ARTUS SAGEN NEU ERZÄHLT VON
ULLA LEIPPE
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ARTUS SAGEN NEU ERZÄHLT VON
ULLA LEIPPE
©Copyright bei Füllhorn-Sachbuchverlag GmbH Stuttgart Lizenzausgabe für die Xenos Verlagsgesellschaft m.b.H. Lottbekheide 17, 2000 Hamburg 65
Titelbild: D’Agostini Innenillustrationen: Friedrich Dohrmann Umschlaggestaltung: Klingenberg Werbeagentur GmbH, Hamburg
VORWORT
Die Sagenkreise, die sich an den Namen des Königs Artus knüpfen, kennen wir fast nur noch aus der großen Dichtung des höfischen Mittelalters, das sich in Italien, Frankreich und Deutschland der Stoffe bemächtigte und das Heldenlied aus wirrer Kampfzeit zu einer Fülle selbständiger Dichtungen, zum Spiegel höfischen Rittertums, verarbeitete. Keltische Feenmotive, die vielfach gebrochene Gralssage, Erinnerungen an die Helden Karls des Großen, inbrünstige Gottsuche – das alles verband sich mit den Lebensformen des Rittertums zu Liebesromanen, Seelendramen, Abenteurergeschichten. Unter der Hand Chrestiens de Troyes, Hartmanns von Aue und des unvergleichlichen Wolframs von Eschenbach fanden sie ihre schönste, ihre glühendste Gestalt. Wer die Romane als Sagen für die Jugend nacherzählen will, muß den roten Faden finden, der sie miteinander verbindet – und ihn selbst dort knüpfen, wo es sich nicht wie bei Wolframs „Parzival“ um eine geschlossene Dichtung handelt. Die frische, unbekümmerte, leidenschaftlich bewegte Fabel und die Helden, die jeder für sich eine Ausprägung des ritterlichen Ideals darstellen, stehen im Vordergrund der Erzählung, und das Spielerische, Draufgängerhafte überwiegt das uns etwas fern gerückte Bild des Rittertums in seiner geschlossenen, ja sozial abgeschlossenen und starr an höfische Gesittung gebundenen Erscheinung. Und schließlich kommt das mitreißende Grundmotiv zu seinem Recht, das sich sonst in der Fülle der Geschichten verliert: Die Brüderlichkeit, Reinheit
und Treue der Ritterrunde, ihr Verrat und der Untergang in einer großartig düsteren, von Schuld und Verhängnis heraufbeschworenen Szene.
KÖNIG ARTUS
König Artus’ Herkunft
Jahrhundertelang erzählte man sich in Europa von dem großen König Artus, der über das Inselland Britannien und über die Bretagne herrschte. Alte Geschichtsschreiber, die noch Wirklichkeit und Sage miteinander vermischten, berichteten von ihm, der etwa zur Zeit König Dietrichs von Bern gelebt haben soll; aber keine Urkunde, kein Tagebuch seiner Hofhaltung, kein königlicher Erlaß ist vorhanden, aus denen wir entnehmen könnten, wann Artus – ja, ob er überhaupt gelebt hat. Die Sehnsucht der Menschen nach einer Herrschergestalt in wirren Zeiten, die Ordnung schafft und die edelsten Männer um sich versammelt, hat sich in seinem Namen verkörpert. Nachdem Jahrhunderte hindurch die Geschichten von König Artus von Mund zu Mund weitergegeben worden waren, ergriffen große Dichter in Frankreich und Deutschland etwa zur Zeit des Kaisers Barbarossa den Stoff und formten ihn zu kunstvollen Verserzählungen. Sie machten Artus zu einem Mann ihrer eigenen, der Ritterzeit, und alles, was sie an ritterlichen Tugenden bewunderten, gossen sie in die Gestalten seiner Tafelrunde. Diesen Dichtern, vor allem Wolfram von Eschenbach und Hartmann von Aue, erzählen wir hier nach, damit noch einmal die bunten Abenteuer und der ritterliche Mannesmut jener alten Tage zu neuem Leben erwachen. In Britannien herrschte König Uterpendragon, das heißt Drachenhaupt. Er war jung und ungestüm, aber er hatte einen
treuen Berater, Merlin, von dem die Leute raunten, daß er Zauberkraft besitze und vieles voraussagen könne, was dem Land in Zukunft beschieden sei. Uterpendragon vertraute dem weisen Merlin in allen Dingen und unternahm nichts Wichtiges, ohne ihn vorher um Rat zu fragen. Aber Merlin war oft nicht zu finden, und manchmal zeigte er sich in seltsamen Verkleidungen, in denen die Ritter ihn nicht und der König erst spät erkannten. Merlin liebte seine eigenen Wege, und Uterpendragon gab ihm alle Freiheit, zu gehen, wann und wohin er wollte. Oft fragte er neugierig: „Merlin, wo bist du gewesen?“ Aber der Zaubermächtige lächelte nur und deutete hinaus, irgendwohin in die weite Welt. „Ich war dort draußen, ich war bei mir selbst.“ Nun begegnete Uterpendragon eines Tages der wunderschönen Arnive, die mit einem seiner Herzöge verheiratet war und ihren Mann treu liebte. Der König wurde von heftiger Zuneigung zu der Frau seines Lehnsmannes erfaßt. Tag und Nacht ging Arnive ihm nicht aus dem Sinn, er war zerstreut, wenn seine Getreuen ihn um Befehle baten, er vergaß, daß er sein Reich gegen Feinde zu schützen hatte. Unter vielen Vorwänden holte er den Herzog und seine Frau an den Hof und warb mit Blicken und Geschenken um die Gunst Arnives. Als sie erkannte, daß der König sie liebte, erschrak sie sehr: Wie sollte sie dem Mächtigen widerstehen? Im geheimen vergoß sie manche Träne, denn sie wußte wohl, daß Uterpendragon versuchen würde, ihren Mann, den Herzog, von ihr fernzuhalten; sie mußte sogar fürchten, daß er ihm nach dem Leben trachte, um sie zu erringen. Und so kam es auch. Bei einem Fest im Schloß des Königs bevorzugte Uterpendragon die schöne Arnive so auffällig, flüsterte ihr heiße Liebesworte zu und bestürmte ihr Herz mit vielen süßen Versprechungen, daß sich Arnive nicht mehr zu helfen wußte. Bedrückt berichtete sie ihrem Gemahl von der Kränkung, die
ihm hier am Königshof widerfuhr, und bat ihn, noch in derselben Nacht mit ihr davonzuziehen. Grollend brach der Herzog auf – zornig blieb der König zurück, und seine Ritter empörten sich über den Lehnsmann, der es wagte, den König zu beleidigen und von seinem Fest zu verschwinden. Wochen gingen ins Land, unruhig und unwirsch schien der König, und sein Gefolge schob die üble Laune auf seinen Zorn auf den Herzog. Da rieten sie ihm, Arnives Mann Krieg anzusagen, zur Rache für die Beleidigung, und Uterpendragon war so verblendet, daß er einwilligte. Sein Heer sammelte sich und zog vor die stark befestigte Burg Tintajol, in der Arnive mit ihrem Mann lebte. Doch der Herzog fand viele Bundesgenossen, und die Belagerung zog sich in die Länge. Abend für Abend saß der König grübelnd in seinem Zelt, geplagt von schlechtem Gewissen und doch unfähig, von seiner Sehnsucht nach Arnive zu lassen. In seiner Not sandte er nach Merlin, doch keiner der Boten, die er in alle Himmelsrichtungen schickte, fand den Weisen. Eines Abends aber stand Merlin plötzlich vor ihm. „Ich weiß, was dich quält. Arnive begehrst du. Ich schaff’ dir Arnive her. Gib du, was ich fordre.“ „Was immer du verlangst, Merlin, ich verspreche es dir.“ „Arnive erringst du, noch heut’ wird sie dein. Den Sohn mußt du lassen. Ich fordre den Sohn.“ Ach, was kümmerten den König jetzt künftige Söhne! Unbedenklich versprach er Merlin den ersten Sohn, den Arnive ihm schenken würde. Merlin verwandelt den König in die Gestalt des Herzogs, brachte ihn ans Burgtor und sah zu, wie Uterpendragon nun willig eingelassen wurde. Arnive empfing den Mann, den sie für den ihren halten mußte, mit heftigen Tränen: „Ach Liebster, in welche Not sind wir geraten! Und alles ist um meinetwillen so gekommen!“ Der falsche Herzog blieb die
Nacht bei ihr und ging erst bei Morgengrauen davon. Der rechte Herzog aber fand in dieser Nacht den Tod vor den Wällen seiner Burg, als er einen verzweifelten Ausfall gegen die Belagerer machte. Merlin erwartete den König und ließ ihn ein Bad in einer Wunderquelle nehmen – da erhielt er seine Gestalt zurück. Der Herzog war tot, seine Leute ergaben sich, und der Krieg hatte ein Ende. Uterpendragon warb jetzt offen um Arnive, und weil sie ihm nun ohne Schutz ausgeliefert war, nahm sie schließlich seine Hand an und lebte als Königin an seiner Seite. Uterpendragon tat alles, was er vermochte, um sie das Leid vergessen zu lassen, das er selbst ihr zugefügt hatte, und als Arnive spürte, daß sie ein Kind haben sollte, wurde sie wieder fröhlich. Aber der Knabe, den sie zur Welt brachte, wurde ihr genommen. Uterpendragon hob das Kind empor, küßte es heftig und sprach: „Arnive, wir dürfen ihn nicht behalten. In einer dunklen Stunde habe ich versprochen, ihn fortzugeben. Aber tröste dich, ich gebe ihn in gute Hut.“ Wie sollte sich wohl die Königin trösten, der man ihr Kind nahm! Sie fügte sich, aber sie mußte immer einen Schauder überwinden, sooft sie Uterpendragon sah. Als der König mit dem Knaben aus dem Zimmer trat, stand, wie aus dem Boden gewachsen, ein alter Bettler vor ihm: „König, nun gib mir, was du mir gelobt hast!“ Schweigend reichte Uterpendragon ihm das Kind. Der Bettler sprach: „Tröste dich, König, dein Sohn ist berufen. Ein mächtiger König, schützt er dein Reich.“ Uterpendragon sah ihm nach – Reue und Hoffnung stritten in seiner Brust. Merlin brachte das Kind zu einem Dienstmann des Königs und gebot ihm, den Knaben wie seinen eigenen aufzuziehen, ihn jagen und reiten zu lehren.
„Das Kind heißt Artus. Hüte ihn gut! Mehr sollst du nicht wissen.“ So wuchs Artus im Hause des Dienstmannes auf, ahnte nichts von seiner hohen Geburt, wurde zärtlich geliebt von den Pflegeeltern und lebte in brüderlicher Eintracht mit deren Sohn Keie. Uterpendragon und Arnive bekamen ein zweites Kind, die Tochter Sangive. Sie wurde später die Frau des Königs Lot von Norwegen und die Mutter des strahlenden Helden Gawan, von dem noch viel zu erzählen ist.
Das Reich ohne Herrscher
In den folgenden Jahren hatte Uterpendragon manchen Krieg um das Land mit den Heiden zu führen, denen das christliche Reich ein Dorn im Auge war. In schweren Kämpfen verteidigte er Glauben und Herrschaft, aber er verlor sein Leben dabei. Zu Tode verwundet lag er auf der Bahre, da trat noch einmal Merlin zu ihm. Er kannte des Königs tiefste Sorge: Wer sollte jetzt das Reich schützen? Wo war der starke Arm, dem sich die Großen des Landes fügen würden? Merlin beugte sich über den Sterbenden: „König, sei ruhig. Es lebt dir ein Sohn. Gerecht ist und kühn er, zum Herrscher berufen. Er sorgt für den Frieden, er sorgt für das Volk.“ Mit seinem letzten Lächeln dankte Uterpendragon dem treuen Berater, dann schloß er für immer die Augen. Die Lehnsleute wollten sofort einen neuen König wählen, damit das verwaiste Land nicht die Überfälle der Heiden auf sich ziehen sollte. Aber Merlin gebot ihnen Geduld: „Ein Wunder enthüllt euch den kommenden Herrscher. Gott selbst wird euch geben den mächtigen Herrn.“
Sie sahen ihn zweifelnd an, aber sie gehorchten und spähten nur überall nach Zeichen, die ihnen den neuen König verraten sollten. An einem Sonntagmorgen im Winter, als Eis und Schnee die Straßen bedeckten, schritt ein Zug von Rittern aus der Kathedrale, in der sie die Messe gehört hatten. Da standen sie staunend vor einem gewaltigen Felsblock, der sich plötzlich vor der Kirche erhob. Ein Schwert steckte im Stein, und eine Tafel verkündete: „Wer das Schwert aus dem Stein zieht, wird König von Britannien.“ Sie traten heran und griffen nach dem Knauf, rüttelten und zogen – aber das Schwert zitterte nicht einmal. Entmutigt ließen sie ab, beschämt, daß sie nicht imstande waren, die geforderte Tat zu vollbringen. Auch Leute aus dem Volk wollten sich unter dem Gelächter der Ritter daran versuchen,
aber das Schwert widerstand, niemand schien zum König berufen. Schließlich wandten sie sich ab und zogen, Ritter und Bürger, hinaus zum Turnier, das für diesen Tag angesetzt war.
Auch Keie ritt zum Turnier, und Artus, der sechzehn Jahre alt war, trug ihm die Waffen. Vor dem Tor merkte Keie, daß er vergessen hatte, sein Schwert umzugürten, und er bat Artus, es ihm zu holen. Der lief in die Stadt zurück, sah den großen Block mit dem Schwert darin und dachte, das könne er ja Keie bringen. Er trat zum Block, faßte den Knauf, und das Schwert glitt von selbst aus dem Stein und lag ihm in der Hand. Er lief Keie nach, um ihm die Waffen zu bringen, da strahlte das Schwert so hell, daß alle aufmerksam wurden und den Knaben fragten, woher er es habe. Artus sagte: „Es steckte in dem Stein auf dem Domplatz.“ „Aus dem Stein vor der Kathedrale? Das kann nicht sein! Das Schwert steckt so fest im Block, daß keiner der starken Herren es auch nur ein Stückchen bewegen konnte! Und du junger Geselle willst es herausgezogen haben?“ Sie nahmen Artus in die Mitte, führten ihn eilig zum Platz zurück und ließen ihn das Schwert in den Stein stoßen. Fest saß es wieder darin, und keiner der Männer, die nacheinander herantraten und es herauszuziehen versuchten, konnte es bewegen. Dann ergriff Artus wieder den Knauf, und nun sahen alle, wie das Schwert willig aus dem Stein ihm in die Hand glitt! Sie wunderten sich und ärgerten sich: Sollte dieser einfache Knabe, gewiß keines Königs Sohn, ihrer aller Herr sein? Sie nahmen ihm das Schwert aus der Hand und wendeten es nach allen Seiten. „Escalibor“ stand darauf geritzt, aber dieser Name, den das Schwert trug, half ihnen auch nicht weiter.
Nun erhob sich ein wilder Tumult, die Herren riefen: „Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen!“ Die Bürger frohlockten: „Einer aus unserer Mitte! Er wird die übermütigen Fürsten ducken!“ In dem Aufruhr stand nur einer still – Artus. Verwundert sah er in die Menge, seine Hand hielt das schimmernde Schwert. Von dem Lärm beunruhigt, trat jetzt der Bischof aus seinem Hause, gebot Ruhe und ließ sich berichten, was geschehen war. Dann hallte seine Stimme über den Platz: „Gott selbst hat gesprochen! Er hat diesen Knaben zum König berufen! Beugt euch, Ihr Herren!“ Aber sie rissen die Schwerter aus den Scheiden, sie klirrten mit den Waffen, sie schrien und bedrängten Artus. Da sprach der Bischof wieder: „Schämt euch, daß Ihr dem Zeichen des Herrn nicht vertraut! Dieser Knabe hier ist euch zum Herrscher bestimmt! Aber wir wollen mit der Krönung bis zum Pfingstfest warten – bis dahin gebiete ich euch Ruhe zu halten!“ Er trat zu Artus und bat ihn, ihm das Schwert zu überlassen: „Bis zu dem Tage, an dem Ihr zum König gekrönt werdet, will ich das Zeichen Eurer Berufung hüten!“ Artus übergab ihm willig die Waffe und kehrte ruhig ins Haus des Dienstmannes zurück, wo Keie ihn mit großen Augen ansah. Wenn die beiden in den folgenden Monaten zu Spiel und Turnier ausritten, war es jetzt Keie, der Artus die Waffen trug… Auch die Pflegeeltern begannen Artus „Herr“ zu nennen, und an die Stelle der warmen, mütterlichen Liebe, mit der die Frau des Dienstmannes ihren Pflegesohn umgeben hatte, trat allmählich eine fremde Scheu, die Artus nachdenklich machte. Er hielt sich jetzt oft fern von allen Menschen und versuchte, sich ein Leben als König vorzustellen.
Vergebens spähten die Großen des Landes nach Hinweisen auf einen anderen Herrscher aus – auch der Ehrgeizigste unter ihnen vermochte nicht auf irgendein Zeichen der Berufung hinzudeuten. Am Pfingsttag strömten sie in die Kathedrale, wo Artus unter dem Jubel des Volkes und dem unterdrückten Murren der Fürsten zum König gesalbt wurde. Er kniete vor dem Altar und gelobte, seinem Reich ein gerechter Herrscher zu sein, den christlichen Glauben zu schützen und zu verbreiten und niemals zu vergessen, was er dem Lande schulde. Dann richtete er sich hoch auf, erhob das leuchtende Schwert und stand so herrscherlich und kühn vor der Versammlung, daß jeder erkennen mußte, wie edel der Pflegesohn des Dienstmannes war. Nun zog Artus in die Königsburg ein und mußte lernen, die vielen Fragen zu entscheiden, mit denen die Menschen seines Reiches ihn bestürmten. Merlin stand ihm mit Rat zur Seite, und Keie, den er zu seinem Hofmeister machte, brachte mit barschem Wort jeden zum Schweigen, der seinen Herrn nicht gebührend achtete. In diesen ersten Zeiten von Artus’ Herrschaft gewöhnte sich Keie, von dem wir noch oft erzählen werden, eine strenge Miene an, Zucht und Ordnung am Hofe gingen ihm über alles, leidenschaftlich verteidigte er die Würde seines Königs. Und freilich war das nötig. Zwar lief alles Volk begeistert zusammen, wenn Artus durch die Straßen ritt, aber die Großen des Landes hatten sich noch nicht damit abgefunden, daß ihnen jetzt ein König von unbekannter Herkunft gebot – mancher von ihnen ging außer Landes, andere dienten nur widerwillig dem neuen Herrn. Da griff Merlin ein. Seltsame Wunderzeichen ließ er die Herren sehen, und als auch das noch nicht half, sie von Artus’ göttlicher Berufung zu überzeugen, trat er eines Tages vor die
Hofgesellschaft und sprach: „Ihr glaubt nicht den Zeichen. Ihr glaubt nicht dem Wunder. So glaubt diesem Siegel!“ Er zog seine Pergamentrolle aus seinem Gewand, die von König Uterpendragon selbst unterzeichnet und gesiegelt war und alles berichtete, was mit Artus’ Geburt zusammenhing. Laut las Merlin die Urkunde vor, dann drängten sich die Ritter um ihn und betasteten das Siegel, und nun erst waren sie bereit, aus ehrlichem Herzen Artus die Treue zu halten. „Artus ist Uterpendragons Sohn!“, so lief die Kunde durchs ganze Land. Artus aber ließ sich sogleich zu Arnive führen und verneigte sich vor der Frau, die seine Mutter war. Sie schloß ihn heftig in die Arme und weinte um die verlorenen Jahre. Dann ergriff sie die Hand ihrer Tochter Sangive und legte sie in Artus’ Hand: „Sie ist deine Schwester. Noch trägt sie Trauer um euren Vater, aber nun darf sie unter dem Schutz eines starken Bruders auf ein fröhlicheres Leben hoffen. Du wirst ihr den Gatten aussuchen, der ihrer ebenbürtig ist!“ ∗ Vertrauensvoll lächelte Sangive den neugefundenen Bruder an – und Artus sprach: „Du wirst mich vieles lehren müssen, Schwester, was ich bisher nicht gekannt habe; ich weiß nicht, wie man mit edlen Damen umgeht, und Reigentanz und Lautenspiel habe ich nie kennengelernt. Nun erst, scheint mir, bin ich ein richtiger König, der eine erfahrene Mutter und eine liebliche Schwester als Zierde seines Hofes hat!“
∗
Möglicherweise auftretende Unterschiede in den verwandtschaftlichen Verhältnissen gegenüber anderen Darstellungen erklären sich aus der Vielzahl der Überlieferungen.
Hilfe für König Leodegan
Aber Artus hatte wenig Zeit, an Spiel und Tanz zu denken, denn überall an den Grenzen bedrängten die Heiden sein Land, und immer aufs neue ritt Artus mit seinen Getreuen zu gewaltigen Kämpfen, in denen er seine Grenzen befestigte. Artus war jung, mutig und draufgängerisch, seine Ritter wie er – und wo sie kämpften, siegten sie auch. So strahlte Artus’ Name bald in vollem Glanz des Ruhms und lockte immer mehr kühne Ritter herbei. Einige Jahre vergingen mit Kriegen an allen Grenzen. Nur ein festliches Ereignis unterbrach die Kämpfe: die Hochzeit Sangives mit König Lot von Norwegen. Zum erstenmal war der Artushof der Mittelpunkt eines glanzvollen Festes. Von weither kamen die Ritter mit ihren Damen nach Tintajol, wo der König am liebsten Hof hielt. In tausend bunten Farben schimmerten die Gewänder der Frauen, das Licht der Kerzen spiegelte sich in den Ritterrüstungen, die an den Wänden aufgehängt worden waren. Und bei diesem Fest gründete König Artus auf Merlins Rat die berühmte Tafelrunde. Ihr sollten die besten und ritterlichsten Männer angehören, und keiner unter ihnen durfte sich über den anderen erheben: Deshalb waren alle Plätze um eine große runde Tafel angeordnet, und der König saß, auf leicht erhöhtem Sitz, mitten zwischen ihnen allen. Von diesem Tage an war es eine hohe Ehre, in König Artus’ Tafelrunde berufen zu werden. Hundertfünfzig Ritter gehörten ihr an, und jeder von ihnen hatte gelobt, überall und zu jeder Stunde bereit zu sein, den Bedrängten zu helfen, und wenn das eigene Leben dadurch in Gefahr geriete. Das Volk, über das Artus herrschte und dessen Sorgen er so gut aus den Jahren kannte, in denen er selbst als
einer von ihnen gelebt hatte, verehrte die Ritter der Tafelrunde, von denen Artus hohe Zucht verlangte: Sie durften nicht auf der Jagd über reife Kornfelder reiten, nicht wahllos den Bauern das Vieh wegfangen, wenn es ihnen gerade in den Sinn kam. Junge Mädchen aus allen Ständen waren sicher vor dem Übermut der Herren, denn Artus bestrafte jeden schwer, der eine Jungfrau kränkte oder mit Gewalt zur Liebe zwingen wollte. Wo ein Streit ausbrach, war Artus bereit, ihn zu schlichten, und der Ruf seiner Gerechtigkeit breitete sich über das ganze Land aus. So kehrte nach Jahren, in denen das Volk von der übermütigen Ritterschaft geplagt worden war, endlich Ruhe im Reiche ein, und da auch der äußere Friede durch Artus’ Heer gesichert war, blühte sein Reich auf. Aber eines fehlte dem jungen Herrscher: Noch keine Frau hatte sein Herz gewonnen, der Thron war ohne Königin. Da erreichte ihn die Kunde, daß der alte König Leodegan vom Reich Carmelide von seinem Nachbarn schwer bedrängt werde, von dem riesigen Dänenkönig Rion, der durch seine Grausamkeit berüchtigt war: Er pflegte den Besiegten die Bärte auszureißen und sie an seinen Mantel nähen zu lassen! Mit diesem häßlichen Schmuck prahlte er überall, und jetzt hatte er verkündet, daß er nun den schönen Silberbart von Leodegan an seinen Mantel heften wolle! Leodegan hatte keinen Sohn, der sein Reich verteidigt hätte, und das Heer der Feinde, das sich vor seinen Grenzen sammelte, schien unabsehbar groß. Da kam ihm Hilfe von Artus, der mit allen Rittern und seiner ganzen Heeresmacht Leodegan zu Hilfe eilte. Er traf im rechten Augenblick ein: Schon drangen Rions Männer in das Land, verwüsteten die Felder, raubten die jungen Burschen und die Mädchen, erschlugen, was sich ihnen entgegenstellte, und bahnten sich unaufhaltsam den Weg nach Carohais, der Stadt, in der Leodegans Burg lag. Artus’ Heer zog heran – voran wehte das
Banner, das Merlin gebracht hatte – keiner wußte, woher er es hatte: ein Drache mit langem Schweif, der sich ringelte. Feuer schien aus dem Rachen des Lindwurms zu schlagen, und der Feind, der das Banner aufragen sah, erschrak wie vor einem lebendigen Ungetüm. Merlin selbst hielt es hoch über den Heerhaufen. König Leodegan empfing König Artus mit lautem Dank. Zur Nacht ruhten die Ritter in der Burg von Carohais, am anderen Morgen aber meldeten die Späher, daß der Feind schon nahe vor der Burg läge, und vereint zogen die Heere von Artus und Leodegan ihm entgegen. Da donnerten die Hufe über die Ebene unter der Burg, Feldgeschrei scholl von links und rechts, die Banner wehten – und in einem Augenblick waren die Ritter auf beiden Seiten so in wildem Getümmel miteinander vermischt, daß man kaum Freund und Feind unterscheiden konnte. Viele Männer mußten an diesem Tage ihr Leben lassen, gepanzerte Knappen liefen herbei, um ihre verwundeten Herren unter den Pferdehufen wegzuziehen – es war eine mörderische Schlacht. Oben vom Fenster der Burg aus sah die schöne Ginevra, König Leodegans Tochter, angstvoll auf das Kampffeld hinab – es war unmöglich zu erkennen, welche Seite stärker war, und sie rang kummervoll die Hände. Da ließ ein schrecklicher Anblick sie zu Eis erstarren: Sie sah, wie man ihren Vater gefangennahm, vom Pferd riß und ihm den Helm vom Kopf zog! Vergebens drängten sich seine Getreuen heran, um ihn den Feinden zu entreißen – der Trupp, der ihn gefangengenommen hatte, ließ niemanden hindurch und führte den König im Triumph beiseite. So mußte Ginevra sehen, wie man ihrem Vater die Füße an ein Pferd band und den alten König über den Boden schleifte! Ginevra schrie auf und mit ihr alle Frauen, die sie umgaben. Dann aber brauste wie der Sturmwind König Artus herbei, hell strahlte das Schwert Escalibor, und sausend traf es
die Peiniger des Königs auf Helm und Harnisch. So gelang es Artus ganz allein, Leodegan zu befreien, und Ginevra stammelt ein heißes Dankgebet und erflehte alles Glück der Welt für den Befreier ihres Vaters. Als die Feinde sahen, daß Leodegan gerettet war und daß seine Leute sich immer wütender wehrten, ergriffen sie schließlich die Flucht. Sie ließen Tote und Verwundete im Stich und spornten die Pferde an, um sich in Sicherheit zu bringen. Merlin verwirrte ihnen den Sinn und ließ sie lange in die Irre traben, bis sie endlich in ihr eigenes Land zurückfanden und niemals wiederkehrten. König Rion gab es auf, weitere Bärte zu erjagen – er ließ den scheußlichen Mantel vernichten und biß sich auf die Lippen, wenn nur das Wort Bart fiel.
Artus und Ginevra Wenn auch Leodegan und Artus viele Ritter zu beklagen hatten, die tot auf dem Kampfplatz lagen und von den Knappen unter Wehklagen geborgen wurden, so ritten sie doch ihres Sieges froh in die Burg von Carohais ein. Leodegan überwand die Schmerzen und gebot, ein Festmahl zu richten. Um die Feuer geschart saßen die Helden und erzählten einander, was sie im Kampf erlebt hatten; mit glänzenden Augen hörte ihnen Ginevra zu. Auf einen Wink ihres Vaters erhob sich das Mädchen und hielt Artus ein goldenes Becken mit Wasser hin, damit er sich die Hände vor dem Mahle waschen konnte. Artus sah ihr in die Augen: Wie lieblich war Ginevra! Er vergaß, seine Hände ins Wasser zu tauchen, und sie stand still vor ihm und schlug nur den Blick nieder. Endlich rief einer: „Wie lange wollt Ihr noch
die Jungfrau warten lassen?“ Artus zuckte zusammen und dankte artig für den Dienst. Sie ging errötend hinaus und kam mit einem Becher voll Wein zurück, den sie Artus bot: „Herr, ich danke Euch, daß Ihr meinen Vater gerettet habt! Noch nie sah ich einen Ritter so kühn streiten! Und Euer Schwert strahlte wie ein Feuer!“ Artus nahm den Becher, trank und sah sie dabei unverwandt an.
Leodegan seufzte: „Es ist schlimm, alt zu werden und keinen Nachfolger zu haben! Hätte ich einen Sohn, kräftig und kühn, dann wäre mir nicht bange!“ Keie lachte: „So müßt Ihr Eurer Tochter einen Gatten geben, der kühn und stark ist!“ und er wies auf Artus. Das Artusheer blieb einige Wochen im Lande Carmelide, denn Artus wollte abwarten, ob sich die Feinde wieder gegen
Leodegan erheben würden. Oft konnte er mit Ginevra sprechen, und ihre höfische und kluge Art, ihre Schönheit und die Anmut, mit der sie sich bewegte, gefielen ihm täglich mehr. Dann aber kam eine Nachricht, die ihn zum Aufbruch veranlaßte: In seinem Gefolge war sein Vasall Ban, vom Lande Benoic, und dessen Abwesenheit hatte sich ein heidnischer König zunutze gemacht, um in Benoic einzufallen. Schlimme Kunde drang übers Meer, denn Benoic lag auf dem Festland; verzagt schickte die Königin Boten um Boten mit neuen Schreckensnachrichten, und Artus brach mit seinem Heer auf, um Bans Land zu befreien. Ginevra sprach kein Wort, als sie hörte, daß Artus Abschied nehmen wollte, aber ihr Blick verdunkelte sich und ihre Hände zitterten, als sie sie ihm zum Abschiedsgruß bot. Da bat Artus ihren Vater: „Erlaubt, daß ich Eurer Tochter mit einem Kuß für alles danke, was sie mir hier Freundliches erwiesen hat!“ Er neigte sich zu ihr und umschlang sie zärtlich. Sie lehnte sich an ihn und flüsterte: „Kommt heil aus dem Kampf! Meine Gedanken sind allezeit bei Euch!“
König Ban und seine Frau Elaine
König Artus und die Seinen fuhren übers Meer und ritten, so schnell sie konnten, nach der Burg Trebes, der letzten, die noch nicht von Bans Feinden erstürmt worden war. Hier wartete die Königin Elaine voller Ängste auf die Heimkehr ihres Gemahls. Tag und Nacht stand sie auf dem Turm und spähte nach dem Banner ihres Gemahls aus. Wie erleichtert atmete sie auf, als es endlich inmitten einer großen Reiterschar
auftauchte! Nun wußte sie, daß nicht nur Ban selbst, sondern mit ihm eine gewaltige Heeresmacht gekommen war, um das Land Benoic zu befreien. Die Schlacht von Trebes wurde so mörderisch wie die von Carmelide, aber wieder gelang es Artus und seinen Verbündeten, die Feinde in die Flucht zu schlagen. Dann erst konnte Ban seine Frau begrüßen, die ihn mit großer Zärtlichkeit umarmte. In dieser Nacht empfing Elaine einen Sohn, von dem die letzte Geschichte diese Buches berichten wird. Ein schrecklicher Traum ängstigte Elaine, und als sie ihn am anderen Morgen Ban erzählte, bekannte er erschrocken, daß er denselben Traum gehabt habe. Sie berieten miteinander, und Ban ging zu Merlin, um den Weisen um eine Deutung zu bitten. „Wir sahen im Traum viele wilde Tiere miteinander kämpfen, auf der einen Seite von einem gekrönten, auf der anderen von einem ungekrönten Löwen angeführt. Die Tiere zerfleischten einander mit Klauen und Zähnen. Plötzlich brach aus einem Gebüsch ein Leopard hervor, der dort gelauert hatte. Er stürzte sich wild in das Getümmel, und alle Tiere wichen gehorsam vor ihm zurück. Der gekrönte Löwe aber ging einsam davon. Merlin, wir fürchten, daß dieser Traum Unheil ansagt.“ „Wohl bedeutet er Unheil. Das Unheil ist euch nicht bestimmt. Seinen Lehnsmann bekämpfen wird ein mächtiger König, grimmig treibt ihn der Haß. Dann greift Falschheit zum Schwerte und Falschheit vernichtet das Reich.“ Vergebens bat Ban, die dunklen Worte klarer zu deuten, Merlin schwieg und sah in die Ferne. Merlin nahm Abschied von Artus. „Warum gehst du, mein Freund? Wie soll ich ohne deinen Rat mein Reich beherrschen?“
„Ich suche die ferne Quelle. Ihr Wasser spiegelt ein Antlitz. Ich suche die fremde Geliebte. Das Wasser verrät ihr Gesicht.“ „Wann kommst du zurück, Merlin?“ „Zeit strömt hin wie das Wasser. Ich zähle die Tropfen nicht.“ „Ach, Merlin“, bat König Artus, „laß mich nicht zu lange auf dich warten.“ Merlin hob grüßend die Hand und verschwand so rasch wie immer.
Artus kehrt nach Carohais zurück
Boten ritten auf pfeilschnellen Pferden nach Carohais, um König Leodegan zu melden, daß Artus ihn aufsuchen wolle. Da freute sich Leodegan, und Ginevra suchte ihre schönsten Gewänder und ihren kostbarsten Schmuck heraus; jeden Morgen, wenn sie ihre langen blonden Zöpfe flocht, betrachtete sie sich im Spiegel: „Werde ich Artus gefallen?“ und dann ruhten ihre Hände müßig im Schoß, träumerisch wanderte ihr Blick aus dem Fenster, und vor sich sah sie nur den einen, den strahlenden und kühnen Helden. Als Leodegans Späher meldeten, daß Artus’ Heer gelandet und auf dem Marsch nach Carohais sei, ließ Leodegan die Pferde satteln und ritt Artus mit einem großen Gefolge entgegen. Der Frühling war ins Land gezogen, Lerchenjubel mischte sich in den Klang der Flöten und Schalmeien, die den fröhlichen Ritt begleiteten, und Leodegan dachte: „Es ist die rechte Zeit, einen Bräutigam zu begrüßen.“ Artus umarmte den alten König, und auf dem Ritt nach Carohais erzählte er von der großen Schlacht um Trebes. Ginevra empfing Artus im Saal der Burg und erwiderte zaghaft seinen Willkommenskuß.
Aber in den Tagen, die auf Artus’ Ankunft folgten, sprach der König von Britannien nicht das Wort, auf das Leodegan wartete – er warb nicht um Ginevras Hand. Schließlich fragte der alte König: „Artus, irre ich mich in Euch? Mir schien, daß Ihr meine Tochter liebgewonnen habt, und daß Ginevras Herz für Euch schlägt, müßt Ihr gemerkt haben. Wollt Ihr noch hören, daß ich mir keinen lieberen Schwiegersohn denken kann als Euch, meinen Retter?“ „Versteht mein Zögern, Herr“, antwortete Artus. „Ich glaubte, daß Ihr mein Werben um Ginevras Hand längst verstanden hättet. Aber ich möchte mit der Hochzeitsfeierlichkeit warten, bis Merlin wieder bei mir ist.“ „Und wann kommt Merlin?“ „Ich weiß es nicht. Aber er soll dabei sein, wenn ich Ginevra zu meiner Königin mache.“ Mit diesem Bescheid mußte sich Leodegan zufrieden geben, aber heimlich schickte er Boten aus, die Merlin suchen sollten. Sie fanden ihn nicht, doch als sie bedrückt heim nach Carohais ritten, hielt ein alter Schäfer am Wegrande sie an: „Sagt König Artus, daß der Freund, den er erwartet, zu Pfingsten bei ihm sein wird.“ Sie wunderten sich zwar über die Botschaft, richteten sie aber getreulich Artus aus, und nun trat er vor König Leodegan: „Herr, jetzt bitte ich Euch, mir zu Pfingsten Eure Tochter zur Frau zu geben!“ Das Hochzeitsfest wurde in aller Pracht gefeiert, von weither kamen die Gäste, die Leodegan und Artus eingeladen hatten. König Lot erschien mit Sangive und seinem kleinen Sohn Gawan, der Artus so gut gefiel, daß er versprach, ihn an seinem Hof zu seinem Ritter zu erziehen. Merlin kam, mager und abgezehrt, aber mit geheimnisvoll leuchtendem Blick. Und Morgane erschien, eine Verwandte von Artus, von der es hieß, daß sie über Zauberkräfte verfüge und auf der seligen Insel Avalun lebe.
An das Hochzeitsfest schloß sich ein Turnier an, in dem die Ritter der Tafelrunde gegeneinander und gegen die Gäste stritten und ihre Gewandtheit, ihre Kraft und die Schnelligkeit ihrer Pferde von den vielen schönen Damen bewundern ließen. Merlin hielt sich abseits von dem frohen Getriebe, mit Morgane saß er nachts beisammen und unterwies sie in vielen Geheimnissen der Natur. Immer mehr wollte Morgane wissen, und oft merkte Merlin, daß sie nicht nur Zauber, der zum Guten dient, sondern daß sie auch zerstörende Kräfte kennenzulernen wünschte. Dann aber schwieg er.
„Wo bist du gewesen, Merlin?“ fragte Morgane eines Abends. „Ich suchte den Quell und fand ihn. Ich stand und blickte ins Wasser. Ich sah nichts als mein Gesicht.“ „Und da hast du immer gestanden? Und sonst war nichts?“ „Es kam ein schönes Mädchen. Es kam die Fee Niniane. Ihr Antlitz erschien mir im Wasser. Es leuchtete zart und schön.“ „Und hast du mit ihr gesprochen?“ „Ich habe mit ihr gesprochen. Ich habe sie vieles gelehrt. Die Fee wünscht alles zu wissen.“ „Hast du ihr von deinen Zauberkräften etwas verraten?“ „Ich habe ihr alles verraten. Sie schrieb es auf Pergament.“ „Und nichts hast du für dich behalten?“ „Mein größtes Geheimnis behielt ich. Doch liebt sie mich, soll sie es wissen.“ „Sage mir, welches Geheimnis weiß sie nicht?“ „Sie weiß noch nicht, mich zu halten. Die Fee will in Schlaf mich versenken. Ich werde den Zauber sie lehren.“ Merlin sprach wie im Schlaf – und Morgane erschrak. „Wenn du ihr
das verrätst, bist du ihr Untertan. Sie wird dich verderben. Ach Merlin, kehr nicht mehr zu Niniane zurück! Bleib bei mir!“ „Ich kehre zurück zu der Quelle. Ich muß Niniane erringen.“ Da seufzte Morgane.
Artus herrscht über Britannien
Mit seiner schönen jungen Frau kehrte Artus heim in sein Reich – jubelnd begrüßt von Volk und Fürsten. Er herrschte gerecht und sorgte für Ordnung im Lande. Neue Dome ragten über die Häuser der Städte hinweg, feste Burgen krönten die Berge. Auf Jahre des Friedens folgten immer wieder Kriegszeiten, in denen Artus seine Länder diesseits und jenseits des Meeres gegen die Heiden oder andere Feinde verteidigen mußte. Als der römische Kaiser Lucius Tribut vom Herrscher Britanniens forderte, zog Artus mit seiner ganzen Ritterschaft und vielen verbündeten Fürsten tief in den Süden und schlug Lucius in einer gewaltigen Schlacht. Artus’ Ruhm strahlte über ganz Europa, von weither kamen Könige und Ritter, um als seine Gäste das glänzende Leben am Artushof zu genießen. Händler aus dem Morgenland brachten ihre Seiden und Pelze, denn in Tintajol warteten die schönen Frauen begierig auf neue Kostbarkeiten. Die Goldschmiede boten ihre Ringe und Spangen, Becher und Schalen dar, Waffenschmiede fanden für ihre scharfen Schwerter und mit Eisenspitzen bewehrten Lanzen immer neue Bewunderer. Die Spielleute zogen lange, einsame Wege, ja sie fuhren übers Meer, denn am Artushof wurden sie freundlich aufgenommen, reichlich bewirtet und durften in langen Winternächten am Feuer oder auf dem grünen Rasen im Sommer ihre Lieder und
Geschichten vortragen und zum Reigen aufspielen. Viele Fürsten schickten ihre Söhne zu dem mächtigen König, der sie von Zuchtmeistern in allen ritterlichen Künsten unterweisen ließ, während Ginevra und ihre Mädchen liebevoll für sie sorgten. Auf Tintajol weilte Artus besonders gern, aber lange Monate jedes Jahres war er mit seinem Gefolge unterwegs, um überall in seinen Ländern für Ordnung zu sorgen, Streitfälle zu schlichten und Turniere zu veranstalten, in denen seine und fremde Ritter ihren Mut und ihre Geschicklichkeit vor den Augen der vielen edlen Frauen beweisen konnten. Dann trugen die Pferde, die vom Kopf bis zum Schwanz von einer prächtigen farbigen Decke verhüllt waren, ihre gerüsteten und bewaffneten Reiter: Hell schimmerte das blankgeputzte Kettenhemd, der Waffenrock des Ritters leuchtete, vom Helm wehte ein Helmbusch oder drohte ein hölzernes Wappentier, auf dem Schild glänzten Edelsteine, an der Lanze flatterte das Banner. Hinter ihnen ritten in bequemen Sätteln, die mit Glöckchen verziert waren, die Damen des Hofes, und in das Hufgetrappel, das Klirren und Scheppern der Waffen und Rüstungen mischte sich der helle Klang der Flöten und das Trommeln der Spielleute, die den Zug begleiteten. Auf weiter Ebene ließ Artus dann sein Zeltlager aufschlagen, und in das bunte Gewimmel von Menschen, Reitpferden, Tragtieren und Troßwagen kehrte allmählich Ordnung ein. Neben dem Zeltplatz wurde ein Feld für die Spiele abgesteckt, bei denen sich die Ritter im Buhurt übten, dem Gruppenkampf der Reiter, im Speerstechen, wobei jeder versuchte, seinen Gegner – im Spiel mit stumpfer Lanze – in den Sand zu stechen, oder im Zweikampf mit Schwertern, die freilich bei den freundschaftlichen Wettkämpfen nicht geschärft waren. Und jeden Tag führten die Zuchtmeister die Knaben aufs Feld und ließen sie reiten, fechten, sich im Laufen und Klettern
üben. Die Damen saßen vor ihren Zelten, schauten den Rittern zu und stickten mit Goldfäden wunderbare Muster in herrliche Seidenstoffe. Immer mehr Ritter aus ganz Europa zog der Artushof an sich, und jeder strebte nach der hohen Ehre, in die Tafelrunde aufgenommen zu werden. Manch einer vergaß, wie wir in einer Geschichte hören werden, zu Frau und Kind heimzukehren! Und immer wieder verließ der eine oder andere die Runde, um in fernen Ländern Abenteuer zu bestehen und sich Ruhm zu erwerben. Dann brachte oft ein Spielmann die Kunde von seinen Taten an den Artushof, und wenn der Ritter heimkehrte, gab es ein Fest zu seinen Ehren; lange saßen sie abends beieinander und hörten begierig zu, wenn er seine Erlebnisse berichtete. Es gab noch eine andere Runde, von der man geheimnisvoll raunte: Die Ritter des Grals auf der Burg Munsalvaesche. Auch für die Herren der Tafelrunde war es der höchste Ruhm, der den des Artushofs noch überstrahlte, in die Gralsrunde aufgenommen zu werden, aber es gelang nur ganz wenigen, und von der Suche nach dem Gral wird dieses Buch noch viel zu erzählen haben. Von Kummer und Schmerz blieb auch Artus nicht verschont: Einem Zauberer gelang es, seine Mutter Arnive und später auch seine Schwester Sangive zu entführen. Keiner wußte, wo sie gefangengehalten wurden, Artus ritt mit seinem Gefolge kreuz und quer durch die Lande, immer neuen Spuren nach, aber er fand sie nicht, und niemand konnte ihm sagen, wo die Burg des Zauberers liegen mochte, von der alle Leute raunten, daß dort viele edle Frauen in strenger Abgeschlossenheit leben müßten. Davon wird noch berichtet, wenn die Abenteuer des Ritters Gawan erzählt werden. Ein anderer Kummer für Artus war es, daß Merlin, nicht wiederkehrte, so oft der König auch
seiner bedurfte. An einem Sommerabend erschien ein fremder Sänger am Artushof und erzählte, daß Merlin ihn gesandt habe. „Von Merlin kommst du?“ rief der König. „Wo ist er? Führ’ mich zu ihm!“ Aber der Sänger schüttelte den Kopf: „Herr, ich weiß es nicht. Als ich vor zwanzig Tagen die Burg von Carohais verließ, wo ich lange zu Gast weilte, stand in dunkler Nacht plötzlich eine Gestalt am Wegrand – verhüllt und kaum zu sehen. Keinen Schritt vermochte ich zu gehen, kein Wort zu sagen, ich war wie gebannt. Da sagte eine Stimme: ,Der Sänger soll sprechen am Hofe des Königs. Der Sänger vernehme, was ich ihm gebiete.’ Dann trug mir die Stimme auf, was ich Euch, Herr, überbringen solle und fügte hinzu: ,Es grüßt seinen König der Zauberer Merlin.’“ „Und wie lautet Merlins Botschaft?“ „Herr, ich verstehe sie nicht, sie klingt auch nicht froh. Vielleicht wißt Ihr die Deutung?“ „Sprich!“ „Der Ring wird zerbrechen, die Runde zerstieben. Untreue nagt an der Wurzel des Reichs. Es werden sich hassen, die vordem sich liebten, der Sohn hebt die Waffe gegen den Vater.“ Betroffen saß der König, erschrocken starrten Männer und Frauen den Sänger an. „Weiter weißt du nichts?“ „Nein, Herr, vergebt – anderes ist mir nicht aufgetragen worden.“ Da erhob sich König Artus: „Ihr Herren, sucht mir Merlin! Ich muß wissen, was er mit seinen dunklen Worten meint! Wenn er mir Gefahr verkündet – wie kann ich ihr begegnen, ohne sie genau zu kennen? Ich gebe euch vierzig Tage Frist, um Merlin zu suchen!“ Am anderen Morgen brachen die Ritter nach allen Himmelsrichtungen auf zur ungewissen Suche nach Merlin. Sie fragten jeden einsamen Schäfer und jeden Fischer an einem
See; sie ritten durch die Städte und verirrten sich in riesigen Wäldern – aber sie fanden keine Spur von Merlin. Ritter Gawan ritt allein, in tiefe Gedanken versunken, durch den Wald. Er verehrte Artus, seinen Oheim, mehr als alle anderen und wünschte nichts sehnlicher, als Merlin zu finden und ihn an den Hof zu bringen. Der Tag war schwül und windstill, kein Blatt rührte sich, kein Vogel erhob die Stimme. Da sah Gawan einen blühenden Weißdornbusch stehen, der mit allen Blättern rauschte und geheimnisvoll bewegt wurde, es klang, als ob er flüsterte. Und plötzlich vernahm Gawan eine Stimme: „Gawan, du Treuer, hörst du mich – Merlin?“ Atemlos flüsterte Gawan: „Merlin, ich höre dich, aber ich sehe dich nicht.“ „Nie wirst du mich sehen. Nie kehr’ ich zurück.“ „Was ist geschehen, Merlin, wo bist du? Warum kommst du nicht?“ Gawan blickte wild nach allen Seiten, aber nur der Weißdornbuch rührte und regte sich im totenstillen Wald. „Die Fee Niniane hält hier mich gefangen. Sie bannte in Schlaf mich, im Schlaf ist sie mein. Hier unter dem Weißdorn verrinnt mir das Leben. Sie lernte den Zauber, sie gibt mich nicht frei. Ich schlafe, ich träume. Ich halte umfangen schlafend und träumend die mächtige Fee.“ „Merlin! Merlin, erwach! Merlin, Merlin!“ Von Schrecken geschüttelt schrie Gawan den Namen hinaus, und das Echo warf seinen Ruf zurück. „Merlin! Merlin!“ klang es fern und ferner. Als die Ritter nach vierzig Tagen zu Artus zurückkehrten, hatte niemand eine Spur von Merlin gefunden, bis auf Gawan, und der hatte nur seine Stimme gehört.
König Artus blickte um sich: Von Gold und Silber strahlte der Saal; die Ritter der Tafelrunde saßen brüderlich zusammen, die schönen Frauen waren ihm noch nie so holdselig erschienen wie in diesem Augenblick: Aber einen Herzschlag lang war es Artus, als ob alle Farben zu Grau und Schwarz
verblichen – der Saal mit seinen Menschen schien sich wie in Rauch aufzulösen –, um sich sah Artus öde nächtliche Heide. Dann aber atmete er hoch auf und schüttelte den Bann von sich: „Ihr Herren, Merlin kommt nicht zurück. Seine letzte Warnung verstehen wir nicht. Aber ich weiß, was Merlin uns sagen wollte: Die brüderliche Liebe der Artusritter, ihre Reinheit und Treue, sie gilt es zu bewahren.“ Erst nach vielen Jahren ging Artus der Sinn von Merlins Botschaft schmerzlich auf – davon wird in der letzten Geschichte des Buchs erzählt.
PARZIVAL
Gamuret
Trauer herrschte im Lande Anschaue, als König Gandin in ritterlichem Kampfe sein Leben gelassen hatte. Nun ruhte er in der Gruft seiner Burgkapelle, und sein ältester Sohn saß auf dem Thron von Anschaue. Der neue Herr hatte die Fürsten seines Reiches zu sich rufen lassen, damit sie ihm den Treueid schwuren und ihre Länder aus seiner Hand zu Lehen empfingen. Von überall waren sie herangeritten und hatten die Schilde zum Zeichen der Trauer um den alten König mit der Spitze nach oben getragen. Sie standen im weiten Saal, der junge König saß auf erhöhtem Sitz vor ihnen. Gern gelobten sie ihm treue Gefolgschaft, aber dann trat einer aus ihrer Mitte vor den Herrscher und bat: „Herr, Ihr seid König, und wir werden Euch zu jeder Stunde die Treue halten, wie wir sie Eurem Vater gehalten haben. Aber erlaubt uns eine Bitte: Euch als dem Ältesten ist alles zugefallen, die Krone und aller Besitz. Was wird aus Eurem jungen Bruder Gamuret? Nach unserem alten Recht erbt er nichts, und ärmer ist er als wir alle, wenn ihn Euer gütiges Herz nicht beschenkt. Deshalb bitten wir: gebt ihm ein Stammesgut, das auch ihn zu einem reichen Mann macht und dessen Namen er führen kann!“ Der König lächelte: „Es freut mein Herz, daß Ihr diese Bitte vorgetragen habt – aber sie ist überflüssig, denn gern teile ich alles, was ich besitze, mit Gamuret, meinem liebsten
Gefährten. Einen neuen Namen braucht er nicht, denn er ist wie ich ein Fürst von Anschaue und deshalb ein Anschewin.“ Dankend verneigten sich die Fürsten, und die Augen der alten Königin strahlten vor Freude über ihre lieben Söhne. Aber ungestüm sprang Gamuret vor den König hin: „Herr und Bruder, ich danke Euch für alles, womit mich Eure brüderliche Liebe beschenken will. Aber ich mag nicht ein bequemes Leben von Eurer Gunst führen! Um Reichtum ist mir nicht bange, den will ich mir wohl erwerben! Ich muß in die Welt hinaus, Abenteuer suchen, im Kampf mit edlen Rittern zeigen, was mein Mut wert ist!“ Bekümmert nickte der König: „Ich hab’ es befürchtet, daß ich dich nicht bei mir halten kann, Bruder.“ Gamuret achtete nicht darauf, daß seine Mutter ihr Gesicht abwandte, damit er ihre Tränen nicht sehen sollte. Er bat den König: „Wollt Ihr mir eine Gunst gewähren, dann rüstet mich und meine Knappen so aus, daß wir an fremden Höfen vom Reichtum des Landes Anschaue erzählen können! Gebt mir gute Pferde und Waffen, starke Schilde und eine Rüstung!“ So ging es zu, daß der Tod des alten Königs dem Lande doppelte Trauer einbrachte, denn nicht nur der junge Herrscher und die Mutter ließen Gamuret traurig ziehen, sondern sein Scheiden bedrückte jedermann, weil Fürsten und Ritter, Diener und Mädchen, den fröhlichen jungen Gamuret gern hatten. Und doch ahnte keiner, daß ihn niemand in der Heimat wiedersehen sollte. Auf des Königs besten Pferden ritten sie aus, Gamuret und seine sechzehn Knappen, – die schärfsten Schwerter und festesten Schilde hatte ihnen der Herr geschenkt. Tragpferde folgten dem lustigen Zug mit einer schweren Last von Kostbarkeiten, denn die alte Königin hatte immer noch mehr glänzende Seidenstoffe, Pelzwerk, silberne und goldene Becher und Schüsseln aus ihren Schatztruhen geholt, um sie
ihrem lieben Sohn auf die Fahrt mitzugeben. Sie glaubte, ihr müsse das Herz brechen, als er davonritt – er aber winkte fröhlich zurück und spornte sein Roß: „Auf, meine Gesellen, wir wollen die weite Welt erobern, und nur den allermächtigsten Herren werden wir dienen!“ Auf Gamurets Schild und seinem samtenen Mantel glänzte sein Wappenzeichen – ein schlanker Panther. Aber als er eine Zeitlang von einem Land ins andere geritten war und sich Ruhm und Ehre erworben hatte, diente er eine Weile einem großen Herrscher im Orient, und da änderte er sein Zeichen: Nun prangte ein Anker, aus Hermelin geschnitten, auf der Decke seines Pferdes, und an Schild und Waffen trug er das gleiche Zeichen. Grün war sein Waffenrock, golden die Schnüre, und hell schimmerte der weiße Anker. Wohin er auch kam, gefiel er den Männern und den Frauen: Er war schön und prächtig anzusehen, sprach höflich mit allen, die ihm begegneten, stand in jedem Kampf und in jedem Turnier seinen Mann und half als rechter Ritter den Bedrängten, wo er nur konnte. Überall erklang der Ruhm des Ritters mit dem weißen Anker.
Gamuret und Belakane
Eines Tages kam er auf seiner weiten Fahrt in ein neues Reich, das hieß Zazamank. Es war kein christliches Land, Mohren lebten dort, die ihre heidnischen Götter verehrten. Die schöne Mohrenkönigin Belakane war in großer Not, ihre Burg wurde von einem großen Heer belagert. Sie hatte Haß und Rache auf sich gezogen, als sie einen Ritter verschmähte, der um ihre Hand warb und schließlich dabei sein Leben verlor. König
Kaylet von Spanien führte das Heer der Belagerer, täglich kam es zu blutigen Zweikämpfen vor den Toren der Stadt, und das Feldzeichen der Feinde wehte drohend über der Ebene vor der Burg. Als nun Gamuret in die Stadt geritten kam – mit einem Gefolge von zwölf edlen Jünglingen und den Knappen, die seine Tragtiere mit all den Schätzen führten, die er inzwischen erworben hatte – , staunte das ganze Volk; ein Knabe rannte ins Schloß und berichtete den Männern der Herrscherin, daß ein großer Held eingezogen sei und gewiß Hilfe bringen werde. Da atmete die Königin Belakane auf und hoffte, daß sich endlich ihre Not wenden werde. Freundlich empfing sie den fremden Ritter, in einem langen Gespräch berichtete sie ihm, wie es zu Krieg und Belagerung gekommen sei. „Meine Leute sind tüchtig und tapfer, aber das Heer der Feinde ist zu groß – seht nur hin, wie es wimmelt von Zelten und Pferden! Wenn Ihr für mich kämpfen wollt, bin ich Euch allezeit dankbar. Und ich glaube gern, daß Ihr zu streiten wißt!“ Gamuret gefiel ihre höfliche und edle Art, und er dachte bei sich, daß dunkle Haut und fremder Glaube die Schönheit einer Frau nicht verdunkeln. Sie aber seufzte heimlich, denn der schöne junge Ritter nahm schon ihr Herz gefangen. Als sie nun den Abendtrunk bringen ließ und ihm damit das Zeichen zum Aufbruch gab, verabschiedete er sich mit dem Versprechen, seinen Mut und die Stärke seiner Arme und Waffen für sie einzusetzen. Am anderen Morgen ritt der junge Held auf die Ebene hinaus, die vom Kampf vieler Tage zerstampft war. Hell leuchtete das Grün seiner Kleider in der heißen Sonne – und schon kam ihm ein feindlicher Ritter entgegengesprengt. Da gab es kein Bedenken – Gamuret wandte sein Pferd gegen den Fremden, und bald krachten Schild und Speere unter wuchtigen Stößen.
Gamuret blieb Sieger, aber sofort stellte sich ihm ein neuer Gegner zum Streit. Auch Gamurets Männer und die Streiter aus Zazamank warfen sich in den Kampf, daß die Ebene bald von Kampfgeschrei und Schwerterklang hallte. Mancher mußte sein Leben lassen, aber wer sich ergab und versprach, künftig Frieden zu halten, wurde geschont und gefangen ins Lager gebracht. Da sah Gamuret einen Ritter heransprengen, von dessen Helm ein Straußenvogel wehte, und er wußte, daß es Kaylet, der König von Spanien und sein eigener Vetter, sein mußte. Mit ihm wollte er nicht kämpfen, darum bat er einen Gefangenen, Kaylet zum Frieden zu überreden. Das Heer der Belagerer hatte so viele Recken verloren, daß man gern auf weiteren Kampf verzichtete. Gamuret zog mit seinen Leuten und den Gefangenen in die Burg ein, und nach ihm drängte das ganze Volk der Stadt, jubelte ihm zu und feierte ihn als Helden. Belakane, die dem Kampf vom Fenster aus zugesehen hatte, führte ihn freudestrahlend zu einem Sitz. Sie nahm ihm mit eigener Hand die Waffen ab und ließ ihm einen Becher reichen, damit er seinen Durst stillen konnte. Auch den gefangenen Fürsten bot sie höflichen Willkomm, und es war ihr recht, daß man den König von Spanien, Kaylet, ins Schloß holte, wo Gamuret ihn als Vetter begrüßte und die Königin bat, den alten Streit zu vergessen und Kaylet freundlich aufzunehmen. „Ich tu es gern“, sagte Belakane, „denn wie könnte ich Euch, Gamuret, eine Bitte abschlagen? Ihr habt mich von Sorgen und Leid befreit, Euch gehört jetzt mein Land und, wenn Ihr sie nicht verschmäht, auch meine Hand.“ Gamuret verneigte sich vor der schönen Frau: „Ich danke Euch, Herrin, und ich weiß nichts Lieberes, als Euer Gemahl zu werden.“ Da jubelten alle, die im Saal waren, und begrüßten Gamuret als ihren König. Sie feierten eine prächtige Hochzeit, während unten auf der Ebene die Belagerer ihre Zelte räumten
und mit Hab und Gut davonzogen. Gamuret beschenkte seine Knappen und die Männer von Zazamank, die der Königin so lange treu beigestanden hatten, aus seinen Schätzen und aus den Schatztruhen Belakanes, denn ein rechter Ritter belohnt und schenkt gern. Nun war er also König eines großen Reiches, aber um sich sah er außer seinen eigenen Männern tagaus, tagein nur fremde, dunkle Gesichter. Es war ihm auch leid, daß Belakanes Volk an seinen alten Götzen hing, und allmählich begann er, sich nach einem Land zu sehnen, in dem Glocken läuteten und ein Priester die Ritter segnete. Er war noch zu jung und abenteuerlustig, um lange an einem Ort stillzusitzen – und so kam es, wie es kommen mußte: er wollte fort. Weil er aber Belakane sehr lieb hatte, fürchtete er sich vor ihren Tränen und Vorwürfen beim Abschied, und deshalb zog er heimlich davon. In dunkler Nacht ließ er seine Schätze, seine Pferde und Waffen, seine Knappen und Junker in ein Schiff bringen, dann stahl er sich davon. Er ließ nur einen Brief zurück, in dem er seine Frau um Verzeihung bat und ihr erklärte, daß er ihr lieber und inniger angehören würde, wenn sie sich taufen ließe. „Wenn du einen Sohn von mir erhältst, laß ihn wissen, daß sein Vater selbst aus königlichem Hause stammte. Er braucht sich seiner Verwandtschaft nie zu schämen. Laß ihn ritterlich erziehen, bis ich wieder zu euch komme.“
So zog Gamuret auf neue Abenteuer hinaus und ließ seine Frau in vielen Tränen zurück. Sie bekam einen Sohn, der war ganz sonderbar gefleckt: weiße und dunkle Stellen wechselten sich auf seiner Haut ab.
Sie nannte ihn Feirefiß und erzog ihn zu einem Ritter, der seinesgleichen nicht hatte: so tapfer und stark, so freigebig und mächtig wurde Gamurets Sohn, als er herangewachsen war. Aber seinen Vater sollte er niemals sehen.
Gamuret und Herzeleide
Das Schiff führte Gamuret und seine Leute übers Meer nach Spanien, denn Gamuret wollte seinem Vetter Kaylet folgen, fand ihn aber nicht und zog seinen Spuren nach. Nach langer Fahrt gelangte er endlich in das Land Waleis, wo die schöne Königin ein großes Turnier ausgerufen hatte. Von weither kamen die Ritter und Fürsten herangezogen, mächtige Herren, die mit großem Gefolge ritten und einander an Pracht zu übertreffen suchten. Sie gedachten in Waleis nicht nur Ruhm und Ehre zu erwerben, sondern hofften, die Hand der Königin zu erhalten, denn sie hatte sich selbst als Preis für den Sieger gelobt: den Tüchtigsten und Mutigsten von allen wollte sie als Gatten auf den Thron erheben. Gamuret vernahm die Kunde, als er sich der Stadt der Königin näherte. Er sah das fröhliche Getümmel, sah die Knappen die Pferde striegeln und Schwerter blank fegen, sah sie die Speere glätten und die Helmzier herrichten. Da lachte sein Herz vor Freude: „Hierher hat mich das Glück geführt! Hier gibt es Kampf und Feste! Mein gutes Pferd, morgen werden wir beide zeigen, was wir können! Nichts Schöneres gibt’s, als unter den Augen edler Frauen mit tüchtigen Rittern zu kämpfen!“ Vor der Stadt ordnete er seine Leute zu einem prunkvollen Aufzug: Neben ihm ritt ein Fiedelmann und spielte ein
munteres Lied zum Klappern der Pferdehufe; Flöten klangen dazwischen. Aber dann folgten Trommeln und Posaunen mit solchem Lärm, daß die Bürger der Stadt erschrocken aus dem Morgenschlaf fuhren und an die Türen stürzten: Einen so prächtigen Ritter hatten sie kaum gesehen! Gamuret winkte lachend nach allen Seiten. Er hatte sein rechtes Bein übermütig über den Pferdehals gelegt – aber plötzlich erblickte er die Königin am Fenster ihres Schlosses, und rasch nahm er das Bein herunter. Auf dem weiten Feld, wo die Herren ihr Lager aufgeschlagen hatten, fand er einen Platz, auf dem die Knappen seine kostbaren Zelte spannen konnten. Er befahl ihnen, Fähnchen an die Speere zu heften, mit denen er kämpfen wollte, und singend machten sie sich daran, an hundert starke Speere die Wimpel mit dem Anker zu binden. Gamuret ritt umher und begrüßte Freunde und Fremde, und hier fand er auch seinen Vetter Kaylet und konnte ihm von allem berichten, was er inzwischen erlebt hatte. Nur zögernd erzählte er aber, daß er seine Frau Belakane heimlich verlassen habe, es bedrückte ihn, die edle Königin in Trauer um ihn zu wissen. Da klang ein Ruf durch das Lager: „Warum warten wir mit dem Kampf bis morgen? Laßt uns doch heute schon ein Vorturnier veranstalten, damit wir uns üben!“ Allen war es recht, jeder lief zu seinem Pferd, jeder rief nach den Knappen, damit sie Harnisch, Beinschienen, Helm und Speere brächten. Gamuret sprang in voller Rüstung auf sein Pferd – einen Steigbügel brauchte er nicht! Schnell fand jeder Ritter einen Gegner, den er nur an seinem Wappenzeichen erkennen konnte, weil das Gesicht unter dem Helm verborgen war. Gamuret spornte sein Pferd, ritt in gewaltigem Anlauf den Gegner an und stieß ihm den Speer so heftig gegen den Schild, daß der andere vom Pferd stürzte.
„Gesiegt!“ lachte Gamuret. Beschämt erhob sich der Gestürzte, überließ, wie es sich gebührte, sein Pferd dem Sieger und ging bekümmert davon. Und wieder gab Gamuret seinem Pferd die Sporen, rannte einen neuen Gegner an und stieß auch ihn vom Roß. Immer wilder wurde das Getöse, der Staub wölkte hoch auf, gepanzerte Knappen liefen von allen Seiten herbei, um ihren gestürzten Herren auf die Füße zu helfen und neue Speere zu bringen. Je länger das Turnier dauerte, um so heftiger wurden die Kämpfe, und schon mischte sich heller Schwerterklang in das Krachen der Speere und Schilde. Gamuret mußte sein
erschöpftes Pferd – das ja den schwer gepanzerten Ritter zu tragen hatte – bald gegen ein neues austauschen. „Hütet euch vor dem mit dem Anker!“ rief ein Knappe gellend über das Feld, denn es blieb keinem verborgen, daß Gamuret der stärkste Streiter war. Und auch die Damen, die von fern zusahen und versuchten, im Getümmel ihre Freunde und Verwandten zu erkennen, bewunderten den Ritter im grünen Waffenrock. „Ihm wird der Preis gehören, Frau Herzeleide“, flüsterten sie der Königin zu, „und ich sage Euch, einen besseren Mann werdet Ihr nie wieder finden!“ Als sich der Tag schon neigte und die letzten Sonnenstrahlen auf Schwerter und Rüstungen blitzten, wurde immer noch gekämpft. Aber allmählich lichtete sich das Kampfgetümmel, und mehr und mehr Ritter verließen den Platz, besiegt und ohne Pferde und Waffen. Hundert Speere hatte allein Gamuret vertan! Und immer noch suchte er nach neuen Gegnern, an denen er seine Kraft und Geschicklichkeit beweisen konnte. Da sah er eine kleine Schar heranziehen, deren Wappen ihm nur allzu bekannt war: Der Panther von Anschaue grüßte ihn von Waffenröcken und Feldzeichen! Aber was hatte es zu bedeuten, daß die Fremden ihre Schilde umgekehrt, mit der Spitze nach oben, trugen? War neue Trauer über das Land Anschaue gekommen? Gamuret ritt ihnen entgegen, hob das Visier und gab sich zu erkennen. Da erfuhr er, was mit einem Schlage seine Freude an dem schönen Tag verdarb: Sein Bruder, der König von Anschaue, war auf fernem Kampffeld gefallen, und auch seine Mutter lebte nicht mehr, der Kummer über die Söhne, den gefallenen und den, der ausgeritten und nie wieder heimgekehrt war, hatte sie getötet. „Nun hat mein Anker Grund gefunden“, seufzte Gamuret, „aber der Grund heißt Schmerz und Trauer.“ Das Turnier war beendet. Müde und erschöpft saßen die Ritter in ihren Zelten, manch einer voller Groll, weil das Glück ihm nicht zur Seite
gestanden hatte, andere strahlend vor Freude über ihre Siege. Und viele hörte man den Ritter mit dem Anker loben, denn Gamuret hatte die gewonnenen Pferde an Ritter verschenkt, die nicht reich wie er selbst waren. In Gamurets Zelt ging es stiller zu, denn trübe saß der Held zwischen seinen Freunden. Da meldete ein Knappe die Königin Herzeleide, und die Männer sprangen auf, sie höflich zu begrüßen. Herzeleide kam mit vielen edlen Damen und Herren, aber sie selbst überstrahlte alle durch Schönheit und vornehmes Auftreten. „Ich grüße Euch, Herr Gamuret. Ihr seid der Sieger des Turniers, und künftig der Herr dieses Landes und mein Gemahl.“ Gamuret schwieg. Verwundert stieß ihn Kaylet an: „Warum antwortest du der Königin nicht?“ Langsam erhob sich Gamuret und verneigte sich vor der Königin. „Verzeiht, Herrin, daß ich Euch nicht freudiger begrüße. Aber ich habe eine traurige Botschaft erhalten – mein Bruder ist tot, und meine Mutter auch, die ich so viele Jahre nicht gesehen habe!“ Die Königin sagte: „Ich verstehe Euren Kummer, und als Eure Frau will ich ihn aus treuem Herzen mit Euch tragen.“ Wieder blieb Gamuret stumm, und wieder mahnte ihn Kaylet, Herzeleide zu antworten. Endlich faßte Gamuret sich ein Herz und begann: „Verzeiht noch einmal, Herrin. Ich kann Euer Gemahl nicht werden, denn ich habe eine Frau, die Königin Belakane von Zazamank.“ Da riefen die Ritter: „Sie ist ja eine Mohrin und dir nicht christlich angetraut! Sie ist nicht dein Weib – Herzeleide wird es sein.“ Aber Gamuret meinte: „Die Königin hat sich dem Sieger des Turniers gelobt – aber das Turnier soll ja morgen erst stattfinden, heute haben wir doch nur unsere Waffen geübt!“
Die Königin war tief errötet und schwieg nun auch. Aber die Herren waren anderer Ansicht: „Das Turnier kann nicht mehr abgehalten werden, denn wir alle sind müde, unsere Speere sind verbraucht, unsere Pferde erschöpft, und wer heute Sieger ist, hat das Turnier gewonnen!“ „Ich will die Fürsten des Landes zu einem Rat berufen“, erklärte Frau Herzeleide. „Sie sollen urteilen, ob Gamuret Sieger des Turniers ist. Ich bitte Euch, wartet hier, bis der Schiedsspruch gefallen ist.“ Gamuret versprach es, und die Königin nahm Abschied mit ihrem Gefolge. Gamuret aber lag die lange Nacht wach und dachte an Belakane und daran, daß er ihr, die schon soviel Kummer um seinetwillen erlitten hatte, nun vielleicht noch schlimmeres Leid zufügen müßte. Am anderen Tag versammelten sich alle zu einer Messe und begaben sich dann in einen großen Saal, wo die Fürsten über das Turnier entscheiden sollten. Noch einmal erklärte Gamuret, daß er ein Weib im Mohrenlande habe und daß er nicht Sieger des wirklichen Turniers sei. Aber der Schiedsspruch lautete: „Wer hier den Helm aufgesetzt hat, hat auch am Turnier teilgenommen, denn ein weiteres wird nicht stattfinden. Kaum ein Ritter hat noch rüstige Pferde und genügend Waffen, um noch einmal den Kampf zu beginnen. Gamuret ist der Sieger, und der Sieger muß den Preis entgegennehmen.“ Die Königin trat freundlich auf den traurigen Gamuret zu: „Herr, Ihr seid mein, Ihr habt es gehört. Laßt die Mohrin fahren, denkt nicht mehr an die Frau, die Euch nicht christlich angetraut werden konnte. Ihr seid der tapferste Ritter, und der soll über mein Reich Waleis herrschen!“ Da bat Gamuret um ein wenig Zeit, um sich zu bedenken, und sie wurde ihm gewährt. Er blieb in Waleis, und allmählich verlor sich seine Traurigkeit. Die Vögel sangen, der Rotdorn blühte an allen Wegen, die schönen Frauen und edlen Ritter
grüßten ihn voll Ehrerbietung, und Frau Herzeleide war so schön und so freundlich zu ihm – da gewann sie Gamurets Herz, und er vermählte sich ihr in einem prächtigen Hochzeitsfest. „Ich will diesem Lande ein fröhlicher König sein“, versprach Gamuret. „Und ihr, meine Getreuen aus Anschaue, laßt nun auch den Kummer. Kehrt eure Schilde wieder aufwärts, reitet heim und berichtet von mir. Will’s Gott, so werde ich bald heimkommen und mein Erbe in Anschaue übernehmen. Ach, ich wollte, daß es nicht nötig wäre und daß mein Bruder noch am Leben wäre!“ Und er ließ den Anker von seinem Wappen entfernen und trug nun wieder den Panther von Anschaue. Ein paar Monate lebte er fröhlich an Herzeleides Seite, war seinem Volk ein guter Herr und freute sich über das fröhliche, reiche Leben ringsum und über seine schöne Frau, die ihn herzlich lieb hatte. Aber eines Tages hörte er, daß ein König in fernem Land, dem er einstmals gedient hatte, in schwere Bedrängnis geraten und von vielen Feinden belagert sei. Da bat er Herzeleide, ihn ziehen zu lassen, damit er dem einstigen Herrn zur Hilfe kommen könne. Herzeleide wußte, daß sie es ihrem jungen Gemahl nicht abschlagen konnte, aber sie weinte heimlich viele Tränen. So zog er davon, und diesmal ritt er nicht munter und hochgemut von dannen, sondern wandte sich viele Male um und blickte nach dem weißen Tuch, das Herzeleide vom Fenster ihres Schlosses wehen ließ. Sie blieb mit schwerem Herzen zurück, und vergebens versuchten die Freundinnen, sie zu erheitern. Lange, lange kam keine Nachricht, aber eines Morgens, als die Königin gerade aus schwerem Traum erwacht war, ritt Gamurets liebster Knappe in die Burg ein, verlangte, die Königin zu sprechen, und brachte ihr die Nachricht, daß Herr Gamuret gefallen sei. Da war es aus mit Freude und Lebenslust.
Frau Herzeleide, die strahlende junge Königin, sank wie leblos zu Boden, und als sie sich nach langen Stunden wieder erhob, war das Lachen für alle Zeit aus ihrem schönen Gesicht verschwunden.
Parzivals Kindheit Nach einiger Zeit lag der armen Königin Herzeleide ein schöner, gesunder Sohn im Arm. Da lächelte sie zum erstenmal ein klein wenig: „Nun ist mir Gamuret doch zurückgekommen – in seinem Kind halte ich ihn an meinem Herzen.“ Sie nannte den Knaben Parzival, und Parzival ist es, von dem wir nun erzählen werden. Ohne Vater wuchs er auf, wie sein Halbbruder Feirefiß, aber, wie er, treu gepflegt und erzogen von einer edlen Mutter. „Ein Ritter sollst du nicht werden“, flüsterte Herzeleide ihrem Sohn ins Ohr. „Ich will nicht, daß du in die Welt ziehst und Abenteuer suchst wie dein Vater. Dich will ich nicht verlieren, immer sollst du bei mir bleiben und mein Trost und meine einzige Freude sein! Rittertum – das ist das schlimmste, was es für uns Frauen gibt. Es treibt die Männer von uns fort und verlockt sie zu Gefahren, in denen sie ihr Leben verlieren! Das Leben ist so schön, mein Sohn, du sollst es da führen, wo es rein und ohne Gefahren blüht!“ So gab sie ihr ganzes Land in die Hut treuer Fürsten, verließ mit dem Kind das Schloß und zog fort aus der Welt, in einen großen Wald. Auf einer einsamen Lichtung stand ihr kleines Haus, und die Diener und Mädchen, die sie mit sich nahm, brauchten nicht für Prunk und glänzende Hofhaltung zu sorgen, sondern bestellten das Feld und brachten Frau Herzeleide, was sie geerntet hatten, das kräftige Brot, die
Früchte der Bäume, den Honig der Bienen, Allen hatte sie streng befohlen, dem Kind niemals etwas von Rittern zu berichten. „Wenn er nichts hört und nie etwas davon weiß, wird er auch nicht den Wunsch haben, in die Welt auf Abenteuer zu ziehen, und immer bleibt er bei mir.“ Um des Kindes willen versuchte sie, ihren Kummer um Gamuret zu bezwingen. Parzival wuchs prächtig heran, so schön, wie man noch kaum jemals einen Menschen gesehen hat. Morgens wusch er sich am Bach, der durch die Wiese lief; in seinem einfachen Kittel sprang er über Stock und Stein und kannte bald alle Tiere des Waldes. Ein Vergnügen hatte ihm seine Mutter doch nicht nehmen wollen: Sie erlaubte ihm, sich einen Bogen und Pfeile zu machen, und damit schoß er im Walde nach den Vögeln. Wenn aber dann die lustigen Sänger tot vor ihm lagen, wurde er zornig und traurig und schalt mit den Vögeln. Als er größer wurde, ging ihm auf, was Tod bedeutet, und es machte ihm keine Freude mehr, Vögel zu schießen. Nun lief er durch den Wald, ohne den Bogen zu spannen, und horchte auf den vielstimmigen Gesang, der aus Büschen und Bäumen drang. Das Flöten der Drosseln, das Plaudern der Grasmücke, die nächtlichen Lieder der Nachtigall – alles füllte sein junges Herz zum Zerspringen. Er wußte nicht wie ihm war, traurig und froh zugleich kehrte er zu seiner Mutter zurück. Als sie ihn so langsam mit gesenktem Kopf kommen sah, fragte sie: „Was ist mit dir, Parzival? Sag, was dich bedrückt!“ „Ich weiß es nicht, Mutter. Die Vögel machen mir das Herz so schwer. Sie sind so klein und singen so herrlich – wenn ich doch fliegen und singen könnte wie sie!“ Frau Herzeleide war betrübt: Wie gern hätte sie ihrem Sohn alles ferngehalten, was sein Gemüt beschwerte! Und sie zürnte den Vögeln und hätte sie am liebsten ganz verbannt. Parzival
fragte verwundert: „Was haben sie dir denn getan? Warum willst du sie nicht mehr dulden?“ Da seufzte die Mutter. „Du hast recht, Parzival. Es war töricht von mir. Daß die Schönheit unser Herz mit Sehnsucht und Kummer erfüllen kann, gehört zum Menschenleben. Gott hat es so gewollt.“ „Gott? Was ist denn Gott, Mutter?“ Frau Herzeleide erkannte in diesem Augenblick, daß sie etwas sehr Wichtiges versäumt hatte, daß sie ihren Sohn zwar gelehrt hatte, die Augen offenzuhalten und zu beobachten, was in der Natur um ihn herum vorging, daß er aber nichts wußte von dem, was über den Menschen steht. Und so begann sie ihm von Gott zu erzählen: „Er ist das Größte und Herrlichste, was wir kennen, strahlender als der Tag, mächtiger als die Sonne, freundlicher als der Blick der liebsten Menschen. Er ist mächtig und erbarmt sich unser, wenn wir ihn anrufen. Hilf, Herr – so mußt du zu ihm beten, und er wird dir helfen.“ „Wenn Gott der Mächtigste und Herrlichste ist, will ich ihm dienen“, rief Parzival. „Wo ich ihm begegne, will ich ihm meine Dienste anbieten. Ach, wenn er mir nur bald erscheinen wollte!“ Und die Mutter küßte lächelnd ihren lieben Sohn. So lebten sie lange glücklich in ihrem verborgenen Winkel, und Frau Herzeleide freute sich über ihren Entschluß, den Sohn fernab von den Menschen und ohne Wissen um Ritterart und Abenteuer aufzuziehen. Aber eines Tages geschah etwas, das alle ihre Wünsche und Pläne vernichtete.
Parzival zieht in die Welt
Parzival streifte umher. Statt des Bogens trug er jetzt einen kurzen Wurfspieß, mit dem man das Wild erlegt. Als er aus dem Walde auf eine grüne Wiese trat, erblickte er plötzlich Wesen, die er noch nie gesehen hatte: Drei Ritter in schimmernden Rüstungen ritten auf stolzen Pferden vorbei. „Was ist das?“ fragte sich Parzival. „Ist das Gott? Gott in dreifacher Gestalt?“ Und schon kniete er nieder, um ein Gebet zu sprechen. Aber lachend über den Toren ritten die drei vorüber. Doch nun kam ein vierter, prächtiger anzusehen als die anderen. Sein Waffenrock schleifte bis auf die Erde, Helm und Schwert blitzten, die eisernen Ringe, aus denen sein Kettenhemd zusammengefügt war, klirrten – „Das ist ganz gewiß Gott!“ rief Parzival, kniete wieder nieder und rief den Fremden an: „Herr Gott, hilf mir!“ Verwundert hielt der Fremde sein Pferd an und betrachtete den hübschen Jungen, der ihm trotz seines einfachen Kittels vornehm und edel erschien. „Gern helfe ich dir, aber ich bin nicht Gott. Steh auf, du sollst nicht vor Menschen knien.“ „Aber wenn du nicht Gott bist – was bist du dann?“ „Ich bin ein Ritter, und die Männer, die du eben vorüberreiten sahst, sind es ebenfalls.“ „Wenn ein Ritter so prächtig ist, dann will ich auch einer sein. Wer macht die Ritter?“ Lächelnd erwiderte der Fremde: „Der König Artus verleiht Ritterschaft.“ „Dann will ich zum König Artus gehen und ihn bitten, daß er mich zum Ritter macht. Ich muß nur meiner Mutter Nachricht
geben. Aber sag mir, was sind das für seltsame Ringe, die du um deinen Leib gewickelt hast?“ „Sie schützen mich. Wenn ein Mann sein Schwert gegen mich zückt, dann kann es nicht durch die Ringe dringen, und ich bleibe heil.“ „Und ein Schwert? Was ist das?“ Der Fremde hatte seinen Spaß an dem eifrigen Frager und zeigte ihm seine Waffen, seine Rüstung und alles, was ein Ritter braucht. „Ich habe einen Wurfspieß“, erklärte Parzival, „damit kann ich auch streiten, wie du sagst. Aber ein Schwert ist hübscher.“ Der fremde Ritter seufzte: „Dir fehlt der Verstand, armer Junge, und doch bist du so hübsch und scheinst aus vornehmem Geschlecht zu stammen – Gott helfe dir auf allen deinen Wegen!“ Er strich dem Jungen freundlich über das Haar und ritt davon. Frau Herzeleides Bauern, die auf dem benachbarten Felde arbeiteten, hatten die Unterredung des jungen Herrn mit den Fremden beobachtet und fragten einander furchtsam: „Was wird die Herrin sagen, wenn sie hört, daß ihr Sohn nun doch Ritter gesehen hat? Sie wird uns schelten, daß wir es nicht verhindert haben!“ Sie nahmen ihre Sicheln auf und gingen langsam heim, den Kopf voll schwerer Ahnungen. Parzival war leichten Fußes nach Hause gelaufen. „Mutter!“ rief er schon von weitem. „Ich will ein Ritter werden! Ich ziehe zu König Artus und bitte ihn, daß er mich zum Ritter macht!“ Frau Herzeleide erbleichte – nun war es geschehen, was sie befürchtet hatte: Ihr Sohn hatte Verlangen nach dem Rittertum, das ungestüme Blut seines Vaters trieb ihn fort von ihr. Sie wußte, daß sie ihn verloren hatte, daß die Jahre des Glücks vorbei waren und nie wiederkommen konnten. Lange Zeit sprach sie kein Wort. Als aber Parzival immer eifriger drängte, ihn zu König Artus ziehen zu lassen, dachte sie bei sich: „Hilf Gott, es ist kein anderer Weg. Von nun an kann ich ihn nicht
mehr hier im Walde halten. Aber ich will ihn so unter die Menschen schicken, daß ihm die Welt verleidet wird – dann kommt er vielleicht doch zurück.“ Und in ihrer Not beschloß sie, Parzival wie einen Narren auszustatten. Sie nähte ihm einen Anzug aus einem einzigen Stück Sackleinen, die Hosen gingen bis zum Knie, an den Füßen saßen grobe Schuhe aus dem Fell eines eben geschlachteten Kalbes, und seine langen blonden Haare sahen unter einer Narrenkappe hervor. Auch ein Pferd gab sie ihm auf sein Bitten, aber ein elendes, mageres, auf das sich nie ein Knappe oder gar ein Ritter gesetzt hätte. Aufmerksam hörte er ihren letzten Lehren zu: „Mein Sohn, grüße alle Menschen freundlich im Namen Gottes. Von Alten nimm guten Rat an, sie sind weise und werden dir das Rechte sagen. Ein Ritter dient edlen Frauen, und wenn er einen Ring von ihnen bekommen kann, ist es ein rechtes Glück für ihn. Schöne Frauen mußt du mit einem Kuß begrüßen, um ihrer Schönheit Ehre anzutun. Und noch eines will ich dir sagen: Dein ist das Land Waleis, das ich deinem Vater in die Ehe gebracht habe. Aber ein fremder Fürst hat es uns entrissen. Werde ein rechter Ritter und erkämpfe dir dein Reich wieder!“ „Das will ich tun, Mutter, ich habe ja meinen Wurfspieß, damit will ich ihn schon bekämpfen, daß er mir mein Erbe wieder herausgibt!“ Aber seinen Namen kannte er nicht, seine Mutter verschwieg ihn, damit er nicht als Gamurets Sohn erkannt und geehrt werden sollte.
In dieser Nacht schlief Parzival fest und glücklich und träumte von prächtigen Rittern. Aber seine Mutter lag die dunklen Stunden wach und betete, daß Gott ihren Sohn leiten und ihm helfen möge. Am anderen Morgen nahm Parzival fröhlichen
Abschied und ritt auf seinem elenden Klepper lustig davon. Frau Herzeleide sah ihm nach, bis sein blonder Schopf hinter der Wegbiegung verschwand – dann sank sie tot zu Boden. Und Parzival wußte es nicht und ahnte es nicht. Er ritt wohlgemut davon, immer der Nase nach. Als der Abend kam, band er sein Pferd an einen Baum und legte sich getrost ins grüne Gras. In aller Frühe weckte ihn der Gesang der Vögel, er erhob sich, bestieg das Pferd und ritt weiter. Im Morgengrauen kam er an einen kleinen Fluß, suchte eine Furt und überquerte sie. Am anderen Ufer fand er kostbare Zelte aufgespannt, stieg vom Pferd und betrachtete alles mit großer Neugier. Das prächtigste Zelt war aus Samt, mit Pelzen verziert und mit bunten Schnüren gespannt. Er wäre gern eingetreten – und schon riß er unbedacht einen Pflock aus und drang ins Zelt ein. Drinnen fand er eine wunderschöne Frau im tiefsten Schlaf. Leise trat er an sie heran und bestaunte ihren kostbaren Schmuck. Da fielen ihm die Worte seiner Mutter ein, daß er sich freuen solle, den Ring einer edlen Frau zu erhalten. Er beugte sich über die Schläferin und zerrte so ungeschickt an ihrem Ring, daß sie erschrocken in die Höhe fuhr. Rasch riß er ihr auch noch eine Spange vom Gewand und tat dann das, was er nach den Lehren seiner Mutter für richtig hielt: Ehe die Dame sich wehren konnte, packte er sie mit beiden Armen und küßte sie viele Male heftig auf den roten Mund. Dann ließ er sie los: „So, nun habe ich Hunger. Gebt mir bitte zu essen!“ Da lachte sie trotz ihres Schreckens und erkannte, daß sie einen jungen Narren vor sich hatte. „Wie bist du hereingekommen? Wer hat es dir erlaubt? Gib mir den Ring zurück und verschwinde!“ „Nein, den muß ich behalten. Aber dort steht ja Brot auf dem Tisch, gestattet, daß ich davon nehme!“
Ungerührt von ihren Scheltworten aß und trank er tüchtig. „Nun geh aber, Junker!“ drängte die Frau. „Gib mir den Ring zurück und mach dich davon. Wenn mein Mann von der Jagd heimkommt, wird er dich hart bestrafen, und auch mit mir wird er schelten.“ „Ach, Strafe fürchte ich nicht – – ich habe ja meinen Wurfspieß, um mich zu wehren. Aber ich kann nicht leiden, daß Ihr gescholten werdet, deshalb lebt wohl!“ Und zu ihrem Entsetzen trat er noch einmal auf sie zu und gab ihr einen herzhaften Abschiedskuß. Dann verschwand er.
Die Dame war die Herzogin Jeschute, die wunderschöne Gemahlin des Herzogs Orilus. Wo immer der Herzog hinzog, ob auf Abenteuer oder zur Jagd wie eben jetzt, stets nahm er seine Frau mit sich, denn er war ein von Eifersucht geplagter
Mann, der seine Liebste nie aus den Augen zu lassen wagte; und doch war sie treu und hatte niemals einem anderen Mann auch nur einen Blick zugeworfen. Mit Seufzen wartete Frau Jeschute nun auf die Heimkehr ihres Mannes, denn sie wußte wohl, daß sie ihm den Besuch des Fremden nicht verschweigen konnte. Und richtig! Als der Herzog heimkam, sah er die Spuren im taufeuchten Gras, den abgerissenen Zeltpflock, und ahnte, daß sich jemand an Jeschutes Zelt zu schaffen gemacht hatte. Mit zornrotem Kopf trat er ungestüm ein und bemerkte das ängstliche Gesicht seiner Frau. Sofort fuhr er auf sie los: „Du hast also Besuch gehabt? Ein fremder Mann war bei dir! Wo ist die Spange an deinem Gewand?“ Schluchzend wollte sie ihm erklären, was geschehen war: „Ein junger Narr ist hier eingedrungen, als ich noch im Schlafe lag. Er führte sich sehr ungezogen auf, obwohl er ein hübscher Junge war.“ „Hübsch fandest du ihn also? Er hat dir gefallen? Weh dir, du Ungetreue! Sicher hast du ihn verlockt, dich hier aufzusuchen, während ich jagte. Wer weiß, wie lange du schon mit ihm geliebäugelt hast! Ich Armer! Ich Betrogener! Das wirst du mir büßen!“ Weinend sprach Frau Jeschute: „Ach liebster Herr, wenn du wüßtest, welch dummer Junge er war! Er hat mir Ring und Spange entrissen, nichts gab ich ihm freiwillig, und die Küsse, die er mir gab, hab’ ich wahrhaftig nur sehr ungern geduldet!“ „Geküßt hat er dich! Wo ist der Bursche? Das wird er mit seinem Leben bezahlen müssen! Und du, Ungetreue, für die ich so ehrenhafte Turniere bestanden, die ich vor allen Damen hoch erhoben habe, du wirst jetzt fühlen, was es heißt, Herzog Orilus zu hintergehen! Aus ist es mit deinem schönen Leben! Du wirst kein Gewand mehr von mir bekommen, in diesem Kleid, das du trägst, wirst du mir folgen, auf dem elendesten Klepper sollst du reiten, den ich finden kann! Nichts mehr von prächtigem Sattelzeug und klingenden Glöckchen am
Sattelbogen! Einen Strick werde ich dir in die Hand geben, damit magst du dein Pferd leiten. O du schlechte Frau! Nie mehr will ich das Zelt mit dir teilen, nie mehr mit dir an einem Tische essen!“ Die Herzogin schluchzte: „Daß du so ungerecht bist, schmerzt mich am tiefsten. Du kränkst deine eigene Ritterehre, wenn du mich so strafst. Ein rechter Ritter verstößt nicht seine Frau, er glaubt ihr, er hilft ihr, die Schmach, die ein Fremder ihr angetan hat, zu rächen!“ Aber Herzog Orilus war schon aus dem Zelt gestürmt und suchte wild nach dem kümmerlichsten Pferd, das er finden konnte. Fortan sah man Frau Jeschute demütig und von allen gemieden hinter ihrem Gemahl durch die Lande ziehen, und die Leute tuschelten und glaubten, sie werde sicher zu Recht so hart gestraft. Das hatte Parzivals Torheit angerichtet – so hatte der junge Mensch, der in die Welt zog, um ein Ritter zu werden, seine Mutter unwissentlich getötet und eine schöne Frau durch seine Dummheit ins Unglück gebracht. Was wird er fühlen, wenn ihm sein Unrecht aufgeht? Denn immer kann er nicht so kindlich und töricht bleiben… Noch aber ritt er unbekümmert durch den Wald, freute sich, wenn die Sonne auf die hübsche Spange schien und in Jeschutes Ring funkelte. „Meine Mutter wird mich loben“, sprach er zu sich selbst, „wenn ich ihr erzähle, daß ich am ersten Tag schon Ring und Kuß einer edlen Frau erhalten habe!“
Sigune
Da störte ihn ein heftiges Weinen aus seinen fröhlichen Gedanken. Er ritt ihm nach und fand unter einem hohen Baum eine Frau sitzen, die vom Weinen ganz entstellt war und sich ihre schönen Zöpfe in übermäßigem Schmerz zerrauft hatte. Auf ihrem Schoße lag ein toter Ritter. Es war Frau Sigune, und der Erschlagene, den sie so beweinte, ihr Freund Schionatulander. „Wenn Ihr auch traurig seid, will ich Euch doch grüßen“, sprach Parzival sie an. „Meine Mutter hat es mich so gelehrt. Was sitzt Ihr hier so bekümmert? Laßt sehen – ach, der Mann in Eurem Schoß lebt nicht mehr! Es hat keinen Sinn, daß Ihr ihn haltet – wir müssen ihn begraben, Herrin. Ich werde Euch helfen. Aber sagt mir, wer ihn erschlagen hat – ich werde ihn rächen. Seht hier meinen festen Wurfspieß – damit töte ich den, der Euren Liebsten umgebracht hat!“ Frau Sigune warf einen traurigen Blick auf Parzival. „Du bist ein lieber Junge und scheinst aus edlem Blut zu sein – aber mit einem Wurfspieß wirst du den Mann nicht bekämpfen, der Schionatulander umgebracht hat. Mein Freund fiel in ritterlichem Kampf, und mir ist alle meine Freude genommen. Wollte Gott, ich brauchte nicht mehr lange das Licht des Tages zu sehen, es scheint mir düster und unfreundlich. Aber wer bist du? Wie heißt du?“ „Ich bin ein Mensch, den Gott wie alle anderen erschaffen hat.“ Sie lächelte und fragte, wie seine Mutter ihn denn riefe. „Lieber Junge, hübscher Junge, guter Junge, so ruft sie mich.“ Da wußte Sigune, wer er sei. „Dann bist du Parzival. Dein Name bedeutet »Mitten hindurch«. Ich weiß, deine Mutter hat dir nie gesagt, woher du stammst, aber so will ich es dir
berichten, denn ich bin deine Verwandte. Meine Mutter und die deine sind Schwestern, und ich liebe Frau Herzeleide sehr. Dein Vater war ein Fürst von Anschewin, und dir sind große Reiche zugefallen – aber weil deine Mutter sich nicht um ihr Hab und Gut kümmerte und mit dir in der Einsamkeit lebte, haben fremde Fürsten dein Erbe geraubt. Dieser mein lieber Freund hier, Schionatulander, hat für dich gekämpft. Der Herzog Orilus hat ihn erschlagen.“ Da schwor Parzival Rache und wollte wissen, wie er reiten müsse, um Orilus zu treffen. Aber Frau Sigune fürchtete für das Leben ihres jungen Vetters und schickte ihn einen falschen Weg. Er nahm Abschied von ihr und ritt davon – begierig, den Tod des Ritters zu rächen.
Parzival am Artushof
Nach langem Ritt durch den Wald stand Parzival vor einem breiten Fluß. Am Ufer erhob sich ein einzelnes Haus, in dem ein Fischer wohnte. Parzival verspürte Hunger und bat den Fischer, ihm zu essen zu geben und für die Nacht zu beherbergen. Der geizige Mann ließ sich aber erst dazu herbei, als ihm Parzival Frau Jeschutes Spange als Lohn anbot. Da war er bereit, ihn am anderen Morgen über den Fluß zu fahren und ihn zum Hofe des Königs Artus zu bringen. So geschah es. Parzival fuhr über den Fluß und sah in der Ferne eine große Stadt mit vielen Türmen. „Da wohnt der König Artus“, erklärte ihm der Fischer. „Aber weiter will ich Euch nicht führen, geht nur selbst.“ Denn er dachte bei sich, daß man den jungen Narren mit seinem wunderlichen Kleid, seinem Wurfspieß und den groben Schuhen, mit dem dürren,
müden Pferd doch nur verspotten werde. Parzival ritt allein über ein breites, von bunten Blumen leuchtendes Feld. Da sprengte ihm ein Ritter entgegen – ganz in Rot gekleidet, und rot war das Zaumzeug seines Pferdes, rot sogar sein Haar. „Gott schütze Euch! So zu grüßen hat mich meine Mutter gelehrt. Wo finde ich den König Artus?“ Der Ritter lachte über den drolligen Narren. „Reite nur weiter, in der großen Stadt findest du den König in seiner Burg. – Aber warte! Du sollst eine Botschaft von mir ausrichten. Ich bin des Königs Vetter Ither, und man nennt mich, wie du wohl begreifen wirst, den roten Ither. Ich gehöre zur Tafelrunde des Königs, aber ich zürne ihm, denn er hat mir einen Teil meines Erbes vorenthalten. Siehst du den Becher in meiner Hand? Den habe ich heute morgen vom Tisch des Königs fortgenommen. Leider ist dabei Wein auf das Kleid der Königin gespritzt. Du richtest in der Tafelrunde aus, wer mir den Becher wieder abnehmen will, soll hierher kommen und mit mir darum kämpfen. Wir wollen doch sehen, wer der Stärkste ist! Aber bestelle auch, daß es mir sehr leid tut, das Kleid der Königin Ginevra mit Wein begossen zu haben – das war ungeschickt und ungehörig!“ Parzival versprach, den Auftrag auszurichten, und ritt davon, sah sich aber immer wieder nach der strahlenden Rüstung des Ritters um und dachte: „Die muß ich haben! So prächtig will ich auch zu Pferde sitzen!“ Er ritt in das Getümmel der Stadt, alles Volk lief zusammen und lachte über den Narren, der unbekümmert und freundlich nach allen Seiten seinen Gruß rief. So kam er schließlich in die Burg, stieg vom Pferd und trat in den Saal, wo König Artus mit den Damen und Herren des Hofes noch beim Mahl an dem großen runden Tisch saß. „Seid Ihr der König? Gott schütze Euch – so hat es mich meine Mutter gelehrt.“
Lachend dankte Artus für den Gruß und fragte, was der Narr wünsche. „Ihr sollt mich zum Ritter machen! Es dauert schon viel zu lange, bis ich die Ritterschaft erhalte. Ich weiß, daß Ihr es seid, der Ritter macht. Aber zuvor muß ich Euch einen Auftrag ausrichten von dem roten Ritter, der draußen auf der bunten Wiese wartet: Es tut ihm leid, daß er Wein über das Gewand der Königin vergossen hat, und wer ihm den Becher wieder abnehmen will, muß mit ihm kämpfen. Herr König, laßt mich das tun! Ich möchte gern seine schöne Rüstung haben!“ „Nun sei aber geduldig, Junker“, mahnte der König. „Gern will ich dir zur Ritterschaft verhelfen, und morgen werde ich dir eine schöne Aussteuer suchen und dich lehren, was ein Ritter ist und wie er sich betragen muß. Heute ist nicht Zeit dazu.“ Aber Parzival stampfte ungezogen mit dem Fuß auf: „Ich will keine andere Rüstung als die des roten Ritters! Die sollt Ihr mir schenken!“ „Das kann ich nicht. Auch wenn ich ihn darum bäte, würde Ither mir nichts schenken – er zürnt mir, obwohl ich ihn sehr gern habe.“ „Dann versprecht mir, daß ich die Rüstung behalten darf, wenn ich jetzt hinausreite und mit ihm um den Becher kämpfe.“ Laut lachten alle – der Gedanke war zu drollig, daß der junge Mann, im Narrenkleid und mit einem Wurfspieß bewaffnet, mit einem der besten Ritter fechten wollte! Nur der Oberhofmeister des Königs, Keie, brummte grämlich: „Laßt ihn doch! Mir ist dieser Junge genau so gleichgültig wie der rote Ither. Sollen sie doch kämpfen – mir ist es gleich, wer von beiden wiederkommt!“ Schließlich ließ Artus Parzival hinausziehen und versprach ihm Ithers Rüstung, wenn er den roten Ritter besiegen könne. „Der arme Junge wird ja dabei den Tod finden“, seufzte der
König, „schade um ihn. Trotz dem Narrenkleid ist er sicher von edler Abkunft.“ Der Knappe Iwanet, dem Parzival gefiel, nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinaus, um ihn zu begleiten. Parzival setzte sich auf sein Pferd – und alle Damen sahen ihm von einem niedrigen Balkon aus zu. Unter den Frauen war auch die schöne Kunneware, die noch nie gelacht hatte: Sie hatte einmal das seltsame Gelübde abgelegt, daß sie erst dann lachen wolle, wenn sie den Mann sähe, der zum höchsten Ruhme bestimmt sei. Und nun, als sie den jungen Toren in seinem Narrenkleid auf dem elenden Klepper erblickte, scholl plötzlich laut und herzlich ihr Lachen durch den ganzen Saal – sie selbst war verwundert darüber. Ärgerlich aber war der Oberhofmeister, Herr Keie. Er griff die Zöpfe der schönen Kunneware, hielt sie eisern fest und tat etwas, das noch niemand in dieser edlen Runde erlebt hatte: Sein Stock sauste auf den Rücken der Frau herab – er schlug sie! Und er schalt: „Was fällt Euch ein? Ist das ein gutes Benehmen? Laut zu lachen ist schon unziemlich für eine Dame, aber daß Ihr, die Ihr so viele herrliche Ritter hier habt vorbeireiten sehen, diesem Narren zulacht, ist unerhört! Mein Stock wird Euch lehren, Euch künftig besser zu betragen!“ Alle Damen und Herren saßen erstarrt vor Schrecken, nur ein Ritter fuhr heftig auf: Er hatte nämlich gelobt, niemals ein Wort zu sprechen, solange Kunneware nicht gelacht habe! Nun schalt er Herrn Keie: „Gebt nur acht! Ihr habt Kunneware geschlagen um dieses Jungen willen! Ich ahne schon, daß dieser Junge dafür Euch einmal gründlich bestrafen wird!“ Aber der Oberhofmeister war um eine Antwort nicht verlegen: „Wenn das erste Wort, das aus Eurem Munde kommt, eine Drohung gegen mich ist – dann werde ich Euch lehren, wieder zu schweigen oder bessere Dinge zu sagen!“ Und schon fuhr sein Stock dem Ritter an Hals und Kopf.
Draußen stand noch Parzival und hatte alles mitangehört. Er packte seinen Wurfspieß fest und hätte ihn fast auf Keie geschleudert, merkte aber, daß er im Gedränge leicht jemand anders verwunden könne und unterließ es. Doch er beschloß, das schöne Fräulein später einmal für den Kummer zu entschädigen, den sie seinetwegen und ganz unschuldig erlitten hatte. Dann nahm er Abschied von dem Knappen Iwanet und ritt hinaus auf die Wiese, wo Ither sein ungeduldiges Pferd zügelte. „Nun, was bringst du für Botschaft? Wer will mit mir um den Becher kämpfen?“ „Ich“, antwortete Parzival. „Aber zieh deine Rüstung aus, sie gehört mir, der König hat sie mir geschenkt.“ „Wahrhaftig, der König verschenkt meine Rüstung!“ lachte Ither. „Das ist eine ganz neue Sitte, und ich glaube nicht, daß du den König richtig verstanden hast. Nun pack dich!“ „Zieh die Rüstung aus! Mir gehört sie jetzt!“ schrie Parzival ungeduldig. Nun wurde es dem roten Ritter zu bunt – er gab seinem Roß einen leichten Schenkeldruck, und sofort flog es Parzivals Pferdchen entgegen, und ehe der Junge etwas geahnt hatte, saß er schon im Gras, von Ithers Speer getroffen, und gut getroffen! Das Blut lief ihm aus der Schulter. Ither glaubte, den Jungen für seine Keckheit genügend bestraft zu haben, und wollte sein Pferd wenden. Aber wie der Blitz stand Parzival auf den Beinen, zielte mit seinem Wurfspieß und schleuderte ihn so, daß er Ither durch die Augenschlitze in der Schutzkappe ins Gehirn drang. Leblos sank der rote Ritter zu Boden, auf schmähliche und unritterliche Weise getötet. Und so töricht und unerfahren war Parzival, daß er keine Scham fühlte, sondern sich eifrig bei dem Toten hinkniete, um ihm die Rüstung zu nehmen. Das aber war leichter gesagt als getan – der Junge hatte keine
Ahnung, wie man die Beinschienen und den Helm öffnet. Er riß und zerrte daran herum und vergoß zornige Tränen, als es ihm nicht gelang. Die beiden Pferde standen dabei und wieherten in der heißen Mittagssonne so unglücklich, daß Iwanet es hörte und hinzulief. Da fand er den großen Ritter Ither tot und den Fremden daneben, wie er sich vergebens mit der Rüstung abmühte. „Aber du bist ja ein großer Held! Wie hast du das fertiggebracht, den roten Ither zu töten! Komm, ich helfe dir!“ Und Iwanet, der sich nicht viel Gedanken darum machte, ob Parzival den Gegner ritterlich besiegt habe, half ihm, den toten Mann zu entwaffnen. Dann wünschte Parzival, sofort die neue Rüstung anzulegen, er ließ sich den Harnisch über sein sackleinenes Narrenkleid legen, die blitzenden Beinschienen über die groben Schuhe schnallen. Er drehte und wendete den Hals in der ungewohnten harten Halsberge, er fühlte das Gewicht des schweren Helms auf seinem Kopf, der nur von der leichten Narrenkappe bedeckt gewesen war, er wog den schweren Schild in der Hand und ließ sich zeigen, wie man das Schwert aus der Scheide zieht. „Und nun gib mir den Wurfspieß!“ Aber Iwanet belehrte ihn, daß ein Ritter nicht mit dem Wurfspieß kämpfe und erklärte ihm, wie man den Speer hält, wenn man im Turnier den Gegner anreitet, um ihn vom Pferd zu stechen. Das war Parzivals ritterliche Lehre – wenig genug! Und ein unerfahrener, törichter Junge blieb er auch noch in der roten Rüstung. Aber kräftig war er! In der schweren Rüstung sprang er aufs Pferd und fragte nicht nach einem Steigbügel. Nun saß Parzival auf dem Roß Ithers, schön und stattlich wie ein rechter Ritter. Er sagte Iwanet Lebwohl und bat ihn, König Artus eine Botschaft zu überbringen: „Sag dem König, daß ich nun habe, was ich wollte, die Rüstung des roten Ither. Und bitte ihn, daß er die Dame, die um meinetwillen Schande und
Schläge dulden mußte, in seinen Schutz nimmt, bis ich selbst ihre Ehre verteidigen kann.“ Er ritt davon und ließ den toten Ither auf der Wiese liegen. Iwanet sah ihm nach und pflückte dann ringsum die schönsten Blumen, mit denen er den Toten bedeckte. Aus Parzivals Wurfspieß und einem Stück Holz band er ein Kreuz zusammen, das er neben dem Leichnam in die Erde steckte. Dann ging er zurück an den Hof und meldete, was geschehen sei. Seine Nachricht wurde mit großer Trauer aufgenommen, denn alle hatten den stolzen Ither gern in ihrer Runde gesehen und wußten, wie viele Kämpfe er ritterlich gewonnen hatte. Daß er nun von einem Knaben erschlagen worden war, dünkte sie besonders hart. Vor allem war es Königin Ginevra, die um ihn trauerte. „Ach, daß die Männer so ungestüm sein müssen! Ihr Zorn und ihre Freude am Kampf bringt uns Frauen viel Kummer! Schöner, lieber Ither, wie froh wäre ich, dich noch bei uns zu sehen! Nun leuchtet dein rotes Haar nicht mehr, nun ist dein Lachen verklungen. Ach Ither, welch trauriger Tag, an dem du uns entrissen wurdest!“
Parzival bei Gurnemanz
Parzival aber ritt zufrieden weiter, ohne Ziel und Weg. Schließlich sah er eine hohe Burg mit vielen Türmen vor sich aufragen. „Hier verstehen sie aber zu säen“, dachte er. „Bei meiner Mutter wächst nichts so hoch. Aber es regnet sicher zuviel bei uns zulande.“ So töricht war er noch, daß er glaubte, Türme würden gesät und wüchsen von selbst in die Höhe! Er ritt durchs offene Burgtor auf einen weiten grünen Platz, auf dem ganz allein ein alter Mann mit einem Sperber auf der
Hand saß. „Gott schütze Euch – so hat es mich meine Mutter gelehrt“, grüßte Parzival. Der Alte blickte den Fremden an, der, von Kopf bis Fuß gewappnet, wie in unfreundlicher Absicht daherkam. Doch hell klang Parzivals Stimme unter dem Helm hervor: „Ihr seid ein alter Mann, und meine Mutter hat mich gelehrt, von Alten guten Rat anzunehmen. Deshalb bitte ich Euch, mich alles zu lehren, was Ihr wißt!“ Gurnemanz, so hieß der Herr der Burg, bat ihn freundlich, das Visier hochzuklappen, und nun kam Parzivals fröhliches, junges Gesicht zum Vorschein. Da dachte der Alte, daß der Fremde trotz seines wunderlichen Betragens wohl von edler Herkunft sein müsse, und meinte: „Gut, Ihr sollt von mir hören, was ich Euch lehren kann. Mir scheint, Ihr habt es nötig trotz Eurer prächtigen Rüstung.“ Er warf seinen Sperber in die Luft. Pfeilschnell flog der Vogel durch ein offenes Fenster in den Burgsaal, wo die Knappen müßig saßen und schwatzten. Der Sperber war das Zeichen, daß ihr Herr sie zu sehen wünschte, und wie der Blitz rannten die Jungen in den Burghof. „Wir haben einen Gast, der bei uns bleiben wird. Versorgt sein Pferd und bringt ihm alles, was er braucht.“ Ein Knappe ergriff den Zügel von Parzivals Pferd und bat den Reiter freundlich, abzusteigen. „Aber nein! Wie kann ich denn absteigen? Ein Ritter reitet – ich bleibe sitzen!“ Die Knappen wandten sich ab, um ihr Lachen zu verbergen, dann redeten sie so lange freundlich auf ihn ein, bis er bereit war, vom Pferd zu steigen. Sie führten ihn ins Haus und halfen ihm, den Helm abzunehmen, Harnisch und Beinschienen zu lösen – und wieder mußten sie ihr Lachen verbeißen: Denn was unter der prächtigen Rüstung zum Vorschein kam, war ein Narrenkleid aus Sackleinen! Einer von ihnen lief zum Herrn, berichtete ihm von der seltsamen Kleidung des Fremden, und Gurnemanz sprach kopfschüttelnd zu sich selbst: „Ein
sonderbarer Vogel ist mir da ins Haus geflogen! Mit ihm werde ich wohl noch manche Mühe haben.“ Wie es jeder gute Gastgeber tat, ließ er dem fremden Ritter bequeme, kostbare Kleidung bringen. An der Hand führte er ihn in die Burgkapelle, in der sich die Insassen der Burg zur Messe versammelten. Da hatte er seine liebe Not, Parzival, der noch nie in einer Kirche gewesen war, flüsternd und ihn auf die Knie ziehend zum richtigen Benehmen anzuleiten. Parzivals keckes Gesicht zeigte einen neuen Ernst, als er die Andacht der anderen wahrnahm. Beim gemeinsamen Mahl fragte Gurnemanz seinen Gast nach Namen und Herkunft, und bereitwillig gab Parzival alles zum besten, berichtete auch ganz getreulich, auf welche Weise er den Ring und die Spange der Dame erworben hatte, ohne die tadelnden Blicke seiner Zuhörer zu bemerken. Als er von Ithers Tod erzählte, seufzte Gurnemanz: „Ither war ein tüchtiger und berühmter Ritter, und daß er mit einem Wurfspieß erschlagen wurde, scheint mir ein schlimmes und ungerechtes Ende. Nun tragt Ihr seine Rüstung und seid der rote Ritter – bemüht Euch, den Namen mit Ehren zu tragen.“ Gleich nach dem Essen zog der Burgherr Parzival beiseite und brachte ihm die ersten Regeln höfischen Betragens bei. „Hört auf, Euch wie ein kleines Kind zu benehmen und immerfort von Eurer Mutter zu reden! Ein Mann liebt und ehrt seine Mutter und vergißt sie nie – aber er beruft sich nicht fortwährend auf sie, sondern weiß, was er zu tun hat, aus sich selbst.“ Alles, was Gurnemanz ihm an den nächsten Tagen erklärte und ihn lehrte, nahm Parzival bereitwillig auf, so daß er begann, sich nicht mehr wie ein kecker Knabe, sondern wie ein Mann zu betragen, den der Burgherr mehr und mehr ins Herz schloß.
„Ein rechter Ritter nimmt sich der Bedrängten an. Wenn du einen Menschen in Not siehst, hilf ihm, auch wenn es dir selbst ans Leben gehen könnte. – Sei nicht geizig, teile anderen von dem mit, was du erwirbst, aber tu es mit Verstand, verschwende nicht! – Vor allem aber rede nicht so viel, frage nicht immerzu. Du mußt dich zurückhalten, die Augen offen haben, aber niemanden mit Fragen lästig fallen! Mancher Mensch trägt einen geheimen Kummer, über den er nicht sprechen mag. Ein Ritter sieht, wo er helfen muß, und tut es ohne Worte. Zuviel fragen ist keine gute Art.“ Dies besonders nahm sich Parzival, der bisher so offenherzig geschwatzt und gefragt hatte, sehr zu Herzen.
Herr Gurnemanz, dem drei Söhne im Kampf gefallen waren, hatte nur noch ein Kind, die zarte junge Liasse. Wer wollte es ihm verdenken, daß er nur zu gern Parzival fest mit seinem Hause verbunden und ihm die schöne Tochter anvertraut hätte! So gab er den beiden jungen Menschen manche Gelegenheit, vertraulich miteinander zu plaudern. „Aber einen Ring kannst du Liasse nicht nehmen – sie ist noch zu jung und besitzt keinen Schmuck.“ Parzival spürte den Wunsch seines Gastgebers, und die zarte Liasse war ihm sehr lieb. Aber sollte er künftig auf Gurnemanz’ Burg ein bequemes Leben führen? Es drängte ihn hinaus in die Welt, ritterlichen Abenteuern entgegen, und er bat Herrn Gurnemanz, ihn ziehen zu lassen. Liasses Kummer sänftigte sich, als ihr Parzival versprach, eines Tages als ruhmreicher Ritter zurückzukehren.
Parzival bei Kondwiramur
Parzival zog fröhlich davon, nur manchmal zügelte er sein Pferd und ritt langsam dahin, wenn ihm nämlich der Gedanke an Liasse das Herz beschwerte. Er fand überall gute Aufnahme, hielt die Augen offen und lernte die Menschen und ihr Treiben kennen. Aber er hütete sich, Fragen zu stellen und sprach nie, ohne vorher seine Worte genau zu bedenken. Eines Tages ritt er an einem Fluß entlang bis zu dessen Mündung, an der eine Stadt mit vielen Türmen lag. Wer in die Stadt wollte, mußte über eine schwankende Brücke aus Flechtwerk reiten, und Parzival schickte sich schon dazu an, als ihm auf der anderen Seite gewappnete Ritter heftig abwinkten und versuchten, ihn auf alle Weise fernzuhalten. Er ließ sich aber nicht beirren, stieg vom Pferd und führte es über die schwingende Brücke. Die Leute auf der anderen Seite hielten den gewappneten Fremdling für einen Feind, zogen sich in die Stadt zurück und meldeten ihrer Herrin, daß neue Gefahr drohe. Die Stadt Belrapeire war nämlich in großer Not: Sie wurde von dem gewaltigen Heer des Königs Klamidee belagert. Klamidee warb um die Königin Kondwiramur, die aber nichts von seiner Liebe wissen wollte und deshalb seine Rache dulden mußte. Das feindliche Heer hielt die Stadt fast ganz umschlossen, so daß weder Nahrungsmittel noch Hilfe den Belagerten gebracht werden konnten. Nur die eine schwankende Brücke verband sie noch mit der Welt draußen. Parzival klopfte heftig ans Tor, aber lange antwortete niemand. Er ließ nicht ab, bis er endlich eine verzagte Mädchenstimme hörte: „Wer begehrt Einlaß? Kommt Ihr als Feind? Wir haben schon Feinde übergenug!“
Parzival beruhigte sie und versprach Hilfe, wenn man ihn nur einlassen wolle. Da öffnete sich das Tor spaltweit, so daß er sich gerade noch mit dem Pferd hindurchwinden konnte. Das Mädchen bat ihn zu warten, bis die Königin von seiner Ankunft unterrichtet sei. Nun empfing ihn der Marschall der Königin und geleitete ihn durch die Stadt zur Burg. Verwundert sah Parzival auf die Leute, die bewaffnet mit Speeren und Spießen auf der Straße standen, trübselig und allesamt schrecklich mager. „Hier herrscht wirklich Not und Kummer“, dachte er bei sich. Er wurde zur Königin Kondwiramur geführt; vorher aber nahm man ihm die Waffen ab und ließ ihn mit Brunnenwasser den Rost vom Gesicht waschen – denn wenn ein Ritter den Helm abband, war er vor Rostflecken kaum zu erkennen, und mochte der Helm außen noch so blank glänzen! Als Parzival nun sauber und frisch vor ihnen stand, ein strahlender, kräftiger junger Mann, da seufzten alle, die ihn betrachteten: In Belrapeire gab es nicht einen Menschen, dem nicht der Hunger die Wangen ausgehöhlt hätte, und keiner hatte starke Arme und frische Farben wie der Fremde – in Belrapeire schlotterten die Hemden um klapperdürre Glieder! Parzival dachte: „O weh, hier gibt es wenig zu beißen! Die Königin wird beschämt sein, einen Gast nicht nach Gebühr bewirten zu können!“ Aber solche Gedanken vergingen ihm, als ihn die Königin Kondwiramur im Schlosse willkommen hieß. Bisher hatte er oft mit Sehnsucht an Liasse gedacht, aber nun schwand ihr Bild für alle Zeiten aus seinem Herzen wie die Mondsichel vor der Morgensonne, so wunderschön war Belrapeires Königin. Sie war wohl die schönste Frau, die jemals ein Ritter sah, alle anderen verblaßten neben ihr. Und nicht nur ihr Gesicht und ihre Gestalt berückten jeden, sondern ihre weiche Stimme, ihr herzliches Lachen, ihre Freundlichkeit und ihr hoher Anstand wurden mit Recht ebenso gerühmt. Parzival fühlte sein Herz
heftig schlagen, als er Kondwiramur erblickte, und fortan gab es in seinem Leben kaum einen Augenblick, in dem es nicht für seine Königin schlug. Sie sah ihn an – und auch von ihr nahm die Liebe Besitz. Aber er sprach kein Wort, er fand keines. Und obwohl er doch längst erkannt hatte, daß sich die Königin und ihre Leute in schlimmer Not befanden, fragte er nicht, denn Gurnemanz hatte ihm ja das Fragen verboten. Sie wunderte sich sehr: „Hat mich denn der Hunger schon so häßlich gemacht, daß er mich nicht einmal fragen und anreden mag?“ Parzival verbrachte die Nacht in einem prächtigen Gemach unter Seiden- und Pelzdecken. Müde vom Ritt, schlief er fest und traumlos – bis ihn ein Schluchzen weckte. Da sah er die Königin auf dem Teppich vor seinem Bett knien, weinen und die Hände ringen. Aber auch jetzt fragte er nicht nach ihrem Kummer, sondern erhob sich und bot ihr einen Platz auf seinem Lager. Sie saßen die lange Nacht beieinander; die Königin berichtete Parzival von ihrem Leid, von der hartnäckigen Werbung König Klamidees und von dessen Heer, das die Stadt belagerte, von den vielen Kämpfen, in denen ihre besten Leute gefallen waren. „Morgen kommt der Ritter Kingrun vors Tor, er ist Klamidees Heerführer. Er will mich zwingen, seines Königs Frau zu werden. Doch lieber stürze ich mich vom Turm hinunter in den Burggraben, als daß ich Klamidees Gattin werde!“ „Königin, habt keine Furcht! Ich selbst werde gegen Kingrun kämpfen, und wenn Gott meinem Arm Kraft verleiht, besiege ich ihn.“ Und lange noch sprach Parzival tröstend auf sie ein. Als der Morgen graute, ging Kondwiramur in ihr Gemach zurück.
Kampf und Sieg
Die ersten Sonnenstrahlen fielen auf ein gewaltiges Heer, das gegen die Stadt anrückte, mit wehenden Bannern und wüstem Feldgeschrei. Allen voran ritt der stolze Kingrun. Parzival war schon gerüstet und kam ihm entgegen. An diesem Tage mußte er seinen ersten Schwerterkampf bestehen. Wild schlugen die Männer aufeinander los, und mehr als einmal wankte Parzival unter den wuchtigen Hieben seines Gegners. Aber endlich glückte es ihm, Kingrun mit einem Schlag zu Boden zu werfen. Er setzte ihm das Knie auf die Brust und hob drohend das Schwert. Da mußte der stolze Kingrun, der sich rühmte, noch nie besiegt worden zu sein, um sein Leben bitten. „Dann versprich mir Frieden“, forderte der Sieger. „Das will ich. Ich gelobe dir Sicherheit, ich werde dich niemals angreifen.“ „Nicht mir sollst du Sicherheit geben, nicht mein Gefangener sollst du sein. Wenn du dein Leben behalten willst, reite an den Hof von König Artus. Da lebt eine schöne Frau, die meinetwegen geschlagen wurde. Biete ihr meinen Gruß, diene ihr und verteidige ihre Ehre.“ Herr Kingrun mußte es versprechen, so sauer es ihn ankam. Wir wollen berichten, wie es ihm erging. Er wurde freundlich am Artushof aufgenommen und richtete Parzivals Botschaft getreulich aus. Einer aber erschrak sehr, als Kingrun der Dame Kunneware seine Dienste anbot: Das war Herr Keie. Er meinte bei sich, es sei wohl besser, gleich um gut Wetter zu bitten, und redete Kingrun an: „Seid willkommen! Wenn auch Euer Besieger mir zürnt, so können wir doch gute Freunde werden. Ihr müßt mir helfen, Kunneware zu versöhnen. Was könnte ich wohl für sie tun? O ich weiß es: Ich werde ihr einen großen Pfannkuchen backen lassen!“ Etwas Besseres fiel Herrn Keie nicht ein.
Vor Belrapeire herrschte den ganzen Tag ein wildes Kampfgetümmel, auf beiden Seiten wurde tapfer gestritten, und erst, als sich die Dunkelheit über das Feld legte, trennten sich die ermatteten Ritter. Aus allen Häusern liefen die Bürger herzu, als Parzival in die Stadt einritt, zum erstenmal nach langer Zeit gab es wieder zuversichtliche Mienen, und mitten in einem vor Freude lärmenden Haufen gelangte Parzival endlich ins Schloß. Wie dankbar begrüßte ihn Kondwiramur! Er hatte sie aus der Gefahr dieses Tages gerettet – und der Mann, den sie zu lieben begonnen hatte, war der schönste und tapferste Held! Bescheiden nahm Parzival den Dank der Herrin entgegen und versprach ihr, nicht eher vom Kampfe abzulassen, bis alle Feinde vertrieben seien. Nun hätten sie gern ein Festmahl miteinander gehalten, und Parzival dachte mit Unbehagen, wie er wohl seinen Bärenhunger mit dem kärglichen Essen stillen sollte, das sich die armen Städter seinetwegen sogar noch vom Munde absparen mußten. Aber ein Wunder geschah: Im Hafen trieben zwei Schiffe an, die bis oben hin mit Fleisch, Brot, Früchten, Honig, ja mit Wein beladen waren! Das feindliche Heer hatte die Ankunft der Schiffe nicht verhindern können, und nun strömte die ganze Stadt aus den Mauern, alt und jung drängten sich am Kai, und die Kaufleute auf den Schiffen verkauften im Handumdrehen alle Ware gegen teures Geld und erhielten noch gute Worte obendrein. Der Marschall sorgte dafür, daß jeder sein Teil bekam, und nach langen Monaten der Not sah man nun den Rauch aus hundert Schornsteinen steigen, hörte die Braten brutzeln und schnupperte tief den Duft der guten Speisen ein. Am Hof der Königin ging es besonders festlich zu, denn wenn auch noch keiner es aussprach, so sah doch jeder, daß Parzival und die schöne Kondwiramur einander liebten. In
dieser und der folgenden Nacht saßen die beiden wieder beieinander und erzählten sich so vieles, sahen sich immer wieder in die Augen und fanden zärtliche Worte füreinander. Aber noch war die Gefahr für die Stadt nicht vorbei, denn jetzt wurde gemeldet, daß Klamidee selbst mit einer neuen Streitmacht heranrückte. Er hatte geflucht und getobt, als er von Kingruns Niederlage hörte. „Und ich dachte doch, die Stadt sei ausgehungert und die Königin werde mir als leichte Beute zufallen! Gut, sie soll spüren, daß ich sie dennoch zwingen kann!“ So führte er sein Heer zu einem Angriff gegen die Stadt, aber von Parzivals mannhaften Kämpfen ermutigt, schlugen sich Kondwiramurs Ritter tapfer mit den Feinden. Sogar die Bürger liefen mit Spießen und Schwertern auf das Kampffeld und beteiligten sich am Getümmel. Parzival hatte alle Mühe, sie davon abzuhalten, besiegte Feinde wahllos zu töten. „Laßt die Besiegten leben! Ihr sollt sie gefangennehmen, aber nicht töten! Wer wird denn einen wehrlosen Gegner umbringen!“
Klamidee saß fest auf seinem Roß, ergrimmt und verzweifelt. Er brauchte Parzival nicht erst zum Zweikampf zu fordern – der rote Ritter kam ihm entgegen, und wieder ging es an ein Stechen und Schlagen, von dem alle, die es sahen, noch nach vielen Jahren erzählten. Klamidee war stark und kühn – aber Parzival schlug sich besser, und endlich lag auch Klamidee besiegt am Boden. Schon erwartete er den Todesstreich, denn er wußte ja, daß er wegen der Not, die er über Belrapeire gebracht hatte, den Tod verdiente. Aber er bat: „Laßt mir das Leben! Kondwiramur ist dein – du gewinnst keine Ehre, wenn du mich tötest! Ich will den Krieg einstellen und dir Frieden für alle Zeit versprechen.“
„Dann reite an den Hof von König Artus, grüße ihn und biete deine Dienste der Dame an, die meinetwillen Schläge erlitten hat.“ So kam es denn, daß eines Tages ein gewappneter Mann mit zerhauenem Schwert und verbeultem Schild langsam in den Hof von König Artus ritt und nach der Dame fragte, die um des roten Ritters willen Schande erlitten hatte. Frau Kunneware lachte: „Ein zweiter Ritter, der meine Ehre beschützen wird!“ Sie nahm ihm den Helm ab, da hörte man Herrn Kingrun rufen: „O weh, mein Herr und König! So seid Ihr auch besiegt? Nun hat König Artus Glück, denn jetzt sitzen zwei weitere Ritter an seiner Tafelrunde, die sonst ihr eigenes Land zu schützen wußten.“ Artus nahm ihn freundlich auf, und Herr Keie zog Klamidee beiseite und flüsterte: „Herr, Euer Besieger muß aber sehr übertrieben haben! Es braucht doch nicht zwei Ritter, um Kunneware vor mir zu schützen! Was hab ich denn anderes getan, als sie nur Zucht und Ordnung gelehrt?“ Es war ihm gar nicht wohl – er dachte mit Sorgen daran, wie sich der rote Ritter an ihm wohl rächen würde.
Parzival auf Munsalvaesche
Parzival herrschte nun als König in der Stadt Belrapeire, an der Seite seiner schönen Kondwiramur. Eines Tages aber bat er sie um Urlaub: „Ich will meine Mutter aufsuchen, die sich sicherlich um mich grämt. Sie soll wissen, daß ich jetzt Ruhm und Ehre und die schönste und liebste aller Frauen errungen habe! Laß mich für kurze Zeit fortreiten – du weißt, daß ich bald zu dir zurückkomme!“ Ungern ließ ihn Frau Kondwiramur ziehen, aber sie dachte voller Mitleid an
Parzivals verlassene Mutter und wünschte ihr, daß sie den Sohn bald wieder in ihren Armen halten werde. Niemand hatte berichtet, daß Frau Herzeleide schon lange unter der Erde lag. Ganz allein ritt Herr Parzival durchs Land, und er ritt schnell – getrieben von der Sehnsucht nach der Mutter und nach Kondwiramur. Am Abend schon kam er an einen großen See, auf dem er Männer beim Fischen sah. Einer von ihnen war so prächtig gekleidet, wie wohl noch nie vorher und nachher ein Mann zum Fischen gezogen ist. Ihn rief Parzival an: „Herr, sagt mir, wo ich für die Nacht eine Herberge finde?“ Langsam und hohl tönte die Antwort über den See: „Weit und breit gibt es nur ein einziges Haus. Es ist meines, und ich will Euch gern für die Nacht aufnehmen. Reitet bis vor den Burggraben und bittet, daß man Euch die Brücke herunterlasse!“ Parzival dankte, ritt weiter und kam vor den Graben, an dem die Brücke hochgezogen war. Alles war sehr still. Die Burg lag jenseits des Grabens auf einem steilen Felsen. Parzival rief: „Laßt mir die Brücke herunter!“ Am Tor hielt ein Knappe Wache, der fragte, wer er sei und was er wolle. Parzival antwortete: „Der Fischer hat mich hergewiesen!“ Da fiel wie mit einem Zauberschlage die Brücke herunter, Parzival ritt hinüber und spornte sein Pferd, daß es den steilen Pfad zur Burg hinaufklomm. Auf dem Burgplatz wuchs Gras – man sah, daß hier niemals Kampfspiele abgehalten wurden, denn sonst wäre der Boden wohl zerstampft gewesen. Parzival fragte sich, ob er hier überhaupt ritterliche Gesellschaft finden werde – da öffnete sich schon das Tor, eine Schar von Rittern drängte heraus, nahm ihn freundlich in Empfang und versorgte das Pferd. Der Gast bat um Wasser, um sich den Staub und Rost abzuwaschen, und legte dann einen kostbaren Pelzmantel um, den ihm die Knappen brachten. Da staunten alle über den
schönen Fremden. Parzival aber wunderte sich, daß alle Damen und Herren des Hofes so traurig schienen, so bedrückt. Er hätte gern den Grund gewußt, aber fragen – nein, fragen wollte er nicht. Und er nahm sich vor, die Augen gut offenzuhalten, um zu sehen, was es hier für eine Not habe. Man führte ihn in den Burgsaal, der größer und glänzender war als alles, was Parzival bisher gesehen hatte. Hunderte von Kerzen erhellten ihn, auf dem Boden lagen kostbare Teppiche, und überall waren Polster darüber verteilt, auf denen die Ritter Platz nahmen. Vier große marmorne Feuerstellen verbreiteten Wärme, und an dem stärksten Feuer lag der Burgherr, der Fischer, der Parzival zu Gast geladen hatte. Parzival bemerkte wohl, daß der Burgherr krank schien, er war in viele Decken und schwere Pelze gehüllt und zitterte doch vor Kälte oder Schmerzen. Trotzdem empfing er den Gast herzlich und bot ihm einen Platz neben sich. Parzival sah sich um und blickte in traurige Gesichter. Alle Stimmen klangen gedämpft, niemand wagte ein lautes Wort oder gar ein Lachen. Und plötzlich verstummte jedes Geräusch: Ein Knappe sprang in den Saal und hielt hoch über sich eine Lanze, aus der Blut quoll! Da erhoben alle Anwesenden ein Geschrei, jeder weinte bitterlich, und den Burgherrn schüttelte es wie im Krampf. Der Knappe trug die Lanze hinaus, und wieder senkte sich die Stille über die Gesellschaft.
Dann öffnete sich eine breite Tür, vier herrlich geschmückte Frauen traten herein, die hohe Kerzen in den Händen hielten. Ihnen folgten andere, die eine Bank aus Elfenbein vor den Burgherrn stellten, und wieder neue, und stets anders und prachtvoll geschmückte brachten eine Tischplatte aus einem einzigen leuchtenden Edelstein und legten sie auf die
Elfenbeinbank vor den König. Immer mehr edle Frauen erschienen, ihre Gewänder leuchteten in allen Farben, die Gürtel waren mit funkelnden Steinen besetzt, Blumen schmückten das Haar, Ringe und Spangen blitzten im Kerzenlicht. Parzival wußte kaum, ob er träumte oder wachte – soviel Pracht und soviel Traurigkeit hatte er noch nie beisammen gesehen! Denn immer noch saßen alle Ritter mit betrübten Gesichtern da, und der Burgherr schien fast seinem Tode nahe. Die schönen Frauen brachten dem Herrn alles, was zu einem Mahle gehört, Geräte und Becher aus purem Golde. Dann erschien die Herrlichste und Vornehmste von allen. Ehrfurchtsvoll stellten sich die anderen Frauen ihr zur Seite. Sie trug in der Hand auf grünem Seidentuch eine Schale, von der ein Leuchten ausging, heller als alle die hundert Kerzen im Saal – es war der Gral, der Inbegriff aller Vollkommenheit und aller Freude, die ein Mensch auf der Erde ersehnen und erreichen kann. Sie setzte den Gral vor dem Burgherrn auf die Edelsteinplatte. Und nun begann ein eifriges Laufen, denn jetzt trugen die Knappen die Tische für die Ritter herein, setzten sie nieder und bedeckten sie mit feinen Tüchern, kostbaren Geräten und Bechern. Andere reichten Schalen herum, in deren Wasser sich jeder die Finger wusch, und ein feiner Junker bot das Seidentuch, mit dem sie sich die Hände trockneten. Und wo blieben die Speisen? Staunend sah Parzival, wie auf dem Tisch vor dem Gral plötzlich Brot und Wein, Fleisch und Früchte standen – so vielerlei, so ganz verschiedene Dinge, wie er sie noch nie gesehen hatte. Er merkte, daß jeder Ritter nach dem griff, was er sich offenbar gerade gewünscht hatte: Es war der Segen des Grals, daß er allen Rittern der Gralsrunde die Speisen
bescherte, die sie sich wünschten – ohne Koch und Küche. Die edlen Herren waren beim Gral zu Gaste. „Und doch sind sie so bedrückt!“ dachte Parzival. „Was mag ihnen fehlen? Aber ich will nicht fragen. Vielleicht ist es den Herren nicht lieb, wenn sie nach ihrem seltsamen Dasein gefragt werden.“ So verschloß er seine Gedanken, saß höflich und stumm neben den anderen und die Wunder und die Pracht, die er ringsum sah, die schönen Frauen, ihr Schmuck, ihre Kleider – das alles fesselte ihn so sehr, daß er nicht weiter über die Trauer der Gesellschaft nachdachte. Er war noch sehr jung.
Nun brachte ein Knappe ein Schwert, wie Parzival es noch nie gesehen hatte; silbern glänzte die Schneide, der Griff war aus Rubin gemacht. Der Burgherr reichte es dem Gast: „Nehmt das Schwert als Gastgeschenk. Ehe mich Gott mit Krankheit schlug, habe ich es oft geführt, und es hat mich nie im Stich gelassen. Tragt es zur Ehre Gottes und der Ritterschaft!“ Und nun hätte Parzival wohl fragen dürfen – oder gar fragen müssen? Aber er dachte an Gurnemanz’ Lehre und schwieg, ergriff nur mit tiefer Verneigung das kostbare Schwert und freute sich darüber. Er bemerkte kaum, daß nicht nur der Burgherr, sondern alle Damen und Herren ihn flehend anblickten. Der Gral wurde hinausgetragen, die Tische abgeräumt. Müde wünschte der Burgherr seinem Gast eine gute Nacht. Man führte Parzival in das schönste Schlafgemach, in dem er je geruht hatte, Knappen entkleideten ihn, nahmen ihm die Schuhe ab und führten ihn an sein Lager. Kaum lag er, kamen vier hübsche Mädchen mit Wein und Säften und baten ihn, noch ein wenig wach zu bleiben und ihnen von seinen Abenteuern zu erzählen. Er gefiel ihnen so gut, wie er da lag, mit dem frischen Gesicht, das unter der Seidendecke
hervorsah! Parzival tat ihnen den Gefallen, trank auch ein wenig und wünschte dann eine gute Nacht. Als die Knappen sahen, daß er eingeschlafen war, stellten sie die Kerzen auf den Teppich und gingen davon.
Er schlief nicht gut, er träumte wirr und schrecklich, stöhnte und warf sich auf seinem Lager umher. Als er erwachte, lag er mit Schweiß bedeckt. Es war heller Tag. Niemand war zu sehen, alles blieb still. Auf dem Boden lagen sein Harnisch und zwei Schwerter – neben dem, das er einst Ither abgewonnen hatte, die ihm vom Burgherrn überreichte Waffe. Er wunderte sich: „Warum legt man mir die Rüstung hin? Soll ich weiterreiten? Oder steht hier ein Kampf bevor, in dem ich den Rittern helfen kann? Das täte ich gern!“ Er wappnete sich rasch und gürtete sich beide Schwerter um. Als er aus dem Zimmer trat, fand er keinen Menschen, alle Räume waren leer und verlassen, kein Knappe ließ sich sehen. Seine Sporen klirrten, seine Schritte hallten in den weiten Sälen – sonst war kein Laut zu hören. Parzival stieg die Treppe hinunter – kein Mensch war zu sehen, leer lag der Burghof in der Morgensonne, nur sein Pferd stand an einer Linde angebunden. Wie zornig wurde Parzival! „Ist das eine Art, den Gast zu verabschieden? Ihn einfach schlafen zu lassen? Ich sehe doch an dem zertretenen Gras, daß die Ritter aufgebrochen sind – warum haben sie mich nicht geweckt und mitgenommen? So freundlich hat man mich gestern aufgenommen, und so unhöflich betragen sich die Herren heute!“ Grollend bestieg er sein Pferd.
Als er es zum Tor hinauslenken wollte, ließ ihn eine gellende Jungenstimme herumfahren: „Ihr seid ein Schafskopf! Konntet Ihr nicht den Mund aufmachen? Nun habt Ihr Euer Glück verspielt und unseres dazu!“ Ehe Parzival den Frechen erwischen konnte, war der schon hinter einer Tür verschwunden. Zornig ritt Herr Parzival, den man hier einen Schafskopf gescholten hatte, aus dem Tor, den vielen Pferdespuren nach. „Ich werde sie mit meinem guten Pferd sicher noch einholen, und dann sollen sie sehen, was meine Waffenhilfe wert ist!“ Ach Parzival! Keine Ahnung sagte dem Zornigen, das es vorbei war für ihn mit den Tagen übermütigen Abenteuers und ritterlicher Kampfeslust!
Die Fährte verlor sich, und der Reiter gab es auf, nach den Spuren zu suchen. „Ich will meinen eigenen Weg reiten. Wo man mir so unhöflichen Abschied gegeben hat, will man nichts mehr von mir wissen. Aber warum hat man mich so behandelt?“
Die zweite Begegnung mit Sigune
Er ritt jetzt langsam und nachdenklicher dahin. Plötzlich riß ihn ein heftiges Jammern und Weinen aus seinen Gedanken. Er fand unter einem hohen Baum eine weißhaarige, elend gekleidete Frau, einen toten, einbalsamierten Ritter. „Herrin, was klagt Ihr?“ Diesmal fragte Parzival – jetzt hatte er die Lehre von Gurnemanz vergessen. „Kann ich Euch helfen?“ Trübe blickte die Frau ihn an. „Ich weiß nicht, wer Ihr seid, aber wäret Ihr auch der beste Ritter, könntet Ihr mir nicht helfen. Hier liegt mein Freund, tot seit langem, und ich beweine ihn all’ meine Tage hindurch, die ich noch auf der Erde leben muß. Reitet weiter, seid glücklich, wenn Gott es Euch gestattet.“ Als Parzival sich nicht zufrieden gab und weiter in sie drang, sich aus dem Walde führen zu lassen, fragte sie plötzlich: „Wie seid Ihr in diese Einsamkeit gekommen? Hier gibt es weit und breit kein Haus. Nur eine einzige Burg auf steilem Felsen würdet Ihr hier finden – aber wer sie absichtlich sucht, findet sie nie. Nur den, der von Gott dazu auserwählt ist, führt sein Weg nach Munsalvaesche, der Burg der höchsten Glückseligkeit auf Erden, dem Hort des herrlichsten Schatzes. Wie mancher wäre gern nach Munsalvaesche gelangt, wo der Gral alle Freuden spendet! Und möchte doch endlich der
Auserwählte kommen! Denn jetzt herrscht Trauer auf Munsalvaesche. Der Burgherr Anfortas ist lange schon krank, Gott hat ihn mit Elend geschlagen, weil er seine Pflicht verletzt und den Gral entweiht hat. Wenn der Rechte kommt, wird Anfortas von seiner Krankheit geheilt, sein Retter besteigt den Gralsthron und erhält die höchsten Ehren der Ritterschaft.“ Langsam sprach Parzival vor sich hin: „Große Wunder habe ich dort erlebt.“ „Du bist Parzival!“ rief die Frau. „Binde den Helm auf, damit ich dein liebes Gesicht sehe!“ Parzival gehorchte, und endlich erkannte er auch Frau Sigune. Erschrocken rief er: „Und wo ist dein dunkles Haar geblieben? Warum bist du so elend?“ „Sigune bin ich, aber die Sigune von einst ist tot. Seit du mich damals unter dem Baum gefunden hast, habe ich nur noch um meinen Liebsten Schionatulander getrauert, und ich werde es tun, bis Gott mich von diesem Leben erlöst. – Und du bist in Munsalvaesche gewesen! Ich grüße dich, Parzival, Herrlichster von allen! Du warst von Gott ausersehen! Anfortas’ Schwert erkenne ich, das Wunderschwert. Es bleibt beim ersten Schlag immer heil, wie fest und hart auch Helm und Harnisch derer sind, gegen die du es schwingst. Aber mußt du einen zweiten Schlag tun, dann zerspringt es. Es wird wieder heil, wenn du die Stücke in die Quelle Lag tauchst und die rechten Worte dazu sprichst. Hast du sie gelernt? Und sag mir, ist Anfortas gesund? Herrscht die Freude wieder auf der Gralsburg?“ Parzival schwieg. Wie düster erschien ihm plötzlich der helle Tag! Eine unerklärliche Traurigkeit durchdrang sein Herz, mühsam atmete er. „Hast du die Frage getan, die Anfortas erlöst?“ drängte Sigune. „Hast du ihn mitleidig und hilfsbereit nach dem Grund seiner Leiden gefragt?“ „Ich habe nicht gefragt.“
„Weh dir, Parzival!“ schrie Sigune auf. „Du hast alles verloren. Du warst auserwählt und hast dich nicht bewährt. Gott hat dich nach Munsalvaesche geführt, dein mitleidiges Herz sollte sich der Bedrängten erbarmen, und du hast herzlos geschwiegen! Ist das deine Ritterehre, daß dich der Schmerz anderer Menschen nicht rührt? Warum hast du nicht nach Anfortas’ Leid gefragt?“ „Ach liebe Sigune, schilt mich nicht so! Was ich verfehlt habe, will ich büßen.“ „Büßen? Daß du den Gral versäumt hast, kannst du nicht büßen. Gott zürnt dir. Verfluchter Mann! Reite weiter. Ich will dich nicht mehr sehen.“ Stumm grüßte Parzival, stumm ritt er von dannen.
Parzival trifft auf Herzog Orilus
Parzival grübelte und verstand nicht, was er versäumt hatte. Gurnemanz hatte ihn unterwiesen, nicht mit Fragen lästig zu fallen – und die Lehre hatte er befolgt. Aber tief in seinem Herzen erwachte schon die Einsicht, daß höfische Sitten da nicht gelten können, wo es um eine höhere Pflicht geht: um Mitleid und Hilfe für die Bedrängten. Gedankenlos hatte er das Wichtigste versäumt, Menschenliebe und tätige Hilfe. Er schämte sich, aber noch ahnte er nicht, wieviel Leid ihm daraus erwachsen sollte. Er trug den Helm offen und ließ die kühle Waldluft um die heiße Stirn streichen. Als er so in Gedanken dahinritt, begegnete er einer Frau, die in Lumpen und halbnackt auf dem elendsten Pferd saß, das Parzival je gesehen hatte. Er erkannte sie nicht – aber sie hatte das Gesicht des Menschen nicht
vergessen, der ihr soviel Kummer gemacht hatte. Es war Frau Jeschute, die nun jahrelang in diesem beschämenden Aufzug durch die Lande ritt. Parzival wunderte sich sehr, zumal er vor der Dame einen prunkvoll gekleideten Ritter traben sah. Parzival näherte sich der Frau und bot ihr seine Hilfe an. „Ihr könnt mir nicht helfen – und dabei seid Ihr es, dem ich meine schreckliche Lage verdanke!“ „Herrin, das kann nicht sein! Wie wäre das möglich? Seit ich Ritterehre kennenlernte, habe ich nie einer Dame Unrecht zugefügt!“ Sie schluchzte nur und versuchte, mit ihren Lumpen – denn an ihrem Hemd war eigentlich nur der Kragen noch heil – ihre Nacktheit zu verbergen. Sie erinnerte ihn an sein Abenteuer im Zelt, und schließlich bat sie ihn weinend, sie zu verlassen. „Der Ritter, den Ihr dort seht, trachtet Euch nach dem Leben!“ Da band sich Parzival den Helm fester, zog den Gesichtsschutz herunter und machte sich zum Kampf bereit. Und schon sprengte Herzog Orilus wortlos mit eingelegtem Speer auf ihn los. Die Speere zersplitterten unter dem Anprall, beide zogen die Schwerter und hieben aufeinander los. Laut klang der Kampf durch den stillen Wald, und Frau Jeschute rang die Hände. Sie schwangen die Schwerter, daß Schild und Helm schartig wurden, daß die funkelnden Edelsteine absprangen. Schließlich gelang es Parzival, seinen Gegner vom Pferd zu reißen und ihn rücklings über einen Baumstamm zu legen. In dieser unbequemen Lage mußte Herzog Orilus Frieden geben! „Was verlangt Ihr von mir?“ fragte er. „Ihr sollt Eure Dame wieder zu Ehren kommen lassen.“ „Das will ich nicht! Sie ist eine treulose Frau, sie hat mich hintergangen. Fordert an Lösegeld, was Ihr wollt, ich bin reich genug – aber mit der Herzogin versöhne ich mich nicht wieder!“
Jeschute hätte gern den Streit geschlichtet, wagte es aber nicht, weil es doch um sie ging. Parzival beharrte auf seiner Forderung: „Ihr versöhnt Euch mit der Dame, die Euch ganz gewiß niemals Schande gemacht hat – sonst hätte Gott mich nicht diesen Zweikampf gewinnen lassen! Gebt zu, daß ich der Frau wieder die Ehre erkämpft habe! Und dann will ich, daß Ihr mit Eurer Frau an den Hof von König Artus zieht und einer Dame Dienste anbietet, die um meinetwillen Schläge erdulden mußte.“ Dem Herzog war sein Leben lieb, und wenn er es nur um diesen Preis behalten sollte – nun, da gab er nach. Widerwillig bot er Frau Jeschute seinen blutverschmierten Mund, und die Dame in ihren Lumpen küßte ihn herzlich.
Zu dritt ritten sie weiter, bis sie an die Klause eines Einsiedlers kamen. Kein Mensch ließ sich blicken. An einem Heiligenschrein lehnte ein großer bunter Speer. Den ergriff Parzival: „Bei diesem Zeichen des Rittertums und bei dem Heiligtum schwöre ich, daß Frau Jeschute nichts Unrechtes getan hat! Ich war ein Tolpatsch, als ich in ihr Zelt eindrang, ich wußte nichts von wahrem Rittertum, und es tut mir von Herzen leid, daß ich ihr die Spange und den Ring entriß. Den Ring gebe ich Euch zurück – die Spange hab ich leider vertan.“ Nun endlich überwand Orilus sein böses Mißtrauen. Mit Freude und Reue zugleich nahm er seine Frau in die Arme und gab ihr jetzt erst den rechten Versöhnungskuß. Dann hängte er ihr seinen prachtvollen Mantel um, und von dieser Stunde an begann wieder eine glückliche Zeit für die arme Frau Jeschute. Die beiden nahmen Abschied von Parzival, ritten zu dem Zeltlager, wo ihr Gefolge wartete, und erfrischten sich nach der langen Fahrt und dem blutigen Kampf. Schön geschmückt und auf stolzen Pferden ritt das wieder vereinte Paar an den
Hof von König Artus, wo es freundlich aufgenommen wurde. Herzog Orilus fragte nach der Dame, der er seine Dienste anbieten solle, und wurde zu ihr geführt. Da erkannte er in Kunneware zu ihrer beider Erstaunen seine eigene Schwester! Ihre Freude teilten alle, die anwesend waren – bis auf einen, Herrn Keie. Er sah, daß ihm Herzog Orilus finstere Blicke zuwarf, und fürchtete schon um sein Leben. „Hätte ich mich damals nur besser beherrscht! Wer konnte aber auch ahnen, daß der junge Narr ein großer Ritter werden würde, der immer neue Herren zu Kunnewares Ehre herschickt!“ Er bat Herrn Kingrun, für diesen Tag das Amt des Hofmarschalls zu übernehmen, damit er nicht dem Herzog unter die Augen treten müsse. Aber er sorgte wenigstens für ein herrliches Festmahl, das er in Kunnewares Zelt schickte. König Artus freute sich, wieder einen tapferen Ritter für seinen Hof gewonnen zu haben, aber nun hätte er auch zu gern den roten Ritter selbst in seiner Tafelrunde gesehen. Deshalb fragte er sein Gefolge, ob es mit ihm ziehen wollte, Parzival zu suchen, und alle stimmten freudig zu. Doch seine Ritter mußten ihm versprechen, unterwegs nicht jeden Fremden zum Zweikampf zu fordern. „Zügelt Eure Lust am Kämpfen! Wir kommen in fremdes Land und müssen uns vorsichtig und nicht wie Strauchritter aufführen!“ Wer da meinte, daß er unbedingt einen Zweikampf ausfechten müsse, brauchte dazu die Erlaubnis des Königs.
Die drei Blutstropfen
Unterdessen ritt Parzival einsam umher. Er war mit sich selbst zerfallen, denn sein Versäumnis auf Munsalvaesche bedrückte ihn täglich stärker, und Sigunes böse Worte gingen ihm nicht mehr aus dem Sinn. Den Gral mußte er wiederfinden! Darüber vergaß er sogar Kondwiramur. Eines Morgens ritt er über eine dünne Schneedecke, die über die Frühlingsblumen gefallen war. Da sah er einen Sperber eine Gans greifen, die ihm noch entkommen konnte. Drei Blutstropfen fielen in den Schnee. Parzival hielt sein Pferd an und starrte auf die roten Tropfen. Er sah plötzlich Kondwiramur vor sich, ihren roten Mund, ihr weißes Kinn. Verzaubert blickte er auf das Blut, keinen Schritt ritt er weiter. Ruhig stand das Pferd, starr saß der Mann. So erblickte ihn ein Knappe vom Gefolge König Artus’. Er hielt den schwer gewappneten Ritter für einen Feind. Eifrig lief er ins Lager zurück und schrie aus Leibeskräften: „Wacht auf! Im Walde steht ein fremder Ritter in Waffen! Sicher hat er ein Heer bei sich! Auf! Feinde sind in der Nähe!“ Als erster hörte ihn ein junger Ritter, der schon lange auf seinen ersten Zweikampf brannte. Da er Ginevras Neffe war, drang er in ihr Zelt ein und bat sie stürmisch, bei König Artus die Erlaubnis zum Kampf für ihn zu erwirken. Sie fuhr ihm lächelnd durchs Haar und ging zu Artus. Der König gab ungern seine Zustimmung, denn hier, in der Nähe des Gralsheeres, hätte er lieber gesehen, wenn sich seine Ritter friedlich verhalten hätten. Aber schließlich gestattete er Ginevras Neffen, den unbekannten Ritter aufzusuchen.
Der junge Ritter rüstete sich eilig, schwang sich auf sein Pferd und ritt in den Wald. Parzival hörte und sah ihn nicht, noch immer starrte er wie gebannt auf die Blutstropfen. „He!“ schrie der junge Mann. „Was wollt Ihr hier bei König Artus’ Zeltlager? Sucht Ihr Streit?“ Parzival antwortete nicht. Zornig schalt der andere: „Ihr glaubt wohl, weil ich jung bin, könnt Ihr mich verachten? Bin ich keiner Antwort wert?“ Und schon spornte er sein Pferd, um den unbeweglichen Fremden anzurennen. Dabei erhielt Parzivals Roß einen Stoß, so daß es sich umdrehte. Damit kamen die Blutstropfen Parzival aus dem Gesicht, und nun erkannte er verwundert einen Ritter, der ihn mit eingelegtem Speer bedrohte. Da faßte Parzival den seinen fester und hob mit leichtem Stoß den Fremden aus dem Sattel. Dann wandte er sich und starrte wieder auf die Blutstropfen. Ginevras Neffe erhob sich verdutzt. Er schämte sich schrecklich, so rasch besiegt worden zu sein, und schlich sich, das Pferd am Zügel führend, ins Lager zurück, wo man ihn natürlich mit seinem mißglückten Abenteuer neckte. Nur Ginevra tröstete ihn: „Beim nächsten Kampf wird es dir besser gehen!“ Die Niederlage des jungen Ritters wurmte vor allem Herrn Keie. Er ging zum König und schlug ihm vor: „Laßt mich mit dem unbekannten Ritter kämpfen! Das ist ja eine Schande für den Hof von König Artus, wenn der Fremde dort noch immer drohend stehenbleibt! Das gehört sich nicht – hier in der Nähe unseres Lagers hat kein Ritter etwas zu suchen, der uns nicht freundlich um Aufnahme bittet!“ So erhielt auch Herr Keie die Erlaubnis zum Zweikampf. Eifrig sprengte er Parzival entgegen und sah ihn verzückt auf die Blutstropfen starren.
Er redete ihn an: „Herr, Ihr wollt uns wohl kränken! Ihr wollt König Artus’ Ritterrunde beleidigen? Warum habt Ihr Euch hier so drohend aufgepflanzt? Ich werde Euch jetzt an einem Strick zum König führen!“ Seine Scheltworte, mit denen er den roten Ritter zum Kampf reizen wollte, verhallten ungehört. Parzival war wie taub – er nahm nichts wahr außer dem Blut, vor sich sah er nur Kondwiramur. Da stieß Keie ihn heftig an. Parzivals Pferd
wandte sich, da sah der rote Ritter das Blut nicht mehr, sondern erkannte nur einen Gegner, der ihm mit eingelegtem Speer entgegenstürmte. Er ritt ihn an, und beider Männer Speere bohrten sich bei dem Anprall tief in den Schild des Gegners. Parzivals Speer zersplitterte. Keie stürzte, sein Pferd mit ihm – und das war gleich tot. Keie aber hatte den linken Arm und dazu das rechte Bein gebrochen, lag im Schnee und schimpfte und jammerte. Parzival merkte nichts davon – er hatte sich wieder umgedreht und starrte auf die Tropfen im weißen Schnee. Keies Gezeter rief Knappen und Herren herbei, die ihn behutsam ins Lager trugen. Manch einer lachte heimlich: Das geschieht Herrn Keie recht! Der Ritter Gawan – Artus’ liebster Gefährte und nach Parzival der schönste und tapferste Ritter – beugte sich über den armen Keie und bedauerte ihn herzlich. Aber Keie schalt: „Was bedauerst du mich? Du sollst mich lieber rächen! Zieh hinaus und kämpfe mit ihm! Jetzt macht dieser grobe Mensch den Mund nicht auf, aber später wird er überall erzählen, daß König Artus keine Männer mehr hat!“ Als Gawan zögerte, wurde Keie immer zorniger: „Jetzt kannst du zeigen, ob du wirklich der große Held bist, als den man dich überall preist! Was hast du eigentlich in den Adern? Blut oder Wasser?“ Gawan lächelte über Keies Ärger, hätte nun aber selbst gern gewußt, was es mit dem fremden Ritter auf sich habe. Er bestieg sein Pferd und ritt hinaus, nahm aber kein Schwert mit. Den Fremden fand er sogleich und grüßte ihn freundlich – Parzival hörte es nicht. Da ritt Gawan nahe an ihn heran: „Herr, wollt Ihr Streit auch mit mir, weil Ihr meinen Gruß nicht erwidert? Was habt Ihr gegen mich und meine Freunde, die Ihr eben besiegt habt? Warum seid Ihr uns feindlich gesinnt?“ Es kam keine Antwort, Parzival war weit fort in seinen Gedanken. „Kondwiramur“, flüsterten seine Lippen. Endlich
bemerkte Gawan, worauf der rote Ritter so verzaubert starrte, nahm sich den Mantel ab und warf ihn über die Blutstropfen. Da wich der Bann von Parzival, er hob das Haupt wie einer, der aus tiefem Schlaf kommt: „Kondwiramur! Wo bist du nun? Eben warst du mir nah, ich sah deinen roten Mund und dein weißes Kinn! Ach, wie lange bin ich schon fort von Belrapeire!“ Dann endlich fiel sein Blick auf den gewappneten Gawan. „Wolltet Ihr mit mir kämpfen? Aber wo ist mein Speer?“ „Den habt Ihr in einem Zweikampf zersplittert.“ „Aber gegen wen? Und wo? Und was wollt Ihr von mir? Ihr habt weder Schwert noch Schild bei Euch – was begehrt Ihr von mir? Glaubt Ihr, ich kämpfe gegen einen unbewaffneten Mann?“ „Ich will keinen Kampf“, entgegnete Gawan. „Ich bitte Euch freundlich, mit mir zu kommen. Hier ganz in der Nähe ist das Lager eines der mächtigsten Könige, edle Herren und schöne Frauen sind in seinem Gefolge. Kommt mit mir, ich verbürge mich dafür, daß Ihr willkommen seid!“ „Eure Worte sind freundlich, aber sagt mir auch Euren Namen. Wer ist Euer Herr?“ „König Artus heißt er, und auch mein Name ist nicht unbekannt. Ich bin sein Neffe, ich nenne mich Gawan. Kommt nur mit mir, edler Herr.“ „Du bist es, Gawan! Das ist mir lieb, denn von dir habe ich nur Gutes gehört. Immer schon habe ich gewünscht, mit dir zusammen zu reiten und zu leben.“ Er hatte seinen Helm abgenommen, und nun erkannte auch Gawan den jungen Fremden, der einstmals im Narrenkleid an Artus’ Hof erschienen war. „Du bist Parzival – du bist, den wir alle suchen. Ich habe dich gefunden!“
„Ich kann dir nicht folgen“, antwortete Parzival, „denn ich habe einen Streit mit einem Manne von Artus’ Gefolge. Er hat meinetwegen eine schöne Frau geschlagen, und ich muß mich erst an ihm rächen, ehe ich das Hoflager des Königs betreten kann.“ Laut lachte Gawan: „Lieber Parzival, das hast du schon getan! Herr Keie war es, der die schöne Kunneware schlug – und ihn hast du hier vorhin mit deinem Speer vom Pferd gerannt. Sei nur zufrieden – für die Schläge, die er damals austeilte, hat er jetzt unter großen Schmerzen zu stöhnen! Arm und Bein sind ihm gebrochen.“ Parzival wußte zwar immer noch nicht, wie alles zugegangen, aber er war zufrieden und ritt mit Gawan ins Lager. Unterwegs vernahm er, daß er vor Keie noch einen anderen Ritter besiegt hatte, und wieder schüttelte er verwundert den Kopf. Im Hoflager des Königs führte Gawan den Gast zuerst zu der schönen Kunneware. „Herrin, hier ist Euer Ritter, der Mann, der Euch drei edle Herren zu Euren Diensten sandte.“ „Welch schöner Tag, daß ich Euch wiedersehe, Herr!“ begrüßte sie ihn. „Ich habe Euretwegen zum erstenmal gelacht – und noch fröhlicher bin ich heute, wo ich Euch danken kann! Laßt Euch den Rost vom Gesicht waschen und erlaubt, daß ich Euch mit einem Kuß begrüße!“ Dann ließ sie aus ihrem Zelt – sie war eine reiche Fürstentochter – prächtige Gewänder für Parzival holen, und als sie sah, daß der neue Mantel noch keine Schnüre hatte, riß sie sich ein Band von ihrem eigenen und schnürte Parzivals damit zu. Das war freilich eine besondere Ehre, die er wohl zu würdigen wußte. Der Gürtel, den sie ihn umlegte, war mit Edelsteinen besetzt, den Mantelkragen schloß sie mit einem großen Rubin. Als Parzival so in seiner Jugend und Schönheit vor ihnen stand, bewunderten ihn alle, die ihn sahen, und meinten, daß
sie noch nie einen so herrlichen Mann gesehen hätten. Er erschien ihnen wie ein Engel – freilich ohne Flügel. Nun kam auch der König, den roten Ritter zu begrüßen: „Willkommen bei uns! Wir sind ausgezogen, Euch zu suchen, und Gawan ist das Glück und die Ehre zugefallen, Euch zu uns zu bringen. Parzival, Ihr habt mir Kummer und Freude gemacht, Kummer, als Ihr Ither erschlugt, Freude, als Ihr Kingrun, Klamidee und Orilus an meinen Hof gesandt habt. Nun macht mir die Freude und sagt zu, wenn ich Euch in meine Tafelrunde aufnehmen will.“ Parzival wußte, daß der König ihm damit eine hohe Ehre bot. Er nahm sie um so lieber an, als die anderen Ritter sich herzlich darüber freuten. König Artus lud zu einem Festmahl, das nach dem Brauch der berühmten Tafelrunde veranstaltet wurde. Weil die Runde ihr Fest nicht in der Burg des Königs, sondern im Zeltlager hielt, schlug man den runden Tisch im Freien auf – das bißchen Schnee war längst geschmolzen, die Frühlingsblumen im weichen Gras bildeten den schönsten Teppich. Frauen und Jungfrauen speisten mit den Rittern, aber nur diejenigen, die ihren Gemahl oder einen ihnen zu Diensten stehenden Ritter bei sich hatten – die anderen mußten von fern zuschauen, und das war ihnen gewiß recht betrüblich. Als die Damen erschienen, wandte sich Parzival zur Königin und bat sie, seinen Gruß entgegenzunehmen. „Verzeiht, Herrin, daß ich Euch so großen Kummer zufügte, als ich Ither erschlug!“ Sie sprach: „Ihr seid mir willkommen. Daß Ihr Euch so Frau Kunnewares angenommen habt, macht Euch viel Ehre. Freilich betrübt mich Ithers Tod, aber Ihr wart damals noch unbelehrt und wußtet nicht, was Ritterart ist.“ Zum Zeichen der Versöhnung küßte sie Parzival auf den Mund.
Kundries Fluch
Fröhlich setzten sie sich zum Mahl. Knappen und Mägde eilten mit Speisen herbei, Scherzworte flogen über den Tisch, ein Sänger machte sich bereit, seine Lieder vorzutragen. Da erschien plötzlich eine seltsame Gestalt am Waldrand und näherte sich der lustigen Runde: Auf einem kostbar geschmückten Maultier ritt eine Frau, deren Anblick alle mit Grausen erfüllte. „Kundrie! Die Gralsbotin Kundrie kommt! Was bringt sie?“ Lähmendes Schweigen ergriff die ganze Gesellschaft. Kundrie ritt heran. Sie war noch prächtiger gekleidet als die Damen des Hofes; lang hing ihr leuchtend blauer Mantel herab, Edelsteine blitzten von ihrem Gürtel. Aber der mit Pfauenfedern geschmückte Hut konnte nicht die borstigen Haare verdecken, nicht die Ohren, die wie die eines Bären geformt waren. Sie streckte drohend die Hände aus, die an Löwenkrallen erinnerten. Kundrie verhielt ihr Pferd vor dem König: „Einst warst du hoch geehrt, König Artus! Jetzt hast du Schande über dich und deine Tafelrunde gebracht. Nie mehr wird man von Euch allen Gutes rühmen! Du hast einen Mann aufgenommen, der sich wie ein Ritter gebärdet, aber der erbärmlichste Mensch auf der Welt ist!“ Starr vor Schrecken erwarteten sie alle Kundries nächste Worte. Keiner wagte aufzusehen – wen mochte sie meinen? Sie wandte sich Parzival zu: „Ihr seid es, die Schande der Ritterschaft! Ihr nennt Euch den roten Ritter nach Ither, den Ihr erschlagen habt. Aber Ither war ein untadeliger Mann, und Ihr führt seinen Namen zu Unrecht. Fluch über Euch! Ihr habt das schlimmste Leid über Menschen gebracht!
Warum war Euer Herz verschlossen, als Ihr in Munsalvaesche an der Gralstafel saßt? Gott führte Euch dorthin, denn Ihr wart ausersehen, Munsalvaesche zu erlösen. Aber Euer Herz ist ein Stein. Hat Euch der Schmerz des Gralsritters nicht gerührt? Gibt es außer Euch wohl noch irgendeinen Menschen, der Anfortas in seiner Qual sähe und nicht nach seiner Krankheit fragte? Euer Ruhm ist dahin. Ihr seid verflucht.“ Und weiter tönte ihre rauhe Stimme durch den Frühlingstag: „Euer Vater war ein edler Herr, Eure Mutter hat Euch liebevoll erzogen. Aber Euer Herz ist kalt und leer. Noch nie war ein Mann zu so hoher Ehre berufen, doch Ihr seid es nicht wert, daß Euch der elendste Knecht freundlich ansieht. Ihr habt einen Halbbruder im Lande Zazamank, der ist weiß und schwarz gefleckt und hat nicht den Segen der christlichen Taufe empfangen. Aber viel edler handelt er als Ihr! Er würde eher den Namen Christ verdienen als Ihr, der Gottes Ruf mißachtet hat! Ihr kennt kein Erbarmen, Ihr seid kein Ritter. Weh’ über Euch, Parzival, weh’ über König Artus’ Tafelrunde, und wehe, dreimal wehe über Munsalvaesche!“ Jetzt rang Kundrie weinend die Hände, wandte ihr Pferd und ritt davon. Über die Schulter rief sie noch dreimal ihr furchtbares „Wehe!“
Parzival verläßt die Tafelrunde
Das Schreckensbild war verschwunden, aber alle Freude hatte Kundrie mit sich genommen. Die schöne Kunneware weinte, und auch Frau Ginevra wischte sich die Tränen vom Gesicht.
Stumm und bedrückt saßen die Ritter, keiner wagte es, Parzival anzuschauen, der finster vor sich hinblickte. Nur der König Klamidee, der, von Parzival besiegt, hier als Ritter Kunnewares weilte, meinte, es sei der rechte Augenblick, Parzival um einen Dienst zu bitten. Während sich alle von der Tafel erhoben und sich in ihre Zelte begaben, trat er zu ihm und bat: „Ihr habt mich besiegt vor Belrapeire und mir die Fürstin entrissen, die schöne Kondwiramur, die ich mehr als mein Leben liebte. Nun bin ich hier als der Gefangene Kunnewares. Das aber ist unerträglich, wenn es lange dauern soll. Helft mir dazu, daß Kunneware meine Gemahlin wird. Ich habe sie herzlich lieb, will sie zu meiner Königin machen und mit mir in mein Reich nehmen.“ Parzival riß sich aus seiner Betäubung, bereit, Klamidee diesen Dienst zu leisten. Da auch Kunneware den König gern hatte, nahm sie mit Freuden seine Werbung an, und ihr Bruder Orilus war zufrieden, daß seine Schwester zur Königin erhoben wurde. Trübe stahl sich Parzival aus dem Kreis der Fröhlichen. Da trat eine Frau auf ihn zu, die als Gast an Artus’ Hof weilte. Es war die reiche Ekuba, eine Heidin, die aus ihrem fernen Land gekommen war, um die Christen und ihre Sitten kennenzulernen. Jedermann achtete sie wegen ihres herzlichen und höflichen Wesens. „Herr Parzival, Kundrie hat von einem Mann gesprochen, der mir vertraut ist – von Eurem Bruder Feirefiß, meinem Vetter. Er sieht freilich anders aus als alle anderen Menschen, denn seine Haut ist an manchen Stellen schwarz und an anderen weiß. Aber er ist ein mächtiger und berühmter Fürst, und sein Volk betet ihn an. Ihr, Herr Parzival, erinnert mich an ihn, auch Ihr seid liebenswert und kraftvoll, und ich weiß, daß Ihr Euch hohen Ruhm erworben habt. Was Ihr verfehlt haben
mögt, werdet Ihr wieder gutmachen – was Ihr an Anfortas versäumt, werdet Ihr an Hilfe anderen Bedrängten geben!“ Parzival dankte ihr. „Ihr wißt zu trösten, Herrin.“ Dann ging er König Artus nach, bei dem sich die vornehmsten Ritter versammelt hatten. „Dieser Tag, Herr, hat mir die Ehre gebracht, in die Tafelrunde aufgenommen zu werden – und mich danach in die tiefste Schande gestürzt. Ich bin hart verflucht worden. Nun mögt Ihr mir die Freundschaft kündigen, ich darf mich nicht beklagen. Herrn Gurnemanz’ Lehre hat mich in das Unglück gebracht: Er befahl, nicht soviel zu fragen, und das hat mir in Munsalvaesche den Mund verschlossen. Ach, daß ich so töricht war! Nun hab’ ich das Beste auf der Welt versäumt, und wie könnte ich meiner Frau Kondwiramur wieder unter die Augen treten? Wie kann sie einem so geschmähten Mann angehören? Ich gehe fort von euch allen. Ich will den Gral suchen – ich muß ihn finden! Ach, armer Anfortas, meinetwegen nimmt deine Not kein Ende!“ Die Ritter verstanden, daß er nicht länger bei ihnen bleiben mochte. Sie boten ihm ihre Hilfe an – aber er wußte, daß er ganz allein auf die Suche nach dem Gral ziehen mußte. König Artus versprach, sich um sein Land zu kümmern, wenn dort ein starker Fürst gebraucht würde. Frau Kunneware nahm mit Tränen Abschied, und Gawan begleitete ihn zu seinem Pferd. „Freund“, sprach Gawan, „ich wünsche dir alles Glück. Du wirst es brauchen. Gott sei mit dir!“ „Ach, was will Gott?“ seufzte Parzival. „Ich wollte ihm dienen und habe ihn immer verehrt. Warum hat er es zugelassen, daß ich in solche Not kam? Ich handelte nicht aus Bosheit oder Unbarmherzigkeit, sondern nur töricht und gedankenlos. Ich will Gott den Dienst aufsagen. Er ist kein milder Herr.“ Parzival legte seinen Harnisch an und warf Kunnewares kostbaren Mantel darüber. Stattlich und schön wie immer saß
er zu Pferde, aber sein Herz war schwer. Er ritt im Schritt, traurig sahen ihm alle nach. Auch Artus brach auf und kehrte heim mit seinem Gefolge. Die reiche Heidin Ekuba begab sich an den Hafen, wo ihre Schiffe lagen, um heimzufahren. So war allen die Freude an der Geselligkeit genommen.
Die Suche nach dem Gral
Jahrelang ritt Parzival durch die Lande, immer allein, oft zu Gast bei freundlichen Leuten, zuweilen an Königshöfen und auf den Burgen der Edelleute, ein gern aufgenommener Gast. Er half allen, die er in Not fand, er verschenkte, was er in ritterlichem Kampf gewann, denn nichts machte ihm Freude: Er suchte den Gral. Kein Tag verging, an dem nicht die Sehnsucht nach Kondwiramur sein Herz bedrückte, aber er wollte sie nicht wiedersehen, ehe er sich nicht vor der Schande befreit hatte. Ja, er sandte ihr nicht einmal eine Botschaft, keinen Gruß, und wäre nicht dann und wann eine Kunde vom roten Ritter zu ihr gedrungen, dann hätte Kondwiramur nicht gewußt, daß ihr lieber Mann noch am Leben war. Eines Tages gelangte Parzival auf seinem einsamen Ritt an eine stille Klause, in der er Sigune zum drittenmal wiederfand. Sie hatte hier Schionatulander begraben, sich die Klause daneben errichtet und brachte nun ihr Leben mit Gebeten und im Gedenken an ihren Liebsten zu. Parzival erkannte die Frau, die er im Fenster der Klause sah, nicht sofort, denn Sigune war nun von Entbehrungen und Kummer so entstellt, wie sie selbst es wünschte: Da ihr die Freude ihres Lebens geraubt war, hatte sie alle Gedanken an kostbare Kleidung und schöne Gestalt weit von sich getan; in einer grauen Kutte, mit weißem Haar
und bleichem Gesicht sah Parzival sie dort sitzen. Er stieg höflich vom Pferd und fragte die Frau, ob er helfen könne. Sie wies ihm eine kleine Bank an, auf die er sich setzen konnte, und dann berichtete sie ihm, was sie hier in die Einsamkeit geführt hatte. Da erkannte er Sigune, nahm sein Visier ab und gab sich selbst zu erkennen. Sie fragte ihn sogleich: „Parzival, lieber Vetter, wie steht es mit dem Gral? Hast du ihn gefunden?“ „Ich suche ihn immer noch“, antwortete Parzival. „Und ehe ich ihn nicht gefunden habe, will ich nicht zu Kondwiramur zurückkehren, nach der sich doch mein Herz jeden Tag sehnt. Sei nun nicht hart zu mir, Sigune! Ich weiß, daß ich schwer gefehlt habe, als ich die erlösende Frage in Munsalvaesche nicht stellte. Aber ich büße es Stunde um Stunde.“ Da sprach sie: „Mein Groll gegen dich schwindet dahin, wenn ich sehe, wie traurig du bist. Von deinem übermütigen Stolz ist nichts mehr zu spüren. Ach, ich möchte dir helfen, den Gral zu finden! Aber wer ihn sucht, findet ihn nicht. Nur wen Gott dazu auserwählt, den führt er nach Munsalvaesche. Doch vielleicht hat dir Gott vergeben, weil du dein ganzes Leben der Suche nach dem Gral geweiht hast. Vielleicht gibt es einen Weg für dich: Täglich kommt Kundrie von Munsalvaesche hierhergeritten. Sie bringt mir das wenige Essen, das ich brauche, und sie war heute bei mir. Zwar weiß ich nicht, ob sie nach Munsalvaesche zurückgekehrt ist, aber versuch es! Du wirst die Spuren ihres Pferdes noch erkennen – reite ihnen nach, und möge Gott dir gnädig sein, daß du dann den Gral wiederfindest!“ Parzival dankte ihr herzlich und nahm Abschied von Sigune. Er fand die Spur von Kundries Pferd und folgte ihr lange Zeit. Da kam ihm plötzlich ein gewappneter Ritter entgegen, hielt sein Pferd neben Parzival und fragte: „Was tut ihr hier? Ihr reitet über das Saatfeld meines Herrn! Das sollt Ihr büßen! Kein Mensch darf den
Besitz von Munsalvaesche verletzen, ohne einen Kampf zu wagen!“ Und schon band sich der fremde Ritter seinen Helm fester. Parzival dachte bei sich, daß er doch wohl nur über Farnkraut und nicht über ein Saatfeld geritten sei, aber wenn es denn einen Zweikampf kosten solle – nun gut! Die beiden faßten ihre Speere, ritten mit Wucht einander entgegen und stießen sich beim ersten Anprall gegenseitig vom Pferd. Parzivals Roß stürzte einen Felsen hinunter und blieb unten tot liegen, und ihm selbst wäre es nicht besser ergangen, wenn nicht ein Baum seinen Sturz aufgefangen hätte. Er erhob sich und sah, daß der andere verschwunden war und sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, sein Pferd mitzunehmen. So kam Parzival zu einem neuen Roß, bestieg es und ritt weiter. Aber die Spur, der er gefolgt war, fand er nicht wieder, und Sigunes Wort fiel ihm schwer aufs Herz: „Wer den Gral sucht, findet ihn nicht.“ Sollte ihm denn Munsalvaesche für alle Zeiten verborgen bleiben? Jahre zogen dahin, einsam ritt Parzival durch die Lande. Er bestand manches Abenteuer, und sechzig überwundene Ritter schickte er an den Artushof, tapfere Männer, die der König mit Freude empfing. Und jedesmal seufzte er: „Ach, wenn er doch selbst wiederkäme! Wenn der Fluch, der über seinem Leben liegt, gelöst würde!“ Parzival kümmerte sich nicht um Tag und Stunde. Kam der Abend, dann legte er sich unter einem Baum zur Ruhe oder fand Aufnahme auf einer Burg. Wenn der Wind kalt über die Berge pfiff, schlug er sich den Mantel fester um die Rüstung, fiel der Schnee, dann war ihm das nur recht: Wie der Schnee alles gleichmäßig mit Kälte und Weiß bedeckte, so hatte sich sein Kummer über alles gelegt, was sonst sein Gemüt erhellt hatte. Und wenn dann die ersten Blumen aus dem Gras leuchteten, seufzte er nur: „Ein neuer Frühling? Und ich suche noch immer nach Munsalvaesche!“
Da er ja Gott den Dienst aufgesagt hatte, trat er in keine Kapelle oder Kirche, vermied die Priester, hörte nicht den Chorgesang der Mönche und nahm an keiner Messe mehr teil.
Parzival bei Trevrizent
Am Ende eines langen, harten Winters ritt Parzival durch einen schneebedeckten Wald. Da kamen ihm Fremde entgegen, ein Mann mit seiner Frau und seinen schönen Töchtern. Sie trugen einfache, grobe Kleidung, die sie kaum vor der Kälte zu schützen vermochte, und Parzival wunderte sich, was diese Leute zu Fuß in dem unwegsamen Wald täten. Noch mehr aber verwunderte sich der Mann über den geharnischten Ritter. Als ihn Parzival freundlich nach dem Weg fragte, antwortete der Fremde: „Hier findet Ihr wohl weit und breit keine Herberge. Aber wie geht es zu, daß Ihr heute in vollem Harnisch durch das Land reitet?“ „Ich reite immer gerüstet, denn ein Mann, der fremd durch ein unbekanntes Land zieht, muß auf Gefahren gefaßt sein.“ „Aber heute?“ „Was ist denn mit diesem Tag? Warum wundert Ihr Euch?“ „Herr, wißt Ihr denn nicht, daß heute Karfreitag ist?“ „Nein“, sagte Parzival, „mir sind die Tage und Wochen dahingeflossen, ich weiß kaum, ob es Frühling oder Herbst ist.“ „Dann laßt es Euch sagen: am Karfreitag ziemt es sich nicht, so prächtig in voller Rüstung auf dem Pferde zu stolzieren! Heute ist Gottes Opfertag, und wie wir müßtet Ihr zu Fuß und in einem Bußgewand Euren Weg machen. Der Tag, an dem
sich Gott über uns Menschen erbarmte, muß von uns demütig gefeiert werden. Unserer Sünden sollen wir gedenken und Gott danken, daß er uns vom ewigen Tode erlöst hat.“ „Gott ist mir feind“, sprach Parzival finster. „Ich habe ihm immer treu gedient, aber er hat mich in Schuld fallen lassen. Doch wenn heute der Tag ist, an dem er den Menschen hilft, so möge er an mir seine Barmherzigkeit beweisen!“ „Dann, Herr, solltet Ihr dorthin wandern, woher wir kommen: zu dem frommen Einsiedler, dem wir unsere Sünden gebeichtet haben und der uns Gottes Willen kundtut. Reitet dorthin.“ Die Töchter des Fremden baten ihren Vater, den Ritter nicht ohne Bewirtung weiterziehen zu lassen, sondern ihn erst auf ihre Burg zu laden, und er tat es gern. Aber Parzival dachte: „Soll ich mit den Leuten, die zu Fuß gehen, marschieren und mein Pferd am Zügel führen? Das sähe doch sehr seltsam aus!“ Denn wer gewohnt ist, die Welt vom Pferderücken aus zu betrachten, nimmt ungern den Weg unter die Füße, und die rechte Demut war Parzival immer noch fern. Deshalb sagte er den Leuten Lebewohl und ritt allein weiter: „Lauf, mein Pferd, such mir den Weg! Du wirst mich zum Einsiedler führen!“ Endlich gelangte er an die stille Klause, deren Bewohner Trevrizent hieß. Parzival erkannte den Platz, obwohl er nun unter dem Schnee begraben lag, an dem einst der bunte Speer gelehnt hatte, der Speer, den er an sich genommen und bei dem er Herzog Orilus geschworen hatte, daß Jeschute ihm die Treue nicht gebrochen habe. Der Einsiedler stand vor seiner Höhlenklause und empfing den Ritter mit harten Worten: „Wie ist es möglich, Herr, daß Ihr an diesem heiligen Tag zu Pferde sitzt? Und in voller Rüstung! Wollt Ihr am Karfreitag Abenteuer bestehen, den Frieden der Welt stören und kämpfen? Schämt Euch! Seid Ihr denn kein Christ? Steigt ab!“ Parzival schwang sich schnell herab und grüßte den Einsiedler
ehrerbietig. „Herr, nun gebt mir Rat! Ich möchte Sünde und Schuld von mir werfen!“ „Das will ich tun. Überlaßt mir jetzt Euer Pferd, Ihr seid mein Gast.“ Er zog das Pferd unter eine Felswand, wo es Schutz vor dem bitterkalten Wind fand. Dann bat er Parzival in seine Höhle, in der es nicht viel gab, was einem Gast zur Bequemlichkeit dienen konnte – Strohbündel zum Schlafen, eine Kutte, die sich der Ritter überwarf, nachdem er die Rüstung abgelegt hatte. Ein schlichter Altar stand in der Höhle, und hier fand Parzival auch den Heiligenschrein wieder, bei dem er einst geschworen hatte. „Herr“, fragte er den Einsiedler, „ich kenne diese Stelle, aber als ich hier war, lag sie in warmem Sonnenschein, und der Heiligenschrein stand draußen. Damals habe ich hier einen Speer fortgenommen.“ „Ich weiß es, ich habe ihn vermißt.“ „Dann wißt Ihr vielleicht auch, wie lange es her ist?“ „Viereinhalb Jahre gingen ins Land, seit der Speer hier verschwand.“ „Viereinhalb Jahre“, sprach Parzival trübe vor sich hin. „Und seitdem habe ich nie mehr Freude empfunden. Ach Herr, helft mir, daß ich meinen Frieden wiederfinde!“ „Was ist es, das Euch bekümmert?“ „Ich habe Gott treu gedient, aber er hat mich nicht vor Schuld bewahrt. Nun hasse ich ihn. Wenn er den Menschen hilft, warum nicht auch mir? Was nützt es, daß ich Rittertaten vollbringe und den Bedrängten helfe, wenn er mir nicht helfen will?“ Der fromme Mann sah ihn erschrocken an. „Berichtet mir, wie alles zugegangen ist, und dann legt Euren Haß ab. Gott läßt sich nicht zwingen und läßt sich nichts abtrotzen.“
Und er sprach lange von Gottes Barmherzigkeit, bis Parzivals Herz sich für seine Worte öffnete. „Und nun nennt mir die Ursache Eures Kummers“, schloß der Einsiedler. „Ich suche den Gral.“ „Das ist ein törichter Wunsch, denn niemand kann den Gral erjagen. Nur wer berufen wird, sieht ihn. Ich weiß es.“ Parzival bat ihn, vom Gral zu erzählen, verschwieg aber, daß er selbst auf Munsalvaesche gewesen war. „Der Gral“, begann der fromme Mann, „ist der Inbegriff von Gottes Gnade. Wer ihn einmal erblickt, wird in der nächsten Woche nicht sterben, und wenn er ihn zweihundert Jahre lang ansähe. Er verleiht denen, die ohne Sünde sind, Jugendkraft und Schönheit. Viele Ritter und edle Jungfrauen dienen ihm. An jedem Karfreitag erscheint eine Taube, die Botin des Himmels, und von ihr erhält der Gral neue Kraft. Wer der
Gralsrunde angehört, braucht sich um Essen und Trinken nicht zu sorgen, der Gral spendet alles, was sich ein Mensch nur wünschen mag. Zuweilen erscheint eine geheimnisvolle Schrift auf dem Gral – der Name eines Mannes oder einer Jungfrau, die Gott zum Dienst am Gral beruft. Der Name verschwindet wieder, aber der Auserwählte kommt, von Gott hingeführt.“ „Wenn Gott gerecht ist, soll er meinen Namen auf dem Gral erscheinen lassen!“ warf Parzival heftig ein. „O weh, Ihr seid sehr hochmütig, Herr. Auf diese Weise werdet Ihr nie nach Munsalvaesche gelangen, Hochmut entfernt nur immer mehr vom Gral. Seht, ich weiß es. Ich bin Trevrizent, der Bruder des Gralkönigs Anfortas. Glücklich lebten wir unter dem Segen des Grals, aber mein Bruder vergaß, was er dem Heiligtum schuldig war. Wenn er auf Abenteuer ritt, geschah es nicht um der Ehre des Grals willen, sondern wegen einer schönen Frau. Ihr Name war sein Kampfruf, für sie erfocht er seine Siege, sie lag ihm Tag und Nacht im Sinn. Da strafte ihn Gott. Ein vergifteter Pfeil verwundete ihn, und niemals ist Anfortas von seiner Wunde genesen. Er leidet bitterste Schmerzen, und von Woche zu Woche verlängert der Anblick des Grals sein Leben, das ihm zur Qual geworden ist. Aus aller Welt kamen die berühmtesten Ärzte, und es gibt kein heilkräftiges Kraut, keinen Wunderstein, keine Medizin, die man nicht an ihm versucht hätte; alles blieb vergebens. Ich bin in die Einsamkeit gezogen, um Gott zu dienen und Heilung für Anfortas zu erflehen. Es gab eine Erlösung für ihn, und einmal schien sie nahe. Da kam ein fremder Ritter, von dem Anfortas Heilung erwarten durfte. Ach, mein Bruder wäre gesund gewesen, und dem Fremden war der Gralsthron zugedacht! Er hätte nur die erlösende Frage stellen müssen, auf die Anfortas wartete, die er aber nicht selbst veranlassen durfte. Doch der Fremde tat die Frage nicht!
Vielleicht war er zu töricht, denn so kalt kann keines Menschen Herz sein, daß ihn der Anblick solcher Qual nicht zu Mitleid bewegt hätte! Nun ist die Erlösung vertan, und wenn Gott nicht noch Erbarmen übt, wird Anfortas in alle Ewigkeit krank dahinsiechen, und dem Gral wird immer ein starker König versagt bleiben! Nun kennt Ihr meinen Namen – wollt Ihr mir nicht den Euren nennen?“ Zögernd sprach Parzival: „Ich bin aus edlem Hause, Gamuret, der Anschewin, war mein Vater. Ich habe ihn nicht gekannt, er fiel im Streit. Er hätte nie getan, was ich verübt habe: Ich erschlug Ither, den roten Ritter, und nahm dem Toten die Rüstung. Vielleicht zürnt mir Gott deswegen.“ „Bist du Gamurets Sohn, dann heiße ich dich doppelt willkommen – denn du bist mein Neffe. Deine Mutter Herzeleide war meine Schwester.“ „Sie war es, Herr?“ „Herzeleide lebt nicht mehr. Sie starb an dem Tage, als du in die Welt geritten bist. Sieh, Parzival, am Tode deiner Mutter bist du ebenso unwissentlich schuld geworden wie an Ithers schmählichem Ende.“ Da bedeckte Parzival sein Gesicht mit den Händen und blieb lange schweigend sitzen. Endlich sah er auf: „Oheim, nun will ich Euch auch das Schlimmste bekennen: Ich war der Tor, der Munsalvaesche erlösen sollte und die Frage nicht stellte.“ „Unglückseliger Parzival!“ rief Trevrizent aus. „Jetzt sehe ich wohl, daß du alle Freude verloren hast. Aber ich weiß auch, daß du aus Torheit nicht fragtest: Du hast kein kaltes und unbarmherziges Gemüt! So sollst du hoffen, Parzival: Gott hat dich nicht verstoßen, ich selbst bin der Ratgeber, zu dem er dich schickt! Bleibe bei mir, bis du Frieden mit dir selbst und mit Gott geschlossen hast. Verzage nicht an Gott, er wird dir doch noch helfen.“
Noch mancherlei erzählte Trevrizent seinem Neffen von den Wundern Munsalvaesches, von der blutenden Lanze, vom See, in dem der Gralskönig von Zeit zu Zeit fischte, von den Rittern und Jungfrauen, die im Dienste des Grals standen. Die Jungfrauen blieben nur eine Zeitlang in Munsalvaesche, dann wurden sie Gemahlinnen hoher Fürsten. Die Ritter aber mußten unvermählt bleiben, nur der Gralskönig selbst holte sich eine Gattin auf den Thron. Wenn irgendwo ein Königreich verwaist war und keinen Herrn hatte, sandte der Gral einen Ritter aus, der dem fernen Lande als König diente und sich dort vermählte. Die Kinder der Gralsjungfrauen und der Ritter, die in fernen Reichen zum König erhoben wurden, waren wiederum zum Gralsdienst berufen. Parzival hörte ihm aufmerksam zu, und seine Sehnsucht nach dem Gral wuchs: Aber er begehrte ihn nicht mehr so trotzig, sondern bescheiden und voll stiller Hoffnung. Zwei Wochen verbrachte Parzival in der Klause des Einsiedlers. Er legte sich neben Trevrizent auf das Stroh, er aß mit ihm, was dem frommen Manne zur Nahrung diente, Wurzeln und Kräuter, die Trevrizent im Sommer gesammelt hatte. Das war freilich eine andere Kost, als der Ritter sie sonst gewohnt war! In diesen Tagen verstand es Trevrizent, Parzivals Herz für die Einsicht zu öffnen, daß Gott auch ihm helfen werde, und als die beiden voneinander Abschied nahmen, vergab er Parzival seine Sünden; wenn er auch kein Priester war, so hatte ihm Gott wegen seines frommen Lebens doch die Kraft verliehen, Sünden zu vergeben.
Parzival und Feirefiß
Und Parzival setzte seinen einsamen Weg fort. Es war wie immer: Er ritt durch viele Länder, kam an manchen Fürstenhof, bestand Zweikämpfe und siegte, verschenkte, was er gewann, und suchte doch immer nach Munsalvaesche, jetzt aber mit einer leisen Hoffnung, daß sich sein Schicksal doch noch wenden würde. Nie verließ ihn die Sehnsucht nach Kondwiramur: „Ach, der Gral und meine Geliebte liegen im Streit miteinander! Solange ich ihn nicht gefunden habe, kann ich ihr nicht unter die Augen treten – und würde ich sie dennoch aufsuchen, so bliebe mir Munsalvaesche immer verschlossen!“ Auch an den Hof von König Artus brachte ihn der Zufall, und wieder war es Gawan, der Parzival fand. Diesmal aber kam es so, daß die beiden sich zu spät erkannten. Schwer gewappnet standen sie einander gegenüber, und da Parzival längst nicht mehr die rote Rüstung trug, die ihm zu prunkvoll erschien und die er dem toten Ither abgenommen hatte, ahnte Gawan nicht, mit wem er einen Zweikampf begann. Erst als Parzival seinen Freund besiegt hatte, als die beiden sich die Helme abbanden, erkannten sie einander und begrüßten sich voll Freude. Gawan bat Parzival, ihn in Artus’ Zeltlager zu begleiten, aber sein Freund zögerte: „Man hat mich dort beschimpft, und ich bin ehrlos davongezogen. Weiß ich denn, wie man mich heute empfangen wird?“ Gawan beruhigte ihn: „Wir alle haben von deinen Taten gehört, jedermann weiß, daß du ein tapferer Ritter bist und wohl wert, an Artus’ Tafelrunde zu sitzen. Vergiß, was Kundrie dir zurief – wir alle haben dich lange entbehrt.“
So sprach auch König Artus, als Parzival ihn aufsuchte. Und als der Abend kam, saß er wie einst in der fröhlichen Runde, hörte die Scherzworte ringsum, sah, wie die Ritter den schönen Damen den Hof machten, und vernahm, was jeder von seinen Abenteuern zu berichten hatte. Darüber wurde Parzival immer stiller und bedrückter. „Schöne Frauen sehe ich hier – aber keine ist so lieblich und gütig wie Kondwiramur. Was soll ich hier bei den Fröhlichen? Auch Kondwiramur trauert ja einsam um mich. Hier ist kein Platz für mich.“ Ehe noch der Morgen graute, wappnete er sich und ritt heimlich davon. Als die übrigen es entdeckten, bedauerten sie es sehr, vor allen anderen König Artus. Schon bald fand er ein neues Abenteuer: Auf einer Waldlichtung hielt der prächtigste Ritter, den Parzival je gesehen hatte. Ihm flimmerten die Augen – von der Rüstung des Fremden glitzerten die Edelsteine, auch dessen Mantel war von unten bis oben damit besetzt, und mitten auf dem Schild glänzte der riesigste Rubin, den Parzivals Augen je erblickt hatten. Der Fremde sah Parzival kommen – und machte sich zum Zweikampf bereit, auch Parzival verspürte heftige Lust, seine Kräfte mit dem Prächtigen zu messen. Beim ersten Anprall zersplitterten die Speere, und der Fremde geriet in Zorn: Noch nie war er auf einen Gegner gestoßen, der nicht beim ersten Stoß aus dem Sattel gestürzt wäre! Sie griffen zu den Schwertern und tummelten die Rosse, bis die armen Tiere, ermüdet von der schnellen Bewegung und dem schweren Gewicht ihrer gepanzerten Reiter, sich nicht mehr vom Platz rühren wollten. Nun sprangen die Ritter auf die Erde und setzten den Kampf fort. Die Schwerter schwangen sie hoch in die Luft, um bald mit der einen, bald mit der anderen Schneide
zu schlagen, es blitzte und dröhnte über die Lichtung, Feuerfunken sprühten von den Edelsteinen auf den Schilden. Da zersprang mit einem scharfen Laut Parzivals Schwert, die Waffe, die er dem erschlagenen Ither geraubt hatte. Sofort ließ der andere vom Kampfe ab – gegen einen Unbewaffneten kämpfte er nicht. Jetzt fielen die ersten Worte zwischen beiden, und Parzival wunderte sich über die höfliche und geschickte Art, mit der der Fremde ihn anredete; die Worte klangen zwar ein wenig gedämpft unter dem Helm hervor, aber keiner von beiden wollte sein Gesicht zeigen. „Ihr seid ein tapferer und kraftvoller Mann, ich sehe es wohl und freue mich, einen so starken Gegner gefunden zu haben. Jetzt aber, wo Euer Schwert in Eurer Hand zersprungen ist, laßt uns die Glieder ins Gras strecken und der Ruhe pflegen. Nachher mögen wir unseren Kampf fortsetzen!“ Sie setzten sich ins Gras, und wieder begann der Fremde mit seinen höflichen Worten: „Wenn ich in meine Länder heimkehre, bei allen Göttern, von diesem Tag werde ich vieles zu berichten haben, seid Ihr doch der Tapferste, den ich bei den Christen getroffen habe. Wollt Ihr mir eine Ehre antun, dann nennt mir Euren Namen!“ „Ihr habt eine Waffe, ich habe keine – meint Ihr, daß Ihr mich deshalb zwingen könnt, meinen Namen preiszugeben?“ „O nein“, antwortete der Heide, und er lachte leise. „Wenn es eine Schande ist, den Namen zu nennen, nun, bei meinen Göttern, dann will ich sie auf mich nehmen, edler Herr. Ich bin ein Anschewin.“ „Das möchte ich wohl wissen, wieso Ihr Euch einen Anschewin nennt! Anschaue ist mein, mit allem, was dazu gehört, und ich habe auf nichts verzichtet, keinen Wald, keinen Acker, keine Burg, kein Tier und kein Gesinde. Herr, Ihr müßt Euch einen anderen Namen wählen – der Anschewin bin ich!“
Als der andere nicht antwortete, fuhr Parzival fort: „Aber fern, im Morgenland, habe ich einen Bruder, der mit Recht den Namen Anschewin führen kann. Wollt Ihr mir nicht Euer Angesicht zeigen? Ich verspreche gern, daß ich nicht kämpfen werde, solange Ihr nicht völlig gerüstet seid.“ „Bei meinen Göttern! Glaubt Ihr, ich hätte Angst vor einem Kampf? Wo ist denn Euer Schwert? Nun, und hier liegt meines, griffbereit neben mir. Wenn wir ringen wollen, werde ich Euch schon zeigen, edler Herr, was ich auch ohne Waffen vermag. Seht her – ich werfe mein Schwert fort – jetzt haben wir beide gleiche Aussichten auf Sieg oder Niederlage!“ Dann fuhr er fort: „Ihr habt einen Bruder im Morgenland? Wollt Ihr mir beschreiben, wie dieser Bruder aussieht?“ „Wie ein beschriebenes Pergament; schwarz und weiß, ganz kraus durcheinander. So hat man es mir erzählt.“ Der Fremde nahm seinen Helm ab – Parzival tat es ihm rasch nach – es war Feirefiß! Wie groß war die Freude! Sie beendeten ihren Streit mit einem Bruderkuß, und Feirefiß sagte: „Noch nie habe ich so auf einen Kampf gebrannt wie vorhin, als ich dich sah – einen Kampf ohne Haß, in dem ich nur meine Kräfte mit dir messen wollte! Du warst mir, lieber Bruder, vertraut, obwohl ich dich nie gesehen hatte.“ Dann pries er seine Götter – er war ja ein Heide – die ihn diesen Tag erleben ließen. „Wohl dem Tag, an dem ich dich erblickte, du Preis aller Ritterschaft!“ Parzival lachte: „So schön wie Ihr kann ich meine Worte nicht setzen, ich sehe schon, daß Ihr nicht nur reich und berühmt, sondern auch gelehrt seid. Ich gestehe aber gern, daß ich noch nie einen so starken Gegner getroffen habe wie heute!“ Feirefiß bat Parzival, ihn du zu nennen, aber der meinte: „Das wäre nicht schicklich. Ihr seid ein mächtiger König, der über mehr als ein Land herrscht!“
Und Feirefiß berichtete, daß er mit fünfundzwanzig Heeren aus verschiedenen Ländern, die alle in ihrer eigenen Sprache redeten, hierhergekommen sei. Eine große Flotte mit seinen Leuten läge in einem Hafen und warte auf ihren Herrn. „Ich schenke dir, lieber Bruder, zwei Länder, Zazamank und das Nachbarreich, die unser Vater Gamuret einst erobert hat! Um unseren Vater zu suchen, bin ich aufgebrochen. Sag mir, Parzival, wo ich ihn finde!“ „Ach, unseren Vater findest du nicht. Lange schon lebt er nicht mehr, in ritterlichem Kampf hat er sein Leben verloren. Auch ich habe ihn nie gesehen.“ Feirefiß weinte vor Kummer, daß er seinen Vater nun nicht mehr finden sollte, und lachte vor Glück, daß er seinem Bruder begegnet war. Und immer wieder pries er seine Götter, die ihn hierher geführt hatten. „Nun komm mit mir, Parzival. Ich will dich zu meinen Schiffen führen, du sollst die Heere sehen, die jetzt dir gehören, aus den Ländern, die ich dir geschenkt habe.“ Aber Parzival schlug ihm vor, ihn an den Hof von König Artus zu begleiten. „Dort werdet Ihr die edelsten Ritter und den besten König kennenlernen. Viele schöne Frauen schmücken den Artushof.“ Das gefiel Feirefiß wohl. Parzival holte das fortgeworfene Schwert und stieß es seinem Bruder in die Schwertscheide. Dann ritten sie davon, und zum erstenmal nach langer Zeit war auch Parzival fröhlich und vergaß seinen Kummer.
Wieder am Artushof
König Artus wartete noch mit seinem Zeltlager an demselben Platz, er hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, daß Parzival wieder zu ihnen zurückfinden werde, und eine Kunde von dem großen Zweikampf war bis zu ihm gedrungen. Parzival führte seinen Bruder zu seinem liebsten Freund Gawan, der sogleich seinen Knappen befahl, den beiden Rittern die Rüstungen abzunehmen. Dann zog er Parzival beiseite und fragte neugierig: „Wen hast du da mitgebracht? So einen seltsamen Mann habe ich noch nie gesehen! Aber er gefällt mir gut – er ist ein hübscher Mann trotz seiner Hautfarbe.“ Als er hörte, daß Feirefiß Parzivals Bruder war, begrüßte er ihn in aller Höflichkeit. „Da Ihr beiden miteinander gekämpft habt, kennt Ihr Euch um so besser“, meinte er. Dann richtete er den Brüdern ein prachtvolles Festmahl aus. Auf den grünen Rasen wurden lange Matratzen, und darüber gesteppte Kissen, die mit bunten Seidentüchern bedeckt waren, gelegt. Hinter den Sitzen spannte man an Pfählen Teppiche, an die sich die Sitzenden lehnen konnten. So war alles zur Bequemlichkeit gerichtet. Ehe das Mahl begann, erschien König Artus mit seinem Gefolge – und mit festlicher Musik; Posaunen, Trommeln, Flöten und Schalmeien verkündeten schon von weitem mit großem Getöse das Nahen des Hofes. Das alles gefiel Feirefiß sehr, und den König begrüßte er mit großer Ehrerbietung und wohlgesetzten Reden. Die beiden Herrscher – der christliche König und der Heide – setzten sich zusammen und erzählten einander von ihren Taten und Abenteuern, und als Feirefiß die Namen aller Ritter aufzählte, die er im Zweikampf besiegt hatte, gab es großes Gelächter und viel Staunen, so seltsam klangen die fremden Namen.
Noch keiner hatte je ähnliche vernommen: König Amaspartins von Schipelpointe, Graf Gabarins von Assigarzionte, Graf Lisavander von Ipopotitikon, König Thoaris von Orastegentesin, Herzog Karub von Duskontemedon, Graf Astor von Pamfatis, König Jetakran von Gampfassasche, Graf Jurans von Blemunzin. Und immer weiter schwirrten die seltsamen Namen, die Feirefiß mit großer Zungenfertigkeit hervorbrachte. Die schönen Damen schüttelten den Kopf: Wie groß war doch die Welt, und wie viele sonderbare Länder gab es darin! Die Ritter aber meinten, bei so vielen ritterlichen Herren in aller Welt gäbe es auch für sie noch manches Abenteuer zu bestehen. Da wurde auch Parzival übermütig und suchte die sonderbarsten Namen der Männer hervor, die er in Turnieren besiegt hatte. Wenn er auch noch die Ritter aufgezählt hätte, die er im Kampf auf Tod und Leben überwunden hatte, wäre wohl kein Ende gewesen. So prahlten sie alle mit ihren Taten und priesen sich gegenseitig. Feirefiß fand wieder die höflichste Form: „Ich danke dir, Bruder, du Blüte der Ritterschaft! Denn dein Ruhm ist auch der meine. Bei meinen Göttern! Ich wußte nicht, welch Kleinod ich hier finden würde!“ Auf einen Wink von Gawan brachten seine Knappen die Rüstung des Heidenkönigs, die von allen Anwesenden bewundert wurde. Und dann schlug Gawan ein großes Fest für den kommenden Tag vor. König Artus bat er, Feirefiß in die Tafelrunde aufzunehmen, was freundlich gewährt wurde und worüber sich der Heidenkönig herzlich freute. Gawan bereitete in aller Eile die Festlichkeit vor, und sein Reichtum gestattete es ihm, alles so prächtig zu machen, wie man es sich nur wünschen konnte. In die Mitte eines riesigen Platzes wurde ein runder Tisch gesetzt: das Sinnbild von König Artus’ Tafelrunde, an der jeder Platz ein Ehrenplatz war. Die übrigen vielen Gäste, die geladen waren, speisten an
kleinen Tischen ringsherum. Draußen vor dem mit bunten Schnüren umzogenen Festplatz war Raum genug für ein Kampfspiel, bei dem nicht Zweikämpfe ausgetragen wurden, sondern geschlossene Reitergruppen gegeneinander rannten. Da gab es viel fröhliches Geschrei, und die Damen sahen mit Vergnügen die Farben ihrer Ritter im Getümmel aufblitzen. Plötzlich erschien auf kostbar geschmücktem Roß eine verhüllte Frauengestalt. Von Sattel und Mantel leuchteten gestickte Tauben, die Zeichen des Grals, und jeder erkannte die Gralsbotin Kundrie, die ihr Gesicht unter einem Schleier verbarg. Sie ritt auf König Artus zu, grüßte ihn ehrerbietig und suchte dann Parzival. Behend sprang sie vom Pferd und warf sich dem Ritter zu Füßen: „Verzeiht, edler Herr, daß ich Euch einst so beschimpft habe! Versöhnt Euch mit mir! Wenn Ihr mir auch keinen Versöhnungskuß geben mögt, so reicht mir doch die Hand zum Zeichen der Verzeihung!“ Parzival wandte sich finster ab, aber Artus flüsterte: „Versöhnt Euch mit ihr! Sie ist ja nur die Botin, die einen Auftrag auszurichten hatte. Daß sie heute kommt und Euch freundlich grüßt, bedeutet Gutes für Euch und uns alle!“ Da bezwang Parzival seinen Haß und reichte ihr aus ehrlichem Herzen die Hand. Rasch erhob sich Kundrie, warf den Schleier ab und ließ ihr Gesicht sehen. Sie war keineswegs schöner geworden, und manch einen der Anwesenden schauderte es bei ihrem Anblick, aber heute lachte sie freundlich, und das machte sie angenehmer. Sie bewies jetzt, daß sie eine Frau von hoher Bildung war und ihre Worte wohl zu finden wußte. „Heil dir, Sohn des Gamuret! Und Euch, den gefleckten Feirefiß, heiße ich herzlich willkommen! Parzival, Euer Name ist auf dem Gral erschienen: Ihr sollt des Grales Herr sein und mit Eurer Gattin Kondwiramur in Munsalvaesche herrschen! Nach Euch wird Euer Sohn Lohengrin – denn Kondwiramur
hat Euch mit Zwillingssöhnen beschenkt – Herr und Hüter des Grals sein. Ihr werdet Anfortas erlösen, Seligkeit wird auf Munsalvaesche einziehen!“ Sie pries ihn lange und laut mit vielen schönen Worten: „Ihr habt Eurer Seele den Frieden errungen und geduldig nach dem Gral gestrebt. Das lohnt Euch Gott!“ So ging dieses Fest fröhlich zu Ende, diesmal hatte Kundrie nur Freude gebracht.
Parzival wird Gralskönig
Parzival bat Feirefiß, ihn zum Gral zu begleiten, und der willigte gern ein. Dann erhob sich der Heidenkönig zu einer zierlichen Rede, in der er um die Gunst bat, allen Anwesenden große Geschenke machen zu dürfen. „Meine Schiffe sind voller Kostbarkeiten, wie man sie hierzulande nicht kennt. Keiner soll sich meiner Geschenke zu schämen brauchen. Gebt mir einen Boten, König Artus, den ich zum Hafen schicke, damit meine Leute die Gaben herbringen können.“ König Artus versprach, noch vier Tage an diesem Platz zu warten, bis Feirefiß’ Geschenke zur Stelle seien. Außer Parzival hatte noch mancher andere Ritter im Sinne gehabt, nach dem Gral zu suchen, aber nun erkannte jeder, daß der Gral nur den Auserwählten zuteil wird. Da gaben sie ihr Verlangen danach auf und bewunderten den Mann, dem diese höchste Ehre des Rittertums verliehen wurde, um so mehr. Parzival und Feirefiß ritten nun davon, nach Munsalvaesche. Das bedauerten viele, vor allem die Damen, die Feirefiß mit seinen ausgesuchten Komplimenten verwöhnt hatte. Kundrie
begleitete die beiden Ritter, damit sie ohne Gefährdung durch die Wachen des Gralsheeres reiten könnten. Als sie sich Munsalvaesche näherten, stießen sie auch sogleich auf schwer gewappnete Ritter, die das Land verteidigten, und Feirefiß verspürte schon große Lust, einen Zweikampf zu beginnen, aber Kundrie griff ihm rasch in die Zügel und hielt ihn zurück. Die Gralsritter erkannten an den immer heller glänzenden Tauben auf Kundries Gewand, daß sie gute Botschaft brachte. Einer von ihnen sprengte nach Munsalvaesche zurück: „Unsere Not hat ein Ende! Kundrie bringt uns den Mann, der uns erlösen wird von unserem alten Leid!“ Und die Gralsritter zogen zu Fuß hinaus, um die Nahenden zu begrüßen und ins Schloß zu geleiten. Dort fand Parzival König Anfortas in schrecklichen Schmerzen liegen, und noch einmal erwachte in ihm die Scham, daß er ihn vor Jahren ungerührt in seinem Siechtum zurückließ. Parzival ging in den Raum, in dem der Gral bewahrt wurde. Er fiel vor ihm in die Knie – dreimal, um der Dreifaltigkeit Gottes willen. Dann schritt er auf den Gralskönig zu und fragte – klar tönten die Worte in die Stille: „Was schmerzt dich?“ In demselben Augenblick erhob sich Anfortas, heil und gesund an allen Gliedern, und so strahlend schön, wie ihn früher niemand gesehen hatte! An seiner Hand bestieg Parzival den Gralsthron. Anfortas befahl den Gral in seine treue Hut. Nun war Parzival der mächtigste und reichste König im Abendland, wie es sein Bruder Feirefiß im Morgenland war. Und jetzt durfte er endlich auch daran denken, Kondwiramur wiederzusehen. Kondwiramur hatte Botschaft erhalten, daß Parzival Gralskönig geworden sei und daß alle ihre Not und ihre
jahrelange Einsamkeit ein Ende habe. Da machte sie sich mit ihrem Gefolge und den beiden Söhnen Lohengrin und Kardeiß auf, ihrem Gemahl entgegenzuziehen. An der Stelle, wo Parzival einst die Blutstropfen im Schnee gesehen hatte, wollte er ihr begegnen. Auf dem Wege dorthin kam er bei Trevrizent vorbei, grüßte den Einsiedler ehrfürchtig und bat ihn um seinen Segen. „Nun siehst du, Parzival“, sagte der fromme Mann, „daß Gott viele Geheimnisse hat. Wir können sie nicht ergründen. Er führt uns seine Wege, und wer ihm demütig dient, kommt zu Gnaden.“ Parzival dankte ihm. Dann spornte er ungeduldig sein Pferd, um endlich Kondwiramur zu begegnen. Er fand ihr Zeltlager im ersten Morgengrauen, als alles noch schlief. Leise trat er in ihr Zelt, da lag die Königin, wunderschön anzusehen, nur mit einem Hemd bekleidet. Parzival rührte vorsichtig an ihre Schulter, da erwachte sie, schlug sich erschrocken die Bettdecke um und sah ihn strahlend vor Liebe an. Neben ihr lagen ihre beiden Söhne, die Parzival mit Freudentränen in die Arme schloß. Der Tag ging hin in tausend Freuden. Am anderen Morgen versammelte Parzival die Ritter aus Kanvoleis, die ihre Königin hergeleitet hatten. Er hob seinen Sohn Kardeiß hoch empor und rief: „Seht hier Euren König! Mein Sohn Kardeiß erbt alle meine Länder, bis auf Munsalvaesche, das einmal Lohengrin gehören soll, Ihr alle empfangt jetzt Euer Eigen von diesem Knaben hier zu Lehen! Er wird mit Euch nach Kanvoleis reiten. Kondwiramur und Lohengrin ziehen mit mir nach Munsalvaesche!“ Und es war hübsch anzusehen, wie der kleine Kardeiß mit wichtiger Miene den Herren ihre Lehen bestätigte.
Weinend verabschiedeten sich die Kanvoleiser von ihrer Königin, die versprach, sie oft zu besuchen. Kardeiß winkte seiner Mutter fröhlich zu. Dann ritten Parzival und die Seinen zurück nach Munsalvaesche. Unterwegs suchten sie die Klause auf, in der Parzival Sigune zuletzt gesehen hatte. Sie fanden die Frau nicht mehr, der Schmerz um Schionatulander hatte ihr endlich das Herz gebrochen, und sie war neben ihrem Liebsten beigesetzt worden. Nachts erreichten sie Munsalvaesche, das Feirefiß mit hundert Kerzen festlich beleuchtet hatte. Der kleine Lohengrin weigerte sich aber ängstlich, den gefleckten Onkel zu küssen, und Feirefiß lachte schallend. „Wir werden uns noch gut vertragen, mein Neffe!“
Feirefiß und Repanse
Noch in derselben Nacht sollte der Gral vor der Gralsrunde erscheinen. Parzival erlebte wie im Traum alles, was er schon einmal gesehen hatte. Wieder trug die reinste und schönste der Gralsjungfrauen das Heiligtum – Anfortas’ Schwester Repanse de Schoye, und ihr Anblick bewegte Feirefiß so heftig, daß die weißen Stellen seiner Haut noch bleicher wurden. Dann lachte er, als sich die Goldgefäße von selbst mit den köstlichen Speisen füllten – denn er sah den Gral nicht, nur die Seide, auf der er getragen wurde. Das konnte nicht anders sein, denn ein Heide vermochte den Gral nicht zu erblicken. Es bekümmerte ihn nicht sehr – ihm lag nur noch Repanse im Sinn, und er liebte sie ebenso heftig und plötzlich, wie die
Liebe zu Kondwiramur einstmals seinen Bruder Parzival überfallen hatte. Da ging er zu Anfortas und bat ihn, um Repanse werben zu dürfen. „Ich will auch ein Christ werden, wenn das nötig ist!“ Parzival, der ihn nun endlich duzte, weil er jetzt an Macht seinem Bruder gleich war, riet ihm, sich taufen zu lassen und danach um Repanse de Schoye zu werben. „Wie erkämpft man die Taufe?“ fragte Feirefiß. „Laß mich nur gleich aufs Kampffeld und um die Taufe streiten!“ Da erhob sich großes Gelächter, und Parzival versprach, Feirefiß zu lehren, was ein Christ ist. Am anderen Morgen wurde der Heidenkönig in die Kapelle geführt. Feirefiß kniete nieder, das Taufbecken – aus einem einzigen Rubin geschnitten – wurde gegen den Gral geneigt und füllte sich von selbst mit Taufwasser. Ein alter Priester redete Feirefiß ins Gewissen und ließ ihn seinen Heidengöttern für alle Zeiten abschwören. Feirefiß tat es – aber freilich zunächst nur, um das geliebte Mädchen zu gewinnen, erst nach und nach ging ihm der wahre Sinn der Taufe und des christlichen Wesens auf, und später hat er in seinen morgenländischen Reichen geholfen, das Christentum zu verbreiten. In dem Augenblick, als das Taufwasser über seine Stirn rann, sah Feirefiß den Gral. Der getaufte Feirefiß warb mit aller Glut um Repanse, die bald vergaß, daß er so seltsam aussah, ihn täglich lieber gewann und schließlich mit ihm verbunden wurde. Nun hielt es aber den König aus dem Morgenland nicht mehr in Munsalvaesche – er wollte heimziehen, bat aber Anfortas, mit ihm zu kommen. Doch Anfortas sprach: „Ich will mein Leben hier im Kreise der Gralsrunde verbringen, ich will fröhliche Tage auf Munsalvaesche sehen nach den langen Jahren des Leids.“ Da hätte Feirefiß gern den kleinen Lohengrin mit sich
genommen, aber auch das konnte nicht sein, weil Lohengrin zum Gralskönig nach seinem Vater auserwählt war. So zog Feirefiß mit Repanse allein davon, kam endlich an den Hafen, wo seine Schiffe immer noch warteten und seine Leute ihn wie einen längst Verlorenen stürmisch begrüßten, und fuhr übers Meer. Mit seiner schönen Gattin und den Kindern, die sie ihm schenkte, lebte er lange und hoch geehrt, und von Zeit zu Zeit tauchten seine Boten in Munsalvaesche auf, berichteten von den fernen Freunden und brachten kostbare Geschenke. Und Herzeleides Sohn, der als Narr in die Welt gezogen war, viel Ruhm und viel Schande, viel Glück und unermeßliche Trauer erlitten hatte, herrschte nun als weiser und glücklicher König auf dem Gralsthron.
DIE ABENTEUER DES EDLEN RITTERS GAWAN
Gawans Herkunft
Unter den ersten Rittern, die König Artus in seine berühmte Tafelrunde berief, war sein Neffe Gawan, ein Sohn des Königs Lot von Norwegen und Artus’ Schwester Sangive. Nach der Sitte der Zeit war Gawan schon als kleiner Knabe zu seinem Onkel geschickt worden, weil man glaubte, an einem fremden Hof werde ein künftiger Ritter besser erzogen als unter den nachsichtigen Augen liebevoller Eltern. Das war gewiß recht hart für ein Kind, aber jeder Fürst rechnete es sich zur Ehre an, einen Königssohn sorgsam zu einem Mann heranzubilden, der später in allen Taten von der höfischen Zucht und Weisheit seiner Erzieher zeugte. Manch junger Edelmann kehrte aber nie in seine Heimat zurück, wurde Vater und Mutter fremd und fühlte sich nur am Hofe seines Lehrmeisters zu Hause. Daraus entstand oft großer Kummer und zuweilen folgenreicher Irrtum. Nicht nur Gawan kam von Norwegen an den Artushof, seine Brüder folgten ihm später, und von ihnen wird in einer anderen Geschichte noch viel die Rede sein. Jetzt nehmen wir die Spuren des edlen Gawan auf, von dem uns der Dichter Wolfram von Eschenbach berichtet. In der Erzählung von Parzivals Gralssuche ist viel von Gawan zu vernehmen, und was er erlebte, dünkt uns oft wie ein Spiegelbild von Parzivals Abenteuern.
Gawan wuchs so tapfer, so edel heran, daß König Artus ihm schon in jungen Jahren den Ritterschlag verlieh. Immer wieder kehrte er an den Artushof zurück, sein Name, an den sich der Ruhm schon früh heftete, war in der ganzen Ritterwelt bekannt, und Parzival liebte wohl keinen Freund so sehr wie diesen. Ehe König Artus zu einem der mächtigsten Fürsten des Abendlandes wurde, den nur der Gralskönig an Rang übertraf, hatte er manchen harten Krieg zu bestehen, und immer war Gawan an seiner Seite und erkämpfte seinem Herrn beachtliche Siege. Stark, kühn, schön, treu und mächtig – diese Eigenschaften, die einen Ritter ausmachten, vereinte Herr Gawan.
Gawan wird zum Zweikampf gefordert
Auf jenem Fest, bei dem Parzival durch die bösen Worte der Gralsbotin Kundrie aus der Tafelrunde vertrieben wurde, erfuhr auch Gawan eine bittere Kränkung. Ein Fremder ritt an die Gesellschaft heran, dessen Schild und Waffenzeichen niemand kannte, der seinen Helm verschlossen und das Schwert, freilich in der Scheide, in der gehobenen Hand hielt. Er fragte nach Artus, grüßte ihn und rief: „Herr, empfangt meinen Gruß. Euer Ruhm strahlt über alle Länder, Eure Ritter gelten als die tapfersten weit und breit, ich grüße sie allesamt. Nur einen nehme ich aus, und von ihm will ich nicht begrüßt werden, von ihm möchte ich gehaßt sein! Es ist Herr Gawan. Ich bin hier, um Rache für meinen König zu fordern, den Gawan tückisch erschlagen hat. Ich fordere Gawan zum Zweikampf.“
„Mit bösen Worten kommt Ihr, Herr“, antwortete König Artus. „Ihr erhebt eine schwere Anklage gegen einen Mann, den wir alle als ehrenhaft kennen, von dem bisher niemand etwas Übles sagen konnte. Ihr müßt Euch irren.“ Gawans jüngster Bruder aber bat: „Gawan, laß mich für dich kämpfen! Du hast mich aus manchen Gefahren gerettet, nun laß mich einmal alles vergelten dürfen!“ Doch Gawan sprach: „Ich weiß nicht, wer dieser Mann hier ist und wer sein König war. Das eine aber kann ich euch allen versichern: Nie habe ich einen Mann hinterrücks erschlagen! Und keinen Gegner, den ich im Zweikampf überwand und der sich für besiegt erklärte, habe ich getötet.“ „Doch den König von Askalun habt Ihr heimtückisch ermordet, als er Euch mit freundlichem Gruß begegnete! Da habt Ihr alle Ritterehre verspielt. Wenn Ihr je wieder als ein aufrechter Mann gelten wollt, dann kämpft mit mir um Eure Ehre! Ich bin Kringrimursel, ein Fürst aus Askalun. Vierzig Tage von heute an gerechnet, erwarte ich Euch in Askalun. Ihr werdet freies Geleit durch unser Land finden, niemand wird Euch angreifen, bis Ihr Euch mir zum Kampf gestellt habt. Ich habe meine Herausforderung überbracht. Ich scheide. Gott sei mit Euch allen – nur den einen, den Treulosen, behüte er nicht!“ Und schon sprengte er davon. „Ich muß nach Askalun“, sprach Gawan. „Was Kingrimursel behauptet, ist ungerecht und falsch. Nie bin ich dem König von Askalun begegnet, nichts weiß ich von seinem Tod. Aber wenn ich meine Ehre behalten will, muß ich zum Kampf nach Askalun reiten.“ Ungern sahen ihn Frauen und Ritter ziehen, aber jeder verstand, daß er nicht bleiben konnte. Er wählte sich sorgfältig seine Ausrüstung: Drei alte Schilde nahm er mit, die zwar nicht so kostbar wie seine anderen, aber dafür besonders stark waren. Sieben auserlesene Streitrosse kaufte er, zwölf scharfe Speere mit eisernen Spitzen gaben ihm die Freunde,
und König Artus stattete seinen Neffen mit Silber, Gold und vielen Edelsteinen für die weite Fahrt aus. Dann brach Gawan mit seinem Gefolge von Knappen auf.
Gawan in Bearosche
Als er schon einige Tage unterwegs war, sah er hinter sich von einem Hügel herab einen langen Zug gewappneter Männer. Reiter folgte auf Reiter, die Banner wehten, die Pferde wieherten. Den Gewappneten folgten ihre Knappen mit den Speeren, dann kamen Maultiere, die schwer an Harnischen, Speeren, Schwertern und Zeltbahnen trugen, und schließlich eine bunte Menge von Mädchen, die den Männern folgten, um im Lager für sie zu sorgen und mit ihnen zu feiern. Gawan verhielt sich ruhig, und keiner behelligte ihn, weil jeder, der vorüberritt, ihn zu den Scharen rechnete. Einen kleinen Junker, der hinterher trabte, hielt er an: „Was ist das für ein Aufgebot? Wohin geht es? Wer führt das Heer?“ Ärgerlich erwiderte der Junge: „Warum spottet Ihr über mich? Wollt Ihr prüfen, ob ich die Ritter kenne? Schließlich wißt Ihr als Ritter ja besser Bescheid, wem Ihr folgt!“ Als Gawan ihm erklärte, daß er nicht zum Heer gehöre, bat der Knappe lange und umständlich um Verzeihung für seine Unfreundlichkeit und gab dann endlich Auskunft: „Es sind zwei große Heere, die gegen die Burg Bearosche ziehen. König Meljanz führt sie an. Er will Bearosche belagern und besiegen, denn er zürnt dem Burgherrn. Aber ich sage Euch, Herr, er zürnt zu Unrecht, wir alle wissen es. Der Burgherr Lippaut hat König Meljanz erzogen, als er seinen
Vater früh verlor, und auf Bearosche faßte Meljanz heftige Liebe zu Lippauts Tochter Obie. In allen Ehren! Er begehrte sie zur Gemahlin, aber sie hat ihn hochmütig abgewiesen – sie sagt, daß sie ihn niemals lieben wird. Nun meint König Meljanz, daß ihr Vater ihr geraten hat, seine Werbung so lieblos abzulehnen, und deshalb will er Lippaut bestrafen. Lippaut ist sein Vasall, und ungern kämpft er gegen seinen König. So hat er auch kein Heer gesammelt, sondern nur Bearosche befestigt. Wir alle ziehen gern auf Kampf und Abenteuer, aber es ist uns leid, daß wir den guten Lippaut bekriegen sollen! Und nun, Herr, gebt mir den Abschied – ich muß die anderen einholen!“
Er sprengte davon und ließ Gawan grübelnd zurück: „Was soll ich tun? Ich möchte wohl an diesem Krieg teilnehmen und Bearosche helfen. Aber ich muß darauf achten, rechtzeitig in Askalun zu sein, sonst hält man mich dort für einen Feigling. Trotzdem, ich werde nach Bearosche reiten und wenigstens zusehen, wie sich der Kampf dort anläßt!“ Er wartete, bis sich das große Heer verzogen hatte, und ritt dann mit seinem Gefolge langsam hinterher, bis er vor Bearosche kam. Auf einem weiten Feld vor der Stadt, die hoch auf einem Berge lag, hatte sich das Heer der Belagerer bereits eingerichtet. In dem Gewirr von stampfenden Pferden, schnaubenden Maultieren, müßigen Rittern und eilfertigen Mädchen waren die Knappen dabei, die Zelte aufzuschlagen und die Schnüre zu spannen, und immer wieder kam es zum Streit zwischen ihnen, wenn sie zu dicht beieinander am Werk waren und die bunten Zeltschnüre sich verwirrten. Durch das Treiben ritt nun Gawan mit seinen Knappen, verwundert angestarrt von den Leuten, die ihn aber für einen unbekannten Ritter des eigenen Heeres hielten. So gelangte er unangefochten bis vor die Stadt und erkannte, daß er auf keine Weise hineinkommen konnte: Die Tore der Stadtmauern waren mit Steinen zugemauert! Fürst Lippaut hatte es so befohlen, denn er wollte ja von sich aus auf einen Kampf verzichten und nur verhindern, daß die Feinde in die Stadt eindringen konnten. Schützen mit Armbrüsten standen oben auf der Mauer, bereit, auf jeden Angreifer zu zielen. Gawan ritt um den Berg herum, bis er dorthin kam, wo sich die Burg des Fürsten unmittelbar an der Stadtmauer erhob. Hier fand er Schatten unter hohen Bäumen und beschloß, sein Lager aufzuschlagen. Auf dem Söller der Burg stand die Fürstin mit ihren Töchtern Obie und Obilot – um Obies willen war ja der Krieg entbrannt, und nun starrte sie auf das gefahrdrohende Treiben zu ihren Füßen. Ihre
Mutter beobachtete sie aufmerksam und merkte, daß Obie nur immer nach einem suchte: nach dem König Meljanz, dessen Liebe sie doch so hochfahrend verschmäht hatte. Da seufzte die Fürstin leise und dachte: „Mir scheint, daß meine Tochter den Mann, den sie abgewiesen hat, gern sieht. Ach, dieses ganze Unglück wäre vermieden worden, wenn sie ihr Herz hätte sprechen lassen!“ Als die Frauen auf dem Söller Gawan bemerkten, sein Gefolge, die schönen Streitrosse, die prächtige Ausrüstung mit Zelten und kostbaren Gewänder, als sie begannen, die Saumtiere zu zählen, die seine große Habe trugen, hätten sie zu gern gewußt, was es für eine Bewandtnis mit diesem Fremden habe. Der kleinen Obilot gefiel der Fremde so, daß sie zu ihrer Schwester sagte: „Sieh nur, ein großer Herr ist gekommen! Sicher ist er ein stattlicher Ritter, der uns helfen wird!“ Obie verzog das Gesicht: „Der soll ein Ritter sein? Ein Krämer ist er, siehst du nicht seine Kisten und Kasten? Der will nur seine Waren loswerden!“ Das alles hörte Gawan, und es verdroß ihn ziemlich: Wie konnte man ihn für einen Krämer halten? Er lachte aber doch, als er Obilot sagen hörte: „Das ist niemals ein Kaufmann, ein Ritter ist er, ganz gewiß! Und viel schöner und stärker als Meljanz!“ Als Obie ihr darauf in die Haare fahren wollte, war die Fürstin ihrer Sache sicher: Obie liebte Meljanz und konnte den Gedanken nicht ertragen, daß ein anderer Mann ihn an Pracht und Schönheit übertreffen sollte! Innen in der Stadt hielt Lippaut Rat mit seinen Fürsten. Man hatte ihm gemeldet, daß an der anderen Seite des Berges, dort, wo die Feinde nicht lagerten, ein Heer unter der Führung seines eigenen Bruders zu seiner Hilfe erschienen war. Nun bestürmten ihn seine Leute:
„Herr, laßt uns kämpfen! Wir sind stark genug – seht Euch nur das Heer der Belagerer an – das sind ja alles ganz junge Leute, die wir leicht besiegen können, jetzt, wo Euer Bruder uns mithilft! Laßt die Tore wieder freimachen, laßt uns hinausreiten und uns mit den Feinden messen! Hofft Ihr denn immer noch, daß König Meljanz einlenken wird? Es geht nicht nach Eurer Unschuld, er will Krieg!“ Lippaut seufzte. „Wie kann ich denn gegen meinen eigenen Herrn kämpfen? Wie kann ich meinen König zum Gefangenen machen! Das wäre Untreue, und ich kann es nicht.“ Aber sie drangen lange in ihn, er spürte ihren Unwillen und fürchtete, sie würden ihm nicht mehr gehorchen, so daß er endlich nachgab. Da wurden die Steine aus den Toren gerissen, und schon stürmten die ersten Gewappneten hinaus, den Feinden entgegen. Gawan lagerte noch immer auf seinem Platz unter der Burg. Er sah, wie unten die Kämpfe begannen, und hörte Obie sagen: „Siehst du, Obilot, wie mein Ritter kämpft? Meljanz benimmt sich wirklich königlich! Und dein Ritter? Da liegt er an der Mauer und wartet nur darauf, daß wir ihm seine
Sachen abkaufen! Und das soll ein Ritter sein! Ein Krämer ist er!“ „Wenn er ein Kaufmann ist, gut, dann soll er mir etwas abkaufen“, antwortete flink die kleine Schwester. „Dann soll er meinen Dank erkaufen! Du wirst es schon sehen!“ Ach, Obie war rasend vor Zorn – auf sich selbst, weil sie Meljanz abgewiesen hatte, auf ihn, weil er sich so bitter rächte, auf alle Welt. Und ihre Wut ließ sie an dem ersten besten aus – das war nun eben Herr Gawan. Sie schickte ihm einen Pagen, der ihn fragen sollte, ob der Krämer wohl gute Stoffe zu verkaufen habe. Der arme Junge ging zaghaft an Gawan heran, wurde aber mit einem so finsteren Blick empfangen, daß er nur irgendeinen Unsinn stotterte und sofort wieder umkehrte. Da ließ Obie dem Burggrafen ausrichten: „Unter dem Ölbaum lagert ein Kaufmann, der uns betrügen will. Das muß der Burggraf verhindern. Er soll ihn forttreiben und die sieben schönen Pferde nehmen, die uns gut zustatten kommen.“ Nun, der Burggraf tat, was Obie gewünscht hatte, ging vors Tor und hinaus zu Gawan, erkannte aber beim ersten Blick, daß beileibe kein Krämer eine Ware verkaufen wollte, sondern daß hier ein edler Ritter saß. Höflich sprach er ihn an: „Herr, Ihr seid hier fremd. Verzeiht, daß uns die Not der Stadt versäumen ließ, Euch mit Ehren zu empfangen. Erlaubt mir, daß ich Euch in die Stadt führe und Euch bewirte!“ Gawan dankte, ließ seine Knappen alles wieder zusammenpacken und befahl ihnen, ihm in die Stadt zu folgen. Obilot klatschte vor Freude in die Hände, aber Obie hatte sofort einen anderen schändlichen Plan bereit. Sie schickte ein Mädchen zu ihrem Vater und ließ ihm ausrichten, daß ein Falschmünzer in die Stadt käme. „Sage meinem Vater, der Fremde hat reiche Schätze bei sich, die er nur auf unrechte
Weise gewonnen haben kann. Die soll mein Vater ihm abnehmen!“ Das Mädchen tat wie geheißen, und Fürst Lippaut dachte: „Das kommt mir gut zustatten! Soll ich nun wirklich Krieg führen, dann brauche ich Geld, um meine Leute zu belohnen. Einem Falschmünzer unrechtes Gut fortzunehmen, ist nur recht und billig.“ Er wandte sich aber zunächst an den Burggrafen, der seinen Gast zu sich nach Hause gebracht hatte, und berichtete ihm von Obies Mitteilung. Da lachte der Burggraf: „Der Fremde, der in unsere Stadt gekommen ist, verdient, ehrenvoll aufgenommen zu werden! Das ist kein Falschmünzer, sondern ein reicher Ritter, der uns gewiß im Kampf beistehen wird!“ Lippaut wollte sich selbst davon überzeugen, ging mit dem Burggrafen zu Gawan und erkannte sogleich, daß er einen edlen Mann vor sich hatte und grüßte ihn freundlich. „Seid willkommen in Bearosche, nehmt unsere Gastfreundschaft an, solange es Euch behagt. Aber ich bitte Euch: Helft uns im Krieg gegen König Meljanz!“ „Gern würde ich mit Euren Männern in den Kampf ziehen“, antwortete Gawan, „aber ich darf hier nicht die Zeit versäumen. Ich bin zu einem Zweikampf geladen und habe noch einen weiten Weg. Denkt, wenn ich verwundet würde und meine Fahrt nicht fortsetzen könnte! Jedermann würde mich künftig als Feigling beschimpfen, wenn ich nicht rechtzeitig nach Askalun käme!“ Soviel der Fürst auch in ihn drang, Gawan blieb fest, und der Fürst verabschiedete sich bekümmert. Draußen vor dem Haus des Burggrafen stieß Lippaut auf seine kleine Tochter Obilot, die mit ihrer Freundin spielte. „Vater, will der fremde Ritter für uns kämpfen?“ fragte sie.
Lippaut berichtete, daß der Fremde seine Bitten abgeschlagen habe, aber Obilot meinte: „Laßt mich nur machen. Mir wird er die Hilfe nicht verweigern.“ Mit ihrer Freundin besuchte sie Herrn Gawan. Er sprang höflich auf, als die kleine Dame hereintrat, und dankte ihr, weil sie ihn so tapfer gegen ihre Schwester in Schutz genommen hatte. „Lieber Herr“, sagte die Kleine und sah ihn ernsthaft an, „noch nie habe ich mich mit einem Mann unterhalten, und ich hoffe, daß ich es recht mache und nichts Dummes rede. Ich bitte Euch um Hilfe. Wenn ich älter wäre, würdet Ihr mir doch die Bitte nicht abschlagen? Laßt es mich nicht entgelten, daß ich noch so jung bin! Seid mein Ritter, kämpft für mich! Zieht morgen mit den anderen hinaus und streitet in meinem Namen! Ich will Euch dafür meine Liebe schenken.“ Gawan lächelte: „Kleine Herrin, Ihr seid schon so klug – dann wißt Ihr wohl auch, daß ein Ritter sein Wort nicht brechen darf? Und dann müßt Ihr verstehen, daß ich Eure Bitte abschlage, weil ich mein Wort einlösen und in ein fernes Land weiterreiten muß.“ Sie sah ihn nur flehend an und hob die kleinen Hände: „Liegt Euch denn nichts daran, daß ich Euch liebhaben will?“ „Zur Liebe seid Ihr fünf Jahre zu jung, Herrin“, antwortete er, aber er tat es freundlich und ohne Spott, denn die Kleine rührte sein Herz. Und endlich bezwang sie ihn doch: „Kleine Herrin, ich will für Euch kämpfen! Das soll heißen, ich werde das Schwert sein, daß für Euch kämpft – Ihr seid es, die eigentlich den Streit ausficht. Ihr müßt an mich denken und um Glück für mich beten.“ Mit gleichem Ernst nickte sie: „Ich bin Eure Herrin und Euer Schutz, mein Herz wird Euch Frieden geben, mein Gebet Euer Glück schaffen.“ Gawan nahm ihre kleinen Hände zwischen die seinen: „So jung Ihr auch seid, Herrin, so habt Ihr doch das Herz einer
edlen Frau.“ Ihre Augen leuchteten. Plötzlich aber sprang sie auf: „Ich muß Euch doch ein Feldzeichen geben, damit Ihr morgen unter meinem Zeichen kämpft! Sonst würde man Euch ja auslachen, wenn Ihr für eine Dame streitet, die Euch nicht einmal eine kostbare Gabe zum Zeichen ihrer Liebe überreicht hat!“ Rasch schlüpfte sie hinaus und zog ihre Freundin an der Hand mit sich. Gawan rief ihr nach: „Wenn Ihr erst erwachsen seid, wie viele Ritter werden sich da um Euren Dienst bemühen!“ Draußen fragte die Freundin: „Obilot, was willst du denn dem Ritter schenken? Wir haben ja doch nur unsere Puppen! Du kannst aber gern meine haben, wenn du denkst, daß eine Puppe das richtige Geschenk ist! Meine Puppe ist schöner als deine!“ Auf dem Weg zur Burg ritt Herr Lippaut an den beiden vorüber. Da rief ihn seine Tochter an: „Vater, jetzt mußt du mir helfen! Der Ritter hat eingewilligt, morgen für mich zu streiten, jetzt muß ich ihm aber ein Geschenk machen, ein Zeichen meiner Liebe. Kannst du mir nicht helfen? Ich besitze ja nichts, keinen Ring, keine Spange.“ Lächelnd hob Lippaut seine kleine Tochter vor sich auf sein Pferd, und rasch beugte sich ein Ritter aus seinem Gefolge herunter und nahm Obilots Freundin zu sich aufs Roß. Obilot schlang die Arme um ihren Vater und flüsterte: „Ich hab den fremden Ritter so gern! Bitte, laß mich ihm etwas sehr Schönes schenken, das er morgen an seinen Schild oder seinen Helm heften kann!“ Fürst Lippaut ging mit seiner Tochter zu seiner Gemahlin: „Unser Kind hat etwas Wunderbares erreicht! Der Fremde wird für uns kämpfen, und er steht mir ganz so aus, als ob wir an ihm die stärkste Hilfe haben. Nun sorge du dafür, daß Obilot ihm ein Geschenk machen kann!“ Da wurden in aller Eile die kostbaren Stoffe geholt, die in der
Burg lagen: Grüner Samt und mit Gold durchwirkte Seide. Daraus nähte man ein Kleid für Obilot, wie sie es noch nie besessen hatte, so schön und reich war es. Nur ein Arm blieb unbedeckt, denn den Ärmel sollte Gawan sich an seinen Schild heften. Der Ärmel wurde nur einmal an Obilots Arm gehalten, damit durch die Berührung die schützende Kraft von Obilots Liebe auf ihn überginge. Dann brachte die kleine Freundin den Ärmel zu Gawan. Er dankte feierlich und heftete den Ärmel auf seinen Schild. „Nun wird mir alles wohl gelingen!“ Und er verneigte sich vor dem Wege, den Obilot vorher gegangen war: „Gesegnet seien deine Schritte, kleine Herrin!“
Der Kampf
Nachts herrschte eifriges Treiben in Bearosche. Schanzen wurden aufgeworfen, an den Toren Wachen mit Speeren, Armbrüsten und Wurfgeschossen aller Art aufgestellt. Am anderen Morgen brandeten die Heere von beiden Seiten aufeinander los, nach wenigen Augenblicken schon war die Ebene von Kampfgetümmel und Feldgeschrei erfüllt. Gawan suchte das Zeichen des Königs Meljanz, fand ihn und stellte ihn zum Zweikampf. Die Wucht, mit der sie einander berannten, war so groß, die Kraft, die ihre Speere gegen den Schild des anderen trieb, so gewaltig, daß beide vom Pferde stürzten und sie zu Fuß mit den Schwertern weiter kämpften. Dabei war Meljanz aber im Nachteil, denn Gawans Speer hatte sich in seinen Arm gebohrt, saß dort fest, und das Blut rann herunter. Wäre König Meljanz nicht so behindert gewesen, hätte er sicher noch lange weitergestritten, so aber ergab er
sich, gelobte Frieden und ließ sich als Gefangenen nach Bearosche bringen. Überall wurde tapfer gekämpft, aber die Ritter aus Bearosche gewannen langsam die Oberhand. Auf Seiten der Belagerer stritt ein unbekannter Ritter in roter Rüstung, und den konnte niemand bezwingen! Es war Parzival, der von jedem Besiegten forderte, daß Meljanz freigegeben würde; darüber aber konnte nur Lippaut allein entscheiden. Außerdem verlangte Parzival von jedem Gegner, daß er für ihn den Gral erringen solle! Gawan erkannte den roten Ritter, ging dem Freunde aus dem Wege, um nicht gegen ihn kämpfen zu müssen, und sah endlich bekümmert, wie Parzival einsam davonzog. Der rote Ritter, dem sein Roß im Streit umgekommen war – viele Pferde hatten an diesem Tage den Tod gefunden – ritt auf einem anderen, herrenlosen weiter: Gawan erkannte, daß es eines der seinen war – das gönnte er dem Freunde gern.
Meljanz und Obie
Der gefangene Meljanz wurde nach dem Kampf mit seinem Bezwinger Gawan in die Burg geführt, wo Fürst Lippaut mit seiner Gemahlin und den Töchtern sie erwartete. Die Burgherrin hatte dem König frische Kleider bringen und seinen Arm verbinden lassen. Lippaut trat seinem Herrn entgegen: „König, denkt an die vergangenen Zeiten, als ihr hier in Bearosche wie mein Sohn lebtet. Begrüßt Eure Pflegemutter mit dem Versöhnungskuß!“
„Gern will ich das tun“, antwortete Meljanz, „und auch Obilot grüße ich. Aber die dritte Dame hier im Saal – nein, sie will ich nicht kennen.“ Gawan nahm Obilot, die nicht von der Seite ihres Ritters wich, wie eine hübsche Puppe auf den Arm, küßte sie und hielt ihr frisches Gesichtchen auch Meljanz hin: „Seht in Ihr Eure Bezwingerin, Herr! Ich war nur Ihr Arm und Ihr Schwert. Gelobt Ihr Frieden!“ Auch das erfüllte der König gern, aber Obilot sprach würdevoll von Gawans Arm herunter: „Nicht ich will Euer Gelöbnis haben – meiner Schwester Obie sollt Ihr es geben. Weigert Euch nicht! Ihr seid mein Gefangener, und ich will, daß ihr beide euch versöhnt!“ Das war ein Befehl aus kindlichem Munde, aber er war das rechte Wort, denn es machte es Obie und Meljanz leicht, den Groll fahrenzulassen. Weinend küßte Obie die Wunde an ihres Ritters Arm, weinend bekannte sie, daß sie ihn über alles liebe und nie mehr trotzig und hochfahrend seine Liebe zurückweisen wolle. Das war die rechte Freudenbotschaft für Fürst Lippaut! Seine Tochter, die nun die Gemahlin seines Königs werden sollte, nannte er von jetzt ab Herrin, und die Hochzeit wurde in aller Pracht gefeiert.
Gawan in Askalun
Gawan konnte an dem Fest nicht teilnehmen, er nahm Abschied, reich beschenkt. Obilot sah ihn mit vielen Tränen ziehen, und auch er war traurig, von der Kleinen scheiden zu müssen. Aber er durfte den Zweikampf mit Kingrimursel nicht versäumen!
Durch Hochgebirge und wilde Moore ging seine beschwerliche Fahrt, bis eines Morgens das Meer zu seinen Füßen glänzte und er am Ufer auf steilem Felsen eine riesige Burg liegen sah: das Schloß des Königs von Askalun. Ärger und Sorge wallte in ihm hoch: „So lange bin ich unterwegs, und hier soll ich mich um eines ungerechten Vorwurfs wegen in Gefahr begeben! Wer weiß, was mir hier noch zustoßen kann! Kingrimursel ist ein starker Feind, und ob seine Leute mich in Frieden lassen, wie er es mir versprochen hat? Gott möge mich schützen in diesem feindseligen Land!“ Von der Macht des Königs von Askalun erhielt er gleich eine Vorstellung: Fünfhundert Herren jagten nach Kranichen auf dem weiten Feld vor dem Meer. Gawan ritt mitten durch sie hindurch, keiner kannte den Fremden, der seinen Helm geschlossen hielt. Gawan aber wußte unter den Männern den König von Askalum herauszufinden, und er staunte, wie schön der Mann war: Er erinnerte ihn an Parzival, den herrlichsten aller Ritter. Beide begrüßten einander mit aller Höflichkeit, und der König bat den Fremden, sein Gast zu sein. „Wenn es Euch recht ist, reitet allein weiter in die Stadt und in die Burg – ich möchte hier die Jagd beenden. Wenn Ihr das aber als Unhöflichkeit anseht, bin ich gern bereit, sie abzubrechen und mit Euch in meine Stadt zu ziehen!“ Gawan schien es besser, unerkannt und allein die Burg zu betreten, er dankte also für die Gastfreundschaft und begab sich mit seinem Gefolge in das Schloß von Askalun. Der König hatte ihn an seine Schwester Antikonie gewiesen. Gawan ließ sich zu ihr führen und fand eine edle Frau, die ihn höflich aufnahm. Beide gefielen einander über alle Maßen gut. Sie fragte nach seinem Namen – aber wie durfte er sich zu erkennen geben? Er antwortete also: „Ich bin der Sohn des Bruders der Schwester meines Vaters.“ Mit dieser rätselhaften
Antwort gab sie sich zufrieden, weil ihr der Fremde so gut gefiel. Die beiden saßen allein in vertraulichem Gespräch, und plötzlich legte sich Gawans Arm um ihre Schulter, er wollte sie an sich ziehen, – denn alles hatte er vergessen, was ihn hierhergeführt hatte – Antikonie war die Herrin seines Herzens. Aber in demselben Augenblick trat ein grauhaariger Ritter in den Saal, sah den Fremden so vertraut bei Antikonie sitzen, erkannte ihn und rief mit Donnerstimme: „Schande über Askalun! Da sitzt der Mörder des Vaters und entehrt die Tochter!“ Und immer wieder rief er, während er die Treppe hinunter und aus dem Schloß stürzte: „Da sitzt der Mörder des Vaters und entehrt die Tochter!“ Von allen Seiten wurde der Ruf aufgenommen, aus den Häusern liefen die Leute mit Äxten und Beilen, Speeren und Schwertern. Ohne recht zu wissen, um was es ging, rannten sie ins Schloß, die Treppe hinauf, kamen vor den Saal, in dem Gawan, der seine Waffen nicht bei sich hatte, mit der schönen Antikonie saß. „Sie werden dich totschlagen! Komm!“ Sie riß ihn an der Hand mit sich, durch ein Gemach hindurch bis vor die Tür eines alten Turms. Schon war die Menge hinter ihnen, da zog Gawan mit heftigem Ruck den Riegel aus der Turmtür und stürzte mit Antikonie hinein. Sie sahen sich verzweifelt nach Waffen um, aber im Raum war nichts als ein riesiges Schachspiel. Gawan hielt das Brett als Schild vor sie beide, Antikonie aber ergriff die schweren, goldenen Schachfiguren und schleuderte sie auf die Angreifer. Wer da von einem Turm, einem Springer, einem Läufer oder König getroffen wurde – und sie traf gut! – , der hatte genug vom Kampf und zog sich eilends zurück. Aber schon waren die meisten Figuren verschleudert, als die schlimmste Gefahr erst heranrückte: Der König von Askalun war von der Jagd zurückgekommen und vernahm, daß der angebliche Mörder
seines Vaters im Turm steckte! Da faßte er einen Entschluß, der seine ritterliche Ehre verdunkelte: Er ermunterte die Bürger zum Kampf gegen den Gast, den er geladen hatte, ja, er rief nach seinem Schwert, um Gawan selbst zu erschlagen! Aber Herr Kingrimursel warf sich ihm entgegen: „Ich habe Gawan hergeladen zum Zweikampf mit mir! Ich habe ihm freies Geleit versprochen – und Askalun hat es gebrochen! Das ist ein Treuebruch! König, ich stehe zu meinem Wort! Wenn Ihr Ritter Gawan angreift, müßt Ihr erst mich erschlagen!“ Gawan rief er zu: „Laßt mich zu Euch hinein! Ich werde mit Euch kämpfen – ich will mein Wort halten!“
Nun wurden die Bürger unschlüssig, denn Kingrimursel war geachtet und beliebt in der Stadt, und keiner wollte ihn angreifen oder gar töten. Immer lahmer kämpften sie, und schließlich traten ein paar besonnene Männer vor den König: „Herr, gebt Frieden! Es ist doch kein Ruhm für uns, wenn wir alle gegen zwei Männer und eine Frau streiten! Und wie könnten wir denn Eurer Schwester ein Leid antun? Gebietet Frieden, dann könnt Ihr Euch noch entscheiden, was mit dem Mörder Eures Vaters geschehen soll!“ Längst schon schämte sich der junge König über seinen voreiligen Befehl, und er gebot Frieden; die Leute verzogen sich. Antikonie stellte sich mit zornblitzenden Augen vor ihren Bruder: „Wie konntest du so alles vergessen, was man dich gelehrt hat! Es wird dir immer als Schande angerechnet werden, daß du einen Gast angegriffen hast! Und außerdem hast du gesehen, daß ich ihn zu schützen versuchte: War das nicht genug, dich vom Kampf abzuhalten? Ich will kein freundliches Wort mehr mit dir sprechen, ehe du diese Sache nicht wieder gutgemacht hast.“ Und Kingrimursel sprach noch bitterer: „Als ich Gawan zum Zweikampf in Askalun forderte, habe ich ihm freies Geleit
geboten. Daß es nicht gehalten wurde, fällt auf mich zurück. Das habt Ihr, Herr, wohl nicht bedacht. Die Schande ist mein – aber Ihr habt sie verursacht.“ Wohin der König blickte – er las in allen Blicken nur Zustimmung zu Kingrimursels Worten. Einzig ein Ritter, der jedem Kampf aus dem Wege ging, sich dafür aber mit Worten eifrig hervortat, machte sich auch jetzt wichtig: „König, wozu soviel Gerede um einen Mann, der Euren Vater erschlagen hat? Ein Tod für den anderen! Erschlagt ihn, dann ist der Tod Eures Vaters gerächt.“ Gawan, der ruhig danebenstand, erkannte jetzt, in welcher Gefahr er sich noch immer befand. Aber Kingrimursel griff wieder ein, wies den anderen zurecht und sprach: „Herr Gawan, für diesmal wird es nichts mit unserem Zweikampf – man hat Euch hier zuviel Schmach angetan. Versprecht mir, daß Ihr Euch übers Jahr zum Kampf stellen werdet, und den wollen wir nicht hier in Askalun austragen, sondern vor König Meljanz. Ich hoffe, daß mein König Euch jetzt das Leben läßt – und dann werden wir uns übers Jahr miteinander messen!“ Gawan versprach es. Der König erklärte, daß er mit seinen Fürsten beraten wolle, wie er mit dem Mörder seines Vaters verfahren solle; am anderen Tag werde die Entscheidung fallen. Sie gingen auseinander: Antikonie nahm Gawan und Kingrimursel mit sich, die übrigen begleiteten den König. Antikonie tat alles, um die beiden Ritter den Kampf vergessen zu lassen, ließ sie bewirten und vertrieb ihnen die Zeit mit freundlicher Unterhaltung. Aber Gawan legte sich mit schwerem Herzen zur Ruhe, und bitter bedachte er, daß er ganz unschuldig in diese Not geraten war. Erst später sollte er und seine Widersacher erfahren, daß ein fremder Ritter den alten König von Askalun erschlagen hatte.
Gawans Abschied von Askalun
Der König hielt am anderen Morgen Rat mit seinen Fürsten, und der Vorschlag, den sie ihm machten, dünkte ihn sehr gut: Er war nämlich einer von den Rittern, die von Parzival besiegt worden waren und ihrem Bezwinger versprechen mußten, für ihn den Gral zu gewinnen. Da meinte einer seiner Ratgeber: „König, es ist unmöglich, daß Ihr Euer Versprechen gegen den fremden Ritter einlöst – keiner weiß den Gral zu finden, keiner kann ihn erobern. Übertragt diesen Auftrag an Gawan – dann kommt Ihr mit Ehren aus diesem Streit; Ihr laßt ihm sein Leben, aber seine Strafe ist nicht gering: Jahre wird er vertun, um den Gral zu suchen, und wenn er ihn erobern will, werden ihm die Ritter von Munsalvaesche das Leben nehmen!“ Darauf ließ der König Gawan holen, trug ihm den Vorschlag des Fürstenrats vor und ließ ihn schwören, daß er für ihn den Gral suchen werde. Gawan versprach es, aber er war nicht froh. Ehe er aufbrach, führte man seine acht Knappen zu ihm, die unterdessen im Gefängnis gesessen hatten. Sie baten ihren Herrn kniend um Verzeihung, weil sie nicht an seiner Seite gekämpft hatten: „Herr, Euer Falke, den wir hüten sollten, ist uns entflogen, als Ihr Euch mit der Herrin Antikonie unterhieltet. Wir sind ihm nachgelaufen, und dann haben uns die Bürger gefangengenommen.“ Gawan verzieh ihnen gern, wollte sie aber nicht auf der weiteren Fahrt mitnehmen, sondern schickte sie unter Geleit zurück zu König Artus. Dann nahm er Abschied von Kingrimursel, dessen rechtliches Herz er achtete, und von Antikonie, die ihn ungern scheiden sah. „Es wird mir immer schmerzlich sein“, sagte sie, „daß du hier bei uns soviel Gefahren leiden mußtest. Ich glaube nie und nimmer, daß du es
warst, der meinen Vater umgebracht hat. Aber es ist nun so gekommen, daß wir nicht mehr beieinander bleiben können. Doch wohin du auch gehst, ist mein Herz bei dir, es freut sich mit dir und trägt mit dir deinen Kummer.“
Gawan begegnet Orgeluse
Ein Jahr ging ins Land, in dem Gawan manche Abenteuer bestand. Als die Frist abgelaufen war, kam er an den Hof des Königs Meljanz, wo er auch Obie als die strahlend schöne Gemahlin Meljanz’ wiedersah und mit ihnen den König von Askalun und Kingrimursel. Doch der Zweikampf fand nicht statt, denn inzwischen hatte man erfahren, daß Gawan unschuldig am Tode des alten Königs war. Nun mußte der König von Askalun wieder allein auf die Suche nach dem Gral gehen, und Gawan war des Auftrags ledig. Deshalb konnte er sich endlich auf den Rückweg an den Artushof machen – aber es sollte noch lange dauern, bis er die Freunde der Tafelrunde wiedersah! Eines Tages fand er im Walde ein an einen Baum gebundenes Pferd, das einen Damensattel trug und neben dem ein zerhauener Schild, ein schartiges Schwert, ein zerbeulter Helm lagen. „Das muß ja eine streitbare Frau sein, die hier Rast macht“, dachte er. „Ob ich am Ende mit einer Dame kämpfen soll?“ Aber was er dann fand, war eine weinende Frau, die einen schwer verwundeten Ritter im Arm hielt. Gawan sprang vom Pferd, erkannte, daß der Ritter noch lebte, und beschloß, ihm zu helfen, denn Königin Ginevra hatte ihn gelehrt, wie man Wunden behandelt. Er sah, daß das Blut nicht aus der Wunde
abfließen konnte, nahm ein Röhrchen aus Lindenrinde und saugte es damit ab. Da erwachte der Ritter sogleich aus der Ohnmacht und berichtete Gawan, wie er zu seiner Wunde gekommen: „Setzt Euren Weg nicht fort, es könnte Euch so gehen wie mir! Ich bin einige Meilen von hier auf starke Ritter gestoßen, und einer davon hat mich im Kampf verwundet. Diese edle Dame hat mich auf ihrem eigenen Pferd hierhergebracht.“ Aber Gawan erwiderte: „Dann werde ich mich Eurem Bezwinger stellen und Euch rächen!“ Er verband die Wunde des Ritters mit dem Kopftuch der Frau, sprach den Wundsegen und ritt weiter, einem Abenteuer entgegen, wie er es nie erwartet hätte. Der Weg, der vom Blut des Ritters gekennzeichnet war, führte ihn schließlich vor eine Burg auf einem hohen Felsen; der Weg dort hinauf drehte sich in so vielen Windungen um den Berg, daß es Gawan schien, als ob der ganze Felsen mit der Burg kreiselte. Bevor er hinaufritt, sah er an einem Quell eine Frau sitzen, deren Schönheit ihn wie ein Blitz durchfuhr. Es war Orgeluse, die schönste Frau nach Kondwiramur. Gawan sprang vom Pferd. „Herrin, wie lange ich auch leben mag – nie werde ich eine schönere Frau als Euch sehen!“ Schnippisch erwiderte sie: „Das glaub’ ich Euch.“ Dann musterte sie ihn von unten bis oben und fuhr fort: „Die schönen Worte, die Euch noch auf der Zunge liegen mögen, dürft Ihr Euch sparen! Mir ist es gleich, was ein Herr Jedermann von mir denkt. Bin ich schön, dann bin ich es für meine Freunde. Wenn Ihr die Absicht habt, um meine Gunst zu werben, reitet nur gleich weiter – von mir erhaltet Ihr keinen Dank.“ Er sah ihr fest in die Augen: „Ihr sprecht bittere Worte, Herrin, aber Euer Mund ist rot, und Eure Augen strahlen. Es hilft mir nichts, daß Ihr nichts von mir wissen wollt: Ihr habt
mich eingefangen. Ich möchte Euch immer an meiner Seite wissen.“ „Nun gut, dann nehmt mich mit! Aber Ihr werdet sehen, daß Ihr davon nur Not und Gefahren habt und niemals einen Dank von mir. Nehmt mich nur mit – es wird Euch früh genug reuen!“ „Um Liebe dienen“, antwortete Gawan, „muß jeder Mann. Niemandem wird sie geschenkt, der ihrer nicht wert ist. Ich will Euch dienen, bis Ihr freundlicher zu mir sprecht, und vor Gefahren fürchte ich mich nicht.“ „Dann beweist mir Eure Dienstwilligkeit: Holt mir mein Pferd! Ich halte so lange Euer Roß und erwarte Euch hier. Das meine steht dort drüben – jenseits der schmalen Brücke. Ihr werdet allerlei Menschen auf dem Rasen sehen, es sind meine Leute. Laßt Euch das Pferd geben.“ Gawan ging über die Brücke, kam in einen schönen Garten und fand dort fröhliche Menschen, die tanzten und sangen. Als sie ihn erblickten, wurden sie still und sahen ihm bekümmert nach. Er fand das Pferd, aber ehe er es vom Baum losbinden konnte, trat ein alter Mann auf ihn zu: „Herr, laßt das Pferd hier stehen! Ihr wollt es unserer Herrin bringen, aber daraus wird viel Leid für Euch erwachsen! Unsere Herrin ist schön – aber auch grausam. Mit Freuden stürzt sie die Ritter in Gefahren und Not. Noch jeder hat es bitter bereut, der sich von ihrer Schönheit betören ließ!“ Doch Gawan nahm das Pferd beim Halfter und führte es zurück zu der Dame. Die lachte: „Ihr seid ein Dummkopf! Eine Gans seid ihr. Ihr werdet schon sehen, auf was Ihr Euch eingelassen habt!“ „Eure bösen Worte tun mir nicht weh – um so lieber werdet Ihr später sprechen, wenn Ihr meine Treue erst recht geprüft habt. Laßt Euch aufs Pferd heben!“
„Rührt mich nicht an!“ rief sie und schwang sich mit einem Satz auf ihr Pferd. „Jetzt reitet Ihr voran, Herr Ritter, ich werde Euch folgen. Euer Unglück verläßt Euch nicht.“
Gawan wird betrogen
Sie nahmen den Weg zu dem verwundeten Ritter. Unterwegs riß Gawan eine heilkräftige Wurzel aus, worüber die Dame laut lachte: „Ach, ein Arzt seid Ihr auch? Da kann ich gewiß noch manches lernen.“ Als die beiden zu dem Verwundeten und seiner Dame kamen, spottete die Frau: „Hier könnt Ihr sehen, was Euch erwartet! Der da unten an der Erde ist auch um meinetwillen so zerhauen!“ Gawan tat, als höre er nichts, band dem Mann das Heilkraut auf die Wunde und sah befriedigt, wie sich der Ritter sofort erholte und imstande war, wieder aufzustehen. „Ich danke Euch“, sprach er, „und mein Dank soll sein, daß ich Euch warne: Geht so weit fort, wie ihr nur könnt, von dieser Frau, die hinter Euch geritten kommt! Es ist die Herzogin Orgeluse, und ihr Stolz und ihre Bosheit haben noch jeden zuschanden gemacht, den ihre Schönheit gefangennahm. – Ich will jetzt versuchen, mit meiner Dame in das Kloster zu kommen, das einige Stunden von hier liegt. Dort weiß man Verwundete zu heilen.“ Höflich half Gawan der Dame auf ihr Pferd – da sah er den fremden Ritter auf sein, Gawans, Roß springen und hohnlachend davonreiten! Gawan blieben die Worte im Halse stecken – sprachlos starrte er dem Betrüger nach. Laut lachte Orgeluse: „Ja, jetzt seht Ihr so aus, daß man Euch wirklich lieben muß! Sagte ich, Ihr wärt eine Gans? Da hatte ich freilich
recht! Ihr kamt als ein Ritter, Ihr handeltet wie ein Arzt, jetzt dürft Ihr zeigen, ob Ihr auch als Page zu Fuß neben mir laufen könnt!“ Der fremde Ritter kam noch einmal zurück, hielt in sicherer Entfernung und schrie: „Ich habe dich erkannt, Gawan! Und daß ich dein Pferd entführe, ist meine Rache! Du hast mich einmal gefangengenommen und zu Artus gebracht, und der König hat mich vier Wochen lang mit den Hunden essen lassen!“ „Jetzt erkenne ich dich, du bist es, Urians! Aber du verschweigst, daß du die Schande damals verdient hast! Du hattest eine edle Jungfrau so schwer gekränkt, daß König Artus dir das Leben nehmen wollte. Nur auf meine Bitte hin wurde die Strafe gemildert. Mir scheint, als du vier Wochen mit den Hunden aus einem Trog essen mußtest, hast du hündische Manieren angenommen! Ist das der Dank?“ „Was damals war, ist mir gleich – ich hasse dich und will dieses Pferd haben!“ Damit verschwand Urians. Gawan erzählte Orgeluse alles, was damals am Artushof geschehen war, und Orgeluse versprach, Urians zu strafen: „Nicht, weil er Euch das Pferd genommen hat – das schadet Euch nichts, das lehrt Euch nur, Euch ein andermal besser vorzusehen! – sondern, weil er einem edlen Mädchen Gewalt angetan hat, wie Ihr erzählt. Dafür soll er mir büßen!“ Als die beiden nun ihren Weg fortsetzten, mußte Gawan zu Fuß neben seiner Dame hergehen – mit Harnisch, Schild und Schwert – , für einen Ritter, der eine Frau entführen will, war das freilich eine beschämende Weise! Orgeluse spottete und warnte wieder: „Euer Pferd habt Ihr schon verloren – Ihr werdet sicher noch mehr verlieren, wenn Ihr auf meine Gesellschaft besteht. Wollt Ihr es nicht lieber aufgeben? Ich habe zwar gesagt, daß ich Euch folge – als Euer Unglück – aber ich fürchte, mein Pferd wird ungeduldig werden! Und Ihr
glaubt doch wohl nicht, daß Ihr mir jetzt besser gefallen könnt?“
Ein Knappe erreichte die beiden, um Frau Orgeluses Befehle für die Zeit ihrer Abwesenheit zu erbitten. Der hatte, um die beiden einholen zu können, einem Bauern ein altes Pferd entwendet, und Gawan dachte: „Besser das als keines!“ Sie schickten den Knappen zu Fuß zurück, und Gawan betrachtete trübselig den elenden Klepper, der ihm da in die Hände geraten war. Zum Kampf war er gewiß nicht zu brauchen, ja, Gawan wagte nicht einmal, sich auf ihn zu setzen, um den krummen Rücken nicht vollends einzudrücken. So belud er das Pferd mit Schild und Waffen und zog es trübselig hinter sich her. Laut lachte Frau Orgeluse: „Als Ritter seid Ihr gekommen, als Arzt
habt Ihr einem Verwundeten geholfen, jetzt führt Ihr kümmerliche Ware wie ein Krämer mit Euch! Mein stolzer Entführer – was werde ich an Euch noch erleben!“ Gawan sah sie nur an, und ihre Schönheit besänftigte ihn immer wieder. „Sie zeigt Witz und Verstand“, dachte er, „eines Tages wird sie mir auch Liebe schenken.“ Er war seiner selbst sicher, und die Bosheiten dieser Frau brachten ihn nicht aus der Ruhe. Doch der Weg wurde dem geharnischten Mann schließlich doch recht beschwerlich, und endlich bestieg er vorsichtig sein armseliges Pferd und ritt – wenn man es reiten nennen will. So hatte noch niemand Herrn Gawan zu Pferde gesehen.
Gawan kämpft mit Lischois
Immer ritt die Dame hinter Gawan her – getreu ihrem Wort, daß er sie entführen möge. Aber sie wußte genau, daß der einzige Weg aus der Wildnis dorthin führte, wohin sie ihn haben wollte. Nach langem Ritt erblickte Gawan, was er noch nie gesehen hatte: Vor ihm erhob sich eine riesige Burg mit vielen hundert Fenstern, und hinter jedem Fenster stand eine Frauengestalt! Gawan hielt sein Pferd an – müde ließ es den Kopf hängen – und starrte auf die vielen Frauen – er zählte, er rechnete: Vierhundert Frauen in vierhundert Fenstern mußten es sein! Junge und alte Gesichter blickten auf ihn herab, manche wehmütig lächelnd, andere in banger Sorge. Aber keine Frau nickte ihm zu. Vor der Burg floß ein breiter, reißender Strom. Die Dame winkte dem Fährmann am anderen Ufer, der sein Boot löste und über den Fluß setzte. Während sie warteten,
bemerkte Gawan, daß ein Ritter in voller Rüstung auf ihn zusprengte. Der Fährmann legte sein Boot ans Ufer, die Dame stieg mit ihrem Pferd ein und rief Gawan zu: „Jetzt verlasse ich Euch. Seht zu, wie es Euch weiter ergeht! Es wird nichts Gutes sein, was Ihr hier erlebt – aber ich habe Euch gewarnt.“ Das Boot legte ab, Gawan rief: „Herrin, soll ich Euch nicht wiedersehen? Ist das der Lohn für meine Treue?“ Von der Mitte des Stroms her klang ihr helles Lachen: „Irgendwann einmal werdet Ihr mich wiedersehen, aber das mag ein ferner Tag sein, an dem das geschieht!“ Gawan sah alles, was er an Glück erhofft hatte, mit ihr davonziehen. Und er konnte ihr nicht einmal mehr nachblicken, denn jetzt war die Gefahr für ihn da: Der Ritter brauste heran, und sein eingelegter Speer ließ keinen Zweifel daran, daß er mit Gawan kämpfen wollte. „Ja, mein armes Tier, nun hilft es nichts! Wir müssen uns dem Fremden stellen“, sprach Gawan zu seinem Pferd, legte die Lanze waagerecht auf den Sattelknauf und spornte seinen Klepper. Wie er erwartet hatte, hielt das Pferd dem Anprall nicht stand. Die Speere beider Männer zerbrachen, und Gawan stürzte mit dem Roß zu Boden. Er sprang schnell wieder auf die Füße, der Fremde schwang sich vom Pferd, und nun begann ein hartnäckiger Schwerterkampf, der kein Ende nehmen wollte. Schließlich wurde es Gawan langweilig. Als sein Gegner eben sein Schwert hob, bückte er sich, unterlief den anderen, packte ihn mit beiden Armen, schwang ihn hoch durch die Luft und legte ihn auf die Erde. Er kniete sich über ihn und forderte das Friedensgelöbnis. Herr Lischois hieß der Ritter, den Gawan bezwungen hatte, und Herr Lischois war noch nie besiegt worden. Mit den Zähnen knirschend zischte er: „Ich gebe keine erzwungene Sicherheit! Nehmt mein Leben – Frieden gelobe ich nicht! Ich habe meinen Ruhm als der Unbesiegbare
verloren – nun ist es mir gleich, ob ich sterbe!“ Das war Gawan nicht recht. „Wozu soll ich diesen Mann töten? Was für Ehre bringt es mir ein, wenn ich ihn erschlage?“ Schließlich ließ er ihn sich aufsetzen, ohne daß der Unterlegene geschworen hatte. Da saßen sie nun und wußten nicht, wie es nun weitergehen sollte. Plötzlich kam Gawan der Gedanke an das Pferd des anderen. Er sprang auf, fing es ein, schwang sich darauf und ließ es traben. Da merkte er, daß es sein eigenes Roß war, das ihm der Ritter Urians kürzlich gestohlen hatte! So hatte sich der Dieb nicht lange daran freuen können, Lischois mußte es ihm wieder abgenommen haben. Aber kaum saß Gawan zu Pferde, als sein Gegner aufsprang, das Schwert ergriff und sich von neuem auf Gawan stürzte. Da kam es zu einem zweiten Schwerterkampf, so wild und hartnäckig wie der erste, die Waffen blitzten im Sonnenschein, scharf und hell klang es, wenn die Schwerter auf Helm und Harnisch trafen. Mitten im Streit blickte Gawan auf und sah, daß die vierhundert Frauen an den Fenstern den Kampf beobachteten. Da lachte sein Herz: Von so vielen edlen Damen beim Kampf bewundert zu werden, das machte ihm Freude! Und wieder packte er, als ihm der Schwertarm müde zu werden drohte, seinen Gegner mit den Armen und zwang ihn noch einmal zu Boden. „Gebt Sicherheit!“ Aber Lischois weigerte sich wieder. „Ich habe Euch gesagt: Bringt mich um! Ihr seid stärker als ich, ich mag nicht als Besiegter zu meinen Freunden kommen. Schlagt zu!“ „Warum habt Ihr mich eigentlich angegriffen?“ wollte Gawan wissen. „Die Herrin Orgeluse schickt mir die Ritter, gegen die ich kämpfen soll. Ich streite für sie, und der letzte, den ich besiegt habe, war Ritter Urians. Ich mag Orgeluse nicht als Unterlegener unter die Augen treten. Schlagt doch endlich zu!“
Gawan richtete sich auf. Um Orgeluses wegen ließ er dem Trotzigen sein Leben. „Er oder ich – einer wird ihre Liebe erringen. Ich habe es nicht nötig, ihn deswegen umzubringen.“ Er ließ Lischois aufstehen. Sie setzten sich müde ins Gras, aber nicht nebeneinander!
Der Fährmann
Ruderschläge klangen über den Fluß, der Fährmann legte sein Boot ans Ufer, stieg an Land und kam auf Gawan zu. Er trug einen Sperber auf der Hand. Gawan erkannte, daß der Fährmann ein wohlerzogener, edler Mann war, und dankte ihm freundlich für seinen Gruß. „Herr“, begann der Fährmann, „Ihr habt einen guten Kampf bestanden. Das können die Frauen im Schloß bezeugen. Noch nie ist der tapfere Ritter Lischois besiegt worden, obgleich die Frauen schon vielen Kämpfen zugesehen haben, die er hier für die Herrin Orgeluse bestanden hat. Nun gebt mir bitte, was mir gehört: Wenn hier auf dem Platz vor der Fährstelle ein Zweikampf ausgefochten wird, steht mir das Pferd des Besiegten zu. Das ist mein Recht, und noch niemand hat es mir verweigert. So gebt mir also das Pferd des Herrn Lischois!“ „Nein“, brummte Gawan, „das Pferd bekommt Ihr nicht. Es gehört nämlich nicht Herrn Lischois, sondern er hat es einem Ritter abgewonnen, der es mir gestohlen hatte. Es ist also mein eigenes Roß. Wenn Ihr wollt, nehmt den Klepper, der da hinten so trübselig steht und zum erstenmal in seinem Pferdeleben einen Kampf bestehen mußte. Den könnt Ihr haben.“
Der Fährmann weigerte sich, die arme Mähre mitzunehmen. Schließlich hatte Gawan einen besseren Gedanken: „Den Ritter Lischois, den Ihr so preist, könnt Ihr haben. Nehmt ihn statt des Pferdes, auf dem er saß! Mir ist es gleich, ob es ihn freut oder ärgert – nehmt ihn nur.“ Da freute sich der Fährmann: „Eine so reiche Gabe habe ich noch nie erhalten! Das Lösegeld, das man mir für ihn bieten wird, wiegt sicher fünfhundert Pferde auf! Aber Ihr müßt mir helfen: Bringt mir mein Pfand in mein Boot, denn freiwillig wird Herr Lischois sicher nicht einsteigen.“ „Gut, ich schaffe ihn in Euer Boot, drüben wieder an Land und als Euren Gefangenen in Euer Haus.“ „Dann bitte ich Euch, mein Gast zu sein. Ihr kommt in kein geringes Haus, denn ich war einst Ritter wie Ihr, habe aber mein Hab und Gut verloren. Mir ist nichts geblieben als der Sperber, mit dem ich mir ein paar Vögel für eine Mahlzeit erjage, und das Recht auf die Pferde der auf diesem Feld besiegten Ritter. Aber ich werde Euch gern aufnehmen.“ Gawan dankte: „Ruhe ist mir sehr willkommen, ich habe große Mühe hinter mir, und diejenige, um derentwillen ich sie ertragen mußte, hat sich mir entzogen. Laßt mich bei Euch ausruhen.“ Der Fährmann ahnte, welche Dame Gawan den Kummer angetan hatte, und sah viele Gefahren für ihn kommen. „Herr, in diesem Land ist alles anders, als Ihr es erwartet. Ihr wißt vielleicht nicht, daß Ihr jetzt in ein seltsames Gebiet gekommen seid, das voller abenteuerlicher Dinge steckt. Es ist das Reich von Klinschor, dem Zaubermächtigen. Und nun kommt mit mir.“ Herr Lischois ließ sich geduldig an Gawans Hand zum Boot führen. Das Haus des Fährmanns lag stattlich und fest am anderen Flußufer.
Der Gastgeber rief seine Söhne, damit sie Gawans Pferd versorgten, und seine junge Tochter Bene, die die Ritter ins Haus führte und ihnen die Rüstungen abnahm. Alles war reinlich und hübsch, der Fußboden mit Binsen belegt. Seufzend ließ sich Herr Gawan auf die weichen Kissen nieder, die man für ihn geholt hatte, und hungrig wartete er auf das Essen, als die Knaben Tisch und Tischgerät – alles von guter Art – gebracht hatten. Gawan bat, daß Jungfer Bene mit ihm speisen dürfe, und gern setzte sich das errötende Mädchen zum Gast. Aber zeugten auch Kissen, Decken und Tischgerät vom einstigen Reichtum des Fährmanns, so blieb doch das Mahl bescheidener, als es Herr Gawan gewohnt war: Kräuter, Salate in Essig trug man ihm auf, und das war keine Speise, die man in Ritterburgen und an Königshöfen schätzte! Drei kleine Lerchen hatte der Sperber erjagt, die setzte man Herrn Gawan vor. Da bat Bene: „Herr, wenn es Euch recht ist, gebt meiner Mutter eine davon! Sie hat heute noch kein Fleisch gegessen!“ „Einem so hübschen Mädchen erfülle ich gern jede Bitte“, antwortete Gawan höflich, und die Hausfrau dankte herzlich für die Gabe. Nach dem Essen brachte man lange, dicke Federkissen zum Nachtlager, bedeckte sie mit Samt und Seidenstoffen und legte ein schneeweißes Leinentuch darüber. Zum Zudecken erhielt Gawan den neuen Mantel des Mädchens, der war aus Hermelin. Gawan hätte in dieser Nacht auch auf einem weniger liebevoll bereiteten Lager gut geschlafen, so müde war er. Doch in aller Frühe wurde er wach, stand auf und ging leise vor die Tür. Vor ihm erhob sich die Burg – und im ersten Frühlicht sah er die vielen Frauen hinter den Fenstern stehen und hinausblicken. „Schlafen sie denn nie?“ dachte Gawan. „Wer hat sie wohl alle hierhergebracht? Was tun sie in der
Burg? Etwas so Sonderbares habe ich nie erlebt und nie davon vernommen.“ Da alles im Hause des Fährmanns still blieb, legte er sich noch einmal hin und schlief bald fest ein.
Er erwachte von einem leichten Geräusch und erblickte Bene, die sich neben seinem Lager niedergelassen hatte und ihn freundlich ansah. „Ich wollte Euch gleich zu Diensten sein, wenn Ihr aufwachtet“, sagte sie. „Habt Ihr einen Wunsch, den ich Euch erfüllen kann?“ „Ja. Erzählt mir vom Schloß. Was hat es damit auf sich? Was tun die vielen Frauen, die nie zu schlafen scheinen?“ „Ach Herr, jeden Wunsch will ich Euch gern erfüllen, aber fordert nicht, daß ich Euch davon berichte.“ Gawan drang in sie und bat immer wieder, ihm doch davon zu erzählen. Aber Bene schluchzte nur und brachte kein Wort heraus. Das Weinen hörte der Fährmann, er trat ins Zimmer und fragte, was es gäbe. Da bat ihn Gawan, ihm von dem seltsamen Schloß zu erzählen, doch der Fährmann schwieg, und Bene weinte lauter. „Nun sagt mir doch, warum so viele schöne Frauen von jener Burg herabblicken! Ich möchte wissen, ob sie freiwillig dort sind – wenn sie traurige Tage verbringen, kann ich sie vielleicht befreien.“ „Ach, daß Ihr fragt! Warum müßt Ihr es wissen? Es wird Euch keine Freude machen!“ Aber Gawan bestand darauf, alles zu hören, und schließlich willigte der Fährmann ein. „Herr, viele Ritter haben vor Euch gefragt und sind danach in schwere Gefahr gekommen, ja, die meisten haben ihr Leben dabei verloren. Was für Abenteuer Ihr auch immer bestanden habt – hier erwartet Euch eines, das schlimmer und gefährlicher als alle anderen ist! Terremarveile
heißt das Land – Zauberland. Die Burg trägt den Namen Schastelmarveile – die Zauberburg, und das, was Euch das Leben rauben kann, ist das Zauberbett Litmarveile. Das Land gehört dem Zauberer Klinschor, dessen Macht die vierhundert Frauen, Jungfrauen, Mütter und ehrbare Ehefrauen hierhergezwungen hat. Sie müssen auf dem Zauberberg leben, nie dürfen sie das Schloß verlassen, nie mit einem Mann sprechen. Wer sie erlöst, dem gehört Schloß und Land, Klinschor überläßt es dem Befreier. Aber noch keiner vermochte den Zauber zu brechen, jeder verlor das Leben, der das Zauberbett sah. Ich weiß nicht, wie es dort zugeht, ich weiß nur, daß es das Leben kostet, sich dem Wunderbett zu nähern.“ „So beklage ich die edlen Frauen, die dort gefangen sind. Und ich will sie befreien.“ Bene jammerte, der Fährmann sah Gawan düster an: „Herr, laßt ab davon! Ihr seid so jung! Hätte Euch Orgeluse nicht hierhin gebracht, dann hättet Ihr nie etwas von Terremarveile gehört – vergeßt es, reitet davon!“ Aber Gawan brannte auf das Abenteuer. „Vielleicht gewinne ich auf diese Weise Orgeluse“, dachte er bei sich. Als der Fährmann erkannte, daß sich Gawan nicht abschrecken ließ, beschloß er, ihm wenigstens zu helfen. „Nehmt hier diesen Schild! Er ist zwar alt und ungefüge, aber der stärkste, den Ihr je in der Hand gehalten habt. Laßt ihn nie von Euch, und legt Euer Schwert nicht aus der Hand, was auch immer kommen mag! Reitet bis zum Tor, da hat ein Krämer seine Waren zum Verkauf aufgestellt. Bei ihm könnt Ihr Euer Pferd lassen. Kauft ihm irgend etwas ab und laßt Euer Pferd als Pfand für die Bezahlung – dann wird er es gut hüten!“ „Aber warum soll ich denn nicht in die Burg einreiten?“ „Die Frauen sollen Euch nicht erblicken, Ihr müßt heimlich kommen. Ihr werdet auch keinen Menschen dort oben sehen.
Und vergeßt nicht: Schild und Schwert dürft Ihr nie ablegen! Wenn Ihr meint, daß die Gefahr überstanden ist, beginnt sie erst wirklich!“ Gawan bat um seinen Harnisch, und die weinende Bene half ihm, sich zu wappnen.
In der Zauberburg
Gawan ritt zur Burg und traf unterwegs keinen Menschen außer dem Krämer, der vor dem Tor seine Waren unter einem Zeltdach ausgebreitet hatte. Solche prächtigen Dinge, wie hier zum Verkauf angeboten wurden, hatte Gawan noch nie beisammen gesehen: Kostbarer Schmuck, goldene und silberne Becher und Schalen, Gewänder aus bestickten Seidenstoffen, die aus fernen Ländern kamen. Verwundert fragte Gawan: „Ihr sitzt hier ganz allein und bietet so prachtvolle Dinge an? Wer kauft sie Euch ab? Laßt mich eine Gürtelschließe sehen, die nicht allzu kostbar ist, ich möchte sie wohl kaufen.“ Der Krämer betrachtete den Ritter mit großer Aufmerksamkeit. „Herr, wenn Ihr in die Burg reiten wollt, um ein Abenteuer zu bestehen, kann es wohl sein, daß Ihr nicht zurückkommt. Dann ist Euer Pferd mein. Wenn Ihr aber Glück habt und das Schloß erlöst, gehört Euch alles – auch meine Waren. Ohne die geringste Bezahlung könnt Ihr dann alles mit Euch führen. Laßt Euer Pferd also bei mir.“ Gawan ließ das Pferd beim Krämer und schleppte seinen schweren Schild zu Fuß durch die Burgtore. Mächtige Mauern schützten das Schloß, Türme blickten weit ins Land, ein riesiger Rasenplatz dehnte sich zwischen den einzelnen Gebäuden aus, und darüber funkelte das Dach des größten Hauses in allen Farben des Pfauengefieders. Gawan betrat den weiten Saal, in dem er
ebenfalls keinen Menschen erblickte. Aber überall lagen noch die weichen Kissen, auf denen die vierhundert Frauen gesessen hatten, bevor sie bei seinem Nahen verschwunden waren. Er betrachtete die hochgewölbte Decke, die gemeißelten Säulen, die breiten Fensternischen. „Aber alle Schönheit und Pracht kann nicht über Gefangenschaft trösten“, dachte er. Eine Tür stand offen, Gawan ging hindurch und kam in ein Gemach, in dem nichts als ein Bett stand. Aber was für ein Bett! Es ruhte auf vier Rädern, die aus Rubinen zusammengesetzt waren. Und der Fußboden des Raums war aus Edelsteinen gefügt, so schimmernd glatt, daß sich Gawan mit Mühe auf den Beinen hielt.
Er ging auf das Bett zu – da rollte es von ihm fort; er hinterher – das Bett rollte weiter, und je schneller er ihm nachlief, um so rascher sauste es über den blanken Boden. Schließlich machte Gawan einen gewaltigen Satz und sprang mit Schild und Schwert auf das Wunderbett. Nun aber geriet es erst recht in Fahrt! Es brauste durchs Zimmer, stieß mit Gewalt gegen die Wände, drehte sich wie in Kreisel rasend herum – und Gawan saß drauf und klammerte sich fest. Ihm brach der Schweiß aus: So eine tolle Fahrt hatte er noch nie gemacht! Dabei krachte, dröhnte und hallte es wie der schlimmste Donner, so daß ihm fast Hören und Sehen verging. Schließlich dachte er: „Nun mach, was du willst! Ein rechtschaffener Mann läßt sich durch ein Bett nicht aus der Ruhe bringen!“ Es gelang ihm, sich auszustrecken, den schweren Schild zog er wie eine Decke über sich. Sofort stand das Bett, das Getöse war mit einem Schlage vorbei, tiefe Stille breitete sich aus. Gawan wollte aufatmen, da prasselten plötzlich fünfhundert große harte Steine auf ihn herunter, dröhnten auf den Schild auf und schlugen ihm blaue Flecke am ganzen Körper. Danach sausten fünfhundert scharfe Pfeile auf ihn herab, und jeder traf, jeder drang durch den Schild und klirrte an den Ringen seiner Rüstung. Doch der Schild schütze ihn so, daß kein Pfeil ihn ernstlich verwundete. Wieder trat Stille ein, und Gawan glaubte schon, das Ärgste überwunden zu haben. „Soll ich hier nur etwas erleiden und nicht kämpfen? Nun, mir ist es recht.“ Da öffnete sich die Tür, ein riesiger Kerl mit einer gewaltigen Keule tapste in den Raum, stellte sich vor Gawan und hob seine Waffe. Flink setzte sich der Ritter auf und zog das Schwert. Aber der Kerl brummte nur dumpf: „Mit mir hast du nicht zu kämpfen. Ich schicke dir etwas anderes, das dir den Garaus macht!“ Dann verschwand er wieder durch die Tür. Plötzlich hörte Gawan lautes Fauchen. „Was ist das nun wieder? Wahrhaftig, ich muß zugeben, hier in der Zauberburg
gibt es sonderbare Dinge! Wie gut, daß ich den festen Schild vom Fährmann bekam!“ Durch die Tür, aus der der große Kerl gekommen war, raste jetzt ein Löwe – riesig wie ein Pferd. Gawan sprang auf und hielt dem Tier den Schild entgegen. Der Löwe schlug zu – seine Tatze fuhr durch den Schild hindurch, mit solcher Kraft hatte sie zugestoßen! Gawan hieb die Tatze ab – auf drei Beinen sprang die blutende Bestie auf ihn los. Hin und her ging der wilde Kampf, Blut ergoß sich über den schönen Boden, kaum sah Gawan, wohin er traf. Da richtete sich der Löwe hoch auf und wollte sich auf ihn stürzen – und in demselben Augenblick stieß ihm Gawan das Schwert durch die Brust, so daß das Tier tot zu Boden sank. Aber auch Gawans Kraft war erschöpft, er fiel auf den toten Löwen und blieb dort liegen. So lag er eine Weile ohne Bewußtsein. Da öffnete sich leise die Tür, ein blonder Mädchenkopf schaute herein, ein zweiter erschien, und vorsichtig, zögernd, schaudernd vor all dem Blut traten zwei junge Mädchen ins Zimmer: Sie waren von den Frauen geschickt, sich nach dem Ritter umzusehen, denn wenn sich die Gefangenen auch nicht blicken lassen durften, so wußten sie doch, daß ein Held zu ihrer Befreiung mit dem Zauberbett kämpfte, und voller Angst und Hoffnung zugleich hatten sie auf das Ende des Getöses gewartet. Die beiden Mädchen näherten sich vorsichtig dem hingestreckten Mann, banden ihm den Helm ab und erkannten, daß er noch lebte. Sie holten klares Wasser und gossen es ihm vorsichtig zwischen die Zähne – da schlug er die Augen auf, sah die Mädchen an und versuchte zu lächeln: „Es ist mir nicht recht, daß ihr mich hier so hingestreckt findet! Mir scheint, das ziemt sich kaum für einen Fremden!“ Aber sie lachten: „Herr, Ihr habt heute den größten Preis errungen, den eines Ritters Tapferkeit gewinnen konnte! Hoffentlich sind Eure Wunden
nicht so schlimm, daß wir Euch nicht heilen könnten!“ Gawan sagte: „Muß ich noch weiterkämpfen? Dann bindet mir den Helm wieder zu!“ „Nein, Herr, den Kampf habt Ihr bestanden. Es sind vier Königinnen hier im Schloß, die haben uns hergeschickt. Wir wollen ihnen berichten, daß Ihr lebt – sie werden Euch pflegen und gesundmachen!“ Als die älteste Königin vernahm, daß der Ritter noch lebte, hob sie glücklich die Hände zum Himmel: „Jetzt hat unsere Gefangenschaft ein Ende! Aber sagt mir, Mädchen, daß seine Wunden nicht tödlich sind! Denn wenn er stirbt, werden wir alle erschlagen, dann ist unsere Erlösung verta