Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen
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Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen
Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen Traditionen, Innovationen, Perspektiven
Herausgegeben von Arne Ziegler unter Mitarbeit von Christian Braun
Band 1: Diachronie, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch Band 2: Frühneuhochdeutsch, Neuhochdeutsch
De Gruyter
ISBN 978-3-11-021993-7 e-ISBN 978-3-11-021994-4 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 쑔 2010 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/New York Druck: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen ⬁ Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany www.degruyter.com
Vorwort Vom 7. bis 10. Mai 2008 fand am Institut für Germanistik der KarlFranzens-Universität Graz der internationale linguistische Kongress zum Thema Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen im Rahmen des Forschungsschwerpunktes Text – Korpus – Sprache der Geisteswissenschaftlichen Fakultät statt. Der vorliegende Sammelband publiziert die ausgearbeiteten und teilweise erweiterten auf dem Kongress gehaltenen Vorträge, ergänzt um fünf Aufsätze von ursprünglich angemeldeten TeilnehmerInnen, die leider in letzter Minute aufgrund nachvollziehbarer Gründe absagen mussten. Es handelt sich um die Beiträge von Mathilde Hennig, Britt-Marie Schuster, Anja Voeste, Claudia Wich-Reif und Ingo Warnke. Insgesamt werden somit in zwei Bänden 52 Beiträge von Autoren aus 12 Ländern präsentiert, die ein eindrucksvolles Bild vom Facettenreichtum und von der Vitalität der aktuellen internationalen Sprachgeschichtsforschung im Bemühen um eine linguistische Auseinandersetzung mit den Untersuchungsgegenständen Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen bieten. Die positive Resonanz der wissenschaftlichen Gemeinschaft sowohl auf den Kongress als auch auf den vorliegenden Sammelband zeugt davon, dass mit dem Rahmenthema einerseits ein zentraler Bereich der germanistischen Sprachgeschichte fokussiert ist und andererseits gerade in diesem Bereich offensichtlich rezente Desiderata existieren, die zahlreiche interessante Untersuchungen provoziert haben und wohl auch in Zukunft weiterhin anregen werden. So gilt mein Dank zuallererst natürlich den Beitragenden, die diesen Sammelband erst möglich gemacht haben und auf das Anschaulichste demonstrieren, wie ungebrochen aktuell das Interesse der gegenwärtigen Sprachgeschichtsforschung an einer Historischen Textgrammatik und Historischen Syntax des Deutschen ist. Ihnen ist es zu verdanken, dass mit dem vorliegenden Sammelband ein ergiebiges Kompendium zur Thematik und gleichermaßen ein Kaleidoskop aktueller sprachhistorischer Forschung entstehen konnte. Darüber hinaus ist es selbstverständlich nur einem engagierten Redaktionsteam, das mit hohem Zeitaufwand die Arbeit unermüdlich vorangetrieben hat, zu verdanken, dass die vorliegenden Bände in relativ kurzer Zeit nach Abschluss des Kongresses das Licht der wissenschaftlichen Welt erblicken können. Namentlich sei in diesem Zusammenhang ganz
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Vorwort
herzlich Frau Stefanie Edler und Frau Melanie Glantschnig für die redaktionelle Betreuung, die mitunter mühevolle Recherche und intensive Formatierungsarbeit gedankt. Herr Dr. Christian Braun, der die gesamte Redaktionsarbeit koordiniert und detailliert betreut hat, hat sich in der Arbeit an dem Sammelband herausragende Verdienste erworben – ihm gilt mein besonderer Dank. Danken möchte ich auch dem Verlag de Gruyter sowie insbesondere Herrn Prof. Dr. Heiko Hartmann für die angenehme und fruchtbare Zusammenarbeit und Unterstützung, ohne die die Publikation des Sammelbandes in der vorliegenden Form sicher nicht möglich gewesen wäre. Verbunden mit meinem Dank an alle, die zur Publikation der vorliegenden Bände beigetragen und die Arbeit daran unterstützt haben, ist der Wunsch nach einer weiteren intensiven und konstruktiven Zusammenarbeit im Bereich der Historischen Textgrammatik und der Historischen Syntax des Deutschen.
Graz, im Herbst 2009
Arne Ziegler
Inhalt Band I:
Diachronie, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch
Vorwort .............................................................................................................. V Arne Ziegler Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen – Eine kurze Einleitung ......................................................... 1 Diachronie Hubert Haider Wie wurde Deutsch OV? Zur diachronen Dynamik eines Strukturparameters der germanischen Sprachen .............................. 11 Franz Simmler Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in Aussagesätzen in biblischen Textsorten vom 9. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts ............................................................ 33 Ulrike Freywald Obwohl vielleicht war es ganz anders. Vorüberlegungen zum Alter der Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen ................................................................. 55 Elke Ronneberger-Sibold Die deutsche Nominalklammer. Geschichte, Funktion, typologische Bewertung ............................................................... 85 Roland Hinterhölzl Zur Herausbildung der Satzklammer im Deutschen. Ein Plädoyer für eine informationsstrukturelle Analyse ......................... 121
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Inhalt
Ursula Götz vnd schwermen so waidlich / als jemandt anders schwermen kan. Nominalphrasen mit jemand und niemand in der Geschichte des Deutschen ......................................... 139 Rosemarie Lühr Bedingungsstrukturen im Älteren Deutsch ............................................... 157 Thomas Gloning Funktionale Textbausteine in der historischen Textlinguistik. Eine Schnittstelle zwischen der Handlungsstruktur und der syntaktischen Organisation von Texten ............................................. 173 Maxi Krause Wie eine historische Grammatik der temporalen Relationen aussehen könnte … .................................................................. 195 Isabel Buchwald-Wargenau: Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen .............................. 221 Andreas Bittner Aspekte diachronischer Fundierung. Historische Linguistik und mentale Repräsentation flexionsmorphologischen Wissens ........................................................................................................... 237 Markus Denkler Adjektive in Inventarlisten – Beobachtungen zur Syntax und zum Textsortenwandel ..................................................... 261 Althochdeutsch Hans-Werner Eroms Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen .................................................................................... 279 Natalia Montoto Ballesteros Einige textlinguistische Aspekte der ahd. Konnektoren inti und joh ..................................................................... 305 Susumu Kuroda Inkorporation im Althochdeutschen ............................................................. 317
Inhalt
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Svetlana Petrova / Michael Solf Pronominale Wiederaufnahme im ältesten Deutsch. Personalvs. Demonstrativpronomen im Althochdeutschen ................................. 339 Oliver Schallert Als Deutsch noch nicht OV war. Althochdeutsch im Spannungsfeld zwischen OV und VO ................................................. 365 Christian Braun Der Einfluss von Tiefenkasusverschiebungen bei der Entstehung von Funktionsverbgefügen im Althochdeutschen ................................... 395 Eva Schlachter Zum Verhältnis von Stil und Syntax. Die Verbfrüherstellung in Zitat- und Traktatsyntax des althochdeutschen Isidor ....................... 409 Claudia Wich-Reif „Das Spiel vom Fragen“ – (k)ein Problem der althochdeutschen Syntax? ..................................................................... 427 Mittelhochdeutsch Mechthild Habermann Pragmatisch indizierte Syntax des Mittelhochdeutschen ........................ 451 Heinz-Peter Prell Konstruktionsmuster und -strategien im mittelhochdeutschen Satzgefüge. Ein Werkstattbericht ......................... 471 Sandra Waldenberger Von Lust und Frust korpusbasierter Syntaxarbeit. Aus der Werkstatt Mittelhochdeutsche Grammatik – das Werkstück ‚Präposition‘ ........................................................................ 483 Ursula Schulze Nebensatztypen in der Urkundensprache des 13. Jahrhunderts. Zur syntaktischen und semantischen Wertigkeit mittelhochdeutscher Subjunktionen .......................................................... 497
X
Inhalt
Jürg Fleischer Zur Abfolge akkusativischer und dativischer Personalpronomen im Prosalancelot (Lancelot I) ................................... 511 Gisela Brandt Textsortenabhängige syntaktische Variation in Christine Ebners Schwesternbuch des Dominikanerinnenklosters Engelthal (Mitte 14. Jh.) – Wie weit reicht sie? ........................................ 537 Catherine Squires Konstantes und Variables im Aufbau von deutschen mittelalterlichen heilkundlichen Texten und angrenzenden Textsorten ..................................................................... 561 Wernfried Hofmeister Die Praxis des Interpungierens in Editionen mittelalterlicher deutschsprachiger Texte. Veranschaulicht an Werkausgaben zu Hugo von Montfort ...................................................... 589
Band II: Frühneuhochdeutsch, Neuhochdeutsch Frühneuhochdeutsch Andreas Lötscher Verbstellung im zweiteiligen Verbalkomplex im Frühneuhochdeutschen – Textlinguistik und Grammatik ...................... 607 Hans Ulrich Schmid wir muessen etwas teutsch reden … Empirische Wege zur historischen Mündlichkeit ............................................................................ 631 Ingo Warnke Verschriftete Geometrie – Grammatische Mittel der Raumerfassung in Albrecht Dürers Vnderweyſung der meſſung (1525) ..................................................................... 647
Inhalt
XI
Britt-Marie Schuster Gibt es eine Zeitungssyntax? Überlegungen und Befunde zum Verhältnis von syntaktischer Gestaltung und Textkonstitution in historischen Pressetexten .......................................... 665 Dana Janetta Dogaru Umfang und Ausbildung der Ganzsätze in den Hermannstädter Ratsprotokollen der Zeit 1556-1562 .......................................................... 689 Monika Rössing-Hager Konkurrierende Strukturen für die Relation Voraussetzung – Folge in frühreformatorischen Schriften Martin Luthers. Beobachtungen zu ihrer textkonstitutiven und kommunikativen Funktion .................................................................. 711 Albrecht Greule Textgrammatik und historische Textsorten am Beispiel sakralsprachlicher Texte ............................................................................... 741 Alexander Lasch Es sey das Fewer in der Stadt. Textpragmatische und -grammatische Überlegungen zu vormodernen Feuerordnungen ............................................................................................ 759 Odile Schneider-Mizony Syntaktische Präferenzen als Kommunikationsmaximen in der Grammatikographie 1500-1700 ....................................................... 781 Manja Vorbeck-Heyn Syntaktische Strukturen in den Summarien in Drucken des 15. und 16. Jahrhunderts ...................................................... 799 Lenka Vaňková Zum Ausdruck der kausalen Relation in den spätmittelalterlichen medizinischen Texten .............................................. 829 Marija Javor Briški Instruktion Kaiser Maximilians I. vom 7. August 1515 an die Krainer Landstände und ainer ersamen landschaft undertanige antwort. Ein vergleichende syntaktische Untersuchung ........................... 841
XII
Inhalt
Eckhard Weber Sprachliche Besonderheiten der Fehdekommunikation – Ehre und Öffentlichkeit in der Fehde des späten Mittelalters .................... 859 Andrea Hofmeister-Winter Auf der Suche nach dem ‚Satz‘ – Graphetische Syntax-Marker am Beispiel frühneuzeitlicher Autographe ................................................ 875 Neuhochdeutsch Vilmos Ágel Explizite Junktion. Theorie und Operationalisierung ............................. 899 Mathilde Hennig Aggregative Koordinationsellipsen im Neuhochdeutschen ................................................................................. 937 Anja Voeste Im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Populäre Techniken der Redewiedergabe in der Frühen Neuzeit .................................................................................. 965 Józef Wiktorowicz Themenentfaltung und Textstruktur in einem Ratgeber aus dem 18. Jahrhundert .............................................................................. 983 Rainer Hünecke Möglichkeiten und Grenzen einer diskursbasierten Syntaxforschung – dargestellt an einer Studie zur Syntax des 18. Jahrhunderts .................................................................. 989 Stephan Elspaß Klammerstrukturen in nähesprachlichen Texten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ein Plädoyer für die Verknüpfung von historischer und Gegenwartsgrammatik ................. 1011 Jörg Riecke Grammatische Variation in der Chronik des Gettos Lodz / Litzmannstadt ............................................................ 1027
Inhalt
XIII
Daniel Czicza Das simulierende es. Zur valenztheoretischen Beschreibung des nicht-phorischen es am Beispiel eines neuhochdeutschen Textes ................................................ 1041 Michaela Negele Diskontinuierliche Pronominaladverbien in der Alltagssprache des jüngeren Neuhochdeutschen – Standard oder Substandard? ...................................................................... 1063
Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen – Eine kurze Einleitung Arne Ziegler (Graz)
1.
Warum Historische Textgrammatik und Historische Syntax?
Die Wahl des Rahmenthemas „Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen“ ist selbstverständlich nicht zufällig erfolgt. Mit der Wahl der Thematik sollte vielmehr zweierlei geleistet werden. Erstens wurde explizit der Anschluss an die – wenn man so will – „Vorgängerpublikation“ von Anne Betten aus dem Jahre 1990 gesucht, wo einerseits die Frage gestellt wird, „welche methodischen Impulse die sogenannten ‚Bindestrich-Linguistiken’ […] einem alt-etablierten Fach wie der historischen Syntaxforschung geben können“ (Betten 1990: XI) und andererseits die Forderung geäußert wird, dass bei zukünftigen Tagungen und den resultierenden Publikationen alle im Bereich einer historischen Syntax Arbeitenden, ungeachtet der jeweiligen theoretischen und methodischen Ausrichtung, zum Dialog über den Gegenstandsbereich eingeladen werden sollten (vgl. Betten 1990: XIf.). Sicherlich konnten nicht „alle“ eingeladen werden, und dies obwohl im Vorfeld zur Tagung im Rahmen einer breit angelegten Ausschreibung versucht wurde, möglichst viele Kolleginnen und Kollegen ganz unterschiedlicher theoretischer Positionen zur Diskussion und zum Beitrag einzuladen, nicht zuletzt, da es gerade ein Ziel war, ein einigermaßen gewichtetes Bild des aktuellen Forschungsstandes liefern zu können. Von diesem Versuch zeugen auch die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes, die ganz verschiedene theoretische, methodische und methodologische Ansätze verfolgen und somit ein durchaus disparates Bild der aktuellen sprachhistorischen Forschung im Bereich der Historischen Textgrammatik und Historischen Syntax zeichnen.
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Arne Ziegler
Darüber hinaus scheint in den meisten der Beiträge des vorliegenden Sammelbandes die von Anne Betten seinerzeit zu Recht gestellte Frage heute, nahezu 20 Jahre danach, zumindest implizit beantwortet. Kaum einer der vorgelegten Aufsätze abstrahiert dezidiert von pragmatischen, textlinguistischen oder soziolinguistischen Faktoren und berücksichtigt ausschließlich sprachformale Kriterien in der Untersuchung. Ganz im Gegenteil: Es scheint, dass eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit sprachlichen Äußerungen in historischen Zusammenhängen eine integrative Perspektive auf Sprache geradezu verlangt; eine Sichtweise, die nämlich in der Lage scheint, Aspekte des Sprachgebrauchs an solche des Sprachsystems anzubinden und zu einer Aufhebung der vermeintlichen Dichotomie von Gebrauch und System in der sprachhistorischen Analyse führen kann. Sie trägt somit letztlich dazu bei, Sprachgeschichte nicht nur als eine Geschichte sprachlicher Formen, sondern insbesondere als eine Geschichte der über Sprache möglichen und kommunikativ notwendigen Realisierungen sprachlicher Handlungen zu begreifen. Da diese Realisierungen in Texten über grammatische Regularitäten fassbar werden, liefern sie das Grundgerüst nicht nur für eine Sprachgeschichte, sondern vor allem für eine Geschichte der kommunikativen Praktiken. Zudem umreißt der Titel „Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen“ zwei sprachhistorische Forschungsbereiche, die vielleicht auf den ersten Blick relativ unverbunden nebeneinander platziert scheinen. Dies ist allerdings keinesfalls intendiert. Mit der Titelgebung ist vielmehr grundsätzlich die Annahme impliziert, dass Textgrammatik und Syntax nicht bloß zwei grammatische Teilbereiche darstellen, die in einer Art additivem Verfahren lediglich nebeneinander und nacheinander zu betrachten sind, sondern dass Syntax und Textgrammatik zwei unmittelbar miteinander in Beziehung stehende und aufeinander zu beziehende Bereiche der Grammatik darstellen. So kann einerseits eine Historische Syntax im Sinne einer Satzgrammatik quasi eine notwendige Subkomponente einer Historischen Textgrammatik darstellen. Einzelne Arbeiten gehen dabei sogar so weit, dass angenommen wird, eine Textgrammatik reduziert sich letztlich unter Berücksichtigung der textkonstitutiven und diskursfunktionalen Größen auf eine Satzgrammatik (vgl. Abraham 1997: 181). Andererseits lassen sich verschiedene syntaktische Einheiten (z.B. Proformen, Konnektoren, textgliedernde Phrasen) funktional nur in Bezug auf den Text – zumindest aber in Bezug auf den Kotext – vollständig analytisch erfassen. Natürlich – und das relativiert das Verhältnis von Textgrammatik und Syntax wiederum – gibt es demgegenüber auch zahlreiche grammatische Erscheinungen, die zwar durchaus textuell motiviert, aber bereits auf „Basis der Einheit ‚Satz’ erklärt werden können und auch (auf der Grundlage unter-
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schiedlicher Grammatiktheorien) behandelt worden sind“ (Helbig 2003: 21). 1 Ausgangspunkt wohl jeder textgrammatischen Auseinandersetzung ist die Auffassung, dass der Text die oberste linguistische und mithin grammatische Einheit darstellt und auch heute noch das von Hartmann eingeführte Diktum vom Text als primum datum uneingeschränkt gilt (vgl. Hartmann 1964). Natürlich sind die Begriffe Textgrammatik und Syntax in hohem Maße polysem und stehen in einem komplexen Spannungsfeld grammatischer Forschung unterschiedlicher theoretischer Provenienz. Dennoch lassen sich bei aller Heterogenität der verschiedenen Ansätze ein paar wesentliche Gemeinsamkeiten formulieren, die den disparaten Auffassungen zugrunde liegen (vgl. Ziegler 2008). So geht es in einer Textgrammatik immer um die Analyse und die Darstellung satzübergreifender grammatischer Regularitäten. Die Textgrammatik ist entsprechend als eine Grammatik der Textverflechtung bzw. der Konnexion konzipiert. Eine solcherart verstandene Textgrammatik muss in der Konsequenz die Kohäsionsmittel verschiedener Ebenen hinsichtlich der Textsyntax erfassen und beschreiben. Ihr Gegenstand sind somit zuallererst die grammatischen Beziehungen zwischen syntaktischen Einheiten im Text, d.h. „die Erfassung der Regularitäten, Rekurrenzen und Distributionen, die Text konstituieren“ (Lewandowski 1994: 1164). Diese Perspektive wird u.a. in den Aufsätzen von Montoto Ballesteros, Eroms, Greule, Petrova / Solf und Schuster thematisiert. In der syntaktischen Untersuchung stehen demgegenüber üblicherweise Sätze und ihre Elemente – syntaktische Einheiten – als Analysegegenstände im Mittelpunkt. Einen solchen syntaktischen und teilweise morphosyntaktischen Ausgangspunkt wählen beispielsweise die Beiträge von Bittner, Braun, Buchwald-Wargenau, Dogaru, Freywald, Götz, Haider, Hinterhölzl, Hofmeister-Winter, Javor Briški, Krause, Kuroda, Lühr, Prell, Schallert, Vorbeck-Heyn, Wich-Reif, Waldenberger. Die syntaktischen Einheiten (etwa Nominalphrase, Verbalkomplex, aber auch bisher unentdeckte syntaktische Textmuster usw.) stellen dabei in einer kohärenten Folge gleichzeitig textgrammatische Elemente dar, die in der textuellen Entfaltung (via Kontinuität und Progression) durch die Mittel der Textverflechtung (Verknüpfung und Anknüpfung) aneinander gebunden sind (vgl. Lim 2004: 25; Ziegler 2008: 392f.). Auf diese Zusammenhänge verweisen etwa die Beiträge von Brandt, Czicza, Fleischer, A. Hofmeister, Ronneberger-Sibold, Simmler, Schlachter, Schulze, Squires, Vaňková im _____________ 1
Zu denken ist in diesem Zusammenhang etwa an die Zentralität des Verbs, die Klammerbildung, die Genus-Kongruenz oder die Negation (vgl. Helbig 2003: 21f.).
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vorliegenden Band, gleichwohl auch in diesen Aufsätzen die Syntax den Ausgangspunkt der Untersuchung bildet. Welche Perspektive man auch einnehmen mag – syntaktisch oder textgrammatisch –, der Bezug zur jeweils anderen Ebene ist der Betrachtung quasi inhärent. Wie auch immer das Verhältnis also charakterisiert wird – eine unmittelbare Beziehung zwischen Textgrammatik und Syntax scheint in der linguistischen Diskussion jedenfalls allgemein angenommen und nicht in Frage zu stehen. Die weitaus meisten der in den vorliegenden Bänden versammelten Aufsätze verweisen deutlich – explizit oder auch implizit – auf diese Zusammenhänge. Daneben zeigen aber auch nicht wenige Beiträge (hier seien die Artikel von Denkler, Gloning, Habermann, Hünecke, Lasch, Lötscher, RössingHager, Schneider-Mizony, Schulze, Warnke, Weber, Wiktorowicz exemplarisch genannt), dass neben einer grammatischen Explikation von Textkohärenz und Textkonsistenz der Bezug auf textthematische Momente und textpragmatische Faktoren in der sprachhistorischen Analyse zwingend erforderlich erscheint. Eine textgrammatische und/oder syntaktische Analyse kann zwar die sprachspezifisch formalen Mittel erfassen, eine umfassende Antwort auf die Frage „warum werden diese Mittel verwendet?“ kann sie allein aber kaum leisten. Dies führt zwangsläufig zu einer Erweiterung des Gegenstandsbereichs, insofern ist davon auszugehen, dass die syntaktische Ebene als abhängig von der textsemantischen Ebene und diese als abhängig von Kontext (logisch-semantischen und pragmatischen Parametern) sowie vom Weltwissen der an der Kommunikation Beteiligten aufgefasst werden kann (vgl. Wolf 1982). Das ist freilich keine neue Erkenntnis. Bereits Oller (1974), wie später auch die IDSGrammatik (vgl. Zifonun u.a. 1997: 99), machen auf die Tatsache aufmerksam, dass jede Erforschung der Sprache die Berücksichtigung des Zusammenspiels von Syntax, Semantik und Pragmatik berücksichtigen muss, d.h. die Pragmatik oder die pragmatischen Elemente sind nicht nur ein zusätzlicher Teilbereich grammatischer Analyse, sondern fester Bestandteil derselben. Alle textgrammatischen Elemente, die eine syntaktische Einheit des Textes auf einen Kontext sowie eine Kommunikationssituation hin determinieren, umfassen somit neben den syntaktischen und semantischen auch die pragmatischen Komponenten (vgl. Schmid 1983: 65). So verwundert es nicht, dass verschiedene Beiträge des vorliegenden Bandes das in der neueren sprachhistorischen Forschung thematisierte Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit i.w.S. zum Gegenstand erheben. Dies betrifft etwa die Beiträge von Ágel, Elspaß, Hennig, Negele, Riecke, Schmid und Voeste.
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Insgesamt verdeutlichen die Beiträge des Sammelbandes, dass das „Historische“ einer Historischen Textgrammatik und Historischen Syntax nicht etwa lediglich darin zu sehen ist, dass der Untersuchungsgegenstand historisch verankert wird, sondern vielmehr in den Verfahren und Methoden, die aus den Besonderheiten und Bedingungen historischer Untersuchungsgegenstände resultieren.
2.
Aufbau und Gliederung
Der Band versammelt Arbeiten von Forscherinnen und Forschern, die sich der skizzierten Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. Die Beiträge reflektieren sowohl Ergebnisse aus empirischen sprachhistorischen Einzeluntersuchungen als auch zu kontrovers diskutierten theoretischen Themenkomplexen sowie Vorschläge zu einer textgrammatischen und/oder syntaktischen Modellbildung. Sämtliche der vorliegenden Beiträge zeichnen sich dabei dadurch aus, dass sie stets den Bezug auf das konkrete sprachliche Material wahren. Der Band umfasst Beiträge u.a. zu folgenden Schwerpunkten: • • • • • • •
Empirische Untersuchungen zu textgrammatischen und syntaktischen Phänomenen in den älteren Sprachstufen des Deutschen aus diachroner und/oder synchroner Perspektive Aktuelle Entwicklungen in historischer Grammatikarbeit Anforderungen an ein zeitgemäßes Beschreibungsinstrumentarium für den sprachhistorischen Kontext Texttypologien und ihre Bedeutung für diachrone Untersuchungen in Textgrammatik und Syntax Probleme der Korpusbildung einer Historischen Syntax und/oder Historischen Textgrammatik Referenzstrukturen und ihre Bedeutung für eine Historische Syntax Die Bedeutung von Textmusterbildungen in der sprachhistorischen Analyse
Quer zu diesen Schwerpunktbildungen werden verschiedene Forschungsperspektiven aufgezeigt und diskutiert. Insbesondere Aspekte, die sich in den folgenden Punkten benennen lassen: •
Methoden einer zeitgemäßen Empirie im Rahmen historiolinguistischer Untersuchungen
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Arne Ziegler
• • • •
Pragmatische Ansätze einer historischen Grammatik des Deutschen Integration syntaktischer Ansätze in den Rahmen einer Historischen Textlinguistik Möglichkeiten und Grenzen sprachhistorischer Analytik und Korpusbildung Fragen diachroner Entwicklungen grammatischer Erscheinungen des Deutschen
An dieser Stelle seien auch ein paar erklärende Anmerkungen zur vorliegenden Gliederung des Bandes in die Hauptkapitel Diachronie, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Frühneuhochdeutsch und Neuhochdeutsch angefügt. Bedingt durch die Aufteilung der Beiträge auf zwei Teilbände sowie durch die Tatsache, dass jeder Versuch, eine durch den gewählten grammatischen Untersuchungsgegenstand der Beiträge begründete und einigermaßen gleich gewichtete Verteilung vorzunehmen, im Ansatz gescheitert ist, wurde die Einteilung in der vorliegenden Form gewählt. Insofern ist der Gliederung sicherlich eine gewisse subsumierende Mühe zu unterstellen, und nicht in jedem Fall ist die Einordnung eines einzelnen Beitrags unter eine der Hauptkapitel zwingend. Diese – cum grano salis – nach sprachperiodischen Kriterien und damit eher klassische Strukturierung wurde gewählt, da nur so eine einigermaßen gleichmäßige Verteilung der Beiträge gewährleistet schien. Abweichend von einer „traditionellen“ Periodisierung der deutschen Sprachgeschichte wurde ein Kapitel Neuhochdeutsch – im Sinne einer historischen Sprachstufe des Deutschen – ergänzt, um somit einerseits der Diskussion um eine stärkere Berücksichtigung der jüngeren Sprachgeschichte des Deutschen im Rahmen der aktuellen Sprachgeschichtsforschung explizit Rechnung zu tragen (vgl. u.a. Elspaß 2007: 2ff.; Ernst 2008) und andererseits, um eben jene Arbeiten berücksichtigen zu können, die im Rahmen einer jüngeren Sprachgeschichtsforschung des Deutschen anzusiedeln sind. Ergänzt wurde überdies ein einleitendes Hauptkapitel Diachronie, das Beiträge versammelt, welche sich einem grammatischen Phänomen aus dezidiert diachroner Perspektive nähern und damit die Grenzen der einzelnen Sprachperioden systematisch überschreiten (so z.B. die Beiträge von Buchwald-Wargenau, Denkler, Freywald, Götz, Hinterhölzl, Ronneberger-Sibold, Simmler) oder aber eher generelle und/oder sprachtheoretische Aspekte der Sprachgeschichtsforschung ins Zentrum ihrer Überlegungen stellen (vgl. etwa die Beiträge von Bittner, Gloning, Lühr, Haider und Krause). Auf die Einrichtung von Registern ist für den vorliegenden Sammelband in Absprache mit dem Verlag ausdrücklich verzichtet worden, um
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den Umfang der zweibändigen Publikation nicht noch stärker zu belasten. So bleibt es dem Leser überlassen, sich über das Inhaltsverzeichnis und natürlich über die Lektüre der Beiträge die Inhalte zu erschließen.
3.
Ausblick
Ziel der vorliegenden Publikation ist einerseits eine Bestandsaufnahme und andererseits ein Ausblick auf rezente Desiderata im Bereich der historischen Grammatik des Deutschen. Der Band soll insgesamt dazu beitragen, die Relevanz der Grammatikforschung für die Anforderungen einer zeitgemäßen Sprachgeschichtsforschung im Spannungsfeld zwischen Syntax, Morphosyntax, Textgrammatik, und Pragmatik zu konturieren und etablierte Auffassungen zur Grammatikarbeit mit aktuellen Problemen zu konfrontieren. Insofern soll auch ein Beitrag zu einer systematischen Historischen Grammatik des Deutschen einschließlich ihrer methodischen Umsetzung geboten werden, so dass der Sammelband auch geeignet scheint, als Referenzwerk im Hinblick auf spezifische Fragen syntaktischer und textgrammatischer Arbeit in der Sprachgeschichtsforschung zu fungieren. Die freudigste Erkenntnis nach Lektüre sämtlicher Beiträge des vorliegenden Sammelbandes ist sicher eine, die der historischen Grammatikforschung Mut machen kann. Man gewinnt nicht den Eindruck, dass nunmehr für eine Historische Textgrammatik und eine Historische Syntax des Deutschen nichts mehr zu tun bliebe; ganz im Gegenteil: Die großen Postulate bleiben weiterhin bestehen – eine diachron ausgerichtete korpusbasierte Historische Textgrammatik und eine ebensolche Historische Syntax des Deutschen!
Literatur Abraham, Werner (1997), „Textgrammatik und Satzgrammatik. Gemeinsame und unterschiedliche Aufgaben?“, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur (PBB ), 119 / 2, 181-213. Betten, Anne (1990), Neuere Forschungen zur historischen Syntax des Deutschen. Referate der Internationalen Fachkonferenz Eichstätt 1989, (RGL 103), unter Mitarb. v. Claudia M. Riehl, Tübingen. Elspaß, Stephan (2007), „‚Neue Sprachgeschichte(n)’. Einführung in das Themenheft“, in: Der Deutschunterricht. Neue Sprachgeschichte(n), 3 / 2007, 2-6.
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Arne Ziegler
Ernst, Peter (2008), Normdeutsch. Die Sprachepoche in der wir leben, (Schriften zur diachronen Sprachwissenschaft 14), Wien. Hartmann, Peter (1964), „Text, Texte, Klassen von Texten“, in: Bogawus 2, 15-25. Helbig, Gerhard (2003), „Einige Bemerkungen zur Idee und zur Realisierung einer Textgrammatik“, in: Maria Thurmair / Eva-Maria Willkop (Hrsg.), Am Anfang war der Text. 10 Jahre „Textgrammatik der deutschen Sprache“, München, 19-32. Lewandowski, Theodor (1994), Linguistisches Wörterbuch, 6. Aufl. 3 Bde. Heidelberg. Lim, Seong Woo (2004), Kohäsion und Kohärenz. Eine Untersuchung zur Textsyntax am Beispiel schriftlicher und mündlicher Texte, Dissertation Universität Würzburg, Philosophische Fakultät II. http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?idn=973411554&dok_var=d1&dok_ext =pdf&filename=973411554.pdf (Stand 24.08.2009) Oller, John W., Jr. (1974), „Über die Beziehung zwischen Syntax, Semantik und Pragmatik“, in: Siegfried J. Schmidt (Hrsg.), Pragmatik I. Interdisziplinäre Beiträge zur Erforschung der sprachlichen Kommunikation, München, 132-147. Schmid, Wolfgang (1983), „Die pragmatische Komponente in der Grammatik“, in: Gisa Rauh (Hrsg.), Essays on Deixis, Tübingen, 61-78. Wolf, Norbert Richard (1982), Probleme einer Valenzgrammatik des Deutschen, (Mitteilungen aus dem Institut für Sprachwissenschaft Innsbruck 3), Innsbruck. Ziegler, Arne (2008), „Sprachgeschichte als Textgeschichte. Überlegungen zu einer diachronen Textgrammatik des Deutschen“, in: Waldemar Czachur / Marta CzyŜewska (Hrsg.), Vom Wort zum Text – Studien zur deutschen Sprache und Kultur. Festschrift für Professor Józef Wiktorowicz zum 65. Geburtstag, Warschau, 391-401. Zifonun, Gisela / Hoffmann, Ludger / Strecker, Bruno (1997), Grammatik der deutschen Sprache, Berlin, New York.
Diachronie
Wie wurde Deutsch OV? Zur diachronen Dynamik eines Strukturparameters der germanischen Sprachen
Hubert Haider (Salzburg)
1. Das Rätsel Ausgangspunkt ist der rätselhafte Auslöser der syntaktischen Ausdifferenzierung der modernen germanischen Sprachen, dessen Resultat nun zwei syntaktisch deutlich kontrastierende Sprachgruppen sind; die eine VO und die andere OV. Die heutigen nordgermanischen Sprachen (Dänisch, Faröisch, Isländisch, Norwegisch, Schwedisch, und alle regionalen Varietäten) sowie das von nordgermanischen und französischen Kontakten beeinflusste Englisch sind strikte VO-Sprachen. In strikten VO-Sprachen sind alle phrasenbildenden Kategorien linksperipher, das heißt, der Kern der Phrase geht den abhängigen Elementen voran.1 Die westgermanischen Sprachen (z.B. Afrikaans, Deutsch, Friesisch, Letzeburgisch, Niederländisch, Schwyzertütsch, und alle regionalen Varietäten) hingegen sind OV-Sprachen, das heißt, die Position des Verbs als Kern der Verbalphrase ist final.2 Dieser Grundkontrast (OV3 vs. VO) impliziert systematisch eine Kaskade von jeweils typabhängigen syntaktischen Folgeerscheinungen (s. Anhang). _____________ 1 2
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Englisch ist repräsentativ dafür: [give the reader a hint]VP, [conversion of waste into fuel]NP, [into fuel]PP, [unrelated to German]AP, [the book]DP, [that this is so]CP, ... Final ist die Grundposition des Verbs. Darüber gelagert ist die pangermanische V-2Eigenschaft: Das finite Verb, und nur das finite Verb, steht im Deklarativsatz an zweiter Stelle, d.h. unmittelbar hinter der ersten Konstituente. Die germanischen OV-Sprachen sind keine strikten OV-Sprachen, wie etwa Japanisch oder Türkisch. Im strikten Typ sind alle phrasenbildenden Elemente rechtsperipher, d.h. alle Phrasen sind kopf-finale Phrasen. In den westgermanischen Sprachen sind ‚bloß‘ V und A finale Phrasenköpfe (VP, AP), alle übrigen phrasenbildenden Köpfe sind initial, wie in VOSprachen. Da aber VP und AP (in Kopulakonstruktionen) die Basis für den Aufbau der Satzstrukturen bilden, ergibt sich daraus, dass Sätze klare OV-Charakteristika aufweisen.
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Hubert Haider
Das Rätselhafte an dieser Situation wird deutlich, wenn man nach Ursachen im Sprachwandel sucht, die für diese Differenzierung verantwortlich gemacht werden könnten. Es werden immer noch populäre Legenden bemüht, wonach morphologischer Wandel den syntaktischen Wandel getrieben habe. Im Deutschen sei das Flexionssystem nach wie vor differenziert genug, nicht aber in Sprachen wie Dänisch, Schwedisch, Norwegisch oder auch im Englischen. In den genannten skandinavischen Sprachen beschränkt sich die Verbalflexion bekanntlich auf die Unterscheidung von Präsens, Präteritum und Infinitiv, ohne irgendeine Person- oder Numerusdifferenzierung. Kasusmorphologie existiert auch nicht. Das genau sei der Auslöser für die Entwicklung zur SVO-Wortstellung, da in letzterer die Subjektsposition durch die Wortstellung klar von der Objektsposition zu unterscheiden sei und damit die strikte Wortstellung die Funktion übernehme, die im Deutschen durch die Kongruenz- und Kasusmorphologie geleistet werde, nämlich die Markierung der jeweiligen Satzgliedfunktionen. Um festzustellen, dass diese plausibel klingende Geschichte keinerlei Erklärungswert beinhaltet, genügt es, sich den Status der grammatischen Morphologie in den germanischen Sprachen insgesamt kurz zu vergegenwärtigen. Unbestreitbares Faktum ist, dass die beiden germanischen Sprachgruppen – die VO-Gruppe und die OV-Gruppe – sich nicht konsistent nach morphosyntaktischen Kriterien sortieren lassen. Jede der beiden Gruppen enthält Sprachen mit einem reichlich differenzierten morphologischen Inventar, und jede der beiden Gruppen enthält morphosyntaktisch ‚insuffiziente‘ Mitglieder: Zu den Sprachen, die den morphologischen Reichtum der älteren Sprachstufen gut konserviert haben, gehören Isländisch (strikt VO) und Faröisch (strikt VO) einerseits, und Deutsch (OV) andererseits. Morphologiearme Sprachen, was die grammatische Morphologie anlangt, sind sicher die oben genannten kontinentalskandinavischen Sprachen (allesamt VO), aber auch Niederländisch (OV), und, noch extremer, Afrikaans (OV). Dessen Flexionsdefizit entspricht genau dem einer kontinentalskandinavischen Sprache. Nichtsdestoweniger ist Afrikaans OV,4 und nicht VO, und andererseits haben Isländisch und Faröisch sich trotz reichhaltigster Morphosyntax und trotz ihrer abgeschiedenen Inselexistenz _____________ 4
Dies darf umso mehr verwundern, als Afrikaans ja ursprünglich keiner Normierung unterworfen war, und sich gleichsam in freier Wildbahn entwickeln durfte. Wenn Morphologiemangel eine treibende Kraft wäre, hätte sie alle Chancen gehabt, im Süden Afrikas in weiter Ferne vom sprachlichen Mutterland der Niederlande ihre Wirksamkeit zum Wohle der syntaktischen Strukturierung zu entfalten. Sie tat es aber nicht. Also ist anzunehmen, dass es sie gar nicht gibt, oder dass sie so schwach ist, dass sie jedenfalls nicht für den syntaktischen Wandel in den skandinavischen Sprachen haftbar gemacht werden kann.
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zu strikten VO-Sprachen entwickelt. Es ist somit offensichtlich nicht die Erosion des morphosyntaktischen Inventars, die den Treibsatz des Wandels liefert. Die Spaltung der germanischen Sprachengruppe in eine OVund eine VO-Gruppe entspringt keinem Drift als Folge eines kompensatorischen Wandels der Satzstruktur. Was aber ist es dann? Was war die Situation vor der Spaltung? Vom heutigen Zustand her betrachtet sind grundsätzlich zumindest drei verschiedene Szenarien alternativ möglich. Die erste Möglichkeit ist, dass eine Gruppe der Fortsetzer eines innovativen Dialekts ist, der sich aus der Grundsprache entwickelte, und die heutigen zwei Gruppen die Fortsetzer des konservativen und des innovativen Dialekts sind. Dies entspräche dem Szenario 1. oder 2. Die andere Möglichkeit ist die, dass die Grundsprache keinem der heutigen zwei Typen entsprach und beide Gruppen Fortsetzer von jeweils einem Dialekt als Protovarietät für die weitere Entwicklung in die zwei Gruppen sind, und die Dialekte durch Dialektspaltung aus der Grundsprache hervorgegangen sind. Dies ist Szenario 3. 1. SOV, mit Abspaltung zu SVO?
(Innovation im nordgermanischen Dialekt?)
2. SVO, mit Abspaltung zu SOV?
(Innovation im westgermanischen Dialekt?)
3. XVX, mit Wandel zu OV und VO?
(postgermanische Innovation?)
Szenario 1. und 2. sind sehr unwahrscheinlich. Was die alten Texte zeigen, lässt unschwer erkennen, dass die altgermanischen Sprachen weder Sprachen des heutigen germanischen OV-Typs noch des VO-Typs waren. Sie haben syntaktische Struktureigenschaften gemeinsam, die weder dem heutigen OV-Typ noch dem heutigen VO-Typ entsprechen. Wie kommt es dann aber dazu, dass die zwei Gruppen wie Varianten einer forced choice, d.h. einer entweder-oder Entscheidung, aussehen? Es sind nämlich nicht irgendwelche syntaktischen Eigenschaften, in denen sich die zwei Gruppen unterscheiden,5 sondern präzise Eigenschaftsbündel, die genau der Entwicklung in den OV- und den VO-Typ entsprechen (s. Anhang).
_____________ 5
Ein Beispiel dafür bieten die romanischen Sprachen. Alle sind OV. Daneben gibt es ‚querbeet‘ laufende Unterschiede. Z.B. gibt es eine Gruppe mit der Null-Subjekt-Eigenschaft (Beispiel: Italienisch) und eine, der diese Eigenschaft fehlt (Beispiel: Französisch). Andererseits gibt es Varietäten mit Clitic-doubling (Objektklitikum trotz vorhandenen Objekts; Beispiel: Spanisch), und solche, die das nicht zulassen (z.B. Französisch).
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Bleibt somit als wahrscheinliches Szenario die Situation 3.: OV und VO sind die verschränkten Partner6 in einer syntaktischen Entwicklung, die ihren Ausgang nahm von einem Typ, der weder OV noch VO war, und als Aufspaltungsoption genau die zwei Möglichkeiten anbot. Gesucht ist somit eine geeignete und empirisch absicherbare syntaktische Modellierung von 3. Den Anhaltspunkt dafür liefert eine germanische Sprache, die als lebendiges Mittelalter betrachtet werden darf, nämlich Jiddisch.
2. Jiddisch – der weiße Rabe Dem kundigen Leser wird nicht entgangen sein, dass in der Auflistung der germanischen Sprachen im vorangehenden Abschnitt eine Sprache fehlt, die nicht fehlen darf. Es ist Jiddisch. Jiddisch ist ein sprachhistorischer Glücksfall, denn es bildet den missing link für die anstehende Problematik. Die kritische syntaktische Eigenschaft des Jiddischen wird in folgender Frage akut: Ist Jiddisch eine OV- oder VO-Sprache? Die Antwort ist strittig. Genau das ist der Punkt, um den es hier geht. Sie ist deswegen strittig, weil Jiddisch weder genau den OV-Eigenschaften des Deutschen entspricht, noch genau zu den VO-Eigenschaften wie im Isländischen oder Englischen passt. Das führte zu einer Kontroverse, in der Jiddisch entweder zu einer Variante von VO (vgl. Diesing 1997), oder einer Variante von OV (vgl. Geilfuß 1991) erklärt wurde. Hier ist ein repräsentatives Beispiel für die ambivalente Typzuschreibung. Alle drei Abfolgen in (1) sind mögliche Abfolgen. (1a) [X Y V°]VP (1b) [V° X Y]VP (1c) [X V° Y]VP
Max hot [Rifken dos buch gegebm] Max hot [gegebm Rifken dos buch] Max hot [Rifken gegebm dos buch]
Die Abfolge (1a) entspricht wortwörtlich einer deutschen Abfolge. (1b) ergibt, wenn man die entsprechenden englischen Wörter einsetzt, einen perfekten englischen Satz. (1c) aber passt weder zu Englisch noch zu Deutsch. Das eröffnet zwei konkurrierende Deutungsmöglichkeiten. Für Diesing (1997) ist (1b) die typ-konforme VO-Abfolge. (1a) und (1c) ergäben sich in ihrer Sicht durch einen Voranstellungsprozess, den sie mit der Deutschen Abfolgevariation im Mittelfeld vergleicht. Somit ist Jiddisch für sie eine VO-Sprache mit einem zusätzlichen syntaktischen Prozess, der _____________ 6
Das ist eine terminologische Anleihe aus der Physik (‚verschränkte Teilchen‘). ‚Verschränkte Partner‘ meint zwei Grammatikvarianten, die sich aus einer Grundvariante dadurch ergeben, dass ein einziger Faktor vorliegt, der nur eine binäre Wertbelegung zulässt. Aus der Belegungsalternative ergeben sich genau zwei Systeme, die sich bloß in der Wertbelegung dieses Faktors unterscheiden.
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(1c) und (1a) als Varianten von (1b) liefert. Problematisch an dieser Analyse ist, dass es keine unabhängige Bestätigung dafür gibt, dass irgendeine VO-Sprache diese postulierten Umstellungen zuließe. Vikner (2002) weist ausführlich nach, dass Jiddisch insgesamt die typischen Eigenschaften von OV-Sprachen7 aufweist, nicht aber die von VOSprachen. Was nicht ins Bild passt, ist die Wortstellungsvariation im Satz, wie in (1b) und (1c). Wenn nämlich Jiddisch ein OV-Typ wäre wie Deutsch, müsste (1a) die typkonforme Abfolge sein, und (1b, c) müssten abgleitet werden durch Nachstellung von nominalen Satzgliedern. Genau das ist aber in den germanischen OV-Sprachen ausgeschlossen. Nachgestellt werden nämlich gerade keine nominalen Argumente, sondern eingebettete Sätze oder Präpositionalphrasen. Nominalausdrücke werden nur als Adverbiale nachgestellt, oder in Sonderfällen als Nachstellung von sehr ‚gewichtigen‘ Phrasen,8 was als heavy NP shift bekannt ist. Die putativ nachgestellten Phrasen in (1b, c) sind sicher nicht ‚heavy‘. Wer hat recht? In dieser Situation liegt die Lösung darin, zu erkennen, dass und warum keine der beiden Sichtweisen recht haben kann. Jiddisch ist nämlich weder VO noch OV. Es ist ein dritter Typ, dessen unmittelbar verknüpfte Varianten VO und OV sind. Jiddisch ist zwar damit singulär unter den derzeitig gesprochenen germanischen Sprachen, der Typus selbst ist aber keineswegs singulär. Um dies verständlich machen zu können, ist es nötig, kurz zu explizieren, was den VO-, und was den OVTypus ausmacht, und wie der dritte Typus sich dazu verhält.
3. OV, VO und das Dritte Die sachdienlichen Ausführungen in diesem Abschnitt beschränken sich auf das für das Verständnis nötige Minimum an Information. Ausführliche Argumentation und empirische Begründung sind nachlesbar in Haider (1992 / 2000, 2005 und 2009). Die Struktureigenschaften von kopf-finalen und kopf-initialen Phrasen ergeben sich aus folgenden Axiomen: A1: Phrasen sind binär strukturiert und endozentrisch. A2: Phrasen sind im internen Aufbau universell links-geschichtet: [ X [ Y [ (...) h° (...)]]] _____________ 7 8
U.a.: Auxiliarabfolge, Variation in den Auxiliarabfolgen, Partikel-Verbabfolge, keine Kongruenz von Subjekt und adjektivischem Prädikat. Typisches Beispiel sind Ansagen am Bahnsteig: „Achtung, auf Gleis drei fährt ein [der ICE aus Frankfurt nach München mit Planankunft um ....]“.
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A3: Phrasenköpfe haben eine parametrisierte, kanonische Lizenzierungsrichtung. A4: Die Argumente des Phrasenkopfes müssen streng lizenziert sein. Ein Argument A ist streng lizenziert durch den Kopf der Phrase h°, gdw. a. A (oder eine Projektion / ein Kettenglied von) h° einander minimal und wechselseitig c-kommandieren, und b. die Position von A in der Phrase von h° sich in der kanonischen Domäne9 von h° befinden. Aus diesen Annahmen folgt, dass sich die unterschiedlichen Eigenschaften von OV- und VO-Strukturen letztlich aus A4 ableiten lassen. Der Phrasenkopf befindet sich an der tiefsten Position, oder, anders formuliert, der Aufbau einer Phrase beginnt mit dem Kopf, der sich mit einer Phrase verbindet, an die schrittweise weiter Phrasen angelagert werden, aber nur nach links, was aus (A2) folgt. Hier ein Beispiel einer deutschen VP (2a-c), und eingebettet in einem finiten, eingeleiteten Satz in (2d). (2a) (2b) (2c) (2d)
[etwas verzeihen]VP [jemandem [etwas verzeihen]]VP [Subjekt [jemandem [etwas verzeihen]]]VP [dass [jeder [jemandem [etwas verzeiht]]]VP]
Das Verb lizenziert in (2) nach links, und der Phrasenaufbau erfolgt gemäß A2 ebenfalls nach links. Daher ergibt sich ein geschichteter Aufbau, in dem das Verb oder eine seiner Projektionen die jeweils angelagerte Phrase in der kanonischen Richtung, nämlich links, vorfindet. In kopf-initialen Phrasen gestaltet sich der Aufbau ebenso zwangsläufig, wirkt aber komplizierter, weil in diesem Fall die Lizenzierungsrichtung nach rechts gegenläufig zum Aufbau gemäß A2 ist. Betrachten wir ein Beispiel: (3a) (3b) (3c) (3d) (3e)
[forgive something] [someone [forgive something]] [forgive [someone [forgive something]]] [Subjekt [forgive [someone [forgive something]]]] [that [everybody [forgives [someone [forgive something]]]]]
In (3a) befindet sich das Objekt in der geforderten Lizenzierungsrichtung. Wird nun gemäß A2 das indirekte Objekt angelagert, so muss es links _____________ 9
Die kanonische Domäne von h° oder einer Projektion von h° ist der c-KommandoBereich von h° in der kanonischen Richtung.
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angelagert werden (3b). Damit ist es aber nicht auf der kanonischen Seite für einen Kopf, der nach rechts lizenziert. Die Antwort der Grammatik darauf ist in (3c) angegeben: Der Kopf muss neuerlich instantiiert werden, und zwar links davon (3c). Da es aber nur ein einziges Verb als Kopf gibt, bleibt die ursprüngliche Position leer. Es sei denn, das Verb ist ein Partikelverb. In diesem Fall kann die Partikel an der ursprünglichen Verbposition verharren, was zu der für Deutschsprecher(innen) erstaunlichen Partikelposition zwischen indirektem und direktem Objekt im Englischen führt (4): (4a) Valerie [packedi [her daughter [ei-up a lunch]]] (Dehé 2002, 3) (4b) Susan [pouredi [the man [ei-out a drink]]] Partikelzusätze von Verben sind, wie auch das Deutsche zeigt, stets dem Verb benachbart, können aber durch Umstellung des Verbs von diesem getrennt werden. Im Deutschen passiert dies dann, wenn das Verb in der V2-Position zu stehen kommt. Susanne gossi dem Mann ein Getränk ein-ei Im Englischen, und in allen VO-Sprachen, die optional Partikelabspaltung erlauben (z.B. Norwegisch und Isländisch), zeigt die aus OV-Perspektive eigenartig anmutende Partikelpositionierung in (4) an, dass sich zwischen den Objekten eine Verbposition befinden muss, an der die Partikel zurückgelassen werden kann. Dass das Verb in einer VP selbst nie in dieser Position zu finden ist, erklärt sich aus der zwangsweisen Voranstellung, in Erfüllung von A4, b. Schließlich wird auch das Subjekt angelagert (3d). Diese Struktur (3d) ist die Struktur einer SVO-Sprache. In einer VSO-Sprache würde das Verb noch einmal instantiiert werden, wonach sich dann alle Argumente, inklusive Subjekt, in der kanonischen Domäne befinden. In einer SOV-Sprache befinden sich ebenfalls alle Argumente in der kanonischen Domäne (2c). Das Subjektsargument einer SVO-Sprache hingegen befindet sich zwar in der VP, ist aber nicht kanonisch lizenziert (3d). Dazu bedarf es eines zusätzlichen Kopfes, wie in der AcI-Konstruktion (6a), in der richtigen Richtung, oder das Subjektsargument wird in die Spec-Position einer funktionalen Projektion gebracht, deren funktionaler Kopf die ursprüngliche Position lizenziert (6b). (6a) let → [VP Susan [pouri [the man [ei-out a drink]]]] (6b) [IP Susanj [I° has → [VP ej [pouredi [the man [ei-out a drink]]]]]] Eine Konsequenz dieser Umstände ist folgende Eigenschaft von SVOSprachen. Die funktionale Subjektsposition ist obligatorisch. Ist kein Argument vorhanden, muss sie mit einem Expletivum besetzt werden. Auf
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eine OV-Sprache trifft das nicht zu. Deutsch beispielsweise verbietet ein Expletivum in subjektlosen Passivsätzen (7b, d), während dieses in den skandinavischen Sprachen (7a, c) mandatorisch ist. Ebenso wenig erlaubt Deutsch ein Expletivum in der Präsentativkonstruktion, die in den skandinavischen Sprachen und dem Englischen mit einem Expletivum konstruiert wird. (7a) að */??(Það) hefur verið dansað dass (EXPL) hat gewesen getanzt (7b) daß (*es) getanzt wurde (7c) Í dag er *(Það) komin ein drongur heute is (EXPL) gekommen ein Junge (7d) Heute ist (*es) ein Junge gekommen
Isländisch Faröisch
Fassen wir zusammen: kopf-finale und kopf-initiale Phrasen unterscheiden sich, was die Strukturprinzipien anlangt, lediglich im Richtungsparameter. Dieser Unterschied hat allerdings Folgen bei der Implementierung. Eine komplexe kopf-initiale Struktur, im Unterschied zu einer kopffinalen, erfordert die mehrfache Instantiierung des Kopfes (8a). (8)
a. kopf-initiale VP:10
b. kopf-finale VP:
… VP
… VP
Vi°
XP
VP
XP
V´
vi°
V´
YP
V°
YP
Außerdem ergibt sich zwangsläufig, dass die kopf-initiale VP kompakt ist, nicht aber die kopf-finale. Dies impliziert, dass die Objekte nicht durch Adverbien getrennt werden können (9a) und dass Objekte nicht umgestellt werden dürfen (9b). In beiden Fällen ist die Minimalitätsbedingung _____________ 10
In den Spitzklammern sind die Argumentstellen angegeben, die in die syntaktische Struktur projiziert werden. Die durchgestrichene Stelle bedeutet, dass sie bereits abgearbeitet ist, d.h. in die Struktur eingefügt wurde.
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von A4, a die Ursache. Sowohl das Adverb in (9a), wie auch das aus seiner Grundposition umgestellte Objekt zerstört die minimale c-KommandoRelation. Das Verb in (9a) c-kommandiert minimal das Adverb oder das umgestellte Objekt in (9b), nicht aber das lizenzierungsbedürftige Argument. (9a) He showed (*voluntarily) the students (*secretely) the solution (9b) *He [showedj [the appartmenti [ej the guests [ej ei]]] In einer kopf-finalen Phrase tritt dieses Problem nicht auf, da stets eine Verbalprojektion als Schwesterknoten der links angedockten Phrase auftritt (s. 8b). Im Deutschen ist daher die VP nicht kompakt und außerdem können die Argumente umgestellt werden: (10a) Er hat [den Studenten [freiwillig [die Lösungen gezeigt]]] (10b)Er hat [den Studenten [die Lösungen [freiwillig gezeigt]]] (10c) Er hat [die Lösungeni [den Studenten [ei [ freiwillig gezeigt]]]] Wie passt Jiddisch in dieses Bild? Jiddisch repräsentiert den dritten Typus, der sich dann ergibt, wenn die kanonische Richtung nicht spezifiziert ist. In diesem Fall gibt es die Möglichkeit, kopf-final zu konstruieren, wie im Deutschen (11a), oder kopf-initial, wie im Englischen (11b), oder auf eine dritte Weise (11c). (11a) Max hot [Rifken [dos buch gegebm]]VP (11b)Max hot [gegebm Rifken [ei dos buch]]VP (11c) Max hot [Rifken [gegebm dos buch]]VP Die dritte Weise (11c) startet mit Lizenzierung nach rechts, wie Englisch, und setzt fort mit Lizenzierung wie Deutsch, nämlich nach links. Das Ergebnis ist die Sandwich-Stellung des Verbs, zwischen indirektem und direktem Objekt. Es ist diese Abfolge, an der sich der dritte Typ zu erkennen gibt. Die ersten beiden Möglichkeiten sind die OV-artige und die VO-artige Konstruktion. Daraus erklärt sich auch, warum Jiddisch missverständlich als OV-Sprache oder als VO-Sprache angesehen werden konnte. Ist der Wert für die kanonische Richtung spezifiziert, wie das in VO oder OV der Fall ist, dann kann die Sandwich-Abfolge eben gerade nicht auftreten. Hier nun liegt der Schlüssel zum Verständnis des germanischen OV / VO-Rätsels. Die älteren germanischen Sprachen sind vom dritten Typ. Die Dialektspaltung ist das Ergebnis des Wechsels von der Unterspezifikation des Richtungsparameters hin zur Spezifikation. Spezifikation bedeutet die Festlegung auf einen möglichen Wert. Da es nur zwei Werte gibt (‚davor‘, ‚danach‘), ist die Dialektspaltung die Folge der Wahl des komplementären Parameterwertes.
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4. Ältere germanische Sprachen sind vom dritten Typ Hier seien einige Belegstellen quer durch die ältere Germania aufgeführt, die das Sandwich-Muster zeigen, und damit die Bestätigung liefern, dass der dritte Typ vorliegt. Man findet dieses Muster in allen älteren germanischen Sprachen. Beispielsbelege 1 – Altenglisch (nach Fisher / van Kemenade / Koopman / van der Wurff 2000, 51): (12a) Se mæssepreost sceal [mannum [bodian þone soþan geleafan]]VP (Ælet 2 (Wulfstan 1) 175) Der Priester muss den Leuten predigen den wahren Glauben (12b)þæt hi [urum godum [geoffrian magon ðancwurðe onsægednysse] (ÆCHom I, 38.592.31) dass sie unserem Gott opfern mögen dankbares Opfer (12c) Ac he sceal [þa sacfullan gesibbian] (Ælet 2 (Wulfstan 1) 188.256) aber er muss die Streitenden versöhnen (12d) Se wolde [gelytlian þone lyfigendan hælend] (Ælet 2 (Wulfstan 1) 55.98) Er wollte erniedrigen den lebendigen Heiland In (12a) und (12b) liegt die gesuchte Mittelstellung des Verbs vor. Das indirekte Objekt geht voran, das direkte Objekt folgt. In (12c) ist das Verb in der VP kopf-final, in (12d) ist es kopf-initial. Laut Fisher u.a. (2000, 172) zog sich die Fixierung des VO-Musters (d.h. der Wandel hin zu einem fixen Richtungswert) vom 13. bis zum 15. Jh. hin. Ein deutlicher Indikator ist die Partikelpositionierung. Im Mittelenglischen erst sind mehr als 85 % aller Partikelvorkommen postverbal, so wie im heutigen Englischen. Laut Pintzuk / Taylor (2006) betrug der Anteil an echten OV-Abfolgen (d.h. in Sätzen mit nicht-finitem Hauptverb) vor 950 58,5 %, ging bis 1150 auf 51,7 % zurück, um danach stark abzufallen (29,7 % zwischen 1150-1250). Ab 1350 (4,3 % OV) darf von strikter VO Struktur ausgegangen werden. Beispielsbelege 2 – Althochdeutsch (Notker, aus Schallert 2006, 139 u. 142): (13a) áz sie [nîoman [nenôti des chóufes]] (NB 22,13) dass sie niemand NEG-nötigten des Kaufes (13b)tánne sie [búrg-réht [scûofen demo líute]] (NB 64,13) dass sie Burgrecht gewährten dem Volk (13c) Úbe dû [dero érdoDAT [dînen sâmenAKK beuúlehîst]] (NB 47,4) ob du [der Erde [deinen Samen gibst]]
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(13d) Tisêr ûzero ordo [...] mûoze [duingeni [mit sînero unuuendigi [ei [diu uuendigen ding]]]] (NB 217,20) diese äußere Ordnung muss bezwingen mit seiner Unwandelbarkeit die unwandelbaren Dinge Die Belege unter (13) illustrieren alle Stellungsmuster des dritten Typs. (13a) und (13b) haben das Verb in der Position zwischen den Objekten. (13c) ist kopf-final, und (13d) kopf-initial. Beispielsbelege 3 – Älteres Isländisch (Hróarsdóttir 2000; Schallert 2006, 157f.): (14a) hafer Þu [Þinu lidi [jatat Þeim]] hast Du deine Hilfe versprochen ihnen (14b)hefir hann [ritað sýslungum sínum bréf] hat er geschrieben Landsleuten seinen (einen) Brief (14c) Því eg get ekki [meiri liðsem [Þér veitt]] da ich kann nicht mehr Hilfe dir bieten Auch hier zeigt sich das gleiche Bild, nämlich die Triade von Mittelstellung (14a), kopf-initialer Stellung (14b), und kopf-finaler Stellung in (14c). Auch hier zeigt sich der unterspezifizierte Richtungsparameter bei der Lizenzierung der Phrasen durch den Kopf innerhalb seiner Projektion. Insgesamt entspringt die Wortstellungsfreiheit der älteren germanischen Sprachen zwei Hauptquellen. Einerseits ist es die fakultative Positionierung des Verbs in kopf-finaler, kopf-initialer, und intermediärer Position als Systemeigenschaft des dritten Typs, und anderseits ist es die für OV-Sprachen typische Variation der Abfolge der Argumente im Mittelfeld dank der nicht kompakten Organisation der links-lizenzierend aufgebauten Phrasen.
5. Auf dem Weg zu OV / VO Die Entwicklung hin zum Zustand mit fixiertem Richtungswert und der damit verbundenen Aufspaltung in OV und VO zog sich ganz offenbar über einige Generationsspannen hin und war keineswegs in den älteren Sprachstufen abgeschlossen. Was Deutsch anlangt, war Mittelhochdeutsch offenbar noch immer eine Sprache mit unterspezifiziertem Richtungswert. Das zeigt sich im Jiddischen, als Fortsetzter einer mittelhochdeutschen Grammatik, und ebenso in anderen mittelhochdeutschen Varietäten. Prell (2003, 245) formuliert das so: Im mhd. Aussagesatz steht das finite Verb im Nhd. prinzipiell an zweiter Stelle (V2), im eingeleiteten Nebensatz jedoch nicht unbedingt an letzter, sondern lediglich
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später als an zweiter Stelle. [...] Die absolute Endstellung tritt nach 1250 in über 65% aller eingeleiteten Nebensätze auf.
Der springende Punkt dabei ist, dass nominale Objekte dem Verb folgen können (Prell 2003, 246): (15) So wirt dir [vergeben von got din missetat] (Hoffmannsche Predigtsammlung) Das nicht-finite Verb geht fakultativ nominalen Objekten voran, wie das für den dritten Typ typisch ist. Die entscheidende Frage ist daher folgende. Wie kommt es, dass eine Reihe einzelsprachlicher Entwicklungen auf denselben Typ hin konvergiert und damit einer ganzen Sprachgruppe zukommt? Mit anderen Worten, wie kommen beispielsweise Sprecher(innen) des frühen Mittelenglischen und des frühen Mittelisländischen unabhängig voneinander zum selben Zustand ihrer jeweiligen Grammatik, nämlich einer mit fixiertem Richtungswert für den VO-Typ? Die analoge Frage stellt sich für die Sprachen des OV-Typs. Es muss einerseits möglich gewesen sein, dass eine innovative Variante neben der etablierten koexistieren konnte, und es muss ein syntaktischer Umstand als Drift im Sinne Sapirs (1921) dingfest gemacht werden, der eine allmähliche Präponderanz in Richtung OV (beziehungsweise VO) als der innovativen Variante bewirkte. Anderenfalls ist es nicht verständlich, wie der Wandel in Richtung fixer Direktionalität sich konvergent und sprachenübergeifend durchsetzen konnte. Der fragliche Faktor findet sich in einer zweischneidigen Auswirkung des Richtungsparameters. Einerseits regelt er die Position des Kopfes relativ zu den vom Kopf abhängigen Phrasen, und andererseits regelt der Richtungsparameter indirekt die Verbabfolge in Sätzen mit Auxiliaren und Quasi-Auxiliaren (z.B. Modal- und Kausativverben), da auch diesen Verben eine Selektionsrichtung zukommt. In VO-Sprachen ist die Abfolge der Verben im einfachen Satz ausnahmslos die, die dem Richtungsparameter entspricht. Es gibt keine andere Abfolge. (16) ist ein Beispiel dafür: (16) Surely, you [VP must → [VP have → [VP been → [VP joking]]]] Der Richtungsparameter wirkt sich auf die Verbabfolge dadurch aus, dass Verben andere Verb(phras)en selegieren. (17) illustriert die Situation im heutigen Englisch. Jedes Auxiliarverb selegiert eine VP, die in der kanonischen Richtung lizenziert wird. Daraus folgt zwangsläufig, dass die abhängige VP, und somit das abhängige Verb dem selegierenden Verb folgt.
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(17a) must → [VP V ....] (17b)have → [VP V ....] (17c) must → [VP have → [VP V ....]]] Betrachten wir nun den Reanalysefall in der Koexistenzperiode. Das ist jenes Muster, das sowohl mit der ‚alten‘ Grammatik als auch mit der ‚neuen‘ Grammatik kompatibel ist und so den allmählichen Wandel ermöglicht. Dabei ist mitzubedenken, dass in den (germanischen) OV-Sprachen eingeschachtelte VPs eine Struktur mit Zentraleinbettung ergäben, weil sie als linke Komplemente eingebettet wären. Das wird strikt gemieden. Stattdessen wird ein Verbalkomplex (d.h. eine Konstituente, bestehend aus den Verben allein) gebildet. Für Details sei auf Haider (2003 und 2009, Kapitel 7) verwiesen. In (18a) fehlt daher das Muster [VP [V XP]VP Aux]. Es ist unzulässig, weil die VP-Einbettung unstatthaft ist. Es wird obligat ein Verbalkomplex gebildet und in diesem sind die Verben benachbart. Daher gibt es keine Möglichkeit, dieses Muster auf grammatische Weise zu erzeugen. Die Fakten bestätigen dies. (18a) [Aux [V XP]], [Aux [XP V]], [XP [V Aux]] (18b)[Aux [V XP]VP]VP
‚alt‘ ‚neu‘
In einer Sprache mit Phrasenaufbau des dritten Typs sind alle Abfolgen in (18a) zulässig. Sie ergeben sich aus dem frei bestimmbaren Wert für die Lizenzierungsrichtung. Unter den drei möglichen Mustern ist das erste identisch mit dem Muster (18b), also dem VO-Muster. Die Grammatik für (18b) ist zumindest einfacher als die für (18a). Erstens weist sie einen einzigen Richtungsfaktor auf, der für alle Komplemente der Verben einheitlich gilt. Zum Zweiten ist die Auswahl auf ein einziges Strukturmuster reduziert. Das allein kann aber noch nicht ausreichend sein, denn es sind eben nicht alle germanischen Sprachen in den strikten VO-Typ gewechselt. Was ergab den Anstoß in die VO-Richtung? Es ist der Beitrag der Voranstellung des finiten Verbs (i.e. die germanische V2-Eigenschaft). Dadurch ergibt in vielen Fällen das erste und dritte Muster von (18a) eine identische Abfolge. Wenn nun auch im eingeleiteten Nebensatz eine Finitumstellung möglich ist, wie das in allen modernen skandinavischen Sprachen der Fall ist, dann gibt es insgesamt eine sehr hohe Frequenz der Abfolgen in (19). (19a) [Auxfinit-i [V XP ei]] (19b)[Auxfinit [V XP]]
drittes Muster aus (18a) erstes Muster aus (18a), sowie (18b)
Es ist die Präponderanz dieser Muster, was sich als konstanter Driftfaktor zugunsten von (19b) ausgewirkt haben mag, und die für die VOEntscheidung relevante Richtungsfestlegung begünstigte. Aus der alten
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Grammatik spaltete sich eine neue ab. Die Koexistenz der alten und neuen Grammatik änderte sich allmählich zugunsten der Ausbreitung der neuen Grammatik mit fixer Richtungsfestlegung und (19b) als dem einzigen Muster, durch die abnehmende Frequenz der anderen Muster. Bleibt nun die Frage, wie es andererseits zu einem Drift in Richtung des OV-Typs kommen kann. Auch hier dürfte die Abfolgevariation in Sätzen mit Auxiliar- und Quasi-Auxiliar-Verben eine entscheidende Rolle spielen. Auffällig ist zum Ersten, dass in den germanischen OV-Sprachen, anders als in den VO-Sprachen (21), in eingeleiteten Sätzen keine Hauptsatzwortstellung11 möglich ist. Auffällig ist auch, dass in den germanischen VO-Sprachen die direkte Einbettung eines Satzes mit Hauptsatzwortstellung nicht zulässig ist (vgl. Vikner 1995). Es muss ein eingeleiteter Satz sein. Im Deutschen ist es genau umgekehrt, wie (20a) im Vergleich zu (20c) belegt. (20a) Man sagt, diese Verbstellung sei gut möglich (20b)Man sagt, dass diese Verbstellung gut möglich sei (20c) *Man sagt, dass diese Verbstellung sei gut möglich (21a) He said *(that) [never before] has he read such a good article (21b)Han sagde *(at) [aldrig før] havde han læst sådan en god artikel Dänisch (21c) *er sagt, (dass) [nie zuvor] hatte er gelesen solch einen guten Artikel Die Existenz der satzinternen V2-Abfolge deutet darauf hin, dass es schon vorher diese Linksstellung gab, die die Linksstellung der nicht-finiten Verben im dritten Typ verstärkte und eine Frequenz von Linksstellungsmustern ergibt, die die Reanalyse zu fixer Linksköpfigkeit begünstigte. Was muss der Fall sein, damit sich eine Bevorzugung der Muster ergibt, die zur Fixierung auf Rechtsköpfigkeit führte? Die Antwort findet sich in einer Eigenschaft, die alle OV-Sprachen gemeinsam haben, nämlich die Bildung von Verbalkomplexen. Diese Eigenschaft ergibt sich aus der Vermeidung von Zentraleinbettung von eingebetteten VPs (22a), analog zu (16) in VO. In OV-Sprachen weisen alle Indizien auf eine Struktur wie in (22b) hin (vgl. Haider 2003): mehrgliedriger Verbalkomplex anstelle von zentraleingebetteten VPs.
_____________ 11
Hauptsatzwortstellung = besetztes Vorfeld und finites Verb in der linken Klammer. Einzige Ausnahme ist Friesisch, wo es V2-Muster in eingeleiteten Sätzen gibt. Ob dies eine Neuerung ist oder nicht, ist unklar (vgl. De Haan / Weerman 1986).
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(22a) dass [er [ VP [VP [VP [VP das Problem gelöst] haben] müssen] würde]] (22b)dass [er [VP das Problem [[[gelöst haben] müssen] würde]] In (22b) gibt es eine einzige VP, und nicht eine Kaskade von vier VPs (22a). Auf diese Weise wird das Problem vermieden, das kopf-finale Einbettungen beinhalten, nämlich das von Zentraleinbettung gleicher Konstituenten. (22a) ist extrem parserunfreundlich, denn es ist für den Parser nicht möglich, die Anzahl der zu öffnenden VP-Knoten zu bestimmen ohne das Satzende zu kennen. In VO-Strukturen tritt das Problem nicht auf, denn jede VP präsentiert dem Parser zuerst das Verb der jeweils übergeordneten VP. Das Problem (22a) wird gelöst, indem die Grammatik eine Verbalkomplexbildung anbietet. Es gibt keine geschachtelten VPs. Es gibt nur eine VP und die Verben sind im Verbalkomplex versammelt. Dieser hat zwar ebenfalls eine ungünstige, weil linksverzweigende, Struktur, doch diese ist auf einen lokalen Bereich beschränkt. Aber auch hier ‚sinnt‘ die Grammatik auf Auswege: In allen germanischen VO-Sprachen gibt es Verbstellungsvariation, die zur Reduktion der Linksverzweigung im Verbalkomplex führt: (23a) dass [er [VP das Problem [würde [[gelöst haben] müssen]] (23b)dat hij het probleem [zou [moeten [hebben opgelost]]] Niederländisch (23c) *dass er das Problem würde müssen haben aufgelöst Niederländisch hat die radikalste Umstrukturierung des Verbalkomplexes erreicht. Er erlaubt die komplette Spiegelbildanordnung zum Deutschen (23b). Damit ist der ‚Makel‘ der Linksverzweigung eliminiert. Aber im Niederländischen, wie im Deutschen, gibt es Variation in der Abfolge der Verben im Verbalkomplex. Das ist ein germanisches OV-Merkmal. In keiner VO-Sprache gibt es Variation unter den Auxiliarabfolgen, aber in jeder germanischen OV-Sprache gibt es sie: (24a) alles, was er hätte gesehen haben können (24b)alles, was er gesehen hätte haben können (24c) alles, was er gesehen haben hätte können (24d) dat hij niets kan hebben gezien Niederländisch dass er nicht kann haben gesehen (Geerts u.a. 1984, 1069) (24e) dat hij niets kan gezien hebben (24f) dat hij niets gezien kan hebben Den heutigen Varietäten des Deutschen ist gemeinsam, dass auch dann, wenn die Umstellung über den Verbalkomplex hinaus in das Mittelfeld
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hinein möglich ist, das Vollverb stets in der finalen Position verharrt und damit die Rechtsköpfigkeit der VP festhält. (25a) dass er für sie nicht hatte die Firma am Leben halten wollen12 (25b)Man hätte (halt) müssen die Polizei verständigen13 (25c) das si am Grendel wöt sine verlore chlause zruggeh14 dass sie dem Grendel wollte seine verlorene Pfote zurückgeben Dass die Verbstellungsvariation spezielle Berücksichtigung verdient, betont auch Prell (2003, 245): Ein weiterer wichtiger Unterschied zum Nhd. besteht darin, dass im mehrteiligen Verbalkomplex im mhd. Nebensatz die Abfolge der Verbformen nicht fest geregelt ist. Auch hier dominiert bereits die nhd. Stellung (Infinitum vor Finitum) mit Werten zwischen 68 und 75 % pro Jahrhunderthälfte, die umgekehrte Abfolge einschließlich der Distanzstellung der Verbformen ist aber auch jederzeit erwartbar
Die folgenden Belege entnimmt Prell (2003, 245) dem Mühlhausener Reichsrechtsbuch. (26a) hivte ist der vroliche tak daz vnser herre wollte varn ze ierl’m. vn die mrter liden vmbe alle die mennischen die er heilen wolte. (Kuppitsch’sche Predigtsammlung) (26b)Hinach is beschribin daz ein iclich man hi zv mvlhusen in die richis stat sal vride habi in simmi huz (26a) ist ein Beleg mit beiden möglichen Abfolgen im Verbalkomplex im selben Satz. Der erste Satz zeigt die ‚niederländische‘ Abfolge ‚wollte farn‘ (plus Nachstellung einer Präpositionalphrase). Im zweiten Satz von (26a) liegt die Abfolge wie im Nhd. vor. In (26b) gibt es eine Voranstellung des finiten Auxiliars ins Mittelfeld hinein, aus dem Verbalkomplex heraus, wie es auch im Nhd. in Ersatzinfinitivkonstruktionen üblich ist. Nun, da wir die ‚Hauptverdächtigen‘ für den Wandel in Richtung der OV/VO-Dialektaufspaltung dingfest gemacht zu haben glauben, ist der Punkt erreicht, um die Erklärungshypothese zu fixieren. Ausgangslage ist eine Grammatik mit nicht fixiertem, d.h. unterspezifiziertem Richtungswert für die Kategorie V. Es kann alternativ nach rechts oder nach links lizenzieren. _____________ 12 13
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Zitat aus: Thomas Mann, Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Dies ist ein sehr frequentes Muster in der Wiener Umgangssprache: Das nicht-finite Modalverb geht an die Mittelfeldspitze. Es befindet sich aber nicht in der linken Klammer, zusammen mit dem finiten Verb, denn Partikel und Pronomina an der Wackernagelposition treten dazwischen: ‚Er hätt‘ sich müssen wärmere Socken anziehen.‘ Schwytzerdytsch, aus Wurmbrand (2006).
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Diese Grammatik erklärt die Tatsache, dass wir sowohl VO-Muster finden, als auch OV-Muster, aber auch Muster, die weder OV- noch VOkompatibel sind, nämlich die Sandwich-Stellung des Verbs zwischen zwei seiner Objektsaktanten. Diese Grammatik trifft für die älteren Sprachstufen zu und ist bis in die ‚mittleren Perioden‘ (Mittelhochdeutsch, Mittelenglisch, etc.) wirksam. In dieser Periode setzt ein Wandel ein. Sein Endpunkt sind Sprachen mit einer Grammatik, in der der Richtungswert für V nicht mehr unterspezifiziert, sondern fixiert ist. Da es nur zwei mögliche Werte gibt (links, rechts), ist das Resultat jeweils eine von zwei Möglichkeiten, nämlich fix rechts-lizenzierend (VO), oder fix links-lizenzierend (VO). Dieser Wandel ist aber einer, der jeweils eine ganze Gruppe einheitlich ‚infizierte‘. Das ist die noch offene Frage. Welche ‚Infektion‘ der Grammatik hat sich hier jeweils uniform auszubreiten begonnen?
6. Konvergierende Drifts? Der Wandel besteht in der Fixierung der Lizenzierungsrichtung. Die Grammatik mit frei wählbarer, weil unterspezifizierter Lizenzierungsrichtung des Verbs ändert sich zu einer mit fixierter Richtung. Da es bei dieser Fixierung eine Alternative gibt, sehen wir heutzutage zwei Grammatikfamilien. Eine ist die OV-Familie der westgermanischen Sprachen, und die andere die VO-Familie der nordgermanischen Sprache sowie Englisch. Wegen des Mangels an repräsentativ erhobenen und analysierten Daten aus detaillierten, sprachvergleichenden Recherchen zum fraglichen Sprachzustand kann hier bloß eine Konjektur formuliert werden, wie die oben formulierte Generalhypothese („von unterspezifiziert zu fixiert“) in der grammatischen Implementierung funktioniert haben kann. Hier ist sie: Der Wandel vom unterspezifizierten zum fixierten Wert hat jeweils klare Konsequenzen, die sich aus der konsequenten Implementierung und den dadurch ausgelösten Folgewirkungen ergeben. Die Implementierung als ‚fixiert auf rechts-lizenzierend‘ ergibt eine Festlegung auf die Verbabfolge 1-2-3 als relative Abfolge, und die V-Objekt-Abfolge. Diese ist in allen Fällen mit nur zwei Verben deckungsgleich mit der Variante, die sich aus der Voranstellung des finiten Verbs ergibt. Die Reanalyse wird begünstigt, wenn es die Möglichkeit der Voranstellung des Finitums auch in eingebetteten Sätzen gab, so wie in den heutigen skandinavischen Sprachen. In der Variante ‚fixiert auf links-lizenzierend‘ ergibt sich die relative Verbabfolge 3-2-1 und eine Objekt-V-Abfolge. Wiederum führt die Voranstellung des Finitums zu 1-2-Abfolgen. Entscheidend ist aber auch, dass mit der Linkslizenzierung der Ersatz von VP-Einbettung durch Verbal-
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komplexbildung verbunden ist. Das äußert sich in den Daten als Objekt-V2V1- neben einer Objekt-V1-V2-Abfolge. Begünstigt wird die Erkennbarkeit der Fixierung auf kopf-final, wenn es, so wie in den heutigen germanischen OV-Sprachen, keine Finit-Voranstellung in eingeleiteten Sätzen gibt, die die V2-V1-Abfolge maskiert, weil dann die Voranstellung von V1 als linksköpfig in vielen Kontexten nicht von der Finitvoranstellung zu unterscheiden ist. Der jeweilige nachhaltige Drift ergibt sich dadurch, dass in den fixierten Varianten der Grammatik die zulässigen Wortstellungsmöglichkeiten eine Teilmenge jener Stellungsmuster bilden, die von der Vorgängergrammatik zugelassen sind. Das führt dazu, dass die aktiv gebrauchten Muster im innovativen Dialekt eine Teilmenge des Grunddialekts sind, und die anderen Muster passiv zugelassen werden, zum Teil als tolerierte Varianten, in der Weise, wie wir uns auch heute nicht daran stoßen, wenn jemand eine Variante gebraucht, die man selbst aktiv nicht benützt. Der Grund für die Reanalyse, die überhaupt erst einen Drift begründete, liegt aber in der ‚Konkurrenz‘ zwischen Verbvoranstellung infolge der Finitumstellung (als pangermanische Eigenschaft) und den Voranstellungsvarianten infolge der Alternative zwischen Rechts- und LinksLizenzierung. Der Wandel zu fixer Lizenzierung entspricht einer grammatischen ‚Flurbereinigung‘ als Reduktion der Quellen für Verbumstellung, oder mit anderen Worten, einer Vereinfachung des Verhältnisses zwischen Linearisierung und syntaktischer Strukturierung. Es gibt viele Sprachen des dritten Typs, aber darunter sind keine Sprachen mit obligater Finitumstellung.
7. Zusammenfassung Die heutigen germanischen Sprachen sind, was die Verbalphrase betrifft, jeweils entweder kopf-final (westgermanische OV-Sprachen) oder kopfinitial (nordgermanische VO-Sprachen). Das ist Ergebnis eines syntaktischen Wandels. Der gemeinsame sprachliche Vorfahre war weder OV noch VO, sondern vom dritten Typus, nämlich unterspezifiziert hinsichtlich des Richtungswertes von V°. Der Wandel wurde nicht durch morphosyntaktischen Abbau angetrieben. Der primäre Wandel ist der von ‚unterspezifiziert‘ zu ‚spezifiziert‘ im Richtungswert des Verbums. Dieser Wandel ermöglichte zwei einander ausschließende Implementierungswege, nämlich als links-lizenzierend (OV) oder als rechts-lizenzierend (VO). Jede dieser Möglichkeiten setzt einen Drift in Gange.
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Der nachhaltige Wandel, der zur Dialektspaltung führte, wird durch die Auswirkung des jeweils fixierten Wertes auf die Verbabfolge in einfachen Sätzen mit mehreren Verben (Auxiliaren, Quasi-Auxiliaren) getragen. Die Option, die zu VO führt, besteht in der Bevorzugung der Verbvoranstellung, während die Option, die zu OV führt, eine Verbalkomplexbildung auslöst, mit Stellungsvariationen im Komplex. Was noch aussteht sind syntaxtheoretisch versierte, systematisch sprachvergleichende empirische Studien zur Korrelation zwischen den Abfolgemustern von V° und Objekt (also V-O, O-V) einerseits und den Abfolgemustern der Verben andererseits, unter Berücksichtigung und analytischer Eliminierung der maskierenden Faktoren, wie Finitumstellung im eingeleiteten Satz. Diese Studien sind unabdingbar, um die Entscheidungsgrundlage zu festigen für die hier behauptete Trennung in bevorzugte Voranstellung (und damit für den Weg zu VO) und bevorzugte Verbalkomplexbildung (und damit für den Weg zu OV). Für Altenglisch haben Van Kemenade (1987) und Koopman (1990) bereits Grundlagen erarbeitet (s. auch Fischer u.a. 2000, 28). Erst wenn eine hinreichende Datenbasis gegeben ist, lässt sich eine konklusive Argumentation erzielen.
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Anhang: Syntaktische Korrelate von OV bzw. VO Was korreliert direkt mit OV? • (nicht-finites) Verb folgt in der VP-Grundposition seinen nominalen Aktanten (abgesehen von Ausklammerungsphänomenen wie heavy NP shift): [Obj Obj V]VP – *[Obj V Obj]VP – *[V Obj Obj]VP • Abfolge der Aktanten ist variabel (‚freie‘ Wortstellung = Scrambling) • Partikel von Partikelverben ist präverbal (wenn nicht durch V-Umstellung abgespalten) • keine strukturell ausgezeichnete Subjektsposition, und daher
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keine strukturell bedingten Subjektsepletiva V+Aux-Abfolge, mit Variation (wenn es eine Sprache mit Verbvoranstellung ist) kompakter Verbalkomplex, mit Stellungsvariation der Verben im Komplex
Was korreliert direkt mit VO? • (nicht-finites) Verb geht in der VP-Grundposition seinen Objektsaktanten voraus: [V Obj Obj]VP – *[Obj V Obj]VP – *[Obj Obj V]VP • Abfolge der Aktanten ist invariabel (‚fixe‘ Wortstellung) • Partikel von Partikelverben ist postverbal • ausgezeichnete strukturelle Subjektsposition, präverbal, und daher • obligatorisches strukturelles Subjektsexpletiv • Aux+V-Abfolge, ohne Variation • kein Verbalkomplex; Adverbien auch zwischen den nicht-finiten Verben: Aux-Adverb-V • edge effect: Kopf der präverbalen Adverbialphrase muss adjazent sein zur VP (vgl. Haider 2005) Was korreliert mit dem dritten Typ XVX? • Verbposition erscheint variabel: • Es gibt neben OV- und VO-Abfolge auch die OVO-Abfolge, d.h. […. [VPObjekt [V Objekt]]] • Abfolge der Aktanten vor der satzinternen V-Position ist variabel (‚freie‘ Wortstellung = Scrambling), wie in OV (es sei denn, funktionale Positionen sind damit bestückt, wie im Ungarischen) • spezielle Subjektsposition nur dann, wenn konsequent das VOMuster instantiiert ist, und dann auch mit Expletivsubjekt (Expletiv erscheint daher, als ob es fakultativ wäre) • Aux-V-Abfolge und auch V-Aux-Abfolge (bei finitem und nichtfinitem Aux), auch in Distanzstellung • Verbalkomplexbildung ist fakultativ
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in Aussagesätzen in biblischen Textsorten vom 9. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts Franz Simmler (Berlin)
1. Forschungsstand, Problemstellung, Erkenntnisziel, Materialgrundlage Die Ermittlung von Serialisierungsregeln des Prädikats in Aussagesätzen und anderen Satzarten wird in der Althochdeutschen Syntax von R. Schrodt skeptisch beurteilt. Wegen lateinischer Vorlagen bzw. wegen der Reimverwendung entstehe das Problem, die „wirklichen“, die „regelhafte[n]“ und die „genuine[n]“ Serialisierungsregeln des Althochdeutschen zu erkennen.1 Kommen Übereinstimmungen zwischen lateinischer Vorlage und deutscher Übersetzung vor und zeigen sich dabei Abweichungen von den in zur deutschen Gegenwartssprache in Grammatiken erfassten Serialisierungsregeln, dann wird auf einen lateinischen Einfluss geschlossen,2 so dass Serialisierungsregeln existieren, die nicht genuin seien: (1a) et accesserunt ad eum discipuli eius (T, M, 133.31; Mt 5,1)3 (1b) Inti giengun tho zi Imo sine iungiron (T, M, 133.31) (2a) .& tunc confitebor illis. (T, M, 163.30; Mt 7,23) (2b) thanne gih ih in (T, M, 163.30)
_____________ 1 2 3
Schrodt (2004, § S 183, 200). Vgl. Maurer (1926, § 67ff.). Zitiert wird die Tatianbilingue (= T) nach der Edition von Masser (1994) (= M) mit Seitenund Zeilenangabe. Zum besseren Vergleich der verschiedenen Textsortentraditionen wird auch noch die Bibelstelle angegeben. Da eine syntaktische Analyse vorliegt, ist die s-Graphie normalisiert; die syntaxrelevanten Interpunktionszeichen wurden nicht verändert. Die Verba finita sind durch Fettdruck hervorgehoben.
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(3a) ;Igitur ex fructibus eorum cognosc&is eos., (T, M, 163.18f.; Mt 7,20) (3b) uuarlihho fon iro uuahsmen furstant& ir sie., (T, M, 163.18f.) (4a) Sic omnis arbor bona ! fructus bonos facit., (T, M, 163.1f.; Mt 7,17) (4b) So giuuelih guot boum guotan uuahsmon tuot. (T, M, 163.1f.) So zeigen sich in den Beispielen (1) bis (4) im lateinischen Textteil (a) und im deutschen Textteil (b) in Aussagesätzen in der Tatianbilingue Erst-, Zweit-, Dritt- und Endstellungen des Prädikats, des Verbum finitum. Nur die Übereinstimmungen in der Erst-, Dritt- und Endstellung werden als nicht-genuin angesehen. Die Übereinstimmungen in der Zweitstellung werden jedoch nicht auf einen lateinischen Einfluss zurückgeführt, da in der Gegenwartssprache der Aussagesatz „gewöhnlich die Form des Verbzweitsatzes“ besitze4 und die Verbzweitstellung zu den „Sprachtypologische[n] Vorgaben“5 gehöre. Gegenwartssprachliche Abweichungen von der Feldertypologie werden mit einem Vorvorfeld erklärt, das aber nicht in die Serialisierungsregeln einbezogen wird und deren Elemente in ihrem syntaktischen Status und in ihrer kommunikativen Funktion weder exakt noch widerspruchsfrei erfasst sind.6 Die sprachtypologische Verengung der Stellungsregularitäten im Aussagesatz in der deutschen Gegenwartssprache bestimmt auch die Behandlung der historischen Überlieferungen des Deutschen und führt zu einer Überschätzung des lateinischen Einflusses auf die Serialisierungsregeln des Prädikats in Aussagesätzen. Im Folgenden ist es daher das Erkenntnisziel, erstens den postulierten lateinischen Einfluss auf das Deutsche einer Überprüfung zu unterziehen,7 zweitens die mit den Serialisierungsregeln verbundenen Textfunktionen aufzuzeigen, da die grammatischen Phänomene in Texten und nicht in isolierten Einzelsätzen vorkommen, und drittens im Hinblick auf die Serialisierungsregeln sprachliche Entwicklungstendenzen aufzuzeigen. Als Materialgrundlage wird aus der biblischen Übersetzungsliteratur das Matthäus-Evangelium ausgewählt, das umfangreich in die Diatessaron-Tradition einbezogen ist und auch in Übersetzungen des Neuen Testaments und in Gesamtbibeln vollständig überliefert ist. Im Einzelnen werden folgende Handschriften und Drucke berücksichtigt: _____________ 4 5 6 7
Gallmann (2005, 903). Fritz (2005, 1133). Dazu mit neuen Beispielen und in Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen Prämissen Simmler (2008a); Wich-Reif (2008). Dazu auch Dittmer / Dittmer (1998, 36).
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Diatessaron-Traditionen 1. Tatianbilingue, lateinisch – althochdeutsch (Stiftsbibliothek St. Gallen, Cod. 56) (9. Jh.) (= T + M) 2. Zürich, Zentralbibliothek, C 170 App. 56 (13. / 14. Jh.) (= Zü)
•
Bibel-Traditionen 3. Luthers Septembertestament, Neues Testament, Wittenberg 1522 (= LS) 4. Zürcher Bilingue, Neues Testament, lateinisch – deutsch, Drucker: Christoph Froschauer, Zürich 1535 (Zentralbibliothek Zürich, Cod. III C 341) (= ZüD) 5. Die Bibel, Gesamtbibel, Stuttgart 1980 (= Einheitsübersetzung = EÜ)
•
Lateinische Traditionen 6. Erasmus von Rotterdam, Neues Testament, griechisch – lateinisch, Drucker: Iohannes Frobenius, Basel 1519 (VD 16 B 4197; IDC No. HB-126) (= ER) 7. Biblia sacra iuxta vulgatam versionem, Stuttgart 4. Aufl. 1994 (= Biblia)
Für die Fragestellung von besonderer Relevanz sind die Bilinguen Nr. 1 und Nr. 4, denen ein lateinischer Textteil beigegeben ist, der sich in Nr. 1 auf die Vulgata-Tradition (Nr. 7) und in Nr. 4 auf den Text des Erasmus von Rotterdam stützt (Nr. 6). Der Text von Erasmus von Rotterdam liegt auch Luthers Septembertestament (Nr. 3) zugrunde. Die Übersetzung von Luther ist über einen Zürcher Nachdruck von 1524 auch die Grundlage des deutschen Textteils der Zürcher Bilingue (Nr. 4).8 In der Untersuchung konzentriere ich mich auf die Tatianbilingue (Nr. 1), Luthers Septembertestament (Nr. 3) und die Zürcher Bilingue (Nr. 4). Ein Ausblick wird auf die Einheitsübersetzung (Nr. 5) und besondere Serialisierungsregeln im Frühneuhochdeutschen Prosaroman und in Romanen der Gegenwartssprache gegeben. Die lateinischen Texte des Erasmus von Rotterdam (Nr. 6) und der Vulgata (Nr. 7) werden bei Bedarf herangezogen.
_____________ 8
Vgl. Simmler (2008b).
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2. Unterschiede zwischen lateinischen und deutschen Serialisierungsregeln und ihre Textfunktionen 2.1. Erststellung des Prädikats im Deutschen Abweichend von der lateinischen Textgrundlage kommen in der deutschsprachigen Überlieferung folgende Erststellungen des Prädikats vor: (5a) cum uenissent ergo qui circa undecimam horam uenerant acceperunt singulos denarios (T, M, 371.23-25; Mt 20,9) (5b) tho thie quamun thiedar umbi thia einliftun zit quamun Intfiegun suntrigon phenninga (T, M, 371.23-25) (5c) Do kamen / die umb die eylfften stund gedinget waren / und empfieng ein iglicher seynen grosschen. (LS, Bl. XVIr, Z. 32f.)9 (5d) Et cum uenissent quia circa undecimam horam uenerant, acceperunt singuli denarium. (ZüD, 48a, Z. 9-12)10 (5e) Do kamend die vmb die eylfftenn stund gedinget warend / vnnd empfieng ein yetlicher seinen groschen. (ZüD, 48b, Z. 10-14) (5f) Et cum uenissent qui circa undecimam horam uenerant, acceperunt singuli denarium. (ER, 44b, Z. 24-26) (5g) cum venissent ergo qui circa undecimam horam venerant acceperunt singulos denarios (Biblia, 1556) (5h) Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. (EÜ, 1101) (6a) tamquam ad latronem existis cum gladiis et fustibus comprehendere me cotidie apud uos eram docens in templo (T, M, 607.18-22; Mt 26,55) (6b) samaso zi thiobe giengut ir mit suerta Inti mit stangon mih zifahanne gitago uuas ich mit iu lerenti in themo temple (T, M, 607.18-22) _____________ 9
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Da eine syntaktische Untersuchung vorliegt, wurden auch bei den Textexemplaren Nr. 2, 4f. und 7 verschiedene s- und r -Graphien vereinheitlicht, übergeschriebene Buchstaben wurden nachgestellt, diakritische Zeichen über weggelassen und Abkürzungen aufgelöst. Die syntaxrelevanten Interpunktionszeichen wurden nicht verändert. Zitiert wird jeweils nach der originalen Blatt- oder Seitenzählung und der Zeilenanzahl; r = recto, v = verso. In ZüD wird zusätzlich die Spalte angegeben; a = linke Spalte, b = rechte Spalte.
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(6c) yhr seytt aus gangen als zu eynem morder / mit schwerdten vnd mitt stangen / mich zu fahen / bynn ich doch teglich gesessen vnd hab geleret ym tempel / (LS, Bl. XXIIv, Z. 19-21) (6d) Tanquam ad latronem existis cum gladijs et fustibus ad comprehendum me: quotidie apud uos sedebam docens in templo (ZüD, 94a, Z. 26-31) (6e) Ir sind auszgangen als zuo einem moerder mit schwaerten vnd mit stangen mich zefahenn / bin ich doch taeglich gesaessen vnd hab geleert im tempel / (ZüD, 94b, Z. 28-32) (6f) Wie gegen eien Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen, um mich festzunehmen. Tag für Tag saß ich im Tempel und lehrte, (EÜ, 1111) (7a) Et terra mota est et petre scissae sunt et monumenta aperta sunt et multa corpora sanctorum qui dormirant surrexerunt. (T, M, 647.21-27; Mt 27,51f.) (7b) Inti erda girourit uuas Inti steina gislizane uuarun Inti grebir uurdun giofanotu Inti manage lihhamon thiedar sliefun erstuontun. (T, M, 647.21-27) (7c) vnd die erde erbebete / vnd die felsen zu ryssen / vnd die greber thetten sich auff / vnd stunden auff viel leybe der heyligen / die da schlieffen / (LS, Bl. XXIIIIr, Z. 17-19) (7d) et terra motra est, et petrae scissae sunt, et monumenta aperta sunt, et multa corpora sanctorum, qui dormierant, surrexerunt, (ZüD, 101b, Z. 9-13) (7e) Vnd die erd erbidmet / vnd die velsen zerrisssend / vnnd die greber thettend sich auf / vnnd stuondend auf vil leyb der heyligen die da schlieffend. (ZüD, 101a, Z. 9-14) (7f) Die Erde bebte, und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich, und die Leiber vieler Heiliger, die entschlafen waren, wurden auferweckt. (EÜ, 1114) In der Beispielgruppe (5) ist in den deutschsprachigen Textteilen ein unterschiedliches Verhalten gegenüber der lateinischen Vorlage zu erkennen. In den Beispielen (5a) und (5b) befinden sich die Verba finita acceperunt und Intfie(n)gun in Zweitstellung, die Serialisierungen des Prädikats entsprechen sich. Das erste Satzglied ist von einem Temporalsatz besetzt, dessen Subjekt in (5a) aus einem Subjektsatz besteht; in (5b) ist das Subjekt thie, das durch einen Attributsatz erweitert ist. In Verbindung mit den
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Verba finita acceperunt und Intfie(n)gun ist ein Subjekt syntaktisch nicht realisiert. Dieses fehlt jedoch nicht,11 sondern die Subjektinformation ist aufgrund der spezifischen morphologischen Struktur des Lateinischen und des Althochdeutschen durch die Personkategorie in der finiten Verbform ausgedrückt und muss daher nicht immer durch ein eigenes Satzglied ausgedrückt werden.12 In Luthers Septembertestament (5c) ist das Subjekt ein iglicher realisiert und befindet sich in Zweitstellung nach dem Prädikat empfieng, das die erste Position einnimmt. Diese Serialisierung bleibt in der Zürcher Bilingue (5e) erhalten. In der Einheitsübersetzung (5h) wird die Zweitstellung des Prädikats eingeführt. Mit der Änderung der Serialisierung des Prädikats ist in (5c) gegenüber (5b) ein anderer Gesamtsatzaufbau verbunden. In (5c) liegt eine Hypotaxe aus Hauptsatz 1 – Nebensatz (einem Subjektsatz zum Verbum finitum kamen des ersten Hauptsatzes) – Hauptsatz 2 vor, in (5b) eine Hypotaxe aus einem Nebensatz 1 (einem Temporalsatz), einem Nebensatz 2 (einem Attributsatz zum Nukleus thie, dem Subjekt des Temporalsatzes) und einem Hauptsatz. In der Beispielgruppe (6) existieren Serialisierungsunterschiede auch zwischen der lateinischen Vorlage und der althochdeutschen Übersetzung. Im Lateinischen befinden sich eram (6a) und sedebam (6d) in Drittstellung. Diese wird im Althochdeutschen nicht übernommen; uuas hat eine Zweitstellung (6b), und zusätzlich ist mit ih ein syntaktisch realisiertes Subjekt vorhanden, das im Lateinischen durch die morphologische Struktur signalisiert ist. Noch stärker von der lateinischen Vorlage weicht Luther ab, der die Erststellung des Verbum finitum bynn einführt (6c), was von der Zürcher Bilingue übernommen wird (6e). In der Einheitsübersetzung (6f) erscheint wieder die Zweitstellung. In der Beispielgruppe (7) stimmen die Serialisierungen im Lateinischen und Althochdeutschen wieder überein; die Prädikate surrexerunt (7a) und erstuontun (7b) befinden sich in Zweitstellung; ihnen geht jeweils ein Subjekt voraus, dessen Nukleus um einen Attributsatz erweitert ist. Luther stellt wiederum das Prädikat stunden auff an die erste Position (7c), gefolgt vom Subjekt viel leybe der heyligen. Die Zürcher Bilingue folgt gegen den selbst verwendeten lateinischen Textteil (7d) im deutschen Textteil (7e) erneut Luther. In der Einheitsübersetzung (7f) ist die Zweitstellung des Prädikats vorhanden. Die Beispielgruppen zeigen exemplarisch, dass die Erststellung von Prädikaten im Lateinischen und Deutschen vorkommt (1a, 1b) und sich das Althochdeutsche am stärksten in der Serialisierung an das Lateinische anlehnt, ohne jedoch davon sklavisch abhängig zu sein (vgl. 6b mit 6a). _____________ 11 12
So Schrodt (2004, § S 186), bei Imperativ- und Wunschsätzen. Vgl. Simmler (1997, 107ff.).
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Die Erststellung des Prädikats mit folgendem Subjekt erweist sich als eine Serialisierung, die auch das Lateinische verwendet, die aber im Deutschen unabhängig von einer lateinischen Vorlage eingesetzt wird. Sie ist daher als genuine Serialisierungsregel des Deutschen anzusehen13 und ist nicht einfach eine unmittelbare „Fortführung der idg. Verhältnisse“.14 Sie besitzt eine spezifische Textfunktion, die über die bisher erwähnte „satzverknüpfende und emphatische Funktion“15 hinausgeht. Ihre Textfunktion wird in der Verbindung von Teilsätzen innerhalb von Gesamtsätzen realisiert und besteht darin, einen unmittelbaren Anschluss an eine vorausgehende Handlung herzustellen und mit syntaktischen Mitteln einen Handlungszusammenhang herzustellen. In (5c) wird so die großzügige und überraschende Entlohnung hervorgehoben, in (6c) der Widerspruch zwischen der Art der Gefangennahme Christi und seinem öffentlichen Auftreten im Tempel und in (7c) der Zusammenhang zwischen natürlichen Ereignissen und der übernatürlichen Auferstehung der Heiligen. Dieser syntaktisch markierte Zusammenhang geht in der Einheitsübersetzung in (6f, 7f) durch die Übersetzung mit jeweils zwei Gesamtsätzen verloren und ist nur inhaltsseitig aus der Abfolge der Gesamtsätze herzuleiten. 2.2. Drittstellung des Prädikats im Deutschen Eine von der lateinischen Vorlage abweichende Drittstellung des Prädikats in der deutschsprachigen Überlieferung zeigt sich in folgenden Beispielen: (8a) Sic omnis arbor bona ! fructus bonos facit., (T, M, 163.1f.; Mt 7,17) (8b) So giuuelih guot boum guotan uuahsmon tuot. (T, M, 163.1f.) (8c) Also eyn iglicher guter bawm bringt gutte fruchte / (LS, Bl. Vv, Z. 30f.) (8d) Sic omnis arbor bona fructus bonos facit: (ZüD, 20a, Z. 13-15) (8e) Also ein yetlicher guoter baum bringt guote frucht / (ZüD, 20b, Z. 15-17) (8f) Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, (EÜ, 1083) (9a) et nemo mittit uinum nouum in utres ueteres alioquim rumpet uinum nouum utres. (T, M, 199.11-14; Mt 9.17 und Mc 2.22) _____________ 13 14 15
Zu weiteren Beispielen Simmler (2007, 61f.). Schrodt (2004, § S 184). Ebd.
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(9b) neque mittunt vinum novum in utres veteres alioquin rumpuntur utrres et vinum effunditur et utres pereunt (Mt 9,17; Biblia, 1538) (9c) et nemo mittet vinum novellum in utres veteres alioquin disrumpet vinum utres et vinum effunditur et utres peribunt (Mc 2,22; Biblia, 1577) (9d) Inti nioman sentit niuuan uuin in alte belgi elles brihhit ther niuua uuin thie belgi (T, M, 199.11-14) (9e) Man fasset auch nit den most ynn alte schleuche / anders die schleuche zu reyssen / vnd der most wirtt verschutt / (LS, Bl. VIIr, Z. 22f.) (9f) Neque mittunt uinum nouum in utres ueteres, alioque rumpuntur utres, et uinum effunditur, et utres pereunt, (ZüD, 26a, Z. 23-26) (9g) Man fasset auch nit den most in alte schleüch / anders die schleüch zerreyssennd / vnd der most wirdt verschütt: (ZüD, 26b, Z. 25-28) (9h) Auch füllt man nicht neuen Wein in alte Schläuche. Sonst reißen die Schläuche, der Wein läuft aus, und die Schläuche sind unbrauchbar. (EÜ, 1085) (10a) Quia si in tyro et sidone facte fuissent uirtutes quae facte sunt in uobis olim in cilicio et cinere poenitentiam egissent., (T, M, 219.12-16; Mt 11,21) (10b)bithiu oba in tyro inti in sidone gitanu uuarin megin thiu in iu gitanu sint forn in haru inti in ascun riuua tatin., (T, M, 219.12-16) (10c) weren solche thatten zu Tyro vnd zu Sidon geschehen / als bey euch geschehen sind / sie hetten vortzeytten ym sack vnnd ynn der asschen bussz than / (LS, Bl. IXr, Z. 19-21) (10d) quoniam si in urbe Tyri aut Sidonis factae fuissent uirtutes, quae facte sunt in uobis, olim in facto et cinere scelerum suorum poenitentiam egissent. (ZüD, 34a, Z. 23-28) (10e) waerend soeliche thaten zuo Tyro und zuo Sidon geschehen / als bey euch geschehen sind / sy hettend vor zeytenn im sack vnd in der aeschen buosz gethon. (ZüD, 34b, Z. 26-31)
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(10f) Wenn einst in Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, die bei euch geschehen sind – man hätte dort in Sack und Asche Buße getan. (EÜ, 1088) (11a) Ideo omnis scriba doctus in regno celorum similis est homini patri familia (T, M, 241.26-28; Mt 13,52) (11b)bithiu giuuelih bouhhari gelerter in rihhe himilo gilih ist manne fateres hiuuiskes (T, M, 241.26-28) (11c) Darumb eyn iglicher schrifftgelerter der zum hymelreych gelert ist / ist gleich eynem haus vatter / (LS, Bl. XIv, Z. 29f.) (11d) Propterea omnis scriba doctus ad regnum coelorum, similis est homini patrifamilias, (ZüD, 45b, Z. 28-31) (11e) Darumb ein yetlicher gschrifftgelerter der zum himmelreych geleert ist / ist gleych einem hauszuatter / (ZüD, 45a, Z. 29-32) (11f) Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, (EÜ, 1093) (11g) Jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht also einem Hausherrn – Also gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausherrn (12a) qui ergo iurat In altare iurat In eo et In omnibus quae super illud sunt. (T, M, 499.31-501.3; Mt 23,20) (12b)thiede suerit in themo alttere ther suerit In themo Inti in allen thiu dar obar Imo sint (T, M, 499.31-501.3) (12c) darumb / wer do schweret bey dem alltar / der schweret bey dem selben vnnd bey allem das droben ist / (LS, Bl. XIXr, Z. 2022) (12d) Qui ergo iurauerit per altare, iurat per ipsum, et per omnia quae super illud sunt. (ZüD, 78a, Z. 36- 79b, Z. 1) (12e) Darumb waer da schweert bey dem Altar / der schweert bey dem selben / vnd bey allem das darauff ist. (ZüD, 78b, Z. 3979a, Z. 1) (12f) Wer beim Altar schwört, der schwört bei ihm und bei allem, war darauf liegt. (EÜ, 1105) (13a) amen amen dico tibi quia haec nocte antequam gallus cantet ter me negabis (T, M, 565.16-19; Mt 26,34)
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(13b)uuar uuar quidu ih thir uuanta In theru naht er thanne hano singe thriio stunt forsehhis mih (T, M, 565.16-19) (13c) warlich ich sage dyr / ynn dyser nacht / ehe der hane krehet / wirstu meyn drey mal verleugnen / (LS, Bl. XXIIr, Z. 25-27) (13d) Amen dico tibi, quod in hac nocte antequam gallus cantet, ter me negabis. (ZüD, 92a, Z. 25-28) (13e) Warlich ich sag dir / In diser nacht ee der Han kraeyet / wirst du mein drey mal verlougnen. (ZüD, 92b, Z. 28-31) (13f) Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. (EÜ, 1110) (13g) In dieser Nacht wirst du mich dreimal verleugnen, noch ehe der Hahn kräht. – Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich in dieser Nacht dreimal verleugnen. (13h)In dieser Nacht noch vor dem Hahnenkrähen wirst du mich dreimal verleugnen. – In dieser Nacht wirst du mich noch vor dem Hahnenkrähen dreimal verleugnen. (14a) Centurio autem et qui cum eo erant custodientes ihesum uiso terre motu et his quae fiebant timuerunt uualde glorificantes (deum) et dicentes hic homo iustus est uero dei filius. (T, M, 649.1-9; Mt 27,54) (14b)ther hunteri Inti thie mit imo uuarun bihaltenti then heilant gesehenemo erdgirournessi Inti then dar uuarun forhtun in thrato got diurisonti Inti quedenti theser man rehtliho ist uuarliho gotessun. (T, M, 649.1-9) (14c) Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn! (EÜ, 1114) In der Beispielgruppe (8) wird die Endstellung des Prädikats in (8a) und (8b) von Luther (8c) in eine Drittstellung verändert. Dies behält die Zürcher Bilingue (8e) gegen die beigegebene lateinische Textgrundlage (8d) bei. In der Beispielgruppe (9) befindet sich das Prädikat in den lateinischen Traditionen (9a-c, 9f) und im deutschen Textteil der Tatianbilingue (9d) in Zweitstellung, während es bei Luther (9e) und in der Zürcher Bilingue (9g) die Drittstellung einnimmt. Obwohl nach dem Verbum finitum in (9e) kein Satzglied mehr folgt, handelt es sich nicht um einen eindeutigen
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Beleg für eine Endstellung. Methodisch sind die Satzglieder vom Beginn des isoliert gebrauchten einfachen Satzes bzw. des Teilsatzes durchzunummerieren; in diesem Falle befindet sich zu reyssen in dritter Position. Auch bei Sätzen wie Er schläft und Er trinkt kommt niemand auf den Gedanken, eine Endstellung anzusetzen. Eine Endstellung ist bei einer Variabilität der Serialisierungsregeln wie im Althochdeutschen zwingend erst dann gegeben, wenn sich mehrere Satzglieder vor dem Verbum finitum befinden und auch der Vergleich zum Lateinischen die Interpretation stützt. In der Beispielgruppe (10) zeigen sich bis zur Zürcher Bilingue dieselben Serialisierungsregeln wie in der Beispielgruppe (8). Der Unterschied besteht darin, dass die erste Satzgliedposition in Luthers Septembertestament (10c) von einem Konditionalsatz, der um einen Komparativsatz erweitert ist, besetzt ist. Diese Konstruktion wird in der Einheitsübersetzung beibehalten (10f): An die Stelle des Komparativsatzes tritt ein Attributsatz, die Drittstellung des Verbum finitum hätte wird beibehalten; der Konditionalsatz wird vom folgenden Hauptsatz durch einen Gedankenstrich abgegrenzt. Dadurch wird die im Hauptsatz gegebene Schlussfolgerung durch eine Interpungierung und die Drittstellung des Verbum finitum besonders hervorgehoben. In der Beispielgruppe (11) hängt die Bestimmung der Satzgliedpositionen davon ab, ob das Prädikativum als Satzglied gewertet wird oder nicht; die unterschiedlichen Serialisierungen im Lateinischen und Deutschen sind jedoch von dieser Entscheidung nicht betroffen. Wird das Prädikativum als Satzglied gewertet, dann nehmen est in (11a) und ist in (11b) eine Viertposition ein; wird das Prädikativum als Teil des Prädikats verstanden, liegen in similis est (11a) und gilih ist (11b) Drittpositionen vor mit der Abfolge Prädikativum plus Kopula. Bei einer Wertung als Satzglied befindet sich ist bei Luther (11c) und in der Zürcher Bilingue (11e) in Drittposition und das Prädikativum in Viertposition. Wird eine Wertung als Satzgliedteil vorgenommen, ist das Prädikat in Drittstellung mit der Abfolge Kopula plus Prädikativum. In der Einheitsübersetzung (11f) hängt die Ermittlung der Serialisierung von der syntaktischen Wertung von also ab. Wird es aufgrund der positionellen Nähe zu Schriftgelehrte als postnukleares Adverb-Attribut aufgefasst, mit der textuellen Funktion, eine vorausgegangene Argumentation weiterführend wieder aufzunehmen, dann befindet sich gleicht in Zweitstellung. Werden Permutationen wie in (11g) akzeptiert, müsste von einer Drittstellung ausgegangen werden mit einer Fernstellung des Attributsatzes zum Nukleus Schriftgelehrte. In der Beispielgruppe (12) befindet sich das Prädikat in der lateinischen Vorlage (12a) und in der althochdeutschen Übersetzung (12b) in Zweitstellung, die erste Position wird von einem Subjektsatz eingenom-
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men. Bei Luther (12c) kommt das Prädikat in Drittstellung vor, weil dem Subjektsatz ein Adverbiale darumb vorangestellt wird, das in der lateinischen Vorlage (12d) kein Äquivalent besitzt. Diese Struktur wird in der Zürcher Bilingue (12e) beibehalten. In allen deutschsprachigen Übersetzungen wird der Subjektsatz durch ein Demonstrativum wieder aufgenommen. In der Einheitsübersetzung (12f) wird auf das Adverbiale verzichtet, so dass das Prädikat wieder die Zweitstellung einnimmt. In der Beispielgruppe (13) liegen unterschiedliche lateinische Konstruktionen vor, in (13a) ein Kausalsatz und in (13d) ein Objektsatz. In beiden Fällen befindet sich das Prädikat negabis in Endstellung. In der Tatianbilingue (13b) nimmt das Prädikat forsehhis im koordinierten Kausalsatz die Viertposition ein. Ihm gehen zwei temporale Informationen voraus, ein Temporaladverbiale In theru naht und ein Temporalsatz er thanne hano singe, und ein Modaladverbiale thriio stunt. Der Temporalsatz hat dabei die Funktion, die allgemeine Zeitangabe des Temporaladverbiales zu präzisieren. Bei Luther (13c) nimmt das Verbum finitum die Drittstellung ein; die beiden temporalen Informationen bleiben vor dem Verbum finitum stehen, das Modaladverbiale wird in die Satzklammer aus Verbum finitum und infinitum integriert. Diese Struktur wird in der Zürcher Bilingue (13e) beibehalten und findet eine Kontinuität in der Einheitsübersetzung (13f). Die unterschiedlichen Funktionen der temporalen Informationen und ihr Satzgliedstatus bzw. ihre Rückführbarkeit auf ein Satzglied lassen sich durch Permutationen (13g) und Substitutionen (13h) nachweisen. Die Drittstellung des Prädikats ist in lateinischen Vorlagen und in deutschen Übersetzungen vorhanden (3a, 3b). Sie kommt aber auch unabhängig vom Latein vor, so dass auch bei der Drittstellung von einer genuinen Stellungsregularität des Deutschen ausgegangen werden muss. Wenn es von der lateinischen Vorlage unabhängige Drittstellungen des Prädikats gibt, dann spricht auch nichts dagegen, in gemeinsamen Drittstellungen wie in (3a vs. 3b) und (14a vs. 14b) ebenfalls Serialisierungsregeln beider Sprachen zu erkennen. Am häufigsten werden lateinische Endstellungen in Drittstellungen verändert (8a vs. 8c, 10a vs. 10c, 13a vs. 13c); aber auch lateinische Zweitstellungen werden in Übersetzungen in Drittstellungen wiedergegeben (9a vs. 9c, 12a vs. 12c). Die Tatianbilingue folgt am häufigsten der Vorlage, verändert aber einmal eine Endstellung in eine Viertstellung (13a vs. 13b), einmal wird die Abfolge von Prädikativum plus Kopula umgestellt (11a vs. 11b). Wenn es von der lateinischen Vorlage unabhängige Drittstellungen des Prädikats gibt, dann spricht auch nichts dagegen, in gemeinsamen Drittstellungen (wie in 3a und 3b) ebenfalls Serialisierungsregeln beider Sprachen zu erkennen (vgl. ferner Beispielgruppe 14). Es ist also nicht so, dass es für eine „in der Literatur gelegentlich erwähnte grammatische Drittstellung im Aussagesatz […] keine
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sicheren Belege“ gebe.16 In der Tradition der Textsorte (Geoffenbarter) Bericht lassen sich auch in der Gegenwartssprache Drittpositionen belegen (10f, 13f, 11f unter bestimmten Voraussetzungen). Unter textuellem Aspekt befinden sich in der historischen Tradition viermal Adverbialen in Erstposition (8c, 9e, 11e, 12c). Sie nehmen einen begründenden Anschluss an vorausgegangene Ausführungen vor. Zweimal werden mit einem Konditionalsatz plus Subjekt (10c) und einem Temporaladverbiale plus einem Temporalsatz (13c) die Ausgangssituationen für die folgenden Ausführungen spezifiziert.
3. Viertstellung und Endstellung des Prädikats im Deutschen und Lateinischen Eine Viertstellung des Prädikats im Lateinischen und Deutschen kommt in folgenden Belegen vor: (15a) .qui solem suum oriri facit super malos et bonos., (T, M, 145.28f.; Mt 5,45) (15b).ther the sunnun ufgangen tuot ubar ubile inti ubear guote (T, M, 145.28f.) (15c) ego autem dico uobis., Diligite inimicos uestros. benefacite his qui uos oderunt. et orate pro persequentibus et calumniantibus uos ut sitis filii patris uestri qui in caelis est. qui solem suum oriri facit super malos et bonos., et pluit super iustos et iniustos., (T, M, 145.21-30; Mt 5,44f.) (15d) ih quidu íu minnot iuuara fiianta tuot then uuola thei íuuih hazzont Inti betot furi thie áhtenton Inti harmenton íu thaz ír sít kind iuuares fater ther in himile ist. Ther the sunnun úfgangen tuot ubar ubile inti ubar guote Inti reganot ubar rehte inti ubar únrehte (T, M, 145.21-30) (15e) Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. (EÜ, 1081) (15f) Denn er lest seyn Sonne auff gehen vbir die bosen vnd vbir die gutten / (LS, Bl. IIIIv, Z. 5f.) _____________ 16
Schrodt (2004, § S 188.3, S 202, Anm. 1); zu weiteren Beispielen Simmler (2007, 60).
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(15g) quia solem suum exoriri finit super malos ac bonos (ZüD, 14a, Z. 33f.) (15h)Dann er laszt sein Sonn aufgon über die boesen vnd über die guoten / (ZüD, 14b, Z. 35-37) (16a) nouissime autem omnium et mulier defuncta est. (T, M, 429.9f.; Mt 22,27) (16b)tho zi iungisten allero thaz uuib arstarb. (T, M, 429.9f.) (16c) zu letzt nach allen starb auch das weyb. (LS, Bl. XVIIIr, Z. 43f.) (16d) Nouissime autem omnium defuncta est et mulier. (ZüD, 75b, Z. 29-31) (16e) zuo letst nach allem starb auch das weyb. (ZüD, 75a, Z. 33f.) (16f) Als letzte von allen starb die Frau. (EÜ, 1104) (17a) Statim autem post tribulationem dierum illorum. sol obscurabitur et luna non dabit lumen suum (T, M, 519.22-25; Mt 24,29) (17b)sliumo after arbeiti thero tago. sunna uuirdit bifinstrit inti mano nigibit sin lioht (T, M, 519.22-25) (17c) Bald aber nach dem trubsall der selbigen tzeyt / werden sonn vnd mond den scheyn vorlieren / (KS, Bl. XXr, Z. 22f.) (17d) Statim autem post afflictionem dierum illorum sol obscurabitur,et luna non dabit lumen suum (ZüD, 83b, Z. 13-16) (17e) Bald aber nach dem truebsal der selbigenn zeyt werdend Sonn vnd Mon den scheyn verlieren / (ZüD, 83a, Z. 15-18) (17f) Sofort nach den Tagen der großen Not wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen (EÜ, 1107) In der Beispielgruppe (15) hängt die Ermittlung der Serialisierungsregeln des Prädikats vor allem in (15a) und (15b) von der Einbeziehung des Kontextes ab und von den Repräsentationstypen, die auf Satzbegrenzungen hinweisen. Der relevante Kontext ist in (15c) und (15d) gegeben. Die Repräsentationstypen Punkt (unten) plus Minuskel und Punktvirgel plus & (= et) weisen in (15c) auf die Abfolge zweier isoliert gebrauchter einfacher Sätze hin,17 die in der Abfolge der Satzglieder eine syntaktische Parallelität besitzen. Das lat. qui befindet sich somit am Beginn eines neuen Satzes und drückt eine kausale Funktion aus, die mit 'denn dieser' wiedergegeben _____________ 17
Vgl. Simmler (2007, 62).
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werden kann.18 Diese Inhaltsseite wird im Althochdeutschen durch ther signalisiert, das sich somit als Demonstrativum 'dieser' und nicht als Relativum erweist.19 Wird dieser Argumentation gefolgt, dann befinden sich die Verba finita facit und tuot in Viertstellung in einem isoliert gebrauchten einfachen Satz. Auch Luther (15f) gibt die begründende Funktion des Satzanschlusses wieder, indem er mit Denn einen neuen Gesamtsatz beginnen lässt. Diese Struktur ist auch im deutschen Textteil der Zürcher Bilingue vorhanden (15h), obwohl im lateinischen Textteil die Begründung mit der Subjunktion quia eingeleitet wird und somit ein hypotaktischer Kausalsatz vorliegt (15g). Anders als in der Tatianbilingue befindet sich das Prädikat bei Luther und im deutschen Textteil der Zürcher Bilingue in Zweitstellung, die auch in der Einheitsübersetzung (15e) vorhanden ist. In der Beispielgruppe (16) ist im Gegensatz zur Beispielgruppe (15) in (16a) und (16b) von einer Endstellung des Prädikats auszugehen, da kein weiteres Satzglied mehr folgt. Wiederum entsprechen sich die Endstellungen im Lateinischen und Deutschen, und wiederum wird diese Serialisierung von Luther aufgegeben. Bei Luther ist eine Drittstellung vorhanden (16c). Diese zeigt sich auch in der Zürcher Bilingue sowohl im deutschen (16e) als auch im lateinischen Textteil (16d). Durch beide Überlieferungen wird die Anzahl der Belege mit Drittstellung erhöht. In der Einheitsübersetzung (16f) ist das Prädikat in Zweitstellung. Eine Endstellung des Prädikats kann auch in (17a) und (17b) nachgewiesen werden. Seit Luther liegt eine Zweitstellung vor (17c), wobei jedoch zu beachten ist, dass er aus den zwei Teilsätzen der lateinischen Traditionen (17a, 17d) einen einzigen Teilsatz bildet. Die Beispiele zeigen, dass die Viertstellung des Prädikats nur im Lateinischen und Althochdeutschen zu belegen ist. Dabei entsprechen sich die Serialisierungsregeln in beiden Sprachen weitgehend. Allerdings wird einmal eine lateinische Endstellung in der Tatianbilingue durch eine Viertstellung wiedergegeben (13b), die sich somit – wenn auch in geringer Frequenz – als genuine Stellungsregularität erweisen dürfte. Ein anderer Befund begegnet bei der Endstellung. Diese kann im Deutschen ausschließlich in der Tatianbilingue belegt werden und ist immer an die lateinische Vorlage gebunden, so dass – mit aller Vorsicht und mit Gültigkeit nur für die untersuchte Tradition des Matthäus-Evangeliums – davon ausgegangen werden könnte, dass die Endstellung des Prädikats in Aussagesätzen im Althochdeutschen aus dem Lateinischen entlehnt wurde und _____________ 18 19
Vgl. Georges (1992, II, Sp. 2153). Vgl. Schützeichel (2006, 72).
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nicht zu den genuinen Stellungsregularitäten des Deutschen gehörte.20 Ein eingeschränktes Verständnis des Satzinhalts ist mit der Entlehnung der Endstellung des Prädikats nicht verbunden.
4. Textsortengebundene Entwicklungstendenzen im Frühneuhochdeutschen und in der Gegenwartssprache 4.1. Frühneuhochdeutscher Prosaroman (Melusine 1538) Der in den Textexemplaren LS und ZüD ermittelte Befund gilt nicht generell für die ganze frühneuhochdeutsche Sprachperiode. Im ‚Frühneuhochdeutschen Prosaroman‘ können im Textexemplar der Melusine von 1538,21 das auf ein französisches Versepos zurückgeht, neben der Erst-, Zweit-, Dritt- und Viertstellung auch die Fünftstellung in geringer Frequenz und die Endstellung in deutlich höherer Frequenz nachgewiesen werden.22 (18) . Dardurch sich nun gar grosse klag zuo hoff erhuob / inn sonderhait von der Graeuin vnd von jren kindern / […] (Au, Kap. 7, Bl. Cij/r, Z. 1921)23 (19) : Liebenn freünd eüwer gefangner bin ich auff heüt worden / vnd beger das jr on auffzug ein schatzung ordnen woellent die mir vermüglich vnd leidenlich sey / sollichs vmb eüwer frommkait / mit anderen meinen freünden vnd günnern zuo allen zeytten beger ich zu verdienen. (Au, Kap. 25, Bl. Hij/r, Z. 4-9) (20) . Das [der Schwur] er jr aber darnach nit hielt / darumb verlor er sein schoene vnnd allerliebste frawen […] (Au, Kap. 6, Bl. Cj/r, Z. 4-6) (21) . Ich hab jn inn dem wald verlorn / deszgleichen die andern den merern theil auch sagen / […] (Au, Kap. 6, Bl. Cj/r, Z. 10f.) _____________ 20 21
22 23
Zu Endstellungen im ‚Frühneuhochdeutschen Prosaroman‘ im Textexemplar der Melusine von 1538, das auf eine französische Versfassung zurückgeht, vgl. Simmler (2009). Benutzt wurde das Exemplar Die Histori oder geschicht von der edeln vnnd schoenen Melusina (1538), Augsburg, Drucker Heinrich Steiner (= VD 16 M 4470) aus der Stadt- und Universitätsbibliothek Augsburg, ab 4° Ink adl. 16 (zitiert als Au). Der Bibliothek danke ich herzlich für die Überlassung eines Mikrofilms. Zu weiteren Belegen vgl. Simmler (2009). Zitiert wird nach einer selbst eingeführten Kapitelnummerierung und nach der originalen Blattzählung und der Zeilenzahl; r = recto, v = verso.
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(22) . Der Apt vnd das gantz couent / gieng jm entgegen / vnd warent seiner zuokunfft fro / die selb freüd aber schnell ein end nam / dann Goffroy was grymmigs zorns vol / vnd sprach zuo dem Apt vnd zuo jn allen. Ir vnseligen münch […] (Au, Kap. 40, Bl. Nij/r, Z. 14-17) Die Fünftstellung ist in der Autorenrede (18) und in der Figurenrde (19) zu belegen. Eine besondere textuelle Funktion ist mit dieser Stellungsregularität nicht verbunden. Dies ist bei der Endstellung anders. Auch sie ist auf die Autorenrede (20, 22) und die Figurenrede (21) verteilt. In einer Gruppe von Belegen ist eine besondere Textfunktion vorhanden; sie tritt bei Erzählereinschaltungen und moralisch zu verurteilenden Handlungen auf und hebt die dem Verbum finitum vorangehenden Satzglieder besonders hervor. In (20) wird mit dem Demonstrativum Das auf vorher Erzähltes verwiesen; die in den folgenden Satzgliedern berichtete Handlung wird vom Erzähler negativ bewertet. In anderen Erzählereinschaltungen erweist sich der Erzähler als allwissender Autor, indem er Erzählerbewertungen mit Vorausdeutungen verbindet (22). 4.2. Romane der Gegenwart In den beiden in einer umfangreicheren Untersuchung behandelten Romanen der Gegenwart24 lassen sich ebenfalls Erst-, Zweit-, Dritt- und Viertstellungen des Verbum finitum in Aussagesätzen belegen, aber keine Fünft- und Endstellungen: (23) Denn dies Rauschen ist nicht jetzt in der Zeit […] die Erde wird schwanger werden durch das Manneswasser des Himmels und wird dampfen und dünsten vor Lust, wie ich es rieche, und werden die Anger voll Schafe sein und die Auen dick stehen im Korn, dass man jauchzt und singt. (JB, 82) (24) „Hure! Ein Wort. Trösten sich die tugendhaften alten Fräuleins damit, die ihr neidisch sind. Hat auch die Königin Esther zuerst nicht wissen können, ob sie nicht des Ahasverus Kebsweib wird.“ (JS, 23) _____________ 24
Mann, Thomas (1975), Joseph und seine Brüder, Stuttgart (erste Gesamtausgabe Stockholm 1948) (= JB); Feuchtwanger, Lion (2004), Jud Süß. Roman, Berlin (= JS). Zu umfangreicherem Quellenmaterial und zu Detailargumentationen vgl. Simmler (2008a),; Simmler (2008b).
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(25) Sein Leben während der letzten fünfundzwanzig Jahre erschien seinem feierlichen Sinnen im Lichte kosmischer Entsprechung, […] (JB, 117) (26) Süß, nach einem langen Schweigen, meinte unvermittelt, […] (JS, 197) (27) Wirklich, ob Abram nun hoch und greisenschön wie Eliezer oder vielleicht klein mager und krumm von Statur gewesen war, - auf jeden Fall hatte er Mut bewiesen, […] (JB, 316) (28) Endlich, bei Tafel, mit hundert Komplimenten verbrämt, bestellte er ihr den Befehl des Herzogs, sie habe die Residenz zu verlassen, sich auf ihre Güter zurückzuziehen. (JS, 50) In allen Beispielen25 sind in der Gegenwartssprache mit den Stellungsregularitäten in den beiden Romanen spezifische Textfunktionen verbunden. Die Erststellung (23f.) kennzeichnet einen unmittelbaren Anschluss an vorhergehende Sätze. In den Gesamtsätzen (23) kommt bei Thomas Mann noch eine weitere Textfunktion hinzu; die der inhaltsseitig begründeten Zweiteilung der Gesamtsatzstruktur in zwei sich ergänzende oder einander entgegengesetzte Aspekte; in (23) wird dem Regen seine fruchtbringende Wirkung gegenübergestellt. Bei der Drittstellung kommt es durch die Positionierung von Adverbialen zwischen Subjekt und Verbum finitum (25f.) zu der Funktion, einzelne Begleitumstände von Handlungen stärker auf das Subjekt der Handlungen zu beziehen. Bei der Viertstellung (27f.) werden durch die Konzentration verschiedener Adverbialen vor dem Verbum finitum die Ausgangssituationen und die externen Rahmenbedingungen für besondere Handlungen, Vorgänge und Ereignisse festgelegt.
5. Ergebnisse Aus der Untersuchung der Überlieferungstradition des Matthäus-Evangeliums bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts und aus dem Ausblick auf die Überlieferung des ‚Frühneuhochdeutschen Prosaromans‘ können textsortengebunden folgende Entwicklungstendenzen hergeleitet werden: 1.
Die Erststellung des Prädikats in Aussagesätzen hat eine sprachliche Kontinuität bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts und weiter bis in die Gegenwartssprache. In der Tatianbilingue ergibt sich diese Se-
_____________ 25
Vgl. Simmler (2008a); Simmler (2009).
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51
rialisierungsregel aus der spezifischen morphologischen Struktur der Verbformen. Bei Luther und in der Zürcher Bilingue ist ebenso wie im ‚Frühneuhochdeutschen Prosaroman‘ und in den beiden Romanen der Gegenwartssprache die Erststellung mit der spezifischen Textfunktion des unmittelbaren Anschlusses an vorangehende Handlungen verbunden. In der Einheitsübersetzung ist eine Erststellung nicht mehr vorhanden. 2.
Die Zweitstellung zeigt eine ungebrochene Tradition bis in die Gegenwart hinein. Ihre Frequenz wird durch Veränderungen anderer Serialisierungsregeln ständig erhöht. Sie wird zur häufigsten, aber nicht einzigen Serialisierungsregel; eine spezifische Textfunktion wie bei den anderen Serialisierungsregeln existiert nicht. Mit der Zweitstellung können jedoch besonders komplexe erste Satzglieder verbunden werden, die in dieser Position eine spezifische Textfunktion erfüllen.
3.
Die Drittstellung des Prädikats besitzt eine ungebrochene Tradition von der Tatianbilingue bis in die Gegenwart. Sie ist bei Luther und in der Zürcher Bilingue ebenso wie im ‚Frühneuhochdeutschen Prosaroman‘ und den beiden Romanen der Gegenwartssprache produktiv. Durch die Drittstellung des Prädikats erhalten die beiden ersten Satzglieder eine besondere textuelle Funktion. Sie geben bei den biblischen Textsorten einen begründenden Anschluss an vorausgegangene Ausführungen und spezifizieren die Ausgangssituation für die im Prädikat folgende Aussage. Im ‚Frühneuhochdeutschen Prosaroman‘ dominieren die Textfunktionen der Satzverknüpfung und der Chronologiesicherung, in den beiden Romanen der Gegenwartssprache werden Ausgangsbedingungen für die im Verbum finitum vollzogenen Handlungen markiert. Zur Einheitsübersetzung hin nimmt die Frequenz der Drittstellung deutlich ab, ohne jedoch vollständig zu verschwinden (10f, 11f). Auf die lateinische Vorlage bezogen werden lateinische Endstellungen und Zweitstellungen durch Drittstellungen wiedergegeben.
4.
Die Viertstellung kommt nur einmal unabhängig von der lateinischen Vorlage in der Tatianbilingue vor (13b) und besitzt in der Textsortentradition des Matthäus-Evangeliums keine Kontinuität. Im ‚Frühneuhochdeutschen Prosaroman‘ ist mit der Viertstellung keine besondere Textfunktion verbunden. In den Romanen der Gegenwartssprache dagegen legen die Satzglieder vor dem Verbum
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Franz Simmler
finitum die externen Rahmenbedingungen für besondere Handlungen, Vorgänge und Ereignisse fest. 5.
Im ‚Frühneuhochdeutschen Prosaroman‘ sind – anders als in der Tradition der biblischen Textsorten und in den Romanen der Gegenwartssprache – auch Fünft- und Endstellungen vorhanden. Mit der Fünftstellung sind keine spezifischen Textfunktionen verbunden. Die Endstellung markiert dagegen mit den ihr vorausgehenden Satzgliedern Erzählereinschaltungen und moralisch zu verurteilende Verhaltensweisen. In der Tradition der biblischen Textsorten ist eine Endstellung nur in der Tatianbilingue in Anlehnung an die lateinische Vorlage vorhanden. Eine darüber hinausreichende Kontinuität existiert in den biblischen Textsorten nicht.
6.
Unter dem Aspekt der Genuinität von Serialisierungsregeln erweisen sich im deutschen Aussagesatz in der Tradition des MatthäusEvangeliums die Serialisierungsregeln der Erst-, Zweit-, Dritt- und in geringer Frequenz auch der Viertstellung als genuin. Die Endstellung könnte im Althochdeutschen vom Lateinischen entlehnt sein; da sie jedoch im ‚Frühneuhochdeutschen Prosaroman‘ vorhanden ist, dürfte auch sie genuin sein.
7.
Die sprachlichen Variabilitäten und die mit ihnen verbundenen Textfunktionen sind in allen Sprachstufen des Deutschen bei den Serialisierungsregeln des Prädikats in Aussagesätzen umfangreicher und vielfältiger, als in Grammatiken dargestellt. Insgesamt herrscht die Tendenz, die Variabilität bei gleicher Funktionalität zu reduzieren und bei einer Kontinuität den Serialisierungsregeln textsortengebunden immer spezifischere Textfunktionen zuzuweisen.
Quellen Au = Die Histori oder geschicht von der edeln vnnd schoenen Melusina (1538), Drucker Heinrich Steiner, aus der Stadt- und Universitätsbibliothek Augsburg, (VD 16 M 4470), Augsburg. Biblia = Biblia sacra iuxta vulgatam versionem (1994), 4., verb. Aufl., Stuttgart. ER = Erasmus von Rotterdam (1519), Neues Testament, griechisch – lateinisch, Drucker: Iohannes Frobenius, (VD 16 B 4197; IDC No. HB-126), Basel. EÜ = Die Bibel. Gesamtbibel (1980), Stuttgart. JB = Mann, Thomas (1975), Joseph und seine Brüder, Stuttgart.
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in Aussagesätzen
53
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Franz Simmler
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Obwohl vielleicht war es ganz anders Vorüberlegungen zum Alter der Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen∗
Ulrike Freywald (Potsdam)
1. Einleitung Bei der Diskussion von substandardsprachlichen Strukturen im heutigen Deutsch stellt sich stets auch die Frage, ob es sich hierbei um Erscheinungen sprachlichen Wandels oder aber um althergebrachte Strukturen handelt, die sich in nicht bzw. weniger stark normierten Varietäten möglicherweise schon über lange Zeit erhalten haben. Da solche Muster erst seit vergleichsweise kurzer Zeit diskutiert werden, besteht allgemein die Gefahr, dass allein schon durch die Gewahrwerdung eines bestimmten sprachlichen Phänomens (und die daraus resultierende erhöhte Aufmerksamkeit) dasselbe als quantitativ zunehmendes oder gar als neu entstandenes Phänomen empfunden wird. So wird etwa die Verwendung des Modalverbs brauchen mit reinem Infinitiv – vgl. (1) – gemeinhin als aktuelle und sich ausbreitende Entwicklung wahrgenommen: „In den letzten Jahrzehnten hat sich die Tendenz immer mehr entwickelt, brauchen in Verbindung mit folgendem Infinitiv ohne zu zu verwenden“ (Scaffidi-Abbate 1973, 1). (1a) Vollverb brauchen Sie braucht dringend neue Schuhe. (1b) Modalverb brauchen Sie braucht die neuen Schuhe nicht (zu) kaufen.
_____________ ∗
Für Anregungen und Kommentare danke ich den Diskussionsteilnehmer/innen auf der Tagung „Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen“ im Mai 2008 in Graz sowie Horst Simon, der das Manuskript durchgesehen hat.
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Ulrike Freywald
Gleichzeitig ist diese Verwendungsweise noch immer z.T. harscher Sprachkritik ausgesetzt.1 Das Verb brauchen ist mit modaler Semantik bereits seit dem 16. Jh. nachweisbar und ist wohl aus dem entsprechenden Vollverb hervorgegangen (vgl. Kolb 1964; Scaffidi-Abbate 1973; Lenz 1996); strukturell unterscheiden sich die Modalverb- und die Vollverbvariante von brauchen zunächst darin, dass modales brauchen einen zu-Infinitiv regiert, während das Vollverb brauchen eine Nominalphrase als Komplement nimmt. Seit wann sich die Eingliederung ins System der Modalverben auch formal in einer Angleichung an die syntaktischen und morphologischen Merkmale der Modalverben manifestiert, seit wann also etwa der Infinitivmarker zu ausgelassen wird, ist noch weitgehend unerforscht.2 Allzu neu kann diese Entwicklung jedenfalls nicht sein, schließlich wird sie bereits von Wustmann (1908, 292) in seinen „Sprachdummheiten“ konstatiert und als „gemeine[r] Provinzialismus“ bezeichnet. Andernorts ist bei Wustmann zu lesen: „Bei brauchen darf natürlich zu beim Infinitiv nicht fehlen. Das hättest du ja nicht sagen brauchen – ist Gassendeutsch“ (ebd., 61). Zumindest in der gesprochenen Sprache ist brauchen ohne zu also keineswegs so neu. Auch in literarischen Texten lassen sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts vereinzelte Belege finden (vgl. etwa die Beispiele in Bech 1955, 210f. und Scaffidi-Abbate 1973, 5f.). Die Analyse eines rein schriftsprachlichen Korpus in Gelhaus (1969) hat ergeben, „daß in der gegenwärtigen deutschen Hochsprache der Infinitiv nach brauchen durchweg mit zu angeschlossen wird“ (ebd., 317) und sich hier „ein nicht zu übersehender Gegensatz zwischen gesprochener (Umgangs-)Sprache und geschriebener (Hoch-)Sprache auf[tut]“ (ebd., 321). Der intuitiv plausible Unterschied zwischen Schrift- und Umgangssprache ist allerdings empirisch bislang keineswegs nachgewiesen, da es „keine repräsentative Untersuchung für die Frage gibt, ob und wieweit in Mundart und Umgangssprache der Infinitiv nach brauchen tatsächlich ohne zu angeschlossen wird“ (ebd., Anm. 41) – Gelhaus’ Einlassung hat m.W. ihre Gültigkeit bis heute _____________ 1
2
Erst jüngst wurde in den „Sprachnachrichten“, dem Vereinsblatt des Vereins Deutsche Sprache, als Kriterium guten Sprachgebrauchs genannt, dass die Sprache die Regeln der Grammatik und Orthographie beachten müsse; „brauchen ohne zu“ wird in diesem Zusammenhang als „schlechtes Beispiel“ angeführt (Götze 2007, 11). Ebenso beruft sich Weinrich (2005, 301) auf den „guten Sprachgebrauch“, wenn er schreibt: „Als einziges Modalverb der deutschen Sprache steht brauche (nicht) […] immer vor einem Infinitiv mit vorangestellter Präposition zu, doch weicht die Umgangssprache nicht selten von dieser Regel ab“; damit erklärt er brauchen zum „Sonderfall im System der Modalverben“. Weitere Angleichungstendenzen an die Charakteristika der modalen Präterito-Präsentien sind neben der Auslassung von zu vor Infinitiv: Wegfall der Flexionsendung -t in der 3. P. Sing. Präsens (er / sie / es brauch; Wurzel 1984, 149), Fehlen der Imperativform, Verwendung des Ersatzinfinitivs (Er hätte nur fragen brauchen / *fragen gebraucht; Kolb 1964, 76f.), Umlaut im Konjunktiv (bräuchte vs. brauchte; ebd., 74), epistemische Verwendung (Reis 2001, 312).
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen
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nicht verloren.3 Ebenso wenig lassen sich ohne empirische Fakten verlässliche Aussagen zum quantitativen Verhältnis der Vorkommen von brauchen mit und ohne zu oder zu der ‚gefühlten‘ Zunahme der Variante ohne zu treffen.4 Ganz ähnlich verhält es sich mit der von Sprachpflegern als vermeintlich aktuelle sprachliche Entgleisung aufs Korn genommenen Wendung in 2008, also einer Jahresangabe mit einfacher Präposition anstelle von im Jahr(e) 2008 oder einfach 2008. Von Schullehrern wie von Sprachkritikern wird das Muster in 2008 heute ganz überwiegend als nicht standardkonform angesehen (vgl. die Ergebnisse einer Befragung unter Lehrern in Davies / Langer 2006, 133) und auf einen derzeit starken Einfluss des Englischen zurückgeführt. Entsprechend findet sich die Konstruktion in der aktuellen sprachkritischen Anglizismen-Diskussion (vgl. z.B. König 2004, 11). Die Duden-Sprachberatung merkt in ihrem Newsletter vom 13.06.2008 an: In der Wirtschafts- und Werbesprache wird gelegentlich die aus dem englischsprachigen Raum stammende Verbindung der Präposition in mit einer Jahreszahl verwendet. […] Allerdings wird dieser Anglizismus nicht allgemein akzeptiert.
Auf der Homepage des Vereins Deutsche Sprache (VDS) wird in 2007 auf den „Anglizismenindex“ gesetzt. Ziel dieses Index ist es, „überflüssigen Anglizismen schon im Anfangsstadium ihres Erscheinens [zu begegnen]. Er ist damit ein aktuelles Nachschlagwerk für Wörter von heute“ (online im Internet: http://www.vds-ev.de/anglizismenindex; 30.01.2009). Und in einer Zwiebelfisch-Kolumne von Sick heißt es schließlich: Die Präposition ‚in‘ vor einer Jahreszahl ist ein Anglizismus, der vor allem im Wirtschaftsjargon allgegenwärtig ist. Die deutsche Sprache ist jahrhundertelang ohne diesen Zusatz ausgekommen und braucht ihn auch heute nicht. (Sick 2006, 229)
Hier irrt Sick allerdings, denn die deutsche Sprache erträgt diesen „Zusatz“ seit mindestens anderthalb Jahrhunderten offensichtlich recht gut, d.h. dessen Erscheinen befindet sich gewiss nicht im „Anfangsstadium“, wie der VDS vermutet. Wie Davies / Langer (2006, 134) dokumentieren, wird die Konstruktion ‚in + Jahreszahl‘ seit dem ausgehenden 19. Jahrhun_____________ 3
4
Lediglich für das Mosel- und das Rheinfränkische liegt mit Girnth (2000) inzwischen eine empirische Studie zum Modalverb brauchen vor. Girnth konstatiert hier eine Progression der Paradigmatisierung von brauchen anhand des Merkmals t-Ausfall in der 3. P. Sing. Präs. (und zwar erstaunlicherweise sowohl beim Vollverb als auch beim Modalverb). Eine Zunahme von zu-Ausfall vor Infinitiv lässt sich weitaus weniger klar erkennen (ebd., 115-136). Eine Tendenz zur Ausbreitung von brauchen ohne zu unterstellt implizit auch die DudenSprachberatung: „In der geschriebenen Sprache allerdings wird das zu vor dem Infinitiv meistens noch gesetzt“ (Newsletter vom 12.07.2002; online im Internet: http://www.duden.de/deutsche_sprache/sprachberatung/newsletter/).
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Ulrike Freywald
dert in diversen Sprachratgebern erwähnt (Matthias 1921 bringt Zeitungsbelege aus der Mitte des 19. Jahrhunderts) und meist französischem, seltener auch englischem Einfluss zugeschrieben. So schreibt etwa Wustmann: Wie mit nach hier und nach dort, verhält sichs auch mit in 1870, das man neuerdings öfter lesen kann. […] Es ist eine willkürliche Nachäfferei des Französischen und des Englischen. (Wustmann 1908, 258)
Diese beiden Beispiele sollen genügen, um die stete Neigung zu illustrieren, Konstruktionen, die normativ diskriminiert sind, als neu zu betrachten, da man wohl glaubt, Ungewohntes könne nur deshalb ungewohnt erscheinen bzw. als unpassend empfunden werden, weil es noch nicht etabliert, eben neu ist.5 Offensichtlich können ‚nicht etablierte‘ Strukturen diesen Status aber über sehr lange Zeit beibehalten – entweder weil sie sich tatsächlich nicht (oder nicht vollständig) ins Sprachsystem einpassen oder weil sie, obwohl vom grammatischen Verhalten her längst integriert und im nicht-normierten Sprachgebrauch durchaus etabliert, kontinuierlich als nicht normgerecht gebrandmarkt werden. Im Folgenden werde ich mich mit einem besonders kontrovers diskutierten Phänomen etwas ausführlicher beschäftigen, nämlich mit der Hauptsatzwortstellung (V2) nach traditionell subordinierenden Konjunktionen. Nach einem Überblick über Hypothesen und Vermutungen zu Häufigkeit und Alter der weil-V2-Konstruktion (Abschnitt 2.1.) werde ich den Blick auf ähnliche Konstruktionen mit anderen subordinierenden Konjunktionen ausweiten (Abschnitt 2.2. und 2.3.) und mich anschließend der Frage widmen, inwieweit es sich bei diesen Strukturen um althergebrachte Muster handeln könnte (Abschnitt 3.).
2. V2 nach ‚subordinierenden‘ Konjunktionen 2.1. V2 nach weil Die teilweise heftig debattierte Hauptsatzwortstellung in weil-Sätzen ist ein weiterer und beinahe schon klassisch zu nennender Fall für das Auseinanderklaffen von bewusster Wahrnehmung und tatsächlicher Emergenz einer Struktur, vgl. (2): (2)
Sie rauchen „Milde Sorte“, weil das Leben ist schon hart genug. (Extrabreit, „Polizisten“, 1981)
_____________ 5
Vgl. auch Lehmann (1991, 495): „[…] should anyone be inclined to conclude that just because something is currently in the colloquial language but condemned by normative grammar, it must be a recent development or indicative of an ongoing change, it is beneficial to read Sandig, 1973.“
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen
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Dieses Phänomen wird in der linguistischen Fachliteratur seit den 1990erJahren intensiv diskutiert6 und ist spätestens seit Gründung der Hamburger Aktionsgemeinschaft „Rettet den Kausalsatz“ im Jahre 1992 (s. hierzu Eisenberg 1993) zu einem Lieblingsthema der Sprachkritik geworden.7 Es gibt auf Ebene der Satzsyntax wohl kaum ein ‚Wandel‘-Phänomen, das im Bewusstsein linguistischer Laien derart präsent ist wie die Hauptsatzwortstellung in weil-Sätzen. Diese außerordentliche Präsenz wird wohl mit dazu geführt haben, dass auch Linguisten aufmerksamer hingehört haben und dass sie der ‚neuen‘ Verwendungsweise von weil fortan vermeintlich immer häufiger begegneten. Folglich wurde und wird weil+V2 oft als rezente Entwicklung eingeordnet, als ein Beispiel für aktuellen Sprachwandel. Dem stehen diachron orientierte Untersuchungen gegenüber, in denen Kausalkonjunktionen, die sowohl VL- als auch V2-Sätze einleiten können, als strukturelles Merkmal angesehen werden, das seit dem Beginn der deutschen Sprachgeschichte durchgehend vorhanden war. Entsprechend decken die Hypothesen zur Existenz dieser Konstruktion ein zeitliches Spektrum ab, das vom Ende des 20. Jahrhunderts bis zurück ins Althochdeutsche reicht: •
„seit ungefähr zehn Jahren in zunehmendem Maße“ (Gaumann 1983, 152)
•
„in der letzten Dekade“ (Zifonun u.a. 1997, 465)
•
„during the last ten to fifteen years“ (Günthner 1996, 323)
•
„in jüngster Zeit“ (Helbig 2003, 6)
•
„seit einiger Zeit“ (Uhmann 1998, 92)
•
das „neue weil “ (Keller 1993, 221)
_____________ 6
7
Stellvertretend für die umfangreiche Literatur sei hier auf Gaumann (1983), Küper (1991), Keller (1993), Wegener (1993; 1999), Uhmann (1998) sowie Gohl / Günthner (1999) verwiesen. Wie stark der normative Druck auch heute noch ist, wo die weil-V2-Konstruktion im Allgemeinen nicht mehr als Fehler diskreditiert wird, zeigt sehr schön eine für den Fremdsprachenunterricht entwickelte DVD des Goethe-Instituts. Hier wird – neben anderen Anpassungen an den Schriftstandard – ein von DJ Illvibe im Interview geäußerter weil-V2Satz im dazugehörigen Booklet als denn-Satz verschriftet: (I a) O-Ton DJ Illvibe „Ich würd mich schon als gleichberechtigter Musiker sehen, weil dieses Konzept DJ Band gibts sehr viel und sehr oft missverstanden.“ (I b) Text im Booklet „Ich würde mich schon als gleichberechtigten Musiker sehen. Denn dieses Konzept ‚DJBand‘ gibt es sehr viel, und es wird oft ein bisschen missverstanden.“ (KuBus Magazin, Begleitheft, S. 13)
60
Ulrike Freywald •
„at least since the early 1970s“ (Farrar 1999, 1)
•
„seit den 1920er Jahren“ (von Polenz 1999, 357)
•
„since Old High German“ (Lehmann 1991, 526)
•
mit Unterbrechung seit dem Althochdeutschen (vgl. Selting 1999)
•
„bekanntlich das im Substandard immer bewahrte ältere Muster“ (Breindl 2009).
Doch nicht nur über die Entstehungszeit, auch über die Ausbreitung von weil-V2-Sätzen wird spekuliert.8 Immer wieder ist von einer Zunahme der weil-V2-Konstruktion die Rede, für Weinrich (1984, 101f.) ist sie „ziemlich oft und mit vielleicht zunehmender Tendenz“ zu finden; Küper (1991, 133) konstatiert „zunehmenden Gebrauch“; Keller (1993, 218) sieht sie „unaufhaltsam auf dem Vormarsch“ und auch Willems (1994, 261) geht davon aus, dass „die Verbendstellung in Nebensätzen, die durch die Konjunktion weil eingeleitet werden, immer mehr durch die Verbzweitstellung verdrängt wird“; laut Glück / Sauer (1997, 41) „scheint [sie] an Terrain zu gewinnen“; Zifonun u.a. (1997, 465) sprechen von der „in der letzten Dekade immer stärker verbreiteten Verbzweitstellung in weil-Sätzen“, Farrar (1999, 1) von einer „increasing tendency to have V2 in dependent clauses“; von Polenz (1999, 337) glaubt eine „immer häufiger werdende Verwendung der Nebensatzkonjunktionen weil, obwohl, während (adversativ) mit Hauptsatzwortstellung“ zu beobachten. Keine dieser Aussagen beruht auf empirischen Daten, lediglich Uhmann (1998) und Wegener (1999) stützen ihre Aussagen zum quantitativen Verhältnis von weil+VL und weil+V2 auf Korpusanalysen. Wegener (1999, 7ff.) glaubt, von den 1960er- bis zu den 1990er-Jahren einen zahlenmäßigen Anstieg der weil-V2-Konstruktion (auf Kosten von denn) nachweisen zu können, und zwar hauptsächlich für das norddeutsche Sprachgebiet. Die Zahlen für die 60er-Jahre stammen für das norddeutsche Gebiet aus Texten des Freiburger Korpus, die Fernseh- und Rundfunkaufnahmen des SFB, RIAS und NDR beinhalten,9 d.h. in diesen Texten ist mit einer außerordentlich starken Standardorientierung zu rechnen. Für den süddeutschen Sprachraum werden hingegen Basisdialekt-Daten herangezogen (und zwar Eisenmanns Auszählung von fränki_____________ 8
9
Dies entspricht den beiden wesentlichen und methodisch sauber zu trennenden Aspekten von Sprachwandelphänomenen actuation und transmission (Weinreich / Labov / Herzog 1968). Hierbei wird offenbar vorausgesetzt, dass in norddeutschen Sendern nur mit norddeutschen Interview- und Diskussionspartnern gesprochen wird. Das gesamte Freiburger Korpus umfasst auch Aufnahmen von überregionalen Sendern (z.B. ARD, ZDF) und von Sendeanstalten im süddeutschen Sprachraum (z.B. SWF, ORF).
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen
61
schen, schwäbischen, bairischen und alemannischen Texten des ZwirnerKorpus; vgl. Eisenmann 1973).10 Die Ausgangslage ist damit etwas schief, denn dass in den standardnahen Interviews Non-Standard-Strukturen selten(er) auftreten, ist zu erwarten. Die norddeutschen Vergleichszahlen für die 90er-Jahre entstammen privater Konversation und einigen Verkaufsgesprächen, also nicht-öffentlichen Kommunikationssituationen (im Gegensatz zu den Rundfunksendungen im Freiburger Korpus). Dass die Zahlen für weil-V2-Verwendungen hier höher ausfallen, mag also durchaus an der Textsorte und weniger am zeitlichen Abstand liegen. 2.2. V2 nach anderen subordinierenden Konjunktionen Ähnliche Probleme für die Einschätzung der quantitativen Entwicklung und für die zeitliche Einordnung tun sich selbstverständlich auch für die anderen traditionell als subordinierend klassifizierten Konjunktionen auf, die im Deutschen mit Hauptsatzstellung konstruiert werden können. Immer wieder genannt werden in diesem Zusammenhang obwohl (einschließlich der Varianten obschon und obgleich), konjunktionales wobei sowie adversatives während (mit seinen Entsprechungen währenddem und wo(hin)gegen): (3a) Es ist nämlich tatsächlich etwas dran, daß man nicht immer das Teuerste kaufen muß. Obwohl natürlich Kleiderstoffe oder solche Sachen, die kauf ich in meinem Alter gern solide, weil ich nicht so nach der Mode jedes Jahr gehe, net wahr? (AGD,11 alemannischer Hintergrund, 1961) (3b) 21 Dora: en Stipendium 22 dadurch eh (.) verHINdert man natürlich, 23 dass die richtig integriert sind im unibetrieb. 24 Nora: mhm 25 Greta: wo- wobei (.) es hat alles immer zwei seiten. (Günthner 2000, 314) (3c) Für Theater interessier ich mich schon, also da geh ich öfters mal hin und auch ins Kino, während Kunstausstellungen hab ich mir eigentlich selten angeguckt. (AGD, rheinfränkischer Hintergrund, 1961)
_____________ 10 11
Für Details zu diesen Korpora s. Anm. 14. Korpora des Archivs für Gesprochenes Deutsch, vgl. Anm. 14.
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Ulrike Freywald
Meistens bleibt es jedoch bei der bloßen Nennung12 (und der stillschweigenden Annahme, diese Konjunktionen verhielten sich im Prinzip genauso wie weil) sowie bei der Behauptung, V2 sei hier weniger stark verbreitet als bei weil. So findet sich in Küper (1991, 149) die Feststellung, „daß obwohl-Sätze […] sehr viel seltener mit Hauptsatzstellung gebraucht werden“, und Günthner (1993, 39) fragt, „weshalb sich diese Tendenz speziell bei WEIL- und OBWOHL-Teilsätzen zeigt, weniger bei WÄHREND und gar nicht bei anderen unterordnenden Konjunktionen (z.B. DA, WENN, ALS)“. Ähnlich meint Farrar (1999, 1): „However, the change seems not to be restricted to weil-clauses, even if it is most evident at present. V2 is also found after obwohl and to a more limited extent after während.“ Auch für Selting (1993, 167) spielen obwohl und während hinsichtlich V2 eine untergeordnete Rolle: „Zu diesen Konjunktionen gehören allen voran die Konjunktion weil, aber auch obwohl und eventuell während.“ Erstaunlich ist hieran zweierlei: Zum ersten ist die These, V2 trete nach anderen Konjunktionen als weil wesentlich seltener auf, offenbar nie empirisch überprüft worden. Es existieren scheinbar keine Untersuchungen, die eine solche Beobachtung belegen würden. Zum zweiten können Aussagen zur relativen Häufigkeit dieser Konstruktionen nur getroffen werden, wenn man jeweils das prozentuale Verhältnis zwischen VL- und V2-Instanzen pro Konjunktion berücksichtigt. Die absolute Zahl von obwohl- und während-Sätzen mit V2 mag zwar tatsächlich kleiner sein als die der weil-V2-Sätze, dies liegt aber lediglich daran, dass diese Konjunktionen generell seltener verwendet werden.13 Die Auszählung der IDS-Korpora (Freiburger Korpus, PfefferKorpus und Zwirner-Korpus; letzteres nur für obwohl, während und wobei)14 zeigt eine deutlich höhere Frequenz sämtlicher weil-Sätze (VL und V2) gegenüber den entsprechenden obwohl-, wobei- und adversativen während-Sätzen, vgl. Abbildung 1: _____________ 12 13
14
Die einzigen detaillierteren Arbeiten liegen mit Günthner (1999) zu obwohl und Günthner (2000) zu wobei vor. So schon Gaumann (1983, 45) mit Bezug auf Eisenmann (1973). Diese Bemerkung ist offensichtlich in der Folge vielfach als vermeintliche Aussage über die relative Häufigkeit missinterpretiert worden. Freiburger Korpus (Grundstrukturen): Umfang ca. 593.300 Wörter; Fernseh- und Rundfunkaufnahmen, weitere private und öffentliche Kommunikationssituationen; Erstellungszeitraum: 1960-1974. Pfeffer-Korpus (Deutsche Umgangssprachen): Umfang ca. 645.500 Wörter; Erzählmonologe und Dialoge; Erstellungszeitraum: 1961. Zwirner-Korpus (Deutsche Mundarten): Umfang ca. 3.292.000 Wörter; Erzählmonologe und Dialoge; Erstellungszeitraum: 1955-1960. Die Korpora sind über die Datenbank Gesprochenes Deutsch (DGD) online nutzbar. DGD ist Teil des Archivs für Gesprochenes Deutsch (AGD) am Institut für Deutsche Sprache, Mannheim, online im Internet: http://agd.idsmannheim.de/.
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Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen
2000
168
V2 VL
N Sätze
1500
1000
1859
500
37
34 0
366 196
150
während
wobei
0 weil
obwohl
Abbildung 1: Anzahl der mit weil, obwohl, adversativem während und wobei eingeleiteten Sätze.
Die Gesamtzahl der weil-Sätze übersteigt die jeweilige Anzahl der mit obwohl, während oder wobei eingeleiteten Sätze um ein Vielfaches. Der Eindruck, weil stehe öfter mit V2 als andere Konjunktionen, ist wohl in der Tat (auch) darauf zurückzuführen, dass bei weil-Sätzen die Menge der Tokens generell größer ist. Betrachtet man dagegen das prozentuale Verhältnis zwischen VL- und V2-Vorkommen für jede Konjunktion einzeln, also den Anteil der V2Konstruktionen an der Gesamtzahl der jeweiligen Nebensätze, so ergibt sich das Bild in Abbildung 2. Hier zeigt sich, dass (a) wobei in den analysierten Korpora gar keine V2-Sätze einleitet; und dass (b) weil diejenige Konjunktion mit dem kleinsten Anteil an V2-Sätzen ist. Letzteres steht den Intuitionen, die in den oben zitierten Vermutungen zur Häufigkeit von weil+V2 zum Ausdruck kommen, diametral entgegen. Überraschenderweise leitet das meist gar nicht oder nur am Rande erwähnte während nahezu doppelt so oft V2-Sätze ein wie weil oder obwohl. Und der Anteil der V2-Sätze an der Gesamtmenge der obwohl-Sätze bleibt auch nicht, wie angenommen, hinter dem der weil-Sätze zurück, sondern liegt sogar etwas darüber.
64
Ulrike Freywald 100%
100%
91,7%
90,8%
VL V2
85,2%
80 % 60 % 40 % 20 %
14,8% 8,3%
9,2% 0%
0% weil
obwohl
während
wobei
Abbildung 2: Prozentuales Verhältnis von VL- und V2-Sätzen.
Dass für wobei überhaupt keine V2-Belege zu finden sind, kann entweder daran liegen, dass wobei-Sätze in den Korpora generell sehr selten sind (150 Sätze) und daher kein repräsentatives Bild liefern, oder aber daran, dass V2 nach wobei vor 30-40 Jahren tatsächlich ungebräuchlich bzw. noch kaum verbreitet war. Die Möglichkeit, nach wobei einen V2-Satz zu konstruieren, setzt zunächst die Entwicklung des wobei vom Relativadverb zur Konjunktion voraus. Die Verwendung als Konjunktion bzw. als Korrektur- oder Dissensmarker (vgl. Günthner 2000, 332) ist aus der Funktion hervorgegangen, die wobei als Relativadverb hat – komitative und diktumskommentierende Nebensätze einzuleiten (Zifonun u.a. 1997, 2323f.) – und dürfte wesentlich jünger sein. Es liegt also durchaus nahe, V2 nach wobei als relativ rezente Erscheinung zu betrachten (auch wenn der empirische Beweis hierfür freilich noch fehlt). Günthner (2000) macht in ihrer Untersuchung zu wobei-V2-Sätzen Beobachtungen, die eine solche Annahme stützen: Sie stellt in ihrem 1983-1998 erhobenen Korpus eine Zunahme von wobei mit V2 bei denselben Sprechern fest, während sie für die
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Zeit vor 1980 (etwa in Rundfunkdaten der 1930er- und 40er-Jahre) keine solchen Belege ausmachen kann (ebd., 335ff.).15 2.3. V2 nach dass Eine andere bislang ungeklärte Frage ist die, wie viele und welche Konjunktionen im Deutschen eigentlich sowohl VL- als auch V2-Sätze einleiten können. Auch hier wird meist vorbehaltlos davon ausgegangen, die Reihe dieser janusköpfigen Einleitungselemente sei im Gegenwartsdeutschen auf weil, obwohl und maximal während beschränkt (schon wobei wird selten erwähnt). Doch ist diese Liste wirklich so klar begrenzt? Ja und nein. Ja, weil unbestritten ist, dass nicht alle konjunktional eingeleiteten Nebensätze eine V2-Variante aufweisen.16 Es muss also eine Begrenzung geben dahingehend, dass nur bestimmte Konjunktionen eine solche Doppelfunktion besitzen (können). Nein, weil eine Grenze nicht eindeutig gezogen werden kann. Man weiß heute einfach (noch) nicht genau, welche Konjunktionen dazugehören und welche nicht. Unter den weniger häufigen Konnektoren sind durchaus einige weitere ‚verdächtige Kandidaten‘ zu vermuten, wie z.B. trotzdem oder insofern: (4a) insofern + VL Insofern die Krankheit eine Störung des Wohlbefindens ist, muss die Therapie auf dessen Wiederherstellung gerichtet sein. (Pasch u.a. 2003, 715; Hervorhebung UF) (4b) insofern + V2 Moderator Schmidt
Gab’s mal so’n Punkt, wo Sie gedacht ham, wir kriegen das nicht hin? Nein, aber’s gab schon Tage, wo’s wirklich auch knüppelhart kam […] Das sind alles keine Dinge, die nicht lösbar sind. Insofern solche Tage gab es, aber in der Regel – ich war davon überzeugt, dass das notwendig ist, bin davon überzeugt, dass es notwendig ist.
_____________ 15
16
Auch Auer (1997, 75) merkt an (allerdings ohne diese Annahme zu begründen): „In der gesprochenen Sprache ist das Inventar der beiordnenden Konjunktionen bekanntlich zumindest um weil, obwohl, konzessives wobei und adversatives während erweitert. Zumindest bei wobei dürfte es sich um eine neue Entwicklung handeln.“ Dies impliziert auch, dass das Deutsche nicht eine generelle Tendenz zur Aufgabe der Verbletztstellung in Konjunktionalsätzen zeigt, wie anfänglich von manchen Autoren geschlussfolgert wurde (s. z.B. Kann 1972, 379; Vennemann 1974; Gaumann 1983, 157). Zu verschiedenen Hypothesen, wieso die V2-Option nur bei bestimmten subordinierenden Konjunktionen auftritt, vgl. Wegener (2000) und Miyashita (2003).
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Ulrike Freywald
(RBB Inforadio, Interview mit Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, 22.01.2005) Ein Beispiel für eine außerordentlich frequente subordinierende Konjunktion, um die die Liste der VL / V2-Einleiter zu ergänzen ist, liegt mit dass vor. Auf diese Erweiterung des ‚VL / V2-Bestands‘ möchte ich im Folgenden etwas genauer eingehen. Im gesprochenen Deutsch werden auch dass-Sätze unter bestimmten Bedingungen mit V2 gebildet, wie z.B. in (5): (5)
Ich würde sagen, dass beide haben ihre Performanzvorteile. (Diskussionsteilnehmerin auf der Tagung „Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen“ in Graz, 2008)
Diese Konstruktion ist auf den ersten Blick in der Tat ungewöhnlich – wohl ebenso ungewöhnlich, wie vielen die weil-V2-Sätze beim erstmaligen bewussten Hören erschienen sein mögen. Die klassische subordinierende Konjunktion dass leitet in (5) einen Objektsatz ein, der nicht wie zu erwarten mit VL, sondern mit V2 gebildet ist. Was diese dass-V2-Sätze von den oben besprochenen V2-Adverbialsätzen grundsätzlich unterscheidet, ist ihr Argumentstatus. Ihrer syntaktischen Funktion nach stellen sie notwendige Satzglieder dar. Sie sind in all jenen Funktionen zu finden, die auch argumentrealisierende dass-VL-Sätze einnehmen können: (6)
Subjekt dazu kommt AUCH, dass manche der OBERflächenbeschichtungen – silikonharzfarben, dispersionsfarben – enthalten organische BEImengungen (Deutschlandfunk, Interview, 12.11.2004)
(7)
Objekt Ich würde sagen, dass beide haben ihre Performanzvorteile.
(8)
Prädikativ das wesentliche ist DAran ja daß der regisseur sitzt UNten und sieht mich von kopf bis ZEH (AGD, RIAS, Diskussion, 1962)
(9)
Komplementsatz zum Nomen (‚Attribut‘-Satz) aber ich hab MANCHmal, an MANchen stellen den eindruck, dass HIER steht der poeta doctus dem dichter im WEG (Deutschlandfunk, Diskussion, 20.10.2004)
Solche Vorkommen von dass-V2-Sätzen unterscheiden sich funktional von den entsprechenden VL-Pendants und sind also nicht als bloße Folge
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eines Planungsfehlers oder als Satzabbruch zu sehen. Wie in Freywald (2008 und 2009) dargelegt, lässt sich das Auftreten von V2 in dass-Sätzen als systematisches Muster der gesprochenen Gegenwartssprache beschreiben. Mit den V2-Sätzen nach weil, obwohl usw. teilen dass-V2-Sätze das Merkmal, dass der ursprüngliche Nebensatz durch die formale Kennzeichnung als potentiell selbständige Äußerung (mittels V2) pragmatisch aufgewertet wird und außerdem über eigene illokutive Kraft verfügt. Im Falle der dass-V2-Sätze ist die Illokution auf Assertion festgelegt: In sämtlichen mir bekannten Belegen sind die dass-V2-Sätze assertiert und enthalten die relevante, eigentliche Information der gesamten Äußerung. Damit korreliert die empirische Beobachtung, dass mit dass angeschlossene V2Sätze nie mit negierten / negierenden, interrogativischen oder faktischen Matrixprädikaten auftreten. Die plausible Erklärung hierfür liegt eben in der Assertiertheit der dass-V2-Sätze – sie kommen nur in Kontexten vor, die assertionsverträglich sind; eine Negation im Matrixsatz etwa würde mit dem Wahrheitsanspruch, der im folgenden dass-V2-Satz erhoben wird, in Konflikt geraten. Der kommunikative Vorteil einer solchen Konstruktion liegt darin, dass der Sprecher der im dass-Satz geäußerten Behauptung durch die V2-Form mehr Gewicht und Nachdruck verleihen kann. Mit der pragmatischen Aufwertung des dass-V2-Satzes ist eine Rückstufung des Matrixsatzes verbunden. Die Matrixsätze in dass-V2-Konstruktionen sind semantisch blass und fungieren lediglich als eine Art Ankündigung oder Interpretationsanweisung in Bezug auf den eigentlichen Inhalt der Äußerung, der im dass-V2-Satz ausgedrückt wird. Der funktionale Beitrag der Matrixsätze ist auf Diskursebene zu verorten: Sie dienen der Aufmerksamkeitssteuerung, der Kodierung von epistemischer und / oder evidentieller Information sowie der Organisation der Sprecher-Hörer-Interaktion; typische Matrixprädikate sind z.B. Einstellungsverben, wie wissen, sagen, meinen, Verben der Sinneswahrnehmung sowie Konstruktionen wie wichtig / interessant / schön sein bzw. der Punkt ist…, das Ding ist…, das Interessante / Spannende ist… u.ä. (s. hierzu ausführlich Freywald 2008). (10) das SPANnende daran ist, dass die lehrerinnen haben das lehrbuch SELber gemacht (Hörbeleg, niedersächsischer Hintergrund, 2003) Ein dass-V2-Satz ist also, was seinen Mitteilungswert angeht, seinem Matrixsatz nicht untergeordnet. Dies sollte sich auch in der syntaktischen Analyse dieser Konstruktionen widerspiegeln. Dementsprechend wird in Freywald (2009) eine Struktur vorgeschlagen, die eine parataktische Verknüpfung von Matrix- und dass-V2-Satz vorsieht (für eine solche Analyse sprechen darüber hinaus auch genuin syntaktische Argumente, wie Stel-
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lungsverhalten, Bindungsdaten und sogenannte Hauptsatzphänomene). Dabei ist der Matrixsatz (der nun eigentlich nicht mehr Matrixsatz heißen sollte) als eine Art Satzfragment mit redeeinleitender Funktion dem mit dass verknüpften, potentiell eigenständigen V2-Satz vorgeschaltet. Ähnlich wie im Falle der parataktischen Varianten von weil, obwohl usw. hat dass hier also nicht den Status einer subordinierenden Konjunktion. Im Gegensatz zu den erstgenannten verbindet dass jedoch nicht zwei völlig voneinander unabhängige Sätze oder Äußerungsteile. Durch die offene Argumentforderung im einstigen Matrixsatz bleibt dieser unvollständig; es ist gerade dieser syntaktische Spannungsbogen, der wesentlich zu einer Funktionalisierung des Matrixsatzes als hinweisendes, aufmerksamkeitsforderndes Element beiträgt. Vielmehr verknüpft dass ein diskursbezogenes Syntagma mit einem potentiell eigenständigen Satz und kennzeichnet diesen explizit als (als wahr unterstellte) Behauptung – das ehemals subordinierende dass hat hier die Funktion eines Assertionsmarkers. Die Liste von Konjunktionen, die sowohl VL- als auch V2-Sätze einleiten, ist also durchaus erweiterbar. Hier ist noch weitere Forschungsarbeit notwendig; an deren Anfang sollte die aufmerksame, unvoreingenommene Beobachtung stehen.
3. Hauptsatzwortstellung in Nebensätzen als ‚altes Substandardmuster‘? Auch die Frage nach dem Neuigkeitswert der Hauptsatzwortstellung in Nebensätzen stellt sich gleichermaßen für sämtliche genannten Konjunktionen, allerdings wurde bislang nur für weil versucht, sie zu beantworten. Die historische Entwicklung der deutschen Kausalkonjunktionen ist an sich sehr gut untersucht (vgl. z.B. Arndt 1959; Eroms 1980; insbesondere zum Aufkommen von weil+V2 Selting 1999 sowie Wegener 1999 u. 2000). Kurzgefasst: Die Tatsache, dass ein und dieselbe kausale Konjunktion sowohl VL- als auch V2-Sätze einleitet, stellt demnach vom Alt- bis Frühneuhochdeutschen durchaus den Normalfall dar: (11) Althochdeutsch (11a) uuanta + V2 qui manet In me et ego In eo hic fert fructum multum quia sine me nihil potestis facere. (Tatian, 283, 11-15)
therder In mir uuonet Inti ih in imo ther birit mihilan uuahsmon. uuanta uzzan mih nimugut ir niouuiht duon.
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(11b)uuanta + VL uuánda iz fóne dír chám (Notker, Boethius, 21, 2; zit. nach Petrova 2008) (12) Mittelhochdeutsch (12a) wande / wan + V2 Dâ soltû rehte deheinen zwîvel an hân, wan ez ist diu rehte wârheit (Berthold, I, 75, 37f.; zit. nach Eroms 1980, 104) (12b)wande / wan + VL wan iu und iuwern kindern des himelrîches als nôt ist, sô sult ir iuwer kinder selber ziehen (Berthold, I, 34, 37f.; zit. nach Eroms 1980, 104) (13) Frühneuhochdeutsch (13a) wan / wenn mit V2 Die edel kindelpetterinn die het nï kain rue, wann die geschëft die waren gros (H. Kottanerin, Denkwürdigkeiten, 21, 26-28, Wien 1445-1452; Bonner Fnhd.-Korpus) (13b)wan / wenn mit VL vnd ich mües hait die kran [= Krone] behalten in der kamer […] vnd ich behielt das vnder dem pett mit grossen sorgen, wann wir chain truhen da nicht heten. (H. Kottanerin, Denkwürdigkeiten, 13, 20-24, Wien 1445-1452; Bonner Fnhd.-Korpus) Die jeweilige kausale V2 / VL-Konjunktion wurde mit ähnlicher Funktionsaufteilung wie beim modernen weil einerseits zur epistemischen bzw. sprechaktbezogenen Begründung (mit V2), andererseits zur Begründung der im Bezugssatz ausgedrückten Proposition (mit VL) verwendet. In (12a) etwa begründet der Kausalsatz wan ez ist diu rehte wârheit nicht (nur) die Proposition des Vordersatzes ('daran sollst du keinen Zweifel haben'), sondern vor allem den Sprechakt als Ganzes; er liefert also eine Begründung für die Aufforderung, keinerlei Zweifel zu hegen. Ähnlich gibt wann die geschëft die waren gros in (13a) eine epistemische Begründung, während der Kausalsatz in (13b) für einen Sachverhalt (die Krone musste unter dem Bett aufbewahrt werden) den faktischen Grund nennt (es gab keine Truhe). Neben einer solchen V2-VL-Konjunktion gab es noch weitere Kausalkonjunktionen, wie sîd / sît, darumb daz, umbe daz u.a., die jedoch stets VL-Sätze einleiteten.
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Im Frühneuhochdeutschen wird das multifunktionale wan / wenn von denn und weil abgelöst, womit sich das neuhochdeutsche System – denn+V2 vs. weil+VL – etabliert (vgl. Arndt 1959, 389).17 Gemäß dieser Interpretation scheint es so zu sein, dass seit dem Ausgang des Frühneuhochdeutschen keine Kausalkonjunktion mehr existiert, die sowohl VL- als auch V2-Sätze einleitet: „Festzuhalten ist schließlich, daß denn und weil […] als neue Konjunktionen für Hauptsätze und Nebensätze disjunkt sind“ (Eroms 1980, 113). Ob jedoch die Struktur weil+V2 in (gesprochenen) Substandard-Varietäten nicht doch bereits seit dem Aufkommen von weil als Kausalkonjunktion zumindest als marginale Option existiert hat, ist freilich nicht sicher zu entscheiden, da uns naturgemäß aus dieser Zeit nur schriftliche Quellen zur Verfügung stehen, die – insbesondere im Zuge der Herausbildung und Etablierung eines Schriftstandards – mündliche Phänomene nur sehr bedingt widerspiegeln (vgl. zu diesem methodischen Problem Simon 2006). So konstatiert denn Selting (1999) auch eine „Beschreibungslücke“ vom 16.-19. Jahrhundert (ebd., 191), die sie mit empirischen Nachforschungen zu füllen versucht. Im Ergebnis bleibt die Lücke allerdings im Wesentlichen bestehen – es lassen sich auch in mündlichkeitsnahen Texten des fraglichen Zeitraums keine sicheren Belege für weilV2-Sätze finden (was aber umgekehrt auch noch kein Beweis für die Nicht-Existenz dieser Konstruktion ist). Vom gegenwärtigen Standpunkt aus lässt sich die weil-V2-Konstruktion mühelos bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen, sie findet sich z.B. in Arbeiten zur Dialektsyntax (vgl. (14)), aber auch in literarischen Werken, wie in Canettis „Blendung“ aus den 30er Jahren – vgl. (15): (14a) weil bei mir ist es nicht sicher (Peller 1941, 40; Mundart des Traunseegebietes) (14b)saue nich ales ain, wail … ich mus⋅es wider rēne machn (Baumgärtner 1959, 106; Leipziger Umgangssprache) (15) Jung ist sie, ein Weib ist sie, und ich kann mit ihr machen, was ich will, weil ich bin der Vater. (Canetti 1993, 117; Erstveröffentlichung 1935) Auch die in Betten (1995) dokumentierten Gespräche mit nach Israel emigrierten deutschsprachigen Juden enthalten weil-V2-Sätze – vgl. (16):18 _____________ 17
18
Die Konjunktion denn wurde anfänglich auch mit VL verwendet (in oberdeutschen Texten hält sich denn / dann + VL bis ins späte 17. Jahrhundert, vgl. Brooks 2006, 176ff.). Für weitere weil-V2-Belege in diesen Gesprächen vgl. Weiss (2000). In einem kleinen Korpusausschnitt von ca. 9.900 Wörtern weisen acht von 31 weil-Sätzen Verbzweitstellung auf (= 26 %).
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(16) Ich bekam ganz plötzlich die Aufforderung zur Alija, zur Einwanderung bereit zu sein, ähm, einige Zeit später meine Schwester auch, weil es handelt sich um Jugendliche im Alter zwischen 15 und 17 Jahren. (Betten 1995, 154; Transkription vereinfacht) Dies ist als Hinweis auf eine frühe Verwendung dieser Konstruktion zu sehen, da es sich hier um ein Deutsch handelt, „das heute außerhalb des deutschen Sprachraums gesprochen wird […], aber im wesentlichen das gesprochene Deutsch der 20er Jahre und 30er Jahre […] repräsentiert“ (Betten 1995, 3). Diese Vorkommen von weil+V2 sind besonders aufschlussreich, da sich die Sprache der interviewten Emigranten generell durch einen „hohe[n] Grad syntaktischer Normorientierung“ auszeichnet (ebd., 5). Einen kleinen Vorstoß zur Verkleinerung der Beschreibungslücke liefert Elspaß (2005) mit Belegen aus der Mitte des 19. Jh., die sich in Briefen von nach Amerika ausgewanderten Deutschen finden: (17) als wir das getan hatten da war unser akord gebrochen Weil wir wusten nicht daß sei [sie] zusammen hielten (Heinrich Küpper aus Loikum / Niederrhein (ndfr.), Reiseaufzeichnungen, 1847ff.; Elspaß 2005, 300) Trotz der hohen Plausibilität der sogenannten Kontinuitätshypothese ist die Frage nach wie vor ungeklärt, ob das ‚mhd. System‘ als solches weiterbesteht oder ob es re-etabliert wurde. Die für die Kausalkonjunktionen gut beschriebenen historischen Gegebenheiten werden oft dahingehend verallgemeinert, dass das heutige Substandardphänomen ‚V2 im eingeleiteten Nebensatz‘ ganz allgemein (also auch für konzessive und adversative Konjunktionen) direkt auf die generell ‚freiere‘ Wortstellung im Alt- und Mittelhochdeutschen zurückzuführen sei. Autoren, die diese Ansicht vertreten,19 beziehen sich in der Regel auf Sandig (1973). Sandig beruft sich in ihrer Erklärung von Hauptsatzwortstellung in Nebensätzen auf die „Tendenz zur Nebenordnung“ in gesprochener Sprache (Baumgärtner 1959, 102) und postuliert:
_____________ 19
So z.B. Lehmann (1991, 526): „[s]uch constructions […] have been in the language since Old High German“; von Polenz (1999, 358): „Nebensätze mit Hauptsatzwortstellung als sehr alte Substandardmuster“; Selting (1999, 180): „historische Kontinuität seit zumindest dem Mittelhochdeutschen“ oder Breindl (2009): „bekanntlich das im Substandard immer bewahrte ältere Muster“.
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Für den „Nebensatz“ gab es von Anfang an zwei Wortstellungsmöglichkeiten: daz er komen ist daz der vater ist komen (Sandig 1973, 41)20
Zugrunde liegt einer solchen Argumentation die Auffassung, dass die Verbstellung im historischen Deutsch (bzw. bis heute bewahrt in mündlichen Varietäten) generell freier war (bzw. ist) als in der gegenwärtigen Standard- bzw. standardnahen Umgangssprache. Diese Erklärung beruht vermutlich auf der Fehlinterpretation von Aussagen in der traditionellen Literatur wie den folgenden: „im Althochdeutschen [existieren] sehr viele Varianten der Verbstellung im eingeleiteten Nebensatz“ (Admoni 1990, 75), „Sätze mit unvollständigem Rahmen [verschwinden] doch nie gänzlich“ (ebd., 200), es gäbe „keine festere Regelung im Nebensatz“ (Sonderegger 2003, 350) o.ä. Sie ist jedoch in mindestens dreierlei Hinsicht problematisch. Zum ersten – und dies ist wohl das Hauptproblem – erweisen sich „Varianten der Verbstellung“, „unvollständige[r] Rahmen“ usw. in aller Regel als Serialisierungsvarianten, die sich am rechten Satzrand, also innerhalb des Verbalkomplexes oder mit Bezug auf Nachfeldbesetzung, abspielen. Ein vermeintliches Schwanken zwischen VL und V2 ist daraus nicht herzuleiten. So ist alles andere als klar, ob in dem von Sandig zitierten Beispiel daz der vater ist komen tatsächlich Hauptsatzwortstellung vorliegt. Nebensatzwortstellung heißt im Deutschen ja nicht zwangsläufig absolute Verbletztstellung. Die Endstellung des finiten Verbs kann in der konkret realisierten Satzgliedfolge durch verschiedene Prozesse, wie etwa Ausklammerungen oder Umstellungen innerhalb des Verbalkomplexes, oberflächlich verwischt sein. In mehrgliedrigen Verbalkomplexen ist etwa die Abfolge der finiten und infiniten Verbalteile bis heute variabel. In der gegenwärtigen Standardsprache betrifft diese Variabilität hauptsächlich IPP-Konstruktionen (sog. ‚Ersatzinfinitiv‘). In älteren Sprachstufen und in den Dialekten existiert(e) jedoch eine noch weitaus größere Variantenvielfalt, hier sind auch in drei- und zweigliedrigen Prädikaten, in denen kein IPP-Effekt zum Tragen kommt, Serialisierungsunterschiede zu beobachten.21 Die beiden von Sandig angeführten Nebensatzstrukturen unterscheiden sich also topologisch betrachtet womöglich gar nicht voneinander, es liegen lediglich verschiedene Serialisierungen innerhalb des Verbal_____________ 20
21
Das Beispiel hat Sandig Behaghel (1932, XIII) entnommen, der damit allerdings nicht explizit die Verbstellung im Nebensatz, sondern die Wirkung rhythmischer Faktoren – hier die Variation zwischen er und der vater – auf die Abfolge der verbalen Elemente innerhalb des Verbalkomplexes illustriert. Vgl. z.B. Härd (1981) zur Diachronie, Patocka (1997) zum Bairischen, Seiler (2004) zu schweizerdeutschen Varietäten sowie Wurmbrand (2004) für einen Vergleich verschiedener deutscher Dialekte.
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komplexes (= rechte Satzklammer) vor – in beiden Fällen handelt es sich wohl um VL. Diese in der Generativen Syntax als „Verb Raising“ bezeichnete Erscheinung schließt auch ein, dass noch Konstituenten zwischen finites Verb und infinite(n) Verbalteil(e) treten, wie in (18) – dies wird gemeinhin unter dem Begriff „Verb Projection Raising“ gefasst:22 (18) Er hat gesagt, daß er hat unbedingt nach Hause gehen müssen. (Helbig / Buscha 1994, 109) Mit (18) liegt somit ein hinsichtlich der Verbstellung unentscheidbarer Fall vor, da die Zweitstellung von hat eine bloß scheinbare sein kann, denn auch mit mehr als einer Konstituente vor dem finiten Verb (womit zugrunde liegend VL vorliegt) bleibt der Satz grammatisch: (19) Er hat gesagt, daß er nach dem Essen hat unbedingt nach Hause gehen müssen. Diese Verwechslung von oberflächlicher und ‚echter‘ V2 liegt m.E. einer ganzen Reihe von Belegen zugrunde, die als Beispiele für V2 in eingeleiteten Nebensätzen angegeben werden, so etwa in dem immer wieder als früher Beleg für weil+V2 angeführten Satz aus Blatz (1900) – vgl. (20a) – oder in dem in Eroms (1980, 114) zitierten Beleg aus dem Wienerischen – vgl. (20b): (20a) Dem Wandersmann gehört die Welt, weil er kann über Thal und Feld so wohlgemut hinschreiten. (Blatz 1900, 765) (20b)weil der Doktor hat gesagt (Jezek 1928, 158; hier standardsprachlich wiedergegeben) Ebenso kann Ausklammerung, also die Versetzung von Konstituenten aus dem Mittelfeld ins Nachfeld, V2-ähnliche Strukturen ergeben, vgl. (21a) sowie die desambiguierte Version in (21b): (21a) Paula ist schon ganz aufgeregt, weil sie verreist nächste Woche. (21b)Paula ist schon ganz aufgeregt, weil sie zum ersten Mal verreist nächste Woche. Strukturen, die an der Oberfläche so aussehen wie V2, in denen aber gewissermaßen bloß zufällig nur eine Konstituente vor dem finiten Verb steht, müssen klar geschieden werden von Konstruktionen, in denen das finite Verb tatsächlich die syntaktische Zweitposition besetzt. Dazu sind _____________ 22
Ausführlich zu diesen Konzepten und zum theoretischen Hintergrund vgl. Haegeman / van Riemsdijk (1986) sowie den Überblick in Schönenberger (1995).
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fein abgestimmte, syntaxtheoretisch fundierte Diagnostika erforderlich (wie sie in traditionellen syntaktischen Arbeiten oft nicht angewendet werden). Zieht man solche Kriterien heran, um eindeutige von nicht eindeutigen bzw. nicht einschlägigen Fällen sauber zu trennen, so ergibt sich, dass die Hauptsatz-Nebensatz-Unterscheidung bereits im ältesten Deutsch weitgehend syntaktisch gesteuert ist, d.h. dass eine subordinierende Konjunktion stets VL nach sich zieht:23 Endstellung des finiten Verbs liegt bei eingeleiteten Nebensätzen vor […], ist jedoch, wie gesagt, aufgrund verschiedener Umstellungen häufig nicht als solche erkennbar […]. (Lenerz 1984, 130)
Mit einem geschärften Beschreibungsinstrumentarium können nun auch Unterschiede bei einzelnen Konjunktionen sichtbar gemacht werden. Allgemeine Aussagen wie „freiere Wortstellung“, „von Anfang an zwei Wortstellungsmöglichkeiten“ oder „[d]as Mittelhochdeutsche unterschied Haupt- und Nebensätze nur nach der Verbstellung, nicht durch unterschiedliche Konjunktionen“ (Wegener 1999, 12) suggerieren, dass eine Wahlmöglichkeit zwischen VL und V2 bei allen Konjunktionen bestanden habe. Dies scheint aber in nennenswertem Umfang nur auf die Kausalkonjunktion uuanta / wan(de) zuzutreffen, womit die funktionalen Vorläufer von weil offenbar einen Sonderfall darstellen. Legt man strengere formale Kriterien an, so lassen sich im Althochdeutschen nur äußerst wenige eingeleitete Nebensätze finden, die klar V2 aufweisen. So enthält der Althochdeutsche Tatian nur etwa 15 eindeutig als solche identifizierbare V2Sätze nach subordinierender Konjunktion, wovon bemerkenswerterweise zehn Fälle Kausalsätze sind (vgl. Petrova 2008). Wenn man weil exemplarisch die Konjunktion dass gegenüberstellt, zeigen sich erhebliche Unterschiede. Im Althochdeutschen ist V2 in thazSätzen extrem selten, vgl. aber (22): (22a) dhazs uuerodheoda druhtin sendida mih zu dhir quia dominus exercituum misit me ad te (Isidor 236, zit. nach Axel 2007, 106)
_____________ 23
Aussagen zum Althochdeutschen wie „fast alle Partikeln, die als Einleitungsstücke mit Endstellung bzw. Späterstellung des Vf. verbunden werden können, begegnen auch am Eingang von Sätzen mit Verbzweitstellung“ (Ebert 1978, 20) sind in diesem Zusammenhang höchst verwirrend, da hier nicht die Homonymie von koordinierenden und subordinierenden Konjunktionen gemeint ist, sondern die von konnektiven Adverbien und subordinierenden Konjunktionen (wie z.B. auch im informellen Gegenwartsdeutschen das Adverb trotzdem in Trotzdem hat sie angerufen homonym zur subordinierenden Konjunktion ist in …,trotzdem sie angerufen hat).
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(22b)táz er béiz ímo sélbemo ába die zúngûn (Notker, Boethius, De Consolatione II 91,3; zit. nach Axel 2007, 94, Anm. 69) Weiß (i. Dr.) zählt lediglich acht thaz-V2-Sätze in einem Korpus von 247 thaz-Sätzen.24 Auch im Althochdeutschen Tatian sind so gut wie keine eindeutigen thaz-V2-Sätze zu finden, scheinbare V2-Fälle sind als die oben beschriebenen verschleierten Verbletztstellungen zu analysieren, wie sie durch Extraposition o.ä. zustandekommen (vgl. Fleischer u.a. 2008). Fürs Althochdeutsche ist also mit Axel (2007, 104) festzuhalten: „There are only very few dhazs-clauses which exhibit postfinite material of such a kind that an extraposition analysis is unlikely.“ Heutige dass-V2-Konstruktionen sind offenbar nicht ebenso geradlinig auf eine historisch bereits einmal existente Situation rückführbar wie weil-V2-Sätze. Für die Konjunktionen obwohl und während stehen empirische Untersuchungen zur Diachronie noch aus. Eine einfache Übertragung der Ergebnisse zu Geschichte und Vorgeschichte von weil ist jedoch mit einiger Sicherheit zu kurz gedacht (allein schon deshalb, weil der konjunktionale Gebrauch von obwohl und während wesentlich jünger ist). Ein zweites Problem ist die etwas missverständliche Erklärung, dass die den Dialekten bzw. allgemein der gesprochenen Sprache immer wieder zugesprochene Tendenz zur Parataxe (z.B. Arndt 1959, 408: „Neigung zur Aufgabe der Endstellung des finiten Verbs“) zur Entstehung bzw. zur Bewahrung von V2 in eingeleiteten Nebensätzen geführt habe. Eine Präferenz für parataktische Strukturen – sofern diese tatsächlich vorliegt, siehe den folgenden Absatz – bedeutet ja nicht automatisch, dass ein und dieselbe subordinierende Konjunktion alternativ auch parataktisch gebraucht wird. ‚Neigung zur Parataxe‘ ist wohl vielmehr so zu verstehen, dass in den Mundarten hypotaktische Strukturen generell vermieden werden und dass stärker als in der Schriftsprache von parataktischen Konnektoren oder asyndetischer Verknüpfung Gebrauch gemacht wird. Die eigentliche Frage, nämlich ob es auch in älteren Sprachstufen Konjunktionen gab, die sowohl VL- als auch V2-Sätze einleiten konnten, so wie sie heute mit weil, obwohl, während, wobei und dass (sowie möglicherweise weiteren) vorliegen, bleibt also nach wie vor unbeantwortet. Drittens schließlich ist diese vermeintliche Bevorzugung der Parataxe in mündlicher Kommunikation womöglich gar nicht in dem Umfang gegeben wie häufig unterstellt. Wie Auer (2002) gezeigt hat, sind bestimmte Nebensatztypen, etwa wenn- und dass-Sätze, in der gesprochenen Sprache sogar häufiger als in der geschriebenen (vgl. Auer 2002, 133f.). Auer zu_____________ 24
Das Korpus umfasst Belege aus Köbler (1986) sowie die Auswertung des ahd. Isidor in Robinson (1997).
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folge werden hypotaktische Strukturen aufgrund ihrer schwierigeren Prozessierbarkeit nicht, wie meist angenommen, in gesprochener Sprache generell gemieden, sondern nur dann, wenn die Einbettungsrichtung der zeitlichen Linearität des Sprechens / Hörens entgegenliefe (was das Prozessieren tatsächlich deutlich erschweren würde). Zudem wird in mündlicher Kommunikation die syntaktische Integrationstiefe möglichst gering gehalten, die Integration als solche wird aber umfassend eingesetzt (vgl. ebd., 136). Eine allgemeine ‚Tendenz zur Nebenordnung‘ in mündlichen Varietäten aufgrund von zu hohem Verarbeitungsaufwand komplexer Sätze ist daher als Erklärung für die Existenz von V2-Sätzen nach subordinierenden Konjunktionen weder ausreichend noch plausibel. Eher sind hier wohl Faktoren ausschlaggebend, die die speziellen Diskursanforderungen und -strategien in der mündlichen Interaktion betreffen. Die drei genannten Überlegungen sollten deutlich machen, dass bei der Frage nach dem Alter von ‚subjunktional‘ eingeleiteten V2-Sätzen durchaus eine gewisse Vorsicht geboten ist und dass es sich lohnt, auch vermeintliche Allgemeinplätze immer wieder neu zu hinterfragen. Bevor man vorschnell auf plausibel erscheinende Zusammenhänge schließt, sollte man sich also stets fragen, ob es nicht auch ganz anders (gewesen) sein könnte. Was konkret Alter und Häufigkeit der weil-V2-Konstruktion betrifft, gilt dies natürlich in beiden Richtungen: Ebenso wenig wie das vermeintlich hohe Alter pauschal auf die Gesamtheit verwandter Strukturen übertragen werden darf, sollten Aussagen zu grammatischen Entwicklungen nicht auf das mehr oder weniger zufällig am besten untersuchte Phänomen reduziert werden. Wie bereits mehrfach angeklungen ist, kann ein solchermaßen verengter Blick umgekehrt dazu führen, dass Dinge, die zusammengehören, nicht als zusammengehörig erkannt werden, m.a.W. dass systematische Zusammenhänge unbemerkt bleiben. Ein Beispiel hierfür demonstriert – unfreiwilligerweise – die IDS-Grammatik (vgl. Zifonun u.a. 1997). Hier wird für obwohl- und weil-Sätze ein funktionaler Unterschied zwischen VL und V2 angenommen: „Alles spricht dafür, daß diese Formdifferenzierung funktional erklärt werden muß“ (ebd., 465). Die V2-Sätze in (23) werden hingegen als anakoluthisch angesehen – obwohl sie den weil- und obwohl-Sätzen strukturell ganz ähnlich sind: (23a) Ich bin überzeugt, daß, wenn es einmal im Gange ist, so muß es (…) sich (…) sehr weit verbreiten. (23b)(…) dann sind Sie bei ner Fünfzigstundenwoche angelangt→ und das . bei schönem Wetter ↓ . mutmaßlich ↓ ((0.8)) ja . wäh-
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rend also der normale Werktätige ((0.8)) kämpft um ne Vierzigstundenwoche.
(23c) (…) diese Kalziumbehandlung machen wobei wenn man dann merkt daß das mit Kalzium besser wird heißt das nicht, daß das n Kalziummangel is ↓ (Zifonun u.a. 1997, 462f.; Unterstreichung markiert Akzent, Kursivierung UF) Zifonun u.a. (1997, 462) führen die eingebetteten wenn-Sätze in (23a,c) als Grund für den „Konstruktionswechsel“ an (beide V2-Sätze sind nicht in einen VL-Satz umformbar) und sehen darin folglich eine anakoluthische Konstruktion. Auch wenn die wenn-Sätze die V2-Form hier begünstigen mögen, so sind sie doch keine notwendige Bedingung (vgl. die Beispiele in (3c) und (5), in denen während und dass auch ohne einen solchen Auslöser mit V2 konstruiert werden). Zugleich würde einen ebenso konstruierten weil-Satz niemand als Anakoluth bezeichnen (vgl. Wichtig sind viele Pausen, weil wenn die Konzentration nachlässt, kommt es zu Flüchtigkeitsfehlern.). Es ist also ganz unangemessen, dass Zifonun u.a. (ebd., 466) den folgenden Schluss einzig mit Bezug auf weil ziehen und die betreffenden anderen Konjunktionen dabei außer Acht lassen: „Die behandelte weil-Konstruktion ist also kein Anakoluth mehr, sondern eine diskursspezifische syntaktische Konstruktion.“ Eine Erklärung hierfür wird allerdings wohl darin zu suchen sein, dass nur weil in der Fachliteratur so prominent diskutiert worden ist.
4. Zusammenfassung Ziel des vorliegenden Beitrages war es zu zeigen, dass Intuitionen hinsichtlich Vorkommenshäufigkeit und Alter von sprachlichen Phänomenen trügerisch sein können, wenn man sich hauptsächlich auf die eigene Wahrnehmung verlässt bzw. wenn man die Ergebnisse einer Analyse mehr oder weniger ungeprüft auf ähnliche Phänomene überträgt, nur weil dies intuitiv plausibel erscheint. Am Beispiel von Nebensatzkonjunktionen, die im Gegenwartsdeutschen nicht nur subordinierend, sondern auch parataktisch gebraucht werden, habe ich zu zeigen versucht, dass es zu Fehleinschätzungen führen kann, wenn zu voreilig von einem Vertreter, hier dem vergleichsweise gut untersuchten weil, auf andere Konjunktionen mit ähnlichen Eigenschaften geschlossen wird. So hält der von vielen Linguisten geteilte Eindruck, V2-Sätze seien mit weil verbreiteter als mit obwohl u.a., einer empirischen Überprüfung nicht stand. Im Gegenteil, der Anteil von
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parataktischen Verknüpfungen ist bei den eher als marginal angesehenen Konjunktionen während und obwohl in Wirklichkeit sogar höher als bei weil (vgl. Abschnitt 2.2.). Und interessanterweise gibt es hier keine Schmähurteile von Seiten der Sprachkritik oder gar ‚Rettungsaktionen‘. Ebenso ist die Annahme, die heutige Situation mit einer ganzen Reihe von janusköpfigen Konjunktionen entspreche einem historisch schon einmal dagewesenen System, so wohl nicht haltbar. Die Verhältnisse im Bereich der Kausalkonjunktionen, zu deren Inventar tatsächlich bis ins Frühneuhochdeutsche stets auch eine Konjunktion zählt, die VL- und V2Sätze einleitet, müssen als Spezialfall gewertet werden. Verweise auf die ‚freiere Wortstellung‘ im älteren Deutsch geben keinen Anlass zu der Annahme, es habe in eingeleiteten Sätzen generell pro Konjunktion mehrere Optionen bezüglich der Verbstellung gegeben. Bei näherem Hinsehen und theoretisch ausgefeilteren Analysen wird deutlich, dass ein großer Teil der vermeintlichen Verbstellungsvarianz auf Umstellungen innerhalb des Satzes zurückzuführen ist, die die Nebensatzposition des finiten Verbs (d.h. VL) gar nicht berühren. Vielmehr bewirken andere, von Haupt- oder Nebensatzstatus ganz unabhängige Gründe, dass nach dem Verb in syntaktischer Letztstellung noch weitere Konstituenten erscheinen, so dass eine Form entsteht, die zufällig wie V2 aussieht. Die historischen Beschreibungsansätze, die für weil und seine Vorläufer existieren, sind also nicht ohne weiteres auf obwohl u.a. übertragbar (vgl. Abschnitt 3). Wie alt die VL / V2-Variation bei diesen anderen Konjunktionen tatsächlich ist und in welcher Weise die Entwicklung dieser Strukturen ihren Anfang genommen hat, konnte und sollte im Rahmen dieses Beitrags nicht geklärt werden. Es ging lediglich darum, den Blick dafür zu schärfen, dass eine Non-Standard-Struktur, wie weil + Hauptsatzwortstellung, nicht ganz neu sein muss, nur weil sie erst seit kurzem bewusst wahrgenommen wird, und dass umgekehrt damit verwandte Konstruktionen nicht ebenso alte Vorläufer haben müssen, wie dies für den prominenten Fall, eben die Kausalkonjunktionen, gilt. Es wäre z.B. durchaus denkbar – und dies ist an dieser Stelle eine reine Hypothese –, dass die V2-Option nach obwohl, während, wobei oder dass tatsächlich eine relativ neue Entwicklung ist, die sich in Analogie zu den Kausalsätzen vollzogen hat (ob weil-V2-Sätze dabei ein durchgehendes oder aber ein wiederauflebendes Muster darstellen, ist für diesen Gedanken erst einmal unerheblich). Um dem Phänomen von hauptsatzförmigen Strukturen nach Nebensatzkonjunktionen auf die Spur zu kommen, ist eine übergreifende Betrachtung notwendig sowie – und es ist wohl unnötig, dies zu betonen – mehr Empirie. Wir sind also noch nicht am Ende der Diskussion zu den VL / V2Konjunktionen. Jedoch steht mittlerweile ein differenziertes Beschreibungsinventar zur Verfügung, das diskursanalytische Analysen verbinden
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kann mit moderner Syntaxforschung, die es ermöglicht, unter die Oberfläche von syntaktischen Erscheinungen zu schauen. So sind bei kluger Quellenauswahl und umsichtiger Analyse interessante Ergebnisse insbesondere auch für die historische Syntax zu erwarten.
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Die deutsche Nominalklammer Geschichte, Funktion, typologische Bewertung
Elke Ronneberger-Sibold (Eichstätt)
1. Einleitung In diesem Aufsatz wird die Geschichte der deutschen Nominalklammer unter typologischem Gesichtspunkt beleuchtet. Die Einordnung des Deutschen nach den herkömmlichen Kriterien ‚synthetischer vs. analytischer Sprachbau‘ und ‚OV-typische vs. VO-typische Serialisierung‘ bereitet notorische Schwierigkeiten.1 So ist z.B. einerseits der Ausdruck von Definitheit als grammatische Kategorie durch die Artikel sicherlich ein Schritt in Richtung Analytizität, andererseits sind die stark komprimierten und unregelmäßigen, kaum anders als durch Suppletion beschreibbaren Formen des bestimmten Artikels hochgradig synthetisch. Was die Wortstellung angeht, so vereinigt gerade die Nominalphrase mit der OV-typischen Stellung der kongruenzfähigen Attribute und Artikelwörter links und der VO-typischen Stellung der nicht kongruenzfähigen Attribute und des Relativsatzes rechts vom Kernsubstantiv beide Stellungstypen in sich. Beide wurden im Übrigen durch Sprachwandel herbeigeführt: Einerseits wurden nachgestellte Adjektive vorangestellt, andererseits das vorangestellte Genitivattribut nachgestellt. Diese (und weitere) typologischen Ungereimtheiten sind in Ronneberger-Sibold (1991; 1994; 1997; 2007) versuchsweise durch ein typologisch relevantes Prinzip erklärt, das synchron wie diachron den anderen typologischen Tendenzen übergeordnet ist. Dieses Prinzip ist das so genannte klammernde Verfahren. In diesem Aufsatz wird dieser Gedanke mit einem speziellen Fokus auf der Nominalklammer weiter ausgebaut. _____________ 1
Vgl. verschiedene Beschreibungen und Erklärungen der typologischen Widersprüche in Askedal (1996; 2000); Eisenberg (1994, insbesondere 371-376), Hawkins (1986, insbesondere Kapitel 9-11), Hutterer (1990, insbesondere 452-467), Primus (1997), Roelcke (1997, insbesondere Kap. 4 und 5).
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Im Folgenden wird zunächst in Abschnitt 2 gezeigt, wie die Tendenz zur Klammerbildung das gesamte neuhochdeutsche Sprachsystem auf allen Ebenen wie ein roter Faden durchzieht. In vielen Fällen ist dazu die Einbeziehung von Substandardvarietäten notwendig, in denen sich Tendenzen durchsetzen können, die in der stärker normierten Standardsprache nicht akzeptiert sind. In Abschnitt 3 wird die Funktion des klammernden Verfahrens diskutiert. Abschnitt 4 ist der diachronen Perspektive am Beispiel der Nominalklammer gewidmet. In einem diachronen Längsschnitt durch die deutsche Sprachgeschichte werden die wichtigsten Schritte bei der Herausbildung dieser Konstruktion verfolgt. Es geht dabei also nicht um die Frage, wie häufig die einmal etablierte Nominalklammer zu welcher Zeit in welchen Textsorten war, wie komplex ihr Innenaufbau war, welche Durchbrechungen möglich waren, wie all dies gegebenenfalls durch bestimmte Texttraditionen und bestimmte außersprachliche Entwicklungen motiviert war usw. Dazu ist viel geleistet worden.2 Hier wird vielmehr danach gefragt, welche Veränderungen und Bewahrungen notwendig waren, um diese Konstruktion überhaupt entstehen zu lassen. Davon betroffen sind die Wortstellung (4.1.) sowie die Morphologie des linken (4.2.) und des rechten Klammerrandes (4.3.). Die Veränderungen, die den rechten Klammerrand betreffen, reichen diachron am weitesten in die Vergangenheit zurück. Sie werden daher besonders ausführlich dargestellt, zumal sie bisher kaum im Hinblick auf ihre Funktion für das klammernde Verfahren untersucht wurden (vgl. aber Ronneberger-Sibold 2007 und i. Dr.). In sprachvergleichender Perspektive zeigt sich, wie das Deutsche sich unter anderem durch diese Veränderungen und Bewahrungen typologisch mehr und mehr von den genetisch verwandten übrigen germanischen Sprachen entfernt hat, die eine andere Entwicklung nahmen. In diesem Aufsatz sind das Englische und das Schwedische als besonders deutliche Beispiele gewählt. Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Ansicht wird hier also die Meinung vertreten, dass das Deutsche in typologischer Hinsicht nicht einfach nur konservativer ist als die meisten anderen germanischen Sprachen, sondern dass es sich in eine andere Richtung, eben auf das klammernde Verfahren hin entwickelt hat. Diese typologische Auseinanderentwicklung wird bis zu ihren frühesten Ansätzen zurückverfolgt, die sich bereits im Germanischen ausmachen lassen. Alle Erscheinungen, die im synchronen und im diachronen Teil dieses Aufsatzes zur Sprache kommen, haben bzw. hatten jede für sich ihre eige_____________ 2
Vgl. die einschlägigen Handbücher, v.a. Behaghel (1932, insbesondere 177-226 und 241251), Ebert (1986), Admoni (1990), Solms / Wegera (1991), als wichtige Monographie Weber (1971) sowie die Aufsätze von van der Elst (1988), Lötscher (1990).
Die deutsche Nominalklammer
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nen Motive: Sie dienen bzw. dienten von Fall zu Fall der Verkürzung oder auch der Verdeutlichung des Ausdrucks, der Vereinheitlichung der Wortstellung, der Steuerung der Aufmerksamkeit des Hörers bzw. Lesers und anderen Zwecken mehr. Keines dieser Motive soll in Abrede gestellt werden. Was jedoch alle diese Erscheinungen verbindet, ist ihre Nützlichkeit für das klammernde Verfahren. Diese verschaffte ihnen, so die hier vorgetragene These, einen Selektionsvorteil gegenüber anderen, konkurrierenden Neuerungen mit ihren eigenen, oft konträren Motiven. Je mehr Klammerkonstruktionen auf diese Weise entstanden, umso stärker wurde ihre musterbildende Kraft und umso größer der Selektionsvorteil für weitere Klammern. Als solche lawinenähnliche Prozesse dürfte sich die Durchsetzung nicht nur des klammernden Verfahrens, sondern jedes typologisch relevanten Zugs in einem Sprachsystem modellieren lassen. Anders ist schwer vorstellbar, wie sich angesichts der vielen, einander widerstreitenden Motive innerhalb einer Sprachgemeinschaft und sogar innerhalb desselben Sprechers beim selben Sprechakt überhaupt ein typologisch einheitliches Sprachsystem herausbilden kann.3 Insofern versteht sich dieser Aufsatz auch als ein Beitrag zur allgemeinen Theorie des Sprachwandels.
2. Das klammernde Verfahren im Neuhochdeutschen 2.1. Definition Das klammernde Verfahren besteht darin, dass bestimmte Bestandteile eines Satzes so von zwei Grenzsignalen umschlossen werden, dass der Hörer / Leser aus dem Auftreten des ersten Signals mit sehr großer Wahrscheinlichkeit schließen kann, dass der betreffende Bestandteil erst dann beendet sein wird, wenn das passende zweite Signal in der Sprechkette erscheint (vgl. auch Ronneberger-Sibold 1994, 116). Die beiden Signale können, aber müssen nicht in einer engen strukturellen Beziehung zueinander stehen. Sehr eng ist sie z.B. zwischen den beiden Teilen der Zirkumfixe zur Markierung des Partizips Perfekt ge...(e)t (ge-sag-t, ge-red-et) oder ge...en (ge-komm-en); sehr lose, wenn überhaupt vorhanden, ist sie dagegen zwischen einer Subjunktion oder einem Relativpronomen am Anfang und dem finiten Verb am Ende eines eingeleiteten Nebensatzes.4 Für die Performanz des Lesers / Hörers macht das keinen Unterschied: Er _____________ 3 4
Tatsächlich sind ja die meisten Sprachsysteme typologisch nicht vollkommen einheitlich. Mit Weinrich (2007) wird das Relativpronomen hier (anders als in Duden 2005) als linker Klammerrand betrachtet.
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kann sich ebenso darauf verlassen, dass eine Verbform, die mit ge- beginnt, höchstwahrscheinlich mit -(e)t oder -en endet5, wie dass ein Nebensatz, der mit dass oder ob beginnt, höchstwahrscheinlich durch sein finites Verb abgeschlossen wird. Wegen dieses performanzbezogenen Kriteriums werden hier zum klammernden Verfahren auch solche Konstruktionen gezählt, die in der Grammatikschreibung bislang nicht (oder nicht einhellig) als solche betrachtet werden. 2.2. Die Nominalklammer Als Beispiel für die diesem Aufsatz zugrunde gelegte Definition der Nominalklammer dient der folgende Textabschnitt, der aus einem Zitat aus einer Musikkritik und unserem kurzen grammatischen Kommentar dazu besteht. Die Nominalklammern sind durchnummeriert und durch Kursivdruck der Ränder hervorgehoben. „(1) Der herbstlich mürbe Tonfall, (2) die immer (3) im Atemrhythmus (4) der Musiker flexibel sich aufbauenden Klanggespinste, (5) die auf Melancholie zielende Verhaltenheit – da sind (6) die Ebènes zu Hause.“6 (7) Dieser aus (8) einer Fülle (9) ähnlicher Beispiele relativ willkürlich herausgegriffene Satz enthält sechs hier vorsorglich durchnummerierte, teils parallele, teils ineinander geschachtelte Beispiele für (10) die deutsche Nominalklammer.
Als Nominalklammer werden hier alle diejenigen Nominalphrasen bezeichnet, die mit einem stark flektierten Element am linken Rand beginnen und mit dessen Bezugssubstantiv – dem so genannten Kernsubstantiv der Klammer – enden. Zur starken Flexion wird hier auch die Flexion des bestimmten Artikels gezählt, auch wenn sich beide lautlich z.T. stark unterscheiden. Ausschlaggebend sind die Distinktivität der Formen, die in den beiden Paradigmen nahezu gleich ist, die Kongruenzfähigkeit und die Möglichkeit, eine Nominalklammer zu eröffnen. Die letztgenannte Möglichkeit hat die so genannte schwache Adjektivflexion nicht. Sie ist bekanntlich auf attributiv verwendete Adjektive beschränkt, die im Inneren einer Nominalklammer nach einem stark flektierten Determinans am linken Rand stehen, z.B. mürb-e in Klammer (1), sich aufbauend-en in (2). Außerdem ist die Distinktivität der schwachen Adjektivflexion im Vergleich zur pronominalen stark eingeschränkt: Die einzig möglichen Endungen sind -e und -(e)n. Ihre wesentliche Funktion ist, dem _____________ 5
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Ausnahmen sind nur Verben mit festem ge- wie gehören, gelingen, gerinnen, genießen. Bei diesen sind -(e)t und -en auch als Personalendungen (er / sie / es ge-hör-t; wir / sie ge-hör-en) und außerdem andere Endungen (-st, -end, Null) möglich. Brembeck, Reinhard J., „Wehmut der Konversation. Das Quatuor Ebène mit Haydn, Fauré und Schubert in München“, in: Süddeutsche Zeitung, 16. Januar 2009, 12.
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Hörer / Leser zu signalisieren, dass er sich bei der syntaktischen Dekodierung gerade im Inneren einer Nominalklammer befindet. Ganz unflektiert sind Adjektive in prädikativer und adverbialer Verwendung, auch innerhalb der Nominalklammer, z.B. herbstlich in (1) in Opposition zu an dieser Stelle ebenfalls denkbarem attributivem herbstliche, parallel zu mürbe. Eine Füllung der Klammer ist nach der hier gegebenen Definition nicht notwendig: Auch z.B. (3), (4), (6), (8) und (9) zählen als Nominalklammern. Dem Kernsubstantiv nachgestellte Attribute wie etwa die Genitivattribute in (4) und (9) sind nicht Teil der Nominalklammer: der Musiker ist zwar Teil der Nominalphrase mit dem Kernsubstantiv Atemrhythmus, aber nicht Teil seiner Nominalklammer. Der linke Klammerrand ist in den Klammern (1) bis (6) durch den bestimmten Artikel besetzt (in (3) verschmolzen mit einer Präposition); diese Funktion kann aber auch ein anderes Determinans wie dieser in (7) oder der unbestimmte Artikel in (8) sowie ein stark flektiertes Adjektiv wie ähnlicher in (9) übernehmen. Die eigentliche Klammer wird aber nicht durch diese Wortarten und die Wortart Substantiv an ihrem rechten Rand gebildet, sondern durch ihre Flexion und das Genus des Kernsubstantivs. Am linken Rand wird nämlich im Hörer / Leser nicht nur die Erwartung auf irgendein Kernsubstantiv erweckt, sondern auf ein Kernsubstantiv, das in Genus, Kasus und Numerus zum linken Klammerelement passt. Es handelt sich also (in herkömmlicher Terminologie) um eine Kongruenzklammer.7 Die Kongruenz zwischen linkem und rechtem Klammerrand ist deshalb für das Deutsche so wichtig, weil alle von den Attributen abhängigen Konstituenten mit in die Klammer aufgenommen werden. Sie stehen dort im Einklang mit der Tendenz zur OV-Stellung links von ihrem Bezugswort. Diese Regelung, die zu den berüchtigten langen und komplexen deutschen Nominalklammern führt, hat zur Folge, dass der Hörer / Leser vor dem Kernsubstantiv bereits zahlreiche weitere antrifft. Wenn diese keine eigene Klammer besitzen, verhindern einzig die mangelnde Kongruenz und gegebenenfalls der Textsinn ein vorzeitiges Schließen der Klammer (eine so genannte „Garden-Path-Analyse“, Pritchett 1988) wie z.B. der Bezug von dieses auf Ausländern in der Nominalphrase dieses Ausländern nur schwer vermittelbare System (vgl. Ronneberger-Sibold 1994, 121). Wie wichtig die Kongruenz für die reibungslose Dekodierung deutscher Nominalklammern ist, zeigen die glücklicherweise nicht sehr häufi_____________ 7
Das Zusammenwirken der verschiedenen an der Nominalphrase beteiligten Wortarten mit ihren Flexionen ist in der Literatur sehr unterschiedlich beschrieben bzw. interpretiert worden. Vgl. z.B. Werner (1979, s. dort auch die Aufarbeitung der älteren Literatur), Wurzel (1984, 90ff.), Admoni (1990, 18), Gallmann (1990), Ágel (1996). Für das Funktionieren des klammernden Verfahrens spielen diese Beschreibungsvarianten jedoch keine Rolle.
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gen Fälle, in denen das System versagt, weil zufällig vor dem Kernsubstantiv ein weiteres mit derselben Genus-Kasus-Numerus-Kombination steht, das zudem auch inhaltlich passen könnte. Beispielsweise enthält der eingangs zitierte Text auch den folgenden Satz: ...erst bei der Wiederholung findet er eine Höhe mit Tiefe versöhnende Lösung. Die anfängliche Fehlanalyse von eine Höhe (eventuell sogar eine Höhe mit Tiefe) als Nominalphrase ist fast unvermeidlich (zumal im Original Höhe am Zeilenende steht).8 In einem weiteren Beispiel aus demselben Text vermeidet lediglich ein Komma eine Fehlanalyse: Dieser kommunikative, Distanz meidende Akt in geradezu intimer Atmosphäre. Ohne das Komma vor Distanz bzw. eine Pause beim lauten Lesen würde man unweigerlich kommunikative auf Distanz statt auf Akt beziehen, zumal auch diese Lesart einen vernünftigen Textsinn ergäbe. Solche Beispiele zeigen, warum eine möglichst große Anzahl an verschiedenen grammatischen Subkategorien (z.B. drei Genera) für das klammernde Verfahren günstig ist: Je größer die Anzahl an möglichen Kombinationen, umso kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass zufällig dieselbe Kombination mehrmals in derselben Nominalphrase vorkommt und dadurch solche Fehlanalysen wie bei eine Höhe möglich werden. Diese Überlegung wird eine Rolle im diachronen Teil dieses Aufsatzes spielen. „Unfälle“ wie diese ereignen sich jedoch hauptsächlich in solchen überdehnten schriftsprachlichen Klammern wie in unseren Beispielen. Wie Thurmair (1991) gezeigt hat, funktioniert das klammernde Verfahren dagegen recht gut in seinem eigentlichen Bereich, in dem es auch ursprünglich entstanden ist, nämlich den relativ kurzen Sätzen der mündlichen Alltagskommunikation. In diesem Bereich funktioniert das klammernde Verfahren auch, obwohl in den meisten Fällen weder die Endungen der pronominalen Flexion noch die der Substantive eindeutig sind. Beispielsweise kann die Form der Nom. Sg. Mask. oder Dat. / Gen. Fem.9 oder Gen. Pl. sein. Erst das Kernsubstantiv am Ende der Nominalklammer bringt Eindeutigkeit: Ein Maskulinum im Singular entscheidet für die erste Möglichkeit (z.B. der Akt), ein Femininum im Singular für die zweite (der Wiederholung) und irgendein Substantiv im Plural unabhängig vom Genus für die dritte (der Akte / Wiederholungen / Konzerte). Im Neuhochdeutschen tragen sie sogar weitgehend die für die Syntax wichtige Kasusunterscheidung mit: Der Numerusgegensatz zwischen der Akt und der Akte unterscheidet z.B. gleichzeitig zwischen Nominativ und Genitiv; der Genusgegensatz zwi_____________ 8 9
Weitere Beispiele in Agricola (1968). Die Homonymie von Genitiv und Dativ Singular im Femininum gehört zu den grundsätzlichen Synkretismen des Deutschen, die nicht durch Flexion aufgelöst werden können.
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schen der Akt und der Wiederholung zwischen Nominativ und Genitiv / Dativ. Wegen der Bedeutung der Kongruenz für das Funktionieren der Nominalklammer eröffnen unflektierte10 Einleitewörter wie z.B. das in unserem Beispieltext unterstrichene Zahladjektiv sechs in der Nominalphrase sechs...Beispiele nach der hier gewählten Definition keine Nominalklammer im engeren Sinne, selbst wenn sie sich direkt auf das Kernsubstantiv beziehen: Sechs lässt zwar ein Kernsubstantiv im Plural erwarten, aber es sagt nichts über dessen Genus und Kasus aus. Entsprechendes gilt für Präpositionen: Sie lassen zwar ein Substantiv in einem bestimmten Kasus erwarten, aber nicht in einem bestimmten Numerus und Genus. Immerhin stehen jedoch Präpositionalphrasen und Nominalphrasen mit unflektierten, direkt auf das Kernsubstantiv bezogenen Einleitewörtern der Nominalklammer im engeren Sinne näher als komplexe Nominalphrasen mit vorangestellten Attributen, aber ohne irgendein direkt auf das Kernsubstantiv bezogenes Einleitewort. Würde z.B. in der Nominalphrase sechs...Beispiele das Zahlwort sechs fehlen, so wären die Grenzen zwischen den Konstituenten nicht klar: hier oder sogar hier vorsorglich könnte entweder auf enthält oder auf durchnummeriert bezogen werden. Da dieser unerwünschte Effekt durch Präpositionen und unflektierte Einleitewörter verhindert werden kann, wenn auch nicht so sicher und effizient wie durch stark flektierte Elemente, könnte man Präpositionalphrasen und Nominalphrasen mit Zahlwörtern usw. als Nominalklammern im weiteren Sinne bezeichnen. Dies ist oben durch Unterstreichung anstelle von Kursivsatz symbolisiert. 2.3. Verschmelzungsformen von Präposition und Artikel Verschmelzungsformen zwischen Präposition und Artikel wie z.B. im < in dem in Klammer (3) machen auch aus Präpositionalphrasen vollwertige Nominalklammern, weil durch sie die mit dem Kernsubstantiv kongruierende Flexion ganz an den linken Rand rückt. Neben ihrer „vordergründigen“ phonetischen Motivation können solche Formen also auch „im Hintergrund“ durch das klammernde Verfahren motiviert sein. Dies dürfte mit eine Erklärung für die außerordentliche Produktivität dieser Form der _____________ 10
„Unflektiert“ ist in bestimmten Formen von „endungslos“ wie z.B. im Nom. Sg. Mask. / Neutr. und im Akk. Sg. Neutr. bei ein, kein und den Possessivpronomina zu unterscheiden; da die anderen Formen dieses Paradigmas flektieren, kann man aus der Endungslosigkeit auf eben diese Kategorienbündel schließen. Weitere unflektierte Einleitewörter von Nominalklammern sind u.a. solche indefiniten „Artikelwörter“ wie etwas, nichts, genug (vgl. Duden 2005, 386f.).
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Enklise sein. Einzelne Formen stehen sogar bereits in funktionaler Opposition zur unverschmolzenen Verbindung (zur Schule gehen vs. zu der Schule gehen). Im mündlichen Sprachgebrauch bilden Verschmelzungsformen inzwischen ganze Paradigmen.11 Nach diesen und anderen Kriterien lässt sich im Deutschen eine deutliche Tendenz zu flektierten Präpositionen ausmachen, auch wenn eine volle Grammatizität derzeit (noch?) nicht erreicht ist (vgl. Nübling 1998). 2.4. Die Satzklammern Die so genannten Satzklammern sind – vor allem in der Außenperspektive – die auffälligste Anwendung des klammernden Verfahrens in der deutschen Gegenwartssprache, besonders in konzeptionell schriftsprachlicher Verwendung. Daher sind sie auch synchron wie diachron die mit Abstand am besten untersuchte Klammerkonstruktion. Wenige Bemerkungen mögen hier genügen: Traditionell unterscheidet man die Hauptsatz- und die Nebensatzklammer. Die Hauptsatzklammer füllt das so genannte Mittelfeld: Ihr linker Rand ist das finite Verb, der rechte entweder ein so genannter abtrennbarer Verbzusatz (Typ 1: Ich gebe das Buch zurück)12, oder der infinite Teil eines Verbkomplexes (Typ 2: Ich habe das Buch zurückgegeben). Die Nebensatzklammer wird durch eine unterordnende Konjunktion oder ein Relativpronomen eröffnet und durch den Verbkomplex i.Allg. mit Endstellung des Finitums geschlossen (Typ 3: ...dass ich das Buch zurückgegeben habe). Da sowohl in Typ 2 als auch in Typ 3 die Ergänzungen und Angaben vor ihrem Verb stehen, ergibt sich hier aus dem klammernden Verfahren die oben erwähnte OV-Folge (Genaueres s. in Abschnitt 3). Unter dem Gesichtspunkt des klammernden Verfahrens lässt sich auch das Vorfeld des Hauptsatzes als Klammerkonstruktion interpretieren, selbst wenn dies terminologisch nicht üblich ist. Sie wird gebildet durch den linken Satzrand und das finite Verb: #Seit drei Wochen regnet es ununterbrochen. Gegebenenfalls kann das finite Verb gleichzeitig das Vorfeld schließen und das Mittelfeld eröffnen: #Seit drei Wochen hat es ununterbrochen geregnet. _____________ 11 12
Ausführlich ist dies z.B. für das Berndeutsche in Nübling (1992, 211ff.) gezeigt. Wegen ihrer großen und immer noch – etwa in der Jugendsprache (vgl. Thurmair 1991) – stark zunehmenden Häufigkeit in der deutschen Gegenwartssprache ist für Weinrich (1988) diese von ihm so genannte Lexikalklammer ein wesentliches Argument für seinen Vorschlag, die Distanzstellung eines zweiteiligen Verbs als Grundwortstellung des Deutschen zu betrachten.
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Die Funktion der Satzklammern wird im Allgemeinen in den subtilen Möglichkeiten der Aufmerksamkeitssteuerung gesehen, die sie zusammen mit der Felderstruktur eröffnen. Auch diachron wird angenommen, dass beides sich aus bestimmten Mustern der informationsstrukturellen Gliederung des Satzes entwickelt habe.13 Dieses Motiv kann sehr gut im oben erwähnten Sinne durch das klammernde Verfahren als Hintergrundmotiv begünstigt worden sein. 2.5. Verschmelzungsformen von Subjunktionen und enklitischen Personalpronomina Viel weniger weit vorangeschritten ist die Grammatikalisierung der Verschmelzungsformen zwischen Subjunktionen und bestimmten enklitischen Personalpronomina wie z.B. wemmer [vεmɐ] < wenn wir. Während dieser Fall eine phonologisch sehr durchsichtige Sandhi-Erscheinung darstellt, ist z.B. weilmer [vaIlmɐ] < weil wir schon weniger leicht durchschaubar. Hier ist der Anlaut von mer [mɐ] nicht unmittelbar durch regressive Assimilation erklärbar. Vielmehr nimmt man an, dass diese Form als Schwachton-Variante von wir durch Sekretion aus phonologisch motivierten Fällen wie eben wemmer oder hammer [hammɐ] < haben wir entstanden ist.14 Noch undurchsichtiger ist das bair. wenn-st (z.B. wennst moanst 'wenn du meinst'), entstanden durch falsche Abtrennung der ganzen Endung der 2. Person Singular -st statt nur des total assimilierten postverbalen enklitischen -t < du z.B. in ha-st < *hast-t < hast du. Synchron entsteht so der Eindruck einer verbal flektierten Konjunktion (Harnisch 1989). In einem bair. eingeleiteten Nebensatz wie z.B. und wennsd ån a so an Dûûg fümf oda sechse oda-ràà zeen Laid hûsd (vgl. König u.a. 1991, 50ff.) kommt man daher wohl nicht umhin, von kongruierenden Endungen der Subjunktion und des finiten Verbs zu sprechen – genau dem linken und rechten Rand der Nebensatzklammer. Diese erhält dadurch eine formale Markierung, die ihrer funktionalen Wirkung entspricht.
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Vgl. Lühr (2008), Donhauser / Solf / Zeige (2006). Vgl. Werner (1988). Im Bairischen ist dieses reduzierte mer sogar sekundär wieder verstärkt worden zur neuen Vollform mir, etwa im selbstbewussten mir san mir 'wir sind wir'.
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2.6. Trennbare Präpositionaladverbien: Die „Adverbialklammer“15 Nicht nur Neuerungen haben in der älteren und jüngeren Sprachgeschichte zur Durchsetzung des klammernden Verfahrens beigetragen, sondern auch erstaunlich hartnäckige Bewahrungen von klammernden Konstruktionen in der Umgangssprache gegen den normativen Druck der normativen Grammatik. Ein solcher Fall ist die Trennung der so genannten Pronominaladverbien wie z.B. davon oder dafür in Sätzen wie da weiß ich nichts von, da kann ich nichts für bzw. mit Verdoppelung von da in der (nach Behaghel 1932, 249) eher süddeutschen Variante Da weiß ich nichts davon, da kann ich nichts dafür.16 Standardsprachlich zulässig ist jedoch nur die Kontaktstellung: Davon weiß ich nichts, dafür kann ich nichts. Diese normative Regelung hat sich in der gesprochenen Sprache jedoch nie gegen die alte Tendenz zur Distanzstellung mit anaphorischem da am Satzanfang und spätergestellter Präposition durchsetzen können. Schon im Muspilli (Z. 5) lesen wir z.B. dar pagant siu umpi (von Steinmeyer 1971, 66), wörtlich: 'da streiten sie um' (nämlich um diu sela 'die Seele'). Dieser Satz zeigt bereits eine strukturelle Möglichkeit, die diese Konstruktion bietet: nämlich auch bei einteiligem Verbkomplex eine Hauptsatzklammer zu konstruieren, die den ganzen Satz einschließt.17 2.7. Morphologie und Phonologie Selbst auf die Morphologie und Phonologie des Deutschen wirkt sich das klammernde Verfahren aus, etwa in Gestalt der Zirkumfixe beim Partizip Perfekt (ge-sag-t, ge-red-et, ge-sung-en) und in Wortbildungen wie Ge-birg-e, Gekreisch-e, be-fried-igen, ver-ängst-igen sowie in den bekannten phonologischen Grenzsignalen des Wortes wie der Auslautverhärtung, vor allem aber dem Kehlkopfverschlusslaut im Anlaut vor Vokal, der eine liaison an das vor_____________ 15 16
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Eine etwas ausführlichere Darstellung s. in Ronneberger-Sibold (1991). Die Verdoppelung des da ist im ganzen Sprachgebiet obligatorisch bei vokalisch anlautender Präposition: Da glauben wir noch nicht recht dran (Süddeutsche Zeitung vom 19./20.1.1991, 17, Spalte 4). *Da glauben wir noch nicht recht an wäre ungrammatisch. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass an dieser Textstelle bereits die Konstruktion einer Satzklammer der primäre Grund für die Wortstellung gewesen sei. Dieser ist wohl eher im Satzrhythmus zu suchen, auch ist dar an dieser Stelle noch nicht unbedingt rein pronominal (als Wiederaufnahmeform für diu sela 'die Seele') zu interpretieren; auch eine lokale oder temporale Lesart ist möglich. Aber dass der Konstruktionstyp sich bis heute gehalten hat und ausgebaut wurde, und das sogar gegen normativen Druck, dürfte mit dem Ausbau des klammernden Verfahrens zusammenhängen.
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hergehende Wort ausschließt, etwa in dt. ein Ei [Ɂain.Ɂai] vs. engl. an egg [ə.nεg].18
3. Die Funktion des klammernden Verfahrens Wie aus der bisherigen Erörterung hervorgeht, sehen wir die primäre Funktion des klammernden Verfahrens in einer speziellen Erleichterung der syntaktischen Dekodierung: Dadurch, dass die jeweils zueinander passenden Klammerränder die Grenzen von (verschieden definierten) Konstituenten klar markieren, weiß der Hörer / Leser während des Dekodierprozesses jederzeit, ob er sich am Anfang, im Inneren oder am Ende einer Konstituente befindet. Das Erkennen der Grenzen von Konstituenten ist damit im Deutschen strukturell sogar mehr begünstigt als das Erkennen ihrer syntaktischen Kategorien (Nominalphrase, Verbalphrase usw.) und ihrer syntaktischen Funktionen (Subjekt, direktes Objekt usw.). Die Kategorien muss der Hörer / Leser aus den Wortarten erschließen, was im Deutschen noch relativ gut funktioniert, die Funktionen aus der Kasusmorphologie. Letztere ist im Vergleich zu den Konstituentengrenzen im Neuhochdeutschen erstaunlich stiefmütterlich behandelt. Z.B. ist der fundamentale Unterschied zwischen Subjekt und direktem Objekt nur noch in Nominalphrasen im Mask. Sg. durch Flexion realisiert (der – den, gut-er – gut-en, ein – einen, er – ihn), in allen anderen Fällen muss der Hörer / Leser ihn aus einer Kombination aus Textsinn, der Default-Stellung S vor O und der Satzintonation (eventuellen Kontrastakzenten) erschließen. Durch diese Bevorzugung der Grenzen vor den Kategorien und Funktionen unterscheidet sich das klammernde Verfahren im Deutschen von anderen typologisch relevanten Ausdrucksverfahren wie dem flektierenden, etwa vertreten durch die älteren indogermanischen Sprachen, und dem isolierenden mit fester Wortfolge, weitgehend bereits vertreten durch das moderne Englisch. In beiden hat das Erkennen der grammatischen Funktionen erste Priorität (Ronneberger-Sibold 2007). Z.B. erkennt man das Subjekt im Lateinischen an der Nominativflexion seiner Glieder und im Englischen an seiner Stellung vor dem finiten Verb. Aber was alles zum Subjekt gehört, das muss sich der Hörer oder Leser im Lateinischen (manchmal recht mühsam) im Satz „zusammensuchen“ und im Englischen aus dem Wechsel von einer nominalen Wortart zum Verb erschlie_____________ 18
In der Zunahme von phonologischen Prozessen zur Stärkung der Wortränder in der deutschen Sprachgeschichte manifestiert sich nach Szczepaniak (2007) sogar ein lauttypologischer Wandel des Deutschen von einer Silben- zu einer Wortsprache.
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ßen, was angesichts der Konversionsfreudigkeit des Englischen und der fehlenden formalen Unterscheidung zwischen dem Partizip Perfekt und dem Präteritum bei den schwachen Verben durchaus schwierig sein kann.19 Dem optimalen Erkennen der grammatischen Kategorien (noch vor den syntaktischen Funktionen) dient das ebenfalls in der Performanz begründete Prinzip „Early immediate constituents“, das Hawkins (1994) zufolge von vielen verschiedenen Sprachen befolgt wird. Es besagt, grob und in traditioneller Terminologie gesprochen,20 dass erstens in jeder syntaktischen Phrase dasjenige Element möglichst weit am Anfang stehen sollte, an dem der Hörer / Leser eindeutig die syntaktische Kategorie dieser Phrase erkennen kann (bei einer Verbalphrase z.B. das finite Verb) und dass zweitens in komplexen Phrasen die unmittelbaren Konstituenten so angeordnet sein sollten, dass sie alle möglichst früh erkannt werden können (enthält z.B. eine Verbalphrase eine kürzere und eine längere Nominalphrase als Objekt oder Angabe, sollte die kürzere vorangehen,21 weil umgekehrt der Hörer / Leser erst die längere vollständig dekodieren müsste, ehe er entdeckt, dass noch eine weitere folgt). Insgesamt laufen Hawkins’ performanzorientierte Prinzipien also darauf hinaus, möglichst viel strukturelle Information am linken Rand einer syntaktischen Phrase zu versammeln. Der rechte Rand ist dagegen in dieser Theorie ganz uninteressant: Woher der Hörer bzw. Leser eigentlich weiß, dass die Phrase, deren Kategorie er an ihrem Anfang erkannt hat, zu Ende ist, wird nicht problematisiert. Damit spiegelt Hawkins Theorie recht gut die Struktur seiner Muttersprache Englisch (und damit im Grunde einer VO-Sprache) wider: Für ihn steht die Optimierung derjenigen Performanzleistungen des Hörers / Lesers im Vordergrund, die von der Sprachstruktur des Englischen begünstigt werden. Dass aus dieser Sicht die deutschen Satzklam-
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Der häufig zitierte „Garden-Path-Satz“ The horse raced past the barn fell (Pritchett 1988) beruht gerade auf dieser grammatischen Homonymie. Das Folgende ist eine extrem knappe und ein Stück weit interpretierende Zusammenfassung von Hawkins (1994, 57ff.). Man fühlt sich an Behaghels Gesetz der wachsenden Glieder erinnert (vgl. Behaghel 1932, 6).
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mern eine gewisse Ratlosigkeit erzeugen,22 ist verständlich, favorisieren sie doch eine andere Performanzleistung. Für das Funktionieren des klammernden Verfahrens ist dagegen der rechte Rand, an dem die Klammer geschlossen wird, so wichtig, dass – ganz im Gegensatz zum ersten oben genannten Prinzip von Hawkins – das Kernlexem einer eingeklammerten Konstituente häufig gerade für diese Position aufgespart wird: das Kernsubstantiv in der Nominalklammer, der gesamte Verbkomplex im eingeleiteten Nebensatz, das infinite Hauptverb in der Hauptsatzklammer, die Präposition in der Adverbialklammer. Auf diese Weise kann die Erwartung des Hörers bzw. Lesers nicht enttäuscht werden, denn das wichtigste Element der ganzen Konstituente, auf dessen Erscheinen er sich auf jeden Fall verlassen kann, schließt die Klammer ab. Da bei diesem Verfahren die anderen eingeklammerten Elemente, die von dem Kernlexem abhängen, diesem vorausgehen müssen, ergibt sich automatisch eine OV-typische Wortfolge. Der Zusammenhang zwischen Klammern und OV-Stellung ist auch von anderen Autoren beobachtet worden, z.B. im Hinblick auf die Nominalklammer von Askedal (2000). Allerdings betrachtet er, anders als wir, die Klammer als Folge der OVStellung und nicht umgekehrt. Wir sehen dagegen das klammernde Verfahren als primär an, weil es im deutschen Sprachsystem weiter verbreitet ist als die OV-Stellung. Es gibt zwar Klammern ohne OV-Stellung, z.B. die äußerst produktive Klammer aus finitem Verb und Verbzusatz (ich gebe ihm das Buch zurück), aber kaum OV-Stellung ohne einen Zusammenhang mit einer Klammer. Innerhalb der Klammern werden die Elemente im Allgemeinen nach logisch-semantischen und nach informationsstrukturellen Kriterien angeordnet.23 Beim eingeleiteten Nebensatz resultiert die Klammer direkt aus diesen Bauprinzipien: Das am stärksten rhematische Element, das Verb, steht ganz rechts, die Junktion am Vortext links. Da diese Argumentation _____________ 22
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Hawkins (1994, 402): „...a language of type (6.51) [d.h. eine klammernde] marks both the onset and the offset of the VP, and this may have certain functional advantages for constituent recognition over marking just one periphery via a construction category.“ Bei richtiger Betrachtung passen die hier eher widerwillig eingeräumten „certain functional advantages“ übrigens sehr gut zu der grundsätzlichen Beobachtung in Hawkins (1986, 6ff.), dass das Deutsche detailliertere und explizitere Ausdrucksmittel für die zugrunde liegenden Strukturen habe als das Englische. Dass er die deutschen Klammern nicht als ein solches Ausdrucksmittel erkennt, liegt daran, dass er an dieser Stelle nur die semantische Interpretation von Oberflächeneinheiten im Blick hat und dabei nicht bedenkt, dass der Hörer bzw. Leser ja zunächst einmal die Einheit im Redefluss abgrenzen muss, die er semantisch interpretieren soll. Vgl. dazu mit explizitem Bezug auf die Klammerbildung v.a. Weinrich (1988; 2007) sowie Kolde (1985), Eichinger (1993) für den nominalen und Eroms (1999) für den verbalen Bereich.
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für die Hauptsatzklammer mit finitem Hilfs- oder Modalverb in Zweitstellung nicht zutrifft, zieht Eroms (1999) ein zweites funktionales Argument hinzu: Durch die Flexion des finiten Verbs (und entsprechend des Artikels bei der Nominalklammer) erfährt der Hörer bzw. Leser frühzeitig die für das Satzverständnis wesentlichen Informationen, die in den grammatischen Kategorien kodiert sind: real vs. irreal, jetzt vs. nicht jetzt usw. Auch nach dieser Interpretation ergeben sich die Klammern also sekundär als Epiphänomen aus anders motivierten Stellungsregularitäten. Nach der hier vertretenen Ansicht ist dagegen das klammernde Verfahren das primäre Merkmal des deutschen Sprachbaus: Als Dekodierhilfe für den Hörer bzw. Leser sollen die Grenzen der Konstituenten klar markiert werden. Daraus von Fall zu Fall resultierende weitere Performanzvorteile unterstützen die Motivation, sind ihr aber nicht vorgeschaltet. Dieses gilt auch für das seit Drach (1937) immer wieder angeführte Motiv des inhaltlichen Spannungsbogens zwischen linkem und rechtem Klammerrand.
4. Die Herausbildung der Nominalklammer in der deutschen Sprachgeschichte Wie in der Einleitung angedeutet, ist die Nominalklammer der deutschen Gegenwartssprache durch ein sehr langfristiges Zusammenwirken verschiedener Veränderungen und Bewahrungen in der Geschichte der deutschen Morphologie und Syntax zustande gekommen. Diese Veränderungen und Bewahrungen betreffen 1. die Wortstellung innerhalb der Nominalphrase, 2. die Flexion der Adjektive und Determinantien am linken Klammerrand sowie 3. die Flexion, das Genus und damit die Wortbildung der Substantive am rechten Klammerrand. In ihrer Gesamtheit unterscheidet sich durch sie die Entwicklung der deutschen Nominalphrase in charakteristischer Weise von ihren Entsprechungen in den anderen germanischen Sprachen. Eine vollständige und detaillierte Erforschung der diachronen Vorgänge im nominalen Bereich sowie ihres Zusammenwirkens untereinander und mit den entsprechenden Veränderungen im verbalen Bereich in Abhängigkeit von Zeit, Ort, Textsorte, ja sogar von einzelnen Autoren ist ein Desiderat. Hier soll lediglich ein systematischer Überblick über die Phänomene gegeben werden, die in diesem Zusammenhang relevant sind und daher zusammen in den Blick genommen werden sollten. Wir verfolgen dabei die Entwicklung „rückwärts“ von der Gegenwart aus in die Sprachgeschichte hinein.
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4.1. Die Wortstellung innerhalb der Nominalphrase Die jüngste der in Rede stehenden Entwicklungen ist die endgültige Durchsetzung der Regelung, nach der kongruenzfähige Attribute links, nicht kongruenzfähige Attribute und Relativsätze rechts vom Kernsubstantiv stehen. Die wichtigsten zu diesem Ziel notwendigen Veränderungen waren 1. die Verschiebung des Genitivattributs nach rechts, 2. die Verschiebung aller attributiven Adjektive und Partizipien nach links und 3. die Integration aller Erweiterungen der attributiven Adjektive und Partizipien in die Nominalklammer vor ihrem Bezugswort. 4.1.1. Das Genitivattribut Nach Behaghel (1932, 179) stand ein nicht-partitives Genitivattribut noch im Althochdeutschen normalerweise vor dem Kernsubstantiv. Hatte dieses einen Artikel oder ein anderes Determinans als Begleiter, konnte das Genitivattribut in eine Nominalklammer eingeschlossen werden, z.B. umbi dhea christes chumft (Isidor 25, 12, nach Behaghel 1932, 179), then liohtes kindon (Tatian 108, 4, nach ebd.). Enthielt das Genitivattribut selbst einen Artikel oder ein anderes Determinans, so konnten (selten) beide nebeneinander stehen. So noch bei von Lohenstein (Arminius und Thusnelda, 1689, 606): diese des Papagoyens Worte. Eine solche Häufung von Determinantien am Anfang der Nominalklammer wurde jedoch i.Allg. vermieden. Die übliche Lösung war, auf ein Determinans des Kernsubstantivs zu verzichten: dero sunnun verte, (Notker 14, 6, nach Behaghel 1932, 184), der mitternächtischen Landschafften Meister (von Lohenstein1689 / 1973, 601), der Weisheit letzter Schluss (Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, nach Dal 1966, 180f.).24 Im Sinne des klammernden Verfahrens war diese Lösung doppelt ungünstig: Erstens fehlte der übergeordneten Nominalphrase eine Klammer, und zweitens führte zudem das einleitende Determinans in die Irre: Je mehr sich die Klammerkonstruktion bei Nominalphrasen ohne vorangestelltes Genitivattribut durchsetzte, umso mehr waren vermutlich die Hörer und Leser geneigt, jedes Determinans zunächst einmal als Eröffnung einer Klammer zu betrachten, die durch das Kernsubstantiv der ganzen NP geschlossen wurde. Im oben genannten Beleg von Lohenstein hätte eine solche Strategie z.B. zu der Annahme geführt, dass die Klammer nach Landschafften beendet war und die Funktion eines Objekts oder einer An_____________ 24
Eine seltenere, nur mit dem unbestimmten Artikel des Kernsubstantivs mögliche Lösung war eine Art Ausklammerung des Genitivattributs nach links vom Typ: unsers orden ein bruoder, armes volkeleches ein michel teil (Berthold, nach Behaghel 1932, 180).
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gabe im Genitiv hatte. Im vorliegenden Satz ist eine solche Analyse sogar vom Kontext her möglich. Er lautet: Der Himmel selbst schien allenthalben sein Beystand zu sein, also daß er in weniger Zeit der mitternächtischen [sic] Landschafften Meister ward. Der mitternächtischen Landschafften ist hier entweder als Genitivobjekt zum Phraseologismus [einer Sache] Meister werden zu interpretieren (wie nhd. [einer Sache] Herr werden), oder als Genitivattribut zu Meister, also [Meister der nördlichen Landstriche] werden andererseits. Eine für das klammernde Verfahren günstigere und zudem durch den partitiven Genitiv vorgeprägte Lösung war dagegen die Nachstellung des Genitiv-Attributs wie in ein har thes fahses (Tatian 30,4, nach Behaghel 1932, 177f.). Diese Stellung setzte sich daher aus eher bescheidenen Anfängen im Laufe der Sprachgeschichte immer mehr durch, auch wenn dies einem einheitlichen OV-typischen Aufbau der Nominalphrase zuwiderlief. Das klammernde Verfahren erwies sich hier als der typologisch wichtigere Parameter. Die vorwiegende und schließlich obligatorische Nachstellung betraf zunächst nicht-onymische Sach- und Abstraktbezeichnungen, dann nicht-onymische Personenbezeichnungen und zuletzt die Eigennamen von Personen (vgl. Behaghel 1932, 181ff.). Noch heute kann ein Personenname oder eine wie ein Personenname gebrauchte Verwandtschaftsbezeichnung voranstehen: Peters Jacke, Onkel Ottos Bild (vgl. Duden 2005, 834), so auch Vaters / Opas Jacke und andere Eigennamen: Deutschlands Urlaubsregionen, Karlsruhes Trainer.25 Alternative Lösungen, die eine Voranstellung des Determinans und sogar zusätzlich ein klammeröffnendes Artikelwort in Kongruenz mit dem Kernsubstantiv ermöglichen, sind das so genannte „unechte“ Determinativkompositum, z.B. die Mutterliebe, und das so genannte relationale Adjektiv, z.B. die mütterliche Liebe statt der / einer Mutter Liebe bzw. die Liebe der / einer Mutter. Es ist daher kein Wunder, dass auch diese Konstruktionen im Frühneuhochdeutschen das vorangestellte Genitivattribut ablösen (vgl. _____________ 25
Behagel (1932, 194) begründet die von ihm dargestellte chronologische Reihenfolge vor allem mit dem „Gesetz der wachsenden Glieder“: „[...] [N]ichtpersönliche Substantive werden viel häufiger mit Bestimmungen, insbesondere mit adjektivischen, belastet als Personenbezeichnungen. Und unter diesen erfahren wieder persönliche Gattungsbezeichnungen leichter eine Ergänzung als Personenbezeichnungen.“ Obwohl letzteres sicherlich zutrifft, scheint mir der entscheidende Faktor für die mögliche Voranstellung der Eigennamen weniger ihre Kürze zu sein als ihre Artikellosigkeit. Ein artikelloser Eigenname im Genitiv kann mangels Determinans die oben beschriebene „Garden-Path-Analyse“ nicht in Gang setzen. Im Gegenteil: Für einen solchen Namen ist die Funktion als Genitivattribut so typisch, dass der Hörer automatisch in der Umgebung nach einem Bezugssubstantiv sucht. Dafür spricht auch, dass die Voranstellung eines Eigennamens sehr stark markiert ist, sobald dieser den bestimmten Artikel bei sich führt: *der Schweiz / des Tessins Urlaubsregionen ist extrem archaisch, wenn nicht bereits ungrammatisch. Normal ist die Urlaubsregionen der Schweiz / des Tessins, parallel zu den inzwischen nahezu obligatorisch nachgestellten nicht-onymischen mehrteiligen Genitivattributen.
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Pavlov 1983, Sattler 1992) und in der Gegenwartssprache vor allem in Textarten gern verwendet werden, in denen komplexe Sachverhalte komprimiert dargestellt werden sollen. So finden sich etwa in dem in 2.2. mehrmals zitierten Pressetext Ausdrücke wie der ARD-Preis (statt der Preis der ARD) oder die Höllen der Wagnerschen Chromatik (statt die Höllen der Chromatik Wagners oder die Höllen von Wagners Chromatik).26 Bekanntlich sind in der gesprochenen Umgangssprache heute weitgehend nachgestellte präpositionale Ersatzkonstruktionen an die Stelle des Genitivattributs getreten: die Jacke von Peter / Vater / Opa, die Urlaubsregionen von / in Deutschland / im Tessin, die Goldmedaillen von der erfolgreichen Schwimmerin, der Verbrauch von schwefelarmem Erdöl. Dagegen steht die nur in gesprochener Umgangssprache verbreitete Ersatzkonstruktion für den possessiven Genitiv (dem) Peter / Vater / Opa seine Jacke wegen des mit dem Kernsubstantiv kongruierenden Possessivpronomens links vom Kernsubstantiv. Dennoch ist sie für das klammernde Verfahren nicht optimal, weil auch sie keinen linken Klammerrand in Kongruenz mit dem Kernsubstantiv zulässt: *die (dem) Peter / Vater / Opa seine Jacke ist ungrammatisch. Ja, das (umgangssprachlich sogar bei Eigennamen) sehr häufige Determinans im Dativ am Anfang kann sogar die syntaktische Dekodierung fehlleiten, wenn es als linker Klammerrand der ganzen Phrase interpretiert wird und folglich ein Kernsubstantiv im Dativ erwarten lässt. In den normalerweise relativ kurzen mündlichen Äußerungen ist dieses Problem geringer als in langen, schriftsprachlichen Nominalklammern. Dies könnte das in Duden (2005, 835) als „eigenartig“ bewertete Faktum erklären, dass diese Konstruktion „bisher nicht in die geschriebene Standardsprache aufgenommen worden [ist]“.
4.1.2. Das Adjektivattribut Die Möglichkeit, ein Adjektivattribut (vorzugsweise, aber nicht ausschließlich unflektiert, s.u.) seinem Bezugssubstantiv nachzustellen, wurde im Laufe der deutschen Sprachgeschichte immer mehr beschränkt. Die Details hängen teils von der Gestaltung der Nominalphrase als ganzer, insbesondere von eventuellen weiteren Attributen ab, teils auch von der Textart. Ein einzelnes nachgestelltes Adjektiv war schon früh vor allem auf die dichterische Sprache beschränkt, besonders in der Funktion als Reimwort (vgl. Behaghel 1932, 199), aber auch im Versinneren: Vom Himmel hoch, da komm ich her (Luther). Dieser Sprachgebrauch ist z.B. bewusst „im Volks_____________ 26
Hierzu s.a. Eichinger (1982).
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liedton“ archaisierend aufgenommen in Goethes Röslein rot (vgl. Dal 1966, 179), so auch im Kinderlied: Hänschen klein. Davon zu trennen ist das in der Gegenwartssprache zunehmende Auftreten der Konstruktion in der Sprache der Werbung, v.a. in Produktnamen (Henkell trocken), Rezeptnamen (Whisky pur, Aal blau) und in Produktbeschreibungen, z.B. in Bestelllisten (70 Nagelfeilen rund nach DIN 8342).27 In den Rezeptnamen dürfte französischer und englischer Sprachgebrauch das Vorbild abgegeben haben (truite au bleu 'Forelle blau', whisky sour 'Whisky mit Zitronensaft'), während bei 70 Nagelfeilen rund die Nachstellung sich aus dem Aufbau einer Bestellliste ergibt, in deren Spalten sinnvollerweise das Spezifizierte vor dem Spezifizierenden angeordnet ist. Der modische Gebrauch in einem bestimmten Presse-Stil (Leben pur, Fußball brutal aus Hörzu nach Duden 2005, 350) dürfte seinerseits eher an die Rezeptnamen anknüpfen als an den Volksliedton. Insgesamt ist zu fragen, ob es sich tatsächlich um Attribute handelt oder nicht eher um prädikative oder appositive Strukturen: Zwischen Aal blau und blauer Aal besteht meines Erachtens nicht nur ein Unterschied in der Wortfolge (und damit der stilistischen Wirkung), sondern auch in der syntaktischen Funktion (und damit der Semantik) des Adjektivs, während das im Mittelhochdeutschen bei der winter hart und der harte winter wohl noch nicht der Fall war. Dieses Problem kann hier jedoch nicht vertieft werden. 4.1.3. Die Erweiterungen des Adjektiv- / Partizipialattributs Die Regel, dass mit den vorangestellten attributiven Adjektiven und Partizipien auch deren sämtliche Erweiterungen links vom Kernsubstantiv stehen müssen, hat sich nach Weber (1971, 199) ab dem 16. Jahrhundert nach und nach etabliert. Bis ins Neuhochdeutsche finden sich jedoch immer wieder Durchbrechungen, z.B. die aufgewälzten Berge zu des Ruhmes Sonnenhöhen (Schiller nach Dal 1966, 180),28 eine Textstelle, die nicht nur wegen ihrer ungewöhnlichen Metaphorik, sondern eben auch wegen der nachgestellten Erweiterung zum Partizip aufgewälzten heute nur noch schwer verständlich ist. Die seltenen Beispiele in der Gegenwartssprache sind, wenn nicht rundheraus ungrammatisch, dann häufig nur deshalb akzeptabel, weil sie auch Lesarten bieten, in denen eine nachgestellte Erweiterung sich direkt auf das Kernsubstantiv beziehen lässt, so z.B. in die lebenswichtigen Funktionen der Moral im sexuellen Verhalten für den einzelnen und _____________ 27 28
Vgl. Duden (2005, 350). Weitere Beispiele bei Dal (ebd.), bei Behaghel (1932, 245f.), Weber (1971, 199f.), Lötscher (1990).
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die Gesellschaft (Helmut Schelsky nach Eggers 1957-1958, 266). Für den einzelnen und die Gesellschaft lässt sich sowohl auf lebenswichtigen als auch als Funktionen beziehen. Es ist eine gewisse Ironie der Sprachgeschichte, dass durch die neue Stellungsregel dieselben Probleme am linken Klammerrand entstanden, die in der Geschichte des Genitivattributs gerade vermieden worden waren: Da die Erweiterungen nach der Regel der OV-Folge vor den sie regierenden Adjektiven bzw. Partizipien stehen müssen, können sich Determinantien häufen (das die Vertragserfüllung fordernde Gesetz, Weber 1971, 198), und wenn das nicht der Fall ist, können „Garden-Path-Analysen“ entstehen wie in dem bereits oben zitierten Beispiel eine Höhe mit Tiefe --- versöhnende Lösung, wo der Artikel des Kernsubstantivs irrtümlich auf die Erweiterung des Attributs bezogen wird. Solche Konstruktionen gehören zu den heute nicht mehr sehr zahlreichen „Lücken“ in dem ansonsten mittlerweile recht eng gestrickten „Sicherheitsnetz“ der deutschen Klammerkonstruktionen. Wenn – mit aller gebotenen Vorsicht – ein Blick in die Zukunft gestattet ist, so möchte ich vermuten, dass diese „Löcher“ durch den ohnehin seit althochdeutscher Zeit zunehmenden Artikelgebrauch mehr und mehr geschlossen werden, auch um den Preis von Artikelhäufungen: also z.B. eine die Höhe mit der Tiefe --- versöhnende Lösung. In Nominalphrasen, in denen diese Möglichkeit nicht besteht, z.B. bei indefiniten im Plural, beobachtet man auch jetzt schon häufig die Verwendung von relativ inhaltsleeren Adjektiven wie bestimmt oder gewiss, die offenbar im Wesentlichen dazu dienen, den linken Klammerrand zu füllen: Zum Beispiel wäre die Gefahr einer „Garden-Path-Analyse“ in Der Boden besteht aus Wasser und Stickstoff --- bindenden Bakterien (vgl. Agricola 1968, 11) in Der Boden besteht aus bestimmten, Wasser und Stickstoff bindenden Bakterien behoben. 4.2. Der linke Klammerrand Die zuletzt analysierten Beispiele haben bereits gezeigt, wie wichtig der linke Klammerrand für das Funktionieren der Nominalklammer ist. In der Tat führten mehrere Entwicklungen und Bewahrungen in der Geschichte der deutschen Flexionsmorphologie dazu, dass – im Gegensatz zu den anderen germanischen Sprachen – der linke Klammerrand immer wieder gestärkt oder zumindest nicht lautlich abgeschwächt wurde. Die wichtigsten Stationen auf diesem Weg werden im Folgenden zusammengefasst. Die älteste spezifisch deutsche Entwicklung in diesem Zusammenhang ist die Schöpfung der Form der (Nom. Sg. Mask. des bestimmten Artikels) aus älterem, lautgesetzlich entstandenem de und dem Personalpronomen er im frühesten Althochdeutschen. Mit Recht betrachtet Dal
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(1942) diese Schöpfung als einen Angelpunkt in der typologischen Auseinanderentwicklung der germanischen Sprachen. Sie hatte dabei eher den Erhalt der Kasusflexion im Blick, eine Funktion, an deren Erfüllung der bestimmte Artikel ja in der Tat maßgeblich beteiligt war und noch ist. Gleichzeitig damit wurde aber auch ein wichtiger Baustein für die Nominalklammer geschaffen, und aus heutiger Perspektive muss man sagen, dass das klammernde Verfahren sich in der folgenden deutschen Sprachgeschichte als bedeutend vitaler erwiesen hat als die Kasusflexion. Der nächste Schritt war konsequenterweise die Schöpfung der – ebenfalls nur im Deutschen vorkommenden – stark flektierten „Langformen“29 des Adjektivs nach dem Muster des bestimmten Artikels: ahd. guoter, guotiu, guotaz nach der, diu, daz. Nach diesem Paradigma konnten auch Nominalphrasen ohne bestimmten Artikel einen stark flektierten linken Klammerrand erhalten. Außer den Adjektiven waren das vor allem die Determinantien wie dieser und jener. Die daneben erhaltene lautgesetzlich endungslos gewordene Form guot im Nom. Sg. aller drei Genera und zusätzlich im Akk. Sg. Neutr. – bald auch als echte unflektierte Form auf die anderen Kasus / Numeri übertragen – erlaubte darüber hinaus eine morphologische Differenzierung zwischen attributivem und prädikativem Gebrauch. Die spätere, oben dargestellte Beschränkung auf die pränukleare Position konnte dann aus der starken Flexion der Adjektive, Artikel und sonstigen Determinantien ein (fast eindeutiges) Signal für die Eröffnung einer Nominalklammer machen. Es ist unbestritten, dass damit zunächst auch eine weitgehend eindeutige Markierung für Kasus, Numerus und Genus der ganzen Nominalphrase gegeben war (die so genannte Monoflexion), aber auch diese Funktion wurde durch die weitere Sprachentwicklung auf das oben (in 2.2.) dargestellte Zusammenwirken von Determinans oder stark flektiertem Adjektiv einerseits und dem Kernsubstantiv andererseits verlagert – eben auf die beiden Glieder der Nominalklammer. Ein drittes Mal wurde ein Element der starken Adjektivflexion im Mittel- und Frühneuhochdeutschen vor den Folgen des reduktiven Lautwandels bewahrt, dieses Mal nicht durch „Reparatur“ bereits entstandener „Schäden“ auf analogischem Wege, sondern durch Blockieren eines Laut_____________ 29
Wegen des Einflusses des bestimmten Artikels / einfachen Demonstrativpronomens werden diese Formen in der historischen Grammatik, z.B. bei Braune / Reiffenstein (2004, 218), häufig als pronominal bezeichnet. Das einfache Demonstrativpronomen hat jedoch im Laufe der germanischen Sprachgeschichte wiederholt als Muster für die Verstärkung einzelner Formen der starken Adjektivflexion gedient, ohne dass aber die entsprechenden lautgesetzlich kürzeren, so genannten nominalen Formen erhalten geblieben wären. Zur Unterscheidung von diesen gemeingermanischen pronominalen Formen bevorzugen wir die Bezeichnung der ausschließlich althochdeutschen als „Langformen“ in Opposition zu den nominalen „Kurzformen“.
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wandels, nämlich der Apokope von /-ə/. Wie Lindgren (1953) gezeigt hat, traf dieser Lautwandel ausgerechnet in der starken Adjektivflexion auf den stärksten funktional begründeten Widerstand. Das lässt sich sogar in einer so apokope-freundlichen Mundart wie dem Bairischen beobachten: Mhd. grôze vüeze 'große Füße' entspricht bair. /gro:sə fiɐs/: Das /-ə/ von mhd. grôze ist erhalten, dasjenige von vüeze nicht. Dabei diente die Konservierung der Endung /-ə/ nicht der Unterscheidung von den anderen Adjektivendungen nach Kasus, Genus und Numerus – diese wäre auch bei einer endungslosen Form gegeben gewesen – sondern der Distinktion von eben der endungslosen Form in prädikativer (und im Zuge der Apokope von /-ə/ beim Adverb zunehmend auch adverbieller) Verwendung. Eine endungslose Form in der starken Adjektivflexion hätte nicht mehr (nahezu) eindeutig den Beginn einer Nominalklammer signalisiert. Dies wäre dem klammernden Verfahren extrem abträglich gewesen. Schließlich kann der linke Klammerrand nicht nur durch Blockade von Lautwandel oder „Reparatur von Lautwandelschäden“ gestärkt werden, sondern auch durch den Lautwandel selbst. Das ist der Fall bei den oben (in 2.3.) besprochenen Verschmelzungsformen von Präposition und Artikel am linken Rand einer Präpositionalphrase. Insgesamt reichen in der Entwicklung der Nominalklammer die morphologischen Stärkungen des späteren linken Klammerrandes offenbar weiter in die Vergangenheit zurück als die syntaktischen Veränderungen der Wortfolge. Es sieht so aus, als hätte zunächst die Morphologie bestimmte „Bausteine“ zur Verfügung gestellt – die Artikelform der, die Langformen der starken Adjektivflexion –, die erst dann von der Syntax zur Errichtung eines „Klammergebäudes“ genutzt wurden. Dieser Eindruck verstärkt sich noch bei der Betrachtung des rechten Klammerrandes im nächsten Abschnitt. 4.3. Der rechte Klammerrand Wie in 2.2. dargestellt, wird der rechte Rand der Nominalklammer gebildet durch die Flexion des Substantivs nach Kasus / Numerus und durch sein Genus. Von diesen drei Kategorien sind Numerus und Genus in der deutschen Sprachgeschichte bedeutend besser konserviert worden als Kasus. Beim Numerus ist das vor allem der so genannten Numerusprofilierung zu verdanken, beim Genus einerseits den bereits erwähnten Veränderungen und Bewahrungen an den Begleitern und Attributen des Substantivs am linken Klammerrand, andererseits aber auch am rechten Klammerrand durch verschiedene Veränderungen und Bewahrungen in der Wortbildung
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der Substantive, die bis auf wenige Ausnahmen sicherstellen, dass jedes Substantiv genau eines der drei Genera hat. 4.3.1. Die Numerusprofilierung Unter der Bezeichnung Numerusprofilierung werden zahlreiche morphologische Veränderungen zusammengefasst, die im Laufe der deutschen Sprachgeschichte dazu geführt haben, dass im Neuhochdeutschen (bis auf bestimmte Ausnahmen vom Typ Lehrer mit zugrunde liegendem /ə/ in der Endsilbe) nahezu jedes Substantiv eine eindeutige Pluralform hat. Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwicklung im Frühneuhochdeutschen, als durch Bildung neuer Flexionsklassen (v.a. der so genannten gemischten Flexion) und durch massenhaften Flexionsklassenwechsel30 die zahlreichen numerusambigen Flexionstypen des Mittelhochdeutschen nahezu alle untergingen. Eine besondere Rolle spielten dabei die starken Feminina vom Typ mhd. diu / guotiu gebe 'die / gute Gabe' – die / guote gebe 'die / gute Gaben'. Als durch den Zusammenfall von mhd. diu / guotiu und die / guote in nhd. die / gute eine komplette Numerusambiguität der ganzen Nominalphrase drohte, wurde dies nicht, wie schon so häufig, durch „Reparatur“ der starken Adjektivflexion vermieden, sondern durch „Reparatur“ der Numerusflexion am Substantiv. Man kann dies als eine Stärkung des rechten Klammerrandes in einer Epoche interpretieren, in der dieser auch syntaktisch an Bedeutung zunahm, weil das Kernsubstantiv durch die oben geschilderten Wortstellungsveränderungen ein immer zuverlässigeres Signal für das Ende des kongruenzfähigen Teils der Nominalphase wurde. Es wäre jedoch verfehlt, die Numerusprofilierung auf diesen Zeitraum zu beschränken. Sie kam zwar im Frühneuhochdeutschen zu ihrer größten Entfaltung, und dies vermutlich, weil sie in den Dienst der Klammerbildung gestellt wurde, aber als Erscheinung ist sie viel älter. Ihre früheste Manifestation scheint der in voralthochdeutsche Zeit zurückreichende völlige Verlust des stammhaften -i(-) im Sg. der mask. i-Stämme über den lautgesetzlichen Bereich hinaus zu sein, (also auch im Nom. / Akk. Sg. der kurzsilbigen: ahd. slag vs. as. slegi, aengl. slege 'Schlag'),31 während im Plural in allen Endungen lautgesetzlich ein i-Laut erhalten blieb. Unter den übrigen altgermanischen Sprachen hatte nur das Gotische eine ähnlich klare _____________ 30
31
Prominentestes Beispiel sind die starken Neutra vom Typ mhd. wort (Sg. wie Pl.), die alle in andere Klassen übertraten, z.B. nhd. Wört – Wörter (wie Lamm – Lämmer) und Wort – Worte (wie Tag – Tage). Vgl. Krahe / Meid (1969, Bd. II, 26), Ronneberger-Sibold (i. Dr.). S. dort auch weitere Details zu den anderen obliquen Kasus und zum Vergleich mit den anderen altgermanischen Sprachen.
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Verteilung (bis auf die notorisch ungeklärte, speziell gotische Endung -e im Genitiv Plural). Im Ahd. musste diese Verteilung lautgesetzlich zur Beschränkung des Umlauts auf den Plural führen (ahd. gast – gesti, slag – slegi), der damit automatisch zum Pluralkennzeichen wurde. Ähnliches gilt für die Reflexe der idg. es- / os-Stämme als Quelle des ebenfalls nur althochdeutschen Pluralsuffixes -ir mit obligatorischem Umlaut eines umlautfähigen Wurzelvokals: ahd. kalb – kelbir 'Kalb – Kälber'.32 Im Altenglischen und Altnordischen gab es keine entsprechend klare Verteilung von Formen mit i-haltiger Endung und ohne eine solche auf den Plural und den Singular respektive. Daher lag eine Morphologisierung des Umlauts als Pluralkennzeichen nicht nahe.33 Im Altenglischen erfasste der Umlaut das ganze Paradigma, im Altnordischen trat wortweise verschiedener paradigmatischer Ausgleich entweder zugunsten der umgelauteten oder der nicht umgelauteten Formen ein (vgl. Noreen 1923, 271f.). Man gewinnt also auch bei der Numerusprofilierung auf der Basis der ehemaligen i- und es- / os-Stämme den Eindruck, dass bereits in vorahd. Zeit ein „Baustein“ für die spätere Errichtung der Nominalklammer bereitgestellt wurde. Unter den nord- und westgermanischen Sprachen steht das spätere Althochdeutsche damit alleine da – ähnlich wie bei den Langformen der starken Adjektivflexion und beim Nom. Sg. Mask. des bestimmten Artikels. Anders als bei diesen hat es bei der frühen Numerusprofilierung jedoch eine überraschende Parallele im Gotischen. Diese zeigt sich auch bei der Geschichte des zweiten Bausteins am rechten Rand der Nominalklammer, nämlich der Vermeidung von Substantiven, die ohne formale Veränderung mehrere Genera haben können. 4.3.2. Die Vermeidung von Genusambiguität beim Substantiv Damit das Kernsubstantiv am rechten Rand einer Nominalklammer seine Funktion erfüllen kann, die Klammer zu schließen und gleichzeitig den Numerus, das Genus und damit in den meisten Fällen auch den Kasus der ganzen Nominalphrase endgültig festzulegen, ist es notwendig, dass dieses Substantiv nicht nur im Numerus, sondern auch im Genus eindeutig ist. Das heißt, dass jedes Substantiv nur genau ein Genus haben darf. Das ganze klammernde Verfahren beruht ja darauf, dass beim Hörer oder _____________ 32
33
Vgl. Werner (1969). Bekanntlich hat sich auch diese sehr saliente Form der Pluralmarkierung im Deutschen stark ausgebreitet, so dass sie im Neuhochdeutschen auch bei Maskulina Verwendung findet, z.B. Mann – Männer. Hinzu kamen im Gegensatz zum Althochdeutschen weitere morphophonemische Alternanzen durch u-Umlaut, Palatalisierung usw., die die Klarheit der Paradigmen zusätzlich beeinträchtigten. Zum Englischen im Vergleich zum Deutschen vgl. Kastovsky (1994).
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Leser am linken Klammerrand die Erwartung auf ein bestimmtes Morphem bzw. Merkmal oder zumindest eine bestimmte, nicht zu umfangreiche Auswahl an Morphemen bzw. Merkmalen geweckt und am rechten Klammerrand erfüllt wird. Würde diese Auswahl zu groß, wäre die Erwartung zu unbestimmt, und das ganze Verfahren würde nicht mehr funktionieren. Man kann sich leicht davon überzeugen, indem man versuchsweise in einer einigermaßen komplexen Nominalklammer annimmt, dass einzelne Substantive z.B. maskulines oder feminines Genus haben könnten. Wäre das etwa in der oben (in 2.2.) bereits (ohne das entscheidende Komma) behandelten Nominalphrase Dieser kommunikative Distanz meidende Akt beim Substantiv Distanz der Fall, so könnte Dieser statt erst auf Akt auch schon auf Distanz bezogen werden. Dies würde fast unweigerlich zur anfänglichen „Garden-Path-Analyse“ von Dieser kommunikative Distanz als Nominalphrase im Nominativ und folglich als Subjekt des Satzes führen. Deutsche Sprachbenutzer haben durchaus eine Intuition für die Wichtigkeit eines eindeutigen Genus ihrer Substantive. Das zeigt sich z.B. an der Erbitterung, mit der sie darüber streiten können, ob die oder das Nutella „richtig“ sei (vgl. Sick 2004, 19), während sie viele andere sprachliche Zweifelsfälle ungerührt überhören oder dem persönlichen Sprachgebrauch überlassen. Die Sprachgemeinschaft duldet offenbar nur äußerst ungern, dass dasselbe Substantiv verschiedene Genera haben kann.34 Dies gilt sogar dann, wenn der Genusunterschied mit einem Bedeutungsunterschied einhergeht, es sich in semantischer Hinsicht also gar nicht um dasselbe Substantiv handelt. Zwar gibt es einige echte Homonyme wie der Kiefer vs. die Kiefer, die Mark vs. das Mark, aber eine systematisch produktive Quelle solcher Wörter wird nicht geduldet. Eine solche Quelle wäre etwa die Ausnutzung des Genus zur Bezeichnung von männlichen und weiblichen Personen mit derselben Funktion, wie von Pusch (1984, 63) vorgeschlagen: der Student für einen männlichen, die Student für einen weiblichen Studenten. Schon die Tatsache, dass die Autorin diesen Vorschlag wohl selbst nicht ganz ernst genommen hat und er sogar in feministischen Kreisen und von Luise Pusch selbst als „der verrückte Pusch-Vorschlag“ apostrophiert wurde (Pusch 1990), zeigt die grundsätzliche Unvereinbarkeit dieser Struktur mit der deutschen Grammatik. In einem anderen Sprachsystem wie etwa dem französischen bereitet sie dagegen keine Schwierigkeiten. Dort ist sie längst etabliert (un adversaire 'ein Gegner' – une adversaire 'eine Gegnerin') und wird sogar offi_____________ 34
Selbst landschaftlich verschiedener Gebrauch, bei dem die verschiedenen Genera gewissermaßen auf verschiedene Sprachgemeinschaften verteilt sind, wie etwa die Butter vs. der Butter, erzeugt jenseits der jeweiligen Dialektgrenzen starke Abwehrreaktionen.
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ziell als eine von verschiedenen Möglichkeiten zur Vermeidung sexistischen Sprachgebrauchs empfohlen, z.B. un juge 'ein Richter' – une juge 'eine Richterin' (vgl. Becquer u.a. 1999, 22). Solche so genannten Utra würden einige der sattsam bekannten stilistischen Probleme des geschlechtergerechten Sprachgebrauchs lösen und außerdem Frauen in der Sprache sichtbarer machen als die entsprechenden genusambigen Formulierungen in anderen germanischen Sprachen wie engl. a teacher 'ein Lehrer oder eine Lehrerin' oder schwedisch en lärare 'dito': Weil diese Sprachen ihre Genusunterscheidung an den Begleitern des Substantivs eingebüßt haben, erfährt man hier erst bei einer eventuellen pronominalen Wiederaufnahme z.B. durch engl. he oder she, schwed. hon oder hun, ob ein Mann oder eine Frau gemeint ist.35 Im Deutschen würde das bereits durch die Artikel deutlich. Trotz aller dieser Vorteile sind solche Utra als systematische paarweise Bezeichnung von männlichen und weiblichen Personen für das deutsche Sprachsystem nicht tragbar, eben weil sie eine systematische und hoch produktive Quelle von genusambigen Substantiven darstellen und damit das Funktionieren der Nominalklammer empfindlich beeinträchtigen würden.36 Aus grammatischer Sicht dürfte das der tiefste Grund sein, warum der deutsche geschlechtergerechte Sprachgebrauch auf der systematischen Kennzeichnung von femininen Personenbezeichnungen durch das Motionssuffix -in besteht.37 Damit soll keineswegs die Funktion dieses Suffixes zur sprachlichen Sichtbarmachung von Frauen geleugnet werden. Tatsächlich wird durch die mehrfache Nennung des femininen Genus am Substantiv und an seinen Begleitern das weibliche Geschlecht der bezeichneten Person besonders deutlich zum Ausdruck gebracht, und im Plural (die Lehrer – die Lehrerinnen) ist das Motionssuffix (mit dem dadurch bedingten Pluralallomorph -en) der einzige Hinweis auf das weibliche Geschlecht der bezeichneten Personen. Aber hinter diesem offensichtlichen und der sprachlichen Intuition leicht zugänglichen Motiv steht das den naiven Sprachbenutzern we_____________ 35 36
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Genaueres in Nübling (2000). Lediglich bei substantivierten, nach stark flektiertem Determinans schwach flektierten Partizipien (der / die Studierende), die ihre Genushomonymie aus ihrer Flexionsart mitbringen, wird diese Lösung geduldet. Daher werden sie gerne zur Umgehung der Probleme mit suffigierten Formen eingesetzt. Man beachte aber, dass der Status als Partizip keinesfalls aufgegeben wird: Nach den unflektierten Formen des unbestimmten Artikels werden sie stark und damit genussensitiv flektiert: ein Studierend-er – ein-e Studierend-e. Tritt ausnahmsweise Lexikalisierung der schwach flektierten Form ein, wie bei der / ein Junge, wird ein eindeutiges Genus zugewiesen. Weiteres in Ronneberger-Sibold (2007). Dies gilt sogar für Entlehnungen aus dem Englischen wie Hairstylist, obwohl sie die Genusneutralität aus ihrer Ursprungssprache gewissermaßen mitbringen könnten. Vgl. Ronneberger-Sibold (2007), auch zu Wörtern wie Guru, die aus phonotaktischen Gründen keine Suffigierung durch -in zulassen.
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niger zugängliche, aber umso langfristiger wirkende grammatische Motiv des klammernden Verfahrens. Sonst wäre ja nicht wirklich zu erklären, warum englisch- oder schwedischsprachige Frauen soviel weniger Wert auf sprachliche Sichtbarmachung legen sollten als deutsche. Vor allem aber wäre sonst nicht zu erklären, warum dieser Unterschied zwischen den drei Sprachen sich bereits durch ihre gesamte Sprachgeschichte hindurchzieht, also auch in Zeiten bereits greifbar war, in denen von geschlechtergerechtem Sprachgebrauch noch nicht die Rede sein konnte. Dies wird im Folgenden in Umrissen gezeigt. Zunächst fällt auf, dass von dem germanischen Motionssuffix *-inju / -unjo zwar auf den ältesten Stufen aller drei Sprachen Reflexe erhalten sind (z.B. in ahd. gutin, aengl. gyden 'Göttin' und an. asynja 'Asin'), von diesen aber nur der deutsche in ungebrochener Tradition bis heute produktiv geblieben ist. Bedingung dafür war eine formale Stärkung im Althochdeutschen durch Benutzung der ursprünglichen Akkusativform -inna auch im Nominativ, so dass der Vollvokal /-i-/ unter dem Nebenton die Vokalreduktion in unbetonter Silbe überdauerte. Aengl. -en und an. -ynja starben dagegen bald aus. Sie wurden zeitweise durch verschiedene andere, teilweise entlehnte Motionssuffixe ersetzt, von denen sich aber keines auf Dauer halten konnte. Heute existieren zwar engl. -esse und schwed. -inna (das germanische Suffix zum zweiten Mal entlehnt aus dem Mittelniederdeutschen), aber beide werden nicht mehr produktiv gebraucht, weil sie negative Konnotationen entwickelt haben (vgl. Wessén 1970; Kastovsky / Dalton-Puffer 2002). Obwohl das ein häufiges Schicksal von Motionssuffixen ist, trat eine entsprechende semantische Veränderung im Deutschen nie ein. Die Geschichte der Movierung durch Wortbildung ist also seit dem Althochdeutschen im Deutschen in bezeichnender Weise anders verlaufen als in den beiden anderen Sprachen. Der grundsätzliche Unterschied in Bezug auf genusambige Personenbezeichnungen ist jedoch sogar noch älter. Das wichtigste Mittel des Germanischen zur Genusdifferenzierung bei Personenbezeichnung waren nämlich noch nicht die Motionssuffixe, sondern verschiedene Flexionsklassen, insbesondere bei den bevorzugt zur Bildung von Personenbezeichnungen verwendeten n-Stämmen. Als indogermanisches Erbe war die n-Stamm-Flexion ursprünglich für alle drei Genera gleich gewesen. Bereits in indogermanischer Zeit traten jedoch Differenzierungen in Abhängigkeit vom Genus auf. Diese wurden im Voralthochdeutschen (und bemerkenswerterweise wiederum im Vorgotischen) bedeutend konsequenter aufgenommen und ausgebaut als im Voraltenglischen und im Urnordischen. Das Althochdeutsche und das Gotische besitzen eine in sich sehr regelmäßige feminine n-Flexion (ahd. zung-a, zung-ūn usw., got. tugg-ō, tugg-ōns
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usw.), die auf eine systematische Durchführung von urgerm. /o:/ im stammbildenden Suffix im ganzen Paradigma zurückgeht (vgl. Krahe / Meid 1969, Bd. II, 48). Dieser Typ unterscheidet sich im Gotischen in allen Formen von den entsprechenden Maskulina, die die ursprüngliche n-Stamm-Flexion beibehalten haben, im Althochdeutschen in allen Formen bis auf den Genitiv und Dativ Plural. Althochdeutsche Beispiele sind etwa: forasaga 'Prophetin' vs. forasago 'Prophet', (gast)geba '(Gast)geberin' vs. gebo 'Geber', später auch zu mask. ja-Stämmen auf -āri gestellt: zuhtāra 'Erzieherin' vs. zuhtāri 'Erzieher'. Zudem gehen viele feminine Personenbezeichnungen ohne direktes maskulines Pendant nach der n-Flexion: wituwa 'Witwe', diorna 'Mädchen', huor(r)a, zaturra, zatara 'Hure' usw. (vgl. Braune / Reiffenstein 2004, 210f.). Gotische Beispiele sind: mawilo 'Mädchen' vs. magula 'Knabe', garazno 'Nachbarin' vs. garazna 'Nachbar', arbjo 'Erbin' vs. arbja 'Erbe' usw. (vgl. Krause 1968, 164). Der Formtyp an sich ist sehr alt (vgl. lat. natiō, natiōnis und griech. α̉γών, α̉γω̃νος mask.(!); vgl. Krahe / Meid 1969, Bd. II, 48). Dass er aber im Germanischen so systematisch zur Bildung von femininen Personenbezeichnungen ausgebaut wurde, liegt nach Krahe / Meid (ebd.) sicherlich daran, dass hier das charakteristische /o:/ dieser Klasse ursprünglich mit dem stammbildenden /o:/ < idg. /a:/ der starken Feminina vom Typ ahd. geba, got. giba 'Gabe' zusammengefallen war, was zu zahlreichen Übertritten von der starken in die schwache Klasse führte. Dieser Vorgang fand im Urgermanischen statt, noch vor der Veränderung dieses /o:/ in Abhängigkeit von der lautlichen Umgebung durch die Auslautgesetze (vgl. Krahe / Meid 1969, Bd. I, 133f.; Bd. II, 48f.). Er musste also in den Vorstufen des Altenglischen und Altnordischen dieselben strukturellen Voraussetzungen geschaffen haben. Trotzdem wurden sie dort nicht in derselben Weise zur Etablierung einer eigenen femininen n-Flexion genützt wie in den Vorstufen des Gotischen und Althochdeutschen. Im Altenglischen unterscheiden sich die maskulinen und femininen n-Stämme nur im Nominativ Singular (wicca 'Zauberer' vs. wicce 'Zauberin, Hexe'). Ansonsten ist die alte Genusindifferenz beibehalten. Im Altnordischen flektieren die beiden Genera zwar verschieden (granni, 'Nachbar' vs. granna 'Nachbarin'), aber diese Unterschiede gehen nicht auf eine konsistente Neuschöpfung einer femininen n-Flexion zurück, sondern auf eine Vielzahl kleinerer Analogiebildungen auch im Bereich der Maskulina. Zudem war keine klare Zuordnung zwischen dem Flexionstyp granni, maskulinem grammatischem und männlichem natürlichem Geschlecht einerseits sowie zwischen dem Flexionstyp granna, femininem grammatischem und weiblichem natürlichem Geschlecht andererseits gegeben (Details in Noreen 1923, 277ff.; s.a. Ronneberger-Sibold 2007 und i. Dr.).
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Wie schon bei der frühen Numerusprofilierung bei den i-Stämmen gehen also auch bei der Vermeidung von Genusambiguität bei den n-Stämmen die Vorstufen des Althochdeutschen und Gotischen einen anderen Weg als die des Altenglischen und Altnordischen.38 In unserem Zusammenhang ist vor allem interessant, dass in beiden Fällen, sowohl bei den i-Stämmen als auch bei den n-Stämmen, bereits in sehr früher Zeit „Bausteine“ geschaffen wurden, die ab dem Althochdeutschen bei der Etablierung des rechten Randes der Nominalklammer Verwendung fanden. Leider ist es eine müßige Frage, ob Ähnliches auch im Gotischen geschehen wäre, wenn diese Sprache nicht untergegangen wäre.
5. Zusammenfassung: Zielgerichteter Sprachwandel? Überblickt man die dargestellten historischen Entwicklungen insgesamt, so entsteht ein fast gespenstischer Eindruck: Es sieht so aus, als hätte ein geheimnisvoller „Spracharchitekt“ vor gut zwei Jahrtausenden beschlossen, die deutsche Nominalklammer zu bauen, und zu diesem Zweck systematisch zunächst einmal die Bausteine für den rechten Rand hergestellt. Dazu dienten 1. die Schöpfung einer femininen Flexion der n-Stämme (noch vor der Wirkung der Auslautgesetze auf /o:/), 2. die Beschränkung der i-haltigen Endungen auf den Plural bei den i-Stämmen als Auftakt der Numerusprofilierung. Danach hätte er sich dem linken Klammerrand zugewandt und 3. die Form der (Nom. Sg. Mask.) für den im Entstehen begriffenen bestimmten Artikel geschaffen, sowie mit dessen Hilfe 4. die „Langformen“ vom Typ guoter, guotiu, guotaz der starken Adjektivflexion. Damit diese ihre Funktion, den linken Klammerrand zu markieren, auch klar erfüllen konnten, hätte er ab der althochdeutschen Periode auch syntaktische Maßnahmen ergriffen. Diese waren _____________ 38
Dieser Befund könnte ein neues Licht auf die alte Frage nach den Verwandtschaftsverhältnissen und frühen Kontakten zwischen den germanischen Sprachgruppen werfen. Dies ist jedoch ein facettenreiches Thema, das eingehenderer Untersuchung bedarf, als es mir möglich ist, zumal in diesem Aufsatz. Ich möchte ihn daher ausdrücklich nicht als ein Plädoyer für eine engere Verwandtschaft des Ostgermanischen mit dem Westgermanischen als mit dem Nordgermanischen verstanden wissen.
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5. die Schaffung einer unflektierten Form des Adjektivs für den prädikativen Gebrauch. Zu diesem Zweck hätte er zunächst im Nom. Sg. Mask. und Fem. sowie im Nom. / Akk. Sg. Neutr. die dort lautgesetzlich entstandenen endungslosen starken Formen vom Typ guot verwendet. Um aber auch im Plural und in den obliquen Formen des Sg. die attributive Verwendung formal deutlich von der prädikativen unterscheiden zu können, hätte er den Gebrauch der endungslosen Formen auch auf diese Fälle ausgedehnt; 6. die Bewahrung der schwachen Adjektivflexion und ihre Einschränkung auf den Gebrauch nach Determinantien, obwohl sie als Zeichen für die Definitheit einer Nominalphrase durch den bestimmten Artikel eigentlich überflüssig geworden war. Sie war aber trotzdem nützlich für die Nominalklammer, weil durch sie auch die attributiven Adjektive in definiten Nominalphrasen formal sowohl von den prädikativen als auch von den stark flektierten Determinantien am linken Klammerrand unterschieden waren. Dem Zweck, dass die so geschaffene Nominalklammer auch wirklich so viel wie möglich gebraucht wurde, diente 7. der schrittweise Verzicht auf die Möglichkeit, ein attributives Adjektiv nachzustellen. Während dieser syntaktischen Veränderungen im Althochdeutschen stand der Lautwandel nicht still. Durch die Phonologisierung der Umlautallophone entstand der Pluralumlaut bei den ehemaligen i- und es- / os-Stämmen. Im Sinne des klammernden Verfahrens war dies eine sehr willkommene Stärkung des rechten Klammerrandes, die selbstverständlich nicht durch Übertragung des Umlauts in den Singular gefährdet werden durfte. Daraus folgt im Althochdeutschen (im Gegensatz zum Altnordischen mit seinem komplizierteren Paradigma) 8. der Verzicht auf paradigmatischen Ausgleich des Umlauts bei den ehemaligen i- und es- / os-Stämmen (gast – geste, kalb – kelber). Der Umlaut erwies sich sogar so nützlich als Pluralkennzeichen, dass unser „Spracharchitekt“ ihn noch in der alt- und mittelhochdeutschen Periode auf verschiedene Weisen, die hier nicht erörtert werden können, weiter im Wortschatz verbreitete. Die Reduktion der unbetonten Vokale hatte jedoch nicht nur positive Auswirkungen für den rechten Klammerrand: Sie drohte, die Opposition zwischen maskuliner und femininer n-Flexion zu zerstören (lautgesetzlich ahd. gebo 'Geber' und geba 'Geberin' > mhd. gebe 'Geber' und 'Geberin')
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und damit massenweise Utra zu schaffen. Dem wirkte unser „Spracharchitekt“ entgegen durch 9. die Stärkung des femininen Motionssuffixes -in mittels Ersatz durch die Akkusativform -inna. Trotz der Numerusprofilierung bei den ehemaligen i- und es- / osStämmen blieben im Mhd. noch viele numerusambige Flexionstypen bestehen (z.B. wort, hirte, gebe). Dieser Zustand war nicht mehr tragbar, als auch noch in der starken Adjektivflexion diu, guotiu (Nom. Sg. Fem. und Nom. / Akk. Pl. Neutr.) mit die, gute (Akk. Sg. Fem. und Nom. / Akk. Pl. Mask. / Fem. sowie dere, guotere (Gen. / Dat. Sg. Fem. und Gen. Pl. aller Genera) mit der, guoter (Nom. Sg. Mask.) zusammenfielen. Die Lösung des Problems war 10. die frühneuhochdeutsche Numerusprofilierung. Damit war, was die Flexion angeht, der moderne Stand erreicht, bei dem die beiden Ränder der Nominalklammer noch mehr aufeinander angewiesen sind als vorher. Nur zusammen drücken sie durch ihre Flexion und das Genus des Kernsubstantivs den Kasus und (in den verbliebenen numerusambigen Fällen) den Numerus der ganzen Nominalphrase aus. Der linke Klammerrand wurde daher gegen weiteren reduktiven Lautwandel geschützt durch 11. die Blockierung der frühnhd. Synkope von /ə/ in der starken Adjektivflexion. Bis zum neuhochdeutschen Stand hatte unser „Spracharchitekt“ nur noch einige syntaktische Bereinigungen durchzuführen: 12. die obligatorische Integration der Erweiterungen von attributiven Adjektiven und Partizipien in die Klammer, 13. die Verschiebung des Genitivattributs hinter sein Bezugssubstantiv, da es nicht mit diesem kongruiert. Selbstverständlich ist der „Spracharchitekt“ eine Erfindung. Die „Architekten“ ihres Sprachsystems sind ja die Sprachbenutzer selbst. Aber anders als wirkliche Architekten planen sie nichts voraus, sie sind sich der Regeln ihres Systems ja nicht einmal bewusst. Alles, was sie tun, ist sprachlich zu handeln, um ihr jeweiliges begrenztes kommunikatives Ziel zu erreichen. Wie aber kann es sein, dass sich aus der riesigen Zahl dieser individuellen, völlig unkoordinierten Sprechakte eine derartig geradlinige, scheinbar zielgerichtete Entwicklung ergibt? Dies ist eine der Grundfragen aller Sprachwandeltheorien, die hier nicht grundsätzlich erörtert werden kann. Wir beschränken uns daher auf einige Bemerkungen im Hinblick
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auf das klammernde Verfahren, obwohl das prinzipielle Problem nicht nur dieses, sondern jede typologische Sprachentwicklung betrifft: 1. Für jede der oben angeführten dreizehn Veränderungen und Bewahrungen gibt es außer ihrer Funktion für das klammernde Verfahren auch andere Motive. Die Sprachbenutzer müssen sie also nicht notwendigerweise direkt für das klammernde Verfahren durchgeführt haben. 2. Ab einem bestimmten Zeitpunkt entdeckten die Sprachbenutzer aber, dass bestimmte Varianten des Sprachgebrauchs, die sie aus ganz anderen Gründen geschaffen hatten, für das klammernde Verfahren verwendbar waren. In diesem Fall hatte eine solche Variante einen Selektionsvorteil vor anderen Varianten. 3. Je mehr solcher Varianten endgültig ins Sprachsystem aufgenommen wurden, umso wahrscheinlicher wurde die Entdeckung weiterer für das klammernde Verfahren verwendbarer Varianten. 4. Schließlich wurden bestimmte Veränderungen möglicherweise direkt oder zumindest vorwiegend durch das klammernde Verfahren motiviert. Es handelt sich also um einen selbstverstärkenden Prozess (das Bild einer Lawine drängt sich auf): Kleine, zufällig entstandene Strukturen werden irgendwann wegen einer ebenfalls zufällig entstandenen funktionellen Gemeinsamkeit miteinander vernetzt, ziehen weitere, ähnliche Strukturen an sich, bilden möglicherweise Makrostrukturen aus, bis sie schließlich ein ganzes System beherrschen. Im Fall der deutschen Nominalklammer steht zu vermuten, dass mindestens die ersten „Bausteine“ für den rechten Klammerrand, also die Veränderungen unter 1. und 2., solche zufälligen Anfänge waren. Sie können sehr gut durch das Bedürfnis nach überschaubar strukturierten Flexionsparadigmen motiviert gewesen sein, wie es immer wieder im Sprachwandel wirkt, auch ohne klammerndes Verfahren im Hintergrund. Auch die Form der kann noch zufällig entstanden sein. Das Personalpronomen der 3. Person und das entsprechende einfache Demonstrativum werden ja bis heute konkurrierend gebraucht: Da geht Peter. Er / der sieht heute krank aus. Eine formale Kontamination ist also nicht unwahrscheinlich. Dass aber der sich gegen de mit seinen verschiedenen Varianten (dhe, the, thie; vgl. Braune / Reiffenstein 2004, 247) durchsetzte, könnte bereits mit seiner Entdeckung als möglicher linker Rand für eine Nominalklammer zusammenhängen. Der entscheidende Schritt könnte hier die Vernetzung der nominalen klammernden Strukturen mit den sicher zunächst unabhängig
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aus ganz anderen Quellen und Motiven entstandenen entsprechenden verbalen Strukturen im Althochdeutschen gewesen sein. Ab diesem Moment, so unsere Vermutung, haben alle weiteren Schritte mindestens von einem Selektionsvorteil durch das klammernde Verfahren profitiert. Übrigens schließt dies weder logisch noch faktisch aus, dass in einem anderen System ähnliche Schritte mit ihren eigenen Motiven unabhängig von der Existenz eines klammernden Verfahrens durchgeführt werden. So hat z.B. im Mittelenglischen auch ohne klammerndes Verfahren eine Art Numerusprofilierung bei den Substantiven durch Verallgemeinerung der Endung -es stattgefunden (vgl. Brunner 1962, 16ff.). Dieser Aufsatz hat mehr Fragen über die Geschichte der deutschen Nominalklammer gestellt als beantwortet. Vieles wäre genauer zu erforschen. Es konnte aber hoffentlich gezeigt werden, dass sich die Suche nach Antworten lohnt – zum besseren Verständnis der deutschen Sprachgeschichte und zum besseren Verständnis von langfristigem, typologisch orientiertem Sprachwandel.
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Zur Herausbildung der Satzklammer im Deutschen Ein Plädoyer für eine informationsstrukturelle Analyse
Roland Hinterhölzl (Berlin)
1. Einleitung Dieser Artikel behandelt die Herausbildung der Satzklammer aus einer informationsstrukturellen Perspektive. Zunächst wird anhand von Differenzbelegen aufgezeigt, dass die Tatian-Übersetzung eine Vielzahl von originären Strukturen in Nebensätzen aufweist, in denen Objekte und Prädikate, die im modernen Deutschen nicht extraponierbar sind, postverbal erscheinen. In Abschnitt 2 wird gezeigt, dass die Verteilung präverbaler und postverbaler Konstituenten nicht gut mit dem Gesetz der wachsenden Glieder erklärt, sondern auf eine informationsstrukturelle Regularität zurückgeführt werden kann, in der nachgestellte Konstituenten Informationsfokus darstellen und vom Hintergrundbereich des Satzes durch das (finite) Verb getrennt werden. In Abschnitt 3 wird erläutert, dass die Grammatikalisierung des definiten Artikels eine entscheidende Rolle in der Herausbildung der Satzklammer des modernen Deutschen gespielt hat, indem präverbale diskursanaphorische determinierte Nominalphrasen zur Abschwächung einer prosodischen Bedingung führen, die das Mittelfeld für schwere und betonte Konstituenten öffnet. In Abschnitt 4 werden die wichtigsten Schlussfolgerungen dieser Analyse zusammengefasst. 1.1. Gemischte Wortstellungen in der Tatian-Übersetzung Die älteren germanischen Sprachen zeichnen sich durch eine Vielzahl von Wortstellungsoptionen aus. So finden sich im Altenglischen (vgl. Pintzuk 1999) und im Altnordischen (vgl. Hróarsdóttir 2009) in eingebetteten Sätzen sowohl OV- als auch VO-Abfolgen. Dieselbe Variation ist auch in
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Texten des Althochdeutschen zu finden. Allerdings ist die Überlieferungssituation im Ahd. eine solche, dass es sich bei den größeren, für syntaktische Untersuchungen geeigneten Texten entweder um Übersetzungen oder um metrische Texte handelt, sodass im Zweifel steht, welche Abfolgen einer autochthonen althochdeutschen Grammatik zugeschrieben werden können. Insbesondere wurden VO-Abfolgen in der Tatianübersetzung oft lateinischem Einfluss zugeschrieben (vgl. Lippert 1974). Neuerdings hat aber die Tatian-Übersetzung, die den umfangreichsten Prosatext vor 850 darstellt, in der Bewertung seiner Lateinabhängigkeit eine Neuinterpretation erfahren (vgl. Dittmer / Dittmer 1998; Fleischer / Hinterhölzl / Solf 2008). Aufgrund der interlinearen Übersetzungsstrategie lassen sich Korrespondenz- und Differenzbelege zum Latein relativ einfach ermitteln. Letztere können dann als hinreichend sichere Quelle für authentische althochdeutsche Strukturen herangezogen werden. In diesem Zusammenhang ist es besonders interessant festzustellen, dass sich in den Differenzbelegen des Tatian eine nicht geringe Anzahl von nachgestellten Subjekten (1), Prädikaten (2-3) und Objekten (4-5) findet, wie die folgenden Beispiele zeigen. (1)
thaz dass
(2)
[& ecce homo erat In hierusalem.]’/ cui nomen simeon [senonu tho uuas man In hierusalem.]’/ thes namo uuas gihezzan Simeon (T 37, 23ff.) des Namen war geheissen Simeon
(3)
Beati misericordes salige sint thiethar sint miltherze (T 60, 12) selig sind die da sind barmherzig
(4)
ut in me pacem habeatis thaz in mir habet damit in mir habt
(5)
gibrieuit aufgelistet
uuvrdi würde
al these umbiuuerft (T 35,9) all diese Menschheit
sibba (T 290, 8) Frieden
non resistere malo thaz ír niuuidarstant& dass ihr nicht wiedersteht
ubile (T 65, 1) dem Übel
Da Subjekte, Prädikate und Objekte im Neuhochdeutschen nicht ausgeklammert werden können, müssen die Strukturen in (1)-(5) als VO-Abfolgen gelten und werfen daher folgende Fragen auf. 1. Wie sind Sprachen zu charakterisieren, die sowohl OV- als auch VO-Eigenschaften aufweisen? 2. Welche Faktoren sind dafür maßgeblich, ob eine Konstituente im Mittelfeld oder Nachfeld positioniert ist?
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1.2. Erklärungen dieser gemischten Abfolgen In traditionellen Grammatiken werden die gemischten Abfolgen im älteren Germanischen maßgeblich auf stilistische Faktoren zurückgeführt. So bemerkt Behaghel (1932), dass Pronomen und unmodifizierte Nomen dem Verb vorausgehen, während modifizierte Nomen, Präpositionalphrasen und anderes schweres Material diesem nachfolgen und formuliert daraufhin das Gesetz der wachsenden Glieder. (6)
Leichte Elemente gehen im AE, AN und AHD schweren Elementen voraus.
Dabei stellt sich die Frage, was in diesem Zusammenhang mit leicht gemeint ist. Wenn ich Behaghel richtig interpretiere, so ist unter (6) leicht im Sinne von prosodischem Gewicht zu verstehen, da er an anderer Stelle vermerkt, dass ein weiteres machtvolles Gesetz auf die Wortstellung einwirke, das verlange, dass das Wichtige später stehe als das Unwichtige (vgl. Behaghel 1932, 4). Letztere Aussage kann als eine Vorwegnahme der Einsicht gelten, dass die Wortstellung im älteren Germanischen im Wesentlichen informationsstrukturell determiniert war, da Behaghel zwei Zeilen später spezifiziert, was damit gemeint ist: „das heißt, es stehen die alten Begriffe vor den neuen.“ In der Theorie der Informationsstruktur geht man davon aus, dass (kooperative) Sprecher ihrem Gegenüber signalisieren, was sie in ihrer jeweiligen Äußerung als bereits bekannt voraussetzen (Hintergrund) und was sie als wichtige, neue Information assertieren (Fokus). Das Studium der Informationsstruktur einer Sprache involviert daher eine Untersuchung der prosodischen, morphologischen oder syntaktischen Mittel, mit denen diese pragmatischen Rollen der Teilkonstituenten eines Satzes ausgedrückt werden. Dabei sind, was den Begriff des Fokus anbelangt, noch folgende Unterscheidungen von Belang. Wie in (7) illustriert, unterscheidet man zwischen weitem und engem Informationsfokus auf der einen Seite und kontrastivem Fokus auf der anderen Seite. Informationsfokus stellt im jeweiligen Kontext neue Information dar – in (7) durch eckige Klammern angezeigt – und lässt sich am besten anhand eines Fragekontextes veranschaulichen. Während nominale Ausdrücke, die Informationsfokus tragen, stets neue Diskursreferenten einführen, können nominale Ausdrücke, die kontrastiv fokussiert sind, auch bekannte Diskursreferenten bezeichnen. Ausdrücke, die bekannte Diskursreferenten bezeichnen (und nicht fokussiert sind), sogenannte diskursanaphorische Ausdrücke, werden dem Hintergrund zugerechnet.
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(7a) Was hat der Hans gemacht? (weiter Informationsfokus) Hans hat [der Maria ein Buch gegeben]. (7b) Was hat der Hans der Maria gegeben? (enger Informationsfokus) Hans hat der Maria [ein Buch] gegeben. (7c) Hans hat der Maria [das BUCH] gegeben, nicht die Zeitschrift. (kontrastiver Fokus) Eine erste informationsstrukturelle Sichtung der Differenzbelege im Tatian legt nahe, dass die Stellung des finiten Verbs in eingebetteten Sätzen im Wesentlichen dazu diente, Hintergrund und Fokusbereich voneinander zu trennen, wie in (8) illustriert ist. (8)
C
Hintergrund V
Fokus
(wird unten revidiert werden)
In diesem Zusammenhang ist es interessant festzustellen, dass sich die Bedingungen in (6) und (8) in ihren Voraussagen teilweise überlappen, da Hintergrundmaterial in der Regel als leicht und Fokusmaterial allein schon wegen des Akzents als prosodisch schwer zu bewerten ist. Daher stellt sich die Frage, ob das Gesetz der wachsenden Glieder nur das oberflächliche Korrelat einer zugrundeliegenden informationsstrukturellen Regelmäßigkeit sein könnte, oder auf ein eigenständiges prosodisches Gesetz zurückzuführen ist, das mit informationsstrukturellen Bedingungen interagiert. Wenn man sich innerhalb des Germanischen die Fälle genauer ansieht, in denen prosodisches Gewicht eine entscheidende Rolle für die Wortstellung spielt, so zeigt sich, dass verzweigende und insbesondere rechtsverzweigende Konstituenten als prosodisch schwer einzustufen sind. Beispielsweise erlaubt das Englische – im Gegensatz zum Deutschen – keine schweren Adverbien im Mittelfeld, wie in (9) gezeigt ist (vgl. Haider 2004). (9a) John carefully read the book Hans sorgfältig las das Buch (9b) *John with care read the book Hans mit Sorgfalt las das Buch (10a) John more often read the book Hans öfter las das Buch (10b)*John more often than Peter read the book Hans öfter als Peter las das Buch Dabei ist interessant, dass diese Adverbien zwar modifiziert – also durchaus verzweigen können – aber nicht rechtswärtig erweitert werden kön-
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nen, wie in (10) illustriert wird. In der Annahme, dass diese Einschränkung auf eine Abbildungsbedingung zwischen syntaktischer Struktur und prosodischer Struktur zurückzuführen ist und dass rechtsverzweigende Phrasen auf rechtsköpfige phonologische Phrasen abgebildet werden, ergibt sich als möglicher Kandidat für den grammatischen Hintergrund des Gesetzes der wachsenden Glieder die Beschränkung in (11). (11) Eine rechtsköpfige prosodische Phrase darf nicht auf einem linken (syntaktischen) Zweig gegenüber dem Verb sitzen, mit dem sie eine gemeinsame prosodische Konstituente bildet. Auf die Relevanz dieser Bedingung für die Herausbildung der Satzklammer werde ich noch genauer in Abschnitt 3 eingehen. Im folgenden Abschnitt soll genauer untersucht werden, ob die Wortstellung in der Tatianübersetzung primär vom Gesetz der wachsenden Glieder oder primär informationsstrukturell bestimmt ist.
2. Die Rolle der Informationsstruktur bei der (Nicht-)Ausklammerung In diesem Abschnitt sollen die Differenzbelege, die Umstellungen einerseits ins Mittelfeld und andererseits ins Nachfeld betreffen, genauer auf ihre informationsstrukturellen Eigenschaften untersucht werden. Dabei gehe ich von der Annahme aus, dass nicht verzweigende Konstituenten als prosodisch leicht und verzweigende Konstituenten als prosodisch schwer (im Sinne des Gesetzes der wachsenden Glieder) zu bewerten sind. Die Grundlage für diese kleine empirische Untersuchung bilden die von Dittmar / Dittmar (1998) aufgelisteten Differenzbelege. Dabei sind vorangestellte schwere Konstituenten und im Nachfeld verbleibende leichte Konstituenten von besonderem Interesse. Dittmar und Dittmar listen insgesamt 142 Belege auf, in denen (in einem eingebetteten Satz) eine Konstituente aus dem Nachfeld ins Mittelfeld vorgerückt wird. Die große Mehrzahl davon (insgesamt 102 Fälle) sind pronominale Subjekte und Objekte, die sowohl als prosodisch leicht als auch eindeutig als diskursanaphorisch zu analysieren sind. Nun ist es interessant festzustellen, dass unter den 30 vorangestellten nominalen Subjekten 23 Belege eine zweigliedrige Konstituente aufweisen, die als prosodisch schwer zu beurteilen ist. Eine Analyse dieser Beispiele im Kontext zeigt aber, dass diese schweren Subjekte ausnahmslos diskursanaphorisch verwendet sind und daher dem Hintergrund zuzurechnen sind. Zwei exemplarische Fälle sind in (12) aufgeführt, wobei jeweils die
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Ausdrücke das Mädchen und die Flut im vorausliegenden Text vorerwähnt sind. (12a) ubi erat puella iacens thar thas magatin lag (T 96, 25) wo das Mädchen lag (12b)donec venit diluuium unc thiu flout quam bis die Flut kam
(T 257, 7)
Wenn wir nun umgekehrt die Differenzbelege betrachten, in denen eine Konstituente aus dem Mittelfeld ins Nachfeld gerückt wird, so zeigt sich, dass sich unter den zehn Belegen sieben Fälle finden, die eine eingliedrige Konstituente aufweisen, die keinesfalls als prosodisch schwer zu beurteilen ist. Wie die Beispiele in (13) und (14) aber zeigen, sind diese Konstituenten eindeutig als fokussiert zu interpretieren. (13) zeigt ein Beispiel, in dem das eingliedrige Objekt nachgestellt wird, während die schwerere (zweigliedrige) PP im Mittelfeld verbleibt. Die informationsstrukturelle Analyse des Beispiels zeigt aber, dass diese Konfiguration durchaus Sinn macht, da hier eine kontrastierende Aussage gemacht wird, in der die PPs kontrastive Topiks und die Akkusativobjekte jeweils Fokus darstellen (analog zu der Diskursfrage „was habt ihr in mir und was habt ihr in der Welt?“). (13) Haec locutus sum vobis
thisu sprahih iu thaz in mir habet sibba (T 290, 10) ut in me pacem habeatis in mundum presuram habebitis in therru weralti habet ir thrucnessi dies sage ich euch, damit ihr in mir Frieden habt, in der Welt habt ihr Unruhe
(14) zeigt, dass die Wortstellungsregularitäten im Tatian nicht nach der einfachen Regel beschrieben werden können, dass Pronomen vorangestellt werden, während DPs gemäß der lateinischen Vorlage in ihrer Position sitzen bleiben. In (11) ist entgegen der Vorlage ein schwaches Pronomen ins Nachfeld gestellt. Allerdings macht der Kontext deutlich, dass dieses Pronomen fokussiert ist. Die Passage ist so zu verstehen, dass die Betonung auf das Pronomen fällt: wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. Im modernen Deutschen wird eine Fokuspartikel verwendet (um das nur schlecht betonbare Reflexivum zu verstärken), im Althochdeutschen wird das Pronomen in die rechtsperiphere Fokusposition verschoben.
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Zur Herausbildung der Satzklammer
(14) Quia omnis
bidiu uuanta iogiuuelih (T 195, 16) qui se axaltat thiedar sih arheuit humiliabitur uuirdit giotmotigot qui se humiliat exaltabitur inti therdar giotmotigot sih wirdit arhaban deshalb wird jeder, der sich erhöht, erniedrigt werden und der sich erniedrigt, wird erhöht werden
Zusammenfassend können wir feststellen, dass gewichtiger als gewichtiger im informationsstrukturellen Sinn zu verstehen ist: Mehrgliedrige Konstituenten können vorangestellt werden, wenn sie dem Hintergrund zuzurechnen sind, und eingliedrige Konstituenten können nachgestellt werden, falls sie neue, wichtige Information beisteuern. Eine genauere Sichtung der Differenzbelege zeigt allerdings auch, dass die Generalisierung in (8) verfeinert werden muss, da kontrastive Foki, auch gegen das Latein, wie Beispiel (15) zeigt, generell vorangestellt werden. Dabei ist wiederum interessant, dass kontrastive Foki unabhängig von ihrem prosodischen Gewicht in adjazenter präverbaler Position realisiert werden. PPs erscheinen im Tatian gemäß dem Gesetz der wachsenden Glieder überwiegend im Nachfeld. Wie (16) aber zeigt, wird eine PP, die kontrastiv zu interpretieren ist, präverbal realisiert. Daher muss die informationsstrukturelle Generalisierung in (8) dergestalt revidiert werden, dass sich die syntaktischen Positionen von Kontrastfokus und Informationsfokus, wie in (17) skizziert, von einander unterscheiden. (15) tu autem cum ieiunas/ unge caput tuum/ & faciem tuam laua/ ne uideatis hominibus/ ieiunans. Sed patri tuo thane thu fastes/ salbo thin houbit/ Inti thin annuzi thuah/ zithiu thaz thu mannon nisís gisehan/ fastenti. úzouh thinemo fater (T 68, 28-32) that you to-men not-be seen fasting wenn du fastest, salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, sodass du nicht den Menschen fastend erscheinst, sondern deinem Vater
(16) orantes autem. nolite multum loqui/ sicut &hnici.’/ putant enim quia in multiloquio/ exaudiantur. b&onte nicur& filu sprehan/ sósó thie heidanon mán/ sie uuanen thaz sie in iro filusprahhi / sín gihórte (T 67, 23-26) that they in their many words are heard wenn du betest, verwende keine leeren Wiederholungen wie es die Heiden tun, denn sie glauben, dass sie (nur) durch ihre vielen Wörter gehört werden
(17) C Hintergrund
Kontrastfokus
V
Informationsfokus
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Während die Syntax des Althochdeutschen eine Unterscheidung zwischen kontrastivem und präsentationellem Fokus trifft, ist es zentral hervorzuheben, dass die Prosodie generell zwischen weitem und engem Fokus differenziert, indem das Verb mit einer eng-fokussierten Phrase eine prosodische Konstituente bildet: (18) A narrow focused phrase undergoes phonological restructuring with an adjacent verb (vgl. Nespor / Vogel 1986; Frascarelli 2000). Diese Eigenschaft ist zentral für die Bestimmung der unmarkierten Wortstellung in einer Sprache. Nespor / Guasti / Christophe (1996) stellen fest, dass Kinder im Syntaxerwerb sehr früh für prosodische Muster sensitiv sind und schlagen vor, dass die unmarkierte Wortstellung auf der Basis der Position des starken Elements in phonologischen Phrasen festgelegt wird (rhythmic activation principle). Deswegen kommt (engem) Fokus aufgrund der Erzeugung links- oder rechtsköpfiger phonologischer Phrasen mit dem Verb eine zentrale Rolle in der Bestimmung der unmarkierten Wortstellung bezüglich des Verbs zu. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass das frühe Althochdeutsche sowohl OV- also auch VO-Abfolgen erlaubt, da aufgrund von präverbalem Konstrastfokus und postverbalem Informationsfokus vermutlich beide Abfolgen in dieser Grammatik als unmarkiert zu bewerten sind. Dieser Zustand hat sich aber vom späten Althochdeutschen an, wenn auch nur in langsamen Schritten, geändert. Postverbale nicht extraponierbare Konstituenten, wie Objekte und Prädikate wurden sukzessive abgebaut, was letztlich zur Herausbildung der neuhochdeutschen Satzklammer geführt hat. Daher stellt sich in diesem Ansatz die Frage, wie es zum Verlust der postverbalen Fokusposition kam.
3. Die Rolle des definiten Artikels bei der Satzklammerbildung In diesem Abschnitt soll genauer untersucht werden, wie es zum Wandel von OV / VO zu OV im Deutschen kam. Mit anderen Worten, es stellt sich die Frage, wie man von dem System in (17), in dem die Definitheit eines nominalen Ausdrucks im Wesentlichen positionell ausgedrückt wird, zum neuhochdeutschen System kommt, in dem der Artikel die definite beziehungsweise indefinite Interpretation eines nominalen Ausdrucks anzeigt. Daher liegt die Vermutung nahe, dass die Grammatikalisierung
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des definiten Artikels dabei eine entscheidende Rolle gespielt haben könnte. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich klar zu machen, dass das neue lexikalische System nicht ganz deckungsgleich mit der Unterscheidung zwischen diskursgegebenen und diskursneuen Referenten des alten syntaktischen Systems ist. Im heutigen Deutsch signalisiert der definite Artikel, dass der Diskursreferent, ob gegeben oder neu, eindeutig im Kontext identifizierbar ist, wie das Beispiel in (19) zeigen soll. (19) Maria hat sich ein kleines Häuschen am Land gekauft. Nächstes Wochenende will sie die Hütte abreißen. In dem Minitext in (19) kann die Nominalphrase die Hütte sowohl diskursanaphorisch sowie als einen neuen Diskursreferenten einführend interpretiert werden. In diskursanaphorischer Verwendung, unter Deakzentuierung, wird die Referenz des Ausdrucks die Hütte mit dem vorerwähnten Häuschen identifiziert und der semantische Gehalt des Nomens Hütte appositiv dazu interpretiert. Daneben gibt es eine Lesart, in der der nominale Ausdruck eine Hütte bezeichnet, die zu dem kleinen Häuschen gehört (bridging). In diesem Fall führt der Ausdruck die Hütte einen neuen Diskursreferenten ein und wird dabei betont. Der definite Artikel legitimiert sich durch die eineindeutige logische Relation zum vorerwähnten Häuschen. Bevor im Abschnitt 3.2. die Rolle des definiten Artikels in der Herausbildung der Satzklammer näher beleuchtet wird, wollen wir uns zunächst über den grammatischen Status dieser Entwicklung im Klaren werden. 3.1. Die Herausbildung der Satzklammer als grammatische Entwicklung Die Herausbildung der Satzklammer im Deutschen wird in der gesamten Literatur als rein stilistische Entwicklung dargestellt. Traditionelle Grammatiker betrachten diese Entwicklung als ein nichtgrammatisch bedingtes Phänomen der Stilentwicklung, für das soziokulturelle Faktoren verantwortlich gemacht wurden: das Vorbild des Humanistenlatein (vgl. Behaghel 1892), der Einfluss der Schulgrammatik (vgl. Biener 1922 / 23) sowie – zuletzt – die Verbreitung von Kanzleistilen (vgl. Ebert 1986). Die Möglichkeit, dass Stilpräferenzen auch eine grammatische Basis haben könnten, bleibt dabei unbeachtet. Selbst Lenerz (1984) argumentiert in seiner generativen Studie zur Entwicklung der Wortstellung im Deutschen, dass der besagte Wandel kein kategorieller oder grammatischer sein kann, da man selbst im heuti-
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gen Deutsch noch Argumente ausklammern kann, wie das Beispiel in (20) zeigen soll. (20) Auf Gleis 5 fährt ein | der IR nach Straubing Der Satz in (20) zeigt ein nachgestelltes fokussiertes Subjekt. Er ist zwar als grammatisch zu bewerten, aber in höchstem Grade prosodisch markiert, da er nur in Form von zwei getrennten Intonationsphrasen realisiert werden kann, wie in (21) gezeigt ist, und damit die Schnittstellenbedingung in (22) verletzt. (21) [iP (Auf Gleis 5) (fährt ein) ] [iP (der Interregio) (nach Straubing)] (22) Focus constituents are mapped into the intonational phrase which contains the verb (Nespor / Vogel 1986). Daher ist (21) auf Grund seiner Markiertheit nur in speziellen kommunikativen Situationen einsetzbar. Diese Diagnose legt nahe, dass der allmähliche Abbau nachgestellter Argumente und Prädikate auf eine grammatische Änderung zurückzuführen ist, die zur Folge hat, dass ein postverbaler Fokus nicht mehr in die Intonationsdomäne des Verbs integriert werden kann. Wir werden auf diese grammatische Regel in Sektion 3.3. zurückkommen. Auf Grund der beiden Fokuspositionen und auf der Basis von Fokusrestrukturierung können wir annehmen, dass das Ahd. zwei unmarkierte Wortstellungen aufwies: Präverbaler Fokus ist verantwortlich für prosodische Phrasen vom Typ (s w) und postverbaler Fokus ist verantwortlich für prosodische Phrasen vom Typ (w s). Das heißt, wenn wir einen Faktor identifizieren können, der zu einer verstärkten Verwendung von fokussierten und damit betonten präverbalen Konstituenten führt, können wir eine langsame Entwicklung voraussehen, in der gewisse prosodische Muster mehr und mehr marginalisiert werden, bis ein Punkt erreicht wird, an dem postverbale betonte Konstituenten so stark markiert sind, dass sie nur noch eingeschränkt auf spezifische Kontexte verwendet werden können, wie das der Fall im Beispiel (20) ist. Im folgenden Abschnitt soll dargelegt werden, dass dieser unabhängige Faktor in der Grammatikalisierung des definiten Artikels zu finden ist. 3.2. Die Grammatikalisierung des definiten Artikels im Deutschen Es gibt drei Gründe, die dafür sprechen, dass die Grammatikalisierung des definiten Artikels tatsächlich der Auslöser für die Herausbildung der Satzklammer im Deutschen war.
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Erstens stimmen neuere Studien zur Grammatikalisierung des definiten Artikels (vgl. Oubouzar 1992, Leiss 2000, Demske 2001) darin überein, dass der definite Artikel, der auf ein Demonstrativpronomen zurückgeht, zuerst in Kontexten mit pragmatisch definiter Interpretation auftaucht. Diese Studien beziehen sich auf die Unterscheidung Löbners (1985) zwischen pragmatischen und semantischen Definita. Semantische Definita sind nominale Ausdrücke, deren Referenzobjekte allein auf Grund ihrer lexikalischen Bedeutung eindeutig identifizierbar sind. Einfache Beispiele für semantische Definita sind sogenannte funktionale Konzepte, wie Sonne, Himmel, Ehefrau oder Präsident. Pragmatische Definita hingegen sind nominale Ausdrücke, deren Referenzobjekt erst durch Zuhilfenahme des Kontextes eindeutig identifizierbar ist. Die Hauptverwendungen pragmatischer Definita sind in (23) kurz illustriert. (23a) Ich kann das Ufer erkennen. (deiktische Verwendung) (23b)Das Arbeitszimmer hat ein großes Fenster. Das Fenster geht nach Süden. (anaphorische Verwendung) (23c) das Fenster, das nach Süden geht (endophorische Verwendung im Relativsatz) Die Grammatikalisierung des definiten Artikels setzt in den ältesten althochdeutschen Texten ein und ist mit Notker (frühes 11. Jh.) abgeschlossen. Bei ihm erscheinen alle semantischen Gruppen von Nomen, inklusive Abstrakta und eindeutig referierender Ausdrücke, mit dem definiten Artikel. Der langsame, stufenweise Prozess der Grammatikalisierung des definiten Artikels kann anhand von Otfrids Evangelienharmonie exemplifiziert werden. In diesem Text tritt der definite Artikel bereits regelmäßig mit pragmatischen Definita auf, also in diskurs-anaphorischen Verwendungen, wie in (24) illustriert ist, fehlt allerdings noch bei semantischen Definita, wie in (25) gezeigt wird. Die Beispiele stammen von Demske (2001). (24) ein burg ist thar in lante…(O.I 11.23) eine Stadt ist da im Lande zi theru steti fuart er thia druhtines muater (O.I.11.26) zu dieser Stadt führt er die Gottes Mutter
(25a) tho ward himil offan (O.I.25.15) da wurde der Himmel offen (25b)inti iz hera in worolt sante (O.I.13.5) und es hier in die Welt sandte
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(25c) in ira barm si sazta [barno bezista] (O.I.13.10) in ihren Schoß sie setzte [das meist-geliebte Kind] Zweitens stimmt die oben konstatierte stufige Grammatikalisierung des finiten Artikels mit der Beobachtung von Behaghel (1932) überein, dass Nominalphrasen mit dem definiten Artikel zuerst präverbal auftauchen – vgl. (26) – da diskursanaphorische NPen im Ahd. typischerweise präverbal realisiert werden – vgl. (17). Daher können wir eine Entwicklung in zwei Phasen annehmen, wie sie in (27) spezifiziert ist. (26) Behaghel (1932, 79): „Substantiva mit Pronomen stehen auf der Seite der einfachen Wörter; zum Teil mag das daher rühren, daß ihnen der Artikel früher fehlte.“ (27) Phase 1: Der Artikel wird bei diskursgegebenen Referenten präverbal eingeführt. Phase 2: Die Setzung des Artikels wird auf alle eindeutig identifizierbaren NPen ausgedehnt, wobei diese dem Muster aus Phase 1 folgend präverbal erscheinen. In diesem Zusammenhang sind zwei Konsequenzen von Interesse. Stimmt das Szenario in Phase 2, so hätte das zur Folge, dass präverbal mehr betonte Nominalphrasen auftreten, die aufgrund von Fokusrestrukturierung das prosodische Muster (s w) verstärken. In diesem Szenario kann angenommen werden, dass, wenn die vermehrte Anzahl von präverbalen betonten Nominalphrasen einen gewissen Schwellenwert übersteigt, der IS-prosodische Parameter in (28) auf den Wert F > V (will heißen, das Verb restrukturiert ausschließlich nach links) gesetzt wird. Dies hätte zur Folge, dass postverbale fokussierte Konstituenten, wie in (21) gezeigt, prosodisch ausgeklammert werden müssen. Ob dies der Fall ist, soll in Abschnitt 4 genauer diskutiert werden. (28) IS-requirements on the prosodic mapping of syntactic structures: A focussed constituent introduces an IP-boundary on one side and restructures with the adjacent verb on its other side (generalisiert nach Frascarelli 2000). Trifft das Szenario in Phase 2 nicht zu, so hätte bereits die Einführung des Artikels mit diskursanaphorischen Nominalphrasen in Phase 1 einen tiefgehenden Effekt auf die Prosodie der Sprache, da präverbale determinierte Nominalphrasen rechtsverzweigende Konstituenten auf einem linken Zweig (gegenüber dem Verb) einführen und damit auch das Mittelfeld für schwere Konstituenten öffnen. Dabei können wir annehmen, dass, wenn der Artikel zuerst in diskursanaphorischen Kontexten eingeführt wird, dieser betont ist, wobei das
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diskursanaphorische Nomen deakzentuiert sein dürfte, sodass die ursprüngliche Einführung des Artikels in der präverbalen Domäne die prosodische Bedingung in (11) nicht verletzt haben würde. Im Verlauf der Grammatikalisierung wird der Artikel deakzentuiert und die Betonung fällt per default auf das Nomen (auf der Basis, dass lexikalische Köpfe stärker sind als funktionale), sodass mehr und mehr rechtsverzweigende Konstituenten in der präverbalen Domäne entstehen. Drittens wird das Gesamtszenario in (27) durch den parallelen Zeitrahmen dieser Entwicklungen gestützt. Bolli (1975) und Borter (1982), die die Entwicklung der Satzklammer im Deutschen untersuchen, stellen fest, dass im spätalthochdeutschen Notker verstärkt die Voranstellung von Akkusativobjekten einsetzt. Dies deckt sich genau mit der Periode, in der der definite Artikel vollständig grammatikalisiert wird. Bevor wir uns an die Überprüfung des Szenarios in (27) machen, wollen wir zunächst feststellen, ob die Artikelhypothese auch im weiteren germanischen Kontext tragbar ist. 3.3. Die Entwicklung des definiten Artikels in den anderen germanischen Sprachen Wenn sich das Szenario in (27) als richtig erweist, so stellt sich die Frage, warum die Einführung des definiten Artikels nicht denselben Effekt in der Geschichte der anderen germanischen Sprachen zeitigte. Auch im Ae. (vgl. Kroch / Pintzuk 1989) und im An. (vgl. Hróarsdóttir 2009) gehorcht die Wortstellung dem Gesetz der wachsenden Glieder: Leichte Elemente (typischerweise Pronomen und bloße Nomen) gehen dem Verb voraus, schwere Elemente (inklusive fokussierter Konstituenten) folgen dem Verb. In diesem Zusammenhang ist zu erklären, warum in diesen Sprachen die Grammatikalisierung des definiten Artikels nicht gleichermaßen zur Einführung schwerer Konstituenten im Mittelfeld geführt hat. Dabei ist, was diese Fragestellung anbelangt, zumindest das Nordgermanische unproblematisch, da bereits Leiss (2000) feststellt, dass der definite Artikel im Altisländischen zunächst bei diskursneuen NPen eingesetzt wird, um anzuzeigen, dass diese entgegen ihrer syntaktischen Position als definit zu interpretieren sind. Nicht so einfach zu erklären ist aber, warum im Englischen nicht derselbe Effekt eintritt wie im Deutschen. Philippi (1997) stellt fest, dass das Ae. noch keinen definiten oder indefiniten Artikel besitzt, sondern Pronomen benutzt, die noch eindeutig als Demonstrativa oder Numeralia zu klassifizieren sind. Wenn die Aussage von Philippi tragfähig ist und auf die gesamte altenglische Periode zutrifft, könnte dies bedeuten, dass die
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Grammatikalisierung des Artikels im Englischen später als im Deutschen, nämlich erst im Me. erfolgt ist. Das Ae. hatte zwei unterschiedliche Demonstrativpronomen, se ('that') und þes ('this'). Hróarsdóttir (2006) berichtet, dass das Demonstrativpronomen se, das im Ae. mehrere Kasusformen hatte, im Übergang vom Ae. zum Me. in zwei invariante Formen the (Artikel) und that (Demonstrativum) aufgespalten wurde. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, dass der englische definite Artikel einen anderen Grammatikalisierungspfad genommen hat als der deutsche Artikel. Wenn wir annehmen, dass the unbetont war, so würde daraus folgen, dass es mit dem zugehörigen Nomen gemäß der Bedingung (11) postverbal eingesetzt wird. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Artikelhypothese, was das Deutsche und das Skandinavische anbelangt, die richtigen Voraussagen für die globale Wortstellungsentwicklung der beiden Sprachen macht: Die Einführung des definiten Artikels führt im Skandinavischen zur Verstärkung, im Deutschen aber zur Abschwächung der prosodischen Bedingung in (11). Für das Englische kann gesagt werden, dass mit dem, was man über die Grammatikalisierung des definiten Artikels im Englischen weiß, die Hypothese kompatibel ist. Im folgenden Abschnitt soll abschließend diskutiert werden, ob das in Phase 2 skizzierte Szenario in (27) tatsächlich für die Entwicklung des Deutschen maßgeblich gewesen sein könnte.
4. Die Veränderung der Wortstellung von Tatian zu Notker Das Gesamtszenario in (27) macht folgende Voraussagen. Wir erinnern uns, dass in der Tatian-Übersetzung Konstituenten mit Informationsfokus, das heißt im Wesentlichen Prädikate und diskursneue NPen, postverbal realisiert werden. Falls der Effekt der Grammatikalisierung des definiten Artikels in Phase 2 tatsächlich der ist, dass auch diskursneue determinierte Nominalphrasen präverbal realisiert werden, dann sollte es ein Stadium geben, in dem eine gesteigerte Anzahl von fokussierten DPen präverbal auftaucht, während fokussierte Prädikate (prädikative Adjektive, Nomen und Partizipien) noch mehrheitlich postverbal auftreten. Dieses Stadium sollte mit der vollständigen Grammatikalisierung des Artikels, also bei Notker, erreicht sein.
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4.1. Eine quantitative Analyse der Veränderungen Einer genaueren informationsstrukturellen Analyse der Wortstellung in den Nebensätzen Notkers vorgreifend, habe ich zur Überprüfung dieser Voraussage rein quantitativ die Stellung der Komplemente (Objekte plus Prädikate) gegenüber dem finiten Verb in den Nebensätzen in der TatianÜbersetzung (linke Spalte) und im 1. Buch von Notkers Consolatio (rechte Spalte) miteinander verglichen. Die Daten sind in (29) angegeben. Da die Anzahl der relevanten Belege im 1. Buch von Notkers Consolatio beispielsweise bei Prädikatsnomen relativ gering ist, habe ich diese Zahlen mit der Auswertung von Näf (1979) in (30) und (31) verglichen, der den Gesamttext von Notkers Consolation analysiert. Daraus geht hervor, dass die Zahlen in (29) durchaus aussagekräftig sind. (29)
• • • •
direkte Objekte:
33 % postverbal (von 100 Belegen) indirekte Objekte: 33 % postverbal (von 21 Belegen) Prädikatsnomen: 33 % postverbal (von 31 Belegen) Partizipien: 55 % postverbal (von 46 Belegen)
25 % postverbal (v. 124 B.) 20 % postverbal (v. 54 B.) 20 % postverbal (v. 26 B.) 15 % postverbal (v. 15 B.)
(30) Stellung der Subjekte und Komplemente in Nebensätzen laut Näf • Subjekte: 8 % postverbal (von 339 Belegen) • direkte Objekte: 28 % postverbal (von 233 Belegen) • indirekte Objekte: 32 % postverbal (von 53 Belegen) • Prädikatsnomen: 21 % postverbal (von 56 Belegen) (31) Stellung der Subjekte und der direkten Objekte in Hauptsätzen laut Näf • Subjekte: 32 % postverbal • Direkte Objekte: 53 % postverbal Während die Daten in (29) einen allgemeinen Rückgang postverbaler Komplemente ausweisen, kann nicht festgestellt werden, dass die Objekte als determinierte NPen den Prädikaten in dieser Entwicklung vorausgehen. Im Gegenteil, rein quantitativ betrachtet, scheint die Entwicklung vornehmlich von den Prädikaten angestoßen zu werden. Jedenfalls ist der Rückgang postverbaler Partizipien am deutlichsten. Natürlich müssen diese Zahlen in einer qualitativen Analyse erst bestätigt werden. Beispielsweise sind die Zahlen, was die Objekte und Sub-
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jekte anbelangt, gemäß definiter und indefiniter Lesart zu differenzieren. Dabei könnte sich herausstellen, dass die überwiegende Anzahl definiter Objekte bereits präverbal realisiert wird und dass die relativ hohe Anzahl postverbaler Objekte auf indefinite Nominalphrasen zurückzuführen ist. Ein weiterer interessanter Aspekt, der sich aus dem Vergleich der Zahlen in (30) und (31) bei Näf ergibt, ist die Beobachtung, dass es eine eklatante Diskrepanz in der Herausbildung der Satzklammer zwischen Hauptsätzen und Nebensätzen zu geben scheint. In (31) wird die Stellung von Subjekten und Objekten bezüglich der aus Auxiliar und Partizip beziehungsweise aus Modal und Infinitiv gebildeten verbalen Klammer gezeigt. Dabei ist erklärungsbedürftig, warum in Hauptsätzen Subjekte viermal so oft und Objekte immerhin noch fast doppelt so oft wie in Nebensätzen ausgeklammert sind. 4.2. Schlussfolgerungen Was immer eine differenzierte Analyse, die definite und indefinite nominale Ausdrücke separat behandelt, ergibt, die Daten in (29) und (30) legen nahe, die Rolle der Stellungsveränderungen der Prädikate in einer umfassenden Erklärung zur Herausbildung der Satzklammer zu berücksichtigen. Dabei ist von der Artikelhypothese ausgehend zunächst einmal abzuklären, ob die gesteigerte Anzahl präverbaler Prädikate bei Notker auf eine größere Anzahl präverbaler schwerer Prädikate gegenüber den Zahlen im Tatian zurückzuführen ist. In dem Fall könnte nämlich die Stellungsveränderung der Prädikate indirekt wiederum auf die Grammatikalisierung des Artikels bezogen und als eine Konsequenz der Abschwächung der prosodischen Bedingung durch diskursanaphorische Nominalphrasen interpretiert werden. Unabhängig davon ist es wichtig festzustellen, dass die gesteigerte Anzahl präverbaler Prädikate denselben Effekt wie präverbale DPen auf die Polung der IS-prosodischen Bedingung in (28) hat, da Prädikate regelhaft eine phonologische Phrase mit dem Verb bilden und somit gleichermaßen das prosodische Muster (s w) bezüglich des Verbs verstärken. Als ein weiterer wichtiger Aspekt der Daten in (29) bis (31) ist zu untersuchen, welche Faktoren für die Diskrepanz zwischen verbaler Klammer im Hauptsatz und der Satzklammer im Nebensatz verantwortlich zu machen sind. Diese Fragestellung erfordert, so wie die Untersuchung der Stellung der Prädikate und Objekte bei Notker, eine qualitative Detailanalyse, die die informationsstrukturelle Rolle der relevanten Konstituenten berücksichtigt.
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Ich hoffe gezeigt zu haben, dass wir durch die Berücksichtigung informationsstruktureller Kategorien zu einem tieferen Verständnis von Sprachwandelprozessen wie der Herausbildung der Satzklammer im Deutschen kommen können, da eine derart angereicherte Analyse es uns erlaubt, grammatische und (text-)funktionale Aspekte und Faktoren aufeinander zu beziehen.
Quellen [O] = Otfrids Evangelienbuch (1973), Oskar Erdmann (Hrsg.), (Althochdeutsche Textbibliothek 49), Tübingen. [T] = Die lateinisch-althochdeutsche Tatianbilingue Stiftsbibliothek St. Gallen Cod. 56 (1994), Achim Masser (Hrsg.), (Studien zum Althochdeutschen 25), Göttingen.
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vnd schwermen so waidlich / als jemandt anders schwermen kan Nominalphrasen mit jemand und niemand in der Geschichte des Deutschen
Ursula Götz (Rostock)
1. Einleitung Das grammatische Phänomen, dessen Geschichte im Folgenden untersucht werden soll, kann anhand von zwei gegenwartssprachlichen Pressebelegen vorgestellt werden. (1)
Noch jemand Bedeutendes fehlte beim Boxabend. (Hamburger Morgenpost, 4.7.2005)1
(2)
Ob in der ASG-Zentrale in Innsbruck auch nominell jemand Neuer Einzug halten wird, ist aber offen. (Tiroler Tageszeitung, 12.02.2000)2
Beide Belege enthalten eine Verbindung von jemand mit einem substantivierten Adjektiv. In Beispiel (1) hat das Adjektiv die Endung -es, wie das die Adjektive im Nominativ Singular Neutrum haben, im zweiten Beispiel ist die Adjektivendung -er wie im Nominativ Singular Maskulinum. Dabei handelt es sich, wie durch die Auswahl einer Hamburger und einer Tiroler Zeitung für die Belegpräsentation gezeigt werden sollte, um eine regionale Variante der Standardsprache. Die Formen auf -es treten vor allem im Norden des deutschen Sprachgebiets auf, die -er-Formen im Süden. Diese Verteilung gilt nicht nur für das substantivierte Adjektiv nach jemand (und niemand), sondern auch, wie die Belege (3) und (4) zeigen, für ander. In der Hamburger Morgenpost heißt es jemand anderes, in der Süddeutschen Zeitung dagegen jemand anderer. _____________ 1 2
Online im Internet: http://www.ids-mannheim.de/cosmas2 (Cosmas-Recherche 27.04.2006). Ebd.
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Ursula Götz
(3)
Am Mittwoch beim VfL Gummersbach könnte es dann so aussehen, dass zunächst vereinsintern jemand anderes auf der Trainerbank Platz nimmt. (Hamburger Morgenpost, 17.10.2005)3
(4)
Thannhuber behauptet, dass er in dieser Firma nichts zu sagen hatte; jemand anderer sei Geschäftsführer gewesen. (Süddeutsche Zeitung, 15.12.2003)4
Interessant ist dabei, dass die regionale standardsprachliche Verteilung nicht die dialektalen Verhältnisse abbildet. Das zeigt etwa der einschlägige Eintrag in Johann Andreas Schmellers Bayrischem Wörterbuch: „eppƏ, eƏm.d Fremms, jemand Fremder“.5 J.A. Schmeller gibt die Dialektform auf -s (eppƏ, eƏm.d Fremms) mit der Südstandardform auf -er (jemand Fremder) wieder. Weder die Arbeiten zu den regionalen Varianten der Standardsprache6 noch die gegenwartssprachlichen Grammatiken,7 soweit sie die Variante überhaupt erwähnen, geben eine Erklärung für die regionale Verteilung. Dies gilt auch für die Untersuchung „Zur Nominalflexion in der deutschen Literatursprache nach 1900“ von Ivar Ljungerud, der eine Vielzahl von Belegen anführt und dabei auch auf die regionalen Unterschiede hinweist.8 Insofern liegt es nahe, der Geschichte dieser Fügungen nachzugehen und dort nach möglichen Erklärungen zu suchen. Dabei soll es im vorliegenden Beitrag zunächst und vor allem um die Darstellung und Erklärung der überlieferten Formen seit der althochdeutschen Sprachperiode gehen. Der letzte Abschnitt befasst sich mit der Frage, wann und wie die heutige regionale Verteilung zustande gekommen ist.
_____________ 3 4 5 6 7
8
Ebd. Online im Internet: www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/539/23516/article.htm (Stand 20.5.2006). Schmeller (1985, Sp. 820). Ebner (1998, 31); Meyer (1989, 44). Die regionale Variante wird nur in der Dudengrammatik (vgl. Abschnitt 2) und bei Johannes Erben (1980, 239) erwähnt sowie in den früheren Auflagen der Grammatik von Ulrich Engel (1996, 672 und 680). In der Neubearbeitung (2004, 375 und 379) werden die regionalen Unterschiede nicht mehr erwähnt. Zur Berücksichtigung dieser und anderer regionaler grammatischer Varianten der Standardsprache vgl. auch Götz (1995, 222ff.). Vgl. Ljungerud (1955, 191ff.). Die vermutlich jüngste Arbeit zum Thema, Roehrs (2008, 1ff.), spricht die Regionalität des Phänomens nicht an, sondern erklärt das Nebeneinander von jemand anderer und jemand anderes als „variation in the preference of individual speakers“ (3). Der Beitrag von Dorian Roehrs ist mir erst nach Abschluss meiner Untersuchung bekannt geworden. Interessant ist, dass Dorian Roehrs, der sich aus sprachvergleichender generativer Perspektive mit dem Problem beschäftigt, in einem wichtigen Punkt eine ähnliche Einordnung vornimmt wie die vorliegende Darstellung. Vgl. dazu Anm. 37.
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Nominalphrasen mit jemand und niemand
2. Gegenwartssprachlicher Befund Bevor die Geschichte der einschlägigen Fügungen betrachtet wird, sollen die gegenwartssprachlichen Verhältnisse anhand der Darstellung in der Dudengrammatik kurz umrissen werden. Peter Gallmann schreibt hier: Nach den Pronomen jemand, niemand und wer kann eine enge Apposition stehen, gewöhnlich in Form eines substantivierten Adjektivs. Solche Substantivierungen weisen im Nominativ und Akkusativ standardsprachlich meist die Endung -es auf […]. Es handelt sich um einen ursprünglichen Genitiv, der jedoch heute meist als Nominativ / Akkusativ Neutrum empfunden wird. Vor allem im Süden des deutschen Sprachraums sind daneben auch maskuline Formen üblich. [...] Beim Adjektiv andere tritt außerdem die unveränderliche Form anders auf (auch im Dativ), es besteht also teilweise die Wahl zwischen drei [...] Varianten.9
Im Text werden sehr viele Beispiele genannt; die darin enthaltenen einschlägigen Formen sind in der folgenden Übersicht zusammengestellt.
Nom. Dativ Akk.
Nom. Dativ Akk.
Nord
Süd
Neutrum
Maskulinum
jemand Unbekanntes jemand Unbekanntem jemand Unbekanntes
jemand Unbekannter jemand Unbekanntem jemand Unbekannten
Neutrum
unverändert
Maskulinum
jemand anderes jemand anderem [kein Beleg]
jemand anders jemand anders jemand anders
jemand anderer jemand anderem jemand anderen
Übersicht 1: In der Dudengrammatik angeführte Möglichkeiten der Flexion von ander oder einem substantivierten Adjektiv nach jemand / niemand
Nicht in die Tabelle aufgenommen sind die Formen mit flektiertem jemand, niemand also etwa ich sehe jemanden Unbekannten, weil sie für die hier behandelte Frage keine Rolle spielen. Entscheidend sind die grundsätzlichen Typen, die P. Gallmann anführt: für den Norden die neutralen Formen, für den Süden die maskulinen und bei anders zusätzlich die unveränderten Formen. _____________ 9
Duden (2005, Nr. 1587).
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Ursula Götz
3. Zur Geschichte der Nominalphrasen mit jemand und niemand 3.1. Der Genitiv bei jemand und niemand Peter Gallmann erwähnt beiläufig auch die Geschichte des Phänomens, wenn er über Formen wie jemand Schönes etc. schreibt: „Es handelt sich um einen ursprünglichen Genitiv, der jedoch heute meist als Nominativ / Akkusativ Neutrum empfunden wird.“10 Ein „ursprünglicher Genitiv“ lässt sich in einer ganzen Reihe heutiger Sprachformen ausmachen, da in früheren Sprachstufen Pronomen, Quantitätsadjektive und ähnliche Wörter häufig mit dem Genitiv verbunden wurden. Dies gilt, wie die Belege (5) und (6) zeigen, unter anderem auch für jemand und niemand bzw. ihre Vorformen. (5)
nemet balde disen rucke hin! kome ieman armer liute her, der es geruoche oder ger, dem teilet disen rucke mite (Gottfried von Straßburg, Tristan, V. 2989)11
(6)
daz die herren von dem Cl=ster / nîeman der B[ur]ger hîe ze Jsine sFlit adersuva biclagen / dan vor ir amman (Urkunde, Isny 1. Juni oder 2. Juli 1290)12
Der hier vorliegende Typ des adnominalen Genitivs wird im Allgemeinen als partitiver Genitiv bezeichnet, als Teilungsgenitiv. In der Gegenwartssprache würde man in diesen und vergleichbaren Sätzen eine andere Konstruktion verwenden, da der Gebrauch des partitiven Genitivs im Lauf der Sprachgeschichte stark zurückgegangen ist.13 Teilweise wird der Genitiv durch andere Konstruktionen ersetzt, etwa durch eine Präpositionalphrase mit von (also nicht Gib mir etwas des Brotes, sondern Gib mir etwas von dem Brot o.Ä.).14 Häufig wird bzw. wurde der ursprüngliche Genitiv aber auch um-
_____________ 10 11
12 13 14
Duden (2005, Nr. 1587). Dieser Beleg findet sich auch bei Paul (2007, § S 79) und 1DWB IV,II, Sp. 2302, als Beispiel für partitiven Genitiv. Die Belege werden jeweils nach den im Quellenverzeichnis angegebenen Ausgaben zitiert. CaOU, II, Nr. 1262 (504, 28). Vgl. Kiefer (1910) und die in den folgenden beiden Fußnoten jeweils exemplarisch genannten Darstellungen. Vgl. Behaghel (1923, § 384); Demske (2001, 266f.).
Nominalphrasen mit jemand und niemand
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gedeutet, reanalysiert. Dieser seit langem bekannte sprachgeschichtliche Vorgang15 soll kurz an schematisierten Beispielen vorgeführt werden. Der deutliche partitive Genitiv in Phrasen wie etwas der Liebe oder viel der Hühner war seit dem Spätmittelhochdeutschen, wenn er ohne Artikel auftrat, im Femininum und im Plural nicht mehr eindeutig als Genitiv zu erkennen: etwas Liebe, viel Hühner. Diese Formen konnten dann auch als Nominativ aufgefasst werden. Davon ausgehend wurden dann auch ‚echte‘ Nominativ-Anschlüsse gebildet, wie etwas Brot (trotz eindeutigem mhd. etwaz (des) brôtes), oder es wurden auf der Basis dieser ‚Schein-Nominative‘ auch flektierte Formen in anderen Kasus gebildet, wie mit viel Hühnern. Auch bei den Adjektiven gibt es Umdeutungsmöglichkeiten, auf die P. Gallmanns Aussage vom „ursprünglichen Genitiv“ offenbar abzielt. Das Flexionsparadigma der Adjektive im Alt- und Mittelhochdeutschen zeigt im Genitiv Singular die Endung -es, im Genitiv Plural zunächst -ero, später dann aber -er.16 Dabei unterscheidet sich die Genitivendung zunächst lautlich von der Endung im Nominativ Singular Neutrum (ahd. -az, mhd. -ez), im 13. Jahrhundert fallen die s-Laute aber zusammen,17 so dass die Endungen lautlich übereinstimmen. Fasst man die bisher angeführten sprachhistorischen Befunde zusammen, so ergibt sich ein im Hinblick auf die Erklärung von jemand Neues / Neuer vielversprechendes Bild: Jemand und niemand werden in früheren Sprachstufen häufig mit dem Genitiv verbunden. Zum Neuhochdeutschen hin werden ältere Genitivanschlüsse oft umgedeutet, reanalysiert. Die mittelhochdeutschen Genitivendungen lauten -es im Singular und -er im Plural. 3.2. Unterschiedliche Erklärungsansätze der Forschungsliteratur zur Entstehung der heutigen Formen Die angeführten sprachhistorischen Befunde dürften die Basis für den ersten der im Folgenden angeführten Erklärungsansätze der Forschungsliteratur darstellen. Der Bearbeiter des Artikels niemand im Deutschen Wörterbuch, Matthias von Lexer, schreibt: besonders gerne steht aber in der alten sprache bei niemand (wie bei jemand) ein adjectivischer genitiv pluralis oder singularis […], welche genitivische fügung
_____________ 15 16 17
Vgl. Dal (1966, § 25, 25f.); Ebert / Reichmann / Solms / Wegera (1993, § S 35). Vgl. Paul (2007, § M 23). Vgl. ebd., § L 123.
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Ursula Götz
noch nhd. erhalten ist in verbindungen wie niemand guter, niemand fremder, niemand fremdes, niemand anders u.s.w.18
Diese Darstellung wirkt zunächst plausibel; es wäre nur noch zu klären, warum im Süden die Genitiv-Plural-Formen erhalten bzw. reanalysiert sind, im Norden dagegen die Genitiv-Singular-Formen. Zweifel an M. von Lexers Darstellung ergeben sich, wenn man seinen Wörterbuchartikel zu niemand mit dem zu jemand vergleicht, der von Moriz Heyne verfasst wurde. Auch hier findet sich eine Aussage zur Verbindung mit dem Genitiv: „besonders gern steht in der alten sprache der gen. plur. von adjectiven bei jemand.“19 M. von Lexer übernimmt M. Heynes Aussage wörtlich, ergänzt allerdings den „genitiv singularis“, was – als Erklärung für die modernen -es-Formen (jemand Gutes) – auch sehr gut passen würde. Überprüft man allerdings die Belege, die M. von Lexer bietet, dann finden sich keine Belege im Genitiv Singular wie iemen guotes oder ähnliche, sondern nur Belege im Genitiv Plural sowie ein Beleg für anders: besonders gerne steht aber in der alten sprache bei niemand (wie bei jemand) ein adjectivischer genitiv pluralis oder singularis (gramm. 4,456,739): ahd. nieman guotero. Notker ps. 80,8; nieman anderro. 21.12; mhd. nieman, niemen guoter. Walther 18,33. Wigal. 180,16; ander niemen. Nibel. 437,6. 1084,4; niemen anders Iwein 3223, 6237, welche genitivische fügung noch nhd. erhalten ist in verbindungen wie niemand guter, niemand fremder, niemand fremdes, niemand anders u.s.w.20
Auch die Überprüfung anderer Wörterbücher und Grammatiken sowie verschiedener alt- und mittelhochdeutscher Texte erbrachte fast nur Belege für den Genitiv Plural, und zwar sowohl bei den (seltenen) substantivierten Adjektiven als auch bei ander. (7)
hân ich getriuwer iemen, dine sól ich niht verdagen (Nibelungenlied 147,3)21
(8)
Vnde verzihen vns aller der gnaden / die wir haben an vnseren hantvestinon / von dem babiste oder von ieman anderer (Urkunde, Reichenau 5. November 1270)22
Daneben gibt es einige wenige Belege, in denen ander eine Flexionsendung zeigt, die mit dem Pronomen übereinstimmt. (9)
So uuer se sachun sinu [...] uuemo andremo uersellan uuilit [...] uuizzetathia sala ce gedune geulize. (Trierer Kapitulare)23
_____________ 18 19 20 21 22
1DWB
VII, Sp. 826. IV,II, Sp. 2302. 1DWB VII, Sp. 826. Dieser Beleg findet sich auch bei Paul (2007, § S 129) als Beispiel für Genitivanschluss nach ieman. CaOU, I, Nr. 145B (180, 26). 1DWB
Nominalphrasen mit jemand und niemand
145
Genitiv-Singular-Formen treten nicht auf, außer eben – und zwar recht häufig – anders. Insofern ist zu fragen, ob es sich hier wirklich um einen Genitiv Singular handelt. Zweifel an dieser Einordnung äußerte bereits Jacob Grimm. In der Deutschen Grammatik heißt es: Unschlüssig ist die beurtheilung des mhd. ander bei iemen, niemen und manec. […] wenn Reimar Ms. 1, 63b sagt: ‚und w#r ich ander iemen alsô unm#re manigen tac, dem h#t ich gelâzen den strît,‘ so kann hier ander nur gen. pl. sein, abhängig von dem dat. iemen. […] auch steht der sg. anders: ûf niemen anders Iw. 3223; nieman anders sach Iw. 6237, oder soll dies, wie im nhd. jemand anders, niemand anders, das adv. sein?24
J. Grimm schlägt also vor, anders in iemen anders und vergleichbaren Fügungen als Adverb zu klassifizieren. Adverbien, die insgesamt eine sehr heterogene Wortart bilden,25 werden insbesondere dazu verwendet, den Verbalvorgang semantisch zu modifizieren. (10) Wir müssen die Sache anders erklären. Entsprechende Verwendungen des Adverbs anders sind schon im Althochdeutschen belegt. (11) soso mir iz bi druncanheidi giburidi, soso mir iz anderes geburidi (Reichenauer Beichte)26
Dabei ist das Adverb anders historisch auf einen Genitiv Singular zurückzuführen,27 wie dies für eine ganze Reihe von Adverbien, etwa auch das neuhochdeutsche Temporaladverb morgens, gilt.28 Anhand des gegenwartssprachlichen Beispiels morgens kann auch die auf ein Substantiv bezogene, attributive Verwendung des Adverbs gezeigt werden. (12) Das Aufstehen morgens fällt mir schwer. Wenn nicht, wie im vorliegenden Beispiel, die Wortstellung eine entsprechende Einordnung nahelegt, bleibt häufig offen, ob das Adverb sich nur auf das Substantiv oder auf den ganzen Satz bezieht. (12a) Mir fällt das Aufstehen morgens schwer.
Solche Belege lassen sich auch in früheren Sprachstufen finden: _____________ 23 24 25 26 27 28
Von Steinmeyer (1916, 305, 7f.). Grimm (1999, 456). Vgl. Eisenberg (2006, 208). Von Steinmeyer (1916, 332, 31). Nach AWB (1968, I, Sp. 506f.) ist dies einer der ältesten Belege für das Adverb anders. Vgl. AWB (1968) I, Sp. 506); FWB, I, Sp. 1068. Vgl. Paul (2007, 231).
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Ursula Götz
(13) swes ieman anders phlac, diz enkam von ir herzen nie, unz man des andern nahtes gie slâfen nâch gewonheit. (Hartmann von Aue, Der arme Heinrich, V. 512) (14) Wann es mit der Religion hincken / vnnd auff faulen Beinen stehen wil / so hincken sie mit / vnd schwermen so waidlich / als jemandt anders schwermen kan. (G. Müller, Ein Christliche Predigt, Regensburg 1592, Bl. Cijr)
In derartigen Sätzen ist womöglich auch der Ursprung der adsubstantivischen Verwendung von anders im Alt- und Mittelhochdeutschen zu sehen. Formal ist nicht zu entscheiden, ob in Belegen wie iemen anders eine solche adsubstantivische Verwendung des Adverbs anders vorliegt oder ob anders hier ein adnominaler Genitiv ist, da das Adverb aus der Genitiv-SingularForm entstanden ist und formal völlig mit ihr übereinstimmt.29 Die Einordnung als Adverb trägt der Tatsache Rechnung, dass nach jemand und niemand normalerweise nur der Genitiv Plural auftritt, und zwar nicht nur von Substantiven30 und substantivierten Adjektiven, sondern auch von ander. Entsprechend wird anders in Fügungen wie jemand anders auch in der Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuchs oder im Wörterbuch der Mittelhochdeutschen Urkundensprache als Adverb eingeordnet.31 Im Hinblick auf die Vorgeschichte von jemand anders / jemand anderer und jemand Neues / jemand Neuer kann man also für eine erste Phase, die vom Althochdeutschen bis zum älteren Frühneuhochdeutschen gilt, Folgendes festhalten. Niemand und jemand verbinden sich entweder mit dem Genitiv Plural von ander oder einem substantivierten Adjektiv oder mit dem Adverb anders. Neben diesen beiden Haupttypen gibt es noch einige Belege mit kongruierendem ander, die allerdings zahlenmäßig nicht ins Gewicht fallen.
_____________ 29 30
31
Die formale Unterscheidung von Adverb anders und flektierter Adjektivform anderes bzw. andres erfolgt erst im 19. Jahrhundert. Vgl. 1DWB, I, Sp. 306, 311f. Das Wörterbuch der mittelhochdeutschen Urkundensprache enthält in den Artikeln etewer, ieman und nieman neben einer Vielzahl von pluralischen Belegen einen einzigen Beleg mit einem Substantiv im Genitiv Singular: „also, daz wir noch vnsers létes nieman noch enheiner vnser erben siv dar an vérbaz me besw(ren vñ geirren svln“ (WMU, II, 1309). Vgl. 2DWB, I, Sp. 809; WMU, II, 913 und 1309. Dagegen wird bei BMZ, I, 36, anders in niemen anders als „genit. des singul.“ klassifiziert.
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Nominalphrasen mit jemand und niemand
jemand / niemand + ander
substantiviertes Adjektiv
im Genitiv Plural
im Genitiv Plural
Adverb anders Übersicht 2: Anschlüsse von ander oder substantiviertem Adjektiv an jemand und niemand bis zum älteren Frühneuhochdeutschen
Dieser Befund gilt bis ins ältere Frühneuhochdeutsche. Ab dem 16. Jahrhundert tritt dann ein neuer Belegtyp auf. In Beispielen wie (15) zeigt das substantivierte Adjektiv nicht die Genitiv-Plural-Endung, sondern geht auf -s aus, im Beispiel also jemand Fremds. (15) VND Eleasar der Priester / nam die ehernen Pfannen [...] Zum Gedechtnis der kinder Jsrael / das nicht jemands frembds sich erzu mache (LutherBibel 1545, Num. 16, 40)32 Eine mögliche Erklärung für diese Formen auf -s liefert M. Heyne im Artikel jemand im Deutschen Wörterbuch. Zunächst weist er darauf hin, dass „in verbindungen wie jemand anders u. ähnl. […] das beiwort ursprünglich ebenfalls genitivisch zu nehmen“ sei, wodurch sich die unveränderte Form auch in den obliquen Kasus erkläre. Nachdem er einige Beispiele für niemen anders, jemanden anders u.Ä. angeführt hat, kommt M. Heyne auf Belege mit substantivierten Adjektiven zu sprechen. „aber man scheint doch frühe schon dieses anders als neutrum gefaszt zu haben [...], denn man bildete nun analog auch jemand vertrautes zu seiner lieb zu schicken“.33 M. Heyne geht nicht direkt auf die Frage ein, ob das „ursprünglich genitivische“ anders als Adverb oder als Genitiv Singular von adjektivischem ander zu klassifizieren ist. Allerdings nimmt er wohl eher letzteres an, weil damit die Uminterpretation der Endung -(e)s als neutrale Adjektivendung plausibler erscheint. Diese reanalysierte Endung wäre dann nach M. Heyne auch auf die Adjektive übertragen worden, so dass jemand Fremdes als Verbindung von jemand mit dem Nominativ Singular Neutrum des substantivierten Adjektivs zu klassifizieren wäre. _____________ 32 33
Die Luther-Bibel (2003, 606). IV, II, Sp. 2302f.
1DWB
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3.3. Alternativer Erklärungsvorschlag für jemand Fremdes Dem Ansatz von M. Heyne ist in vielen Punkten zuzustimmen, allerdings lassen sich die Adjektivformen auf -s auch ohne die Annahme einer Umdeutung von anders als Neutrum erklären. Grundsätzlich kann das Auftreten analoger Bildungen in diesem Bereich nicht erstaunen. Da der adnominale partitive Genitiv im 16. Jahrhundert stark zurückgeht, stehen die Genitiv-Plural-Formen für den Anschluss von ander oder ein substantiviertes Adjektiv an jemand oder niemand nicht mehr zur Verfügung. Während es bei ander aber eine nicht (mehr) genitivische Konstruktion als Alternative gibt, nämlich die Verbindung von jemand / niemand mit dem Adverb anders, fehlt eine solche Möglichkeit für die substantivierten Adjektive zunächst. Die Annahme M. Heynes, dass die neuen Adjektivkonstruktionen auf -s in Analogie zu den Formen jemand / niemand anders gebildet sind, scheint vor diesem Hintergrund absolut plausibel. Allerdings muss man nicht unbedingt davon ausgehen, dass die andersFormen als Neutra aufgefasst und dass nach diesem Vorbild neutrale Adjektivformen gebildet wurden. Ohne den Umweg einer Uminterpretierung der Adverbformen kommt man aus, wenn man annimmt, dass analog zu den unveränderten anders-Formen auf -s auch unveränderte Adjektivformen auf -s gebildet wurden. Dabei besteht der Unterschied zwischen unveränderten Formen und Neutrum-Formen nur an einer Stelle im Paradigma, nämlich im Dativ: Neutrum
Unverändert
Nom.
jemand Fremdes
jemand Fremdes
Dativ
mit jemand Fremdem
mit jemand Fremdes
Akk.
jemand Fremdes
jemand Fremdes
Übersicht 3: jemand + neutrales Adjektiv / jemand + unverändertes Adjektiv
Wenn also die Adjektivformen in Analogie zur Adverbform anders gebildet sind, müssten sich entsprechende Dativbelege auf -s nachweisen lassen. Im Hinblick darauf, dass die Verbindung von jemand / niemand + substantiviertes Adjektiv von vornherein kein allzu häufiges Phänomen darstellt und der Dativ im Vergleich zu Nominativ und Akkusativ grundsätzlich wesentlich seltener auftritt, ist hier allerdings nicht mit großen Belegmen-
Nominalphrasen mit jemand und niemand
149
gen zu rechnen. Immerhin finden sich aber doch einige einschlägige Beispiele. M. Heyne selbst führt einen Goethebeleg an: (16) Da ist ein Brief; er muß von jemand Hohes sein (J. W. v. Goethe, Die Mitschuldigen, I, 6)34 Auch das Schwäbische Wörterbuch weist entsprechende Dativformen auf: „Mod. stets n[iemand] -s: n[iemand] rechtes, braves, gutes, auch von, bei n[iemand] -s“.35 Schließlich erbringt eine einfache Internetsuche für die Gegenwartssprache zahlreiche Belege in informeller Schriftlichkeit, wie etwa Beleg (17): (17) Wem Fremdes bringt man aber nicht solch ein Vertrauen entgegen, den regulären Betrieb abzublocken.36
Natürlich wäre es wünschenswert, wenn sich eine größere Anzahl einschlägiger historischer Belege finden ließe. In jedem Fall spricht aber das Vorhandensein der anders nur schwer erklärbaren unveränderten Dativbelege für die hier vorgetragene These von der Bildung analoger unveränderter Adjektivformen nach dem Muster des Adverbs anders.37
_____________ 34
35 36
37
Vgl. von Goethe (1990, 38). Heyne, 1DWB IV, II, Sp. 2303, stellt diesen Vers als die Form der „erste[n] abfassung“ einer späteren Fassung „er muss von jemand hohem sein“ gegenüber. Die entsprechende Änderung lässt sich wohl auf Entwicklungen des 19. Jahrhunderts zurückführen, die unten (Abschnitt 4) angesprochen werden. Schwäbisches Wörterbuch (1904-1936, Sp. 2040). Online im Internet: http://www.nostria-saga.de/forumscroll/ [etc.] (Stand 20.04.2006). Auch in Duden. Richtiges und gutes Deutsch, 491 und 651, wird die Variante von jemand Fremdes, niemand Fremdes akzeptiert, allerdings werden keine Belege angeführt; die Form mit flektiertem Adjektiv (von jemand Fremdem) gilt aber als „verbreiteter“. Dass -s nicht als neutrale Endung aufgefasst wurde, legt auch der Befund des Niederdeutschen nahe, wo heute ebenfalls die Formen auf -s gelten, vgl. Lindow / Möhn / Niebaum / Stellmacher / Taubken / Wirrer (1998, 182), obwohl das Adjektiv im Neutrum, soweit es nicht endungslos ist, wegen der nicht durchgeführten zweiten Lautverschiebung hier auf -t ausgeht (191f.), so dass die Endungen von Genitiv Singular und Nominativ Neutrum also nie zusammengefallen waren. Kiefer (1910, 68) nimmt an, dass die Formen auf -s aus dem Süden übernommen wurden. Roehrs (2008, 3) sieht in der Endung des Adjektivs in Konstruktionen wie jemand Nettes ebenfalls keine neutrale Flexionsendung, sondern klassifiziert -s hier ebenso wie in Fällen wie etwas Schönes als „special -s“. Allerdings führt Roehrs dieses special -s nicht auf das Adverb anders zurück. Ander wird bei Roehrs immer nur als Adjektiv angesprochen, an keiner Stelle der Untersuchung wird das Adverb anders erwähnt; bei der Konstruktion jemand / niemand + ander nennt Roehrs nur die Varianten jemand anderer oder jemand anderes, nicht aber die Variante jemand anders.
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Ursula Götz
4. Ausblick: Zur Entstehung der regionalen Varianten
jemand Fremdes / jemand Fremder Die folgende Übersicht fasst die bisher besprochene Entwicklung noch einmal zusammen:
ander
I. Bis ca. 15. Jahrhundert jemand / niemand + substantiviertes Adjektiv
im Genitiv Plural
im Genitiv Plural
Adverb anders
ander
II. Ab ca. 16. Jahrhundert jemand / niemand + substantiviertes Adjektiv
Adverb anders
unverändert (auf -s)
Übersicht 4: Anschlüsse von ander oder substantiviertem Adjektiv an jemand und niemand vom Althochdeutschen bis zum 18. Jahrhundert
Das bis ins ältere Frühneuhochdeutsche gültige System, in dem nach jemand und niemand entweder das Adverb anders oder Genitiv Plural-Formen von ander und substantivierten Adjektiven auftreten, wird (nach einer gewissen Übergangszeit) im Laufe des 16. Jahrhunderts durch ein System ersetzt, in dem auf jemand und niemand nur mehr das Adverb anders oder analog dazu gebildete Adjektivformen auf -(e)s folgen. Dieses System gilt im Großen und Ganzen bis ins 18. Jahrhundert. Erst seit Ende des 18. Jahrhunderts treten – neben den unveränderten Formen – auch flektierte Belege auf, die als maskuline oder neutrale Formen von ander oder den substantivierten Adjektiven einzuordnen sind. Der Unterschied zwischen maskulinen und neutralen Formen besteht
Nominalphrasen mit jemand und niemand
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natürlich nur im Nominativ Singular, wo neutralem niemand anderes (18) maskulines niemand anderer (19) oder jemand Fremder (20)38 gegenübersteht. (18) Denn der Adam, um den es sich in dem Romane handelt, ist eben kein wirklicher Adam, sondern in jedem Sinn ein Kostüm-Adam und in Wahrheit niemand anderes als der Abbé Mouret selbst (Theodor Fontane, Graf Petöfy)39 (19) Zu meinem Erstaunen erblickte ich jetzt auch mitten im Wasser eine größere schwarze Gestalt, die niemand anderer als der arme Pfarrer im Kar war. (Adalbert Stifter, Bunte Steine)40
(20) und vielleicht rührte meine Schüchternheit als Knabe zum Teile daher, daß ich in große Verlegenheit geriet, sooft mich jemand Fremder ansprach (Franz Grillparzer, Selbstbiographie)41 Und die maskulinen Formen finden sich tatsächlich nur im Süden.42 Diese er-Formen können natürlich keine Fortsetzer der alten Genitiv-PluralFormen sein, da diese bereits im 16. Jahrhundert vollständig verschwunden waren. Es muss sich also um eine neuere Entwicklung handeln. Bei grammatischen Entwicklungen, die im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert auftreten, ist – stärker als in den vorangehenden Sprachstufen – mit einem Einfluss der normierenden Grammatikschreibung oder auch nur mit Standardisierungs- und Systematisierungsbestrebungen im Bereich der Schule oder der literarischen Öffentlichkeit zu rechnen.43 Dass die einschlägigen Standardisierungsbestrebungen im Süden des deutschen Sprachraums zu einem anderen Ergebnis führten als im Norden, lässt sich möglicherweise mit der Sprechereinstellung, und hier ganz besonders mit dem unterschiedlichen sprachlichen Selbstbewusstsein in Nord und Süd erklären. Im sprachlich selbstbewussten Norden nahm man die überkommenen unveränderten Formen so, wie sie waren. Im Rahmen der stärkeren grammatischen Systematisierung werden die formal an Neutra erinnernden Formen dann entsprechend flektiert, ohne dass die grammatische Korrektheit dieser Formen in Zweifel gezogen worden wäre. Der Süden war und ist dagegen mit einem sprachlichen Minderwer_____________ 38 39 40 41 42 43
Die Adjektivform auf -es (jemand Fremdes) kann als neutrale oder unveränderte Form aufgefasst werden. Bertram (2004, 27868). Ebd., 157470. Ebd., 62826. Daneben treten im Süden auch Formen auf -es auf. Vgl. die Belegzusammenstellung bei Ljungerud (1955, 191ff.). Vgl. von Polenz (1999, 229f.) und die entsprechenden Hinweise im Abschnitt „Entwicklungstendenzen der Standardsprache“, 338ff.
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tigkeitsgefühl behaftet. Hier verbindet sich das Streben nach grammatisch richtigen Formen mit dem Bewusstsein, dass die dialektal gebräuchlichen Formen meistens falsch sind. Insofern werden im Süden häufig maskuline Formen des substantivierten Adjektivs verwendet. Diese kongruieren mit dem Pronomen jemand und wirken insofern besonders korrekt,44 zudem unterscheiden sie sich stark von den dialektalen -s-Formen, was ebenfalls als Indiz für Standardsprachlichkeit gewertet wird.
5. Fazit Der Nachweis für die zuletzt vorgetragene These dürfte nicht ganz leicht zu führen sein, da ein vergleichsweise selten auftretendes Phänomen wie die Verbindung von jemand oder niemand mit substantiviertem Adjektiv oder ander in der einschlägigen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts wohl nicht allzu häufig thematisiert worden ist.45 In jedem Fall bleibt aber festzuhalten, dass es sich bei den Formen auf -er und -es (jemand Neuer / Neues bzw. anderer / anderes) nicht um Fortsetzer der alten Genitivformen handeln kann, sondern dass wesentlich differenziertere sprachgeschichtliche Entwicklungen vorliegen. Die regionalen Varianten der Standardsprache zeichnen sich also nicht nur durch eine besondere Stellung im Varietätengefüge der Gegenwartssprache aus, sie dürfen auch in sprachgeschichtlicher Hinsicht besonderes Interesse beanspruchen.
_____________ 44
45
Diese Auffassung wird offenbar nicht von allen Sprachbenutzern bzw. Sprachpflegern geteilt. Im Sprachratgeber des Dudenverlags jedenfalls wird die er-Form eindeutig abgelehnt: „Nicht standardsprachlich ist der Gebrauch des Maskulinums im Nominativ: Das ist jemand Fremder.“ Vgl. Duden (2007, 491). Bei einer ersten Überprüfung verschiedener Grammatiken und Wörterbücher des 18. und 19. Jahrhunderts (J. Chr. Adelung, C. F. Aichinger, H. Braun, J. Chr. Gottsched, J. S. V. Popowitsch) fanden sich einige Aussagen, die durchaus mit dem hier untersuchten Thema in Verbindung stehen. So lehnt J. Chr. Adelung Fügungen wie niemand Vornehmes ab und empfiehlt dafür die Formulierung kein Vornehmer, vgl. Adelung (1971, 691). Für eine umfassende Analyse der Herausbildung des Nebeneinanders jemand / niemand Fremder / Fremdes bzw. anderer / anderes reicht das Material bisher allerdings nicht.
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_____________ 46
Das Quellenverzeichnis enthält nur die Texte, aus denen Belege zitiert werden. Auf eine Nennung der für allgemeine Häufigkeitsangaben oder zur (erfolglosen) Ermittlung weiterer Belege geprüften Texte wird aus Raum- und sonstigen Praktikabilitätsgründen verzichtet.
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Nominalphrasen mit jemand und niemand
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Abkürzungsverzeichnis AWB
= Althochdeutsches Wörterbuch, aufgrund der v. Elias von Steinmeyer hinterlassenen Sammlungen bearb. u. hrsg. v. Elisabeth Karg-Gasterstädt / Theodor Frings / Rudolf Große, Leipzig 1968ff.
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BMZ
= Mittelhochdeutsches Wörterbuch, mit Benutzung des Nachlasses v. Georg Friedrich Benecke ausgearb. v. Wilhelm Müller / Friedrich Zarncke, IIII, Nachdruck d. Ausg. Leipzig 1854-1866, Stuttgart 1990.
CaOU
= Corpus der Altdeutschen Originalurkunden, begründet v. Friedrich Wilhelm, fortgeführt v. Richard Newald / Helmut de Boor / Diether Hacke / Bettina Kirschstein, Lahr, Berlin, 1932ff.
2DWB
= Deutsches Wörterbuch v. Jacob Grimm / Wilhelm Grimm, Neubearbeitung, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften / Göttinger Akademie der Wissenschaften (Hrsg.), Stuttgart, Leipzig 1965ff.
1DWB
= Deutsches Wörterbuch v. Jacob Grimm / Wilhelm Grimm, Nachdruck d. Ausg.Leipzig 1854-1971, München 1999.
FWB
= Frühneuhochdeutsches Wörterbuch, Robert Anderson / Ulrich Goebel / Oskar Reichmann (Hrsg.), Berlin, New York 1989ff.
WMU
= Wörterbuch der mittelhochdeutschen Urkundensprache auf der Grundlage des Corpus der altdeutschen Originalurkunden bis zum Jahr 1300, unter Leitung v. Bettina Kirschstein / Ursula Schulze erarb. v. Sibylle Ohly / Peter Schmitt, Berlin 1994ff.
Bedingungsstrukturen im Älteren Deutsch Rosemarie Lühr (Jena)
1. Einleitung Im Neuhochdeutschen gibt es bei den Konditionalsätzen zwei unterschiedliche Typen, der eine ist mit Konjunktion eingeleitet, der andere hat das finite Verb an erster Stelle: (1a) Wenn ich den Bus erwischt hätte, müsste ich nicht zwanzig Minuten warten. (1b) Hätte ich den Bus erwischt, müsste ich nicht zwanzig Minuten warten.1 Wenn man einen Sprecher des heutigen Deutsch fragt, wann er welchen der beiden Typen verwendet, bekommt man keine klare Antwort, da konditionale V1-Sätze in vielen Fällen mit den wenn-Sätzen funktionsgleich sind.2 Umso auffallender ist, dass es in den älteren Sprachstufen des Germanischen offenbar feste Regeln dafür gibt. Ein Beispiel ist die mittelalterliche Rechtsprosa. Wie Hans Ulrich Schmid3 nachgewiesen hat, wird in uneingeleiteten Konditionalsätzen ein rechtsrelevanter Sachverhalt genannt, wobei eine Handlungsfokussierung vorliegt. Dagegen werden in den mit ob 'wenn' eingeleiteten Konditionalsätzen einschränkende oder zusätzliche Bedingungen genannt. Voraus geht aber ein agensbezogener verallgemeinernder Relativsatz, ein sogenanntes Irrelevanzkonditionale:
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3
Gallmann (2005, 876). Vgl. König / Auwera (1988); Zifonun u.a. (1997, 2113 und 2349) interpretieren daher die konditionalen V1-Sätze analog zu den kanonischen wenn-Sätzen mit Verbendstellung als eingebettete Sätze, die das Vorfeld ihres deklarativen V2-Bezugssatzes (Apodosis) besetzen. Vgl. Schmid (2005, 360f.), anders Iatridou / Embick (1993).
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Rosemarie Lühr
(2)
Schwabenspiegel II 46,1 Swer sô werkit eynis anderen mannis lant unwizzende, wirt her dâ umme beschuldegit die wîle her iz eret, sîn arbeit virlûsit her dâ an, ob iz jene behalt Wer eines anderen Mannes Land unwissentlich bearbeitet [allgemeiner = konditionaler Relativsatz], wird er dessen angeklagt [uneingeleiteter Konditionalsatz], während er es pflügt, so verliert er den Ertrag daran, sofern jener es beansprucht [mit ob eingeleiteter Konditionalsatz im Sinne einer Zusatzbedingung].
Dass hier eine germanische juristische Fachsprachensyntax vorliegt, wurde auch in Lühr (2007) gezeigt: Die altfriesischen Rechtstexte haben ebenfalls derartige Abfolgen. Zur Interpretation habe ich aber die Informationsstruktur herangezogen, also die Gliederung nach Topik und Kommentar sowie Fokus und Hintergrund. •
Mit Konjunktion eingeleitete Bedingungssätze haben in den mit Irrelevanzkonditionalia beginnenden Textabschnitten eine besondere textstrukturelle Funktion: Sie lenken auf das Topik zurück oder führen ein neues Diskurstopik ein, wozu dann in der Apodosis neue Information hinzukommt. Geht ein Konditionalsatz mit Verbspitzenstellung einem solchen mit Konjunktion eingeleiteten Bedingungssatz voraus, so ist dieser enger an den vorausgehenden Text angeschlossen.4
(3)
Die gemeinfriesischen Siebzehn Küren 14 Thit is thiv fiuwertinde liodkest: sa hwersa en ungeroch kind ut of londe lat werth thruch sellonge tha thruch hirigongar, werth sin god ieftha sin erue urset tha urseld, jef thet kind to londe kumth and to sina liodon, mi hit thenne bikanna brother and swester and to nomande wet sine nesta friond and sinne feder and sine moder, mi hit sines eina erues enigene ekker bikanna, sa hach thet kind […] Dies ist die vierzehnte Volksküre: Wann auch immer ein unmündiges Kind aus dem Lande weggeführt wird durch Verkauf oder durch Heergang, wird sein Gut oder sein Grundbesitz (darauf) verpfändet oder verkauft, so soll, wenn das Kind (später wieder) ins Land zu seinen Leuten kommt und es dann Bruder und Schwester wiedererkennen kann und seine nächsten
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Nach Szadrowsky (1961, 117) ist jedoch die dritte Bedingung der zweiten deutlich untergeordnet.
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Verwandten und seinen Vater und seine Mutter zu nennen weiß und es irgendeinen Acker seiner Grundstücke erkennen kann, das Kind [...]5
Somit ergibt sich für das Altfriesische folgendes Schema: 1. Universales Irrelevanzkonditionale zur Einführung eines indefiniten Diskursreferenten oder zur Rahmensetzung in einem allgemeinen Rechtsfall. 2. Mit Verb eingeleiteter Konditionalsatz mit anaphorischer Referenz zur Bezeichnung einer Präzisierung des allgemeinen Falls. 3. Mit Konjunktion eingeleiteter Konditionalsatz mit anaphorischer Referenz oder einem neuen Diskursreferenten zur Rücklenkung oder Neuetablierung des Topiks.6 Zu überprüfen ist nun, ob derartige Regeln auch außerhalb der germanischen juristischen Fachsprache gelten. Dies scheint zumindest im Althochdeutschen nicht der Fall zu sein. So findet sich bei Dieter Wunder (1965, 165) zu den Konditionalsätzen bei Otfrid: „[...] im oba-Gefüge geht man vom Hauptsatz aus und gibt für diesen eine hypothetische Bedingung an; im konjunktionslosen Gefüge wird die Bedingung gesetzt und aus ihr ergibt sich der Sachverhalt des Hauptsatzes [...]“. Wunder nennt solche Bedingungssätze demgemäß setzende Bedingungssätze. Nach Richard Schrodt (2004, 156) bleibt jedoch „der funktionelle Unterschied zu vorangestellten oba-Sätzen [...] kaum nachvollziehbar, so dass eine eigene inhaltliche Kategorie nicht ausreichend begründet ist.“ Aber auch Schrodts These, bei vorangestellten konjunktionslosen Konditionalsätzen erscheine die Bedingung als eine vorausgesetzte Annahme, der Inhalt des anschließenden Hauptsatzes als Folge, hilft nicht viel weiter, da diese Beschreibung auch für konjunktionshaltige Konditionalsätze zutrifft.7 Versuchen wir daher in Anschluss an Schmids Beschreibung und die oben erwähnten Regeln, die Informationsstruktur zur Erklärung für den Wechsel der beiden Typen von Konditionalsätzen heranzuziehen. Bleibt man dabei wegen seiner weitgehenden Unabhängigkeit vom Latein bei Otfrids Evangelienbuch, so ist die These, dass konjunktionshaltige und konjunktionslose Konditionalsätze bei Otfrid eine irgendwie geartete voneinander verschiedene textstrukturelle Funktion haben. Um dieser Funktion näher zu kommen, ist _____________ 5 6
7
Buma / Ebel (1963, 38ff.). Szadrowsky (1961, 119) drückt dies folgendermaßen aus: „Man muss ganze Satzungen lesen, um zu prüfen, was die ungebrochene Wucht des Hauptsatzes bedeutet. Atem schöpft der Gesetzsprecher zu markigem Einsatz der Hauptsache.“ Nach Reis / Wöllstein (2007) ist hier zwischen semantisch independent (Ursache / Conditio) und semantisch dependent (Wirkung / Consequens) zu unterscheiden.
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die Textgestaltung des Evangelienbuchs zu berücksichtigen. Ein Strukturierungsmittel ist hier auf jeden Fall der Unterschied zwischen direkter Rede einerseits und Erzählung und Kommentar andererseits.8 Wir betrachten zuerst die direkte Rede und da den Redebeginn. Denn der Redebeginn markiert jeweils einen Neuansatz. Der Sprecher möchte, dass sich der Hörer auf ihn einstellt. Da hierbei perspicuitas 'Durchsichtigkeit' besonders wichtig ist, könnte der Sprecher auch zu Beginn von Reden syntaktische Strukturen in ihrer Grundfunktion verwenden, einfach um sicher zu gehen, dass der Hörer ihn versteht. Wir beschränken uns auf die vorausstehenden Konditionalsätze, weil diese insgesamt weitaus häufiger als die nachgestellten Konditionalsätze sind.
2. Konjunktionshaltige Konditionalsätze 2.1. Zu Beginn der direkten Rede Da fällt nun auf: Die vorangestellten, eine direkte Rede einleitenden Konditionalsätze sind bei Otfrid mit der Konjunktion ob oder oba 'wenn' eingeleitet:9 (4)
II 4, 53ff. Er ínan in thie wénti sazta in óbanenti, thar ríaf er ímo filu frúa thrato rúmana zúa: „Oba thu sís“, quad, „gótes sun, laz thih nídar hérasun in lúfte filu scóno, so scal sún frono. Er setzte ihn auf die Zinne auf die Spitze, da rief er ihm bald zu: „Wenn du“, sagte er, „Gottes Sohn bist, lass dich hier nieder in die Luft recht schön, wie es dem heiligen Sohn geziemt.“
In diesem wie in den folgenden Beispielen liegt eine kontextuell deutlich erschließbare Kontrastivität vor. Der Satan distanziert sich von dem, was _____________ 8 9
Vgl. dazu Lühr (2005, 177ff.). Einmal findet sich am Kapitelanfang oba. Auch hier erscheint ein impliziter Kontrast: Ich widme dieses Buch, nachdem ich es vollendet habe, den St. Gallener Mönchen Hartmut und Werinbert. Dennoch ist es möglich, dass ich einige Textstellen falsch gedeutet habe. Hartmuat 1ff.: Oba íh thero búacho gúati hiar iawiht missikérti, gikrúmpti thero rédino thero quít ther evangélio: Thuruh Krístes kruzi bimíde ih hiar thaz wízi, thuruh sína gibúrt; Wenn ich (aber) etwas aus den heiligen Büchern falsch erklärt habe, habe ich den Sinn, den das Evangelium aussagt, verdreht, so möge ich durch Christi Kreuz, durch seine Heilsgeburt hier der Züchtigung entgehen.
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Jesus gesagt hat: Wenn du tatsächlich, d.h. anders als ich annehme, Gottes Sohn bist. Ähnlich auch in der Anrede des einen Räubers am Kreuz: (5)
IV 31,1ff. Thero scáchoro (ih sagen thir) éin, want er hángeta untar zuéin, deta ímo, so man wízzi, thia selbun ítwizzi. „Oba thu Kríst“, quad er, „bíst, hílf thir, nu thir thúrft ist; joh dúa thar thina gúati, hilf úns ouh hiar in nóti!“ Der eine von den Räubern (ich sage dir), denn er hing zwischen zweien, trieb mit ihm, wie man weiß, eben jenes Gespött. „Wenn du der Geweihte bist, hilf dir, wenn du es nötig hast; ja zeige deine Göttlichkeit, hilf auch uns hier in der Not.“
Wenn du wirklich, d.h. wenn du aber, anders als ich annehme, der Geweihte bist. In der Tat enthält der redeeinleitende wenn-Satz gegebenenfalls ein Wort wie aber. Vgl. mit Bezug auf Johannes: (6)
I 27,23ff. fragetun s3+ ávur thuruh nót, so man in héime gibot: „Oba thu Helías avur bíst, ther uns kúnftiger ist, thaz gizéli thI uns nu sár, thaz wír iz avur ságen thar.“ Sie fragten aber voll Ungestüm, wie man ihnen zu Hause auftrug: „Wenn du aber Elias bist, der zu uns kommen wird, das sage uns nun sofort, damit wir es dort wiederum sagen.“
Das Subjekt ist in diesen Sätzen das Personalpronomen du, dem die Kopula und ein Prädikatsnomen folgen. Das Prädikatsnomen trägt dabei sicher einen Kontrastakzent. Es handelt sich um eine implizite Korrektur mit einem Kontrastfokus: Wenn du aber Elias (und nicht Christus) bist (vgl. auch (13)). Nun noch zu dem Wort aber. Für die Bedeutungsanalyse des Wortes aber passt von den vielen Vorschlägen der von Ewald Lang10 am ehesten für unsere Deutung der oba-Sätze. Nach Lang ist aber Indikator einer Behauptung entgegen anders liegender Erwartung. •
Es gilt: Satz S1 aber S2: S1 wird behauptet und dann S2, und zwar auf dem Hintergrund, dass S1 Neg-S2 erwartet lässt. Die Satzbedeutung SB1 zieht normalerweise SB3 nach sich, die Negation von SB2.
_____________ 10
Lang (1977, 170). Vgl. aber Brauße (1982, 11).
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(7a) Renate ist krank, S1
aber sie arbeitet. S2
(7b) Renate ist krank,
und sie arbeitet nicht. S3
Der Auffassung Langs zufolge steht dabei S[atz]B[edeutung]3 der SB1 näher als der SB2, da SB3 eine implizite Folgerung aus SB1 ist. SB2 ist mit SB3 unverträglich. Verbindet man nun dieses Schema mit einer impliziten Korrektur, ergibt sich folgende semantische Struktur: (7c) Renate ist krank; es ist aber nicht der Fall, dass sie, wie man erwarten würde, nicht arbeitet, sondern sie arbeitet. 2.2. Innerhalb der direkten Rede Kehren wir nun zu Otfrid zurück, so kommt auch innerhalb der direkten Rede die Verbindung ob avur vor: (8)
IV 21,15ff. Ther líut ther thih mír irgab, zálta in thih then rúagstab; thie selbun záltun alle mír thesa béldi fona thír. Ob ávur thaz so wár ist, thaz thu iro kúning nu ni bíst: bi híu ist thaz sie thih námun, sus háftan mir irgábun? Die Menge, die dich mir überhab, erhob gegen dich Anklage; sie nannten mir alle diese Kühnheiten von dir. Wenn aber das so wahr ist, dass du ihr König nun nicht bist, wie kommt es, dass sie dich gefangen nahmen, (dich) mir so gefesselt übergaben?
Auch hier lässt sich eine implizite Korrektur annehmen: Wenn das aber wahr (und nicht falsch) ist. Vgl. auch: (9)
III 3,23ff. Er wolta sínes thankes wíson thar thes scálkes; zemo súne, sih nu zálta, giládoter ni wólta. Ob únsih avur ladot héim man ármer thehéin, thuruh úbarmuati in wár so suíllit uns thaz múat sar; Freiwillig nämlich wollte er dort jenen Diener besuchen, zum Sohn, wie ich nun erzählte, da wollte er nicht eingeladen sein. Wenn uns hingegen irgendein armer Mensch einlädt, schwillt uns wahrlich aus Hochmut alsbald das Herz.
Gemeint ist: Wenn uns aber irgendein armer Mensch (und nicht ein reicher) einlädt.
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Wie am Redenanfang kann auch in der Rede das Wörtchen avur fehlen. Dennoch wird ein Gegensatz ausgedrückt; vgl. die Übersetzung von Kelle: (10) I 19,25ff. Thia gilóub%, ih sagen thir wár, thia láz ih themo iz lísit thar; ni scríbI ih hiar in úrheiz thaz ih giwísso ni weiz. Ob ih giwísso iz wésti, ih scríbi iz hiar in fésti; thoh mag man wízan thiu jár, wío man siu zélit thar. Den Glauben, ich sage dir es aufrichtig, den gebe ich jedermann, der dieses liest, hier völlig frei; Ich schreibe ja nicht in Schwärmerei, was ich nicht völlig sicher weiß. Doch wüsste ich es für gewiss, so machte ich es hier bekannt. Doch wissen mag man immerhin, wie man die Jahre dort zählt.
Vgl. wieder mit impliziter Korrektur: Wenn ich es für gewiss (und nicht für ungewiss) wüsste. 2.3. In Anreden an den Leser Implizite Kontraste in konjunktionshaltigen Konditionalsätzen findet man des Weiteren in Anreden an den Leser: (11) III, 20, 135ff. Wir wizun álle thaz gimáh thaz got zi Móysese sprah, joh ougt er ímo follon then sinan múatwillon. Wanana thérer avur íst, thes wíht uns sar io kúnd nist; ni wízun wir in wára sínes selbes fúara.“ Oba thu scówost thaz múat, thánne nist thaz wórt guat, wanta wántun harto thés thaz síe mo batin úbiles. Wir kennen alle die Tatsache, dass Gott zu Moses sprach, und er hat ihm ganz und gar seinen Willen offenbart. Von wann aber dieser ist, das ist uns völlig unbekannt; wir kennen in Wahrheit seinen Verlauf nicht. Wenn du (aber) auf ihren Willen schaust, so war der Ausspruch nicht gut, sie glaubten nämlich, dass sie den Blindgeborenen verfluchten, wenn sie ihm zuriefen.
Wenn du aber ihren Willen (und nicht nur ihre Worte) betrachtest.
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Umfangreicher ist die Paraphrase für (12): (12) Hartmuot 103ff. Thó sie thaz gifrúmitun, thie júngoron firjágotun: so war sunna líoht leitit so wúrtun sie zispréitit. Óba thu es bigínnis, in búachon thu iz fíndis, thaz wír nu niazen thráto thero drúhtines drúto. Nachdem sie (die Juden) dieses ausgeführt hatten, vertrieben sie die Jünger: soweit die Sonne ihr Licht verbreitet, wurden sie zerstreut. Wenn du dich (aber) darum bemühst, findet du es in der Bibel, was wir uns nun eifrig zu Nutzen machen sollen in Bezug auf die Freunde Gottes.
Wenn du dich aber darum bemühst und die Sache nicht aufgibst, weil sie zu aufwendig ist. 2.4. In Kommentaren Den gleichen implizite Kontraste betreffenden Sprachgebrauch findet man in Kommentaren: (13) II 4, 69 Ním nu gouma hárto thes sátanases wórto, wialicha únredina er zi ímo sprah hiar óbana. Ob er spráchi ubar ál, so man zi gótes sune skál, spráchi thanne in thésa wis, thaz wári so gizámlih: „Oba thu sis gótes sun, far thanne héimortsun hina ubar hímil% alle; so irkénnit man thih thánne.“ Richte nun deine Aufmerksamkeit auf des Satans Worte, welche Ungereimtheit er zu ihm hier oben sprach. Wenn er (aber) überall gesprochen hätte, wie man zu Gottes Sohn (sprechen) soll, hätte er dann folgendermaßen gesprochen, das wäre geziemend gewesen: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann begib dich nach Hause, hin über den Himmel; so erkennt man dich dann.“ (Zum zweiten oba-Satz vgl. (4), (5), (6).)
Wenn er aber überall gesprochen hätte, wie man zu Gottes Sohn (sprechen) soll und nicht so, wie er es in Wirklichkeit getan hat. Es lässt sich somit festhalten: Mit Konjunktion eingeleitete, vorausstehende Konditionalsätze haben bei Otfrid eine klare Funktion: Zu Beginn von Reden, also an einer Stelle, wo man Deutlichkeit in besonderem Maße erwartet, aber auch in Anreden an den Leser und in Kommentaren, also alles Textpartien, die klar an einen Hörer oder Leser appellieren, drücken mit oba eingeleitete Konditionalsätze aus, dass der Sprecher eine Bedingung formuliert, die
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zu anderen als den erwarteten Folgehandlungen oder zu einer Revision von bisherigen Annahmen führt. Diese Umkehrung kommt dadurch zustande, dass diese Konditionalsätze Kontrastfoki enthalten, die implizite Korrekturen auslösen.
3. Gegenbeispiele Nachdem dieser Befund eindeutig zu sein scheint, müssen auch vermeintliche Gegenbeispiele betrachtet werden. Dabei möchte ich ausdrücklich nicht von Reimzwang sprechen; denn ein so sprachgewaltiger Autor wie Otfrid hätte sicher die Reime so gebildet, dass sie den Sprachregeln entsprechen. Nun findet sich in der Redeeinleitung folgender Satz mit Verberststellung, der von Behaghel11 als Konditionalsatz aufgefasst wird. Da aber redeeinleitende Konjunktionalsätze bei Otfrid eine Konjunktion haben12, muss (14) eine andere syntaktische Struktur haben: Es handelt sich um keinen Konditionalsatz, sondern um eine Frage: (14) I 27, 13ff. Sie thaz árunti giríatun joh iro fért3 iltun. tho spráchun sie bi hérton sus thésen worton: „Bistu Kríst guato? ság+ uns iz gimúato, tház wir hiar ni duéllen, thaz árunti ni mérren.“ _____________ 11 12
Behaghel (1928, 636). Eine weitere Ausnahme gibt es. Marthas Worte in einer Anrede an den Herrn, in der nach einem Vokativ ein Konditionalsatz mit Verberststellung folgt, werden einige Verse später mit der umgekehrten Reihenfolge ‚Konditionalsatz mit Verberststellung – Vokativ‘ wiederholt: (a) III 24, 11ff.: Mártha sih tho kúmta, so si zi Kríste giilta, sérlichero wórto; sia rúartaz filu hárto. „Drúhtin“, quad si, „quamist thu ér, wir ni thúltin thiz sér; ginádaz thin ni hángti thaz tód uns sus io giángti; Martha klagte da, als sie zu Christus eilte, mit Worten voller Schmerz; sie war sehr bewegt. „Herr“, sprach sie, „wärest du früher gekommen, wir würden nicht diesen Schmerz erleiden“. (b) III 24,50: (irbéit si thes er kúmo); joh sprah zi drúhtine thó: „Wárist thu híar, druhtin Kríst, ni thúltin wír nu thesa quíst; ther brúader min nu lébeti, joh ih thiz léid ni habeti!“ Kaum konnte sie es erwarten; und sie sprach da zu dem Herrn: „Wärst du hier gewesen, Herr, wir duldeten nicht diese Qual; mein Bruder würde noch leben; und ich hätte dieses Leid nicht!“. (b) ist hier aber offensichtlich (a) nachgebildet.
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Sie beratschlagten diese Botschaft und beschleunigten ihre Fahrt. Da sprachen sie wechselweise mit diesen Worten so: „Bist du der heilige Christ? Sage es uns aus dem Grunde deines Herzens, damit wir hier nicht verweilen, die Nachricht nicht verzögern.“
Anders liegt der Fall in (15). In der direkten Rede wird einmal ein redeeinleitender konjunktionshaltiger Konditionalsatz durch einen konjunktionslosen Konditionalsatz fortgeführt: (15) IV 19, 17ff. Mit wángon tho bifílten bigán er ántwurten, mánota sie thes náhtes thes wízzodes réhtes: „Ob íh hiar úbilo gispráh, zéli thu thaz úngimáh; spráh ih avur alawár, ziu fíllist thu mih thanne sár?“ Nachdem er auf die Wangen geschlagen worden war, begann er zu antworten, er erinnerte sie an das rechte Gebot. „Wenn ich hier unrichtig sprach, so nenne du das, was sich nicht gehört; sprach ich aber wahr, warum schlägst du mich dann gleich?“
Wie in den vorher besprochenen Beispielen kommt auch in (15) klar ein Kontrast zum Ausdruck, diesmal aber ein explizit ausgedrückter: unrichtig und wahr bilden Kontrastfoki, wie auch das Wörtchen aber bezeichnet. Nur noch einmal erscheint bei Otfrid in einem konjunktionslosen Konditionalsatz das Wörtchen aber: (16) III 18, 45f. Íh irkennu inan ío; spríchu ih avur álleswio, bin ih thanne in lúginon, gilicher íuen redinon; Ich aber kenne ihn jeder Zeit, und spräche ich es aber anders aus, bin ich dann ein Lügner, ganz ähnlich euerm Lügenwort.
Vergleicht man nun diese beiden Textstellen, so erscheint jedes Mal das Wort sprechen, bezogen auf eine vorausgehende Sprachhandlung. In (15) wird sogar im konjunktionslosen Nebensatz das Verb sprechen vom konjunktionshaltigen ersten Nebensatzteil übernommen, d.h. gegebenes Material wird wieder aufgenommen, wodurch die beiden Teilsätze eng verbunden sind. Daher kann man folgende Regel für die konjunktionslosen Konditionalsätze in (15) und (16) formulieren: Bei besonders engem An-
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schluss an den vorausgehenden Text können auch konjunktionslose Konditionalsätze einen Kontrast ausdrücken.13
4. Konjunktionslose Konditionalsätze Dass aber der enge Anschluss an den vorausgehenden Text tatsächlich ein Merkmal der konjunktionslosen Konditionalsätze ist, soll nun gezeigt werden. Konjunktionslose Konditionalsätze bezeichnen bei Otfrid oftmals einen Einzelfall,14 dem die Bezeichnung eines allgemeinen geltenden Sachverhalts vorausgeht. Einige wenige Beispiele genügen: (17) L 23ff. Riat gót imo ofto in nótin, in suaren árabeitin; gigiang er in zála wergin thár: druhtin hálf imo sár In nótlichen wérkon, thes scal er góte thankon; Gott stand ihm oft in Gefahr und in schwerer Mühsal bei; kam er irgendwo in Not, der Herr half ihm sofort bei schwierigen Werken: dafür soll er Gott danken.
_____________ 13
14
Ein enger Anschluss des zweiten Teils eines Konditionalsatzes begegnet auch in folgendem Beispiel. Der Sinn ist hier aber konzessiv. Hinzu kommt die Topikalisierung einer NP (mit suórgon): III 18, 37 Er gáb in thes mit thúlti suazaz ántwurti, ríhta sies in war mín, thoh wíht sies ni firnámin: „Óba ih mih mit rúachon biginnu éino gúallichon, mit suórgon dúan ouh thanne tház, thaz ist niwíht allaz.“ Geduldig gab er ihnen darauf die Antwort voller Süßigkeit; er klärte sie hierüber auf, obwohl sie es nicht verstanden. „Wenn ich es versuchen wollte, mich allein zu verherrlichen, mit Sorgfalt täte ich auch das, das ist alles nichts.“ Eine andere Funktion ist die des konjunktionslosen Temporalsatzes: I 1, 21ff.: joh mézent sie thie fúazi, thie léngi joh thie kúrti, theiz gilústlichaz wúrti. Éigun sie iz bithénkit, thaz síllaba in ni wénkit, sies álleswio ni rúachent, ni so thie fúazi suachent; Was sie schaffen, ist erfüllt von süßem Wohllaut; sie messen die Versfüße, nach Länge und Kürze, damit es Wohlgefallen errege. Haben sie geprüft, ob nicht eine Silbe gegen die Ordnung verstößt, dann gilt ihr Hauptaugenmerk der Füllung der Versfüße. (VollmannProfe 1976, 81).
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(18) I 5, 53ff. Nist in érdriche thár er imB ío instríche, noh wínkil untar hímile thár er sih ginérie. Flíuhit er in then sé, thar gidúat er 3mo wé, gidúat er imo frémidi thaz hoha hímilrichi. Auf der Erde gibt es keinen Ort, wohin er [der Satan] vor ihm entfliehen und unter dem Himmel keinen Winkel, wo er sich in Sicherheit bringen könnte. Und stürzt er sich flüchtend ins Meer, so erreicht ihn seine Strafe selbst dort, und das hohe Himmelreich verschließt er vor ihm.15
Vor Gott kann der Satan nicht fliehen. Flüchtet er ins Meer, wird er auch dort bestraft. Ähnlich in (19): (19) I 15, 41ff. Óffan duat er tháre thaz wir nu hélen híare; ist iz úbil odowar: unforhólan ist iz thár. Offenkundig macht er da, was wir hier nun verhehlen. Ist es etwa böse, ist es da nicht verborgen.
Die Menschen können Gott nichts verbergen. Ist es etwas Böses, wird es auch offenkundig. In allen diesen Fällen kann man die Bezeichnung des Einzelfalls mit z.B. anschließen: (20) V 1, 27ff. Mit thíu ist thar bizéinit, theiz ímo ist al giméinit in érdu joh in hímile inti in ábgrunte ouh hiar nídare. Bi thiu níst in themo bóume thaz mánnilih gilóube, thes fríuntilih giwís si, thaz thar úbbiges si. Leg iz nídarhaldaz – iz zeigot ímo iz allaz, fíar hálbun umbiríng állan thesan wóroltring; Damit ist dort gemeint, dass es alles ihm gegeben ist auf Erden und im Himmel und selbst im Abgrund unten dort. Darum ist nichts an diesem Baum, das glaube jeder, davon sei jeder überzeugt, was da bedeutungslos ist. Leg du es [das Kreuz] [z.B.] wagrecht hin, so weist es ihm alles zu, was nach vier Seiten ringsherum ist, diesen ganzen Weltenkreis.
Auch in Gleichnissen – das sind Textpartien, die auf besondere Beispiele Bezug nehmen – werden konjunktionslose Konditionalsätze verwendet. Z.B. _____________ 15
Ebd., 193.
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betrachtet Otfrid die steinernen Gefäße, die bei der Hochzeit von Kana verwendet werden, als gleichnishaft für die leeren Herzen der Diener Gottes, die wie die Krüge durch Wasser erst durch die Heilige Schrift und geistlichen Wein gefüllt werden: (21) II 9, 21ff. Séhsu sint thero fázzo, tház thu es weses wízo, thaz wórolt ist gidéilit, in séhsu giméinit. Irsúachist thu thiu wúntar inti ellu wóroltaltar, erzélist thu ouh thia gúati, waz íagilicher dáti: Tharana maht thu irthénken, mit brúnnen thih gidrénken, gifréwen ouh thie thíne mit géistlichemo wíne. Sechs sind der Krüge, damit du es genau wissest, die Welt ist geteilt, in sechs Elemente festgesetzt. Durchsuchst du [z.B.] die Wunder und alle Weltalter, gehst du auch das Edle durch, was hier jeder getan hat, so sollst du daran denken, dich mit Wasser zu erfrischen, zu erfreuen auch die deinen mit geistlichem Wein.
Ebenso wie die Krüge mit Wein gefüllt sind, sollen sich also die Menschen mit göttlichem Wein erfrischen; und die Bezeichnung eines konkreten Einzelfalls wird hier wieder durch konjunktionslose Konditionalsätze eingeleitet. Sucht man nun auch diesen Gebrauch informationsstrukturell zu beschreiben, so bieten sich hier die Diskursrelationen von Asher / Lascarides (2003)16 an: Es handelt sich um die Relation Elaboration. •
Elaboration (α, β) liegt dann vor, wenn β weitere Information zu dem in α genannten Ereignis bereitstellt. Dabei herrscht zwischen den zwei Ereignissen eine temporale Inklusion, und Diskursmarker sind Wörter wie zum Beispiel.
Genau diese Diskursmerkmale sind in den Belegen (18) bis (21) gegeben. Hinzu kommt aber noch Folgendes: Die Diskursrelation Elaboration ist eine unterordnende Relation;17 d.h. dadurch findet eine enge Verknüpfung mit dem vorausgehenden Satz statt. Überlegt man sich, ob in solchen Fällen eher ein konjunktionshaltiger oder ein konjunktionsloser Konditionalsatz mit Verberststellung diese Verknüpfung signalisiert, so ist es sicher
_____________ 16 17
Vgl. auch Reese u.a. (2007). Jedenfalls haben die altgermanischen konditionalen V1-Sätze keinen narrativen Charakter. In diesem Punkt stimmen sie mit den neuhochdeutschen überein (vgl. Reis / Wöllstein 2007).
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der konjunktionslose Konditionalsatz. Wie in vielen anderen Sprachen auch steht hier Verberststellung für engen Anschluss an den Vordersatz. 18
5. Fazit Für die untersuchten konjunktionshaltigen und konjunktionslosen Konditionalsätze hat sich folgende Verteilung ergeben: Von diesen beiden Arten erscheinen zu Redebeginn, also wenn der Sprecher neu ansetzt und sich klar ausdrücken sollte, in der Regel konjunktionshaltige Konditionalsätze. Sie bezeichnen implizite Korrekturen mit Kontrastfoki und weisen bestimmte Erwartungen hinsichtlich Folgehandlungen oder mögliche Annahmen zurück. Auch innerhalb von direkten Reden, in Anreden an den Leser und in Kommentaren, Textpartien mit einer besonderen Appellfunktion, konnte diese Informationsstruktur bei den konjunktionalhaltigen Konditionalsätzen aufgezeigt werden. Dagegen dienen uneingeleitete Konditionalsätze der Bezeichnung von Einzelfällen und führen einen allgemeinen Fall weiter aus; sie sind mit z.B. anschließbar, und es herrscht die subordinierende Diskursrelation Elaboration. 19 Wie lässt sich nun aber dieser Befund mit dem der mittelhochdeutschen und altfriesischen Rechtssprache vereinen? Die Nennung eines rechtsrelevanten Sachverhalts weist auf den Einzelfall und zeigt durch die Verberststellung im Konditionalsatz wie bei Otfrid einen engeren Anschluss an das Vorhergehende. Dagegen passt die Einschränkungsfunktion der mit ob 'wenn' eingeleiteten Konditionalsätze in den Rechtstexten zum Ausdruck von impliziten Kontrasten in den konjunktionshaltigen Konditionalsätzen bei Otfrid. Denn durch solche Konditionalsätze kommen zusätzliche Bedingungen ins Spiel. Es scheint also, als ob die konjunktionshaltigen und konjunktionslosen Konditionalsätze bei Otfrid der allgemein im Germanischen bei diesen Sätzen geltenden Informationsstrukturierung entsprechen. 20
_____________ 18 19
20
Vgl. etwa das Altgriechische; vgl. Bornemann / Risch (1973). Vgl. Günthner (1999, 220), die in konditionalen V1-Sätzen eine mögliche Thematisierungsstrategie sieht. Es ist zu prüfen, ob sich die konditionalen V1-Gefüge hinsichtlich Fokussierung wie parataktische Gefüge verhalten. So nimmt Reis (2000, 217) hier zwei FokusHintergrund-Gliederungen an. Zur Entwicklung der linksperipheren eingeleiteten Adverbialsätze zu Gliedsätzen vgl. Axel (2002) und (2007, 227ff.).
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Funktionale Textbausteine in der historischen Textlinguistik Eine Schnittstelle zwischen der Handlungsstruktur und der syntaktischen Organisation von Texten∗
Thomas Gloning (Gießen) Denk an die Werkzeuge in einem Werkzeugkasten: es ist da ein Hammer, eine Zange, eine Säge, ein Schraubenzieher, ein Maßstab, ein Leimtopf, Leim, Nägel und Schrauben. – So verschieden die Funktionen dieser Gegenstände, so verschieden sind die Funktionen der Wörter. (Und es gibt Ähnlichkeiten hier und dort.) (L. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, § 11)
1. Ausgangspunkt: Umrisse einer funktionalen, historischen Texttheorie In diesem Beitrag stelle ich Überlegungen an, wie man die funktionalen Aspekte historischer Texte mit der Frage nach ihrer syntaktischen Gestaltung verbinden kann. Ein Anknüpfungspunkt dafür sind sog. funktionale Textbausteine mit ihren mehr oder weniger typischen syntaktischen Realisierungsformen. Der Rahmen für diese Überlegungen ist eine funktionale und evolutionäre Textauffassung, die ich im Folgenden kurz skizziere. Texte kann man einer verbreiteten Auffassung zufolge betrachten als Werkzeuge der Kommunikation, als Mittel zur Lösung kommunikativer Aufgaben.1 Ein Kochrezept ist in dieser Perspektive ein Werkzeug, um eine kulinarische Zubereitungsweise zu beschreiben, ältere medizinische Rezepte dienen dazu, die Zubereitung und Anwendungsweise eines Heilmittels zu charakterisieren. Pflanzenmonographien in Kräuterbüchern werden verwendet, um medizinische und zum Teil auch botanische Eigen_____________ ∗ 1
Für Hinweise und Unterstützung danke ich Gerd Fritz, Anita Langenhorst, Hsin-Yi Cheng, Kerstin Vieritz, Kristina Schneider, Bastian Schmidt und Marc Kuse sehr herzlich. Vgl. Strecker (1986), (1994); Fritz (1993); IDS-Grammatik (1997). In vielen zeitgenössischen Textlinguistik-Konzeptionen ist auch die Frage nach den grammatisch-syntaktischen Mitteln integriert. Für kommunikationsbezogene und grammatische Aspekte in der historischen Textlinguistik vgl. zum Beispiel Grund (2003); Ziegler (2003); Schuster (2004).
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schaften von Kräutern zu beschreiben, mit Zeitungsmeldungen kann man über aktuelle Ereignisse informieren. Texte sind manchmal auch Mehrzweckwerkzeuge, mit denen unterschiedliche Funktionen gleichzeitig realisiert werden können. So dienen Theaterkritiken in vielen Fällen dazu, über unterschiedliche thematische Aspekte von Aufführungen zu informieren, sie unter bestimmten Gesichtspunkten zu beurteilen und für die Leser Handlungsorientierungen zu geben. Wer sich heute daran macht, ein Kochrezept, eine Theaterkritik oder eine Zeitungsmeldung zu schreiben, kann sich einerseits auf etablierte Lösungsverfahren stützen, er oder sie kann aber auch kreative und neuartige textuelle Lösungen anwenden. Die in einer Sprach- und Kommunikationsgemeinschaft mehr oder weniger stark etablierten textuellen Lösungsverfahren kann man als Texttypen betrachten. Texttypen sind etablierte Lösungsmuster für wiederkehrende textuelle Aufgaben, man kann sie ansehen als mehr oder weniger stark verfestigte Traditionen des sprachlichen Handelns mit Texten. Es gehört zum Wesen von Traditionen, dass sie nur im Handeln selbst laufend aktualisiert und dabei stabilisiert oder verändert werden − und sei es nur geringfügig und in kleinen Schritten. Bei der Beschreibung von Texttypen bzw. von textuellen Mustern und ihrer Entwicklung kann man eine Reihe von grundlegenden Parametern der Textorganisation nutzen, durch die Texttypen charakterisiert sind. Diese Parameter sind gleichzeitig Aspekte der Textorganisation und auch Aspekte möglicher Veränderungen bzw. möglicher historischer Verfestigungen. Die im Folgenden genannten Aspekte hängen teilweise auch untereinander zusammen. Zu den grundlegenden Parametern der Textorganisation gehören in erster Linie: 1. der Zweck / die Funktion von Texten eines Typs; 2. typische sprachliche Handlungen (Züge), die mit Textteilen realisiert werden, und ihre Abfolge; 3. Themen, Teilthemen, Formen der Themenentfaltung und des Themenmanagements; 4. Äußerungsformen (im Hinblick auf Lexik und Syntax), Formulierungs- und Vertextungsstrategien; 5. Kommunikationsprinzipien (zum Beispiel Verständlichkeit, Originalität, Aktualität, Informativität); 6. Handlungsbedingungen (zum Beispiel Personenkonstellation, Wissen); 7. Aufmachungsformen, zum Beispiel formale Textbausteine;
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8. Aspekte der Einbettung in die weiteren Zusammenhänge einer Lebensform. Historische Texttypen, wie sie zu einem bestimmten Zeitschnitt belegt sind, kann man betrachten als eine jeweils spezifische Ausprägung von Konstellationen dieser Parameter. Ein Texttyp verändert sich, wenn sich mindestens einer der Parameter in seiner typischen Belegung dauerhaft verändert. Will man in dieser Perspektive einen historischen Texttyp zu einem bestimmten Zeitpunkt beschreiben, kann oder muss man die typische Belegung dieser Parameter, aber auch ihre Realisierungsspielräume und ihr Zusammenwirken beschreiben.2 Die Variation und die Spielräume bei der Belegung der Parameter gehören mit zur Tradition. Will man Texttypen-Dynamik, also die Entwicklung und möglicherweise die Veränderung eines historischen Texttyps beschreiben, muss man die Entwicklungen in den gerade genannten Parametern, in ihren veränderten Spielräumen und ihrem veränderten Zusammenwirken beschreiben. Textmusterwandel kommt dadurch zustande, dass eine etablierte textuelle Praxis durch Innovation oder kleinschrittige Variation verändert wird, die von anderen Nutzern aufgegriffen wird und die sich schließlich weiträumig verbreitet und etabliert. Auf dem Weg von der Innovation bis zur Etablierung gibt es allerdings auch möglicherweise nur eingeschränkte Verbreitungsdomänen und Grade der Verfestigung.
2. Kompositionalität kommunikativ: Das Handlungspotenzial von Texten, kommunikative Aufgaben und funktionale Textbausteine Die Beantwortung der Frage, wie Verständigung funktioniert und funktionieren kann, ist eine der zentralen sprachtheoretischen Aufgaben. Eine Teilfrage bezieht sich auf das Problem, wie komplexe sprachliche Ausdrücke, zum Beispiel Sätze oder Texte, zu ihrer Bedeutung kommen und wie Verständigung mit komplexen Ausdrücken dieser Art möglich ist. Eine wichtige Grundannahme, das sog. Kompositionalitätsprinzip, besagt, dass die Bedeutung komplexer Ausdrücke sich systematisch ableiten lässt aus der _____________ 2
Eigene Arbeiten liegen vor u.a. zu Kochrezepten (14.-18. Jh.), zu Urkunden, zu Pflanzenmonographien in Kräuterbüchern (12.-18. Jh.), zur Zeitungsberichterstattung und zu Streitschriften des 16. und 17. Jahrhunderts, zu Spielarten der Theaterkritik und zu Texttypen im Bereich der Medizin des 19. Jahrhunderts. Vgl. die Nachweise im Literaturverzeichnis.
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Bedeutung des Gesamtausdrucks und aus der syntaktischen Organisation der Gesamtausdrucks. Gottlob Frege hat das Prinzip erstmals mit einiger Klarheit formuliert und in Bezug auf einzelne Erscheinungen (Referenzausdrücke, Wahrheitswertpotenziale elementarer Propositionen, Formen der Koordination in Gedankengefügen) auch schon behandelt. Er schreibt: Erstaunlich ist es, was die Sprache leistet, indem sie mit wenigen Silben unübersehbar viele Gedanken ausdrückt, daß sie sogar für einen Gedanken, den nun zum ersten Male ein Erdbürger gefaßt hat, eine Einkleidung findet, in der ihn ein anderer erkennen kann, dem er ganz neu ist. Dies wäre nicht möglich, wenn wir in dem Gedanken nicht Teile unterscheiden könnten, denen Satzteile entsprächen, so daß der Aufbau des Satzes als Bild gelten könnte des Aufbaues des Gedankens. Freilich sprechen wir eigentlich in einem Gleichnisse [...] Sieht man so die Gedanken an als zusammengesetzt aus einfachen Teilen und läßt diesen wieder einfache Satzteile entsprechen, so wird es begreiflich, daß aus wenigen Satzteilen eine große Mannigfaltigkeit von Sätzen gebildet werden kann, denen wieder eine große Mannigfaltigkeit von Gedanken entspricht. (Frege 1923, 36)
Das Kompositionalitätsprinzip gilt einerseits als ein hochrangiges sprachtheoretisches Prinzip, das unter anderem für die Erklärung von Verständigungsleistungen benötigt wird. Eine offene Frage ist derzeit, inwiefern das Prinzip der freien Kombinatorik von Äußerungseinheiten beschränkt bzw. ergänzt wird durch stärker festgelegte komplexe Muster, „prepatterned speech“, Wendungen, Konstruktionen usw. (vgl. u.a. Goldberg 2003; Günthner / Imo 2006; Feilke 2007). Das Kompositionalitätsprinzip ist zum anderen eine wichtige Grundlage im Rahmen der formalen Semantik, wo versucht wird, Repräsentationen des syntaktischen Aufbaus von Äußerungsformen mit semantischen Repräsentationen in mehr oder weniger strenger Form zu parallelisieren. Eine prominente Formulierung des Kompositionalitätsprinzips verdanken wir Barbara Partee (1984, 281): The compositionality principle, in its most general form, can be expressed as follows: The meaning of an expression is a function of the meanings of its parts and of the way they are syntactically combined. [...] In its most general form, the principle is nearly uncontroversial; some version of it would appear to be an essential part of any account of how meanings are assigned to novel sentences. But the principle can be made precise only in conjunction with an explicit theory of meaning and of syntax, together with a fuller specification of what is required by the relation ‚is a function of‘.
Man kann die zentrale Passage dieses Zitats im Deutschen versuchsweise so wiedergeben: Die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks hängt systematisch ab von der Bedeutung der Teilausdrücke und der Art, wie die Teilausdrücke syntaktisch organisiert sind. Wichtig ist in diesem Zitat auch der Hinweis darauf, dass es bei der Durchführung des Kompositionalitätsprogramms von entscheidender Bedeutung ist, welche Bedeutungskonzeption zugrunde gelegt wird, welche Art von syntaktischem
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Beschreibungsrahmen gewählt wird und wie man die systematischen Zusammenhänge zwischen Formaufbau und Bedeutungsaufbau genauer bestimmt. Wenn man eine instrumentelle Textauffassung vertritt, steht das konventionelle Handlungspotenzial von Texten im Mittelpunkt, die Möglichkeit also, mit Texten komplexe kommunikative Handlungen zu vollziehen und mit Teiltexten und kleineren Äußerungseinheiten auf geeignete Weise dazu beizutragen. Eine der zentralen Fragen lautet in dieser Perspektive dann, wie das konventionelle Handlungspotenzial von Texten zustande kommt. Man kann eine kommunikativ gewendete Version des Kompositionalitätsproblems vielleicht so formulieren: Wie kommen kommunikative Handlungspotenziale von Texten zustande? Welche Rolle spielt dabei die syntaktische Organisation und wie wirken Syntax und andere textuelle Organisations- und Verwendungsprinzipien zusammen? Das konventionelle Handlungspotenzial eines Textes besteht darin, dass man mit der Verwendung des betreffenden Textes bestimmte komplexe Text-Handlungen realisieren kann und dass diese Texthandlungen durch sprachliche Gepflogenheiten weitgehend gestützt sind.3 Zu den TextHandlungen gehört auch der Ausdruck von Propositionen, die Behandlung thematischer Aspekte und die Realisierung kommunikativer Aufgaben wie zum Beispiel der Ausdruck von Sprechereinstellungen, die Angabe von Quellen oder Gewissheitsgraden, Querverweise im Text usw. Will man zeigen, wie komplexe Handlungspotenziale beim Aufbau von Texten aus kleineren Texteinheiten zustande kommen, dann ist die Idee der funktionalen Textbausteine ein nützliches Werkzeug bei der Erledigung dieser Aufgabe, das auch Anknüpfungspunkte für historische Entwicklungen bietet.
_____________ 3
Mit dem Verweis auf konventionelle Aspekte sollen Fälle zunächst ausgeschlossen werden, bei denen Texte aufgrund von bestimmten Handlungsbedingungen für weiterführende Ziele verwendet werden. So kann man unter bestimmten Bedingungen mit einem Kurztext wie „Du hast verloren. Goethe ist 1832 gestorben“ jemandem mitteilen, dass er bzw. sie 1000 Euro bezahlen muss (weil er bzw. sie eine Wette verloren hat), das gehört aber nicht zum konventionellen Handlungspotenzial, sondern gehört zum Bereich der Indirektheit, der konversationellen Implikaturen, der weiterführenden Handlungszusammenhänge und der dafür notwendigen Verständigungsressourcen.
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3. Funktionale Textbausteine Funktionale Textbausteine stellen eine Schnittstelle dar zwischen der pragmatisch-funktionalen Organisation und der grammatisch-lexikalischen Realisierung von Texten. Funktionale Textbausteine sind Textteile unterschiedlicher Komplexität mit einer bestimmten kommunikativen Teilfunktion im Rahmen einer Texthandlung. Sie werden in vielen Fällen, aber nicht immer, auch mit mehr oder weniger stereotyp organisierten Realisierungsmitteln bestritten. Ihre Rolle für die historische Textlinguistik lässt sich in drei Abschnitten charakterisieren: 1. Funktionale Textbausteine und ihre Rolle für die Handlungsstruktur; 2. Funktionale Textbausteine und syntaktische Muster; 3. Funktionale Textbausteine, syntaktische Muster und Aspekte der historischen Entwicklung. 3.1. Funktionale Textbausteine und Handlungsstruktur Ich bespreche zunächst den Zusammenhang von Handlungsstruktur und funktionalen Textbausteinen und kommentiere zur Veranschaulichung ein Textbeispiel des Typs Spezifizierung einer Heilanzeige. Der folgende Textausschnitt ist Teil der Beschreibung des Heilpotenzials in einer Pflanzenmonographie zum Wermut aus der Dioscurides-Übersetzung von 1610: (1a) Wermut mit Honig vnnd Niter vermischet ist nütz angestrichen wider die Halßgeschwer (Anginas) vnd mit Wasser wider die Blattern oder Geschwer Epinyctidas (Kräuterbuch 1610, 164) Der Textbaustein Spezifizierung einer Heilanzeige erfüllt eine bestimmte Funktion: Er dient dazu, über eine einzelne Heilanwendung einer Pflanze zu informieren. In den Pflanzenmonographien von Kräuterbüchern sind in der Regel mehrere Textteile dieser Art in einem thematischen Abschnitt zum gesamten Heilpotenzial zusammengestellt. Der zitierte Textausschnitt enthält zwei Angaben mit jeweils einer Heilanzeige, die mit vnd koordiniert sind. Der Textbaustein Spezifizierung einer Heilanzeige ist intern komplex strukturiert, er enthält kleinere Textbausteine, die ihrerseits eine spezifische Funktion erfüllen. Die Teilfunktionen bzw. die kommunikativen Teilaufgaben im Rahmen dieses Textbausteins sind: 1. eine bestimmte Heilwirkung spezifizieren (ist nütz wider Y); 2. eine Zubereitungsweise beschreiben und dabei die nötigen Ingredienzien nennen (Wermut mit Honig vnnd Niter vermischet); 3. eine Anwendungsweise spezifizieren (angestrichen; mit Wasser).
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Wenn man die funktionalen Einheiten durch Klammerung kennzeichnet und mit den Ziffern für die drei genannten Teilaufgaben versieht, ergibt sich folgendes Bild: (1b) 2[ Wermut mit Honig vnnd Niter vermischet ] 1a[ ist nütz ] 3[ angestrichen ] 1b[wider die Halßgeschwer (Anginas)] vnd 2[ <Wermut> mit Wasser ] 1[ wider die Blattern oder Geschwer Epinyctidas ] Solche Teilfunktionen und die darauf bezogenen Textelemente sind in der medizinischen Textgeschichte bekannt unter Stichwörtern wie Indikation, Aufzählung der Ingredienzien, Herstellungsanweisung und Applikationsanweisung (vgl. Goltz 1976, 15ff.). In unserem Beispiel ist erkennbar, dass die funktionalen Bausteine zum einen weiter zerlegbar sind, zum anderen intern weiter ausbaubar sind und zum dritten auch ineinander eingeschachtelt werden können. Bei der Angabe der Heilwirkung besteht die Möglichkeit, kleinere Teile zu identifizieren, etwa die Angabe einer Krankheit, gegen die eine Pflanze wirkt, in anderen Fällen können auch positive Heilwirkungen bestimmt sein. Den Bestandteil eine Krankheit spezifizieren kann man ausbauen, indem man zusätzlich ein Äquivalent zur Krankheitsbezeichnung in einer anderen Sprache angibt (die Blattern oder Geschwer Epinyctidas). Die Möglichkeit der Einschachtelung wird im Beispiel verdeutlicht durch die Tatsache, dass sowohl die Herstellungsanweisung als auch die Angabe zur Anwendungsweise Bestandteile der Angabe zur Indikation sind. Nur ein auf bestimmte Weise zubereitetes und angewendetes Heilmittel hat das entsprechende Heilpotenzial. Ein weiteres Beispiel ist das Verfahren, die nötigen Ingredienzien im Rahmen der Spezifizierung der Arbeitsschritte zu nennen und nicht in einen eigenen Textblock auszulagern, ein textuelles Verfahren, das in medizinischen Rezepten ebenfalls häufig belegt ist. Das Textbeispiel zeigt weiterhin, dass Textbausteine diskontinuierlich stehen können. So wird die Spezifizierung der Heilwirkung unterbrochen durch die Angabe zur Anwendungsweise: 1a[ ist nütz ] 3[ angestrichen ] 1b[ wider die Halßgeschwer (Anginas) ]. Das Beispiel soll zunächst verdeutlichen: Aus kleineren funktional bestimmbaren Textbausteinen unterschiedlicher Ausdehnung lassen sich größere funktionale Einheiten aufbauen, die für die Handlungsstruktur und die damit zusammenhängende thematische Struktur von Texten von zentraler Bedeutung sind. Die Kombinations- und Aufbaumöglichkeiten funktionaler Textbausteine sind vielfältig und von unterschiedlichen Graden der Offenheit bzw. der Schematisierung geprägt. Pflanzenmonographien, Kochrezepte, Zeitungsberichte, Streitschriften um 1600 zum Beispiel haben jeweils typische Aufbauschemata mit eher engen Variationsspielräumen. Es kann ein
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aufschlussreicher Aspekt der Charakterisierung von Texttypen sein, den jeweiligen Schematisierungsgrad bzw. den Grad der Offenheit zu bestimmen. Die Handlungsstruktur von Texten umfasst den Aspekt der Art von sprachlichen Handlungen und die damit verbundenen thematischen Aspekte (vgl. Schröder 2003). So gibt es zahlreiche Textbausteine, die charakterisiert sind durch funktionale und thematische Gesichtspunkte. Ein wesentliches Aufbauprinzip von Film- oder Theaterkritiken ist beispielsweise eine Kombinatorik von wenigen zentralen Handlungsformen wie Informieren, Bewerten, Veranschaulichen einerseits und zahlreichen, vom jeweiligen Gegenstand ableitbaren thematischen Aspekten andererseits (vgl. Stegert 1993). Für Theaterkritiken sähe eine solche erweiterbare Kombinationsmatrix folgendermaßen aus, sie erzeugt Textbausteine des Typs Informieren über die Publikumsreaktion oder die Publikumsreaktion veranschaulichen usw.: (...) informieren über bewerten beschreiben veranschaulichen (...)
(...) den Autor des Stücks den Inhalt des Stücks das Regiekonzept die Zuordnung Rolle / DarstellerIn die schausp. Leistung eines Darstellers das Publikum, die Publikumsreaktionen (...)
Darstellung 1: Kombinationsmatrix für Theaterkritiken
Die einzelnen Äußerungseinheiten für solche illokutionär-thematischen Einheiten können auf vielfältige Weise kombiniert und auf ebenso vielfältige Weise syntaktisch realisiert werden. Im folgenden Beispiel wird eine Einheit Informieren über den Inhalt syntaktisch als Nominalphrase realisiert und mit einer Einheit Informieren über die Publikumsreaktion kombiniert.4 (2)
Die Geschichte des Veroneser Liebespaares, das verfeindeten Häusern angehört und in diesem Umfeld aus Hass und Intoleranz zugrunde geht, wurde vom Premierenpublikum mit viel Applaus aufgenommen.
_____________ 4
Die Markierungen besagen folgendes: = hier fängt ein Baustein mit dem Profil Informieren über den Inhalt an, = hier hört er auf, = hier fängt ein Baustein mit dem Profil Informieren über die Publikumsreaktion an usw. Quelle: Marburger Neue Zeitung, 16.2.2004.
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Die Vielfalt in den Gestaltungsmöglichkeiten solcher Texte, die den Textlinguisten so viel Kopfzerbrechen macht(e), ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Textproduzenten große Spielräume in mindestens drei Hinsichten haben: 1. bei der Auswahl solcher illokutionär-thematischer Bausteine; 2. bei ihrer Sequenzierung und Kombinatorik sowie 3. bei ihrer syntaktisch-lexikalischen Realisierung. Ein Beispiel für einen sehr viel stärker standardisierten Texttyp ist die Pflanzenmonographie in den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts: Das illokutionäre Profil der Textbausteine liegt vorwiegend beim Beschreiben, es gibt ein in der Abfolge stark standardisiertes Schema von thematischen Aspekten und ein sehr viel übersichtlicheres Spektrum syntaktisch-lexikalischer Realisierungsformen.5 3.2. Funktionale Textbausteine und syntaktische Muster Funktionale Textbausteine müssen mit bestimmten Äußerungsformen sprachlich realisiert werden, die eine grammatisch-syntaktische Struktur und lexikalische Eigenschaften haben. Auch auf dieser Ebene ist zu beobachten, dass sich für wiederkehrende funktionale Textbausteine ein Repertoire von Realisierungsmustern mit jeweils eigener grammatisch-lexikalischer Typik herausbilden kann. Wenn man auf die syntaktische Organisation von Texten in funktionaler Perspektive blickt, könnten einige darauf bezogene Leitfragen lauten: •
Welchen Beitrag leisten einzelne syntaktische Muster zur Realisierung typischer funktionaler Textbausteine?
•
Gibt es prototypische syntaktische Muster für einzelne kommunikative Aufgaben?
•
Wie ist der Zusammenhang von funktionalen Textbausteinen und grammatisch-lexikalischen Realisierungsmustern in historischen Texttypen ausgeprägt, wie entwickelt er sich in der Zeit?
Ich will diese Zusammenhänge nun zunächst an einigen Beispielen aus dem Bereich der Fach- und Gebrauchstexte veranschaulichen.
_____________ 5
Vgl. Habermann (2001, Kap. 9); Gloning (2007, Abschnitt 4.1.).
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3.2.1. Syntaktische Muster für die Formulierung von Arbeitsschritten Wie oben bereits erwähnt, ist der Textbaustein Spezifizierung einer Heilanzeige grundlegend für die Funktion von älteren Kräuterbüchern als medizinische Informationstexte. Dementsprechend ist dieser Textbaustein beim gewaltigen Umfang der Kräuterbücher sehr häufig belegt. Ein ebenso häufig belegter Bestandteil innerhalb dieses Textbausteins ist die Formulierung von Arbeitsschritten als Teil der Spezifizierung einer Zubereitungsweise. Der Textbaustein Formulierung von Arbeitsschritten kommt auch in anderen Texttypen mit handlungsanleitendem Charakter sehr häufig vor. Für die syntaktische Realisierung des Textbausteins steht eine Reihe von Mustern zur Verfügung, zum Beispiel Imperative (Nimm), Infinitivkonstruktionen (den Hecht schuppen) oder man-Konstruktionen (man nimmt). Daneben finden sich aber auch Konstruktionen, die in dieser Funktion bislang kaum beachtet wurden: Partizipien. Im folgenden Beispiel einer Heilanzeige, die nur aus einer Spezifizierung der Zubereitung und einer Angabe der Indikation (... hilfft ...) besteht, dient eine Nominalphrase mit nachgestelltem Partizipialattribut der Formulierung des Arbeitsschritts, wobei die nötigen Ingredienzien ebenfalls genannt werden. (3)
[ Lattich würczel, gesoten mit starkem wein oder mit ezzig ], daz hilfft dem, der czüpleet ist (15. Jh.; Greifswald 8° Ms 875, 68r; ed. Baufeld 2002)
Auch im folgenden Beispiel wird im Zubereitungsbaustein der Arbeitsschritt mit einem nachgestellten Partizipialattribut realisiert, allerdings sind die beiden Bausteine eingebettet in eine komplexere Spezifizierung einer Heilanzeige, die aus vier funktionalen Textbausteinen besteht: der Angabe einer Quelle (1), der Spezifizierung der Zubereitung (2), der Spezifizierung der Anwendung (3) und der Angabe der Indikation (4): (4)
Der wirdig meister Auicenna in synem andern buoch in dem capitel Altea spricht ] ... daz 2[ die wuortzel gesotten mit dem krude ] vnde 3[ uff die harten geswer geleyt ] 4[ weichet sye ]. (Gart der gesuntheit 1485)
1[
Das Muster X gemacht begegnet als Formulierungsmuster für Arbeitsschritte auch in älteren Kochrezepten. Die folgende Liste zeigt in schematisierter Form die wichtigsten Formulierungstypen für Arbeitsschritte in älteren Kochrezepten (vgl. detaillierter Ehlert 1990):
Funktionale Textbausteine in der historischen Textlinguistik •
schneide X
•
X schneiden
•
man schneidet X
•
man soll / muss X schneiden
•
man schneide X
•
X geschnitten
•
X wird geschnitten
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Das folgende Rezept aus einem handschriftlichen Kochbuch vom Ende des 18. Jahrhunderts zeigt, dass die unterschiedlichen (im Textbeispiel kursivierten) Formulierungstypen für Arbeitsschritte auch in unmittelbarer textueller Nachbarschaft vorkommen konnten: (5)
Eingemachte Lung Bradl und anderes. Saubere diesen, und ein wenig gebükelt und etwas gesalzen, in reindl ein stükl Butter heiß werden lassen und Dämpfen ['dämpfe ihn'] schön ob, hernach giebt man ein wenig Mairon Roßmarin, Lorberblätter, Zwiefel Knobloch, nach diesen ein wenig Essig und Suppen, wanß darmit genug gekocht hat, gieb auch Gewurz, und sauern Schmeten, wann es nicht dick genug wer, so thut man es ein wenig einbrennen, und giebt ein wenig Citroniplatel, auch geschnitene Citronischalen oder Caperl zuletzt darein, und lasset es aufkochen. [...] die Soß wird durchgetrieben, [...] (hs. Kochbuch Theresia Lindnerin, c. 1780)
Diese Aspekte habe ich in den beiden Beiträgen zu Kräuter- und Kochbüchern schon behandelt, ich möchte nun eine weitere exemplarische Erkundung machen im Fachgebiet der Geburtshilfe. Als Text wähle ich Rößlins Rosegarten (1513) und Georg Wilhelm Steins Theoretische Anleitung zur Geburtshülfe (1797a), dessen Gegenstand die normale Geburt ist, während seine Practische Anleitung zur Geburtshülfe aus demselben Jahr die Lehre von der „Geburtshülfe, in widernatürlichen und schweren Fällen“ (1797b, XIX) umfasst. Ich beginne mit Steins Büchern. Der erste Befund ist, dass in beiden Werken Formulierungen von Arbeitsschritten bzw. Handlungsweisen eine untergeordnete Rolle spielen. Im Vordergrund stehen vielmehr medizinische Grundlagen wie zum Beispiel anatomische Verhältnisse. In den Kapiteln, in denen der Textbaustein zu erwarten wäre und sich auch in mäßiger Frequenz findet, werden aber nicht die schematisch genutzten älteren syntaktischen Muster gebraucht, sondern freier formulierte Texte. Hier ein Beispiel aus dem Abschnitt „Von der Untersuchung oder dem Angriffe und dessen Nutzen“ (1797a, 65):
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(6)
§. 201. Die bisher gewöhnliche Untersuchung durch den innerlichen Angriff mittelst der Finger (Exploratio interna, seu uterina), als das nöthigste und nützlichste Geschäft in der Geburtshülfe, verrichtet man am besten mit dem Zeige- und Mittelfinger, welche man von unten her gegen die Mitte der großen Lefzen ansetzt, und damit durch den Schließmuskel der Mutterscheide dergestalt in der Mutterscheide selbst krumm heraufgeht, daß der Daumen über die Schoosbeine zu liegen komme, der Ring- und Mittelfinger aber gestreckt über den Damm weg laufe, und man solchergestalt bis zu dem Muttermunde selbst gelange.
Die eigentliche Beschreibung der Verfahrensweise ist syntaktisch realisiert in einer komplexen Präpositionalphrase (mit dem Zeige- und Mittelfinger, welche ...). Innerhalb der Beschreibung sind die Handlungsweisen mit manKonstruktionen realisiert (man setzt an, man geht krumm herauf). Im Unterschied zu den Formulierungen von Arbeitsschritten in den Kräuterbüchern enthält dieser Textbaustein auch Angaben zu den Resultaten bei erfolgreicher Ausführung (daß der Daumen über die Schoosbeine zu liegen komme), ein textuelles Verfahren, das zum Beispiel auch in älteren Kochbüchern und in modernen Gebrauchsanleitungen vorkommt, dort etwa in Form der Erläuterung von Ergebnisbildschirmen in Computerhandbüchern. Der zweite Befund lautet also, dass von einer weitreichenden syntaktischen Standardisierung bzw. Schematisierung dieses Textbausteins in Steins Geburtshilfe-Text nicht die Rede sein kann.6 Die beiden Befunde zur Frequenz und zum Grad der syntaktischen Schematisierung des Textbausteins tragen mit bei zur sprachlichen Charakterisierung dieser Art von Lehrbüchern, wie sie zum Teil in mehreren Auflagen begleitend zu Vorlesungen über längere Zeiträume verwendet wurden. Sehr viel stärker schematisiert sind demgegenüber die Hand_____________ 6
Ein zweites Großkapitel, das ich daraufhin geprüft habe, ist „Das neunte Capitel. Von der Hülfe, die man Kreissenden in der natürlichen Geburt schuldig ist“ (1797a, 203ff.). Zu den hier belegten Ausdrucksweisen gehören auch solche mit Nominalisierungen als Kern der Konstruktion: „Es besteht aber dieser durch die zweyte und dritte Zeit (§. praec.) anwendbare Handgriff in [ einer peripherischen, allmäligen und sanften Erhebung des Muttermundes über diejenigen Theile, welche in ihm stehen ], damit diese in ihm so herunter sinken, wie jener sich über sie hinauf begiebt“ (208; Herv. TG). Auf Seite 209 schreibt der Verfasser, es sei „dieses ganze Manuel freylich bey der Geburt besser zu zeigen, als hier zu lehren“ (Manuel 'Handgriff; Verfahrensweise, die mit der Hand ausgeführt wird'). Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass die Formulierungen von Arbeitsschritten in diesem Buch insgesamt eine untergeordnete Rolle spielen. Eine weitere Beobachtung ist, dass durch die sog. aphoristische Darstellungsweise zum Teil Aspekte, die zu ein und demselben Arbeitsschritt gehören, auf unterschiedliche Abschnitte verteilt werden, z.B. §. 676, wo ein Arbeitsschritt formuliert wird, und §. 677, wo die zeitlichen Aspekte dieses Arbeitsschrittes separat behandelt werden (1797a, 211); dagegen §. 680 auf S. 212, wo beide Aspekte sich im selben Paragraphen befinden.
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lungsanleitungen und die darin enthaltenen Formulierungen von Arbeitsschritten in Eucharius Rößlins Der Swangeren Frauwen vnd hebammen Rosegarten (1513), die im Abschnitt über die Vorgehensweisen bei unterschiedlichen Kindslagen typischerweise diesem Muster folgen: Wo / So / Ob (aber) So sol man / sol die hebamm : (7)
Jtem ob das kind sich mitt dem hindern erzeugte/ So soll die hebamm mit yngelaßner hand das kind vbersich heben/ vnd mit den fue ssen vßfue ren (E2a)
Diese ersten Beobachtungen zur syntaktischen Gestaltung des Textbausteins Formulierung von Arbeitsschritten bezogen sich auf dreierlei Dimensionen: 1. die Frage nach den mehr oder weniger typischen syntaktischen Realisierungsmustern für eine kommunikative Aufgabe; 2. die Frage nach den Zusammenhängen von Texttyp, Frequenz und Realisierungsformen des Textbausteins; 3. die Frage nach historischen Verhältnissen bzw. Entwicklungen. 3.2.2. Funktionale Textbausteine und syntaktische Muster in Theaterkritiken Aktuelle Theaterkritiken können als Beispiel dafür dienen, wie standardisierte Realisierungsformen für Textbausteine neben freieren Konkurrenten gebraucht werden. Ein wiederkehrender Textbaustein in Theater- und Filmkritiken ist die Zuordnung von Darsteller/-in und Rolle, die vielfach im Rahmen von Nominalphrasen realisiert wird. Das Bild, das sich hier ergibt, ist weitgehende Standardisierung mit einem übersichtlichen Spektrum von Haupttypen, für das folgende Beispiele stehen mögen:7 (8)
Romeo (Robert Stadlober); Romeo (glänzend Robert Stadlober)
(9)
Robert Stadlober (Romeo)
(10) Guido Lambrecht (in der Rolle) als verdatterter Tybalt (11) Bruder Lorenzo, bei Jörn Ratjen ein flotter Mönch mit Wollmütze (12) Julia, Ensembleneuzugang Jana Schulz (13) der Diener Theodor Daneggers Daneben findet man aber immer wieder auch weniger schematisierte, kreativere Lösungen: _____________ 7
Nachweise in Gloning (2008) zu den Spielarten der Theaterkritik.
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(14) Denn kein Geringerer als der süße ‚Sonnenallee-Wuschel‘, Kinoliebling Robert Stadlober mühte sich dort oben ... als Romeo ab. (15) Endlich – den jungen Maler Dubedat gab Moissi: der vor drei Jahrzehnten erschaffen worden ist, um diese Rolle zu spielen. Um dieser Mensch in diesem Werk zu sein. (Alfred Kerr, 1908) Die Realisierung mit Nominalphrasen ist tendenziell stärker schematisiert, die satzförmigen Realisierungen erlauben tendenziell mehr Gestaltungsspielraum und größere Originalität, wie insbesondere das Zitat von Alfred Kerr zeigt, das eine ganz ungewöhnliche Formulierung darstellt und deshalb die herausragende Bewertung der schauspielerischen Leitung unterstützt. Es scheint sich hier um ein Verfahren zu handeln, das auch aus der Theorie der sprachlichen Höflichkeit bekannt ist: Erhöhter sprachlicher Aufwand signalisiert Wertschätzung. Ein weiterer Grund, nicht Standardformulierungen wie (8) bis (13) zu verwenden, ist die sehr viel bessere Möglichkeit, weitere sprachliche Aufgaben im Vorbeigehen zu realisieren. Zwar kann man auch im Rahmen von Nominalphrasen andere Funktionen anlagern, zum Beispiel die Bewertung in (8) oder die Rollencharakterisierung in (10) und (11), aber satzförmige Realisierungen wie (14) erlauben es, Aspekte der Charakterisierung auch im Prädikat unterzubringen (mühte sich ab für den Aspekt der schauspielerischen Leistung). In historischer Perspektive stellt sich die Frage, wie sich das Repertoire der sprachlichen Realisierungsformen für die Zuordnung von Rolle / DarstellerIn herausgebildet und entwickelt hat. Eine erste Sichtung von Theaterkritiken des späteren 19. und frühen 20. Jahrhunderts8 ergibt zunächst, dass in diesem Zeitraum ein breites Spektrum von Realisierungsformen zu belegen ist, zu dem auch viele der oben genannten Muster gehören. So finden sich bei Fontane, der ein fleißiger Theaterkritiker war, unter anderem satzförmige Muster („Herr Kahle gab den Brutus“, 1969, 395), Nominalphrasen mit Genitivattribut („Fräulein Stollbergs Tullia“, ebd., 396), die erwähnten Klammerausdrücke wie „Fräulein Meyer (Lucretia)“ (ebd.), andererseits aber auch die Zuordnung über Verfahren des Rückbezugs: „Die Rolle des Tarquinius Superbus ist nicht bedeutend; Herr Klein machte, was daraus zu machen war. Als sein glänzendster Moment erschien mir der, wo er ...“ (ebd., 395f.). Die Beispiele mit der kursiven Hervorhebung zeigen auch, dass hier eine Vertextungsstrategie wirkt, die an den einzelnen Schauspielern und ihrer Leistung orientiert ist. Es gibt aber auch Formulierungsstrategien von den Rollen her: „Die Besetzung der Titelrolle mit Herrn Klöpfer war insofern nicht glücklich, als der Künstler in seiner Naturanlage die romanische Wesensart des Hans nicht _____________ 8
Vgl. Fontane (1969); Rühle (1988).
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herausbringen konnte; dafür spielte er ...“ (1916; Rühle 1988, 49). In diesem Beispiel ist die Zuordnung Rolle / DarstellerIn mit einer Nominalphrase realisiert (Die Besetzung der Titelrolle mit Herrn Klöpfer), die funktional mit einer Beurteilung der Besetzungsentscheidung kombiniert ist. Insgesamt erscheint das Repertoire um 1900 reichhaltig, nur zum Teil schematisiert, die Bausteine mit den Zuordnungen Rolle / DarstellerIn sind häufig mit anderen Bausteinen kombiniert und in einem eigenen thematischen Abschnitt konzentriert. Beim Gebrauch von syntaktischen Mustern für die Zuordnung von Rolle / DarstellerIn ist vielfach ein Prinzip der Variation erkennbar. Auch die Abfolge der Elemente für SchauspielerInnen / Rollen ist variabel. Im folgenden Beispiel sind zwei Zuordnungen jeweils mit Nominalgruppen realisiert, deren Kern sich im ersten Fall auf den Darsteller, im zweiten Fall auf die Rolle bezieht. Ich kennzeichne den Zuordnungsbestandteil SchauspielerIn / Rolle mit <S-R>, die Teile zum Schauspieler mit <S>, die Teile zur Rolle mit : (16) <S-R> <S>Der Schauspieler Gustav Rodegg, welcher den älteren Bruder spielte, zeigte sich sehr gewachsen. [...] Ausgezeichnet. <S-R> Sein jüngerer Bruder, <S>Herr Bildt, war nicht aus dem Elsaß. Zu sehr aus Norddeutschland. Ansonsten jedoch straff und wacker. (Rühle 1988, 51f.) Eine kommunikative Einflussgröße, die den Zusammenhang von funktionalen Textbausteinen und ihrer Realisierung mit beeinflusst, sind die Kommunikationsprinzipien. Für die syntaktische Gestaltung gilt in unterschiedlichen Texttypen ein Prinzip der syntaktischen Komprimierung, zum Beispiel in juristischen Texten oder der Zeitungsberichterstattung. Auch in Theaterkritiken finden sich Formen der syntaktischen Verdichtung von funktional-thematischen Bausteinen. Der folgende Abschnitt aus einer Theaterkritik von 1973 ist ein Beispiel dafür, wie ein Trägersatz Angaben zu Genre (Ballettkomödie), Titel (‚Der Bürger als Edelmann‘), Regisseur (von Barrault) und Regiekonzept (entfesseltes Spektakel) beinhaltet, eingelagert − als Apposition zur einleitenden Nominalphrase − ist eine komprimierte Inhaltsangabe in Form einer weiteren, komplexen Nominalphrase (die Geschichte ... liebt): (17) [...] Die Ballettkomödie ‚Der Bürger als Edelmann‘, die Geschichte des reichen, aber höchst bürgerlichen Herrn Jourdain, der verzweifelt nach aristokratischen Allüren strebt, Fechten, Singen, Tanzen und Philosophieren studiert, von einem bankrotten Hochgeborenen schamlos ausgenützt und schließlich durch einen gewaltigen Mummenschanz alla turca dazu gebracht wird, seine Tochter dem Jüngling zu verheiraten, den
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sie liebt, war von Barrault zum entfesselten Spektakel aufbereitet worden. [...] ( Pizzini 1973) In ähnlicher Weise bietet die folgende kurze Passage komprimierte und integrierte Angaben zur Zuordnung von Darsteller und Rolle, zur Publikumsreaktion (mit Jubel begrüßt), zwei positive Bewertungen (ganz und gar köstlich; allergrößtes Pepi-Format), eine wiedergegebene Bewertung (die Sache mit dem Jubel), eine negative Bewertung (Outrage), Angaben zur Charakterisierung der Rolle (von liebenswerter, kindlicher Großmannssucht) und zum sonstigen Profil des Darstellers (die sonst seine Sache nicht sind), die auf ganz unterschiedliche syntaktische Elemente verteilt sind: (18a) Selbst Josef Meinrad, mit Jubel begrüßt, ein ganz und gar köstlicher Jourdain von liebenswerter, kindlicher Großmannssucht, der im ersten Teil zu allergrößtem Pepi-Format vorstieß, mußte sich in diesem Türkenbild zu Outragen zwingen lassen, die sonst durchaus seine Sache nicht sind. (ebd.) Um den Komprimierungsaspekt herauszustellen, kann man die Passage versuchsweise umformulieren und jeder der hier integriert realisierten kommunikativen Aufgaben einen eigenen Satz und einen damit vollzogenen eigenen, selbstständigen Sprechakt widmen: (18b)Joseph Meinrad spielte die Rolle des Jourdain. Er wurde mit Jubel begrüßt. Er spielte den Jourdain köstlich. Wenn Sie mich nach dem Ausmaß der Köstlichkeit fragen, kann ich sagen: ganz und gar. Er spielte einen Jourdain von liebenswerter, kindlicher Großmannssucht. Im ersten Teil stieß er zu allergrößtem PepiFormat vor. Dazu gab es einen Gegensatz. Im Türkenbild mußte er sich zu Outragen zwingen lassen. Joseph Meinrad spielt normalerweise nicht Rollen, die outragiert (übertreiben, überzogen) angelegt sind. So schreibt natürlich kein Mensch, und wir alle sehen die Vorteile der tatsächlich praktizierten Schreibweise. Gleichwohl muss man sagen, dass die Geschichte der syntaktischen Komprimierung als einer janusköpfigen Schreibstrategie − das eine Augenpaar richtet sich auf die Syntax, das andere auf die Texttypen und die damit verbundenen kommunikativen Aufgaben − erst in Ansätzen geschrieben ist und noch nicht wirklich auf der Tagesordnung der historischen Syntax, der historischen Textlinguistik und der darauf bezogenen Integrationsdisziplinen steht. Seit wann gibt es syntaktische Formen der Komprimierung? Für welche kommunikativen Aufgaben und Zwecke? In welchen Texttypen? Mit welchen Realisierungsstrategien? Wie entwickeln sie sich historisch? Und: Wie spielen
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funktionale Textbausteine, die darauf bezogenen syntaktischen Muster und die dafür verwendeten lexikalischen Realisierungsmittel zusammen? 3.3. Funktionale Textbausteine, syntaktische Muster und Aspekte der historischen Entwicklung Die Frage nach funktionalen Textbausteinen, nach syntaktischen Mustern, nach ihren textuellen Zusammenhängen und nach Aspekten der historischen Entwicklung hat einerseits stärker empirisch orientierte und andererseits stärker prinzipienorientierte Ausrichtungen. Einige dieser Fragestellungen will ich hier wenigstens aufzählungsweise nennen: •
Wie wurden einzelne funktionale Textbausteine in bestimmten Sprachstadien und in bestimmten Texttypen realisiert?9
•
Wie und unter welchen Bedingungen haben sich einzelne funktionale Textbausteine im Lauf der Zeit entwickelt?
•
Wie haben sich die einzelnen syntaktischen Realisierungsweisen und das gesamte Spektrum der Realisierungen für einen funktionalen Textbaustein entwickelt?
•
Inwiefern kann man die Realisierungscharakteristik für funktionale Textbausteine nutzen, um historischer Texttypen und ihrer Entwicklung zu charakterisieren?
•
Inwiefern tragen die Befunde zu einzelnen Texttypen und Textbausteinen auch dazu bei, unser Wissen über das Funktionspotenzial einzelner grammatischer Konstruktionen zu bereichern (zum Beispiel Partizipien zur Formulierung von Arbeitsschritten; selbstständig verwendete Nominalgruppen als Ereignisangaben in Tagebüchern)?10
•
Welche Faktoren und evolutionären Muster lassen sich für die Entwicklung funktionaler Textbausteine, ihrer syntaktischen Muster und ihres Zusammenhangs beschreiben? Wie lassen sich Entwicklungen erklären?
_____________ 9 10
Vgl. z.B. zu Formen der Quellenkennzeichnung: Fritz (1991), (1993); Schröder (1995); Haß-Zumkehr (1998). Zu Querverweisen: Gloning (2003, Kap. 4.). Zur funktionalen Syntax von Tagebüchern vgl. Admoni (1988).
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Wie lässt sich der gesamte Fragenkomplex des Zusammenhangs von textueller und syntaktisch-lexikalischer Organisation in eine evolutionäre Theorie der Sprachentwicklung11 integrieren?
Die Bearbeitung dieser teils stärker empirisch, teils stärker theoretisch ausgerichteten Fragestellungen gehört mehrheitlich noch zu den Zukunftsaufgaben im Schnittbereich von historischer Textlinguistik und funktionaler historischer Syntax.
4. Zusammenfassung und Ausblick Das Konzept der funktionalen Textbausteine ist ein nützliches Werkzeug bei der Beschreibung der Handlungsstruktur (einschließlich der Themenstruktur) von historischen Texten und bei der Beschreibung des Zusammenspiels von Handlungsstruktur und syntaktischer Organisation von Textbausteinen, auch in ihrer historischen Entwicklung. Im vorliegenden Beitrag habe ich versucht zu zeigen und anhand von Beispielen zu verdeutlichen, dass die Untersuchung der historischen Ausprägung und Entwicklung funktionaler Textbausteine, die Analyse der dafür verwendeten syntaktischen Muster und die Bestimmung ihres Beitrags zur Charakteristik historischer Texttypen und ihrer Entwicklung lohnende Unternehmungen an der Schnittstelle von historischer Textlinguistik und historischer Syntax sind, die auch Ausstrahlungen zur historischen Lexikologie aufweisen. Die textuell-syntaktischen Fragen im Schnittbereich von Grammatik und Textpragmatik sind darüber hinaus auch ein lohnendes Feld für eine evolutionäre Texttheorie, für die Frage nach der Rolle von „Konstruktionen“ und für die Frage nach der Mechanik und den Bedingungsfaktoren des Sprachwandels.
Quellen Fontane, Theodor (1969), Sämtliche Werke. Aufsätze, Kritiken, Erinnerungen, Bd. 2: Theaterkritiken, Walter Keitel / Siegmar Gerndt (Hrsg.), München. Gart der gesuntheit (1966), Mainz: Peter Schöffer 1485, Nachdruck München-Allach.
_____________ 11
Vgl. hierzu u.a. Keller (1990), (1995); Heringer (1998).
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Kräuterbuch Deß vralten vnnd in aller Welt brühmtesten Griechischen Scribenten Pedacii Dioscoridis Anazarbaei, Von allerley wolriechenden Kräutern, Gewürtzen/ [...] Erstlich durch Ioannem Danzium von Ast [...] verteutscht/ Nun mehr aber von Petro Vffenbach [...] Auffs newe vbersehen [...] (1964), Frankfurt a. M. 1610, Nachdruck Grünwald. Lindner, Theresia (um 1780), Koch Buch zum Gebrauch der Wohlgebohrenen Frau Frau Theresia Lindnerin, Handschrift (süddeutsch). Pizzini, Duglore (1973), „Burgtheater. Pepi ist der Größte. ‚Der Bürger als Edelmann‘ von Molière“, in: Wochenpresse, Nr. 8, 21.2.1973, Kultur, 11. Rößlin, Eucharius (1513), Der Swangern Frauwen vnd hebammen Rosegarten, Straßburg: Martin Flach d.J. Rühle, Günther (1988), Theater für die Republik im Spiegel der Kritik, Erster Band: 19171925, Zweiter Band: 1926-1933, überarb. Neuaufl., Frankfurt a. M. Stein, Georg Wilhelm (1797a), Theoretische Anleitung zur Geburtshülfe. Zum Gebrauche der Vorlesungen. Mit zwölf Kupfertafeln, 5. verbesserte u. vermehrte Aufl., Marburg. Stein, Georg Wilhelm (1797b), Practische Anleitung zur Geburtshülfe. Zum Gebrauche der Vorlesungen. Mit zwölf Kupfertafeln, 5. verbesserte u. vermehrte Aufl., Marburg.
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Wie eine historische Grammatik der temporalen Relationen aussehen könnte ... Maxi Krause (CRISCO) ∗
1. Vorbemerkung Der Vergleich der alt-, mittel- und auch noch frühneuhochdeutschen Sprachdenkmäler mit dem heutigen Deutsch ist prinzipiell problematisch, da er dialektale Zeugnisse mit einer ziemlich stark normierten Standardform konfrontiert. Methodisch sauberer wäre es, die Entwicklung von den alten Sprachstadien zu den entsprechenden Dialektvarianten der heutigen Zeit aufzuzeichnen und diese dann der Norm der Standardsprache gegenüberzustellen. Dies ist an dieser Stelle leider nicht möglich. Da das Thema sehr komplex ist, lassen sich Zusammenhänge hier nicht in Einzelheiten kommentieren; die zeitweise tabellarische Darstellung dürfte aber genügen, das zentrale Anliegen anhand dreier Fallstudien deutlich zu machen.
2. Einleitung Was sind eigentlich temporale Relationen? Oder besser: Was wird im Folgenden als temporale Relation angesehen? Ich verstehe darunter das Einordnen von Prozessen in einen zeitlichen Rahmen, ihre Datierung, sei sie nun vage oder genau, absolut oder relativ (2008, damals, vorhin, am Sonntag, in drei Stunden …). Dies kann verbunden sein mit dem Ausdruck von Vorzeitigkeit und Nachzeitigkeit – es handelt sich dabei prinzipiell um ein Verhältnis des Aufeinanderfolgens, das eben unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden kann (erst wird zugehört, dann wird diskutiert / vor dem Essen bitte Hände waschen.) – sowie von Gleichzeitigkeit (er studiert und nebenher fährt er Taxi / beim Frühstück Zeitung lesen). Zum dritten verstehe ich darunter die _____________ ∗ Universität Caen Basse-Normandie.
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Angabe der Dauer (Er hat den ganzen Winter über / zwei Jahre lang nichts geschrieben). Ein Grenzfall einer temporalen Relation wäre die Präzisierung dessen, was zum wievielten Mal stattfindet oder stattgefunden hat, d.h. Reihenfolge und Frequenz (sie war zum ersten Mal in Graz, er schon mehrmals). Temporale Relationen können auf vielfältige Art und Weise zum Ausdruck gebracht werden, sei es durch ein einziges, sei es durch mehrere, kooperierende Mittel: Durch Verbformen (er hatte gegessen und legte sich ins Bett.); durch temporale Nebensätze, die entweder durch ausschließlich temporale Subjunktionen eingeleitet werden (solange es regnet, bleiben wir hier) oder durch Subjunktionen, die nur unter bestimmten Bedingungen temporalen Wert haben (wenn er da war, war sie glücklich / während sie arbeitet, geht er einkaufen.); durch Präpositionen, Postpositionen und Circumpositionen in Verbindung mit bestimmten Kasus, wobei es auch hier ausschließlich temporale Adpositionen gibt (seit 2005) neben solchen, die nur unter bestimmten Bedingungen temporal sind, was sehr viel häufiger ist (nach / vor dem Mittagessen); durch eindeutig und ausschließlich temporale Adverbien (gestern, heute, damals, seither) sowie Adverbien und Adverbkombinationen, die nur in bestimmten Kontexten temporal sind (danach, hinterher, darüber hinaus); durch Nominalgruppen im Genitiv und Akkusativ (letztes Jahr, jeden Dienstag / eines schönen Tages); und schließlich durch verbale und nominale Lexeme (folgen, Folge / Anfang, Ende). Lässt man Tempora, Nebensätze sowie flektierende Lexeme einmal beiseite, bleiben invariable Elemente übrig (Adpositionen, Adverbien), die hier vorerst im Vordergrund stehen sollen, auf die sich eine historische Grammatik der Relationen aber nicht beschränken sollte. Prinzipiell gibt es drei Möglichkeiten, sich der Geschichte dieser Relationsträger zu nähern: (1) Einmal die isoliert morpho-phonetische Beschreibung, d.h. die Etymologie einzelner Signifikanten. Sie lässt Syntax und Semantik – notgedrungen – weitgehend beiseite. So steht beispielsweise unbestreitbar fest, dass nhd. seit auf mhd. sît und ahd. sîd zurückgeht. (2) Zum zweiten eine die Syntax und Semantik berücksichtigende Beschreibung ohne Bezug auf irgendeine Systematik. Eine solche Herangehensweise vernachlässigt Distributionsregeln. Falls entsprechende Kapitel in Grammatiken überhaupt existieren, ist Verzicht auf Systematik fast der Regelfall.1 (3) Und schließlich eine Beschreibung, in der die unterschiedlichen sprachlichen Mittel eingeordnet werden in eine Systematik der Relationen; dies ist eine Vorgehensweise, die es gestattet, Fälle von Kooperation und Komplementarität aufzudecken und Gebrauchsbedingungen (Distributionsre_____________ 1
Ich beschränke mich hier auf die Standardgrammatiken der von W. Braune begründeten Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte; eine Ausnahme bildet die Althochdeutsche Grammatik II. Syntax von R. Schrodt.
Historische Grammatik der temporalen Relationen
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geln) auf die Spur zu kommen. Bei einem solchen Ansatz wird schnell deutlich, dass die oben genannten Kriterien (Vor- / Nach- / Gleichzeitigkeit; Dauer, Reihenfolge und Frequenz) der Ergänzung und Verfeinerung bedürfen. Die drei Möglichkeiten seien anhand der folgenden Beispiele kurz illustriert. Das Beispiel sīt – sîd – seit: Die Etymologie ist unbestritten. Allerdings erfährt man2 damit nichts über die Art der Verwendung von seit / sît und sîd. Weder etwas darüber, dass mittelhochdeutsches sît auch als Adverb auftreten konnte, z.B. im Nibelungenlied (NL) (1)
sît wart sie mit êren eins vil küenen recken wîp (NL I,18) [Später wurde sie in allen Ehren eines sehr kühnen Recken Weib]
(2)
mit dem jungen künege swert genâmen sie sît. (NL II,28) [mit dem jungen König erhielten sie später / danach das Schwert.]
noch etwas darüber, dass althochdeutsches und mittelhochdeutsches sîd / sît nur selten durch neuhochdeutsches seit wiedergegeben werden kann. (3)
Pilatus giang zen liutin sid tho thesen datin | wolt er in gistillen thes armalichen willen. (Otfrid IV 23,11) [Danach ging Pilatus wieder zu den Leuten...]
(4)
Sid tho thesen thingon fuar Krist zen heimingon, (Otfrid II 14,1) [Danach begab sich Christus wieder heimwärts...]
Das Beispiel nach: Nach geht rein morphologisch auf mhd. nâch und ahd. nâh zurück, aber temporales nhd. nach hat als semantischen Vorgänger zwar mhd. nâch, ahd. jedoch after und sīt (vgl. zu letzterem supra die Beispiele (3) und (4)): (5)
After worton managen joh leron filu hebigen | [...] so giang er in den oliberg (Otfrid III 17,1) [Nach vielen Worten / Reden und vielen Belehrungen […] ging er zum Ölberg]
(6)
er hete sich nâch dem slage | hin vür geneiget unde ergeben (Iwein 1108) [Er hatte sich nach dem Schlag vorgeneigt / verbeugt und ergeben]
Aus dem bisher Angedeuteten ergibt sich die zweite Möglichkeit, sich der Geschichte der temporalen Relationsträger zu nähern, nämlich über ihre Semantik und ihr syntaktisches Verhalten. Relativ einfach ist dies, wenn ein Signifikant ersetzt wird durch einen anderen (so zum Beispiel ahd. after durch mhd. und nhd. nach). Weniger einfach ist es in Fällen wie sīt – sîd – _____________ 2
Zum Beispiel in Kluge (2002, 839).
198
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seit, wo der Signifikant erhalten bleibt, sein semantischer Gehalt und unter Umständen auch seine kategoriale Zugehörigkeit sich jedoch ändern. Und hier klafft eine riesenhafte Lücke. Schlägt man in sprachwissenschaftlichen Lexika nach unter dem Stichwort Bedeutungswandel, findet man zwar Beispiele zu Substantiven und Verben, seltener zu Adjektiven (vgl. bei Glück 2005; Bussmann 2002), aber nicht eines zu invariablen Lexemen wie in, an oder eben seit und nach. Und in der Tat gibt es unzählige Untersuchungen zum Bedeutungswandel einzelner sogenannter Autosemantika, allerdings bisher relativ sehr wenig zum Bedeutungswandel sogenannter Synsemantika (hierzu vor allem Publikationen in den Beiträgen zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur). Ich verwende die beiden Begriffe Auto- und Synsemantikon hier der Einfachheit halber, im Grunde neige ich eher dazu, diese Unterteilung als ungerechtfertigt zu betrachten. Es bedarf also eines Instrumentariums und einer Systematik, die es gestatten, dem Bedeutungswandel so unauffälliger Lexeme wie es Partikeln zu sein scheinen, auf die Spur zu kommen. Grundgedanke ist dabei, dass ein invariabler Signifikant X im Prinzip ein einziges Signifikat hat, d.h. eine Menge von Merkmalen, die entweder alle gleichzeitig oder aber auch nur teilweise aktualisiert werden und zwar je nach Funktionsbereich (Raum, Zeit, Abstraktion), nach Zugehörigkeit zu einem System oder Subsystem von Relationen sowie nach Erscheinungsweise (als Adposition, Adverb oder Teil von Adverbien, trennbare oder untrennbare Verbalpartikel). Der zweite Grundgedanke ist, dass Relationen sich systematisieren lassen, zum einen nach den oben genannten Funktionsbereichen, zum andern nach bereichsspezifischen Kriterien, wie zum Beispiel ± Achsenbezug (Raum), lineare oder punktuelle Bezugsgröße (Zeit), noch zu entwickelnde Kriterien (Abstraktion). Bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es eine solche Systematik nicht. 1972 erschien die Habilitationsschrift eines französischen Germanisten, Philippe Marcq, mit dem Titel Prépositions spatiales en allemand ancien, in welcher er anhand der Untersuchung des Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen bis Berthold von Regensburg eine Systematik der spatialen Relationen entwickelte, die er in späteren Publikationen auch aufs Neuhochdeutsche und Französische ausdehnte und um den Bereich der temporalen Relationen erweiterte.3 1978 erscheint die erste Arbeit Marcqs zu den temporalen Relationen im Tatian, 1988 der Band Spatiale und temporale Relationen im heutigen Deutsch und Französisch. 1992 folgt aus meiner Feder eine Arbeit zu den Zeitangaben bei Otfrid, 1994 zu den _____________ 3
Für die spatialen Relationen liegt eine durchgehende Behandlung bis zum Neuhochdeutschen vor durch die Arbeit eines Schülers von Marcq; vgl. Desportes (1984). Punktuelle Ergänzungen zum Neuhochdeutschen finden sich in meinen eigenen Arbeiten.
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Zeitangaben im Gotischen, 1997 Konkurrenz und Komplementarität in einem Teilbereich der temporalen Relationen sowie 2000 der Aufsatz Binnenstruktur temporaler Nominalgruppen im Akkusativ und Genitiv. Alle genannten Arbeiten bauen auf Marcq auf, desgleichen die Magisterarbeit von Sébastien Guillardeau Les prépositions et cas dans la localisation temporelle chez Gottfried von Straßburg et Hartmann von Aue (Caen, 2000). Es fehlt also bislang eine durchgehende Untersuchung der temporalen Relationen vom Althochdeutschen bis zum Neuhochdeutschen. Außerdem blieben in den genannten Arbeiten die Adverbien weitgehend ausgeschlossen. Hier besteht also Forschungsbedarf.
3. Die Systematik von Philippe Marcq Die Systematik der temporalen Relationen ergab sich für Marcq aus der Systematik der spatialen Relationen. Temporale Relationen sind prinzipiell abstrakter Natur; da sie sich jedoch leicht abgrenzen lassen von anderen abstrakten Relationen wie beispielsweise dem Ausdruck der Finalität oder Kausalität, ist es berechtigt, sie als einen besonderen Untersuchungsgegenstand zu behandeln. Zudem basieren die allermeisten der von Adpositionen getragenen temporalen Relationen auf spatialen Bildern.4 Hier muss nun kurz die Marcq'sche Systematik erläutert werden, etwas gerafft und mit Beispielen aus dem heutigen Deutsch: Da Zeit, im Vergleich zum Raum, eindimensional ist, kann sie mittels einer (per conventionem nach rechts orientierten) Achse dargestellt werden. Prozesse (inklusive des Prozesses sein) werden auf dieser Achse lokalisiert und zwar im Verhältnis zu mindestens einer, häufig auch zwei Bezugsgrößen. Die eine Bezugsgröße, die notwendigerweise immer vorhanden ist, kann entweder als Punkt oder als Segment auf der Zeitachse verortet werden und wird im Folgenden als Bezugstermin bezeichnet. Ob dieser (z.B. Ferien) als Punkt oder als Segment aufgefasst wird, hängt ausschließlich von der Intention des Sprechers ab: vor den Ferien (7a)
nach den Ferien ●
vor der Reise / dem Essen
nach der Reise / dem Essen in den Ferien
(7b) auf der Reise / beim Essen _____________ 4
Vgl. dazu Krause (2008, 15ff.).
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Dieser immer vorhandene Bezugstermin (Punkt oder Segment) kann entweder ein Zeitabschnitt sein (z.B. Ferien, Weihnachten) oder ein Prozess (z.B. Reise, Essen). Personennamen sowie Orte repräsentierende Nomina (Toponyme und andere) können einen Zeitabschnitt vertreten: (8)
vor Hitler (= vor 1933) Er kennt ihn von der Universität / Berlin her (= seit seinem Studium / seit seiner Zeit in X)
Die zweite Bezugsgröße, die in manchen Fällen von Belang ist, ist die Bezugsperson, welche entweder der Sprecher selbst sein kann oder eine andere Person. (9)
Seit fünf Uhr regnet es.
Bezugstermin ist fünf Uhr; die Bezugsperson befindet sich irgendwo rechts davon und ist im obigen Beispiel identisch mit dem Sprecher / Denker.5 Marcq unterscheidet vier Systeme:6 •
Ein System I mit punktuellem Bezugstermin; in diesem System wird der Prozess entweder links oder rechts des Bezugspunkts lokalisiert.
•
Ein System II mit linearem Bezugstermin; hier wird der Prozess innerhalb des Bezugssegments lokalisiert.
•
Ein System der Ko-Okkurrenz (in dem bestimmte Oppositionen aufgehoben sind); die Opposition Punkt – Segment spielt hier keine Rolle.
•
Ein kleines, nur zwei besondere Relationen beinhaltendes System des Aufeinanderfolgens und Erwartens.
Es gibt prinzipiell vier Relationen,7 in denen sich der lokalisierte Prozess zur Bezugsgröße befinden kann, eine statische und drei dynamische: •
die statische Relation: lokalisierter Prozess und Bezugsgröße befinden sich in einem statischen Verhältnis zueinander: (10) Vor den Ferien hat er wahnsinnig viel gearbeitet. In den Ferien ” ” ” ” ”
(System I) (System II)
_____________ 5
6 7
Der Terminus Sprecher wird hier im weitesten Sinne verwendet: Auch die Person, deren Gedanken wiedergegeben werden (innerer Monolog bzw. berichtete Rede) fällt darunter (daher die Erweiterung auf Denker), ebenso wie der Autor schriftlicher Äußerungen. Teilweise wurden diese von Schrodt (2004) übernommen. Zuzüglich der Relation des Aufeinanderfolgens und der Relation des Erwartens.
201
Historische Grammatik der temporalen Relationen •
die direktive Relation, d.h. der lokalisierte Prozess bewegt sich auf den Bezugstermin zu: (11) Wir arbeiten bis 16 Uhr. Wir arbeiten bis in die Nacht hinein.
•
die perlative Relation, d.h. der lokalisierte Prozess bewegt über den Bezugstermin hinaus (System I) bzw. füllt ihn aus (System II): (12) Wir planen über das Jahr 2015 hinaus. Wir arbeiten die ganze Nacht hindurch.
•
(System I) (System II)
(System I) (System II)
die ablative Relation: der lokaliserte Prozess beginnt beim bzw. im Bezugstermin: (13) Wir arbeiten ab 8 Uhr. Wir haben von Kind auf gearbeitet.
(System I) (System II)
Die drei dynamischen Relationen implizieren den Begriff der Dauer; die statische Relation impliziert Gleichzeitigkeit (was in System II und im System der Ko-Okkurrenz deutlicher zum Ausdruck kommt als in System I). Nun gibt es häufig mehrere sprachliche Mittel, die ein und dieselbe Relation tragen können. Diese Mittel verhalten sich zueinander entweder komplementär oder konkurrierend, teilweise auch kooperierend. Ein schönes Beispiel für komplementäre Distribution bieten heutzutage in + DAT. und an + DAT. im System II: (14) Am Sonntag waren wir in Paris. Im Winter waren wir in Paris. Ein Beispiel für die Konkurrenz zweier Signifikanten bieten z.B. von + Adv. + an sowie von + Adv. + ab: (15) Von jenem Tag an rauchte er nicht mehr. Von jenem Tag ab rauchte er nicht mehr. Und Kooperation besteht im zweiten Satz in (16) zwischen ab und von: (16) Ab heute rauche ich nicht mehr. Von heute ab rauche ich nicht mehr. Stehen für ein und dieselbe Relation mehrere Signifikanten zur Verfügung, schränken im Allgemeinen Distributionsregeln die Auswahl ein. Übergeordnetes Kriterium ist die Art der Bezugsgröße: Zeitspanne oder Prozess.
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(17) im Winter (Zeitspanne) - *in der Fahrt (Prozess) *auf dem Winter - auf der Fahrt den Winter über - *die Diskussion über Weitere Differenzierung erfolgt •
durch die Eingrenzung der Mittel, welche die Bezugsgröße bezeichnen: bestimmte Wortarten (z.B. Substantiv oder Adverb) und semantische Gruppen innerhalb einer Wortart sowie einzelne Wörter;
•
gruppenintern durch notwendige Zusätze (bzw. Weglassung) von Determinativen, Quantoren und anderen Elementen, durch Kategorien wie Numerus, zählbar – unzählbar etc.;
•
gruppenextern durch Verbform (einfach oder zusammengesetzt) und Art des Verbs (punktuell oder linear);
•
durch Differenzierung der syntaktischen Mobilität (frei bzw. fixiert).8
Mit anderen Worten: Das Regelgeflecht weist – ausgehend von relativ übergeordneten Kriterien über speziellere – feinste Verästelungen auf, an deren Endpunkten festgefügte Einheiten stehen können, wie z.B. auf der Stelle und auf einmal; selbst für solche Einheiten kann es jedoch noch Differenzierungen geben, wie z.B. folgende: (18) Auf einmal wurde es dunkel. [System II; statische Relation; + inchoativ; syntaktisch relativ mobil: ausgeschlossen ist die Position, die für auf einmal = gleichzeitig reserviert ist.] (19) Bitte nicht mehr als drei Personen auf einmal. [System II; statische Relation; + quantitative Konnotation; syntaktisch fixiert auf den Platz unmittelbar hinter der Nominalgruppe mit – obligatorischem – Quantor.] Festzuhalten ist, dass sich die lexikalisierten Einheiten in das allgemeine Schema einordnen. Zu den bisher genannten Kriterien kommt noch ein weiteres, welches schwerer zu fassen ist, nämlich das der Stilebene und / oder Textsorte: (20) Binnen eines Jahres hat er Englisch gelernt. In einem Jahr hat er Englisch gelernt. _____________ 8
Vgl. zum Neuhochdeutschen Krause (1997, 225ff.).
Historische Grammatik der temporalen Relationen
203
Beide Sätze liefern dieselbe Information, aber – um es vorsichtig auszudrücken – binnen ist weniger umgangssprachlich als in, dem jedoch keinesfalls im Umkehrschluss das Etikett nur umgangssprachlich anzuheften ist. Des Nachts ist eindeutig nicht umgangssprachlich, etc. Die meisten temporalen Präpositionen und temporal gebrauchten obliquen Kasus haben nicht von sich aus temporalen Wert (eine Ausnahme ist seit), sie erhalten diesen erst in der Kombination mit anderen Elementen – umgekehrt werden aber auch letztere durch ihr Umfeld eingegrenzt, präzisiert, festgelegt. Beispiel: Lesen kann temporale Bezugsgröße sein in (21) Über dem Lesen hab ich das ganz vergessen. aber auch eine Fähigkeit bezeichnen: (22) Lesen gehört zu den Grundfertigkeiten. Die Festlegung erfolgt also immer in zwei Richtungen. Rein strukturelle – auf welcher Ebene auch immer angesiedelte – Kriterien reichen oft nicht aus, Eindeutigkeit herzustellen; sie sind unabdingbar, aber genauso unverzichtbar ist Welt- und Kontextwissen: (23) Erster Bosnien-Hilfstransport der Reutlinger Caritas nach Dayton. [Schwäb. Tagblatt 11.5.96] Nach kann nur dann als temporal erkannt werden, wenn der Leser weiß, dass Dayton ein US-amerikanischer Ortsname ist, dass an diesem Ort politische Absprachen getroffen wurden und dass somit der Ortsname einen Zeitpunkt repräsentiert.
4. Die Systematik nach Marcq, tabellarisch (20. Jh.) Ausführliche Kommentare sind hier nicht möglich.9 4.1. System I : punktuelle Bezugsgröße (Bezugstermin) Bei der statischen Relation (4.1.1.) sind zwei Konstellationen zu unterscheiden.
_____________ 9
Vgl. dazu Marcq (1988) und Krause (1994b), (1997), (1998) sowie (2002a).
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4.1.1. Statische Relation hinter + DAT.
vor + DAT.
Bezugsperson = Bezugstermin (Verben: nur liegen, haben, sein) (24) Endlich hatte ich das hinter mir. / Das liegt noch vor dir. vor + DAT.; gegen + A
nach + DAT.
Bezugstermin [Position der Bezugsperson rechts oder links vom Bezugstermin] (25) vor Weihnachten; gegen Ende des Jahres / nach Weihnachten; nach dem Essen, nach der Reise Sonderfall: In die Zukunft oder Vergangenheit versetzte statische Relation: vor + DAT. (+ Quantor)
in + DAT. (+ Quantor)
Bezugstermin [± heute, gestern; Montag…] und Bezugsperson befinden sich am gleichen Punkt. (26) (heute / gestern / Montag) vor drei Tagen / in drei Tagen 4.1.2. Direktive Relation auf + AKK. + zu / hin auf + AKK. (selten) Bezugstermin (27) Es geht auf Weihnachten zu; er paukt auf die Prüfung hin.
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Historische Grammatik der temporalen Relationen
DAT. + entgegen Bezugsperson
Bezugstermin
(28) Wir gehen schweren Zeiten entgegen. 4.1.3. Perlative Relation vorbei / vorüber [+ gehen oder sein]; um oder rum [+ sein] Bezugstermin = Bezugsperson (29) Es geht alles vorüber / vorbei; endlich war die Stunde (r)um. über + AKK. hinaus Bezugstermin [Position der Bezugsperson ist belanglos] (30) Wir planen über das Jahr 2015 hinaus. 4.1.4. Ablative Relation von + DAT. / ADV. + an [am häufigsten] von + DAT. / ADV. + ab [weniger häufig] ab + DAT. / ADV. [Relikt] Bezugstermin [Position der Bezugsperson ist belanglos] (31) Von da an / ab konnte er das Wort „Präposition“ nicht mehr hören. / Ab morgen gibt es nur noch Wasser. seit + DAT. / ADV. Bezugstermin
Bezugsperson
(32) Seit Weihnachten / gestern regnete es / hat er nicht mehr angerufen.
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seit + DAT. (+ Quantor)10 Bezugstermin Bezugsperson ([es + her + sein] + AKK. [Quantor + Subst.]) (33) Seit drei Tagen regnete es. / Es ist keinen halben Tag her, da hat er noch gesungen… 4.1.5. Sonderfall: Lokalisierung in Bezug auf zwei punktuelle Bezugstermine Nur statische Relation: zwischen + DAT. 1. Bezugstermin
2. Bezugstermin
(34) Das machen wir zwischen Weihnachten und Neujahr. Statische Relation (sporadisch realisierter Prozess): von + DAT. X + zu + DAT. X [identischer Dativ: ausschließlich Zeit] 1. Bezugstermin
2. Bezugstermin
n-ter Bezugstermin
(35) Von Zeit zu Zeit treffen sie sich zum Kaffee. Übergang von einem punktuellen Bezugstermin zu einem andern: von + DAT. X + zu + DAT. X [identischer Dativ ohne Determinativum] [+ Ausdruck des Zunehmens oder Abnehmens] 1. Bezugstermin
2. Bezugstermin
n-ter Bezugstermin
(36) Sie wurde von Tag zu Tag schöner. / Ihre Angst wuchs von Minute zu Minute.
_____________ 10
Andauernder Prozess oder iterativ + abgeschlossen.
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4.2. System II (lineare Bezugsgröße)11 4.2.1. Statische Relation AKK., GEN., an + D, in + D, auf + D, während + G, unter + D, über + D, auf einmal
(37) Letztes Jahr waren wir auf Ischia. Eines schönen Tages kam er zurück. Am Montag / am Abend gehen wir ins Kino. Im Winter / auf der Fahrt; während des Winters / der Fahrt. Unter verlegenem Räuspern verließ er den Salon. Über dem Kochen hab’ ich das ganz vergessen. Auf einmal waren alle weg. / Redet doch nicht alle auf einmal! In die Zukunft versetzte statische Relation: auf + A, für + A, in + A
(38) Die Sitzung verschieben wir auf nächsten Montag. Die Konferenz war für Dienstagnachmittag angesetzt. Das verlegen wir in die Zeit vor Weihnachten. Der lokalisierte Prozess umschließt die Grenzen des Segments: um + A
(sehr kurzes Segment: präzise Angabe) (langes Segment: vage Angabe) (39) um 20 Uhr 30 / um die Jahrhundertmitte
_____________ 11
Distributionsregeln, vgl. Krause (1997, 236ff.); A = Akkusativ; D = Dativ; G = Genitiv.
208
Maxi Krause
4.2.2. Direktive Relation:12 bis + A, bis (in + A) ± hinein, bis (an + A), (bis) auf + A
(40) Bis 1989 gab es quer durch Europa den „Eisernen Vorhang“. Sie schufteten bis in die Nacht (hinein). Ich bleibe bei euch bis ans Ende aller Tage. Damit machte er sich unvergesslich bis auf den heutigen Tag. 4.2.3. Perlative Relation in + D, innerhalb + G / von, binnen + D / G, auf+ A, für + A, durch + A [sehr selten], während + G / D, AKK (± lang), AKK + (hin)durch, AKK + über, über + A (± hinweg)
(41) Ich weiß nicht, ob ich das in drei Tagen schaffe. Innerhalb kürzester Zeit / von drei Tagen hatte er sich das Notwendige angeeignet. Binnen weniger Sekunden war es stockdunkel geworden. Sie hat ihn auf / für drei Wochen in die Berge geschickt. Dieses Buch hat mich durch all die Jahre immer wieder getröstet. Während längerer Zeit / der ganzen Fahrt herrschte Ruhe. Wir bleiben den ganzen Tag am Strand. Er war fünf Tage (lang) verschüttet. Der Motor ist die Nacht durch gelaufen. Ich habe die ganze Nacht über kein Auge zugetan. Über Ostern bleiben wir zu Hause. Über mehrere Jahre hinweg waren junge Taschendiebe aus Südosteuropa ein Topthema der Boulevardpresse.
_____________ 12
Überschneidung mit dem System der Ko-Okkurrenz.
Historische Grammatik der temporalen Relationen
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4.2.4. Ablative Relation13 aus + D, seit + D, von + D + auf, von + D / Adv. + her
(42) Ein Märchen aus uralten Zeiten / eine Kirche aus dem 9. Jahrhundert; dazu wurde er von Kind / klein auf angehalten; er kennt ihn von der Uni / vom Krieg her. 4.3. System der Ko-Okkurenz (Neutralisatoren)14 4.3.1. Statische Relation bei + D, mit + D, zu + D. (43) Bei Ostwind bleibt das Fenster zu; beim Frühstück liest er Zeitung; mit der beginnenden Dämmerung zündet die Mutter die Kerzen an. Zur Zeit nicht vorrätig. 4.3.2. Direktive Relation bis [± andere Präp.+ DAT.]+AKK (meist nicht zu erkennen) oder bis + ADV. (44) Der Schnee blieb bis zum späten Vormittag liegen. / bis nächsten Montag. (vgl. System II) 4.3.3. Ablative Relation Vgl. System II.
_____________ 13 14
Überschneidung mit dem System der Ko-Okkurrenz. Einzelheiten bei Krause (1998), (2002b), (2002c) und (2002d).
210
Maxi Krause
4.4. System des Aufeinanderfolgens und Erwartens Aufeinanderfolgen:
auf + A
(45) Auf Regen folgt Sonnenschein. Erwarten:
auf + A
(46) Er ist gespannt auf die neue Lehrerin.
5. Diachronie der Relationen: Drei Fallstudien Wie bereits erwähnt, ist eine systematische diachronische Studie der temporalen Relation bislang ein Desideratum. Was im Folgenden ausschnitthaft dargestellt wird, basiert auf wenigen Texten, die allerdings – soweit es die Adpositionen betrifft – vollständig ausgewertet wurden. Für Substitute, Sub- und eventuell Konjunktionen ist die Auswertung noch zu leisten. Fürs Althochdeutsche steht hier Otfrids Evangelienbuch (O), fürs Mittelhochdeutsche stehen Gottfried von Straßburg (Go) sowie Hartmann von Aue (Ha). Die Befunde fürs Mittelhochdeutsche sind jene der Abschlussarbeit von Sébastien Guillardeau; Beispiele aus dem Nibelungenlied wurden von mir gesammelt. Fürs Neuhochdeutsche stehen Autoren des 20. Jahrhunderts sowie Zeitungsartikel (vor allem Schwäbisches Tagblatt und Die Zeit), teils von mir selbst zusammengetragen, teils Krause 1994, 1998, 2002a-d entnommen. 5.1. Fallstudie I: System I, statische Relation (Position der Bezugsperson belanglos), diachron Adpositionen: ahd. er + D; fora + D; fora + Instr. (thiu) mhd. vor + D; wider + (?); gegen / gein + D nhd. vor + D; gegen + A
after + D, after + INSTR. (thiu); sid + D nâch + D nach + D
Substitute (teilweise Adverbien):15 ahd. fora thiu (referiert auf Sachverhalte) tharfora (? Spat. od. temp. ?)
after thiu (referiert auf Sachverhalte) sīd
_____________ 15
Vgl. dazu Krause (2003, 101ff.) und (2007, 453ff.).
211
Historische Grammatik der temporalen Relationen
mhd. dâ vor nhd. davor [ziemlich selten] vorher; zuvor
sît danach; (später); (hernach); hinterher
(47) So was io wort wonanti er allen zitin worolti […] (O II 1,5); Was iz ouh giwisso fora einen ostoron so, theso selbun dati, fora theru wihun ziti. (O III 6,13.14); Sehs dagon fora thiu quam er zi Bethaniu, […] (O IV 2,5); After worton managen joh leron filu hebigen […] so giang er in then oliberg (O III 17,1); Was siu after thiu mit iru sar thri manodo thar (O I 7,23); Pilatus giang zen liutin sid tho thesen datin (O IV 23,1); Er muases sid gab follon fiar thusonton mannon (O III, 6,53) (48) Vor einer vesperzîte huop sich grôz ungemach (NL 814,1); […] vor disen sunewenden sol er und sîne man sehen hie vil manigen, der im vil grôzer êren gân. (NL 7751,3); Bî der sumerzîte und gein des meien tagen […] (NL 295,1); hiute ist der ahte tac nach den sunewenden (I 2941); Sold' er rehte wizzen, wie es nâch der stunt zer hôhgezîte ergienge […] (NL 781,2); ir vater der hiez Dancrât, der in diu erbe liez sît nach sime lebene […] (NL 7,3); Kriemhilt in ir muote sich minne gar bewac. sit lebte diu vil guote vil manegen lieben tac (NL 18,2) (49) vor Weihnachten; vor dem Essen; vor 2008; gegen Ende des 19. Jahrhunderts; gegen 20 Uhr; nach Weihnachten; nach dieser Rede; nach dem Fest 5.2. Fallstudie 2: System I, statische Relation (synchron, 20. Jh.) Die Bezugsperson befindet sich links oder rechts des Bezugstermins Adpositionen: vor + DAT.; gegen + A Substitute: davor; vorher; zuvor Subjunktionen: bevor
nach + DAT.
danach; (später); (hernach) hinterher nachdem
212
Maxi Krause
In die Zukunft oder Vergangenheit versetzte statische Relation: Bezugstermin = Bezugsperson: Adpositionen: vor + D [+ Quantor bzw. NPlur.]
in + D [ + Quantor]
Substitute: vorhin / [gerade] / [kürzlich] davor
nachher / [gleich] / [später] darin / danach
Subjunktionen: (kurz) bevor …
wenn … (dann) nachdem
Aus dieser Übersicht geht hervor, dass für den links der Bezugsgröße befindlichen Teil der Zeitachse in beiden Fällen die Präposition vor zuständig ist, ein Substitut davor allerdings nur dann stehen kann, wenn die Position der Bezugsperson belanglos ist. Sie zeigt auch, dass mit da- gebildete Substitute nur sehr eingeschränkt einsetzbar sind.16 Ähnliches scheint für Subjunktionen zu gelten. Durchgestrichene Signifikanten zeigen, dass ihre Verwendung hier ausgeschlossen ist. (50) Das Rigorosum war gut gelaufen, obwohl er die Nacht davor fast nicht geschlafen hat / Na, da bist du ja endlich. Wo warst du denn vorhin? – *Wo warst du denn davor? Nachdem er promoviert hatte, fand er erst mal keine Stelle. / Wenn du dann einkaufen gehst, bring mir bitte Milch mit. Aber vorher solltest du noch schnell die Wäsche abhängen. – *Aber vorhin solltest du noch schnell die Wäsche abhängen. 5.3. Fallstudie 3: System II (diachronisch) In eckigen Klammern wird einerseits die Art der Bezugsgröße präzisiert (Zeitspanne oder Prozess) oder aber – bei eingeschränkter Auswahl möglicher (Pro-)Nomina – die entsprechenden Lexeme. Kurzkommentare geben Hinweise auf die Kombinatorik. DET steht für Determinativum. Mit initialem Ausrufezeichen sind diejenigen Signifikanten gekennzeichnet, die entweder ganz verschwunden sind oder heute nicht mehr genau in derselben Funktion oder in denselben Kombinationen auftreten. Neu hinzukommende Signifikanten(-gruppen) sind durch Unterstreichung gekennzeichnet. Ø bedeutet, dass es im betreffenden Korpus keinen entspre_____________ 16
Vgl. dazu Krause (2007, 458ff.).
Historische Grammatik der temporalen Relationen
213
chenden Beleg gibt; was nicht heißt, dass dazu innerhalb der Gesamtheit einer Sprachstufe keine sprachlichen Mittel zur Verfügung standen. Ziffern präzisieren die Anzahl der Belege. 5.3.1. Statische Relation ahd.
AKK. [+ sar (io) thia wîla] !DAT. (nur 5 Belege) [Zeitspanne] GEN. [Zeitspanne; genau messbare Einheiten] !GEN. [Prozess: fart] in + DAT. (am häufigsten) [Zeitspanne; „Lebensabschnitt“] in + DAT. (Prozess / DAT. = Gerundivum + sîn; Prozess] !in + AKK. (weit weniger häufig) [Zeitspanne; „Lebensabschnitt“] !innan + GEN. [thes] (häufig) [→ nhd. indes] !innan + INSTR. [thiu] (2 Belege)
mhd.
AKK. [40 bei Go / Ha; Zeitspanne; rechtsdeterminiert nur morgen, ohne Links-DET.; alle übrigen linksdeterminiert] GEN. [65 bei Go / Ha; Zeitspanne, auch wîle; ± DET. (links) sowie links- und rechtsdeterminiert] an + DAT. [Zeitspanne (49, davon 30 stunt); + DET.; Prozess (14 Belege); insg. 67 Belege; 1 Beleg mit Bezugstermin „Lebensabschnitt“] in + DAT. [Zeitspanne; Prozess (relativ selten); + DET.; 97 Belege; 10 Belege mit Bezugstermin „Lebensabschnitt“] [in und an konkurrierend; im Nhd. komplementär] binnen + DAT. [Go, 1; Prozess; + DET.] ûf + DAT. [8 Belege; Prozess; + DET.] under + DAT. [7 Belege; Zeitspanne (2); Prozess (5)] !under + INSTR. [thiu, (3)]
nhd.
AKK. [nur Zeitspanne; Namen der Wochentage; Woche, Monat, Jahr, Namen der Jahreszeiten + oblig. dies-, letzt-; nächst-; kommend-; vergangen-; bei Namen von Wochentagen fakultativ; referiert auf Gegenwart der Bezugsperson = Sprecher); + jed- referiert nicht auf die Gegenwart des Sprechers] GEN. [sehr selten; Zeitspanne; Tageszeiten; Tag; + ein-: einmaliger Prozess; + des: kann repetitiv sein (allerdings nicht mit Tag)] an + D [Zeitspanne: Tageszeiten (außer Nacht) + Wochentage; Tag; Namen von Feiertagen u. allg. Festen; falls i. Plural: jede Teilmenge fungiert isoliert als Bezugsgröße] an + D [Prozess: subst. Infinitiv; Prädikat: sein oder bleiben]
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Maxi Krause
in + D [Zeitspanne; alles, was nicht mit an kombinierbar; falls Plural: Teilmengen konstituieren zusammen eine einzige Bezugsgröße] in + D [Prozess: subst. Infin. / Subst.; Prädikat: nicht sein oder bleiben] auf + D [Prozess („veranstaltet“); Subjekt ist am Prozesse der Be zugsgröße direkt beteiligt] während + G [Prozess; Subjekt ist am Prozesse der Bezugsgröße nicht unbedingt beteiligt] während + G [Zeitspanne; im Prinzip keine Einschränkungen] unter + D [Zeitspanne; marginal; nur mit Woche, Jahr; Konnotation: Bezugsgröße ist Arbeitszeit] unter + D [Prozess; + subst. Infinitiv / anderes Subst; bes. nomina actionis; Bezugsprozess linear; + modale Funktion; WIE?] über + D [ Prozess; + subst. Infinitiv, selten andere Subst., bes. nomina actionis; lokalisierter Prozess linear im Vergleich mit dem Bezugsprozess; + kausale Funktion: WARUM?] auf einmal [lexikalisiert; Bezugsprozess u. lokalis. Prozess sind identisch; = gleichzeitig]
5.3.2. Direktive Relation ahd.
!unz + ... [Überschneidung mit System I; wohl der Ko-Okkurrenz zuzuordnen] !unz + AKK. (2) [Zeitspanne] !unz + DAT. (1) [Zeitspanne] !unz + anan + AKK. (2) [Zeitspanne] !unz + in + AKK. (8)[Zeitspanne] !unz + in + ADV. (1) [unz in nu] !unzan + DAT. od. AKK.? (1 Beleg; „Lebensabschnitt“)
mhd.
!unz an + ACC. [34; Zeitspanne] !unz ûf + ACC. [4; Zeitspanne] !uns vür + ACC. [1; Zeitspanne]
nhd.
} Problem: System I oder II (bzw. Ko-Okkurrenz)?
bis [± andere Präp.+ AKK. / DAT.]+AKK [meist nicht zu erkennen] oder bis (in + A) ± hinein,), bis (an + A), bis (auf + A) bis + ADV.
Historische Grammatik der temporalen Relationen
215
5.3.3. Perlative Relation ahd.
AKK. (40) [Zeitspanne] !GEN. (2) [Zeitspanne] !GEN. (1) [Prozess] [es muss offen bleiben, ob hier eine perlative Relation – während der ganzen Reise – oder eine statische Relation vorliegt: auf der Reise] in + DAT. [Zeitspanne] !in + AKK. (nur 1 Beleg) [Zeitspanne] ubar + AKK. (7) [Zeitspanne] !untar + DAT. (1) [Prozess]
mhd.
AKK. [102; Zeitspanne; ohne DET. nur naht unde tac; sonst fast immer linksdeterminiert, nur 1-mal rechtsdeterminiert]17 AKK. + alsô lanc [1; den tac alsô lanc] !GEN. [7; Zeitspanne; ohne DET. nur nahtes (2); sonst LinksDET.] in + DAT. [20; Zeitspanne; Ø + ADJ. (kurz, 19; unlanc, 1] innerhalp + DAT. [Go; 4; Zeitspanne; + NUMkard.] !innen + dis- + DAT. [Go, 2; Zeitspanne; + NUMkard.] !inner + DAT. [Go, 1; Zeitspanne; + NUMkard.]
nhd.
AKK (± lang) [Zeitspanne, + ein-, halb- oder ganz- bzw. NUM kard.] AKK + (hin)durch [Zeitspanne; im Prinzip ohne Zahl; + best. Art.] AKK + über [Zeitspanne; ohne Zahl; + best. Art. bzw. Name von Feiertagen u. ä.] in + D [Zeitspanne; i. Sing. + ein- + halb-; i. Plur.: Zahl ; im Prinzip ohne Art.] innerhalb + G / VON [Zeitspanne; wie IN] binnen + D / G [Zeitspanne; wie IN] auf + A / + ADV. (immer / ewig) [Zeitspanne; Zahl mögl., nicht notwendig] für + A / + ADV. (immer) [Zeitspanne; Zahl möglich, nicht notwendig] durch + A [sehr selten] über + A [Zeitspanne; ohne Zahl; best. Art. eher selten; wenn ohne Art., dann Name von Feiertagen (häufig) und Nacht] über + A + hinweg [Zeitspanne]
_____________ 17
Im Folgenden: LinksDET., RechtsDET.; NUMkard = Kardinalzahl; Art. = Artikel; best. = bestimmt.
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während + G / D [Zeitspanne; Zahl möglich bzw. anderer Quantor]
während + G / D [Prozess; ohne Zahl; best. Art. + ganz-] 5.3.4. Ablative Relation Sie ist nicht leicht zu trennen vom System der Ko-Okkurrenz, eventuell dort anzusiedeln. Die Opposition Punkt – Segment ist neutralisiert. ahd.
fon + DAT. [„Lebensabschnitt“; Prozess]
mhd.
von + DAT. [4; [„Lebensabschnitt“: von kinde / von Kanêles jâren (3); Zeitspanne + LinksDET. (1)]
nhd.
aus + D seit + D von + D + auf von + D + her von + Adv + her
6. Fazit Der Unterschied zwischen der Herangehensweise von Marcq und seinen Nachfolgern einerseits und andererseits den Vorgängern, die sich punktuell sehr ausführlich mit Präpositionen und Kasus beschäftigten, ist folgender: Bis 1972 liegen Einzeluntersuchungen zu bestimmten Signifikanten, auch Signifikantengruppen vor, die häufig ungemein detailgenau und ausführlich sind und in denen auch schon anklingt, dass die genaue Bedeutung und Funktion eines Elementes X des Vergleichs mit einem oder mehreren semantisch und funktionell benachbarten Element(en) Y und / oder Z bedarf.18 Marcq bezeichnet diese Art von Arbeiten als „atomistisch“.19 Sein Ansatz ist, ohne ausdrücklich so bezeichnet zu werden, eher ein onomasiologischer Ansatz, indem sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet ist, bestimmte Raster (Systeme) herauszuarbeiten, denen dann jeweils einzelne Bedeutungsträger zugeordnet werden können. Allerdings ergeben sich solche Raster erst aus der genauen Untersuchung einzelner Signifikanten. Auch hier erfolgt also Erkenntnis und Zuordnung immer im Wechselspiel. _____________ 18 19
So zum Beispiel die Arbeiten von Krömer (1959, 323ff.) [sowie weitere Beiträge von Krömer in anderen Nummern]. Marcq (1972, 2a).
Historische Grammatik der temporalen Relationen
217
Systematisierung ist unabdingbar für den Vergleich unterschiedlicher Signifikanten (→ Distributionsregeln), unterschiedlicher Sprachen (synchronisch; kontrastiv) sowie unterschiedlicher Sprachstadien (diachronisch). Erst die Systematisierung gestattet präzise Aussagen zu Sprachwandelprozessen. Eine historische Grammatik der temporalen Relationen sollte also Adpositionen, Adverbien und Sub- bzw. Konjunktionen zusammenhängend darstellen, nach Relationen geordnet (und gegebenenfalls mit Querverweisen zu Verbalpartikeln). Wenn eine derartige Grammatik Teil einer alles umfassenden historischen Grammatik wird – und wenn vergleichbare Teilgrammatiken bzw. Großkapitel zu den spatialen und abstrakten Relationen erarbeitet sind –, dann lässt sich das, was bisher unter Syntax firmiert und sehr Unterschiedliches enthält, prinzipieller gestalten mit Aussagen zur Verbstellung in Haupt- und Nebensatz, zur Herausbildung von Klammerkonstruktionen etc. Grundsätzlich bleibt jedoch festzuhalten: Syntax ohne Semantik hat wenig Sinn – und: Semantik ohne Syntax ist unvollständig.
Quellen Otfrids Evangelienbuch (1965), nach der Ausgabe von O. Erdmann, Tübingen. Das Nibelungenlied (1979), nach der Ausgabe von Karl Bartsch, H. de Boor (Hrsg.), 21. Aufl., Wiesbaden. Gottfried von Straßburg (1969), Tristan, nach der Ausgabe von Karl Morold, Berlin. Hartmann von Aue (1998), Der arme Heinrich, nach der Ausgabe von Ursula Rautenberg, Stuttgart. Hartmann von Aue (1958), Gregorius, nach der Ausgabe von Friedrich Neumann, Wiesbaden. Hartmann von Aue (1968), Iwein, nach der Ausgabe von G.F. Benecke und K. Lachmann, Berlin. Schwäbisches Tagblatt, Tübingen. Die Zeit, Hamburg.
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Maxi Krause
Literatur Bußmann, Hadumod (Hrsg.) (2002), Lexikon der Sprachwissenschaft, 3. Aufl., Stuttgart. Desportes, Yvon (1984), Das System der räumlichen Präpositionen im Deutschen. Strukturgeschichte vom 13. bis zum 20. Jahrhundert, Heidelberg. Glück, Helmut (Hrsg.) (2005), Metzler Lexikon Sprache, 3. Aufl., Stuttgart, Weimar. Guillardeau, Sébastien (2000), Les prépositions et cas dans la localisation temporelle chez Gottfried von Straßburg et Hartmann von Aue, Mémoire de maîtrise, Université de Caen, Caen. Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (2002), bearb. von Elmar Seebold, 24. durchgesehene und erweiterte Auflage, Berlin, New York. Krause, Maxi (1992), „Zeitangaben bei Otfrid“, in: Yvon Desportes (Hrsg.), Althochdeutsch. Syntax und Semantik. Akten des Lyonner (sic) Kolloquiums zur Syntax und Semantik des Althochdeutschen, Lyon, 49-68. Krause, Maxi (1994a), „Zeitangaben im Gotischen“, in: Yvon Desportes (Hrsg.), Philologische Forschungen. Festschrift für Philippe Marcq, Heidelberg, 18-42. Krause, Maxi (1994b), Eléments pour une grammaire des prépositions, substituts et particules verbales de l’allemand. AB, AN, IN / EIN, ÜBER, UM, UNTER, VOR, Stuttgart. Krause, Maxi (1997), „Konkurrenz und Komplementarität in einem Teilbereich der temporalen Relationen“, in: Hervé Quintin / Margarete Najar / Stephanie Genz (Hrsg.), Temporale Bedeutungen. Temporale Relationen, Tübingen 1997, 225-239. Krause, Maxi (1998), Eléments pour une grammaire des prépositions, substituts et particules verbales de l'allemand. Bd. 2: AUF, DURCH, NACH, ZU, Stuttgart. Krause, Maxi (2000), „Binnenstruktur temporaler Nominalgruppen im Akkusativ und Genitiv“, in: Yvon Desportes (Hrsg.), Zur Geschichte der Nominalgruppe im älteren Deutsch. Festschrift für Paul Valentin. Akten des Pariser Kolloquiums März 1999, Heidelberg, 71-97. Krause, Maxi (2002a), „AUS – élément prépositionnel, élément constitutif de particules diverses et particule verbale“, in: Cahier du CRISCO 10 / 2002, Section 1, 1106. Krause, Maxi (2002b), „VON – préposition et élément constitutif d'adverbes et de tournures adverbiales“, in: Cahier du CRISCO 10 / 2002, Section 2, 1-77. Krause, Maxi (2002c), „BEI – préposition, élément constitutif de particules diverses et particule verbale“, in: Cahier du CRISCO 10 / 2002, Section 3, 1-61. Krause, Maxi (2002d), „MIT – préposition, élément constitutif de particules diverses et particule verbale“, in: Cahier du CRISCO 10 / 2002, Section 4, 1-59.
Historische Grammatik der temporalen Relationen
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Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen∗ Isabel Buchwald-Wargenau (Kassel)
1. Einleitung Die doppelten Perfektbildungen, d.h. Konstruktionen des Typs ich habe vergessen gehabt und ich bin angekommen gewesen sind in den letzten Jahren vermehrt Gegenstand linguistischer Betrachtung geworden (z.B. Litvinov / Radčenko 1998, Hennig 1999 u. 2000, Ammann 2005, Buchwald 2005, , Rödel 2007 u. Topalovic 2009). Dabei konnte gezeigt werden, dass es sich bei den doppelten Perfektbildungen nicht um eine sprachliche Neuerung der Gegenwartssprache, sondern um ein wenigstens 600 Jahre altes Phänomen handelt, welches (zumindest in der Gegenwartssprache) weder diatopische noch diastratische Markierungen aufweist und sich bei weitem nicht nur der ‚Umgangssprache‘ zuschreiben lässt.1 Der vorliegende Beitrag widmet sich der Frage nach der Herausbildung der doppelten Perfektbildungen. Die Herausbildungshypothesen der bisherigen Doppelperfektforschung werden dabei zunächst vorgestellt, woran sich der Versuch anschließt, die jeweils dargelegte Hypothese anhand eines historischen Korpus doppelter Perfektbildungen zu überprüfen. Dem Anliegen des Textes, einen Beitrag zur Erklärung der Doppelperfektentstehung zu leisten, geht die Überzeugung voran, dass es sich bei doppelten Perfektbildungen um ein Phänomen handelt, dessen Entstehungsursachen im Kontext von Umstrukturierungs- und Reorganisationsprozessen (Terminus nach Leiss 1992) im Verbalbereich zu suchen sind. _____________ ∗ 1
Für Hinweise und Korrekturen danke ich Vilmos Ágel, Mathilde Hennig und Claudia Telschow. Anhand eines Zitates aus der IdS-Grammatik, das später angeführt wird, wird deutlich, dass die doppelten Perfektbildungen in gegenwartssprachlichen Grammatiken durchaus als diatopisch markiert ausgewiesen werden, was jedoch anhand von Korpora der doppelten Perfektbildungen widerlegbar ist.
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2. Herausbildungshypothesen Sich in der bisherigen Literatur zum Doppelperfekt einen Überblick über die vorhandenen Herausbildungshypothesen zu verschaffen, anhand derer die Genese des Phänomens erklärt wird, stellt keine Schwierigkeit dar. Es lassen sich zwei wesentliche Grundpositionen ausmachen, wovon in vorliegendem Beitrag die erste als ‚traditionelle‘, die zweite als ‚innovative‘ Hypothese bezeichnet wird. Im Folgenden (Kap. 2.1.) soll Hypothese I vorgestellt und überprüft werden. Die Darstellung und der Überprüfungsversuch von Hypothese II finden im Anschluss in Kap. 2.2. statt. 2.1. ‚Traditionelle‘ Hypothese: Die Präteritumschwundhypothese 2.1.1. Erklärung der Hypothese Die Herausbildung der doppelten Perfektbildungen in direktem Zusammenhang mit dem Präteritumschwund und dem damit verbundenen Verlust des Plusquamperfekts zu sehen, scheint in der germanistischen Linguistik so etwas wie eine Tradition geworden zu sein. Bereits in den frühesten Grammatiken (z.B. bei Ölinger 1574, 154) werden die doppelten Perfektbildungen in diesem Sinne als Plusquamperfektäquivalent charakterisiert. Die der Präteritumschwundhypothese zugrunde liegende Argumentation sieht folgendermaßen aus: Präteritum- führt zum schwund
Schwund des führt zur Plusquamperfekts
Herausbildung der doppelten Perfektbildungen
Abbildung 1: Herausbildung der doppelten Perfektbildungen nach der Präteritumschwundhypothese
Die Erklärung des Phänomens Doppelperfekt mithilfe des Präteritumschwundes setzt sich in deutschen Grammatiken über Jahrhunderte bis hin zu den jüngsten Grammatiken fort, was es legitimiert, die Präteritumschwundhypothese als ‚traditionell‘ zu bezeichnen. Exemplarisch wird im Folgenden die IdS-Grammatik (1997, 1687) für das 20. Jahrhundert angeführt: In der Übersicht nicht aufgenommen sind die sogenannten ‚superkomponierten Formen‘ aus finitem Hilfsverb + Partizip II des Hilfsverbs + Partizip II des Vollverbs, z.B. Gestern habe ich geschlafen gehabt. Solche Formen sind regional als Ersatzformen des Präteritumperfekts da gebräuchlich, ‚wo die präteritale Form ganz geschwunden ist oder zugunsten des [Präsens-]Perfekts in starkem Maße zurück-
Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen
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tritt‘ (Hauser-Suida / Hoppe-Beugel 1972, 257). Dies ist laut Hauser / Hoppe in den oberdeutschen Mundarten der Fall, aber auch in den ost- und westmitteldeutschen.
Die dargelegte Argumentation lässt sich nicht nur in Grammatiken, sondern auch in der einschlägigen Literatur zum Doppelperfekt ausmachen. Gersbach stellt in seiner Monographie zu den Vergangenheitstempora des Oberdeutschen fest, „[d]aß dopp.Perf. ganz überwiegend als Ersatz für Pl.perf. fungiert“ (1982, 228). Auch Trier (1965, 201) deutet das Doppelperfekt in dieser Art und Weise: Wenn man erzählendes Perfekt als süddeutsche Weise zugibt, dann muß man einsehen, daß ein solcher Erzähler im Rückblick aus dem Kreuzungspunkt seines Erzähltempus noch ein Tempus braucht, das die Leistung übernimmt, die beim Rückblick vom hochsprachlichen Imperfekt aus das hochsprachliche Plusquamperfekt zu erfüllen hat. Es bleibt ihm nichts übrig, als hinter dem Perfekt ein zweites, gesteigertes Perfekt, ein doppeltes Perfekt, eben ein Ultraperfekt, aufzubauen.
In den letzten Jahren mehren sich jedoch auch kritische Stimmen in Bezug auf die Präteritumschwundhypothese. So stellt bspw. Dorow (1996, 78) fest, „daß sich die Doppelumschreibungen ganz unabhängig vom Phänomen des oberdeutschen Präteritumschwundes betrachten lassen“.2 Vermutet man, dass sich die doppelten Perfektbildungen durch den Präteritumschwund als funktionales Äquivalent zum Plusquamperfekt herausgebildet haben, dann lässt sich folgende anfängliche Belegsituation theoretisch konstruieren: 1. Die ersten doppelten Perfektbildungen dürften ca. in der Mitte des 15. Jahrhunderts erscheinen. 2. Es dürften sich zunächst nur Doppelperfektbelege finden. 3. Die Belege dürften zunächst nur aus dem Oberdeutschen stammen. 4. Es dürften zunächst nur haben-Belege erscheinen. Wenn die frühesten doppelten Perfektbildungen Eigenschaften gemäß diesen vier Bedingungen aufweisen, sind klare Anhaltspunkte für die Richtigkeit der Hypothese gewonnen. Ist dies nicht der Fall, ist die Hypothese in Frage zu stellen. Im Folgenden werden die Bedingungen näher charakterisiert: _____________ 2
Es wird an dieser Stelle auf eine Auseinandersetzung mit den in der Forschung jeweils angeführten Argumenten für oder gegen die Präteritumschwundhypothese verzichtet und stattdessen auf die einschlägige Literatur verwiesen, da deren exhaustive Darstellung nicht Anliegen des Beitrages ist.
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Ad 1.: Wenn zwischen Präteritumschwund und Herausbildung der doppelten Perfektbildungen ein monokausaler Zusammenhang anzunehmen ist, dann muss das erste Auftreten doppelter Perfektbildungen mit dem Beginn der Präteritumschwundphase zusammenfallen. Das Einsetzen des Schwundes lässt sich nach Lindgren (1957), dessen Studie nach wie vor als richtungsweisend gelten kann, auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts datieren. Doppelperfektbelege dürften dementsprechend erstmals zu dieser Zeit erscheinen. Ad 2.: Da die Doppelperfektherausbildung in engem Zusammenhang gesehen wird mit dem Präteritum- und dem daraus resultierenden Plusquamperfektschwund, ergibt sich zwingend, dass die als Plusquamperfektersatz dienende doppelte Perfektbildung über keine präteritale Komponente verfügen darf. Das ist bei Doppelperfekt, aber nicht bei Doppelplusquamperfekt der Fall, so dass im Rahmen der vorliegenden Herausbildungstheorie lediglich frühe Doppelperfektbelege erklärbar sind. Frühe Doppelplusquamperfektbelege wären ein klarer Beweis für die Nichthaltbarkeit der Hypothese. Ad 3.: Da der Präteritumschwund im Oberdeutschen aufkam, dürften zunächst nur Belege aus dem Oberdeutschen auftreten. Ad 4.: Im Oberdeutschen ist das Präteritum nicht von allen Verben kategorisch ge- oder verschwunden. Die Präteritalformen von sein und einigen Modalverben sind bis heute erhalten (vgl. Maiwald 2002, 91). Da das Plusquamperfekt der Verben, die das Auxiliar sein selegieren, somit noch bildbar ist, dürften nur Doppelperfektbelege mit dem Auxiliar haben zu erwarten sein. 2.1.2. Überprüfung der Hypothese Der Überprüfung liegt ein selbst erstelltes historisches Korpus3 an doppelten Perfektbildungen zugrunde, das 225 Belege mit haben und 326 Belege _____________ 3
Als Grundlage der Korpuserstellung diente v.a. das an der Universität Kassel im Rahmen eines Projektes zur Erstellung einer neuhochdeutschen Grammatik unter Leitung von Vilmos Ágel und Mathilde Hennig aufgebaute Nähekorpus, das den Zeitraum 1650-2000 umfasst. Die Bezeichnung ‚Nähekorpus‘ verrät bereits die konzeptuelle Besonderheit des Korpus: Es umfasst historische Texte, die konzeptionell gesprochensprachliche Merkmale aufweisen. Um frühere Zeiträume berücksichtigen zu können, wurden zudem die im Internet zugänglich gemachten Texte des Bonner Korpus Frühneuhochdeutsch ausgewertet sowie Belege aus Grammatiken und Sekundärliteratur einbezogen.
Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen
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mit sein umfasst.4 Im Folgenden wird nun dargelegt, wie der empirische Abgleich mit den oben formulierten Bedingungen aussieht: Ad 1.: ‚Die ersten doppelten Perfektbildungen erscheinen ca. in der Mitte des 15. Jahrhunderts‘: Für die haben-Belege kann diese Bedingung bejaht werden, denn Belege, die vor dem 15. Jahrhundert datiert sind, wurden nicht gefunden. Es ließ sich jedoch ein ripuarischer sein-Beleg5 aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts im Bonner Korpus Frühneuhochdeutsch ausmachen: (1)
Item in desem Sexterne sall men vynden die geschychte ind verhandelunge, die van den ghenen, die sych noement van den geslechten, bynnen Coelne vurtzijtz verhandelt haint, darumb dat vplouffe ind mancherleye vngelucke bynnen der Stat van Coelne vntstanden geweyst synt. Item in desem Sexterne steit ouch dat Instrument sulchs bekentnisse, as her Heynrych vam Staue in syme lesten gedain hait. (Bonner Korpus Fnhd 151)
Die Tatsache, einen Doppelperfektbeleg aus dem 14. Jahrhundert vorzufinden, muss nicht sofort die Präteritumschwundhypothese in Frage stellen. Vielmehr ist es möglich, dass der Präteritumschwund im gesprochenen Frühneuhochdeutsch bereits früher einsetzte, als die in der Lindgren’schen Analyse verwendeten (ausschließlich medial geschriebensprachlichen) Textsorten vermuten lassen. Diese Vermutung äußert auch Jörg (1976). Dass hier jedoch ein solch alter Beleg aus einem Dialektraum vorliegt, der nicht vom Präteritumschwund erfasst war, lässt erste ernsthafte Zweifel an der Hypothese aufkommen. Ad 2.: ‚Es finden sich zunächst nur Doppelperfektbelege‘: Im analysierten Korpus überwiegen die Doppelperfektbelege und die afiniten Belege, bei denen die Tempusbestimmung des Auxi_____________ 4
5
Hierbei ist anzumerken, dass nicht alle sein-Belege doppelte Perfektbildungen darstellen. Aufgrund einer zunächst rein formalen Belegsuche sind neben doppelten Perfektbildungen auch solche sein-Prädikationen erfasst worden, die Passiv- bzw. Kopulakonstruktionen darstellen. Bei vorliegender sein-Prädikation handelt es sich eindeutig um ein Doppelperfekt. Da mit dem Verb entstehen ein intransitives Verb vorliegt, ist eine Interpretation als Passivkonstruktion nicht möglich. Auch die Interpretation von entstanden als adjektivisch (womit die vorliegende sein-Prädikation als Kopulakonstruktion interpretierbar wäre) ist selbst im Gegenwartsdeutschen unwahrscheinlich, da das Partizip weder durch Gradpartikeln wie sehr oder so ergänzbar noch durch un- präfigierbar ist.
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liars nicht präzise rekonstruierbar ist. Es findet sich jedoch auch folgender Doppelplusquamperfektbeleg aus dem 15. Jahrhundert: (2)
Det konig Tybor und die sin wurden sere erfert vnd stalten sich zu der werde das beste sie mochten, want der konig selbe ein gut ritter alle sin tage gewesen waß, vnd werte sich so lange, sonder daß er sich nit gefangen wolt geben, mit daß er erslagen wart inn siner eygen statt, als ir wol verstanden hant, wie yme die von den hyden angewonnen waß worden, das ein grosser schande waß, nachdem als er alle sin zyt wol herkommen waz vnd nach grossen eren gelebt hatte gehabt. Da nun leyder die konigynne gesach, daß ir herre erslagen, statt vnd die burg verloren waß, da mocht sie nit betrupter noch truriger gesin. (Pontus und Sidonia 48)
Der Beleg stammt aus einer anonymen Übersetzung aus dem Französischen, was Zweifel an dessen Beweiskraft hervorruft. Da es im Französischen analoge Konstruktionen zu den doppelten Perfektbildungen gibt (die sog. temps surcomposés), werfen auch Litvinov / Radčenko (1998, 92) die Frage auf, ob „der Übersetzer nach dem Prinzip der wortgetreuen Wiedergabe verfuhr und das Original an diesen Stellen kopierte“. Sie wenden daraufhin jedoch ein, dass „irgendwie [...] die Möglichkeit der DPF [Doppelperfektformen] im Deutschen also bereits im 15. Jahrhundert vorgegeben gewesen sein [muß]“ (Litvinov / Radčenko 1998, 93), um solche in einem deutschen Text zu verwenden. Es ist somit festzuhalten, dass ein sehr früher Doppelplusquamperfektbeleg existiert, dessen Überzeugungskraft jedoch durch die Tatsache, dass es sich um eine möglicherweise wortwörtliche Übersetzung aus dem Französischen handelt, geschmälert wird. Ad 3.: ‚Die Belege stammen zunächst nur aus dem Oberdeutschen‘: Für diese Bedingung konnten klare Gegenbelege im Korpus gefunden werden. Für doppelte Perfektbildungen mit sein liegt, wie bereits dargelegt, ein ripuarischer Beleg aus dem 14. Jahrhundert vor. Der früheste mitteldeutsche haben-Beleg stammt aus dem 16. Jahrhundert. Im Folgenden wird ein Beleg aus einem ostmitteldeutschen Text des 17. Jahrhunderts angeführt:6 _____________ 6
Die Einordnung des Textes als ostmitteldeutsch basiert auf der Identifizierung von einschlägigen Dialektmerkmalen.
Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen
(3)
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Von solchen Spargement war nun die gantze Stadt voll! Ich hatte mich auch gäntzlichen resolviret, sie zu heyrathen und hätte sie auch genommen, wenn sie nicht ihr Herr Vater ohne mein und ihrer Wissen und Willen einen andern Nobel versprochen gehabt. Was geschahe? Damigen bath mich einsmahls, daß ich mit ihr muste an einen Sonntage durch die Stadt spazieren gehen, damit mich doch die Leute nur sähen [...]. (Reuter 17)
Sowohl die Tatsache, dass eine doppelte Perfektbildung in einem nicht-oberdeutschen Text vorkommt als auch der Textausschnitt an sich, der neben dem afiniten Doppelperfektbeleg Präteritum und Plusquamperfekt als weitere Tempora aufweist, stellen klare Indizien gegen die Präteritumschwundhypothese dar. Ad 4.: ‚Es finden sich zunächst nur haben-Belege‘: Auch diese Bedingung ist klar zu verneinen. Es wurde bereits dargestellt, dass der erste vorliegende Beleg überhaupt ein sein-Beleg aus dem 14. Jahrhundert. ist. Die Existenz doppelter Perfektbildungen mit sein trotz nach wie vor realisierbarem Plusquamperfekt stellt ein weiteres Indiz dafür dar, dass der Präteritumschwund allein keine hinreichende Begründung für die Herausbildung doppelter Perfektbildungen darstellen kann. Als Ergebnis der Überprüfung lässt sich daher festhalten, dass die vorliegende Hypothese durch 2. in Frage gestellt, durch 1., 3. und 4.) sogar entkräftet werden konnte. Der Präteritumschwund kann demzufolge nicht (alleinige) Entstehungsursache der doppelten Perfektbildungen sein. 2.2. ‚Innovative‘ Hypothese: Die Aspekthypothese 2.2.1. Erklärung der Hypothese Obwohl die bisherige Doppelperfektforschung bereits auf die Unzulänglichkeiten der Präteritumschwundhypothese aufmerksam geworden ist, sind weitere Herausbildungshypothesen bisher bis auf Rödel (2007) nicht formuliert worden. Erst Rödel (2007) arbeitet eine neue Hypothese heraus, die daher als ‚innovativ‘ bezeichnet und im Folgenden charakterisiert werden soll. Ausgehend von seiner Auffassung, dass mit den doppelten Perfektbildungen eine nicht temporale, sondern aspektuelle Erscheinung vorliegt, formuliert Rödel die These, dass es sich bei den Partizipien gehabt und
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gewesen „um einen Erweiterungsmechanismus handelt, der in der Perfektkonstruktion angelegt ist und unabhängig von Tempus und Modus des finiten Verbs funktioniert“ (2007, 193). Schon allein die Interpretation der doppelten Perfektbildungen als ein aspektuelles Phänomen verlangt nach einer Herausbildungstheorie, die der zugewiesenen aspektuellen Bedeutung Rechnung tragen kann. Rödels Ausgangspunkt ist der Verlust des aspektuell gegliederten Verbalsystems, das in älteren Sprachstufen durch die Opposition Ø – Präfix ge/ga/gi- bestanden hat (2007, 185).7 In engem Zusammenhang damit steht die Grammatikalisierung des Perfekts. Den ersten Grammatikalisierungsschritt vollzieht das Perfekt durch die Aufgabe der Kongruenz von perfektivem Partizip8 und Objekt. Die zunehmende Deaspektualisierung des Präfixes ge- (das sich nun zum Verbalflexiv entwickelt) ermöglicht im Weiteren auch nichtperfektiven Verben, ein Perfekt zu bilden. Die Konstruktion öffnet sich für temporale Lesarten und kann damit in Konkurrenz zum Präteritum treten.9 Für Rödel ist diese Grammatikalisierungssituation des Perfekts ausschlaggebend für die Herausbildung der doppelten Perfektbildungen, in denen er die perfektiven Partner des nun aspektuell neutralen Perfekts (sprachtypologisch jetzt eher ein past als ein perfect) sieht. Damit wird die Aspekthypothese auch nicht vollkommen losgelöst vom Präteritumschwund betrachtet. Das Verhältnis von Präteritumschwund und doppelten Perfektbildungen ist jedoch ein anderes: Wird in Hypothese I ein direkter kausaler Zusammenhang angenommen, so stellen in Hypothese II sowohl Doppelperfekt als auch Präteritumschwund Folgen der Perfektgrammatikalisierung dar.
_____________ 7
8
9
Die Frage, ob ältere Sprachstufen des Deutschen tatsächlich ein aspektuell gegliedertes Verbalsystem besaßen, wird durchaus kontrovers diskutiert. Auf einen Überblick über die Forschungsliteratur wird an dieser Stelle verzichtet. Siehe hierzu z.B. Schrodt / Donhauser (2003). Das Perfekt ist zu diesem Zeitpunkt nur mit perfektiven Verben bildbar. Erst ab dem 13. Jahrhundert wird die Perfektbildung mit durativen Verben häufiger. Vgl. hierzu Oubouzar (1974). Die Grammatikalisierung des Perfekts kann hier nur sehr verkürzt dargestellt werden. Ausführlicher widmen sich dieser Problematik bspw. Oubouzar (1974 u. 1997), Leiss (1992), Kuroda (1997) und Teuber (2005).
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Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen
Verlust des Aspektsystems
Grammatikalisierung des Perfekts, temporale Komponente mit wachsendem Gewicht
Konkurrenz zum Präteritum
Doppelte Perfektbildungen
Präteritumschwund
Möglichkeit des Rückgriffs auf aspektuelle Ausdrucksmöglichkeiten zur Realisierung von Vorvergangenheit
Abbildung 2: Herausbildung der doppelten Perfektbildungen nach Rödel (2007, 195)
Für die Aspekthypothese fällt es schwer, Bedingungen für die Beschaffenheit der frühesten Doppelperfektbelege zu konstruieren. Vielmehr erscheint es sinnvoll, sich der Herausbildungsfrage über den Grammatikalisierungsstatus des ge-Präfixes zu nähern. Im Folgenden soll eine erste Idee hierzu formuliert werden. Bei Rödel ist die Entstehung von Doppelperfekt an den Aspektverlust gekoppelt. Aspektverlust heißt hier, dass eine fortschreitende Grammatikalisierung und Deaspektualisierung des ge-Präfixes hin zum obligatorischen Verbalflexiv der Perfektkonstruktionen stattfindet. Indiz für die Deaspektualisiertheit von ge- stellt dessen Vorkommen am Partizip aller Verbtypen dar. Kommen Verbtypen noch ohne ge- vor, so kann geschlussfolgert werden, dass ge- mit dem vorliegenden Verbtyp (noch) nicht kompatibel ist, d.h. dass deren Bedeutungen redundant sind. Das ist vor allem bei perfektiven Verben zu vermuten, bei denen die Verbsemantik mit einer (Rest-)Perfektivbedeutung des Präfixes ge- kollidieren würde. Eine solche Unvereinbarkeit von ge- und perfektivem Verb lässt sich als Zeichen für die noch nicht vollständige Grammatikalisierung von ge- werten. Umgekehrt lässt sich daraus schließen, dass Perfektkonstruktionen
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mit perfektiven Partizipien ohne ge- selbst noch über eine (die temporale Lesart) dominierende aspektuelle Semantik verfügen.10 Deutet man nun die doppelten Perfektbildungen gerade als Möglichkeit, die in den Hintergrund getretene aspektuelle Bedeutung der Perfektkonstruktionen zu kompensieren, dürften doppelte Perfektbildungen erst bei stark überwiegendem Gebrauch von ge- mit Partizipien aller Verbtypen vorkommen. 2.2.2. Überprüfung der Hypothese Als Überprüfungsgrundlage für die Hypothese dient zunächst die Chronik des Elias Laichinger (S. 178-258), ein oberdeutscher (alemannischer) Text aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, einer Zeit also, in der doppelte Perfektbildungen bereits seit zwei Jahrhunderten belegt sind. Im Text konnten vier doppelte Perfektbildungen nachgewiesen werden, ein Doppelperfekt mit haben, zwei afinite Konstruktionen mit haben und ein Doppelperfekt mit sein. Darunter finden sich auch doppelte Perfektbildungen perfektiver Verben: (4)
den 5 diß Ist Vnßer gnädiger Landtsfürst Vnd herr, Nachdem er In dem schönen holtz Vff die 45 wilder schwein Inn eim Jagen gefangen gehabt, Vnd 3 Reh alhero komen (Laichinger 199)
Die Bildung des Partizips mit ge- von einem perfektiven Verb scheint also im vorliegenden Text prinzipiell möglich. Weitere Textbeispiele sollen dies untermauern: (5)
Den 15 Aperellen als am Ostertag Ist der hanß Jacob Veter hürsch wirtt In der herrlichen herberg Vorm thor Zu todt gefallen. In die Stieg hinab (Laichinger 193)
(6)
Anno 1662 Den 3 Jenner wie auch noch Vorherr ist ein rechte früelings Zeit geweßen als daß man Die frielings Bliemlein, als feigelein Vnd dergleichen hat in gärtten Vnd waßen gefunden, gott geb daß es Etwas guotts Bedeith. (Laichinger 220)
In der Chronik finden sich jedoch auch zahlreiche Partizipbildungen perfektiver Verben ohne ge-. Diese erscheinen, ohne genaue statistische An_____________ 10
Vgl. Ebert u.a. (1993, 238), die den Ausfall von ge- „im Zusammenhang der ‚perfektiven‘ Verben auch als Indiz für das noch bestehende Nebeneinander einer Verwendung als Wortbildungspräfix oder einer Verwendung als paradigmatisch eingebundenen Flexivbestandteils“ werten. Des Weiteren wird auf phonotaktisch und morphologisch motivierte ge-Ausfälle aufmerksam gemacht (vgl. ebd.).
Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen
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gaben erhoben zu haben, sogar häufiger als Partizipien perfektiver Verben mit ge-. Im Folgenden werden einige Beispiele angeführt: (7)
den 14 februari Ist der Bernhardt Veter Megxer oder Starckh geNandt, Oberhalb Eißlingen todt In einem graben funden worden. (Laichinger 195)
(8)
Den tag Ist der Marttin Mayer meßer Schmidt, mit frauw Pflegerin, Nacher Blawbeiren gefahren Zu Ihrem Sohn welcher Im Closter, da mahl wahr Vnd hat er Vnderwegs, Vnglickh gehabt Vnd ist Im ein Bein Brochen. (Laichinger 206)
Zuweilen erscheinen mit ge- versehene Partizipien, deren Bildung sich später im standardsprachlichen Gebrauch ohne ge- durchsetzt: (9)
Den 18 Jener Ist Der herr Comensari wider weckh gmarschiert. (Laichinger 200)
Diese Belege lassen die Schlussfolgerung zu, dass ge- hier möglicherweise noch als Präfix zur Herstellung perfektiver Semantik genutzt wird, also als Möglichkeit, die ‚Tätigkeit des Wegmarschierens‘ in (9) als abgeschlossen zu kennzeichnen.11 Die uneinheitliche Bildung der Partizipien in vorliegendem Text weist auf eine noch nicht vollständige Grammatikalisierung von ge- hin. Dass dennoch doppelte Perfektbildungen vorkommen, scheint zunächst die Aspekthypothese in Frage zu stellen. Bevor jedoch weitreichendere Schlussfolgerungen gezogen werden, soll ein weiterer Text untersucht werden. Als zweiter Text wurde das Tagebuch eines Fähnrichs aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ausgewählt. Der Text stammt aus nichtoberdeutschem Sprachgebiet.12 Es finden sich darin 18 doppelte Perfektbildungen mit haben und 17 Bildungen des Typs sein + Partizip + gewesen.13 Ein Beispiel für vorkommende doppelte Perfektbildungen mit haben wird im Folgenden angeführt: _____________ 11
12
13
Leiss (2002, 14) weist darauf hin, dass es „Relikte von ge-Verben [...] bis heute in süddeutschen Dialekten, etwa im Bairischen [gibt]: Danke, des glangt jetzt vs. nhd. Danke, das langt jetzt; Do muaßma zuoglanga vs. Da muss man zulangen.“ In obigem Beispiel gmarschiert ist jedoch auch die Möglichkeit einer Bildungsunsicherheit aufgrund des Lehnwortstatus nicht zu vernachlässigen. Die regionale Einordnung des Textes soll hier nur grob als nicht-oberdeutsch erfolgen, da die Herkunft des Verfassers unklar ist und Dialektmerkmale eine Einordnung sowohl in mitteldeutsches als auch in niederdeutsches Sprachgebiet zulassen. An dieser Stelle wird ganz bewusst der Terminus ‚doppelte Perfektbildungen‘ vermieden, da es sich nicht bei allen sein-Formen um solche handelt. Vgl. Fußnote 3.
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(10) Diesen Morgen wurden 2 Dragoner von dem Corbonschen Regiment aufgehenkt, welche sich von 9, so durchgehen wollen, ausgespielet gehabt, wozu von jeder Nation etliche Manschaft commendiret wurden, der Execution beyzuwohnen. (Hannoversche Rotröcke 95) Auch in vorliegendem Text lassen sich Partizipien ohne ge- belegen, wie folgendes Beispiel zeigt: (11) Die Kranken von allen drey Regimentern wurden hierselbst ins Hospital bracht. (Hannoversche Rotröcke 35) Der stark überwiegende Teil der Partizipien wird jedoch im Gegensatz zur zuvor betrachteten oberdeutschen Laichinger Chronik sehr regelmäßig mit ge- gebildet. Das trifft auch auf die Partizipien perfektiver Verben zu: (12) Diese Nacht wurden viel Bomben hineingeworfen; weilen es aber übel geworfen, thaten sie schlechte Würkung, nunmehr wird mit 18 Mörsern zu werfen angefangen. (Hannoversche Rotröcke 84) (13) Wurd bey allen Regimentern etwas alt Kupfer von deme, was man in Modon gefunden, auf jedes regiment 170 Pfund, ausgetheilet, welches verkaufet und davor Wein, denen Soldaten zu vertrinken gegeben, sollte gekaufet werden. (Hannoversche Rotröcke 101) Es kann festgestellt werden, dass die ge-Verwendung als Verbalflexiv im nicht-oberdeutschen Text weiter fortgeschritten ist als in der oberdeutschen Chronik. Im Umkehrschluss lässt das vermuten, dass eine Verwendung von ge- als aspektuelles Präfix im nicht-oberdeutschen Text nicht mehr in dem Maße gegeben ist, wie das im oberdeutschen der Fall zu sein scheint.14 Dass in dem Text, der eine fortgeschrittenere ge-Grammatikalisierung aufweist, eine deutlich höhere Anzahl an doppelten Perfektbildungen belegt werden konnte,15 stellt ein bekräftigendes Argument für die Aspekthypothese dar. Um die Möglichkeit einer rein zufälligen Korrelation von ge-Grammatikalisierung und Vorkommen der doppelten Perfektbildungen auszuschließen, sind natürlich detailliertere Analysen weiterer historischer Texte notwendig. _____________ 14 15
Auch Leiss (2002, 14) weist im Zusammenhang mit dem Abbau der Aspektverben auf ein Nord-Süd-Gefälle hin. Der unterschiedliche Umfang der Texte wurde beim Vergleich der Anzahl doppelter Perfektbildungen natürlich berücksichtigt.
Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen
233
3. Fazit und Ausblick Der vorliegende Beitrag widmete sich der Herausbildungsfrage der doppelten Perfektbildungen. Es wurden zwei Hypothesen vorgestellt und anhand eines historischen Korpus doppelter Perfektbildungen überprüft. Dabei hat sich die Präteritumschwundhypothese v.a. aufgrund von frühen nicht-oberdeutschen Belegfunden sowie frühen sein-Belegen als nicht haltbar erwiesen. Auch die Aspekthypothese schien durch die Ergebnisse der untersuchten oberdeutschen Chronik fragwürdig zu sein. Zweifel an der Hypothese erweckte v.a. die Tatsache, dass trotz noch nicht vollständiger Grammatikalisierung von ge- als Verbalflexiv doppelte Perfektbildungen auftraten. Die Untersuchung eines zweiten, nicht-oberdeutschen Textes ergab jedoch ein anderes Bild. Hier konnte sowohl eine fortgeschrittenere Grammatikalisierung von ge- als auch eine größere Anzahl an doppelten Perfektbildungen festgestellt werden. Somit scheint das untersuchte empirische Material kompatibel mit der Hypothese, dass doppelte Perfektbildungen sich zur Kompensation der mit der ge-Grammatikalisierung verloren gegangenen Möglichkeit zur Wiedergabe aspektueller Bedeutung herausbildeten. Die Ergebnisse der Untersuchungen tragen ebenso Erkenntnissen aus der Grammatikalisierungsforschung Rechnung, die bei Sprachwandelprozessen ein vorübergehendes Nebeneinander neuer und alter Formen für eine bestimmte Kategorie bis zum ‚Sieg‘ der neuen Form konstatieren. Unter diesem Gesichtspunkt stellen auch die Ergebnisse aus der oberdeutschen Chronik keinen Widerspruch mehr zur zugrunde liegenden Hypothese dar. Es sei abschließend betont, dass die Beantwortung vieler Fragestellungen im vorliegenden Beitrag lediglich fragmentarisch erfolgen konnte. Zur kritischen Überprüfung und Bewertung der hier gewonnenen Eindrücke sind weitere Untersuchungen anhand größerer Textmengen aus verschiedenen Dialektgebieten und Zeiträumen erforderlich.
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Aspekte diachronischer Fundierung Historische Linguistik und mentale Repräsentation flexionsmorphologischen Wissens∗
Andreas Bittner (Münster) Was sich im Wandel durchsetzt, muss … psychisch real sein Für Gustav und Willi
1. Einleitung An Fakten der historischen linguistischen Forschung und Standards der historischen Grammatikschreibung sollen im folgenden Text Ergebnisse und Überlegungen aus dem Spracherwerb überprüft werden, aus denen sich über die Form der mentalen Repräsentation grammatischen Wissens zwar tendenzielle, aber keineswegs eindeutige Aussagen ableiten lassen. Bei der Analyse der diachronischen Daten aus Sprachgeschichte und Sprachwandel geht es nicht um eine Diskussion der Detailgenauigkeit und tatsächlichen Haltbarkeit der in den Grammatiken postulierten sprachhistorischen Entwicklungen. Im Zentrum steht vielmehr die Herausarbeitung verallgemeinerbarer Tendenzen und auf ihnen basierender Schlussfolgerungen für eine sprachtheoretische Modellierung. Diesem Vorgehen liegt die Überzeugung zugrunde, dass sprachtheoretische Beschreibungen und Hypothesen nur durch die Einbeziehung von Wissen über Sprachgeschichts- und Sprachwandelprozesse, vom „Erkenntnispotential der diachronischen Grammatik“ (Wurzel 2000, 418), dem Gegenstand Sprache gerecht werden können. Die Idee, in diesem Beitrag die theorierelevante Rolle der historischen Linguistik zu betonen und sie ganz selbstverständlich als Instanz der Entscheidung über die Adäquatheit von Aussagen über die Sprache heranzuziehen, geht auf zwei Aufsätze zurück, Mayerthaler _____________ ∗
Für die Diskussion und für kritische Hinweise danke ich besonders den Teilnehmern des Kongresses ‚Historische Textgrammatik und historische Syntax des Deutschen‘. Gewidmet ist der Beitrag dem Andenken an Willi Mayerthaler und Gustav Wurzel.
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(1981b) und Wurzel (2000), die leider kaum rezipiert wurden. Deren zentrale Überlegungen werden hier in die Diskussion um die mentale Repräsentation von grammatischem Wissen eingebracht. Die Beispielfälle entstammen der deutschen Verbflexion, behandelt werden also Fakten aus dem Bereich des morphologischen Wandels, wobei eine Beschränkung auf die Fragen des Auftretens und der Rolle von paradigmatischen Kennformen und deren Verknüpfung mit spezifischem, paradigmatisch organisiertem Flexionsverhalten vorgenommen wird. Aus den jeweiligen Wandelbeobachtungen werden Schlüsse für die mentale Repräsentation grammatischen Wissens gezogen.
2. Ausgangsüberlegungen: Spracherwerb – mentale Repräsentation Den konkreten Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen stellen Untersuchungen zum späten Spracherwerb im Bereich der Verbmorphologie des Deutschen dar, die Antworten auf Fragen zur mentalen Repräsentation grammatischen Wissens und ihrer Modellierung geben sollten. Die Datengrundlage lieferte eine Pilotstudie mit ausnahmslos muttersprachlich Deutsch sprechenden Schülern einer 5. Jahrgangsstufe, die 2005 in Münster durchgeführt wurde. Dabei waren fünf Kunstverben in jeweils vier morphosyntaktische Kontexte (Singular Präsens, Singular Präteritum, Konjunktiv II, Partizip II) einzubetten (zu den Details vgl. Bittner / Köpcke 2007). Überprüft werden sollte, ob die mentale Repräsentation morphologischen Wissens auf der Grundlage eines gebrauchsbasierten Modells (‚Usage-Based Model‘) erfolgt, das von einer schematischen Repräsentation ausgeht, und ob ein solches Modell den empirischen Tatsachen eher gerecht wird als ein Regel-und-Listen-Modell. Es wurde also weder angenommen, dass die Sprecher nur zwischen regulärer (regelmäßiger, -geleiteter) und irregulärer (einzeln speichernder) Flexionsweise unterscheiden, noch dass auftretende unbekannte Verben ausnahmslos schwach flektiert werden. Wichtige Grundannahmen gebrauchsbasierter Modelle lassen sich so formulieren: •
Der Gebrauch sprachlicher Formen in Produktion und Perzeption beeinflusst die mentale Repräsentation sprachlichen Wissens,
•
Wörter und Wortformen schließen sich im mentalen Gedächtnis des Sprechers zu Mustern (oder Schemata) zusammen; Mus-
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Aspekte diachronischer Fundierung
ter / Schemata sind mehr oder weniger starke Abstraktionen konkreter Wörter / Wortformen, •
die Stärke eines Musters / Schemas („lexikalische Stärke“) bestimmt sich aus seiner Type-Frequenz, seiner Token-Frequenz und seiner Validität.
Verifiziert wurden auf dieser Basis zwei Hypothesen. Zum einen die Hypothese, dass nicht jede (neue) phonematische Struktur automatisch als Kandidat für schwaches Flexionsverhalten interpretiert wird, sondern Sprecher Muster / Schemata identifizieren, also gespeichert haben, die mehr oder weniger eindeutig mit schwachem oder starkem Flexionsverhalten assoziiert werden können. Welche phonologischen Strukturen, von denen angenommen werden kann, dass sie direkt als Muster / Schemata starker Flexion fungieren können, Gegenstand der Untersuchung waren, wird anhand der fünf Testitems deutlich, die hinsichtlich ihrer Prototypikalität für starke Flexion geordnet in Abbildung 1 dargestellt sind. schwach [[#__/a/__#]St ən]V
schlasen (blasen)
stark [[#__/ai/__#]St ən]V
schleiten (gleiten)
[[#__/i+NASAL+(KONS)/]St ən]V
[[#__/i+n/]St ən]V
[[#__/i+nk/]St ən]V
[[#__/i+ŋ/]St ən]V
pfrinnen (rinnen)
prinken (trinken)
wingen (singen)
Abbildung 1: Prototypikalitätsskala starker phonematischer Muster / Schemata (5 Testitems)
Zum anderen wurde die Hypothese überprüft, dass die Favorisierung des starken Flexionsmusters gegenüber dem schwachen nicht nur von der spezifischen lexikalischen Stärke eines phonematischen Musters / Schemas abhängig ist, sondern auch von der jeweils stark realisierten grammatischen Kategorie. Treten starke Flexionsformen im Singular Präsens auf, dann sollten starke Formen auch im Präteritum, Konjunktiv II und Partizip II auftreten. Ist das Präteritum stark realisiert, sollten auch Konjunktiv II und Partizip II stark flektiert werden, nicht aber notwendigerweise der Singular Präsens usw. Daraus ergibt sich wiederum eine Prototypikalitätsskala (vgl. Abbildung 2, zu den Details nochmals Bittner / Köpcke 2007).
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Andreas Bittner
stark
schwach 3.Ps.Sg.Präsens Präteritum (Konjunktiv II) Partizip II
Präteritum (Konjunktiv II) Partizip II
(Konjunktiv II) Partizip II
Partizip II
Abbildung 2: Prototypikalitätsskala starker phonematischer Muster / Schemata (Kategorienbezug)
Die Ergebnisse ließen in der Tendenz Hypothese 1 plausibel erscheinen, dass die Items als Muster / Schemata starker Flexion interpretiert und umso eher wie starke Verben behandelt werden, je weiter rechts sie auf der Prototypikalitätsskala (1) angeordnet sind. Sie verwiesen darüber hinaus im Sinne von Hypothese 2 auch auf eine Verknüpfung der analysierten Muster / Schemata mit spezifischem Flexionsverhalten in implikativen, wenn-dann-bestimmten Strukturkombinationen. Die starken Verben sind diesen Überlegungen zufolge im mentalen Lexikon1 der Sprecher nicht als sprachliche Einzeltatsachen abgelegt und als Ausnahmen zu Regeln gekennzeichnet. Vielmehr werden Verben allgemein von Sprechern zu unterschiedlich großen Gruppen zusammengeschlossen, die auf validen und für das Flexionsverhalten relevanten gemeinsamen Eigenschaften beruhen (vgl. Bittner / Köpcke 2007). Trotz der deutlich werdenden Tendenz der Sprecher zu eher konnektionistisch beschreibbaren Verfahrensweisen blieben die Evidenzen für die Präferierung einer schematischen Repräsentation (assoziative Netze) gegen ein bloßes Wörter- und Regelmodell (bzw. eine umgekehrte Präferenz) doch relativ vage. Die Ergebnisse sprachen eher für die Annahme eines Nebeneinanders von Techniken, die von Sprechern einzeln auf die jeweils für sie einschlägige Gruppe angewandt werden. Das reicht von der generellen Regel über motivierte Muster / Schemata, (mehr oder weniger) direkter Analogie geschuldete Cluster bis zu Einzelspeicherung. Die Relation, in der die einzelnen Techniken zueinander stehen, und die konkrete Verknüpfung von Mustern / Schemata mit Bündeln von Kategorienrealisierungen (Wort- bzw. Flexionsformen) blieben dabei allerdings unklar und bedürfen einer genaueren Untersuchung. Außerdem stellt die Gerichtetheit (hierarchische Implikativität) sowohl des Kontinuums als auch der Kategorienrealisierungen ein Problem für die theoretische Beschreibung und Erklärung besonders auch im Rahmen assoziativer Netzwerke dar. _____________ 1
Der Begriff mentales Lexikon steht hier für den Speicherort, an dem die Sprecher flexionsmorphologisches Wissen ablegen.
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Ich möchte im Folgenden die Überlegungen auf einen weiteren Faktenbereich ausdehnen, um die dargestellten Ergebnisse und Tendenzen überprüfen und vertiefen zu können, und die genannten Defizite zu beleuchten. Was liegt näher, als sich dazu Prozessen der Sprachveränderung als Prüffeld grammatiktheoretischer Überlegungen und für Hypothesen zur mentalen Repräsentation sprachlichen Wissens zuzuwenden? Wo sonst als im Sprachwandel sollten die tatsächlich etablierten, psychisch realen, d.h. vom Sprecher angewandten grammatischen Strukturen und Zusammenhänge deutlich sichtbar werden?
3. Sprachgeschichte / Sprachwandel als zentraler Modellierungs-, Testund Faktenbereich Noch vor dem Spracherwerb und der Kindersprache stellt die Sprachveränderung den zentralen Faktenbereich2 dar, um Einsichten in die Struktur einer Sprache (und von Sprache generell) und ihr Funktionieren und damit in die Organisation von Grammatik – um die es hier im Wesentlichen geht – zu gewinnen. Dabei werden sich in der Sprachgeschichte manifestierende grammatische ‚Gesetzmäßigkeiten‘ angenommen, Sprachgeschichtsprozesse nicht als zufällig und unmotiviert bzw. als Sonderfälle sprachlicher Entwicklung verstanden. Variabilität, zumal diachronische, ist eine grundlegende universelle Eigenschaft von Sprache. In ihr und in der auf ihr basierenden Veränderung von Sprache werden grammatische Zusammenhänge erfahrbar. Auf den unmittelbaren Zusammenhang von Sprachwandel und Spracherwerb weist nicht nur Mayerthalers (1981, 25) Statement, „was sich im Wandel durchsetzt, muß erworben, also auch psychisch real sein. [...] [E]s [gibt] kein adäquates Verständnis des Sprachwandels ohne das des kindlichen Spracherwerbs [...]“, hin. Auch für den Aspekt, dass an die Sprachgeschichte, enger gefasst: an die historische Grammatikforschung, als empirische und theoretische Wissenschaft auch hinsichtlich der Ausschöpfung ihrer sprachtheoretischen Potenzen Forderungen zu formulieren sind, können seine provokanten Überlegungen herangezogen werden: „Eine wohlverstandene historische Sprachwissenschaft macht empirisch überprüfbare [falsifizierbare] _____________ 2
Weitere einschlägige Faktenbereiche für falsifizierbare sprachtheoretische Hypothesen (nicht nur bezogen auf die Flexionsmorphologie) sind z.B. die Behandlung von neuen Wörtern bzw. die von Kunst- oder Nonsenswörtern, die Fehlerlinguistik, die Akzeptabilität grammatischer und ungrammatischer Formen, aphasische Störungen und der ungesteuerte Fremdsprach- bzw. Zweitspracherwerb, vgl. z.B. Bittner (1996, 66ff.).
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Prognosen und trägt deshalb in einem wissenschaftstheoretisch relevanten Sinn [...] zur Sprachtheorie bei [...]“ (ebd., 37). Die Basis dafür und damit für den generell ‚experimentellen‘ Charakter von historischer Sprachentwicklung und Sprachveränderung ist einleuchtend: Welch besseren und vielfältigeren Testbereich für das Problem der psychischen Realität kann es eigentlich geben? [...] Man verfügt über hinreichend große Populationen, über Beobachtungszeiträume, welche diejenigen üblicher psycholinguistischer Experimente als im Grenzwert gegen Null tendierend erscheinen lassen und die Experimente einer immer wieder versuchten Sprachoptimierung werden seit hunderten von Jahren in kontrollierbarer Weise reproduziert. Was will man mehr von einer Versuchsanordnung als einer solchen, wie sie Sprachwandel konstituiert? (ebd., 24)
Im Sinne Mayerthalers sollen nun also Daten aus der Sprachveränderung (Sprachentwicklung) zur Verifizierung der Hypothesen herangezogen werden, die auf der Basis von Spracherwerbsdaten postuliert wurden. 3.1. Grundannahmen zur sprachtheoretischen Relevanz von Sprachveränderung Einschlägig sind dabei natürlich Sprachveränderungen, die die Folge von Konflikten im Sprachsystem selbst sind, die „im System angelegt“ sind (Paul 1975), und somit grammatisch (und nicht sozial) initiiert sind. Abbildung 3 gibt eine Übersicht über Sprachwandeltypen und ihre Abhängigkeiten und macht deutlich, dass die hier behandelten Veränderungen unter der Bezeichnung system-initiierter Wandel firmieren. Grammatisch initiierter Wandel ist dadurch motiviert, dass durch ihn grammatische Komplexität, die die menschliche Sprachkapazität hinsichtlich bestimmter Eigenschaften – diese Einschränkung bzw. Konkretisierung ist wichtig – belastet (auch Markiertheit genannt), im Bereich von Phonologie, Morphologie und Syntax abgebaut wird.3 Er führt damit zu weniger komplexen, präferenteren grammatischen Strukturen. Das theoretisch Konzeptionelle, das die folgende Auswahl von Untersuchungsinstrumentarien und Erklärungsmustern steuert, ist vor allem im Rahmen von Natürlichkeits- und Präferenztheorien unter dem Gesichtspunkt der Markiertheit grammatischer Erscheinungen und ihrer Rolle im Sprachwandel entwickelt worden (vgl. für den Zusammenhang hier z.B. Bailey 1973; Mayerthaler 1981a; Vennemann 1983, 1990; Wurzel 1984, 1994; Dressler u.a. 1987; Bittner 1996). _____________ 3
Für den semantisch initiierten Wandel ist das bisher wenig untersucht.
morphol. Wandel
syntakt. Wandel
Grammatikalisierung
semantisch initiierter W.
lexikalischsemant. Wandel
Abbildung 3: Sprachwandeltypen (nach Bittner, A. in Wurzel 1994, 99)
phonol. Wandel
grammatisch initiierter W.
systeminitiierter Wandel
Kontakt
lexikalischsemant. Wandel zur Beseitigung v. Bezeichnungsdefiziten
außersprachlich initiierter Wandel
nichtintendiert
Entlehnung
gelehrt
Sprachmischung
sprachkontaktinitiierter W.
Pidgin / Kreolisierung
Sprachwandel
Sprachnormierung, -planung, -politik; Schaffung von Fachsprachen / Terminologien
sozialinitiierter Wandel
intendiert
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Andreas Bittner
Die folgende konkrete Analyse sprachlicher Daten erfolgt ausschließlich auf der Basis historischer Grammatiken (vgl. Literaturliste), dem Duden und Bittner (1996, 1998). Sie übernimmt außerdem Daten aus und orientiert sich an Wurzel (1999, 2000). Die Problematik dieser Quellenauswahl (vgl. dazu z.B. Wegera 1990, Leiss 1998) wird dabei bewusst in Kauf genommen. Der Fokus der Erörterungen liegt auf der Interpretation sprachhistorischer Fakten hinsichtlich ihrer Bedeutung für die linguistische Theoriebildung und in Bezug auf die Art und Weise ihrer Einbindung in sprachtheoretische Überlegungen. Aus möglichen Ungenauigkeiten der Daten, die der unzureichenden Quellenlage zuzuschreiben sind, sollten keine grundsätzlichen Gegenargumente zur vorgenommenen Interpretation resultieren – es sei denn, man stellte die bisherige Sprachgeschichtsschreibung insgesamt zur Disposition. Genereller Untersuchungsbereich ist die deutsche Verbmorphologie, konkret sollen Aspekte der mentalen Repräsentation grammatischen Wissens mit Fakten des Übertritts von den starken zu den schwachen Verben konfrontiert werden. 3.2. Hypothesen zum Wandel Zunächst sollen die o.g. Hypothesen für eine Überprüfung im Rahmen des Sprachwandels angepasst und konkretisiert werden. •
Hypothese 1: Sprachhistorische Veränderungen / Sprachwandelprozesse verweisen bezogen auf die segmentale Repräsentation der Lexeme im mentalen Lexikon (Repräsentation morphologischen Wissens) darauf, dass diese Repräsentation auf der Basis prädiktiver Kennformen (Muster / Schemata) erfolgt, sie ist außerdem wortund nicht (stamm)morphembasiert.
•
Hypothese 2: Sprachhistorische Veränderungen / Sprachwandelprozesse verweisen bezogen auf die Repräsentation morphologischen Wissens darauf, dass die Spezifizierung des flexionsmorphologischen Verhaltens (Prinzipien der Zuordnung zu Flexionsklassen) auf der Basis nichtmorphologischer Eigenschaften dieser prädiktiven Kennformen (Muster / Schemata) und im Rahmen gerichteter paradigmatischer Strukturbedingungen erfolgt.
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4. Verifizierung der Hypothesen: Beobachtung einschlägiger Sprachveränderungen 4.1. Wandelbeobachtung 1 zu Hypothese 1 Es genügt ein Blick auf die bekannten Standardbeispiele, den auch Wurzel (2000) bereits vorgenommen hat. Das Ahd. weist vier relativ stabile verbale Flexionsklassen auf. Die Verben der einzelnen Klassen mit (partiell) unterschiedlichem Flexionsverhalten unterscheiden sich in der phonologischen Form der Infinitive: Die Klasse der starken Verben (geban) steht drei schwachen Klassen gegenüber, der jan-Klasse (suochen),4 der ōnKlasse (salbōn) und der ēn-Klasse (habēn).5 Wie zu sehen ist, liegt die phonologische Distinktivität nicht im Wortstamm, sondern in den morphologischen (‚wortartspezifizierenden‘) Endungen. Phonologischer Wandel (Neutralisation der Vokale unbetonter (Neben-)Silben) führt dann im Übergang zum Mhd. zur Vereinheitlichung aller Infinitivmarker zu phonetisch [-ən], vgl. mhd. geben, suochen, salben, haben. Nach dieser Neutralisierung beginnen Sprecher ursprünglich starke Verben schwach zu flektieren, was auch noch im Gegenwartsdeutschen geschieht, wenn auch sprachpflegerisch, durch Normierungsdruck und schulische Sozialisation behindert; vgl. frnhd. bellen, kreischen, schmiegen – Präteritum boll, krisch, schmog > nhd. Präteritum bellte, kreischte, schmiegte (Bsp. nach Wurzel 2000, 419). Gegenwärtig vollzieht sich bei mehr als 50 Verben dieser Übergang zur schwachen Flexionsweise, vgl. z.B. fechten, gären, hauen, melken, schallen und saugen – Präteritum focht, gor, hieb, molk, scholl, sog > fechtete, gärte, haute, melkte, schallte, saugte (vgl. Bittner 1996, 111). Dies lässt sich folgendermaßen interpretieren: Es drängt sich bei der durch die Fakten skizzierten Abfolge die Schlussfolgerung auf, dass das Auftreten dieses morphologischen Wandels von der phonologischen Form des Wortes abhängig ist, die sich im Deutschen in der Form des Infinitivs (und teilweise in den abgeleiteten Wortformen) bestens manifestiert. Wurzel (2000, 420) konstatiert, dass der Wandel dann einsetzt, „wenn man dieser Form die Flexionsklassenzugehörigkeit der Lexeme“ und damit die Flexionsweise „nicht mehr ansehen kann“. Solange der Infinitiv eines Verbs auf -an endet, kann das entsprechende Verb nicht schwach flektiert werden. Deshalb treten Wandelerscheinungen wie die _____________ 4 5
Starke j-Präsentia, die im Infinitiv und in der Präsensflexion wie schwache jan-Verben aussehen, sind ahd.: intrīhhen (I), bitten, liggen, sitzen (V), swerien, scephen, heffen, intseffen (VI) und erien (reduplizierend); vgl. (Braune 1987, 282f. und 264ff.). Bei den drei schwachen ahd. Verbklassen finden sich Reste einer jeweiligen semantischen Motivierung: Intensiva, Iterativa (ōn-Verben); Durativa, Inchoativa (ēn-Verben); Kausativa (en-(< jan)Verben).
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Andreas Bittner
Übergänge von starken Verben zu den schwachen erst nach den phonologischen Neutralisierungen auf, wenn also z.B. das schwache Verb leben und das starke Verb geben in der Form des Infinitivs hinsichtlich der Flexionsweise nicht mehr unterschieden werden können. Plausibel erscheint die Annahme Wurzels (vgl. ebd., 420f.), dass ein starkes Verb wie geban und ein schwaches Verb wie suochen im mentalen Wissen der Sprecher des Ahd. als [[geb]BM an]V bzw. [[suox]BM en]V abgelegt sind6 und nicht als [geb]VBM, stark bzw. [suox]VBM, schwach (also als Stammmorphem mit diakritischer Flexionsangabe), weil bei letzterer Repräsentation „das Auftreten des Wandels gerade zum Zeitpunkt der phonologischen Neutralisierung [...] sich [...] nicht sinnvoll erklären [läßt]“ (ebd., 420). Daraus folgt, dass die mentale Repräsentation der Verben im Ahd. in der Form des Infinitivs realisiert wird, die damit die lexikalische Grundbzw. Kennform darstellt, die als Basis für die Ableitung sämtlicher Flexionsformen fungiert. Die ahd. Verbflexion ist auf dieser Faktenbasis von den Sprechern „wortbasiert und nicht morphembasiert organisiert“ (ebd., 421). Diese strikte Annahme über die Organisation flexionsmorphologischen Wissens in Sprachen mit ausgeprägter Flexionsmorphologie könnte für das Deutsche ab dem Mhd., also nach der phonologischen Neutralisierung der Vokale der morphologischen Endungen, angezweifelt werden. Es wird zu zeigen sein, dass auch in den auf das Ahd. folgenden Sprachperioden eine Form wie [[geb]BM mn]V als Kennform und Ableitungsbasis dient, also keine Stammmorphembasierung der Verbflexion vorliegt (vgl. auch Bittner / Köpcke 2007). Der Infinitiv trägt also nicht nur strukturelle Merkmale der wortartspezifischen Flexion und fungiert über eindeutige grammatische Morpheme als Auslöser der entsprechenden Flexionsweise und -klassenzugehörigkeit. Mit diesen Trägern grammatischer Information muss auch ein Bündel distinktiver, gerichteter Flexionsformen verknüpft sein. Da die Sprecher des Mhd. dem Verlust dieses Indikators für Flexionsverhalten durch phonologischen Wandel nichts entgegengesetzt haben, liegt die Vermutung nahe, dass das Zulassen dieses phonologischen Wandels Teil eines morphologischen Wandelprozesses ist, bei dem das bisherige mindestens aus vier Klassen bestehende, ursprünglich semantisch motivierte Zuordnungssystem verändert, (wieder) eindeutiger gemacht werden soll. Die Sprecher hatten wohl den Eindruck, dass die Komplexität der semantischen Motivierung dieses morphologischen Teilsystems und die ihr innewohnenden Überschneidungen und Mehrdeutigkeiten, die _____________ 6
Sie werden dann mhd. phonologisch zu [[geb]BM mn]V bzw. [[suox]BM mn]V neutralisiert (V – Verb, BM – Basismorphem, VBM – verbales Basismorphem), vgl. Wurzel (2000, 420).
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eine entsprechende Komplexität der morphologischen Kennzeichnung erforderten, die Handhabbarkeit des morphologischen Codesystems unnötig erschweren. Merkmale der phonologischen Struktur bzw. ihrer Realisierung sollen als Indikatoren möglichst eindeutiger, distinkter Inhalte bzw. Funktionen dienen, zumal sie ständig der Gefahr artikulatorischer Aufwandsbeschränkung ausgesetzt sind. Der so motivierte morphologische Veränderungsprozess orientiert sich an der morphologischen Kennzeichnung der Unterscheidung der ‚Wortart‘ Verb von anderen ‚Wortarten‘ und zunehmend weniger an der Binnendifferenzierung von Verbtypen. Das Zulassen der phonologischen Neutralisation signalisiert die morphologische Umorganisation in Richtung der Flexionsweise bzw. -klasse, die hinsichtlich unterscheidender Merkmale für Inhalte / Funktionen eindeutiger ist und den Sprecherkriterien Uniformität, Transparenz und Ikonizität (vgl. Mayerthaler 1981a; Dressler u.a. 1987; Wurzel 1984) besser entspricht. Das geht in der Regel damit einher, dass diese das System dominieren bzw. Systemangemessenheit erlangen und auch hinsichtlich der Type-Frequenz die jeweils mächtigere Flexionsweise darstellen (vgl. Bittner 1996, 20ff.). Damit sind universelle Kriterien morphologischer Kategorienkennzeichnung benannt, wobei noch einmal hervorgehoben werden soll, dass Sprachnutzer morphologische Eigenschaften an nichtmorphologische binden, also nichtmorphologische Eigenschaften von Lexemen nutzen, und zu einer relativen (funktional gesteuerten) Vereinheitlichung von Kennzeichnungsmitteln und -systemen tendieren. 4.2. Wandelbeobachtung 2 zu Hypothese 1 Der skizzierte morphologische Wandel führt nach der phonologischen Veränderung des Infinitivs (und abgeleiteter Formen) tendenziell, d.h. keineswegs unmittelbar und ausnahmslos, zu einer Veränderung der Flexionsformen des Singulars Präsens, des Präteritums, des Konjunktivs Präteritum (Konjunktiv II) und des Partizips Perfekt (Partizip II), was zunächst einmal darauf hinweist, dass nicht alle Formen eines Paradigmas einfach lexikalisch gespeichert bzw. nach einheitlichen Regeln erzeugt sein können, vgl. die Übersichten 4 und 5, außerdem Bittner (1996) und Bittner / Köpcke (2007).
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4.3. Schlussfolgerungen zu 4.1. und 4.2. Aus den beiden Wandelbeispielen lassen sich für die mentale Repräsentation von grammatischem Wissen folgende Schlüsse ziehen, die gleichzeitig eine Verifikation der Hypothese 1 beinhalten: 1. Flexionsmorphologisches Wissen ist in Form von Kennformen (Grundformen; Mustern / Schemata) repräsentiert. Das geschieht durch konkrete Wortformen (nicht durch Stammmorpheme). Außerdem weist die Wandelbeobachtung 2 darauf hin, dass nicht sämtliche Flexionsformen des Paradigmas lexikalisch gespeichert sind, das dürfte lediglich bei starker Suppletion der Fall sein. 2. Die prädiktive Kennform (Muster / Schema) für die deutsche Verbflexion ist der Infinitiv. Die Schlussfolgerung, dass der Infinitiv, eigentlich eine Nominalform (?), die Kennform des deutschen Verbs bilden soll, wird nicht so ohne Weiteres auf Akzeptanz stoßen. Ein kurzer Exkurs soll für einige, die Feststellung plausibel machende Fakten sorgen. 4.4. Exkurs: Probleme mit dem Infinitiv Welche Zweifel sind am Infinitiv zu hegen? Man kann argumentieren, dass der Infinitiv eine Nominalform und damit gar nicht Teil des Verbparadigmas ist, also auch nicht dessen Kennform sein kann. Er steht außerdem in Konkurrenz zur 3.Ps.Sg.Präs.Ind., die eine hohe Token-Frequenz aufweist, bzw. zu einer anderen singularischen Präsensform, z.B. der 1.Ps.Sg.Präs.Ind. Auch hier soll ein Blick auf einschlägige Wandelprozesse zu Antworten führen. 4.4.1. Wandelbeobachtung: Richtung von Wandelprozessen Auf der Suche nach entsprechenden Gegenargumenten sollen die Ausgleichsprozesse im Präsensvokalismus und -konsonantismus der starken Verben betrachtet werden. Im Frnhd. erfahren starke Verben mit ie-eu-Wechsel im Präsens einen Ausgleich des Präsensvokalismus durch den Vokal [ī] (vgl. z.B. frnhd. fliegen, fliege, fleug(e)st, fleug(e)t, (wir) fliegen > nhd. fliegen, fliege, fliegst, fliegt, (wir) fliegen). Im Paradigma des starken Verbs sehen bspw. wird ebenfalls im Frnhd. die (konsonantische) Alternation zwischen [ç] und ∅ (vgl. frnhd. sehen, sehe, sichst, sicht, (wir) sehen) zugunsten der ∅-Formen aufgegeben (vgl.
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nhd. sehen, sehe, siehst, sieht, (wir) sehen). Das deverbale Nomen Sicht wird davon nicht erfasst. Was auffällt ist, dass beide Alternationstypen zugunsten einer Form aufgegeben werden, die (auch) die des Infinitivs ist, aber nicht die der 3.Ps.Sg.Präs.Ind. Die starke Verbklasse und die (größere) Klasse der schwachen janVerben stimmen im Ahd. in ihrer Präsensflexion überein. Es finden aber keine Übergänge zwischen den Klassen statt. Wäre die 1.Ps.Sg.Präs.Ind. oder eine andere Form des Präsens Indikativs die Kennform, sollten solche Übergänge zumindest tendenziell auftreten.7 4.4.2. Grundform vs. Stammflexion Auf eine notwendig durch die Kennform zu erfüllende strukturelle Eigenschaft muss explizit hingewiesen werden. Die deutsche Verbflexion (vom Ahd. bis zum Nhd.) funktioniert nach dem Prinzip der Stammflexion (vgl. ahd. nëm-an – nim-u (1.Ps.Sg.Präs.Ind.) und nhd. nehm-en – nehm-e). Für eine wortbasierte morphologische Repräsentation ist es also wichtig, dass die Kennformen (Muster / Schemata) morphologisch gegliedert repräsentiert sind, Flexionsregularitäten Zugriff auf den Stamm haben (z.B. ahd. nëman als [[nëm]St an]V, nhd. nehmen als [[ne:m]St mn]V, vgl. Wurzel 1999).8 4.4.3. Interpretation der Beobachtungen Der Infinitiv der Verben im Deutschen erfüllt offensichtlich wichtige Anforderungen an eine Kennform (Muster / Schema), indem er ganz oder partiell ([[ge:b]St mn]V) die Eingabevoraussetzungen für die Anwendung von Flexionsregularitäten (ob Regelmodell oder Vernetzung) liefert, hinsichtlich seiner Kategoriensemantik wenig komplex ist (vgl. Mayerthaler 1980, 11ff.) und weitgehende Informationen über das Flexionsverhalten des jeweiligen Lexems enthält. _____________ 7
8
Nicht alle Ausgleichsprozesse innerhalb eines Paradigmas müssen in Richtung Kennform verlaufen. So kommt es im Frnhd. zur Entwicklung von zemen – es zimt zu ziemen – es ziemt, wobei der Vokal der 3.Ps.Sg., der bei unpersönlichen Verben häufigsten Personalform, verallgemeinert wird. Da solche Ausgleichsprozesse nur innerhalb eines Flexionsparadigmas stattfinden, spricht das für die Zugehörigkeit des Infinitivs zum verbalen Paradigma. Auch für das Erkennen der Kunstverben und die Schemaidentifikation auf der Basis von Eigenschaften der phonologischen Struktur im Rahmen der Tests zum späten Spracherwerb war die Präsentation als ganze Wortform, die dann von den Kindern mühelos gegliedert wurde, notwendig (vgl. Bittner / Köpcke 2007).
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Andreas Bittner
4.5. Erklärungsansatz für die Übertritte der starken zu den schwachen Verben Ausgangspunkt für diesen Typ von Wandel sind die Sprecher / Hörer einer Sprache mit ihrer Kapazität zur Sprachverarbeitung und ihrem sprachlichen Agieren. Sprachliche Strukturen und systematische Zusammenhänge werden von ihnen hinsichtlich ihrer Komplexität, ihrer Eindeutigkeit und ihrer Funktionalität einer ökonomischen Analyse unterworfen, die immer eine auf spezifische Eigenschaften einer Ebene des Sprachsystems bezogene, skalare Ergebnisorientierung hat. Wenn man sich fragt, weshalb in den skizzierten Fällen Übergänge von starker zu schwacher Flexionsweise tatsächlich eintreten, bietet sich als plausibles Erklärungsmuster an, dass grammatisch initiierter phonologischer, morphologischer und syntaktischer Wandel dadurch motiviert ist, dass durch ihn immer die menschliche Sprachkapazität belastende grammatische (hier morphologische) Komplexität (Markiertheit) abgebaut wird (vgl. Wurzel 1994). Bei den sprachhistorischen Veränderungen der Flexionsweise deutscher Verben würde somit ein Abbau ‚zusätzlicher‘ Spezifikationen im mentalen Lexikon der Sprecher diese Verringerung belastender Komplexität bewirken. Welcher Art sind diese ‚zusätzlichen‘ Spezifikationen? An die phonologische Struktur der gegliederten Kennform knüpfen Sprecher Informationen hinsichtlich des Flexionsverhaltens mit unterschiedlichem Spezifikationsgrad. Außerdem müssen auch da, wo man den jeweiligen Kennformen nicht mehr eindeutig ansehen kann, wie das Lexem flektiert wird, Verben im mentalen Lexikon distinkt repräsentiert sein, wenn sie unterschiedlich flektiert werden sollen. Aus den Beispielen wird deutlich, dass da, wo Verben mit den gleichen außermorphologischen (phonologischen) Eigenschaften unterschiedlich konjugiert werden, jeweils die weniger normale Flexionsweise im mentalen Lexikon durch das Einbeziehen spezifischerer Eigenschaften (z.B. spezifische Konstellationen der phonologischen Struktur) bzw. durch zusätzlich gespeicherte Kennformen und / oder Marker spezifiziert ist. Bei dieser Motivierung von Veränderungen treten Lexeme immer zur weniger zusätzlicher Komplexität bedürfenden Flexionsweise über (vgl. ausführlich Bittner 1996). Da bei den bisherigen Beispielen nur die Nutzung von phonologischen Eigenschaften der Kennformen als Schlüssel für die zu realisierende Flexionsweise diskutiert wurde, soll kurz auf weitere Möglichkeiten der Verknüpfung mit unabhängigen außermorphologischen Eigenschaften hingewiesen werden: Seit dem Frnhd. benutzen Sprecher das ursprüngliche Vollverb brauchen ('benötigen, genießen, sich einer Sache bedienen') in Kontexten mit Negation mit einer modalen Bedeutung. Bei diesem modalen Gebrauch
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findet im gesprochenen Nhd. häufig eine Veränderung in der 3.Ps.Sg.Ind.Präs. statt: (er) braucht > (er) brauch. Es handelt sich dabei nicht um einen phonologischen, sondern um einen morphologischen Wandel, denn die 2.Ps.Pl.Ind.Präs. ((ihr) braucht) ist davon nicht betroffen (*(ihr) brauch). Modal genutztes brauchen ('gezwungen sein, etwas zu tun') wird mit der Präsensflexion der übrigen Modalverben versehen, vgl. (er) darf, kann, muss, obwohl es im Nhd. nur sieben Verben gibt, die die 3.Ps.Sg.Ind.Präs. ohne -t bilden (dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen, wissen), während ca. 4000 Verben den Marker -t aufweisen (letzteres sollte eindeutig für eine größere ‚Normalität‘ der t-Klasse sprechen). Für die Zuweisung der Flexionsweise wird aber die Eigenschaft, Modalität auszudrücken, favorisiert. Brauchen mit modaler Bedeutung tendiert auch syntaktisch dazu, wie ein Modalverb behandelt zu werden, z.B. bei Er brauch nicht kommen für Er brauch nicht zu kommen (vgl. Bittner 1996). Es sind also nicht nur phonologische Eigenschaften der Kennform, sondern auch syntaktische und semantische Eigenschaften, die von den Sprechern genutzt werden. Wenn sich solche Eigenschaften verändern, führt das tendenziell zu Übertritten zu einer anderen Flexionsweise. Wie stark das Bestreben der Sprecher ist, unabhängig gegebene Eigenschaften der Lexeme (und ihrer Kennformen) für ihre Zuordnung zu den Flexionsklassen zu nutzen, zeigen die Herausbildung der Klasse der Modalverben und der an brauchen illustrierte aktuell verlaufende Wandel. 4.6. Wandelbeobachtung 1 zu Hypothese 2 – schrittweiser Übergang von starken zu den schwachen Verben Beim Übergang starker Verben zur schwachen Flexion werden im Deutschen häufig nicht alle Flexionsformen eines starken Verbs auf einmal durch schwache Formen ersetzt. Der Übergang erfolgt vielmehr schrittweise (vgl. Abbildung 4 und Bittner 1996).
+ -
+ -
-
-
+
+ +
+ + +(-)
+ + + -(+) -(+) -
+ +(-) +(-) -(+) -(+)
Part.Perf. (Ablaut, -en)
Abbildung 4: Beispiele für (schrittweise) Übergänge von starker zu schwacher Flexion (Mhd. – Nhd.; nach Grimm 1854ff., +: starke Form belegt, -: schwache Form belegt, ( ): weniger häufig)
+ -
-
+ -
-
-
16. 18.
∅
+(-)
malen
+ + -
+ + -
+ +(-) -
-
+ +(-) -
13. 16. 17.
+
-
smiegen
+ + +(-) -(+) -(+) -
+ + +(-) -(+) -(+) -
+ +(-) + + +(-) -(+) -(+) -
+ -
+ +(-) -
15. 16. 17. 18. 19. 20.
bellen
dentallose Prät.- Ablaut Umlaut Konj. form und/oder ∅- Prät. Prät. Endung 1./3. Sg.Prät.
+/-
-
-
1.P. 2.P. 3.P.
Vokalwechsel Sg.Präs. bzw. 2./3. Sg.Präs.
+ +/-
13. 14. 15. 16. 18.
bannen
Stammvokal 1./3. -i- und/oder ∅-Endg. Sg.Prät. Sg.Imp. ≠ Stammvokal 2.Sg. & 1.-3. Pl.Prät.
+ +/-
Jh.
Verben
Charakteristika
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Solche partiellen Übernahmen einer anderen Flexionsweise, bei denen quasi gerichtet ‚Mischflexionen‘ entstehen, wie z.B. bei melken, melke, (er) melkt, (er) melkte, (er) melkte, gemolken (schwacher Imperativ, schwaches Präsens (ohne Vokalwechsel), schwaches Präteritum, schwacher Konjunktiv II, Beibehaltung des starken Partizips II) oder gebären, gebäre, (sie) gebärt, (sie) gebar, (sie) gebäre, geboren (Imperativ und Präsens schwach, Beibehaltung starker Präterital-, Konjunktiv- und Partizipformen), sind zumal in institutionell normierten Sprachen durchaus Konstrukte sprachlicher Entwicklung von langfristigem Bestand, was an Beispielen wie backen, laden, raten, mahlen, winken, salzen, schinden deutlich wird (vgl. Bittner 1996, 90ff. und Wurzel 1998). Status und Veränderung der genannten Verben werden in Bittner (1996, 184ff.) über zusätzliche Markereinträge und deren Veränderung beschrieben: melken [VW/Imp.Sg.] > melken [Abl, -ən/Part. II], gebären [VW/Imp.Sg.] > gebären [Abl/Prät.], mahlen, winken, … [Abl, -ən/Part. II]. Diese Fakten sprechen dafür, dass die Wörter im mentalen Lexikon, dass flexionsmorphologisches Wissen schlechthin – wenn es sich nicht eindeutig aus Eigenschaften der Kennform (Muster / Schema) ergibt – hinsichtlich des Auftretens bestimmter Flexionsformen in ihren Paradigmen spezifiziert sind. Nicht prädiktables, komplexeres (aber nicht suppletives) Flexionsverhalten drückt sich im Auftreten spezifischer Marker im mentalen Lexikon aus, prädiktables in deren Nichtauftreten. Darauf nimmt auch die ‚minimalistische‘ Hypothese Bezug, dass Lexikoneintragungen der Wörter keine Angaben prädiktabler Eigenschaften enthalten (vgl. Wunderlich / Fabri 1995).9 Ein zentraler Aspekt der Erörterungen dieses Abschnitts soll noch einmal hervorgehoben und in einen generelleren Zusammenhang gestellt werden: Im Fall von nicht prädiktabler, ‚zusätzlicher‘ Komplexität sind im mentalen Lexikon Kennformen bzw. Kategorienmarker als Indikatoren des Flexionsverhaltens spezifiziert. Wenn beim hier dargestellten Wechsel der Flexionsweise von stark zu schwach Spezifikationen (Einträge) im mentalen Lexikon der Sprecher getilgt bzw. durch andere ersetzt werden, heißt das auch, dass es Grade von Komplexität (Markiertheit) hinsichtlich des Flexionsverhaltens gibt. Eine graduelle Komplexität wird aber durch eine binäre Distinktion ,regulär‘ vs. ‚irregulär‘ (bzw. ‚markiert‘ und ‚unmarkiert‘) – sie stellt den Normalfall in der einschlägigen Fachliteratur dar _____________ 9
Bei suppletiven Verben, d.h. Verben, in deren Paradigmen mehrere Stämme auftreten, die (synchron) nicht durch phonologische Regeln aufeinander beziehbar sind, müssen natürlich die Stämme im mentalen Lexikon repräsentiert sein, die eine vom Infinitiv abweichende Ableitungsbasis für weitere Flexionsformen bilden, also wiederum den Charakter von Kennformen haben, oder Einzelformen sind, vgl. z.B. gehen, ging(en), ?(ge)gang(en); denken, dacht(en), (ge)dacht; sein, bin, ist, war(en), (ge)wes(en).
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Andreas Bittner
– nur unzureichend reflektiert. Es existiert vielmehr eine Skala der Regularität zwischen der am stärksten regulären (unmarkierten) Flexion und der am stärksten irregulären (am stärksten markierten) Flexion durch Bezugnahme auf konkrete Flexionseigenschaften der Lexeme. Das soll am schon diskutierten Beispiel des stufenweisen Übergangs von starken zu den schwachen Verben in einem zweiten Schritt noch deutlicher herausgearbeitet werden. 4.7. Wandelbeobachtung 2 zu Hypothese 2 Beim Übergang von starken Verben zur schwachen Flexion, der, wie gesagt, nicht konsequent geschieht, sondern zunächst (oder auch dauerhaft) nur bestimmte Formen des Paradigmas betrifft, werden die Flexionsformen in einer bestimmten Reihenfolge vom Übergang erfasst (interessant und hier aufgelistet sind vor allem die Paradigmenformen, in denen sich schwache und starke Flexionsweise unterscheiden (vgl. Bittner 1996, passim). Nach den jeweils vom Wandel betroffenen bzw. nicht betroffenen Formen lassen sich die in Abbildung 5 dargestellten ‚Übergangstypen‘ ausmachen (werfen steht für ein konsequent stark gebliebenes Verb; die im Wandel entstandenen schwachen Formen sind hervorgehoben): Infinitiv
Imperativ
Präsens
Präteritum
Konj.II
Part.Perf.
werfen graben heben schinden melken bellen
wirf
(sie) wirft (sie) gräbt (sie) hebt (sie) schindet (sie) melkt (sie) bellt
warf grub hob
wärfe /würfe grübe höbe schünde
geworfen gegraben gehoben geschunden gemolken
grabe hebe schinde melke belle
schindete melkte bellte
melkte bellte
gebellt
Abbildung 5: Auftretende Paradigmentypen bei Übergangsprozessen von starker zu schwacher Flexion
Die ‚Übergangstypen‘ beschreiben eine gerichtete Abfolge des Wandels. Sofern etwa ein starkes Präteritum nachweisbar ist, sollte auch starke Flexion beim Konjunktiv II und beim Partizip II auftreten, nicht aber notwendig bei der 3.Ps.Sg.Präs.Ind. usw. Andere Kombinationen von starken und schwachen Formen gibt es in den vom Wandel erfassten Verbparadigmen nicht. Aus diesen Fakten können für den Aufbau der Paradigmen deutscher Verben hinsichtlich eines speziellen Strukturaspekts, nämlich der möglichen Verteilung von schwachen und starken Flexionsformen im Übergangsbereich zwischen starker und schwacher Konjugation, zwei mehrstu-
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Aspekte diachronischer Fundierung
fige, gegenläufige Implikationen abgeleitet werden (vgl. Abbildung 6), mit denen Sprecher operieren. Die Implikationsmuster basieren auf Bittner (1996, 80).10 (1)
(a) (b) (c) (d)
st.Imp. ⊃ st.Präs. st.Präs. ⊃ st.Prät. st.Prät. ⊃ st.Konj.II st.Konj.II ⊃ st.Part.Perf.
(2)
(a) (b) (c) (d)
sw.Part.Perf. ⊃ sw.Konj.II. sw.Konj.II. ⊃ sw.Prät. sw.Prät. ⊃ sw.Präs. sw.Präs. ⊃ sw.Imp.
Abbildung 6: Implikative Paradigmenstrukturbedingungen starker und schwacher Verben
Flexionsparadigmen in Systemen mit mehreren Flexionsklassen haben eine auf implikativen Relationen beruhende hierarchische formale Struktur. Das bedeutet, dass die einzelnen Flexionsformen innerhalb der Paradigmen einen unterschiedlichen Status aufweisen. Bestimmte Flexionsformen fungieren dort, wo der Infinitiv für die Erschließung der Flexion nicht ausreicht, als Kennformen der Paradigmen und sind (s. o.), im mentalen Lexikon als Indikatoren der Flexionsklassenzugehörigkeit spezifiziert. Die implikativen Relationen zwischen den Flexionsformen bzw. ihren Markern strukturieren die Flexionsparadigmen (sind Paradigmenstrukturbedingungen, vgl. Wurzel 1984). Die Implikationen führen zu einem Kontinuum der deutschen Verben auf der Basis der Übereinstimmung mit bzw. der Abweichung von der präferierten / unmarkierten schwachen Bildungsweise (für Details vgl. Bittner 1996). Der so determinierte Paradigmenaufbau stellt den Rahmen möglicher Sprachveränderungen dar und äußert sich steuernd im Erwerbsprozess (vgl. Bittner 1991).11 Die Grenzen eines Paradigmas ergeben sich in Sprachen wie dem Deutschen aus den Paradigmenstrukturbedingungen, d.h. aus den formalen Relationen zwischen den einzelnen Wortformen. Im Deutschen sind Infinitiv-, Imperativ- und Partizip II-Formen Teil des Verbparadigmas (anders als vom Verb abgeleitete Nomina wie z.B. Sicht, Wurf, Schwur).
_____________ 10 11
Die Modalverben, die eine eigene semantisch motivierte Flexionsklasse bilden (vgl. Bittner 1996, 104ff.), und die Rückumlautverben (vgl. z.B. Bittner 1996, 99f.; Nübling / Dammel 2004, 185f.) bleiben hier unberücksichtigt. Flexionsparadigmen haben somit eine reale Existenz; sie sind keine Erfindungen von Grammatikern. Ihr auf Implikationen der Wortformen beruhender hierarchischer Aufbau ist wohl ein generelles Strukturprinzip von Flexionsparadigmen.
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Andreas Bittner
5. Zusammenfassung und vorläufiges Fazit – mentale Repräsentation Ausgehend von den im Spracherwerb gewonnen Erkenntnissen lässt die sprachhistorische Überprüfung der Hypothesen 1 und 2, mit denen eine Beschränkung der Analyse der mentalen Repräsentation grammatischen Wissens auf das Vorhandensein und die Rolle morphologischer Kennformen (Muster / Schemata) von Lexemen und die Art ihrer Verknüpfung mit den eine spezifische Flexionsweise dokumentierenden paradigmatischen Wortformen vorgenommen wurde, folgende Schlussfolgerungen zu: •
Flexionsmorphologisches Wissen ist in Form von Kennformen (Mustern / Schemata) repräsentiert, d.h. durch konkrete, gegliederte Wortformen, die als Ableitungsbasis dienen;
•
nicht sämtliche Flexionsformen des Paradigmas sind lexikalisch gespeichert;
•
als prädiktive Kennform (Muster / Schema) fungiert der Infinitiv;
•
die Flexionsweise der Lexeme ist tendenziell durch phonologische und / oder syntaktische und / oder semantische Eigenschaften ihrer Kennform bestimmt;
•
davon abweichendes Flexionsverhalten wird im mentalen Lexikon der Sprecher durch zusätzliche Kennformen bzw. Kategorienmarker (oder Einzelformen) spezifiziert, die als Indikatoren der Flexionsweise (-klassenzugehörigkeit) fungieren, prädiktables Flexionsverhalten wird nicht spezifiziert;
•
Komplexität (Markiertheit) hinsichtlich des Flexionsverhaltens ist graduell;
•
Relationen zwischen Flexionsformen (bzw. ihren Kategorienmarkern) sind implikativ (gerichtet) und bilden die Strukturregularitäten (Paradigmenstrukturbedingungen) von Flexionsparadigmen.
5.1. Blick auf Theorienkonzepte Im Hinblick auf die Repräsentation grammatischen Wissens im mentalen Lexikon müssen sich Erklärungstheorien den diskutierten sprachhistorischen Befunden stellen. Dabei ergeben sich unterschiedliche Schwierigkeiten, von denen einige sehr kurz zusammengefasst werden sollen:
Aspekte diachronischer Fundierung
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Konnektionistische Netzwerke haben bspw. Probleme mit der Gerichtetheit von Strukturbedingungen und Wandelprozessen. Während die Darstellung der schwachen Verbflexion im Rahmen der Netze (entgegen der allgemeinen Diskussion in der Literatur) nicht nur in dieser Hinsicht unproblematisch ist, da die einzelnen Formen relativ gleichwertig sind und sich wechselseitig implizieren, müssen für die nichtschwache Flexion Ähnlichkeitskriterien der Muster / Schemata hervorgehoben und die mit ihnen verknüpften Formen in spezifischer Reihenfolge aktiviert werden. Hierzu reicht Frequenz als Kriterium nicht aus. Wörter und Regel-Modelle sind in ihrer Regel- vs. Ausnahmestruktur zu grob, können (und wollen) historisch gewordene und werdende Zustände dadurch nur unzureichend abbilden und die diskutierten Mischformen nicht erklären. Minimalistische Modelle haben durch ihre ausschließlich synchrone Strukturaspekte reflektierende Ausrichtung Probleme mit der diachronen Abfolge und der Gewichtung sprachlicher Entwicklungsprozesse, die mit den Repräsentationen in Wechselbeziehung stehen. Optimalitätsmodelle weisen bei der Begründung von Rankingprozessen grundsätzliche Defizite auf. Sie sind Produkt sprachlichen Wandels, sollen aber gleichzeitig Wandel motivieren und erklären. Schema- und Markiertheitsmodelle scheinen im Gegensatz dazu in der Lage zu sein, durch einheitliche Prozesse und außermorphologische Motivierung Gerichtetheit, paradigmatische Verankerung, Abbildung von Komplexität und Reduktion ganzheitlicher Speicherung auf den so genannten Nahbereich miteinander zu verbinden. 5.2. Präsentation, Kennform / Schema und Paradigmenstrukturbedingungen Untersucht wurde, wie Indikatoren, die eine spezifische Flexionsweise auslösen, und ihre Verknüpfung mit diesem Flexionsverhalten mental repräsentiert sind, wenn sie sich nicht direkt (eindeutig) aus dem jeweiligen Muster / Schema ableiten lassen, wie z.B. bei werden, heben, schinden, und ob spezifische, die Komplexität der Prozedur erhöhende ‚Einträge‘ im mentalen Lexikon denkbar sind, mit denen die Abweichungen vom unmarkierten Flexionsverhalten – in diesem Fall der schwachen Konjugation – gekennzeichnet werden. Der von mir favorisierte Ansatz geht für die deutschen Verben davon aus, dass jeweils Gruppen (Klassen) von ihnen eine einheitliche flexionsmorphologische Behandlung erfahren. Diese kann in der Anwendung einer unspezifischen abstrakten Regel, in der Nutzung spezifischerer und
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weniger abstrakter Muster / Schemata oder noch spezifischerer und noch weniger abstrakter analogischer Cluster bzw. Ableitungen bestehen. Daneben stehen wenige wortspezifische Einzelfälle. Für die im Nhd. mit 95 % mehr als deutlich überwiegende Gruppe (Klasse) der schwachen Verben reicht also die auf keine weiteren Eigenschaften Bezug nehmende Identifikation der phonologischen Struktur der Kennform (Infinitiv) als ‚Verb‘ aus, um die entsprechende schwache Flexionsweise anzuwenden. Ein neues bzw. unbekanntes Verb wird also generell schwach flektiert, wenn die Sprecher keine spezifische Muster- bzw. Schemaähnlichkeit usw. feststellen. Andernfalls nehmen sie ‚Einträge‘ in ihrem mentalen Lexikon vor. Die unspezifizierte Form des Infinitivs als ganz abstrakter semantisch-funktionaler Ausdruck des grammatischen Konzepts ‚Verb‘ ist also strikt mit schwachem Flexionsverhalten verknüpft. Hier spielt TypeFrequenz eine große Rolle. Bei Identifikation als einem Muster / Schema, einem analogischen Cluster usw. zugehörig (bzw. als Einzelfall erkannt) erfolgt von der schwachen Bildungsweise ganz oder partiell abweichende (starke) Flexion. Die Muster / Schemata, Cluster usw. gewinnen an Konkretheit, die Type-Frequenz wird schrittweise von der Token-Frequenz überlagert, wobei die mit den Mustern / Schemata, Clustern usw. verknüpften implikativen Merkmale die entsprechende Einordnung im Rahmen des skizzierten Verbkontinuums fixieren. Sie bestimmen, bei welcher Kategorie der Eintritt in die nichtschwache Konjugation erfolgt. Die konkretesten Muster / Schemata sind letztlich direkte (reimende) Analogiebildungen (während die unspezifische abstrakte Regel sozusagen das abstrakteste Muster / Schema darstellt), Einzelfälle (oft suppletiv) sind keine Muster / Schemata. Die Veränderungsrichtung verläuft von konkretem zu abstrakterem Muster- / Schemabezug. Damit kann der Zusammenhang von Muster / Schema und Kontinuum formal charakterisiert werden (vgl. Bittner 1996).
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Adjektive in Inventarlisten – Beobachtungen zur Syntax und zum Textsortenwandel Markus Denkler (Münster)
1. Attributiv und prädikativ verwendete Adjektive Adjektive können bekanntlich attributiv, prädikativ und adverbial gebraucht werden. Die Verwendung als Attribut und die Verwendung als Prädikativum sind dabei näher miteinander verwandt, denn bei beiden bezieht sich das Adjektiv auf eine nominale Konstituente. Typisch für den attributiven Gebrauch eines Adjektivs sind die Voranstellung vor das Substantiv und die Flexion: ein zartes Spinnlein. Als obligatorisch wird man diese Merkmale allerdings nicht ansehen, denn auch ohne Flexiv – ein zart Spinnlein – kann das Adjektiv attributive Funktion erfüllen und die postnominale Stellung kommt ebenfalls vor: ein Spinnlein zart.1 Vor allem aus sprachhistorischer Perspektive ist dies bedeutsam, denn zum einen sind etwa die ‚starken‘ pronominalen Flexive -er (Mask.) und -es (Neutr.) beim attributiven Adjektiv in einem langwierigen Diffusionsprozess im deutschen Sprachraum übernommen worden. Dieser Prozess nahm seinen Ausgang vom Oberdeutschen und war im 18. Jahrhundert noch nicht abgeschlossen, sodass man in norddeutschen Texten jener Zeit durchaus noch flexivlose pränominale Adjektive verwendete (vgl. Voeste 1999; Ebert u.a. 1993, § M 35; Denkler 2005, 81ff.). Zum anderen stellt sich die Frage, wann und in welchen Kontexten die Nachstellung als markiert zu gelten hat (vgl. Behaghel 1930). Die prädikative Funktion eines Adjektivs wird durch eine Kopula, z.B. ‚sein‘, hergestellt: Die Touristen sind wieder frei. In bestimmten Kontexten
_____________ 1
Zum postnominalen Adjektiv im Deutschen vgl. Dürscheid (2002), die die markierte Nachstellung des Adjektivs vor allem als Mittel der Informationsgliederung analysiert; weiter Hellwig (1898), Paul (1919 / 1968, § 72), Behaghel (1930), Marschall (1992).
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Markus Denkler
kommen aber auch Konstruktionen ohne Kopula vor: Touristen wieder frei.2 Auch hierbei handelt es sich um eine Topik-Kommentar-Struktur, d.h. semantisch gesehen sorgt das Adjektiv für eine Prädikation. Solche Strukturen weisen eine gewisse Nähe zu attributiven Konstruktionen mit postnominalem Adjektiv auf, sodass bisweilen schwer zu entscheiden ist, ob ein Adjektiv als attributiv oder prädikativ einzustufen ist,3 z.B. bei Produktbezeichnungen wie Körbchen rechteckig oder Rahmspinat tiefgefroren: „Syntagmen dieser Art finden sich auf Speisekarten, in Versandhauskatalogen, in Kleinanzeigen, Prospekttexten, auf Schildern, auf Etiketten, auf alphabetisch geordneten Listen“ (Dürscheid 2002, 62). Nach Weinrich (1993, 480), der aus textgrammatischer Perspektive argumentiert, handelt es sich sowohl bei der Attribution als auch bei der Prädikation um eine Determination. Die prädikative Funktion ist demnach eine besondere Form der Determination, bei der eine „ausdrückliche, argumentativ relevante Feststellung“ einer Eigenschaft gemacht wird. Auf diese funktionale Definition soll im Folgenden zurückgegriffen werden. In dem vorliegenden Beitrag geht es um den Gebrauch von TopikKommentar-Strukturen, die aus einer Nominalphrase und einem Adjektiv bestehen. Dabei soll insbesondere die Kontrastierung mit funktionsähnlichen attributiven Konstruktionen (mit pränominalem Adjektiv) Aufschluss über funktionale Zusammenhänge geben. Als Grundlage der Analysen dient ein Korpus von Nachlassinventaren aus der Frühen Neuzeit. Nachlassinventare sind in bestimmten, rechtlich umrissenen Kontexten erstellte Verzeichnisse hinterlassener Mobilien, gegebenenfalls auch hinterlassener Haustiere und Immobilien, die also im Kern aus Listen bestehen. Wir finden dort Listeneinträge wie 1 Mey Kalb schwartz. Das historische, diachron angelegte Quellenkorpus sowie die verwendete Textsorte werden im folgenden Abschnitt kurz vorgestellt. Anschließend werden die Sprachdaten ausgewertet; zeitliche Konturen des Gebrauchs der untersuchten Konstruktion sowie die Adjektivsemantik stehen dabei im Mittel_____________ 2
3
Dürscheid (2002, 73) schreibt hierzu: „Prinzipiell kann jedes postnominale Adjektiv als prädikativer Teil einer Kopulakonstruktion analysiert werden, sofern es nicht-idiomatisiert ist.“ Vgl. hierzu auch Sprachen ohne Kopula wie das Russische oder das Arabische, in denen das prädikative Adjektiv allein das Prädikat bildet (vgl. Hentschel / Weydt 2003, 205, 340). Die meisten Definitionen der prädikativen Funktion der Adjektive könnten sich auch auf die attributive Funktion beziehen und umgekehrt, vgl. etwa: „Sie [Prädikativkomplemente] weisen diesen [durch Subjekt- oder Akkusativkomplement denotierten Gegenständen] eine Eigenschaft zu und weisen sie damit als Elemente oder Teilmengen einer Klasse aus“ (Zifonun u.a. 1997, 3, 1106). Wenn es bei Eisenberg (2004, 235) heißt: „Die primäre Leistung der Attribute besteht darin, das von einem Substantiv bezeichnete ‚näher zu bestimmen‘“, dann sind hiermit nur restriktive Attribute abgedeckt, die die Referenzleistung des Substantivs beeinflussen, nicht aber nicht-restriktive Attribute.
Adjektive in Inventarlisten
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punkt. Der vierte Abschnitt bietet einen Erklärungsversuch für die auffälligen Verwendungsmuster. Hierbei rücken textlinguistische Aspekte in den Fokus; es soll gezeigt werden, dass Elemente des Textsortenwandels mit dem Wandel im Gebrauch der adjektivischen Determination in einem näheren Zusammenhang stehen.
2. Westfälische Nachlassinventare Die zugrunde gelegten Nachlassinventare stammen aus Westfalen aus der Zeit von 1500 bis 1800 (vgl. Denkler 2006, 35ff.). Das Korpus besteht aus 1.618 Inventaren, die im Zusammenhang der Erhebung einer leibherrlichen Abgabe von unfreien Bäuerinnen und Bauern, den so genannten Eigenbehörigen, erstellt wurden. Diese Abgabe wurde beim Tod eines oder einer Eigenbehörigen fällig und in Relation zu dem jeweiligen Nachlass erhoben. Die Abgabe wird Sterbfall genannt, die Inventare dementsprechend auch Sterbfallinventare (vgl. Hüffmann 1966; Homoet u.a. 1982). Das Rechtsgeschäft, durch das die Höhe dieser Abgabe festgesetzt wurde, die die Nachkommen und Hoferben dem Leibherrn zu entrichten hatten, geschah zunächst mündlich. Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts wurde es dann auch schriftlich festgehalten, häufig in Form eines Inventars, das die materielle Grundlage der zu entrichtenden Abgabe, den Nachlass, dokumentierte. Dies lässt sich allerdings kaum als ein reiner Medienwechsel beschreiben, da die volkssprachige mündliche Praxis nun mit der traditionellen – in der Regel lateinischen – Schriftpraxis zusammenkam; d.h. bei der Textsortenentstehung flossen traditionelle Muster der Schriftpraxis ein (vgl. Frank 1996, 18). Diese Muster sind zum einen Elemente der Textsorte (Gerichts)Protokoll und zum anderen die primo-itemListe. Züge der Textsorte (Gerichts)Protokoll (vgl. hierzu Mihm 1995; Niehaus / Schmidt-Hannisa 2005; Topalović 2003; Hille 2008) haben sich in vielerlei Hinsicht mit der zugrunde liegenden mündlichen Praxis verbunden. Techniken der Wiedergabe wörtlicher Rede und des raffenden und transformierenden Notierens können auf die Musterwirkung der Textsorte (Gerichts)Protokoll zurückgeführt werden (vgl. Denkler 2006, 29ff., 118f.). In den frühen Inventaren des 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts erscheinen in den Metatexten, die den Inventarlisten vorangestellt sind, die Syntagmen Erbtag gehalten (erffdach geholden) und ist geerbteilt worden (vgl. Denkler 2006, 47ff.), die darauf verweisen, dass das Rechtsgeschäft bereits an Ort und Stelle beendet wurde. Daraus wird gleichzeitig ersichtlich, dass solche Texte allein zu Dokumentationszwecken angefertigt und
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aufbewahrt wurden; für die Durchführung des Vorgangs – der Erhebung der leibherrlichen Abgabe – hatten sie weiter keine Bedeutung (vgl. auch Mersiowsky 2000, 340 zur Textsorte Rechnung). Dies sollte sich im Laufe der Zeit ändern (s.u., Abschnitt 4). Bedeutender als das Protokoll ist für die Entwicklung der Textsorte Nachlassinventar die primo-item-Liste gewesen.4 Eine Profilierung in diese Richtung lässt sich sehr deutlich erkennen, auch wenn teils widersprüchliche Entwicklungstendenzen auszumachen sind. Hierzu als Beispiel ein Ausschnitt aus einem Nachlassinventar des Jahres 1542:5 Jt(em) noch syntt Dar vij wassel svyne Jt(em) nocht syntt Dar xxij vercken Jt(em) nocht syntt Dar vij syden speckes Jt(em) nocht syntt Dar ij swyne De he nocht mest Jt(em) nocht syntt dar xxxx honder Jt(em) nocht synt dar xvj gosse vnd ey(n) gant Jt(em) nocht synt Dar ij yme Mit Peter Koch lässt sich festhalten, dass in Listen syntaktischsemantische Kohärenz durch das „Prinzip der syntagmatischen Similarität“ (Koch 1997, 69) hergestellt wird, d.h. durch die Gleichartigkeit des Aufbaus der Listeneinträge, durch die Serialisierung der Informationssparten.6 In diesem Beispiel ist die syntagmatische Similarität sehr deutlich erkennbar. Sie wird nicht nur durch die gleichartige Reihung der Informationssparten hergestellt, sondern auch durch die syntaktische Struktur der Listeneinträge sowie durch lexikalische und optische Mittel. Als lexikalisches Gliederungssignal dient Jtem bzw. Jtem noch (vgl. Schirmer 1911, 89; Denkler 2006, 70f.): Jeder Listeneintrag ist durch Jtem noch als solcher gekennzeichnet. Dies kann insbesondere dadurch Wirkung entfalten, dass jeder Listeneintrag in einer eigenen Zeile steht, das Inventar also als Einzelbuchungsinventar aufgebaut ist und nicht als Textblockinventar mit voll geschriebenen Zeilen (vgl. Denkler 2006, 66ff.; Mersiowsky 2000). Die räumliche Anordnung der Einträge auf der Seite ist demnach, besonders _____________ 4
5 6
Vgl. etwa die Reliquienliste in einem lateinischen Inventar des Stiftes St. Egidius und St. Erhard in Schmalkalden vom 13. Januar 1389: Primo brachio sancti Egidii cum annulo et magno saphiro. Item reliquas sancti Erhardi cum cycla aurea in pede argenteo. Item digitum sancti Andree cum monstrancia cristallina […] (Wendehorst 1996, 72). Landesarchiv NRW Staatsarchiv Münster, Kloster Benninghausen, Akten 10, fol. 35v-36r. Im Unterschied dazu sind Textsorten wie Briefe oder Predigten durch „syntagmatische Kontiguität“ (Koch 1997, 70) gekennzeichnet.
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wenn es um Texte mit „similaritätsbasierende[m] Ordnungsprinzip“ (Koch 1997, 67) geht, mit ins Kalkül zu ziehen.
3. Determinierende Adjektive in Inventarlisten Im Fokus der Untersuchung stehen Adjektive und Partizipien wie in den folgenden Beispielen: 1 Mey Kalb schwartz (Burgsteinfurt 1676) 2. beschlag wagen halb geschlitten (Münster 1714) 2 Eymers holtzern (Bramsche 1757) 1 alt(en) beschmiedete wag(en) unbrauchbar (Quernheim 1767) In die Analyse einbezogen werden auch mit einem Adverb erweiterte Adjektive wie im zweiten Beispiel. Nicht selten erscheinen in solchen Strukturen auch pränominale Adjektive, hier im vierten Beispiel. Wie bereits zu Beginn dargelegt, kann das Adjektiv in diesen Beispielen „als Prädikativum gelesen werden“ (Dürscheid 2002, 73),7 das für eine „ausdrückliche, argumentativ relevante Feststellung“ (Weinrich 1993, 480) einer Eigenschaft verwendet wird. Diese Konstruktion wird dementsprechend als zweigliedrige Topik-Kommentar-Struktur aufgefasst. Bisweilen werden die beiden Elemente der Konstruktion durch ein Komma getrennt: 1. Brandtruthe, schlecht (Quernheim 1786), was als Indiz dafür gelten kann, dass hier kein attributiver Gebrauch vorliegt – der Charakter des ‚ausdrücklichen Kommentars‘ ist hierbei hervorgehoben (anders Dürscheid 2002, 74). Es findet sich eine Reihe weiterer syntaktischer Formen, die dem behandelten Typ sehr nahe stehen: 4. silberne leffelß so alt (Münster 1714) Ein schaabellen und 2 schoß Stühle N(ota)B(ene) alt (Bielefeld 1799) j leibstücke von schwartzen wande ist verschließen (Sassenberg 1599) ein alt Wandt Liffke(n), ist zerbrochen (Stromberg 1631) Jt(em) ey(n) haluen wagen vnd ey(ne) halue ploch vnd iß olt (Liesborn 1540) _____________ 7
Vereinzelt lassen sich Belege wie die folgenden finden: 1 tisch langer (Münster 1788), 4 Hemde alte (Herford 1793). Hier könnten die Flexionsendungen als Argument dafür angeführt werden, dass die Adjektive als Attribute aufzufassen sind, was sie auch vermutlich sind. Zu beachten ist allerdings, dass in den westfälischen Inventaren die starken Langformen im Maskulinum und Neutrum Singular erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts üblich werden (vgl. Denkler 2005, 81ff.) und sich damit ein typologischer Unterschied zwischen pränominaler (flektierter) und postnominaler (unflektierter) Attribuierung manifestiert. Im Zuge dieses Prozesses ist mit Hyperkorrektionen zu rechnen, also mit der Ausweitung des Gebrauchs der Flexionsendungen auf prädikative Adjektive.
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Markus Denkler
Als Signale für die Kommentarfunktion der Adjektive dienen hier das Relativwort so, das kanzleisprachige Lexem Nota Bene und natürlich das Kopulaverb sein.8 Das Komma im vorletzten und die Konjunktion und im letzten Beispiel sind Zeichen dafür, dass hier jeweils zwei eigenständige Teile vorliegen und diese Einträge nicht als ‚normale‘ Sätze aufzufassen sind. Dies hat damit zu tun, dass die Listeneinträge funktional und teilweise auch syntaktisch (vgl. Denkler 2006, 59f.) in den gesamten Text eingebettet sind – sie dienen der Beschreibung des jeweiligen Nachlasses. Die in den Listeneinträgen verzeichneten Gegenstände sind dabei nur in den seltensten Fällen bereits vorerwähnt, daher sind solche Einträge doppelt rhematisch. Ein Eintrag wie 6 hemde schlecht wäre also zu paraphrasieren: 'Hier befinden sich sechs Hemden. Diese sind in einem schlechten Zustand.' In diesem Beispiel wird durch das Adjektiv eine Eigenschaft ins Spiel gebracht (schlecht), die in gewisser Weise eine ‚Einschränkung‘ der ersten Aussage darstellt: Nicht sechs Hemden als solche sollen hier verbucht werden, sondern deren Zustand ist ausdrücklich mit zu berücksichtigen. Dies ist von entscheidender Bedeutung für die Taxierung der Gegenstände, die hierauf Rücksicht zu nehmen hat. Angesprochen ist damit die Textfunktion, die Bereitstellung einer soliden und transparenten Grundlage für die Festlegung einer Abgabe. Der ‚einschränkende‘ Charakter des Kommentars wird auch oftmals durch die Partikel aber signalisiert, wie in den beiden folgenden Beispielen: Noch ein Jser(n) Kettel Vo(n) 2 ½ eimer(n) nates aber gantz nichts wurdigh (Münster 1621) 1 Bette spane und eine für den Knecht Aber gar schlegt (Herford 1687) Um diese Struktur besser beurteilen zu können, werden nun zwei Fragen untersucht: 1. Wird in solchen Konstruktionen ein bestimmter Adjektivtyp bevorzugt verwendet? 2. In welchem Zeitraum tritt dieses Format hauptsächlich auf? Zur Beantwortung der ersten Frage werden exemplarisch vier Adjektivgruppen untersucht. Dies sind erstens Stoffadjektive (relationale Adjektive) wie blechern, kupfern oder steinern,9 zweitens Farbadjektive (qualifizie-
_____________ 8
9
Solche Konstruktionen werden im vorliegenden Beitrag nicht behandelt. Der Zusammenhang des hier besprochenen Formats mit den Kopula-Konstruktionen liegt natürlich auf der Hand. Im Einzelnen: blechern, ehern, eisern, gläsern, holzen / hölzern, irden, kupfern, porzellanen, silbern, steinen / steinern und zinnen / zinnern.
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Adjektive in Inventarlisten
rende Adjektive) wie braun, fuchsig oder fahl,10 drittens qualifizierende Adjektive der räumlichen Dimension wie breit, groß oder lang11 und viertens Zustandsadjektive (qualifizierende Adjektive) wie unbrauchbar, gut oder verschlissen.12 Zum Vergleich ist auch die attributive (pränominale) Verwendung der Adjektive ausgezählt worden. Die beiden Zahlen lassen sich so zueinander in Relation setzen. Das Ergebnis der Auszählung zeigt die folgende Tabelle: Adjektivgruppe
Beispiel Format 1 Format 2 Summe
Stoffadjektive kupfern Farbadjektive grün Dimensionsadjektive groß Zustandsadjektive schlecht
2965 1364 915 1288
10 22 37 324
2975 1386 952 1612
Anteil Format 2 0,3 % 1,6 % 3,9 % 20,1 %
Tabelle 1: Auszählung nach Adjektivtypen13
Von den untersuchten Adjektiven werden vor allem die Zustandsadjektive in einer Topik-Kommentar-Struktur verwendet. Der entsprechende prozentuale Anteil ist weit größer als bei den anderen drei Gruppen. Stoff-, Farb- und Dimensionsadjektive kommen nicht einmal auf 5 %; von den Zustandsadjektiven werden hingegen über 20 % in diesem Format verwendet. Es lassen sich also deutlich zwei Gruppen erkennen: Auf der einen Seite charakterisierende Adjektive, die fast ausschließlich attributiv (pränominal) verwendet werden, und auf der anderen Seite evaluierende Adjektive, die in beträchtlichem Ausmaß auch in einer Topik-Kommentar-Konstruktion zum Einsatz kommen.14 Eine Erklärung für diesen Befund wird demnach die Semantik der beteiligten Adjektive berücksichtigen müssen.
_____________ 10 11 12 13 14
Im Einzelnen: braun, fuchsig / gefuchst, grau, grün, rot, schwarz und weiß. Neben den Farbadjektiven im engeren Sinne wurden in diese Gruppe aufgenommen: couleurt, fahl, hell, licht 'hell' und gestreift. Im Einzelnen: breit, groß, klein, kurz und lang. Nicht berücksichtigt sind hier Adjektive mit Maßangaben (3. voet lanck) und Paarformeln (kort vnd lanck 'von verschiedener Länge'). Im Einzelnen: alt, (un)brauchbar, gut, löchrig / gelöchert / durchlöchert / zerlöchert, mittelmäßig, neu, nichtswürdig, nutz(e) / nütz(e) / nutzend / nützig / abgenutzt, schlecht, verschlissen / geschlissen, (un)tauglich / tüchtig und ziemlich 'angemessen, geeignet, ordentlich'. Format 1: Nominalphrase mit attributivem (pränominalem) Adjektiv: 1 langer tisch; Format 2: Topik-Kommentar-Struktur mit Adjektiv: j. kettell iseren Von ihrer Semantik her sind evaluierende Adjektive für eine Determination des Typs ausdrückliche, argumentativ relevante Feststellung prädestiniert (vgl. Weinrich 1993, 528).
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Die zeitliche Entwicklung des Anteils der Zustandsadjektive im Format 2 zeigt das folgende Diagramm. Eingetragen ist der gleitende Mittelwert. Abgebildet ist der Zeitraum von 1500 bis 1800.
Diagramm 1: Anteil der Zustandsadjektive in der Topik-Kommentar-Konstruktion
Zu Beginn des Untersuchungszeitraums, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, ist der Anteil evaluierender Adjektive in der Topik-KommentarKonstruktion verschwindend gering. Er steigt in der Folge an, sinkt aber zunächst immer wieder auf Werte unter 5 %. Erst im 18. Jahrhundert erreicht er zuerst die 20%- und dann um 1770 sogar die 40%-Marke. In der zweiten Jahrhunderthälfte wird also mehr als ein Drittel der untersuchten Zustandsadjektive in den Listeneinträgen zur argumentativ relevanten Feststellung einer Eigenschaft gebraucht, andere Adjektive, wie gezeigt, dagegen kaum. Eine Erklärung für diesen Befund soll auf Beobachtungen zum Wandel der Textsorte Nachlassinventar aufbauen.
4. Textsortenwandel In dem Inventarausschnitt, der in Abschnitt 2 als Beispiel gegeben wird, fällt auf, dass die Listeneinträge als vollständige Sätze organisiert sind: Jtem nocht syntt dar xxxx honder. Die Nominalphrasen, mit denen die Gegenstände bezeichnet werden, bilden das jeweilige Subjekt der Sätze und stehen an letzter Stelle. Zusammen mit Jtem noch sorgt das in jedem Listeneintrag des Textausschnitts verwendete Prädikat syntt dar für einen sehr hohen Grad an Gleichartigkeit der Listeneinträge. Den Anteil der Inventare im Korpus mit diesen Merkmalen zeigt das folgende Diagramm:
Adjektive in Inventarlisten
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Diagramm 2: Profilierung der Textsorte Nachlassinventar in der Mitte des 16. Jahrhunderts (Anteil der Inventare mit ausgewählten textlichen Merkmalen)
Mit durchgezogener dunkler Linie eingetragen ist der gleitende Mittelwert des Anteils der Inventare, die satzförmige Listeneinträge mit ist / sind dar bzw. dar ist / sind enthalten. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts steigt der Anteil an; in der Mitte des Jahrhunderts weist mehr als ein Viertel der Inventare Listeneinträge mit dar ist / sind auf; der Anteil nimmt danach allerdings rasch wieder ab. Der letzte Beleg stammt aus dem Jahr 1589 (vgl. Denkler 2006, 75f.). Die helle Linie zeigt die Entwicklung der Einzelbuchung – die Verwendung einer eigenen Zeile für jeden Listeneintrag – und die gepunktete Linie die Verwendung von item bzw. item noch als lexikalische Markierung der Listeneinträge. Man erkennt, dass sich diese drei Merkmale in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts – wenn auch nicht im gleichen Maße, so doch zeitgleich – zu Merkmalen der Inventarlisten entwickeln, bevor sie ab etwa 1550 wieder abgebaut werden.15 Die Kennzeichnung des Listenanfangs durch ein lexikalisches Gliederungssignal (verschiedene volkssprachige Entsprechungen von lateinisch primo) _____________ 15
Der Abbau der genannten (und weiterer) Textsortenmerkmale lässt sich als Teil eines umfassenden Prozesses der kulturellen Neuorientierung interpretieren (vgl. hierzu etwa Lasch 1910 / 1972; Maas 1988), mit dem sich die sprachhistorische Forschung im Zuge der Untersuchung des Schreibsprachenwechsels vom Niederdeutschen zum Neuhochdeutschen beschäftigt. In den westfälischen Inventaren werden ebenfalls ab der Mitte des 16. Jahrhunderts sprachliche Neuerungen, zunächst vor allem im lautlich-graphischen Bereich, übernommen, die aus dem hochdeutschen Sprachraum stammen. Zeitgleich kommt es zur Übernahme weiterer Kulturtechniken aus dem Süden, wie der arabischen Zahlen (inkl. des Stellenwertsystems) und der Datierung nach den Monatstagen (vgl. Denkler 2006, 44ff.). Man kann hier von einem technology cluster sprechen (vgl. Denkler 2007, 455): In der Wahrnehmung der Übernehmer können verschiedene neue Technologien zusammengehören, also ein Cluster bilden, sodass diese Technologien auch zusammen übernommen werden. Daneben kommt es zu einem Abbau von etablierten bzw. sich etablierenden kulturellen Mustern, der hier zur Nivellierung der Textsorte Nachlassinventar führt. Vgl. in diesem Zusammenhang auch das Konzept der ‚kulturellen Expressivität‘ von Textsorten (Tophinke 1996, 103).
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steigt zeitversetzt an – dies zeigt die gestrichelte Linie. Lexikalische Bausteine wie ten ersten, int erste, vor erst und erstlich haben Ende des 16. Jahrhunderts ihren Höhepunkt (vgl. Denkler 2006, 60f.); sie erscheinen in knapp 60 % aller Inventare aus den letzten drei Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts. Danach verlieren sie langsam an Bedeutung; im 18. Jahrhundert werden sie kaum noch verwendet.
Diagramm 3: Profilierung der Textsorte Nachlassinventar Ende des 18. Jahrhunderts (Anteil der Inventare mit ausgewählten textlichen Merkmalen)
Bei einem der besprochenen Merkmale ist eine weitere Trendwende zu beobachten; der Gebrauch des Einzelbuchungsinventars nimmt Ende des 17. Jahrhunderts wieder zu und kann sich dann im 18. Jahrhundert gegen das Textblockinventar durchsetzen (vgl. Denkler 2006, 67f.). Dieser Anstieg ist verbunden mit dem Anstieg eines weiteren Merkmals der Inventare im 18. Jahrhundert (s. Diagramm 3): der Taxierung der aufgelisteten Gegenstände, also der Schätzung ihres Wertes. In Einzelbuchungsinventaren können Taxierungen zu jedem gebuchten Gegenstand einzeln angebracht werden; die Taxierungen können so auf dem Papier addiert werden, um den Wert des Nachlasses rechnerisch zu bestimmen. Solche ‚rationalen‘ Nachlassinventare bilden dann Ende des 18. Jahrhunderts die Grundlage für die Erhebung des Sterbfalls. Als Beispiel sei folgender Ausschnitt aus einem Nachlassinventar des Jahres 1733 abgedruckt (vgl. auch Abb. 1):16
_____________ 16
Fürstlich Bentheimisch-Steinfurtisches Archiv, Johanniterkommende Steinfurt, Akten 224, fol. 163v.
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[…] Einen unbeschlahgenen wahgen setze ad Zwey pfluge mit Egden setze ad Zwey Erdt Kahren setze ad ahn bette Vier ZugesPredte bette setze ad ahn bettlacken setze ad Eine Kiste setze ad Eine alte Kiste setze ad Ein schap setze ad Ein alt schap setze ad Einen Langen dichß undt stule setze ad Einen Runden dichß setze ad Einen Kufferen Kessel groß 4 emmer ad Einen Kufferen Kessel groß 2 emmer ad Einen Eiernen pott so Klein setze ad Zwey iserne potte setze ad Zwey Halle undt tange setze ad Eine pfanne Eisen undt Roster setze ad ahn Holtzen geschier setze ad Eine schnidtlahde undt messer setze ad flogels grepen undt wannen setze ad bracken HasPels undt sPinrade setze ad Exze barde schutten undt siegde setze ad Summa
rth. 5 4 2
sch.
d.
12 3 3 1 4 1 2 1 4 2
14
1 1 1 3 1 1 1 2 163
Homoet u.a. (1982, 12ff.) führen vor Augen, wie in den verschiedenen Aktennotizen des Stiftes Quernheim (Ostwestfalen) auf die Inventare verwiesen wird, um den Betrag, der an das Stift zu entrichten ist, festzusetzen und schließlich die Zahlung zu quittieren. Eine solche Analyse einzelner Textbausteine (vgl. Fritz 1993) mit variablenlinguistischen Methoden macht den Textsortenwandel greifbar. Die Merkmale können sich zu prototypischen Mustern verdichten und somit intertextuelle Konstanten und Variablen sichtbar machen (vgl. auch Warnke 1996).
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Abbildung 1: Nachlassinventar aus dem Jahr 1733 aus Burgsteinfurt (Ausschnitt)
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Adjektive in Inventarlisten
Die starke Zunahme im Gebrauch der Topik-Kommentar-Konstruktion mit Zustandsadjektiv erfolgte ungefähr zur selben Zeit wie die Profilierung des Nachlassinventars zu einem rationalen Instrument der Abgabenerhebung (Einzelbuchung, zeilenbezogene Taxierungen zur rechnerischen Ermittlung des Wertes der nachgelassenen Güter). Derart aufgebaute Inventare beförderten diese Strukturen, denn Angaben zum Zustand der inventarisierten Gegenstände waren von großer Relevanz – nicht für die Verbuchung an sich, sondern für die Taxierung. Sie stellten ein wichtiges Bindeglied zwischen diesen beiden Informationssparten dar; insbesondere Abweichungen von einer allgemein üblichen Wertansetzung bedurften einer ‚Begründung‘. Insofern lag es nahe ‚ausdrückliche‘ Muster zur Determination zu verwenden. Die Listeneinträge können also mit dem kommentierenden Zustandsadjektiv eine weitere Informationssparte enthalten, die zwischen der eigentlichen Verbuchung des Gegenstandes und der Taxierung steht, sodass ein Eintrag maximal aus Ordnungszahl, numerischer Angabe, Gegenstandsbezeichnung, Bemerkung zum Zustand und Taxierung zusammengesetzt ist:17 30,
ein
klapptisch
alt
– 12 [reichstaler] –
Ordnungszahl Anzahl Gegenstandsbezeichnung Zustand Taxierung
5. Zusammenfassung In diesem Beitrag wurde ein Fall von pragmatisch indizierter Syntax vorgestellt: Die Gebrauchsfrequenz von Konstruktionen des Typs 6 hemde schlecht (mit evaluierendem Adjektiv) nimmt in westfälischen Nachlassinventaren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stark zu. Diese Zunahme lässt sich als Merkmal eines umfassenden Textsortenwandels erklären. Die neu entstandene Textsorte Nachlassinventar wird zunächst durch den Einbezug von Elementen der traditionellen lateinischen Schriftpraxis (primo-item-Liste) profiliert. Diese Profilierung wird noch während des 16. Jahrhunderts aufgrund einer kulturellen Neuorientierung aufgegeben. So kommt es wieder zu einer Nivellierung dieser Textsorte. Im 18. Jahrhundert entwickelt sie sich dann zu einem rationalen Instrument der Abgabenerhebung: Merkmale gewinnen an Bedeutung, die dazu geeignet sind, das Inventar zu einem transparenten Dokument der Nachlasstaxierung und damit zu einer verlässlichen Grundlage einer späteren Festsetzung der _____________ 17
Wie das vorgenannte Beispiel zeigt, wird in den Inventaren durch lexikalische Bausteine wie setze ad, ad oder estemieret explizit eine Verbindung zwischen der Verbuchung der Gegenstände und der Taxierung angezeigt (vgl. Denkler 2006, 69).
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Abgabe zu machen. Die Anschlusskommunikation spielt nun also eine größere Rolle als noch im 17. Jahrhundert: Auf der Grundlage der Inventare und mit ausdrücklichem Bezug zu den Inventaren werden Texte erstellt, mit denen die Abgabe festgelegt sowie zuletzt die Bezahlung quittiert wird (vgl. Homoet u.a. 1982, 12f.). So bildet sich in den Inventaren eine Reihe von Textsortenmerkmalen heraus, die vor allem mit der seriellen und gleichförmigen Anordnung von Informationen oder generell mit der gezielten Nutzung des Raums auf der Seite zu tun hat. Große Bedeutung kommt hierbei also sprachökonomischen und optisch-graphischen Faktoren zu. In diesem Kontext sind auch Konstruktionen des Typs 1. Mannskleid mittelmäßig (Quernheim 1771) zu sehen, deren Gebrauch zunimmt. Es handelt sich dabei um doppelt rhematische Topik-Kommentar-Strukturen mit evaluierendem Adjektiv. Die Verwendung dieser durch Kürze gekennzeichneten Konstruktion ist zum einen mit den angesprochenen sprachökonomischen und optischgraphischen Faktoren zu erklären. Zum anderen sorgt das Adjektiv in diesem Format für eine ausdrückliche Feststellung einer in Bezug auf die Textfunktion relevanten Information.
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Althochdeutsch
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen Hans-Werner Eroms (Passau)
1. Additive und adversative Koordination Die Erforschung der Konnexion in Satz und Text hat in den letzten Jahren einen großen Aufschwung zu verzeichnen. Dies gilt zunächst in synchron-funktionaler Hinsicht. Es sei nur auf das Handbuch der deutschen Konnektoren verwiesen 1 , das in einem ersten Band die Semantik der parataktischen und hypotaktischen Konnektoren im Deutschen erfasst. Ein zweiter Band, der der Syntax gewidmet sein wird, ist in Vorbereitung. Auch der sprachgeschichtliche Aspekt hat zunehmend Beachtung gefunden. Der von Yvon Desportes herausgegebene Sammelband Konnektoren im älteren Deutsch 2 untersucht vor allem das Althochdeutsche, ein kurzer diachroner Abriss findet sich in der Abhandlung „De l’érosion des connecteurs et de la précession des ligateurs“ von Eroms. 3 Semantische und syntaktische Aspekte sind in der Behandlung der Konnektoren kaum zu trennen. Das zeigen die zahlreichen Arbeiten vor allem zur Koordinationsreduktion. Insbesondere die Arbeiten der generativ-transformationellen Grammatik haben den Blick dafür geschärft, dass „unter der Oberfläche“ der Phrasen und Sätze Prozesse ablaufen, die ihren Niederschlag in kompakten Oberflächenstrukturen finden. 4 Gerade die auf den ersten Blick so einsträngig und in ihrer Funktion einfach erscheinende „reine“ Koordination, die in der deutschen Gegenwartssprache durch den Konnektor und vorgenommen wird, verstellt den Blick _____________ 1 2 3 4
Vgl. Pasch / Brauße / Breindl / Waßner (2003). Vgl. Desportes (Hrsg.) (2003). Vgl. Eroms (1996, 329ff.). Auf den grammatiktheoretischen Aspekt kann hier nicht eingegangen werden. Es sei hier auf die Überblicksartikel zur generativ bestimmten Sicht von van Oirsouw (1993, 748ff.) und zur dependenziellen Darstellungsweise von Lobin (2006, 973ff.) verwiesen.
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Hans-Werner Eroms
dafür, dass Koordination ein höchst komplexer Vorgang ist, der sich zudem aus unterschiedlichen Quellen speist. In diesem Zusammenhang ist es aufschlussreich, dass in der geschichtlichen Darstellung der deutschen Syntax von Otto Behaghel die Konnektoren nicht in ihrer historischen Schichtung erfasst werden. Behaghel behandelt sie in ihren hypo- und parataktischen Funktionen unter dem Titel „Die Konjunktionen“ in alphabetischer Reihenfolge.5 Erklärlich ist dieses Vorgehen nur, wenn man annimmt, dass die Funktionsunterschiede jeweils klar an die lexikalische Form gebunden sind und dass diese sich im Laufe der Sprachgeschichte relativ gleichartig verändern. Die Veränderungen, denen die Konnektoren unterworfen sind, betreffen meist aber das jeweilige Feld, in dem sie stehen, als Ganzes. Im Bereich der Subjunktoren ist dies seit Jahrzehnten für die kausalen Konnektoren ein Dauerthema in der Forschung, vor allem auch, weil sich hier Übergänge zu parataktischen Konstruktionen zeigen.6 Aber auch die einzelnen Konnektoren weisen keinesfalls immer eine konstante Bedeutung auf, weder synchron-funktional, noch im historischen Prozess. Exemplarisch lässt sich dafür für das Althochdeutsche auf den Kernbereich der Konnektoren verweisen. Die in der deutschen Gegenwartssprache unmarkiert geltende Konjunktion und etabliert sich erst im Althochdeutschen und verdrängt ihre Konkurrenten, und der adversative Konnektor avur kommt gerade erst auf, er manifestiert sich im Rahmen eines längeren Prozesses im Deutschen. Er bekommt im Laufe der Sprachgeschichte mehrere Konkurrenten, vor allem allein und in der jüngsten Zeit nur.7 Sprachgeschichtlich und typologisch ist es von großem Interesse, dass diese beiden Konnektorentypen, der additive und der adversative, funktionsverwandt, ja im Gebrauch teilweise austauschbar sind. Begründet ist dies häufig dadurch, dass die Wörter gleiche Wurzeln haben oder dass ähnliche Wurzeln konvergieren, wie an der Etymologie von und gezeigt worden ist. Darauf wird im nächsten Abschnitt eingegangen. Der tiefere Grund für solche Konvergenzen ist aber ein diskursiv-textuelles Moment: Das „Anknüpfen weiterer Gesichtspunkte“ im Text und im Diskurs bedient sich vornehmlich der Strategie der Absetzung vom bisher Angeführten. Dies ist besonders deutlich in dialogischen Situationen. Bei ihnen erfolgt die Anknüpfung sehr häufig dadurch, dass zu einer geäußerten Ansicht des Gesprächspartners eine dazu konträre oder zumindest in andere Bereiche reichende Ansicht vorgetragen wird. Dafür sind merkliche Signale, vor allem an der Satzspitze nötig, um die Aufmerksamkeit des _____________ 5 6 7
Behaghel (1928, 48ff.). Vgl. zusammenfassend: Pasch / Brauße / Breindl / Waßner (2003, 369ff., 392ff., 403ff.). Vgl. Pérennec (1989, 451ff.) und Eroms (1994, 285ff.).
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Gesprächspartners zu erregen.8 In monologischen Texten kann man sich die dialogische Situation gleichsam auf eine einzige Ebene verlagert denken, in der die unter Umständen nötigen Gegenmeinungen von der sprechenden oder schreibenden Person selber vorgetragen werden. Alle diese Strategien unterliegen der stilistischen Abnutzung und Abschwächung. Zwar verdrängt der adversative Konnektorentyp den additiven nicht grundsätzlich, aber die einfache Koordination mit dem Konnektor und lässt häufig eine adversative Komponente erkennen. 1.1. Additive Verknüpfung Wenden wir uns zunächst den Bezeichnungsmöglichkeiten für die einfache Verknüpfung, die additive Koordination, im Althochdeutschen zu. 1.1.1. enti / inti im Althochdeutschen Zu beginnen ist mit den Vorgängern der nhd. Konjunktion und: enti und inti. Verbreitung und Etymologie von ahd. enti und inti sind mehrfach gründlicher untersucht worden. Die Monographie von Edward H. Sehrt9 und die Abhandlung von Rosemarie Lühr10 haben die Vorgeschichte des nhd. Wortes und geklärt. Dieses geht auf die ahd. Form inti zurück, während sich germ. anti direkt z.B. in engl. and fortsetzt. Strittig war und ist aber das genaue Verhältnis der beiden Formen enti und inti zueinander. Während R. Lühr in Bezug auf enti und inti für eine gemeinsame Wurzel plädiert und die Formenunterschiedlichkeit durch vorurgermanische Entwicklungen erklärt, geht Búa11 direkter von zwei vorgermanischen Varianten aus. Wie sie sich im Indogermanischen zueinander verhalten, ist für unsere Zwecke nicht erheblich. Es ist aber davon auszugehen, dass die ursprüngliche Bedeutung von germ. *anþi 'demgegenüber, dagegen' gewesen ist.12 Als etymologische Anknüpfungspunkte kann hier auf Wörter wie lat. anti oder deutsch Antwort (im Sinne etwa von 'das Gegen-Wort, das Wider-Wort') verwiesen werden. Die „Entgegensetzung“, die mit ant- zum Ausdruck gebracht wird, ist jedenfalls deutlich. Die genaue Herleitung der heute im Deutschen ausschließlich herrschenden Form und kann hier offen bleiben. Sie ist jedoch zweifellos aus inti, wahrscheinlich über eine _____________ 8 9 10 11 12
Vgl. für die deutsche Gegenwartssprache Christl (2004). Vgl. Sehrt (1916). Vgl. Lühr (1979, 117ff.). Vgl. Búa (2005, 111ff.). Vgl. ebd., 118.
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Rundungs-Entdrundungsversion entstanden. Kaum geklärt werden kann, ob die additive Bedeutung 'und' zunächst stärker an die inti- und weniger an die enti-Formen geknüpft gewesen ist. Es kann sich entweder um eine schon vor dem Aufkommen verschrifteter Formen bestehende Konvergenz handeln, oder aber die beiden Formen weisen parallele Entwicklungen auf, wobei im Verlauf der Sprachgeschichte die eine, inti, und, die andere, enti (aus anti) verdrängt. Dies scheint mir die wahrscheinlichere Entwicklung zu sein. Denn die „Abschwächung“ adversativer Bedeutungen zu einer rein additiven ist ein universaler Vorgang.13 Thomas L. Markey schreibt in seinem Artikel über den Konnektor und im Althochdeutschen: „We find the contrastive, adversative semantics of and highly significant.“14 Die adversative Bedeutung von enti lässt sich an einer prominenten Stelle des Wessobrunner Gebetes sehr deutlich erkennen: (1)
Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo, enti do uuas der eino almahtico cot, manno miltisto, enti dar uuarun auh manake mit inan cootlihhe geista. enti cot heilac... (Wessobrunner Hymnus und Gebet 6-9, Althochdeutsches Lesebuch, 86) Damals gab es da nichts an Enden und Grenzen. Aber da war der eine allmächtige Gott, der gütigste der Männer; und da waren bei ihm auch viele edle Geister.
Das erste enti zeigt die adversative Setzung sehr deutlich, die folgenden sind in ihrer Funktion eher kopulativ. Allgemein lässt sich über den Passus und die Bestimmung der Bedeutung von enti sagen: Im epischen Fortgang fällt das konnektive und und das adversative aber an den Stellen dramatischer Zuspitzung zusammen, wie es hier deutlich zu sehen ist. In jedem Fall ist enti der Konnektor im Althochdeutschen, der für die Signalisierung adversativer und additiver Verhältnisse allmählich an die Stelle von joh tritt. 1.1.2. joh im Althochdeutschen Dieser Konnektor stirbt im Althochdeutschen langsam ab. Etymologisch scheint joh eine Zusammensetzung eines pronominalen j- oder der Partikel ja mit der Partikel ouh zu sein,15 es ist also verweisend. Im Deutschen hat _____________ 13 14 15
Vgl. Búa (2005, 118). Markey (1987, 391). Vgl. Grimm / Grimm (1877, Sp. 2327).
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ouh kopulativen, aber ebenfalls auch adversativen Sinn. Die Frühgeschichte dieses Wortes ist von Duplâtre herausgearbeitet worden.16 Auch hier finden wir wieder mehrere Wurzeln, die im Laufe der Sprachgeschichte konvergieren. Bestimmend scheint der Bezug auf eine Wurzel zu sein, die in indogerm. *aug- 'vermehren' eine Bedeutung des Hinzufügens erkennen lässt. Was die Bedeutung und die Funktion von joh im Vergleich mit enti / inti betrifft, so heißt es bei Otto Behaghel: Der Gegensatz beider ist lediglich zeitlicher Art: joh ist das ältere, im Untergang begriffene Wort (es reicht nur noch in Ausläufern ins Mhd. hinein), enti das an seine Stelle tretende jüngere Wort. Schon im Isidor wird joh nur noch ganz vereinzelt zur Verbindung von Wortgruppen oder Sätzen verwandt, meist nur noch zur Verknüpfung von zweigliedrigen Formeln, die ja gerne das Ältere weiter führen.17
Das Verhältnis entspreche etwa lat. et und -que, wie man es zum Beispiel in den Murbacher Hymnen sehen könne. Hier finden wir zudem die bis zum Neuhochdeutschen fortlebende Konnektivpartikel auh, quoque, deren Grundfunktion ebenfalls adversativ-konnektiv ist: (2)
ioh dera naht mittera zite paul auh inti sileas christ kabuntane in charchare samant lobonte inpuntan uurtun. Noctisque medię tempore paulus quoque et sileas christum uincti in carcere conlaudantes soluti sunt. (Murb. Hymn. I, 11-14) Und zur Mitternachtszeit wurden Paulus und Sileas, als sie gefesselt im Kerker gemeinsam Christus lobten, losgebunden.
Im Folgenden wird auf die Abgrenzung und eine mögliche Deutung funktionaler Unterschiedlichkeiten der Konnektoren im Althochdeutschen genauer eingegangen. 1.1.3. enti / inti und ioh im Althochdeutschen Wie unsere Überlegungen zu Anfang und die Eingangsbeispiele erkennen ließen, ist die Situation im Althochdeutschen u.a. dadurch gekennzeichnet, dass für die einfache Verknüpfung zwei Ausdrücke zur Verfügung stehen, _____________ 16 17
Vgl. Duplâtre (2006, 73ff.). Behaghel (1928, 200).
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enti / inti und ioh. Ihre regionale Verteilung und ihre Abgrenzung zu anderen Konnektoren wird bei Markey18 genauer analysiert. Aufschlussreich ist jedoch, dass sich weder eine scharfe Abgrenzung in regionaler Hinsicht findet, noch dass in den einzelnen Denkmälern nur jeweils ein Konnektor vorkommt. Der Normalfall ist eher der, dass beide Konnektoren begegnen. Daher liegt es nahe, dass immer wieder nach Bedeutungsunterschieden oder sonstigen funktional zu verstehenden Unterscheidungen gesucht worden ist, wie es das obige Zitat von Otto Behaghel schon zeigt. Behaghel plädiert allerdings eher für funktionale Identität und nur für ein zeitliches Nacheinander der beiden Ausdrücke. Bei Piper heißt es aber zu joh: Die Erscheinungen sind hier ähnlich wie bei inti, nur verbindet letzteres mehr das durch seinen Inhalt auf einander Angewiesene und unter sich Zusammenhängende, während ioh die zufällige äussere Verbindung ausdrückt.19
Valentin formuliert für Otfrid die Abgrenzung folgendermaßen: Otfrids Sprache gehört prinzipiell dem ioh-Bereich, nicht dem inti-Bereich an. joh ist der normale kopulative Konnektor, der besagt, dass zwei oder mehr Propositionen oder Äußerungen zusammengenommen werden sollen, das heißt, dass sie zusammen eine höhere argumentative Einheit bilden.20
Die Suche nach Unterscheidungsmöglichkeiten ist nur zu berechtigt, wenn die Ergebnisse auch allenfalls zu subtilen Unterschieden führen. Denn das Vorkommen mehrerer Konnektoren für die Bezeichnung der einfachen Anknüpfung im Althochdeutschen ist sprachvergleichend gesehen kein Einzelfall. Das bekannteste Beispiel ist das Latein, das mit et, dem enklitischen -que und weiteren Konnektoren, vor allem ac und atque eine ähnliche Situation aufweist. Während die Tendenz im Deutschen seit dem Mittelhochdeutschen dahin geht, das Vorkommen mehrerer kopulativer Konnektoren zurückzunehmen, ist das Althochdeutsche eben durch eine ganz andere Situation gekennzeichnet: durch das Nebeneinanderbestehen mehrerer Konnektoren, wenn sich auch schon deutlich abzeichnet, wohin die Entwicklung gehen wird. Im Heliand ist das Nebeneinandervorkommen mehrerer Konnektoren noch ausgeprägter als im Althochdeutschen. Neben endi als dem am häufigsten belegten Konnektor kommt noch eine Reihe weiterer Ausdrücke vor, die zur Signalisierung des Anschlusses dienen: ia, ge / gi, gie / gia, iac, gec und giac. Diese Wörter sind sehr unterschiedlich häufig belegt. So kommt ia 16-mal vor, gec ist nur einmal belegt.21 Die Bedeutungsbestimmung ist nicht ganz einfach. In den meisten _____________ 18 19 20 21
Vgl. Markey (1987, 380ff.). Piper (1884, 225). Valentin (2003, 185). Vgl. Robin (2003, 140ff.).
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Fällen scheinen die Konnektoren austauschbar zu sein. Doch ist der jeweilige semantische Weg unterschiedlich. So vermutet Robin: „Der Konjunktor ia funktioniert wie ein Korrelator, das heißt, er weist auf eine ältere Stufe des Konnektierens hin.“22 Auch im Althochdeutschen lassen sich Schichtungen erkennen. Auf sie wird im Folgenden noch eingegangen. Allerdings ist es nicht einfach, Schichtungen in ihrer historischen Dimension auszumachen. Daher sollen hauptsächlich funktionale Unterschiedlichkeiten, so weit sie überhaupt zu erkennen sind, im Mittelpunkt stehen. Koordinationen sind mit die häufigsten syntaktischen Operationen und die Sprachen tendieren dahin, ihre morphologischen und syntaktischen Markierungen möglichst einfach zu bewerkstelligen. Dass die dabei ablaufenden kognitiven Prozesse alles andere als einfach sind, zeigt für die Syntax die kaum zu überblickende Zahl einschlägiger Arbeiten, wofür hier nur auf den Überblicksartikel von Lobin für die Arbeiten des dependenzgrammatischen Ansatzes hingewiesen werden soll.23 In der deutschen Gegenwartssprache gibt es für die einfache Koordination in allen ihren Ausprägungen nur den Konnektor und. Diese auf den ersten Blick reduzierte Sachlage wird allerdings durch eine Reihe von Maßnahmen kompensiert. So lassen sich über das Konnektiv auch, wie verschiedentlich gezeigt worden ist,24 konnektive Funktionen signalisieren, die dann weitere Bedeutungselemente transportieren, worauf hier nicht weiter eingegangen werden soll. Das Althochdeutsche ist dagegen typologisch eher als Normalfall anzusehen, indem immerhin zwei Konnektoren zur Verfügung stehen. Auf deren teilweise sehr unterschiedliche Verteilung in den größeren Denkmälern wird weiter unten eingegangen. Schon ein Blick auf die kleineren Denkmäler kann zeigen, dass inti und ioh nebeneinander vorkommen. So finden sich etwa im Ludwigslied und sogar in den Würzburger Markbeschreibungen beide Ausdrücke: (3)
Thō nam her skild indi sper. (Braune 1994, 137) [Das Ludwigslied, 42]
(4)
Ioh alle saman sungun ‚Kyrrieleison‘. (Braune 1994, 137) [Das Ludwigslied, 47]
(5)
Sô sagant daz sô sî Uuirziburgo marcha unte Heitingesveldôno unte quedent daz in dero marchu sî ieguuedar, ióh chirihsahha sancti Kiliânes ióh frôno ióh frîero Franchôno erbi. (Braune 1994, 7f.) [Würzburger Markbeschreibungen]
_____________ 22 23 24
Ebd., 141. Vgl. Lobin (2006, 973ff.). Zuletzt Duplâtre (2006, 81f.).
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Ióh ist hier allerdings schon formelhaft festgelegt für die Ausdrucksweise 'sowohl … als auch'. So begegnet das Wort auch im Tatian, worauf noch eingegangen wird. Eine zweite Auffälligkeit des Althochdeutschen ist es, dass die mit der Koordination verbundenen weiteren Funktionen aktiviert werden können. Auch dies ist keine Besonderheit des Althochdeutschen an sich, denn das ist wiederum universal zu erwarten. Wie wir aber bereits im Eingangsbeispiel aus dem Wessobrunner Gebet gesehen haben, ist das für enti offenbar damit zu erklären, dass die beiden Wurzeln des Wortes durchschlagen. So finden sich in vielen Denkmälern Belege für die adversative Funktion von enti / inti. Im Ludwigslied heißt es etwa: (6)
Ther ther thanne thiob uuas, Ind er thanana ginas, Nam sīna vaston: Sīdh uuarth her guot man. Sum uuas lugināri, Sum skāchāri, Sum fol lōses, Ind er gibuozta sih thes. (Braune 1994, 137) [Das Ludwigslied 15-18] Aber auch er büßte das ab.
1.2.4. avur im Althochdeutschen Bei diesem Konnektor ist die in der Gegenwartssprache herrschende adversative Bedeutung sekundär. Ihre Entstehung lässt sich als konversationelle Implikatur der Ausgangsbedeutung 'wieder, wiederum' denken, wie sie sich im Althochdeutschen in der Mehrzahl der Verwendungen findet und sich auch in der Gegenwartssprache bis heute in der Wortbildung, etwa bei abermals nachweisen lässt. Wie enti / inti ist auch dieses Wort Fortsetzer zweier urgermanischer Grundformen *afar und *afur.25 Das Althochdeutsche Wörterbuch zeigt in seiner ausführlichen Dokumentation der Belege den Weg von der Ausgangsbedeutung hin zur adversativen.26 Erst bei Notker und Williram ist dieses Stadium vollgültig erreicht. Vorher finden sich für die Markierung adversativer Verhältnisse nur vereinzelte Belege. In einer statistischen Aufbereitung zeigt Meineke für Willirams Paraphrase des Hohen Liedes, wie die Verteilung in diesem späten _____________ 25 26
Vgl. Lloyd / Springer / Lühr (1988, Sp. 401f.). Vgl. Karg-Gasterstädt / Frings (1973, Sp. 700ff.). Die konjunktionalen Belege werden in zwei Großgruppen gegliedert: „Gegenüberstellung, adversative Weiterführung“ (Sp. 715740) und „kopulative Weiterführung“ (Sp. 740-749). Auch hier wird deutlich, dass adversative und kopulative (additive) Anknüpfung bei einer Konjunktion, hier bei einer dominant adversativen, nebeneinander bestehen.
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Denkmal aussieht.27 Danach weisen die überwiegende Mehrzahl der Belege die adversative und die übrigen Belege ein weites Spektrum von Bedeutungen auf.28 Aber eignet sich in seiner adversativen Bedeutung in besonderem Maße dafür, in dialogischen Situationen, aber auch in monologischen Texten, sowohl in argumentativen, als auch in erzählenden Textsorten in irgendeiner Weise gegensätzliche Positionen miteinander zu verbinden und über diese gegensätzliche Anknüpfung einen Textfortschritt zu erzielen. Denn unter stilistischen Gesichtspunkten wird eine „Verlebendigung“ auch des Erzählten erwartet. Dazu tragen adversative Mittel in besonderem Maße bei. Diese Mittel wiederum nutzen sich – womit ebenfalls allgemeine stilistische Gesichtspunkte zum Tragen kommen – im Gebrauch schnell ab und es werden neue Mittel benötigt. So konkurrieren in der deutschen Sprache im Laufe der Zeit neben und in seiner adversativen Funktion aber sowie doch und später allein und nur, das sich in der Gegenwartssprache gerade als adversativer Konnektor mit der speziellen Bedeutung 'das gerade Gesagte ist mit folgender Einschränkung gültig' etabliert.29 Auch die mit aber vorgenommene Verknüpfung setzt das gerade Gesagte nicht vollends außer Kraft. Dies zeigt seine ursprüngliche Bedeutung, die auch in der rein adversativen noch in dem Sinne aufrufbar ist, dass im Gegensatz das vorher Angeführte als 'noch mit zu Bedenkendes' weitergilt.
2. Untersuchung additiver und adversativer Konnexion in althochdeutschen Texten Wenn auch die schon zitierte Ansicht von Behaghel überzeugt, dass hauptsächlich das Alter der Quelle für die Distribution der konnektiven Konjunktionen maßgeblich ist, so ändert das nichts an der Möglichkeit, dass ein Text, der mehr als einen konnektiven Konnektor enthält, doch eine Unterschiedlichkeit in der Verwendung erkennen lässt. Dies ist mit gutem Grund verschiedentlich angenommen worden, worauf in Abschnitt 1.1.2. schon hingewiesen worden ist. Bevor auf die zu diesem Zweck in der Forschung schon behandelten Textdenkmäler eingegangen wird, sollen zwei Denkmäler herangezogen werden, die bislang, soweit ich sehe, unter diesem Gesichtspunkt noch keine genauere Beachtung gefunden haben. Das eine sind die Murbacher Hymnen und das andere die Monseer Fragmente. _____________ 27 28 29
Vgl. Meineke (2003, 41ff.). Vgl. ebd., 64f. mit den Diagrammen 3 und 4. Vgl. dazu Pérennec (1989, 451ff.) und Eroms (1994, 285ff.).
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2.1. Die Murbacher Hymnen Die Murbacher Hymnen sind deswegen für unseren Zweck sehr gut geeignet, weil sie sich eng an den lateinischen Ausgangstext halten und erkennen lassen, wie der Übersetzer versucht, die Unterschiedlichkeiten des Lateins in seiner Sprache wiederzugeben. In diesem Denkmal finden sich inti, ioh und ouh, dazu avvur, und diese Ausdrücke sind in ihrer Verwendung ausschließlich danach verteilt, welches lateinische Wort in der Vorlage steht. So entspricht ausnahmslos inti lat. et, ioh -que und ac, ouh quoque. Dafür einige Beispiele: (7)
lux lucis et fons luminis,
leoht leohtes inti prun[n]o leohtes (Murb. Hymn. III, 1,3)
(8)
Et nos psallamus spiritu
inti uuir singem atume (Murb. Hymn. XIII, 3,1)
(9)
Uerusque sol inlabere,
uuarhaft ioh sunna in slifanne (Murb. Hymn. III, 2,1)
(10) Christe, qui lux es et die
christ du der leoht pist inti take (Murb. Hymn. XVI, 1,1)
(11) omne cęlum atque terra
eocalihc himil inti ioh herda (Murb. Hymn. VII, 8,3)
(12) noctem discernis ac diem,
naht untarsceidis ioh tak (Murb. Hymn. XV, 1,2)
Während also et immer mit inti wiedergegeben wird und -que sowie ac mit ioh, wird atque durch die Kombination der beiden althochdeutschen Konnektoren ausgedrückt: inti ioh. Diese Entscheidung des Übersetzers mag auf den ersten Blick etwas mechanisch anmuten, doch lässt sie erkennen, dass die beiden Ausdrücke offensichtlich als mit leicht unterschiedlicher Bedeutung anzusetzen sind. Dies lässt sich aber sicher nicht generalisieren. Stellen wie die folgende legen nahe, dass auch im Lateinischen im Allgemeinen kein Unterschied festzustellen ist: (13) Aeternę rerum conditor, euuigo rachono felahanto noctem diemque qui regis naht tac ioh ther rihtis et temporum dans tempora, inti ziteo kepanti ziti (Murb. Hymn. XXV, 1,1-3) Dass der althochdeutsche Übersetzer nicht völlig mechanisch vorgegangen ist, ist daraus zu erkennen, dass er an einer Stelle von der für -que obligatorischen Nachstellung abweicht und die deutsche Wortstellung wählt:
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(14) Quid hoc potest sublimius, ut culpa querat gratiam, metumque soluat caritas, reddatque mors uitam nouam
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uuaz diu mak hohira daz sunta suache ast ioh forahtvn arlose minna argebe ioh tod lip niuuan (Murb. Hymn. XX, 6)
In der dritten Zeile dieser Strophe wird die dem Deutschen angemessene Wortstellung gewählt, während in der vierten wieder die mechanische Umsetzung erfolgt. Die Adversativpartikel auur entspricht an fünf von insgesamt 11 Belegen ergo: (15) Surgamus ergo strenue, gallus iacentes excitat
arstantem auur snellicho hano lickante uuechit (Murb. Hymn. XXV, 5,1f.)
Eine wirklich adversative Bedeutung ist nicht auszumachen. 2.2. Die Monseer Texte Die Texte aus der Monseer Gruppe sind aus einem anderen Grund aufschlussreich. Sie halten sich zwar auch an die Vorlage, lassen aber eine viel größere Unabhängigkeit erkennen. Dies gilt bereits für die Bruchstücke der Übersetzung des Matthäusevangeliums, die, wie die anderen Stücke des Korpus, selbst wieder Umsetzungen einer rheinfränkischen Vorlage sind. 2.2.1. Monseer Matthäus Für die Situation im frühen Althochdeutschen ist die Übersetzung des Monseer Matthäus besonders charakteristisch. Hier finden sich, wie in den bisher betrachteten Denkmälern, ebenfalls enti und ioh nebeneinander. Aber enti überwiegt ganz eindeutig. Das Wort kommt 352-mal vor, während ioh nur 25-mal belegt ist.30 Daraus lässt sich zunächst schließen, dass der Text ein Beleg dafür ist, dass ioh auf dem Rückzug ist. Enti ist die Konjunktion, die sich bereits als die normale durchgesetzt hat. Aufschlussreich ist es aber, genauer zu prüfen, in welchen Konstruktionen ioh noch vorkommt und wo enti eindeutig dominiert. Enti wird in verbenthal_____________ 30
Auszählungen nach dem Titus-Projekt der Universität Frankfurt (Texteingabe: Emil Kroymann, Berlin 2005, Korrekturen, Formatierung und Annotationen von Thorwald Poschenrieder, Berlin 24.1. 2006, Textversion von Jost Gippert, Frankfurt 29.6. 2006).
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tenden Strukturen sehr häufig, in nominalen weniger verwendet. Die wenigen Vorkommen von enti in nominalen Koordinationsstrukturen sind solche, bei denen das angeschlossene Glied einfache Koordinationsreduktion zeigt: (16) Duo uuart imo fram brun gan der tiubil hapta uuas blinter enti stum mer enti ga heilta inan so daz aer ga sprah enti ga sah; Enti uuntrentiu uur tun elliu dhiu folc enti quatun inu nu dese ist dauites sunu; (Monseer Fragm. V, 14-18) Ioh begegnet z.B. an folgenden Stellen: (17) so huuer so auh in ernust uuillun uurchit mines fater der inhimilū ist Der ist miin bruoder enti suester ioh moter; (Monseer Fragm. VII, 27-29) (18) enti fuorun uz sine scalcha in dea uuega enti kasamnotun alle so huuelihhe so sie funtun ubile ioh guote (Monseer Fragm. XV, 21-23) (19) Enti dęr suerit bi demo temple suerit in demo ioh in demo dar inne ar tot Enti dær suerit bi himile suerit bi hoh sedle gotes ioh bi demo dar oba *** (Monseer Fragm. XVII, 12-14) Hier lässt sich gut ein nicht nur im Monseer Matthäus offensichtlicher Unterschied zwischen enti und ioh erkennen: Enti steht hier als Konnektor zwischen Sätzen, bindet also Propositionen mit ihrem Satzmodus, ioh ist Konnektor auf tieferer Ebene. Allerdings kommt ioh auch in der satzverbindenden Funktion vor: (20) Enti qui dit Ibu uuir uuarim in unserero for drono tagum ni uuarim uuir iro ka mahhun in fora sagono bluote Ioh des birut ir iu selbun urchundun daz ir dero suni birut dero dea fora sagun sluo gun. (Monseer Fragm. XVIII, 8-12) (21) Ant uur tun deo uuisorun quuedanteo Niodo nist uns ioh iu hear kanoga (Monseer Fragm. XX, 12f.) (22) Duo kasah iudas der inan dar forreat daz ær ga ni drit uuas hrau sih duo enti arboot dea drizuc pen di go silabres dem herostom euuartū ioh dem furistom mannum (Monseer Fragm. XXIII, 27-30) (23) Bi diu ist eo ga huuelih scriba galerit in himilo rihhę, Galiih ist manne hiuuis ches fater der fram tregit fona sinemo horte niu uui ioh fir Ni (Monseer Fragm. X, 26-28)
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Als Fazit für den Monseer Matthäus lässt sich für das Verhältnis von enti und ioh festhalten: Enti ist die gewöhnliche Konjunktion zum Ausdruck konnektiver Verhältnisse. Die Verwendungsunterschiede zu ioh sind nicht sehr auffällig. Enti scheint aber in verbenthaltenden Strukturen zu dominieren, während ioh bei einfachen, vor allem in nominalen Konnexionen zu finden ist. Als satzverbindender Konnektor, also in der Funktion, die wir eingangs als besonders wichtig für die Textbildung benannt haben und in der sich vor allem eine zu vermutende adversative Bedeutung bemerkbar macht, ist enti im Monseer Matthäus mehrfach zu belegen. Da das Wort in dieser Funktion das lateinische satzeinleitende et wiedergibt, ist nicht mit letzter Sicherheit zu sagen, in wieweit sich hier eigenständige Möglichkeiten zeigen oder sich nur die Übersetzung niederschlägt. Als adversative Konjunktionen kommen im Monseer Matthäus auh und auur vor. Auh ist 52-mal belegt, auur nur 31-mal. Die oben angeführte Textstelle (16) wird fortgesetzt mit (24) Pharisaera auh daz ga horrente quua tun dese ni uz tribit tiubila nibu durah beelze bub tiubilo furostun (Monseer Fragm. V, 1921) Die Gegensatzbedeutung ist in vielen Belegen zu erkennen, so etwa in der der angeführten Textstelle unmittelbar folgenden: (25) Iħs auh uuissa iro ga dancha Quuad im […] (Monseer Fragm. V, 22) Besonders bei Verben des Sagens ist dies bemerkbar: (26) Ih sagem auh iu daz allero uuorto un bi dar bero diu man sprehhant redea sculun dhes argeban in tuom tage […] (Monseer Fragm. VI, 21-23) Auh hat aber auch die konnektive Bedeutung 'auch', so in den folgenden Stellen: (27) Auh ist galihsam himilo rihhe demo suohhenti ist guote mari greoza fun tan auh ein tiur lich mari greoz genc enti for chaufta al daz aer hapta enti ga chauf ta den Auh ist galiih himilo rihhi seginun […] (Monseer Fragm. X, 1216) Dies ist besonders deutlich an der folgenden Stelle: (28) enti quatun petre Zauuare du auh dero bist *** auh diin sprahha dih for meldet (Monseer Fragm. XXIII, 14f.)
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In dieser Funktion steht es auch satzeinleitend, wie die vorher angeführten Belege zeigen. Der Konnektor auh (ouh) ist für das Althochdeutsche durch die Arbeit von Desportes31 gut untersucht, Eroms32 führt die Analyse für das Mittelhochdeutsche weiter. Während auh in der althochdeutschen Isidorübersetzung besonders nachdrücklich die rational-argumentierenden Funktionen zum Ausdruck bringt, ist etwa in den Erzähltexten Wolframs von Eschenbach ein weites Spektrum von Bedeutungen nachzuweisen. Wichtig ist ferner, dass bei auh, wie bei enti / inti und avur / avar, anscheinend mehrere Wurzeln konvergieren.33 Auuar lässt im Monseer Matthäus gut seine Bedeutung 'abermals, wiederum' erkennen, allerdings nur an wenigen Stellen: (29) der frumita bruthlauft sinemo sune enti sentita sine scalcha halon dea kaladotun za demo brut hlaufte enti ni uueltun queman Auuar sentita andre scalcha (Monseer Fragm. XV, 6-9) Mehrmals findet sich die bis in die Gegenwartssprache belegbare Nachstellung des Wortes nach einem nominalen Ausdruck im Vorfeld: (30) Daz auuar in guota haerda uuarth gasait daz ist der uuort gahorit enti for stan tit (Monseer Fragm. IX, 19f.) Auch nach ibu findet sich das Wort (Monseer Fragm. XIV, 13). Die althochdeutschen Wortstellungsmöglichkeiten lassen es zu, dass das Wort auch die Drittstelle im Satz einnimmt: (31) Siedes auuar ni rohhitun (Monseer Fragm. XV, 11) Ähnliches gilt für Imperativstrukturen: (32) Ferit auur uz in daz kalaz dero uuego (Monseer Fragm. XV, 19f.) Für auuar ist zusammenfassend festzustellen: Das Wort lässt überwiegend seine adversative Bedeutung erkennen. Es lehnt sich häufig an das Vorgängerwort an und fokussiert es, so dass der im Satz zum Ausdruck gebrachte Gegensatz zum vorher Gesagten als fokussierte Fortführung unter einer gegensätzlichen Perspektive erscheint. Als unabhängige adversative Konjunktion ist das Wort noch nicht zu belegen. So ergibt sich für den Monseer Matthäus folgendes Bild: Enti ist der vorherrschende konnektive Konnektor. Er lässt alle Funktionen erkennen, _____________ 31 32 33
Vgl. Desportes (2003, 271ff.). Vgl. Eroms (2006, 105ff.). Vgl. Duplâtre (2006), 74) und Kluge (1999, 61f.).
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die auch sonst im Althochdeutschen begegnen. Ioh ist aber auch noch vorhanden, wenn sein Vorkommen auch auf weniger als ein Zehntel der Belege von enti geschrumpft ist. Bemerkenswert ist, dass enti vielfach die „biblische“,34 durch das Latein vermittelte Anschlussfunktion von Sätzen, die mit dem Wort beginnen, aufweist. Eine solche Anknüpfungsweise lässt sich bis zu einem gewissen Grade als adversativ auffassen und ist sicher ein Grund dafür, dass das in späterer Zeit explizit den Gegensatz markierende auuar noch nicht in dieser Funktion benötigt wurde. 2.2.2. Die übrigen Texte der Monseer Gruppe Die Beobachtungen, die sich für die Konnektoren im Monseer Matthäus finden, lassen sich mit gewissen Abstrichen auf die im gleichen Korpus überlieferte Homilie De vocatione gentium, das Fragment einer weiteren Homilie, die Augustinische Predigt LXXVI, sowie Isidors Traktat De fide catholica contra Judaeos übertragen. Für den letzteren kann – punktuell – ein Vergleich mit dem althochdeutschen Isidor vorgenommen werden. 2.2.2.1. enti und ioh Die satzeinleitende Funktion von enti ist in diesen Texten noch ausgeprägter als im Monseer Matthäus: (33) Enti ih uuillu daz du for stantes heilac karuni huuanta ih bim truhtin (Monseer Fragm. XXXIV, 9f.) Vergleichbare Fälle kommen 21-mal vor. Diese Funktion ist sicher durch die argumentative Textsorte bedingt. Wenn auch die Überlieferung der Monseer Textgruppe insgesamt fragmentarisch ist, so ist doch ein rudimentärer Vergleich erzählender und argumentativer Textpassagen möglich. Bei enti fällt unter anderem auf, dass sich hier besonders koordinative Verkettungen finden: (34) Enti so auh gascriban ist; Daz xpīst ist haubit allero cristanero enti alle dea gachora nun gote sintun sines haubites lidi; Enti auh der selbo aposłs diz quad; Gotes minni ist gagozan in unseremuot uuillun […](Monseer Fragm. XXIX, 5-8) (35) Der selbo auh hear after folgento quad Lobo enti frauuui dih siones tohter bidiu huuanta see ih quimu enti in dir mit teru arton quad truhtin. Enti in demo tage uuer dant manago _____________ 34
Vgl. den Beitrag von Natalia Montoto Ballestros in diesem Band.
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deotun kasamnato zatruhtine enti uuer dant mine liuti enti ih arton in dir mitteru Enti du uueist daz uueradeota truhtin sentita mih za dir (Monseer Fragm. XXXV, 12-17) Die formelhafte Bindung zweier nominaler Ausdrücke mit ioh findet sich auch in diesen Texten: (36) daz er ist got ioh truhtin (Monseer Fragm. XXXIV, 2) (37) In einerueo gahuueliheru steti ga scauuuont enti gasehant gotes augun guote ioh ubile; (Monseer Fragm. XXVII, 22f.) Diese „Zwillingsformeln“ werden bei vorausgehender Koordination, wie im Monseer Matthäus, beim ersten Glied mit enti, beim zweiten mit ioh formuliert: (38) Minno dinan truhtin got allu her çin enti in ana uual geru dinero selu enti allu dinu muotu ioh maganu; (Monseer Fragm. XXX, 19-21) Dass enti und ioh nicht nur in den Murbacher Hymnen, sondern auch vom Verfasser des Monseer Matthäus beziehungsweise des Isidorübersetzers als in der Bedeutung nicht gänzlich identisch aufgefasst werden, geht aus der folgenden Stelle hervor: (39) Diz quad truhtin mine mo xpē truhtine enti ioh daz ist nu un zui flo leoht samo za forstantanne daz diz ist gaquetan in unseres truhtines nemin (Monseer Fragm. XXXIV, 20-22) Hier kommen enti und ioh unmittelbar hintereinander vor, und wenn die Stelle nicht verderbt ist, müsste man sie mit 'und weiter, und fernerhin' wiedergeben. In der Isidorübersetzung, also der Vorlage für den Monseer Text, lauten die Verse ganz entsprechend,35 und sie haben keine direkte Vorlage im Latein, sind also offenbar vom Übersetzer hinzugefügt. Auch im Monseer Matthäus zeigt sich also, wie in anderer Weise in den Murbacher Hymnen, dass die beiden Wörter nicht als völlig identisch aufgefasst wurden. Dies wäre auch nicht zu erwarten. Dass das eine davon, ioh, im Absterben begriffen war, bedeutet nicht, dass es durch das neue in völlig identischer Bedeutung ersetzt worden wäre. Wie oben schon angedeutet, ist dies bei der Entwicklung von Bedeutungsfeldern generell nicht zu erwarten.
_____________ 35
Endi ioh dhazs ist nu unzuuiflo so leohtsamo zi firstandanne, dhaz dhiz ist chiquhedan in unseres druhtines nemin (Der althochdeutsche Isidor 1893, 8).
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen
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2.2.2.2. auh und auuar Auuar / auar ist insgesamt in diesen Textpartien zehnmal belegt, auh 21mal. (40) Uuarut auh iu huanne finstri nu auar leoht (Monseer Fragm. XL, 2) Hier ist die Gegensatzbedeutung in ihrer dennoch dominanten Anknüpfungsfunktion deutlich. Bei auh scheint die Gegensatzbedeutung stärker durchzuschlagen, vgl. die folgende Stelle: (41) Enti so der selbo auh kascribit ******** uuirde enti lob sanc dir singe (Monseer Fragm. XXVIII, 16f.) Sonst überwiegt die anknüpfende Bedeutung: (42) Enti so auh gascriban ist; Daz xprīst ist haubit allero christanero. (Monseer Fragm. XXIX, 5f.) 2.2.3. Vergleich des Monseer Matthäus und entsprechender Stellen aus dem Tatian Verglichen worden ist das Textstück Hench VI, VII und X (Tat. 62,8-12; 57,1-8; 76,5-77,15). Dabei sind, wie es bei Koordinationen fast immer der Fall ist, die meisten Belege unspektakulär. Es dominieren bei enti / inti die einfachen verbalen Koordinationen einschließlich der Vorkommen des Wortes am Satzbeginn mit 16 Fällen, gefolgt von einfachen nominalen (substantivischen und adjektivischen) Koordinationen (11 Fälle). (43) so selb auh so io nas uuas in uuales uuambu dri ta ga enti drio naht (Monseer Fragm. VII, 1f.) (44) Soso uúas Ionas in thes uuales uuámbu thrí taga inti thriio naht (Tat. 57,3) tribus diebus et tribus noctibus (45) Danne gengit enti ga halot sibuni andre gheista mit imo uuir sirun danne aer enti in gan gante artont dar enti uuer dant dea aftrun des mannes argorun dem erirom. (Monseer Fragm. VII, 15-18) (46) Thanne ferit inti nimit sibun geista andere mit imo uuirsiron thanne her si, inti ingangante artont thar, inti sint thanne thie iungistun thes mannes uuirsirun then erirun. (Tat. 57,8)
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Tunc vadit et assumet septem alios spiritus secum nequiores se, et intrantes habitant ibi, et fiunt novissima hominis illius peiora prioribus. Hier ergeben sich erwartungsgemäß keine Unterschiede. Auf die seit längerem bekannte, insbesondere in den Arbeiten von Klaus Matzel hervorgehobene souveräne Sprachkompetenz des Verfassers der Vorlagen der Monseer Texte und auch des Monseer Schreibers36 braucht hier nicht eingegangen zu werden. Doch ist auch bei unserer Thematik an einigen Stellen die unabhängigere Formulierungskunst des Verfassers zu spüren, etwa in der Handhabung des erst in jüngster Zeit gerecht gewürdigten Tempus- und Aktionsartensystems des Althochdeutschen,37 das die Möglichkeiten des Althochdeutschen selbständig nutzt. So werden etwa die Verschränkungen der Verlaufsformen mit dem Erzähltempus des Präteritums im Monseer Matthäus wesentlich selbständiger eingesetzt als im Tatian, der allerdings durchaus auch die systematischen Möglichkeiten, die das Althochdeutsche bietet, erkennen lässt (vgl. etwa den Textbeleg 56). Vor allem aber ist für unseren Zusammenhang wichtig, dass im Monseer Matthäus, anders als im Tatian, die adversative Bedeutungskomponente des koordinativen Konnektors enti deutlich zu spüren ist, wie der folgende Textbeleg zeigen kann: (47) Enti aer ant uurta demo zaimo sprah quad h Huuer ist miin muo ter enti huuer sintun mine bruo der (Monseer Fragm. VII, 24f.) Im Tatian wird der Anknüpfungsoperator thô, und zwar in Nachstellung nach dem Subjekt verwendet: (48) Hér thó ántlinginti imo sus quedantemo quad: uuie ist mín muoter inti uuie sint mine bruder? (Tat. 59,3) Thô ist, wie Betten38 und Simmler39 gezeigt haben, der hauptsächliche Anknüpfungsoperator im Tatian. In der lateinischen Vorlage findet sich die explizit adversative Konjunktion at: (49) At ille respondens dicenti sibi ait: quæ est mater mea et qui sunt fratres mei? Der adversative Vergleich wird in beiden Texten mit enti bzw. inti angeschlossen, der lat. Text enthält et: _____________ 36 37 38 39
Vgl. Matzel (1970). Vgl. vor allem Schrodt (2004, 1ff.). Vgl. Betten (1987, 395ff.). Vgl. Simmler (2003, 9ff.).
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen
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(50) Guot man fona guotemo horte au git guot enti ubil man fona ubilemo horte ubil fram bringit (Monseer Fragm. VI, 19f.) (51) Guot man fon guotemo tresouue bringit guotu, inti ubil man fon ubilemo tresouue bringit ubilu. (Tat. 62,11) Bonus homo de bono thesauro profert bona, et malus homo de malo thesauro profert mala. Joh ist im Tatian insgesamt nur dreimal belegt. Zweimal gibt es lat. etiam wieder (67,3 und 145,17). Der dritte Beleg enthält die Zwillingsformel joh…joh (170,6), die lat. et…et wiedergibt. Hier hat sich also in einer Nische die additive Bedeutung erhalten: (52) Nu gisahun inti hazzotun ioh mih ioh minan fater. (Tat. 170,6) Nunc autem et viderunt et oderunt et me et patrem meum. Aus einem anderen Textstück lässt sich entnehmen, dass auch bei den Konnektiven auh und abur Unterschiede zwischen dem Monseer Matthäus und dem Tatian bestehen. So enthält der Monseer Matthäus in Abschnitt X, 16 auh, was an dieser Stelle lat. iterum wiedergibt. Tatian hat abur, und das Wort lässt seine Bedeutung 'wiederum, weiterhin' erkennen: (53) Auh ist galiih himilo rihhi seginun in seu ga sez zi teru enti allero fisc chunno ga huuelihhes samnontiu. (Monseer Fragm. X, 16.f.) (54) Abur gilih ist rihhi himilo seginu giuuorphaneru in seo inti fon allemo cunne fisgo gisamanontero. (Tat. 77,3) Iterum simile est regnum cęlorum sagenę missę in mari et ex omni genere piscium congreganti. Ähnlich ist der Beleg (26) zu beurteilen (als Beleg (55) wiederholt). Hier gibt im Monseer Matthäus auh lat. autem wieder, im Tatian findet sich keine Entsprechung: (55) Ih sagem auh iu daz allero uuorto un bi dar bero diu man sprehhant redea sculun dhes argeban in tuom tage (Monseer Fragm. VI, 21-23) (56) Ih quidu iu, thaz iogiuuelih uuort unnuzzi, thaz man sprehhenti sint, geltent reda fon themo in tuomes tage. (Tat. 62,12) Dico autem vobis, quoniam omne verbum otiosum quod locuti fuerint homines, reddent rationem de eo in die iudicii.
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2.3. Bemerkungen zu Otfrid Otfrids Evangelienbuch markiert einen relativ altertümlichen Stand, was die Verteilung der additiven Konnektoren betrifft. Inti und ioh sind im Verhältnis von ungefähr 1:10 zu belegen. Die genauen Zahlenverhältnisse sind: inti + int: 133 Belege, ioh: 1249 Belege.40 Dieser quantitative Unterschied ist der wichtigste Faktor. Auf einen zwischen den beiden Konnektoren von Valentin angenommenen semantischen Unterschied ist oben schon hingewiesen worden.41 Valentin gibt zu bedenken, dass der Unterschied meist kaum festzustellen ist, führt aber noch Folgendes aus: „An mehreren Stellen drängt sich jedoch der Verdacht auf, inti drücke mehr als reine Verbindung aus; es verknüpft nämlich Segmente miteinander, die nicht unbedingt genau parallel zueinander stehen“42 und führt den folgenden Beleg an: (57) Er lósota iro uuórto ioh giuuáro hárto in mittén saz er éino inti frág&ta sie kléino (O. I, 22,35f.) Dazu schreibt er: „Man könnte hier 'und sogar befragte sie' verstehen, um so mehr als kleino dahinter steht, 'obwohl er so jung war'“.43 Diese Vermutung scheint in die Richtung zu gehen, hier eine adversative Komponente anzusetzen, was mir berechtigt erscheint. Auf Belege für die einfache nominale und die einfache verbale Anknüpfung sei hier verzichtet. Bemerkenswert ist, dass die beiden Konnektoren relativ häufig in einer Zeile begegnen. Dabei nutzt Otfrid ihre unterschiedliche Silbenzahl, um die Versgestaltung damit in Einklang zu bringen. Semantische Gründe für den Wechsel lassen sich dabei nicht erkennen. (58) er uuas in sítin fruater ioh héilag inti gúater. (O. I, 8,10) (59) ioh uuáz siu hiar bizéine inti uns zi frúmu meine. (O. V, 12,54) Mehrfach, besonders im ersten Buch, verwendet Otfrid aber auch die verkürzte Form von inti, int. Dadurch würde sich die Setzung von ioh aus bloßen Gründen des Versrhythmus erübrigen. Dies ist aber nicht der Fall, wie der folgende Beleg zeigt, bei dem ioh kurz nach int eintritt: (60) Sálig thiu nan uuátta int inan fándota ioh thiu in bétte ligit ińne mit súlichemo kinde (O. I, 11,43f.) _____________ 40 41 42 43
Auszählung nach Shimbo (1990). Vgl. Valentin (2003,185). Ebd., 186. Ebd., 186.
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen
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Die adversative Komponente, vor allem bei der Satzverknüpfung, ist schon von Piper bemerkt worden.44 Er führt die Stellen I, 4,56; I, 10,19; II, 6,29; IV, 11,22 und V, 9,23 an. Besonders der Beleg IV, 11,22 lässt diese Bedeutung erkennen: (61) Ist drúhtin quad gilúmplih thaz thú nu uuásges mih? inti íh bin eigan scálk thin thu bist hérero min? (O. IV, 11,21f.) ich aber / dagegen ich Von solcher Art gibt es aber noch weitere Belege, etwa: (62) Vuio mág thaz quad si uuérdan thu bist iúdusger mán inti ih bin thésses thi&es thaz thú mir so gibí&es (O. II, 14,17f.) Der Konnektor auur hat bei Otfrid in der Mehrzahl der Belege die Ausgangsbedeutung 'wieder, zurück' oder 'ferner': (63) Ni lázu ih íúih uueison ih íúer áuur uuison (O. IV, 15,47) ich suche euch wieder auf (64) thie selbun záltun alle mír thesa béldi fona thír Ob áuur thaz so uuár ist thaz thu iro kúning nu ni bíst. (O. IV, 21,14f.) ferner, ob es wahr ist, dass… Adversative Bedeutung lässt sich aber durchaus auch nachweisen. Der Anschluss an die Bedeutungen 'wieder, wiederum' ist meist deutlich: (65) Thó sprah thara ingégini áuur thiu selba ménigi (O. III, 16,27) Hier ist der „Gegensatz“ direkt thematisiert (ingegini), der Konnektor lässt sich dennoch als Markierung der ein weiteres Argument anführenden Fortführung auffassen. Gegenüberstellungen sind auch sonst häufig, etwa: (66) Ther ni thúingit sinaz múat ioh thaz úbil al gidúat. zéllu ih thir in alauuár ther házzot íó thaz líoht sar […] Ther auur uuola uuirkit er állesuuio iz bithénkit (O. II, 12,9195) Fast alle Belege enthalten das Wort in dieser Funktion in Nachstellung. Aber es findet sich auch ein Beleg, bei dem avur im Vor-Vorfeld erscheint: (67) Súmenes farent thánana thio iro suéster zúa afur thísu in min uuár ist émmizigen íó thar (O. IV, 29,57f.) _____________ 44
Vgl. Piper (1884, 223f.).
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Nur hier ist die adversative konnektive Funktion voll zu erkennen. Wenn sie auch bei Otfrid extrem selten ist, so ist sie immerhin damit schon im Althochdeutschen präsent. Was ouh betrifft, so sei hier auf eine weitere Bemerkung Valentins hingewiesen. Er sagt: „ouh kann mit ioh kombiniert auftreten, jedoch anscheinend nicht mit inti, was die Vermutung verstärkt, ioh sei in dieser Sprache der echte reine Koordinator.“45
3. Fazit Die zuletzt angeführte Bemerkung Paul Valentins wirft noch einmal ein Licht auf die grundsätzlichen Verhältnisse im Althochdeutschen. Anders als im Neuhochdeutschen ist die Situation im Althochdeutschen dadurch gekennzeichnet, dass mehrere Ausdrücke für die Signalisierung der „reinen“ Koordination zur Verfügung stehen. Dies ist, sprachvergleichend gesehen, eher der Normalfall, das Neuhochdeutsche mit seinem einzigen Konnektor, und, ist der markierte Fall. Aber wir haben im Althochdeutschen keineswegs eine gleichmäßig für alle Regionen geltende Distribution vor uns, sondern jedes Denkmal weist mehr oder weniger unterschiedliche Verhältnisse auf. Vergleichbar ist jedoch die grundsätzliche Situation, dass fast immer mehrere Konnektoren vorliegen, aus denen gewählt werden kann, auch wenn einer dabei dominiert. Ich habe versucht, die in den bisherigen einschlägigen Arbeiten festgestellten Funktionsunterschiede aufzunehmen und die Texte selbst einer Prüfung zu unterziehen, die vor allem auf die Deutung der „reinen“ weiterführenden Konnexion in Abgrenzung zu adversativen Momenten nachging. Es hat sich gezeigt, dass der für die spätere Zeit im Deutschen hauptsächliche adversative Konnektor, auur, der bekanntlich aus dem Bezeichnungsfeld der „wiederholenden Anknüpfung“ stammt, im frühen Althochdeutschen jedenfalls noch nicht dominiert. Dies kann daran liegen, dass vor allem enti / inti diese Funktion noch übernehmen kann. Wenn es richtig ist, dass enti / inti zwei etymologisch getrennte Bereiche in sich vereinigt, die sich verknappt mit 'und' und 'aber' benennen lassen, ist dieses Faktum erklärlich. Darüber hinaus lässt das Althochdeutsche mit seinem viel offeneren, noch nicht auf standardmäßige Gebräuche festgelegten Zustand die generellen Leistungen der Konnektoren klarer erkennen. Diese sind, zumindest im Bereich der koordinativen Verknüpfung, dadurch gekennzeichnet, dass sie einen relativ weiten Spielraum in semantischer Hinsicht zulassen, während sich die Beschränkung in syntaktischer Hinsicht aus allgemeinen _____________ 45
Valentin (2003, 187).
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301
syntaktischen Bedingungen ergibt. Hier wäre es allerdings aufschlussreich zu untersuchen, ob die ausgefeilten Möglichkeiten der Koordination, die sich im modernen Deutsch46 finden, bereits im Althochdeutschen vorhanden waren. Dies scheint nicht der Fall zu sein. So fehlen offenbar eindeutige Belege für Gappingfälle. In funktional-semantischer Hinsicht jedoch ist das Spektrum weit. Die reichen Möglichkeiten werden etwa im Sammelband von Desportes deutlich. Für einen einzelnen Konnektor sei auf den Artikel avur im Althochdeutschen Wörterbuch verwiesen. Was die „reine“ koordinative Verknüpfung betrifft, so ergibt sich aus dem Nebeneinander verschiedener Konnektoren mit von Denkmal zu Denkmal etwas unterschiedlicher Abgrenzung bereits eine breite Palette an Ausdrucksmöglichkeiten. Darüber hinaus lassen die Konnektoren erkennen, dass sie selber sprachgeschichtlich zu bestimmende Fixpunkte sind, die einerseits ihre Herkunft aus verschiedenen Wurzeln erkennen lassen und andererseits universalen Bedingungen gehorchen, insbesondere dass die kommunikative Strategie der „Anknüpfung“ generell dazu benutzt wird, andere sprachliche Strategien damit zu verbinden, die der Abgrenzung oder der Entgegensetzung.
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_____________ 46
Vgl. z.B. Lobin (2006, 973ff.) und Eroms (2003, 161ff.).
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Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen
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Einige textlinguistische Aspekte der ahd. Konnektoren inti und joh∗ Natalia Montoto Ballesteros (Leipzig)
1. Einleitung In den letzten Jahren haben einige Studien die Aufmerksamkeit auf die Konnektoren in den älteren Sprachstufen gerichtet.1 Die Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, diese Kategorie von Wörtern zu beschreiben, in der verschiedene Wortarten vertreten sind, die sich nur aufgrund ihrer verknüpfenden Funktion im Text zusammenstellen lassen, werden beim älteren Deutsch wegen der spezifischen Textsorten sowie der Überlieferungslage und der noch unfesten Syntax noch deutlicher. In der Frage, welche Einheiten der Gruppe der Konnektoren angehören, gehen die Meinungen der Autoren auseinander. Während z.B. Paul Valentin2 die Subjunktionen aus der Gruppe der Konnektoren ausschließt (da nach seiner Definition Konnektoren zur Parataxe und nicht zur Hypotaxe gehören), weisen im Handbuch der Deutschen Konnektoren sowohl koordinierende als auch subordinierende Konjunktionen die dort aufgeführten Konnektoren-Merkmale auf.3 Bei der Untersuchung des umfangreichen Materials der ahd. Konjunktionen inti und joh fällt eine Gruppe von Belegen auf, die syntaktisch stark von der Mehrheit der Belege abweicht. Für diese Gruppe trifft die Inter_____________ ∗
1 2 3
Die in diesem Beitrag präsentierten Ergebnisse wurden aus dem Kapitel Konnexion auf Textebene meiner Dissertation Die Konnektoren inti und joh im Althochdeutschen. Syntaktische und semantische Aspekte. entnommen. Die Dissertation untersucht das Belegmaterial der Konnektoren inti und joh aus dem Archiv des Althochdeutschen Wörterbuchs der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Vgl. u.a. Desportes (2003), Betten (1987, Bd. I, 395ff.) sowie Desportes (1992, 295ff.). Vgl. Valentin (2003, 179ff.). Vgl. Pasch u.a. (2003, 5). Diese Merkmale sind: Ein Konnektor ist nicht flektierbar, vergibt keine Kasusmerkmale an seine syntaktische Umgebung, seine Bedeutung ist eine zweistellige Relation, die Relate der Bedeutung des Konnektors sind Sachverhalte und müssen durch Sätze bezeichnet werden können.
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pretation als (satz)koordinierende Konjunktionen im eigentlichen Sinne nicht mehr zu. Es gilt also, einen anderen Weg der syntaktischen Beschreibung zu finden. Im Anschluss wird versucht, die ahd. Konjunktionen inti und joh als Textkonnektoren darzustellen und einige Spezialfälle aus dieser Gruppe von Belegen zu beschreiben.
2. Konnexion vs. Koordination Ein Blick auf das Material von ahd. inti und joh lässt erkennen, dass diese in der ahd. Überlieferung hauptsächlich als koordinierende Konjunktionen fungieren. Dabei werden verschiedene syntaktische Einheiten durch inti und joh verbunden, die in der Koordination eine größere Einheit mit derselben Funktion wie die ursprünglichen, kleineren Einheiten ergeben. Wörter und Wortgruppen werden zu funktionell gleichen Syntagmen verbunden, (Teil-)Sätze zu größeren Sätzen in Form von Satzreihen. In den ahd. Texten ist jedoch eine weitere Art der Verbindung durch inti und joh zu finden, die nicht mehr in das Schema der Satzkoordination passt. In diesen Fällen werden ebenfalls Sätze verbunden, allerdings ergeben diese Verbindungen nicht mehr komplexe Sätze als übergeordnete Größen, sondern Texte. Diese Stellen sind als Konnexion zu erklären, d.h. als die durch Konnektoren hergestellten Beziehungen zwischen Sätzen zu Texteinheiten.4 In den hier vorgestellten Fällen dienen inti und joh der Textstrukturierung: Sie werden eingesetzt, um einen Satz innerhalb eines Diskurses einzuordnen. Die Analyse solcher Verbindungen soll mit Hilfe der Textgrammatik unternommen werden, da sie sich mit den internen Strukturen und der Kohärenz von Texten auseinandersetzt. Das Problem bei der Unterscheidung von Koordination und Konnexion besteht darin, dass beide als Mittel zur Verbindung von Sätzen dienen. Da die Einleitung eines Satzes durch inti / joh immer eine Verbindung zum Vorhergesagten herstellt, geht es darum zu entscheiden, ob der inti/joh-Satz eine Einheit mit dem vorhergehenden Satz bildet (d.h. eine Satzverbindung) oder ob es sich um eine Anknüpfung handelt, die als größere Einheit den Text selbst hat. Auf die Schwierigkeiten dieser Unterscheidung hat schon Albrecht Greule hingewiesen: Die Wortgrammatik wird von der Syntax und diese wiederum von der Textgrammatik überlagert in dem Sinne, daß die Syntax die Wortgrammatik und die Textgrammatik die Syntax jeweils voraussetzen. […] Es könnte der Eindruck ent-
_____________ 4
So u.a. bei Greule (1997, 287ff.): „Konnexion, ein Begriff, der mit den Termini Konnektor bzw. Konnektiv oder Konjunktion korrespondiert und das Phänomen bezeichnen soll, dass zwei Sätze eines Textes durch einen Konnektor aufeinander bezogen sind“.
Textlinguistische Aspekte der Konnektoren inti und joh
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stehen, daß zwischen Text- und Satzgrammatik / Syntax eine klare Grenze gezogen werden kann. Dem ist jedoch nicht so. Syntaktische Probleme, die sich ohne Bezug auf den Text nicht lösen lassen […], bilden eine breite Zone, in der Textgrammatik und Syntax ineinander übergehen.5
Die genaue Trennung der Ebenen der Satz- und der Textsyntax wird durch die Gegebenheiten der ahd. Überlieferung noch erschwert. Mittel, die helfen könnten, die Grenze zwischen Satz- und Textsyntax zu ziehen, wie eine feste Interpunktion und Orthographie, können für die ahd. Texte nicht berücksichtigt werden, da sie nicht original sind, sondern auf der Interpretation moderner Ausgaben beruhen. Außerdem spielen Faktoren wie der Zustand der überlieferten Handschriften, ob es sich um eine Übersetzung handelt und wie sehr der ahd. Text von seiner lateinischen Vorlage abhängt, eine große Rolle. Im Folgenden wird auf die Funktion von inti / joh als textstrukturierende Einheiten eingegangen und es werden einige Beispiele für Konnexion auf Textebene durch diese Konnektoren präsentiert. Dies geschieht u.a. bei: Kapitelüberschriften, beim so genannten ‚biblischen‘ und, bei Parenthesen, bei der Redeeinleitung sowie in besonderer Weise bei den Texten Notkers. 2.1. Kapitelüberschriften An einigen Stellen ist die Grenze zwischen der Koordination von Sätzen und der Konnexion auf Textebene auch im ahd. Text aufgrund der äußeren Zeichen deutlich, wie z.B. in dem folgenden Beleg aus dem ahd. Isidor:6 (1)
Endi bihuuiu man in Iudases chunnes fleische Christes bidendi uuas Et quia de tribu Iuda secundum carnem Christus expectandus esset I 34,8
Es handelt sich um die Überschrift von Kapitel VIII. Sie steht in der Edition wie in der Handschrift gesondert vom restlichen Text und ist außerdem in Kapitälchen geschrieben.7 Hier ist zwar die anknüpfende und weiterführende Funktion von inti erkennbar, eine Koordination zur Bildung einer Satzreihe ist jedoch nicht möglich. Die Überschrift wird in Verbindung zum gesamten vorhergehenden Diskurs gebracht und dieser so mit neuen Argumenten fortgesetzt. _____________ 5 6 7
Greule (1982, 94). Die ahd. Belege werden nach den Zitierausgaben und den Richtlinien des Althochdeutschen Wörterbuchs zitiert. Vgl. das Faksimile der Seite in der Edition, 35.
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2.2. ‚Biblisches‘ und Viele Texte der ahd. Überlieferung haben die Heilige Schrift entweder als direkte Quelle oder als wichtigen Bestandteil in Form von Zitaten aufgenommen. Wie auch in späteren Übersetzungen (v.a. in den Übersetzungen von M. Luther) wurde schon in ahd. Zeit angestrebt, den Bibelstil auch in der Zielsprache beizubehalten. Als Stilmerkmale der Bibel nennt Birgit Stolt neben zweigliedrigen Verbalausdrücken, der Aufforderung Siehe und der Einleitungsformel Es begab sich auch die parataktische Anreihung mit und.8 Dies bildet für sie kein Element der Umgangssprache, sondern ist ein Stilistikum, das bewusst bei der Übersetzung vom Hebräischen ins Griechische und später ins Lateinische übernommen und so zu einem Merkmal sakraler Sprache wurde. In den meisten Fällen halten sich die Übersetzer der ahd. Denkmäler bei der Wiedergabe dieser parataktischen Anreihung an den lateinischen Text und setzen inti für et. (2)
Inti umbigieng ther heilant alla Galileam, lerenti in iro samanungun Et circuibat Ihesus totam Galileam, docens in sinagogis eorum T 22,1 (Kapitelanfang)
(3)
quad imo: effeta, thaz ist intuo. Inti tho sliumo giofnotun sih sinu orun ait illi: effeta, quod est adaperire. Et statim apertae sunt aures eius T 86,1
Beispiele für diese Art der Konnexion sind vor allem in der ahd. Tatianübersetzung zu finden, da dort der biblische Text (in Form einer Evangelienharmonie) fortlaufend und nicht nur in Auszügen übersetzt wird. Jedoch wird dort nicht wie bei einer Interlinearversion mechanisch inti für et übersetzt, sondern es wird, wie Anne Betten nachweist, an jeder Stelle neu entschieden; so werden z.T. andere ahd. Konnektoren eingesetzt, wie beispielsweise das von Betten untersuchte tho.9 Nicht selten stehen an solchen Stellen (wie oben im Beleg T 86,1) Verbindungen von inti mit anderen Konnektoren als Einleitung (z.B. inti tho für lat. et). Das Ziel dieser Konnexion ist die Weiterführung der in dem Text erzählten Geschichte, die thematische Anknüpfung, wobei die Ereignisse narrativ verkettet werden. Es wird eine Linearität des Erzählten angestrebt und durch solche Elemente erreicht. _____________ 8 9
Vgl. Stolt (1983, Bd. 1, 179ff.). Vgl. Betten (1987, 398). Lateinisch et wird nach Betten im ahd. Tatian in 86 Fällen mit tho wiedergegeben, das nach inti der meist eingesetzte Konnektor in diesem Denkmal ist. Betten zählt weitere 24 Stellen, an denen et ohne jegliche Entsprechung bleibt.
Textlinguistische Aspekte der Konnektoren inti und joh
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Einen anderen Fall bilden Belege mit inti / joh, in denen Passagen aus der Bibel als Zitate in einen anderen Text eingefügt werden. Es handelt sich um Stellen wie: (4)
so dhar auh after ist chiquhedan: ‚Endi got chiscuof mannan anachiliihhan endi chiliihhan gote chifrumida dhen‘ sic enim subiungitur: ‚Et creavit deus hominem ad imaginem et similitudinem dei creavit illum‘ I 7,17
(5)
fona dhemu selbin folghet hear auh after: ‚Endi chirestit oba imu gheist druhtines de quo etiam sequitur: ‚Et requiescit super eum spiritus domini I 40,4
Es ist auszuschließen, dass inti in diesen Beispielen zur Koordination von Sätzen eingesetzt wurde. Obwohl in dem lateinischen Vulgatatext die durch et eingeleiteten Sätze z.T. Teilsätze in einer Koordination sind, wurden diese bei der Übersetzung ins Ahd. aus ihrem Kontext herausgerissen, so dass sich ihre syntaktische Analyse auch verändern muss.10 Hier wurde wieder der Originaltext penibel übersetzt, einerseits, um den Bibelstil beizubehalten, andererseits aber auch, um die Grenze zwischen argumentativem Text und Zitat, d.h. zwischen Text und Subtext, klar zu ziehen. Inti dient daher an solchen Stellen als textstrukturierendes Element und markiert den Anfang der wie ein Fremdkörper wirkenden Zitate. Diese Zitate werden im Diskurs als Basis für eine Weiterführung und Bestätigung der Argumentation eingefügt, sind jedoch selbst nicht ein Teil davon. 2.3. Parenthesen Als ein Problem der Grenzziehung zwischen Satzsyntax und Textgrammatik bezeichnet Albrecht Greule die Parenthese bei Otfrid und begründet dies damit, dass es dabei „um das Verhältnis zweier selbständiger und abgeschlossener Sätze zueinander geht“.11 Otfrid verwendet die Parenthese sehr oft (Greule spricht von ca. 300 Fällen), um Kommentare in den Text einzuschieben. Einige dieser Parenthesen werden von joh eingeleitet, das der häufigere von beiden Konnektoren bei Otfrid ist; demzufolge ist es auch dieses Denkmal, in dem die meisten Fälle der Konnexion auf Textebene durch joh zu finden sind: _____________ 10
11
Für eine abweichende Interpretation dieser Stellen vgl. Desportes (1992, 295ff.), wo der Kontext der biblischen Stellen rekonstruiert und deren syntaktische Analyse auf den ahd. Text übertragen wird. Greule (1982, 95 u. Anm. 20f.). Der Begriff Parenthese wird hier im Sinne von A. Greule verwendet. Damit wird die Einschaltung verschiedener Elemente gemeint, in welchem Umfang auch immer, die jedoch die Konstruktion des umgebenden Satzes nicht stören.
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(6)
tho gab er imo antwurti, thoh wirdig er es ni wurti (joh det er thaz hiar ofto), filu mezhafto O 2,4,92
(7)
thaz er si uns ginathic, thoh ih ni si es wirthic; hohi er uns thes himiles (joh muazin frewen unsih thes!) insperre Oh 159
Die Einleitung mit joh (es finden sich im Evangelienbuch Otfrids keine inti-Belege für diese Art der Textkonnexion) wäre bei diesen Parenthesen nicht nötig, verleiht aber den eingeschalteten Ausdrücken Nachdruck. Joh wirkt emphatisierend und lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Aussage in der Parenthese. Gleichzeitig wird ein inhaltlicher Zusammenhang zu dem umgebenden Kontext hergestellt (dies geschieht z. T. durch den Einsatz weiterer Konnektoren; in den oben genannten Belegen sind es die Pronomina thaz und thes), jedoch ohne dass daraus syntaktisch eine Satzkoordination entsteht. Diese syntaktische Unabhängigkeit vom umgebenden Satz ist auch bei anderen Einschubsätzen deutlich zu erkennen, die, obwohl sie von Subjunktionen eingeleitet werden, nicht den Charakter von Nebensätzen besitzen.12 Einige Parenthesen können als ein erklärender Kommentar zum umgebenden Diskurs und somit als eine Art ‚Fußnote‘ verstanden werden, andere wiederum zeigen eine Möglichkeit des Autors sich in den Text einzuschalten, dabei sich direkt an den Leser zu wenden und ihn in den Text einzubeziehen. 2.4. Redeeinleitung und Zitierung Einige Denkmäler der ahd. Überlieferung verwenden als Mittel der Narration oder Argumentation die direkte Rede. Diese kann in Form von zitierten Aussagen einer Person (selbst Gottes) erscheinen oder sogar die Dialogform annehmen, indem sich zwei Sprecher in der Argumentation abwechseln. Die Rede-Passagen bilden eine Art Text-im-Text und wären ohne Einleitung nicht aus dem laufenden Text hervorgehoben. Auch an solchen Stellen spricht Greule von einem „Grenzbereich zwischen Satzund Textgrammatik“.13 An diesen Stellen erscheinen neben dem Konnektor andere Elemente, die die eigentliche Redeeinleitung darstellen, wie die Verben des Sprechens (diese sind dann z.T. in die Rede selbst eingeschoben, wie oft bei quedan), während inti / joh der Grenzziehung zwischen beiden Textebenen dient. (8)
fona imu quhad dher psalmscof: ‚Endi in imu uuerdhant chiuuihit alliu ærdhchunni, allo dheodun lobont inan.‘ Endi umbi dhen
_____________ 12 13
Vgl. dazu die Untersuchungen über die so-Einschubsätze in Wunder (1965). Greule (1982, 96).
Textlinguistische Aspekte der Konnektoren inti und joh
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samun dhurah dhen selbun Esaian quhad druhtines stimna: ‚Ih bibringu fona Iacobes samin [...] de quo psalmista ait: ‚Et benedicentur in eo omnes tribus terrae, omnes gentes magnificabunt eum‘. De hoc semine et per eundem Esaiam vox domini loquitur: ‚Educam, inquid, de Iacob semine I 34,1 (9)
ganganti nah themo sevvu Galile gisah zuuene bruoder, Simonem, thie giheizan ist Petrus, inti Andream sinan bruoder, sententi iro nezzi in seo, uuanta sie uuarun fiscara. Inti quad her in: quemet ambulans autem iuxta mare Galileae vidit duos fratres, Simonem qui vocatur Petrus et Andream fratrem eius, mittentes rete in mare, erant enim piscatores. Et ait illis: venite T 19,2
(10) triuuo du uueist toh . uuannan alliu ding chamen. Taz uueiz ih. Unde chad ih sar . got ten uuesen atqui scis unde cuncta processerint. Novi inquam. Deumque esse respondi Nb 47,5 In diesen Belegen steht inti immer als Verbindung zwischen der eigentlichen Erzählung / Argumentation und der in ihr enthaltenen direkten Aussage. Es wirkt im Falle des Isidor-Beleges argumentativ, da es zwei Redezitate (das erste aus Psalm 72,17, das zweite aus Esaias 65,9) miteinander in Verbindung bringt. Hier kann eine Satzkoordination nicht stattfinden, da der inti-Satz zwischen beiden Zitaten, die eine eigene Ebene des Textes bilden, steht. In dem Tatian-Beleg steht inti ebenfalls vor dem Verb (quad), das die direkte Rede einleitet, die im Anschluss an eine narrative Passage steht. Inti ordnet die Rede in die Reihe der Ereignisse ein und trägt so dazu bei, dass die Linearität der Erzählung hergestellt wird. In dem Notker-Beleg steht die uneingeleitete direkte Rede neben der durch den inti-Satz eingeleiteten Rede; damit entsteht eine Dialogstruktur. In all diesen Belegen markiert inti als Grenze zur direkten Rede eine neue Ebene des Diskurses, und hat deshalb Signalcharakter, während es gleichzeitig an das Vorhergesagte anknüpft. 2.5. Die Texte Notkers Die Unterscheidung zwischen Koordination und Konnexion wird bei den Übersetzungen Notkers des Deutschen erst dann eindeutig, wenn man die Genese dieser Texte berücksichtigt. Schon Stefan Sonderegger und Anton Näf u.a. haben auf die verschiedenen Stufen der Texte Notkers hingewie-
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sen.14 Darin erkennt man beide Hauptziele Notkers: Zum einen die Übersetzung lateinischer Texte ins Deutsche und zum anderen die Kommentierung bestimmter Textstellen meist mit Hilfe von schon vorhandenen und anerkannten Kommentaren. Dafür hat Notker zunächst die Wortstellung der lateinischen Originaltexte umgeordnet, anschließend die Texte in Perikopen gegliedert, diese übersetzt und an einigen Stellen KommentarPassagen eingefügt. Er hat somit in die originale Textstruktur eingegriffen und sie verändert. So können z.B. Teilsätze, die in dem lateinischen Text miteinander koordiniert eine Satzreihe bildeten, in der ahd. Übersetzung geteilt und durch einen mehr oder weniger umfangreichen Kommentar voneinander getrennt erscheinen. Es handelt sich um Beispiele wie: (11) tiz sint tie den uuuocher unde den ezisg tero rationis ertemfent . mit tien dornen uuillonnes. Taz chit mit iro uuillechosonne . ergezzent sie man sinero rationis. Unde menniskon muot stozent sie in dia suht . sie nelosent sie nieht hae sunt enim quae necant infructuosis spinis affectuum . uberem segetem fructibus rationis. Hominumque mentes assuefaciunt morbo . non liberant Nb 12,12 (12) vnde do irdonerota truhten fone himele. Sie sint sin himel . uuanda er an in sizzet . fone in deta er chunt gentibus euangelium. Vnde der hohesto sprah in uz . uuanda sie archana dei (gotes tougeni) sageton et intonuit de caelo dominus. Et altissimus dedit vocem suam NpNpw 17,14 Bei einer Analyse des ahd. Textes können solche Stellen jedoch nur als Konnexion auf Textebene interpretiert werden, da die Koordination durch die Kommentareinschübe aufgehoben wurde. Stefan Sonderegger hat im Zusammenhang der verschiedenen Stufen der Texte die Markierungen dieser Kommentare untersucht und festgestellt, dass u.a. durch Wiederaufnahme von Begriffen oder durch Verweise eine Beziehung zum Vorhergesagten hergestellt wird.15 Ähnlich fungieren die Konnektoren inti und joh als Markierung für die Wiederaufnahme der Übersetzung, indem die Gedanken, Argumente und Äußerungen des lateinischen Originaltextes fortgeführt werden und an die schon bestehenden Argumente angeknüpft wird.
_____________ 14 15
Vgl. Sonderegger (1997, 141ff.); Näf (1979, 58ff.). Vgl. ebd.
Textlinguistische Aspekte der Konnektoren inti und joh
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3. Fazit All diese Stellen zeigen, dass die Mittel der Satzgrammatik die inti / johVerbindungen nicht immer adäquat beschreiben. An den eben gezeigten Beispielen (und an weiteren ähnlichen) kann man die weiterleitende, anknüpfende Funktion der Konnektoren erkennen, die auch bei der Koordination von Satzteilen oder Sätzen festzustellen ist. Allerdings bezieht sich diese Weiterführung auf den ganzen Text, auf die gesamte Verkettung von Ereignissen, Argumenten oder Redeteilen und nicht nur auf eine Satzreihe. So eingesetzt wirken inti und joh textbildend und verlangen bei ihrer Untersuchung eine intensive Auseinandersetzung mit dem gesamten Text. Die Analyse der Konnektoren hilft dabei, sich aufgrund ihrer Häufigkeit ein genaues Bild über den Erzählstil des Textes zu machen. Die durch inti / joh eingeleiteten Sätze werden nicht bloß wie bei der Koordination aneinandergereiht, sondern in einem besonderen Verhältnis in die Struktur des Textes eingegliedert. Die Wirkung der Konnektoren lässt sich in folgenden Aspekten zusammenfassen: 1. Die Konnektoren markieren die Grenzen zwischen den verschiedenen Textebenen, z.B. zwischen Kapitelüberschriften und Text, oder zwischen Zitat und dem Text, in dem es eingebettet ist. Auch bei Dialogpassagen fungieren sie als Signal für die direkte Rede, vor der sie stehen. 2. Gleichzeitig verknüpfen inti und joh all diese Ebenen miteinander und helfen dem gesamten Text Kohärenz zu verleihen. Dies gilt besonders bei Texten mit komplizierter Verschachtelung von Übersetzung und Kommentaren, bei denen es schwer fällt, der Argumentationskette zu folgen (wie im Falle der Notker’schen Texte). Wenn dann noch diese Argumentationen durch Kommentare unterbrochen werden, sind Mittel notwendig (wie die Konnektoren inti / joh), die den argumentativen Faden wieder aufnehmen. 3. Durch die Wiederholung bestimmter Konnektoren ergibt sich in einigen Texten ein Erzählstil, der ein markantes Erkennungsmerkmal dieser Texte darstellt. So erkennen wir den sakralen Stil der Heiligen Schrift sowohl in den Bibelzitaten des ahd. Isidor, als auch in der ahd. Tatianübersetzung oder in Notkers Psalmenübersetzung. Dies ist natürlich durch die lateinischen Vorlagetexte bedingt, jedoch hätten die Übersetzer dieser Texte prinzipiell auch andere Ausdrucksmittel zur Verfügung gehabt und entschieden sich trotzdem an vielen Stellen für die Anknüpfung durch inti / joh.
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Die Untersuchung der Konnektoren inti und joh mit Hilfe der Textsyntax lässt erkennen, dass diese Elemente mehr als nur verbindende Konjunktionen darstellen. Es handelt sich dabei vielmehr um textbildende Einheiten, deren Analyse Einblick in die Struktur des Textes erlaubt.
Quellen I = Hench, George A. (Hrsg.) (1893), Der althochdeutsche Isidor, Facsimile-Ausgabe des Pariser Codex nebst critischem Texte der Pariser und Monseer Bruchstücke, mit Einleitung, grammatischer Darstellung und einem ausführlichen Glossar, (Quellen und Forschungen 72), Straßburg. Nb = Piper, Paul (Hrsg.) (1882), „Anicius Manlius Severinus Boetius, De consolatione Philosophiae“, in: Die Schriften Notkers und seiner Schule, Bd. 1, Freiburg (Breisgau), Tübingen, 1-363. Np = Piper, Paul (Hrsg.) (1883), „Psalmen und katechetische Denkmäler nach der St. Galler Handschriftengruppe“, in: Die Schriften Notkers und seiner Schule, Bd. 2, Freiburg (Breisgau), Tübingen. Npw = Heinzel, Richard / Scherer, Wilhelm (Hrsg.) (1876), Notkers Psalmen nach der Wiener Handschrift, Straßburg. O = Erdmann, Oskar (Hrsg.) 1882), Otfrids Evangelienbuch, (Germanistische Handbibliothek 5), Halle (Saale). Oh = Erdmann, Oskar (Hrsg.) (1882), „Hartmuate et Uuerinberto Sancti Galli monasterii monachis“, in: Otfrids Evangelienbuch, (Germanistische Handbibliothek 5), Halle (Saale), 317-322. T = Sievers, Eduard (Hrsg.) (1892), Tatian. Lateinisch und altdeutsch mit ausführlichem Glossar, 2., neubearb. Ausgabe, (Bibliothek der ältesten deutschen LiteraturDenkmäler 5), Paderborn.
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Textlinguistische Aspekte der Konnektoren inti und joh
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Inkorporation im Althochdeutschen∗ Susumu Kuroda (Tsukuba)
1. Einleitung Die Wortbildung dient als ein Prozess, der von einer lexikalischen Einheit ausgehend eine andere erzeugt, in erster Linie zur Erweiterung des Wortschatzes, sie kann aber auch mitunter syntaktische Effekte hinterlassen. Dies ist vor allem bei der Konversion deutlich, die den Wechsel der Wortart und des syntaktischen Status des Lexems erwirkt: z.B. Öl – ölen, essen – (das) Essen. Auch bei der Affigierung, bei der die morphologische Veränderung des Lexems deutlicher hervortritt als bei der Konversion, kann eine andere syntaktische Eigenschaft festgestellt werden als beim Ausgangslexem, auch wenn dabei die Wortart des Lexems nicht abgeändert wird. Bekannt ist dies im Fall des Verbalpräfixes be-, das die Valenzstruktur des Ausgangsverbs modifizieren kann: (1a) Man jammerte über den Verlust. (1b) Man bejammerte den Verlust. (2a) Der Gärtner pflanzt Rosen auf das Beet. (2b) Der Gärtner bepflanzt das Beet mit Rosen.1 Bei (1a) und (1b) sowie (2a) und (2b) handelt es sich jeweils um zwei Satzpaare, die aus der semantischen Sicht hinlänglich äquivalent gelten können. Die a-Sätze und b-Sätze unterscheiden sich darin, dass in den letzteren das Verb mit be- präfigiert ist und über eine Valenzstruktur verfügt, die von der des Verbs in den a-Sätzen abweicht. Dabei ist die Akkusativergänzung der b-Sätze als äquivalent zur Präpositionalergänzung der entsprechenden a-Sätze aufzufassen – so entspricht die Präpositionalphrase _____________ ∗
1
Dieser Beitrag entstand während meines Forschungsaufenthalts an der Universität Passau als Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung. Teilweise liegen ebenfalls die Forschungsergebnisse aus meinem JSPS-Projekt zugrunde. This research was partially supported by the Japan Society for the Promotion of Science (Grant-in-Aid for Young Scientists (B), 18720099). Die Beispiele (1a) bis (2b) stammen aus Eroms (1980).
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über den Verlust in (1a) dem Akkusativ den Verlust in (1b), die Präpositionalphrase auf das Beet in (2a) dem Akkusativ das Beet in (2b) –, so dass hier eine Akkusativierung der Präpositionalergänzung angenommen werden kann. Dass die Valenzstruktur einer Präfigierung manchmal eine Akkusativergänzung erhält, die in der Valenzstruktur des Simplex als solche nicht vorhanden ist, wurde bislang vor allem im Zusammenhang mit dem Präfix be- diskutiert, ist aber ebenso bei den Präfigierungen durch andere Präfixe durchaus festzustellen. So kann sie z.B. auch bei der Präfigierung mit überwie in (3), mit um- wie in (4) oder mit an- wie in (5) angenommen werden. Die Akkusativergänzung von übergießen unterscheidet sich von der des Simplex gießen, die als direktes Objekt zu charakterisieren ist; die Simplizia von umstehen und ansprechen verfügen über eine intransitive Valenzstruktur und daher keine Akkusativergänzung: (3)
Sie übergießt den Pudding mit Soße.
(4)
Riesige Eichen umstanden das Haus.
(5)
Luise spricht den fremden Mann an.
Dieses Phänomen, das in den letzten Jahren insbesondere unter dem unten noch zu besprechenden Stichwort Inkorporation intensiv diskutiert wurde, kann unter verschiedenen Perspektiven aufgegriffen werden. Häufig wird auf den Zusammenhang mit dem Verbalaspekt hingewiesen, der gleichzeitig mit der Valenzstrukturveränderung in der Regel eine starke Perfektivität erhält.2 Der historische Hintergrund der Entstehung dieser Valenzstrukturveränderungsmöglichkeit wird bei Hinderling3 eingehend besprochen. Besonders intensiv wurde dieses Phänomen aber vor allem in der theoretischen Grammatik, wo man den syntaktischen Mechanismus zu klären versuchte, der die Valenzstrukturveränderung durch die Präfigierung verursacht, behandelt.4 Im vorliegenden Beitrag wird versucht, die entsprechenden Fälle im Althochdeutschen zu betrachten, und dadurch den Unterschied zum Gegenwartsdeutschen festzustellen. Unser Augenmerk richtet sich dabei hauptsächlich auf die Erfassung der Konfigurationen, unter denen die Valenzstrukturveränderung durch die Präfigierung stattfinden kann. Vorerst wird auf die grammatiktheoretische Diskussion nicht eingegangen, aber hierdurch kann womöglich die historische Entwicklung dieser Valenzstrukturveränderungsoperation genauer rekonstruiert werden, was _____________ 2 3 4
Vgl. z.B. ebd., 45ff. Vgl. Hinderling (1982). Vgl. Wunderlich (1987) oder Olsen (1996).
Inkorporation im Althochdeutschen
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schließlich doch zur Vertiefung der theoretischen Diskussion beitragen könnte. Auf die aspektuelle Modifizierung, die beim Verb gleichzeitig mit der Valenzstrukturveränderung durch die Präfigierung auftreten kann, wird im Rahmen des vorliegenden Beitrags nicht eingegangen, da sie sich unabhängig von der Valenzstrukturveränderung beobachten lässt und somit wohl nicht zwangsläufig damit allein zusammenhängt. Außerdem ist die Ermittlung des aspektuellen Werts der Verben in den historischen Texten methodisch sehr problematisch, da er meist nur subjektiv ermittelbar ist.
2. Zum Begriff Inkorporation Die Veränderung der Valenzstruktur des Verbs durch die Präfigierung ist in der Erforschung der deutschen Sprache längst bekannt, findet man doch entsprechende Hinweise bereits in der Literatur zur deutschen Grammatik seit Grimm5 und auch in den Angaben zu einzelnen Präfigierungen in den einschlägigen Wörterbüchern des Deutschen. Allerdings steht dabei die Funktion der Transitivierung deutlich im Vordergrund, die jedoch nur auf die Ableitung aus einem intransitiven Simplex zutrifft. Der grammatische Mechanismus, der die Modifizierung der Valenzstruktur ermöglicht, wurde jedoch hauptsächlich erst seit den 1980er Jahren eingehend diskutiert, nachdem diese Operation bei Eroms6 als Umorganisierung der Valenzstruktur im Passivsystem (als Lokalphrasenpassiv) positioniert wurde. Dabei ist man darauf aufmerksam geworden, dass in vielen Fällen die Präpositionalphrase von der Akkusativierung betroffen ist, wie es oben bei (1) und (2) zu sehen ist, und dass die Präfigierungen, die die Valenzstrukturveränderung verursachen, mit der Präposition auf eine gemeinsame Wurzel zurückgehen.7 So hat sich die Idee etabliert, dass diese Valenzstrukturveränderung von einem Statuswechsel der Präpositionalergänzung des Simplex verursacht wird. Es wurde eine Operation angenommen, die die Präpositionalergänzung zerlegt und das Argument der Präposition in die Objektposition überführt, wobei sie gleichzeitig die Präpositionen an sich enklitisch
_____________ 5
6 7
So wird die Veränderung der Verbrektion durch die Präfigierung bei Grimm (1967) an verschiedenen Stellen angesprochen. Dieses Phänomen wird in Bezug auf das Gegenwartsdeutsche besonders ausführlich behandelt bei Kühnhold / Wellmann (1973). Vgl. Eroms (1980). Vgl. Harnisch (1982).
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dem Verbstamm anhängt.8 Bei den Fällen wie mit be-, bei denen die Präfigierung über keine formal entsprechende Präposition verfügt, wird angenommen, dass be- nicht nur eine bestimmte Präpositionen ersetzen kann. Für diese Operation findet sich aktuell Inkorporation als geläufigste Benennung.9 Diese Auffassung, die wohl erstmals bei Wunderlich10 ausführlich begründet wurde, stellt eine attraktive Erklärung dar, die gleichzeitig der Valenzänderung durch die Präfigierung und der etymologisch bedingten morphologischen Similarität zwischen der Präfigierung und der Präposition, die bei zahlreichen Verbpaaren besteht, Rechnung tragen kann. Freilich erklärt die Inkorporation nicht alle Umstände der Valenzstrukturveränderungen, die durch die Präfigierung eintreten können. So bleibt z.B. ungeklärt, unter welcher Motivation die unterschiedliche Kasusverleihung an das inkorporierte Argument der Präpositionalphrase erfolgt, da dieses nicht nur durch den Akkusativ, sondern ebenso durch den Dativ oder Genitiv (s. unten) realisiert werden kann. Auch sind Fälle zu registrieren, wo das Verb durch die Präfigierung eine Akkusativergänzung erhält, auch wenn das Simplex über keine entsprechende Präpositionalergänzung verfügt, so dass die Bezeichnung Inkorporation nicht angemessen ist. Es gibt auch Ansätze, die die Valenzstrukturveränderung durch die Präfigierung nicht als eine Umorganisierung der Valenzstruktur ansehen, sondern als eine holistische Anpassung einer abweichenden Valenzstruktur an das Simplex.11 Mit der Aufnahme in die Duden-Grammatik12 kann aber die InkorporationsAnalyse als weitgehend akzeptiert angesehen werden.
3. Methodische Schwierigkeit der Erfassung der syntaktischen Funktion der Präfigierung aus sprachhistorischer Perspektive Die Erforschung der Valenzstrukturveränderung durch die Präfigierung im Althochdeutschen ist mit verschiedenen Schwierigkeiten behaftet. Zunächst könnte man meinen, dass man über die Sekundärliteratur den _____________ 8 9
10 11 12
Diese Auffassung ist allerdings als eine Elaborierung der z.B. bei Paul (1919, 242ff.) vorzufindenden Idee anzusehen, dass die präfigierten Verben manchmal ein von der Präfigierung abhängiges Objekt mit sich führen. Der Begriff Inkorporation ist erstmals von Baker (1988) in die sprachwissenschaftliche Diskussion eingeführt worden, wobei Baker dabei nicht den Übergang einer lokalen Ergänzung zur Objektergänzung diskutierte. Vgl. Wunderlich (1987). Vgl. z.B. Koch / Rosengren (1996). Vgl. Duden: Die Grammatik (2005, 703).
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notwendigen Zugang zu den Informationen über das Verhalten der Präfigierung schaffen könnte, zumal bereits äußerst ausführliche Glossarien zu verschiedenen althochdeutschen Schriften zur Verfügung stehen. Allerdings werden bei den Glossarien häufig unterschiedliche Prinzipien für die Erfassung des Sprachzustands verwendet, so dass die Angaben daraus keine Information darüber liefern, wie der über den Einzeltext hinausgehende Sprachzustand aussieht. Dieses Problem ist bereits bei der Feststellung der Elemente bemerkbar, die als Präfigierung charakterisiert werden dürfen. So sind z.B. die Verbbildungen mit ingegini- 'entgegen', wie z.B. ingeginifaran 'entgegengehen' in (6), in den Otfrid-Glossarien von Kelle13 und Piper14 als Lemmata angegeben, so dass es anzunehmen ist, dass Kelle und Piper diese Verben als abgeleitete Verben betrachteten: (6)
Ioh theiz ni uuas ouh boralang . thaz.heriskaf.mit imo sang. / uuio engilo menigi . fuar thar al ingegini . / (O 2, 3, 14) [lies …] und dass es nicht zu lang dauerte, dass die Schar mit ihm sang, wie die Engelschar da entgegen kam.
(7)
uuelih cuning farenti zigifremenne gifeht uuidar anderan cuning nibi her er sizzenti thenke oba her mugi mit zehen thusuntin themo ingegin faran ther mit zueinzug thusuntin quam zi imo (T 105, 2) Welcher König plant einen Krieg gegen einen anderen König zu führen, wenn er nicht vorher darüber nachdenkt, ob er mit zehntausend (Soldaten) dem entgegenkommen kann, der mit zwanzigtausend zu ihm kommt.
Das Lemma ingeginifaran gibt es aber im Tatian-Glossar von Sievers nicht, obwohl sich ein mit (6) vergleichbarer Beleg (7) im Tatian finden lässt. Im Glossar von Sievers findet man keine Lemmata, bei denen ingegini- als eine Präfigierung, d.h. ein Teil des Verbs angegeben ist. Alle ingegini-Stellen im Tatian gibt Sievers stattdessen konsequent in seinem Tatian-Glossar als Adverb an. Vor diesem Hintergrund ist die Notwendigkeit einer eigenständigen Untersuchung, bei der mehrere Texte aus einem einheitlichen Prinzip untersucht werden, für eine textübergreifende Erfassung des Sprachzustands im Althochdeutschen klar. Dem vorliegenden Beitrag liegt hierfür die Untersuchung eines Korpus zugrunde, das aus drei größeren althoch-
_____________ 13 14
Vgl. Kelle (1963). Vgl. Piper (1884).
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deutschen Texten, Otfrids Evangelienbuch, Tatian und Isidor besteht.15 Dieses Korpus kann als relativ homogen eingestuft werden, da alle umfassten Texte im Westmitteldeutschen im frühen 9. Jahrhundert verfasst sind, und der Rezipientenkreis der Texte hauptsächlich im klerikalen Kreis anzunehmen ist. Das Korpus umfasst insgesamt 24.630 Verbformen, unter welchen insgesamt 350 Verbpaare festgestellt wurden, zwischen denen eine Ableitungsbeziehung angenommen wird. Eingehend untersucht wurden so insgesamt 7.597 Datensätze. Da man bei der Untersuchung des Althochdeutschen als Materialquelle ausschließlich auf die schriftlich fixierten Texte angewiesen ist, lassen sich häufig jene Entscheidungen nicht leicht treffen, die für die Untersuchung grundlegend sind. So ist es meist unklar, ob eine Präfigierung als Präfix oder als Partikel einzustufen ist. Das Präfix und die Partikel unterscheiden sich satzstrukturell durch unterschiedliche Positionen, die allerdings in der Nebensatzstruktur und infinitivischen Struktur aufgehoben werden. So ist beim Nebensatz grundsätzlich nicht einwandfrei festzustellen, ob die Präfigierung als Präfix oder als Partikel anzusehen ist, abgesehen davon, dass, vor allem im Tatian, die hinsichtlich der gegenwartsdeutschen Entsprechung und der deutlich lokalbezogenen Semantik als Partikel in Frage kommende Präfigierung auch in der Hauptsatzstruktur nicht selten unmittelbar vor dem Verb, d.h. in einer präfixtypischen Position, auftritt. Aus diesem Grund wollen wir hier die Präfigierungen in die A-Präfigierungen und die B-Präfigierungen unterteilen. Die A-Präfigierungen sind diejenigen, die aufgrund ihrer Position in den Belegen und der Entsprechung im Gegenwartsdeutschen nur als Präfix charakterisierbar sind; die B-Präfigierungen sind hingegen diejenigen, die sowohl als Präfix als auch als Partikel charakterisiert werden können. Es ist auch nicht leicht zu entscheiden, ob bei einer Präfigierung ein abgeleitetes Verb vorliegt oder vielmehr ein eigenständiges Lexem, das vom Ausgangsverb getrennt behandelt werden muss. So sind firstantan 'verstehen' oder intstantan 'verstehen' nicht als Präfigierung von stantan116 'stehen' anzusehen, da zwischen beiden keine semantische Beziehung _____________ 15
16
Außerdem liegen zu Otfrids Evangelienbuch und Tatian moderne Editionen vor: Kleiber (2004) und Masser (1994), was auch einen Anlass für eine erneute Erfassung des Sprachzustands in diesen Texten darstellt. Der Untersuchung wurden diese Ausgaben zugrunde gelegt, für den althochdeutschen Isidor die Ausgabe von Eggers (1964). Die Stellenangaben der Beispielsätze im vorliegenden Beitrag beziehen sich auf die Stellen in diesen Editionen. Wenn zu einem Verb mehrere stark voneinander abweichende Bedeutungs- oder Valenzstrukturvarianten in unserem Korpus nachzuweisen sind, werden die Varianten auseinander gehalten, wobei die jeweilige Variante durch tiefgestellte Ziffern markiert werden, so z.B. stantan1 'stehen' – stantan2 'aufstehen' .
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angenommen werden kann.17 Die Feststellung der Valenzstruktur stellt ohnehin ein schwieriges Unterfangen dar. So ist ein umsichtiges Herangehen an das Material unerlässlich, auch wenn das zugrundeliegende Material einen relativ kleinen Umfang aufweist.
4. Typologie der Valenzstrukturveränderung durch die Präfigierung im Althochdeutschen Aus der Untersuchung des Korpus hat sich ergeben, dass man insgesamt bei 118 Verbpaaren eine Valenzstrukturveränderung durch Präfigierung feststellen kann. Die Valenzstrukturveränderungen lassen sich dabei in einige Typen einordnen, die im Folgenden besprochen werden. Als „besonders wichtige Valenzänderungen“, die durch die Präfigierung eintreten können, gibt Erben18 drei Typen der Valenzstrukturveränderung an: 1) Valenzreduktion (z.B. Der Mann schlägt ihn – schlägt zu); 2) Reflexivierung (Max läuft – verläuft sich); 3) Akkusativierung (Er trödelt – vertrödelt die Zeit; Ich wohne in dem Haus – bewohne das Haus; Man droht ihm – bedroht ihn). Im Fall unserer Untersuchung sollten hierzu noch die Einführung des Dativs bzw. des Genitivs in die Valenzstruktur genannt werden, da diesen im Fall des Althochdeutschen hinsichtlich der Häufigkeit solcher Veränderungstypen eine gewisse Relevanz einzuräumen ist.19 Typ I: Einführung des Akkusativs Hierbei handelt es sich um die Valenzstrukturveränderung wie sie mit den Beispielen (1) bis (5) vergleichbar ist. Diese ist am häufigsten (bei 45 Verbpaaren) festzustellen und somit als Haupttyp anzusehen. Darunter sind besonders die Präfigierungen mit bi-, ir- und ana- gut vertreten. In vielen Fällen ist beim entsprechenden Simplex diejenige Präpositionalergänzung belegt, die als Entsprechung für den Akkusativ des präfigierten Verbs angesehen werden kann, d.h. auf die der Akkusativ zurückgehen kann. Es gibt Fälle, in welchen der Akkusativ der Ableitung auf die direktive Präpositionalergänzung des Simplex zurückgeführt werden kann, wie bei (8a) und (8b) giozan 'gießen' – bigiazan 'begießen', wie bei (9a) und _____________ 17
18 19
Die Präfigierungen aus den Verben wesan 'sein', werdan 'werden' und tuon 'tun' werden ebenfalls außer Acht gelassen, da diese Simplizia von äußerst allgemeiner Bedeutung sind und es deshalb nicht hinreichend klar überprüft werden kann, ob zwischen der Präfigierung und dem Simplex eine semantische Verwandtschaft angenommen werden kann. Erben (2000, 81). Es gibt noch einige andere Typen der Valenzstrukturveränderung, die nur vereinzelte Verben betreffen und deshalb hier außer Acht gelassen wurden.
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(9b) senten 'senden' – anasenten 'werfen auf', die den Fällen wie oben (2) und (3) im Gegenwartsdeutschen entsprechen. Bei (6b) führt aber die Akkusativierung der Präpositionalphrase zu einer doppelakkusativischen Valenzstruktur, die im Gegenwartsdeutschen nicht zulässig ist: (8a) Nam maria nardon . filu diuren uuerdon / uuas iru thaz thionost suazi . thia goz si in sine fuazi / (O 4, 2, 16) Maria nahm äußerst wertvolles Nardenöl – es war für sie ein angenehmer Dienst – und goss es auf seine Füße.
(8b) Vuio thar thio fruma niezent . thie hiar thia sunta riezent / sih hiar io thara liezent . thie sih mit thiu bigiazent / (O 5, 23, 8) Wie er dort Heil genießt, wer hier seine Sünde beklagt, sich dem Jenseits weiht, und sich mit Tränen benetzt.
(9a) gisah zuuene bruoder simonem ther giheizan ist petrus Inti andream sinan bruoder sententi iro nezzi in seo uuanta sie uuarun fiscara (T 54, 13) (Er) sah zwei Brüder, Simon, der Petrus genannt ist, und Andreas, seinen Bruder. Sie warfen ihr Netz in den See, denn sie waren Fischer.
(9b) ther thie uzan sunta si iuuar zi eristen sente sia stein ana (T 199, 5) Wer von euch ohne Sünde ist, werfe zuerst den Stein auf sie.
Durch eine Gegenüberstellung der Ausgangsstruktur und der abgeleiteten Struktur kann man aber feststellen, dass die als akkusativiert anzusehende Präpositionalergänzung nicht immer lokal zu charakterisieren ist. So geht der Akkusativ im Beispiel (10c) mit biruahhen 'Sorge tragen für' auf ein Präpositionalargument bei ruohhen 'beachten' wie in (10a) zurück, dem kaum ein lokales Bedeutungsmoment zuzusprechen ist.20 Außerdem kann die Akkusativierung nicht nur bei den Präpositionalergänzungen angenommen werden, sondern auch bei der Genitiv- oder Dativergänzung in der Ausgangsstruktur. So entspricht der Akkusativ im soeben besprochenen Beispiel (10c) mit biruahhen 'Sorge tragen für' dem Genitiv bei ruohhen 'beachten' wie in (10b), der als Alternativform zur Präpositionalphrase anzusehen ist. Bei (11a) und (11b) mit swihhan 'im Stich lassen' – biswihhan 'betrügen' liegt eine Ableitung vor, bei der der Dativ der Ausgangsstruktur dem Akkusativ der abgeleiteten Valenzstruktur entspricht. Es gibt ferner auch Ableitungen, bei denen unklar ist, welche Form akkusativiert wird. Bei (12a) und (12b) mit liuhten 'leuchten' – inliuhten '(er)leuchten, sehend _____________ 20
Dies ist übrigens auch im Gegenwartsdeutschen der Fall, wie z.B. bei achten auf – beachten, sprechen über – besprechen.
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machen; hell werden' hat der Akkusativ der Ableitung keine entsprechende Phrase in der Ausgangsstruktur: (10a) Mit uuorton iz gimeinta . mit zeichonon gisceinta / al thaz iro fruma uuas . sie ni ruahtun bi thaz / (O 3, 20, 186) (Er) erklärte es mit Worten, zeigte es mit Wundertaten. All das war für ihren Nutzen, aber es kümmerte sie nicht.
(10b)Ih zell in thanne in gahun . thaz sie mir kund ni uuarun / theih er sie hal iu lango . ni ruach ih iro thingo / (O 2, 23, 28) Ich sage ihnen dann sofort, dass ich sie nicht kannte, dass ich sie schon früher lange nicht berücksichtigte, und dass sie mich jetzt nicht kümmern.
(10c) Thia zit eigiscota er fon in so ther sterro giuuon uuas queman zi in . / bat sie iz ouh biruahtin . bi thaz selba kind irsuahtin / (O 1, 17, 44) Er erkundigte sich von ihnen nach der Zeit, in der der Stern immer zu ihnen kam, und bat sie, sich darum zu kümmern, nach dem Kind zu suchen.
(11a) Er ouh iacobe ni sueih . tho er themo bruader insleih / uuas io mit imo thanne . in themo fliahannE / (O H, 81) Er ließ auch Jacob nicht im Stich, als er vor seinem Bruder floh, war dann immer bei ihm auf der Flucht.
(11b)oba thin zesuuua ouga thih bisuihhe arlosi iz thanne Inti aruuirphiz fon thir (T 63, 24) Wenn dich dein rechtes Auge betrügt, dann lös es heraus und wirf es von dir weg.
(12a) so liuhte iuuar lioht fora mannon thaz sie gisehen iuuaru guotu uuerc Inti diurison iuuaran fater thie in himilon ist (T 61, 28) So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie euer gutes Werk sehen und euren Vater preisen, der im Himmel ist.
(12b)Thaz lioht ist filu uuar thing . inliuhtit thesan uuoroltring / ioh mennisgon ouh alle . ther hera in uuorolt sinne / (O 2, 20, 13) Das Licht ist ein sehr wahres Ding, erleuchtet diese Welt und alle Menschen, die auf diese Welt kamen.
Typ II: Einführung des Dativs Es gibt auch Verbpaare, bei denen die Einführung einer Dativergänzung in die Valenzstruktur durch die Präfigierung angenommen werden kann, so z.B. (13a) und (13b) faran 'gehen' – forafaran 'vorbeigehen, vorausgehen',
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(14a) und (14b) stantan 'stehen' – obastantan 'stehen über' wie (15a) und (15b) gangan 'gehen' – intgangan 'entgehen'. Dieser Typ der Valenzstrukturveränderung wird im Zusammenhang mit der Inkorporation nur selten diskutiert,21 ist aber auch im Gegenwartsdeutschen festzustellen, wie kommen – entkommen (Der Kommissar entkam seinen Verfolgern), fahren – vorfahren (Ich fahre dir vor) oder setzen – vorsetzen (Ich setze dir einen kleinen Imbiss vor). Die Einführung des Dativs ist allerdings weit weniger ausgeprägt als die Einführung des Akkusativs, wie es auch im Gegenwartsdeutschen der Fall ist. Insgesamt lassen sich 15 Verbpaare für diesen Veränderungstyp feststellen: (13a) Inti her ferit fora Inan In geiste Inti In megine heliases. (T 27, 4) Und er geht vor ihm mit Geist und Kraft von Elias.
(13b)Ih faru dhir fora endi chidhuuingu dhir aerdhriihhes hruomege. (I 156) Ich gehe dir voran und erniedrige die Ruhmreichen auf der Erde.
(14a) Thoh ih tharzua hugge . thoh scouuon sio zi rugge / bin mir menthenti . in stade stantenti / (O 5, 25, 100) Wenn ich daran denke, und auf sie zurückblicke, stehe ich mit Freude am Ufer.
(14b)Ih chisah druhtin sitzendan oba dhrato hohemu hohsetle, endi seraphin dhea angila stuondun dhemu oba. (I 348) Ich sah den Herrn auf einem sehr hohen Thron sitzen. Und Serafim, die Engel, standen über ihm.
(15a) inti mittiu ana sazta in sino henti gieng thana; (T 162, 4) und nachdem er ihnen seine Hände auflegte, ging er weg.
(15b)Sie arabeitotun . thia naht al in gimeitun . / thie fisga in al ingiangun . niheinan ni gifiangun . / (O 5, 13, 6) Sie bemühten sich die ganze Nacht umsonst, alle Fische ent-gingen ihnen, sie fingen keinen einzigen.
Typ III: Einführung des Genitivs Für die Einführung einer kasuellen ablativischen Ergänzung, die den Ausgangspunkt der Bewegung bezeichnet, kann neben dem Dativ wie in (15b) auch der Genitiv zum Einsatz kommen, so wie (16a) und (16b) mit bintan _____________ 21
Vgl. Wunderlich (1987).
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'binden'– intbintan 'losbinden'. Dieser Veränderungstyp ist wie die Einführung des Dativs auch nicht besonders ausgeprägt. Er ist lediglich bei sechs Verbpaaren festzustellen, so dass er nur als ein Randtyp angesehen werden kann: (16a) Inti sih nahenti bant sina uuvntun goz thara ana oli Inti uuin. (T 210, 24) (Er) nahte ihm, verband seine Wunden und goss darauf Öl und Wein.22
(16b)Er tho in alauuari . then liutin deta mari / thaz iz uuas ther heilant . ther inan thes seres inbant / (O 3, 4, 48) Dann tat er dem Volk fürwahr kund, dass es der Heiland war, der ihn von seinem Leiden befreite.
Typ IV: Reflexivierung Bei einer Reihe von Belegen der präfigierten Verben ist ein Reflexivum festzustellen. Allerdings weist es meist kein besonderes Verhalten gegenüber den nicht-reflexivischen Ergänzungen auf, so dass es analog zu normalen Ergänzungen im entsprechenden Kasus aufgefasst werden soll. Als Reflexivierung wollen wir deshalb nur diejenigen Fälle auffassen, in welchen die Einführung eines Reflexivums durch die Präfigierung angenommen werden kann, dem kein voller Satzgliedstatus23 zuzuerkennen ist. So ein Fall liegt in (17a) und (17b) mit swerren 'schwören' – furswerren 'falsch schwören' vor, aber sonst ist ein vergleichbarer Fall nur einmal festzustellen: (17a) uso uuer so suerit bi themo temple ther nist niouuiht therde suerit In gold temples scal. (T 244, 17) Wenn jemand beim Tempel schwört, gilt es nicht. Wer beim Gold des Tempels schwört, soll es tun.
(17b)Thaz man sih ni firsuerie . thaz uuan ih uuizod uuerie / minu uuort thiu uuerrent . thaz ir sar ni suerrent . / (O 2, 19, 7) Meineidig zu sein – glaube ich – verbietet das Gesetz. Meine Worte verbieten, überhaupt zu schwören.
_____________ 22 23
Im Beispiel (16a) fehlt allerdings die dem Genitiv in (16b) entsprechende Ergänzung. Der Satzgliedstatus lässt sich durch verschiedene Kriterien feststellen, z.B. dadurch, ob ihm eine eigenständige Kasusrolle zugeschrieben werden kann.
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Typ V: Reduktion Es ist auch in unserem Korpus anzunehmen, dass die Präfigierung die Reduzierung der Valenzstruktur verursacht. Meist ist davon die Präpositionalergänzung betroffen, wie es bei (18a) und (18b) werfan 'werfen' – ziwerfan 'auseinanderwerfen' beobachtet werden kann. Hierbei handelt es sich um eine relativ große Gruppe, die aus 41 Verbpaaren besteht: (18a) Sie uuurfun tho zi zesue . thaz iro nezzi in then se / in quam sar ingegini . fisgo mihil menigi / (O 5, 13, 15) Sie warfen da ihr Netz nach rechts in den See, sogleich kam eine Menge von Fischen zu ihnen.
(18b)Giang er in thaz gotes hus . dreip se al thanan uz / ziuuarf er al bi noti . thio iro bos.heiti / (O 4, 4, 66) Er ging ins Gotteshaus, trieb sie alle von dort hinaus, und warf all ihr eitles Ding auseinander.
Im vorliegenden Beitrag wollen wir uns aber vorerst auf die Typen mit der Einführung der Akkusativergänzung konzentrieren, die am häufigsten auftreten und als Haupttypen anzusehen sind. Die anderen Typen sollen bei einer künftigen Gelegenheit noch ausführlicher diskutiert werden. 4.1. Gruppe α: Einführung der lokalen Akkusativergänzung Wie aus der obigen Betrachtung hervorgeht, ist die Einführung der Akkusativergänzung in die Valenzstruktur sowohl bei der A- (nur als Präfix) als auch bei der B-Präfigierung (Präfix als auch Partikel) zu beobachten. Aber bei näherer Betrachtung zeigt sich ein gewisser Unterschied im Verhalten der beiden Präfigierungstypen im Zusammenhang mit der Einführung der Akkusativergänzung. Zunächst ist es besonders auffallend, dass die Akkusativierung der nicht-lokalen Präpositionalergänzung des Simplex wie oben in (10a) bis (12b) überwiegend bei der A-Präfigierung anzunehmen ist. Sicherlich kann bei der B-Präfigierung auch die Akkusativierung der Präpositionalergänzung angenommen werden, aber diese scheint weitgehend den Präpositionalergänzungen lokalen Charakters vorbehalten. Dabei handelt es sich meist um Direktivergänzung, wie vorhin die Beispiele (9a) und (9b) mit senten 'senden' – anasenten 'werfen auf'. Zusätzlich könnten Verbpaare wie (19a) und (19b) wenten 'wenden' – anawenten 'anlegen' oder wie (20a) und (20b) sezzen 'platzieren' – furisezzen 'vorlegen' als weitere Beispiele genannt werden, wobei bei (19b) und (20b) wie bei (9b) eine doppelakkusativische
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Valenzstruktur vorliegt. Die Akkusativierung der lokativen Präpositionalergänzung durch die Partikelpräfigierung kann auch wie bei (21a) und (21b) wonen 'bleiben' – ubariwonon 'bleiben über' angenommen werden: (19a) Sie ougun zi imo ouh uuentent . ioh forahtente stantent / ist in harto in muate . uuio er bi sie gibiete / (O 5, 20, 61) Sie richten ihre Augen auf ihn und stehen mit Furcht. Es liegt ihnen schwer am Herzen, wie er über sie entscheidet.
(19b)Druhtin ist er guater . ioh thiarna ist ouh sin muater / er tod sih anauuentit . in themo thritten dage irstaentit / (O 1, 15, 34) Er ist der gnadenvolle Herr, und seine Mutter ist auch Jungfrau. Er erleidet den Tod und er steht am dritten Tag auf.
(20a) merun therra minna nioman habet thanne thaz uuer sin ferah seze furi sina friunta. (T 284, 10) Niemand hat eine größere Liebe, als dass einer für seine Freunde sein Leben hingibt.
(20b)Inti thar uuonet unzir uz faret., ezente Inti trinkente thiu man iuuih furisezze. (T 76, 28) Und bleibt dort, bis ihr weggeht, und esst und trinkt, was man euch vorlegt.
(21a) gifulten tagun mit thiu sie heim uuvrbun. uuoneta ther kneht heilant In hierusalem, Inti ni forstuontun thaz sine eldiron. (T 42, 16) Als die Festtage zu Ende waren, gingen sie heim. Der junge Heiland blieb in Jerusalem. Und seine Eltern erfuhren es nicht.
(21b)Themo auur thaz ni giduat . quimit seragaz muat / ioh uuonot inan ubari . gotes abulgi / (O 2, 13, 38) Wer das nicht tut, wird im Herzen betrübt. Und Gottes Zorn bleibt auf ihm.
Die Akkusativierung der lokalen Präpositionalergänzung kann freilich auch bei der A-Präfigierung angenommen werden, wie es oben bei (8a) und (8b) giozan 'gießen' – bigiazan 'begießen' zu sehen war. Aber eine solche lokalbezogene Valenzstrukturveränderung ist bei den A-Präfigierungen weit weniger ausgeprägt. In meinem Korpus stehen fünf A-Präfigierungs-Verbpaare mit lokalbezogener Valenzstrukturveränderung (Gruppe α) 15 mit nicht-lokaler Valenzstrukturveränderung (Gruppe β) gegenüber, d.h. erstere machen lediglich ein Drittel aus.
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Die Akkusativierung der lokalen Präpositionalergänzung durch die Präfigierung können wir in unserem Korpus bei folgenden Verbpaaren annehmen. Hierbei handelt es sich um Verben, die eine Lokalbezogenheit bereits in der Verbsemantik enthalten, wobei die B-Präfigierungen deutlich dominieren (20 Präfigierungen gegenüber fünf A-Präfigierungen): A-Präfigierung bigiozan '(ver)gießen' – bigiazan 'begießen' stantan 'stehen' – bistantan 'stehen um' werfan 'werfen' – biwerfan 'zuwerfen' firgangan 'gehen' – firgangan 'vorübergehen' loufan 'laufen' – firloufan2 'überholen'24 B-Präfigierung anablasan 'einhauchen' – anablasan 'einhauchen' gangan 'gehen' – anagangan 'herankommen an' leggen 'legen' – analeggen 'anlegen' queman 'kommen' – anaqueman 'kommen zu' senten 'senden' – anasenten 'werfen auf, setzen' wenten1 'wenden' – anawenten 'anlegen'25 werfan 'werfen' – anawerfan 'bewerfen' thuruhfaran 'fahren' – thuruhfaran '(hin)durchgehen' fora / furifaran 'fahren' – forafaran1 'vorbeigehen, vorausgehen'26 gangan 'gehen' – furigangan 'vortreten, vorbeigehen' loufan 'laufen' – furiloufan 'vorrücken, überholen' queman 'kommen' – foraqueman 'zuvorkommen' sezzen 'plazieren' – furisezzen2 'vorlegen'27
_____________ 24 25 26 27
firloufan2 'überholen' ist hier von der intransitiven Variante firloufan1 'laufen' unterschieden. wenten1 'wenden' ist hier von der intransitiven Variante wenten2 'wenden' unterschieden. forafaran1 'vorbeigehen, vorausgehen' ist hier von der den Dativ regierenden Variante forafaran2 'vorbeigehen, vorausgehen' unterschieden. furisezzen2 'vorlegen' ist hier von der bitransitiven Variante furisezzen1 'vorlegen' unterschieden.
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ingangan 'gehen' – ingangan2 'gehen in' ubargangan 'gehen' – ubargangan 'übergehen' faran 'fahren' – ubarfaran 'hin(weg)gehen über' wonen 'bleiben' – ubariwonon 'bleiben über' umbibisehan 'sehen, sorgen für' – umbibisehan 'umherblicken' gangan 'gehen' – umbigangan 'herumgehen (um)' graban 'graben' – umbigraban 'mit einem Graben umgeben' 4.2. Gruppe β: Einführung der nicht-lokalen Akkusativergänzung Hingegen überwiegen die A-Präfigierungen bei der Akkusativierung der nicht-lokalen Präpositionalergänzung, wie wir sie oben bei den Beispielen (1a) und (1b) mit jammern – bejammern oder den althochdeutschen Beispielen (10a) bis (12b) mit ruohhen 'beachten' – biruahhen 'Sorge tragen für', swihhan 'im Stich lassen' – biswihhan 'betrügen' oder liuhten 'leuchten' – inliuhten '(er)leuchten, sehend machen; hell werden' beobachtet haben. Bei dieser Gruppe handelt es sich um Verben, bei denen die Bewegung oder die Positionierung nicht in der Bedeutung vorliegt. Dabei ist die Ergänzung des Simplex, die der Akkusativergänzung der Ableitung entspricht, nicht nur auf die Präpositionalergänzung beschränkt. So wollen wir im Folgenden die betreffenden Verbpaare auflisten, wobei auch auf die mutmaßlichen Ausgangsformen geachtet wird: Ausgangsform: Genitiv A-Präfigierung biruohhen 'beachten' – biruahhen 'Sorge tragen für' sworgen 'in Sorge sein wegen' – bisworgen 'Sorge tragen für' trahton 'betrachten' – bitrahton 'erwägen' firlougnen 'verleugnen' – firlougnen 'verleugnen' irfaren 'nachstellen' – irfaren 'ergreifen' jehan 'sagen' – irgehan 'zeugen von'
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B-Präfigierung ubarhogen / huggen 'denken an' – ubarhugen 'verachten' Ausgangsform: Dativ A-Präfigierung biswihhan 'im Stich lassen' – biswihhan 'betrügen' wankon 'wanken' – biwankon 'unterlassen' firgeltan2 'vergelten' – firgeltan2 'vergelten'28 Ausgangsform: Präpositionalphrase A-Präfigierung bizellen2 'zuschreiben' – bizellen 'beschuldigen'29 irrahhon 'erzählen' – arrahhon 'erzählen' B-Präfigierung anazellen2 'zuschreiben' – anazellen 'beschuldigen' ubarwinnan 'kämpfen' – ubarwinnan 'besiegen' Ausgangsform: unklar A-Präfigierung biscinan 'scheinen' – biscinan 'bescheinen' firsprehhan 'sprechen' – firsprehhan 'sprechen für' intliuhten 'leuchten' – inliuhten2 '(er)leuchten, sehend machen; hell werden' _____________ 28 29
geltan2 'vergelten' und firgeltan2 'vergelten' sind jeweils von der Variante geltan1 'geben' bzw. firgeltan1 'geben' unterschieden. zellen2 ist hier von der Variante zellen1 'erzählen' unterschieden.
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irsuohhen 'suchen' – irsuohhen2 'durchsuchen, verhören' B-Präfigierung untarweban 'weben' – untarweban 'untereinander verweben' Hier ist die Überlegenheit der A-Präfigierungen (15 Präfigierungen gegenüber vier B-Präfigierungen) deutlich zu erkennen. So kommt der Verdacht auf, dass die Nähe der B-Präfigierung zur Partikel wohl zu einer bevorzugten Lokalbezogenheit der Valenzstrukturveränderung führt. Die Präfixe sind nämlich generell weniger lokalbezogen, während die Partikeln hingegen freier vom Verb sind als die Präfixe, so dass die Nähe zum Lokaladverb stärker zum Vorschein kommt.
5. Besondere Transitivierungsfunktion der B-Präfigierung Ferner fällt auf, dass bei einigen B-Präfigierungen der Gruppe α Valenzstrukturveränderungen beobachtet werden können, die im Gegenwartsdeutschen nicht möglich sind. So haben wir bereits oben bei (9b) mit anasenten 'werfen auf', (19b) mit anawenten 'anlegen' und (20b) mit furisezzen 'platzieren' aus der gegenwartsdeutschen Sicht ungewöhnliche Valenzstrukturveränderungen gesehen, die eine doppelakkusativische Struktur herstellen. Allerdings ist es nicht nur die doppelakkusativische Valenzstruktur an sich, die hier auffällt. Vielmehr ist es interessant, dass die B-Präfigierungen, die den gegenwartsdeutschen Partikeln entsprechen, auch die Akkusativeinführung zu ermöglichen scheinen, obwohl dies im Gegenwartsdeutschen beinahe nicht möglich ist. Als Beispiel hierfür können (22a) und (22b) mit gangan 'gehen' – furigangan 'vortreten, vorbeigehen' und (23a) und (23b) mit wonen 'bleiben' – ubariwonon 'bleiben über' hinzugefügt werden. Hier werden intransitive Verben transitiviert, wobei als a-Beispiele Sätze mit Simplizia mit entsprechenden Präpositionalergänzungen angegeben sind: (22a) Zit uuard tho gireisot . thaz er giangi furi got . / opphoron er scolta . bi thie sino sunta . / (O 1, 4, 11) Da war die Zeit gekommen, in der er zu Gott gehen und für seine Sünde Opfer bringen sollte.
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(22b)In thero fiordun uuahtu thero naht gisehenti sie uuinnente quam zi in ganganter oba themo seuue. Inti uuolta furigangan sie (T 119, 17) In der vierten Nachtwache sah er, dass sie sich abmühten, und kam zu ihnen auf dem See gegangen und wollte an ihnen vorübergehen.
(23a) gifulten tagun mit thiu sie heim uuvrbun. uuoneta ther kneht heilant In hierusalem, Inti ni forstuontun thaz sine eldiron. (T 42, 16) Als die Festtage zu Ende waren, gingen sie heim. Der junge Heiland blieb in Jerusalem. Und seine Eltern erfuhren es nicht.
(23b)Themo auur thaz ni giduat . quimit seragaz muat / ioh uuonot inan ubari . gotes abulgi / (O 2, 13, 38) Wer das nicht tut, wird im Herzen betrübt. Und Gottes Zorn bleibt auf ihm.
Vor dem Hintergrund der bisher besprochenen Beispiele können wir annehmen, dass im Althochdeutschen bei der Einführung der Akkusativergänzung in die Valenzstruktur den Präfixen und Partikeln jeweils unterschiedliche Operationen zugrunde liegen. Die Präfixe, die sich wesentlich früher als Verbzusatz etabliert haben als die Partikeln, haben generell weit mehr lokalen Bezug eingebüßt als die Partikeln.30 Die Präfixe bi-, ir-, fir-, die in meinem Korpus am häufigsten auftreten, stellen eine klitisierte Form dar, die die Verwandtschaft mit den entsprechenden Präpositionen oder Adverbien umbi, uz, furi nicht unmittelbar erkennen lassen. Bei der Präfigierung erwirken sie auch nicht immer eine Bedeutungsmodifikation, die als lokal zu charakterisieren wäre. Hingegen behalten die Partikeln die gleiche Form wie die entsprechenden Präpositionen oder Lokaladverbien bei und bringen häufiger als die Präfixe Bedeutungskomponenten in die Bedeutungsstruktur des Ausgangsverbs ein, denen lokative Eigenschaften unterstellt werden können. Die Präfixe, die bereits im Gotischen weitgehend enklitisiert sind, sind möglicherweise in althochdeutscher Zeit als grammatisches Mittel für die Valenzstrukturveränderung etabliert. So vermochten sie wohl relativ frei die Akkusativeinführung zu erwirken. Hingegen sind die Partikeln entsprechend ihrer historischen Wurzel stärker an die lokale Bedeutung gebunden und im Grammatikalisierungsgrad den Präfixen in dem Sinne unterlegen, dass sie nur lokative Substantive akkusativieren. Aber sie hatten womöglich als valenzmodifizierendes Mittel mehr Möglichkeiten als _____________ 30
Der lokale Bezug ist bei den Präfixen durch- und um- noch mitunter zu spüren, aber generell ist der Abbau der Lokalbezogenheit bei den Präfixen deutlicher als bei den Partikeln.
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im Gegenwartsdeutschen, die Valenzstruktur um ein lokatives Argument zu erweitern.
6. Unterschiedliche Entwicklung der A- und B-Präfigierung zum Gegenwartsdeutschen Im Hinblick auf die Entwicklung zum Gegenwartsdeutschen hin ist interessant, dass man annehmen kann, dass sich die Präfixe und Partikeln unterschiedlich entwickelt haben. Im Gegenwartsdeutschen ermöglicht die Partikel-Präfigierung grundsätzlich keine Transitivierung der Intransitiva. Eine Ausnahme bildet dabei die Partikel an- wie im bereits angesprochenen Beispiel (5), der wohl ein Sonderstatus zukommt. Aber sonst ist eine vergleichbare Valenzstrukturveränderung bei den anderen Partikeln nicht zu verzeichnen. So besteht der Verdacht, dass die Transitivierungsfunktion der Partikel im Laufe der Zeit reduziert worden ist. Außerdem ist im Gegenwartsdeutschen bei der Ableitung aus einem transitiven Ausgangsverb die Valenzstrukturveränderungsfunktion der Partikeln kaum ausgeprägt. Das einzige Beispiel, das ich gefunden habe, ist (24) mit anschreiben; hier kodiert der Akkusativ nicht das Objekt des Ausgangsverbs schreiben, sondern den Adressaten. Dies spricht ebenfalls für den Rückgang der Valenzstrukturveränderungsfunktion der Partikel. (24) Mein Schuldenberater hat meine Gläubiger per E-Mail angeschrieben. Dieser Umstand steht im deutlichen Gegensatz zum Präfix, dessen Valenzstrukturveränderungsfunktion im Laufe der historischen Entwicklung massiv an Bedeutung zunimmt. Von dieser Funktion wird im Gegenwartsdeutschen nachweislich weit mehr Gebrauch gemacht als im Althochdeutschen.31 Es ist sicherlich nicht abzustreiten, dass sich die Funktionsbereiche des Präfixes und der Partikel überlagern. Aber das Verhalten der Präfixe und Partikeln ist sowohl im Alt- als auch im Gegenwartsdeutschen unterschiedlich. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die beiden Kategorien unterschiedliche Entwicklungsprozesse erfahren haben. Dies ist eine vorläufige Bilanz, der Gegenstand muss aber noch eingehender untersucht werden, wobei natürlich auch die Veränderungstypen, die im Rahmen des vorliegenden Beitrags nicht behandelt wurden, mit in die Überlegung einbezogen werden müssen. _____________ 31
Vgl. Kuroda (2007).
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Susumu Kuroda
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Inkorporation im Althochdeutschen
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Pronominale Wiederaufnahme im ältesten Deutsch Personal- vs. Demonstrativpronomen im Althochdeutschen∗
Svetlana Petrova und Michael Solf (Berlin)
1. Untersuchungsgegenstand Der vorliegende Beitrag untersucht die Distribution von Personalpronomen und selbständig (substantivisch) gebrauchten Demonstrativpronomen der dritten Person im älteren Deutsch. Leseproben aus verschiedenen Quellen der ältesten deutschsprachigen Überlieferung zeigen, dass Formen der beiden Pronominalreihen bereits im Althochdeutschen parallel auftreten, um einen vorerwähnten Diskursreferenten zu benennen, d.h. sie fungieren gleichermaßen als Mittel der anaphorischen Referenz im Diskurs. Zur Verdeutlichung führen wir ein Minimalpaar aus dem ahd. Tatian an. Ein im vorangehenden Kontext in Form eines indefinit gebrauchten Nomens (sun) eingeführter Diskursreferent wird in (1) mittels des Personalpronomens her, in (2) mittels des selbständig gebrauchten Demonstrativpronomens ther wiederaufgenommen: (1)
thin quena elysab&h / gibirit thir sun. / Inti nemnis thû sinan namon Iohannem. / Inti her ist thir gifeho Inti blidida/ […] her ist uuârlihho mihhil fora truhtine (T 26, 25-30)
(2)
seno nu Inphahis In reue Inti gibiris sun. / Inti ginemnis sinan namon heilant, / ther ist mihhil. Inti thes hoisten sun / ist ginemnit (T 28, 17-20)
_____________ ∗
Der vorliegende Beitrag entstand im Rahmen unserer Arbeit im DFG-finanzierten Sonderforschungsbereich „Informationsstruktur: die sprachlichen Mittel der Gliederung von Äußerung, Satz und Text“ der Universität Potsdam und der Humboldt-Universität zu Berlin. Für wertvolle Anregungen danken wir Milena Kühnast (ZAS Berlin) und Augustin Speyer (Tübingen).
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Svetlana Petrova / Michael Solf
Weitere Belege zeigen, dass sich der anaphorische Gebrauch selbständiger Demonstrativpronomen im Althochdeutschen nicht nur auf die sog. einfachen Formen wie ther in (2) beschränkt, sondern auch die zusammengesetzten Formen wie theser in (3) umfasst. Wir betrachten daher beide Formen der Demonstrativpronomen als eine einheitliche Klasse referierender Ausdrücke im Diskurs: (3)
oba theser uuari uuizago / her uuessi iz giuuesso (T 238, 10-11)
Auf den ersten Blick sind weder Kriterien zu erkennen, die die Setzung des Personal- oder des Demonstrativpronomens bestimmen, noch semantische Unterschiede festzustellen, die mit der Wahl der jeweiligen ProForm einhergehen. Insbesondere in Beispielen wie jenen in (1) und (2) ist man kaum in der Lage, Anhaltspunkte für grammatische Faktoren zu finden, die die Distribution der beiden Pronominalreihen in anaphorischer Funktion steuern. Vielmehr fällt auf, dass die Kontexte, in denen die beiden Pronomen auftreten, inhaltlich und lexikalisch vollkommen identisch sind: Es wird jeweils die Geburt eines Sohnes prophezeit, über den im nachfolgenden Satz eine Aussage getroffen wird. Damit liegt zwar die Vermutung nahe, dass es sich hierbei um freie Varianten handelt, die ohne einen erkennbaren semantischen Unterschied eingesetzt werden können. Wie aber in Abschnitt 3 zu zeigen sein wird, wäre das nach allem, was wir über Anapherresolution wissen, überraschend. Im Folgenden soll deshalb untersucht werden, ob die Verwendung von Personal- vs. Demonstrativpronomen als Mittel der anaphorischen Referenz im Althochdeutschen tatsächlich optional ist oder bestimmten Regeln unterliegt.
2. Forschungsrückblick Die Frage nach den Parametern, die die Setzung von Personal- und selbständig gebrauchten Demonstrativpronomen im Althochdeutschen bestimmen, ist unseres Wissens in der bisherigen Althochdeutschforschung noch nicht eingehend untersucht worden. Die einschlägigen historischen Standardwerke geben keine Auskunft darüber, dass die Verwendung von Formen der beiden Pronominalreihen in irgendeiner Art und Weise geregelt bzw. mit semantischen Interpretationseffekten verbunden sein kann. Als zentral galt bislang die Frage nach der Herkunft der jeweiligen Flexionsformen. In dieser Tradition steht auch die Arbeit von Lühr (1991), die sich der Entstehung der erweiterten Formen des Demonstrativ- und Relativpronomens denen, deren, derer und dessen im Frühneuhochdeutschen widmet. Es handelt sich dabei ausgerechnet um jene Formen des einfachen Demonstrativpronomens, die sich von den entsprechenden Paradigmen-
Pronominale Wiederaufnahme im Althochdeutschen
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stellen beim bestimmten Artikel (hier den, der, der und des) im heutigen Standarddeutschen unterscheiden. Die Bedingungen für den Gebrauch der Demonstrativa gegenüber dem Personalpronomen werden bei Lühr (1991) aber nicht weiter untersucht. Ähnlich verhält es sich in den Spezialuntersuchungen, die sich insbesondere in jüngster Zeit gezielt mit den Formen der Wiederaufnahme im ältesten Deutsch auseinandersetzen. Der Gebrauch von selbständigen Demonstrativpronomen als Mittel der anaphorischen Referenz wird in einigen von ihnen1 knapp erwähnt, eine semantische Opposition zu der Wiederaufnahme durch Personalpronomen wird jedoch nicht thematisiert. Erst in jüngster Zeit, in der Arbeit von Solf (2008), wird die Frage nach den Parametern gestellt, die für die Setzung des Demonstrativpronomens gegenüber dem Personalpronomen im Althochdeutschen relevant sind. Die dort im Rahmen eines Teils der Studie dokumentierten Beobachtungen werden in der vorliegenden Arbeit erneut aufgegriffen und im größeren Kontext der modernen theoretischen Diskussion zur Anapherresolution erörtert.
3. Er vs. der im Neuhochdeutschen Auch im heutigen Deutschen besteht im Bereich der anaphorischen Wiederaufnahme Varianz zwischen Personal- und selbständig gebrauchten Demonstrativpronomen der dritten Person. Wie die Beispiele in (4) zeigen, ist die Wiederaufnahme des im vorangehenden Satz etablierten Diskursreferenten eine Frau sowohl durch das Personalpronomen sie in (4a) als auch durch das Demonstrativpronomen die in (4b) möglich. Die verwendeten Subskripte zeigen die jeweilige Identität von Referenten an, d.h. gleiche Indizes stehen für die Koreferenz von Antezedens und Anapher: (4)
Paul sah eine Fraui kommen. (4a)
Siei trug einen schwarzen Mantel.
(4b)
Diei trug einen schwarzen Mantel.
Beispiele wie jene in (4) haben zu der Auffassung geführt, dass die beiden Pronominalreihen im heutigen Deutsch weitgehend funktionsidentisch _____________ 1
Valentin (2003, 180f.) erwähnt die anaphorische Wiederaufnahme durch selbständig gebrauchte Demonstrativpronomen bei Otfrid, wobei als Beispiele dafür lediglich Neutra genannt werden, die sich nicht auf konkrete Diskursreferenten beziehen, sondern vorab dargestellte Ereignisse oder Aussagen zusammenfassend bezeichnen. Auch Lefevre (2005, 225) gibt einen kurzen Hinweis auf den anaphorischen Gebrauch von selbständigen Demonstrativa im 17. Jh.
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sind, wobei die Wahl des Demonstrativpronomens als eine vorwiegend für die Umgangssprache typische Erscheinung beurteilt wird. Frühere Ausgaben der Duden-Grammatik geben dazu folgenden Hinweis: „Die Rückweisung im Nominativ, Dativ oder Akkusativ Singular oder Plural durch der usw. statt durch das Personalpronomen wird oft als umgangsprachlich empfunden und in der Literatur stilistisch genutzt“ (1995, 333). Die Wahl zwischen den beiden Pronominalreihen wird damit zu einer Frage des Stils erklärt. In der Neubearbeitung zur siebten Ausgabe der Duden-Grammatik (2006) fehlen Angaben über eine rein stil- bzw. registergesteuerte Verwendung von Personal- vs. Demonstrativpronomina im Gegenwartsdeutschen. Darüber hinaus führen neuere Untersuchungen zur Pronominalresolution wie Abraham (2002), Bosch u.a. (2003, 2007), Bosch und Umbach (2007) Beispiele an, in denen die Wahl von Formen der beiden Pronominalreihen Unterschiede in der Auflösung der Referenzbeziehungen nach sich zieht und damit Einfluss auf die semantische Interpretation der Aussage nimmt. Betrachten wir die Möglichkeiten der pronominalen Auflösung in (5a) vs. (5b): (5)
Pauli wollte mit Peterj laufen gehen, (5a)
aber eri / j war erkältet.
(5b)
aber der*i / j war erkältet. (Vgl. auch Bosch u.a. 2007, 146)
Der Satz in (5a) ist ambig: Obwohl eine klare Präferenz festgestellt wird, das Personalpronomen er auf das Subjekt des vorangehenden Satzes, also auf Paul, zu beziehen, ist ein Bezug durch er auf das Objekt, also auf Peter, ebenfalls möglich. Diese Ambiguität verschwindet, wenn man anstatt des Personalpronomens das Demonstrativum der einsetzt, vgl. (5b). In diesem Fall bezieht sich das Demonstrativpronomen ausschließlich auf denjenigen Referenten, der im Objekt des vorangehenden Satzes realisiert ist, also auf Peter. Dagegen ist ein Bezug von der auf das Subjekt des vorangehenden Satzes, also auf Paul, nicht möglich. Ein Asterisk vor dem jeweiligen Referenzindex in (5b) signalisiert, dass die Referenzidentität zwischen der und Paul blockiert ist. Damit steht fest, dass die Wahl des Pronomens bei Vorliegen mehrerer potentieller Bezugsreferenten Auswirkungen auf die pronominale Resolution haben kann. Die Distribution von Personal- vs. Demonstrativpronomen im heutigen Deutsch ist demnach nicht optional oder registergesteuert. Es steht zu überprüfen, ob im System des ältesten Deutsch ähnliche semantische Effekte zu beobachten sind, die mit der Wahl der jeweiligen Form der anaphorischen Wiederaufnahme verknüpft sind.
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4. Grammatischer Exkurs: Salienz und Anapherresolution Von entscheidender Bedeutung für unsere Fragestellung sind demnach die Faktoren, die für die Wahl von referierenden Ausdrücken im Diskurs verantwortlich sind. Damit ist ein zentraler und hochaktueller Untersuchungsgegenstand der modernen diskursorientierten Linguistik benannt, der in jüngster Zeit zu einer Vielzahl von Lösungsansätzen im Rahmen verschiedener theoretischer Richtungen geführt hat. Ausgangspunkt der Kontroverse um die Prinzipien der Anapherresolution ist die Beobachtung, dass Sprachen über eine Vielzahl von formal unterschiedlichen Mitteln verfügen, um auf ein und dieselbe Entität im Diskurs zurückzuverweisen. Dieses Phänomen bezeichnet man in der heutigen Literatur als Referential Choice. Allen Ansätzen gemeinsam ist dabei die Ansicht, dass zwischen der Form des referierenden Ausdrucks und dem kognitiven Status des Antezedens ein enger Zusammenhang besteht. Die Bandbreite von Ausdrucksformen der anaphorischen Referenz reicht – über die Einzelsprachen hinaus betrachtet – von vollen lexikalischen Phrasen über verschiedene pronominale Mittel bis hin zu NullElementen. Dadurch ergibt sich eine Skala von Ausdrucksmitteln, deren Grad an lexikalischer Explizitheit kontinuierlich abnimmt: (6)
volle definite Phrase > pronominale Mittel > Null-Element
Es wird allgemein angenommen, dass sich die lexikalische Explizitheit der Anapher umgekehrt proportional zum Grad der Aktiviertheit bzw. Zugänglichkeit des Referenten in der jeweiligen Phase im Diskurs verhält: Je weniger aktiviert bzw. zugänglich der Referent eines Ausdrucks ist, desto lexikalisch expliziter ist die Form, mit der er bezeichnet wird. Der Grad der Aktiviertheit bzw. Zugänglichkeit eines Diskursreferenten im gemeinsamen Wissensbereich von Sprecher und Hörer zu einer bestimmten Phase im Diskurs wird mit dem Begriff Salienz bezeichnet. Mit anderen Worten hängt die Form eines referierenden Ausdrucks mit der Salienz des entsprechenden Antezedens zusammen. Auf unser Problem übertragen bedeutet das, dass für die Distribution von Personal- vs. Demonstrativpronomen im Deutschen die Salienzeigenschaften der zugrunde liegenden Bezugsreferenten von Bedeutung sind. Aber welche Faktoren sind für die Ermittlung des Salienzstatus von Diskursreferenten relevant? Genau an diesem Punkt unterscheiden sich die Antworten, die uns die verschiedenen theoretischen Richtungen innerhalb der gegenwärtigen Forschung bieten. Wir geben einen kurzen Überblick über die relevantesten Ansätze und ihre Kernaussagen.
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4.1. Salienz und grammatische Funktion von Ausdrücken Die Centering Theory, eine der Theorien, die sich am intensivsten mit Fragen der Anapherresolution und Salienzskalierung befassen, verbindet die Salienz von Referenten mit der grammatischen Funktion, die der sie bezeichnende Ausdruck im Subkategorisierungsrahmen des regierenden Verbs im vorangehenden Satz einnimmt. Brennan u.a. (1987, 156) schlagen folgende Anordnung von grammatischen Relationen in Hinblick auf die Salienz der in ihnen benannten Diskursreferenten vor: „[F]irst the subject, object, and object2, followed by other subcategorized functions, and finally adjuncts“. Demnach ergibt sich folgende Skalierung von grammatischen Relationen, die den Salienzgrad von Diskursreferenten bestimmen: (7)
Subjekt > Objekt [1] > Objekt [2] > … > Adjunkte
Dieses Schema lässt sich wie folgt interpretieren: Der Referent, der in der grammatischen Funktion des Subjekts realisiert wurde, stellt den salientesten Diskursreferenten für den Folgediskurs bereit. Ihm folgt der Referent des Objekts, das vom lexikalischen Verb, also als Schwester von V°, selegiert wurde. Dieser ist wiederum salienter als der Referent des Objekts, das von einer Zwischenprojektion V’, d.h. von der Verbindung des lexikalischen Verbs mit seinem ersten Objekt, gefordert wurde. Schließlich folgen die Referenten, die in der Funktion von Modifikatoren (Attributen) bzw. Adjunkten (Umstandsangaben) auftreten. Am Beispiel eines dreiwertigen Transferverbs wie dt. geben bedeutet dies, dass hier das Subjekt salienter ist als das direkte Akkusativobjekt, dieses salienter ist als das indirekte Dativobjekt, welches salienter ist als die Referenten in Modifikatoren oder Adjunkten der Aussage, vgl. (8): (8)
Salienzskala der Referenten eines dreiwertigen Transferverbs wie geben: Nom-Subjekt > Direktes Objekt > Indirektes Objekt > Rest
Bezogen auf die Verhältnisse in unserem Ausgangsfall in (1) und (2) bringt dieser Ansatz noch keine entscheidende Lösung mit sich: Es ist unschwer zu erkennen, dass hier verschiedene Formen der anaphorischen Wiederaufnahme für Referenten gebraucht werden, deren Antezedentien ein und dieselbe grammatische Funktion im vorangehenden Diskurs ausüben, nämlich die des direkten Objekts.
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4.2. Salienz und Gegebenheit Ein anderer prominenter Ansatz geht von der Annahme aus, dass der Salienzgrad von Diskursreferenten mit ihrer kognitiven Zugänglichkeit, also mit ihrer Gegebenheit im aktuellen Diskursabschnitt zusammenhängt. Demnach ist für die Salienzskalierung von Bedeutung, ob ein Diskursreferent im gegebenen Kontext eine bereits bekannte oder eine neue Entität darstellt. Doch insbesondere seit der Arbeit von Prince (1981) steht fest, dass die Zugänglichkeit von Referenten kaum mehr mit der traditionellen Dichotomie von gegeben vs. neu erfasst werden kann. Prince macht deutlich, dass dieses Begriffspaar nicht ausreicht, um sämtliche im Diskurs vorkommenden Stufen der kognitiven Aktiviertheit von Referenten zu benennen. Stattdessen wird eine neuartige Typologie vorgeschlagen, die auf der Dreiteilung von gegebener, inferierbarer und neuer Information basiert und darüber hinaus weitere Differenzierungen innerhalb dieser Kategorien unternimmt. Die Begriffe gegeben und neu – oder die jeweiligen Unterklassen dieser Begriffe – stellen damit die Endpole einer skalaren Anordnung von Kategorien dar, die von der expliziten Vorerwähnung im unmittelbar vorangehenden Kontext über verschiedene Arten der Erschließbarkeit aus dem Diskurshintergrund bzw. aus dem Weltwissen der Diskurspartizipanten heraus bis hin zur Neueinführung brandneuer Entitäten reicht. Gundel u.a. (1993) vertreten die Ansicht, dass den unterschiedlichen Gegebenheitsstufen von Referenten im Diskurs unterschiedliche formale Mittel der Wiederaufnahme entsprechen. Sie stellen in Anlehnung an Prince (1981) eine Hierarchie von sechs Gegebenheitsstufen zusammen. Ihnen werden die formalen Mittel zugeordnet, die in einer Vielzahl von Sprachen als Korrelat der jeweiligen Gegebenheitsstufe identifiziert wurden. Die ermittelten Ausdrucksformen reichen von unbetonten Personalpronomen über verschiedene semantische Arten von Definitphrasen bis hin zu Indefinitphrasen, vgl. (9): (9)
The Givenness Hierarchy von Gundel u.a. (1993) in focus >
activated >
familiar >
uniquely identifiable >
{that N}
{the N}
referential >
type identifiable
that {it}
this
{indefinite this N}
{a N}
his N
Es liegt nahe, die von uns untersuchten Mittel der anaphorischen Wiederaufnahme – die Personal- und selbständig gebrauchten Demonstrativpro-
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Svetlana Petrova / Michael Solf
nomen im Deutschen – mit den von Gundel u.a. (1993) vorgesehenen Ausdrücken it und that / this zu identifizieren. Demzufolge stellt das Personalpronomen in der Regel den Bezug auf unmittelbar vorerwähnte, im Mittelpunkt der Auseinandersetzung im Diskurs liegende Entitäten her. Das Demonstrativpronomen nimmt ebenfalls Bezug auf Entitäten, die sich im Kurzzeitgedächtnis der Partizipanten befinden; es kann aber kontextuell ferner liegende Antezedentien wiederaufnehmen bzw. Einheiten bezeichnen, die zwar noch nicht explizit benannt wurden, aber zum unmittelbaren sprachlichen oder außersprachlichen Kontext gehören. Gundel u.a. (1993) räumen jedoch ein, dass jeder referierende Ausdruck aus dem Inventar in (9) nicht nur auf Referenten mit der jeweils zugewiesenen Gegebenheitsstufe verweist, sondern auch auf alle schwächeren Stufen, d.h. auf die Stufen, die sich jeweils links in der Skala befinden. Bezogen auf unseren Untersuchungsgegenstand ergibt sich daraus, dass sich das selbständig gebrauchte Demonstrativum sowohl auf die Gegebenheitsstufe activated als auch auf die links davon eingeordnete Stufe in focus beziehen kann. Mit anderen Worten kann die Wahl eines Demonstrativums als Mittel der anaphorischen Referenz im Diskurs denselben Bedingungen unterliegen, die auch für die Wahl eines Personalpronomens gelten. In unserem Ausgangsfall in (1) und (2) trifft das genau zu: Den Unterschieden auf der Formseite der gewählten Ausdrucksmittel stehen identische Verhältnisse in Hinblick auf den kontextuell rekonstruierbaren Gegebenheitsstatus der Antezedentien gegenüber. Darüber hinaus machen Bosch und Umbach (2007) auf eine Besonderheit im Gebrauch von Personal- und Demonstrativpronomen im Deutschen aufmerksam, die in unmittelbarem Widerspruch zu der von Gundel u.a. (1993) gegebenen Differenzierung der semantischen Eigenschaften von Ausdrucksformen der Stufen activated und in focus steht. Wie (10) zeigt, sind im Deutschen sowohl Personal- als auch Demonstrativpronomen in der Lage, einen Referenten zu benennen, der kein explizites Antezedens im jeweiligen Kontext aufweist, sondern aus der jeweiligen Diskurssituation erschließbar ist. So ist die Verwendung beider ProFormen in (10) auch ohne Vorerwähnung des Referenten möglich, z.B. in der Situation, wenn jemand einen Raum betritt und sieht, dass eine Person versucht, einen vollen Bücherschrank von der Stelle zu rücken: (10) Wenn du die Bücher nicht rausnimmst, kriegst du ihn / den nie von der Stelle. (Vgl. Bosch / Umbach 2007, 47) Demnach muss man nach weiteren Kriterien suchen, um die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede in der Verwendung von Personal- vs. Demonstrativpronomen im Deutschen zu erklären.
Pronominale Wiederaufnahme im Althochdeutschen
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4.3. Salienz und Informationsstruktur Bosch und Umbach (2007) gelangen zu der Einsicht, dass für die Ermittlung des Salienzstatus von Diskursreferenten die informationsstrukturelle Gliederung der vorangehenden Äußerung ausschlaggebend ist. Den salientesten Diskursreferenten stellt nach ihnen das bereits etablierte Topik der vorangehenden Aussage bereit.2 Unterschiede in der Referenz anaphorischer Ausdrücke sind demnach dann zu erwarten, wenn der unmittelbar vorangehende Kontext eine klare Topik-Kommentar-Gliederung erkennen lässt und wenn neben dem Topik ein weiterer nicht-topikaler Referent als potentieller Kandidat der Anapherresolution in Frage kommt. Gegenüber früheren Modellen der Salienzskalierung bringt dieser Ansatz Vorteile in mehreren wesentlichen Punkten mit sich. Zum einen sieht er vor, dass auch Nicht-Subjekte den ranghöchsten Diskursreferenten der nachfolgenden Äußerung bereitstellen können, wenn sie bereits als Topik der Aussage etabliert worden sind. Zum anderen ergibt sich hiermit die Möglichkeit, Differenzierungen zwischen mehreren gleichermaßen vorerwähnten Diskursreferenten vorzunehmen, denn in der Regel hat nur einer von ihnen das Topik der vorangehenden Aussage bereitgestellt. Anhand des Faktors Topikalität ermitteln Bosch und Umbach (2007) den relevanten Parameter, der die Distribution von Personal- vs. Demonstrativpronomen im Gegenwartsdeutschen bestimmt. Sie zeigen, dass Demonstrativpronomen eine Präferenz für nicht-topikale Konstituenten aufweisen, unabhängig davon, ob diese als Subjekt oder Nicht-Subjekt der vorangehenden Äußerung fungieren. Einschlägig sind in diesem Zusammenhang die Beispiele in (11a und b). Der Kontext etabliert den Referenten Karl als Topik der nachfolgenden Aussagen, während Peter Teil der assertierten (neu hinzugefügten) Information im Erstkonjunkt von (11a und b) ist und daher in diesen Sätzen nicht als Topik in Frage kommt. In solchen Fällen ist der Bezug des Demonstrativpronomens der auf das Topik Karl grammatisch nicht möglich: (11) Woher Karli das weiß? (11a) Peterj hat es ihmi gesagt. Derj / *i war gerade hier. (11b) Eri hat es von Peterj gehört. Derj / *i war gerade hier. (Vgl. Bosch und Umbach 2007, 48) _____________ 2
Auch Strube und Hahn (1999) vertreten die Ansicht, dass entgegen der ursprünglichen Auffassung der Centering Theory von Brennan u.a. (1987) nicht die grammatische Rolle, sondern vor allem die informationsstrukturellen Eigenschaften des Antezedens für die Salienzermittlung von Bedeutung sind. Strube und Hahn (1999) beschränken sich dabei jedoch lediglich auf den Gegebenheitsstatus des Referenten im Diskurs, was stark in Richtung des bereits diskutierten Ansatzes von Gundel u.a. (1993) rückt.
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Svetlana Petrova / Michael Solf
Der Unterschied in den Referenzeigenschaften von Personal- und Demonstrativpronomen im heutigen Deutsch liegt also darin, dass Demonstrativa ein topikales Antezedens abweisen.3 Folglich nimmt der informationsstrukturelle Faktor Topikalität Einfluss auf den Salienzgrad der Referenten im Diskurs. 4.4. Salienz und Diskursstrukturierung Aber wie lange gilt der hohe Salienzstatus eines bereits etablierten Topiks im Diskurs? Wie verhalten sich bereits etablierte Topik-Referenten im Rahmen größerer Diskursabschnitte, z.B. über Episoden- und Kapitelgrenzen hinweg? Eine Antwort darauf vermitteln uns Ansätze, die bei der Salienzbewertung nicht nur die Eigenschaften des Antezedens, sondern auch den Aufbau des Diskurses berücksichtigen wollen. Ein solches Modell haben Grüning und Kibrik (2005) vorgestellt. Es kann deshalb als ein multifaktorielles Modell der Salienzbewertung bezeichnet werden, weil es nicht die Isolierung bzw. die Identifikation eines einzelnen relevanten Parameters der Salienzskalierung in den Vordergrund stellt, sondern davon ausgeht, dass verschiedene Parameter bei der Salienzbewertung von Diskursreferenten interagieren. Grüning und Kibrik (2005) differenzieren folgende zwei Gruppen von salienzsteuernden Faktoren:
_____________ 3
Als Folge dieser Generalisierung ergibt sich Abrahams Beobachtung, dass Demonstrativa als Anaphern von Pronomen generell unnatürlich sind. In (1)-(2) sind durch die jeweiligen Pronomen im Zweitkonjunkt jeweils verschiedene Referenten des Erstkonjunkts als Topiks instantiiert. In beiden Fällen ist ein Verweis auf diese Topiks durch das Demonstrativpronomen im Drittkonjunkt ausgeschlossen: (1) Hansi traf Alfonsj. Eri trug einen Regenmantel. Der*i fror trotzdem. (2) Hansi traf Alfonsj. Derj trug einen Regenmantel. Der*j fror trotzdem. (Abraham 2002, 461).
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•
Eigenschaften des Antezedens: Zu nennen sind dabei die weiter oben erläuterten Faktoren wie Gegebenheit, grammatische Funktion‚ Topikalität4 usw.5
•
Eigenschaften des Diskursaufbaus: die Einteilung des Textes in Episoden, Abschnitte, Kapitel etc.
Ausschlaggebend ist der Gedanke, dass der Beginn einer neuen Diskurssequenz den Salienzstatus von Referenten senkt, d.h. die Salienz eines Referenten minimiert, selbst wenn alle anderen Faktoren für einen hohen Salienzstatus des Referenten aus der Beschaffenheit des vorangehenden Satzes zutreffen. Im konkreten Fall bedeutet das, dass ein Referent, der im vorangehenden Diskurs als Topik der Aussage fungiert, mit Beginn einer neuen Diskurssequenz den Wert des salientesten Diskursreferenten verliert, was sich in der Wahl der formalen Mittel niederschlagen kann, mit denen auf ihn zurückverwiesen wird. Wir wenden uns nun vor diesem Hintergrund den althochdeutschen Daten zu und versuchen die Faktoren zu bestimmen, die die Wahl anaphorischer Pronomen im Diskurs bedingen können.
5. Setzung anaphorischer Pronomen im Althochdeutschen 5.1. Übersetzungsgleichungen selbständiger Pronomen Angesichts der Entstehungsgeschichte der meisten Texte liegt zunächst die Frage nahe, ob die Wahl althochdeutscher Pronomen entscheidend von lateinischen Vorbildern abhängen könnte. Tatsächlich finden wir auf den ersten Blick systematische Entsprechungen von Pronominalreihen, deren Regelmäßigkeit von Pronomen zu Pronomen allerdings schwankt. Den lateinischen Pronomen is, ille, ipse, iste und hic stehen im Althochdeutschen das Personalpronomen und das Demonstrativpronomen (ther, dazu die erweiterte Form theser) gegenüber. Dabei fällt auf, dass die Pronomen _____________ 4
5
Grüning und Kibrik (2005) gehen von einem Faktor Protagonistship aus. Wir wollen in diesem Rahmen nicht die Frage vertiefen, inwiefern Protagonistship und Topikalität im Einzelnen übereinstimmen. Wir setzten hier eine grundsätzliche konzeptuelle Gemeinsamkeit zwischen Protagonistship und Topikalität voraus. Grüning und Kibrik (2005) betrachten die Belebtheit von Referenten ebenfalls als einen relevanten Faktor für die Bewertung der Salienzeigenschaften von Referenten. Wir beschränken uns in unserer Studie auf belebte Referenten, weshalb die Literatur zu diesem Faktor ausgeklammert bleibt. Wir verweisen dennoch darauf, dass neueste psycholinguistische Studien zum Erwerb anaphorischer Mittel den Faktor Belebtheit als bei der Anapherresolution entscheidend bewerten, vgl. Kühnast (2007).
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is, ille und ipse in der Regel durch ein althochdeutsches Personalpronomen wiedergegeben werden: (12) lat. ahd.
& Interrogauerunt eum / discipuli sui. Inti fragetun Inan / sine Iungiron. (T 220, 14-15)
(13) lat. ahd.
non noui illum neque scio / quid dicas. niuueiz ih inan noh ih niuueiz / uuaz thu quidis. (T 300, 4-5)
(14) lat. ahd.
ipsum uero non Inuenerunt inan giuuesso nifunden. (T 331, 16)
Besonders häufig ist das üblicherweise anaphorisch genannte is, das, wenn es selbständig steht, nur in wenigen Ausnahmen nicht einem althochdeutschen Personalpronomen entspricht. Etwa halb so häufig tritt ille auf, das diese Entsprechung in etwa vier Fünfteln der Fälle zeigt. Einen Sonderfall stellt das noch einmal etwa halb so häufige ipse dar, das erwartungsgemäß in einem großen Teil der Fälle mit selb- übersetzt wird. Diesen Entsprechungen stehen die Gleichungen von hic und iste gegenüber, die nahezu ohne Ausnahme mit althochdeutschen Demonstrativpronomen wiedergegeben werden: (15) lat. ahd.
nolumus hunc regnare / super nos. niuuollemes thesan rihhison / obar unsih. (T 264, 16-17)
(16) lat. ahd.
sicut unum ex istis só ein fon thesen (T 70, 30)
Diese Gruppe wird vor allem von hic repräsentiert, während iste in den lateinischen Vorlagen nur in einer Handvoll Stellen überhaupt vorkommt. Dass die Übersetzungsgleichungen nicht rein formal, sondern funktional zu verstehen sind, zeigt nun die Beobachtung, dass die Entsprechungen regelmäßigen Abweichungen unterworfen sind. So entsprechen selbstverständlich attributiv verwendete Pronomen im Lateinischen immer einem formalen Demonstrativpronomen im Althochdeutschen (17). Das gleiche gilt für Antezedentien von Relativsätzen (18): (17) lat. ahd.
Ab illo ergo die / cogitauerunt Interficere eum fon themo tage / thahtun erslahan Inan (T 234, 22-23)
(18) lat. ahd.
ís / qui te & illum uocauit ther / ther thih Inti inan giladota (T 180, 17-18)
Stellt man diese Ausnahmen in Rechnung, wird die Teilung der selbständigen Pronomen in zwei Gruppen umso deutlicher: Während is, ille und ipse mit einem Personalpronomen übersetzt werden, entsprechen hic und iste einem Demonstrativpronomen.
Pronominale Wiederaufnahme im Althochdeutschen
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Die Frage, ob man die Ursache dafür in der Semantik der lateinischen Pronomen suchen darf, liegt nahe, wird aber durch die Tatsache erschwert, dass diese in der Spätantike, aus der die Vorlagen in der Regel stammen, erstens keine muttersprachliche Grundlage mehr besitzen und sich zweitens in den gesprochenen Volkssprachen in einer differenzierten Entwicklung befinden, die mit der Herausbildung des Artikels in den romanischen Sprachen zugleich das deiktische System der Demonstrativpronomen neu ordnet. Vor diesem Hintergrund überrascht einerseits die Regelmäßigkeit der Entsprechungen in der räumlich und zeitlich ja weit auseinander gezogenen althochdeutschen Überlieferung. Da andererseits Abweichungen nur sehr selten sind, liegt die Annahme nahe, dass ein Übersetzer von einer durch lange Übung erworbenen Gleichung nur dann abweichen wird, wenn seine Muttersprache eine stärker motivierte Regel dagegenstellt. 5.2. Bestimmung der Salienz von Antezedentien althochdeutscher Pronomen Um diese Regel zu erkennen, müssen geeignete kritische Kontexte einer Durchsicht unterzogen werden. Wie wir schon gesehen haben, müssen wir bei eindeutiger Auflösung von Anaphern bei nur einem möglichen Referenten mit einer gewissen stilistischen Varianz rechnen. Für die Frage der Auflösung von Anaphern sind geeignete kritische Kontexte deshalb in erster Linie solche, in denen mindestens zwei verschiedene potentielle Kandidaten für einen Bezug denkbar sind. Dazu sollen die Salienzeigenschaften der Antezedentien althochdeutscher Pronomen und die informationsstrukturelle Gliederung der vorangehenden Aussage untersucht werden. Mit Rücksicht auf die oben diskutierten Ansätze wird dabei angenommen, dass ein Diskursreferent salienter als ein anderer ist, wenn er •
das Topik der vorangegangenen Aussage ist, was voraussetzt, dass diese überhaupt eine Topik-Kommentar-Gliederung besitzt, oder
•
im gegebenen Kontext eine bereits bekannte Entität darstellt und / oder
•
grammatisch prominenter ist, wobei weiter angenommen wird, dass Subjekte prominenter sind als direkte Objekte, diese prominenter als indirekte Objekte, gefolgt von Modifikatoren und Adjunkten.
Da mit einer gewissen Abhängigkeit von lateinischen Mustern gerechnet werden muss, soll die Evidenz abweichender Übersetzungsgleichungen besondere Gewichtung erfahren.
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5.2.1. Ahd. Personalpronomen Ein klares Bild ergibt sich in der Regel, wenn wir die Antezedentien althochdeutscher Personalpronomen betrachten: (19) lat.
ahd.
& erat plebs expectans zachariam / & mirabantur quod tardar& ipse in templo./ egressus autem ø non poterat loqui ad illos / & cognouerunt quod uisionem ø uidiss& In templo. Inti uuas thaz folc beitonti zachariam / Inti uuvntorotun thaz her lazz&a in templo. / heruzgangenti nimohta sprehhan zi in / Inti forstuontun thaz her gisiht gisah In templo (T 27, 22-25)
Unter den aktuellen Diskursreferenten, Zacharias und dem vor dem Tempel wartenden Volk, ist es der erstere, der im vorangehenden Diskurs bereits als Topik etabliert worden war (Kriterium 1). Er wird hier durch ein Personalpronomen aufgenommen, und zwar auch dann, wenn dem Übersetzer aufgrund des Fehlens einer lateinischen Entsprechung ein Spielraum zur Verfügung steht. Zwar ist auch der zweite Diskursreferent schon bekannt (Kriterium 2), aber das Personalpronomen verweist hier auf Zacharias, den salientesten Diskursreferenten, der bereits im unmittelbar vorangegangenen Kontext aktiviert war. Dieses in Konkurrenzsituationen immer wiederkehrende Muster zeigt sich besonders deutlich dort, wo ausnahmsweise und entgegen der ganz herrschenden Übersetzungsgleichung ein Personalpronomen für ein lateinisches Demonstrativpronomen steht: (20) lat. ahd.
Nonne hic est qui sedebat / & mendicabat. alii dicebant / quia hic est eno niist thiz ther thie thar sáz / Inti b&olata. andere quadun /
her ist íz (T 221, 3-5) Die Menge fragt sich angesichts eines von Blindheit Geheilten, ob es sich dabei um einen bereits allen bekannten Bettler handelt. Dieser erweist sich im Kontext als Topik der vorangegangenen Aussagen. Hier, wo das lateinische Demonstrativpronomen die Setzung eines althochdeutschen Demonstrativpronomens herausfordert, ist die Wiederaufnahme durch ein Personalpronomen also nur möglich, weil wir es bereits mit dem salientesten Diskursreferenten der vorangegangenen Aussage zu tun haben.
Pronominale Wiederaufnahme im Althochdeutschen
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5.2.2. Ahd. Demonstrativpronomen Das Demonstrativpronomen finden wir regelmäßig in davon vollkommen verschiedenen Kontexten. Betrachten wir dazu einen typischen Fall am Beispiel einer Stelle, die, wie es zunächst den Anschein hat, treu dem lateinischen Vorbild folgt. Wie gesagt, entspricht das lateinische Pronomen hic praktisch immer einem althochdeutschen Demonstrativpronomen, so auch hier: (21) lat. ahd.
defunctus / efferebatur. filius unicus / matris suæ. 2& hæc uidua erat. 1ecce
1senu 2Inti
arstorbaner / uúas gitragan einag sun / sinero muoter
thiu uuas uuituuua (T 84, 22-24)
Hier treffen wir auf zwei Referenten, die im ersten Satz des Beispiels als neu in den Diskurs eingeführt werden. Diesem Präsentationssatz fehlt eine klare Topik-Kommentar-Gliederung; damit wird also auch kein Topik etabliert (Kriterium 1). Der Bezug auf Nicht-Topiks ist nun für selbständige Demonstrativpromonina besonders augenfällig, allerdings ist dieses Kriterium in unserem Fall für eine Entscheidung über die Auflösung der Anapher noch nicht hinreichend. Da beide Referenten neu eingeführt werden, unterscheiden sie sich auch nicht in Bezug auf eine Eigenschaft ‚Gegebenheit‘ (Kriterium 2). Für eine Entscheidung über die Salienzeigenschaften bleibt uns hier nichts als die Gewichtung der Ausdrücke über die Funktionen, die sie im Subkategorisierungsrahmen des regierenden Verbs im ersten Satz ausfüllen (Kriterium 3). In dieser Hinsicht nun liegen die Unterschiede auf der Hand: Einag sun 'einziger Sohn' ist Subjekt der vorangegangenen Aussage, sinero muoter 'seiner Mutter' ein dazugehöriges Genitivattribut, ein gemäß unserer Annahme grammatisch weniger prominenter Modifikator. Wir dürfen also schließen, dass in der vorausgehenden Aussage sun der gegenüber muoter salientere Diskursreferent ist. Das Pronomen des folgenden Satzes ist nun morphologisch und kontextuell eindeutig mit sinero muoter in Verbindung zu bringen. Bemerkenswert ist, dass sich der Übersetzer dazu des Demonstrativpronomens bedient, das hier also erstens auf ein Nicht-Topik und zweitens auf den in der vorangegangenen Aussage weniger prominenten Kandidaten verweist. Überprüfen wir diese aufgrund der möglichen Lateinabhängigkeit der Stelle unsichere Aussage pars pro toto an zwei aussagekräftigeren Differenzbelegen, zunächst an einem der wenigen Beispiele, in denen ein selbständiges ille mit einem althochdeutschen Demonstrativpronomen wiedergegeben wird:
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(22) lat. ahd.
& desideria patris uestri uultis facere. / ille homicida erat ab Initio. Inti lusta Iúuares fater uuoll& Ir tuon. / ther uuas manslago fon anaginne. (T 218, 20-21)
In (22) treffen wir auf eine vergleichbare Situation: Ein Vater, der Leibhaftige, und seine Nachkommenschaft stellen die Diskursreferenten des Abschnittes und sind bereits im voranstehenden Textabschnitt eingeführt worden. Dennoch befindet sich einer der beiden in einer schwächeren grammatischen Position: Während ir für das Subjekt des Satzes steht, ist Iúuares fater wiederum als Genitivattribut ein vergleichsweise niedrigrangiger Modifikator. Hier, wo eine Lateinabhängigkeit der Pronomenwahl ausgeschlossen ist, entscheidet sich der Übersetzer wie in (21) für ein Demonstrativpronomen, um auf den in der vorangegangenen Aussage weniger prominenten Diskursreferenten zu verweisen, und ihn damit zugleich als Topik der Folgeaussage zu etablieren. Das folgende vergleichbare Beispiel bietet insofern noch einmal gesteigerte Evidenz für die grundsätzliche Vermutung, dass Demonstrativpronomina in Konkurrenzsituationen auf den weniger salienten Diskursreferenten verweisen, weil die lateinische Vorlage an der entscheidenden Stelle gar kein Pronomen enthält, der althochdeutsche Übersetzer also frei entscheiden konnte, ob und welches Pronomen gesetzt werden soll: (23) lat. ahd.
abiit ad eum & rogabat eum / ut descender& & sanar& / fili um eius. ø Incipiebat enim mori. gieng zi imo inti bát inan / thaz her nidarstigi inti heilti / sinan sún ther bigán thó sterban (T 90, 14-16)
Hier sind sogar drei Diskursreferenten im Spiel: Ein Vater, dessen Sohn, schließlich Jesus als Heiler. Das Demonstrativpronomen im Folgesatz referiert hier, wie aus dem Kontext erhellt, auf den sterbenden Sohn. Dieser ist weder Topik der vorangegangenen Aussage (Kriterium 1) noch, anders als die beiden anderen Diskursreferenten, überhaupt vorher gegeben (Kriterium 2), sondern wird erst mit dieser Aussage in den Diskurs eingeführt. Dazu kommt, dass sich sinan sún als direktes Objekt des regierenden Verbs der vorangegangenen Aussage in einer grammatisch weniger prominenten Stellung befindet (Kriterium 3). Auch hier referiert das Demonstrativpronomen also auf den am wenigsten salienten unter den in Frage kommenden Diskursreferenten. Da die Anapher, die den Singular eines Maskulinums signalisiert, ihrer Form nach nicht eindeutig aufzulösen wäre, kommt der Entscheidung für das Demonstrativpronomen hier eine gewisse Bedeutung für das Verständnis der Stelle zu. Diesen letzten Aspekt soll ein weiteres instruktives Beispiel verdeutlichen:
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(24) lat.
ahd.
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Mittet filius hominis angelos suos, et colligent de regno eius omnia scandala et eos qui faciunt iniquitatem, et mittent eos in caminum ignis. Sentit mannes sunu sine angila enti samnont fona sinemo rihhe alle dea (a)suuihi enti dea ubiltatun enti tuoit dea in fyures ouan (MF X, 3-5)
Als Diskursreferenten treten auf: Jesus, seine Engel und die Bösen und Übeltäter. „Der Menschensohn sendet seine Engel aus, und sie sammeln aus seinem Reich alle die Bösen und die Übeltäter, und er wirft diese in den Feuerofen.“ Diese Stelle ist durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet: Erstens weicht der althochdeutsche Text im letzten Halbsatz von der lateinischen Vorlage insofern ab, als er die Rolle des Agens abweichend besetzt: Hier ist es Gott selbst, der dea in den Feuerofen wirft. Im lateinischen Text, durch den Plural des Verbs deutlich, ist es eine Mehrheit, die eos in dieser Weise bestraft. Zwar ist streng genommen auch hier nur durch den Kontext klar, dass die Engel die Übeltäter in den Feuerofen werfen und nicht umgekehrt; der Kontext stellt den richtigen Bezug aber ohne weiteres her. Die zweite Besonderheit der althochdeutschen Übersetzung dieser Stelle besteht nun darin, dass hier ausnahmsweise ein dea einem lateinischen eos entspricht, einer der seltenen Fälle, in denen das lateinische anaphorische Pronomen im Althochdeutschen durch ein Demonstrativpronomen wiedergegeben wird. Offenkundig verwendet der Übersetzer gerade dieses Pronomen, um ein Missverständnis zu vermeiden. Betrachtet man nämlich die Salienzverhältnisse der Diskursreferenten, fällt auf, dass sich das Demonstrativpronomen wiederum auf den am wenigsten salienten Diskursreferenten bezieht: Lassen wir die Frage der Gegebenheit offen, so kommen doch alle dea (a)suuihi enti dea ubiltatun am wenigsten unter den drei möglichen Kandidaten für die Position des Topiks der vorangegangenen Aussage in Betracht. Die Engel allerdings haben dort Subjektstatus, die Übeltäter Objektstatus, eine schwächere grammatische Position, die nach unseren Annahmen auch nachgeordnete Salienz mit sich bringt. Dem Übersetzer bleibt nun zum Verweis auf diesen schwächeren Kandidaten nur mehr das Demonstrativpronomen, um eine Irritation seiner Leser zu vermeiden, dieselbe, die auch wir noch empfinden, wenn wir an dieser Stelle mit einem Personalpronomen übersetzen: „Der Menschensohn sendet seine Engel aus, und sie sammeln aus seinem Reich alle die Bösen und die Übeltäter, und er wirft sie in den Feuerofen.“
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5.2.3. Exkurs: Relativpronomen im relativischen Anschluss Die eben aufgezeigte Funktion von Demonstrativpronomina im Althochdeutschen, den Salienzstatus von Diskursreferenten zu erhöhen, kommt bei einer Beleggruppe besonders stark zur Geltung, wo der althochdeutschen Pro-Form ein lateinisches Pronomen der Reihe qui, quae, quod entspricht. Die syntaktische Bestimmung solcher Konstruktionen ist notorisch schwierig, da sie sowohl als Relativsätze, die durch ein Demonstrativpronomen eingeleitet sind, als auch als selbständige Folgekonjunkte mit Hauptsatzstatus interpretiert werden können. Diese zwei Lesarten werden in den neuhochdeutschen Übersetzungen in (25a) und (25b) wiedergegeben: (25) lat. ahd.
Iudex quidam erat In quadam cuiuitate/ qui deum non timebat sum tuomoi uuas In sumero burgi/ theiri niforhta got (T 200, 31-32)
(25a) Ein Richter war in einer Stadt, der sich vor Gott nicht fürchtete. (Relativsatz) (25b) Ein Richter war in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott. (selbständiges Folgekonjunkt) Ein besonderes Merkmal der althochdeutschen Belege dieser Gruppe liegt darin, dass sie die Zweitstellung des finiten Verbs aufweisen, selbst wenn das Latein ein anderes Wortstellungsmuster vorgibt, wie etwa die Endstellung in (25). Aber die Verbstellung allein ist kein hinreichendes Kriterium, wenn über den Haupt- oder Nebensatzstatus dieser Sätze zu entscheiden ist. Denn auch bei eindeutig als Relativsätze zu bestimmenden Strukturen ist im Althochdeutschen eine Früherstellung des finiten Verbs – auch gegen das Latein – nicht ausgeschlossen, wie das im freiem Relativsatz in (26) der Fall ist: (26) lat. ahd.
beati pacifici salige sint thiethar sint sibbisame (T 60, 16)
Weitere Hinweise zur Interpretation der althochdeutschen Struktur in (25) finden wir in der gegenwärtigen Forschung zu relativsatzähnlichen Strukturen mit Verb-Zweit-Stellung im Neuhochdeutschen, wo sie in Opposition zu kanonischen Relativsätzen mit Endstellung des finiten Verbs stehen, vgl. (27) aus Endriss / Gärtner (2005): (27a) Das Blatt hat eine Seite, die ganz schwarz ist. (kanonischer Relativsatz) (27b)Das Blatt hat eine Seite, die ist ganz schwarz. (V2-Relativsatz)
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Endriss und Gärtner (2005), die sich mit der Varianz der beiden Konstruktionen im Neuhochdeutschen eingehend beschäftigen, haben folgende Bedingungen ermittelt, unter denen die relativsatzähnliche Verb-ZweitStruktur möglich ist: •
Ein Verb-Zweit-Relativsatz ist nur als rechtsextraponierter Nachsatz möglich, nicht jedoch, wenn er im Mittelfeld eines Hauptsatzes steht, vgl. (28a) vs. (28b); Letzteres ist für einen kanonischen VerbEnd-Relativsatz durchaus möglich, vgl. (28c).
•
Ein Verb-Zweit-Relativsatz muss durch ein d-Relativum eingeleitet werden, nicht aber durch ein w-Relativum, vgl. (29a); dabei kann ein d-Relativum im V2-Relativsatz durch das Adverbial da ersetzt werden, vgl. (29b). (28a) Die Apfeldorfer haben viele Häuser gebaut, die stehen heute leer. (28b) *Die Apfeldorfer haben viele Häuser, die stehen heute leer, gebaut. (28c) Die Apfeldorfer haben viele Häuser, die heute leer stehen, gebaut. (29a) *Es gibt Länder, wo kostet das Bier ein Vermögen. (29b) Es gibt Länder, da kostet das Bier ein Vermögen.
Ferner zeigen Endriss und Gärtner (2005), dass auch bestimmte Bedingungen im vorangehenden Satz erfüllt sein müssen, damit ein Verb-ZweitRelativsatz möglich ist: •
Der vorangehende Satz muss ein affirmativer Deklarativsatz sein; vgl. (30a-b) vs. (30c).
•
Das Antezedens des d-Relativums muss einen Diskursreferenten benennen, auf den anaphorischer Bezug im Folgesatz möglich sein soll6; vgl. (30c) vs. (30a) und (30d).
•
Der vorangehende Satz hat für sich genommen einen geringen Mitteilungswert und wird erst durch die Information im Folgesatz
_____________ 6
Im Idealfall ist das Antezedens des d-Relativums ein Indefinitum, vgl. eine Frau in (30c). Es kann aber u.U. auch ein sog. indefinites Demonstrativum sein, also eine definit gekennzeichnete Phrase, die jedoch weder einen explizit vorerwähnten Diskursreferenten noch eine im Kontext zugängliche Entität benennt, vgl. Endriss und Gärtner (2005): „Im Sommer gab es plötzlich diesen Moment, da klappte einfach alles.“
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komplettiert; u.U. führt die isolierte Verwendung des Erstkonjunkts zur Ungrammatikalität,7 vgl. (31a) vs. (31b). (30a) *Ich kenne keine Frau, die besitzt ein Pferd. (30b)*Kennst du eine Frau, die besitzt ein Pferd? (30c) Ich kenne eine Frau, die besitzt ein Pferd. (30d) *Ich kenne jede Frau, die besitzt ein Pferd. (31a) Das Blatt hat eine Seite, die ist ganz schwarz. (31b)*Das Blatt hat eine Seite. Die ist ganz schwarz. Es kann gezeigt werden, dass die o.g. Bedingungen auch für die relativsatzähnlichen Verb-Zweit-Strukturen im Althochdeutschen gelten. Auch hier haben wir es mit Nachsätzen zu tun, die einem affirmativen Deklarativsatz mit schwachem Eigenwert nachfolgen. Die Hauptgruppe der Erstkonjunkte sind Präsentationssätze oder Existentialkonstruktionen, die eine Diskursentität als Topik eines nachfolgenden Konjunkts bereitstellen. Die Antezedentien der Relativeinleiter sind in Form von Indefinita realisiert, vgl. (32): (32) lat. ahd.
& ecce homo erat In hierusalem.’/ cui nomen simeon senonu tho uuas mani In hierusalem / thesi namo uuas gihezzan simeon (T 37, 23-24)
Wenn die relativsatzähnlichen Verb-Zweit-Strukturen im Althochdeutschen die grammatischen und distributionellen Eigenschaften ihrer neuhochdeutschen Entsprechungen aufweisen, so liegt es nahe zu behaupten, dass sie ihnen nicht nur formal, sondern auch funktional gleichstehen. Bezüglich der neuhochdeutschen Konstruktion schlagen Endriss und Gärtner (2005) folgende Funktionsbestimmung vor: Die relativsatzähnlichen Verb-Zweit-Strukturen sind – anders als die kanonischen Verb-EndRelativsätze – keine abhängigen Sätze, sondern selbständige Konjunkte, die mit einem Demonstrativpronomen eröffnet sind, wobei dieses mit dem d-Relativpronomen formal übereinstimmt. M.a.W. liegt eine parataktische Verbindung zweier selbständiger Konjunkte vor, wobei die Funktion des Folgekonjunkts darin besteht, ein Kommentar über das im Erstkonjunkt etablierte Vor-Topik abzugeben. Die Leistung relativsatzähn_____________ 7
Wir wissen, dass ein Blatt immer zwei Seiten hat. Daher ist der Inhalt des Erstkonjunkts als selbständige Aussage nicht möglich. Man kann nicht behaupten, dass ein Blatt nur eine Seite hat.
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licher Verb-Zweit-Sätze im Neuhochdeutschen liegt folglich im Bereich der Topikauszeichnung. Ähnliches muss für die althochdeutschen Entsprechungen gelten, falls wir von einem identischen Konstruktionstyp ausgehen. Die satzeröffnende Pro-Form ist in diesem Fall kein Relativpronomen, sondern ein selbständig gebrauchtes Demonstrativpronomen in einem parataktisch angeschlossenen Hauptsatz, dessen Leistung darin besteht, ein Vor-Topik im vorangehenden Diskurs wieder aufzunehmen und es erstmalig als Topik einer Aussage zu realisieren. 5.2.4. Stilistische Schwankungen Wie gesagt ist bei der Wahl zwischen Personal- und Demonstrativpronomen im Althochdeutschen in den Übersetzungstexten tatsächlich eine gewisse Abhängigkeit vom lateinischen Vorbild zu beobachten. Der Grad der Abhängigkeit schwankt von Pronomen zu Pronomen, und gerade dort, wo die Auflösung der Anapher mangels eines zweiten potentiellen Referenten im Kontext eindeutig ist, finden wir bei gleicher Struktur der Vorlage durchaus eine gewisse Variation der lexikalischen Mittel: (33) lat. ahd.
Beati misericordes / quoniam ipsi misericordiam consequentur. salige sint thiethar sint miltherze / uuanta sie folgent miltidun
(34) lat. ahd.
Beati mundo corde / quoniam ipsi deum uidebunt salige sint thiethar sint subere in herzon /uuanta thie gisehent got (T 60, 12-15)
Die Seligpreisungen der Bergpredigt, die in (33) und (34) ausschnittsweise wiedergegeben werden, stellen dafür ein instruktives Beispiel dar. Personal- und Demonstrativpronomen können hier, wie es scheint, ohne Unterschied in ihrer Leistung bei der Wiederaufnahme verwendet werden: Beispiel (33) zeigt ein Personalpronomen, Beispiel (34) ein Demonstrativpronomen. Trotz gleicher Vorlage (ipse), trotz gleicher Kontextbedingungen beobachten wir hier eine Varianz, die die Frage, ob die Wahl der Pronomen auch eine Stilfrage ist, eindeutig beantwortet: Offenkundig ist das so. Wie wir gesehen haben, gibt es allerdings Kontexte, in denen die Wahl des Pronomens spezifischen Zwecken dient. Das gilt übrigens nicht nur für die Fälle der Übersetzungsgleichungen, sondern auch für diejenigen Stellen, an denen im Lateinischen gar kein Pronomen steht und der althochdeutsche Übersetzer sich für ein Pronomen entscheiden muss oder will:
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(35) lat. ahd.
Beati pacifici / quoniam ø filii dei uocabuntur. Salige sint thiethar sint sibbisame / uuanta sie gotes barn sint ginennit (T 60, 16-17)
Gibt es also einerseits Bereiche, in denen unser Instrument zur Auswahl von Referenten seine Wirksamkeit nicht entfalten kann und deshalb auch nicht funktional verwendet wird, müssen wir andererseits damit rechnen, dass das beobachtete Muster mit anderen Mitteln zur Anaphernauflösung konkurriert. Bei Otfrid etwa finden wir auch in kritischen Kontexten unerwartete Personalpronomen: (36) Drof ni zuívolot ir thés, bigínnit er es náhtes,/ ni er blíntilingon wérne joh séro firspúrne! / Mír“, quad er, „so fólge ther réhto gangan wólle [...] (O III, 23, 37-39) Zweifelt nicht weiter daran: Er sollte es nicht nachts beginnen, dass er sich nicht wie ein Blinder abmühe und vollkommen fehlgehe! Mir, sprach er, folge nach, wer recht gehen will.
Das Personalpronomen er bezieht sich hier nacheinander auf zwei verschiedene Diskursreferenten. Eine Zuweisung zum richtigen Antezedens ist nur dem weiteren Kontext zu entnehmen. Auch in anderen Fällen gewährleisten nur die grammatischen Kategorien der Pronomen und der Kontext eine korrekte Auflösung der Anapher – allerdings selbst dort, wo der Widerspruch zu den gerade angestellten Überlegungen so deutlich ausfällt wie im folgenden Beispiel: (37) Gisah tho drúhtin einan mán blíntan gibóranan;/ wás er fon gibúrti in thera selbun úngiwurti. (O III, 20, 1–2) Jesus sah da einen Mann, einen blind geborenen / der war von Geburt an in dieser traurigen Lage.
Diese Sequenz steht am Anfang eines neuen Kapitels, führt mit drúhtin und einem mán blíntan gibóranan das Personal des Abschnittes ein und zeigt als Präsentationssatz deshalb wohl auch keine Topik-KommentarGliederung. Unter den beiden Diskursreferenten ist es lediglich druhtin, der im Kontext des vorangegangenen Abschnittes Erwähnung findet. Dazu kommt, dass drúhtin als Subjekt der Aussage eine verhältnismäßig starke grammatische Position einnimmt. Wir würden also erwarten, dass das anaphorische Personalpronomen auf ihn referiert. Tatsächlich nimmt es den mán blíntan gibóranan wieder auf, der hier nicht nur neu eingeführt wird, sondern sich vor allem als direktes Objekt in einer schwächeren grammatischen Position befindet. Das heißt nicht, dass Otfrid keine sprachlichen Mittel kennen würde, um im Zweifelsfall saliente und weniger saliente Diskursreferenten zu
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unterscheiden. Dazu gehört beispielsweise das auch in anderen Texten auffällige Auftreten einer Diskurspartikel thô, so oder thar neben Pronomen, die sich auf weniger saliente Referenten beziehen: (38) Er ékrodi thaz wésti sar zi théru fristi,/ thia úmmaht thia er thar thóleta, then er so mínnota. (O III, 23, 17-18) damit er (Jesus) das dort sogleich erfahren würde, die Krankheit, die der (Lazarus) erduldete, den er (Jesus) so liebte.
Wir beobachten also mit Sicherheit das Nebeneinander verschiedener Systeme im Althochdeutschen und damit den gelegentlichen Verzicht auf die Möglichkeit, schon mit der Wahl des Pronomens Unterschiede in den Salienzeigenschaften von Diskursreferenten zu verdeutlichen. Grundsätzlich ist überall mit einer Funktionsteilung durch verschiedene sprachliche Instrumente und einer gewissen Breite an stilistischen Schwankungen zu rechnen.
6. Schlussfolgerung Wenn wir anfangs die Frage gestellt haben, was die Wahl des einen oder anderen referierenden Ausdrucks im Diskurs regelt, so können wir jetzt sagen, dass die Form des Pronomens im Althochdeutschen grundsätzlich von den Eigenschaften des Antezedens abhängt, und zwar in der Weise, dass Demonstrativpronomen einen niedrigeren Salienzgrad der in Bezug genommenen Diskursreferenten kennzeichnen. Personalpronomen nehmen in Konkurrenzsituationen in einem Teil der untersuchten Daten ein bereits etabliertes Topik auf. Demonstrativpronomen beziehen sich dagegen in der Regel auf Diskursreferenten, die nicht Aboutness-Topik der vorangegangenen Aussage sind. Die Entscheidung für Personal- oder Demonstrativpronomen wird also in kritischen Kontexten durch informationsstrukturelle Mechanismen gesteuert. Sie ist keine bloße Stilfrage, sondern ein Instrument zur korrekten Auflösung von Anaphern. Dieses Ergebnis deckt sich mit den wesentlichen Beobachtungen von Bosch und Umbach (2007) über die Verteilung von Pro-Formen im Neuhochdeutschen und belegt den konstanten Einfluss der Informationsstruktur in der Geschichte der deutschen Sprache.
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Als Deutsch noch nicht OV war Althochdeutsch im Spannungsfeld zwischen OV und VO *
Oliver Schallert (Marburg)
1. Einleitung 1.1. Der Forschungsstand zur Syntax des Ahd. Die Forschungslage zur Syntax des Althochdeutschen (8. / 9. bis 11. Jh.) ist durch eine recht paradoxe Situation gekennzeichnet: Global betrachtet, d.h. rein bezogen auf die Anzahl der verfügbaren Arbeiten, darf sie inzwischen als recht befriedigend bezeichnet werden. Allerdings ist dies das Ergebnis einer Tätigkeit, an der bereits mehrere Forschergenerationen beteiligt waren und die erst in neuerer Zeit den Charakter einer systematischeren Agenda angenommen hat. Dies mag auch der Grund dafür sein, dass die Beurteilungen über die syntaktischen Besonderheiten des Althochdeutschen recht unterschiedlich ausfallen. Auf der einen Seite wird, in Anlehnung an die ältere Forschung (z.B. Behaghel 1929, Wackernagel 1892) immer wieder hervorgehoben, die Wortstellung dieser Stufe des Deutschen sei – wie auch die der übrigen altgermanischen Sprachen – „freier“, als dies im heutigen Deutschen zu beobachten sei: „Späterstellungen“ seien durchaus die Regel und die absolute Endstellung des finiten Verbs habe sich erst durch lateinischen Einfluss in frühneuhochdeutscher Zeit verfestigt. Andererseits aber wurden, vor allem in der generativen Forschung, immer wieder die konvergenten Tendenzen des Althochdeutschen hervorgehoben, so z.B. bei Lenerz (1984, 1985, 103), der davon ausgeht, dass man im Bezug auf die Verbbzw. Wortstellung für das Deutsche generell keinen starken syntaktischen Wandel anzusetzen habe. Ein differenzierteres Bild ergibt sich durch das in letzter Zeit wieder verstärkte Forschungsinteresse an der Verb- bzw. Objekt-Stellung dieser _____________ * Für hilfreiche Hinweise und Anregungen danke ich Jürg Fleischer; fürs Korrekturlesen Andrea Sabitzer.
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Sprachstufe, wie es z.B. durch Arbeiten wie Axel (2007), Hinterhölzl / Petrova (2009), Petrova (2009), Schlachter (2009) und Weiß (2007) dokumentiert ist. Als Pionierwerk ist Schrodts (2004) Althochdeutsche Syntax zu sehen, die den ersten Versuch einer umfassenderen Darstellung der syntaktischen Gegebenheiten dieser Sprachstufe darstellt. Daneben existiert schon seit längerem eine Vielzahl von detaillierten syntaktischen Einzeluntersuchungen zu althochdeutschen Prosatexten, so z.B. Robinson (1997) zu Isidor, Bolli (1975), Borter (1982) und Näf (1979) zu Notker sowie Dittmer / Dittmer (1998) zum Tatian. 1.2. Womit beschäftigt sich dieser Beitrag? Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit Besonderheiten der rechten Satzperipherie und insbesondere mit dem Problem sog. Ausklammerungen bzw. Späterstellungen im Althochdeutschen. Aus einer typologisch orientierten Perspektive wird die Frage aufgeworfen, ob solche Nicht-Endstellungen des (finiten) Verbs nicht – ganz ähnlich wie die „Vorliebe […] für die zweite Stelle im Satz“ – „[…] in einen grösseren Zusammenhang hinein[gehören]“ (Wackernagel 1892, 342) und auf ihr Verhältnis zu den seit Greenberg (1963) etablierten Wortstellungstypen hin überprüft werden sollten. Die Grundidee ist die, dass sich die altgermanischen Sprachen, anders als ihre modernen Fortsetzer, keinem der beiden (germanischen) Stellungstypen OV und VO zuordnen lassen, sondern eine genuine dritte Option repräsentieren. Dem wohlbekannten Drift zu VO in Sprachen wie Englisch (vgl. z.B. Pintzuk 1999, Pintzuk / Taylor 2006) oder Isländisch (Hróardsdóttir 2000) ist demnach im Falle des Deutschen oder Niederländischen ein analoger Drift zu OV entgegenzustellen, wobei dieser Mischtyp als Ausgangspunkt in beiden Szenarien anzusetzen ist.1 Welche Eigenschaften dieser dritte Typ aufweist, soll hier exemplarisch anhand des Althochdeutschen, also quasi am ‚lebenden Material‘,2 gezeigt werden. Dieser Beitrag ist wie folgt gegliedert: In Abschnitt 2 werden zwei systematische Kontraste diskutiert, die in der rechten Satzperipherie der modernen germanischen OV- bzw. VO-Sprachen zu beobachten sind. Diese sollen als Heuristik für eine detailliertere Untersuchung der ahd. Gegebenheiten in Abschnitt 3 dienen; weiters wird dort der Frage nachgegan_____________ 1 2
Vgl. den Beitrag von Haider in diesem Band. Auch wenn das Althochdeutsche mit einigem Recht als ‚tote Sprache‘ bezeichnet werden kann, hoffe ich dennoch, dass es mir im Folgenden gelingen wird, einige Daten aus dieser Sprachstufe des Deutschen wieder zum Sprechen zu bringen, d.h. ihnen neues Leben einzuhauchen.
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OV- und VO-Strukturen im Althochdeutschen
gen, wie klar sich das Ahd. im Hinblick auf diese Eigenschaften einem der beiden Stellungstypen zuordnen lässt. Abschnitt 4 schließlich behandelt in kursorischer Form die Frage, wie sich die syntaktischen Besonderheiten der rechten Satzperipherie des Ahd. im Format von Konstituentenstrukturen, d.h. möglichst theorieneutral, erfassen lassen.
2. Die rechte Satzperipherie in OV und VO 2.1. Grundlegendes: OV- und VO-Sprachen Was die Orientierung der VP anlangt, lassen sich die heutigen germanischen Sprachen in zwei große Gruppen einteilen, je nachdem ob sie über eine kopf-initiale VP (= VO) oder eine kopf-finale VP (= OV) verfügen. Die Beispiele in (1) aus den Sprachen Niederländisch (1a), Afrikaans (1b), Friesisch (1c) und Deutsch (1d) sowie in (2) aus den Sprachen Englisch (2a), Dänisch (2b), Färöisch (2c) und Isländisch (2d) illustrieren diesen Punkt: (1)
Germanische OV-Sprachen:
(1a) Johan heeft een appel gegeten
(Nl.)
(1b) Johan het ’n appel geēet
(Afr.)
(1c) Johan hat in apel iten
(Fri.)
(1d) Johann hat einen Apfel gegessen (Vikner 2001, 16, Bsp. (37))
(Dt.)
(2)
Germanische VO-Sprachen:
(2a) John has eaten an apple
(Eng.)
(2b) Johan har spist et æble
(Dän.)
(2c) Jón hefur etið eitt súrepli
(Fär.)
(2d) Jón hefur borðað epli. (Ebd.)
(Isl.)
Jiddisch stellt ein Problem für diese Klassifikation dar, denn wie (3a, c) demonstrieren, finden sich in dieser Sprache sowohl VO- als auch OVAbfolgen; überdies gibt es Abfolgemuster wie (3b), die keinem der beiden Stellungstypen ohne Weiteres zugeordnet werden können.
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(3a) Maks hot
nit
gegebn Rifken dos bukh. (Jid.) [= VO]
Max hat nicht gegeben Rifken das Buch Max hat Rebekka das Buch nicht gegeben (3b) Maks hot Rifken nit gegebn dos bukh. [= OV / VO] (3c) Maks hot Rifken dos bukh nit gegebn. [= OV] (Diesing 1997, 402, Bsp. (57a., b., c.)) In Schallert (2006) wird dafür plädiert, dass Strukturen wie (3b) einen dritten Stellungstyp charakterisieren, der als „OV / VO-Mischsystem“ bezeichnet wird und der durch Sprachen bzw. Sprachstufen wie Althochdeutsch, Altenglisch oder das ältere Isländische repräsentiert wird. Die ahd. Beispiele in (4) zeigen, dass es in dieser Sprachstufe nicht nur einen bloßen Parallelismus von eindeutigen OV-Strukturen (4c) und eindeutigen VO-Strukturen (4d) gibt, sondern dass auch ‚hybride‘ Strukturen (4a, b) zu finden sind, die es in dieser Form in keiner der heutigen OV- oder VOSprachen innerhalb der Germania gibt. (4)
Althochdeutsch:
(4a) táz sie nîoman nenôti des chóufes (NB 22,13) dass sie niemanden NEG-nötigen des Kaufes (4b) tánne sie búrg-réht scûofen demo líute (NB 64,13) dass sie Stadtrecht verliehen dem Volke (4c) Úbe dû dero érdo-DAT dînen sâmen beuúlehîst (NB 47,4) deinen Samen belehnst Wenn du der Erde (4d) Tisêr ûzero ordo […] mûoze duingen mit sînero diese äußere Ordnung […] muss zwingen mit ihrer unuuendigi . diu uuendigen ding (NB 217,20) Unveränderlichkeit die veränderlichen Dinge 2.2. OV- / VO-Kontraste in der rechten Satzperipherie Im Folgenden werden zwei systematische Unterschiede zwischen germanischen OV- und VO-Sprachen diskutiert, die die rechte Satzperipherie betreffen. Als Beobachtungstheorie wird das System von Bech (1983) verwendet, das aus zwei Komponenten besteht: (a) dem System der Statusrektion (im Folgenden: S-Rektion), das die Abhängigkeitsbeziehungen zwischen verbalen Elementen beschreibt, und (b) einer topologischen Feingliederung des sog. Schlussfeldes, das in etwa der rechten Satzklammer (rSkl)
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entspricht, in ein Oberfeld (fakultativ) und ein Unterfeld (obligatorisch). Grundlage für (a) bildet die Beobachtung, dass sich infinite Verben morphologisch in drei Gruppen einteilen lassen, deren Auftreten syntaktisch gesteuert ist: So regieren beispielsweise Modalverben immer einen reinen Infinitiv (bei Bech: 1. Status), tempusbildende Auxiliare entweder einen reinen Infinitiv (1. Status) oder ein Partizip II (3. Status); Anhebungsverben (z.B. scheinen) oder Kontrollverben (z.B. versuchen, versprechen) hingegen nehmen einen zu-Infinitiv (2. Status). Wenn alle Verben in der Reihenfolge ihrer Statusrektion auftreten,3 d.h. das regierende Verb dem regierten Verb folgt, dann gibt es kein Oberfeld. Ist dies jedoch nicht der Fall, ist ein Oberfeld eröffnet, das in der linearen Abfolge vor dem Unterfeld steht und das sich dadurch auszeichnet, dass die in ihm enthaltenen verbalen Elemente in spiegelbildlicher Rektionsrichtung auftreten, d.h. das regierende Verb geht dem regierten Verb voran. Zur Illustration möge die sehr komplexe verbale Kette in (5) dienen. Die Beispiele in (6) folgen dem in (5) skizzierten Schema (vgl. dazu Bech 1983, 63). (5a) [V5 V4 V3 V2 V1] (5b) [O V1] [U V4 V3 V2] (5c) [O V1 V2] [U V5 V4 V3] (5d) [O V1 V2 V3] [U V5 V4] (6a) dass man ihn hier [U liegen bleiben lassen können wird] = (5a) (6b) dass man ihn hier [O wird] [U liegen bleiben lassen können] = (5b) (6c) dass man ihn hier [O wird können] [U liegen bleiben lassen] = (5c) (6d) dass man ihn hier [O wird können lassen] [U liegen bleiben] = (5d) Laut Bech (1983) bleiben im Unterfeld einer Sprache wie Deutsch eigentlich immer die zwei maximal untergeordneten Verben zurück, während sich im Oberfeld das Finitum und gegebenenfalls noch weitere Verben befinden können. Ob ein finites Verb vorhanden ist oder nicht, spielt für den Aufbau der rechten Klammer nur dahingehend eine Rolle, als sich im letzteren Fall die Kombinationsmöglichkeiten verringern. _____________ 3
Es hat sich eingebürgert, die Einbettungsverhältnisse durch Indizes zu kennzeichnen, wobei das finite Verb (als selbst nicht statusregiertes Element) immer die Nummer 1 trägt, sofern es sich in der rechten Satzklammer befindet.
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Obwohl dieses Modell anhand des Deutschen, also einer germanischen OV-Sprache, entwickelt wurde, eignet es sich ebenfalls sehr gut für eine Darstellung der systematischen Unterschiede zwischen OV- und VOSprachen, die sich bei der Anordnung von Verbsequenzen in der rechten Peripherie zeigen. 2.3. Konstruktionstyp I: Stellung von Verbketten und Objekten Blickt man auf die Rektionsverhältnisse von Verbketten in einer VO-Sprache wie Englisch, dann stellt man fest, dass sich diese spiegelbildlich zu jenen im Deutschen verhalten: Während es in einer OV-Sprache wie Deutsch – je nach Aufbau des Verbalkomplexes – zahlreiche Stellungsmöglichkeiten (mit Oberfeldbildung) gibt, bildet (7a) die einzige grammatische Serialisierungsoption in VO. (7a) that John must1 have2 been3 elected4
(Eng.)
(7b) dass Hans gewählt4 worden3 sein2 muss1 (Wurmbrand 2006, 230; Bsp. (1c., d.))
(Dt.)
Eine wichtige Eigenschaft ist die kompakte Struktur von Verbketten in OV-Sprachen, die bei linksläufiger S-Rektionsrichtung kein intervenierendes Material erlauben (vgl. z.B. Haider 2003, 93). Diese Eigenschaft wird in der einschlägigen Literatur oft unter der Kennzeichnung Verbalkomplex oder Verb clustering diskutiert. Wie der Kontrast zwischen Deutsch und Englisch in (8) zeigt, können in der letzteren Sprache Adverbien innerhalb einer verbalen Kette auftreten, d.h. es besteht keine Kompaktheitseigenschaft. Die Asterisken in (8b) signalisieren, dass an keiner der eingeklammerten Stellen nicht-verbales Material eingefügt werden kann. (8a) The new theory … certainly may possibly have indeed been badly formulated (Quirk u.a. 1985, 495; §8.20)
(Eng.)
(8b) dass die Theorie … wohl tatsächlich schlecht formuliert (*) worden (*) sein (*) mag (Dt.) Diese Kompaktheitseigenschaft von OV kann nur bei gewissen Fällen von Oberfeldbildung durchbrochen werden und hat keinen Einfluss auf das Verhalten der im Unterfeld verbleibenden Verben. In der theoretischen Literatur haben sich für die verschiedenen, damit in Zusammenhang stehenden Reserialisierungsprozesse zwei Termini etabliert, nämlich Verb raising (VR) und Verb projection raising (VPR), vgl. den Besten / Edmonson (1983), Haegeman / van Riemsdijk (1986). Wie die Beispiele in (9) aus
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OV- und VO-Strukturen im Althochdeutschen
dem Zürichdeutschen zeigen, unterscheiden sich VR und VPR dadurch, dass im letzteren Fall nicht-verbales Material im Verbalkomplex4 auftritt. Was die Verfügbarkeit dieser Serialisierungsoptionen in den einzelnen germanischen OV-Sprachen anlangt, so ist eine starke dialektale Streuung festzustellen, vgl. Wurmbrand (2004). (9a) […] das de Hans es huus chaufe wil
(Zürichdeutsch)
(9b) […] das de Hans es huus wil chaufe (9c) […] das de Hans wil es huus chaufe dass der Hans ein Haus kaufen will (Haegeman / van Riemsdijk 1986, 419; Bsp. (8)) (9a) stellt die Grundabfolge dar, die Abfolgen in (9b) und (9c) sind das Ergebnis von Verb raising und Verb projection raising. Spiegelbildliche Abfolge, Kompaktheit und (lokale) Variation können also als jene Eigenschaften festgehalten werden, die die (germanischen) OV-Sprachen von den VO-Sprachen abheben, jedoch reicht keine dieser Eigenschaften für sich genommen: So zeigt Friesisch (OV) nur bei te / to / zu-Infinitiven Umgruppierungen, jedoch sind diese dann obligatorisch (vgl. Wurmbrand 2004, 17); in einer VO-Sprache wie Norwegisch sind Verbketten kompakt5 und schließlich ist im Niederländischen sowie in verschiedenen oberdeutschen Dialekten6 auch das spiegelbildliche, ‚aufsteigende‘ Rektionsmuster zu finden (10c), während die deutsche Abfolge ungrammatisch ist (10b). Wie (11) allerdings zeigt, stellt das spiegelbildliche Muster (10c), wiederholt als (11c), nur eine von mehreren möglichen Serialisierungsoptionen im Niederländischen dar. (10a) dass er das Buch weggelegt4 haben3 müssen2 wird1
(Dt.)
(10b)*dat hij het boek weggelegd hebben moeten zal
(Nl.)
(10c) dat hij het boek zal1 moeten2 hebben3 weggelegd4 (Haider 2003, 22; Bsp. (38a., c.)) (11a) dat hij het boek zal weggelegd moeten hebben
(Nl.)
(11b)dat hij het boek zal moeten weggelegd hebben (11c) dat hij het boek zal moeten hebben weggelegd (Ebd.; Bsp. (39)) _____________ 4 5 6
Die Kennzeichnungen Verbalkomplex und Verb cluster werden im Folgenden synonym verwendet. Diesen Hinweis verdanke ich Hubert Haider (pers. Mitteilung). Allerdings nicht in Konfigurationen mit finitem Modalverb (siehe unten), sondern nur bei sog. Ersatzinfinitiv-Konstruktionen.
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Eine weitere Besonderheit von germanischen OV-Sprachen wie Deutsch, Niederländisch oder Westflämisch ist der sog. IPP-Effekt (Infinitivus pro participio), d.h. die Ersetzung eines Perfektpartizips (3. Status) durch einen reinen Infinitiv (1. Status) in bestimmten Konstruktionen, so z.B., wenn ein Auxiliar ein Perzeptionsverb regiert, vgl. (12), oder wenn ein Modalverb von einem Auxiliar abhängt, vgl. (13). (12a) ?dass sie ihn laufen gesehen / gehört hat
(Dt.)
(12b)*dass sie ihn hat laufen gesehen / gehört (12c) dass sie ihn laufen sehen / hören hat (12d) dass sie ihn hat laufen sehen / hören (Wöllstein-Leisten u.a. 1997, 71; Bsp. (30)) (13a) dat Jan het boek heeft kunnen lezen dass Jan das Buch hat1 können2-INF(IPP) lesen3 (13b) *dat Jan het boek heeft gekund dass Jan das Buch hat1 gekonnt2 (Wurmbrand 2006, 235; Bsp. (7))
(Nl.)
lezen lesen3
Inwieweit dieser Effekt notwendigerweise mit Reserialisierungsoptionen von Verbketten einhergeht, ist umstritten (vgl. die Diskussion in Wurmbrand 2004, Wurmbrand 2006). Als einzig haltbare Generalisierung über Verbalkomplexe (Cluster) und IPP bleibt die Beobachtung bestehen, dass der letztgenannte Effekt nur in Sprachen zu beobachten ist, die bei dreigliedrigen Verbsequenzen von der Grundabfolge V3 < V2 < V1 abweichen: „Although this correlation appears to be quite striking and is unlikely to be accidental, it is not clear what property of grammar it targets and what its importance is“ (Wurmbrand 2004, 18). Zusammenfassend ergeben sich also die folgenden systematischen Unterschiede zwischen OV- und VO-Sprachen hinsichtlich der Serialisierungseigenschaften von Verbketten: (14) Verbketten in OV und VO: (14a) Spiegelbildliche S-Rektion: (1) Vn V3 V2 V1 (OV); (2) V1 V2 V3 Vn (VO). (14b)(1) lokal kompakte Struktur (Unterfeld) mit möglicher Variation in OV, (2) nicht-kompakte Struktur ohne Variation in VO. (14c) IPP nur in OV (mit Variation).
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2.4. Konstruktionstyp II: Stellung von präfigierten Verben und Objekten Der zweite Testbereich, der in gewisser Hinsicht eine Teilmenge des ersten bildet, steht in Zusammenhang mit der Positionierung von sog. präfigierten Verben („Partikelpräfixverben“ in der Terminologie von Fleischer / Barz 1995). Wie in Haider (1997a) ausführlich untersucht, zeigen sich zwischen einer prototypischen VO-Sprache wie Englisch und einer prototypischen OV-Sprache wie Deutsch die folgenden Kontraste in (15), die durch die Beispiele in (16) bis (20) illustriert werden: (15) Präfigierte Verben7 in OV und VO: (15a) linksadjazente (trennbare) Partikel nur in OV: nachschauen, *up look (15b)rechtsadjazente und rechtsdistante (trennbare) Partikel nur in VO: (1) Vo po8 (look up the information); (2) Vo Obj. po (look the information up). Wie die Beispiele in (16a) und (16b) zeigen, ist nur in einer OV-Sprache wie dem Deutschen das linksadjazente Abfolgemuster Verb + Partikel grammatisch; im Englischen (VO) sind solche Abfolgemuster ungrammatisch. (16a) dass er die Information nachschlägt (16b)*that he uplooks the information In VO gibt es grundsätzlich zwei Abfolgemuster, nämlich Verb + Partikel Objekt (17a) und Verb Objekt Partikel (17b): (17a) He has looked up the information (17b)He has looked the information up Wie (18a, c) zeigen, kann es auch in OV-Sprachen wie dem Deutschen oder Niederländischen − bedingt durch die Verbzweit-Eigenschaft − zu Konfigurationen mit rechtsdistanter Partikel kommen; wie aber der Kontrast mit (18b, d) demonstriert, ist das rechtsadjazente VO-Muster, in dem die Partikel dem Objekt vorangeht, ungrammatisch. (18a) Er warf den Teppich nicht weg (18b)*Er warf weg den Teppich nicht _____________ 7 8
Im Folgenden werden trennbare Verbpräfixe als Partikeln angesprochen. VO und pO stehen im Folgenden für Verbstamm bzw. trennbares Präfix.
(Dt.)
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(18c) Hij wierp het tapijt niet weg
(Nl.)
(18d) *Hij wierp weg het tapijt niet (Haider 1997a, 9; Bsp. (11), (12)) Vikner (2001, 37) formuliert folgende Korrelation zwischen den Stellungseigenschaften von präfigierten Verben und der Verbzweit-Eigenschaft: In […] the […] Germanic OV languages, particle verbs whose particles are postverbal under V2 (separate) nevertheless always have preverbal particles in non-V2 contexts, whereas in the Germanic VO-languages, particle verbs whose particles have to be stranded under V2 never have preverbal particles in non-V2 contexts.
Was die germanischen VO-Sprachen anlangt, sind gewisse Freiheitsgrade in der Ausschöpfung der unter (15b) angeführten Muster zu beobachten. Während Englisch den Kontrast zwischen verb-distanter und verbadjazenter Abfolge am klarsten zeigt, zerfallen die nordgermanischen Sprachen in drei große Gruppen, die sich an den Möglichkeiten variabler Positionierung festmachen lassen: Im Norwegischen und Englischen sind (wie übrigens auch im Isländischen)9 beide Abfolgemuster möglich, vgl. (19a, b), (20a, b), während im Schwedischen nur die V-adjazente Position grammatisch, vgl. (20d) vs. (19d), diese im Dänischen jedoch ungrammatisch ist, vgl. (19c) vs. (20c). (19) Vo … Obj. … po: (19a) He threw the carpet out (19b)at han kastet matten ut
(Nor.)
(19c) at han smed tæppet ud
(Dän.)
(19d) *att han kastade mattan bort er schmiss den Teppich hinaus (Haider 1997a, 9; Bsp. (9))
(Sch.)
_____________ 9
Die beiden Serialisierungen (V-adjazent oder nach dem Objekt) lassen sich im Isländischen beispielsweise bei reflexiven Verben beobachten: lyfta sér upp 'sich hochziehen', réta upp sér 'sich aufrichten' (Kress 1992, 223).
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OV- und VO-Strukturen im Althochdeutschen
(20) Vo + po … Obj.: (20a) He threw out the carpet (20b)at han kastet ut matten
(Nor.)
(20c) *at han smed ud tæppet
(Dän.)
(20d) att han kastade bort mattan (Ebd.; Bsp. (10))
(Sch.)
3.
Datendiskussion: OV-, VO- und OV / VO-Strukturen im Althochdeutschen
3.1.
Die Grundidee der Untersuchung
Ausgehend von den in Abschnitt 2 diskutierten Kontrasten zwischen OVund VO-Strukturen ist es möglich, zwei Testkonfigurationen zu definieren, die sich durch die relative Position von Verbketten (inkl. präfigierter Verben) und Objekten ergeben: (21a) Konstruktionstyp I: Stellung von Verbketten in Relation zu Objekten. (21b)Konstruktionstyp II: Stellung von präfigierten Verben in Relation zu Objekten. Im Folgenden werden eine Reihe von Daten10 diskutiert, die dafür sprechen, dass sich das Althochdeutsche hinsichtlich der oben genannten Kriterien weder wie eine eindeutige OV- noch wie eine eindeutige VOSprache verhält. 3.2. Konstruktionstyp I: Stellung von Verbketten und Objekten Was die Serialisierungsmöglichkeiten von Verbketten anlangt, so ist die Datenlage letzten Endes zu dürftig, um eine präzisere Einschätzung vor_____________ 10
Das ahd. Quellenmaterial wird in der Form [Sigle, Stelle] zitiert, und zwar nach folgenden Ausgaben: Isidor (Is.) [fortl. Zeilennummer] nach Eggers (1984); Notkers BoëthiusÜbersetzung (De Consolatione Philosophiae) (NB) [Seite, Zeilenanfang] nach Tax (1986, 1988, 1990); Notkers Psalter (NPs.) [Seite, Zeilenanfang] nach Tax (1981, 1983); Tatian (Tat.) [Seite, Zeilenanfang] nach Masser (1994).
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nehmen zu können (vgl. dazu die Diskussion bei Axel 2007, 83-85). Die Abfolgen in (22) sind repräsentativ für dreigliedrige Verbalkomplexe: (22a) Uuánda árg-uuíllo âne dáz weil Bosheit ohne dies késkeinet3 uuérden2 némahtî1 (NB 201,2) werden NEG-kann-KON gezeigt (22b)dhazs ir dass er chirista1 Erlösung
bi mittingardes nara für Erde-GEN chimartirot3 uuerd han2 (Is. 514) musste gefoltert werden
(22c) […] únde an sînero ûzuuertigûn séstungo . diu ínnera und an seiner äußeren Qual die innere geskéinet3 sól1 uuérden2 (NB 216,26) offenbart soll werden Wie Axel (2007, 86f.) hinweist, bleiben bei den wenigen Belegen, die sich für dreigliedrige Verbalkomplexe überhaupt finden lassen, die infiniten Verben immer in „absteigender Reihenfolge“ zueinander (d.h. V3 < V2), während das finite Verb entweder davor, in der Mitte oder danach auftreten kann. Interessant ist hier die Beobachtung, dass sich Verbalkomplexe mit finitem Modalverb im heutigen Standarddeutschen und auch in vielen dialektalen Varietäten sehr rigide linksverzweigend verhalten (V3 < V2 < V1), während bei Ersatzinfinitiv-Konstruktionen regional gestaffelt mindestens fünf der logisch möglichen Abfolgen (3! = 6) zu finden sind, vgl. Schmid / Vogel (2004, 235f.), Wurmbrand (2004). Instruktiv ist hier ein Blick auf die hochalemannischen Dialekte der Schweiz: Während bei IPP (25d) die aufsteigende Reihenfolge 1-2-3 in fast allen Varietäten zu finden ist (vgl. Seiler 2004, 378), gilt ähnliches für die Reihenfolgen 3-2-1 bzw. 13-2 in (23a, b) bei Verbalkomplexen mit finitem Modalverb (vgl. Wurmbrand 2004, 53); interessanterweise ist bei diesem Typ die aufsteigende Variante nicht zu finden bzw. ungrammatisch, vgl. (23c). (23a) ?das är es Buech gläsa3 haa2 mu111
(CH)
(23b)das är es Buech mu1 glääsa3 haa2 (23c) *das är es Buech mu1 haa2 glääsa3 dass er das Buch gelesen haben muss _____________ 11
Für Sprecherurteile zu (23) danke ich Jürg Fleischer, Astrid Kraehenmann und Paul Widmer.
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OV- und VO-Strukturen im Althochdeutschen
(23d) das är es Buech hät1 müesse2 läsa3 dass er das Buch lesen müssen hat Im Unterschied dazu findet sich das „aufsteigende“ VO-Muster 1-2-3 nur bei Notker, und zwar ausschließlich in gemischten Verbalkomplexen (wiederum mit finitem Modalverb), die unübersetzte lateinische Wortformen enthalten, vgl. (24). Dies mag weniger verwunderlich erscheinen, wenn man berücksichtigt, dass Notkers alemannische Nachfahren in der Schweiz solche Strukturen gerade nicht in aufsteigender Reihenfolge akzeptieren. (24a) Taz […] dîe oculis múgen1 uuérden2 subpositę3 (NB 104,17) werden gesenkt die Augen sollen (24b)[…] dánnân sie sóltôn1 uuérden2 dann sie sollten werden
illuminati3 (NB 254,15) erleuchtet
Wie Jäger (2007, 1) unter Bezug auf die einschlägige Literatur feststellt, gibt es in althochdeutscher Zeit noch keine Hinweise für IPP-Konstruktionen (die ersten Belege sind im 13. Jh. zu finden), was diese Sprachstufe in ein interessantes Naheverhältnis zum Jiddischen rückt und somit – wie oben bereits angesprochen – zu einem einschlägigen OV / VOProblemfall macht. Vikner (2001, 77) zufolge ist nämlich das Fehlen des Ersatzinfinitivs bei gleichzeitigem Vorhandensein von ge-präfigierten Partizipien sowohl OV- als auch VO-untypisch: „If Yiddish were a VOlanguage, the lack of IPP would be expected (though then Yiddish would be the only VO-language to form past participles by means of ge-)“. Bei zweigliedrigen Verbalkomplexen sind sowohl die Abfolgen 2-1 (= OV-Grundabfolge) als auch 1-2 (Verb raising) zu finden, vgl. (25a, b); (25c) zeigt ein Nebeneinander von beiden Abfolgen in in demselben Textabschnitt. (25a) gótes óuga neséhe iz Gottes Auge NEG-sehe es nemág1 trîegen2 (NB 240,3) dáz nîoman das niemand NEG-kann trügen (25b)Sî íst tóh zéichen . sie ist doch Zeichen dáz siu nôte chómen2súlen1 (NB 249,28) dass sie notwendigerw. kommen sollen
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(25c) thaz uuari1 gifullit2 thaz thar giqu&an2 uuas1 / (auf) dass wurde erfüllt das da gesprochen war Fon truhtine (Tat. 83,27f.) vom Herren ut adimpler&ur quod dictum est / a domino Diese Befunde deuten darauf hin, dass sich das Althochdeutsche hinsichtlich der Stellungsmöglichkeiten von Verbketten eher wie eine OV-Sprache verhält, da sowohl in zwei- als auch dreigliedrigen Verbalkomplexen Umordnungen zu beobachten sind. Die als Unterscheidungskriterium wichtige Kompaktheitseigenschaft ist allerdings aufgrund der dürftigen Quellenlage nur schwer testbar. Inwieweit die Abwesenheit von IPP-Konstruktionen analog zum Jiddischen als Anomalie gedeutet werden kann, bedürfte – auch in Hinblick auf die Entstehung dieser Konstruktion im Mittelhochdeutschen – einer gesonderten Untersuchung. Wird die Stellung von Objekten mitberücksichtigt, zeigt das Althochdeutsche allerdings einige interessante Strukturen, die sich in der heutigen Sprachstufe (auch in den Dialekten) nicht finden. So befinden sich in (26a) ein Reflexivpronomen, also ein inhärent ‚leichtes‘ Objekt,12 rechts vom Verb; (26b) zeigt sogar mehrere Objektphrasen in postverbaler Position.13 (26a) therthar giotmotigot sih (Tat. 403,19) der da erniedrigt sich-AKK qui se humiliat (26b)Uuâr-ána mág îoman skéinen sînen geuuált . wodurch mag jemand offenbaren seine Gewalt án demo lîchamen (NB 90,20) an dem Körper Der entscheidende Datenbereich sind aber Konstruktionen wie (27), bei denen es offensichtlich – analog zu den Beispielen aus dem Jiddischen in (3) – zu einer Amalgamierung von OV- und VO-Strukturen kommt. (27a) Tár hábet si ímo Da hat sie ihm
geántuuúrtet sînero frâgo (NB 219,21) geantwortet seiner Frage-GEN
scûofen demo líute (NB 64,13) (27b)tánne sie búrg-réht dass sie Stadtrecht verliehen dem Volke
_____________ 12 13
In Ermangelung einer brauchbaren Definition von grammatischem Gewicht ist die Kennzeichnung hier informell auf die Länge der Konstituente gemünzt. Eine umfassende Datendiskussion findet sich in Schallert (2007).
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OV- und VO-Strukturen im Althochdeutschen
(27c) Úbe óuh tû uuéllêst mít cláten óugôn chîesen dia uuârhéit (NB 40,26) Ob auch du mit klaren Augen die Wahrheit erkennen willst
In (27) finden sich jeweils ditransitive Verben, bei denen ein Komplement – in (27a) ein Dativobjekt, in (27b) ein Genitivobjekt 14 – in postverbaler und das andere in präverbaler Stellung realisiert ist; in (27c) befindet sich ein Modaladverbial („mít cláten óugôn“) nach dem finiten Verb im Oberfeld, während das infinite Verb im Unterfeld mit dem direkten Objekt eine VO-Struktur bildet. Als Paradebeispiel für Verbketten mit Oberfeld sind Fälle von Verb projection raising (VPR) zu werten, für welches Phänomen es eine solide Datenbasis im Althochdeutschen gibt, vgl. z.B. Schallert (2007), Schlachter (2009), Weiß (2007). Die Beispiele in (28) zeigen ein Pronomen (28a), eine volle DP (28b) sowie ein Adverb zwischen Ober- und Unterfeld (28c). (28a) dhazs izs in salomone uuari al arfullit (Is. 632) dass es in Salomon war alles erfüllt Hec omnia […] in salomone putat fuisse inpleta dass es alles in Salomon erfüllt wurde
(28b) táz tu danne mugîst taz uuâra lîeht kesehen (NB 40,11) dass du dann kannst das wahre Licht sehen (28c) dhazs dher druhtin dass der Herr
nerrendeo rettende
christ Christus
iu ist langhe quhoman schon ist lange-ADV gekommen dominus iesus christus olim uenisse [cognoscitur] (Is. 454) dass der Herr Jesus Christus schon lange gekommen ist
Auch in heutigen Dialekten des Deutschen sind VPR-Strukturen anzutreffen, wie die Beispiele aus dem Zürichdeutschen in (29a, b) bzw. aus den bairischen Dialekten Österreichs in (29c) demonstrieren.
_____________ 14
Zu den ahd. Verben mit AKK-GEN siehe Donhauser (1998).
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(29a) Ich han em vatter müese s gschier hälffen abwäsche.
(CH)
(29b)Ich han em vatter müese hälffe s gschier abwäsche. Ich habe dem Vater das Geschirr abwaschen helfen müssen. (Lötscher 1978, 7, Bsp. (12b., c.))
(29c) wånn i wein håb aus da Not hö(l)fa kinna
(Ö)
wenn ich jemandem habe aus der Not helfen können (Patocka 1997, 299)
3.3. Konstruktionstyp II: Stellung von präfigierten Verben Postverbale Objekte bei rechtsdistanter Partikel sind im Althochdeutschen relativ häufig zu finden.15 In den Beispielen (30a, b) ist − bedingt durch die Positionierung des finiten Verbs in der linken Satzperipherie − die rechtsdistante Position der Partikel sowohl mit einer OV- als auch mit einer VO-Analyse kompatibel. In beiden Fällen ist allerdings davon auszugehen, dass die Objekte in postverbaler Position angesiedelt sind; in (30c, d) befindet sich die Partikel in einer linksadjazenten, für OV typischen Position: (30a) Fone diu uuiske aba die trâne (NB 69,24) Deshalb wische die Träne ab.
(30b)Sîe lîezen uz iro blûot (NPs. 560.2) Sie vergossen ihr Blut.
(30c) Uuîo uuérdent sie ána getân únserên mûoten? (NB 256,28) Wie werden sie unseren Sinnen eingeprägt?
(30d) únde [daz] hercules temo fárre daz hórn ába slûoge (NB 53,8) und [dass] Herkules dem Stier das Horn abschlug
(30e) daz sie eolus ûz-lîeze (NB 12,7) dass sie den Ton ausließ
_____________ 15
Vgl. Schrodt (2004, 218): „Häufige Ausklammerungen weist auch die im Vergleich zum Nhd. seltenere Klammer ,Personalform + Verbzusatz‘ auf.“
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Interessant ist folgender Einzelbeleg (aus Notker), der als Indiz für den Parallelismus von VO- und OV-Strukturen gewertet werden kann: In (31a) befindet sich das finite Verb im Oberfeld (die linke Satzklammer wird von der nebensatzeinleitenden Konjunktion daz 'dass' eingenommen), während die linksadjazente Stellung der Partikel in (31b) für eine Stellung im Unterfeld (also in Basisposition) spricht. (31a) taz er beiz imo selbemo aba dia zungûn (NB 91,3) [= VO] dass er biss ihm selber ab die Zunge (31b)ter imo selbemo dia zungûn aba / beiz (NB 16,12) [= OV] der ihm selber die Zunge abbiss 3.4. Ein kurzer Blick auf die Situation im Mittelhochdeutschen In (32) finden sich einige Serialisierungsmuster aus dem Mittelhochdeutschen: (32a) zeigt die ‚aufsteigende‘, voll-invertierte Abfolge im Verbalkomplex, (32c) ist ein Beispiel für Verb projection raising. Bemerkenswert ist das Abfolgemuster V < Obj. < Aux in (32b), das in den heutigen Sprachen der Welt sehr selten ist bzw. sogar ganz fehlt, vgl. Steele (1978), Dryer (1992). (32a) daz fleischlichiv ovgen vnser vordern in nimmer dass fleischliche Augen unserer Vordern ihn nicht mehr mohten1 haben2 gesehen3 konnten haben gesehen (Paul 2007, 454; §215) (32b)daz aller der zorn [AUX [VP gestillet2 gegen in] wære1] der Zorn gestillt gegen ihn wäre dass all (Askedal 1998, 240) (32c) daz ein […] man […] in dis richis stat sal1 vride habi2 dass ein Mann in dieser Freistadt soll Friede haben in simi huz in seinem Haus (Paul 2007, 455; §213) (33) zeigt komplexe Extrapositionsphänomene aus dem Mhd.: ein Genitivobjekt nach einem Adverbial in (33a) sowie koordinierte Akkusativobjekte und ein Dativobjekt, das durch einen Attributsatz erweitert ist, in (33b).
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(33a) […] vnde myn geist hat sich und mein Geist hat sich in gote myner selekeit in Gott meiner Seligkeit-GEN
gevrouwit gefreut
(33b)Von siner gnaden sol1 sin2 gechvundet3 fride vnd gnade allen den mennischen die gvotes willen sint in dirre werlt Von seiner Gnade soll Friede und Gnade all jenen Menschen gekündet sein, die guten Willens sind in dieser Welt. (Ebd., 454, §212)
Analog zur Situation im Althochdeutschen scheint es schwer zu sein, vereinheitlichende Faktoren zu identifizieren, die Objektphrasen ins Nachfeld nötigen. Zumindest in Hinblick auf die Kasuistik äußern sich die Bearbeiter von Paul (2007, 460) eher skeptisch: „Die Ausklammerung kann im Einzelfall ganz unterschiedliche, zum Teil schwer greifbare Gründe haben.“ Als Faktoren, die Extraposition im Mhd. fördern, werden die folgenden genannt (ebd.): •
Je mehr Konstituenten vorhanden sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine von ihnen extraponiert ist.
•
Bei der Abfolge 1-2 ist Ausklammerung häufiger als bei der Abfolge 2-1.16
•
Extraposition ist häufiger in Matrixsätzen als in eingebetteten Sätzen.17
4. Einige grammatiktheoretische Bemerkungen 4.1. Was tun mit VO-Abfolgen im Althochdeutschen? Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie das Auftreten von postverbalen Komplementen im Ahd. zu deuten ist. Eine in der älteren Forschung (z.B. Borter 1982 zu Notker) häufig verwendete Strategie besteht darin, solche Strukturen als epiphänomenale, stilistisch bedingte Erscheinungen zu charakterisieren, die keiner syntaktischen Erklärung im engeren Sinn bedürfen. Als termini technici haben sich hierfür die Kennzeichnungen Ausklammerung bzw. Extraposition eingebürgert. Unkontroverse Fälle von Extraposition sind im heutigen Deutschen das Auftreten ‚schwerer‘ Kon_____________ 16 17
Dieselbe Korrelation stellt Sapp (2006, 27) für das Frühneuhochdeutsche fest. Dasselbe gilt für die Situation im Althochdeutschen, vgl. Schrodt (2004, 218; § 203).
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stituenten im Nachfeld (sogenanntes Heavy NP Shift), vgl. (34a). Von Extraposition ist im Ahd. bei Fällen von postverbalen Konstituenten nach Verben in Basisposition auszugehen, vgl. (34.). (34a)Auf Gleis 3 fährt ein [NP der Intercity 342 von Bregenz nach Wien Westbahnof]. (34b)[…] dáz uuîr irfáren mûozîn Dass wir erfahren müssen [NP dîa hóuestát tes fórderôsten gûotes]? (NB 148,18) die Wohnstätte des vordersten Guten Problematisch für einen Extrapositions-Ansatz sind aber z.B. die folgenden Datenbereiche: (a) Spaltungskonstruktionen, vgl. (35); (b) postverbale ‚leichte‘ Elemente, vgl. (36). (35a) dû du tîe die
hábest fúnden dîne fríunt . hast gefunden deine Freunde der tíuresto scáz sínt (NB 106,13) der teuerste Schatz sind
(35b)dáz er demo chúninge dîe brîeue nebrâhti. dass er dem König die Briefe NEG-brachte mit tîen er daz hêrôte-N.AKK gehóubet-scúldigoti mit denen er die Krone majestätsbeleidigte (35c) fóne von
démo dem
diu tímberi chúmet . tero mûot-trûobedo die Dunkelheit kommt dieser Gemütstrübung
In (35a) ist ein Relativsatz gemeinsam mit seinem Bezugselement („dîne fríunt“) extraponiert. Wie (35b) aber demonstriert, kann das Bezugselement auch intraponiert sein – ein Umstand, der einer grundlegenderen Erklärung bedarf.; in (35c) kommt es zu einer sog. Spreizstellung18 (Hyperbaton) von Bezugselement (Kopfnomen) und Genitivattribut. (36a) thuruh then quimit asuuih (Tat. 319,13) durch den kommt Böses-NOM per quem scandalum uenit (36b)Hábest tû ergézen dînero sâldôn (NB 62,26) Hast du vergessen deiner Schulden-GEN
_____________ 18
Für weitere Beispiele dieser Konstruktion bei Notker siehe Näf (1979, 246ff.).
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(36c) daz danne nah ist dass dann nahe ist
sumere (MF 19 19,14) Sommer-DAT
dass der Sommer nahe ist (Axel 2007, 295, Bsp. (3a.))
(36d) thie thár hab&un diuual (Tat. 133,1) die da hatten Teufel-AKK In (36) sind ‚leichte‘ NPn in allen Kasus in einer postverbalen Position zu finden: ein Subjekt in (36a), ein Genitivobjekt in (36b), ein Dativ- und ein Akkusativobjekt in (36c, d). In konzeptueller Hinsicht erscheint der Extrapositions-Ansatz, der unlängst von Axel (2007, 94f.) wieder ins Spiel gebracht wurde, deutlich attraktiver, da er mit weniger Zusatzannahmen auskommt als der hier vorgestellte ‚typologische Ansatz‘. Allerdings verschiebt sich in diesem Fall auch die Beweislast in Richtung dieses Ansatzes, da zu klären wäre, welche Faktoren Extraponierbarkeit im Einzelnen fördern bzw. fordern. 20 Dass hinsichtlich Extraposition selbst scheinbar eindeutige Datenbereiche ihre Tücken haben können, möchte ich abschließend am Phänomen der Subjektextraposition 21 demonstrieren, vgl. (37): (37a) dhazs chiendot2 uuerdhe1 [dhiu aboha ubarhlaupnissi] (Is. 448) dass die falsche Überschreitung beendet werde
ut consummetur praeuaricatio (Axel 2007, 91, Bsp. (85a.)) (37b) […]ér thanne / arsterbe [mín sún] (Tat. 195,21) bevor dann sterbe mein Sohn-NOM /priusquam / moriatur / filius meus.,/ (Ebd., 90, Bsp. (83b.)) Neben unkontroversen Fällen für Subjektextraposition wie in (37a), wo die Verben in der rechten Satzklammer in der Reihenfolge ihrer S-Rektion stehen, bemerkt Axel (2007, 90), dass die große Mehrheit der einschlägigen Belege dem Muster in (37b) entspricht, d.h. passivierte bzw. unakkusativische Prädikate enthält, bei denen man davon ausgehen könne, dass _____________ 19 20 21
Die Sigle „MF“ bezieht sich auf die Mondsee-Fragmente, einem zur Isidor-Sippe gehörigen Text. Borter (1982) bemüht sich um eine Taxonomie von ausklammerungsfördernden Faktoren, die jedoch letztlich so uneinheitlich ist, dass sie kaum tragfähige Generalisierungen ermöglicht. Extraposition von ‚leichten Subjekten‘ ist übrigens auch im Jiddischen möglich, vgl. Vikner (2001, 23f.), Santorini (1993, 231, 243, fn. 3).
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das Subjekt in Objektposition basisgeneriert werde. Auch wenn Axel (ebd., 94) diese Idee u.a. auf Basis von Daten wie (37a) aufgibt, ergeben sich zusammen mit den oben diskutierten Phänomenen (Spaltungskonstruktionen, leichte Objekte) dennoch gewisse Verdachtsmomente, die darauf hindeuten, dass das Vorhandensein von Extraposition letzten Endes unabhängig ist vom typologischen Status des Althochdeutschen (OV oder VO). 4.2. Ein Analysevorschlag Eine Erhellung der Verbstellungsregularitäten im Althochdeutschen kann nicht allein auf empirischer Ebene angegangen werden: Obwohl die Quellenlage und in Sonderheit die Frage nach der Authentizität bestimmter Texte in syntaktischer Hinsicht (vgl. Fleischer 2006, 49) noch einiges an Arbeit abverlangen wird, besteht kein grundsätzlicher Zweifel, dass die in Abschnitt 2 diskutierten Strukturen im ahd. System verankert sind. Im Folgenden soll daher in Skizzenform ein Modell vorgestellt werden, mit dem sich einige syntaktische Besonderheiten des Ahd. in Bezug auf die Stellung von Verben und Objekten einfangen lassen. Ausgangspunkt soll hier rein die Frage sein, wie sich die empirischen Befunde, die sich im Rahmen des Feldermodells bzw. Bechs (1983) Modells ergeben, in Konstituentenstrukturen abbilden lassen. Verkompliziert wird die Situation dadurch, dass es im Ahd. Strukturen gibt, die beide Modelle vor analytische Schwierigkeiten stellen. So verstoßen gewisse Fälle von Oberfeldbildung, bei denen zwischen Oberfeld und Unterfeld nicht-verbales Material zu finden ist – diese Strukturen wurden unter dem Etikett Verb projection raising diskutiert –, gegen die Generalisierung, dass die rSkl nur verbales Material enthalten dürfe. Umgekehrt ist bei gewissen Umgruppierungen im Verbalkomplex, die die Abfolge der S-Rektion durcheinander würfeln, nicht so ohne Weiteres klar, ob denn nun ein Oberfeld vorliegt oder nicht. Die problematischen Fälle sind in (38) anhand von Daten aus dem Alemannischen (Vorarlberg) angeführt, wo die relevanten Strukturen ebenfalls zu finden sind: (38a) das er scho längscht [rSkl [OF hett1 dr Ufsatz [UF abschicka3 sölla2]]] (VBG) (38b)das er dr Ufsatz scho längscht [rSkl [OF? abschicka3 [UF? hett1 sölla2]]] Unter der Annahme, dass die Subjunktion das in (38) jeweils die linke Satzklammer markiert, ergibt sich in (38a) das Problem, dass sich die Objektphrase „dr Ufsatz“ (den Aufsatz) offensichtlich innerhalb der rSkl
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befinden muss; bei (38b) stehen die einzelnen Verben nicht in ihrer S-Rektion, aber zusätzlich ist das finite Verb nicht – wie bei der IPPKonstruktion im Standarddeutschen üblich – an die Spitze der rSkl (also ins Oberfeld) gerückt worden. Benötigt wird also ein Modell, das einerseits liberal genug ist, um zwischen beiden Beschreibungsebenen zu vermitteln, andererseits aber hinreichend restriktiv ist, d.h. nur jene Stellungsvarianten erfasst, die im ahd. Korpus auch wirklich zu finden sind. Ich folge hier Haider (1993, 1997b, 2003) in der Auffassung, dass sich die Satzstruktur und in Sonderheit die Felderstruktur des Deutschen in folgender Weise auf Konstituentenstrukturen umlegen lässt (einige Details wurden ausgelassen): •
Vorfeld und linke Satzklammer entsprechen einer funktionalen Phrase (FP).
•
Mittelfeld und rechte Satzklammer entsprechen der Verbalphrase (VP), die über eine komplexe Kopfstruktur als Projektionsbasis verfügen kann.
Die in (39a) bereits eingeschachtelten Felderabschnitte entsprechen nach Auffassung Haiders also den folgenden Konstituenten (lSkl = linke Satzklammer, rSkl = rechte Satzklammer): (39a) [Vorfeld] lSkl [Mittelfeld] rSkl … (39b)[FP … Fo = {lSkl} [VP … [Vo = {rSkl}]]] Die Besonderheiten des Ahd. sind somit in der Konstituentenstruktur der Verbalphrase (VP) und den systematischen Kontrasten angesiedelt, die sich hier zwischen einer OV-Sprache wie Deutsch und einer VO-Sprache wie Englisch ergeben. Instruktiv ist in diesem Zusammenhang das Verhalten von präfigierten Verben. Haider (1997a, 2000, 52) wertet die verbdistante bzw. verb-adjazente Position der Partikel in Sprachen wie Englisch oder Norwegisch als direkten Reflex der in diesen Sprachen verfügbaren Kopfpositionen, vgl. (40a, b). (40a) to [VP [phone upi] somebody [VP ei secretly]] (40b)to [VP phonei somebody [VP [ei up] secretly]] (40c) [VP jemanden heimlich anzurufen] (40d) [FP er rufti [VP jemanden heimlich an ei]] In einer VO-Sprache wie dem Englischen oder Norwegischen sind also zwei V-Schachteln (und damit zwei Kopfpositionen) nötig, um beispielsweise die Argumentstruktur eines transitiven oder ditransitiven Verbs zu sättigen, während dies in einer OV-Sprache wie dem Deutschen, in der
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sich alle Argumente nach links an den Kopf der VP anlagern, nicht nötig ist, vgl. (40c). Es gibt nur eine weitere nicht-lokale und obligatorische Kopfposition, und diese entspricht der linken Satzklammer in V / 1- bzw. V / 2-Sätzen, vgl. (40d). Ein zweiter wichtiger Unterschied besteht in der syntaktischen Organisation von zusammengesetzten Verbformen, die in OV quasi in einen Topf geworfen werden und eine komplexe Kopfstruktur bilden, die kein intervenierendes Material duldet, vgl. (41b); im Englischen hingegen spannt jeder einzelne verbale Kopf eine eigene, nichtkompakte VP auf, vgl. (41a). (41a) that he [VP must [VP have [VP read the book]]] (41b)dass er [VP das Buch [Vo gelesen (*XP) haben (*XP) muss]] (41c) dass er [VP das Buch [Aux hättei [Vo lesen sollen ei]]] Die einzige Ausnahme bilden Ersatzinfinitiv-Konstruktionen, bei welchen zumindest das finite Auxiliar (gegebenenfalls noch weitere abhängige Verben) in einer nicht-kanonischen Kopfposition zu finden ist, nämlich dem Oberfeld, vgl. (41c), (42a); zwischen Ober- und Unterfeld ist u.U. nichtverbales Material zu finden, vgl. (42b). Der kategoriale Status dieser nichtkanonischen Kopfposition kann nicht einfach vom Typ V sein, da sie im Wesentlichen nur Auxiliaren bzw. Modalverben offensteht. (42a) dass [VP er ihn heimlich [AUX hättei … [Vo anrufen sollen ei]]] (42b)dass [VP er ihn [AUX hättei [VP heimlich [Vo anrufen sollen ei]]] In dieser Eigenschaft besteht auch der entscheidende Unterschied zu einer VO-Sprache wie Englisch, die auf Ebene der Argumentstruktur-Projektion keine kategorialen Unterschiede aufweist: Die V-Projektion wird durch eine weitere Projektion derselben Kategorie erweitert, und diese Erweiterung ist nicht konstruktionsspezifisch wie im Deutschen bei IPP, vgl. den Kontrast zwischen (43a) und (43b). (43a) *dass [VP er riefi ihn [VP an ei]] (43b)that he [VP phonedi him [VP ei up]] Ich begnüge mich an dieser Stelle mit einigen Anmerkungen zu den hier verwendeten Konzepten; für weiterführende Aspekte und insbesondere für eine Analyse im Rahmen der Projektiven Grammatik (einer repräsentationellen Variante der Generativen Grammatik) sei auf Haider (1993, 2000, 2009) verwiesen. Auf Basis des bisher Gesagten lassen sich für das Althochdeutsche jedenfalls vier mögliche Konstituentenstrukturen für die VP identifizieren, die in (44) anhand von Beispielen illustriert werden:
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(44a) OV + quasi-geschichtete VP (Oberfeldbildung): dhazs izs in salomone [AUX uuarii [VP al arfullit ei]] (Is. 632) (44b)OV ohne Schichtung: ter [VP imo selbemo dia zungûn [Vo aba / beiz]] (NB 16,12) (44c) VO + geschichtete VP: Úbe uuír gréhto nû [VP uuéllên [VP skáffôni dien díngen nâh platone ei gerístige námen.]] taz er [VP beizi imo selbemo [VP aba ei dia zungûn]] (NB 91, 3) (44d) VO ohne Schichtung: tánne [VP sie búrg-réht [VP scûofen demo líute]] (NB 64,13) Die beiden prototypischen Strukturen sind (44b) und (44c) – sie entsprechen jeweils der VP-Struktur von OV-Sprachen bzw. VO-Sprachen. Erklärungsbedürftig sind die Varianten (44a) und (44d), da es sich hierbei um ‚hybride‘ Strukturen handelt, die weder eindeutig dem OV- noch dem VO-Typ zugeordnet werden können. Allerdings ist hier zu beachten, dass (44a) – im Unterschied zu (44d) – auf dialektaler Ebene, mit Einschränkungen, sogar im Standarddeutschen, zu finden ist, d.h. als genuin ahd. Muster bleibt also nur die Variante (44d) übrig. Unter Schichtung ist die Erweiterung der V-Projektion durch eine weitere nicht-lokale Kopfposition zu verstehen, wie sie in (40a, b) anhand einer VO-Sprache wie Englisch motiviert wurde. Die grundlegende Einsicht ist die, dass eine VO-Sprache zweier VP-Schachteln (mit jeweils eigenen Kopfposition) bedarf, um die Argumentstruktur eines transitiven Verbs projizieren zu können; in einer OV-Sprache mit Verbalkomplex (Deutsch, Niederländisch) ist hierzu nur eine (komplexe) Kopfposition und ein Abschlussknoten (VP) vonnöten. Nur im Falle von Oberfeldbildung (vgl. Bech 1983) wird in OV eine zusätzliche V-Projektion aufgespannt, und diese zeigt eindeutige kategoriale Beschränkungen hinsichtlich zulässiger Kopfelemente (Auxiliare, Modalverben); die im Unterfeld verbleibenden Verben bilden eine durch Statusrektion verbundene komplexe Kopfstruktur. In einer VO-Konfiguration hingegen gibt es kein Unterfeld; die Statusrektion verläuft von links nach rechts (ohne Variation), und jedes Verb als Kopfexponent spannt seine eigene V-Projektion auf. 4.3. Was ist in späteren Sprachstufen des Deutschen passiert? Wenn nun das Althochdeutsche in der Tat als Repräsentant eines dritten Stellungstyps neben OV und VO gesehen werden kann, ergibt sich die
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Frage, wie es im Deutschen zum Wandel Richtung OV kam und welche internen bzw. externen Faktoren zu solch einem Wandel beigetragen haben. Was die grammatik-interne Ebene anlangt, so wird diese im Beitrag von Haider (dieser Band) einer genaueren Betrachtung unterzogen. Über externe Faktoren allerdings kann zu diesem Zeitpunkt allenfalls spekuliert werden: So unplausibel ein Bezug auf den Einfluss des Lateinischen bei der Fixierung der Nebensatzstellung in frühneuhochdeutscher Zeit (vgl. Behaghel 1932, 11f.) ist, so eindeutig mangelt es an brauchbaren Alternativen. 22 Auf empirischer Ebene jedenfalls lässt sich dieser Wandel zu OV, der spätestens in frühneuhochdeutscher Zeit abgeschlossen ist (vgl. Sapp 2006, Kap. 5), mit dem graduellen Verlust der Option (44d) verbinden, die als VO ohne Schichtung angesprochen wurde. Option (44a), d.h. Verb projection raising, ist auf dialektaler Ebene auch im heutigen Deutschen fest etabliert; Belege für diese Struktur lassen sich sogar im Standarddeutschen finden, wie die folgenden Belege aus dem ZEIT-Korpus 23 demonstrieren: (45a) Zugegeben, daß auch ein jüngerer, ein kühnerer Politiker an dieser Erbmasse hätte vielleicht verzweifeln müssen […] (45b) Das war doch wohl ein Kredit, den er hätte besser nutzen können (46a) und führt Beispiele an, woran man hätte Anstoß nehmen müssen (46b) daß sie nun auch hätte Kohlen kaufen können In (45) finden sich Beispiele für Adverbien, die zwischen Ober- und Unterfeld intervenieren; (46) ist repräsentativ für die Belege, die ich im ZEIT-Korpus habe finden können: Sie umfassen durch die Bank Lexikalisierungen (46a) bzw. indefinite NPn (46b). 24
5. Fazit In diesem Beitrag wurde der Versuch unternommen, gewisse syntaktische Besonderheiten des Althochdeutschen in der rechten Satzperipherie typologisch zu interpretieren. Nimmt man wohlbekannte systematische Kon_____________ 22 23 24
Schon Fleischmann (1973) hat nachgewiesen, dass es signifikante Unterschiede zwischen der kanonischen Verbendstellung des klassischen Lateins und den Stellungsmöglichkeiten des Mittel- bzw. Neulateins gibt. Dieses Korpus kann online über das Projekt Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jh. (DWDS) benutzt werden: http://www.dwds.de/ (Stand: 28.11.08). Weitere Belege für diese Struktur finden sich bei Bech (1983, 67) und bei Haider (2003, 106f.).
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traste zwischen den heutigen germanischen OV- und VO-Sprachen als Heuristik, dann zeigt sich im Ahd. nicht nur ein Parallelismus von (a) OVund VO-kompatiblen Strukturen, sondern es gibt auch (b) Stellungsmuster, die keinem der beiden Typen eindeutig zugeordnet werden können. Andere (scheinbare) Verbstellungs-Besonderheiten des Althochdeutschen (z.B. Verb projection raising) lassen sich dahingehend relativieren, dass sie auf dialektaler Ebene und – mit Einschränkungen – auch im heutigen Standarddeutschen zu finden sind. Aus der Perspektive der Grammatiktheorie lassen sich diese Besonderheiten durch alternativ verfügbare Konstituentenstrukturen der VP erfassen. Althochdeutsch stellt in dieser Hinsicht ein reichhaltigeres System dar als spätere Stufen des Deutschen, indem es typische Eigenschaften von VO- und OV-Sprachen miteinander verbindet, also in ontologischer Sicht keinem der beiden Typen angehört.
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Der Einfluss von Tiefenkasusverschiebungen bei der Entstehung von Funktionsverbgefügen im Althochdeutschen Christian Braun (Graz)
1. Einleitung Die vorliegende Arbeit betrachtet das Phänomen der Funktionsverbgefüge aus sprachgeschichtlicher Sicht. Die hierbei im Mittelpunkt stehenden Fragestellungen lauten: 1. Wie kommt es zum Bedeutungsschwund des Funktionsverbs? 2. Wie entsteht der semantische Mehrwert der Aktionsartmarkierung? 3. Wie hängen die Valenz des Funktionsverbs und die des Nomen abstractum zusammen? Bei der Beantwortung dieser Fragestellungen wird von folgender These ausgegangen: Funktionsverbgefüge nehmen ihren Ausgang von der konkreten Bedeutung der Funktionsverben und auch von deren Satzbauplänen. Der Bedeutungsschwund der Funktionsverben resultiert aus einer Tiefenkasusverschiebung bei einer regulär vom Verb geöffneten Leerstelle. Anlass hierfür sind Metaphern, wobei nicht entschieden werden kann, ob es sich um lexikalisierte Metaphern auf Ebene der langue oder konzeptuell-kognitive Metaphern im Sinne von Lakoff / Johnson1 handelt. Bei einem Bewegungsverb wie queman könnte eine Konzeptmetapher wie folgt lauten: BEWEGUNG IST GLEICH ZEIT. Der konkrete Ziellokativ entspricht hierbei dem Semem des Nomen abstractum. Die vorliegende Studie konzentriert sich auf Belege des althochdeutschen Verbs queman aus dem 9. Jahrhundert. Aufgabe ist es, eine Betrachtung der Funktionsverbgefüge von der Semantik des Funktionsverbs her, nach seinem Satzbauplan und den darin enthaltenen Rollen vorzunehmen. _____________ 1
Vgl. Lakoff / Johnson (1980).
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2. Zum Terminus Funktionsverbgefüge und seiner Geschichte Es gibt im heutigen Neuhochdeutschen eine ganze Reihe verschiedenster Verb-Substantiv-Fügungen (z.B. Einfluss ausüben, Anerkennung finden, einen Beweis führen, in Begeisterung geraten). Aus diesen wird über mehrere Grade der Einschränkung die Gruppe der Funktionsverbgefüge herausgelöst, wobei verschiedene Forscher in Nuancen jeweils unterschiedliche Schwerpunkte in der Definition setzen. In einem ersten Schritt setzt von Polenz eine Gruppe von Gefügen an, bei denen statt eines Verbs eine Verbindung aus einem inhaltsleeren Verb mit einem durch Nominalisierung eines anderen Verbs entstandenen Substantiv verwendet wird.2 Für diese – immer noch sehr heterogene Gruppe – schlägt er den Begriff des Nominalisierungsverbgefüges vor. Innerhalb dieser Gruppe kann man nun Gefüge beobachten, bei denen der Verbteil einen systematisch beschreibbaren semantischen Eigenbeitrag leistet, nämlich den der Markierung der Aktionsart. Solche Verben nennt von Polenz Funktionsverben, die zugehörigen Gefüge Funktionsverbgefüge. Funktionsverbgefüge müssen über zwei Merkmale verfügen: 1. Das Funktionsverb leistet einen Eigenbeitrag im Sinne der Markierung der Aktionsart; 2. bei dem Substantiv handelt es sich um ein Nomen actionis. Im weiteren Verlauf der Diskussion präzisiert von Polenz den Begriff des Funktionsverbgefüges insofern, dass zwischen Verb und Substantiv als Fügemittel eine Präposition stehen muss.3 Gefüge ohne Präposition sind somit keine Funktionsverbgefüge. Zudem lässt er nicht mehr nur Nomina actionis zu, sondern generell alle Nomina abstracta, also sowohl Verbal- als auch Adjektivabstracta (z.B. Verlegenheit), sofern sie einen Vorgang bzw. einen Zustand beschreiben.4 Diese allgemeinere Fassung des Gefügesubstantivs als Verbal- oder Adjektivabstractum wird nicht von allen Forschern übernommen.5 Zu beachten gilt, dass das Substantiv des Gefüges satzsemantisch als Prädikatsausdruck bzw. als prädikativer Kern fungiert. Das bedeutet, dass sich die Valenz im
_____________ 2 3 4 5
Vgl. von Polenz (1987, 169f.). Vgl. ebd., 171. Vgl. ebd. Vgl. Heringer (1973, 169ff.), Greule (1982, 177ff.).
Der Einfluss von Tiefenkasusverschiebungen bei der Entstehung von FVG im Ahd.
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Satz primär nach der Valenz des Verbalabstractums richtet, eventuell modifiziert durch die Aktionsart.6 Relleke betrachtet Funktionsverbgefüge erstmals auch für eine historische Epoche des Deutschen und konzentriert sich hierbei auf das Althochdeutsche. Sie steht, was die Auffassung des Phänomens betrifft, einerseits in der Tradition von von Polenz, weist andererseits aber schon früher als dieser im Anschluss an Engelen auf die Relevanz der Präposition als Fügemittel hin.7 Relleke unterscheidet nach formalen Kriterien zwischen Gefügen folgenden Aufbaus:8 1. Substantiv + Verb: Arbeit verrichten; 2. Artikel + Substantiv + Verb: eine Beratung durchführen; 3. Präposition + Substantiv + Verb: in Erwägung ziehen; 4. Präposition + Artikel + Substantiv + Verb: zur Entscheidung bringen. Nur für die Strukturen 3. und 4. verwendet sie den Begriff des Funktionsverbgefüges. Aufgrund des Charakters des bestimmten Artikels im Althochdeutschen ist – im Gegensatz zum Neuhochdeutschen – die 4. Struktur jedoch weit weniger relevant. Relleke stellt fest, dass bereits im Althochdeutschen 1. in und zu die häufigsten Präpositionen im Gefüge sind; 2. kommen und bringen als Funktionsverben starke Verbreitung finden.9
3. Korpus und Methodik Bezüglich Korpus und Methodik orientiert sich die hier vorliegende Studie gänzlich am Syntaktischen Verbwörterbuch zu den althochdeutschen Texten des 9. Jahrhunderts.10 Die herangezogenen Quellen umfassen somit folgende Texte: Altalemannische Psalmenfragmente, Benediktinerregel, Hildebrandslied, Monseer Fragmente, Murbacher Hymnen, Otfrid, Tatian sowie die kleineren Sprachdenkmäler nach von Steinmeyer.11 _____________ 6 7 8 9 10 11
Vgl. von Polenz (1987, 171f.): So erhöht sich die Wertigkeit bei Faktitiva / Kausativa um die Stelle des bewirkenden Agens: w bringt x zur Einigung mit y über z. Vgl. Engelen (1968, 289ff.). Vgl. Relleke (1974, 4ff.). Dies erklärt sie mit deren früh einsetzendem Bedeutungsschwund; vgl. ebd., 39f. Greule (1999). Ausführliche Beschreibungen zur Methodik finden sich auf S. 10ff. Vgl. hierzu auch Greule (1982); Greule (1995, 357ff.). Vgl. von Steinmeyer (1971).
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Aufgrund aller vorkommenden Belege für das Verb queman im Althochdeutschen des 9. Jahrhunderts werden in einem ersten Schritt Satzbaupläne erstellt, vor denen als Folie die auftretenden Funktionsverbgefüge betrachtet werden.12 Der Untersuchungsgegenstand ist das Simplex queman und seine bedeutungsgleichen Präfixverben. Ausgangspunkt ist der Lexikoneintrag im Wörterbuch von Schützeichel.13 Die Bedeutungen des Simplex werden mit denen der Präfixverben verglichen. Bei Deckungsgleichheit wird das Präfixverb aufgenommen.14 Für die hier behandelten Quellen lassen sich zwei Hauptbedeutungen ausmachen: 1. 'kommen, gehen'; 2. 'zuteil werden'. Wegen Deckungsgleichheit aufgenommen wurden die Präfixverben azqueman‚ '(herbei)kommen' und teilweise biqueman in den Bedeutungen 'kommen', 'gelangen', 'zuteil werden'.
4. Zum Problem der Präfixverben Es muss darauf hingewiesen werden, dass die Behandlung von Präfixverben mit Problemen verbunden ist. Allein die von den verschiedenen Editoren in ihren Registern doch sehr unterschiedlich angesetzten Infinitivlemmata sprechen hier eine deutliche Sprache. Für Otfrid können die Glossare von Shimbo (1990), Piper (1887) und Kelle (1963) herangezogen werden. Piper setzt außer dem Simplex und den im Wörterbuch von Schützeichel angegebenen Präfixverben noch weitere Komposita an. Beleganzahl queman ana-queman bi-queman heim-queman hera-queman
196 1 7 (+4) 9 21
_____________ 12
13 14
Der Artikel zu queman im Valenzlexikon beruht auf einer repräsentativen Belegauswahl; vgl. Greule (1999, 10). Insgesamt können für das Korpus 598 Belege ermittelt werden, deren Analyse die Gesamtsituation jedoch nur unwesentlich modifiziert. Hinzu treten die Belege der Funktionsverbgefüge. Vgl. Schützeichel (1995). Der größere Formenreichtum und Bedeutungsumfang bei Schützeichel erklärt sich durch die umfangreichere Materialgrundlage des Wörterbuchs.
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herasun-queman în-queman ingegin-queman thanan-, thanana-queman thara-queman thuruh-queman widorort-queman zisamane-queman
399
10 3 7 4 18 1 2 3
Bei Kelle ergibt sich folgende Belegsituation: Beleganzahl quimu ana-quimu bi-quimu hera-quimu in-quimu ingegin-quimu thara-quimu thuruh-quimu zisamane-quimu
154 (davon doppelt gezählt: O 5,13,27)15 1 7 (+4) 16 2 6 1716 1 3
Kelle liefert keinen eigenen heimqueman-Eintrag, sondern führt heim- als Untereintrag bei quimu auf.17 Gleichzeitig nennt er besagte Belegstellen zusätzlich noch im normalen quimu-Eintrag.18 Gleiches gilt für herasun-. Auch für widorort-quimu setzt er keinen eigenen, sondern einen Untereintrag beim Simplex an. Dort finden sich beide Belege. Abweichend von Piper findet sich bei Kelle auch kein Präfixverb thanan(a)queman. Die Einträge werden verstreut beim Simplex angeführt. Letztlich kumuliert das Problem in der Frage: Liegt ein echtes Präfix vor, handelt es sich um eine Präposition oder ein Adverb? Dies muss man für jeden Einzelfall vor Ort entscheiden. In den allerseltensten Fällen findet man das Präfix aber im Text dort, wo es zu vermuten wäre – direkt vor dem Verb. Oft ist einer Einordnung als Adverb (und damit als eigenständiges Satzglied) oder als Präposition (und damit als Teil eines anderen Satzglieds) der Vorzug zu geben. Dies kann die folgenden Verben betreffen: anaqueman, thar(a)queman, thuruhqueman, foraqueman, framqueman, furi_____________ 15 16
17 18
Vgl. Kelle (1963, 467, Sp. 1 und 468, Sp. 1). Obwohl Piper hier 18 und Kelle 17 Belege anführen, hat letzterer nicht einfach einen übersehen. Vielmehr hat Kelle drei Belegstellen weniger und zwei zusätzlich gefunden, wobei O 3,9,8 bei Piper evtl. zu Recht unter dem Simplex aufgeführt ist (quam thar). Vgl. Kelle (1963, 467, Sp. 1). Vgl. ebd., 469, Sp. 2.
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qhueman, heraqueman, inqueman, ingeginiqueman, ûfqueman, ûzqueman, zusamanequeman, zuaqueman. Bei Texten, die auf lateinischen Vorlagen beruhen, tritt das Phänomen der Lehnbildungen erschwerend hinzu. Zwar liegen hier echte Präfixverben, d.h. Verben mit vorangestelltem Präfix, vor, jedoch darf bezweifelt werden, ob Lexeme, in denen mechanisch Lehnbildungen aus dem Lateinischen übernommen werden,19 Aufschluss über die germanischen Aktionsarten im Sinne Streitbergs20 geben können. Die folgenden Belege dienen der Veranschaulichung: B 11,14: B 22,32: B 27,39: B 32,47: B 65,100:
MH 2,7:
… min duruhqhueman. minime pervenientur. [schlechte Gedanken] herzin sinemu zuaqhuuemente malas cordi suo advenientes (uuir) wellemees sniumo duruhqhueman volumus velociter pervenire (kidancha ubile) herzin sinemu zuaqhuemante malas cordi suo advenientes … uzzan ibu notduruft kesteo ubarqhuimit *** [Text lückenhaft] excepto si necessitas hospitum supervenerit aut forte azquheme richi dinaz adveniat regnum tuam
Es tritt im Korpus jedoch kein Fall auf, in dem ein in dieser Weise gebildetes Verb Teil eines Funktionsverbgefüges ist, so dass die sich potentiell hierbei ergebenden Schwierigkeiten auf der Ebene der Semantik für die vorliegende Studie nicht relevant sind.
_____________ 19 20
Vgl. Wedel (1970, 14). Streitberg (1889, 70ff.).
Der Einfluss von Tiefenkasusverschiebungen bei der Entstehung von FVG im Ahd.
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5. Analyse 5.1. queman allgemein Der für das ahd. Verb queman postulierte Kasusrahmen lautet paraphrasiert: a kommt in (i.e. im Gebiet) b von c über d nach e. Hierbei handelt es sich bei a um das Agens, bei den anderen Rollen um Spezifikationen des Lokativs, so wie sie bei einem Bewegungsverb zu erwarten sind. Die Rolle a ist sehr oft durch Lebewesen besetzt, kann aber im Grunde auch durch Unbelebtes gefüllt sein, sofern dieses in irgendeiner Weise personifizierbar ist. Es ist daher sinnvoll, zwischen einem Primäragens AG (+hum / anim) und einem Sekundäragens AG (-hum / anim) zu spezifizieren. Bei den Lokativen handelt es sich um den Situativ, den Ursprungslokativ, den Weg- bzw. Streckenlokativ und den Ziellokativ. Für queman in der Bedeutung 'zuteil werden' sind zwei weitere Rollen relevant: Das affizierte Objekt und der Adressat. Der Kasusrahmen sieht wie folgt aus: OBJAFF wird AD von AG / LOKZIEL zuteil. 5.2. Funktionsverbgefüge mit queman Folgende Belege für Funktionsverbgefüge mit queman können ermittelt werden.21 5.2.1. Inchoative Funktionsverbgefüge B 7,8: zi euuikemo libe dhuruhqhueman
zum ewigen Leben gelangen (lat. pervenire)
M 69,65; M 70,71: ze deru suonu queman
zur Sühne kommen
O 5,6,7: zi giloubu biqueman
zum Glauben kommen / finden
_____________ 21
Für das Mittelniederdeutsche listet Lundemo mehrere Beispiele von Funktionsverbgefügen mit kōmen auf: vgl. Lundemo (1999, 170ff.).
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O 2,9,27: zi suazeren goumon queman
zu süßerem Genuss gelangen
O 1,18,6; O 5,12,87; O 5,23,225: zi ente queman zum Ende kommen T 13,4: zi urcunde queman
zum Bezeugen kommen
5.2.2. Ingressive Funktionsverbgefüge O H 116, O 2,4,84; O 2,4,105; O 2,7,58; O 2,8,40; O 2,14,99; O 2,18,22; O 2,21,43; O 3,1,8; O 3,2,14; O 3,3,2; O 3,18,10; O 3,20,131; O 3,23,46; O 3,24,43; O 4,24,17; O 4,29,54; O 4,30,24; O 5,4,2; O 5,9,8; O 5,19,36; O 5,20,87; O 5,23,209; O 5,24,7 (24 Belege): in muat (17) / in githahti (2) / in gidrahti (1) / in gidrahta (1) / in herza (1) / in wan (1) 'in den Sinn kommen' zi muate (1) queman / biqueman Diese ingressiven Gefüge stimmen in ihrer Bedeutung überein. Syntaktisch weichen sie jedoch voneinander ab. Das Nomen abstractum ist paradigmatisch austauschbar; im Rahmen einer strengen Definition muss der Beleg mit herza ausfallen, da das Substantiv weder als Nomen actionis noch als Verbalabstractum zu werten ist. In einem Fall ist ein paradigmatischer Austausch der Präposition in durch zi zu beobachten. Da hier ausschließlich Otfrid-Belege vorliegen, kann vermutet werden, dass die Fülle der verschiedenen Gefüge-Nomina zu einem gewissen Grad dem Reimzwang geschuldet sein könnte. 5.3. Beispiele Zur besseren Einsicht sollen im Folgenden einige ausgewählte Belegbeispiele in ihrem syntaktischen Kontext angeführt werden.22 M 70,71:
daz er iz allaz kisaget, denne er ze deru suonu quimit
O 5,6,7:
Joh wío siez ouh firnámun, zi gilóubu sid biquámun
O 2,9,27:
Ni thúhta mih theih quámi thar sulih wín wari, odo io in ínheimon zi súazeren goumon
_____________ 22
Auf die Wiedergabe aller Belegstellen wird aus platzökonomischen Gründen verzichtet.
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O 1,18,6: 23
ni mag ich thóh mit worte thes lóbes queman zi énte
O 5,23,225:
Ni móht ich thoh mit wórte thes lóbes queman zénte álles mines líbes frist, wíolih thar in lánte ist
O 2,8,40:
es wiht ni quám imo ouh in wán, theiz24 was von wázare gidan
O 3,1,8:
súntar so thie dáti mir quément in githáhti
O 5,19,36:
queman mág uns thaz in múat
O
5,23,209:25
Allo wúnna thio sín odo io in gidráhta quemen thín
5.4. Pertinenzdative Bei allen Gefügen mit der Bedeutung 'in den Sinn kommen' tritt ein Phänomen auf, das sie von den anderen Gefügen unterscheidet: der doppelte Ziellokativ. O 3,1,8:
súntar so thie dáti mir quément in githáhti
O 5,19,36:
queman mág uns thaz in múat
O 5,23,209:
Allo wúnna thio sín odo io in gidráhta quemen thín
In Fällen wie diesen erscheint es m.E. angemessen, das Pronomen als Pertinenzdativ zu werten.
6. Schlussfolgerungen Welchen Eigenbeitrag kann ein Bewegungsverb wie queman zur Semantik eines Funktionsverbgefüges leisten? Es fällt auf, dass in den allgemeinen Beispielen der Ziellokativ die am häufigsten realisierte Rolle ist. Gleiches gilt auch für die Gefüge, wo 'von etwas kommen' gar nicht auftritt. Bis auf das nicht berücksichtigte Passiv-Gefüge O 3,10,3:
Ni quam er druhtine fon heidinemo wibe in gange odo in loufti sulih anaruafti
_____________ 23 24 25
Hier und im Folgebeleg ist durch die NP5 mit worte jeweils schon der semantische Bezug zum Nomen abstractum hergestellt. I.e. der Wein. Bemerkenswert ist, dass die Wahl von gidráhta hier nicht aus Gründen des Reimzwangs erfolgt.
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folgen sie dem Aufbau 'zu etwas kommen'.26 Somit liegt der semantische Eigenbeitrag von queman im 'Erreichen von etwas'. Auf den ersten Blick wird somit ein perfektivierend-resultatives Element beigesteuert. Genau das ist aber falsch. Vielmehr kommt man zum Beginn dessen, was semantisch durch das Nomen abstractum ausgedrückt wird, nicht zu dessen Ende. Ob ein Funktionsverb einen inchoativen, allmählich einsetzenden oder einen ingressiven, plötzlich einsetzenden Bedeutungsbeitrag leistet, hängt einzig an der Geschwindigkeit, mit der das Ende dessen erreicht wird, zu dessen Anfang man mit queman gelangt. So kann 'zum Glauben kommen' ein ganzes Leben dauern (oder auch schnell gehen), 'in den Sinn kommen' sehr plötzlich geschehen. Als Ausnahme von diesen inchoativ-ingressiven Gefügen wird immer wieder das Beispiel 'zu Ende kommen' mit resultativer Aktionsart genannt.27 In diesen Fällen ist aber bei der Einordnung eine Fehleinschätzung unterlaufen. Der Grund hierfür ist, dass man sich von der dem Nomen (!) innewohnenden Aktionsart in die Irre führen hat lassen. Man darf nicht vergessen, dass manche Verben schon aufgrund ihrer Semantik genuin auf eine Aktionsart verweisen. Die Aktionsart des Gefüges wird aber durch das Funktionsverb übermittelt – nicht durch das Nomen abstractum. Insofern ist zi enti queman ebenfalls inchoativ zu werten: Man beginnt jetzt mit dem Ende.28
7. Fazit Insgesamt können 33 Funktionsverbgefüge mit queman ausgemacht werden. Diesen stehen 508 Belege mit 1queman (+hum / anim), 80 Belege von 1queman (-hum / anim) sowie 10 Belege von 2queman ('zuteil werden') gegenüber. Bis auf das Passiv-Gefüge entsprechen alle Nomina abstracta beim Anlegen des höchstfrequenten Satzbauplans einem Ziellokativ. Sie werden, wie dort, mit den Präpositionen in oder zi eingeleitet. Die Funktionsverbgefüge sind also eine von mehreren Variationen über den Satzbauplan von 1queman (+hum / anim). Diese Variationen sehen wie folgt aus: _____________ 26 27 28
Da keine Präposition als Fügemittel auftritt, wird dieser Beleg nicht als Funktionsverbgefüge gewertet. Z.B. Relleke (1974, 36). Die Plausibilität der Argumentation soll durch folgende Beobachtung gestützt werden: Die in Vorträgen oft gehörte, manchmal durchaus willkommene Phrase „Ich komme jetzt zum Ende.“ signalisiert nicht den sofortigen Abschluss eines Vortrags, sondern vielmehr das Einleiten der Abschlussphase.
Der Einfluss von Tiefenkasusverschiebungen bei der Entstehung von FVG im Ahd.
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Wird das Agens über eine Personifikation mit Unbelebtem besetzt, erfolgt eine Verschiebung von 1queman (+hum / anim) zu 1queman (-hum / anim). Wird der Ziellokativ personifiziert (und damit zum Adressaten) und gleichzeitig das Agens mit Abstraktem besetzt (und auf diese Weise zum affizierten Objekt gemacht), wird der Wechsel von 1queman zu 2queman eingeleitet. Wird allerdings nur der Ziellokativ abstrahiert, befindet man sich auf dem Weg zum Funktionsverbgefüge. Jede dieser Varianten beruht auf einer subtilen Veränderung des Satzbauplans und der zugehörigen semantischen Rollen. Diese stehen jeweils in Relation zum Semem des Verbs, wodurch eine wechselseitige Beeinflussung denkbar ist. Als Resultat ergibt sich eine Fülle verschiedener Alternativen und Möglichkeiten.
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Christian Braun
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Zum Verhältnis von Stil und Syntax. Die Verbfrüherstellung in Zitat- und Traktatsyntax des althochdeutschen Isidor∗
Eva Schlachter (Berlin)
1. Einführung Spätestens seit dem Werk von Matzel (1970) ist bekannt, dass die althochdeutsche Übersetzung des Traktats De fide catholica ex veteri et novo testamento contra Iudeos des Isidor von Sevilla keinen einheitlichen syntaktischen Stil aufweist: Zwei Techniken des Übersetzens werden in der Is[idor]-Übertragung befolgt: Außerhalb der Bibelzitate eine sehr selbständige, die mitunter überaus frei ist und fast der umschreibenden Wiedergabe gleichkommt; sie ist vornehmlich auf eine adäquate Erfassung des Sinnes der sehr schwierigen theologischen Beweisführungen bedacht. In den Bibelzitaten eine auf Selbständigkeit der Ausdrucksweise verzichtende, der getreuen Verdeutschung des biblischen Wortes dienende, die vielfach die lapidare Diktion der geheiligten Worte nachahmt und mit archaischeren Ausdrucksmitteln arbeitet. (Matzel 1970, 357)
Schon vor ihm hatte Eggers darauf hingewiesen, dass sich „dieser ausgezeichnete Übersetzer“ bei der Wiedergabe der Bibelzitate „enger an die Vorlage“ halte (Eggers 1963, 203). Die für die frühalthochdeutsche Zeit außergewöhnliche Übersetzungsleistung scheint sich also auf den argumentativen Teil des Traktats zu beschränken, in dem die Gottessohnschaft Jesu und der Trinitätsgedanke begründet werden. Die Bibelstellen aus dem Alten Testament dagegen werden in dem oben angeführten Zitat als unselbständiger, vorlagennäher und archaischer gedeutet. Neben diesen allgemein gehaltenen Wertungen wird Matzel lediglich an einer Stelle konkret, und zwar wenn es um die Auslassung des Subjektpronomens (SP) geht. Matzel behauptet, „dass gerade in Bibelzitaten das SP fehlt“ (1970, 357). Er übernimmt diese Behauptung von Eggenberger (1961), der _____________ ∗
Für Anregungen und Diskussionen danke ich meinen Kolleginnen Svetlana Petrova und Sophie Repp sowie Jürg Fleischer.
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Eva Schlachter
in einer empirisch breiten Untersuchung das Fehlen und die Setzung der Subjektpronomen im Althochdeutschen untersucht. Eggenberger deutet an, möglicherweise aufgrund seiner Lehnsyntaxhypothese, „dass in enger kongruenter Uebernahme das SP in Zitaten fehle“ (1961, 130). Doch gerade diese Behauptung wird in der ansonsten gründlichen und mit Zahlenwerten abgesicherten Untersuchung nicht belegt.1 Eine etwas andere Wertung der Zitatsyntax findet sich lediglich bei Lippert (1974), der sie – genauso wie die Traktatsyntax – als „frei“ bezeichnet. Es handle sich um eine „paraphrastisch-freie“ Übersetzungstechnik, die eher auf die Vermittlung des Inhalts als auf die des Eindrucks ziele, während der Traktatteil als „wirkungsbezogen-frei“ zu gelten habe und einer Wiedergabe mit den eigenen muttersprachlichen Mitteln vollständig entspricht (vgl. Lippert 1974, 40). Trotz der paraphrastisch-freien Übersetzungstechnik unterliegt die Wiedergabe der Zitatstellen nach Lippert gewissen „Grenzen“ und „Beschränkungen“ (ebd., 45), die mit ihrer Herkunft aus der Bibel zu tun haben. Dennoch ist es nicht die Lateinnähe per se, die die Zitatsyntax kennzeichnet, was Lippert anhand der Verbdrittkonstruktionen zeigt: Alle lateinischen Verbdrittsätze werden in der Zitatsyntax in solche mit Zweitstellung des finiten Verbs umgewandelt (vgl. ebd., 82). Hinter den Grenzen der Übersetzungstechnik vermutet Lippert vielmehr ein „stilistisch motiviertes Vorgehen“, das mit „rhythmischen Gestaltungsprinzipien“ zu tun habe (ebd., 85). Festzuhalten bleibt also, dass man sich zwar des Unterschieds zwischen den beiden Übersetzungstechniken bewusst ist, dass es aber bislang kaum gesicherte und konkrete Kenntnisse über die Art des syntaktischen Unterschieds oder des Stils gibt.2 Für die Syntaxforschung zum Althochdeutschen bedeutet dies, dass man die Herkunft der Belegstellen aus dem Isidor unbedingt zu beachten hat, worauf in jüngster Zeit ausdrücklich Fleischer hinweist (vgl. 2006, 35). Doch auch wenn man den Unterschied beachtet, ergibt sich dessen Wertung noch nicht zwangsläufig. Die Hypothese, dass die Zitatsyntax als ‚lateinnäher‘ zu gelten habe, liegt beispielsweise auch dem Urteil Axels (2007) zugrunde, das sie nach eigenen Angaben von Matzel übernimmt. Bei der Besprechung von Interrogativsätzen, in denen dem einleitenden Fragepronomen ein Pronomen und dann erst das finite Verb folgt, stellt sie fest, dass zwei von drei Beispielen der Zitatsyntax entstammen. Da die Pronomen aber gegen das Latein eingefügt _____________ 1 2
Die Auslassung der Subjektpronomen im Isidor und im Matthäus-Evangelium wird in meiner Doktorarbeit diskutiert. Klemm (1912) ist meines Wissens der Einzige, der die Untersuchung der Bibelstellen von derjenigen der restlichen Übersetzung getrennt vornimmt. Doch kommt er zu dem Schluss, dass „der einfluß der satzmelodie für die verbalstellung“ (1912, 42f.) in beiden Teilen gleichermaßen ausschlaggebend ist (vgl. ebd., 78).
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wurden, können die Belege nach Axel nicht mehr als Beispiele für den lehnsyntaktischen Einfluss des Lateinischen eingestuft werden, wie er die Zitatstellen charakterisiere (vgl. 2007, 245f.). Damit gelten die Belege als authentisch. Ob die ‚Lateinnähe‘ aber tatsächlich das entscheidende Prinzip der Zitatsyntax ist, muss erst noch nachgewiesen werden. Der vorliegende Aufsatz hat sich zum Ziel gesetzt, einen Beitrag zur Klärung dieser Frage zu leisten. Anhand der im Althochdeutschen noch relativ stark verbreiteten Verbfrüherstellung im Nebensatz3 soll untersucht werden, ob sich Zitat- und Traktatsyntax diesbezüglich unterscheiden. Ist das Phänomen gleichermaßen frequent? Welcher Einfluss kommt dem Lateinischen zu? Sind die postverbalen Konstituenten syntaktisch und informationsstrukturell vergleichbar? Der Einbezug der Untersuchung informationsstruktureller Kategorien, die als Bindeglied zwischen Syntax und Stil betrachtet werden können, hat zum Ziel, die Übersetzungstechniken der beiden Textteile präziser beschreiben zu können. Dass die Verbstellung sehr wohl als ein Diagnostikum für Stil benutzt werden kann, zeigt die Diskussion zur Verberststellung (V1) im deklarativen Hauptsatz. Sie wurde zum ersten Mal von Robinson (1994) als ein Charakteristikum der Zitatsyntax beschrieben. Robinson untersucht, wie die 41 Verberstsätze der lateinischen Vorlage im althochdeutschen Text wiedergegeben werden. Er stellt fest, dass in der Zitatsyntax 15 Mal ebenfalls für einen V1-Satz optiert wird. Die Traktatsyntax dagegen bevorzugt in 26 Fällen die Wiedergabe durch einen V2- / V3-Satz, die V1-Folge kommt nur drei Mal vor. Robinson wertet die V1-Sätze als eine Art ‚Flagge‘, die die Bibelzitatstellen als solche ausweist. Darin, dass sie als fremdes Muster gewertet werden sollen, liegt ihre Funktion, und nicht in der Herstellung einer Wort-für-Wort-Übersetzung. Robinsons Wertung von V1 als „a distinctively foreign pattern“ (1997, 25) geht aber sicherlich zu weit. V1 hat einen festen Platz in der althochdeutschen Syntax, wie gerade auch neuere Forschungen zeigen: Axel arbeitet die Verbindung von V1 mit bestimmten Prädikatklassen heraus. V1-Sätze kommen häufig mit unakkusativischen Verben wie beispielsweise Bewegungsverben oder in passivähnlichen Konstruktionen vor. In anderen Fällen ‚ersetzen‘ sie Sätze, in denen heute ein Expletivum stehen würde (vgl. 2007, 120 u. 124). Hinterhölzl / Petrova / Solf (2005) betonen, dass V1 im althochdeutschen Tatian mit zwei textuellen Funktionen einhergeht. Es dient zunächst der _____________ 3
Es handelt sich natürlich nur um eine relative Häufigkeit. Häufig sind diese Phänomene im Vergleich zu den Konstruktionen mit Absolutem Dativ oder der Auflösung von Partizipialkonstruktionen des Lateinischen, die ebenfalls schon als Diagnostikum für die Übersetzungstechnik herangezogen wurden (vgl. Lippert 1974). Die absoluten Zahlen sind statistisch gesehen keineswegs aussagekräftig. Sie werden daher lediglich als empirischer Anker für die weitere Interpretation verstanden.
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Einführung neuer Diskursreferenten und kommt typischerweise textinitial vor. Sind die Diskursteilnehmer jedoch schon bekannt, führen V1-Sätze die Hauptnarrationslinie fort. V1 ist zudem auch in den anderen altgermanischen Sprachen etabliert. Fleischer folgert daraus, dass nicht die Konstruktion V1, sondern die Distribution unauthentisch ist: [D]ie für diesen Text spezifische Funktion der Markierung von Bibelzitaten [überlagert] die für den Tatian feststellbare informationsstrukturelle Regel, sodass diese nicht mehr als solche erkannt werden kann. (Fleischer 2006, 46)
Axel dagegen kommt zu dem Schluss, dass die Häufigkeit von V1 in den Zitatteilen damit zu erklären sei, dass die hier vorkommenden Prädikate die V1-Muster bevorzugen (vgl. 2007, 129). Damit würde V1, auch was die Distribution betrifft, ein authentisches Muster darstellen.
2. Verbfrüherstellung im Nebensatz In der Diskussion der Entwicklung der Verbstellung vom Germanischen zum Althochdeutschen, die vor etwas mehr als hundert Jahren begann, konzentriert man sich in erster Linie auf die Stellung des Verbs im Hauptsatz. Weitgehend einig ist man sich über die relativ starke Verbreitung der Verbzweitstellung im Hauptsatz schon in althochdeutscher Zeit. Eher umstritten sind dagegen die Verhältnisse im Nebensatz. Zwar gehen schon Erdmann (vgl. 1886, 194) und Delbrück (vgl. 1911, 73) für das Althochdeutsche von der Durchsetzung der Verbendstellung im Nebensatz aus, doch scheint die Beleglage auch andere Beurteilungen nahezulegen. Diels (1906) nimmt offenbar die etablierte Zweitstellung im Nebensatz an, wenn er schreibt: „Wo ein Nebensatz mehrere nominale Bestandteile enthält, ist die Einschiebung des Verbs hinter dem ersten in der älteren Prosa etwas ganz gewöhnliches“ (1906, 164). Und auch Behaghel wertet die Verbfrüherstellung bis in die Gegenwartssprache als ein durchaus gängiges Phänomen: Ich habe dann gezeigt, dass das unrichtig ist, dass in der heutigen Mundart, in unserer Umgangssprache wie in altdeutschen Texten, oft genug das Verbum nicht am Ende steht. Das entscheidende Kennzeichen des deutschen Nebensatzes ist nicht die Endstellung des Verbs, sondern die Nicht-Zweitstellung, die Stellung nach der zweiten Stelle; ob danach noch etwas folgt, ist grundsätzlich gleichgültig. (Behagel 1929, 277)
Robinson (1997) hat speziell die Nebensätze des Isidor – auch auf die Position des Verbs hin – untersucht. Er klassifiziert die Nebensätze zunächst nach ihrer syntaktischen und semantischen Funktion für den Hauptsatz. Aus seinen Daten geht hervor, dass sich Adverbial- und Relativsätze anders verhalten als indirekte Fragen und mit dhazs eingeleitete Ergänzungs-
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sätze. Die erste Gruppe zeigt eine größere Präferenz für die Verbendstellung als die zweite. Dagegen scheint die Gruppe der mit dhazs eingeleiteten Adverbialsätze eine Ausnahme zu bilden: Mehr als die Hälfte aller Fälle weist Verbfrüherstellung auf. Robinson selbst deutet dies damit, dass sie häufig die wichtigste Information des gesamten Satzes bereitstellten (vgl. 1996, 83), wofür er das folgende Beispiel anführt: (1)
dhuo setzida inan in siin paradisi, dhazs ir chihoric uuari gote Da setzte (er) ihn in sein Paradies, dass er gehorsam wäre Gott Posuit eum in paradiso, ut esset deo subiectus, endi furiro uuari andrem gotes chiscaftim. und vorgezogen wäre (den) andren Gottes Geschöpfen ceteris creaturis praelatus. (Is.V.9, Eg. 491-493, He 29, 20-30, 1)
Robinsons genaue und kenntnisreiche Untersuchung hat jedoch den Nachteil, dass er die von ihm benutzten informationsstrukturellen Kategorien nicht definiert. In welchem Sinne ist beispielsweise die Tatsache, dass Gott den Menschen in das von ihm geschaffene Paradies setzt, weniger ‚wichtig‘ als die Forderung nach dem Gottesgehorsam? Außerdem ist die Vergleichbarkeit der einzelnen Verbfrüherstellungstypen nur schwer oder gar nicht möglich, weil Robinson seine Auszählungen nicht in einer zusammenfassenden systematischen Darstellung wiedergibt. Und schließlich stellt er sich nicht die Frage, ob auch anhand der Verbfrüherstellung im Nebensatz Unterschiede zwischen den Bibel- und den Traktatstellen beobachtet werden können. Angesichts dieser Mängel erweist es sich also als notwendig, die Verbfrüherstellungen im Isidor-Traktat noch einmal genauer zu untersuchen. Die Gruppe der mit dass eingeleiteten Nebensätze wurde deshalb ausgewählt, weil die Subjunktion dass in den meisten Fällen als solche erkannt werden kann (im Unterschiede zu den kausalen Konnektoren, die häufig als Konjunktion vor dem Satz, als Adverb oder als nebensatzeinleitende Subjunktion eingestuft werden können). Die Instanzen, in denen dass auch als Relativpronomen interpretiert werden kann, wurden ausgeschlossen. (2) gibt ein Beispiel für die Verbfrüherstellung aus der Zitatsyntax, (3) stammt aus dem argumentativen Teil der Traktatsyntax:4 (2)
(3)
dhazs dhu firstandes heilac chiruni. dass du verstehst (das) heilige Geheimnis. ... et archana secretorum … (Is.III.2, Eg.159, He 7, 5-6) dhazs ir selbo Christ ist chiuuisso got ioh druhtin
_____________ 4
Die Beispiele werden nach den Editionen von Eggers (1964) und Hench (1893) zitiert.
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dass er selbst Christus ist gewiss Gott und Herr Quia idem deus et dominus est (Is.III.1, Eg.135, He 5, 10-11) Meine Auszählung ergab, dass in mehr als der Hälfte aller 56 dass-Sätze, nämlich in 30, das Verb in einer medialen Position steht. Man könnte dies nun als eine Eigenart der Isidorsyntax bewerten, wenn nicht Weiß (im Druck) in seinem Korpus, das aus den dass-Sätzen der kleineren althochdeutschen Texte besteht, ebenfalls einen Anteil von 40 Prozent an Verbfrüherstellungen ermittelt hätte. Das Phänomen beschränkt sich außerdem nicht auf die mit dass eingeleiteten Nebensätze. Klemm (1912), der alle Nebensätze des Isidor-Texts untersucht, ermittelt 48 % Verbfrüherstellungen im Traktat- und 29 % im Zitatteil. Die Verbfrüherstellung im Nebensatz muss also als ein im frühen Althochdeutschen verbreitetes Phänomen betrachtet werden. Zudem erweist sie sich bei den mit dass eingeleiteten Sätzen als ein typisches Phänomen der Zitatsyntax: Acht von zehn Sätzen weisen eine frühere Position des Verbs auf, was einem Prozentsatz von 80 % entspricht. In der Traktatsyntax nähert sich der Anteil der Verbfrüherstellungen mit 48 % (22 von 46 Sätzen) den von Klemm und Weiß ermittelten Werten an. 2.1. Ursachen der Verbfrüherstellung Es liegt nahe, bei der Frage nach den Ursachen der relativ hohen Anzahl der Verbfrüherstellungen zunächst die traditionelle These zu überprüfen, die die Zitatsyntax als besonders ‚lateinnah‘ sieht. Doch ein Vergleich der acht Belege mit dem lateinischen Original zeigt, dass lediglich die Hälfte der Fälle parallel gebaut ist. Zwar ist in der Traktatsyntax der Anteil der dem Lateinischen entsprechenden Sätze geringer (acht von 22), doch deuten die Abweichungen – sowohl in der Zitatsyntax als auch in der Traktatsyntax – darauf hin, dass das Lateinische nicht die einzige Ursache für die Früherstellungen sein kann, sondern dass ihm bestenfalls eine verstärkende Funktion zukommt. Eine zweite These, die es zu überprüfen gilt, betrifft die syntaktische Funktion und die Wortart der postverbalen Konstituenten. Handelt es sich vorrangig um adverbiale Angaben, die zudem noch aus einer komplexen präpositionalen Phrase bestehen oder finden sich in dieser Position auch Objekte, eventuell sogar pronominaler Natur? Je ‚schwerer‘ eine Konstituente ist, desto eher wird sie hinter das Verb extraponiert. Von dieser Möglichkeit macht schließlich auch das Neuhochdeutsche Gebrauch, ohne dass man von einer strukturellen Verbfrüherstellung spre-
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chen würde. In der folgenden Tabelle sind die verschiedenen postverbalen Konstituenten aufgelistet: Akk- / Dat-Objekt Präpositionalphrase Adverbiale Subjekt Prädikativ (Verberst-Sätze)
Zitat (8) 4 1 1 1 1
Traktat (22) 4 5 2 6 4 1
Tabelle 1: Syntaktische Funktion der postverbalen Konstituenten
Die Aufstellung zeigt, dass ein typisches Merkmal der Zitatsyntax die Nachstellung von Akkusativ- und Dativobjekten ist. Die Belege, in denen diese Objekte zusätzlich noch pronominaler Natur sind, entsprechen mehr oder weniger der lateinischen Vorlage, wie die Belege (4) und (5) zeigen. (6) entspricht Beleg (2) und ist der Übersichtlichkeit halber noch einmal aufgeführt: (4)
dhazs ih fora sinem anthlutte hneige imu dheodun. dass ich vor seinem Antlitz neige ihm (die) Völker. ut subiciam ante faciem eius gentes (Is.III.2, Eg.153, He 6, 17-18)
(5)
dhazs uuerodheoda druhtin sendida mih zi dhir. dass (des) Heeres Herr sandte mich zu dir. quia dominus exercitum misit me ad te (Is.III.9, Eg. 236, He 13, 6-8)
(6)
dhazs dhu firstandes heilac chiruni. dass du verstehst (das) heilige Geheimnis. ...et archana secretorum… (Is.III.2, Eg.159, He 7, 5-6)
Beispiel (4) zeigt außerdem, dass der Faktor Einfluss des Lateins durchaus verschiedenen Interpretationen unterliegen kann. Da es hier um die Frage der Abfolge der nominalen Glieder am Satzende geht, wurde der Beleg als ‚lateinnah‘ gewertet, obwohl er die lateinische Possessivkonstruktion mit der authentischen germanischen Entsprechung von Dativ- und Akkusativobjekt wiedergibt und obwohl die Stellung des Verbs verändert wurde. Eine weniger ‚strenge‘ Bewertung würde die Beleggruppe Abweichung vom Lateinischen sogar noch verstärken und das Ergebnis, dass die Nachstellung von Objekten nicht primär ein lehnsyntaktisches Phänomen darstellt,
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Eva Schlachter
zusätzlich stützen. Auch der Traktatteil weist vier Belege mit nachgestellten Akkusativ- und Dativobjekten auf, die zum Teil erkennbar gegen das Lateinische konstruiert sind, doch kommt die Nachstellung von Personalpronomen nicht vor. (7)
dhazs ir chihoric uuari gote. dass er gehorsam wäre Gott. ut esset deo subiectus. (Is.V.9, Eg.491-492, He 29, 21-22)
(8)
Endi dhazs mittingart firleizssi diubilo drugidha… Und dass (die) Erde lasse hinter sich der Teufel Trugbilder. Omissisque mundus d£monum simulacris. (Is.V.10, Eg.507-508, He 30, 22-23)
(9)
dhazs imu arsterbandemu siin fleisc ni chisah enigan unuuillun. dass, als er starb, sein Fleisch nicht sah auch nur eine einzige Form der Verderbnis. quia moriens caro eius non uidit corruptionem... (Is.IX.12, Eg.719, He 44, 19-20)
(10) dhazs sie ni eigun eouuihd huuazs sie dhar uuidar setzan. dass sie nicht besitzen irgendetwas, was sie dagegen setzen. dum non habeant quod proponant. (Is.V.5, Eg.430-431, He 26, 2-4) Auffallend bei diesen Beispielen aus der Traktatsyntax ist dagegen, dass zumindest in den Belegen (9) und (10) mit den postverbalen Konstituenten eine besondere inhaltliche Akzentuierung einhergeht. Sie müssen als hervorgehoben interpretiert werden, was der Übersetzer dadurch deutlich werden lässt, dass er in (9) dem nachgestellten Akkusativobjekt ein restringierendes Adjektiv und in (10) ein Indefinitpronomen hinzufügt, das das Bezugswort für den sich anschließenden Relativsatz liefert. In beiden Fällen steht die nachgestellte Konstituente im Skopus der Negation. Festzuhalten bleibt bislang also zweierlei: Die Lateinnähe kann nicht als ausschlaggebender Faktor bei der Früherstellung des Verbs betrachtet werden – weder in der Traktat-, noch in der Zitatsyntax. Und außerdem weist die Zitatsyntax ein syntaktisches Merkmal auf, das sie eindeutig von der Traktatsyntax unterscheidet: Nur die Zitatsyntax lässt pronominale, nicht erweiterte Objekte in postverbaler Stellung zu. Man könnte nun die Vermutung aufstellen, dass die relativ kleine Datenbasis diese Ergebnisse zu verantworten hat. Doch eine Kontrolluntersuchung der Verbfrüherstellung in allen Nebensätzen zeigt, dass weder in der Trakat- noch in der Zitatsyntax weitere nachgestellte Personal- oder Reflexivpronomen vorkommen.
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2.2. Eine informationsstrukturelle Erklärung der Verbfrüherstellung Dieser Abschnitt widmet sich der Frage, ob eine Analyse mithilfe informationsstruktureller Kategorien prinzipiell eine Erklärung der Verbfrüherstellung und der verschiedenen Arten der Nachstellung liefern kann. Gezielt soll der Frage nach der Distribution der fokussierten Argumente nachgegangen werden. Dahinter steht die Hypothese, dass die postverbalen Konstituenten in der Zitatsyntax einen anderen informationsstrukturellen Status als in der Traktatsyntax haben. Schon bei Erdmann (1886) findet sich die Bewertung der finalen Position als einer „hervorgehobenen“: Die letzte Stelle des Satzes ist eine bevorzugte und wird besonders betonten Satzteilen angewiesen. Dies kann aber aus verschiedenen Gründen geschehen; es dient einerseits dazu, den Satzteil vor allen anderen aussondernd hervorzuheben, andererseits gerade dazu, eine besonders enge Verbindung desselben mit dem Verbum anzudeuten. (Erdmann 1886, 190)
Der Begriff der Hervorhebung entspricht der heutigen Deutung als Fokus, die auch als Emphase oder relevante Information interpretiert wird (vgl. die Zusammenstellung bei Petrova / Solf 2009). Die Auffassungen über seine genaue Definition variieren: In der Entwicklungsgeschichte des Begriffs wird Fokus häufig mit Neuheit gleichgesetzt (vgl. Halliday 1967), wodurch er größtenteils mit dem Rhema-Begriff der Prager-Schule zusammenfällt. Dieser new information focus, der zuweilen auch als presentational focus (vgl. Diesing 1997) bezeichnet wird, kann sich auf eine Konstituente beziehen (enger Fokus), er kann aber auch die gesamte Verbalphrase betreffen (weiter Fokus). Kontrastfokus stellt häufig eine spezifische Form des engen Fokus dar. Die folgenden Beispiele nach Hinterhölzl (vgl. 2004, 154) illustrieren die verschiedenen Fokusarten, die meistens anhand von FrageAntwort-Paaren wiedergegeben werden: (11a) Was macht Hans? Hans [gibt seiner Schwester ein Buch]. (weiter Informationsfokus) (11b)Was gibt Hans seiner Schwester? Hans gibt seiner Schwester [ein Buch]. (enger Informationsfokus) (11c) Hans gibt seiner Schwester [ein BUCH], und keine CD. (Kontrastfokus) Mittlerweile hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass durchaus auch alte Information fokussiert werden kann, was sich mit dem Begriff (und
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damit der Definition) als new information focus auf den ersten Blick nicht vereinbaren lässt. Lambrecht findet einen Ausweg aus diesem nicht nur terminologischen Dilemma, nämlich den Fokus als einen relationalen Begriff zu verstehen (vgl. 1994, 209ff.). Der Informationswert von Ausdrücken ist diesen nämlich nicht inhärent, sondern sie erhalten ihn, weil sie innerhalb einer bestimmten Proposition eine bestimmte neue Rolle ausfüllen. The function of FOCUS MARKING is then not to mark a constituent as new but to signal a focus relation between an element of a proposition and the proposition as a whole. (ebd., 210)
Das Ergebnis dieser Fokusmarkierung ist die Herstellung eines „new state of information in the addressee’s mind.“ (ebd.) Krifka (2006) dagegen schlägt vor, alle bislang konkurrierenden Fokusdefinitionen unter dem 1985 eingeführten semantischen Fokusbegriff von Rooth (1985) zu subsumieren, der den Rekurs auf die Alt- / Neu-Unterscheidung vermeidet. Dieser so genannte Alternativenfokus wird wie folgt definiert: Focus indicates the presence of alternatives that are relevant for the interpretation of linguistic expressions. (zit.n. Krifka 2006, 6) Die Alternativen können darin bestehen, dass man parallel konstruierte Satzteile hervorhebt oder schon eingeführte Information korrigiert (vgl. ebd., 12ff.). Kontrastfokus wird eingeschränkt auf die Fälle, in denen der Vorgängersatz (und zwar nicht in einem Frage-Antwort-Paar) eine Entität enthält, mit der die kontrastierte Größe direkt in Verbindung gebracht werden kann. Korrektur ist eine typische Form dieses Kontrastfokus, der mit spezifischen syntaktischen Positionen einhergehen kann (vgl. ebd., 20f.). Enger und weiter Fokus dagegen sind keine der Definition inhärenten Eigenschaften, sondern ergeben sich aus der Gegenüberstellung der relevanten Alternativen (vgl. ebd., 18). Obwohl ich im Folgenden auch die Begriffe neuer Informationsfokus, enger und weiter Fokus und Kontrastfokus verwenden werde, da sie in der Literatur verbreitet sind, habe ich in meinen Erhebungen versucht, die Fokuskonstituenten mithilfe des Alternativenbegriffs zu ermitteln. Bei der Analyse der (alt)germanischen Sprachen hat man nun mit den verschiedenen Fokusarten auch verschiedene syntaktische Positionen verbunden. Nach Diesing unterscheidet das Jiddische zwischen präverbalem Kontrastfokus und postverbalem Präsentationsfokus, eine Aufteilung, die auch von Hinterhölzl (2004) für das Althochdeutsche angenommen wird. Petrova (2009) weist diese Fokusverteilung anhand eines Tatian-Korpus nach, das aus 100 Nebensätzen mit Verbend- und 100 Nebensätzen mit Verbfrüherstellung besteht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die eng oder kontrastiv fokussierten Konstituenten adjazent vor dem Verb stehen.
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Steht das Verb nicht in seiner Endposition, so eröffnet es die Domäne des weiten Informationsfokus (vgl. Petrova 2009, 21-25): CP – […XP…]BGR [XP]FOKUS-KON [VP …XP…] FOKUS-INF5 Es stellt sich nun die Frage, ob diese Verteilung auch für den Isidor gilt, und zwar gleichermaßen für die Zitat- und die Traktatsyntax. In der von Krifka vorgeschlagenen Terminologie bedeutet dies, dass der präverbale Fokus aus dem unmittelbaren Kontext her eine kontrastive Lesart erlaubt, die dem postverbalen Fokus nicht zukommt. Dieser müsste vielmehr zusammen mit dem Verb eine eigene Fokusdomäne bilden. Betrachtet man zunächst die oben angeführten Beispiele aus der Traktatsyntax, so müssen zwei verschiedene Gruppen unterschieden werden: Die erste mit den Belegen (7) und (8) entspricht dem Muster [Kontrastfokus – Verb – Informationsfokus], die zweite mit den Belegen (9) und (10) lässt sich mit ihm nicht vereinbaren. In Beispiel (7) muss das präverbale Adjektiv chihoric eng fokussiert interpretiert werden, wie sich aus dem Kontext ergibt. Die postverbale Konstituente ist auf keinen Fall eng fokussiert, genauso wenig wie in (8), wo sie zusammen mit dem Verb die relevante Alternative bereitstellt bzw. als neuer Informationsfokus gedeutet werden kann. Beide Beispiele entsprechen also dem oben angeführten Schema. In der zweiten Gruppe dagegen sind nicht die Konstituenten vor, sondern die nach dem Verb ‚hervorgehoben‘. Doch handelt es sich auch um kontrastiven Fokus? Im unmittelbaren Kontext gibt es keine Entität, von der es sich abzusetzen gilt. Jedoch zeigt schon die – gegen das Latein – vorgenommene Wahl der lexikalischen Mittel (einzig, irgendein) den Wunsch des Übersetzers, diese Information zu betonen. Diese Betonung kommt jedoch dadurch zustande, dass implizit auf eine geordnete Menge von Alternativen Bezug genommen wird, die betreffende Konstituente befindet sich am Extrempunkte dieser graduell angeordneten Alternativen (Skalen). Syntaktisch bezieht sich die Fokussierung nur auf einen Teil der Nominalphrase, und zwar in (9) auf das Adjektiv einzig, und in (10) auf den ersten Teil des Indefinitpronomens eouuihd 'irgendetwas'. Diese semantisch sicher noch genauer zu spezifizierende Fokusart ist aber auf jeden Fall als eng zu deuten, und nicht als Teil eines weiten Fokus, was den Ergebnissen Petrovas zunächst widerspricht. Die Belege aus der Zitatsyntax sind dagegen damit vereinbar, denn die postverbalen Konstituenten sind keinesfalls als eng fokussiert zu interpretieren. _____________ 5
Die Abkürzungen sind folgendermaßen aufzulösen: CP meint die Complementizer-Position und entspricht hier der Subjunktion, BGR steht für Background 'Hintergrund', FOKUSKON meint Kontrastfokus und FOKUS-INF den Informationsfokus.
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Eine Untersuchung der anderen syntaktischen Konstituenten führt zu dem gleichen Ergebnis: Von den postverbalen Präpositionalphrasen der Traktatsyntax muss zumindest ein Teil als eng oder gar als kontrastiv fokussiert interpretiert werden, wie (14) und (15) zeigen: (12) dhazs ir dhoh in dheru […] chihuurfi zi gotes minniu endi zi rehtnissa uuerchum. dass er doch durch das sich wende zu Gottes Liebe und zu den Werken der Gerechtigkeit. ut uel per ipsam reuerteretur ad amorem dei et operationem iustitię. (Is. V.10, Eg,501-503, He 30, 14-16) (13) dhazs ir sih auur dhurah hreuun mahti chigarauuan zi chinisti. Dass er sich erneut durch Reue könnte wenden zur Rettung. Expectans, ut per penitentiam reparari possit ad uneiam. (Is. V.10, Eg.498-500, He 30, 9-11) (14) dhazs dhiz ist chiquhedan in unseres DRUHTINES nemin. dass das ist gesagt in (mit Bezug auf) unseres Herren Namen. Quod in persona specialiter christi domini nostri accipitur. (Is.III.3, Eg.174-175, He 8, 9-10) (15) dhazs ir iesus uuardh chinemnit in baunungum dhes CHIUUARIN iesus. dass er Jesus wurde genannt mit Bedeutung des wahren Jesus. ut iesus nominaretur ad significandum illum uerum iesum. (Is. VI,2,Eg.545-546, He 33, 9-11) In dem Beleg aus der Zitatsyntax mit einer nachgestellten Präpositionalphrase kann diese dagegen nicht als eng fokussiert interpretiert werden, sie ist Teil der vom Verb eröffneten Fokusdomäne. (16) dhazs dhu faris zi dhinem fordhrom. dass du gehst zu deinen Vorfahren. ut uadas ad patres tuos. (Is.IX.2,Eg.622, He 38, 10-11) Zuletzt muss noch auf eine Gruppe eingegangen werden, die – wie Tabelle 1 zeigt – typisch für die Traktatsyntax ist: Es ist die Gruppe der Kopulakonstruktionen mit postverbalem Prädikativum, für die beispielhaft (17) angegeben ist.
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(17) dhazs ir selbo Christ ist chiuuisso got ioh druhtin. dass er selbst, Christus, ist gewiss Gott und Herr. Quia idem deus et dominus est. (Is. III.1, Eg.135, He 5, 10-11) Auch hier ist das Prädikativ eng fokussiert, wie die Stellung des Adverbs chiuuisso 'gewiss' zwischen Kopula und Prädikativ zeigt.
3. Ergebnisse und Konsequenzen Festzuhalten bleibt also zunächst, dass die Zitatsyntax in den Nebensätzen mit Verbfrüherstellung nur von einer Fokusstrategie Gebrauch macht, während die Traktatsyntax zwei dieser Strategien einsetzt: Letztere kennt nicht nur den weiten, postverbalen Fokus, sondern auch die Möglichkeit, eng fokussierte Konstituenten postverbal zu positionieren. Diese Ergebnisse müssen nicht notwendigerweise einen Widerspruch zu den Ergebnissen Petrovas darstellen, sondern können auch als deren Erweiterung betrachtet werden. Spezifische informationsstrukturelle Gliederungen widersprechen nicht der ‚Normalstruktur‘, sondern dienen der Schaffung eines textsortenspezifischen Stils. Die syntaktische und informationsstrukturelle Gegenüberstellung von Traktat- und Zitatsyntax des Isidor führt aber auch zu Ergebnissen, die in der Methodologie der historischen Syntaxforschung künftig beachtet werden müssen. Als Beispiel sei auf die seit gut zehn Jahren existierende Kontroverse über die Satzstruktur des Althochdeutschen hingewiesen. Angesichts der hohen Zahl von Nebensätzen ohne Verbend-Stellung und der Verbdritt-Konstruktionen im deklarativen Hauptsatz wurde eine strukturell verankerte mediale Verbposition vorgeschlagen (vgl. Tomaselli 1995; Fuß / Trips 2002; Schlachter 2004; Schallert 2006; Weiß im Druck). Dagegen argumentiert Axel (2007), dass es sich bei vielen Verbfrüherstellungen im Nebensatz um Verbend-Strukturen mit extraponiertem Material handelt. Gegen diese Extrapositionsanalyse spricht das Vorkommen postverbaler Akkusativ- oder Dativobjekte, v.a. solcher in pronominaler Form, da diese nicht extraponiert werden können. Die meisten der eben angeführten Arbeiten ‚beweisen‘ die Möglichkeit der Nachstellung auch pronominaler Konstituenten ausschließlich mit den Belegen (4) und (5). Nur bei Schallert findet sich noch der Hinweis auf einen Tatianbeleg mit nachgestelltem Reflexpronomen gegen das Latein:6 _____________ 6
Der Tatianbeleg wird nach der Ausgabe von Masser (1994) zitiert.
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(18) / Inti therdar giotmotigot sih / Und wer erniedrigt sich / & qui se humiliat / (T 403,19) Die Isidorbelege sind aber nicht nur ‚lateinnah‘, sondern kommen darüber hinaus nur in der Zitatsyntax vor und sind daher in doppelter Weise ‚auffällig‘. Ihr Gewicht in einer syntaktischen Argumentation kann nur als sehr gering bewertet werden. Das Vorkommen postverbaler Pronomen im Nebensatz deute ich so, dass auch hier – ähnlich wie im Fall der V1-Sätze – ein ‚fremder Stil‘ zitiert wird, der jedoch nicht einer ‚fremden‘ Syntax, etwa der des Lateinischen, angehört. Die Verbfrüherstellung war im Althochdeutschen neben der Verbend-Stellung verankert. Diese Variation wird von Schallert (2006) als Hinweis auf die Existenz eines VO- / OV-Mischsystems gedeutet, während Hinterhölzl (2004) von einem Nebeneinander verschiedener Stilarten innerhalb der gleichen Grammatik ausgeht. Die Nachstellung von Pronomen verstehe ich als die erste dieser Stilarten, die bei der allmählichen Etablierung der reinen Verbendstellung im Nebensatz wegfällt. Die Zitatsyntax bedient sich dieses Stils, um ‚fremd‘ im Sinne von ‚archaisch‘ zu wirken. Dieser von der Syntax vorgegebene postverbale Slot spielt aber auch eine Rolle bei der Textsortendifferenzierung. Die argumentative Rhetorik des theologischen Traktats erlaubt oder erfordert, dass der hervorzuhebende Teil ans Ende gestellt wird und dadurch einen größeren Effekt erzielt als in der ‚kanonischen‘ präverbalen Fokusposition. Die gezielte Nutzung solcher Abweichungen stellt eine stilistische Besonderheit dar und beschränkt sich auf den Traktatteil. Im Zitatteil optiert der Übersetzer dagegen für einen möglichst ‚neutralen‘ Stil, der der unmarkierten Verteilung von Information nach dem Schema Hintergrund > neuer Informationsfokus entspricht. Die Tatsache, dass Pronomen – die doch typischerweise alte Information bereitstellen – ebenfalls in der Position des Neuen Informationsfokus vorkommen, muss keinen Widerspruch darstellen. Da die Zitatteile ohnehin aus dem Zusammenhang des Alten Testaments gerissen sind, ist ihr Bezug keinesfalls ‚gegeben‘ – erst der ihnen folgende theologische Kommentar weist ihnen die richtige Referenz zu. Letztendlich entsprechen die hier vorgeschlagenen Deutungen der postverbalen Konstituenten den Interpretationen Erdmanns in dem zu Beginn von Abschnitt 2.2. wiedergegebenen Zitat. Die modernen Begrifflichkeiten verhelfen zu einem präziseren Verständnis seiner Beobachtungen: Die ‚Hervorhebung‘ kann so mit der engen Fokussierung gleichgesetzt werden, während die ‚enge Verbindung der nachgestellten Konstituente mit dem Verb‘ dem weiten Informationsfokus entspricht.
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„Das Spiel vom Fragen“ – (k)ein Problem der althochdeutschen Syntax? Claudia Wich-Reif (Bonn)
1. Fragesätze „Das Spiel vom Fragen“, so lautet der Titel eines Theaterstücks von Peter Handke. Die ersten Fragesätze erscheinen in Szene 2: Der Mauerschauer sagt: (1)
Aber warum fällt mir das Schönfinden heutzutage schwerer und schwerer? Warum habt ihr Früheren einfach sagen können: Empor die Herzen! oder Heilige Salzflut! oder bloß: Erde! Sonne! oder das Allereinfachste: Zeit genug!? Und warum habt ihr die nach euch noch segnen können? Und warum werde ich mit jedem Schritt weiter wegverschlagen von euch und kann so auch nichts überliefern von eurem Segen an unsere Kinder hinter dem Horizont, die sich dort ahnungslos über dem Abgrund bewegen?1
Der Mauerschauer stellt Ergänzungsfragen mit dem Interrogativadverb warum in Erst- und dem finiten Verb in Zweitstellung. Die Alte und der Alte in derselben Szene: (2)
Die Alte: […] „Hast denn du, in deinem Alter, überhaupt noch Fragen?“ – Der Alte: „Ja, Fragen noch und noch. Und was für welche! Und du?“ – Die Alte: Ja, ich auch. Je älter ich werde, desto mehr Fragen habe ich, desto mehr denke ich alles in Frageform.“2
Die Alte formuliert eine Entscheidungsfrage, für deren Klassifizierung das finite Verb in Erststellung in Kombination mit dem satzschließenden Fragezeichen maßgeblich ist. Der Alte stellt dann eine Frage, die als ellip_____________ 1 2
Handke (1989, 14f.) [Kursivierung im Text durch die Autorin]; Szene 1 ist „sprachlos“. Handke (1989, 23).
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tisch interpretierbar ist. Das finite Verb und die Akkusativergänzung können mit den entsprechenden Satzgliedern gefüllt werden, die die Alte verwendet hat. Syntaktisch eröffnen sich keine Fragen, semantisch eine Menge: Es geht um Fragen, um Infragestellen, um Nicht-Fragen, um Fragen, die keine Antwort erfordern oder auf die keine Antwort gegeben werden kann. Es scheint unstrittig, dass Fragesätze normalerweise in deutlich geringerer Zahl in schriftsprachlichen Texten vertreten sind als Aussagesätze.3 Die den geistlichen / religiösen Textsorten zugehörige Tatianbilingue ist als eines der wenigen umfangreichen Textdenkmäler der althochdeutschen Sprachperiode geeignet, Textgrundlage für die Erforschung von Fragesätzen zu sein.4 Dem Text können folgende Merkmale zugeschrieben werden: „erzählender Stil“, „Nähe zur Mündlichkeit“,5 „wörtliche Rede“.6 Die erste Frage in der Tatianbilingue stellt Zacharias (Lk 1,19). Er richtet sie an einen Engel, der ihm verkündet, dass sein Gebet erhört worden sei und seine Frau einen Sohn gebäre. Zacharias entgegnet: uuanan uueiz ich thaz . (pag. 27,10 'Woher weiß ich das?'). Zacharias verhindert eine sofortige Reaktion des Engels, indem er weiterredet und erklärend ich bim alt Inti mîn quena fram ist gigangan In ira tagun . (pag. 27,11f. 'Ich bin alt und meine Frau ist betagt.') hinzufügt. Syntaktisch ist die Frage im Althochdeutschen entsprechend der deutschen Gegenwartssprache konstruiert (Interrogativadverb, finites Verb in Zweitstellung) und als Ergänzungsfrage zu klassifizieren. Der Bote Gottes nennt als Antwort seinen Namen und seinen Auftrag. Er interpretiert die Frage als Ausdruck der Ungläubigkeit und kündigt als Strafe für diese Ungläubigkeit das Verstummen an. Dieses wiederum zeigt Zacharias, dass der Engel Wahres verkündet hat. Die zweite Frage taucht in einer vergleichbaren Situation auf: Gabriel wird von Gott zu Maria gesandt, um ihr die Geburt eines Sohnes anzukündigen. Diese fragt uuvo mag thaz sîn (pag. 28,25 'Wie kann das sein?'). Auch Maria redet nach der Frage weiter: uuanta ich gommanes uuîs nibin . (pag. 28,25f. 'Ich weiß nämlich von keinem Mann.'). Syntaktisch entspricht die Struktur der obigen. Maria wird nicht bestraft, der Engel fügt eine weitere Erklärung an, und Maria sagt schließlich: seno nu gotes thiu uuese mir after _____________ 3 4
5 6
Prell (2001, 25) weist in einem repräsentativen mittelhochdeutschen Korpus nur 2 % aller Elementarsätze als Fragesätze aus. Für die Tatianbilingue trifft die auf das Mittelhochdeutsche bezogene Aussage Heinz-Peter Prells zum vergleichsweise hohen Aufkommen von Fragen in „geistlichen“ Textsorten voll zu; vgl. Prell (2001, 25): „Ihre Domäne sind die geistlichen Texte: in den Predigten dienen sie als primär rhetorische Mittel der Textgliederung sowie der Lenkung des Lesers / Hörers, in erzählenden Texten wie BerEvg [Berliner Evangelistar] stehen sie in dialogischen Passagen, wo sie ja auch generell am ehesten zu erwarten sind.“ Betten (1987, 398). Ebd., 400f., im Kontext der Wiedergabe lateinischer Partikeln im Althochdeutschen.
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thinemo uuorte . (pag. 29,5f.; 'Siehe, nun bin ich Gottes Magd, gemäß deinem Wort.'). Schon in der ältesten Sprachstufe des Deutschen entsprechen die Fragen formal im Großen und Ganzen den heutigen Formen.7 Svetlana Petrova und Michael Solf weisen für die direkten Fragesätze der „gesamte[n] frühe[n] althochdeutsche[n] Textüberlieferung (vor Notker)“8 nach, dass bereits im Althochdeutschen bei Ergänzungsfragen recht regelmäßig Zweitstellung des finiten Verbs, bei Entscheidungsfragen Erststellung des finiten Verbs vorliegt. Im Folgenden wird die Tatianbilingue dazu herangezogen, zu zeigen, welche syntaktischen, lexikalischen und graphischen Charakteristika Fragen im Allgemeinen sowie bestimmte Fragesatztypen zeigen, wobei der Fokus auf dem finiten Verb und den links davon stehenden Elementen liegt. In einem ersten Schritt werden kurze Überlegungen angestellt, worin die im Vergleich zu Aussagesätzen feste Stellung des finiten Verbs begründet sein könnte. Im Anschluss daran werden die Fragesätze basierend auf der formalen Unterscheidung in Ergänzungs- und Entscheidungsfragen funktional-semantisch klassifiziert.
2. Syntaktische, lexikalische und graphische Markierungen von Fragen Fragesätze haben (in Abgrenzung zu Aussage- und Aufforderungssätzen) in Publikationen, die sich (auch) mit der deutschen Syntax beschäftigen, für alle Sprachstufen des Deutschen einen festen Platz. Es wird betont, dass Form und Funktion nicht übereinstimmen müssen.9 In der jüngsten Auflage der Althochdeutschen Grammatik, für die Richard Schrodt einen Syntax-Band verfasst hat, gibt es zu Fragen nur wenige Informationen. Im Kontext der Verbstellung geht es insbesondere um Entscheidungsfragen.10 Auch in der neuen, 25. Auflage der Mittelhochdeutschen Grammatik von Hermann Paul finden sich nur kurze Ausführungen zu den Fragesät_____________ 7
8 9 10
Grundsätzlich muss hinsichtlich der Satzgliedstellung die besondere Überlieferungssituation der Tatianbilingue berücksichtigt werden. Sie kann eine typische bzw. mögliche für die althochdeutsche Sprachperiode sein, sie kann aber auch durch den mitüberlieferten lateinischen Text, der auf den zweispaltig angelegten Seiten links steht und die Zeilenfüllung vorgibt, bedingt sein. Petrova / Solf (2009, 12) Vgl. etwa Altmann (1993, 1006ff.). Vgl. Schrodt (2004, 198, § S 184, 200, § S 187), zu Ergänzungsfragen 201, § S 188; Interrogativpronomina und -adverbien werden in Kapitel 5.2.2., Konjunktionen mit w-Anlaut, angeführt, 149, § S 137.
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zen; diese haben aber einen besonders hohen Informationsgehalt und laden zu einer weiteren Beschäftigung mit dem Satztyp ein. 11 Konrad Ehlich, der Verfasser des Artikels „Frage“ im Metzler Lexikon Sprache, nennt die Besonderheiten des Satztyps – Inversion bzw. Interrogativpronomen, Interrogativ- und Pronominaladverbien, besondere Intonation bzw. eigenes Satzschlusszeichen – und stellt fest, dass „[d]ie Ermöglichung von Wissenstransfer […] offenbar in vielen Spr[achen] als eine so elementare sprachl[iche] Aufgabe angesehen [wird], daß für die illokutive Indizierung dieser Sprechhandlung ein vergleichsweise umfängliches explizites Indikatorenarsenal vorgehalten wird“. 12 Dieses formale „Indikatorenarsenal“ ist es auch, was in Grammatiken als elementar für die Charakterisierung von Fragen angesehen wird. Nimmt man den Aussagesatz als den unmarkierten Satztyp, der anzeigt, dass der Produzent Informationen gibt, so ist der Fragesatz ein markierter Typ, der anzeigt, dass der Produzent Informationen erhalten möchte. 13 Interrogativpronomina oder -adverbien wie auch Fragepartikeln (ahd. eno, eno nu, eno ia, inu) bzw. das finite Verb in Spitzenstellung signalisieren, dass die nachfolgenden Informationen von jemandem gegeben werden sollen, der vorher die Rolle eines Rezipienten innehatte. Auf pag. 47 der Handschrift St. Gallen, Stiftsbibliothek 56 14 (Io 1,19-21) findet sich das Gespräch zwischen Priestern und Leviten und Johannes, dessen Anfang zur Darstellung unterschiedlicher Frageformen wiedergegeben wird: (3)
Miſerunt íudęi ab hieruſolimiſ ſacerdoteſ & leuitaſ ut Interrogarent eū tu quiſ eſ . & confeſſuſ eſt & non negauit . & confeſſuſ · ē · quia non ſū ego xſ, & interrogauerunt eum . quid ergo heliaſ eſ tú . & dixit non ſum .
ſantun iudęi fon hieruſalem biscofa Inti diacana thaz ſie Inan frag&in uuer biſ thū , Inti bi Iah her thô Inti nifurſuoh . biiah thô thaz her chriſt niuuari . thô frag&un ſie Inan. uuaz nu biſt thu heliaſ Inti her quad ni bin .
_____________ 11 12 13 14
Vgl. Paul (2007, 398, § S 154, 411ff., § S 170f.). Ehlich (2000, 215). So schon Behaghel (1928, 429f., § 1093). Faksimile online im Internet: http://www.cesg.unifr.ch/virt_bib/handschriften.htm (24.07.2009).
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proph&a eſ tú . & reſpondit . non .
biſt thu uuîzago . Inti her antlingota nein .
Es sandten die Juden von Jerusalem Bischöfe und Diakone, dass sie ihn fragten: „Wer bist du?“ Und er bekannte da und leugnete nicht. Er bekannte da, dass er nicht Christus wäre. Da fragten sie ihn: „Was dann, bist du Elia?“ Und er sagte: „Der bin ich nicht.“ „Bist du der Prophet?“ Und er antwortete: „Nein.“ (pag. 47,6-14; Siev. 13,19-20; Io 1,19-21) Zur Illustration der entsprechende Ausschnitt aus dem Faksimile:
Abbildung 1: Cod. Sang. 56, pag. 47, Z. 6-14, Codices Electronici Sangallenses
Die erste Frage uuer biſ thū , ist eine Ergänzungsfrage mit einem Interrogativpronomen (uuer) in Erst- und dem finiten Verb (biſ) in Zweitstellung. Die nächste Frage uuaz nu bist thu helias wird wieder mit einem Interrogativpronomen (uuaz) eingeleitet. Die Äußerung bietet zwei Interpretationsmöglichkeiten. Ausgehend von einem Satzbegriff, der ein finites Verb voraussetzt, muss die Analyse lauten: Das finite Verb und das Subjekt (bist thu) sind elliptisch. Gleichermaßen könnte uuaz nu als infinite kommunikative Minimaleinheit (KM)15 interpretiert werden. bist thu helias ist eine Entscheidungsfrage mit dem finiten Verb in Erststellung. Die Antwort ni bin . ist eine Variante zu Ja. / Nein., wobei die Kopula sīn der Frage wieder aufgenommen wird. Die Frage bist thu uuîzago . entspricht strukturell der vorausgehenden. Als Antwort folgt nein . Die Interpungierung in der rechten, althochdeutschen Textspalte ist immer im Verbund mit der linken, lateinischen Textspalte zu sehen. Ein gesamt- oder teilsatzbegrenzendes Zeichen wird entweder in der deutschen und in der lateinischen Spalte gesetzt, wobei die Zeichen einander aber nicht entsprechen müssen, oder nur in der lateinischen Spalte.16 Auch ein Fragezeichen (C) findet Verwendung. Es erscheint oft nur in der latei_____________ 15 16
Vgl. Zifonun / Hoffmann / Strecker (1997, 92 u.ö.). Vgl. hierzu auch Simmler (2005, 91ff.).
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nischen Textspalte.17 Prinzipiell scheint die Satzgliedstellung (sei sie nun genuin deutsch oder aber nach lateinischem Muster gestaltet) in Kombination mit lexikalischen Markierungen in schriftsprachlichen Texten für den Leser auszureichen, Äußerungen als Fragen interpretieren zu können. Diese These soll in Abschnitt 3 mittels einer differenzierten Darstellung untermauert werden. Der im Vergleich zum Aussagesatz deutlich weniger frequente Typ des Fragesatzes erfordert eine feste Position des finiten Verbs, wenn es keine lexikalischen Indikatoren gibt oder solche, die mehrdeutig sind.18 Bei Entscheidungsfragen besteht ferner die Möglichkeit, das Satzglied, über das die Entscheidung gefällt werden soll, an die erste Position zu stellen.19 Zu den lexikalischen Signalen gehören die Fragepartikeln eno, enonu und ia: (4)
[...] C nonne hic eſt fabri filiuſ C nonne mater eiuſ dicitur maria C & fratreſ eiuſ iacob & ioseph & simon . & iudas C & ſororeſ eiuſ nonne omneſ apud noſ ſunt C ...
[...] eno nist theser uuercmeistareſ ſun . ia iſt ſín muoter ginemnit maria inti ſine bruoder iacob inti ioseph inti ſimon inti iudaſ inti ſino ſueſter . eno allo mit unſ ſint
Ist er nicht des Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria und seine Brüder Jakob und Joseph und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? (pag. 114,5-10; Siev. 78,3; Mt 13,55) Innerhalb der Korpusbelege leitet eno häufig den Satz ein.20 In der jüngeren Forschung wird dieser und auch anderen Partikeln aufgrund der Verschiebbarkeit Satzgliedstatus zugewiesen, mit der Konsequenz, dass das
_____________ 17
18 19 20
Es wird von mehreren Schreibern verwendet, so etwa von Schreiber α auf pag. 39, Z. 14, von Schreiber β auf pag. 73, Z. 24 und Schreiber ζ auf pag. 294, Z. 30. Zudem hat der so genannte „Korrektor 2“ im lateinischen Textteil mehrmals Punkte zu Fragezeichen gemacht. Die Korrektur wurde allerdings nur in einem umgrenzbaren Textabschnitt durchgeführt. Die Verbindung spezifischer lexikalischer Formen und syntaktischer Strukturen gibt es auch bei Aussagesätzen; vgl. hierzu etwa Betten (1987, 404f.) zu Uuard thô; Simmler (2003, 9ff.). Vgl. Abschnitt 3.2. Wobei dies ein theoretisch-typologisches Problem ist.
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finite Verb in Drittstellung steht.21 Semantisch sind eno, enonu und ia interessant, weil Fragen, in denen sie verwendet werden „außer der strukturellen Antwortdetermination noch eine bestimmte Antworterwartung zukommt“,22 wie das Textbeispiel deutlich zeigt.23 In der Fragen-Landschaft gehören sie zur Peripherie; in der Tatianbilingue machen sie einen vergleichsweise hohen Anteil aus. Eine weitere wichtige lexikalische Markierung von Fragen ist ein vorausgehendes Verbum dicendi, das als ein eine Akkusativergänzung forderndes Vollverb des Trägersatzes fungiert und den semantisch wichtigen Inhalt der Frage(n) syntaktisch unterordnet. Explizit Fragen einleitende Verba dicendi in der Tatianbilingue sind die Verben eisc@n (lat. sciscitari) '(er)fragen, sich erkundigen nach' (Beispiel 31), fr$g)n (lat. interrogare) '(er)fragen' (Beispiel 33), bouhnen (lat. innuere) 'durch Zeichen erfragen' (Beispiel 30) und wuntr@n (lat. mirari) 'sich wundern' (Beispiele 32, 34).24 Öfters wird zur Einleitung von Fragen wie noch in der Gegenwartssprache kein spezielles, sondern ein allgemeineres Verb aus dem semantischen Feld 'sprechen' verwendet wie quedan (Beispiel 7), sprehhan oder sag)n oder beides tritt zusammen auf, wobei das allgemeine Verb stets auf das spezielle, eine Frage einleitende Verb folgt (Beispiel 1525).
3. Funktional-semantische Klassifikation Wie auch für die deutsche Gegenwartssprache bekannt, gibt es in der althochdeutschen Tatianbilingue Fälle, in denen Form und Funktion einander nicht entsprechen. Das trifft insbesondere für die rhetorischen Fragen zu, die als „indirekte Behauptungen“26 bezeichnet werden können. Im Folgenden werden die Fragesätze in der Tatianbilingue formal in Ergän_____________ 21
22 23 24 25 26
Vgl. Schrodt (2004, 201, § S 188). Petrova / Solf (2009, 8) beziehen sich einleitend auf die Problematik, nehmen aber selbst keine Stellung. Der Negationspartikel ni hingegen, im vorliegenden Beleg Klitikon, wird der Satzgliedstatus zumeist abgesprochen, obwohl auch sie gelegentlich die Position wechselt, also nicht ausschließlich vor dem finiten Verb auftritt; vgl. hierzu auch Wich-Reif (2007, 131ff.). Lühr (1997, 327) mit Bezug auf Conrad (1978). Dieses Beispiel verwendet Lühr (1997, 337f.), um aufzuzeigen, dass die Übersetzung von nonne mit eno bzw. ia dazu dient, im Althochdeutschen zwischen Fragen (eno) und Behauptungen (ia) zu differenzieren. Vgl. auch Wich-Reif (2005, 71ff.). Hier liegt der besondere Fall vor, dass auf das spezielle, hier eine Antwort einleitende Verb antuuurten zweimal hintereinander das allgemeine Verb quedan verwendet wird: hér thó ántlinginti imo ſuſ quedantemo quad . (lat. At ille respondenſ dicenti ſibi ait .). So Meibauer (1986, 163).
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zungs-, Entscheidungs- und indirekte Fragen mit Subgruppen eingeteilt und mit ihren syntaktischen und semantischen Eigenschaften dargestellt. 3.1. Ergänzungsfragen In der Tatianbilingue wird nach folgenden Größen gefragt – die Reihenfolge entspricht der Vorkommenshäufigkeit, dann aber auch der Zugehörigkeit zu einer Wortfamilie: Wer 'wer' (lat. quis) ist das meistverwendete Fragewort in der Tatianbilingue. 27 Gebraucht ein Fragender das Interrogativpronomen uuer bzw. die neutrale Form uuaz (lat. quid), erbittet er vom Gefragten einen Namen, eine Personen- / Sachbezeichnung oder eine Personen- / Sachbeschreibung. Die Form im Nom. Sg. f. / m. ist 34-mal belegt: (8)
[...] . quiſ me t&igit C
[...] . uuer biruorta míh
Wer hat mich berührt? (pag. 95,17; Siev. 60,5; Mc 5,30) Die Genitivform wes (lat. cuius) ist dreimal nachweisbar, die Dativform wemo (lat. (ali)cui) sechsmal. Im Akkusativ, 'wen' (lat. quem), sind neun Belege nachweisbar, zweimal in der später üblichen Form wen, siebenmal in der älteren, flektierten Form wenan (Akk. Sg. m.). 28 Die wen-Formen kommen in Konstruktionen mit doppeltem Akkusativ vor: (9)
quem te ipſum facis .
uuen tuoſ thu thih ſelbon .
Wen / was machst du aus dir selbst? (pag. 219,22f.; Siev. 131,23; Io 8,53) 29 Die neutrale Form waz (lat. quid) ist mit der Bedeutung 'was' 37-mal im Akk. Sg. 30 und 14-mal im Nom. Sg. belegt. Daneben gibt es sieben Belege für die Bedeutung 'was für ein(e) / welche(r)', je nach substantivischem Kern für lat. quis, quid, qui. Dazu kommen vier KM:
_____________ 27 28
29 30
Vgl. auch Braune (2004, 252, § 291). Dazu kommt ein problematischer Beleg auf pag. 150,18 (Siev. 93,2; Mt 17,24), fon wen. Er gibt das lat. a quibus wieder und bildet somit offenbar eine lateinische Pluralform nach; vgl. hierzu Braune (2004, 252, Anm. 2). Für die Verwendung von wenan im indirekten Fragesatz vgl. Abschnitt 3.3. Die zweite Stelle findet sich auf pag. 142,32-143,1; Siev. 90,2; Mt 16,15. Einmal lat. aliquid (pag. 333,29; Siev. 231,1; Lc 24,41), einmal lat. numquid (pag. 337,9; Siev. 236,2; Io 21,5.
435
„Das Spiel vom Fragen“
(10) quid ergo heliaſ eſ tú .
uuaz nu biſt thu heliaſ
Und sie fragten ihn: „Was denn? Bist du Elia?“ (pag. 47,12; Siev. 13,20; Io 1,21) und drei vergleichbare Stellen: (11) quid ad noſ/te
uuaz zi unſ/thih thes/thés (.)
Was [geht] uns / dich [das an]? (pag. 304,19; Siev. 193,2; Mt 27,4; pag. 340,2; Siev. 239,3; Io 21,21; pag. 340,10; Siev. 239,4; Io 21,23) Die Abfolge EAkk (Interrog.pron.) – ENom – Alok – Vfin ist für den althochdeutschen Fragesatz ungewöhnlich. Ein Blick in das Faksimile macht die Anordnung nachvollziehbar: Der Satz wird durch das Seitenende unterteilt. Schreiber γ übernimmt die lateinische Satzgliedfolge, wobei er ein Subjektpronomen zwischen das Interrogativpronomen und das folgende Satzglied positioniert, das Verb trägt er, der lateinischen Spalte entsprechend, auf die nächste Seite ein. (12) pag. 150, Z. 30f. In illa hora cum domi eſſ& interrogabat eoſ . quid in uia pag. 151, Z. 1 tractabatiſ . at illi tracebant .
in thero ziti mittiu her in huſ uuaſ frageta ſie . uuaz ir in uuege trahtotut . ſie tho ſuuigetun
In der Zeit, als er im Haus war, fragte er sie: „Was habt ihr unterwegs besprochen?“ Da schwiegen sie. (p. 150,30f.-151,1; Siev. 94,1; Mc 9,33) Elfmal ist waz mit 'warum' zu übersetzen; der Fragende möchte einen Grund in Erfahrung bringen: (13) Quid me interrogaſ
Uuaz frageſ mih
Warum fragst du mich? (pag. 300,20; Siev. 187,3; Io 18,21) In Verbindung mit zunzu hat uuáz die Bedeutung 'wie lange' und steht für lat. quousque: (14) circum dederunt ergo eum [iudæi] et dicebant ej . quo uſque animam nostram tolliſ .
umbibigabun Inan thie iudæj . Inti quadun Imo . zunzuuúaz nimiſt thu unſera ſela
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Claudia Wich-Reif
Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: „Wie lange nimmst du unsere Seele [= hältst du uns hin]?“ (pag. 226,27ff.; Siev. 134,2; Io 10,24) Die zwei uuie-Belege, auf die sich Wilhelm Braune resp. Ingo Reiffenstein bezieht,31 sind in der Handschrift korrigiert zu uuer:32
Abbildung 2: Cod. Sang. 56, pag. 94, Z. 15-18, Codices Electronici Sangallenses
(15) [...] At ille respondenſ dicenti ſibi ait ., Quæ ē mater mea & qui ſunt fratres mei C33
[...] hér thó ántlinginti imo ſuſ quedantemo quad uuer iſt mín muoter inti uuer ſiN‾ mine bruoder
Er antwortete ihm da. Folgendes sprechend sagte er: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ (pag. 94,15-18; Siev. 59,3; Mt 12,48) Die uuie-Belege sind singulär und sie sind von einem Zeitgenossen verbessert, so dass sich die Frage stellt, wie weit sie gängig waren. Die Instrumentalform im Sg. n. lautet huuiu. In der Tatianbilingue kommt sie in Kombination mit den Präpositionen bī, in, mit und zi vor: bi hiu (lat. quare) ist mit der Bedeutung 'warum' insgesamt elfmal belegt, davon einmal in einem indirekten Fragesatz (vgl. Abschnitt 3.3.).34 Sie wird verwendet, um nach einem Grund zu fragen. Für in hiu (lat. in quo) mit der instrumentalen Bedeutung 'womit' gibt es zwei Belege, hier der eine:35 (16) quodſi ſal euanuerit . In quo ſali&ur
oba thaz ſalz árItal& In hiu ſelzit man iz thanne
Wenn das Salz seine Kraft verliert, womit salzt man es dann? (pag. 61,13f.; Siev. 24,2; Mt 5,13) Mit hiu (lat. quo) mit der Bedeutung 'womit' ist einmal belegt (pag. 71,6; Siev. 38,6; Mt 6,31 mit hiu uuaten uuir unſih). Zi hiu bzw. ziu ist mit den Be_____________ 31 32 33 34 35
Vgl. Braune (2004, 252, § 291, Anm. 1, 2). Vgl. auch Sievers (1961, 81, Anm. 4). Das Fragezeichen wurde von „Korrektor 2“ eingetragen. Althochdeutsches Wörterbuch (2007), bi hiu, Bd. I Sp. 990f. Ebd., in hiu, Bd. IV Sp. 1578.
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„Das Spiel vom Fragen“
deutungen 'warum' (lat. quid 14-mal, utquid 2-mal, quare 2-mal) und 'was' (lat. quid 4-mal, utquid 1-mal) vertreten: (17) [...] Sed quid exiſtiſ uidere
[...] zihiu giengut úz sehan
Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? (pag. 100,27f.; Siev. 64,5; Lc 7,26) Uuelih 'welcher' ist 15-mal in Fragesätzen nachweisbar sowie in zwei KM. Das Interrogativpronomen bezieht sich auf ein bzw. mehrere Elemente aus einer Gruppe, es hat also immer ein nominales Bezugsglied und hat dementsprechend unterschiedliche Kasus-, Numerus- und Genusformen. Die Nennung der Gruppe kann durch das attribuierte Substantiv erfolgen oder aber schon vorher. Uuelih fungiert alleine als Linksattribut oder aber zusammen mit einem Possessiv- oder einem Demonstrativpronomen. In der folgenden KM wird die Gruppe in der vorausgehenden Äußerung genannt (bibot 'Gebote'): (18) [...] dixit illi . quae .
[...] thó quad her imo . uuelichiu .
Da sprach er zu ihm: „Welche?“ (pag. 171,1f.; Siev. 106,2; Mt 19,18) Das mit fünf Belegen vertretene uuedar (lat. quis / quid) bedeutet 'welcher / was (von beiden / zweien)': (19) non habentibuſ illiſ unde redder& . donauit utrisque quiſ eum pluſ dilig& ,
In tho ni habenten uuanan ſie gultin tho forgab her giuuederemo uuedaran minnota her mer .
Da sie nicht wussten, woher sie bezahlt hätten, erließ er sie beiden. Welcher von beiden liebte ihn mehr? (pag. 238,23-25; Siev. 138,9; Lc 7,42) Uuvo und die Varianten uueo und uuio ('wie'), mit denen lat. quomodo übertragen wird, ist mit 27 Belegen ein oft verwendetes Fragewort, das gebraucht wird, um nach der Art und Weise zu fragen.36 Der folgende Beleg ist ein gutes Beispiel dafür, zu zeigen, wie die deutsche Syntax in der Tatianbilingue verwirklicht werden kann, wenn die Zeile die nötigen Freiheiten gibt, und wie im umgekehrten Fall der lateinischen Satzgliedfolge der Vorzug gegeben wird: _____________ 36
Einmal wird uuvo in einer indirekten Frage verwendet; vgl. Abschnitt 3.3.
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(20) pag. 213 [...] Ait illiſ . quomodo [...] thô quad her In . uuvo ergo david In libro pſalmorū dauid In buohhe ſelmo uocat eum d]m dicenſ . nennit Inan truhtin ſuſ quedanti . [...] [...] ſi ergo david in ſpū Oba dauid uuârlihho In geiſt pag. 214 uocat eum d]m quomodonemnit Inan truhtin uuvo iſt ther ſîn ſun . Inti nioman mohta filiuſ eiuſ eſt . & nemo poterat reſpondere ei uerbum . antlingen Imo uuort . Da sagte er zu ihnen: „Wie nennt David ihn im Buch der Psalmen ‚Herr‘, so sprechend: [...]? Wenn David ihn also im Geiste ‚Herr‘ nennt, wie ist dieser sein Sohn? Und niemand konnte ihm ein Wort antworten.“ (p. 213,24-214,2; Siev. 130,2; Mt 22,43-45 + Lc 20,42) Zu Beginn folgt Schreiber α im deutschen Textteil der lateinischen Satzgliedstellung, auf pag. 214 positioniert er das finite Verb in Zweitstellung, während es in der lateinischen Spalte in Endstellung steht. Zudem liegt im deutschen Satz Inversion vor; das Possessivpronomen ſîn steht entgegen dem Lateinischen vor dem substantivischen Bezugswort. In einem Fall, in Zeile 7 auf pag. 220, hat der deutsche Text uuvo, der lateinische aber et. Es ist die letzte der fünf Seiten, die Schreiber ε zugeordnet wird: (21) [...] dixerunt ergo Iudei ad eū . quinquaginta annos nondum habeſ & abraham uidisti
[...] tho quadun thie Judej zi Imo . finfzug Iaro noh nihabeſ uuvo giſahi thu abrahaman
Da sagten die Juden zu ihm: „Du bist noch keine 50 Jahre. Wie hast du Abraham gesehen?“ (pag. 220,5-7; Siev. 131,25; Io 8,57) Sowohl lat. nondum habeſ & abraham uidisti als auch ahd. uuvo giſahi thu abrahaman sind von einem Korrektor nach- / eingetragen. Der lateinische Satztyp ist ein Aussagesatz, der Sprechakt eine Frage, während im Deutschen durch die Verwendung des uuvo Form und Funktion einander entsprechen. Aus dem Kontext geht hervor, dass es sich um eine rhetorische Frage handelt: Nach menschlichem Ermessen kann Jesus Abraham nicht getroffen haben. In Kombination mit manag übersetzt uuvo lat. quot 'wie viele' (6-mal):
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„Das Spiel vom Fragen“
(22) et dicit eiſ ; quot paneſ hab&iſ C37
tho quad her ín uuvo managu brot háb& ír?
Und er sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? (pag. 118,4ff.; Siev. 80,4; Mc 6,38) In Kombination mit michil oder filu (lat. quantus / -a / -um) ist es zu übersetzen als 'wieviel' (4- bzw. 2-mal), mit einem folgenden temporalen Ausdruck wie stunta (lat. temporis) als 'wie lange' (1-mal), in der Bedeutung 'auf welche Weise' findet es sich als Wiedergabe von lat. quomodo einmal. So ofto übersetzt an einer Stelle lat. quotiens (pag. 158,10; Siev. 98,4; Mt 18,21), so dass angenommen werden kann, dass es 'wie oft' bedeuten soll. Es folgt die KM unzan ſibun ſtunt (ebd., Z. 13). Uuar(a) 'wohin' ist in der Tatianbilingue in Fragesätzen neunmal nachweisbar; es wird nach einem Ort (lat. ubi 6-mal) oder nach einem Ziel (quo 3-mal) gefragt.38 Zu den drei Belegen kommt eine KM. Auf Jesu Antwort auf die Frage nach dem Weltende und dem Zeichen seines Kommens (pag. 256,29ff.) folgt die Frage: (23) ubi d]e .
uuar trohtin .
Wo, Herr? (pag. 258,8; Siev. 147,5; Lc 17,37). In Kombination mit inzin bedeutet wara 'wie lange, wozu': (24) Reſpondenſ autem ihſ dixit o generatio infideliſ & perverſa uſque quo ero apud uoſ & patiar voſ
Tho antuurtita der heilant inti quad uuvolaga ungitriuui cunni inti abuh inzin uuara bin ih mit íu inti tholen iuuih
Da antwortete Jesus und sprach: „Oh ungläubiges und falsches Geschlecht, wie lange muss ich bei euch sein und euch ertragen?“ (p. 148,14-17; Siev. 92,3; Lc 9,41) Frageeinleitendes wanan 'woher' (lat. unde) ist achtmal belegt. Es dient der Ermittlung eines Ausgangspunktes. Zu den acht Belegen kommen zwei KM (pag. 29,19-20; Siev. 4,3; Lc 1,43 und pag. 114,10f.; Siev. 78,3; Mt 13,55). Im lateinischen Textteil gibt es eine weitere KM, im althochdeutschen Textteil wurde ohne Inversion die Kopulaform sint eingefügt,39 so dass sich das finite Verb in Drittstellung befindet: (25) [...] & dicunt ei
[...] tho quadun imo
_____________ 37 38 39
Das Fragezeichen fügte „Korrektor 2“ ein. Zum Gebrauch von war(a) in einem indirekten Fragesatz (1 Beleg) vgl. Abschnitt 3.3. Die Kopula sīn wird öfters ergänzt, vgl. auch p. 87,24.
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disſipuli unde ergo nobiſ in deſerto paneſ tantoſ ut ſaturemuſ turbam tantam .
thie iungoron uuanan unſ ſint in uuoſtinnu ſo manigu brot daz uuir ſatumeſ ſo michila menigi
Da sagten die Jünger zu ihm: „Woher sind uns in der Wüste so viele Brote, dass wir eine so große Menge sättigen?“ (pag. 140,22-25; Siev. 89,1; Mt 15,33) Ein Blick in das Faksimile liefert die Begründung dafür, dass trotz des Abweichens von der lateinischen Vorlage eine eher untypische syntaktische Struktur erzeugt wird:
Abbildung 3: Cod. Sang. 56, pag. 140, Z. 22-25, Codices Electronici Sangallenses
ergo nobiſ wird mit uuanan unſ übersetzt, dann kommt das Zeilenende. Während dieses den Schreiber eher diszipliniert, gibt der Zeilenanfang ihm eine gewisse Freiheit, das Kommende zu füllen, in diesem Fall dem Schreiber γ (der gerade eben im lateinischen Teil diſcipuli ausradieren musste ...): Weil er weniger Abstand zwischen den einzelnen Buchstaben lässt, kann er nicht nur die Attribute in den Nominalgruppen nach links stellen, sondern auch noch ein Verb einfügen. Dass insbesondere die Passagen, die γ einträgt, von typisch deutschen Regel(mäßigkeite)n abweichen, stellen auch Svetlana Petrova und Michael Solf fest.40 Ein singulärer Beleg ist ein oba-Satz, der in keine übergeordnete Struktur eingebettet ist: Nachdem Jesus in der Synagoge von Kafarnaum gesprochen hat und viele Jünger empört über seine Rede sind, äußert er das Folgende:
_____________ 40
Petrova / Solf (2009, 16f.).
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(26) hoc voſ ſcandalizat C Si ergo uideritiſ filiū hominiſ aſcendentem ubi : priuſ :erat;
thaz iſt hiu aſuuih . Voba41 ir giſehet then manneſ ſun úf ſtigantan thar he ér uuaſ
Ist euch das ein Ärgernis? Wenn ihr nun des Menschen Sohn dahin hinaufsteigen sehen werdet, wo er zuvor war? (pag. 125,2-4; Siev. 82,11a; Io 6,61f.) Jesus fährt in seinen Ausführungen fort; er erwartet keine Antwort. Im Faksimile ist der Frageausdruck deutlich vom vorausgehenden abgegrenzt, insbesondere, nachdem „Korrektor 2“ wieder einmal aus einem Punkt ein Fragezeichen gemacht hat:
Abbildung 4: Cod. Sang. 56, pag. 125, Z. 2-4, Codices Electronici Sangallenses
Insgesamt zeigt sich, dass die Ergänzungsfragen im althochdeutschen Teil der Tatianbilingue in der Mehrzahl der Fälle bezogen auf die Verbstellung im Vergleich zu Aussagesätzen feste Strukturen zeigen, die noch in der Gegenwartssprache vorliegen. Durch die Interrogativwörter in Erststellung sowie die vorausgehenden Verba dicendi sind die Fragesätze klar markiert. Die Interpunktion ist nur von untergeordneter Relevanz, was sich unter anderem darin zeigt, dass in vielen Fällen nicht die Schreiber für die charakteristische Interpunktion verantwortlich sind, sondern der so genannte „Korrektor 2“. Alle KM mit Fragefunktion sind dem Typ Ergänzungsfrage zuzuordnen. 3.2. Entscheidungsfragen Während Ergänzungsfragen insbesondere über die Interrogativwörter klassifizierbar sind, sind bei Entscheidungsfragen die Position des finiten Verbs sowie die links davon stehenden Einheiten ausschlaggebend. Es lassen sich drei Typen von Entscheidungsfragen ermitteln: 1. Das finite Verb steht in der für das Deutsche charakteristischen Spitzenstellung (46-mal): _____________ 41
Laut dem Althochdeutschen Wörterbuch (2007), Bd. IV, Sp. 1442, scheint das V von einer anderen Hand vorgesetzt worden zu sein.
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(27) quid ergo heliaſ eſ tú . & dixit non ſum . proph&a eſ tú . & reſpondit . non .
uuaz nu biſt thu heliaſ Inti her quad ni bin . biſt thu uuîzago . Inti her antlingota nein
„Was dann, bist du Elia?“ Und er sagte: „Der bin ich nicht.“ „Bist du der Prophet?“ Und er antwortete: „Nein.“ (pag. 47,6-14; Siev. 13,19-20; Io 1,19-21) Enthält die Frage eine Satznegation, steht sie direkt vor dem finiten Verb wie im folgenden Beispiel: (28) [...] & ait ad illoſ , quid eſt quod mé quęrebatiſ . neſciebatiſ quia In his quae patriſ mei ſunt oport& mé eſſe .
[...] Inti her quad zi In ., uuaz iſt thaz ir mih suohtut . ni uueſtut ir thaz in then thiu mineſ fater ſint gilimphit mir uueſan .
Und er sprach zu ihnen: „Was ist [es], dass ihr mich suchtet? Wusstet ihr nicht, dass es mir zukommt zu sein in dem, was meinem Vater gehört?“ (pag. 43,4-6; Siev. 12,7; Lc 2,49). 2. In Spitzenstellung steht eno, eno ni, eno ia, enonu, enonu ni, enonu ia, ia, noh, noh nu oder noh nu ni, gefolgt vom finiten Verb (49-mal) wie in Beispiel 4.42 Die Setzung der Partikeln deutet darauf hin, dass es sich bei den Fragen im weitesten Sinne um rhetorische Fragen handelt. Einmal stehen zwischen eno und dem finiten Verb die Nominativergänzung und eine Negationspartikel (pag. 201,15; Siev. 122,3; Lc 18,7). 3. Vor dem finiten Verb steht das Satzglied (und gegebenenfalls eine Negationspartikel), über das die Entscheidung gefällt werden soll. Auch im lateinischen Textteil steht es in Spitzenstellung (26-mal):43 (29) & dixit ei nathanahel a nazar&h poteſt aliquid boni eſſe
thó quad imo nathanahel fón nazar&h mág ſihuuaz guotes uueſan
Und Nathanael sprach zu ihm: „Von Nazareth kann irgendetwas Gutes kommen?“ (pag. 52,9-13; Siev. 17,3; Io 1,46) _____________ 42 43
Eingeordnet wurde hier auch der Fragesatz auf pag. 131,18-20; Siev. 87,3; Io 4,11, in dem das Personalpronomen im Althochdeutschen zweimal gesetzt wurde: eno thu biſtu mera ... (lat. numquid tu maior eſ ...). Hierzu gehört auch die Setzung eines Subjektpronomens im lateinischen Textteil.
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Einmal stehen analog zum Lateinischen eine Nominativergänzung, eine Temporalangabe und eine Negationspartikel vor dem finiten Verb (pag. 164,19-20; Siev. 103,4; Lc 13,15), zweimal eno ni (pag. 213,5; Siev. 129,9; Io 7,47; pag. 213,12f.; Siev. 129,10; Io 7,50), einmal eno und die Nominativergänzung (pag. 332,16; Siev. 229,1; Lc 24,32). 3.3. Indirekte Fragen Indirekte Fragen sind von einem Trägersatz abhängig und werden in der Tatianbilingue mit den Verben eisc@n, fr$g)n, wuntr@n oder bouhnen angekündigt. Im Nebensatz, der von einem Verb des Fragens abhängig ist, steht stets der Konjunktiv. Die wenigen indirekten Fragesätze werden in der Tatianbilingue mit den Fragewörtern uuar, uuenan, bi hiu und uuvo oder der Konjunktion oba44 eingeleitet: (30) [...] Innuebant autē patri eiuſ quem uellet uocari eum
[...] bouhnitun thô ſinemo fater uuenan her uuolti Inan ginemnitan uueſan
Da fragten sie seinen Vater durch Zeichen, wie er ihn heißen wollte. (pag. 30,27f.; Siev. 4,12; Lc 1,62) (31) ſciſcitabatur ab eiſ ubi chriſtuſ nascer&ur,
eiſgota fon In uuar chriſt gibôran uuari;
Er erkundigte sich bei ihnen, wo Christus geboren werden solle. (pag. 39,22f.; Siev. 8,2; Mt 2,4) (32) [...] & mirabantur quare cum muliere loquebatur .
[...] inti uuntrotun bi hiu her mit uuibe sprichi [sic] .
[...] und sie wunderten sich, warum er mit einer Frau sprach. (pag. 133,2-3; Siev. 87,7; Io 4,27) (33) Iterum ergo interrogabant eum pharisęi . quomodo uidiſſ& .
abur frag&un ínan thie pharisei uuvo hér giſahí
_____________ 44
Vgl. Althochdeutsches Wörterbuch (2007), Bd. IV, Sp. 1458f. (ibu, V.). Hier wird auch der mit dem Verb bisweren eingeleitete Satz auf p. 303,3-6; Siev. 190,1; Mt 26,63, den indirekten Fragen zugeordnet.
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Wieder fragten ihn die Pharisäer, wie er gesehen hätte. [= sehend geworden wäre] (pag. 221,19ff.; Siev. 132,8; Io 9,15) Mit oba gibt es mit vier Belegen vergleichsweise wenige indirekte Fragesätze. Der Nebensatz folgt stets auf den Trägersatz: (34) pilatuſ autem mirabatur ſi iam obiſſ& & accerſito centurione Interrogauit eum ſi iam mortuuſ eſſ&
pilatus uuntrota oba her iu entoti Inti gihalotemo uualtambahte frageta inan oba her iu entoti
Pilatus wunderte sich, dass er schon gestorben sei, und er rief den Hauptmann herbei und fragte ihn, ob er schon gestorben sei. (pag. 321,17-21; Siev. 212,5 Mc 15,44)
4. Das Spiel vom Fragen (und Antworten) Wie in Abschnitt 1 demonstriert, ist es nicht schwer, deutsche Fragesätze im Allgemeinen syntaktisch zu klassifizieren (vgl. Abschnitt 1). Die Fragesätze der Tatianbilingue folgen Mustern, die noch in der deutschen Gegenwartssprache vorliegen. Syntaktische Abweichungen lassen sich einerseits durch die lateinische Vorlage erklären, andererseits durch die Konzeption der Handschrift St. Gallen Cod. 56. Eine funktionalsemantische Einteilung kann, wie gezeigt, auf der obersten Ebene analog zur syntaktischen Einteilung vorgenommen werden. Inhaltlich ist zu berücksichtigen, dass die elementare sprachliche Aufgabe von Fragen, Wissenstransfer zu ermöglichen (vgl. 4), öfters nicht so einfach funktioniert wie im Gespräch zwischen Johannes und den Priestern und Leviten (vgl. Beispiel 3). Die Erwartungshaltung, dass eine Frage dann gestellt wird, wenn dem Fragesteller eine Information fehlt, die er von einem ausgewählten Hörer zu erhalten meint, wird in der Tatianbilingue in vielen Fällen nicht erfüllt, wobei die Kommunikation aufgrund der erzählenden Passagen, die die Gespräche umgeben und zusammenhalten, nicht gestört ist. Diese Besonderheit ist der Textsorte geschuldet und ist nicht nur für die Tatianbilingue charakteristisch, sondern für viele weitere Texte mit kommunikativer Distanz, in denen konzeptionelle Mündlichkeit imitiert wird.45 Die Gespräche finden nicht unmittelbar statt, sondern sie werden _____________ 45
Hier lässt sich auch ein Bogen zu dem Handke-Text ziehen. Zu kommunikativer Distanz und Nähe, Verschriftlichung und Verschriftung vgl. Oesterreicher (1993, 267ff.).
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durch einen Erzähler vermittelt, der den Rezipienten schon durch das Verbum dicendi manipulieren kann. Ganz dezidiert zeigt sich die Manipulation in den vielen rhetorischen Fragen, die für den Leser oder Hörer – sofort – kenntlich gemacht werden, indem die Fragen etwa mit eno, enonu46 eingeleitet werden: Der Gefragte fällt keine Entscheidung; er wird indirekt dazu aufgefordert, sich der Meinung des Fragenden anzuschließen. Signifikant für die Textsorte sind auch Fragen, denen eine Begründung des Sprechenden folgt, bevor er das Rederecht abgibt (vgl. 2) und Fragen, die als Antworten fungieren, wie es Beispiel 15 zeigt und auch ein Gespräch zwischen Pilatus und Jesus (pag. 306,4-13; Siev. 195,1-3; Io 18,33-35): Pilatus fragt Jesus thu biſ cuning iudeono 'Du bist der König der Juden?'. Jesus antwortet mit der Frage fon thir ſelbemo quidiſtu thaz oda andere thir iz quadun fon mir 'Sagst du das von dir selbst [= von dir aus], oder haben es dir andere von mir gesagt?'. Pilatus erwidert eno bin ih iudeus Thin thiota inti biſgoffa ſaltun thih mir uuaz tati thu 'Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan?'. Schließlich gibt es die Fragen, auf die als Antwort der nonverbale „Akt“ des Schweigens folgt wie in Beispiel 12. Und auch hier wird mit der Frageform gespielt. Eine Erklärung für den Handlungsverlauf in den Evangelien und somit auch für die erzählerische und sprachliche Gestaltung der Tatianbilingue gibt Jesus bei seiner Gefangennahme, als er sein Nicht-Handeln erklärt (pag. 298,12f.; Siev. 185,5; Mt 26,54): uuio uuerdent gifultiu thiu giſcrip uuantiz ſo gilimpfit zi uueſanne 'Wie würde die Heilige Schrift [Pl.form] erfüllt, dass [= nach der] es so geschehen muss?'.
Literatur Althochdeutsches Wörterbuch (2007), auf Grund der von Elias von Steinmeyer hinterlassenen Sammlungen, im Auftrag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig hrsg. v. Elisabeth Karg-Gasterstädt und Theodor Frings, ab Band II hrsg. v. Rudolf Große, Reprint der Bände I-IV, Berlin. Altmann, Hans (1993), „Satzmodus“, in: Joachim Jacobs / Arnim von Stechow / Wolfgang Sternefeld / Theo Vennemann (Hrsg.), Syntax. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung / An International Handbook of Contemporary Research, 1. Halbband / Volume 1, Berlin, New York, 1006-1029. Behaghel, Otto (1928), Deutsche Syntax. Eine geschichtliche Darstellung, Bd. III: Die Satzgebilde, (Germanische Bibliothek, I. Sammlung germanischer Elementar- und Handbücher, I. Reihe: Grammatiken 10), Heidelberg.
_____________ 46
Althochdeutsches Wörterbuch (2007), Bd. III Sp. 1636. Vgl. auch Abschnitt 3.2.
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Claudia Wich-Reif
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Mittelhochdeutsch
Pragmatisch indizierte Syntax des Mittelhochdeutschen Mechthild Habermann (Erlangen)
1. Was ist pragmatisch indizierte Syntax? Die mittelhochdeutsche Syntax unterliegt in der Organisation ihrer Sätze den besonderen Bedingungen mittelhochdeutscher Schriftlichkeit. Die Satzorganisation der Vormoderne weist trotz der vorhandenen strukturellen Gemeinsamkeiten mit der gegenwartssprachlichen Syntax Unterschiede auf, die Spuren pragmatisch indizierter Syntax darstellen. In diesem Beitrag sollen Besonderheiten mittelhochdeutscher Syntax vor Augen geführt werden, die höchst unterschiedlich auf eine Verankerung in bestimmten Verwendungskontexten verweisen. Das Ausmaß, in dem sich pragmatisch indizierte Syntax von der der Gegenwart unterscheidet, betrifft nicht die Struktur, sondern vielmehr den Gebrauch der zur Verfügung stehenden Mittel. Grundsätzlich stellt sich hierbei die Frage, ob es „die“ Syntax des Mittelhochdeutschen überhaupt gibt. Wie einheitlich ist also die mittelhochdeutsche Syntax? Wie wirken sich sprachdiatopische und funktionalstilistische Unterschiede auf die Syntax des Mittelhochdeutschen aus? Noch immer können derlei Fragen für die Zeit der Vormoderne nicht befriedigend beantwortet werden. Während sprachregionale Aspekte in diesem Beitrag ausgeklammert bleiben, geht es nachfolgend um bestimmte Funktionalstile insbesondere in der spätmittelalterlichen Gebrauchsliteratur. Pragmatisch indiziert ist eine Syntax dann, wenn sie zum einen eine bestimmte Kontextualisierung braucht, um verstanden zu werden. Und wenn sie zum anderen aus sich selbst heraus Hinweise gibt, in welchen Situations- und Verwendungskontext sie gehört. Die Kontextgebundenheit ist das auffälligste Merkmal ihrer pragmatischen Indizierung. Die zwei Aspekte beleuchten den Gegenstand aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln:
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Zum einen aus der Sicht des Rezipienten, der eine Kontextualisierung wegen der Vagheit und Unterbestimmtheit des Satzbaus erst herstellen muss. Zum anderen aus der Sicht des Textproduzenten, der offenbar mit anderen Mitteln für eine Verständnissicherung sorgt, so dass der Situationskontext der Äußerung nicht missverstanden werden kann. Für den Wandel von der pragmatisch indizierten Syntax der Vormoderne zur entpragmatisierten Syntax lässt sich ein bekanntes Erklärungsmuster anführen: Der Wandel ist Folge der zweiten Medienrevolution, der Erfindung des Buchdrucks, wie sie bereits von Marshall McLuhan,1 Elizabeth L. Eisenstein2 oder Michael Giesecke3 beschrieben wurde. Mittlerweile gehört es zu den anerkannten Gemeinplätzen, dass Bücher die überregionale Verbreitung und Multiplizierung des Geschriebenen beförderten, was die endgültige Herauslösung aus der mündlichen Gebrauchssphäre, etwa die des Vorlesens, und hiermit eine veränderte Rezeption des Geschriebenen zur Folge hatte. Von der „Ohrensyntax“ zur „Augensyntax“ ist ein Schlagwort, mit dem man „Entpragmatisierung“ zu charakterisieren versucht.4 Und dennoch ist der Unterschied ein gradueller. Auch vorher wird die Augensyntax bedient und nachher über längere Zeit die Ohrensyntax. Denn etliche der beobachteten Phänomene können auch in den Frühdrucken des 16. Jahrhunderts beobachtet werden. Im Folgenden werden drei Bereiche aufgeführt, die den Gegenstand der Kontextualisierung von jeweils anderer Seite beleuchten: •
Der Gebrauch des Kasus als textkohäsives Mittel
•
Unter- und Überbestimmtheit der Satzorganisation
•
Formelhafte Sprache in der Satz- und Textorganisation.
2. Der Gebrauch des Kasus als textkohäsives Mittel Es fehlt an systematischen Untersuchungen, die die historische Textlinguistik unter der Entwicklung textkohäsiver Mittel betrachtet. In einer Zeit spärlicher Interpunktion und fehlender Absatzbildung in der Textpräsentation mögen andere Ressourcen genutzt worden sein, Textkohäsion herzustellen. Untersuchungen zu diesem Gebiet fehlen zweifellos nicht zuletzt auch deshalb, weil die normalisierten Textausgaben mittelhoch_____________ 1 2 3 4
Vgl. McLuhan (1962). Vgl. Eisenstein (2005). Vgl. Giesecke (1991). Vgl. Betten (1987, 161).
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deutscher Literatur gerade diese Unterschiede durch Einfügen moderner Interpunktion und neuer Gliederung weitgehend unkenntlich machen und damit keine zuverlässige Grundlage sprachwissenschaftlicher Untersuchungen darstellen. Nur die handschriftliche Überlieferung ist die geeignete Basis für textlinguistische Untersuchungen. Ausgangspunkt der folgenden Ausführungen bildet die These, dass Textkohäsion in der Vormoderne noch nicht im gleichen Ausmaß über die kohäsionsstiftenden Mittel wie etwa Pronominalisierung oder Konnektorengebrauch verfügt wie dies in der Gegenwartssprache der Fall ist. Ein einfaches Mittel, Textzusammenhalt herzustellen, ist die Wortwiederholung, die lexematische Rekurrenz, von der Texte der Vormoderne in reichem Ausmaß Gebrauch machen. Die Wiederholung ein und desselben Wortes oder ein und desselben Wortstamms wird spätestens in der Zeit des Humanismus obsolet, als das rhetorische Prinzip der variatio, der Veränderlichkeit lexikalischer Ausdrucksmittel, zu einem der wichtigsten Stilprinzipien erhoben wird. Ein weiteres Mittel der Textkohäsion scheint im Alt- und frühen Mittelhochdeutschen der Kasus gewesen zu sein, und zwar die Herstellung von Textzusammenhalt durch die Wahl des Genitivs als Objektkasus. Es gibt im Alt- und Mittelhochdeutschen viele zweiwertige Verben mit konkurrierenden Konstruktionsmöglichkeiten, die neben dem Subjekt im Nominativ entweder ein Genitiv- oder Akkusativobjekt haben. Welche Funktion hat diese scheinbar freie Variation? Über die Funktionen derartiger Alternationen ist noch immer zu wenig bekannt. Es stellt sich deshalb die legitime Frage, ob sich Sprecher einer Sprache über Jahrhunderte hinweg den Luxus freier Variation leisten können. Für gewöhnlich ist das Auftreten von Varianten ein Indiz für Sprachwandel: Die neue Form tritt neben die alte und löst diese im Laufe der Zeit ab. Welche Funktion hat aber die Schwankung in der Kasusrektion bestimmter Verben zwischen Genitiv- und Akkusativobjekt? Erst wenn man verstärkt die alten indogermanischen Kasusbedeutungen in die Überlegungen mit einbezieht, geraten alte Funktionen des Genitivs und Akkusativs in den Blickpunkt, die zumindest noch die frühmittelalterliche Literatur in ein neues Licht rückt.5 Laut mittelhochdeutscher Grammatik besteht bei den meisten zweiund dreiwertigen Verben mit Gen.-Objekt _____________ 5
Für diese Variation wurden immer wieder Erklärungsversuche geboten. Im Folgenden werden vor allem Anregungen aufgegriffen, die Richard Schrodt zunächst zum Objektsgenitiv entwickelt und schließlich auf textlinguistische Aspekte im Syntax-Teil der Althochdeutschen Grammatik übertragen hat; hierzu insbesondere Schrodt (1996, 71ff.); ders. (2004); vgl. auch Habermann (2007, 85ff.).
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Konkurrenz von seiten des Akk. oder präpositionaler Verbindungen oder einer Inf.-Konstruktion, wobei z.T. Nuancen in der Bedeutung des Verbs zu bemerken sind. Auch kann im Laufe des Mhd. eine Verschiebung zugunsten der präpositionalen Verbindung eintreten.6
Dass ein Unterschied zwischen dem Gebrauch von Genitivobjekt und Akkusativobjekt besteht, lässt sich am deutlichsten bei den Verben des Denkens und Wahrnehmens wie etwa gedenken vor Augen führen.7 (1)
Beispiel mit Genitivobjekt: Er gedâhte langer mære, diu wâren ê geschehn Subjekt V Genitivobjekt [Nibelungenlied 1757, 1 (1695, 1)] 'Er erinnerte sich an lange Geschichten, die einst geschehen waren'
Berthold Delbrück stellte in seiner Vergleichenden Syntax der indogermanischen Sprachen fest, dass die Grundbedeutung des Genitivs die der Teilhabe sei. Die Grundbedeutung des Akkusativs hingegen die der Betroffenheit.8 Das im Genitiv Genannte nimmt gewissermaßen von außen Einfluss auf die im Subjekt genannte Größe. Im Subjekt steht kein richtiges Agens, vielmehr ein Experiencer. Denn die im Genitiv vorhandene Größe existiert unabhängig von der Durchführung der Verbalhandlung. Bezogen auf das Beispiel (1) heißt dies, dass die schönen Geschichten schon da sind, bereits existieren, bevor die Handlung des „Gedenkens“ einsetzt.9 Eine ganz andere Bedeutung liegt bei gedenken mit Akkusativobjekt, dem „Kasus der Betroffenheit“, vor. (2)
Beispiel mit Akkusativobjekt: so gedenke ich wol die list Adverbiale(kaus) V Subj Adverbiale(mod) Akk.obj [Herbort, 13450] 'Deshalb denke ich mir gutüberlegt die (meine) Vorgehensweise aus.'
In Beispiel (2) ist die im Akkusativ genannte Größe direkt von der Verbalhandlung betroffen, sie ist das Ergebnis des „Nachdenkens“. Hier wird zusammen mit dem Akkusativ die Bedeutung 'über etwas nachdenken, etwas ausdenken' aktiviert. Die Verbalhandlung ist auf das Objekt gerichtet, das allmählich erst, im Laufe der Handlung, entsteht oder geschaffen _____________ 6 7 8 9
Paul (2007, 340f., § S 71). Zu den betroffenen Verben vgl. Behaghel (1989, 564ff.) und Ebert (1986, 38f.). Diese Verbgruppe wurde insbesondere von Milligan untersucht; vgl. Milligan (1960). Vgl. Delbrück (1893, 308, § 148; 360f., § 176). Ähnlich sind die Verhältnisse auch bei Verben wie sich erschrecken, vergessen, sich befreien.
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wird und eher abstrakter Natur ist. Das im Akkusativ Genannte ist Inhalt oder Ergebnis der durchgeführten Verbalhandlung.10 Der Genitiv verweist also auf ein äußeres, schon vorhandenes Objekt (das durch die Verbalhandlung ins Bewusstsein geholt wird), der Akkusativ auf ein inneres, erst im Entstehen begriffenes Objekt, auf ein Resultatsobjekt. Die Wahl des Komplements, ob bei ein und demselben Verb Genitivoder Akkusativobjekt zu stehen habe, wird neben der Unterscheidung von äußerem Objekt und Resultatsobjekt auch durch textlinguistische Faktoren bestimmt, was zumindest für die älteren mittelhochdeutschen Textzeugnisse noch zutrifft. Je nachdem, ob das Objekt zuvor schon erwähnt wurde oder nicht, steht Genitiv- oder Akkusativobjekt. Hier können nun textdeiktische und textphorische Funktion eng aufeinander bezogen werden: Beim Genitivobjekt korreliert das äußere Objekt mit dem Faktor des Vorerwähntseins bzw. der Bekanntheit und bei der Akkusativergänzung das Resultatsobjekt mit der Nicht-Bekanntheit. Hiermit ist die Verbvalenz bei etlichen Verben entscheidend von der given-new-Dichotomie oder Thema-Rhema-Struktur abhängig. Besonders deutlich ist dieser Unterschied z.B. bei frāgēn im Althochdeutschen sichtbar, das nach Schrodt dann den Genitiv aufweist, wenn der „erfragte Gegenstand oder Sachverhalt [...] meist in irgendeiner Weise bereits vorerwähnt oder kategorial bekannt“ ist.11 Bei Fragen nach Unbekanntem steht hingegen der Akkusativ. Die anaphorische Funktion des Genitivs bei mhd. vragen ist reichlich belegt, so z.B. auch im Iwein: (3)
er sprach ‚niene vürhte dir: sine tuont dir bî mir dehein leit. nû hân ich dir vil gar geseit swes dû geruochtest vrâgen: [...]‘ [Iwein, 516-519]
Der Akkusativ findet sich hingegen in folgenden Fällen, wie „den Weg fragen“ statt „nach dem Weg fragen“.12 Ähnlich auch bei mhd. ahten, mit Genitiv in der Bedeutung 'auf etwas Acht haben, die Aufmerksamkeit auf etw. schon Vorhandenes richten':
_____________ 10 11 12
Ähnlich auch bei Verben wie schreiben oder bauen. Schrodt (2004, 83, § S 78). Vgl. DWB 4, 1, 1, Sp. 52, s.v. fragen.
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(4)
wie si belîben solten des ahten si mit den jungelingen [Kudrun, 908,4, Handschrift E]13
Mit Akkusativ in der Bedeutung 'die Aufmerksamkeit auf etwas Neues lenken, sich etwas überlegen': (5)
ir sult daz ahten schiere, swie sô daz geschehe, daz ich die küneginne unt iwer swester sehe. [Nibelungenlied 546, 1f. (511, 1f.)]
Noch für mhd. hAren können Valenzen rekonstruiert werden, die schon im Althochdeutschen nachweisbar sind. Mhd. hAren ist ein zwei- oder dreiwertiges Verb; neben dem Subjekt steht im Dativ die Person, ‚auf die jmd. hört oder der man gehorcht‘; das, worauf jmd. hört, das ausgesprochene Gebot, dem die im Subjekt stehende Person gehorcht, kann im Akkusativ oder Genitiv stehen: bei Akkusativ hat das Verb die Bedeutung 'etw. hören, auf etw. (hin) hören', bei Genitiv 'auf etwas (schon Vorhandenes, schon Gesagtes) hören, es beachten', z.B. daa ich der schande sumelîcher hAre.14 Genitivobjekte sind später sehr häufig durch Präpositionalobjekte ersetzt worden: statt des hAren nun auf etwas hören, darauf hören. Der relationale Aspekt ist im Präpositionaladverb darauf besonders sichtbar. Empirische Untersuchungen stehen aus, Umfang und Ausmaß dieser Beobachtung zu bestätigen oder zu korrigieren. Es stellt sich auch die Frage, ab wann Funktionsunterschiede dieser Art nicht mehr greifbar sind und durch welche Faktoren die Nivellierung der Unterschiede begünstigt wird.
3. Unter- und Überbestimmtheit der Satzorganisation Die mittelhochdeutsche Syntax lässt einen größeren Spielraum für die situationelle Interpretation als die neuhochdeutsche Syntax der geschriebenen Sprache. Die Gefügestruktur in komplexen Sätzen ist wesentlich durch phorische oder deiktische Mittel organisiert. Elliptische Elemente oder anakoluthartige Strukturen sind aus dem Situationskontext und über die Bedeutung der Lexeme ersetz- oder ergänzbar. Gerade Satzbrüche, Anakoluthe, Apokoinu-Strukturen fordern die Interpretationsleistungen des Rezipienten heraus (vgl. Beispiel (6) aus der _____________ 13
14
Nach Kudrun. Die Handschrift (1969, 300, Anmerkung zu 980, 4). Vgl. auch BMZ I, 16, s.v. AHTE. In der Bedeutung 'sein Augenmerk auf etwas richten' finden sich auch noch spätere Belege mit Genitiv, wie z.B. „die gräfin aber achtete des ironischen tones nicht“ (Fontane 1883, zitiert nach DWB NB 1, Sp. 1389, s.v. achten). Vgl. BMZ I, 711, s.v. HŒRE.
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Gebrauchsprosa des 14. Jahrhunderts, und zwar aus Konrad von Megenbergs Buch der Natur):15 (6)
Das holta hat die art i_t daa man ea allaeit in waaa’ legt. oder ob es allcaeit in dem luft _tet/ _o gefault ea _elten ny^er. [Buch der Natur, Bl. 97r]
Die Ähnlichkeiten mittelhochdeutscher Syntax zur gesprochenen Sprache sind allenthalben augenfällig. Die sprachlich nicht explizierten Verknüpfungen mussten und müssen vom Leser auf der Grundlage des Erfahrungswissens dekodiert werden. Die fehlende Eindeutigkeit im logischgrammatischen Sinn ist weitgehend aus dem Situationskontext ergänzbar. Sich ergebende logisch-grammatische Leerstellen konnten und können durch Erfahrungswissen gefüllt werden. Auf der anderen Seite ist die Syntax stark geprägt durch verständnissichernde Leseanweisungen, die den mittelhochdeutschen Satzbau aus neuhochdeutscher Sicht schwerfällig wirken lassen. Hiervon zeugen die vielen expliziten Hinweise auf den Zitatcharakter von Äußerungen, die die gesamte mittelhochdeutsche Literatur kennzeichnet; hierzu Beispiel (7): (7)
Ari_totiles _pricht. die lerch fGrcht den habich _o _er we] er _i iagt. daa _i dem mē_chen in _ein _choa fleugt vnd le_t _ich oft mit der hant vahen. [Buch der Natur, Bl. 55v]
Vergleicht man damit die neuzeitliche Syntax der geschriebenen Sprache, so ist der Unterschied der, dass in der Gegenwartssprache eine leserorientierte Syntax vorherrscht: Hierfür sorgen zum einen die grammatischlogischen Hinweise, die dem Leser das Verständnis komplexer Satzstrukturen erleichtern. Zum anderen ist die seit dem Frühneuhochdeutschen zunehmend lesersteuernde Funktion der Interpunktion, so etwa die Kennzeichnung der direkten Rede, eine sich entwickelnde zweite Bedeutungsebene; neben den typographischen Zeichen zählen im weiteren Umfeld auch Abbreviaturen wie „z.B.“ oder „vgl.“ dazu. Sie dienen der Gliederung und damit Strukturierung sowie der Klassifikation und Einordnung des Dargebotenen als „Beispiel“, „Vergleich“ oder „direktes Zitat“, die dem Leser implizit, das heißt auf einer dem primären Text unterlegten zweiten Zeichenebene, den Äußerungsstatus anzeigen. Der neuzeitliche Leser hat es gelernt, dieses Instrumentarium in seinem Stellenwert richtig zu interpretieren und zu _____________ 15
Konrad von Megenberg (1377); zur genauen Beschreibung der Handschrift vgl. Hayer (1998, 192f.).
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nutzen. Im Mittelhochdeutschen hingegen werden die notwendigen Operatoren, die der Verständnissicherung dienen, in Worte umgesetzt. Besonders auffällig ist die Verbalisierung von Redewiedergaben. Die Handlungsmittel des Zitierens werden anstatt neuhochdeutscher Interpunktionszeichen, d.h. Doppelpunkt und Anführungszeichen, vielmehr explizit benannt. Die Beispiele mit dem performativen Verb „sprechen“ sind in der gesamten mittelalterlichen Literatur, in prosaischen wie poetischen Texten, Legion, wie etwa in folgendem Beispiel aus dem Buch der Natur: (8)
¶ Aristoteles _pricht. daa die vogel di flei_ch eaaent. nicht mer ayrn. da] ains mala. in dem iar. an die _walben die ayrt awir. er _pricht auch. daa man der vogel _iechtGm erchenn. von der flFgel geprechen / Er _pricht auch. daa vnd allem geflFgel gemainleich der er lenger leb dan die _i. Er _pricht auch. we] die v=gel mit einand’ _treiten. _o legent _i auf die wunden ein akker wurta . hai_t oliganu’ . aber von den wFrtaen werd wir her nach _agend. Er _pricht auch daa di vahenden vogel haiaaer natur _ein . vnd trFkner. die natur hai_t aelatein colerica ¶ Er _pricht auch all vogel chrum’ chloen werffent ir kint aua den ne_t). [...] [Buch der Natur, Bl. 54r]
In diesem kurzen Abschnitt ist Aristoteles _pricht auf engstem Raum insgesamt fünfmal mit er _pricht auch wieder aufgenommen. In nur zwei Fällen ist eine direkte Rede angeschlossen, die mit Ausnahme des verbalisierten Anführungszeichen x _pricht keine weiteren textuellen Markierungen des Zitats aufweist.16 Es überwiegt die mit einem daa-Nebensatz angeschlossene indirekte Rede. Die stereotype Wiederholung der Quelle des Zitats ist zum einen Autoritätsnachweis, zum anderen aber auch Gliederungssignal, mit dessen Hilfe anstelle von Spiegelstrichen oder Nummerierungen, wie 1., 2., 3. etc., die einzelnen Informationen additiv aneinandergereiht werden können. Die Konkordanz zum Nibelungenlied (nach der St. Galler Handschrift) gibt einen Einblick in die Häufigkeit von (relativ) festen Kollokationen, die allenfalls (nebensatzbedingt) in der Wortstellung oder durch Hinzufügen von Adverbialien als nicht-notwendigen Satzgliedern variieren. Für Dô sprach (x) sind im Nibelungenlied allein 335 Textstellen, für Dô sprachen (x)
_____________ 16
Das Interpunktionszeichen ‚Punkt‘ in Beispiel 9 ist nicht hinreichend signifikant, die direkte Rede zu markieren. Zum einen tritt der Punkt zwar häufig, aber nicht regelmäßig auf, zum anderen dient er bereits weitgehend zur Abgrenzung logisch-syntaktischer Einheiten.
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weitere 13 Belege nachweisbar.17 Das am häufigsten gebrauchte Verb zur Redewiedergabe ist sprechen; sagen, antwurten oder heiaen sind vergleichsweise selten belegt. Der Variantenreichtum an Verben der Redewiedergabe, wie er für die Gegenwartssprache feststellbar ist, kann für das Mittelhochdeutsche nicht bezeugt werden. In späteren Zeiten übernimmt die Interpunktion die eindeutige Markierung direkter Rede, so dass eine reiche Vielfalt metaphorischer Übertragungen die Stelle von sprechen einnimmt: z.B. flöten, lachen, lallen, betonen, schwadronieren, zum Besten geben o.ä. Die Verbalisierung der Redewiedergabe ist ein für die mittelalterliche Dichtung wie Prosa textsortenübergreifendes Phänomen. Darüber hinaus gibt es Spezifika, die in besonderer Deutlichkeit in Textsorten hervortreten, die der Alltagswelt besonders nahe stehen, wie etwa in mittelalterlichen Gebrauchstexten: Pragmatisch indizierte Syntax findet sich auch dann, wenn Handlungsszenen konstituiert werden wie etwa die einer konkreten Werkstattunterweisung. In dieser werden die didaktischen Verfahren der Unterweisung, als ob sie in einer real existierenden Unterrichtssituation stattfände, imitiert. Das deiktische du, das das Gegenüber der Gesprächssituation bezeichnet, wird als Merkmal konzeptioneller Mündlichkeit in die Schriftlichkeit übertragen: Du _olt .... Entweder folgen Imperative, durch die unmissverständlich direktive oder appellative Sprechakte markiert werden (z.B. Wiaa daa ...), oder Modalverben wie _uln, _üln: (9)
Du _cholt auch wiaaen daa [...] [Buch der Natur, Bl. 97r]
Der Autor wendet sich mit einer verbalisierten Zeigegeste an den Leser, bevor er seine Erläuterungen anführt. Formulierungen wie Wiaa oder Du _cholt auch wiaaen sind verbalisierte Hinweiszeichen, wie etwa das ikonische Zeichen oder bereits abstrahiert: →, die in ihrem deutlich erkennbaren personalen Bezug aufmerksamkeitsheischend gebraucht sind. Neben den appellativen Sprechakten sind auch deklarative besonders häufig vertreten: Am Beginn eines Buches steht nicht selten ein Satz mit der Proposition, die den Anfang des Buches anzeigt: (10) Assit principio sancta Maria meo. Jncipit liber de naturis rerum Anno domini 1°3°7°7° In nomine domini. [Buch der Natur, Bl. 4r] Nach dem Register folgt der Prolog mit der Überschrift: _____________ 17
Vgl. Reichert (2006 Bd. 1, 218ff., Bd. 2, 837f.). Die Zahlenangaben beruhen auf manueller Auszählung. In weiteren elf Fällen ist im Nebensatz x dô sprach belegt; hinzu kommen 73 Belege von sprach dô x; wenige Beispiele weisen in der Formel Dô sprach (x) vor dem Subjekt ein lokales Adverbiale (vor y / zu y) bzw. ein modales Adverbiale auf.
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(11) Das i_t daa puech von den NatFrleichen dingen ae deut_ch pracht. von mai_ter Chunraten von Megenberch. ~ [Buch der Natur, Bl. 7r] Das Explicit bildet die folgende Schlusszeile in direkter Anrede: (12) Da mit hab eyn end [Buch der Natur, Bl. 153v] Der Unterschied zur heutigen Buchgestaltung besteht insbesondere darin, dass die Titelblattgestaltung meist in nominalisierter Form auf den Inhalt des Buches referiert und das Ende eines Buches in der Regel unbezeichnet ist, mitunter aber durch Ende oder Finis angezeigt wird. Die mittelalterlichen Propositionen bieten Zuschreibungen, die wiederum auf Zeigegesten hinweisen und eine Art Gebrauchsanleitung für das Buch zumindest im Incipit darstellen. Entpragmatisierte Formen der Überschriftsgestaltung, die an lateinischem Beispiel (De Arboribus) orientiert sind, bleiben im darauf folgenden Fließtext nicht unkommentiert. Der Inhalt von Kapitelüberschriften wird hierdurch häufig stereotyp wiederholt, die weitere Vorgehensweise einschließlich der Ausführungen zur alphabetischen Reihung metasprachlich kommentiert. In Beispiel (13) ist eine solche Wiederholung mit der Rechtfertigung des Vorgehens des Autors verbunden: (14) Von mangerlay paumen BJr _chFllen in di_em vierd) _tuckch des puchs _agen von allerlay pau^e. vnd dea er_ten von gemain) paumen. dar nach von wol _mekchenden. vnd gar edeln paumen. vnd _chGllen die orde nHg haben. Daa wir des er_ten von dem _ag) der nam ae latein. _ich. an ain) a. anhebt vnd dar nach an dem .b. recht als daa. a.b.c. geordent i_t. _am vn_er weis vor gewe_en i_t in andn ding). [Buch der Natur, Bl. 96r f.] Neben deklarativen Sprachhandlungen gibt es eine Reihe von obligatorischen bzw. selbstverpflichtenden Sprechakten, die die Syntax der Vormoderne als pragmatisch indiziert bestimmt: (15) aber von den wFrtzen werd wir her nach _agend. [Buch der Natur, Bl. 54r] In einer entpragmatisierten Darstellung kann anstelle der Proposition im Neuhochdeutschen ein kurzer Seitenverweis als Fußnotentext erscheinen: zu den Kräutern vgl. S. xy. Aus den Ausführungen folgt: Die modernen typographischen Repräsentationen werden in der Vormoderne über Verbalisierungen in vollständigen Sätzen zum Ausdruck gebracht. Die unverwechselbare Syntax der
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expliziten Sprechakte verweist indexikalisch auf konkrete Gebrauchssituationen. Sie stellen das mental verankerte Script bei der Produktion und Rezeption von Gebrauchstexten dar und bieten bei der formalen Ausgestaltung der Sätze die slots, die in inhaltlicher Hinsicht gefüllt werden müssen. Die Trias ‚Sender – Empfänger – Welt‘ ist in der relativen Gleichwertigkeit der drei Pole das dominante Bezugssystem. In der Syntax der Vormoderne ist neben der symbolischen Setzung mit Referenz auf die Gegenstände der außersprachlichen Welt der personale Bezug mit Verweisfunktion eines Senders auf einen möglichen Adressaten – auf eine plakative Art und Weise – stets präsent. Die Zeigegeste (das ist...) bestimmt den Gebrauch der syntaktischen Mittel.
4. Formelhafte Sprache in der Satz- und Textorganisation Die mittelhochdeutsche Syntax ist in weiten Teilen der Gebrauchsliteratur schablonenhaft. Auch die metrisch gebundene Dichtung zeigt bekanntlich eine Reihe lexikalischer Füllungen, die im Wortlaut nur minimal variieren. Dies gilt auch für die mittelhochdeutschen Urkunden, deren starke Reglementierung in den obligatorischen Teilen (salutatio, petitio, corroboratio, etc.) formelhaft geregelte Sprache mit nur geringer Variation aufweist.18 Auch in der naturkundlich-medizinischen Gebrauchsliteratur sind sowohl Satz- als auch Textorganisationen stark schematisiert. Die Schematisierung folgt einfachen, elementaren Mustern mit hohem Wiedererkennungswert, die sich auf der Grundlage formalisierter Satzbaupläne beschreiben lassen. Es handelt sich hierbei um abstrakte Schablonen, die aus zahlreichen Gebrauchskontexten bekannt sind. Die entscheidende Einheit ist nicht der nach heutigen Vorstellungen modellierte Satz, sondern die Informationsstruktur, deren vorherrschendes Merkmal – weitaus stärker als heute – die kommunikativ-pragmatische Verortung der einzelnen Textbausteine ist. Die Satz- und Textmuster, die auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen Graden formalisierte Schablonen darstellen, können in die Nähe des kognitionspsychologischen Schema-Begriffs gerückt werden. Sie geben deshalb auch Antwort auf die grundlegenden Leitfragen nach _____________ 18
Quantifizierbare Ergebnisse mittelhochdeutscher Kollokationen, Sentenzen, Formeln, stereotyper Texteinleitungen sind erst dann erwartbar, wenn eine computergestützte Korpusanalyse signifikanter Datenmengen möglich ist. Gerade für Untersuchungen im Bereich Formelhafte Sprache sind viele neue Einblicke in den Bausteincharakter mittelhochdeutscher Syntax zu erwarten.
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dem Wer? oder Was?, dem Wie? und Wo? oder Wann?, dem Wozu? und (seltener) nach dem Warum? etc. Die Leitfragen stellen die rationalen Verfahren der Welterschließung spätestens seit Aristoteles dar. Die schematischen Fragestellungen haben sich als standardisierte Formen erfolgreichen kommunikativen Handelns bewährt und führen nun ihrerseits zu einer weitgehenden Schematisierung der entsprechenden Antworten. Die Satzschablonen stellen Formulierungsroutinen dar, die immer dann auftreten, wenn standardisierte Kommunikationsaufgaben bewältigt werden müssen.19 Die Aktivierung solcher Muster hilft dem Autor oder Textproduzenten bei der schnellen Bewältigung der Vertextungsaufgabe. Auf Seite des Textrezipienten führt die Einhaltung bekannter Muster zu einer schnelleren Verarbeitung neuer Informationen durch Einordnung in tradierte Sprachhandlungsformen mit hohem Wiedererkennungswert. Stephan Stein unterscheidet in seiner Untersuchung zur Formelhaften Sprache grundsätzlich zwischen „sprachlichen Routinen“ und „konzeptionellen Routinen“.20 Die beiden Typen erscheinen im Text entweder als Formulierungsstereotype bzw. formelhafte Sprache (= sprachliche Routinen) sowie als Einhaltung eines bestimmten Satz- oder Textmusters (= konzeptionelle Routinen). Die Modellbildung besteht also zum einen in der Übernahme sprachlicher Schablonen mit standardisierter Lexik und zum anderen in der Einhaltung bestimmter formaler Schemata mit variabler Lexik. Bei der Klassifikation spielen Faktoren wie der Grad der lexikalischen Füllung, die kommunikative Funktion, die syntaktische Struktur sowie die Positionierung des Musters in der Textorganisation die entscheidende Rolle. Die erste Gruppe, die Formulierungsstereotypen oder sprachlichen Routinen, sind dadurch gekennzeichnet, dass eine bestimmte lexikalische Füllung in einer ausgewählten Struktur stets gegeben ist. Die lexikalische Füllung, die Wiederholung des immergleichen Wortes bzw. der immergleichen Wörter ist das sie charakterisierende Merkmal. Die Funktion der Formulierungsstereotypen ist in der Regel immer auch die der Textstrukturierung und Organisation im Sinne von Fortsetzungssignalen, Themenwechsel und Herausstellung. Formulierungsstereotypen begegnen: •
in der Kapitelüberschrift, etwa in der Formel: „Von der X“. (15) Von den vogeln in ainer gemain Von dem adelarn Von dem arpen. [Buch der Natur, Bl. 53v-55r]
_____________ 19 20
Vgl. Heinemann / Viehweger (1991, 166). Stein (1995, 301).
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am Kapitelanfang mit Formeln wie: „X (lateinischer (latinisierter) Terminus) heißt Y (deutscher Terminus)“ oder „X (lateinischer (latinisierter) Terminus) ist ein Y (Hyperonym wie z.B. ‚Vogel‘, ‚Baum‘ etc.)“, wie etwa: (16) A Quila hai_t ein adel ar. AN_er oder auca hai_t ein gans. Accipiter hai_t ein habich. Arpia i_t ein vogel [...] [Buch der Natur, Bl. 54v f.]
•
in Scharnierausdrücken, die lexikalisch bis auf eine Leerstelle festgelegt sind. Sie dienen meist als Diskursmarker oder Fortsetzungssignale, indem sie die Einführung eines neuen Gesichtspunktes, eines Themenwechsels, markieren. Ein recht häufig gebrauchter Scharnierausdruck ist: „X hat die Art“: (17) Der fenix hat die art . wenn in deca alter be_wërt. _o _üecht er im in den landen gegē der _unen aufganch. den aller _ch=n_ten paum [...] [Buch der Natur, Bl. 60r] (18) Die erl pleter habnt die art wo man _i _treUt in ainer chamern . da t= tten _i die fl=ch . [Buch der Natur, Bl. 97v]
Bei der zweiten Gruppe, den konzeptionellen Routinen, handelt es sich um Satzmuster, die lexikalisch frei besetzbar sind und prototypisch ganz bestimmte Inhalte transportieren. Die Zahl der Satzmuster ist in der Gebrauchsliteratur in der Regel auf zwei dominante eingeschränkt. Zunächst das erste Muster, das den ersten Teil naturkundlicher Ausführungen bestimmt: (19)
Von dem adelarn A Quila hai_t ein adel ar. Vnd _pricht augu_tin’. daa er der edel_t vogel _ey. Vnd _ey ein chFnich aller vogel. Er i_t ein groaa’ rauber vnd lebt nGr dea flei_chs. Er hat gar _tarkch ge_icht [...] [Buch der Natur, Bl. 54v]
Textteil (19) besteht aus Aussagen, die Minimalpropositionen darstellen: D.h. es gibt ein Verb, das seine obligatorischen und / oder fakultativen Ergänzungen aufweist. Es gibt kaum Adverbialien (Angaben). Die Aussagesätze sind Einfachsätze zur Erläuterung von Sachverhalten. Es kommen allenfalls daa-Sätze als Inhaltssätze von Aussagen vor, die indirekte Redewiedergaben in Abhängigkeit von einem verbum dicendi darstellen. Eine andere Struktur weist Textteil (20) auf:
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(20)
von dem pfaun [...] Jacobi _pricht wenn man den pfaun _chawt vnd lobt. _o _trekt er _ein) aagel auf in aines halben thraiaa weis. vnd aaigt _eins zagels _ch=n. [...] wenn der pfau _ein) aagel ge_trebt hat gegen der _onn). vnd _ein vnge_talt fFaa an_iecht. _o _enkt er den aagel wider auf die erden al_o _pricht daa puch von der aygehait d’ ding [...] plynius _pricht. wenn der pfau die wolgeuerbten vedn’ rert. _o trauert er vnd wirt dan perhaft. s We] d’ pfau in der vin_t’ i_t wachent. vnd _ich _elb’ nicht ge_ehen mag. _o er_chrikt er. vnd _chreit laut. wa] er w*nt er hab _ein _chön v’lorn [Buch der Natur, Bl. 68r]
Textteil (20) besteht aus Sätzen mit der Struktur wenn – so ('dann') mit temporal-konditionaler Bedeutung. Sie werden in diesem Beispiel besonders stereotyp in immer gleicher Konstruktion aneinandergereiht. Die Konstruktionen mit wenn – so bieten die hinreichende Bedingung und konsequente Folge, die im ordo rerum scheinbar mechanistisch eintritt. Im Unterschied zu Textteil (19) sind im Textteil (20) nur Satzgefüge, in denen die näheren Umstände eines besonderen Verhaltens zum Ausdruck gebracht werden. Trotz der Stereotypie des Musters in (20) variiert wenn – so mit Relativsätzen der Form wer – der, lokalen wo-Sätzen, uneingeleiteten Konjunktionalsätzen oder dass-Sätzen. Weitere Nebensätze wie etwa temporal-kausale sind eher selten nachweisbar (z.B. wa] er w*nt er hab _ein _chön v’lorn). Grundsätzlich besteht der Eindruck, dass die stereotyp verwendete Konstruktion mit wenn – so ('dann') vorherrschend ist. Die konzeptionellen Routinen sind volkssprachlich tief verwurzelt, gehören sie doch seit alters her einerseits zum Vertextungsmodell der Deskription und andererseits zu den volkssprachlich überaus gebräuchlichen Mitteln in mittelalterlichen Rezeptstrukturen, die die Wenn-dannGliederung bevorzugt aufweisen.21
5. Vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen Der Weg von der mittelalterlichen zur neuzeitlichen Syntax ist verbunden mit dem Prozess der Entpragmatisierung – in folgendem Sinn: 1. Die Emanzipation des geschriebenen Textes aus dem unmittelbaren Situationskontext setzt ein Bewusstsein dafür voraus, dass schriftliche Kommunikation in der Regel Distanzkommunikation _____________ 21
Vgl. hierzu Habermann (2007, 209ff.).
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ist, bei der von den personellen sowie räumlich-zeitlichen Gegebenheiten des Situationskontextes abstrahiert werden muss. Der Wandel von konzeptioneller Mündlichkeit zu konzeptioneller Schriftlichkeit ist ein häufig bemühtes Schlagwort, das in seiner Absolutheit wohl in Abhängigkeit der Sprachenwahl, Textsorte etc. zu differenzieren ist. Dennoch zeigt sich das Verhaftetsein der mittelalterlichen Gebrauchsprosa in der stets vorhandenen Präsenz der Triade ‚Schreiber – Adressat – Mitteilung‘, indem die Sachverhalte der Welt in expliziten Bezug zu einem Sender und Empfänger gestellt werden. Der Textproduzent gibt Auskunft über seine Äußerungsabsichten und appelliert an den Adressaten, wie er seine Äußerungen verstanden wissen will. 2. Zum Prozess der Entpragmatisierung gehört auch die Aufgabe des Gebrauchs des Kasus als textkohäsives Mittel. Dass Schwankungen in der Kasusrektion bestimmter Verben aus der Notwendigkeit, Textkohäsion herzustellen, bedingt sein können, muss in seinem Ausmaß empirisch noch untermauert werden, da es fraglich ist, welche Verbgruppen überhaupt von diesen Schwankungen betroffen sind und für welchen Zeitraum die textkohäsive Funktion des Kasus Genitiv besteht. Der Gebrauch des Genitivs als anaphorisches Mittel ist ein Beweis dafür, dass der Kasus noch die alte Kasusbedeutung der Teilhabe und des Einflusses von außen auf das Verbalgeschehen aufweist. Hier liegt demnach ein lexikalischer Kasus vor, während zum Neuhochdeutschen hin ein Abbau semantischer Kasusfunktionen und somit der lexikalischen Kasus zugunsten struktureller Kasus wie dem Nominativ und Akkusativ erfolgt.22 3. Der Prozess der Entpragmatisierung wird begleitet von der Entwicklung einer Ohrensyntax zu einer Augensyntax. Erst allmählich bildete sich eine doppelte Struktur in der Textgestaltung heraus, die durch eindeutige konjunktionale Markierungen und typographische Kennzeichnungen verlässlich markiert ist. Damit einher geht eine stringente Komposition von Sätzen (unter Vermeidung anakoluthartiger Strukturen) und eine Interpunktion (z.B. zur Kennzeichnung direkter Redewiedergaben) als unterlegter Bedeutungsstruktur, die in der Ohrensyntax entweder fehlt (Unterbestimmtheit der Syntax) oder im Gegenteil durch aufwändige Verbalisierungen (Überbestimmtheit der Syntax) zum Ausdruck kommt. _____________ 22
Strukturelle Kasus weisen in semantischer Hinsicht ein eher unklares Profil auf und sind in erster Linie durch syntaktische Funktionen (Passivierung etc.) beschreibbar. Vgl. hierzu insbesondere Abraham (1995, 351ff.); Dürscheid (1999, 86ff.).
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4. Zur Entpragmatisierung zählt zuletzt auch das allmähliche Abrücken von einer allzu stereotypen, formelhaft festgelegten Sprache, die sich in der naturkundlich-medizinischen Literatur besonders deutlich zeigt, wohl aber stärker als bisher angenommen die gesamte mittelhochdeutsche Literatur durchzieht. Fundierte Ergebnisse sind zum einen auf der Basis von Konkordanzen zu mittelhochdeutschen Handschriften und zum anderen durch computergestützte Auswertungen repräsentativer Textkorpora zu erwarten. In der Zeit des Humanismus weicht die formelhafte, durch Redundanz geprägte Sprache einem durch variatio geprägten aufmerksamkeitsheischenden Stil.
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Konstruktionsmuster und -strategien im mittelhochdeutschen Satzgefüge Ein Werkstattbericht
Heinz-Peter Prell (Oslo) ∗
1. Einleitung Das Projekt einer mehrbändigen mhd. Grammatik auf der Grundlage eines digitalisierten Handschriftenkorpus ist jetzt in die Syntaxphase eingetreten, und Oslo hat hierbei die Untersuchung der komplexen Sätze, insbesondere der Satzgefüge, übernommen.1 In der derzeitigen frühen Phase der Arbeit stehe ich als Bearbeiter vor zwei grundsätzlichen Problemen: einem Material- und einem Darstellungsproblem. Die Menge des gespeicherten Materials ist riesig (s.u.), und eine irgendwie systematische Beschreibung besonders der komplexen Gebilde erscheint angesichts des Variantenreichtums sehr schwierig.2 Im Folgenden wird der Versuch unternommen, unterschiedliche Erscheinungen im mhd. Satzgefüge auf der Grundlage eines übergeordneten Beschreibungsprinzips zueinander in Beziehung zu setzen. Die folgenden Ausführungen beruhen auf der Analyse von sieben Textausschnitten, die sich in zwei (bzw. drei) Gruppen einteilen lassen, wobei der Bereich der Urkunden und Gesetzestexte noch nicht repräsentiert ist3, insgesamt aber bereits eine gewisse zeitliche Streuung gegeben ist:
_____________ ∗ 1 2
3
Universität Oslo. Nach heutigem Kenntnisstand dürfte das Satzgefüge der Bereich der Syntax sein, in dem es seit dem Mhd. zu den meisten strukturellen Wandelerscheinungen gekommen ist. Einen ersten, noch ganz vorläufigen Versuch habe ich in der 25. Auflage der Mittelhochdeutschen Grammatik von Hermann Paul (im Folgenden abgekürzt Mhd.Gr.) vor allem auf der Grundlage von Prosatexten unternommen (vgl. ebd., §§ S 222-231). Auf diese Darstellung nehme ich im Folgenden des Öfteren Bezug. Zu den Satzgefügen in mhd. Urkunden vgl. Schulze (1991).
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Heinz-Peter Prell
Zwei Versepen: Nib: Nibelungenlied (C), obd., 1. Hälfte 13. Jh.4 Parz: Wolfram von Eschenbach: Parzival (D), obd., um die Mitte des 13. Jhs. Fünf geistlich-religiöse Prosatexte: 1. Drei Predigtsammlungen: Spec: Speculum ecclesiae C, bair.-alem., Ende 12. Jh. PrMi: Millstätter (früher Kuppittsch’sche) Predigtsammlung, bair.österr., 1. H. 13. Jh. SalH: Salomons Haus, hess.(-rhfrk.), 2. H. 13. Jh. 2. Zwei narrative Texte: Hleb: Hermann von Fritzlar: Heiligenleben, hess.-thür., Mitte 14. Jh.5 GnaÜ: Christine Ebner: Von der Gnaden Überlast (N2), ofrk., Mitte 14. Jh. Pro Text wurden unterschiedliche Passagen im Gesamtumfang von ca. 12.000 Wortformen gespeichert und ausgewertet. Die sieben Texte enthalten insgesamt über 12.000 Elementarsätze und – nach meiner derzeitigen Analyse – 3.195 Satzgefüge.6 1.249 dieser Gefüge enthalten nur einen Nebensatz, 1.164 weisen zwei Nebensätze auf, und in 782 Gefügen sind mehr als zwei Nebensätze enthalten. In den Predigten liegt der Anteil der Nebensätze am Gesamt der Elementarsätze sehr konstant zwischen 43 und 44 %; in den Versepen sowie in GnaÜ ist er deutlich niedriger (Nib: 31,4 %; Parz: 30,7 %; GnaÜ: 32,4 %). Der Text Hleb nimmt mit 37,3 % Nebensätzen eine Mittelstellung ein. Bei den Nebensätzen höheren (zweiten bis fünften) Grades erreichen Spec (25,8 % aller Nebensätze) und SalH (23,9 %) Spitzenwerte; die epischen und narrativen Texte kommen hier lediglich auf ca. 18 %. In Nib, Parz sowie GnaÜ bildet der dritte Abhängigkeitsgrad die Obergrenze; die übrigen vier Texte enthalten insgesamt 16 Nebensätze vierten und einen Nebensatz fünften Grades. Alle diese Werte deuten auf die vielleicht nicht sonderlich überraschende Tatsache hin, dass die geistlichen Prosa_____________ 4
5 6
Die Datierung bezieht sich auf die mutmaßliche Entstehung der jeweiligen Handschrift, nicht des Textes. Genauere Angaben zu den einzelnen Korpustexten und den jeweils gespeicherten Passagen finden sich in Wegera (2000, 1312ff.), sowie online im Internet unter http://www.ruhr-uni-bochum.de/wegera/; zu den Prinzipien der Korpuszusammenstellung vgl. Wegera (2000, 1305ff.). Der Text enthält Exkurse im Stil der Predigtsprache und ist daher nicht eindeutig einzuordnen. Wenn man bedenkt, dass das Gesamtkorpus 102 Texte und das sog. Kernkorpus immerhin noch 66 Texte umfasst, bekommt man einen Eindruck von der Fülle des Materials (eine Hochrechnung ergibt allein für das Kernkorpus die Menge von 30.000 Satzgefügen!). Wie viel hiervon tatsächlich wird berücksichtigt werden können, ist noch ganz ungewiss.
Konstruktionsmuster und -strategien im mhd. Satzgefüge
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texte – insbesondere die Predigten – syntaktisch komplexer sind als die Versepen.7 Die Unterscheidbarkeit von Haupt- und Nebensätzen als wichtige Voraussetzung für die Analysierbarkeit von Satzgefügen ist – zumindest in der Prosa8 – meistens gegeben. Nur selten treten ganz zweideutige Strukturen auf wie im folgenden Beleg: (1)
Dise íungfrowe °was so schone. daz ír eigín vater °begerte si zu nemene zu eíner elíchen [vrouw)] v] °líez eín) turn buwen dar vffe her síe °wolde behalden. v] °hiez zwei venster dar ín machen. (Hleb 11v)
Die mit unde angeschlossenen Konstruktionen rechts vom Infinitivsatz lassen sich als Fortsetzungen des daz-Satzes analysieren, angesichts eines im Mhd. nicht seltenen Baumusters der Parataxe kann es sich aber auch um Hauptsätze mit sinngemäß zu erschließendem Subjekt (vgl. Mhd.Gr., § S 208.2) handeln. Entsprechend unklar ist der Abhängigkeitsgrad des Relativsatzes. Wie fast immer in solchen Fällen ist die Verständlichkeit des Gefüges durch die syntaktische Unschärfe nicht beeinträchtigt: syntaktische Wohlgeformtheit in unserem Sinne ist für die Verständnissicherung offenbar partiell redundant und nicht unbedingt ein Anliegen mhd. Schreiber.9
2. Integrative vs. serielle Techniken im Satzgefüge Als integrativ werden im Folgenden solche Konstruktionsmuster bezeichnet, bei denen der Untersatz innerhalb der (regulären) Felderstruktur sei-
_____________ 7
8 9
Umgekehrt kann man vielleicht von der immerhin noch beachtlichen Satzkomplexität in den Epen überrascht sein. Im Nibelungenlied tritt die Hypotaxe vor allem innerhalb der höfischen Sphäre, besonders im höfischen Dialog, auf: Mir wart gesaget mære. in mins vater lant. daz hie bi iv wæren. daz het ich gern erkant. die chunsten rechen. des han ich vil verno^. die ie kunic gewnne. (Nib 107); vil lieber herre min. ich wolde ivch biten gerne. m=ht ez mit fNge sin. daz ich [lies: ir] mich sehn liezet. wie ich hete daz versolt. ob ir min) frivnden. wæret innechlichen holt. (Nib 1428). In den Verstexten kann die syntaktische Analyse durch die sehr häufige Späterstellung des finiten Verbs im Hauptsatz erschwert werden (vgl. Mhd.Gr., § S 207.2). Zu Analyseproblemen im mhd. Satzgefüge vgl. auch ebd., § S 222 sowie Kern (1988).
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Heinz-Peter Prell
nes Obersatzes erscheint;10 ist dies nicht der Fall – steht der Untersatz also ganz außerhalb seines Obersatzes –, spreche ich von seriellen Techniken. 69 % aller Satzgefüge in meinem Material beginnen mit einem Hauptsatz. Das einfachste mögliche Muster dieses Typs (ein Hauptsatz mit nur einem Nebensatz im Nachfeld) stellt mit einem Viertel aller Korpusbelege das wohl häufigste Gefügemuster überhaupt dar. Folgen auf den ersten Nebensatz weitere Nebensätze höheren Grades, können recht überschaubare integrative Gefüge mit kontinuierlich fallender Satzlinie entstehen (vgl. Mhd.Gr., § S 223):11 (2)
HS: NS 1.Gr.: NS 2.Gr.: NS 3.Gr.:
ir °het enboten Rvdeger. daz in daz °dvhte gNt. daz si der kuniginne. da mite troste den mNt. Daz si ir °rite engegene. mit den sinen man. vf zN d' ense. (Nib 1327)12
(3)
HS: NS 1.Gr.: NS 2.Gr.: NS 3.Gr.: NS 4.Gr.:
Sechs alter °sint uns irzeiget in dîsem lêbene. in den wir durch got arbeiten °sch§lin. daz wir die êwigen gnâde °besizzen. daz diz sibinte °ist. in enir wêrlt. da wir °rNuuin unze an die urstênte. (Spec 13v)
Schon früh treten nach einem initialen Hauptsatz gelegentlich Nebensatzhäufungen in einer diskontinuierlichen Satzlinie (d.h. mit wechselndem Abhängigkeitsgrad) auf, die nicht immer eindeutig analysierbar sind. Im folgenden Beleg aus dem 12. Jh. enthält das Gefüge acht Nebensätze:
_____________ 10
11
12
Integrative Muster liegen also vor, wenn ein Nebensatz ersten Grades im Vor-, Mittel- oder Nachfeld des Hauptsatzes bzw. ein Nebensatz höheren Grades im Mittel- oder Nachfeld des übergeordneten Nebensatzes steht. Die Existenz eines Vorfeldes wird hier für den Nebensatz nicht angenommen (s.u. Anm. 14). Zur Vorstellung eines Außenfeldes s.u. Beleg (6) und die Anm. 13. Siglen: HS = Hauptsatz; NS x.Gr. = Nebensatz x. Grades; eNS / eHS = eingeschalteter NS bzw. parenthetischer HS; R(est) = Obersatzrest nach eNS; HSi = abhängiger HS (indirekte Rede); ° = finites Verb.; T = nicht satzförmiger Teil des Satzgefüges (ohne finites Verb). Die Einrückungen signalisieren den jeweiligen Abhängigkeitsgrad. Belege aus den Verstexten werden mit der heute üblichen Strophen- bzw. Abschnittszählung nachgewiesen.
Konstruktionsmuster und -strategien im mhd. Satzgefüge
(4)
HS: NS 1.Gr.: NS 1.Gr.: NS 2.Gr.: NS 1.Gr.: NS 2.Gr.: T / HS-R?: NS 1.Gr.: NS 2.Gr.: NS 3.Gr.:
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div alti ê. °brahti die selben gnâde den kinden die besnîtin °Yrdin. daz si ledich °wârn der sunte. die si von adâme °hetin. also div hêre t?fe nv °ur§mit den. die get?fet °wêrdent. wan des einen. daz si in daz himelrich niht chomin. °mahtin. ê der geborn °wart der uns daz hîmelrich °entslôz. mit sin selbis tôde. (Spec 12r)
In den späten Texten, besonders in SalH, kommt die Konstruktionsweise häufiger vor. Hier ein Gefüge aus zehn Nebensätzen, die auf einen recht kurzen initialen Hauptsatz folgen: (5)
HS: nv °merke aber mit mir E_T: geistlicher menshe. HS-R: nv die minne vnde die liebe. NS 1.Gr.: die dir got svnderliche. aber an disen dingen geoffenberit °hat. NS 2.Gr.: da mide daz ime nivt dar ane °begnvgeda. NS 3.Gr.: daz er dir bewiset °hat. die seilekeit diner geshefnisse vnde diner losvngen. NS 2.Gr.?: offe daz dv dar ane °irkentes. NS 3.Gr.: daz er din ganz frvnt °were. NS 4.Gr.: der dir so groze selikeit zv gekeret °hat. NS 2.Gr.: vnde daz dv dar ane °provetis. NS 3.Gr.: daz dv ime von rehte dinen °soldes. NS 2.Gr.: vnde daz dvz froliche °tedis. NS 3.Gr.: wande dv so manic zeihen siner minnen °hedis. (SalH 55)
Ebenfalls schon früh treten komplexe gestreckte Gefüge mit Einschaltungen und diskontinuierlicher Satzlinie auf. Im folgenden Beleg werden charakteristische serielle und integrative Techniken miteinander kombiniert:
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Heinz-Peter Prell
(6)
NS 1.Gr.: eNS 2.Gr.: NS-Rest: HS: eNS 1.Gr.: HS-Rest: eNS 1.Gr.: eNS 2.Gr.: NS-Rest: HS-Rest: NS 2.Gr.!: NS 1.Gr.:
do in vnser herre in daz parad;s °gesazti. vnde im allez daz §f der erde °ist. vndertân °machte. do °wolte er adames gehôrsam bewârn. v] °zêigte im ein obez. daz schonir °was den ander obiz. unde °gebôt im. daz er allez daz °âzze. daz er °wolte. v] daz eine obiz °verbâre. [verbern 'meiden'] unte °seite im. swenne er daz °gêzze. daz er des êuvigin tôdis °mNse ersterbin. (Spec 4r)
Die im Textbeispiel zutage tretenden seriellen Techniken betreffen generell Nebensätze, die ihrem jeweiligen Obersatz vorangestellt werden. Bei der Voranstellung vor einen Hauptsatz (wie in den ersten vier Zeilen des Beispiels) ist der Nebensatz im Mhd. nicht vorfeldfähig, sondern steht im ‚Außenfeld‘ des Hauptsatzes.13 Im Vorfeld des Hauptsatzes steht in solchen Fällen eine nicht satzförmige Konstituente, meist – wie oben – ein Korrelat, welches den Nebensatz anaphorisch im Hauptsatz vertritt. Im Mhd. kann ein Nebensatz auch vor einem übergeordneten Nebensatz stehen (s. die letzten zwei Zeilen des Beispiels).14 Es handelt sich hierbei um eine wichtige und häufige Abweichung von der nhd. Gefügestruktur, die auch bei höhergradigen Nebensätzen bzw. mehrteiligen Nebensatzgefügen auftritt: (7)
HS: ich °bat daz chlagehafte wip. NS 2.Gr.: sit si mit ir ?gen °sach. daz ich si manliche °rach. NS 3.Gr.: NS 1.Gr.: Daz si dvrch wibes gMte. °senfte ir gemMte. […] (Parz 527)
_____________ 13
14
Es handelt sich um eine serielle Technik, weil das Außen-‚Feld‘ im Gegensatz zu Vor-, Mittel- und Nachfeld nicht zur regulären Struktur des Hauptsatzes gehört; so können Außenfeldkonstituenten stets weggelassen werden, ohne dass der Hauptsatz ungrammatisch wird. Zum Außenfeld im Nhd. vgl. Zifonun u.a. (1997, Bd. 2, 1577ff.); die DudenGrammatik (2005, 899f.) spricht von einem „Vorvorfeld“. Vgl. auch Mhd.Gr., §§ S 209.4 u. 224.2. Da ich im Gegensatz zu manchen Grammatike(r)n (z.B. Duden-Grammatik (2005, 877)) davon ausgehe, dass Nebensätze kein Vorfeld haben, ist auch dieser Konstruktionstyp als seriell einzustufen. Vgl. Mhd.Gr., § S 227.
Konstruktionsmuster und -strategien im mhd. Satzgefüge
477
Neben den in derartigen Nebensatzpaaren häufig verwendeten Subjektpronomina (s.o.) werden auch andere phorische Elemente eingesetzt, um die Kohärenz des Gefüges zu sichern: (8)
HS: Wie °hete ich daz verdienet. eHS: °sprach Gunther, der degen. NS 2.Gr.: des min vater lange. mit eren °hat gepflegen. NS 1.Gr.: daz wir daz °solden vliesen. von iemannes kraft. (Nib 112)
Die auffälligste integrative Technik in Beispiel (6) ist sicherlich die wiederholte Einschaltung von Nebensätzen ersten und zweiten Grades in ihren jeweiligen Obersatz (hierfür steht im Gefügediagramm die Sigle eNS).15 Die sieben Korpustexte enthalten insgesamt 270 eingeschaltete Nebensätze, meist Attributsätze (48,2 %), seltener Adverbialsätze (30,8 %) und deutlich seltener Ergänzungssätze (19,7 %). In den Verstexten ist Einschaltung selten (nur je 18 Belege in Nib und Parz); deutlich am häufigsten kommt sie vor in den frühen Prosatexten Spec und PrMi, die insgesamt fast die Hälfte aller Belege stellen.16 Sehr fremd wirkt aus heutiger Sicht die Mehrfachbesetzung des Außenfelds durch ungleichartige Konstituenten; es handelt sich jedoch wohl um eine serielle Technik, die vom grammatischen System des Mhd. abgedeckt wird: (9)
NS 1.Gr.: Do daz getân °wârt T: alle NS 1.Gr.: díe daz °gesâhen. HS: die °Yrden alle gesvnt. (PrMi 32v)
_____________ 15
16
Dabei erfolgt nur die erste Einschaltung (zweite Zeile des Beispiels) im Mittelfeld des Obersatzes; in den übrigen Fällen werden die Nebensätze zwischen zwei Verbalphrasen ihres Obersatzes geschaltet, so dass der jeweilige Obersatzrest mit dem Konjunktor unde beginnt. Zwischen diesen beiden den Obersatz unterschiedlich stark dissoziierenden Typen der Einschaltung besteht wohl ein qualitativer Unterschied; vgl. unten Beispiel (12). Es ist sicher noch zu früh, diesen Befund zu verallgemeinern, aber auch an anderem Material gewonnene Befunde deuten darauf hin, dass die Häufigkeit der Einschaltung von Nebensätzen im Mhd. diachron rückläufig ist, vgl. Mhd.Gr., § S 225.
478
Heinz-Peter Prell
Ein extremes Beispiel: (10) NS 1.Gr.:
Do vnser herre dív grozen zeíchen ín dírre wêrlte °begîe. NS 2.Gr.: als mân vns n§ ín dírre vâsten gelêsen °hât. ze frônem âmpte. NS 3.Gr.: wîe er eínen bêtterísen ges§nt °machte eínes svnn)tâges. eNS 4.Gr.: der ahzehen íar gelêgen °wâs. eNS 5.Gr.: als mân ín °h§p v] °leîte. NS-Rest: v] °híez ín sín bette §f hêven. v] heím trâgen. T: Dvrh17 den grôzen nít. NS 1.Gr.: den díe ívden zím °hêten. HS!: do °sprachen sîe. eHSi: er °hête den svnn)tâk zeprôchen. HS-Rest: v] °fl§chten ím dar §mbe. NS 1.Gr.: dar vmbe sín gelôbet °solten haben. (PrMi 26v)
Eine serielle Konstruktion entsteht auch, wenn der Schreiber sich nach einem komplexen Gefügeabschnitt zu einem verständnissichernden Neuansatz entschließt; dabei entsteht ein wahrscheinlich intendierter Anakoluth, der wiederum durch den Einsatz anaphorischer Konstituenten gemildert wird: (11) NS 1.Gr.: vnd °wer allez daz laup eNS 2.Gr.: daz ie °gewuhse NS-Rest: vnd allez daz gras vnd NS 2.Gr.: daz ímmer mer °gewehst. Neuansatz: °wern daz allez meister v@ paris sie °konden niht vol reden noch vol scriben die HS: barmhertzicheit eNS 1.Gr.: die an got °ligt HS-Rest: vnd sunderlich die barmhertzicheit NS 1.Gr.: die er °hat an dez menschen tod. (GnaÜ 85)
_____________ 17
Eine Majuskel innerhalb eines Ganzsatzes ist in PrMi selten, aber möglich. Vielleicht hat der Schreiber hier aber auch die Übersicht über die Konstruktion verloren.
Konstruktionsmuster und -strategien im mhd. Satzgefüge
479
Ein interessanter Beleg aus dem späten 12. Jh.: (12) HS: eNS 1.Gr.: eNS 2.Gr.!: eNS-Rest: Neuansatz:
do °hetin die iuden in (Jerusalem) wider got vil harte getân. °hetin got [ir] herrin. der si ûz egyptelande °fůrte. unde in daz beste lant daz ûf der erde °ist uergebin [‚unentgeltlich’] °gâb. den °hêtin si uerlazzin unde °bettin an ir abgot. (Spec 34r)18
Ein anderer, gelegentlich zu Analyseproblemen führender Typ von serieller Konstruktion liegt vor, wenn gleichrangige (sowie meist gleichartige) Nebensätze asyndetisch gereiht auftreten, also nicht – wie nach heutigem Verständnis notwendig – durch einen Konjunktor verbunden sind. In Beispiel (13) handelt es sich um zwei Ergänzungssätze, in (14) um zwei Attributsätze: Feirefiz bi Cvndien °enbot. sinem brNder §f Mvnsalvæsce wider. NS 1.Gr.: wi ez im °was ergangen sider. NS 1.Gr.: daz Secvndille versceiden °was. (Parz 823)
(13) HS:
(14) HS: Hîvte °ist ôvch der tak. NS 1.Gr.: daz daz heîlíge cruce vf gerihtet °wârt. NS 2.Gr.: da mít dîe s§ntare behâlten °sínt. NS 2.Gr.: da mít ôvch der tîvfel vertriben °ist. v] ellîv sín craft ím benomen °ist. (PrMi 31v) Eine nhd. kaum noch zulässige Variante integrativer Konstruktion ist die Satzverschränkung, bei der eine Konstituente des Untersatzes im Obersatz (meist im Vorfeld eines Hauptsatzes) erscheint, der auf diese Weise gespaltene Untersatz also auf zwei Felder des Obersatzes verteilt wird. In
_____________ 18
Mit der Einschaltung des ersten NS in das Mittelfeld des HS (s.o. Anm. 15) und der erneuten Einschaltung des NS zweiten Grades liegt hier in einem Text des 12. Jhs. der erstaunliche Ansatz zu einem ‚klassischen‘ Schachtelsatz vor, und nach der heutigen Vorstellung von syntaktischer Wohlgeformtheit müsste der HS-Rest (letzte Zeile) mit dem klammerschließenden uerlazzin beginnen. Eine solche konsequente Verschachtelung ist in einem Text dieser Zeit jedoch wohl kaum erwartbar.
480
Heinz-Peter Prell
meinem Material kommt das insgesamt seltene Phänomen nur in der Prosa (schwerpunktmäßig in den späten Texten) vor:19 (15) HS: Von sogetanime fiwere °schult ir bittin minin trehtin NS 1.Gr.: daz er ivch °beware u] °beschirme. (Spec 82v) waz °wiltv (16) HS: NS 1.Gr.: daz ich dier °sage me. (SalH 151) (17) HS: HSi:
Dírre víncenti °sprechen eteliche her °were bruder laurencij. (Hleb 102v)
3. Resümee Obwohl das mhd. Satzgefüge eine Reihe von Strukturmerkmalen mit der nhd. Hypotaxe gemein hat, folgt es teilweise auch seinen eigenen Regeln, die – so meine Annahme – auf der Grundlage eines ausreichend großen Textkorpus herausgearbeitet werden können. Serielle Techniken, bei denen ein Nebensatz nicht innerhalb der regulären Felderstruktur seines Obersatzes erscheint, werden im Mhd. in weit größerem Umfang genutzt als heute; dabei entstehende ‚logisch‘-kommunikative Defizite werden zumindest teilweise ausgeglichen durch den Einsatz phorischer Elemente wie Korrelate und Pronomina. Gerade mit Blick auf die phorischen Verknüpfungen kann man daher sagen, dass im mhd. Satzgefüge in mancher Hinsicht noch textgrammatische Strukturprinzipien wirksam sind und das Satzgefüge als autonome grammatische Einheit weniger profiliert ist als heute. Neben den reihenden Verfahren stehen aber auch bereits integrative Techniken wie die Einschaltung von Nebensätzen in ihren Obersatz. Bemerkenswert ist insbesondere der hohe Grad von Komplexität, den das Satzgefüge schon in den frühen Prosatexten erreichen kann.
_____________ 19
Zur Satzverschränkung vgl. Mhd.Gr., § S 228, dort auch Belege aus der Verssprache. Dass hier entgegen der diachronen Tendenz eine integrative Technik später aufgegeben wurde, liegt wohl an den strengen Anforderungen an die ‚Sprachrichtigkeit‘, die in der nhd. Standardsprache gelten. In anderen modernen germanischen Sprachen wie dem Norwegischen sind Satzverschränkungen noch gang und gäbe.
Konstruktionsmuster und -strategien im mhd. Satzgefüge
481
Literatur Duden. Die Grammatik (2005), 7., völlig neu erarb. u. erw. Aufl., (Duden Bd. 4), Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich.
Kern, Peter (1988), „Das Problem der Satzgrenze in mittelhochdeutschen Texten“, in: Volker Honemann / Nigel F. Palmer (Hrsg.), Deutsche Handschriften 1100-1400. Oxforder Kolloquium 1985, Tübingen, 342-351. Mhd. Gr. = Paul, Hermann (2007), Mittelhochdeutsche Grammatik, 25. Aufl., neu bearb. v. Thomas Klein / Hans-Joachim Solms / Klaus-Peter Wegera, mit einer Syntax von Ingeborg Schröbler, neu bearb. u. erw. v. Heinz-Peter Prell, Tübingen. Schulze, Ursula (1991), „Komplexe Sätze und Gliedsatztypen in der Urkundensprache des 13. Jahrhunderts“, in: Mittelhochdeutsche Grammatik als Aufgabe, (ZfdPh 110, Sonderheft, besorgt von Klaus-Peter Wegera), Berlin, 140-170. Wegera, Klaus-Peter (2000), „Grundlagenprobleme einer mittelhochdeutschen Grammatik“, in: Werner Besch / Anne Betten / Oskar Reichmann / Stefan Sonderegger (Hrsg.), Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, 2., vollständig neu bearb. und erw. Aufl., 2. Teilbd., Berlin, New York, 1304-1320. Zifonun, Gisela / Hoffmann, Ludger / Strecker, Bruno u.a. (1997), Grammatik der deutschen Sprache, 3 Bde., Berlin, New York.
Von Lust und Frust korpusbasierter Syntaxarbeit Aus der Werkstatt Mittelhochdeutsche Grammatik − das Werkstück ‚Präposition‘
Sandra Waldenberger (Bochum)
1. Einleitung Forschungskontext der Überlegungen und Ergebnisse, die in diesem Beitrag vorgestellt werden sollen, ist das DFG-geförderte Langzeitprojekt Mittelhochdeutsche Grammatik, in dessen Verlauf eine neue, mehrbändige wissenschaftliche Grammatik des Mittelhochdeutschen (1050-1350) entsteht (vgl. insbes. Wegera 2000; erster Teilband der neuen Grammatik: Klein / Solms / Wegera 2009). Das Werkstück ‚Präposition‘ wurde als Pilotstudie zur Syntaxphase des Gesamtprojekts Mhd. Grammatik im Rahmen einer Dissertation (Waldenberger 2009) bearbeitet. Der vorliegende Beitrag soll sowohl die Schwierigkeiten (Stichwort ‚Frust‘) als auch die Vorteile (Stichwort ‚Lust‘) illustrieren, die korpusbasierte Syntaxarbeit – insbesondere an historischen Sprachdaten – mit sich bringt. Mit dem Attribut ‚korpusbasiert‘ wird dabei nicht nur die Wahl einer Material- oder Belegbasis benannt, sondern gleichzeitig eine Herangehensweise oder Perspektive bei der grammatikographischen Erarbeitung und Beschreibung eines (historischen) Sprachstandes, wie sie im Forschungsprojekt Mittelhochdeutsche Grammatik gewählt und praktiziert wird: Da bei der Erforschung historischer Sprachstufen nicht auf Sprecherkompetenz, Grammatikalitätsurteile etc. zurückgegriffen werden kann, ist als einzig mögliche Basis die (hier notwendigerweise schriftliche) Überlieferung des zu untersuchenden Zeitraums heranzuziehen.1 In Form des Bochumer Mittelhochdeutschkorpus, das 101 Texte des hochdeutschen Sprachraums aus dem Überlieferungszeitraum 1050-1350 enthält, steht ein nach den Kriterien Raum, Zeit und Text‚art‘ (Vers, Prosa, Urkunde) gegliedertes _____________ 1
Vgl. die grundlegenden Überlegungen zu Grammatiken historischer Sprachabschnitte in Wegera (2003).
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Sandra Waldenberger
Korpus zur Verfügung, das die Überlieferung des Mittelhochdeutschen durch handschriftengetreu transkribierte und anschließend durch Annotation erschlossene Texte erforschbar macht (zur Korpusgrundlegung s. Wegera 2000). Bei der Arbeit im Rahmen des Forschungsprojekts Mittelhochdeutsche Grammatik wird also grundsätzlich auf eine Materialbasis zurückgegriffen, die 1. durch Handschriftentreue den überlieferten Sprachstand des Mittelhochdeutschen widerspiegelt, 2. durch ihre Struktur sprach- und zeiträumliche sowie text‚art‘-spezifische Ausdifferenzierungen zulässt, wie es bei der Erforschung einer nicht-standardisierten und damit varietätenreichen Sprach(stuf)e unerlässlich erscheint, und die zudem 3. einen abgesteckten Untersuchungszeit- und Sprachraum in Gänze abdeckt, d.h. auch 4. aufgrund der gesetzten Begrenzung quantitative Aussagen bezüglich bspw. der Ausnutzung der zu beobachtenden sprachlichen Strukturen innerhalb des Korpus erlaubt. Die Perspektive, die bei der Erarbeitung der neuen Mittelhochdeutschen Grammatik gewählt wurde, ist folgerichtig deskriptiv ‚aus dem Material heraus‘: Der Sprachstand soll möglichst adäquat so beschrieben werden, wie er im untersuchten Material entgegen tritt. Dieser Anspruch galt demnach auch für die Bearbeitung des Themenfeldes ‚Präposition‘. Aus den Ergebnissen zu diesem Forschungsfeld wurden für diesen Beitrag drei Aspekte ausgewählt, die dazu dienen können, dies zu illustrieren. Den ausgewählten Aspekten vorangestellt noch einige Präliminarien 1. zum Untersuchungsgegenstand und 2. zu Problemen der Materialgrundlage. 1. Ein Leitmotiv, das im Verlauf der Bearbeitung des Themenfeldes Präpositionen und Präpositionalphrasen im Mittelhochdeutschen wiederholt eine Rolle spielen sollte, ist das Moment der ‚Grenzüberschreitung‘: Die Wortart ‚Präposition‘ und die syntaktischen Konstellationen, an denen Präpositionen beteiligt sind, machen es als Untersuchungsgegenstand nötig, Grenzziehungen der linguistischen Beschreibungsebenen bewusst zu missachten bzw. zu überschreiten, um dem Anspruch einer adäquaten Beschreibung des Gegenstandes ‚Präposition‘ gerecht zu werden. Insbesondere fällt eine strenge Grenzziehung zwischen syntaktischen und lexikalischen Eigenschaften des Untersuchungsgegenstandes schwer, da Präpositionen als ‚Funktionswörtern‘ oder auch ‚Fügewörtern‘2 die genuine Eigenschaft zukommt, in aller Regel im Satz nur im Verbund mit anderen Elementen – im hier untersuchten Phänomenbereich im Verbund mit Phrasen als Präpositionalphrasen3 – aufzutreten, also i.d.R. immer an der Bildung von Syntagmen beteiligt zu sein. Eine Untersuchung der semanti_____________ 2 3
So die Terminologie etwa bei Helbig / Buscha (2001). Im Rahmen der Erarbeitung der neuen Mittelhochdeutschen Grammatik wurden Partikelverben dem Bereich ‚Wortbildung‘ zugeschlagen und dort bearbeitet, vgl. Klein / Solms / Wegera (2009).
Von Lust und Frust korpusbasierter Syntaxarbeit
485
schen Leistung von Präpositionen ist damit zum einen streng genommen nur auf Ebene des Satzes (nicht auf der Ebene des einzelnen Lexems) möglich, zum anderen – aus der entgegengesetzten Perspektive betrachtet – aufs Engste mit der spezifischen Art der ‚Fügung‘, der spezifischen Funktion der Präposition im betrachteten Syntagma verknüpft. Mit diesen Vorbemerkungen sei vorab erklärt, warum nicht alle der im Folgenden dargestellten Aspekte dem Kernbereich der Syntaxforschung angehören. 2. Eine Frage, die im Rahmen korpusbasierter Forschung auf allen sprachlichen Ebenen zu stellen ist und für die linguistischen Teilbereiche z.T. unterschiedlich beantwortet werden muss, betrifft die Dimensionierung der Materialbasis (vgl. Klein 2007). Der Zuschnitt der Materialbasis für ein Forschungs(teil)unternehmen bewegt sich dabei zwangsläufig in einem Spannungsfeld zwischen dem Wünschenswerten und dem Machbaren. Eine ab dem 13. Jh. für das Deutsche kaum mehr zu realisierende gesamthafte Abdeckung der Überlieferung als Korpusumfang stellt dabei den (unerreichbaren) Extrempol des Wünschenswerten dar. Dem gegenüber steht das Minimalziel eines Korpusumfangs, der eine für die anstehende Forschungsaufgabe hinreichende Materialmenge liefert; a priori kann die Frage nach einem hinreichenden Korpusumfang aber kaum beantwortet werden, da erst Erfahrungswerte zu Korpusumfängen / Belegzahlenrelationen die Frage überhaupt zu klären vermögen, welcher Korpusumfang / welche Belegmenge als hinreichend gelten kann. So schlussfolgert Klein (2007, 17): „Um ein Korpus angemessen zu dimensionieren, muss man bereits über ein vergleichbares Korpus verfügen [...]“. Auf der Ebene des zugrunde liegenden Textkorpus konnte bei der Bearbeitung des Werkstücks ‚Präposition‘ mit dem Bochumer Mittelhochdeutschkorpus auf ein Korpus zurückgegriffen werden, dessen Dimensionierung auf Erfahrungswerten (Bonner Frühneuhochdeutschkorpus) aufbaut, und das für grammatikographische Fragestellungen auf den unterschiedlichen sprachlichen Ebenen verlässlich hinreichende Belegmengen liefert – so auch für den Phänomenbereich ‚Präposition‘. Für die Forschungsaufgaben dieses Bereichs – Analysen auf der Wort-, Phrasen- und Satzebene – stellte sich aber wiederum die forschungspragmatische Frage nach der Handhabbarkeit der Belegmengen, die das Bochumer Mittelhochdeutschkorpus für die drei Analyseschritte liefert: So enthält das Gesamtkorpus (101 Texte) ca. 75.000 tokens der Wortart ‚Präposition‘. Eine Analyse der gesamten Belegung von Präpositionen und Präpositionalphrasen im Bochumer Mittelhochdeutschkorpus hätte also die Analyse von 75.000 Präpositionen, damit 75.000 Präpositionalphrasen und 75.000 Sätzen bedeutet. Um eine im Rahmen eines Dissertationsvorhabens bearbeitbare Materialmenge für die einzelnen Analyseschritte zu gewinnen, wurde für das Werkstück ‚Präposition‘ das Prinzip des dynamischen Korpus, das dem Bochumer Mit-
486
Sandra Waldenberger
telhochdeutschkorpus eigen ist, für alle Analyseschritte genutzt: Als Textkorpusgrundlage wurde zunächst für das offenbar hoch frequente Phänomen ‚Präposition‘ das so genannte Kernkorpus gewählt, das die Strukturmerkmale des Bochumer Mittelhochdeutschkorpus ausnahmslos widerspiegelt, sich vom Gesamtkorpus aber darin unterscheidet, dass jedes Rasterfeld des Korpus (Zeit / Raum / Text‚art‘) mit jeweils einem statt wenn möglich mit zwei Texten besetzt ist. Eine diachrone, diatopische und diatextuelle Streuung der Korpustexte ist damit gegeben. Das Kernkorpus enthält ca. 48.000 tokens von Präpositionen, die als Ausgangsmenge für die Untersuchungen des Phänomenbereichs dienten. Auf der Wortebene wurde diese Belegmenge im Ganzen ausgewertet, auf der Phrasenund der Satzebene waren weitere Materialzuschnitte nötig: Als Basis für die Phrasenanalyse (PPn-Korpus) wurde ein Ausschnitt von je 50 PPn pro Text des Kernkorpus (d.h. ca. 3.500 PPn) gewählt; mit diesem Zuschnitt ist gewährleistet, dass alle Texte4 mit der gleichen Anzahl von PPn im PPn-Korpus vertreten sind und damit quantitative Verzerrungen durch unterschiedliche Belegzahlen pro Text weitestgehend ausgeschlossen sind. Für die semantisch-funktionale Analyse der PPn im Satz wurde wiederum das Material des Kernkorpus gewählt, wodurch jedoch lediglich fallstudienartig einzelne Präpositionen, nicht etwa das gesamte semantischfunktionale Spektrum aller Präpositionen, untersucht werden konnten. Mit den in Waldenberger (2009) und in diesem Beitrag in Ausschnitten vorgestellten Ergebnissen werden demnach gleichzeitig Lösungsmöglichkeiten für das Problem der Dimensionierung von Teilkorpora für den Phänomenbereich ‚Präposition‘ vor- und zur Diskussion gestellt.
2. Lexembestand und Belegfrequenzen Die Arbeit mit einem begrenzten, strukturierten Korpus eröffnet grundsätzlich zunächst die Möglichkeit, frequentielle bzw. distributionelle Aussagen für das Korpusmaterial zu treffen. Damit kann zum einen statt einer ungewichteten Auflistung des Lexembestands der Wortart ‚Präposition‘ eine nach Frequenz und damit Ausnutzung differenzierte Darstellung erfolgen, zum anderen sind – unter Berücksichtigung der Unterschiedlichkeiten der verschiedenen Materialbasen – Vergleiche mit anderen korpusbasierten Studien möglich. Zur Illustration sei eine Gegenüberstellung der hoch frequenten Lexeme in der hier vorgestellten Untersuchung und im Material von Wich-Reif (2008) angeboten (vgl. Tabelle 1), die deutlich _____________ 4
Mit Ausnahme des sehr kurzen Korpustextes Merigarto (Karlsruhe, Landesbibl., Cod. Donaueschingen A III 57), der lediglich 38 Präpositionen enthält.
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Von Lust und Frust korpusbasierter Syntaxarbeit
macht, dass der Kernbestand der hoch frequenten Präpositionen sowohl im Mhd. als auch in diachroner Betrachtung einer Texttradition vom 9. bis zum 21. Jh. eine erstaunliche Konstanz aufweist. Frequenzverhältnisse im untersuchten mhd. Material Präp.
Belege % (gerundet)
Frequenzverhältnisse in der Benediktinerregel-Tradition Wich-Reif (2008) Präp. Bele- % ge
1.
in
7652
16,4 %
1.
in
6153
16,75 %
2.
ze
7343
15,7 %
2.
von
6021
16,39 %
3.
von
7011
15 %
3.
zu
5003
13,62 %
4.
mit
6953
14,9 %
4.
mit
4769
12,98 %
5.
an
4849
10,4 %
5.
an
2696
7,34 %
6.
uf
1907
4,1 %
6.
nach
1936
5,27 %
7.
nach
1491
3,2 %
7.
auf
1311
3,57 %
8.
durch
1463
3,1 %
8.
durch
1283
3,49 %
9.
ane
1106
2,4 %
9.
aus
982
2,67 %
10.
vor
1014
2,2 %
10.
vor
943
2,57 %
Tabelle 1: Gegenüberstellung der Frequenzverhältnisse im untersuchten mhd. Material und im diachronen Material in Wich-Reif (2008)
Mit der Ermittlung von Belegfrequenzen von Präpositionen ist aber – wie oben angedeutet – mehr ausgesagt als eine Häufigkeitsangabe für eine Lexemklasse. Gleichzeitig zeigt sich damit, wie häufig ein bestimmter Konstruktionstyp – PP mit einer bestimmten Präposition als Kopf – genutzt wird, d.h. die Frequenzangabe geht über eine bloß lexemorientierte type-token-Relation hinaus. Aus syntaktischer Perspektive rücken im Umkehrschluss selten oder gar nur einmal belegte Präpositionen wie mhd. niderhalp, sider oder vermittels in den Hintergrund. Struktur und Annotation des Bochumer Mittelhochdeutschkorpus erlauben des Weiteren eine Einschätzung des Rektionsverhaltens der Präpositionen im Mhd. Eine Auswertung des Rektionsverhaltens der für das Mhd. als ‚primär‘5 zu wertenden Präpositionen (ab, after, an, ane, bi, binnen, biz, boven, durch, e, fur, gegen, hinder, in, mit ~ bit, nach ~ na, neben(t), ob, _ament, _____________ 5
Der Begriff ‚primär‘ bezieht sich nicht auf die Etymologie der Präpositionen, sondern bezeichnet die Gruppe von Präpositionen, die mhd.-synchron nicht (oder nicht mehr) herleitbar sind.
488
Sandra Waldenberger
_it, _under, uber ~ over, uf, umbe, under, unz, uz, von ~ van, vor, wider, ze, zwischen ~ tuschen) zeigt ein hohes Maß an Konstanz und weist den Dativ als prototypischerweise durch Präpositionen regierten Kasus aus:
mit Dat.rektion: 36.259 PPn (~ 78 %); 13 Präp. zeigen ausschließlich Dat.rektion mit Akk.rektion: 10.217 PPn. (~ 22 %); 5 Präp. zeigen ausschließlich Akk.rektion mit Gen.rektion: 70 PPn Sprachraum obd. Zeitraum bair. 211
/ 112 212
bair.alem.
(~ 0,2 %); keine Präp. zeigt ausschließlich Gen.rektion
alem.
uber ~ ubir uber
uber ~ vber Parz, Iw, Tris, Nib 113
213
vber ~ vb’
vber ~ vb’ ~ Mber
—
ubir ~ ub’ uber ~ ~ vbir ~ ubir [...] vb’ [...] ubir ~ ubir vbir [...] vber ~ vb’ [...] vber ~ vbir vber ~ vb’ ~ Pber [...] [...]
114
vber ~ vb’ ~ Mber
ofrk.
md. wmd. hess.-thür. mfrk. rhfrk.omd. hess. —
—
ub’ (TrPs) ~ ouer (RBib)
uber ~ ubir [...]
—
Guer ~ Nver [...]
ubir ~ Gbir [...]
—
uuer ~ Guer [...]
uber ~ ub’ Nuer ~ Pber ~ ub’ ~ Mber ~ oGer ~ ou’ [...] Mb’ ~ vber [...] ~ vb’
vber ~ ober [...]
vbir ~ ubir [...]
vbir ~ vber ~ ober [...]
ubir ~ ub’ ~ vb’ [...]
Tabelle 2: Sprach- und zeiträumliche Verteilung der Varianten der Präposition über
Wird der Lexembestand nach den Strukturmerkmalen des Korpus, insbes. Zeit und Raum, differenziert betrachtet, so ist bei einigen Präpositionen eine diachrone Entwicklung innerhalb des untersuchten Zeitraums zu beobachten und / oder es scheint ein nach Sprachräumen zu differenzierender Lexembestand auf. Insbesondere das Mittelfränkische zeigt sowohl eigene Varianten von Präpositionen (na statt nach, van statt von, over statt über) als auch – insbesondere im Bereich der seltener belegten Präpositionen – einen eigenen Bestand (z.B. boven oder binnen, das später aus dem Westmitteldeutschen ins übrige hochdeutsche Sprachgebiet übernommen wird). Als ‚Nebenprodukt‘ der Analyse des Lexembestandes kann ein
Von Lust und Frust korpusbasierter Syntaxarbeit
489
differenziertes Bild der in den Korpustexten belegten Varianz der einzelnen Präpositionen gezeichnet werden (vgl. Tabelle 2).
3. Ausnutzung der strukturellen Möglichkeiten auf Ebene der Phrase Beschreibungen der Struktur von Präpositionalphrasen sind generell mit dem Problem behaftet, dass eine eigenständige Strukturbeschreibung für diesen Phrasentyp nicht möglich ist, da eine PP aus einer Präposition als Kopf und einer weiteren Phrase (Nominalphrase, Pronominalphrase, Adverbphrase) besteht. Diesem Problem begegnen Darstellungen zur Struktur der PP häufig damit, dass neben den Grundtypen (Präp + NP, + ProP, + AdvP) das Augenmerk insbesondere auf die potentielle Komplexität (v.a. Ausbau- und Erweiterungsmöglichkeiten am linken und rechten Phrasenrand) gelegt wird.6 Die Struktur der PP als eigenständiger Gegenstand erhält in diesen Darstellungen also dadurch seine Berechtigung, dass die PP potentiell als komplexer und damit ‚interessanter‘ erscheint als auf den ersten Blick erkennbar.7 Eine Perspektivenveränderung ergibt sich dem gegenüber, wenn – wie im Rahmen der hier vorgestellten Arbeit erfolgt – eine strukturierte, begrenzte Materialmenge von PPn im Ganzen nach den in ihr zu beobachtenden strukturellen Ausprägungen untersucht wird. Statt einem Bild der strukturellen Möglichkeiten ergibt sich ein Bild der tatsächlichen Ausnutzung der Strukturmöglichkeiten. Komplexe Strukturen sowie Erweiterungen links der Präposition sind im untersuchten Material zwar durchaus zu beobachten, bilden aber angesichts ihrer sehr geringen Belegung die Peripherie der PP-Strukturmöglichkeiten. ‚Prototypische‘ PPn (nach Auskunft des untersuchten Materials) bestehen aus wenigen Elementen und weisen eine einfache Struktur auf. Die häufigsten Phrasentypen im untersuchten Material sind:
_____________ 6 7
Vgl. u.a. Fries (1988, 91ff.), Wunderlich (1984), Zifonun u.a. (1997, 2089ff.). So u.a. die Argumentation von Jackendoff (1973, 345): „prepositional phrases are by no means as trivial as generally supposed“.
490
Sandra Waldenberger
[präp [det + nom]NP]PP (3 Elemente)
33,4 %
[präp [nom]NP]PP (2 Elemente)
24,4 %
[präp [pron]ProP]PP (3 Elemente)
12,1 %
[präp [det + adj + nom]NP]PP (4 Elemente) 6,9 % [präp [adj + nom]NP]PP (3 Elemente)
5,6 %8
Durch diese vier Strukturtypen werden 82,4 % der untersuchten PPn abgedeckt. Auf eine mögliche Spezifik im Hinblick auf die Korpusstrukturmerkmale Zeit, Raum und Text‚art‘ hin untersucht, zeigt sich, dass diachron und diatopisch keine nennenswerten Unterschiede zu beobachten sind; in der Überlieferungsform ‚Vers‘ sind jedoch gegenüber Prosatexten (einschließlich Urkunden) wesentlich seltener komplexe Phrasen anzutreffen (vgl. Tabelle 3). Die Gründe hierfür sind in den Gegebenheiten der Versform zu suchen: Über das Reimwort am Versende hinaus werden selten Phrasengrenzen überschritten, so dass der Vers i.d.R. die mögliche Phrasenlänge restringiert. Umfang der Vers Phrase (1605 Belege) (Wortforabsolut % men)
Prosa (1515 Belege)
Urkunde (348 Belege)
absolut
%
absolut
%
2
669
42 %
495
33 %
116
33 %
3
668
42 %
681
45 %
118
34 %
4
202
13 %
182
12 %
53
15 %
5
36
2%
67
5%
20
6%
6
14
<1 %
21
1%
17
5%
7 – 10
11
<1 %
49
3%
20
6%
> 10
5
<0,3 %
18
1%
4
1%
Tabelle 3: Verteilung der Belegung des untersuchten PPn-Materials nach dem Merkmal, Umfang der Phrase (in Wortformen) auf die Text‚arten‘‘
Eine Fragestellung, die sich der Untersuchung der strukturellen Ausprägungen der PP unmittelbar anschließen müsste, im Rahmen der hier be_____________ 8
präp: Präposition; det: Determinativ; nom: Nomen; pron: Pronomen; adj: Adjektiv.
Von Lust und Frust korpusbasierter Syntaxarbeit
491
schriebenen Studie jedoch nicht beantwortet werden konnte, bestünde im Vergleich der PP- und NP- (bzw. ProP-)Strukturen: Zeigen sich in der Auslastung der Strukturmöglichkeiten Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen ‚einfachen‘ NPn und ProPn und solchen, die Teil einer PP sind? Wenn Unterschiede zu beobachten sind: Worin könnten diese begründet sein? Auf eine solche Anschlussuntersuchung kann an dieser Stelle nur als wünschenswerte Weiterführung verwiesen werden.
4. Präpositionalphrasen als Teil des mhd. Satzes Bei der Beschreibung der Funktion von PPn im Satz – wie oben erwähnt erfolgte die Analyse fallstudienartig für einzelne Präpositionen – ist eine ausgeprägte Heterogenität der Verwendungsweisen zu bewältigen. Die Beschreibungsform, die für die vorliegende Studie gewählt wurde, ist in der Auseinandersetzung mit der Beleglage zu den untersuchten Präpositionen einerseits und der Forschungsliteratur andererseits entstanden – mit dem Ziel, das jeweilige Verwendungsspektrum der untersuchten Präpositionen möglichst adäquat zu beschreiben. Die Analyse verknüpft eine syntaktisch-funktionale Perspektive mit einer semantischen Perspektive: Bei der Bestimmung der syntaktischen Funktion einer PPn sind gleichzeitig die Elemente im Satz ermittelt, die durch die Präposition als ‚Fügewort‘ zueinander in Relation gestellt werden; die aktuelle Semantik der Präposition besteht in der spezifischen Art der Relation, die zwischen den verbundenen Größen (hier: Ziel- und Bezugsgröße)9 zum Ausdruck gebracht wird. Die Bezugsgröße wird immer durch die eingebettete Phrase (NP oder ProP) denotiert, die Zielgröße (in den folgenden Beispielen unterstrichen) ist je nach syntaktischer Konstellation in unterschiedlichen Positionen im Satz zu suchen: •
Steht die PP in prädikativer Funktion, ist die Zielgröße der präpositionalen Relation das Subjekt des Satzes, z.B. „die viande waren hind’ ire rugge“ (PrZü 113ra, 16).
•
In attributiver Funktion ist die Zielgröße in der übergeordneten Phrase zu suchen, z.B. „Ein vuizzer prunno pi rome. _pringit vili _cone“ (Meri 2r, 20f.).
•
Ist die PP ein freies Adverbial, wird die Relation auf die im Satz beschriebene Handlung / das Geschehen angewendet, z.B. „daz ich
_____________ 9
Die Begriffe ‚Ziel‘- und ‚Bezugsgröße‘ sind an Grabowski (1998; ‚Ziel‘- und ‚Bezugsobjekt‘) angelehnt.
492
Sandra Waldenberger
mine _unden. mGze geweinen. bit inneclichen trenen.“ (ArnM 133r, 1ff.). •
In Verbindung mit einem Lokalisierungsverb (z.B. stān, sitzen, ligen) oder einem Bewegungsverb (z.B. gān, loufen, rīten) ist die Zielgröße wiederum mit dem Subjekt des Satzes benannt, z.B. „Do der kúning ge_áz ûffe _înemo _tûole.“ (Will 5v, 32f.).
•
Bei Verben, die die Verursachung einer Bewegung oder Lokalisierung bezeichnen (‚kausative‘ Lokalisierungs- oder Bewegungsverben), ist die Zielgröße der Relation durch das Akk.-Objekt des Satzes denotiert, z.B. „gulter v] lilachen. purper v] bliat. kunchliche betwat. wart vber daz bete geleit.“ (Tris 94vb, 22ff.)
Von diesen Konstellationstypen sind – in terminologischer Anlehnung an Hertel (1983) – so genannte ‚fixierte Fügungen‘ zu unterscheiden: •
Als ‚grammatisch fixierte Fügungen‘ werden Verbindungen aus Verb + Präposition wie rihten, urteilen, klagen, sprechen, wachen, sich erbarmen über jmdn. gewertet. Verb + Präposition gemeinsam benennen eine spezifische Art der Relation zwischen Ziel- und Bezugsgröße, wobei die Zielgröße durch das Subjekt (oder das Akk.Objekt) des Satzes denotiert wird, z.B. „Mber die _ele des armen MFzze _ich got erbarmen“ (Renn 74rb, 5f.).10
•
Präpositionen kommen auch als Teil von lexikalisch fixierten Fügungen vor. Hier haben sie ihre Funktion als ‚Relator‘ weitgehend eingebüßt, die fixierte Fügung als Ganzes hat eine eigene lexikalische Bedeutung angenommen; Bsp. zu under: under wegen ('unterwegs'), under handen ('in Verfügungsgewalt'), under stunden ('von Zeit zu Zeit').
Darüber hinaus sind Präpositionen in quantitativ z.T. nicht unerheblichem Maße an der Bildung von komplexen Prädikaten aus NP / PP + Verb beteiligt.11 Die komplexen Prädikate schließen dabei i.d.R. an Verwendungsweisen an, die auch mit ‚einfachem‘ Prädikat belegt sind, z.B. urteil geben über jmdn. statt urteilen über jmdn. in „die vrteil gib ich _prach got vber alle die rihtær di niht rihtent.“ (BKön 5rb, 28). Nach der Analyse des gesamten Belegmaterials zur Präposition über verteilen sich die 701 analysierbaren Belege wie folgt auf die genannten Typen: _____________ 10 11
Der Begriff ‚Präpositionalobjekt‘ soll hier für die historische Sprachstufe vermieden werden; zur genaueren Begründung vgl. Waldenberger (2009). Zur Frage, ob es sich bei diesen komplexen Prädikaten immer um Funktionsverbgefüge handelt, vgl. Waldenberger (2009).
493
Von Lust und Frust korpusbasierter Syntaxarbeit
Verwendung
Belege
prädikative Verwendung
89
attributive Verwendung
13
Verwendung als freies Adverbial
87
in Verbindung mit Lokalisierungs- und Bewegungsverben (55 / 123)
178
in Verbindung mit kausativen Lokalisierungs- und Bewegungsverben (13 / 22)
35
fixierte Fügungen Präp. + Verb
158
lexikalisch fixierte Fügungen
29
in Verbindung mit komplexen Prädikaten
100
Sonderfälle (u.a.): statt Akk.-Objekt
12
Tabelle 4: Verteilung der Belege zu über auf Funktionstypen
5. Schlussbemerkung Es wird – ohne dass an dieser Stelle noch beispielhaft die semantische Ausdifferenzierung einer Präposition dargestellt worden wäre – deutlich, dass die Analyse des gesamten Verwendungsspektrums einer Präposition in einem (historischen) Korpus ein sehr heterogenes Bild ergibt. Ein Schwerpunkt der Verwendung liegt dabei im Ausdruck komplexer Relationen – in Verbindung mit Lokalisierungs- oder Bewegungsverben, in grammatisch fixierten Fügungen oder im Zusammenhang komplexer Prädikate aus NP / PP und Verb. Mit der hier in groben Zügen dargestellten Deskription eines ‚realen‘ Korpusbefundes sollte eine Beitrag zu der Diskussion geleistet werden, wie korpusbasierte (historische) Syntax(be)schreibung – hier von Präpositionen und Präpositionalphrasen – aussehen kann, welche Vorteile sich durch einen Perspektivwechsel hin zur Korpusbasiertheit ergeben, aber auch welcher Grad an Heterogenität in einem Korpusbefund bewältigt werden muss.
494
Sandra Waldenberger
Quellen ArnM = Arnsteiner Mariengebet. Wiesbaden, HStA, Hs. Abt. 3004, C 8, fol. 129v-135v. BKön = Buch der Könige. Karlsruhe, Landesbibl., Cod. Donaueschingen 739. Meri = Merigarto. Karlsruhe, Landesbibl., Cod. Donaueschingen A III 57. PrZü = Züricher Predigten. Zürich, Zentralbibl., Cod. C 58 (olim Nr. 275), fol. 105va, 3-114va, 23; 182rb, 34-183va, 14. Renn = Hugo von Trimberg, Der Renner. Erlangen, Universitätsbibl., Ms B 4 (olim Cod. Erl. 1460) Tris = Gottfried von Straßburg, Tristan und Isolde (M). München, Bayr. Staatsbibl., Cgm 51. Will = Williram von Ebersberg, Hohelied. Breslau, Universitätsbibl., cod. R 347.
Literatur Fries, Norbert (1988), Präpositionen und Präpositionalphrasen im Deutschen und Neugriechischen. Aspekte einer kontrastiven Analyse Deutsch – Neugriechisch, Tübingen. Grabowski, Joachim (1998), „Ein psychologisch-anthropomorphologisches Modell der einheitlichen semantischen Beschreibung dimensionaler Präpositionen“, in: Petra Ludewig / Bart Geurts (Hrsg.), Lexikalische Semantik aus kognitiver Sicht. Perspektiven im Spannungsfeld linguistischer und psychologischer Modellierung, Tübingen, 11-40. Helbig, Gerhard / Buscha, Joachim (2001), Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht, Berlin u.a. Hertel, Volker (1983), Präpositionen in fixierten Fügungen, in: Beiträge zur Erforschung der deutschen Sprache 3 / 1983, 58-76. Jackendoff, Ray S. (2007), „The base rules for prepositional phrases“, in: Stephen R. Anderson / Paul Kiparsky (Hrsg.), A Festschrift for Morris Halle, New York u.a. 1973, 345-356. Klein, Thomas (2007), „Zur Dimensionierung historischer Textkorpora“, in: Sprache und Datenverarbeitung, 31 / 2007, 1-2, 15-22. Klein, Thomas / Solms, Hans-Joachim / Wegera, Klaus-Peter (2009), Mittelhochdeutsche Grammatik. Teil III: Wortbildung, bearb. v. Birgit Herbers / Thomas Klein / Aletta Leipold / Eckhard Meineke / Simone Schultz-Balluff / Heinz Sieburg / HansJoachim Solms / Sandra Waldenberger / Klaus-Peter Wegera, Tübingen. Waldenberger, Sandra (2009), Präpositionen und Präpositionalphrasen im Mittelhochdeutschen, Tübingen.
Von Lust und Frust korpusbasierter Syntaxarbeit
495
Wegera, Klaus-Peter (2000), „Grundlagenprobleme einer neuen mittelhochdeutschen Grammatik“, in: Besch, Werner u.a. (Hrsg.), Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, 2. vollst. neu bearb. u. erw. Aufl., 2. Teilbd., Berlin, New York, 1304-1320. Wegera, Klaus-Peter (2003), „Grammatiken zu Sprachabschnitten. Zu ihren Grundlagen und Prinzipien zwischen Konstruktion und Wirklichkeit“, in: Anja Lobenstein-Reichmann / Oskar Reichmann (Hrsg.), Neue historische Grammatiken. Zum Stand der Grammatikschreibung historischer Sprachstufen des Deutschen und anderer Sprachen, Berlin, New York, 231-240. Wich-Reif, Claudia (2008), Präpositionen und ihre Geschichte. Untersuchung deutschsprachiger „Benediktinerregel“-Traditionen vom Anfang des 9. Jahrhunderts bis zum 21. Jahrhundert, Berlin. Wunderlich, Dieter (1984), „Zur Syntax der Präpositionalphrase im Deutschen“, in: Zeitschrift für Sprachwissenschaft, 3 / 1984, 65-99. Zifonun, Gisela u.a. (1997), Grammatik der deutschen Sprache, 3 Bde., Berlin, New York.
Nebensatztypen in der Urkundensprache des 13. Jahrhunderts Zur syntaktischen und semantischen Wertigkeit mittelhochdeutscher Subjunktionen
Ursula Schulze (Berlin)
1. Einleitung Das Mittelhochdeutsche gilt in verschiedener Hinsicht „als eine Epoche des Suchens und Versuchens“. 1 Die Betonung dieses Übergangscharakters ist keine Banalität, die sich lediglich auf die mittlere Position im sprachgeschichtlichen Ablauf allgemein bezieht, sondern das Urteil gründet sich auf bestimmte Befunde. Es gibt z.B. einen Variantenreichtum in verschiedenen Bereichen der Sprache und daneben Tendenzen zum Abbau der Varianten, zur Ausbildung bestimmter Strukturmuster und zu semantischer Differenzierung. Im Folgenden möchte ich das an einem Teilbereich der mittelhochdeutschen Syntax, speziell an der Hypotaxe, genauer ausführen. Typologisierungen von Nebensätzen (bzw. Elementarsätzen) können aufgrund der Satzstruktur (speziell der Verbstellung) erfolgen, aufgrund der Position im Gefügekomplex und aufgrund der Subjunktionen mit ihren formalen und inhaltlichen (syntaktischen und semantischen) Funktionen, sodass Strukturtypen, Stellungstypen und Bedeutungstypen zu betrachten sind. Von diesen Möglichkeiten wende ich mich der letzten Gruppe zu und stütze meine Beobachtungen auf Urkundentexte des 13. Jahrhunderts. 2
_____________ 1 2
Wolf (2000, 1351ff., spez. 1354). Meine Quellengrundlage ist Wilhelm / Newald / de Boor / Haacke / Kirschstein (Hrsg.) (1986 / 2004). Zitiert als Corp. mit Angabe der Nr. der Urkunde.
498
Ursula Schulze
2. Die Problematik einer semantischen Differenzierung In der Syntax-Darstellung der von Hermann Paul begründeten Mittelhochdeutschen Grammatik haben die verschiedenen Bearbeiter (Ingeborg Schröbler, Siegfried Grosse und Heinz-Peter Prell)3 darauf aufmerksam gemacht, dass das Sinnverhältnis miteinander verbundener Sätze durch einen sprachlichen Ausdruck kaum eindeutig indiziert wird, da die Subjunktionen mehrdeutig sind.4 Für die Schwierigkeit, auf die hingewiesen wird, ist es symptomatisch, dass Prell als eindeutige Subjunktion neuhochdeutsch weil und obgleich, aber keine semantisch genau fixierten mittelhochdeutschen Subjunktionen nennt.5 Obwohl die Problematik als solche angesprochen wird, haben die Bearbeiter die Darstellung der Konjunktionalsätze6 oder Subjunktionalsätze7 „nach dem Inhalt“, nicht „nach der Form“ dieser Sätze vorgenommen.8 Es werden sieben Inhaltstypen von „Adverbialsätzen“ unterschieden: temporale (§ 173), konditionale (§ 174), konzessive (§ 175), kausale (§ 176), finale (§ 177), modal-konsekutive (§ 178) und modale (§ 179) Sätze, unter denen verschiedene mögliche Einleitungselemente (Subjunktionen, Adverbien, adverbiale Ausdrücke) aufgelistet sind. Ich habe die klassifizierten Satztypen und die möglichen Einleitungen in einer Tabelle zusammengestellt (vgl. Tabelle 1). Auffällig ist – abgesehen von der unterschiedlichen Konstitution der Satzeinleitungen –, dass einige von ihnen in mehreren Bedeutungsrubriken auftauchen, d.h. sie werden für verschiedene Inhaltsrelationen in Anspruch genommen. Zur Verdeutlichung habe ich diese Subjunktionselemente in einer weiteren Tabelle parallelisiert (vgl. Tabelle 2). Es handelt sich um und, daz, sô, alsô / alse / als, ob, swie, sît daz, die wîle (daz), nû (daz).
_____________ 3 4
5 6 7 8
Vgl. Paul (2007). Vgl. Schröbler (1969, 420f., § 350); Grosse (1989, 421f., § 458); Prell (2007, 398f., § S 155). Zu dem Problem der polysemen mittelhochdeutschen Subjunktionen s.a. Prell (2001, 43) u.ö. Admoni (1990, 123) konstatiert für das Mittelhochdeutsche: „Es fehlt ein semantisch streng differenziertes System von unterordnenden Konjunktionen. Dies führt zu einer Ungenauigkeit des unmittelbaren sprachlichen Ausdrucks.“ Trotz dieser Feststellungen postuliert er ein differenziertes Verständnis der syntaktischen Relationen. Vgl. Prell (2007, 398, § S 155). Vgl. Grosse (1989, 407, § 444). Vgl. Prell (2007, 399, § S 156). Vgl. ebd., 414-428, § S 173-179.
Tabelle 1: Einleitung von Adverbialsätzen
ob et, ot als, also swenne sô
dô swanne, swenne sô also, alse, als unz (daz) biz (daz) bidaz, bedaz innen des, under des ê (daz) sît (daz) nu(n) daz, nun die wîle (und/daz) swie und da mite und
doch swie aleine ob noch denne daz also, als ane
Konditionale Konzessive Sätze Sätze
Temporale Sätze
Einleitung von Adverbialsätzen Finale Sätze
so als(o), als und sam, alsam swie daz danne (daz)
ModalModale Sätze konsekutive Sätze
sît (daz) durch daz, ûf daz daz nû daz wand(e), want(e), wan(e) durch daz fur daz umbe daz (al) die wîle (daz)
Kausale Sätze
Nebensatztypen in der Urkundensprache des 13. Jahrhunderts
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ob
ob
nû
nû (daz)
Tabelle 2: Gleiche Einleitungen verschiedenartiger Adverbialsätze
die wîle (daz)
die wîle (daz)
Kausale Sätze
sît (daz)
swie
alsô, als
Konzessive Sätze
sô alsô, als
Konditionale Sätze
sît (daz)
swie
sô alsô
und
Temporale Sätze
Gleiche Einleitungen verschiedenartiger Adverbialsätze
daz
Finale Sätze
daz
Modalkonsekutive Sätze
swie
sô alsô, als
daz
und
Modale Sätze
500 Ursula Schulze
Nebensatztypen in der Urkundensprache des 13. Jahrhunderts
501
Eine andere Möglichkeit, die subjunktionalen Nebensätze darzustellen, wäre gemäß dem sonst bevorzugten formalen Prinzip eine Auflistung der verschiedenen Subjunktionen gewesen, jeweils mit Erläuterungen und Beispielsätzen. Bei dieser Alternative würde m.E. deutlicher, dass sich mögliche Inhaltstypen der adverbialen Sätze nicht aus der subjunktionalen Einleitung ergeben, sondern dass die Differenzierung gleichsam ex post nach heutigem Verständnis vorgenommen wird und dass vermeintliche Bedeutungsäquivalente aus einem Übersetzungsbedürfnis resultieren. Dass gleiche Subjunktionen in verschiedenen Inhaltsrelationen auftauchen, führt zu der Überlegung, ob die uns geläufige semantische Differenzierung der Subjunktionen und Adverbialsätze für das Mittelhochdeutsche überhaupt angemessen ist. Norbert Richard Wolf hat das Problem, auf das es mir ankommt, angesprochen. Er schreibt, man müsse fragen, „ob solche Einleitewörter wie sît oder swie [in der von mir angefertigten Tabelle tauchen sie in der temporalen und kausalen bzw. in der konzessiven und modalen Rubrik auf] tatsächlich mehrdeutig und dann in ihren jeweiligen Kontexten zu disambiguieren sind oder ob wir nicht moderne Differenzierungen an das Mhd. herantragen“;9 und noch weiter zugespitzt gibt Wolf zu bedenken, „daß wir heute einen eindeutigen ‚Bedeutungswert‘ formulieren müssen, wo im Mhd. noch keiner vorhanden war“.10 Im Bereich der Literaturwissenschaft wird eine analoge Problematik diskutiert: Verschiedene literarische Diskurse sind im volkssprachigen Bereich des 13. Jahrhunderts noch nicht ausdifferenziert und voneinander abgrenzbar. Es gibt keine genaue Unterscheidung zwischen fiktionaler und nichtfiktionaler Literatur: Das Nibelungenlied wie auch die Artusromane wurden dementsprechend als Werke verstanden, die von Geschichte (Historie) berichten. Zugleich aber ist einerseits durchaus Kritik an bestimmten erzählten Zusammenhängen zu finden und andererseits wird Überliefertes frei umgestaltet.11 Die mangelnde Ausdifferenzierung der logisch-semantischen Relationen von Satzgefügen im Mittelhochdeutschen ist ein vergleichbares Phänomen.
_____________ 9 10 11
Wolf (2000, 1354f.). Ebd., 1355. Vgl. Schulze (1991, 140ff., bes. 169). Vgl. Heinzle (2005, 43).
502
Ursula Schulze
2.1. Angliederung durch daz Als Beleg für die Existenz bedeutungsneutraler Angliederung verweist Wolf auf daz,12 die Subjunktion mit rein syntaktischer Funktion par excellence. Bei Objekt- und Subjektsätzen wird ein Bedeutungswert von daz nirgends in Erwägung gezogen, ebenso nicht, wo daz ein einzelnes Satzglied oder einen Satz erläutert.13 Doch in anderen Fällen werden Übersetzungen wie 'damit' (final § 177), 'in der Weise dass', 'so dass' (konsekutiv § 178) und 'derart dass' (modal § 179) angegeben, um die Relation von Sachverhalten zu bestimmen, auch wenn im übergeordneten Satz keine finalen, konsekutiven und modalen Korrelate enthalten sind. Dabei handelt es sich um analoge Deutungen zu Versionen, in denen der daz-Satz adverbiale Ausdrücke des übergeordneten Satzes genauer ausführt – ein Verfahren, das schon im Althochdeutschen vorkommt und in den mittelhochdeutschen Urkunden reichlich belegt ist. (1)
dvr daz, daz dP ſelbe gift ſtete bPlibe, ſo geben wir diſen Brief… (Corp. 1407,34f.).
(2)
vmbe dc, dc diſ allez ſtÖte blibe v] vnverwert, ſo lege ich min inſigel an diſen brief… (Corp. 1036,30f.).
(3)
vnd dar vmbe, daz ſi vns gedienen mvͤgen deſte baz, haben wir in die genad getan… (Corp. 3097,1f.).
Die adverbialen Bestimmungen (durch daz; darumbe daz) weisen auf einen Zweck oder Grund hin, den der daz-Satz expliziert. Sie zeigen zugleich, dass derartige Zusätze notwendig sind, um finale oder kausale Bestimmungen zu erreichen. Wo solche Zusätze nicht vorhanden sind, kann man dem reinen daz nicht unbedingt eine entsprechende Bedeutung unterstellen, da explizite Signale fehlen. (4)
Vnd daz dev getate ſtete belibe, iſt der brief uerinſigelt mit der vorgenanten herren der Shenken inſigel… (Corp. 1408,11f.).
(5)
ob vnſ vil leicht dehain gewizzenev vnt redleichev not anch=m, daz wier vnſer erbe nicht ver ſporen mochten von rechter not dvrft…, so ſulle wier allez ander vnſer erbe des erſten verchaufen… (Corp. 3412,38ff.).
(6)
Minem dochterlin…ſchaff ich …dreizech phvnt, daz man ez da mit ze manne gebe… (Corp. 923,45ff.).
_____________ 12 13
Vgl. Wolf (2000, 1355). Vgl. Prell (2007, 429, § S 180,2).
Nebensatztypen in der Urkundensprache des 13. Jahrhunderts
503
Dass allerdings die Tendenz vorhanden ist, mit daz subjunktionierte Sätze semantisch zu spezifizieren, zeigen die Kombinationen von daz mit einer Präposition: unz daz, biz daz; sît daz, durch daz, für daz, umbe daz; ûf daz usw., die temporale, kausale und finale Adverbialsätze formieren. Zu diesen zweigliedrigen Subjunktionen kommen außerdem Syntagmen von Adverbien und adverbialen Ausdrücken mit daz: also daz, also lange (biz) daz, darumbe daz, die wîle daz usw. Gerade diese Syntagmen weisen m.E. darauf hin, dass man daz allein keinen eigenen semantischen Wert zusprechen sollte. Zur genaueren Bestimmung werden sprachliche Mittel benutzt. Ähnliche Beobachtungen ergeben sich bei und und sô. 2.2. Angliederung durch unde Abgesehen von der Hauptsatzkoordination kommt die Angliederungsleistung von unde auch bei Sätzen zur Geltung, deren Nebensatzstatus durch End- bzw. Spätstellung des finiten Verbs gekennzeichnet ist. (7)
der ſol dem andern beholfen ſin mit aller der maht, vnd er geleiſten mach… (Corp. 1274B,46ff.).
Die meisten Belege betreffen die Explikation eines Gliedes des übergeordneten Satzes. In diesen Fällen wird gewöhnlich ein bedeutungsneutrales Relativpronomen als Übersetzungswort verwendet. Wenn unde außerdem – wie die Tabelle zeigt – als Einleitung von Temporal- und Modalsätzen aufgeführt wird, mit den Bedeutungsangaben temporal 'als' und modal 'wie', so ergibt sich die entsprechende Interpretation lediglich aus dem weiteren Kontext. (8)
Daz der (sc. der Meineidige) ewechliche di ſtat ſal rumen, vnde ez von alter her iſt kvmmen alſo… (Corp. 903,40f.).
Übrigens ist bei unde die gleiche Tendenz zur semantischen Präzisierung zu beobachten wie bei daz, indem die subjunktionale Funktion genutzt und mit einem adverbialen Ausdruck zu einer bedeutungshaltigen Wortgruppensubjunktion verbunden wird: (alle) die wîle und; alsô lange und; darnâch und. 2.3. Angliederung durch sô In die Reihe der Nebensatz-Einleitungen ohne ausgeprägte Semantik gehört auch sô. Die modale Interpretation eines mit sô angefügten Nebensat-
504
Ursula Schulze
zes ist durch die Bedeutung des Adverbs im Sinne von 'so', 'derart' bewirkt. (9)
die haint eſ gelobt mit ir trãwen, ſi ze antwrten ze Coſtenze ze rehter giſelſchefte, ſwenne ſi ermant werdent…, ie ze den ziln, ſo da vorgeſchriben iſt… (Corp. 531,37ff.).
(10) So ſGln ſi auch iren chinden einen Schulmaiſter ſchaffen…, ſo ſi in aller beſten immer vinden… (Corp. 2345,18ff.). Im übergeordneten Satz des zweiten Belegs hat sô koordinierende Funktion, im anschließenden Nebensatz gliedert es eine Explikation an, wie in den folgenden Beispielen, wo es einem bedeutungsneutralen Relativpronomen entspricht: (11) Wir… henken Pnſer Jngeſigel an diſen brief zeim vrkPnde v] zeiner ſterkervnge alleſ deſ, ſo hie vor geſchriben iſt. (Corp. 634,3ff.). (12) Allen dÖn, so diſen Brîef an sÖhent oder h=rent lÖſen, kúnde ich… (Corp. 2659,29). Eine temporale oder konditionale Deutung von mit sô eingeleiteten Nebensätzen ergibt sich, wenn keine weiteren Bestimmungen vorhanden sind, nur aufgrund des weiteren Kontexts: (13) daz ir kint diſ gidinge ſt#te halden, ſo ſi zi iren tagen chomen… (Corp. 673,16). (14) Man ſol ?ch wizzen, daz dîv Jarzît iſt an dem tage, ſo dennoh dri wochen ſint an den h#ligē abent… (Corp. 656,27f.). 2.4. Angliederung durch dô und dâ Ein ähnlicher Befund wie bei sô liegt auch bei dô und dâ vor, wenn sie Adverbialsätze einleiten. Aus heutiger Sicht kann man sie temporal und lokal verstehen und mit Übersetzungen wie 'als', 'nachdem' und 'wo' wiedergeben. (15) Diz geſchach… ze mittun abrellen Jn dem Jare, do von vnſerſ herren gebùrte zewelf hundert Jare v] triv v] ahtzich Jare warent. (Corp. 584,21f.). (16) Diſer Práf iſt gegeben, da uon Chriſtes gewFrt ſint geweſen Tauſent Jar… (Corp. 2598,16f.).
Nebensatztypen in der Urkundensprache des 13. Jahrhunderts
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(17) Diz biſchach ze Maîenowe, da ze gegen waren diz erb(rin livt… (Corp. 1601,5f.). (18) daz… die nehſten, die da bi geſezzen ſin, do der bruch geſhehen iſt, den lantfriden beſchirmen… (Corp. 879W,29ff.). Die Bedeutung ergibt sich auch hier aufgrund des Bezugswortes (Jn dem Jare; ze Maîenowe) oder aufgrund der übergeordneten Aussage (die da bi geſezzen ſin). Übrigens kommen in der Mittelhochdeutschen Grammatik Lokalsätze nicht als eigene Adverbialsatzgruppe vor, sondern sie sind den Relativsätzen zugeordnet,14 weil da als relatives Adverb betrachtet wird.
3. Zur Anwendbarkeit einer logisch-semantisch ausdifferenzierten Klassifikation auf die mittelhochdeutschen Subjunktionen Bei der Frage, ob man für das mittelhochdeutsche Verständnis nicht von einer bedeutungsdifferenzierenden Beschreibung der Subjunktionen absehen sollte, lenkt Norbert Richard Wolf den Blick exemplarisch auf sît und swie.15 In der Mittelhochdeutschen Grammatik erscheint sît innerhalb der temporalen Rubrik mit den Übersetzungen 'seitdem', 'nachdem'16 und kausal als 'da' und 'weil'.17 Die Abgrenzungsschwierigkeiten werden hier besonders hervorgehoben. Es geht meist um die Benennung einer zeitlichen und sachlichen Voraussetzung, z.B. (19) Man ſol der Judinne von kirchain wider gen, ſwas ir genomen iſt, ſit ſiv Burgerin ze Ezzelinπ wart… (Corp. 1728,15f.). Wenn die Voraussetzung allgemeineren Charakter hat, ist man eher geneigt, sie kausal aufzufassen. Dafür gibt es in den Urkunden zahlreiche Belege: (20) Sit ellP dinch zerganchklich ſint vnd deſ menſchen gehugede langer ſteti nvt enhat, So iſt gewonlich vnde recht, daz man mit ſhrift beſtete ſwaſ man endelicher dinge in diſen tagen zeſhaffen hat. (Corp. 506,40ff.). (21) daz wir di levt…des ſelben dienſtes vnd der ſtiwer lavtterlich begeben haben, ſeit ez ze reht niht ſin ſol alſo… (Corp. 1553,13ff.). _____________ 14 15 16 17
Vgl. Prell (2007, 405, § S 162). Vgl. Wolf (2000, 1354f.). Vgl. Prell (2007, 416, § S 173,10). Vgl. ebd., 421, § S 176,1.
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Zu überlegen ist, da sît auch in Verbindung mit daz gebraucht wird, ob nicht die temporale Semantik des Adverbs und der Präposition sît das Verständnis der einfachen Subjunktion steuert. Auch die neuhochdeutsche temporale Festlegung von seit würde dadurch erklärt. Die neuhochdeutsche Entsprechung für swie 'wie auch (immer)' hat ebenfalls eine klare Semantisierung erfahren, die sich als konzessiv durch den Zusatz von einfachem modalen 'wie' abhebt. Die Zusammenhänge, in denen das mittelhochdeutsche swie angliedernde Funktion besitzt, sind demgegenüber offener (temporal / konditional, konzessiv und modal) interpretierbar. (22) v¤ Swie ſîe ſprechent vffe den eît, dîe ſNne ſi gebrochen, So ſvlnt die burgen drumbe leiſten… (Corp. 225,1f.). (23) Stirbit der vier v] zweinzigon deheine, oder ſwie er abe kumit, ſo ſun die andîrn …einin andirne wellin an des ſtat… (Corp. 248B,10ff.). (24) vnd ſwie doch ich ez an meiner chinde vnd erben hant wol mohte getNn, doch dvrch pezzere ſtætichhait vnd gewarhait habent meine toehter… geben ellev dev reht… (Corp. 3401,42ff.). Berührung von temporaler und kausaler Relation zeigt sich auch bei mit die wîle daz / so / und o.ä. eingeleiteten Nebensätzen.18 Wegen der neuhochdeutschen Bedeutung von 'weil' ist das von besonderem Interesse. Es handelt sich um die Verbindung eines adverbialen oder präpositionalen Ausdrucks, der temporale Bedeutung besitzt, mit einer Subjunktion. Nicht immer ist klar zu entscheiden, wo die Zäsur liegt, d.h. ob sît der wîle und, alle wîle die u.ä. als Wortgruppenkonjunktionen aufzufassen sind. Nebensatzeinleitungen ohne weiteren subjunktionalen Zusatz, die wîle und alle die wîle, sind in den Urkunden reichlich belegt, und zwar überwiegend in temporaler Relation vom Typ die wîle er lebet. Selten kommen kausal deutbare Fälle vor. (25) daz der abbt vnd dev Samnvng ze fvrſtncelle vnſer da bei gedenchen ſchullen, alle di weil ſi den nvtz in nement … (Corp. 2303,23f.). Einmal begegnet die Reduktionsform wîl allein als Subjunktion, und zwar im kausalen Sinne wie neuhochdeutsch 'weil': (26) vnd ig Eber, graue von wirtenberg, han min Jngeſigel her ane gehenket, wil ez mit minem willen beſchehen iſt. (Corp. 729,31f.). _____________ 18
Eine sprachgeschichtliche Untersuchung der kausalen Konjunktionen liegt vor von Eroms (1980, 73ff.).
Nebensatztypen in der Urkundensprache des 13. Jahrhunderts
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Betrachtet man die mittelhochdeutschen variierenden Zusammensetzungen mit wîle einerseits und die Verwendung des im Neuhochdeutschen fortexistierenden 'weil' andererseits, so sind hier formal die Entwicklung von einer Wortgruppe zu einer Einwortsubjunktion und die semantische Vereindeutigung evident.19 Als wichtige kausale Satzeinleitung gilt wande, wanne, wan u.ä. in parataktischer und hypotaktischer Funktion. Ihr wird eine eindeutige Semantik zugeschrieben, und sie taucht nur in der kausalen Rubrik der Grammatik auf.20 Aber wenn man die vorkommenden Laut- und Formvarianten und ihre Verwendung ins Auge fasst, dann begegnet wan, wanne, wenne auch in konditional und temporal zu deutenden Relationen, z.T. mit den gleichen Korrelaten im Hauptsatz wie in den kausalen Fällen.21 Z.B. kausal zu verstehen ist: (27) v] wan das ſelbe hus verbrunnen was, do verbuten wir daran drú v] zwanzig pfunt pfenninge… (Corp. 2769,28f.). (28) wan wir vnſer gr=zzes jnſigel bá vnſ niht haben, ſo hab wir vnſer chlaynez inſigel an diſen brief geleit… (Corp. 1603B,20ff.). Eine konditionale / temporale Relation liegt aus heutiger Sicht vor bei: (29) daz vnſer bruder Rudolf die ſelbe ſtat, wanne er zu ſinen dagen kumet, vf gebe, alſe wir han gedan. (Corp. N193,31f.). Auch eine konzessive Deutung ist möglich: (30) daſ wernher Romer … fúnf iucherte akers…V] ein hofſtat halbe…vor vnſ mit willen v] mit handen Adelheide, ſinre wirtin, Mechthild’, Heilwige v] Gerdrud’, ſinre t=chtren, durch ein gewarſami, wand’ er ez wol ane ſi m=chte han getan, Verk?fte rechte v] redeliche… (Corp. 2313,8ff.). Die homophonen Erscheinungsformen der Subjunktion signalisieren keine Bedeutungsunterschiede. Obwohl Lexer die verschiedenen Varianten jeweils notiert, setzt er zwei Lemmata mit je eigener Semantik an: wan exzipierend ('nur', 'sondern' u.ä.) und wande ('denn', 'weil').22 Die temporale Bedeutung wird bei diesen Stichwörtern nicht erwähnt. Sie ist swanne, swenne vorbehalten. Und auch in der Paul’schen Grammatik erscheinen in der temporalen Rubrik nur swanne, swenne, dort allerdings mit zwei Belegen _____________ 19 20 21 22
Vgl. ebd. Vgl. Prell (2007, 422, § S 176,3). Vgl. Wolf (1981, Bd. 1, 210f.). Vgl. Lexer (1979, Bd. 3, Sp. 667f. und Sp. 669).
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ohne s-: wenn aus den Liedern Oswalds von Wolkenstein.23 Gerade bei den wande-, wanne-, wan-Varianten wird noch einmal deutlich, dass ausdrucksseitig von den Subjunktionen keine genaue Bedeutungsdifferenzierung markiert wird.
4. Zusammenfassung Ich breche die Betrachtung der Adverbialsatzeinleitungen hier ab und fasse die Beobachtungen zusammen: Das sprachliche Material der Urkunden bestätigt die bekannte Einsicht, dass die meisten Subjunktionen primär eine syntaktische Funktion haben, während für den Bedeutungswert bzw. die logische Relation zum übergeordneten Satz der Kontext die bestimmende Rolle spielt. Darüber hinaus ist festzustellen, und zwar nicht nur für die Urkunden: Bei den eingliedrigen Subjunktionen enthalten nur diejenigen ein semantisches Signal, die Präpositionen oder Adverbien wie âne, biz, unze; aleine, sam, ê entsprechen und bei denen wahrscheinlich ein zunächst syntaktisch stützendes daz, sô oder und entfallen ist. Die generelle Abbildung der Adverbialsatzeinleitungen erfolgt in den Grammatiken vor dem Hintergrund eines ausdifferenzierten Koordinatensystems logischsemantischer Klassifizierungen, die die Relation von Angaben oder Angabesätzen bestimmen.24 Dieses Koordinatensystem kann für das Mittelhochdeutsche nicht in gleicher Weise vorausgesetzt werden. Allerdings zeichnet sich eine Tendenz ab, Bedeutungsrelationen der Adverbialsätze, die an verschiedenen Stellen im Satzgefüge positioniert sein können, genauer zu markieren. Unterschiedliche Einleitungstypen stehen nebeneinander. Der Befund erscheint als offenes System, in dem die semantische Wertigkeit der nebensatzeinleitenden Elemente tendenziell präzisiert wird.
Literatur Admoni, Wladimir (1990), Historische Syntax des Deutschen, Tübingen. Eisenberg, Peter (2006), Grundriss der deutschen Grammatik, 2. Aufl., Stuttgart, Weimar.
_____________ 23 24
Vgl. Prell (2007, 414f., § S 173,2). Vgl. Helbig / Buscha (2005), die die Subjunktionen des heutigen Deutsch in zwei verschiedenen Kapiteln behandeln, einmal mit Erläuterungen zu den einzelnen Wörtern und ihrem Gebrauch ( 401-415), dann unter den semantischen Klassen der Adverbialsätze ( 599-622). Eisenberg (2006, Bd. 2: Der Satz, 322) hält es bei der Behandlung der Bedeutung von Konjunktionen aus systematischen Gründen für problematisch, die bezeichneten semantischen Beziehungen zur Grundlage der Beschreibungen zu machen.
Nebensatztypen in der Urkundensprache des 13. Jahrhunderts
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Eroms, Hans-Werner (1980), „Funktionskonstanz und Systemstabilisierung bei den begründenden Konjunktionen im Deutschen“, in: Sprachwissenschaft, 5 / 1980, 73115. Grosse, Siegfried (1989), „Syntax“, in: Hermann Paul, Mittelhochdeutsche Grammatik, 23. Aufl. Tübingen, 283-473. Heinzle, Joachim (2005), Die Nibelungen. Lied und Sage, Darmstadt. Helbig, Gerhard / Buscha, Joachim (2005), Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht, 5. Aufl., Berlin, München u.a. Lexer, Matthias (1979), Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, 3 Bde., Leipzig 1878, Neudruck Stuttgart. Online im Internet: http://gaer27.uni-trier.de/MWV-online/WBInfos.html (Stand: 28.01.2009). Paul, Hermann (2007), Mittelhochdeutsche Grammatik, 20. Aufl. v. Hugo Moser / Ingeborg Schröbler, Tübingen 1969. – 23. / 24. Aufl. neu bearb. v. Peter Wiehl / Siegfried Grosse, Tübingen 1989 u. 1998. – 25. Aufl. neu bearb. v. Thomas Klein / Hans-Joachim Solms / Klaus-Peter Wegera, mit einer Syntax v. Ingeborg Schröbler, neu bearb. u. erweitert v. Heinz-Peter Prell, Tübingen. Prell, Heinz-Peter (2001), Der mittelhochdeutsche Elementarsatz. Eine syntaktische Untersuchung an Prosatexten des 11. bis 14. Jh.s, (Acta Humaniora 112), Oslo. Prell, Heinz-Peter (2007), „Syntax“, in: Hermann Paul, Mittelhochdeutsche Grammatik, 25. Aufl., Tübingen, 285-471. Schröbler, Ingeborg (1969), „Syntax“, in: Hermann Paul, Mittelhochdeutsche Grammatik, 20. Aufl., Tübingen, 281-502. Schulze, Ursula (1991), „Komplexe Sätze und Gliedsatztypen in der Urkundensprache des 13. Jahrhunderts“, in: ZfdPh, 110 / 1991, Sonderheft, 140-170. Wilhelm, Friedrich / Newald, Richard / de Boor, Helmut / Haacke, Diether / Kirschstein, Bettina (Hrsg.) (1986 / 2004), Corpus der altdeutschen Originalurkunden bis zum Jahr 1300, bis 54. Lfg., Lahr, 55. Lfg., Berlin. Online im Internet: http://urts52.uni-trier.de/cgi-bin/iCorpus/CorpusIndex.tcl (Stand 28.01.2009). Wolf, Norbert Richard (1981), Geschichte der deutschen Sprache, Bd. 1: AlthochdeutschMittelhochdeutsch, Heidelberg. Wolf, Norbert Richard (2000), „Syntax des Mittelhochdeutschen“, in: Werner Besch / Anne Betten / Oskar Reichmann / Stefan Sonderegger (Hrsg.), Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, 2. Aufl., 2. Teilbd., Berlin, New York, 1351-1358.
Zur Abfolge akkusativischer und dativischer Personalpronomen im Prosalancelot (Lancelot I) Jürg Fleischer (Marburg)
1. Einleitung Für die neuhochdeutsche Standardsprache ist wiederholt festgestellt worden, dass die Abfolge akkusativischer und dativischer Personalpronomen relativ fest ist: Während bei vollen Nominalphrasen (zumindest bei gewissen Verbtypen) die dativische Nominalphrase der akkusativischen meist vorangeht, aber auch die umgekehrte Stellung auftreten kann, steht bei zwei Personalpronomen in der Regel der Akkusativ vor dem Dativ (vgl. z.B. Lenerz 1977, 68; Grundzüge 1981, 734; IDS-Grammatik 1997, 1519f.; Duden-Grammatik 2005, 885): (1)
*Anna will ihr ihn morgen übergeben (nach Duden-Grammatik 2005, 885)
Dagegen ist die Abfolge Dativ vor Akkusativ bei Personalpronomen in älteren Sprachstufen durchaus belegt, wie etwa das folgende Beispiel zeigt: (2)
ob mir yn gott nit gesant enhet (Prosalancelot I; ed. Kluge 1948, 494) wenn mir ihn Gott nicht gesandt hätte (vgl. Steinhoff 1995b, 41)
Allerdings scheinen auch für die moderne Standardsprache Ausnahmen von der Regel „Akkusativ vor Dativ“ zu bestehen. So wird häufig darauf hingewiesen, dass etwa bei Klitisierung die Abfolge Dativ vor Akkusativ auftreten kann (vgl. z.B. Lenerz 1977, 68; Grundzüge 1981, 734; IDSGrammatik 1997, 1520), was in der schriftlichen Standardsprache ausschließlich den Akkusativ der 3. Person Singular Neutrum betrifft, die neben der Form es auch als ’s auftreten und sich in dieser Form auch nach
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Jürg Fleischer
dativischen Personalpronomen finden kann, etwa in gib mir’s.1 Sodann gilt nach Lenerz (1993, 141f.), der mehrere Beispiele für die Abfolge Dativ vor Akkusativ anführt, die für den Standard häufig postulierte Regel „Akkusativ vor Dativ“ vielleicht nur für Pronomen der 3. Person. Schließlich weist die Duden-Grammatik (2005, 885) darauf hin, dass die Abfolge Dativ vor Akkusativ in regionalen Varietäten vorkommt. Für die moderne Standardsprache kann aber insgesamt nicht daran gezweifelt werden, dass beim Aufeinandertreffen eines akkusativischen und eines dativischen Personalpronomens in der Regel die Abfolge Akkusativ vor Dativ gilt. Dies kann aufgrund von Recherchen in mehreren vom Institut für deutsche Sprache Mannheim zur Verfügung gestellten Korpora bestätigt werden; Beispiele für die umgekehrte Abfolge sind im modernen Standard selten (vgl. Fleischer i. Dr.; untersucht wurden vorwiegend zeitungssprachliche Korpora). Dagegen findet sich in einer Auswahl von Goethes Prosawerken, die das Institut für deutsche Sprache Mannheim als elektronisches Korpus zur Verfügung stellt, die Abfolge Dativ vor Akkusativ in immerhin ca. 30 % der Belege (vgl. ebd.); die Sprache Goethes entspricht in dieser Hinsicht also nicht dem modernen Standard. Die Abfolge Dativ vor Akkusativ findet sich vom Althochdeutschen bis ins Neuhochdeutsche. Behaghel (1932, 73ff.) führt zahlreiche Belege aus älteren und jüngeren Sprachstufen des Deutschen an (sein ältestes Beispiel stammt von Notker) und geht dabei auf einzelne Pronomen bzw. Kombinationen von akkusativischen und dativischen Pronomen ein; nach Behaghel (ebd., 74f.) gilt besonders bei den Pronomen ihn und es, zum Teil in Abhängigkeit von der Form des dativischen Pronomens, die Reihenfolge Dativ vor Akkusativ. In einigen Fällen konstatiert Behaghel ein Schwanken zwischen den beiden möglichen Abfolgen. Auch nach Ebert (1999, 119), der sich auf die Periode von 1300 bis 1750 bezieht, sind „während unseres ganzen Zeitraums sowohl die Folge Dativ vor Akkusativ als auch die Folge Akkusativ vor Dativ gebräuchlich.“ Er weist darauf hin, dass die Abfolge der Pronomen offenbar von den Möglichkeiten der klitischen Anlehnung an das vorangehende Wort beeinflusst wird, und geht (teilweise nach Behaghel 1932) auf verschiedene Kombinationen ein (vgl. Ebert 1999, 119f.). Obwohl Ebert (1999) einige Angaben zur Abfolge akkusativischer und dativischer Personalpronomen macht, listet er die Stellung der nominalen und pronominalen Glieder im Mittelfeld als ein Forschungsdesiderat auf (vgl. ebd., 27). Wie sich vor allem in Abschnitt 3 zeigen wird, reichen die Angaben, wie sie Behaghel (1932) und Ebert (1999) bieten, nicht für _____________ 1
Nach Duden-Grammatik (2005, 885) ist dies allerdings auch für die volle Form es der Fall, wenngleich speziell auf die Kurzform hingewiesen wird.
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Zur Abfolge akkusativischer und dativischer Personalpronomen
eine in die Tiefe gehende Behandlung des Phänomens aus. Deshalb versuche ich im vorliegenden Beitrag, ein einzelnes Denkmal zu analysieren, dies jedoch detailliert und in der gebotenen Feinkörnigkeit. Ich schließe damit an eigene Untersuchungen zum selben Phänomen im Althochdeutschen und Altniederdeutschen des 8. / 9. Jahrhunderts (vgl. Fleischer 2005) und im Neuhochdeutschen (Fleischer i. Dr.) an und versuche, mit der Untersuchung eines mittelhochdeutschen Denkmals einen ersten Schritt zu tun, um die Lücke zu füllen, die zwischen diesen beiden Arbeiten in Bezug auf die abgedeckten Daten besteht.
2. Zu den untersuchten Kombinationen Bevor ich auf die Befunde, die sich aus der Analyse eines mittelhochdeutschen Denkmals ergeben, eingehe, müssen einige Überlegungen zur Methodologie angestellt werden. Dazu ist es sinnvoll, sich zunächst einen Überblick über die möglichen Kombinationen zu verschaffen. In der folgenden Tabelle werden in der horizontalen Achse die akkusativischen und in der vertikalen Achse die dativischen Personalpronomen dargestellt, wie sie in der modernen Standardsprache auftreten: Dat. Akk.
mir
dir
ihm
ihr
ihm
uns
euch
ihnen
mich dich ihn sie es uns euch sie Tabelle 1: Mögliche Kombinationen von Akkusativ- und Dativpronomen
In dieser Tabelle steht jede leere Zelle für eine mögliche Kombination eines akkusativischen und eines dativischen Personalpronomens. Zwar sind gewisse Kombinationen unwahrscheinlich (etwa die von akkusativischen und dativischen Pronomen derselben 1. und 2. Person, die dann ja koreferent sind und sich somit auf die gleiche Entität beziehen; vgl. z.B. ?er hat mich mir vorgestellt), was mich in Fleischer (2005) dazu bewog, gewisse Zellen in den Tabellen grau zu hinterlegen (vgl. ebd., 12, Fußnote 19); zumindest bei großen standardsprachlichen Korpora zeigt sich allerdings,
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dass auch eher unwahrscheinliche Kombinationen auftreten können (vgl. Fleischer i. Dr.). Insgesamt bestehen 64 verschiedene Kombinationsmöglichkeiten, die jeweils sowohl in der Abfolge Akkusativ vor Dativ als auch in der Abfolge Dativ vor Akkusativ realisiert werden können. Mit derselben Zahl ist auch für die älteren Sprachstufen zu rechnen.2
3. Überlegungen zur Methodologie Nach den Angaben Behaghels (1932, 73ff.) haben gewisse Pronomen eine besondere Affinität, in einer bestimmten Abfolge aufzutreten. In bisherigen Untersuchungen konnte dies bestätigt werden: Im Althochdeutschen des 8. / 9. Jahrhunderts, zu dem insgesamt nur relativ wenige Belege existieren, scheint es vor allem der Akkusativ der 3. Person Singular Neutrum zu sein, der häufig in der Abfolge Dativ vor Akkusativ auftritt (vgl. Fleischer 2005, 32f.). Bei Otfrid, dem Denkmal, aus dem die meisten Belege stammen, dominiert die Abfolge Dativ vor Akkusativ beim Akkusativ der 3. Person Singular Neutrum mit über vierzig Belegen klar (die umgekehrte Abfolge ist insgesamt zehn Mal belegt, darüber hinaus tritt die Abfolge Dativ vor Akkusativ nur noch zweimal beim Akkusativ der 3. Person Singular Maskulinum auf; vgl. ebd., 25). In einer Auswahl von Goethes Prosawerken findet sich die Abfolge Dativ vor Akkusativ in erster Linie bei den Dativpronomen der 1. und 2. Person Singular in Kombination mit einem Akkusativpronomen der 3. Person; daneben tritt auch das Dativpronomen der 3. Person Singular Femininum in der Abfolge Dativ vor Akkusativ auf, allerdings wesentlich weniger häufig als in der umgekehrten Abfolge (vgl. Fleischer i. Dr.). Derartige Regularitäten bzw. Unterschiede zwischen verschiedenen Pronomen oder Kombinationen können nur festgestellt werden, wenn eine gewisse Masse von Belegen zu einem bestimmten Text bzw. zu einem in sich möglichst einheitlichen Korpus nebeneinander betrachtet und miteinander verglichen werden kann; davon ausgehend kann – wenn genügend Daten vorhanden sind – ein System rekonstruiert werden, das für eine bestimmte geographisch und zeitlich lokalisierbare Ausprägung des Deutschen steht. In einem zweiten Schritt können dann durch den Vergleich derartiger Einzelanalysen Unterschiede (etwa regionaler oder zeitlicher Art) festgestellt werden. Beispielsweise ergibt sich so für das 8. / 9. _____________ 2
Die Zahl würde noch höher ausfallen, wenn die verschiedenen Genera des Akkusativs der 3. Person Plural, wie sie etwa im älteren Althochdeutschen noch voll erhalten sind, als eigene Formen gezählt würden; umgekehrt würde die Zahl kleiner, wenn die synkretistischen Formen nur einmal gezählt würden (vgl. Fleischer 2005, 12f.).
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Jahrhundert, dass im Altniederdeutschen praktisch ausschließlich die Abfolge Akkusativ vor Dativ auftritt, womit sich ein starker Kontrast zum Althochdeutschen ergibt (vgl. Fleischer 2005, 32f.). Vor diesem Hintergrund ist zu Behaghels und Eberts synoptischer Behandlung des Phänomens anzumerken, dass durch die angeführten Belege, die aus unterschiedlichen Zeiten und Regionen stammen, eventuell vorhandene Unterschiede zwischen verschiedenen Systemen verdeckt werden: Handelt es sich bei den von Behaghel (1932) und Ebert (1999) festgestellten Fällen schwankenden Gebrauchs um Schwanken in ein und demselben System (und somit also um Variation in einer bestimmten Ausprägung des Deutschen) oder kann das „Schwanken“ auf Unterschiede zurückgeführt werden, die beispielsweise regional oder zeitlich bedingt sind (womit dann vielleicht nur Variation zwischen verschiedenen Systemen bestünde)? Lässt sich beispielsweise aus der Tatsache, dass Behaghel (1932, 73) einen Schiller-Beleg für die Abfolge Akkusativ vor Dativ aufführt (indem ich sie mir aneigne), dagegen zur gleichen Kombination einen Beleg aus Lessing mit der umgekehrten Abfolge (Just hat mir sie wiedergegeben; Behaghel 1932, 74) angibt, schließen, dass diesbezüglich systematische Unterschiede zwischen der Sprache Schillers und Lessings bestehen? Inwiefern sind die beiden isolierten Belege für die Sprache Schillers bzw. Lessings repräsentativ? Um Aussagen zu verschiedenen Kombinationen bzw. Pronomen machen zu können, ist es sinnvoll, pro Quelle möglichst große Datenmengen zu sammeln. Da Beispiele von Sätzen, in denen ein akkusativisches und ein dativisches Pronomen im Mittelfeld auftreten, nicht besonders häufig sind – für Prosalancelot I ergibt sich eine Häufigkeit von einem Beleg je ca. 715 Wörter (was als eine ziemlich hohe Belegdichte erscheint) –, ist es sinnvoll, ganze Textexemplare exhaustiv auszuwerten. Eine Beschränkung auf 30 Normalseiten (= 12 000 Wortformen), wie sie etwa im Rahmen der Korpusarbeiten zur Grammatik des Frühneuhochdeutschen vorgenommen wurde und nun bei der neuen Mittelhochdeutschen Grammatik zur Anwendung kommt (vgl. Wegera 2000, 1310), kommt beim untersuchten Phänomen nicht in Frage: Von der oben angeführten Zahl ausgehend würde dies bedeuten, dass etwa bei Prosalancelot I auf 30 Normalseiten durchschnittlich 17 Belege erfasst würden; bei einer Berücksichtigung des ganzen Textes kommt man dagegen auf immerhin 482 Belege. Die Ansicht, „daß Hss., die länger sind als 30 Normalseiten, nicht komplett analysiert werden müssen“ (Wegera 2000, 1310), gilt für das untersuchte Phänomen, da es nicht hochfrequent ist, keinesfalls.
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Jürg Fleischer
4. Zum ausgewerteten Denkmal: Lancelot I nach der älteren Heidelberger Handschrift Cod. pal. germ. 147 Die Tatsache, dass aus einem großen, in sich einheitlichen Datenbestand in Bezug auf das untersuchte Phänomen genauere Befunde herausgelesen werden können als aus mehreren kleinen, kann als Richtlinie für die Auswertung genommen werden. Unter der Bedingung, dass überhaupt so viele und verschiedenartige Texte vorhanden sind, dass man eine Auswahl treffen kann (was etwa beim Althochdeutschen und älteren Mittelhochdeutschen nicht der Fall ist; vgl. Wegera 2000, 1305), ist es für syntaktische Untersuchungen sinnvoll, von Prosatexten auszugehen (dazu bereits Ebert 1978, 6f.: „Womöglich soll man von Prosatexten ausgehen, in denen der normale Gebrauch nicht von den Bedürfnissen von Reim und Rhythmus beeinflußt wird.“). Damit besteht ein weiteres Auswahlkriterium. Um einen möglichst großen, aber in sich einheitlichen Prosatext zu analysieren, fiel deshalb die Wahl auf den Prosalancelot (bzw. dessen ältesten Teil). Mit dem Prosalancelot wird in der vorliegenden Untersuchung der älteste deutsche Prosaroman analysiert. Hierbei handelt es sich zweifelsohne um einen sehr großen Text (Kluges Edition des ersten Teils bietet 642 Seiten Text, dem entsprechen in der Handschrift 139 beidseitig mit jeweils über 60 Zeilen beschriebene Folio-Blätter; vgl. Kluge 1948, XVII-XVIII; insgesamt dürfte der Text ca. 345 000 Wörter bieten). Der ProsalancelotText, wie ihn die älteste (bis auf eine auch andere Zeugen konstituierende Textlücke) vollständige Handschrift, Cod. pal. germ. 147, bietet, besteht aus drei unterschiedlichen Teilen (denen die drei Bände der Edition Kluges entsprechen). Bei näherem Hinsehen zeigen sich zwischen den Teilen deutliche Unterschiede: „Die Übersetzungsqualität des ersten ist besser, seine Sprache um einiges archaischer, dem klassischen Mittelhochdeutschen näher als die der beiden anderen Teile“ (Steinhoff 1995b, 764). Rothstein (2007, 128), von der die jüngste Untersuchung zur Entstehungsund Überlieferungsgeschichte des Prosalancelot stammt, geht davon aus, dass die drei Teile zu verschiedenen Zeiten entstanden sind. Ihr zufolge stammt nur Teil I aus dem 13. Jahrhundert, Teil II dagegen aus dem 15. und Teil III aus dem 14. Jahrhundert (vgl. Rothstein 2007, 130f.). Da die Teile auf jeden Fall sprachlich nicht einheitlich sind, beschränkt sich die vorliegende Untersuchung auf den ersten, ältesten Teil, den ich mit Kluge (1948) als Lancelot I bezeichne. Der untersuchte Text hat – neben der Tatsache, dass er sehr groß und nicht durch Reim und Metrum gebunden ist – mehrere Vorteile: Mit der
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Edition Kluges existiert eine vertrauenswürdige Edition,3 die abgesehen von der Einführung von Großbuchstaben und einer modernen Interpunktion nicht normalisiert wurde und die sich nur auf einen Textträger, nämlich Cod. pal. germ. 147, bezieht (wenngleich natürlich im Apparat die Lesarten anderer Textzeugen Berücksichtigung finden); diese Handschrift ist als digitales Faksimile online zugänglich,4 sodass Zweifelsfälle bequem und effizient am Manuskript überprüft werden können. Mit der Übersetzung Steinhoffs (1995), die auch den Text nach Kluge (1948) enthält, hat man für die Untersuchung außerdem ein exzellentes Hilfsmittel zur Hand, das praktischerweise auch in einer digitalen Version verfügbar ist, womit gewisse Fragen schnell und effizient geklärt werden können. Nichtsdestoweniger hat der Text jedoch auch Nachteile. Der deutsche Prosalancelot (bzw. der hier untersuchte älteste Teil Lancelot I; vgl. oben) ist nach Ausweis des ältesten Münchner Fragments, das Rothstein auf Grundlage der Datierung von Tilvis (1957, 132), der es in der Mitte des 13. Jahrhunderts ansiedelt, auf 1240-1260 datiert (Rothstein 2007, 38; vgl. z.B. auch Steinhoff 1995a, 764), spätestens um die Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden. Rothstein (2007, 130) geht davon aus, dass die Übersetzung „wohl in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts“ fertig gestellt wurde. Der älteste, bis auf eine Textlücke vollständige Textträger, die (ältere) Heidelberger Handschrift Cod. pal. germ. 147, die in der vorliegenden Arbeit in Bezug auf den ältesten Teil, d.h. Lancelot I, analysiert wird, ist dagegen wesentlich jünger; Rothstein (2007, 34) datiert diese Handschrift aufgrund des kunstgeschichtlichen Befunds zwischen 1455 und 1511. Wegen des Abstands zwischen Textentstehung und Alter des Überlieferungsträgers kommt der Text beispielsweise für die entstehende neue Mittelhochdeutsche Grammatik nicht in Frage, da dort für die zu untersuchenden Texte der Abstand zwischen Textentstehung und Textzeugen nicht mehr als 50 Jahre betragen darf (vgl. Wegera 2000, 1310). Allerdings weist Knapp (2003, 223) mit Bezug auf den Prosalancelot darauf hin, dass „die späte Überlieferung des Textes, gemessen an den ältesten Fragmenten, erstaunlich treu“ sei, wenn er auch auf Änderungen im Bereich der Negationssyntax hinweist; er vertritt die Ansicht, dass die Einbeziehung des Prosalancelot und der damit verbundene Verstoß gegen die Richtlinien der Mittelhochdeutschen Grammatik „weniger schwer wiegen würde als die Beschreibung der mhd. Syntax unter Verzicht auf den einzigen großen, vom Latein völlig unabhängigen, nicht dem geistlichen oder rechtlichen _____________ 3 4
Nach Steinhoff (1995b, 776) hat sich Kluges Edition „bei Stichproben als sehr zuverlässig erwiesen.“ Auch aufgrund meiner Überprüfungen einzelner Stellen am digitalen Faksimile kann ich dies bestätigen. Vgl. online im Internet: http://diglit.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg147.
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Bereich angehörenden, weltlichen Prosatext aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts“ (Knapp 2003, 223). Neben der späten Überlieferungszeit spricht auch die Tatsache, dass es sich beim Prosalancelot um eine Übersetzung (wenn auch nicht aus dem Lateinischen) handelt, gegen diesen Text. Die Situation wird dadurch verkompliziert, dass die Quelle der Übersetzung umstritten ist. Der gegenwärtige Forschungsstand zur Quellenfrage kann dahingehend zusammengefasst werden, dass es sich „um die Übersetzung einer altfranzösischen Vorlage handelt, die z.T. über eine niederländische Zwischenstufe vermittelt sein könnte […]“ (Ridder / Huber 2007, 1). Im deutschen Prosalancelot finden sich Stellen, die auf einen Einfluss des Niederländischen hinweisen und die Tilvis (1957) als Erster systematisch zusammengetragen hat. Aufgrund der Niederlandismen kam er zum Schluss, dass der deutsche Prosalancelot „unmöglich eine direkte Übersetzung aus dem Afrz. darstellen kann, sondern auf eine mnl. Vorlage zurückgehen muss“ (Tilvis 1957, 13). Diese Ansicht ist nicht unwidersprochen geblieben. Problematisch ist unter anderem, dass es keine Zeugnisse für die postulierte mittelniederländische Zwischenstufe gibt; beispielsweise geht Steinhoff (1995b, 764) davon aus, dass es sich um eine Übersetzung aus dem Französischen handelt. Für die These sprach jedoch unter anderem, dass auch keine französische Handschrift bekannt war, die einen Text bietet, der dem deutschen relativ nahe kommt. An dieser Stelle setzt die Untersuchung von Hennings (2001) ein. Aus der reichen Überlieferung des altfranzösischen Textes ist es Hennings gelungen, eine (bisher ungedruckte) Handschrift aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts zu identifizieren, deren Text dem deutschen Prosalancelot „beträchtlich näher [steht] als der aller anderen bislang gedruckten frz. Handschriften“ (Hennings 2001, 424). Was die Abfolge der einzelnen Handlungsabschnitte betrifft, stimmen nach Hennings (ebd.), die Teile von Lancelot I mit der französischen Entsprechung vergleicht und einen Teil dieser Handschrift in einer Synopse mit dem deutschen Text ediert, „beide Texte […] weitgehend überein.“ Allerdings gibt es ungeachtet des hohen Übereinstimmungsgrades „an einigen Stellen beträchtliche inhaltliche Abweichungen“ (ebd.). Nach Hennings (ebd., 430) „liegt in ca. 50 % des gesamten untersuchten mhd. Textabschnitts eine traduction littérale vor.“ Dieser Befund spricht sehr dafür, dass eine Übersetzung aus dem Französischen vorliegt, und nicht aus dem Niederländischen; für die – unzweifelhaft vorhandenen – Niederlandismen bietet Hennings folgende nicht ganz befriedigende Mutmaßung an:
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Wir möchten hingegen die mhd. Übersetzung viel eher einem Niederländer zutrauen, der sein Werk etwa in den vierziger Jahren des 13. Jh.s im mittelrheinischen Gebiet für den Hof des Pfalzgrafen bei Rhein schuf […]. (Hennings 2001, 438)
Eine bedenkenswerte alternative Erklärung für die Niederlandismen gibt Rothstein (2007, 144f.): Sie weist zunächst darauf hin, dass die Anzahl der (eindeutigen) Niederlandismen angesichts der Länge des Textes relativ gering ist, wenn auch deren Existenz grundsätzlich nicht geleugnet werden kann. Nach ihrer Beobachtung handelt es sich bei den meisten Niederlandismen „um singuläre Vokabeln“ (ebd., 144), weshalb die Annahme einer französischen Handschrift mit niederländischen Glossen plausibel erscheint. Der Befund zu den Niederlandismen lässt den Schluss zu, „daß am Rand eines frz. Textes ein entsprechender mndl. Vermerk zu finden war, auf den der mhd. Übersetzer zurückgegriffen hat.“ (ebd., 145). Wie auch immer sich das Verhältnis von Französisch und Niederländisch für die deutsche Fassung letztlich erklären lässt, scheint sich doch abzuzeichnen, dass das Französische für die Übersetzung eine wesentlich größere Rolle spielt, als etwa Tilvis (1957) angenommen hatte. Als Grundlage syntaktischer Untersuchungen sind Übersetzungstexte problematisch, weil syntaktische Strukturen der Ausgangssprache in die Zielsprache übernommen werden können – dieses Problem ist vielleicht am besten vom althochdeutschen Tatian bekannt (vgl. Fleischer 2006, 31ff.; Fleischer u.a. 2008, 213f.). Aus diesem Grund ist es geboten, kurz auf die Frage einzugehen, ob sich beim untersuchten Phänomen in Lancelot I allenfalls Strukturen der Ausgangssprache finden. Wie oben diskutiert worden ist, spricht aufgrund der zumindest teilweisen hohen Ähnlichkeit mit der von Hennings (2001) identifizierten altfranzösischen Handschrift trotz der Niederlandismen einiges dafür, den deutschen Prosalancelot als eine Übersetzung aus dem Französischen zu betrachten. Aus diesem Grund stelle ich im Folgenden einen Vergleich mit dem altfranzösischen Text an, den Hennings (2001) ediert. Wie oben diskutiert worden ist, handelt es sich nach Hennigs (2001, 436) beim deutschen Prosalancelot zwar um eine „traduction littérale“; doch die Abhängigkeit vom Französischen erstreckt sich nach Knapp (2003, 223) „doch nur ganz vereinzelt bis in die syntaktische Gestalt.“ Beispielsweise zeigt der folgende deutsche Beleg (3b) zwei Personalpronomen, doch findet sich im französischen Text, wie (3a) zeigt, keine Struktur, in der dies ebenfalls der Fall wäre; der deutsche Text steht also ohne direkte Vorlage da:
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(3a) sene fust vne seule chose (zit. n. Hennings 2001, 42) das=nicht sei eine einzige Sache (3b) beneme es uch ein sach nit (ed. Kluge 1948, 492) nähme es Euch eine Sache nicht (vgl. Steinhoff 1995b, 35) Im folgenden Beleg finden sich neben dem deutschen zwar auch im französischen Text zwei Personalpronomen, doch weisen diese im Vergleich zum deutschen Text gerade die umgekehrte Abfolge auf – es liegt hier also einer jener Differenzbelege vor, wie sie etwa bei der Erforschung des althochdeutschen Tatian besonders ausgenutzt werden können (vgl. Fleischer 2006, 31ff.; Fleischer u.a. 2008, 213f.): (4a) et il les men uoiera moult volentiers (zit n. Hennings 2001, 37) und er sie mir=zuschicken wird sehr gern (4b) Er solt mirs gern senden (ed. Kluge 1948, 489) er wird mir sie gerne schicken (vgl. Steinhoff 1995b, 27) Die beiden diskutierten Beispiele legen nahe, dass der Prosalancelot, obwohl es sich um eine Übersetzung handelt, in Bezug auf das ausgewertete Phänomen authentisch ist. Trotz gewisser Nachteile überwiegen die Vorteile von Prosalancelot I bei weitem. Insbesondere spricht die Tatsache, dass es sich um eine Übersetzung handelt, in Bezug auf das untersuchte Phänomen nach Ausweis der diskutierten Belege nicht gegen die Auswertung des Textes. Die Belege aus Prosalancelot I werden im Folgenden nach der Edition Kluges (1948) zitiert; sie werden mit einer Übersetzung versehen, die möglichst wörtlich ist und keinerlei stilistische Ansprüche erhebt. Bei meinen Übersetzungen verweise ich jeweils auf Steinhoff (1995), dessen sich teilweise vom mittelhochdeutschen Wortlaut entfernende Übersetzung ich konsultiert habe, der ich aber – zugunsten einer größtmöglichen Wörtlichkeit – nur selten genau gefolgt bin. In einigen Fällen, in denen meine wörtliche Übersetzung kaum mehr den Sinn verständlich machen kann, zitiere ich Steinhoffs Übersetzung zusätzlich zu meiner eigenen.5 Die Belege für die vorliegende Arbeit wurden, obwohl auch eine elektronische Edition existiert, traditionell „von Hand“, d.h. durch Lektüre und anschließende Exzerption der Belege, gewonnen – dies deshalb, weil ich befürchtete, bei einer elektronischen Suche aufgrund der orthographischen Varianz nicht alle einschlägigen Belege zu finden. Im Nachhinein stellt sich die orthographische Varianz der untersuchten Pronomi_____________ 5
Von Steinhoff (1995) übernehme ich in den Übersetzungen auch die Gepflogenheit, die 2. Person Plural der höflichen Anrede – die im Roman sehr häufig ist – groß zu schreiben.
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nalformen als relativ gering heraus (vgl. das Paradigma in Tabelle 2), so dass wahrscheinlich auch eine Suche in der elektronischen Edition die meisten oder sogar alle einschlägigen Belege gefunden hätte. Eine vollständige Erfassung aller Belege kann umgekehrt auch bei der hier durchgeführten Exzerption trotz sorgfältiger Lektüre nicht garantiert werden, unterliegt sie „von Hand“ doch dem menschlichen Irrtum.
5. Zu den untersuchten Pronominalformen Bevor auf die Abfolge der akkusativischen und dativischen Personalpronomen in Lancelot I, wie er in Cod. pal. germ. 147 überliefert ist, näher eingegangen wird, ist es notwendig, sich einen Überblick über die Akkusativ- und Dativformen des Personalpronomens zu verschaffen, wie sie in diesem Denkmal auftreten. Einige Probleme bei der Zuordnung einzelner Belege, wie sie weiter unten besprochen werden, erklären sich unter anderem durch gewisse Synkretismen. Die folgende Tabelle zeigt die Akkusativ- und Dativformen des Personalpronomens, wie sie in Lancelot I in Cod. pal. germ. 147 belegt sind; seltene Formen stehen in eckigen Klammern, durch ‚=‘ werden Formen bezeichnet, die graphisch an das vorangehende Wort angelehnt sind:6
Sg.
Pl.
1. 2. 3. m. 3. f. 3. n. 1. 2. 3.
Akk.
Dat.
Mich Dich yn, =n sie, =s es, =s [=ß] Uns Uch sie, =s
mir dir im [ym] ir im uns uch [úch, ǔch] yn
Tabelle 2: Akkusativ- und Dativformen des Personalpronomens in Prosalancelot I
_____________ 6
Dieses Paradigma wurde zunächst anhand der exzerpierten Belege erstellt und danach durch gezielte Suche anhand der elektronischen Edition ergänzt; das Paradigma sollte vollständig sein, allerdings könnten darin seltenere Formen, die nicht in den hier untersuchten Kombinationen von akkusativischen und dativischen Pronomen belegt sind, fehlen.
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Im Vergleich zum Neuhochdeutschen verfügt dieses System über mehr klitische Formen,7 die allerdings auf die Akkusative der 3. Person beschränkt sind. Die klitischen Formen werden durch die folgenden Belege illustriert, wobei für jede Form Beispiele für das Auftreten in Kombination mit einem dativischen Pronomen angeführt werden, und zwar jeweils in beiden möglichen Abfolgen: (5a) Da fraget sie myn herren Ywan umb synen namen, und er sagten ir (ed. Kluge 1948, 564) da fragte sie Herrn Iwein nach seinem Namen und er sagte ihn ihr (vgl. Steinhoff 1995b, 223) (5b) Nu bringent mirn herre (ed. Kluge 1948, 238) nun bringt mir ihn her (vgl. Steinhoff 1995a, 647) (6a) ob alle die welt uwer were und irs im gebent (ed. Kluge 1948, 296) wenn die ganze Welt Euer wäre und Ihr sie ihm gäbet (vgl. Steinhoff 1995a, 801) (6b) Sie ist myn […] der herczog von Kambenig gab mirs (ed. Kluge 1948, 357) sie ist mein […] der Herzog von Cambenic gab mir sie (vgl. Steinhoff 1995a, 963)
_____________ 7
In einer bestimmten Konstellation ist es unmöglich festzustellen, ob eine bestimmte Form als klitisch oder als voll gewertet werden soll, nämlich dann, wenn ein Wort, das auf -e auslautet (oder auslauten könnte), auf den Akkusativ der 3. Person Singular Neutrum trifft und mit diesem zusammengeschrieben wird, wie dies im folgenden Beleg der Fall ist: (I) got lones im (ed. Kluge 1948, 291) Gott lohne es ihm (vgl. Steinhoff 1995a, 787) Hier könnte sowohl von einem klitischen Pronomen ausgegangen werden (lone + s) als auch von einer apokopierten Form des Verbs, in diesem Fall wäre die Pronominalform voll (lon + es). Da die entsprechende Verbform, wie die folgenden Stellen zeigen, ansonsten mit und ohne Apokope belegt ist, kann dieses Problem für (I) nicht entschieden werden: (II) Got lone uch (ed, Kluge 1948, 349) Gott lohne Euch (vgl. Steinhoff 1995a, 941) (III) Got lon uch (ed. Kluge 1948, 438) Gott lohne euch (vgl. Steinhoff 1995a, 1175) Insgesamt traten sieben Zweifelsfälle wie (I) auf; da das Pronomen jeweils mit dem vorangehenden Wort zusammengeschrieben wird, wird es als klitisch gewertet.
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(7a) Lancelot stund nyder von sym pferd und gabs im (ed. Kluge 1948, 37) Lancelot saß ab von seinem Pferd und gab es ihm (vgl. Steinhoff 1995a, 113) (7b) Ich sagen uch warumb ich ims nit gestattet (ed. Kluge 1948, 503) ich sage Euch, warum ich ihm es nicht gestattet (vgl. Steinhoff 1995b, 65) (8a) Sie entfliehent uns dann uß dem lande, wir gebens uch (ed. Kluge 1948, 98) Sie entfliehen uns denn aus dem Land, wir geben sie Euch = „Wenn sie uns nicht aus dem Lande entfliehen, liefern wir sie Euch aus“ (Steinhoff 1995a, 273) (8b) die kint enwerdent uch nymer wiedder, ir engewinnent mirs mit gewalt an (ed. Kluge 1948, 65) die Kinder werden Euch niemehr wieder, Ihr gewinnt mir sie mit Gewalt ab = „die Kinder bekommt Ihr nur zurück, wenn Ihr sie mir mit Gewalt nehmt“ (Steinhoff 1995a, 187) In Zusammenhang mit den untersuchten Pronomen bzw. Abfolgen treten einige orthographische Besonderheiten auf. Der Akkusativ Singular Maskulinum tritt, was die volle Form betrifft, praktisch ausschließlich als auf, und das gilt auch für den Dativ Plural; ist der Präposition in vorbehalten.8 Ebenso treten die vollen Formen des Akkusativs der 3. Person Singular Femininum und der 3. Person Plural scheinbar nur als <sie>, nicht jedoch als <sy> oder <si> auf; diese Schreibungen sind für die 1. / 3. Person Singular des Konjunktivs Präsens von sein reserviert.9 In einigen wenigen Fällen wird ein Personalpronomen mit selb zusammengeschrieben, etwa im folgenden Beleg: _____________ 8
Die folgende Stelle zeigt die beiden Schreibungen in der skizzierten Distribution nebeneinander, es scheint, dass die graphische Unterscheidung zwischen Pronomen und Präposition ziemlich konsequent durchgehalten wird: (IV) und nam yn in beide sin arm (ed. Kluge 1948, 484) und nahm ihn in seine beiden Arme (vgl. Steinhoff 1995b, 13).
9
Der folgende Beleg zeigt das Pronomen <sie> neben der Verbform <sy>; auch diese graphische Unterscheidung scheint ziemlich konsequent durchgehalten zu werden: (V) sie wenet das ir keyne jungfrauwen mögent geminnen, sie sy dann die schönst von aller der werlt und die edelst (ed. Kluge 1948, 410) sie glaubt, dass Ihr keine Jungfrau lieben möchtet, sie sei denn die Schönste der ganzen Welt und die Edelste = „Sie hat ein Bild von Euch, das nicht zutrifft: sie glaubt, daß Ihr Eure Liebe nur der Schönsten und Edelsten der Welt schenken werdet“ (Steinhoff 1995a, 1103).
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(9)
so wil ich sie imselb nemen (ed. Kluge 1948, 601) dann will ich sie ihm selbst nehmen (vgl. Steinhoff 1995 b, 321)
Eine Überprüfung dieses Belegs am digitalen Faksimile zeigt, dass im und selb hier tatsächlich eine graphische Einheit bilden.10 Da sich das selb hier und in anderen Fällen jedoch nicht auf das Dativpronomen, sondern auf das Subjekt bezieht, gehe ich nicht davon aus, dass imselb als eigenständige Wortbildung anzusehen ist; derartige Fälle werden als normale Belege gewertet und mitgezählt. Aus dem in Tabelle 2 angeführten Paradigma geht hervor, dass im Pronominalsystem des Prosalancelot I einige Synkretismen auftreten: Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die volle Form des Akkusativs der 3. Person Singular Maskulinum mit dem Dativ der 3. Person Plural homonym ist; da sich diese beiden Formen sowohl im Kasus als auch im Numerus unterscheiden, treten nur selten Stellen auf, deren Interpretation zweideutig ist. Dann besteht – wie auch im Neuhochdeutschen – ein Synkretismus der Akkusativformen der 3. Person Singular Femininum und der 3. Person Plural, und zwar sowohl, was die volle, als auch, was die enklitische Form betrifft. Diese enklitische Form, nicht aber die volle, ist außerdem homonym mit dem enklitischen Akkusativ der 3. Person Singular Neutrum. In der Enklise wird also eine sonst bestehende Opposition des Pronominalsystems aufgehoben. Schließlich tritt (wie im Neuhochdeutschen) ein Synkretismus zwischen den Akkusativ- und den Dativformen der 1. bzw. 2. Person Plural auf.
6. Probleme bei der Interpretation der Belege Bei der Interpretation der Belege treten mehrere Probleme auf, die hier kurz diskutiert werden. Sie stehen teilweise in Zusammenhang mit den eben behandelten Synkretismen. Da der Zusammenfall des germanischen s mit dem Lautverschiebungs-s, die bis ins 13. Jahrhundert verschieden realisiert wurden (vgl. Paul u.a. 2007, 170), in Prosalancelot I generell durchgeführt ist (es finden sich etwa auch bei das keine -Schreibungen mehr), kann in Prosalancelot I, anders als im klassischen Mittelhochdeutschen, beim Akkusativ der 3. Person Singular Neutrum nicht mehr zwischen einer Nominativ- / Akkusativform (normalmhd. ëʒ) und einer Genitivform (normalmhd. ës) unter_____________ 10
Der Beleg findet sich in Cod. pal. germ. 147 auf f. 131v, Z. 8; vgl. online im Internet: http://diglit.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg147.
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schieden werden (vgl. ebd., 214). So ist beispielsweise fraglich, für welchen Kasus es im folgenden Beleg gewertet werden soll: (10) er dörfft es yn nit dancken das er den lip behalten het (ed. Kluge 1948, 371) er dürfe es ihnen nicht danken, dass er das Leben behalten habe (vgl. Steinhoff 1995a, 1001) In diesem Beleg tritt es bei einem Verb auf, das im Mittelhochdeutschen nach Lexer (1869-1878, I, 409) mit Dativ der Person und Genitiv der Sache konstruiert wird; ein Akkusativ wird nicht erwähnt, dies spricht für die Interpretation als Genitiv. Umgekehrt wird nach Paul u.a. (2007, 214) es im Neuhochdeutschen in Wendungen wie ich bin es zufrieden, leid, satt, überdrüssig, etc. „als Akk. empfunden“, was dennoch dafür sprechen würde, das es im angeführten Beispiel als Beleg für den Akkusativ zu werten. Allerdings können viele dieser Verben im Neuhochdeutschen – vom fraglichen es abgesehen – keinen Akkusativ zu sich nehmen (vgl. *ich bin dich zufrieden, *ich bin meinen Mitarbeiter zufrieden, *er dankt ihn ihnen) was dagegen spricht, in es einen Akkusativ zu sehen (für die Sprache des Prosalancelot I kann natürlich keine muttersprachliche Kompetenz befragt werden). Derartige Fälle sind als Belege gewertet und in die Auswertungen mit einbezogen worden, und zwar zunächst deshalb, weil es selten so hinreichend klar wie beim angeführten Beispiel ist, dass das Verb einen Genitiv, nicht aber einen Akkusativ zu sich nehmen kann – im Gegenteil ist es ja beispielsweise im Althochdeutschen bekanntermaßen so, dass bei manchen Verben Alternationen zwischen Akkusativ- und Genitivobjekten gang und gäbe sind (vgl. z.B. Donhauser 1998, 73ff.), und auch im Mittelhochdeutschen stehen bei vielen Verben Akkusativ und Genitiv zueinander in Konkurrenz (vgl. Paul u.a. 2007, 336 u. 340f.). Deshalb ist eine Grenze zwischen eindeutig akkusativischen und eindeutig ‚genitivischen‘ Fällen kaum zu ziehen. Ein anderes Problem besteht darin, dass in einigen Fällen nur schwer zu entscheiden ist, für welche Form ein klitisches =s steht, etwa im folgenden Beleg: (11) Hett er auch dumber minne an mich gegeret, so moch ichs im nit versagt han (ed. Kluge 1948, 588) Hätte er auch törichte Liebe an mich begehrt, so mochte ich sie / es ihm nicht versagt haben = „Hätte er mich um törichte Liebe gebeten, ich hätte sie ihm nicht versagen können“ (Steinhoff 1995b, 287) Hier hängt klitisches s vom Verb versagen ab; denkbar ist sowohl, dass es sich hier auf das vorerwähnte Femininum dumbe minne bezieht (ich hätte sie
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[= dumbe minne] ihm nicht verweigert), aber auch, dass es für es steht, womit dann Bezug auf den gesamten Sachverhalt vorliegt (ich hätte es ihm nicht verweigert). Dieses Problem kann teilweise auch bei genauer Berücksichtigung des Kontexts kaum befriedigend gelöst werden. In manchen Fällen waren hier Entscheidungen zu treffen, bei denen sicherlich Diskussionsbedarf bestünde. Wie im Neuhochdeutschen ist der Nominativ der 2. Person Plural in Prosalancelot I homonym mit dem Dativ der 3. Person Singular Femininum, was für die Interpretation mancher Belege ein Problem darstellt. Im folgenden Beispiel treten diese beiden Pronomen (zusammen mit einem Akkusativ der 3. Person Singular Neutrum) auf: (12) Und wollent irs ir gleuben nit (ed. Kluge 1948, 494) Und wollt ihr es ihr nicht glauben (vgl. Steinhoff 1995b, 40) Dass hier ein Beleg für die untersuchten Abfolgen von akkusativischen und dativischen Personalpronomen vorliegt, kann zwar nicht bezweifelt werden, allerdings kann zunächst nicht entschieden werden, für welche Abfolge er steht: Aufgrund des Neuhochdeutschen liegt es nahe, dass man das erste ir als Nominativ, das zweite dagegen als Dativ interpretiert ('und wollt ihr2.PL.NOM es ihr3.SG.F.DAT nicht glauben'), doch könnte letztlich auch die umgekehrte Auffassung möglich sein ('und wollt ihr3.SG.F.DAT es ihr2.PL.NOM nicht glauben'). Da in den ausgewerteten Stellen allerdings nie ein Beleg für ein nominativisches Pronomen auftritt, das nach zwei obliquen Pronomen steht (allerdings gibt es Fälle, in denen das Subjektspronomen nach einem akkusativischen oder dativischen Pronomen auftritt), zähle ich diesen Beleg (und mit ihm zwei weitere) für die Abfolge Akkusativ vor Dativ. Bei der Interpretation mancher Belege, in denen unzweifelhaft ein akkusativisches und ein dativisches Personalpronomen zusammentreffen, tritt ein syntaktisches Problem auf, indem unklar ist, ob das Akkusativpronomen und das Dativpronomen vom gleichen Verb abhängen. Dies illustrieren die folgenden Beispiele; entsprechende Fälle wurden grundsätzlich als Belege gewertet: (13) er hieß mich uch alsus sagen (ed. Kluge 1948, 342) er hieß mich Euch so sagen = „Er läßt Euch ausrichten“ (Steinhoff 1995a, 923) (14) laßent mich im den hals ab slagen (ed. Kluge 1948, 558) lasst mich ihm den Kopf abschlagen (vgl. Steinhoff 1995b, 209)
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7. Resultate: die Abfolge akkusativischer und dativischer Personalpronomen in Lancelot I In Lancelot I, wie dieser Textteil von Cod. pal. germ. 147 geboten wird, finden sich nach meiner Zählung insgesamt 482 Belege für die untersuchten Kombinationen von akkusativischen und dativischen Personalpronomen. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Anzahl der belegten Kombinationen: Dat. Akk. 1. 2. Sg. 3. m. 3. f. 3. n. 1. Pl. 2. 3.
1. – – 17 6 113 – 2 3
Sg. 3. m. 3. f. 3. n. 2 – – – – – 20 5 – 1 4 2 – 13 108 26 – – – – – – – – – – 7 3 –
2. – – –
1. – – – – 4 – – –
Pl. 2. 2 – 12 4 102 – – 6
3. – – 1 1 17 – – 1
Tabelle 3: Belegte Kombinationen in Prosalancelot I
Wie aus dieser Tabelle hervorgeht, sind die Belege über die verschiedenen Pronomen und Kombinationen ungleich verteilt: Manche Personalpronomen sind gar nie in einer der untersuchten Kombinationen belegt (etwa der Akkusativ der 1. Person Plural oder der Dativ der 3. Person Singular Neutrum), andere dagegen sehr häufig (etwa der Akkusativ der 3. Person Singular Neutrum oder die Dative der 1. Person Singular, der 3. Person Singular Maskulinum und der 2. Person Plural). Entsprechendes gilt auch für die Kombinationen: Während über die Hälfte der theoretisch denkbaren Kombinationen gar nie belegt sind, sind manche sehr häufig. In drei Fällen, nämlich bei der Kombination des Akkusativs der 3. Person Singular Neutrum mit dem Dativ der ersten Person Singular (es mir / mir es), des Akkusativs der 3. Person Singular Neutrum mit dem Dativ der 3. Person Singular Maskulinum (es ihm / ihm es) und des Akkusativs der 3. Person Singular Neutrum mit dem Dativ der 2. Person Plural (es euch / euch es) finden sich jeweils über hundert Beispiele, auf diese drei Kombinationen entfallen ziemlich genau zwei Drittel aller Belege. Dagegen finden sich für die nächsthäufigere Kombination, diejenige des Akkusativs der 3. Person Singular Neutrum mit dem Dativ 3. Person Singular Femininum (es ihr / ihr es), nur noch 26 Belege. Es versteht sich von selbst, dass Aussagen zur
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Abfolge der akkusativischen und dativischen Personalpronomen nur über die überhaupt belegten Kombinationen gemacht werden können. Von den Belegen entfallen 310 (64 %) auf die Abfolge Akkusativ vor Dativ, 172 (36 %) auf die Abfolge Dativ vor Akkusativ. Die folgenden Tabellen geben einen Überblick über die Anzahl der belegten Kombinationen für die beiden Abfolgen: Dat. Akk. 1. 2. Sg. 3. m. 3. f. 3. n. Pl. 1. 2. 3.
1. – – – 2 4 – 2 –
2. – – – – – – – –
Sg. 3. m. 3. f. 3. n. 2 – – – – – 20 4 – 4 2 – 99 23 – – – – – – – 6 1 –
1. – – – – 4 – – –
Pl. 2. 2 – 12 4 94 – – 5
3. – – 1 1 17 – – 1
Tabelle 4: Belegte Kombinationen für die Abfolge Akkusativ vor Dativ
Dat. Akk. 1. 2. Sg. 3. m. 3. f. 3. n. Pl. 1. 2. 3.
1. – – 17 4 109 – – 3
Sg. 3. m. 3. f. 3. n. – – – – – – – 1 – 1 – – – 13 9 3 – – – – – – – – – – 1 2 –
2. – – –
1. – – – – – – – –
Pl. 2. – – – – 8 – – 1
3. – – – – – – – –
Tabelle 5: Belegte Kombinationen für die Abfolge Dativ vor Akkusativ
Aus einem Vergleich der beiden Tabellen geht hervor, dass gewisse Kombinationen eine klare Affinität zur einen oder anderen Abfolge haben: So ist bei der Kombination des Akkusativs der 3. Person Singular Neutrum mit dem Dativ der 1. Person Singular die Abfolge Akkusativ vor Dativ wesentlich seltener als die Abfolge Dativ vor Akkusativ (das Verhältnis beträgt 4 zu 109, d.h. nur 4 % aller Belege für diese Kombination entfallen auf die Abfolge Akkusativ vor Dativ, 96 % dagegen auf die Abfolge Dativ vor Akkusativ). Dagegen ist das Verhältnis bei der Kombination des Akkusativs der 3. Person Singular Neutrum mit dem Dativ der 3. Person
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Singular Maskulinum gerade umgekehrt (es beträgt 99 zu 9, d.h. 92 % aller Belege entfallen auf die Abfolge Akkusativ vor Dativ), und das gleiche gilt auch für die Kombination des Akkusativs der 3. Person Singular Neutrum mit dem Dativ der 2. Person Plural (hier beträgt das Verhältnis 94 zu 8, d.h. 92 % aller Belege entfallen auf die Abfolge Akkusativ vor Dativ). Prototypisch wird diese Distribution durch die folgende Stelle illustriert, in der hintereinander ein Beleg für die Kombination des Akkusativs der 3. Person Singular Neutrum mit dem Dativ der 1. Person Singular und ein Beleg für die Kombination desselben Akkusativs mit dem Dativ der 3. Person Singular Maskulinum auftreten – im ersten Fall in der Abfolge Dativ vor Akkusativ, im zweiten Fall dagegen in der Abfolge Akkusativ vor Dativ: (15) da stieß ich mynen fuß in mynen stegreif und wolts im nit geben, er gewúnne mirs dann an mit jostieren (ed. Kluge 1948, 292) da setzte ich meinen Fuß in meinen Steigbügel und wollte es ihm nicht geben, er gewönne mir es denn ab mit tjostieren (vgl. Steinhoff 1995a, 789) Die folgenden Tabellen zeigen für die einzelnen Akkusativ- und Dativpronomen, wie häufig jeweils die Abfolge Akkusativ vor Dativ bzw. Dativ vor Akkusativ ist. Aus der ersten Spalte, die das Total der Belege angibt, kann ersehen werden, welche Pronomen so häufig in einer Kombination mit einem Dativpronomen belegt sind, dass es wahrscheinlich ist, dass die Prozentwerte tatsächlich eine gewisse Tendenz aufzeigen:
1. Sg. 2. Sg. 3. Sg. m. 3. Sg. f. 3. Sg. n. 1. Pl. 2. Pl. 3. Pl.
Total Belege
Akk. > Dat.
Dat. > Akk.
% Dat. > Akk.
4 – 55 18 383 – 2 20
4 – 37 13 241 – 2 13
– – 18 5 142 – – 7