Rainer Friedel · Edmund A. Spindler (Hrsg.) Nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume
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Rainer Friedel · Edmund A. Spindler (Hrsg.) Nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume
VS RESEARCH
Rainer Friedel Edmund A. Spindler (Hrsg.)
Nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume Chancenverbesserung durch Innovation und Traditionspflege
Mit einem Grußwort von Sigmar Gabriel
VS RESEARCH
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und der Deutschen Bank.
1. Auflage 2009 Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2009 Lektorat: Christina M. Brian / Anita Wilke VS Verlag für Sozialwissenschaften ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media. www.vs-verlag.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in Germany ISBN 978-3-531-16542-4
Inhaltsverzeichnis
Grußwort des Bundesumweltministers Sigmar Gabriel ................................................................................................... 11 Einleitung Die Vitalität ländlicher Räume bedarf vieler Hände Rainer Friedel, Edmund A. Spindler .................................................................. 13 Die Neuseddiner Botschaft: Ländliche Räume haben Zukunft! .......................... 16
Kapitel I: Positionen der Parteien im Deutschen Bundestag .... 23 CDU-Programm für lebendige ländliche Räume Gabriele Hopp .................................................................................................... 25 Die Zukunft des ländlichen Raumes gestalten – der CSU-Ansatz Werner Bumeder ................................................................................................. 32 Von der Landwirtschafts- zur integrierten ländlichen Entwicklungspolitik – die Sicht der SPD Martin Wille........................................................................................................ 36 Ländliche Räume in Deutschland haben Zukunft – die Position der FDP-Bundestagsfraktion Christel Happach-Kasan .................................................................................... 45 Politik für das Land. Grüne Perspektiven für ländliche Räume Cornelia Behm, Winfried Schröder, Skadi Krause ............................................. 49 Gemeinsam mit dem katholischen Mädchen vom Lande. Linke Politik für ländliche Räume Jens-Eberhard Jahn............................................................................................ 65
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Inhaltsverzeichnis
Kapitel II: Politik und Forschung ........................................................ 73 Mit der LEADER-Methode zur nachhaltigen Regionalentwicklung Elisabeth Schroedter........................................................................................... 75 Ländliche Räume und Politik zu deren Entwicklung Peter Weingarten ................................................................................................ 93 Ansteigende Diversitäten ländlicher Räume? Schlussfolgerungen für die Regionalpolitik Siegfried Bauer ................................................................................................... 97 Regionaler Wohlstand als Ziel der ländlichen Entwicklung in Ostdeutschland Benjamin Nölting .............................................................................................. 113 Faktoren für den Erfolg einer nachhaltigen und integrierten ländlichen Regionalentwicklung Michael Böcher................................................................................................. 127 Landschaftsschutz durch Landnutzung Martin Fuchs .................................................................................................... 139 Nachhaltige Landwirtschaft in ländlichen Räumen Doris Pick ......................................................................................................... 150 RAPIDO – Ein Forschungsbeitrag zur innovativen ländlichen Entwicklung in der EU Sandra Naumann, Andreas Frangenberg......................................................... 168 Landwirtschaftliche Wirtschaftsgemeinschaften (Community Supported Agriculture, CSA) – ein Weg zur Revitalisierung des ländlichen Raumes? Katharina Kraiß, Thomas van Elsen ................................................................ 183 Leistungen Sozialer Landwirtschaft in Deutschland. Perspektiven im ländlichen Raum Marie Kalisch, Thomas van Elsen .................................................................... 195 Witzenhäuser Positionspapier zum Mehrwert Sozialer Landwirtschaft............ 209
Inhaltsverzeichnis
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Der Innovationsbeitrag einer „Agrarethik“ zur Zukunftsentwicklung ländlicher Räume Wolfgang Nethöfel, Uwe Meier......................................................................... 214 Neue regionsbezogene Studienabschlüsse an der Fachhochschule Eberswalde: Bachelor „Regionalmanagement“ und Master „Regionalentwicklung und Naturschutz“ Horst Luley ....................................................................................................... 234
Kapitel III: Erfahrungen in europäischen Regionen ................. 239 Die Politik von territorialen Selbstverwaltungseinheiten in Polen in Bezug auf die nachhaltige Entwicklung der ländlichen Räume – grundlegende Entwicklungsbarrieren, Förderungs- und Finanzierungsinstrumente Łukasz Bis, Jan Rafal Bis.................................................................................. 241 Dorferneuerung in Niederösterreich – ein Werkstattbericht Karl Trischler ................................................................................................... 253 Das Kooperationsvorhaben von GTZ und InWEnt: innovatives Regionalmanagement für strukturschwache ländliche Regionen in Osteuropa Thomas Wehinger, Uwe Krappitz, Jens Adler, Detlev Böttcher ....................... 266 Weiterbildung rumänischer Landwirte zur Nutzung der neuen Förderprogramme für eine umweltfreundliche Landbewirtschaftung Bruno Schuler, Ekkehard Schröder .................................................................. 280 Vernetzung der Akteure im ländlichen Raum – neue Strategien der Deutschen Vernetzungsstelle (DVS) Anke Wehmeyer ................................................................................................ 293
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Inhaltsverzeichnis
Kapitel IV: Projekte aus der Praxis .................................................. 297 Multifunktionelle Landwirtschaft als Motor der Regionalentwicklung Albrecht Broßmann........................................................................................... 299 Die Zukunft des Melkens auf dem Lande Jochen Döhring ................................................................................................ 308 Die LEB-Dienstleistungsagentur als Impulsgeber einer nachhaltigen Regionalentwicklung in der Diepholzer Moorniederung Cord Petermann................................................................................................ 312 Wirtschaftswachstum in regionalen Wertschöpfungsketten. Die Regionalmarke „VON HIER“ Gerd Lehmann .................................................................................................. 326 Die Erfolgsgeschichte „Spreewaldgurke“ – Historisches zur Gurke Dieter Irlbacher ................................................................................................ 334 UNESCO-Biosphärenreservate: Modellregionen für nachhaltige Wirtschaftsentwicklungen im ländlichen Raum – Beispiele aus dem Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin Eberhard Henne ............................................................................................... 345 Ländliche Baukultur im Prignitzer Elbetal Silke Last ......................................................................................................... 353 LANDaktiv – Initiative für Leben im ländlichen Raum Brandenburgs Cornelia Kühl ................................................................................................... 367 Entwicklungen von Landwirtschaft und Naturschutz im Landschaftsschutzgebiet „Moritzburger Kleinkuppenlandschaft“ (Sachsen, Landkreis Meißen) Klaus-Peter Arnold, Holger Oertel, Betina Umlauf ......................................... 375 Die Altmark – eine Kulturlandschaft im Spannungsfeld von Schrumpfung, Chancen und Visionen Dirk Michaelis .................................................................................................. 389
Inhaltsverzeichnis
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Gemeinweseninitiativen – Stützen nachhaltiger lokaler Entwicklung Marion Piek ...................................................................................................... 405 Wirtschaftsförderung in der Wesermarsch – ein ganzheitlicher Ansatz zur Regionalentwicklung Jörg Wilke......................................................................................................... 413 Trinationales Projekt „Oder-Neisse-Paradiese“ – Gartenkunst und Landschaftskultur beiderseits der Oder-Neisse-Linie Hartmut Solmsdorf............................................................................................ 429 Familienlandsitze im ländlichen Raum Frank Willy Ludwig .......................................................................................... 438 Gesucht: Unternehmer für die Region Brigitte Schramm, Hans-Werner Preuhsler...................................................... 448 Die Regionalwert AG – Bürgeraktiengesellschaft in der Region Freiburg Christian Hiß .................................................................................................... 460 Regionalmanagement – eine innovative Dienstleistung zur Entwicklung ländlicher Räume Rainer Friedel................................................................................................... 470 Autoren ............................................................................................................. 489
Grußwort des Bundesumweltministers
Mit dem Buch wird ein für ländliche Räume gerade zum jetzigen Zeitpunkt wichtiger Themenkomplex behandelt. Die neuen Förderrichtlinien der Bundesländer zur sog. ELER-Verordnung der EU, welche die Förderung der Entwicklung des ländlichen Raums betrifft, liegen jetzt vor. Es gilt zukunftsweisende Maßnahmen im Bereich der Schnittstelle zwischen Umweltschutz, Landwirtschaft, Innovation und Beschäftigung zu entwickeln. Dies hatten wir bereits in der Konferenz meines Ministeriums „Naturschutz, Landwirtschaft und ländliche Entwicklung – wohin steuern wir in der EU?“ im April 2007 angesprochen. Umso mehr freue ich mich, dass dieses Thema jetzt weiter konkretisiert und mit Beispielen angereichert wird. Die deutsche EU-Präsidentschaft stand im Umweltbereich unter dem Motto Umwelt, Innovation und Beschäftigung. Ich bin überzeugt, dass eine moderne Umweltpolitik und eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik keine Gegensätze darstellen, sondern ganz im Gegenteil zwei Seiten ein und derselben Medaille sind. In Zeiten der großen globalen Herausforderungen im Klimaschutz und beim Naturschutz ist ein erfolgreiches Wirtschaften ohne ambitionierten Klima- und Umweltschutz nicht möglich. Die Energie- und Rohstoffreserven unserer Erde werden knapper und damit teurer. Mit dem Klimawandel riskieren wir nicht nur irreversible ökologische Schäden, sondern auch enorme soziale und ökonomische Verwerfungen. Die Leitmärkte der Zukunft sind deshalb grüne Märkte – sie drehen sich um nachwachsende Rohstoffe, erneuerbare Energien, Energieeffizienztechnologien, um Umwelttechnologien in den Bereichen Wasser, Abfall und nachhaltige Mobilitätstechnologien. Und sie schaffen Arbeitsplätze: In Deutschland arbeiten heute schon 1,7 Millionen Menschen im Umweltbereich. Für die Landwirtschaft und die ländlichen Regionen ist eine intakte Umwelt die wichtigste Ressource. Ohne intakte Ökosysteme mit ihrer Vielfalt an Arten und Lebensräumen ist ein Leben in Würde und wirtschaftlichem Wohlstand nicht vorstellbar. Deshalb geht es darum, die natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft zu sichern – für unsere Kinder und deren Kinder, im Interesse der Arbeitsplätze der Zukunft und im Interesse von Frieden und Stabilität auf dieser Erde. Viele ländliche Räume Europas haben mit zunehmenden wirtschaftlichen und sozialen Problemen zu kämpfen. Immer mehr Menschen wandern aufgrund fehlender Arbeitsplätze und sinkender Lebensqualität in die Ballungsräume ab.
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Bundesumweltminister Sigmar Gabriel
Darunter sind überproportional viele Frauen, junge und besser qualifizierte Menschen. Für eine tragfähige Entwicklung müssen wir auf das spezifische Potenzial ländlicher Räume bauen. Das bedeutet in erster Linie, das Naturkapital ländlicher Räume wie natürliche Landschaften, saubere Luft und fruchtbare Böden zu bewahren und mittels dieser Ressourcen eine nachhaltige Wirtschaft aufzubauen. Potenziale bietet zum Beispiel der naturverträgliche Tourismus, aber auch die Produktion nachwachsender Rohstoffe und erneuerbarer Energien, die Direktvermarktung oder Verarbeitung land- und forstwirtschaftlicher Produkte, Dienstleistungen rund um den Naturschutz, in der Landschaftspflege und in der Gewässerunterhaltung. Ökologisch erzeugte Produkte erfreuen sich zunehmender Beliebtheit bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Die nun bereits seit einigen Monaten und Jahren anhaltende Nachfragesteigerung ist ungebrochen. Das schafft zusätzliche Arbeitsplätze und schont die Umwelt. Ich bin fest davon überzeugt: Der Umwelt- und Naturschutz hat das Potenzial, eine entscheidende Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung ländlicher Regionen zu bilden – wenn wir es richtig anstellen. Die multifunktionale Landwirtschaft ist ein wesentlicher Faktor für eine nachhaltige Entwicklung des ländlichen Raums. Sie unterstützt darüber hinaus auch das Erreichen der Ziele der Biodiversitätskonvention. Für die weitere Ausgestaltung der EU-Politik und des EU-Finanzmodells sollte man erfolgreiche Modelle und Beispiele einer multifunktionalen Landwirtschaft sammeln und gezielt auswerten.
Sigmar Gabriel, Mitglied des Deutschen Bundestages, Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU)
Einleitung Die Vitalität ländlicher Räume bedarf vieler Hände
Rainer Friedel, Edmund A. Spindler
Wir beobachten bei unserer Arbeit, dass ländliche Räume in Europa sich in einem beschleunigenden Differenzierungsprozess befinden. Einige entwickeln sich sehr erfolgreich. Sie werden zu rentablen Agrarstandorten und attraktiven Tourismusregionen. Sie bieten der mittelständischen Wirtschaft Ansiedlungsanreize und geben dem Ressourcenschutz eine große Aufmerksamkeit. Den Bewohnern wird eine Lebensperspektive in ihrer Heimat gegeben, wo die gewohnten Bräuche gepflegt werden und wo öffentliches Gemeinschaftsleben stattfindet. Andere ländliche Räume entleeren sich in einem unvorstellbaren Tempo. Sie haben für ihre Einwohner, insbesondere für die mobile Jugend, keine Anziehungskraft mehr. Die Arbeitslosigkeit ist besorgniserregend hoch; neue Arbeitsplätze sind ein halbes Berufsleben lang nicht mehr entstanden. Schulen müssen zusammengelegt und bald danach geschlossen werden. Statt Landschaft und Natur zu schützen und zu pflegen, werden diese ausgebeutet. Häufig sind hier zu wenige Menschen, die sich für die Zukunft interessieren. Die Einwohner in diesen Regionen scheinen sich geradezu gegenseitig anzustecken mit Mutlosigkeit und Resignation. Dieser Differenzierungsprozess zwischen erfolgreichen Räumen und desolaten Gebieten verläuft in Europa vor dem Hintergrund ähnlicher rechtlicher Rahmenbedingungen. Die Ausstattung der Akteure und Einwohner mit Informationen über globale und regionale Umwälzungsprozesse sind vergleichbar. Die Bedingungen für die staatliche Förderung von Infrastruktur, regionaler Wirtschaft und Arbeitsmarkt sind in den sich unterschiedlich entwickelnden Regionen fast identisch. Eher sind die abfallenden Regionen besser ausgestattet. Die voranstehende Diagnose hat die Herausgeber veranlasst, die Internationale Tagung „Aktionen zur nachhaltigen Entwicklung in ländlichen Räumen – Chancenverbesserung durch Innovationen und durch Traditionspflege“ zu initiieren und mit weiteren Veranstaltern durchzuführen1. Als Ergebnis der Tagung entstand die „Neuseddiner Botschaft“ (siehe nachfolgende Seiten). Gleichzeitig ________________ 1 Die Tagung fand am 27. und 28. November 2007 in Neuseddin (bei Potsdam) statt. Finanziell gefördert wurde sie durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und mit Sponsoring der Deutschen Bank
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Rainer Friedel, Edmund A. Spindler
war klar, dass die gehaltenen Beiträge zu wertvoll waren, um nur vorgetragen zu werden. Daraus entstand das Konzept für das vorliegende Buch. Es ist jedoch kein Tagungsband, sondern ein Sammelband mit aktuellen Schwerpunkten. Die Herausgeber haben hier sowohl überarbeitete Beiträge der Tagung versammelt, als auch danach gewonnene Autoren aufgenommen. Das vorliegende Buch soll einen Beitrag leisten, noch besser zu verstehen, warum die auseinanderlaufenden Prozesse sich so vor unseren Augen vollziehen. Es ist so angelegt, dass der Leser neue Aspekte zu diesen Entwicklungsprozessen kennen lernen kann. Manchmal wird zu häufig und zu vordergründig über unlösbare Kostenprobleme gesprochen. Innovative Ideen für Neues werden zu wenig bemüht. Henry Ford sagte: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.“ In diesem Sinne stellen wir mit diesem Buch auch Fragen, die beitragen zu erkennen, ob die richtigen Ziele gesteckt sind, um ländliche Räume in Deutschland und anderen Staaten der EU so zu gestalten, dass sie Magnete sind für ein kulturvolles und erfülltes Leben. Diesem Gedanken weiterhin folgend wurden auch einige Beiträge aufgenommen, die ganz neue Sichtweisen enthalten, die sich bisher noch nicht durchgesetzt haben. Die Herausgeber möchten mit diesem Buch dazu beitragen, eine offene Diskussion in der Gesellschaft um die Zukunft ländlicher Räume zu führen. Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte: Im ersten Kapitel versammeln sich Statements aus allen im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien. Diese Zusammenstellung ist in ihrer Form bislang einzigartig und stellt an sich bereits einen hohen Wert des Buches dar. Beim Blättern durch diese Seiten wird der Leser Bekanntes zur Bedeutung des ländlichen Raums finden, das sich aus den Grundsätzen der jeweiligen Partei ableitet. Lesenswert und ganz besonders spannend sind die unterschiedlichen Aussagen zu den Kategorien im ländlichen Raum, zum Menschen, zur Wirtschaft sowie zu Kultur, Natur und Umwelt. Das Kapitel „Politik und Forschung“ enthält 13 Beiträge namhafter Personen aus Politik und Wissenschaft. In seiner Gesamtheit erklärt sich aus diesen Beiträgen, warum die Politik für die ländlichen Räume noch immer einen hohen Reformbedarf hat und in welche Richtungen die Veränderungen gehen müssen. In einer Reihe von Beiträgen wird auf die aktuell in Anwendung befindlichen Programme und Instrumente zur Entwicklung ländlicher Räume (ELER, LEADER) eingegangen. Damit werden auch Potenziale aufgezeigt, die noch längst nicht überall zum Alltag der Akteure vor Ort gehören. Einer intensiven Diskussion werden solche zentralen Begriffe wie „Wohlstand“, „Nachhaltigkeit“, „räumliche Differenzierung“, „Klimaschutz“ usw. unterzogen, um daraus abzuleiten, worin die Konturen der ländlichen Entwicklungspolitik auf allen Handlungsebenen von der EU bis zur Gemeinde bestehen könnten.
Einleitung
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Erfahrungen aus Europäischen Regionen werden im 3. Kapitel präsentiert. Die Erfahrungen werden authentisch beschrieben von Autoren, die über ihre Heimatländer berichten. Erfreulich ist zu erkennen, dass heute aus allen Ländern über ähnliche Sichtweisen, Probleme und Lösungsansätze berichtet wird. Die letzten 20 Jahre waren eine erfreuliche Zeit des Zusammenwachsens in Europa, auch in Bezug auf das Thema dieses Buches. Dies wird ergänzt durch zwei Beiträge, die beschreiben, wie im Rahmen der Zusammenarbeit von Partnern aus mehreren Ländern gegenseitig Erfahrungen aufgenommen und gegenseitig vermittelt werden, so dass für alle Beteiligten Gewinnersituationen entstehen. Mit 17 Beiträgen sind die Berichte über Projekte aus der Praxis in Deutschland das umfangreichste Kapitel des Buches. Referiert wird aus der Sicht von Landwirtschaftsbetrieben, Verbänden, Behörden und Dienstleistern in verschiedenen ländlichen Räumen. Referiert wird ausschließlich über positive Erfahrungen. Damit soll an praktischen Beispielen aufgezeigt werden, wie man es richtig machen kann. Die eingangs angeprangerte Differenzierung wird damit nicht übersehen; sie wird nur nicht explizit dargestellt. Mit der Hervorhebung des Gelungenen wollen wir mit dem Buch Mut machen und Wissen vermitteln: den Akteuren vor Ort und denen, die die Rahmenbedingungen setzen, von denen sich erfreulicherweise namhafte Vertreter auch unter den Autoren finden. Als Zielgruppe sehen die Herausgeber alle Interessenten, die sich für die Entwicklung ländlicher Räume interessieren. Sie können hier Informationen entnehmen und Anregungen für eigenes Engagement aufgreifen. Die Darstellungsstile unterscheiden sich nach der beruflichen Situation, aus der heraus der Autor bzw. die Autoren seinen/ihren Beitrag verfasste/n. Es wurde versucht, die Beiträge der Autoren weitestgehend in ihrer Ursprünglichkeit zu belassen. Die Verschiedenheit der Ansprüche von Lesern an dieses Buch wird so durch die Vielfalt der Autoren wohl optimal befriedigt. Die Herausgeber bedanken sich bei den Autoren und wünschen den Lesern Spaß und Erkenntnisgewinn beim Lesen sowie Mut zu erfolgreichem Handeln in ländlichen Räumen. Nicht nur viele Taten, sondern die Taten Vieler können die ländlichen Räume durch Veränderung bewahren.
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Neuseddiner Botschaft
Die Internationale Tagung „Aktionen zur nachhaltigen Entwicklung in ländlichen Räumen – Chancenverbesserung durch Innovation und durch Traditionspflege“ wurde am 27. und 28. November 2007 in Neuseddin durch ein Konsortium aus folgenden Partnern durchgeführt: Agro-Öko-Consult Berlin GmbH Verband für nachhaltiges Umweltmanagement Zachodniopomorska Szkola Biznesu, Stettin Heimvolkshochschule am Seddiner See
Die Veranstalter wurden vertreten durch (v.l.n.r.): • Edmund A. Spindler, Verband für nachhaltiges Umweltmanagement (VNU e.V.) • Prof. Dr. Rafal Bis, Zachodniopomorska Szkola Biznesu, Szczecin • Dr. Klaus Benthin, Heimvolkshochschule am Seddiner See, Neuseddin • Dr. habil. Rainer Friedel, Agro-Öko-Consult Berlin GmbH
Neuseddiner Botschaft: Ein Aufruf zum Handeln Ländliche Räume haben Zukunft!1 In Europa befinden sich ländliche Räume in einem beschleunigenden Differenzierungsprozess. Einige entwickeln sich erfolgreich, andere entleeren sich in unvorstellbarem Tempo. Diese Ungleichheiten aufzufangen, eine Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse herzustellen und ihre Rolle beim Ressourcenschutz und der Begrenzung des Klimawandels zu sichern, ist Aufgabe der Politik und des bürgerschaftlichen Engagements der Betroffenen. Hierzu bieten wir Hilfestellungen an. 1.
Ländliche Räume brauchen Innovationen
Ländliche Räume sind die älteste Form der Landnutzung durch den Menschen. Stets wurde dabei die Landschaft verändert; mit positiven und negativen Auswirkungen auf die Umwelt. Bekanntlich ist die Menschheit zu weit vorwärts gegangen, um sich zurückzuwenden und bewegt sich zu rasch, um anzuhalten. Deshalb sind Innovationen erforderlich, um die angewachsene Besiedelungsdichte und die entstandene Intensität der Landnutzung nicht zu irreversiblen Schäden führen zu lassen. Innovationsfelder, die gegenwärtig eine besondere Aufmerksamkeit durch Forschung, Politik und Praxis erfordern, sind: • Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Land- und Forstwirtschaft sowie Förderung der Potenziale der Land-, Forst- und Wasserwirtschaft zur Begrenzung des Klimawandels. • Anpassung der öffentlichen und privaten Strukturen und Leistungen für die Daseinsvorsorge an die Folgen des demografischen Wandels. Das verlangt soziale Innovation in zwei Richtungen: – in den Leistungen, die ein „Altwerden“ in den ländlichen Räumen ermöglichen und Hilfe zur eigenständigen Lebensführung geben sowie – in den Leistungen, die im weitesten Sinne die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sichern. ________________ 1 Die Neuseddiner Botschaft ist ein Ergebnis der Internationalen Tagung „Aktionen zur nachhaltigen Entwicklung in ländlichen Räumen – Chancenverbesserung durch Innovation und durch Traditionspflege“.
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Damit kann das Miteinander der Generationen, das traditionell die ländlichen Räume auszeichnet, auf eine tragfähige Grundlage gestellt werden. • Erhöhung der Branchenvielfalt der Wirtschaft in ländlichen Räumen. Hierzu gehört die Steigerung der Wertschöpfung der traditionellen Branchen wie Verarbeitung und Vermarktung landwirtschaftlicher Rohwaren, Tourismus usw. Eine größere Unterstützung sollte die Entwicklung von neuen Dienstleistungen erhalten. Der Nutzung technischer Kommunikations-Netze kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Neue Dienstleistungen sind gerichtet auf die ländliche Wirtschaft (einschl. dezentrale Energieerzeugung und -verwendung), auf die Bevölkerung (demografischer Wandel) sowie auf • den Know-how-Transfer im Zusammenhang mit Maßnahmen zur Energieund Ressourceneffizienz. Zu allen Innovationsfeldern sind für deren Nachhaltigkeit in den Regionen Forschung und Beratungsdienste zu verstärken sowie Umsetzungsstrukturen zu schaffen, die entsprechend der LEADER-Philosophie Innovationen in Eigenverantwortung „von unten“ ermöglichen. 2.
Ländliche Räume brauchen Attraktivität und Identität
Die Einwohner ländlicher Räume haben einen grundgesetzlich verbürgten Anspruch auf „gleichwertige Lebensbedingungen“. Dabei sind im Sinne des Europas der Regionen vielfältige, vitale ländliche Räume herauszubilden. Die Dörfer sollen als Magnete für ein kulturvolles und erfülltes Leben entwickelt werden, obwohl oder vielleicht sogar weil sie sich grundsätzlich unterscheiden von den Städten. Diese Eigenarten des sozialen Lebens zu erhalten ist ein hohes Gut. Ländliche Räume zu attraktiven Lebensräumen für alle Alters- und Bevölkerungsgruppen auszugestalten, setzt die Einbeziehung der dort lebenden Menschen und ihrer Vorstellungen und Erwartungen, aber auch ihrer Ideen und ihr Engagement voraus. In einem integrierten Zusammenwirken von Landwirtschaft, Wirtschaft, Kommunen und Gemeinden, Vereinen und Verbänden und den Bürger/innen sind neue Formen der Arbeit für das Gemeinwohl zu entwickeln und auszugestalten. Darin liegt gleichzeitig die Chance für die Schaffung von Arbeitplätzen. Insbesondere sind Haltefaktoren für eine Lebens- und Bleibeperspektive für Jugendliche, speziell für junge Frauen, zu schaffen, um Abwanderung zu bremsen und Rückwanderung zu begünstigen. Nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume erfordert auch das gemeinsame Wirken der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft, der umwelt- und naturschutzorientierten Verbände/Vereine sowie der interessierten Bürger, um die biologi-
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Hochkarätige Redner informieren das Publikum
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sche Vielfalt als Teil einer schönen Wohnumwelt zu bewahren und die Lebensgrundlage der Einwohner dauerhaft zu sichern. Naturräumliche Gegebenheiten und regionale Besonderheiten prägen die Identität der ländlichen Räume. Diese zu kultivieren und zu einem Markenzeichen zu machen ist eine zentrale und aktuelle planerische Aufgabe. 3.
Ländliche Räume brauchen die Landwirtschaft und deren Zukunftspotenziale
Nachhaltige, flächendeckende und vielseitige Landnutzung ist als gesamtgesellschaftliches Basisziel zu erhalten und zu fördern. Hierbei sind alle relevanten Akteure, insbesondere auch die Nutzer und die Eigentümer wirkungsvoll einzubeziehen. Die Land- und Forstwirtschaft als die größten Flächennutzer und die Branchen mit den bestimmenden Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten in den ländlichen Räumen sollen hierbei eine besondere Unterstützung und Anerkennung für ihre Leistungen durch die Gesellschaft erhalten. Insbesondere ist deren Innovationsfähigkeit im Zusammenhang mit dem Klimawandel zu stärken, indem begünstigt werden: • besonders Ressourcen schonende, nachhaltige landwirtschaftliche Produktionsverfahren (Präzisionslandwirtschaft, Öko-Landwirtschaft) • besonders klimarelevante landwirtschaftliche Produktionsverfahren, darunter solche, − die klimaschädigende Wirkungen begrenzen (z.B. energiesparende Verfahren (CO2-Minderung), Verfahren mit geringen Emissionen weiterer klimaschädigender, insbes. N2O, NH4) sowie − klimaschützende Wirkungen ermöglichen (z.B. CO2-Bindung durch Pflanzenanbau (Biomasse als heimischer Energielieferant), Wasserhaltung in der Landschaft, Kreislaufwirtschaft (Boden – Pflanze – Tier – Boden), Humusaufbau (C-Sequestration im Boden), vielfältige Fruchtfolgen etc.). 4.
Ländliche Räume brauchen eine rahmenverbessernde Politik
In den letzten Jahren hat die EU-Agrarpolitik die Entwicklung ländlicher Räume maßgeblich beeinflusst. Ein Regelwerk bestimmt die Entwicklungsziele, die Umsetzungsinstrumente und Benennung der Akteure. Als Stichworte für die maßgeblichen Dokumente auf EU-Ebene seien benannt:
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Die ELER-Verordnung des Rates vom 20. September 2005 mit Ihren nachfolgenden Änderungen und Durchführungsbestimmungen sowie die strategische Leitlinien der Gemeinschaft für die Entwicklung ländlicher Räume. In Deutschland ist dies auf Bundesebene untersetzt durch den Nationalen Strategieplan der Bundesrepublik Deutschland für die Entwicklung ländlicher Räume 2007- 2013. Auf regionaler Ebene sind dies Länderprogramme sowie die Programme der örtlichen initiativen. Allein diese Basisdokumente sind hunderte Seiten Papier, die erstellt und verstanden werden müssen. Der Erhalt der Eigentümlichkeiten, der Traditionen und Bräuche sowie des Naturraumes und Landschaftsbildes ländlicher Räume darf nicht als abgegrenzte Ressortaufgabe einzelner Politikbereiche oder einzelner Gruppen sein, die gesamte Gesellschaft ist einzubeziehen. Die Politik aller Ressorts und deren Fachpolitiken sowie das spezielle Engagement von besonders interessierten Kreisen, sollte zuerst darauf gerichtet sein, durch Information und Aufklärung alle Akteure, die Einfluss auf die Nutzung ländlicher Räume ausüben oder ausüben können, für die Erreichung und Umsetzung des gesamtgesellschaftlichen Konsens zu gewinnen. Uns scheint deshalb wichtig, nicht aufzuhören, Wege zu suchen und zu beschreiten, die die regionale Verantwortung nicht nur formal, sondern ganz praktisch vor Ort stärken. Regionale Entwicklungskonzepte sollten durch neue Formen lokaler und regionaler Leistungen und bürgerschaftliches Engagement in den Kommunen und Unternehmen in ihrer Wirkung erhöht werden, um die lokale Zivilgesellschaft für soziale, ökologische oder kulturelle Belange zu beteiligen (Instrumente: Regional-Audit, verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln (CSR) in der Region). Um dauerhaft mehr Lebensqualität zu schaffen, muss die Politik den ländlichen Räumen eine höhere Wertschätzung entgegenbringen und eine ganzheitliche Regionalverantwortung aufbauen Für die ländlichen Räume ist ein ausbalanciertes und zeitgemäßes Verhältnis zwischen „klassischer“ administrativer Ordnungspolitik und marktwirtschaftlicher Wettbewerbspolitik nötig, um regionale Nachhaltigkeit zu realisieren. Mit Mut, Engagement und Zuversicht ist dies gemeinsam möglich und eine zukunftsorientierte Entwicklung ländlicher Räume machbar.
Kapitel I Positionen der Parteien im Deutschen Bundestag
Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung. Antoine de Saint-Exupéry
CDU-Programm für lebendige ländliche Räume Gabriele Hopp
Die CDU setzt auf das Land. Im neuen Grundsatzprogramm, das im Dezember 2007 beschlossen wurde, bekennt sich die CDU klar zum ländlichen Raum und formuliert ihre Ziele. „Wir wollen lebendige und lebenswerte ländliche Räume. Sie sind Orte für Wirtschaft, Kultur, Natur und Erholung. Sie brauchen Entwicklungsperspektiven, die den dort lebenden Menschen gute Lebens-, Bildungs- und Arbeitsbedingungen ermöglichen. Unser Augenmerk gilt insbesondere den strukturschwachen ländlichen Regionen. Sie benötigen auch weiterhin eine aktive Förderung bei der Entwicklung der sozialen und technischen Infrastruktur sowie Unterstützung bei der Stärkung ihrer Wirtschaftskraft.“
Im Vorfeld haben zahlreiche Diskussionen und Anträge in den Kreis- und Landesverbänden gezeigt, welch hohe Bedeutung die Mitglieder der CDU dem ländlichen Raum und der Regionalentwicklung beimessen. Bedeutung der ländlichen Räume Die ländlichen Räume sind für unser Land immens wichtig. Sie umfassen nahezu 80 Prozent der Fläche Deutschlands und prägen damit das Gesicht unseres Landes. Die Mehrheit der Deutschen wohnt und arbeitet im ländlichen Raum und auch die überwiegende Mehrheit der Wirtschaftsbetriebe befindet sich in Gemeinden oder kleinen und mittleren Städten. Ländliche Räume sind nicht nur allein bedeutend als Erholungsraum, Reservoir natürlicher Ressourcen und zur Sicherung unserer Ernährungsgrundlage. Ihre Wirtschaftskraft und Wachstumspotentiale werden für die gesamtwirtschaftliche Kraft unseres Landes unbedingt gebraucht. In Zeiten von Globalisierung und Entgrenzung sind sie auch Anker. Heimat ist ohne das Land nicht denkbar. Der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Christian Wulff, sagt zurecht, dass die ländlichen Räume heute Vorbildfunktion für unsere Gesellschaft ausüben. Die brennendsten Probleme der Ballungsgebiete und Städte, wie soziale Verwerfungen, Integrationsschwierigkeiten oder Altersarmut werden in ländlichen Regionen besser gelöst. Soziale und familiäre Bindungen sind in der Regel stabiler, Gemeinsinn und die Bereitschaft zu ehrenamtlichem Einsatz größer.
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Gabriele Hopp
Situation der ländlichen Räume in Deutschland Den ländlichen Räumen in Deutschland geht es vom Lebensstandard der Menschen her gesehen insgesamt gut. Deutschland ist mit dem im Grundgesetz verankerten Ziel der Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen richtig gefahren. Das Leben in Stadt und Land hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten sehr weit angenähert. Die Dörfer und ländlichen Regionen sind Teil der modernen Gesellschaft. Sie sind in überregionale und globale Entwicklungen eingebunden. Allerdings sind die ländlichen Räume höchst unterschiedlich. So wie es nicht „die Stadt“ gibt, so gibt es nicht „den ländlichen Raum“. Auf der einen Seite finden sich ländliche Regionen, die mit zu den wachstumsstärksten Deutschlands gehören und eine hohe positive Entwicklungsdynamik erkennen lassen. Viele ländliche Gebiete im Westen Deutschlands hatten in den letzten 20 bis 30 Jahren beträchtliche Wanderungsgewinne. Auf der anderen Seite gibt es Regionen mit großen wirtschaftlichen und sozialen Problemen, die drohen den Anschluss zu verlieren und auf Dauer in eine prekäre Situation zu geraten. Dies trifft leider noch auf viele ostdeutsche Regionen zu. Unterschiede gibt es aber auch von Ort zu Ort. Stärkere und schwächere Gemeinden, wachsende und schrumpfende liegen oft nah beieinander. Das zeigt: Es gibt immer Potentiale. Entscheidend ist, ob sie genutzt werden oder nicht. Viele Entwicklungen in unserer Gesellschaft machen das Leben im ländlichen Raum nicht nur einfacher. Konzentrations – und Rationalisierungsprozesse in der Wirtschaft, Globalisierung, Privatisierung und Liberalisierung der Versorgungsmärkte (Energie, Post, Telekom, Gas, soziale Sicherungssysteme) stellen große Herausforderungen. Der demographische Wandel zum Beispiel trifft ländliche Gebiete heftiger. Während Städte auch bei abnehmender Einwohnerzahl noch eine adäquate Infrastruktur vorhalten können, ist dies in der Fläche ungleich schwieriger und kostenträchtiger. Wir sind aber fest überzeugt, dass die ländlichen Regionen in Deutschland mit ihren spezifischen Chancen, Stärken und Qualitäten die Herausforderungen annehmen können. Wir wollen, dass die Menschen in allen Regionen Deutschlands leben und arbeiten können. Erfolgreiche Politik für ländliche Räume Umfassende ländliche Entwicklung nimmt wirtschaftliches Wachstum, Lebensqualität und intakte Umwelt in den Blick. Entscheidend aber sind die Wirtschaftsentwicklung und die Arbeitsmöglichkeiten insbesondere für junge Menschen.
CDU
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Die CDU orientiert ihre Politik für ländliche Räume an folgenden Prinzipien: −
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differenziert, passgenau und bedarfsgerecht Angesichts der tiefgreifenden Unterschiede zwischen den ländlichen Regionen bedarf es maßgeschneiderter Lösungen. Jede Region braucht eine klare Profilierung. So können am besten Investoren und Einwohner gewonnen werden. Dabei liegt unser Fokus ganz klar auf den strukturschwachen Regionen. Entleerungsszenarien oder eine reine Anbindungsstrategie an die Ballungsräume sind für uns keine Option. Passivsanierung ist keine Lösung, sondern würde alleine die Probleme für unser gesamtes Land verschärfen. Eigeninitiative Die Entwicklungsimpulse müssen aus der jeweiligen Region kommen. Mit unserer Politik wollen wir die Menschen und Entscheidungsträger vor Ort ermutigen und unterstützen. Jeder weiß: Ein engagierter Bürgermeister, aktive Vereine und Unternehmen können mehr bewirken als alle Förderprogramme. integriert und übergreifend Die Entwicklung des ländlichen Raums ist eine Querschnittsaufgabe. Ein stimmiges Konzept muss Wirtschaft, Landwirtschaft, Dorfentwicklung, medizinische Versorgung und Bildungseinrichtungen bis hin zum bürgerschaftlichen Engagement umfassen. Dazu bedarf es eines sektor- und ressortübergreifenden Ansatzes und einer Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Gemeinden. Die Gründung der Kabinettsarbeitsgruppe „Ländlicher Raum“ der Bundesregierung ist ein großer Schritt vorwärts. wissenschaftliche Basis Erfolgreiche Politik braucht eine wissenschaftliche Basis. Deshalb sollten die Raumwissenschaften an den Hochschulen, in Forschungseinrichtungen und in der Ressortforschung entsprechend ihrer Bedeutung gestärkt und vernetzt werden.
Wichtige Handlungsfelder unserer Politik für den ländlichen Raum sind: 1
Technische Infrastruktur: Verkehrs- und Datenflüsse sicherstellen
Eine leistungsfähige Infrastruktur ist die Grundvoraussetzung für einen ökonomisch attraktiven Wirtschaftsraum. Die Breitbandversorgung spielt heute die entscheidende Rolle. Nahezu alle Ansiedlungsentscheidungen, ob Hausbau oder Unternehmensansiedlung, hängen vom Vorhandensein von Breitbandanschlüssen ab. Der schnelle Zugang zum Internet ist Voraussetzung für gesellschaftliche Partizipation. Gerade im ländlichen
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Gabriele Hopp
Raum ist es besonders wichtig, dass man „sich die Welt ins Haus holt“. Die CDU setzt sich deshalb dafür ein, dass die bestehenden Lücken im Breitbandanschluss schnellstmöglich, das heißt in den nächsten zwei bis drei Jahren, geschlossen werden. Wir begrüßen, dass dafür in der Gemeinschaftsaufgabe „Agrarstruktur und Küstenschutz“ zusätzliches Geld zur Verfügung steht. Ein ebenso wichtiges Anliegen sind gute Straßen. Hier geht es besonders um den Lückenschluss im Autobahnnetz. Realisiert werden kann dieser durch eine zügige Umsetzung des Bundesverkehrswegeplans und die konsequente Nutzung des Planungsbeschleunigungsgesetzes. Für die CDU ist eine Grundbedingung für Privatisierung und Börsengang der Bahn die Sicherstellung einer ausreichenden Schieneninfrastruktur im ländlichen Raum. Auch in Zukunft muss auf dem Land noch in Bahnhöfe, Gleise und Züge investiert werden. Der öffentliche Personennahverkehr hat die Aufgabe, die Gemeinden mit den Zentralorten und Mittelstädten zu vernetzen. Vor allen Dingen Schultransport und Berufsverkehr müssen stattfinden. Darüber hinaus können flexible, individuelle Modelle eher den regionalen Bedürfnissen entsprechen. Mobilitätscards, Bürgerbusse, Ruftaxen und Logistikzentren sind häufig bessere Lösungen als Beförderungskonzepte für Ballungsgebiete zu kopieren bzw. zu verdünnen. 2
Soziale Infrastruktur: Lebensqualität zur Geltung bringen
Wir streben im ländlichen Raum eine möglichst hohe Lebensqualität an. Dies setzt eine gute soziale Infrastruktur voraus. Die Menschen im ländlichen Raum haben ein Anrecht auf medizinische Versorgung, Kinder- und Seniorenbetreuung, Freizeitangebote für Jugendliche, Post- und Bankdienstleistungen, Einkaufsmöglichkeiten und nicht zuletzt auf die „Kirche im Dorf“. Patentrezepte gibt es nicht. Entscheidend ist es, innovative und kreative Lösungen zuzulassen, Flexibilität zu zeigen und die Potentiale des auf dem Land vorhandenen Ehrenamtes und der Nachbarschaftlichkeit zu nutzen. Die Österreichische Volkspartei, eine Schwesterpartei der CDU, hat in ihren Perspektiven 2010 einen interessanten Ansatz gewählt: „Als Maßstab gilt, dass alle wichtigen alltäglichen Lebenserfordernisse in einem Zeitradius von 45 Minuten machbar sein sollten“. Es ist der Überlegung wert, solche Zielvorgaben auch für die Regionalentwicklung in Deutschland zu formulieren. Das Leben auf dem Land hat gerade für Familien viele Vorteile. Sie können sich oft nur hier ihren Traum vom eigenen Haus verwirklichen. Natur vor der Haustür ist für Kinder ein unschätzbares Stück Lebensqualität. Hierin liegen
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Chancen. Viel mehr Gemeinden sollten sie nutzen, die Familieninfrastruktur ausbauen und sich dem Ziel „Familienfreundliches Dorf“ verschreiben. 3
Bildung: in Zukunft investieren
Gleichwertige Bildungschancen sind der Schlüssel für die Zukunft des ländlichen Raums. An einer wohnortnahen und qualitativ hochwertigen Schulversorgung darf es keine Abstriche geben. Dies schließt weiterführende Schulen und Berufsschulen unbedingt mit ein. Dort, wo Schul- und Berufswege weit sind, muss auch verstärkt in Ganztagsschulen investiert werden. Im ländlichen Raum spielen bei Schullaufbahnentscheidungen neben der Begabung nach wie vor der Mobilitätsaufwand und das Eingebundensein in eine dörfliche und schulische Gemeinschaft eine Rolle. Deshalb heißt ein wichtiger Grundsatz der CDU: „Kein Abschluss ohne Anschluss“. Seine konsequente Umsetzung ist die Verwirklichung von Chancenteilhabe für viele Jugendliche auf dem Land. Chancen für den ländlichen Raum bietet auch die in den nächsten Jahren zu erwartende weitere Ausdifferenzierung des Hochschulsystems. Der Bedarf an theoretischer Ausbildung nimmt zu. Mit der Ansiedlung und dem Ausbau von Fach- und Fachhochschulen kann der ländliche Raum insbesondere dort, wo es korrespondierende Wirtschaftskerne gibt, gestärkt werden. 4
Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft: die Basis der ländlichen Wirtschaftskraft stärken
Land- und Forstwirtschaft sind und bleiben prägend im ländlichen Raum. Ihr Erfolg ist die Voraussetzung für den Erfolg vor- und nachgelagerter Betriebe, für die Bauwirtschaft, für Handwerk, Mittelstand und Ernährungswirtschaft. Die Ernährungswirtschaft ist eine Zukunfts- und Wachstumsbranche. Sie setzt mit rund 550 Mrd. Euro doppelt so viel im Jahr um wie die deutsche Automobilindustrie. Ihre Betriebe liegen ganz überwiegend in ländlichen Regionen und schaffen dort zahlreiche Arbeitsplätze. Sie ist voll in die Globalisierung eingebettet mit zweistelligen Wachstumsraten im Export. Auch die Erzeugung regionaler Produkte und lokaler Spezialitäten erfreut sich eines wachsenden Marktes. In zunehmendem Maße sind Land- und Forstwirtschaft Energieproduzenten. Wir wollen, dass die Wertschöpfung der im ländlichen Raum erzeugten regenerativen Energien vor Ort bleibt. Dies setzt eine entsprechende Anreizregelung im EEG voraus und die Erschließung des Wärmemarktes. Die Förderung von Nah-
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wärmenetzen kann nur positiv wirken, wenn die Gebietskörperschaften regionale Energiekonzepte entwickeln, die die Landwirtschaft mit einbeziehen. Land- und Forstwirte gestalten und pflegen auch unsere Kulturlandschaft und erhalten ihre ökologischen Funktionen. Die CDU steht zu dem Grundsatz, dass ihre im Umwelt- und Naturschutz erbrachten Leistungen honoriert werden. Naturschutz mit der Landwirtschaft ist gefragt. Er soll vorrangig über vertragliche Vereinbarungen gestaltet werden. Angesichts ihrer unverzichtbaren Rolle für den ländlichen Raum wird die CDU eine nachhaltige Land- und Forstwirtschaft weiter stärken und ihre Wettbewerbsfähigkeit unterstützen. In besonderer Weise gilt es, die Grünlandregionen auf das Auslaufen der Milchquotenregelung 2015 vorzubereiten. Hier ist Landnutzung und Landschaftspflege nur über die Rindviehhaltung möglich. An der Milchproduktion hängen zudem Verarbeitung, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in den meist strukturschwachen Regionen. 5
Förderprogramme für den ländlichen Raum: zukunftsorientiert gestalten
Knappe Finanzressourcen erfordern eine konzentrierte und effiziente Förderung. Grundsätzlich gilt es dabei, die Subsidiarität zu beachten und die Regionen zu aktivieren. Auf europäischer Ebene ist mit der ELER-Verordnung, der zweiten Säule der Agrarpolitik und den Strukturfonds bereits ein bedeutender Schritt in Richtung integrierte Politik für ländliche Räume getan worden. In Deutschland wurde die Politik über die Gemeinschaftsaufgaben „Agrarstruktur und Küstenschutz“ sowie „Regionale Wirtschaftsförderung“ umgesetzt. Zudem stehen seitens der Länder ergänzende Programme der Wirtschafts- und Infrastrukturförderung für den ländlichen Raum bereit. Wichtig sind auch die LEADER-Programme, mit denen innovative und partnerschaftliche Ansätze gefördert werden. Der CDU kommt es darauf an, dass die vielfältigen Programme vor Ort mit sinnvollen Projekten umgesetzt und regelmäßig auf ihre Effizienz überprüft werden. Inhaltliche Schwerpunkte sehen wir ganz klar in der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der Regionen, in der Stärkung des nachhaltigen Wachstums, in Innovationen und der Ausrichtung auf zukunftsträchtige Arbeitsplätze. Zukunftsrichtige Förderprogramme berücksichtigen immer die Bedürfnisse der Jugend und der Frauen im ländlichen Raum. Wir erwarten von Bund und Ländern, dass sie frühzeitig auf EU-Ebene die deutschen Interessen bei der Fortentwicklung der Regionalförderung platzieren. National begrüßen wir die Diskussion um die Weiterentwicklung der Gemein-
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schaftsaufgabe „Agrarstruktur und Küstenschutz“ hin zu einer Gemeinschaftsaufgabe für den ländlichen Raum. Ein stärker integrierter Ansatz der Politik ist richtig, darf aber nicht zu einer Schwächung der Landwirtschaft führen. Sie darf ihre investiven Mittel nicht verlieren. Im Gegenteil, es muss alles getan werden, dass sie bis zur nächsten EU-Agrarreform im Jahr 2013 ihre Wettbewerbsfähigkeit deutlich steigert. 6
Kommunen: Handlungsfähigkeit sichern
Die Kommunen sind die wichtigsten Akteure vor Ort. Die CDU will den Kommunen mehr Eigenverantwortung ermöglichen. Dafür brauchen sie finanzielle Mittel und Kompetenz. Die kommunalen Steuern sind deshalb so fortzuentwickeln, dass die Leistungsfähigkeit der Kommunen für ihre Bürger sichergestellt ist. Zur finanziellen Stärkung der Kommunen im ländlichen Raum schlägt das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz die Erweiterung des kommunalen Finanzausgleichs um eine flächenbezogene Komponente vor. Diesen Vorschlag werden wir vorurteilsfrei und ernsthaft prüfen. Die ländlichen Städte und Gemeinden brauchen allerdings nicht nur verlässliche Einnahmen, sondern auch Entlastung auf der Ausgabenseite. Die Durchforstung der Pflichtaufgaben und die Nutzung von Einsparpotenzialen sind wichtige Handlungsfelder. Ansatzpunke für eine zukunftsträchtige Kommunalgestaltung liegen in der Zusammenarbeit mit den Bürgern und der Wirtschaft vor Ort. Privatisierung kommunaler Aufgaben, ev. ihre Übertragung an Initiativen zur Selbsthilfe, Einbeziehung von Verbänden sind nur einige Stichworte. Auch die Chancen der kommunalen Kooperation beim Betrieb von Infrastrukturanlagen, Kläranlagen, Schwimmbädern und bei der Ausweisung von Gewerbegebieten sollten stärker als in der Vergangenheit genutzt werden. Unabdingbar für die Kommunen ist es, schon heute an die Kostenstrukturen von morgen zu denken und den demographischen Wandel mit einzubeziehen. „Zurück in die Dorfkerne, Verhinderung von Zersiedelung“ ist meist die richtige Devise für ein vitales dörfliches Leben, für beherrschbare Kosten und für mehr Umweltschutz im ländlichen Raum.
Die Zukunft des ländlichen Raumes gestalten – der CSU-Ansatz Werner Bumeder
Ländliche Räume umfassen etwa 80 % der Fläche Bayerns. Knapp 60 % der bayerischen Bevölkerung leben hier, mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes wird in den ländlichen Räumen erwirtschaftet. Die Dörfer, Städte und unsere Kulturlandschaft in den ländlichen Regionen sind seit Jahrhunderten gewachsen und üben eine große Identifikations- und Bindungswirkung aus. Tradition, Sitten und Gebräuche, Dialekte, ein reges Vereinsleben und ein breit gestreutes Eigentum an Grund und Boden führen vielfach zu einem sehr ausgeprägten Heimatgefühl. Dies hat auch zur Folge, dass die Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement sehr hoch ist und dass eine lebendige Bürgergesellschaft besteht. Eine besondere Aufgabe hat in den ländlichen Räumen die Landwirtschaft. Gerade in Bayern prägt die kleinstrukturierte bäuerliche Landwirtschaft die Lebensqualität, die kulturelle Vielfalt und die Kulturlandschaft Bayerns. Die generationenübergreifende Verantwortung für die Zukunft und das Prinzip Nachhaltigkeit haben ihren Ursprung in der Land- und Forstwirtschaft. Ihr kommt gerade deswegen in den Veränderungsprozessen der ländlichen Räume auch eine besondere Verantwortung zu: Leistet diese multifunktionale und wettbewerbsorientierte Landwirtschaft auch in Zukunft diesen Beitrag? Bleibt die Bewirtschaftung der Flächen auch bei Intensivierung im Bereich der Energieerzeugung umweltverträglich? Behält die Land- und Forstwirtschaft die kulturelle Bedeutung in den ländlichen Räumen? Diesen Fragen muss sich die Politik für den ländlichen Raum stellen. Wir befinden uns in einem immerwährenden und immer schneller werdenden Anpassungsprozess und stehen vor großen Herausforderungen. Bevölkerungsabnahme und -alterung sowie die Entfernung von Märkten und Dienstleistungen sind aktuelle Merkmale, aber auch die Weiterentwicklung einer leistungsstarken Infrastruktur. Moderne Kommunikationstechniken auch in den ländlichen Räumen zu entwickeln, den Flächenverbrauch zu verringern und auch in Zukunft eine nachhaltige Bewirtschaftung zu gewährleisten, das sind die Herausforderungen der nächsten Jahre.
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Die Entwicklung der ländlichen Räume ist eine Erfolgsgeschichte der CSU in Bayern. Bereits in den Siebziger Jahren hat die CSU auf die Stärkung der ländlichen Räume gesetzt und mit dem Ziel, gleichwertige Lebensbedingungen für Stadt und Land zu schaffen, die erfolgreiche Entwicklung Bayerns eingeleitet. In ihrer Vielfalt haben die ländlichen Räume gemeinsame Stärken, sind aber vor allem geprägt, von ihrer Individualität und den regionalen Potenzialen. Die CSU sieht in der engen Vernetzung zwischen privaten Initiativen, Kommunen, Wirtschaft und staatlicher Verwaltung die besondere Kraft und die Chancen der ländlichen Räume. Bürgerliches Engagement der Menschen fördern und die Identifikation mit der Heimat stärken – diese Leitsätze hat die CSU auch in ihrem Grundsatzprogramm festgeschrieben. Mit der Erweitung der Europäischen Union eröffnen sich für die ländlichen Räume neue Wachstumsmöglichkeiten und Chancen, die die CSU mit der Förderung regionaler Stärken auch nutzen will. Wir unterstützen die Erschließung neuer Wachstumspotenziale für wettbewerbsfähige Arbeitsplätze, bieten ein vielfältiges Bildungsangebot, wollten gute Lebensbedingungen für Jung und Alt. Dazu gehört eine Politik für mittlere und große Industrieansiedlung, die Förderung des Mittelstandes und der bäuerlichen Landwirtschaft, sowie die Verbesserung und Anpassung der Verkehrsinfrastruktur. Die CSU setzt auf die bewährten politischen Gestaltungsinstrumente, aufgrund des unterschiedlichen Herausforderungen und vor allem der Geschwindigkeit des Wandels aber auch auf noch gezielteres und effektiveres, sektorübergreifendes Denken und Handels. Wir brauchen integrierte Projekte und Programme sowie Netzwerke. Dazu sind ein hohes Maß an Eigenverantwortung für die Regionen, aber auch Kreativität und Innovationskraft sowie politische Weitsicht und Entscheidungsmut erforderlich. Viele Menschen haben ihre Prägung noch von der bäuerlichen Familie erhalten, vom nachhaltigen Einsatz für Grund und Boden, für Besitz. Die Erfahrung des „Nachhaltigkeits-Prinzips“ hat hier seine Wurzeln. Diese Menschen zeichnet ein hohes Maß an Eigeninitiative und Eigenverantwortung aus. Viele haben gerade dadurch von Kindheit an wertvolle Erfahrungen machen können oder Fähigkeiten entwickelt. Dies ist ein Schatz, der auch oft zum Wohle der Allgemeinheit einsetzen wird, auf den wir auch in Zukunft bauen. Wir brauchen eine aktive Bürgergesellschaft in den ländlichen Regionen, um genau dieses Potenzial auch für künftige Generationen nuten zu können. Schwerpunkt unserer Politik für den ländlichen Raum ist der Erhalt bestehender und die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze. Dabei steht unser Ansatz, dass Arbeit zu den Menschen kommen muss und nicht umgekehrt, im Mittelpunkt der politischen Entscheidungen. Wir fördern deshalb Mittelstand und Handwerk sowie die bäuerliche Landwirtschaft. Sie haben die Schlüsselrolle für
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regionale Märkte und sind Garant für den Erhalt der gewachsenen Strukturen. Wir fördern aber auch Existenzgründer, um eine innovative, investitionsfreundliche Gesamtatmosphäre zu schaffen. Dafür wiederum sind auch entsprechende Bildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten vor Ort erforderlich. Wir brauchen dafür auch weiterhin eine ausgewogene Regionalförderung für die strukturschwachen Gebiete. Die gute Wirkung der regionalen Wirtschaftsförderung wollen wir den künftigen Anforderungen laufend anpassen. Mit dem Programm „Allianz Bayern Innovativ“ und der Clusterbildung – der landesweiten Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft – wollen wir die Prozesse in den ländlichen Räumen weiter optimieren und ausbauen. Mit einem bedarfsgerechten Regionalmanagement wollen wir die Entwicklungspotenziale noch stärker ausschöpfen. Grundlage dafür ist eine strategisch ausgerichtete, eigenständige Regionalentwicklung. Standortmarketing und eine offensive Ansiedlungspolitik erhalten dabei zunehmende Bedeutung. Der Wirtschaftsstandort Bayern rückt mit der EU-Osterweiterung vom Rand in die Mitte eines großen, dynamischen Wirtschaftsraumes. Die „Drehscheibenfunktion“ – vor allem nach Osten – kann nur durch eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur erfüllt werden. CSU-Politik für den ländlichen Raum bedeutet deshalb auch Infrastrukturpolitik zum Erhalt und Ausbau bedarfsgerechter, leistungsfähiger Verkehrssysteme. Für die Entwicklung der ländlichen Räume ist aber auch die Teilhabe am Einsatz neuer Technologien erforderlich. Eine schnelle Umsetzung und die Vollversorgung mit leistungsfähigen Breitbandanschlüssen ist dabei unabdingbar. Vor großen Herausforderungen stehen wir in der Bildungspolitik. Aufgrund des demographischen Wandels und rückläufiger Schülerzahlen ergeben sich regional unterschiedliche Problemstellungen. Die CSU setzt deshalb auch auf regionalspezifische Lösungen für ein flächendeckendes Bildungsangebot für alle Schularten. Für eine wohnortnahe Versorgung sind Flexibilität und Anpassungskraft für die Grund- und Hauptschulen, aber auch für die beruflichen Schulen und die weiterführenden Schulen erforderlich. Wir setzen auch auf eine verstärkte Vernetzung der örtlichen Wirtschaft mit den Schulen und Bildungseinrichtungen. Wohnortnahe weiterführende Schulen erhöhen die Leistungskraft und auch Attraktivität der ländlichen Räume. Große Chancen bietet der ländliche Raum für den Tourismus. Durch seine Verflechtung mit anderen Wirtschaftszweigen machen gerade auch die mittelbaren Effekte den Tourismus zu einem wichtigen Impulsgeber für Handel, Freizeitindustrie, Gastronomie und andere Dienstleistungsbereiche. Der Bayerntourismus profitiert besonders vom Städtetourismus, von der Renaissance des Wanderns und Radurlaubs, von der medizinischen Kompetenz der bayerischen
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Heilbäder sowie erlebnisorientierten Angeboten. Die CSU setzt auf Steigerung der Qualität, Modernisierung und Strukturverbesserung, ohne die regionale Identität zu verlieren. Wesentlicher Ansatz für die Attraktivität der ländlichen Räume sind Familien- und Kinderfreundlichkeit. Angebote für Eltern zur Stärkung der Erziehungskraft gehören ebenso zur Politik für den ländlichen Raum wie der verstärkte Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen, um die echte Wahlmöglichkeit zwischen Familie und Beruf bzw. die Kombination von beidem bestmöglich zu gewährleisten. Wir wollen aber auch eine wohnortnahe Infrastruktur in der Altenhilfe. Neben der Schaffung und Förderung entsprechender Einrichtungen liegt ein Schwerpunkt auch im Miteinander der Generationen und in der Hilfe zur Selbsthilfe. In der medizinischen Versorgung liegen ebenfalls große Herausforderungen. Ziel der CSU-Politik für den ländlichen Raum ist es, auch künftig eine gute, bedarfsgerechte und leistungsfähige sowie flächendeckende Krankenhausversorgung sicherzustellen. Dies beinhaltet auch erforderliche eine enge Vernetzung mit ambulanten Versorgungseinrichtungen und der notärztlichen Versorgung. Die CSU tritt für Rahmenbedingungen ein, die gerade diese Versorgung sichert und eine übergebührende Belastung der bayerischen Leistungserbringer verhindern. Die CSU will ihre konsequente und erfolgreiche Politik für die Stärkung der ländlichen Räume Bayern fortsetzen. Mit kreativen Lösungsansätzen, aber auch Innovationsanspruch in Denken und Handeln stellen wir uns den großen Herausforderungen. Für uns stehen im Fokus die Zukunftsfähigkeit, Forschung und Entwicklung, eine leistungsfähige Infrastruktur, Arbeitsplätze, Bildung und die Förderung der Familien. Wir wollen die Bürgerinnen und Bürger in einer aktiven Bürgergesellschaft einbinden und nachhaltig Tradition und Moderne erhalten. Unser Konzept für den ländlichen Raum schützt die regionale Identität, stellt sich den Herausforderungen und eröffnet neue Chancen.
Von der Landwirtschafts- zur integrierten ländlichen Entwicklungspolitik – die Sicht der SPD Martin Wille
Das Zwei-Säulen-Modell der EU-Agrarpolitik ist gescheitert In den letzten Jahren ist sehr viel über den ländlichen Raum geschrieben worden. Das hat mehrere Gründe. Unbestritten ist, dass durch den demographischen Wandel vor allem peripher gelegene und dünn besiedelte Regionen durch weiteren Bevölkerungsrückgang Probleme bekommen werden, vor allem wenn junge, qualifizierte Personen in Stadtregionen mit besseren Entwicklungsmöglichkeiten abwandern und sich dadurch ergänzend zum Geburtenrückgang die Überalterung beschleunigt mit gravierenden Folgen für die Aufrechterhaltung einer funktionsfähigen Infrastruktur. Da es sich häufig auch um strukturschwache Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit und um Branchen mit geringem Wachstumspotential handelt, kann eine Abwärtsspirale in Bewegung gesetzt werden. Deshalb ist es verständlich und notwendig, dass die Menschen in den betroffenen Regionen Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse anmahnen und Forderungen in Richtung EU, Bund und Ländern nach einer Neuausrichtung der Politik für ländliche Räume stellen. Viele Menschen mit einem besonderen Bezug zu ihrer ländlichen Region, die Wert auf Heimat- und Traditionspflege legen sowie die Vielfalt und Schönheit ihrer Landschaft erhalten wissen wollen, sorgen sich um negative Auswirkungen globalisierter Märkte und die Folgen des Klimawandels. Auch diese Sorgen werden an die Politik mit der Erwartung herangetragen, auf die neuen Herausforderungen rechtzeitig und richtig zu reagieren. So wichtig diese Zukunftsfragen sind, so erklären sie doch nicht das außergewöhnlich große Interesse an Fragen des ländlichen Raumes. Ursache dafür ist, so meine These, dass es um europäisches Geld und dessen Verteilung in den nächsten Jahren geht. Und dabei ist Folgendes in Erinnerung zu rufen: •
Die Europäische Union war als EWG und spätere EG lange Jahre eine Agrarunion, die den Löwenanteil der ihr zur Verfügung stehenden Finanzmittel im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik an die Landwirtschaft ver-
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teilte; in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts waren das teilweise 70 %. Mit den Agrarreformen von 1992, 1999 und 2003 wurde das Stützungssystem durch Druck von außen (GATT, WTO) grundlegend geändert; statt Preisstützung mit Finanzierung der Lagerung und des Exports von Überschüssen erhielten die Landwirte Direktzahlungen als Kompensation für Preissenkungen. Im Zuge der Agenda 2000- Reform (Beschluss 1999) teilte man den Agrarhaushalt in eine Erste Säule mit den Ausgaben für Marktstützung und Direktzahlungen, die zu 100 % von der EU finanziert werden und eine Zweite Säule, aus der bei Beteiligung der Mitgliedstaaten (Kofinanzierung) die Maßnahmen der ländlichen Entwicklung und die Agrarumweltprogramme finanziert werden. Mit der Agrarreform 2003 wurde dann ein Systemwechsel vollzogen. Einmal wurden die Direktzahlungen von der Produktion entkoppelt und die Vergabe an die Einhaltung von Standards geknüpft (Cross-ComplianceRegelung). Zum andern ist eine sukzessive Umschichtung von Finanzmitteln aus der Ersten in die Zweite Säule (sog. Modulation) mit dem Signal beschlossen worden, der ländlichen Entwicklungspolitik ein zunehmend größeres Gewicht einzuräumen. Bei Verabschiedung der EU- Finanzplanung 2007–2013 im Dezember 2005 beauftragten die Staats- und Regierungschefs die EU-Kommission „... eine vollständige,weit reichende Überprüfung sämtlicher Aspekte der EU-Ausgaben einschließlich der Gemeinsamen Agrarpolitik …“ vorzunehmen. Zur Überprüfung der Agrarpolitik legte die Kommission am 20. 11. 2007 eine Mitteilung „Vorbereitung auf den Gesundheitscheck“ in der Absicht vor, Ende 2008 unter französischer Präsidentschaft zu Entscheidungen zu kommen. Mit dem Konsultationspapier zur Überprüfung des EU- Haushalts vom 12. September 2007 hat die Kommission die neuen politischen Herausforderungen umrissen und die künftigen Schwerpunkte des Gemeinschaftshandelns dargelegt.
Festzuhalten ist damit, dass in der EU der Aufgabenbereich ländliche Entwicklung keine Säule darstellt, sondern ein Wurmfortsatz der Landwirtschaftspolitik geblieben ist. Bei der anstehenden „vollständigen und weit reichenden“ Überprüfung der EU-Ausgabenpolitik ergibt sich daraus ein Legitimationsproblem für die Höhe und Struktur der Agrarausgaben. Das ist die große Herausforderung für die verantwortlichen Politiker im Rat der Agrarminister. Wenn sie nicht im Gesundheitscheck handeln und die Agrarpolitik der EU fit für die Zukunft machen, werden ihnen andere das Geschäft abnehmen.
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Die erfreuliche Erkenntnis von Bundesminister Seehofer, dass die bisher ressortbezogene Ausrichtung der ländlichen Entwicklungspolitik durch eine integrierte Sicht auf den Raum ersetzt werden muss Auf der Basis der neuen EU-Verordnung über die Förderung der Entwicklung des ländlichen Raumes (ELER) erarbeiteten in Deutschland Bund und Länder im Jahre 2005 einen nationalen Strategieplan; die Länder reichten 2006 ihre Programme ländlicher Raum für den Zeitraum 2007 bis 2013 bei der EUKommission zur Genehmigung ein und haben die Programme im Laufe des Jahres 2007 genehmigt bekommen. Man konnte erwarten, dass Ruhe einkehrt und Themen der ländlichen Entwicklung in den Hintergrund treten. Das Gegenteil ist eingetreten. Fast parallel zur Erarbeitung und Verabschiedung der Strukturprogramme 2007–13 begann in Deutschland die Diskussion über die Zukunft der ländlichen Entwicklungspolitik. In der Koalitionsvereinbarung vom November 2005 hatten sich CDU/ CSU und SPD darauf verständigt, „den ländlichen Raum und den Agrarstandort Deutschland zu stärken“ und festgehalten, dass zur Sicherung von Wertschöpfung und Arbeitsplätzen im ländlichen Raum „ein sektorübergreifender Förderansatz am besten geeignet (sei)“. Das federführende Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) organisierte in einer etwa eineinhalb Jahre dauernden Konferenzreihe einen umfassenden Dialog, der in einem Zukunftsforum im Rahmen der Grünen Woche 2008 mit dem Ergebnis abgeschlossen wurde, dass das in der Bundesregierung zuständige Ministerium eine „Konzeption zur Weiterentwicklung der Politik für ländliche Räume“ vorlegte, und Minister Horst Seehofer im Vorwort bekannte, dass für den Erfolg der Politik für ländliche Räume von zentraler Bedeutung sei, die verschiedenen, den ländlichen Raum betreffenden Politikbereiche stärker als bisher miteinander zu verknüpfen. Die ressortbezogene Politikausrichtung auf Bundes- und Landesebene müsse durch eine integrierte Sicht auf den Raum ersetzt werden. Das ist erfreulich, hatte doch auch die Auswertung der von der Kommission bis November 2007 genehmigten Entwicklungsprogramme durch das Institut für ländliche Räume der früheren FAL (Forschungsanstalt für Landwirtschaft) in Braunschweig gezeigt, dass sich die „veränderten politischen und legislativen Rahmenbedingungen nur wenig auf Inhalte, Maßnahmenspektrum und Zielgruppen ausgewirkt (habe)“. Im Vordergrund der Politik für ländliche Räume, so die Auswertungsergebnisse der FAL, stünden weiterhin sektorbezogene Ansätze, mit einem starken Fokus auf Sicherung einer nachhaltigen Landnutzung. Der Gesprächskreis Verbraucher, Ernährung, Landwirtschaft beim SPDParteivorstand hatte bereits zwei Jahre zuvor in sechs Thesen zur Entwicklung
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ländlicher Räume gefordert, dass wir von der traditionellen Landwirtschaftspolitik weg und hin zu einer integrierten Politik für ländliche Räume kommen müssen und dass diese Politik innerhalb der Bundesregierung auch institutionell in einem „Rat für die ländlichen Räume“ verankert werden müsse. Wichtigstes Ergebnis des Dialogs über die ländliche Entwicklung in Deutschland ist also die Einsicht, dass der derzeitige Förderansatz zu eng auf den Sektor Landwirtschaft ausgerichtet ist. Im Gesundheitscheck der EU-Agrarpolitik kann dieser Mangel zunächst auf der europäischen und anschließend auf der nationalen Ebene korrigiert werden. Die Tür hat dafür die EU-Kommission geöffnet. In ihrer Mitteilung vom 20. November 2007 fragt sie uns: „Wie können wir die neuen Herausforderungen – Klimaänderung, die zunehmende Bedeutung der Biokraftstoffe und die Wasserbewirtschaftung, um nur einige zu nennen – meistern und die bestehenden Probleme, wie den Rückgang der Artenvielfalt, lösen, d. h., wie können wir mit neuen Risiken fertig werden und neue Chancen nutzen?“ Die Chancen des Gesundheitschecks der EU-Agrarpolitik nutzen und die Weichen für eine zukunftsfähige Politik stellen CDU/CSU und SPD haben sich in ihrem Regierungsprogramm auf einen Text verständigt, der von den Koalitionspartnern unterschiedlich ausgelegt wird. In der Vereinbarung heißt es: „Am einstimmigen Beschluss der Staats- und Regierungschefs vom Oktober 2002 über die Finanzierung der Ersten Säule der EU-Agrarpolitik hält die Bundesregierung aus Gründen der Planungssicherheit und Verlässlichkeit fest. Die Finanzierung der Zweiten Säule muss ausreichend abgesichert und die gleichgewichtige Entwicklung beider Säulen gewährleistet bleiben.“ Satz 1 entspricht einem Anliegen vor allem der CDU/CSU, die Planungssicherheit und Verlässlichkeit vor allem in Richtung Landwirtschaft definiert. Satz 2 wurde auf Initiative der SPD aufgenommen. Wir legen Wert auf eine gleichgewichtige Entwicklung beider Säulen im EU-Haushalt und sind der Auffassung, dass sich die Forderungen nach Planungssicherheit und Verlässlichkeit genau so auf die Politik für ländliche Räume beziehen müssen. Dieser Dissens in der Koalition ist, wie die Reaktionen auf die Mitteilung der Kommission zum Gesundheitscheck zeigen, noch nicht ausgeräumt. Die Bundespolitiker der SPD teilen die Auffassung der EU-Kommission, dass die neuen Herausforderungen einen weiteren Ausbau der Maßnahmen der Zweiten Säule der Agrarpolitik erfordern. Da der EU-Agrarhaushalt bis 2013 feststeht, lässt sich in der laufenden Finanzperiode eine Aufstockung der Mittel für die Maßnahmen der 2. Säule nur durch Umschichtung aus der 1. Säule errei-
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chen (sog. Modulation). Danach schlägt die Kommission vor, die ab 2005 geltende obligatorische Modulation von 5 % in den Haushaltsjahren 2010 bis 2013 um jährlich 2 % anzuheben. Dies würde in Deutschland eine Kürzung der Direktzahlungen in der Ersten Säule von ca. 375 Mio. Euro entsprechen und einschließlich der nationalen Kofinanzierung in der 2. Säule zusätzliche Mittel in Größenordnungen von 600 bis 700 Mio. Euro für die ländliche Entwicklungspolitik mobilisieren. Die EU-Kommission hat angekündigt, dass sie anhand der Ergebnisse des von ihr initiierten öffentlichen Dialogs und unter Berücksichtigung derzeit durchgeführter Folgenabschätzungen im Mai 2008 konkrete Gesetzesvorschläge vorlegen werde. Das Warten auf diese Vorschläge ist keine Politik. Besser und hilfreicher für die Entscheidungsfindung wäre gewesen, wenn die deutsche Bundesregierung den Kommissionsvorschlag zur Modulation klar und eindeutig unterstützt hätte; und zwar aus folgenden Gründen: 1.
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Die derzeitige Agrarpolitik mit entkoppelten Prämien, die nach Maßgabe von Preis- und Produktionsbedingen in einer weit zurückliegenden Referenzperiode berechnet worden sind und die keinen echten Leistungsbezug haben, hat keine Zukunft. Für die kommende Finanzperiode ab 2014 muss das Prämiensystem grundlegend umgebaut und das Prämienniveau in Anpassung an die (günstige) Entwicklung auf einigen Agrarmärkten abgesenkt werden. Die EU-Kommission skizziert im Gesundheitscheck einen möglichen Weg, nämlich schon im Zeitraum 2009 bis 2013 zu einheitlichen Prämiensätzen überzugehen. Ab 2014 könnte dann als pauschales Entgelt für höhere EU-Standards eine einheitliche Hektarprämie eingeführt werden. Mit dem Instrument der Modulation kann der gleitende Übergang in ein neues Prämiensystem organisiert werden, einmal durch Degression der Direktzahlungen und damit Absenkung des Prämienniveaus in der Ersten Säule, zum andern durch Umschichtung der freiwerdenden EU-Mittel in die Zweite Säule, um dort mit Maßnahmen der ländlichen Entwicklung auf die neuen Herausforderungen gezielt und problemadäquat reagieren zu können. Die Kommission umschreibt in ihrer Mitteilung zur künftigen Ausgabenpolitik Aufgabenschwerpunkte, zu denen die Bereiche Landwirtschaft und ländliche Entwicklung nicht gehören. Im Gesundheitscheck der EUAgrarpolitik sollte daher auch die Option bedacht werden, bei Absenkung der Agrarausgaben im EU-Haushalt in der Finanzperiode ab 2014 sämtliche Direktzahlungen mit Raum- und Umweltbezug von den Mitgliedstaaten mitfinanzieren zu lassen. Die Säulen würden sich dann umkehren: eine kleine für Maßnahmen mit Marktbezug, die zu 100 % aus dem EU-Haushalt finanziert werden; eine große für den Aufgabenbereich ländliche Entwicklung mit
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einem breiten Maßnahmenspektrum und stärkerem Bezug zu den spezifischen Problemen der ländlichen Regionen in den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Die Politik für den ländlichen Raum auf EU-Ebene und in Deutschland in den Gesundheitscheck einbeziehen: Konsistenz und Kohärenz der Förderpolitik sicherstellen Wer für die Anhebung der Modulationssätze im Rahmen des Gesundheitschecks eintritt, muss längst nicht gutheißen, was und wie derzeit in der ländlichen Entwicklungspolitik gefördert wird. Die (Selbst) Kritik des für den ländlichen Raum zuständigen Bundesministers in Deutschland an der zu stark ressortbezogenen Politikausrichtung auf Bundes- und Landesebene wurde bereits erwähnt. Auch der Europäische Rechnungshof hat in 2 Sonderberichten deutliche Kritik geübt. Zur Investitionsförderung kam der Hof zu dem Ergebnis, dass die Ziele der Förderung in der Regel zu allgemein gefasst sind, sich die Wirksamkeit der Investitionen wegen unscharfer Zielformulierungen nicht beurteilen lässt und von den angestrebten Zielen praktisch nur das Sektorziel (Förderung der Landwirtschaft) ernsthaft verfolgt worden ist. Zu den Agrarumweltbeihilfen bemängelte der Rechnungshof, dass die Überprüfung dieser Maßnahmen besondere Probleme aufwirft und sehr ressourcenintensiv ist; in den Programmen ab 2007 sollte der Grundsatz berücksichtigt werden, „dass keine Zahlungen der öffentlichen Hand erfolgen sollten, wenn eine Maßnahme nicht entsprechend überprüft werden kann“. Während die Kritik des Rechnungshofes vor allem in Richtung Überprüfbarkeit zielt, gilt es, im Gesundheitscheck Fragen der Konsistenz und Kohärenz der Fördermaßnahmen in der Ersten und Zweiten Säule ins Blickfeld zu nehmen, damit möglichst viele Synergien erzielt und Doppelförderungen vermieden werden. Dies ist deshalb so wichtig, weil in den Entwicklungsprogrammen der Bundesländer 2007–13 mit rd. 40 % der Löwenanteil der Fördermittel auf den Schwerpunkt 2 „Verbesserung der Umwelt und Landschaft“ entfällt, davon 25,8 % auf die Agrarumweltmaßnahmen und 8,9 % auf die Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete. So ist z. B. zu fragen, ob langfristig die Fortführung der Ausgleichszulage gerechtfertigt ist, wenn in Deutschland zwischen 2010 und 2013 das für entkoppelte Direktzahlungen eingeführte Kombinationsmodell in ein reines Regionalmodell überführt wird und damit ab 2013 eine einheitliche regionale Flächenprämie angewandt wird. Zum Bereich Agrarumwelt ist bereits zu Beginn der neuen Förderperiode 2007–13 erkennbar, dass bei anhaltend höheren Agrarpreisen die Maßnahmen
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wegen fehlender Anreizwirkung deutlich weniger in Anspruch genommen werden. Die Agrarpolitik der Vergangenheit war unter dem Eindruck von Überschüssen und niedrigen Agrarpreisen davon geprägt, mit Flächenstilllegung und Extensivierung die Produktion zu begrenzen, hervorragende Voraussetzungen, um in der Zweiten Säule vergleichsweise kostengünstig die Agrarumweltprogramme zu finanzieren. Die Bedingungen haben sich auf den Agrarmärkten auch unter dem Einfluss der neuen Bioenergiepolitik der EU, Deutschlands oder beispielhaft auch der USA dramatisch verändert. Der Wissenschaftliche Beirat Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hat der Politik in seinem Gutachten „Nutzung von Biomasse zur Energieerzeugung“ ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Bezüglich der Landnutzung und der Entwicklung ländlicher Räume stellt der Beirat fest: „Bei knappen Ackerflächen führt eine großflächige Ausdehnung der Bioenergie zwangsläufig dazu, dass bisher nicht ackerbaulich genutzte Flächen in Kultur genommen werden (Grünlandumbruch, Waldrodung) bzw. die Bewirtschaftung der Flächen intensiviert wird.“ Er folgert daraus, dass „die Ausdehnung der Bioerzeugung auf Ackerflächen im Endeffekt sogar kontraproduktiv für den Klimaschutz sein kann“, und ich würde ergänzen, dass die neue Bioenergiepolitik auch kontraproduktiv für die Extensivierungsmaßnahmen im Rahmen der Agrarumweltprogramme sein wird. Verträge könnten so schnell wie möglich gekündigt werden, der Abschluss neuer mehrjähriger Verträge könnte drastisch zurückgehen. Das Gesamtgefüge der gerade verabschiedeten Länderprogramme zur ländlichen Entwicklung 2007–13 droht aus der Balance zu geraten, zumal der Wissenschaftliche Beirat ergänzend darauf hinweist, dass die „Förderung der Bioenergie statt der erhofften positiven sogar negative Arbeitsmarktwirkungen in ländlichen Räumen auslösen (kann), wenn sie dort nämlich zur Verdrängung der Tierproduktion führt“. Deshalb reicht die in Mitteilung zum Gesundheitscheck von der EUKommission gegebene Empfehlung nicht aus, auf die neuen Herausforderungen (Klimawandel, Bioenergie, Wasserwirtschaft und Artenvielfalt) mit dem Ausbau der bestehenden Maßnahmen der zweiten Säule zu reagieren. Notwendig ist vielmehr der Umbau des gesamten Prämiensystems in der Ersten und Zweiten Säule, um den neuen Herausforderungen gerecht zu werden und mehr Konsistenz und Kohärenz in der Förderpolitik für Landwirtschaft und ländliche Räume zu bringen.
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Die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ muss zu einer Gemeinschaftsaufgabe zur Zukunft ländlicher Räume ausgebaut werden (Bundesminister Horst Seehofer) Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) hat in der jüngst vorgestellten Konzeption zur Weiterentwicklung der Politik für ländliche Räume die Ziele und ressortübergreifenden Handlungsfelder umrissen, Initiativen in seinem Zuständigkeitsbereich dargestellt und einen Ausblick gegeben. In dem Konzept heißt es beispielsweise, dass die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ in den letzten Jahren zwar weiterentwickelt worden ist, „sie durch ihren gesetzlich vorgegebenen Agrarstrukturbezug nicht allen Anforderungen an eine zukunftsgerichtete Politik für ländliche Räume gerecht werden (kann)“. Aus dieser Festsstellung hat Minister Seehofer in seiner Rede vor dem Zukunftsforum anlässlich der Grünen Woche in Berlin folgerichtig die Konsequenz gezogen, dass die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur zu einer Gemeinschafsaufgabe zur Zukunft ländlicher Räume ausgebaut werden müsse. Also sind wir gespannt darauf, wie es weiter geht und ob der Bundesminister die Länderkollegen überzeugen kann. Denn die Förderung der ländlichen Entwicklung, so der Hinweis des BMELV, ist grundsätzlich Aufgabe der Länder. Mir scheint allerdings, dass die Fachressorts der Länder mit dem gegenwärtigen Zustand mehr als zufrieden sind. Sie haben in der Sache größtmögliche Gestaltungsspielräume und müssen nur einen kleinen Anteil der Finanzierung tragen; die EU und der Bund übernehmen etwa 80 % (alte Länder) und ca. 90 % (neue Länder) der anfallenden Ausgaben. Die Fachressorts der Länder zeigen sich auch wenig begeistert davon, dass im Gesundheitscheck die Modulationssätze angehoben und damit mehr EUMittel in die kofinanzierte Zweite Säule umgeschichtet werden sollen. Neben dem zu erwartenden Ärger mit den Finanzressorts scheint für zusätzliche sektorbezogene Agrarstrukturmaßnahmen auch kaum Bedarf zu bestehen. Eine Änderung des Gemeinschaftsaufgabengesetzes „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ hätte in der Legislaturperiode vermutlich nur dann eine Chance, wenn die Chefs der Landesregierungen davon überzeugt werden könnten. Ich hielte es für angebracht, dass der Bund mit Blick auf die neuen Herausforderungen künftig stärker auf den einschlägigen Artikel 91a Grundgesetz verweist, wo es heißt, dass der Bund „bei der Erfüllung von Aufgaben der Länder mit(wirkt), wenn diese Aufgaben für die Gesamtheit bedeutsam sind und die Mitwirkung des Bundes zur Verbesserung der Lebensverhältnisse erforderlich ist (Gemeinschaftsaufgaben)“. Ich vermag nicht zu erkennen, dass alle derzeit in der
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Gemeinschaftsaufgabe zu 60 % vom Bund mitfinanzierten Agrarstrukturmaßnahmen „für die Gesamtheit bedeutsam“ sind. Wichtig wäre, dass Bundestag und Bundesrat baldmöglichst in einem Gesetzgebungsverfahren gründlich und öffentlich über den Ansatz des federführenden Bundesministeriums diskutieren, dass „die Förderung der ländlichen Entwicklung eine gesamtstaatliche Aufgabe ist, an der alle Beteiligten mitwirken“.
Ländliche Räume in Deutschland haben Zukunft – die Position der FDP-Bundestagsfraktion Christel Happach-Kasan
Der Blick aus dem Flugzeug von Hamburg nach München zeigt den Wechsel der Landschaften: Norddeutsche Tiefebene, Mittelgebirge, Flusstäler. Nachts strahlen die Lichter der Siedlungen und zeigen den Wechsel der Siedlungsformen, die Unterschiedlichkeit der Besiedlungsdichte. Der ländliche Raum in Deutschland ist vielgestaltig; er wird geprägt durch sehr verschiedene geographische Gegebenheiten, unterschiedliche regionale Geschichte und kulturelle Entwicklungen und sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Erfolg. Die bis ins 19. Jahrhundert währende Kleinstaaterei hat Spuren hinterlassen, die bis heute fortwirken. Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt in ländlichen und halbstädtischen Regionen. Es ist eine nur schwierig zu bewältigende politische Aufgabe angesichts der Verschiedenheit der ländlichen Räume, dem Auftrag des Grundgesetzes zu genügen, der in Artikel 72 Absatz 2 fordert, dass „die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet“ gewährleistet sein soll. Es gibt gerade in den neuen Bundesländern, aber auch in anderen Regionen Gebiete, die sehr dünn besiedelt sind und stark unter der Abwanderung der jungen Bevölkerung leiden; es gibt aber auch Standorte, die wirtschaftlich stark sind, weil sie über günstige touristische Rahmenbedingungen verfügen oder besonders erfolgreich in der Tierhaltung oder im Gartenbau sind. Deutschland ist beides: Industriestaat und gleichzeitig land- und forstwirtschaftlich geprägtes Flächenland. Die Provinz hat in Deutschland ihren eigenen Stellenwert. Das ist Teil unserer Geschichte. Ländliche Räume erfüllen mehrere Funktionen: Sie sind Standorte der Land- und Forstwirtschaft, sie sind Erholungsraum für die Menschen der Ballungsgebiete, sie sind wichtig für den Naturund Artenschutz, den Klimaschutz und stellen Grundwasser bereit. Die Ferienländer Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern verdanken einen Teil ihrer Attraktivität den ländlichen Strukturen. Regionale Produkte ergänzen den touristischen Erlebniswert. Erdbeeren kann man das ganze Jahr über aus aller Welt importieren, aber am besten schmecken sie immer noch im Mai, frisch gepflückt. Nordseekrabben frisch vom Kutter haben einen besonderen Reiz. Auch wenn die ländlichen Räume nicht mehr ausschließlich von der Land-
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wirtschaft geprägt werden, so sähe doch das Bild der freien Landschaft in Deutschland ohne Landwirtschaft völlig anders aus. Seit mehr als 50 Jahren ist die Landwirtschaftspolitik eine gemeinsame europäische Politik. Die nationalen Gestaltungsmöglichkeiten sind eingeschränkt. Es gibt kaum ein Politikfeld, in dem in den letzten 20 Jahren so grundlegende Reformen durchgesetzt wurden. Die Abstände zwischen den Agrarreformen der EU sind immer kürzer geworden: 1992 die MacSharry-Reform mit der Abkehr von der Produktförderung und der Einführung der Flächenprämie, 2000 die Agenda 2000, die die EU fit für die Osterweiterung machen sollte, 2003 der Mid-termreview und 2006 die Einführung der entkoppelten Prämie. Der Anteil der EUAgrarausgaben ist stark rückläufig, 1977 betrug er 76 %, im vergangenen Jahr nur noch 38 %, obwohl in der EU-27 die Zahl der Prämienempfänger stärker als die Höhe der Einnahmen gestiegen ist. Die FDP hat als erste und einzige Partei die Einführung einer produktunabhängigen Kulturlandschaftsprämie vorgeschlagen. Es war unser Ziel, das hoch komplizierte Prämiensystem abzuschaffen und gleichzeitig gesamtgesellschaftliche Leistungen der Landwirtschaft zu finanzieren. Mit der Agrarreform von 2006 sind wesentliche Teile unserer Vorstellungen umgesetzt worden. Die Landwirtschaft versorgt die Menschen mit hochwertigen Nahrungsmitteln; dies war so und dies soll so bleiben. Ihre Dienstleistungen für den Erhalt und die Pflege unserer Kulturlandschaft müssen honoriert werden, denn sie werden mit dem Kauf landwirtschaftlicher Produkte nicht abgegolten. Der Landwirt kann Weizen verkaufen, Milch, Schweine und Eier. Der Anblick von Kornblumen ist für den Betrachter umsonst, für den Landwirt aber nicht. Arbeitsplätze in der Landwirtschaft gehören zu den kostenintensivsten. Daher braucht eine unternehmerische Landwirtschaft Planungssicherheit. Die Investition in einen Kuhstall rechnet sich erst im Laufe von 30 Jahren. Daran wird deutlich, in welcher Weise ein Landwirt von politischen Entscheidungen abhängig ist und welch großes persönliches Risiko er bei seinen Investitionsentscheidungen auf sich nimmt. Deshalb muss an der Finanzierung der Ersten Säule bis 2013 festgehalten werden. Landwirte sind mittelständische Unternehmer. Sie haben im Vertrauen auf politische Zusagen in ihre Betriebe investiert. Deshalb müssen diese Zusagen eingehalten werden. Neben der Planungssicherheit brauchen Landwirte faire Wettbewerbsbedingungen. Auf dem EU-Binnenmarkt führen nationale Sonderwege dazu, die eigene landwirtschaftliche Produktion in die Nachbarländer zu vertreiben. Deswegen sollen nach den Vorstellungen der FDP Regelungen der EU 1 : 1 in nationales Recht umgesetzt werden. Das muss für die Regelungen zur Tierhaltung genauso gelten wie beim Pflanzenschutz. Es dient nicht dem Tierschutz, wenn die nationalen Anforderungen an die Haltungsbedingungen dazu führen, dass die
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Ställe bei uns abgebaut und in anderen Ländern wieder aufgebaut werden. Die FDP will eine Harmonisierung der Besteuerung von Agrardiesel, denn in all unseren Nachbarländern wird der Agrardiesel geringer besteuert als bei uns. Das Ziel der Europäischen Union, bis 2020 20 % des Primärenergiebedarfs durch Erneuerbare Energien bereitzustellen, hat die energetische Nutzung von Biomasse ins Blickfeld gerückt. Die FDP unterstützt dieses Ziel. Die Steuerbefreiung für Biokraftstoffe, die der Bundestag 2004 beschlossen hatte, und die ursprünglich bis 2009 gelten sollte, hat zahlreiche Investitionen insbesondere in die Produktion von Biodiesel ausgelöst und einen regelrechten Boom bewirkt. Schon in 2006 betrug der Anteil der Biokraftstoffe 6,6 % am Kraftstoffverbrauch. Die Einführung von Besteuerung und Beimischungszwang durch die Bundesregierung haben in Deutschland den Zusammenbruch der Branche bewirkt, eine gewaltige Kapitalvernichtung verursacht. Die jetzt beigemischten Biokraftstoffe werden zu 70 % eingeführt, die Ernährungssituation in den ärmsten Ländern kann sich dadurch verschlechtern. Der ländliche Raum braucht Planungssicherheit. Das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats Agrarpolitik beim Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz „Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung“ hat deutlich gemacht, dass verschiedene Förderungen der Biomassenutzung für die Volkswirtschaft extrem teuer sind. Ein Beispiel ist die mit dem EEG geförderte Verstromung von Biogas aus Mais. Sie verursacht die höchsten CO2-Vermeidungskosten bei geringster Effektivität der Biomasseproduktion pro Hektar. Das ist kein zukunftsweisender Weg. Die FDP unterstützt die Forderung der Gutachter nach einer Neuausrichtung der Förderpolitik. Sie muss sich an der Effizienz der Biomasseproduktion pro Hektar orientieren, Nutzungen mit geringen CO2-Vermeidungskosten besonders fördern und Anreize schaffen für die Nutzung von energiehaltigen Reststoffen aus der Land- und Ernährungswirtschaft. Die FDP fordert eine Änderung des Bundeswaldgesetzes. Diese ist erforderlich, um Kurzumtriebsplantagen für die Produktion von Energieholz betreiben zu können, deren energetische Nutzung im Vergleich zu anderen Biomasseträgern den geringsten Förderbedarf hat. Die Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen zur Herstellung von nachwachsenden Rohstoffen kann agrar-, umwelt- und sozialpolitische Vorteile bringen. Allerdings müssen dafür der Anbau und die Förderung der nachwachsenden Rohstoffe wettbewerbsneutral organisiert werden. Für die FDP-Bundestagsfraktion ist ein Nebeneinander des Anbaus nachwachsender Rohstoffe und der Lebensmittelerzeugung möglich und notwendig. Die zweite Säule der Agrarpolitik wird in der ELER-Verordnung „Verordnung zur Förderung der Entwicklung des ländlichen Raums durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums“ definiert. Die Nutzung der Mittel ist weitgehend abhängig von den Kofinanzierungs-
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möglichkeiten der Bundesländer. Deshalb nutzen insbesondere die finanzkräftigen Bundesländer wie Bayern und Baden-Württemberg die Fördermöglichkeiten der ELER-Verordnung für ihre Agrarumweltprogramme. Die FDP wendet sich gegen eine weitere Verlagerung von Finanzmitteln aus der ersten Säule, Förderung landwirtschaftlicher Betriebe, in die zweite Säule. Der unternehmerische landwirtschaftliche Haupterwerbsbetrieb braucht für seine Investitionen Planungssicherheit, dazu gehört, dass er sich bis 2013 auf die zugesagte Förderung aus der ersten Säule verlassen kann. Die Wirtschaftskraft ländlicher Räume hat inzwischen mehrere Standbeine. Die Land- und Forstwirtschaft ist ein wichtiges Standbein, aber schon lange nicht mehr das einzige. In den Küsten- und Mittelgebirgsregionen ist seit langem der Tourismus ein weiteres Standbein. Der Naturtourismus hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Unter der Dachmarke „Nationale Naturlandschaften“ werben inzwischen 14 Nationalparke, 14 Biosphärenreservate und 93 Naturparke gemeinsam und erfolgreich um naturinteressierte Gäste. Damit der ländliche Raum für Dienstleistungsunternehmen als Standort interessant wird, muss die Infrastruktur gestärkt werden. Das gilt für die Verkehrsinfrastruktur, mehr aber noch für die flächendeckende Versorgung mit DSL-Anschlüssen. Entsprechend dem Auftrag des Grundgesetzes müssen diese Infrastrukturleistungen auch die ländlichen Räume berücksichtigen. Wo Verkabelungen nicht möglich sind, muss über Funkverbindungen nachgedacht werden. So wie ein Telefonanschluss selbstverständlich ist, wird mittelfristig auch der DSL-Anschluss oder ein entsprechender schneller Internetzugang selbstverständlich sein. Verschiedene Regionen sind besonders vom Bevölkerungsrückgang betroffen. Dort wird es schwierig, die Einrichtungen der Daseinsvorsorge bereitzustellen. Wir brauchen Modellregionen, in denen mit unterschiedlichen Konzepten nach geeigneten Lösungen gesucht wird. Der ländliche Raum ist Heimat mit Zukunft: Land- und Forstwirtschaft für die Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln, nachwachsende Rohstoffe für die stoffliche und energetische Verwertung, Tourismus und Natur-Urlaub, hochwertige Dienstleistungen sind die Entwicklungschancen für ländliche Räume. Darauf muss die Gestaltung der Infrastruktur ausgerichtet werden.
Politik für das Land. Grüne Perspektiven für ländliche Räume Cornelia Behm, Winfried Schröder, Skadi Krause
Ländliche Räume sind Lebensgrundlagen für unsere Gesellschaft. Sie sind Wohn-, Lebens-, Arbeits- und Erholungsraum für etwa zwei Drittel aller Deutschen. Sie sichern mit mehr als 23 Millionen Arbeitsplätzen einem erheblichen Teil der Bevölkerung das Einkommen. Deutlich mehr als die Hälfte der gesellschaftlichen Wertschöpfung findet hier statt. Im ländlichen Raum werden die Nahrungsmittel erzeugt. Und nur in der freien Landschaft des ländlichen Raumes kann Natur wirklich erlebt werden. Nur dort finden sich Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen und hin und wieder auch für gestresste Stadtmenschen. Trotzdem geraten ländliche Räume zunehmend ins Visier der Politik. Denn auch in Deutschland ist die weltweite Tendenz der Bevölkerungswanderung in urbane Gebiete zu spüren. Die Menschen folgen den Arbeitsplätzen in die Städte. Metropolenferne Räume beginnen sich zu entleeren. Sie gelten in der öffentlichen Daseinsvorsorge als untragbar und im wirtschaftlichen Wettbewerb als nicht entwicklungsfähig. Regionale Disparitäten werden in der aktuellen politischen Diskussion über die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse hervorgehoben. Die nachfolgenden Überlegungen über regionale Entwicklungen wenden sich gegen solche Ansätze. Sie basieren auf einem politischen Anspruch, der den ländlichen Raum trotz seiner Inhomogenität als eine komplexe institutionelle, soziale, wirtschaftliche, kulturelle und symbolische Einheit begreift.
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Was ist der ländliche Raum und welche Bedeutung kommt ihm in Zukunft zu
Zum ländlichen Raum gehört nicht nur das klassische Dorf mit seiner ortstypischen Umgebung, sondern auch ländlich geprägte Regionen wie beispielsweise die Uckermark, die Eifel, die Schwäbische Alb und die Lüneburger Heide mit ihren historisch gewachsenen Kleinstädten wie Prenzlau, Bitburg oder Soltau, da diese durch ihr ländliches Umfeld wirtschaftlich und kulturell geprägt werden. Das bedeutet auch, dass ländliche Räume bis weit an die Grenzen von Metropolen heranreichen können, wie dies teilweise im Berliner Umland der Fall ist. Der Begriff des ländlichen Raumes als eigenständige politische, kulturelle und wirtschaftliche Handlungsebene steht heute in Konkurrenz zu anderen terri-
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torial-politischen Konzepten. Ländliche Räume überschreiten die politische Einheit der Kommunen (Gemeinden und Landkreise) und verändern bestehende kleinräumige Handlungsebenen. Die Entwicklungsperspektiven der ländlichen Räume weisen in Deutschland große Unterschiede auf. Sie reichen von prosperierenden Regionen im Süden des Landes, die auf Grund ihrer Nähe zu urbanen Zentren oder starker Wirtschaftsaktivitäten vor Ort große Entwicklungspotentiale haben, bis hin zu stagnierenden oder gar regressiven Regionen, die mit einem zunehmenden Rückgang des Arbeitsplatzangebotes, Überalterung und einem Verlust an Lebensqualität durch die Verschlechterung der Daseinsvorsorge zu kämpfen haben. Gerade letztgenannten Gebieten, die vermehrt, aber nicht nur, im Osten und Norden Deutschlands zu finden sind, droht eine zunehmende wirtschaftliche und demographische Abkopplung, die wiederum weitreichende Auswirkungen auf Wohlstand und Lebensqualität in diesen Gebieten hat.1 Aus grüner Perspektive ist deshalb ein Wandel in der öffentlichen Diskussion über ländliche Räume notwendig. Ländlichkeit darf nicht länger mit der spezifischen ökonomischen Nutzung eines primären Sektors, nämlich Landwirtschaft, Forst, Fischerei und Jagd gleichgesetzt werden. Politik für den ländlichen Raum ist immer weniger Agrarpolitik. Obwohl die Land- und Forstwirtschaft auf Grund des Anteils an der Flächennutzung, der wirtschaftlichen Entwicklung und der politischen Institutionalisierung weiterhin eine herausragende Rolle spielt, verliert sie doch hinsichtlich der Beschäftigungszahlen, der regionalen Wertschöpfung und der kulturellen Bindung an Bedeutung. Die Gestaltung des Strukturwandels auf dem Land bedeutet daher in erster Linie, die einzelnen oft sehr unterschiedlichen Entwicklungspotenziale in ländlichen Gebieten wahrzunehmen, zu fördern und zu formen. Die Erfahrungen aus den letzten Jahren haben gezeigt, dass die von RotGrün angeschobene, konsequente Förderung erneuerbarer Energien und nachwachsender Rohstoffe neue Wertschöpfungspotenziale für die ländliche Wirtschaft erschlossen hat. Eine aktive Naturschutzpolitik erhöht die Attraktivität des ländlichen Raums als Erholungs- und Lebensraum. Die Neuausrichtung der Landwirtschaft auf gentechnikfreie, ökologisch erzeugte und qualitativ hochwertige Produkte verschafft den Landwirten neue Betätigungsfelder und bringt zusätzliche Arbeitsplätze in den ländlichen Raum. Dennoch wird die ländliche Entwicklung immer noch unzureichend als Querschnittsaufgabe wahrgenommen, was sich vor allem auch in den nationalen Förderprogrammen zeigt. ________________ 1 Jahresbericht 2006 der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft, Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, S. 63–115.
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Programme zur ländlichen Entwicklung
Das wichtigste Instrument der ländlichen Entwicklung ist die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK). Neben der Agrarwirtschaft wird darin auch die Schaffung neuer, neben- und außerlandwirtschaftlicher Arbeitsplätze durch sektorübergreifende Ansätze festgeschrieben. Dennoch sind die Programme zur ländlichen Entwicklung deutlich auf die Landwirtschaft zugeschnitten. Sektorübergreifenden regionalen Entwicklungsstrategien folgt dagegen der Schwerpunkt 4 (Leader) im Europäischen Fond für ländliche Entwicklung (ELER), der explizit das Ziel hat, die speziellen Ressourcen des ländlichen Raumes zu nutzen und auf lokale Besonderheiten zuzuschneiden. Er dient vorrangig der Stärkung einer multifunktionalen und diversifizierten Landwirtschaft, aber auch der Schaffung neuer Arbeits- und Ausbildungsfelder in ländlichen Räumen bei den Schwerpunkten nachwachsende Rohstoffe, Tourismus, Sport, Gesundheit und bislang unberücksichtigt gebliebenen Angeboten wie z. B. barrierefreie Freizeitangebote. Wesentlich sind dabei die neuen Beteiligungsverfahren in Form von lokalen Aktionsgruppen (LAG), die in den Regionen für die Umsetzung der Projekte verantwortlich sind. Mit der Verordnung über die Entwicklung des ländlichen Raumes wurde auf europäischer Ebene damit ein innovatives Instrument zur gezielten Förderung der ländlichen Regionen geschaffen. Diese ortsbezogenen Programme bringen positive Ergebnisse in Hinblick auf die Dynamisierung der lokalen Wirtschaftsstrukturen und Institutionen. Da sie aber immer noch Nischencharakter besitzen und stark unterfinanziert sind, erzielen sie noch nicht die gewünschten signifikanten Effekte. In Deutschland wurde im Zuge der Nachhaltigkeitsstrategie „Regionen Aktiv – Land gestaltet Zukunft“ gestartet. 2004 wurde auf Bundesebene der Fördergrundsatz „Integrierte Ländliche Entwicklungen“ (ILE) eingeführt und in die GAK aufgenommen. Dieser bündelt Maßnahmen der Dorferneuerung, Flurbereinigung und Agrarstrukturellen Entwicklungsplanung auf Ebene konkreter Projekte, Regionalmanagement und ländlicher Entwicklungskonzepte. Die Qualität der nationalen Förderprogramme, insbesondere der Gemeinschaftsaufgabe zur „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK), und deren Finanzausstattung reichen jedoch in Deutschland nicht aus, um im ländlichen Raum eine zukunftssichernde Entwicklung zu gewährleisten. Deutschlands wichtigster Rahmen für die Politik der ländlichen Räume schafft zwar einen vertikalen Dialog, ist aber oftmals wirkungslos, was die Erzielung eines ortsbezogenen Konzeptes für die ländliche Entwicklung anbelangt. Der immer noch wie ein Auswahlmenü angelegte Ansatz dient nicht einer breiten Strategie für ländliche Räume.
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Aus bündnisgrüner Sicht ist der deutsche Ansatz in der Politik für ländliche Räume und die entsprechende Finanzierung der Programme zu sehr darauf ausgerichtet, die EU-Agrarpolitik zu ergänzen, anstatt auf eine autonome nationale Politik für die Entwicklung ländlicher Räume hinzuarbeiten. Auch der nationale Strategieplan 2007–2013 kann bisher diese Lücke nicht schließen.
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Regionaler Wohlstand
Lange Zeit war die Entwicklung des ländlichen Raumes ein Thema der Agrarpolitik. Die starke Anbindung an die EU, aber auch die geringe Zusammenarbeit mit anderen Ressorts führten zu einer überwiegend sektoral ausgerichteten Förderung. Die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft steht noch heute im Zentrum nationaler Politik für den ländlichen Raum. Eine neue Diskussion über die Funktion ländlicher Räume in einer sich wandelnden Gesellschaft muss deshalb mehrere Faktoren berücksichtigen: internationale Trends, die interne Dynamik ländlicher Räume in Deutschland, Umweltanliegen, Rahmenbedingungen für Wertschöpfung, Einkommensperspektiven und Arbeitsplätze, familienfreundliche Lebensbedingungen und Innovationsmöglichkeiten. All diese Elemente müssen als Faktoren eines komplexen Systems betrachtet werden, das im Rahmen eines ganzheitlichen Konzeptes für die Entwicklung ländlicher Räume zu behandeln ist, bei dem der Interaktion und den Interdependenzen zwischen den einzelnen Elementen Rechnung getragen wird. Folgende Kernelemente einer zukünftigen Politik zur Entwicklung vor allem strukturschwächerer ländlicher Räume sind für Bündnis 90/Die Grünen dabei wichtig: Integrierte Entwicklungskonzepte Diese müssen die Akteure aus Wirtschaft, Verbandsarbeit, Politik, Verwaltung und anderen Bereichen einer Region integrieren und deren Projekte, Investitionen und Entscheidungen aufeinander abstimmen. Neben der Überarbeitung der Förderkriterien auf der Bundesebene, sind hier vor allem die Bundesländer in der Pflicht, ihre Förderprogramme entsprechend zu ändern. Kooperationen mit nichtlandwirtschaftlichen Akteuren müssen bessere Berücksichtigung finden. Auch wenn Regionen Verwaltungsbezirksgrenzen überschreiten, dürfen sie nicht von der Förderung ausgeschlossen werden. Darüber hinaus fordern Bündnis 90/Die Grünen eine Verlagerung der finanziellen und administrativen Steuerungsverantwortung auf die Akteursebene. Entscheidungen müssen „vor Ort“ getroffen werden. Wir wollen deshalb regionale Entwicklungsfonds einrichten, über die die
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Akteure selbst entscheiden können. Gleichzeitig können diese Fonds zur zusätzlichen Integration öffentlicher und privater Mittel dienen und die enge Kopplung der Gelder an die Jährlichkeit öffentlicher Haushalte auflösen. Stärkung kleiner und mittlerer Unternehmen Ländliche Regionen mit prosperierenden Wirtschaftsbetrieben entwickeln sich insbesondere dann, wenn die Rahmenbedingungen für Wirtschaftszweige mit hoher und nachhaltiger Wertschöpfung stimmen. Zukunftsfähige Arbeitsplätze werden vermehrt dort entstehen, wo innovative Umwelttechnologien, ressourcenschonende Produktionsverfahren und neue Wege der Vermarktung erdacht, entwickelt und angewandt werden. Bündnis 90/Die Grünen wollen deshalb die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für kleine und mittlere Unternehmen verbessern, regionale Wirtschaftskreisläufe unterstützen und zusätzlich gezielt solche Wirtschaftsinitiativen fördern, die den Standortvorteilen des ländlichen Raumes folgen. Dazu zählen neben der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft mit ihren vor- und nachgelagerten Bereichen vom Landmaschinenbau bis zur Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte die Branchen Landschaftspflege, Naturschutz, Natur- und Kultur-Tourismus, Gastronomie, Erzeugung erneuerbarer Energien, Freizeit, Gesundheit, Handwerk sowie unternehmensnahe Dienstleistungen, vor allem, wenn diese nicht auf räumliche Nähe zu ihren Kunden angewiesen sind. Zur Stärkung der klein- und mittelständischen Wirtschaft im ländlichen Raum setzen wir auf die konsequente Förderung von Unternehmensgründungen, erleichterte Zugangsbedingungen zu Eigen- und Fremdkapital, den Abbau von Bürokratie und Vereinfachungen beim Gesellschafts- und Steuerrecht. Insbesondere das Gründungspotential von Frauen im ländlichen Raum ist noch nicht ausgeschöpft.2 Darum wollen Bündnis 90/Die Grünen die Gründungsförderung ausbauen und gezielte Angebote für Frauen machen. Ebenso muss die altersmäßige Beschränkung bei der Vergabe von Gründungsförderung überarbeitet werden, die nicht mehr dem demographischen Wandel entspricht. 80 % der Gründerinnen und Gründer haben einen Finanzbedarf, der unter 25.000 € liegt. Hier sind neue Wege der Mikrokreditvergabe notwendig. Zur weiteren Vereinfachung von Unternehmensgründungen schlagen wir zudem vor, die Personengesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) zu schaffen, die als Personengesellschaft für viele Gründerinnen steuerlich interessant ist und zugleich die bisher vor allem in der GmbH mögliche Haftungsfreistellung gewährleistet. ________________ 2 Perspektiven und Probleme von Frauen in ländlichen Räumen, Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Landwirtschaftsverlag 2006.
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Die Reform der Handwerksordnung, die die Selbständigkeit ohne Meisterbrief ermöglicht hat, muss weiter gehen. Zudem wollen wir für kleine und mittlere Unternehmen eine steuerfreie Gewinnrücklage schaffen, die an die Sicherung von Beschäftigung und die Schaffung von Arbeitsplätzen gekoppelt ist. Für jeden sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer soll ein Unternehmen pro Jahr 10.000 Euro steuerfrei in eine Gewinnrücklage einstellen können. Damit kann das Unternehmen seine Steuerlast senken und für Schwankungen bei der Auftragslage, dem Umsatz oder Gewinn Vorsorge treffen. Für die Entwicklung regionaler Wirtschaftskreisläufe wollen wir den lokalen Dienstleistungssektor und die lokale, qualitätsorientierte Produktion stärken, Innovationspotenziale wie zum Beispiel Forschungskapazitäten ausbauen sowie Fördermittel an die Mitwirkung in regionalen Beschäftigungs- und Ausbildungspakten koppeln. Denn wirtschaftliche Entwicklung und Wertschöpfung im ländlichen Raum sind nur dann möglich, wenn die Beschäftigten ausreichend qualifiziert sind. Kontinuierliche Weiterbildung ist ein wichtiges Element, um den kleinen und mittleren Unternehmen die Existenz im ländlichen Raum zu erleichtern. Deswegen müssen sie in der Analyse, Beratung und Durchführung von Weiterbildung genauso unterstützt werden wie bei deren Finanzierung. Ökologische und qualitätsorientierte Landwirtschaft Die aktuellen Entwicklungen im Agrarsektor beweisen den Erfolg der von Bündnis 90/Die Grünen eingeleiteten Agrarwende. Der Umsatz mit Bio-Produkten ist auch 2007 wieder gewachsen. Aufgrund des Preisdrucks auf globaler werdenden Märkten bietet die Erzeugung von Bioprodukten sowie gentechnikfreien und regionalen Qualitätslebensmitteln mit angeschlossener regionaler Vermarktung für viele bäuerliche Betriebe die einzige zukunfts- und damit arbeitsplatzsichernde Perspektive. Im Übrigen haben ökologisch wirtschaftende Betriebe gegenüber konventionellen im Durchschnitt einen um 30 % höheren Arbeitskräftebesatz und sind somit für die ländlichen Räume ein wichtiger Jobmotor. Dieser Effekt wird durch den höheren Diversifizierungsgrad im Ökolandbau, der auch außerlandwirtschaftliche Arbeitsplätze im Bereich Verarbeitung, Vermarktung oder Tourismus schafft, verstärkt. Bündnis 90/Die Grünen wollen deshalb die Fortführung der Agrarwende. So muss die im Rahmenplan der Gemeinschaftsaufgabe zur „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ festgelegte BasisPrämie für Biobetriebe, die ab 2007 auf 137 €/ha gesenkt wurde, wieder erhöht werden. Bei der Förderung von Agrarinvestitionen müssen Bund und Länder den Fördertatbestand „Ökologischer Landbau“, der einen um 10 Prozentpunkte erhöhten Fördersatz von 35 % ermöglicht, wieder einführen.
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Aber auch die konventionelle Landwirtschaft, die aufgrund der weltweit steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln und Biomasse-Rohstoffen vor neuen Herausforderungen steht, muss ökologisiert werden. Dazu gehört eine konsequente Koppelung jedweder Förderung an die Kriterien Naturverträglichkeit und Ressourcenschonung genauso wie der Schutz der gentechnikfreien Produktion und die verbindliche Einführung tiergerechter Haltungsformen. Auch die Landbewirtschaftung wird sich künftig strikt an den übergeordneten Klimaschutzzielen ausrichten müssen. Wir wollen die Fördersysteme entsprechend neu ausrichten. Gentechnikfreiheit ist ein wichtiger Wettbewerbsvorteil für die deutsche Landwirtschaft. Mehr als 80 Prozent der Konsumenten lehnen Gentechnik in Nahrungsmitteln ab. Wir setzen uns deshalb unter anderem dafür ein, dass in der EU-Saatgutverordnung der Kennzeichnungsschwellenwert für gentechnische Verunreinigungen bei Saatgut auf 0,1 % (Nachweisgrenze) festgelegt wird. Außerdem sprechen wir uns gegen industrialisierte Formen der Tierhaltung aus. Diese werden den natürlichen Bedürfnissen der Tiere in keiner Weise gerecht, belasten Mensch und Umwelt und vernichten Arbeitsplätze. Daher fordern wir, dass zukünftig nur noch Investitionen in artgerechte Haltungssysteme öffentliche Förderung erhalten. Hierfür müssen Bund und Länder einen Katalog förderfähiger Haltungssysteme erstellen. Erzeugung erneuerbarer Energien als mittelständischer Wirtschaftszweig Der Anbau nachwachsender Rohstoffe und die Erzeugung erneuerbarer Energien hat ein erhebliches Potenzial für mehr Wertschöpfung und Beschäftigung in ländlichen Gebieten. Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat Rot-Grün den Grundstein für ein enormes Wachstum in dieser mittelständisch geprägten Branche gelegt. Der Anteil des Stroms, der in Deutschland aus erneuerbaren Quellen gewonnen wird, beträgt mittlerweile über zwölf Prozent. Die Branche rechnet mit einer halben Million Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien bis 2020. Im Moment sind mehr als 200.000 Menschen dort beschäftigt. Landwirte profitieren in vielfältiger Weise von den erneuerbaren Energien: Sei es durch die Installation von Photovoltaik-Anlagen auf Dächern landwirtschaftlich genutzter Gebäude, das Betreiben von Windrädern oder das Verpachten von Land für Windenergieanlagen. Die hohe Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen bietet den Landwirten einen neuen Absatzmarkt für ihre Erzeugnisse. Auch den Kommunen kommen die erneuerbaren Energien über die Gewerbesteuereinnahmen zu Gute. Eine Untersuchung des Bundesverbandes Windenergie e.V. hat ergeben, dass über die rund 20-jährige Laufzeit einer Windenergie-Anlage durchschnittlich über 100.000 Euro Gewerbesteuer je MW installierte Leistung an die Standortgemeinden abgeführt werden. Bündnis 90/Die Grünen setzen sich dafür
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ein, dass auch weiterhin vor allem Landwirte und kleine und mittlere Unternehmen mit regionaler Verankerung, die Wertschöpfung und zusätzliche Arbeitsplätze im ländlichen Raum halten, vom Siegeszug der erneuerbaren Energien profitieren. Wir fordern die Rücknahme der Besteuerung von reinen Biokraftstoffen, damit den mittelständischen Unternehmen alternativ zur Vermarktung an die Mineralölkonzerne weitere Absatzwege offenstehen. Statt sie fossilen Kraftstoffen beizumischen, sollten biogene Treib- (und Schmier)stoffe als Ersatz für die wassergefährdenden erdölbasierten Kraftstoffe bevorzugt in ökologisch sensiblen Bereichen wie der Land- und Forstwirtschaft, im Wasserbau und bei der Binnenschifffahrt eingesetzt werden. Wir setzen uns für die Entwicklung einer nachhaltigen Bioenergiestrategie ein. Die hohe Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen darf nicht zum Anbau von Monokulturen oder zum Einsatz von Gentechnik auf den Feldern führen. Darum muss das Erneuerbare-Energien-Gesetz so weiterentwickelt werden, dass das gesamte verfügbare Potenzial an Biomasse ökologisch verantwortlich erzeugt und genutzt wird. Forschung zu Ansätzen wie gemeinsamer Anbau von Nahrungs- und Energiepflanzen, Bioraffinerien, Ganzpflanzennutzung und Reststoffverwertung sowie deren Umsetzung müssen gefördert werden. Kultur- und Naturlandschaften schützen und nachhaltig nutzen Ländliche Räume profitieren vom Umwelt-, Klima-, Natur- und Artenschutz in mehrfacher Hinsicht. Neben dem Eigenwert der Natur, sichern sie mit dem Erhalt der natürlichen Ressourcen und der Biodiversität unsere natürlichen Lebensgrundlagen. Intakte Naturräume ziehen Menschen zum Erholen aber auch als stetiges Lebensumfeld an. Großschutzgebiete wie Naturparke und Biosphärenreservate weisen oft auch dann eine positive Bevölkerungsentwicklung auf, wenn die sie umgebenden Regionen von Abwanderung besonders betroffen sind. Umweltund Naturschutz fördern die regionale Wirtschaftsentwicklung und schaffen Arbeitsplätze, wie die Studie „Untersuchung der Bedeutung von Großschutzgebieten für den Tourismus und die wirtschaftliche Entwicklung der Region“ des Bundesamtes für Naturschutz aus dem Jahre 2005 belegt. Das zurzeit größte Naturschutzvorhaben in Europa ist die Umsetzung des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000. Deutschland hat immer noch nicht alle seine Vorgaben erfüllt. Bündnis 90/Die Grünen setzen sich dafür ein, dass Bund und Länder eine ausreichende Finanzierung der Natura 2000-Gebiete sicherstellen. Das Förderprogramm von Bund und Ländern für die ländlichen Räume, die sogenannte GAK muss so umgestaltet werden, dass die CoFinanzierung von Ausgleichszahlungen im Rahmen von Natura 2000 möglich wird. Auch sollte die über die EU-Förderung (ELER) angebotene Möglichkeit
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der Naturschutzberatung von Landnutzern in nationale Förderprogramme übertragen werden. Wir fordern die Bundesländer auf, auch die anderen Strukturfonds für die Finanzierung der im Rahmen von Natura 2000 anfallenden Aufgaben zu nutzen, z.B. zur Stärkung von Tourismus und Umweltbildung. Außerdem muss ein umfassendes Angebot an Waldumweltmaßnahmen entwickelt werden. Auch in diesem Zusammenhang ist es fatal, dass die schwarzrote Bundesregierung in Brüssel dafür gesorgt hat, dass die Entwicklungsmittel für den ländlichen Raum der EU (2. Säule) gekürzt wurden. Kommunen stärken Zukunftsfähige ländliche Räume brauchen handlungsfähige Kommunen. Ineffiziente Doppelstrukturen und ruinöse Standortwettbewerbe behindern ihre Entwicklungsperspektiven. Starke Kommunen brauchen kommunale Gebietsgrenzen, die in ihrem Zuschnitt realistische Entwicklungschancen bieten. Bund und Länder müssen darauf hinwirken, dass die Kommunen durch einen breit angelegten kooperativen Prozess zu neuen Gebiets- und Regionszuschnitten durch freiwillige Bildung gelangen. Bündnis 90/Die Grünen treten für die flächendeckende Schaffung von Bürgerbüros im ländlichen Raum ein. Diese sollen verstärkt die Außenfunktionen der verschiedenen Ämter zusammenführen, also Ansprechpartner für Anregungen und Beschwerden genauso wie für Pass- und Meldewesen sein. Zur Verbesserung der kommunalen Finanzbasis schlagen wir vor, die Gewerbesteuer zu einer kommunalen Wirtschaftsteuer weiterzuentwickeln. Durch eine Verbreiterung der Bemessungsgrundlage und die Einbeziehung aller Gewinneinkünfte unter Hinzuziehung der Freiberufler (bei komplementären Regelungen für die Einkommensteuer) wollen wir mehr Gerechtigkeit und ein stetiges Aufkommen erreichen. Eine ökologische Lenkungswirkung und mehr Steuergerechtigkeit für den ländlichen Raum wollen wir mit einer Reform der Grundsteuer für bebaute oder bebaubare Grundstücke und Gebäude erreichen. Wir sprechen uns dafür aus, an Stelle der veralteten Einheitswerte aktualisierte Bodenrichtwerte und die Flächeninanspruchnahme zur Bemessungsgrundlage zu machen. Dies dient der Stärkung der kommunalen Innenentwicklung und wirkt der Zersiedelung entgegen. Familienfreundliche Infrastruktur entwickeln Ländliche Räume sind nur dann attraktiv, wenn eine angemessene Dienstleistungsqualität in Schlüsselsektoren wie Gesundheit und Bildung vorhanden sind. Bündnis 90/Die Grünen treten für die Stärkung des „Zentrale-Orte-Prinzips“ ein, bei dem zur Aufrechterhaltung von Daseinsvorsorgeleistungen und zur Ver-
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besserung der Erreichbarkeit die Zusammenlegung von Einrichtungen an einem gut erreichbaren Ort forciert wird. Einen weiteren Lösungsansatz sehen wir in der Verlagerung von statischer Infrastruktur hin zu mobilen Angeboten. Über kommunale Verwaltungsgrenzen hinweg regional organisierte Zentren der Daseinsvorsorge wie „Gemeinschaftsläden“ oder „Gesundheitszentren“ und neue Mobilitätssysteme wie „fahrende Verwaltung“ oder „mobile Gesundheitsdienstleistungen“ schaffen neue Perspektiven für schwächer besiedelte Regionen auf dem Lande. Wir erwarten von Bund und Ländern, dass sie die Entwicklung neuer Konzepte fördern und gemeinsam mit den Gemeinden Anschubfinanzierungen für deren Umsetzung zur Verfügung stellen. Um die Bereitstellung von Infrastruktur zu erleichtern, halten wir es für notwendig, die Attraktivität von alten Ortskernen durch gezielte Dorfentwicklungsmaßnahmen und Förderansätze zu steigern, um einer weiteren Zerfransung von Siedlungen mit den daraus resultierenden Problemen entgegenzuwirken. Ähnlich den unter Rot-Grün aufgelegten Programmen Stadtumbau Ost und Stadtumbau West, die eine Stärkung der Innenstädte, die Reduzierung des Angebotsüberhangs an Wohnraum und die Aufwertung der von Schrumpfungsprozessen betroffenen Städte zum Ziel haben, müssen Bund und Länder ein Förderprogramm entwickeln, dass den ländlichen Regionen eine sozialverträgliche Anpassung der Besiedlungsstruktur an die gegebenen Verhältnisse ermöglicht. Eine weitere Aufgabe ergibt sich daraus, dass in schrumpfenden Gemeinden und Gemeindeverbänden zukünftig mit einer Unterauslastung der Versorgungsund Entsorgungssysteme (Wasser, Abwasser, Gas, Strom) zu rechnen ist. Betreiber und Nutzer wird diese Entwicklung vor erhebliche Finanz- und Kostenprobleme stellen. Wir fordern die Gemeinden auf, sich in regionalen Verantwortungsgemeinschaften mit den Betreibern von Versorgungs- und Entsorgungssystemen auseinanderzusetzen. Kapazitäten von bestehenden Systemen müssen reduziert und neue Konzepte für dezentrale Ver- und Entsorgung entwickelt werden. Gesundheitliche und pflegerische Versorgung sichern Obwohl die Ärztedichte in Deutschland deutlich über der in den meisten anderen Industrienationen liegt, gibt es in vielen ländlichen Regionen insbesondere bei der hausärztlichen Versorgung zunehmend Engpässe. Auch die Krankenhausversorgung nimmt aufgrund von Krankenhausschließungen und -fusionen ab. Um dem Hausärztemangel entgegenzuwirken, können seit der rot-grünen Gesundheitsreform 2004 die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Krankenkassen in unterversorgten Regionen Sicherstellungszuschläge an niederlassungswillige Ärztinnen und Ärzte zahlen. Außerdem wurde im Jahr 2006 auch mit den Stimmen von Bündnis 90/Die Grünen eine Liberalisierung des Vertragsarztrechts
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beschlossen, die es niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten erlaubt, Filialen zu gründen, Ärztinnen und Ärzte anzustellen und parallel im Krankenhaus und in der Praxis zu arbeiten. Um einer medizinischen und pflegerischen Unterversorgung in strukturschwachen Regionen entgegenzuwirken, muss die Aufgabenverteilung zwischen Ärztinnen und Ärzten und Pflegekräften in ihrer heutigen Form überdacht werden. Vor allem im Bereich der Prävention könnten Pflegekräfte wichtige Aufgaben der Gesundheitsförderung übernehmen. Gleiches gilt für die Mitwirkung in mobilen, geriatrischen Rehabilitationsteams oder in ambulanten Palliative-CareTeams. Die Öffnung der Heilberufe für bestimmte medizinische Aufgaben halten wir dann für sinnvoll, wenn durch die Aus- und Weiterbildung der Pflegekräfte die qualitätsgerechte Erbringung der Aufgabe sichergestellt ist. Pflegekräfte würden somit nicht nur im Krankheits- oder Pflegefall, sondern auch in der anschließenden Heilbehandlung und im Vorfeld von Krankheit und Pflegebedürftigkeit eine bedeutendere Position einnehmen. Besonders in strukturschwachen Gebieten wird eine nutzerorientierte wie bezahlbare Pflege aber nur dann möglich sein, wenn es gelingt Hilfemix-Strukturen aus professionellen, nachbarschaftlichen, niedrigschwelligen und ehrenamtlichen Hilfen zu etablieren. Es sollte Aufgabe der Kommunen sein, Dienstleistungsangebote für ältere und alte Menschen zu fördern. Hierdurch könnten zusätzliche Arbeitsplätze in den jeweiligen Regionen wachsen. Krankenhäuser müssen stärker in die ambulante fachärztliche Versorgung einbezogen werden. Kleine Krankenhäuser auf dem Lande müssen sich zu integrierten fachärztlichen Versorgungszentren weiterentwickeln, in denen Krankenhausärzte und niedergelassene Fachärzte zusammenarbeiten und gemeinsam die vorhandene Infrastruktur nutzen. Darüber hinaus müssen die ländlichen Krankenhäuser stärker die Zusammenarbeit mit zentralen Großkrankenhäusern suchen, um sich von ihnen bei Diagnostik und Therapie unterstützen zu lassen. Dabei kommt dem Ausbau der Telemedizin eine Schlüsselrolle zu. Mobilitätskonzepte für ländliche Regionen entwickeln Mobilität ohne Auto muss im ländlichen Raum auch weiter möglich sein. Der Zugang von Kindern und Jugendlichen, von Behinderten aber auch von älteren Menschen zum öffentlichen Personennahverkehr und damit zu öffentlichen Einrichtungen muss weiter gesichert werden. Hinzu kommt, dass manche touristisch geprägte Region keinen zusätzlichen Autoverkehr verträgt. Pauschale Kürzungen beim Angebot an Öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV) lehnen Bündnis 90/Die Grünen entschieden ab. Bedarfsgesteuerte und flexible Angebote wie beispielsweise Rufbusse oder Anrufsammeltaxis ergänzt
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durch Bürgerbusse sind in vielen Fällen sinnvoll und überall möglich. Darüber hinaus müssen flächendeckende Verkehrsverbünde eingerichtet werden. Gleichzeitig fordern wir eine neue Prioritätensetzung bei der Verkehrsfinanzierung. Der ungehinderte Neu- und oft an den Bedürfnissen in den Regionen vorbei geplante Ausbau von Straßen in schrumpfenden Regionen muss gestoppt werden. Den Vorrang der Investitionsförderung, die vor allem den Verdichtungsräumen und nicht den ländlichen Regionen zu Gute kommt, wollen wir abschaffen und stattdessen den Betrieb des ÖPNV fördern. Außerdem setzen wir uns für eine Umstellung der Finanzierung des Straßenbaus ein. Der Erhalt des bestehenden Straßennetzes muss Vorrang vor dem Neubau weiterer Straßen haben. Der Straßenzustand belegt vielerorts, dass der Erhalt seit Jahrzehnten vernachlässigt wird. Bei sinkender Bevölkerung verursachen Straßen aufgrund des Unterhaltungsaufwandes steigende Kosten für die verbleibenden Steuerzahler in einer Region. Daher dürfen auch Entwidmung und Rückbau in ländlichen Regionen kein Tabu sein. Bildungs- und Ausbildungschancen erhöhen Der Zugang zu Bildung ist einer der wichtigsten Bausteine für gute Lebensbedingungen auf dem Lande. Dies gilt nicht nur für Kinder und Familien, sondern für alle Bewohnerinnen und Bewohner, die von Bildung und Innovation auch mittelbar profitieren. Mit dem Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) hat Rot-Grün den qualitätsorientierten Ausbau der Kindertagesbetreuung angestoßen, mit dem Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ wurde trotz der Hinhaltetaktik einiger Länder ein wichtiger Beitrag für eine nachhaltige Bildungsreform geleistet. Seit 2003 konnten mehrere tausend Schulen im ganzen Bundesgebiet ihre Infrastruktur durch die Bundesmittel verbessern und so Ganztagsangebote einführen oder ausbauen. Neben Kindertagesstätten mit verlässlichen Betreuungszeiten und qualitativ guten Bildungsangeboten müssen in strukturschwachen Gebieten vor allem Primar- und Sekundarschulen bis zur 9. bzw. 10. Klasse in Wohnortnähe angeboten werden. Die autonome, in der Region verankerte Schule erhöht die Attraktivität einer Region und stärkt Selbstverantwortung und Partizipation bei Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern sowie den Eltern. Gerade in bevölkerungsarmen Gegenden wird die Veränderung von Schulen hin zu einer Gemeinschaftsschule zentrale Bedeutung für die Entwicklung von Gemeinden und Regionen haben. Damit können die individuelle Förderung verbessert, die Durchlässigkeit des Bildungssystems erhöht und alle Abschlüsse bis hin zum Übergang in die Oberstufe erreicht werden.
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Darüber hinaus müssen am Regionalbedarf orientierte Ausbildungsmöglichkeiten gestärkt werden. Wir fordern von Kommunen und Länder hier gute Angebote zu machen. Kulturelles und Freizeitangebot auf dem Land erhalten In durch Abwanderung und Überalterung gekennzeichneten ländlichen Räumen schrumpft in der Regel auch die Zahl der kulturellen Einrichtungen und Freizeitangebote. Damit verringern sich die Chancen auf kulturelle Teilhabe. Bündnis 90/Die Grünen wollen dieser Entwicklung entgegensteuern. Auch Bewohnerinnen und Bewohner ländlicher Regionen haben das Recht, an Kultur und kultureller Bildung zu partizipieren, um damit ihre Lebensqualität zu verbessern. Außerdem spielen kulturelle und Freizeitangebote als so genannte „weiche“ Standortfaktoren bei der Ansiedlung von Unternehmen eine wichtige Rolle. Jugendeinrichtungen und -angebote, Bibliotheken, Museen und Theater dürfen deshalb nicht proportional zu abnehmenden Bevölkerungszahlen reduziert werden. Vielmehr brauchen wir neue Wege und Lösungsmöglichkeiten im Sinne einer „demographischen Gerechtigkeit“: Regionale Kooperationen, neue Patenschaften und Bündnisse schaffen die Möglichkeit, auch in Gegenden mit abnehmender Bevölkerungszahl kreative Potenziale zu nutzen und ein hochwertiges Kulturangebot zu sichern. Generationsübergreifende Projekte, die Bildung von Tandems (z. B. Profis/Laien) oder die Entwicklung neuer Modelle, Initiativen und Plattformen bieten Chancen für ein lebendiges und kreatives Kulturangebot und Kulturleben. Auch mobile Angebote wie „Theater auf Rädern“ oder Bücherbusse dienen dem Erhalt eines kulturellen Angebots auf dem Land. Die Lasten der Kulturfinanzierung zwischen städtischen Zentren und ländlichen Umlandgemeinden müssen gerecht verteilt werden. Die Kommunen sollten animiert werden, gemeinsame Kulturräume zu bilden. Die interkommunale Zusammenarbeit innerhalb dieser Kulturräume erfordert, dass sich Kommunen und Land an der Finanzierung beteiligen. Auch der Denkmalschutz kann einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der kulturellen Identität in ländlichen Räumen leisten. Eine aktive Verständigung mit den Einwohnern über die Bedeutung der regionalen Denkmäler und ihre Pflege kann dabei die Wertschätzung der Menschen für das eigene Lebensumfeld stärken. Darüber hinaus kann die Denkmalpflege positive Impulse für Wirtschaft und Tourismus geben. Bürgerschaftliches Engagement unterstützen Rückzug ins Private, die sinkenden Mitgliederzahlen bei Vereinen, Verbänden und den politischen Parteien sowie Wahlmüdigkeit verstehen Bündnis 90/Die
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Grünen nicht als Absage an demokratische Werte, sondern als Aufforderung, bessere Rahmenbedingungen für Beteiligung zu schaffen. Neben der für die integrierte ländliche Entwicklung wichtige Einführung der regionalen Entwicklungsfonds wollen wir direktdemokratische Elemente wie Bürgerbegehren und Bürgerentscheide sowie die Beteiligungsrechte von Kindern und Jugendlichen in den Kommunalverfassungen stärken, Jugendparlamente und Bürgerhaushalte einführen sowie regionale Initiativen wie beispielsweise Bürgersolaranlagen oder Regionalgeldvereine fördern. Außerdem unterstützen wir die Ausarbeitung von Dorfentwicklungsplänen oder die Gründung von Dorfentwicklungsvereinen, denn diese ermöglichen neue Beteiligungschancen, indem sie die Bürgerinnen und Bürger in die kommunale Gestaltung mit einbeziehen. Bei der Gestaltung des Gemeinwesens kommt der Zivilgesellschaft gerade in ländlichen Regionen eine tragende Rolle zu. Dabei ist ein kluger Mix zwischen bürgerschaftlichem Engagement und professionellen Strukturen wichtig. Denn wir begreifen den Einsatz von Bürgerinnen und Bürgern nicht als Ersatz für professionelle Infrastruktur und staatliche Verantwortung. Bürgerschaftliches Engagement lässt sich weder einfordern noch diktieren, sondern muss durch bürgernahen Dialog, stärkere politische Partizipationsmöglichkeiten, kostenlose Fortbildungsangebote und eine dauerhafte Anerkennungskultur gefördert werden. Wir wollen deshalb Anlaufstellen wie zum Beispiel Freiwilligenbüros aufbauen und mit professioneller Beratung und Fortbildungsangeboten vernetzen. Innerhalb der regionalen Entwicklungsarbeit wollen wir ehrenamtlich engagierten Akteuren spezielle Schulungsangebote, zum Beispiel in Bezug auf Programmvorhaben und Evaluierung, zur Verfügung stellen. Außerdem setzen wir uns für kleinteilige Anschubfinanzierungen, Raumangebote und die Absicherung der mit ehrenamtlichen Tätigkeiten verbundenen Risiken ein. Auch über die Förderpolitik wollen wir bürgerschaftliches Engagement stärken, indem wir die Fördermittelvergabe stärker an Bürgerbeteiligungen knüpfen. Dies wird im Rahmen der Ausschreibung für LEADER-Fördergebiete innerhalb der ländlichen Entwicklungsprogramme der Bundesländer und beim Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ bereits praktiziert. Wir setzen uns dafür ein, auch die Vergaberichtlinien anderer Förderprogramme wie beispielsweise bei den europäischen EFRE-Mitteln zur Infrastrukturentwicklung oder den Mitteln, die über die 3. Achse der europäischen ELER-Verordnung zur Entwicklung ländlicher Räume ausgegeben werden, in diese Richtung zu ändern. Förderpolitik nachhaltig und sektorübergreifend gestalten Die Förderung der ländlichen Entwicklung ist eine wichtige Aufgabe der öffentlichen Hand. Mit der Verordnung über die Entwicklung des ländlichen Raumes
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(ELER) wurde auf europäischer Ebene ein innovatives Instrument zur gezielten Förderung der ländlichen Regionen geschaffen. Die Qualität der nationalen Förderprogramme, insbesondere der Gemeinschaftsaufgabe zur „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK), und deren Finanzausstattung reichen jedoch in Deutschland nicht aus, um im ländlichen Raum eine zukunftssichernde Entwicklung zu gewährleisten. Bündnis 90/Die Grünen setzen sich deshalb für eine grundsätzliche Überarbeitung der ländlichen Förderprogramme und deren deutlich verbesserte Finanzausstattung ein. Die GAK wollen wir zu einer Gemeinschaftsaufgabe für die „Entwicklung ländlicher Räume“ weiterentwickeln und strengere Förderkriterien festschreiben. Die Beschränkung der Gemeinschaftsaufgabe auf den Agrarsektor muss aufgehoben werden. Stattdessen wollen wir integrierte Entwicklungskonzepte und die Förderung neuer Einkommens- und Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem Lande in den Mittelpunkt stellen. Außerdem wollen wir ein Gesamtkonzept der Fördermaßnahmen für den ländlichen Raum erarbeiten, dass die Gemeinschaftsaufgabe zur „Entwicklung ländlicher Räume“ passgenau mit anderen Förderprogrammen, wie der Gemeinschaftsaufgabe zur „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) oder den Europäischen Strukturfonds EFRE und ESF, abstimmt und verzahnt. Denn diese liefern wichtige Beiträge zur Entwicklung der ländlichen Räume. Widersprüchlichen Regelungen und Lücken müssen beseitigt werden. Gleichzeitig wollen wir mehr privates Kapital für die Entwicklung ländlicher Räume erschließen. Die Einführung regionaler Entwicklungsfonds, in die die Finanzmittel sowohl der öffentlichen als auch der privaten Ebenen fließen, schafft klare Rahmenbedingungen für die Anrechnung privater Leistungen innerhalb von Förderprogrammen. Mischfinanzierungen im Sinne von öffentlichprivaten Partnerschaften mobilisieren darüber hinaus kleinere Unternehmen und gemeinnützige Vereine, die in aller Regel über einen geringen Kapitalstock verfügen. Die finanzielle Ausstattung der ländlichen Räume durch die öffentliche Hand muss deutlich verbessert werden. Die Bundesregierung muss ihre Blockadehaltung gegen die von der europäischen Kommission vorgeschlagene Erhöhung der obligatorischen Modulation endlich aufgeben und so für eine bessere finanzielle Ausstattung der zweiten Säule sorgen. Gleichzeitig muss der Bund die Mittel für die GAK und die GRW langfristig aufstocken. In den Bundesländern brauchen wir ein deutlich stärkeres Engagement für die Förderung der ländlichen Räume. Sowohl die Fokussierung auf traditionelle Agrarinteressen als auch die Bereitschaft nur noch EU- und Bundesmittel komplementär zu finanzieren, werden der Verantwortung der Landesregierungen für die ländlichen Räume nicht gerecht. Stattdessen müssen die Bundesländer ihre Entwicklungsprogramme für den ländlichen Raum ebenfalls auf die Kriterien in-
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tegrierte ländliche Entwicklung, Ausweitung der Einkommens- und Beschäftigungsmöglichkeiten, ökologische Modernisierung von Wirtschaft und Landwirtschaft sowie Honorierung gesellschaftlicher Leistungen ausrichten. Grundvoraussetzung für die Umsetzung dieser von Bündnis 90/Die Grünen geforderten Maßnahmen ist ein Umdenken des derzeitigen Politikkonzeptes für ländliche Räume. Eine integrierte Politik der ländlichen Entwicklung bedeutet, dass ‚ländlich‘ nicht länger ausschließlich mit ‚Landwirtschaft‘ gleichgesetzt wird. Die auf den Agrarsektor fokussierte Politik wirkt nur auf einen Einzelfaktor in einem komplexen System und ist daher nicht in der Lage, die soziale und wirtschaftliche Gesamtdynamik in einer Region positiv zu beeinflussen.
Gemeinsam mit dem katholischen Mädchen vom Lande. Linke Politik für ländliche Räume Jens-Eberhard Jahn
Man gehe in eine Dorfkneipe oder mache eine demoskopische Umfrage in Stadt und Land: DIE LINKE wird meist als eine Partei wahrgenommen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Oder immer noch als „rote Socken“, Spinner, Kommunisten, „Stasi-Schergen“. Auf etwas höherer Ebene vielleicht als kompromisslose Friedenspartei, zumindest, wenn einem nicht gerade vergangene Parolen längst verflossener Zeiten („Der Friede muss bewaffnet sein!“) durch den Kopf gehen. DIE LINKE profiliert sich in der Bildungspolitik und zunehmend wahrnehmbar auch in ökologischen Fragen, ja, diese Partei nimmt für sich in Anspruch, die einzige wirksame politische Kraft in der Bundesrepublik Deutschland zu sein, die die ökologische Frage mit der sozialen Frage verknüpfen könne: Umweltpolitik nicht nur für eine und mit einer Elite. Was das mit ländlichen Räumen zu tun hat? 1. Soziale Gerechtigkeit spielt hier dann eine Rolle, wenn man „die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet“ (Grundgesetz, Artikel 72) ernst nimmt. DIE LINKE will kleine und mittelständische Unternehmen fördern, gerade in den ländlichen Räumen. Oft scheitert eine erfolgreiche Unternehmensgründung am fehlenden Kapital. Wir wollen daher neue Mikrokredite entwickeln und auch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in eine neue Förderpolitik einbinden. Manche ländliche Räume sind demographisch schrumpfende Räume: Gerade hier muss die Rückführung von Überkapazitäten bei der Infrastruktur ökologisch und sozial nachhaltig gestaltet werden, ohne die Grundversorgung in Frage zu stellen. Beispiel: Ein Rückbau des ÖPNV gegen den Willen der Bürgerinnen ist mit uns aus sozialen und ökologischen Gründen nicht machbar. Neue Versorgungskonzepte (Telemedizin, Internet-Banking) und demokratische Partizipation – von Bildungs- und Informationsmöglichkeiten ganz zu schweigen – müssen in den ländlichen Räumen ebenso zugänglich sein wie in den Verdichtungsräumen: Die Versorgung mit Breitbandinternet ist daher bundesweit sicher zu stellen.
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Gesundheitspolitisch setzen wir uns für die Einführung von Medizinischen Versorgungszentren (Polikliniken) ein, für die reguläre Einführung des derzeitigen Modellprojekts AGnES (Gemeindeschwestern)1 sowie für die Aufwertung des Berufsbildes des Rettungsassistenten. Mehrgenerationenhäuser sowie, weitergehend, kollektive Formen des Zusammenlebens jenseits von Single-Haushalt oder Kleinfamilie müssen bei der Erarbeitung von Förderrichtlinien Berücksichtigung finden; Erfahrungen zeigen, dass derartige Projekte häufig durch Förderraster fallen. In ländlichen Räumen ist ehrenamtliches Engagement für das Kulturleben von zentraler Bedeutung. Alle reden davon, wie das Ehrenamt gestärkt werden könne. Ich möchte hier einen ganz schlichten Vorschlag machen: die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) für die BewohnerInnen ländlicher Räume. Häufig werden sozialhygienische Gründe für ein Grundeinkommen ins Feld geführt. Darauf möchte ich verzichten und mich auf demographische, kulturelle und emanzipatorische Gründe beschränken. Zumindest die Bäuerinnen und Bauern sind es ja bereits gewohnt, unabhängig von erbrachter Leistung Zahlungen zu erhalten. Die Stärkung der Zweiten Säule der EU-Zahlungen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) über den ELER hinaus durch Einführung eines „Ländlichen Grundeinkommens“ würde Menschen zum Ehrenamt ermächtigen, da sie ja von der Sorge um das tägliche Brot befreit wären. Gleichzeitig würde solch ein BGE wie eine Prämie für den Erhalt der Kulturlandschaft wirken, dauerhafte Abwanderung sicher nicht verhindern, aber abbremsen können. Natürlich spräche nichts dagegen, sollte sich das BGE auf dem Lande bewähren, es später auch Bewohnerinnen der Agglomerationen zugänglich zu ma________________ 1 Der drohende Ärztemangel führt deutschlandweit zu neuen Überlegungen und Modellen. Ein spezieller Weg (als Modellversuch), der zu einer Entlastung der Hausärzte führen soll, wurde in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gewählt und wird in Sachsen vorbereitet. Diese Entlastung des Hausarztes soll durch geeignetes Personal erfolgen: Das Modell Gemeindeschwester „AgnES“ (Arztentlastende, Gemeindenahe, E-Healthgestützte, Systemische Intervention). Die gemeinsame Zielstellung der Modellprojekte „Gemeindeschwester“/AGnES in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen ist es, durch den Einsatz von Gemeindeschwestern und unter Zuhilfenahme telemedizinischer Funktionalitäten die drohende hausärztliche Unterversorgung in ländlichen Regionen aufzufangen. Die Gemeindeschwestern übernehmen nach Anweisung der teilnehmenden Hausärzte in Delegation Hausbesuche, bei denen die vorbeugende, beratende/betreuende und Therapie überwachende Tätigkeit im Vordergrund steht. Die Betreuungsangebote aus den Modellprojekten werden insbesondere von den Patienten positiv angenommen. Eine Implementierung von Gemeindeschwestern in die bestehenden Versorgungssysteme steht dennoch nicht in Aussicht, weil eine Regelfinanzierung der Leistungen der Gemeindeschwestern auf Grund der bestehenden Gesetzeslage im Bundes- und Landesrecht nicht möglich ist. Die Finanzierung der Modellprojekte erfolgt entweder vollständig aus Landesmitteln oder anteilmäßig aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und Landesmitteln. Vgl. Thüringer Landtag, Drucksache 4/3049.
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chen. Aber genau hierin läge auch schon ein Paradigmenwechsel: Der ländliche Raum als Avantgarde! 2. „Rote Socken“ spielen hier dann eine Rolle, wenn man bedenkt, dass die ländlichsten Gebiete unseres Landes, die auch noch unter der demographischen Entwicklung, vulgo: Schrumpfung, zu leiden haben, überwiegend im Osten unseres Landes liegen, in den so genannten Neuen Ländern. Hier gewinnt DIE LINKE (vormals die Linkspartei bzw. PDS) seit Jahren Stimmen gerade in ländlichen Räumen hinzu, während ihr urbanes Wählerpotential eher stagniert. Das hat zum einen damit zu tun, dass ihr auf dem Lande politische Konkurrenz durch DIE GRÜNEN nahezu fehlt, zum anderen damit, dass die Parteistrukturen auch in ländlichen Gebieten trotz hohen Altersdurchschnitts der Mitgliedschaft nicht selten noch intakt sind, und die Partei somit auch auf dem Dorf in irgendeiner Form noch erlebbar ist, ein Gesicht hat. Das hat Ursachen: Wohl keiner anderen politischen Kraft als der PDS ist es nach 1990 gelungen, die Interessen der (vormals) in der Landwirtschaft der DDR Beschäftigten zu artikulieren und zum Teil auch durchzusetzen. Angriffen gegen die Bodenreform oder genossenschaftliche Eigentumsformen konnte dank dieser politischen Unterstützung weitgehend getrotzt werden. Hinzu kam: Die PDS sprach die Sprache der Menschen vor Ort, grenzte nicht aus, war Teil des Ostens, in dem auf einmal nichts mehr so war wie zuvor. Auf dem Lande, gerade im Nordosten der Republik, aber hieß dies nur allzu oft: Es war eigentlich gar nichts mehr da. Denn der Zusammenbruch zahlreicher LPG und auch anderer Betriebe hatte ja nicht nur zum Verlust der Arbeitsplätze geführt: Die großen Betriebe waren gleichzeitig kulturelle Einrichtungen gewesen, hatten über Kindergärten verfügt, waren Identifikationsgrößen. Nicht nur der Arbeit waren viele verlustig gegangen, sondern praktisch der gesamten außerfamiliären Sozialisation. Daran konnte die PDS wenig ändern, aber sie verlieh den so Ausgegrenzten Stimme und Würde, und das ist bei Vielen nicht in Vergessenheit geraten. 3. Der Frieden spielt eine Rolle, wenn deutsche Agrarpolitik über den EUTellerrand schaut und ihre Verantwortung für die Welternährung ernst nimmt. Krieg wird geführt um Ressourcen. Nicht nur Erdöl spielt dabei eine Rolle. Gegenwärtig und zukünftig werden Kriege um Wasser, um Anbauflächen, um Nahrungsmittel und Energie geführt. Wie wir mit unserer Umwelt, unserer Ernährung, unserer Agrarwirtschaft und damit auch den ländlichen Räumen umgehen, hat Auswirkungen auf den Frieden in der Welt. 4. Bildungspolitik spielt hier eine Rolle. Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist gerade bildungssoziologisch bedeutsam. Bei den bildungspolitischen Reformen in den 1970er Jahren der alten Bundesrepublik spielte das Wort vom benachteiligten „katholischen Mädchen vom Lande“ eine herausgehobene Rolle. Kein Wunder, dass es ein wesentliches Ziel der DDR war, eben diese Stadt-
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Land-Unterschiede zu nivellieren. Ganz praktisch zeigt sich diese Problematik heute unter den Bedingungen eines mehrgliedrigen, sozial selektiven Schulsystems: Welche Familie zieht in ein Dorf, in dem es keine Schule mehr gibt? Welche Familie zieht in ein Dorf, wenn die Kinder drei Stunden täglich zur nächsten weiter führenden Schule unterwegs sind? Gerade die Situation in den ländlichen Räumen zeigt es: Wir brauchen eine Gemeinschaftsschule um verlässliche Bildungschancen für Kinder überall in Deutschland sicherzustellen. Dazu zwingen nicht nur bildungstheoretische Einsicht oder humanistisches Menschenbild – auf den Dörfern gibt es einfach nicht genug Kinder, um diese nun auch noch auf verschiedene Schultypen verteilen zu können, ohne ihnen dabei tägliche Weltreisen zuzumuten. 5. Umweltpolitik spielt hier eine Rolle: Ländliche Räume sind die Lungen der Ballungsgebiete. Dank der Agrarwirtschaft kann ein beträchtlicher Teil des von Verkehr, Industrie und Haushalten ausgestoßenen CO2 wieder umgewandelt werden; gleichzeitig wird die Agrarwirtschaft durch intensive Viehhaltung und Einsatz mineralischer Dünger selbst zum Klimakiller, insbesondere wegen des viel zu hohen Anfalls von Lachgas. Die Lösung besteht nicht in einem Zurück zur Subsistenzwirtschaft, sondern in einer konsequenten Ökologisierung des gesamten Agrarsektors. Aus ländlichen Räumen kommt auch zunehmend Energie, die anderswo verbraucht wird. DIE LINKE setzt sich dafür ein, Energiepflanzen ökologisch anzubauen und die Effizienz der energetischen Nutzung von Abfallstoffen und nachwachsenden Rohstoffen zu verbessern. Im Hinblick auf die Verbesserung der Energieeffizienz insbesondere von Biogasanlagen sollen künftig z.B. Nahwärmeversorgungsnetze gefördert werden. Bei der Förderung von ländlichen Entwicklungsplanungen (Dorfentwicklung, ILE, LEADER) sollte die Planung dezentraler Versorgung mit erneuerbaren Energieträgern Zuwendungsvoraussetzung werden. Der Ersatz der Steuerbegünstigung für Biokraftstoffe durch ein System von Beimischungsquoten führt zu einer Verschiebung des Marktes zugunsten der großen Mineralölkonzerne. Wir fordern: − − − −
keine Steuern für Pflanzenöl, das ökologisch erzeugt und regional genutzt wird, verringerte Steuern für Biokraftstoffe, keine Beimischungsquoten, kein Import von Pflanzenöl oder Biodiesel in die EU; nicht nur der Transport ist nicht ökologisch – die Produktionsbedingungen entziehen sich unserer Kontrolle und dürften nur in den seltensten Fällen sozial und ökologisch nachhaltig sein;
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deutliche Erhöhung der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung im Bereich erneuerbare Energieträger und Nutzung von Wasserstoff.
6. Agrarpolitik spielt hier eine Rolle. Nicht zuletzt, weil bundesweit fast fünf Millionen Beschäftigte in der Agrarwirtschaft und den ihr nach- und vorgelagerten Bereichen (Landmaschinen, Futtermittel, Lebensmittelhandel, Gastronomie) tätig sind. Der Versuch, die künftigen Herausforderungen ländlicher Räume sektorbezogen agrarpolitisch anzugehen, kann nicht zielführend sein. Die Agrarwirtschaft spielt nichtsdestotrotz für die ländlichen Räume eine immer noch große, perspektivisch sogar wachsende Rolle. Der Schlüssel für die drängenden Fragen der Gegenwart, für Klima, Ernährung, Energieversorgung liegt im postfossilen Zeitalter im Primarsektor, also u.a. der Agrarwirtschaft. Und noch nie war Agrarpolitik daher wohl so spannend wie heute. Wichtigste Aufgabe der Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft bleibt auch in Zukunft die sichere Bereitstellung umweltverträglich hergestellter, gesundheitlich unbedenklicher Nahrungsmittel, die für alle Menschen bezahlbar sind. Darüber hinaus kann Land- und Forstwirtschaft durch den Anbau nachwachsender Rohstoffe einen zwar nicht zu überschätzenden aber auch nicht unwesentlichen Beitrag zum Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energieträger und Kraftstoffe leisten und so dem Klimawandel, als größter vom Menschen verursachten Umweltbedrohung, entgegenwirken. Agrarpolitik muss klimaorientierte Agrarpolitik sein! Nicht zuletzt sind die Wälder unerlässlich für ein stabiles Klima, in dem die Menschen dauerhaft existieren können. Sie müssen durch eine nachhaltige Forstwirtschaft geschützt, gesund erhalten und gemehrt werden. Ziel eines möglichst flächendeckenden, nachhaltigen Umbaus unserer Wälder muss einzig und allein der Ausbau der Elastizität von Waldökosystemen und damit ihre Fähigkeit zur strukturellen Erneuerung unter den veränderten klimatischen Bedingungen sein. Naturnaher Waldbau muss demzufolge auf eine möglichst flächendeckende Verjüngung, Bestandserziehung und Durchforstung mit standortgerechten Laubbaumarten als vordergründiges Anliegen zielen. Die Nachfrage nach ökologisch hergestellten Lebensmitteln ist in den letzten Jahren stark gestiegen und steigt weiter. In Deutschland kann die Nachfrage nicht aus eigener Produktion gedeckt werden, die Entwicklung des Ökolandbaus stagniert. Darum fordert DIE LINKE von der EU eine Gemeinsame Agrarpolitik (GAP), welche die Ernährungssouveränität und die Besonderheiten landwirtschaftlicher Produktion, sowohl ihrer Mitgliedsstaaten aber auch aller anderen Länder der Welt respektiert. Zahlungen aus dem EU-Haushalt direkt an die europäischen Landwirte sind auch in Zukunft notwendig, wenn sie an ökologische Bewirtschaftungs- und Tierhaltungskriterien gebunden sind. Sämtliche Export- und Transportsubventionen
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müssen jedoch abgeschafft werden, um eine weitestgehend regionale und damit umweltverträgliche Produktion, Verarbeitung und Vermarktung von Lebensmitteln – etwa in Nachbarschafts- bzw. Dorfläden, „Markttreffs“ usw. – zu befördern. Die Einführung regionaler Währungen findet die Unterstützung DER LINKEN. Fördermittelvergabe sollte an regionale Kooperationen gekoppelt werden. Neben der Diversifizierung der ländlichen Wirtschaft ist dies auch die wesentliche Stärke von Leader+ als auszubauendes Instrument des ELER: Regionale Kooperation wird belohnt, das viel gerühmte Subsidiaritätsprinzip mit Inhalt gefüllt. Dieser bottom-up-Ansatz ist zugegebenermaßen keine Erfindung DER LINKEN, entspricht aber unserem Politikverständnis. Gleichzeitig fordern wir von der Bundesregierung eine wirksame Entwicklungshilfe im Agrarbereich um auch den ärmsten Ländern der Welt die souveräne Ernährung ihrer Bevölkerung zu ermöglichen. Den Anbau und das in Verkehr bringen von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) lehnen wir mehrheitlich ab. Sie bedrohen die Sorten- und Artenvielfalt und bergen unverantwortbare Risiken: Einmal in der Natur, können sie nicht zurückgeholt werden. Sie leisten keinen Beitrag zur Beseitigung des Welthungers, sondern gefährden vielmehr die Ernährungssouveränität der Staaten, indem sie die Bauern in die Abhängigkeit weniger, weltweit agierender Saatgutkonzerne drängen. DIE LINKE fordert deshalb von der EU erneut ein Moratorium für den Anbau und das in Verkehr bringen von GVO zu erlassen oder es zumindest den Mitgliedsstaaten zu überlassen, ob sie bei sich GVO zulassen. Von der Bundesregierung verlangen wir, das deutsche Gentechnikgesetz im Rahmen der europäischen Rechtslage so zu gestalten, dass der Anbau und das in Verkehr Bringen von GVO erschwert wird. Von der Bundesregierung und den Regierungen der Länder erwarten wir, dass sie ihrerseits sämtliche Spielräume ausnutzen um den Anbau und das in Verkehr Bringen von GVO zu verhindern. Gleichzeitig sollen sie die Landwirte bei der Bildung von gentechnikfreien Regionen in Deutschland unterstützen. DIE LINKE fordert von den Ländern, die Umstellungsförderung von konventioneller auf ökologische Landwirtschaft langfristig planbar und in der Höhe so zu gestalten, dass in Zukunft mehr Betriebe diesen Schritt wagen. Es sollte auch möglich sein, Teile von Betrieben umzustellen mit dem Ziel der Schaffung ökologischer Abteilungen in Großbetrieben. Damit würden für die Vielzahl von großen Genossenschaften und anderen Mehrfamilienbetrieben die Hürden herabgesetzt, den Einstieg in diese umweltverträgliche Wirtschaftsweise zu finden. DIE LINKE ist gegen die Kappung der EU-Direktzahlungen (erste Säule): Die ostdeutschen Betriebe, die von solch einer Entscheidung betroffen wären, sind in aller Regel keine „Agrarindustrien“, sondern etwa zur Hälfte Genossenschaften
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oder Mehrfamilienbetriebe anderer Rechtsform, die oft die wichtigsten Arbeitgeber in Dorf oder Gemeinde sind. Wir halten die Genossenschaft für die geeignetste Eigentumsform, sprechen uns aber grundsätzlich für einen Mix verschiedenster Eigentumsformen bei landwirtschaftlichen Betrieben aus. Nicht die Größe des Betriebs entscheidet für uns über seine Förderungsfähigkeit, sondern die Frage, inwiefern der Betrieb der Allgemeinheit nutzt. Fazit Auch wenn das mittlerweile abgedroschen klingen sollte: Die Prinzipien der Agenda 21 sind Prinzipien linker Politik. Nur im Einklang von ökonomischer, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit kann die Zukunft sinnvoll gestaltet und für kommende Generationen erlebbar werden. Und auch, wenn das nun eher überraschend klingen sollte: Die Ziele des ökumenischen Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind Quellen unseres politischen Handelns. Daher will DIE LINKE im ländlichen Raum − kleine und mittlere Unternehmen stärken, − ökologische Landwirtschaft fördern, − die Erzeugung erneuerbarer Energien in regionalen Kreisläufen ausbauen, − sanften Tourismus fördern, − unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhalten. Es sollte darüber hinaus geprüft werden, ob ländliche Kommunen für die vielfältigen Leistungen der Daseinsvorsorge, die ländliche Räume zugunsten der Allgemeinheit erbringen, einen Ausgleich erhalten sollten und wenn ja, in welcher Form dies geschehen könnte. Gerade aufgrund der geringeren Auslastung der Infrastruktur ländlicher Räume und die dadurch geringere Chance ihrer Rentabilität scheint dies geboten, etwa im Rahmen der Erweiterung des kommunalen Finanzausgleichs um eine flächenbezogene Komponente, in Ergänzung zum oben von mir vorgeschlagenen BGE. Ist das alles nun linke Politik für ländliche Räume? Gar linke Agrarpolitik? Ja, denn unsere Politik geht davon aus, dass die Wirtschaft für den Menschen da zu sein hat, nicht umgekehrt. Wir wollen eine Agrarpolitik, die Erzeuger- und Verbraucherinteressen gleichermaßen berücksichtigt. Wir wollen zusammen mit den Menschen unsere ländlichen Räume lebenswert und nachhaltig gestalten. Dafür setzen wir uns ein, im Bund, in den Ländern und natürlich vor Ort in den Kommunen.
Kapitel II Politik und Forschung
Zu wissen, was man weiß, und zu wissen, was man tut, das ist Wissen. Konfuzius
Mit der LEADER-Methode zur nachhaltigen Regionalentwicklung Elisabeth Schroedter
Der EU-Grundlagenvertrag beinhaltet den Auftrag, in der Europäischen Union den ökonomischen und sozialen Zusammenhalt herzustellen. Er sieht vor, dass die Menschen in jeder Region der Union vergleichbar gute Lebensbedingungen erwarten können. Niedergelegt im Artikel 158 des noch gültigen Nizza-Vertrages ist dieser Auftrag der Garant dafür, dass keine Region in der Europäischen Union abgeschrieben wird. Im Gegensatz zur Förderphilosophie der Brandenburger Landesregierung stehen in der Europäischen Union besonders benachteiligte Regionen, und eben auch ländliche Räume, im Fokus der regionalen Förderung. Auf diese Weise soll der ökonomische und soziale Zusammenhalt erreicht werden. Entwicklung ländlicher Regionen – eine Herausforderung Der ländliche Raum in der Europäischen Union ist vielfältig gestaltet. Doch die Probleme der einzelnen Regionen ähneln sich. Junge Menschen ziehen weg, weil sie keine Perspektiven sehen. Der globale Druck auf die landwirtschaftliche Produktion führt dazu, dass Arbeitskräfte eingespart und Höfe aufgegeben werden. Alternative Arbeitsplätze stehen kaum zur Verfügung. Der mit den sinkenden Einwohnerzahlen einhergehende sukzessive Abbau der Daseinsvorsorge führt zu weniger Lebensqualität. Um nicht selbst wegziehen zu müssen, werden Menschen aktiv. Sie ringen um eine lebenswerte und zukunftsträchtige Perspektive und nehmen das Schicksal ihrer Region selbst in die Hand. Die Erfolge einer aktiven Zivilgesellschaft in bereits abgeschriebenen Regionen beweisen, dass negative Abwanderungstrends umgekehrt werden können. Das Erfolgsgeheimnis heißt: Die Menschen vor Ort zu aktivieren, damit sie eine auf ihre Region zugeschnittene nachhaltige Entwicklung anstoßen. Im Sprachgebrauch der EU nennt man dies einen: „bottom-up-approach“ (übertragen: Entwicklung von unten). In Ostdeutschland ist in der Wendezeit der Begriff der „Kompetenz der Betroffenen“ entstanden. Er bezeichnet am deutlichsten, wann eine regionale Entwicklung erfolgreich sein kann, nämlich dann, wenn sie in der Region verwurzelt ist und aus der Region heraus entsteht.
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LEADER – ein erfolgreiches Testprogramm Seit 1991 erprobt die EU mit der Gemeinschaftsinitiative LEADER diesen gebietsbezogenen Entwicklungsansatz. LEADER steht für „Liaison entre actions de développement de l´économie rurale“ (Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft). Das beschreibt bereits den sektorenübergreifenden integrierten Entwicklungsansatz. In einer zweiten Fortsetzung wurden mit LEADER-Plus in Deutschland in der letzten Förderperiode von 2000 bis 2006 etwa 250 Millionen Euro für innovative Projekte im ländlichen Raum von der Europäischen Union bereitgestellt, kofinanziert aus Mitteln von Land, Kreis, Gemeinden oder privaten Geldgebern. Die 148 LEADER-Regionen Deutschlands sind aus Aktionen in den Gebieten heraus entstanden. Kulturgeschichtlich, naturräumlich, wirtschaftlich, manchmal auch verwaltungstechnische Einheiten bildeten den Rahmen. Bürger/innenforen diskutierten und entschieden über Entwicklungskonzepte für ihre Region. Allerdings forderte die Tatsache, dass es sich bei diesem Förderprogramm um eine EU-Gemeinschaftsinitiative handelt, einen hohen Tribut. Denn für diese Testprogramme waren internationale Projektkontakte, eine enorme Innovationsfähigkeit und eine ausführliche Dokumentation zur Nachahmung des Beispiels für andere Regionen erforderlich. Die Europäische Kommission selbst definierte die Zielvorstellungen und formulierte die Aktionsbereiche der Programme. Aus europäischer Sicht waren die Gemeinschaftsinitiativen eine Ergänzung zu den finanziell weit höher dotierten Zielprogrammen oder auch „Experimentierwerkstätten“. Trotzdem war LEADER in den ländlichen Regionen das beliebteste Förderprogramm. Der „bottom-up-Ansatz“ traf auf der einen Seite das Interesse aktiver Menschen, auf der anderen Seite wirkte er als Impuls für in den Regionen schlummernde Ideen und Initiativen. Grundsätze von LEADER Folgende Ansätze liegen allen LEADER-Programmen, also auch der LEADERMethode in der aktuellen Förderperiode zu Grunde: Territorialer Ansatz: Jede Region hat ihre Besonderheiten. Dies ist nach der LEADER-Förderphilosophie kein Nachteil, sondern eine Chance. Es gilt, das eigenständige Profil zu entdecken und zu entwickeln. Nur so kann sich eine stärkere Identifikation der Bevölkerung mit ihrer Region herausbilden. Wer sich für die Entwicklung seiner Region einsetzt und seine eigenen Lebensinteressen dort verwirklicht, verbindet sich mit der Region. Solche Menschen wandern nicht ab, denn sie haben die Region und ihr Leben darin selbst gestaltet und sind deshalb
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mit dem, was die Region ihnen als Einkommen und Lebensperspektive bietet, zufrieden. Bottom-up-Ansatz: Um die Kompetenzen der Betroffenen freizusetzen, bedarf es einer breiten Bürgerbeteiligung mit demokratischen Spielregeln. Neue Organisationsstrukturen müssen dazu entwickelt werden. Dies verläuft nicht immer konfliktfrei und wird schwieriger, wenn übergeordnete Verwaltungen oder politisch Verantwortliche auf die Eigeninitiativen vor Ort keine Rücksicht nehmen und der Region ihre Vorstellungen aufdrücken wollen. Regionales Entwicklungskonzept: Private und öffentliche Akteure entwickeln gemeinsam eine langfristige Strategie, wie der Rückstand ihrer Region abgebaut und die Entwicklung nachhaltig gestaltet werden, Marktnischen gefunden, privates Kapital mobilisiert, die Daseinsvorsorge erhalten und verbessert werden kann. Werden dann noch Kultur und Kunst wieder belebt, wird die Region attraktiver und kann auch mit dem Zustrom von jungen Leuten rechnen. Integrierter Ansatz: Durch sektorübergreifende Kooperationen können neue Möglichkeiten für die Diversifizierung der lokalen Wirtschaft gefunden werden. Wiederum helfen Kooperationen und gesellschaftlicher Austausch, innovative und gleichzeitig passgerechte Lösungen für die Wirtschaftsentwicklung der Region zu entwickeln. Vernetzung der Akteure: Aktionsgruppen sind der Motor dieses Entwicklungsansatzes. Sie tragen auch die Verantwortung für seine Umsetzung. Ihre Vernetzungsarbeit lebt davon, dass sie sich gegenseitig informieren, vorhandenes Know-how der Partner nutzen, voneinander lernen und gemeinsam arbeiten. In solchen lokalen Aktionsgruppen haben sich private Personen und private und öffentliche Institutionen organisiert, meist als Verein oder auch als privatrechtliche Gesellschaft. Für die LEADER-Förderung war und ist es Voraussetzung, dass die lokale Aktionsgruppe eine für die Region repräsentative Mischung lokaler Akteure zusammenführt. Die Lokalen Aktionsgruppen (LAG) steuern den Entwicklungsprozess, sind Anlaufstelle für Projektideen und Projektanträge und bringen immer wieder die verschiedenen Akteure der Region zusammen. Sie haben aber auch selbst Projekte initiiert und umgesetzt.
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Schwerpunkte von LEADER-Plus Wie wir uns erinnern, hatte die Europäische Kommission im LEADER-PlusProgramm vier Schwerpunktthemen gesetzt: • Einsatz von Know-how und neuen Technologien zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit regionaler Erzeugnisse und Dienstleistungen; • Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität; • Aufwertung lokaler Erzeugnisse, Erleichterung des Marktzugangs vor allem für kleine Betriebe; • nachhaltige Nutzung des natürlichen und kulturellen Potentials der Region. Partnerschaften und Austausch LEADER setzte nicht nur in den Regionen auf Erfahrungsaustausch und Kooperation. Für die Vernetzung der LEADER-Akteure auf Bundesebene war die Deutsche Vernetzungsstelle LEADER-Plus aktiv. Ihr Ziel war es, auf regionaler Ebene angewandte neue Entwicklungsansätze und erfolgreiche Projektideen überregional bekannt zu machen, international Kontakte auch über LEADER hinaus zu schaffen und die fachliche und organisatorische Arbeit der LAGs zu unterstützen. Auf europäischer Ebene begleitete der LEADER-Plus-ContactPoint seit Mitte 2004 diesen Prozess und unterstützte die transnationale Zusammenarbeit der Lokalen Aktionsgruppen aus unterschiedlichen Mitgliedstaaten. Dadurch entstand ein europäisches Kontaktnetz für ländliche Entwicklung. Erfolgreiche Beispiele – dem demografischen Wandel zum Trotz Aus der jüngsten Sammlung und Darstellung hervorragender und beispielgebender Projekte, die in Deutschland durch die Förderung von LEADER verwirklicht werden konnten, und jetzt durch die Deutsche Vernetzungsstelle für LEADERPlus dokumentiert wurden1, habe ich im Folgenden einige Beispiele ausgewählt. Ich möchte durch diese Auswahl aufzeigen, dass Regionen im ländlichen Raum bei geeigneter Förderung – wie sie die LEADER-Förderung darstellt – ihre Attraktivität und Lebensfähigkeit erhöhen können. Diese Beispiele zeigen, dass die neue Förderphilosophie der Brandenburger Landesregierung, in der davon ausgegangen wird, dass förderwürdige Stärken nur in den starken Regionen zu finden und unterstützenswert sind, falsch ist! Viele dieser Projekte habe ich besucht, ________________ 1 Deutsche Vernetzungsstelle LEADER+: „LEADER+ in Deutschland: Ausgewählte Projekte“ Bonn 2006
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natürlich die meisten davon in Brandenburg, aber auch einige in MecklenburgVorpommern, in Bayern und in Hessen. Diese Beispiele belegen, dass bürgerschaftliches Engagement in vielen Regionen lebensnotwendige Infrastruktur aufrechterhält, den Nachteilen aus der Abwanderungswelle und den demografischen Veränderungen zum Trotz. Dort, wo sich der Staat aus seiner Verantwortung für die Daseinsvorsorge zurückgezogen hat und Unternehmen aufgrund der global gemessenen Wirtschaftlichkeit Dienstleistungen nicht mehr anbieten, wurden Menschen aktiv und belebten diese Regionen neu. Sie trugen dazu bei, dass sie für Menschen wieder attraktiv wurden, nach dem Motto: Wir lassen uns nicht abschreiben. Freie Schule Rohdahn, Naturpark Westhavelland (Brandenburg) 1997 wurde in Roddahn bei Neustadt (Dosse) die Nachbarschaftsschule des Vereins Tausendweg e.V. als alternative Grundschule mit Kindergarten gegründet. Sie verfolgt ein pädagogisches Konzept, welches Kinder frei von den Zwängen und Normen des Althergebrachten unterrichtet. Neben den kreativ gestalteten Schulräumen gehören Bibliothek, Küche, Werkstatt, Sportplatz und der nahe gelegene Wald zu den „Unterrichtsräumen“. Das Schulgebäude bot zu wenig Platz für freies, geistiges und räumliches Arbeiten der inzwischen 60 Kinder und Jugendlichen. Mit Hilfe von LEADERPlus wurde das Schulgebäude um einen gläsernen Anbau erweitert. Und um den Ansprüchen der Kinder gerecht zu werden, wurde eine umfassende Qualifizierung von vier Mitarbeiterinnen ermöglicht. Sie erwarben innerhalb eines Jahres das Montessori-Diplom. Nicht nur der Bau, sondern auch das Schulkonzept integriert die regionalen Firmen in die Arbeit und die Angebote der Schule. So werden beispielsweise regionale Lebensmittel zur Essensversorgung verwendet. Über Praktika können die Kinder und Jugendlichen wertvolle Erfahrungen in den umliegenden Unternehmen sammeln. Die Nachfrage nach Plätzen in der Nachbarschaftsschule ist auch weiterhin groß. Der Abwanderungstrend konnte aber durch das Schulangebot erfolgreich gestoppt werden – es ist sogar ein Zuzug von Familien mit Kindern in und um Roddahn zu verzeichnen. Infos/Quelle: www.lag-westhavelland.de Bürgerstiftung Werra-Meißner (Hessen) Eine Bürgerstiftung ist eine unabhängige, autonom arbeitende Gemeinschaftsstiftung. Sie bündelt finanzielle Beteiligungen von Privatpersonen, Unternehmen und Organisationen in kleinerem und größerem Umfang. Mit den Erträgen des
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Kapitals, durch Spenden sowie mit ehrenamtlicher Hilfe können gemeinnützige Vorhaben in der Region unterstützt werden. Ziel ist es, das gemeinnützige Engagement der Bürger für ihre Region in Form von Geld, Zeit und Ideen zu aktivieren und zu bündeln. Gefördert werden sollen Projekte des Gemeinwohls zum Beispiel in der Kinder-, Jugend- und Altenhilfe, in Kunst und Kultur, im Natur- und Umweltschutz und zur Völkerverständigung, aber auch zur Unterstützung besonders bedürftiger Einzelpersonen. Mitte 2003 fanden sich im Landkreis Werra-Meißner rund 30 Personen zu einer Gründungsinitiative für eine solche Stiftung zusammen. Am 31.12.2005 gehörten dem Stifterforum bereits 71 Stifter als natürliche oder juristische Personen an. Das Stiftungskapital betrug 75.600 Euro. Gefördert wurde ein Modellprojekt, das Schülern der 5. und 6. Klassen half, Gewalt, Drogen, sexuellem Missbrauch und Rassismus begegnen zu können. Weiterhin wurden ein Familienzentrum, der Aufbau eines Museumsverbundes im Werra-Meißner-Kreis und eine Palliative-Care-Fortbildung der örtlichen Hospizgruppe gefördert. Infos/Quelle: www.vfr-werra-meissner.de Seniorenmesse Steinburg (Schleswig-Holstein) Der Anteil älterer Menschen wird in der Region Steinburg von heute 16 Prozent auf 21 Prozent im Jahre 2015 steigen. Angesichts dieses Prozesses ist die Wohnund Lebensqualität ein Standort- und Wirtschaftsfaktor. Das Projekt „Seniorenmesse Steinburg“ beschäftigte sich mit Themen rund um das Älterwerden und Ältersein. Jährlich wird eine Messe in der Gemeinde Brokdorf veranstaltet, die über Informations- und Freizeitangebote für Senioren informiert und regionalen Dienstleistern sowie Handwerkern als Plattform für seniorengerechte Angebote dient. Die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Messe begleitete eine Arbeitsgruppe aus Experten für Seniorenarbeit (des Geriatrischen Klinikums, des Sozialverbands, des Deutschen Roten Kreuzes, des Deutschen Schwerhörigenbundes, einer Seniorenakademie, des Kreisseniorenbeirats, des Kreisgesundheitsamtes und des Kreissozialamtes). Die erste Messe mit regionalen Ausstellern besuchten 4.000 überwiegend ältere Menschen, aber auch viele Familien. Innerhalb des Rahmenprogramms zeigten Seniorentanz- und -gymnastikgruppen der Region ihr Können, es gab Boots- und Kutschfahrten. Auf der zweiten Messe stieg die Zahl der ausstellenden Unternehmen, Vereine und Institutionen auf 60. Die Bandbreite reichte von der kleinen Bau- und Möbeltischlerei mit individuellen Lösungen für altersgerechtes Wohnen bis hin zur Polizeiinspektion. Die 5.000 Besucher, die verzeichnet werden konnten, sind ein Zeichen des Erfolgs der Seniorenmesse. Infos/Quelle: www.leader-steinburg.de
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Rhöner Energiecheck (Bayern) Die Landkreise Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld haben im Jahr 1999 ein einsparungs-, ökologie- und handlungsorientiertes Energiekonzept für die Bayerische Rhön in Auftrag gegeben, welches im Rahmen von LEADER-II kofinanziert wurde. Beide Energiekonzepte gingen von einer mittelfristig möglichen CO2Reduktion um mindestens 40 Prozent und der gleichzeitigen Schaffung und Sicherung von regionalen Arbeitsplätzen durch die Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen aus. Als eine kurzfristig realisierbare Maßnahme wurde die Einführung eines Rhöner-Energiepasses (Rhöner Energie-Check) angesehen. Der Rhöner Energie-Check wendete sich an die Zielgruppe der privaten Hausbesitzer und ermöglicht eine erste ökologische und energetische Beurteilung bestehender Gebäude bzw. Haushalte. Er sollte dem Hausbesitzer einen niederschwelligen Einstieg in die Auseinandersetzung mit den Verbrauchsdaten seines Gebäudes und seines Haushaltes ermöglichen. Hierdurch sollten letztendlich Verbesserungsmaßnahmen wie Sanierung, Dämmung, Erneuerung bis hin zur Änderung des Verbraucherverhaltens zur nachhaltigen Senkung des Energieverbrauches und des CO2-Ausstoßes in der Region initiiert werden. Von den in beiden Landkreisen versandten 44.000 Fragebögen wurden etwas 5.800 zurück gesandt. Die Ergebnisse zeigten auf, dass es hohe Handlungsanreize und Marktpotenziale für das regionale Handwerk gibt. Infos/Quelle: http://lag-bad-kissingen-ufr.le-on.org; http://lag-rhoen-grabfeld-ufr. le-on.org Die Qualität in der Region muss stimmen (Brandenburg) Bereits 2003 erkannten die Mitglieder der Arbeitsgruppe Tourismus der brandenburgischen Lokalen Aktionsgruppe (LAG) Westhavelland, dass eine gemeinsame Angebotsentwicklung und Qualitätssteigerung die Konkurrenzfähigkeit aller Anbieter erhöht. Zwölf Kultur- und Tourismusanbieter haben sich zusammengefunden, um ein einheitliches Tourismus- und Kulturmarketing zu entwickeln. Ein Marketingbüro aus Berlin unterstützte die Anbieter und machte sie fit für ihre anvisierten Ziele. Die Umsetzung wurde in vier Arbeitsblöcken realisiert: dem „Projektcheck“, der „Markt- und Konkurrenzanalyse in Brandenburg“, Fragen zu „Der gewünschte Gast“ und die „Ideen- und Strategieschmiede, Produktentwicklung“. Auch Fragen nach der Zielgruppe waren zu beantworten. Es wurde deutlich, dass die Zielgruppe „Bustouristen über 50 Jahre“ von den meisten Anbietern beworben wird und durch einen erfolgreichen gemeinsamen Vertrieb der Angebote die Besucherzahlen deutlich gesteigert werden könnten. Dennoch wird jedes Unternehmen die bereits gewonnenen Zielgruppen weiter bedienen und weiter bewer-
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ben. Weitere Maßnahmen waren: Erstellung eines Labels für das Havelland, Erarbeitung einer gemeinsamen Imagebroschüre, Erstellung eines Werbeflyers, Umfrageaktionen, Qualifizierung und Definition der Leistungen und Angebote, kooperative Angebotsentwicklung (Angebotspakete) für Busunternehmen, Teilnahme an einer Messe, gezielte Einzelansprache von Reisepaketanbietern, Busunternehmen und Incoming-Büros, Entwicklung von Provisionsmodellen für den Vertrieb sowie die Verbesserung der Darstellung im Internet. Trotz oder gerade wegen der großen Unterschiede der touristischen Angebote wurden Kooperationsmöglichkeiten ausgelotet. Es sind stimmige Angebote mit guter Qualität entstanden. An den Ergebnissen werden die Projektteilnehmer nun selbst anknüpfen und auch mit neuen Partnern selbständig Wege für Vermarktung und Qualitätssicherung gehen. Infos/Quelle: www.lag-westhavelland.de Dorf- und Bürgerladen Arberg mit Regionaltheke (Bayern) Nachdem das letzte Lebensmittelgeschäft 1995 in der Gemeinde Arberg geschlossen wurde, war die Nahversorgung mit Lebensmitteln nicht mehr gewährleistet. Dies erwies sich besonders für ältere und immobile Bürger als problematisch. Der Bürgermeister der Gemeinde gab das Wahlversprechen, die Nahversorgung in Arberg sicherzustellen und führte den Laden ab September 1996 in Eigenregie weiter. Im Herbst 2003 konnte der Gemeinderat davon überzeugt werden, dass eine langfristige Erhaltung des dörflichen Lebensmittelladens nur zu gewährleisten ist, wenn die Gemeinde selbst als Betreiber eintritt. Zur Verwirklichung eines solchen Dorfladens in Arberg trugen zudem Ideen einer Projektgruppe zum Thema „Grundversorgung im Dorf“ bei. So konnte im Februar 2004 der Dorf- und Bürgerladen Arberg als kommunales Sonderunternehmen unter dem Namen „um’s Eck“ eröffnet werden, mit Lebensmitteln und Dienstleistungen unter einem Dach. Der Dorfladen bietet seinen Kunden neben dem üblichen Sortiment an Nahrungs- und Genussmitteln auch verschiedene Dienstleistungen an: eine Poststelle, eine Kleiderreinigung, eine Lotto-Annahmestelle, einen Schuhreparaturservice und einen Fotoshop – bis auf die Poststelle alles neue Dienstleistungen in Arberg. Weiterhin finden sich hier touristische Prospekte, Veranstaltungstipps und Bürgerinformationen der Gemeinde Arberg und eine Café-Ecke. Als besonderen Service liefert der Dorfladen Arberg seine Produkte auch kostenlos nach Hause, was vor allem von älteren Bürgern gerne in Anspruch genommen wird. Die Bestellung kann telefonisch oder persönlich im Laden aufgegeben werden, die Lieferung erfolgt nach Ladenschluss. Im ersten Jahr waren eine Geschäftsführerin in Vollzeit sowie drei Teilzeitkräfte auf 400-Euro-Basis beschäftigt. Seit 2005 bietet der Dorfladen an einer Regionaltheke zusätzlich Le-
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bensmittel fränkischer Erzeuger an. Derzeitig beliefern rund 30 Lieferanten aus Franken die Regionaltheke mit über 200 Produkten. Im Sommer nutzen zudem Touristen die Einkaufsmöglichkeit „um’s Eck“. Der Dorfladen ist jedoch mehr als eine Versorgungseinrichtung. Das „um’s Eck“ hat sich zu einem Kommunikationszentrum für Menschen aus Arberg und Umgebung entwickelt und wurde ein wichtiger Beitrag zur Belebung dörflicher Sozialstrukturen. Infos/Quelle: www.region-hesselberg.de Generationenhaus (Bayern) Der Verein Frauen-Netzwerk e.V., der das Ziel verfolgt, die Mitwirkung und den Einfluss von Frauen in allen Gebieten des öffentlichen Lebens zu fördern, übernahm die Trägerschaft eines „Generationenhauses“, einer Begegnungsstätte für Frauen aller Altersstufen und für Familien. Sie ist Informations- und Kontaktbörse, Raum für Treffen und Gespräche, einschließlich interkulturellen Aktionen wie dem Café International, in dem Frauen ihr Heimatland vorstellen. Mit der Datenbank von Mobikid bietet das Generationenhaus eine Übersicht über alle im Landkreis bestehenden Betreuungsangebote: Dazu zählen Kindergärten und Horte, Schulen mit Mittagsbetreuung, Krabbelgruppen sowie Tagesmütter und -väter. Bestehende Lücken bei der Kinderbetreuung können durch die Vermittlung von Müttern für Notfälle geschlossen werden. Darüber hinaus bietet das Generationenhaus Qualifizierungskurse für Tagespflegemütter oder -väter an. Eine kurzfristige, stundenweise Kinderbetreuung bietet das Generationenhaus auch selbst an, wenn betreuende Elternteile beispielsweise Arztbesuche oder Behördengänge wahrnehmen müssen. Ergänzend bietet das Generationenhaus den „Oma/OpaKinder-Dienst“ an. Hierbei übernehmen ältere Menschen im Rahmen einer längerfristigen persönlichen Beziehung Aufgaben bei der Kinderbetreuung. Das Generationenhaus stellt speziell für Mädchen und Frauen einen Internet-Treff mit sechs Computern bereit. In dem Internet-Treff können Frauen online Stellen oder Ausbildungsplätze suchen und sich bewerben sowie sich Informationen über Firmen und Universitäten beschaffen. Zusätzlich werden speziell auf Frauen und Mädchen ausgerichtete PC-Schulungen angeboten. Die erfolgreiche Arbeit wird fortgesetzt. Der laufende Betrieb des Generationenhauses wird von zwei Frauen gewährleistet, die in Teilzeit arbeiten. Infos/Quelle: http://lag-bad-kissingen-ufr.le-on.org Wohnanlage Buchhorstgarten, Gatow (Niedersachsen) Vor zehn Jahren hat sich eine kleine Gruppe von 50- bis 60-jährigen zusammengeschlossen, deren Ziel es ist, eine Form von altersgerechtem Wohnen zu verwirklichen, in der jeder Einzelne verantwortlich für sich selbst, aber auch für die
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Menschen in seiner Nachbarschaft sein kann. Geplant wird eine Siedlung mit 60 Wohnungen und Häusern, welche bis zum Jahr 2010 in drei Bauabschnitten entstehen soll. Innerhalb der Siedlung sollen die Bewohner in selbst ausgesuchter Nachbarschaft leben, Verantwortung übernehmen, so lange wie möglich für sich und die Gemeinschaft arbeiten, bei Bedarf zu Hause versorgt und gepflegt werden können, Freizeitbeschäftigungen pflegen und am kulturellen Leben teilnehmen. Das Konzept für das selbst organisierte Zusammenleben sieht außerdem vor, dass für die Entscheidungsfindung im Gemeinwesen ein mit allen Bewohnern erarbeitetes Statut die Basis bildet. Die Verwaltung unterstützt die Bewohner bei der Organisation von Gemeinschafts- und Kulturprojekten wie beispielsweise Carsharing, Transport-Service und Alltagshilfen. Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten nach Können und Fähigkeiten für jeden sollen vorhanden sein und Dienstleistungen der Senioren auf Tauschbasis angeboten werden. Zusätzlich sind gemeinschaftliche Einrichtungen vorgesehen wie ein Café/ Bistro/Restaurant, eine Bibliothek und Veranstaltungsräume, ein kleiner Einkaufsladen, Büro und Verwaltung, ein Gästezimmer für Freunde und Verwandte. Die Gastronomie- und Pflegeangebote und Kulturveranstaltungen sind offen für alle Gartower Bürger. Die gesamte Einrichtung soll ausschließlich mit regenerativer Energie versorgt werden. Infos/Quelle: www.leaderplus-elbtalaue.de Bürgerbahnprojekt „Elbe-Elster-Express“ (Brandenburg) In der Region „Wald- und Heideland“ im südwestlichen Brandenburg wurde auf der Bahnstrecke in Nord-Süd-Richtung im Jahr 2000 der gesamte Personenverkehr eingestellt. Seitdem ist es für Touristen kaum möglich, die Region ohne Auto zu bereisen. Eine Evaluierung aller wiederkehrenden touristischen, kommunalen und lokalen Aktionen und Events entlang der Strecke ergab jedoch ein beachtliches Nutzungspotenzial. Da vom Land jedoch trotzdem keine Nahverkehrsbestellung zu Verfügung gestellt wurde, übernahm ein Förderverein unter der Trägerschaft des Deutschen Bahnkunden-Verbandes (DBV) nach Ausarbeitung eines Betreibermodells die Strecke auf einer Länge von 49 km. Die Bürgerbahn „Elbe-Elster-Express“ verkehrt seit Juli 2006 an den Wochenenden und Feiertagen mit einem Schienenbus auf der Strecke Falkenberg-(Elster)–LuckauUckro. Dabei kommt überwiegend ehrenamtliches Personal zum Einsatz, wodurch die Betriebskosten in einem überschaubaren Rahmen bleiben. Es sind Bürger, die eine Ausbildung als Lokführer oder als Zugbegleiter haben. Zunächst erwarb der Förderverein einen Triebwagen der Baureihe BR 798 mit Steuerwagen. Dieser wurde saniert und bietet nun Platz für 100 Fahrgäste und 12 Fahrräder. Weiterhin wurden die Gleise in Stand gesetzt, vier überdachte Haltestellen
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entlang der Strecke errichtet, die Ein- und Ausstiegsstellen beschildert sowie der Lokschuppen in Schlieben saniert und erweitert. Die Deutsche Regionaleisenbahn GmbH gab als Infrastrukturbetreiberin der Strecke Falkenberg(Elster)Beeskow fachliche Unterstützung bei der Durchführung der Verkehrsleistung. Wenn entlang der Strecke Veranstaltungen stattfinden, wird der Elbe-ElsterExpress sowohl von Bewohnern der Region als auch von Wanderern und Radtouristen rege in Anspruch genommen. An den übrigen Wochenenden nutzen hingegen nur wenige Menschen das Angebot. Die Aktivitäten des Fördervereins konzentrieren sich daher auf eine engere Verzahnung mit dem Tourismus und auf ein intensiveres Marketing. Geplant ist, in Kooperation mit touristischen Anbietern vielfältige Programmpakete zu entwickeln, wobei ein besonderes Augenmerk auf den Fahrradtourismus gelegt wird. Nach einem Jahr Förderung soll in den zwei Servicestationen je ein fester Arbeitsplatz entstehen. Bei entsprechender Nachfrage ist eine Ausweitung des Angebotes auf einen täglichen und ganzjährigen Betrieb geplant. Denkbar ist, den Schülerverkehr entlang des Streckenverlaufs von der Straße auf die Schiene zu verlagern, indem die Fahrpläne nach den Schulzeiten ausgerichtet werden. Infos/Quelle: www.regionaleisenbahn.de Pausen- und Übernachtungsstützpunkt an der Fläming-Skate (Brandenburg) Der Qualifizierungsverein „Niederer Fläming“ e.V. bietet Jugendlichen die Möglichkeit, in einem Berufsvorbereitungsjahr die Berufsausbildungsreife zu erlangen oder eine abgeschlossene Berufsausbildung zu erwerben. Ausgebildet werden unter anderem zum Teil körperlich oder geistig behinderte Menschen in den Berufen Tischler, Koch, Gärtner und Fachkraft im Gastgewerbe. 1999 begann der Bau einer 200 Kilometer langen Skaterstrecke, der die Region für neue Zielgruppen erschloss. Im „Gut Wahlsdorf als Pausen- und Übernachtungsstützpunkt an der Flaeming-Skate®“ wurden Übernachtungsmöglichkeiten mit Verpflegung in einem Restaurant angeboten. Die Bühne des Gutshauses ermöglicht (kleine) Feiern und kulturelle Veranstaltungen, die für Skater, Besucher und Bewohner des Dorfes eine interessante Bereicherung sind. Der Verein konnte durch die Modernisierung der Herberge die Anzahl der Übernachtungsmöglichkeiten auf über 30 Betten erhöhen. Die Jugendlichen im Berufsvorbereitungsjahr, die Praktikanten und Auszubildenden erhalten nun in den Bereichen Gastronomie, Hauswirtschaft und Holzbearbeitung verstärkt die Möglichkeit, den notwendigen Praxisbezug kennen zu lernen. Infos/Quelle: www.leaderplus-dahme-heideblick.de
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Inwertsetzung und Erhaltung der Weißtanne In den LEADER-Plus-Regionen Nordschwarzwald (Baden-Württemberg), Impuls Westallgäu 10+ (Bayern) und Vorarlberg in Österreich hat die Weißtanne ihr natürliches Verbreitungsgebiet. Sie ist dort eine prägende Baumart, die ökologisch für das natürliche Waldgefüge unabdingbar ist. Aufgrund höherer Bewirtschaftungs- und Verarbeitungskosten dieser Baumart hat sich das Vorkommen der Weißtanne in den letzten 200 Jahren jedoch auf zehn Prozent ihrer ursprünglichen Fläche reduziert. Das regional beschränkte Vorkommen und die besonderen Eigenschaften der Weißtanne bringen Marketingpotenziale. In einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit haben die drei Lokalen Aktionsgruppen (LAGs) die Nachfrage nach Weißtannenholz angeregt, die Wertschöpfung der regionalen Waldbauern erhöht und damit die Existenz der kulturlandschaftlich bedeutsamen Weißtanne langfristig gesichert. Bereits während der Projektlaufzeit fiel bei über 60 regionalen Bauobjekten die Entscheidung zugunsten der Weißtanne. Auf dem Schnittholzmarkt stieg die Nachfrage nach Weißtannenholz um zehn Prozent. Neben der gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit trugen dazu auch regionale Projekte der Kooperationspartner bei. Technische Versuchsreihen der LAG Nordschwarzwald und das von der LAG Westallgäu errichtete Musterbauwerk aus Weißtannenholz – eine Begegnungsstätte in Stiefenhofen – sicherten und veranschaulichten die Einsatzmöglichkeiten dieser Holzart im Baubereich. Infos/Quelle: www.leader-nordschwarzwald.de
Die Zukunft von LEADER In der Förderperiode 2007–2013 bleibt LEADER als Methode für die ländliche Entwicklung erhalten. Seit 2007 ist LEADER fester Bestandteil der neuen EUPolitik für den ländlichen Raum. Die LEADER-Methode soll in allen Förderbereichen der ländlichen Entwicklung angewandt werden. Dabei soll die Umsetzungsvielfalt von LEADER-Plus – wie in dem kleinen Ausschnitt von Beispielen dargestellt – erhalten bleiben. Die Entscheidung darüber liegt jedoch nicht mehr auf Kommissionsebene, sondern bei den Nationalstaaten, in Deutschland bei den Ländern. Dazu möchte ich an dieser Stelle einen Blick auf die neue Förderperiode 2007 bis 2013 und auf die neue Gesamtstruktur des Förderprogramms für den ländlichen Raums (ELER2) werfen. Anders als bisher gehört der Fonds für die ________________ 2 Verordnung Nr. 1698/2005 des Rates vom 20. September 2005 über die Förderung der Entwicklung des ländlichen Raums durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) [Amtsblatt Nr. L 277 vom 21.10.2005]
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Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) auch im Ziel-1-Gebiet (jetzt als Konvergenzgebiet bezeichnet) nicht mehr zu den Strukturfonds. Die neue finanzielle Vorausschau für die Jahre 2007–2013 hat die Agrardirektzahlungen, die Förderung des ländlichen Raums, den Naturschutz und die Katastrophenschutzmaßnahmen und -vorbeugungsmaßnahmen in einer eigenen Haushaltskategorie zusammengefasst. Dieses Vorgehen soll langfristig die Finanzierung des ländlichen Raumes stärken und sichern. Zusätzlich können jedoch auch der Regionalfonds (EFRE) und der Sozialfonds (ESF) zur Förderung der Entwicklung des ländlichen Raums verwendet werden. Obwohl von europäischer Seite aus das Gebot besteht, bei der Förderung des ländlichen Raums die Synergie der Fonds sicher zu stellen, werden sowohl die nationalen Strategiepläne als auch die operationellen Programme für den ELER separat von den Strukturfonds entwickelt. Eine gute Abstimmung der Ministerien und der Abschied vom Ressortdenken werden notwendig sein, um in der Praxis optimale Förderungen zu erzielen. Die Vorgaben der im nationalen Rahmen geforderten ILE-Programme (ILE steht für „Integrierte ländliche Entwicklung“) werden jedoch starr an Verwaltungsstrukturen und Kreisgrenzen gebunden. Kreisgrenzen überschreitende Aktionsgruppen, wie sie bisher in der LEADER-Förderung durchaus üblich waren, werden dadurch in ihren Aktivitäten erheblich eingeschränkt. Zudem dominiert in dem Bundesförderansatz der Gemeinschaftsaufgabe Agrarförderung und Küstenschutz (GAK), anders als beim LEADER, welches bei den Bürgerinnen und Bürgern ansetzt, die administrative Ebene. Die Struktur von ELER ELER unterteilt sich in vier Achsen. Drei Achsen sind vertikal, d.h. es sind Förderbereiche, die nebeneinander stehen. − Ziel der Achse 1: Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit im Agrar- und Fischereisektor; − Ziel der Achse 2: Verbesserung der Umwelt und der landschaftlichen Aspekte des ländlichen Raums (auch Agrarumweltmaßnahmen genannt, ein großer Teil fällt auf die Umsetzung von NATURA 2000); − Ziel der Achse 3: Verbesserung der Qualität des ländlichen Raums und Diversifizierung der ländlichen Wirtschaftsstruktur, darunter fallen beispielsweise Dorfentwicklungsprogramme. Die vierte Achse – die LEADER-Achse – ist horizontal angelegt. Das bedeutet, dass sie als Methode für die Umsetzung der drei vertikalen Achsen angewendet werden soll. Besonders eignet sie sich für die Säule Drei. Im Rahmen der Säule ________________
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Drei sollen zum einen Arbeitsplätze in ländlichen Räumen außerhalb der Landwirtschaft geschaffen werden und zum anderen die ländlichen Räume auch für nachfolgende Generationen attraktiv gestaltet werden, zu den Maßnahmen gehören deshalb: 1.
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Maßnahmen zur ökonomischen Entwicklung, wie neue ökonomische Aktivitäten für Arbeitskräfte, die in der Landwirtschaft keine Arbeit mehr finden; Unterstützung von Kleinstunternehmen und von touristischen Aktivitäten; Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität im ländlichen Raum, insbesondere um die Grundlagen der Daseinsvorsorge für die Wirtschaft und die ländliche Bevölkerung zu sichern; Dorferneuerungs- und Dorfentwicklungsmaßnahmen und solche zur Bewahrung des ländlichen Kulturerbes; Trainings- und Informationsmaßnahmen für alle Akteure, die zur wirtschaftlichen Entwicklung der ländlichen Räume beitragen; Qualifizierungsmaßnahmen, die dazu dienen, dass die Bevölkerung im ländlichen Raum sich das Wissen aneignet, um die Entwicklung ihrer Lebensumwelt in Zukunft selbst in die Hand nehmen zu können. Die Leitlinien für die Entwicklung des ländlichen Raums3 betonen, dass dabei der betroffenen Bevölkerung auch nahe gebracht werden soll, wie sie diese Aufgabe selbst in die Hand nehmen kann.
Die Mitgliedstaaten müssen in der Mittelverteilung für die Achse eins und drei mindestens zehn Prozent der Mittel vorsehen, für die Achse zwei mindestens 25 Prozent. Für den LEADER-Ansatz sind mindestens fünf Prozent der Gesamtmittel eines Mitgliedsstaates zu reservieren. Also mindestens ein Anteil von fünf Prozent der Umsetzung der Mittel aus den Säulen eins bis drei muss in der LEADER-Methode angewandt werden. Natürlich können die Mitgliedstaaten diesen Prozentsatz erhöhen und auf alle geeigneten Maßnahmen ausdehnen.
Kernpunkte des LEADER-Ansatzes im neuen Förderprogramm: Der LEADER-Ansatz im neuen Förderprogramm 2007–2013 ist eine horizontale Methode zur Umsetzung der Ziele der Achsen eins bis drei, und demnach eine Mainstreaming-Methode. Als Umsetzungsmethode soll der Ansatz dazu dienen, die Selbstverwaltung zu stärken und das endogene Potential der Regionen zu ________________ 3 Beschluss des Rates vom 20. Februar 2006 über strategische Leitlinien der Gemeinschaft für die Entwicklung des ländlichen Raums (Programmplanungszeitraum 2007–2013) [Amtsblatt L 55 vom 25.2.2006]
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mobilisieren, um die Wertschöpfung in der Region zu erhöhen. Die Methode baut auf von der betroffenen Bevölkerung entwickelten regionalen Konzepten auf. Gefördert werden sollten dabei die besten und innovativsten Ideen. Qualitätsanforderungen der LEADER-Förderung a)
Es muss eine lokale Entwicklungsstrategie für eine klar abgegrenzte Region existieren. b) Es muss eine lokale Aktionsgruppe vorhanden sein. c) Der lokalen Aktionsgruppe müssen Kreations- und Entscheidungsrechte bezüglich der Entwicklungsstrategie übertragen werden (so genannter „bottom-up“-Ansatz). d) Die Strategie muss auf einem vielfältigen und gleichzeitig umfassenden integrierten Ansatz basieren und verschiedene Akteure der lokalen Ökonomie einbeziehen. e) Der Entwicklungsansatz muss einen innovativen Charakter haben. f) Der Ansatz muss Kooperationsprojekte beinhalten. g) Netzwerke von lokalen Partnerschaften müssen gebildet werden. LEADER-Aktionsgruppen Bestehende LEADER-Aktionsgruppen sind bereits qualifiziert und können weiter gefördert werden. Neue müssen nachweisen, dass sie sich aus verschiedenen Partnern zusammensetzen, die wiederum aus verschiedenen sozioökonomischen Feldern der Region kommen. Die Sozialpartner aus der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft (z.B. Landjugend, Landfrauen, Bauernverbände u.a.) müssen mindestens 50 Prozent der Entscheidungskompetenz tragen, damit die Aktionsgruppe anerkannt werden kann. Gleichzeitig muss die Aktionsgruppe die Fähigkeit besitzen, eine regionale Entwicklungsstrategie zu definieren und diese umzusetzen. Von der Gruppe wird auch das zu fördernde Projekt bestimmt. Sie muss sich eine institutionelle Grundlage schaffen (z.B. als Verein) und einen fähigen Finanzverantwortlichen wählen. Die betroffene Region muss über eine kritische Masse an interessierten Menschen zum Mitmachen, sowie finanzielle und ökonomische Ressourcen verfügen. Merkmale der lokalen Entwicklungsstrategie Die Entwicklungsstrategie muss mindestens die oben genannten Merkmale a), d) und g) enthalten. Inhaltlich muss sie mindestens eines oder auch mehrere Ziele der Achsen eins bis drei des ELER erreichen und Kooperationsprojekte umset-
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zen. Bildungs- und Qualifikationsmaßnahmen müssen Teil der Strategie sein. Denn der LEADER-Ansatz soll in der Region erreichen, dass sie ihre Entwicklung selbst in die Hand nimmt. Deshalb muss das Einbeziehen der Öffentlichkeit ein Teil der Strategien sein. Innerhalb von Kooperationsprojekten kann sowohl auf interregionaler (innerhalb eines Mitgliedstaates) als auch internationaler Ebene zusammengearbeitet werden. Technische Hilfe Jährlich stehen 0,25 % der ELER Mittel der Kommission als Technische Hilfe zur Verfügung. Sie kann diese nutzen, um Projekte bei ihrer Vorbereitung, dem Monitoring, der Administration sowie der Evaluierung zu unterstützen. Die Kommission wird in diesem Zusammenhang vorbildliche Praktiken über öffentliche Ausschreibungen fördern um sie danach zur Nachahmung zu verbreiten, (Best Practice). Den Mitgliedstaaten stehen vier Prozent des nationalen Gesamtvolumens jedes Programms im Rahmen von ELER als Technische Hilfe zur Verfügung. Diese Mittel sind in erster Linie für die Koordinierungsaufgaben im Operationellen Programm vorgesehen, könnten aber auch für Innovationswettbewerbe für beispielhafte Projekte genutzt werden. Netzwerke Mitgliedstaaten können die Technische Hilfe auch nutzen, um ein nationales Netzwerk für die ländliche Entwicklung zu schaffen. Dies soll dem Erfahrungsaustausch, aber auch dem Training von Akteuren dienen. Optimal wäre, wenn sich nationale Netzwerke auf europäischer Ebene zu einem europäischen Netzwerk zusammenfinden. Dieses könnte dann europaweit die Erfahrungen bei der ländlichen Entwicklung sammeln, analysieren und bewerten. Solche Erfahrungen könnten dann wiederum von den nationalen Netzwerken sowie von den ländlichen Räumen in Drittstaaten genutzt werden. Das Europäische Netzwerk soll ebenfalls dazu dienen, Treffen und Seminare zum Erfahrungsaustausch der Gruppe auf europäischer Ebene zu organisieren. Chancen und Schwächen der neuen LEADER-Förderung Auf den ersten Blick bietet die Einführung der LEADER-Methode im ELER als Mainstreaming große Chancen für eine innovative Entwicklung ländlicher Räume. Doch leider war die Kommmission mit der fünf Prozent Mindestgrenze zur Umsetzung der LEADER-Methode in der Förderung des Ländlichen Raumes nicht konsequent genug. Denn mit der Möglichkeit, auf dieses Mindestmaß aus-
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weichen zu können, reduzieren zum Beispiel die deutschen Bundesländer den ihnen lästigen LEADER-Ansatz genau auf dieses Mindestmaß. Sie bevorzugen Programmmethoden, wo die Entscheidung über die Projekte in ihrer Hand bleibt. Gerade in den deutschen Verwaltungen hat der kooperative Ansatz mit nichtstaatlichen Akteuren keine Tradition und wird von den politisch Verantwortlichen nur auf ein Anhörungsrecht reduziert. Das führt ganz häufig dazu, dass andere Verwaltungen oder öffentliche Akteure gegenüber den Akteuren der Zivilgesellschaft bezüglich der Beteiligungsrechte besser gestellt werden. Wie ausführlich dargestellt, versteht die LEADER-Methode unter der Beteiligung der betroffenen Bevölkerung etwas anderes. LEADER wird deshalb in Deutschland nur in Teilprogrammen angewendet und teilräumlich begrenzt. Auch territorial werden durch die strenge Bindung an das ILE-Programm Kreisgrenzen zum Dogma für den Aktionsraum der LEADER-Gruppen erhoben. Der ursprüngliche Ansatz der Integration einzelner Sektoren, die zur ländlichen Entwicklung beitragen, wird auf Teilsektoren (z.B. nur die Entwicklung außerhalb der ländlichen Produktion) reduziert. Demzufolge erhalten die lokalen Aktionsgruppen auch nur die Verantwortung für einen Teil der Koordination der Aufgaben und der Förderentscheidungen. Gleichzeitig fällt es Verwaltungen immer noch schwer, die regionale Förderung über Ressortgrenzen hinweg zu gestalten. Würden die LEADERAktionsgruppen nicht nur partielle Verantwortlichkeiten zugeteilt bekommen, würden sie die öffentlichen Finanzmittel besser binden und sie entsprechend des Umsetzungsgrades des Entwicklungsprogramms sowohl an der richtigen Stelle als auch zum richtigen Zeitpunkt einsetzen können. Nach den Förderprinzipen in den Bundesländern sind sie jedoch stark an das Wohlwollen der Verwaltungen gebunden. Der LEADER-Ansatz wird durch restriktives Verwaltungshandeln und Verwaltungsentscheidungen de facto ausgehebelt und entspricht nicht mehr dem europäischen Ansatz. In den vergangenen Förderperioden haben sich jedoch die LEADERArbeitsgruppen durch den offensichtlichen Erfolg ihrer Projekte einen Namen in den Regionen geschaffen. Dort zumindest wurde die Forderung nach einem Wettbewerb um die besten Konzepte in den Bundesländern durchgeführt, wobei es den Landesregierungen dabei eher darum geht, die Anzahl der Aktionsgruppen zu reduzieren. So kam es in einigen Fällen zu Zusammenschlüssen von Aktionsgruppen. Insgesamt muss man feststellen, dass sich in Deutschland öffentliche Verwaltungen und polische Entscheidungsträger schwer damit tun, in der regionalen Gouvernance die Verantwortung mit zivilgesellschaftlichen Gruppen zu teilen und hier in den Instrumenten und Entscheidungskompetenzen Gleichberechtung herzustellen. Uns steht da noch ein langer Lernprozess der öffentlichen Verwaltungen bevor. Das allerdings ist unabdingbar, damit in Zukunft ländliche Räume
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Elisabeth Schroedter
ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können. Ziel der LEADER-Methode ist es, Regionen zu diesem Lernziel zu führen. Ich kann zum Schluss nur feststellen, dass jene LEADER-Aktionsgruppen auf dem richtigen Weg sind, die sich in ihrer Innovationsfähigkeit sowohl in der Qualität als auch im regionalen Wirken nicht durch Verwaltungen beschränken lassen, sondern Maximales zugunsten der Regionen herausholen. Sie sollten sich zudem nicht einreden lassen, dass sie die Kompetenz dazu nicht besitzen würden, sondern sich um Kompetenzzuwachs bemühen, wo sie selbst die Defizite erkennen. Entscheidend dafür sind ihre regionale Vernetzung und der überregionale Austausch mit anderen LEADER- oder Entwicklungsgruppen.
Ländliche Räume und Politik zu deren Entwicklung Peter Weingarten
Noch bis vor rund 50 Jahren stellte der ländliche Raum einen relativ homogenen Raumtyp dar, der durch die große Bedeutung der Landwirtschaft und eine relativ geringe Bevölkerungsdichte gekennzeichnet war. Die Differenzierungsprozesse der letzten Jahrzehnte haben dazu geführt, dass eine dichotome Betrachtung von Räumen als städtisch oder ländlich heute nicht mehr angebracht ist. Vielmehr gibt es heute eine Vielfalt ländlicher Räume, und die Übergänge zu städtischen Räumen sind in vielerlei Hinsicht oftmals fließend (zur Definition und Typisierung ländlicher Räume vgl. z.B. Copus et al. 2006, 2007). Ländliche Räume nehmen in modernen Gesellschaften und Volkswirtschaften dementsprechend eine Vielzahl von Funktionen wahr. Zu nennen sind hier beispielsweise die Produktions- und Versorgungsfunktion und die Wirtschaftsund Arbeitsplatzfunktion. Während in früheren Zeiten die Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse und die Bereitstellung von Arbeitsplätzen durch die Landwirtschaft prägend für ländliche Räume waren, trifft dies heute nicht mehr zu. Beispielsweise arbeiteten 2004 in Deutschland in nahezu allen Landkreisen mit Ausnahme von sieben über 90 % aller Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft. Eine weitere wichtige Funktion ländlicher Räume stellt die Siedlungs- und Wohnfunktion dar. Zu denken ist hierbei etwa an ländliche Räume als Standorte von große Flächen beanspruchenden Verkehrsprojekten (Flughäfen etc.) oder Unternehmen, aber auch an die Suburbanisierung ländlicher Räume. Die Erholungs- und Tourismusfunktion wird durch ein attraktives Landschaftsbild und das Vorhandensein von Tourismusdienstleistungen begünstigt. Die Ausprägung der Ökotop- und Naturschutzfunktion hängt stark von der Intensität der Landnutzung ab. Der Landwirtschaft als flächenstärkstem Landnutzer kommt hierfür und für die Offenhaltung der Landschaft eine Schlüsselrolle zu. Schließlich nehmen ländliche Räume eine Entsorgungsfunktion wahr, beispielsweise hinsichtlich der Verwertung von Klärschlämmen und Komposten. Wirtschaftsaktivitäten, Einkommen und andere, die Lebensverhältnisse bestimmende Einflussgrößen sind in allen Gesellschaften räumlich ungleich verteilt. Aus allokationspolitischer Sicht erwächst hieraus jedoch nicht notwendigerweise ein politischer Handlungsbedarf zugunsten bestimmter Regionen. Eine dem Ziel der „Chancengleichheit“ folgende Argumentation für regionalpolitische Maßnahmen in staatlichen Gemeinschaften trifft dagegen auf vielfache Zustimmung.
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Peter Weingarten
Sowohl in der Europäischen Union (EU) als auch in Deutschland stellen die regionale Konvergenz und die Schaffung annähernd gleichwertiger Lebensverhältnisse ein wichtiges politisches Ziel dar. „Gesellschaften stellen nicht nur ökonomische Zweckverbindungen dar, sondern soziale Systeme, in denen jeder Bürger die Möglichkeit haben sollte, in einem ausreichenden Grad am wirtschaftlichen Wohlstand teilzuhaben, auch wenn er in peripheren oder ländlichen Regionen lebt. Welcher Grad der Angleichung der Lebensverhältnisse als ausreichend anzusehen ist und welche Instrumente hierfür einzusetzen sind, kann dabei nicht eindeutig beantwortet werden und muss auf der politisch-kollektiven Ebene diskutiert werden.“ (Baum und Weingarten 2004). Politische Maßnahmen, die die Entwicklung ländlicher Räume bewusst fördern oder unbeabsichtigt beeinflussen, gehen weit über die Politik zur Entwicklung ländlicher Räume als der zweiten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU hinaus. Das zeigt beispielhaft die Vielfalt der ressortübergreifenden Handlungsfelder, die das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (2007) in seiner 2008 präsentierten Konzeption zur Weiterentwicklung der Politik für ländliche Räume auflistet: technische Infrastruktur, Wirtschaft und Arbeit; Finanzen und Verwaltung; Kinderbetreuung und Bildung; medizinische Versorgung; Sozialleben, Konsum, Freizeit; Natur und Umwelt. Konsens besteht heute weitgehend, dass Politiken zur Entwicklung ländlicher Räume nicht sektoral (auf die Landwirtschaft), sondern territorial und problemorientiert ausgerichtet sein sollten und dabei der Vielfalt ländlicher Räume Rechnung tragen sollten (vgl. z. B. BMELV 2007, OECD 2006, 2007, Wissenschaftlicher Beirat 2006). Weniger Einigkeit besteht – zumindest unter Politikern – dagegen darüber, inwieweit dies auch für die aus der Agrarstruktur- und Agrarumweltpolitik erwachsene zweite Säule der Agrarpolitik gilt. Auch wenn diese zweite Säule die Entwicklung ländlicher Räume explizit im Namen trägt, gehen auch von anderen Politikfeldern, beispielsweise der EU-Struktur- und Regionalpolitik, wichtige Impulse für ländliche Räume aus. Aus den Strukturfonds (Europäischer Fonds zur regionalen Entwicklung – EFRE – und Europäischer Sozialfonds – ESF) fließen in der Periode 2007 bis 2013 beispielsweise dreimal so viele EU-Mittel nach Deutschland – und dort auch teilweise in ländliche Räume – wie aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) (Tietz (Hrsg.) 2007). Eine vergleichende Analyse der ländlichen Entwicklungsprogramme zur Umsetzung der ELER-Verordnung für die Periode 2007 bis 2013 zeigt, dass diese im Bundesdurchschnitt nach wie vor stark auf den Agrarsektor fokussieren (Tietz (Hrsg.) 2007). So wird voraussichtlich die Hälfte der geplanten öffentlichen Mittel an Landwirte als Zuwendungsempfänger ausgezahlt werden und allein ein Viertel der Mittel ist für die Einzelmaßnahme 214 „Agrarumweltmaß-
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nahmen“ vorgesehen. Auf der anderen Seite zeigt die Analyse aber auch, dass die Bundesländer von ihren Gestaltungsspielräumen Gebrauch machen und unterschiedliche finanzielle Schwerpunkte setzen. Beispielsweise soll in Mecklenburg-Vorpommern rund die Hälfte der öffentlichen Mittel des ländlichen Entwicklungsprogramms für die Schwerpunkte 3 „Steigerung der Lebensqualität im ländlichen Raum und Förderung der Diversifizierung der Wirtschaft“ und 4 „LEADER“ verwendet werden. Im Durchschnitt aller Bundesländer werden hierfür lediglich 29 % der öffentlichen Mittel eingesetzt. Zusammenfassend gilt, dass sich die in der neuen Förderperiode zu beobachtende Entwicklung in der Politik zur Entwicklung ländlicher Räume hin zu einem stärker problem- und weniger sektororientierten Ansatz fortsetzen dürfte. Die von der Europäischen Kommission 2007 veröffentlichten Vorschläge im Rahmen des Health Checks der Gemeinsamen Agrarpolitik, die unter anderem eine Umschichtung von Haushaltsmitteln aus der ersten in die zweite Säule vorsehen (Erhöhung der Modulation), dürften zu einer verbesserten finanziellen Ausstattung der zweiten Säule führen, auch wenn über die Kommissionsvorschläge noch nicht entschieden ist. Eine verbesserte finanzielle Ausstattung der zweiten Säule ist aus Sicht der ländlichen Räume zu begrüßen. Nicht vergessen werden darf dabei aber, dass die Entwicklung ländlicher Räume von vielen Faktoren abhängt, von denen die Politik nur einer ist (und haushaltswirksame Maßnahmen davon wiederum nur einen Teilbereich darstellen). Vielfach wichtiger für die Schaffung von Arbeitsplätzen und die wahrgenommene Lebensqualität sind oftmals andere Faktoren wie etwa der Ideenreichtum und die Kreativität einzelner Menschen oder Entwicklungen auf den Märkten. Die Politik kann im Idealfall unterstützend eingreifen, um die bestmöglichen Rahmenbedingungen zu setzen und ländliche Räume gezielt zu entwickeln. Sie wird aber immer nur einen Teilbeitrag für deren Entwicklung leisten können.
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Peter Weingarten
Literatur Baum, S., Weingarten, P. (2005): Interregionale Disparitäten und Entwicklung ländlicher Räume als regionalpolitische Herausforderung für die neuen EU-Mitgliedstaaten, Agrarwirtschaft 54, S. 210–224. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (2007): Politik für ländliche Räume : Konzeption zur Weiterentwicklung der Politik für ländliche Räume, Bonn. Copus, A., Hall, C., Barnes, A., Dalton, G., Cook, P., Weingarten, P., Baum, S., Stange, H., Lindner, C., Hill, A., Eiden, G., Mcquaid, R., Grieg, M., Johansson, M. (2006): Study on Employment in Rural Areas, Studie erstellt für die Europäische Kommission, DG Agri, . COPUS, A., PSALTOPOULOS, D., SKURAS, D., TERLUIN, I., WEINGARTEN, P. (2007): Common features of diverse European rural areas: review of approaches to rural typology, Final Report, unveröffentlichter Bericht für European Commission, Directorate General; Joint Research Centre, Institute for Prospective Technological Studies, o.O. OECD (2006): Das neue Paradigma für den ländlichen Raum, OECD-Berichte über die Politik den ländlichen Raum, Paris. OECD (2007): OECD-Prüfbericht zur Politik für ländliche Räume : Deutschland, Paris. Tietz, A. (Hrsg.) (2007): Ländliche Entwicklungsprogramme 2007 bis 2013 in Deutschland im Vergleich – Finanzen, Schwerpunkte, Maßnahmen, Landbauforschung Völkenrode, Sonderheft 315, Braunschweig. Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik beim BMELV (2006): Weiterentwicklung der Politik für die ländlichen Räume, o.O.
Ansteigende Diversitäten ländlicher Räume? Schlussfolgerungen für die Regionalpolitik Siegfried Bauer
Die „Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen“ in den verschiedenen Gebieten des Bundesgebietes gilt seit der Existenz des Raumordnungsgesetzes als das zentrale Ziel der Raumordnung und Regionalpolitik. Gleichwertig ist dabei nicht mit „Gleichmacherei“ zu verwechseln, vielmehr zielt Gleichwertigkeit darauf ab, die Summe der Vor- und Nachteile der regionalen Lebensbedingungen auszugleichen. Diese Zielsetzung war von Anfang an nicht unstrittig, da seine Operatonalisierung mit schwerwiegenden Problemen verbunden ist, die einzelnen Menschen unterschiedliche Wertschätzungen bezüglich ihrer Lebensbedingungen haben und neuerdings auch zunehmend Konflikte mit dem Wachstumsziel (Zentrale Ortekonzepte, Konzentration auf Wachstumsregionen) konstatiert werden. Auch bezüglich des Postulats der Vielfalt der Regionen (insbesondere in der Europäischen Union) werden gelegentlich Unvereinbarkeiten mit dem Ziel gleichwertiger Lebensbedingungen gesehen. Die Kontroversen zwischen Ballungsgebieten und Ländlichen Räumen haben vor allem seit der EU-Lissabon-Konferenz an Schärfe gewonnen. Auf dieser Konferenz wurde eine stärkere Betonung von Metropolregionen für notwendig erachtet, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Aber auch innerhalb der ländlichen Räume bestehen erhebliche Unterschiede in Bezug auf ihre Entwicklung und die Lebensbedingungen der Menschen in diesen Räumen. 1
Kräfte der regionalen Differenzierung
Die heutige Struktur der einzelnen Regionen sind natürlich das Ergebnis der historischen Entwicklung, die ihrerseits von verschiedenen wirtschaftlichen Kräften und politischen Einflussnahmen geprägt war. Obwohl im Einzelfall auch Zufälligkeiten (historische Glücksmomente) eine Rolle gespielt haben mögen, wollen wir uns im Folgenden auf die systematisch und langfristig wirksamen Kräfte der regionalen Entwicklung konzentrieren, da diese die langfristigen Vor- oder Nachteile einzelner Regionen prägen und langfristig für die Differenziertheit ländlicher Räume entscheidend sind. Im Wesentlichen lassen sich dabei folgende Kräftebündel nennen:
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Natürliche Bedingungen: Diese Bedingungen (z. B. Bodenqualität, Klimaverhältnisse, Wasserverhältnisse) haben natürlich im historischen Prozess die Inkulturnahme von Boden und die Ansiedlung und Ausrichtung der Landwirtschaft in den einzelnen Gebieten geprägt. Auch heute können regionale Produktions- und Einkommensunterschiede der regionalen Landwirtschaft zu einem wesentlichen Teil durch die natürlichen Bedingungen erklärt werden. Die natürlichen Bedingungen haben aber nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch die Ansiedlung der Städte und die regionale Industrialisierung geprägt. Die meisten Städte haben sich in Flussnähe und in schönen Landschaften sowie im Mittelpunkt landwirtschaftlicher Versorgungsgebiete ausgebreitet. Für die Industrialisierung waren vor allem die Rohstoffvorkommen entscheidend. Die Entwicklung ländlicher Räume, insbesondere auch die Chancen der Landwirtschaft im Umfeld von Ballungsgebieten (z. B. Direktabsatz, Bodenpreise, Arbeitsmarkt und -löhne), ist auch heute in verschiedener Weise von den Entwicklungen in den Städten beeinflusst. Gegenüber sogenannten peripheren Gebieten, werden daher die Zukunftschancen von ländlichen Gebieten im Umfeld von Ballungsgebieten vergleichsweise günstig eingeschätzt. Lage und Transportkosten: Aufgrund der historisch bedeutsamen Transportkosten, haben sich viele Betriebe in der Nähe von Städten (Absatzmarkt) oder in der Nähe von Rohstoffvorkommen angesiedelt. Die Klassiker der Raumwirtschaftstheorie, Christaller und Lösch, haben diese Einflussfaktoren in heute noch vorbildlicher Weise systematisiert und im Hinblick die Raumnutzungsstruktur herausgearbeitet. Ebenso prägend sind die Arbeiten v. Thünen’s in Bezug auf die räumliche Landnutzungsstruktur anzusehen (Thünen’sche Ringe). Im Zuge der Fortschritte im Transportwesen haben die Transportkosten bei den meisten Gütern an relativer Bedeutung verloren. In einzelnen Bereichen (z. B. Frische und Verderblichkeit von Produkten, Direktabsatz, Abfallverwertung in der Landwirtschaft) sind auch heute die Transportkosten von besonderer Bedeutung. Bei zunehmender Energieverknappung und -preissteigerung kann durchaus künftig wieder mit einer stärkeren Bedeutung der Transportkosten für die Prägung der regionalen Wirtschaftsstruktur gerechnet werden. Dies kann für periphere ländliche Räume einen weiteren Wettbewerbsnachteil bedeuten. Interne Ersparnisse: Interne Ersparnisse bedeuten eine Degression der Durchschnittskosten mit zunehmender Produktionsmenge bzw. Betriebs-
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größe. Die Kostendegression nimmt vor allem mit zunehmendem Fixkostenanteil (insbesondere den Forschungs- und Entwicklungsarbeiten bei IT-Produkten) eine immer größere Rolle ein. Die Folge ist eine zunehmende Konzentration von Unternehmen auf nationaler und internationaler Ebene und damit auch eine regionale Konzentration. Damit sind häufig ein Rückzug von Unternehmen aus ländlichen Gebieten und vielfach auch ein Druck auf mittelständische Unternehmen verbunden. Auch in der Landwirtschaft führen Kostendegression (bessere Auslastung von Maschinen und Anlagen) zu Betriebsvergrößerungen und neuen Organisationsformen (Maschinenringe, Lohnunternehmer, Betriebskooperationen). Dieser Betriebsstrukturwandel führt allerdings nicht zu einer generellen großräumigen räumlichen Konzentration der Landwirtschaft. In Einzelbereichen, wie in der bodenunabhängigen Tierproduktion oder bei einzelnen pflanzlichen Produkten sind dennoch räumliche Konzentrationen zu beobachten, die im Zuge der Globalisierung eher noch Aufschwung erhalten dürften. Die Strukturen und die Diversität ländlicher Räume werden in jedem Fall auch künftig von den internen Ersparnissen im industriellen und auch im landwirtschaftlichen Bereich beeinflusst. Externe Ersparnisse: Diese Ersparnisse treten durch Agglomerationsvorteile von vor- und nachgelagerten Branchen (localisation economies) bzw. auch durch eine Anhäufung gleich gelagerter Betriebe (urbanisaton economies) auf. Beide Kräfte fördern die räumliche Konzentration und damit indirekt die Diversität ländlicher Räume. Auch in der Landwirtschaft sind diese externen Fühlungsvorteile insbesondere im Bereich der Veredlungsproduktion nachweisbar. Politische Maßnahmen: Die betriebene (Regional-) Politik kann die räumlichen Unterschiede vermindern oder auch abbauen. Insbesondere durch die Infrastrukturpolitik, werden Voraussetzungen für eine prosperierende Regionalentwicklung geschaffen. Sowohl auf Länder- wie auch auf Regionsebene lässt sich der Einfluss einer wirtschafts-freundlichen Wirtschafts- und Regionalpolitik nachweisen. In neueren Betrachtungen wird das sogenannte Regionale Milieu und das regionale Innovationspotential als entscheidende treibende Kraft für die regionale Entwicklung angesehen. Dabei handelt es sich um ein komplexes Gemisch von Managementfähigkeiten, Bildungsniveau, sozialen Interaktionen, Good Governance und funktioniertem Public – Private Partnership. Diese Faktoren erklären z. B., warum bei sonst gleichen oder ähnlichen Bedingungen einzelne Regionen sich besser entwickeln, während andere zurückbleiben.
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All diese Faktoren wirken auf die räumliche Differenzierung der wirtschaftlichen Entwicklung ein und haben die heutige Struktur der ländlichen Räume geprägt. Diese Faktoren werden auch künftig die räumliche Entwicklung prägen. Neben diesen grundlegenden Faktoren wird die aktuelle Situation und auch die künftige Entwicklung in Deutschland von speziellen Einflussgrößen geprägt: −
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Die Wiedervereinigung Deutschlands hat die ländlichen Regionen in den neuen Bundesländern vollkommen neuen Rahmenbedingungen ausgesetzt. Durch die Neuorganisation und Umstrukturierung der Landwirtschaft und den dadurch bedingten Rückgang der landwirtschaftlichen Beschäftigung ist ein wesentlicher Pfeiler der Regionalwirtschaft weitgehend zusammengebrochen. Adäquate alternative Beschäftigungsmöglichkeiten konnten in den meisten ländlichen Räumen bis heute nicht geschaffen werden. Aber auch in den westlichen Ländern wurden ländliche Regionen durch die Wiedervereinigung beeinflusst. Für manche Regionen haben sich die periphere Lage am Zonenrandgebiet aufgelöst und sich neue Absatz- und Entwicklungsmöglichkeiten ergeben. Andererseits ist für verschiedene Branchen der ländlichen Regionalwirtschaft eine neue Konkurrenz entstanden. In größerer Maßstabsebene wirkt der Prozess der EU-Erweiterungen und der Globalisierung auf die Entwicklung ländlicher Räume ein. Verschiedene Branchen in ländlichen (wie auch in städtischen) Gebieten können dem wirtschaftlichen Druck, insbesondere von Billiglohnländern nicht mehr Stand halten. Auf der anderen Seiten eröffnen sich für zukunftsfähige Produkte und für innovative Bereiche neue Absatzmöglichkeiten, die neue Perspektiven auch für ländliche Räume eröffnen können. Inwieweit diese neuen Chancen genutzt werden, hängt maßgeblich von den oben genannten Faktoren, insbesondere vom regionalen Innovationspotential ab. Schließlich ist die demographische Entwicklung zu nennen, die bereits bislang die Probleme in vielen ländlichen Gebieten verstärkt hat. In vielen ostdeutschen Gebieten können die Konsequenzen einer rückläufigen und veralterten Bevölkerung bereits seit Jahren beobachtet werden: Unterauslastung von Infrastruktureinrichtungen mit steigenden Pro-Kopf-Kosten, Wegbruch der Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs, zunehmende Entfernungen zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, fehlendes Fachkräftepotential für Gewerbeansiedlung, Nachlassen der eigenständigen Innovationskraft ganzer Regionen. Diese Tendenzen bleiben nicht auf die ostdeutschen Gebiete beschränkt, sondern werden auch verschiedene westdeutsche Regionen, insbesondere benachteiligte und periphere Gebiete, treffen.
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Aus all diesen Gründen ist künftig mit zunehmenden wirtschaftlichen, sozialen und auch ökologischen Diversitäten im ländlichen Raum zu rechnen. Obwohl eine exakte Prognose kaum erstellt werden kann, gilt es für die einzelne Region, die bestehenden internen (endogen) Potentiale, die Chancen der Globalisierung und die bestehenden Fördermöglichketten zu nutzen. 2
Ausprägung der regionalen Differenzierung
Abb. 1 zeigt die Höhe des regionalen Pro-Kopf-Einkommens, gemessen durch den Indikator Bruttoinlandsprodukt je Einwohner. Es wird deutlich, dass in den klassischen Ballungsgebieten (industrielle und Dienstleistungszentren) mit Abstand die höchsten Pro-Kopf-Einkommen erzielt werden. Während die ländlichen Gebiete im Umfeld von Ballungsgebieten vergleichsweise hohe Sozialproduktswerte auf weisen, fallen die klassischen ländlichen Gebiete in peripherer Lage erheblich ab. Es bestätigt sich somit die These großer regionaler Differenzierungen im regionalen Wohlstands- und Einkommensniveau zwischen Stadt und Land, aber auch zwischen den verschiedenen ländlichen Räumen. Die Möglichkeiten der eigenständigen Entwicklung der einzelnen Regionen werden in starkem Maße von den kommunalen Finanzen bestimmt. Abb. 2 und 3 zeigen die kommunale Verschuldung und die Steuereinnahmen der Gemeinden. Die Darstellungen verdeutlichen auch hier die großen regionalen Unterschiede und hohe Korrelation zwischen dem Verschuldungsgrad und den Steuereinnahmen. Für eine Vielzahl ländlicher Regionen wird es kaum möglich sein, aus eigener Steuerkraft die Verschuldung abzubauen. Für die notwendigen Infrastrukturinvestitionen fehlen daher häufig die finanziellen Voraussetzungen. Die weitere Differenzierung im regionalen Entwicklungsprozess ist damit weitgehend vorgezeichnet. Inwieweit durch die Programme der regionalen Entwicklungspolitik diese Unterschiede und die fehlende eigene Entwicklungskraft abgebaut werden kann, wird noch zu diskutieren sein.
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Abb. 1:
Siegfried Bauer
Bruttoinlandsprodukt je Einwohner
Professur für Projekt- und Regionalplanung Prof. Dr. Siegfried Bauer
© BBR Bonn 2007
Abb. 2:
Kommunale Schulden
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Professur für Projekt- und Regionalplanung Prof. Dr. Siegfried Bauer
© BBR Bonn 2007
Abb. 3:
Kommunale Steuern
Professur für Projekt- und Regionalplanung Prof. Dr. Siegfried Bauer
© BBR Bonn 2007
Abb. 4:
Einwohnerdichte
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Abb. 4 zeigt die Einwohnerdichte. Es wird deutlich, dass die regionale Differenzierung in starkem Maße mit der Höhe des Bruttoinlandsproduktes korreliert. Eine geringe Bevölkerungsdichte bedeutet einmal eine geringe Auslastung der Infrastruktureinrichtungen und entsprechend hohe Infrastrukturkosten pro Kopf. Diesen hohen Belastungen stehen diametral geringe Steuereinnahmen und Finanzzuweisungen durch den Finanzausgleich gegenüber. Insgesamt wird somit deutlich, dass bereits derzeit erhebliche regionale Unterschiede bestehen. Auch wenn einzelne Regionen im europäischen und globalen Wettbewerb künftig aufholen, wie z. B. einzelne Regionen in den Beitrittsländern der EU oder auch in Deutschland, so deuten die treibenden Kräfte der regionalen Entwicklung eher auf zunehmende Diversitäten der wirtschaftlichen Entwicklung hin. Insbesondere aufgrund der differenzierenden Bevölkerungsentwicklung werden auch regionalpolitische Aktivitäten kaum einen Ausgleich der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Europa und Deutschland bewirken können.
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Ländliche Regionalpolitik: Derzeitige Ausrichtung und künftige Erfordernisse
Unter ländlicher Regionalpolitik wollen wir im Folgenden im wesentlichen die Gemeinschaftsaufgaben des Bundes und der Länder (Gemeinschaftsaufgabe für regionale Wirtschaftsstruktur GRW, Gemeinschaftsaufgabe für Agrarstruktur und Küstenschutz GAK) sowie die EU-Regionalpolitik (ELER, Leader) verstehen. Die Entwicklung der ländlichen Regionen wird natürlich von einer Vielzahl weiterer Politikbereiche, wie der Wirtschafts-, Steuer- und Finanzpolitik (Finanzausgleich), der Agrar- und Umweltpolitik sowie auch der Sozial- und Bildungspolitik geprägt, die insgesamt eine wesentlich größere Bedeutung haben als die spezielle ländliche Regionalpolitik. Dennoch wollen wir uns im Folgenden schwerpunktmäßig auf die speziellen regionalen Fördermaßnahmen der EG und des Bundes beziehen. In Bezug auf der Diversität ländlicher Räume stellt sich zudem die Frage, ob durch EU einheitliche Fördermaßnahmen einerseits eine Diversität der ökonomischen Strukturen und der ökologischen Vielfalt erhalten und gefördert werden kann und andererseits ein Ausgleich der sozialen Lebensbedingungen angestrebt werden kann. Dieser Balanceakt wird umso schwieriger je stärker die Politik zentralisiert ist; denn Zentralisierung bedeutet zunächst einmal eine Schwächung der Regionen, da ein Teil der Steuer- und Finanzmittel zwangsweise an die zentrale Ebene (sprich EU) transferiert wird. Die Rückverteilung der Mittel erfolgt dann häufig mit hohem bürokratischem Aufwand und unter Kriterien, die von der
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Zentrale vorgegeben werden. Ob dadurch den speziellen Bedürfnissen und Entwicklungschancen benachteiligter Regionen entsprochen werden kann, ist äußerst fraglich. Eine demokratische Kontrolle der Mittelaufbringung und Verwendung ist unter diesen Bedingungen häufig nur noch begrenzt möglich. Verflechtungen in der ländlichen Entwicklungspolitik Im Blick auf die Ländliche Entwicklungspolitik sind vor allem die vertikalen Verflechtungen zwischen EU, Bund, Ländern und Kommunen von Bedeutung. Diese Verflechtungen betreffen sowohl die Gestaltung und Konzeption der Politik, als auch die Finanzierung, Durchführung und Kontrolle. Eine wirklich demokratische Kontrolle ist unter diesen Bedingungen kaum zu erwarten, da jeweils im Falle des Scheiterns die Verantwortung auf andere Ebenen geschoben werden kann, bzw. umgekehrt der Erfolg eines Projektes der eigenen Politik angerechnet wird. Aber auch horizontale Verflechtungen spielen auf EU und Bundesebene eine gewisse Rolle. Darunter wird das (unkoordinierte) nebeneinander von Politikmaßnahmen verstanden, die in die gleiche Richtung zielen. Beispiele sind etwa die Maßnahmen im Rahmen von ELER sowie der Struktur- und Regionalfonds, die gleichzeitig auf den ländlichen Raum einwirken. Auch auf Bundesebene stehen verschiedene Angebote nebeneinander, wie z. B. GAK, GRW, Regionen Aktiv, oder Regionalprogramme des Umwelt- und Naturschutzressorts. Angesichts der Vielfalt der Programme gehen zunehmend Regionen / Kommunen dazu über sogen. Subventionsberater zu beauftragen, um herauszufinden, wie möglichst viele Finanzmittel in die Gemeinde gelenkt werden können. Wie sich theoretisch leicht zeigen lässt, führt das Nebeneinander von mischfinanzierten Projekten und eigenständigen Aufgaben der Kommune mit vollständiger Eigenfinanzierung zu gravierenden Fehlallokationen. Dies soll am Beispiel von zwei möglichen Projekten mit folgenden Gesamtkosten und Nutzen verdeutlicht werden: Tabelle 1:
Kalkulationsbeispiel
Erfolgsindikatoren Potentieller Gesamtnutzen in 1000 € Voraussichtliche Gesamtkosten in 1000 € Nutzen – Kosten-Relation
Projekt 1 100 50 2
Projekt 2 200 150 1,33
Im Falle einer vollständigen Souveränität der Kommune würde natürlich das Projekt 1 realisiert. Neben der günstigeren Nutzen-Kosten-Relation mag die Tat-
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sache, dass die verfügbaren Haushaltsmittel ohnehin nur eine Realisierung von Projekt 1 erlaubt, eine Rolle spielen. Wenn sich die Gemeinde aber z. B. in einer Leader Region befindet, so kann der Fall eintreten, dass alleine Projekt 2 die Bedingungen für eine Leader Förderung erfüllt und eine Kofinanzierung von Seiten der EU, des Bundes und des Landes erhält. Bei einem durchaus üblichen Finanzierungsbeitrag von 80 %, ergeben sich für die Kommune lediglich Kosten in Höhe von 30 000 €. Dadurch verändert sich die Nutzen-Kosten-Relation auf 6.6. Projekt 2 wird somit aus Sicht der Kommune vorzüglich (geringere Kosten, günstigere Nutzen-KostenRelation, höherer Gesamtnutzen). Die Kommune wird somit alle Anstrengungen unternehmen, das Projekt 2 in die Leader-Förderung zu bekommen, da in diesem Fall auch wesentlich höhere Investitionsausgaben mit Multiplikatoreffekten in der Kommune anfallen, die zudem überwiegend von außen finanziert werden. Gesamtwirtschaftlich ist dies aber eine Fehlallokation. Dieses Beispiel ist durchaus typisch für verschiedene Bereiche der Politik für ländliche Entwicklung. Auch bei einzelbetrieblichen Maßnahmen wird durch EU bzw. bundeseinheitliche Maßnahmen eine Investitionslenkung herbeigeführt, die den unterschiedlichen regionalen Verhältnissen kaum gerecht wird und damit insgesamt zu Effizienz- und Wohlfahrtsverlusten und auch nicht notwendigerweise zu einem sozialen Ausgleich entsprechend dem Konvergenzprinzip führt. Die am meisten benachteiligten und finanzschwachen Regionen können häufig den Eigenfinanzierungsanteil nicht aufbringen und bleiben damit außen vor und von der Politik benachteiligt. Da sie aber – wenn auch im bescheidenem Maße – zur Finanzierung der Politik beitragen, kann eine gewisse Umverteilung von armen zu reichen Regionen nicht ausgeschlossen werden. Aus ökonomischer Sicht kann man zusammengefasst sagen, dass die Gestaltung der derzeitigen ländlichen Entwicklungspolitik nicht dem Äquivalenzprinzip folgt, da eine Diskrepanz zwischen der Konzeption, Durchführung, Kontrolle und politischer Verantwortung der Politik besteht. Die Folge davon sind Allokationsverzerrungen, Effizienzverluste und problematische Umverteilungen. Grundsätze für eine Neuausrichtung der ländlichen Entwicklung ländlichen Entwicklungspolitik Die Strukturen sind heute in den ländlichen Regionen in Deutschland und natürlich noch mehr in Europa so unterschiedlich, dass weitgehend vorstrukturierte einheitlich europäische Regionalförderung kaum den unterschiedlichen Entwicklungschancen gerecht werden kann. Diese Einsicht ist nicht neu, sondern bereits vor 25 Jahren in einer umfassenden Untersuchung ländlicher Entwicklungschancen und Hemmnisse in 12 Fallstudienregionen in der damaligen EU
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aufgezeigt worden (Henrichsmeyer, Bauer, Comes, Steinle, 1983). Die damalige ansatzweise Erprobung des Konzeptes der „Integrierten ländlichen Entwicklung“ hat gezeigt, das ein sektorübergreifender Entwicklungsansatz der entsprechend den regionalen Bedingungen ganz unterschiedliche Entwicklungspfade erlaubt am ehesten zum Erfolg führt. Die obigen Argumente und der sich erst ansatzweise abzeichnende demographische Druck in ländlichen Regionen machen einen solchen Ansatz notwendiger denn je. Eine vollständige integrierte Regionalentwicklungspolitik kann aber nur erreicht werden, wenn die Entscheidungs- und Finanzierungskompetenz in einer Hand liegt und über eine demokratische Kontrolle ermöglicht wird. Wie oben begründet, kann man der politischen Zwickmühle nicht durch marginale Korrekturen und Perfektionierungen der Programme entkommen. Um im Gesamtsystem ein höheres Maß an Rationalität zu erreichen, ist vielmehr eine grundlegende Umorientierung notwendig, die sind wieder an den eigentlichen Anliegen einer Regionalpolitik für den ländlichen Raum orientiert. Als allgemeine Grundprinzipien einer zukunftsfähigen Regionalpolitik dürften die folgenden Orientierungslinien wenig strittig sein: •
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Orientierung an marktwirtschaftlichen Prinzipien und Stärkung der Marktkräfte (auch mit Blick auf wettbewerbsfähige Regionen im Globalisierungsprozess), Sozialer Ausgleich im Sinne des grundlegenden Ziels der Raumordnung „Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen“ in allen Räumen des Bundesgebiets bzw. in Europa Konvergenzziel, Ausgleich überregionaler Leistungen und interregionaler spillovers, insbesondere von überregionalen Umweltleistungen und Umweltbelastungen. Berücksichtigung des Subsidiaritätsprinzips, das in stärkerem Maße dezentrale Lösungen erfordert.
In einem föderalistischen Staatssystem sollte dabei eine weitgehende Dezentralisierung und Stärkung des Subsidiaritätsprinzips angestrebt werden. Insbesondere sollte es darum gehen, weitestgehend die regionalen Kompetenzen zu nutzen und die vorhandenen dezentralen politischen Strukturen in die konkrete Politikgestaltung und demokratische Kontrolle und Verantwortung einzubinden. Dies bedeutet, dass lokale Belange auch auf lokaler Ebene gestaltet und finanziert werden sollten. So mag z. B. eine Dorferneuerungsmaßnahme aus Sicht einer Kommune sinnvoll sein, aber es lässt sich kaum eine nachvollziehbare Begründung dafür finden, dass eine solche Maßnahme von Brüssel, über Berlin und über die Landesebene konzipiert, finanziert und kontrolliert werden muss.
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Konturen einer Neuausrichtung der ländlichen Entwicklungspolitik Angesichts der bestehenden Diversitäten und der zunehmenden Differenzierung sowie der vielfältigen gesellschaftlichen und umweltbezogenen Leistungen des ländlichen Raum kann es dabei nicht um eine Schwächung oder eines Zurückfahrens der ländlichen Regionalpolitik gehen, sondern um eine zielgerichtete Gestaltung sowie um eine Entflechtung und Zuordnung von Kompetenzen, Finanzen und Vorantwortung zu den einzelnen politischen Ebenen entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip. Folgende Bereiche sollten nach Auffassung des Verfassers als wesentliche Elemente einer solchen Neuorientierung gesehen werden: •
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Konzentration der Aufgaben auf EU-Ebene auf übergeordnet notwendige Regelungsbereiche. Darunter fallen u. a. die außenhandelspolitischen Regelungen, große Bereiche der Entwicklungspolitik, Formulierung von produktbezogenen Umweltstandards als Voraussetzungen für einen Binnenmarkt, überregional bedeutsame Infrastruktur- und Umweltmaßnahmen (z. B. Europäische Wasser- und Verkehrswege, Europäische Naturschutzparks). Eine Konzentration auf Gesamtaufgaben der EU und die übergeordneten Belange kann durchaus zu einer Stärkung der EU und zu Effizienzvorteilen führen. Im Sinne eines föderalen Systems sollte dabei in der Tat in geeigneten Bereichen eine komplette Kompetenzverlagerung auf EU-Ebene erfolgen und nicht nur additiv zu nationalen und regionalen Institutionen auch noch eine europäische Ebene hinzugefügt werden. So könnten z. B. in europäischen Drittlandsauslandsvertretungen die Aufgaben der nationalen Botschaften zusammengeführt und so administrative Einsparungen erzielt werden bei gleichzeitiger einheitlicher Außendarstellung der EU. Dezentralisierung und Rückführung regionalpolitischer Aktivitäten auf die nach dem Subsidiaritätsprinzip bestgeeignete regionale Ebene. Dies würde eine entsprechende Dezentralisierung aller wesentlichen Bereiche des gegenwärtigen EU-Programms für ländliche Entwicklung (ELER) umfassen. Integrierte ländliche Entwicklung kann nur dann die vollen Kräfte entfalten, wenn die regionalen Stärken und Schwächen (Entwicklungspotentiale und Hemmnisse) in die Entwicklungskonzeptionen eingehen. Dies erfordert jedoch eine Orientierung an den regionalen Besonderheiten und Wettbewerbsverhältnissen, was wiederum eine Nutzung regionalen Sachwissen voraussetzt. Um eine tatsächliche Gestaltung entsprechend den regionalen Prioritäten zu erreichen, sollte – wie oben begründet – die regional verantwortliche Ebene dann auch eine vollständige Finanzierung übernehmen und damit auch einer eindeutigen und (für den Bürger) nachvollziehbaren demokratischen Kontrolle unterliegen.
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Stärkung der Finanzausstattung der regionalen (kommunalen) Ebene. Um die größeren Aufgaben dezentral in eigener Verantwortung durchführen zu können, sollte ein höherer Steueranteil in kommunaler Hand verbleiben. Die dadurch entstehende Entlastung auf EU und Bundesebene lässt sich leicht z. B. in einen entsprechend höheren Einkommenssteueranteil der Kommunen umrechnen. Die Kommunen würden dann nicht mehr mit „Wohltaten“ der EU und des Bundes bedient, sondern gezwungen mit den Finanzmitteln aus den Ressourcen der Kommune selbst wirtschaftlich umzugehen. Eine solche Dezentralisierung erfordert eine Stärkung des regionalen Finanzausgleichs, um dem Prinzip der regionalen Solidarität (gleichwertige Lebensverhältnisse) gerecht zu werden. Ein solcher Finanzausgleich muss sich einmal an der Wirtschaftskraft und an sozialen Kriterien der einzelnen Regionen auf europäischer Ebene orientieren. Zum anderen müssen überregional bedeutsame Infrastrukturleistungen und umweltbezogene regionale Spillovers in einen solchen Ausgleich einbezogen werden. Die spezifischen Leistungen ländlicher Räume und auch die Umweltbelastungen von Ballungsräumen können so in adäquater Weise (möglichst durch outputorientierte Ausgleichs- und Anreizsysteme) ökonomisch gelenkt werden. Ob eine Kommune dann z. B. Agrarumweltzahlungen an Landwirte leistet oder in eigener Regie Naturschutzmaßnahmen (z. B. auf kommunalen Flächen) durchführt, wird sicherlich von Region zu Region unterschiedlich entschieden werden. Wichtig ist nur, dass sich die Umwelt- und Naturschutzleistungen und -belastungen in adäquater Form in den laufenden Finanzzuweisungen widerspiegeln. Dabei muss klar sein, dass dauerhafte umweltbezogene Leistungen (öffentliche Güter) mit überregional bedeutsamem Charakter auch eine dauerhafte überregionale Finanzierung erfordern, auch wenn die Verantwortung auf regionaler Ebene liegt. Förderung integrierter Entwicklungskonzepte und Regionalmanagement. Um die Bewältigung der o. g. weit reichenden Aufgabenerweiterungen der Kommunen zu unterstützen scheint eine Förderung der Erstellung regionaler integrierter Entwicklungskonzepte sinnvoll. Aus Sicht der Kommunen kann damit externes Know-how günstig „eingekauft“ werden, um konzeptionelle und managementorientierte Unterstützung für die eigene Entwicklung zu erhalten. Die im GAK Rahmenplan 2005–2008 beschlossenen „Grundsätze zur Förderung der Integrierten Ländlichen Entwicklung“ stellen eine adäquate und gut fundierte Grundlage für solche Unterstützung regionaler Akteure dar. Diese überregionale (nationale oder EU finanzierte) Unterstützung sollte allerdings nicht die Äquivalenz von Entscheidungs-, Durchführungs-, Finanzierungs- und Kontrollzuständigkeit und demokratischer Verantwortung regionalpolitischer Maßnahmen stören.
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Förderung einer allgemeinen Regionalberatung, von Pilotprojekten und der Regionalforschung in ländlichen Raum. Ähnlich wie einzelbetriebliche Beratung überwiegend als öffentliches Gut angeboten wird, sollte den Kommunen auch eine spezialisierte Regionalberatung zur Seite gestellt werden. Damit kann insbesondere dem Argument begegnet werden, dass auf kommunaler Ebene nicht hinreichendes Wissen und Ideenvorrat vorhanden ist. Regionale Pilotprojekte, wie sie auch in der Städtebauförderung erfolgreich durchgeführt werden, können helfen neue Entwicklungen zu erproben (z. B. Alternative Systeme zur Bewertung von Umweltleistungen ländlicher Räume, Pilotvorhaben zur effizienten Wärmenutzung bei Bioenergieanlagen, neue Formen der Infrastrukturversorgung in dünn besiedelten ländlichen Regionen). Allerdings ist darauf zu achten, dass aus dem Pilotvorhaben nicht groß dimensionierte Förderprojekte werden. Gerade vor dem Hintergrund der abzusehenden demographischen Veränderungen werden auf viele ländliche Regionen tiefgreifende Veränderungen zukommen. Hierzu bedarf es einer stärkeren Integration mit der regionalen Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik, der allgemeinen Raumordnung und Regionalplanung, der Arbeitsmarktpolitik, der Agrarpolitik und der Umwelt- und Naturschutzpolitik. Eine verstärkte Forschung in diesem Bereich stellt eine wesentliche Voraussetzung für tragfähige Entwicklung des ländlichen Raums in einer künftig veränderten Gesellschaft dar.
Schlussbemerkungen Nach allen Erfahrungen mit grundlegenden Politikänderungen ist kaum damit zu rechnen, dass kurz- und mittelfristig eine Neuausrichtung einer Politik für den ländlichen Raum angegangen wird, da die beharrenden politischen Kräfte entgegen der ökonomischen und sozialen Vernunft überwiegen. Die Reformvorschläge der Konferenz von Cork, die in die hier skizzierte Richtung weisen, sind aufgrund der Partikularinteressen einzelner Ressorts bislang nicht weiter verfolgt worden. Auf der anderen Seite wird der demographische Wandel grundlegende Einschnitte in verschiedenen ländlichen Regionen hinterlassen, die mit den bisherigen Instrumentarien immer weniger bewältigt werden können. Mit zunehmendem Abstand zur Phase der Agrarhochpreispolitik wird es immer schwieriger werden die agrarbezogenen Ausgleichszahlungen zu rechtfertigen. Die von Agrarminister Seehofer kürzlich vorgetragene verbale Neubegründung von Ausgleichzahlungen (ökologisches Argument) wird auf Dauer nicht tragen, da ökologische Prinzipien als Bemessungsgrundlage vollkommen fehlen. Auch dürfte der Finanz- und Handlungsspielraum der Kommunen, aufgrund von Bevölkerungs-
Ansteigende Diversitäten ländlicher Räume?
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rückgang und Pflichtaufgaben weiter geringer werden, sodass sich vermutlich ein stärkeres Bewusstsein über das Finanzaufkommen der Regional- und Sektorpolitik aus den wirtschaftlichen Aktivitäten in der Region entwickeln wird. Es scheint, dass die EU-Kommission mit der begonnenen kritischen Überprüfung ihrer umfangreichen Verordnungen erste Lehren daraus gezogen hat. Weitergehende Entflechtungen und eine Neubesinnung werden viel politische Kraft kosten, weil einzelne Privilegien und politische und administrative Machtpositionen davon betroffen sind. Die Reform der Agrarpolitik lehrt allerdings auch, dass vor allem auf europäischer Ebene erst viele Kräfte wirksam werden müssen und ein drastischer (unausweichlicher) politischer Druck entstehen muss, bevor wirklich Reformen erfolgen. Auch in der ländlichen Regionalpolitik ist es an der Zeit von lieb gewonnenen Privilegien politischer und gesellschaftlicher Gruppen Abschied zu nehmen und wieder eine Rückbesinnung auf die eigentlichen Prinzipien der ländlichen Entwicklung in Gang zu setzen.
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Siegfried Bauer
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Regionaler Wohlstand als Ziel der ländlichen Entwicklung in Ostdeutschland Benjamin Nölting
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Ländlicher Raum zwischen Strukturproblemen und „gutem Leben“
Die Entwicklungsperspektiven für ländliche Räume sind höchst unterschiedlich. Die Spannbreite reicht von prosperierenden Regionen über wertvolle Naturräume und schöne Landschaften mit Tourismus bis hin zu strukturschwachen ländlichen Räumen. Diese Vielfalt ist eine Stärke ländlicher Räume und bietet gute Perspektiven für eine nachhaltige Entwicklung. Aber die Chancen und Entwicklungstrends sind nicht überall gleich gut (Baetzing 2001; Keim 2006). Besonders groß sind die Entwicklungsprobleme ländlicher Räume in Ostdeutschland, die in der öffentlichen Debatte mit demografischer Schrumpfung, Abwanderung, hoher Arbeitslosigkeit und einem Abbau von sozialer und kultureller Infrastruktur in Verbindung gebracht werden. Die Rückkehr der Wölfe wird von denen einen als Symbol des Niedergangs gedeutet, während andere darin neue Chancen für den Umwelt- und Naturschutz sehen. Letztlich geht es um die Frage, welche Art von Entwicklungszielen angestrebt wird. Aufbauend auf Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt „Regionaler Wohlstand neu betrachtet“ 1 verstehe ich Wohlstand hier nicht allein ökonomisch als materiellen Lebensstandard, sondern in einem breiten Sinne als Lebensqualität und zukunftsfähige Entwicklung (Schäfer 2007). Nachfolgend wird dargelegt, welche Potenziale der ländliche Raum in Ostdeutschland in dieser Beziehung aufweist und vor welchen Herausforderungen er steht. 2
Strukturwandel ländlicher Räume in Ostdeutschland
Ländliche Räume waren und sind im Zuge der deutschen Wiedervereinigung einem tiefgreifenden Strukturwandel unterworfen. Dabei überlagern sich die Transformation mit der Anpassung an das westdeutsche Wirtschafts- und Sozialmodell ________________ 1 Das Projekt „Regionaler Wohlstand neu betrachtet“ wurde 2002–2007 am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin durchgeführt und vom BMBF gefördert (www.regionaler wohlstand.de).
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Benjamin Nölting
einerseits und ein genereller gesellschaftlicher Wandel in Industriegesellschaften andererseits, der durch das Ende der fordistischen Massenproduktion, Globalisierung und Umweltkrisen gekennzeichnet ist. Dieser doppelte Umbruch hat in Ostdeutschland insgesamt zu einer fragmentierten Entwicklung geführt (Berliner Debatte INITIAL 2006). Davon sind neben den altindustriellen Regionen besonders ländliche Räume betroffen. In Nordostdeutschland handelt es sich auch historisch um strukturschwache Regionen mit schlechten Böden, dünner Besiedlung und wenig Industrie. Hinzu kam der tiefe Einschnitt der Bodenreform 1946 und der anschließenden Kollektivierung. Der Strukturwandel ländlicher Räume seit der Wiedervereinigung 1990 lässt sich anhand der Entwicklungen in der Landwirtschaft, von Gewerbe und Tourismus, des demografischen Wandels und der Infrastruktur skizzieren. In der DDR war die Landwirtschaft von großen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) dominiert, die zentrale ökonomische und soziale Funktionen in ländlichen Gebieten hatten (Laschewski/Siebert 2001). Nach 1990 musste sich der ostdeutsche Agrarsektor an die EU-Agrarpolitik anpassen und hat sich inzwischen als wettbewerbsfähiger Wirtschaftszweig mit eigenständigen Strukturen etabliert. Voraussetzung dafür waren die hohe Passfähigkeit großer Betriebsstrukturen mit der Lebensmittelindustrie und den EU-Subventionen sowie der massive Abbau von rund 80 Prozent der Arbeitsplätze zwischen 1989 und 1994 (Forstner 2001). Der Agrarsektor ist damit selbst in ländlichen Regionen volkswirtschaftlich marginal. Beispielsweise ist der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten in Mecklenburg-Vorpommern von 12,6 Prozent 1991 auf 5,2 Prozent 2005 zurückgegangen. Gleichzeitig ist es seit 1990 kaum gelungen, in den ländlichen Räumen Beschäftigungsmöglichkeiten in Gewerbe und Tourismus aufzubauen. Eher wurden Industrieansiedlungen aus der DDR-Zeit geschlossen. Auch der Tourismus-Boom in Mecklenburg-Vorpommern reicht nicht aus, um die hohe Arbeitslosigkeit und das unterdurchschnittliche Haushaltseinkommen in den ländlichen Räumen zu kompensieren. Geburtenrückgang und Abwanderung vor allem von jungen, gut ausgebildeten Frauen haben zu einem erheblichen Bevölkerungsrückgang in ländlichen Räumen geführt. Dadurch schrumpft nicht nur die Nachfrage, was die regionale Wirtschaft weiter schwächt, sondern auch soziale Strukturen wie Dorfvereine, Fußballmannschaften, freiwillige Feuerwehr, Kirchengemeinden und Kulturhäuser bröckeln (Land/Willisch 2002). Dies führt schließlich zur Schwierigkeit, öffentliche Infrastruktur und Daseinsvorsorge wie Behörden, Schulen, Altenbetreuung, öffentlichen Personennahverkehr, Gesundheitsversorgung, Straßenbau etc. in angemessener Qualität und zu bezahlbaren Preisen aufrechtzuerhalten (Beetz 2007).
Regionaler Wohlstand als Ziel der ländlichen Entwicklung in Ostdeutschland 115
Diese Umbrüche haben bestehendes Kapital wie Produktionsanlagen und Humankapital entwertet, wirtschaftliche und soziale Verwerfungen sind deutlich spürbar. Die Kluft zu den Metropolregionen öffnet sich. In dieser Perspektive scheinen die ländlichen Räume zu den Verlierern des Transformationsprozesses zu gehören. Aber der Wandel eröffnet auch Handlungsspielräume, Probleme fördern kreative Lösungen und mitunter erzwingen prekäre Umstände geradezu Experimente zur Existenzsicherung. Experimente in ländlichen Räumen Die Menschen in ländlichen Räumen Ostdeutschlands verfolgen ganz unterschiedliche Strategien. In Kontrast zur Abwanderung gibt es auch Akteure, die teilweise ganz bewusst auf dem Lande ihre Vorstellungen zu verwirklichen versuchen, wie die folgenden Beispiele illustrieren. a) „Raumpioniere“: sind Einzelpersonen oder Projekte, die sich „freie“ Räume – z. B. Höfe und Landwirtschaftsflächen oder billige Grundstücke und Häuser – aneignen und sie dazu nutzen, mit neuen Lebensformen, Subsistenzwirtschaft oder Nischenprodukten zu experimentieren, die Natur zu genießen und per Internet zu arbeiten oder um Kunst und Musik zu machen. Mit kreativen Ansätzen verbinden sie Wissen, Wirtschaft und Kultur und regen neue Aktivitäten in peripheren Räumen an (Matthiesen 2004). Beispiele sind gemeinschaftliche Wohn- und Alternativprojekte oder Öko-Dörfer. Eine andere Variante sind Gemeinschaftsnutzungseinrichtungen, die Produkte, Dienstleistungen und Infrastruktur der Grundversorgung öffentlich anbieten und damit gemeinschaftliche Betätigungsmöglichkeiten und soziale Treffpunkte schaffen (Bonas et al. 2006). Die Aktivitäten beruhen meist auf einer Mischung aus Unternehmen, Initiativen, öffentlicher Förderung sowie ehrenamtlicher, bezahlter und reproduktiver Arbeit. Einige Akteure definieren Wohlstand und Lebensqualität neu; sie verstehen darunter weniger materiellen Wohlstand, sondern Selbstverwirklichung und gesellschaftliche sinnvolle Tätigkeiten. b) „Freiräume für die Natur“: stellt eine ganz andere „Nutzungsform“ ländlicher Räume dar. Die Großschutzgebiete, die während der Wendezeit ausgewiesen wurden und vom damaligen Bundesumweltminister Töpfer als „Tafelsilber“ der deutschen Einheit bezeichnet wurden, umfassen ökologisch äußerst wertvolle Gebiete, die der Natur überlassen werden können. Provokativ fordert Wolfgang Engler „Friede den Landschaften“ und argumentiert, dass gerade der explizite Verzicht auf Entwicklungskonzepte und -anstrengungen ganz neue, kreative Nutzungsformen hervorbringen könne (Engler 2001). Barlösius
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und Neu beschreiben Landschaftsparks, „Wildnis“ und integrierte Schutzkonzepte für Kulturlandschaften, die aus der intensiven Landbewirtschaftung herausgenommen werden, als mögliche Planungskonzepte für Naturräume mit immer weniger Menschen (Barlösius/Neu 2001). Doch der Rückzug der Menschen wird auch mit Unbehagen gesehen, wie die aufgeregten Debatten über die Rückkehr der Wölfe veranschaulichen. c) „Nutzung ökonomischer Nischen“: In Ostdeutschland haben der ökologische Landbau, die Flächennutzung für erneuerbare Energien sowie der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen einen überdurchschnittlich hohen Anteil im deutschen Vergleich. Erstens hat der Öko-Landbau nach der Wiedervereinigung 1990 eine rasche Verbreitung gefunden (vgl. den folgenden Abschnitt). Zweitens sind ländliche Gebiete wichtige Standorte insbesondere für die Erzeugung flächenintensiver Formen erneuerbarer Energien wie Windkraft oder Agrar- bzw. Biomasseerzeugung. Gerade große Anlagen z.B. für Biogas, die riesige Maisanbauflächen benötigen, finden sich in Ostdeutschland. Brandenburg nimmt eine führende Position bei der Erzeugung von Agrar-Diesel ein. Manche ländliche Region ist mittlerweile fast in der Lage, ihren Energiebedarf aus selbst erzeugten erneuerbaren Energien zu decken. Allerdings sind regionale Wertschöpfung und die Anzahl der Arbeitsplätze im Verhältnis zum Bundesdurchschnitt unterdurchschnittlich. Drittens erfolgt der Anbau von Gen-Mais fast ausschließlich in Ostdeutschland. 2007 lagen allein 50 % aller Anbauflächen in Brandenburg und 24 % in MecklenburgVorpommern (www.greenpeace.de/themen/gentechnik/anbau_genpflanzen/). Diese umstrittene Technologie findet offenbar in den ländlichen Räumen am ehesten ihren Platz, wo die Besiedelungsdichte und damit das Protestpotenzial geringer sind und wo die Ackerflächen größer sind und erst dadurch die rechtlichen Vorschriften über Abstände überhaupt einhaltbar werden. Erneuerbare Energien sind ein wichtiger Impuls für einen Ausbau der „grünen Gentechnik“. d) Rechtsradikalismus: Schließlich kann das Erstarken rechtsradikaler Gruppierungen und Parteien als soziales und politisches Experiment interpretiert werden. Diese ziehen mit „Phantomwahlkämpfen“ in ostdeutsche Landtage ein und erreichen in ländlichen Gebieten hohe Stimmenanteile (z.B. die NPD 2006 in Mecklenburg-Vorpommern bis zu 15 %). Neonazi-Gruppen und rechtsradikale Parteien engagieren sich zunehmend offener im zivilgesellschaftlichen Leben, z.B. in der Kinderbetreuung, im Dorfleben oder in Bürgerinitiativen gegen Windparks, und können auf diese Weise ihre Akzeptanz und damit auch für ihre fremdenfeindliche Gesinnung steigern.
Regionaler Wohlstand als Ziel der ländlichen Entwicklung in Ostdeutschland 117
In der Gesamtschau sind die hier beschriebenen „Experimente“ vor allem eines: widersprüchlich! Es scheint genug Raum für sehr unterschiedliche soziale, kulturelle, technologische und ökonomische Aktivitäten zu geben, allerdings sind die Dynamiken höchst unterschiedlich, was die Fragmentierung ländlicher Räume widerspiegelt und sie zugleich verstärkt. Raumpioniere und Nischenökonomien kommen mit vergleichsweise geringem Kapital und Ressourcen aus. AlternativKommunen, Neo-Nazis, Windparks und Gentechnik sind zwar sozialer Kontrolle ausgesetzt, aber deutlich weniger als in vielen anderen Regionen Deutschlands. Das illustrieren u.a. die Dokumentarfilme „Die Siedler“ (2004; www.siedlerfilm.de) und „Neuland“ (2006; www.neuland-denken.de). Bei der Mehrzahl der Akteure herrscht eine pragmatische, recht unideologische Haltung vor, ihnen geht es vorwiegend darum, mit der ökonomischen Unsicherheit der Umbruchsituation klar zu kommen, aber auch sich selbst zu verwirklichen. Was bedeutet das nun für eine nachhaltige ländliche Entwicklung in Ostdeutschland? Einige der Experimente und Trends sind nachhaltig, andere nicht. Am Beispiel der ökologischen Land- und Ernährungswirtschaft soll aufgezeigt werden, wie die Akteure vor Ort zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen können und was die Hindernisse dabei sind. 3
Nachhaltige ländliche Entwicklung durch die ökologische Ernährungswirtschaft
Die ökologische Ernährungswirtschaft – also die landwirtschaftliche Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Öko-Lebensmitteln – stellt in umweltfreundlicher Produktion hochwertige, gesunde Nahrungsmittel her. Deswegen weist sie ein beträchtliches Entwicklungspotenzial für ländliche Räume auf. Hinzu kommt ihr erhebliches ökonomisches Wachstum in Ostdeutschland, wo der Wirtschaftszweig 1990 praktisch bei Null begonnen hatte. Ende 2006 gehörten Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zu den Bundesländern mit dem höchsten Anteil an Öko-Landbaufläche. In Ostdeutschland lag der Flächenanteil mit 6,2 % über dem Bundesdurchschnitt von 4,9 % (vgl. Tabelle 1). Wichtigster Grund für das rasche Wachstum des Öko-Landbaus waren die ertragsschwachen Standorte in Nordostdeutschland, die keine rentable intensive Bewirtschaftung erlauben. Weitere Anreize sind die Öko-Landbauförderung und ethische Motive wie Umwelt- und Tierschutz. Die Mehrzahl der Öko-Betriebe sind Wieder- und Neueinrichter mit kleinen und mittleren Betriebsgrößen. Hinzu kommen einige sehr große LPG-Nachfolgebetriebe. 2002 verfügten 4,7 % der Brandenburger Öko-Betriebe über mehr als 1.000 ha und bewirtschafteten 33 % der Öko-Flächen. Insbesondere größere Betriebe vermarkten ihre Produkte eher überregional in Westdeutschland und Westeuropa und beliefern die Lebensmit-
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Benjamin Nölting
telindustrie mit großen einheitlichen Partien. Solche Großbetriebe stellen einen neuen Typ des Öko-Landbaus in Deutschland dar (Engel/Ulmer 2007; Nölting 2007). Tabelle 1:
Strukturdaten zum Öko-Landbau in Ostdeutschland
Jahr
Berlin Brandenburg Mecklenb.Vorpommern Sachsen SachsenAnhalt Thüringen Deutschland gesamt Ostdeutschland Westdeutschland Anteil Ostdeutschlands
Anzahl Öko-Höfe
ökologisch bewirtsch. Fläche (ha)
2006 Flächenanteil des Ökolandbaus (%)
10 618
158 127.957
9,6
207
120 137
662
116.506
8,5
176
115
293
25.053
2,8
86
165
288
44.295
3,8
154
80
250
31.618
4,0
126
113
17.557
825.539
4,9
47
5438
2.121
345.587
6,2
163
730
15.436
479.952
-
31
-
12,1 %
42,8 %
-
-
13,4 %
Anzahl Durchschnittl. Verarbeit.betriebe Betriebsgröße (ha)
Quelle: Strukturdaten der ZMP, eigene Berechnung
Verarbeitung und Vermarktung von Öko-Lebensmitteln haben sich weniger rasch entwickelt. Öko-Betriebe der Lebensmittelverarbeitung wurden – mit Ausnahme Westberlins – erst seit Mitte der 1990er Jahre gegründet. Ausgehend von einem niedrigen Niveau ist ihre Zahl seit 2000 rasch gewachsen. Dennoch reichen sie bei weitem nicht aus, um beispielsweise den großen Berliner Markt mit regionalen Öko-Produkten zu beliefern. Es fehlen Metzgereien, Molkereien und Käsereien sowie Hersteller für hoch verarbeitete Bio-Lebensmittel.
Regionaler Wohlstand als Ziel der ländlichen Entwicklung in Ostdeutschland 119
Die Vermarktung von Bio-Lebensmitteln ist in Deutschland von 2,5 Mrd. € in 2000 auf 4,5 Mrd. € in 2006 gestiegen. Ostdeutschland verzeichnete in den letzten Jahren überdurchschnittliche Zuwachsraten. Berlin ist in Ostdeutschland mit Abstand der wichtigste Markt für Bio-Lebensmittel, während die Nachfrage in ländlichen Räumen niedrig ist. Das Angebot in Berlin ist mit Direktvermarktung (Abo-Kisten, Märkte, Hofläden im Umland) und dem Naturkostfachhandel mit über 200 Bio-Läden sowie einer rasant steigenden Zahl von umsatzstarken BioSupermärkten hervorragend (Nölting 2007). Insgesamt ist die Entwicklung der ökologischen Lebensmittelwirtschaft in Ostdeutschland eine ökonomische Erfolgsgeschichte, aber die Engpässe bei Verarbeitung und regionaler Vermarktung behindern ihre Weiterentwicklung. Beiträge der Öko-Betriebe zum regionalen Wohlstand Welche Beiträge leistet die ökologische Land- und Ernährungswirtschaft vor dem Hintergrund des ökonomischen Wachstums zu einem „guten Leben“ und nachhaltiger Entwicklung in ländlichen Räumen Ostdeutschlands? Die Nachhaltigkeitsaktivitäten werden für die Region Berlin-Brandenburg an Hand folgender vier Punkte dargestellt (Schäfer 2007): a) Beitrag zum Umwelt- und Naturschutz, b) Entwicklung neuer Märkte und regionale Wertschöpfung, c) Vermittlung von Wissen und Erfahrungen und c) Impulse im sozialen Bereich. Umwelt- und Naturschutz Die ökologische Ernährungswirtschaft verfolgt eine ganzheitliche, moderne Form der Landbewirtschaftung und verzichtet weitgehend auf Pestizide, Mineraldünger und Konservierungsstoffe sowie gänzlich auf Gen-Technik. Der Landbau nach den gesetzlichen EU-Ökostandards hat einen positiven Umwelteffekt (Stolze et al. 2000). Ostdeutsche Betriebe haben diese Techniken für die Bewirtschaftung großer Flächen weiterentwickelt, was zur Stabilisierung des Öko-Systems (Bloch et al. 2005) und zum Naturschutz (www.naturschutzhof.de) beiträgt. Die Mehrzahl der Öko-Betriebe in Berlin-Brandenburg engagiert sich über die Einhaltung der gesetzlichen Standards hinaus zusätzlich im Umwelt- und Naturschutz. Bei Landwirtschaftsbetrieben sind dies Maßnahmen zur Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit und die Gestaltung der Kulturlandschaft wie Heckenpflanzungen, in der Verarbeitung handelt es sich um Energie- und Ressourceneinsparungen und betriebliche Öko-Audits (Illge/Schäfer 2007).
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Regionale Wertschöpfung und Erschließung neuer Märkte Die Vermarktungsbetriebe haben Öko-Lebensmittel auf den ostdeutschen Markt gebracht, diese bei den Kunden bekannt gemacht und damit zusätzlich zur landwirtschaftlichen Produktion ein neues Marktsegment erschlossen. Trotz der höheren Preise ist mittlerweile eine steigende Nachfrage nach regionalen Produkten, Spezialitäten und Marken in Bio-Qualität zu verzeichnen. In Berlin-Brandenburg waren in der ökologischen Lebensmittelwirtschaft 2004/05 nach vorsichtigen Schätzungen ca. 6.000 Personen beschäftigt (Illge/Schäfer 2007, S. 92 ff.). Wegen der Lücken in der Verarbeitung und Regionalvermarktung ist das Potenzial an regionaler Wertschöpfung und Schaffung von Arbeitsplätzen jedoch noch nicht ausgeschöpft. Doch selbst bei einem weiteren Wachstum wird dieser kleine Wirtschaftszweig zwar lokal wichtige ökonomische Impulse für die ländliche Wirtschaft geben, nicht aber die Strukturprobleme lösen können (Knickel 2004). Vermittlung von Wissen und Erfahrungen über nachhaltige Landwirtschaft und gesunde Ernährung Der höhere Preis von Öko-Lebensmitteln und deren besondere Qualität sind erklärungsbedürftig. Die überwiegend informelle Wissensvermittlung der Unternehmen richtet sich vor allem an Konsumenten und Bürger, geht aber weit über reine Produktinformation und Marketingmaßnahmen hinaus. So informieren sie während des Verkaufsgesprächs, auf Festen, bei Führungen oder Verkostungen, in Veranstaltungen oder auf Internetseiten über umweltfreundliche Landwirtschaft und gesunde Ernährung (vgl. Abb. 2). Neben der Vermittlung kognitiven Wissens spielt die sinnliche Erfahrung eine wichtige Rolle: Ein Besuch im Kuhstall, die Weitergabe von Kochrezepten für saisonales Gemüse oder Ernährungstipps im Verkaufsgespräch stoßen Lernprozesse für nachhaltige Ernährung und Konsumstile an (Boeckmann 2007). Diese Art der Kommunikation ist für die Verbreitung einer Kultur der Nachhaltigkeit essentiell und stärkt Stadt-LandVerbindungen.
Regionaler Wohlstand als Ziel der ländlichen Entwicklung in Ostdeutschland 121
Quelle: Illge/Schäfer 2007, S. 98. Abb. 1:
Aktivitäten der Wissens- und Erfahrungsvermittlung von Öko-Betrieben
Soziale Impulse und nachhaltige Ernährung Eine Schlüsselfunktion für ländliche Entwicklung kommt der sozialen Einbettung der ökologischen Lebensmittelwirtschaft zu. Viele Öko-Betriebe sind in lokalen und regionalen Organisationen und Netzwerken wie Umweltorganisationen, Dorfvereinen, Bürgerinitiativen für gentechnikfreie Zonen, LEADER-Aktionsgruppen etc. engagiert. In peripheren ländlichen Regionen können Bio-Betriebe Kristallisationspunkte für weitergehende lokale Aktivitäten werden. Wegen ihres Ansatzes – die umweltfreundliche Produktion gesunder Lebensmittel – haben sie vielfältige Anknüpfungspunkte mit anderen Akteuren nachhaltiger Regionalentwicklung wie Umweltverbänden, Biosphärenreservaten und Tourismusvereinen (Schäfer 2007; Segert/Zierke 2004). Sie tragen damit zur Stabilisierung sozialer Ressourcen in ländlichen Räumen bei, auch wenn das soziale und politische Umfeld den Wirtschaftszweig bislang zu wenig als Akteur der Regionalentwicklung wahrnimmt. Die Untersuchungsergebnisse belegen, dass die Betriebe der ökologischen Ernährungswirtschaft einen sehr vielfältigen Beitrag zum regionalen Wohlstand im weiten Sinne gerade in strukturschwachen ländlichen Regionen leisten. Weiterhin wird deutlich, dass es sich dabei nur teilweise um die Schaffung von Arbeitsplätzen und Einkommen handelt, obschon der augenblickliche Boom des Öko-Lebensmittelmarkts noch beträchtliche Wachstumspotenziale verspricht.
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Zwar werden Arbeitsplätze in den ländlichen Räumen dringend benötigt, aber genauso wichtig für eine nachhaltige ländliche Entwicklung ist es, den kritischen Entwicklungstrends und der mitunter aufkommenden Mutlosigkeit positive, innovative Beispiele entgegen zu setzen, die ökonomisch, sozial und ökologisch tragfähig sind. Die ökologische Land- und Ernährungswirtschaft tut dies. Allerdings behindern die Fragmentierung ländlicher Räume und die tendenzielle Unterordnung sozialer und ökologischer Fragen unter ökonomische Ziele in den Entwicklungskonzepten gleich in mehrfacher Hinsicht Synergie-Effekte mit anderen Nachhaltigkeitsakteuren. Die Strukturschwäche der ländlichen Wirtschaft bremst eine stärkere Diversifizierung der ökologischen Lebensmittelwirtschaft und ihre Integration in die lokale und regionale Ökonomie. Darüber hinaus bleiben viele Unternehmen und Initiativen nachhaltiger Entwicklung trotz ihres teilweise beachtlichen Engagements gesellschaftlich und politisch isoliert. Ihnen fehlt die kritische Masse und die Vernetzung mit anderen Nachhaltigkeitsakteuren im ländlichen Raum etwa in Form sozialer Bewegungen oder integrierender Regionalinitiativen. Nicht zuletzt wird das Konzept der nachhaltigen Entwicklung noch viel zu oft als reines Umweltkonzept, das eine wirtschaftliche Entwicklung zu behindern droht, missverstanden und kann daher keine gesellschaftliche Zugkraft entfalten. 4
Perspektiven für regionalen Wohlstand und nachhaltige ländliche Entwicklung
Die Umbrüche in ländlichen Räumen Ostdeutschlands haben Innovationen, Experimente und Nischen hervorgebracht. Einige sind einer nachhaltigen Entwicklung eher abträglich wie beispielsweise die „grüne Gentechnik“, die dem Vorsorgeprinzip widerspricht, oder Rechtsextremismus. Dagegen geben Raumpioniere wie Gemeinschaftsnutzungseinrichtungen oder eben die ökologische Land- und Ernährungswirtschaft wichtige Impulse für eine nachhaltige ländliche Entwicklung. In der Gesamtperspektive wird deutlich, dass eine regionale Entwicklung nicht allein von den Akteuren vor Ort ausgehen kann, weil deren Ressourcen angesichts der beträchtlichen Strukturprobleme nicht ausreichen. Ihnen die alleinige Verantwortung für die Regionalentwicklung aufzubürden, würde auch dem grundgesetzlichen Auftrag zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse widersprechen. Ansätze einer nachhaltigen Entwicklung können nur dann stabilisiert werden, wenn endogene und exogene Ressourcen gleichermaßen mobilisiert werden (Segert/Zierke 2007). Dabei sollten die Akteure vor Ort den Ausgangspunkt der Strategien bilden, denn es geht um nachhaltige Entwicklung für die Menschen und mit ihnen. Wie dieses Zusammenspiel interner und exter-
Regionaler Wohlstand als Ziel der ländlichen Entwicklung in Ostdeutschland 123
ner Kräfte funktionieren könnte, soll exemplarisch für die ökologische Ernährungswirtschaft als regionalen Akteur und für die Politik gezeigt werden, die über die Zuteilung von Ressourcen an ländliche Räume entscheidet. Um den nachhaltigen, regionalen Wohlstand zu steigern, sollten die Betriebe der ökologischen Ernährungswirtschaft erstens ihre ökonomische Integration in der Region ausbauen. Dazu zählen der Ausbau regionaler Wertschöpfungsketten insbesondere bei der Verarbeitung und der Vermarktung sowie eine stärkere Verzahnung mit der ländlichen Wirtschaft. Beispielsweise können sie im Tourismus, in der Umweltbildung, im Naturschutz, Handwerk oder bei erneuerbaren Energien aktiv werden und auch neue Angebote für Städter machen. Zweitens sollten sich die Öko-Betriebe und -Verbände um eine bessere soziale Einbettung bemühen und beispielsweise verstärkt die Zusammenarbeit mit Netzwerken nachhaltiger Regionalentwicklung suchen. Drittens sollten Nachhaltigkeitsakteure wie die Öko-Betriebe ihre vielfältigen gesellschaftlichen Leistungen offensiver kommunizieren. Es geht darum, der Bevölkerung auch die nicht-ökonomischen Beiträge zum regionalen Wohlstand sichtbar zu machen und für ganzheitliche Entwicklungsideen zu werben. Dies würde auch die Attraktivität des Leitbilds nachhaltiger Entwicklung im ländlichen Raum steigern (Nölting/Schäfer 2007). Diese Aufgaben können einzelne Öko-Betriebe und den gesamten Wirtschaftszweig rasch überfordern. Daher muss die Politik die Protagonisten im ländlichen Raum unterstützen und generell die Rahmenbedingungen verbessern. Politik und Verwaltung sollten viel stärker auf die Akteure zugehen und sich auf das Risiko von Experimenten und einer Beteiligung „von unten“ einlassen. Dabei kann eine sektorale Förderung der ökologischen Ernährungswirtschaft, erneuerbarer Energien etc. hilfreich sein. Doch insgesamt ist ein Paradigmenwechsel in der ländlichen Entwicklungspolitik erforderlich. Es bedarf übergreifender Strategien für alle Menschen im ländlichen Raum weit über den volkswirtschaftlich marginalen Agrarsektor hinaus. Ein solcher Politikwandel zeichnet sich in Ansätzen ab. Darauf weisen die Konferenzreihe „Zukunft ländlicher Räume“ des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV), die ELER-Verordnung für den ländlichen Raum in der EU-Agrarpolitik sowie die OECD hin, die kritisiert, dass Jahrzehnte lang lokale Standortvorteile und „neue“ Akteure außerhalb der Landwirtschaft vernachlässigt wurden (OECD 2006). Periphere ländliche Regionen in Ostdeutschland stellen die Nagelprobe für die Tragfähigkeit eines solchen Strategiewechsels dar. Damit die Akteure im ländlichen Raum nicht neben- und gegeneinander handeln und damit sie ihre Initiativen an den lokalen Bedürfnissen und endogenen Potenzialen ausrichten (können), ist eine Regionalisierung der PolitikAnsätze sinnvoll beispielsweise durch Integrierte Ländliche Entwicklung, Regio-
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nalmanagement oder den LEADER-Ansatz. Politik hat eine, weit über finanzielle Förderung hinausreichende, Koordinierungsfunktion bei der Ansprache und Motivation der Akteure sowie der Initiierung und beim Management von Netzwerken. Der Öko-Landbau ist nur einer von mehreren Akteuren im ländlichen Raum. An dieser Akteursgruppe lässt sich verdeutlichen, wie eine Öffnung über den Agrarsektor hinaus ausgestaltet werden kann. Der besondere Beitrag multifunktionaler Öko-Betriebe zur nachhaltigen ländlichen Entwicklung liegt in der Kopplung verschiedener Aktivitäten und in der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Akteuren aus Tourismus, Umweltbildung, Großschutzgebieten, LEADER-Gruppen, Anwohner(innen) etc. Um die Herausforderungen in Ostdeutschland zu meistern, muss sich Politik für den ländlichen Raum noch entschlossener in die beschriebene Richtung bewegen u.a. bei folgenden Punkten: • Politik sollte heterogene Vernetzungen unterstützen und Schnittstellen zwischen sektoralen und räumlichen Entwicklungsprogrammen schaffen. Ein Beispiel dafür könnte der geplante Landesaktionsplan für den Öko-Landbau in Brandenburg und Berlin werden. Das Brandenburgische Landwirtschaftsministerium sollte dabei die gesamte Wertschöpfungskette, Bauernund Umweltverbände sowie Verbraucher einbeziehen und neben der ökonomischen Entwicklung explizit auch ökologische und kulturelle Ziele verfolgen. Generell scheint es sinnvoll, nicht nur auf Branchenschwerpunkte und Cluster zu setzen, sondern gerade die Vielfalt ländlicher Initiativen und Unternehmen zu kritischen Massen zu bündeln. • Innovative Projekte und praktikable Lösungen z.B. für die Bereitstellung der Daseinsvorsorge dürfen nicht durch bürokratische und gesetzliche Vorgaben, die für andere Bedingungen gemacht sind, gebremst werden. Noch werden zu oft selbstorganisierten Bürgerbussen, Hausschlachtungen mit Kunden oder Vereinen, die eine Streuobstwiese betreiben möchten, Steine in den Weg gelegt. Die Flexibilisierung darf jedoch nicht für das Absenken von Standards insbesondere bei der sozialen Infrastruktur missbraucht werden. • Schließlich geht es nicht nur um Arbeitsplätze und Investitionen, so wichtig diese auch sein mögen, sondern in erste Linie um Köpfe und Motivation. Dafür ist die Verbesserung der Lebensqualität zentral. „Weiche“ Standortfaktoren wie kulturelle Angebote, flexible Verwaltungen und Kooperationsbereitschaft spielen eine wichtige Rolle, um die Stärken ländlicher Räume hervorzuheben. Hier sind die Möglichkeiten der 3. Achse der ELERVerordnung zur Verbesserung der Lebensqualität im ländlichen Raum noch lange nicht ausgeschöpft.
Regionaler Wohlstand als Ziel der ländlichen Entwicklung in Ostdeutschland 125
Nicht zuletzt muss sich die Politik offensiv für eine nachhaltige ländliche Entwicklung und für Alternativen zu einer nachholenden (ökonomischen) Modernisierung positionieren. Andernfalls begeben sich strukturschwache ländliche Räume mit Metropolregionen in ein aussichtsloses Rennen um Ökonomie, Macht und Effizienz. Sie haben andere Qualitäten, die es ins Spiel zu bringen gilt. Das lässt sich nicht durch eine Pauschalförderung bewerkstelligen, sondern muss in den Regionen von den Akteuren entwickelt und umgesetzt werden. Wenn Politik und lokale Akteure wie die ökologische Ernährungswirtschaft gemeinsam diese Chancen aufgreifen, dann können daraus wichtige Impulse für zukunftsfähige ländliche Räume in Ostdeutschland hervorgehen.
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Faktoren für den Erfolg einer nachhaltigen und integrierten ländlichen Regionalentwicklung Michael Böcher
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Was heißt nachhaltige und integrierte ländliche Regionalentwicklung?
Allgemein bezeichnet der normative Begriff „Nachhaltige Regionalentwicklung“ eine regionale Entwicklung, welche die sozialen und wirtschaftlichen Ansprüche an den Raum mit seinen ökologischen Funktionen in Einklang bringt (Bergmann 2000). Dabei soll das bekannte Leitbild der Nachhaltigkeit, die Bedürfnisse heutiger Generationen zu decken, ohne dabei Bedürfnisse kommender Generationen zu gefährden, durch eine gleichgewichtige Berücksichtigung ökonomischer, ökologischer und sozialer Gesichtspunkte und die verstärkte Nutzung endogener (auch ökologischer) Potenziale und Kooperationen im regionalen Rahmen verwirklicht werden. Die Region stellt dabei eine potenzialreiche Handlungsebene zur Verwirklichung von Nachhaltigkeitszielen dar, denn hier sind Ursache/Wirkungszusammenhänge menschlichen Handelns eng aneinandergekoppelt, was eine gute Voraussetzung für die hohe Identifikation mit regionalen Umwelt- und Naturschutzzielen darstellt. Im unmittelbaren Lebensumfeld lassen sich Verluste an Naturgütern und Umweltbeeinträchtigungen direkt erfahren und aufgrund einer individuellen Verbundenheit mit der Region und deren Überschaubarkeit zugleich Potenziale für verändertes Handeln der in einer Region lebenden