Rosemary Sutcliff Artus – Band 01
Merlin und Artus
Wie die Ritter von der Tafelrunde sich zusammenfinden Die Originala...
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Rosemary Sutcliff Artus – Band 01
Merlin und Artus
Wie die Ritter von der Tafelrunde sich zusammenfinden Die Originalausgabe erschien unter dem Titel “ The Sword and the Circle Mai 1996 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München ISBN 3-423-70400-4
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1 Wie Artus geboren wurde In den schweren und düsteren Jahren, die auf das Ende der römi schen Herrschaft in Britannien folgten, stieg Vortigern mit den eng stehenden Augen und dem dünnen, rötliche n Bärtchen eines Tages aus den walisischen Bergen herab und erschlug in treuloser Weise König Konstantin, der aus einem alten Königsgeschlecht stammte, und setzte sich an seiner Stelle auf den britannischen Thron. Doch sein blutiges Zepter brachte ihm nur wenig Freude, denn das ganze Reich war von Horden räuberischer Eindringlinge besetzt. Im Norden drangen die Pikten und Schotten ein, während an der Ost- und Südküste die Sachsen als Seeräuber ihr Unwesen trieben. Und da Vor tigern nicht die Kraft Konstantins besaß, konnte er sie nicht zurück schlagen. Als er sich keinen ändern Rat mehr wußte, ließ er zwei sächsische Stammesführer kommen, Hengest und Horsa, gab ihnen Land und Gold und trug ihnen auf, ihre Kampfgenossen herbeizuholen und die Pikten und Schotten sowie auch ihre eigenen Piraten-Landsleute zu rückzuschlagen. Und das war der schlechteste Plan, auf den er über haupt hatte verfallen können. Denn Hengest und Horsa war nicht ent gangen, wie reich das Land war. Bald kehrten sie wieder nach Germa 2
nien zurück; und da gab es viele halbwüchsige Söhne, doch weder ge nug Land noch so reiche Ernten, daß es für alle gereicht hätte. Und von Stund an war Britannien nie mehr frei vom Sachsen-Geschlecht. Immer weiter drangen sie von der Küste aus ins Landesinnere vor, verwüsteten das Land und zündeten ganze Städte an und machten sich über die Einwohner her wie ausgehungerte Wölfe, die sich im Winter auf die Schafe stürzen. Und manch ein Bauer wurde auf der eigenen Türschwelle erschlagen, und manch ein Priester am eigenen Altar. Und wo immer die Sachsen vorbeigezogen waren, lag ein übler Brandgeruch in der Luft. Als nun Vortigern sah, was er angerichtet hatte, zog er sich auf sei ne mächtige Burg in Wales zurück und rief seine weisesten Männer zusammen, nämlich seine Seher und Zauberer, und bat sie um Rat. »Baue dir einen riesigen Turm und lege dich hinein. Sonst wird dir nichts mehr helfen«, sagte der älteste Seher. Da sandte Vortigern zahlreiche Männer ins Land, die sich auf sol che Dinge verstanden und nun den besten Bauplatz finden sollten, und als er sich bei ihrer Rückkehr ihre Berichte anhörte, entschied er sich für Eriri, den Platz der Adler, der hoch oben in den Bergen von Gwy nedd lag. Und nun rief er aus allen Himmelsrichtungen Bauleute zu sammen und befahl ihnen, einen Turm zu bauen, stärker als jeder an dere Turm in ganz Britannien. Die Männer machten sich an die Arbeit und schlugen große Steinblöcke aus den Steinbrüchen der benachbar ten Hügel. Andere schleppten die Blöcke zum ausgewählten Platz. Und dann begannen sie, auf dem luftigen Kamm des Eriri riesige Fun damente für eine Festung zu bauen, wie man sie sonst in ganz Britan nien vergeblich suchen würde. Doch dann geschah etwas Seltsames. Als die Männer am Morgen wieder zum Bauplatz kamen, fanden sie die Steine, die sie am Tage zuvor hochgestemmt und eingemauert hatten, überall auf dem Boden verstreut. Und das passierte ihnen Tag für Tag, so daß die Festung auf dem Adlerplatz nie größer wurde als am ersten Tag. Da ließ Vortigern wiederum die Seher und Magier kommen und wollte von ihnen den Grund der Sache erfahren und wissen, was er denn jetzt tun solle. 3
Nachts blickten die Seher und Zauberer zu den Sternen empor und am Tage in die Zauberschale, die mit schwarzem Eichenwasser gefüllt war, und schließlich sagten sie: »Herr, wir müssen ein Opfer darbrin gen.« »Dann holt eine schwarze Ziege«, befahl Vortigern. »Eine schwarze Ziege genügt nicht.« »Dann eben einen weißen Hengst.« »Auch ein weißer Hengst genügt nicht.« »Ein Mensch?« »Nicht einmal ein Mensch, der wie die andern ist.« »Was zum Teufel muß denn geopfert werden?« schrie der König zornig und schmetterte seinen Weinbecher zu Boden. Und der Wein sickerte wie Blut in das dürre Heidegras. Der Älteste der Weisen schaute sinnend auf den Fleck im Gras. »Suche einen Knaben, der von keinem sterblichen Vater stammt, und laß ihn auf die alte, heilige Art töten und sein Blut über die Steine fließen, und deine Burg wird ein sicheres Fundament haben.« Vortigern sandte unverzüglich Boten aus und ließ sie nach einem solchen Knaben suchen. Und nach langer, vergeblicher Suche kamen sie schließlich in die Stadt Caermerddyn; und hier fanden sie einen Jüngling, dessen Mutter die Tochter der Königin Demetia war, dessen Vater jedoch keinem Sterblichen bekannt war. Die Prinzessin war nun schon seit langer Zeit in einem Kloster, doch als sie noch jung war, erhielt sie eines Nachts, wie im Traume, den Besuch eines schönen und stolzen Engels. Es war einer der gefallenen Engel, wie sie die Christen nennen, die nun ein Reich zwischen Himmel und Erde be wohnen. Und von diesem Besuch empfing sie einen Sohn, und als die ser geboren war, gab sie ihm den Namen Merlin. All das erzählte sie den neugierigen Boten des Königs freimütig und ohne sich viel dabei zu denken. Doch nachdem die Prinzessin mit ih rer Rede zu Ende war, ergriffen sie den Knaben Merlin und brachten ihn in die schöne Halle, die Vortigern im Schütze der Berge in der Nähe des Eriri hatte errichten lassen. Und Vortigern saß in seinem wundervollen Thronsessel, der mit Wolfsfellen und mit roten und pur 4
purnen Stoffen überzogen war, zupfte an seinem dünnen Bart und blickte durch die Rauchfahnen, die aus dem Herdfeuer aufstiegen, auf den Jüngling. Dünn und biegsam wie eine Haselrute stand Merlin da, mit rabenschwarzem Haar, und blickte Vortigern aus zwei hellen, kla ren Augen unverwandt an und verlangte, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Erklärung, weshalb man ihn hierhergebracht habe. Der König war es nicht gewohnt, in einem solchen Ton angeredet zu werden, und war so verblüfft, daß er Merlins Frage einfach beant wortete, statt ihn auf der Stelle töten zu lassen. Der Knabe hörte aufmerksam zu; und als der König geendet hatte, sagte er: »So soll also mein Blut vergossen werden, damit Euer Turm errichtet werden kann. Eine schöne Geschichte, die Euch da Eure Ma gier erzählt haben, mein König, doch leider hat sie weder Hand noch Fuß.« »Was das betrifft«, sagte Vortigern, »so läßt sich die Sache ohne weiteres prüfen.« »Indem Ihr mein Blut über die Steine Eurer Festung gießt? Nein, Hoheit, ruft lieber Eure Magier herbei, und ich werde sie mit Leic h tigkeit Lügen strafen.« Vortigern rieb sich den Bart, und seine Augen rückten noch näher zusammen. Doch schließlich ließ er seine Weisen holen, und sie ka men und traten vor Merlin. Merlin schaute sie der Reihe nach an und sagte: »Die Sehergabe und die Zauberkräfte haben euch und eure Vorfahren immer mehr ver lassen, seit die letzten wahren Druiden ausgestorben sind. Das Licht der Wahrheit ist euch schon lange verdunkelt, und deshalb habt ihr dem König erzählt, mein Blut müsse auf diesen Steinen vergossen werden, damit der Turm gebaut werden könne. Doch ich sage euch, diese Steine stürzen nicht herunter, weil ihnen mein Blut fehlt, son dern weil unter der Erde etwas geschieht, was jede Nacht die Arbeit des Tages wieder zunichte macht. So sagt mir doch mit eurer Weis heit, was da unten passiert!« Die Magier schwiegen, denn ihre Kräfte hatten wirklich abgeno m men. Da wandte sich Merlin zu Vortigern und sprach: »Herr, befehlt 5
Euren Männern, so tief unter die Fundamente zu graben, bis sie zu dem Teich durchstoßen, den sie da unten finden werden.« Da gab der König den Befehl zu graben, und nach einer Weile stie ßen die Männer durch die Decke einer riesigen Höhle. Und den Grund der Höhle füllte ein tiefer, dunkler Teich, und von Zeit zu Zeit stiegen Luftblasen langsam zur Wasseroberfläche empor, wie wenn weit unter dem Wasser ein großes Tier im Schlafe läge und atmete. Da trat Merlin zu Vortigern, der eben aus seiner Halle herbeige kommen war, um zuzuschauen, und zu den Magiern, die der König mitgebracht hatte, und sagte in herausforderndem Tone: »So sagt mir doch, ihr, die ihr in allen Zauberdingen bewandert seid, was ruht denn auf dem Grunde dieses Teichs?« Und wiederum hatten sie keine Antwort. Und zum König sagte Merlin: »Herr, nun gebt den Befehl, diesen Teich trockenzulegen, denn auf dem Grund des Wassers werdet Ihr zwei schlafende Drachen finden.« Und als der Teich trocken lag, da sahen sie weit unten zwischen den Felsen die beiden Drachen im Schlafe liegen. Der eine war weiß wie Frost und der andere rot wie Feuer. Und der König und alle, die über dem trockenen Teich standen, waren sprachlos. Doch die Magier hat ten sich bereits fortgestohlen. »Am Tage«, sagte der Knabe Merlin, »liegen die Tiere im Schlaf, so wie Ihr sie jetzt seht; doch nachts wachen sie auf und kämpfen mit einander, und erst bei Sonnenaufgang lassen sie voneinander ab und fallen wieder in Schlaf. Sie kämpfen so heftig, daß der Bergkamm er schüttert wird und die Erde aufbricht und sich wieder schließt und das Teichwasser zu Sturmwellen aufgepeitscht wird. Und aus diesem Grunde bleibt der Turm, den Ihr darüber bauen wollt, nicht stehen.« Nun begann es Abend zu werden, rasch wurde es dunkler und dunk ler, und noch während Merlin sprach, begannen sich die schlafenden Drache n zu erheben. Feuerrote und frostweiße Schuppen regten sich, und die großen Köpfe hoben sich, und die Kiefer öffneten sich weit und begannen, dünne Feuerstrahlen auszuatmen, und die Strahlen wurden immer größer und stärker und ballten sich zu Feuerwolken zusammen, und mit einem schrecklichen Gebrüll, das den Boden, auf 6
dem der König und seine Männer standen, erzittern ließ, stürzten die beiden Ungeheuer aufeinander los. So kämpften die beiden die ganze Nacht im Phosphorschein ihres Atems, der die große Höhle füllte und wie Wetterleuchten über die hochgepeitschten Pfützen strich, die vom Teich noch übrig waren. Und zuerst war der weiße Drache im Vorteil und drängte den roten zum anderen Teichende, dann sammelte der rote Drache all seine Kraft, und der Kampf stand wieder unentschieden; und das Wasser kochte um ihre zischenden Schuppen, und der Kampf der Ungeheuer erschütterte fortwährend den ganzen Bergkamm. Dann drängte der rote Drache den weißen langsam in die andere Ecke, und gerade als es schien, daß der Kampf endlich vorbei sei, kam der weiße Drache wie der zu Kräften und warf sich noch einmal auf den roten… Doch da schimmerte schon das erste Tageslicht am Himmel, das Feuer der Drachen erlosch, und ihre Bewegungen verlangsamten sich, und schließlich sanken sie in Schlaf. Da wollte Vortigern von Merlin wissen, was all das zu bedeuten ha be. Und Merlin sagte ihm, der rote Drache sei Britannien und der wei ße das Sachsengeschlecht und daß die zwei Drachen jede Nacht den Konflikt zwischen diesen beiden Völkern auskämpften. »Dann hat der rote Drache gewiß den Sieg davongetragen«, sagte Vortigern, »und ich und mein Reich haben nichts zu befürchten.« »Doch der weiße Drache kam wieder zu neuer Kraft, gerade als der Tag die beiden wieder in Schlaf hüllte«, sagte Merlin. Und während er dies sagte, schien er in weite Ferne zu blicken, in eine Ferne aber, die er nur in seinem Innern trug. In Merlins Blut kamen drei Kräfteströme zusammen: Von seiner Mutter, die aus dem Stamm der Demetia war, hatte er das Wissen von den Kräutern und die alte, verglimmende Weisheit des geheimnisvo l len Alten Volks geerbt. Von dem alten Druiden, der beinahe der letzte seines Stammes war und der ihn in Obhut genommen und aufgezogen hatte, nachdem seine Mutter ins Kloster gegangen war, hatte er das geheime Wissen von den Sternen und die Fähigkeit, nach Belieben die Gestalt zu verändern und Zauberwerke zu verrichten. Von seinem Va ter jedoch hatte er die Gabe, ebenso mühelos in die Zukunft zu scha u 7
en, wie andere Menschen in die Vergangenheit blicken. Doch über diese Gabe hatte er eigentlich keine Macht, vielmehr hatte sie ihn in ihrer Macht, denn wie von einem kräftigen Windstoß wurde er manchmal ergriffen und an einen fernen, geheimen Ort getragen, wo Vergangenheit und Zukunft eins waren. So geschah es ihm jetzt: er begann zu zittern wie ein junger Espen baum im Wind. Und mit hoher, heller Stimme sagte er viele Dinge voraus, die mit dem roten und dem weißen Drachen zusammenhingen. Und als ihn der Geist der Prophezeiung wieder verlassen hatte und er zu zittern aufhörte und wieder wie gewöhnlich aus seinen leuchten den Augen blickte und wieder mit der eigenen Stimme redete, da sprach er: »Dies alles, mein König, wird sich aber erst nach Eurer Zeit zutragen.« Vortigern wurde von plötzlicher Furcht gepackt und rief: »Was geht mich das denn an? Erzähl' mir jetzt von meiner Zeit!« »Eure Zeit?« sagte Merlin. »Eure Zeit ist kurz bemessen und endet im Schlachtgetümmel. Ambrosius und Uther haben viele Krieger um sich geschart, drüben in Klein-Britannien, das von vielen Bretagne genannt wird, dort, wo sie einst Zuflucht fanden, als Ihr ihren Vater erschlugt. Nun stehen die Schiffe schon zur Fahrt bereit, schon blähen sich die Segel im Wind, um sie über die Meerenge nach Britannien zu tragen. Sie werden die Sachsen wieder zurückdrängen; Euch selbst werden sie jedoch in Eurem stärksten Turm einschließen und verbren nen, aus Rache für den Mord an ihrem Vater. Dann wird Ambrosius zum König gekrönt werden, und für dieses Britannische Reich wird er Großes leisten. Aber später wird er von Sachsenhand sterben, und nach ihm wird Uther die Krone nehmen; doch auch er wird ein vorze i tiges Ende finden – durch Gift. Doch nach diesen beiden wird ein an derer, noch größerer König Britannien aus der Not helfen.« Vortigern wurde von Furcht und Wut gleichzeitig gepackt und schrie laut nach seinen Wachen. »Ergreift ihn! Stopft ihm den Mund mit euren Schwertern!« Doch in diesem Moment brach das erste Sonnenlicht über den Rand der östlichen Berge herein, und die ersten Sonnenstrahlen trafen die Augen des Königs, der Hofleute und der Wachen, so daß alle blinzeln 8
mußten. Als sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, hatte sich der finstere Erdschlund über dem Drachenteich wieder geschlossen, der Bergkamm hatte wieder sein gewohntes Aussehen, und die Gras halme schwankten im leichten Morgenwind. Von Merlin war nichts mehr zu sehen als ein Lichtschimmer über dem Boden; doch auch die se Erscheinung war, ehe sie sich's versahen, verschwunden. Nur aus der Ferne klang noch eine Stimme an ihre Ohren. »Ein anderer wird kommen… ein anderer… und er wird größer sein als sie beide…« Und dann verlor sich auch die Stimme im Wind, der durch die Gräser wehte. Drei Tage später betraten Ambrosius und sein Bruder Uther mit ei ner großen Schar Krieger britannischen Boden. Sie zogen gegen die Festung, auf die Vortigern geflüchtet war, und wollten die Mauern niederreißen. Doch als sie sahen, daß die Mauern zu stark waren, häuften sie um die ganze Burg Holz und Buschwerk und zündeten die Haufen an. Dann schossen sie brennende Pfeile in den Giebel des stei len Dachs. Tag und Nacht schlugen die Flammen in die Höhe, bis die Steinblöcke zersprangen und herunterstürzten. Die großen Mauerbal ken krachten mit lautem Getöse auseinander und fielen zu Asche zu sammen, und der ganze Turm wurde von den Flammen verzehrt wie von einem Drachen, und Vortigern dazu. Und so hatten Ambrosius und Uther ihren Vater gerächt. Nachdem Ambrosius gekrönt worden war, zog er mit Uther gegen die Sachsen ins Feld, und in langen und erbitterten Kämpfen gelang es ihm schließlich, sie aus den Landstrichen, die sie besetzt hatten, zu vertreiben. Doch da geschah es, daß Uther, der seine Truppen gerade durch Wales führte, um einen schottischen Angriff aus dem Nordwesten ab zuwehren, eines Nachts über dem Lagerfeuer einen hellen Stern er blickte. Und der Stern sandte einen Lichtstrahl aus, der sich in einen großen, drachenförmigen Feuernebel verwandelte, bis es aussah, als hätte die ganze Sternenbahn, die die Menschen Milchstraße nennen, die Gestalt eines großen, geflügelten Ungeheuers angenommen. Und aus dem Drachenschlund brachen zwei weitere Lichtstrahlen hervor, und sie beschienen das ganze Britannische Reich. Da ließ Uther Mer 9
lin rufen, der die beiden Brüder seit der Landung an der britannischen Küste stets begleitet hatte, und fragte ihn nach der Bedeutung dieser seltsamen Lichterscheinungen am Himmel. Und Merlin sprach: »Welch Leid trifft mich! Welch Leid trifft uns alle! Dein Bruder Ambrosius ist nämlich tot! Doch die Lichter pro phezeien auch große zukünftige Geschehnisse, denn in der komme n den Schlacht wirst du siegen, und du wirst König von Britannien wer den, denn der Stern und der Drache darunter bist du selbst, und die beiden Lichtstrahlen aus dem Drachenmund prophezeien dir einen Sohn, der größer sein wird als sein Vater und dessen Macht sich über das ganze beleuchtete Gebiet erstrecken wird.« Da trauerte Uther um seinen verstorbenen Bruder und ritt den nörd lichen und westlichen Feinden entgegen. Und als Uther dann an Stelle von Ambrosius zum König gekrönt wurde, nahm er den Beinamen Pendragon an, was Drachenhaupt heißt. In unzähligen Schlachten kämpfte Uther Pendragon gegen die Sach sen und die Pikten und die irischen Eindringlinge, bis der ganze südli che Teil Britanniens schließlich von Schwert und Feuer befreit war. Da wollte er sich eine Ruhepause gönnen und nahm sich vor, das Osterfest in London zu feiern und ein großes Dankfest daraus zu ma chen. Und er forderte alle seine Grafen und Herzöge und Edelleute auf, ihn zusammen mit ihren Gemahlinnen nach London zu begleiten. Nun fanden sich zu jenem Osterfest in London auch Gorloise, der Herzog von Cornwall, und seine Gemahlin, die Herzogin Igraine, ein. Igraine war die schönste aller geladenen Hofdamen, und der König hatte sie beim ersten Blick in sein Herz geschlossen, was er noch bei keiner Frau getan hatte, denn seit er in das Mannesalter gekommen war, gab es in seinem Leben nichts als Kämpfe und Feldzüge, so daß die Liebe keinen Platz hatte. Nun ließ er ihr Geschenke in ihr Gemach schicken, goldene Becher und Juwelen, und wann immer sie bei Tisch saß oder irgendwohin ging, brauchte sie nur aufzuschauen, um seinem sehnsüchtigen Blick zu begegnen. Da trat die Herzogin zu ihrem Gemahl und sagte: »Der König über häuft mich mit Geschenken, und seine Blicke verfolgen mich ständig. Laß uns also bald aufbrechen und nach Hause zurückkehren.« 10
Der Herzog gab seine Befehle, und noch bevor dem König etwas auffiel, war er mit Igraine und dem ganzen Gefolge aufgebrochen. Als der König schließlich bemerkte, daß sie weg waren, verfiel er in einen rasenden Zorn, schickte dem Herzog Männer nach und verlang te, daß er zurückkehre. Und als der Herzog und seine Gattin nicht um kehrten, rief er seine Krieger zusammen und verfolgte den Herzog und brach einen Krieg mit ihm vom Zaun. Gorloise brachte seine Gattin auf die Burg Tintagel, die stärkste Fe stung in ganz Cornwall. Die Burg stand auf einem Felsvorsprung hoch über dem tosenden Meer. Sie hatte nur einen einzigen Zugangsweg zu Lande, und dieser war so eng, daß drei Männer genügten, sie gegen eine ganze Armee zu verteidigen. Trotzdem ließ er das Lager vor der Burg errichten und versperrte dem König den Weg. Dann kam Uther Pendragon an und errichtete sein Lager gegenüber dem des Herzogs. Der Kampf ging los und währte mehrere Tage. Und die ganze Zeit zehrte seine leidenschaftliche Liebe zu Igraine am Herzen des Königs, so daß er nie Ruhe hatte, weder in der Hitze des Gefechts bei Tag noch nachts in seinem einsamen Zelt. Als schon eine Woche vorüber war, ließ er schließlich Merlin, der ihn begleitete, zu sich kommen. Merlin kam und stand wie ein großer Schatten im Zelteingang, den flackernden Schein der Lagerfeuer im Rücken, und fragte nicht, wes halb man ihn gerufen habe, denn er hatte im grünlichen Abendhimmel über Tintagel den großen Stern wohl gesehen, und deshalb wußte er schon Bescheid. »Die Sehnsucht nach Igraine macht mein Herz ganz krank«, sagte der König, »und immer noch bin ich ihr nicht näher als vor sieben Nächten. Du, der du die Weisheit der Alten besitzest, sage mir, was ich tun soll, um ihr näherzukommen.« Merlin rührte sich nicht. Er wußte, daß die Zeit gekommen war für Uthers Sohn, der seinen Vater an Größe weit überragen sollte. Und er sagte: »Wenn du dich ganz meinen Künsten anvertraust, kann ich dir für eine Nacht die Gestalt und das Aussehen des Herzogs verleihen; ich selbst werde das Aussehen von Brastius, einem seiner Diener, an nehmen, so daß ich dich begleiten kann. So kannst du heute Nacht auf 11
das Schloß Tintagel gehen, ohne von jemandem angehalten zu wer den. Doch um einen Preis.« »Was du nur willst!« sagte Uther Pendragon. »Um alles in der Welt.« »Schwöre es«, sagte Merlin. »Ich schwöre es beim Kreuz meines Schwerts.« Merlin trat ein, stellte sich neben das Zeltfeuer und blickte durch die züngelnden Flammen zu Uther hinüber. »Wenn du heute nacht zu Igraine gehst, wird dein Sohn zu Weihnachten geboren werden; der Sohn, von dem ich sprach, als wir in der Nacht, in der Ambrosius starb, die großen Lichter am Himmel erblickten. Und noch in der Stunde seiner Geburt mußt du ihn in meine Obhut geben, denn ich will ihn mitnehmen und ihn auf seine Aufgabe vorbereiten.« Es wurde eine Weile still zwischen den Männern. Dann brach Uther das Schweigen und sagte: »Das wirst du dann vom Herzog Gorloise verlangen müssen.« Dabei blickte er durch die kleinen züngelnden Flammen des Feuers zu Merlin hinüber, und zwischen seinen Brauen erschien eine dunkler werdende Vertiefung, die wie eine Schwertwunde aussah. Denn bis zu diesem Augenblick hatte er nicht daran gedacht, daß ein Kind dieser Nacht später von allen Menschen und natürlich auch von Igraine für das Kind von Gorloise und nicht für sein eigenes gehalten würde. »Nein«, sagte Merlin, der seine Gedanken sah. »Ich muß es von dir verlangen.« Der König glaubte ihm. Doch er fragte: »Weshalb forderst du einen solchen Preis?« »Weil du noch andere Söhne haben kannst. Und das könnte diesem einen gefährlich werden, diesem Auserwählten mit der verhüllten Herkunft, und außerdem, weil du kein sicheres Leben führst: falls du stirbst, bevor er regierungsfähig ist, könnte er im Kampf um die Macht, der unter deinen Edelleuten ausbrechen wird, unterliegen.« Und Uther sah diese Wahrheit ein und war fortan an seinen blind geleisteten Schwur gebunden. Doch mehr als irgend etwas anderes 12
hielt ihn seine Leidenschaft für Igraine im Bann. Und so willigte er ein. Merlin entfernte sich und kehrte nach kurzer Zeit mit vielen Din gen, die er unter dem Mantel versteckt hielt, ins Zelt des Königs zu rück. Er streute ein Pulver ins Feuer, und das Zelt füllte sich mit ei nem seltsam riechenden Rauch. Dann sprach er beschwörende Worte in den Rauch und formte ihn zu verschiedenen Gestalten, nach der Art uralter magischer Gebräuche, die sogar noch älter als die der Druiden waren. Und als der Mond aufging, stahlen sich zwei Gestalten, die dem Herzog Gorloise und Brastms aufs Haar glichen, zum Lager hin aus. Sie schlichen am Lager des Herzogs vorbei und gelangten auf ge heimen Wegen zu den Toren von Tintagel, das hoch oben in den Fel sen über dem wogenden Meer thronte. Die Torwache ließ sie passieren, da sie glaubte, der Herr von Corn wall habe sich Zeit genommen, um seine Gattin zu besuchen. Sie durchquerten die engen Schloßhöfe und kletterten auf einer Mauer treppe zu den Gemächern der Königin empor. Tief unten im geschüt z ten Schloßgarten sang eine Drossel, als ob es schon tagen würde. Die Zofen der Herzogin ließen Uther ein, da sie wie die Wachen meinten, der Herzog wolle seiner Gattin einen nächtlichen Besuch ab statten, und als Uther schließlich in der Kammer vor Igraine stand, glaubte auc h sie, ihr Gemahl sei gekommen. In dieser Nacht wurde in der großen Kammer hoch oben über dem rauschenden Meer, beim Gesang der Drossel im Garten, während Merlin mit gezücktem Schwert vor der Tür stand, König Artus von Britannien empfangen. Unterdessen hatte der Herzog Gorloise einen nächtlichen Angriff auf das königliche Lager gemacht und im erbitterten Kampfe seinen Tod gefunden, noch bevor der König die Tür von Igraines Kammer erreicht hatte. Bevor es tagte, nahm der König von Igraine Abschied und sagte, er müsse bei Tagesanbruch wieder bei seinen Männern sein. Und so ent fernte er sich wieder, zusammen mit Merlin, rasch und unerkannt. Und als Igraine kurz darauf von der nächtlichen Attacke und vom Tode ihres Gatten erfuhr, ergriff sie eine tiefe Trauer und gleichzeitig 13
eine große Verwunderung, und sie fragte sich, wer auf Erden sie in Gorloises Gestalt in dieser Nacht denn besucht habe. Doch diese Fra gen behielt sie ganz für sich, und nicht einmal die vertrautesten Zofen erfuhren etwas davon. Nach einiger Zeit betrat Uther Pendragon in eigener Gestalt als Er oberer das Schloß, wenn auch als sanfter Eroberer, denn der Tod von Gorloise war ihm zu Herzen gegangen, wenn es ihn andererseits auch freute, daß Igraine nun frei war. Nachdem genug Zeit vergangen war, fing er an, ihr den Hof zu machen, und obwohl sie im Innern eine Weile mit sich kämpfte, hatte sie doch das Gefühl, irgendwie mit ihm vertraut zu sein, und das war ein sehr angenehmes Gefühl. Und so fe i erten sie nach sechs Monaten eine freudige Hochzeit. Eines Nachts, als die Geburt des Kindes kurz bevorstand, fragte Uther die Königin, was es mit dem seltsamen Gerücht auf sich habe, das ihm über den Vater des Kindes zu Ohren gekommen sei. Zuerst erschrak die Königin, doch dann faßte sie Mut und erzählte ihm alles. »Ich weiß es wirklich nicht, denn in derselben Nachtstunde, in der mein Herr starb, wie seine Ritter sagen, trat ein Mann in mein Ge mach, den ich für meinen Herrn hielt, und beim Morgengrauen ging er wieder fort. Und während er in dieser Nacht bei mir war, wurde das Kind empfangen. Im Schloßgarten sang eine Drossel. Das fiel mir auf, weil wir hier außer Möwen und Raben so selten Vögel haben.« »An die Drossel erinnere ich mich«, sagte der König. »Du?« fragte die Königin. Und nun erzählte er ihr die ganze Wahrheit. Da mußte sie wieder um Gorloise, ihren früheren Herrn, weinen. Doch fielen ihre Tränen auf Uthers Schulter. Zu Weihnachten gebar die Königin ihr Kind; es war ein schöner Knabe. Doch kaum eine Stunde nach der Geburt wurde dem König gemeldet, ein Bettler stehe am hinteren Toreingang und lasse ihm aus richten, er wolle ihn an ein Gelübde erinnern, das er auf das Kreuz seines Schwertes abgelegt habe. Da befahl der König zwei Rittern und zwei Hofdamen, das Kind für eine Winterreise in ein goldbesticktes Tuch und dann in warme Häute 14
zu wickeln und es dann dem Bettler zu übergeben, den sie am hinteren Toreingang finden würden. Es geschah alles, wie er befohlen hatte, und das Kind wurde Merlin, der sich als Bettler verkleidet hatte, überreicht. Und Merlin brachte es zu einem guten Ritter namens Sir Ector, der in weiter Ferne wohnte, damit es mit dessen eigenem Sohn zusammen erzogen und in allen ritterlichen Tugenden unterrichtet werde. Als Ector wissen wollte, wessen Sohn er neben seinem eigenen großzie hen sollte, sagte Merlin: »Sein Name ist Artus, und wessen Sohn er ist, wirst du erfahren, wenn die Zeit reif ist.« Da fragte Sir Ector nicht weiter. Und Uther, der schweren Herzens zurückblieb, versuchte, die Köni gin zu trösten.
2 Das Schwert im Stein
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Lange bevor Igraine Uthers Gemahlin wurde, hatte sie Gorloise drei Töchter geschenkt, von denen zwei schon verheiratet waren, da sie das zwölfte Jahr überschritten hatten. Die ältere hieß Margawse und war die Gattin des Königs Lot von Orkney, die jüngere hieß Elaine und war die Gemahlin des Königs Nantres von Garlot. Die jüngste der Töchter, Morgan, war noch ein Kind und ging in die Klosterschule. Alle drei Prinzessinnen hatten viel vom Blut des Alten Volkes, jenen kleingewachsenen, geheimnisvollen Menschen, und mit diesem Blute hatten sie auch etwas von der alten Weisheit und den alten magischen Fähigkeiten geerbt. Doch am meisten davon hatte Morgan geerbt, denn schon bevor sie das Kloster verließ, um König Uriens von Gore zu heiraten, war sie eine Hexe und stand im Bunde mit vielen wilden Feen, weshalb man sie Morgan La Fay – Morgan die Fee – nannte. Doch nach Artus hatten Uther und Igraine keine Kinder mehr. Bin nen zwei Jahren brachen die Sachsenkriege wieder aus, und obgleich der König seine Feinde ebenso energisch zurückschlagen konnte wie früher, gelang es ihnen und den mit ihnen verbündeten Nordmännern, Spione in sein Kriegslager zu schicken, die Gift in seinen Weinbecher schütteten, so daß er noch in der Nacht seines Sieges starb. Da zogen für Britannien wahrhaftig finstere Zeiten herauf, denn da kein erwachsener tüchtiger Erbe da war, der das vom König niederge legte Schwert hätte ergreifen können, begannen die vielen Herzöge und Barone, miteinander um die Krone zu streiten. Als die Sachsen bemerkten, daß das Reich ohne Führer war, machten sie erneut einen Vorstoß, so daß nach kurzer Zeit ein großer Teil des Gebietes, das Ambrosius und Uther Pendragon einst den Eroberern hatten entreißen können, wieder in Feindeshand war. Und aus seinem fernen Zu fluchtsort in den Bergen von Gwynedd beobachtete Merlin voller Sor ge die leidvollen Wirren im Lande, aber er wußte, daß die Zeit für den mächtigen Arm, der das Land befreien sollte, noch nicht gekommen war. Inzwischen wuchs Artus im Schloß Sir Ectors in jener düsteren Ge gend, die an Wales angrenzt und der Wilde Wald heißt, zum Knaben heran, zusammen mit Kay, dem Sohn Ectors. Da eignete er sich die Tugenden der Ehrbarkeit, des Muts, der Höflichkeit, der Selbstbeherr 16
schung an, und natürlich lernte er auch die Waffenk unst und den Um gang mit Jagdhund und Pferd, damit er ein guter Ritter – und einst ein guter König werde. Doch davon wußte er selbst nichts, ebensowenig wie er ahnte, daß im umherziehenden Harfenspieler oder im reisenden Schmied oder im verwundeten, heimkehrenden Soldaten, die von Zeit zu Zeit vor dem Schloß erschienen, sich immer nur Merlin verborgen hielt, der in wechselnder Gestalt seine Besuche machte, um nachzuse hen, wie es dem künftigen König Britanniens erging. So verstrichen jene düsteren Jahre, bis Merlin schließlich die Zeit gekommen sah und den neuen König für reif hielt. Da begab er sich nach London, das immer noch in britannischen Händen war, und sprach mit dem Erzbischof Dubricius. Zwar bekannte sich Merlin zu einem Glauben, der älter war als derjenige des Erzbischofs, und er be folgte auch die Gebote anderer Götter als jener. Aber Dubricius war ein weiser Mann, jedenfalls weise genug, um andere Arten der Weis heit und andere Göttervorstellungen neben den seinen gelten zu las sen. Er hörte sich an, was Merlin zu sagen hatte, dann setzte er für den Weihnachtstag für alle Ritter und Edelleute ein großes Treffen an und versprach, daß Jesus Christus, der an diesem Tage geboren worden war, durch ein Wunder allen den rechtmäßigen König offenbaren und dadur ch den allgemeinen Streit um die Krone beenden werde. Weihnachten kam herbei, eine große Menschenmenge füllte die Klosterkirche, und sogar im Kirchhof drängten sich die Menschen, die wenigstens von ferne durch das offene Westportal die Kerzenlichter sehen und, so gut es eben ging, den Gesang hören und an der Messe teilnehmen wollten. Und als die Meßfeier vorüber war und sich die Menschenmasse wieder auflösen wollte und die, die in der Kirche Platz gefunden hatten, herauszuströmen begannen, ging plötzlich ein Raunen und Staunen durch die Menge und pflanzte sich schnell nach allen Seiten fort wie Wasserringe in einem Teich. Denn plötzlich stand mitten im Kirchhof ein großer Marmorblock, und mitten im Stein steckte ein blankes Schwert. Und um den Mar morblock herum stand in goldenen Buchstaben, die beim winterlichen Sonnenschein deutlich zu lesen waren: »Wer dies Schwert aus dem Stein zu ziehen vermag ist der wahre König Britanniens.« 17
Da versuchten der Reihe nach die Herzöge und Barone und zuletzt sogar auch die einfachen, gewöhnlichen Ritter in ihrem Gefolge, das Schwert aus dem Stein zu ziehen. Doch keiner von ihnen hatte Erfolg. Am späten Abend, nachdem es der letzte von allen versucht hatte, steckte das Schwert noch ebenso fest im Stein wie im Augenblick sei nes ersten Erscheinens. Um Stein und Schwert war immer noch eine große Menschenmenge versammelt, doch alle waren erschöpft und fassungslos, und in der kalten Abendluft formte sich ihr Atem zu Wolken. »Der diese Klinge herausziehen soll ist nicht hier«, sagte der Erzb i schof, »doch Gott wird ihn uns bald zeigen. Deshalb rate ich euch das folgende: Schickt kreuz und quer Boten durch das Land und laßt sie das Wunder verkünden und alle, die das Schwert und mit dem Schwert die Krone erringen möchten, zu einem großen Turnier laden, das am Neujahrstag in London abgehalten wird. Inzwischen laßt ein seidenes Zelt errichten, zum Schutz der Wundererscheinung, und be stimmt zehn Ritter, die Tag und Nacht Wache stehen sollen. Dann wird uns Gott unseren König vielleicht an jenem Tage zeigen!« Auf den schnellsten Pferden, die sich finden ließen, ritten die Boten fort und trugen ihre Kunde wie eine leuchtende Fackel durch das ga n ze Land. Und schließlich kam sie auch zu Sir Ector in den Wilden Wald an der Grenze zu Wales. Sir Ector stand bereits in vorgerücktem Alter und war ein ruhiger Mensch. Doch sein Sohn Kay war zu Michaeli vor ein paar Monaten eben zum Ritter geschlagen worden und fühlte sich nun im neuen Rit terstand frisch und tatendurstig, und so wollte er wie die anderen jun gen Ritter im Reich sein Glück versuchen und das Wunderschwert herausziehen. Sein Vater lachte ihn aus, wenn auch auf freundliche Art. »Du hältst dich also für den rechtmäßigen König von ganz Britannien?« Kay, der es nicht ertragen konnte, ausgelacht zu werden, wurde pu terrot. »Ich bin doch kein solcher Narr, Vater; aber wir werden das größte und prächtigste Turnier erleben, das je veranstaltet wurde, und das wäre doch eine schöne Gelegenheit, meine Kraft zu beweisen.« 18
»Eine schöne Gelegenheit in der Tat«, sagte Ector. »Ja, ja, als ich selbst erst drei Monate lang Ritter war, hätte ich wohl ebenso empfun den.« Artus, der eben fünfzehn Jahre alt geworden war, stand daneben und hörte Kays Worte. Artus war nun ein großgewachsener Junge mit langen Armen und Be inen, fahlblondem Haar und mit Augen, die der einst freundlich und ruhig blicken sollten, jetzt aber feurig aufleuchte ten beim Gedanken an das große Turnier und das Wunderschwert. Da drehte sich Kay ungeduldig zu ihm um und sagte: »Du hörst! Wir ge hen zum Turnier nach London! Steh doch nicht so da wie ein nasser Haferhalm! Du bist mein Knappe; los, mach meine Rüstung bereit, sonst werden wir London nie zum Neujahrstag erreichen!« Artus schaute ihn einen Augenblick an, als wollte er ihm an die Gurgel springen. Doch dann dachte er: ›Das kommt nur daher, daß er erst seit kurzem Ritter ist. Wenn er sich erst einmal daran gewöhnt hat, wird er bestimmt anders sein.‹ Er war es schon gewohnt, Kays Verhalten bei sich zu entschuldigen. Und so schaute er nach dessen Rüstung, obwohl er wußte, daß Neu jahr noch weit weg war und ihnen noch genug Zeit blieb. Sie erreichten London am Neujahrsabend, während es in einem fort schneite. In der Stadt herrschte geschäftiges Treiben wie in einem Bienenstock, kurz bevor die Bienen ausschwärmen; so viele Edelleute und Ritter und Knappen und Diener sahen sie, daß sie schon dachten, sie könnten unmöglich noch ein Nachtlager finden. Doch dann fanden sie schließlich in einer Schenke noch eine freie Ecke. Am nächsten Morgen drängten sie sich durch die überfüllten Straßen in Richtung des Turniergeländes. Die ganze Welt schien denselben Weg zu haben, und es war ihnen, als würden sie von einem Flusse vorwärtsgetragen. Der Turnierplatz befand sich vor den Stadtmauern und war vom Schnee befreit worden, so daß er aussah wie ein grünlicher See inmit ten der weißen Landschaft. Um ihn herum standen die geschmückten Tribünen für die Zuschauer und die Zelte der Turnier-Teilnehmer; manche waren blau, andere smaragdfarben und wieder andere rot, manche buntgescheckt, andere gestreift. Und die Zuschauer drängten sich immer dichter zusammen, mitten durch die Menge wurden Pferde 19
hin- und hergeführt, und ihr Atem dampfte in die kalte Luft. Und Ar tus, der bisher nur seinen Heimatwald kannte, kam sich vor wie in ei nem schönen und etwas verwirrenden Traum. Doch gerade als sie das Turniergelände erreicht hatten, stellte Kay fest, daß er vor lauter Eifer und Aufregung sein Schwert in der Sche n ke vergesse hatte. »Das ist meine Schuld«, sagte Artus schnell. »Ich bin ein Knappe, und da hätte ich aufpassen müssen, ob du auch richtig ausgerüstet bist.« Kay, der eben dasselbe auf der Zunge hatte, konnte nur sagen: »Es ist reichlich spät, sich darüber zu streiten, wessen Schuld es ist. Reite schnell zurück und bring mir das Schwert nach.« Artus wandte seinen Rappen und ritt denselben Weg, den sie ge kommen waren, zurück. Doch nun mußte er gegen den Mensche n strom reiten, und als er die Schenke endlich erreicht hatte, waren Tür und Läden fest verschlossen, und alle Gäste waren längst fort, denn niemand wollte sich das Turnier entgehen lassen. ›Was soll ich nur tun‹, fragte sich Artus. ›Kay wird nur Spottworte und Gelächter ernten, wenn er ohne Schwert zum Turnier kommt; aber wie soll ich ihm denn in dieser fremden Stadt und in so kurzer Zeit ein Schwert verschaffen?‹ Und wie als Antwort auf diese Frage tauchte in seinem Geist das deutliche Bild eines Schwertes auf, das er in der Frühe im Garten der nahen Klosterkirche aufrecht in einem Stein hatte stecken sehen. ›Wo zu es wohl in dem Stein steckt? Ob es sich wohl herausziehen läßt?‹ fragte er sich und hatte seinen Rappen schon in Richtung der Kirche getrieben. Das Seltsame dabei war, daß er im selben Augenblick, als er an das Schwert dachte, dessen Bedeutung und den Grund, weshalb das Tur nier ausgerufen wurde, vollkommen vergaß. Vielleicht hatte dazu auch jener Bettler beigetragen, dessen seltsam leuchtenden Augen Ar tus einen Moment lang begegnet war, als er seinen Rappen von der verschlossenen Schenkentür wieder wegwandte. Denn gewiß, wenn er dies nicht plötzlich vergessen hätte, wäre er niemals auf den Gedan 20
ken gekommen, das Schwert aus dem Stein zu ziehen, nicht einmal Kay zuliebe… Als er den Garten der Klosterkirche erreicht hatte, stieg er vom Pferd, band den Rappen am Kirchhofstor fest und trat hinein. Zwi schen den Grabsteinen lag frischer Schnee, und inmitten der hochge wachsenen, schlanken Eiben schimmerte das rötliche Zelt wie eine Rose im Hochsommer, und das Schwert steckte einsam im großen Stein, denn auch die zehn Ritter hatten sich zum Turnier begeben. Da faßte Artus das Schwert mit beiden Händen beim Knauf. Auf dem Stein stand eine goldene Schrift, doch er machte nicht halt, um sie zu lesen. Das Schwert schien bei seiner Berührung leise zu klingen wie eine Harfe, wenn die Hand des Meisters über sie gleitet. Artus hatte ein seltsames Gefühl; es war ihm, als sei er gerade im Begriff, eine Wahrheit zu erfahren, die er vor der Geburt vergessen hatte. Das dünne Winterlicht war so bohrend hell, daß es ihm schien, als könne er es wie hohe, helle Töne in seinem eigenen Blute hören. Wie mit einem gewohnten Griff und wie aus einer gut geschmierten Scheide zog er das Schwert heraus. Er rannte zum Tor zurück, wo sein Rappe wartete, und eilte, so schnell er konnte, zum Turnierplatz. Die Straßen hatten sich inzwischen etwas gelichtet, so daß er Kay, der sein Pferd in einen Stall gegeben hatte und auf ihn wartete, bald einholte. »Das ist nicht mein Schwert«, sagte Kay, als ihm Artus die Waffe reichte. »Ich konnte es nicht holen, alles war verschlossen; zufällig stieß ich auf dieses da, im Kirchgarten, es steckte in einem großen Stein.« Kay betrachtete das Schwert noch einmal. Plötzlich war er ganz weiß im Gesicht. Dann trieb er sein Pferd an und bahnte sich durch die dichte Menge einen Weg zu Sir Ector, der bereits vorausgeritten war. Artus ritt dicht hinter ihm her. »Vater«, sagte Kay, als er Ector eingeholt hatte, »hier ist das Schwert aus dem Stein, hier in meiner Hand. Ich muß also der wahre König Britanniens sein.«
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Aber Sir Ector blickte seinen Sohn fest und zugleich freundlich an, blickte dann zu Artus und dann wieder zu seinem Sohn und sagte schließlich: »Wir wollen zur Kirche zurückkehren.« Und nachdem die drei von den Pferden gestiegen waren und den großen, hallenden Kirchraum betreten hatten, in dem überall die Neu jahrskerzen leuchteten, forderte Ector Kay auf, die Hand auf die Bibel zu legen, und sagte: »Nun sage mir die volle Wahrheit: wie bist du zu diesem Schwert gekommen?« Kay wurde ganz rot im Gesicht und sagte: »Mein Bruder Artus hat es mir gebracht.« Ector wandte sich zu seinem Pflegesohn und sagte: »Und wie bist du zu diesem Schwert gekommen?« Artus grübelte darüber nach, was Kay wohl meinte, als er sagte, er müsse der König Britanniens sein, aber da er sich noch immer nicht erinnern konnte, sagte er: »Kay schickte mich nach seinem Schwert, doch die Herberge war leer und verschlossen, so daß ich ganz ratlos war. Da fiel mir das Schwert im Kirchhof ein, und da es niemandem nützte, während Kay doch dringend ein Schwert brauchte, zog ich es heraus und brachte es ihm.« »Standen irgendwelche Ritter dabei, die Zeugen deiner Tat waren?« fragte Ector. Artus schüttelte den Kopf. »Dann«, sagte Sir Ector, »steck das Schwert jetzt wieder in den Stein.« Und nachdem Artus es wieder in den Stein gestoßen hatte, versuc h te Ector, es wieder herauszuziehen, doch das Schwert rührte sich nicht mehr. Dann befahl er Kay, es zu versuchen, doch hatte dieser keinen größeren Erfolg. »Zieh es nun selbst heraus, Pflegling«, sagte er. Und Artus, der sich über das ganze Getue wunderte, zog das Schwert so leicht wie beim ersten Mal wieder heraus. Da warf sich Ector vor ihm auf die Knie und senkte das Haupt, und dasselbe tat auch Kay, wenn auch etwas zögernd. Und Artus, der sich nun dunkel zu erinnern begann, sich aber dagegen sträubte, wurde 22
plötzlich von Angst befallen wie noch nie in seinem ganzen Leben und rief: »Vater – Kay – warum kniet ihr vor mir nieder?« »Weil du das Schwert aus dem Stein gezogen hast und Gott selbst bestimmt hat, daß das niemand wird tun können außer demjenigen, der der wahre König Britanniens ist.« »Nicht ich«, sagte Artus. »O nein, nicht ich!« »Ich wußte nicht, wessen Sohn du warst, als Merlin dich bei mir in Pflege gab, und habe es auch später nie erfahren«, sagte Ector. »Doch jetzt weiß ich, daß du von edlerem Blut bist, als ich jemals geahnt ha be.« »Steht auf!« sagte Artus. »Steht auf, Herr! Ich kann nicht ertragen, daß Ihr, der Ihr mir jahrelang Vater wart, vor mir knien sollt!« Und als sich Ector nicht erheben wollte, ließ sich Artus ebenfalls auf die Knie fallen, um wieder auf gleicher Augenhöhe mit dem alten Mann zu sein. »Ich knie nur vor meinem rechtmäßigen Herrn«, sagte Sir Ector. »Ich werde dir in allem zu Diensten sein und dir wahre Treue schwö ren. Doch sei ein gütiger Herr zu mir und zu Kay, deinem Pflegebru der.« »Kay soll der Verwalter all meiner Länder sein, wenn ich wirklich der König bin«, sagte Artus. »Und wie könnte ich denn etwas anderes als ein gütiger Herr sein, wenn ich Euch doch liebe. Im übrigen werde ich Gott und dem Britannischen Reich mit all meiner Kraft dienen. Doch steht jetzt endlich auf, ich halte das nicht mehr aus!« Und er be deckte mit den Händen das Gesicht und weinte herzzerreißend. Da standen Sir Ector und Kay und zuletzt auch Artus auf; und sie gingen zum Erzbischof und erzählten ihm, was geschehen war, und als sich die Kunde verbreitete, kamen die Ritter und Edelleute vom Tur nierplatz herbeigeströmt und verlangten, das Schwert ebenfalls ziehen zu dürfen, wie es ihr gutes Recht sei. Da steckte Artus das Schwert wieder in den Stein, und einer nach dem anderen versuchte es, aber vergeblich. Doch sie wollten keinen Jungen, der noch nicht einmal zum Ritter geschlagen war und dessen Abstammung im Dunklen lag, als ihren 23
König gelten lassen. Und so setzte der Erzb ischof noch einmal eine große Versammlung für Ostern und eine weitere auf Pfingsten an; zu beiden kamen die Edelleute in Scharen herbei, um es noch einmal zu versuchen. Doch außer Artus konnte keiner von ihnen das Schwert ziehen. Schließlich wurde das Volk des ewigen Probierens überdrüs sig und wollte Artus zum König haben. Da trug Artus sein Schwert auf beiden Händen zum Altar in der Klosterkirche und wurde vom Erzbischof zum Ritter geschlagen. Und noch am selben Tage setzte ihm der Erzbischof die Krone auf das Haupt. Schwer lastete sie auf seiner Stirn, mit dem ganzen Gewicht der Angst und der Verwirrung, die ihn seit dem Tage, als er das Schwert zog, nicht mehr verlassen hatten; und er mußte sich gehörig anstren gen, seinen Kopf hochzuhalten, als er sich zu den Rittern und Edelleu ten umwandte, die inzwischen den Kirchraum gefüllt hatten. Und während sich der Erzbischof Dubricius rechts neben ihn stellte, merkte er, wie jemand anders zu seiner Linken stand: es war ein großgewach sener Mann in einem dunklen Mantel und mit Haaren, die wie schwarze Federn aussahen. Artus wußte nicht, wer der Mann war, doch der Erzbischof wußte es offensichtlich, und auch Sir Ector, der in der Nähe stand, und viele andere Männer in der Kirche wußten es, und selbst jene, die es nicht wußten spürten die Kraft, die von ihm ausging wie das Licht von einer Fackel oder wie das leise Zittern der Luft, das sich nach allen Seiten fortpflanzt, wenn eine Trommel ge rührt wird. Es entstand eine leise Unruhe in der Menge, und dann machte ein Flüs tern die Runde. »Merlin! Es ist Merlin!« »Er war immer bei Uther und Ambrosius. Ich habe ihn oft gese hen!« »Es ist Merlin, der Zauberer!« Und einer der hohen Herren, dem viele Krieger unterstellt waren und der sehr gehofft hatte, selbst die Krone zu erringen, rief: »Es ist Merlin und nicht Gott, der uns diesen flaumbärtigen Jüngling zum König bestimmt hat.« 24
Und ein zweiter kläffte wie im Echo: »Ach, das ist doch nichts als Merlins täuschendes Zauberwerk, dieser Stein mit dem Schwert!« Alles war totenstill. Als Merlin langsam den Arm hob, konnte man den Ärmel zurückfallen hören. Tiefe Stille breitete sich im Kirche n raum aus. Nur oben zwischen den Pfeilern und dem hochgewölbten Dach schwebte ein leises Gemurmel, wie das Murmeln des Meeres in einer Muschel. Und in diese Stille hinein sprach Merlin die folgenden Worte: »So hört jetzt zu, Britannier, denn nun werdet ihr die Wahrheit er fahren. Eine Wahrheit, die viele Jahre vor euch verborgen gehalten wurde und die ihr jetzt hören dürft. Hier steht euer rechtmäßige r Kö nig, der wahre Sohn Uther Pendragons und seiner Königin Igraine; bestimmt, der größte König Britanniens zu werden; bestimmt, die Feinde des Reiches noch weiter zurückzudrängen, als es selbst Uther in seinen Tagen vergönnt war; bestimmt, ein Licht in alle Finsternis zu tragen, an welches sich die Menschen noch durch die Nebel langer Zeiten hindurch erinnern werden und das sie mit dem Reich von Lo gres verbinden werden. Er war von Gott bestimmt, nicht von mir, aber ich war dazu ausersehen, ihn zu erkennen, noch ehe er geboren war, ja sogar bevor sein Königsstern am Himmel erschien, und ausersehen, alles zu tun, um ihn sicher bis zu diesem Tag zu geleiten.« Und während er ganz aufrecht und ruhig dastand und nur die Hand leicht erhoben hielt, erzählte er die Geschichte vom Drachen am Himmel und von Artus' Geburt und wie er das Kind mitgenommen und es Sir Ector in Pflege gegeben hatte, so daß es unbehelligt von den Wirren nach seines Vaters Tod aufwachsen konnte, bis es an der Zeit war, Schwert und Krone zu ergreifen. Als er fertig war, ließ er den Arm sinken, und als ob dies ein Signal gewesen wäre, ging das Geschrei wieder los und wurde immer lauter und lauter, doch nun waren es Beifallsschreie, und alle schrien: »Uthers Sohn! Uthers Sohn!« Inmitten der Schreie und Rufe wandte sich die hohe Gestalt im dunklen Mantel zu dem Jüngling, der neben ihm stand, und schaute ihn an. Und Artus schaute zurück, in zwei seltsam leuchtende Augen, die mit keinen sterblichen Augen, die er jemals getroffen hatte, zu 25
vergleichen waren. Und doch, während er noch in diese Augen scha u te, erinnerte er sich einen Moment lang an den Bettler, dem er im Ein gang zur Schenke am Neujahrsmorgen begegnet war, und all das schien lange, lange Zeit zurückzuliegen, und dann mußte er auch an den wandernden Harfenspieler denken, der in der großen Halle seines heimatlichen Hauses beim Feuerschein gespielt und gesungen hatte, und auch an den wandernden Schmied und den verwundeten Soldaten, der aus dem Kriege kam. Doch diese Erinnerungsfetzen waren ihm entschwunden, noch ehe er sie fest ergreifen konnte. Aber zusammen mit ihnen war plötzlich auch alle Furcht und Bestürzung von ihm ge wichen. Zwar blieb die Trauer um den Verlust seines bisherigen Le bens noch immer bestehen, doch sie hatte keine Bedeutung mehr. Sein Kopf war auf einmal ganz klar, und in seinem Herzen fühlte er sich stark wie nie zuvor. Und er wußte, was immer er auch in seinem ne u en Leben würde tun müssen, er würde es können. »Sprich zu ihnen«, sagte Merlin. Und Artus ergriff das Wort und hob seine Stimme und sprach klar und deutlich zu allen Rittern und Edelleuten in der Kirche und zu den Menschen, die sich vor dem offenen Tor drängten, und zum ganzen britannischen Volk. »Ich bin euer König. Ich werde euch die Treue halten. Wenn dieses Pfingstfest vorüber ist, wollen wir unsere Kräfte sammeln und gemeinsam die Seeräuber und die Nordmänner, die un ser Land schon so lange verwüsten, zurückschlagen. Wir werden das Land von Krieg, Feuer und Schwert, die es seit dem Tode meines Va ters gespalten haben, befreien. Gemeinsam wollen wir für ein gutes Land sorgen, in welchem die Menschen nicht nur herrschen, weil sie stark sind, sondern in welchem sie stark sind, weil sie die Gerechtig keit und nichts Geringeres als sie lieben! Gebt mir eure Liebe und eure Treue, Britannier, und ich werde euch die meine schenken, so lange ich lebe!« Nun erhoben sich keine Schreie und Beifallsrufe mehr; tiefes Schweigen lag über dem ganzen Kirchraum. Aber es war ein gutes Schweigen; und die hohe Gestalt mit den leuchtenden Augen lächelte wie jemand, der sehr zufrieden ist.
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3 Das Schwert vom See Vom Tage der Krönung an war Merlin stets an der Seite des neuen Königs und stand ihm mit Rat und Tat bei, wie er das früher bei des sen Vater Uther getan hatte. Mit Merlins Beistand sammelte Artus seine Krieger und führte manchen Schlag gegen die Sachsen und Pik ten und die Männer von jenseits der irischen See. Und er führte seine Leute auch über die See-Enge nach Klein-Britannien, um dem König Ban und dem König Bors von Benwick Hilfe zu bringen, die einst Ambrosius und Uther nach deren Vaters Tod Schutz geboten hatten und die nun ihrerseits an den Landesgrenzen von Feinden arg bedrängt wurden. Und als nach diesen Kriegszügen eine friedliche Zeit anzubrechen schien, machte Artus Camelo t zu seiner Hauptstadt. Manche Leute meinen, daß am selben Ort, wo sich einst Camelot befand, heute Winchester liegt, andere behaupten, daß im heutigen Cadbury Hill die Reste des alten Camelot zu suchen seien. Aber nie mand weiß ganz sicher, an welcher Stelle sich einst Camelots Türme erhoben, ebensowenig wie man König Artus' letzte Ruhestätte kennt. Doch wo immer die Hauptstadt auch gelegen haben mag, weder Ar tus noch seinen Rittern war es vergönnt, lange in Frieden darin zu le 27
ben. Denn noch ehe der Lärm der letzten Schlacht ganz verklungen und die letzten Wunden ganz verheilt waren, schlossen sich in den Randgebieten und den Berggegenden Britanniens elf Fürsten mit ihren Kriegern zu einer kleinen Armee zusammen und zogen gegen Artus ins Feld. Es waren König Lot von Orkney und König Nantres von Garlot, König Anguish von Irland und König Idris aus dem fernen Cornwall und König Uriens aus Gore und noch sechs andere; und sie versammelten sich beim großen Wald im britannischen Mittelland und belagerten das große Schloß Bedegraine, welches eine von Artus' wichtigsten Festungen war, und wollten es zu ihrem Hauptquartier machen. Da ließ Artus auf Merlins Rat hin die Könige Bors und Ban aus Klein- Britannien benachrichtigen, worauf sie ihm mit ihren Kriegern zu Hilfe kamen. Gemeinsam gelang es ihnen, die Belagerung von Be degraine aufzuheben und die elf Fürsten zu besiegen. Sie trieben sie wieder in ihre eigenen Berge und über die irische See zurück, alle au ßer jenen, die um Frieden baten und dem König Treue schworen. Aber kaum waren Bors und Ban wieder in ihre eigenen Länder zu rückgekehrt, als von König Leodegraunce von Camelaird, der ein treuer Anhänger von Artus war, die Nachricht kam, daß er von Rience von Nord-Wales heftig bekriegt werde. Und wieder rief Artus die Truppen zusammen und zog für seinen Vasallen ins Feld. Sechs Tage lang mußten sie marschieren, und als Rience erfuhr, daß sich Artus' Männer näherten, lachte er und schwenkte seinen langen Feldmantel durch die Luft, der mit den Bärten der von ihm besiegten Könige und Prinzen gesäumt war. Und er wollte ihnen auf den Hän gen des Snowdon entgegentreten und sie besiegen. Doch als sie dann miteinander kämpften, waren es Riences Trup pen, die geschlagen und zerstreut wurden, und Artus zog als Sieger in die Stadt Camelaird ein. Und als er nach ein paar Ruhetagen mit seinen Leuten wieder süd wärts ritt, brachte er nicht nur einen neuen Sieg heim, sondern außer dem noch etwas viel Tieferes, obwohl es ihm noch nicht ganz bewußt war, etwas, was ihn sein Leben lang begleiten sollte. Denn zwischen den hohen Mauern des Schloßgartens hatte Artus zum ersten Mal Gi 28
nevra, die Tochter König Leodegraunces, erblickt. Sie saß mit ihren Zofen da, und die Frauen waren damit beschäftigt, aus Flieder und Akeleien und den kleinen Wildrosen mit den losen Blüten Girlanden zu flechten und sich ins Haar zu stecken. Das Haar der Prinzessin war rabenschwarz, doch da, wo die Sonne darauffiel, schimmerte es kup fern, und als sie einmal von den Blumen im Schoß aufblickte, bemerk te Artus, daß ihre Augen graugrün wie Weidenblätter waren und vo l ler kühler Schatten. All das sah er; doch sie war noch ein halbes Kind, und obwohl er selbst erst achtzehn Jahre alt war, kam er sich ganz alt vor, alt und müde von den vielen hart errungenen Siegen und den vielen Toten. Und obwohl sich beide einen langen, tiefen Blick zusandten, bevor Leodegraunce Artus in die Burg führte, blieb ihm während der Rück kehr in den Süden von dieser ersten Begegnung nichts anderes in Er innerung, als daß er ein Mädchen gesehen hatte, das im Garten des Königs Blumenkränze flocht. Und dennoch hatte sich seit diesem Augenblick etwas in ihm verän dert. Etwas in ihm, was in tiefem Schlaf gelegen hatte, begann sich zu regen: er verspürte eine leise Sehnsucht und wußte nicht, wonach. Mit der Zeit vergaß er alles wieder, doch nie ganz, bis er sich einst wieder ganz genau erinnern sollte. Artus ritt auf seine große, im Süden gelegene Burg Caerlon. Und während er sich hier aufhielt, spionierte ihm seine Halbschwester Margawse, die Gemahlin des Königs Lot von Orkney, nach, um ihrem Gemahl die Geheimnisse und die Stärken und Schwächen des Reichs zu verraten. Eines Tages war sie, ohne von jemandem erkannt zu wer den, als reisende Edeldame vor der Burg erschienen und hatte für sich und ihre Dienerinnen und ihre Wachen für eine Nacht Unterkunft er beten. Und Artus, der sie noch nie gesehen hatte, erkannte sie eben sowenig wie die anderen und hieß sie höflich willkommen. Merlin hätte ihn warnen können, doch gerade diesmal war er nicht bei ihm, denn er befand sich auf einer Reise in den Norden, wo er sei nen alten Meister, der ihn einst erzogen und unterrichtet hatte, besu chen wollte. Cabal, Artus' Lieblingshund, knurrte, als sich die Frau näherte, und richtete sich auf und berührte mit den Pfoten Artus' Hals, 29
doch dieser schenkte der Warnung keine Beachtung, sondern stieß ihn mit dem Absatz fort und ließ ihn aus dem Großen Saal entfernen, da mit er die Gäste nicht erschrecke. Am Abend veranstalteten sie zu Ehren der Dame ein fröhliches Fest im Großen Saal, und nach dem Mahl begannen die Harfenspieler zu spielen, und es klang köstlich und süß wie die Musik der sagenumwo benen Hohlen Hügel. Doch abends schien ein Gewitter bevorzustehen, bald war die Luft von Blitz und Donner erfüllt, doch die Fackeln in den Wandnischen brannten ruhig und ohne zu flackern. Da sprach die fremde Dame: »Herr, es ist hier drinnen kaum auszuhalten, man bekommt zuwenig Luft. Hat dieses Schloß einen Garten?« »Der Garten liegt hinter den Ställen«, sagte Artus, »es wird dort kühler sein.« »Wenn Ihr erlaubt, werde ich mit meinen Dienerinnen dort in der Dämmerung Spazierengehen.« So ging die Frau mit ihren Mädchen in den Garten, während die Harfenisten im Großen Saal weiterspielten und die Pagen die Schach bretter hervorholten und dann den Fußboden räumten für die Spiele, die die jungen Ritter und die Knappen nach dem Mahl veranstalten wollten. Doch nach einer Weile kam ein Page zu Artus und flüsterte: »Herr, die Dame bittet Euch in den Garten hinaus, denn sie hat eine Botschaft für Euch, welche sie Euc h, wie sie sagte, nicht vor allen Menschen hier im Saale mitteilen kann.« Artus erhob sich und verließ unauffällig den Saal, stieg die enge Mauertreppe hinunter und betrat durch den Hinterausgang den Schloßgarten. Die Luft fühlte sich an wie lauwarme Milch und war von einem süßen, schweren Jasmingeruch erfüllt, und der Vollmond schien bleich und verschwommen am dunstigen Himmel. Und am re benüberwachsenen Eingang zum Obstgarten wartete die Frau auf ihn, ganz allein, denn alle ihre Mädchen hatten sich offenbar entfernt. Königin Margawse war doppelt so alt wie Artus; sie hatte dem Kö nig von Orkney vier Söhne geschenkt, und Gawain, der älteste, war 30
nur etwas jünger als Artus selbst. Doch davon wußte Artus nichts, und es hätte ihn jetzt wohl auch kaum interessiert. Denn tief in seinem Herzen regte sich eine alte Sehnsucht und verbunden mit ihr ein Ge fühl tiefer Einsamkeit. Und Margawse war sehr schön. Wie schön sie war, hatte er schon beim Fackellicht im Saal bemerkt, und sie erschien ihm nun im lilafarbenen, verschwommenen Mondlicht noch schöner. Ihre Schönheit erinnerte an den Reichtum einer reifen Frucht, und den Falten ihres Gewandes und ihrem offenen Haar entstieg der Duft von Muskat und Rosenöl. Sie hielt ihm die Hände entgegen, und Artus ergriff sie und vergaß, sie jemals nach der Botschaft zu fragen, die sie im vollen Saale nicht über die Lippen brachte. Warum sie das tat, wird wohl nie jemand erfahren. Denn im Gege n satz zu Artus wußte sie wohl, daß sie beide miteinander verwandt wa ren – doch hatte sie sich in ihrem Leben nie um ein anderes Gesetz gekümmert als um das ihres eigenen Willens. Vielleicht wollte sie ei nen Sohn haben, der Artus eines Tages die Krone streitig machen könnte. Vielleicht tat sie es nur aus Rache, um das Alte Volk, dessen Blut stark durch ihre Adern rann, an den Herren über Bronze und Ei sen und an den Römern zu rächen, welche dieses Volk enteignet hat ten. Vielleicht war es, weil sie König Lot nie geliebt hatte und nun das Alter fürchtete, und Artus war jung und von stattlichem Aussehen. Vielleicht dachte sie auch, sie könne ihn auf diese Weise besser aus spionieren. Und vielleicht spielte all das zusammen irgendwie eine Rolle… Neun Monate später brachte Königin Margawse hoch oben im Nor den einen fünften Sohn zur Welt, und sein Vater war nicht Lot von Orkney, sondern König Artus. Da sandte sie Artus die Nachricht, daß sie ihm einen Sohn geboren habe und ihm den Namen Mordred geben und ihn eines Tages als Ritter an seines Vaters Hof in den Süden schicken werde. Und sie teilte ihm auch mit, wer sie war. Da wußte Artus, daß er etwas Verbotenes getan hatte. Zwar hatte er es ganz unwissentlich getan, doch er hatte es getan, und weder Tränen noch Gebete noch Reue konnten die Tat rückgängig machen. Artus 31
hatte sein eigenes Unheil heraufbeschworen, und so notwendig wie der Tag auf die Nacht folgt, würde es ihn einst ereilen. Drei schlaflose Nächte lang rang er mit dunklen Mächten in seinem Innern. Und als er einsah, daß er weiterleben und sein Reich, so gut er konnte, weiterre gieren mußte, versuchte er, nicht mehr an die Sache zu denken, bis ihn zur gegebenen Zeit das Schicksal wieder mit seiner Tat konfrontieren würde. Und er rief Pferde und Hunde herbei und ritt auf Jagd. Und obwohl der König immer wieder den Eindruck hatte, daß nicht der rote Hirsch, sondern er selbst der Gejagte war, bemerkte niemand et was davon. Nur jenen, die ihm am allernächsten standen, fiel auf, daß der König mit einem Male sein jünglinghaftes Aussehen verloren hatte. Doch noch mußten ganze neun Monate vergehen, bevor all das ge schah. Margawse war gerade erst nach Caerlon aufgebrochen, da kam eines Tages ein junger Knappe in den Schloßhof geritten, und neben dem eigenen führte er ein zweites Pferd mit, auf dessen Rücken ein eben erschlagener Ritter lag. Der Knappe ließ sich erschöpft aus dem Sattel fallen und rief: »Rache, mein König! Ein christliches Begräbnis für meinen Herrn, er war wahrhaftig ein guter Ritter! Rächt ihn an seinem Mörder!« »Das eine wird dir gewährt«, sagte Artus. »Das andere, sofern es gerecht ist. Wer ist der Mörder?« »König Pellinore«, sagte der Knappe. »Nur wenige Meilen von hier hat er bei einer Quelle neben der hochgelegenen Straße sein Zelt er richtet. Und alle, die dort vorbeikommen, fordert er zum Zweikampf heraus. Und so hat er meinen Herrn erschlagen. Ich bitte Euch, schickt einen Eurer Ritter hinauf, um mit Pellinore in den Kampf zu treten und meinen Herrn zu rächen!« Nun befand sich ein Knappe namens Gryflet am Hof, der etwa das selbe Alter wie Artus hatte. Und als er von der Sache erfuhr, kam er herbei und kniete vor dem König nieder und bat ihn um den Ritter schlag, damit er die Herausforderung annehmen könne. Und Artus betrachtete ihn von Kopf bis Fuß und erinnerte sich, daß er stets ein guter Knappe gewesen war und wohl auch, falls er den Kampf überlebte, ein guter Ritter werden würde. »Aber du bist doch 32
viel zu jung für eine solche Herausforderung«, sagte er, »und noch nicht im Vollbesitz deiner Kräfte, während König Pellinore einer der stärksten und geschicktesten Kämpfer der ganzen Welt ist.« »Bitte, schlagt mich zum Ritter«, wiederholte der Knabe. »Ich hatte mich schließlich als erster gemeldet.« Und Artus stieß einen Seufzer aus und gab ihm den leichten Schlag zwischen Hals und Schulter und machte ihn so zum Ritter. »Und nun, Sir Gryflet, da ich dir verliehen habe, worum du batest, bitte auch ich dich um etwas.« »Was immer ich zu geben vermag.« »Ein Versprechen«, sagte Artus. »Versprich mir, nachdem du ein mal gegen Pellinore geritten bist, gleichgültig, ob du noch im Sattel bist oder zu Fuß oder gar verletzt, die Sache dabei bewenden zu lassen und ohne Umschweife hierher zurückzukehren.« »Ich will es versprechen«, sagte der junge Ritter. Und da er noch keinen eigenen Knappen hatte, holte er Pferd und Lanze selbst. Dann schnallte er sich den Schild auf die Schulter und verschwand wie der Blitz. Er ritt auf der heißen, trockenen Straße in seiner eigenen Staubwo l ke dahin und ritt durch den Wald, bis er die Quelle neben der Straße erreichte. Da sah er ein reich ausgestattetes Zelt und ganz in der Nähe ein gesatteltes und gezäumtes Pferd. Vom untersten Ast einer Eiche hing ein Schild herunter, der in bunten Farben bemalt war, und neben dem Schild stand eine Lanze. Er hielt das Pferd an, richtete sich in den Steigbügeln auf und schlug mit dem Ende der eigenen Lanze laut auf den Schild, wie es vor solchen Kämpfen üblich ist. So kräftig und so lange schlug er, bis der ganze Wald dröhnte und der prächtige Schild mit einem lauten Knall zu Boden fiel. Da trat König Pellinore in voller Rüstung aus seinem Zelt und frag te, ganz der Gepflogenheit gemäß: »Guter Ritter, weshalb schlagt Ihr meinen Schild herunter?« »Weil ich Euch zum Kampfe fordern möchte«, sagte Sir Gryflet. Da ließ König Pellinore die Höflichkeit fallen und sagte: 33
»Das solltet Ihr lieber nicht tun, denn Ihr seid noch jung und, wie mir scheint, erst seit kurzem Ritter; Ihr seid noch zu schwach, um es mit mir aufzunehmen.« »Ich will trotzdem mit Euch kämpfen«, sagte Gryflet. »Mein Wunsch ist es nicht. Doch wenn Ihr darauf besteht, muß ich darauf eingehe n. Aber wenn wir schon zusammen kämpfen müssen, möchte ich erst wissen, wessen Ritter Ihr seid.« »Ich bin ein Ritter des Königs Artus«, sagte der Junge. Da nahm König Pellinore Speer und Schild und stieg in den Sattel. Dann stell ten sie sich in der nötigen Distanz auf, wandten die Pferde, legten die Speere ein und jagten aufeinander zu. Gryflet traf mitten in Pellinores Schild, der in Stücke zersprang. Doch Pellinores Speerspitze drang durch Gryflets Schild und tief in seine linke Hüfte ein, wo der Speer abbrach, dergestalt daß die Eisenspitze im Körper steckenblieb, und Pferd und Reiter kamen mit lautem Getöse zu Fall. Dann stieg Pellinore vom Pferd, beugte sich über den verwundeten Ritter und lockerte seinen Helm, damit er etwas Luft bekomme. »Das ist ein Junge mit dem Herz eines Löwen«, sagte er, »und wenn er den Kampf überlebt, wird gewiß einmal einer der besten Ritter aus ihm.« Und ohne die Speerspitze herauszuziehen, half er Gryflet in den Sat tel, drehte den Kopf des Pferdes in Richtung auf Caerlon und jagte das Tier davon. Artus durchquerte gerade den äußeren Hof mit einem Falken auf der Faust, als das Pferd mit dem schwer verwundeten Ritter zurückkehrte. »Ich bin nur ein einziges Mal gegen ihn geritten, wie Ihr es gewünscht habt«, sagte Gryflet und fiel vor des Königs Füßen aus dem Sattel. Da wurde der König sehr böse, nicht nur auf König Pellinore, son dern auch auf sich selbst, daß er auf den Jungen gehört und ihm diese Männersache überhaupt erlaubt hatte (wobei er vergaß, daß er selbst ja nicht älter war). Nachdem er dafür gesorgt hatte, daß man Gryflet wegtrug und pflegte, ließ er sich von seinen Knappen rüsten und sein bestes Schlachtpferd bringen, und ohne jemanden als Kampfgefährten mitzunehmen, obwohl er von manchem Ritter darum gebeten wurde, machte er sich auf den Weg in den Wald, um Pellinores Herausforde rung selbst anzunehmen und die Verwundung seines jüngsten Ritters 34
zu rächen. Und er ritt mit geschlossenem Visier und mit zugedecktem Schild, so daß ihn niemand am blutroten Drachen darauf erkennen konnte. Nach einer Weile kam er zu dem prachtvollen Zelt neben der Que l le. Ein neuer Schild hing am Eichenast, und Artus schlug wie wild darauf, bis der ganze Wald dröhnte wie eine Glocke, die einen Riß hat. Und aus dem Zelt trat ein Ritter, der König Pellinore sein mußte. »Guter Ritter«, sagte Pellinore, »weshalb schlagt Ihr auf meinen Schild?« »Herr«, sprach Artus, »warum haltet Ihr Euch hier auf und laßt kei nen Mann durch, ohne ihn zum Kampf herauszufordern?« »Das ist eben meine Gewohnheit«, sagte Pellinore. »Wer mir das abgewöhnen will, soll es nur versuchen.« »Ich bin gekommen, um Euch das abzugewöhnen«, sagte Artus. »Und ich stehe hier, um meine Gewohnheit zu verteidigen«, sagte Pellinore ruhig unter seinem Helm. Dann ergriff er den neuen Schild und den Speer und bestieg das Pferd, welches ein Knappe herbeige bracht hatte. Und die beiden stellten sich in der nötigen Entfernung auf, wendeten ihre Pferde, sprengten in vollem Galopp aufeinander los und stießen mit einem Donnergetöse zusammen. Und beide trafen mit ten in den Schild des ändern, und die Speere zersplitterten. Da wollte Artus mit dem Schwert weiterkämpfen, doch Pellinore sagte: »Es ist noch zu früh für die Schwerter. Wir wollen es noch ein mal mit den Speeren versuchen.« »Das täte ich gerne«, sagte Artus, »wenn ich noch einen besäße.« König Pellinore schnippte mit dem Finger, und sein Knappe brachte zwei neue Speere und ließ Artus auswählen, und nachdem er sich ent schieden hatte, nahm Pellinore den anderen. Nun ritten sie zum zwei ten Mal aufeinander los. Und wieder brachen ihnen die Speere, und wieder wollte Artus mit dem Schwert weiterkämpfen. »Nein«, sagte Pellinore, »reiten wir noch ein weiteres Mal mit den Speeren, zu Ehren des hohen Ritterstandes, denn Ihr seid ein so treff licher Kämpfer, daß mir ganz warm wird ums Herz.« Da brachte der Knappe wieder zwei Speere, und zum dritten Mal jagten sie aufeina n 35
der los. Aber obwohl Artus' Speer diesmal nicht brach, traf ihn Pelli nore so heftig in die rechte Seite, daß er samt seinem Pferd mit lautem Krachen zu Boden stürzte. Artus sprang sofort auf die Füße und zog nun wirklich das Schwert, und Pellinore schwang sich aus dem Sattel und zog sein Schwert ebenfalls. Nun begann ein hitziger Zweikampf zwischen ihnen. Sie schlugen und stießen so heftig aufeinander ein, daß die Rüstungen bald Risse bekamen und das Blut herunterrann und den staubigen Kampfplatz wie ein rötlicher Regen verfärbte. Schließ lich stießen die Klingen so wuchtig zusammen, daß Artus' Schwert zerbrach und er nur noch den Knauf und einen Stumpf der fein gear beiteten blauen Klinge in der Hand hielt. Da stieß Pellinore einen lauten Triumphschrei aus. »Nun seid Ihr in meiner Hand, und ich kann Euch töten oder verschonen, wie es mir beliebt! Kniet nieder und erfleht als geschlagener Ritter meine Gnade, vielleicht werde ich Euch dann leben lassen!« »Zwei Dinge nehmt zur Kenntnis«, sagte Artus. »Den Tod werde ich empfangen, wenn er kommt, aber vor einem Menschen werde ich niemals niederknien!« Und er schleuderte seinen Schwertknauf fort, stürzte sich auf Pellinore, bückte sich, packte ihn im Schwingergriff bei der Hüfte und warf ihn zu Boden. Sie rangen eine ganze Weile miteinander im Gras; es war ein mühsamer Kampf, denn sie hatten beide noch die Rüstung an. Aber Pellinore war groß und stark, und Artus war noch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte, genausowenig wie Gryflet. Und nach einer Weile erhielt Pellinore die Oberhand, riß dem jungen König den Helm vom Kopf und langte nach dem Schwert… In diesem Augenblick raschelte es im Schatten der Bäume bei der Quelle, und zwischen den Baumstämmen trat ein großer, dunkelhaari ger Mann mit leuchtenden Augen hervor, und der schwarze Mantel war am Saum fast weiß, vom Staub einer langen Reise. Und ein langer Schatten fiel im Abendlicht über die kämpfenden Gestalten, und Pellinore hielt inne und blickte auf. »Nein, laß dein Schwert liegen«, sagte Merlin. »Erschlägst du die sen Mann, so erschlägst du Britanniens einzige Hoffnung.« »Warum, wer ist er denn?« fragte Pellinore in plötzlicher Beson nenheit. 36
»Er ist Artus, der König.« Da bekam es Pellinore zum ersten Male in seinem Leben mit der Angst zu tun, denn Männer, die einen König umbringen wollen und denen es nicht gelingt, sollen oftmals einen furchtbaren Tod erleiden. Und wieder wollte er nach dem Schwert greifen. »Nein«, sagte Merlin, »das ist nicht nötig«, und er hob den Arm und zielte mit dem Zeigefinger auf Pellinore, und dieser stieß einen tiefen Seufzer aus, sank langsam ins Gras und blieb liegen, ohne sich zu rüh ren. Da wandte sich Merlin Artus zu, der so schwer verletzt war, daß er kaum stehen konnte, half ihm auf das Pferd, das in der Nähe stand, und ritt mit ihm fort. Doch Artus schaute auf die Gestalt zurück, die reglos neben der Quelle lag, und sagte: »Merlin, was hast du getan? Deine Zauberkraft hat den guten Ritter getötet. Das war wahrhaftig ein starker und tapfe rer Ritter, und ich opferte ein Jahr lang meine Krone, wenn er dafür wieder heil und lebendig würde.« »Sorge dich nicht um ihn«, sagte Merlin, »du stehst dem Tod näher als er, denn du bist schwer verwundet, während er nur geringfügige Verletzungen hat; und er schläft nur, in drei Stunden wird er erwa chen. Ja, diesem König Pellinore wirst du noch oft als Freund bege g nen, denn er wird dir ein tapferer Ritter werden und nach ihm auch sein Sohn.« Darauf brachte Merlin den König zu einem Einsiedler, der im Wal de hauste und sich in allen Heilkräutern auskannte, und schon nach drei Tagen waren Artus' Wunden so gut vernarbt, daß er wieder reiten konnte. Da begaben sie sich wieder nach Caerlon. Doch Artus ritt die ganze Zeit mit gesenktem Haupt. »Ich schäme mich«, sagte er, »denn ich habe kein Schwert.« »Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen«, sagte Merlin. »Dein altes Schwert hat seinen Dienst getan. Es hat dir dein Recht auf die Krone bewiesen und dir in den zahlreichen Schlachten, in denen du dein Reich zurückgewannst, treulich geholfen, doch nun ist es Zeit, 37
daß du dein eigenes Schwert bekommst. Zeit für Excalibur, dein neues Schwert, das dich bis ans Ende deiner Tage begleiten wird.« Immer tie fer und tiefer ritten sie in den Wald, auf Wegen, die nur die leichtfüßigen Hirsche kennen, bis sie schließlich auf allen Seiten von großen Hügeln umgeben waren und sich der Wald lichtete, und dann lag plötzlich das schilfbewachsene Ufer eines Sees vor ihnen. Und obwohl ein leichter Abendwind durch die Äste der Bäume hinter ihnen strich, war die Wasseroberfläche spiegelglatt, und auch die zar ten Nebelschleier, die den himmelblauen See umrahmten und das Ufer verbargen, schienen unbewegt. Und Artus kam es fast so vor, als ob der See gar kein Ufer hätte, obwohl in der Ferne die Hügel auftauc h ten, die sich nach Westen in den Himmel hoben. Auch hörte er keine Schreie oder Rufe von Seevögeln, die es doch hier geben mußte; nur eine tiefe Stille herrschte, wie er sie wohl noch nie erlebt hatte. »Was ist das für ein Ort?« fragte Artus mit flüsternder Stimme, als ob er sich fürchtete, die Stille zu stören. »Das ist der See«, sagte Merlin, »der See der Erhabenen Wesen, in dessen Mitte sich ihr Palast befindet, den keine sterblichen Augen se hen können. Dort drüben in westlicher Richtung liegt Ynys Witrin, die Glasinsel; sie heißt auch Avalen, das Land der Apfelbäume, die Schwelle zwischen der Menschenwelt und dem Land der wahrhaft Lebenden, dem Land der Verstorbenen…« Merlins Stimme schien näher zu kommen und sich wieder zu ent fernen, so daß Artus nicht sicher war, ob er diese Worte tatsächlich hörte oder ob es nur der leise Gesang des Windes in den Bäumen war. »Wahrhaftig ein seltsamer Ort«, sagte er. »Und nicht weit weg von hier liegt Camlann«, sagte Merlin neben ihm, dessen Stimme aus dem leise flüsternden Wind zurückgekehrt war und wieder tief und alt klang. »Camlann?« sagte Artus und fühlte eine plötzliche Kälte zwischen den Schultern. »Camlann, der Ort der letzten Schlacht… Doch das ist eine andere Geschichte, für einen ändern Tag, der noch in ferner Zukunft liegt.« Merlins Stimme wurde weicher, und er fügte hinzu: »Schau, dort ist das Schwert, das ich dir versprochen habe.« 38
Artus schaute in die angegebene Richtung und sah mitten im See einen Arm auftauchen, in einen weißen Samtärmel gehüllt und mit einem mächtigen Schwert in der Hand. Und dann bemerkte er auch eine Frau, deren dunkles Kleid und Haar sie wie Nebelschwaden zu umfließen schienen. Sie schwebte auf dem Wasser heran, doch ihre Füße hinterließen auf der spiegelglatten Fläche nicht die geringste Spur. »Wer ist das?« flüsterte Artus. »Das ist die größte aller Frauen des Sees. Sprich sie höflich an, und sie wird dir das Schwert geben.« Als die Frau das Ufer erreicht hatte und stolz wie ein Schwan im Schilf stand, stieg Artus vom Pferd, grüßte sie in aller Höflichkeit und fragte: »Edle Frau, wollt Ihr mir sagen, was für ein Schwert jener Arm dort drüben über dem Wasser in der Hand hält?« »Das ist ein Schwert, das ich lange gehütet habe. Möchtest du es haben?« »Ja gerne«, sagte Artus und blickte sehnsüchtig auf das Wasser hin aus. »Denn ich habe kein eigenes Schwert.« »Wenn du versprichst, seine Klinge niemals für eine ungerechte Sa che zu führen und es treu hütest, wie es dem Schwert von Logres ge bührt, so soll es dir gehören.« »Das schwöre ich«, sagte Artus. »Dann besteige nun«, sagte die Frau, »die Barke, die dich erwartet.« Und da sah Artus zum ersten Mal zwischen dem Schilf ein kleines Schiff liegen. Er stieg hinein, und sofort entfernte sich das Boot vom Ufer und glitt aus eigenem Antrieb und ohne eine Spur zu hinterlassen über das Wasser, bis es sanft wie eine Stute an der Stelle hielt, wo der Arm aus den Tiefen des Wassers herausragte. Artus streckte die Hand aus und sprach: »So Ihr erlaubt«, und nahm das Schwert in die Hand und staunte, wie das milchige Licht auf dem mit Gold und Edelsteinen verzierten Knauf und auf der reich verzier ten Scheide spielte. Und während er sein neues Schwert staunend be trachtete, versank der Arm im weißen Samtärmel lautlos im Wasser. 39
Und lautlos trug ihn das Boot wieder zum nahen Ufer zurück. Die Frau war spurlos verschwunden, als wäre sie nie dagewesen. Doch Merlin stand immer noch an derselben Stelle und hielt die Zügel des Pferdes in der Hand. Und Artus schnallte sich das Schwert an den Gürtel, bestieg das Pferd, und dann brachen die beiden wieder nach Caerlon auf. Unterwegs zog Artus das neue Schwert heraus und betrachtete es voller Liebe und ließ das Abendlicht über die glänzende Klingenflä che gleiten. »Excalibur«, sagte er ganz leise und dann noch einmal: »Excalibur«. Merlin betrachtete ihn von der Seite und fragte: »Was gefällt dir denn besser, das Schwert oder die Scheide?« Und Artus mußte über die Frage lachen, denn sie kam ihm närrisch vor. »Das ist eine ansehnliche Scheide, mit all diesen Goldfäden auf dem rötlichen Leder. Aber das Schwert ist ein Schwert, und das würde ich hundertmal vorziehen.« »Halte die Scheide dennoch in guter Hut und behalte sie immer in deiner Nähe, denn es wohnt ihr eine geheime Kraft inne, und solange sie sicher an deinem Schwertgurt hängt, wirst du, und magst du noch so sehr verwundet werden, keinen Tropfen Blut verlieren.« »Ich werde auf sie aufpassen«, sagte Artus und steckte die Klinge hinein. »Aber das Schwert gefällt mir trotzdem besser.«
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4 Die Tafelrunde Es dauerte nicht lange, bis der König von seinem neuen Schwert Gebrauch machen mußte. Denn im Frühling des darauffolgenden Jah res erfuhr er, daß Rience von Nordwales wieder eine Kriegstruppe ge gen ihn aufgestellt hatte. Und schon jagten in wildem Ritt seine Ba n den durch die Länder von Artus' Königen jenseits der Grenzen und verwüsteten deren Land. Und als ihm Artus bestellen ließ, er solle mit diesen Raubzügen aufhören, erhielt er von König Rience lediglich die Antwort, daß er zu seinen Lebzeiten schon mehr Könige bezwungen habe, als er an den Fingern seiner Hände abzählen könne, und daß er ihnen die Bärte abgeschnitten und seinen Mantel damit gesäumt habe, doch wolle er König Artus verschonen, wenn er den eigenen Bart freiwillig für seine Sammlung herschicke. »Das ist die unverschämteste Botschaft, die mir je zu Ohren ge kommen ist«, sagte Artus dem Boten. »Kehre jetzt zu deinem Herrn 41
zurück und richte ihm aus, daß es unklug ist, dem König von ganz Britannien derartige Botschaften zu schicken. Richte ihm auch aus, daß ich ihn bekriegen werde, falls er die Plünderungen nicht einstellt und zu mir kommt, um mir den Treueid zu leisten, wie es schon besse re Männer als er getan haben. Sonst werde ich ihn nicht nur in die Berge zurücktreiben. Diesmal werde ich seinen Königsmantel nehmen und mit dem Mantel nicht nur seinen Bart, sondern auch seinen Kopf.« Und indem er sich mit der Hand übers Kinn strich, fügte er lächelnd hinzu: »Und sag' ihm auch, daß ihm mein Bart noch nicht viel nützen würde.« Da kehrte der Bote zu seinem Herrn zurück. Und Artus sammelte seine Truppen und marschierte wieder in die Berge von Nordwales. Da stieß er schließlich auf Rience und viele rebellische Ritter und Truppenführer, die alle auf ihn gewartet hatten. Und Artus entdeckte unter seinen Feinden auch König Lot von Orkney, und das kränkte ihn sehr, aber in seinem Innern wußte er wohl, daß nicht Lot, sondern Kö nigin Margawse sein wahrer Feind war und daß Lot weniger aus eige nem Willen als auf ihr Betreiben hin da war. Einen ganzen Sommertag lang kämpften sie miteinander, und bald neigte sich das Schlachtglück dieser, bald jener Seite zu. Doch je lä n ger der Kampf dauerte, desto stärker kamen die Aufständischen in Bedrängnis, und als die Schatten der Männer und der Pferde und der Speere immer länger wurden, waren Rience und die Rebellenführer alle tot, außer König Lot, der immer noch weiterkämpfte, hartnäckig wie ein in die Enge getriebenes Wildschwein, immer dicht gefolgt von seiner Leibwache. Nun war es Sir Pellinore von Wales vom Schicksal bestimmt, daß er von Zeit zu Zeit auf eine wunderliche Jagd reiten und ein seltsames Tier verfolgen mußte; das hatte den Kopf einer Schlange und den Leib eines Leoparden und die Füße eines Hirschs, und aus seinem Bauch drang ein solcher Lärm, als hockten darin dreißig wütende Hunde. Und es geschah, daß ihn an jenem Tage seine Jagd gerade in die Berge führte, wo der Kampf stattfand. Und als er die Schreie und das Getöse der Waffen hörte und über den Staubwolken des Kampfplatzes die rot weiße Fahne Britanniens wehen sah, unterbrach er die Verfolgung für 42
eine Weile und stand König Artus bei. Er kam, als Artus gerade zu einem neuen Angriff gegen die Männer von Orkney ausholte. Er schloß sich Artus und seinen Rittern an, und er ritt, begleitet vom wü tenden Gebell seiner über dreißig Jagdhunde, tief in die feindliche Schar hinein, bis er auf König Lot von Orkney stieß, und versetzte ihm mit dem Schwert einen solchen Schlag, daß sich die Klinge durch Helm und Knochen fraß und König Lot aus dem Sattel stürzte und tot war, noch ehe er am Boden aufschlug. Da verloren Lots Anhänger allen Mut, und im Schütze der einbre chenden Dämmerung ergriffen sie die Flucht, und noch eine ganze Weile hallte das Gebell der sich entfernenden Hunde durch die Luft. Nun herrschte in Britannien eine Zeitlang Friede; und die Bewohner im Norden und Westen des Landes gaben eine Weile Ruhe, und selbst die Seeräuber waren über das Meer zurückgeflohen. Zwar gab es da und dort im Land immer noch verstreute Kriegsbanden, böse Ritter und wilde Männer, die in den Wäldern lauerten und zu jeglicher Schandtat bereit waren. Und die Bewohner der Berge erzählten sich nachts beim Feuer von längst vergangenem Unrecht und schürten so ihren Haß aufs neue. Dennoch hatte Britannien seit dem Rückzug der Römer kaum je eine so friedliche Zeit erlebt. Nun konnten die Männer etwas Atem schöpfen und sich überlegen, was für ein Leben sie führen wollten. Und die besten Ritter im ganzen Lande, von denen die meisten auf der Seite des Königs mitgekämpft hatten, zogen in die Hauptstadt Camelot. Da kamen alte Ritter wie Sir Ulpius und Sir Bleoberis, der Bannerträger; da kamen junge Ritter, die nach Ruhm dürsteten und gerne für eine ehrenhafte Sache kämpfen wollten, wie zum Beispiel Sir Bedivere und Sir Lucan und Sir Gryflet und Lamorack, der Sohn aus Pellinores erster Liebe, noch bevor dieser seine Königin geheiratet hatte, und viele unbescholtene Knappen, die aus der Hand des größten Königs der ganzen Christenheit den Ritter schlag zu empfangen hofften. Selbst Gawain, der älteste Sohn von Margawse und Lot, brach mit seinem jüngeren Bruder nach Camelot auf. Denn alle Söhne Margawses verließen ihre Eltern, sobald sie nur konnten – bis auf Mordred; doch das ist wieder eine andere Geschic h te. 43
Noch niemals, so sangen die Harfenspieler, hatte ein solcher König einen solchen Hof um sich versammelt. Da ließ Artus nach einiger Zeit eines Abends Merlin zu sich in das große Gemach über dem Saal rufen und sagte: »Meine Grafen und Edelleute bedrängen mich und wollen, daß ich ein Weib nehme. Gib mir deinen Rat, denn auf deinen Rat zu hören hat sich bisher immer gelohnt.« »Es ist ganz richtig, daß du ein Weib nehmen sollst«, sagte Merlin. »Denn nun bist du über zwanzig Jahre alt und der mächtigste König der ganzen Christenheit. Gibt es ein Mädchen, das du ins Herz ge schlossen hast?« Artus dachte nach. In Gedanken zogen die schönen Gesichter vieler Mädchen an ihm vorbei, und darunter befand sich auch die dunkelhaa rige Margawse mit ihrer reifen Schönheit, bis er auf eine Erinnerung stieß, die noch viel tiefer in seinem Herzen ruhte. Und er dachte an ein Mädchen mit glattem schwarzem Haar und mattschimmernden grau grünen Augen, das zwischen den hohen Mauern eines Schloßgartens aus Flieder und Kolumbinen und Rosen Girlanden flocht. Und er sag te: »Ginevra, die Tochter Leodegraunces von Camelaird.« Merlin schwieg eine Weile. Dann fragte er: »Bist du sicher?« Und Artus schwieg ebenfalls eine Weile. Durch das offene Fenster schwebte mit leisem Flügelschlag ein Falter herein und begann die Kerzen zu umflattern, die auf dem geschnitzten Kleiderschrank stan den. Dann sagte er: »Ich bin ganz sicher. Ich liebe die Prinzessin, ob wohl ich es erst jetzt weiß, und mein Herz wird ganz ruhig, wenn ich an sie denke.« Merlin, der ja in der Zukunft lesen konnte wie in einem Buch, hätte beinahe ausgerufen: ›O Unglück über mich! Sieh dich nach einem an deren Mädchen um. Denn wenn du die Prinzessin Ginevra heiratest, wird mit der Zeit Leid und Krieg und Tod über dich und über sie und deine besten Freunde und über das ganze Reich hereinbrechen.‹ Doch Merlin wußte, daß sich niemand der Schicksalsschrift entzie hen kann, die auf seiner Stirne steht, und er wußte, was auf Artus' Stirne geschrieben stand, so gut wie er wußte, was auf seiner eigenen stand. Und so sagte er nur: »Herr, wenn du dir nicht sicher wärest, 44
könnte ich viele ebenso schöne und gute Mädchen für dich finden, de ren Anblick dein Herz gerade so erfreuen würde. Doch ich kenne dich, und ich weiß, daß deine Liebe, wenn dein Herz einmal entflammt ist, nicht so bald wieder erlischt.« »So ist es«, sprach Artus. Und der Falter flog in das meerblaue Herz einer Kerzenflamme und stürzte mit versengten Flügeln ab. Am nächsten Morgen brach Merlin nach Camelaird auf, trat vor König Leodegraunce und sagte ihm, daß der König Britanniens um die Hand der Prinzessin Ginevra anhalte. Leodegraunce war außer sich vor Freude, als er das hörte, und sag te: »Das ist die schönste Botschaft, die ich je vernahm. Gewiß werde ich dem König meine Tochter zur Frau geben.« Und er fragte sich, welche Mitgift er Artus für seine Tochter geben sollte, denn an Lä n dern war der König ja schon überreich. Und nach einer Weile sagte er laut: »Als Mitgift will ich ihm etwas schenken, was ihm mehr bedeu ten wird als Ländereien oder Gold, ich will ihm nämlich die große, runde Tafel geben, die seinem Vater Uther gehörte und die Uther mir gegeben hat – und dazu hundert meiner besten und tapfersten Ritter«, fügte er mit einem leisen Seufzer hinzu. »An diese Tafel passen hun dertfünfzig Ritter, doch nach all den Kriegen, die ich mein Lebtag lang führen mußte, kann ich ihm nicht mehr als hundert mitgeben.« »Hundert werden genügen, denn Artus hat selbst viele gute Ritter. Er wird sich über Euer Geschenk freuen, und auch über das Mädchen, das Ihr ihm zur Frau gebt«, sagte Merlin und mußte leise in sich hin einlachen, denn er selbst hatte vor langer Zeit dieses Tafelrund für König Uther Pendragon mit eigener Hand gezimmert, so daß er wohl wußte, welche Zauberkraft es besaß. So wurde die runde Tafel für die Reise zerlegt und auf große Och senkarren geladen. Und auch die Prinzessin wurde reisefertig ge macht. Nach ihren eigenen Wünschen war sie von niemandem gefragt worden, doch sie erinnerte sich noch gut an den jungen Mann mit dem müden Gesicht und an den langen Blick, den sie im Schloßgarten ge tauscht hatten, und daran, wie sie damals, nachdem Artus wieder fort war, bemerkte, daß sie die Girlande in ihrem Schoß zerdrückt hatte. 45
Und obwohl ihr Herz nicht gerade Sprünge machte, war sie mit allem zufrieden. So brach Ginevra, begleitet von ihren Zofen, von Merlin und hun dert Rittern, gefolgt von den großen Ochsenkarren, die über die ausge trockneten Pfade holperten, zur Hochzeitsreise auf. Und drei Tage vor Pfingsten erreichte sie Camelot, wo sie von Artus erwartet wurde. Gi nevra ritt auf der Brücke mit ihren drei Bögen über den Fluß und die steilen Straßen der Stadt hinauf, und überall drängten sich die Men schen, um sie zu sehen, und zwischen den Dächern der Häuser zogen die Schwalben ihre Schleifen durch die Luft. Und Artus stand im äu ßeren Schloßhof und half ihr vom Pferd und führte sie in den Großen Saal. Nun wurde alles zur Hochzeit vorbereitet, die in drei Tagen stattfin den sollte. Und am Morgen des Hochzeitstages – welcher mit dem Pfingstfest zusammenfiel – kamen Gawain, der Sohn König Lots, und Lamorack, der Sohn König Pellinores, zu Artus und baten ihn, seine Ritter werden zu dürfen. Artus freute sich sehr darüber und schlug sie beide zu Rittern. Und als sich der König in die große Kirche von Sankt Stephan begab, befanden sich die beiden auch unter den Rittern, die ihm das Geleit gaben. Dann trat Ginevra ein. Sie trug für die Hochzeit und die Krönung weiße und goldglänzende Gewänder. Und nachdem die beiden Bi schöfe Ginevras und Artus' Hände ineinandergelegt hatten, nahmen sie ihr die weißen Blumengirlanden aus dem Haar und setzten ihr die goldene Königskrone auf. Hand in Hand schritt das Paar unter dem goldenen Baldachin, den vier Ritter mit den Speerspitzen über sie hielten, durch die überfüllten Straßen zum Schloß zurück, und aus der Menge tönten Jubelschreie, denn jedermann freute sich darüber, daß der König eine so schöne Königin gefunden hatte. Ginevra schritt mit hoch erhobenem Haupt dahin, obwohl die neue Krone viel schwerer war, als es die Blumengirlanden gewesen waren. Denn sie war sehr stolz darauf, daß Artus sie zu seiner Frau gewählt hatte. Und sie verspürte eine wachsende Zuneigung zu ihm, welche sie damals für Liebe hielt. 46
Im Großen Saal hatte man die Tafelrunde bereits aufgestellt. Das war ein Tisch in der Form eines riesigen Rades, dessen Inneres ausge spart blieb, so daß die Pagen und bedienenden Knappen hin- und her gehen konnten. Und darum herum standen wohlgeordnet hundertfünf zig Stühle mit hohen Rückenlehnen für die Ritter, und auf jeder Lehne leuchtete in Buchstaben aus purem Gold der Name des Ritters, für den der Sitz bestimmt war. »Gewiß hat noch nie ein König unter dem Himmel ein solches Hochzeitsgeschenk erhalten!« rief Artus aus. Und dann nahmen er und alle Ritter gemeinsam Platz, während die Königin mit ihren Zofen in einem anderen Raum feierte, denn es war im Britannischen Reich da mals noch Sitte, daß sich bei öffentlichen Anlässen Männer und Frau en nie an denselben Tisch setzten. Und nachdem alle Ritter ihre Plätze eingenommen hatten, wandte sich König Artus zu Merlin, der neben seinem Sitz stand, und sagte: »Was geschieht nun mit den vier Sitzen in dieser wunderbaren Runde, die, wie ich sehe, noch leer stehen?« »Sie werden zu gegebener Zeit schon besetzt«, sagte Merlin. »Der erste durch König Pellinore, der sich von der Jagd erholt, aber noch heute herkommen wird. Schau, sein Name steht bereits auf der Rük kenlehne, da, wo die Sonne darauf scheint. Der zweite Sitz wartet auf Sir Lancelot, den Sohn deines alten Verbündeten, des Königs Ban von Benwick. Er wird vor dem Morgengrauen des ersten Pfingsttages hier eintreffen. Er wird dein bester Ritter sein und dir am nächsten stehen, und von all deinen Rittern wird er dir am meisten Freude, aber auch am meisten Leid bereiten. Und der dritte Sitz ist für Percival be stimmt, den Sohn König Pellinores, doch er ist noch nicht geboren. Aber wenn er einst kommt, wird er wie ein hoher Sendbote ersche i nen, und sein Kommen wird das Zeichen sein, daß binnen eines Jahres das Geheimnis des heiligen Grals hier in Camelot offenbar werden wird, und dann werden alle Ritter die Tafelrunde verlassen und zur größten Suche aller Zeiten aufbrechen. Und dann wird alles den go l denen Strahlen der untergehenden Sonne zustreben… Doch noch ist es früher Tag.« Während einer ganzen Weile füllte tiefe Stille den Saal. 47
Dann sagte Artus: »Aber ein Sitz ist immer noch leer. Wer wird auf ihm sitzen?« »Das ist der ›Gefahrvolle Sitz‹«, sagte Merlin. »Er bringt jedem, der sich darauf setzt, sofort den Tod, bis derjenige kommt, für den er be stimmt ist und der sich zu Recht darauf setzt. Er wird kommen, wenn die Zeit erfüllt ist; das wird der letzte Ritter der Tafelrunde sein.« Und noch während Merlin sprach, erschien Sir Pellinore im Ein gang. Nachdem ihn alle willkommen geheißen hatten, wurde er zu seinem Platz geführt, und nun konnte das Festmahl beginnen. Und als das Mahl beinahe beendet war, drang aus dem Vorhof plötzlich ein lautes Hundegekläff, und für einen Augenblick glaubten alle, Pellinores Un geheue r stehe vor der Tür, doch noch während sich Pellinore von sei nem Sitz erhoben hatte, um hinauszugehen – denn er mußte dem Ruf dieses Tieres jederzeit Folge leisten -, kam ein weißer Hirsch in die Halle gerannt, und das Licht, das aus den hochgelegenen Fenstern he reinfiel, tauchte ihn in einen silbernen Glanz. Und dicht auf den Hirsch folgten eine milchweiße Bracke und ein kleiner Jagdhund, der fast ebenso flink und schön war. Und zuletzt stürmten über dreißig Jagdhunde mit lautem Gebell in den Saal. Der Hirsch jagte um den riesigen Tisch herum, und hinter ihm lief die Bracke, und dann folgten die bellenden schwarzen Hunde. Und als sie wieder zum Eingang kamen, sprang der Hirsch in einem großen Satz über Sir Abelleus, der nicht zur Tafelrunde gehörte und an einem Seitentisch speiste, hinweg zur Tür. Und Sir Abelleus konnte den wei ßen Hund noch packen, sprang von seinem Sitz hoch und verließ den Saal. Die Männer hörten noch die Hufschläge seines Pferdes, das durch das Schloßtor hinausgaloppierte. Und auch der Hirsch floh durchs Tor hinaus, und die keifenden und bellenden Hunde hinter ihm her. Und noch ehe der bestialische Lärm verhallt war, ritt auf einem weißen Zelter eine junge Frau in den Saal und rief dem König zu: »Herr, laßt mir nicht solche Kränkung widerfahren, denn die Bracke, die jener Ritter fortbrachte, gehört mir.« Doch noch ehe Artus ihr Flehen beantworten konnte, stürmte ein anderer Reiter in dunkler Rüstung auf einem Schlachtroß herein, pack 48
te den Zelter bei den Zügeln, zerrte ihn herum und zog das Pferd mit samt der Frau, die aus vollem Hals schrie und protestierte, aus dem Saal. Drei Herzschläge lang saß Artus wie versteinert da und starrte auf den Tisch. Denn die Frau hatte wahrhaftig ein fürchterliches Klagege schrei erhoben, und welcher Mann hat schon Lust, an seinem Hoch zeitstage in düstere Abenteuer verwickelt zu werden? Doch Merlin, der mit seltsam leuchtenden Blicken der Frau gefolgt war, sagte schließlich: »Das war nicht recht getan, eine junge Frau trotz ihrer Hilferufe in dieser Weise fortschleppen zu lassen, ohne ihr zu Hilfe zu eilen. Ein solches Abenteuer muß man bestehen, denn ihm auszuwei chen hieße, Schmach über dich und deine Ritter bringen.« Und da Artus wußte, daß Merlin recht hatte, sagte er: »Ich werde deinen Rat befolgen.« »Dann«, sagte Merlin, »schicke Gawain fort, um den weißen Hirsch einzuholen, und Sir Lamorack, um Sir Abelleus und die Bracke zu rückzubringen, denn es ist gut, wenn beide an diesem Tage ihre erste Bewährungsprobe als Ritter durchmachen. Und König Pellinore soll hinter der Frau herreiten und auch den Ritter zurückbringen, der sie entführt hat, tot oder lebendig.« Da wurden Sir Pellinore und die beiden jungen Ritter gerüstet, und aus den Ställen holten Knappen ihre Pferde, und dann brachen sie auf. Sir Gawain nahm seinen jüngeren Bruder Gaheris als Knappen mit und ritt mit ihm durch die Stadt und über die Brücke und dann in den Wald, immer dem von ferne ertönenden Hundegebell nach, bis die beiden schließlich zu einem großen Schloß kamen. Der Hirsch und hinter ihm zwei der Jagdhunde rannten über die Zugbrücke durch das Tor, und dann ritten Gawain und Gaheris, der direkt hinter ihm folgte, in den Schloßhof, und drinnen im Hof holten die Hunde den Hirsch ein und rissen ihn in Stücke. Da trat aus der Waffenkammer der Schloßherr hervor. Er war bis zum Helm in voller Rüstung und hielt ein nacktes Schwert in der Hand. Damit begann er, auf die Hunde einzuschlagen, und tötete sie einen nach dem ändern und schrie voller Schmerz und Wut: »Ver reckt, ihr Bestien, denn ihr habt mir meinen Hirsch getötet! Ach, me i 49
nen weißen Hirsch, den mir meine Dame geschenkt hat und den ich so schlecht pflegte!« »Haltet ein! Laßt diese Schlächterei!« schrie Gawain, der beim An blick der toten Hunde nun selbst plötzlich in Wut entbrannte. »Laßt Euren Zorn an mir aus, nicht an treuen Hunden, die nur ihrer Natur folgen und nur tun, wozu sie abgerichtet wurden.« »Das werde ich!« brüllte der Schloßritter. »Ich habe die Meute ge tötet, nun sind die beiden letzten Hunde an der Reihe.« Gawain schwang sich aus dem Sattel, und mitten im Hof stürzten die beiden Männer aufeinander los, als wären sie wirklich zwei Hun de, die sich gegenseitig an die Gurgel springen. Ihre Schwertklingen durchschlugen mehrere Male den Kettenpanzer, und der Schlachtge ruch stieg in Gawains Nase, und ein roter Schleier legte sich vor seine Augen, bis der Schloßritter, ohne daß Gawain wußte, wie es gesche hen war, zu seinen Füßen lag und um Gnade flehte. Gawain wußte, daß es gegen alle Sitte ginge, einen Ritter, der um Gnade fleht, zu töten, doch ihm war immer noch rot vor Augen, und so holte er mit seinem Schwert zu einem mächtigen Schlag aus und wollte dem Ritter den Kopf von der Schulter trennen; doch in diesem Augenblick warf sich die Schloßfrau, die vom Fenster ihres Erkers alles mitverfolgt hatte und heruntergeeilt war, über den Leib ihres Herrn, um ihn zu beschützen. Gawain konnte das Schwert in seinem Schwung nicht mehr rechtzeitig aufhalten und traf statt seinen Gegner ihren schlanken Hals. Da begann sich der rötliche Schleier vor Gawains Augen zu heben, und als er sah, was er angerichtet hatte, wurde er von einem entsetzli chen Schmerz ergriffen. »Steht auf«, sagte er zum Ritter. »Ich werde Gnade walten lassen.« »Die begehre ich nicht mehr«, sagte der Schloßherr, »denn Ihr habt mir me ine Liebe erschlagen, und nichts in der Welt kann mir diese ersetzen, nun ist es mir gleichgültig, ob ich lebe oder sterbe.« »Das betrübt mich sehr«, sagte Gawain, »denn der Schlag hatte Euch gegolten und nicht Eurer Gemahlin. Nun kann ich Euch nicht mehr töten. Erhebt Euch und geht zu König Artus nach Camelot und 50
erzählt ihm alles der Wahrheit gemäß. Sagt ihm, daß Ihr vom Ritter, der dem weißen Hirsch nachgeritten ist, geschickt seid.« Die Diener brachten ihrem Herrn schweigend das Pferd. Und ohne ein Wort zu sagen, stieg er in den Sattel und ritt fort. Sir Gawain blickte ihm nach und sagte mit rauher Stimme: »Ich bin ein miserabler Ritter, denn ich habe eine Dame erschlagen. Ach, hätte ich mit ihrem Herrn rechtes Erbarmen gezeigt, so wäre das Unglück nicht geschehen.« »Dies ist nicht der Ort, zu trauern«, sagte Gaheris, »denn ich gla u be, wir haben nicht sehr viel Freunde hier.« Im selben Augenblick stürzten sich vier Ritter des Hauses mit gezo genen Schwertern auf sie. »Steht nun Euren Mann und kämpft, statt Euch Eures Ritterstandes zu schämen!« rief einer von ihnen. Und ein zweiter schrie: »Ein Ritter ohne Gnade ist ein Ritter ohne Ehre!« Und der dritte rief aus: »Ihr habt eine schöne Frau erschlagen! Diese Schmach sollt Ihr bis ans Ende der Welt mit Euch herumschleppen!« Und der vierte brüllte: »Ihr sollt erfahren, was es heißt, um Gnade zu flehen, bevor Ihr hier wegkommt!« Und sie drangen auf Gawain und Gaheris ein, die Rücken gegen Rücken wie ein Mann kämpften und die Ritter, so gut sie konnten, abwehrten. Doch da sie an Zahl weit unterlegen waren, wurden sie schwer verwundet und gefangengenommen. Und die Schloßritter hät ten sie neben den toten Hunden und der toten Frau kurzerhand er schlagen, wenn nicht die übrigen Frauen des Hauses dazugekommen wären und für sie um Gnade gefleht hätten. Da warfen sie die beiden in ein enges Verließ, wo sie die Nacht verbringen mußten. Und als am anderen Morgen die älteste der Frauen, deren Haar un ter dem Schleier schon zu ergrauen begann, in das Verließ kam und hörte, wie beide Ritter vor Schmerz stöhnten, fragte sie Sir Gawain, wie es mit ihm stehe. »Nicht gut!« sagte Gawain. »Daran seid Ihr selber schuld«, sagte die alte Frau, »hättet Ihr die Herrin dieses Ortes nicht erschlagen, so wärt Ihr nicht so schwer ver wundet worden. Aber nun sagt mir, wer Ihr seid.« 51
»Ich heiße Gawain und bin der Sohn König Lots von Orkney und ein Ritter an Artus' Hof, und das hier ist mein Bruder Gaheris.« Da ging die Frau zu den Rittern des Hauses und sagte ihnen, daß die Gefangenen mit dem König verwandt seien. Da wurden sie um des Königs willen freigelassen und durften nach Camelot zurückkehren. Nur einen Vorbehalt machten sie: Gawain mußte zur Strafe die er schlagene Schloßfrau über den Sattel legen und mitnehmen. Und ihr abgeschlagenes Haupt mußte er an den blonden Haaren um seinen Hals hängen. So ritten die zwei Brüder traurig den weiten Weg durch den Wald, den sie vor zwei Tagen gekommen waren, wieder zurück. Unterdessen war Sir Lamorack Sir Abelleus und der Bracke nach geritten. Er war noch nicht weit gekommen, als sich ihm ein Zwerg in den Weg stellte und seinem Pferd mit einem Stab einen solchen Schlag in die Flanke versetzte, daß das arme Tier erschreckt den Kopf herumwarf und unter lautem Gewieher eine ganze Speerlänge weit rückwärts sprang und Lamorack einige Mühe hatte, es wieder unter Kontrolle zu bringen. »Warum habt Ihr mein Pferd geschlagen?« fragte Lamorack. »Damit Ihr hier nicht vorbeireitet, bevor Ihr mit den Rittern dort drüben in jenem Zelt getjostet habt«, sagte der Zwerg. Erst jetzt bemerkte Sir Lamorack, daß hinter den Bäumen neben dem Weg zwei Zelte standen und neben jedem Zelt ein gesatteltes Pferd; und neben jedem Pferd lag ein buntbemalter Schild mit einem Speer. »Ich habe keine Zeit für einen solchen Turnierkampf«, sagte Lamo rack. »Denn ich reite in einer Sache, die keinen Aufschub duldet.« »Trotzdem sollt Ihr hier nicht vorbeireiten«, sagte der Zwerg, führte das Horn, das ihm an einer Silberschnur von der Schulter hing, an den Mund und blies so kräftig hinein, daß es durch den ganzen Wald schallte. Aus dem ersten Zelt trat ein voll gerüsteter Ritter, der auf das war tende Pferd sprang, den Speer senkte und mit eingelegter Lanze auf Lamorack losstürzte. Lamorack wendete das Pferd, um den Angriff abzuwehren, und konnte dem Ritter mit dem Speer einen solchen Stoß 52
versetzen, daß er in hohem Bogen aus dem Sattel flog. Und bevor er sich wieder erhoben hatte, trat ein zweiter Ritter aus dem ändern Zelt, und Lamorack bereitete ihm denselben Empfang. Dann stieg er vom Pferd und beugte sich über die beiden Ritter, die ausgestreckt auf dem Torfboden lagen. »Fleht ihr um Gnade?«
»Wir flehen um Gnade«, hauchten sie mit letztem Atem.
»Dann werde ich Gnade walten lassen. Wie heißt ihr?«
»Ich bin Sir Felot von Landluck«, sagte der eine.
»Ich bin Sir Petipace von Winchelsea«, sagte der andere.
»Dann, Sir Felot und Sir Petipace, steht nun auf, besteigt Eure Pfer
de, reitet zu König Artus' Hof und sagt ihm, der Ritter, der auf der Su che nach der weißen Bracke ist, habe Euch geschickt. Gott behüte Euch und mich selbst.« Und als die Ritter fort waren und geschworen hatten, seinem Auf trag zu gehorchen, wollte Sir Lamorack aufs Pferd steigen und eben falls fortreiten. Da trat der Zwerg, der die ganze Zeit dabeigestanden und allem zugesehen hatte, zu ihm und sagte: »Herr, gewährt mir eine Bitte.«
»Wonach verlangt Ihr?« fragte Lamorack.
»Ich bitte Euch nur darum, in Eure Dienste treten zu dürfen, denn
ich möchte nicht mehr solchen kümmerlichen Rittern dienen. Wenn ich aber Euer Mann wäre, dann könnte ich Euc h sagen, wohin der Rit ter mit der weißen Bracke geritten ist.« »Dann sucht Euch ein Pferd aus«, sagte Lamorack und ließ seinen Blick über die Stuten schweifen, die frei unter den Bäumen standen, »und begleitet mich.« So ritten sie zusammen durch den frühsommer lichen Wald. Gegen Abend kamen sie wieder zu zwei Zelten, die am Wege auf gestellt waren. Neben dem einen Zelteingang stand ein milchweißer Schild und neben dem zweiten Eingang einer, der rot war wie Mohn. Sir Lamorack stieg vom Pferd, gab dem Zwerg die Zügel in die Hand, schritt zum Zelt mit dem weißen Schild und schaute hinein. 53
Und er sah drei junge Frauen, die schliefen. Dann ging er zum Zelt mit dem roten Schild, und als er eingetreten war, erblickte er eine schlafende Dame und zu ihren Füßen die weiße Bracke. Die Bracke begann sofort zu bellen und weckte die Dame auf, und schon kamen auch ihre Zofen herbeigeeilt. Und Lamorack fing die Bracke, die ihn ansprang, in der Luft auf, trug sie aus dem Zelt und übergab sie dem Zwerg, der draußen gewartet hatte. Und dann kamen auch die Dame und ihre Dienerinnen aus dem Zelt heraus. »Herr Ritter«, rief die Frau, »warum nehmt Ihr mir meine Bracke weg?« »Weil mir Artus aufgetragen hat, sie aufzuspüren und für eine ande re Dame, die behauptet, der Hund gehöre ihr, zurückzubringen.« »Das lügt sie, diese Frau! Das ist eine unritterliche Tat, und Ihr werdet nicht weit kommen, ohne dafür büßen zu müssen.« »Dann werde ich eben die üblen Folgen, die mir daraus entstehen könnten, so gut ich kann, auf mich nehmen«, sagte Lamorack. »Aber, hohe Frau, die Bracke muß ich haben.« Und mit diesen Worten stieg er aufs Pferd und ritt mit dem Zwerg nach Camelot zurück. Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie heftige Hufschläge hinter sich hörten, und dann tauchte Sir Abelleus neben ihnen auf. »Herr Ritter«, rief er, »gebt mir die Bracke zurück, die Ihr meiner Frau gestohlen habt!« »Niemals! Nein, wenn Ihr sie haben wollt, müßt Ihr um sie tjosten.« Da legten sie die Speere ein und kämpften miteinander, zuerst zu Pferd, und als sie sich aus den Sätteln gehoben hatten, zu Fuß, bis Sir Lamorack die Oberhand gewann und Abelleus zu seinen Füßen lag. »Gebt nun auf und bittet um Gnade!« verlangte Lamorack. Doch der andere Ritter schrie: »Niemals, solange noch Leben in mir ist!« Und wieder vernahmen sie die Hufschläge eines herangaloppieren den Pferdes, und auf einem grauen Zelter kam eine Dame zwischen den Bäumen hervorgeritten und rief Sir Lamorack zu: »Edler Ritter, um des Königs Liebe willen, gewährt mir, worum ich Euch bitte.« 54
»Sprecht«, sagte Lamorack, während die Spitze seines Speeres im mer noch die Kehle von Sir Abelleus bedrohte. »Wenn ich kann, wer de ich Eure Bitte erfüllen.« »Dann gebt mir den Kopf von Sir Abelleus, denn er ist der schlimmste Mensch auf Erden und der allergrausamste Mörder!« Das betrübte Lamorack sehr. »Das war ein vorschnelles Verspre chen, das ich lieber nicht gegeben hätte«, sagte er. »Könnte er nicht Buße tun für das Unrecht, das er Euch angetan hat, und so Eure Gnade wiederfinden?« »Niemals!« schrie die Frau. »Denn er erschlug vor meinen eigenen Augen meinen Bruder, obwohl ich eine Stunde lang im Dreck gekniet und um Gnade gebeten hatte. Und das tat er nur, weil mein Bruder ihn in einem Turnier besiegt hatte.« Als Abelleus diese Worte gehört hatte, gab er nach und flehte um Gnade. »Dazu ist es nun zu spät«, sagte Lamorack. »Vorher wollte ich Gnade walten lassen, aber Ihr habt es abgelehnt.« Und er bückte sich, um Abelleus den Helm abzunehmen. Doch Abelleus wand sich zur Seite, sprang auf die Füße und ergriff die Fluc ht, und Lamorack rannte hinter ihm her und holte ihn zwischen den Bäumen ein und schlug ihm den Kopf ab. Nachdem er das Schwert mit einem Büschel Gras gereinigt hatte, kehrte er wieder zu dem Zwerg und zu der Dame auf dem Zelter zu rück. Da sagte sie freund lich zu ihm: »Herr, ich danke Euch. Doch jetzt seid Ihr sicher müde; begleitet mich zu meinem Haus, das ganz in der Nähe liegt, und eßt und schlaft bei mir. Morgen könnt Ihr dann nach Camelot zurückkehren.« Da begleitete sie Sir Lamorack, und er und der Zwerg wurden im Hause der Dame von ihr und ihrem Gemahl, einem alten Ritter, herz lich aufgenommen und bewirtet. Und die beiden Gastgeber dankten Lamorack dafür, daß er den Bruder der Frau gerächt hatte. Und sie beteuerten immer wieder, daß er in ihrem Hause jederzeit willkommen sei. 55
König Pellinore ritt abermals in anderer Richtung in den Wald hin ein, und als er nach einer Weile in ein sanftes Tal kam, fand er eine Quelle, die unter bemoosten Steinen hervorsprudelte. Neben der Que l le saß eine junge Frau, und in ihren Armen lag ein verwundeter Ritter. Als sie Sir Pellinore erblickte, rief sie ihm zu: »Helft mir, Herr Ritter! Um Christi barmherziger Liebe willen, helft mir!« Doch Pellinore hörte nur schlecht unter seinem Helm, und zu stark lockte ihn das Ziel seines Abenteuers, als daß er angehalten hätte. Und so gab er auch nicht acht auf die Worte, die ihm die Frau nachrief: »Gott möge Euch einmal ebenso hilfsbedürftig machen, wie ich es bin, bevor Ihr sterben müßt!« Pellinore ritt tiefer in das Tal hinein. Da vernahm er plötzlich Kampflärm, und als er auf eine Lichtung zwischen den Bäumen kam, sah er zwei Ritter wütend mit den Schwertern kämpfen. Der eine trug einen rabenschwarzen Harnisch, während der andere von Kopf bis Fuß in einer elfengrünen Rüstung steckte. Und in einiger Entfernung von den Rittern sah er die junge Frau, nach der er suchte, zwischen zwei Knappen wie eine Gefangene auf ihrem weißen Zelter sitzen. Er ritt zu ihr hinüber, hielt das Pferd vor ihr an und sagte: »Edle Frau, ich habe Euch auf allen Pfaden des Waldes gesucht. Nun müßt Ihr mit mir zu König Artus' Hof zurückkehren.« »Das würde ich gerne, wenn es sein könnte«, sagte die Frau, »denn es geschah keineswegs auf meinen eigenen Wunsch, daß mich der schwarze Ritter dort drüben aus dem Königs saal geschleppt hat.« Doch einer der Knappen unterbrach sie und sagte: »Die beiden Rit ter kämpfen um diese Frau. Geht zu ihnen und erbittet ihre Erlaubnis, und wenn Ihr sie von beiden erhaltet, dann mögt Ihr die Frau getrost zum Hofe mitnehmen.« Da ritt Pellinore direkt zwischen die beiden Kämpfenden und zwang sie innezuhalten und fragte: »Warum kämpft Ihr um diese Frau?« »Ich kämpfe, um sie aus den Händen dieses stinkenden Ritters zu befreien, der sie gewaltsam entführt hatte, denn sie ist Frau Nunue und ist mit mir ferne verwandt«, sagte der grüne Ritter. 56
»Ich kämpfe um mein Eigentum!« fluchte der Ritter in der schwar zen Rüstung. »Denn ich habe sie heute mit eigener Kraft und eigener Kühnheit aus Artus' Hof getragen!« »Ihr lügt!« sagte Pellinore. »Denn Ihr kamt in voller Rüstung, als wir friedlich und ungerüstet beim hohen Mahle saßen, und bevor ir gendein Ritter zu den Waffen greifen konnte, hattet Ihr sie schon da vongetragen! Deshalb habe ich mich auf Artus' Befehl auf die Suche gemacht, und nun werde ich sie mitnehmen, es sei denn, Ihr besiegtet mich.« Da richtete der schwarze Ritter sein Schwert auf Pellinores Pferd, stieß es dem Tier mitten ins Herz und lachte. »Dann kämpft um sie, aber zu Fuß wie wir beide.« Pellinore sprang auf den Boden, während sein Pferd unter ihm zu sammenbrach, riß das Schwert aus der Scheide und brüllte: »Das wer de ich! Und nicht nur für die Dame, sondern auch für mein armes Pferd!« Und als sich der schwarze Ritter auf ihn stürzte, hob er das Schwert und ließ es so schnell und mit solcher Wucht niedersausen, daß man es pfeifen hörte. Und das Schwert durchschlug Helm und Kettenpanzer und spaltete den Schädel des Mannes vom Scheitel bis zum Kinn, so daß er auf der Stelle tot auf die zertretene Erde fiel. Da wandte sich Pellinore dem zweiten Ritter zu. Dieser aber blickte nur müde von seinen Wunden auf und schüttelte den Kopf. »Was? Wollt Ihr nicht um sie kämpfen?« fragte Pellinore. »Nein, das ist nicht nötig. Von Euren Händen hat sie nichts zu be fürchten. Bringt sie zum Hof zurück, wie Euch befohlen wurde.« »Das werde ich tun«, sagte Pellinore, »und zwar auf dem Roß die ses toten Ritters.« »Nein, bleibt lieber die Nacht über bei mir. Morgen früh werde ich Euch ein besseres Pferd geben.« So kehrten Sir Pellinore und Frau Nimue mit dem Ritter in dessen Hause ein, und nachdem sie gemeinsam das Abendbrot eingenommen hatten, legten sie sich zu Bett. Am anderen Morgen wurde für Pellino re ein großes, schönes Schlachtroß geholt, und dann stieg er neben der Frau, die schon auf ihrem weißen Zelter saß, in den Sattel. 57
»Sagt mir Euren Namen, bevor Ihr mit meiner Verwandten fortrei tet«, bat der grüne Ritter. »Ich bin König Pellinore von Wales und ein Ritter der Tafelrunde. Nun ist es aber nur billig, daß Ihr mir auch Euren Namen nennt.« »Ich bin Sir Meliot von Logure.« »Falls Ihr je nach Camelot kommt, seid Ihr herzlich willkommen«, sagte König Pellinore. Und dann ritt er mit der Dame davon. Doch als er wieder zur Quelle kam, wo ihn die junge Frau um Hilfe angefleht hatte, fand er den verwundeten Ritter tot auf der Erde liegen, und neben ihm lag mit dem Kopf auf seiner reglosen Brust die Frau, und ihr helles Haar war ganz über ihn ausgebreitet, und tief in ihrem Herzen steckte der Dolch, den sie aus seinem Gurt genommen hatte. Bei diesem Anblick floß der ganze Stolz über den Erfolg seiner Su che aus ihm heraus wie Wein aus einem rissigen Becher. »Sie rief mich um Hilfe an«, sagte Pellinore, »doch ich war zu be schäftigt mit meiner eigenen Suche, um anzuhalten und ihr zu helfen.« »Und nun könnt Ihr ihr und ihrem toten Geliebten keinen anderen Dienst erweisen, als für ein ihnen gebührendes Begräbnis zu sorgen«, sagte Frau Nimue. »Nicht weit von hier wohnt ein Einsiedler. Bringt ihre Leichen zu ihm und bittet ihn, sie zu bestatten.« Pellinore stieg vom Pferd und legte den Ritter quer über den Sattel. Dann nahm er die Frau auf seine Arme und brachte beide zum Ein siedler und bat diesen, für das Begräbnis zu sorgen und als Lohn für seine Mühe den Harnisch des Ritters zu behalten. Danach ritt er mit der Dame nach Camelot weiter. Und unterwegs sagte er: »Sie war nicht schwer zu tragen«, und ritt mit gesenktem Kopf weiter. Dann stieß Sir Lamorack mit dem Zwerg und der Bracke zu ihnen, und später auch Sir Gawain, der mit trauriger Miene dahergeritten kam, denn quer über seinem Sattel lag der enthauptete Leib der von ihm erschlagenen Frau. Am Abend des Tages seiner Hochzeit und des Erscheinens des wei ßen Hirsches ergingen sich Artus und Merlin zusammen auf dem Schloßwall. Sie blickten über die Dächer der Stadt auf die bewässer 58
ten Wiesen und die glänzenden Schleifen des Flusses hinunter und weiter hinaus auf die Wälder, die sich in der Ferne im blauen Dunst der Sommerhitze aufzulösen schienen. »Bald, sehr bald werde ich dich verlassen«, sagte Merlin. Und Artus kehrte den fernen Wäldern den Rücken und schaute Mer lin verwundert an. »Merlin, warum denn?« »Weil die Zeit gekommen ist. Ich habe dir oft genug gesagt, daß die Zeit einmal kommen werde.« »Aber noch nicht jetzt! Ach, Merlin, was soll ich denn ohne deine Führung und deinen Rat tun? Was soll ich denn ohne dich tun?« »Wenn ich dich gut unterrichtet habe und wenn du gut gelernt hast, wirst du ohne mich auskommen.« »Aber du bist doch gar nicht alt«, sagte Artus, denn er hatte Merlin von der Seite betrachtet und sah, daß er so groß und aufrecht wie je war und seine Augen wie immer leuchteten; nur das dunkle Haar hatte da und dort aschfarbene Streifen bekommen. »Meine Art wird nicht alt, gemessen an den Jahren, die verstrei chen; sie wird nicht alt, so wie du es dir vorstellst. Aber ich bin müde und muß mit meinem Leben sparsam umgehen, und nun freue ich mich auf eine Ruhepause. Aber zuvor muß ich noch etwas erledigen. Während vieler Jahre habe ich dein Schicksal und früher das Schicksal deines Vaters geteilt. Aber nun muß ich me inem eigenen Schicksal folgen.« Artus sagte: »So sage mir wenigstens, was du noch vorhast.« »Die Frau, die gestern hinter dem weißen Hirsch in den Saal ritt und dann vom Ritter in der schwarzen Rüstung fortgeschleppt wurde: hast du sie nicht erkannt?« »Wie könnte ich denn?« sagte Artus. »Ich habe sie noch niemals gesehen.« »Es war Nimue, die Frau vom See, die dir dein Schwert gab.« Mer lin sah die Verwunderung auf Artus' Gesicht und lächelte. »Sie gehört zum Alten Volk und besitzt Verwandlungsfähigkeiten, die sogar mei ne eigenen übersteigen, denn ich bin zur Hälfte sterblich. Doch auch 59
ich bin ja oft zu dir gekommen in Gestalt eines alten Bettlers oder als Kind, das Brombeeren sammelt, ohne daß du mich erkannt hättest.« »Aber was hat sie denn mit dir zu tun?« »Ihr gehört meine Liebe«, sagte Merlin schlicht, »alle Liebe, die nicht schon dir gehört. Schon lange hat sie meine Liebe. Nun werde ich sie eine Weile begleiten und ihr all meine Weisheit und all meine Kunst offenbaren, denn sie soll mich ersetzen und dir dienen, wenn ich einmal dazu nicht mehr in der Lage sein werde. Und wenn sie alle meine Kräfte aufgenommen hat, wird sie mich mit einem meiner ei genen Zaubersprüche in tiefen Schlaf versenken… In einen ruhigen, langen Schlaf, in einer Höhle unter den Wur zeln eines ganz bestimm ten Weißdornbusches…« »Dann ist sie ja böse!« rief Artus entsetzt. »Böse, obwohl sie es war, die mir Excalibur gab! Und mit Excalibur werde ich sie töten, bevor sie dazu kommt, dir das anzutun!« »Nein, sie ist nicht böse«, sagte Merlin und schaute über die Wälder in das ferne, dunstige Blau. »Sie gehört zum Geschlecht der Erhabe nen, habe ich dir das nicht oft gesagt? Die Erhabenen Wesen sind we der gut noch böse, ebensowenig wie der Regen gut oder böse ist, der bald den Hafer zum Schwellen bringt und bald das ganze Feld verwü stet. Die Erhabenen sind einfach.« »Aber dennoch – bei deiner Macht, du kannst doch diesem Schick sal sicher irgendwie entgehen?« rief Artus ganz verzweifelt. »O ja; und dann würde ich bei dir bleiben – und meine Kräfte wür den langsam versagen. Aber das hieße, von der mir vorgezeichneten Bahn abzuweichen. Sie ist mein Schicksal, und in gewisser Weise ist sie auch das deine… Bald wird sie mit Pellinore zurückkehren, und wenn sie den Hof wieder verläßt, werde ich mit ihr gehen.« »So bald?« fragte Artus. »So bald«, sagte Merlin. Artus schwieg eine Weile und schaute den Schwalben zu, die wie Sicheln die Luft über den Burgzinnen durchschnitten. Dann sagte er: »Dieser Schlaf – wird er ewig währen?« 60
»Nein, nicht ewig. Wir werden beide wiederkehren, du und ich, wenn die Zeit und die Not uns dereinst rufen.« Artus schaute immer noch den Schwalben zu. Er fühlte die Wärme der Abendsonne auf dem Gesicht, und Cabals Schnauze liebkoste sei ne Handfläche, und er dachte an Ginevras Gesicht und an die Gesic h ter der Männer, die seine Freunde waren. »Wie werden sie aussehen, die Menschen, zu denen wir zurückkehren werden? Wie wird die Welt dann aussehen?« flüsterte er plötzlich voller Angst. Doch bevor Merlin antworten konnte, löste sich eine Gruppe von Reitern vom Waldrand und bewegte sich auf die Schloßbrücke zu. Und Merlin erkannte Sir Gawain und Sir Lamorack und Sir Pellinore; und daß Gawain etwas auf dem Sattel hatte, was einem Frauenkörper glich, und Lamorack von einem berittenen Zwerg mit einer weißen Bracke an einer langen Leine begleitet wurde, und neben König Pelli nore bemerkte er eine Frau auf einem Zelter, der so weiß war wie die Blüte eines Weißdornbuschs… An diesem Abend forderte Artus die Zurückgekehrten auf, noch be vor sich die übrigen Ritter zur Tafel setzten, von ihren Abenteuern zu berichten. Auch die Königin und ihre Zofen waren herbeigekommen, um zuzuhören, und nachdem die drei Männer alles erzählt hatten, sag te Ginevra: »Oh, Pellinore, eine traurige Geschichte erzählt Ihr da, denn obwohl Ihr ans Ziel Eurer Suche gelangtet, starb der verwundete Ritter neben der Quelle und ebenso seine Dame, die ihn so sehr liebte, daß sie ohne ihn nicht mehr leben konnte. Denn beide wären vielleicht am Leben geblieben, wenn Ihr auf den Hilferuf geachtet hättet.« »Wahrhaftig, so sehr war ich in meinen eigenen Absichten ver strickt, daß ich an gar nichts anderes mehr denken konnte«, sagte Pel linore. »Darüber werde ich bis ans Ende meiner Tage trauern.« »Wenn das wahr ist, werdet Ihr wohl nie me hr an jemandem vor überreiten, der Eure Hilfe braucht«, sagte der König. »Nun nehmt Eu ren Platz an der Tafelrunde ein – zusammen mit Eurem Sohn Lamo rack, denn auch er hat sich seinen Platz unter meinen Rittern wohl verdient.« Dann wandte sich Artus zu Gawain und sagte: »Und Ihr? Glaubt Ihr, daß Ihr es ebenfalls verdient, Euch zu meinen Rittern zu 61
setzen? Ihr, um dessen Hals das abgetrennte Haupt einer Dame hängt?« Gawain, der seine Geschichte als letzter erzählt hatte, stand vor dem König und wurde zuerst fa hlweiß im Gesicht, dann errötete er bis zu den Wurzeln seiner rötlichen Haare, und dann wurde er wieder krei debleich. »Ich weiß nicht. Ich weiß nur, daß ich schwören will, in Zu kunft mehr Barmherzigkeit zu zeigen und um der Erschlagenen willen für alle Frauen zu kämpfen, die meiner Hilfe bedürfen, und wahrhaftig und in aller Ehre ihr Ritter zu sein.« Artus und Gawain schauten sich in die Augen; sie waren ja gute Freunde und beinahe gleich alt. Dann begann Artus zu lächeln. Noch stärker als sonst fühlte er, nach dem Gespräch, das er mit Merlin auf dem Burgwall gehabt hatte, wie sehr er seine Freunde brauchte. »Euer Name steht immer noch in Goldbuchstaben auf der Rückenlehne Eu res Sitzes. Seht Ihr? Nun kommt und nehmt Platz. Und denkt an den Schwur, den Ihr ge leistet habt.« Artus schaute zu Merlin hinüber, wie um ihn stumm zu fragen, ob er mit den drei Rittern richtig verfahren sei; er wußte ja, daß er Merlin in Zukunft nie mehr würde um Rat fragen können. Und Merlin antwortete mit einem leisen Lächeln. So also fand die Suche nach dem weißen Hirsch und nach der Brak ke und nach der jungen Frau, die in Wahrheit Frau Nimue war, ihr Ende. Und an diesem Abend nahm Artus die Gelöbnisse aller Ritter der Tafelrunde entgegen. Feierlich schworen sie, stets das Recht zu ver teidigen, allen Frauen in ritterlicher Art zu dienen und sie zu beschüt zen und allen Menschen gegenüber gerecht zu handeln. Außerdem gelobten die Ritter, immer für das Wohl des Britannischen Reiches und für die Ehre des Reiches von Logres zu kämpfen, das innerhalb Britanniens lebte wie die Flamme in der Lampe. Und schließlich schworen sie, sich selbst und einander und Gott stets die Treue zu ha l ten. Und nachdem Artus die Schwüre entgegengenommen hatte und man schon das Festmahl bereitete, trat Merlin zum König und legte ihm einen Augenblick den Arm auf die Schulter. Und als der junge 62
Regent fühlte, daß es eine Abschiedsberührung war und Merlin an schaute, sprach dieser: »Vergiß nie, was ich dich gelehrt habe.« Und dann wandte er sich zum Gehen und schritt durch den großen, von Fackeln erleuchteten Saal und verschwand im Dunkel der Nacht. Und zur gleichen Zeit erhob sich auch Frau Nimue und verließ die Zofen der Königin und begleitete Merlin aus dem Palast. Und nun waren die Plätze, auf denen die beiden gesessen hatten, leer.
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5 Das Schiff, der Mantel und der Weißdornbusch Da brach Merlin zusammen mit Nimue zu seiner letzten Wanderung auf, und immer, wenn er unterwegs müde wurde, bettete sie seinen Kopf auf ihren Schoß und sang ihn mit Liedern vom Alten Volk in den Schlaf. Und wenn er nach einer Weile erwachte, fühlte er sich wieder jung und frisch. Und immer wieder zeigte er ihr unterwegs – für jeden kleinen Beweis ihrer Liebe – etwas von seiner magischen Kunst, so daß ihre eigenen magischen Kräfte von Tag zu Tag zuna h men. So fuhren sie schließlich über das Meer und kamen ins Reich des Königs Ban von Benwick, der Artus einst geholfen hatte, als er von König Claudas angegriffen wurde, und später Seite an Seite mit ihm in der Schlacht von Bedegraine kämpfte. Nun hatte König Ban einen Sohn, der sich in seinem siebzehnten Sommer befand und sich auf den Ritterstand vorbereitete. Ihn hatte Nimue, als er noch ein Kind war 64
und das Reich durch Claudas arg bedrängt wurde, einst der Mutter weggenommen, um ihn in dem Palast der Erhabenen Wesen mitten im See aufzuziehen, bis die Gefahr vorüber wäre. Und zwar hatte sie das auf Merlins Rat hin getan. Denn Merlin wußte, daß aus diesem Kna ben einst der größte unter Artus' Rittern und der beste aller Ritter der ganzen Christenhe it werden sollte. Doch von alldem wußte der Junge nichts mehr, denn kein Sterbli cher, der einmal in den Hohlen Hügeln gewesen ist, kann sich später an diese Zeit zurückerinnern. Er würde sich sonst sein Leben lang in furchtbarer Sehnsucht verzehren, den Weg dorthin zurückzufinden. So kam Merlin also zusammen mit Nimue zum Palast König Bans. Er sprach mit dem König und mit der Königin Elaine und bat die bei den, ihren Sohn Lancelot sehen zu dürfen. »Was habt Ihr mit Lancelot vor?« fragte die Königin, die seit jenem ersten Male stets fürchtete, ihn noch einmal zu verlieren. »Er ist ja erst ein Knappe.« »Er soll etwas Größeres werden«, sagte Merlin. »Ich weiß gewisse Dinge von ihm, die mich nötigen, ihn jetzt zu sehen und mit ihm zu sprechen.« »Was für Dinge?« fragte der König. »Ich weiß, daß er auf den Namen Galahad getauft wurde«, sagte Merlin, »noch bevor er den Namen Lancelot erhielt. Ich weiß, daß Ihr eine Zeitlang befürchtetet, ihn zu verlieren. Doch seid unbesorgt, ich bin nicht gekommen, ihn Euch wieder wegzunehmen – jedenfalls nicht in der Art, wie Ihr befürchtet.« Da ließ der König, wenn auch mit einigem Widerstreben, seinen Sohn holen. Lancelot war gerade damit beschäftigt, einen jungen Falken abzu richten. Sein Lebtag lang hatte er mehr Freude daran, einen Falken ausfliegen zu lassen, den er selbst abgerichtet hatte, als einen, bei dem das ein anderer besorgt hatte, und wenn es ein noch so guter Züchter war. Wer einen Falken abrichten will, muß das Tier drei Tage und drei Nächte lang mit sich herumtragen, wo immer er hingeht, und beide dürfen kein Auge zutun. Wenn diese Feuerprobe glücklich überstan 65
den ist, hat sich ein so starkes Band zwischen Mensch und Vogel ge bildet, wie es niemals entstehen kann, wenn ein anderer die Dressur übernimmt. Nun hatten Lancelot und ›Sternschlag‹ gerade die zweite Nacht hin ter sich, als er von seinem Vater gerufen wurde. Lancelot wußte, daß er wieder ganz von vorne beginnen müßte, wenn er nun abbrechen würde, ja vielleicht wäre der Vogel auch für immer verdorben. Und so trug er den Falken noch immer auf der behandschuhten Faust, als er in den Saal seines Vaters und vor den fremden, schwarzhaarigen Mann und die ihn begleitende Frau trat. Als er die beiden und besonders die Frau genauer betrachtete, war ihm plötzlich, als ob er sie schon früher irgendwo gesehen hätte. Und in seinem Innern bildete sich für einen kurzen Augenblick eine Art Nebel, wie der Nebel, der über das Wasser eines Sees streicht, und in diesem Nebel stiegen undeutliche Erinnerungsbilder auf, die sich aber sogleich wieder auflösten, noch ehe er sie fassen konnte. Und Merlin richtete einen eindringlichen Blick auf Lancelot, und dessen Zukunft begann sich seinem inneren Auge zu erschließen. Lancelot war ein sehr häßlicher junger Mensch; selbst wenn er aus geruht war, war er häßlich. Das Gesicht unter dem dicken, bogenför migen schwarzen Haaransatz wirkte, wie wenn es jemand zusammen gesetzt hätte, dem es nicht darauf ankam, daß die beiden Hälften zu sammenpaßten. Die eine Mundhälfte war gerade, während sich die andere lustig nach oben wandte. Die eine der dicken schwarzen Brau en war flach wie ein Falkenflügel, während die andere in wildem Zickzack verlief wie das zerrissene Ohr eines Bastards. Bald schaute man in das Gesicht eines Kämpfers, bald in das eines verliebten jun gen Mannes, und die Hand, die nicht im großen Lederhandschuh steckte, sah aus wie die eines Schwertkämpfers. Und obwohl Merlins Herz ob Lancelots freud- und leidvollem Geschick, das ihm viel nä herging als irgendeinem anderen Menschen, blutete, erfüllte es sich auch mit einem warmen Stolze, denn es war ein großes Schicksal, dem der Junge gewachsen sein würde.
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Da sprach Merlin zu Lancelots Mutter: »Ah, so habe ich ihn mir vorgestellt. Eines Tages wird er der größte Ritter der ganzen Christen heit sein.« »Werde ich das noch erleben?« fragte die Königin. »Gewiß werdet Ihr das erleben, und noch viele Sommer und Winter dazu. Aber obwohl er in Benwick gerade so berühmt sein wird wie anderswo, wird er nicht bei Euch bleiben.« Und dann sagte er zu Lancelot: »Bevor Ihr achtzehn Jahre werdet, sollt Ihr noch vor dem nächsten Osterfest zu König Artus nach Came lot gehen und ihn bitten, einer der Ritter der Tafelrunde werden zu dürfen.« Lancelot rührte sich nicht, aus Furcht, er könnte den Falken auf der Faust verscheuchen. »Oft und oft hat mir mein Vater von Artus Pen dragon erzählt und wie er Seite an Seite mit ihm in der Schlacht von Bedegraine kämpfte. Und in manchen Winternächten setzten sich die Harfenspieler neben das Feuer und sangen von seinen Taten. Nichts in der Welt würde ich lieber tun als zu ihm gehen und ihn bitten, mich zum Ritter zu machen. Aber warum sollte er mich dessen denn für würdig erachten? Ich bin noch ganz unerprobt.« »Vielleicht wird er es schon der Kämpfe wegen tun, die wir ge meinsam erlebt haben«, sagte König Ban, der bisher ruhig dagesessen und zugesehen hatte. Merlin aber riet: »Sagt ihm, daß Ihr von Merlin gesandt seid und daß dieses die letzte Tat ist, die er verrichten wollte, bevor er sich un ter den Weißdornbusch zur Ruhe legt. Er wird Euc h den Ritterschlag geben und auch Euren Platz an der Tafelrunde.« Und große Freude überstrahlte Lancelots häßliches Gesicht. Merlin erhob sich, um mit Frau Nimue wegzugehen. Doch bevor Nimue mitging, trat sie ganz nahe an Lancelot heran, so nahe, daß es ihm seltsam vorkam, und schaute ihm tief in die Augen, und Lancelot blickte in zwei sanft bewegte, leuchtende Wasser, und wiederum schien sich seine Erinnerung zu verschleiern. Und später mußte er immer wieder daran denken, daß der Falke weder weggeflogen war noch Nimue angegriffen hatte. 67
»Du warst zuerst Galahad und nun bist du Lancelot«, sagte Nimue mit einer Stimme, die ihn an Wellen erinnerte, die Schilfrohre und Seegräser umspielen, »und wenn du zu Artus' Hof gekommen bist und den Ritterschlag erhalten hast, sollst du dich beim dritten Namen ne n nen, den ich dir jetzt geben will: nenne dich fortan Sir Lancelot vom See.« Und als sich der Nebel in seinem Innern wieder aufgelöst hatte, wa ren Merlin und Nimue verschwunden. Und Merlin und Nimue durchwanderten auf ihrem Wege viele Orte und Täler und Wälder, und manchen See überquerten sie, und Merlin brachte ihr unterwegs seine ganze Zauberkunst bei. So kamen sie schließlich nach Cornwall, wo jetzt an Stelle des Herzogs Gorloise von Tintagel König Marke regierte. Und genau zur vorherbestimmten Zeit erreichten sie den Weißdornbusch, der in voller Blüte stand und die Abendluft mit einem süßen Duft erfüllte. Da legte sich Merlin unter den Busch und bettete den Kopf in Ni mues Schoß, und sie löste ihr langes schwarzes Haar, das nun um die beiden eine Art von Vorhang bildete. Und dann begann sie, magische Weisen zu singen. Merlin war es, als hörte er das Summen der wilden Bienen auf den hügeligen heimatlichen Weiden aus der Zeit seiner Jugend herübertönen. Und dann sank er in einen Schlaf, der tiefer und ruhiger war als aller Schlaf der Sterblichen. Und als Nimue bemerkte, daß er sich in tiefem Zauberschlaf befand, erhob sie sich, um einen neuen Zauber zu vollführen, einen Tanzza u ber. Sie zog mit ihren Schritten einen Kreis nach dem ändern um den ganzen Busch. Neunmal umtanzte sie ihn, und während sie tanzte, öffnete sich zwischen den Wurzeln eine Höhle, und das Gras und die Steine und die verschlungenen Wurzeln hoben sich in die Höhe und bildeten ein Dach, bis auch die letzte offene Stelle zugedeckt war. Und nun lag Merlin inmitten der Höhle, und nichts verriet den Ort, wo er lag, als ein Weißdornbusch, der auf einem steinigen Erdwall wuchs. »Ruhe hier, bis es Zeit ist für ein neues Erwachen«, sagte Frau Ni mue, nachdem der Zauber vollbracht war, und ging ihres Wegs. Ungefähr zur selben Zeit ritt Artus durch den Wald im Westen von Camelot in die Berge zur Jagd, zusammen mit Sir Accalon von Galli 68
en und König Uriens, dem Gatten Morgans der Fee. Denn obwohl Merlin Artus oft vor Morgan gewarnt hatte, weil sie eine Hexe sei und ihm schaden wolle, wo sie nur könne, liebte Artus die Gesellschaft seiner Halbschwester und ihres Gatten sehr. Drei Tage lang dauerte die Jagd der drei Männer, und so gelangten sie immer weiter nach Westen. Am dritten Tage erspähten sie einen mächtigen Hirsch und jagten so weit und so schnell hinter ihm her, daß sie dabei ihre Rosse zu Tode ritten. Das kann im Laufe einer hitzigen Verfolgung nur zu leicht geschehen, denn das Herz eines guten Pferdes möchte immer etwas mehr leisten, als es vermag. Es wurde allmählich Abend, und da der Wald keine gute Herberge für unberittene Männer ist, zogen sie weiter, in der Hoffnung, die Hüt te eines Einsiedlers oder eines Kohlenbrenners zu finden. Da lichtete sich der Wald vor ihnen, und sie kamen zum Ufer eines breiten Sees. Und an dem Ufer lag der von ihnen gejagte Hirsch tot da, umringt von den bellenden Jagdhunden. Die Jäger scheuchten die Hunde weg und betrachteten eine Weile stumm das tote Tier. Dann setzte Artus das Jagdhorn an die Lippen und blies in langgehaltenen, traurigen Tönen eine Melodie auf den Tod des Hirschs, und die Echos schwebten durch den schattigen Wald. Und als sie schließlich verhallt waren, machten die Hunde kehrt und jagten den Weg allein zurück. Da tauchte in einer Lücke hinter einer kleinen Landzunge des erle n bewachsenen Ufers ein kleines Schiff auf und bewegte sich rasch und aus eigener Kraft aufs Ufer und die drei Jäger zu, wie ein gut abge richteter Hund, der auf den Pfiff seines Herrn herbeieilt. »Ihr Herren«, sagte Artus, »wir wollen dieses Schiff besteigen, denn es wäre eine traurige Sache, sich von einem Abenteuer abzuwenden, das sich so reizend anbietet.« Während die Männer das Schiff bestiegen, bemerkten sie, daß es sehr schön und mit kostbaren, reich geschmückten Seidenstoffen be hangen war. Doch fanden sie sonst niemanden an Bord. Und sowie sie alle drei an Deck standen, entfernte sich das Schiff wieder vom Ufer, obwohl kein Mensch am Steuerruder saß und niemand die Segel be diente. Und langsam brach die Nacht herein, doch plötzlich flammten zu beiden Seiten des Schiffes hundert Fackeln auf, so daß es vom Bug 69
bis zum Heck in goldenem Glänze erstrahlte. Und aus dem Schiffsin nern stiegen zwölf Frauen herauf, schöner als die Männer je welche erblickt hatten. Und sie begrüßten Artus und seine Gefährten und hie ßen sie freudig willkommen und brachten ihnen solch köstliche Spei sen und solch erlesene und wohlriechende Weine, daß Artus dachte, er habe noch nie ein so reiches und üppiges Mahl vor sich gehabt. In fröhlicher Laune langten die Männer zu, und als sie schließlich satt waren, wurde ein jeder von einer der Frauen in eine Kammer hinun tergeführt, die für sie bereitet war. Und sie legten sich in Betten, so weich, daß sie den Eindruck hatten, auf dicken, übereinandergestapel ten Wolken zu schweben. Und ihre Ohren wurden von süßen Melodi en umsäuselt, und mit den leisen Klängen vermischte sich das Zischen des Wassers, das das Schiff umschäumte. So schlummerten sie ein, und bald fielen sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Als am anderen Morgen König Uriens erwachte, fand er sich in sei nem eigenen Bett zu Hause in Camelot, und er wunderte sich sehr und fragte sich, wie er wohl dorthin gelangt sei. Und als er zu seiner Frau Morgan hinüberschaute, fand er sie noch schlafend, doch auf ihrem Gesicht lag ein leises Lächeln, als wüßte sie um ein Geheimnis, das sie nicht preisgeben wolle. König Artus fand sich am Morgen in einer finsteren und abscheuli chen Grube wieder und vernahm das Stöhnen und die Seufzer vieler anderer Männer. »Wer seid ihr, daß ihr so kummervoll stöhnt und seufzt«, fragte er, sobald er wieder bei vollem Bewußtsein war. »Wir sind zwanzig Ritter und sitzen hier gefangen, manche von uns schon seit sieben Jahren«, antwortete einer der Männer. »Aus welchem Grunde?« fragte Artus. Und ein anderer antwortete: »Sir Damas, der Herr dieses Hauses, ist ein grausamer und ungerechter Tyrann, der seinem jüngeren Bruder Sir Ontzlake seinen Anteil am väterlichen Erbe verweigert. Sir Ont z lake hat schon oft vorgeschlagen, mit seinem Bruder um die Länder, die ihm zustehen, einen Zweikampf zu führen. Doch Sir Damas weiß, daß er ihm weder mit Schwert noch Lanze gewachsen ist und verlangt deshalb, daß die Sache von anderen Kämpfern für ihn ausgetragen 70
wird. Doch kein Ritter, den er gefragt hat, wollte für ihn kämpfen. So begann er allmählich alle Ritter zu hassen, und dafür hat er in den letz ten sieben Jahren alle, die sein Gebiet betraten, gefangengenommen und in diese stinkende Grube geworfen. Schon viele Ritter sind hier elend verendet, und uns, die wir noch übrig sind, erwartet dasselbe Schicksal, wenn nicht bald Hilfe kommt.« Noch während der Mann sprach, kam eine Frau die finstere Treppe herunter, mit einer Lampe in der Hand, denn nur wenig Tageslicht drang in den Kerker. Und sie sagte zu Artus: »Edler Herr, wie steht's mit Euch?« »Das kann ich kaum sagen«, sagte Artus, »auch weiß ich nicht, wie ich an diesen Ort gelangt bin.« »Es kommt nicht darauf an, wie Ihr hierhergekommen seid«, ant wortete die Frau, »aber wenn Ihr befreit werden wollt, müßt Ihr für meinen Vater in den Kampf treten und Euch dem Manne entgegenstel len, den sein Bruder heute hierherschickt. Der Sieger wird Herr all dieser Länder werden.« Artus schwieg. Noch nie hatte er in einer ungerechten Sache ge kämpft. Doch er war noch jung und hatte heißes, frisches Blut in den Adern, und dann dachte er an ein Leben in diesem finsteren Loch, fernab vom Licht der Sonne, und an die Gesichter seiner Freunde und daran, wie herrlich es war, ein Pferd unter sich zu spüren. Und dann dachte er auch an das Schicksal der zwanzig Männer, die mit ihm im Verlies waren. »Ich werde für Euren Vater kämpfen«, sagte er schließlich, »falls Ihr mir schwört, daß ich zusammen mit diesen zwanzig Rittern freige lassen werde, gleichgültig, ob ich gewinne oder verliere.« »Das verspreche ich Euch«, sagte die Frau. »Dann bin ich zum Kampfe bereit; nur daß mir dazu noch Roß und Rüstung fehlen.« »Roß und Rüstung werdet Ihr bekommen, und zwar die besten im ganzen Lande.«
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Als Artus ihr Gesic ht im Schein der nach oben leuchtenden Lampe betrachtete, glaubte er, die Frau schon einmal gesehen zu haben. »Wart Ihr je an König Artus' Hof?« fragte er. »Nein, ich bin nur die Tochter von Sir Damas. Ich war noch nie am Hofe«, sagte sie. Damit hatte sie gelogen, denn sie war eine Dienerin von Morgan der Fee. Doch Artus schenkte ihr Glauben, denn er war ein schlichter und vertrauensseliger Mensch. Und die leise warnende Stimme, die er eben in seinem Innern vernommen hatte, verstummte wieder. Und er folgte ihr die Treppe hinauf und trat durch die Tür in das helle Tageslicht hinaus. Zur gleichen Zeit, als Artus in seinem Verlies erwachte, fand sich Sir Accalon von Gallien neben einem tiefen Brunnen im Hofe eines mächtigen Ritterschlosses. So nahe beim Brunnen wachte er auf, daß er sich im Schlafe nur ein bißchen hätte drehen müssen, und er wäre in den Brunnenschacht gestürzt und hätte den Tod gefunden. Als sich Sir Accalon wieder einigermaßen gesammelt hatte, dachte er: ›Nun stehe Gott dem König Artus und König Uriens bei, denn die Mädchen auf dem Schiff waren gewiß düstere Spukgestalten und keine sterblichen Mädchen. Wir haben uns alle von ihnen hinters Licht führen lassen. Und falls ich aus diesem Abenteuer mit heiler Haut davonkomme, werde ich solche Hexen töten, wo immer sie mir begegnen.‹ In diesem Augenblick kam ein sehr häßlicher Zwerg mit einem gro ßen Maul und einer plattgedrückten Nase, die beinahe das ganze Ge sicht ausfüllte, herbei und begrüßte ihn. »Herr Ritter, ich komme zu Euch von Eurer Geliebten, der Königin Morgan der Fee höchst per sönlich.« Nun liebte Accalon Morgan die Fee wirklich über alles in der Welt, denn er hatte keine Ahnung, daß sie genau wie die Mädchen vom Schiff eine Hexe war und bösartigen Spuk trieb. Und sein Herz mach te Sprünge, und er fragte: »Was will denn meine Frau an diesem fremden Ort von mir?« »Sie bittet Euch, um ihretwillen gegen einen Ritter zu kämpfen, den sie aus gutem Grunde haßt, denn er hat ihr einst übel mitgespielt. Da mit Ihr für den Kampf besser gerüstet seid, schickt sie Euch Excalibur, 72
das Schwert des Königs Artus. Und sie läßt Euch bitten, aus Liebe zu ihr bis zum äußersten und ohne Erbarmen zu kämpfen.« Da streckte Accalon die Hand aus und nahm von dem Zwerg das Schwert, das ihm dieser mit beiden Händen entgege nhielt, in Emp fang. Es kam ihm zwar sonderbar vor, daß ihm Morgan statt des eige nen Schwertes dasjenige des Königs schickte. Doch wahrscheinlich hatte sie das nur der starken Kraft wegen getan, die Excalibur inne wohnte. Und Artus, wo immer er sich befinden mochte, konnte es je denfalls nicht schaden, wenn er dieses eine Mal sein Schwert benüt z te; so dachte er, und schon fühlte er von dem Schwert eine solche Kraft ausgehen, als ob es in seinen Händen lebendig würde, und er freute sich sehr darüber. »Kehre nun zu Morgan der Fee zurück und sage ihr, daß ich so tapfer für sie kämpfen werde, wie es sich für einen ehrenhaften Ritter geziemt.« Dann kamen sechs Knappen und führten Sir Accalon in den Schloß saal, und sie setzten ihm Speise und Trank vor, und dann rüsteten sie ihn und setzten ihn auf ein schönes Schlachtroß und führten ihn auf eine flache Wiese hinaus, die genau in der Mitte lag zwischen dem Landsitz von Sir Ontzlake und dem prächtigen Schloß von dessen Bruder. Und gleichzeitig bemühten sich in derselben Weise sechs Knappen um König Artus. Doch gerade als der König in den Sattel steigen wollte, kam ein Mädchen herbeigeeilt und sagte: »Herr, Eurer Schwe ster träumte, Ihr müßtet heute kämpfen, und sie läßt Euch deshalb Eu er Schwert schicken.« Und Artus sah, daß sie Excalibur in den Händen hielt, und er zog das geliehene Schwert, das er sich bereits umgegürtet hatte, wieder aus der Scheide und steckte dafür das eigene hinein. Dann stieg er aufs Pferd und ritt davon, gefolgt von den Knappen und den zwanzig freigelassenen Rittern. Irgendwie wäre es ihm lieber gewesen, nicht seine Halbschwester, sondern Ginevra hätte von dieser Gefahr ge träumt und ihm das Schwert geschickt. Doch keinen Augenblick lang zweifelte er ernstlich daran, daß das Schwert, das er in die Scheide gesteckt hatte, wirklich Excalibur war. 73
So kamen die beiden Kämpfer zur Wiese, um die sich schon ein dichter Ring von Zuschauern gebildet hatte. Beide hielten das Visier geschlossen, und beide trugen Schilde ohne Wappenbild, so daß kei ner den ändern erkennen konnte. Da tjosteten sie so lange miteinander, bis sie sich gegenseitig vom Pferd gestoßen hatten, und dann griffen sie zu den Schwertern. Und sie versetzten einander manchen schweren Schlag, und Accalons Schwert fand immer wieder die schwachen Stel len in Artus Rüstung, so daß er ziemlich viel Blut verlor. Doch der König mochte noch so gezielt und hart zurückschlagen, es schien, daß seine Schwerthiebe dem Gegner kaum irgendwo die Haut ritzten. Da ging Artus plötzlich ein Licht auf: das Schwert in seiner Hand war gar nicht Excalibur. Denn es besaß keinerlei Kampfkraft, und auch die Schwertscheide an seinem Gürtel gab ihm nicht den geringsten Schutz. Und als er sah, daß sich der Boden von seinem eigenen Blut rot und röter färbte und vom Gegner kein Tropfen darauffiel, schwand ihm bald aller Zweifel: sein Gegner hielt Excalibur in der Hand! Aber dennoch blieb ihm nichts anderes übrig, als, so gut es ging, mit dem eigenen Schwert weiterzukämpfen. So focht er unermüdlich, obwohl ihn der Blutverlust immer mehr schwächte. Schließlich trat er ganz erschöpft einen Schritt zurück, um etwas Atem zu schöpfen und sich nach einer Stelle auf dem Kampfplatz umzusehen, die noch nicht durch Blutflecken rutschig war. Doch Sir Accalon sprang ihm nach und schrie: »Nein, Herr Ritter, Eure Ruhepause ist noch nicht ge kommen!« Da wurde Artus von Wut und Verzweiflung gepackt, und mit wan kenden Schritten ging er auf seinen Gegner los und versetzte ihm mit mehr Glück als Verstand einen so heftigen Hieb an die Helmseite, daß Accalon beinahe gestürzt wäre. Doch so kräftig hatte Artus zugeha u en, daß seine Klinge dabei in tausend Stücke sprang. Und zum zwei ten Mal in seinem Leben stand er mit einem wertlosen Knauf in der Hand da. Da ließ Accalon endlich von ihm ab und sagte: »Ihr seid unbewaff net und habt viel Blut verloren, und ich habe keine Lust, Euch zu tö ten. Ergebt Euch nun meinem Erbarmen.«
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»Nein!« schrie Artus. »Das werde ich nicht. Denn ich habe gelobt, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen, und ich will viel lieber hun dertmal ehrenhaft sterben als ehrlos weiterleben! Und wenn Ihr mich jetzt, wo ich keine Waffe mehr habe, erschlagt, so habt Ihr selbst die Schande zu tragen!« »Diese Schande will ich auf mich nehmen«, sagte Accalon und ver setzte ihm wieder einen mächtigen Schlag. Doch Artus konnte ihn mit dem Schild auffangen, und dann ging er von neuem schwankend auf seinen Gegner los und schlug ihm mit solcher Wucht den schweren Schwertknauf ins Visier, daß Accalon drei Schritte zurücktaumelte. Nun befand sich in der bunten Menge, die das Kampffeld säumte, auch eine feine Dame, die erst, als der Kampf schon in vollem Gange war, unbemerkt erschienen war. Frau Nimue, die Artus sein Schwert verliehen und Merlin unter dem Weißdornbusch eingeschläfert hatte, war wahrhaftig etwas spät erschienen, denn die Erhabenen Wesen kümmern sich in der Tat wenig um die Zeit. Aber sie hatte gewußt, daß der junge König an diesem Tage durch seine Halbschwester in eine schlimme Gefahr gebracht worden war, und so war sie gerade noch rechtzeitig erschienen. Und als Sir Accalon das Gleichgewicht wiedergewonnen hatte und eben zum nächsten Schlag ausholen wollte, machte sie mit dem Gras halm, den sie zwischen den Fingern drehte, eine unauffällige, schnelle Bewegung, und das echte Schwert Excalibur schien sich der Hand, die es hielt, wie von selbst zu entwinden und landete zu Artus' Füßen. Artus schleuderte den wertlosen Knauf fort, stürzte sich auf Excali bur und sprang mit dem eigenen Schwert in der Hand in sichere Di stanz zum Gegner. »Zu lange mußte ich dic h entbehren«, rief er, »und schweren Schaden hast du mir zugefügt!« Und als er bemerkte, daß die Scheide immer noch an Accalons Seite hing, warf er seinen Schild weg, stürzte sich auf Accalon, der ihn wachsam beobachtete, packte die Scheide, zerriß Schnallen und Riemen, bis er sie freigezerrt hatte, und warf sie dann weit hinter sich. Dann stürzte er sich noch einmal auf Accalon und versetzte ihm ei nen solchen Schlag auf den Kopf, daß der Ritter auf der Stelle zu 75
sammenbrach und ihm das rote Lebensblut aus Nase, Mund und Oh ren rann. Artus stellte sich mit erhobenem Schwert über ihn. »Nun bin ich an der Reihe, und wenn Ihr Euch nicht meinem Erbarmen ergebt, werde ich Euch erschlagen.« »So erschlagt mich denn«, stöhnte Sir Accalon, »denn ich habe niemals mit einem besseren Ritter gekämpft, und ich spüre, daß Ihr mit Gottes Hilfe kämpft. Doch ich habe geschworen, bis zum äußer sten mit Euch zu kämpfen, und deshalb kann ich nicht um Gnade fle hen.« Da kam Artus diese Stimme zum erstenmal seltsam vertraut vor, denn bis jetzt hatte er ja keine Zeit gehabt, auf sie zu achten. Und er senkte seine Klinge und sagte: »Ihr seid ein tapferer Ritter. Wie ist Euer Name und aus welchem Lande stammt Ihr?« »Ich komme vom Hofe des Königs Artus und bin ein Ritter der Ta felrunde und heiße Sir Accalon von Gallien.« Da wurde Artus von einer entsetzlichen Trauer gepackt, und er mußte an den Spuk der vergangenen Nacht und an das Erwachen am Morgen denken. Schließlich fragte er: »Sir Accalon, wie kamt Ihr denn zu Excalibur?« »Ich erhielt es von Morgan der Fee, die ich schon seit vielen Jahren über alles in der Welt liebe. Heute morgen sandte sie mir das Schwert und ließ mich bitten, um ihretwillen bis zum Äußersten gegen einen Mann zu kämpfen, der mir an diesem Tage begegnen werde.« Und wieder mußte er vor Schmerzen stöhnen. »Aber nun sagt mir, wer Ihr selber seid, daß ich Euch töten sollte?« »Ach, Accalon«, seufzte Artus, »ich bin Euer König.« Da entfuhr Accalon ein kummervoller Schrei, denn mehr als alles andere entsetzte ihn die böse Absicht seiner Geliebten. »Edler, guter Herr, nun flehe ich um Euer Erbarmen, denn wir sind beide verraten worden, und ich habe Euch nicht erkannt.« »Wie hättet Ihr mich denn auch erkennen sollen?« sagte Artus. »Ach, das ist alles meiner Schwester zuzuschreiben. Merlin hat mich ja immer wieder vor ihr gewarnt und mir gesagt, was sie im Innersten 76
für eine Frau sei und was sie vorhabe. Und trotzdem habe ich ihr ge traut und sie gerne an meinem Hofe gesehen. Doch jetzt ist Schluß damit«, sagte Artus mit Tränen in den Augen, »jetzt ist endgültig Schluß.« Da kamen alle Menschen, die zugeschaut hatten, zu Artus, dem großen König, und erflehten ebenfalls Gnade. Und Artus zeigte Er barmen und rief Sir Damas und Sir Ontzlake zu sich. Und er entschied folgendes: Sir Damas mußte seinem Bruder allen Grundbesitz und alle Rittergüter, die ihm als Erbe zustanden, übergeben, doch Sir Ontzlake mußte dafür jedes Jahr mit einem Zelter Tribut zahlen. »Denn das«, sagte Artus verächtlich, »ist ein Roß, das besser zu Euch paßt als ein Schlachtroß, Sir Damas, der Tapfere!« Und außerdem erlegte er Sir Damas auf, den zwanzig Rittern die Waffen und die Rüstung zurück zugeben und sie freizulassen und in Zukunft die Finger zu lassen von Rittern, die ihr Abenteuer suchten. Und Sir Ontzlake bat er, ihn sogleich an den Hof zu begleiten. Und als er erfuhr, daß sich ganz in der Nähe ein Nonnenkloster befand, lud er Sir Accalon auf den Sattel seines Pferdes, setzte sich vor ihn auf das Pferd und brach auf. Sie ruhten sich im Kloster aus und ließen sich die Wunden pflegen. Doch Sir Accalon hatte beim letzten entscheidenden Schlag so viel Blut verloren, daß er am dritten Tage starb. Artus, der sich bald wie der einigermaßen erholt hatte, legte den Leichnam seines Freundes in stummem Zorn auf eine Pferde-Bahre, ließ aus Sir Damas' Schloß sechs Knappen holen und sagte: »Nun bringt das zu meiner Schwe ster, der Königin Morgan der Fee, und sagt ihr, es sei ein Geschenk von mir. Und sagt ihr auch, daß ich wieder im Besitz von Excalibur bin.« Unterdessen dachte Morgan die Fee, die sich in Camelot befand, schon, Artus sei nun tot und ihr alter Traum gehe endlich in Erfüllung. Sie wollte nämlich Sir Accalon von Gallien heiraten und sich zusam men mit ihm auf den britannischen Thron setzen. Und als sie sah, daß König Uriens immer noch schlief, dachte sie kaltblütig: ›Und nun der nächste Schritt!‹ Mit leiser Stimme rief sie nach einer ihrer Dienerin 77
nen. »Geh und hol mir das Schwert des Königs«, befahl sie im Flü sterton. Und das Mädchen blickte sie an und bemerkte das leise Lächeln auf ihrem Gesicht und die dunkel funkelnden Augen und schrie voller Entsetzen auf: »Herrin, nein! Nein, ich bitte Euch! Wenn Ihr Euren Herrn erschlagt, werdet Ihr niemals lebend davonkommen!« »Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen«, sagte die Köni gin. »Lange habe ich gewartet auf diesen Tag und auf diese Stunde. Nun geh und bringe das Schwert.« Doch das Mädchen flüchtete sich zu Sir Uwain, dem Sohn der Kö nigin, der erst vor kurzem ein Ritter der Tafelrunde geworden war, und flehte ihn an: »Kommt schnell zu meiner Herrin, Eurer Mutter, denn sie hat vor, Euren Vater, den König, zu erschlagen, und sie hieß mich, ihr sein Schwert zu bringen, damit sie ihn, noch während er in ihrem Bette schläft, ermorden kann!« »Kehre schnell zurück und tue, was sie dir auftrug«, sagte Uwain. »Um den Rest werde ich mich selbst kümmern.« Das Mädchen kehrte also nach einer kurzen Weile mit dem Schwert zurück und übergab es mit zitternden Fingern der ruhigen Hand ihrer Herrin. Und Morgan die Fee zog langsam das Schwert aus der Scheide und bemerkte nicht, daß Uwain hinter ihrem Rücken in die Kammer getreten war und sich im Schatten der Türvorhänge versteckt hielt. Und drei Atemzüge lang stand sie vor ihrem schlafenden Gatten und überlegte, wo sie am besten hinstechen sollte. Doch als sie schließlich die schwere Klinge hob und zum tödlichen Schlag ausholte, sprang Uwain aus seinem Versteck und packte ihre Schwerthand und ent wand ihr das Schwert. Da drehte sie sich heftig um und schaute ihn an, und Uwain stand keuchend vor ihr und wurde weiß im Gesicht, als hätte er selbst eben den Todesstoß erhalten. »Verräterin!« schrie er. »Was habt Ihr vor? Wärt Ihr nicht meine Mutter, und ich wollte, Gott hätte mir eine andere gegeben, so würde ich Euch mit diesem Schwert jetzt das Herz durchbohren.« »Nein, nicht! Die Höllenfeinde haben mich versucht!« schrie seine Mutter. »Sie haben das alles getan, nicht ich – schaut doch, ich bin schon wieder ganz bei Sinnen. Oh, mein Liebling, erbarmt Euch me i 78
ner, und ich will Euch versprechen, daß ich dem Geflüster der Höllen feinde nie mehr mein Ohr leihen werde.« »Schwört!« sagte Uwain. Und die Königin, die unter seinem erbarmungslosen Blick scha u derte und zitterte, schwor. Und der junge Ritter steckte das Schwert seines Vaters in die Scheide, drehte sich um und verließ die Kammer. Am Abend dieses Tages kamen die sechs Knappen mit dem Leic h nam Sir Accalons und der Botschaft des Königs an. Da brach Morgan der Fee wahrhaftig beinahe das Herz, denn sie hatte Sir Accalon auf ihre Art wirklich geliebt, und nicht nur ihre eit len Hoffnungen auf die britannische Krone lagen nun vor ihr auf der Totenbahre. Doch um sich nicht zu verraten, verbarg sie ihren Kum mer. Auf keinen Fall durfte Artus sie bei seiner Rückkehr noch am Hofe antreffen, denn, das wußte sie wohl, um alles Gold aus den Ho h len Hügeln würde er sie nicht am Leben lassen. Und raffiniert, wie sie war, konnte sie von einem der Ritter erfahren, an welchem Ort sich ihr Bruder ausruhte. Und noch vor Sonnenaufgang ließ sie sich ihr Pferd aus den Ställen bringen und ritt mit einigen wenigen Dienerinnen da von. Den ganzen Tag und tief in die Nacht hinein ritten sie dahin, bis sie am Mittag des folgenden Tages das Kloster erreichten, wo sich Artus so lange aufhalten wollte, bis die Wunden völlig verheilt wären. Morgan erkundigte sich bei der Äbtissin, wo der König sich befin de, und als sie erfuhr, daß er noch schlief, war sie insgeheim froh und sagte: »Dann laßt ihn ruhig schlafen. Ich bin nämlich seine Schwester, und als ich hörte, wie schwer er verwundet wurde, bin ich von weit hergeritten, um ihm Beistand zu leisten. Deshalb werde ich mich eine Weile zu ihm setzen und ihn später vielleicht selbst aufwecken.« Und da sie seine Schwester war, wollten ihr weder die frommen Frauen noch der Ritter, der vor Artus' Kammer Wache stand, die Bitte abschlagen. Und so wurde sie denn eingelassen. ›Erschlagen kann ich ihn nicht‹ sagte sie sich, ›bei all diesen Le u ten, oder höchstens, wenn ich mein eigenes Leben aufs Spiel setze. Doch ich kann ihm wenigstens Excalibur entwenden, und dann habe 79
ich ihn später vielleicht in meiner Gewalt.‹ Doch als sie ans Bett ge treten war, sah sie, daß Artus, obwohl er wirklich schlief, Excalibur fest in seiner Rechten hielt. Da blieb ihr nur noch die letzte ihrer üblen Hoffnungen. Sie sah sich im Räume um und entdeckte auf einer gro ßen, geschnitzten Holztruhe am Fußende des Bettes die Schwertsche i de. Und die geheime Macht dieser Scheide war ihr ebenso bekannt wie Merlin. Und sie nahm die Scheide an sich und versteckte sie zwi schen den Falten ihres Mantels. Das war zwar weniger, als sie erhofft hatte, aber es war besser als gar nichts. Dann setzte sie sich eine Weile ans Bett für den Fall, daß es jema n dem einfallen sollte hereinzuschauen. Dann erhob sie sich wieder und verließ leise die Kammer und sagte den Nonnen, die sie in der Vor kammer fand, der König schlafe einen so holden Schlaf, daß es schade wäre, ihn aufzuwecken. Und sie bestieg ihr Pferd und ritt, gefolgt von den Dienerinnen, davon. Als Artus bald darauf erwachte, bemerkte er mit einem Blick, daß die Schwertscheide weg war. Ganz aufgebracht wollte er wissen, wer ihn denn, während er schlief, besucht habe. Und als er erfuhr, daß Morgan die Fee dagewesen sei, schrie er die Wachen an: »Schlecht habt ihr mich bewacht!« »Herr«, sagte die Äbtissin, »wir wagten es nicht, Eurer eigenen Schwester ihre Bitte zu verweigern.« Da ließ sich Artus Pferd und Rüstung bringen und ließ auch Sir Ontzlake sagen, er solle sich bewaffnen und zu ihm kommen. Der eil te bald herbei, und die beiden Männer verfolgten Morgan die Fee. Nach einer Weile erblickte Artus in weiter Ferne seine Schwester und ihre Dienerinnen und gab dem Pferd die Sporen, um sie einzuho len. Doch als Morgan bemerkte, daß sie von ihrem Bruder verfolgt wurde, flüsterte sie etwas in das Ohr ihres Pferdes, und sogleich schoß es wie ein Märchenroß durch die Luft dahin und zog alle Dienerinnen hinter sich her. Doch Artus und Ontzlake ließen sich nicht so schnell abschütteln, obwohl Morgan in rasender Eile durch die Wälder jagte. Und als sie zuletzt auf das Ufer eines dunklen Sees inmitten der Bä u me zuraste, rief sie, ohne daß jemand sie hören konnte: »Was mich auch immer erwarten mag, mein Bruder soll die Schwertscheide, die 80
ihn beschützt, nie wiedersehen!« – und warf die glänzende Scheide mitten in den See, wo das Wasser am tiefsten war, und sofort wurde sie vom Gewicht des Goldes und der Edelsteine in die Tiefe gezogen. Morgan wußte, wo sie nun Zuflucht finden konnte, und ritt eine Weile in rasender Geschwindigkeit weiter, und sie wäre beinahe von ihren Verfolgern schon eingeholt worden, als sie in ein offenes Tal kam, mit Wiesen, auf denen viele große Steine standen. Da wandte sie in höchster Eile und Not einen Zaubertrick an. Und als der Zauber gewirkt hatte, standen in dem Tal plötzlich sieben große Steine mehr als zuvor, und von Morgan der Fee und ihren Dienerinnen blieb keine Spur. Der König, der sie verfolgte, sah, was geschehen war, konnte aber nicht mehr feststellen, in welche Steine seine Schwester und ihre Die nerinnen verwandelt worden waren, und so dachte er, die Verwand lung sei die Strafe Gottes. Und obwohl er noch immer zornig war, hat te er doch auch Mitleid mit ihnen. Dann suchte er mit Sir Ontzlakes Hilfe das ganze Tal nach der verlorenen Schwertscheide ab. Doch schließlich mußte er aufgeben, und schweren Herzens ritt er davon und empfand nicht einmal ein Siegesgefühl, obwohl er doch ein Recht dazu gehabt hätte. Und nachdem er das Tal wieder verlassen hatte, verwandelte Mor gan sich und die Mädchen wieder in ihre gewohnten Gestalten zurück und sprach: »Nun, meine lieben Frauen, nun können wir uns wenden, wohin wir wollen.« Artus hat seine Scheide nie mehr finden können, und so mußte er sich für Excalibur eine neue machen lassen. Sie war ebenso reich und schön verziert wie die alte, doch wohnte ihr keine besondere Kraft in ne. Und von diesem Tag an verlor auch Artus, wann immer er ver wundet wurde, Blut – genauso wie alle anderen Menschen. Artus und Sir Ontzlake ritten traurig nach Camelot zurück, wo sie von Königin Ginevra und dem ganzen Hof freudig begrüßt wurden. Doch noch am selben Abend, als der König und seine Ritter bei ei nem kräftigen Mahle saßen, betrat ein junges Mädchen den Großen Saal, mit einem Mantel in der Hand, und noch niemand im ganzen Saal hatte jemals einen so wunderbaren Mantel gesehen. Er war aus 81
feinem, vergoldetem Stoff und über und über mit Fellen und Edelstei nen geschmückt. Und das Mädchen brachte den Mantel zu Artus, ver beugte sich und sprach: »Mein König, Eure Schwester Morgan die Fee schickt mich zu Euch und bittet Euch um Verzeihung für ihre Übeltaten. Ich soll Euch versichern, daß die bösen Geister, die sie ver sucht haben, endgültig von ihr gewichen sind und daß sie nie mehr versuchen wird, Euch Schaden zuzufügen, und zum Zeichen ihrer Be trübnis über ihre schlimmen Absichten schickt sie Euch diesen Man tel, in der Hoffnung, daß Ihr ihn oft tragen und an ihm Gefallen finden mögt.« Artus betrachtete den Mantel und bewunderte seine Schönheit, und er glaubte, Morgan könne ihre Bosheit wirklich ein für allemal abge legt haben; stets hatte er zuviel Vertrauen. Und so streckte er die Hand aus, um das Geschenk in Empfang zu nehmen. Doch noch ehe er den Mantel berührt hatte, entstand unter den Frauen im Saal auf einmal Unruhe, und der König ließ die Hand sinken und schaute sich um. Und plötzlich tauchte neben ihm Frau Nimue auf, die kein Mensch hatte eintreten sehen. »Herr«, sagte sie zum König, »zieht diesen Mantel nicht an und faßt ihn auch nicht an und laßt auch keinen Eurer Ritter in seine Nähe kommen, bevor Ihr ihn auf den Schultern derjeni gen gesehen habt, die ihn Euch bringt.« Artus betrachtete die Frau eine Weile, und obwohl sie eine andere Gestalt angenommen hatte, erkannte er – vielleicht mit ihrer Hilfe -, daß sie die Frau vom See war, die von Merlin geliebt wurde und die ihm sein Schwert gegeben hatte. Und er mußte an einen Ausspruch Merlins denken: »Die Erhabenen Wesen sind weder gut noch böse, ebensowenig wie der Regen, der den Hafer zum Schwellen bringt oder ganze Felder überschwemmt, gut oder böse ist; sie sind einfach.« Und dann war ihm, als ob er sich an Merlins Stimme nicht mehr erinnerte, sondern sie deutlich an seinem eigenen Ohr hörte: »Traue ihr. Wer immer sie ist, du kannst ihr immer trauen. Für eine Weile ist sie mit deinem Geschick ebenso verbunden wie mit dem meinen.« Dann war es wieder still, und Artus bemerkte die Ritter, die in sei ner Nähe standen und ihn mit seltsamen Blicken betrachteten, als ob
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sie nicht verstünden, warum er so dastand und zuhörte, obwohl nie mand etwas sagte. Da sagte Artus: »Frau, ich nehme Euren Rat an.« Und indem er sich zur Botin seiner Schwester wandte, fügte er hinzu: »Junge Frau, ich würde diesen Mantel zuerst gerne an Euch bewundern.« »Nein, Herr«, sagte sie rasch, »ein Königsmantel würde mir gewiß schlecht stehen.« »Trotzdem sollt Ihr diesen Mantel tragen, bevor sich ihn der König um die Schultern legt«, sagte Artus und gab zwei Knappen, die in der Nähe standen, ein Zeichen. Und sie ergriffen das Mädchen und legten ihm den Mantel gewaltsam um die Schultern. Und noch während sie sich schreiend wehrte, stach zwischen den Händen der Knappen plötz lich eine helle Flamme hoch empor, und beinahe hätte das Dach des Saales Feuer gefangen, und von dem Mädchen und dem Mantel blieb nichts übrig als ein kleines, rauchendes Häufen Asche auf dem Boden. Von diesem Tage an hörte Morgan die Fee auf, Artus nachzustellen und zog sich ins Reich Gore zurück, das ihrem Gatten gehörte und in dem sie ein eigenes Schloß besaß, und sie machte eine richtige Fe stung aus ihrer Zufluchtsstätte. So hatte sich das Reich endlich eines weiteren Feindes entledigen können.
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6 Sir Lancelot vom See Gerade als sich der König und seine Ritter am Vorabend des Oster tages zur Tafel setzen wollten, trat einer der Knappen zu Artus und sagte: »Mein König, ein Fremder steht vor der Tür und möchte Euch sprechen, doch seinen Namen wollte er mir nicht verraten.« Artus schaute den Saal hinunter und erblickte im Eingang einen jungen Mann, und er sagte: »Führe ihn zu mir. Vielleicht wird er mir seinen Namen sagen.« Da durchschr itt der junge Mann den Saal und kniete wortlos vor dem König nieder. Er war ziemlich grobknochig und sehr häßlich, und die beiden Gesichtshälften wollten nicht zueinander passen, und der eine Mundwinkel schmollte, während sich der andere belustigt und fröhlich in die Höhe zog, und eine der schwarzen Augenbrauen war gestreckt wie ein Falkenflügel, während die andere zerzaust war wie das Ohr eines Köters, der sich gerade gebalgt hat. Doch unter den Brauen blickten zwei große, graugrüne Augen hervor, und der König glaubte, noch niemals einen so ruhigen Blick gesehen zu haben.
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»Wer seid Ihr?« fragte Artus. »Und weswegen seid Ihr hierherge kommen?« »Ich bin Lancelot, der Sohn des Königs Ban von Benwick, der mit Euch in der Schlacht von Bedegraine gekämpft hat. Und ich bin zu Euch gekommen, weil dies mein Wunsch war, soweit ich mich zu rückerinnern kann, und auch weil Merlin mich hieß, Euch um den Rit terschlag zu bitten. Und er ließ Euch sagen, bevor er sich unter dem Weißdornbusch zur Ruhe legte, ich sei sein letztes Vermächtnis an Euch.« »Den Ritterschlag sollt Ihr noch morgen früh, am feierlichen Ostermorgen, erhalten«, sagte Artus und reichte dem häßlichen jungen Mann die Hand, und Lancelot senkte einen Augenblick den Kopf und berührte sie mit der Stirn. »Ich danke Euch, Herr«, sagte er und wandte sich ein wenig um. Da bemerkte Artus, daß ein rothaariger junger Mann unauffällig hinter Lancelot getreten war. »Das ist mein Vetter und guter Freund Lionel, der mich als Knappe begleitete. Doch würde er den Ritterschlag ge nausogut verdienen wie ich!« Und der König betrachtete den Knappen mit dem roten Schöpf und sagte: »Und was meint Lionel dazu? Möchtet Ihr am Ostermorgen ebenfalls zum Ritter geschlagen werden?« »Gerne erhielte ich den Ritterschlag«, antwortete Lionel, »doch nicht am Ostermorgen, denn da könnte ich ja unmöglich gleichzeitig Lancelots Knappe sein. Ich möchte nicht, daß sich ein fremder Knap pe seiner Rüstung annehmen und ihn während der Feier bedienen muß.« »Das ist wohl gesprochen. Ihr sollt ihm noch drei Tage lang als Knappe dienen, und wenn Ihr Eure Pflichten zu seiner Zufriedenheit erfüllt habt, sollt Ihr am vierten Tage zum Ritter geschlagen werden«, sagte der König. Ihm gefiel das Aussehen des jungen Mannes, und neben Lancelots eigenem Sitz und den anderen dreien, die leerstanden und warteten, waren in der Tafelrunde da und dort schon Lücken entstanden, denn mancher Ritter hatte im vergangenen Jahr sein Leben lassen müssen; und diese Plätze mußten ja wieder besetzt werden. ›Immer wieder 85
werden Lücken entstehen‹, schoß es dem König durch den Kopf, als wäre ihm das noch nie aufgefallen, ›und immer wieder werden sie neu besetzt werden müssen…‹ Lancelot hielt die ganze Nacht in der Schloßkapelle Wache. Er kniete auf den Chorstufen und hatte Schwert und Rüstung vor den Al tar gelegt. Und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet, und immer wieder schaute er ins Mondlicht, das durch die Hochfenster in den Raum fiel und seine Rüstung versilberte, dann versank er wieder ins Gebet und sann Gedanken nach, die er niemandem hätte mitteilen können. So seltsam und unharmonisch wie sein Äußeres war auch Lancelots innerster Kern. Vielleicht waren gerade jene frühen Kindheitsjahre, die für seine Erinnerung wie unter einem dichten Schleier verborgen waren, der Grund, weshalb er stets glaubte, etwas suchen zu müssen. Er hatte nie das Gefühl gehabt, ein Junge wie die anderen Jungen, ein Mensch wie andere Menschen zu sein. Und er trug eine große, über wältigende Hoffnung in sich, die eigentlich mehr zu einem Mönch als zu einem Ritter gepaßt hätte. Er hoffte nämlich, Gott werde ihn, wenn er einst dessen würdig sei, eines Tages ein Wunder vollbringen lassen. Doch bevor dies geschehen konnte, mußte er der beste Ritter der ga n zen Welt werden. So kniete er die ganze Nacht hindurch in der mond beschienenen Kapelle und betete darum, daß er der stärkste und tap ferste und geschickteste Ritter, ja der beste Ritter überhaupt werden möge. Er betete um Gottes Hilfe, daß er niemals die eigene oder frem de Ehre beflecken möge. Und er betete für das Wunder, das Gott durch ihn wirken sollte. Der Mond ging unter, und die Sonne begann aufzusteigen, und als die Zeremonie des Badens und des Anlegens der Rüstung vorüber war, erhielt Lancelot im Großen Saal am Ostermorgen von König Ar tus den Ritterschlag. Danach schnallten ihm zwei Dienerinnen der Königin die Sporen an. Doch den Schwertgurt schnallte ihm Königin Ginevra höchst per sönlich um. Das tat sie, teils, weil er der Sohn eines Königs war, doch mehr noch aus reiner Freundlichkeit. Denn sie hatte gehört, wie Sir Kay, der Pflegebruder und Seneschall des Königs, sich bei einem an 86
deren Ritter über das Aussehen des Neulings lustig machte und sagte, daß Lancelot wohl kaum je bei Zweikämpfen oder Turnieren den Schmuck eines Mädchens auf dem Helm tragen werde. Obwohl die Königin oftmals ihren König umgürtet hatte, machte es ihr Mühe, Lancelots Gurt zuzuschnallen. Und als der junge Ritter das bemerkte, half er mit der eigenen Hand nach, und so berührten sich ihre Finger, und beide sahen sogleich auf und blickten sich in die Au gen. Und ihre Blicke konnten sich nur schwer wieder voneinander lö sen. Ihre Gesichter wurden milchweiß, und die schwarzen Pupillen ihrer Augen weiteten sich. Für eine ganze Weile schien sich im Saale nichts zu rühren, und selbst das Feuer auf dem Herd hatte aufgehört zu prasseln. Schließlich rissen sie mit großer Anstrengung ihre Blicke voneinander los, und Ginevra schnallte den Gurt endlich fest, doch tat sie das mit zitternden Fingern. Während der folgenden drei Tage machten unter manchen Rittern, deren Anführer Sir Kay war, zahlreiche Gerüchte und Klagen die Runde: wie kam es, daß ein so junger und gänzlich unerfahrener Mann zum Ritter geschlagen und zur Tafelrunde zugelassen wurde? Viele sahen später darin den Grund, weshalb Lancelot bald danach auf sein erstes Abenteuer ritt, und glaubten, er wolle nur seine Kraft unter Be weis stellen und das Murren der Neider und Spötter zum Schweigen bringen. Und Lancelot ließ sie in ihrem Glauben. Doch in Wirklich keit hatte er einen anderen Grund. Am Abend des Tages, an dem auch Lionel den Ritterschlag erhalten hatte und der König und Sir Gawain nach dem Essen beim Schach saßen, begann Lancelot, ganz unwill kürlich die Königin zu beobachten, welche das Kinn in die Hand ge stützt hatte und einer alten Weise zuhörte, die der Harfenspieler des Königs für die versammelten Ritter spielte. Und der Schein der Fak keln verwob sich mit ihrem schwarzen, schimmernden Haar. »Ah, ist sie nicht eine schöne Frau?« bemerkte Lionel leise neben ihm. »Gewiß wäre sie die schönste der Hofdamen, wenn sie nicht die Königin wäre.« Und Lancelot sagte: »Ja« und blickte auf seine Hände. Und nach ei ner Weile fügte er hinzu: »Ich will den König bitten, mich auf ein Abenteuer reiten zu lassen.« 87
»Laß mich mitreiten«, sagte Lionel. Und sowie das Schachspiel beendet war, trat Lancelot vor den Kö nig, kniete nieder und bat um Erlaubnis, am nächsten Morgen zusam men mit Lionel auf Abenteuer ausreiten zu dürfen. Der König schaute ihn an und sagte dann: »Schenkt ihnen keine Beachtung. Sir Kay war schon ein unglücklicher Junge, und jetzt ist er ein unglücklicher Mann, und ich fürchte, er wird es immer bleiben.« »Es bekümmert mich nur wenig«, sagte Lancelot, »ob Sir Kay mich des Ritterstandes und meines Platzes an der Tafelrunde für würdig er achtet oder nicht. Aber es bekümmert mich sehr, ob ich mich selbst für würdig erachte.« Da ließ ihn König Artus seines Weges ziehen, und ebenso Lionel, und so brach Lancelot am anderen Morgen nach der Messe zusammen mit Lionel auf. Und an Abenteuern sollte es ihnen wahrhaftig nicht fehlen, denn obwohl die Piraten und die Krieger aus dem finsteren Norden und aus den Bergen im Westen besiegt und in ihre eigenen Gebiete zurückge trieben worden waren, herrschte immer noch Unruhe im Land. Da gab es viele Lehnsherren, die meinten, es käme einzig und allein auf die starke Hand an, und die Macht und Recht ständig miteinander ver wechselten. Und als der Sommer langsam zu Ende ging, stießen La n celot und Lionel auf manche dieser Herren und fochten manchen Strauß mit ihnen aus. Und wenn sie sie besiegt hatten und die Herr schaften um Gnade flehten, nahm ihnen Lancelot jedesmal den Schwur ab, fortan dem britannischen König zu dienen, und diesen Schwur mußten sie vor dem König persönlich wiederholen. Doch manchmal mußten Lancelot und Lionel auch auf Tod und Leben kämpfen, wie zum Beispiel, als sie einmal auf einen gewissen Sir Car rados trafen. Dieser wollte nicht um Gnade flehen, und Lancelot tötete ihn schließlich nach einem langen, harten Kampf und befreite die Ge fangenen, die Carrados in seinem Turme gefangenhielt und für die er Lösegeld erpressen wollte. Dann ritten Lancelot und Lionel weiter und wurden bald in das nächste Abenteuer verwickelt. Doch eines Tages sollte Lancelot sich an Carrados wieder erinnern. 88
An einem Spätsommertag, der so heiß war, daß die Luft flimmerte wie ein Mückenschwarm, kamen die beiden Vettern zu einem riesi gen, alten Apfelbaum. Er wuchs dicht neben einer Hecke und war schwer beladen mit unzähligen halbreifen Früchten. Die beiden Ritter waren schon über die Grenzen hinaus und weit in das Land Gore ein gedrungen, ohne es zu wissen. Der Baum bot kühlen Schatten, und Lancelot war des Reitens und Kämpfens müde, und sein Herz tat ihm weh vor Sehnsucht nach der Königin, und so hatte er große Lust, sich in den Schatten zu legen und auszuruhen. Da stiegen die beiden von den Pferden, banden ihnen die Vorderbeine zusammen und ließen sie grasen. Dann legten sie sich unter den Ästen in das hochgewachsene, kühle Gras. Lancelot, der den Kopf auf seinen Helm gebettet hatte, fiel sofort in Schlaf. Doch Lionel konnte nicht einschlafen, und nach einer Weile richtete er sich wieder auf, lehnte den Rücken an den Baumstamm und begann Grashalme zu kauen und den Pferden beim Grasen zuzuscha u en. Da hörte er plötzlich die Hufschläge fremder Pferde, und als er die Blicke über das Feld, das offen vor ihm lag, schweifen ließ, sah er drei Ritter, die um ihr Leben ritten, und dahinter einen vierten, der sie in wildem Galopp verfolgte. Lionel dachte, er habe noch nie einen so großen und mächtigen Ritter gesehen, und verglichen mit seinem rie sigen Schlachtroß, kamen ihm die Pferde der anderen Ritter wie kleine Stuten vor. In diesem Augenblick holte der Ritter den ersten der drei Flüchtlinge ein und schlug ihn vom Pferd. Dann donnerte er auf den zweiten und dritten los und verfuhr in derselben Art mit ihnen. Darauf stieg er vom Roß und kehrte, das Pferd an den Zügeln führend, zu den drei Rittern zurück, warf sie einen nach dem anderen auf ihre eigenen Pferde und band sie mit den Zügeln fest. Dann stieg er wieder in den Sattel und trieb die jämmerlichen Gestalten vor sich her. Sir Lionel erhob sich leise, band den Helm um und gab acht, daß er Lancelot nicht weckte. Lancelot hatte die meisten Kämpfe dieses Sommers bestritten, und nun glaubte Lionel, end lich sei sein eigenes Abenteuer gekommen. ›Wenn ich diesen Ritter besiege‹ dachte er, ›und seine Gefangenen befreie, werde ich gewiß große Ehre gewin 89
nen.‹ Da band er sein Pferd los, stieg in den Sattel und verfolgte die kleine Gruppe, die sich am fernen Horizont im heißen Dunst schon zu verlieren drohte. Doch da er alles aus seinem Pferd herausholte, gelang es ihm schließlich, die Gruppe einzuholen. Und er schrie dem riesigen Ritter zu: »Haltet an!« Dieser kehrte wortlos um, legte die Lanze ein, donnerte auf Sir Lio nel zu und traf ihn mit der Lanzenspitze am Schulterstück, so daß er rittlings aus dem Sattel flog. Dann stieg der Ritter vom Pferd, fesselte Lionel und band ihn auf den Sattel von dessen Pferd, genau wie er es zuvor mit den drei anderen Rittern gemacht hatte, und trieb nun die vier beladenen Pferde vor sich her. Und als er zu seinem Landsitz kam, ließ er die Ritter ausziehen und mit dornigen Zweigen auspeit schen und warf sie dann in ein Steinverlies tief unter der Erde, in dem schon viele beklagenswerte Ritter lagen, die er bei anderer Gelege n heit gefangengenommen hatte. Nun war kurz vorher Lancelots Halbbruder Ector, der den Beina men ›von den Sümpfen‹ führte, nach Camelot gekommen, denn er wollte da zum Ritter geschlagen werden. Und da Lancelot und Lionel schon auf Abenteuer ausgeritten waren, bat er, ihnen folgen zu dürfen, und ritt ebenfalls fort. Lange suchte er sie vergeblich, bis er eines Ta ges einen Holzfäller traf, und da er wußte, daß er seine Verwandten am ehesten dort antreffen würde, wo es nach Abenteuer roch, fragte er: »Guter Herr, wird hier in der Gegend irgendwo ein Abenteuer aus gefochten?« »In der Tat, Herr Ritter«, antwortete der Holzfäller. »Nicht weit von hier steht das stark befestigte Haus von Sir Tarquinius; und nahe am Haus fließt ein Fluß über eine Furt – ein guter Trinkplatz für die Pfer de -, und hinter der Furt steht eine große Trauerweide, und von den Ästen des Baumes hängen die Schilde aller Ritter, die Tarquinius im Kampfe besiegt und in das Verlies unter seinem Haus geworfen hat. An dem Baume hängt auch ein Becken aus feinstem Kupfer. Wenn Ihr mit dem Speerende darauf schlagt, wird Sir Tarquinius erscheinen und mit Euch kämpfen. Dann möge sich der gute Gott Eurer Seele erbar men.« 90
Sir Ector dankte dem Alten und ritt auf dem Wege, den er ihm ge wiesen hatte, dahin, bis er an die Furt kam, und sah da die alte Trau erweide, und von den Ästen baumelten viele Schilde, und manche wa ren schon rostig und vom Regen ganz abgewaschen, andere dagegen waren neu und glänzten. Da bemerkte er auch den Schild seines Vet ters Lionel. Die Wut preßte ihm die Kehle zusammen, und als er das Kupferbecken erblickte, schlug er mit dem Speerende heftig darauf, bis der ganze Wald dröhnte und die Tauben, von den Ästen aufflatter ten. Und als er niemanden kommen sah, ritt er bis zu den Knien ins Wasser hinein und ließ sein Roß trinken. Und während er noch im Wasser stand, schrie eine Stimme vom Ufer: »Herr Ritter, da Ihr mich herbeigerufen habt, steigt aus dem Wasser und rüstet Euch zum Kampf mit mir!« Da gab Sir Ector dem Pferd die Sporen, ritt aus dem Wasser heraus, legte die Lanze ein und ritt in vollem Galopp auf den riesigen Ritter zu, der am Ufer auf ihn wartete, und versetzte ihm einen so schnellen und wütenden Stoß, daß der fremde Ritter mitsamt seinem Roß sich einmal im Kreise drehte. »Das war ein trefflicher Schlag! Ein ritterlicher Schlag!« sagte Sir Tarquinius und lachte und donnerte nun seinerseits auf Sir Ector los und traf ihn mit der Lanze unter dem Arm und warf ihn sauber aus dem Sattel, so daß er durch die Luft wirbelte und durch das Tor und über den ganzen Hof purzelte, bis er schließlich auf dem Boden lie genblieb und alle viere von sich streckte. »Nun seid Ihr mir ausgelie fert«, sagte der große Ritter. »Fleht Ihr um Gnade?« »Niemals!« preßte Sir Ector zwischen den Zähnen hervor. »Trotzdem werde ich Euch begnadigen und, statt Euch zu töten, nur gefangennehmen, denn Eure Kühnheit erfreut mich sehr«, sagte Tar quinius. Und er rief seine Diener und Waffenträger herbei und ließ Sir Ector ausziehen und mit dornigen Zweigen auspeitschen und hinterher in das dunkle Verlies unter seinem Hause werfen. Dort fand sich Sir Ector in Gesellschaft all jener Ritter, deren Schilde er zuvor an der Weide gesehen hatte. Und er entdeckte auch Sir Lionel.
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Nachdem sic h die beiden mit einem traurigen Lächeln begrüßt hat ten, sprach Sir Ector: »Aber sagt mir, wo ist denn Sir Lancelot, mein Bruder, man hat mir nämlich gesagt, ihr wärt zusammen weggeritten.« »Ach!« rief Sir Lionel. »Ich habe ihn heute mittag unter einem Ap felbaum zurückgelassen, als er noch schlief, und bin dem tyrannischen Herrn dieses Ortes nachgeritten. Wahrscheinlich schläft er immer noch unter dem Baume.« Und in der Tat, Lancelot schlief unter dem Apfelbaum bis spät in den Nachmittag hinein. Und während er noch schlief, ritten vier Köni ginnen auf weißen Mauleseln vorbei, und vier berittene Ritter beglei teten sie, und die Ritter hielten mit den Speerspitzen einen Baldachin von grüner Seide über die Frauen, um ihre zarte Haut vor den Sonne n strahlen zu schützen. Und als sich die Gruppe dem Baume näherte, fing Lancelots Pferd den Geruch der fremden Tiere auf und begann zu wiehern. Und als die Vorüberreitenden in die Richtung schauten, aus der das Wiehern kam, erblickten sie ein Schlachtroß mit zusammen gebundenen Vorderbeinen und neben dem Roß einen Ritter, der unter einem Apfelbaum schlief, in voller Rüstung. Nur den Helm hatte er abgenommen und als Kopfkissen benutzt. Und eine der Frauen – es war Morgan die Fee – erkannte ihn mit ihren magischen Kräften. »Es ist Sir Lancelot vom See«, sagte sie, »der Ritter, der von allen Rittern meines Bruders der größte sein wird.« Da betrachteten alle vier Königinnen das Gesicht des Schlafenden, und sie sahen durch seine Häßlichkeit hindurch auf das, was die Frau en zeit seines Lebens dann sehen sollten. Da entstand ein Streit unter ihnen, welche von ihnen ihn zum Liebhaber gewinnen sollte. »Wir dürfen nicht länger hier bleiben und uns um ihn zanken«, sag te Morgan die Fee schließlich. »Ich werde ein Netz des Schlafes über ihn werfen, so daß er noch drei Stunden lang weiterschlafen wird, und so können wir ihn zu meinem Schloß zurückbringen. Wenn er dann aufwacht, soll er selbst eine von uns wählen.« Denn im Grunde ihres finsteren Herzens war sie sich dessen gewiß, daß sie schöner sei als die anderen Frauen. Und selbst wenn ihre Schönheit versagen sollte, blieben ihr noch ihre Zauberkünste, um ihn zu umgarnen. 92
So stieg Morgan vom Pferd, kniete neben Lancelot und bewirkte den magischen Schlaf, indem sie mit den Zeigefingern seine geschlos senen Augenlider leicht berührte. Und nachdem sie wieder in den Sat tel gestiegen war, legten die Ritter Lancelot, der nun so tief schlief wie Merlin unter seinem Weißdornbusch, auf seinen Schild und trugen ihn in ihrer Mitte zum Schloß der Königin zurück und zogen Lancelots Pferd hinter sich her. Und als sie im Schloß, das Chariot hieß, anka men, legten sie den Schlafenden auf ein Lager aus Stroh in das Schloßverlies. Als Lancelot nach einer Weile erwachte und sich in seinem seltsa men Gefängnis fand, bemerkte er neben sich ein Mädchen, das ihm ein Tablett mit Brot und Fleisch und einen Becher Wein hinhielt. »Wie steht es mit Euch, Herr Ritter?« fragte sie ganz freundlich. Und Sir Lancelot blickte sich verwundert um und sagte: »Wie bin ich denn hierhergekommen. Ich bin doch unter einem Apfelbaum einge schlafen.« »Nein, dafür haben wir jetzt keine Zeit«, sagte das Mädchen. »Labt Euch nun an der Speise. Morgen sollt Ihr mehr erfahren.« Das sagte sie mit warmer Stimme, denn der junge Ritter, der nun ganz in der Hand ihrer Herrin und der anderen Königinnen war, tat ihr leid. Und sie verließ Lancelot. Aber Lancelot rührte die Speise nicht an, sondern lag die ganze Nacht über hungrig und wach und ängstlich und zornig auf der Spreu. Am anderen Morgen öffnete sich die Tür wieder, und die vier Kö niginnen traten ein, und jede trug ein wunderbares Seidenkleid mit herrlichen Juwelen. Und eine von ihnen, die fast so schön und beinahe gleich alt war wie seine Mutter in Benwick – er hatte ja keine Ahnung, daß es Morgan die Fee war -, sprach zu ihm: »Ei, Herr Lancelot vom See, wir kennen Euch, obwohl Ihr uns nicht kennt. Wir wissen, daß Ihr der Sohn eines Königs seid und dazu bestimmt, der größte von al len Artusrittern zu werden, und ebenso wissen wir, daß es nur eine Frau in Eurem Herzen gibt, und daß es die Königin neben Artus ist. Doch nun werdet Ihr sie verlieren und sie Euch, denn Ihr sollt diesen Ort nie mehr lebendig verlassen, wenn Ihr nicht eine von uns an ihrer Stelle zur Geliebten wählt.« Und sie lächelte ihn an und wölbte den 93
Hals und umschmeichelte und umschnurrte ihn wie eine wohlgenährte Katze, denn sie zweifelte nicht an seiner Wahl. »So wählt denn, süßer Ritter.« »Vor eine schwierige Wahl stellt ihr mich da«, sagte Lancelot, »zu sterben oder eine von Euch zur Geliebten zu nehmen. Aber es fällt mir nicht schwer, meine Wahl zu treffen. Wenn es unbedingt sein muß, will ich lieber hier sterben als mich in eine von euch verlieben, denn ihr seid allesamt falsche Schmeichlerinnen, und wenn ich den Tod er leide, werde ich wenigstens meine Ehre nicht verlieren. Und was die Königin angeht: gebt mir Pferd und Rüstung zurück, und ich will im Kampf gegen jeden Ritter beweisen, daß sie ihrem Herrn, dem König, die treueste Gattin ist, die je gelebt hat.« »Ihr weist uns also ab?« sagte Morgan die Fee, und ihre Augen ver engten sich zu einem Schlitz, wie bei einer Katze, bevor sie faucht. »Ihr weist mich ab?« Und die Frauen machten kehrt und stürzten hinaus, den Duft von Muskat und Rosenöl mit sich nehmend. Und dann wurde die Gefäng nistür mit lautem Krachen zugeschlagen. Als das Licht, das durch die hochgelegenen, kleinen Fenster herein fiel, anzeigte, daß es allmählich Abend wurde, kam das junge Mäd chen wieder mit Brot, Fleisch und Wem und stellte alles auf den hö l zernen Stuhl neben dem Strohlager und fragte Sir Lancelot noch ein mal: »Wie steht es mit Euch?« »Ich glaube, es war noch nie so schlecht um mich bestellt wie jetzt«, sagte er, »denn ich habe mir den Zorn von vier Frauen zugezo gen, die mich hier gefangenhalten, und sie werden sich bald fürchter lich an mir rächen, wenn ich ihnen nicht entkommen kann.« Das Mädchen schaute auf das Essen, das es eben hereingetragen hatte, und stieß einen leisen Seufzer aus. »Das ist wahr, denn ich habe gehört, wie sie miteinander sprachen. Und weil Ihr ihre Liebe zurück gewiesen habt, lieben sie Euch in der Tat nicht!« Und dann, wie wenn sie im selben Augenblick einen Entschluß gefaßt hätte, wandte sie sich zu Lancelot und blickte ihm ins Gesicht. »Es macht mir wahrha f tig Kummer, Euch in der Gewalt dieser Königinnen zu sehen, denn sie haben schon viele gute Ritter zu Fall gebracht. Ich empfinde nichts für 94
sie und bin ihnen auch nicht verpflichtet. Ich will Euch helfen, falls Ihr mir ebenfalls helft.« Lancelot schaute sie mit einem prüfenden Blick an und fragte sich, ob er ihr wohl trauen könne, und dann hatte er das Gefühl, daß er es durfte. »Verhelft mir zur Flucht«, sagte er, »und ich werde alles tun, was Ihr von mir verlangt, solange es nicht gegen meine Ehre geht.« »Dann will ich Euch meine Sorge anvertrauen. Mein Vater, König Bagdemagus, hat für nächsten Dienstag ein Turnier ausrufen lassen, in dem er mit dem König von Northgalis, dessen Königin eine der Frau en ist, die Euch hier gefangenhalten, kämpfen wird. Viele Ritter wer den hinkommen, und bei dem letzten Turnier dieser Art haben drei Ritter, die auch am Dienstag mitkämpfen werden, meinen Vater be siegt. Wenn Ihr an diesem Tage an seiner Seite mitkämpft, werde ich Euch zur Flucht verhelfen.« »Euer Vater ist mir als guter Ritter und gerechter Herrscher be kannt«, sagte Lancelot, »und so werde ich im Turnier gerne in seinen Reihen mitstreiten.« »Dann werde ich morgen früh vor Tagesanbruch zu Euch kommen und Euch hier abholen und für Roß und Rüstung sorgen.« Am ändern Morgen kehrte das Mädchen mit einem großen Schlüs selbund wieder zurück. »Ich habe den Wachen ein Schlafmittel in den Wein geschüttet«, sagte sie, »aber sie werden nicht lange schlafen. Wir müssen uns also beeilen!« Und sie führte Lancelot durch zwölf verschlossene Türen hinaus. Die letzte Tür war eine Hintertür in der Außenmauer des Schlosses. Draußen empfing sie der frische, frühmorgendliche Duft des Waldes, und sie atmeten befreit auf. Dann brachte das Mädchen Lancelot über das offene Feld zu einer versteckt gelegenen Stelle am Waldrand. Da warteten schon Roß und Rüstung auf ihn, und sie half ihm die Rü stung anziehen und aufs Pferd steigen. »Zwölf Meilen nördlich von hier«, sagte das Mädchen, »liegt ein Benediktinerkloster. Erwartet mich dort, ich werde meinen Vater zu Euch bringen.«
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»Bei Gott, ich werde Euch nicht im Stich lassen«, sagte Lancelot und trieb sein Pferd in den Wald hinein. Gegen Abend erreichte er das Kloster, und die Mönche hießen ihn willkommen und führten sein Pferd zum Stall und brachten ihm zu essen und zeigten ihm einen Platz zum Schlafen. Lancelot blieb zwei Tage lang bei ihnen und wartete auf König Bagdemagus. Und am drit ten Tage kam das Mädchen mit seinem Vater und einer tüchtigen Rit terschaft. Das war am Sonntag. Am Dienstag ritten sie dann zum Tur niergelände, wo sie vom König von Northgalis und seinen Rittern er wartet wurden. Das war auf einer schönen, weiten Wiese, die von vie len Zelten umsäumt war, die in allen Farben eines Gartens im Sommer gestreift und gescheckt waren. Sir Lancelot kämpfte so edelmütig und tapfer mit den Rittern von Bagdemagus mit, daß er drei Ritter der Tafelrunde zu Fall brachte und noch viele andere Ritter, und König Bagdemagus wurde der Turnier sieg zugesprochen. Dabei war Lancelot selbst von niemandem erkannt worden, denn er trug den weißen Schild, den man ›Virgescue‹ nennt und der von Rittern getragen wird, die noch keinen eigenen besitzen. Und Lancelot verschonte alle Ritter, die er zu Fall gebracht hatte, und schickte sie zu König Artus, dem mußten sie die Treue schwören, und sie mußten ihm sagen, der namenlose Ritter habe sie gesandt. Das tat er, weil er nicht wollte, daß zwischen ihm und den anderen Rittern der Tafelrunde eine Mißstimmung aufkäme. Und als es zu dämmern begann, kehrte er mit Bagdemagus und des sen junger Tochter auf ihr Schloß zurück. Natürlich konnte das Mäd chen nicht mehr zu Morgan der Fee, deren Dienerin es gewesen war, zurückkehren, nachdem es Lancelot zur Flucht verholfen hatte. Lance lot wurde herzlich aufgenommen, und man bot ihm viele kostbare Ge schenke. Doch er wollte sie nicht annehmen und sagte: »Nein, das war eine klare Abmachung zwischen Eurer Tochter und mir, und beide haben wir unseren vollen Anteil erhalten.« Am anderen Morgen verabschiedete er sich, denn er hatte nun nichts anderes mehr im Sinn, als seinen Bruder Lionel zu finden, der verschwunden war, während er unter dem Apfelbaum schlief. Und bevor er wegritt, sagte er noch zu der Königstochter: »Falls Ihr je 96
wieder meine Hilfe benötigt, laßt es mich wissen; ich werde Euch nicht im Stich lassen, wenn ich noch am Leben bin.« Und er setzte sich aufs Pferd und ritt davon, und nie hat er erfahren, daß die Tochter des Königs ihm lange mit dem salzigen Geschmack ihrer Tränen auf den Lippen nachsah. Lancelot war viele Tage lang im Walde unterwegs, und schon reif ten die ersten Beeren an den kuppelförmigen Brombeersträuchern, und die ersten goldgelben Flecken erschienen zwischen den grünen Farnwedeln, jedoch von Lionel hatte er immer noch keine Spur ge funden. Da traf er eines Tages auf einem engen Waldpfad den Holz fäller, dem auch Sir Ector begegnet war, und er fragte ihn dasselbe, was ihn schon Ector gefragt hatte, und erhielt auch ziemlich dieselbe Antwort. So kam er schließlich zur Furt neben dem befestigten Ritter gut und zur großen Weide, deren Äste ins Wasser hingen. Und er sah die Schilde, die wie seltsame Früchte von den schweren Ästen herab hingen. Und da entdeckte er auch die Schilde seines Vetters Lionel und seines Halbbruders Ector. Sir Lancelot ritt auf den Baum zu, und nachdem er das kupferne Becken entdeckt hatte, schlug er mit dem Speerende darauf ein, bis der Boden herausfiel. Doch kein Mensch erschien. Er tränkte sein Pferd an der Furt, dann ritt er vor den Toren des Rittergutes auf und ab und begann sich dermaßen zu ärgern, daß das Pferd unter ihm ganz unmutig wurde. Schließlich erblickte er fern am Waldrand einen rie sengroßen Ritter in voller Rüstung auf dem mächtigsten Schlachtroß, das er je gesehen hatte. Und vor sich her trieb er ein zweites Pferd, auf dessen Sattel ein Ritter festgebunden war. Und als der fremde Ritter immer näher kam, erkannte Lancelot an der Bemalung des Schildes, der vom Sattel des gefangenen Ritters herabhing, daß es Sir Gaheris, der jüngere Bruder Sir Gawains, war. Da ritt Lancelot auf die beiden zu. »Edler Herr!« rief Lancelo t schon von weitem. »Nehmt diesen verwundeten Ritter vom Pferd und laßt ihn ausruhen, während wir beide unterdessen unsere Kräfte mes sen wollen, denn nun habt Ihr meinen Brüdern von der Tafelrunde wirklich genug Schmach und Schmerz zugefügt. Verteidigt Euc h al so!« 97
»Gerne«, schrie Sir Tarquinius zurück, »um so lieber, wenn auch Ihr zu dieser Gesellschaft gehört. Ich trotze Euch und all Euren Brü dern!« »Genug der Worte«, sagte Lancelot, »nun ist es Zeit für den Kampf!« Und Tarquinius ließ das Pferd mit Sir Gaheris im Sattel los, und er und Lancelot ritten so weit auseinander, bis die ganze Wiese vor der Festung zwischen ihnen lag. Dann legten sie die Lanzen ein, spornten die Pferde zum Galopp, jagten mit lautem Getöse aufeinander los und brachten sich mit den Speeren, die beide mitten auf den Schild des Gegners prallten, mit lautem Krachen mitsamt den Pferden zu Fall. Nachdem sich beide zur Seite gerollt hatten, außer Reichweite der trampelnden Pferdehufe, zückten sie die Schwerter, stürmten wie zwei Rothirsche im Oktober aufeinander los, versetzten einander mächtige, weit ausholende Schläge, die an manchen Stellen die Rüstungen zer rissen, und schlugen sich blutige Wunden, wo immer sie eine Lücke in der Deckung des Gegners fanden. So kämpften sie beinahe zwei Stun den miteinander, bis sie schließlich beide erschöpft ein paar Schritte zurückwankten und sich auf ihre Schwerter stützten. »Ihr seid der beste und stärkste Ritter, mit dem ich je gekämpft ha be«, sagte Sir Tarquinius, und er rang hinter seinem Visier nach Atem. »Ein guter Kämpfer war mir schon immer angenehm. Ich wette, ich weiß, wer Ihr seid. Ich gebe Euch die Hand darauf: Wenn ich verliere, will ich Euch alle Ritter ausliefern, die ich gefangenhalte.« »Und wer, meint Ihr, bin ich?« fragte Sir Lancelot. »Sir Lancelot vom See, der meinen Bruder Sir Carrados erschlug und dem ich Rache geschworen habe.« »Ach!« sagte Sir Lancelot. »Der bin ich in der Tat! Ich habe Sir Carrados in ehrlichem Kampfe erschlagen, doch wenn Ihr Rache ge schworen habt, dann soll sein, was sein muß.« »Das steht fest«, sagte Sir Tarquinius, »und wir werden nicht von der Stelle weichen, bis einer von uns beiden tot ist.« Da begannen sie wieder miteinander zu kämpfen, so erschöpft sie waren und so unsicher sie auch auf den Beinen standen. Und Sir Tar 98
quinius' Visier sank immer weiter herunter, und seine Wachsamkeit ließ immer mehr nach, da plötzlich sprang Sir Lancelot mit einem Satz auf ihn zu, ließ den Schild fallen und packte ihn beim Helmbusch und versetzte ihm einen Schwertstreich an den Hals, so wuchtig, daß er ihm beinahe den Kopf abgetrennt hätte. Tarquinius stürzte zu Boden, und das Krachen der Rüstung dröhnte durch den ganzen Wald bis zu den Wipfeln der Bäume hinauf. Da ging Lancelot zu Sir Gaheris und band ihn vom Sattel los, und als er sah, daß er nicht allzu schlimm verwundet war, schickte er ihn zur Burg mit der Bitte, die gefangenen Ritter zu befreien. »Und grüßt sie bitte alle von Sir Lancelot vom See und sagt ihnen, sie sollen in aller Höflichkeit vor dem nächsten Ostertag bei Artus in Camelot er scheinen. An Ostern werde ich dann auch zum Hofe reiten.« Da ging Sir Gaheris zur Burg und überwältigte die Wache, die ihm den Weg versperren wollte, und befreite die Gefangenen, unter denen sich auch Sir Lionel und Sir Ector und Sir Kay befanden. Unterdessen wusch sich Lancelot im kalten, klaren Wasser der Furt die Wunden aus. Dann pfiff er sein Pferd herbei und ritt dem nächsten Abenteuer entgegen. Hierhin und dorthin ritt er, und die Wälder begannen in allen Farben zu leuchten. Und La ncelot half vielen Frauen aus bitterer Not und be siegte viele böse Ritter und erlebte viele seltsame Abenteuer. Aber es wurde immer kälter und kälter, und er hatte keinen Schutz gegen den Winterregen und keine Zufluchtsstätte, wo er nachts sein Haupt hinle gen konnte. Weihnachten kam immer näher, und die Tage wurden immer kälter, und die Hufe fingen schon an zu singen im Frost. Da kam Lancelot eines Abends, als die Sonne eben hinter den Bäumen verschwand, zu einem schönen Landhaus, und er bat die betagte Herrin des Hauses um Unterkunft für die Nacht, und sie nahm ihn gastfreundlich auf. Nach dem sie sein Pferd gefüttert und in einem warmen Stall untergebracht hatte, bereitete sie Lancelot ein üppiges Nachtmahl, denn sie wußte, welchen Hunger junge Burschen zuweilen haben können, und als sol chen schätzte sie Lancelot ein. Dann brachte sie ihn in die Dachkam mer über dem Hauseingang, in der eine Pritsche stand, die mit groben 99
Leintüchern und dicken Decken bezogen war. Und das Heu war noch frisch und verbreitete seinen Duft im ganzen Raum. Sobald die Frau die Tür hinter sich geschlossen hatte, zog er die Rüstung aus und legte sich in Hemd und Reithosen zwischen die Laken und schlief sofort ein. Aber nach kurzer Zeit wurde er von hellklingenden Hufschlägen geweckt, denn der Boden war inzwischen gefroren, und der Reiter schien es äußerst eilig zu haben. Dann hörte er, wie an das Tor ge pocht wurde. Lancelot wälzte sich aus dem Bett und spähte zum Fen ster hinaus. Die Landschaft war in weißes Mondlicht getaucht, und die Schwelle und der Sims des Pförtnerhäuschens funkelten im Frost. Da entdeckte er einen Ritter, der sich verzweifelt gegen drei andere Ritter verteidigte. ›Drei gegen einen ist keine faire Sache‹, sagte Lancelot zu sich selbst, ›gleichgültig, auf welcher Seite das Recht ist.‹ Die Hausbe wohner aufzuwecken würde jetzt zu lange dauern. Außerdem hatte er nur ältere Menschen gesehen, und die haben ja nicht mehr das beste Gehör. Lancelot fegte mit einem Schlag die Decken von der Pritsche, knüpfte sie an den Enden zusammen, befestigte das eine Ende am Fensterbalken, warf das unbefestigte andere Ende zum Fenster hinaus und packte das Schwert Joyeux, das neben dem Bett lag. Dann schleuderte er seinen Schild auf die Ritter hinunter, und während es schallte und schepperte, ließ er sich an seinem Seil hinabgleiten. »Wenn ihr schon gegen einen einzelnen Mann kämpfen wollt«, schrie er, »dann gegen mich!« Die Ritter waren entsetzt zurückgewichen, als Lancelot vor ihnen die Mauer herunterkam, und nun stiegen sie von den erschreckten Pferden und stürzten sich auf Lancelot und bedrängten ihn und den anderen Ritter von allen Seiten. Doch Lancelot hatte seinen Schild wieder geschnappt, handhabte ihn mit großem Geschick wie eine Waffe und war zugleich so gut durch ihn geschützt, als hätte er eine Rüstung getragen. Er stemmte seinen Rücken gegen die massiven Torbalken, trieb die Angreifer immer wieder zurück und lachte ihnen ins Gesicht. Der verfolgte Ritter wollte ihm zur Seite stehen, doch Lancelot schrie nur: »Nein, drei gegen einen wollten sie, drei gegen 100
einen sollen sie haben! Überlaßt sie nur mir!« Der Ritter fügte sich nur allzu gerne, zog sein Pferd zur Seite und beteiligte sich nicht mehr am Kampf. Und durch sechs weitere Schlägen mit Joyeux, die den Rittern auf den Helmbusch niedersausten, daß ihre Zähne zusammenschlugen, brachte er sie schließlich zu Fall. Ächzend und stöhnend kämpften sie sich allmählich wieder auf die Beine, während sich Lancelot auf sein Schwert stützte und etwas schneller atmete als gewöhnlich. »Herr Ritter, wir erflehen Eure Gna de, denn Euch ist keiner gewachsen!« brachten sie keuchend hervor. Doch Lancelot hatte unterdessen Zeit gehabt, einen Blick auf den Schild des geflüchteten Ritters zu werfen, und an der Bemalung hatte er erkannt, daß es sich um Sir Kay handelte. Da war ihm klar, weshalb der Ritter so verzweifelt geflohen war und sich so bereitwillig aus dem Kampfe zurückgezogen hatte, denn Sir Kay war in der Tat kein großer Kämpfer. Lancelot hätte beinahe laut herausgelacht, doch er unterdrückte das Lachen und sagte nur: »Nein, ich möchte nicht, daß ihr euch mir ergebt. Ergebt euch Sir Kay.« Das brach den dreien wahrhaftig noch den Rest ihres Stolzes. »Herr«, sagte einer von ihnen, »wir sind Sir Kay nachgejagt und hät ten ihn auch ohne weiteres besiegt, wenn Ihr Euch nicht plötzlich ein gemischt hättet. Warum sollen wir uns also ihm ergeben?« »Wenn ihr es nicht tut«, sagte Lancelot schlicht, »muß ich anne h men, daß ihr nicht um Gnade flehen wollt, also werde ich euch in die sem Fall töten.« Da gaben sie nach und baten Sir Kay um Gnade. »Zur Osterzeit«, sprach Lancelot, »sollt ihr alle in Camelot eintref fen und dem König und der Königin Ginevra Treue geloben und euch ganz ihrer Gnade und ihrem Erbarmen unterstellen. Und sagt, daß ihr von Sir Kay gesandt seid. Nun steigt in die Sättel und verschwindet!« Und als die drei verschwunden waren, schlug er mit dem Schwert knauf an das Haustor, bis das ganze Haus wach war und die alte Hausherrin erschien und ihnen öffnete. »Ich dachte, Ihr seid im Bett«, sagte die alte Frau ganz überrascht. 101
»Das war ich auch«, sagte Lancelot, »doch ich stieg zum Fenster hinaus, um einem Freund und Gefährten die nötige Hilfe zu bringen.« Und sobald sie eingetreten waren, erkannte Sir Kay Lancelot, und etwas steif – denn es fiel ihm nicht leicht, sich für etwas zu bedanken – sagte er zu ihm: »Es scheint, daß ich Euch mein Leben verdanke.« »Das ist gern geschehen«, sagte Lancelot, dem es fast ebenso schwerfiel, Dank entgegenzunehmen, wie es Sir Kay schwerfiel, ihn auszusprechen. Und nachdem Sir Kay die Rüstung ausgezogen und man etwas ge gessen hatte, gingen die beiden Ritter auf die Dachkammer hinauf, legten sich ins warme Stroh und zogen die Decken über sich und schliefen bald ein. Doch Lancelot wachte schon am frühen Morgen auf, während Sir Kay noch schnarchte. Und als er im schwächer werdenden Schein der Nachtlampe auf den Pflegebruder des Königs herabschaute, fiel ihm Artus' Ausspruch ein: »Er war ein unglücklicher Junge, und nun ist er ein unglücklicher Mann, ich fürchte, er wird sein Leben lang unglück lich sein.« Lancelot wußte, daß sich viele Ritter über Kay lustig machten und sich keine Gelegenheit entgehen ließen, ihn herunterzumachen. Er mußte innerlich lächeln und zog sich ganz leise, um Kay ja nicht auf zuwecken, dessen Rüstung an, die ihm gar nicht so schlecht paßte, denn sie waren sich an Körpergröße ziemlich gleich. Nur die Schulter riemen mußte er etwas lockerer schnallen. ›Für einmal soll er stolz und unbelästigt umherreiten‹, dachte Lancelot und hob Kays Schild vom Boden auf, behielt jedoch sein eigenes Schwert. Er verließ die Kammer, so leise er konnte, und verabschiedete sich von der alten Frau. Dann holte er Kays Pferd aus dem Stall und ritt davon, und als Kay erwachte, stellte er bestürzt fest, daß ihm Roß und Rüstung fehl ten. Lancelot war schon tief in den Wald gedrungen, als er sich plötzlich fragte, ob Kay den Scherz wohl so freundlich aufnehmen werde, wie er gemeint war, oder ob er in Wirklichkeit grausam und hochmütig gehandelt habe. Doch inzwischen war es zu spät umzukehren, und so mußte er die Sache auf sich beruhen lassen. 102
Am anderen Tag stieß er auf vier Ritter von der Tafelrunde, die um eine Eiche saßen. Es waren Sir Ector von den Sümpfen, sein Halbbru der, Sir Segramur der Begehrliche, Sir Uwain, der Sohn Morgans der Fee, und Sir Gawain, der der ganzen Bruderschaft der Tafelrunde als ihr Haupt vorstand. Und als sie Sir Kay, wie sie meinten, auf sich zureiten sahen, stießen sie einander in die Seiten und begannen zu la chen, und Sir Segramur ritt auf Kay zu und versetzte ihm einen Schlag, worauf ihn Lancelots Speerspitze mit sicherem Stoß aus dem Sattel beförderte. »Dieser Mann hat doch breitere Schultern als Sir Kay«, sagte Ector. »Wir wollen sehen, ob er auch meinen Schlag parieren kann!« Und Lancelot beförderte auch ihn aus dem Sattel.» Bei meiner Treu«, sagte Sir Uwain, »das ist nicht Sir Kay! Er hat Kay gewiß erschlagen und seine Rüstung gestohlen.« Und auch er ritt gegen Lancelot – und hörte noch das Krachen des Zusammenpralls, bevor ihm schwarz vor Augen wurde. Da packte Sir Gawain seinen Speer und ritt in gestrecktem Galopp gegen Lancelot. Der spornte sein Pferd vor dem Gegenschlag plötzlich so heftig an, wie das nur wenige Reiter fertigbringen, so daß er Ga wain mitsamt seinem Roß zu Fall brachte. Dann ritt Lancelot in aller Ruhe weiter. Und er mußte unter seinem Helm lächeln und dachte: ›Nun, immerhin habe ich Sir Kay vier Stürze und viele Hautschürfun gen erspart.‹ Und dann dachte er auch: ›Gott möge den erfreuen, der diesen Speer gemacht hat, denn ich hatte noch nie einen besseren in der Hand!‹ Und die vier Ritter kamen allmählich wieder zur Besinnung und halfen einander auf die Beine und holten ihre Pferde. »Das war bestimmt nicht Sir Kay«, sagte Sir Segramur. Und Sir Gawain meinte: »Ich glaube, das war Sir Lancelot. Er war zwar nur noch drei Tage am Hof, nachdem er zum Ritter geschlagen worden war, aber ich habe aufgepaßt, wie er sich am zweiten Tag beim Tjosten schlug, und ich erkenne ihn auch an seinem Ritt.« Und sie besprachen unterwegs noch mancherlei, während sie nach Camelot ritten, wo sie Weihnachten feiern wollten. 103
Und Sir Lancelot ritt immer noch durch die verschneiten Wälder und packte jede Gelegenheit zu einem Abenteuer am Schöpf. Der Winter kam immer näher, und es begann zu schneien, und schon bald lag dichter Schnee auf der Erde und auf den Ästen, und in langen, fin steren Nächten heulte der Wind wie ein ganzes Wolfsrudel. Eines Tages, als es schon auf den Frühling zuging, begegnete ihm das seltsamste aller Abenteuer, die er in diesem Jahre auf seinen ein samen Ritten erlebt hatte. So sonderbar war dieses Abenteuer, daß es ihm noch lange hinterher wie ein Traum erscheinen wollte. Und das war so gekommen: Als er einmal auf einem Waldweg ritt, begegnete ihm eine junge Frau, die dick vermummt war, denn es war bitter kalt. Die Frau schaute ihm ins Gesicht – denn Lancelot ritt, wie die meisten Ritter, wenn sie nicht gerade kämpften, mit geöffnetem Visier – und rief: »Ach, Sir Lancelot! Gott sei Dank, daß wir uns get roffen haben!« »Wie kommt es, daß Ihr meinen Namen kennt?« fragte Lancelot, der sich schon daran gewöhnt hatte, mit Sir Kay verwechselt zu wer den, denn er trug immer noch dessen Schild.» Vergangene Ostern war ich an König Artus' Hof und habe am Tage, nachdem Ihr Ritter geworden wart, meinem Bruder beim Tjosten zu gesehen.« Und vor Aufregung ergriff sie seine Zügel, wie wenn sie ihn mit sich ziehen wollte, so daß Lancelots Pferd erschrak und zu tänzeln anfing. »Sachte«, sagte Lancelot. »Was möchtet Ihr denn von mir?« »Ach, Herr Ritter, ich bedarf dringend Eurer Hilfe – und zwar für meinen Bruder, von dem ich Euch eben berichtet habe. Denn heute morgen hat er mit einem bösen Ritter gekämpft, mit Namen Gilben der Bastard. Und er hat Sir Gilbert erschlagen, doch wurde er selbst dabei schwer verletzt. Die Wunde hört einfach nicht auf zu bluten, er schwebt zwischen Leben und Tod. Nicht weit von hier wohnt eine Hexe, die Allewes heißt, – und als ich sie ganz verzweifelt um Hilfe bat, lachte sie mich aus und sagte, die Blutung werde nicht eher ge stillt, als bis ich einen Ritter gefunden hätte, tapfer genug, um sich in die Kapelle zu wagen, die ›die Gefährliche‹ heißt, wo Sir Gilberts Leichnam nun liegt. Und dann müsse er das Schwert, das dort liegt, 104
und ein Stück vom Tuch, mit dem der Leichnam bedeckt ist, heraus holen. Wenn er dann mit dem Schwert die Wunde berührt und hinter her den Stoff um das Schwert wickelt, wird das Bluten gestillt und mein Bruder wieder gesund.« »Das ist eine merkwürdige Geschichte«, sagte Sir Lancelot, »aber wer ist denn Euer Bruder?« »Herr, er ist Sir Meliot von Logure.« Da wurde Lancelot für einen Moment ganz schweigsam, denn er er innerte sich noch gut an den jungen Ritter, der noch nicht lange in Camelot war, als er selbst von Benwick gekommen war, und von dem das Gerücht ging, er sei irge ndwie mit Nimue, der Frau vom See, verwandt. Und seine Nackenhaare sträubten sich ein wenig, und das Gefühl zu träumen überkam ihn. Doch dann sagte er: »Dann ist er ja ein Bruder von der Tafelrunde. Ich werde tun, was ich kann, um ihm zu helfen.« »Dann, Herr«, sagte die Frau, »folgt diesem Pfad, denn er bringt Euch zur Gefährlichen Kapelle. Ich werde hier auf Euch warten, bis Ihr zurückkommt. Und Gott steh Euch bei, daß Ihr zurückkommt. Denn außer Euch gibt es keinen anderen lebenden Ritter mehr, der dieses Abenteuer bestehen könnte.« Da machte sich Lancelot auf den Weg. Das Eis begann schon wie der zu schmelzen, während der tauende Schnee überall von den Ästen fiel. Nach einer Weile kam er zu einer Lichtung neben dem Weg, und mitten darauf stand zwischen rabenschwarzen Eiben eine graue, düste re Kapelle. Lancelot stieg ab, band das Pferd an das schmale Tor und trat in den Kapellenhof. Und da sah er, daß von den verkrümmten Ästen des größten Baumes neben der Kapellentür viele Schilde herab hingen, und zwar verkehrt herum, im Zeichen des Todes. Und dann erblickte er zwischen den Eiben über dreißig Ritter, die in schwarzer Rüstung und mit gezückten Schwertern dastanden. Sie waren alle mindestens einen Kopf größer als gewöhnliche Menschen. Und ihre Visiere waren geöffnet und zeigten kahle Totengesichter, und als La n celot nähertrat, grinsten sie ihm entgegen und knirschten mit den Zä h nen, doch kein einziger blies eine Atemwolke in die kalte Luft. Und Angst legte sich wie kalter Nebel um Lancelot, und wieder sträubten 105
sich ihm die Haare im Nacken, doch diesmal stärker als zuvor. Doch er zückte das Schwert und brachte den Schild in Stellung und ging fe sten Schrittes auf die Männer zu, wie ein Ritter, der zur Schlacht schreitet. Und als er schon ganz nahe war, wichen sie zurück und zerstreuten sich in alle Richtungen, doch ohne im schmutzigen Schnee die gering ste Spur zu hinterlassen. Und Lancelot schritt auf die Kapelle zu und trat über die Schwelle. Nur eine einzige Lampe, die vom Gewölbe hing, beleuchtete den Raum. Unter der Lampe lag ein Toter auf einer Bahre, ganz eingehüllt in eine karmesinrote Seidendecke. Und Lancelot schien es hier drin nen noch zehnmal kälter als draußen in der rauhen Winterluft, und die Kälte drang ihm bis ins Mark. Er zog das Schwert, bückte sich neben der Bahre und schnitt einen langen Streifen aus der roten Seidendecke heraus, die den nackten Leichnam bedeckte. Und während er den Streifen noch herausschnitt, begann sich der Boden unter seinen Füßen zu neigen, wie wenn es un ter der Kapelle einen Erdrutsch gegeben hätte, und die Lampe pendel te an ihrer Kette durch den Raum und warf absonderliche Schatten auf die Wände, so daß es schien, als wäre der Raum vom Schlag düsterer Flügel erfüllt, und dann schien es auch, als ob sich Sir Gilberts Leic h nam unter der Decke rührte. Lancelot schlug das Herz bis zum Hals, und der Schreck preßte ihm die Kehle zu. Doch die Erde beruhigte sich wieder, und die Lampe hing nach ei ner Weile wieder ruhig und senkrecht herunter, die düsteren Schatten hatten sich verzogen, und der Tote lag unter der Decke reglos da. Und als Sir Lancelot sein Schwert wieder einsteckte, bemerkte er neben der Bahre ein anderes prächtiges Schwert. Er hob es auf, stopfte den roten Seidenstreifen in die Höhlung seines Schildes und trat wieder in das graue Licht des verschneiten Kapellenvorplatzes hinaus. Die schwarzen Ritter standen wieder wartend zwischen den Eiben. Und sie fuhren ihn wie aus einem Munde mit schrecklicher Stimme an: »Ritter Lancelot, leg dieses Schwert nieder, oder du wirst ster ben!« 106
»Ob ich lebe oder sterbe«, sagte Lancelot, »durch Worte laß ich mir dieses Schwert nicht rauben. Kämpft mit mir, wenn ihr es haben wollt.« Und wie schon beim ersten Mal wichen sie wieder vor seinen Au gen zurück, ohne eine Spur im Schnee zu hinterlassen. Und so ging er wieder zum Torpfosten, wo er sein Pferd angebunden hatte. Doch ne ben dem Pferd erwartete ihn eine fremde Frau, deren Gesicht bis auf zwei große Augen ganz im Schatten eines dunklen Schleiers lag. Und sie sagte mit ganz leiser, aber eiskalter Stimme: »Sir Lancelot, bitte laßt dieses Schwert hier zurück. Es wird Euch den Tod bringen!« »Das werde ich nicht, trotz Eurer Bitte«, sagte Lancelot. Und die Frau lachte leise, und ihr Lachen klang, wie wenn Eiszapfen aneina n derstoßen. »Wie weise Ihr seid! Hättet Ihr das Schwert nämlich auf meine Bitte dagelassen, so wärt Ihr nie mehr an Artus Hof zurückge kehrt und hättet die Königin Ginevra nie mehr erblickt. Nun sollt Ihr mich, zum Zeichen, daß wir keine üblen Absichten gegeneinander he gen, küssen und dann Eures Weges ziehen.« »Nein!« sprach Lancelot, der schon die Zügel des Pferdes in der Hand hielt. »Gott bewahre!« Da stieß die Frau einen schrillen Klageschrei aus und schien plötz lich ganz dünn zu werden und begann zu zittern, als ob ihr der Wind in die Knochen gefahren wäre. »Ach, ich Elende! Nun sind all meine Mühen umsonst. Denn viele Male habe ich Euer Bild im Traume ge sehen, tags im Wasser von Bächen und abends im Schein von Feuern, und ich hatte Euch zu lieben begonnen. Ich war es, die die Gefährliche Kapelle errichtet hat, um Euch in die Falle zu locken und im Netz meiner Zaubersprüche zu fangen. Und hättet Ihr mich geküßt, so wür det Ihr jetzt tot in meinen Armen liegen und für immer mir gehören, Ihr, der Ihr der beste von allen Artusrittern seid. Aber Ihr habt etwas in Euch, das über meine Kräfte geht, und so konntet Ihr mein Zauber netz zerreißen. Habt Erbarmen mit mir, denn ich bin eine gebrochene Frau…« Da vermutete Lancelot, daß sie die Hexe Allewes sei, von der ihm Sir Meliots Schwester erzählt hatte, und er schlug etliche Male das 107
Kreuz. »Gott behüte mich vor Euren raffinierten Künsten«, rief er, schwang sich aufs Pferd und ritt davon. Lancelot nahm denselben Weg zurück, den er gekommen war, bis er wieder zu Meliots Schwester kam, die noch immer an derselben Stelle stand. Und als sie ihn erblickte, klatschte sie in die Hände und brach in Freudentränen aus. Dann legte sie wieder, aber diesmal nur leicht, die Hand auf die Zügel und führte Lancelot zum nahegelegenen Schloß ihres Bruders. Sir Meliot lag auf dem Bett, und der Arzt und die Knappen standen hilflos um ihn herum, und aus seiner Hüftwunde kam von Zeit zu Zeit immer noch etwas Blut heraus. Sir Lancelot trat an das Bett, zog das Schwert, das er aus der Kapel le mitgebracht hatte, berührte mit der Klinge die blutende Wunde, säuberte die Schwertspitze mit dem Seidenstreifen, und sofort hörte der Blutfluß auf, und die Wunde schloß sich, und Sir Meliot stieß ei nen langen Seufzer aus, richtete sich im Bett auf und war wieder ge sund und munter. Und zwischen zwei bangen, langen Herzschlägen fragte sich Lance lot, ob das das Wunder sei, um das er Gott so lange und so inbrünstig gebeten hatte. Doch dann erkannte er, daß es sich hier um etwas ganz anderes handelte. Hier waren Magie und Hexenkunst im Spiel gewe sen. Und er spürte auch, daß sein Wunder, wenn er es je würde voll bringen dürfen, sich durch irgend etwas ankündigen würde, durch das Gefühl, von Gottes Kraft wie von einer lodernden Flamme erfüllt zu sein. Hier hatte er einfach einen Bann gebrochen, nichts weiter. Aber trotzdem war er froh, Sir Meliot, seinen Bruder in der Tafel runde, gerettet zu haben. Und die drei genossen das Beisammensein, und Lancelot blieb mehrere Tage bei ihnen. Doch als der Schnee zu schmelzen begann, sagte er zu Meliot: »Nun muß ich aufbrechen, denn es paßt schlecht zu einem Ritter auf Abenteuersuche, sieben Nächte lang in einem weichen Federbett zu verbringen. Und bevor ich um Ostern an Artus' Hof zurückkehre, erwarten mich noch einige Abenteuer. Kommt zu dieser Zeit ebenfalls zum Hof, dann treffen wir uns dort wieder.« 108
Lancelot ritt kreuz und quer durch das bewaldete Land, und oft ritt er auf sumpfigen Wegen, die zur Hälfte unter Wasser standen, in dem sich abends die Sonne spiegelte, und die Gänse flogen schreiend auf, wenn er vorbeiritt, und zogen nordwärts. Und er kam zu den Hoch mooren in den westlichen Bergen und setzte seinen Ritt auf Waldwe gen fort. Und überall erwachte der Frühling. Das Schöllkraut säumte die Wegböschungen, und die Knospen der Kirschbäume entfalteten sich über Nacht zu Blüten, und die Lerchen hoch oben über dem be bauten Ackerland schmetterten ihre süßen, herzerweichenden Melodi en in die Luft. Und Lancelot erlebte so viele Abenteuer, daß ein Ge schichtenerzähler, der sie alle erzählen wollte, nie damit fertig würde. Und bald war Lancelots Name in aller Menschen Munde, obwohl er erst neunzehn Jahre alt war. In den letzten Tagen vor Ostern ritt Lancelot wieder nach Camelot zurück. Als er, barhäuptig, aber immer noch in Kays Rüstung, in den Gro ßen Saal trat, erkannten Sir Gawain und Sir Ector von den Sümpfen und Sir Uwain und Sir Segramur den Mann, der sie alle mit einem einzigen Speer zu Fall gebracht hatte, sogleich wieder, und sie bra chen in schallendes Gelächter aus. Und dann erzählte Sir Kay, dem das Blut ins Gesicht stieg, wie ihn Sir Lancelot gerettet hatte, wie die Rüstungen vertauscht wurden, wie er dann friedlich nach Hause gerit ten sei und niemand gewagt habe, sich ihm in den Weg zu stellen, da er doch in Lancelots Harnisch steckte. Aber obwohl er sich nicht wie die anderen an seiner eigenen Geschichte belustigen konnte, erzählte er sie dennoch zu Ende. Lancelot hatte das Gefühl, als sei ihm für ir gend etwas verziehen worden, und er legte dem Seneschall einen Moment lang den Arm um die Schulter. Und dann kamen König Bagdemagus und Sir Meliot von Logure hinzu, und hinter ihnen erschienen die Ritter, die Lancelot aus Sir Tarquinius' Händen befreit hatte, und alle Ritter, die er besiegt und zu Artus und der Königin geschickt hatte, und der Große Saal hatte kaum genug Platz für alle. Es hätte der Augenblick des größten Stolzes und Triumphes in La n celots Leben sein können, als er hervortrat und vor dem König nieder 109
kniete. Aber auch die Königin war in den Großen Saal gekommen, um ihn willkommen zu heißen und die befreiten Gefangenen und die be siegten Ritter, die er ihr geschickt hatte, zu empfangen. Sie trug ein goldgelbes Damastkleid und saß neben dem König, und im Schein der Fackeln leuchteten ihre Augen noch heller als die Juwelen an ihrem Hals. »Wir haben von den Taten gehört, die Ihr in den vergangenen Mo naten vollbracht habt«, sagte der König. »Nun habt Ihr Eure Stärke in der Tat bewiesen, und niemand wird mehr in Zweifel ziehen, daß Ihr trotz Eurer Jugend ein Recht auf den Ritterstand habt.« Und die Königin beugte sich etwas vor und sagte: »Lange Zeit wart Ihr fort, und wir freuen uns, daß Ihr wieder da seid.« Und Lancelot kniete vor ihr nieder, und sein Herz begann plötzlich zu klopfen. Für sie war er ja ein Jahr lang auf Abenteuer geritten, und nun war das Jahr vorbei, und er war zurückgekehrt. Und Ginevra war immer noch da, und nichts hatte sich verändert.
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7 Sir Gawain und der Grüne Ritter Von allen anderen Artusrittern hatte sich Sir Gawain schon immer durch sein auffälliges Aussehen und seine geheimnisvolle Wesensart deutlich unterschieden. Gawain hatte leuchtend rotes Haar und das dazu passende feurige Temperament, das schnell, manchmal gefähr lich schnell, aufloderte, sich aber ebenso schnell wieder besänftigen konnte. Er stammte vom Alten Volk ab, und Gaheris und der jüngste Bruder der drei, Agravane, der erst seit kurzem am Hofe war, natür lich ebenfalls. Und auch Gawains Vetter Uwain und auf mütterlicher Seite auch Artus selbst hatten diese Abstammung. Doch das allein wä re noch nichts allzu Besonderes gewesen. Aber es waren über ihn auch viele seltsame Gerüchte im Umlauf: Die Bauern erzählten sich, seine Kräfte nähmen mit dem Lauf der Sonne zu und ab. Und so war es kein Wunder, daß das seltsamste Abenteuer, von welchem die Tafelrunde jemals vernahm, von Gawain bestritten wurde. An jenem Weihnachtstag, als Sir Lancelot immer noch unterwegs war, hielt Artus Hof in Camelot, denn erst später sollte er mit dem Hof in Carlisle Weihnachten feiern. Die Weihnachtszeit wurde mit großen 111
Feierlichkeiten begangen, und schon nahte der Neujahrstag. Nun war Weihnachten hauptsächlich eine kirchliche Angelegenheit, während Neujahr ein Tag allgemeiner fröhlicher Feste war, und so hatte sich am Neujahrsabend der ganze Hof zum Festmahl versammelt. Die Rit ter der Tafelrunde saßen alle auf ihren Sitzen, während sich die übri gen Ritter und die Knappen an die Seitentafeln gesetzt hatten. Sogar die Königin war mit ihren Zofen gekommen und saß unter einem sei denen Baldachin am oberen Saalende, von wo aus sie den ganzen Raum überblicken konnte, denn nach dem Bankett waren die Tänze an der Reihe. Schon trugen die bedienenden Knappen auf großen Platten Gänse und Wildbret und Schwäne und kunstvoll zubereitete Mandel und Honigkuchen, die die Form von Schiffen und Türmen hatten, her ein. Und überall funkelte der Rotwein in den Kristallgläsern, und der ganze Saal war vom tanzenden Fackelschein und den lustigen Weisen des Harfenspielers erfüllt, der zu Füßen der Königin saß. Dann erschallten Trompetenstöße, und vier Pagen trugen hoch über den Schultern einen Wildschweinkopf herein, der mit herrlich duften den Lorbeerblättern garniert war. Doch gerade als sie den Schweins kopf auf den Tisch stellen wollten, flogen die großen Saaltüren plötz lich auf, und ein kalter Windstoß fuhr herein, und die Lichter der Fak keln krümmten sich seitwärts, und die Flammen der großen Holzfeuer duckten sich tief in die Herde. Und die finsteren Schwingen des Win des hatten auch etwas Schnee in den Saal geweht. Der Harfenspieler hielt mitten im Lied inne. Die festliche Gesell schaft wurde mit einem Male stumm, und jedermann blickte zur Tür hin und in die gähnende Nacht hinaus. Und im ganzen Saal, in dem noch eben fröhliches Gelächter und heitere Melodien erklungen wa ren, war plötzlich eine ernste Stille eingetreten. Und dann erdröhnten auf den vereisten Pflastersteinen draußen im Hof plötzlich Hufschläge, und aus der Finsternis ritt ein riesiger Mann in das Fackellicht, das auf und ab flackerte, wie um ihn zu begrüßen, und das Pferd, das ihn trug, war ebenfalls vo n riesiger Gestalt. Bei seinem Anblick hielt der ganze Saal den Atem an, denn etwas so Seltsames hatte noch niemand am Hofe gesehen: der Mann war von mächtigem Gliederbau und hatte anmutige Gesichtszüge und hielt sich 112
im Sattel wie ein König. Doch er trug keine Rüstung, sondern war nur von Kopf bis Fuß in ein schönes, leuchtendes grünes Gewand gehüllt, und Grün ist die Farbe der Erhabenen, nicht die der Sterblichen. Wams und Hose unter dem dick gefütterten Mantel waren ebenfalls grün, wie auch der von Edelsteinen besetzte Gurt, den er um die Hüfte trug. Der Sattel des Pferdes bestand aus edlem, grünem, mit Gold ver ziertem Leder, ebenso wie das Pferdegeschirr, das bei jedem Schritt des riesigen Tieres ein leises Glockenläuten ertönen ließ. Grünlich goldene Sporen funkelten an den Absätzen seiner Stiefel, welche die Farbe von Moos hatten, wie man es unter alten Eichbäumen findet. Selbst sein dicker Haarschopf und der krause Bart waren von der selben Farbe, und auch das Roß unter ihm war vom stolzen Scheitel bis zum Schwanzende grün, und die Mähne war wundervoll gefloch ten und mit Goldfäden durchwirkt. In der einen Hand trug er eine rie sige Axt aus grünem Stahl, der mit demselben seltsamen Grün-Gold durchzogen war, und mit der anderen Hand hielt er eine junge Stech palme hoch empor, die voller Beeren war, die im Fackelschein wie rote Juwelen funkelten. Doch außer den weihnachtlichen Stechpal menbeeren war alles, selbst die Funken, die die Pferdehufe aus den Steinen schlugen, als er in den großen Saal ritt, grün. Ein leuchtendes und feuriges Grün, das lebendige Grün der Frühlingszeit. In der Mitte des Saals hielt er an, warf die Stechpalme auf den Bo den und ließ den Blick über die ganze Runde schweifen. Und vom König bis zum jüngsten Knappen hatte ein jeder im ganzen Saal das Gefühl, diese grün-gelben Augen, die einem stolzen und mächtigen Waldtier hätten gehören können, hätten einen Moment lang unmittel bar und tief in die eigenen Augen geblickt. Dann schrie er mit einer Stimme, die die Wände erdröhnen ließ: »Wo ist der Herr dieses Saales, denn mit ihm und mit keinem ändern will ich sprechen.« Und nachdem der Donner seiner Stimme wieder verrollt war, saß der ganze Saal noch mindestens drei Herzschläge lang wie gelähmt da, und kein Laut war zu hören, außer dem leisen Geflüster der Herd flammen. Dann sagte Artus: »Ich bin hier der Herr, und ich heiße Euch willkommen. Aber nun steigt bitte vom Pferd, und während sich 113
meine Stallknechte um das Tier kümmern, setzt Euch zu uns und feiert mit, denn es ist die letzte Nacht des alten Jahres.« »Nein, das werde ich nicht«, sagte der Fremde. »Ich bin nicht ge kommen, um mit Euch Feste zu feiern. Aber ich bin auch nicht ge kommen, um Krieg zu beginnen. Das könnt Ihr daraus ersehen, daß ich keine Rüstung trage, und an dem grünen Zweig, den ich mit mir gebracht habe. Aber die Kunde von der Tapferkeit Eurer Ritter ist bis zu meinem Hause gedrungen. Und schon seit einiger Zeit möchte ich diese Tapferkeit gerne einmal auf die Probe stellen.« »Nun denn«, sagte Artus, »ich bin sicher, Ihr werdet unter meinen Rittern mehr als genug finden, die sich gerne mit Euch auf eine Tjoste einlassen, falls dies Euer Wunsch ist.« »Das kann schon sein«, sagte der Grüne Ritter, »doch zum aller größten Teil sehe ich hier nur bartlose Knaben herumsitzen, die ich mit dem leichten Schlag einer Brombeerstaude umwerfen könnte. Nein, die Mutprobe ist anderer Art. Einer Eurer Ritter soll gegen mich antreten und diese Axt, die in der ganzen Welt an Gewicht und Schär fe nicht ihresgleichen hat, in die Hand nehmen und mit ihr einmal zu schlagen. Nur die Stelle, auf die er schlagen muß, will ich bestimmen. Und dann muß er schwören, daß ich das Recht habe, auf dieselbe Stel le zurückzuschlagen, falls ich noch lebe, und zwar von heute ab ge rechnet in einem Jahr und einem Tag.« Und wieder war der ganze Saal stumm. Und die Ritter schauten ein ander an und schauten wieder weg, hier und dort atmete einer schwer, oder es biß sich jemand auf seine Unterlippe. Doch kein einziger wag te, die Herausforderung des schönen und gewaltigen Fremdlings an zunehmen. Da brach der Grüne Ritter in ein langes, lautes, spöttisches Geläch ter aus. »Kein einziger von euch? Ist das überhaupt der Saal des Kö nigs Artus? Und ihr, die ihr hier feiert, aber es nicht wagt, eine kleine Herausforderung anzunehmen, seid ihr denn überhaupt die Ritter der Tafelrunde, die Blüte des Rittertums? Ach, schämt euch und laßt die Köpfe hängen. Ich sehe, ich habe eine nutzlose Reise unternommen!« Artus sprang auf, obwohl er genau wußte, daß es für den großen König nicht statthaft war, eine solche Herausforderung anzunehmen, 114
und warf dem Fremden einen Blick voller Trotz zu. »Doch! Einer! Steigt ab, gebt mir die Axt und macht Euch auf den Schlag gefaßt!« Doch fast im gleichen Augenblick war auch Sir Gawain aufge sprungen. »Mein Herr, mein edler Onkel, ich erhebe Anspruch auf dieses Abenteuer, denn ich trage immer noch die Schmach des Todes jener Frau, die ich enthauptet habe, mit mir herum, und ich muß noch den Beweis erbringen, daß ich würdig bin, in der Tafelrunde zu sit zen!« Gawain nannte Artus nur selten ›Onkel‹, denn sie hatten beinahe dasselbe Alter. Er tat es gewöhnlich nur zum Scherz. Und die scherz hafte Anrede durchdrang den Panzer der Wut, mit dem sich Artus plötzlich umgeben hatte, und erweichte sein Herz, denn der König spürte sofort, daß Gawain die Wahrheit sprach. Da holte er tief Atem, öffnete die Faust und sagte: »Mein lieber Neffe, das Abenteuer gehört Euch!« Sir Gawain verließ seinen Platz und schritt zur Mitte des Saals, während sich der Grüne Ritter aus dem Sattel schwang. »Es ist gut, daß ich einen Streiter gefunden habe, der mir in Artus' Saal gege nü bertritt«, sagte er. »Wie nennt Ihr Euch?« »Ich bin Gawain, der Sohn des Königs Lot von Orkney und der Neffe meines Lehnsherrn, des Königs. Doch wie nennt Ihr Euch?« »Die Menschen oben im Norden, wo ich zu Hause bin, nennen mich den Ritter von der Grünen Kapelle«, antwortete der Fremde. »Bestä tigt nun mit einem Schwur die Abmachung zwischen uns: daß Ihr auf die Stelle, die ich bestimme, einmal schlagen werdet. Und daß Ihr Euch in einem Jahr und einem Tage meinem Schlage, nur dem einen, stellen werdet.« »Ich schwöre es bei meiner Ritterehre.« »Nehmt die Axt und macht Euch zum Schlag bereit.« Gawain ergriff die riesige, fürchterliche Axt und ließ sie ein wenig hin- und herschwingen, um ihr Gewicht und ihren Schwerpunkt zu fühlen. Dann kniete der Grüne Ritter vor ihn auf den Boden, beugte sich etwas vor, und zog sein langes, flammend- grünes Haar über den Scheitel nach vorn, so daß der Nacken freilag. 115
Einen Augenblick lang schien alles Leben aus dem Saal gewichen zu sein, und Gawain stand wie versteinert da. »Auf die Stelle meiner Wahl«, sagte der Grüne Ritter. »Schlagt nun zu.« Und der Saal belebte sich wieder, und Gawain schwang die Axt in einer Art wilden Wut und stieß dazu eine n Schlachtruf aus, und dann legte er seine ganze Kraft in den Schlag und ließ die Axt mit Wucht niedersausen. Das Eisen schnitt durch Fleisch und Knochen und schlug auf dem Steinboden auf, und die Funken sprühten wie auf einem Amboß. Und der Kopf des Grünen Ritters sprang von den Schultern und rollte über den Boden, fast bis vor die Füße der Königin. Da fuhr ein schrecklicher Aufschrei durch die Menge, und während jedermann erwartete, der riesige Leib würde nun vornüberfallen, schüttelte der Grüne Ritter le icht die Schultern, erhob sich und schritt auf seinen Kopf zu. Er hob ihn vom Boden auf, faßte ihn bei den Haa ren und bestieg sein Pferd, das ruhig auf ihn wartete. Dann hielt er den Kopf in die Höhe, wandte das Gesicht Sir Gawain zu und sagte: »Schaut zu, daß Ihr Euren Schwur haltet und trefft mich in einem Jahr und einem Tage!« »Wie soll ich Euch finden?« fragte Gawain, dessen Lippen toten bleich waren. »Reitet durch Wales und in den Wald von Wirrel. Und wenn Ihr nicht den Mut verliert, so werdet Ihr mich noch vor dem Mittag des bestimmten Tages gewiß finden.« Und er schwenkte das Pferd rasch herum, berührte es mit dem ge spornten Absatz an der Seite, und schon war er draußen im nächtli chen Schneegestöber, und sein Kopf baumelte immer noch von seiner Hand. Und dann verhallten die Hufschläge allmählich in der kalten Winternacht. Doch im Saal hatte der Grüne Ritter tiefe Stille hinterlassen, und es dauerte eine ganze Weile, bis der Harfenspieler wieder mit der Hand über die glänzenden Saiten glitt und das Fest wieder in Gang kam und die fröhliche Stimmung zurückkehrte. 116
Der Schnee schmolz, und an den Rändern des Waldes begannen schon die ersten Knospen zu erscheinen. Und zu Ostern kam Sir La n celot von seinen Abenteuern wieder an den Hof zurück, wie schon er zählt wurde. Der Kuckuck begann sich wieder zu melden, und auf den Waldwegen standen Füchse und waren im nächsten Moment wieder verschwunden. Und dann wurde auf den Äckern im ganzen Land die Ernte eingebracht. Und es kam die Zeit der Brombeeren, und das Farnkraut begann sich wieder zu verfärben. Und als Michaeli kam, war es Zeit, daß Gawain aufbrach und seinem furchtbaren Abenteuer entgegenritt. An jenem Michaelitag hielt König Artus in Caerlon Hof; und da hatten sich Sir Gaheris und Sir Agravane und Lancelot und Lionel und dessen Bruder Bors, der von Klein- Britannien herübergekommen war und erst seit kurzem zur Tafelrunde gehörte, und Sir Uwain und Sir Bedivere und König Bagdemagus und Sir Lamorack und Sir Gryflet und noch viele andere Ritter eingefunden. Und ihre Herzen waren alle bedrückt, und das Fest verlief freudlos und ohne Würze, denn das Ge schick Sir Gawains, der nun fortreiten mußte und gewiß nie wieder kommen würde, machte allen großen Kummer. Und Gawain zog mit Hilfe seines Knappen die Rüstung an und gür tete sich das Schwert um. Dann bestieg er Gringolet, seinen großen Rotschimmel, und ritt davon. Tagelang durchritt er das alte Grenzland von Wales, bis er in die wilden und düsteren Berggegenden von Nordwales kam. Durch steile Täler ritt er und an reißenden Wasserfällen vorbei und durch finstere Bergwälder. Und oft wurde er von wilden Tieren und noch wilderen Menschen angegriffen und mußte um sein Leben kämpfen, immer mit der Gewißheit vor Augen, daß am Ende seines Abenteuers doch der Tod auf ihn wartete. Inzwischen war es Winter geworden, die Berge lagen nun hinter ihm, und bald erreichte er die Stelle bei dem Ort Clwyd, die ›das Heilige Haupt‹ genannt wird, und danach kam er zur Quelle des Heiligen Winfried, die am Ufer einer breiten und gräulich schimmernden Meeresbucht mit dem Namen Dee lag. Er überquerte bei Ebbe die breite Bucht, und kaum hatte der Rotschimmel wieder festen Grund unter den Hufen, da brauste die Flut wieder herein. Dann 117
ritt er durch einen Salzsumpf und näherte sich immer mehr dem ural ten Wald von Wirrel, der aus der Ferne wie ein finsterer Haarschopf aussah. Und während er durch den Wald ritt, traf er auf manchen Holzfäller, dann auf einen Bettelmönch und etwas später auf eine alte Frau, die Zweige sammelte, und jedesmal erkundigte er sich nach dem Grünen Ritter. Und auch wenn er einmal bei einem Schweinehirten oder bei einem Kohlenbrenner Unterkunft für die Nacht erhielt – und in diesen Nächten wähnte er sich glücklich, denn gewöhnlich mußte er sich in seinen Mantel rollen und sich in der Wurzelgrube eines vom Sturme gefällten Baumes ins Laub legen -, fragte er stets nach dem Ritter von der Grünen Kapelle, doch niemand konnte ihm Auskunft geben. Und die Zeit wurde immer kürzer… Am Heiligen Abend ritt Gawain, ein müder Mann auf einem müden Pferd, das bis zum Bauch schmutzbedeckt war, endlich zwischen den bedrohlichen, alten Bäumen, die mit ihren gekrümmten, flechtenbe schwerten Ästen nach ihm zu greifen schienen, auf eine offene, von schönen, friedlichen Bäumen umgebene Wiese hinaus. Ein mit Wei den gesäumter Bach schlängelte sich durch die Wiese. Jenseits des Bachs stieg das Land sanft an, und zuoberst auf der Anhöhe erglänzte in den letzten Strahlen der Abendsonne ein prächtiges und wunder schönes Schloß. ›Gott sei Dank‹, dachte Gawain und strich Gringolet zärtlich über das zuckende Ohr. ›Hier werden wir mehr als genug Platz und Speise finden, und an einem Abend wie heute wird man uns gewiß freundlich aufnehmen‹. Und er überquerte den Bach und ritt zum Schloß hinauf und schlug mit dem Schwertknauf an das hölzerne Tor. Und sogleich öffnete sich das Tor, und im Eingang erschien der Pförtner. »Guter Mann«, sagte Gawain, »bitte meldet Eurem Herrn, ein Ritter vom Hofe des Königs Artus sei auf einem Abenteuer hierhergeritten und bitte für sich und sein Pferd um Unterkunft.« »Mein Herr, der Besitzer dieses Schlosses, heißt jeden willkommen, der hier am Tor anklopft, besonders wenn er in der höchsten Nacht des Jahres erscheint«, sagte der Pförtner und trat zur Seite, damit Ga 118
wain durch das Tor in den äußeren Schloßhof reiten konnte. Da eilten Knappen herbei und führten Gringolet zum Stall, während andere Gawain durch den Innenhof und dann in die Schloßhalle führten, wo der Schloßherr vor einem prasselnden Feuer stand. Zu seinen Füßen lagen drei Wolfshunde und hatten die Bäuche der Wärme zugekehrt. Der Schloßherr war von großer Gestalt, ziemlich breitschultrig und vielleicht eine Spur zu dick. Sein Gesicht war vom Wetter gezeichnet, doch freundlich und offen, und seine Haarmähne war so rot wie Ga wains eigenes Haar. Und als Gawain den Raum betrat, stieß er die Hunde zur Seite und schritt ihm mit ausgestreckten Armen entgegen. »Willkommen, Herr Ritter, hier sollt Ihr Euch wie zu Hause fühlen, und alles, was mir gehört, gehört auch Euch, solange es Euch beliebt hierzubleiben.« »Ich danke Euch, edler Herr«, sagte Gawain und hatte den Mann schon ins Herz geschlossen. »Gott vergelte Euch Eure Gastfreund schaft.« Und sie schlugen sich auf die Schultern, als wären sie alte Freunde. Dann führten die Knappen Gawain zur Gästekammer hinauf, die unter dem Dach lag, und halfen ihm beim Ausziehen der Rüstung und brachten ihm ein rotes Gewand, das mit einem weichen Luchsfell ge füttert war. Dann begleiteten sie ihn wieder zum Saal hinunter, wo ge genüber dem Schloßherrn ein zweiter Stuhl für ihn hingestellt worden war. Und einer der Hunde kam mit wedelndem Schwanz auf ihn zu und legte ihm das Kinn auf die Knie. Unterdessen deckten die Knappen die Speisetafel mit einem schö nen weißen Tischtuch. Dann trugen sie die Speisen herein und stellten die Weinkrüge auf. Als Gawain all die leckeren Dinge sah und roch, lief ihm das Wasser im Munde zusammen. Und das Feuer und sein dickgefüttertes Gewand durchwärmten allmählich seinen erschöpften Körper, und bald fühlte er sich so wohl wie scho n lange nicht mehr. Und als das Essen vorüber war, sagte der Schloßherr: »Kommt mit, Sir Gawain, denn Ihr habt meine Frau noch nicht gesehen, und sie freut sich schon darauf, Euch zu begrüßen.«
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Sie gingen zusammen über die Treppe hinter dem Saal zum Ge mach der Gattin des Schloßherrn hinauf. Das war wahrhaftig ein prächtiges Gemach. Die Wände waren grün gestrichen und überall mit kleinen Goldsternchen geschmückt. Und die Schloßherrin saß mit ih ren Mädchen neben dem Feuer und hielt einen niedlichen Schoßhund auf den Knien. Und als sie Gawain zulächelte, dachte er, eine so schö ne Frau habe er in seinem Leben noch nie gesehen, denn sie erschien ihm noch schöner als Ginevra. Die Frau hieß ihn mit freundlicher Stimme willkommen, während die Mädchen ein Schachbrett mit sil bernen und kristallenen Figuren herbeitrugen und es vor den Schloß herrn und dessen Gast stellten. Und Gawain verbrachte einen so heite ren und angenehmen Abend, daß er für eine Weile beinahe vergessen hätte, welch düsterem Abenteuer er entgegenging. Und als es Zeit zum Schlafen war, führten ihn die Knappen in ei nem feierlichen Zug und mit Kerzenlichtern wieder in seine Kammer zurück, stellten einen Becher mit süßem Würzwein neben das Bett und verließen ihn wieder. Vier Tage brachte Gawain bei heiteren Festen und fröhlichen Tä n zen zu, wie es nur recht und billig ist während der Weihnachtszeit. Und immer weilte die Frau des Hauses in seiner Nähe und unterhielt sich mit ihm und lächelte ihm zu und schenkte ihm in jeder Hinsicht ihre Aufmerksamkeit. Doch am Abend des vierten Tages spürte Gawain, daß er sein Abenteuer nicht mehr länger hinausschieben durfte. Als er dies der Frau und dem Schloßherrn mitteilte, wurden sie sehr traurig und ver suchten ihn zu überreden, länger dazubleiben. Doch Gawain hielt an seinem Vorsatz fest. »Ich bin nun schon zu lange geblieben und habe Eure Gesellschaft sehr genossen, doch nun ruft mich mein Abenteuer. Denn bis zum Mittag des Neujahrstages muß ich den Ritter von der Grünen Kapelle finden und weiß noch nicht einmal, wo sic h diese Ka pelle befindet.« Da lachte der Schloßherr und schlug sich mit der großen Hand auf das breite Knie. »Das ist wahrhaftig eine gute Botschaft; denn ich kenne die Grüne Kapelle gut. Sie liegt keine zwei Pferdestunden von hier! Bleibt also noch bis zum Morgen des Neujahrstages bei uns, und 120
dann wird Euch einer meiner Knappen zu dem Ort führen, und ihr werdet ankommen, noch bevor die Sonne im Zenit steht.« »Dann will ich gerne noch bleiben«, sagte Gawain, »und mich an Eurer Freundschaft erfreuen und Euc h in allem willig zu Diensten sein.« Er dachte nämlich: ›Wenn das die drei letzten Tage meines Le bens sind, so wäre es schön, sie in Gesellschaft solcher Freunde zu verbringen.‹ »Dann haben wir also noch drei schöne Tage vor uns«, sagte der Herr des Schlosses, »und die will ich verbringen, wie ich die drei letz ten Tage des alten Jahres stets zu verbringen pflege, nämlich auf Jagd. Doch Ihr, der Ihr einen so weiten und beschwerlichen Weg hinter Euch habt und dem bei der Grünen Kapelle gewiß noch eine schwere Probe bevorsteht, bleibt lieber zu Hause und laßt es Euch gut gehen. Und leistet meiner Frau, die sich jedesmal, wenn ich ein Wildschwein oder einen Rothirsch jagen gehe, über ihre Einsamkeit beklagt, Ge sellschaft. Und an den Abenden werden wir gemeinsam fröhliche Fe ste feiern.« »Gerne tue ich das«, sagte Gawain. Der Schloßherr lachte wieder, und seine Augen glänzten in seinem wettergegerbten Gesicht. »Und da es Zeit zum Spielen und Scherzen ist und ich heute zu allem aufgelegt bin, wollen wir ein feierliches Abkommen miteinander treffen: jeden Abend werde ich Euch geben, was immer ich am Tage erjagt habe; und Ihr sollt mir dafür geben, was immer Ihr im Schloß gefunden habt. Darauf wollen wir schwören, wer auch immer dabei besser abschneiden mag.« »Das ist ein feines Abkommen, gerne leiste ich meinen Eid darauf«, sagte Gawain, und die beiden gaben sich einen kräftigen Handschlag wie zwei Männer, die einen Handel abschließen. Am anderen Morgen rief der Schloßherr seine Jagdgenossen und die Hunde zusammen und ritt auf Jagd und folgte in den Wäldern von Wirrel und Delamare den Spuren eines Rothirschs. Doch Gawain lag noch im Bett und fühlte sich noch schläfrig, denn er war es nicht ge wöhnt, so spät zu Bett zu gehen. Da trat die Frau des Schloßherrn auf leisen Sohlen zu ihm in die Kammer und setzte sich auf die Bettkante und begann, ihn zu necken. Und allmählich gingen ihre Neckereien in 121
verliebtes Reden über und sie warf Gawain süße Worte zu. Und Ga wain antwortete ihr seinerseits mit heiteren und höflichen Scherzen und hielt alles für ein Spiel zwischen ihnen. Und schließlich stand die Frau auf und wollte sich wieder entfernen. »Gott vergelte Euch diese vergnügliche Stunde«, sagte sie, »doch es fällt mir schwer zu glauben, Ihr seid Sir Gawain, wie Ihr behauptet.« »Warum denn?« fragte Gawain ganz verdutzt. Und sie lachte. »Würde Sir Gawain so lange mit einer Dame zuge bracht haben, ohne ein einziges Mal um einen Kuß zu bitten?« »Glaubt mir, teure Frau, ich fürchtete, das würde Euch mißfallen«, sprach Gawain, »doch da Ihr mich jetzt wieder verlassen wollt, bitte ich Euch in der Tat in aller Bescheidenheit um einen Kuß.« Da nahm die Frau sein Gesicht zwischen die Hände und küßte ihn zärtlich und entfernte sich dann. Und Gawain rief nach den Kammer dienern, denn nun wollte er aufstehen. Am Abend kehrte der Schloßherr wieder zurück, und auf dem Rük ken seines Jagdponys lag der Kadaver eines schönen Rothirschs. Er bat seine Jäger, das Tier zu Gawain zu bringen, der ihn schon im Schloßhof erwartete. »Seht, hier ist die Frucht meiner Jagd, die ich Euch, gemäß unserer Abmachung, überreiche.« »Ich danke Euch von Herzen für dieses Geschenk«, sagte Gawain, »und bitte Euch, morgen, wenn der Hirsch gebraten ist, in Eurer eige nen Halle mit mir zu Abend zu speisen. Und nun will ich Euch dafür geben, was ich heute in diesem Schloß gewonnen habe.« Und er legte seinem Gastgeber die Hand auf die Schulter und küßte ihn einmal. »Ah, das war ein schönes Geschenk, und ich danke Euch sehr da für«, sagte der Schloßherr. »Doch würde ich gerne wissen, wer Euch diesen Kuß gegeben hat.« »Nein«, sprach Sir Gawain, »das gehört nicht zur Abmachung.« Und dann setzten sie sich und nahmen in guter Gesellschaft das Abendbrot ein. Am folgenden Morgen ließ der Schloßherr die Hunde für die Schweinsjagd holen und ritt wieder fort. Und wiederum lag Gawain noch im Bett und fühlte die angenehme, ungewohnte Schläfrigkeit, bis 122
die Frau des Schlosses wieder erschien und sich auf die Bettkante setzte, während ihr kleiner Schoßhund hinter ihr hertappte und sich in der Schleppe ihres langen Kleides verkroch. Und wieder begann sie, Gawain sanft zu necken und spielte mit Worten und versuchte, auch ihm einige Liebesworte zu entlocken. Doch Sir Gawain gab ihr alle ihre Worte elegant wieder zurück, und das tat er so freundlich, daß er die Frau nicht im geringsten kränkte. Schließlich verließ sie ihn wie der, doch diesmal war zum gestrigen Kuß noch einer dazugekommen. Als es dämmerte, kehrte der Schloßherr wieder heim, und seine Jä ger legten den haarigen Kadaver eines Wildschweins vor Gawain hin. »Hier, mein Gast, habt Ihr die Frucht der heutigen Jagd«, sagte der Schloßherr. »Gerne nehme ich die Frucht Eurer Jagd entgegen«, sagte Gawain, »und bitte Euch, morgen abend wiederum mit mir zu speisen.« »Und was bekomme ich dafür von Euch?« »Was ich empfangen habe, seit ihr heute morgen aufbracht«, sagte Gawain und legte dem Schloßherrn die Hände auf die Schultern und gab ihm zwei Küsse. »Das und nicht mehr habe ich heute gewonnen, und nun schenk' ich sie Euch.« Und dann setzten sie sich zusammen mit den übrigen Schloßrittern an die üppige Tafel und verspeisten den Rothirsch, den Gawain am Abend zuvor zum Geschenk erhalten hatte. Und die Frau des Schlos ses setzte sich mit ihren Mädchen ebenfalls dazu und sandte Gawain von Zeit zu Zeit dunkle, süße Blicke zu, doch er tat so, als ob er nichts merke. Und an diesem Abend dachte Gawain, daß es, abgesehen von sei nem Abenteuer, auch noch aus anderen Gründen ratsam sei, am fo l genden Morgen aufzubrechen. Und als er dies seinem Gastgeber mit teilte, sagte der große Mann: »Aber nein, weshalb denn?« »Morgen ist der letzte Tag des alten Jahres. Und am Mittag des fo l genden Tages muß ich am verabredeten Ort den Grünen Ritter tref fen.« »Habe ich Euch denn nicht bei meiner Ritterehre geschworen, daß sich der Ort nur zwei Meilen von hier befindet und daß Ihr noch vor 123
Mittag dort eintreffen werdet? Und außerdem umfaßt unsere Abma chung insgesamt drei Tage.« Der Schloßherr rief am Morgen des Silvestertages seine Jäger und seine Hunde herbei und ritt wieder in den finsteren Wald zur Jagd, während Gawain noch schlief und viele wirre Träume hatte, von sei ner Begegnung mit dem Grünen Ritter, die nun so unerbittlich näher rückte. Als er erwachte, schien die matte Wintersonne bereits ins Zimmer, und die Frau des Schlosses stand schon vor seinem Bett und beugte sich über ihn. Als sie sah, daß er wach war, gab sie ihm einen langen Kuß, dann trat sie etwas zurück und schaute auf ihn hinunter und lach te immer noch, doch in ihrem Lachen klang auch leichte Trauer mit. »Nur einen einzigen Kuß«, sagte sie, »Euer Herz wird doch nicht etwa im Winter gefrieren? Oder werdet Ihr am Hofe von einer Frau erwar tet?« »Nein, liebe Frau«, sagte Gawain sanft, »und mein Herz ist noch frei. Doch, schönste und bezauberndste Frau, ich kann es nicht an Euch verschenken, denn Euer Herr, der He