Politbüro des SED (insbes. von Walter Ulbrich) während seiner Lebenszeit offen u. im Geheimen angegriffen, boykottiert, bespitzelt u. als unkünstlerisch bzw. »primitiv« abgelehnt. 1949 gründete Helene Weigel das »Berliner Ensemble« (BE), das bis 1954 als Gast unter
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misslichen Bedingungen im Deutschen Theater arbeiten musste. Mit dem BE bot sich für B. die Möglichkeit, durch Modellinszenierungen seiner u. fremder Stücke seine Vorstellungen von einem neuen »epischen Theater« zu realisieren. 1950 wurde er Mitgl. der Deutschen Akademie der Künste in Berlin/DDR, 1951 erhielt er den Nationalpreis der DDR, 1954 den Stalin-Friedenspreis. Obwohl B.s Bedeutung u. Wirkung im Wesentlichen auf den Dramen beruhen, umfasst sein Werk auch alle anderen Gattungen der Literatur: Lyrik, Erzählung, Roman, Epos (Versifizierung des Kommunistischen Manifests von Marx u. Engels), Tagebuch (in Form von montierten Journalen), literatur-, dramentheoretische u. philosophisch-gesellschaftl. Schriften sowie die Medien, Hörfunk (Der Lindberghflug. Radiolehrstück) u. Film (Kuhle Wampe. 1931). Das poet. Werk präsentiert sich als Zeitdichtung. Viele seiner Dichtungen stellen Gegenentwürfe zu bereits Vorhandenem (Tradition) dar u. sind zgl. Auseinandersetzungen mit Ereignissen der Zeit. Ihre Gültigkeit u. damit ihre prinzipielle Abgeschlossenheit als autonome Kunstwerke bestritt B. dadurch, dass er sie als Versuche (Name der Publikationsreihe der Werke seit 1930) deklarierte. Er bearbeitete, veränderte u. aktualisierte bei allen sich bietenden Gelegenheiten, sodass viele seiner Texte, in erster Linie der Stücke, in mehreren – z.T. radikal veränderten – Fassungen vorliegen, womit der »Werk«-Begriff der bürgerl. Ästhetik endgültig verabschiedet wurde. Andere Arbeiten blieben Fragmente (Buch der Wendungen. Der Tuiroman. Der Messingkauf. 1937–55) u. gewinnen gerade dadurch ihre eigentl. Bedeutung. Auch die Lyrik arbeitete B. für Ausgaben oder Drucke um u. fasste sie teilweise neu. Veränderung u. Veränderbarkeit sind die grundlegenden Kategorien für B.s Werk u. seine Inhalte. Literarisch beeinflusst wurde er schon früh durch Knut Hamsun, Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind u. v. a. durch François Villon u. die »poètes maudits« Arthur Rimbaud u. Paul Verlaine. Wedekind, der im Ruf eines unsittl. Dichters stand, war für ihn als Dramatiker u. Lyriker Vorbild für sein antibürgerl. u. provozierendes Auftreten, das er von
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Beginn an pflegte u. später politisierte. Mit den Franzosen, v. a. mit dem Vaganten Villon, mit dessen Leben in Freiheit u. Unmoral, identifizierte B. seine anarchist. Haltung, die zunächst die Loslösung von seiner bürgerl. Herkunft förderte u. von ihm dann in den 1920er Jahren gesellschaftskritisch gewendet wurde. Ihre nachhaltige Wirkung bleibt auch in seinen späten Werken spürbar. Durch den Komiker Karl Valentin, in dessen Kabarett B. auftrat, lernte er die Durchschlagskraft volkstümlich-populärer Kunst sowie Parodie u. Satire kennen. Noch der späte B. kennzeichnete sich mit Vorliebe als »satirischen Schriftsteller«. Schon der 15-Jährige übte sich systematisch im Handwerk der Dichtung (dokumentiert im Tagebuch No. 10) u. mied von vornherein die – bei angehenden Dichtern übliche – »Ausdruckskunst«, die durch die Wiedergabe von persönl. Gefühlen, Erlebnissen, Gedanken geprägt ist. Um publiziert zu werden, schloss er sich – mit dem Kopieren von zeitgenössischen Mustern – dem »deutschen Aufbruch« in den Ersten Weltkrieg öffentlich an, während er privat polit. Desinteresse praktizierte. Bereits im Baal (1. Fassung 1918. Urauff. Lpz. 1923), der einen Augsburger »poet maudite« gleichen Namens zum Vorbild hatte, gelang B. in der Figur des Bohemiens u. Vagabunden die Gestaltung eines neuen Menschentypus: Baal ist der »Lebensverbraucher«, der sich u. andere Menschen rigoros »auslebt«. Als Ungläubiger u. Materialist weist er alle metaphys. Beruhigung von sich, als zynischer Lebensbejaher kostet er sein Leben u. das der ihm begegnenden Menschen in vollen Zügen aus u. vernichtet es: »Laßt euch nicht verführen! / Zu Fron und Ausgezehr! / Was kann euch Angst noch rühren? / Ihr sterbt mit allen Tieren / Und es kommt nichts nachher.« Auch das Stück Trommeln in der Nacht (1919) stellt eine Herausforderung an die bürgerl. Gesellschaft seiner Zeit dar. In der Form des expressionist. Heimkehrerdramas entwirft B. ein krit. Bild des Bürgertums, das das Kriegsende u. die (verratene proletarische) Revolution von 1918/19 dazu benutzt, seine Pfründe erneut zu sichern. Die Novemberrevolution u. die Spartakusaufstände qualifiziert B. über die
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Legende vom toten Soldaten, die im Stück vorgetragen wird, als Fortführung des Kriegs, der sich der Kriegsheimkehrer Kragler, zur Vernunft gekommen, verweigert. Theatralisch endet das Drama mit der erstmals angewendeten Technik der Desillusionierung: »Es ist gewöhnliches Theater. Es sind Bretter und ein Papiermond und dahinter die Fleischbank, die allein ist leibhaftig.« In Mann ist Mann (1924–26. Urauff. 1926) konfrontierte B. seine Zeit mit dem von ihr geschaffenen Typus des auswechselbaren Individuums, dem »Gummimenschen«. Angesiedelt im scheinbar fernen Indien, zeigt das Stück den Verlust der Persönlichkeit, wie ihn die kapitalist. Industriegesellschaft durch Anonymität, Arbeitsteilung u. Kulturindustrie hervorgebracht hat. Die »Verwandlung« des Packers Galy Gay in die »menschliche Kampfmaschine« Jeraiah Jip beurteilte B. zunächst (1. Fassung 1926) positiv. Indem der Mensch seine Individualität aufgibt u. den gesellschaftl. »Tod« stirbt, geht er in der Anonymität der Masse auf u. gewinnt sich »in seiner kleinsten Größe« neu zurück. Als Massenmensch meistert er die menschenverachtenden Realitäten dadurch, dass er sie auf sie selbst anwendet. Später konfrontiert mit den brutalen Schlägertrupps der Nationalsozialisten, veränderte B. die Figur ins Negative, indem er die Schlussszenen des Stücks 1931 neu bearbeitete. Jeraiah Jip wird das willenlose, unmenschl. Werkzeug der neuen Barbarei. Als Gegenentwurf zu John Gays Beggar’s Opera (1728) entstand 1928 das satir. Spektakel Die Dreigroschenoper mit der Musik von Kurt Weill. Sie zeigt die bürgerl. Gesellschaft als ausbeuterisches Raubsystem, das sich hinter der Maske der Wohlanständigkeit versteckt. Der Protagonist, der Räuber u. Mörder Macheath, Mackie Messer genannt, entwickelt den Hang, sein verbrecherisches Treiben durch bürgerl. Verhalten zu veredeln. Die typisch banale Handlung ist als Nummernoper mit eingestreuten Liedeinlagen realisiert. Die Einsicht in die Auswechselbarkeit von Bürger u. Räuber rettet Macheath am Ende vor dem Galgen: Die Gesellschaft kann ihre »Repräsentanten« nicht fallen lassen. Der Erfolg der Oper hängt we-
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sentlich mit Kurt Weills Vertonungen zusammen. Die Moritat von Mackie Messer oder das Lied der Seeräuberjenny wurden Schlager. Die Absicht des satirisch-krit. Stücks kehrt die Rezeption in ihr Gegenteil um: Am Ende der »Goldenen Zwanziger« feiert das Weimarer Bürgertum das Huren- u. Gangstermilieu der Oper als laszives Gesellschaftsspiel. Gegen B.s Versuche nach dem Zweiten Weltkrieg, durch Neufassungen der Songs das Stück auch auf die NS-Zeit zu beziehen, setzte sich der Unterhaltungswert der Oper erneut durch u. leitete B.s Nachkriegswirkung bruchlos ein. Ende der 1920er Jahre entwickelte B. den Spieltypus der Lehrstücke, den er – auch angesichts des Erfolgs der Dreigroschenoper – dem kulinar. Schautheater der Zeit entgegensetzte. Es handelt sich um eine (fast) geschlossene Stückfolge: Zu Lindberghflug u. Lehrsstück kommen Der Jasager (Urauff. Bln. 1930), Der Jasager und der Neinsager (Urauff. Bln. 1930), Die Maßnahme (Urauff. 1930), Die Ausnahme und die Regel (1930. Urauff. Givat Chaim/Palästina 1938) sowie später noch Die Horatier und die Kuriatier (1934. Urauff. Halle/DDR 1958) hinzu. B. wollte mit den Stücken die gewohnte Konsumentenhaltung des Zuschauers aufbrechen, zunächst im Hinblick auf die Distributionsfunktion der neuen Medien (Rundfunk), die er wieder in Kommunikationsapparate verwandeln wollte, dann im Hinblick auf den Zuschauer selbst, der in einen Mitspieler verwandelt werden sollte – mit der Konsequenz, dass das Lehrstück auch ohne Publikum auskommen konnte. Verbunden damit ist die Theorie einer politischästhet. Erziehung, mit der die Darstellenden angehalten werden, indem sie in gezielt einfacher Handlung realisierte Experimentalsituationen durchspielen (meist Grenzsituationen), um Einsichten (damals »Lehren« genannt) in ihr eigenes Verhalten zu den gesellschaftl. Realitäten zu gewinnen. Die Lehrstücke mussten Episode bleiben, weil die polit. Zustände am Ende der Weimarer Republik eine angemessene prakt. Umsetzung der Stücke verhinderten. Ihre künstlerische wie spieler. Radikalität ist bis heute nicht eingeholt.
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Das erste Stück, das eine ökonom. Spekulation, die weder die Betroffenen noch die Akteure verstehen, zum eigentl. Helden der Handlung macht, ist Die heilige Johanna der Schlachthöfe (1929–31). Es basiert auf alten Plänen, die Hintergründe der kapitalist. Ausbeutung u. die Vorgänge an der Börse dramatisch zu veranschaulichen u. verband sie mit der Geschichte des Heilsarmee-Mädchens Johanna Dark. Johanna will die Ursachen für das Elend der Arbeitermassen in Chicago ergründen u. stößt dabei auf die menschenverachtenden Verhältnisse ihrer Gesellschaft. Ihr Entschluss, sich den streikenden Arbeitern anzuschließen, scheitert an ihrer Schwäche. Sie verrät den Streik u. kann dadurch von den Ausbeutern als Retterin des Systems glorifiziert u. heiliggesprochen werden. Ihre Einsicht, dass nur Gewalt hilft, wo Gewalt herrscht, kommt zu spät. Die heilige Johanna wurde am Ende der Weimarer Republik nicht mehr aufgeführt. Die späte Uraufführung durch Gustaf Gründgens 1959 in Hamburg jedoch setzte das Werk postum als »klassisches« Werk B.s durch. Gleichzeitig entwickelte B. mit der Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (1929/30) seine sog. »Theorie vom epischen Theater«, die er freilich nicht systematisch ausführte u. bei der Theaterarbeit grundsätzlich nicht bemühte. Er stellte dem »Handelnden« der dramat. Form das »Erzählende« der epischen Form des Theaters gegenüber. Gegen die Verwicklung des Zuschauers in die Aktion setzte er dessen betrachtend distanzierte Haltung. Die Vermittlung des bloßen Erlebnisses ersetzte er durch die eines reflektierenden Beobachtens, das Gefühl durch die Ratio, freilich nicht ohne zu betonen, dass es sich nicht um nicht um starre Gegensätze, sondern um Akzentverschiebungen handle. In Die Mutter (1931. Urauff. Bln. 1932), einer Dramatisierung des Romans von Maxim Gorki (1907), wählte B. erstmals konsequent eine Dramaturgie, die die »Einfühlung« des Zuschauers in die dramat. Figur nicht ausschloss, jedoch durch Illusionsbrüche sowie erzählend-distanzierte Darstellungsweisen auch zu Kritik u. Reflexion führte. B. strebte keine Gefühllosigkeit oder bloß rationale Haltung an, sondern versuchte ein neues
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Gefühl zu provozieren, das die dargestellten Figuren u. Vorgänge nicht mehr bewusstlos hinnahm, das vielmehr aus reflektierter Einsicht u. bewusstem Verständnis zu Engagement u. Parteinahme herausforderte. Ab 1936 benutzte B. für die Beschreibung seines »epischen Theaters« den Begriff der »Verfremdung« bzw. (für die darstellerischen Mittel) den des »Verfremdungs-Effekts« (auch »V-Effekt« genannt). B.s Definition lautet: »Einen Vorgang oder einen Charakter verfremden, heißt zunächst einfach, dem Vorgang oder dem Charakter das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende zu nehmen und über ihn Staunen und Neugierde zu erzeugen« (Über experimentelles Theater. 1939). Gemeint ist eine Absage an alle »Widerspiegelung«, die bloß abbildet, was ohnehin sichtbar ist. Durch bewusst eingesetzte ästhet. Mittel sollen vielmehr die »Vorgänge hinter den Vorgängen« veranschaulicht u. so als die eigentl. Wirkungskräfte von Realität ins künstler. Bild gebracht werden (Sichtbarmachung des gesellschaftlich Unsichtbaren). Da die »Verfremdung« zgl. den Kunstcharakter der Darstellung betont, konkret im Drama: das Spiel auf der Bühne als eingeübtes u. künstlerisch gestaltetes Spiel regelrecht ausstellt, haben die Verfremdungs-Effekte zgl. die Tendenz zum Komischen. Freilich meint Komik hier nicht traditionell das auf einem Missverhältnis von Sein u. Schein basierende Lachen, sondern die Darstellung von gegenwärtigen, noch wirksamen Verhältnissen vom Standpunkt einer »zukünftigen Epoche« aus, u. zwar so, dass ihr »Ernst«, den sie (noch) beanspruchen, als bereits vergangen u. deshalb als überholt bzw. als bloße Anmaßung denunziert wird. Was historisch überlebt ist, wirkt – erhebt es den Anspruch, noch gültig zu sein – zum Lachen bzw. lächerlich. B. prägte nach dem Krieg (1948) dafür den Begriff des »gesellschaftlich Komischen«. Die Theorie des »epischen Theaters« ist verbunden mit der Ausarbeitung eines eigenen Realismus-Konzepts, das B. v. a. während der Exilzeit u. in Auseinandersetzung mit der Position von Georg Lukács (sog. »Expressionismusdebatte«, 1938) entwickelte. Sein Leitsatz »Über literarische Formen muß man
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die Realität befragen, nicht die Ästhetik, auch nicht die des Realismus« wendet sich gegen die Propagierung innerliterarischer Vorbilder u. fordert die Ausbildung von künstler. Formen nach den jeweiligen realen Gegebenheiten u. Möglichkeiten der Zeit, u. zwar auch deren Technik u. Massenmedien (Stichwort »Technifizierung« der Künste). B. betonte: »Dazu ist aber Kunst nötig.« Bestimmend bleibt, dass Kunst in erster Linie Vergnügen (auch häufig »Spaß« genannt) bereiten muss: »Ein Theater, in dem man nicht lachen kann, ist ein Theater, über das man lachen soll.« B.s Exil-Stücke entstanden weitgehend ohne Kontakt zum Theater u. konnten dadurch, da B. meinte, dass erst die Bühne über den Abschluss eines Stücks entscheiden könnte, nicht fertiggestellt werden, sodass alle, von der traditionellen Forschung als die »großen epischen Dramen« eingeschätzten Stücke des Exils unerprobte Texte, d.h. unfertig, sind. »Das Wichtige war der Theaterabend, der Text hatte ihn lediglich zu ermöglichen; in der Aufführung fand der Verschleiß des Textes statt, er ging in ihr auf wie das Pulver im Feuerwerk!« (Aufbau einer Rolle. 1955). Theaterabende aber fanden im Exil nur in Ausnahmefällen statt. Mit Leben des Galilei (1. Fassung 1938/39. Urauff. Zürich 1943) kehrte B. mit der Form der dramat. Biografie teilweise zur traditionellen Dramatik zurück. Die histor. Größe der Titelfigur steht spannungsvoll gegen die Verurteilung ihres Verrats an der Wissenschaft. B. deutete Galileis Widerruf vor der Inquisition in der ersten Fassung als Selbstauslöschung des Wissenschaftlers. Galileis Erkenntnisse werden »enteignet«, die Wissenschaft muss sich ohne ihn durchsetzen. B.s damalige Annahme, dass sich die wiss. Wahrheit unabhängig von der Person, die sie entdeckt, verbreitet, wurde desillusioniert, als die neue Wissenschaft der Physik in Gestalt der Atombombe Weltgeschichte machte. Der Galilei der ersten Fassung wurde in der Neubearbeitung des Stücks mit Charles Laughton als Verbrecher u. Verräter seiner Wissenschaft gebrandmarkt. Er figuriert im histor. Fall den prinzipiellen »Sündenfall« der Physik: Die Wissenschaft verkauft sich an die Politik u. überlässt ihr die Anwendung.
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»Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschritt von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, daß euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte.« Mit Mutter Courage und ihre Kinder schrieb B. 1939 sein zum »Klassiker« gewordenes Antikriegsstück (Urauff. Zürich 1941). In der Übernahme einer Figur von Grimmelshausen zeichnete er den Weg der Marketenderin Anna Fierling durch den Dreißigjährigen Krieg nach u. mit ihm den Krieg als »Fortsetzung der Geschäfte mit anderen Mitteln«. Die Versuche der Courage, am Krieg »ihren Schnitt« zu machen, bezahlt sie mit dem Verlust ihrer drei Kinder u. ihrer Habe. Ohne Einsicht, dass sie mit ihrem Verhalten den Krieg unterstützt u. am »Leben« erhält, zieht sie am Ende allein weiter, Täterin u. Opfer zugleich. Das Stück wendet als »Chronik« die epische Technik konsequent an. Im Couragemodell 1949, der ersten Arbeit des BEs, hielt B. seine Vorstellung vom Stück musterhaft fest. Die Inszenierung von 1949, bei der B. selbst Regie führte, wurde der durchschlagende Publikumserfolg u. leitete die Weltgeltung des »epischen Theaters« ein (u. a. durch das Gastspiel 1954 in Paris). Von der DDR-Kritik freilich wurde Helene Weigels Spiel in der Titelrolle als »Niobetragödie« aufgenommen, ihre Verkörperung als »erschütternde Lebenskraft des Muttertiers« angesehen, was weder Weigels Darstellung noch dem Text entsprach. Das Schlussbild – die Courage spannt sich allein vor ihren Wagen u. zieht ihn mit schwerem Schritt im Kreis der Drehbühne – erlangte den Ruhm einer archetyp. Darstellung menschl. Leidens u. menschl. Ausweglosigkeit. Der gute Mensch von Sezuan (1939–41. Urauff. Zürich 1943) gestaltet die Handlung als gesellschaftswiss. Experiment, angesiedelt in einem scheinbar fernen, poet. China. Drei Götter kommen auf die Erde u. wollen ihre Welt als gute Einrichtung gerechtfertigt sehen, wenn auf ihr ein guter Mensch leben kann. Sie finden zwar in der Prostituierten Shen Te ihren guten Menschen, sie kann je-
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doch die Güte nur durch ihre Verwandlung in den bösen Vetter Shui Ta gesellschaftlich durchsetzen. Im Verlauf der Handlung dominiert die Maskierung des Shui Ta immer mehr, bis Shen Te hinter ihr ganz verschwindet. In einer abschließenden Gerichtsverhandlung entdecken die Götter in Shui Ta ihren guten Menschen, verschwinden in ihr Jenseits, überlassen Shen Te sich selbst u. ihrer gesellschaftl. Ächtung. Der Epilog überantwortet den (nur scheinbar) »offenen Schluß« den Zuschauern u. hält sie an, selbst das gute Ende zu finden, und zwar in ihrer eigenen sozialen Wirklichkeit. Theatralisch greift B. auf das Muster der Renaissance-Komödie u. der Hosenrolle zurück. Die Doppelrolle der Shen Te soll zeigen, dass in kapitalist. Verhältnissen der Mensch nur in der Rolle des Ausbeuters u. Menschenschinders überleben kann, die Frau folglich, will sie durchkommen, zum besten Mann werden muss (Kritik des traditionellen Patriarchats). Die Entrückung des Geschehens in die chines. Fremde sowie die Maskierung der Hauptfigur stellen die theatralisch anschaulichste Form der B.’schen »Verfremdungs-Theorie« dar. Eine weitere archetyp. Figur schuf B. in seiner Komödie Herr Puntila und sein Knecht Matti (1940. Urauff. Zürich 1948), die im finnischen Exil entstand u. auf ein Erlebnis seiner Gastgeberin Hella Wuolijoki zurückging. Puntila, Besitzer eines Gutshofs, pflegt sich in betrunkenem Zustand mit seinem Gesinde »gemein« zu machen, um dann in den »Anfällen von Nüchternheit« seine bewusstlosen Entschlüsse wieder zurückzunehmen. Gegenspieler ist der – in feudalen Verhältnissen Finnlands – als Proletarier gezeichnete Knecht Matti, der Puntila durchschaut u. ihn am Ende verlässt. Obwohl B. Puntilas trunkene Kumpanei als das nur scheinbar menschl. Antlitz rücksichtsloser Willkürherrschaft entlarven wollte, hat sie im Gegenteil gerade als Ausdruck seiner eigentl. Freundlichkeit u. Menschlichkeit gewirkt. Als Gestaltung (angeblich) urwüchsiger volkstüml. Lebenskraft nahmen Kritik u. Publikum das Stück ab 1949 auf, das B. zu einem seiner nachhaltigsten Theatererfolge verhalf.
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Als Parabel einer mögl. Erneuerung der gesellschaftl. Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland verfasste B. am Kriegsende den Kaukasischen Kreidekreis (1944. Urauff. Northfield/Minnesota 1948). In der Leidensgeschichte der Magd Grusche, die das Kind ihrer Herrschaft rettet u. als eigenes aufzieht, thematisiert das Stück das Besitzrecht der Arbeitenden u. Dienenden am »Produkt« ihrer Tätigkeiten. In der Kreidekreisprobe nach dem bibl. Muster Salomos erhält am Ende nicht die leibl. Mutter das Kind zugesprochen, sondern Grusche, die es aufgezogen u. damit zu »ihrem« Kind gemacht hat: »Daß da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind, also / Die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen / Die Wagen den guten Fahrern, damit gut gefahren wird / Und das Tal den Bewässerern, damit es Frucht bringt.« Die dramat. Tätigkeit B.s nach dem Krieg war hauptsächlich von prakt. Theaterarbeit bestimmt, die sich in vielfältigen Bearbeitungen u. Modellinszenierungen fremder Stücke niederschlug: Die Antigone des Sophokles (1948. Urauff. Chur 1948), Der Hofmeister nach Lenz (1949. Urauff. Bln./DDR 1950), Coriolan nach Shakespeare (1950/51. Urauff. Bln./DDR 1962), Don Juan nach Molière (1952–54. Urauff. Rostock 1950) u. a. Die Arbeit galt in erster Linie der Wiederherstellung eines »Standards« in der Schauspielkunst. Diese sah B. in der »Ästhetisierung der Politik« durch das »Einfühlungs- und SuggestionsTheater«, das die Nationalsozialisten in der alltägl. Wirklichkeit mit aller Rücksichtslosigkeit gespielt hatten, als grundsätzlich korrumpiert an. Dieser Ästhetisierung der Politik stellte B. seine »Politisierung der Ästhetik« entgegen, die das Ziel haben sollte, nach der Erfahrung der Barbarei zu einem menschlicheren Zusammenleben zu kommen. Mit über 2300 Gedichten war B. der produktivste Lyriker seiner Zeit u. – nach Goethe – in der dt. Literaturgeschichte überhaupt. Obwohl er auch in der Lyrik den »Ausdruck« von Persönlichkeit mied, die übliche lyr. Gefühlshaftigkeit u. Stimmung missachtete u. keinen einheitlich gestimmten subjektiven Ton entwickelte, gewinnen seine Gedichte
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durch Vielfalt an Motiven, Bildern, Sprache u. durch themat. Reichtum ihre unverwechselbare Eigenart, ohne den lyr. Ton grundsätzl. zu verleugnen. So schrieb er Gedichte über Alltägliches, Frivoles, Obszönes u. PolitischBrisantes, nahm aber auch traditionelle Themen der Lyrik auf u. brachte sie in neue, überraschende u. provozierende Zusammenhänge. Satire u. Parodie gehören ebenso zum Erscheinungsbild von B.s Lyrik wie polit. u. humanes Engagement sowie die B. eigene Freundlichkeit. Das Besondere seiner Lyrik, v. a. der frühen, ist durch ihre Sprechbarkeit bzw. Sangbarkeit markiert. Die Texte entstanden vorwiegend zur Klampfe, häufig in geselliger Runde u. als spontane Erfindung oder auch als Parodie u. Satire. Selbst das berühmte »sentimentale« Gedicht Erinnerung an die Marie A. (in: Hauspostille. Bln. 1927) greift in Text u. Melodie auf einen populären Schlager der Zeit zurück u. parodiert ihn. B. wünschte sich seine Lyrik in den Köpfen, nicht auf dem Papier, u. förderte ihre produktive Weiterentwicklung, so als ob es sich um volkstüml. Liedgut handelte. Nur wer persönlich verschwinde, meinte B., der halte sich. B. erreichte dies – bis heute – dadurch, dass die Songs (mit Weill) u. die Kampflieder (mit Eisler) weltweit zum anonymen Liedgut, das in nicht wenigen Fällen auch weitergedichtet wurde, gehören. B. verfügte über alle wesentl. Formen der Lyrik: Er übernahm mit Hexametern u. Odenstrophen antike Metren (Das Manifest. 1945–55. Beim Lesen des Horaz), dichtete mit Kinderreimen u. Knittelversen in volkstüml. Liedformen (Kinderlieder. 1934 u. 1937, 1951), übernahm die klassisch-antike Epigrammatik (Kriegsfibel. Bln./DDR 1955), schuf mit Sonetten, Balladen klass. Gedichtformen (Augsburger Sonette. 1925–27. Ffm. 1960), schrieb »reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen« (Deutsche Satiren. In: Svendborger Gedichte. London 1939), freie epigrammat., wie Graffitis gestaltete Gedichte (Deutsche Kriegsfibel. 1937), Erzählgedichte (Legende von der Entstehung des Buches Taoteking. In: Svendborger Gedichte) bis hin zu Prosagedichten (Psalmen. In: Hauspostille), zu Gedichten in Zwei-Wort-Versen (Vergnügungen. Um 1954) u. zu Wandinschriften (Theater. Um 1955).
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Die Texte wurden in der Regel distanziert u. versachlicht präsentiert, indem B. die Strophen durchzählte u. im Vortrag die Strophenkennziffer als Ordinalzahl mitsprach. Viele seiner Gedichte publizierte B. als Lieder mit Noten. Wenn er sie nicht selbst vertonte, schrieb er sie häufig zur Vertonung durch andere oder regte Neuinstrumentierungen an; oder sie wurden auch unabhängig von ihm mit Kompositionen versehen, noch heute eine weltweit verbreitete Praxis (z.B. in Japan). Seine wichtigsten Komponisten waren Franz S. Bruinier (Erinnerung an die Marie A.), Kurt Weill (Das Lied vom Surabaya-Johnny), Hanns Eisler (Die Ballade vom Wasserrad), Paul Dessau (Der Mann-ist-Mann-Song) u. Rudolf Wagner-Régeny (Lied der Melinda). B.s polit. Lyrik, insbes. die der Exilzeit, hat die dt. Lyrik einschneidend verändert u. zgl. ihre Ausdrucksmöglichkeiten um neue Dimensionen erweitert. B. integrierte in ihr persönl. Betroffenheit, Zeitthematik, gesellschaftskrit. Engagement u. humane Anteilnahme (An die Nachgeborenen. In: Svendborger Gedichte). Diese Gedichte wurden Vorbild für die Politisierung der Lyrik in der Bundesrepublik der 1960er Jahre, die unter dem Schlagwort »Veränderung der Lyrik« stand. B. publizierte drei große Gedichtsammlungen: 1927 Bert Brechts Hauspostille, 1934, zus. mit Hanns Eisler, Lieder Gedichte Chöre (Paris) u. 1939 die Svendborger Gedichte. Die erste Sammlung parodiert das luth. Vorbild in Anordnung (Einteilung in »Lektionen« mit den Gedichten als »Kapiteln«) u. Thematik (vitalist. Grundhaltung). Mit ihr zog B. die Summe seines lyr. Frühwerks. Sie enthält – abgesehen von der späten Lyrik – seine lyrischsten Gedichte. Als antifaschist. Liederbuch machte die zweite Anthologie (auch) polit. Geschichte. Ihre Lieder, die z.T. bereits während der Weimarer Republik in der Arbeiterbewegung verbreitet waren, setzten sich als Massenlieder durch. Sie wurden u. a. im Spanischen Bürgerkrieg im alltägl. Kampf gesungen oder von Exilsendern gegen die Nationalsozialisten ausgestrahlt (z.B. Das Einheitsfrontlied). Die letzte Sammlung vereinigt die polit. Lyrik des skandinav. Exils. Der Wechsel der Formen (vom Epigramm bis zum Erzählgedicht), der themat. Reichtum (vom
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antiken Mythos bis zur polit. Zeitsatire) u. die Vielfalt des lyr. Gestus (von der engagiertbissigen Tonlage bis zum persönlich gestimmten Ton) bestimmen ihr Bild u. zeichnen sie als eine der wichtigsten Gedichtsammlungen des 20. Jh. aus. Die letzte Sammlung, die Buckower Elegien (1953), blieb ein Torso, da die (meisten) Gedichte zynische bzw. aggressive Kommentare zu den Ereignissen des 17. Juni 1953 formulierten u. B. sie aus polit. Gründen – er befürchtete, das Theater am Schiffbauerdamm nicht zu erhalten – zurückhielt, sodass die Sammlung, die ohne Anordnung blieb, erst in den 1980er Jahren in ihrem ganzen Umfang bekannt wurde. Obwohl der Prosaist B. hinter den Stückeschreiber u. Lyriker zurücktritt, liegt auch mit seinem Prosawerk ein wesentl. Beitrag zur Literatur des 20. Jh. vor. Ein charakterist. Merkmal ist die eigenartige Distanz des Erzählers zum Erzählten u. die stete Bewusstheit, dass erzählt wird (»vermittelndes Erzählen«), eine Erzählweise, die B. in der Weimarer Republik ausbildete u. mit der er einen großen Bekanntheitsgrad erzielte, weil er seine Geschichten fast ausnahmslos in auflagenstarken Zeitungen oder Magazinen publizierte. Der Eindruck, dass B. ein »unbekannter Erzähler« sei, konnte nur dadurch entstehen, dass die Weimarer Prosa erst ab 1965 wieder gedruckt vorlag. Die Prosasatire Dreigroschenroman (1933/34. Amsterd. 1934) verknüpft traditionelle Erzählmuster (Kriminalroman) mit »technifizierter« Prosa nach dem Vorbild des Films. Der Tuiroman (1930–42. Ffm. 1967) stellt eine Auseinandersetzung mit der Haltung der Intellektuellen (von B. »Tuis« genannt) in der Weimarer Republik u. während des Faschismus dar u. knüpft mit seiner satir. Darstellungsweise an Swift an. Als groß angelegtes Projekt sollte er die Gattungen Roman, Epos, Erzählung, Lyrik, Drama u. Aufsatz miteinander vereinen, blieb jedoch Fragment. Die Kalendergeschichten (Bln. 1949) gehören zu den bekanntesten Geschichten der Nachkriegszeit u. sind in den Lesestoff der Schulen eingegangen. In ihnen verband B. volkstüml. Tradition (Johann Peter Hebel) u. gesellschaftskrit. Zeitthematik. In den Geschichten dominiert die
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Darstellung menschl. Freundlichkeit in schwierigen Zeiten. Wie sein gesamtes Werk dokumentieren sie B.s Überzeugung, dass die Kunst nur einer Instanz zu dienen habe: der Lebenskunst. B. hat überdies ein umfangreiches, aber völlig ungeordnetes u. zufälliges theoret. Werk hinterlassen (weitgehend Arbeitsnotizen): Auseinandersetzungen mit Literatur u. Kunst, Schriften zur Philosophie u. Ästhetik sowie v. a. die Schriften zum Theater, die in ihren häufig apodiktischen Formulierungen das poet. Werk überdeckt haben u. in seinem spezifisch ästhet. Charakter verkennen ließen. Die theoret. Hauptschrift stellt das Kleine Organon für das Theater (1948. Erstdr. Bln./ DDR 1949) dar, eine an Francis Bacons Novum Organon (1621) orientierte Aphorismensammlung, die B.s »episches Theater« als »Theater des wissenschaftlichen Zeitalters« neu bestimmt u. gegen die bürgerl. Unterhaltungsindustrie abgrenzt (»Zweig des bourgeoisen Rauschgifthandels«). Da das Organon als ein Bekenntnis B.s zu einem »wissenschaftlichen«, gänzlich der Ratio verpflichteten Theaters missverstanden wurde, hätte er die Schrift am liebsten zurückgezogen. Fragment geblieben ist das groß angelegte Projekt des Messingkaufs, ein Streitgespräch auf dem Theater über das Theater mit eingestreuten Übungsszenen, Gedichten u. theoret. Aufsätzen. Intensive Auseinandersetzungen mit den modernen Medien (Rundfunk/Film) führte B. im Dreigroschenprozeß (Bln. 1931) sowie mit seiner Radiotheorie, die allerdings nicht zu Lebzeiten publiziert wurde. Wie er mit seinem Theater eine neue, dem wiss. Standard der Zeit entsprechende Ästhetik einführen wollte, die in erster Linie den Zuschauer aus seiner passiven Konsumentenhaltung befreien sollte, so prangerte er mit seinen medientheoret. Schriften den Einsatz der modernen Apparate zugunsten seichter Unterhaltung u. Ablenkung an; Ziel war es, die Distribution (Zerstreuung) wieder durch Kommunikation zu ersetzen u. zgl. die – noch im Beginn liegende – Funktion der Medien, Lebensersatz zu produzieren, aufzudecken. Die Schriften zur Ästhetik, die erst 1967 durch die Ausgabe der Gesammelten Werke bekannt wurden, wirkten
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im Kontext der Studentenrevolte (1968) in der Bundesrepublik als Ersatzphilosophie für eine – weitgehend fehlende – marxistische Theorie; die wichtigsten Schriften, geschrieben um 1938 in der Auseinandersetzung mit Georg Lukács, beeinflussten wesentlich den Realismusbegriff in der Kunst u. Literatur der damaligen Zeit u. führten dazu, B. in erster Linie als Theoretiker zu rezipieren, dessen Werk den eigenen Überzeugungen weitgehend nicht standzuhalten schien. Die Kampagne »Brecht ist tot«, die 1978 einsetzte u. B. der Vereinfachung sowie eines oberflächl. Verständnisses von Kunst (als Vehikel von Propaganda u. »Lehre« im Dienst einer zweifelhaften Ideologie) zu überführen meinte, basiert auf der dominanten Rezeption der – durchaus nicht marxistischen – Theorie (im Sinn einer Weltanschauung) sowie der aus ihr abgeleiteten Überzeugung, mit Kunst u. Literatur zur Veränderung der (realen) Verhältnisse beitragen zu können: Die Enttäuschungen, die die gesellschaftl. Entwicklung in Deutschland mit sich brachte, wurden dem (ehemaligen) Lehrmeister als »Fehler« angelastet. Es war u. ist das Verdienst der Theater (in aller Welt), die Spielfreude der B.’schen Stücke stets neu entdeckt u. damit auch für ein heutiges Publikum bewahrt zu haben. B. zählt zu den »modernen Klassikern« der dt. Literatur, stellt aber insofern einen Sonderfall dar, als er mit seiner Entscheidung, in der DDR zu leben, zu arbeiten u. am Aufbau des Sozialismus mitzuwirken, für eine Weile zum Streitfall der Politik geworden war. In der Bundesrepublik galt er offiziell lange Zeit als kommunistischer Dichter, der Propaganda für die Unmenschlichkeit des Sozialismus machte. 1953, nach dem 17. Juni, sowie 1961 nach dem Mauerbau gab es regelrechte AntiBrecht-Kampagnen. Dennoch setzten v. a. die Theater u. das Publikum das Werk B.s durch u. sorgten dafür, dass er auch zum Schulbuchautor wurde u. seitdem nicht mehr aus dem Literatur-Kanon von Schule u. Hochschule wegzudenken ist. Sein Werk wurde jedoch nicht in seinem Sinn als Zeitdichtung, sondern als Ausdruck allgemein-menschl. Problematik interpretiert. Die DDR dagegen beanspruchte B. nach seinem Tod als »Na-
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tionaldichter«, kanonisierte sein Werk, v. a. die politisch engagierten Stücke (insbes. Die Mutter u. Die Gewehre der Frau Carrar. Urauff. Paris 1937) sowie seine Kampflieder, u. sorgte mit der Fortführung der Modellinszenierungen am BE für eine bis zu ihrem Ende fast ungebrochene Kontinuität von B.s Theaterarbeit. Einrichtungen wie das »Brecht-Zentrum der DDR«, dem in der Bundesrepublik trotz der ungebrochenen Popularität B.s nichts Vergleichbares entgegenstand, sahen sich im Dienst einer weltweiten Verbreitung eines dichter. Werks, das in der Verbindung von hoher poetischer Bedeutung u. politischgesellschaftl. Kritik in der dt. Literatur als einzigartig gelten muss. Obwohl nach dem Ende des Sozialismus von den dt. Intellektuellen u. den Feuilletons auch das Ende des B.’schen Werks erwartet wurde, ist sein Publikumserfolg – und zwar in allen Sparten – bis heute ungebrochen. 2006, im Jahr des 50. Todestags, wurde in Hamburg die nachhaltig wirkende Parole »Brecht lebt« ausgegeben (Ebelin u. Gerd Bucerius-Stiftung, Patriotische Gesellschaft von 1765) u. nicht nur im BE oder in Augsburg (ABC-Festival = Augsburg Brecht Connected; 2007 fortgeführt) mit B.s Texten massenwirksam selbst auf den Straßen gefeiert. Auch die offizielle Politik hat – spätestens 2006 – erkannt, dass B. nach Goethe der zweite große Dichter der Deutschen ist. Daran wird auch der neue, theologisch orientierte Neomarxismus in der ehemaligen DDR nichts ändern, der B. gern noch einmal als den Retter eines immer noch beschworenen Sozialismus vereinnahmen möchte. Ausgaben: Sammelausgaben: Werke. Hg. Werner Hecht u. a. 30 Bde. (= Große komm. Berliner u. Frankfurter Ausg.), Bln./Weimar/Ffm. 1988–98 bzw. 2000 (Bd. 1–10: Stücke. 10 Bde. in 11 Tln., 1988–97. Bd. 11–15: Gedichte. 5 Bde., 1988–95. Bd. 16–20: Prosa. 5 Bde., 1990–97. Bd. 21–25: Schr.en. 5 Bde. in 6 Tln., 1992–94. Bd. 26–27: Journale. 2 Bde., 1994. Bd. 28–30: Briefe. 3 Bde., 1998. Registerbd. 2000). – Dies.: 30 Bde. in 32 Tln. u. ein Begleith. (= Sonderausg. Ffm. 2003). – Ausgew. Werke in sechs Bdn. Jubiläumsausg. Hg. W. Hecht u. a. Ffm. 1998. Als Tb. 22005. – Teilausgaben: Versuche 1–8. Bln. 1930–33. – Ges. Werke. 2 Bde., London 1938 (= Malik-Ausg.). – Hundert Gedichte. 1918–50. Hg. Wieland Herzfelde. Bln./Weimar
Brecht 1951. – Erste Stücke. 2 Bde., Bln./Weimar 1953. 2 1955 – Versuche 9–15. Bln. 1949–57. – B. B.s Gedichte u. Lieder. Hg. Peter Suhrkamp. Ffm. 1956. Literatur: Handbücher, Periodika, Bibliografien: Gerhard Seidel: Bibliogr. B. B. Titelverz. Bd. 1: Deutschsprachige Veröffentlichungen aus den Jahren 1913–72. Bln./Weimar 1975. – Dreigroschenh. Augsb. 1994 ff. – Jan Knopf (Hg.): B.-Hdb. In fünf dn. Bd. 1: Stücke. Bd. 2: Gedichte. Bd. 3: Prosa, Filme, Drehbücher. Bd. 4: Schr.en, Journale, Briefe. Bd. 5: Register, Chronik, Materialien. Stgt./Weimar 2001–03. – Die Bibl. B. B.s. Ein komm. Verz. Hg. vom B.-B.-Archiv. Bln./Ffm. 2007. – Erinnerungen: Hanns Otto Münsterer: B. B. Erinnerungen aus den Jahren 1917–22. Mit Photos, Briefen u. Faksimiles. Zürich 1963. – Fritz Sternberg: Der Dichter u. die Ratio. Erinnerungen an B. B. Gött. 1963. – Hans Bunge: Fragen Sie mehr über B. Hanns Eisler im Gespräch. Mchn. 1970. – Arnolt Bronnen: Tage mit B. B. Gesch. einer unvollendeten Freundschaft. Bln./DDR 1973. – Werner Frisch u. K.W. Obermeier: B. in Augsburg. Erinnerungen, Dokumente, Texte, Fotos. Bln./Weimar 1975. 2 1997. – Herbert Ihering: B. B. hat das dichter. Antlitz Dtschld.s verändert. Ges. Kritiken zum Theater B.s. Hg. Klaus Völker. Mchn. 1980. – Paula Banholzer: So viel wie eine Liebe. Der unbekannte B. Erinnerungen u. Gespräche. Hg. Axel Poldner u. Willibald Eser. Mchn. 1981. – Walter Brecht: Unser Leben in Augsburg, damals. Erinnerungen. Ffm. 1984. – Ruth Berlau: B.s Lai-tu. Erinnerungen u. Notate. Hg. Hans Bunge. Darmst. 1985. – Eric Bentley: Erinnerungen an B. Bln. 1995. – Egon Monk: Auf dem Platz neben B. Erinnerungen an die ersten Jahre des Berliner Ensembles. Hann. 1997. – Joachim Lang u. Jürgen Hillesheim (Hg.): Denken heißt verändern. Erinnerungen an B. Augsb. 1998. – Manfred Wekwerth: Erinnern ist Leben. Eine dramat. Autobiogr. Lpz. 2000. – J. Hillesheim: B. B.s Augsburger Gesch.n. Biogr. Skizzen u. Bilder. Augsb. 2004. – Übergreifende Darstellungen, Gesamtdarstellungen: Walter Benjamin: Versuche über B. Hg. u. mit einem Nachw. vers. v. Rolf Tiedemann. Ffm. 1966. Erw. Ausg. 1978. – Agnes Hüfner: B. in Frankreich 1930–63. Verbreitung, Aufnahme, Wirkung. Stgt. 1968. – Harald Engberg: B. auf Fünen. Exil in Dänemark 1933–39. Wuppertal 1974. – Helmut Müssener: Exil in Schweden. Polit. u. kulturelle Emigration nach 1933. Mchn. 1974. – Helfried W. Seliger: Das Amerikabild B. B.s. Bonn 1974. – Wolfgang Gersch: Film bei B. B. B.s prakt. u.theoret. Auseinandersetzung mit dem Film. Bln./DDR 1975. Mchn. 1975. – Gottfried Wagner: Weill u. B. Das musikal. Zeittheater. Mit einem Vorw. v. Lotte Lenya. Mchn.
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Das Weltvertrauen B.s findet in geistvoll u. schön gefügten Gedichten seinen Ausdruck. Dass die Muttersprache »verloren« ist, lassen sich die Gedichte kaum anmerken, von denen ihr Autor behauptet, dass sie »Brachland« bleiben müssen (»rohbeackert«). B. weiß sich »mit gutem Grund « von der dt. Sprache entfernt, aber nicht getrennt; ihr Loblied endet in den Versen: »und eine Syntax, ausgehämmert in den Qualen / einer Schandgeschichte / in eine Bachsche / Klaviatur«.
Brecht, Stefan, * 3.11.1924 Berlin. – Theaterkritiker u. Lyriker.
Alexander von Bormann / Red.
1933 emigrierte B. mit den Eltern Bertolt Brecht u. Helene Weigel durch halb Europa in die USA, wo er seit 1941 lebt; 1944 erhielt er die amerikan. Staatsbürgerschaft. B. promovierte in Philosophie u. ist Literatur- u. Theaterkritiker. Als Schauspieler arbeitete er u. a. bei Charles Ludlam u. Robert Wilson. B. lebt in New York u. Paris. Die Theaterbücher B.s sind material- u. kenntnisreich gearbeitet u. vermitteln nicht nur eine genaue Beobachtung der nichtoffiziellen New Yorker Theater- u. Tanzszene, sondern auch – etwa nach dem Muster von Lessings Hamburgischer Dramaturgie – eine Vielzahl von Kategorien für ein neues Theater (The Original Theatre of the City of New York. From the mid-60s to the mid-70s. Mehrere Bde., nur zwei publiziert. Ffm. 1978). B. unterstellt, dass die Funktionen des traditionellen Theaters vom Film übernommen wurden, u. geht radikal vom Regietheater neuen Typs aus, das im beschriebenen Jahrzehnt eine Blütezeit erlebte. Die Gedichte (Bln./Weimar 1984) sind zunächst vom lakonischen Ton des späten Bert Brecht beeinflusst: »Was ich angreife, / gleitet fort, / wo ich hingehe, / ist nichts, / Durchsichtbares / sehe ich, / mein Ort / liegt hinter mir.« Die knappen Verse sind immer wieder auf Pointen zugespitzt u. führen das epigrammat. Gedicht weiter: »die Welt gefällt mir, aber / in meiner Haut ist mir unwohl«. Zgl. gilt: »Ich trauere um meinen Vater / und freue mich, daß ich kräftig bin.«
Weitere Werke: Poems. San Francisco 1977. – Texte in: The Best of American Poetry. New York 1988. – 8th Avenue Poems. New York 2006.
Breckling, Friedrich, Fridericus, auch: Fridericus Brecklingius, Fredrik Brekling, Friedrich Brecling, F. B., M. F. B. H., * 5.2.1629 Handewitt, † 16.3.1711 Den Haag. – Lutherischer Prediger, Spiritualist. B. entstammte väterlicher- u. mütterlicherseits Pfarrerfamilien. Die Studien (von 1646 bis 1656) führten ihn u. a. nach Königsberg, Helmstedt, Wittenberg, Gießen (dort Schüler des Mediziners u. Böhme-Anhängers Johannes Tacke), Hamburg, Straßburg u. Rostock. In Hamburg wies ihm ein Laienkreis den Weg eines »Jüngers der Kreuzschule«. Die Entdeckung Johann Valentin Andreaes in Straßburg bereitete die Begegnung mit Ludwig Friedrich Gifftheil, Petrus Serrarius, Christian Hoburg u. Hermann Jungius 1656 vor. 1659 wurde B. Helfer des Vaters in Handewitt, 1660 wegen seiner Kritik der Unredlichkeit u. Untreue der Geistlichen suspendiert, floh er nach Amsterdam zu Johann Amos Comenius. 1660 wurde er luth. Prediger in Zwolle; Kirchenkritik wie Lebensführung führten 1668 zur Absetzung. Trotz prominenter Gönner blieb er ohne Amt u. bestritt (seit 1672 in Amsterdam, seit 1690 in Den Haag) seinen Lebensunterhalt u. a. als Korrektor, wurde aber auch von wohlwollender Seite – z.B. Elisabeth von Herford immer wieder; im Testament zus. mit G. Gichtel – finanziell unterstützt. B. verfasste über 50 Schriften, in denen er den Abfall von den Gesetzen Gottes in der
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Kirche leidenschaftlich kritisierte. Die auf ihn masius [...]. Hg. Friedrich Vollhardt. Tüb. 1997, gekommenen Nachlässe Gifftheils u. Joachim S. 179–234. – Sigmund v. Birken: Werke u. KorreBetkes mit vielen Manuskripten auch frühe- spondenz. Bd. 12: Briefw. mit Catharina Regina v. rer Spiritualisten u. Johann Georg Gichtels Greiffenberg. Hg. Hartmut Laufhütte u. a. Tüb. 2005, S. 23 f., 444–447 u. ö. Dietrich Blaufuß prägten v. a. die Schriften der 1660er Jahre in ihrer scharfen Obrigkeits-, aber auch Kirchenu. Sozialkritik. In den 1680er Jahren musste Bredel, Willi, * 2.5.1901 Hamburg, B. sich gegen Heterodoxievorwürfe verteidi† 27.10.1964 Berlin/DDR; Grabstätte: gen (Anti-Calovius, 1688). Für viele »Zeugen Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde. – der Wahrheit«, die ihn um Hilfe angingen, Romanautor, Erzähler u. Publizist. trat er auch literarisch ein, so durch seinen Catalogus testium veritatis in Gottfried Arnolds Der Sohn eines Tabakarbeiters war MetallKirchen- und Ketzer-Historie (Teil 3/4, dreher auf Hamburger Werften, wurde 1919 S. 1089–1110). Seine Autobiografie gewährt KPD-Mitgl. u. beteiligte sich 1923 am Hamtiefen Einblick in sein einzigartig umfang- burger Aufstand unter der Führung des mit reiches Netzwerk durch Korrespondenzen ihm befreundeten Ernst Thälmann. Nach (auch mit Sigmund von Birken, Gottlieb Verurteilung u. Amnestie ging B. 1926 für Spizel, Christian Thomasius) u. persönl. einige Monate zur See u. begann als ArbeiKontakte. Die letzten Jahren ließen B.s Bin- terkorrespondent für die »Hamburger dungen an die luth. Kirche wieder stärker Volkszeitung« zu schreiben, das Parteiorgan werden. der Hamburger KPD, dessen Redakteur er B. wirkte v. a. als Vermittler kirchenkriti- bald darauf wurde. 1930 wegen »Vorbereischer Elemente an den frühen Pietismus tung zum literarischen Landes- und Hochverrat« aufgrund eines Berichts über geheime nach. Weitere Werke: Veritatis triumphus. Amsterd. Rüstungsproduktion im Draeger-Werk Lü1660. – Christus triumphans sub Cruce. Amsterd. beck zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt, 1661. – Mysterium Iniquitatis. o. O. 1662. – Biblia begann B. im Gerichtsgefängnis Bergedorf Pauperum, Evangelium der Armen. o. O. 1662 seine ersten Romane zu schreiben. Vor allem (Forts.). – Regina Pecunia, Mundi Politica et Anti- B.s erster, in kurze Episoden aus dem Archristi Theologia. Freystadt 1663. 1664. Nürnb. beitsalltag unterteilter Roman Maschinenfa1690. – Korrespondenz: Estermann/Bürger, Tl. 2, brik N. & K. (Bln. 1930) war noch der EnthülS. 169–175 [62 Briefpartner]. – Philipp Jakob lungstechnik der ArbeiterkorrespondentenSpener: Schr.en. In: Bd. 11–16: Korrespondenz, Hildesh. 1987–1999 (z.B. Bd. 15/2, S. 104–114, Bewegung verpflichtet. Der Roman griff nach B.s eigenem Bekunden zurück auf seine Erpassim). – Ders.: Briefe. Tüb. 1992 ff. (Reg.). Ausgabe: Autobiogr. Ein frühneuzeitl. Ego-Do- fahrungen bei der Maschinenfabrik Nagel & kument im Spannungsfeld v. Spiritualismus, radi- Kaemp. B.s zweiter während der Festungskalem Pietismus u. Theosophie. Hg. u. komm. v. haft geschriebener Roman Rosenhofstraße (Bln. Johann Anselm Steiger. Tüb. 2005 (Lit. S. 117–129). 1931) schildert Leben, Arbeit u. Kämpfe einer Literatur: Dünnhaupt 2. Aufl. Bd. 2, Hamburger KPD-Straßenzelle zur Zeit der S. 759–786. – Dietrich Blaufuß: Beziehungen F. B.s Weltwirtschaftskrise. Die Sozialfaschismusnach Süddtschld. Ein Beitr. zum Einfluß des radi- these der KPD, die das Buch anhand von kalen Pietismus im 17. Jh. In: ZKG 87 (1976), Auseinandersetzungen mit SPD-Arbeitern u. S. 244–279 ([ohne Briefe an G. Spizel] auch in: des Einsatzes der von der SPD-StadtverwalDers.: Korrespondierender Pietismus. Ausgew. tung geführten Polizei an der Seite von SABeiträge. Lpz. 2003, S. 255–277). – John Bruckner: Schlägertrupps zu belegen suchte, hat B. in B. In: BLSHL (mit Lit.). – D. Blaufuß: B. In: TRE späteren Auflagen im Sinne eines revolutio(handschriftl. Quellen, Lit.). – Reinhard Breymayer: Die wiederentdeckte ›Optima Politica‹ [...] v. Her- nierenden Lernprozesses der sozialdemokrat. mann Jung. In: Pietismus-Forsch. Hg. D. Blaufuß. Arbeiter zurückgenommen. In einer Reihe von 1931/32 in der »LinksFfm. 1986, S. 385–513. – Wilhelm Kühlmann: Frühaufklärung u. chiliast. Spiritualismus – F. B.s kurve« erschienenen Artikeln kritisierte GeBriefe an Christian Thomasius. In: Christian Tho- org Lukács die Reportage-Romane Ernst
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Ottwalts u. B.s als typische Produkte der Ar- Gesellschaft – Schema des traditionellen Erbeiterkorrespondenten-Bewegung, die keine ziehungsromans – auf den revolutionären wirkl. Gestalten, sondern nur Chargen, kei- Teil der dt. Arbeiterklasse übertragen. Daran nen Prozess, sondern nur Resultate u. – ohne ist im ersten Band die sozial-realist. Darstelliterar. Gestaltungsmittel – nur ein entstelltes lung des Hamburger Arbeiterlebens um 1900 Bild des Lebens geben können. Vorwürfe, die interessant geblieben. Lukács mit der damals für die kommunist. Weitere Werke: Marat, der Volksfreund. Hbg. Bewegung übelsten Beschimpfung, B.s u. 1926. – Der Eigentumsparagraph. Russ. Moskau Ottwalts literar. Methoden seien »trotzkis- 1933. Bln./DDR 1961 (R.). – Der Spitzel u. andere tisch«, abschloss. Rückblickend bildete diese Erzählungen. London u. Moskau 1936. – Die VitaArtikelserie in Ton u. Stil den Auftakt zur lienbrüder. Schwerin 1950 (R.). – Ernst Thälmann – Expressionismus- u. Realismusdebatte, die Sohn seiner Klasse. Urauff. 1953 (Drehb.). – Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse. Urauff. 1955 Ende der 1930er Jahre in der von B. – ge(Drehb.). – Ein neues Kapitel. 3 Bde., Bln./Weimar meinsam mit Brecht u. Lion Feuchtwanger – 1959–64 (R.). – Unter Türmen u. Masten. Gesch. herausgegebenen, von Fritz Erpenbeck redi- einer Stadt in Gesch.n. Schwerin 1960. – Faust auf gierten dt. Emigrantenzeitschrift »Das Wort« der Reeperbahn. Gesch.n. v. u. über W. B. Bln./DDR (Moskau 1936–39. Neudr. 11 Bde., Hilver- 1976. sum u. Zürich 1969) geführt wurde. Ausgabe: Ges. Werke in Einzelausg. Bln./DDR Von den Nationalsozialisten für 13 Monate 1962–76. im Konzentrationslager Fuhlsbüttel interLiteratur: W. B. Dokumente seines Lebens. niert, emigrierte B. 1934 über die CˇSR nach Bln./DDR 1961. – SuF, Sonderh. W. B. 1965. – Lilli Moskau. Sein Roman Die Prüfung (London u. Bock: W. B. – Leben u. Werk. Bln./DDR 1969. – Rolf Moskau 1935, in 14 Sprachen übers.) war der Richter: W. B. Ein dt. Weg im 20. Jh. Rostock 1998. erste international beachtete Roman über den – Brigitte Nestler: Bibliogr. W. B. Ffm. 1999. Johannes Schulz / Brigitte Nestler Terror in den faschist. Konzentrationslagern. Von 1937 an war B. auf Reisen in Frankreich u. Spanien, wo er als Kriegskommissar der Brehm, Alfred (Edmund), * 2.2.1829 UnInternationalen Brigaden am Bürgerkrieg ter-Renthendorf bei Gera, † 11.11.1884 teilnahm, den er in Begegnung am Ebro beUnter-Renthendorf bei Gera; Grabstätte: schrieb (Paris u. Kiew 1939. Neudr. in: Spaebd., Friedhof. – Zoologe u. Forschungsnienkrieg II. Bln./Weimar 1977. Neufassung reisender. Bln. 1948). B. kehrte, von 1943 an Mitgl. im Nationalkomitee Freies Deutschland, 1945 Der Sohn des luth. Pfarrers u. Ornithologen nach Berlin zurück, war Mitbegründer des Christian Ludwig Brehm nahm nach dem Kulturbundes zur demokratischen Erneue- Abbruch des Architekturstudiums in Dresden rung Deutschlands, Herausgeber der Zeit- als wiss. Mitarbeiter an mehreren Forschrift »Heute und Morgen« u. Chefredak- schungsreisen, darunter an einer Afrikaexteur der »Neuen deutschen Literatur«, des pedition (1847–1852), teil. Seine Eindrücke Organs des Schriftstellerverbandes der DDR. verarbeitete er in den dreibändigen ReiseskizVon 1954 an Mitgl. des ZK der SED, wurde B. zen aus Nordafrika, erschienen 1855 in Jena, wo 1956 Vizepräsident, 1962 Präsident der Aka- er auch das Studium der Naturwissenschaften demie der Künste der DDR. mit der Promotion abschloss (1.5.1855). In Neben seiner Biografie Ernst Thälmann (Bln. Leipzig – hier hatte er 1861 seine Kusine 1948), die als Freundesgabe aufzufassen ist, Mathilde Reiz geheiratet – arbeitete B. ab vollendete B. seine während des Krieges be- 1861 als Gymnasiallehrer u. publizierte in der gonnene Romantrilogie Verwandte und Be- »Gartenlaube« mehrere populär gehaltene kannte (Bd. 1: Die Väter. Moskau 1943; Bd. 2: naturwiss. Abhandlungen. Seine anschauliDie Söhne. Bln./DDR 1949; Bd. 3: Die Enkel. chen, einfühlsamen Schilderungen der TierBln./DDR 1953). Mit dieser Familiensaga welt zeigen den Einfluss der Darwin’schen wollte B. den Gegensatz u. die schließliche Abstammungslehre. Auch in seinem HauptVersöhnung von bürgerlichem Individuum u. werk, dem illustrierten Thierleben (6 Bde.,
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Hildburghausen 1864–69; zahlreiche Aufl.n u. Bearbeitungen), gab er ein scharf beobachtetes Bild der Natur. Trotz inzwischen partiell überholter Forschungslage u. seiner anthropomorphisierenden Tendenzen ist es als zoologisches Handbuch unvermindert populär geblieben. B. war als Direktor des Hamburger Zoologischen Gartens (1863–1866) u. des Aquariums in Berlin (1867–1874) an deren Ausbau maßgeblich beteiligt. Teilweise von der Redaktion der »Gartenlaube« finanzierte Forschungs- u. Vortragsreisen führten ihn nach Lappland, Westsibirien, auf die Pyrenäenhalbinsel u. 1883 nach Nordamerika. Weiteres Werk: Kleine Schr.en. Lpz. 1921. Neuausgabe: Reise zu den Kirgisen. Aus dem Sibirientgb. 1876. Hg. Hans-Peter Gensichen. Lpz. 1982. – Brehms Tierleben. Die schönsten Tiergesch.n. Ausgew., eingel. u. mit einem Nachw. vers. v. Roger Willemsen. Ffm. 2006. Literatur: Siegfried Schmitz: Tiervater B.: seine Reisen, sein Leben, sein Werk. Mchn. 1984. – Lothar Dittrich: A. E. B. In: DBE. Reinhard Tenberg / Red.
Brehm, Bruno (von), auch: B. Clemens, * 23.7.1892 Laibach/Krain, † 5.6.1974 Altaussee/Steiermark. – Romanschriftsteller. Der Sohn eines aus dem Egerland stammenden k. u. k. Hauptmanns studierte nach Gefangenschaft u. Verwundung im Ersten Weltkrieg in Wien Kunstgeschichte, war dann als Universitätsassistent, später im Verlagswesen u. als freier Schriftsteller tätig. Seit den frühen 1930er Jahren Nationalsozialist, wurde er 1938 Herausgeber der Zeitschrift »Der getreue Eckart« (Jg. 16–20, Wien 1938–42) u. erhielt mehrfach Auszeichnungen. Nach 1945 als NS-belastet in Haft genommen, nahm er nach seiner Entlassung Wohnsitz in Altaussee. 1958 erhielt B. den Nordgau-Kulturpreis der Stadt Amberg, 1962 den Rosegger-Preis des Landes Steiermark, 1963 den Sudetendeutschen Kulturpreis. B.s literar. Anfänge standen im Zeichen leichtgewichtiger Unterhaltungsschriftstellerei; sein ihm gemäßes Genre fand er im (zeit)histor. Roman mit der dreibändigen
Darstellung vom Untergang der Österr. Monarchie: Apis und Este. Ein Franz-FerdinandRoman (Mchn. 1931); B. entwickelt aus der Gegenüberstellung des serb. Verschwörers Oberst Dragutin Dimitrijevic (Apis) mit dem Erzherzog Franz Ferdinand von Este Ursachen u. Anlass des Ersten Weltkriegs. Das war das Ende. Von Brest-Litowsk bis Versailles (Mchn. 1932) verfolgt akribisch genau die militärischen u. polit. Ereignisse zwischen den Friedensschlüssen von Brest-Litowsk u. Versailles, u. Weder Kaiser noch König. Der Untergang der habsburgischen Monarchie (Mchn. 1933) gilt der unglückl. Rolle Kaiser Karls beim Verlust der österreichischen wie der ungar. Krone. B.s Perspektive ist – neben einer Ehrenrettung des österr. Heeres – bestimmt von großdeutsch-antihabsburgischer Einstellung u. Frontkämpfertum. Obwohl die Trilogie ein kaum verhülltes literar. Bekenntnis zur deutschvölkischen Gesinnungsgemeinschaft nationalsozialistischer Prägung darstellte, wurde sie 1951 in überarbeiteter Form u. d. T. Die Throne stürzen (Mchn. 1951. 1992) wiederaufgelegt u. fand in mehr als einer halben Million Exemplaren Verbreitung. Anfang der 1960er Jahre unternahm B. den Versuch, in einer weiteren groß angelegten Romantrilogie Das zwölfjährige Reich (Der Trommler. Graz/Wien/Köln 1960. Der böhmische Gefreite. Ebd. 1960. Wehe den Besiegten alle. Ebd. 1961) die Ursachen für Hitlers erfolgreichen Griff nach der Macht aufzuzeigen. Die drei die »Kampfzeit« Hitlers bis 1926, die Errichtung u. Festigung des nationalsozialist. Regimes 1933–1939 sowie den Zweiten Weltkrieg bis zum Atombombenabwurf auf Hiroshima u. Nagasaki nachzeichnenden Bände gaben sich nach außen hin als vorurteilsfreier Beitrag zur Bewältigung der Vergangenheit. Die vorgeblich quellentreuen, tatsächlich aber pseudo-authent. Geschichtsbilder waren allerdings geeignet, die Faszination jener Bewegung noch einmal wachzurufen u. zgl. eine in ihrer verharmlosenden Tendenz bedenkl. Rechtfertigungsideologie in Umlauf zu setzen. Weitere Werke: Der Sturm auf den Verlag. Wien 1925 (Pseud. Bruno Clemens; Humoreske). – Der lachende Gott. Mchn. 1928. Neuausg. u. d. T. ›Der fremde Gott‹. Graz 1948 (humorist. R.). – Su-
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165 sanne u. Marie. Mchn. 1929. Neufassung u. d. T. ›Auf Wiedersehn, Susanne!‹ Mchn. 1939 (Mädchenr.). – Das gelbe Ahornblatt. Ein Leben in Gesch.n. Karlsbad 1931 (autobiogr. E.en). – Zu früh u. zu spät. Das große Vorspiel der Befreiungskriege. Mchn. 1936. Neudr. Salzb. 1958 (histor. R.). – Die weiße Adlerfeder. Gesch.n aus meinem Leben. Mchn. 1937. – Tag der Erfüllung. Wien 1939 (28 Reden, Aufsätze u. Tagebucheintragungen). – Am Rande des Abgrunds. Von Lenin bis Truman. Graz 1950. – Heimat in Böhmen. Salzb. 1951 (autobiogr. E.en). – Am Ende stand Königgrätz. Histor. Roman um Preußen u. Österr. Graz/Wien/Köln 1965. Literatur: Siegfried Arbter: B. B.s Trilogie vom Weltkrieg. Diss. Wien 1939. – Gerd Schattner: Der Traum vom Reich der Mitte: B. B. Eine monograph. Darstellung zum operationalen Charakter des histor. Romans nach den Weltkriegen. Ffm. 1996. – Leopold R. G. Decloedt: ›Weder Kaiser noch König – sondern der Führer‹. Die Funktionalisierung der Gesch. bei B. B. In: Dichtung im Dritten Reich? Hg. Christiane Caemmerer u. Walter Delabar. Opladen 1996, S. 205–213. – Abdulkerim Uzagan: Fiktionalität u. Realität in der Romantrilogie ›Die Throne stürzen‹ v. B. B. Diss. Bielef. 1999. – Reinhard Nachtigal: Rudolf J. Kreutz, B. B. u. Jaroslav Hasek: drei Kriegsgefangene in Russland u. ihr Werk zwischen dichter. Freiheit u. histor. Wahrheit. In: Österr. in Gesch. u. Lit. 49 (2005), H. 2, S. 98–123. Ernst Fischer / Red.
Brehme, Christian, auch: Der Beständige, * 26.4.1613 Leipzig, † 10.9.1667 Dresden. – Lyriker u. Romancier. Der früh verwaiste Sohn eines Leipziger Baumeisters begann um 1630 ein juristisches Studium in Wittenberg u. wechselte dann nach Leipzig, wo er sich dem Lyrikerkreis um Paul Fleming u. Gottfried Finckelthaus anschloss. 1633 ließ sich der Lutheraner als Soldat anwerben u. diente in verschiedenen Regimentern. Mit der Berufung zum Geheimen Kammerdiener 1639 u. der Einstellung als Bibliothekar 1640 gelangte B. an den Dresdner Hof. Die Hofstellung u. seine zweite Ehe mit der Tochter des Dresdner Bürgermeisters Schäffer verschafften ihm Zugang in den Dresdner Stadtrat. Von seinen Pflichten als Hofbibliothekar 1654 entbunden – sein Nachfolger wurde David Schirmer –, avancierte B. als mehrmaliger Bürgermeister 1660 zum Kurfürstlichen Rat.
B.s Lyrik steht in enger Verbindung mit dem frühen Leipziger Dichterkreis, einem lose zusammengefügten Zirkel in der Nachfolge von Martin Opitz. Formal an Opitz orientiert, erlaubten sich die Leipziger, bes. B. u. Finckelthaus, größere Freiheiten. In z.T. volksliednahen, burschikosen Trink- u. Liebesliedern, die immer wieder zum vollen Sinnengenuss auffordern, geht B. über konventionelle Motive hinaus. Vornehmlich die Sammlung Allerhandt Lustige/ Trawrige/ und nach gelegenheit der Zeit vorgekommene Gedichte (Lpz. 1637. Nachdr. hg. v. Anthony J. Harper. Tüb. 1994) zeugt vom frischen u. z.T. frechen Ton des studentischen Freundeskreises. Eher für Eingeweihte schuf B., der sich gelegentlich als »der Beständige« titulierte, einen vierteiligen Schäferroman. Im Landadel angesiedelt, behandeln Die vier Tage Einer Newen und Lustigen Schäfferey, von der Schönen Coelinden Und Deroselben ergebenen Schäffer Corimbo (Dresden 1647. Tl. 1, Lpz. 1636 u. d. T. WinterTages Schäfferey) dessen (reale) Liebesabenteuer in pastoraler Verkleidung (vgl. Garber). Später veröffentlichte B. die dreiteiligen Christlichen Unterredungen (Dresden 1659/60). Die darin enthaltenen »Zwölff Geistlichen Gespräche« lassen, streng auf religiöse Erbauung gerichtet, von der früheren Lyrik nichts mehr erkennen. Weitere Werke: Art u. Weise Kurtze Brieflein zu schreiben [...] dazu kommen Etl. Geist- u. Weltl. Dichtereyen. Dresden/Lpz. 1640 (Teildr., Gedichte, in: Allerhand [...] Gedichte. Nachdr. Tüb. 1994). Literatur: Leichenpredigt v. Christopher Bulaeo. Dresden 1667. – Georg Beutel: Bürgermeister C. B. In: Dresdner Geschichtsbl. 2 (1900), S. 270–284. – Heinrich Meyer: Der dt. Schäferroman des 17. Jh. Dorpat 1928. – Arnold Hirsch: Bürgertum u. Barock im dt. Roman. Ffm. 1934. Köln/Wien 21957. – Klaus Garber: Der locus amoenus u. der locus terribilis. Köln/Wien 1974. – Anthony J. Harper: Leipzig poetry after Paul Fleming – a reasessment. In: Daphnis 5 (1976), S. 145–170. – Ders.: Schr.en zur Lyrik Leipzigs. 1620–70. Stgt. 1985. – Ders.: A man of many parts. Some thoughts on the career of C. B.: student, soldier, courtier, librarian, burghermaster, poet. In: The German book, 1450–1750. Hg. John L. Flood u. William A. Kelly. London 1995, S. 203–212. – Ders.: German secular song-books of the mid-seventeenth century. An examination of the texts in
Breicha collections of songs published in the germanlanguage area between 1624 and 1660. Aldershot/ Burlington 2003, S. 115 ff. – Bernd Prätorius: ›Liebe hat es so befohlen‹. Die Liebe im Lied der Frühen Neuzeit. Köln/Weimar/Wien 2004. Bernd Prätorius / Klaus Garber
Breicha, Otto, * 26.7.1932 Wien, † 27.12. 2003 Wien; Grabstätte: Brunn am Gebirge/Niederösterreich. – Publizist, Herausgeber; Museumsdirektor.
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nigung) u. Mitgl. der IKT (Internationale Kunstausstellungsleitertagung). 1969–1974 war er im programmgestaltenden Direktorium des »steirischen herbst« tätig. Der vielseitige Anreger u. Kommentator des österr. Kulturgeschehens ist auch mit eigenen Beiträgen zur bildenden Kunst u. Literatur hervorgetreten, seine Publikationen über die Künstler Richard Gerstl, Fritz Wotruba, Arnulf Rainer sowie zur österr. Kunst der Nachkriegszeit (Finale und Auftakt. Salzb. 1964. Aufforderung zum Misstrauen. Salzb. 1967. Österreich zum Beispiel. Salzb. u. a. 1982) waren bahnbrechende Veröffentlichungen zur Phänomenologie der bildenden Kunst in Österreich. Ausgezeichnet wurde B. 1981 mit dem Preis der Stadt Wien für Publizistik u. 1981/82 mit dem Alfred-Kerr-Preis des dt. Buchhandels für die »protokolle«.
B. studierte 1950–1954 in Wien zuerst Rechtswissenschaften, dann Theaterwissenschaft, Germanistik u. Kunstgeschichte (Dissertation: Idee und Verwirklichung des Dramatischen bei Raimund Berger. Wien 1961). 1962–1972 war er Mitarbeiter u. stellvertretender Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, daneben Literatur- u. Margit Zuckriegl Kunstkritiker u. a. bei der österr. Tageszeitung »Kurier«, der »Frankfurter Rundschau« Breitbach, Joseph, auch: Jean-Charlot Sau. der »Stuttgarter Zeitung« (bis 1971). 1963 leck, * 20.9.1903 Koblenz-Ehrenbreitedierte er zus. mit Andreas Okopenko postum stein, † 9.5.1980 München; Grabstätte: das lyr. Werk, Tagebücher u. Skizzen von ebd., Friedhof Bogenhausen. – Autor von Hertha Kräftner. Von 1966 bis zu ihrer EinRomanen u. Theaterstücken, politischer stellung 1997 war B. Herausgeber der »proJournalist. tokolle« (gemeinsam mit Gerhard Fritsch bis zu dessen Tod 1969), einer Halbjahresschrift Als Sohn des Ehrenbreitsteiner Rektors in für Literatur u. Kunst. Zus. mit Hilde Spiel u. kath. Elternhaus im Rheinland zweisprachig Georg Eisler arbeitete er 1969–1974 als Her- (französisch u. deutsch) aufgewachsen, verausgeber u. Redakteur der innerhalb dieses ließ B. 1921 das Gymnasium vor dem Abitur Zeitraums jährlich erschienenen Hefte für u. arbeitete bei einer Zeitung. In den folgenKunst u. Literatur, »ver sacrum«. 1972 über- den Jahren unterhielt er erste Kontakte zur nahm B. die Leitung des Ausstellungshauses Literaturzeitschrift »Nouvelle Revue Fran»Kulturhaus der Stadt Graz«, die er bis zur çaise« (NRF). Seit 1924 war B. Buchhändler Einstellung des Ausstellungsbetriebes im im Warenhaus, zunächst in Koblenz, dann bis Jahr 2000 innehatte; 1980 wurde er als Di- 1928 in Augsburg. Er wandte sich dem Marrektor der Salzburger Landessammlungen u. xismus zu, von dem er sich jedoch 1929 weModernen Galerie Rupertinum (heute: Mu- gen dessen »Verbraucherfeindlichkeit« löste, seum der Moderne Salzburg – Rupertinum) wie er später sagte. In dieser Zeit verfasste er berufen u. hatte die Leitung von der Eröff- erste Erzählungen u. Beiträge für Zeitschrifnung im Jahr 1983 bis zu seiner Pensionie- ten. rung im Jahr 1997 inne. B. war Initiator u. Ab Ende 1931 lebte B. ständig in Paris. Im Theoretiker der österr. Fotoszene u. etablierte Kreis um die NRF, bes. aber durch seine am Rupertinum die »Österreichische Foto- Freundschaft mit Jean Schlumberger gewann galerie«, die nat. Sammlung zeitgenössischer B. genauen Einblick in die polit. Verhältnisse. österr. Fotografie. Mit ihm zus. schrieb er über polit. Themen B. war Gründungsmitgl. der Grazer Auto- für den »Figaro«. 1939 meldete sich B. freirenversammlung, Mitgl. der österr. Sektion willig zur frz. Armee, arbeitete für deren der AICA (Internationale Kunstkritikerverei- Nachrichtendienst u. lebte später versteckt in
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Frankreich. 1945 wurde er frz. Staatsbürger; er setzte sich für die dt. Kriegsgefangenen ein u. widmete sich der polit. Arbeit, der Verständigung mit Deutschland u. insbes. auch der Vermittlung zwischen den beiden Kulturen auf literarischer Ebene. 1948–1951 schrieb er für die »Zeit« Berichte über frz. Politik u. das literar. Leben, meist unter Pseudonym. Diese Artikel zeigen B.s scharfen Blick für polit. Zusammenhänge u. Hintergründe. Ab 1961 lebte B. in München u. Paris. 1962 erschien sein Hauptwerk Bericht über Bruno (Ffm., zuletzt 1999), 1965 die von ihm selbst geschriebene frz. Version Rapport sur Bruno, für die er den »Prix Combat« erhielt. Bruno gilt als einer der wichtigsten polit. Romane der Nachkriegszeit. Er handelt von einem Generationskonflikt, der zum Kampf um die Macht im Staat führt u. mit dem Sturz des Großvaters u. Ministers durch dessen Enkel Bruno endet. Es gelingt B., die Machtstrukturen u. die Rolle der Moral im polit. Alltag vor dem Hintergrund menschlicher Leidenschaften u. persönl. Motive aufzuzeigen. Mit seiner strengen Erzähltechnik, der indirekten Rede u. strikten Einhaltung der Erzähloptik verfolgt er seine Absicht, verborgene Motive zu entlarven. »Das Warum und die Tendenz meines Schaffens lassen sich in einem Wort ausdrücken: Entlarven« (in: »Die Kolonne«, 1929). Es geht ihm weniger darum, individuelle psycholog. Voraussetzungen zu ergründen, als zu zeigen, dass das Streben nach Macht u. Einfluss, unabhängig vom jeweiligen polit. System, das Handeln der Menschen immer bestimmt. Illusionslos u. realistisch schildert er die Dominanz der Eigeninteressen. »Der Mensch bietet, so wenig wie das Tier eine Grundgarantie für Moral und Gerechtigkeit und für den ganzen Wunschkatalog der Utopisten« (in: Das blaue Bidet oder Das eigentliche Leben. Ffm. 1978). Diesen letzten Roman, einen Schelmenroman, schrieb B. mit Verve u. Lust an der Provokation. Er trägt autobiogr. Züge, ist von Selbstironie geprägt u. stellt zwei Generationen in oft grotesken Situationen einander gegenüber. Der Widerstreit zwischen politischem Engagement, persönl. Interessen u. moral. Überzeugungen ist ebenfalls Thema seiner
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der Neuen Sachlichkeit zuzuordnenden Erzählungen, gesammelt u. d. T. Rot gegen Rot (Stgt. 1929). Ihr Schauplatz ist die Arbeitswelt der Angestellten im Warenhaus. Clemens, ein Romanmanuskript mit 1200 Seiten, laut Schlumberger »ein leichter zu fassender, Gestalt gewordener Ausdruck des Kierkegaard’schen ›Entweder-Oder‹«, wurde 1940 in Paris beschlagnahmt u. ging bis auf ein Kapitel verloren. Dieses Thema bearbeitete B. neu in dem 1971 uraufgeführten Drama Requiem für die Kirche (Augsb.). Religion, Marxismus u. deren Rolle im Leben »einfacher Menschen«, denen B.s große Sympathie gilt, sind Gegenstand seiner Theaterwerke. Seine Skepsis gegen die engagierten Intellektuellen der Neuen Linken teilt sich am stärksten in seiner Komödie Hinter den Kulissen oder Genosse Veygond (Urauff. Ffm. 1970) mit. Hier kritisiert B. nicht die Ideologie, sondern das Verhalten ihrer Vertreter. 1956 wurde B. Ritter der Ehrenlegion, 1975 erhielt er den Kunstpreis von Rheinland-Pfalz u. die Goethe-Medaille. Er war Mitgl. der Deutschen u. der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. 2006 erschienen im Wallstein Verlag die ersten beiden Bände der B.-Werkausgabe, sein 1933 verbotener Roman Die Wandlung der Susanne Dasseldorf mit Ich muss das Buch schreiben, Briefe u. Dokumente zur Dasseldorf, herausgegeben von Alexandra Plettenberg-Serban u. Wolfgang Mettmann. 2003 ehrte das Deutsche Literaturarchiv Marbach B. zu seinem 100. Geburtstag mit einer von Jochen Meyer konzipierten Ausstellung; im Internationalen Künstlerhaus Bamberg fand ein B.-Symposium statt. Seit 1998 verleihen die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur u. die Stiftung Joseph Breitbach den Joseph-BreitbachPreis. Die Preisverleihung findet in Koblenz statt. Literatur zu fördern, war für B. schon zu Lebzeiten eine Herzensangelegenheit. Weitere Werke: Die Wandlung der Susanne Dasseldorf. Bln. 1932. Frz.: Rival et Rivale. Paris 1936 Ital.: Susanna Dasseldorf. Rom 1945 (R.). – Clemens. Romanfragment. Ffm. 1963. – Die Jubilarin. Genosse Veygond. Requiem für die Kirche. Ffm. 1972 (Dramen). – Die Rabenschlacht. Ffm. 1973 (E.en). – Feuilletons. Zu Lit. u. Politik. Hg.
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Wolfgang Mettmann. Pfullingen 1978. – Zweierlei Helden. Maschinenschriftl. Manuskript, fertiggestellt in Paris 1980 (D.). Literatur: Manfred Durzak: Gespräche über den Roman. Ffm. 1976. – J. Hellmut Freund u. Wolfgang Mettmann (Hg.): Wechselrede. FS J. B. zum 75. Geburtstag. Ffm. 1978. – Fritz J. Raddatz: Zeit-Gespräche. Zehn Dialoge. Ffm. 1978. – Ausstellung zur Erinnerung an J. B. Kat. zur Ausstellung anläßlich des 80. Geburtstages. Hg. W. Mettmann. Koblenz 1983 (mit ausführl. Bibliogr.). – Gisela Ullrich: J. B. In: KLG. – Eine Stiftung stellt sich u. ihren Stifter vor. Mainzer Akademie. Mainz 1998. – J. B. oder die Höflichkeit des Erzählers. Kat. zur B.-Ausstellung 2003. Bearb. v. Jochen Meyer. Marbach 2003. – Achim Bonte: J. B. u. Ernst Robert Curtius. Eine Momentaufnahme aus der Heidelberger Bibliotheks- u. Geistesgesch. In: Theke (Univ.-Bibl. Heidelb.) 2003, S. 45–49. – Michael Schmitt: J. B. In: LGL. – J.-B.-Symposium 2003. Hg. Bernd Goldmann u. Wulf Segebrecht. Bamb. 2004. – Gilles Ortlieb: Des orphelins. Paris 2007 (enth. sieben Autorenporträts, darunter B.). Wolfgang Mettmann
Von da aus wandte er sich der Geschichte u. Geografie des Vorderen Orients, Asiens u. Afrikas zu, wobei er auch neuzeitl. Entwicklungen verfolgte (Schilderungen berühmter Gegenden des Althertums und neuerer Zeiten. Lpz. 1763). B. war im aufklärer. Sinn didaktischenzyklopädisch ausgerichtet. Sein ausgeprägtes geschichtl. Interesse, bes. an der Antike u. am MA, schlug sich im Abfassen von Zeittafeln der allg. Geschichte, synchronist. Übersichten u. Anleitungen zum Geschichtsstudium nieder. Daneben übersetzte er Pindar, Horaz u. Statius u. gab 1772 einen »Poetischen Kalender« heraus. 1804 erschien in Leipzig ein Verzeichnis von B.s Schriften »nebst einer Anzeige ihres Inhalts«. Weitere Werke: Bukol. Erzählungen u. vermischte Gedichte. Ffm./Lpz. 1763. – Jüd. Schäfergedichte. Altenburg 1765. – Neue Slg. vermischter Gedichte. Altenburg 1767. – Die Oden des Horaz in teutschen Versen. Lpz. 1769. – Lebensgesch. der Kaiserin Adelheid. Lpz. 1788. Christian Schwarz / Red.
Breitenbauch, Georg August von, * 28.8. 1731 Wilsdruff bei Dresden, † 15.9.1817 Bucha/Thüringen. – Verfasser von Schä- Breitinger, Johann Jacob, * 1. oder 15.3. ferpoesie, geografischen u. historiografi- 1701 Zürich, † 14.12.1776 Zürich. – schen Schriften; Übersetzer. Theologe, Herausgeber u. Dichtungstheoretiker. B. wurde zunächst privat unterrichtet, studierte dann an der Universität Jena (1749–1753), wo er sein Interesse für Kunst u. Literatur ausbildete, u. unternahm anschließend eine ausgedehnte Bildungsreise durch Frankreich. 1754 besuchte er Berlin, wo er in den Kreisen um Lessing, der B. als melancholisch beschreibt, Johann Georg Sulzer u. Mendelssohn verkehrte, mit denen er später auch korrespondierte. Gezwungen, das verwaiste elterl. Hofgut zu bewirtschaften, war B. ab 1754 bis zu seinem Lebensende Landwirt u. Gerichtsherr auf Bucha. Daneben wirkte er als Privatgelehrter, Schriftsteller u. Übersetzer. 1757 heiratete er Juliane Henriette Christine von Thüna. Seit 1782 (oder 1792) durfte er den Titel Weimarischer Kammerrat führen, um den er bei Herzog Carl August von Weimar angesucht hatte. Seine schriftsteller. Laufbahn begann B. mit Dichtungen in Rokoko-Manier, wodurch er u. a. zur oriental. Dichtung geführt wurde.
B.s Vater, Franz Caspar Breitinger, dessen Beruf mit Zuckerbäcker, gelegentlich auch mit Knopfmacher angegeben wird, war zeitweilig Geheimsekretär beim Herzog von Württemberg-Mömpelgard, dann Major der Zürcher Bürgermiliz. Nach einer Grundausbildung am Collegium Humanitatis wurde B. 1715 Schüler des Collegium Carolinum. Die Ordination für das geistl. Lehramt erfolgte 1720. Seit 1735 war er mit Esther Schinz verheiratet. Zwei Töchter gingen aus der Ehe hervor. Beide genannten Kollegien beriefen B. 1731 als Professor für Hebräisch. Ab 1740 lehrte er auch die Disziplinen Logik u. Rhetorik, von 1745 an am Carolinum auch griech. Philologie. B. hatte das Amt eines Chorherrn des Stifts zum Großmünster in Zürich inne. Rühmend wird von den Zeitgenossen sein Eintreten für eine Revision des akadem. Unterrichts u. für die Überwindung einer kaum
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noch lebensfähigen Orthodoxie hervorgehoben. Auch als Gelehrter sah B. sich zur aktiven Teilnahme am gesellschaftl. Leben aufgerufen. Vor diesem Hintergrund ist die von ihm angeregte Gründung der »Asketischen Gesellschaft« zu sehen (1768), in der sich jüngere Anwärter auf Pfarrstellen u. ältere Pfarrer begegneten. Für seinen regen wiss. Austausch zeugt B.s Korrespondenz u. a. mit Isaak Iselin (Basel), Johann Georg Altmann (Bern), Jean Bouhier (Dijon), Jacob Vernet (Genf), Johann August Ernesti (Leipzig) u. Kardinal Quirini (Rom). Verpflichtungen als Kirchen- u. Schulrat sowie als Stiftsbibliothekar ließen den Rückzug in eine Idylle nicht zu. Johann Jacob Steinbrüchel, der klass. Philologe, Herausgeber der Sammlung Das tragische Theater der Griechen (1763), war sein bedeutendster Schüler u. Nachfolger am Carolinum. Sowohl seine politisch-historischen als auch seine dichtungstheoret. Intentionen verwirklichte B. im regen Austausch mit Johann Jacob Bodmer. Der Aufarbeitung histor. Dokumente u. gleichzeitigen Festigung republikan. Gesinnung diente die von beiden herausgegebene Helvetische Bibliothek (6 Stücke, Zürich 1735–41), deren wichtigstes Dokument die Abhandlung über den Richtbriev der Burger von Zürich (Zürich 1738) ist. Stets bleibt der Blick auf die Gegenwart gerichtet. Bezeugt ist B.s aktive Teilnahme an der von Bodmer 1762 gegründeten Historisch-politischen Gesellschaft. Es folgten Historische und Critische Beyträge zu der Historie der Eidsgenossen (4 Tle., Zürich 1739), deutlich geprägt vom Geist der frz. Aufklärung. Seitdem B. zum engsten Kreis der 1720 von Bodmer ins Leben gerufenen »Gesellschaft der Mahler« gehörte, begann er an der poetolog. Diskussion seiner Zeit über eine mehr vernunfts- oder gefühlsbetonte Dichtungsauffassung entscheidend Anteil zu nehmen. Die aus 94 Nummern bestehenden »Discourse der Mahlern« (1721–23. Neuausg.n: Teildr. 1891. Neudr. 1969), für die Joseph Addisons »Spectator« (1711/12, 1714) vorbildhaft war, dürften als gemeinschaftl. Unternehmen der beiden Zürcher gelten. Weniger die auch in anderen Moralischen Wochenschriften abgehandelten Themen als
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vielmehr die ästhetisch-poetolog. Diskurse machen den Rang dieser Publikation aus (z.B. 1, 19: Zur poetischen Imagination. 1, 20: Zum Problem der imitatio naturae in der Kunst. 2, 7: Zur Frage des Reims). Inwieweit B. an der Neuauflage der »Discourse«, der in »Blätter« gegliederten Sammlung Der Mahler der Sitten (2 Bde., Zürich 1746. Neudr. Hildesh. 1972), aktiv beteiligt war, kann nicht mit Sicherheit entschieden werden. Das gilt auch für die mhd. Forschungen u. Textausgaben Bodmers. Das eindrucksvollste Denkmal gemeinschaftl. Bemühungen um die Editionen neuerer dt. Texte liegt in der von B. u. Bodmer veranstalteten Opitz-Ausgabe vor: Martin Opitzens Von Boberfeld Gedichte. Von J. J. B. u. J. J. B. besorget. Erster Theil (Zürich 1745). Geplant waren mehrere Teile. Die hier erstmals getroffene Unterscheidung zwischen Überlieferungs- u. Entstehungsvarianten, das chronolog. Einteilungsprinzip, die Intention der Herausgeber, die Genese der Texte erkennbar zu machen: Dies sichert der Ausgabe ihren wissenschaftsgeschichtl. Rang. Dem Werk war indes kein Verkaufserfolg beschieden; die Opitz-Ausgabe des Gottsched-Adepten Daniel Wilhelm Triller (1746) erwies sich als ein Hindernis. Es war Lessing, der die Folgen klar erkannte: »Daß die vortreffliche Schweitzerische Ausgabe des Opitz durch die Dazwischenkunft der elenden Trillerschen ins Stecken geraten, ist ein wahrer Verlust für die deutsche Literatur«. Auch B.s Satire Der Gemißhandelte Opitz in der Trillerschen Ausfertigung seiner Gedichte (Zürich 1747) vermochte daran nichts mehr zu ändern. In Gemeinschaft mit Bodmer gab B. die Sammlung Critischer, Poetischer, und andrer geistvollen Schriften, Zur Verbesserung des Urtheils und des Witzes in den Wercken der Wolredenheit und der Poesie (Stücke 1–12, Zürich 1741–44) heraus. Eine Sonderstellung innerhalb dieser Sammlung nimmt B.s Beitrag Echo des deutschen Witzes (Stücke 4 u. 6; Pseud.: Wolfgang Erlenbach) ein, eine Folge von Aufsätzen zur »schweitzerischen« u. »sächsischen Sprache«, zu Gottscheds Versuch einer Critischen Dichtkunst u. Milton-Rezeption, B.s ästhet. Hauptschriften von 1740 wurden hier ergänzt.
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Ebenfalls gemeinsam entwickelten beide Zürcher Mitte der 1720er Jahre ein dichtungstheoret. Konzept, das sie in der »Vorrede« zum Traktat Von dem Einfluß und Gebrauche der Einbildungs-Krafft (Zürich 1727) niederlegten. »Se. Excellentz, Herrn Christian Wolffen« gewidmet, ist dieser nur »Theil von dem gantzen Wercke; welchem noch vier andere Bücher folgen« sollten, u. a. eine Analyse des Tractats des Longinus (Peri Hypsous, Über das Erhabene). Als partielle Verwirklichung des Plans sind die Schriften von 1740/ 41 anzusehen. B.s gegründetstes u. für die Dichtungsauffassung des mittleren u. späteren 18. Jh. folgenreichstes Werk liegt vor in seiner Critischen Dichtkunst Worinnen die Poetische Mahlerey in Absicht auf die Erfindung im Grunde untersuchet [...] wird (2 Bde., Zürich 1740. Neudr. Stgt. 1966). Das Titelblatt des zweiten Bandes weist abweichend den Wortlaut auf: [...] in Absicht auf den Ausdruck und die Farben abgehandelt wird. Bodmer verfasste die Vorrede. In produktiver Weise hat B. das neuere westeurop. kunsttheoret. Schrifttum integriert. Jean-Baptiste Dubos’ wirkungsmächtige Réflexions critiques sur la poésie et sur la peinture (1719) gehören dazu ebenso wie Ludovico Muratoris Schrift Della perfetta poesia italiana (1706). Dennoch ist selbst bei großer Textnähe Zurückhaltung angebracht; denn Übereinstimmungen können auch das Resultat der Benutzung gemeinsamer Quellen sein: B., Dubos u. Muratori berufen sich – gleich anderen Zeitgenossen – auf antike u. spätantike Autoritäten wie Cicero, Horaz, Quintilian u. Pseudo-Longin. Bereits die Titelblätter signalisieren mit ihren Begriffen wie »Erfindung«, »Ausdruck« u. »Farben« die Nähe zur Rhetorik (»inventio«- u. »elocutio«-Lehre). Mit dem Blick auf Homer, Vergil, Milton, Tasso u. Dante gelangt B. schließlich zu einer Erweiterung des Weltbegriffs u. einem neuen Dichtungsverständnis, das ihm den Protest Gottscheds eintrug. »Ich sehe den Poeten an als einen weisen Schöpfer einer neuen idealischen Welt«, so heißt es in B.s Critischer Dichtkunst [...] (2 Bde., Zürich 1740). Auf die Affinität dieser Vorstellung zum Weltmodell Leibniz’ (Theodizee) wurde hingewiesen. Bemerkenswert ist B.s Nähe zur Ästhetik Alexander Gottlieb
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Baumgartens (Meditationes. 1735. Aestethica. 1750), in der die oberen Erkenntnisvermögen (»facultates cognoscitivae superiores«) von den unteren, »sinnlichen« (»facultates cognoscitivae inferiores«) streng getrennt werden, wobei die ästhet. Erkenntnisweise dem Bereich des »Sinnlichen« zugeordnet wird. So verschränken sich in B.s Critischer Dichtkunst Aspekte Leibniz-Wolff’scher Provenienz mit rhetor. Tradition u. dem Neuansatz Baumgartens. Dezidiert nimmt B. in der »Vorrede« zum zweiten Band der Critischen Dichtkunst Stellung zum Thema Sprachnorm u. regionale Abweichung. Hier wendet er sich bei aller Anerkennung der »Meißnischen Mundart« gegen deren beanspruchte Vorherrschaft über alle »Provinzen Deutschlands« u. tritt entschieden für ein Eigenrecht der Spache der »allemannischen Nation« ein. Im europ. Kontext ist auch seine Critische Abhandlung von der Natur, den Absichten u. dem Gebrauche der Gleichnisse (Zürich 1740. Neudr. Stgt. 1967) zu sehen, in der die kühne Metaphorik Miltons gerechtfertigt wird. Dichterisch wirksam wurden B.s ästhetisch-poetolog. Reflexionen in der Lyrik eines Immanuel Jakob Pyra, des Göttinger Hainbunds, der »Bremer Beiträger«, v. a. in der Dichtung Klopstocks, dessen Überlegungen zur Sprache u. Aufgabe der Poesie (z.B. Von der heiligen Poesie. 1760) sich mit denen B.s in auffallender Weise berühren. Noch einmal nahm B. Stellung zu Vorwürfen seitens des Gottsched-Kreises in der kleinen Schrift Vertheidigung der Schweitzerischen Muse, Hrn. D. Albrecht Hallers (Zürich 1744). Ausdrücklich verweist er hier auf die Lehre Baumgartens u. gibt zu bedenken, dass »aus der Natur eines Gedichtes erhellet, daß sich deutliche, vollständige, ausführliche [...] Begriffe für eines solches gar nicht schicken, sondern daß der Poet sich an dem Wahrscheinlichen, welches aus dunklen und undeutlich klaren Begriffen entstehet sättigen muß« (S. 13 f.). Als wirksam erwies sich auch B.s Fabeltheorie, deren Grundzüge er im ersten Band der Critischen Dichtkunst (Kap. 7) entwarf. Die Fabel, nach seiner Ansicht »ein lehrreiches Wunderbares«, zeichne sich durch das Spannungsverhältnis von »cörperlichem und
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geistlichem Theil« aus. Die Entdeckung dieses Verhältnisses von moralischem Kern u. »künstlerischer Verkleidung« mache den eigentl. Reiz aus. In seinen Abhandlungen über die Fabel (1759) hat sich Lessing gegen diese Art intellektuellen Vergnügens ausgesprochen. Weitere Werke: Diatribe historico-litteraria in versus obscurissimos a Persio Satira prima citatos. Zürich 1723. – Luculenta commentatio in antiqua monumenta in agro Tigurino nuper eruta. In: Johann Georg Schelhorn: Amoenitates litterariae. Bd. 7, Lpz. 1727, S. 1–74. – Vetus Testamentum ex versione septuaginta interpretum. 4 Bde., Zürich 1730–32. Literatur: Hermann Bodmer: J. J. B., 1701–76. Sein Leben u. seine literar. Bedeutung. Zürich 1887. – Jakob Baechtold: Gesch. der dt. Lit. in der Schweiz. Frauenfeld 1892. Neudr. 1919. – Herbert Schöffler: Das literar. Zürich 1700–50. Frauenfeld/ Lpz. o. J. [1925]. – Max Wehrli: J. J. B. aus Zürich 1701–76. In: Große Schweizer Forscher. Hg. Eduard Fueter. Zürich 1939, S. 113 f. – Nicola Accolti Gil Vitale: Verso la critica letteraria. Gottsched, Bodmer e B., Lessing. Varese 1952. – Allessandro Pellegrini: Gottsched, Bodmer, B. e la poetica dell’Aufklärung. Catania 1952. – Hans Peter Herrmann: Naturnachahmung u. Einbildungskraft. Zur Entwicklung der dt. Poetik v. 1670–1740. Bad Homburg v. d. H. u. a. 1970. – Wolfgang Bender: J. J. Bodmer u. J. J. B. Stgt. 1973 (mit Bibliogr.). – Helga Brandes: Von den ›Discoursen der Mahlern‹ (1721–23) zum ›Mahler der Sitten‹ (1746). Ein Beitr. zur Publizistik der Aufklärung. Bremen 1974. – W. Bender: Rhetor. Tradition u. Ästhetik im 18. Jh.: Baumgarten, Meier u. B. In: ZfdPh 99 (1980), S. 481–506. – Angelika Wetterer: Publikumsbezug u. Wahrheitsanspruch. Der Widerspruch zwischen rhetor. Ansatz u. philosoph. Anspruch bei Gottsched u. den Schweizern. Tüb. 1981. – Horst-Michael Schmidt: Sinnlichkeit u. Verstand. Zur philosoph. u. poetolog. Begründung v. Erfahrung u. Urteil in der dt. Aufklärung (Leibniz, Wolff, Gottsched, Bodmer u. B., Baumgarten). Mchn. 1982. – Uwe Möller: Rhetor. Überlieferung u. Dichtungstheorie im frühen 18. Jh. Studien zu Gottsched, B. u. Georg Friedrich Meier. Mchn. 1983. – Jürgen Wilke: Der dt.-schweizer. Literaturstreit. In: Kontroversen, alte u. neue Akten des 7. Internat. Germanisten-Kongresses. Hg. Albrecht Schöne. Bd. 2, Tüb. 1986, S. 140–151. – Horst Dieter Schlosser: Sprachnorm u. regionale Differenz im Rahmen der Kontroverse zwischen Gottsched u. Bodmer/B. In: Mehrsprachigkeit in der dt. Aufklärung. Hg. Dieter Kimpel. Würzb. 1986, S. 52–68. – Hans Otto Horch u. Georg-Mi-
Breitkopf chael Schulz: Das Wunderbare u. die Poetik der Frühaufklärung. Gottsched u. die Schweizer. Darmst. 1988. – Felix Leibrock: Das Interesse an der Barocklit. bei Gottsched u. den Schweizern. In: Europ. Barock-Rezeption. Hg. Klaus Garber. Wiesb. 1991, S. 327–335. – Thomas Sprecher: Das geistige Zürich um 1750. In: Stätten dt. Lit. Studien zur literar. Zentrenbildung 1750–1815. Hg. Wolfgang Stellmacher. Ffm. 1998, S. 97–124. – Helga Brandes: Frühe Diskurse der Aufklärung. Über Bodmer u. B. In: Literar. Zusammenarbeit. Hg. Bodo Plachta. Tüb. 2001, S. 17–23. Wolfgang F. Bender
Breitkopf, Johann Gottlob (Immanuel), * 23.11.1719 Leipzig, † 28.1.1794 Leipzig; Grabstätte: ebd., Alter Johannisfriedhof. – Verleger; Historiker des Buchwesens. Der Sohn des Verlagsgründers Bernhard Christoph Breitkopf erlernte das Druckerhandwerk u. betrieb gleichzeitig humanist. Studien bei bedeutenden Leipziger Gelehrten (Johann Joachim Schwabe, Johann Friedrich Christ, Gottsched u. a.). Zeitlebens hat B. seine Tätigkeiten in Setzerei, Druckerei u. Buchhandel zgl. mit seiner wiss. Arbeit ausüben können, wie seine vielseitigen Aktivitäten u. Publikationen zeigen: Er entwarf zukunftweisende Techniken für den Druck von Musiknoten (Nachricht von einer neuen Art Noten zu drucken. Lpz. 1755. Neudr. Lpz. 1918), von Landkarten, Bildnissen, chines. Schriftzeichen u. mathemat. Figuren u. schuf die nach ihm benannte Fraktur; er plante eine große Geschichte des Buchdrucks, deren Entwurf Ueber die Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst 1779 in Leipzig erschien; er unterstützte tatkräftig die von Philipp Erasmus Reich initiierten Reformen des dt. Buchhandels u. wandte sich gegen veraltete Bräuche der Druckerinnung; er ließ zahlreiche literar. Zeitschriften in seinem Verlag erscheinen u. sammelte Inkunabeln u. a. wertvolle Drucke zu einer Bibliothek von fast 20.000 Bänden, die u. a. von Goethe in seiner Leipziger Studienzeit benutzt wurde. Seine ebenso rastlose wie vielseitige Tätigkeit brachte B. in Kontakt mit vielen Dichtern, Komponisten u. Gelehrten (u. a. Lessing, Carl Philipp Emanuel Bach, Winckelmann).
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Als Verleger förderte er insbes. die sprachwiss. Forschungen Johann Christoph Adelungs. Weitere Werke: Versuch, den Ursprung der Spielkarten, die Einf. des Leinenpapieres, u. den Anfang der Holzschneidekunst in Europa zu erforschen. Lpz. 1784. Neudr. Mchn. 1985. – Ueber Buchdruckerey u. Buchhandel in Leipzig. Lpz. 1793. Neudr. Lpz. 1964. – Briefe: Briefe v. Carl Philipp Emanuel Bach an J. G. I. B. u. Johann Nikolaus Forkel. Hg. Ernst Suchalla. Tutzing 1985. Literatur: Karl G. Hausius: Biogr. Herrn J. G. I. B.s. Lpz. 1794. – Oskar v. Hase: Breitkopf & Härtel. Bd. 1, Lpz. 41917, S. 83–114. – Hans Lülfling: J. G. I. B. als Historiker des Buchwesens. In: Beiträge zur Gesch. des Buches (1974), S. 126–145. – George B. Stauffer (Hg.): J. S. Bach, the B.s, and eighteenthcentury music trade. Lincoln 1996. – Erich Loest: Typenerfinder, Drucker, Verleger. J. G. I. B. In: Börsenblatt für den dt. Buchhandel 163 (1996), S. 32–34. Felix Leibrock / Red.
Breler, Melchior, auch: Rupertus Meldenius, Napellus Caerulleus, * wohl 1589 Fulda (?), getauft am 5.12.1589 in Fulda, † 1627. – Arzt; Verfasser medizinischer u. religiös-theosophischer Schriften. B. studierte in Marburg/L. (1607) u. Helmstedt (1614); Promotion zum Dr. med.; Leibarzt u. Rat in Diensten Herzog Augusts d.J. von Braunschweig-Lüneburg (Bestallung dokumentiert für 1623). Zu seinen Freunden u. Bekannten zählten Johannes Angelius Werdenhagen, Johann Valentin Andreae, Michael Maier, Joachim Morsius u. Hermann Rahtmann; enge Freundschaft verband B. mit Johann Arndt, dem umstrittenen Generalsuperintendenten des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg. B. mehrte das chemiatr. Schrifttum mit einer Ausgabe zweier Trinkgoldmonografien des engl. Chemiaters Francis Anthony (Panacea aurea. Hbg. 1618) u. beteiligte sich an der Rosenkreuzerpublizistik (Echo Buccinae Iubilaei ultimi nuper e Scanzia in Germaniam a F.R.C. missae. Hann., LB, Ms. IV 431, Bl. 740–772). Im Lehrstreit um Johann Arndts Vom Wahren Christentum nahm B. unter den Apologeten eine führende Stellung ein u. brach einer religiösen Idolisierung Arndts mächtig Bahn. Er führte schwere Angriffe gegen alles
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»Maulchristentum« u. die luth. Orthodoxie (Mysterium iniquitatis pseudoevangelicae. Goslar 1621. Vindiciae pro mysterio iniquitates pseudoevangelicae. Goslar 1622) u. ergänzte diese scharfen Kampfschriften mit einem aus Arndts Nachlass herausgebenen Informatorium biblicum (Lüneb. 1623), einer lat. Vom Wahren Christentum-Übersetzung (J. Arndt: De Vero Christianismo. Lüneb. 1625), einem Wahrhafftigen [...] Bericht von den vier Büchern vom Wahren Christenthumb (Lüneb. 1625. Auch u. d. T. Apologetica Arndiana. Hg. Christian Günther. Lpz. 1706 u. in: J. Arndt: Geistreiche Schrifften. Lpz. 1736, S. 1021–1068) sowie einer Paraenesis votiva pro pace ecclesiae (Rothenburg o. d. Tauber o. J. [1626]). Seine Schriften zeichnen sich durch »eine überaus treffende, kontrastreiche, mitreißende, ja überschäumende Sprache aus« (Seebaß 1996, S. 165). Sie schufen B. manchen Gegner (Jacob Wehrenberg/Werenbergius: Vindiciae ecclesiae Lutheranae. Hbg. 1622); Radikalpietisten hingegen haben sie geschätzt (Christian Hoburg) u. in ihrem Verfasser einen »Zeugen der Wahrheit« gefeiert (F. Breckling). Heute wird in B. gewöhnlich der »Begründer des linken, kirchenkritischen Flügels der Arndtschule« erblickt (Wallmann 1980, S. 28). Weitere Werke: Lobgedichte. In: Gustavus Selenus (Herzog August): Cryptomenytices et Cryptographiae libri IX. Lüneb. 1624. Adrian v. Mynsicht: Thesaurus medico-chymicus. Hbg. 1631. – Rezept. In: Hamburg, SuB, Cod. alch. 668, Bl. 56v57r. Literatur: Friedrich Lücke: Über das Alter, den Verfasser, die ursprüngl. Form u. den wahren Sinn des kirchl. Friedensspruches ›In necessariis unitas, in non necessariis libertas, in utrisque charitas!‹ Eine litterarhistor. theolog. Studie. Gött. 1850 (mit ›Paraenesis‹-Abdr.). – Wilhelm Koepp: Johann Arndt. Eine Untersuchung über die Mystik im Luthertum. Bln. 1912, S. 104–110, 123 f., 127–131, 313. – Johannes Wallmann: Herzog August zu Braunschw. u. Lüneb. als Gestalt der Kirchengesch. Unter bes. Berücksichtigung seines Verhältnisses zu Johann Arndt. In: PuN 6 (1980), S. 9–32, hier S. 24–28. – Frieder Seebaß: Die Schr. ›Paraenesis votiva pro pace ecclesiae‹ (1626) u. ihr Verf. Ein Beitr. zu den Arndtschen Streitigkeiten. In: PuN 22 (1996), S. 124–173. Joachim Telle
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Bremberger-Ballade, entstanden nach 1330 u. vor 1450. – Minnesänger-Ballade.
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Entstehungszeit u. -ort der B. können nicht exakt angegeben werden, jedoch ist aufgrund der Rezeption, insbes. der Bezüge zu den Liedern Nr. 68 u. 69 des Königssteiner Liederbuches, eine Entstehung spätestens um 1450 anzusetzen. Wenn ikonograf. Details im Autorenbild Reinmars von Brennenberg in der Großen Heidelberger Liederhandschrift C zus. mit Motiven aus seinem dort überlieferten Œuvre den Ausgangspunkt für die balladenhafte Ausgestaltung zu einer Sängerbiografie gaben, kann die B. erst nach deren Abschluss (ca. 1330) entstanden sein. Die zeitl. Abfolge sowie der Zusammenhang der verschiedenen Ausformungen des Stoffes sind unsicher. Hanno Rüther führt neben der Chronologie der Überlieferungsträger weitere Indizien dafür an, dass vermutlich die Ballade im Hofton den Ausgangspunkt bildete: Nur hier ist die Geschichte zu einem Exempel für die Kraft der wahren Liebe ausgestaltet. Außerdem wird nur hier über die einleitenden Verse u. die Verwendung des Tones der Bezug zum Minnesänger Reinmar plausibel. Der Minnesänger als Hauptperson sowie die Biografisierung der Ich-Rolle verbinden die B. mit der Moringer- u. der Thannhäuserballade.
Im Mittelpunkt der Ballade steht ein Mann mit Namen Bremberger (»Bruinenburch« in der niederländischen, »Brunnenberch« in der niederdt. Fassung), bei dem es sich nach allgemeiner Auffassung um den Minnesänger Reinmar von Brennenberg handelt. Von dem Text gibt es verschiedene Fassungen: Eine in Reinmars Hofton ist in sechs Drucken, deren frühester im Jahre 1500 entstand, überliefert. Außerdem existieren, handschriftlich u. in Drucken tradiert, weitere Fassungen: eine niederländische in einer Handschrift von ca. 1540 (A) u. einem Druck von 1544 (B), eine hochdeutsche in einem Druck aus der zweiten Hälfte des 16. Jh. (C) u. eine niederdeutsche in einer Handschrift um 1600 (D). Gemeinsam ist allen Fassungen, dass Bremberger wegen seiner Verehrung für eine hochgestellte Frau bei deren Mann verleumdet u. von diesem in einem Turm gefangengesetzt wird. Der weitere Handlungsverlauf divergiert: In A wird die Frau von einem Ritter beobachtet, als sie den gefangenen Bremberger besucht; dieser wird zum zweiten Mal verleumdet u. dann gehängt. Die übrigen Fassungen enden mit Ausgaben: Artur Kopp (Hg.): B.-Gedichte. Wien dem weit verbreiteten Motiv des gegessenen Herzens, allg. als Herzmäre bezeichnet, wie 1908 (Nr. XI ). – John Meier (Hg.): Dt. Volkslieder mit ihren Melodien. Bd. 1, Bln. 1935 (Nr. 16, 1–3). es sich z.B. in Konrad von Würzburgs Herz– Paul Sappler (Hg.): Das Königsteiner Liederbuch. mære findet: Bremberger wird nach sieben- Mchn. 1970 (Nr. 68 u. 69). – Hanno Rüther (Hg.): jähriger Gefangenschaft das Herz aus dem Der Mythos v. den Minnesängern. Die Entstehung Leib geschnitten u. der Frau als Speise vor- der ›Moringer‹-, ›Thannhäuser‹- u. ›B.-Ballade‹. gesetzt; als sie erfährt, was sie gegessen hat, Köln/Weimar 2007, S. 279–284, S. 287–292. Literatur: John Meier: Drei alte dt. Balladen. stirbt sie. Unklar ist die Herkunft des Stoffes: Möglich ist, dass die Verbindung Reinmars In: Jb. für das Volkslied 4 (1934), S. 56–65. – Fritz mit dieser Figur durch das Bild in der Großen Rostock: Mhd. Dichterheldensagen. Halle 1925, Heidelberger Liederhandschrift C (Manessische S. 16–18. – Paul Sappler: B. In: VL. – Rüther 2007 (s. o.), bes. S. 251–301. Elisabeth Wunderle Liederhs.) angeregt worden ist, wo dargestellt ist, wie er ungerüstet von vier bewaffneten Männern getötet wird. Ein loser Zusammenhang mit Motiven aus seinen Liedern ist da- Bremer, Claus, * 11.7.1924 Hamburg, bei denkbar. Hervorgehoben wird in der † 15.5.1996 Forch bei Zürich. – DramaForschung immer wieder der mögl. Einfluss turg, Übersetzer u. Verfasser von Gedichhistorischer Begebenheiten, nämlich der ge- ten. waltsame Tod des Bruders des Regensburger Nach dem Besuch des Gymnasiums u. einer Domherren Bruno von Brennenberg in Re- zweijährigen Dienstzeit bei der Kriegsmarine gensburg 1276 u. die Hinrichtung einer studierte B. 1945–1949 Altphilologie, Philosophie, Literatur- u. Kunstgeschichte in Helke von Brennenberg 1256.
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Freiburg i. Br. Neben dem Studium arbeitete wenden versucht. 1984 erhielt er die Ehrener als Regieassistent u. ließ sich 1947–1949 gabe des Kt. Zürich. als Schauspieler ausbilden. Zus. mit Rainer Weitere Werke: poesie. Karlsr. 1954 (L.). – taM. Gerhardt gab er 1948–1954 die »interna- bellen u. variationen. Frauenfeld 1960 (L.). – tionale revue für moderne dichtung: frag- Theater ohne Vorhang. St. Gallen/Stgt. 1962 (Ess.). mente« heraus, in der er auch seine ersten – ideogramme. Frauenfeld 1964 (L.). – Hände weg »Montage-Gedichte« veröffentlichte. 1952 von meinem Ferrari. Zürich 1967. 1994 (D.). – Texte u. Komm.e. Steinbach 1968. – Thema Theaging B. nach Darmstadt, wo er unter Gustav ter. Ffm. 1969 (Ess.). – Hier wird Geld verdient. Rudolf Sellner Regieassistent, dann Regis- Stgt. 1977 (Hörsp.). seur, schließlich 1956–1961 Chefdramaturg Literatur: Eugen Gomringer: konkrete Poesie. war. deutschsprachige autoren. Stgt. 1972. – Hanspeter 1957–1959 war B. Mitarbeiter bei der von Gansner: C. B. Radio Basel 1985. – Heidrun KerDaniel Spoerri herausgegebenen Literatur- stein: C. B. In: KLG. – Philippe Buschinger: bewezeitschrift »material« sowie Redakteur der gen u. beweglich sein. In: Allemagne d’aujourd’hui Darmstädter Theaterzeitschrift »Neues Fo- 138 (1996), S. 118–137. Peter König / Red. rum«. Zum Mitbegründer der Konkreten Poesie wurde er mit seinen während dieser Bremer, Jan Peter, * 16.2.1965 Berlin. – Zeit entstandenen »Gedichten in Tabellen- Verfasser von Kurztexten u. -romanen. form« (Eugen Gomringer), die – als »Dichtpartituren« konzipiert – der schöpferischen 1970 zog B., Sohn des Künstlers Uwe Bremer, Mitbestimmung des Lesers offenstehen u. mit seinen Eltern aufs Land im Kreis LüchowDannenberg u. besuchte dort Realschule u. dadurch einen Beitrag zur »DemokratisieGymnasium. Nach dem Abitur kehrte er nach rung der Poesie« leisten sollen. In den 1960er Berlin zurück u. arbeitet dort seit 1988 als u. 1970er Jahren war B. v. a. am Theater tätig, freier Schriftsteller. 1960–1962 in Bern, 1962–1966 in Ulm (bis B. schreibt verdichtete »Zwergromane« 1965 auch Dozent an der Hochschule für mit surrealen Elementen, die häufig zum Gestaltung), 1970–1978 in Zürich. Als DraGrotesken tendieren. Als literar. Vorbilder maturg u. Regisseur setzte er sich für künstgelten ihm Franz Kafka u. Robert Walser. ler. Formen ein, die den Zuschauer aus seiner Nach seinem Debüt, dem Kurztextband In die passiven Rolle befreien, zum Mitspielen aniWeite (Bln. 1987), folgen die drei in Stil, Ton mieren u. schließlich einen Prozess der u. ihrer Machart ähnl. Kurzromane Einer, der »Selbstfindung« einleiten sollten. So reali- einzog, das Leben zu ordnen (Bln. 1991), Der Pasierte er u. a. 1964 Wolf Vostells erstes dt. last im Koffer (Bln. 1992) u. Der Fürst spricht »Happening«. Neben Stücken von diversen (Ffm. 1996). Für Letztgenannten erhält B. modernen Autoren wie Jacques Audiberti, 1996 den Klagenfurter Ingeborg-BachmannArmand Gatti u. Eugène Ionesco brachte er Preis. Der Fürst spricht behandelt eine bipolare eine Reihe von klass. Stücken in eigenen, sehr Herr-Knecht-Relation, die B. in einer bewusst umstrittenen umgangssprachl. Übersetzun- offen gehaltenen Symbolik gestaltet. Das gen zur Aufführung (Aristophanes, Sopho- Verhältnis zeichnet sich durch einen Willen kles, Shakespeare). zur Macht, Verfolgungswahn, Abhängigkeit, Ab 1981 war B. Herausgeber der Schweizer homosexuelle Anziehung, innere Isolation u. Literaturzeitschrift »orte«. Seinen »Weg Ohnmacht aus. Das Verständnis erschwerend durch die Konkrete Poesie« beschrieb er 1983 kommt B.s Wille hinzu, komisch-befremin dem krit. Essay Farbe bekennen (Zürich). dend zu wirken. 1984 erschien der Gedichtband Man trägt keine Der Roman Feuersalamander (Bln. 2000) Mützen nach Athen (Zürich), in dem B., auf der entwirft die Wirklichkeitsflucht eines Suche nach Alternativen zur Formsprache der Schriftstellers, dessen inneres Zwangsbild es Konkreten Poesie, poet. Verfahrensweisen ist, in seinem Schreiben der Idee eines trag. beispielsweise von Ezra Pound, den Surrea- Menschen nicht gerecht zu werden. Vor der listen u. den altjapan. Dichtern neu anzu- vermeintlich außen liegenden Ursache der
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Störung flüchtend, gelangt er in ein einsames Herrliberg in einer Reimchronik fest, die im Bergdorf. Hier, in diesem unwirklich-arran- Turmknopf aufbewahrt wurde. Die Manugierten Szenario, einer gleichsam episch rea- skripte seiner Schriften befinden sich in der lisierten Innenwelt des Protagonisten, wird er Zentralbibliothek Zürich. selbst zur trag. Figur. Weitere Werke: Altschweizer. Sprüche u. Nach mehrjährigem Verstummen, für das Schwänke. Aus einer Hs. des Schweizer. Idiotikons. B. als Grund nun selbst eine Schreibblockade Hg. Mitgl.er der Redaktion. Frauenfeld 1941. angibt, erscheint 2006 der Briefroman Still Literatur: Adrian Corrodi-Sulzer: Diakon H. U. Leben (Bln.), in dem ein egomaner Ich-Erzäh- B., 1620–92. In: Zürcher Tb. auf das Jahr 1944. ler einem ominösen »lieben Freund« von N. F. 64 (1943), S. 36–47. Hellmut Thomke / Red. zunehmender innerer Einsamkeit in seinem abgelegenen Haus auf einem Berg berichtet, Brentano, Bernard von, * 15.10.1901 Ofdas er mit seiner vierköpfigen Familie kürzfenbach/M., † 29.12.1964 Wiesbaden; lich bezogen hat. Wie in den anderen Werken Grabstätte: Wiesbaden-Sonnenberg. – auch führt B. hier das Scheitern seiner als Romanautor u. Essayist. Zwangscharakter gestalteten Figur vor. Trotz zahlreicher Preise u. Stipendien gilt Der Sohn eines hess. Ministers u. NachkomB. noch als unentdeckter Autor. me der berühmten Dichterfamilie ließ sich Literatur: Thomas Kraft: J. P. B. In: LGL. – nach dem Studium in Freiburg i. Br., MünKathleen Condray: Language and Power, Homo- chen u. Frankfurt/M. als freier Schriftsteller eroticism and Illness: A Reading of J. P. B.’s ›Der in Berlin nieder. Durch die enge Freundschaft Fürst spricht‹. In: Monatshefte 96 (2004), H. 4, mit Joseph Roth kam er zum Journalismus. S. 521–534. Raffaele Louis Auf Roths Vorschlag trat er in die Berliner Redaktion der »Frankfurter Zeitung« ein, wechselte 1930 allerdings zum »Berliner TaBrennwald, Hans Ulrich, * 28.2.1620 Zügeblatt« u. schrieb auch noch für andere rich, † 9.4.1692 Kilchberg bei Zürich. – Berliner Zeitungen. So veröffentlichte er LiPfarrer; Satiriker u. Lokalchronist. teratur- u. Filmkritiken, AusstellungsbeDer Sohn eines Gürtlers u. Urenkel des sprechungen u. kleinere Arbeiten über das schweizerischen Chronisten Heinrich Brenn- städt. Leben in Berlin. In großen Artikelfolwald wurde am Collegium Alumnorum beim gen berichtete er über seine Reise nach WarFraumünster in Zürich zum Pfarrer ausge- schau (1927). B. engagierte sich in den 1920er bildet. 1644 wurde er Pfarrvikar. Noch im Jahren politisch für die Linke; er betonte den gleichen Jahr kam er als reformierter Predi- Gebrauchswert von Literatur u. schrieb im kant in die parität. Gemeinde Henau-Nie- Stil der Neuen Sachlichkeit. 1930 hatte B. eine ausgedehnte Reise nach derglatt im Toggenburg. 1651 überwarf er sich mit dem Landes- Polen u. in die Sowjetunion bis nach Moskau herrn, dem Fürstabt von St. Gallen, u. verlor unternommen, 1932 reiste er wieder dorthin. die Stelle. 1652 wurde B. Pfarrer in der Die Reisen führten zu einer veränderten BeSpanweid u. Ende desselben Jahres Diakon u. urteilung des Sozialismus durch die Erfahrung der Gewalt u. Korruption im StalinisSchulmeister in Kilchberg. Seine beiläufig verfassten Schriften ließ B. mus. Hatte B. mit den Lyrikbändchen Gedichte nicht drucken. Er setzte die Chronik des Zürchers Bernhard Wyß fort, verfasste zur (Freib. i. Br. 1923) u. Gedichte an Ophelia (PaZeit seines Streits mit dem Fürstabt Schimpf- derb. 1925) sowie der Komödie Geld (Freib. i. und Glimpfreden, schrieb Haussprüche u. Epi- Br. 1924) als Schriftsteller debütiert, ohne gramme, ferner Anekdoten über kath. Geist- nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen, so liche, deren Sammlung er 1681 abschloss. erregte er erstmals Aufsehen mit den Essays Außerdem begann er 1680 ein geistliches unter dem etwas reißerischen Titel KapitalisPfründenbuch zusammenzustellen u. hielt mus und schöne Literatur (Bln. 1930) u. v. a. mit 1687 die Geschichte des Kirchenbaus von dem Buch Der Beginn der Barbarei in Deutschland
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(Bln. 1932), das auch im europ. Ausland an- seine Rechtfertigung für die Zeit, die er auerkennende Beachtung fand. Er beschreibt ßerhalb Deutschlands verbracht hatte. B. war Mitgl. der Deutschen Akademie für darin politische u. soziale Fragen der Gegenwart in nüchterner, distanzierter Reportage Sprache u. Dichtung u. der Akademie der wie z.B. Die Bedrohung des Privateigentums, Über Wissenschaften und der Literatur zu Mainz. die Lage der Landwirte oder Der Umgang mit Ar- Als »revolutionärer Patriot«, als »streitbarer Homme de Lettres«, als Lyriker, Dramatiker, beitern. 1933 verlegte B., ohne zu diesem Zeit- Erzähler, Essayist u. Journalist war er geachpunkt unmittelbar bedroht zu sein, seinen tet u. anerkannt. Weitere Werke: Über den Ernst des Lebens. Wohnsitz in die Schweiz; zuerst nach Zürich, dann nach Küsnacht. Schon 1935 fanden sich Bln. 1929. – Phädra. Zürich 1939 (Schausp.). – die meisten seiner Titel auf der Liste des August Wilhelm Schlegel. Gesch. eines romant. »schädlichen und unerwünschten Schrift- Geistes. Stgt. 1943. Ffm. 1986. – Tgb. mit Büchern. Zürich 1943. – Streifzüge. Tgb. mit Büchern neue tums«. Folge. Zürich 1947. – Sophie Charlotte u. DankelWährend der Emigration entwickelte sich man. Eine preuß. Historie. Wiesb. 1949. – Dass ich der polit. Journalist zum Schriftsteller, des- eins u. doppelt bin. Marianne v. Willemer u. Goesen überragende Leistung der Roman Theodor the. 2., neu bearb. u. erg. Aufl. Wiesb. 1961. – Drei Chindler (Zürich 1936. Neuausg. Ffm. 2001) Prälaten. Wiesb. 1974 (Ess.s). – Wo in Europa ist war, ein Familienbild, das häufig mit Thomas Berlin? Bilder aus den 20er Jahren. Ffm. 1981. Manns Buddenbrooks verglichen wurde. Mit 1993. Literatur: Ulrike Hessler: B. v. B. – Ein dt. dem Konflikt einer großen Familie wird der Umbruch vom Kaiserreich zur Weimarer Re- Schriftsteller ohne Dtschld. Tendenzen des Romans zwischen Weimarer Republik u. Exil. Diss. Ffm. publik u. das Kräftespiel zwischen Kirche, 1984. – Hans-Christian Oeser: ›Die Dunkelkammer Staat u. Militär brillant dargestellt. Theodor der Despotie‹. B. v. B.s ›Prozeß ohne Richter‹ im Chindler sollte der erste Band einer Trilogie Zwielicht. In: Exilforsch. 7 (1989), S. 226–247. – Roman einer deutschen Familie sein. Kurz vor Bernd Goldmann: B. v. B. Texte u. Bibliogr. Mainz Ausbruch des Krieges erschien eine frz. 1992. – Ulrike Hessler: B. v. B. (1901–64). Ein dt. Übersetzung; 1939 wurde das Buch in Lon- Schriftsteller ohne Dtschld. In: Geist u. Macht. Die don mit dem Internationalen Länderpreis für Brentanos. Hg. Bernd Heidenreich. Wiesb. 2000, das beste europ. Buch ausgezeichnet. Der S. 197–323. Bernd Goldmann / Red. zweite Band u. d. T. Franziska Scheler erschien 1945 (Zürich). Brentano, Christian, * 24.1.1784 Frank† 27.10.1851 Frankfurt/M.; Im Exil veröffentlichte B. noch Berliner No- furt/M., vellen (Zürich 1934), Prozeß ohne Richter Grabstätte: Aschaffenburg, Altstadtfried(Amsterd. 1937), Die ewigen Gefühle (Amsterd. hof. – Religiöser Publizist, Lustspielautor 1939. Zuletzt Ffm. 1984) u. Die Schwestern u. Herausgeber. Usedom (Zürich 1948). Nach einer unruhigen Jugend studierte der 1949 kehrte B. nach Deutschland zurück u. früh verwaiste Bruder von Clemens u. Bettine wohnte bis zu seinem Tod in Wiesbaden. Er Brentano 1803–1808 in Marburg u. Jena konnte in dieser Zeit neben kleineren Arbei- Medizin. Bis 1815 bewirtschaftete er das Faten in Presse u. Rundfunk nur noch zwei miliengut Bukowan in Böhmen, wo er auf umfangreiche Werke veröffentlichen: ge- Clemens’ Anregung einen (unveröffentlichsammelte Essays u. d. T. Schöne Literatur und ten) Zyklus von sechs Lustspielen über die öffentliche Meinung (Wiesb. 1962), die sich für ständ. Weltordnung begann. Nach Frankfurt ein besser verstandenes Selbstbewusstsein des zurückgekehrt, schrieb er 1816 für eine AufSchriftstellers u. der Literatur einsetzen, u. führung im Familienkreis sein Schattenspiel Du Land der Liebe (Tüb./Stgt. 1952), das zu Der unglückliche Franzose oder Der Deutschen seinen am meisten beachteten Werken ge- Freiheit Himmelfahrt (Aschaffenburg 1850. hört. In der bekannten Form der Collage vereint es Tagebuch, Bericht u. Essay; es war
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Neuausg. Mchn. 1923), das mit sprühendem Witz den Franzosenhass karikiert. Unter dem Einfluss Johann Michael Sailers wandte sich B. dem dogmat. Katholizismus zu u. kämpfte nach seinem Rom-Aufenthalt (1823–1827) u. a. in der Zeitschrift »Katholik« für die vom Staat unabhängige hierarch. Gewalt der Kirche. Er wies seinen Bruder auf die stigmatisierte Nonne Anna Katharina Emmerick in Dülmen hin; ihre von Clemens u. d. T. Leben der hl. Jungfrau Maria beschriebene Vita ließ er 1852 in München erscheinen. Außerdem gab er seines Bruders Gesammelte Schriften (7 Bde., Ffm. 1852–55) erstmals heraus. B.s eigene religiöse Publizistik (Nachgelassene religiöse Schriften. 2 Bde., Mchn. 1854) blieb weitgehend unbeachtet. Literatur: Ewald Reinhard: Die B.s in Aschaffenburg. Aschaffenburg 1928. – Bernhard Gajek (Hg.): Clemens u. C. B.s Bibl.en. Beih.e zum Euph. 6 (1974). – Brigitte Schad (Hg.): Die Aschaffenburger B.s. Beitr. zur Gesch. der Familie aus unbekanntem Nachl.-Material. Aschaffenburg 1984. – Klaus Günzel: Bauer u. Nachlaßverwalter – C. B. In: Ders.: Die Brentanos. Eine dt. Familiengesch. Zürich 1993, S. 124–127. – Brigitte Schad, C. B., Vater der Aschaffenburger Brentanos. In: Geist u. Macht: Die Brentanos. Wiesb. 2000, S. 93–116 – Alexander Loichinger: Sailer, Diepenbrock, C. u. Clemens B. In: Münchener theolog. Ztschr. 52 (2001), S. 304–322. – Hartwig Schultz: C. B. In: Ders.: Die Frankfurter Brentanos. Stgt. 2001, S. 220–242. Hans Sarkowicz / Red.
Brentano, Clemens (Maria Wenzeslaus), auch: Maria, * 9.9.1778 Ehrenbreitstein, † 28.7.1842 Aschaffenburg; Grabstätte: ebd., Altstadtfriedhof. – Lyriker, Erzähler u. Dramatiker. B. wurde als Sohn des Frankfurter Kaufmanns Peter Anton Brentano u. dessen zweiter Frau Maximiliane im Haus der Großeltern Georg u. Sophie von La Roche geboren. Wieland u. Goethe, beide mit der Familie des Kanzlers La Roche im Kurfürstentum Trier befreundet, standen gleichsam an seiner Wiege. Taufpate war Clemens Wenzeslaus, der 1803 depossedierte Kurfürst u. Erzbischof von Trier, Herzog zu Sachsen u. Bischof von Augsburg. In »strenger und unmütterlicher Zucht« wuchs B. auf, u. das Bild der früh
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(1793) gestorbenen Mutter wurde zum Sehnsuchtsbild einer lebenslangen Suche nach Einheit u. Geborgenheit. Das frühe Ende der Kindheit (seit 1794 wurde er im Haus seiner Tante Möhn in Koblenz erzogen) hat er zeitlebens als die Vertreibung aus einem Paradies empfunden, sodass er den zentralen romant. Motivkomplex des verlorenen u. wiederzugewinnenden Paradieses in der geheimen, »heiligeren Geschichte« seines Inneren gespiegelt fand u. zum Mittelpunkt eines Werks von stark symbolistischer u. autobiogr. Prägung machte. Das Bild der Mutter suchte er in zweien seiner Schwestern: in der zwei Jahre älteren Sophie, die 1800 auf Wielands Gut Oßmannstedt starb (u. der er in der Hymne An S. ein Denkmal setzte), u. in der sieben Jahre jüngeren Bettine, die 1811 seinen Freund u. »Herzbruder« Achim von Arnim heiratete. Auch in Sophie Mereau, die B. am 29.11.1803 in Marburg heiratete u. schon am 31.10.1806, bei der Totgeburt seines dritten (u. ihres fünften) Kindes, wieder verlor, sah er »ganz, körperlich und geistig das Bild unsrer verstorbenen Mutter«. Derlei Fixierung auf die Mutterfigur zieht sich vom Roman Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter (2 Bde., Bremen 1801) bis zum 1842 druckfertigen, aber erst postum erschienenen Leben der heiligen Jungfrau Maria. Nach den Betrachtungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich (Mchn. 1852) durch B.s Werk. In Jena hatte B. 1798 Sophie Mereau im Salon von Caroline Schlegel kennengelernt. Schon kurz nach seiner Immatrikulation als Student der Medizin war er dort in den Kreis der Frühromantiker aufgenommen worden u. avancierte durch sein satirisches Temperament rasch zum »Tieck des Tieck« (Dorothea Schlegel). Den reformer. Universitätsideen der Romantiker blieb B. auch in Heidelberg (1804–1808), Landshut (1808/09), Berlin (1809–1811) u. München (1833–1842) verbunden, wo er jeweils über seine Freunde – z.B. über Achim von Arnim, Joseph Görres, Adam Müller, Johann Nepomuk Ringseis, Karl Friedrich von Savigny – meist vergeblich Einfluss auf die Besetzung der Lehrstühle zu nehmen versuchte. Schon aus Heidelberg aber wurde B. nicht so sehr durch die Niederlage der Romantiker im Kampf mit der
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»Vossischen Partei« vertrieben als durch die ständige Öffentlichkeit seines Ehekonflikts mit seiner zweiten Frau Auguste Bußmann (kath. Eheschließung am 21.8.1807 in Fritzlar). Auguste stilisierte Liebe u. Ehe nach den Mustern des zeitgenöss. Popularromans. Dessen stereotype Themen – wie Verführung, Entführung, Flucht, Verfolgung, Selbstmordversuch, Rettung in letzter Minute, unversiegbare erot. Lust – suchte sie in Realität umzusetzen, sodass sich B. seit Herbst 1807 der überreizten Atmosphäre dieses Eheromans zunehmend entzog (Trennung von Auguste 1809, Scheidung 1814). In der Geschichte des Chevalier des Grieux u. der Manon Lescaut hat B. den Inbegriff erotisierender Lektüre gesehen u. mit der poet. Verfluchung dieses Buchs (Wohlan! so bin ich deiner los. Gedicht um 1811) wie in seinem Gegenentwurf, dem postum erschienenen Romanfragment Der schiffbrüchige Galeerensklave vom toten Meer (Hg. Walther Rehm. Bln. 1949), Schmerz u. Elend der literaturgeleiteten Existenz verdeutlicht. B.s Leben demonstriert exemplarisch die von Niklas Luhmann behauptete »Asymmetrie der Geschlechter« in der Zeit der Romantik: »Der Mann liebt das Lieben, die Frau liebt den Mann [...]. Was die Romantik als Einheit postuliert, bleibt damit Erfahrung des Mannes, obwohl und gerade weil die Frau die primär Liebende ist und ihm das Lieben ermöglicht.« Da Liebe u. Freundschaft für B. in der Ehe mit Auguste als Medien der Selbstfindung verdächtig geworden waren, versuchte er in der Kunst zu finden, was er in der Realität verloren glaubte. In Hölderlin, Beethoven u. Philipp Otto Runge sah er das Morgenrot eines inbrünstig ersehnten Kunstzeitalters heraufdämmern. Als sich dieses Morgenrot (mit dem Beginn der Restauration in Europa) als die Abendröte des Zeitalters der Autonomieästhetik erwies, gab sich B. ebenso leidenschaftlich dem neu erwachten religiösen Gefühl hin, das nach den Napoleonischen Kriegen im Europa der Erweckungsbewegungen um sich griff. Im Kreis der Berliner Neupietisten lernte er 1816 Luise Hensel kennen; er verband die Werbung um die 18 Jahre alte Linumer Pfarrerstochter mit psychisch-poet. Pressionen um deren Konversion u. ver-
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stärkte dieses Drängen nach seiner Generalbeichte (am 27.2.1817). Die verspätete Nachricht von Luise Hensels (1818) »eigenmächtig« vollzogenem Übertritt zum Katholizismus stürzte B. in dämon. Ausbrüche der Eifersucht, wie sie jene schwarze Romantik kennzeichnen, die B. seit Sept. 1818 im westfäl. Dülmen, am Bett der stigmatisierten Anna Katharina Emmerick, zu bändigen suchte. Die säkularisierte Nonne wurde ihm in ihren Ekstasen zu einem »Werkzeug der Erkundigung« für alles Übersinnliche u. schließlich für ein Tag um Tag zu rekonstruierendes Leben Jesu, dessen romanartiger Ausarbeitung er, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung um rationalistische u. liberale Leben-Jesu-Forschung, seine ganze Kraft widmen wollte. Die hierognostischen, mystizistischen u. magnetisch-psycholog. Experimente mit der schwer leidenden Anna Katharina Emmerick, an deren Körper er zu seiner Bestürzung die Liebeswunden bluten sah, von denen er unsichtbar stigmatisiert zu sein glaubte, überlagern (bis zur Anstiftung der widerrechtl. Exhumierung der Leiche Anna Katharina Emmericks u. zu fetischist. Versuchen) den Arbeitsplan eines großen religiösen Weltepos, von dem er seinen Erben rd. 16.000 handschriftl. Folioseiten hinterlassen hat. Nach dem Tod der Dülmener Nonne (am 9.2.1824) wieder ruhelos durch Deutschland u. Frankreich wandernd u. zeitweilig eifrig um die kath. Bewegung bemüht, sah sich B. in München (seit 1833) noch einmal mit seiner einstigen Berliner Lebenssituation konfrontiert. In den vielstrophigen, oft wie im Fieber sich selbst weiterschreibenden Liebesgedichten an die aus Basel stammende Malerin u. Kunstsammlerin Emilie Linder hat er nochmals Liebes- u. Konversionswunsch so innig miteinander verschmolzen, dass sich die Geliebte zu seinen Lebzeiten beiden Wünschen entzog. Im München Ludwigs I. u. seines leitenden Ministers Carl von Abel waren diese Gedichte im engen Kreis der eingeweihten Freunde z.T. bekannt. In der Öffentlichkeit galt B., seit der Publikation des zur Bekämpfung der Cholera geschriebenen Buchs Die Barmherzigen Schwestern in Bezug auf Armen- und Krankenpflege (Koblenz 1831) u. seit
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dem Erscheinen eines ersten Teils seiner Emmerick-Schriften Das bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christi. Nach den Betrachtungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich (Sulzbach 1833), als ein »korrespondierendes Mitglied der katholischen Propaganda« (Heinrich Heine), als ein Autor der geistl. Restauration. Gelegentlich wurde er dabei mit seinem tatsächlich dieser Strömung zuzurechnenden Bruder Christian verwechselt, in dessen Haus er 1842 starb. Die dominant lyr. Prägung von B.s Werk ist nicht zu verkennen. Viele der rd. 1000 Gedichte u. Gedichtentwürfe (darunter etwa 250 bis heute unveröffentlichte, die – wie die veröffentlichten – von höchst unterschiedlicher Qualität sind) wurden jedoch in Kontexte (das heißt in Romane, Märchen, Deklamationsdramen, Erzählungen u. Briefe) verflochten, aus denen sie ohne erhebl. Bedeutungsverschiebungen nicht gelöst werden können. Die von Bettine von Arnim begonnene u. von den Herausgebern der Gesammelten Schriften (9 Bde., Ffm. 1852–55) weitergeführte Freisetzung der Gedichte B.s hat zu dem historisch nicht belegbaren Bild des genialen Improvisators, des Dichters reiner Wort- u. Klangspiele geführt, der zum Vorläufer von Symbolismus, Dadaismus u. Surrealismus geworden ist. Doch ohne Zweifel spricht hier »ein lyrischer Dichter ersten Ranges, er spricht mit Kunstverstand« (Walther Killy). Im Kern ist B.s Lyrik Liebeslyrik, deren »eigentümliche Periodizität« (Friedrich Wilhelm Wollenberg) nicht etwa den Lebensphasen folgt, sondern diese vorgibt. Die leidenschaftlich-poet. Vorwegnahme erstrebter Lebensziele, die Erschöpfung des Werks im Plan begründet den grundlegend fragmentar. Charakter von B.s Werk, hat aber auch die Verwirklichung solcher Ziele im Leben stets verhindert. Mit »großer Erbosung«, auch mit Erstaunen u. Bewunderung hat sich B. in Lord Roquairol aus Jean Pauls Titan porträtiert geglaubt, in einer Figur also, welche »die Empfindungen antizipiert und ›alle herrliche Zustände der Menschheit, alle Bewegungen, in welche die Liebe und die Freundschaft und die Natur das Herz erheben [...], früher in Gedichten als im Leben durchging‹« (Emil Staiger). Nicht »Antizipa-
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tion«, sondern bewusste Projektion aber ist das Stichwort für einen literarisch-poet. Lebensentwurf, in dem die empir. Realität nur als Beiwerk eines aus Liebeslust, Liebesleid, Liebespoesie u. Liebesbindung (im Sinne von religio) gebildeten Kerns erfahren wurde. Dieser literar. Lebensentwurf speist sich stärker aus kultureller (künstlerisch-literarischer) als aus fakt. Realität u. folgt somit wie alle Poesie B.s dem romantisch-iron. Prinzip der Potenzierung. Daher sind die Momente der Depotenzierung, d.h. der satir. Vernichtung selbst gebauter Kunstwelten, im Fortgang seines Werks häufiger zu beobachten. Die Inspirations- u. Lebenskrisen wurden in der Folge der nahezu entwicklungslos sich ablösenden, jeweils in sich geschlossenen Werkgruppen zunehmend einschneidender, bis die heftigste dieser Krisen, an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter der Zweckliteratur (um 1815/17), zu einer Prosawende auch im Werk B.s führte. Die Jugendlyrik (in vollem Ton etwa 1798/ 99 einsetzend u. bis 1803/04 reichend) ist charakterisiert durch die Form- u. Sprachexperimente des Schlegelkreises, dessen schwärmerische Goethe- u. Novalisnachfolge, Stanzenwut u. Sonettenglut. Als die u. a. durch Tieck angeleitete Entdeckung altdt. Poesie den Zustrom romanischer Strophen- u. Versformen beendete, konstruierte B. mit Achim von Arnim während der Sammlung u. der Restaurierung alter dt. Lieder jenen artist. Volksliedton, der durch die Sammlung Des Knaben Wunderhorn (mit Arnim, 3 Bde., Heidelb. 1806–08) zum vorherrschenden Ton in der deutschsprachigen Lyrik des 19. Jh. wurde. Dem Wunderhorn voran gingen Lieder wie Der Spinnerin Nachtlied (1802), Es ging verirrt im Walde (1802), Es stehet im Abendglanze (1803), in denen der Ton älterer Vorlagen so kunstvoll adaptiert ist, dass erst jetzt der ganze Reichtum des MA u. der frühen Neuzeit für die moderne Poesie gewonnen war. Mit der Ballade von der Lureley (um 1800) hat B. nicht nur den um den Loreleifelsen bis heute sich rankenden Rheinmythos begründet, sondern auch jenen Typus todestrauriger weibl. Schönheit geschaffen, der über die Venus-Madonnen des Jahrhunderts auch den
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Typus der Femme fatale (u. a. bei Wedekind u. Brecht) prägte. Die Luisen-Lyrik ist nach dem »Assonanzenwunder« der fragmentarisch hinterlassenen (u. wohl 1810 abgebrochenen) Romanzen vom Rosenkranz u. den auf die andrängende Sprachskepsis u. die Poesieverfluchung weisenden Dirnengedichten (z.B. Ich träumte hinab. 1812), die zweite Gruppe großer Liebesgedichte B.s. Sie fand in der Aneignung Zinzendorf’scher Blutmystik (Frühlingsschrei eines Knechtes aus der Tiefe. 1816), pietistischer Erweckungslieder, barocker geistl. Poesie (Friedrich von Spee, Angelus Silesius) u. der neupietist. Gebetslyrik Luise Hensels einen neuen innigen Ton des Trostes u. des Schutzes (Die Gottesmauer. 1816). Mit der Methode der Kontrafaktur, die er bereits bei der Restaurierung der Lieder aus Des Knaben Wunderhorn benutzt hatte, bearbeitete B. jetzt auch eigene Lieder, indem er das gleiche Verskorpus einmal auf die Liebe zu Luise Hensel u. dann auf die Liebe zu Jesus bezog. Weltliche u. geistl. Gehalte sind in diesen von Bibelmetaphorik durchdrungenen Liedern so lange austauschbar, bis mit der Abreise nach Dülmen ein kruder, dogmatisch-konfessionalist. Ton von den wenigen Gedichten zwischen 1819 u. 1833 Besitz ergriff (Die sonntäglichen Evangelien. 1826/27). Erst mit der im Jan. 1834 einsetzenden Emilien-Lyrik, die z.T. das Korpus der Briefgedichte für Luise Hensel auf Emilie Linder umlenkte, fand B. aus seinem schweren Tagewerk, der Sichtung, Ordnung u. Bearbeitung der Emmerick-Papiere, den Weg zurück zu Lyrik u. Märchen. Gibt in den Gedichten an Luise die geistl. Lyrik der frühen Neuzeit die Folie für die neupietist. Erweckungs- u. Liebeslyrik B.s ab, so sind es jetzt erot. Sujets barocker Gedichte (Venus- u. Cupidobeschreibungen, Körperteilallegorien), welche bei den wenigen, die diese Gedichte zu Gesicht bekamen, Entrüstung u. Bewunderung zgl. hervorriefen. In der Spätlyrik also bewies sich B. erneut als das »erotische Genie«, als das ihn Hans Magnus Enzensberger gekennzeichnet hat. Weit weniger als mit Lyrik u. Prosa hat B. durch seine Dramen gewirkt. Das von E. T. A. Hoffmann vertonte Singspiel Die lustigen Mu-
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sikanten (Ffm. 1803) hatte bei der Uraufführung (in Warschau am 6.4.1805) nur geringen Erfolg, u. das melanchol. Lustspiel Ponce de Leon ist in einer patriotisch aufgeputzten Fassung (u. d. T.: Valeria oder Vaterlist. Hg. Reinhold Steig. Bln. 1901) am 18.2.1814 im Wiener Burgtheater durchgefallen. Immerhin ist Georg Büchners Komödie Leonce und Lena (1836) ohne das Vorbild von B.s Ponce de Leon nicht zu denken. 1815 hat B. dann in dem »historisch-romantischen Drama« Die Gründung Prags (Pesth 1815) ein Stück geschrieben, das nicht für das Theater, sondern als romantischer Deklamationstext gedacht war, wobei der Dichter in den Salons der Zeit als ein gefeierter u. witziger Deklamator u. Vorleser bekannt u. gesucht war. Die Erfolglosigkeit seiner Dramen hat den Autor wohl dazu veranlasst, die zahlreichen im Nachlass erhaltenen dramat. Bruchstücke u. Entwürfe nicht weiterzuführen oder zumindest nicht zu publizieren. Unter ihnen ist auch das abgeschlossene, in der zweiten Fassung auf den Konflikt mit Rahel u. Karl August Varnhagen von Ense bezogene Trauerspiel Aloys und Imelde (Hg. Agnes Harnack. Mchn. u. Lpz. 1912). Auch wenn die durch eine antijüd. Entgleisung B.s ausgelöste Auseinandersetzung mit den Varnhagens rasch beigelegt wurde, hat Rahel Varnhagen doch später Jakob Friedrich Fries, Friedrich Rühs, Arnim u. B. zu den intellektuellen Urhebern jener HepHep-Bewegung gerechnet, die 1819 die dt. Juden erschreckte. Sie bezog sich dabei wohl auf die frauen- u. judenfeindl. Tendenzen der Berliner Christlich-Teutschen Tischgesellschaft, in der B. 1811, unter dem Jubel der Anwesenden, Philister u. Juden in einer Tischrede miteinander identifiziert u. diese Satire – im aufgeregten Preußen kurz vor dem Emanzipationsedikt von 1812 – auch gedruckt hat (Der Philister vor, in und nach der Geschichte. Aufgestellt, begleitet und bespiegelt aus göttlichen und weltlichen Schriften und eignen Beobachtungen. Scherzhafte Abhandlung. Bln. 1811). Die B.s Prosa durchziehenden Bildfelder belegen, dass es zwischen dem frühen u. dem späten Werk des Dichters nur einen Wandel der Perspektive, kaum einen Stilwandel, geschweige denn jene »Wende« zum Unpoetischen gegeben hat, von der die Literaturge-
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schichtsschreibung des 19. Jh. ausgegangen ist. Die Bilder der Wunde u. der Versteinerung, des Denkmals u. der Schwelle treffen sich in der poet. Sprach- u. Poesiereflexion, die B. schon früh zum Problem geworden ist. Dabei ist die Wunde Bild sexueller Verführung ebenso wie Bild des Todes, das körperlich sichtbare Zeichen verströmenden u. gefährdeten Lebens. B.s Lust am körperl. Liebeszeichen, an der offenen Wunde, am weibl. Schoß, am blutenden Stigma, in den »wilden« Reden des Godwi sowohl wie bei der Beschreibung der Kokotte Perdita im Schiffbrüchigen Galeerensklaven u. in der minutiösen Beobachtung der Wundmale Anna Katharina Emmericks, ist in der Tat anstößig u. sogar grausam, in jener autonomen Vorstellungswelt angesiedelt, in der eine anarch. Fantasie in die Realität einbricht u. das Leben als ein Kunstprodukt zu etablieren strebt. Mit moral. Kategorien lässt sich dieses Bildfeld deshalb nicht fassen, weil die poet. Rede die Wunde nicht bedeutet, sondern selbst »die blutende und blühende Wunde« ist, »in der Schönheit und Schrecken zusammenfallen« (Marlies Janz). Als eine sinnlich-erot. Verführung u. zgl. wie die Qualen des Sterbens hat B. die Versuchung durch die Poesie erfahren (vgl. die Fassungen des Sonetts Verzweiflung an der Liebe in der Liebe), von der er sich mehrfach u. immer vergeblich abzuwenden versuchte. Von den Erzählungen B.s hat allein die Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl wegen der Thematisierung des Kampfs um ständische, bürgerl., menschl. u. geschlechtsspezif. Ehre Aufsehen erregt. B. habe, so meinte Ferdinand Freiligrath, »aus grauer Bücherwolke / den prächt’gen Blitz« geschleudert: »die Leidenschaft im Volke«. Eine »moralisierende Kalendergeschichte« u. eine »bänkel-sängerische Moritat« (Richard Alewyn) werden hier in einer Rahmenerzählung miteinander vermittelt, in der – angesichts des sozialen u. psych. Elends einer elternlosen Generation – die Berechtigung des Kunstwerks u. der Beruf des Schriftstellers (außerhalb sozialer Zweckbestimmung) infrage gestellt sind. In einer Erzählung also, welche den poet. Prozess selbst zum Thema hat, wird die unsichere Welt der Moderne
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(der Enkel) mit der im Glauben an Standesehre u. Menschenwürde noch fest gegründeten Welt des Ancien Régime (der uralten Großmutter) konfrontiert; dem Schreiber, der einen Dichter zu nennen sich scheut, wird nochmals (ehe der Sprachzweifel in Sprachverzweiflung umschlägt) die Aufgabe zugewiesen, die von der explosionsartigen Beschleunigung des Erfahrungswandels begründeten Ängste der Menschen aufzufangen, in Sprache u. Poesie einen Ausgleich zwischen vorrevolutionärem u. revolutionärem Denken zu schaffen. An seinen Märchen für Kinder hat B. seit 1808 geschrieben, die Arbeit an den Rheinmärchen u. den (nach der Vorlage Giambattista Basiles Il Pentamerone so genannten) ital. Märchen aber um 1816 beendet u. erst um 1825 zögernd wieder aufgenommen. Zu seinen Lebzeiten hat er nur die zu einem Arabeskenroman ausgestaltete Spätfassung des Märchens von Gockel, Hinkel und Gackeleia (Ffm. 1838) veröffentlicht, während die anderen Märchentexte postum durch Guido Görres herausgegeben wurden (Die Märchen des Clemens Brentano. 2 Bde., Stgt./Tüb. 1846 u. 1847). Die – von den Zeitgenossen gerügten – satir. Passagen dieser Märchen sind meist Sprachsatiren, u. im Märchen von Gockel, Hinkel und Gackeleia ist in der Bildlichkeit von Katze u. Mäusen der Kampf zwischen guter u. böser Poesie gestaltet, der Kampf um ein Paradies, in dem man Ruhe finden, aber auch sich verlieren kann. Damit sind die krisenhaften Bruchstellen in Leben u. Werk B.s als Sprachkrisen kenntlich, die seither unverrückbar zu einer Symptomatologie des Poetischen gehören u. in der Erfahrung der Wort-Ding-Spaltung auf die Chandos-Krise Hugo von Hofmannsthals u. die Spracherfahrung der expressionist. Generation vorausweisen. In der Sprachkrise seit 1815 hat B. am visionär beglaubigten Wort den Weg zur Sprache zurückgefunden u. die eigene Person ganz hinter der Anna Katharina Emmericks verborgen; sie lebte in ihren Ekstasen für ihn in jenem Paradies, von dem seine Poesie nur einen schwachen Abglanz vermitteln konnte. So hat er, bei aller Leidenschaft seiner apokryphen Interessen, im Bitteren Leiden der für ihn unantastbaren u. auch von der Sprache
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der Poesie nicht erfassbaren Person Jesu fast ausschließlich die kanonisierten Worte der Hl. Schrift zugeordnet u. sie in einen Raum heiligen Schweigens gestellt. Er hat Jesus (den Christus), durch die Aufnahme mystischer Sprachbilder, als die Verkörperung des ewigen Worts (des Logos) dargestellt, von dem auch das prophetisch-menschl. Sprechen nur stammelnd künden kann. B. hat so im Spätwerk eine Fülle nazarenischer Andachts- u. Meditationsbilder geschaffen u. den Kosmos mittelalterlicher u. frühneuzeitl. Frömmigkeit an die Moderne vermittelt. Der Nachruhm B.s ist gespalten. Sein religiöses Werk, bes. die aus dem Leben der heiligen Jungfrau Maria, dem postum von Karl Erhard Schmöger herausgegebenen Leben unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi (3 Bde., Regensb. 1858–60) u. dem Bitteren Leiden gefügte Trilogie eines Lebens Jesu, ist in alle Weltsprachen übersetzt worden u. gilt zumal in den Ländern der Romania bis heute als ein Klassiker christlicher Andachts- u. Meditationsliteratur. Das Bildungsbürgertum des 19. Jh. aber feierte den Sprachmusiker B., den Vorläufer von Heine, Nietzsche u. Apollinaire. Nicht zufällig komponiert Adrian Leverkühn in Thomas Manns Doktor Faustus Brentano-Gesänge. In ihnen meint Serenus Zeitblom einen »kristallenen Engelschor« zu vernehmen, eine myst. Musik, »die in diesen Versen in so leisem Schlummer liegt, daß die leiseste Berührung von berufener Hand genügt, sie zu erwecken«. Weitere Werke: Satiren u. poet. Spiele v. Maria. Erstes Bändchen. Gustav Wasa. Lpz. 1800. – Gesch. v. Bogs dem Uhrmacher. Heidelb. 1807. – Rheinübergang Kriegsrundgesang. Wien 1814. – Die Schachtel mit der Friedenspuppe. Eine Erzählung. In: Friedensbl. Eine Ztschr. für Leben, Lit. u. Kunst. 2. Jahr. Wien 1815. – Victoria u. ihre Geschwister mit fliegenden Fahnen u. brennender Lunte. Ein klingendes Spiel. Bln. 1817. – Die drei Nüsse. Erzählung. In: Der Gesellschafter oder Bl. für Geist u. Herz. 1. Jg., Bln. 1817. – Die mehreren Wehmüller u. ungar. Nationalgesichter. In: Der Gesellschafter 1. Jg., Bln. 1817. – Aus der Chronika eines fahrenden Schülers. In: Sängerfahrt. Eine Neujahrsgabe für Freunde der Dichtkunst u. Malerei. Bln. 1818. – Das Mosel-Eisgangs-Lied. Ffm. 1830. – Legende v. der hl. Marina, ein Gedicht. Mchn. 1841.
182 Ausgaben: Gesamtausgaben: Ges. Schr.en. Hg. Christian Brentano [zus. mit Emilie Brentano u. Joseph Merkel]. 9 Bde., Ffm. 1852–55. – C. B. Werke. Hg. Wolfgang Frühwald u. Friedhelm Kemp (Bd. 1: Hg. Bernhard Gajek, W. Frühwald u. F. Kemp). 4 Bde., Mchn. 1963–68. 21978. – Hist.krit. Ausgabe: Sämtl. Werke u. Briefe. Hg. Jürgen Behrens, Konrad Feilchenfeldt, W. Frühwald, (Detlev Lüders), Christoph Perels u. Hartwig Schultz. Ca. 42 Bde., Stgt. u. a. 1975 ff. (= Frankfurter B.-Ausg. Bis 2007: 38 Bde.). – Teilausgaben: Gedichte. Hg. W. Frühwald. Reinb. 1968. – Briefe an Emilie Linder. Hg. ders. Bad Homburg v. d. H. 1969. – Gedichte. Hg. H. Schultz. Aschaffenb. 1979. – Sämtl. Erzählungen. Hg. Gerhard Schaub. Mchn. 1984. – Der andere B. Nie veröffentlichte Gedichte. Hg. Henning Boëtius. Ffm. 1985. Literatur: Bibliografien: Otto Mallon: B.-Bibliogr. (C. B., 1778–1842). Bln. 1926. Reprograf. Neudr. Hildesh. 1965. – Bernhard Gajek in: Werke. Bd. 1, Mchn. 21978, S. 1249–1289. – Joachim Ruth: Bibliogr. In: C. B. Hg. Hartwig Schultz. Bern/Bln. 1993, S. 267–341. – Forschungsberichte: John Fetzer: Old and New Directions in C. B. Research (1931–68). In: LitJb N. F. 2 (1970), S. 87–119. N. F. 12 (1971), S. 113–203. – Ders.: Recent Trends in C. B. Research (1968–70). In: LitJb N. F. 13 (1972), S. 217–232. – Wolfgang Frühwald: Stationen der B.-Forsch. 1924–72. In: DVjs 47 (1973), Sonderh., S. 182–269. – B. Gajek: Die B.-Lit. 1973–78. In: Euph. 72 (1978), S. 439–502. – Handbücher: René Guignard: Chronologie des poésies de C. B. Avec un choix de variantes. Paris 1933. – Detlev Lüders (Hg.): C. B. Kat. der Ausstellung im Freien Dt. Hochstift. Bad Homburg 1970. – Werner Vordtriede (Hg.; zus. mit Gabriele Bartenschlager): Dichter über ihre Dichtungen. C. B. Mchn. 1970. – B. Gajek (Hg.): C. u. Christian B.s Bibl.en. Die Versteigerungskat.e v. 1819 u. 1853. Heidelb. 1974. – Konrad Feilchenfeldt: B. Chronik. Daten zu Leben u. Werk. Mchn. 1978. – D. Lüders (Hg.): C. B. 1778–1842. Kat. der Ausstellung im Freien Dt. Hochstift. Ffm. 1978. – Kristina Hasenpflug u. H. Schultz (Hg.): C. B. u. Achim v. Arnim: Eine Dichterfreundschaft der Romantik. Ein Leitfaden zu Ausstellung u. Briefw. FDH, Frankfurter GoetheMuseum. Ffm. 1998. – Gesamtdarstellungen: Johannes Baptista Diel S. J. u. Wilhelm Kreiten S. J.: C. B. Ein Lebensbild nach gedr. u. ungedr. Quellen. 2 Bde., Freib. i. Br. 1877/78. – W. Frühwald: C. B. In: Dt. Dichter der Romantik. Hg. Benno v. Wiese. Bln. 1971, S. 280–309. 21983, S. 344–376. – B. Gajek: Homo Poeta. Zur Kontinuität der Problematik bei C. B. Ffm. 1971. – Erika Tunner: C. B. 1778–1842. Imagination et sentiment religieux. 2 Bde., Paris
183 1977. – W. Frühwald: Das Spätwerk C. B.s (1815–42). Romantik im Zeitalter der Metternich’schen Restauration. Tüb. 1977. – John F. Fetzer: C. B. Boston 1981. – Helene M. Kastinger Riley: C. B. Stgt. 1985. – H. Schultz: C. B. Stgt. 1999. – Weitere Titel: Walther Killy: Gemüterregungskunst. C. B. In: Ders.: Wandlungen des lyr. Bildes. Gött. 1956. 41964, S. 53–72. – Joseph Adam S. C. J.: C. B.s Emmerick-Erlebnis. Bindung u. Abenteuer. Freib. i. Br. 1956. – Richard Alewyn: B.s ›Gesch. vom braven Kasperl u. dem schönen Annerl‹. Eine Formanalyse. In: Gestaltprobleme der Dichtung. FS Günther Müller. Bonn 1957, S. 143–180. – W. Frühwald: Das verlorene Paradies. Zur Deutung v. C. B.s ›Herzlicher Zueigung‹ des Märchens ›Gockel, Hinkel u. Gackeleia‹ (1838). In: LitJB N. F. 3 (1962), S. 113–192. – Hans Magnus Enzensberger: B.s Poetik. Mchn. 1961. – Friedrich Wilhelm Wollenberg: B.s Jugendlyrik. Studien zur Struktur seiner dichter. Persönlichkeit. Hbg. 1964. – Luciano Zagari: ›Paradiso‹ artificiale e ›sguardo elegiaco sui flutti‹. La lirica religiosa di B. e la periodizzazione del romanticismo. Rom 1971. – Gerhard Schaub: Le Génie Enfant. Die Kategorie des Kindlichen bei C. B. Bln./New York 1973. – Gerhard Kluge: C. B. ›Gesch. vom braven Kasperl u. dem schönen Annerl‹. Texte, Materialien, Komm. Mchn. 1979. – Oskar Seidlin: Von erwachendem Bewußtsein u. vom Sündenfall. B. – Schiller, Kleist, Goethe. Stgt. 1979. – D. Lüders (Hg.): C. B. Beiträge des Kolloquiums im FDH 1978. Tüb. 1980. – Niklas Luhmann: Liebe als Passion. Zur Codierung v. Intimität. Ffm. 1982. 21983. – Ursula Matthias: Kontextprobleme der Lyrik C. B.s. Ffm./Bern 1982. – Clemens Engling u. a. (Hg.): Emmerick u. B. Dokumentation eines Symposions der Bischöfl. Kommission ›Anna Katharina Emmerick‹ Münster 1982. Dülmen 1983. – Gabriele Brandstetter: Erotik u. Religiosität. Eine Studie zur Lyrik C. B.s. Mchn. 1986. – Marlies Janz: Marmorbilder. Weiblichkeit u. Tod bei C. B. u. Hugo v. Hofmannsthal. Königst./Ts. 1986. – H. M. Enzensberger: Requiem für eine romant. Frau. Die Gesch. v. Auguste Bussmann u. C. B. Bln. 1988. – Lawrence O. Frye: Poetic wreaths: art, death and narration in the Märchen of C. B. Heidelb. 1989. – G. Schaub: C. B. ›Gesch. vom braven Kasperl u. dem schönen Annerl‹. Erläuterungen u. Dokumente. Stgt. 1990. – Bernd Reifenberg: Die ›schöne Ordnung‹ in C. B.s ›Godwi‹ u. ›Ponce de Leon‹. Gött. 1990. – H. Schultz (Hg.): C. B. 1778–1842. Zum 150. Todestag. Bern/Bln. 1993. – Barbara Knauer: Allegor. Texturen. Studien zum Prosawerk C. B.s. Tüb. 1995. – Heinz Rölleke: Die histor. Ballade in Achim v. Arnims u. C. B.s Liedersammlung ›Des Knaben Wunderhorn‹. In: Ballade u. Historismus. Hg.
Brentano Winfried Woesler. Heidelb. 2000, S. 246–262. – Sabine Claudia Gruber: C. B. u. das geistl. Lied. Tüb. 2002. – Julia Augart: Eine romant. Liebe in Briefen. Zur Liebeskonzeption im Briefw. v. Sophie Mereau u. C. B. Würzb. 2006. Wolfgang Frühwald / Marcel Krings
Brentano, Franz Clemens Honoratus Hermann Josef, * 16.1.1838 Marienberg/ Boppard, † 17.3.1917 Zürich; Grabstätte: Aschaffenburg, Friedhof. – Philosoph. B.s Vater Christian Brentano, der kath. Schriftsteller u. Herausgeber der Werke von Clemens Brentano – des Onkels von B. –, wurde wegen seiner Parteinahme im Kölner Bischofsstreit aus Preußen verwiesen u. zog 1838 nach Aschaffenburg. Dort besuchte B. das Lyzeum. Er studierte 1856–1860 in München, Würzburg, Berlin u. Münster Philosophie, Theologie, Mathematik u. Naturwissenschaften: »In einer Zeit kläglichsten Verfalls der Philosophie geboren schloß ich mich als Lehrling an Aristoteles an, zu dessen besserem Verständnis mir oft Thomas von Aquin dienen mußte.« Weitere Einflüsse kamen von John Stuart Mill u. Auguste Comte. B. habilitierte sich in Würzburg mit einer Schrift über Die Psychologie des Aristoteles (Mainz 1867). In der Habilitationsdisputation verteidigte er u. a. die These Vera philosophiae methodus nulla alia nisi scientiae naturalis est. Aufgrund seines Beitrags Geschichte der kirchlichen Wissenschaften für Johann Adam Möhlers Kirchengeschichte (2. Bd., Regensb. 1868) u. seines wachsenden Rufs als scharfsinniger Exeget wurde B. mit der Erstellung eines Gutachtens über die päpstl. Unfehlbarkeit beauftragt. Es unterbaute 1869 die in dieser Frage krit. Haltung der dt. Bischöfe. Sich auf biblische, patrist. u. histor. Daten stützend, argumentierte B. gegen die Stichhaltigkeit der für das Dogma angeführten Beweise u. gegen dessen »Opportunität«. Zu Meinungsänderungen weder hier noch in der Philosophie geneigt, entfremdete sich B. nach der Dogmatisierung der Infallibilität von der Kirche. Seit 1864 Priester, vollzog er 1873 die Trennung vom Priestertum, ging 1874 als Ordinarius nach Wien u. heiratete 1880 Ida Lieben. Um eine sachl. Klärung der Legiti-
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mität seiner Ehe zu ermöglichen, gab B. auch die Wiener Professur auf. Doch erfolgte weder die Klärung der Rechtslage noch die versprochene Wiedereinsetzung. 1895 verließ B. erbittert Wien. Er zog nach Florenz u. nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach Zürich. Nach B. durchläuft die Philosophie in jeder Epoche eine wissenschaftliche, sachorientierte Phase, dann eine skeptische, eine dogmatische u. endlich eine unwissenschaftlichschwärmerische. Die moderne Philosophie trat mit Kant, Schelling, Hegel in ihre letzte Phase. B. sah sich als Neubeginn der wiss. Untersuchung ewiger philosophischer Probleme (Die vier Phasen der Philosophie und ihr augenblicklicher Stand. Stgt. 1895). B.s bekanntestes Werk ist die Psychologie vom empirischen Standpunkt (Bd. 1, Lpz. 1874. Revidiert u. erw. 1911. Bde. 2 u. 3, 1924–28). »Psychologie« – B. nennt sie auch phänomenale Psychologie u. Phänomenologie – wird hier als philosoph. Grundwissenschaft verstanden. Nach ihr zeichnen sich psych. Phänomene wie Vorstellen, Urteilen, aber auch Wollen u. Lieben im Gegensatz zu phys. Phänomenen wie Farben u. Gestalten dadurch aus, dass sie immer einen Gegenstand haben: Jedes Vorstellen, Wollen usw. ist Vorstellen, Wollen usw. von etwas. B. nennt dies die »Intentionalität« der psych. Phänomene u. das diesen Akten inhärierende Vorgestellte, Gewollte usw. »Intentionale Gegenstände«. Die Wirklichkeit dieser Gegenstände ist im Vorstellungsakt selbst nicht »unmittelbar evident« – es kann sich um Illusionen oder Fantasiegebilde handeln. Dagegen ist die Wirklichkeit des Akts der Vorstellung immer unzweifelhaft. Intentionale Gegenstände können (a) einfach vorgestellt, (b) angenommen oder verworfen oder (c) vorgezogen oder zurückgestellt werden. Nach B. ist Logik die Theorie des Annehmens u. Verwerfens, Ethik die des Vorziehens u. Zurückstellens, des Liebens u. Hassens (Vom Ursprung Sittlicher Erkenntnis. Lpz. 1889). Wie es richtiges u. falsches Annehmen u. Verwerfen gibt, so auch richtiges u. falsches Lieben. Etwas ist gut, wenn die Liebe zu ihm unmöglich falsch sein kann; so etwa Erkenntnis, Freude u. die Liebe des
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Guten selbst. Hier wie überall stellt sich B. gegen Relativismus u. Subjektivismus. Die intentionalen Gegenstände umfassen nicht nur konkrete Einzeldinge, sondern auch Abstrakta wie Zahlen sowie andere mathemat. Gegenstände, Urteilsinhalte – wie etwa das Unsterblichsein der Seele – u. Kollektive. Vor der sog. Reismuskrise um 1905 hielt B. diese Abstrakta für so wirklich wie die handgreiflichsten Dinge. Sein später Reismus erlaubte ihnen nur den Status von »entia rationis«, die den Schein ihrer Existenz einer Sprachverwirrung verdanken, B. postulierte einen rigorosen Determinismus als notwendige Bedingung der Willensfreiheit. B. war wichtiger Anreger der deskriptiven Psychologie u. der phänomenolog. Bewegung. Sein aus der Scholastik übernommener Begriff der Intentionalität erlangte durch Husserls Wiederaufnahme u. Uminterpretation zentrale Bedeutung in der Philosophie des 20. Jh. Zu seinen Schülern gehörten Carl Stumpf, Anton Marty, Alexius von Meinong, Christian von Ehrenfels, Franz Hillebrand, der Begründer der poln. Logikerschule Kasimierz Twardowski, der erste tschech. Staatspräsident Tomásˇ G. Masaryk u. Edmund Husserl. Sigmund Freud hörte seine Vorlesungen. Später wurde B. durch Roderick M. Chisholm in den USA einflussreich. In neuerer Zeit wendet sich daher die analyt. Philosophie verstärkt dem Werk B.s zu, in dessen sprachlog. Analysen sie vieles von den sie heute bewegenden Fragestellungen vorweggenommen findet. B.s Nachlass, 1938 von Prag nach England u. dann in die USA gebracht, liegt in der Houghton Library, Harvard University in Cambridge/Massachusetts. Die Brentano Foundation (Direktor: Roderick Chisholm, Brown University, Providence/Rhode Island) hat die Aufgabe seiner Herausgabe u. Übersetzung. B.s Handbibliothek, Kopien der Houghton-Bestände u. weitere Materialien befinden sich in Graz. Weitere Werke: Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles. Freib. i. Br. 1862. Neudr. Darmst. 1960. – Untersuchungen zur Sinnespsychologie. Lpz. 1907. – Aristoteles Lehre vom Ursprung des menschl. Geistes. Lpz. 1911. – Aristoteles u. seine Weltanschauung. Lpz. 1911. –
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185 Wahrheit u. Evidenz. Lpz. 1930. – Kategorienlehre. Lpz. 1933. – Das F. B. Gutachten über die päpstl. Infallibilität. In: Archiv für mittelrhein. Kirchengesch. 7 (1955), S. 301–330 (mit Komm.). – Philosoph. Untersuchungen zu Raum, Zeit u. Kontinuum. Hbg. 1976. – Deskriptive Psychologie. Hbg. 1982. – Über Aristoteles. Hbg. 1986. Literatur: Oskar Kraus: F. B. Mchn. 1919. – Ders.: Die Werttheorien. Brünn 1937. – Alfred Kastil: Die Philosophie F. B.s. Bern 1951. – Linda L. McAlister (Hg.): The Philosophy of B. London 1976 (mit Bibliogr.). – Roderick M. Chisholm: B. and Intrinsic Value. Cambridge 1986. – Josef M. Werle: F. B. u. die Zukunft der Philosophie. Amsterd. 1989 – Liliana Albertazzi (Hg.): B. in Italia. Mailand 1993. – Eberhard Tiefensee: Philosophie u. Religion bei F. B. Tüb./Basel 1998. – Dale Jacquette (Hg.): The Cambridge Companion to B. Cambridge 2004. Rolf George / Red.
Brentano, Sophie Friederike, auch: Serafine, geb. Schubart, gesch. Mereau, verh. mit Clemens Brentano, * 28.3.1770 Altenburg, † 31.10.1806 Heidelberg. – Lyrikerin, Epikerin, Essayistin, Übersetzerin u. Herausgeberin. Die Tochter eines Obersteuerbuchhalters war seit 1793 mit Friedrich Ernst Karl Mereau (seit 1795 Professor der Philosophie, seit 1800 der Rechte in Jena) verheiratet, von dem sie 1801 geschieden wurde. Ihre Werke erschienen vorwiegend unter dem Namen Mereau: Der Roman Das Blüthenalter der Empfindung (Gotha 1794. Neudr. Stgt. 1982. MikroficheEd. Mchn. u. a. 1990–94), Gedichte (2 Bde., Bln. 1800 u. 1802), die Zeitschrift »Kalathiskos« (2 Bde., Bln. 1801/02. Neudr. Heidelb. 1968. Mikrofiche-Ed. Mchn. u. a. 1990–94) sowie Amanda und Eduard. Ein Roman in Briefen (Ffm. 1803. Neudr. Freib. i. Br. 1993. Mikrofiche-Ed. Bonn 1990). Nach ihrer Heirat mit Clemens Brentano (1803) war B. als Herausgeberin u. Übersetzerin tätig. Gemeinsam mit ihrem Mann edierte sie Spanische und Italienische Novellen (2 Bde., Penig 1804 u. 1806). Außerdem übersetzte sie Die Prinzessin von Cleves (in: »RomanKalender für das Jahr 1799«) u. hinterließ als letztes Werk – sie starb im Wochenbett – die Übersetzung von Boccaccios Fiammetta (Bln.
1806. Neudr. Ffm. 1964. Zürich 1991. Zuletzt Eschborn 1998). Zunächst unter Einfluss Wielands u. Schillers (Beiträge B.s u. a. in Schillers »Thalia« u. den »Horen«), der v. a. die Klarheit u. Leichtigkeit ihrer Lyrik rühmte, entwickelte sich B. von einer attizistisch-klassizistischen zu einer romant. Dichterin. Sie betrieb altdt. Studien u. unterstützte ihren Mann bei der Durchführung seiner literar. Pläne. Ihre literarhistor. Wirkung als Herausgeberin u. Übersetzerin dürfte ihrer poet. Wirkung gleichkommen. Weitere Werke: Übersetzungen: Die Margarethenhöhle. 3 Tle., Bln. 1803 (E.). – Sapho u. Phaon. Aschaffenburg 1806 (R.). Ausgaben: Werkausgabe: Liebe u. allenthalben Liebe. Werke u. autobiogr. Schr.en. Hg. u. komm. v. Katharina v. Hammerstein. Bd. 1: Das Blütenalter der Empfindung. Amanda u. Eduard. Romane. Bd. 2: Ein Glück, das keine Wirklichkeit umspannt. Gedichte u. E.en. Bd. 3: Wie sehn’ ich mich hinaus in die freie Welt. Tgb., Betrachtungen u. Vermischte Prosa. Mchn. 1997 (mit Bibliogr.). – Briefwechsel: Robert Boxberger: Schillers Briefw. mit der Dichterin S. Mereau. In: Die Frau im gemeinnützigen Leben. 4. Jg. (1889), S. 123–131. – Heinz Amelung (Hg.): Briefe Friedrich Schlegels an Clemens Brentano u. S. Mereau. In: Ztschr. für Bücherfreunde N. F. 5.1 (1913), H. 5/6, S. 183–192. – Walther Migge (Hg.): Briefw. zwischen Achim v. Arnim u. S. Mereau. Ein Beitr. zur Charakteristik Clemens Brentanos. In: FS Eduard Behrend. Hg. Hans Werner Seiffert u. Bernhard Zeller. Weimar 1958, S. 384–407. – Dagmar v. Gersdorff (Hg.): Lebe der Liebe u. liebe das Leben: Der Briefw. v. Clemens Brentano u. S. Mereau. Ffm. 1981. 21983. Literatur: Adelheid Hang: S. Mereau in ihren Beziehungen zur Romantik. Diss. Ffm. 1934. – Dagmar v. Gersdorff: Dich zu lieben kann ich nicht verlernen. Das Leben der S. Mereau. Ffm. 1984. 1990. Ffm. 2006. – Helene M. Kastinger-Riley: Saat u. Ernte. S. Mereaus Forderung geschlechtl. Gleichberechtigung. In: Die weibl. Muse. Sechs Ess.s über künstlerisch schaffende Frauen der Goethezeit. Hg. dies. Columbia 1986, S. 54–88. – Uta Fleischmann: Zwischen Aufbruch u. Anpassung: Untersuchungen zu Werk u. Leben der S. Mereau. Ffm. 1989. – Gisela Schwarz: Literar. Leben u. Sozialstrukturen um 1800: Zur Situation v. Schriftstellerinnen am Beispiel v. S. B.-Mereau, geb. Schubart. Ffm. 1991. – Herta Schwarz: Poesie u. Poesiekritik im Briefw. zwischen Clemens Brentano u. S. Mereau. In: Die Frau im Dialog. Studien
Brentano zur Theorie u. Gesch. des Briefes. Hg. Anita Runge u. Liselotte Steinbrügge. Stgt. 1991, S. 33–50. – Katharina v. Hammerstein: S. Mereau-B. Freiheit – Liebe – Weiblichkeit: Trikolore sozialer u. individueller Selbstbestimmung um 1800. Heidelb. 1994. – Anja Dechant: ›Harmonie stiftete unsere Liebe, Phantasie erhob sie zur Begeisterung und Vernunft heiligt sie mit dem Siegel der Wahrheit‹. Der Briefw. zwischen S. Mereau u. Johann Heinrich Kipp. Ffm. 1996. – Daniel Purdy: S. Mereau’s Authorial Masquerades and the Subversion of Romantic ›Poesie‹. In: Women in German Yearbook 13 (1997), S. 29–48. – K. v. Hammerstein: ›Eine Erndte will ich haben, wie das Jahr‹. Schreiben als Beruf(ung). S. Mereau. In: Gesch. der Berufsschriftstellerin im 18. u. 19. Jh. Hg. Karin Tebben. Gött. 1998, S. 132–159. – Inge Stephan: Inszenierte Weiblichkeit. Codierung der Geschlechter in der Lit. des 18. Jh. Köln/Weimar/Wien 2004. – Britta Hannemann: Weltlit. für Bürgertöchter. Die Übersetzerin u. Herausgeberin S. Mereau-B. Gött. 2005. – Julia Frindte: S. Mereau, Johanna Schopenhauer u. Henriette v. Egloffstein. Handlungsspielräume v. Frauen in Weimar-Jena um 1800. Diss. Jena 2005. – Julia Augart: Eine romant. Liebe in Briefen. Zur Liebeskonzeption im Briefw. v. S. Mereau u. Clemens Brentano. Würzb. 2006. – K. v. Hammerstein u. Katrin Horn (Hg.): S. B., gesch. Mereau. Verbindungslinien um 1800. Heidelb. 2007 (mit Bibliogr.). Klaus Manger
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kennen. Wieland nannte B. seine »Seelentochter«. Die Lais seines Aristipp (1800/01) ist nicht – wie öfter angenommen – ihr Porträt. Doch übertrug er Züge B.s auf die weibl. Hauptgestalt seines Briefromans. Weitere Werke: Bernhard Seuffert (Hg.): Reliquien v. S. B. In: Dt. Rundschau 52 (1887), S. 199–214. – Siegfried Sudhof (Hg.): S. B. / Christoph Martin Wieland: Briefw. 1799/1800. Ffm. 1980. – Karen Schenck zu Schweinsberg (Hg.): Meine Seele ist bey euch geblieben: Briefe S. B.s an Henriette v. Arnstein. Weinheim 1985. – Otto Drude (Hg.): Christoph Martin Wieland / S. B.: Briefw. Weinheim 1989. Literatur: Siegfried Sudhof: Wieland u. S. B. In: Studien zur Goethezeit. FS Lieselotte Blumenthal. Weimar 1968, S. 413–437. – Helga Döhn: S. B. Ein Lebensbild nach Briefen im Nachl. Savigny u. anderen Quellen. [Lpz.] 1986. – Christoph Perels: ›Empfindsam‹ oder ›romantisch‹? Zu S. B.s Lebensspuren. In: Die Brentano. Eine europ. Familie. Hg. Konrad Feilchenfeldt u. Luciano Zagari. Tüb. 1992, S. 172–182. – Klaus Günzel: Die Brentanos. Zürich 1993 (31998), S. 92–101. – Armin Strohmeyr: Die Frauen der Brentanos. Bln. 2006, S. 61–73. Klaus Manger
Brenz, Johannes, * 24.6.1499 Weil der Stadt, † 11.9.1570 Stuttgart; Grabstätte: ebd., Stiftskirche. – Reformator u. lutheBrentano, Sophie Marie Therese, * 15.8. rischer Theologe. 1776 Ehrenbreitstein, † 19.9.1800 Gut B.’ Vater war Schultheiß der Reichsstadt Weil Oßmannstedt/Weimar; Grabstätte: ebd., der Stadt. Sein Studium in Heidelberg oriPark. – Briefpartnerin Wielands, Henrientierte sich am humanist. Ideal des »homo ette von Arnsteins u. anderer Zeitgenostrilinguis«. Zu den Gefährten seiner Studisen. Das zweite Kind von Peter Anton Brentano aus dessen zweiter Ehe (1774) mit Maximiliane La Roche wuchs gemeinsam mit dem Bruder Clemens Brentano u. a. in Koblenz auf. Durch ihre Briefe hat sich B. einen Platz in der Literaturgeschichte gesichert. Ihr Briefwechsel mit Henriette von Arnstein, v. a. aber mit Wieland ist ein bedeutendes Zeugnis ihrer Zeit. B. weilte im Sommer 1799 mit ihrer Großmutter Sophie von La Roche (Wielands Jugendliebe) in Weimar u. Oßmannstedt, wohin sie im Jahr darauf zurückkehrte. Neben Wieland lernte sie u. a. auch Goethe, Schiller, Herder u. Johann Wilhelm Ritter
enzeit gehörten Johannes Oecolampadius, Martin Bucer u. a. spätere südwestdt. Reformatoren. 1518 begegnete er in Heidelberg erstmals Luther, der B. für sich gewann. 1522–1548 war B. Prediger in Schwäbisch Hall. Von dort durch das Interim vertrieben, wurde er 1553 als Propst in Stuttgart der führende Geistliche des Herzogtums Württemberg. B. war einer der bedeutendsten Vertreter der luth. Reformation in Südwestdeutschland u. theologisch einer der treuesten Schüler Luthers. Dies zeigt sich z.B. an seiner Christologie oder an seiner die symbol. Deutung ablehnenden Auffassung vom Wort. 1525 trat er als einer der Ersten im Abendmahlstreit
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dem Zwinglianismus entgegen u. brachte in ihm hervorgebrachte Literatur mitbedamit dessen Ausgreifen auf Südwest- stimmte. deutschland zum Stehen. Ebenso wandte er Ausgaben: J. B.: Opera. 8 Bde., Tüb. 1576–90. – sich gegen die Täufer, lehnte jedoch die An- Theodor Pressel: Anecdota Brentiana. Tüb. 1868 wendung der Todesstrafe gegen sie ab. Seine (Briefe). – Der Prediger Salomo. Hagenau 1528. Argumente gingen seit der Mitte des 16. Jh. Neudr. mit Einl. v. Martin Brecht. Stgt.-Bad in das Arsenal der Vertreter der Toleranz ein. Cannstatt 1970. – J. B.: Werke. Hg. M. Brecht u. Die Autorität der Obrigkeit stand für B. im- Gerhard Schäfer in Verb. mit Ernst Bizer. Tüb. 1970 ff. – Confessio Virtembergica. Holzgerlingen mer fest, ohne dass ihn dies an freimütiger 1999. – EKO XVI Herzogtum Württemberg. Tüb. Kritik gehindert hätte. Die Erhebungen der 2004. Bauern 1525 lehnte auch er ab, suchte aber Literatur: Bibliografie: Walther Köhler: Bibliodennoch nach einem Ausgleich der Interes- graphia Brentiana. Bln. 1904. 21963. – Weitere Titel: sen. Vor allem durch seine Mitarbeit an der Martin Brecht: Die frühe Theologie des J. B. Tüb. Brandenburgisch-Nürnbergischen Kirchen- 1966. – Ders.: B. In: TRE (mit Lit.). – Isabella Fehle ordnung von 1533 u. an der württembergi- (Hg.): J. B. 1499–1570 (Ausstellungskat.). Schwäschen von 1536 u. 1559 wurde B. einer der bisch Hall 1999. – BWKG 100 (2000), Gedenkbd. B. großen Architekten lutherischer obrigkeitl. – Matthias A. Deuschle: B. als Kontroverstheologe. Kirchenverfassung einschließlich des Ehe- Tüb. 2006. Martin Brecht rechts u. des Bildungswesens. Bis zu B.’ Tod waren bereits weit über 500 Bressand, Friedrich Christian, * um 1670 Drucke von ihm erschienen, darunter auch Durlach/Baden, † 4.4.1699 Wolfenbüttel. niederdt., frz., ital., engl. u. poln. Überset– Librettist u. Übersetzer. zungen. In der Mehrzahl handelte es sich um aus Predigten entstandene, meist lat. Bibel- B. war der Sohn des Mundkochs des Markauslegungen, nicht selten durchsetzt mit grafen von Baden-Durlach. Der Name spricht treffenden dt. Wendungen. Als einer der für eine frz. Abstammung. Aufgrund des großen evang. Exegeten wurde er bis ins 18. frühen Todes seiner Eltern u. nicht zuletzt Jh. geschätzt u. wirkte noch auf August Her- auch der Zerstörung seiner Heimatstadt im mann Francke u. Johann Albrecht Bengel. Pfälzischen Krieg 1689 verschlug es ihn noch B. schrieb neben Luther ein bes. verständ- im selben Jahr an den Hof des Herzogs Anton liches u. ausdrucksstarkes Deutsch, wie Ulrich von Braunschweig-Lüneburg, wo er überhaupt sein klares Urteil u. sein Sinn für bald das Amt eines Geheimen Kammerdas Einfache eines der Geheimnisse seines schreibers bekleidete. Wie sehr B. sich der großen Einflusses bei Hoch u. Nieder war; Gunst seines neuen u. überaus kunstsinnigen seine Flugschriften, Gutachten u. Briefe be- Herrn erfreute, ist v. a. daraus zu ersehen, legen dies. Der Katechismus von 1535 erlangte dass er sich bereits 1693 gegen den sehr beneben dem klass. Werk Luthers mit seiner gabten Kapellmeister Johann Sigismund prägnanten Kürze die weiteste Verbreitung Kusser (der auch als Komponist in Erscheiim Luthertum. Ähnliches gilt für das von B. nung trat) bei Hofe durchzusetzen vermochte 1526 geschaffene Gemeine Kirchengebet. Das – was diesen 1694 zum Weggang an die Württembergische Bekenntnis legte er 1552 dem Hamburger Oper veranlasste. B. übernahm Trienter Konzil vor u. wusste es danach nicht nur wichtige Funktionen am neuen, kontroverstheologisch zu verteidigen. 1690 eingeweihten Braunschweiger OpernDas deutsche evangelisch-humanistische theater, sondern man legte auch die OrganiSchulwesen u. die starke Stellung der geistl. sation u. Gestaltung sämtlicher höf. FestFührungsschicht Württembergs gehen auf B. lichkeiten in seine Hände. zurück. Durch sie wie durch die Eigenart Seine Vielseitigkeit bewies B. auch durch seiner Theologie prägte er die evang. Kirche, Übersetzungen aus dem Italienischen sowie Gesellschaft u. Kultur Württembergs nach- der frz. Klassiker Corneille u. Racine, die er haltig. So entstand ein besonderer geistiger auf diese Weise als einer der Ersten in Raum, der lange die Voraussetzungen für die Deutschland einführte. In erster Linie aber
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trat er als Dichter zahlreicher Singspiel- u. Operntexte hervor, die er für so unterschiedl. Komponisten wie Georg Bronner, Philipp Heinrich Erlebach, Reinhard Keiser, Johann Philipp Krieger, Johann Sigismund Kusser, Johann Mattheson u. Georg Caspar Schürmann verfasste, wobei er – wohl als Folge seiner Beschäftigung mit dem frz. rezitierenden Drama – den Alexandriner bevorzugte. Auch schrieb er einige der zur Hochbarock-Zeit beliebten Schäferspiele, Ballette u. Maskeraden. Von seinen Libretti ist das der Oper Erindo (Urauff. Hbg. 1693) vielleicht das bemerkenswerteste, weil B. hier ganz unter Verzicht auf das sonst übliche Intrigenspiel nur die einfachsten menschl. Empfindungen zum eigentl. Handlungsgegenstand machte. Wiederholt jedoch hat sein berühmterer Kollege u. Freund Christian Heinrich Postel seine in Hamburg aufgeführten Werke umgearbeitet, wenn sie ihm zu ernst erschienen. Dies geschah etwa dadurch, dass einem ausgesprochen trag. Stoff noch eine kom. Figur beigefügt wurde. Die wiederholten Eingriffe in B.s Werke dürfen allerdings nicht überbewertet werden, zumal sie keineswegs seine bemerkenswert vielseitigen künstler. Fähigkeiten in Frage stellen: weder seine Sprachgewandtheit u. Versiertheit in der Handhabung der verschiedensten Versmaße noch sein großes Geschick darin, seine Stoffe publikumswirksam in Szene zu setzen. Vor allem seine Libretti ließen durchaus nicht jenen Sinn fürs Dekorative, Allegorische, Affektgeladene u. betont Wirkungsvolle vermissen, der den allg. Kunstgeschmack des ausgehenden 17. Jh. charakterisiert. Wenn auch ihr Einfluss auf die noch junge dt. Oper – zumindest in Norddeutschland – nicht unerheblich war, so blieben sie doch, ebenso wie B.s übrige Werke, ohne nennenswerte Nachwirkung. Weitere Werke: Cleopatra. Wolfenb. 1691 (Singsp.). – Ariadne. Wolfenb. 1692 (Oper). – Jason. Helmstedt 1692 (Singsp.). – Die Plejades Oder das Sieben-Gestirne. Braunschw. 1693 (Singsp.). – Echo u. Narcissus. Wolfenb. 1693 (Oper). – Hercules unter denen Amazonen. Braunschw. 1693 (Singsp.). – Porus. Braunschw. 1693 (Singsp.). – Wettstreit der Treue. Braunschw. 1693 (Schäfersp.).
188 – Procris u. Cephalus. Braunschw. 1693 (Singsp.). – Die Wiedergefundenen Verliebten. Wolfenb. 1695 (Schäfersp.). – Türcken-Ballet u. Bauren- oder Hirten-Masquerade. Wolfenb. 1697. – Orpheus. Braunschw. 1690. 2 Tle., Braunschw. 1699. Tl. 1: Die sterbende Euridice. Tl. 2: Die verwandelte Leier des Orpheus (Singsp.). Ausgaben: Doppelte Freude der Musen (Wolfenb. 1695). In: Die Oper. Hg. Willi Flemming. Lpz. 1933, S. 180–197. – Salzthalischer Mäyen-Schluss [...]. Wolfenb. 1694. Neudr. hg. mit einer Einf. u. Komm.en v. Thomas Scheliga. Bln. 1994. – Zahlreiche Singspiele in: Wolfenbütteler Digitale Bibliothek, Abt.: Festkultur online (http:// www.hab.de/). Literatur: Dünnhaupt 2. Aufl. Bd. 1, S. 795–815 (Bibliogr.). – Frank-Rutger Hausmann: Bibliogr. der dt. Übers.en aus dem Italienischen v. den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. 1 (2 Teilbde.), Tüb. 1992, Nr. 0052, [0360], 0706, 0738, 0871, 0874. – Alberto Martino: Die ital. Lit. im dt. Sprachraum. Ergänzungen u. Berichtigungen zu F.-R. Hausmanns Bibliogr. Amsterd./Atlanta 1994 (Register). – Weitere Titel: Friedrich Chrysander: Gesch. der Braunschweig-Wolfenbüttelschen Capelle. In: Jb. für musikal. Wiss. Bd. 1. o. O. 1863. – Hans Scholz: Johann Sigismund Kusser. Diss. Mchn. 1911. – Gustav Friedrich Schmidt: Die frühdt. Oper. 2 Bde., Regensb. 1933/34. – Heinz Degen: F. C. B. Ein Beitr. zur Braunschweig-Wolfenbütteler Theatergesch. Diss. Rostock 1934. – Ders.: F. C. B. In: Jb. des Braunschweig. Geschichtsvereins 1935, S. 73–136. – Hellmuth Christian Wolff: Die Barockoper in Hamburg. Bd. 1, Wolfenb. 1957. – Heinz Degen: F. C. B. In: NDB. – Heiduk/Neumeister, S. 18, 148 f., 303 f. – Sara Smart: Die Oper u. die Arie um 1700. Zu den Aufgaben des Librettisten u. zur Form u. Rolle der Arie am Beispiel der Braunschweiger u. Hamburger Oper. In: Studien zum dt. weltl. Kunstlied des 17. u. 18. Jh. Hg. Gudrun Busch u. Anthony J. Harper. Amsterd./Atlanta 1992, S. 183–212. – Hans Joachim Marx u. Dorothea Schröder: Die Hamburger Gänsemarkt-Oper. Kat. der Textbücher 1678–1748). Laaber 1995. – Hans Joachim Marx [Käte Lorenzen] in: MGG 2. Aufl. Bd. 3, Sp. 859–861. – George J. Buelow in: The New Grove 2. Aufl. Bd. 4, S. 327. – S. Smart: The ideal image. Studies in writing for the German Court 1616–1706. Bln. 2005. – Bernhard Jahn: Die Sinne u. die Oper. Sinnlichkeit u. das Problem ihrer Versprachlichung im Musiktheater des nord- u. mitteldt. Raumes (1680–1740). Tüb. 2005. Rainer Wolf / Red.
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Bretschneider, Heinrich Gottfried von, * 6.3.1739 Gera, † 1.11.1810 Schloss Krzimit bei Pilsen. – Satiriker, Parodist, Erzähler u. Herausgeber. Erzogen von Herrnhutern, besuchte B. in Gera das Gymnasium. 1753 trat er in ein sächsisches Regiment ein u. kämpfte im Siebenjährigen Krieg wechselnd auf sächsischer u. preuß. Seite. Auf Empfehlung Friedrich Karl von Mosers wurde er Landeshauptmann im hessisch-nassauischen Usingen. 1773 reiste er nach England u. Frankreich u. lebte nach der Rückkehr in Wien u. Berlin, wo er im aufklärerischen »Mittwochsclub« verkehrte. Mitte der 1770er Jahre trat B. in österr. Staatsdienste, 1778 wurde er Bibliothekar in Ofen u. Kaiserlicher Rat. In Wien traf er u. a. mit Josef von Sonnenfels, Gottfried van Swieten u. sogar mit Kaiser Joseph II. zusammen. Nach der Veröffentlichung von Nicolais Reisebericht über Österreich-Ungarn, zu dem er Material geliefert hatte, wurde er 1784 als Bibliothekar an die Lemberger Hochschule versetzt. Nach der Pensionierung 1801 lebte er in Wien, Wiesbaden u. Nürnberg, kurze Zeit auch in Erlangen in der Nachbarschaft seines Freundes Johann Georg Meusel, im letzten Lebensjahr auf Schloss Krzimitz bei Pilsen. B., in der Forschung bislang noch nicht gewürdigt, ist einer der bedeutendsten Aufklärer in der österr. Monarchie außerhalb Wiens. Als vielseitiger Literat versuchte er sich in den unterschiedlichsten literar. Genres. Er schrieb Satiren, publizierte eine der erfolgreichsten Parodien auf das Wertherfieber in der Form einer Bänkelsängerballade (Eine entsetzliche Mordgeschichte von dem jungen Werther, wie sich derselbe den 21. December durch einen Pistolenschuß eigenmächtig ums Leben gebracht [...]. o. O. o. J. [1776], zahlreiche Neudrucke) u. verfasste gesellschaftskrit. Fabeln (Fabeln, Romanzen u. Sinngedichte. Ffm./Lpz. 1781). Er lieferte freimaurerische Beiträge u. brachte einen antiklerikalen Almanach heraus (Almanach der Heiligen auf das Jahr 1788 [und: 1789]. o. O. [Lpz.] 1788/89); er stellte für das Jahr 1788 einen Lemberger Musen Almanach zusammen, der allerdings nur Dichtungen von ihm selbst enthielt, schrieb Texte zu
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kleinen Opern u. Singspielen u. verfasste zwei Romane: Familiengeschichte und Abentheuer Juncker Ferdinands von Thon (2 Bde., Nürnb. 1775/76) u. Georg Wallers Leben und Sitten, wahrhaft – oder doch wahrscheinlich – beschrieben, von ihm selbst (Kölln [recte: Bln.] 1793). Der zweite Roman ist ein autobiografisch gefärbter, von Sternes arabeskenhafter Erzählweise beeinflusster, antiempfindsamer Episodenroman, der hauptsächlich im mittleren u. mittelöstl. Teil Deutschlands vom Beginn der Gellert-Zeit bis etwa Mitte der 1770er Jahre spielt. Mit diesem literar. Text demonstrierte B. noch einmal, dass er sich in Ofen u. später in der galizischen Provinz in Lemberg als »Vorposten« der Berliner Aufklärung, in deren Kommunikationsnetzwerk er eingebunden war, verstand. Weitere Werke: Graf Esau. Ein Heldengedicht mit einer nützl. Vorrede eines alten Menschenfeindes. o. O. 1768 (Satire). – Papilloten. Ffm./Lpz. 1769 (Satire). – Die Religion aus der Natur u. Offenbarung, geprüfet mit philosoph. u. krit. Augen. Wien 1774 (Abb.). – Ankündigung u. Probe (Vorw.) einer neuen Ausg. mit Anmerkungen v. Johann Fischarts Übers. des ersten Buchs v. Rabelais ›Gargantua‹ [...]. Neue mit Anmerkungen vers. Aufl. Nürnb. 1775. – Catalogus nonnullorum rariorum, partimque varii idiomatis et argumenti librorum, quos una cum parva collectione imaginum eruditorum venum exponit H. G. a B. Pest 1781. – Hdb. zur Kirchen- u. Ketzer Geschichte für das Jahr 1781. Häresiopel (d. i. Züllichau) 1781 (zugeschrieben, s. auch Karl Friedrich Bahrdt). – (Hg.) Ernst Traugott v. Kortum: Beiträge zur philosoph. Gesch. der heutigen geheimen Gesellsch.en. o. O. [Lemberg] 1786. – Recension der Schrift: Charakter Friedrichs II., Königs v. Preußen, beschrieben v. Anton Friedrich Büsching. Wien/Lpz. 1789. – Antwort eines poln. Edelmannes in der Republik an seinen Freund in Galizien auf die Anfrage: was v. einer Vereinigung Galiziens mit Ungarn zu halten sei. Warschau 1790. – Die Spring-Wurzel oder Die böse Liesel. Eine kom. Oper. Nürnb. 1810. – Reise des Herrn v. B. nach London u. Paris nebst Auszügen aus seinen Briefen an Herrn Friedrich Nicolai. Hg. Leopold Friedrich Günther v. Goeckingk. Bln./ Stettin 1817. Literatur: Johann Georg Meusel: Vermischte Nachrichten u. Bemerkungen histor. u. litterar. Inhalts [...]. Erlangen 1816. – Ders.: Histor. u. litterar. Unterhaltungen [...]. Coburg 1818. – Friedrich Köppen: Vertraute Briefe über Bücher u. Welt.
Bretzner Lpz. 1820. – Karl Friedrich Linger (Hg.): Denkwürdigkeiten aus dem Leben des k. k. Hofraths H. G. v. B. 1739–1810. Wien/Lpz. 1892 (enth. komm. Selbstzeugnisse B.s). – Margit Szabó: H. G. v. B. budai tartózkodása, 1782-1784-ig. Fejezet a magyar felvilágosodás történetóból. Budapest 1942. – Wilhelm Haefs u. York-Gothart Mix: Der Musenhort in der Provinz. Literar. Almanache in den Kronländern der österr. Monarchie im ausgehenden 18. u. beginnenden 19. Jh. In: AGB 27 (1986), S. 171–194. Wilhelm Haefs
Bretzner, Christoph Friedrich, * 10.12. 1746 Leipzig, † 31.8.1807 Leipzig. – Dramatiker u. Epiker.
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stanze (Lpz. 1781) zu erwähnen. Es wurde die Vorlage für Gottlieb Stephanies Libretto zu Mozarts Die Entführung aus dem Serail (1782). Während B. allerdings sein Stück mit einem banalen Kniff zum guten Ende brachte – Selim Bassa entpuppt sich als Belmonts Vater –, arbeiteten Mozart u. Stephanie die humane Botschaft, die an Goethes Iphigenie erinnert, wesentlich stärker heraus. B. protestierte zunächst öffentlich in der »Leipziger Zeitung« dagegen, dass »ein gewisser Mensch, Namens Mozart in Wien« sich erdreistet habe, sein Stück ohne Erlaubnis zu bearbeiten, versöhnte sich schließlich aber insofern wieder mit dem Komponisten, als er 1794 »des unsterblichen Mozarts« Cosi fan tutte u. d. T. Weibertreue, oder die Mädchen sind von Flandern (Lpz.) bearbeitete.
Der Sohn des kurfürstlich-sächs. Hoftapezierers Johann Friedrich Bretzner war in seiner Heimatstadt als Kaufmann tätig. Nebenberuflich verfasste er Dramen u. Romane. ZwiWeitere Werke: Das Leben eines Lüderlichen. schen 1769 u. 1796 entstand eine große An- Ein moral.-satyr. Gemälde nach Chodowiecki u. zahl von Bühnenstücken, die durchwegs den Hogarth. Lpz. 1787 f. (R.). – Schausp.e. 2 Bde., Lpz. Geist der bürgerl. Aufklärung atmen: Parve- 1792–96. – Singsp.e. Lpz. 1796. – Schausp.e. 4 nühaftes Verhalten u. Adelsnachahmung Bde., Lpz. 1820. Literatur: K. Roesler: C. F. B. Diss. Heidelb. wird kritisiert (Die Erbschaft aus Ostindien. Lpz. 1781), scheinbar übernatürl. Phänomene 1919. – Karl Richter: C. F. B. In: NDB. Wynfrid Kriegleder stellen sich als Betrügereien heraus (Der Geisterbeschwörer. Lpz. 1790), tugendhafte Liebespaare setzen sich gegen die Unvernunft der Breuer, Hans, * 30.4.1883 Gröbers bei Umwelt durch. B.s klug gebaute u. geschickt Halle/Saale, † (gefallen) 20.4.1918 vor dialogisierte Dramen stehen unter dem EinVerdun; begraben in Mangiennes. – Arzt fluss Lessings; sie zeichnen sich durch große u. Herausgeber des ersten WandervogelLebendigkeit aus, wozu bes. die gezielte Liederbuchs Zupfgeigenhansl (1909). sprachl. Charakterisierung der Figuren (Dialekt) beiträgt. Die ungezwungene Einbin- B. war ab 1899 in Fahrtengruppen des Wandung zeitgenössischer Ereignisse erweist die dervogels, 1901 in Berlin-Steglitz, seit 1907 Stücke außerdem als interessante kulturge- in der »Heidelberger Pachantey« (dort stuschichtl. Quellen: So spielt in dem über viele dierte er Medizin), u. 1910/11 war er selbst Jahre populären Lustspiel Das Räuschchen Leiter des Jugendbundes »Wandervogel«. B. (Lpz. 1786. 2. Aufl. u. d. T. Das Räuschgen. Lpz. ist Herausgeber u. Bearbeiter des ersten u. 1790) der amerikan. Unabhängigkeitskrieg wohl populärsten Liederbuchs dieser frühen eine entscheidende Rolle; in der Posse Die Jugendbewegung. Der Zupfgeigenhansl (ZupfLuftbälle, oder: der Liebhaber à la Montgolfier geige ist die Gitarre, die »Klampfe« der Ju(Lpz. 1786) wird die gerade aktuelle Erschei- gendgruppen) erschien 1909 (Vorwort: Heinung der Ballonluftfahrt zum zentralen Mo- delberg Weihnachten 1908). tiv der Komödie; in dem Lustspiel Karl und Für den Inhalt, der anfangs in den verSophie oder die Physiognomie (Lpz. 1780) gilt der schiedenen Auflagen variiert, sind Lieder aus Spott der wertherischen Empfindsamkeit u. nachempfundener Minneromantik, Gesellden physiognom. Theorien Lavaters. schaftslieder des 16. Jh. (die als Lieder aus Unter den vielen Singspielen, die B. ver- dem »Mittelalter« entdeckt wurden, u. a. fasste, ist das 1781 für den Komponisten Jo- Landsknechtslieder), Lieder »im Volkston« hann André geschriebene Belmonte und Con- des 19. Jh. (populäre Lieder der Goethezeit u.
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Bre˘zan
des Biedermeier) u. geistliche Lieder charak- hansl. Diss. Ffm. 1932 (gedr. Gelnhausen 1934). – teristisch. In romantischer Weise werden die Hinrich Jantzen: Namen u. Werke [...] JugendbeQuellenangaben stilisiert u. sind grundsätz- wegung. Bd. 2, Ffm. 1974, S. 51–58. – Heinz Spielich unkritisch (ähnlich auch in Arnim-Bren- ser: H. B. – Wirken u. Wirkungen. Neuss 1977. – Wilhelm Scholz u. a.: Die dt. Jugendmusikbewetano, Des Knaben Wunderhorn, 1806/08, das für gung in Dokumenten [...] bis 1933. Wolfenb. 1980, viele Vorstellungen vom Volkslied als Vorbild S. 13 u. ö. – Wolfgang Kaschuba: Volkslied u. diente). B. übernahm Lieder aus verschiede- Volksmythos. In: Jb. für Volksliedforsch. 34 (1989), nen Sammlungen (u. a. Erk-Böhme 1893/94, S. 41–55. – MGG. Otto Holzapfel Kretzschmer-Zuccalmaglio 1840), notierte sie aber in der Form, wie sie in seiner Heidelberger Gruppe gesungen wurden. B. selbst Bre˘zan, Jurij, auch: Dusˇ an Sˇwik, * 9.6. sprach von der »Moralität u. der reinigenden 1916 Räckelwitz bei Kamenz/Oberlausitz, Kraft des Volkslieds« (1912). † 12.3.2006 Kamenz. – Sorbischer u. Die Sammlung von B. hatte überaus großen deutscher Erzähler, Lyriker u. DramatiErfolg. Bereits 1910 erschien die 4. Auflage, ker. jetzt in Leipzig im Verlag Hofmeister, die 19. Auflage 1914 u. die 24. Auflage 1915. Spätere B. war der bekannteste u. erfolgreichste LiAusgaben haben Gitarren- u. auch Klavier- terat der Lausitzer Sorben in der zweiten begleitung. Die 86. Auflage 1920 hat den Hälfte des 20. Jh.; er nannte sich selbst einen Zusatz »...unter Mitwirkung vieler Wander- »sorbischen Schriftsteller, der auch deutsch vögel«, u. tatsächlich spiegeln die Lieder schreibt« (1979). Der Sohn eines Kleinbauern, der von 1946 wechselnde Singpraxis in den Gruppen. Mit der 109. Auflage waren 623.000 Exemplare bis 1949 in Bautzen als sorbischer Jugend- u. gedruckt, eine 155. Auflage erschien 1930, Kulturfunktionär tätig war, wurde im Okt. also bereits in einer Zeit der nächsten Gene- 1949 freischaffend. Anfangs als Herausgeber ration der dt. Jugendbewegung, der Bündi- u. Übersetzer, danach vornehmlich als Roschen Jugend (mit einem völlig anderen mancier suchte er zwischen sorbischer Kultur Liedrepertoire). Noch 1940 erschien eine 164. u. ostdt. Realität zu vermitteln. Die eigenen Auflage mit dann insg. 903.000 gedruckten Erfahrungen mit der repressiven »WendenExemplaren. Die Lieder des »Zupf« blieben politik« der Nationalsozialisten (Relegation bei den Älteren u. in der pädagog. orientier- vom Gymnasium, Aufenthaltsverbot für die ten Jugendmusikbewegung populär. Von Lausitz) führten B., der dem sorbisch-kath. dort kamen manche Lieder in das Repertoire Milieu entstammte, nach 1945 zu marxist. Positionen. Mit operativer Lyrik sowie volksdes Schulmusikunterrichts. Eine neue Blüte erlebte der Buchtitel, als tüml. Szenen für das Amateurtheater rief der sich in den 1970er Jahren eine Singgruppe Heimkehrer aus US-amerikanischer Gefandes damals modernen dt. »Folk« nach B.s genschaft seine Landsleute zur Aussöhnung Sammlung »Zupfgeigenhansel« nannte (drei mit den Deutschen auf. In dem häufig ziLPs 1976–1978). Heute trägt die Deutsche tierten Langgedicht Wie ich mein Vaterland fand Hochschulgilde (eine Studentenverbindung (dt. u. sorb. 1950) bekannte er sich zur DDR aus der Jugendbewegung) in Heidelberg den als endlich gefundener Heimat der autochNamen von B., ebenso eine Jugendherberge thonen slaw. Minderheit in Sachsen u. Brandenburg. in Thüringen. B.s Band mit Erzählungen u. Gedichten Auf Weiteres Werk: Das Heidelberger Liederbuch. dem Rain wächst Korn war 1951 das erste Buch In: Wandervogel 3 (1909), S. 32–34 u. S. 57 f. eines sorb. Autors in einem dt. Verlag (Volk Neuere Ausgaben: Versch. Neudr.e: Der Zupfgeigenhansl. Mainz 1950 ff., 1981. – Neudr. der 10. und Welt. Bln./DDR), es begründete die literar. Zweisprachigkeit der Sorben. 1959 Aufl. 1913. Lpz. 1989. Literatur: Nachruf auf B. In: Singgemeinde 4 wurde in Bautzen sein wichtigstes Bühnen(1928), S. 76–78. – Albert Gutfleisch: Volkslied in stück Marja Jancˇ owa (1958) erstinszeniert, das der Jugendbewegung, betrachtet am Zupfgeigen- sich am epischen Drama Brechts orientierte.
Breznik
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Zum bedeutendsten sorb. Gegenwarts- ler mit intellektueller Fantasie bewahrte sich schriftsteller wurde B. jedoch dank seiner oft eine kritische Weltsicht, bei Publikum u. groß angelegten Prosa. Nach mehreren No- Medien im In- u. Ausland blieb er bis ins hohe vellen veröffentlichte er 1953 den ersten Ro- Alter eine literar. Autorität. man 52 Wochen sind ein Jahr, der die VerändeWeitere Werke: (Auswahl deutschsprachiger rungen in den sorb. Dörfern beschrieb u. von Ausgaben): Hochzeitsreise in die Heimat. Dresden der DEFA verfilmt wurde. Mit der autobiogr. 1953 (R.). – Christa. Die Gesch. eines jungen MädFelix-Hanusch-Trilogie (Der Gymnasiast. Bln./ chens. Bln./DDR 1957 (E.). – Reise nach Krakau. DDR 1958. Semester der verlorenen Zeit. Bln./ Bln./DDR 1966 (E.). – Die Schwarze Mühle. Bln./ DDR 1960. Mannesjahre. Bln./DDR 1964) DDR 1968. Würzb. 1983 (E.). – Ansichten u. Einsichten. Aus der literar. Werkstatt. Bln./DDR 1976 stellte er sich in die Tradition des Erzie(Selbstzeugnisse). – Mein Stück Zeit. Bln./DDR hungsromans, lieferte aber zgl. ein Exempel 1989 (Erinnerungen). – Ohne Paß u. Zoll. Lpz. 1999 für sozialist. Realismus. Die farbige, anekdo- (Erinnerungen). – Die grüne Eidechse. Bln. 2001 tenreiche Handlung zeigt die Sozialisierung (R.). – Die Einladung. Bautzen 2003 (N.). – Die der Hauptfigur vom Ersten Weltkrieg bis Jungfrau, die nicht ins Bett wollte. Volksmärchen Ende der 1950er Jahre. der Sorben. Bautzen 2006. Mit dem Romanepos Krabat oder Die VerAusgabe: Ausgew. Werke in Einzelausg.n. wandlung der Welt (sorb. u. dt. 1976), seinem Bd. 1–8, Bln./DDR 1986–89. Hauptwerk, gelang ihm eine originelle InLiteratur: DBA II, III. – Hans Koch: Mannesterpretation des Oberlausitzer Sagenstoffs jahre. Bemerkungen über J. B. In: Weggenossen. vom guten Zauberer Krabat. Ohne Begren- Fünfzehn Schriftsteller der DDR. Hg. Klaus Jarzung durch Zeit u. Raum antizipiert ein all- matz u. Christel Berger. Lpz. 1975, S. 114–147. – wissender Erzähler den Sieg des (sorb.) Joachim Keil (Hg.): Betrachtungen zum Werk J. B.s. Knechts über den (dt.) Herrn, ein wichtiges Bautzen 1976. – Christine Gundlach: J. B. In: Lit. der DDR. Einzeldarstellungen. Hg. Hans Jürgen Nebenmotiv bilden Gefahren der modernen Geerdts. Bln./DDR 1976, S. 242–258. – Monika Genforschung. In der späteren Fortsetzung Schneikart: Traditionen der Volksdichtung im Krabat oder Die Bewahrung der Welt (sorb. 1994, Schaffen J. B.s. Diss. Greifsw. 1981. – Frank Stübdt. 1995) beschränkte sich B. auf die Hoff- ner: Die Erkundung der nat. Identität als Vorausnung, es komme zu einem weltweiten »Pakt setzung literar. Welt- u. Epochengestaltung. Diss. der Vernunft«. Großen Widerhall fand in der Lpz. 1988. – Lucija Hajnec: J. B. In: Prˇinosˇ ki k DDR der Roman Bild des Vaters (1982), in dem stawiznam serbskeho pismowstwa leˇt 1945–90 B. – nicht ohne Verklärung – die letzten zehn [Beiträge zur Gesch. des sorb. Schrifttums Lebenstage seines alten Vaters literarisch 1945–90]. Bautzen 1994, S. 32–54. – Dietrich schilderte. Mit dem satir. Anti-Treuhand- Scholze: Postmoderne Tendenzen in der sorb. Lit.? J. B.s ›Krabat‹-Romane. In: WB 45 (1999), 3, Roman Die Leute von Salow (dt. u. sorb. 1997), S. 423–431. – Ders.: Brechts ›Mutter Courage‹ der auch dramatisiert wurde, äußerte der (1939) u. B.s ›Marja Jancˇowa‹ (1958), in: WB 51 Autor nach der polit. Wende in Ostdeutsch- (2005), 3, S. 458–464. Dietrich Scholze land Zweifel an den Prinzipien der Marktwirtschaft. Zu B.s Werk zählt eine Anzahl von KinderBreznik, Melitta, * 1961 Kapfenberg/Steiu. Jugendbüchern, einige davon wurden von ermark. – Ärztin; Romanautorin u. Er1989 auch in Westdeutschland ediert. Insg. zählerin. liegen über 50 Buchausgaben in meist hohen bzw. mehreren Auflagen vor, die Prosa wurde B.s Romane u. Erzählungen sind geprägt von in ca. 25 Sprachen übertragen. Alle wesentl. ihren berufl. Erfahrungen als Oberärztin an Werke existieren in beiden Arbeitssprachen, einer psychiatr. Klinik im Schweizer Kanton verlegt jeweils in Berlin (bis 1989) bzw. Graubünden. Ihr viel beachtetes Erzähldebüt Bautzen. Für die Wahrung sorbischer Inter- Nachtdienst (Mchn. 1995) verwebt Bildfolgen essen setzte sich B. auch nach 1990 ein, als er des nächtl. Spitalalltags einer diensthabennatur- u. volksnah in seinem Heimatdorf den Ich-Erzählerin mit deren persönl. (Kindlebte u. arbeitete. Der bodenständige Erzäh- heits-)Erinnerungen an einen alkoholkran-
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ken Vater, der in der fiktionalen Gegenwart Gegenwartslit. Hg. Friedbert Aspetsberger. Innsbr. in einer anderen Klinik im Sterben liegt. 2003, S. 158–179. Raffaele Louis Kunstvoll spiegelt dieser Standort des Erzählens das spannungsreiche Verhältnis der Brincken, Gertrud von den, * 18.4.1892 Generationen, aber auch die Widersprüch- Gut Brinck-Pedwalen/Kurland, † 17.11. lichkeit der gegenwärtigen Anforderungen: 1982 Regensburg, – Lyrikerin u. Prosadie Gleichzeitigkeit von Nähe u. Distanz, von autorin. Abhängigkeit, Co-Abhängigkeit u. emotionaler Weite, gehetztem Berufsalltag u. teil- Nach ihrer Kindheit auf dem Familiengut Brinck-Pedwalen verbrachte B. ihre Schulzeit nehmendem Abschied. Die einfühlsame Darstellung von Einsam- in Mitau. Ab 1915 arbeitete sie in Tuckum als keit, Krankheit, Angst u. Tod verbindet die Krankenschwester u. Englischlehrerin. Ihr acht Erzählungen des zweiten Werkes Figuren erster Gedichtband Wer nicht das Dunkel kennt (Mchn. 1999) mit dem Erstling. Darüber (Riga) erschien 1911. 1925 heiratete sie den Österreicher Walther Schmied-Kowarzik († hinaus ermöglichen die jetzt kürzeren Er1958), damals Ordinarius für Philosophie an zählsegmente das Experimentieren mit Konder Universität Dorpat/Estland. In den stellationen. Der Zwiespalt zwischen »nack1930er Jahren lebte B. in Frankfurt/M. u. tem« Leben u. künstler. Aufarbeitung wird Friedberg/Hessen, bis sie 1939 nach Mödling hier stärker zugunsten der schriftsteller. bei Wien übersiedelte. B. besuchte in diesen Konstruktivität gelöst. Technisch zeigt dies Jahren immer wieder ihre baltische Heimat. u. a. der von Pulver überzeugend herausge1936–1940 entstanden die Romane März stellte Bezug der Erzählung Spinnen auf Elias (Wien 1937), Herbst auf Herrenhöfen (Bielef. Canettis Die Blendung. 1939) u. Unsterbliche Wälder (Stgt. 1941), die in In B.s Roman Das Umstellformat (Mchn. den 1940er Jahren mehrfach aufgelegt wur2002) reist eine Ich-Erzählerin in Begleitung den. Nach Flüchtlingsjahren in Unterbruck/ ihrer Mutter auf den Spuren der Großmutter, Oberpfalz lebte B. von 1950 an in Regensdie in einer psychiatr. Anstalt der National- burg. sozialisten ums Leben kam, durch DeutschIm Mittelpunkt ihres Werks stehen histor. land. Diese Reise gerät der Ich-Erzählerin Ereignisse u. persönl. Erinnerungen an ihre schließlich zur Autopsie, zur unangenehmen balt. Heimat. Ihre autobiogr. AufzeichnunAhnung, als Ärztin Instrument einer Gesell- gen Land unter (Darmst. 1977) geben Zeugnis schaft zu sein, die einer, dem Einzelnen in vom polit. Schicksal der Balten während u. seiner Lebensgeschichte nicht angemessenen, zwischen beiden Weltkriegen. Die für sie hermet. Grenzziehung zwischen Wahnsinn leidvollen Folgen wechselnder deutscher u. u. Normalität bedarf. Leitmotivisch durch- russ. Hoheitsansprüche wurden für die Auzieht B.s Dichtung die Todesnähe all ihrer torin Ausgangspunkt für immer wieder neu Figuren – auch die der Erzähler –, was die formulierte Sinnfragen. Auch in ihrem letzAutorin bereits in Nachtdienst antizipiert u. ten Roman Nächte (Kassel 1980) verknüpft B. dort in der Formel »Pepetuum mobile in den Einzelschicksale mit histor. Geschehnissen Tod« ausdrückt. Die Rezensenten heben insg. im Baltikum der Jahre 1925 bis 1944. Ihr lobend B.s distanziert-recherchierten, aber einfacher u. direkter Erzählstil ist unsentidennoch behutsam beobachtenden, vom mental u. verleiht gerade den dramatisch Modus des Erinnerns geprägten Stil hervor. gestalteten Passagen epische Ausdruckskraft. In B.s zahlreichen Gedichtbänden stehen Literatur: Elsbeth Pulver: Gesch.n aus der Helle der Nacht. In: Drehpunkt 32 (2000), H. 106, Sinn- u. Glaubensfragen vor dem HinterS.115–117. – Thomas Kraft: M. B. In: LGL. – Da- grund persönl. Erlebens. Qualen u. Trauma niela Strigl: Lauter Fälle – nicht nur für die Lite- der Judenvernichtung durch die Nationalsoraturwiss. Über den Hang zum Medizinischen zum zialisten thematisiert das Schauspiel Wasser Beispiel bei Paulus Hochgatterer, M. B. u. Thomas der Wüste (Hörspielfassung 1959). Ein ÜberRaab. In: Neues. Trends u. Motive in der (österr.) lebender des Warschauer Ghettos versucht
Brinckman
sich in Israel eine neue Existenz aufzubauen. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Frage nach dem Motiv für seinen Verzicht auf Vergeltung. B. hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter die Albertus-Magnus-Medaille der Stadt Regensburg u. das Bundesverdienstkreuz. Sie gilt neben Frank Thiess u. Werner Bergengruen als eine der bedeutendsten Schriftstellerpersönlichkeiten des Baltikums. Weitere Werke: Heimwehbuch. Bln. 1926 (L.). – Stimme im Dunkel. Mchn. 1949 (L.). – Judas Ischarioth. Ein lyr. Zyklus. Darmst. 1974. – Daß wir uns trennen mußten. Darmst. 1975 (L.). – Die Sintflut steigt. Darmst. 1977 (D.). – Eine Handvoll Alltäglichkeiten. St. Michael/Österr. 1980 (E.en). – Gezeiten u. Ausklang. Gedichte aus dem Nachl. Köln 1992. Literatur: Doro Radke: Die balt. Dichterin G. v. d. B. In: Geschichtsbewußtsein groß geschrieben. Hg. Heinz Radke u. Hans-Ulrich Engel. Mchn./ New York/London/Paris 1984, S. 137 ff. – Michael Garleff: Verlorene Welt u. geistiges Erbe. Geschichtsdeutung dt.-balt. Schriftsteller. Siegfried v. Vegesack u. G. v. d. B. In: Unerkannt u. (un)bekannt. Hg. Carola L. Gottzmann. Tüb. 1991, S. 299–322. – C. L. Gottzmann: Die ewige Suche nach dem Ratschluss Gottes. Analyse einiger Werke G. v. d. B.s. In: Vergessene Lit. Hg. Petra Hörner. Ffm. 2001, S. 87–114. Andrea Stoll / Red.
Brinckman, Brinckmann, John, * 3.7.1814 Rostock, † 20.9.1870 Güstrow; Grabstätte: ebd., Städtischer Friedhof St. Gertruden. – Erzähler u. Lyriker. Der Sohn eines Kapitäns u. Schiffseigners studierte in seiner Heimatstadt zunächst Jura, dann neuere Sprachen, Literatur u. Geschichte. Als Burschenschaftler wegen polit. Umtriebe verurteilt, brach er das Studium ab. Um den drückenden sozialen Verhältnissen in seiner Heimat zu entfliehen, wanderte er 1839 nach Amerika aus. Hier verdingte er sich als Journalist, Übersetzer u. Gesandtschaftssekretär. 1842 kehrte er enttäuscht zurück. Zunächst Hauslehrer bei Adelsfamilien, dann Inhaber einer Privatschule, war B. ab 1849 in Güstrow als Realschullehrer tätig. Der Aufenthalt in Amerika ließ B. die Sprache u. Kultur seiner engeren Heimat in neuem Licht erscheinen. Er schrieb nun
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plattdt. Gedichte u. kurze Erzählungen, die er zunächst in Lokalblättern veröffentlichte. Zahlreiche kurze Episodenerzählungen über den fiktiven Rostocker Kapitän Pött kamen in Buchform u. d. T. Kasper-Ohm un ick heraus (Güstrow 1855. 2. Tl. von Aus dem Volk für das Volk. Plattdeutsche Stadt- und Dorfgeschichten. Stark erw. Separatausg. Rostock 21868). Die derb-humorist. Texte in niederdt. Mundart, oft nur durch den bramarbasierend sein »Schiemannsgoorn« spinnenden KasperOhm miteinander verbunden, schildern in oft grotesker Manier das Alltagsleben in Rostock. In späteren Prosawerken wandte sich B., auch in hochdt. Sprache, Märchenstoffen u. der Tierdichtung zu, konnte damit aber nicht an die Erfolge seines plattdt. Erstlingswerks anknüpfen. B. veröffentlichte seine humorvolle plattdt. Prosa einige Jahre vor den großen Romanen seines Landsmanns Fritz Reuter, in dessen Schatten er dennoch bis heute steht. Der literar. Durchbruch blieb ihm versagt. Dies gilt auch für seine lyr. Produktion. Seine 1859 in Güstrow publizierte Gedichtsammlung Vagel Grip vereinigt plattdt. Liebes-, Kinder- u. Naturgedichte, die z.T. mit realistischer Offenheit die sozialen u. polit. Missstände im Mecklenburg des 19. Jh. zur Sprache bringen. Das revolutionäre Gedankengut des Burschenschaftlers u. Anhängers der Revolution von 1848 hat in B.s Spätwerk jedoch keinen Niederschlag gefunden. Weitere Werke: Peter Lurenz bi Abukir. Rostock 1869 (E.). – Uns’ Herrgott up Reisen. Rostock 1870 (R.). Ausgaben: Sämtl. Werke. Hg. Otto Weltzien. 5 Bde., Lpz. 1903. – J. B. Werke. Hg. Kurt Batt. Rostock 1964. 41976. – Briefe, Dokumente, Texte. Hg. Wolfgang Müns. Bd. 1 (1834–45); Bd. 2 (1846–70) Leer 2002–04. Literatur: Albrecht Römer: J. B. Werden u. Wesen. Bln. 1907. – Erwin Schulz: Der volkskundl. Gehalt der plattdt. Werke J. B.s. Diss. Rostock 1937. – Jürgen Borchert: B. in Amerika. In: NDL 29 (1981), S. 75–83. – Wolfgang Siegmund: J. B. Neubrandenburg 1991. – Goedeke Forts. – Claus Schuppenhauer (Hg.): Plattdeutsch in Lit. u. Gesellsch. Eine Tagung zum 130. Todestag v. J. B. Leer 2001. Jörg Schilling / Red.
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Brinitzer, Carl, auch: Usikota, * 30.1.1907 Riga, † 24.10.1974 London. – Verfasser von literatur- u. kulturgeschichtlichen Werken, Biografien u. Rundfunkbeiträgen.
Brinkmann
des Verlegers Julius Campe. Hbg. 1962) u. über den Illustrator Daniel Chodowiecki (Die Geschichte des Daniel Ch.: ein Sittenbild des 18. Jh. Stgt. 1973). Weitere Werke: Zulu in Germany. London 1938 (Satire). – German versus Hun. London 1941. – Cassel’s War and Post-War German Dictionary. Kassel/Toronto 1945. – Wo die Queen regiert. Mchn. 1956 (Anth.). – Lichtenberg. Tüb. 1956. Mchn. 1979 (Biogr.). – Heinrich Heine. Hbg. 1960 (Biogr.). – Dt. Dichter führen nach Italien. Mainz/ Bln. 1964 (Reisebuch). – Liebeskunst ganz prosaisch. Reinb. 1966. 1974 (Kulturgesch.). – Bacchus, Gambrinus u. Co.: eine nüchterne Gesch. des menschl./unmenschl. Durstes. Ffm. 1972 (Kulturgesch. des Alkohols). – Herausgeber: Zwei Löffel Goethe, eine Prise Shaw. Kulinarisches literarisch. Reinb. 1969.
In Genf, Berlin, München, Hamburg u. Kiel studierte der später zum Dr. jur. promovierte B. Rechtswissenschaften. Erste, den literar. Vorbildern oft stilistisch nachempfundene Aufsätze u. Glossen (etwa über François Villon) erschienen bereits in den späten 1920er Jahren im »Kritiker« u. im »Sturm«. 1933 emigrierte B. zunächst nach Italien, drei Jahre später nach England. Von 1938 bis 1967 war er als Leiter der Ansager- u. Übersetzungsabteilung, später Programmleiter im deutschsprachigen Dienst bei der BBC. Literatur: Luc Jochimsen: C. B. In: Rundfunk 1938 wurde B. von der BBC als einer der u. Fernsehen 16 (1968). Frank Raepke / Red. ersten dt. Mitarbeiter für die projektierte Rundfunkpropaganda in dt. Sprache engagiert; mit der von ihm übersetzten Rede Brinkmann, Brinckman(n), Carl Gustav Chamberlains zum »Münchener Abkom- von (Frhr. seit 1835) auch: Selmar, * 24.2. men« eröffnete die BBC im Sept. 1938 den 1764 Gut Nacka bei Stockholm, † 24.12. »Propagandakrieg« gegen das nationalsozia- 1847 Stockholm. – Schwedischer Diplolist. Deutschland, wobei B. für Organisation mat; Lyriker. u. Redaktion in zunehmendem Maße ver- B. besuchte 1782–1785 das Pädagogium der antwortlich war. Seine 1969 veröffentlichte Herrnhuter Brüdergemeine in Niesky u. Dokumentation Hier spricht London. Von einem schloss dort Freundschaft mit Schleiermader dabei war (Hbg.) enthält neben autobiogr. cher, der ihm seine Reden über die Religion Schilderungen wichtiges, zumeist unbe- (1799) widmete. Nach dem Philosophie- u. kanntes Material dieser Zeit (z.B. den Wort- Jurastudium in Halle (1787–1789) u. ersten laut von Propagandasendungen der BBC). Erfolgen als Dichter (Beiträge zu Wielands Allerdings wirkt sich in diesem zeitge- »Merkur« u. zum »Vossischen Musenalmaschichtlich wohl bedeutsamsten Werk B.s nach«) trat er in den diplomat. Dienst seines sein um Eingängigkeit u. Unterhaltung be- Landes ein. Zwischen 1792 u. 1805 war er – mühter Stil nachteilig aus, da er Anekdoti- unterbrochen nur von einem dreijährigen sches u. Belangloses dem Faktischen bei- Aufenthalt in Paris (1798–1801) – als schwemischt u. oft auch für eine gesuchte Pointe ins discher Legationssekretär in Berlin tätig u. Skurrile abgleitet. folgte dem preuß. Hof 1807/08 als Gesandter Nach dem Krieg war B. für Sendungen der nach Memel u. Königsberg. BBC in die sowjetisch besetzten Gebiete zuDie Freundschaft mit Wilhelm von Humständig. Seine letzten Lebensjahre verbrachte boldt empfahl ihn bei Goethe u. Schiller, in er als freier Schriftsteller in Kensington. Zu dessen »Musenalmanach für das Jahr 1798« seinen wichtigen literatur- u. kulturge- er mit einem Gedicht vertreten ist. In den schichtl. Arbeiten, die bei aller Materialfülle Berliner Salons hatte er Umgang mit den liu. dokumentarischen Genauigkeit in eine lo- terarisch-philosophischen Berühmtheiten ckere Erzählform gebracht sind, gehören ne- der Jahrhundertwende u. stand insbes. mit ben Monografien über Heinrich Heine u. Fichte, den Gebrüdern Schlegel, Tieck, später Georg Christoph Lichtenberg Arbeiten über mit Adam Müller, Friedrich Gentz u. Johanden Verleger Julius Campe (Das streitbare Leben nes von Müller in enger Verbindung.
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1808–1810 war er Gesandter in London u. lebte ab 1811 in Stockholm, wo er hohe polit. Ämter übernahm u. weiterhin literarisch tätig war. Neben seiner Lyrik in klassizistischer Form hinterließ B. einen umfangreichen Briefwechsel, der ein bedeutendes Zeugnis seiner Epoche darstellt. Weitere Werke (in dt. Sprache): Gedichte v. Selmar. 2 Tle., Lpz. 1789. – Elegien. Paris 1799. – Gedichte. Bln. 1804. – Philosoph. Ansichten. Bln. 1806. – Briefe: Briefw. mit Friedrich v. Gentz. In: Briefe v. u. an F. v. Gentz. Bd. 2, Mchn./Bln. 1910. – Briefe v. K. G. v. B. an Friedrich Schleiermacher. Hg. Heinrich Meisner u. Erich Schmidt. Bln. 1912. – Friederike Liman, Briefw. mit Rahel Levin Varnhagen u. K. G. v. B sowie Aufzeichnungen v. R. L. Varnhagen u. Karl August Varnhagen Hg. Birgit Anna Bosold. Diss. Hbg. 1997. Literatur: Ernst Rudolf Meyer: Schleiermachers u. C. G. v. B.s Gang durch die Brüdergemeinde. Lpz. 1905. – Franz Seidl: K. G. v. B. während seiner geistigen Entwicklung u. Reife in Dtschld. Diss. Wien 1912. – Hilma Borelius: C. G. v. B. 2 Bde., Stockholm 1916–18. – Otto Fiebiger: Ein Brief C. G. v. B.s an Ludwig Tieck. In: Das Literar. Echo 19 (1916/17), Sp. 527–538. – Ders.: Ein Brief Ludwig Tiecks an C. G. v. B. In: Euph. 13, Ergänzungsh. (1921), S. 61–74. – Silvia Noceti: Esercitazioni di spirito nelle lettere di Rahel Levin Varnhagen e K. G. v. B. In: Configurazioni dell’aforisma 1 (2000), S. 157–173. – Ursula Isselstein: ›Rein erhabenes Monument‹ oder ›vollständige Ausgabe‹? Zur Mediendiskussion zwischen K. G. v. B. u. Karl August Varnhagen um ›Rahel‹. In: Makkaroni u. Geistesspeise. Hg. Nikolaus Gatter u. a. Bln. 2002, S. 187–207. Jochen Fried / Red.
Brinkmann, Hans, * 26.12.1956 Freiberg. – Lyriker. Nach dem Armeedienst studierte B. Museologie in Leipzig u. wurde Museologe in Schloss Hinterglauchau, dann Mitarbeiter an der Städtischen Bibliothek in Chemnitz. 1992 erhielt er ein Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo. B.s Gedichte, die seit 1976 in verschiedenen Zeitungen u. Zeitschriften der DDR erschienen, gehen vom »ernsten Sprachspiel« (Fried, Jandl) aus. B. häuft u. verschiebt Redewendungen, bis ihr anderer Sinn hervortritt, den die Pointe wiederum verkehrt. Gegenstände
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sind die Natur, einfache Leute, Geschichte u. Revolution, die Liebe, das Wetter, die Dichtung. Freilich verschränken B.s oft lakon. Verse die Themen. Ein Wetterbericht handelt im Grunde von den Dichtern, die halten den Regen »nicht auf und nicht ab«. Als Sturmvogel kommt der Poet nur zitatweise u. ironisch vor, »lachend wie irre / gegen den clever gedrehten Wind«. Eher beschreibt die Rechtfertigung des Wetterhahns seine Position: »bin zwar ein Vogel, aber eisern / bleib ich auf dem Posten, steh / auf der Windrose, nicht ohne Sehnsucht. / Doch die Richtungen sind mein Kreuz.« B.s Bilder sind oft emblematisch gefügt. Sie nehmen Traditionsvorgaben auf u. reichen von der Alltagskultur bis zu Mythos u. Märchen. Sie machen sich ein eigenes Bild (pictura), das mit Um- u. Nachschriften (Subscriptio) versehen wird, sodass die Bedeutungen kippen. Auf Sebastian Brant u. auf den Volksmund bezieht sich das Gedicht Narrenschiff. Den Freunden: »Schifflein ist gebracht aufs Trockne, / auf den Sand gebaut, der sei uns / feste Bank, daß wir nicht beläppert / in See stechen, sondern in den Wind / Das Mäntelchen, sichres Segel, setzen [...].« Die Bedeutungswechsel per Zeilensprung denunzieren auch das Vermögen der Poesie, Perspektiven zu bilden. Brechts Gedicht An die Nachgeborenen dient als Folie für das bittere Schlussbild des Textes, das die Immobilität der Verhältnisse anklagt: »und die Flut, aus der wir aufgestiegen, / fällt nicht mehr und steigt auch nicht.« Weitere Werke: Poesiealbum 170. Bln./DDR 1981. – Wasserstände u. Tauchtiefen. Bln./DDR 1985 (G.e). – Federn u. Federn lassen. Bln./DDR 1988 (G.e). – Außer Trost. Gedichte u. Prosa. Bln. 1992. – Schlummernde Hunde. Chemnitz 2006 (G.e). Literatur: Richard Pietraß: Die Hoffnung, übern Berg zu kommen. In: Lesarten. Texte zu Gedichten. Hg. Christian Löser. Bln./Weimar 1982, S. 295 ff. Alexander von Bormann / Red.
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Brinkmann, Rolf Dieter, * 16.4.1940 Vechta, † 23.4.1975 London; Grabstätte: Vechta. – Lyriker, Übermittler der amerikanischen Pop- u. Underground-Literatur, Hörspielautor u. Verfasser eines Romans. Nach Besuch des Gymnasiums in Vechta, nach begonnener Ausbildung zum Verwaltungsangestellten beim Finanzamt Oldenburg u. einer Buchhändlerlehre in Essen zog B. 1962 nach Köln. Dort begann er 1963 ein Studium an der Pädagogischen Hochschule u. heiratete 1964. Seit 1966 widmete er sich ausschließlich seiner schriftsteller. Arbeit. 1962–1968 war B., trotz einiger Lyrikbände u. an den frz. »nouveau roman« angelehnten Erzählungen, kaum bekannt. Der Durchbruch gelang ihm mit seinem ersten u. einzigen Roman Keiner weiß mehr (Köln/Bln. 1968), der eng mit der eigenen Situation verknüpften Geschichte eines jungen Mannes, der mit Frau u. Kind in einer Kölner Mietwohnung zusammenlebt. B. beschreibt provokativ-schonungslos ihre Schwierigkeiten im Alltag, in der Kommunikation, beim Sex. Detailliert schildert er eine Fülle von Beobachtungen aus der Perspektive des Mannes: Berichte, Impressionen, Surrogate der Popkultur, Erinnerungen u. Wunschvorstellungen werden vermengt. Die Literaturkritik sah in B. den hoffnungsvollen Vertreter einer neuen Prosa. Neben Autoren wie Nicolas Born, Günter Herburger u. einigen anderen, die sich um den damaligen Lektor Dieter Wellershoff versammelt hatten, wurde B. der »Kölner Schule des Neuen Realismus« zugeordnet. In dieser produktiven Phase wurde für B. zgl. die am amerikan. Beat-Autor Jack Kerouac angelehnte Idee vom »Film in Worten« immer prägender. 1969 stellte B. die beiden Anthologien ACID (mit Ralf-Rainer Rygulla. Darmst. 1969) u. Silver Screen (Köln 1969) zusammen. In ihnen brachte er als einer der Ersten den dt. Lesern die Literatur der amerikan. Subkultur mit ihrer Verbindung zu »Sex & Drugs & Rock’n’Roll«, zum Underground-Film, zu Comic u. Reklame nahe. B. gab die Lunch Poems (Köln 1969) seines amerikan. Vorbilds Frank O’Hara u. die Gedich-
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tesammlung Ted Berrigans Guillaume Apollinaire ist tot (Darmst. 1970) heraus. Unter dem Einfluss der jungen amerikan. Schriftsteller sowie des Literaturwissenschaftlers Leslie A. Fiedler, dessen Theorie der Postmoderne ihm wesentl. Impulse gab, schrieb B. zeitweise im Stil seiner Vorbilder. Die Lyrikbände Godzilla (Köln 1968), Die Piloten (Köln 1968) – die wohl gelungenste Adaption amerikanischer Poplyrik –, Standphotos (Duisburg 1969) u. Gras (Köln 1970) weisen ihn unter den dt. Schriftstellern als den bis dahin der amerikan. Literatur am nächsten stehenden aus. Seine Gedichte in dieser Phase sind einfach: Momentaufnahmen, »snap-shots«, nicht ohne spielerische Fantasie. B. übernimmt, auch in seinen Essays, Versatzstücke einer glamourösen Bilder- u. Medienwelt mit all ihrer augenfälligen Oberflächlichkeit. Neben dem Schreiben begann er zu fotografieren, arbeitete an eigenen 8-mm-Filmen, zu denen er multimediale Lesungen veranstaltete, u. experimentierte mit Rauschmitteln. Anfang der 1970er Jahre unterzog B. seine bisherige literar. Arbeit einer eingehenden Revision. Hatte er in den 1960er Jahren mit seinen Texten einer »neuen Sensibilität« den Weg bereiten wollen u. mit ihr der individuellen u. polit. Befreiung des Individuums, so gab er nun die Hoffnung auf, durch die Sprengkraft der Pop-(Sub-)Kultur Veränderungen in Literatur u. Gesellschaft zu erreichen. Hinzu kamen verstärkte Zweifel an der Brauchbarkeit der Sprache als literar. Mittel u. die damit verbundene Suche nach erweiterten Ausdrucksformen. Wiederum ist für B. u. a. ein amerikan. Autor maßgeblich: William S. Burroughs u. seine literar. Technik des »cut up«, des Zerschneidens u. Neuarrangierens von Textelementen. 1971–1975 publizierte B. kaum Schriftliches. Lediglich 1973 erschien in kleiner Auflage World’s End (Rom 1973), eine apokalypt. Untergangsvision, die auf seine postum veröffentlichten Brief- bzw. Collagebände vorausweist. 1971–1974 wurden von B. im WDR die drei Hörspiele Auf der Schwelle, Der Tierplanet u. Besuch in einer sterbenden Stadt sowie das Selbstporträt Die Wörter sind böse gesendet. Die Bilder des Verfalls, der Verwesung, der Todesterritorien u. der Apokalypse werden ver-
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ständlich vor dem Hintergrund der Beschäftigung mit der vom Krieg geprägten Vergangenheit u. der eigenen, nicht nur aktuell katastrophalen materiellen Situation. Durch Stipendien u. Gastvorträge an verschiedenen Universitäten verdiente B. für sich u. seine Familie kaum das Lebensnotwendige: 1971 war er Stipendiat des Landes NordrheinWestfalen, 1972/73 Stipendiat der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom, 1974 Gastlektor am German Department der Universität Austin/Texas. Auf der Rückreise von seiner Lesung beim Cambridge Poetry Festival wurde er 1975 beim Überqueren einer Straße in London von einem Auto erfasst u. getötet. Kurz nach seinem Tod erschien der Gedichtband Westwärts 1 & 2 (Reinb. 1975), der wochenlang auf Platz 1 der Bestenliste des SWF stand u. 2005 in seiner ursprünglich geplanten Form zus. mit dem Essay Ein unkontrolliertes Nachwort zu meinen Gedichten neu herausgegeben wurde. Darin unterzieht B. sein Leben einer Bestandsaufnahme, indem er seine Kindheit in Vechta, sein Leben in Köln u. seine Reisen nach Italien, England u. in die USA reflektiert. Innere Monologe, Fetzen eines imaginären Tagebuchs, sind Ausdruck seiner Desillusionierung, seines Scheiterns an der abgelehnten Realität. Seine Gedichte sind zerrissen, nicht mehr kurzzeilig, sondern lang, mehrspaltig u. mit Zitaten u. Hinweisen auf die Umstände der Niederschrift durchwirkt. 1975 erhielt B. postum den erstmalig vergebenen Petrarca-Preis. Wie weit B. sich vor seinem Tod von dem ihm unerträglich gewordenen Literaturbetrieb zurückgezogen hat, belegt die 1972/73 während seines Aufenthalts an der Villa Massimo entstandene Briefsammlung Rom, Blicke (Reinb. 1979). In Briefen, die ergänzt werden durch Tagebuchnotizen, eigene Fotografien, Collagen, Quittungen, Fundmaterialien, Kopien von Stadtplänen u. Lektüreauszügen, protokolliert er akribisch seinen Alltag, geißelt zumeist hasserfüllt u. unversöhnlich die Arbeit seiner Kollegen u. den seiner Meinung nach unaufhaltsam voranschreitenden Verfall abendländischer Kultur u. Zivilisation. 1971–1973 entstand das Tagebuch Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen
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Aufstand: Reise Zeit Magazin (Reinb. 1987). Es enthält neben persönl. Reflexionen umfangreich montiertes Text- u. Bildmaterial, vermutlich für einen zweiten Roman, an dem B. seit Anfang der 1970er Jahre gearbeitet hatte. Schnitte (Reinb. 1988) ist der dritte u. letzte seiner Text-/Bildbände, entstanden 1973. In Verbindung mit der Tonbandedition Wörter Sex Schnitt (5 CDs. Erding 2005. Aufnahmezeit: 1973) entsteht das Bild eines zwar von der Massengesellschaft u. ihrem Literaturbetrieb enttäuschten, aber höchst eigenwilligen u. vitalen Autors. Ständig auf der Suche nach zeitgemäßen Ausdrucksmöglichkeiten, wird Montage bzw. Collage für ihn in den verschiedenen literar. Formen zur prägenden Technik. Seine direkte Herangehensweise an das Schreiben von Gedichten in den 1960er u. sein vielfältiger Umgang mit literar. Formen in den 1970er Jahren dient insbes. neueren Strömungen sog. Pop-Literatur u. Spoken Word-Poetry immer wieder als Vorbild. Weitere Werke: Standphotos. Reinb. 1970 (enthält alle Lyrikbände bis 1970). – Der Film in Worten. Prosa, E.en, Ess.s, Hörsp.e, Fotos, Collagen 1965–74. Reinb. 1982. – Erzählungen: In der Grube / Die Bootsfahrt / Die Umarmung / Raupenbahn / Was unter Dornen fiel. Reinb. 1985. – Eiswasser an der Guadelupe Str. Reinb. 1985. – Briefe an Hartmut. Reinb. 1999. – The Last One. Erding 2005 (CD). Literatur: R. D. B. Text + Kritik 71 (1981). – Burglind Urbe: Lyrik, Fotografie u. Massenkultur bei R. D. B. Ffm. u. a. 1985. – Sibylle Späth: R. D. B. Stgt. 1989. – Otto F. Riewoldt: R. D. B. In: KLG. – Gunter Geduldig u. Marco Sagurna: too much. Das lange Leben des R. D. B. Aachen 1994. – Maleen Brinkmann (Hg.): R. D. B. Reinb. 1995. – Jörgen Schäfer: Pop-Lit. R. D. B. u. das Verhältnis zur Populärkultur in der Lit. der sechziger Jahre. Stgt. 1998. – Karsten Herrmann: Bewußtseinserkundungen im Angst- u. Todesuniversum. R. D. B.s. Collagebücher. Bielef. 1999. – Olaf Selg: Essay, Erzählung, Roman u. Hörspiel – Prosaformen bei R. D. B. Aachen 2001. – Gudrun Schulz u. Martin Kagel (Hg.): R. D. B.: Blicke ostwärts – westwärts. Beiträge des 1. Internat. Symposions zu Leben u. Werk R. D. B.s. Vechta 2001. – Michael Braun: R. D. B. In: LGL. – Eckhard Schumacher: R. D. B.s Poetologie. In: Ders.: Gerade Eben Jetzt. Schreibweisen der Gegenwart. Ffm. 2003. Bodo Rinz / Olaf Selg
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Britting, (Josef) Georg, * 17.2.1891 Regensburg, † 27.4.1964 München; Grabstätte: ebd., Neuer Nordfriedhof. – Lyriker u. Prosaist. Der Sohn eines städt. Beamten in Regensburg studierte nach dem Besuch der Volks- u. Oberrealschule an der Bayerischen Akademie für Landwirtschaft u. Brauerei in Weihenstephan, 1913/14 war er für kurze Zeit in Nationalökonomie an der Technischen Hochschule in München immatrikuliert. Schon 1911 volontierte er bei den »Regensburger neuesten Nachrichten«, für die er bis 1914 Buch- u. Theaterkritiken u. kleinere Prosatexte schrieb. 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, war Leutnant u. Kompanieführer u. erhielt mehrere Auszeichnungen; 1915 erstmals verwundet, war er aufgrund einer 1918 erlittenen schweren Verletzung kriegsversehrt. Nach Kriegsende wirkte er im revolutionären Arbeiter- u. Soldatenrat in Regensburg mit u. war als Theaterkritiker für die sozialist. »Neue Donau Post« tätig. 1919–1921 gab er mit dem Maler u. Grafiker Josef Achmann die spätexpressionist. Literatur- u. Kunstzeitschrift »Die Sichel« heraus. 1921 übersiedelte B. nach München. Schon bald avancierte er zum literar. Mitarbeiter zahlreicher kleiner u. großer Zeitungen u. Zeitschriften (u. a. der »Frankfurter« u. der »Kölnischen Zeitung«), 1928 erhielt er einen Hauptpreis im Novellen-Wettbewerb der »Berliner Illustrirten« u. ein Stipendium des Ullstein Verlags. Seine Erfahrungen auf einer Reise durch Bosnien, Slowenien, Kroatien, Montenegro u. Albanien im Jahr 1930 verarbeitete er in einer Reihe von Erzählungen. B.s Freunde in den 1930er Jahren, vornehmlich im Umkreis des Münchner Dichterstammtisches »Unter den Fischen«, waren u. a. Paul Alverdes, Curt Hohoff, Ernst Penzoldt u. Eugen Roth, die Künstler Josef Achmann u. Max Unold sowie der Verleger Carl Hanser. B. galt bereits Mitte der 1930er Jahre als bedeutendster Münchner Dichter; 1936 erhielt er den Literaturpreis der Stadt für 1935 verliehen. Er publizierte regelmäßig in der in München verlegten führenden Zeitschrift der sog. Inneren Emigration, »Das Innere Reich«.
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1948 wurde B., der im selben Jahr die Schauspielerin Ingeborg Fröhlich heiratete, (Gründungs-)Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 1958 der Berliner Akademie der Künste zugewählt. In den 1950er u. 1960er Jahren erhielt er eine Reihe von Auszeichnungen: 1953 den ImmermannPreis der Stadt Düsseldorf, 1958 den Großen Preis des Kulturkreises im Bundesverband der Industrie, 1959 das Bundesverdienstkreuz, 1961 den Bayerischen Verdienstorden u. den Großen Preis von Nordrhein-Westfalen. B. begründete seinen literar. Ruhm als Lyriker u. Prosaist, seine Dramen u. Dramenversuche aus den 1920er Jahren (u. a. die Komödien Das Storchennest, Die Stubenfliege [Urauff. München 1923] u. Paula und Bianka [Urauff. Dresden 1928]) fanden keine größere Resonanz in der Öffentlichkeit. Nach Anfängen mit expressionist. Prosatexten (Der verlachte Hiob. Traisa-Darmst. 1921) entwickelte B. im Laufe der 1920er u. bis in die 1930er Jahre hinein einen spezifisch nachexpressionist. Prosastil. Vor allem die in Michael und das Fräulein (Ffm. 1927) publizierten, noch Unsicherheiten in der Durchführung der Themen u. der sprachl. Gestaltung verratenden Texte, kamen in den 1930er Jahren in teils stark überarbeiteten u. geglätteten Fassungen heraus. Die größte Resonanz erzielte B. zunächst mit der schmalen Sammlung Die kleine Welt am Strom (Mchn. 1933. Neuausg. Aachen 2006), programmatisches Lob der Donaustadt Regensburg u. der ländl. Umgebung in literarisierten Kindheitserinnerungen, in fiktiven Geschichten u. in Gedichten; Das treue Eheweib (Mchn. 1933), Der bekränzte Weiher (Mchn. 1937) u. Das gerettete Bild (Mchn. 1938) enthalten dann die wichtigsten Erzählungen dieser Stilphase. B. zeigt sich in seinen Erzählungen rhetorischen u. bildl. Elementen des Spätexpressionismus, der Prosa Kleists sowie bildkünstlerischen Prinzipien der spätmittelalterl. »Donauschule« (v. a. Albrecht Altdorfer) verpflichtet. Die Darstellung von Personen, Personenbeziehungen u. des gesellschaftl. Umfelds wird auf elementare Konfliktsituationen fokussiert, auf Kampf u. Krieg, Leben u. Tod, Liebe u. Ehebruch; die erzählerische
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Dramaturgie baut auf der spannungsreichen Parallelisierung von archaischer Natur u. zivilisator. Kultur auf. In der Zeit des Nationalsozialismus blieben ideolog. Position u. literarischer Stil B.s nicht unumstritten: Er wurde mehrfach angegriffen, weil er sich dem völkisch-heroischen Sprachduktus ästhetisch widersetzte u. auf einer kulturkonservativen, zeitweise von einem anthropolog. Skeptizismus geprägten Position des vorgeblich »Unpolitischen« insistierte, die er schon in der Weimarer Republik bezogen hatte. Mit dem Band Der Schneckenweg (Mchn. 1941) vollzog er schließlich die sich seit Mitte der 1930er Jahre andeutende stilist. Wende zu einem traditionalistischen, »klassischen« Erzählduktus unter dem Einfluss v. a. Adalbert Stifters. Eine Sonderstellung im Prosawerk nimmt der eigenwillige, auch ins Französische, Niederländische u. Polnische übersetzte HamletRoman ein (Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hiess. Mchn. 1932 u. ö.), der die Shakespeare’sche Vorlage frei gestaltet. In diesem Hauptwerk nachexpressionistischer Prosa in Deutschland wird Landschaft zum histor. Sinnbild. Der Versuch des Menschen, sich von Natur zu emanzipieren, wird als ein Stück »Dialektik der Aufklärung« im Kontext einer pessimist. Geschichtsphilosophie vorgeführt. Bilder u. Bildketten, eine überbordende Metaphorik, nicht aber Handlungssequenzen, sind konstitutiv für die Prosastruktur. B. gilt auch als bedeutender Lyriker, mit prägender Wirkung auf eine nachfolgende Dichtergeneration (u. a. Walter Höllerer, Heinz Piontek, Albert von Schirnding, Cyrus Atabay). Nach einer ersten schmalen Sammlung (Gedichte. Dresden 1930) gelang ihm mit den Bänden Der irdische Tag (Mchn. 1935) u. Rabe, Roß und Hahn (Mchn. 1939) der Durchbruch in der literar. Öffentlichkeit als eigenständiger »naturmagischer« Lyriker neben Wilhelm Lehmann. In seinen das menschl. Subjekt zurückdrängenden Gedichten steht die mit vielen wirkungssteigernden rhetor. Mitteln arbeitende Naturbeschreibung im Vordergrund; dabei ist B. auch »bildzeigender Lyriker«, der im konkreten Naturbild ein Sinnbild gestaltet.
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Seit etwa 1940 kommen neue Motivkomplexe hinzu, es erscheinen zwei Sammlungen mit Wein- u. Totentanzgedichten (Lob des Weines. Hbg. 1944, 3., erw. Aufl. Mchn. 1950. Die Begegnung. Mchn. 1947). Bedeutender aber sind die vornehmlich in klassisch-antiken Odenformen verfassten Gedichte (teils in Unter hohen Bäumen. Mchn. 1951). Den Höhepunkt des lyr. Werks verkörpern die späten, in der literar. Öffentlichkeit jedoch kaum mehr beachteten Gedichte des Bandes Der unverstörte Kalender (postum Mchn. 1965), die, in formaler Weiterentwicklung, die lyr. Summe einer gereiften Lebensphilosophie bieten. War B. seit den 1940er Jahren ein kanonischer Autor, dessen Gedichte u. Erzählungen (etwa: Brudermord im Altwasser) in zahlreichen Anthologien abgedruckt wurden u. Eingang in viele Schullesebücher gefunden hatten, so haben die Intensität der Rezeption u. der Wirkung seit den 1970er Jahren spürbar nachgelassen. Weitere Werke: Der Mann im Mond. Ein Schattenspiel. Heidelb. 1920. – Das Storchennest. Traisa-Darmst. 1922 (Kom.). – Anfang u. Ende. Hbg. 1944 (L.). – Afrikan. Elegie. Mchn. 1953 (E.). – Süßer Trug. Hundert Gedichte. Hg. Ingeborg Schuldt-Britting. Ebenhausen 2000. – G. B. als Theaterkritiker in Regensburg. 1912–14 u. 1918–21. Eine Dokumentation. Hg. dies. u. Michael Herrschel. Ffm. u. a. 2002. – Aus goldenem Becher. Briefe v. G. B. an Alex Wetzlar. 1939 u. 1945–57. Hg. I. Schuldt-Britting. Ffm. u. a. 2004. – Briefe v. G. B. an Georg Jung 1943–63. Hg. dies. Bad Feilnbach 2005. Ausgaben: Gesamtausg. in Einzelbdn. 8 Bde., Mchn. 1957–67. – Sämtl. Werke. Komm. Ausg. nach den Erstdr.en. 5 Bde. in 6. Bd. 1–4 Hg. Walter Schmitz (Bd. 3/2 Hg. Wilhelm Haefs), Bd. 5–6 Hg. Ingeborg Schuldt-Britting. Mchn. 1987–96. Literatur: Dietrich Bode: G. B. Gesch. seines Werkes. Stgt. 1962. – Dietrich Schug: Die Naturlyrik G. B.s u. Wilhelm Lehmanns. Diss. Erlangen 1963. – G. B. Der Dichter u. sein Werk. Bearb. v. Karl Dachs u. a. Mchn. 1967 (Ausstellungs-Kat.). – Rupert Hirschenauer u. Albrecht Weber (Hg.): Interpr.en zu G. B. Beiträge eines Arbeitskreises. Mchn. 1974. – Curt Hohoff: Unter den Fischen. Erinnerungen an Männer, Mädchen u. Bücher 1934–39. Wiesb./Mchn. 1982. – Albert v. Schirnding: ›Ein Mann begegnet seinem Tod‹. Zu G. B.s Gedicht ›Was hat, Achill‹. In: Vom Naturalismus
201 bis zur Jahrhundertmitte. Gedichte u. Interpr.en 5. Hg. Harald Hartung. Stgt. 1983, S. 394–404. – Walter Schmitz: ›Die kleine Welt am Strom‹. G. B., ein Dichter aus Regensburg. In: Hdb. der Lit. in Bayern. Hg. Albrecht Weber. Regensb. 1987, S. 493–501. – G. B. 1891–1964. Zum Erscheinen einer neuen fünfbändigen Werkausg., hg. v. W. Schmitz. Mchn. 1987. – Wilhelm Haefs u. W. Schmitz: Mag. Poetologie. G. B. u. die Malerei der Donauschule / Poetologie der Inneren Emigration. G. B. u. Adalbert Stifter. In: Lit. in Bayern 13 (1988), S. 23–29 u. 15 (1989), S. 32–34. – Herbert Schneidler u. W. Schmitz (Hg.): Expressionismus in Regensburg. Texte u. Studien. Regensb. 1991. – Bernhard Gajek u. W. Schmitz (Hg.): G. B. (1891–1966). Vorträge des Regensburger Kolloquiums 1991. Ffm. u. a./Regensb. 1993. – Daniel Hoffmann: Die Wiederkunft des Heiligen. Lit. u. Religion zwischen den Weltkriegen. Paderb. u. a. 1998, bes. S. 241–300. – Ingeborg Schuldt-Britting: Sankt-Anna-Platz 10. Erinnerungen an G. B. u. seinen Münchner Freundeskreis. Mchn. 1999. – Stephan Landshuter: Spuren einer epochalen Sinnkrise. ›Tod‹ u. metaphor. ›Wiedergeburt‹ in Erzähltexten G. B.s. In: Norm – Grenze – Abweichung. Kultursemiot. Studien zu Lit., Medien u. Wirtschaft. Michael Titzmann zum 60. Geburtstag. Hg. Gustav Frank u. Wolfgang Lukas. Passau 2004, S. 239–264. Wilhelm Haefs
Broch, Hermann, * 1.11.1886 Wien, † 30.5.1951 New Haven/Connecticut; Grabstätte: Killingworth/Connecticut. – Romancier u. Essayist. Als erstgeborener Sohn des jüd. Textilgroßhändlers Josef Broch u. seiner Frau Johanna sollte B. in die väterl. Fußstapfen treten, das Textilfach erlernen, später das Familienunternehmen leiten u. zu einem Konzern ausbauen. B., der sich für Kaufmännisches wenig interessierte, absolvierte dennoch zunächst ein Ingenieurstudium, trat als Assistenzdirektor in den väterl. Betrieb ein u. leitete ihn ab 1915 als Verwaltungsrat. Erst 1927 konnte er die gehasste Textilfabrik verkaufen. Bereits 1925 hatte er ein Studium der Philosophie u. Mathematik an der Universität Wien begonnen. Vom Neopositivismus des Wiener Kreises wandte er sich aber nach drei Jahren ab, da er die Frage nach dem Sinn menschl. Existenz nicht beantwortet fand. Diesen philosophischen Grundproblemen wollte B., der sein
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literar. Talent mit einigen Erzählungen schon erprobt hatte, in einem groß angelegten Roman nachgehen. Bei der Enscheidung für den Beruf des Freien Schriftstellers, des Romanciers, waren die Unterstützung durch seinen Freund Franz Blei u. durch seine damalige Lebensgefährtin Ea von Allesch entscheidend. Was ebenfalls half, war die Psychotherapie, in die B. sich bei der Freud-Schülerin Hedwig Schaxel-Hoffer begeben hatte. Zwischen 1928 u. 1932 schrieb er die Trilogie Die Schlafwandler. In keinem anderen erzählerischen Werk B.s scheint die Folie der philosoph. Konzeption so stark durch wie in diesem Buch; B. fügte in den dritten Teil dieses Romanzyklus sogar eine Kurzfassung seines seit Jahren geplanten kulturkritisch-philosoph. Werks über den »Zerfall der Werte« ein. Die Titel der Trilogie, 1888. Pasenow oder die Romantik u. 1903. Esch oder die Anarchie (beide Mchn./Zürich 1931) sowie 1918. Huguenau oder die Sachlichkeit (Mchn./Zürich 1932), markieren die Stationen eines kulturellen Zerfalls. B. exemplifizierte diesen Vorgang in Figuren aus der Wilhelminischen Ära: im preuß. Junker Pasenow, im rheinischen Kleinbürger Esch u. im elsäss. Geschäftemacher Huguenau. B.s Werttheorie ist als neukantian. Erbe – im Gegensatz zu Schelers materialer Wertphilosophie – formal bestimmt u. reflektiert die Dynamik sich verselbständigender Lebensbereiche, stellt damit eine frühe Form der Systemtheorie dar. Pasenow, Esch u. Huguenau versteht B. als repräsentative Epochenfiguren, die unterschiedlichen, in sich geschlossenen Wertesystemen verhaftet sind. Das Ziel des Autors ist es, typische Reaktionen auf die Moderne zu verdeutlichen: Der preuß. Junker Pasenow will sich den Herausforderungen der Moderne mit ihren sozialen Emanzipationsbewegungen nicht stellen u. flieht in eine konservative Haltung, die als weltfremd erscheint. Der kaufmänn. Angestellte Esch taumelt in seiner anarchisch-ideolog. Ortlosigkeit von einer pseudo-religiösen Position in die nächste, u. Huguenau verkörpert die Prinzipien, die im kommerziellen Wertesystem gelten: die Durchsetzung des Profitdenkens um jeden Preis. Er ist als »wertfreier Mensch« äußerlich
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gesehen der Sieger im Wettstreit der Wertesysteme um Dominanz im Gesamtsystem. Literarisch schulte sich B. damals an Romanciers wie André Gide, John Dos Passos, Alfred Döblin u. James Joyce, zu dessen 50. Geburtstag B. im Frühjahr 1932 in Wien die Rede James Joyce und die Gegenwart (Wien 1936) hielt. In seinem traditionelle u. avantgardist. Erzählmuster verbindenden Romanstil war B. allerdings immer eigenständig. In jedem seiner Romane wandelt sich die Form entsprechend der sich ändernden Intention u. Thematik. In Die Schlafwandler passte er sie jeweils den in den Titeln genannten Epochencharakteristika Romantik, Anarchie u. Sachlichkeit an. Kennzeichen des Bauern- u. Heimatromans weist Die Verzauberung (postum Zürich 1953) auf. In dem Roman Der Tod des Vergil (New York 1945, ersch. gleichzeitig dt. u. engl.) wird der Stil durch Traumvisionen u. Todesreflexionen in der Form des inneren Monologs bestimmt, u. in Die Schuldlosen (Mchn. u. Zürich 1950) werden in der Form der Novelle verfasste Texte sogar zu einem Romanganzen zusammengefügt. 1933 wurde B.s schriftsteller. Existenz durch die Machtübernahme Hitlers gefährdet. Wie viele antifaschist. Autoren versuchte B. mit den Mitteln der Literatur gegen die Verantwortungslosigkeit der NS-Politik zu kämpfen. Im Aufsatz Das Böse im Wertsystem der Kunst (Bln. 1933) u. im Vortrag Das Weltbild des Romans (Zürich 1930) entwarf B. eine ethisch argumentierende Kitschtheorie, die über eine ästhet. Stilkritik hinausgreift u. den Kitsch als soziales u. polit. Phänomen bewertet. Der »Kitsch-Mensch« par excellence war für B. Adolf Hitler. Zwischen 1934 u. 1936 schrieb B. den Roman Die Verzauberung, ein Anti-Hitler-Buch u. eine literar. Parabel zum Massenwahn, zur Hörigkeit der Masse gegenüber einem Diktator. Die Handlung spielt in einem Alpendorf um 1930. Der Hitler-Figur Marius Ratti wird die Person der Heilkundlerin Mutter Gisson, Verkörperung der Humanität, entgegengesetzt. Der Erzähler des Romans, ein alternder Landarzt, schwankt vorübergehend zwischen den Positionen von Ratti u. Mutter Gisson, entscheidet sich aber schließlich gegen die Partei Rattis. Im Mittelpunkt steht
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die Darstellung der seel. Wandlung u. des Erkenntnisprozesses des erzählenden Landarztes, an dessen Entwicklung der Leser teilhaben u. zu ähnl. Einsichten gelangen soll. Seit 1936 erschien es B. angesichts der Hitler’schen Politik immer sinnloser, als Romanautor einen Beitrag zum Kampf gegen den Faschismus leisten zu wollen. Von jetzt an standen im Mittelpunkt von B.s Schaffen die polit. Theorie u. publizist. Arbeiten: Erstes Ergebnis seiner Neuorientierung war die umfangreiche »Völkerbund-Resolution« von 1936/37. Darin attackierte B. die Verbannung ins Exil, die Menschenrechtsverletzungen u. die Kriegstreiberei der faschist. Staaten. Vom Völkerbund erwartete er Maßnahmen, die der Aggression jener Länder – gemeint sind v. a. Deutschland u. Italien – Widerstand leisten sollten. Er korrespondierte hierüber mit zahlreichen Intellektuellen, u. a. mit Thomas Mann u. Albert Einstein. Mit deren Hilfe suchte er, allerdings ohne Erfolg, die wichtigsten internat. Friedensorganisationen für eine Unterschrift unter die Resolution zu gewinnen. In dem Augenblick, als er die Vergeblichkeit seiner Bemühungen um die »Völkerbund-Resolution« erkannte, kehrte B. an seinen Dichterschreibtisch zurück. Ab 1937 schrieb er an dem Roman Der Tod des Vergil. B. projizierte seine resignative Haltung auf das Werk u. die Intentionen Vergils u. sah in ihm einen Geistesverwandten, der sich aus ethischen Gründen gegen die Dichtung gewandt hatte. Hinzu kam, dass er Parallelen zwischen seiner eigenen Epoche u. der Zeit des Vergil entdeckte. Die mittelalterl. Vergil-Rezeption hatte – wegen der vermeintl. Ankündigung des Erlösers in der vierten Ekloge – den röm. Autor zu einem christl. Propheten stilisiert. Hauptfigur der Eklogen des histor. Vergil ist jener Knabe, dessen Geburt als unmittelbar bevorstehendes Heilsereignis vorausgesagt wird. Diese Geburt markiert den Augenblick der Weltwende: Ein von Not, Angst u. Zwietracht erfülltes Heute schlägt um in sein Gegenteil, in eine Segenszeit, die alle Zeichen der goldenen Urzeit trägt, in der Überfluss, Glückseligkeit u. vor allem Frieden herrschen. Der Anbruch des neuen Heils ist verbürgt durch das Lächeln, mit dem der Knabe
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nach der Geburt die Mutter begrüßt. B. erkannte, dass Vergils Werk getragen war von der Idee der Grenzsituation zwischen den Welten, der Wende vom Schlechten zum Guten. Diese Einsicht stimmte mit B.s Analyse vom »Zerfall der Werte« in der Gegenwart überein, seiner Hoffnung auf einen kulturellen Neubeginn nach dem Gang durch das Nichts. Das Inferno des Epochenumbruchs verlegt B. in die Psyche Vergils: In seinen Sterbestunden ahnt Vergil die Vergeblichkeit der dichter. Anstrengung, die Krise des Millenniums zu bewältigen. Es bleiben die Bilder u. Metaphern von Figuren der Hoffnung wie dem Kind u. der Plotia, die B.s eigene positive Zukunftserwartungen zum Ausdruck bringen. Nach dem »Anschluss« Österreichs im Frühjahr 1938 gelang es B. unter größten Mühen, ein Visum nach England zu erhalten. Dabei war James Joyce behilflich. B. wohnte zwei Monate in St. Andrews/Schottland bei dem Schriftstellerehepaar Edwin u. Willa Muir, die Die Schlafwandler ins Englische übersetzt hatten. Albert Einstein u. Thomas Mann verhalfen ihm zu einem US-Visum, u. Anfang Okt. 1938 traf er in New York ein, wo er bis 1942 wohnte. Dann zog er nach Princeton in das Haus eines Freundes, des Kulturphilosophen Erich von Kahler. Die meiste Arbeit investierte B. jetzt in seine antifaschistischen u. demokratietheoret. Projekte. 1939 schloss er sich einer Gruppe amerikanischer Intellektueller der Ostküste u. exilierter europ. Schriftsteller an, die unter Federführung von Antonio Giuseppe Borgese ein Buch mit dem Titel The City of Man. A Declaration on World Democracy (New York 1940) vorbereiteten. Die Publikation richtete sich gegen das globale Unterwerfungs-, Versklavungs- u. Kriegskonzept Hitler-Deutschlands u. der übrigen faschist. Diktaturen u. entwarf die Vision einer Weltdemokratie, die sich auf den Menschenrechten u. der Idee des Friedens zu gründen habe. B. konzentrierte sich dabei auf die ökonom. Aspekte. Er plädierte für eine Mischung aus freier u. geplanter Wirtschaft u. setzte sich für das Menschenrecht auf Arbeit ein. Im Hinblick auf eine Organisation Vereinter Nationen arbeitete B. während der Kriegsjahre an einer
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Theorie des Internationalen Menschenrechts u. an einem umfangreichen Buch mit dem Titel Massenwahntheorie (postum Ffm. 1979), in dem es um die Bekehrung der faschist. Länder zur Demokratie ging. Für die UNESCO verfasste B. eine Denkschrift über die Erziehung der Jugend zur Internationalität u. Humanität, für das Nachkriegsdeutschland eine Resolution zur »Re-education«. Während der Arbeit an der Massenwahntheorie diskutierte er (persönlich u. in Briefen) die menschenrechtl. Teile mit Hannah Arendt. Erst zwei Jahre nach dem Krieg arbeitete B. wieder an literar. Themen. Ab 1947 entstand die groß angelegte kulturhistor. Studie Hofmannsthal und seine Zeit (postum Zürich 1955). Mit ihr sah B. eine Möglichkeit, sich mit der Zeit seiner eigenen Jugend, der Epoche des Fin de siècle in Wien, auseinanderzusetzen. So trägt die Studie auch autobiogr. Züge. Bei der Skizzierung des europ. Kulturpanoramas hatte B. vornehmlich jene soziale Schicht im Auge, der er seiner Herkunft nach am nächsten stand: das Bürgertum. Von den Kunstrichtungen werden ausführlicher die Oper (Wagner), der Symbolismus in der Dichtung (Baudelaire) u. der Impressionismus in der Malerei (Cézanne) analysiert. Aus seiner Abneigung gegen das Bürgertum u. dessen Kultur macht B. in dieser Studie kein Hehl. Die letzten Dekaden im Wien des 19. Jh. erschienen B. im Rückblick als die Zeit der »fröhlichen Apokalypse«; dieser Begriff ist in die internat. Kulturgeschichtsschreibung eingegangen. Dabei dachte B. in den Kategorien seiner Wertphilosophie, u. Wien, das hier stellvertretend für Europa steht, erscheint als Inkarnation des »Wert-Vakuums der Epoche«. 1933 hatte B. einige Novellen veröffentlicht: Die bekanntesten, Die Heimkehr u. Eine leichte Enttäuschung, waren in der »Neuen Rundschau« (Bln.) erschienen. Schon damals trug er sich mit dem Gedanken, das halbe Dutzend Kurzgeschichten zu einem Romanganzen zusammenzufügen, er konnte aber für das Buch keinen Verlag gewinnen u. führte deshalb seinen Plan nicht aus. Im Frühjahr 1949 wollte ein Verleger die Novellen publizieren, u. nun entschloss sich B., das inzwischen vergessene Buchprojekt aus-
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zuführen. Es entstand innerhalb eines Jahres der Roman mit dem iron. Titel Die Schuldlosen, in den die Novellen in überarbeiteter Form integriert wurden. Enttäuscht von der Entwicklung im Nachkriegsdeutschland, in dem er Besinnung, Wandlung u. Sühne vermisste, wollte er den Deutschen einen Spiegel vorhalten. B. ging es um den Nachweis des Zusammenhangs von individuell-ethischer u. kollektiv-polit. Schuld. In Deutschland verlief nach Kriegsende die Rezeption von B.s Werk ganz anders als in den USA. Während in Amerika Der Tod des Vergil große Beachtung fand, blieb das Echo auf diesen Roman in Deutschland aus. Auch Die Schuldlosen wurden 1950 bei ihrem Erscheinen nicht beachtet. Während man in den USA den polit. Theoretiker B. kaum zur Kenntnis nahm, wurde man auf diesen 1950 in Deutschland aufmerksam, als Anfang des Jahres sein Aufsatz Trotzdem: Humane Politik. Verwirklichung einer Utopie (Ffm.) erschien. Hier fasste B. seine demokratietheoretischen u. menschenrechtl. Überlegungen zusammen. An den Kongress für kulturelle Freiheit (Bln. 1950) schickte B. einen Beitrag mit dem Titel Die Intellektuellen und der Kampf um die Menschenrechte, in dem er die Aufgaben des kritischen, für die Menschenrechte engagierten u. parteilich ungebundenen Intellektuellen umriss. Die Schuldlosen hatte B. in New Haven/ Connecticut geschrieben. Dorthin war er nach einem Krankenhausaufenthalt im Frühjahr 1949 übergesiedelt. Die Yale University hatte ihn zum Lektor für Deutsche Literatur – allerdings ohne Gehalt – ernannt. Durch den zehnmonatigen Krankenhausaufenthalt sehr geschwächt, starb B. an Herzversagen im Alter von 64 Jahren. Der viel zitierte »Tod der Moderne« am Ende des bürgerl. Zeitalters, der Zusammenbruch einer totalisierenden Vernunft, die das gesellschaftl. Leben organisierte, der Prozess des wachsenden Sinnverlusts, die Zerstörungs- u. Auflösungssymptome, wie sie seit Nietzsche in immer neuen Ansätzen diagnostiziert u. analysiert werden, deuten sich im Werk B.s an. Wie kaum ein anderes dichterisches u. denkerisches Œuvre aus der ersten Hälfte des 20. Jh. eignet es sich zur Do-
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kumentation der anhaltenden Krise der Moderne. Mit den Schlafwandlern hatte sich B. noch an einer der grundlegenden Studien zur modernen Ästhetik, an Georg Lukács’ Theorie des Romans, orientiert. Der in Die Schlafwandler integrierte Essay Zerfall der Werte ist eine von Max Weber inspirierte (u. heute von Niklas Luhmann fortgeführte) Theorie der Differenzierung u. Autonomisierung partialer gesellschaftl. Systeme. Im »Epilog« dieser Trilogie inauguriert B. – damit über die Diagnose des Zerfalls hinausstrebend – das, was Lukács als Aufgabe des modernen Romans postuliert hatte: im Zeitalter der »transzendentalen Obdachlosigkeit« die Konturen einer neuen Kosmologie auszumachen. Aber dieses ästhet. Ziel wird in den Erzählteilen der Schlafwandler bereits unterlaufen. Es zeigt sich nämlich, dass die drei Teile des Buchs als Satire auf jene Typologie angelegt sind, wie Lukács sie in der Theorie des Romans beschreibt. Der in den Schlafwandlern dichterisch gestalteten u. theoretisch reflektierten gesellschaftl. u. geistigen Desintegration, Dekonstruktion u. Detotalisation steht am Ende der Trilogie B.s Versuch entgegen, Möglichkeiten des Neuen im Sinne von Integration, Konstruktion u. Totalität zu erkunden. B. scheint mit diesem Werk noch in der Tradition der Moderne zu stehen, d.h., er nimmt die Aufgabe des Künstlers ernst, nach dem Verlust übergreifender Deutungsmuster mittels Dichtung Sinnbildung zu ermöglichen. Gleichzeitig aber beschreibt er nicht nur die Desintegration der Partialwertsysteme, sondern er beteiligt sich an der Dekonstruktion der modernen Ästhetik, indem er Lukács’ Theorie satirisch ad absurdum führt. Bei der Arbeit an seinem zweiten wichtigen Roman Die Verzauberung tritt B. die Problematik der Avantgarde noch deutlicher entgegen. Er erkannte, wie schwierig, ja unmöglich in der antifaschist. Literatur die beabsichtigte Wirkung, die »Überführung von Kunst in Lebenspraxis« (Peter Bürger) wird, u. glaubte, mit diesem Romanprojekt in eine Sackgasse geraten zu sein: Er gab das Romanschreiben auf u. wandte sich vorläufig der polit. Theorie zu.
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In Der Tod des Vergil geht es B. weder darum, Briefe an Paul Federn (1939–49). Hg. P. M. Lützedie Umrisse einer neuen Kosmologie bzw. ler. Ffm. 2007. Literatur: Bibliografien: Klaus W. Jonas: Biblioeines neuen Mythos oder einer neuen Religion auszumachen, noch ist er auf eine unmit- gr. der Sekundärlit. In: H. B. – Daniel Brody. telbare polit. Wirkung bedacht. Das eigentl. Briefw. Ebd., S. 1105–1168. – Forts. in: Paul Michael Lützeler (Hg.): H. B. Ffm. 1986, S. 333–357. – Thema des Buchs ist der Tod, die Grenze von Biografie: P. M. Lützeler: H. B. Eine Biogr. Ffm. Leben u. Tod, von Ausdrückbarem u. nur 1985. 31987. Engl. Ausg. London 1987, span. Ausg. Erahnbarem, die Zwischenbereiche von 1989, japan. Ausg. 2003. – H. B. 1886–1951. Eine Diesseits u. Jenseits. Mit dieser Dichtung will Chronik. Bearb. v. P. M. Lützeler. Marbacher MaB. sich dem nähern, was »jenseits der Spra- gazin 2001. – Weitere Titel: Manfred Durzak (Hg.): che« liegt. Er sucht, vergleichbar dem, was H. B. Perspektiven der Forsch. Mchn. 1972. – JoDerrida als »differance« bezeichnet, das seph Strelka (Hg.): B. heute. Bern/Mchn. 1978. – Nichts zu erfassen, das alles in Gang setzt. Er Richard Thieberger (Hg.): H. B. u. seine Zeit. Bern 1980. – H. B. In: MAL, Sonderh. 13/4 (1980). – P. M. bemüht sich um das, was von der Philosophie Lützeler (Hg.): H. B. Ffm. 1986. – Michael Kessler u. »ungedacht« bleibt, da es rational nicht »be- P. M. Lützeler (Hg.): H. B. Das dichter. Werk. Tüb. griffen« u. »kontrolliert« werden kann. Bei 1987. – P. M. Lützeler u. M. Kessler (Hg.): B.s diesem Versuch, die Grenzen des modernen theoret. Werk. Ffm. 1988. – Steven D. Dowden Romans zu überschreiten, schuf er eine bei- (Hg.): H. B.: Literature, Philosophy, Politics. Cospiellose Form des »lyrischen Romans« mit lumbia/South Carolina 1988. – M. Kessler u. a. einer eigenwilligen Syntax, wobei ihm Werke (Hg.): H. B. Neue Studien. FS für P. M. Lützeler wie der Ulysses von James Joyce nicht mehr als zum 60. Geburtstag. Tüb. 2003. – P. M. Lützeler u. a. (Hg.): H. B., Visionary in Exile. The 2001 Yale Vorbilder dienen konnten. Symposium. Rochester/New York 2003. – Thomas B.s Die Schuldlosen kann als Fortsetzung der Eicher, P. M. Lützeler u. Hartmut Steinecke (Hg.): in Der Tod des Vergil eingeschlagenen Richtung H. B. Politik, Menschenrechte – u. Lit.? Oberhausen betrachtet werden. Die Parabel, die Stimmen 2005. Paul Michael Lützeler u. die Erzählungen sind kunstvoll komponiert, aber sie haben sämtlich fragmentar. Charakter u. ergeben als Ganzes keine »To- Brock, Bazon, * 2.6.1936 Stolp/Pommern. – Verfasser von Lyrik, Kurzprosa, Essays, talität« mehr. Wenn Autoren wie Milan Kundera, Carlos Hörspielen, kunst- u. kulturtheoretischen Fuentes, Villy Sørensen, Susan Sontag oder Schriften; Aktionskünstler. Barbara Frischmuth u. Doron Rabinovici in Nach Flucht u. Internierungslager (von 1945 ihrem essayistischen u. dichter. Werk B. pro- bis 1947) besuchte B. das Gymnasium in Itduktiv rezipierten, liegt das an der noch im- zehoe. Den von einem Lehrer stammenden mer inspirierenden Aktualität der großen Schmähnamen »Bazon« (»Schwätzer«, von Romane B.s. griechisch »bazo«) legte sich B. als neuen VorAusgaben: Ges. Werke. 10 Bde., Zürich u. Ehrennamen zu. Er studierte bei Adorno, 1952–61. – Komm. Werkausg. Hg. Paul Michael Horkheimer u. Carlo Schmid in Frankfurt/ Lützeler. 13 (in 17) Bdn., Ffm. 1974–81 (Bd. 13, M., war 1960/61 Chefdramaturg bei Horst 1–3: Briefe). – Psych. Selbstbiogr. Hg. P. M. Lüt- Gnekow in Luzern u. setzte danach sein Stuzeler. Ffm. 1999. – Das Teesdorfer Tgb. für Ea v. dium in Frankfurt/M. fort. Seit 1980 lehrt er Allesch. Hg. P. M. Lützeler. Ffm. 1995. – Briefe: H. als Professor für Kunst u. Ästhetik an der B. – Daniel Brody. Briefw. 1930–51. Hg. Bertold Bergischen Universität Wuppertal. Hack u. Marietta Kleiss. Ffm. 1971. – Hannah Seinem ersten Lyrikband Bazon Phönix Arendt – H. B. Briefw. 1946–51. Hg. P. M. Lützeler. Phlebas Brock – Kotflügel, Kotflügel (Itzehoe Ffm. 1996. – Der Tod im Exil. H. B. – Annemarie Meier-Graefe. Briefw. 1950/51. Hg. P. M. Lützeler. 1957), der seine Zugehörigkeit zur Konkreten Ffm. 2001. – Freundschaft im Exil. Thomas Mann Poesie u. zum Neodadaismus andeutet, folgu. H. B. Hg. P. M. Lützeler. Ffm. 2004. – H. B. u. ten zahlreiche Essays zu Literatur, Kunst u. Ruth Norden. Transatlant. Korrespondenz. Hg. P. Theater, poet. Texte u. Manifeste. B.s ArM. Lützeler. Ffm. 2005. – ›Frauengeschichten‹. Die beitsweise ist multimedial. Er verknüpft sei-
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ne »Demonstrations-Vorträge« (»Action-Tea- wollen Gott! Aus dem Unterhaltungsprogramm für ching«), Film- u. Ausstellungsprojekte oft die Hölle – erste theatral. Demonstration mit B. B., mit künstler. Aktionen. Dazu zählt u. a. der Robert Hunger-Bühler, Thomas Weber-Schallauer. zwischen 1959 u. 1966 zum eigenen Mar- Köln 1985 (Video-Kassette) – Die Re-Dekade. Kunst u. Kultur der 80er Jahre. Mchn. 1990. – Lock-Buch kenzeichen ausgebildete Kopfstand. Mit seiB. B., gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stünen literar. Aktionen u. Objekten wie Das Ei- cken. Köln 2000. – Bildersturm u. stramme Halsenbahnpoem (1960), Die Satzmaschine (1960) tung. Texte 1968 bis 1996. Dresden 2002. oder Das Blätterbuch. 22.000 leere Seiten (1962) Literatur: Nicole Stratmann: Der Selbstfesseantizipierte er Arbeiten der späteren Concept- lungskünstler B. B. Eine Einf. in die Ästhetik des art. Als Begründer des »Agit-pop« war er zus. Unterlassens. Weimar 1995. – Heiner Mühlmann: mit Joseph Beuys, Wolf Vostell, Daniel Spo- Kunst u. Krieg. Das säuische Behagen in der Kunst. erri u. a. an spektakulären Aktionen der Flu- Über B. B. Köln 1998. – Gisela Ullrich: B. B. In: xus- u. Happeningbewegung beteiligt. Im KLG. Ulrich Giersch / Roman Luckscheiter Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Konzept einer »Ästhetik der Vermittlung«. SchöpferiBrockes, Barthold Heinrich, * 22.9.1680 sches Wahrnehmen u. DifferenzierungsverHamburg, † 16.1.1747 Hamburg. – Lyrimögen sollen durch die Rezeption von Kunst ker, Übersetzer, Kunstsammler u. -mäausgebildet werden. zen. B.s Literaturverständnis nach soll ein Kunstwerk als »Nichtwerk« zur Aufhebung Mit zahlreichen Gelegenheitsgedichten u. der Distanz zwischen Kunst u. Leben beitra- dem neunbändigen Werk Irdisches Vergnügen in gen. Seine Textbeiträge in dem Band Ästhetik Gott (Hbg. 1721–48. Neudr. Bern 1970; zus. als Vermittlung. Arbeitsbiographie eines Genera- 5675 S.) schuf B. das umfangreichste lyr. listen (Köln 1977) verwerfen Stil als Täu- Werk des 18. Jh. u. erwarb sich den Ruhm schung u. dekonstruieren vermeintl. Wahr- eines »Vaters der deutschen Naturpoesie«. heiten, feststehende Begriffe, Pathos u. Tief- Zgl. führt sein Werk aspektreich in die sosinn. Der zweite Band seiner Schriften er- zialen, religiösen, wiss. u. künstler. Proschien 1986 in Köln u. d. T. Ästhetik gegen er- blemkonstellationen der Frühaufklärung ein. zwungene Unmittelbarkeit. Dabei stehen Ana- Aus ihnen erwächst seine deskriptive Form u. lyse u. Kritik zeitgenössischer Strömungen u. lehrhafte Funktion. Mit Person u. Werk steht B. für den ÜberThemen (Totalitarismus, Erlösungssehnsüchte usw.) im Vordergrund. Im dritten Teil gang von der barocken Repräsentations-Kulder gesammelten Schriften (Der Barbar als tur des Adels zu einer frühbürgerl. Kultur, Kulturheld. Köln 2002) nimmt B. Phänomene die das Künstliche in der Kunst durch Streben der Werbung u. der Alltagskultur zum An- nach Lebensunmittelbarkeit, Natürlichkeit u. lass, um in Essays u. Interviews über die Nützlichkeit zu ersetzen suchte. Als Sohn eines vermögenden HandelsBarbarisierung der Kultur u. die Möglichkeiten von Kunst, Wissenschaft u. Politik, zu kaufmanns († 1684) wurde B. im Hamburger ihrer Zivilisierung beizutragen, zu reflektie- Patriziermilieu zunächst privat erzogen u. besuchte seit 1706 das Gymnasium Johanneren. Ausstellungs- u. Dokumentationsbände zu um, wo ihn u. a. sein späterer Freund Johann gesellschaftl. Fragen wie etwa zur Macht des Albert Fabricius unterrichtete. In seiner AuAlters (Köln 1998), zum Verhältnis von Ethik tobiografie (Selbstbeschreibung des Senators B. H. u. Ästhetik oder von Krieg und Kunst (Mchn. B. 1847) beschreibt B. seine jugendl. »Adels2002) sind ein wesentlicher Bestandteil von sucht«: den Umgang mit Aristokraten u. das B.s Werk, dessen provokante Thesen u. iron. Erlernen höfischer Fertigkeiten (frz. Sprache, Argumentationsstrategien in der öffentl. Musik, Tanzen, Fechten, Reiten), das er während seines Jura-Studiums in Halle Wahrnehmung oft umstritten waren. Weitere Werke: B. B., was machen Sie jetzt so? (1700–1702) bei Christian Thomasius, dem Darmst. 1968. – Besucherschule. Die Häßlichkeit Propagator des »galanten Menschen«, fortdes Schönen. Zur Documenta 7. Kassel 1982. – Wir setzte. Nach einem Praktikum am Reichs-
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kammergericht Wetzlar (1702) führten ihn Bildungsreisen durch Deutschland, Italien, die Schweiz, Frankreich, Belgien u. die Niederlande (von 1702 bis 1704). In Leiden erwarb er den Titel eines Licentiats der Rechte. Die Weiterreise nach England u. die Absicht, »mein Fortun bey Hofe zu suchen«, wurden durch die nach dem Tod der Schwester (1704) erforderl. Rückkehr nach Hamburg vereitelt. Hier lebte B. ein Jahrzehnt vom väterl. Erbe höfisch-galant auf großem Fuß, gab wöchentlich ein Hauskonzert, übte sich in der Malerei, sammelte eine Gemäldegalerie u. Bibliothek (beide kürzlich rekonstruiert), legte sich einen großen Barock-Garten an u. strebte nach einer reichen Partie. Letztere wurde ihm mit Anna Ilsabe Lehmann 1714 zuteil; sie gebar ihm zwölf Kinder, aus denen er sich ein Haus-Orchester formte. Der aristokratisch-galanten Lebensplanung diente auch B.’ dichter. Jugendwerk. Brisant waren seine im Auftrag des Rates verfassten Dank-Serenaden zur durch kaiserl. Mithilfe erfolgten Wiederherstellung der polit. Ordnung nach Bürgerunruhen in der Hansestadt (1709/10). Mit weiteren Gelegenheitsgedichten auf hochgestellte Persönlichkeiten im Reich erstrebte B. (zunächst vergeblich) den Adelstitel (erst 1730 wurde er Kaiserl. Pfalzgraf). Dem höfisch-galanten Zeitgeschmack entsprach B.’ – von Johann Ulrich König 1715 edierte – Alexandriner-Übersetzung von Giambattista Marinos Epos La Strage degli Innocenti (Verteutschter Bethlehemitischer KinderMord des Ritters MARINO), deren weiteren fünf Auflagen B. eine wachsende Zahl seiner Gelegenheitsgedichte anfügte. 1712 erfolgte vor 500 Gästen in B.’ Haus die Uraufführung seines ebenfalls im »marinistischen« Stil verfassten Passionsoratoriums (Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende JESUS [...]). Dieses mehrfach übersetzte Werk (30 Aufl.n bis 1730. Neudr. Darmst. 1965), das nach Reinhard Keiser u. a. Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann u. Johann Mattheson vertonten, markierte für B. den Schlusspunkt seiner galanten Karriere. Fortan wandte er sich der Naturbetrachtung zu u. fühlte sich mit seinen kulturellen u. berufl. Aktivitäten dem bürgerl. Gemeinwohl verpflichtet. So gründete er 1715 u. a. mit Fa-
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bricius, König u. Michael Richey die »Teutsch-übende Gesellschaft zur Pflege der deutschen Sprache und Literatur« (bis 1717), mit weiteren Personen aus Politik u. Kultur 1724 die »Patriotische Gesellschaft« u. beteiligte sich mit 23 Beiträgen an deren moral. Wochenschrift »Der Patriot« (1724–26. Nachdr. Bln. 1969–84), um vorurteilsfreies Denken zu fördern u. den Gemeinsinn zu aktivieren. Überdies unterstützte er das damals im Reich führende Hamburger Musikleben, arbeitete mit Mattheson, dem Director musices am Dom, zusammen u. schrieb viele, oft vertonte Kantaten (1741 hg. u. d. T. Harmonische Himmels-Lust im Irdischen oder auserlesene [...] musicalische Gedichte u. Cantaten). 1720 erfuhr er bei der Aufführung eines »Sing-Gedichtes« von seiner Berufung in den Senat. Als Ratsherr sorgte er sogleich für die Wahl Telemanns zum städt. Musikdirektor u. setzte sich gegen fromme Vorbehalte für die Oper am Gänsemarkt ein. 1721 gehörte er einer Delegation an, die in Wien – u. a. mit einem Huldigungsgedicht von B. – den Kaiser vom Entzug von Handelsprivilegien u. der Eigenstaatlichkeit abhalten konnte, die dieser als Strafe für die Zerstörung einer kath. Kapelle auf kaiserl. Gesandtschaftsgelände Hamburgs durch einen von der luth. Orthodoxie aufgehetzten Mob angedroht hatte. Die Spannungen zwischen dem intoleranten Geistl. Ministerium u. dem Rat zeigen auch in den nachfolgenden Jahren deutl. Spuren in B.’ literarischem Werk. Mit dem Irdischen Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten verfolgte B. wissenschaftlich-lebenskundliche, religiös-weltanschaul. u. ästhet. Absichten. Seine Erfindung des naturbeschreibenden u. zgl. belehrenden Gedichts öffnete die rhetor. Tradition der »ekphrasis« für die zeitgenöss. Wissenschaften, die ihre Sachgebiete (wie die Botanik) u. Experimente zu beschreiben u. die Wissensfülle zu durchdringen u. zu ordnen suchten. Auch B.’ Deskriptionen erfolgen in der Reflexion auf rationalistische (Wolff) u. empiristische (Locke) Verfahren der Erkenntnisgewinnung, u. in seine Lehrgedichte arbeitete er in teils dialogischer Form Grundprobleme der Zeit (Leib-Seele-Problematik, Monadenlehre, Korrektur der aristotel. Ele-
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mentenlehre) mit z.T. unausgewiesener Übersetzung aus bedeutenden wiss. Werken der Zeit zur Information seiner Leser ein. Zwar ordnete er sich der Modeerscheinung der »Physikotheologie« zu, die – zwischen Bibel u. »new science« vermittelnd – aus der Betrachtung der Ordnung der Natur aposteriorisch auf einen noch theistisch zu verstehenden Schöpfer schloss, doch brachte B. schon mit seiner Wissensvermittlung dieses Harmonietheorem ins Wanken. Als Fabricius ihm seine Übersetzung (1728) von William Derhams berühmter Astro-Theology widmete, verwies er damit auf B.’ Leistung, als erster dt. Lyriker den Schock der Pluralität der Welten thematisiert zu haben. Von daher ließ sich Gott für B. auch nicht mehr im bibl. Sinne personhaft denken. Als Schöpfer eines grenzenlosen Universums konnte er auch nicht in einem transzendenten Jenseits, sondern nur als dynamisch wirkende Kraft in seiner Schöpfung gedacht werden. Alle ihre Manifestationen – Das Firmament u. Ein kleines Tröpfgen, Der gestirnte Himmel u. Die kleine Fliege – waren Zeichen göttl. Nähe u. Liebe, zgl. Spiegel göttl. Schönheit. Die Natur war deshalb nicht im cartesianisch-mechanist. Sinne »tot«, sondern ein lebendiger Organismus, u. B. plausibilisierte im weltanschaul. Streit der Positionen eklektisch die anticartesianische u. zgl. paracelsisch-hermet. Ansicht, die Welt sei erfüllt von unsichtbaren Kräften u. Lebens-Geistern, Gott habe allem Körperlichen die Fähigkeit zur Vergeistigung u. damit zur Vervollkommnung der Schöpfung verliehen. Deren Schätze u. Gaben durfte der Mensch als göttl. Geschenke dankbar genießen. Heilslehre u. Kirchenjahr den Theologen überlassend, berief sich B. auf den ersten Glaubensartikel u. entwickelte auch mit geistl. Gedichten, Kantaten u. Gebeten im Rhythmus der Jahreszeiten als Gliederungsprinzip der Bände einen konfessions- u. religionsübergreifenden, erfahrungsnahen, »adamitisch«-natürl. Gottesdienst. In dessen Zentrum stand die poet. »Betrachtung« u. »Bewunderung« göttl. Ordnung, Schönheit u. Liebe in der Natur, wodurch sich die Seele selbst erheben u. veredeln sollte. B. verlangte deshalb der Sprache ein Äußerstes an sinnl. Präsenz ab, verband die »ut pictura poesis«-
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Tradition mit Techniken des (von ihm mit Vorliebe gesammelten) niederländ. Stillebens u. nutzte die Musik für synästhet. Effekte, in denen die göttlich-schöne Natur zur medialen Selbstanschauung gelangen sollte. Dabei schlug das Höchstmaß an detailverliebter Referentialität häufig in den Selbstgenuss der Sprache u. in Selbstbezüglichkeit um, u. in der Aneignung von Newtons Opticks erblickte das lyr. Ich sich bereits als Schöpfer der Farben u. als Erfinder in der »imitatio naturae«. Vor allem mit den ersten Bänden hatte B. großen Erfolg (Bd. 1: 1721. 71744. Bd. 2: 1727. 51767. Bd. 3: 1728. 41747. Bd. 4: 1732. 3 1745. Bd. 5: 1736. 21740). Mit der »Hamburger« konkurrierte eine »Tübinger Ausgabe« (Bde. 1–7, 1739–46), u. 1738 gab Friedrich von Hagedorn einen Auszug aus den ersten fünf Bänden heraus (Nachdr. Stgt. 1965). Zgl. meldeten sich poet. Schüler zu Wort (so u. a. Daniel Wilhelm Triller, Johann Just Ebeling u. Albrecht Jacob Zell). B.’ Ansehen wuchs auch im Rat (ab 1728 war er Stadt- u. Landrichter mit Aufsicht über die Bürgerwache, seit 1743 über die Schulbehörde). Deshalb wagte die misstrauische Geistlichkeit keinen offenen Protest. Von 1735 bis 1741 residierte B. in Hamburgs Außenposten Ritzebüttel (Cuxhaven). Hier war Hermann Samuel Reimarus für einige Monate sein Gast, dessen deistisches Hauptwerk Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes durch Lessings anonyme Teilpublikation 1774/77 zum »Fragmentenstreit« mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze führte. In den Ritzebütteler Bänden 6 (1739) u. 7 (mit dem Untertitel Landleben in Ritzebüttel, 1743), ferner in Bd. 8 (1746) nahmen die anthropologischen u. religionsphilosoph. Gedichte ebenso zu wie der Ton gegen die »Zancksucht« der Geistlichen. Der letzte Band (9, 1748) überraschte mit B.’ – von Herausgeber Barthold Heinrich Zinck aus Geschmacksgründen auf 310 Seiten gekürztem – heiml. Hauptwerk, dem Lehrgedicht-Fragment über die Drey Reiche der Natur, woran B. schon seit 1713 u. verstärkt seit 1735 gearbeitet hatte. Die gesamte Stein-, Pflanzen- u. Tierwelt wollte er in einem wahren »Buch der Natur« zur Ehre Gottes erschreiben.
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Brockmann
Von Gottsched, Bodmer u. Breitinger we- Helmut Schmidt. Hbg. 2003. – Barbara Hunfeld: gen seiner »Schilderungssucht« kritisiert, Der Blick ins All: Reflexionen des Kosmos der entfachte B. mit seinem – u. a. vom jungen Zeichen bei B., Jean Paul, Goethe u. Stifter. Tüb. Wieland u. Matthias Claudius beerbten – 2004. – Heinz Drügh: Ästhetik d. Beschreibung. Poetische u. kulturelle Energie deskriptiver Texte Weltbild Diskussionen, seit der als Spinoza(1700–2000). Tüb. 2006. Hans-Georg Kemper Adept verketzerte Johann Christian Edelmann in seiner Selbstbiografie 1749–52 (Neudr. 1976) bekundete, B.’ Gedanken glichen den seinigen wie ein Ei dem anderen. Brockmann, Reiner, * 28.4.1609 Schwan/ Diese Debatte hält bis heute an u. schärft zgl. Mecklenburg, † 29.11.1647 Wirland/Estland. – Lyriker u. Übersetzer. das Profil der Epoche. Weitere Werke: Aus dem Engl. übers. Versuch B. ist vergessen. Und doch war der Freund vom Menschen des Herrn Alexander Pope, Esq. Flemings die Seele der neuen Dichtung auf Hbg. 1740. Neudr. Rüsselsheim 1995. – Aus dem dem nordöstl. Vorposten des dt. Sprachraums Engl. übers. Jahreszeiten des Herrn Thomson. Hbg. in Reval (Tallinn). B. hatte Schulen in Rostock 1744. Neudr. New York/London 1972. u. Wismar besucht sowie auf dem Hamburger Ausgabe: Ird. Vergnügen in Gott. Naturlyrik u. Gymnasium u. in Rostock studiert, bevor er Lehrdichtung. Ausgew. u. hg. v. Hans-Georg 1634 auf die Professur für griech. Sprache an Kemper. Stgt. 1999. dem soeben von Gustav Adolf gegründeten Literatur: Uwe-K. Ketelsen: Die Naturpoesie Revaler Gymnasium berufen wurde, die er im der norddt. Frühaufklärung. Poesie als Sprache der Juni desselben Jahres antrat. Im Jan. 1635 Versöhnung: Alter Universalismus u. neues Weltkam Fleming auf dem Weg nach Moskau u. bild. Stgt. 1974. – Georg Guntermann: B. H. B.’ Persien hinzu. In den 15 Monaten seiner ›Irdisches Vergnügen in Gott‹ u. die Gesch. seiner Rezeption in der dt. Germanistik. Bonn 1980. – Anwesenheit entstand um Schule und Kirche Hans-Dieter Loose (Hg.): B. H. B. (1680–1747). ein reiches Gelegenheitsschrifttum, in dem Dichter u. Ratsherr in Hamburg. Hbg. 1980. – B.s Namen selten fehlte. Bald setzte sich B. in Hans-Georg Kemper: Gottebenbildlichkeit u. Na- einer Opitz-Paraphrase auch für eine estn. turnachahmung im Säkularisierungsprozeß. Pro- Literatur ein: »Andre mögn ein anders treiblemgeschichtl. Studien zur dt. Lyrik in Barock u. ben; / Ich hab wollen Esthnisch schreiben. / Aufklärung. 2 Bde., Tüb. 1981. – Harold P. Fry: Esthnisch redet man im Lande, / Esthnisch Physics, classics, and the Bible. Elements of the redet man am Strande«. So entstehen polysecular and sacred in B. H. B.’s ›Irdisches Vergnü- glotte griech.-lat.-dt.-estn. Gedichte, in denen gen in Gott‹, 1721. New York u. a. 1990. – H.-G. die kulturelle Symbiose an den Grenzen des Kemper: Dt. Lyrik der frühen Neuzeit. Bd. 5/1: dt. Sprachraums sinnfällig wird. B. ging 1639 Frühaufklärung. Tüb. 1991. – Günter Peters: Die Kunst der Natur. Ästhet. Reflexion in Blumenge- als Pastor nach St. Katharinen in Wirland u. dichten v. B., Goethe u. Gautier. Mchn. 1993. – wurde 1643 Propst. Er leitete seit 1645 die Martina Wagner-Egelhaaf: Gott u. die Welt im estn. Übersetzung des NT u. übertrug KirPerspektiv der Poeten. Zur Medialität der Wahr- chenlieder für das estn. Gesangbuch. Mit nehmung am Beispiel B. H. B.’. In: DVjs 71 (1997), seinen wenigen estn. Gelegenheitsgedichten H. 2, S. 183–216. – Ernst Fischer: B.’ didakt. Poesie gilt er heute als Begründer der estn. Kunstals Medium der Orthodoxiekritik, oder Ursprünge lyrik; mit seinen dt. Gedichten gehörte er zu der Aufklärung in Dtschld. In: Beiträge zu Kom- den Begündern der dt. Dichtkunst in Estland. paratistik u. Sozialgesch. der Lit. Amsterd. 1997, Eines der schönsten Schäfergedichte FleS. 657–681. – H.-G. Kemper, U.-K. Ketelsen u. mings ist der Hochzeit B.s mit Dorothea Carsten Zelle (Hg.): B. H. B. (1680–1747) im Spiegel seiner Bibl. u. Bildergalerie. 2 Bde., Wiesb. 1998. – Temme gewidmet (1635). Wolfram Mauser: ›Irdisches Vergnügen in Gott‹ – u. am Gewinn. In: Ders.: Konzepte aufgeklärter Lebensführung. Würzb. 2000, S. 50–79. – Michael Scheffel (Hg.): Erschriebene Natur. Internat. Perspektiven auf Texte des 18. Jh. Bern u. a. 2001. – Eckart Kleßmann: B. H. B. Mit einem Vorw. v.
Werkausgabe: Teosed/Werke. Hg. Endel Priidel. Tartu 2000. Literatur: Johann F. Recke u. Karl E. Napiersky: Allg. Schriftsteller- u. Gelehrten-Lexikon der Provinzen Livland, Esthland u. Kurland. 1827. Neudr. Bln. 1966. Bd. 1, S. 267 f. Bd. 5, S. 88,
Brod Nachträge S. 10. – Kaja Altof: R. B. Tallinnas ja ›Lasnamäe lamburid‹. In: Looming 2 (1987), S. 1556–1562. – Marju Lepajoe: R. B. A Neo-Latin or an Estonian Poet? In: Acta Conventus Neo-Latini Hafniensis. Binghamton u. a. 1994, S. 597–606. – Dies.: R. B. Ich hab’ wollen Estnisch schreiben. In: Jb. der Akadem. Gesellsch. für Deutschbalt. Kultur in Tartu (Dorpat) 1 (1996), S. 45–52. – Dies.: R. B. u. die Anfänge der estn. Kunstpoesie. In: Kulturgesch. der balt. Länder in der Frühen Neuzeit. Hg. Klaus Garber u. Martin Klöker. Tüb. 2003, S. 319–355. – K. Garber: Das Erbe Opitzens im hohen Norden. Paul Flemings Revaler Pastoralgedicht. Ebd., S. 303–317. – M. Klöker: Literar. Leben in Reval in der ersten Hälfte des 17. Jh. (1600–57). Tl. 1, Tüb. 2005, S. 300–314 u. ö. – Cornelius Hasselblatt: Gesch. der estn. Lit. Bln./New York 2006, bes. S. 116–121. Klaus Garber / Martin Klöker
Brod, Max, * 27.5.1884 Prag, † 20.12.1968 Tel Aviv; Grabstätte: ebd., Alter Friedhof in der Trumpeldor Street. – Romancier u. Kulturphilosoph. B. hinterließ ein umfangreiches (81 Bücher, zahlreiche Artikel in Zeitschriften u. Tageszeitungen) u. vielseitiges Werk. Er schrieb – Irrtümer bei der Zählung u. Einordnung sind nicht auszuschließen – 22 Romane, zehn Schauspiele (hinzu kommen die dramat. Bearbeitung der Abenteuer des braven Soldaten Schweijk, den er zunächst übersetzt u. berühmt gemacht hatte, u. von Kafkas Roman Das Schloss), sechs Bände Lyrik, sieben Bände Erzählungen bzw. Novellen, sieben Bände Essays bzw. Abhandlungen u. sieben Monografien. Weiterhin übersetzte er Opernlibretti (vornehmlich die Hauptwerke von Leosˇ Janácˇek, der durch B.s publizist. Tätigkeit in Deutschland u. dadurch in der tschechoslowak. Republik erst bekannt wurde) aus dem Tschechischen u. komponierte selbst (38 Kompositionen; er spielte ausgezeichnet Klavier u. musizierte mit Albert Einstein). Schließlich gab er nach 1926, was zunächst sehr schwierig war, die Werke des bis dahin weitgehend unbekannten Franz Kafka heraus. Trotz oder wegen der innigen Freundschaft erfüllte B. den Wunsch Kafkas nicht, dessen später weltberühmt gewordene Hauptwerke zu vernichten.
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Der österr. Staatsbürger jüdischer Herkunft u. dt. Kulturzugehörigkeit studierte Jura u. promovierte 1907 an der Deutschen Universität in Prag, wurde Beamter bei der dortigen Oberpostdirektion u. ab 1924 im Pressedepartement des Ministerpräsidenten der Tschecho-Slowakischen Republik. Von 1928 bis zu seiner Emigration im Jahre 1938 war er Theater- u. Musikkritiker für das »Prager Tagblatt«. Inzwischen war er – Mittelpunkt des engen »Prager Kreises« mit Beziehungen zu weiteren literar. Kreisen Prags (z.B. Egon Erwin Kisch, Paul Kornfeld, Ernst Weiß oder Louis Fürnberg) sowie der literar. Welt Österreichs u. Deutschlands – berühmt geworden. 1930 erhielt der Mitbegründer des Jüdischen Nationalrates der CˇSR für seinen 1925 erschienenen Roman Rëubeni, Fürst der Juden (Mchn. Neuausg. Ffm. 1979) den tschechoslowakischen Staatspreis. Im März 1938 emigrierte er nach Palästina, wurde kurz darauf Dramaturg bei der »Habimah«, einem ostjüd. Theater in Tel Aviv u. lernte Iwrit. B. schrieb in seinen Romanen, Gedichten, Dramen u. Erzählungen stets frei u. modern über Sex, Eros, Liebe u. Ehe. Zudem war sein »Universalhumanismus« das Maß seiner Interpretation des modernen plural-demokrat. Verfassungsstaates u. des Zionismus. In diesem Sinne suchte er immer die Haltungen, Entscheidungen u. Handlungen mit ethischmoralischen Reflexionen zu verknüpfen. Mit seinen frühen Erzählungen aus den Jahren 1906 (Tod den Toten) u. 1907 (Experimente) sowie dem Roman Schloss Nornepygge. Roman eines Indifferenten (Bln. 1908) wurde er in Berliner Kreisen (Ludwig Rubiner, Franz Pfemfert, der junge Kurt Hiller) begeistert anerkannt. Noch in dieser Phase verfasste er die Abhandlung Über die Schönheit häßlicher Bilder (Lpz. 1913. Wien 1967. Bln. 1982 u. ö., mit Beiträgen über Möbel, Panoramabilder, aber auch Robert Walser). In der resoluten Negation des »moralischen Indifferentismus« Schopenhauers u. Affirmation der ethischen sowie noetischen Tugenden (mit seinem Freund Felix Weltsch verfasste er die 1912 publizierte Monografie Anschauung und Begriff. Grundzüge eines Systems der Begriffsbildung. Lpz.) schrieb er seinen berühmt gewordenen Ro-
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man Tycho Brahes Weg zu Gott (Bln. 1915 u. ö. Neuausg., mit einem Nachw. v. Stefan Zweig, Ffm. 1978. 21984). Tycho Brahe, der berühmte Mathematiker am Hofe Rudolf II., entscheidet sich unter dem Einfluss eines Rabbiners dazu, die Gefährdung seines Konkurrenten Johannes Kepler abzuwenden. Das Thema der Wahrheit im Konflikt zwischen Vernunft, Glaube u. Ethik ist auch das Thema der Romane Rëubeni, Fürst der Juden u. Galilei in der Gefangenschaft (Winterthur 1948), weshalb sie als Trilogie gelten. Ideologische Strömungen der Gegenwart werden u. a. in den Romanen Das große Wagnis (Lpz. 1918) u. Die Frau, die nicht enttäuscht (Amsterd. 1933) behandelt. Der Roman Das große Wagnis – formal folgt B. dem Stil literarischer Utopien – ist ein Werk mit dem Gehalt einer Dys-Topie. In dem Staat namens »Liberia« wird die Freiheit durch totalitäre Maßnahmen zum Zwecke der Institutionalisierung eines materialistisch legitimierten Sozialismus radikal unterdrückt. In dem Roman Die Frau, die nicht enttäuscht, der die Zeit zwischen Juli 1932 u. Febr. 1933 umfasst, wirkt in die Liebesgeschichte zwischen dem jüd. Dichter Justus Spira u. der »Arierin« Carola Weber der nationalsozialist. Antisemitismus hinein. Spira bestimmt sein Verhältnis zum »Deutschtum« mit dem Topos »Distanzliebe« (Distanz wegen der antisemit. Tradition der Deutschen, Liebe wegen deren kultureller Tradition). Diese Haltung zu den Deutschen hat B. in seiner Biografie Streitbares Leben (Mchn. 1960. Vom Autor überarb. u. erw. Neuausg. 1969. Ffm. 1979) wiederholt. In beiden Romanen werden starke Frauen nicht weniger intelligent als empathisch vergegenwärtigt, wie in den Dramen Die Retterin (Lpz. 1914) u. Eine Königin Esther (Lpz. 1918) sowie in Erlöserin. Ein Hetärengespräch (Bln. 1921). Viele Kenner des B.’schen Werks schätzen bes. den 1931 erschienenen Roman Stefan Rott oder Das Jahr der Entscheidung (Bln. Durchges. Ffm. 1973). Der Schüler Rott muss sich – B. verlagert das Geschehen in das Jahr 1914 – für die Wahrheit zwischen zwei ideolog. Positionen entscheiden: dem thomist. Christentum seines kleinbürgerl. Lehrers u. dem materialist. Sozialismus seines großbürgerl. Freundes, in dessen Mutter Rott verliebt ist. Die laszive
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Schönheit wiederum unterliegt beinahe den Begierden des physischen u. psych. Krüppels Dr. Urban, der, wie auch sie, ein Typus der Genussbourgeoisie ist. Die Entscheidung gelingt mithilfe sokratisch-platonischen Philosophierens. Positionen von B.s religionsphilosoph. Monografien, nämlich Heidentum, Judentum, Christentum (2 Bde., Mchn. 1921) u. der im Rückblick auf den Zweiten Weltkrieg u. Auschwitz geschriebenen u. 1947 publizierten Bände von Diesseits und Jenseits (Bd. 1: Von der Krise der Seele und dem Weltbild der Naturwissenschaft; Bd. 2: Von der Unsterblichkeit der Seele, der Gerechtigkeit Gottes und einer neuen Politik; die Überarbeitung des Bandes 1 erschien 1968 u. d. T. Das Unzerstörbare, Bd. 2 postum 1956 u. d. T. Die Unsterblichkeit der Seele) sind in dem Roman Der Meister (Gütersloh 1952 u. ö. Ffm. 1981) erkennbar. Erzählt aus der Perspektive des hoch gebildeten hellenisierten Juden »Meleagros«, ist der »Meister«, der erst am Ende des vierten von insg. sieben Kapiteln eingeführt wird, »Jeschua« aus Nazareth. Der Roman kann nicht als christologisch konzipiert u. als »Christusroman« charakterisiert werden. Jeschua/Jesus wird zwar mit Respekt präsentiert, ist aber nur eine Person innerhalb des Pluralismus jüdisch-religiöser Bewegungen. Ein Hauptkonflikt besteht in der Differenz zwischen Jeschua u. Jehuda (Judas is Kariot), der die Ziele seines gnost. Messianismus durch den kriegerischen Kampf gegen die Römer u. ihre jüd. Helfer erreichen will. Jehuda/Judas liebt indes Jeschua/Jesus, ist aber wegen dessen Gewaltverzichtes tief enttäuscht. B. stellt Jehuda/Judas nicht als Verräter dar (der Verrat ist eine Propagandalüge der Römer). Es geht hier nicht um eine jüdisch-christl. Symbiose, sondern um den Versuch einer Versöhnung zwischen Athen (die Vernunft des platonischen Sokrates) u. Jerusalem (der Glaube des Moses). Gemeinsam sind Griechen u. Juden, das betrifft einen weiteren Hauptkonflikt, Objekte der gewalttätigen Politik des röm. Imperiums. In den 1950er Jahren hat B. noch kleine Romane über seine Jugend in Prag geschrieben sowie Johannes Reuchlin und sein Kampf. Eine historische Monographie (Stgt. 1965. Neuaufl. Wiesb. [1989]) verfasst.
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Abschließend soll auf die religionsphilosoph. Hauptwerke B.s eingegangen werden. Im Hinblick auf die früher sehr bekannte Schrift Heidentum, Judentum, Christentum (1921) ist hier die Unterscheidung zwischen »Edlem« u. »Unedlem Unglück« von Interesse. Ein Unglück ist »edel«, wenn es die Menschen durch eth. Taten nicht verhindern können. Die Menschen sind in diesem Fall ohne Schuld. Die Erbsünde wird abgelehnt. An dieses Thema knüpft B. wegen der »Attacken erlebter Ungerechtigkeit« durch Krieg u. Genozid in seinem religionsphilosoph. Hauptwerk Diesseits und Jenseits an. In der Kausalstruktur der Natur liegt nach B. die Ursache des Unrechts u. der Zerstörung der Güter des Lebens u. des Lebens selbst. Deshalb entwickelt er die Lehre von der »Zersprengung des Kausalgefüges« bzw. der »Durchbrechung des Kausalzusammenhanges« der Natur. Der »Verzicht auf Stärke aus Stärke« sei durch die »freie Tat«, »Liebe« sowie »Eros«, »Wissenschaft« u. das »religiöse Erlebnis« im Hinblick auf das unendl. Sein möglich. Voraussetzung dafür seien die »Unsterblichkeit der Seele« u. Gott als »Sein und Werden«. Darüber hinaus begründet B., sich von philosophischer Theodizee u. christl. Religion distanzierend, das Theologem »Gott will leiden«. Dies geschehe nicht für die Menschen, sondern sei so wie es ist. Weitere Werke: Die Erziehung zur Hetäre. Ausflüge ins Dunkelrote. Bln./Stgt./Lpz. 1909. – Ein tschech. Dienstmädchen. Bln./Stgt./Lpz. 1909 (R.). – Tgb. in Versen. 86 Gedichte. Bln. 1910. – Abschied v. der Jugend. Ein romant. Lustspiel in 3 Akten. Bln. 1912. – Richard u. Samuel. Zus. mit Franz Kafka, erstes Kap. des geplanten Buches. In: Hender-Blätter 1911/12. Faksimileausg. Hbg. 1962. – Sozialismus im Zionismus. Wien/Bln. 1920. – Das Buch der Liebe. Mchn. 1921 (G.e). – Prozeß Buntebart. Schausp. dieser Zeit in 3 Akten. Mchn. 1924. – Die Abenteuer des braven Soldaten Schweijk. Kom. nach Jaroslav Hasˇ ek. Wien 1928. – Heinrich Heine. Amsterd. 1934 (Monogr.). – Annerl. Amsterd. 1936 (R.). – Unambo. Roman aus dem jüdisch-arab. Krieg. Zürich 1949. – Die Musik Israels. Tel Aviv 1951 (Noten). – Ein Abenteuer Napoleons u. andere Novellen. Ausw. aus früher geschriebenen Novellen. Zürich 1954. – Armer Cicero. Bln. 1955 (R.). – Jugend im Nebel. Witten 1959 (R.). – Gustav Mahler. Beispiel einer dt.-jüd.
212 Symbiose. Ffm. 1961. – Der Prager Kreis. Stgt. 1966. – Opernlibretti: Der Burgkobold, aus dem Tschechischen v. V. Novak. Wien 1915. – Schwanda, der Dudelsackpfeifer, aus dem Tschechischen v. Jaromir Weinberger. Wien 1928. – Übersetzungen: Gaius Valerius Catullus: Gedichte. Vollst. Ausg. Deutsch v. M. B., z.T. mit Benützung der Übertragung v. Karl Wilhelm Ramler. Mchn./Lpz. 1914. – Salomon, Das Lied der Lieder. Neu übertragen aus dem Hebräischen v. M. B. Mchn. 1920. – Arno Dvora˘k. Der Volkskönig. Lpz. 1914. – Werke über Franz Kafka: Franz Kafka. Eine Biogr. Erinnerungen u. Dokumente. Prag 1937. New York 21946. Bln. 3 1954 u. ö. – Franz Kafkas Glauben u. Lehre. Kafka u. Tolstoi. Eine Studie. Winterthur 1948. – Franz Kafka als wegweisende Gestalt. St. Gallen 1951. – Verzweiflung u. Erlösung im Werk Franz Kafkas. Ffm. 1959. – Über Franz Kafka. Ffm. 1966. 1993 u. ö. (verschiedene Texte u. Dokumente zu Kafka). Literatur: Bibliografie: Werner Kayser u. Horst Gronemeyer: M. B. Hamburger Bibliogr.n. Bd. 12, Hbg. 1972 (ca. 800 Titel). – Weitere Titel: Felix Weltsch (Hg.): Dichter, Denker, Helfer. M. B. zum 50. Geburtstag. Mährisch-Ostrau 1934. – Ernst F. Taussig (Hg.): Ein Kampf um Wahrheit. M. B. zum 65. Geburtstag. Tel Aviv 1949. – Hugo Gold (Hg.): M. B. Ein Gedenkbuch. 1884–1968. Tel Aviv 1969. – Bernd Wilhelm Wessling: M. B. Ein Portrait. Stgt. 1969. – Margarita Pazi: M. B., Werk u. Persönlichkeit. Bonn 1970. – Yehuda Walter Cohen: M. B. Die Musik Israels. Kassel 1976. – M. Pazi (Hg.): M. B., 1884–1984. Untersuchungen zu M. B.s literar. u. philosoph. Schr.en. New York 1987. – ClausEkkehard Bärsch: M. B. im ›Kampf um das Judentum‹. Zum Leben u. Werk eines dt.-jüd. Dichters aus Prag. Wien 1992. – Arno A. Gassmann: Lieber Vater, lieber Gott? Der Vater-Sohn-Konflikt bei den Autoren des engeren Prager Kreises (M. B. – Franz Kafka – Oskar Baum – Ludwig Winder). Hg. Dieter Sudhoff. Oldenb. 2002 (zgl. Diss. Karlsr. 2001). – M. Pazi: M. B. In: DBE. – Pavel Dolezal: Tomás G. Masaryk, M. B. u. das Prager Tageblatt (1918–38): dt.-tschech. Annäherung als publizist. Aufgabe. Ffm. u. a. 2004. – Paul Raabe: Zu Gast bei M. B.: Eindrücke in Israel 1965. In leicht veränderter Form am 23.5.2003 in der Niedersächs. Landesbibl. als Vortrag gehalten. Hameln 2004. – Jürgen Kreft: Theorie u. Praxis der intentionalist. Interpretation: Brecht – Lessing – M. B. – Werner Jansen. Ffm. u. a. 2006. Claus-Ekkehard Bärsch
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Brodnitz, Käthe, verh. Froehlich, * 10.3. 1884 Berlin, † 16.3.1971 St. Petersburg/ Florida. – Verfasserin von Prosa, Lyrik u. Dramen. Die Tochter eines Maschinenfabrikanten studierte Germanistik u. Philosophie in Freiburg i. Br. u. München (Promotion 1912). In München gehörte sie zum Kreis um Artur Kutscher u. war befreundet mit Ricarda Huch u. den frühexpressionist. Dichtern Hans Leybold, Klabund u. Hugo Ball, die sie finanziell unterstützte. 1938 musste sie wegen ihrer jüd. Herkunft in die USA fliehen, wo sie bis zu ihrem Tod als Sprachlehrerin u. Universitätsdozentin arbeitete. Ihre Familie kam im nationalsozialist. Deutschland um. B.s Bedeutung liegt v. a. in ihren engen u. anregenden Freundschaften mit expressionistischen Autoren. Ihr eigenes literar. Werk war wenig erfolgreich. Die vor dem Ersten Weltkrieg entstandene, neuromantisch bestimmte Prosa u. Lyrik fanden ebenso wenig Beachtung wie die Theaterstücke der 1920er u. 1930er Jahre, von denen lediglich das in expressionistischer Nachfolge stehende Drama Mysterien veröffentlicht wurde (Bln. 1931). Weitere Werke: Ich bin dir treu! Bln. 1911 (N.). – Der junge Tieck u. seine Märchenkom.n. Diss. Mchn. 1912. – Nazarener u. Romantiker. Bln. 1914 (kunsthistor. Studie). Eckhard Faul / Red.
Bröger, Karl, * 10.3.1886 Nürnberg, † 4.5. 1944 Nürnberg; Grabstätte: ebd., Westfriedhof. – Arbeiterdichter, Kinderbuchautor, Redakteur. Als unehelicher Sohn eines Schuhmachers u. einer Textilarbeiterin in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, verließ B. vorzeitig die Realschule u. arbeitete als Kaufmannsgehilfe u. als Tagelöhner auf dem Bau u. in Fabriken. Er schloss sich der Arbeiterbewegung an u. begann Gedichte zu schreiben, die zu einer Prosperierung seiner wirtschaftl. Situation führten. Erste literar. Arbeiten veröffentlichte er 1910 in den »Süddeutschen Monatsheften«. 1912 wurde er Redakteur bei der Nürnberger Arbeiterzeitung »Fränkische Hauspost«, bei der er, 1919 zum Leiter des Feuilletons aufgestiegen, bis 1933 blieb. Seit
Bröger
1924 schrieb er für die Zeitung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold u. andere sozialdemokrat. Periodika. In seinen frühen Gedichtbänden (Gedichte. Mchn. 1912. Die singende Stadt. Nürnb. 1914) thematisiert B. den Wandel der zeitgenöss. Industrie- u. Stadtlandschaft. Während des Ersten Weltkriegs folgen pathetische, zunächst durchweg affirmative Kriegsgedichte (darunter das berühmt gewordene, 1915 im »Simplizissimus« erschienene Gedicht Bekenntnis), ehe die anfängl. Begeisterung der Dokumentation des Leidens weicht u. neben der techn. Seite des Krieges die Frage nach seiner ökonom. Bedingtheit in den Vordergrund tritt (z.B. in Kreuzesabnahme, 1920). Seine Gedichtsammlungen (Aus meiner Kriegszeit. Nürnb. 1915. Kamerad als wir marschierten. Jena 1916. Soldaten der Erde. Jena 1918) fanden insbes. unter der Arbeiterschaft Verbreitung u. erzielten hohe Auflagen. Im Tenor eines proletar. Nationalismus stellte B. die Opferbereitschaft des arbeitenden »Volkes« für die Verteidigung »Deutschlands« heraus u. appellierte zgl. an die Dankbarkeit des »Vaterlandes«. Neben Heinrich Lersch, Gerrit Engelke u. Max Barthel gehört B. zu den wichtigsten Repräsentanten der Arbeiterdichtung der Weimarer Republik. B. engagierte sich als Sozialdemokrat politisch. Sein lyrisches Bekenntnis zum Sozialismus: »Es ist, weil es wird / und es wird, weil es sein muß, / daß wir aufsteigen / zum Sinn unserer Sendung« (Deutsches Gedicht. 1927), seine Betonung des kollektiven Schöpfertums u. die kultische Sprache mancher seiner Gedichte boten sich jedoch auch der faschist. Ideologie an, von deren Trägern er ebenso wie Lersch vereinnahmt wurde. Im Juni 1933 wurde B. im KZ Dachau inhaftiert, nachdem er sich als gewählter Rat der Stadt Nürnberg geweigert hatte, der NSDAP beizutreten. Nach seiner Entlassung im Sept. 1933 u. dem Verlust seines Redakteurspostens schrieb B. zur Sicherung seines Lebensunterhalts v. a. Kinderbücher (Reta und Marie. Lpz. 1934. Die Ferienmühle. Köln 1936. Die Benzinschule. Lpz. 1936). Obwohl die Nationalsozialisten seine Gedichte u. Lieder des »Kriegssängers« für ihre Propaganda in Anspruch nahmen – sie sind in zahlreichen An-
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thologien u. sogar in Schulbüchern vertreten – u. auch um sein persönl. Engagement warben, blieb B.s Bekenntnis zum NS-Staat eher zurückhaltend u. hinsichtlich seiner wahren Motive schwer zu durchschauen. Als er 1944 starb, bereiteten ihm die Nationalsozialisten ähnlich wie 1936 schon Lersch ein pompöses Staatsbegräbnis. Als Kollaborateur verschrien, geriet B., von einzelnen Versuchen seiner Rehabilitation abgesehen, nach 1945 in Vergessenheit.
deutschen Bühne. Amsterd. u. Lpz. 1785); darin neigt B. zur routiniert-verflachenden Umsetzung engl. Vorbilder (Stücke von Shakespeare, Lillo u. a.) in rührende Lustspiele u. grobe Possen. Dennoch erhielten B.s Stücke mehrere Theaterpreise zuerkannt (Der Adjutant. Hbg. 1780); selbst einen Theaterskandal vermochte B. auszulösen (Aufführungsverbot in Hamburg von Gerechtigkeit und Rache. Wien 1783). Am negativen Urteil der Nachwelt änderten diese Tatbestände allerdings wenig.
Weitere Werke: Vom neuen Sinn der Arbeit. Jena 1919 (Ess.). – Der Held im Schatten. Jena 1919 (Autobiogr.). – Flamme. Jena 1920 (L.). – Phallos. Gesänge um den Mann. Jena 1920 (L.). – Der Vierkindermann. Ein Sang v. Sommer, Sonne u. Söhnen. Bln.-Zehlendorf 1922 (L.). – Phantasie u. Erziehung. Lpz. 1923 (Ess.). – Der blühende Hammer. Bln. 1924 (L.). – Dt. Republik. Betrachtungen u. Bekenntnisse zum Werk v. Weimar. Bln. 1926. – Das Buch vom Eppele. Eine Schelmen- u. Räuberchronik aus Franken. Bln. 1926 (R.). – Rote Erde. Bln. 1928 (L.). – Volk, ich leb aus Dir. Jena 1936 (L). – Schicksal aus dem Hut. Gesch.n aus dem Volk für das Volk. Bayreuth 1941 (E.). – Sturz u. Erhebung. Gesamtausg. der Gedichte. Jena 1943. – Bekenntnis. Eine Ausw. der Gedichte. Nürnb. 1954.
Weitere Werke: Die Verlobung. Wien 1780 (D.). – Wilmot u. Agnes. Lpz. 1784 (D.). Adrian Hummel / Red.
Literatur: Walter Georg Oschilewski: Über K. B. Bln.-Grunewald 1961. – Gudrun Heinsen-Becker: K. B. u. die Arbeiterdichtung seiner Zeit. Nürnb. 1977. – Gerhard Müller: Für Vaterland u. Republik: Monogr. des Nürnberger Schriftstellers K. B. Pfaffenweiler 1986. Peter König / Ralf Georg Czapla
Brömel, Wilhelm Heinrich, * 21.4.1754 Loburg bei Magdeburg, † 28.11.1808 Berlin. – Unterhaltungsschriftsteller. Leider geben nur wenige Quellen Auskunft über die näheren Lebensumstände B.s. Möglicherweise begann sein berufl. Werdegang mit einer Anstellung beim Hamburger Theater. Darauf scheinen Tätigkeiten als preuß. Forstwirtschaftsbeamter in Hamburg (1780–1786) u. Berlin (1786–1808) gefolgt zu sein. B. übersetzte beliebte Familienromane (Der Dechant von Killerine. Familiengeschichte. 2 Tle., Bln. 1792). Seine kurzfristigen literar. Erfolge verdankte der Autor jedoch häufig aufgelegten, mehrfach übersetzten u. bühnenwirksam komponierten Komödien (Beytrag zur
Bromme, Moritz Theodor William, * 15.7. 1873 Leipzig, † 19.2.1926 Lübeck. – Autobiograf u. Verfasser eines Lustspiels. Der Sohn eines sozialdemokrat. Bahnarbeiters arbeitete von früher Jugend an in unterschiedlichsten Berufen u. erwarb sich als Autodidakt umfangreiche literar. Kenntnisse. Als Frühinvalide schrieb er 1903 in einem Lungensanatorium bei Weimar seine Lebensgeschichte eines modernen Arbeiters (Jena 1905. Neuausg. mit einem Nachw. v. Bernd Neumann. Ffm. 1971). Das Wort »modern« ersetzte nach dem Willen des ersten Herausgebers Paul Göhre das als anstößig empfundene »sozialdemokratisch«). 1904 verfasste B. das Lustspiel Unter dem Tannenbaum (Greifsw.). Ab 1906 arbeitete er als Redakteur in Leipzig u. Altenburg; 1909 wurde er Parteisekretär der Lübecker SPD. B.s Lebensgeschichte ist neben den Erinnerungen Karl Fischers die erste Autobiografie eines Industriearbeiters in der dt. Literatur. Trotz gelegentl. Orientierung an trivialen Vorbildern gelang ihm eine realist. Darstellung u. eine unpathetische soziale Anklage. Das Fragment einer Fortsetzung ging verloren. Literatur: Bernd Neumann: Nachw. zur ›Lebensgeschichte‹, a. a. O. – Franz Mehring: B. In: Ges. Schr.en. Bd. 11, Bln. 21976. – Bruno Schonig (Hg.): Arbeiterkindheit. Kindheit u. Schulzeit in Arbeiterlebenserinnerungen. Bensheim 1979. – Alf Ludtke: Eigen-Sinn: Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen u. Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus. Hbg. 1993. Heinrich Detering / Red.
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Bronnen, Arnolt, eigentl.: A. Bronner, * 19.8.1895 Wien, † 12.10.1959 Berlin/ DDR; Ehrengrabstätte: Berlin, Dorotheenstädtischer Friedhof, Chausseestraße. – Dramatiker, Romancier u. Erzähler. Als Sohn des Schriftstellers Ferdinand Bronner in Wien geboren, studierte B. Jura u. Philosophie, nahm als Offizier am Ersten Weltkrieg teil u. lebte dann in Berlin. Mit dem expressionistisch wirkenden Drama Vatermord (Bln. 1920. Urauff. Schauspielhaus Frankfurt/M. 1922) gelangte er zu erstem Ruhm, der in heftig umstrittenen Theaterexperimenten mit Brecht ausgebaut wurde. Um die Mitte der 1920er Jahre galt B. als die größte Hoffnung der dt. Dramatik. Seine Stücke wurden von den wichtigsten Bühnen gespielt. Zu Beginn der 1930er Jahre stellte er sich auf die Seite der Nationalsozialisten u. war als Dramaturg der Reichsfunkgesellschaft tätig. Doch überwarf er sich bald mit Goebbels, bekam Berufsverbot u. schloss sich 1943 der österr. Widerstandsbewegung an. Nach kurzem Intermezzo in seiner Heimat als Dramaturg an der Wiener Scala übersiedelte B. 1955 nach Ostberlin. Erst seit den 1970er Jahren berücksichtigt die Kritik wieder die außergewöhnliche dramat. Begabung dieses Autors u. nicht mehr nur seinen zweifachen ideolog. Frontenwechsel. B. war einer der ersten dt. Dramatiker, die Techniken des Films u. des Hörfunks in ihren Stücken gekonnt verarbeiteten u. kontinuierlich Dialekt u. derbe Volkssprache als Gestaltungsmittel einsetzten. Schon in B.s ersten Stücken waren Haltung u. Themen festgelegt; die anarchist. Rebellion bis hin zu nationalistischen, antisemit. Tiraden (Die Exzesse. Bln. 1921. Urauff. Wuppertaler Staatstheater 1973. Rheinische Rebellen. Bln. 1924. Urauff. Staatliches Schauspielhaus Berlin 1925), das immer wiederkehrende Thema Sexualität, die Verherrlichung von Macht aus einer dynam. Lebensphilosophie heraus (unter dem Einfluss Nietzsches u. Chamberlains), das ekstat. Lebensgefühl des Expressionismus. B.s Anfälligkeit zu extremer polit. Radikalität ist hier immanent.
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Die gemeinsame Arbeit mit Brecht 1922–1926 (im Wesentlichen Inszenierungen) war, obwohl Literaturverständnis u. Weltbild divergierten, eine Zeit gegenseitiger Inspiration. Brecht schrieb seine ersten Stücke bewusst gegen das expressionist. Menschheitsbild u. setzte gezielt Distanz als dramaturgisches Mittel ein. Vatermord z.B. war in erster Linie persönl. Abrechnung mit dem verhassten Vater, auch wenn B. damit das Lebensgefühl einer ganzen Generation zum Ausdruck brachte. Mit Brecht verbanden ihn das anarchisch-oppositionelle Lebensgefühl u. das Interesse an neuen dramat. Formen. Seine Unzufriedenheit mit der polit. Entwicklung Deutschlands unter den Voraussetzungen des Friedens von Versailles bewog B. dazu, einen Roman über die umstrittene Abtrennung Oberschlesiens zu schreiben (O. S. Bln. 1929). Damit gelang B. ein Werk, das als modern u. zgl. nationalistisch wahrgenommen wurde u. große Aufmerksamkeit erregte; sein Erscheinen im eher linken RowohltVerlag wurde als Indiz für die zunehmende Akzeptanz nationalistischer Positionen auch in der intellektuellen Sphäre gewertet. Nach dem Krieg folgte B. – nun Mitgl. der Kommunistischen Partei Österreichs – dem Ruf Johannes R. Bechers in die DDR. Er arbeitete als Theaterkritiker für die »Berliner Zeitung« in der Hoffnung auf eine literar. Rehabilitation. Doch seine Autobiografie A. B. gibt zu Protokoll (Hbg. 1954) erhielt in der Zeit des Kalten Kriegs nur vernichtende Kritiken, u. seine Stücke verschwanden für fast 20 Jahre von den dt. Bühnen. Mit der Wuppertaler Uraufführung des Lustspiels Die Exzesse u. der fünfbändigen Werkausgabe (Klagenf. 1990) begann eine neue Rezeption, die nicht mehr durch ideolog. Verwerfungen gekennzeichnet ist, sondern durch den Versuch, B.s Leben u. Werk in seiner geschichtl. Bedingtheit u. Symptomatik zu verstehen. Weitere Werke: Die Geburt der Jugend. Bln. 1924 (D.). – Die Septembernovelle. Bln. 1923. – Reparationen. Bln. 1928 (Lustsp.). – Film u. Leben. Barbara La Marr. Bln. 1928 (R.). – Michael Kohlhaas. Bln. 1929 (D., Hörsp.). – Kampf mit dem Äther oder die Unsichtbaren (Pseud.: A. H. SchelleNoetzel). Bln. 1935 (R.). – Gloriana. Bln. 1941 (D). –
Bronnen Dtschld. Kein Wintermärchen. Eine Entdeckungsfahrt durch die DDR. Bln./DDR 1956 (Ess.). – Tage mit Bertolt Brecht. Gesch. einer unvollendeten Freundschaft. Mchn./Wien 1960. Neudr. Darmst. 1976. – Begegnungen mit Schauspielern. Zwanzig Portraits aus dem Nachl. Bln. 1977. Ausgabe: Stücke (Vatermord; Die Exzesse; Ostpolzug; Gloriana; Die Kette Kolin). Nachw. v. Hans Mayer. Kronberg/Ts. 1977. Literatur: Jürgen Rühle: Beispiele einer polit. Neurose. In: Ders.: Lit. u. Revolution. Die Schriftsteller u. der Kommunismus. Bln./Köln 1960, S. 308–313. – Jürgen Schröder: A. B. (zu seinen Dramen). In: Expressionismus in der Lit. Bern 1969, S. 585–594. – Edwin Klingner: A. B. Werk u. Wirkung. Eine Personalbibliogr. Hildesh. 1974. – Hans Mayer: In Sachen A. B. In: A. B. gibt zu Protokoll. Kronberg/Ts. 1978, S. 467–478. – Friedbert Aspetsberger: A. B. Wien 1995 (Biogr.). – Kurt Klinger: Die graue Brille. Erinnerungen an A. B. In: Die Rampe (2002), H. 2, S. 7–31. – Helmut Kreutzer: Krieg im Radio. Streiflichter auf dt. Hör- u. Sendespiele um 1930. In: Ders.: Deutschsprachige Hörspiele 1924–33. Ffm. 2003, S. 57–75. Jutta Freund / Red.
Bronnen, Barbara, * 19.8.1938 Berlin. – Verfasserin von Romanen, Hörfeatures, Hörspielen, Sachbüchern u. Jugendbüchern, Herausgeberin von Anthologien u. Dokumentarbüchern. Die Tochter des Schriftstellers Arnolt Bronnen wuchs in Bad Goisern u. Linz auf, studierte Germanistik in München u. wurde 1965 mit einer Arbeit über Fritz von Herzmanovsky-Orlando promoviert. Seit 1965 arbeitete sie als Redakteurin für Kindlers Literatur-Lexikon, seit 1968 als Lektorin u. Journalistin. Sie publizierte zunächst Anthologien über Themen wie Jugend, Pubertät, Ehe, Sexualität u. die deutsche Teilung. Seit 1975 lebt B. als freie Schriftstellerin, Filmautorin u. Journalistin in München. 1977 erschien ihr erster Film, Frauen und ihre Ärzte, 1978 folgte der Film Dichter und ihre Richter – »Die Gruppe 47«. Im selben Jahr begann B. mit den Recherchen zum Dokumentarfilm Auf der suche nach A. B. (1979), der ersten Auseinandersetzung mit dem »Schatten« des Vaters. In Die Tochter (Mchn. 1980. Überarb. Ausg. Mchn. 1995), B.s erstem Roman, wurde die Auseinandersetzung weiter-
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geführt. Die Ich-Erzählerin, eine 40-jährige Journalistin, begibt sich auf Spurensuche u. leitet eine »Wiederaufnahme des Verfahrens« ein, indem sie an die ehemaligen Wohnorte des Vaters reist, mit dessen Freunden spricht u. den Nachlass liest. Am Ende erkennt sie den Menschen hinter den polit. Verirrungen u. erlangt ein reiferes Urteil über ihren Vater. Mit dem Hörfeature Die beiden Fasolte. Die unvollendete Freundschaft zwischen Arnolt Bronnen und Bertolt Brecht (1998) u. dem Roman Das Monokel (Mchn. 2000) findet das Thema der Vatersuche seinen Abschluss. Zgl. wird Arnolt Bronnens eigener Vaterkomplex aufgearbeitet, seine lebenslange Verleugnung des jüd. Vaters Ferdinand Bronnen. B.s Romane Die Diebin (Mchn. 1982. 1996), Liebe um Liebe (Mchn. 1989. Überarb. Ausg. Mchn. 1995) u. Leas siebter Brief (Mchn. 1998) behandeln die Themen Ehe u. Sexualität aus Sicht der Frau. Der teils dokumentarische, teils fiktionale Stil ist typisch für ihr Gesamtwerk. In den Romanen Die Überzählige (Mchn. 1984), Du brauchst viele Jahre, um jung zu werden (Mchn. 2004) u. in dem Briefroman Am Ende ein Anfang (Zürich 2006) behandelt B. das Thema des Älterwerdens u. der Liebe im Alter. Weitere Werke: Pubertät. 22 Autoren zu einem Thema. Mchn. 1968. – Die Ehe. Der moderne Mensch in Lit. u. Wiss. Mchn. 1968. – Dtschld. deine Führer. Mchn. 1969. – Ich bin Bürger der DDR u. lebe in der Bundesrepublik. Mchn. 1970. – Marmorengel. Bln. 1986. – Alt am Morgen u. am Abend jung. Gesch.n vom Alter. Mchn. 1992. – Die Todesarten der Inge Müller. Ein Leben zwischen Gedichten, dt. Gesch. u. Heiner Müller. Bln. 1998. – Gesch.n vom Überleben. Frauentagebücher aus der NS-Zeit. Mchn. 1998. – Gebrauchsanweisung für die Toskana. Mchn. 2004. Literatur: Carna Zacharias u. B. B.: ›Ich glaube an die ungreifbare Wirkung der Bücher‹. In: Börsenblatt für den dt. Buchhandel 45 (1989), H. 21, S. 902–904. – Thomas Kraft: B. B. In: LGL. Sandra Kluwe
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Bronner, Franz Xaver, * 23.12.1758 Höchstädt/Donau, † 11.8.1850 Aarau/ Schweiz. – Idyllendichter, Redakteur, Historiker.
Bruck-Angermundt
des Ministeriums der Künste und Wissenschaften ernannt. Gleichzeitig betreute er als Herausgeber das »Helvetische Tagblatt« u. danach den »Freyheitsfreund«. 1804 erhielt er eine Professur für Mathematik u. Naturwissenschaften an der Kantonsschule Aarau, wo er die »Schweizerische Minerva« redigierte. 1810 folgte er einer schon länger vorbereiteten Berufung zum o. Prof. für Physik an die Universität Kasan. Von Russland kehrte er 1817 an die Kantonsschule Aarau zurück. 1820 wurde er deren Rektor, wechselte zum protestant. Glauben über, erwarb das Schweizer Bürgerrecht u. heiratete eine Lehrerstochter. 1827 ernannte ihn die Aargauer Regierung zum Kantonsbibliothekar, 1829 zum Staatsarchivar. 1844 veröffentlichte er eine zweibändige kenntnisreiche u. vielseitige Beschreibung seiner Wahlheimat: Der Kanton Aargau, historisch, geographisch, statistisch geschildert (St. Gallen/Bern). Fast blind geworden, starb er 92-jährig in Aarau. B.s umfangreicher handschriftl. Nachlass liegt im Staatsarchiv des Kt. Aargau, Aarau.
Der reich talentierte Sohn eines armen bayr. Ziegelbrenners wurde in der barocken Welt eines Jesuiteninternats erzogen, trat – eher wider Willen, aber von Familie u. Pfarrer gedrängt – als Mönch ins Benediktinerkloster Heiligenkreuz in Donauwörth ein u. empfing 1783 die Priesterweihe. Unter dem Einfluss der Illuminaten seiner unüberwindl. Weltlichkeit innewerdend, entsagte B. 1785 der geistl. Laufbahn u. floh auf abenteuerl. Weise nach Zürich, wo sich Johann Heinrich Füssli u. Salomon Gessner seiner in freundschaftl. Fürsorge annahmen. B.s Fischergedichte und Erzählungen, 1787 bei Orell, Gessner, Füssli u. Comp. in Zürich erschienen, stehen gänzlich unter dem Einfluss Gessners, der in seinem Vorwort die Talente des Verfassers, dessen »schüchterne Bescheidenheit« u. »das feinste Gefühl für alles Edle und Gute« lobte. Im Gegensatz zu seinem Mentor rücken bei seiLiteratur: Johannes Widmer: F. X. B. Ein Beitr. nen Schriften allerdings sozialkrit. Elemente zur dt. Lit. in der Schweiz. Frauenfeld 1901. – Hans stärker in den Vordergrund. 1789 war B. be- Radspieler: F. X. B. Leben u. Werk. 2 Bde., Aarau reits in der von Pater Anton Drexl herausge- 1963–67. – Carl Amery: F. X. B. oder: Das unabgebenen Raccolta di scelte prose alemanne ver- waschbare Zeichen. In: Ders.: Leb wohl geliebtes treten, zus. mit Haller, Goethe, Gessner, Volk der Bayern. Mchn. 1980, S. 56–60. – Anton Wieland u. a. Nach Gessners Tod gedachte B. Gälli: Fluchtreise des F. X. B. v. Augsburg über den seines »unvergeßlichen Freundes und Wohl- Bodensee durch Berg u. Tal in das Land der Freyheit anno 1793. Mchn. 2006. täters« im Vorwort seiner Schriften (Zürich Peter Walser-Wilhelm / Anton Gälli 1794) sowie in seiner Elegie Klagen bey S. Gessners Tode (»Der Teutsche Merkur«, Okt. Bruck-Angermundt, Jakob von, * um 1788). Nach einer mehr familiär als religiös be- 1580 Tarnau, † nach 1645. – Emblematidingten Rückkehr in den Priesterstand in ker, Verfasser von Werken zur politischen Augsburg, einer neuen Flucht 1793 u. einem Theorie. misslungenen Versuch, im revolutionären B. entstammte einer Breslauer PatrizierfamiFrankreich als Maschinenbauer oder Geistli- lie. Als Hofmeister junger schles. Adliger cher Fuß zu fassen, kehrte B. 1794 nach Zü- führte ihn eine akadem. Reise 1615–1618 u. a. rich zurück u. trat in die Redaktion der nach Straßburg. 1620 arbeitete er als ge»Zürcher Zeitung« ein. Schon 1796 erschien schworener Advokat beim Breslauer Rat, in Zürich der erste Band (von später drei) später als Inspektor u. Kassierer der Kamseines aufsehenerregenden Leben, von ihm mergüter in Cosel. selbst beschrieben, das als bedeutsames Zeitbild Mit seinen als Autograf u. im Druck überzu gelten hat. lieferten Decades duae Anagrammatvm et EmbleNach dem polit. Umsturz in der Schweiz matum (Straßb. 1615), die er seinem Gönner wurde B. 1799 vom helvet. Unterrichtsmi- Andreas von Kochtitzky widmete, kombinister Philipp Albert Stapfer zum Kanzleichef nierte B. erstmalig Anagramm u. Emblem u.
Bruckbräu
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schuf das älteste panegyr. Emblembuch. Seine Emblemata moralia et bellica (Straßb. 1615) versammeln allg. Lebensregeln sowie polit. u. militär. Handlungsanweisungen. Die lat. Epigramme wurden auch ins Französische u. Deutsche übertragen. Die Kaiser Matthias gewidmeten Emblemata politica (Straßb./Köln 1618. Neudr. hg. v. Carsten-Peter Warncke. Hildesh. 2004) gehören zu den am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges unternommenen Bemühungen späthumanistischer Gelehrter, zwischen den Parteien im Reich einen polit. Ausgleich herbeizuführen. Da das Werk bereits 1612 im Manuskript vorlag, kann es als das früheste polit. Emblembuch gelten. Weitere Werke: Epigrammata. Görlitz 1607. – Oratio de studio juris. o. O. [Heidelb.?] 1608. – Ars et Mars. Brieg 1612. Straßb. 21616. – Princeps Plinianus. Straßb. 1616. – Acclamationes votivae. Breslau 1622. Literatur: Arthur Henkel u. Albrecht Schöne (Hg.): Emblemata. Stgt. 21978. – Franz Heiduk: Oberschles. Lit.-Lexikon. Bln. 1990–2000. Bd. 1, S. 47; Bd. 3, S. 256 f. – Michael Schilling: J. v. B. u. seine Emblembücher. In: Die oberschles. Literaturlandschaft im 17. Jh. Hg. Gerhard Kosellek. Bielef. 2001, S. 135–156. – Ders.: Handschrift u. Druck, Anagramm u. Emblem. In: Polyvalenz u. Multifunktionalität der Emblematik. Hg. Wolfgang Harms u. Dietmar Peil. Bd. 2, Ffm. u. a. 2002, S. 753–772 (mit Angabe der älteren Lit.).
übersetzte er u. a. George Sand u. Alexandre Dumas. B.s selbständige literar. Produktion war äußerst vielseitig, reichte aber über reine Brotarbeit nicht hinaus. Neben einem Gebetbuch (Der Geist des heiligen Paulus. Sulzbach 1825), Dramen, Gelegenheitsgedichten u. humorist. Erzählungen publizierte er v. a. schlüpfrig-erot. Romane (u. a. Rosa’s Gardinenseufzer, nachgehaucht. 2 Bde., Mchn. 1832) im Stil des frz. Rokoko, die von den Zeitgenossen durchwegs abfällig aufgenommen wurden. Auch als Herausgeber u. Publizist trat B. hervor: 1824–1828 war er Redakteur der »Eos. Blätter für Literatur und Kunst« u. gründete 1829 den »Bayerischen Beobachter« sowie das »Münchner Konversationsblatt«. Weitere Werke: Mittheilungen aus den geheimen Memoiren einer dt. Sängerin. 2 Bde., Stgt. 1829 (R.). – Der Papst im Unterrocke (zum PäpstinJohanna-Motiv). 2 Bde., Mchn. 1832. – Eichenkrone. Mchn. 1833/34. 2. Aufl. u. d. T. Erzählungen, Novellen u. Sardellen. Mchn. 1838. – Burg Schwaneck u. Meister Schwanthaler (zus. mit Ludwig v. Schwanthaler). Augsb. 1853 (N.). Literatur: Carl-Ludwig Reichert: ›Für Völkerglück glühet mein Herz ...‹: F. W. B. u. sein Münchener Conversations-Blatt 1832. Mchn. 1989. Bernhard Graßl / Red.
Michael Schilling
Brucker, Johann Jakob, Jacob, * 22.1.1696 Augsburg, † 26.11.1770 Augsburg. – Bruckbräu, Friedrich Wilhelm, auch: BaHistoriker der Philosophie. ron Belial, * 14.4.1792 München, † 23.12. 1874 München; Grabstätte: ebd., Alter B. ist der wichtigste Historiker der PhilosoSüdlicher Friedhof. – Übersetzer, Her- phie im 18. Jh. Er stammte aus kleinen Verausgeber, Publizist u. Erzähler. hältnissen in Augsburg u. studierte von 1715 Nach einem Philosophiestudium in Landshut schlug B. 1810 – wie schon sein Vater – eine Zollamtslaufbahn ein, auf der er es 1833 bis zum Hauptzollamtsverwalter in Burghausen brachte. 1843 kehrte er als Pensionist nach München zurück. Bedeutung erlangte B. v. a. als Übersetzer der Canzonen u. Sonette Petrarcas (Sämmtliche italienischen Gedichte. 4 Bde., Mchn. 1827) sowie von Miltons Verlorenem Paradies (6 Bde., Mchn. 1828). Als Herausgeber der Sammlung Das belletristische Europa (Mchn. 1844 ff.)
bis 1720 an der Universität Jena Theologie. Dort wurde er von Johann Franz Budde in die Philosophie- u. Theologiegeschichte eingeführt. 1720–1724 widmete er sich in Augsburg histor. Studien, ehe er 1724 Pfarrer in Kaufbeuren wurde. Nach 20 Jahren Pfarramt in Kaufbeuren kehrte B. nach Augsburg zurück, war zunächst Pfarrer an der evang. Kirche zum Heiligen Kreuz, von 1757 bis zu seinem Tode im Jahre 1770 Pfarrer an St. Ulrich. B. war seit 1731 Mitgl. der Berliner Akademie der Wissenschaften, seit 1736 von Gottscheds »Deutscher Gesellschaft« in Leipzig, seit 1743 der lat. Gesellschaft in Jena.
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1742 lehnte er einen Ruf Friedrichs II. an die Universität Halle ab. B. schrieb, Augsburger Patriot, der er war, u. a. Artikel über die Geschichte des Buchdrucks in Augsburg, die Geschichten verschiedener Augsburger Kirchen u. edierte die Autobiografie des Augsburger Philologen Hieronymus Wolf. In den letzten Jahren seines Lebens gab er die Bände 12–19 eines großen annotierten Bibelwerkes heraus: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nebst einer vollständigen Erklärung derselben (19 Bde., Lpz. 1757–70). Er starb, auch hierin typisch für einen Polyhistor, infolge eines Sturzes von der Leiter seiner Bibliothek. B.s erstes großes philosophiehistor. Werk, Historia Doctrinae de Ideis (Augsb. 1723), steht noch ganz in der unmittelbaren Tradition des Jenenser Eklektizismus. Hier legte er die Grundlagen zu seinen späteren philosophiehistor. Arbeiten u. sprengte den seit der Renaissance kanon. Zusammenhang von Plato u. antikem Neuplatonismus endgültig u. nachhaltig. Die Kurtzen Fragen aus der philosophischen Historie, die in Ulm zwischen 1731 u. 1737 in sieben Bänden erschienen, bilden die Vorlage der späteren lat. Philosophiegeschichte. Von diesem Werk erschien alsbald ein Auszug aus den kurtzen Fragen zur philosophischen Historie (zuerst Ulm 1736). Auf Drängen der gelehrten Welt, wie er selbst schreibt, übersetzte u. bearbeitete er seine ausführl. Kurtzen Fragen in lat. Sprache. Die Historia Critica Philosophiae wurde die umfassendste Philosophiegeschichte des 18. Jh. Das Werk erschien in Leipzig zuerst 1742–1744 in fünf Quartbänden u. wurde 1767 neu aufgelegt. (Nachdr. Hildesh. 1975). Die Historia fasste die philosophiegeschichtl. Kenntnisse ihrer Zeit zusammen u. zeigt eindrucksvoll die Gelehrsamkeit der eklekt. Schule. Ihr Konzept war durchaus doppeldeutig: Sie betrachtete die verschiedenen philosoph. Systeme u. Entwürfe als histor. »Meinungen«, deren Wahrheitswert mit ihrer Geschichtlichkeit vergehe. Die eigentl. Wahrheit finde sich in der Hl. Schrift; die vergängl. Meinungen der Philosophen seien Gegenstand der Geschichtsschreibung. Deshalb verstand sich B. hier als Historiker, nicht als Philosoph u. schon gar nicht als Theologe;
Brucker
Aufgabe der Philosophiegeschichte war für ihn die treue Rekonstruktion der Überlieferungsgeschichte der Philosophie. B.s Historia wirkte kanonbildend; z.B. wurde Giordano Bruno erst durch B. in seine heutige philosophiehistor. Position gerückt. Auch die Lücken sind bezeichnend für die protestant. Gelehrsamkeit des 18. Jh.: Das MA u. die Scholastik sind stiefmütterlich behandelt, dasselbe gilt verstärkt für die kath. Schulphilosophie des 17. u. 18. Jh. Auch die Historia erschien bald in Kurzform: Als Institutiones historiae philosophiae (1747. 1756. 1790) wurde sie das maßgebliche philosophiegeschichtl. Lehrbuch im 18. Jh. Die Wirkung der Historia ist beträchtlich. Die philosoph. Artikel in Zedlers Universallexikon sind B. verpflichtet. Diderot hat B. für seine philosophiegeschichtl. Artikel in der Encyclopédie benutzt. Ohne B. sind die spekulativen Philosophiegeschichten des Idealismus von Tennemann bis Hegel nicht denkbar, das gilt gerade dann, wenn sie sich von ihm kritisch absetzen. Der Pantheismusstreit um Spinoza u. Bruno zwischen Jacobi u. Schelling ist mit Zitaten aus B. geführt worden. B. hat mit seinem philosophiegeschichtl. Konzept die Rolle der Philosophiegeschichte bis heute kategorial u. institutionell geprägt. Literatur: Bibliografie: Helmut Zäh. Verz. der Schr.en J. B.s. In: Schmidt-Biggemann/Stammen 1998 (s. u.), S. 259–355. – Weitere Titel: Lucien Braun: Histoire de l’Histoire de la Philosophie. Zuerst Paris 1973. Dt.: Gesch. der Philosophiegesch. Übers. v. Franz Wimmer. Mit einer neuen Einl. des Autors. Bearb. u. mit einem Nachw. vers. v. Ulrich Johannes Schneider. Darmst. 1990. – Mario Longo: Storia Critica Della Filosofia e primo Illuminismo. Jakob B. In: Storia delle storie generali della Filosofia. Hg. Giovanni Santinello. Bd. 2, Brescia 1979, S. 527–635. – Ders.: Historia philosophiae philosophica. Teorie e metodi della storia della filosofia tra seicento e settecento. Mailand 1986. – Wilhelm Schmidt-Biggemann u. Theo Stammen (Hg.): J. B. (1696–1770), Philosoph u. Historiker der europ. Aufklärung. Bln. 1998. Wilhelm Schmidt-Biggemann
Bruckner
Bruckner, Ferdinand, eigentl.: Theodor Tagger, * 26.8.1891 Sofia/Bulgarien, † 5.12.1958 Berlin/West; Grabstätte: Berlin, Friedhof Heerstraße. – Dramatiker, Theaterleiter. Der Fabrikantensohn B. studierte 1909–1912 in Paris u. Wien ohne Abschluss Musik, Philologie, Medizin u. Jura. Seit 1911 publizierte er unter seinem Geburtsnamen Theodor Tagger in expressionist. Zeitschriften u. Verlagen, arbeitete als Lektor in Berlin u. gab 1917/18 die Zeitschrift »Marsyas« heraus. Seit 1920 Dramaturg, gründete er 1923 das Berliner Renaissance-Theater. 1927 übernahm er die Leitung des Theaters am Kurfürstendamm. Unter dem Pseudonym Ferdinand Bruckner, das er erst 1930 auflöste, feierte er seit 1928 große Bühnenerfolge. 1933 kehrte B. nach Österreich zurück, ging noch im selben Jahr nach Frankreich ins Exil, 1936 in die USA. 1938 übernahm er gemeinsam mit Oskar Maria Graf den Vorsitz der German American Writers Association, 1941 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des European PEN in America, Ende 1944 rief er mit Wieland Herzfelde u. a. den Aurora-Verlag ins Leben. 1951 kehrte er nach Berlin zurück u. war seit 1953 Dramaturg am Schiller-Theater u. am Schlosspark-Theater. Sein Nachlass befindet sich im Literaturarchiv der Akademie der Künste in Berlin. B. gehört als Autor zeitdiagnostischer Dramen u. durch die Anwendung neuer szen. Techniken zu den bedeutendsten Bühnenschriftstellern der Weimarer Republik u. des Exils. In Krankheit der Jugend (Urauff. Hamburg 1926. Ersch. Bln. 1928. Zuletzt Wien [1977]) gibt er ein Psychogramm der jungen Generation, die nach dem Zusammenbruch bürgerlicher Wertvorstellungen im Ersten Weltkrieg in eine existentielle Krise u. Verunsicherung geraten war; die Flucht aus der Realität führt zu sexualpathologischem Verhalten oder Selbstdestruktion. Dem zwischen grell-naturalist. Effekten u. Melodramatik schwankenden, im Ganzen aber formkonventionellen Stück folgte mit Die Verbrecher (Urauff. Dt. Theater Berlin 1928. Ersch. Bln. 1929) das erste der Dramen, in denen B. von einer Simultanbühne Gebrauch machte u.
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zudem auch filmdramaturg. Mittel für das Theater adaptierte: In mehreren parallellen, auf die Bewohner eines Berliner Mietshauses zentrierten Handlungssträngen wird die Willkür der Justiz nach dem Ersten Weltkrieg angeprangert. Bereits im Exil entstand Die Rassen (Urauff. Schauspielhaus Zürich 1933. Ersch. ebd. 1934), eine wieder im student. Milieu angesiedelte Anklage gegen den rassenideolog. Terror. Seit Beginn der 1930er Jahre verfasste B. neben Zeitstücken auch histor. Dramen: In dem Welterfolg Elisabeth von England (Urauff. Dt. Theater Berlin 1930. Ersch. ebd. 1930. Stgt. 1983) zeichnete er eine psychoanalytisch fundierte Charakteristik der Titelfigur u. arbeitete den Antagonismus zwischen ihr u. Philipp von Spanien durch die Simultantechnik heraus. Die im Exil entstandenen, formal weniger ambitionierten, von politischer Wirkungsabsicht bestimmten Geschichtsdramen Napoleon I. (Urauff. Prag 1937. Ersch. Basel 1937) u. Simon Bolivar (New York 1945) setzen sich überwiegend mit durch den Nationalsozialismus aufgeworfenen Fragen von politischer Macht u. gesellschaftl. Freiheit auseinander. Der Versuch B.s, nach Ende des Zweiten Weltkriegs das Konzept einer psychologischgesellschaftsanalyt. Zeitdramatik weiterzuführen (Früchte des Nichts. Unveröffentlicht, entstanden 1949–51), fand keine Resonanz, ebenso wenig sein Rückzug auf klassizist. Formstrenge im Spätwerk. Weitere Werke: Der Herr in den Nebeln. Bln. 1917 (L.). – Die Vollendung eines Herzens. Bln. 1917. Bergisch Gladbach 1988 (N.). – Das neue Geschlecht. Programmschr. gegen die Metapher. Bln. 1917. – Der zerstörte Tasso. Lpz. 1918 (L.). – 1920 oder die Kom. vom Untergang der Welt. Ein Zyklus. Bln. 1920 (D.). – Mussia. Erzählung eines frühen Lebens. Amsterd. 1935. Ffm. 1981. – Dramen unserer Zeit (Die Befreiten. Denn seine Zeit ist kurz). Zürich 1945. – Des Sheriffs Hunde. Negersongs aus Amerika. Hg. u. Nachw. v. Walther Huder. Bln. 1970. – Übersetzungen: Psalmen Davids. Bln. 1918. – Blaise Pascal: Größe u. Nichtigkeit des Menschen. Mchn. 1918. Zürich 1990. Ausgaben: Wissenschaftliche Ausgabe: Werke, Tagebücher, Briefe. Bln. 2003 ff. – Auswahlausgabe: Dramat. Werke. 2 Bde., Wien 1947/48. – Schausp.e. Nach histor. Stoffen. Köln/Bln. 1956.
221 Literatur: Christiane Lehfeldt: Der Dramatiker F. B. Göpp. 1975. – Doris Engelhardt: F. B. als Kritiker seiner Zeit. Standortsuche eines Autors. Diss. Aachen 1984. – Karin Hörner: Möglichkeiten u. Grenzen der Simultandramatik unter bes. Berücksichtigung der Simultandramen F. B.s. Ffm. 1999. – Ingrid Reul: Aktualität u. Tradition. Studien zu F. B.s Werk bis 1930. Hbg. 1999. Ernst Fischer / Ralf Georg Czapla
Bruckner, Karl, * 9.1.1906 Wien, † 25.10. 1982 Wien; Ehrengrabstätte: ebd., Zentralfriedhof. – Autor von Kinder- u. Jugendbüchern. Ohne Schulabschluss, nach Gelegenheitsarbeiten, mehrjährigem Brasilienaufenthalt (1934–1936 oder 1938) u. wechselnden Tätigkeiten nahm B. als Meldefahrer am Zweiten Weltkrieg teil. In den ersten Nachkriegsjahren arbeitete B. zunächst als Nachtarbeiter in einer Druckerei, danach als Journalist für verschiedene Wiener Zeitungen, ab 1950 als freier Autor. Mit dem Jugendbuch Die Spatzenelf (Wien 1949. Neuausg. 2000) wurde B. zu einem der Begründer der modernen österr. Jugendliteratur. Lektüreerfahrungen (z.B. in freien Nacherzählungen Tom Sawyers lustige Streiche u. Huckleberry Finn), Autobiografisches u. aktuelle Themen (z.B. Literarisierung der Schmutz- u. Schund-Debatte in den ScarleyBänden) fanden Eingang in seine von Friedenswillen u. sozialem Engagement getragenen Jugendromane. International bekannt wurde sein pazifistisches Kinderbuch Sadako will leben (Wien 1961. 151994. Würzb. 2006), das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde u. 2000 erstmals in Japan erschienen ist. Neben romanhaft aufbereiteten zeitgeschichtl. Konflikten – z.B. in Tuan im Feuer (Wien 1977) – entwickelte B. einen neuen Typus dokumentarisch-erzählender Jugendsachbücher, zu dem auch Der goldene Pharao (Wien 1957. Wien/Mchn. [1978]) zählt. Für seine ungefähr 30 Kinder- u. Jugendbücher wurde B. vielfach ausgezeichnet (u. a. mit dem Österreichischen Staatspreis 1956 u. 1961 u. dem Goldenen Ehrenzeichen für die Verdienste um die Republik Österreich 1982). Weitere Werke: Giovanna u. der Sumpf. Wien 1953 (R.). – Der Weltmeister. Wien 1956. – Lale, die
Bruder Rausch Türkin. Wien 1958. – Viva Mexiko. Wien 1959. – Mann ohne Waffen. Wien 1967. – Yossi u. Assad. Wien 1971. – Der Sieger. Wien 1973. Literatur: Richard Bamberger (Hg.): K. B. Leben u. Werk. Wien 1966. – K. B. In: Jugendschriftsteller dt. Sprache. Hg. R. Bamberger. Wien 1980. – Ernst Seibert: K. B. Wiederentdeckung eines Klassikers. In: Tausend u. ein Buch 3 (1993), S. 28 f. – Hermann Schreiber: Über K. B. In: Lit. u. Kritik H. 351/352, 3 (2001), S. 103–110. – Sabine Fuchs u. Peter Schneck (Hg.): Der vergessene Klassiker. Leben u. Werk K. B.s. Wien 2002. – Katrin Wexberg: Verschriftlichte Heimat? K. B. – ein österr. Kinder- u. Jugendbuchautor im Spannungsfeld zwischen Lit. u. Gesellsch. Wien 2007. Birgit Dankert / Sabine Fuchs
Bruder Hans ! Hans, Bruder Bruder Hermann ! Hermann, Bruder Bruder Philipp ! Philipp, Bruder Bruder Rausch, Erstdruck um 1488. – Spätmittelalterliche Teufelserzählung. Der Verfasser der urspr. niederdeutschen (Erstdruck: Joachim Westfal von Stendal), seit dem frühen 16. Jh. auch in zahlreichen hochdt. Drucken sowie einem niederländ. Druck verbreiteten Dichtung ist nicht bekannt. Sie geht auf ein Exemplum in dem wohl zisterziensischen Prosatraktat Die heilige Regel für ein vollkommenes Leben aus der zweiten Hälfte des 13. Jh. zurück, das vom unheilvollen Wirken des Teufels in einem Kloster erzählt: Er verdingt sich als Klosterkoch, zerstört den klösterl. Frieden, verführt die Mönche zur Missachtung ihrer Fastengebote u. ihrer Regeln, bis es dann doch noch gelingt, ihn zu entlarven u. zu vertreiben. Im B. R. ist der Aufbau des Exemplum bewahrt, wird jedoch durch verschiedene Zusätze erweitert, die ihn einer Schwankerzählung annähern: Die Mönche werden nicht nur generell zum Bösen, sondern gezielt zur Unzucht verführt. Bruder Rausch macht sich bei Abt u. Mönchen v. a. durch seine guten Dienste beliebt, ihnen »vrowelin fin« zur Befriedigung ihrer Lust zuzuführen. Die traditionelle Rolle des Teufels als »Zwietrachtstifter« (= diabolus) tritt hier bes. deutlich
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zutage; er schürt den wechselseitigen Neid log. Tätigkeit hinaus wurde er mit seiner der Mönche, hetzt sie aufeinander u. ver- Übersetzung von Francis Bacons theoretischafft ihnen auch noch die Knüppel zum schem Hauptwerk Novum organum scientiarium Kampf. Die burleske Szene ist im Ulenspiegel- (1620) u. d. T. Neues Organ (Lpz. 1830. Neudr. Buch (Historie 89) aufgenommen u. modifi- Darmst. 1963) bekannt. Daneben schrieb er Artikel über Themen allgemeinen Interesses ziert worden. Die Fortsetzung des Exemplum verwendet wie Das Alter u. Lachen und Weinen u. verfasste Motive der Zeno-Legende: Der Teufel wird eine Reihe biografischer Artikel, u. a. über entmachtet, u. Bruder Rausch wandelt sich Goethe u. Shakespeare. In diesen sowie in den zum starken Helfer des Abts, der einen riesi- Balneologischen Aphorismen (Osnabr. 1863) ergen Haufen Blei zum Decken des Kloster- weist sich B. als Typus des belesenen Schriftdachs im Fluge befördert, auch den Abt selbst stellers, der seine Inhalte stets in die Form von England ins »Sassen lant« trägt usw. Der einlenkender Besinnung zu bringen wusste. Erzähltypus vom Teufel als Koch u. als eifriWeiteres Werk: Wiederkehr. Lpz. 1876 (L.). ger, allerdings recht tölpelhafter, MuskelLiteratur: August Hirsch: A. T. B. In: Biogr. protz wirkt ebenso komisch wie bedrohlich. Lexikon der hervorragendsten Ärzte aller Zeiten u. Das lebhafte Interesse am B. R. im 16./17. Jh. Völker. Bd. 2, Bln./Wien 1929. ist wohl auf diese Verschränkung unterWolfgang Leierseder / Red. schiedlicher Erzählformen u. -zwecke zurückzuführen. Brück, Christa Anita, eigentl.: Christa Ausgaben: B. R. In: Felix Bobertag (Hg.): Narrenbuch. Bln./Stgt. 1884, S. 368–381. – B. R. Faks.Ausg. des ältesten niederdt. Druckes (A). Eingel. u. mit einer Bibliogr. vers. v. Robert Priebsch. Zwickau 1919. Literatur: Johannes Bolte: Der Teufel in der Kirche. In: Ztschr. für vergleichende Literaturgesch. N. F. 11 (1897), S. 249–260. – Heinrich Anz: Broder Rusche. In: Nd. Jb. 24 (1898), S. 76–112. – Dieter Harmening: B. R. In: VL. – Werner Röcke: Die Freude am Bösen. Studien zu einer Poetik des dt. Schwankromans im SpätMA. Mchn. 1987, S. 143–153. – Willy Diercks: Niederdt.-dän.schwed. Übersetzungslit. Ein linguist. Strukturvergleich anhand der Schwankgesch. vom ›B. R.‹. In: Niederdeutsch in Skandinavien IV. Hg. Hubertus Menke u. a. Bln. 1993, S. 68–90. – Johannes Melters: ›ein frölich gemüt zu machen in schweren zeiten ...‹ Der Schwankroman in MA u. Früher Neuzeit. Bln. 2004, S. 140–148, passim. Werner Röcke / Red.
Brück, Anton (Theobald), * 29.9.1798 Osnabrück, † 22.7.1885 Osnabrück. – Übersetzer u. Gelegenheitsschriftsteller. Nach dem Studium der Medizin u. Reisen nach Russland u. Dänemark wurde B. 1828 Dozent in Göttingen. 1829 erhielt er den einträgl. Posten eines Brunnenarztes in Driburg, den er bis ins hohe Alter innehatte. Über seine in Fachkreisen beachtete balneo-
Jaab, später: Christa Ladisch, * 9.6.1899 Liegnitz, † 22.2.1958 Königstein/Taunus. – Verfasserin von Angestelltenromanen. Über den Lebensweg von B. ist nicht viel bekannt. Die Tochter eines Postbeamten absolvierte eine kaufmännische Ausbildung u. arbeitete anschließend als Stenotypistin u. Sekretärin in Berlin. Anfang der 1930er Jahre trat sie erstmals als Schriftstellerin in Erscheinung. In ihrem Roman Schicksale hinter Schreibmaschinen, der 1930 in Berlin erschien u. als einer der meistgelesenen Romane des Jahres rasch eine Neuauflage erlebte, schilderte sie die Geschichte einer um berufl. Aufstieg u. Anerkennung kämpfenden weibl. Angestellten. Kurt Tucholsky, der das Buch 1930 in der »Weltbühne« rezensierte, verwies in seiner Besprechung auf die Untersuchungen, die Siegfried Kracauer ein Jahr zuvor zur Bewusstseinslage der Angestellten veröffentlicht hatte, u. schrieb: »Diese Angestelltengeschichte ist ein Schmarrn. Aber es ist gut, die Nase in so etwas hineinzustecken – man lernt viel. Ein Hilfsmittelchen, die Seele der Angestellten zu erkennen.« Nach 1933 gehörte B.s Roman zu den Büchern, die bei der »Säuberung der Volksbüchereien« offiziell entfernt wurden.
223 Weitere Werke: Ein Mädchen mit Prokura. Hbg. 1932. – Der Richter v. Memel. Bln. 1933. – Die Lawine. Bln. 1941. Peter König / Red.
Brückner, Christine, geb. Emde, * 10.12. 1921 Schmillinghausen/Waldeck, † 21.12. 1996 Kassel. – Verfasserin von Romanen, Erzählungen u. Theaterstücken insbes. zu Frauenthemen. Die Pfarrerstochter besuchte das Gymnasium in Arolsen u. Kassel (Abitur 1943). Während der Kriegsjahre wurde sie u. a. in einem Generalkommando in Kassel u. als Buchhalterin in einem Flugzeugwerk in Halle dienstverpflichtet. Nach dem Krieg legte sie in Stuttgart ihr Examen als Diplombibliothekarin ab. Sie studierte Germanistik, Kunstgeschichte u. Psychologie in Marburg u. schrieb für die »Frauenwelt« in Nürnberg. Seit 1960 lebte sie in Kassel, ab 1967 zus. mit ihrem zweiten Mann u. Schriftstellerkollegen Otto Heinrich Kühner, mit dem sie auch mehrere gemeinsame Werke verfasste. Das Paar gründete 1984 die Stiftung Brückner-Kühner, die seit 1985 den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor vergibt u. heute als Literaturzentrum u. a. den Nachlass der Autorin zugänglich macht. B. gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Bundesrepublik Deutschland. Etliche ihrer Bücher erzielten Millionenauflagen. Das ihr häufig mit negativem Beigeschmack zugewiesene Etikett der Unterhaltungsliteratur trifft nur bedingt zu. Vielmehr sind Sinnstiftung, Moral u. auch Trost in der durchaus auch unterhaltsamen Behandlung elementarer menschl. Themen insbes. aus der Frauenperspektive zentrale Anliegen. Sie gründen im protestant. Weltbild der Autorin. Gleich der erste Roman Ehe die Spuren vergehen (Gütersloh 1954) wurde ein großer Erfolg, der B. in den folgenden Jahren die Existenz einer freien Schriftstellerin ermöglichte. Das Manuskript gewann einen von Bertelsmann ausgelobten Wettbewerb, erzielte bereits im ersten Jahr eine Auflage von 376.000 u. wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Erzählt wird die Bewältigung der Lebenskrise eines Mannes, der ohne eigenes Verschulden in den Unfalltod einer jungen
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Frau verwickelt wird. Danach veröffentlichte B. eine Reihe weiterer Romane, die aus der Perspektive der Frau v. a. Probleme von Liebe, Ehe u. Partnerschaft thematisieren u. Möglichkeiten der weibl. Selbstverwirklichung durchspielen. 1975 erschien ihr ebenfalls sehr erfolgreicher Roman Jauche und Levkojen (Ffm./Bln. Zuletzt Bln. 292005), der mit seinen Fortsetzungen Nirgendwo ist Poenichen (Ffm./Bln. 1977. Bln. 252006) u. Die Quints (Ffm./Bln. 1985. Bln. 152006) zur sog. Poenichen-Trilogie gehört. Auf annähernd 1000 Seiten wird in einem deutlich an Fontane geschulten Stil die Lebensgeschichte der Maximiliane von Quindt erzählt, die 1918 als Enkelin eines landadligen Gutsbesitzers in Hinterpommern zur Welt kam. Der Erfolg bes. der ersten beiden Bände lässt sich u. a. damit erklären, dass hier im Rückgriff auf bekannte Erzählschemata Geschichte u. Leistung der Frauengeneration gestaltet werden, die sich unter den Bedingungen von Krieg, Vertreibung u. Wiederaufbau zu bewähren hatte. Selbstverständlich hat auch die Verfilmung in einer Vorabendserie des WDR erheblich zur Popularität beigetragen. Die Monologe Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen (Hbg. 1983. Bln. 22005) erzielen nicht nur ebenfalls hohe Auflagen u. erfahren Übersetzungen in zahlreiche Sprachen; sie begründen auch B.s Erfolg als Theaterautorin, da sie zu den meistgespielten zeitgenöss. Theaterstücken gehören. In ernstem bis heiterem Ton sprechen sich hier historische u. fiktive Frauengestalten der abendländ. Kulturgeschichte aus – von Klytämnestra über Christiane von Goethe bis Gudrun Ensslin. Neben ihrem Erzählwerk veröffentlichte B. auch autobiogr. Aufzeichnungen, Hörspiele u. Kinderbücher. Im Ullstein-Verlag ist eine 20-bändige Werkausgabe erschienen. Weitere Werke: Katharina u. der Zaungast. Gütersloh 1957 (R.). – Die Zeit danach. Ffm./Bln. 1961. Mchn. 2000 (R.). – Letztes Jahr auf Ischia. Ffm./Bln. 1964 Bln. 1997 (R.). – Das glückl. Buch der a. p. Ffm./Bln. 1970. Ffm. 1996 (R.). – Überlebensgesch.n. Ffm./Bln. 1973 (E.). – Das eine sein, das andere lieben. Ffm./Bln. 1981. Bln. 1998 (R.). – Mein schwarzes Sofa. Aufzeichnungen. Ffm./Bln. 1981. – Die letzte Strophe. Ffm./Bln. 1989. Bln.
Brückner 1999 (R). – Die Stunde des Rebhuhns. Aufzeichnungen. Ffm./Bln. 1991. – Lieber alter Freund. Briefe. Stgt. 1992. – Früher oder später. Ffm./Bln. 1994. Mchn. 2000 (R). Literatur: Gunter Tietz (Hg.): Über C. B. Ffm./ Bln. 1988. – C. B. Leben u. Werk. Ffm./Bln. 1994. – Karin Müller: ›Das Leben hält sich oft eng an die Literatur‹. Die Archetypen in den Poenichen-Romanen C. B.s. Glienicke/Bln. 2000. – Friedrich W. Block (Hg.): ›Der einzige funktionierende Autorenverband‹. C. B. u. Otto Heinrich Kühner. Kassel 2007. Peter König / Friedrich W. Block
Brückner, Ernst Theodor Johann, * 13.9. 1746 Neetzka/Mecklenburg-Strelitz, † 29.5.1805 Neubrandenburg. – Evangelischer Geistlicher; Lyriker u. Dramatiker. Der Sohn des Pfarrers Christoph Adam Brückner u. der Sophia Brückner, Tochter des Superintendenten Trendelenburg in Neubrandenburg, wuchs in Neetzka, später in Golm u. Kublank auf. Das Pfarrhaus prägte früh die Neigung des Kindes »fürs Geistliche«. Seit 1752 erhielt B. mit seinem Bruder in Kublank Privatunterricht, 1760–1763 besuchte er die Lateinschule in Neubrandenburg, danach bis 1765 das Joachimsthalsche Gymnasium in Berlin. Im Sept. 1765 schrieb er sich in Halle als Theologiestudent ein. 1770 war er zunächst Hofmeister u. Pfarrvertreter in Wesenberg; im Frühjahr 1771 wurde er zum Pfarrer in Groß-Vielen gewählt, wo er die Tochter seines Amtsvorgängers heiratete. 1789 wurde er Pastor in Neubrandenburg, 1801 Hauptpastor. 1772 veröffentlichte B. anonym ein bürgerl. Trauerspiel (Emilie Blondville) u. zwei Nachspiele (Kalliste, Der Enterbte). Die Tugendempfindsamkeit Richardsons u. das rührende Lustspiel von Gellert u. Weiße waren Vorbilder der Stücke. Vom Schreiben weiterer Dramen brachte Heinrich Christian Boie B. durch scharfe Kritik ab. B.s Gedichte, Epigramme u. Idyllen wurden seit 1773 v. a. im »Göttinger Musenalmanach« u. im »Vossischen Musenalmanach« veröffentlicht; in der 1803 viel zu spät erschienenen Sammlung Gedichte (Neubrandenburg) fehlen viele in den 1770er Jahren publizierte Gedichte; was aufgenommen wurde, war meist überarbeitet worden.
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Durch seine Predigtbücher, die B. als Anhänger der neolog. Aufklärungstheologen Johann Salomo Semler (dessen Schüler er in Halle gewesen war), August Heinrich Wilhelm Sack, Wilhelm Abraham Teller u. Johann Joachim Spalding ausweisen, wurde er nicht nur beim Mecklenburger Laienpublikum beliebt. Seine populären Predigten, die mehrere Auflagen erreichten, wurden mit Johann Martin Millers Predigten für das Landvolk verglichen. B. arbeitete auch an Campes Erziehungsschriften (1778) sowie an dessen Kleiner Kinderbibliothek (1779) mit u. setzte sich für die Pädagogik der Philanthropen ein. B.s bescheidenes literar. Ansehen beruhte v. a. auf seiner Zugehörigkeit zum Göttinger Hainbund, der ihn auf Voß’ Antrag im Nov. 1772 aufnahm. Sein Bundesname war »Mannobard« oder »Cilyn«. Voß war 1769 als Hauslehrer der Familie von Oertzen nach Ankershagen gekommen. Im nahe gelegenen Groß-Vielen lernte er 1771 B. kennen. Ihre Freundschaft hielt zeit ihres Lebens. Die Göttinger Briefe des Studenten Voß an B. sind bedeutende Zeugnisse der Geschichte des Hainbundes. War zunächst der ältere B. der Gebende u. Voß der Nehmende, so kehrte sich das Verhältnis später um. Als »korrespondierendes Mitglied« versuchte B. das poet. Programm des Bundes in Mecklenburg zu verbreiten. Klopstocks Messias (1748–73) auf der einen Seite, die Sozialkritik des Bundes auf der anderen bestimmten seine Gedichte. In seinen Patriarchalischen Idyllen u. den Kinderidyllen (In: Gedichte. Neubrandenburg 1803) übernahm er Motive u. Schäferkolorit von Gessner – religiöse Hymnik u. moral. Tendenz traten hinzu. B. lehnte die Esoterik der Klopstock-Ode ab. In »natürlicher Sprache« wollte er eine wirksame Poesie schreiben. Sein gutes Einvernehmen mit Nicolai erweist ihn trotz der Bundes-Mitgliedschaft als Aufklärer. Weitere Werke: Etwas für die teutsche Schaubühne. Brandenburg 1772. – Predigten für Ungelehrte. Neubrandenburg 1778/79. 21783. – Predigten über die gewöhnl. Evangelien der Sonn- u. Festtage des ganzen Jahres. Lpz. 1786. 31795. – Predigten über die Sonn- u. Festtags-Episteln. Schwerin u. Wismar 1792/93.
225 Literatur: Gustav Lampe: E. T. J. B. (1746–1805) u. der Göttinger Dichterbund. In: Mecklenburg-Strelitzer Geschichtsbl. 5 (1929), S. 39–105. – Ernst Metelmann: E. T. J. B. u. der Göttinger Dichterbund. Ungedr. Briefe u. Hss. In: Euph. 33 (1932), S. 341–420. Neudr.: Zur Gesch. des Göttinger Dichterbundes 1772–74. Stgt. 1965. – Peter Maubach: E. T. J. B. (1746–1805). In: Mecklenburg-Strelitz. Beiträge zur Gesch. einer Region. Bd. 2, Friedland 2002, S. 434–438. – Paul Kahl: Das Bundesbuch des Göttinger Hains. Ed. – Histor. Untersuchung – Komm. Tüb. 2006, S. 388–390. Gerhard Sauder
Brückner, Johann Jakob, * 20.9.1762 Leipzig, † 22.1.1811 Leipzig. – Jurist, Verfasser von Ritter- u. Schauerromanen.
Brües
lender. Zumindest ein Jahr war er Redakteur des Merseburger Wochenblattes »Orpheolyra« (1. Jg., 1808). Eingehende Untersuchungen zu B.s Leben u. Werk fehlen, von beiläufigen Bemerkungen in Werken zur Ritter-, Räuber- u. Schauerromantik abgesehen. Weitere Werke: Kabalen des Schicksals. 6 Bde., Lpz. 1798–1806 (E.). – Der Bastard [...]. 2 Bde., Fürth 1799 (R.). – Meine Reisen durch die Palläste der Freude u. Gemächer des Wohlseyns. 2 Bde., Lpz. 1799. 31830 (R.). – Gedichte. Lpz. 1805. – Graf Robert u. sein Freund St. Michel. 2 Bde., Lpz. 1800. Literatur: Johann Wilhelm Appell: Die Ritter-, Räuber- u. Schauerromantik. Lpz. 1859. – Gustav Sichelschmidt: Liebe, Mord u. Abenteuer. Bln. 1969. Wolfgang Griep / Red.
B.s Biografie ist noch kaum erforscht. Den engeren Umkreis seiner Heimat scheint er Brües, Otto, * 1.5.1897 Krefeld, † 18.4. kaum verlassen zu haben: Er studierte in 1967 Krefeld; Grabstätte: ebd., Alter Leipzig Jura u. praktizierte dort bis zu seinem Friedhof. – Erzähler u. Lyriker, DramatiTode als Anwalt u. Notar. Eine Reise, die er ker. mit dem Dresdner Landschaftsmaler Christian August Günther 1797 durch die Sächsische Nach der Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg Schweiz unternahm, beschrieb er in emp- studierte der Sohn eines Redakteurs Germafindsamer Manier in den heftweise heraus- nistik u. Kunstgeschichte in Bonn. Er wurde gegebenen Naturschönheiten sächsischer Gegen- 1922 Feuilletonredakteur beim »Stadt-Anden, für die Günther die Kupferstiche lieferte zeiger« in Köln, später bei der »Kölnischen (2 H.e, Lpz. 1798/99. Erw. Neuausg. in 4 H.en Zeitung«. Nach 1955 lebte B. als freier u. d. T. Pittoreske Reise durch Sachsen. Ebd. Schriftsteller in Krefeld. 1800–06). Wichtige Impulse gaben ihm Heimatkunst Um die Jahrhundertwende begann er, die u. Jugendbewegung. Liebe zur niederrheinidamalige Konjunktur des Genres nutzend, schen Landschaft u. Kultur, Lebensbejahung mit der Produktion von Ritter-, Räuber-, aus christlich-humanist. Glauben, besinnl. Schauer- u. erot. Abenteuerromanen, die oft Humor u. Heiterkeit kennzeichnen B.’ Dichschon im Titel verkaufsfördernd auf be- tung (Rheinische Sonette. Ffm. 1924. Gedichte. rühmte literar. Vorbilder, z.B. von Schiller, Bln. 1926. Die Brunnenstube. Gütersloh 1948). Christian August Vulpius, Carl Gottlob Cra- Aus B.’ Neigung zum Theater entstanden mer oder Christian Heinrich Spieß (Dianora, neben Dramen die Biografie Louise Dumont Gräfin von Martagno, Rinaldo Rinaldinis Geliebte. (Emsdetten 1956) u. Gut gebrüllt Löwe. Eine Lpz. 1799) verwiesen. Allein 1799 erschienen Fibel der Theaterkritik (Emsdetten 1967). sieben dieser Romane, u. bis zu seinem Tod Als Romancier zeigt B. eine Vorliebe für wurden es knapp zwanzig. Obwohl sie von Geschichtsdichtungen. In dem legendenhafder zeitgenöss. Kritik zu Recht als triviale ten Roman Die Wiederkehr (Bln. 1932) wird die Produkte voll verbrauchter Klischees, platter Geburtsgeschichte Christi in die Zeit des BaCharaktere u. unwahrscheinlichster Hand- rock u. in die rheinische Landschaft verlegt. lungselemente verurteilt wurden, waren sie B.’ erzählerisches Hauptwerk, der autobiogeschäftl. Erfolge u. wurden z.T. mehrfach grafisch geprägte Roman Der Silberkelch (2 neu aufgelegt. Bde., Kempen 1948), ist seiner Heimatstadt Daneben verfasste B. auch Gedichte u. re- Krefeld gewidmet. Ein Silberkelch, als Zeidigierte 1799–1802 den Leipziger Taschenka- chen eines Jugendbundes gestiftet, bildet das
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Leitmotiv der epischen Handlung, die die Einzelschicksale dieses Bundes nachzeichnet u. die Zeit der Jahrhundertwende widerspiegelt. B. wurde 1942 mit dem Rheinischen Literaturpreis ausgezeichnet. Weitere Werke: Heilandsflur. Bln. 1923. (D.). – Die Füchse Gottes. Bln. 1923 (D.). – Stab u. Stein. Ffm. 1923 (D.). – Jupp Brand. Bln. 1927 (R.). – Fliegt der Blaufuß? Bln. 1935 (R.). – Marie im neuen Land. Hann. 1938 (R.). – Mutter Annens Sohn. Gütersloh 1948 (R.). – Simon im Glück. Gütersloh 1949 (R.). – Das vergessene Lied. Hann. 1957 (R.). Literatur: Johannes Cladders: O. B. Diss. Bonn 1955. – Eva Brües: O. B. In: Rhein. Heimatpflege N. F. 24 (1987), S. 117–121. – Franz Janssen: Bewahrendes u. progressives Wertebewusstsein. Der rhein. Feuilletonist u. Erzähler O. B. Diss. Düsseld. 1992. – Helge Drafz: Konvention oder Kollaboration? Zur Langlebigkeit bildungsbürgerl. Kulturideale am Beispiel der Schr.en v. O. B. In: Dichtung im Dritten Reich? Hg. Christiane Caemmerer u. Walter Delabar. Opladen 1996, S. 277–291.
Produktionen, zu denen auch Songs, v. a. aber Essays gehörten, auf polit. Ereignisse reagiert (Februar-Ballade. Prag 1935. Wien 1946). Weitere Werke: Nachdichtungen v. vier Dramen des Aischylos. Konstanz 1923–27. – Aus den Anfängen der dt. sozialist. Presse. Wien 1929. Nachdr. Glashütten 1972 (Ess.). – Klage um Adonis. Wien 1931 (L.). – Führung u. Verführung. Antwort auf Rudolf Borchardt. Wien 1931 (Ess.). – Der Weg der Internationale. Wien 1931 (Ess.). – Der dt. Sozialismus v. Ludwig Gall bis Karl Marx. Wien 1931. – Die Hauptsache ist... 1932 (Songs. Pseud. Wenzel Sladek). – Gedichte aus Europa. Zürich/New York 1937. 2[1950]. – Dt. Freiheit an der Wolga. 1937 (Ess.). – Herausgeber: Ruchlosigkeit der Schrift: Dies Buch gehört dem König. Wien 1926. – Neujahrsalmanach für Untertanen u. Knechte. Wien 1928. Walter Ruprechter / Red.
Brühl, Friedrich Aloys(ius) Reichsgraf von, * 31.7.1739 Dresden, † 31.1.1793 Berlin; Grabstätte: ebd., Hedwigskirche. – Staatsmann u. UnterhaltungsschriftstelElisabeth Willnat / Red. ler.
Brügel, Fritz, auch: Wenzel Sladek, Dr. Dubski, * 13.2.1897 Wien, † 4.7.1955 London. – Lyriker u. Essayist. Der Sohn jüdischer Eltern arbeitete nach einem abgeschlossenen Geschichtsstudium als Bibliothekar in Wien. Er engagierte sich, wie schon sein Vater, der Publizist Ludwig Brügel, für die Sozialdemokratische Partei im Bildungswesen. Die Gedichte, die er als 20Jähriger schrieb, erschienen in der spätexpressionist. Anthologie Die Botschaft. Neue Gedichte aus Österreich. (Hg. Emil A. Rheinhardt. Wien/Prag/Lpz. 1920) sowie 1923 in einer eigenen Publikation (Zueignung von... Lpz./ Zürich). Seit dem gescheiterten Februaraufstand 1934 war B. auf der Flucht u. im Exil. Vom Zufluchtsland Tschechoslowakei, wo er als Legationsrat im Außendienst tätig war, floh er 1938 zunächst nach Frankreich, von dort 1941 über Spanien u. Portugal nach England, wo er – mit Unterbrechungen – bis zu seinem Tod lebte. Während B.s frühe Gedichte expressionist. Gesten zelebrieren, hat er in seinen späteren
Als ältester Sohn des einflussreichen sächs. Premierministers Heinrich Reichsgraf von Brühl erhielt B. eine gründl. Ausbildung an den Universitäten von Leipzig u. Leiden. Infolgedessen avancierte er bereits 1758 zum poln. Krongeneralfeldzeugmeister; allerdings brachten der Tod des Vaters (1763) u. die Aufdeckung finanzieller Unregelmäßigkeiten seiner Amtsführung auch den Sohn um beträchtl. Besitzungen. Nur mit Mühe gelang B. die Aussöhnung mit dem neuen poln. König; dieser erhob ihn aber schließlich doch zum Gouverneur von Warschau (1764). Seine letzten Lebensjahre (1785–1793) verbrachte B. auf Gut Pförten in der Niederlausitz u. widmete sich dort kulturellen Interessen. Gesellschaftliche Position, materielle Sicherheit u. umfassende Kenntnisse erlaubten B. vielfache Betätigungen wissenschaftlicher u. künstler. Art: Mathematik, Ballistik, Malerei u. Musik (er beherrschte mehrere Musikinstrumente); auch als Anhänger u. Mäzen der Freimaurerei machte er von sich reden. B.s große Leidenschaft aber galt der Verfertigung von Komödien für sein Privattheater in Pförten. Seine zahllosen Lustspiele (Theatrali-
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sche Belustigungen. 5 Bde., Dresden 1785–90) sind an frz. Vorbildern orientiert u. enthalten höchst heterogene Versatzstücke der übl. Schauspiel- u. Komödienproduktion. Selbst seine eigene Lebensgeschichte konnte der prunk- u. repräsentationsbedürftige Autor darin persiflieren (Die Brandschatzung. In: Theatralische Belustigungen. Bd. 1). Einige Lustspiele B.s wurden sogar ins Holländische übersetzt (Amsterd. 1789. 1801); dennoch fanden sie aufgrund ihrer zu geringen Eigenständigkeit bei den Zeitgenossen u. der Nachwelt nur geringe Resonanz. Józef Ignacy Kraszewskis historischer Roman Starosta warszawski (Warschau 1929), der B.s Leben literarisiert, wurde neuerdings ins Deutsche übersetzt (Der Gouverneur von Warschau. Bln. 2003). Weitere Werke: Die Ankunft des Herrn (poln. Übers.: Przyjazd Pana). Warschau 1775 (D.). – Den ganzen Kram u. das Mädchen dazu. Wien 1787 (D.). – Der neue Herr oder die höfl. Bauern. Breslau u. Hirschberg 1788 (Singsp.). – Der Harfner. Erfurt 1795 (D.). Adrian Hummel / Red.
Brülow, Brülovius, Caspar, * 18.9.1585 Falkenhagen bei Pyritz/Pommern, † 14.7. 1627 Straßburg. – Dramatiker. B. zählte zu den fruchtbarsten Dramenschreibern des Straßburger Akademietheaters am Kreuzungspunkt humanistisch antikisierender Formtraditionen u. reformatorischbürgerl. Moraldidaxe. Seit Längerem war das Straßburger Theater nicht nur repräsentative Institution des Schulbetriebs, sondern trug auch wesentlich zur kulturellen u. politischkonfessionellen Integration der Stadtgesellschaft bei. Neben auswärtigen Stücken wurden zahlreiche Vorlagen oberrheinischer Autoren gespielt, unter denen – neben B. – bes. Georg Calaminus, Johann Paul Crusius u. Theodor Rhodius zu nennen sind. Die meisten dieser Stücke wurden sehr bald ins Deutsche übersetzt, u. a. von Isaac Fröreisen u. Wolfhart Spangenberg. B. lebte seit 1609 in Straßburg (Studium, Magistertitel 1611, Gymnasiallehrer seit 1612). Vorher hatte er sich u. a. in Frankfurt/O. (1599/1600), Bautzen (1605–1607) u. Speyer aufgehalten. 1615 wurde er zum Professor für Poesie, 1626 zum
Brülow
Professor für Geschichte ernannt; 1616 war er zum poeta laureatus gekrönt worden. B. hinterließ sieben Dramen, die alle in Straßburg, teilweise auch in anderen Städten aufgeführt wurden u. durch dt. Übersetzungen ein weiteres Publikum erreichten. Bereits in seiner Andromeda (aufgef. 1611. Gedr. Straßb. 1612. Dt. v. Isaac Fröreisen) verwendete er neuartige Schaueffekte, Waffenkämpfe, Wunderwerke u. Volksszenen. Mit dem Danielstoff in streng biblisch-didakt. Ausrichtung (Nebucadnezar. Aufgef. u. gedr. Straßb. 1615. Dt. v. Johann Christoph Stipitz) versuchte er, den moralist. Vorstellungen der Schulaufseher entgegenzukommen. Der Prophet Daniel erscheint als ein pflichtgetreuer Student, der sich am babylon. Hof einem Schulexamen unterziehen muss. Von größerem polit. Gewicht ist sein Julius Caesar (Straßb. 1616. Dt. v. Jacob Gerson). Der Held ist ein Idealbild des Fürsten, zgl. Ahnherr des dt. Kaisers. Caesar erscheint als tugendhaft, seine Ermordung als Ergebnis schicksalhafter Verhängnisse; Brutus wandelt sich – anders als bei Shakespeare – zum gewissenlosen Bösewicht. Auch das Lob der alten Germanen wird eingeflochten. Der Weg zum histor. Schauspiel des 17. Jh. wird hier gebahnt, ohne dass die staatlich-polit. Konfliktsituationen als Momente einer trag. Bedeutungskonstellation erkennbar würden. Bevor im Dreißigjährigen Krieg die Theateraufführungen in Straßburg eingestellt wurden, schrieb B. für die Erhebung der Akademie zur Universität noch das Festspiel Moses (aufgef. 1621. Gedr. Ulm 1641. Dt. v. Johann Conrad Merck). In der locker-epischen Fügung treten oratorienhafte Züge hervor. Nicht zuletzt in der Rivalität zur nahe gelegenen kath. Hochschule von Molsheim wertete B. den Stoff auch konfessionspolemisch aus. Pharao verkörpert den Papst u. sein Hofstaat die römische Kirche mit ihrer weltl. Macht u. Größe. Die Worte Moses’ an das israelische Volk verstehen sich als Appell an die Straßburger Bürgergemeinde: »Hac ergo rupe stemus immota Dei, / Tutasque subeamus latebras Ecclesiae [...]« (So wollen wir auf diesem unverrückten Felsen Gottes stehen / und die sichere Zuflucht der Kirche suchen [...]). Die Vielgötterei der Ägypter dient als warnendes
Brüning
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Modell der kath. Heiligenverehrung. Auch in Brüning, Elfriede, auch: E. Barckhausen, diesem Drama wurden wie sonst bei den lat. Elke Klent, * 8.11.1910 Berlin. – VerfasAufführungen visuelle Effekte eingesetzt, um serin von Romanen, Erzählungen, Ferndie zentralen Aussagen sinnfällig zu machen sehspielen u. Reportagen. (Tanz um das Goldene Kalb – kath. KnieDie Tochter eines Tischlers wurde nach abbeugen). Neben seiner Dramenproduktion sind von gebrochenem Oberschulbesuch RedaktionsB. zahlreiche Kasualgedichte, eine Auslegung sekretärin des »Berliner Tageblatts« u. verder Bibel sowie Texte zu Flugblättern erhal- öffentlichte während dieser Zeit erste eigene Texte. Geprägt vom kommunist. Elternhaus, ten. trat sie 1930 der KPD u. 1932 dem Bund Weitere Werke: Elias. Aufgef. u. gedr. Straßb. 1613. Dt. v. Johann Georg Wolkenstein. – Chariclia. Proletarischer Revolutionärer Schriftsteller Aufgef. u. gedr. Straßb. 1614. Dt. v. A. Bertram. – bei; ihre illegale Arbeit in antifaschist. ZirMitarbeit: Carmen Exegetico-Dramaticum De S. keln tarnte sie – nach kurzer Gestapo-Haft 1935 – durch die Veröffentlichung unpolitiPropheta Jona. Aufgef. 1627. Ausgaben: Mieczyslaw Grzesiowski: M. Gaspara scher Unterhaltungsliteratur. Nach 1945 arBrülowa Tragedia O G. Juliuszu Cesarze (Ausg. des beitete sie als Reporterin u. Redakteurin u. a. Cäsar-Dramas mit Erläuterungen). In: Meander beim »Sonntag«, seit 1950 ist sie freischaf(Warschau) 11/12 (1991), S. 420–487; 1/2 (1992), fende Schriftstellerin; sie lebt in Berlin. S. 63–102; 3/4 (1992), S. 170–206. B.s mehr als 20 Romane handeln meist vom Literatur: Dünnhaupt 2. Aufl. Bd. 2, Alltag kleiner Leute u. von FrauenschicksaS. 839–854. – Dr. Janke: Über den gekrönten len. Charakteristisch sind – bes. beim Thema Straßburger Dichter C. B. aus Pyritz. Programm der alleinerziehenden, berufstätigen Frau – Pyritz 1880. – August Jundt: Die dramat. Auff.en autobiogr. Bezüge. Populär wurde B. mit ihim Gymnasium zu Straßburg. Programm Straßb. 1881. – Adolf Schmidt: Zur Straßburger Schulko- ren Romanen über den antifaschist. Widermödie. In: Euph. 5 (1898/99). S. 48–58. – Martin stand (... damit du weiterlebst. Bln./DDR 1949. 15 Sommerfeld: Das Straßburger Akademietheater u. Halle 1985. Stgt. 1992) u. über die Emandie Wende v. der Renaissance zum Barock. In: El- zipationsbemühungen einer Frau zwischen saß-Lothring. Jb. 12 (1933), S. 109–134. – Günter Haushalt u. Beruf (Regine Haberkorn. Bln./DDR Skopnik: Das Straßburger Schultheater, sein 1955). B.s Report über Fürsorgezöglinge Spielplan u. seine Bühne. Diss. Bln. 1934. – Hil- (Kinder ohne Eltern. Halle 1969) ist ein frühes degard Schaefer: Hof. Spuren im Protestant. Beispiel für dokumentar. Schreiben in der Schuldrama um 1600. C. B. Diss. Münster 1935. – DDR. Edith Weber: La musique mesurée à l’antique en B. gehört zu den meistgelesenen AutorinAllemagne. Bd. 2, Paris 1974. – Barbara Lafond: Drama u. Theater im Dienste des bürgerl. Protes- nen der ehemaligen DDR, in der Literaturtant. Humanismus. Straßb. 1979. – Dies.: Die reli- kritik ist sie wegen ihrer eingängigen giöse Polemik im ›Moses‹ v. C. B. In: Daphnis 9 Schreibweise jedoch umstritten. (1980), S. 711–718 – Jean-Marie Valentin: B. In: NDA. – Ders.: Humanisme chrétien et baroquisation de la scène à Strasbourg (1581–1626): C. B., le théâtre et la ville. In: Das Berliner Modell der Mittleren Dt. Lit. Hg. Christine Caemmerer u. a. Amsterd./Atlanta 2000, S. 175–189. – Flood, Poets Laureate, Bd. 1, S. 243–245. Wilhelm Kühlmann
Weitere Werke: Auf schmalem Land. Lpz. 1938. – Ein Kind für mich allein. Lpz. 1950. – Sonntag, der Dreizehnte. Bln./DDR 1960. – Septemberreise. Halle 1974. – Partnerinnen. Halle 1978. Ffm. 1982. – Altweiberspiele. Halle 1986. – Lästige Zeugen? Halle 1990. – Kinder im Kreidekreis. Bln. 1992. – Und außerdem war es mein Leben. Aufzeichnungen einer Schriftstellerin. Bln. 1994. Überarb. Ausg. Mchn. 2004. – Jeder lebt für sich allein. Bln. 1999. – Spätlese. Bln. 2000 (E.en). – Ein Mädchen u. zwei Romane. Rostock 2002. – Zeit-Besichtigung. Feuilletons u. Reportagen aus sieben Jahrzehnten (1926–2002). Wilhelmshorst 2003. – Gefährtinnen. Porträts vergessener Frauen. Bln. 2004. – Gedankensplitter. Bln. 2006.
229 Literatur: Patricia Herminghouse: Wunschbild, Vorbild oder Porträt? In: Lit. u. Literaturtheorie in der DDR. Ffm. 1976, S. 281–334. – Stephan Bock: Lit. Gesellsch. Nation. Stgt. 1980, S. 155–165. – Ruth Eberlein: Untersuchungen zur Darstellung der Persönlichkeitsentwicklung u. des Ringens um Gleichberechtigung der Frau in Büchern E. B.s u. zu deren Aufnahme durch die Literaturkritik u. die Leser der DDR 1950–1983. Magdeb. 1985. Hannes Krauss / Red.
Brun von Schönebeck. – Verfasser geistlicher u. weltlicher Dichtungen des 13. Jh.
Brun
Expositio in Canticum Canticorum (Auslegung des Hohen Liedes) des Honorius Augustodunensis; in theolog. Einzelfragen stand ihm offensichtlich der Magdeburger Lesemeister Heinrich von Höxter beratend zur Seite (vgl. v. 12.458). Aus der volkssprachl. Literatur kannte B. Wolframs Parzival u. Willehalm. Vom Ave Maria B.s, in das, wie in das Hohe Lied, die Theophiluslegende eingearbeitet ist, ist kaum mehr als der Anfang erhalten. Weitere Bruchstücke katechetischer Dichtung sind schwer einzuordnen. Einige zus. mit dem Hohen Lied überlieferte kleine Reimstücke zeigen sich auch inhaltlich mit diesem verbunden.
Von B. sind nur spärliche biogr. Daten bekannt. Angehörige seiner Familie finden sich Ausgaben: Arwed Fischer (Hg.): B. v. S. Tüb. in Magdeburg im 13. u. 14. Jh. urkundlich 1893. Neudr. 1977. – F. Breucker (Hg.): Gedichte belegt. An seinem Hohen Lied hat B. nach ei- B.s v. S. In: Nd. Jb. 30 (1904), S. 81–146. – W. gener Angabe (vv. 12.533–12.536) 1275/76 Norlind (Hg.): Neuaufgefundene Bruchstücke des geschrieben, dabei wohl schon in vorgerück- ›Ave Maria‹ B.s v. S. In: Nd. Jb. 53 (1927). S. 59–87. tem Alter stehend (vgl. v. 33, 917, 2443). Aus – Peter Karstedt u. Herbert Wegener (Hg.): Ein neues Bruchstück des B. v. S. In: Nd. Jb. 63/64 der Magdeburger Schöppenchronik geht hervor, (1937/38), S. 53–58. dass B. Konstabler war u. somit zu den beLiteratur: Arwed Fischer: Das Hohe Lied des B. deutendsten Geschlechtern Magdeburgs gev. S. Breslau 1886. – Annemarie Hübner: Das Hohe hörte. Für ein Ritterspiel seiner Standesge- Lied des B. v. S. u. seine Quelle. In: FS Ulrich nossen schrieb er ein Gral betiteltes Stück, Pretzel. Bln. 1963, S. 43–54. – Ludwig Wolff: B. v. dazu Einladungsbriefe an Kaufleute benach- S. In: VL. – Albrecht Hagenlocher: Littera Meretrix: barter Städte; beides ist verloren. Als weitere B. v. S. u. die Schrift im MA. In: ZfdA 118 (1989), Werke B.s werden in der Chronik sein Hohes S. 131–163. – Andrea Seidel: B. v. S. u. das Hohe Lied. In: Dô tagte ez. Dt. Lit. des MA in SachsenLied, ein Ave Maria u. Gedichte genannt. Das mit 12.719 Versen fast vollständig er- Anhalt. Hg. dies. u. Hans-Joachim Solms. Dössel haltene Hohe Lied ist B.s wichtigstes Werk; es 2003, S. 127–136. Elisabeth Wunderle / Red. gliedert sich in drei Hauptteile: Zunächst werden die Vorzüge Salomons (Weisheit, Brun, (Sophie Christiane) Friederike, geb. Schönheit, Reichtum) beschrieben. Es folgt Münter, * 3.6.1765 Gräfentonna/Thürineine Erzählung über dessen Liebe zur Tochter gen, † 25.3.1835 Kopenhagen. – VerfasPharaos u. schließlich ab Vers 1055 eine serin von Reise- u. autobiografischen Auslegung des bibl. Hohen Liedes gemäß dem Schriften, Literatur- u. Kunstkritikerin, mehrfachen Schriftsinn: Als erstes wird der Lyrikerin u. Leiterin eines literarischen Bräutigam Salomon mit Christus, die Braut Salons. mit Maria verglichen. Die zweite Auslegung sieht im Bräutigam Gott, in der Braut die B. wurde 1765 in Gräfentonna bei Gotha geSeele. Zuletzt wird das Gespräch zwischen boren u. wuchs in Kopenhagen auf, wo ihr Bräutigam u. Braut auf die Geschichte der Vater Balthasar Münter Hauptpastor der dt. Kirche hin gedeutet. Den Schluss bildet eine St. Petri-Gemeinde wurde. Im Hause Münter nach derselben Quelle wie die mittelfränk. verkehrten zahlreiche Gelehrte u. Künstler, Rede von den 15 Graden gestaltete Beschreibung hauptsächlich Angehörige des sog. dt. Kreises des Aufstiegs der Seele zu Gott. in Kopenhagen. Schon früh wurde B. mit der B., der neben der Bibel Bernhard von zeitgenöss. Literatur u. Kunst vertraut. In Clairvaux, Augustinus, Horaz u. Ovid zitiert, ihrer Autobiografie Wahrheit aus Morgenträustützte sich bei seiner Auslegung v. a. auf die men (Aarau 1824) beschreibt sie diesen frühen
Brun
Kontakt zum Kopenhagener Kreis als einen wesentl. Auslöser für ihre eigenen künstler. Ambitionen. 1783 heiratete sie den wohlhabenden Kaufmann Constantin Brun. Mit ihm hatte sie insg. fünf Kinder. Aufgrund gesundheitlicher Probleme, u. a. ihrer starken Schwerhörigkeit, unterzog sie sich im Laufe ihres Lebens zahlreichen Heilkuren. Über die Reisen in die Bade- u. Kurorte berichtet sie ausführlich in ihren Reisebeschreibungen u. -briefen. So begab sie sich 1789 zus. mit dem dänisch-dt. Dichter Jens Baggesen nach Pyrmont. Die Jahre 1790 u. 1791 verbrachte sie mit ihrer Familie in Frankreich u. der Schweiz. Während dieses Aufenthaltes traf sie den empfindsamen Lyriker Friedrich Matthison, der sie mit dem Schweizer Schriftsteller Karl Victor von Bonstetten bekannt machte. Mit beiden verbanden B. fortan eine enge Freundschaft u. wechselseitige literar. Inspirationen; insbes. zu Bonstetten wurde das Verhältnis immer vertrauter. Sie unternahmen zahlreiche Kur- u. Bildungsreisen. 1805 begab sich B. auf die letzte große Reise in den Süden u. kehrte zwei Jahre später endgültig nach Kopenhagen zurück. Auf ihrem nur unweit der Hauptstadt gelegenen Landsitz Sophienholm unterhielt B. bis zu ihrem Lebensende im Jahr 1835 einen bedeutenden literar. Salon, in dem namhafte Künstler u. Intellektuelle aus ganz Europa verkehrten. In dieser Rolle als Leiterin des berühmten Salons hat sie auch international Aufsehen erregt. Die Bekanntschaft mit namhaften Autoren, Künstlern u. Wissenschaftlern ihrer Zeit, Goethe, Klopstock, Baggesen, Ingemann, Ewald, Thorvaldsen, Alexander u. Wilhelm von Humboldt u. vielen anderen, die in ihren Schriften eine große Rolle spielt, hat sie dort z.T. wieder aufleben lassen. Schließlich ist sie auch als leibl. Mutter u. künstler. Schöpferin ihrer Tochter Ida in die Kulturgeschichte eingegangen: eine Frau, die ihre Tochter in den Salons als »tableau vivant« vorführte, als Tänzerin u. Sängerin. Den größten Teil von B.s literarischer Produktion nehmen ihre Reisebeschreibungen u. ihre Korrespondenz ein, u. a. das Tagebuch über Rom, das 1800 in Zürich herauskam, u. die Reisebriefe Sitten- und Landschaftsstudien von
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Neapel und seinen Umgebungen in Briefen und Zuschriften entworfen in den Jahren 1809–1810 nebst späteren Zusätzen, die 1818 in Leipzig erschienen. In allen diesen Reiseberichten dominiert die literar. Gestaltung der Fremde, die Beobachtung der ital. Kultur u. Gesellschaft u. die Vergleichbarkeit der in der Ferne vorgefundenen Bedingungen u. Verhältnisse mit denen, welche die Erzählerin im deutschsprachigen u. dän. Kontext erfahren hat: die Verbindung zwischen den in Italien vorgefundenen Monumenten der Vergangenheit mit der Kultur ihrer unmittelbaren Gegenwart. Die Bekanntschaft mit anderen Bildkünstlerinnen (Angelika Kauffmann) u. Schriftstellerinnen ihrer Zeit (Madame de Staël) spiegelt sich in ihrem Selbstbewusstsein als schreibende Frau, die sich auch nicht scheut, ihre körperl. Gebrechen u. Leiden zu thematisieren. Unabhängigkeit u. die Verpflichtung allein gegenüber den eigenen Regeln prägen auch ihre Rolle als Leiterin ihres Salons. Als Lyrikerin ist B. v. a. mit dem Gedicht Ich denke dein bekannt geworden, das von Zelter vertont wurde u. von Goethe in Nähe des Geliebten umgedichtet wurde. B.s lyrischem Ausdruck ist ebenso wie ihrem Prosastil die Beschäftigung mit Klopstocks Dichtung, der Empfindsamkeit ebenso wie der Klassik anzumerken: Er schwankt zwischen einem überbordenden Reichtum an Adjektiven u. – im Kontrast dazu – einer sehr klaren Alltagssprache, die sich um Einfachheit u. Verständlichkeit bemüht. Weitere Werke: Cyane u. Amandor. Hbg. 1792 (R.). – Prosaische Schr.en. 4 Tle., Zürich 1797–1801. – Der Rigiberg. Kopenhagen 1899. – Episoden aus Reisen durch das südl. Dtschld., die westl. Schweiz, Genf u. Italien in den Jahren 1801, 1802, 1803. 3 Bde., Zürich 1806–16. – Neue Gedichte. Darmst. 1812. – Briefe aus Rom, geschrieben 1808–10. Über die Verfolgung, Gefangenschaft u. Entführung des Papstes Pius VII. Dresden 1816. – Neueste Gedichte. Bonn 1820. – Röm. Leben. 2 Tle., Lpz. 1833. – Ilse Fœrst-Crato (Hg.): Frauen zur Goethezeit. Ein Briefw. Caroline v. Humboldt – F. B. Düsseld. 1975. – Zeitgebirge. K. V. v. B., Mme de Staël, Friederike Brun, geb. Münter. Zwei Briefgespräche, 1811–13. Hg. Doris u. Peter Walser-Wilhelm. Gött. 2005 ff. (auch in frz. Ausg.).
231 Literatur: Rosa Olbrich: Die dän.-dt. Dichterin F. B., ein Beitr. zur empfindsam-klass. Stilperiode. Breslau 1932. – Inge Lise Rasmussen: F. B. En dansk-tysk forfattaerindes liv. Kopenh. 1992. – Annegret Heitmann: Muses, Myths and Mascarades. The Scandinavian Salons in the early 19th century. In: Scandinavica 1996, S. 5–28. – Karin Hoff: Die Entdeckung der Zwischenräume. Gött. 2003, S. 211–270. Karin Hoff
Brunfels, Otto, * 1489 oder 1490 Mainz, † 23.11.1534 Bern. – Prediger, Lehrer, Arzt; Verfasser theologischer, pädagogischer u. medizinischer Schriften. Nach Erlangen der Magisterwürde in Mainz lebte B. im Straßburger Kartäuserkloster, bis er unter Impulsen des oberrhein. Reformhumanismus mit seinem Orden brach u. unter Beistand Ulrich von Huttens aus der Kartause floh (1521). Hutten verschaffte ihm eine Pfarrei in Steinau bei Schlüchtern, doch musste B. 1522 vor altgläubigen Gegnern nach Frankfurt/M. fliehen. Dann wirkte B. als luth. Prediger in Neuenburg/Breisgau. Hier erneut in konfessionelle Kontroversen verwickelt, begab er sich ins reformierte Straßburg, wo er 1524 das Bürgerrecht erwarb u. eine Lateinschule einrichtete. Nach seiner Promotion zum Dr. med. in Basel (1532/33) lebte B. bis zu seinem Tod als Stadtarzt in Bern. B. stand mit zahlreichen Humanisten, Reformatoren u. Medizinern in brieflicher Verbindung oder mündlichem Austausch (Martin Bucer, Wolfgang Capito, Heinrich von Eppendorf, Theobald Fettich, Lorenz Fries, Nikolaus Gerbel, Kaspar Hedio, Michael Herr, Hutten, Johann Indagine, Andreas von Bodenstein, Luther, Johann Munter, Nikolaus Pruckner, Beatus Rhenanus, Erasmus von Rotterdam, Johannes Sapidus, Lorenz Schenckbecher, Johann Schott, Gereon Seyler, Jakob Wimpfeling, Zwingli). Während seines Aufenthalts in Hornbach (1533) veranlasste er Hieronymus Bock zur Veröffentlichung seines Kreütter Bu8 chs. In seinen theologisch-polit. Schriften verfocht B. den Vorrang der Predigt vor der Messe, wies den Vorwurf zurück, die Evangelischen zielten nach Art des Bundschuhs
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auf einen Umsturz (Von dem Evangelischen Anstoß. Straßb. 1523), bestritt die Rechtmäßigkeit des Kirchenzehnten (De ratione decimarum bzw. Von dem Pfaffen Zehenden. Straßb. 1524) u. vertrat manchmal ultraluth. Positionen. Er verfasste ferner eine Schrift zur Türkenfrage (Ad principes [...] oratio. 1523) u. verteidigte Hutten gegen Angriffe des Erasmus (Ad Erasmi [...] Spongiam Responsio. 1523). Pädagogische Schriften weisen B. als einen Anhänger Rudolph Agricolas u. des Erasmus aus. Sein medizinisch-pharmazeut. Werk umfasst u. a. einen Catalogus illustrium medicorum (Straßb. 1529) u. ein Onomastikon medicinae (Straßb. 1534); es zeigt B. sowohl im Licht eines Tradenten der scholastisch-mittelalterl. Medizin arabistischer Prägung als auch eines humanist. Reformers. Die rege editorische Tätigkeit B.’ galt kirchl. Reformschriften (John Wiclif, Jan Hus) u. bes. medizin. Werken (Alessandro Benedetti, Dioskurides, Paul von Aigina, Rhazes, Serapion, Georg Tannstetter, Niccolò Bertruccio, Girolamo Savonarola, Montagnana). Zwar bediente sich B. hauptsächlich des Lateins, u. ist sein sprachlicher Anteil an zwei deutschsprachigen Werken ungeklärt (Weiber vnd KinderApoteck, Von Apoteckischen Confectionen); doch förderten seine Lanfrank-Übersetzung (Kleine Wundartzney. Straßb. 1528), die Ausgabe des Spiegels der artzney von Lorenz Fries (Straßb. 1529) u. die dt. Eicones-Fassung (Contrafayt Kreüterbu8 ch. 2 Tle., Straßb. 1532 u. 1537. Neudr. Mchn. 1964. Grünwald 1977) den Aufstieg des Deutschen zur Sprache der akadem. Medizin u. Naturwissenschaften. B.’ Bettbüchlin (1528 u. ö.), Pandect Büchlin (1528 u. ö.), Der Christen Practica (1545 u. ö.) u. a. Theologica wurden in der Neuzeit kaum beachtet. Aufgrund seiner Herbarum vivae eicones (3 Tle., Straßb. 1530, 1532 u. 1536) rühmte man in B. einen »Deutschen Vater der Botanik« u. gab einer Nachtschattengattung seinen Namen (Brunfelsia). Doch beruht der pflanzenkundlich bedeutende Rang der Eicones nur zum geringsten Teil auf den aus Dioskurides, Plinius, Theophrast u. Galen geschöpften Pflanzenbeschreibungen, sondern hauptsächlich auf den Pflanzenabbildungen des Dürerschülers Hans Weiditz, deren ungewöhnl. Naturtreue eine Wende in
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der Geschichte der botan. Buchillustration markiert. B.’ Klagen über mangelhafte Zusammenarbeit mit den Bildkünstlern, deren »wilkür« seine Beschreibungen (»rhapsodiae«) zerstört u. eine »satte ordnunge« der Eicones vereitelt habe, zeigen, dass B. an der Entstehung der qualitätsvollen Abbildungen kaum beteiligt gewesen ist. Ausgaben: Flugschr.en der Bauernkriegszeit. Hg. Adolf Laube u. Hans Werner Seiffert. Bln./DDR 1975, S. 156–177, 587–589: Vom Pfaffenzehnten (um 1523). – Flugschr.en der frühen Reformationsbewegung (1518–1524). Hg. A. Laube u. a. Bd. 1, Bln./DDR 1983, S. 294–315: Vom evang. Anstoß. – Pädagogik u. Reformation v. Luther bis Paracelsus. Zeitgenöss. Schr.en u. Dokumente eingel., ausgew. u. erl. v. Franz Hofmann. Bln. 1983, S. 184–191: De disciplina et institutione puerorum (Paris 1549) in dt. Übers. – L’Alsace au siècle de la Réforme (1482–1621). Textes et Documents. Hg. Jean Lebeau u. Jean-Marie Valentin. Nancy 1985, S. 253–257, 290–293: Textproben. – Onomastikon medicinae (Straßb. 1534). Mit einer Einf. v. Michael Stolberg. Erlangen 1994 (Microfiche-Ausg.). Literatur: Bibliografie: Friedrich Wilhelm Emil Roth: Die Schr.en des O. B. 1519–36. In: Jb. für Gesch., Sprache u. Litt. Elsass-Lothringens 16 (1900), S. 257–288. – VD 16, B 8462–8578. – Weitere Titel: Julius Hartmann d.J. u. Engler: B. In: ADB. – Friedrich Anton Flückiger: O. B., Fragment zur Gesch. der Botanik u. Pharmacie. In: Archiv der Pharmacie, Jg. 57 (1878), S. 493–514. – Karl Hartfelder: O. B. als Verteidiger Huttens. In: Ztschr. für die Gesch. des Oberrheins N.F. 8 (1893), S. 565–578. – F. W. E. Roth: O. B. Nach seinem Leben u. litterar. Wirken geschildert. Ebd. N. F. 9 (1894), S. 284–320. – Ders.: O. B. 1489–1534. Ein dt. Botaniker. In: Botan. Ztg. 58 (1900), S. 191–232. – Erich Sanwald: O. B. 1488–1534. Ein Beitr. zur Gesch. des Humanismus u. der Reformation. I. Hälfte 1488–1524. Bottrop 1932 (Diss. München). – Walther Rytz: Pflanzenaquarelle des Hans Weiditz aus dem Jahre 1529. Die Originale zu den Holzschnitten im B.’schen Kräuterbuch. Bern 1936. – Heinrich Grimm: B. In: NDB. – Jerry Stannard: B. In: DSB, Bd. 2 (1970), S. 535–538. – Carlo Ginzburg: II nicodemismo. Simulazione e dissimulazione religiosa nell’Europa del ’500. Turin 1970. – Jean-Claude Margolin: O. B. dans le milieu évangélique rhénan. In: Strasbourg au cœur religieux du XVIe siècle. Hg. Georges Livet u. Francis Rapp. Straßb. 1977, S. 111–141. – Gerhard Baader: MA u. Neuzeit im Werk v. O. B. In: Daphnis 7 (1978), S. 107–128. – Peter Dilg: Die ›Reformation
232 der Apotecken‹ (1536) des Berner Stadtarztes O. B. In: Gesnerus 36 (1979), S. 181–205. – Georgiette Krieg: B. In: NDA. – Miriam U. Chrisman: B. In: Contemporaries. – Sylvia Weigelt: O. B. Seine Wirksamkeit in der frühbürgerl. Revolution unter bes. Berücksichtigung seiner Flugschr. ›Vom Pfaffenzehnten‹. Stgt. 1986. – Marc Lienhard: Prier au XVIe siècle. Regards sur le ›Biblisch Bettbüchlin‹ du Strasbourgeois Othon B. In: Revue d’Histoire et de Philosophie Religieuses 66 (1986), S. 43–55. – Heike Talkenberger: Sintflut. Prophetie u. Zeitgeschehen in Texten u. Holzschnitten astrolog. Flugschr.en 1488–1528. Tüb. 1990, S. 354–360. – Friedrich Wilhelm Bautz: B. In: Bautz. – Michael Giesecke: Sinnenwandel. Sprachwandel. Kulturwandel. Studien zur Vorgesch. der Informationsgesellsch. Ffm. 1992, s. v. – P. Dilg: B. In: DBE. – Wolf-Dieter Müller-Jahncke: B. In: Ärztelexikon. Von der Antike bis zum 20. Jh. Hg. Wolfgang U. Eckart u. Christoph Gradmann. Mchn. 1995, S. 81. – Marc Lienhard: Un inclassable du XVIe siècle strasbourgeois: O. B. In: EG 50 (1995), S. 435–446. – Mechthild Habermann: Dt. Fachtexte der frühen Neuzeit. Naturkundlich-medizin. Wissensvermittlung im Spannungsfeld v. Latein u. Volkssprache. Bln./New York 2001, s. v. – Heinrich Zoller: B. In: HLS. Joachim Telle
Brunner, Andreas, * 30.11.1589 Hall/Tirol, † 20.4.1650 Innsbruck. – Dramatiker, Prediger u. Historiker aus dem Jesuitenorden. Nach dem Besuch des Gymnasiums trat B. am 23.10.1605 in Landsberg/Lech in den Jesuitenorden ein u. legte am 28.10.1607 seine ersten Gelübde ab. 1608–1611 studierte er in Ingolstadt Philosophie, 1614–1618 Theologie in Innsbruck u. lehrte zgl. die Humaniora. In diese Zeit, in der er als Prediger hervortrat, fällt auch seine intensive Beschäftigung mit dem Theater. Am 9.6.1618 wurde er in Eichstätt zum Priester geweiht. 1619–1621 war er Professor für Ethik in Dillingen u. Freiburg i. Br. 1622 beauftragte ihn Kurfürst Maximilian I., als »scriptor historiae Bavaraiae« – zunächst als Assistent von Matthäus Rader SJ – in München die bayer. Landeschronik fortzusetzen. Während des Einfalls der Schweden unter Gustav Adolf lebte er von 1632 bis 1635 als Geisel in Augsburg. Nach 1637 wirkte B. als Prediger u. Beichtvater in Innsbruck.
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B.s Annales Virtutis et Fortunae Boiorum (3 anzuregen. Der Intention des Jesuitendramas Bde., Mchn. 1626–37) sind eines der wich- folgend u. dennoch im Gegensatz zur getigsten Zeugnisse der bayer. Hofhistoriogra- lehrten Tradition, geht es ihm – wie bei der fie von 600 bis 1314 in der Zeit des Frühab- Predigt – um Breitenwirkung, u. zwar beim solutismus. Mehr als allen anderen Fürsten- einfachen Volk. häusern des Reichs diente den Wittelsbachern Weitere Werke: Fasti Mariani cum divorum eine mit zuvor nicht gekanntem Aufwand elogiis. Antwerpen 21623 u. ö. (auch dt., fläm. u. betriebene Geschichtsschreibung als Mittel ungar.). – Demonstratio divinae Misericordiae [...]. zur Legitimation ihres Herrschaftsanspruchs. Octo dramatibus. 1637. – Excubiae tutelares LX Geschichte erscheint anders als in den auch Heroum, qui [...] Theodorem in Principatu Boiariae landes- u. volkskundlich orientierten Werken secuti. Mchn. 1637. Erw. Mchn. 1680. Dt. Nürnb. 1681. – Dramata sacra. Salzb. 1684. Sammelbd. der der Humanisten, etwa Aventins, v. a. als Dy24 v. 1644 bis 1646 in der Innsbrucker Jesuitennastiegeschichte. Nicht anders als für die kirche in dt. Sprache aufgef. religiösen Dramen. Humanisten jedoch ist für B. Geschichts- Nachdr. mit einem krit. Nachw. v. Jean-Marie Vaschreibung eine Gattung der Literatur. Vor- lentin. Amsterd. 1986. bilder für die Personencharakterisierung Literatur: Bernhard Duhr: Der bayer. Histo(etwa mittels fingierter Reden) fand er v. a. im riograph A. B. In: Histor.-polit. Bl. 141 (1908), Jesuitendrama. Die Vorliebe für entlegene S. 62–83. – Georg Ellinger: Die Dramata sacra des Vokabeln u. komplizierte syntakt. Konstruk- A. B. In: Ztschr. für vergleichende Literaturgesch. tionen machte sein Latein bereits vielen sei- N. F. 5 (1892), S. 75–80. – Eberhard Dünninger: A. ner Zeitgenossen schwer verständlich. Wie B. In: Bayer. Literaturgesch. in ausgew. Beispielen. sein Vorgänger u. Lehrer Matthäus Rader Hg. ders. u. Dorothee Kiesselbach. Bd. 2 (Neuzeit), scheiterte B. an der Aufgabe, das Interesse des Mchn. 1967, S. 111–123. – Alois Schmid: Geschichtsschreibung am Hofe Kurfürst Maximilians Auftraggebers an einer apologet. Darstellung I. In: Wittelsbach u. Bayern. Hg. Hubert Glaser. des mit dem Kirchenbann belegten Ludwig Bd. 2/1, Mchn. 1980, S. 330–340 (Kat. mit Lit.). des Bayern mit den Auflagen des Ordens zu Franz Günter Sieveke versöhnen; der mit dessen Regierungsantritt 1314 beginnende letzte Teil der Annales pasBrunner, Sebastian, auch: Max Veitl sierte die Ordenszensur nicht. Die FortsetStern, * 10.12.1814 Wien, † 26. (27.?) zung wurde nacheinander Nikolaus Burgun11.1893 Währing bei Wien; Grabstätte: dus, Jacob Balde SJ, Johann Bisselius SJ u. Maria-Enzersdorf bei Wien. – Publizist, schließlich Johannes Vervaux SJ übertragen. Erzähler u. Lyriker. Die Schriften der Hofhistoriker Maximilians u. namentlich B.s galten bis ins 18. Jh. hinein Der Sohn eines Seidenzeugfabrikanten stuals Muster der Historiografie. Leibniz, der B.s dierte in Wien seit 1834 Theologie u. empfing histor. Arbeiten sehr positiv beurteilte, 1838 die Priesterweihe. Nach mehrjähriger edierte die Annales erneut 1710 in Ffm. Arbeit als Kaplan u. Pfarrer im Raum Wien Die Dramata sacra (Salzb. 1684), eine vom promovierte er 1845 zum Dr. phil. 1846 Verleger Johann Baptist Mayr vorgenommene entsandte ihn Metternich in diplomatischer Auswahl der zwischen 1644 u. 1646 aufge- Mission nach Frankreich u. Deutschland, um führten Stücke, bieten zwar ein unvollstän- Gesandtschaftsberichte über religiöse u. sodiges Bild von B.s dramatischem Schaffen, ziale Bewegungen überprüfen zu lassen. 1848 präsentieren aber das theologisch u. litera- promovierte B. in Freiburg i. Br. zum Dr. risch Bedeutsamste. Sie stellen in ihrem theol. u. gründete die einflussreiche »Wiener dreiteiligen Aufbau das Kreuz u. die Be- Kirchenzeitung«, die er bis 1865 als Redaktrachtung des Leidens Jesu aus verschiedenen teur leitete. 1853–1857 war B. in Wien UniPerspektiven – verkörpert durch die Mutter versitätsprediger; 1865 ernannte ihn Pius IX. Jesu, Petrus u. v. a. Maria Magdalena – in den zum päpstl. Hausprälaten, 1875 zum erzbiMittelpunkt mit dem Zweck, über die hier- schöfl. Konsistorialrat in Wien. Einen Überdurch erlangte Erlösung des sündigen Men- blick über sein Leben gibt seine Autobiografie schen zu reflektieren u. zu Mitleid u. Reue Woher? Wohin? Geschichten, Gedanken, Bilder aus
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meinem Leben (2 Bde., Wien 1855. 21865 in 5 Bdn.). Anfänglich Verfasser von geistl. Gedichten (Jesus mein Leben. Wien 1842. 51878) u. Erbauungsbüchern, pflegte B. später unter dem Einfluss Jean Pauls die Satire (Des Genies Malheur und Glück. 2 Bde., Lpz. 1843); formal u. stilistisch weisen seine Romane eine grobe Vermischung verschiedenster Elemente auf: spätbarocker Satzbau, Dialekteinschübe, teils derbe Komik, Anlehnung an Romanformen des 18. Jh. Sein umfangreiches polit., literatur- u. kulturgeschichtl. Werk ist bestimmt durch seine polem. Ausfälle gegen die dt. Aufklärung u. Klassik, den Liberalismus, das Junge Deutschland u. das Judentum. B. ist dem antisemit. Katholizismus zuzurechnen. Weitere Werke: Hau- u. Bausteine zu einer Literaturgesch. der Deutschen. 6 H.e, Wien 1885. – Allerhand Tugendbolde aus der Aufklärungsgilde. Paderb. 1888. – Die Hofschranzen des Dichterfürsten. Der Goethekult u. dessen Tempeldiener. Würzb./Wien 1889. – Ges. Erzählungen u. poet. Schr.en. 18 Bde., Regensb. 1864–73. Literatur: Konrad Kienesberger: S. B.s Stellung zu Lessing, Goethe u. Schiller. Ein österr. Beitr. zur antiliberalen Kritik an der dt. Klassik im späten 19. Jh. Kremsmünster 1965. – Goedeke Forts. – Werner M. Bauer: Geniekritik u. Restauration. Die Künstlerromane S. B.s u. ihre Bedeutung in der österr. Lit. des Vormärz. In: Ders.: Aus dem Windschatten. Innsbr. 2004, S. 151–186. Andreas Schumann / Red.
Brunner, Thomas, * etwa 1535 Landshut, † 28.10.1571 Steyr. – Verfasser biblischer Dramen. B. studierte in Wittenberg. Von 1558 bis zu seinem Tod war er Lateinlehrer im oberösterr. Steyr. Immer wieder klagte B. über Kränklichkeit u. geringe Bezahlung; die starke Wirksamkeit der Wiedertäufer in Oberösterreich scheint seine Lage erschwert zu haben. Mehrfach wollte er sein Amt niederlegen; durch Vertröstung u. Gehaltserhöhung hielt ihn die Stadt weiter. Worin »der unglückselig, Erenbrüchige Unfal mit meinem gewesnen Weib« bestand, der B.s Leben 1568 erschütterte, ist nicht bekannt. Nur ein für eine Schulaufführung geschriebenes bibl. Drama B.s hat sich erhalten;
zwei weitere erhaltene Stücke führten Schüler bei Hochzeiten auf. Sie alle folgen dem Typus des Wittenberger Schuldramas: Man benutzte bibl. Themen, meist aus dem AT. Der bibl. Text wurde kaum ausgeschmückt, denn im Gegensatz zu den Schweizer Bürgermassendramen waren Aufführungsdauer, Personenzahl u. Aufwand begrenzt. Dramaturgisch zeigen B.s Dramen ein eigenes Gesicht: Eine Zweiortbühne stellt zwei voneinander weit entfernte Schauplätze dar. Ein Vorhang kann eine der Örtlichkeiten verschließen. Ortswechsel vollziehen sich nicht wie auf der Simultanbühne unter den Augen der Zuschauer; Abtritte u. Wiederauftritte deuten den Abstand der Schauplätze an. In seinem ersten Drama Die schöne biblische Historia von dem heiligen Patriarchen Jacob, und seinen zwölff Sönen (Wittenb. 1566) führte B. die Handlung von Josephs Auszug zu den Brüdern bis zur glorreichen Wiedervereinigung. Hier wie auch in den anderen Dramen setzte er emsige Teufelsfiguren als komisches Element ein. Auch auf ein publikumswirksames Bankett der Darsteller verzichtete B. nie. Der Einfluss des Joseph Jacob Ruffs wurde in der Forschung (von Weilen) übertrieben. Für sein zweites Drama wählte B. den von Luther empfohlenen, recht undramat. Stoff des Tobias: Die schöne geistliche Geschicht oder Historia, von dem fromen und gottesfürchtigen Tobia (Wittenb. 1569). Das für eine Hochzeit geschriebene Stück betont v. a. die Hochzeit Sarahs mit Tobias u. ihre Erlösung von dem furchtbaren Teufelsfluch. Ein dramat. Vorbild gab es nicht; später erweiterte Georg Rollenhagen das Stück für seinen Tobias. Nur der Anlass erklärt die Wahl des völlig undramat. Themas des dritten Dramas Die schöne und kurtzweilige Historia, von der heirat Isaacs und seiner lieben Rebecca (Wittenb. 1569). Ausgaben: Jacob u. seine zwölf Söhne. Ein evang. Schulspiel aus Steyr. Hg. Robert Stumpfl. Halle 1928. – Tobias. Neudr. hg. v. Wolfgang F. Michael u. Dona Reeves. Bern u. a. 1978. – Isaac u. Rebecca. Neudr. hg. v. W. F. Michael u. Hubert Heinen. Bern u. a. 1983. Literatur: VD 16, B 8639–8641. – Weitere Titel: Alexander v. Weilen: Der ägypt. Joseph im Drama des 16. Jh. Wien 1887. – August Wick: ›Tobias‹ in der dramat. Lit. Dtschlds. Heidelb. 1899. – Anton
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235 Rolleder: Die Schulen der Stadt Steyr in der Reformationszeit. In: Beiträge zur österr. Erziehungsu. Schulgesch. 18 (1918), S. 1–50. – Robert Stumpfl: Das alte Schultheater in Steyr. Linz 1933. – Hellmut Rosenfeld: T. B. In: NDB. – Wolfgang F. Michael: Das dt. Drama der Reformationszeit. Bern 1984. Wolfgang F. Michael † / Red.
Brunngraber, Rudolf, * 20.9.1901 Wien, † 5.4.1960 Wien. – Romanschriftsteller, Verfasser von Erzählungen u. Essays.
der literar. Montage verwandten formexperimentellen Technik als österr. Beitrag zur Literatur der »Neuen Sachlichkeit« gelten kann, führt an der Lebensgeschichte eines Arbeitslosen vor, wie der Einzelne von der zutiefst inhumanen Tendenz der Zeit zu ökonomisch-technischer Rationalisierung zerrieben wird. Dass B. damit nicht einer globalen Fortschrittsfeindlichkeit das Wort redete, zeigen die nachfolgenden, meist in hohen Auflagen u. zahlreichen Übersetzungen erschienenen Sachromane (Radium. Roman eines Elements. Bln. 1936. Der tönende Erdkreis. Roman der Funktechnik. Hbg. 1951). B. kann als Begründer einer »gesellschaftskritischen Dimension des Sachromans« (Thomas Lange) gelten. Nach 1945 verschob sich allerdings der Akzent zunehmend auf eine kulturpessimist. Kritik der Übertechnisierung; parallel dazu erfolgte seine Wendung zu mythisierend-allegor. Schreibweisen (Die Schlange im Paradies. Mchn./Wien/Basel 1958).
Der Sohn eines Arbeiters absolvierte 1920 die Lehrerbildungsanstalt, besuchte 1926–1930 die Akademie für angewandte Kunst u. arbeitete als Gebrauchsgrafiker. Im Rahmen der sozialist. »Bildungszentrale« hielt er Vorträge u. gehörte 1933 zu den Begründern der »Vereinigung sozialistischer Schriftsteller Österreichs«. Der Arbeiteraufstand 1934 fand bei B. literar. Niederschlag in der deutlich autobiografisch gefärbten Erzählung Der Weg durch das Labyrinth (Wien 1949). Nach Ende Weitere Werke: Die Engel in Atlantis. Bln. des Zweiten Weltkriegs trat B. mit einer in 1938 (R.). – Opiumkrieg. Bln. 1939 (R.). – Zucker über 400.000 Exemplaren verbreiteten sozi- aus Cuba. Roman eines Geldrausches. Stgt./Bln. alpsycholog. Analyse des Nationalsozialismus 1941. – Was zu kommen hat. Von Nietzsche zur hervor (Wie es kam. Psychologie des Dritten Rei- Technokratie. Wien 1947 (Ess.s). – Überwindung ches. Wien 1946). B., der sich nach 1945 auch des Nihilismus. Betrachtungen eines Aktivisten. Wien 1949. (Ess.s) – Heroin. Roman der Rauschdem Film widmete u. Drehbücher für die gifte. Wien 1951. – Der Mann im Mond. Aus dem Regisseure Georg Wilhelm Pabst (Der Prozeß. Nachl. hg. v. Karl Ziak. Wien 1972 (autobiogr. R.). 1947. Ersch. u. d. T. Prozeß auf Tod und Leben. Literatur: Gerhard Kaldewei: ›Karl und das 20. Wien 1948) u. Wolfgang Liebeneiner (1. April Jahrhundert‹. Ein Roman v. R. B. (1932) als epische 2000. 1952) schrieb, wurde mit dem Litera- Form der statistisch-pädagog. Denkweise Otto turpreis der Stadt Wien 1950 u. mit der Auf- Neuraths. In: Österr. in Gesch. u. Lit. mit Geogranahme in die Deutsche Akademie für Sprache phie 36 (1992), H. 2, S. 82–92. – Wendelin Schmidtund Dichtung ausgezeichnet. Dengler: Statistik u. Roman. Über Otto Neurath u. B.s schriftstellerische Bedeutung beruht R. B. In: Ders.: Ohne Nostalgie. Wien 2002, auf einer Darstellungsweise, in der ökono- S. 82–91. – Wolfgang Lukas: Individuelles misch-gesellschaftl. Mechanismen mit den ›Schicksal‹ u. überindividuelles ›Leben‹. Zur Existenzbedingungen des Individuums auf Funktion v. ›Wissen‹ in Alfred Döblins ›Berlin Alexanderplatz‹ u. R. B.s ›Karl u. das 20. Jahrhunkonkrete Weise verknüpft erscheinen. So dert‹. In Lit. u. Wissen(schaften). Stgt. 2002, spiegelt der erste u. zgl. beachtenswerteste S. 247–277. Ernst Fischer / Red. seiner Romane Karl und das 20. Jahrhundert (Ffm. 1932. Neudr. mit Vorw. v. Thomas Lange u. Nachw. v. Karl Ziak. Kronberg 1978. Bruns, Marianne, * 31.8.1897 Leipzig, Nördlingen 1988. Gött. 1999), für den B. im † 1.1.1994 Dresden. – Erzählerin, Kindergleichen Jahr den Julius-Reich-Preis erhielt, u. Jugendbuchautorin. die Einsichten austromarxistischer Gesellschafts- u. Geschichtsanalyse, wie sie B. im Nach einem Gesangstudium in Breslau geKreis um Otto Neurath kennengelernt hatte. lang es in den 1920er Jahren der Tochter eines Der »soziologische Roman«, der mit seiner wohlhabenden Kaufmanns, erste Gedichte in
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der von Wolfgang Schumann herausgegebenen Zeitschrift »Der Kunstwart« unterzubringen. In den folgenden 20 Jahren war sie Schumann u. dessen Frau in einer – B. politisch u. literarisch bestimmenden – engen Freundschaft verbunden. 1945 zog B. nach Freital bei Dresden. B. veröffentlichte – auch während des Dritten Reiches – über 30 Romane u. einige Gedichtbände. In der DDR bekannt wurde sie mit ihrem Frauenroman Uns hebt die Flut (Halle 1952), dessen Fabel die psycholog. Gestaltung historischer Frauenpersönlichkeiten wie Clara Zetkin, Lily Braun u. Käthe Kollwitz gestattete. Nun als Frauenschriftstellerin apostrophiert, blieb dies jedoch B.’ einziger literar. Versuch dieser Art. Ihre Stärken liegen nach eigener Aussage in unterhaltend geschriebener Jugendliteratur, die sich um einen historisch genau geschilderten Hintergrund bemüht, u. in der psycholog. Durchdringung der nach B.’ Worten geheimnisvoll gebliebenen Künstlerpersönlichkeiten, beispielsweise des Veit Stoß im Roman Der neunte Sohn des Veit Stoß (Halle 1967. 4 1988). Seit den 1980er Jahren macht B. verstärkt den Umweltschutz u. die Erhaltung des Weltfriedens zum Anliegen ihrer Bücher. Weitere Werke: Seliger Kreislauf. Mchn. 1925 (L.). – Über meinen grünen Gärten fliegen die Schwalben. Potsdam 1940 (R.). – Die Spur des namenlosen Malers. Bln./DDR 1975 (R.). – Der Fall Lot. Bln./DDR 1986 (R.). – Wiedersehen. Halle 1987 (R.). – Ungewöhnl. Liebeserklärung. Gedichte aus sieben Jahrzehnten. Halle 1990. – Fremder Sohn. Königst./Ts. 1997 (R.). – Die Schattenspielerin. Königst./Ts. 2001 (R.). Literatur: Anne Kellner: Innere Autorität als Gegenstand psychoanalyt. Textanalyse untersucht am Beispiel aus der DDR-Lit. Rostock 2000. Johannes Schulz / Red.
Bruns, Max, * 13.7.1876 Minden/Westfalen, † 23.7.1945 Minden/Westfalen. – Lyriker, Romanautor, Übersetzer u. Verleger. Im Anschluss an eine Ausbildung zum Buchdrucker übernahm B. 1896 die Literaturabteilung des vom Vater Gustav Bruns geführten J. C. C. Bruns Verlags in Minden. Eigenen Neigungen zum Symbolischen u.
Fantastischen folgend, gab er hier von der Jahrhundertwende an als einer der Ersten in Deutschland Barbey d’Aurevilly, Alfred Mombert, Paul Scheerbart u. in mehrbändigen Ausgaben Edgar Allan Poe sowie (von B. selbst übersetzt) Charles Baudelaire heraus u. beschäftigte die bedeutendsten Buchkünstler der Zeit (Fritz Helmuth Ehmke, Marcus Behmer, Walter Tiemann). Trotz verlegerischer Erfolge sah er sich Ende der 1920er Jahre gezwungen, aus finanziellen Gründen Buchbestände u. Rechte an andere Verlage abzutreten u. sich fortan auf die Leitung der zum Verlag gehörenden Druckerei zu beschränken. Wenige Tage nach der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 wurde B., der sich während der nationalsozialist. Gewaltherrschaft als Gegner des Antisemitismus wie des Krieges öffentlicher Bekundungen für das Regime fast gänzlich enthalten hatte, Opfer eines Raubüberfalls u. starb kurze Zeit später. B. trat in erster Linie als Lyriker hervor. Seine im Aufsatz Lyrisches Schöpfertum (Minden 1926) programmatisch formulierte Unterscheidung von Kunst u. Literatur gilt für alle seine Gedichte – von der frühen Sammlung Aus meinem Blut (Minden 1897) bis zu den späten Gedichtzyklen Garten der Ghaselen (Minden 1925) u. Selige Reise. Ein Terzinenkreis durch Raum und Zeit (Minden 1926). Im Gegensatz zur Literatur, so heißt es dort, könne es niemals »Zweck der Kunst« sein, etwas »auszusagen«; vielmehr habe die Kunst einzig die Aufgabe, das Geschehen dieser Welt in gebundene, dem alltägl. Sprechen enthobene Rede, in »Melodie« zu bringen. B.’ Lyrik, die von Zeitgenossen mit der Rilkes oder Georges verglichen wurde, ist daher ein stark musikalisches Element eigen. Metrisch u. reimtechnisch anspruchsvolle Strophenformen wie Sonett, Ghasele u. Terzine werden in ihrem sprachmelod. Charakter durch den ausgiebigen Gebrauch von Alliteration u. Anapher noch verstärkt. Der Abneigung gegen alles Konkrete u. Zweckbestimmte in der Kunst korrespondiert B.’ auffällige Vorliebe für Reflexionen über Liebe, Schönheit u. Tod oder über Motive aus Religion u. Mythologie. In den Prosawerken Feuer. Die Geschichte eines Verbrechens (Minden 1913. 51925) u. Die Arche. Von den Nächten der Flut, der Vernichtung
Brunschwig
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und des Traumes (Minden 1920) ist – B.’ programmatischem Anspruch entsprechend – die Handlung bis zur Unkenntlichkeit zugunsten eines metaphor. Sprechens zurückgedrängt, das sich im Variieren zentraler Bilder ergeht. Weitere Werke: Lenz. Ein Buch v. Kraft u. Schönheit. Bln./Lpz. 1899 (L.). – Gedichte (1893–1908). Minden 1908. – Die Lieder des Abends. Minden 1916 (L.). – Über den Humor, seine Wege u. sein Ziel. Minden 1921 (Ess.). – Durchwallte Welten. Minden 1936 (L.). Ausgabe: Paul Scheerbart: Briefw. mit M. B. 1898 u. 1903. Ffm. u. a. 1990. Literatur: Heinz Sarkowski: J. C. C. Bruns in Minden. Hinweis auf einen fast vergessenen Verlag. In: Imprimatur N. F. 6 (1969), S. 121–131. – Hans Gressel: M. B. als Kritiker seiner Zeit. In: Land u. Leuten dienen. Zum 450jährigen Bestehen des Ratsgymnasiums der Stadt Minden. Hg. Friedhelm Sundergeld. Minden 1980, S. 1–48. Jens Haustein / Red.
Brunschwig, Hieronymus, * um 1450 Straßburg, † 1512/13 Straßburg. – Wundarzt; Verfasser medizinischer Fachschriften. B. entspross der Straßburger Familie Saulern, wuchs zum Wundarztgesellen heran u. war nach seiner Wanderschaft durch den süddt. Raum bis zu seinem Tod in Straßburg wundärztlich tätig. Zu seinen Bekannten zählten Straßburger Kartäuser u. Johann Geiler von Kaysersberg. Seinen literarischer Erstling, das Buch der Cirurgia. Hantwirckung der wund artzny (Straßb. 1497), richtete B. hauptsächlich an Lehrlinge u. Gesellen seiner Zunft, aber auch an Meister, denen es an mündlichem Erfahrungsaustausch mit Zunftgenossen mangelte; ferner an chirurgisch tätige Laien. Er widmete sich einleitend der wundärztl. Standeslehre u. Deontologie, informierte dann über Hauptaufgaben eines Chirurgen u. machte abschließend mit einer wundärztl. Heilmittellehre vertraut. Der Handwerkerautor schuf mit seiner Cirurgia eine der ältesten in dt. Sprache gedruckten Wundarzneien, aber auch ein Werk, dessen bei Johann Grüninger erschienene Erstausgabe zu den buchkünst-
lerisch schönsten medizin. Drucken um 1500 zählt. B. trat dann mit einer Heinrich Steinhöwel verpflichteten Pestschrift hervor (Liber pestilentialis. Straßb. 1500) u. verfasste zwei Destillierbücher. Im »Kleinen Destillierbuch« (Liber de arte distillandi de simplicibus. Straßb. 1500), der ersten gedruckten Summa der Destillationskunst überhaupt, beschrieb er Geräte u. Methoden der Destillation u. belehrte ausführlich über die Indikationen der aus pflanzl. u. tierischen Substanzen destillierten Wässer. Das »Große Destillierbuch« (Liber de arte distillandi de compositis. Straßb. 1512) widmete B. der Zubereitung u. dem Gebrauch von Composita (Aurum potabile, Aqua vitae, Balsame, Quintessenzen); von Philipp Ulstad wurde es bald lateinisch gefasst (Coelum philosophorum. o. O. [Basel?] o. J. [1525]). Die beiden reich illustrierten Schriften übten auf die Urheber frühneuzeitlicher Destillierbücher starke Einflüsse aus. Das reiche Gedanken- u. Erfahrungsgut der spätmittelalterl. Destillatoren der Neuzeit vermittelt zu haben, gehört zu B.s Hauptverdiensten. Schließlich schuf B. unter Rücksichtnahme auf die Lebensbedingungen »armer«, »nithabender« Menschen mit dem Buch V des »Großen Destillierbuchs« ein umfangreiches Arzneibuch für medizin. Laien (Micarium medicine, auch: Thesaurus pauperum), dem B.s sozialethisches Konzept den Rang einer Frühform ökonomisch-sozial bestimmter Sachschriften sicherte. Sowohl in seiner ursprüngl. Gestalt als auch im Gewand von häufig gedruckten Derivatformen – der Apotheke für den gemeinen Mann (gedr. seit 1529), des Thesaurus pauperum (auch: Hausapotheke. Gedr. seit 1537) u. des Hausarzneibüchleins (auch: Hausarmenschatz. Gedr. seit 1567) – hinterließ das Micarium in der frühneuzeitl. Selbsthilfeliteratur für den »gemeinen Mann« eine breite Spur. Allerorten begegnet im Werk B.s der deutschsprachig gebundene Typus eines gelehrten Ungelehrten: Zwar führt gelegentlich ein Mann der Praxis u. kein Buchgelehrter die Feder; hauptsächlich aber hatte B. Fremdtexte »vff geclubt«, wird bereits literarisch fixiertes Lehrgut tradiert; am kompilativen Grundcharakter der Schrif-
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ten B.s kann kein Zweifel sein. B. gehört zu Brupbacher, Fritz, * 30.6.1874 Zürich, den wenigen von Paracelsus namentlich ge- † 1.1.1945 Zürich; Grabstätte: Auf dem nannten Zeitgenossen. Seine frühneuzeitl. Hönggerberg bei Zürich. – Arzt, politiWirkmächtigkeit auf medizinisch-pharma- scher Schriftsteller u. Vortragsredner. zeut. Gebieten dokumentieren zahlreiche Als Sohn vermögender Eltern studierte B. in Ausgaben u. Übersetzungen. Zürich u. Genf Medizin u. legte 1898 das Ausgaben: Karl Sudhoff: B.s Anatomie. In: Sudhoffs Archiv 1 (1908), S. 41–66, 141–156, medizin. Staatsexamen ab. Die erstrebte 391 f., hier S. 144–156: Von der Anathomi. – Das akadem. Karriere verbaute er sich durch seine Buch der Cirurgia. Straßb. 1497. Neudr.e: Mchn. öffentl. Stellungnahme gegen einen Gynäko1911. Hg. Gustav Klein. Mailand 1923. Hg. Henry logieprofessor, dem er wesentl. Fehler nachE. Sigerist. Gertenbach 1967. Hg. Christian Probst. weisen konnte. Nach einer psychiatr. Zu– Liber de arte distillandi de compositis. Straßb. satzausbildung lebte B. bis zu seinem Tod als 1512. Neudr. Lpz. 1972. – The vertuose boke Of Allgemeinmediziner im Zürcher ArbeiterDistyllacyon. London 1527. Neudr. Amsterd./New quartier Aussersihl. York 1973. – Book of distillation. London ca. 1530. Durch russ. Emigranten war er früh mit Neudr., hg. v. Harold J. Abrahams. New York/ kommunistischem u. anarchist. GedankenLondon 1971. – The noble experyence of the vertuous handywarke of surgeri. London 1525. Neudr. gut in Berührung gekommen u. entwickelte Amsterd./New York 1973. sich – obwohl er immer wieder Versuche unLiteratur: Bibliografie: Josef Benzing: Bibliogr. ternahm, sich in einer sozialistischen oder der Schr.en H. B.s. In: Philobiblon 12 (1968), kommunist. Partei zu integrieren – zu einem S. 113–141. – VD 16, B 8677–8751. – Weitere Titel: allen Doktrinen u. Ideologien abholden VerKrause: B. In: ADB. – Friedrich Wilhelm Emil fechter eines gewaltfreien individuellen AnRoth: H. B. u. Walther Ryff. In: Ztschr. für Naturarchismus Bakunin’scher Prägung, aber mit wiss.en 75 (1902), S. 102–123. – Gerhard Eis: B. In: starker sozial-humanitärer u. teilweise auch NDB. – Rudolf Schmitz: B. In: DSB. – Wolfgang Schneider: Gesch. der pharmazeut. Chemie. Wein- hedonist. Ausprägung. Der Befürworter von heim 1972, S. 46–48. – Jan Frederiksen: B. In: VL. – Frauenemanzipation, von Abtreibung u. Gundolf Keil u. Peter Dilg: B. In: LexMA. – Pierre freier Liebe war berühmt als hinreißender Bachoffner u. Théodore Vetter: B. In: NDA. – Jo- Vortragsredner; seine Broschüren wie Kinderhanna Belkin: Ein frühes Zeugnis des Urheber- segen – und kein Ende? (Zürich 1903) erreichten schutzgedankens in H. Brunschwyg, Liber de arte z.T. sehr hohe Auflagen. B. gründete u. leitete distillandi [...] v. 1500. In: Gutenberg-Jb. 61 (1986), darüber hinaus mehrere anarchist. ZeitS. 180–200. – Michael Giesecke: Sinnenwandel. schriften (darunter »Der Vorposten«, »Der Sprachwandel. Kulturwandel. Studien zur Vorgesch. der Informationsgesellsch. Ffm. 1992, s. v. – Revoluzzer«, beide in Zürich erschienen), war P. Bachoffner: Jérome Brunschwig, chirurgien et lange Zeit viel gelesener Kolumnist des Zürapothicaire strasbourgeois, portraituré en 1512. In: cher »Volksrechts« u. schuf mit seiner AutoRevue d’Histoire de la Pharmacie 40 (1993), biografie 60 Jahre Ketzer (Zürich 1935. Neudr. S. 269–278. – Mechthild Habermann: Dt. Fach- 1973) ein gleichermaßen literarisch wie politexte der frühen Neuzeit. Naturkundlich-medizin. tisch u. historisch interessantes Werk. Wissensvermittlung im Spannungsfeld v. Latein u. Volkssprache. Bln./New York 2001, s. v. – Joachim Telle: Ein Traumgesicht v. H. B. (1512). Zur ikonograph. Autorpräsenz im dt. Frühdruck. In: BücherGänge. Miszellen zu Buchkunst, Leselust u. Bibliotheksgesch. Hommage an Dieter Klein. Hg. Annette Hoffmann, Frank Martin u. Gerhard Wolf. Heidelb. 2006, S. 67–74. Joachim Telle
Weitere Werke: Marx u. Bakunin. Ein Beitr. zur Gesch. der internat. Arbeiterassoziation. Mchn. 1913. Neuausg. Bln./West 1976. – Um die Moral herum. Hbg. 1922 (Ess.s). – Erinnerungen eines Revoluzzers. Zürich 1927. – Seelenhygiene für gesunde Heiden. Zürich 1943 (Ess.s). – Der Sinn des Lebens. Zürich 1946 (Ess.s). – Hingabe an die Wahrheit... Bln./West 1979 (Ess.s aus ›Seelenhygiene‹ u. ›Der Sinn des Lebens‹). Literatur: Karl Lang: Kritiker, Ketzer, Kämpfer. Das Leben des Arbeiterarztes F. B. Zürich 1975. 2 1983. – Karin Huser: Eine revolutionäre Ehe in
239 Briefen. Lidija Petrowna Kotschetkowa u. der Anarchist F. B. Zürich 2003. Charles Linsmayer
Brus, Günter, * 27.9.1938 Ardning/Steiermark. – Aktionskünstler, Maler u. Schriftsteller.
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Friedrich Achleitner, Diether Roth, Gerhard Rühm u. Oswald Wiener teilnahm. Einen Abriss seines konfliktreichen Schaffens bieten die autobiografisch angelegten Prosabände Die gute alte Zeit (Salzb./Wien 2002) u. Das gute alte Wien (Salzb./Wien 2007). Diese Arbeiten vermitteln einen Einblick in alltägl. Begebenheiten, vermischt mit der Darstellung von künstlerischer Produktivität u. einschneidenden Erlebnissen wie etwa einem Krankenhausaufenthalt, in dem sich auch die ganze Sprache des Aktionismus mit seiner oft schmerzhaften Metaphorik des Schneidens u. Reißens wiederfindet, wohl auch als eine Möglichkeit, der permanenten Fremdbestimmung des Körpers durch die Gesellschaft u. ihre Institutionen – das Krankenhausbeispiel aus Die gute alte Zeit dokumentiert es – entgehen zu können. Somit ist B. trotz des Abschieds von Performances einer Art von Körpersprache treu geblieben. Die literaturwiss. Forschung hat sich in den letzten Jahren verstärkt der Frage nach den Text-/Bild-Beziehungen im Werk von G. B. angenommen.
B. besuchte 1953–1957 die Kunstgewerbeschule in Graz; ein anschließendes Studium an der Wiener Akademie für angewandte Kunst brach er vorzeitig ab. Er gehörte 1964 mit Otto Muehl, Hermann Nitsch u. Rudolf Schwarzkogler zu den Begründern des »Wiener Aktionismus«. Seit der »documenta 5« 1972 war B. an zahlreichen internat. Kunstausstellungen beteiligt. Als Aktionist hatte B. aus Opposition zum traditionellen Kunstverständnis den menschl. Körper in Selbstbemalung u. Selbstverletzung bzw. Selbstverstümmelung zum künstlerischen Objekt gemacht, wodurch er u. a. auch in Schwierigkeiten mit der österr. Justiz geriet. Die Grundintention, Wahrnehmungskonventionen zu durchbrechen, wahrte B. auch nach der um 1970 beginnenden Rückwendung – nach seiner letzten Weitere Werke: Stillstand der Sonnenuhr. körperbetonten Aktion Zerreissprobe – zu Dichtungen, Bilddichtungen u. Imprimaturen. In: konventioneller Zeichen- u. Malpraxis in protokolle 2 (1983). – De Lyrium. 17 Bild-Dichseinen »Bild-Dichtungen«, entschiedener tungen. Köln 2003. – Spiralnebulose Gedanken. noch aber in seiner schriftstellerischen Arbeit, Köln 2004. – 22 Interviews. Ffm. 2005. Literatur: Der Überblick. Hg. Museum modie auf eine Emanzipation der Fantasie von der empir. Welt zielt. Dazu dient bereits die derner Kunst, Wien, Hildegund Amanshauser u. 1971 erschienene Arbeit Irrwisch (Ffm. Faksi- Dieter Ronte. Salzb. 1986 (mit Bibliogr.). – Franziska Meifert: ›Zweimal Geborene‹ – Der ›Wiener mile-Ausg. Klagenf. u. a. 2000), wo B. mit Aktionismus‹ im Spiegel v. Mythen, Riten u. neuen Möglichkeiten einer Verknüpfung von Gesch.n. In: protokolle 1 (1990). – Arnuf Meifert: dichterischer Prosa u. bildender Kunst expe- G. B. In: Hdb. der dt. Gegenwartslit. seit 1946. Hg. rimentiert. Der Roman Die Geheimnisträger D. R. Moser. Stgt. 1990. – Bernd Vinke: Ein Ver(Salzb./Wien 1984. Nachdr. 2007) verfolgt in gleich zwischen aktionist. u. dichter. Werk bei G. B. verschiedenartigen Formen die Reise einer Bielef. 1996 (Magisterarbeit). – Johanna SchwanGruppe in ein Land, dessen Realität aus exo- berg: G. B. Bild-Dichtungen. Wien/New York 2003. tisch-märchenhaften Bildern u. Vorgängen – Dies.: G. B. In: LGL. Ernst Fischer / Torsten Voß entsteht. Paradoxie, Alogik, Neologismen sind hier u. ähnlich auch in den novellistisch pointierten Kürzestgeschichten Amor und Brusch, Bruschius, Kaspar, * 19.8.1518 Amok (Salzb./Wien 1987. Nachdr. 2007) Schlaggenwald bei Eger, † 20.11.1557 Merkmale eines suggestiven Fabulierens, das Steinach bei Rothenburg. – Neulateiniseine Abbildfunktion fast vollständig verliert. scher Lyriker u. Geschichtsschreiber. Zu seinen literar. Tätigkeiten ist auch die 1972 erfolgte Redaktion des ersten, stark in- Der Sohn eines Schuhmachermeisters betermedial ausgerichteten Berliner Dichter- suchte die Lateinschulen in Eger u. Hof. Er Workshops zu nennen, an dem B. zus. mit studierte in Wittenberg (seit 1531, Baccalau-
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Literatur: Bibliografie: Irmgard Bezzel: K. B. reus 1533) u. Tübingen (1536). 1539 wurde er Kantor in Ulm; am 13.4.1541 krönte ihn [...]. Seine Bibliothek, seine Schr.en. In: AGB 23 Kaiser Karl V. zum Poeta laureatus. Ein un- (1982), Sp. 389–480. – Weitere Titel: Adalbert Hostetes Wanderleben führte B., der in eine rawitz: C. B. Prag/Wien 1874. – Wolfgang Gerlach: Das ›Iter Bavaricum‹ des C. B. [1553]. In: ARG 32 Fehde mit Johannes Eck verwickelt wurde, (1935), S. 94–99. – Illuminatus Wagner: Gesch. der 1542 zunächst nach Wittenberg u. Leipzig; Landgrafen v. Leuchtenberg. 4. Tle., Kallmünz 1544 wurde er für kurze Zeit Rektor in Arn- 1953, S. 213–214. – Erwin Herrmann: Der Humastadt, hielt sich 1545/46 in Schmalkalden auf nist K. B. u. sein Hodoeporikon Pfreymbdense. In: u. trat 1546 erneut eine Rektorstelle in Bohemia. Jb. des Collegium Carolinum 7. Mchn. Lindau an, die er 1547 wieder aufgab. Nach 1966, S. 110–127. – Beat R. Jenny: Der Poeta laumehreren Deutschlandreisen arbeitete er seit reatus C. B. in Basel. In: Acta Conventus Neo-Latini 1553 bei dem Buchdrucker Johannes Opori- Turonensis. Paris 1980, S. 1093–1104. – Ders. (Hg.): Die Amerbachkorrespondenz. Bd. 9, Basel nus in Basel, um schließlich luth. Pfarrstellen 1982, S. 105–109. – Caritas Pirckheimer. Kat., hg. in Pettendorf bei Regensburg (1555) u. in der v. Lotte Kurras u. Franz Machilek. Mchn. 1982, Nr. Nähe von Rothenburg/Tauber (1557) anzu- 166 (Lit.). – Hermann Wiegand: Hodoeporica. Batreten. Noch im selben Jahr wurde er von den-Baden 1984. – Alois Schmid: K. B. als Pfarrer in Pettendorf. In. Jb. für fränk. Landesgesch. 60 Adligen ermordet. In seiner Lebensweise u. den Sujets seiner (2000), S. 135–157. – B. R. Jenny: Der Historiker Dichtung erinnert B. an die wandernden Gaspar B. (1518–57) u. seine Beziehungen zur Frühhumanisten. Sein Werk spiegelt eine Schweiz. In: Aus der Werkstatt der Amerbach-Ed. Hg. Ueli Dill u. ders. Basel 2000, S. 93–397. – recht zwiespältige Persönlichkeit der ÜberWalther Ludwig: Gaspar B. als Historiograph dt. gangszeit vor der festen Ausprägung der Klöster u. seine Rezeption. Gött. 2002. – Flood, Konfessionskirchen: In zahlreichen Reisege- Poets Laureate, Bd. 1, S. 249–256. dichten erscheint er einerseits als engagierter Hermann Wiegand Kritiker der Klöster der alten Kirche, mit deren Äbten er gleichwohl verkehrt (z.B. Hodoiporikon [...] Pfreymbdense. 1554), andererseits Brussig, Thomas, auch: Cordt Bernebursammelt er z.T. heute noch unentbehrliches ger, * 19.12.1965 Berlin/DDR. – SchriftMaterial zur Geschichte der dt. Bistümer steller u. Drehbuchautor. (Magni operis de omnibus Germaniae Episcopatibus Als einer der erfolgreichsten Vertreter der Epitomes: Tomus primus. Continens Annales Ar- sog. »Wende«-Literatur setzt B. sich in seichiepiscopatus Moguntini. Nürnb. 1549. Dt. nem literar. Werk mit der Agoniephase des Ffm. 1551) u. zu seinem Hauptwerk, einer ostdt. Gemeinwesens in den achtziger Jahren Geschichte der wichtigsten Klöster Deutsch- u. dessen Untergang 1989/90 auseinander. lands ([Chronologia] Monasteriorum Germaniae Sein Schreiben besteht dabei, eigenem Bepraeciporum [...]. Zuerst Ingolst. 1551. Erw. kunden nach, in der »Außerkraftsetzung Sulzbach 1682). Mit diesen Werken beginnen dessen [...], was von Staats wegen Thema sein die neuzeitl. Bemühungen um ein Erfassen sollte« (Wie es leuchtet). Im Ostteil Berlins der »Germania sacra«. Durch nicht wenige aufgewachsen (1971–1981 Schulbesuch, Arbeiten leistete B. einen beachtl. Beitrag zur 1981–1984 Ausbildung zum Baufacharbeiter topografischen (Des Vichtelbergs in der alten u. Abitur), ging B. in den Jahren bis 1990 Nariscen land gelegen [...] gruendliche beschrei- wechselnden Tätigkeiten als Museumspförtbung. Zuerst Nürnb. 1552) u. poet. Erschlie- ner, Tellerwäscher, Reiseleiter, Hotelportier, ßung seiner engeren Heimat (Encomia Hubae Fabrikarbeiter u. Fremdenführer nach. ZuSlaccenwaldensis. Wittenb. 1542). Der Lobred- dem leistete er Wehrdienst bei der Nationalen ner Martin Luthers ist zgl. ein treuer An- Volksarmee. Nach dem Zusammenbruch der hänger des habsburgischen Hauses, der Karl DDR nahm er 1991 ein Soziologiestudium an V. u. Ferdinand I. einen begeisterten Pane- der Freien Universität Berlin auf, das er jegyricus widmet (In divorum Caroli v. [...] & doch 1993 zugunsten eines (2000 mit Diplom Ferdinandi [...] Schediasmata. Augsb. 1548). abgeschlossenen) Studiengangs Film- u.
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Fernsehdramaturgie an der Filmhochschule »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg abbrach. 1995 gelang B. mit seinem zweiten, in hoher Auflage erschienenen, in zahlreiche Sprachen übersetzten, für das Theater bearbeiteten u. 1999 unter der Regie von Sebastian Peterson verfilmten Roman Helden wie wir (Bln.) der literar. Durchbruch, in dessen Sog auch sein 1991 in der Erstauflage unter dem Pseudonym Cordt Berneburger veröffentlichter Roman Wasserfarben (Bln./Weimar) die Beachtung des Literaturbetriebs fand. Helden wie wir wurde bei seinem Erscheinen von der Kritik als der lang ersehnte »Wende«Roman gefeiert. Der Erfolg gestattete es dem Autor, fortan als freiberufl. Schriftsteller in Berlin zu leben. Seither hat B. weitere von Kritik u. Publikum ebenfalls viel beachtete literar. Arbeiten vorgelegt. Parallel zum Drehbuch Sonnenallee (1999), das er gemeinsam mit dem Regisseur Leander Haußmann erarbeitete, entstand der Roman Am kürzeren Ende der Sonnenallee (Bln. 1999); 2001 folgte der noch im gleichen Jahr an den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin unter der Regie von Peter Ensikat uraufgeführte Monolog Leben bis Männer (Ffm.). Für den Film Sonnenallee wurde B. (zus. mit L. Haußmann) 1999 der Drehbuchpreis der dt. Bundesregierung verliehen; 2000 erhielt er den Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster; bereits 1996 kürte ihn die Zeitschrift »Theater heute« zum Nachwuchsautor des Jahres. Die Arbeit als Drehbuchautor hat er für den Film NVA (2005, Regie: L. Haußmann) u. die ARD-Reihe Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende (2004, zus. mit Edgar Reiz) fortgesetzt. Sein bislang letzter Roman Wie es leuchtet ist im Jahr 2004 in Frankfurt/M. erschienen. Entwirft der Monolog Leben bis Männer die Figur eines nicht mehr ganz jungen Fußballtrainers, dessen systemkonforme DDRBiografie im Zuge des Vereinigungsprozesses eine nahezu vollständige Entwertung erfahren hat, so stehen im Zentrum von B.s Romanen fast ausnahmslos jugendl. Protagonisten. Im Falle des Adoleszenzromans Wasserfarben konstruiert B. die Figur des Ich-Erzählers Anton Glienicke, der sich an die Monate vor dem Abitur an einer Ostberliner
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Oberschule erinnert. In Helden wie wir ist es der in der Tradition literarischer Schelmenfiguren entworfene, gleichfalls adoleszente Ich-Erzähler Klaus Uhltzscht, der seine Jugend in der DDR der achtziger Jahre sowie die in der Grenzöffnung kulminierenden Ereignisse des Herbstes 1989 in Form einer »phallischen Groteske« (Magenau) erzählt u. damit die bereits im Verlauf der polit. Ereignisse einsetzende Fixierung einer »Wende«Legende (»Wir sind das Volk!«) satirisch unterminiert. Am kürzeren Ende der Sonnenallee fokussiert unter scheinbarem Verzicht auf eine polit. Perspektivierung des Themas den Alltag einer Ostberliner Freundesgruppe, die im unmittelbaren Schatten der Mauer heranwächst. B.s Texte erzielen ihre wichtigsten literar. Effekte indes durch die spezifische Weise, in der sie das persönl. Leben der jugendl. Figuren u. die Ebene der großen Politik miteinander verbinden. Dies geschieht in stetiger satir. Auseinandersetzung mit den Konzepten der DDR-Literatur, die das persönl. Leben des Individuums im unmittelbaren Bezug auf die polit. Programmatik des DDR-Staates bezogen hatte. So wird in Helden wie wir Christa Wolf in metonymischer Stellvertretung für die krit. DDR-Schriftsteller dem beißenden Spott preisgegeben. Auch darf B.s Roman als Kontrafaktur zu Wolfgang Hilbigs »Ich«-Roman gelesen werden (Baßler). Gegenüber seinen früheren Romanen erreicht B. in Wie es leuchtet einen deutlich höheren Komplexitätsgrad. Thematisch ebenfalls um den Kollaps der DDR kreisend, zeichnet er hier erstmals auch Figuren, über welche die westdt. Sicht auf diese Ereignisse einbezogen wird. Literarisch interessant sind B.s Texte schließlich dadurch, dass sie die Medialität der Literatur u. deren Effekte poetologisch reflektieren. Im Falle von Helden wie wir ist es die Konstruktion einer Interviewsituation, welche die Narration motiviert. In Wasserfarben werden Erzählerfigur u. Autorinstanz kontaminiert, indem das dem Leser vorliegende Buch in der fingierten paratextuellen u. im Regelfall vom Autor zu verantwortenden Widmung als der Rede der Erzählerfigur Anton Glienicke zugehörig ausgegeben wird.
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In Wie es leuchtet wird das Spiel mit der pseudonymen Besetzung der Autorfunktion thematisiert, was ein verändertes Licht auf die pseudonyme Erstveröffentlichung von Wasserfarben wirft. Literatur: Heide Hollmer: T. B. In: KLG. – Jörg Magenau: Kindheitsmuster. T. B. oder Die ewige Jugend der DDR. In: aufgerissen. Zur Lit. der 90er Jahre. Hg. Thomas Kraft. Mchn./Zürich 2000, S. 39–52. – Moritz Baßler: Der dt. Pop-Roman. Die neuen Archivisten. Mchn. 2002, S. 46–68. – T. Kraft: T. B. In: LGL. Franz-Josef Deiters
Brust, Alfred, * 15.6.1891 Insterburg/Ostpreußen, † 18.9.1934 Königsberg/Ostpreußen. – Dramatiker, Lyriker u. Romancier. Der Sohn eines Gastwirts wurde zunächst Kaufmannsgehilfe u. trat 1911 ein Volontariat bei der »Tilsiter Zeitung« an. 1916–1918 war er Soldat in der Presseabteilung beim Oberbefehlshaber Ost in Kowno in Litauen. Die ethnische Vielfalt dieses Landes gewann großen Einfluss auf sein Werk. Hier traf er u. a. den Maler Karl Schmidt-Rottluff u. den Dichter Richard Dehmel. 1918/19 war er Delegierter im Rigaer Soldatenrat, danach lebte er als freier Schriftsteller in Cranz, Heydekrug u. Königsberg (alle Ostpreußen). Obwohl seine Dramen gelegentlich auch in Berlin, Prag u. Wien Erfolg hatten (hier trotz eines Verrisses durch Robert Musil), musste er stets mit materieller Not kämpfen u. starb an einer unzureichend behandelten Lungentuberkulose. B.s Werke spielen zu verschiedenen Zeiten, handeln aber alle vom Konflikt zwischen dem urtümlichen, von slawischen, jüd. u. balt. Mythen bestimmten Leben östlich der Weichsel u. der modernen, von Westen kommenden Zivilisation. In seelischen wie in zwischenmenschl. Konflikten stellt B. magische, teilweise noch vorchristl. Religiosität u. Aufklärung, Natur u. Technik, spontane Lebendigkeit u. abstrakte Intellektualität einander gegenüber. Sein größter Bühnenerfolg, die Trilogie Tolkening (Mchn. 1924), zeigt am Beispiel der weibl. Sexualität den zerstörenden Sieg der ungebändigten Lebenskräfte über den zivilisierten, schwachen Menschen.
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Von seinen 38 Stücken wurden weder alle aufgeführt noch gedruckt. Vom Beginn der 1920er Jahre an wandte sich das Theaterpublikum zunehmend vom Expressionismus ab, dessen Stil B. aufnahm. Seine manchmal nur einaktigen »Spiele« (z.B. Das Spiel Christa vom Schmerz der Schönheit des Weibes. Bln. 1918. Mit Holzschnitten von Karl Schmidt-Rottluff) gestalten keine individuellen Personen u. Handlungen, sondern Typen, die in sprunghaft wechselnden Bildern u. mit eruptiven Gesten Ideen u. magische Lebenskräfte verkörpern. Um seine große Familie zu ernähren, wandte sich B. von 1924 an der Prosa zu. Für Die verlorene Erde (Lpz. 1926) erhielt er den Kleist-Preis. Der Roman handelt von der Ausrottung der Pruzzen durch den Deutschen Orden, ist aber nicht als historischer Roman zu verstehen, sondern wiederum als Parabel auf den tiefenpsycholog. West-OstKonflikt. Dieser ist auch der Hintergrund für die Erzählung Jutt und Jula. Geschichte einer jungen Liebe (Bln. 1928). Walter Benjamin hat sie im selben Jahr u. d. T. Eine neue gnostische Liebesdichtung in einer auf große Teile von B.s Werk zutreffenden Weise fasziniert u. kritisch rezensiert, voll »Widerwillen gegen die Welt, mit der der Autor hier [...] sich einließ«. Er sieht in der Erzählung ein für seine Gegenwart höchst bedeutsames »jüngstes Zeugnis des alten Ringens zwischen der christlichen und der germanischen Lebenserfahrung und Lebenslehre«. In der Reinheitsprüfung, die die Braut in der Erzählung zu bestehen hat, gähne »der Abgrund blutiger Barbarei« (Walter Benjamin: Ges. Schr.en. Bd. 3, Ffm. 1972). B.s zweiter u. letzter Roman Eisbrand (Bln. 1933) zeigt am Beispiel des Titelhelden die Rückkehr eines Menschen aus der modernen Arbeitswelt in Westeuropa zum ursprüngl. Leben im Osten. Weitere Werke: Der ewige Mensch. Mchn. 1920 (D.). – Die Schlacht der Heilande. Mchn. 1920 (D.). – Ich bin. Lpz. 1929 (L.). – Dramen 1917–24. Mchn. 1971. Literatur: Horst Denkler: Nachw. zu: A. B. Dramen 1917–24. Mchn. 1971. – Simone Dannenfeld: Der (expressionist.) Gottsucher A. B. (1891–1934). Eine Untersuchung seines dramat.
243 Werks. In: Dt. Lit. im frühen Preußen u. im Baltikum. Hg. Peter Zimmermann. Dresden 2001, S. 178–186. – Sigita Barniskiene: Moral u. Sexualität in den Dramen A. B.s. In: Triangulum 10 (2003/04), S. 86–99. Walther Kummerow / Red.
Brusto, Max, eigentl.: Motek Brustowiecki, * 15.10.1906 Kolno/Masuren, † 25.2. 1998 Paris. – Erzähler u. Journalist. B. lebte ab 1915 zunächst in Magdeburg, dann in Hamburg; er arbeitete für verschiedene Zeitschriften u. Magazine u. für den Rundfunk. Aufgrund seiner Veröffentlichungen in einigen jüd. Zeitungen musste er 1933 nach Frankreich emigrieren. In Paris u. Nizza schrieb er für die »Pariser Tageszeitung« u. das »Grüne Journal«. Während des Zweiten Weltkriegs flüchtete B. aus dem besetzten Frankreich in die Schweiz. Nachdem er in verschiedenen Emigrantenlagern festgehalten worden war, wurde er privat interniert. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit u. seine Beschreibung der Exilsituation in der Schweiz finden sich in seinem Roman Ich bin ein Flüchtling (Zürich 1945) u. in der Dokumentation Im Schweizer Rettungsboot (Mchn. 1967). 1946 kehrte B. nach Frankreich zurück, wo er zuletzt als freier Schriftsteller u. Anzeigenmanager arbeitete. Weitere Werke: Die letzten Vier. Basel 1940 (D.). – Drei Franzosen. Das Hohelied der Kameradschaft. Zürich 1945 (R.). – Das Volksschauspiel v. Dr. Faust in 4 Aufzügen. Luzern 1948 (D.). – Atelier Jim. Bln. 1950; entstanden 1936 (R.). – Im Schweizer Rettungsboot. Mchn. 1967 (Dokumentation). – Ein Kellner namens Aristide. Darmst. 1977 (R.). – Visum oder Tod. Auf der Flucht vor den Nazis. Wiesb. 1982 (E.en). Frank Raepke / Red.
Bruyn, Günter de, * 1.11.1926 Berlin. – Verfasser von Romanen, Erzählungen, Essays. Von 1943 an Luftwaffenhelfer u. Soldat, arbeitete B. 1945 nach kurzer Kriegsgefangenschaft als Landarbeiter in Westdeutschland. 1946 besuchte er in Potsdam einen Neulehrerkurs, bis 1949 war er in einem märk. Dorf als Lehrer tätig. Nach dem Besuch einer Bibliothekarsschule arbeitete B. 1953–1961 als wiss. Mitarbeiter am Zentralinstitut für Bi-
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bliothekswesen der DDR in Ostberlin. Seit 1961 lebt er abwechselnd in Berlin u. in der Nähe von Beeskow als freier Schriftsteller. 1978 wurde er Mitgl. der Ostberliner Akademie der Künste. Von 1974 bis 1982 war er Präsidiumsmitgl. im PEN-Zentrum der DDR, 1991 wechselte er zum PEN-Zentrum der Bundesrepublik Deutschland. B.s Geschichten, seine Erzählungen u. Romane sind realistisch angelegt, wobei er die Entwicklung seiner Figuren mit psycholog. Mitteln gestaltet. Der Raum, in dem sie sich bewegen, ist eng umgrenzt: die Mark Brandenburg. Eine kleine Welt, die doch nie den Verdacht von Heimatliteratur aufkommen lässt. Viele von B.s Figuren bewegen sich im Alltag der DDR, mit den Nöten u. Hoffnungen, die einmal mit dem Aufbau des Sozialismus verbunden waren, manche zgl. in der Literaturgeschichte. Sie transportieren also den Anspruch einer literar. Tradition – etwa Jean Pauls oder Theodor Fontanes – in die Gegenwart. Aus der Differenz zwischen diesem literar. Anspruch u. der alltägl. Realität entwickelte B. den Konflikt; so in dem Roman Preisverleihung (Halle 1972. 71987. Mchn. 1974. Ffm. 1993), so auch in Märkische Forschungen, einer Erzählung für Freunde der Literaturgeschichte (Halle 1978. Ffm. 1979). Die erstarrte, verdinglichte Tradition, die in der DDR »kulturelles Erbe« hieß, gewann bei B. ihre Lebendigkeit zurück u. wurde zum Maßstab des gegenwärtigen Lebens. Der in der Honecker-Ära gepflegten Vorspiegelung sozialer Zufriedenheit u. Harmonie widersprach B. mit seinem Werk vielfach u. nachdrücklich. Einer der frühen Romane B.s, Buridans Esel (Halle 1968. Mchn. 1969. Ffm. 1999), erzählt die bekannte Fabel jenes Tieres, das sich zwischen zwei gleich großen Heubündeln nicht entscheiden kann u. darum verhungert. Aber darüber hinaus erzählt dieser Roman die Geschichte eines privaten Dreieckskonflikts eines Mannes zwischen zwei Frauen. Es geht nicht um die Steigerung der Produktivität, es geht nicht gegen den Klassenfeind, es geht nicht um den Aufbau des Sozialismus, es geht einzig u. allein um das individuelle Glücksverlangen eines Einzelnen, allerdings
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eingelassen in die sozialen Verhältnisse der DDR. Dank genauer Beobachtungen u. oft nur leicht iron. Beschreibung entwickeln zuweilen selbst kleine Nebenszenen beträchtl. Sprengkraft: So konfrontiert B. im Roman Neue Herrlichkeit (Mchn. 1984. Halle 1985. Ffm. 1991) mehrfach Anspruch u. Wirklichkeit miteinander. Im staatl. Heim »Neue Herrlichkeit« sitzen der Held Viktor, eine unscheinbare Gestalt, u. sein Vater, der hohe Staatsrepräsentant Kösling. Unterdessen lassen die DDR-Fernsehnachrichten – entgegen ihrer im Titel »Das Neueste aus aller Welt« proklamierten Universalität – Agronomen aus Buckow zu Wort kommen. Hauptgegenstand dieses mit realist. Mitteln dargestellten Provinzalltags ist aber eine behutsame u. zärtlich entfaltete Liebesgeschichte zwischen Viktor u. Thilde, einem Mädchen aus einfachsten Verhältnissen. Was als psycholog. Charakterstudie eines Opportunisten angelegt ist, der sich allen Gegebenheiten reibungslos anpasst, erweist sich auch als Beschreibung der Verhältnisse im real existierenden Sozialismus. Der Alltag märkischer Provinzialität wird szenisch entfaltet, liebevoll ausgemalt, ironisch u. zuweilen auch sarkastisch durchsetzt, bes. dort, wo märk. Provinz mit preußischer Mentalität im realen Sozialismus auf eine verquere Weise zusammentreffen. An vielen Details dieses Romans wird sichtbar, wie sorgfältig B.s Arbeiten komponiert sind u. wie B. mit versteckten Anspielungen u. Verweisen versucht, die Differenz zwischen Anspruch u. Realität des Lebens in der DDR auszumessen. Das hat ihm – wenn er in Nebenbemerkungen Versorgungsmängel in der staatl. Alterspflege verzeichnet – auch Ärger eingetragen. B. erzählt dabei im beiläufigen Plauderton Fontanes, u. er zeichnet mit Fontanes Sinn für Gerechtigkeit seine Figuren. Noch der unsympathischste Funktionär, dem jede Form der Menschlichkeit unter »Punkt 3, Beschluß 79 Strich 13 des Rates der Gemeinde Görtz« verloren gegangen ist, wird nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer erkennbar. B.s eigenem Zeugnis zufolge hat ihn als Kind Karl May zur Literatur gebracht. Als
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Bibliothekar u. Leser ist er zum Schriftsteller geworden. Welche Rolle Jean Paul dabei gespielt hat, lässt sich an seinem Buch Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter (Halle 1975. Ffm. 1976. 1993) ablesen, einer Biografie, die über das Leben zum Werk, über die gesellschaftlichen u. histor. Bedingungen zur Literatur führt. Zus. mit Gerhard Wolf gab B. die Reihe »Märkischer Dichtergarten« heraus mit Werken von Friedrich Nicolai, Friedrich de la Motte Fouqué, Ludwig Tieck, Achim von Arnim, Schmidt von Werneuchen. Hatte B. 1989 die Annahme des Nationalpreises der DDR 1989 abgelehnt, folgten in den folgenden Jahren neben zwei Ehrendoktorwürden der Universitäten Freiburg (1991) u. Berlin (1999) zahlreiche Auszeichnungen, u. a. 1989 der Thomas-Mann-Preis, 1993 der Große Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 1994 der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, 1996 der Literaturpreis der KonradAdenauer-Stiftung u. 2006 der Jacob-GrimmPreis Deutsche Sprache. In den 1990er Jahren publizierte B. ein umfangreiches essayist. u. autobiogr. Werk, in dem er sich mit der jüngeren dt. Geschichte, mit der preuß. Vergangenheit u. mit den gegenwärtigen dt. Zuständen auseinandersetzt. Insbes. die autobiogr. Bücher fanden als differenzierte Darstellung eines dt. Lebens im Dritten Reich u. in der DDR sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum ein großes u. positives Echo. Weitere Werke: Der Hohlweg. Halle 1963 (R.). – Ein schwarzer, abgrundtiefer See. Halle 1963 (E.en). – Maskeraden. Parodien. Halle 1966. – Tristan u. Isolde. Nach Gottfried v. Straßburg neu erzählt. Bln./DDR u. Mchn. 1975. Ffm. 2000. – Babylon. Lpz. 1977. Ffm. 1986. 1993 (E.en). – Frauendienst. Halle 1986 (E.en u. Ess.s. Ausw. der Ess.s u. d. T. Lesefreuden. Ffm. 1986. 1995). – Jubelschreie, Trauergesänge. Dt. Befindlichkeiten. Ffm. 1991. 1994. – Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin. Ffm. 1992. 51995 (Autobiogr.). – Mein Brandenburg. Ffm. 1993. 2006. – Das erzählte Ich. Über Wahrheit u. Dichtung in der Autobiogr. Ffm. 1995. – Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht. Ffm. 1996. 2002 (Autobiogr.). – Die Finckensteins. Eine Familie im Dienste Preußens. Bln. 1999. Mchn. 2004. – Dt. Zustände. Ffm. 1999 (Dokumentation).
245 – Preußens Luise. Vom Entstehen u. Vergehen einer Legende. Bln. 2001. Mchn. 2004. – Unzeitgemäßes. Ffm. 2001. – Unter den Linden. Bln. 2003. Mchn. 2004. Literatur: Karin Hirdina: G. B. Leben u. Werk. Bln. 1983. – Magda Grams: Das künstler. Wirklichkeitsverhältnis G. B.s Dargestellt an Figurenwahl, Konfliktgestaltung u. Erzählweise seiner ausgew. Prosawerke. Lpz. 1988. – Frank Hafner: ›Heimat‹ in der sozialist. Gesellsch. Der Wandel des DDR-Bildes im Werk G. B.s. Ffm. 1992. – Anja Kreutzer: Untersuchungen zur Poetik G. B.s. Ffm. 1995. – Hugo Dittberner: G. B. Mchn. 1995 (Text + Kritik 127). – Owen Evans: Ein Training im IchSagen. Personal authenticity in the prose of G. B. Bern 1996. – Michael Braun: Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit. G. Bs. literar. Auseinandersetzung mit der Diktatur. In: Lit. in der Diktatur. Hg. Günther Rüther. Paderb. 1997, S. 391–403. – Dennis Tate: G. B. in perspective. Amsterd. 1999. – Bernd Allenstein, Harald Kern, Michael Töteberg u. Hans-Michael Bock: G. B. In: KLG. – York-Gothart Mix: G. B. In: LGL. Martin Lüdke / Red.
Buber, Martin, * 8.2.1878 Wien, † 13.6. 1965 Jerusalem; Grabstätte: ebd., Friedhof Har Hemenuchoth. – Religions- u. Sozialphilosoph. B. wuchs bei den Großeltern im galizischen Lemberg auf. Sein Großvater Salomon B., ein berühmter Herausgeber von Midraschtexten, prägte seine jüd. Sozialisation. Zgl. besuchte B. das poln. Gymnasium. 1896–1904 studierte er in Wien, Berlin, Leipzig u. Zürich Philosophie, Kunstgeschichte, Germanistik, Psychologie u. Psychiatrie. Gleichzeitig entfaltete er eine lebhafte zionist. Tätigkeit: als Gründer des »Bundes jüdischer Studenten« in Leipzig (1898), als Redakteur der Zeitschrift »Die Welt« (1901) u. 1902 als Mitbegründer des Jüdischen Verlags in Berlin. Mit seiner an der bibl. Gottesvolk-Vorstellung orientierten Forderung nach moralischer u. geistiger Erneuerung des Judentums stand er jedoch bald im Widerspruch zu Theodor Herzls politischem Zionismus. 1899 heiratete B. die Schriftstellerin Paula Winkler (Pseud. Georg Munk). B.s Denken ist in dieser Zeit von seinen Studien der westlichen u. v. a. der ostjüd. Mystik geprägt: Von 1906 (Die Geschichten des Rabbi Nachman. Ffm.) an erschienen B.s chas-
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sid. Schriften, in denen er die literar. Zeugnisse der ostjüd. Lebens- u. Frömmigkeitsform zuerst erzählend, später deutend für die Nachwelt aufbereitete (Die chassidischen Bücher. Hellerau 1928). 1906–1916 lebte B. in Berlin, bis 1938 in Heppenheim. Als Verlagslektor von Rütten & Loening (ab 1905) gab B. 40 Bände der Sammlung sozialpsychologischer Monografien Die Gesellschaft heraus u. wirkte 1916–1930 auch publizistisch in der von ihm gegründeten dt.-jüd. Zeitschrift »Der Jude« u. als Mitherausgeber der überkonfessionellen Vierteljahresschrift »Die Kreatur«. Mit der, religions- u. philosophiegeschichtlich gesehen, bis heute einflussreichen Schrift Ich und Du (Lpz. 1923. Neuausg. Heidelb. 1958. 121994. Stgt. 1995 u. ö.) wird eine neue Richtung in B.s Denken sichtbar: die Umformung seines pantheist. Mystizismus in eine Philosophie des Dialogs, die ihn mit Denkern wie Ferdinand Ebner u. Gabriel Marcel verbindet (Die Schriften über das dialogische Prinzip. Heidelb. 1954). In Anlehnung an Ludwig Feuerbach teilt B. alle Erfahrungen in Ich-Es- u. Ich-Du-Beziehungen. Während bei jenen das Ich ein Gegenüber nur als Objekt gelten lässt, anerkennt es bei diesen ein personales Gegenüber (»Mensch sein heißt, das gegenüber seiende Wesen sein«), mit dem es – Sprechen als existentielle Handlung – in ein »wirkliches Gespräch« tritt. Höhepunkt des personal-dialogischen Daseinsverständnisses ist die Zwiesprache des Menschen mit Gott. Eine lebensbestimmende Freundschaft verband B. mit dem jüd. Philosophen u. Theologen Franz Rosenzweig; gemeinsam gründeten sie 1920 das Jüdische Lehrhaus in Frankfurt/M. u. schufen ein sprachschöpferisches Werk von hohem theologischen, literar. u. philolog. Rang: eine dt. Übersetzung des AT (Die Schrift. 14 Bde., Bln. 1925–35. Neubearb. Ausg. 4 Bde., Köln 1954–62). Dabei ging es B. u. Rosenzweig nicht zuletzt darum, der vornehmlich leise gelesenen Bibel ihre »Stimme« u. das »Gesprochenwerden des Worts« in deutscher Sprache zurückzugeben. Daneben legte B. weitere, ein neues Bibelverständnis erschließende Werke vor wie Königtum Gottes (Bln. 1932) oder Der
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Glaube der Propheten (Zürich 1950). Bis 1933 1982. – Jochanan Bloch u. Haim Gordon (Hg.): B. lehrte B. jüd. Religionswissenschaft u. Ethik Bilanz seines Denkens. Freib. i. Br. 1983. – Werner in Frankfurt/M. u. arbeitete mit dem Histo- Licharz (Hg.): B.s Erbe für unsere Zeit. Bd. 1, Ffm. riker u. Pädagogen Ernst Simon am Aufbau 1985. – Michael Zank (Hg.): New Perspectives on M. B. Tüb. 2006. einer »Mittelstelle für jüdische ErwachseUrsula Weyrer / Alfred Bodenheimer nenbildung«. Nach seiner Emigration 1938 wirkte er als Professor für Sozialphilosophie an der Hebräischen Universität Jerusalem u. Buber-Neumann, Margarete, eigentl.: begründete 1949 ein Seminar für ErwachseM. Faust, geb. Thüring, * 21.10.1901 nenbildung. Von Anbeginn kämpfte B., von Potsdam, † 6.11.1989 Frankfurt/M. – Punur wenigen Gleichgesinnten unterstützt, für blizistin. die jüdisch-arab. Verständigung (Ein Land und zwei Völker. Hg. Paul R. Mendes-Flohr. Ffm. B. begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu schreiben. Sie wurde weltbekannt mit 1983). Nach 1945 fand das Werk des Denkers, Schilderungen ihres vom Kommunismus geBibelexegeten u. Interpreten jüdischer Spiri- prägten, von ihr später als »Irrweg« betualität bes. in Westeuropa u. den USA große zeichneten Lebenswegs, der sie in russische u. Resonanz. Im Sinne einer Versöhnung zwi- dt. Arbeits- u. Konzentrationslager geführt schen Juden u. Deutschen besuchte B. bereits hatte. Im bürgerl. Milieu aufgewachsen, stand sie Anfang der fünfziger Jahre erstmals früh unter dem Einfluss der gegen die »verDeutschland u. war dort über Jahrzehnte der meistgelesene jüd. Denker der Nachkriegs- logene Moral« der Elterngeneration proteszeit. Er erhielt u. a. 1953 den Friedenspreis tierenden Jugendbewegung. Nach dem Bedes Deutschen Buchhandels u. 1963 den nie- such des Lyzeums begann sie, dem sozialen u. derländ. Erasmus-Preis. Sein sozialethisches pädagog. Ethos der Jugendbewegung folDenken (Pfade in Utopia. Heidelb. 1950. Neu- gend, im Berliner Pestalozzi-Fröbel-Haus ausg. u. d. T. Der utopische Sozialismus. Köln eine Ausbildung als Kindergärtnerin. Wäh1967) ist Saint-Simon, Proudhon, Kropotkin rend dieser Zeit lernte sie das Elend der Beru. Gustav Landauer verpflichtet; sein reli- liner Arbeiter kennen u. wurde Sozialistin. 1921 trat B. in den Kommunistischen Jugiöser Existentialismus verbindet die Kulturkritik des 19. Jh. (Kierkegaard, Nietzsche) gendverband ein, wurde 1926 Mitgl. der KPD mit dem modernen existentialist. Denken u. arbeitete fortan aktiv in einer Potsdamer Parteizelle. 1929 lernte sie Heinz Neumann Martin Heideggers u. Jean-Paul Sartres. Ausgaben: Werkausg. 21 Bde., Gütersloh kennen, der damals Mitgl. des Politbüros der 2001 ff. – Ausgabe letzter Hand: Werke. 3 Bde., KPD war, u. wurde dessen Lebensgefährtin. Heidelb. 1962–64. – Briefe: Briefw. aus sieben 1931 kam es zwischen Neumann u. der Jahrzehnten. Hg. Grete Schaeder. 3 Bde., Heidelb. Moskauer Kominternzentrale zu ersten 1972–75. – B. u. Ludwig Strauss. Hg. Tuvia Rübner. schweren Auseinandersetzungen über den Heidelb. 1978. innenpolit. Kurs der KPD. Nach 1933 folgte für B. u. Neumann die Literatur: Bibliografien: Moshe Catanne: A Bibliography of B.’s Works (1895–1957). Jerusalem Emigration zunächst nach Spanien, dann in 1961. – B. A Bibliography of his Writings die Schweiz, schließlich auf abenteuerl. Um1897–1978. Compiled by Margot Cohn u. Rafael weg in die UdSSR. Dort wurde B. Zeugin der Buber. Mchn. 1980. – Biografien: Hans Kohn: B. Sein Anfänge des stalinist. Terrors. 1937 wurde Werk u. seine Zeit. Hellerau 1930. Neuaufl. Köln Heinz Neumann in Moskau wegen seiner 1961. Wiesb. 1979. – Maurice Friedman: B.’s Live Opposition zu Stalin verhaftet u. verschwand and Work. 3 Bde., New York 1981–83. – Gerhard Wehr: B. Leben Werk Wirkung, Zürich 1991. – spurlos. Ein Jahr später kam auch B. wegen Hans-Joachim Werner: B. Ffm. 1994. – Weitere Titel: angeblicher konterrevolutionärer Agitation Arthur Schlipp u. Maurice Friedman (Hg.): B. Stgt. gegen den Sowjetstaat in Haft. Ursprünglich 1963. – Wolfgang Zink (Hg.): B. 1878/1978. Bonn zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt, wur1978. – Werner Licharz (Hg.): Dialog mit B. Ffm. de sie 1940 aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts
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von der Sowjetunion an die Gestapo ausgeliefert. In den folgenden fünf Jahren war sie im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Dort begegnete sie Milena Jesenská, einer Freundin Franz Kafkas. Nach ihrer Befreiung 1945 schrieb B. die autobiogr. Berichte Als Gefangene bei Stalin und Hitler (Mchn. 1949. 2002. Zahlreiche Übers.en, neue ital. u. span. Ausg. 2005) u. Von Potsdam nach Moskau (Stgt. 1957. Neuausg. Mchn. 2002), in denen sie die Abwendung vom Kommunismus rechtfertigte u. zgl. anschaul. Berichte über die aus nächster Nähe erlebte Entwicklung der kommunist. Bewegung in Deutschland u. in der Sowjetunion lieferte. Weitere Werke: Kafkas Freundin Milena. Mchn. 1963. U.d.T. Milena, Kafkas Freundin. Mchn. 1979. 42000. – Die erloschene Flamme. Schicksale meiner Zeit. Mchn. 1976. Ffm. 1989. – Freiheit, du bist wieder mein [...]. Mchn. 1978. Literatur: Margrid Bircken (Hg.): Von Potsdam nach Moskau u. zurück. Schkeuditz 2002. – Gisela Rassow: ›Weil ich meine Erfahrungen nicht begraben konnte‹: M. B. Bln. 2004. Peter König / Red.
Bucer, Butzer, Martin, * 11.11.1491 Schlettstadt/Elsass, † 1.3.1551 Cambridge; Grabstätte: ebd. – Theologe u. Reformator. B. wurde in ärml. Verhältnissen geboren. Er besuchte die Schlettstädter Lateinschule u. trat 15-jährig in das dortige Dominikanerkloster ein, wo er nach Studienbestimmungen dieses Ordens ausgebildet wurde. Wohl 1515 kam er als Dominikaner nach Heidelberg, wo er 1517 an der Universität immatrikuliert wurde. Im April 1518 begegnete er hier Luther. 1518 oder Anfang 1519 wurde er Magister u. Baccalaureus biblicus. 1521 erreichten einflussreiche Freunde, dass er vom Ordensgelübde entbunden wurde. Als Weltpriester ging er nach Landstuhl; dort heiratete er im Sommer 1522 die frühere Nonne Elisabeth Silbereisen. Franz von Sickingen setzte ihm ein Stipendium für Wittenberg aus. Auf dem Weg dorthin bat ihn der Rat von Weißenburg im November 1522, als evang. Prediger zu bleiben; aus polit. Gründen mussten er als soeben gebannter Priester u.
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der Stadtpfarrer die Stadt im Mai 1523 verlassen. In Straßburg begann B. im Mai 1523 mit bibl. Vorträgen; im Frühjahr 1524 wurde er zum Pfarrer der Vorstadtgemeinde St. Aurelien gewählt. Er übte bald starken Einfluss auf die Bürgerschaft aus, arbeitete eng mit Wolfgang Capito, Kaspar Hedio u. Matthias Zell zusammen u. veröffentlichte Streitschriften, Bibelkommentare etc. Schon in seinen ersten Schriften Daß yhm selbs niemand leben soll (Straßb. 1523) u. Grund und ursach (Straßb. 1524) kam es ihm allein darauf an, den christl. Glauben biblisch getreu u. unvoreingenommen darzustellen. In dieser Beziehung hatte er sich von Luther bestimmen lassen, ohne ihm in allem zu folgen. Für Straßburg verfasste er die Kirchenordnung u. die Katechismen (1534/43) u. setzte sich in einer Reihe von Traktaten nicht nur mit den Altgläubigen, sondern auch mit den Spiritualisten u. Täufern auseinander, die 1534 Straßburg verlassen mussten. B. entwickelte seine eigene theolog. Richtung, die sich in einigen oberdt. Städten durchsetzte. Von Zwinglis Ansichten grenzte er sich ab. Seit dem Marburger Religionsgespräch (1529) setzte sich B. für die Verständigung der Wittenberger mit den Schweizern ein. Auf dem Augsburger Reichstag (1530) legte er das Bekenntnis der vier oberdt. Städte Straßburg, Lindau, Memmingen u. Ulm (»Tetrapolitana«) vor u. unterstützte auch in den folgenden Jahren die Einigungsbestrebungen. Einigungsverhandlungen konnten auch unter kaiserl. Einfluss in Worms u. Regensburg (1540/41) keine greifbaren Ergebnisse bringen, da die Kompromissformeln weder im Vatikan noch in Wittenberg anerkannt wurden. Dennoch konnte die von B. begründete Straßburger Richtung in der Wittenberger Konkordie (1536) u. auch in den 1540er Jahren noch wirksam werden. Mit seinem Werk Von der waren Seelsorge (Straßb. 1538) legte er eine grundlegende Zusammenfassung vor, die für das Gemeindeleben wesentlich wurde. Auf Bitten des Kölner Erzbischofs Hermann von Wied verfasste er eine Reformationsordnung (Einfältiges Bedenken. Bonn 1543) für die von diesem geplante Kölner Reformation.
Buch der Könige alter ê und niuwer ê
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B. nahm an den verschiedenen Religions- M. B. Correspondance. Bde. 1–6, Leiden gesprächen teil u. befasste sich auch in seinen 1979–2006. Literatur: Bibliografie: Holger Pils u. a.: M. B. zahlreichen lat. u. dt. Schriften mit den brennenden kirchenpolit. Fragen seiner Zeit. Bibliogr. Gütersloh 2005. Weitere Titel: Gustav AnAls publizistisch begabter Theologe verfasste rich: M. B. Straßb. 1914. – Johann Müller: M. B.s er darüber Berichte u. behandelte Tagesfra- Hermeneutik. Gütersloh 1965. – Friedhelm Krüger: B. u. Erasmus. Wiesb. 1970. – Martin Greschat: gen wie die über die Verwendung der KirM. B. Mchn. 1990. – M. B. Strasbourg et l’Europe. chengüter u. die über das Eherecht. Exposition à l’Occasion du 500e Anniversaire du Nach der Niederlage der Protestanten im Réformateur Strasbourgeois M. B. 1491–1991. Schmalkaldischen Krieg zeigte B. seinen auf- Straßb. 1991. – David F. Wright (Hg.): M. B. Rerechten Charakter. Der Aufforderung des forming church and community. Cambridge 1994. Kaisers, seine Maßnahmen durch Ausarbei- – Albert de Lange: M. B. Auf der Suche nach Wietung des Interim (1548) zu unterstützen, derherstellung der Einheit. Ubstadt-Weiher 2001. – entzog er sich u. lud den Zorn Karls V. auf Jean Rott: B. In: NDA. Robert Stupperich † / Thomas Wilhelmi sich. Noch einmal verteidigte er seine Überzeugung in der Schrift Summarischer Vergriff der christlichen Lehre (1548), dann wurde er Buch der Könige alter ê und niuwer ê. vom Kaiser gezwungen, Straßburg bei Nacht – Geschichtsdichtung aus der zweiten u. Nebel zu verlassen. Hälfte des 13. Jh. B. ging nach England, wo er mit Ehren empfangen wurde. In Cambridge wirkte er Das Werk besteht aus zwei Teilen, dem Buch als kgl. Lektor. Dort wurde er durch sein Buch der Könige (alter ê) (BdK) u. der ProsakaiserchroDe regno Christi, das stark auf die Kirche von nik (auch Buch der Könige niuwer ê, Pkchr.), die, England wirkte, u. durch seine Mitarbeit am sowohl einzeln als auch gemeinsam, fast Common prayer book bekannt. 1551 starb er in ausnahmslos als Vorspann zu Rechtsspiegeln Cambridge. 1556, im Zuge von Königin Ma- überliefert werden. In sechs der sieben rias Rekatholisierungspolitik, entlud sich an Handschriften, in denen sie gemeinsam traihm der Hass. Er wurde aus dem Grab gezerrt diert sind, leiten sie den Schwabenspiegel u. mit seinen Büchern öffentlich verbrannt. ein; das BdK allein (58 Handschriften) steht Erst 1560, auf Veranlassung von Königin einmal dem Spiegel deutscher Leute u. 53-mal Elisabeth I., wurde das ihm angetane Unrecht dem Schwabenspiegel voran; in zwei von vier Handschriften geht die Pkchr. dem Schwagesühnt. Auf scharfe Ausprägung seines theolog. benspiegel voraus. Das BdK, in sachlicher Prosa verfasst, entStandpunkts verzichtete B. in der Hoffnung, alle Protestanten zur Einheit bringen zu stand zwischen 1274/75 (Deutschenspiegel) u. können. Diese konziliante Haltung brachte 1282 (Verkehrsform des Schwabenspiegels) im ihn um größere Wirkung. Immerhin hat er Umkreis der Augsburger Franziskaner. Als dem Luthertum in Süddeutschland den Bo- Quelle diente außer dem AT die Historia den bereitet, während andererseits Calvin scholastica des Petrus Comestor. Neben einer sich an seinem Werk in Straßburg gebildet u. sog. Deutschenspiegel-Fassung lassen sich fünf B.s Auffassung wiederholt hat (Rechtferti- sog. Schwabenspiegel-Fassungen von jeweils gung, Kirchenbegriff u. a.). B.s Ausdrucks- anderem Umfang unterscheiden (bis Naweise ist lebendig, zuweilen aber auch etwas buchodonosor u. Absalom oder bis Esther u. langfädig. Infolge seiner überregionalen Tä- Judith reichend). Die Pkchr., ebenfalls in Augsburg kurz tigkeiten verlo