Der Liebesbrief
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Der Liebesbrief Schriftkultur und Medienwechsel vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart
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Der Liebesbrief
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Der Liebesbrief Schriftkultur und Medienwechsel vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Herausgegeben von
Renate Stauf Annette Simonis Jörg Paulus
Walter de Gruyter · Berlin · New York
앝 Gedruckt auf säurefreiem Papier, 앪 das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.
ISBN 978-3-11-020040-9 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 쑔 Copyright 2008 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, D-10785 Berlin. Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Einbandgestaltung: Christopher Schneider, Berlin Einbandabbildung: auf der Grundlage des Gemäldes „Portrait der Mademoiselle Lavergne“ von Jean-Etienne Liotard (1702−1789), Amsterdam, Rijksmuseum, Bearbeitung: Atelier Frank, Berlin Druck und buchbinderische Verarbeitung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen
Inhalt Renate Stauf, Annette Simonis, Jörg Paulus Liebesbriefkultur als Phänomen ........................................................................ 1
I. Wunschbild Irmela von der Lühe „Mein lieber Herr Lessing“ – Eva König und G. E. Lessing ..................... 23 Jörg Paulus „Simultanliebe“ in „Schäfersekunden“. Liebesbriefkultur im Jean-Paul-Kreis ............................................................................................. 35 Conrad Wiedemann Die Liebesbriefe Friedrich Wilhelms II. von Preußen an Wilhelmine Enke .......................................................................................... 61 Cord-Friedrich Berghahn Das Schreiben der Liebe. Wilhelm von Humboldt an Caroline von Dacheröden ........................................................................... 81 Barbara Potthast Liebe als Revolutionssurrogat – Zum Briefwechsel zwischen Therese von Bacheracht und Karl Gutzkow 1848/49............................... 107 Roman Lach „Die todeselenden englischen Gedichte“. Romantische Krisen in Otto von Bismarcks und Johanna von Puttkamers Briefwechsel der Brautzeit.............................................................................. 129 Konrad Stock „Polyphonie des ganzen Lebens“. Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer in ihren Briefen ............................................... 151
Inhalt
II. Inszenierungen Sebastian Neumeister Selbststilisierung zwischen Leben und Werk: Liebesbriefe von Gabriele d’Annunzio ............................................................................... 165 Erich Unglaub Liebesbriefe in fremder Sprache. Rainer Maria Rilkes Briefe an Adelmina Romanelli ................................................................................... 181 Eva-Tabea Meineke Verschriftlichung der Gefühle im Zeitalter der Psychoanalyse: die Amour fou im Briefwechsel von Dino Campana und Sibilla Aleramo.......................................................................................... 205 Wolfgang Braungart, Christian Oestersandfort, Franziska Walter, Jan Andres Platonisierende Eroskonzeption und Homoerotik in Briefen und Gedichten des George-Kreises (Maximilian Kronberger, Friedrich Gundolf, Max Kommerell, Ernst Glöckner) ............................ 223
III. Transformationen Franz Meier Die Verschriftlichung des Gefühls im englischen Briefroman des 18. Jahrhunderts: Richardsons Pamela.................................................... 273 Annett Volmer Der Umweg zu sich selbst. Diderots Briefe an Sophie Volland............... 293 Linda Simonis Der verirrte Brief. Zur Überkreuzung von Liebeskommunikation und Politik in Rossinis Oper Tancredi............................................................ 309 Andrea Hübener Epistolarische Pflanzschule der Liebes- und Gartenkunst. Hermann und Lucie von Pückler-Muskau....................................... 329 Friederike Fellner (Nicht-)Eingehängtsein – Franz Kafkas Zeichnung seiner Verbindung zu Felice Bauer................................................................ 353
Inhalt
Bettina Wahrig „Die Liebe ist im Grunde ein Schmerz, ein Wort oder ein Brief“. Julia Kristevas Geschichte der Liebe......................................... 379 Renate Stauf „Erklär mir, Liebe“. Kunst des Liebens und Liebessprache im Briefwechsel Ingeborg Bachmanns mit Hans Werner Henze ............ 401 Annette Simonis Liebesbrief-Kommunikation in der Gegenwart zwischen alt und neu: Schrifttradition, SMS, MMS und Internet............................... 425 Personenregister ............................................................................................... 449
Renate Stauf, Annette Simonis, Jörg Paulus
Liebesbriefkultur als Phänomen I Liebeskorrespondenzen nehmen nicht nur im Leben von Individuen einen wichtigen Platz ein, sie haben auch im Kultursystem eine weitreichende überindividuelle Bedeutung. Der Liebesbrief gibt Auskunft über die Verfasstheit des Individuums, das Verhältnis der Geschlechter, den Ort von Intimität, die Mitspracherechte von Familie und Gesellschaft, das Zusammenspiel von Affekten und Regeln. Jeder einzelne Liebesbrief steht im Modus einer vielfachen Bezugnahme, wobei in den allermeisten Fällen ein bereits gegebenes oder ein gesuchtes Verhältnis zu dem Adressaten oder der Adressatin des Briefes den Grundbezug herstellt, der in sehr unterschiedlichem Maße von den oben genannten Faktoren modelliert wird. Gleiches gilt aber auch für die Gegenseite der Korrespondenz. Damit ergibt sich zumindest in jenen Fällen, in denen aus einem Werbungsschreiben eine Korrespondenz hervorgeht, sehr schnell ein komplexes System der Beziehungen. Dies hat zur Folge, dass die Auskünfte, die sich aus einer systematischen Analyse von Liebesbriefen ergeben, mehrdeutig erscheinen. Schon in intimen Korrespondenzen des 18. Jahrhunderts ist die Briefsprache nicht so unmittelbar, wie es das zu dieser Zeit neu formulierte Ideal der Authentizität und die Idee eines unbestechlichen Ausdrucks des Empfindens vorgeben. Beteuerungen der Gefühlsaufrichtigkeit können sehr unterschiedlich auftreten. Sie können galant zurückgespiegelt, rhetorisch umschrieben und ironisch gebrochen, an Instanzen delegiert oder strategisch verschleiert werden. Es gibt Briefwechsel, in denen das Wunschbild der Unmittelbarkeit geradezu emphatisch beschworen und die neue „Sprache des Herzens“ gegen den „herzlosen“ Takt der Briefbeförderung ausgespielt wird: „Mein Herz hätte Ihnen noch vieles zu sagen, wenn die Post nur warten wollte […]“ (Meta Moller an Klopstock, 6.8.1751). Mit „brennenden Farben“ glaubt man ein Bild seiner Liebe malen zu können, wenn man nur seiner „Empfindung das Reden erlauben“ wollte (Carl Friedrich Gauß an Johanna Osthof, 12.7.1804). In räumlicher Trennung von der oder dem Geliebten können geschriebene
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Küsse, erotisch stimulierende Briefbeilagen oder das Schreiben vor dem Bild des Anderen die Anwesenheit des abwesenden Körpers simulieren und die Unmittelbarkeit des Fühlens und Sprechens vorgeben: „Liebes Weibchen ich habe eine menge Bitten an dich; – | 1mo bitte ich dich, daß du nicht traurig bist; 2do daß du auf deine Gesundheit achtest und der frühlingsluft nicht trauest. | 3tio daß du nicht alleine zu fuße – am liebsten aber – gar nicht zu fuße ausgehest | 4to daß du meiner Liebe ganz versichert seyn sollst; – keinen Brief habe ich dir noch geschrieben, wo ich nicht dein liebes Portrait vor meiner gestellt hätte […] ich küsse und drücke dich 1095060437082 mal (hier kannst du dich im aus-sprechen üben) und bin ewig | Dein treuester Gatte und freund | W. A. Mozart […]“ (W.A. Mozart an Constanze Mozart, 16.4.1789) In anderen Korrespondenzen dieser Zeit tritt hingegen solchem Bedürfnis nach sprachlicher Beglaubigung der Gefühle ein Bewusstsein vom Inszenierungscharakter der Sprache an die Seite, sogar dort, wo man glaubt, der Unhintergehbarkeit der Sprache durch die Berufung auf die platonische Idee des Seelengesprächs noch einmal entkommen zu können: „Du sagst, daß du nicht ausdrücken könntest, was Du für mich fühltest, auch mir ist die Sprache zu arm, und es sollte mir leid seyn wenn sie das nicht wäre es wäre ein Zeichen daß viele Leute so sehr geliebt hätten als wir. Und was liegt daran? Hole der Henker alle Sprachen wir verstehen uns doch.“ (Johann Anton Leisewitz an Sophie Seyler, 24. 10. 1777) Doch derartige Verwerfungen der Sprache sind eher selten. Häufiger führt der sprachskeptische Umgang mit der Liebessprache – und auch dafür gibt es frühe Beispiele – zu psychologisch feinsinnigen Selbstentwürfen und Zuschreibungen, die durch scheinbar widersprüchliche Figuren dem Gesagten umso größeres Gewicht verleihen: „[…] wenn ich Dich gleich verlasse, so thu ich es doch ganz anders, wie Du vorgiebst Dir einzubilden, und ich habe niemals so fest und unauflöslich an Dir gehangen […] ich habe es nie allmächtiger empfunden.“ (Caroline Schlegel an Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, vermutlich März 1801) Je näher man an die Gegenwart heranrückt, desto öfter begegnet man solchen komplexen Reflexionsfiguren und desto vielfältiger gestalten sich die medialen Ausdrucksformen der Liebeskommunikation. Aufschluss über ihren Zusammenhang und ihre Entwicklung könnte eine Geschichte des Liebesbriefs geben, in der Liebeskorrespondenz zum ersten Mal als ein Phänomen sui generis betrachtet wird. Eine solche Kulturgeschichte des Liebesbriefs, zu der dieser Band im Kontext der Arbeiten an dem gleichnamigen Braunschweiger Forschungsprojekt eine wissenschaftliche Basis liefern möchte, hätte nicht nur Liebesbriefe als kulturanthropologische Zeugnisse und als besondere ästhetische Kommunikationsformen zugleich zu betrachten. Sie hätte auch zu erforschen, in welchem Verhältnis die
Liebesbriefkultur als Phänomen
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intime Briefkultur zu den entstehenden neuen Formen medialer Liebeskorrespondenz steht und in welcher Weise sich alte und neue Briefkultur gegenseitig beeinflussen und befruchten. Dabei wäre stets danach zu fragen, welche Bedeutung die Menschen, von denen in diesen Korrespondenzen die Rede ist, dem Liebesbrief und ihrer Liebessprache zugewiesen haben und zuweisen. Neu zu bestimmen wäre ferner das Verhältnis zwischen literarischen bzw. künstlerischen Vorbildern/Mustern der Liebeskommunikation („Lieben nach Texten“) und eigenschöpferischem bzw. selbstorganisatorischem Potential. Zwar wurde der Liebesbrief bisher im Zusammenhang unterschiedlicher Forschungsinteressen durchaus berücksichtigt, dabei aber stets unter Aspekten thematisiert, die nicht seiner Relevanz als eigenständigem Phänomen der Kulturgeschichte gelten. So gibt es auf der einen Seite Untersuchungen zur strukturellen Lektüre von Liebeskorrespondenzen1 sowie Arbeiten zum linguistischen Aspekt von Liebeskommunikation.2 Auf der anderen Seite haben Studien, die historische Zusammenhänge berücksichtigen,3 häufig eine Tendenz zum Anthologischen bzw. sie neigen dazu, den Liebesbrief unter bekannte Epochenschemata zu subsumieren, namentlich dann, wenn der Schwerpunkt des Erkenntnisinteresses auf der literarisch gestalteten Liebeskommunikation liegt.4 Eine relative historische 1
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Vgl. Bernard Bray: Treize propos sur la lettre d’amour. Textuel 24, 1992, S. 9–10; Philippe Brenot: De la lettre d’amour, Paris 2000; Bernd Kiefer: Wiederlesen – Wiederholen – Wiederholen. Fragmente über Liebesbriefe, in: Die Wiederholung, hg. von Jürgen Felix, Bernd Kiefer, Marburg 2001. Besonders aufschlussreich sind dabei die Arbeiten der Züricher Germanistin Eva Lia Wyss zum Liebesbrief, vgl. z.B. dies.: Fragmente einer Sprachgeschichte des Liebesbriefs. Texte im Spannungsfeld von Sprachgeschichte, Geschichte der Kommunikation und Mediengeschichte, in: Briefkultur des 20. Jahrhunderts, hg. von Ulrich Schmitz und Eva Lia Wyss, Duisburg 2002, S. 57–92 sowie das von Wyss organisierte internationale Symposium zum Liebesdiskurs „Intimität Medien Kommunikation“ vom 20.–22. März 2003 in Frankfurt. Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch weitere sprachwissenschaftliche Arbeiten, die sich an allgemeineren Fragestellungen zur Struktur und Funktion von schriftlicher Kommunikation orientieren: Vgl. Karl Ermert: Briefsorten. Untersuchungen zu Theorie und Empirie der Textklassifikation, Tübingen 1979; Ulla Günther, Eva Lia Wyss: E-mailBriefe – eine neue Textsorte zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, in: Textstrukturen im Medienwandel, hg. von W. Hess-Lüttich, W. B. Ernest, U. Plüschel, Frankfurt/Main 1996, S. 61–86; Ernest W. B., W. H. Hess-Lüttich: E-Epistolographie: Briefkultur im Medienwandel, in: Kultur – Medien – Macht. Cultural Studies und Medienanalyse, hg. von Andreas Hepp, Rainer Winter, Opladen 1997, S. 225–246. Vgl. z.B. Eva Lia Wyss: „Dû bist mîn, ich bin dîn.“ Deutschsprachige Liebesbriefe vom Mittelalter bis in die Gegenwart, in: liebe.komm. Botschaften des Herzens, hg. von Benedikt Burkard, Frankfurt/Main 2003, S. 64–81; Constanze Voland: … scheuen das Licht der Öffentlichkeit. Eine kurze Geschichte des Liebesbriefs, in: kommunikation@gesellschaft 2 (2001), Beitrag 4. Vgl. Katherine Ann Jensen: Writing Love. Letters, Women, and the Novel in France, 1605–1776, Carbondale, Edwardsville 1995; Simon Richter: The ins and outs of intimacy.
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Renate Stauf, Annette Simonis, Jörg Paulus
Autonomie von realen Korrespondenzen setzt hingegen Karl Heinz Bohrer in seiner einflussreichen Studie „Der romantische Brief“ voraus, grenzt dabei aber den Kreis der für eine spezifische (hier „romantisch“ genannte) Briefkultur repräsentativen Positionen auf herausragende Individuen einer epistolären Avantgarde „ästhetischer Subjektivität“ ein.5 Breiter als zur Liebesbriefkultur generell ist der Forschungsstand zum Liebesbrief in spezifischen Zusammenhängen, zum Beispiel in Hinblick auf bestimmte Epochen,6 Regionen7 und Individuen.8 Die entscheidenden Stichworte und fruchtbaren Anregungen in den Einzeluntersuchungen zur Liebesbriefkultur stammen dabei aus sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Zusammenhängen – u.a. aus solchen der Sozial-, Geschichts-, Sprach-, Kunst-, Kultur- und Medienwissenschaften –, selbst wenn Liebesbriefe dort nur im Zusammenhang fachspezifischer Fragen auftauchen. Sie reichen von Studien zu Formen der Liebessprache9 über kulturhistorische Arbeiten10 bis hin zu Einsichten in die Dynamik von Gefühlsdisposi-
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Gender, Epistolarity Culture, and the public Sphere, in: German Quarterly 69 (1996), S. 111–124; Ulrike Vedder: Geschickte Liebe. Zur Mediengeschichte des Liebesdiskurses im Briefroman „Les liaisons dangereuses“ und in der Gegenwartsliteratur, Köln 2002; Niels Werber: Liebe als Roman. Zur Koevolution intimer und literarischer Kommunikation, München 2003. Karl Heinz Bohrer: Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität, München, Wien 1987. Vgl. z.B. Bruce Redford: The Converse of the Pen. Acts of Intimay in the Eigteenth-Century Familiar Letter, Chicago, London 1986. Elke Clauss: Liebeskunst. Untersuchungen zum Liebesbrief im 18. Jahrhundert, Stuttgart, Weimar 1993. Vgl. Bonnie S. McDougall: Love-Letters and Privacy in Modern China, Oxford, New York 2002. Laura M. Ahearn: True Traces. Love Letters and Social Transformation in Nepal, in: Letter Writing as a Social Practice, hg. von David Barton, Nigel Hall, Amsterdam, Philadelphia 1999, S. 199–208. Vgl. Rhetorical constants in the love letters of John Keats to Fanny Brawne, Washington 1982; Sheila Ottway: Dorothy Osborne’s Love Letters: Novelistic Glimmerings and the Ovidian Self, in: Prose Studies 19.2 (1996), S. 149-159; Bettina Marxer: „Liebesbriefe und was nun einmal so genannt wird“. Korrespondenzen zwischen Arthur Schnitzler, Olga Waissnix und Marie Reinhard. Eine literatur- und kulturwissenschaftliche Studie, Würzburg 2001; Yoji Ito: Apollinaire et la lettre d’amour, Paris 2005. Vgl. Ernst Leisi: Paar und Sprache, Heidelberg 1978. Vgl. Lawrence Stone: The Family, Sex and Marriage in England 1500–1800, London 1977; Catherine Belsey: Desire. Lovestories in Western Culture, Oxford 1994; Claudia Benthien, Anne Fleig, Ingrid Kasten (Hg.): Emotionalität, Köln 2000. Im Hinblick auf einzelne Epochen der deutschen Literaturgeschichte vgl. u. a. Nikolaus Wegmann: Diskurse der Empfindsamkeit. Zur Geschichte eines Gefühls in der Literatur des 18.Jahrhunderts, Stuttgart 1988; Matthias Luserke: Die Bändigung der wilden Seele. Literatur und Leidenschaft in der Aufklärung, Stuttgart 1999; Paul Kluckhohn: Die Auffassung der Liebe in der Literatur des 18. Jahrhunderts und in der deutschen Romantik, Halle/Saale, 2. Aufl. 1931.
Liebesbriefkultur als Phänomen
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tionen in verschiedenen künstlerischen Medien (bildende Kunst, Musik, Literatur, Theater, Film etc.)11. Vor allem jene interdisziplinären und transmedialen Ansätze, die Gefühlskulturen in einem weiteren Netzwerk anthropologischer, medizinischer, moralischer und soziologischer Diskurse verorten, können für eine Erforschung von Liebeskommunikation herangezogen werden. So bleibt für Roland Barthes zwischen dem Akt des Liebens und den Akten des Schreibens bzw. Beschreibens der Liebe eine grundsätzliche und produktive Differenz bestehen, die auch die Geschlechterrollen zu Variablen des Schriftsystems werden lässt.12 Für Jacques Lacan wurde der Brief zum Medium eines absoluten Signifikanten, zum Element jener symbolischen Ordnung, in der sich das Subjekt nur noch als Teil eines Differenzprozesses artikulieren kann.13 Niklas Luhmann hingegen beschreibt Liebe als ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium. Für ihn stellt das intime Verhältnis zweier Personen den besonderen Fall eines sozialen Systems dar, das eines spezifischen Codes bedarf, mit dessen Hilfe es sich reproduziert.14 Günter Dux widmet sich in seiner skeptischen Analyse der Liebe der Frage, wie nach dem Ende der romantischen Liebe das Lieben in der so genannten nachmetaphysischen Gesellschaft begriffen werden kann.15 Für die gegenwärtige literatur- und kulturwissenschaftliche Diskussion ist ferner Albrecht Koschorkes Gedanke einer epochalen Substitution des Körpers durch Schrift wegweisend.16 Auch die feministische Literaturwissenschaft und die Gender-Forschung haben das Thema um we11
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Vgl. z.B. Günter Saße: Die Ordnung der Gefühle. Das Drama der Liebesheirat im 18. Jahrhundert, Darmstadt 1996; Jutta Schlick: Literarische Authentizität. Prinzip und Geschichte, Tübingen 2002; Ute Jung-Kaiser (Hg.): Intime Textkörper. Der Liebesbrief in den Künsten, Bern 2004. Vgl. Roland Barthes: Fragments d’un discours amoureux, Paris 1977 (dt.: Fragmente einer Sprache der Liebe. Übersetzt von Hans-Horst Henschen, Frankfurt/Main 1984). Vgl. Jacques Lacan: Schriften I, Olten, Freiburg 1973, S. 45 (Seminar über E. A. Poes „Der entwendete Brief“). Vgl. Niklas Luhmann: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Frankfurt/Main 1982; hiervon wurden zahlreiche weitere Studien angeregt, vgl. z.B. den von Walter Hinderer herausgegebenen Band „Codierungen von Liebe in der Kunstperiode“, Würzburg 1997; Hartmann Tyrell: Romantische Liebe – Überlegungen zur ihrer „quantitativen Bestimmtheit“, in: Theorie als Passion, Niklas Luhmann zum 60. Geburtstag, Frankfurt/Main 1987. Vgl. Günter Dux: Geschlecht und Gesellschaft. Warum wir lieben. Die romantische Liebe nach dem Verlust der Welt, Frankfurt/Main 1994. Als signifikante Dokumente sozialer Konstellationen werden Liebesbriefe auch von Pierre Bourdieu betrachtet, dessen Idee, Liebeskommunikation im Rahmen einer Theorie der sozialen Felder zu untersuchen, zwar unausgeführt blieb, für die Erforschung der Liebesbriefkultur aber einen interessanten Ansatz darstellt (vgl. den Beitrag von Jörg Paulus im vorliegenden Band, Fußnote 17). Vgl. Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts, München, 2. Aufl. 2003.
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sentliche Erkenntnisse bereichert. Ihnen verdanken wir nicht nur bahnbrechende Erkenntnisse über Konzepte imaginierter Weiblichkeit und zur kulturellen Konstruktion des weiblichen und männlichen Körpers, sondern überhaupt eine neue Wahrnehmung der symbolischen Ordnung.17 Eine der Konsequenzen daraus ist, dass Briefwechsel im Allgemeinen und Liebesbriefwechsel im Besonderen als integrale Interaktion der Geschlechter betrachtet werden müssen und nicht – wie häufig durch die Editionslage nahegelegt – auf den männlichen Part reduziert werden dürfen.
II Die Beiträge des vorliegenden Bandes knüpfen an diese Ansätze auf vielfache Weise an. Sie verfolgen von unterschiedlichen Ausgangspunkten aus die Spuren brieflicher Liebeskommunikation vom 18. Jahrhundert bis hin zu den medialen Umstellungen und Codewechseln im digitalen Zeitalter. Hervorgegangen sind sie aus einer Braunschweiger interdisziplinären Tagung im Herbst 2006 zum Thema Liebesbriefe aus drei Jahrhunderten. Schriftkultur und Medienwechsel, an der Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen – Germanistik, Anglistik, Romanistik, Komparatistik, Theologie und Wissenschaftsgeschichte – teilgenommen haben. Dabei wurden Grundfigurationen des Forschungsfeldes Liebesbriefkultur erstmals deutlich gemacht: Als ästhetische Kommunikationsformen betrachtet, stehen Liebesbriefe unter den spezifischen Ordnungsregeln von Sprache und Schrift. Dabei wirken normative und performative Faktoren zusammen (Brieflehren, Briefsteller, Sprachregelungen, Sprachzweifel, sprachliche Tabus). Als kulturanthropologische Zeugnisse sind Liebesbriefe Dokumente eines noch nicht reglementierten Zusammenspiels von Affekten. Das Anarchische der Gefühle sollte indes nicht als etwas der Schrift Vorgängiges aufgefasst werden. Die Sphäre des Empfindens und Fühlens ist immer schon auf die Sphäre des Sprechens und Denkens zu beziehen und diese wiederum auf die Sphäre des Wollens und Entscheidens.18 Hatte die Forschung sich bisher auf die Frage konzentriert, welche gesellschaftlichen Codierungen von Liebe in Liebesbriefen aufgenommen werden, so treten nun neue Perspektiven in den Blick. Es zeigt sich, dass wir noch 17
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Vgl. Silvia Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen, Frankfurt/Main 1979; Barbara Becker-Cantarino: Der lange Weg zur Mündigkeit. Frau und Literatur (1500–1800), Stuttgart 1987; Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/Main 1991. Vgl. Kirsten Huxel: Ontologie des seelischen Lebens, Tübingen 2005.
Liebesbriefkultur als Phänomen
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wenig darüber wissen, ob und inwiefern Liebesbriefe von sich aus die gesellschaftliche Auffassung von Liebe und die Ordnung der Gefühle mitprägen. Kann das Liebesgespräch in Briefen nicht auch soziale Muster einüben oder bestätigen? Trägt es nicht auch aktiv zum Wandel privater und öffentlicher Kommunikationsformen bei? Ist es nicht vielleicht sogar das bevorzugte Medium, in dem solche überindividuellen Vorgaben auf provokante Weise außer Kraft gesetzt und die gesellschaftlichen Codierungen von Liebe vorangetrieben werden? Die Dynamik obsessiver Selbsterkundung und die epistoläre Projektionslust der Schreibenden in den untersuchten Briefwechseln deuten jedenfalls darauf hin, dass in vielen Fällen die Liebe aus dem Schreibprozess überhaupt erst hervorgeht. So kann Intimität bereits vor aller persönlichen Begegnung oder auf der Grundlage einer zuvor neutralen Bekanntschaft im Prozess des Korrespondierens entstehen, eine Liebesbeziehung erotisch stimuliert oder ihr Fortbestand simuliert werden, und es zeigt sich, dass Liebesbriefe einen neuen Blick auf die Aporien moderner Subjektivität erlauben: Das Individuum, das sich im Kräftefeld von Schriftregime und Gefühlsanarchie eines Liebesbriefwechsels entwirft, erscheint in einer variablen Gestalt, die sich mit dem in den avancierten Subjekttheorien der Philosophie entworfenen Menschenbild nicht vollständig zur Deckung bringen lässt,19 diese aber möglicherweise ergänzen kann.
III Der Tagungsband dokumentiert sowohl das Aufnehmen epochaler Subjektentwürfe wie auch deren oft überraschende Suspendierung. Manche der im Band untersuchten Liebesbriefe des 19. oder des 20. Jahrhunderts befinden sich liebesbriefhistorisch betrachtet sehr viel näher an der Liebessprache und an subjektiven Selbstbildern des 18. Jahrhunderts als an jenen des Realismus oder der Moderne; für andere gilt das Umgekehrte. Aus diesem Grund orientiert sich die Abfolge der Beiträge nicht ausschließlich an einer chronologischen Ordnung, sondern repräsentiert zugleich ein von der Chronologie unabhängiges Muster der systematischen Bezüge. Die drei Abteilungen kreisen spiralartig um historische Zentren; die von diesen Zentren ausgehenden Prä- oder Post-Figurationen der Liebeskorrespondenz lassen jedoch auch noch in großer zeitlicher Entfernung voneinander bemerkenswerte Bezüge untereinander erkennen, die eine Umgruppierung gerechtfertigt erscheinen lassen. 19
Vgl. z.B.: Peter Bürger: Das Verschwinden des Subjekts. Eine Geschichte der Subjektivität von Montaigne bis Barthes, Frankfurt/Main 1998.
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Im ersten Kapitel − Wunschbild − sind Beiträge versammelt, in denen die grundlegende Neukonstitution der Liebesbriefkultur im Verlauf des 18. Jahrhunderts sowie die Fortwirkung dieser Neukonstitution reflektiert werden. Von den vorausgegangenen Formen und Typen der hoch- und spätmittelalterlichen20 sowie vom höfisch-galanten Liebesdialog21 hebt sich die Liebesrede dieser Zeit deutlich, fast möchte man sagen kategorial ab. Mit dem Ideal der Unmittelbarkeit entsteht ein Wunschbild, dessen Spuren im ganzen 19. Jahrhundert und im Grunde bis in die Gegenwart hinein nachzuweisen sind. Auch im Kontext der Sozial-, Kultur- und Institutionengeschichte der Zeit sowie den publizistischen Medien des Zeitalters lässt sich dieses neue bürgerliche Liebesideal in vielfältigen Spiegelungen wiedererkennen. Es wird aber auch hier bereits zuweilen auf provokante Weise außer Kraft gesetzt. Ganz bewusst setzt der vorliegende Band mit einem solchen Moment der epistolaren Widerspenstigkeit ein. IRMELA VON DER LÜHE zeigt, dass das Briefgespräch zwischen Lessing und Eva König von der rhetorischen Liebesemphase weit entfernt ist, wie sie die Kultur der Empfindsamkeit ausgebildet hat und wie sie etwa in dem dafür berühmten Liebesbriefwechsel zwischen Klopstock und Meta Moller dokumentiert ist.22 Das überrascht umso mehr bei Lessing, der in seiner Dramentheorie und Dramenpraxis ja gerade die Empathie eines An- und Mitempfindens ins Zentrum gestellt hat. Der Briefstil von Lessing und Eva König ist geprägt von einer Alltags- und Lebensorientierung, von humorvollem Scharfsinn und dem Vergnügen am pointenreichen Argument. Es findet sich keine den Geschlechterrollen der Zeit entsprechende Unterwerfungsbereitschaft bei Eva König und auch keine beleh20
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Vgl. Dieter Schaller: Probleme der Überlieferung und Verfasserschaft lateinischer Liebesbriefe des hohen Mittelalters. Mittellateinisches Jahrbuch 3 (1966), S. 25–36; Jürgen SchulzGrobert: Deutsche Liebesbriefe in spätmittelalterlichen Handschriften. Untersuchungen zur Überlieferung einer anonymen Kleinform der Reimpaardichtung, Tübingen 1993. Vgl. Benjamin Neukirch: Anweisung zu deutschen Briefen, Leipzig 1709; Reinhard M. Nickisch: „Die allerneuste Art höflich und galant zu schreiben“: deutsche Briefsteller um 1700, von Christian Weise zu Benjamin Neukirch, in: Pathos, Klatsch und Ehrlichkeit: Liselotte von der Pfalz am Hofe des Sonnenkönigs, hg. von Klaus J. Mattheier und Paul Valentin, Tübingen 1990, S. 17–38; Horst A. Glaser: Liebesbriefe hochgestellter Persönlichkeiten, erfunden von Hoffmannswaldau unter Anlehnung an Ovid und Drayton, in: Annäherungsversuche: zur Geschichte und Ästhetik des Erotischen in der Literatur, hg. von Horst Albert Glaser, Bern 1993, S. 111–134; Conrad Wiedemann (Hg.): Der galante Stil. 1680–1730, Tübingen 1969; Eberhard Berent: Die Auffassung der Liebe bei Opitz und Weckherlin und ihre geschichtlichen Vorstufen, Paris 1970; George Bataille: Das theoretische Werk in Einzelbänden, hg. von Gerd Bergfleth, München 1993/94. Bd. 1: Die Tränen des Eros, 1993, Bd. 2: Die Erotik, 1994. Vgl. Joachim Jacob: „ … wäre ich Ihr Klopstock für seine Meta“ – Meta Moller und Friedrich Gottlieb Klopstock, Hamburg, 4. April 1751, in: Literarische Begegnungen, hg. von Georg Braungart, Friedemann Harzer, Hans Peter Neureuter, Getrud M. Rösch, Tübingen 2004, S. 29-41.
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renden Ermunterungen und gelehrten Unterweisungen bei Lessing. Vielmehr begegnen sich hier zwei ebenbürtige Partner, die die körperliche Abwesenheit des Anderen durch einen eigenwilligen Mitteilungs- und Selbsterkundungsstil zu kompensieren vermögen. JÖRG PAULUS benennt eine weitere Variante der Ausweitung und Überwindung des empfindsamen Liebesdiskurses: Im abgeschieden provinziellen Kreis um den jungen Jean Paul werden wie in einer Art Gefühlslaboratorium literarische Entwürfe ins Leben getragen. Der Wunsch nach einer unablässig in Briefen und Billetten zirkulierenden „Simultanliebe“ wird getragen vom Vertrauen in die briefstellerische Wirkungsmacht der Phantasie: Indem beim Briefschreiben die Gegenwart des Empfängers imaginativ aufgerufen wird, wird das Verfassen eines Briefes zum sinnlichen Akt. Mit dem Anwachsen von Jean Pauls literarischem Ruhm werden immer mehr auswärtige Korrespondenten in dieses eigenwillige Brief-Sozialsystem miteinbezogen. Es ergibt sich eine Art Schneeball-Effekt, der sich über die Auflösung der Jean Paul’schen Korrespondenzzirkel hinaus bis in die Briefkultur des 19. Jahrhunderts weiterverfolgen lässt. Es zeigt sich dabei, dass die Kriterien für die Bewertung des Scheiterns und Gelingens von Liebesbriefbeziehungen revisionsbedürftig sind, wenn man die Rahmenbedingungen nicht mehr psychologisch oder literarhistorisch sondern liebesbriefhistorisch festlegt. Das gilt mutatis mutandis auch für den Liebesbriefwechsel zwischen Friedrich Wilhelm II. von Preußen und Wilhelmine Enke, den CONRAD WIEDEMANN in seinem Beitrag untersucht. Auf überraschende Weise zeigen sich in diesen, größtenteils noch unedierten Briefen Formen der Liebessprache, die weder mit der höfischen Praxis des Mätressenwesens noch mit der einer bürgerlich-empfindsamen Kultur des Liebens in Übereinstimmung gebracht werden können. Vielmehr lassen sich ein Heraustreten aus Zeit und Raum, eine Spontaneität und Anarchie des Fühlens beobachten (zwanghaft, repetitiv, zufallsbestimmt), die laut Wiedemann als Rohmaterialien einer gelebten Liebessprache auf einen elementaren, vorliterarischen und nicht kalkulierten Kern der intimen Rede hinweisen: „die lust- und angstvolle Beschwörung einer gefährdeten Kontinuität, nämlich der irrationalen Glückserfahrung der physisch-geistigen Anziehung.“ Offensichtlich kann dem anscheinend naiven Authentizitätsverlangen in diesen Briefen auch nur ein dialektal eingefärbtes Privatidiom gerecht werden, das beide bewusst oder unbewusst zu ihrer Liebessprache erwählen. Neben der Authentizitätssuggestion zirkulieren in den Liebesbriefwechseln um 1800 weitere emphatische Annahmen, die mit den Personen der Liebenden oder der Liebessituation selbst verknüpft sind. Gemeint sind vor allem die Vorstellungen von Exklusivität, Einzigartigkeit und In-
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dividualität der beteiligten Partner sowie der Unnachahmlichkeit und Besonderheit ihres wechselseitigen Verhältnisses. So zeigt CORD-FRIEDRICH BERGHAHN, wie sich in der Liebeskorrespondenz Wilhelm von Humboldts die Konzeption vom „hohen Paar“ als Leitidee (im Bannkreis der Ästhetik des Erhabenen) herauskristallisiert, die Humboldt und seine Geliebte als einander affine und ebenbürtige Partner verbindet und den Verlauf des Briefwechsels auf ein latentes Ziel hin modelliert. Zugleich zeigt sich, dass dieses Konzept sich an der Realität auf vielfache Weise reibt und mit einer im Briefwechsel nicht thematisierbaren erotischen Freizügigkeit außerhalb der Paarbeziehung kompensiert werden muss. BARBARA POTTHAST liest den Briefwechsel zwischen Karl Gutzkow und seiner Geliebten, der Schriftstellerin Therese von Bacheracht, als Dokument der hochgespannten Erfahrung von Liebe zur Zeit der 1848erRevolution. In dieser Korrespondenz zeigt sich, wie im Zusammenhang mit den politischen Umwälzungen soziale Emotionalität und Geschlechterliebe programmatisch überblendet werden, was jedoch widersprüchliche Folgen hat: Durch das Amalgamieren von gesellschaftlichem und amourösem Pathos lässt sich gerade keine neue Qualität der Liebeskorrespondenz hervorbringen; briefstellerische Autonomie findet sich vielmehr just auf der gesellschaftlich und kulturell desperaten Position, nämlich derjenigen von Gutzkows hintergangener Ehefrau Amalie Gutzkow. Die Versuche einer nachträglichen politischen und literarischen Stilisierung der Liebesbeziehungen durch Gutzkow erscheinen dabei als unangemessen und vergröbernd gegenüber der unmittelbaren Affektdynamik, die in den Briefwechseln selbst zum Ausdruck kommt. Auch in den Liebesbriefen Otto von Bismarcks und Johanna von Puttkamers findet sich eine überraschend ungebändigte, wenig diplomatische Spannweite des Affektausdrucks. ROMAN LACH stößt bei seiner Lektüre dieser Briefe auf zahlreiche Bilder und Metaphern, die zum einen einer Überhöhung von Ich und Anderem geschuldet sind, zum anderen aber deutlich den Charakter einer inszenierten Identitätssuche und –krise aufweisen. Assoziative Verbindungen zu Naturbildern, literarische Reminiszenzen und Zitate stiften Bezugspunkte, die das empfindsame Ideal der Liebe als Seelengemeinschaft transportieren. Andere, vor allem literarisch motivierte Selbstaussagen und –zuschreibungen deuten darauf hin, dass sich die Harmonie der Seelen, jenes unausgesprochene Postulat des Bekenntnischarakters von Liebesbriefen, in der projektierten Realität der Briefe nur schwer einlösen lässt. Demgegenüber zeigt KONRAD STOCK am Briefwechsel zwischen dem inhaftierten Dietrich Bonhoeffer und seiner Braut Maria von Wedemeyer, dass Liebesbriefe in exponierten Lebenskonstellationen durchaus in der Lage sind, eine nicht lebbare Realität der Paarbeziehung zu ersetzen. Ge-
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rade dieser Briefwechsel ist ein Beleg dafür, dass metaphysische Gewissheiten und religiöse Orientierungen in der Moderne keineswegs so viel an Bedeutung eingebüßt haben wie dies die etablierten Modernetheorien gemeinhin behaupten. Das Beharren auf der metaphysischen Dimension der Liebe und die Orientierung an älteren Formen der Liebessprache gewinnen in der intimen Korrespondenz unter dem lebensgeschichtlichen Druck des nationalsozialistischen Terrors eine neue Glaubwürdigkeit.
IV Unterschiedliche Versuche, eine Briefkultur der Simulation zu etablieren, liegen den Beiträgen zu Grunde, die unter der Überschrift Inszenierungen versammelt sind. Die verstärkt in der Zeit um 1900 zu beobachtenden Versuche, die Rituale bürgerlicher Brief-Behaglichkeit zu überwinden, sind zunächst als Protest gegen die Ökonomisierung der Affekte zu verstehen, wie sie das 19. Jahrhundert hervorgebracht hatte. Inszenierungspraktiken der Politik oder Para-Politik (z.B. im George-Kreis und bei d’Annunzio), der Geschlechter (z.B. bei Dino Campana und Sibilla Aleramo und im George-Kreis) und der Künste (u.a. bei Rilke, d’Annunzio und George) bestimmen wesentlich den Charakter dieser Liebeskorrespondenzen; in Fremd- und Kunstsprachen werden neue Ausdrucksbereiche erschlossen, die Grenzen zwischen Mitteilung, Botschaft und Beilage verschwimmen, zugleich werden tradierte Liebesbeteuerungen sowie Abschieds- und Trennungsformeln zu immer wieder neu ausgeleuchteten Devotionalien des Authentizitätswunsches. Die Bedeutung der obsessiven Selbsterkundung, die oft als Signatur der Jahrhundertwendekultur gedeutet wird, muss jedoch zugleich, so zeigen die Beiträge, für die Liebesbriefkultur der Zeit um 1900 relativiert werden. So wenig wie die vorausgehenden Briefe Sigmund Freuds an seine Braut Martha Bernays sind die in diesem Band behandelten Liebesbriefe durchgängig Zeugnisse reiner oder gar systematischer Introspektion. Zumindest enthalten die Korrespondenzen immer wieder Gegenstimmen (oder es lassen sich solche erschließen), die das sich selbst figurierende Subjekt in die Wirklichkeit zurückrufen und an die sich die Hypothese knüpfen ließe, dass gerade auf dem Feld der Liebesbriefkultur Alternativen zu den Aporien ästhetizistischer Weltentwürfe verhandelt werden. SEBASTIAN NEUMEISTER zeichnet in seinem Beitrag Gabriele d’Annunzios Gratwanderung zwischen seinen eigenen Liebeserfahrungen und der stets unterschwellig vorhandenen Fiktionalisierungstendenz nach. Indem der Dichter Zitate aus seinen Liebesbriefen in seine Romane integriert, transportiert er reale Liebesbeziehungen ins Medium des Ästheti-
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schen. D’Annunzio poetisiert auf diese Weise nicht nur sein Leben, sondern demonstriert zugleich, wie prekär für ihn der Glaube an die Authentizität des Ausdrucks geworden ist und wie unzuverlässig ‚Schrift‘ im Zeichen ihrer ästhetischen Verklärung den spontanen Gefühlsausdruck zu vermitteln vermag. Die Grenze zwischen Leben und Kunst soll ebenso aufgehoben werden wie die zwischen dem Ich und dem Anderen. Welch deutlicher Akzente es auf der anderen Seite bedurfte, um in der ästhetizistisch abgedichteten Welt vernommen zu werden, wird in den Aktionen einer seiner Geliebten, der Schauspielerin Eleonore Duse, deutlich, deren „façon de parler des Südens“ der Stilisierung dann doch eine Grenze zu setzen vermag. Ähnliches könnte wohl für die Liebeskorrespondenz Rainer Maria Rilkes mit Adelmina Romanelli gelten, die bisher nur einseitig (nämlich auf Seiten Rilkes) publiziert wurde. ERICH UNGLAUB stellt dar, wie die romanische Literaturtradition (bis hinein in die gewählte Briefsprache, das Französische) zum verborgenen Fluchtpunkt der Liebesbriefe Rilkes wird und diese zugleich als Medium der poetischen Weiterentwicklung und als vorbereitendes Experimentierfeld für den Malte-Roman dienen, während der spontane Ausdruck von Gefühlen auf seiner Seite eher gering bleibt. Die Bevorzugung literarischer Sujets und die Neigung zu Stilisierungen sind der Zitattechnik und den Fiktionalisierungsverfahren d’Annunzios durchaus vergleichbar. Eine integrale Edition des erhaltenen (aber keineswegs unüberschaubaren) Briefwechsels zwischen Rilke und Mimi Romanelli dürfte, so lässt sich mit Unglaub vermuten, die offenbar auch in diesem Falle keineswegs immer synchronisierten Briefstrategien beider Personen noch deutlicher erkennbar werden lassen. Der leidenschaftlich-sinnliche Briefwechsel zwischen Dino Campana und Sibilla Aleramo liegt hingegen bereits in mehreren Ausgaben vor, die sowohl Briefe als auch Gegenbriefe enthalten. EVA-TABEA MEINEKE stellt dar, wie vor dem Krisenszenario des Ersten Weltkrieges Strategien der Fiktionalisierung und Stilisierung zum Ausgangspunkt einer intensiv gelebten amour fou werden. Von Seiten Sibilla Aleramos wird der Dialog auf dem Weg einer Verrätselung und Mystifizierung des Gegenübers gesucht, aber beide Schreibenden experimentieren auch mit einer dem unmittelbaren Gedankengang und ihrer Gefühlsstruktur angenäherten Schreibweise und antizipieren auf diese Weise die ecriture automatique der Surrealisten. Dieser Liebesbriefwechsel gehört somit zu jenen für die Infragestellung etablierter Epochenvorstellungen besonders aufschlussreichen Korrespondenzen, in denen sich – an sozusagen zunächst noch verborgenem Ort – ein neues Bewusstsein und Lebensgefühl artikuliert, das dann in der Folgezeit zum Leitbild einer ganzen Künstlergeneration avanciert.
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WOLFGANG BRAUNGART, CHRISTIAN OESTERSANDFORT, FRANZISKA WALTER und JAN ANDRES demonstrieren, wie für die Liebeskommunikation des George-Kreises Gedichte, Briefe, Fotografien und vor allem das differenzierte Ausdruckssystem des ‚Meisters‘ selbst konstitutiv werden. Sie werden zu Medien, die der Differenzierung der Liebeskommunikation dienen und deren mediale Möglichkeiten erweitern. All zu stark sich vordrängende Intimität der Jünger wird von George allerdings eher nüchtern und distanzierend aufgenommen. Auf ihn hin zentriert sich alle Kommunikation, die in der persönlichen Begegnung und in der Mündlichkeit gipfelt. Beides, die Briefe sowie das unmittelbare, persönliche Kommunizieren, will George seiner auf Charisma gegründeten Herrschaft unterwerfen, die unteilbar sein soll und keinem anderen Medium zugestanden wird, auch nicht der Schrift. George kontrolliert das Sagbare und definiert das Unsagbare, weshalb in der Frage der Liebe, des Erotischen und des Sexuellen Gedichte (nicht nur Georges sondern auch der ‚Jünger‘) unter Umständen viel deutlicher – auch im Widerspruch – sein können als es Briefkommunikation und Mündlichkeit unter diesen Bedingungen erlauben.
V Diskurse, mit denen sich die Liebesrede in Briefen verknüpft (zum Beispiel die Musik, die Literatur, die Religion, die Philosophie, die Politik), können nicht allein zum privilegierten Paradigma der intimen Kommunikation werden, unter ihrem Regime wird die Liebe oft selbst zu einer Erscheinungsweise des Kunstbegehrens. Diese Verknüpfung kann ein reales oder fiktives Briefgespräch zum öffentlichen Ereignis werden lassen und dabei den Zuschauer, Leser, Betrachter oder Analytiker zum Teilhaber an der intimen Kommunikation machen: zum Beispiel bei Richardson, Diderot, Rossini, Fürst Pückler-Muskau, Kristeva; sie kann aber auch vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen medialen Vermittlung von Liebeszeichen zu einer neuen Intimität führen, in der aus dem Wissen um die Isoliertheit des modernen Subjekts und einem skeptischen Sprachbewusstsein heraus eine neue Möglichkeit Vertrautheit zu empfinden und zu kommunizieren hervorgeht. Unter der Überschrift Transformationen sind abschließend jene Beiträge versammelt, die sich der spezifischen Dialektik der Intimität zwischen den Polen des Verbergens und des Verlautbarens widmen. Eine teleologische Deutung der Kulturgeschichte des Liebesbriefs soll damit freilich nicht impliziert werden: Weder für eine Verfallsnoch für eine Vollendungsgeschichte lässt sich der Liebesbrief vereinnahmen. Der Band endet denn auch mit zwei Beiträgen, in denen die
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Möglichkeiten der zeitgenössischen Transformation brieflicher Liebesrede in ihrer ganzen Spannweite und in ihren zahlreichen offenen Enden zu greifen sind. FRANZ MEIERS Beitrag zur Liebesrede in Richardsons Pamela, dem paradigmatischen Briefroman der europäischen Empfindsamkeit, erkundet unter Bezug auf Derridas Theorie der différance die Aporien, die mit der Aufgabe einer Verschriftlichung des Gefühls verbunden sind. In den fiktiven Liebesbriefen des Romans gewinnt das Problem, ob und auf welche Weise die Besonderheit und Spontaneität einer Gefühlsstruktur durch die Schrift zu vermitteln seien, eine erhöhte Brisanz. Hier liegt im Vergleich zur Liebeskorrespondenz im empirischen Leben die Situation einer doppelten Vermittlung vor. Es werden Paradoxien der Gefühlsartikulation durchgespielt und reflektiert. An der fiktiven Liebeskorrespondenz zeigt sich eine unhintergehbare Differenzqualität der Schrift und werden Techniken der Authentizitätskonstruktion erprobt, deren Beglaubigung auf Materialität und Körperlichkeit der Briefe rekurriert. ANNETT VOLMER bestimmt Diderots Briefe an Sophie Volland als einen „Umweg zu sich selbst“. Diderot unternimmt hier das gewagte Experiment einer Selbstreflexion ohne Fokussierung des eigenen ‚Ichs‘, indem er seine Autobiographie im Dialog mit dem liebenden Gegenüber entfaltet, gleichsam in Richtung auf einen externen Fluchtpunkt. Die Entdeckung einer auf die Partnerin bezogenen Innenperspektive koinzidiert mit der Aufgabe, einen erotischen Imaginationsraum zu erschließen. Dabei werden zugleich aktuelle schriftstellerische Projekte reflektiert, so zum Beispiel Diderots Materialismuskonzept, wie er es im Rêve de d’Alembert entworfen hat oder seine Beiträge für die Encyclopédie. Gerade die Liebeskorrespondenz erweist sich somit für Diderot als ein Medium der Erkenntnisfindung und poetologischen Selbstverständigung par excellence. Spezifische Eigenarten, die den Liebesbrief als Äußerungsform kennzeichnen, zeigen sich dort besonders auffallend, wo der Brief in ein ihm von Haus aus gänzlich fremdes Medium eintritt. So etwa, wenn die Theaterbühne – herkömmlich Raum der mündlichen Rede und Handlung unter Anwesenden – zum Ort des Auftauchens und Austausches schriftlicher Liebesnachrichten wird. Was dies bedeuten kann, zeigt LINDA SIMONIS anhand von Rossinis Oper Tancredi. Als verhängnisvoll erweist sich hier ein heimlicher Liebesbrief, den Amenaide an ihren Verlobten Tancredi gesandt hat. Ihren Adressaten verfehlend, wird die Liebesbekundung zu einem zweischneidigen Bekenntnis, das, gegen seine Verfasserin gewendet, als Zeugnis des Verrats gedeutet wird. Dass es zu diesem tragischen misreading kommt, ist nicht nur der rigorosen Logik der politischmilitärischen Handlung zuzuschreiben, sondern auch der Offenheit und Ambivalenz, die in der Form des Liebesbriefs selbst angelegt ist. Die cha-
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rakteristisch verkürzte und andeutende Redeweise des Liebesbriefs, die gleichgestimmtes Verstehen immer schon voraussetzt, macht eine solche Fehldeutung überhaupt erst möglich und glaubwürdig. In den Briefen von Hermann und Lucie von Pückler-Muskau, die den Liebesdialog mit dem Gedankenaustausch über gartenkünstlerische Projekte verknüpfen, wird der erst im Entstehen begriffene Garten in Muskau als imaginäre Bühne das geplanten gemeinsamen Lebens entworfen. Wie ANDREA HÜBENER zeigt, antizipieren die idyllischen und erhabenen Tableaus der Briefe mit der künftigen Schönheit des Parks bereits den Erfolg der gemeinsamen künstlerischen Anstrengungen und legen für beide Gartenbetrachter die Rollen in der Beziehung zueinander fest. Dies bedeutet bei allem Zwang zugleich Freiheit zur Variation – imaginär wie real. Damit stellen die Briefe ein künstlerisches und persönliches Experimentierfeld dar, auf dem sowohl das Gartenreich von Muskau als auch das gemeinsame Leben zuerst im Dialog entworfen wird. Die für den Englischen Garten konstitutive Ästhetisierung des Blicks auf die Natur gilt dabei in ähnlicher Weise für die Briefe, die den Willen zu einer dezidiert ästhetischen Modellierung des Subjekts verraten. Von Beginn seiner Korrespondenz mit Felice Bauer an schreibt Franz Kafka eine ambivalente Konstellation fest: Das Versprechen von Nähe bezieht sich allein auf das im Brief entworfene Ich, nicht jedoch verbindlich auf die Person des Schreibenden. Dieser Pakt konfiguriert eine Liebe, die im epistolaren Medium gebunden ist und die dem Autor Kafka zur Quelle seiner literarischen Produktion wird. FRIEDERIKE FELLNER betrachtet in ihrem Beitrag eine Zeichnung Kafkas, die in einem der Briefe auftaucht, als Sinnbild dieser paradoxen Brief- und Beziehungskonstruktion. Im graphischen Code, durch den sich eine erträumte Begegnung im Unterschied zur Schrift ins Bild setzen lässt, erscheint die Komplexität einer Berührung der Liebenden zugleich gebündelt wie auch potenziert gebrochen. BETTINA WAHRIG widmet sich in ihrem Beitrag einer psychoanalytisch motivierten Liebessemiotik, wie sie Julia Kristeva in ihrem Buch Geschichten von der Liebe entwickelt hat. Die ständigen Perspektivenwechsel Kristevas ermöglichen eine komplexe Lektüre des Phänomens Liebe, fordern aber vom Leser zugleich in ähnlicher, ja noch gesteigerter Weise wie vom (beteiligten oder unbeteiligten) Interpreten eines Liebesbriefs die Bereitschaft, zwischen literarischer, logischer, rhetorischer, psychologischer und emotionaler Beglaubigung und eigenen Wunschbildern zu vermitteln. In beiden Fällen kann man sich dabei nur auf vorläufige Instanzen berufen, sind doch die Diskurslinien der Kristeva-Interpretation so bewegt wie die wissenschaftlichen Grundlagen zur Erforschung der Liebesbriefkultur noch variabel sind. Gerade von dieser doppelten Labilität der Standpunkte
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aus lassen sich aber offenbar bestimmte Phänomene fester begreifen: So erweist sich zum Beispiel die Diskussion über Affektsprachen, die im kollektiven Gedächtnis in Gestalt mythischer Figuren verankert sind, als relevant nicht nur für die psychoanalytische Praxis, sondern auch für das Verständnis von modernen Liebeskonzepten. Der erst seit kurzem zugängliche Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze darf als wechselseitiges Stimulans für die künstlerischen und poetischen Entwicklungen der Briefpartner gelten, ohne dass darin seine Hauptfunktion bestünde. RENATE STAUFS Analysen zeigen, wie die zwischen Verbergen und Enthüllen und zwischen verschiedenen Sprachen changierende Liebesrede ihrerseits zum Kunstwerk der in vielfacher Hinsicht gleichgesinnten und einander komplementären Partner wird. In ihren Briefen finden sich neben der Bekundung der Liebe im Zeichen künstlerischer und intellektueller Solidarität aber auch Symptome eines persönlichen und gesellschaftlichen Krisenbewusstseins, an denen sich ablesen lässt, wie sich das individuelle Begehren und Freiheitsverlangen an öffentlich errichteten und auf subtile Weise verinnerlichten Tabus immer wieder bricht. Dennoch zeigt sich, wie schon bei Kafka, dass die intime Rede, indem sie ihre eigene Unzuverlässigkeit mitreflektiert, in der Moderne zugleich auf neue Weise zu einem Schutzraum des Privaten werden kann. ANNETTE SIMONIS analysiert am Beispiel der Verfilmung von Stefan Zweigs Brief einer Unbekannten eine für den Film charakteristische, subtile Integration und Ineinanderschachtelung von ‚Medien in Medien‘. Sie zeigt ferner auf, wie im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts neue Medien das Spektrum der möglichen Liebeskommunikationen erweitern, vor allem durch Email, SMS und MMS. Auch in den digitalen Medien kommt es offenbar zu Anlehnungen an die ältere Schriftform bzw. die Textsorte des Briefs und zu Anleihen bei den literarischen Liebesdiskursen, ohne dass diese die Struktur der modernen Liebeskommunikation grundlegend verändern. Wohl aber treten signifikante Umstellungen auf. So passen sich die elektronischen Liebesbotschaften mit ihrer Schnelligkeit, Flüchtigkeit, Simultanität und Kurzlebigkeit der Zeitstruktur der Moderne an. Zugleich wird der Reiz von Fremdsprachen wiederentdeckt und in der modernen Bildsprache an alte Kosenamen der Liebeskommunikation erinnert. Entgegen der Tendenz zur Geheimhaltung in früheren Jahrhunderten wird in den neuen Medien die Grenzlinie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit bzw. Intimität durch wirksame Inszenierungen von Liebeswerbungen und Paarbeziehungen oft auf spektakuläre Weise unterlaufen, so z.B. in den aktuellen Sendeformaten des so genannten Reality-TV.
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VI Die in den Einzeluntersuchungen zutage geförderten Erkenntnisse sind nicht nur für eine Geschichte und Kultur des Liebesbriefs von Bedeutung, sie könnten aufgrund ihrer Berührung mit Fragen der Sozial-, Mentalitätsund Geschlechtergeschichte, der Medialität und Intertextualität auch für andere Disziplinen (z.B. Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie und Theologie) interessant sein. Bereits im 18. Jahrhundert zeichnet sich ab, dass sich der Liebesbrief, betrachtet man ihn als eigenständiges kulturgeschichtliches Phänomen, nicht immer mit vertrauten Vorstellungen von Literatur-, Sprach- und Geistesgeschichte zur Deckung bringen lässt und dass die briefliche Liebessprache sich oft nicht im Gleichklang mit den Vorgaben der literarisch ausgebildeten Liebessprache entwickelt. Die kreativen Möglichkeiten der intimen Rede scheinen bisher in der Tat beträchtlich unterschätzt worden zu sein. Die vielfältigen Formen der Liebeskorrespondenz bieten Dichtern und Künstlern (aber nicht nur diesen allein) einen spezifischen Entfaltungsspielraum für künstlerische Kreativität so wie umgekehrt die poetologische Reflexion zum raffinierten Mittel avanciert, um die Liebesbeziehung verdeckt und mittelbar zu verhandeln. Dabei erweisen sich die Liebesbriefe oft als die eigentlichen Orte bzw. Keimzellen der schriftstellerischen Selbstverständigung und der Entfaltung eigener poetologischer bzw. dichtungstheoretischer Ideale. Die Kommunikation mit der oder dem Geliebten wird zum bevorzugten Medium einer Selbsterkundung und zum exklusiven Anreiz, Möglichkeiten der poetischen und künstlerischen Weiterentwicklung auszutesten, auch wenn sich darin die Funktion der Korrespondenz nicht erschöpft. Das vertrauliche ‚Gespräch‘ mit dem geliebten Partner und die Verschriftlichung der Gedanken bieten vielfältige Möglichkeiten zur Autoreflexion, Erkenntnisfindung oder Selbststilisierung, sie provozieren aber auch Auswege aus der Introspektion und Stilisierung. Dieses Wechselverhältnis zwischen selbstreflexiven und poetologischen Dispositionen und deren brieflichen Kontrapunktierungen lässt sich in den Liebeskorrespondenzen Diderots und Humboldts über diejenigen Rainer Maria Rilkes und Gabriele d’Annunzios bis hin zu Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze in jeweils unterschiedlicher Ausprägung beobachten oder zumindest erschließen. Es zeigt sich ferner, dass ältere Liebessprachen, wie sie zum Teil durch die literarische Tradition der Liebesromane vorgegeben werden, weiterhin präsent sind und in modernen Liebeskorrespondenzen als nahezu unerschöpfliches Zitatenrepertoire zu dienen vermögen. Unterschiedliche Spielarten der Ironie finden hier ebenso ihren Platz wie ernst gemeinte Wiederbelebungen der religiös-empfindsamen und romantischen
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Liebesdiskurse. Im ersten Fall ist man, wie etwa schon bei Jean Paul, um originelle Abgrenzungen bemüht, im zweiten sucht man sich – wie es z.B. die Korrespondenz zwischen Dietrich Bonhoeffer und Maria Wedemeyer besonders eindrücklich belegt – der gegenseitigen Zuneigung auf eine existentiell bedeutsame Weise schriftlich zu vergewissern. Welche Folgen die neuen Medien des digitalen Zeitalters, die ja zugleich radikale Öffentlichkeit und Schutzräume der Intimität und Individualität versprechen, für die Zukunft von Liebeskommunikation haben werden, lässt sich indes noch nicht vollständig absehen. Ebensowenig, welches Potential in alten und neuen Erstellungs- und Übertragungsformen handschriftlicher Liebeskorrespondenz noch verborgen ist. Die Prognosen eines Endes der Liebesbriefkultur, die – was noch wenig in den Blick gekommen und deshalb besonders herauszustellen ist – seit Beginn des bürgerlichen Zeitalters Teil dieser medialen Praxis waren, jedenfalls sind voreilig. Es deutet sich an, dass das Liebesgespräch in Briefen weiterhin neue Funktionen und Gestalten anzunehmen vermag und dabei eine Überlebenskraft an den Tag legt, die gängigen Theorien vom Verschwinden des Subjekts zuwiderläuft. Man wird vielmehr in Hinblick auf den Liebesbrief weiterhin von einem Wechselverhältnis von Subjektivierungsprozessen und Desubjektivierungsprozessen auszugehen haben, wie dies zuletzt Giorgio Agamben für die Eigendynamik von Dispositiven insgesamt (in einem über Foucault hinausgehenden Sinn) statuiert hat.23 Dass aber die Ökonomie des Liebesbriefs im digitalen Zeitalter zur fatalen Indifferenz tendiert, wie Agamben dies für die modernen Kommunikationsformen generell prognostiziert,24 erscheint auch noch jenseits der technisch produzierten Ratlosigkeitsgrenze, über die der „Verkehr von Menschen bzw. Herzen“ im Informationszeitalter hinausgetrieben wurde,25 noch längst nicht ausgemacht. Ist doch der Liebesbrief, wie die Beiträge des vorliegenden Bandes zeigen, spätestens seitdem er im 18. Jahrhundert sich selbst als vorgeblich elementare Lebensäußerung entworfen hat, als Phänomen ein Grenzdispositiv, in dem die äußeren Mitsprachrechte (die ihn just zum Dispositiv im Sinne Foucaults machen) stets im Widerstreit mit autonomen Ansprüchen und den Realisierungen dieser Ansprüche stehen. Aus dieser doppelten Orientierung des Liebesbriefs folgt seine erstaunliche Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit ebenso wie seine Eigenwilligkeit. In wissenschaftlicher Perspektive macht sie das Phänomen zu einem Faszinosum, dessen Erforschung notwendigerweise polyperspektivisch 23 24 25
Vgl. Giorgio Agamben: Was ist ein Dispositiv?, Berlin, Zürich 2008. Ebd., S. 37. Vgl. Bernhard Siegert: Relais. Geschicke der Literatur als Epoche der Post, Berlin 1993, S. 291.
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vorzugehen hat und damit auch zu Probe und Exempel für die Leistungsfähigkeit geisteswissenschaftlicher Methoden insgesamt geraten mag. Dass dieser Band zustande gekommen ist, verdankt sich nicht nur den Beiträgern, die in dieser Einleitung gewürdigt werden; es verdankt sich gleichermaßen einer Reihe von unentbehrlichen und äußerst engagierten Beratern und Mitarbeitern. Wir danken sehr herzlich: Friederike Fellner, Tobias Conradi, Lena Strümpel und Annette Winter für die sorgfältige und kompetente Einrichtung und Gestaltung der Manuskripte sowie die Erstellung des Registers. Unser ganz besonderer Dank gilt Frau Elke Schwemer, in deren bewährten Händen die gesamte Korrespondenz und Organisation des Projektes lagen. Nicht zuletzt möchten wir Herrn Dr. Heiko Hartmann vom de-Gruyter-Verlag unseren Dank aussprechen, dessen Entgegenkommen und freundliche Beratung dazu beigetragen haben, dass der Band nun in dieser schönen Gestalt erscheinen kann.
I WUNSCHBILD
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„Mein lieber Herr Lessing“1 – Eva König und G. E. Lessing Bereits die Zeitgenossen haben in dem acht Jahre nach Lessings Tod von seinem Bruder veröffentlichten Briefwechsel mit Eva König ein singuläres Dokument gesehen.2 Zwei Stimmen können dies illustrieren, die zugleich die besondere Struktur und Funktion eines Mediums erhellen, das wie kein anderes zwischen Authentizität und Fiktion, Unmittelbarkeit und Raffinesse, Leben und Literatur changiert. 1789, im Jahr der Erstveröffentlichung, berichtet Charlotte Schiller ihrem Mann von der sie faszinierenden Lektüre und fügt hinzu: „Ich möchte mit jemandem über die beiden Menschen sprechen, der sie genau gekannt hat und recht viel von ihnen hören.“3 Die offenbar beeindruckende Lebensnähe der Briefe und die zugleich faszinierende Persönlichkeit der Korrespondenten lässt die Leserin Charlotte Schiller eben jenen Wunsch empfinden, der Voraussetzung und Thema, Bedingung und Prinzip aller brieflichen Kommunikation ist: den Wunsch nach der Überwindung von räumlicher Distanz, die Überführung des schriftlichen ins mündliche Gespräch, also die Aufhebung jener medialen Barriere, die dem Brief und zumal dem Liebesbrief vorausgeht. Dass dieser Wunsch sowohl die Produktion als auch die Rezeption des Briefes bei den Korrespondenzpartnern beherrscht, leuchtet ein; dass er indes auch die Rezeption des veröffentlichten und gedruckten Briefwechsels bestimmt, ist ungewöhnlich. Wer solche Briefe schreibt, wer in solch liebendem Briefgespräch über nicht weniger als sechs Jahre Abwesenheit und Trennung kompensieren muss, der evoziert – so zeigt die 1
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Der Briefwechsel zwischen Eva König und Lessing wird zitiert nach: G. E. Lessing/Eva König: Briefe aus der Brautzeit 1770–1776, hg. von Wolfgang Albrecht, Weimar 2000. Seitenangaben im laufenden Text beziehen sich auf diese Ausgabe. Die titelgebende Briefanrede hier S. 4 und passim. Zur Überlieferungs- und Editionslage der Korrespondenz vgl. die editorische Notiz in der kommentierten Ausgabe von W. Albrecht [Anm. 1], S. 434f. Charlotte von Lengefeld an Friedrich Schiller, 27.–29.6.1789, in: Schillers Werke. Nationalausgabe, Bd. 33,I: Briefwechsel. Briefe an Schiller, 1781–28.2.1790, Weimar 1989, S. 361– 363, hier S. 362.
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Reaktion – im Falle Charlotte Schillers auch deswegen Empathie und Neugier, weil die Lektüre des gedruckten Briefwechsels die Kenntnis des in diesem Falle tragischen Endes einer großen Liebesgeschichte einschließt. Eva Lessing und G. E. Lessing waren nach sechs Jahren Brautzeit und Briefwechsel gerade einmal 15 Monate eines gemeinsamen Lebens beschieden. Sie starb kurz nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes im Januar 1778; auch das Kind blieb nicht lange am Leben. Man wird unterstellen dürfen, dass die Lektüre der Korrespondenz vom Wissen um das kurze Glück des Paares bestimmt und außerdem durch die zum verbalen Denkmal gewordenen Sätze präfiguriert ist, mit denen Lessing seinem Freund Johann Joachim Eschenburg die Todesnachrichten mitteilte: Meine Freude war nur kurz: Und ich verlor ihn so ungern diesen Sohn! denn er hatte so viel Verstand! […] War es nicht Verstand, daß er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen? – […] Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen.4 Meine Frau ist tot: und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viel dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen; und ich bin ganz leicht.5
Die Korrespondenz zwischen Lessing und Eva König reicht vom 10. Juni 1770 bis zum 30. September 1776. Die 193 Briefe (83 von Lessing, 110 von Eva König) dokumentieren eine Freundschafts- und Liebeskonstellation, die bei Zeitgenossen wie Charlotte Schiller auch deswegen neugierige Empathie auslöste, weil Lessing als Verkörperung scharfsinniger Intellektualität, nicht aber als Repräsentant gefühlsgestützter Introspektion galt.6 Die zweite Stimme, die als Beleg für die These gelten kann, dass der gedruckte Briefwechsel bei den Lesern ähnliche Reaktionen auszulösen vermag wie sie die Protagonisten des unveröffentlichten Briefgesprächs füreinander empfinden, ist diejenige Hegels. Er sieht in dem Briefwechsel der Brautleute „eine ganz aus dem wirklichen Leben genommene Unterhaltung“, deren zentrales Thema „das hinlängliche Auskommen“, also die Frage nach der beruflichen, materiellen Organisation des gemeinsamen Lebens sei: „[…] denn die Liebe ist nimmer so stark, daß man miteinander in Wüsteneien zieht, aller Bequemlichkeiten sich entschlägt und nur von der Liebe lebt“.7 Hegels treffende Sicht auf den Gegenstand des Brief4 5 6 7
Gotthold Ephraim Lessing an Johann Joachim Eschenburg, 31.12.1777, in: Gotthold Ephraim Lessing: Werke und Briefe in 12 Bänden, hg. von Wilfried Barner, Bd. 12. Briefe von und an Lessing 1776–1781, Frankfurt/Main 1994, S. 116. Lessing an Eschenburg, 10.1.1778, in: Lessing, Werke, Bd. 12 [Anm. 4], S. 119. Vgl. Elke Clauss: Liebeskunst – Untersuchungen zum Liebesbrief im 18. Jahrhundert, Stuttgart, Weimar 1993, S. 83–137, hier S. 84. Georg Friedrich Wilhelm Hegel: Über Lessings Briefwechsel mit seiner Frau, in: ders.: Werke in 20 Bänden, Bd. 1: Frühe Schriften, Frankfurt/Main 1968, S. 611–614, hier S. 611.
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wechsels, dessen gleichsam kühl-realistische Ausrichtung an den schwierigen Alltagsverhältnissen der Partner in bemerkenswertem Kontrast zum hochgeschraubten, anakreontischen Briefstil anderer Zeitgenossen steht, schließt die dem Philosophen zweifellos zuzubilligende, einer medientheoretisch sensibilisierten Forschung hingegen womöglich verdächtige Bemerkung ein, dass „nach einem langen Romanlesen […] nichts erwünschter kommen“ könne „als so eine ganz aus dem wirklichen Leben genommen Unterhaltung“.8 Die Korrespondenz zwischen Lessing und Eva König ist tatsächlich von einer Alltags- und Lebensorientierung geprägt, die nicht nur im Kontrast zur rhetorischen Liebesemphase steht, die z.B. die Briefe zwischen Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Anna Louisa Karsch oder den Dialog zwischen Klopstock und Meta Moller bestimmen.9 Auch die an der Korrespondenz zwischen Gottsched und Luise Kulmus oder Herder und Caroline Flachsland hinlänglich und zu Recht diagnostizierte Geschlechtersymmetrie, die sich stilistisch und semantisch als belehrende Ermunterung oder gelehrte Unterweisung zeigt, findet sich bei Lessing und Eva König nicht.10 Im Gegenteil: mit humorvollem Scharfsinn und erkenn8 9
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Ebd. Anna Louisa Karsch/Johann Wilhelm Ludwig Gleim: „Mein Bruder Apoll“. Briefwechsel zwischen Anna Louisa Karsch und Johann Wilhelm Ludwig Gleim, hg. von Regina Nörtemann, 2. Bde, Göttingen 1996; Meta Klopstock: Es sind wunderliche Dinger, meine Briefe. Briefwechsel mit Friedrich Gottlieb Klopstock und ihren Freunden, hg. von Franziska u. Hermann Tiemann, München 1998. Zu Karsch – Gleim vgl. z.B. Regina Nörtemann: Verehrung, Freundschaft, Liebe. Zur Erotik im Briefwechsel zwischen Anna Louisa Karsch und Johann Wilhelm Ludwig Gleim, in: Anna Louisa Karsch (1722–1791). Von schlesischer Kunst und Berliner Natur, hg. von Anke Bennholdt-Thomsen, Anita Runge, Göttingen 1992, S. 81–93; Tanja Reinlein: Der Brief als Medium der Empfindsamkeit. Erschriebene Identität und Inszenierungspotentiale, Würzburg 2003, S. 114–163; sowie Ute Pott: Briefgespräche. Über den Briefwechsel zwischen Anna Louisa Karsch und Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Göttingen 1998. Zu Klopstock – Moller vgl. u.a. Joachim Jacob: „Wäre ich Ihr Klopstock für seine Meta“. Meta Moller und Friedrich Gottlieb Klopstock, Hamburg, 4. April 1751, in: Bespiegelungskunst. Begegnungen auf den Seitenwegen der Literaturgeschichte, hg. von Georg Braungart, Tübingen 2004, S. 29–41; „Mein sanftes ungestümes Herz und seine ganze Geschichte“. Der Musterfall eines Brautpaares entsteht, Meta Moller und Friedrich Gottlieb Klopstock 1751–1754, in: „Bist Du Luftbild oder Leben?“ Brautbriefe aus zwei Jahrhunderten (1751–1833), hg. von Susanne Ledanff, Frankfurt/Main, Berlin 1991, S. 11–31; Erich Trunz: Die Sprache der Freundschaft und Liebe. Meta Klopstock, geb. Moller, in ihren Briefen, in: ders.: Weltbild und Dichtung im Zeitalter Goethes. Acht Studien, Weimar 1993, S. 40–58; Tanja Reinlein: Der Brief als Medium der Empfindsamkeit. Erschriebene Identität und Inszenierungspotentiale, Würzburg 2003, S. 202–231, sowie Clauss, Liebeskunst [Anm. 6], S. 17–81. Gottsched und seine Zeit. Auszüge aus seinem Briefwechsel, hg. von Theodor Wilhelm Danzel, Hildesheim 1970 [Nachdruck der Ausgabe von 1884]; Herders Briefwechsel mit Caroline Flachsland. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs, hg. von Hans Schauer, 2 Bde., Weimar 1926–28. Zu Kulmus – Gottsched vgl. z.B. Rüdiger Otto:
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barem Vergnügen am pointenreichen Argument verbindet Eva König die brief- und beziehungstypische Klage über ausbleibende, verspätete oder Briefe Besorgnis erregenden Inhalts mit dem Wunsch nach baldiger direkter Begegnung. Letzterer kleidet sich überdies in eine spöttische Abrechnung mit Lessings Sinngedichten, deren misogyne Tendenz Eva König wie folgt pariert: Machen Sie, dass Sie bald kommen, sonst kommt eine ganze Ladung Frauenzimmer, um Sie abzuholen. Ich denke, dies ist die härteste Drohung, die ich Ihnen machen kann. Denn eben lege ich Ihre Sinngedichte aus den Händen und bin in meiner längst gehegten Meinung – Sie seien ein Erzweiberfeind, nun völlig bestärket. Ist es aber nicht recht gottlos, dass Sie uns bei allen Gelegenheiten so herunter machen! Sie müssen an verzweifelt böse Weiber geraten sein. Ist dieses, so verzeihe ich Ihnen; sonst aber müssen Sie wahrhaftig! für alle die Bosheit, so Sie an uns ausüben, noch gestrafet werden. Das Mädchen, das Sie sich wünschen, sollen Sie wenigstens nie finden. Aber nun im Ernste. Wann kommen Sie denn? Sie müssen es mir wirklich schreiben. Ich verspreche Ihnen nicht entgegen zu kommen, wenn Sie es nicht haben wollen, und es auch keinem Menschen zu sagen. Ich wollte es nur wissen, um mich auf den gewissen Tag recht freuen zu können. – Ob Sie bei mir logieren wollen, stelle ich in Ihren Willen. Sie können Ursache haben, warum Sie es nicht tun wollen. Ich habe keine, die mich abhält, es zu wünschen. (81)11
Die Rhetorik der Selbstverkleinerung oder gar demütiger Unterwerfungsbereitschaft aus Anlass und im Namen der Liebe ist Eva König ebenso fremd wie ein pathetisches Bekenntnis zur Exklusivität und Singularität ihres Gefühls. Hier konstituiert sich nicht etwa weibliche Subjektivität aus Anlass der Liebe und im Medium des (Brief)Schreibens.12 Und auch Lessing präsentiert sich in diesem Briefwechsel nicht als sehnsüchtig Liebender, der in steter Klage über die Absenz der Geliebten im Epistolarischen den einzig möglichen Trost sähe. Vielmehr gilt für beide Korrespondenten, dass sich die Intensität der Bindung als Lakonie ihrer sprachlich stilis-
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Focus. Vorstellung eines Editionsprojektes. Die Veröffentlichung des Briefwechsels von Johann Christoph Gottsched und seiner Frau Louise Adelgunde Victorie, in: Lessing Yearbook 34 (2002), S. 197–203, sowie Tanja Reinlein: Der Brief als Medium der Empfindsamkeit. Erschriebene Identität und Inszenierungspotentiale, Würzburg 2003, S. 78–113. Zu dem Briefwechsel Flachsland – Herder vgl. Andrea Schütte-Bubenik: „Empfindsamkeit“ auf Abwegen. Die Korrespondenz der Caroline Herder, Berlin 2001, sowie Werner Frick: „Was hatte ich mit Rom zu tun? Was Rom mit mir?“ Johann Gottfried Herder in der „alten Hauptstadt der Welt (1788/89), in: Rom – Europa. Treffpunkt der Kulturen. 1780– 1820, hg. von Paolo Chiarini und Walter Hinderer, Würzburg 2006, S. 135–172. Vgl. Lessings Sinngedicht Das Mädchen, in: Gotthold Ephraim Lessing: Werke und Briefe in 12 Bänden, hg. von Wilfried Barner, Bd. 3: Werke 1754-1757, Frankfurt/Main 2003, S. 814f. Vgl. Anke Bennholdt-Thomsen, Alfred Guzzoni: Gelehrsamkeit und Leidenschaft. Das Leben der Ernestine Christine Reiske 1735–1798, München 1992, S. 96.
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tischen Repräsentation zeigt. Erzähllust und Schreibvergnügen, Realitätssinn und Sinn für die komischen Seiten der Wirklichkeit bestimmen das Briefgespräch zwischen Eva König und Lessing mindestens ebenso stark wie der Wunsch, im Medium des Briefs eine ideelle und virtuelle Gemeinsamkeit zu gestalten und zu genießen, die es realiter während der sechs Jahre der Korrespondenz lediglich drei bis vier Mal gegeben hat. Insofern ist dieser Briefwechsel mindestens ebenso sehr Zeugnis einer sich wandelnden Gefühlskultur wie Dokument einer Schreib- und Beziehungsökonomie, durch die das Ausbleiben von Briefen, sowie die numerische Unausgewogenheit13 zwischen den Briefpartnern entweder zum Gradmesser emotionaler Aufrichtigkeit oder Anlass zu rationaler Besorgtheit über den Gesundheitszustand des anderen werden kann. Die Mitteilungen, Spekulationen und Reflexionen über körperliche und seelische Zustände, über Hypochondrie und alle Arten des Unwohlseins sind zwischen Eva König und Lessing immer wieder Thema und machen damit die Sprache der Liebe zu einer Sprache sensitiver wechselseitiger Sorge und ironisierter Selbstbezüglichkeit. Schon die äußeren Umstände und damit die Rahmenbedingungen der Korrespondenz sind ungewöhnlich. Lessing hatte Eva König während seiner Hamburger Zeit kennengelernt; der Ehemann, ein vermögender Seiden- und Teppichfabrikant mit Zweitniederlassungen in Wien, verstarb im Dezember 1769. Der Witwe, zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alt und Mutter von vier Kindern, oblag die gesamte Verwaltung und – was noch schwieriger wurde – die Veräußerung der Geschäfte des verstorbenen Mannes.14 Lessing zog Ende April 1770 von Hamburg nach Wolfenbüttel, um an der berühmten Bibliothek jene Stelle anzutreten, die ihm fortdauernden Verdruss und für die Eheschließung mit Eva König ein ebenso großes Hindernis bedeuten sollte wie es die komplizierten Geschäfte der Braut und Witwe in Wien waren. Die Korrespondenz, von eigentümlicher Abstinenz gegenüber Gefühlsäußerungen und zugleich von hoher Mitteilungsintensität geprägt, beginnt zwei Monate nach Lessings Umzug nach Wolfenbüttel. Sie entwickelt sich in beständiger Reaktion auf die immer erneut erzwungene räumliche Trennung: er ist in Wolfenbüttel bzw. „dem elenden Braunschweig“ (138f.), sie in Hamburg und schließlich für fast drei Jahre in Wien; von dort sollte eigentlich eine gemeinsame Rückreise angetreten werden. Er aber ist zu einer Italienreise gezwungen, die ursprünglich nur wenige Wochen, tatsächlich aber neun Monate dauern
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Vgl. Clauss, Liebeskunst [Anm. 6], S. 44ff. Vgl. Wolfgang Schneider: Eva Lessing in Wien, in: ders.: Lessing – Zwölf Biographische Studien, München 1957, S. 231–244.
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sollte.15 Bedingt durch die Umstände, aber natürlich vor allem durch die Charaktere der Briefpartner, wird in der Korrespondenz ein Beziehungsund Reflexionsmuster ausgebildet, das die körperliche Abwesenheit des anderen und die erzwungene kommunikative Asymmetrie durch einen eigentümlichen Mitteilungs- und Selbsterkundungsstil zu kompensieren sucht. Unpathetisch und prägnant, ungeschminkt und ohne Larmoyanz, eher verärgert als verzweifelt teilen sich Eva König und Lessing ihren jeweiligen Seelenzustand mit. Als Alltagsbericht und selbstdiagnostischer Distanzierungsversuch gestalten sich die wechselseitigen Schilderungen depressiver Attacken und hypochondrischer Zustände. „Mein lieber Herr Lessing“ (15) beginnt Eva König einen Brief Mitte September 1770, in dem sie von Koliken berichtet, die zwar durch das von Lessing empfohlene „weiße Pulver“ (15) einigermaßen hätten eingedämmt werden können, sie aber doch an der Erledigung ihrer Arbeit gehindert hatten. Alles wäre noch erträglich […] wenn ich munter wäre. Ich bin aber so niedergeschlagen, dass ich nicht im Stande bin, mich zum Lachen nur zu zwingen, um nicht sonderbar zu scheinen, ob ich gleich hier unter besonders lustigem Volke bin. Ich bin schon zufrieden, wann ich es so weit bringe, dass ich nicht weine; was das ärgste ist, so scheinet mir alles, was ich tue, nicht recht getan zu sein; in dem Augenblicke bereue ich, was ich den vorhergehenden getan habe. Mit einem Worte, ich bin nicht mehr dieselbe. (15f.)
In der ersten Phase der Korrespondenz reagiert Lessing auf solche Mitteilungen mit ermunternden Lebensweisheiten wie „vergnügt wird man unfehlbar, wenn man sich nur immer vorsetzt, vergnügt zu sein“ (17). Die Wirkung mag sich eingestellt haben, ehe denn der Ratschlag die Empfängerin erreichte. Denn schon wenige Tage später erhält Lessing Bericht von Ereignissen, die weder das Seelenleben der Briefschreiberin noch die Absenz des geliebten Mannes, sondern die unerwarteten Beschwerlichkeiten einer bevorstehenden Reise betreffen. Mein lieber Herr Lessing! Alles ist gepackt, und die Pferde auf morgen früh um vier Uhr bestellt, allein der Himmel weiß, ob ich wegkomme. Eine ganz eigene Fatalität, die Sie in Verwunderung setzen wird, könnte mich aufhalten. Mein Mädchen hat sich in Gesellschaft des Kammerdieners eines Grafen, der mir gegenüber logiert, so entsetzlich besoffen, dass sie schon die ganze Nacht nichts tut als sich erbrechen. Ich bin ihre Wärterin; denn ich habe es zu spät gemerkt, da schon alles zu Bette war. Eine angenehme Beschäftigung! da ich ohnedem vor nichts in der Welt mehr Abscheu habe als vor einem Betrunkenen. Eben ist sie eingeschlafen, ich wünsche nur, dass sie beim Erwachen sich so befindet, dass wir abreisen können.
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Vgl. Gunter E. Grimm: „Ich sehne mich herzlich wieder nach Deutschland“ – Lessings Italienreise von 1775, in: Lessing Yearbook 17 (1985), S. 109–120; Lea Ritter Santini: Eine Reise der Aufklärung – Lessing in Italien, 2 Bde., Wolfenbüttel 1993.
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Was das Schönste ist, so habe ich mir die größten Sottisen von ihr müssen vorsagen lassen. Denn ehe ich wusste, wie es mit ihr stand, hatte ich ihr wegen ihrer gar zu großen Nachlässigkeit einen Verweis gegeben, dessen erinnerte sie sich im Rausche, und sie hat, wie es scheint, einen bösen Rausch. – Dies Einzige hat mir noch gefehlt, um alle möglichen Beschwerlichkeiten auf dieser Reise zu versuchen. (18f.)
Von solchen Episoden und Anekdoten sprüht der Briefwechsel, und es ist schwer zu sagen, wessen Witz und Fabulierlust größer ist. Wohl nicht ohne Grund hat Walter Jens im Vorwort zu Wolfgang Albrechts Neuausgabe davon gesprochen, die „poetischsten, treffsichersten, unterhaltlichsten Passagen des Briefwechsels“ (XIII) stammten aus der Feder Eva Königs und repräsentierten damit auf ideale Weise die im 18. Jahrhundert so hochgeschätzte intellektuelle Tugend des „Witzes“: „Scharfsinn, gepaart mit Amüsement, Logik in der Sprache des Herzens“ (XIII). Die briefgestützte Beziehungslogik verdankt sich in diesem Falle einer ungewöhnlichen Konstellation, denn in diesen Briefen begegnen sich zwei ebenbürtige Partner, die zur Überbrückung der räumlichen Distanz und zur Kompensation der körperlichen Absenz freimütig Körper- und Krankheitsdiskurse inszenieren. Wenn freilich von Krankheit und körperlich-seelischem Unwohlsein in diesen Briefen die Rede ist – und es ist viel und oft von beidem die Rede – so geschieht dies nicht mit der verdeckten oder expliziten Intention, Empathie zu erzwingen oder wohl gar im Adressaten des Briefes den Verursacher, im Beziehungsgefüge den Grund des Kummers auszumachen. Die für die Codierung von Intimität so folgenreiche, d.h. verhängnisvolle Verquickung von seelischer Elendsschilderung und Evokation des schlechten Gewissens auf der anderen Seite, diese therapieträchtige Beziehungsdynamik sucht man zwischen Eva König und Lessing vergeblich. Gegen Hypochondrie wird „weißes Pulver“ und der „Pyrmonter Brunnen“ (76 und passim) aufgeboten, wenn die Suggestion, dass vergnügt sei, wer vergnügt sein wolle, nicht mehr hilft. Das schließt den Ausdruck der Sorge nicht aus, basiert aber vor allem auf der Überzeugung, dass in der Kontinuität des Briefgesprächs das wirkungsvollste Remedium gegen jedwede depressive Verstimmung liege. Als „freundschaftliche Plauderei mit einem Abwesenden“ (65) hat Lessing den Brief definiert; in Eva Königs Sicht ist er Medizin und Lebenselixier. Die Materialität des Mediums, die im wiederholten Lesen und im Kampf gegen den manchmal allzu zeitaufwendigen Schreibakt erfahren wird, gestaltet und überbietet nicht nur in Eva Königs Sicht eine alltägliche Realität des Wartens und der Verzögerung, der verhinderten Begegnung und der verpassten Gelegenheiten. In der brieflichen Reflexion über nicht geschriebene, nicht abgeschickte oder gar verlorene Briefe entsteht zwischen Lessing und Eva
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König gelegentlich ein Dialog, dessen intellektuelles und zugleich emotionales Niveau aus dem Umstand erwächst, dass Selbstbild und Fremdentwurf wechselseitig konstruiert, aber auch demontiert werden. Letzteres gilt vor allem für Eva König. Vom 26. Oktober 1772 datiert ein Brief, den Lessing wie folgt eröffnet: Ist es möglich, meine Liebe, ist es in aller Welt möglich, dass ich Ihnen in so langer Zeit nicht geschrieben habe? dass ich es habe aushalten können, in so langer Zeit nicht von Ihnen zu sehen und zu hören? (203)
Schon dies ist eine rhetorisch-spielerische Verkehrung der Verhältnisse, denn er hatte zweieinhalb Monate nichts von sich hören lassen. Wenn Sie argwöhnisch wären! Wenn ich nicht glaubte, dass Sie mich zu wohl kennten! – Besorgt mögen Sie immer um mich gewesen sein; aber wenn Sie je einen argen Gedanken, der meiner und Ihrer unwürdig wäre, von mir gehabt haben: wahrlich, so verdiene ich, dass Sie mir es abbitten. (203)
Die Wendung ist wahrlich kühn: in seiner Spekulation hat sie auf sein Schweigen mit „unwürdigen Gedanken“ reagiert, für die er eine Entschuldigung verlangt. Natürlich räumt er seine sophistische Impertinenz sofort ein und hebt zu einer wortreichen Entschuldigung an. Woran es denn gelegen habe, dass er nicht schreiben konnte, fragt er selbst, um zu antworten: An tausend und tausend Dingen, die all so klein sind, dass sie sich gar nicht erzählen lassen; die aber doch zusammengenommen so eine außerordentliche Wirkung auf mich gehabt haben, dass ich, um wenig zu sagen, die ganze Zeit über, die ich nichts von mir hören lassen, so gut als gar nicht gelebt habe. Nicht dass ich etwa krank gewesen; ob ich mich schon auch nicht gesund befunden. Ich bin schlimmer als krank gewesen: missvergnügt, ärgerlich, wild; wider mich und wider die ganze Welt aufgebracht, Sie allein ausgenommen. (203)
Knapp drei Wochen später erhält Lessing auf diese forcierte Liebesbekundung die Reaktion: Sie sind, sagen Sie, schlimmer als krank gewesen: missvergnügt, ärgerlich, wild; wider sich und wider die ganze Welt aufgebracht; mich allein ausgenommen. Alles will ich Ihnen glauben, nur nicht das Letztere. Wäre dies! wie wäre es möglich, dass in der langen Zwischenzeit auch nicht einmal ein Funken von Mitleid Sie angefacht hätte, mir einige Nachricht von sich zu geben. (207)
Die Demontage des kühn-koketten Selbstbildes, das Lessing von sich gezeichnet hatte, das Bild eines Mannes, der mit sich und der Welt im Hader liegt und nur in Eva König eine Ausnahme macht, erfolgt ebenso präzise wie unprätenziös: Im Rekurs auf die Logik des Arguments und im Verweis auf das zentrale Paradigma der Hamburgischen Dramaturgie decouvriert Eva König das Selbstbildnis Lessings; argumentativ unaufwendig und ohne den Furor der Gekränktheit restituiert und bekräftigt sie damit die egalitäre Struktur des Dialogs.
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Für die kommunikative Intensität und Egalität der Korrespondenz ist zu bedenken, dass der Verbindung zwischen Eva König und Lessing keine ständischen oder familiären Hindernisse, keine väterlichen Verbote oder anderweitigen Versprechungen im Wege standen. Beider Stolz, vor allem Eva Königs souveräner Lebensentscheidung war zuzuschreiben, dass die Bereinigung bzw. Verbesserung ihrer beiderseitigen materiellen Lebensverhältnisse die Voraussetzung der Ehe sein sollte. Weder wollte Eva König mit ihren nicht abgewickelten Geschäften Lessing zur Last fallen, noch dass er in Rücksicht auf sie in Hamburg oder andernorts Stellen akzeptierte, die unter seiner Würde gewesen wären. Das „hinlängliche Auskommen“16 – wie Hegel es genannt hat – beherrscht die Korrespondenz durchweg, selbst da, wo sie – wie im Jahre 1774 – fast völlig einschläft. Der zaghaft-stolze Gestus, den Lessing in Wolfenbüttel gegenüber der Hinhaltetaktik des Herzogs an den Tag legte, hat die Geschäftsfrau nicht wenig irritiert. Sie zögert schließlich nicht, ihm ihre Vermittlungsdienste für eine Berufung an die Heidelberger Universität anzutragen. Hätten Sie nicht auch Lust, dorten eine Professur anzunehmen? Wenn das so wäre, so müssen Sie mir nur sagen, wie und auf was Art, so wollte ich die Anleitung dazu geben, und der Prof. M. […] würde mit Vergnügen die Hand dazu bieten. (252)
Die Angelegenheit stand im Zusammenhang mit der Absicht des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz, an die Universität Heidelberg Professoren zu berufen, deren Gehalt aus freigewordenen Mitteln des aufgelösten Jesuiten-Ordens bestritten werden sollte. Ein Bruder von Eva König sollte zu den Neuberufenen gehören. Lessing reagiert mit wendender Post, formuliert – nicht zum ersten Male – seinen Überdruss gegenüber der Wolfenbütteler Lage, bezichtigt sich „schurkischen“ (253) Gebahrens, da er sich vier Monate lang in völliges Schweigen gehüllt hatte („Was kann ich denn besser tun, als dass ich meine Raserei nur in der Stille abwarte, und keinem Menschen damit beschwerlich falle?“ (254)), um sodann zu bekennen, dass allein der Hinweis auf die Heidelberger Angelegenheit ihn veranlasst habe, ihr zu schreiben. Unverblümt gesteht er ein, dass seine seelische Verfassung ihn über vier Monate habe schweigen, die in ihrem Briefe angedeuteten beruflichen Veränderungsmöglichkeiten hingegen ihn unverzüglich haben schreiben lassen. Die Evokation materieller Veränderungen, nicht die Empathie mit dem emotionalen status quo bringt Bewegung in die Korrespondenz. „[…] Heidelberg. Was Sie mir davon melden, ist mir ganz neu; und ich wünschte allerdings, dass man mit auf mich einiges Absehen haben wollte.“ (254) Nur zum Zwecke der Mitteilung seiner tristen Stimmungslage hatte er ihr wohl nicht schrei16
Vgl. Anm. 7.
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ben wollen, da sie aber von Heidelberg und damit von der Veränderung seiner materiellen Lage spricht, antwortet er. Die bloße Möglichkeit realer Veränderungen im Alltag hat suggestive Wirkung und prägt das Beziehungs- und Schreibverhalten; wo die selbstquälerische Entscheidung zum Verstummen die Beziehung bedroht, da öffnen die alltagspraktischen Hinweise von der einen oder der anderen Seite erneut die Kommunikation. So auch in diesem Falle, da Eva König Lessings gekränkt-kapriziöse Interessensbekundung für Heidelberg folgendermaßen quittiert: Mein lieber Freund! So habe ich denn keine angenehme Nachrichten mehr von Ihnen zu erwarten! Immer Klagen! Ich bedaure Sie herzlich, und wahrhaftig mehr als mich selbst. Wollte Gott! ich könnte zu Ihrer Zufriedenheit was beitragen. Angelegener würde ich mir in der Welt nichts mehr sein lassen. (255f.)
Und schließlich mit hörbarer Ungeduld: Ich wünschte, Sie hätten sich näher erklärt und bestimmter gesagt: welche Professur sie übernehmen möchten. Noch lieber wäre mir, wenn sie an meinen Bruder, den Professor, schrieben, und sich bei ihm erkundigten, ob man wirklich einen Mann von Ihrer Gattung nach Heidelberg suchte? (256)
Die Sache zerschlug sich, ähnlich wie die Wiener und Mannheimer Pläne, die Lessing in jenen Jahren teils halbherzig, teils mit großer Hoffnung verfolgt hat. Aus all dem darf freilich nicht geschlossen werden, dass Geschäftsund nüchterner Realitätssinn auf ihrer und depressiv-handlungsgehemmte Realitätsblindheit auf seiner Seite gewesen wären. Im Gegenteil, trotz des immer erneut durch äußere Umstände unterbrochenen Briefgesprächs gehen Berichte über Alltägliches und Außergewöhnliches, über Seelisches und Geschäftliches, über Theaterereignisse und Klatschgeschichten hin und her; die Rollen wechseln dabei häufig. Eine Verbindung konstituiert sich aus der Ferne und im Medium des Briefs, deren Intensität sich – so paradox dies erscheinen mag – gelegentlich im Schweigen, im nicht geschriebenen, nicht fertig gestellten, nicht abgeschickten Brief äußert. Die nachträgliche Reflexion über solches Unterlassungshandeln, das auf seiner Seite über die Jahre freilich stärker ausgebildet wird als auf ihrer, gibt psychologischer Spekulation wenig Raum und folgt auch keinem zerknirschten Selbsterkundungsanliegen. Im Gegenteil: Dass im Nicht-Schreiben der von trüben Gedanken geplagte Partner sich der letzten Möglichkeit zur Stimmungsaufhellung beraubt und überdies im anderen Sorge und seelischen Kummer auslöst, das wird von Eva König als Sachverhalt benannt und mit dem vergleichsweise lakonischen Kommentar versehen: Ihr Brief hat mir viel Kummer gemacht, weil ich aus demselben schließe, dass Sie immerfort missvergnügt sind und leider! wohl auch Ursache dazu haben. Warum sagen Sie mir aber nicht die Ursache! Sie wäre ja vielleicht noch zu heben. (262)
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Und an späterer Stelle: „In Nervenzuständen lässt sich eben nicht so leicht was bestimmen.“ (263) Über die Jahre hin hat sie mit größeren Anfechtungen hinsichtlich seines Beziehungs- und Schreibverhaltens zu kämpfen. Nur ein einziger Brief erreicht sie im Jahre 1774, und von den wenigen Briefen, die Lessing an Eva König während der Italienreise (März bis Dezember 1775) schrieb, kamen einige gar nicht an. Und doch reagiert sie auf diese Umstände meist mit souveräner Gelassenheit. Ein Satz wie „Zuweilen kann ich mich nicht erwehren, wunderliches Zeug zu denken.“ (258), ist schon das Äußerste. Die auch zu Eva König gelangten Gerüchte, Lessing trage sich mit der Absicht, die verwitwete Ernestine Christine Reiske zu heiraten, die er zudem auf der Reise nach Wien in Leipzig besucht hatte, führen zu der knappen Frage: In Parenthese muss ich Sie doch auch fragen: ob die Neuigkeit wahr ist, die [man mir] dieser Tagen aus Leipzig schrieb? Die allgemeine Sage dorten sei: ein gewisser Mann, den Sie leicht erraten werden – heiratete die Wittib von P. [Prof.] R. [Reiske]. (284)
Von seiner Seite gibt es dazu keinen Kommentar. Die leidenschaftliche Liebe der Reiske für Lessing, die Anke Bennholdt-Thomsen und A. Guzzoni17 aus deren Briefwechsel mit Joh. Arnold Ebert rekonstruiert haben, ist ein weiteres Feld, das im Briefwechsel zwischen Eva König und Lessing mit der einen zitierten Ausnahme verständlicherweise nicht betreten wird. Man kann also nur bedingt davon sprechen, dass in diesem Briefwechsel eine Sprache der Liebe unter Bedingungen körperlicher Distanz und eine Codierung von Emotionalität auf der Basis der Absenz der Körper erprobt und entwickelt wurde. Das Singuläre dieses Briefwechsels besteht wohl nicht darin, dass die Liebenden sich schreibend als Paar konstituieren und ihre Liebe zueinander Effekt des epistolarischen Diskurses über sie wäre. Die Besonderheit dieses liebenden Gesprächs in Briefen besteht viel mehr im konsequenten, souveränen, herzensklugen Verzicht auf die Pathetik des Gefühls. Die Ökonomie der Emotion und der praktisch alltägliche Geschäftssinn der Briefpartner koinzidieren und beide sind sich in ihrem Vergnügen am sprachlich-intellektuellen rencontre ebenbürtig; in ihrer intellektuellen Leidenschaft für die prägnant–anekdotische Repräsentation des Alltags und der Alltäglichkeit des Lebensvollzugs. Nicht nur im Umgang mit den Widrigkeiten einer „Briefbeziehung“, sondern an der Leidenschaft fürs Spiel zeigt sich diese Realitätsorientierung. Durchgängig nämlich wird in der Korrespondenz zwischen Eva 17
Bennholdt-Thomsen: Gelehrsamkeit [Anm. 12]; vgl. außerdem: Heinrich Schneider: Lessing und das Ehepaar Reiske, in: ders.: Lessing [Anm. 14], S. 110–165.
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König und Lessing das Lotteriespiel zum Thema. Sie lieben es beide; gemeinsam setzen sie und hoffen auf den großen Gewinn. Von Zahlen und Ziehungen ist häufig die Rede, regelmäßig teilt Lessing die Zahlenkombinationen mit, für die er sich entschieden hat, und auch für sie ist das Glücksspiel im buchstäblichen Sinne etwas, das sie mit ihm teilt. Seine bereits zu Beginn der Korrespondenz geäußerte Hoffnung „auf unser gemeinschaftliches Projekt, glücklich – wollte ich sagen, reich zu werden“ (44) hat sich zwar nicht erfüllt, dem kommunikativen und intellektuellen Reichtum dieser Korrespondenz tut das indes keinen Abbruch. Sie liefert mithin den Beleg für eine affektive und intellektuelle Nähe zwischen den Liebenden, die durch die tatsächliche räumliche und körperliche Distanz nicht wirklich zerstört und die im Medium des Briefs eben auch nicht lediglich kompensiert werden muss. Die Sprache der Liebe, die in diesen Briefen entwickelt wird, muss auf ihrer Seite nicht zum Medium subjektiver Selbstermächtigung und auf seiner nicht zum Beweis männlicher Dominanz genutzt werden. Die Ebenbürtigkeit der Partner erwächst nicht aus der brieflichen Kommunikation, sie geht ihr voraus. Nicht das Medium modelliert in diesem Fall das Gefühl, sondern das Gefühl generiert den Gebrauch des Mediums: Und das Empfinden von Verbundenheit und Neigung artikuliert sich als Mitteilung: alltäglicher Erlebnisse, depressivhypochondrischer Zustände und immer wieder im Bemühen um kritischironische Distanz zu den Widrigkeiten des Alltags.
Jörg Paulus
„Simultanliebe“ in „Schäfersekunden“ Liebesbriefkultur im Jean-Paul-Kreis I In einem Brief an den Bayreuther Publizisten Theodor Christian Ellrodt (1767–1804) schreibt Jean Paul am 23. Februar 1796: „Meine Komizialferien werden von Terzienuhren gemessen: ich mus der Zeit die Schäfersekunden zu Briefen, d.h. zu Freuden eilig entreissen“ (III 2, 158,4–5, Nr. 244).1 Das rhetorische Schema, auf das Jean Paul dabei zurückgreift, ist konventionell, man kennt es aus zahlreichen Briefwechseln um 1800. Zwei Zeitsysteme werden gegeneinander ausgespielt: auf der einen Seite die „reißenden Zeit“, die dem Individuum stets nur etwas von seiner Individualität, also von der ihm zur Verfügung stehenden Lebenszeit, raubt. Hierzu rechnet Jean Paul auch die Zeit des Gesprächs, dessen Fortsetzbarkeit im Medium der Schrift schon in der Antike zum briefstellerischen Prinzip erhoben worden war. Dem steht auf der anderen Seite der erfüllte Augenblick gegenüber, den das Subjekt der Zeit entreißt. Dies ist die stehende Zeit, so könnte man sagen. Sie ist durch Intensität gekennzeichnet. Die Affinität dieser Idee zu mystischen Gedanken ist offenkundig. Aus 1
Die Werke Jean Pauls werden in diesem Beitrag nach den folgenden Ausgaben zitiert: 1. Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe, im Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften begründet und herausgegeben von Eduard Berend et al., Weimar 1927ff.: Abteilung I: Zu Lebzeiten des Dichters erschienene Werke; Abteilung II: Nachlaß; Abteilung III: Briefe; Abteilung IV: Briefe an Jean Paul (hg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften durch Norbert Miller); die Nachweise der Zitate aus der Historisch-kritischen Ausgabe erfolgen nach dem Muster: Abteilung (römische Ziffer), Band (arabische Ziffer) und Seite, Zeile, bei Briefen gefolgt von der Briefnummer; 2. Sämtliche Werke (10 Bände), hg. von Norbert Miller, München und Wien (Hanser) 1959–1985 (Abt. 1: Werke, Abt. 2: Jugendwerke und Vermischte Schriften), der Nachweis von Zitaten aus dieser Ausgabe erfolgt unter der Sigle SW, gefolgt von der Angabe der Abteilung (römische Ziffer), des Bandes (lateinische Ziffer) und der Seite; weiterhin: Jean Paul: Lebenserschreibung. Veröffentlichte und nachgelassene autobiographische Schriften, hg. von Helmut Pfotenhauer unter Mitarbeit von Thomas Meißner, München, Wien 2004, sowie Jean Paul: Ideen-Gewimmel, Texte und Aufzeichnungen aus dem unveröffentlichten Nachlaß, hg. von Kurt Wölfel und Thomas Wirtz, Frankfurt/Main 1996.
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der Zeitlosigkeit werden mystische Ewigkeitsfunken geschlagen. Die Romantiker haben wenig später auf diese Tradition ausgiebig zurückgegriffen, namentlich auch in ihren Korrespondenzen.2 Jean Paul bedient sich dieses Schemas. Und er sprengt es. Die Sprengsätze befinden sich, wie so oft bei ihm, in den Metaphern. Die Zeit zur Unterredung werde von „Terzienuhren“ gemessen, so schreibt er. Dem 1795 erschienenen fünften Band des Physikalischen Wörterbuchs von Johann Samuel Gehler lässt sich entnehmen, was damit gemeint ist: „An solchen Uhren“, so heißt es dort, „läuft […] ein Zeiger in einer Secunde um, und bemerkt auf der in 60 Theile getheilten Scheibe des Zifferblatts Tertien. Zugleich ist ein Drücker angebracht, mit dem man in jedem Augenblicke das stillstehende Uhrwerk loslassen, oder das gehende hemmen kann, um die Zahl der Tertien, bey der der Zeiger stehen blieb, in der Ruhe zu bemerken.“3 Die Terzienuhr ist also eine für die damalige Zeit außerordentlich genaue Stoppuhr. Ein Messinstrument von solcher Genauigkeit diente natürlich zunächst einmal der Grundlagenforschung. Auch hierüber gibt Gehlers Wörterbuch Auskunft: „Schon 1778 beobachteten die Herren Kästner und Mayer auf der Sternwarte zu Göttingen mit einer Tertienuhr […] die Geschwindigkeit des Schalls aus einer Entfernung, deren Größe aus einer gemessenen Standlinie berechnet war […] Herr Major Müller in Göttingen bediente sich 1791 dazu einer von Herrn Ahrens in Hannover verfertigten Tertienuhr […]. Er hatte auf dem Felde bey Göttingen unterschiedene Linien […] sorgfältig gemessen. […] Abends bey ganz heiterm Himmel und kaum merklichen östlichen Winde […] ließ er an einem Ende dieser Linie starke Kanonenschläge legen, und beobachtete am andern Blitz und Knall.“4 Was bewegt nun aber Jean Paul dazu, das Bild von der Terzienuhr in diesem Zusammenhang zu verwenden? Sicherlich nicht allein die Freude am metaphorischen Knalleffekt. Bezugspunkt ist vielmehr der bereits erwähnte, bis in die Antike zurückreichende briefstellerische Grundgedanke, demzufolge Korrespondenz als ein fortgesetztes Gespräch zwischen getrennten Freunden oder Liebenden zu verstehen sei. Jean Paul schreibt ja ausdrücklich, seine Gesprächszeit werde von Terzienuhren gemessen. Die Terzienuhr wird somit in der metaphorischen Nutzanwendung auch zum Instrument, das die Grenzen des Kommunikationsmodells „Gespräch“ abmisst. Der unüberbrückbare Abstand, durch den 2 3 4
Vgl. Karl Heinz Bohrer: Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität, Frankfurt/Main 1989 (zuerst München, Wien 1987), S. 103ff. Johann Samuel Traugott Gehler: Physikalisches Wörterbuch oder Versuch einer Erklärung der vornehmsten Begriffe und Kunstwörter der Naturlehre mit kurzen Nachrichten von der Geschichte der Erfindungen, Band 5 (Supplemente), Leipzig: Schwickert 1795, S. 811. Ebd. S. 811–812.
Liebesbriefkultur im Jean-Paul-Kreis
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Subjekte voneinander geschieden sind, die Inkommensurabilität des Fremdpsychischen, wird auf diese Weise protokolliert. Diesen Hiatus zu überwinden, gelingt der empfindsamen Konvention zufolge allenfalls einer sprachlosen Kommunikation. In ihr wird die Zeit aufgehoben. Dies ist der andere Zeitmodus, auf den in diesem Zitat angespielt wird. Die Rhetorik des späten 18. Jahrhunderts hält für diese Aufhebung der Zeit durch den Augenblick unzählige Bilder und Metaphern bereit. Die Schäferstunde ist eines dieser Bilder. Jean Paul aber verzerrt das Bild, lässt es sich selbst aufheben. Nicht erfüllte Schäferstunden bilden bei ihm den Gegenpol zur reißenden Zeit, sondern „Schäfersekunden“. Damit ist die erwünschte Kompensation in dem Moment, in dem sie zitiert wird, bereits außer Kraft gesetzt. Denn die arkadische Zeit ist nicht dividierbar. Die Schäferstunde ist bereits die kleinste mögliche Einheit des erfüllten Augenblicks sub specie Arkadiens. „Schäfersekunden“ sind allenfalls Splitter von erfüllten Augenblicken, sie sind der reißenden Zeit bereits wieder verfallen. In meinen nachfolgenden Überlegungen will ich die eigenwillige Verkürzung der briefstellerischen Perspektiven, die das Jean-Paul-Zitat auszeichnet, zu erklären versuchen, und zwar im Rückgriff auf die Konzepte von Nähe und Distanz, von imaginierter Gleichzeitigkeit einerseits und realen Gangunterschieden andererseits im Briefverkehr, die Jean Paul in der intellektuellen Provinz entwickelte, aus der er stammte.
II Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts hatte der zu dieser Zeit noch weitgehend unbekannte, in Hof im Vogtland lebende Dichter Johann Paul Friedrich Richter – so der Geburtsname Jean Pauls – in und mit seinem regionalen Freundeskreis ein Kommunikationsmodell entwickelt, das unter dem Stichwort „Simultanliebe“ bekannt geworden ist.5 Die Kommunikation wurde bestimmt von einem schwärmerischen Freundschafts- und Liebesideal, von der Priorität des empfindsamen Briefwechsels vor der mündlichen Kommunikation, von der Gefühlsproliferation durch gemeinsame Lektüre von Briefen und Texten etc. Zur gleichen Zeit hatte der junge Richter auch sein Autor-Ich neu formatiert: das Pseudonym „Jean Paul“, das nun in der Korrespondenz und in den Veröffentlichungen als Kontrasignatur auftaucht, löste das alte – „J.P.F.
5
Vgl. das Kapitel „Simultanliebhabereien“ in Rolf Vollmanns „biographischem Essay“ Das Tolle neben dem Schönen (München 1978, zuerst Hamburg 1975), S. 64–77.
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Hasus“ – ab, das weitgehend exklusiv für den publizistischen Bereich reserviert war.6 Ebensowenig wie Stil und Tendenz der satirischen Dichtungen, mit denen Jean Paul zuvor bereits – mit nur mäßigem Erfolg – aufgetreten war, sowie der empfindsamen Romane, mit denen ihm später der Durchbruch zum literarischen Ruhm gelang, ist freilich auch die Idee, die traditionelle Zweiseitigkeit von Liebeskorrespondenz in ein gemeinschaftliches Kommunikationsnetz einzubinden, etwas voraussetzungslos Neues. Der moralisch-enthusiastische Impuls sowie der Kommunikations-Platonismus, der sich in einer Dominanz des Modells „hohes Geistergespräch“ manifestiert,7 hat seine Vorläufer, zum Beispiel in den Epistolar-Zirkeln um Gleim und Klopstock. Albrecht Koschorke hat gezeigt, wie dort seit Mitte des 18. Jahrhunderts die schriftliche Kommunikation in Gestalt einer „medialen Neuorganisation erotischer Wünsche“ neu konfiguriert wurde:8 die bürgerlichen Tugendgebote und die rhetorisch-literarischen Inszenierungen überschneiden sich und führen, namentlich im Grenzbereich zwischen privater und öffentlicher Schriftlichkeit, zu Doppeldeutigkeiten: „Nur unter der Bedingung, daß er nicht ist, wie er schreibt, verfaßt der Dichter sinnenfrohe und freizügige Verse. Die evozierte Erotik hält sich in den Grenzen eines sprachlichen Spieles, während außerhalb der Poesie die bürgerlichen Tugendgebote fortgelten.“9 Die pastoralen Einkleidungen dieser Epistolar-Schäferstunden sind freilich nur das Vorspiel zu den ausschweifenden Brief- und Romaninszenierungen der späteren Empfindsamkeit, in denen die Kluft zwischen den Tugendpostulaten einerseits und der lektüreinduzierten Sinnlichkeit andererseits immer deutlicher wird: Namentlich unter dem Einfluss der englischen Vorbilder Richardson10 und Sterne betritt ein Romanpersonal die literarische Bühne, das von der Diskrepanz der widersprüchlichen Motivationen (Tugendgebot vs. literarische Repräsentation der Sinnlichkeit) sehr viel deutlicher gezeichnet ist als es die Unschuldsminen der anakre6 7
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9 10
Vgl. das erste Auftauchen des Namens „Jean Paul“ im Brief an Friederike Otto vom 9. Mai 1792 (III 1, 349,6, Nr. 386). Vgl. Karl Otto Brogsitter: Das hohe Geistergespräch. Studien zur Geschichte der humanistischen Vorstellungen von einer zeitlosen Gemeinschaft der großen Geister, Bonn 1958, sowie Jörg Paulus: Gerüchteküche und Geistergesprächswerkstatt. Zur Poetisierung des Skandalösen bei Jean Paul (am Beispiel einer Fußnote im „Siebenkäs“), in: Jahrbuch der Jean-Paul-Gesellschaft 41 (2006), S. 113–129. Albrecht Koschorke: Die Verschriftlichung der Liebe und ihre empfindsamen Folgen. Zu Modellen erotischer Autorschaft bei Gleim, Lessing und Klopstock, in: Lesen und Schreiben im 17. und 18. Jahrhundert, hg. von Paul Goetsch, Tübingen 1994, S. 251–264, hier S. 255; vgl. auch vom selben Verfasser: Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts, München 1999. Koschorke: Die Verschriftlichung der Liebe [Anm. 8], S. 256. Vgl. den Beitrag von Franz Meier in diesem Band.
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ontischen Schäferinnen und Schäfer zuvor hätten erahnen lassen. Um die Jahrhundertwende wird diese Doppelgesichtigkeit ihre wohl eindrucksvollste Ausformung finden in den Gestalten des maßlosen Verführers Roquairol und seines tugendhaften Gegenübers Albano aus Jean Pauls „Kardinalroman“ Titan (1800–1803): Als ein verheerend grandioser Dilettant in der Kunst des Lebens, das er stets nur nachahmt, wird Roquairol zum „Kind und Opfer“11 des Jahrhunderts der Gefühlsinszenierungen, und erst „mit dem Grabe [schließt sich] der Janustempel seines Lebens zu.“12 Zum Repertoire seiner Verführungspraktiken gehört auch das Fälschen von Liebesbriefen, nämlich derjenigen Albanos, der vormals sein Freund gewesen ist: „Er [Roquairol] zerlegte kalt Albanos Briefe der Liebe in große und kleine Buchstaben, bloß um sie pünktlich nachzuahmen.“13 Mithilfe dieser Fälschungen kommt er, unterstützt von einer eifersüchtigen Fürstin, ans Ziel seines Begehrens, das weniger in der Verführung der Begehrten als vielmehr in der Mitteilung, der Veröffentlichung der Verführung besteht. In der Perspektive des Erzählers, die dem Konstruktionsprinzip des Romans zufolge transitiv zur Perspektive der Leser und Leserinnen werden soll, erscheint das System der Simultanliebe, also der Kult des gemeinsamen Schreibens, Lesens und Empfindens von Liebeskorrespondenz, im Modus der Perversion. Der empfindsame und moralische Gehalt der Briefe wird materialistisch in Buchstaben zergliedert und somit sexualstrategisch verfügbar gemacht. Als besonders verrucht muss diese Strategie für das empfindsam gestimmte Lesepublikum vor dem Hintergrund der ‚unschuldigen‘ Liebesbriefkultur erscheinen, die mit Albano assoziiert wird und die im siebten Abschnitt, der siebenten „Jobelperiode“ des Romans, charakterisiert wird: „Die erste junge Liebe hat wie die der Geschäftsleute […] keine Sprachwerkzeuge, höchstens eine tragbare Schreibfeder mit Dinte.“14 In der Gegenüberstellung der komplementären Strategien – derjenigen Albanos und derjenigen Roquairols – positioniert sich Jean Paul als der führende Stratege einer „neuen medialen Ordnung der Gefühle“15 und seine Romanfiguren werden zum janusköpfigen Emblem von Bewahrung und Umwertung aller empfindsamen Werte der Liebesbriefkultur des 18. Jahrhunderts.
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SW I 3, S. 262. Ebd., S. 790. Ebd., S. 732. Ebd., S. 183. Uwe C. Steiner: Als Schrift der Liebe Nahrung wurde. Zur Alphabetisierung der Empfindsamkeit, in: Liebe komm. Botschaften des Herzens, hg. von Benedikt Burkard, Kataloge der Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Bd. 17, 2003, S. 82–95.
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III Ausgerechnet Jean Paul also, in dessen Werk Sexualität zumeist nur im Modus der Umschreibung in Erscheinung tritt, gelingt es, die vielleicht faszinierendste Verführerfigur der deutschsprachigen empfindsamen Literatur zu schaffen. In marktstrategischer Hinsicht gelingt ihm dies, indem er das Modell einer dem Verführer-Egoismus vom Typus Roquairol entgegengesetzten Liebeskultur, der Kultur der „Simultanliebe“, als Innovation auf dem literarischen Markt in Umlauf bringt. Für den beträchtlichen Einfluss, den Jean Pauls Liebesphilosophie auf die Praxis des Liebesbriefs im 19. Jahrhundert ausübte,16 war entscheidend, dass sie als etwas real Gelebtes glaubhaft gemacht werden konnte. Die literarischen Techniken der Authentifizierung mussten funktionieren. Im Folgenden soll es um die Voraussetzungen dieser Techniken in der provinziellen Lebenswelt Jean Pauls gehen, um die historische Beglaubigung des literarischen Glaubhaftmachens. Die zwei miteinander verbundenen Thesen, die ich dabei vertreten will, sind – erstens – dass die Werke Jean Pauls, vor aller Wirkung, die sie ausüben konnten, so wie sie sind, überhaupt nur im Kontext einer bestimmten sozialen Praxis entstehen konnten, die von der Simultanliebeskonzeption geprägt wurde,17 und – zweitens – dass dieser Prägung von Anfang an ein ökonomisches Muster mit eingeschrieben ist. Mit der „erste[n] junge[n] Liebe“ Albanos im Titan hat die Simultanliebe in ihrer Gründungsphase um 1790 eine Reihe von Gemeinsamkeiten: die „Sprachwerkzeuge“ dieser Liebe werden abgewertet gegenüber den „tragbare[n] Schreibfeder[n]“, in und durch die sie sich ergießt, und die kommunikative Dynamik wird mit derjenigen des ökonomischen Eros, der Liebe der „Geschäftsleute“, parallelisiert. Tatsächlich wird die Verschränkung von Bücherwelt und empfindsam modellierter Lebenswelt sinnfällig auch in Jean Pauls Verlegerbriefwechseln. Ein Brief aus der Zeit, als die „Simultanliebe“ in Jean Pauls Hofer Freundeskreis bereits umfassend etabliert war, macht dies deutlich. In einem Schreiben aus dem Jahr 1794 an den Berliner Verleger Carl Matzdorff (1765–1839), welches das Manuskript des Hesperus begleitete, heißt es: „[H]ier haben Sie […] den ganzen Gipsabgus meines innern Menschen“; zugleich bittet Jean Paul den Verleger um baldige Anweisung des Honorars: „Wie sehr ichs [ge16 17
Vgl. auch den Beitrag von Roman Lach in diesem Band. Diese soziale Praxis ließe sich auch beschreiben als Versuch einer Positionsbesetzung auf dem literarischen Feld im Sinne der Feldtheorie Pierre Bourdieus; Bourdieu selbst hat beiläufig den Vorschlag gemacht, „Briefwechsel von Geliebten“ als Dokumente auszuwerten, die bestimmte Habitus-Konstellationen im sozialen Raum charakterisieren, vgl. Pierre Bourdieu: Das literarische Feld, in: Streifzüge durch das literarische Feld, hg. von Louis Pinto, Franz Schultheis, Konstanz 1997, S. 33–148, hier S. 95, Anm. 56.
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meint ist: das Honorar, Anm. J.P.] brauche, würden Sie weniger errathen, wenn ich Ihnen nicht hinterbrächte, daß ich mich verliebt habe. Ein Mensch, der immer fremde Geliebte für die Presse malet, sieht sich zulezt nach einer eignen um, an der nichts gedrukt ist als der – Kattun. Ich […] bin gegenwärtig Bräutigam.“ (Brief vom 9.8.1794, in: III 2, 17,18–18,1, Nr. 15) Ob es sich bei der mit bedrucktem Kattun eingekleideten Geliebten um eine reale oder um eine fiktive Person handelte, konnte von Berlin aus freilich nicht entschieden werden. Bei den Verhandlungen mit Matzdorff spielte die Geliebte im Briefformat gleichwohl ihre Rolle mit Erfolg: Der Verleger verspricht im Antwortschreiben, ihre Stimme bei der Vereinbarung des „Kaufpactium[s]“ zu berücksichtigen und „den Antheil, den sie als Orginal oder Muse“ an Jean Pauls „Gemählden“ (also den Romanen) habe, zu berücksichtigen (Brief vom 30.8.1794, in: IV 2, 20,12– 15, Nr. 7). Der Verleger wird so in das System der „Simultanliebe“ integriert, das im Buch, das zu verlegen er sich anschickt, expliziert wird. In der ersten Auflage des Hesperus von 1795 lautet die entsprechende Passage: Die Tutti- oder Simultanliebe ist zu wenig bekannt. Es ist noch keine Definizion davon da als meine: in unsern Tagen sind nämlich die Lesekabineter, die Tanzsäle, die Konzertsäle, die Weinberge, die Koffee- und Theetische, diese sind die Treibhäuser unsers Herzens und die Reffinerien unserer Nerven, jenes wird zu gros, diese zu fein – wenn nun in diesen ehelustigen und ehelosen Zeiten ein Jüngling, der noch auf seine Messiasinn wie ein Jude passet und der noch ohne den Gegenstand des erotischen con brio des Herzens ist, von ungefähr mit einer TanzMoitistin etc. mit einer Klubistin oder Associee, oder Amtsschwester oder LitisKonsortinn hundert Seiten in Salis oder Göthe lieset – oder mit ihr über den Kleeoder Seidenbau oder über Kants Prolegomena drei bis vier Briefe wechselt – oder ihr fünfmal den Puder mit dem Pudermesser von der Stirne kehrt – oder neben und mit ihr betäubende Säbelbohnen anbindet – oder gar in der Geisterstunde (die eben so oft zur Schäferstunde wird) über das erste Prinzip der Moral diskursirt: so ist so viel gewiß, daß der besagte Jüngling (wenn anders Feinheit, Gefühl und Besonnenheit einander die Wage in ihm halten) ein wenig toll thun und für die besagte Moitistin (wenn sie anders nicht mit Hökern des Kopfes oder Herzens an seine Fühlfäden stösset) etwas empfinden muß, das zu warm ist für die Freundschaft, zu unreif für die Liebe, das an jene gränzt, weil es mehrere Gegenstände einschließt, und an diese, weil es an dieser stirbt. Und das ist eben nichts anders als meine Tutti-Liebe. Diese Universalliebe ist ein ungegliederter Fausthandschuh, in den, weil keine Verschläge die vier Finger trennen, jede Hand letztlich hineinfährt – in die Parzialliebe oder in den Fingerhandschuh drängt sich nur eine einzige Hand.18
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Hesperus, oder 45 Hundsposttage. Eine Biographie von Jean Paul. Erstes Heftlein, Berlin: Matzdorff’sche Buchhandlung 1795, S. 274–276 (ein Druckfehler, die Ausrichtung der Klammern betreffend, wurde stillschweigend emendiert). Weder die Historisch-kritische noch die Hanser-Ausgabe haben diese Auflage zur Textgrundlage gemacht, doch wird die Erstausgabe durch die in Arbeit befindliche Abteilung 1a der Historisch-kritischen Aus-
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Satirische Passagen wie diese hätten freilich schwerlich so große Resonanz gefunden, wären sie nicht eingebettet gewesen in ein Zwiegespräch des Autors mit der Leserschaft: Jean Paul hatte diesen weitläufigen Ausführungen die konkrete Frage an den Leser vorausgeschickt, was dieser von der „Weiber-Liebhaberei“ des Romanhelden Victor Horion halte und wie er, der Leser, sich diese Liebhaberei erkläre. Die dem Leser unterstellte gewundene Antwort, die darauf hinausläuft, dass die Romanheldin Klotilde hierfür verantwortlich zu machen sei, hatte Jean Paul dann mit den Worten kommentiert: „Einen närrischen philosophischen Styl hat sich der Leser angewöhnt.“19 Leser und Leserinnen werden also durch das Medium des Sprachstils sowie durch die Einebnung des Stil- und Kompetenzunterschieds, die in anderen Texten Leser und Erzähler voneinander trennen, in die vorgebliche Lebenswelt des Erzählers eingemeindet. So wie, Jean Pauls Text zufolge, Geister- und Schäferstunden in einer Art enharmonischen Wechsels ineinander übergehen können (vgl. seinen Hinweis auf die „Geisterstunde“, die „eben so oft zur Schäferstunde wird“), treten auch Realität und Fiktion in ein unauflösliches Wechselverhältnis zueinander. Dass eine reale oder vorgeblich reale Lebenswelt in die Bücherwelt Jean Pauls einbezogen war, wusste freilich zumindest der Verleger schon aus Jean Pauls erstem Roman Die unsichtbare Loge (1793), den der Dichter durch Vermittlung von Karl Philipp Moritz in Matzdorffs Verlag publizieren konnte, dem aber noch nicht der durchschlagende Erfolg des Hesperus zuteil geworden war. In beiden Werken taucht der Erzähler „Jean Paul“ auf, und das Bild, das von diesem Erzähler entworfen wird, ist mit zahlreichen Hinweisen auf seine Umwelt, seine Familie, seinen Freundeskreis ausgestattet. Zugleich bemüht er sich aber auch, gleichsam in einem permanenten erzählerischen accelerando, die erzählte Zeit einzuholen, befindet sich also in einer gegenläufigen Flucht in die Fiktionalität (denn die Gegenwart des Erzählens kann ganz offensichtlich nicht mit der des Lesens übereinstimmen). Die transitorische Funktion des Briefwechsels als Medium, das zwischen realer und imaginärer Welt vermittelt, hat ihre Ursprünge in einer Phase von Jean Pauls intellektueller Entwicklung, in der das vom Namen des Vorbildes Jean-Jacques Rousseau abgeleitete Pseudonym „Jean Paul“ noch nicht aus der Taufe gehoben war. Durch ein Briefkonzept, das auf den 22. Mai 1784 zu datieren ist, ist zum Beispiel jener eigenwillige Auftritt des Leipziger Studenten Richter beglaubigt, der später in literarischer Umformung im Roman Flegeljahre verarbeitet wurde:
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gabe wieder zugänglich gemacht werden, als deren erster Band der Hesperus (hg. von Barbara Hunfeld) erscheinen wird. Ebd. S. 273–274.
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Wenn Sie diesen Brief werden durchgelesen haben, wird Ihnen der Überbringer desselben ein Pak Satiren übergeben, das ich Sie auch durchzulesen bitte […] Das Buch, dessen Probe ich Ihnen hier sende, wird einen starken Oktav[band] geben oder besser in zwei kleine zerfallen. – Ich hätte dieses stat schriftlich eben so gut mündlich sagen können, aber niemand ist unfähiger als ich, aus dem Stegreif oder vom Blatte zu reden. Sie können diese Unfähigkeit daraus abnehmen, weil ich einen Brief geschrieben, ungeachtet ich doch der Überbringer desselben, der jezt mit einem sehr einfältigen Gesichte vor Ihnen steht, selber bin. Doch werd’ ich Sie mündlich wenigstens versichern, daß ich etc.(Jean Paul an J.F. Hartknoch, 22.5.1784, in: III 1, 119, Nr. 71)
Der Briefschreiber stellt sich selbst, gleichsam als Beilage, dem Empfänger zu. Oder ist umgekehrt der Brief die Beilage der Person? Die Methode, in der eigenen Verschriftlichung aufzugehen, bleibt jedenfalls das durchgängige Merkmal fast aller Publikationen Jean Pauls, sein Markenzeichen, mit dem er seine Stellung im literarischen Feld kennzeichnet. Vom Jahr 1784 aus gesehen wird es allerdings noch geraume Zeit dauern, bis diese Strategie wirklich Früchte trägt. Vorerst wird sie nur im sozialen Leben, das durch den Briefwechsel dokumentiert ist, etabliert. Im November des Jahres 1784 bricht Jean Paul sein Studium in Leipzig ab und flieht vor den Gläubigern in seine oberfränkische Heimat, nach Hof. Dort bemüht er sich sieben Jahre lang vergeblich, an den Achtungserfolg seiner ersten Publikation, die Satirensammlung Grönländische Prozesse, anzuknüpfen. Satiren, die sich vornehmlich an ein gelehrtes Publikum richten, finden keine Leser mehr.20 Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre vollzieht sich dann eine literarische Neuorientierung. Monika Meier hat darauf hingewiesen, dass diese Neuorientierung „als ein vielschichtiger und zahlreiche Lebensdimensionen umfassender Prozeß“ zu begreifen ist, „in den Freundinnen, Freunde und Bekannte des Autors einbezogen und an dem sie aktiv beteiligt waren.“21 Sowohl in den Briefwechseln als auch in den Schriften wird ein neuer Ton angeschlagen: Preisfrage an die erotische Akademie, wie weit darf die Freundschaft gegen das weibliche Geschlecht gehen? lautet zum Beispiel einer der Texte dieser Zeit. In der Jean-Paul-Literatur wird häufig der gesamte gesellige Kontext dieser Zeit als die „erotische Akademie“ Jean Pauls bezeichnet.22 Leserinnen rücken nun als intendiertes Publikum seiner Werke ins Zentrum. Literarische und briefliche Adressierungen lassen sich dabei häufig kaum voneinander unterscheiden. Kurzum: die Empfindsamkeit ist nachdrücklich in der Provinz angekommen, das System Simultanliebe wird lebenspraktisch vorbereitet. Auch die 20 21 22
Vgl. Wulf Köpke: Erfolglosigkeit. Zum Frühwerk Jean Pauls, München 1977. Monika Meier: „Da der erste Theil Ihres Briefs so war wie Ihr Abschied, (doch Sie nahmen gar keinen) …“. Briefe an Jean Paul 1781–1797, in: Jahrbuch der Jean Paul Gesellschaft 39 (2004), S. 17–26, hier S. 18. Vgl. Uwe Schweikert: Jean Paul, Stuttgart 1970, S. 30.
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Idee der Simultanliebe selbst entwickelt sich im Briefverkehr. Von dort aus diffundiert sie dann über briefassoziierte Textformen, also Briefbeilagen und literarisierte Briefe in das schriftstellerische Werk:23 Ihre erste Spur findet sich in einem Brief vom 24. Oktober 1790, worin das Stichwort von der „Simultanliebe“ zwar gar nicht fällt; aber die Argumente, mit denen Jean Paul sein kommunikatives und erotisches Konzept verteidigt, sind doch genau diejenigen, mit denen er die Idee auch in späteren Schriften verficht, zuletzt, wie bereits zitiert, im 11. Hundsposttag des Hesperus, wo er dann in aller Form das Urheberrecht am Gedanken der „Simultan- oder Tutti-Liebe“ für sich beansprucht: „Da ich zuerst diese Sache und Insel entdeckt habe: so kann ich ihr den Namen schenken, womit sie andre nennen und rufen müssen“.24 Bezeichnenderweise ist die Gründungsurkunde der Simultanliebe aber nicht ein Brief an eine der Geliebten – Adressatin ist vielmehr eine der Mütter aus dem Freundeskreis, nämlich die Ehefrau des Kaiserlichen Reichspostmeisters Johann Gottlieb Joachim Wirth in Hof, Friederike Wirth (1743–1808). Die Adressatin symbolisiert also die Verbindung von empfindsamem Briefverkehr und öffentlicher Kommunikation, von Schäferwelt der Jugend und adulter Geschäftswelt. Der Brief selbst ist, wie viele andere, nur in einer Kopie im Briefkopierbuch Jean Pauls überliefert. Er beginnt dort mit den Worten: „Ich weis nicht, leg’ ich Ihnen die Empfehlung bei oder bring’ ich sie selbst […]“ (III 1, 309,18–19, Nr. 343). Erneut wird also die Frage nach der Priorität von schriftlicher versus mündlicher Präsentationsform gestellt. Wie immer Jean Paul sich aber hinsichtlich des Empfehlungsschreibens entschieden hat, das zentrale Anliegen des Briefes, die Rechtfertigung seines Systems, trägt er jedenfalls schriftlich vor. Diese Rechtfertigung wird zunächst als Resultat einer Rechenoperation, einer quasi kaufmännischen Kalkulation, dargestellt. Jean Paul schreibt: Ich nahm einen Schiefer und rechnete es heraus, daß ein Geselschafthausierer, ein unter dem schönen Geschlechte herumirender Ritter am passabelsten daran [sei]: nicht blos weil er in iedem Tempel eine Schutzheilige anzubeten findet oder weil er das ungefundne, vielleicht ungeschafne Ideal, vor dem seine Seele kniet, handhaben, drehen, drechseln, puzen kann wie er will, welches mit etwas Lebendigerem nicht angienge (ebd., Z. 19–25).
Die Solidität der Rechnung und die Verwendung des handwerklichen Vokabulars (drehen, drechseln, putzen) stehen im Widerspruch zur Zweideutigkeit der Anspielungen – namentlich zu derjenigen auf den „unter dem schönen Geschlechte herumirrenden Ritter“, die wohl auf den weitläufigen Titel von Johann Gottfried Schnabels erotischem Roman Der im 23 24
Vgl. IV. 1, S. 669, Kommentar zum Brief von Renate Wirth an Jean Paul vom 2.5.1792, Nr 134. Jean Paul: Hesperus [Anm. 18], 1. Heftlein, S. 275.
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Irr-Garten der Liebe herum taumelnde Cavallier25 verweist. Wie der Titel dieses Romans lässt auch Jean Pauls Argument eine zweifache Lesart zu, eine moralisch beruhigende und eine sinnlich-literarisch anregende. Die doppelte Buchführung des Gedankens wird jedoch, und das ist spezifisch für Jean Pauls Modellierung der erotischen Schäferwelt, in der Summa der Schiefertafel-Berechnung abgeglichen. Sie setzt den satirischen Tonfall außer Kraft: Jean Paul verweist abschließend auf die „Folter, auf der der H. Pfarrer liegt und die die Schmerzen zerrissener Freundschaft übersteigt“ (III 1, 309,26–27) und extrapoliert von hier aus die Schmerzen, die er selbst in möglichen 30 Ehejahren zu erwarten hätte. Das Schicksal eines befreundeten Theologen, Johann Samuel Völkel, der soeben seine Frau verloren hatte, wird so zur Basis einer literarischen Spekulation. Tatsächlich entwickelt Jean Paul diesen Gedanken gleichzeitig zu einer sich intensivierenden Auseinandersetzung mit dem Tod. Diese Beschäftigung kulminiert nur wenige Tage nach dem Brief an Friederike Wirth in der berühmten Todesvision vom 15. November 1790: 15. Nov. Wichtigste[r] Abend meines Lebens: denn ich empfand den Gedanken des Todes, daß es schlechterdings kein Unterschied ist ob ich morgen oder in 30 Jahren sterbe, daß alle Plane und alles mir davonschwindet und daß ich die armen Menschen lieben sol, die sobald mit ihrem Bisgen Leben niedersinken – der Gedanke gieng bis zur Gleichgültigkeit in allen Geschäften.26
Der Gedanke an das Sterben lässt hier die Macht des ökonomischen und sozialen Feldes als vernachlässigbar erscheinen – gleichwohl verweist, ex negativo, das Stichwort „Geschäfte“ noch auf diesen Kontext. Im Angesicht des Todes sind Liebes- und Geschäftsleben gleichermaßen nichtig. Was jedoch mit dem Hinweis auf den großen Gleichmacher Tod überspielt wird, ist die fortdauernde Relevanz der sozialen Welt: Während vor dem Tod alle gleich sind, ist die Simultanliebe in hohem Maße sozial profiliert. Und zwar sowohl im Ideal wie in der Wirklichkeit. Wie die Anspielung auf den irrenden Ritter zeigt, wird zunächst ein höfisches Liebesideal statuiert, also die „Negativfolie“ der empfindsamen Briefkultur aufgespannt.27 Auch der gegenüber Friederike Wirth erwähnte „Geselschafthausirer“ ist nicht als Landstreicher zu verstehen. Man muss ihn sich viel25
26 27
Der vollständige Titel lautet: Der im Irr-Garten der Liebe herum taumelnde Cavalier oder Reise- und Liebes-Geschichte Eines vornehmen Deutschen von Adel, Herrn von St.*** Welcher nach vielen, sowohl auf Reisen, als auch bey andern Gelegenheiten verübten Liebes-Excessen, endlich erfahren müssen, wie der Himmel die Sünden der Jugend im Alter zu bestraffen pflegt. Ehedem zusammen getragen durch den Herrn E.v.H. Nunmehro aber allen Wollüstigen zum Beyspiel und wohlmeinender Warnung in behörige Ordnung gebracht, und zum Drucke befördert Von einem Ungenannten. Warnungsstadt. Verlegts Siegmund Friedrich Leberecht. Anno 1738. Jean Paul: Lebenserschreibung [Anm. 1], S. 21. Vgl. Koschorke: Die Verschriftlichung der Liebe [Anm. 8], S. 260.
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mehr wie jenen Rosa Ewerard von Meyern vorstellen, der in Jean Pauls Roman Siebenkäs von Haus zu Haus geht und mit seinen adeligen Manieren gutbürgerliche Frauen betört. Vor diesem Hintergrund stellt sich dann die Frage nach der gesellschaftlichen Konstellation, auf der das System der Simultanliebe in der Wirklichkeit gründete. Die sozialen Verhältnisse sind hier sehr klar: Seinen Freundinnen/Geliebten gegenüber ist Jean Paul in jeder Hinsicht unterprivilegiert, der gescheiterte Student, der bei seiner nahezu mittellosen Mutter wohnt, kann sozial nicht konkurrieren. Im Zentrum des Systems der Simultanliebe stehen drei bzw. vier junge Frauen aus Hof: Helene Köhler (1769–1847), Renate Wirth (1775– 1848) und Amöne Herold (1774–1837), später auch deren jüngere Schwester Caroline (* 1779). Helene Köhler ist die jüngste Tochter des Hofer Kaufmanns und Bürgermeisters Franz Anton Köhler, Renate Wirth die Tochter des bereits erwähnten Kaiserlichen Reichspostmeisters, Amöne Herold die Tochter des Kaufmanns und Handelsherrn Johann Georg Herold, der eine große Manufaktur in Hof besitzt: eine Kattundruckerei (womit denn auch der lebensweltliche Bezug jener Passage im Brief an Matzdorff ans Licht kommt: „Kattun“ war das Stichwort, das dem Verleger gegenüber als Soliditätsnachweis gelten konnte). Gegen die symbolische Welt der Väter wird nun ein konkurrierendes literarisches Sozialsystem entworfen, das im Freundschafts- und Liebesbriefwechsel aus der Taufe gehoben wird: Die Stadt Hof wird umbenannt in „Saturnopolis“,28 eine „Akademie der Antisaturnopolitaner“29 wird einberufen, die in enger personeller Verflechtung mit der schon erwähnten sogenannten „erotischen Akademie“ steht; der empfindsame Briefwechsel der Akademiker wird nicht über die kaiserliche Reichspost abgewickelt, Briefe werden vielmehr von Hand zu Hand mitgeteilt oder vertraulich übermittelt. Auf diese Weise wird der Radius der Simultanliebe erweitert. So schreibt Jean Paul zum Beispiel aus Bayreuth, wohin er mit einem Schreiben Renate Wirths gereist ist, an dieselbe: Es ist nichts schöners als so (wie ichs mache) zur Thüre hineinfahren – die Person zum erstenmal sehen – ihr einen geliebten Brief hingeben – in drei Minuten bekant werden – in fünf Minuten lustig werden – und in achten verliebt – – (Brief vom 3.–4.9.1793, in: III 1, 400,27–30, Nr. 441).
Vor allem aber regt Jean Paul die Simultangeliebten zu einer geradezu frenetischen Produktion von empfindsamen Gefühlen an, zu einem fast fabrikmäßigen Ausstoß von Briefseufzern. Dies geschieht in Konkurrenz zum ökonomischen Feld der Region mit ihrer bedeutenden Textilwirt28 29
Vgl. IV 1, 214,20–22, Nr. 119 vom 24.12.1790 von Georg Christian Otto. Vgl. III 1, 314,3–31 und Z. 34–36, Nr. 351 vom 24.12.1790 an Georg Christian Otto und dessen Antwort vom 3. und 4. Januar 1791, IV 1, 214,–215, Nr. 120 sowie die dazugehörigen Erläuterungen, S. 620–621.
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schaft und Metallurgie.30 In einem Brief an Helene Köhler heißt es: „100,000,000,000 Ideen fliegen mir jezt durch den Kopf und doch passet keine her. […] Unter mir wird jetzt gespuhlet – neben mir gezwirnt – draussen gehämmert: und doch sol ich unter diesem Lärm einen Brief machen, in dem ich stat des Garns Gedanken spuhle und zwirne“ (III 1, 350,9–14, Nr. 389 vom 31.5.1792). Und in einem Schreiben an Renate Wirth steht: „Während den Unterbrechungen meines Briefs kam Ihrer. Die Seufzer eines schönen Herzens sind gleichsam der Athem und der Aether für das meinige. Ich athmete Ihre Gedanken ein“ (III 3, 391,20– 22, Nr. 435 vom 7.–10.7.1793). Die Antizipation der mündlichen Rede durch die Briefrede, wie sie in der Hartknoch-Anekdote präfiguriert ist, bleibt ein auffälliges Merkmal des Briefwechsels. Das uneingeforderte Briefgespräch ist das Präludium des realen. An Amöne Herold schreibt Jean Paul: „[…] so ists auf diesem Erdkügelgen allemal: wenn ein Man und eine Frau beisammen sind: so nimt der Schmerz und die Plage keinen Arm als den weiblichen. Z.B. Wenn ich und Sie beisammen sind: so hat niemand Vergnügen als ich und niemand Plage als Sie. So ists beim Machen und Lesen dieses Briefs“ (Brief vom 2.2.1791, in: III 2, 323,18–22, Nr. 360). Auch im Briefwechsel der „erotischen Akademie“ findet sich jedoch unter bestimmten Umständen das traditionelle Modell, das den Brief als einfachen Gesprächsersatz begreift. So zum Beispiel bei Renate Wirth, die im Sommer 1792 für einige Zeit von Hof nach Bayreuth geht. Sie schreibt: „Sie entzogen mir am Sonntag Ihre Gesellschaft, aber es hält mich nicht ab, mich mit Ihnen schriftlich zu unterhalten“ (Brief vom 24.4.1793, in: IV 1, 266,29–30, Nr. 143). Wenn sie sich aber in Hof aufhält, ein mündliches Gespräch also möglich wäre, dann schreibt Jean Paul an sie: „Um einen Vorwand des Schreibens zu haben, wil ich Sie um etc. ansprechen und welches mir lieber ist als etwas Gedruktes, um etwas Geschriebnes von Ihnen. Da Sie mir aus Bayreuth in Ihren Freuden der Seeligen schrieben: so werden Sie mir noch weniger einen [Brief] aus Hof versagen.“ (Brief vom 22.4.1790, in: III 1, 288,16–20, Nr. 317) In diesem Brief erprobt Jean Paul auch erstmals eine neue Steigerung des Antizipationsverfahrens. Er nimmt in seinem Brief den erbetenen Antwortbrief Renate Wirths vorweg, schreibt also in Ihrem Namen an sich selbst: Brief von ihr an mich Ich wette, Sie erwarten eher ein Testament von mir als einen Brief; aber Sie haben einmal mein Wort, das leichter in Hof zu geben als in Bayreuth zu halten ist. […] Meine Vergnügungen mag ich Ihnen nicht eher schildern als bis ich sie ver30
Vgl. Dieter Trautmann: Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Stadt Hof von Anbeginn bis zur Gegenwart, Teil 1: Die Zeit bis zur Eingliederung in das Königreich Bayern (Chronik der Stadt Hof, Bd. VII,1), Hof 1979.
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loren, wie man von einer geliebten Person nur bei ihrer Abreise [ein Bild?] macht […] ihr seid wahrhaftig alle in einer Lichtform gezogen, ihr Manspersonen – einen halben Eimer Lügen färbt ihr mit einem Tropfen Wahrheit – […] und die einzige Liebe, in der ihr beständig seid, ist die gegen euch selbst. (III 1, 288,30– 289,13, Nr. 317)
Die mündliche bzw. schriftliche Kommunikation steht zu den Bedingungen ihrer Möglichkeit in einem paradoxen Verhältnis: Dort, wo die Möglichkeit zum Gespräch gegeben wäre, vertraut man sich der Schrift an; befindet man sich aber außerhalb der Reichweite mündlicher Rede, wird das imaginäre Gespräch im Brief nach den Regeln der briefstellerischen Konvention beschworen. Die in Jean Pauls Briefen an Renate Wirth immer wieder betonte Absicht, ganz aus Hof wegzuziehen, ist dabei als Steigerung dieses briefstellerischen Wechselspiels zu verstehen. Von einem Besuch bei Friedrich Wernlein in Neustadt an der Aisch, der gleichfalls zum Kreis der Simultanliebe gehört,31 schreibt er an sie: […] wir wollen uns lieben, eh wir uns trennen – dieser Abend hat meinen Entschlus aus Hof zu gehen, unveränderlich befestigt und beschleunigt […] – wenn dein Herz kein Echo mehr um sich findet, wird es oft mitten in der Freude sagen: ach der es kante, ist fortgegangen. Wenn es nicht so sagte: so wär’ es gar zu unglücklich. – Schreib mir wieder, Freundin! –“ (Brief vom vom 7.–10.7.1793, in: III 1, 393,22–28, Nr. 435)
Und wenig später schreibt er im gleichen Sinn an Amöne Herold: „stelte sich […] einmal eine Poststrasse zwischen uns beide: so würd’ uns eben die Entfernung einander durch Briefe nähern“ (Brief vom 2.10.1794, in: III 2, 24,15–16, Nr. 25).
IV Durch den ungeheuren Erfolg, den Jean Pauls Romane beim Publikum finden, wird diese Postutopie landesweit bekannt. Die Übertragung der Simultanliebe aus der Lebenswelt in die (handschriftliche und gedruckte) Buchstabenwelt wird nun ergänzt durch eine Rückübertragung, die von Seiten der Leser und Leserinnen ausgeht: Das Lektüreerlebnis soll der Realität zurückerstattet werden.32 Das Relais dieser Rückübertragung ist die fiktiv-reale Erzählerinstanz „Jean Paul“ – die Briefe sind simultan an „Jean Paul“ und an Jean Paul gerichtet, wobei natürlich doch vor allem 31 32
Vgl. Monika Meier: Von Atheismus bis Zauberabend. Der Neustädter Gymnasiallehrer Friedrich Wernlein (1765–1830) im Briefwechsel mit Jean Paul, in: Streiflichter aus der Heimatgeschichte Neustadt/Aisch, 28/29 (2005/06), S. 111–159. Vgl. zu den folgenden Abschnitten auch: Dorothea Böck und Jörg Paulus: Einleitung zu IV 2.
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letzterer das Ziel des schriftlichen Begehrens ist. Auffällig ist, dass viele der Schreiberinnen, bei allen individuellen Unterschieden, bestimmte sozialpsychologische Gemeinsamkeiten aufweisen: Ob sie Charlotte von Kalb, Wilhelmine von Kropff, Juliane von Krüdener, Emilie von Berlepsch oder Esther Bernard heißen, alle entwickeln unter dem Eindruck von Jean Pauls Schriften ein heftiges Verlangen, den Schöpfer dieser Dichtungen in ihr Leben treten zu sehen, welches nahezu durchgängig von Empfindungen des Ungenügens an der sozialen Realität (in beruflicher, sozialer und familiärer Hinsicht) gekennzeichnet ist. In sozialer Hinsicht ist es zumeist eine Anteilnahme von oben nach unten, die jedoch vom Habitus bewundernden Aufblickens konterkariert wird. Auch von männlicher Seite aus sieht sich Jean Paul mit dieser paradoxen Form gesteigerte Anteilnahme an seiner Person und an seinem Werk konfrontiert, so von Seiten des Leipziger Schriftstellers Friedrich von Oertel (1767–1807) und des Berliner Justizassessors Hans Georg von Ahlefeldt (1768 oder 1769 – 1828). Jean Paul versucht den Wünschen der Briefschreiber und Briefschreiberinnen gerecht zu werden, indem er sie – zunächst im Briefverkehr, später auch persönlich – in seinen Freundes- und Liebeskreis miteinbezieht: er vermittelt den Fremden den Briefkontakt zu seinen Hofer Freunden, informiert sie über sein Lebensumfeld, weist auf die lebensweltlichen Parallelen zu Einzelheiten seiner Werke hin. Ziel ist es, eine emotionale Übereinstimmung herzustellen, die zunächst durch die räumliche Entfernung und die soziale Differenz ausgeschlossen zu sein scheint. Der Brief wird zum Medium dieser Gefühlsharmonisierung. So schreibt Jean Paul zum Beispiel im ersten Brief an Friedrich von Oertel am 31. Dezember 1795: „Nichts ist süsser als einen Brief aufzureissen, der erst eine Reihe von Briefe anfängt. Ich bin begieriger nach Briefen als nach Büchern, diese müsten denn noch Handschriften sein, und ich wünschte die ganze Welt sezte sich nieder und schriebe nach Hof: ich wolt’ ihr antworten.“ (III 2, 136,18–21, Nr. 211) Und schon wenige Tage später heißt es in einem weiteren Schreiben an Oertel: Wir sind alle in so alternierenden Stimmungen beisammen – der eine ist heute warm, der andre morgen und der dritte übermorgen gegen Abend und selten begegnen sich die besten Menschen gerade in gleicher Wärme und in gleicher Kälte – und das Uebel ist so gros, daß ich oft das als ein gutes Mittel dagegen gehalten habe, wenn die Leute kaum zu einander sprächen sondern nur schrieben und wenn sich eine Geselschaft guter Freunde an einem Tisch zusammensezte und so mit einander bei so schneller Post Briefe wechselte von den äussersten Enden des Tisches. (III 2, 142,7–15)
Die Utopie einer durch imaginäre Gleichzeitigkeit bewirkten Harmonisierung der Gefühle hat dabei ihre Negativfolie in der postalischen Realität: die Postwege aus der Provinz und in die Provinz sind langsam, wenn
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Jörg Paulus
man einen Posttag verfehlt, ruht die Post, ein Zustand, der für Jean Paul stets Verdruss bedeutete: Für mich ists ein ordentlicher Lebens Stillstand, wenn ich einen Brief oder ein Paket, das, zu spät auf die Post gegeben, nun ohne Fahren und Reiten todt und unbeweglich mit all seinen lebenden Worten vor mir liegen [sehen] muß.33
Gedanken wie diese werden bis weit ins 19. Jahrhundert hinein als Figuren des postalischen memento mori wiederholt und variiert werden.34 Der oder die Liebende wird von ihnen nicht weniger heftig affiziert als der Autor, der Verzögerung oder Verlust einer Manuskriptsendung befürchtet. Auch hinsichtlich der Verlegerbeziehungen wechseln nun in Jean Pauls Leben die Vorzeichen, auch hier wird er vom Werbenden zum Umworbenen. Und auch die Verleger versuchen, Anschluss an den Simultanliebesdiskurs zu finden. Jean Paul lässt dies zu, wie bereits an dem Briefwechsel mit Matzdorff deutlich geworden ist. Zugleich treten nun aber zunehmend buchhändlerische Konkurrenten auf. Mit nahezu einem Duzend Verlegern verhandelt Jean Paul allein in den Jahren zwischen 1794 und 1797 über Verlagsprodukte aus seiner Feder, dazu kommen noch zahlreiche Herausgeber von Zeitschriften, Almanachen und Kalendern.35 In der Intensität des Werbens und im eifersüchtigen Schielen auf die Konkurrenz nähern sich die merkantilen Konstellationen nun noch stärker Liebesverhältnissen an: „ich würde nicht mehr auf den Nahmen Ihres Freundes Anspruch machen, ja ich müßte mehr oder weniger als Mensch seyn, wenn ich je gleichgültig werden könnte gegen den Verlust ihres neuesten Manuscripts“, schreibt zum Beispiel Matzdorff, als er erfährt, dass Jean Paul seine Idylle Leben des Quintus Fixlein (1796) bei einem Konkurrenten publizieren will (Brief vom 1.8.1795, in: IV 2, 91–92, Nr. 47). Matzdorff versucht daraufhin nicht nur, Jean Paul durch vorteilhafte Verlagsbedingungen an sich zu binden, sondern auch, indem er ihm das Patenamt bei seiner neu geborenen Tochter Pauline anträgt. An seinen Freund Christian Otto schreibt Jean Paul aus Weimar, wo ihn diese Anfrage erreicht: „Mazdorf hat mich […] zu Gevatter gebeten: ich führe also an jeder Hand eine Pauline.“ (Brief vom 17.–19.6.1796 aus Weimar, in: III 2, 214,8–9, Nr. 340) Das hier erwähnte andere Patenkind, das gleichfalls Pauline heißt, ist die neugeborene Tochter von Renate Wirth, also einer der Ur-Geliebten 33 34
35
Jean Paul: Ideengewimmel [Anm. 1], S. 77, Nr. 374, vgl. hierzu Jörg Paulus: Tote Post und Tintenprobe. Figuren der Stagnation bei Jean Paul, in: Stehende Gewässer. Medien der Stagnation, hg. von Helga Lutz et al., Berlin 2007, S. 121–125. Vgl. Rainer Baasner: Briefkultur im 19. Jahrhundert. Kommunikation, Konvention, Postpraxis, in: Briefkultur im 19. Jahrhundert, hg. von Rainer Baasner, S. 1–36, bes. S. 6– 10, sowie die Reflexionen des Fürsten Pückler-Muskau zu den dead letters, siehe den Beitrag von Andrea Hübener in diesem Band. Vgl. Ludwig Fertig: Ein Kaufladen voll Manuskripte. Jean Paul und seine Verleger. Frankfurt/Main 1989.
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Jean Pauls, die seit 1795 mit Christian Ottos Bruder Christoph Albrecht verheiratet war. Matzdorff wird somit mit neuem Nachdruck in den Kreis der Simultanliebe eingebunden. Das Ritual dieser Initiation besteht im epistolaren Fern-Händehalten, das von Jean Paul auch im Antwortschreiben an Matzdorff, in dem er die Patenschaft annimmt, beschworen wird: „ich wollte, ich könnte die eine Hand Ihnen, die andere ihr [Matzdorffs Ehefrau Henriette geb. von Faber, Anm. J.P.] geben und doch die 2 Arme noch so halten, daß sich darin meine theure Pathe wiegen könnte – Ich fülte beide Hände mit geliebten Händgen.“ (Brief vom 5.7.1796, in: III 2, 220,27–29, Nr. 351) Die Bereitschaft der Briefschreiber, sich den epistolaren Wunschvorstellungen Jean Pauls zu fügen, ist allerdings sehr unterschiedlich. Einige der neuen Korrespondenten halten sich an die Spielregeln der Simultanliebe, andere nicht. Zu denen, die mitspielen, gehören der bereits erwähnte schwärmerische Berliner Justizassesor Hans Georg von Ahlefeldt und die von diesem leidenschaftlich (und erfolglos) verehrte Offiziersgattin Wilhelmine von Kropff (* 1769), die von Berlin nach Bayreuth gezogen ist und somit in die Umgebung Jean Pauls gerückt ist. Man könnte sagen, dass das System der Simultanliebe in dieser Konstellation überhaupt erst seine idealtypische Form erhält. Jean Paul, zu dem Ahlefeldt Anfang 1796 in Kontakt tritt, wird zum Schutzpatron und Supervisor von dessen erträumter Liebe. Fast alle Briefe, die Ahlefeldt und Frau von Kropff aneinander schreiben, werden dem Dichter im voraus oder nachträglich zur emotionalen Beglaubigung vorgelegt. Jean Paul seinerseits macht die Briefe des Liebhabers und die Antworten der Angebeteten im Kreis seiner Freunde und Freundinnen in Hof bekannt, kommentiert sie und synchronisiert damit das überregionale Liebesgespräch mit dem regionalen. Bestimmend für diese gelungene Integration ist eine literarische Neu-Codierung des Namens der Geliebten. In den Liebesbriefen vor der Bekanntschaft mit Jean Paul hatte Ahlefeldt Frau von Kropff noch als „Minona“ angesprochen.36 Sie trug für ihn also den Namen einer Figur aus den Ossian-Epen James McPhersons, dem wirkungsmächtigsten Dokument literarischen Wunschdenkens um 1800.37 Nach der Begegnung tauft Ahlefeldt „Minona“ in „Klotilde“ um – nach dem Vorbild der ätherischen Romanheldin des Hesperus. Mit dem Versprechen, auch er, Jean Paul, werde sich augenblicklich in diese ihm noch unbekannte Klotilde verlieben, werde in ihr seine Romanheldin wiedererkennen, drängt Ahlefeldt 36 37
Vgl. IV 2, 175,30, Nr. 93 und Erläuterung. Vgl. Wolf Gerhard Schmidt: „Homer des Nordens“ und „Mutter der Romantik“. James Macphersons Ossians und seine Rezeption in der deutschsprachigen Literatur, 3 Bde., Berlin 2003 – zu Jean Pauls Partizipation am europäischen Ossianismus siehe insbes. Bd. 2, S. 880–900.
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Jörg Paulus
den Dichter zu einer ersten Begegnung mit Wilhelmine von Kropff.38 Jean Paul aber schiebt diese Begegnung immer weiter hinaus. Nicht die persönliche Bekanntschaft, sondern ein Briefwechsel wird angeknüpft. Hauptthema dieser Korrespondenz ist die Frage, auf welche Weise Ahlefeldt von seiner unglückseligen Leidenschaft geheilt werden könnte.39 Zu den Therapievorschlägen Jean Pauls gehört u.a. die Vermittlung eines Briefwechsels zwischen Ahlefeldt und Amöne Herold. Ahlefeldt geht darauf ein und spätestens damit ist er endgültig in das Netz der Simultanliebe eingebunden. Und auch das leibhaftige Zusammentreffen sowohl Jean Pauls mit Frau von Kropff wie auch Ahlefeldts mit der neuen Brieffreundin in Hof wird wieder in Brief-Phantasien vorweggenommen, ehe die Begegnungen schließlich tatsächlich realisiert und dann erneut in Briefen reflektiert werden. Die Poetik der Vorwegnahme realer Gegenwart wird gleichzeitig zu einem Grundbaustein von Jean Pauls Poetologie: In seinem Aufsatz Ueber die natürliche Magie der Einbildungskraft (1795), der zu dieser Zeit entsteht und im Anhang zum Quintus Fixlein veröffentlicht wird, werden die Prinzipien einer künstlerischen Vergegenwärtigung des Vergangenen und Zukünftigen vorgetragen.40 Diese Poetik gilt für Jean Paul sowohl beim Schreiben von Büchern als auch beim Verfassen von Briefen. Sie zielt auf eine Synchronisierung der Weltanschauungen in gesellschaftlichen, politischen, philosophischen und ästhetischen Fragen. Der Liebesdiskurs ist dabei kein Diskurs unter anderen, sondern gleichsam der Fundamentaldiskurs: Die von Jean Paul proklamierte Idee einer nicht-egoistischen Simultanliebe, die er in seinem Aufsatz Es gibt weder eine eigennützige Liebe noch eine Selbstliebe, sondern nur eigennützige Handlungen vorträgt,41 der gleichfalls im Anhang zum Quintus Fixlein publiziert wird, ist die Voraussetzung für die Gesprächs-, Brief- und literarische Kommunikation.
38 39 40
41
Vgl. IV 2, Nr. 72 und 80. Vgl. IV 2, Nr. EB 39, 87, und III 2, Nr. Nr. 297 und 304. Es ist das Verdienst von Dorothea Böck, auf den Zusammenhang der Abhandlung über die natürliche Magie der Einbildungskraft mit der Briefpoetik Jean Pauls nachdrücklich hingewiesen zu haben, vgl. Dorothea Böck: „Der wahre Brief ist seiner Natur nach poetisch“ (Novalis). Zwischen realer und imaginärer Geselligkeit – Jean Pauls Epistel-Salon, in: Jahrbuch der Jean Paul Gesellschaft 37 (2002), S. 146–175. Vgl. hierzu: Niklas Luhmann: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Frankfurt/Main 1994 (zuerst 1982), S. 175.
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V Wie schon angedeutet, stimmten nicht alle der neu hinzutretenden Korrespondenten und Korrespondentinnen mit dem Postulat einer nichtegoistischen Liebe überein. Damit ergeben sich ab 1795 deutliche Friktionen im System der Simultanliebe. Für Thomas Wirtz wird durch diese Friktionen, die in vielen Fällen zu Frustrationen führten (vor allem auf Seiten der Korrespondentinnen), das epistolare System Jean Pauls insgesamt in Frage gestellt.42 Wirtz begreift dieses System als ein System der Differenzen, nämlich der Unvereinbarkeiten von individuellen Wünschen und einem zwar literarisch innovativen, aber auch sehr egozentrischen System – dem Kommunikationsmodell Jean Pauls. Dieses ist für Wirtz untrennbar mit der Erfindung des Erzählers „Jean Paul“ verknüpft, womit die Möglichkeit einer weibliche Modellierung der Autorschaft im Brief möglich wird. Die frühe Korrespondenz, in der die Idee der Simultanliebe entwickelt wird, muss daher für Wirtz in ihrer Bedeutung depotenziert werden. Für ihn stellt die in Hof entwickelte Praxis der Simultanliebe daher nur ein Reproduktionssystem vorgefertigter rhetorischer Figuren dar.43 Dies wird, so scheint mir, den Verhältnissen nicht gerecht. Der Korrespondent „Jean Paul“ setzt vielmehr, wie wir gesehen haben, den empfindsamen Simultankorrespondenten durchaus voraus. Allenfalls für den Briefwechsel mit der ersten Verlobten Sophie Ellrodt ist die Annahme konventionell rhetorischer „Virtuosität“ nachvollziehbar.44 Das entwickelte System der Simultanliebe jedoch erlaubt durchaus eine Integration abweichender Ansichten und Wünsche, ungeachtet der Frustrationen, die sich einstellen. Denn die Korrespondenzen werden ja trotz der Frustrationen weitergeführt. Aussagekräftiger noch als die Briefwechsel mit Esther Bernard, geb. Gad, und Charlotte von Kalb, die für Wirtz im Zentrum stehen, dürfte in dieser Hinsicht der nicht minder kontrovers geführte mit der Schriftstellerin Emilie von Berlepsch (1749–1818) sein. Im Unterschied zu seinen Beziehungen zu Frau von Kalb und Esther Bernard lässt sich Jean Paul bei Frau von Berlepsch zumindest rhetorisch auf ein Überschreiten der platonischen Sphäre ein (man mag sich freilich mit guten Gründen fragen, welchen Sinn eine rein sprachliche Überschreitung 42
43 44
Thomas Wirtz: Liebe und Verstehen. Jean Paul im Briefwechsel mit Charlotte von Kalb und Esther Gad, in: DVjs 72 (1998), S. 177–200; vgl. auch ders.: Schreibversuche. Jean Pauls Briefe bis 1805, in: Jahrbuch der Jean Paul Gesellschaft 31, 1996, S. 23–37. Vgl. auch Fumiko Imaizumi: Die Körperlichkeit der Leserinnen in der Goethezeit. Das Beispiel der Leserinnen Jean Pauls. In: Goethe-Jahrbuch 46 (2004), S. 177–193. Wirtz, Liebe und Verstehen [Anm. 42], S. 180. Vgl. III 1, Nr. 49, 58–61, 63 und IV 1, Nr. 17, 22, 23 und die erschlossenen Briefe EB 16 und 17.
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der platonischen haben sollte; für Jean Paul als Theoretiker der PhantasieSinnlichkeit ist dies jedoch durchaus plausibel). Schließlich verlobt sich das Paar sogar. Zugleich ist Emilie von Berlepsch theoretisch gewappnet, denn zur Zeit ihres Bekanntwerdens mit Jean Paul im Sommer 1797 hat sie sich schon in verschiedenen Veröffentlichungen zu Fragen der Liebe geäußert. In einem nicht überlieferten Brief scheint sie, die seit der Auflösung ihrer Ehe mit dem Juristen Friedrich Ludwig von Berlepsch hauptsächlich auf Reisen lebte, ihren Besuch in Hof auf der Rückfahrt von einer geplanten Badekur in Böhmen angekündigt zu haben. Jean Paul schreibt dazu an Friedrich von Oertel: Eine Freundin von mir, Fr. v. SCHUKMAN war bei dieser BERLEPSCH und dieser kündigte sie den Besuch auf die Zurükreise [von Franzensbad] an. Jezt auf der Herreise! Das ist ein weiblich-genialischer Zug. „Wir wollen morgen fort – nein heut Abends – ach jezt!“ (Jean Paul an Friedrich von Oertel, 21.6.1797, in: III 2, 345,6–9, Nr. 648)
Das emotionale Accelerando, der Verstoß gegen die Briefkonventionen,45 der hier als typisch weiblich bezeichnet wird, ist nun freilich auch charakteristisch für Jean Pauls Erzählstil, insbesondere für die Unsichtbare Loge mit ihrer großen Zeit-Aufholjagd des Erzählers. Der unterstellte Habitus der Verehrerin wird also nach dem literarischen Habitus des Empfängers modelliert. Man kann dies als Bestätigung von Silvia Bovenschens These von der „Feminisierung der Kultur“ dieser Zeit lesen,46 aber natürlich auch umgekehrt als Projektion männlicher Autorschaft. Im Kontrast jedenfalls zu der als weiblich bezeichneten Spontaneität kalkuliert Jean Paul die Begegnung nach einer eigenwilligen Berechnungsmethode, deren merkantilische Nüchternheit mit einem enthusiastischen Affekt-Kostenvoranschlag verquickt wird. Er schreibt an Oertel: „Ich weis voraus, sie wird mich zu sehr einnehmen. Das doppelte Lesegeld gäb’ ich darum, hätt’ ich nur eines ihrer Werke gelesen oder wüste die Titelblätter auswendig.“ (III 2, 344,15–19) Der schwärmerischen ersten Begegnung folgt dann zunächst ein dicht gestaffelter Briefwechsel, der den sich überstürzenden Ereignissen kaum zu folgen vermag – fast scheint es so, als werde der Briefwechsel nun tatsächlich nach dem Schema eines empfindsamen Briefromans inszeniert: Emilie von Berlepsch reist von Hof nach Franzensbad, Jean Paul besucht sie dort, muss aber nach eineinhalb Tagen wieder abreisen, da ihn die Nachricht vom Tod seiner Mutter in Hof erreicht; Emilie von Berlepsch bleibt zurück und schreibt lange, leidenschaftliche Briefe an Jean Paul; wenig später besucht sie ihn dann erneut 45 46
Vgl. Baasner, Briefkultur im 19. Jahrhundert [Anm. 34], S. 14–24. Silvia Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen, Frankfurt/Main 1979, S. 158.
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in Hof – man trennt sich mit der Abmachung, im Herbst gemeinsam nach Leipzig zu ziehen. Jean Paul kommt bei all dem nicht zur Lektüre der Werke Emilies, während sie sich gleichzeitig konstant weigert, in das platonische Unisono des Jean-Paul-Kreises einzustimmen. Ihre Poetologie lässt sich allenfalls zum Teil, ihr Liebeskonzept im Grunde gar nicht mit seinen Ideen zur Deckung bringen. In einem Aufsatz, den Emilie im Dezemberheft 1790 des Neuen Teutschen Merkur unter dem Titel Ueber Liebe als Leidenschaft, und den Grundsatz zur Beurtheilung ihrer Dignität publiziert hatte, hätte Jean Paul ihr Credo lesen können: „Ich habe hier von der Liebe, in sofern sie Leidenschaft bedeutet, zu reden, und da sie nothwendig auf einen äussern Gegenstand unmittelbar sich beziehet, so wird sie unstreitig auf Sinnlichkeit sich gründen.“47 Der Primat der Sinnlichkeit wird auch im Briefwechsel gegen Jean Pauls Utopie einer nicht-egoistischen Liebe verfochten: „Weis ichs denn nicht, daß keine Liebe ganz rein von Egoismus ist, und ists nicht Härte gegen mich selbst daß ich mir vorwerfe ich liebte Sie nicht uneingennüzig genug, da ich den Gedanken fast nicht zu ertragen vermag, daß Sie nicht wieder herkommen mögten“ (IV 2, 353,26–30, Nr. 214 vom 28.7.1797 aus Franzensbad, nach Jean Pauls Abreise). Dabei wird auch die Harmonisierungs- und Kollektivierungstendenz von Jean Pauls Liebeskonzept angegriffen, indem sie auf die Individualität und deren Ansprüche auf Harmonie verweist: „Die Anordnung die Sie an mir verlangen, würde mein Wesen verrüken, unharmonisch machen: ich fühle zu sehr daß eben diese Einheit der Wünsche, dieses ausschließende in mir mein Bestes ist; ja das einzige Heilige in mir daß mich erzog und bewahrte.“ (Brief vom 3.9.1797, in: IV 2, 379,23–28, Nr. 228) Jean Paul repliziert, indem er auf die Zukunft hinweist, also auf den Raum, der zwar nicht den fünf Sinnen üblicher Lesart, sehr wohl aber dem „magischen“ Sinn der Phantasie zugänglich ist. Dabei erkennt er ausdrücklich die gemischte Natur des Menschen an, wendet aber das Argument Frau von Berlepschs nun gegen die introspektive Lesart seiner Briefpartnerin: „Sie vermengen Algemeinheit der Liebe mit Veränderlichkeit derselben […] Der Mensch ist ein aus so vielen Kräften zusammen geimpftes Wesen (gleichsam mehr ein Baum-Garten als ein Baum), daß er zum Gedeihen fast Sonne und Regen und Frühling und Herbst und Licht zugleich bedarf: er hält oft die Uebermacht Einer Kraft für Harmonie aller Kräfte, und den freien Anklang aller Töne für Disharmonie […] Wir werden in LEIPZIG (wenn Sie meine Eigenheiten so tragen, wie ich Ihre achte) einen Himmel nach dem andern ersteigen und neue Stunden erleben mitten im ewigen Dakapo der Zeit.“ (III 2, 370,33–371,27). Er nimmt somit in modifizierter Form genau jene Gedankenfigur auf, die er Frau 47
Der teutsche Merkur, Dezember 1790, S. 411–438, hier S. 413.
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von Berlepsch gegenüber einem Dritten, nämlich Friedrich von Oertel, zugeschrieben hatte: das Verlangen nach Zeitraffung, nach Verkürzung im „ewigen Dacapo“ der Zeit. Es ist charakteristisch für Emilie von Berlepsch, dass sie nicht unmittelbar hierauf reagiert. Erst Mitte Oktober kommt sie auf die hier vorgetragenen Gedanken zu sprechen: „Liebe kann und darf innere Unähnlichkeit haben, consonn mehr als unisonn tönen – ob ich doch gleich sehr viel auf leztre halte – aber sie muß sich deßen recht klar bewußt seyn muß immer nach Verähnlichung streben und den sanften Dämpfer der Simpathie, der Schonung, der freundlichen Täuschung auf das Instrument sezen, wenn es disharmonisch klingen will.“ (IV 2, 402,14–20, Nr. 243) Die musikalische Analogie, die sich durch diesen Briefwechsel zieht, kann freilich die ökonomischen Bezüge, den Aspekt der Bücherwelt, nicht vollständig überdecken. Zumindest Jean Paul zieht sich immer wieder auf die prioritäre Evidenz seiner Bücher zurück: „O Gute, kennen Sie mich denn aus meinen Büchern und Gesprächen noch so wenig, daß Sie ihnen weniger glauben als irgend einer verunglükten Brief-Wendung? […] nunmehr, da ein unbegreifliches Misverständnis uns verwundet, so schweig’ ich bis wir uns sprechen über alles aus Furcht vor einem neuen, da ein briefliches sich leider erst durch die lange Post und nicht wie das mündliche durch einen Blik auflöset.“ (III 2, 376,28–377,6). Jean Paul greift also auf das konventionell empfindsame Motiv des sprachlos beredten Blicks zurück; aber das Äquivalent dieses Blickwechsels ist der quasi-ökonomische Wechsel auf emotionale Glaubwürdigkeit, der in Gestalt von Büchern dem Leser bzw. Käufer ausgestellt ist.48 Der häufig zitierte Satz Jean Pauls, seine Bücher seien „nur dickere Briefe an Freunde“ und seine Briefe „nur dünnere Bücher für die Welt“, der selbst in einem Buch, nämlich der Idylle Der Jubelsenior (1797) steht,49 statuiert also nicht nur eine poetologische, sondern auch eine ökonomische Analogie. Die spezifische Ökonomie des Briefwechsels, die von jener Postutopie einer Annäherung durch Entfernung bestimmt wird, erlaubt es nun aber auch, Phasen der Abwesenheit und räumlichen Trennung zur Regeneration und Restitution verlorenen Vertrauens fruchtbar werden zu lassen. Im Falle Emilie von Berlepschs ist es eine lange Reise nach Schottland in den Jahren 1799 bis 1800, aus der ihr Hauptwerk, die vier48
49
Zum Verhältnis von Autorschaft und Briefkultur vgl. den Band Vom Verkehr mit Dichtern und Gespenstern. Figuren der Autorschaft in der Briefkultur, hg. von Jochen Strobel, Heidelberg 2006; für den vorliegenden Kontext bes. den darin enthaltenen Beitrag von Wolfgang Bunzel: Schrift und Leben. Formen der Subversion von Autorschaft in der weiblichen Briefkultur um 1800, S. 157–176. I 5, 471; ob Jean Paul sich der etymologischen Herleitung des Wortes Brief von lat.: brevis libellus (kurzes Büchlein) bewusst war, ist unsicher.
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bändige Reisebeschreibung Caledonia (Hamburg: Hoffmann 1802–1804) hervorgeht, und die zugleich nach dem Scheitern der Verlobung den Briefverkehr mit Jean Paul wieder ins Gleichgewicht bringt.50 Und im neuen Jahrhundert wird sie aus der Schweiz, dem Land, dem sie wesentliche Impulse ihrer intellektuellen Selbständigkeit verdankte,51 schreiben: […] was ist das für ein unerklärliches Wesen in uns, Freund Richter, daß wir so herzlich und aufrichtig an einander hängen mit unsern besten Gefühlen und Kräften, und doch ein so Grabähnliches Schweigen gegen einander beobachten, und von einander erdulden können, ohne daß jedoch die zarten geistigen Bande zwischen uns zerreißen?52
Die Getrenntschreibung der Bestimmungen „an einander“ und „gegen einander“ macht die epistolare Differenz zum sinnlichen Zeichen, die Begriffe „[g]rabähnliches Schweigen“ sowie „Gefühle“, „Kräfte“ und „geistige Bande“ spezifizieren diese Differenz und deklarieren zugleich den emotionalen Zoll, den die Briefschreiberin über das übliche Porto hinaus zu entrichten hat. Der Schlussabsatz des Briefes aber reaktiviert das Szenario der Simultanliebe, angepasst nunmehr an die Tatsache, dass beide Korrespondenten inzwischen (wieder-)verheiratet sind, Emilie von Berlepsch mit dem Domänenrat August Ludwig Heinrich Harmes (1762– 1839), Jean Paul mit der aus Berlin stammenden Geheimratstochter Caroline, geb. Mayer (1777–1860), so dass nach der Briefkonvention Konfessionen jedweder Art stets auch die Ehepartner einzubeziehen haben: Daß ich [eine Antwort Jean Pauls, Anm. J.P.] sehr wünsche darf ich doch wohl sagen, und will es, weils eine recht tief gefühlte Wahrheit ist. Wenn Sie, Geiziger, nur Minuten mir und dem Schreiben an mich zu geben haben, so wende ich mich bittend an Ihre Karoline die auch ich, meine Karoline nennen würde, wenn die zärtlichste Achtung die schwesterlichste Sympathie dazu berechtigte.53
Die Anerkennung der bürgerlichen Realität, des Ehelebens, und die zurückhaltende Teilnahme daran verbinden sich hier mit einem souveränen Akzeptieren des Ökonomiedenkens, des Minuten-Geizes des Adressaten. Dennoch wird der Wunsch nach physischer Gegenwart des Freundes bestimmt artikuliert:
50 51 52
53
Vgl. hierzu IV 3.1, hg. von Angela Goldack und Monika Meier (im Druck), einleitende Erläuterung zu Nr. 30. Zu Emilie von Berlepschs Beziehungen zur Schweiz siehe Hans Utz: Bern – die Liebeserklärung der Emilie von Berlepsch (1755–1830), in: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 49 (1987), S. 57–115. Brief vom 24. November bis 24. Dezember 1804 aus Bern, ungedruckt; Handschrift: Biblioteka Jagiellońska Krakau, Sammlung Autographa der Preußischen Staatsbibliothek, Bl. 1r. Der Brief erscheint 2009 in Band IV 5 der Historisch-kritischen Jean-Paul-Ausgabe (hg. von Jörg Paulus). Ebd. Bl. 4v.
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Jörg Paulus
Könnt ich Sie hierher versezen in meine schönen geräumigen Zimmern, aus welchen Sie die große erhabne jezt beschneyte Gegend, die pfeilschnell gleitende Aar, eine herrliche Promenade die selten leer ist, und an jedem hellen Abend die purpurnen Himmels Säulen der Alpen sehn würden. O wären Sie hier, und möchten Sie noch lieber als Alpen und Flüße sehen Ihre wahre Freundin E. Harmes.54
Jean Paul beantwortete diesen Brief nicht, obwohl er lebenslang ein starkes Bedürfnis hatte, die Schweiz, die er sich, wie viele seiner Zeitgenossen, als eine große Schäferwelt vorstellte, zu besuchen. Es bleibt unentscheidbar, ob sein Schweigen äußere Gründe hatte, oder ob es daran lag, dass er sich weigerte, die emotionale Vorab-Berechnung Frau von Berlepschs zu akzeptieren. Als sie dann aber im Dezember 1809 ihren Besuch in Deutschland ankündigt, spricht er sie (mit implizitem Hinweis auf ihre die Schweiz betreffenden Werke, namentlich die 1799 beim Leipziger Verleger Dyck erschienene Schrift Einige Bemerkungen zur richtigern Beurtheilung der erzwungnen Schweitzer-Revolution, die er sehr schätzte) als „Vordichterin eines schweizerischen Festes“ an und heißt sie als solche in der „deutschen Schweizerei“ willkommen:55 Sein Territorium im literarischen Feld wird also zu einer Provinz des ihrigen erklärt. Da nun aber ein Brief, entgegen allen Beteuerungen Jean Pauls, kein Buch ist und kein Imprimatur verlangt, sind handschriftliche Stellungnahmen auf dem Feld der Simultanliebe dann doch leichter revidierbar als gedruckte auf dem literarischen Feld. Und so kann Jean Paul auch diese chiffrierte Anerkennung ihrer Autorschaft ohne größere Umschweife im nachfolgenden Brief wieder zurücknehmen, indem er auf seine Verpflichtungen gegenüber dem Publikum verweist.56 Auch den Boden der Schweiz hat er nie betreten: „Wie Moses hat er das Gelobte Land nur von weitem gesehen“57, und ebenso utopisch musste auch sein Traum von der immerwährenden Restituierbarkeit der Simultanliebe im Briefverkehr bleiben. Die Neuauflagen der Liebesbriefgespräche mit Emilie von Berlepsch und mit anderen Simultangeliebten fanden schließlich aus den unterschiedlichsten Gründen ein Ende – und oft genug aus kontingenten, so auch im Falle Emilies, wo eine unbedachte Äußerung über Jean Pauls Alkoholkonsum zum Abbruch der Korrespondenz führte. Jean Paul selbst hat den fundamentalen Gangunterschied zwischen dem Takt des Lebens und dem Rhythmus der Literatur seinerseits literarisch thematisiert und dabei erneut auf das Bild von der Terzienuhr zurückgegriffen: Die Romanschreiber, so beklagt er im Sieben54 55 56 57
Ebd. Bl. 4v. Brief vom 10.12.1809, in: III 6, 74, Nr 201. Die Briefe Emilie von Berlepschs an Jean Paul aus dieser Zeit werden in Band IV 6 der HKA veröffentlicht. Vgl. seinen Brief an Emilie von Berlepsch vom 22.1.1810, in: III 6, 85, Nr 223. Eduard Berend: Jean Paul und die Schweiz, Frauenfeld 1943, S. 15.
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käs, wichen „in ihren Romanen so weit […] von der Natur ab“ und machten „die Trennungen und Vereinigungen der Menschen in so kurzen Zeiten möglich und wirklich […], daß man mit einer Terzienuhr dabeistehen und es nachzählen“ könne.58 Die hier benannte Interferenz zwischen der Liebe in der Literatur und der Liebe im Leben stets mit in Rechnung zu stellen, scheint mir eine wesentliche Forderung, die auch an eine Kulturgeschichte des Liebesbriefs zu stellen wäre.
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SW I 2, 340.
Conrad Wiedemann
Die Liebesbriefe Friedrich Wilhelms II. von Preußen an Wilhelmine Enke I Leider muß ich mit einer thematischen Richtigstellung beginnen. Meine selbstgestellte Aufgabe war ursprünglich, die ungedruckten und fast unbekannten Briefquellen einer relativ bekannten Liebes- und Skandalgeschichte aus dem so liebesbriefträchtigen letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, der ominösen Sattelzeit zur Moderne hin, vorzustellen, möglichst in Form einer biographischen und formgeschichtlichen Gesamtanalyse. Da ich jedoch den Zeitaufwand für die Texterschließung hoffnungslos unterschätzt habe und von den weit über 500 überlieferten Briefen nur ca. 150 lesen und nur ca. 40 transkribieren konnte, habe ich mein Vornehmen geändert. An die Stelle einer Gesamtanalyse soll ein bescheideneres Konzept treten, das auf die Frage hinausläuft, ob es etwas wie einen Wesenskern des Liebesbriefs gibt – und wenn ja, welche Kriterien dafür benannt werden können. Um von diesem schmalen Weg so wenig wie möglich abzukommen, werde ich mich auf eine Minimaldefinition des Liebesbriefs beschränken. Sie heißt: Liebesbriefe haben die Aufgabe, die Gefahren der Trennung durch einen imaginativen Protokoll- und Bestätigungstext zu bannen. Wenn Sie jetzt zwischenrufen: dann wäre ja der Liebesbrief historisch durch das Telefonat erledigt, dann sage ich: ja schon, aber auch nein, denn im Telefonat sind die Liebenden ja nicht wirklich allein. Zunächst einige Informationen: Wie der Titel schon anzeigt, befasse ich mich mit den Liebesbriefen des preußischen Kronprinzen und späteren Königs Friedrich Wilhelm II. an seine Maitresse und spätere Seelenfreundin Wilhelmine Enke, seit 1795 Gräfin Lichtenau. Von ihren Gegenbriefen sind nur wenige erhalten. Friedrich Wilhelm II., der Neffe und Nachfolger Friedrichs des Großen, lebte von 1744 bis 1797, Wilhelmine Enke/Gräfin Lichtenau von 1753 bis 1820. Sie war also 9 Jahre jünger als er und überlebte ihn um 23 Jahre. Ihr ungewöhnliches Liebesverhältnis dauerte von 1765 bis 1797, also 32 Jahre lang, unterteilt in eine physisch-
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erotische Phase von 15 oder 16 Jahren und in eine freundschaftlich-erotische Phase von 16 oder 17 Jahren. Die Briefe erstrecken sich über den gesamten Zeitraum. Im Kopf behalten sollte man auch, daß Wilhelmine am Beginn der Beziehung 12 oder 13 Jahre, Friedrich Wilhelm 21 oder 22 Jahre alt war. Die Liebe zwischen dem Hohenzollernsproß und der Musikertochter, die den Vorwurf zu Schillers „Kabale und Liebe“ abgegeben haben könnte, ist lange Zeit im Stil der höfischen chronique scandaleuse tradiert worden, bevor sie 1934 erstmals eine seriöse, d.h. quellenorientierte Darstellung durch Berthold Haase-Faulenorth erfuhr. Darauf bauten weitere populäre Enke-Monographien auf, auch die jüngste von Edelgard Abenstein. Auf die erst nach meinem Konferenzvortrag erschienene Dissertation von Alfred P. Hagemann, die Wilhelmines unbekannte Rolle als Kunst-Mäzenin behandelt und dabei auch die Erforschung ihres Verhältnisses zu Friedrich Wilhelm auf eine neue Basis stellt, gehe ich gesondert ein. Alle diese Darstellungen1 haben die Tendenz, das Schicksal der Maitresse als einer starken Frau in den Vordergrund zu rücken und die Rolle Friedrich Wilhelms als eines schwachen und sonderlingshaften Fürsten zurücktreten zu lassen, als habe es sich bei ihm nur um die Ermöglichungsinstanz dieses ungewöhnlichen Frauenschicksals gehandelt. Diese Tendenz ist verständlich, so lange man sich für Wilhelmine mit einer emanzipationsgeschichtlichen, für Friedrich Wilhelm mit einer dynastiegeschichtlichen Perspektive zufrieden gibt. Denn für die Biographik – und darum handelt es sich bei den bisherigen Darstellungen im Wesentlichen – hat die Geschichte der beiden Liebenden eine durchaus divergierende Moral. Danach wäre der steile Aufstieg und plötzliche Absturz des Mädchens aus dem Volk ein Kapitel aus der weiblichen Heroengeschichte, das rätselhafte Liebesgebaren des Hohenzollernfürsten hingegen ein Kapitel aus der Geschichte politischer Schwäche. Friedrich Wilhelm II. gilt in der preußischen Geschichtsideologie nun einmal als Schandfleck in der Hohenzollernkette, woran auch gelegentliche Rettungsversuche wenig änderten.2 1
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Berthold Adolf Haase-Faulenorth: Gräfin Lichtenau. Ein Schicksal zwischen den Zeiten. Nach bisher unveröffentlichten Archivakten. Mit einem Anhang: Das Ende einer Hohenzollernlegende, Berlin 1934; Carl Atzenbeck: Die deutsche Pompadour. Leben und Briefe der Gräfin Lichtenau. Ein biographisches Porträt in Selbstzeugnissen und Zeugnissen von Zeitgenossen, Leipzig 1925; Ernst von Salomon: Die schöne Wilhelmine. Ein Roman aus Preußens galanter Zeit, Reinbek bei Hamburg 1965; Edelgard Abenstein: Die Mätresse des Königs. Die Gräfin Lichtenau alias Wilhelmine Encke, Berlin 2006; Alfred Hagemann: Wilhelmine von Lichtenau (1753–1820). Von der Mätresse zur Mäzenin, Köln, Weimar, Wien 2007. An „Rettungen“ des angeblich so schwachen Königs mangelt es nicht. Neue Maßstäbe setzt Wilhelm Bringmann: Preußen unter Friedrich Wilhelm II. (1786–1797), Frank-
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Ich erwähne das, weil sich mit dieser Asymmetrie ein grundlegendes Quellenproblem verbindet. Friedrich Wilhelm und Wilhelmine haben zwar dreißig Jahre lang einen lebhaften Briefwechsel geführt, aber erhalten sind weitgehend nur die Briefe von ihm. Die von ihr sind – von Zufallsresten abgesehen – verschwunden, wobei einiges dafür spricht, daß sie bald nach dem Tode des Königs und Wilhelmines Verhaftung, also 1797, vernichtet wurden. Nachweisbar ist dies nicht, aber da im einzig vergleichbaren Fall, dem Briefwechsel zwischen Prinz Louis Ferdinand und Pauline Wiesel (1802–1806), derselbe Befund vorliegt, ist es mehr als wahrscheinlich.3 Wie die Liebe mit den beiden spielte oder sie mit der Liebe, können wir heute also nur noch durch die briefliche Suada des angeblich schwächeren Partners erfahren. Natürlich gibt es auch andere Quellen, an erster Stelle die damals Aufsehen erregende „Apologie“ Wilhelmines,4 die sie 1808 ihren unermüdlichen Pasquillanten5 entgegenstellte. Doch anders als die Briefe haben alle diese Schriften Kommentaroder Rückblickscharakter, entbehren also der Unmittelbarkeit. Die Briefe Friedrich Wilhelms liegen heute im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und umfassen mindestens 40 Mappen, in denen – wie schon gesagt – weit über 500 Briefe aufbewahrt sind.6 Meine vorsichtigen Schätzungen implizieren zweierlei, nämlich a) daß es bislang nirgendwo eine forscherliche Sichtung und Beschreibung des Briefbestandes gibt, und b) daß auch ich weit entfernt von einem hinreichenden Überblick bin. Von den bisherigen Wilhelmine-Biographen haben vermutlich nur Haase-Faulenorth und Hagemann die Briefe gelesen. Ob vollständig, muß offenbleiben. Allerdings haben sie sie im Wesent-
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furt/Main 2001. Weitere Titel vgl. Conrad Wiedemann: Das Stottern des Jupiterdiskurses. Ein genealogischer Versuch über die andere Klassik von Berlin, in: Die europäische République des lettres in der Zeit der Weimarer Klassik, hg. von Michael Knoche und Lea Ritter-Santini, Göttingen 2007, S. 65–82. Vgl. Conrad Wiedemann: Deutsch-französische Rederaison. Louis Ferdinand, Pauline Wiesel und Rahel Levin führen einen Brief-Disput über die Liebe, in: Sprache und Sprachen in Berlin um 1800, hg. von Ute Tintemann und Jürgen Trabant, Hannover 2004, S. 67– 87. Apologie der Gräfin Lichtenau gegen die Beschuldigungen mehrerer Schriftsteller. Von ihr selbst entworfen. Nebst einer Auswahl von Briefen an sie. Erste/Zweite Abtheilung, Leipzig und Gera 1808. Eine Auswahl aus den zahlreichen Schmähschriften bietet: Die Mätresse Wilhelmine. Spottschriften wider die schöne Gräfin Lichtenau, hg. von Sonja Schnitzler, Berlin (O) 1989. Das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz bewahrt das Briefcorpus im Wesentlichen unter der Sigle BPH (= Brandenburg-Preußisches Hausarchiv) M 48 auf. Im Folgenden benutze ich die archivalische Kurzangabe M 48 + Mappennummer. Die in den Mappen einliegenden Briefe sind nicht numeriert und folgen keiner klaren chronologischen Ordnung.
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lichen nur biographisch ausgewertet. Alle anderen haben bestenfalls darin herumgelesen und – quasi illustrativ – ein paar Lesefrüchte daraus zitiert. Keiner hat sich allerdings die Mühe gemacht, aus dieser einzig authentischen und fortlaufenden Quelle das sprachliche Register, den Charakter und die Verlaufsdramaturgie dieser Liebesschrift zu rekonstruieren. Ganz zu schweigen von stil-, diskurs- oder psychoanalytischen Bemühungen. Hier also war und ist die Forschungslücke, die zu schließen ich mich im Namen des faszinierenden Braunschweiger Projekts anheischig gemacht habe. Daraus ist nun nichts geworden. Nach ca. 15 bienenfleißigen Archivaufenthalten fühle ich mich grandios, aber fruchtbar gescheitert. ‚Grandios‘ ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber auf ‚fruchtbar‘ bestehe ich. Warum, hoffe ich im folgenden klar machen zu können.
II Aber ich bin vorausgeprellt. Denn bevor ich meine Ersatzüberlegungen präsentiere, haben Sie das Recht, wenigstens skizzenhaft über Rahmen und Verlauf dieser preußischen Liebesgeschichte informiert zu werden. Dabei dürfen wir von einer normalen sexuellen Sozialisation des Kronprinzen im spätabsolutistischen Zeitalter ausgehen. Bis zur Thronfolge zu einer mehr oder minder sturen Soldatenexistenz verurteilt (wir sind im friderizianischen Preußen), trieb er sich früh mit Schauspielerinnen und höfischen Kokotten herum, bis er 21-jährig auf Befehl des verhaßten Onkels eine ihm völlig unbekannte Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel heiratete, die allerdings den Fehler machte, seine Freizügigkeit zu imitieren, weshalb Friedrich der Große schon bald die Scheidung verfügte. Man wollte keinen Bastard in der Thronfolgereihe haben. Hinsichtlich seiner Promiskuität, falls es sie überhaupt gegeben hat, war inzwischen allerdings eine Wende eingetreten, denn im Jahr seiner Verehelichung, 1765, hatte Friedrich Wilhelm auch die kindliche oder halbkindliche Wilhelmine Enke kennengelernt, der er vermutlich 15 Jahre lang treu oder ziemlich treu war – natürlich außerhalb seines offiziellen Ehelebens. Wir stoßen hier auf die zeittypische Verquickung von dynastischer Konvenienz-Ehe und Maitressenpraxis, deren komplizierte Logik und vielfältige Varianz wir hier leider nicht diskutieren können.7 Sicher ist allerdings, daß Friedrich Wilhelm zu denjenigen gehörte, die ihre dynastischen Pflichten klaglos erfüllten, aber rigoros von ihren erotischen Wünschen und Vorstellungen trennten. Das galt auch für seine zweite Ehe, die er bereits 1769, also noch im Jahr seiner Scheidung von der Braunschwei7
Wichtige Hinweise bei Hagemann [Anm. 1].
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gerin, mit einer ihm ebenso unbekannten Darmstädterin zu schließen hatte. Als seine neue Ehefrau mit seinem ersten legitimen Sohn, dem späteren Friedrich Wilhelm III., schwanger war, tauschte er mit der ebenfalls schwangeren 17-jährigen Wilhelmine symbolisch die Ringe und besiegelte dieses quasi „wahre“ Liebesbündnis mit beider Blut. Damit stoßen wir auf die merkwürdige charakterliche Eigenart des Kronprinzen, seine selbstbestimmte erotische Option zunächst vor sich selbst, später auch vor anderen legitimiert sehen zu wollen, – als brauchte er eine Selbstversicherung gegen den Verdacht der baren Promiskuität. Denn was hier noch im Verborgenen geschah, wiederholte sich nach seinem Regierungsantritt in seinen beiden morganatischen Ehen, also Ehen zur linken Hand, für die er neben der Amtshilfe hochrangiger Geistlicher auch das Einverständnis Wilhelmines einholte. Während er die dynastische Ehe als Pflichterfüllung behandelte, mit der seine tiefe Frömmigkeit offensichtlich nie in Konflikt kam, wollte er in eroticis, also ‚wahren‘ Liebesdingen, als aufrichtig und selbstkontrolliert gelten und das auch bestätigt wissen, - was Enttäuschungen natürlich nicht ausschloß. Tatsächlich spricht einiges dafür, daß Friedrich Wilhelm seine Affairen nicht durcheinander, sondern nacheinander absolviert hat, wobei seine reguläre Ehe selbstverständlich immer außer Betracht bleibt. Er hat immerhin 8 legitime, d.h. dynastische Nachkommen erzeugt. Zur Liebesgeschichte mit Wilhelmine Enke gebe ich Ihnen aus Zeitgründen nur die wichtigsten Daten. Sie beginnt 1765, als der Kronprinz die 12-jährige Tochter eines Hofmusikers Friedrichs des Großen in Berlin kennenlernt und ihr im Haus der Eltern Französischstunden geben läßt, sie aber auch selbst regelmäßig in Geschichte, Geographie und Literatur unterrichtet. Dies setzt sich fort, als die Familie nach Potsdam übersiedelt. 1768 schickt er die 15-jährige, begleitet von Dienerschaft und ihrer älteren Schwester, für ein halbes Jahr nach Paris, um ihren gesellschaftlichen Horizont zu erweitern. Anschließend bringt er sie – immer noch alles geheim – auf einem kleinen Landgut bei Potsdam unter, womit spätestens das sexuelle Verhältnis, aber auch ein intensiver Briefwechsel mit ihr beginnt. 1770 erfolgt der symbolische Eheschwur und Wilhelmines erste Niederkunft. Das Kind überlebt nicht, ebenso wie ein zweites (1774) und drittes (1777). 1778 trifft sie erstmals Friedrich den Großen und wird von ihm als offizielle Maitresse des Kronprinzen anerkannt. Danach kann sie ein palaisartiges Haus in Charlottenburg beziehen, wo ein Jahr später ihr erstes überlebendes Kind, Graf Alexander von der Mark, geboren wird. Alexander („Ander“) wird das Lieblingskind des Kronprinzen, stirbt aber bereits 1787 und erhält das berühmte Kindergrabmal Gottfried Schadows. Ab 1778/1781 gerät Friedrich Wilhelm unter den Einfluß der Rosenkreuzer, beendet sein sexuelles Verhältnis mit Wilhelmine und organisiert ihre
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Scheinheirat mit seinem Geheimkämmerer Johann Ritz, mit dem sie – Schein hin, Schein her – zwei weitere Kinder hat. Sie heißt jetzt Madame Ritz. Ob überhaupt und wie lange die Beziehung zu Friedrich Wilhelm stagniert, ist unklar. Als er 1786 König wird, ist sie jedenfalls schon längst wieder in seiner Nähe und fungiert als seine Vertraute und Seelenfreundin, ungeachtet seiner beiden morganatischen Ehe-Abenteuer. Sie schreiben und treffen sich ständig, nicht zuletzt, weil Wilhelmine ihn bei seinen zahlreichen Bauvorhaben berät, z.B. bei der Inneneinrichtung des Marmorpalais’ in Potsdam und des Schlößchens auf der Pfaueninsel. Danach kommt in schneller Folge ihr höfisches Schicksal zum Abschluß. Zunächst schickt der König sie mit ansehnlichem Gefolge für ein Jahr nach Italien, wo sie zahlreiche Kunstkäufe für ihn tätigt, von Angelika Kauffmann gemalt, vor allem aber von hohen europäischen Aristokraten umschwärmt und sogar mit Heiratsanträgen bedacht wird. Zum Höhepunkt dieses Triumphzugs wird die Übergabe des Adelspatents, das ihr Friedrich Wilhelm II. nach Venedig schickt. Gleich nach der Rückkehr bezieht sie als Gräfin Lichtenau ein Palais unter den Linden und tritt, vielleicht nicht immer ganz geschickt, als Gastgeberin der Hofgesellschaft auf. All das dauert nicht länger als ein gutes Jahr. Als der König schwer erkrankt, zieht sie nach Potsdam, um ihm nahe zu sein. Als er am 16. November 1797 stirbt, wird sie vom neuen König sofort verhaftet, enteignet und unter Hochverratsanklage gestellt. Zugleich geht eine Flut von Schmähschriften auf sie nieder. – Hier kann ich enden, obwohl ihr Leben noch 23 Jahre lang weitergeht, im Schlechten und im Guten. Im Sommer 1820 stirbt sie in Berlin und wird in der St.-Hedwigs-Kathedrale beigesetzt.
III Kommen wir endlich zu den Briefen. Was erwartet einen, der sie im Geheimen Staatsarchiv zu Berlin zu studieren versucht? Zunächst natürlich die Enttäuschung, daß die Briefe Wilhelmines weitgehend fehlen. Aber das hat man ja schon gewußt. In Parenthese: Wenn man dann einige Autographen von ihr findet, ist man fast froh über den Verlust, denn Wilhelmines Handschrift erweist sich als hieroglyphisch, ihre Syntax als chaotisch und ihre Rechtschreibung als abenteuerlich. Für die Umschrift z.B. eines Billetts von 15 Zeilen braucht man eine Stunde und kann danach nicht behaupten, einen verläßlichen Text erstellt zu haben. Aber auch die Briefe Friedrich Wilhelms haben mancherlei Überraschung für einen bereit. Das betrifft in seinem Fall nicht die Schrift, die im Grunde verläßlich ist, obwohl man auch hier zwei bis drei Tage braucht, bis man sich in seine individuelle Variante der „deutschen“
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Schrift eingelesen hat. Überraschend hingegen ist der Überlieferungsweg. Friedrich Wilhelm hat nämlich die eigenen Briefe in Päckchen von 10-40 Stück persönlich eingesiegelt und mit einem Einsiegelungsdatum versehen. Danach hat er die ganzen frühen Briefe im Februar (?) 1787, also kurz nach seinem Regierungsantritt, verpackt und versiegelt, als gälte es, ein lebensgeschichtliches Kleinod dokumentarisch zu sichern. Spätere Briefe hat er laufend, d.h. mit aktuellerer Datierung verpackt. Versucht man diese Dateiverwaltung in eine Geschichte zu übersetzen, dann ergeben sich allerhand Fragen. Wann und warum hat er seine Briefe von Wilhelmine zurückgefordert, und warum hat er sie von den ihren, die ja sowieso in seinem Besitz waren, getrennt? Hat er auch ihre Briefe verpackt und versiegelt, und wenn ja, warum haben dann die erbitterten Erben die ihren vernichtet, die seinen aber nicht einmal geöffnet? Denn die erste Öffnung fand, archivalisch sauber vermerkt, nicht früher als 1902 statt. Ich lasse das unkommentiert, merke aber an, daß man als Benutzer den Eindruck gewinnt, als signalisiere diese Buchführung eine Persönlichkeitskonstitution, die insgeheim das Private über das Politische stellt. Als Historiker könnte man unterstellen, Friedrich Wilhelm habe die vom Onkel ererbte Last einer verstandesgeleiteten Autokratie an zwei metaphysische Instanzen delegiert: an die Leitung durch eine mystischgöttliche und durch eine liebend-weibliche Autorität, wovon uns hier nur die letztere beschäftigen darf. Er war im übrigen kein wirklich schlechter König. Die zweite Überraschung ist für den Benutzer zunächst einmal ärgerlich, denn sie betrifft die fehlende Datierung der Briefe. Nach meiner Schätzung sind von den Briefen der ersten 12 Jahre, die ich bevorzugt gelesen habe, mindestens 90 Prozent undatiert. Fragt man sich, wann und unter welchen Umständen dieses Prinzip durchbrochen wird, also Datierungen trotzdem auftauchen, dann heißt die prospektive Antwort: wenn der Bereich des privaten Liebesgesprächs überschritten wird. Die ersten Datierungen tauchen 1778 auf, als Friedrich Wilhelm anläßlich des Bayerischen Erbfolgekriegs in wechselnden böhmischen und schlesischen Etappen weilt und Wilhelmine ein sorgfältig geführtes Lager-Tagebuch zukommen läßt. Andere Datierungsfälle sind weniger eindeutig, aber generell gilt wohl: das reine Liebesgespräch, auch das briefliche, hat für Friedrich Wilhelm keine kalendarische, sondern eine eigene Zeit. Es folgt dem zufälligen Rhythmus des körperlichen und seelischen Erlebens. Bevor ich diesen Gedanken weiterverfolge, muß ich eine dritte Überraschung einschalten. Sie betrifft die Menge der Briefe. Ich sprach von mindestens 500 Briefen, aber da ich nicht gezählt, sondern nur hochgerechnet habe, und da völlig unsicher ist, ob die eigenwillige Wilhelmine wirklich alle Briefe von ihm aufbewahrt hat, kann die wirkliche Zahl we-
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sentlich höher liegen, bis hin zu einer virtuellen Tausendergrenze. Friedrich Wilhelm soll die Schreibtischarbeit nicht gemocht haben, aber in der Liebe zu Wilhelmine erweist er sich als ein unermüdlicher, fast zwanghafter Schreiber. Der Liebende schreibt ja etwa nicht nur, wenn er auf Reisen ist. Er schreibt auch, wenn man sich räumlich nah ist und so oft wie möglich trifft. Ist er nach langen Nachtritten vom geheimen tête-à-tête mit ihr zurück, um in Berlin oder Potsdam seinen täglichen Militärdienst anzutreten, schreibt er ihr trotzdem noch am selben Tag oder wenigstens am nächsten, um ihr zu danken, von seinen Gefühlen und Verdächten zu reden und das nächste Treffen zu vereinbaren. Und schon wenig später fordert er die ausbleibende Antwort ein. Das erinnert weniger an den Werther als an die ca. 1000 kleinen Briefbotschaften, die Goethe ein Jahrzehnt lang vom Ilm-Gartenhaus an Charlotte von Stein geschickt hat. Allerdings ist der postalische Aufwand, den Friedrich Wilhelm treiben muß, wesentlich größer. Ständig müssen Boten für ihn und sie über die märkische Heide ziehen, um das Liebesgespräch nicht abreißen zu lassen. Ich wüßte – außer Goethe – kein Beispiel aus der Formationszeit des modernen Subjektivismus, das die Wunschvorstellung von der Spontaneität des Briefes besser bestätigte als diese Korrespondenz. Beim Starren auf diese obsessive Briefschrift eines Halb-Naiven (dazu gleich mehr) sind mir zwei halb-naive Fragen aufgestoßen. Nämlich: gibt es a) neben dem uns so vertrauten stilisierten, d. h. diskurshaften Liebesbrief vielleicht doch den „wahren“, den spontanen Liebesbrief, in dem Metasprachlichkeit wenigstens der Intention nach keinen Raum hat? Wenn dem so wäre – wenn also der halb vergessene Roland Barthes8 gegen den fortrumorenden Michel Foucault recht behielte –, hätte dann b) der intentional „wahre“, also naiv-spontane Liebesbrief unter all den divergierenden Zeittakten des Bewußtseins und seiner Äußerungsformen nicht den Anspruch auf die höchste Zeitabgewandtheit, und sei es nur im Kern? Wir haben drei rechte glükliche tage und zwei rechte glükliche nächte alle weile in berlin mit einander zugebracht got wol uns noch viel dergleichen stunden geben ich bin ihnen unaussprechlich gut [...] ich werde noch zuletzt dol vor lauter liebe werden (48 M 35)
Oder: es hat mich recht geiamert ihnen heüte früh meinen peltz weg zu nehmen, er war gantz warm als ich ihn anzog (48 M 26)
Was haben solche Protokolle spontaner Glückserfahrung, die man getrost als Kernelemente des Liebesbriefs bezeichnen darf, eigentlich mit der 8
Vgl. Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe, übersetzt von Hans-Horst Henschen, 6. Aufl. Frankfurt/Main 1988 (Französische Erstausgabe 1977).
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kollektiven Zeiterfahrung zu tun? Nicht daß sie unabhängig von Raum und Zeit wären: da ist von Tagen und Nächten in Berlin die Rede und von einem „Pelz“, der den plumpen Historiker natürlich auf eine kalte Jahreszeit schließen läßt. Aber genau besehen sprechen solche Stellen gar nicht von einer bestimmten Zeit, sondern eher von einem Einhalten oder gar Heraustreten aus der bestimmbaren Zeit. Sie sprechen noch nicht einmal von der uns so am Herzen liegenden Liebesgeschichte.9 Ich sage das, weil ich nachträglich gemerkt habe, daß die meisten meiner Exzerpte und Transkriptionen eben diesem Historikerinteresse an Raum und Zeit verpflichtet sind, während ich die repetitiven Formen des lust- und angstvollen Ich- und Wir-Sagens, die das Wesen des Textes ausmachen und keine Beziehung zum kollektiven Zeitrahmen suchen, sträflich vernachlässigt habe. Offensichtlich war ich spontan auf die Liebesgeschichte aus und nicht auf die Liebessprache, deren Bekenntnis- und Beschwörungscharakter wir bekanntlich zunehmend mit Skepsis betrachten. „Siehe die Liebenden“, singt Abelone in Rilkes Malte Laurids Brigge von 1902, „wenn erst das Bekennen begann, wie schnell sie lügen.“ Friedrich Wilhelm, der seine Liebesbriefe instinktiv undatiert ließ, hätte dem widersprochen. Er hätte auch die strukturelle Lüge der Liebessprache, das bewußte Reden nach fremden Texten, vermutlich nicht als solche akzeptiert, obwohl er ihr, wie wir gleich sehen werden, gar nicht ausgesetzt war. Nietzsches „Denn alle Lust will Ewigkeit“ hätte er vermutlich spontan zugestimmt. Die vierte Überraschung betrifft die stilistische Qualität. Das Anrührende, das von Friedrich Wilhelms obsessiver Briefrede zweifellos ausgeht, hat eine ganze Reihe von Gründen. Einige davon haben wir bereits kennengelernt, anderen werden wir noch begegnen. Ob es einen Generalbegriff dafür gibt, sei dahingestellt. ‚Intendierte Aufrichtigkeit‘ dürfte einiges davon treffen, aber vermutlich nicht alles. Auffällig ist das Fehlen jeglicher stilistischer Prätention, weshalb man vielleicht besser von Schreibweise als von Stil sprechen sollte. Im Grunde schreibt Friedrich Wilhelm ein Berlinisches Alltagsidiom, also eine dialektal eingefärbte Sprechsprache, wie sie in der nichtrepräsentativen Sphäre des Hofes wohl gang und gäbe war. Zur schriftlichen Form dieses Umgangsdeutschs gehört die Abwesenheit systematischer Zeichensetzung (die man auch aus Sturm-und-Drang-Briefen kennt), eine fehlerhafte Orthographie, eine im Großen und Ganzen zwar richtige, aber anspruchslose Syntax und eine von ungehemmten Berolinismen durchsetzte Grammatik: 9
Roland Barthes [Anm. 8] hat die Liebesgeschichte als das “große narrative Andere”, das „der öffentlichen Meinung unterworfen ist“, dem „imaginären Fluten“ der Liebessprache geradezu entgegengesetzt. „[...] die Liebesgeschichte (das ‚Abenteuer’) ist der Zoll, den der Liebende der Welt zu entrichten hat, um sich mit ihr wieder zu versöhnen.“ (Vorrede, S. 20).
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ob ihr brief zwar sehr hart ist so habe ich ihm doch geküst, er ist sehr gut geschrieben und hat viel ein druck bei mich gemacht, ich werde ihnen in meinem leben nicht vergesen (48 M 35)
In meiner akademischen Jugend hatte man für derlei den Begriff des ‚restringierten Codes‘, der mit der Vorstellung mangelhafter Aufstiegschancen verbunden war. Beides hilft in unserem Fall nicht weiter. Schlechtes Deutsch schrieben damals viele deutsche Fürsten, darunter so prominente wie Friedrich der Große oder Anna Amalia von Weimar. Die eigentliche Hochsprache bei Hofe, aber auch in Teilen des Offizierscorps, der Ministerien und des Landadels, war Französisch, nicht Deutsch, und wer letzteres nicht gut beherrschte, brauchte nicht um sein Ansehen zu fürchten. Auch Friedrich Wilhelm lernte vom dritten Lebensjahr an Französisch und hatte im Alter von sieben Jahren, wie sein Erzieher dem König meldete, Schwierigkeiten mit der deutschen Konversation.10 Die Frage, auf die es ankommt, heißt deshalb auch nicht: warum verfügte der Kronprinz nur über ein volkstümliches Deutsch? Sie heißt: warum führte er den zentralen Dialog seines Lebens in ebendieser Sprache? Wäre Französisch, die Sprache nicht nur der politischen sondern auch der galanten Welt, in diesem Fall nicht besonders naheliegend gewesen? Hatte er nicht, in pygmalionhafter Anwandlung, die noch kindliche Wilhelmine nach Paris geschickt, um sie mit Sprache und Stil der aristokratischen Gesellschaft bekanntzumachen? Hätten die Briefe diesen nachholenden Lernprozeß nicht ideal abgerundet? Doch obwohl es in ihnen an Mahnungen, das Französische zu perfektionieren, nicht fehlt, war es als Liebessprache offensichtlich zu keinem Zeitpunkt vorgesehen. Wie Friedrich Wilhelm mit seinen beiden regulären und seinen beiden morganatischen Ehefrauen gesprochen und korrespondiert hat, ob ausschließlich Französisch oder gemischt, konnte ich nicht ermitteln. Allerdings sind die 1793-96 entstandenen Werbebriefe an seinen letzten großen Schwarm, die Frankfurter Bankierstocher Sophie von Bethmann-Metzler, durchgängig französisch, einschließlich der Antworten Sophies.11 So spricht alles dafür, daß Friedrich Wilhelms Sprachoption für den Briefwechsel mit Wilhelmine nicht nur ein bewußter, sondern auch exklusiver Akt war. Man muß nicht lange lesen, um zu spüren, daß der Schrei10
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Vgl. den Bericht des Prinzenerziehers Nicolaus Beguelin an den König vom 6. Februar 1751: « Il la (= la langue allemande, C. W.) sait très imparfaitement et comme il l’a bannie lui-même de notre conversation, il pourrait aisement arriver qu’il en perdit insensiblement l’usage. » In : Bogdan Krieger: Zur Kindheits- und Erziehungsgeschichte Friedrich-Wilhelms II., in: Hohenzollern-Jahrbuch 12 (1908), S. 70–102, hier: 92. Vgl. Der Liebesroman eines preußischen Königs (Der Briefwechsel König Friedrich Wil helms II. mit Sophie von Bethmann-Metzler), hg. von Richard Schwemer, Frankfurt/Main 1930.
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ber seine einzig dauerhafte Liebe in der privatesten und spontansten aller Ausdrucksweisen verhandelt sehen wollte. Ob er über ein anderes, besseres Schriftdeutsch überhaupt verfügte, ist schwer zu ergründen, weil seine deutschsprachige Amtskorrespondenz ja in der Regel diktiert war. Aber natürlich wußte er, wußten beide sehr genau, wie weit sie vom Hochdeutschen entfernt waren. Zum erotischen Miteinander der beiden gehörte nämlich, wie dem Briefwechsel zu entnehmen ist, ein intensives gemeinsames Lesen, und zwar vor allem deutsch geschriebener Literatur. Natürlich lasen sie auch Voltaire und Rousseau, aber häufiger ist von Lessing, Goethe, Forster oder den übersetzten Lateinern und dem übersetzten Shakespeare die Rede. Immer wieder kündigt er an, welchen Text er ihr beim nächsten tête-à-tête vorlesen wird, und viele seiner Briefe sind mit literarischen Pseudonymen unterzeichnet, am liebsten mit „Romeo“. Mit anderen Worten: wenn Friedrich Wilhelm seiner Geliebten vorlas, benutzte er Dativ und Akkusativ tausendmal richtig, wenn er das Buch absetzte, hundertmal falsch. Erstaunlicherweise hat diese Lektüre, zu der auch die großen Liebesromane der Zeit wie Rousseaus Nouvelle Héloïse und Goethes Werther gehören, keinerlei stilistischen Einfluß auf die Briefe genommen. Von den „Privatcodes“ und Sprachspielen, die Ernst Leisi als typisch für die erotische Paarsprache beschrieben hat,12 finden sich einige in Friedrich Wilhelms Schreibweise durchaus wieder, andere nicht. Am auffälligsten ist das Spiel mit Namen aus den gemeinsamen Lieblingsbüchern. Zahlreiche Briefe sind mit solchen Namen unterschrieben, am häufigsten mit „Romeo“ (vielleicht in Kenntnis des berühmten Dialogs über den Namenwechsel im zweiten Akt). Die Geliebte wird seltener so adressiert (z.B. „lüsile“), dafür durchwegs mit Kosenamen (rieke, rixe, rire) angesprochen. Hingegen gibt es nichts von dem, was Leisi den „gesamthaften Nachvollzug“ nennt. Also kein Nachstellen bestimmter romanhafter Konstellationen und vor allem keine Annäherung an bestimmte literarische Liebesdiskurse. Möglich, daß ich etwas übersehen habe, aber mehr als die Anlehnung an kurrente bürgerlich-empfindsame Liebesvorstellungen und eine damit verbundene unglückliche Bewußtseinslage (die er aber, wie wir gleich sehen werden, konkret begründen kann) kann ich nicht ausmachen. Als Briefschreiber bleibt Friedrich Wilhelm lebenslang bei seinem Privatidiom der Einfachheit und Intimität, das eher an Lessings „Schreibe wie Du redest, so schreibst Du schön“13 erinnert als an die hochartifiziellen Liebesrhetoriken von Rousseau und Goethe. 12 13
Ernst Leisi: Paar und Sprache. Linguistische Aspekte der Zweierbeziehung, 3., durchgesehene Auflage, Wiesbaden 1990 (zuerst 1978). Erster überlieferter Lessing-Brief an seine Schwester Dorothea Salome vom 30. Dezember 1743, in: Werke und Briefe, Band 11/1: Briefe von und an Lessing 1743–1770, hg. von
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So viel zu den ersten Eindrücken und Überlegungen, die sich aus der fragmentarischen Lektüre eines Briefkonvoluts im Lesesaal des Geheimen Preußischen Staatsarchivs ergeben haben. Was dabei zutage trat, ist überraschend genug, nämlich eine Liebesrede, welche ihre Herkunft aus dem Maitressenmilieu des Ancien Régime so gut wie vergessen macht und die von Roland Barthes strukturell und anthologisch rekonstruierten Kriterien der elementaren Liebessprache in unerwarteter Reinheit bestätigt, ja überbietet. Barthes versteht die Liebesrede als eine (möglicherweise letzte) nichtdomestizierte Sprachform. Als solche verfügt sie über ein typisches Figureninventar, aber keine logisch-dialektische und zeitliche Ordnung. Spiegelt sie doch den chaotischen Gemütszustand des Liebenden, der von ungeregelten Erwartungen, Phantasien und Verlustängsten beherrscht wird. Formal erscheint sie uns dementsprechend als zwanghaft, repetitiv und zufallsbestimmt. Wo sie in Metasprache oder ins Bewußtsein eines biographischen Erlebens übergeht, ist sie bereits verfälscht. Obwohl Barthes seine sprachlichen Belege überwiegend aus der (Welt-)Literatur sammelt, zielt er auf einen vorliterarischen, also nicht kalkulierten Kern der Liebesrede. Das ist so hypothetisch wie der ‚Ur-Liebesbrief‘, von dem ich anfänglich sprach, weiß sich aber gerechtfertigt durch die Unvermeidlichkeit erotischer Entäußerung, die, selbst wo sie nicht ankommt, unwillkürlich auf eine imaginierte Zweisamkeit angelegt ist. Dies vorausgesetzt, wäre das Kernelement des Liebesbriefs die lustund angstvolle Beschwörung einer gefährdeten Kontinuität, nämlich der irrationalen Glückserfahrung der physisch-geistigen Anziehung. Wobei die Gefährdung gar nicht so sehr in der regulierungssüchtigen Außenwelt läge, sondern mehr noch im hämischen Andringen der baren Sexualität und der Wandelbarkeit der Gefühle. Liebesbriefe sind primär nicht literarische, sondern manische Rede. Jeder versucht sie zu schreiben, auch wer gar nicht schreiben kann. In diesem Sinn sind sie auch keine Kulturtechnik. Ich würde sie eher in die Nähe des Glaubens oder der Magie rücken. Im Gegensatz zu naiven Gedichten (einer Kulturtechnik), die uns so leicht ärgern können, sind uns naive Liebesbriefe schwerlich ein Ärgernis. Im Gegenteil. Glauben wir doch zu spüren, daß der Liebesbrief da am authentischsten ist, wo er naiv ist. Jedenfalls ist es mir beim Lesen der im Kern naiven Liebesbriefe Friedrich Wilhelms so gegangen. Nur dies hat mich veranlaßt, sein Schreibverhalten versuchsweise ernst zu nehmen und mit der virtuellen Ur-Form des Liebesbriefs zu verrechnen. Datierungslosigkeit (also Zeitabgewandtheit), Schreibzwang (also Nichtaufhören des Dialogs) und Wahl Helmuth Kiesel unter Mitwirkung von Georg Braungart und Klaus Fischer, Frankfurt/Main 1987, S. 7.
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des Privatidioms (also Authentizitätsverlangen), das schien mir eine elementare Einheit, einschließlich der Geste des Versiegelns der quasi heiligen Texte.
IV Der dreißig Jahre währende, alle erotischen Metamorphosen und biographischen Krisen wunderbar überdauernde Liebesbriefwechsel zwischen Friedrich Wilhelm II. und Wilhelmine Enke-Lichtenau dürfte im damaligen Deutschland, ja Europa wenig Vergleichbares haben. Eine Maitresse oder Neben-Ehefrau, die aus dem Volke kam, war in den europäischen Fürstenhäusern zwar selten, aber durchaus denkbar, ein einschlägig dokumentiertes Liebesprotokoll schwerlich. Von all dem, d.h. von der historischen Außensicht der Sache, ist hier, zugunsten einer genrespezifischen Innensicht, wenig die Rede gewesen. Zu dieser Außensicht gehört ja nicht nur die ungewöhnliche Paargeschichte, die ich aufgrund der Quellenlage zurückgestellt habe, sondern auch das komplexe geistes-, kultur- und politikgeschichtliche Rahmenwerk, aus dem sich, wie schon angedeutet, auch unser Briefdiskurs nicht gänzlich herauslösen läßt. Vor allem zu letzterem, der Einbindung des Geschehens in die bürgerliche Empfindsamkeitsbewegung, die zeitgenössische Maitressenkultur und den preußischen Spätabsolutismus, hat Alfred Hagemann in seiner schon genannten Studie wichtige neue Einsichten geliefert. Von ihnen sei hier nur das genutzt, was unmittelbar in den Brieftext eingegangen ist. Das ist aufgrund der manischen und unintellektuellen Schreibweise nicht viel, aber doch genug, um den idiosynkratischen Hintergrund dieser individuellen Liebesschrift zu erhellen. Vor allem zwei Aspekte haben uns hier zu interessieren, die beide mit der höfischen Herkunft des Schreibers zu tun haben, nämlich das Verhältnis zu seinem Onkel Friedrich, dem übermächtigen König, und das Verhältnis zur Praxis der dynastischen Ehe. Das Verhältnis zwischen Kronprinz und König war, nicht zum ersten und letzten Mal in der preußischen Erbfolge, irreparabel schlecht, wobei Verachtung (von seiten des Königs) und Haß (von seiten des Prinzen) sich wesentlich aus der kontroversen Einstellung zur geschlechtlichen Liebe nährten. Dementsprechend geistert der König als misanthropischer und vor allen misogyner Unhold und als geborener Feind des gemeinsamen Glücks durch den Briefwechsel. Zu bedenken ist allerdings auch, daß die Liebesgeschichte des Kronprinzen mit jener regressiven Charakterentwicklung des alternden Königs zusammentraf, deren wuchernder und nicht selten blinder Autokratismus
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auch andere, ihm gewogenere Personen zur Verzweiflung brachte. Friedrich Wilhelm an die Geliebte: Fxxx [Kürzel für Friedrich II.] hat einen aus schlag auf dem ganzen leibe bekommen und hat die nacht so viel ausgestanden, das er wie ein kind geweint hat, bald würde er einem jammern wen er nicht so ein wildes thier währe der über nichts als sich selbst und über seinen hunde weint wen sie krank seindt oder sterben14
Oder: das thier ist doch eine rechte zucht ruhte gotes, die aus der höle [= Hölle] durch gotes zorn auf der erden gespien ist, nehmen sie sich in acht das dieser brief keinen fremden in den händen fället (48 M 26)
So unkontrolliert die apokalyptischen Phantasien sind, mit denen der gequälte Kronprinz seinen frauenfeindlichen Onkel belegt, so kontrolliert spricht er zur 16jährigen Wilhelmine über seine Auffassung von der dynastischen Ehe: glauben sie nur das die seremonie von dem schwartzen kerl nicht viel bei mir aus richtet den der segen den der kerel spricht hat ordinere nichts als unsegen zur folge, in dem das personen die die liebe allein verbindet sehr glücklich seind, ich sehe die seremonie an als ein gebrauch um die erbfolge zu bestimmen [...] in desen aber kan eine solche seremonie ohnmöglich mein hertz an einen mir gleichgültigen gegenstand fesseln so wie es meinen nachfolge an meinen kinder versichert15
Drastischer wird er, als 1769 seine erste Ehefrau und Wilhelmine fast gleichzeitig je eine Tochter zur Welt bringen, die letztere als Totgeburt: ich wünschte das dieses ding niemals das licht gesehen hätte und das unsere wilhelmine noch lebte bei der habe ich empfunden was ich niemals empfunden hate nehmlich die wolust vater zu seind [...] – ach got wie finde ich bei solchen gelegenheiten den unterschied der liebe16
Zur Entlastung des Kronprinzen muß gesagt werden, daß die angesprochene ‚legitime‘ Geburt unter Ehebruchsverdacht stand, weshalb diese Ehe gleich danach geschieden wurde. Doch darauf kommt es hier nicht an. Zieht man in Betracht, daß Friedrich Wilhelm mitten in dieses politische Ehe-Karussell hinein den geheimen Ringtausch nebst Liebeschwur mit Wilhelmine vollzog, dann wird deutlich, was er vom höfischen Zynismus des Onkels in diesen Dingen hielt. „[...] ich gebe ihnen recht viel bürger küse“, lautet eine wiederkehrende Formel in den Briefen. Daß seine bürgerliche Moral dann, vor allem nach dem Regierungsantritt, so konsequent nicht war, steht auf einem anderen Blatt. Friedrich Wilhelm 14 15 16
Zitiert nach Hagemann [Anm. 1], S. 16f. Anläßlich seines zweiten Eheschlusses mit Frederike Louise von Hessen-Darmstadt 1769. Zitiert nach Hagemann [Anm. 1], S. 13. Zitiert nach Hagemann [Anm. 1], S. 14.
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war keiner der raren Selbstherrscher im Sinne Friedrichs des Großen, sondern ein normaler absolutistischer König, der einem Ministerialregiment vertraute, was allerdings durch ein nicht ganz so normales Bedürfnis nach intimer Führung problematisch verstärkt wurde. Dieser quasi ‚ganymedische‘ Grundzug seines Charakters bedeutete allerdings nicht, daß es ihm völlig an ‚prometheischer‘ Energie gemangelt hätte. Hat er doch, wenn auch nicht gerade sein politisches Erbe, so doch manches andere höchst eigenwillig zu formen versucht: die künstlerische und musikalische Kultur seiner Hauptstadt, die Frömmigkeit seines Volkes, die nationale Umrüstung seiner Akademien, vor allem aber das Ideal einer Geliebten als Seelenvertrauten.
V Zum letzteren gehört das Wunschbild eines natürlichen, aufrichtigen und gleichberechtigten Liebesdialogs, von dessen brieflicher Version hier die Rede war. Friedrich Wilhelm hat, wie wir durch die Richter der Untersuchungskommission von 1797 wissen, seine Geliebte nicht in das politische Interessenspiel hineingezogen, aber er hat durch alle Phasen des Verhältnisses Trost, Ansprache und Geborgenheit bei ihr gesucht. Wiederholte Trennungen, auch die von ihm selbst veranlaßten, hat er nicht ausgehalten und nach kurzer Zeit wieder rückgängig gemacht. Selbst in der Zeit seiner morganatischen Ehe-Episoden, also im letzten Dezennium des Verhältnisses, scheint in den Briefen kaum etwas so wichtig wie die Vereinbarung des nächsten Zusammenseins, wobei sich der merkwürdige Befund ergibt, daß dieses Zusammensein im Grunde lebenslang unter dem Vorzeichen der Irregularität stand. Wie weit dies von außen erzwungen, wie weit es von ihm selbst (unbewußt?) gewollt war, ist schwer zu beurteilen. Sicherlich, die Widerstände von außen waren groß und dauerhaft. Zunächst erzwang der König mehr als zehn Jahre lang die Geheimhaltung, dann folgten die heuchlerischen Einwände der rosenkreuzerischen Freunde und die berechtigten der Neben-Ehefrauen, ganz zu schweigen vom wachsenden Dauervorbehalt der dynastischen Nachkommen, vor allem des Kronprinzen. Auf der anderen Seite hat Friedrich Wilhelm nie versucht, seine Geliebte zur maitresse à tître zu machen, was am preußischen Hof nicht einfach, aber vielleicht möglich gewesen wäre. Stattdessen ließ er sich auf die Scheinehe Wilhelmines mit seinem Faktotum Johannes Ritz ein, die keine Scheinehe war, sondern eine Art ménage à trois, um gleichzeitig, unter komisch anmutenden Gewissensqualen, seine neuen Affairen von ihr absegnen zu lassen. Auch dies, die Gewissensbisse wegen seiner sexuellen Unzuverlässigkeit, sind ein durchgängiges Motiv
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der Briefe, wobei die Vorstellung, daß körperliches Begehren nicht der maßgebliche Aspekt echter Liebe sei, offensichtlich von Anfang an im Spiel ist. Das allgegenwärtige Beschwichtigungswort von seiner Seite heißt trotzdem „Treue“, und tatsächlich haben sich die beiden ja eine Treue höherer Art gehalten. Daß die Rolle Wilhelmines in diesem Liebes-WirrWarr ungleich komplizierter und riskanter war, läßt sich aus vielen seiner Briefe heraushören. Allerdings auch, daß sie schon früh mit eigener Stimme gesprochen und ihm zu mancherlei Heftigkeit, auch Eifersucht Anlaß gegeben hat. Aus seiner Sicht war diese Selbständigkeit fraglos gewollt. Wüßte man nicht, daß Wilhelmine neun Jahre jünger und zumindest in den Anfängen so etwas wie sein Geschöpf war, die Briefe gäben es kaum preis. Aus dem Widerspruch dieser Wunsch-Symmetrie mit der realen, d.h. asymmetrischen Rollenverteilung hat freilich nur sie Konsequenzen gezogen. Sein halb-naives Liebesideal hat sie wahrscheinlich nie geteilt und später, als sie seine Geisterseherei geschickt zu lenken begann, sogar unterlaufen, doch nie verraten. Obwohl sich also das Fenster zur Außenwelt immer wieder und mit dem Fortschreiten der Zeit immer weiter öffnet, bleibt der erotische Kern der Liebesschrift, das Ausgeliefertsein des Schreibers an die Geliebte, im Grunde unbeeinträchtigt. Äußere und innere Zeit berühren sich zunehmend, ohne sich je wirklich zu vereinigen. Während sich die äußere rasant bewegt und ständig neue Szenerien hervorbringt, verharrt die innere im Stillstand. Denn das Verlangen des Schreibers nach körperlicher und geistiger Nähe erweist sich als dauerhaft und dokumentiert sich in einer endlosen Liebeserklärung, die vor allem von den Wiederholungsfiguren der Beteuerung und der Verlustangst vorangetrieben wird. Die Varianten dieser Figuren resultieren aus der Stimmung, nicht dem Kalkül und bleiben ganz ohne metasprachlichen Kommentar. Friedrich Wilhelm begründet nicht, wie er schreibt, hat jedoch eine intuitive Vorstellung davon, was er schreibt, nämlich eine Liebesrede als Gegenrede. Was darunter zu verstehen ist, mag das folgende Beispiel andeuten: das glük von ihnen geliebt zu sein ist unbeschreiblich, sie nur allein seind wert von mir geliebt zu sein, und ein mensch der so eine treuhe denkungs art hat als ich ist nur wert ihnen zu lieben, got hat uns für einander erschaffen wir hätten beide in der gantzen welt keine gegenstände finden können die sich dermassen für ein ander schiken, als wir es beide thun, got erhalte ihnen sie seind mein zweites leben17
Während überschwengliche Singularitäts- und Wertbeteuerungen dieser oder ähnlicher Art zur Matrix jeder Liebessprache gehören und hier den Leser bestenfalls durch ihre integre Ungeschicklichkeit berühren (oder 17
Zitiert nach Hagemann [Anm. 1], S. 22 (Fußnote 82).
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befremden), springt die intuitive Schlußformulierung durchaus in den Bereich des Originären. Hieße sie „Sie sind mein Leben“, könnten wir sie getrost zum Vorigen schlagen, doch mit ihrer Festlegung auf ein „zweites Leben“ lenkt sie unwillkürlich den Blick auf das Besondere dieser Liebesschrift, nämlich die Modellierung und Befestigung einer dem Schreiber im Grunde verwehrten Gegenwelt, einer ‚rettenden‘ Gegenwelt natürlich, denn daß das „zweite Leben“ das eigentliche sei, steht für ihn außer Frage. Das Einmalige dieses Liebesdiskurses beruht ja nicht darin, daß ein Kronprinz und König mit einem empfindsamen, bürgerlichen oder gar romantischen Liebeskonzept spielt, sondern daß er in rigider Entgegensetzung das eine wie das andere zu leben versucht: die widrige Notwendigkeit der politischen Macht und die elementare Macht der erotischen Hingabe. Um diesem Widerspruch zu entkommen, hätte er – im Sinn der Lessingschen Rücktritte – zum Aussteiger werden müssen. So aber mußte das Experiment aus der Außensicht mißlingen, aus der Innensicht Fragment bleiben. Allerdings ist aus dem Versuch dieses Doppellebens eine Liebesschrift hervorgegangen, auf deren individualitätsgeschichtliche Radikalität der Literaturhistoriker nicht gefaßt ist, weil der anarchische Kern der Liebe als Passion in ihr quasi unaufgelöst hervortritt. Die Beschäftigung mit solchen Rohmaterialen der gelebten Liebessprache könnte einem Projekt, das sich der Erforschung von Liebesbriefkultur widmet, fraglos von Nutzen sein.
VI Zum Abschluß meines Konferenzbeitrages habe ich, mehr oder minder im Sinne von Roland Barthes, dem Auditorium einige typische Belegstellen aus dem Brieftext zur Diskussion gestellt. Sie sollen auch hier, unkommentiert, den Abschluß bilden: got gebe, zu meinem glücke das du immer gesund bleibst den sonsten habe ich keine freüde mehr in der welt wenn ich dich nicht mehr hätte so währe mir das leben zehn mahl schmertzhaffter als der tod, ich werde dich weis got ale tage güter ich denke bestendig an dich und du komst niemals aus meinen gedanken wollte got, das du so wenig aus meinem bete als aus meinen gedanken kämest den währe ich der glüklichste mensch auf der welt (48 M 26) wie angenehm würde es mir sein morgen schon [?] den tod zu sterben für welchen sie mich warnen wen wir beide in unseren armen so sterben und zugleich sterben könten so würde es vielleicht glücklicher für uns seind als noch so lange in dieser fatalen welt zu leben (48 M 35)
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ich habe ohnedem schon verwichene nacht getreümt das du alle hare vom kopffe verlohren hätest und das ich dich mit dem kahlen kopf gesehen hätte [...] adieu liebstes kind wenn ich dich doch diese nacht in meinem bette hätte und das wir do do machen könten den würde ich ruhiger sein (48 M 35) ich habe die gantze nacht von ihnen getreümt viel nersch [wirsch?] zeug aber doch nichts übles (48 M 35) der brief den mich gestern christian gebracht hat, hat bei mir diese nacht geschlafen er hat auf meinem hertzen gelegen und er liegt noch darauf [...] nichts als der tod aleine ist im stande dich aus meinem hertzen zu bringen (48 M 39a) ich lerne alle tage mein glück jemehr und mehr kennen, von einer so göttlichen person als sie geliebet zu seind, ich hofe auch das meine aufführung nicht undanckbar sein wird lieber wollte ich sterben als das ich in meinem hertzen mich selbsten ihrer liebe ohnwürdig schätzen sollte, ein hertz und eine denkungs art als die meinige ist nur allein wert ihr hertz zu besitzen, got hat uns beide für unser beiderseitiges glück erschafen – dabei bleibe ich (48 M 35)
An Wilhelmines Schwester (Gräfin Matuschka) Ich bin in einer abscheulichen Situation beste gräfin um gotes willen bringen sie ihre schwester morgen her sonste steh ich nicht mehr führ mich [...] noch ist nichts geschehen aber ich sage es ihnen ich stehe vor nichts mehr, so lange ich lebe verlase ich ihre schwester nicht und thue ihr alles gutes was ich bisher gethan habe aber komt sie morgen nicht her so folge ich meine neüe liebe ich werde das ansehn als ihrer schwester eigene einwilligung ihr kindt werde ich hertzlich gut seindt und es so glücklich machen als ich kann, ich bin in einer grausamen Situation gräfin glauben sie es nur ich hätte nicht gedacht das ich noch so von sinnen komen könnte komt ihre schwester morgen und sehe ich sie so wird alles wieder gut, wo nicht so schwehre ich ihnen gräfin bei got und meiner ehre so ist es mein ernst wie ich es ihnen sage noch ist es zeit aber einen tag lenger so ist es zu spät sagen sie ihre schwester was ich ihnen sagte was in meine briefe stand die sie nicht gelesen hat und das ich ihr noch treu währe adieu (48 M 26) Ich bin hir, und weder gesund noch wohl und von ihnen belogen und betrogen und hiemit genung für heute (48 M 26) Ich will ihnen auch heute abend etwas vor lesen von unsere julie [= Rousseau: Julie, ou la nouvelle Héloïse, 1761] (48 M 25)
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Meine Cleopatra Ihr Antonius kann nicht bis Montag warten Ihnen wieder zu sehen und [komt] morgen als den Donnerstag schon [...] Ihr getreuer bis im tode Romeo (48 M 17) Sie werden heute wohl ihr empfindsames reise buch [= Laurence Sterne: A Sentimental Journey, erste deutsche Übersetzung 1768] fort fahren wen sie auf den ehrlichen münch mit der höltzernen dose komen werden und an desobligen [= desobligeante, eine Kutschenart] so denken sie an mir, ich liebe sehr das buch und den Charakter desjenigen der es geschrieben hat (48 M 26) gleich nach fünf uhr werde ich morgen abend bei Ihnen kommen, Fiesco [= Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, erschienen 1783] mit bringen und den abend bei Ihnen eßen aber lauter eßen die ich nicht gerne mag bit ich mir aus (48 M 24) Jai lu aujourdhui avec attention l’histoire de malheureux Verter [= Werther, erschienen 1774] elle ma beaucoup touchée je nai guere lu de livre Allemand mieux ecrit, son charactere a beaucoup de resemblence avex le mien (48 M 23)
Aus dem Kriegsquartier in Böhmen, datiert 23. Juni 1778 ich denke recht viel an ihnen besuche auch oft den [unleserl. Wort] von den bauern und küse ihre vile kleine kinder im dorf kenne ich mit nahm und vor nahme die kleine würmer seindt so dreist wenn ich auf der wiese zu weilen sitze so setzen sie mich um mich herum mit ihre kleine hemden und nakenden leib und blosen kopf, und da verzehlen sie mich was in ihrer unschuld das ich mich oft darüber jammern muß die kleine kinder sindt ordentlich recht ale katolsch da müsen sie mich den alerhand vorbeten, da denke ich so dabei das rixe [Kosename für Wilhelmine] auch katholisch ist und bin deswegen die würmchens noch güter adieu leben sie wohl (48 M 49)
Aus dem Kriegsquartier in Breslau, datiert 21. November 1778 (nach der religiösen Wende) Ich mus ihnen auch nur sagen das ich zeit [sic!] dem krieg meine denkungs art sehr gebesert habe und viel solider geworden bin und alles flaterhafte und léger so viel als möglich aus meiner denkungs art verbant habe und wen sie mich so recht begreifen und kennen könten so würden sie mir noch güter seindt als sonst weil ich nun allen wind abgelegt habe mein hertz war immer gut aber ich wahr sehr windig und habe dadurch gegen ihnen gefehlt, got wird mir schon die gnade geben das ich noch in diesem leben die zeit haben werde durch meine aufrichtige liebe gegen ihnen meine fehler wieder gut machen werde, ich weis wohl das mir
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ihr gutes hertz schon lange vergeben hat aber ich habe mir selbst nicht vergeben und fühle noch bestendige gewisens biße das ich ihnen so viel verdrus gemacht habe und ich werde nicht eher über diesen punct ruhe haben bis ich ihnen so glücklich gemacht habe als man es auf erden seindt kann [...] ich küse ihnen tausend mahl (48 M 49)
Aus einem längeren Bericht über die Beratungen zum Basler Frieden, März 1795 es macht mir immer viel unruhe und ich ängstige mir sehr bis das alles und solche depeschen recht begrifen seindt von mir und denen die darein arbeiten weil da immer sachen vorkommen die aus so vielen arten können begrifen werden, ich habe die nacht darüber confuse geschlafen weil ich immer gefürchtet das ich oder andere dabei fehler machen würden [...] Nun empfehle ich mich Ihnen aufs beste und danke mit gerührtem hertzen für aller freundschaft so Sie mir in diesen drei monaten bewiesen [...] es ist der einzige zustandt für mir wo ich jetzt mir glücklich und ruhig fühle (48 M 57)
Cord-Friedrich Berghahn
Das Schreiben der Liebe Wilhelm von Humboldt an Caroline von Dacheröden I Wahrhaft epochal und epochenübergreifend stellt sich der Briefwechsel zwischen Caroline und Wilhelm von Humboldt dar. Er reicht von 1788 bis zum Tod Carolines 1829, vom Kennenlernen des Paares und von der Brautzeit über Humboldts Reisen nach Paris, über seine diplomatischen Missionen in Rom, Aachen, Wien und London bis in die späten Jahre der sprachwissenschaftlichen Studien in Tegel. Als fortdauerndes schriftliches Gespräch legt er Zeugnis ab von der Vernetzung der klassisch-romantischen Kultur und ist zugleich ein Seismograph der zeitgeschichtlichen Tendenzen zwischen Spätaufklärung, Klassik, Romantik und dem Ende der Goethezeit. Trotz der Plünderung des Schlosses Tegel im Jahr 1806, die viele Dokumente vernichtet oder verstümmelt hat, blieben nahezu 1000 Briefe erhalten, die seit der Edition von Anna von Sydow in nahezu 3000 Druckseiten vorliegen.1 In ihr wird das gemeinsame Leben des Paares im Verständnis des 19. Jahrhunderts als Biographie in Briefen präsentiert, aber, gegen die in der Zeit übliche Monumentalisierung der männlichen Stimme, als eine Doppelbiographie zweier distinkter und doch gleichwertiger Stimmen. Im fast undurchdringlichen Dickicht der Briefeditionen Wilhelm von Humboldts und angesichts des Fehlens einer großen Briefausgabe stellt die Edition Anna von Sydows eine maßstabset-
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Wilhelm und Caroline von Humboldt in ihren Briefen, hg. von Anna von Sydow. Bd. I: Briefe aus der Brautzeit 1787 [1788]–1791, Berlin 1906; Bd. II: Von der Vermählung bis zu Humboldts Scheiden aus Rom 1791–1808, Berlin 1907; Bd. III: Weltbürgertum und preußischer Staatsdienst. Briefe aus Rom und Berlin-Königsberg 1808–1810, Berlin 1909; Bd. IV: Federn und Schwerter in den Freiheitskriegen. Briefe von 1812–1815, Berlin 1910; Bd. V: Diplomatische Friedensarbeit 1815–1817, Berlin 1912; Bd. VI: Im Kampf mit Hardenberg 1817–1819, Berlin 1913; Bd. VII: Reife Seelen 1820–1835, Berlin 1916. Zitate, die dieser Ausgabe folgen, tragen künftig die Sigle HS.
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zende Leistung dar,2 der erst in den letzten Jahren Vergleichbares an die Seite gestellt wurde.3 Begünstigt durch die oft jahrelangen Trennungen des Paares schlägt sich in diesem Briefwechsel die Entwicklung zweier sehr unterschiedlicher Charaktere nieder. Insbesondere im Hinblick auf Caroline sind diese Briefe die zentralen Dokumente der Entwicklung einer Intellektuellen zwischen literarischer Klassik und künstlerischer Romantik;4 sie sind zugleich Dokumente der Entwicklung einer neuen, individuellen Sprache der Liebe aus der konventionalisierten Sprache der Empfindsamkeit heraus. Gendertheoretisch gelesen stellt dieser Briefwechsel ein entscheidendes Kapitel der anthropologischen Neubesetzung von Weiblichkeit um 1800 dar. Politisch geben die Briefe Einblicke in das Europa des ancien régime, der Französischen Revolution, der Napoleonischen Kriege, der Befreiungskriege und der Restauration. In ihnen spiegeln sich Glanz und Elend der politischen Hoffnungen von 1789 und 1813 und sie sind zugleich wichtige Zeugnisse der deutschen Metropolenwahrnehmung von Wien, Rom, Paris und London. Was Wilhelm von Humboldt betrifft, so avancierten die Briefe an Caroline von Dacheröden schnell zu einem wichtigen, vielleicht dem wichtigsten Paratext seiner Bildungsjahre; und sie bleiben lebenslang ein 2
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Zu einer kritischen Edition des Korpus der Briefe Wilhelm von Humboldts als Teil der von Albert Leitzmann betreuten Ausgabe der Berliner Akademie der Wissenschaften ist es nicht mehr gekommen. Lediglich Teile seiner politischen Korrespondenz konnten von Wilhelm Richter noch in den Bänden 16 und 17 ediert werden, vgl. Wilhelm von Humboldt: Gesammelte Schriften, hg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, 17 Bde., Berlin 1903–1936; die Gesammelten Schriften werden künftig mit der Sigle GS zitiert. Über das Schicksal der Ausgabe informiert Gerhard Dunken: Zur Geschichte der Herausgabe der „Gesammelten Schriften Wilhelm von Humboldts“ (Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Vorträge und Schriften 75), Berlin 1962; die unüberschaubare Zahl einzelner Briefeditionen verzeichnet bis 1970 Peter Berglar: Wilhelm von Humboldt in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 1970, S. 169–172. Hier sind v.a. die folgenden Editionen zu nennen, die andeuten, welch gewaltiges kulturund literaturgeschichtliches Potential in den Briefen Carolines und Wilhelms zu bergen ist: Wilhelm von Humboldt: Briefe an Friedrich August Wolf. Textkritisch herausgegeben und kommentiert von Philip Mattson, Berlin, New York 1990; Italien im Bannkreis Napoleons. Die römischen Gesandtschaftsberichte Wilhelms von Humboldt an den Landgraf/Großherzog von Hessen-Darmstadt 1803–1809 (Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission. N.F. 4). Bearbeitet von Eva-Marie Felschow und Ulrich Hussong, hg. von Eckhart G. Franz, Darmstadt 1989; – Briefwechsel Carolines arbeiten die folgenden Editionen auf: Karoline von Humboldt und Friedrich Gottlieb Welcker: Briefwechsel 1807–1826, hg. von Erna Sander-Rindtorff. Bonn 1936; Caroline von Humboldt und Christian Daniel Rauch: Ein Briefwechsel 1811–1828, hg. und kommentiert von Jutta von Simson, Berlin 1999. Vgl. die Darstellung von Gustav Sichelschmidt: Caroline von Humboldt. Ein Frauenbild aus der Goethezeit, Düsseldorf 1989.
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Kommentar seiner Charakterentwicklung wie ein Diskussionsforum entscheidender politischer und wissenschaftlicher Ideen. Freilich gesellen sich für Wilhelm andere, in dieser Hinsicht vielleicht nicht weniger wichtige Briefwechsel dazu: der mit Schiller etwa und der mit Friedrich August Wolf, der mit Karl Gustav von Brinckmann und mit Christian Gottfried Körner oder der späte, intensive mit dem Bruder Alexander und die Briefe an Charlotte Diede, jene „Freundin“ der Briefe an eine Freundin. Allein: Diese Briefwechsel fallen stets nur in einen bestimmten Abschnitt von Humboldts persönlicher und wissenschaftlicher Entwicklung. Der mit Caroline aber umspannt fast sein gesamtes Leben. Und er steht als Initial am Beginn seiner Autorschaft, ja er markiert für ihn wie für Caroline eine doppelte Autorschaft, ein das Leben und die Liebe modellierendes Schreiben. Im Rahmen einer von Albrecht Koschorke angeregten Mediologie des 18. Jahrhunderts stellt der Briefwechsel von Caroline und Wilhelm von Humboldt so auch ein zentrales Dokument zur Überprüfung der These dar, dass der Brief im Gefolge der Spätaufklärung nicht nur zum Substitut des Körpers in der Signatur der Verschriftlichung avanciert,5 sondern als Ort der Generation und zugleich der Disziplinierung von ‚Empfindungen‘ kulturgeschichtlich neu besetzt wird.6 Ich möchte meine Überlegungen im Folgenden auf die Briefe aus der Brautzeit beschränken. Dieses Konvolut von 163 Briefen aus den Jahren 1788-1791 ist seit dem Erscheinen der Edition Anna von Sydows als Skript eines gemeinsamen Bildungsprozesses gelesen worden; nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg avancierte es zu einer Art Volksbuch der Inneren Bildung, wovon die zahlreicher Neuauflagen der Sydow’schen Ausgabe, aber auch der Erfolg der Separatedition von 1924 zeugt.7 Für den hier diskutierten Zusammenhang ist entscheidend, dass sich die Transformationen der empfindsamen Liebe und die Verwandlungen des Schriftbegriffs im Liebesbrief um 1800 in diesen Briefen besonders deutlich zeigen. Zugleich entstehen hier an unerwartetem Ort auch grundlegende sprachphilosophische Konzepte im Denken Humboldts. Konzepte, die sich aus den Aporien der Liebessprache ergeben und sein Denken über Sprache überhaupt prägen sollten. Es wird zu zeigen sein, dass sich 5 6 7
Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts, München 1999, insbes. S. 87ff., S. 154ff. und S. 192ff. Nikolaus Wegmann: Diskurse der Empfindsamkeit. Zur Geschichte eines Gefühls in der Literatur, Stuttgart 1988, S. 73. Die Brautbriefe Wilhelms und Karolinens von Humboldt (Memoiren und Chroniken), hg. von Albert Leitzmann, Leipzig 1924. Nach dieser Ausgabe wird unter Verwendung der Sigle HL zitiert. Darüber hinaus wurden die bisweilen ungenauen Datierungen der Ausgabe von Sydows mit den bisweilen genaueren Leitzmanns abgeglichen und – wenn nötig – stillschweigend korrigiert.
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die zentralen linguistischen Auffassungen Wilhelm von Humboldts, von der Forschung bislang unbemerkt, in diesem kulturgeschichtlich hochinteressanten Briefwechsel finden. Im Hinblick auf Carolines Briefe, die denen des Mannes vollkommen ebenbürtig sind, stellt sich die Frage nach dem Konzept weiblicher Autorschaft um 1800. In der Tat entstehen in der deutschen Briefkultur der Aufklärung seit der Mitte des 18. Jahrhunderts Texte, die individuellen literarischen Rang besitzen,8 ein traditionelles Werk-Verständnis aber unterlaufen. Im Fall der Autorinnen um 1800 führt dieser Befund zu der paradoxen Situation, dass (Brief-)Autorinnen höchsten Rangs wie Caroline von Humboldt in den Darstellungen weiblicher Autorschaft keine oder lediglich eine marginale Rolle spielen, während in anderen Fällen ein einziges (und bisweilen eher kulturgeschichtlich bedeutsames) Werk die Position der Autorin in der Geschichte weiblicher Autorschaft legitimiert.9 Die Bedeutung der Autorin Caroline von Humboldt manifestiert sich eben nicht in einem Werk, sondern in ihren Briefen, „in ihrer Schreibweise“.10 Damit ist die Frage nach einer ‚Autorschaft‘ Carolines prinzipiell offen. Legt man, wie Barbara Hahn, die Publikation als Kriterium der Autorschaft fest,11 entzieht sich Caroline – anders als etwa Rahel mit ihren subtilen Strategien der Briefzirkulation12 – der Kategorie Autorschaft. Die Probleme ihres Briefwerks, wie der vieler (Liebes-)Briefschreiberinnen der Sattelzeit, können hier allerdings nur ausgewiesen werden;13 sie verweisen 8 9
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Vgl. Robert Vellusig: Briefkultur im 18. Jahrhundert, Köln, Weimar 2000, S. 153f. Vgl. dazu etwa die marginale Erwähnung Caroline von Humboldts in Barbara BeckerCantarinos Handbuch Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche – Werk – Wirkung, München 2000, die Caroline fast ausschließlich im Materialteil anführt; v.a. Christa Bürgers wichtige Darstellung Leben Schreiben. Die Klassik, die Romantik und der Ort der Frauen, Königstein 2001, stellt am Beispiel des „Briefwerks“ von Caroline Schlegel-Schelling die entscheidenden Fragen weiblicher Autorschaft, vgl. S. 85–108. Christa Bürger: Leben Schreiben [Anm. 9], S. 85. Barbara Hahn: Brief und Werk. Zur Konstitution von Autorschaft um 1800, in: Autorschaft. Genus und Genie in der Zeit um 1800 (Geschlechterdifferenz und Literatur 1), hg. von Ina Schabert und Barbara Schaff, Berlin 1994, S. 145–156, hier S. 150. Zu Rahels Briefwerk vgl. die differenzierte Darstellung von Renate Stauf: „Wen ich nicht behandeln kann, der ist auch nicht für mich“. Liebe und Selbstverhältnis im Briefwechsel Rahel Varnhagens mit Alexander von der Marwitz, in: Tableau de Berlin. Beiträge zur „Berliner Klassik“ (1786–1815) (Berliner Klassik 10), hg. von Iwan D’Aprile, Martin Disselkamp und Claudia Sedlarz, Hannover 2005, S. 331–352, insbes. S. 334ff.; zur Frage des ‘Werks’ vgl. Friedhelm Kemp: Briefe schreiben – lesen – drucken. Rahels „Werk“, in: Romantik und Exil. Festschrift für Konrad Feilchenfeldt, hg. von Claudia Christophersen und Ursula Hudson-Wiedemann, Würzburg 2006, S. 209–212, zur Frage des Werkcharakters vgl. S. 209f. Vgl. dazu auch Wolfgang Bunzel: Schrift und Leben. Formen der Subversion von Autorschaft in der weiblichen Briefkultur um 1800, in: Vom Verkehr mit Dichtern und Gespenstern. Figuren der Autorschaft in der Briefkultur (Beiträge zur neueren Literatur-
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ebenso nachdrücklich auf die Bedeutung des Braunschweiger Forschungsprojekts zur Kulturgeschichte des Liebesbriefs,14 wie auf die Explosion literarischer Optionen um 1800.15
II Humboldt hat seine Ehe mit Caroline rückblickend als den entscheidenden Impuls seines Lebens gedeutet. An Friedrich Gottlieb Welcker schreibt er im Dezember 1809: Eine Heirat hat selten auf einen Mann einen günstigen Einfluß. Mich aber, kann ich wohl sagen, hat die meinige gerettet. Ich habe eine ordentlich unselige Fähigkeit, mich jeder Lage anzupassen, und stand, als ich mich versprach, eben auf dem Punkt, ganz und rettungslos in äußeren Verhältnissen unter uninteressanten Menschen zu versinken, als mich meine Verbindung und der darauf notwendig gründende Plan, selbständig und für mich zu leben, plötzlich wie aus einem Schlummer herausriß. Indes wäre dies noch wenig. Allein der Umgang mit gewissen Naturen, und keine darf man dabei so nennen wie meine Frau, hat durch sich selbst etwa unmittelbar und in jedem Moment Bildendes. Bei meiner Frau kommt aber noch hinzu, daß, da einer der Hauptzüge in ihr Ehrfurcht für jedermanns Freiheit ist, das Bildende nur immer jeden in seiner Freiheit weiterführt.16
Die Rolle des schicksalhaften Zufalls, der den jungen preußischen Adligen und die ein Jahr ältere Caroline von Dacheröden, diese in ihrem intellektuellen Herkommen so Unterschiedlichen, zusammengeführt hat, fiel Henriette Herz zu. Sie hatte, zusammen mit Brendel Veit – der Tochter Moses Mendelssohns, der späteren Dorothea Schlegel – eine empfindsame literarische Vereinigung gegründet: den „Tugendbund“. In ihm wurde praktiziert, was spätere Darstellungen oft zu Unrecht ironisiert haben: die praktische Kenntnis des Menschen durch Verfolgung aller seiner seelischen Regungen und die rituelle Verschriftlichung dieser Re-
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geschichte 229), hg. von Jochen Strobel, Heidelberg 2006, S. 157–176, der zwar wie Barbara Hahn (vgl. Anm. 11) an einem Begriff der Autorschaft festhält, dem die Publikation zugrunde liegt, der aber gerade am Beispiel von Autorinnen um 1800 die differenzierten, ja subversiven Strategien des Publizierens und damit die Subversion der traditionellen Autorschaft durch diese Autorinnen nachzeichnet. Vgl. Christoph Schmälzle: Spuren wohlgehüteter Intimität, in: FAZ vom 11.10. 2006, L 1. So betont Anita Runge in ihrer perspektivreichen Studie Literarische Praxis von Frauen um 1800 (Germanistische Texte und Studien 55. Hildesheim [u.a.] 1997) die Offenheit weiblicher Autorschaften zwischen Empfindsamkeit und Romantik (vgl. insbes. S. 9–32). Wilhelm von Humboldt: Briefe. Ausgewählt von Wilhelm Rößle. Mit einer Einleitung von Heinz Gollwitzer, München 1952, S. 315.
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gungen.17 Ebensowenig wie Friedrich Schleiermacher ein Jahrzehnt später konnte Humboldt sich der charismatischen jüdischen Salonière entziehen;18 in ihrem Bannkreis hat er die Grundlagen seiner Liebessemantik erlernt, die im Briefwechsel mit Caroline dann umcodiert werden sollten. Damit steht auch der „Tugendbund“ im Zeichen jener umfassenden „Modernisierung des menschlichen Gefühlslebens“,19 die als eine der entscheidenden Errungenschaften des Zeitalters ein neues Blatt der Mentalitätsgeschichte aufgeschlagen hat. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass die doppelte Bewegung einer zunehmenden Personalisierung, Intimisierung und Subjektivierung von Liebe und einer Zunahme des Schrifttums über Liebe, die so kennzeichnend für die Literatur wie die Epistolographie des späten 18. Jahrhunderts ist, als grundsätzliche Spielanordnung auch diese empfindsame Sozietät beherrscht. So zeigt sich gerade in den frühen Briefen zwischen Caroline und Wilhelm – verfasst unter den Regeln des Tugendbundes – die Beobachtung Foucaults bestätigt, derzufolge Diskurse das in ihnen verhandelte Wissen nicht vorfinden, sondern generieren.20 Nicht um Inhalte ging es dem „Tugendbund“ (oder wenigstens nur peripher), sondern diese wurden Initial „soziale[r] Praktiken“.21 Henriette Herz, Brendel Veit, Carl von Laroche – Sohn der Jugendgeliebten Wielands, der Autorin der Geschichte des Fräuleins von Sternheim – und Wilhelm von Humboldt verfolgten in diesem empfindsamen Zirkel seit dem Winter 1785 darüber hinaus auch ein höchst modernes Projekt – eines in genuin Berlinischer Tradition: die erfahrungsseelenkundliche Erforschung der Psyche und ihrer Äußerungen in Handlung und Empfindung. Zwei Jahre zuvor hatte Karl Philipp Moritz mit seinem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde die theoretischen Grundlagen hierfür gelegt; im Vorwort seines Periodikums fordert er: „Wer sich zum eigentlichen Beobachter des Menschen bilden wollte, der müßte von sich selber ausgehen: erstlich die Geschichte seines eignen Herzens […] so getreu wie möglich entwerfen […]“, und weiter: „Aus den vereinigten Berichten mehrerer sorgfältiger Beobachter des menschlichen Herzens könnte eine Erfahrungsseelenlehre entstehen, welche an praktischen Nutzen alles das übertreffen
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Vgl. Detlef Gaus: Geselligkeit und Gesellige. Bildung, Bürgertum und bildungsbürgerliche Kultur um 1800, Stuttgart, Weimar 1998, S. 126ff. Vgl. Herbert Scurla: Wilhelm von Humboldt. Werden und Wirken, Berlin 1970, S. 34. Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr [Anm. 5], S. 11. „Vor dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts existierte der Mensch nicht. […] Es ist eine völlig junge Kreatur, die die Demiurgie des Wissens vor noch nicht einmal zweihundert Jahren geschaffen hat.“ Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt/Main 1974, S. 373. Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr [Anm. 5], S. 10.
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würde, was unsre Vorfahren in diesem Fache geleistet haben.“22 Insofern ist der „Tugendbund“ kein bizarrer Auswuchs der literarischen Empfindsamkeit, so wie auch die Empfindsamkeit kein bizarrer Auswuchs der Aufklärung ist. Hier wurde das psychologische Denken der Berliner Aufklärung – das avancierteste seiner Zeit in Europa23 – einem lebenspraktischen und diskursformierenden Testfall unterzogen. Von Humboldts Parisreise der Jahre 1788/1789 mit dem Mentor Joachim Heinrich Campe24 ist ein bemerkenswertes Beispiel psychologischer Selbstanalyse erhalten; es wirft ein bezeichnendes Licht auf Humboldts Sozialisation in der Berliner Aufklärung: auf seine Beziehung zum psychologisch neugierigen Moses Mendelssohn (der ihm eine Vatergestalt war),25 auf die zu Moritz (dessen Schriften er las und dessen antikekundliche Vorträge er hörte) und auf die zu Johann Jakob Engel, dem späteren Intendanten des Nationaltheaters. Dieser „Philosoph für die Welt“ – so der Titel seines popularphilosophischen Periodikums – hat seinen Schüler mit seinen vielseitigen wissenschaftlichen Interessen Humboldts Bekenntnis zufolge mehr als jeder andere Lehrer geprägt.26 Dazu gehörten Dichtung und Dichtungstheorie, Anthropologie und Ästhetik, aber auch und entscheidend eine ganz neue Disziplin, für die Engel den Namen der Eloquentia Corporis erfand, man könnte sagen: der Semiotik des Körpers.27 Damit steht Engel am Beginn der modernen Theorie der Performanz. In Humboldts Neugier auf den (eigenen und fremden) Körper, der ihm zum epistemologischen Organ wird, ist sicherlich auch eine Folge dieser Schülerschaft zu sehen. In seinem Journal der Reise nach Paris jedenfalls 22 23 24
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Karl Philipp Moritz: Werke in zwei Bänden, hg. von Heide Hollmer und Albert Meier (Bibliothek deutscher Klassiker). Bd. I. Frankfurt/Main 1999, S. 799 und 794. Vgl. Iwan-Michelangelo D’Aprile: Die schöne Republik. Ästhetische Moderne in Berlin im ausgehenden 18. Jahrhundert (Studien zur deutschen Literatur 181), Tübingen 2006, S. 6ff. Vgl. zu Wilhelm von Humboldts Pariser Lehrjahren Cord-Friedrich Berghahn: Urbane Semantik. Metropolenerfahrungen bei Wilhelm von Humboldt am Beispiel der Pariser Tagebücher. In: Tableau de Berlin 1785–1815 (Berliner Klassik 10), hg. von Iwan D’Aprile, Martin Disselkamp und Claudia Sedlarz, Hannover-Laatzen 2005, S. 307–330, zur Reise mit Campe insbes. S. 310–315. Herbert Scurla: Wilhelm von Humboldt [Anm. 18], S. 27. Von Engels Einfluss auf Humboldt legen Wilhelms umfangreiche Mitschriften seiner Privatvorlesungen für die Brüder Humboldt Zeugnis ab, vgl. GS VII.2, 361–469. Vgl. Helmut Lethen: Die Geste als Ausdruck im Licht einer Handlung. Johann Jakob Engels „Beobachtungen zur Mimik“, in: Johann Jakob Engel (1741–1802). Philosoph für die Welt, Ästhetiker und Dichter (Berliner Klassik 7), hg. von Alexander Košenina, Hannover-Laatzen 2005, S. 137–147, hier S. 146f., und Alexander Košenina: Anthropologie und Schauspielkunst. Studien zur „eloquentia corporis“ im 18. Jahrhundert, Tübingen 1995.
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notiert der 22jährige Humboldt das wohl bemerkenswerteste Dokument der Berliner Erfahrungsseelenkunde: Zwischen Duysburg und Crefeld geht man in einer fähre über den Rhein. Auf der fähre arbeitete ein mädchen mit, äusserst häslich, aber stark, männlich, arbeitsam. Es ist unbegreiflich, wie anziehend für mich solch ein anblik, und ieder anblik angestrengter körperkraft bei weibern – vorzüglich niedrigeren standes – ist. Es wird mir beinahe unmöglich, meine augen wegzuwenden, und nichts reizt so stark iede wollüstige begier in mir. Dieses rührt noch aus den iahren meiner ersten kindheit her[.] Wie sich zuerst meine seele mit weibern beschäftigte, dachte sie sich immer sklavinnen, durch allerlei arbeit gedrükt, tausend martern gepeinigt, auf die verächtlichste weise behandelt. Noch iezt hab’ ich sinn für solche ideen. Noch iezt kann ich wie ehemals mir romane denken, die dieses inhalts sind. Nur mehr geschmak, weniger unwahrscheinlichkeit ist nach und nach in diese romane gekommen, und immer ist es mir psychologisch merkwürdig, sie chronologisch nacheinander durchzugehn. Wie zuerst diese richtung in mir entstand, bleibt mir immer ein räthsel, auf der einen seite diese härte, auf der andren diese wollust. Aber das ist gewiss dass sie, nur verbunden mit den lagen, in die ich kam, meinen ganzen ietzigen charakter gebildet hat, dass aus ihr einsame beschäftigung der einbildungskraft, abneigung gegen gesellschaft und umgang entstand, ferner aus ihr wollust – die auch iezt noch bei mir unverkennbar das gepräge iener ideen hat – aus der wollust liebe, weiberfreundschaft, beschäftigung mit weibern überhaupt, durch diess alles studium der charaktere, streben sich in andrer ideen hineinzudenken, ihre handlungsweise anzunehmen, mit einem wort raffinirte kunst des umgangs, die mich endlich dahin führte andren – allen was ich wollte, manchen viel, mir nichts zu sein, die iede wahre ursprüngliche, eigne empfindung so in mir abschliff, dass keine herrschend blieb, die endlich die gleichgültigkeit und die leere in mir hervorbrachte, an der ich iezt kranke. Wie das alles so licht und klar vor mir da steht. Nur ein paar wochen und