Niklas Luhmann Die Gesellschaft der Gesellschaft suhrkamp taschenbuch Wissenschaft
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Niklas Luhmann Die Gesellschaft der Gesellschaft suhrkamp taschenbuch Wissenschaft
suhrkamp taschenbuch Wissenschaft 1360
M i t s o u v e r ä n e r K o n s e q u e n z u n d U m s i c h t hat N i k l a s L u h m a n n i n den letzten drei J a h r z e h n t e n an einer T h e o r i e der Gesellschaft gearbeitet, die er n u n mit Die
Gesellschaft der Gesellschaft v o r l e g t .
Seit den Klassikern, also seit etwa 1 0 0 J a h r e n , h a t die Soziologie in der Gesellschaftstheorie keine nennenswerten F o r t s c h r i t t e gemacht. In der N a c h f o l g e des Ideologiestreits des 1 9 . J a h r h u n d e r t s , den m a n eigentlich vermeiden w o l l t e , w u r d e die P a r a d o x i e d e r K o m m u n i k a t i o n über G e sellschaft in der Gesellschaft aufgelöst m i t F o r m e l n w i e strukturalistisch/prozessualistisch, H e r r s c h a f t / K o n f l i k t , affirmativ/kritisch, k o n servativ/progressiv. Sicherlich hat die S o z i o l o g i e in vielen Bereichen s o w o h l methodisch als auch theoretisch u n d v o r allem in Hinblick auf die A n s a m m l u n g empirischen W i s s e n s viel geleistet - aber die Beschreib u n g der Gesamtgesellschaft hat sie gleichsam ausgespart. Niklas
Luhmann
hat u . a .
einer allgemeinen
Theorie,
der Gesellschaft,
1 9 8 8 und
veröffentlicht:
1 9 8 4 und
1987
1 9 9 4 (stw
Soziale (stw
Systeme.
Grundriß
6 6 6 ) ; Die
Wirtschaft
1 1 5 2 ) ; Die
Wissenschaft der Ge-
sellschaft, 1 9 9 0 und 1 9 9 2 (stw 1 0 0 1 ) ; Das Recht der Gesellschaft, 1 9 9 3 und
1995
(stw
1303).
(stw
1 1 8 3 ) ; Die Kunst
der
Gesellschaft,
1995
und
1997
Niklas Luhmann Die Gesellschaft der Gesellschaft
Suhrkamp
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei Der Deutschen Bibliothek erhältlich. suhrkamp taschenbuch Wissenschaft 1360 Erste Auflage 1998 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997 Suhrkamp Taschenbuch Verlag Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden Printed in Germany Umschlag nach Entwürfen von Willy Fleckhaus und Rolf Staudt 3
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5
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8 - 06 05
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03
02 01
Kapitel 1 - 3
Inhalt ERSTER TEILBAND
Vorwort
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K a p i t e l i: Gesellschaft als soziales S y s t e m I. II. III. IV. V. VI. VII. VIII. IX. X. XL
Die Gesellschaftstheorie der Soziologie . . . . . 16 Methodologische Vorbemerkung 36 Sinn 44 Die Unterscheidung von System und U m w e l t . . 60 Gesellschaft als umfassendes Sozialsystem . . . . 78 Operative Schließung und strukturelle Kopplungen 92 Kognition 120 Ökologische Probleme 128 Komplexität 134 Weltgesellschaft 145 Ansprüche an Rationalität 171
Kapitel 2: Kommunikationsmedien I. II. III. IV. V. VI. VII. VIII. IX. X. XI.
Medium und Form Verbreitungsmedien und Erfolgsmedien Sprache Geheimnisse der Religion und die Moral Schrift Buchdruck . Elektronische Medien . Verbreitungsmedien: Zusammenfassung Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien I: Funktion Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien II: Differenzierung Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien III: Strukturen
190 202 205 230 249 291 302 312 316 332 359
XII. XIII. XIV.
Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien IV: Selbstvalidierung Moralische Kommunikation Auswirkungen auf die Evolution des Gesellschaftssystems
393 396 405
Kapitel 3: Evolution I. II. III. IV. V. VI. VII. VIII. IX. X. XI. XII. XIII.
Schöpfung, Planung, Evolution 413 Systemtheoretische Grundlagen 431 Neo-darwinistische Theorie der Evolution . . . . 4 j 1 Variation der Elemente 456 Selektion durch Medien 473 Restabilisierung der Systeme 485 Die Differenzierung von Variation, Selektion und Restabilisierung 498 Evolutionäre Errungenschaften 505 Technik 517 Ideenevolutionen 536 Teilsystemevolutionen 557 Evolution und Geschichte 569 Gedächtnis 576
ZWEITER TEILBAND
Kapitel 4: Differenzierung I. II. III. IV. V. VI. VII. VIII. IX. X. XI. 8
Systemdifferenzierung . 595 Formen der Systemdifferenzierung 609 Inklusion und Exklusion 618 Segmentäre Gesellschaften 634 Zentrum und Peripherie 663 Stratifizierte Gesellschaften 678 Ausdifferenzierung von Funktionssystemen . . . 707 Funktional differenzierte Gesellschaft 743 Autonomie und strukturelle Kopplung 776 Irritationen und Werte 789 Gesellschaftliche Folgen 801
XII. XIII. XIV. XV.
Globalisierung und Regionalisierung Interaktion und Gesellschaft Organisation und Gesellschaft Protestbewegungen
806 813 826 847
Kapitel 5: Selbstbeschreibungen I. II. III. IV. V.
Die Erreichbarkeit der Gesellschaft Weder Subjekt noch Objekt Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung . . . Die Semantik Alteuropas I: Ontologie Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile VI. Die Semantik Alteuropas I I I : Politik und Ethik VII. Die Semantik Alteuropas IV: Die Schultradition VIII. Die Semantik Alteuropas V: Von Barbarei zu Selbstkritik IX. Die Reflexionstheorien der Funktionssysteme . X. Gegensätze in der Medien-Semantik XI. Natur und Semantik XII. Temporalisierungen XIII. Die Flucht ins Subjekt XIV. Die Universalisierung der Moral XV. Die Unterscheidung von »Nationen« XVI. Klassengesellschaft X V I I . Die Paradoxic der Identität und ihre Entfaltung durch Unterscheidungen X V I I I . Modernisierung XIX. Information und Risiko als Beschreibungsformeln XX. Die Massenmedien und ihre Selektion von Selbstbeschreibungen XXI. Invisibilisierungen: Der »unmarked State« des Beobachters und seine Verschiebungen X X I I . Reflektierte Autologie: Die soziologische B e schreibung der Gesellschaft in der Gesellschaft X X I I I . Die sogenannte Postmoderne Register
866 868 879 893 912 931 950 954 958 984 989 997 ioié 1036 1045 105 j 1061 1082 1088 1096 1109 1128 114} 115
1
9
Id quod per aliud non potest concipi, per se concipi debet. Spinoza, Ethica I, Axiomata II.
Vorwort
Bei meiner Aufnahme in die 1969 gegründete Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld fand ich mich konfrontiert mit der Aufforderung, Forschungsprojekte zu benennen, an denen ich arbeite. Mein Projekt lautete damals und seitdem: Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine. Die Schwierigkeiten des Projekts waren, was die Laufzeit angeht, realistisch eingeschätzt worden. Die Literaturlage in der Soziologie bot damals wenig Anhaltspunkte dafür, ein solches Projekt überhaupt für möglich zu halten. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Ambition einer Theorie der Gesellschaft durch neomarxistische Vorgaben blockiert war. Der kurz darauf veröffentlichte Band einer Diskussion mit Jürgen Habermas trug den Titel: »Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie: Was leistet die Systemforschung?«. Die Ironie dieses Titels lag darin, daß keiner der Autoren sich für Sozialtechnologie stark machen wollte, aber Meinungsverschiedenheiten darüber bestanden, wie eine Theorie der Gesellschaft auszusehen habe; und es hat symptomatische Bedeutung, daß der Platz einer Theorie der Gesellschaft in der öffentlichen Wahrnehmung zunächst nicht durch eine Theorie, sondern durch eine Kontroverse eingenommen wurde. Für die Theorie der Gesellschaft war von Anfang an an eine Publikation gedacht gewesen, die aus drei Teilen bestehen sollte: einem systemtheoretischen Einleitungskapitel, einer Darstellung des Gesellschaftssystems und einem dritten Teil mit einer Darstellung der wichtigsten Funktionssysteme der Gesellschaft. Bei diesem Grundkonzept ist es geblieben, aber die Vorstellungen über den Umfang mußten mehrfach korrigiert werden. Im Jahre 1984 konnte ich das '»Einleitungskapitel« in der Form eines Buches unter dem Titel »Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie« publizieren. Im Kern ging es darum, das Konzept der selbstreferentiellen Operationsweise auf die Theorie sozialer Systeme zu übertragen. Daran hat sich nichts Wesentliches geändert, obwohl die Fortschritte im Bereich der allgemeinen Systemtheorie und des erkenntnistheoretischen Konstruktivismus immer wieder Möglichkeiten zu weiteren
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Ausarbeitungen boten. Einige Beiträge dazu sind in Aufsatzsammlungen unter dem Titel »Soziologische Aufklärung« publiziert. Anderes ist nur in Manuskriptform vorhanden oder in den Teil i der folgenden Publikation eingegangen. Seit den frühen 8oer Jahren wurde zunehmend klar, welche B e deutung die Vergleichbarkeit der Funktionssysteme für die G e sellschaftstheorie hat. Dies war bereits ein Grundgedanke der Theoriekonstruktion von Talcott Parsons gewesen. Das theoretische Gewicht von Vergleichbarkeit nimmt noch zu, wenn man konzedieren muß, daß es nicht gelingen kann, die Gesellschaft aus einem Prinzip oder einer Grundnorm zu deduzieren - sei es in alter Weise Gerechtigkeit, sei es Solidarität, sei es vernünftiger Konsens. Denn auch diejenigen, die solche Prinzipien nicht anerkennen oder gegen sie verstoßen, tragen ja zu gesellschaftlichen Operationen bei, und die Gesellschaft selbst muß dieser Möglichkeit Rechnung tragen. Andererseits kann es kein Zufall sein, wenn sich zeigen läßt, daß sehr heterogene Funktionsbereiche wie Wissenschaft und Recht, Wirtschaft und Politik, Massenmedien und Intimbeziehungen vergleichbare Strukturen ausweisen - allein deshalb schon, weil ihre Ausdifferenzierung Systembildung erfordert. Aber läßt es sich zeigen? Parsons hatte dies über die Analytik des Begriffs der Handlung zu garantieren versucht. Wenn die Ausarbeitung dieses Gedankens nicht überzeugt, bleibt nur die Möglichkeit, Theorien für die einzelnen Funktionssysteme auszuarbeiten und dabei auszuprobieren, ob man bei aller Verschiedenheit der Sachbereiche mit demselben begrifflichen Apparat arbeiten kann wie zum Beispiel: A u topoiesis und operative Schließung, Beobachtung erster und zweiter Ordnung, Selbstbeschreibung, Medium und Form, C o dierung und, orthogonal dazu, die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz als interne Struktur. Diese Überlegung hat dazu geführt, daß die Ausarbeitung von Theorien für die einzelnen Funktionssysteme vorgezogen wurde. Publiziert sind inzwischen: Die Wirtschaft der Gesellschaft (1988), Die Wissenschaft der Gesellschaft (1990), Das Recht der Gesellschaft (1993) und Die Kunst der Gesellschaft (199$). Weitere Texte dieser Art sollen folgen. Inzwischen waren aber auch die Arbeiten an der Theorie des Gesellschaftssystems fortgeschritten. Konyolute von mehreren tausend Manuskript12
zum Teil als Begleittexte für Vorlesungen, entstanden, ohne eine publizierbare Form zu gewinnen. Dann wurde meine damalige Sekretärin pensioniert und die Wiederbesetzung ihrer Stelle für viele Monate gesperrt. In dieser Situation bot mir die Universität in Lecce eine Arbeitsmöglichkeit. Ich floh also mit dem Projekt und mit den Manuskripten nach Italien. Dort entstand eine Kurzfassung der Gesellschaftstheorie, die, ins Italienische übersetzt, mehrfach durchgearbeitet u n d auf italienischen Universitätsgebrauch abgestimmt, inzwischen publiziert ist (Niklas Luhmann / Raffaele De Giorgi, Teoria della società, Milano 1992). Das damals entstandene Manuskript hat dann die Grundlage gebildet für die Vorbereitung einer umfangreicheren deutschen Ausgabe, die ich, wiederum mit einem Sekretariat versorgt, in Bielefeld vorantreiben konnte. Der hier publizierte Text ist das Resultat dieser wechselvollen Geschichte. Die ihm zugrundeliegende Systemreferenz ist das Gesellschaftssystem selbst - im Unterschied zu allen sozialen Systemen, die sich in der Gesellschaft im Vollzug gesellschaftlicher Operationen bilden; im Unterschied also zu den gesellschaftlichen Funktionssystemen, aber auch zu Interaktionssystemen, Organisationssystemen oder sozialen Bewegungen, die allesamt voraussetzen, daß sich ein Gesellschaftssystem bereits konstituiert hat. Die Leitfrage ist deshalb, welche Operation dieses System produziert und reproduziert, wenn immer sie vorkommt. Die Antwort wird in Kapitel 2 ausgearbeitet und lautet: Kommunikation. Das Verhältnis ist zirkulär zu denken: Gesellschaft ist nicht ohne Kommunikation zu denken, aber auch Kommunikation nicht ohne Gesellschaft. Fragen der Entstehung und der Morphogenese können deshalb nicht von einer Ursprungshypothese aus beantwortet werden und werden durch die These einer genuin sozialen Natur »des Menschen« mehr verdeckt als gelöst. Sie werden im 3. Kapitel einer darauf eingestellten Evolutionstheorie überantwortet. Seiten w a r e n ,
Die These einer Selbstproduktion durch Kommunikation postuliert klare Grenzen zwischen System und Umwelt. Die Reproduktion von Kommunikationen aus Kommunikationen findet in der Gesellschaft statt. Alle weiteren physikalischen, chemischen, organischen, neurophysiologischen und mentalen Bedingungen sind Umweltbedingungen. Sie können durch die 13
Gesellschaft in den Grenzen ihrer eigenen Operationsfähigkeit ausgewechselt werden. Kein Mensch ist gesellschaftlich unentbehrlich. Aber damit ist natürlich nicht behauptet, daß Kommunikation ohne Bewußtsein, ohne durchblutete Gehirne, ohne Leben, ohne gemäßigtes Klima möglich wäre. Alle Systembildungen in der Gesellschaft sind wiederum auf Kommunikation angewiesen, sonst würde man nicht sagen können, daß sie in der Gesellschaft stattfinden. Das besagt zugleich, daß die gesellschaftsinternen Systembildungen nicht an Einteilungen der Umwelt anschließen können. Das gilt schon für segmentäre Differenzierung und erst recht, über alle Zwischenstufen hinweg, für funktionale Differenzierung. In der Umwelt des Gesellschaftssystems gibt es keine Familien, keinen Adel, keine Politik, keine Wirtschaft. Das 4. Kapitel, das von Differenzierung handelt, trägt diesem Fehlen von Außenhalten Rechnung und klärt, daß die interne Differenzierung zugleich der Ausdifferenzierung des Gesellschaftssystems dient. In den Begriff der Kommunikation ist die Annahme eines reflexiven Selbstbezugs eingebaut. Die Kommunikation kommuniziert immer auch, daß sie kommuniziert. Sie mag sich retrospektiv korrigieren oder bestreiten, daß sie gemeint hatte, was sie zu meinen schien. Sie läßt sich in einer Spannweite von glaubwürdig bis unglaubwürdig durch Kommunikation interpretieren. Aber sie führt immer ein, und sei es kurzfristiges, G e dächtnis mit, das es praktisch ausschließt, zu behaupten, sie habe gar nicht stattgefunden. Retrospektiv entstehen dann Normen und Entschuldigungen, Anforderungen an Takt und an kontrafaktisches Ignorieren, mit denen die Kommunikation über gelegentliche Störungen hinweg sich selbst entgiftet. Dies dürfte der Grund dafür sein, daß es anscheinend keine G e sellschaft gibt, die nicht Vorsorge dafür trifft, daß die Kommunikation sich auch thematisch auf das Gesellschaftssystem als Rahmenbedingung ihrer eigenen Möglichkeit, als stets mitgemeinte Einheit des Zusammenhangs der Kommunikationen bezieht. Daraus hat man oft, Parsons zum Beispiel, auf die N o t wendigkeit eines Grundkonsenses, auf shared values oder auf unthematische »lebensweltliche« Übereinstimmungen geschlossen. Uns genügt das abgemagerte Konzept der Selbstbeschreibung, das auch den Fall noch einschließt, daß grundlegender
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Dissens besteht und darüber kommuniziert wird. Die Theorie der Selbstbeschreibung und ihrer historischen Variationen wird in Kapitel 5 vorgestellt. Mit dem Konzept des sich selbst beschreibenden, seine eigenen Beschreibungen enthaltenden Systems geraten w i r auf ein logisch intraktables Terrain. Eine Gesellschaft, die sich selbst beschreibt, tut dies intern, aber so, als ob es von außen wäre. Sie beobachtet sich selbst als einen Gegenstand ihrer eigenen Erkenntnis, kann aber im Vollzug der Operationen die Beobachtung selbst nicht in den Gegenstand einfließen lassen, weil dies den Gegenstand ändern und eine weitere Beobachtung erfordern würde. Sie muß offen lassen, ob sie sich von innen oder von außen beobachtet. Wenn sie auch das noch mitzusagen versucht, legt sie sich auf eine paradoxe Identität fest. Der Ausweg, den die Soziologie dafür gefunden hat, wird als »Kritik« der Gesellschaft stilisiert. Faktisch läuft das auf eine ständige Wiederbeschreibung von Beschreibungen, auf ein ständiges Einführen neuer oder Wiederbenutzen alter Metaphern hinaus, also auf »redescriptions« im Sinne von Mary Hesse. Damit können gleichwohl Einsichtsgewinne erzielt werden, auch wenn methodengestählte Forscher dies nicht als »Erklärungen« gelten lassen würden. Der hier vorgelegte Text ist selbst der Versuch einer Kommunikation. Er bemüht sich selbst um eine Beschreibung der Gesellschaft mit voller Einsicht in die skizzierte Verlegenheit. Wenn die Kommunikation einer Gesellschaftstheorie als Kommunikation gelingt, verändert sie die Beschreibung ihres Gegenstandes und damit den diese Beschreibung aufnehmenden Gegenstand. Um das von vornherein im Blick zu halten, heißt der Titel dieses Buches »Die Gesellschaft der Gesellschaft«.
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Kapitel I
Gesellschaft als soziales System
I. Die Gesellschaftstheorie der Soziologie Die folgenden Untersuchungen betreffen das Sozialsystem der modernen Gesellschaft. Ein solches Vorhaben, und darüber muß man sich als erstes Rechenschaft geben, aktualisiert eine zirkuläre Beziehung zu seinem Gegenstand. Weder steht vorab fest, um welchen Gegenstand es sich handelt. Mit dem Wort G e sellschaft verbindet sich keine eindeutige Vorstellung. Selbst das, was man üblicherweise als »sozial« bezeichnet, hat keine eindeutig objektive Referenz. N o c h kann der Versuch, die Gesellschaft zu beschreiben, außerhalb der Gesellschaft stattfinden. Er benutzt Kommunikation. Er aktiviert soziale Beziehungen. Er setzt sich in der Gesellschaft der Beobachtung aus. Wie immer man den Gegenstand definieren will: die Definiton selbst ist schon eine der Operationen des Gegenstandes. Die Beschreibung vollzieht das Beschriebene. Sie muß also im Vollzug der Beschreibung sich selber mitbeschreiben. Sie muß ihren Gegenstand als einen sich selbst beschreibenden Gegenstand erfassen. Mit einer Formulierung, die aus der logischen Analyse der Linguistik stammt, könnte man auch sagen, daß jede Gesellschaftstheorie eine »autologische« Komponente aufweisen muß. Wer das aus wissenschaftstheoretischen Gründen meint verbieten zu müssen, muß auf Gesellschaftstheorie, auf Linguistik und auf viele andere Themenbereiche verzichten. 1
Die klassische Soziologie hatte sich als Wissenschaft von sozialen Tatsachen zu etablieren versucht - Tatsachen verstanden im Unterschied zu bloßen Meinungen, Wertungen, ideologischen Voreingenommenheiten. Im Rahmen dieser Unterscheidung ist i
Lars Löfgren spricht in einem ähnlichen Sinne von »autolinguistisch« als einer F o r m , die durch die Unterscheidung von Ebenen logisch »entfaltet« werden muß. Siehe: Life as an Autolinguistic Phenomenon, in: Milan Z e leny (Hrsg.), Autopoiesis: A T h e o r y of Living Organization, N e w Y o r k 1981, S.236-249.
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daran nicht zu rütteln. Das Problem ist jedoch, daß auch die Feststellung von Tatsachen nur als Tatsache in die Welt kommen kann. Die Soziologie hätte also ihre eigene Tatsächlichkeit zu berücksichtigen. Diese Forderung bezieht sich auf ihren gesamten Forschungsbereich und ist mit einem Sonderinteresse an »Soziologie der Soziologie« nicht einzulösen. Sie sprengt, wie man heute wissen kann, die Prämissen einer zweiwertigen Logik. Das kann zwar bei der Wahl begrenzter Forschungsthemen pragmatisch außer Acht bleiben. Der Forscher versteht sich selbst als Subjekt außerhalb seines Themas. Im Bereich der Gesellschaftstheorie ist diese Auffassung jedoch nicht durchzuhalten, denn die Arbeit an einer solchen Theorie verwickelt zwangsläufig in selbstreferentielle Operationen. Sie kann nur innerhalb des Gesellschaftssystems kommuniziert werden. Die Soziologie hat sich diesem Problem bisher nicht mit der notwendigen Härte und Konsequenz gestellt. Sie hat deshalb auch keine auch nur einigermaßen zureichende Gesellschaftstheorie vorlegen können. Gegen Ende des 1 9 . Jahrhunderts hatte es nahegelegen, jede Einbindung einer Gesellschaftsbeschreibung in ihren Gegenstand als »Ideologie« wahrzunehmen und damit abzulehnen. Eine akademische Etablierung der Soziologie im Reiche der strengen Wissenschaften wäre auf dieser Basis undenkbar gewesen. Manche meinten sogar, deswegen auch auf den Gesellschaftsbegriff verzichten und sich auf eine streng formale Analyse sozialer Beziehungen beschränken zu müssen. Eine Differenzbegrifflichkeit wie Individualisierung, Differen2
3
2 Siehe etwa, im Anschluß an Gotthard Günther, Fred Pusch, Entfaltung der sozialwissenschaftlichen Rationalität durch eine
transklassische
Logik, Dortmund 1992. 3 U n d dies noch heute! Siehe Friedrich H. Tenbruck, E m i l e Dürkheim oder die G e b u r t der Gesellschaft aus dem Geist der Soziologie, Zeitschrift für Soziologie 10 ( 1 9 8 1 ) , S. 3 3 3 - 3 5 0 . Simmel spricht, um Beziehungen und D y n a m i k zu betonen, nur noch von »Vergesellschaftung«. F ü r M a x W e b e r fallen Unterschiede zwischen den Wertsphären, Lebensordnungen usw. der Gesellschaft so stark (und so »tragisch«) ins G e wicht, daß er auf ein übergreifendes Einheitskonzept ganz verzichtet. Siehe dazu Hartmann Tyrell, M a x Webers Soziologie — eine Soziologie ohne Gesellschaft', in: Gerhard Wagner / H. Zipprian ( H r s g . ) , M a x W e bers Wissenschaftslehre, Frankfurt (im Druck).
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zierung schien zu genügen, um das Forschungsinteresse der Soziologie zu markieren. Andere, Dürkheim vor allem, hielten eine streng positive Wissenschaft von den »sozialen Tatsachen« und von der Gesellschaft als Bedingung ihrer Möglichkeit für durchführbar. Wieder andere begnügten sich mit der Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften und mit einer historischen Relätivierung aller Gesellschaftsbeschreibungen. Wie immer die Ausführungen im einzelnen: generell sah man sich aus erkenntnistheoretischen Gründen an die Unterscheidung von Subjekt und Objekt gebunden und konnte hier dann nur zwischen einer szientistisch naiven oder einer transzendentaltheoretisch reflektierten Position wählen. Viele Merkwürdigkeiten der heute klassischen Soziologien muß man der Begrenztheit dieses Auswahlschemas zurechnen und dem Versuch, trotzdem zurechtzukommen. Das gilt für die seltsamen Verbindungen von Transzendentalismus und Sozialpsychologie, die man bei Georg Simmel findet. Das gilt für den werttheoretischen Handlungsbegriff Max Webers, eine Anleihe beim Neokantianismus. Das gilt für Schelskys Forderung einer »transzendentalen Theorie der Gesellschaft«, die mit den normalen empirischen Methoden nicht erreichbar sei, die sich aber mit dem Begriff des »Transzendentalen« auf das einzelne Subjekt festlegte und so nicht weiterkam. Diese Positionen sind heute allenfalls noch für die Klassikerexegese von Interesse. J e denfalls hat aber die klassische Soziologie trotz dieser fraglosen Bindung an das Subjekt/Objekt-Schema und trotz des damit unlösbaren Gegenstandsproblems bis heute die einzige-Gesellschaftsbeschreibung vorgelegt. Das erklärt vielleicht am besten die Dauerfaszination, die noch heute von den soziologischen Klassikern ausgeht und sie im strengen Sinne zu scheinbar zeitenthobenen Texten hat werden lassen. Fast alle Theorieanstrengungen gelten heute dem Rückblick und der Rekonstruktion. Es lohnt sich daher zu fragen, wie dieser Erfolg möglich war. Ohne Anerkennung eines zirkulären Verhältnisses zum Gegenstand! So viel steht fest. Die Lösung, die den Klassikern das Pro4
4 Siehe H e l m u t Schelsky, Ortsbestimmung der deutschen Soziologie ( 1 9 5 9 ) , 3. A u f l . Düsseldorf 1 9 6 7 , S. 93 ff. V g l . auch Horst Baier, Soziologie als Aufklärung - oder die Vertreibung der Transzendenz aus der G e sellschaft, Konstanz 1 9 8 9 .
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blem zugleich verdeckte, lag in einer historischen Selbstverortung, also in der Auflösung des Zirkels durch eine historische Differenz, in der die Theorie sich selbst historisch (aber eben: nur historisch) festlegen kann. Die beginnende Soziologie reagiert auf die strukturellen und die semantischen Probleme, die im 1 9 . Jahrhundert sichtbar geworden waren, und sie weiß das. Auch wo ihre Begriffe abstrakt formuliert sind, ziehen sie ihre Plausibilität aus der historischen Situation. Man hat das Ende des Fortschrittsvertrauens zu akzeptieren und ersetzt die Annahme einer bei allen Kosten positiven Entwicklung durch strukturelle Analysen, vor allem durch Analysen der sozialen Differenzierung, der Organisationsabhängigkeiten, der Rollenstrukturen. Der auf die Wirtschaft konzentrierte (»politökonomische«) Gesellschaftsbegriff, der seit den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts gegolten hatte, kann damit aufgegeben werden. Das eröffnet die Kontroverse zwischen Vertretern einer mehr materiellen (ökonomischen) und einer mehr geistigen (kulturellen) Determination der Gesellschaft. Zugleich wird die Stellung des Individuums in der modernen Gesellschaft zum Zentralproblem - gewissermaßen zum Bezugsproblem, von dem aus die Gesellschaft insgesamt skeptisch beurteilt und nicht mehr ohne weiteres als fortschrittlich gewertet werden kann. Begriffe wie Sozialisation und Rolle markieren den Bedarf einer theoretischen Vermittlung zwischen »Individuum« und »Gesellschaft«. Neben der historischen Differenz übernimmt diese Unterscheidung von »Individuum« und »Gesellschaft« eine theorietragende Funktion. Aber ebensowenig wie im Falle der Geschichte kann hier die Frage nach der Einheit der Unterscheidung gestellt werden. Die Frage, was denn die Geschichte sei, wird methodisch verboten , und das Problem, was denn die Einheit der Differenz von Individuum und Gesellschaft sei, wird nicht einmal als Problem erkannt, weil man mit der gesamten Tradition davon ausgeht, daß die Gesellschaft aus Individuen bestehe. Dies ist denn auch die Basis für eine »kritische« Gesellschaftsanalyse, die man nicht dadurch »dekonstruieren« mag, daß man die Frage nach der Einheit der Differenz von Individuum und Gesellschaft stellt. Bei Max Weber schließlich schlägt 5
j
D a z u Friedrich H. Tenbruck, Geschichte und Gesellschaft, Berlin 1 9 8 6 .
19
die mit einer solchen Theorieanlage ermöglichte Skepsis bis in die Beurteilung des modernen, okzidentalen Rationalismus durch. Man darf wohl auch daran erinnern, daß gleichzeitig eine Literatur entsteht, die vorführt, daß das moderne Individuum weder in der Gesellschaft noch außerhalb der Gesellschaft eine sichere Grundlage für Selbstbeobachtung, Selbstverwirklichung oder, wie es dann modisch heißen wird, für seine »Identität« finden kann. Man denke an Flaubert, an Mallarmé, an HenryAdams, an Antonin Artaud, um nur einige zu nennen. Seit den Klassikern, seit etwa 100 Jahren also, hat die Soziologie in der Gesellschaftstheorie keine nennenswerten Fortschritte gemacht. In der Nachfolge des Ideologiestreites des 19. Jahrhunderts, den man eigentlich vermeiden wollte, wurde die Paradoxie der Kommunikation über Gesellschaft in der Gesellschaft in Theoriekontroversen aufgelöst mit Formeln wie strukturalistisch/prozessualistisch, Herrschaft/Konflikt, affirmativ/kritisch oder gar konservativ/progressiv. Da aber die Behauptung einer eigenen Position innerhalb solcher »frames« eine Auseinandersetzung mit der Gegenposition, also den Einschluß des Ausschließens erfordert, blieb auch die Option für die eine und nicht die andere Seite jeweils mit Paradoxie infiziert, und die Form der Paradoxieentfaltung durch Kontroversen konnte nur überzeugen, solange ihr ein politischer Sinn zugeordnet werden konnte. Das gelingt jedoch angesichts der Eigendynamik des politischen Systems immer weniger überzeugend, auch wenn Intellektuelle dieses Spiel weiterspielen. Sicherlich hat die Soziologie in anderen Bereichen sowohl methodisch als auch theoretisch und vor allem im Hinblick auf die Ansammlung empirischen Wissens viel geleistet, hat aber die Beschreibung der Gesamtgesellschaft gleichsam ausgespart. Vermutlich hängt dies mit der Selbstverpflichtung auf die Subjekt/Objekt-Unterscheidung zusammen. Z w a r gibt es Spezialforschungen über eine 6
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6 V g l . Peter Bürger, Prosa der Moderne, Frankfurt 1 9 8 8 . 7 Daß es sich hierbei um Entfaltung einer Paradoxie handelt, w i r d heute jedenfalls für Organisationstheorien durchaus gesehen. Siehe Robert E. Q u i n n / K i m S. C a m e r o n (Hrsg.), Paradox and Transformation: T o w a r d a T h e o r y of C h a n g e in Organization and Management, Cambridge Mass. 1 9 8 8 , insb. den Beitrag von A n d r e w H. Van de V e n und Marshall Scott Poole.
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»Soziologie der Soziologie«, und es gibt neuerdings eine Art »reflexive« Wissenschaftssoziologie. In solchen Zusammenhängen tauchen Probleme der Selbstreferenz auf, aber sie werden als Spezialphänomene gleichsam isoliert und wie Merkwürdigkeiten oder wie methodische Schwierigkeiten behandelt. Das gleiche gilt für die Figur der »self-fulfilling prophecy«. Die einzige systematische soziologische Theorie, die es zur Zeit gibt, ist von Talcott Parsons als allgemeine Theorie des Handlungssystems ausgearbeitet. Sie empfiehlt sich als Kodifikation des Klassikerwissens und als Ausarbeitung des begrifflichen Verständnisses von Handlung mit Hilfe einer Methodologie der Kreuztabellierung. Gerade sie läßt aber die hier aufgeworfene Frage der kognitiven Selbstimplikation offen, weil sie über den Grad an Kongruenz von analytischer Begrifflichkeit und realer Systembildung keine Aussagen macht. Sie postuliert nur einen »analytischen Realismus« und zieht damit das Problem der Selbstimplikation in einer paradoxen Formel zusammen. Sie berücksichtigt nicht, daß das Erkennen sozialer Systeme nicht nur durch seinen Gegenstand, sondern auch schon als Erkennen von sozialen Bedingungen abhängt; ja daß das Erkennen (oder Definieren, oder Analysieren) von Handlungen selbst schon ein Handeln ist. Folglich kommt Parsons selbst in den vielen Kästchen seiner eigenen Theorie nicht noch einmal vor. Und hierin dürfte denn auch letztlich der Grund liegen, weshalb die Theorie nicht systematisch zwischen sozialem System und Gesellschaft unterscheiden kann, sondern Aussagen über die moderne Gesellschaft nur impressionistisch, nur mehr oder weniger feuilletonistisch anbietet. 8
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In einer langen Geschichte hatte die Beschreibung des sozialen Lebens der Menschen (man kann für ältere Zeiten nicht ohne Vorbehalte von »Gesellschaft« sprechen) sich an Ideen orientiert, denen die vorgefundene Wirklichkeit nicht genügte. Das galt für die alteuropäische Tradition mit ihrem Ethos der natür8 Siehe besonders ausgeprägt Michael Mulkay, T h e W o r d and the World: Explorations in the F o r m of Sociological Analysis, L o n d o n 1 9 8 5 ; John L a w (Hrsg.), Power, A c t i o n and Belief: A N e w Sociology of K n o w ledge?, L o n d o n 1 9 8 6 . 9 Hierzu ausführlicher Niklas Luhmann, W a r u m A G I L ? Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 40 ( 1 9 8 8 ) , S. 1 2 7 - 1 3 9 .
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liehen Perfektion des Menschen und mit ihrer Bemühung um Erziehung und um Vergebung der Sünden. Es gilt aber auch noch für das moderne Europa, gilt für die Aufklärung und für ihre Doppelgottheit Vernunft und Kritik. Noch in diesem Jahrhundert wird dies Bewußtsein des Ungenügens wachgehalten (man denke an Husserl oder Habermas) und mit der Idee der Moderne verknüpft. Noch Richard Münch hält diese Orientierung an der Spannung von Vernunft und Wirklichkeit für einen Grundzug der Moderne und für eine Erklärung ihrer eigentümlichen Dynamik. Inzwischen hat sich jedoch der Sinn für Probleme aus den Ideen in die Realität selbst verschoben; und jetzt erst ist die Soziologie gefordert. Denn man müßte zunächst einmal verstehen, weshalb die Gesellschaft sich selbst so viele Probleme bereitet, auch wenn man ganz davon absieht, sie in Richtung auf Ideen (mehr Solidarität, Emanzipation, vernünftige Verständigung, soziale Integration usw.) zu verbessern. Ihr Verhältnis zur Gesellschaft müßte die Soziologie als ein lernendes, nicht als ein belehrendes begreifen. Sie müßte die vorgefundenen Probleme analysieren, eventuell verschieben, eventuell in unlösbare Probleme verwandeln, auch ohne zu wissen, wie man dann trotzdem »wissenschaftlich geprüfte« Lösungen anbieten könnte. Für all das brauchte man eine theoretisch fundierte B e schreibung der modernen Gesellschaft. 10
Wenn die Soziologie zugestehen muß, daß sie eine Gesellschaftstheorie diesen Zuschnitts bisher nicht zustandegebracht hat: wie kann sie ihr Versagen vor einer Aufgabe, die eindeutig in ihr Fach gehört und für ihr gesellschaftliches Ansehen wichtig wäre, erklären? Sicher liegt es nahe, auf die immense Komplexität der Gesellschaft zu verweisen und auf das Fehlen einer brauchbaren Methodologie für den Umgang mit hochkomplexen und differenzierten Systemen (die sogenannte »organisierte Komplexität«). Dies Argument gewinnt noch mehr Gewicht, wenn man fordert, zu berücksichtigen, daß die Beschreibung des Systems Teil des Systems ist und es eine Mehrheit von solchen Beschreibungen io Siehe: Moralische Diskurse: D a s unvollendete Projekt der Moderne, in: Richard M ü n c h , D y n a m i k der Kommunikationsgesellschaft, Frankfurt 1 9 9 5 . s. 1 3 - 3 6 -
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geben kann. Für »hyperkomplexe« Systeme dieser Art ist die konventionelle Methodologie, die entweder v o n sehr kleinen Verhältnissen oder von Anwendungsbedingungen der statistischen Analyse ausgeht, erst recht ungeeignet. A b e r dies Argument müßte zu dem Rat führen, auf Gesellschaftstheorie zu verzichten und sich zunächst mit der Methodologie des Umgangs mit hochkomplexen oder gar hyperkomplexen Systemen zu beschäftigen. Aber das tut man seit der Entdeckung dieses Methodenproblems vor bald 50 Jahren" ohnehin - und mit wenig Erfolg. Eine andere Überlegung könnte einen Begriff von Gaston Bachelard benutzen: den Begriff der »obstacles epistemologiques«. Hiermit sind Traditionslasten gemeint, die eine adäquate wissenschaftliche Analyse verhindern und Erwartungen erzeugen, die nicht eingelöst werden können, die aber trotz dieser erkennbaren Schwächen nicht ersetzt werden können. Die Tradition hatte, wenn man so sagen darf, auf natürliche Fragen geantwortet und zum guten Teil deshalb in ihren Antworten überzeugt. In der wissenschaftlichen Evolution treten dagegen an deren Stelle theorieabhängige wissenschaftliche Probleme, deren Lösungen nur noch im wissenschaftlichen Kontext beurteilt werden können. Rückblickend haben die Leitideen dieser obstacles epistemologiques zu geringe Komplexität, sie überschätzen sich selbst und führen zu einer Uniformisierung des Gegenstandsbereichs, die schließlich nicht mehr überzeugt. Und nicht nur werden die Antworten, die man jetzt suchen muß, schwieriger (voraussetzungsvoller, unwahrscheinlicher, weniger überzeugend), sondern außerdem werden auch die vorgefunde12
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11 Siehe Warren Weaver, Science and Complexity, A m e r i c a n Scientist 36 (1948), S. 5 3 6 - 5 4 4 . 12 Siehe Gaston Bachelard, La formation de l'esprit scientifique: Contribution ä une Psychanalyse de la connaissance objective, Paris 1947, S. 13 ff. V g l . auch die Ausführungen zu counteradaptive results of adaptive change bei A n t h o n y Wilden, System and Structure: Essays in C o m munication and Exchange, 2. A u f l . L o n d o n 1 9 8 0 , S. 2 0 5 ff. 13 Eine harsche Kritik dieser aus dem 1 9 . Jahrhundert überkommenen Prämissen findet man bei Charles Tilly, B i g Structures, L a r g e Processes, H u g e Comparisons, N e w Y o r k 1 9 8 4 . Sie bleibt jedoch ohne theoretischen Ertrag, weil sie mit ihnen den Gesellschaftsbegriff selbst aufgibt.
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nen Fragen und Antworten zu Hindernissen einer weiteren Entwicklung, die den Umweg über unplausible Evidenzen nehmen muß. Solche Erkenntnisblockierungen finden sich im heute vorherrschenden Verständnis von Gesellschaft in der Form von vier miteinander verbundenen, sich wechselseitig stützenden A n nahmen, nämlich in der Voraussetzung: ( i ) daß eine Gesellschaft aus konkreten Menschen und aus B e ziehungen zwischen Menschen bestehe; 14
14 Eigentlich w a r das darin liegende Problem der Soziologie von Anfang an klar gewesen. Bei Dürkheim liest man zum Beispiel: »...la société n'est pas une simple somme d'individus, mais le système formé par leur association représente une réalité spécifique qui a ses caractères p r o p res.« So in: Les règles de la méthode sociologique, zit. nach der 8. Aufl. Paris 1 9 2 7 , S. 1 2 7 . D i e Unklarheit bestand nur darin, das Spezifische dieser Assoziation zu bestimmen. Denn: kann man Assoziation ohne Assoziierte denken? Solange diese Theorielücke nicht gefüllt wird, k o m m t es immer wieder zu Rückfällen. Selbst neuere, das Konzept der Selbstreferenz einführende Systemtheorien arbeiten zuweilen noch mit der A n n a h m e , daß soziale Systeme aus Menschen bestehen. Um einen Philosophen, einen Physiker, einen Biologen u n d einen Soziologen zu zitieren, vgl. Pablo N a v a r r o , El holograma social: U n a ontologîa de la socialidad humana, Madrid 1 9 9 4 ; M a r i o Bunge, A Systems Concept of Society: B e y o n d Individualism and Holism, T h e o r y and Décision 10 ( 1 9 7 9 ) , S. 1 3 - 3 0 ; Humberto R. Maturana, M a n and Society, in: Frank Benseier / Peter M. Hejl / Wolfram K. K ö c k ( H r s g . ) , Autopoiesis, Communication, and Society: T h e T h e o r y of A u t o p o i e t i c System in the Social Sciences, Frankfurt 1 9 8 0 , S. 1 1 - 1 3 ; Peter M . H e j l , Sozialwissenschaft als Theorie selbstreferentieller Systeme, Frankfurt 1 9 8 2 . Eine solche
Konfusion macht es jedoch unmöglich, die Operation präzise an-
zugeben, die im Falle organischer, neurophysiologischer, psychischer und sozialer Systeme die Autopoiesis durchführt. Z w a r macht man typisch die Konzession, daß nicht der ganze M e n s c h Teil des sozialen Systems ist, sondern der Mensch nur insoweit, als er in Interaktion steht b z w . mit anderen Menschen gleichsinnige (parallelisierte) Erlebnisse aktualisiert. Siehe z. B. Peter M. Hejl, Z u m Begriff des Individuums Bemerkungen zum ungeklärten Verhältnis v o n P s y c h o l o g i e und S o z i o logie, in: G ü n t e r Schiepek (Hrsg.), Systeme erkennen Systeme: Individuelle, soziale und methodische Bedingungen systemischer Diagnostik, M ü n c h e n 1 9 8 7 , S. 1 1 5 - 1 5 4 ( 1 2 8 ) . A b e r das macht die Sache nicht besser,
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(2) daß Gesellschaft folglich durch Konsens der Menschen, durch Übereinstimmung ihrer Meinungen und Komplementarität ihrer Zwecksetzungen konstituiert oder doch integriert werde; (3) daß Gesellschaften regionale, territorial begrenzte Einheiten seien, so daß Brasilien eine andere Gesellschaft ist als Thailand, die U S A eine andere als die Rußlands, aber dann wohl auch Uruguay eine andere als Paraguay; (4) und daß deshalb Gesellschaften wie Gruppen v o n Menschen oder wie Territorien von außen beobachtet werden können. Die unter 1 - 3 genannten Annahmen verhindern eine genaue begriffliche Bestimmung des Gegenstandes Gesellschaft. Die Tradition hatte »den Menschen« (im Unterschied zum Tier) mit Hilfe von Unterscheidungen (wie: Vernunft, Verstand, Wille, Einbildungskraft, Gefühl, Sittlichkeit) beschrieben, die als überliefertes Gedankengut überarbeitet, aber weder empirisch noch in ihrer Operationsweise spezifiziert wurden. Diese Unterscheidungen schienen zur wechselseitigen Klarstellung auszureichen, ließen es aber nicht zu, ihre neurophysiologischen Grundlagen zu klären. Erst recht bieten diese »anthropologischen« Begriffe keine Möglichkeit, die Unterscheidung psychisch/sozial an sie anzuschließen. Die Schwierigkeiten wachsen, wenn man diese 15
sondern schlimmer; denn dann kann man erst recht nicht mehr angeben, welche Operation diese »insoweit«-Unterscheidung durchführt - doch offenbar weder die Zellchemie noch das Gehirn, noch das Bewußtsein, noch die gesellschaftliche Kommunikation, sondern allenfalls ein entsprechend unterscheidender Beobachter. D e r typische A u s w e g ist es dann, auf systemkonstituierende Operationen gar nicht einzugehen, sondern Theoriekonstruktionen nur auf der Ebene v o n »Variablen« anzusetzen, deren A u s w a h l dann freilich theoretisch nicht mehr kontrolliert werden kann. F ü r ein Beispiel siehe B. A b b o t t Segraves, Ecological Generalization and Structural Transformation of Sociocultural Systems, American Anthropologist 7 6 ( 1 9 7 4 ) , S . 5 3 0 - 5 5 2 . 15
N a c h heutigem Wissensstand w i r d man vermutlich sagen müssen, daß das, w a s als Vernunft, Wille, Gefühl usw. erfahren und bezeichnet wird, eine nachträgliche Interpretation bereits vorliegender Resultate neurophysiologischer Operationen ist, also w o h l deren Aufbereitung für bewußte Weiterbehandlung dient, aber keineswegs die ausschlaggebende Ursache menschlichen Verhaltens ist. Siehe z . B . Brian Massumi, The A u t o n o m y o f Affect, Cultural Critique 3 1 ( 1 9 9 5 ) , S . 8 3 - 1 0 9 .
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Unterscheidungen aufgibt und statt dessen auf wissenschaftliche und empirische Bezeichenbarkeit Wert legt. Die Problematisierung der menschlichen Individualität im Blick auf die Eigenart der Assoziationen und Gefühlsbildungen des Einzelnen beginnt um die Mitte des 18. Jahrhunderts , also deutlich vor der industriellen Revolution. Daran zerbricht die traditionsreiche kosmologische Situierung des Menschen in einer Ordnung, die ihm Rang und Lebensform zuweist, und statt dessen wird das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zum Problem. Wie immer man Traditionsbegriffe, besonders »Vernunft«, fortführt: offensichtlich gehört ja nicht alles, was den Menschen individualisiert (wenn überhaupt irgend etwas an ihm) zur Gesellschaft. Die Gesellschaft wiegt nicht genausoviel wie alle Menschen zusammen und ändert auch nicht mit jeder Geburt und jedem Tod ihr Gewicht. Sie wird nicht etwa dadurch reproduziert, daß in den einzelnen Zellen des Menschen Makromoleküle oder in den Organismen der einzelnen Menschen Zellen ausgetauscht werden. Sie lebt also nicht. Auch die selbst für das Bewußtsein unzugänglichen neurophysiologischen Prozesse des Gehirns wird niemand ernstlich als gesellschaftliche Prozesse ansehen, und das gleiche gilt für all das, was sich im aktuellen Aufmerksamkeitsbereich des Einzelbewußtseins an Wahrnehmungen und an Gedankenabfolgen abspielt. Georg Simmel, der dies Problem auf den modernen Individualismus zurückführte, opferte in dieser Situation lieber den Gesellschaftsbegriff als das soziologische Interesse an Individuen. Aggregatbegriffe, und so erschien ihm das Problem, seien überhaupt fragwürdig und durch relationale Theorien abzulösen. Schließlich sei auch die Astronomie keine Theorie »des Sternenhimmels«. 16
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Wenn es nicht mehr einleuchtet, daß die Gesellschaft natural aus konkreten Menschen bestehe, denen Solidarität als ordinata concordia und speziell als ordinata Caritas vorgeschrieben sei, kann als Ersatzkonzept eine Konsenstheorie einspringen. Das führt im 1 7 . und 1 8 . Jahrhundert zur Wiederbelebung und R a 16 V g l . James L. Clifford (Hrsg.), M a n versus Society in Eighteenth C e n t ury Britain, C a m b r i d g e 1 9 6 8 . 17 So in: Ü b e r sociale Differenzierung (1890), zit. nach: G e o r g Simmel, Gesamtausgabe B d . 2 , Frankfurt 1 9 8 9 , S . 1 0 9 - 2 9 5 ( 1 2 6 ) .
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dikalisierung der Lehre von Sozialvertrag. Der Naturbegriff wird, zumindest bei Hobbes, auf Extrasoziales reduziert, bei anderen (Pufendorf zum Beispiel) auf eine Inklination zum Vertragsschluß. Diese Theorie mußte jedoch bald aufgegeben werden. Juristisch war sie zirkulär gebaut, konnte also die unverbrüchliche und unkündbare Verbindlichkeit des Vertrages nicht erklären; und historisch konnte sie angesichts der rasch zunehmenden Geschichtskenntnisse nur noch als Fiktion ohne Erklärungswert behandelt werden. Ihr Erbe traten im 19. Jahrhundert Konsenstheorien und eine auf Konsens rekurrierende Vorstellung von Solidarität und Integration an. Nochmals verdünnt verlangt man schließlich »Legitimation« derjenigen Institutionen, die auch bei fehlendem Konsens, also gegenüber Widerstand, noch Ordnung durchsetzen können. So beginnt, mit Emile Dürkheim und mit Max Weber, die Soziologie. Immer noch ist und bleibt bei allen Konzessionen an Realität eine auf Konsens beruhende Integration dasjenige Prinzip, mit dem die Gesellschaft als Einheit, als »Individuum« könnte man sagen, identifiziert wird. Dies Lehrgebäude bricht jedoch zusammen, wenn man genauer nachfragt, wie denn Konsens in einem psychisch aktualisierbaren Sinne überhaupt möglich sein soll, und ferner: wie auf diese Weise eine ausreichende Gleichrichtung von ineinandergreifenden Erwartungen erreicht werden soll. Max Weber hatte bereits einen ersten Schritt getan, indem er das Problem auf Typenzwang als Bedingung des Verstehens von sozial gemeintem Sinn reduzierte. Parsons, hier eher Dürkheim folgend, sieht die L ö sung in einem Wertkonsens, der auf zunehmende Differenzierung durch zunehmende Generalisierung reagiert. Mit diesen eingebauten Verzichten auf Konkretisierung trägt man zwar der Individualität der Akteure und der Komplexität des Gesellschaftssystems Rechnung, bringt aber das, was dann noch G e sellschaft heißen kann, in eine derart ausgedünnte Begrifflichkeit, daß die Theorie allenfalls noch in genügend verdichteten Teilbereichen der Gesellschaft funktioniert. Im übrigen müßte dann, wider besseres Wissen, sozialen Konflikten, Dissensen 1 8 Z u r heutigen Diskussion vgl. A . C a r b o n a r o / C . Catarsi (Hrsg.), C o n trattualismo e scienze sociali, Milano 1 9 9 2 .
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und abweichendem Verhalten die Zugehörigkeit zur Gesellschaft abgesprochen werden oder man müßte sich damit begnügen, zu versichern, daß auch dies noch irgendwelche Konsense (zum Beispiel über den Beleidigungswert bestimmter Beschimpfungen) voraussetze. Und umgekehrt sieht John Rawls sich genötigt, für die Ausgangssituation der vertragsähnlichen B e gründung von Prinzipien der Gerechtigkeit einen »Schleier des »Nichtwissens« zu postulieren, der Individuen daran hindert, ihre Stellung und ihre Interessen zu kennen" - also Individuen ohne Individualität vorauszusetzen. Aber das ist offensichtlich nur eine andere Weise der Invisibilisierung der Paradoxie jedes Rückgriffs auf Ursprünge. Eine weitere Konsequenz der Annahme, daß Individuen mit ihrem Verhalten die Gesellschaft materialisieren, liegt in der Hypothese, daß strukturelle Probleme der Gesellschaft (zum Beispiel zu weitgetriebene Differenzierung ohne ausreichende Integration oder Widersprüche in den Strukturen und Verhaltenszumutungen der Gesellschaft) als individuelles Fehlverhalten erscheinen und hier empirisch abgelesen werden können. Die klassische Monographie hierzu war Dürkheims Selbstmordstudie. Aber auch Instabilität der Familien, Kriminalität, Drogenkonsum oder Rückzug aus sozialen Engagements ließen sich nennen. Das Individuum mag dann seine persönliche Reaktion auf »Anomie« wählen; aber im Grunde handelt es sich um funktional äquivalente Einstellungen, die dem Soziologen als Indikator für Probleme dienen, deren Wurzeln er in der Gesellschaft zu suchen hat. Aber selbst wenn solche Zusammenhänge statistisch nachgewiesen werden können, bleibt die Frage, wie ein Individuum dazu kommt, Symptome gesellschaftlicher Pathologien zu zeigen - oder nicht zu zeigen. Vor allem aber müßte überlegt werden, welche Strukturprobleme der Gesellschaft sich überhaupt zur Umsetzung in individuelles Fehlverhalten eignen. Nicht zuletzt die ökologischen Probleme zwingen dazu, sich dieser Frage zu stellen. 20
Das alles müßte der Soziologie Anlaß geben, zu zweifeln, ob sie 19 Siehe in deutscher Übersetzung J o h n R a w l s , Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt 1 9 7 5 , S. 27 ff. 20 Siehe Emile Dürkheim, Le suicide: Etüde de sociologie, Paris 1 8 9 7 .
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einer konsensuellen Integration überhaupt eine die Gesellschaft konstituierende Bedeutung zuschreiben muß. Es würde ja genügen, wenn man annimmt, daß Kommunikation im Zuge ihrer eigenen Fortsetzung Identitäten, Referenzen, Eigenwerte, Objekte erzeugt - was immer die Einzelmenschen erleben, wenn sie damit konfrontiert werden. Dieser Überlegungsgang konvergiert mit einer Version von Systemtheorie, die konstitutiv (Begriff und Realität betreffend) auf die Differenz von System und Umwelt abstellt. Wenn man von der Unterscheidung System/Umwelt ausgeht, muß man den Menschen als lebendes und bewußt erlebendes Wesen entweder dem System oder der Umwelt zuordnen. (Eine Halbierung, Drittelung usw. und eine entsprechende Aufteilung ist empirisch undurchführbar). Würde man den Menschen als Teil des Gesellschaftssystems ansehen, zwänge das dazu, die Theorie der 21
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Diese Auffassung verdankt entscheidende A n r e g u n g e n dem »sozialen Behaviorismus« von George Herbert M e a d , der freilich immer wieder in die übliche Konsenstheorie eingebaut und so in d e m entscheidenden Punkte mißverstanden wird. Es geht M e a d jedoch in erster Linie um die E r z e u g u n g permanenter Objekte als Stabilisatoren des von Ereignis zu Ereignis fließenden Verhaltens und erst in zweiter L i n i e darum, daß solche Objekte auch als Symbole für übereinstimmende Sichtweisen fungieren können - aber als S y m b o l e eben deshalb, w e i l Konsens unter der Bedingung gleichzeitiger Ereignishaftigkeit des Erlebens und Handelns niemals kontrolliert werden kann. Es geht in erster Linie um eine Zeittheorie und erst in zweiter Linie um eine auf notwendigen Fiktionen aufbauende Sozialtheorie. D i e Frage ist, wie Sozialität unter der Bedingung von Gleichzeitigkeit (= Unkontrollierbarkeit) überhaupt möglich ist; und die A n t w o r t lautet: über die Konstitution v o n Objekten als Eigenwerten des in der Zeit fließenden Verhaltens. Siehe v o r allem den Aufsatz: Eine behavioristische Erklärung des signifikanten Symbols, und (unter Berufung auf Whitehead): D i e Genesis der Identität und die soziale Kontrolle, beides zitiert nach der deutschen Übersetzung in: G e orge Herbert Mead, Gesammelte Aufsätze B d . i, Frankfurt 1980, S. 2 9 0 - 2 9 8 und 2 9 9 - 3 2 8 . Z u r Kritik der Sozialvertragslehren an Hand eines Begriffs des »quasi-objets« vgl. auch Michel Serres, Genese, Paris 1 9 8 2 , S. 1 4 6 ff. Serres hat allerdings nur den Sonderfall im Sinn, daß bestimmte symbolische Objekte eigens konstituiert werden, um eine soziale Koordination zu leisten. Die Ausführungen oben im Text gehen weit darüber hinaus.
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Differenzierung als Theorie der Verteilung v o n Menschen anzulegen - sei es auf Schichten, sei es auf Nationen, Ethnien, Gruppen. Damit geriete man jedoch in einen eklatanten Widerspruch zum Konzept der Menschenrechte, insbesondere zum Konzept der Gleichheit. Ein solcher »Humanismus« würde also an eigenen Vorstellungen scheitern. Es bleibt nur die Möglichkeit, den Menschen voll und ganz, mit Leib und Seele, als Teil der U m welt des Gesellschaftssystems anzusehen. Daß man gegen alle offensichtlichen Diskrepanzen und trotz der bekannten philosophischen Kritik an anthropologischen Fundierungen an einem menschbezogenen »humanistischen« G e sellschaftsbegriff festhält , ist vermutlich bedingt durch die B e fürchtung, anderenfalls jeden Maßstab für die Beurteilung der Gesellschaft und jedes Recht auf die Forderung, die Gesellschaft solle »menschlich« eingerichtet werden, aufgeben zu müssen. Selbst wenn dies so wäre, müßte man aber immer noch unabhängig von solchen Kriterien zunächst feststellen können, was die Gesellschaft aus den Menschen macht und wieso dies geschieht. 22
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Ähnlich evidente Einwände sprechen gegen das territoriale G e sellschaftskonzept. Mehr als je zuvor greifen weltweite Interdependenzen heute in alle Details des gesellschaftlichen Geschehens ein. Wollte man das ignorieren, müßte man sich auf einen 24
22 Siehe Martin Heidegger, Sein und Zeit § 1 0 , 6. A u f l . Tübingen 1 9 4 9 , S. 45 ff. für den bekanntesten Fall. 23 So heute besonders pointiert (aber eben deshalb auch eher untypisch) G ü n t e r D u x , Geschlecht und Gesellschaft: W a r u m w i r lieben: Die romantische Liebe nach dem Verlust der Welt, Frankfurt 1 9 9 4 . 24 D i e E i n w ä n d e sind durchaus geläufig und werden gerade v o n Autoren gepflegt, die von Individuen/Personen ausgehen. Siehe z. B. Tim Ingold, Evolution und Social Life, Cambridge England 1 9 8 6 , S. 1 1 9 ff. Sie w e r den aber typisch als E i n w ä n d e gegen einen systemtheoretischen Begriff v o n Gesellschaft vorgetragen - so als ob die Systemtheorie genötigt w ä r e , Grenzen der Systeme in R a u m und Zeit anzugeben. W i r haben mithin ein doppeltes Problem, nämlich ( 1 ) zu erklären, weshalb Soziologen evidente Bedenken gegen das territorialistische K o n z e p t nicht zur Kenntnis nehmen, und (2) die Systemtheorie als Grundlage der Gesellschaft so zu formulieren, daß sie in der Bestimmung der Gesellschaftsgrenzen nicht auf R a u m und Zeit angewiesen ist.
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durch Herrschaft definierten oder auf einen kulturnostalgischen Gesellschaftsbegriff zurückziehen. Man müßte den Gesellschaftsbegriff von willkürlich gezogenen Staatsgrenzen abhängig machen oder trotz all der damit verbundenen Unklarheiten auf Einheit einer regionalen »Kultur«, auf Sprache und dergleichen abstellen. Alle für die weitere Entwicklung wichtigen Bedingungen blieben einem anderen Begriff überlassen, etwa dem des »global S y s t e m « . Für Anthony Giddens ist der Begriff S o ciety gleichbedeutend mit nation-state, deshalb fast überflüssig, und dann wird nur noch von dem »world-embracing« character of modern institutions gesprochen. Aber damit w ä r e dann dieser Begriff des global S y s t e m der eigentliche Nachfolgebegriff für das, was in der Tradition »Gesellschaft« (societas civilis) hieß. Bindet man den Gesellschaftsbegriff an herrschafts- oder wertezentralistische Prämissen, unterschätzt man nicht nur die auch regional sichtbare Vielfalt und Komplexität kommunikativer Zusammenhänge, sondern auch, und vor allem, das Ausmaß, in dem die »Informationsgesellschaft« weltweit dezentral und konnexionistisch über Netzwerke kommuniziert - eine Tendenz, die in einer absehbaren Zukunft durch Computerisierung sicher noch verstärkt werden wird. 25
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Humanistische und regionalistische (nationale) Gesellschaftsbegriffe sind theoretisch nicht mehr satisfaktionsfähig; sie
25 E i n scharfer Kritiker dieses Konzepts der Staatsgesellschaft weist darauf hin, daß dann in diesem Jahrhundert der Sprachraum Bundesrepublik Deutschland, Deutsche Demokratische Republik und Osterreich mehrfach eine Gesellschaft bzw. mehrere Gesellschaften gewesen seien. Siehe Immanuel Wallerstein, Societal Development, or Development of the World-^System, International Sociology 1 ( 1 9 8 6 ) , S. 3 - 1 7 , neu gedruckt in: Martin A l b r o w / Elisabeth King (Hrsg.), Globalization, Knowledge and Society, L o n d o n 1 9 9 0 , S. 1 5 7 - 1 7 1 . Andererseits hält gerade Wallerstein an einem regionalen Gesellschaftsverständnis fest und spricht im übrigen nur von world-system. 26 Siehe nur Wilbert E. M o o r e , Global Sociology: T h e W o r l d as a Singular System, American Journal of Sociology 71 ( 1 9 6 6 ) , S. 4 7 5 - 4 8 2 ; Roland Robertson, Globalization: Social T h e o r y and G l o b a l C u l t u r e , London 1992. 27 So in: T h e Consequences of Modernity, Stanford C a l . 1 9 9 0 , S. 12 ff. (16); ferner S. 63 ff. ausführlich über »globalisation«.
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überleben nur noch im Sprachgebrauch. Somit hinterläßt die gegenwärtige soziologische Theorie einen zwiespältigen, janusköpfigen Eindruck: Sie benutzt Konzepte, die den Anschluß an die Tradition noch nicht aufgeben, aber schon Fragen ermöglichen, die ihren Rahmen sprengen könnten. Sie verwendet an grundbegrifflicher Stelle den Begriff der Handlung, um sich auf ereignisförmige Letzteinheiten einzustellen - und um immer wieder daran erinnern zu können, daß nur individuelle Menschen handeln können. Sie bildet den Begriff des global System, um Globalisierungen anzuerkennen - und den Begriff der G e sellschaft auf nationalstaatlicher Ebene zurücklassen zu können. Im Falle des menschbezogenen Gesellschaftsbegriffs wird zu viel eingeschlossen, im Falle des territorialen Gesellschaftsbegriffs zu wenig. In beiden Fällen könnte das Festhalten an derart unbrauchbaren Konzepten damit zusammenhängen, daß man die Gesellschaft als etwas denken möchte, das man von außen beobachten kann. Dabei muß man sich jedoch auf eine Erkenntnistheorie stützen, die längst überholt ist - auf eine Erkenntnistheorie, die von der Unterscheidung Denken/Sein, Erkenntnis/Gegenstand, Subjekt/Objekt ausgeht und den Realvorgang des Erkennens auf der einen Seite dieser Unterscheidung dann nur noch als Reflexion erfassen kann. D a v o n ist man spätestens seit der linguistischen Wende der Philosophie abgekommen, bei allen logischen Problemen, die man sich mit dem Ubergang zu einer »naturalisierten Epistemologie« (Quine) einhandelt. Warum fällt es der Soziologie aber so schwer, diese Wende mitzu vollziehen? 28
Vielleicht liegt der Grund darin, daß sie die Gesellschaft zu gut kennt (oder dies jedenfalls vorgeben muß), um daran Gefallen zu finden, sich selbst als Teil dieser Realität zu begreifen. Man möchte in Opposition zur Gesellschaft, zumindest aber in resoluter Resignation Frankfurter Stils verharren können. Aber das 28 V g l . dazu (in A n w e n d u n g auf die E n t w i c k l u n g der kybernetischen Systemtheorie) den der archäologischen A n t h r o p o l o g i e entnommenen Begriff eines skeuomorph bei N. Katherine H a y l e s , Boundary Disputes: Homeostasis, Reflexivity, and the Foundations of Cybernetics, Configurations 3(?), ( 1 9 9 4 ) , S. 4 4 1 - 4 6 7 . »A Skeuomorph is a design feature, no longer functional in itself, that refers back to an avatar that was functional at an earlier time« (446).
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wäre ja auch und gerade dann möglich, wenn man die eigene Theorie als Teil ihres eigenen Gegenstandes erkennen würde. Man könnte die Leichtigkeit und die Indirektheit des Blickes cupieren, mit denen Perseus die Medusa geköpft hatte (und es geht auch der Soziologie nur um die Köpfe). Man könnte daran erinnern, daß die Theologie für die Funktion der Beobachtung Gottes und seiner Schöpfung die Figur des Teufels erfunden hatte und daß die großen Sophisten des 1 9 . Jahrhunderts wie Marx, Nietzsche und Freud durch ihre »inkongruenten Perspektiven« charakterisiert worden sind. Das Problem dürfte daher eher in den Schwierigkeiten logischer und theorietechnischer Art liegen, denen man sich stellen muß, wenn man, wie die Linguistik sagt, mit »autologischen« Konzepten arbeitet und sich nötigt, sich selbst im eigenen Gegenstand, also Soziologie als Selbstbeschreibung der Gesellschaft zu entdecken. In letzter Konsequenz führte das dazu, daß man zwar die Vorstellung beibehalten kann, Realität sei am Widerstand zu erkennen, den sie ausübe, aber zugeben muß, daß solcher Widerstand gegen Kommunikation nur durch Kommunikation geleistet werden könne. Könnte man sich darauf einlassen, würde damit die Subjekt/Objekt-Unterscheidung »dekonstruiert« werden ', und damit wäre auch den vorherrschenden Erkenntnisblockierungen ihre heimliche Stütze genommen. Und dann könnte man die humanistische ebenso wie die regionalistische Begriffstradition an ihrer eigenen Unbrauchbarkeit zerbrechen lassen. In ihrem gegenwärtigen Wissenschaftsverständnis kann die Soziologie kaum auf den Anspruch verzichten, Phänomene der sozialen Wirklichkeit zu erklären. Das wiederum erfordert, daß man die zu erklärenden Phänomene gegeneinander abgrenzt und, so präzise wie möglich, die Merkmale angibt, durch die sie 29
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29 Dies rät ítalo C a l v i n o in seinen Lezioni Americane: Sei proposte per il prossimo millenio, Milano 1 9 8 8 , S. 6f. V g l . auch N i k l a s Luhmann, Sthenographie, Delfin X ( 1 9 8 8 ) , S. 4 - 1 2 ; auch in N i k l a s L u h m a n n et al., Beobachter:
Konvergenz
der
Erkenntnistheorien?,
München
1990,
S. 1 1 9 - 1 3 7 . 3 0 durch Kenneth Burke, Permanence and C h a n g e , N e w Y o r k 1 9 3 5 . 31 Siehe nur Paul de M a n , T h e Resistance to T h e o r y , Minneapolis 1986, formuliert in der Begrifflichkeit von Sprache und Text.
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sich unterscheiden. »Was sind ...«-Fragen wie zum Beispiel: Was ist ein Unternehmen?, was ist eine soziale Bewegung?, was ist eine Stadt? erfordern aber, schon als Fragen, die Angabe von Wesensmerkmalen, also essentialistische Begriffsbildungen, die heute zwar nicht mehr in der Natur, wohl aber in den methodischen Erfordernissen der wissenschaftlichen Forschung verankert werden. Wie soll die Soziologie, muß man deshalb fragen, eine Gesellschaftstheorie formulieren, wenn sie nicht angeben kann, was sie mit diesem Begriff sucht? Aber zugleich kann man auch bemerken, daß die Soziologie sich mit diesem Typus von Was-Fragen in den Zustand einer Dauerunruhe versetzt, also sich selbst als autopoietisches System einrichtet. Es kann keine endgültige Antwort auf solche Fragen, keine weiterer Forschung entzogene Fixpunkte geben, sondern nur die Beobachtung, welche Begriffsfestlegungen welche Folgen haben. Im Modus der (Selbst-)Beobachtung zweiter Ordnung, im Modus konstruktivistischer Erkenntnistheorie also, lösen sich deshalb alle Merkmalsvorgaben wieder auf, und man sieht ihre Notwendigkeit für die Forschung ebenso wie ihre Kontingenz. Es sind gleichsam auszuprobierende Selbstfestlegungen, es sind Forschungsprogramme, die unentbehrlich, aber auswechselbar sind, wenn es überhaupt um den Unterschied von Wahrheit und Unwahrheit gehen soll. Im weiten Feld interdisizplinärer Forschungen gibt es heute viele Angebote, die dem Rechnung tragen, etwa die Gründung jeder Art von Kognition auf die operative Schließung beobachtender Systeme; oder die Chaos-Theorie genannte Mathematik der nichtlinearen Funktionen und der Prognose von Unprognostizierbarkeit; oder die Evolutionstheorie der Zufallsauslösung von Strukturbildungen. Wir werden davon bei Bedarf Gebrauch machen. Speziell für die Soziologie fließen diese Desiderate in ihren Bemühungen um eine Gesellschaftstheorie zusammen, denn als Gesellschaft ist ihr ein Gegenstand gegeben, der alles, was die Forschung an Gegenstandsbestimmtheiten (Wesensmerkmalen) braucht, immer schon selbst erzeugt hat. Es kann daher nur die Frage sein, wie man diesem Sachverhalt dadurch Rechnung tragen kann, daß man festlegt, was der Begriff der Gesellschaft bezeichnen soll. Die folgenden Untersuchungen wagen diesen Ubergang zu 34
einem radikal antihumanistischen, einem radikal antiregionalistischen und einem radikal konstruktivistischen Gesellschaftsbegriff. Sie leugnen selbstverständlich nicht, daß es Menschen gibt, und sie ignorieren auch nicht die krassen Unterschiede der Lebensbedingungen in den einzelnen Regionen des Erdballs. Sie verzichten nur darauf, aus diesen Tatsachen ein Kriterium für die Definition des Begriffs der Gesellschaft und für die Bestimmung der Grenzen des entsprechenden Gegenstandes herzuleiten. Und gerade durch diesen Verzicht gewinnt man die Möglichkeit, normative und evaluative Standards im Umgang mit Menschen, zum Beispiel: Menschenrechte oder verständigungsorientierte Kommunikationsnormen im Sinne v o n Habermas, und schließlich: Einstellungen zu den Entwicklungsunterschieden einzelner Regionen, als Eigenleistung der Gesellschaft zu erkennen, statt sie als regulative Ideen oder als Komponenten des Begriffs von Kommunikation voraussetzen zu müssen. Die Vorfrage bleibt jedoch: wie bringt die Gesellschaft sich selbst dazu, solchen und anderen Themen Aktualität zu gewähren? Schon Nietzsche hatte (in: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben) gegen die Geschichtsabhängigkeit seiner Zeitgenossen rebelliert und ihnen ein ironisches, wenn nicht zynisches Bewußtsein bescheinigt in der Form eines: so geht es nicht mehr und anders auch nicht. Die Diagnose mag noch zutreffen, aber statt Ironie findet man eher eine theoretisch-hilflose Verlegenheit. Deshalb kann es auch nicht weiterhelfen, wenn man statt auf Geschichte auf Leben setzt und damit die Fähigkeit des Vergessens assoziiert. Die Empfehlung für heute ist daher eher: die an sich verfügbaren theoretischen Ressourcen besser zu nutzen - nicht zuletzt auch für eine Rekonstruktion des Verhältnisses zur Geschichte und zu ihren semantischen Erblasten. 32
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M a n kann natürlich bestreiten, daß sich auf diesem W e g e die Erwartungen an eine Gesellschaftstheorie einlösen lassen. So T h o m a s Schwinn, Funktion und Gesellschaft: Konstante Probleme trotz Paradigmawechsel in der Systemtheorie Niklas Luhmanns, Zeitschrift für Soziologie 24 ( 1 9 9 5 ) , S. 1 9 6 - 2 1 4 . A b e r dann müßte genauer angegeben und begründet werden, was als Gesellschaftstheorie erwartet wird.
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I I . Methodologische Vorbemerkung Ihrem Wissenschaftskonzept zufolge bezieht sich die Soziologie auf die soziale Realität, wie sie faktisch vorhanden ist. Normative Fragen müssen dann aus dieser Realität heraus entwickelt, also nicht als Idealvorstellungen der Soziologie von außen an die Gesellschaft herangetragen werden. Das hat dazu geführt, die am Anfang des 1 9 . Jahrhunderts noch übliche Konfrontierung von Ideal und Realität zu ersetzen durch die Doppelfrage: »Was ist der Fall?« und »Was steckt dahinter?«. N u r für die »Aufhebung« dieser Differenz spielen Idealkonstruktionen (etwa: Emanzipation; oder: ein normativer Begriff von Rationalität) noch eine Rolle. Auf dieser Linie hat sich v o n Marx bis Habermas eine »kritische« Soziologie entwickelt, die Methodologie dadurch ersetzt, daß sie die Auffassungen ihrer (von ihr aus gesehenen) Gegner an ihren kritischen Ambitionen mißt. Dann steht aber das Urteil schon vor der Untersuchung fest. Diesen Strang wollen wir im folgenden nicht weiter verfolgen. Aber auch zu dem, was fachüblich als »empirische« Forschung behandelt wird, geraten wir in Distanz. D i e klassische Methodologie weist die Forscher an, sich so zu verhalten, als ob sie ein einziges »Subjekt« seien. Das ermöglicht, so hofft man, eine Fortführung der (logischen und ontologischen) Tradition, die von einer Unterscheidung von Denken und Sein ausging und im Denken das Sein zu erreichen suchte. G e w i ß ist Übereinstimmung ein lobenswertes Ziel, aber man darf auch fragen, was verloren geht, wenn man die Forschung an diesem Ziel ausrichtet.' Schließlich ist die moderne Gesellschaft, in der auch die Forschung zu arbeiten hat, ein polykontexturales System, das eine Mehrheit von Beschreibungen ihrer Komplexität zuläßt. Man wird daher von der Forschung kaum erwarten können, daß sie 33
34
33 Ausführlicher Niklas Luhmann, Was ist der Fall, was steckt dahinter? Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie, Zeitschrift für S o ziologie 2 2 ( 1 9 9 3 ) , S . 2 4 5 - 2 6 0 . 34 Eine
lehrreiche
Skizze
der
Grenzen
dieser
Methodenvorstellungen
findet man bei Karl E. Weick, Organizational Communication: Toward a Research A g e n d a , in: Linda L. Putnam / Michael E. (Hrsg.),
Communication
and
Organizations:
proach, Beverly Hills 1 9 8 3 , S . 1 3 - 2 9 .
36
An
Pacanowski
Interpretive
Ap-
der Gesellschaft eine monokontexturelle Beschreibung aufzwingt - jedenfalls dann nicht, wenn es um Gesellschaftstheorie geht. Von einer konstruktivistischen Position aus gesehen kann die Funktion der Methodik nicht allein darin liegen, sicherzustellen, daß man die Realität richtig (und nicht irrig) beschreibt. Eher dürfte es um raffinierte Formen der systeminternen Erzeugung und Bearbeitung von Information gehen. Das heißt: Methoden ermöglichen es der wissenschaftlichen Forschung, sich selbst zu überraschen. Dazu bedarf es einer Unterbrechung des unmittelbaren Kontinuums von Realität und Kenntnis, v o n dem die Gesellschaft zunächst ausgeht. Die die soziologische Methodendiskussion dominierende Gegenüberstellung von quantitativen und qualitativen Methoden lenkt von den eigentlichen Problemen eher ab. Sie läßt vor allem ungeklärt, wie man Distanz zum Gegenstand in Erkenntnisgewinn transformieren könne und wie man die Milieukenntnisse der sozial erfahrenen Teilnehmer (die auf Fragen antworten sollen) in sozialer Kommunikation zugleich bestätigen und überbieten könne. Daß die entsprechenden Äußerungen als »Daten« behandelt werden, gibt darauf natürlich keine Antwort. Die übliche Methodenempfehlung ist mit dem Begriff der Variable formuliert und fragt nach Beziehungen zwischen Variablen, eventuell nach Korrelationen und nach den Bedingungen, von denen sie abhängen. Für die projektförmig durchgeführte Forschung werden die wenigen Variablen, die man behandeln kann, als geschlossener Bereich aufgefaßt, und alles andere wird durch eine methodologisch eingeführte Fiktion als indifferent angesetzt. Dabei wird ignoriert oder doch aus Methodengründen ausgeklammert, daß das Verhältnis von Einschließung und Ausschließung durch die sozialen Systeme seihst geregelt ist; und daß 35
35 Eine skeptische Beschreibung dieses Begriffs hat ihrerseits Tradition. V g l . z . B . Herbert Blumer, Sociological A n a l y s i s and the »Variable«, American Sociological Review 21 ( 1 9 5 6 ) , S. 6 8 3 - 6 9 0 . Andererseits führt der Verzicht auf diese Einschränkung zu einer A r t Uberdetermination der Forschungsergebnisse, die es erschwert, w e n n nicht unmöglich macht, zu generalisierbaren Resultaten zu kommen. D e r entsprechende Schulenstreit dauert nun schon Jahrzehnte.
37
im übrigen der Sinngebrauch in sozialen Systemen immer auch Verweisungen auf Unbekanntes, auf Ausgeschlossenes, auf Unbestimmbares, auf Informationsmängel und auf eigenes Nichtwissen mitführt. Das kann als Verweisung auf die Zukunft und auf in Aussicht stehende Bestimmungsmöglichkeiten geschehen (so in Husserls Phänomenologie), aber auch in der Form einer Negativterminologie, die das, was sie bestimmt, nur negiert und dabei offenläßt, was statt dessen der Fall ist. Z w a r wird wie zur Entschuldigung von »Kontext« gesprochen, der zu berücksichtigen sei; aber das bleibt eine paradoxe Forderung, deren Erfüllung ja dazu führen müßte, daß der »Kontext« in einen »Text« verwandelt wird. Vor allem aber wäre es, wenn man dem Begriff der Kommunikation eine theoretisch zentrale Bedeutung gibt, notwendig, das immer mitzuerheben, was nicht gesagt wird, wenn etwas gesagt wird ; denn im sozialen Verkehr werden die Reaktionen sehr häufig durch eine Mitreflexion des Nichtgesagten bestimmt sein. Will man der sozialen Realität gerecht werden, kann man aber nicht davon abstrahieren, daß alle dort gebrauchten Sinnformen eine andere Seite haben, die einschließt, was sie für den Moment ihres Gebrauchs ausschließen. Wir werden versuchen, dies über den Sinnbegriff, aber auch über den Begriff der Form, den mathematischen Begriff des »re-entry« einer Form in die Form und ganz grundsätzlich über einen differentialistischen Ansatz der Theorie zu berücksichtigen. Die geläufige Frage nach den Zusammenhängen von Variablen korrespondiert sehr gut mit handlungstheoretischen Gegenstandsvorstellungen. Dies allerdings nicht deshalb, weil Handlung ein besonders geeigneter Gegenstand für empirische For16
37
36 F ü r einen Überblick über neuere Interessen an diesen Fragen siehe Michael Smithson, Ignorance and Uncertainty:
Emerging Paradigms,
N e w Y o r k 1 9 8 9 . Im übrigen haben eher Linguisten als Soziologen Verständnis dafür, daß bei der Benutzung von Sprache immer der A u s wahlbereich und damit das Nichtgesagte mitaktualisiert wird. Siehe z. B. M . A . K . Halliday, Language as Social Semiotic: T h e Social Interpretation of Language and Meaning, L o n d o n 1 9 7 8 , z. B. S. $2 und öfter. 37 H i e r mag denn auch einer der G r ü n d e liegen, weshalb der Soziologie die Umstellung von H a n d l u n g auf Kommunikation s c h w e r fällt.
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schungen wäre. Gerade das kann man mit guten Gründen bestreiten. Aber Handlungen kann man sich leicht in Interaktionszusammenhängen vorstellen, wenn man Max Weber folgt und der Handlung einen sozial gemeinten Sinn unterstellt. Die Motive der Handelnden (und eventuell: ihre rational auswählende Struktur) dienen dann zur Erklärung der Formen, die Interaktionen annehmen. Genau damit wird jedoch die andere Seite der Form ausgeblendet oder allenfalls als rational nicht wählbar mitgeführt. Die eine Gesellschaftstheorie primär interessierende Frage wäre jedoch, weshalb fast alle möglichen Handlungen und Interaktionen nicht zustande kommen. Sie liegen offensichtlich außerhalb des Schemas möglicher Motive und rationaler Kalkulationen. Aber wie bringt die Gesellschaft dies Aussortieren des doch Möglichen zustande? Wieso gehört es zum Sinn der Formen des sozialen Lebens, daß diese gewaltigen Überschüsse des Möglichen als unmarked space unbeachtet bleiben? Denkbar wäre zumindest, daß die gesellschaftlichen Strukturen nicht als Aggregate präferierter Handlungsmotive entstehen, sondern viel elementarer als Einschluß dieses Ausschlusses in die Form. Die Neigung des methodologischen Individualismus (ob zwangsläufig oder nicht), am Individuum abzufragen, was es weiß oder meint, und dann die entsprechenden Daten statistisch auszuwerten, greift prinzipiell am Phänomen der Kommunikation vorbei, denn Kommunikation findet ihren Anlaß ja typisch im Nichtwissen. Man muß einschätzen können, welche Mitteilungen für andere Information bedeuten, also etwas, was sie nicht oder nicht sicher wissen, ergänzen. Ebenso muß, umgekehrt gesehen, jeder^Teilnehmer etwas nicht wissen, um Information aufnehmen zu können. Diese Rolle des Nichtwissens läßt sich nicht auf ein je individuelles Wissen des Nichtwissens anderer reduzieren. Es ist auch völlig unrealistisch, anzunehmen, ein Individuum wisse, was es nicht w i s s e . Vielmehr er38
39
38 D a z u bereits oben S. 3 7 f . F ü r eine ähnliche K o r r e k t u r am typischen Vorgehen der Forschung über »artificial intelligence» siehe B d . 8, Heft 1 ( 1 9 9 4 ) der Revue internationale de systémique. 39 A l s theoretische Abschlußfigur ist eine solche A n n a h m e rasch zu widerlegen, o b w o h l jedermann in spezifischen Hinsichten natürlich feststellen kann, daß er etwas nicht weiß. A b e r das ist eine Frage des G e -
39
zeugt und testet die Kommunikation selbst das für ihren weiteren Betrieb notwendige Nichtwissen. Sie lebt, könnte man auch sagen, von ungleich verteiltem Wissen/Nichtwissen. Sie beruht auf der Form des Wissens, die immer zugleich eine andere Seite des noch nicht Gewußten mitlaufen läßt. U n d ebenso muß jeder Teilnehmer abschätzen können, was überhaupt nicht gewußt werden kann, damit er vermeiden kann, erkennbar Unsinn zu reden. Es überrascht nach all dem nicht, daß die übliche Methodologie in ihren theoretischen Prämissen sich auf Handlung bezieht - und nicht auf Kommunikation. Ein weiterer Punkt betrifft die methodologische Präferenz für möglichst einfache Erklärungen - einfach im Verhältnis zur Komplexität der Daten. Man weiß mindestens seit Poincaré , daß es sich hierbei um eine Konvention ohne Rückhalt in der Realität handelt; eine Konvention also, mit der die Wissenschaft sich selbst bedient. Die Frage, was denn dadurch ausgeschlossen (also: als ausgeschlossen eingeschlossen) ist, hat die Soziologie nie wirklich beschäftigt; und zwar auch dort nicht, wo sie sich darüber im klaren ist, daß Wissenschaft in der Gesellschaft betrieben wird. Mit Poppers Falsifikationsmethodologie ist dies Problem nicht zu lösen. Es stellt sich bei Falsifikationsversuchen ebenso wie bei Verifikationsversuchen. M a n könnte vermuten, ausgeschlossen sei das hinter allen erkennbaren Strukturen liegende Chaos, aber damit würde die Welt nur in erkennbar/unerkennbar unterteilt. Eine andere, wohl überzeugendere Antwort wäre, daß dadurch die Gesellschaft selbst mit ihren anderen Möglichkeiten der Kommunikation ausgeschlossen, also von Interferenz in wissenschaftliche Wahrheitsproduktion abgehalten wird. Die Gesellschaft kann in sich selbst wissenschaftliche Forschung nur vorsehen, wenn sie es der Forschung erlaubt, möglichst einfache (zum Beispiel mathematische) E r klärungsmodelle auszuprobieren und weitere Forschungen einzustellen, wenn die Erklärung den methodologischen Anforde40
dächtnisses - sei es, daß man etwas sucht, w a s m a n vergessen hat; sei es, daß man glaubt, sich erinnern zu können, daß m a n etwas nie gewußt hat. 40 V o r allem: Henri Poincaré, La Science et l'Hypothèse, zitiert nach der A u s g a b e Paris 1 9 2 9 .
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rungen genügt; oder anderenfalls sich an komplexere Datenvorgaben heranzuwagen. Dagegen ist sicher nichts zu sagen. Nur: wenn es um eine Theorie der Gesellschaft geht, müßte diese Erlaubnis, sich selbst mit Hilfe von Konventionen Erfolge und Mißerfolge zu bescheinigen, als Eigenart des Gegenstandes der Forschung in die Forschung einbezogen werden. M a n brauchte eine Theorie, die den methodologischen Rahmen der Forschung desavouiert. Derrida würde vielleicht sagen: dekonstruiert. N a c h hundert Jahren Erfahrung mit der fachüblichen empirischen Forschung kann man (wenn man extrapolieren darf) sagen, daß man auf diesem Wege zwar durchaus makrosoziologische Phänomene (wie zum Beispiel steigende/fallende Kriminalität, Migrationsbewegungen, Scheidungsraten) erfassen kann, aber nicht zu einer Theorie der Gesellschaft (als Gesamtheit aller sozialer Phänomene) gekommen ist, und daß die weiteren Aussichten nicht gerade günstig sind. Die Ambition der empirischen Forschung wurzelt in einem Vertrauen in das eigene Instrumentarium und in der Prämisse (dem »Vorurteil«), daß man mit diesen Mitteln zur Realität kommen und nicht nur eigene Konstruktionen validieren könne. Dem könnte man entgegenhalten, daß die Koinzidenz von Empirie und Realität ihrerseits empirisch nicht feststellbar ist, also erkenntnistheoretisch als zufällig behandelt werden muß. Das muß nicht dazu führen, daß man Resultate empirischer Forschung nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Aber sie führen typisch zu stimulierenden Fragen (warum dies?, warum so?) und nicht zu Antworten im Sinne eines von da ab gesicherten Wissens, das nur durch den (allerdings typisch zu erwartenden) sozialen Wandel außer Kraft gesetzt werden könnte. Wollten wir uns an dieser Alternative von kritischer und positiver (methodologisch »empirischer«) Soziologie orientieren, kämen wir in der bevorstehenden Aufgabe nicht sehr weit. Wir müssen nicht ablehnen (denn das würde nicht helfen). Wir müssen ergänzen. Sowohl im Faktischen als auch im Begrifflichen können hierzu Vorschläge gemacht werden. Was Fakten betrifft, so fällt auf, daß vieles bekannt ist und keiner weiteren empirischen Untersuchung bedarf; und auch: daß die bekannten Tatsachen oft viel gravierendere Konsequenzen haben als das, was der common sense schon weiß oder die 4i
empirische Forschung feststellt. Es wäre also viel damit zu gewinnen, könnte man Bekanntes aus ungewohnten, inkongruenten Perspektiven neu beleuchten oder anders kontextieren. Aber dafür fehlt derzeit eine ausgearbeitete Methodologie, die stärker, als man im allgemeinen annimmt, v o n Theorieentwicklungen abhängen dürfte. Die Begrifflichkeit einer Gesellschaftstheorie steht vor der Aufgabe, ihr Komplexitätspotential zu steigern, nämlich mehr heterogene Sachverhalte mit denselben Begriffen zu interpretieren und dadurch Vergleichbarkeit von sehr verschiedenen Sachverhalten zu gewährleisten. Diese Absicht, selbst extrem Ungleiches noch als vergleichbar zu behandeln, folgt der Methode des funktionalen Vergleichens. Sie schließt vor allem eine rein klassifikatorische Methode aus; denn Klassifikationen gehen ja davon aus, daß bei Ungleichheit eine andere Klasse in Frage kommt. Selbstverständlich werden wir nicht darauf verzichten, Sachverhalte allgemeinen Begriffen zuzuordnen, aber wir sehen in der Klassifikation, in einer Art Namengebung also, nicht die Form, mit der methodisches Bemühen um Erkenntnis stillgestellt werden kann. Das methodische Desiderat des funktionalen Vergleichens spiegelt Eigenarten der modernen Gesellschaft, und auch darin liegt ein Grund, sich theoretisch wie methodisch nicht länger auf Traditionsvorgaben zu verlassen. Denn, wie w i r ausführlich zeigen werden, ist die moderne Gesellschaft durch funktionale Autonomisierung und operative Schließung ihrer wichtigsten Teilsysteme charakterisiert. Ihre Funktionssysteme sind für eigene Selbstorganisation und Selbstreproduktion freigesetzt. Das aber heißt, daß das Gesamtsystem sich nicht mehr durch operative Kontrolle, sondern nur noch über strukturelle Auswirkungen ihrer Differenzierungsform auf die Teilsysteme zur Geltung 41
41
V g l . hierzu auch Kenneth J. Gergen, T o w a r d a Transformation in Social K n o w l e d g e , N e w Y o r k 1 9 8 2 , S. 103 f. nach einer vernichtenden Kritik der Vorgehensweise und der Resultate der üblichen empirischen Sozialpsychologie: » T h e theorist could succeed in furnishing the necessary lihkages with Observation language by drawing selectively f rom the storehouse
of >what
everybody
knows<«.
steckt natürlich im >selectively<.
42
Das
methodologische Problem
bringen kann. Diese Einsicht führt zu methodologischen Konsequenzen: Weder Ideale noch Normen können den Ausgangspunkt für methodologische Richtlinien (zum Beispiel: Approximationsmessungen) bieten; denn das würde das Problem nur verschieben in die Frage, weshalb die Gesellschaft sich selbst mit Ideen belastet, denen sie nicht genügen kann, und wie sie solche Ideen auswählt. Statt dessen kann und muß man die Gesellschaftsbedingtheit von Befunden dadurch nachweisen, daß man zeigt, daß und wie sich in völlig verschiedenartigen Funktionsbereichen (Familie und Politik, Religion und Wirtschaft, kognitive Wissenschaft und imaginative Kunst o d e r normatives Recht) dieselben Grundstrukturen nachweisen lassen. Das Argument lautet dann: solche Koinzidenzen können sich nicht zufällig ergeben; sie können und müssen auf die F o r m des Gesellschaftssystems zurückgeführt werden. Insofern hängen die folgenden Untersuchungen nicht nur theoretisch, sondern auch methodologisch von sehr abstrakten Begriffsentscheidungen ab. Die Gründe dafür liegen in einem zirkulären Argument. Denn die soeben formulierten Annahmen über die Eigenart der modernen Gesellschaft und über das, was in diesem Zusammenhang als hinreichend evidente Tatsache behandelt werden kann, sind natürlich abhängig von der Beobachtungsweise und den Unterscheidungen, mit denen die Gesellschaftstheorie sich selbst etabliert. Das kann nicht vermieden werden, denn schließlich muß die Gesellschaftstheorie in der Gesellschaft formuliert werden. Auch »Methodologie« bietet keine ab extra einführbaren, a priori hinzunehmenden Ausgangspunkte. Will man diesem Sachverhalt Rechnung tragen, so bleibt nur die Möglichkeit, theoriebautechnisch so transparent wie möglich zu verfahren und Begriffe als Entscheidungen auszuweisen, die mit erkennbaren Folgen geändert werden können. 42
42
Anders w i r d oft im sogenannten »Pragmatismus« argumentiert in dem Bemühen, Theorierelativismus (Paradigmaverzicht, Pluralismus und all das) durch Festhalten an dem Erkenntnis sichernden Sinn von Methoden auszugleichen. Siehe zum Beispiel Nicholas Rescher, Methodological Pragmatism: A Systems-theoretic A p p r o a c h to the T h e o r y of K n o w ledge, O x f o r d 1 9 7 7 .
43
I I I . Sinn Was von Sinn zu halten ist, habe ich in mehreren Veröffentlichungen zu klären versucht. Im Kontext einer Gesellschaftstheorie müssen wir wenigstens kurz darauf zurückkommen, weil davon auszugehen ist, daß weder die Theorie noch die G e sellschaft selbst das überschreiten kann, was als Sinn immer schon vorausgesetzt sein muß. Denn ohne von Sinn Gebrauch zu machen, kann keine gesellschaftliche Operation anlaufen. Legt man das allgemeine Theoriemuster v o n »Autopoiesis« zugrunde, widerspricht das Vorausgesetztsein von Sinn keineswegs dem Erzeugtsein von Sinn im N e t z w e r k derjenigen Operationen, die Sinn immer auch voraussetzen. Im Gegenteil: die Eigenart des Mediums Sinn ist ein notwendiges Korrelat der operativen Schließung von erkennenden Systemen. Sinn gibt es ausschließlich als Sinn der ihn benutzenden Operationen, also auch nur in dem Moment, in dem er durch Operationen bestimmt wird, und weder vorher noch nachher. Sinn ist demnach ein Produkt der Operationen, die Sinn benutzen, und nicht etwa eine Weltqualität, die sich einer Schöpfung, einer Stiftung, einem Ursprung verdankt. Es gibt demnach keine von der Realität des faktischen Erlebens und Kommunizierens abgehobene Idealität. Piaton hatte zwar recht, daß Ideen mit Gedächtnis zusammenhängen. Aber die Erinnerung führt nicht zurück zum eigentlichen, fast vergessenen Sinn des Seienden, seinen Wesensformen, den Ideen; sondern das Gedächtnis konstruiert Strukturen nur für momentanen Gebrauch zur Bewahrung von Selektivität und zur Einschränkung von Anschlußfähigkeit. Es ist 43
44
43 V g l . Sinn als Grundbegriff der Soziologie, in: J ü r g e n Habermas / Niklas L u h m a n n , Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie - Was leistet die Systemforschung?,
Frankfurt 1 9 7 1 , S. 2 5 - 1 0 0 ; Soziale Systeme:
Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt 1984, S. 9 2 - 1 4 7 ; C o m plexity and Meaning, in: Niklas L u h m a n n , E s s a y s on Self-Reference, N e w Y o r k 1990, S . 8 0 - 8 5 . 44 Siehe auch Gilles Deleuze, Logique du sens, Paris 1 9 6 9 , z . B . S. 87ff.: » L e sens est toujours un effet.«. » L e sens n'est jamais principe ou origine, il est produit.« D a s steht auch bei Deleuze in engem Zusammenhang mit der These, daß Sinn nur durch A u f l ö s u n g einer Paradoxie gewonnen werden kann.
44
eine Selbstillusionierung sinnkonstituierender Systeme, wenn sie meinen, zeitüberdauernde Identitäten habe es immer schon gegeben und werde es weiterhin geben, und man könne sich daher auf sie wie auf Vorhandenes beziehen. Alle Orientierung ist Konstruktion, ist von Moment zu Moment reaktualisierte Unterscheidung. Über diese Feststellung, die zunächst wie eine bloße Behauptung klingt (es gibt keinen Sinn außerhalb der Systeme, die Sinn als Medium benutzen und reproduzieren), gelangt man hinaus, wenn man sich eine Konsequenz operativer Schließung für die Beziehungen des Systems zu seiner operativ unerreichbaren Umwelt vor Augen führt. Lebende Systeme schaffen für ihre Zellen eine Sonderumwelt, die sie schützt und ihre Spezialisierung erlaubt, nämlich Organismen. Sie schützen sich durch materielle Grenzen im Raum. Psychische und soziale Systeme bilden ihre Operationen als beobachtende Operationen aus, die es ermöglichen, das System selbst von seiner U m w e l t zu unterscheiden - und dies obwohl (und wir müssen hinzufügen: weil) die Operation nur im System stattfinden kann. Sie unterscheiden, anders gesagt, Selbstreferenz und Fremdreferenz. Für sie sind Grenzen daher keine materiellen Artefakte, sondern Formen mit zwei Seiten. Abstrakt gesehen handelt es sich dabei um ein »re-entry« einer Unterscheidung in das durch sie selbst Unterschiedene. Die Differenz System/Umwelt kommt zweimal vor: als durch das System produzierter Unterschied und als im System beobachteter Unterschied. Mit dem Begriff des »re-entry« zitieren wir zugleich angebbare Konsequenzen, die George Spencer Brown als Schranken eines auf Arithmetik und Algebra beschränkten mathematischen Kalküls dargestellt hat. Das System wird für sich selbst unkalkulierbar. Es erreicht einen Zustand von Unbestimmtheit, der nicht auf die Unvorhersehbarkeit von Außeneinwirkungen (unabhängige Variable) zurückzuführen ist, sondern auf das System selbst. Es braucht deshalb ein Gedächtnis, eine »memory function«, die ihm die Resultate vergangener Selektionen als gegenwärtigen Zustand verfügbar machen (wobei Leistungen des Vergessens und des Erinnerns eine Rolle 45
4 5 Siehe L a w s o f F o r m , N e u d r u c k N e w Y o r k 1 9 7 9 , insb. S . 56fr.
45
46
spielen). U n d es versetzt sich selbst in den Zustand des Oszillierens zwischen positiv und negativ gewerteten Operationen und zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz. Es konfrontiert sich selbst mit einer für es selbst unbestimmbaren Zukunft, für die gleichsam Anpassungsreserven für unvorhersehbare Lagen gespeichert sind. Das für das System selbst sichtbare Resultat dieser Konsequenzen des re-entry soll im Folgenden mit dem Begriff »Sinn« bezeichnet werden. Akzeptiert man diese Theoriedisposition, kann man nicht von einer vorhandenen Welt ausgehen, die aus Dingen, Substanzen, Ideen besteht, und auch nicht mit dem Weltbegriff deren G e samtheit (universitas rerum) bezeichnen. F ü r Sinnsysteme ist die Welt kein Riesenmechanismus, der Zustände aus Zuständen produziert und dadurch die Systeme selbst determiniert. Sondern die Welt ist ein unermeßliches Potential für Überraschungen, ist virtuelle Information, die aber Systeme benötigt, um Information zu erzeugen, oder genauer: um ausgewählten Irritationen den Sinn von Information zu geben. Folglich muß jegliche Identität als Resultat von Informationsverarbeitung oder, wenn zukunftsbezogen, als Problem begriffen werden. Identitäten »bestehen« nicht, sie haben nur die Funktion, Rekursionen zu ordnen, so daß man bei allem Prozessieren von Sinn auf etwas wiederholt Verwendbares zurück- und vorgrei47
48
46 Kybernetiker würden hier von Wiedereinführung des Output als Input in dasselbe System sprechen. 47 M i t dieser Unterscheidung gehen wir aus G r ü n d e n , die in der Systemtheorie liegen, über Spencer B r o w n hinaus. 48 Ob dies auch für sinnfrei operierende, aber diskriminierfähige lebende Systeme gilt, w i r d diskutiert. Siehe z . B . Madeleine Bastide / Agnès L a gache
/
Catherine
Lemaire-Misonne,
Le paradigme
des
signifiants:
Schème d'information applicable en Immunologie et en Homéopathie, R e v u e internationale de systémique 9 ( 1 9 9 5 ) , S. 2 3 7 - 2 4 9 . Siehe die F o r mulierung: » L a structure vivante est capable de recevoir l'objet sémantique non pas comme objet matériel affectant le soi, mais comme information sur cet objet, appelant dès lors le traitement et la régulation active par l'ensemble du Systeme.« ( 2 4 1 ) N u r so läßt sich die A n w e n dung des Begriffs der Information auf lebende S y s t e m e begründen.
46
fen kann. Das erfordert selektives Kondensieren und zugleich konfirmierendes Generalisieren von etwas, was irn Unterschied zu anderem als Dasselbe bezeichnet werden kann. Daß sinnhafte Identitäten (empirische Objekte, Symbole, Zeichen, Zahlen, Sätze usw.) nur rekursiv erzeugt werden können, hat weitreichende epistemologische Konsequenzen. Einerseits wird dadurch klar, daß der Sinn solcher Entitäten weit über das hinausreicht, was im Moment einer Beobachtungsoperation erfaßt werden kann. Andererseits heißt dies gerade nicht, daß es solche Gegenstände immer schon und auch dann »gibt«, wenn sie nicht beobachtet werden. Unterhalb der Prämissen der traditionellen logisch-ontologischen Realitätsauffassung wird eine weitere Ebene, ein weiteres operatives Geschehen sichtbar, das Gegenstände und Möglichkeiten, sie zu bezeichnen, überhaupt erst konstituiert. Soweit Rekursionen auf Vergangenes verweisen (auf bewährten, bekannten Sinn), verweisen sie nur auf kontingente Operationen, deren Resultate gegenwärtig verfügbar sind, aber nicht auf fundierende Ursprünge. Soweit Rekursionen auf Künftiges verweisen, verweisen sie auf endlos viele Beobachtungsmöglichkeiten, also auf die Welt als virtuelle Realität, von der man noch gar nicht wissen kann, ob sie jemals über Beobachtungsoperationen in Systeme (und in welche?) eingespeist werden wird. Sinn ist demnach eine durch und durch historische Operationsform, und nur ihr Gebrauch bündelt kontingente Entstehung und Unbestimmtheit künftiger Verwendungen. Alle Festlegungen müssen dieses Medium benutzen, und alle Einschreibungen in dieses Medium haben keinen anderen Grund als ihre durch Rekursionen abgesicherte Faktizität. In der kommunikativen Erzeugung von Sinn wird diese Rekursivität vor allem durch die Worte der Sprache geleistet, die in einer Vielzahl von Situationen als dieselben verwendet werden 49
49 In der Transzendentalen Phänomenologie Husserls bestünde das methodische
Korrelat
in
der
Unterscheidung
von
phänomenologischer
Reduktion, die nur die Seinsprätention in Bewußtsein auflöst, und der eidetischen Reduktion, die das festhält, w a s sich in Variationen als Identisches zeigt. V g l . E d m u n d Husserl, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie B d . i, Husserliana B d . III, D e n H a a g 1 9 5 0 , insb. S. I36ff.
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können. Darüber hinaus gibt es aber auch Objekte, die als wahrnehmbare Dinge mit sozialem Sinn angereichert werden können, so daß sie eine nicht auf Sprache angewiesene Koordinationsfunktion erfüllen können - man denke an Sakralobjekte oder an Personen in Trance-Zuständen (Propheten, »Medien«), denen Geist-Besessenheit zugeschrieben wird; an Könige, an Münzen, an Fußbälle. Auch die besondere Art, wie »Heimat« identifiziert wird, läßt sich nicht allein auf Sprache zurückführen und deshalb sprachlich auch nicht angemessen ausdrücken. Dasselbe gilt für die Ordnung v o n Raumverhältnissen durch Architektur oder für den Sinn von Handlungen. Immer geht es um die Grundfunktion der Ordnung von im Moment (und nur im Moment) verfügbaren Rekursionen. Im selbstkonstituierten Medium Sinn ist es unerläßlich, Operationen an Unterscheidungen zu orientieren. N u r so läßt sich die für Rekursionen erforderliche Selektivität erzeugen. Sinn besagt, daß an allem, was aktuell bezeichnet wird, Verweisungen auf andere Möglichkeiten mitgemeint und miterfaßt sind. Jeder bestimmte Sinn meint also sich selbst und anderes. Das heißt auch, daß es der Dingerfahrung widerspräche, wollte man an51
52
50 So versteht man auch den »linguistic turn« der Philosophie als Korrelat einer gesellschaftlichen E n t w i c k l u n g , die der Substanzontologie und ihrem transzendentalen Refugium die Plausibilität entzieht. Das impliziert zugleich einen Übergang v o n Was-Fragen zu Wie-Fragen, die P r o blematisierung der Übersetzbarkeit von Sprachen und allgemein die seit Saussure gesehene Notwendigkeit, Identitäten d u r c h Differenzen zu ersetzen. $ 1 D a s muß nicht schon gleich im Sinne des »omnis determinatio est negatio« verstanden werden. N e g a t i o n ist ja immer eine spezifische O p e r a tion, die die Identität des zu Negierenden, das man auch affirmieren könnte, voraussetzt. W i r bewegen uns noch im Vorfeld der bereits spezifischen Unterscheidung von positiver und negativer Sinnverarbeitung, und Unterscheidung selbst besagt gerade die mitkonstituierende Relevanz des Nichtbezeichneten. 52 D i e Ausnahme, die die Tradition anbietet, ist der Begriff Gottes. Siehe für dessen A k z e p t a n z außerhalb der Theologie z. B. Thomas Browne, Religio Medici ( 1 6 4 3 ) , zit. nach der A u s g a b e der Everyman's LibraryL o n d o n 1 9 6 5 , S. 40, 79. E b e n deshalb muß es sich bei » G o t t « um einen außerordentlichen Begriff handeln.
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nehmen, das Ding würde verschwinden, wenn man es aus dem Auge lassen und sich anderem zuwenden würde (denn dann würde man ja nie riskieren können loszulassen). Sinn ist in allem, was aktualisiert wird, als Weltverweisung co-präsent, und zwar aktuell appräsentiert. Das schließt auch die Verweisung auf die Bedingungen eigenen Könnens, eigenen Erreichen-Könnens und deren Grenzen in der Welt ein. Selbst die Unterscheidung aktuell/möglich kann noch als sinnhaft bezeichnet werden, indem man zum Beispiel nach ihrer Funktion in der Phänomenologie der Welt fragt und damit den Blick auf funktionale Äquivalente, also auf andere Möglichkeiten öffnet. Was mit der Sinnthese ausgeschlossen ist, ist nur der Gegenfall absoluter Leere, Nichtheit, das Chaos im ursprünglichen Sinne des Wortes und auch der Weltzustand des »unmarked S t a t e « im Sinne von Spencer Brown. Aber zugleich reproduziert alles sinnhafte Operieren immer auch die Anwesenheit dieses Ausgeschlossenen , denn die Sinnwelt ist eine vollständige Welt, die das, was sie ausschließt, nur in sich ausschließen kann. A u c h »Unsinn« kann daher nur im Medium Sinn, nur als Form von Sinn gedacht und kommuniziert werden. Alle Negation potentialisiert und bewahrt damit, was sie explizit negiert, und re-etabliert damit auch jenen unmarked space, in den sich jede, auch die negierende Operation durch eine Unterscheidung einkerbt. Darüber, wie Sinn funktioniert, lassen sich Aussagen machen mit Hilfe spezifischer, genau darauf bezogener, Sinn definierender Unterscheidungen. Man kann Sinn phänomenologisch beschreiben als Verweisungsüberschuß, der von aktuell gegebenem Sinn aus zugänglich ist. Sinn ist danach - und w i r legen Wert auf die paradoxe Formulierung - ein endloser, also unbestimmbarer 53
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55
53 Diese auf Politik gemünzte Formulierung bei Bernard W u l m s , Politik als Erste Philosophie oder: Was heißt radikales politisches Philosophieren?, in: Volker Gerhard (Hrsg.), D e r Begriff der Politik: Bedingungen und G r ü n d e politischen Handelns, Stuttgart 1 9 9 0 , S. 2 5 2 - 2 6 7 (260, 265 f.). 54 So auch Deleuze a.a.O. S. 83 ff. N o n - s e n s reflektiere nur das, was Deleuze (S. 8 7 ) dann »donation du sens« nennt. 55 Zu diesem Begriff Y v e s Barel, Le paradoxe et le système: Essai sur le fantastique social, 2. A u f l . Grenoble 1 9 8 9 , S. 71 f., 1 8 5 f., 302f.
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Verweisungszusammenhang, der aber in bestimmter Weise zugänglich gemacht und reproduziert werden kann. Man kann die Form von Sinn bezeichnen als Differenz von Aktualität und Möglichkeit und kann damit zugleich behaupten, daß diese und keine andere Unterscheidung Sinn konstituiert. Man hat demnach, wenn man über Sinn spricht, etwas Greifbares (Bezeichenbares, Unterscheidbares) im Sinn; und das heißt auch, daß mit der Sinnthese eingeschränkt wird, was dann noch über G e sellschaft ausgemacht werden kann. Gesellschaft ist ein sinnkonstituierendes System. Die Modalisierung der Aktualität durch die Unterscheidung aktuell/möglich bezieht sich auf den Sinn, der jeweils in den Systemoperationen aktualisiert wird. Sie ist doppelt asymmetrisch gebaut; denn auch der aktualisierte Sinn ist und bleibt möglich und der mögliche Sinn aktualisierbar. In der Unterscheidung ist demnach ein »re-entry« der Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene mitvorgesehen. Sinn ist also eine Form, die auf beiden Seiten eine Copie ihrer selbst in sich selbst enthält. Das führt zur Symmetrisierung des zunächst asymmetrisch gegebenen Unterschiedes von aktuell und möglich , und folglich erscheint Sinn als weltweit überall dasselbe. Re-asymmetrisierungen sind möglich, ja fürs Beobachten erforderlich, aber sie müssen durch weitere Unterscheidungen eingeführt werden, zum Beispiel durch die Unterscheidung System/Umwelt oder durch die Unterscheidung Bezeichnendes/Bezeichnetes. 56
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Sinnverwendende Systeme sind schon durch ihr Medium Systeme, die sich selbst und ihre Umwelt nur in der Form von Sinn, und das heißt: mit re-entry der Form in die Form beobachten und beschreiben können. Es gibt keine psychischen und sozialen Systeme, die im Medium Sinn nicht zwischen sich selbst und anderem unterscheiden könnten (welche Freiheiten
56 D a s schließt im übrigen diese Aussage selbst ein. A u c h über »endlos« oder »unbestimmbar« kann nur in bestimmter Weise gesprochen w e r den, nämlich im Kontext bestimmter (und nicht anderer) Unterscheidungen wie unendlich/endlich oder unbestimmt/bestimmt. 57 V g l . Louis H. Kauffman, Self-reference and Recursive Forms, Journal of Social and Biological Structures 1 0 ( 1 9 8 7 ) , S . 5 3 - 7 2 ( 5 8 L ) .
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immer dann in Fragen der Kausalzurechnung aktualisiert werden mögen). Und konkreter: von Moment zu Moment wird das re-entry genutzt, wird aktuelle Sinnbehandlung reproduziert und dabei auf Mögliches vorgegriffen. Aktualität ist so gleichsam die Schiene, auf der immer neue Systemzustände projektiert und realisiert werden. Daher erscheint die Aktualität dem System als momentane Gegenwart und, vermittelt über Selbstthematisierung, zugleich als (wie immer prekäre) Dauer. Und es gibt für solche Systeme kein Ausweichen vor den strukturellen Konsequenzen eines re-entry, vor allem der Selbstüberlastung mit Möglichkeiten, die durch keine Beobachtung oder Beschreibung eingeholt werden und nur als Selektivität beobachtet werden können. Eine historisch viel benutzte Form des Umgangs mit dieser Selbstüberforderung mißt das System an Ideen (zum Beispiel der Perfektion), die es nicht verwirklichen kann. Systeme, die im Medium Sinn operieren, können, ja müssen Selbstreferenz und Fremdreferenz unterscheiden; und dies in einer Weise, bei der mit der Aktualisierung von Selbstreferenz immer auch Fremdreferenz und mit der Aktualisierung von Fremdreferenz immer auch Selbstreferenz als die jeweils andere Seite der Unterscheidung mitgegeben ist. Alle Formenbildung im Medium Sinn muß deshalb systemrelativ erfolgen, gleichgültig ob der Akzent im Moment auf Selbstreferenz oder auf Fremdreferenz liegt. Erst diese Unterscheidung ermöglicht Prozesse, die man üblicherweise als Lernen, als Systementwicklung, als evolutionären Aufbau von Komplexität bezeichnet. Und sie ermöglicht es auch, von zwei operativ sehr verschiedenen sinnkonstituierenden Systemen auszugehen, die sich über Bewußtsein bzw. über Kommunikation reproduzieren, damit jeweils eigene Ausgangspunkte für die Unterscheidung v o n Selbstreferenz und Fremdreferenz erzeugen und sich trotzdem über vorausgesetzte bzw. aktualisierte Fremdreferenz immer aufeinander beziehen: psychische Systeme und soziale Systeme. A l s Universalmedium aller psychischen und sozialen, aller bewußt und kommunikativ operierenden Systeme regeneriert Sinn mit der Autopoiesis dieser Systeme anstrengungslos und wie von selbst. Schwierig ist es dagegen, Unsinn zu erzeugen, da die Bemühung darum schon wieder Sinn macht. M a n kann dieses Problem an den Versuchen mit einer non-sense-Kunst verfol-
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gen. Möglich ist Unsinnsproduktion nur, wenn man einen engeren Begriff des Sinnvollen (zum Beispiel: des alltäglich Üblichen, des Erwartbaren) bildet und dann Unsinn davon unterscheidet. Ahnliches gilt, wenn man durch angestrengte Bemühungen etwas besonders »Sinnvolles« zustandebringen will und dann möglicherweise die Sinnlosigkeit aller Bemühungen darum zu spüren bekommt. In das allgemeine unnegierbare Medium Sinn können also sekundäre positiv/negativ-Zäsuren eingebracht werden; aber das bringt es unausweichlich mit sich, daß eine solche Unterscheidung als Unterscheidung dann wieder Sinn hat und Sinn reproduziert. Man kann deshalb zwar Sinn als Form bezeichnen, indem man Sinn von Unsinn unterscheidet und ein Kreuzen der Grenze ermöglicht; aber das kann nur in der Weise geschehen, daß die Unterscheidung Sinn/Unsinn im Moment ihrer Verwendung Sinn annimmt und damit Sinn als Medium aller Formbildungen reproduziert. Daß Sinn als »Eigenbehavior« ' bestimmter Systeme entsteht und reproduziert wird, ergibt sich daraus, daß diese Systeme (also: Bewußtseinssysteme und Sozialsysteme) ihre Letztelemente als Ereignisse produzieren, die zeitpunktbezogen entstehen und sofort wieder zerfallen, die keine Dauer haben können und jeweils zum ersten und zum letzten Male vorkommen. Es handelt sich um temporalisierte Systeme, die Stabilität nur als dynamische Stabilität, nur durch die laufende Ersetzung von vergehenden Elementen durch neue, andere Elemente gewinnen können. Ihre Strukturen müssen darauf eingestellt sein. Die jeweils aktuelle Gegenwart ist kurz und so ausgelegt, daß in ihr 59
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58 V g l . Winfried Menninghaus, L o b des Unsinns: Ü b e r Kant, Tieck und Blaubart, Frankfurt 1 9 9 5 . 59 V g l . hierzu Alois H a h n , Sinn und Sinnlosigkeit, in: Hans Haferkamp / Michael Schmid (Hrsg.), Sinn, Kommunikation und soziale Differenzierung: Beiträge zu Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt 1987, S. 1 5 5 - 1 6 4 . 60 W i r beantworten hiermit zugleich die alte Frage, ob es ein Sinnkriterium gibt, das es ermöglicht, Sinnhaftes und Sinnloses zu unterscheiden und ob, w e n n ja, dieses Kriterium selbst sinnhaft oder sinnlos ist. 61 Im Sinne von H e i n z von Foerster, Observing Systems, Seaside Cal. 1 9 8 1 , S. 2 7 3 ff.
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alles, was überhaupt geschieht, gleichzeitig geschieht. Sie ist noch nicht eigentlich Zeit. Sie wird aber zur Zeit, wenn sie als Trennung eines »Vorher« und eines »Nachher«, einer Vergangenheit und einer Zukunft aufgefaßt wird. Sinn erscheint daher in der Zeit und kann jederzeit auf zeitliche Unterscheidungen umschalten, das heißt: Zeit benutzen, um Komplexität zu reduzieren, nämlich Vergangenes als nicht mehr aktuell und Künftiges als noch nicht aktuell zu behandeln. Wenn (nur wenn!) diese Unterscheidung angewandt wird, kann man über Vergangenheit Redundanzen erzeugen und über Zukunft Varietät; und erzeugen heißt: in der Gegenwart präsent machen. Temporalisierung der Gegenwart ist aber nur eine unter anderen Möglichkeiten, sinnhaft (nämlich durch spezifische Unterscheidungen) mit Varietät umzugehen. Vorrangig ist die Gegenwart, diejenige Seite der Form von Sinn, die im Unterschied zur anderen Seite dieser Form oben als Aktualität bezeichnet worden ist. Die andere Seite ist dann all das, was von hier aus zugänglich ist, sei es unmittelbar und real, sei es nur möglicherweise, sei es im Vollzug von Wahrnehmungen, sei es nur gedanklich oder imaginativ. Man könnte in loser Anlehnung an Spencer B r o w n die Innenseite der Form als Attraktor der Operation von ihrer Außenseite unterscheiden. Sinnhaftes Operieren heißt dann, daß alle Operationen auf der Innenseite der Form, also aktuell stattfinden (oder eben: nicht stattfinden); daß aber genau dazu eine andere Seite der Form, eben die Außenseite als ein ins Unendliche ge63
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62 D a z u näher: N i k l a s Luhmann, Gleichzeitigkeit und Synchronisation, in ders., Soziologische Aufklärung B d . 5, Opladen 1990, S. 9 5 - 1 3 0 . 63 Diese Möglichkeit besteht unabhängig von Zeitmessungen; aber Zeitmessungen können zusätzlich eingeführt werden, um Distanzen zur G e g e n w a r t zu bestimmen und damit die nicht mehr / noch nicht aktuelle Relevanz zeitferner Ereignisse genauer abschätzen zu können. 64 W i r merken hier vorgreifend schon an, daß diese Zeitform der Vermittlung von Redundanz und Varietät in der Neuzeit größte Bedeutung gewinnt, weil die naturale Absicherung v o n Redundanzen über N o t w e n digkeiten und Unmöglichkeiten mehr und mehr aufgegeben werden muß und zugleich die unkoordinierte Irritierbarkeit gesellschaftlicher Kommunikation, also Varietät, zunimmt. 6 5 Siehe G e o r g e Spencer B r o w n , L a w s o f F o r m , N e u d r u c k N e w Y o r k 1 9 7 9 , S. 5.
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hender Raum anderer Möglichkeiten erforderlich ist, wenn es denn Sinn sein soll. Daß die Zeitdimension von Sinn jederzeit unterscheidungsrelevant werden kann, hat erhebliche Auswirkungen auf soziale Verhältnisse. Die Zeitdimension verhindert die dinghafte Verfestigung der Sozialdimension. Andere können im nächsten M o ment anders beobachten, sie sind innerhalb der Sachdimension von Sinn zeitlich beweglich. Das Ausmaß, in dem Gesellschaften dies zugestehen, variiert historisch mit der Komplexität des Gesellschaftssystems - leicht nachzuprüfen, wenn man den Zusammenhang der Ding-Semantik (»res«), der zweiwertigen Logik, der Behandlung abweichender Meinung als Irrtum und der Absonderung eines besonderen Meinungswissens als bloßer döxa/opinio in der alteuropäischen Tradition bedenkt, während heute sehr viel stärker von der Zeitbedingtheit aller Einstellungen zur Welt ausgegangen wird. Wenn jede Operation ein zeitpunktabhängiges Ereignis ist, das verschwindet, sobald es aktualisiert ist, und folglich durch ein anderes Ereignis ersetzt werden muß, wenn überhaupt eine Sequenz von Operationen, also ein System Z u s t a n d e k o m m e n soll (was nicht sein muß!), erfordert jeder Fortgang des Operierens ein Kreuzen der Grenze der Form, nämlich einen Übergang zu etwas auf der anderen Seite, was vorher nicht bezeichnet war. Wir kümmern uns hier nicht um die logischen bzw. mathematischen Probleme dieses »crossing« (Spencer Brown), sondern halten nur fest, daß dazu eine Selektion erforderlich ist, die das, was auf der anderen Seite möglich ist und möglich bleibt, auf eine spezifische, bezeichnungsfähige Aktualität reduziert. Wozu erneut eine andere Seite der Form, ein Überschuß von Verweisungen, eine Welt voller nicht zugleich aktualisierbarer Möglichkeiten erforderlich ist. Das Sequenzieren der Operationen hält also das Gesamt von Potentialitäten co-präsent, führt es nur mit, regeneriert es dadurch als Welt, ohne welche es nie zu einer Selektion weiterer Operationen, nie zu einer Reproduktion des operierenden Systems kommen könnte. Sinn kann, verkürzt gesagt, nur als Form reproduziert werden. D i e Welt selbst bleibt als stets mitgeführte andere Seite aller Sinnformen unbeobachtbar. Ihr Sinn kann nur in der Selbstreflexion des Formgebrauchs sinnhafter Operationen symbolisiert werden. 54
Das Problem dabei ist, daß Sinn bei aller Deutlichkeit (oder Undeutlichkeit), Aufdringlichkeit und faktischen Unbezweifelbarkeit der momentanen Aktualisation (hier denkt man natürlich sofort an Descartes) die Welt des von hier aus Zugänglichen nur als Verweisungsüberschuß, also als Selektionszwang repräsentieren kann. Das aktuell Appropriierte ist sicher , aber instabil, die andere Seite der Sinnform ist stabil, aber unsicher, weil alles davon abhängt, was im nächsten Moment intendiert sein wird. Die Einheit des Gesamts der Möglichkeiten und erst recht natürlich die Einheit der Form selbst, also die Einheit von Aktualität und Potentialität, kann nicht wiederum aktualisiert werden. Statt Welt zu geben, verweist Sinn auf selektives Prozessieren. U n d das gilt selbst dann (wie wir noch sehen werden), wenn in der Welt Weltbegriffe, Weltbeschreibungen, weltreferierende Semantiken gebildet werden, denn auch dies muß in einer sinnhaften Operation geschehen, die das, was sie bezeichnet, von etwas anderem unterscheidet (etwa: als Sein vom Seienden). Aktualisierter Sinn ist ausnahmslos selektiv zustandegekommen und verweist ausnahmslos auf weitere Selektion. Seine Kontingenz ist notwendiges Moment sinnhaften Operierens. All dem liegt die nur als Paradox faßbare, operativ funktionierende, aber nicht beobachtbare Einheit des Unterschiedenen voraus. Mit den beiden Seiten seiner Form kann und muß Sinn zugleich funktionieren, anders ist seine operative Verwendung zur Bezeichnung von etwas (und nichts anderem) nicht möglich. Auch für Sinn in jedem Sinne gilt, daß er nur durch Aktualisierung einer Unterscheidung bezeichnet werden kann, die etwas Nichtbezeichnetes als die andere Seite der Unterscheidung mitführt. Man kann natürlich auch die Unterscheidung Aktualität/Potentialität selbst bezeichnen (wir tun es soeben), aber dies nur durch eine weitere Unterscheidung, die diese Unterscheidung von anderen unterscheidet und in der Welt lokalisiert. So können sinnhaft prozessierende Systeme durchaus sich vorstellen bzw. kommunizieren, daß es andere Systeme gibt, für die 66
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66 Dies sowohl im alteuropäischen als auch im später subjektivierten Sinn von »securus«. Speziell hierzu E m i l Winkler, Sécurité, Berlin 1 9 3 9 . 67 Siehe auch Niklas Luhmann, T h e Paradoxy of Observing Systems, C u l tural Critique 3 1 ( 1 9 8 5 ) , S . 3 7 - 5 5 .
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es keinen Sinn gibt, zum Beispiel Steine. A b e r auch dies geht nur mit einer darauf zugeschnittenen Unterscheidung, also nur in der Form von Sinn. Sinnhaft operierende Systeme bleiben an ihr Medium Sinn gebunden. Es allein gibt ihnen Realität in der Form der sequentiellen Aktualisierung eigenen Operierens. Sie können sinnfrei existierende Systeme nicht verstehen und auch nicht simulieren. Sie bleiben auf Sinn als für sie spezifische Form der Reduktion von Komplexität angewiesen. Während diese Verwendung einer Unterscheidung zwangsläufig erfolgt und nicht zu vermeiden ist, erfolgt die Feststellung eines Unterschiedes explizit. Sie setzt sichtbare Selektion voraus und ist gegebenenfalls begründungsbedürftig. Sprachlich kann und wird daher die in jedem Satzteil mitlaufende Unterscheidung nicht zum Ausdruck gebracht, und es bleibt oft unklar, wovon zum Beispiel ein Apfel unterschieden wird, wenn von ihm die Rede ist. Die Feststellung eines Unterschieds wird dagegen deutlich markiert und zur Dirigierung der weiteren Kommunikation eingesetzt. Aber selbstverständlich: auch dies im Medium Sinn. 68
Daß alles Beobachten auf Unterscheidungen angewiesen ist, erklärt den Sinnreichtum der Welt. Denn man kann das, was man bezeichnet, identifizieren, indem man es immer wieder anderen Unterscheidungen aussetzt. So können verschiedene Beobachtungen verschiedener Beobachter koordiniert, und zwar gerade in ihrer Verschiedenheit koordiniert werden. Das gilt für Unterschiede in der Zeitdimension wie in der Sozialdimension, es gilt für ein Auswechseln der jeweils benutzten Unterscheidungen im Nacheinander ebenso wie für die Focussierüng verschiedener Beobachter auf Dasselbe. Die ontologische Metaphysik der Tradition hatte dem freien Lauf gelassen - aber gedeckt durch die Annahme transzendenter Grenzwerte. Das Seiende wurde unter der Form des Dings begriffen. Die Zeit wies auf einen »Ursprung« (arche, origo, principium, Quelle, Grund etc.), der bei allem Wechsel der laufend 68 H i e r könnten Überlegungen anschließen, die die Spezialisierung der Wissenschaft auf (ungewöhnliche) Vergleiche betreffen, seien es quantitative, seien es funktionale. Dabei geht es um Markierung von Unterschieden im Bereich des noch Vergleichbaren.
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aktualisierten Unterscheidungen derselbe blieb (und zwar jeweils gegenwärtig derselbe). U n d dieser Ursprung war letztlich Gott als das einzige sich nicht durch Unterscheidungen definierende Wesen. Die Radikalisierung des Sinnbegriffs als Medium für ein unterscheidungsabhängiges Beobachten erlaubt eine Auflösung dieser Prämissen. In allen Sinndimensionen kann die Welt jetzt begriffen werden als der Rahmen (oder mit Husserl: der Horizont), der ein Auswechseln der Unterscheidungen erlaubt, mit denen man Dasselbe beobachtet. Das setzt aber voraus, daß die Welt nicht mehr als Gesamtheit der Dinge und ihrer Beziehungen begriffen wird, sondern als das Unbeobachtbare schlechthin, das mit jedem Wechsel der Unterscheidungen reproduziert wird. Jede Unterscheidung repräsentiert dann Welt, indem ihre andere Seite das mitführt, was im Moment nicht bezeichnet wird. »Distinction is perfect continence«, heißt es lapidar bei Spencer B r o w n . Unterscheidungen üben Selbstbeherrschung, sie ersparen sich externe Referenzen, da sie sie als andere Seite immer schon enthalten. Sie enthalten Enthaltsamkeit. Schon insofern kann die Sinn-Form sich selbst nie sprengen. Aber in ihrem besonderen Fall gilt zusätzlich, daß sie selbst sich nur in Selbstanwendung, also nur »autologisch« unterscheiden läßt. Sie ist das absolute Medium ihrer selbst. Das schließt es nicht aus, weitere Schritte zu tun, die zu den folgenden Analysen der Gesellschaftstheorie überleiten. Wir greifen dafür auf die Paradoxie des Unterscheidens zurück, die ihrerseits das »perfect continence« sichert. Als operative Einheit aus Unterscheidung und Bezeichnung ist Sinn eine Form, die sich selbst enthält, nämlich die Unterscheidung von Unterscheidung und Bezeichnung. Eine Form ist letztlich eine Unterscheidung, die in sich selbst als Unterschiedenes wiedervorkommt. A u s einer solchen Situation kommt man nur durch einen Sprung, durch eine Entparadoxierungsanweisung, durch Verdeckung der Paradoxie durch eine weitere Unterscheidung her69
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69 A l l e anderen Wesen sind »something but by distinction«, heißt es bei Thomas B r o w n e , Religio medici ( 1 6 4 3 ) , zit. nach der A u s g a b e der Everyman's Library, L o n d o n 1 9 6 5 , S. 40. 70 A . a . O . S. 1.
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aus. Dafür haben Russell und Tarski bekanntlich die Unterscheidung von Typen bzw. Ebenen vorgeschlagen. Das mag (trotz aller inzwischen geläufigen Kritik) für Zwecke der Logik und der Linguistik brauchbar sein. Spencer Brown hilft sich mit einem Ignorieren des Ausgangsparadoxes und führt seinen Kalkül auf Grund einer Anweisung (»draw a distinction«) durch bis zu dem Punkt, an dem die Möglichkeit eines imaginären »re-entry« der Form in die Form auftaucht. Angewandt auf die spezifische Form von Sinn, nämlich die Differenz von Aktualität und Potentialität, heißt dies, daß Sinn nur durch ein re-entry der Form in die Form operationsfähig wird. Die Innenseite der Form muß dieses re-entry aufnehmen können. Der Unterschied von momentaner Aktualität und offener Möglichkeit muß selbst aktuell für Bewußtsein und/oder K o m munikation verfügbar sein. Man muß aktuell schon sehen können, wie das crossing dieser Grenze möglich ist und welche nächsten Schritte in Betracht kommen. D a s kann nicht heißen, daß der »unmarked space« des »alles Mögliche« im »marked space« des aktuell Bezeichneten unterkommen kann; er konstituiert das Aktuelle ja gerade dadurch, daß er es überschreitet. Dennoch können bestimmte Möglichkeiten aktuell erfaßt und bezeichnet werden und ein Kreuzen der Grenze von aktuell und potentiell vororientieren; allerdings immer nur so, daß der Nachvollzug dieser Möglichkeit als aktuelle Operation vollzogen wird und damit die Differenz von Aktualität und Potentialität, also Sinn, neu konstituiert. Auf diese Weise, nämlich durch re-entry der Form in die Form, wird Sinn zu einem sich selbst laufend regenerierenden Medium für die laufende Selektion bestimmter Formen. 71
Die Beschreibung auch noch dieses Sachverhaltes belegt ihn gewissermaßen selbst, ist also eine autologische Operation. Sie 71 W i e Ranulph Glanville / Francisco Várela, » Y o u r Inside is O u t and Y o u r Outside is In« (Beatles 1 9 6 8 ) , in: G e o r g e E. Lasker (Hrsg.), Applied Systems and Cybernetics B d . I I , N e w Y o r k 198 i , S . 6 3 8 - 6 4 1 , zeigen, gilt dasselbe auch für alle ähnlich gelagerten Paradoxe der Absolutheit von U n i v e r s a l e m (nichts A u s s c h l i e ß e n d e m ) und
Elementarem (nichts
Einschließendem) und von A n f a n g und E n d e der Welt. M a n findet sich hier in der N ä h e von Argumenten, die N i c o l a u s von Kues zu theologischen Reflexionen gereizt hatten.
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zeigt aber auch, daß sie nur in der Form eines Paradoxes möglich ist, denn die in die Form wiedereintretende Form ist dieselbe und ist nicht dieselbe Form. Diese wohlüberlegte Schneidigkeit der Entfaltung der Sinnparadoxie kann uns den Mut geben, auch andere Unterscheidungen in Betracht zu ziehen, die jeweils in sich re-entryfähig sein sollten. Wir werden im Folgenden die Systemtheorie als Theorie der Unterscheidung von System und Umwelt verstehen, wobei auf der Seite des Systems ein re-entry vollzogen werden kann, wenn das System selbst, also in eigenen Operationen, zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz unterscheidet. Die Behandlung von Kommunikation als diejenige Operation, die spezifisch soziale Systeme reproduziert, orientiert sich an der Unterscheidung von Medium und Form. Diese Unterscheidung kommt insofern in sich selber vor, als auf beiden Seiten lose bzw. strikt gekoppelte Elemente vorausgesetzt sind, die ihrerseits nur als Formen erkennbar sind, also eine weitere Unterscheidung von Medium und Form voraussetzen. Das letzte, für Sinnsysteme nicht transzendierbare Medium ist deshalb der Sinn. Aber Formenbildungen in diesem Medium müssen als Systemoperationen vollzogen werden - sei es als Dirigierung bewußter Aufmerksamkeit, sei es als Kommunikation. Im Falle sprachlicher Kommunikation sind das Worte, die unter Beachtung grammatischer Regeln und nach Erfordernissen der Sinnbildung zu Sätzen gekoppelt werden. Schließlich benutzt auch die Theorie gesellschaftlicher Evolution eine ihre Paradoxie entfaltende Unterscheidung. Die Paradoxie, daß etwas besteht, was sich ändert, wird nicht in der alten Weise in die Unterscheidung von beweglichen und unbeweglichen (änderbaren/unveränderbaren) Elementen bzw. Teilen aufgelöst. An deren Stelle tritt nach dem Vorbild der Darwinschen Theorie die Unterscheidung von Variation und Selektion, wobei die Variation selbst selektiv vorgeht, da das System sich nicht beliebig, sondern nur hochselektiv irritieren, das heißt: zur Variation reizen läßt. 72
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72 Paradox ist, das sollte vorsorglich angemerkt werden, ein solches Voraussetzen von Voraussetzungen in derselben F o r m natürlich nur, wenn es in der F o r m bleibt und w e n n diese als geschlossene Weltdarstellung begriffen wird, weil es anders auf einen infiniten Regreß hinausliefe. 7 3 D a z u unten K a p . 2 , 1 .
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IV. Die Unterscheidung von System und Umwelt Die theoretischen Ressourcen für eine »sinngemäße« Revolutionierung des Paradigmas der Gesellschaftstheorie entnehmen wir nicht der fachsoziologischen Überlieferung, sondern führen sie von außen in die Soziologie ein. Wir orientieren uns dabei an neueren Entwicklungen in der Systemtheorie, aber auch an Entwicklungen, die unter anderen Theorienamen laufen - etwa Kybernetik, cognitive sciences, Kommunikationstheorie, E v o lutionstheorie. In jedem Falle handelt es sich um interdisziplinäre Diskussionszusammenhänge, die in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten einen Prozeß radikaler Veränderung durchlaufen haben und mit der Systembegrifflichkeit der 50er und frühen 60er Jahre kaum noch etwas gemein haben. Es sind ganz neue, faszinierende intellektuelle Entwicklungen, die es erstmals ermöglichen, die alte Gegenüberstellung von Natur- und Geisteswissenschaften oder hard sciences und humanities oder gesetzesförmig bzw. textförmig (hermeneutisch) gegebenen Gegenstandsbereichen zu unterlaufen. Die am tiefsten eingreifende, für das Verständnis des Folgenden unentbehrliche Umstellung liegt darin, daß nicht mehr von Objekten die Rede ist, sondern von Unterscheidungen, und ferner: daß Unterscheidungen nicht als vorhandene Sachverhalte (Unterschiede) begriffen werden, sondern daß sie auf eine Aufforderung zurückgehen, sie zu vollziehen, weil man anderenfalls nichts bezeichnen könnte, also nichts zu beobachten bekäme, also nichts fortsetzen könnte. Man kann dies mit Hilfe des Formbegriffs verdeutlichen, den George Spencer Brown seinen »Laws of Form« zu Grunde legt. Formen sind danach nicht länger als (mehr oder weniger schöne) Gestalten zu sehen, sondern als Grenzlinien, als Markierungen einer Differenz, die dazu zwingt, klarzustellen, welche Seite man bezeichnet, das heißt: auf welcher Seite der F o r m man sich befindet und wo man dementsprechend für weitere Operationen anzusetzen hat. Die andere Seite der Grenzlinie (der »Form«) ist gleichzeitig mitgegeben. Jede Seite der F o r m ist die andere Seite der anderen Seite. 74
74 Siehe George Spencer B r o w n , L a w s of F o r m , zit. nach der Ausgabe N e w York 1979.
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Keine Seite ist etwas für sich selbst. Man aktualisiert sie nur dadurch, daß man sie, und nicht die andere, bezeichnet. In diesem Sinne ist Form entfaltete Selbstreferenz, und z w a r zeitlich entfaltete Selbstreferenz. Denn man hat immer von der jeweils bezeichneten Seite auszugehen und braucht die Zeit für eine weitere Operation, um auf der bezeichneten Seite zu bleiben oder die formkonstituierende Grenze zu kreuzen. Kreuzen ist kreativ. Denn während die Wiederholung einer Bezeichnung nur deren Identität bestätigt (und wir werden später sagen: deren Sinn in verschiedenen Situationen testet und damit kondensiert), ist das Hin- und Herkreuzen keine Wiederholung und kann daher auch nicht zu einer einzigen Identität zusammengezogen werden. Das ist nur eine andere Version für die Einsicht, daß eine Unterscheidung sich bei ihrem Gebrauch nicht selbst identifizieren kann. U n d eben darauf beruht, wie wir am Beispiel der binären Codierung ausführlich zeigen werden, die Fruchtbarkeit des Kreuzens. 75
Dieser Begriff der Form hat zwar eine gewiße Ähnlichkeit mit Hegels Begriff des Begriffs insofern, als für beide der Einschluß einer Unterscheidung konstitutiv ist. In den Begriff des Begriffs hat Hegel jedoch sehr viel weitergehende Ansprüche eingebaut, die wir weder mitvollziehen können noch benötigen. Anders als die Form im hier gemeinten Sinne übernimmt es der Begriff, das Problem seiner Einheit selber zu lösen. Er beseitigt dabei die Selbständigkeit des Unterschiedenen (im Begriff Mensch zum Beispiel die Selbständigkeit der gegeneinandergesetzten Momente Sinnlichkeit und Vernunft), und dies mit Hilfe der spezifischen Unterscheidung von Allgemeinem und Besonderem, mit deren Aufhebung sich der Begriff als einzelner konstituiert. Daran kann hier nur erinnert werden, um dagegen zu setzen: Form ist gerade die Unterscheidung selbst, indem sie die Bezeichnung (und damit die Beobachtung) der einen oder der anderen Seite erzwingt und die eigene Einheit (ganz anders als der Begriff) gerade deshalb nicht selber realisieren kann. Die Einheit
75 Spencer B r o w n a.a.O. S. if. unterscheidet entsprechend zwei Axiome (die einzigen!): ( i ) » T h e value of a call made again is the value of the call«; und (2) » T h e value of a crossing made again is not the value of the crossing«.
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der Form ist nicht ihr »höherer«, geistiger Sinn. Sie ist vielmehr das ausgeschlossene Dritte, das nicht beobachtet werden kann, solange man mit Hilfe der Form beobachtet. Auch im Begriff der Form ist vorausgesetzt, daß beide Seiten in sich durch Verweisung auf die jeweils andere bestimmt sind; aber dies gilt hier nicht als Voraussetzung einer »Versöhnung« ihres Gegensatzes, sondern als Voraussetzung der Unterscheidbarkeit einer Unterscheidung. Jede Bestimmung, jede Bezeichnung, alles Erkennen, alles Handeln vollzieht als Operation das Etablieren einer solchen Form, vollzieht wie der Sündenfall einen Einschnitt in die Welt mit der Folge, daß eine Differenz entsteht, daß Gleichzeitigkeit und Zeitbedarf entstehen und daß die vorausliegende Unbestimmtheit unzugänglich wird. Der Formbegriff unterscheidet sich damit nicht mehr nur vom Begriff des Inhalts; aber auch nicht nur vom Begriff des K o n textes. Eine Form kann im Unterschied von etwas zu allem anderen liegen, ebenso auch im Unterschied von etwas zu seinem Kontext (etwa eines Bauwerks zu seiner städtischen oder landschaftlichen Umgebung), aber auch im Unterschied eines Wertes zu seinem Gegenwert unter Ausschluß dritter Möglichkeiten. Immer dann, wenn der Formbegriff die eine Seite einer Unterscheidung markiert unter der Voraussetzung, daß es noch eine dadurch bestimmte andere Seite gibt, gibt es auch eine Superform, nämlich die Form der Unterscheidung der Form von etwas anderem. 76
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Mit Hilfe dieser für einen Formenkalkül, für ein Prozessieren von Unterscheidungen entwickelten Begrifflichkeit kann man auch die Unterscheidung von System und Umwelt interpretieren. Vom allgemeinen Formenkalkül her gesehen ist es ein Sonderfall, ein Anwendungsfall. Methodisch gesehen geht es deshalb nicht schlicht darum, die Erklärung der Gesellschaft aus 78
76 Diesen Gegenbegriffsaustausch schlägt Christopher Alexander, N o t e s on the Synthesis of F o r m , Cambridge Mass. 1964, vor. 77 W i r werden darauf zurückkommen, wenn wir auf die Unterscheidung von M e d i u m und F o r m zu sprechen kommen werden. Siehe K a p . 2 , 1 . 78 So explizit und ausführlich Fritz B. Simon, Unterschiede, die U n t e r schiede machen: Klinische Epistemologie: Grundlage einer systemischen Psychiatrie und Psychosomatik, Berlin 1988, insb. S. 47 ff.
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e i n e m P r i n z i p (sei e s » G e i s t « , sei e s » M a t e r i e « ) d u r c h d i e E r k l ä r u n g d u r c h eine U n t e r s c h e i d u n g z u e r s e t z e n . D e r U n t e r scheidung v o n
System und Umwelt,
und damit der Form
» S y s t e m « , g e b e n w i r z w a r eine zentrale Stellung, d i e s a b e r nur i n d e m S i n n e , daß w i r v o n hier aus die K o n s i s t e n z d e r T h e o r i e , d a s heißt d e n Z u s a m m e n h a n g einer V i e l z a h l v o n U n t e r s c h e i d u n g e n o r g a n i s i e r e n . D a s V e r f a h r e n ist d a n n n i c h t deduktiv, s o n d e r n i n d u k t i v ; e s p r o b i e r t aus, w a s G e n e r a l i s i e r u n g e n einer F o r m für a n d e r e b e s a g e n . U n d K o n s i s t e n z heißt d a b e i nichts a n d e r e s als H e r s t e l l u n g a u s r e i c h e n d e r R e d u n d a n z e n , a l s o sparsamer U m g a n g mit Informationen. F ü r d i e S y s t e m t h e o r i e selbst w i r d m i t H i l f e dieses F o r m b e g r i f f s k l a r g e s t e l l t , daß sie nicht b e s o n d e r e O b j e k t e ( o d e r s o g a r nur: t e c h n i s c h e A r t e f a k t e o d e r a n a l y t i s c h e K o n s t r u k t e ) behandelt, s o n d e r n daß i h r T h e m a eine b e s o n d e r e A r t v o n F o r m ist, eine b e s o n d e r e F o r m v o n F o r m e n , k ö n n t e m a n s a g e n , d i e die allgemeinen Eigenschaften jeder Zwei-Seiten-Form am Fall von » S y s t e m u n d U m w e l t « expliziert. A l l e Eigenschaften v o n F o r m g e l t e n a u c h hier: s o die G l e i c h z e i t i g k e i t v o n S y s t e m u n d U m w e l t u n d d e r Z e i t b e d a r f aller O p e r a t i o n e n . V o r a l l e m a b e r ist mit d i e s e r D a r s t e l l u n g s w e i s e deutlich z u m a c h e n , d a ß S y s t e m und U m w e l t als die z w e i Seiten einer F o r m z w a r g e t r e n n t , a b e r nicht o h n e d i e j e w e i l s a n d e r e Seite existieren k ö n n e n .
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D i e Einheit
d e r F o r m b l e i b t als D i f f e r e n z v o r a u s g e s e t z t ; a b e r d i e D i f f e r e n z s e l b s t ist n i c h t T r ä g e r d e r O p e r a t i o n e n . Sie ist w e d e r S u b s t a n z n o c h S u b j e k t , tritt a b e r theoriegeschichtlich a n d i e Stelle dieser klassischen Figuren.
O p e r a t i o n e n sind n u r als
Operationen
eines S y s t e m s m ö g l i c h , a l s o n u r auf d e r I n n e n s e i t e d e r F o r m . A b e r das S y s t e m k a n n a u c h als B e o b a c h t e r d e r F o r m o p e r i e r e n ; e s k a n n d i e E i n h e i t d e r D i f f e r e n z , die Z w e i - S e i t e n - F o r m als F o r m b e o b a c h t e n - a b e r nur, w e n n e s dafür s e i n e r s e i t s eine w e i tere F o r m b i l d e n , also die U n t e r s c h e i d u n g i h r e r s e i t s u n t e r s c h e i den kann. So k ö n n e n dann auch Systeme, w e n n hinreichend 79
Daraus folgt, daß die Unterscheidung S y s t e m / U m w e l t nicht mit Wichtigkeitsvorrang belegt, nicht »hierarchisiert« werden kann - oder wenn, dann mit dem Effekt einer »tangled hierarchy« im Sinne v o n Hofstadter. Siehe dazu Olivier G o d a r d , Uenvironment, du champs de recherche au concept: U n e hiérarchie enchevêtrée dans la formation du sens, Revue internationale de systémique 9 ( 1 9 9 5 ) , S. 4 0 5 - 4 2 8 .
63
k o m p l e x , d i e U n t e r s c h e i d u n g v o n S y s t e m u n d U m w e l t auf s i c h s e l b e r a n w e n d e n ; dies a b e r nur, w e n n sie d a f ü r eine eigene O p e r a t i o n d u r c h f ü h r e n , die dies tut. Sie k ö n n e n , mit anderen W o r ten, sich s e l b s t v o n i h r e r U m w e l t u n t e r s c h e i d e n , a b e r dies n u r als O p e r a t i o n i m S y s t e m selbst. D i e F o r m , die sie gleichsam b l i n d e r z e u g e n , i n d e m sie r e k u r s i v o p e r i e r e n u n d s i c h damit a u s d i f f e r e n z i e r e n , steht i h n e n w i e d e r z u r V e r f ü g u n g , w e n n sie s i c h selbst als S y s t e m i n einer U m w e l t b e o b a c h t e n . U n d n u r s o , n u r u n t e r g e n a u d i e s e n B e d i n g u n g e n , ist d a n n a u c h die S y s t e m t h e o rie G r u n d l a g e für eine b e s t i m m t e P r a x i s des U n t e r s c h e i d e n s u n d B e z e i c h n e n s . S i e b e n u t z t die U n t e r s c h e i d u n g S y s t e m u n d U m w e l t als F o r m i h r e r B e o b a c h t u n g e n u n d B e s c h r e i b u n g e n ; a b e r sie m u ß , u m dies t u n z u k ö n n e n , diese U n t e r s c h e i d u n g v o n a n deren Unterscheidungen,
etwa denen der Handlungstheorie,
u n t e r s c h e i d e n k ö n n e n , u n d sie m u ß , u m ü b e r h a u p t auf diese W e i s e o p e r i e r e n z u k ö n n e n , ein S y s t e m b i l d e n , h i e r also: W i s senschaft sein. D a s K o n z e p t erfüllt mithin, i n A n w e n d u n g auf S y s t e m t h e o r i e , das E r f o r d e r n i s , n a c h d e m w i r s u c h e n : das E r fordernis einer Selbstimplikation der Theorie. Sie w i r d durch ihr G e g e n s t a n d s v e r h ä l t n i s z u » a u t o l o g i s c h e n « R ü c k s c h l ü s s e n auf sich selbst g e z w u n g e n . A k z e p t i e r t m a n d i e s e n differenztheoretischen A u s g a n g s p u n k t , d a n n e r s c h e i n e n alle E n t w i c k l u n g e n d e r n e u e r e n S y s t e m t h e o r i e als V a r i a t i o n e n z u m T h e m a » S y s t e m u n d U m w e l t « . Z u n ä c h s t ging es darum, mit Vorstellungen über Stoffwechsel oder Input u n d O u t p u t z u e r k l ä r e n , daß e s S y s t e m e gibt, die nicht d e m E n t r o p i e g e s e t z u n t e r w o r f e n , s o n d e r n i n d e r L a g e sind, N e g e n t r o p i e a u f z u b a u e n u n d d a m i t g e r a d e d u r c h die O f f e n h e i t u n d die U m w e l t a b h ä n g i g k e i t des S y s t e m s dessen U n t e r s c h i e d z u r U m w e l t z u v e r s t ä r k e n . D a r a u s k o n n t e m a n f o l g e r n , daß U n a b h ä n g i g k e i t u n d A b h ä n g i g k e i t v o n d e r U m w e l t k e i n e sich w e c h selseitig a u s s c h l i e ß e n d e n S y s t e m m e r k m a l e s i n d , s o n d e r n u n t e r b e s t i m m t e n B e d i n g u n g e n m i t e i n a n d e r gesteigert w e r d e n k ö n nen. D i e F r a g e w a r d a n n : u n t e r w e l c h e n B e d i n g u n g e n ? H i e r a u f k o n n t e m a n m i t H i l f e d e r E v o l u t i o n s t h e o r i e eine A n t w o r t suchen. E i n nächster
E n t w i c k l u n g s s c h r i t t lag i n d e r E i n b e z i e h u n g
selbstreferentieller, a l s o z i r k u l ä r e r Verhältnisse. Z u n ä c h s t d a c h t e m a n a n d e n A u f b a u v o n S t r u k t u r e n des S y s t e m s d u r c h S y s t e m 64
eigene Prozesse u n d sprach folglich v o n Selbstorganisation. H i e r b e i w u r d e d i e U m w e l t als Q u e l l e eines u n s p e z i f i s c h e n ( s i n n l o s e n ) » R a u s c h e n s « begriffen, d e m d a s S y s t e m gleichwohl d u r c h d e n Z u s a m m e n h a n g eigener O p e r a t i o n e n S i n n a b g e w i n n e n k ö n n e . S o v e r s u c h t e m a n z u e r k l ä r e n , daß
das S y s t e m -
z w a r i n A b h ä n g i g k e i t v o n der U m w e l t u n d k e i n e s f a l l s ohne U m w e l t , a b e r o h n e d u r c h die U m w e l t d e t e r m i n i e r t z u sein s i c h selbst o r g a n i s i e r e n u n d eine e i g e n e O r d n u n g aufbauen könne: order from noise.
80
D i e U m w e l t w i r k t , v o m S y s t e m her 81
g e s e h e n , z u f ä l l i g auf das S y s t e m e i n ; a b e r g e n a u diese Z u f ä l l i g k e i t sei für d i e E m e r g e n z v o n O r d n u n g u n e n t b e h r l i c h , u n d j e k o m p l e x e r die O r d n u n g werde, desto mehr. I n d i e s e n D i s k u s s i o n s s t a n d hat H u m b e r t o M a t u r a n a m i t dem B e g r i f f d e r A u t o p o i e s i s ein neues M o m e n t e i n g e f ü h r t .
82
Auto-
p o i e t i s c h e S y s t e m e s i n d S y s t e m e , die n i c h t n u r i h r e Strukturen, s o n d e r n a u c h d i e E l e m e n t e , aus d e n e n sie b e s t e h e n , i m N e t z w e r k e b e n d i e s e r E l e m e n t e selbst e r z e u g e n . D i e E l e m e n t e (und z e i t l i c h g e s e h e n s i n d das O p e r a t i o n e n ) , aus d e n e n autopoietis c h e S y s t e m e b e s t e h e n , h a b e n k e i n e u n a b h ä n g i g e E x i s t e n z . Sie k o m m e n n i c h t b l o ß z u s a m m e n . Sie w e r d e n n i c h t b l o ß v e r b u n d e n . Sie w e r d e n v i e l m e h r i m S y s t e m erst e r z e u g t , u n d z w a r dad u r c h , daß sie (auf w e l c h e r E n e r g i e - u n d M a t e r i a l b a s i s i m m e r ) 80 Siehe H e i n z von Foerster, On Self-organizing Systems and Their Environments, in: Marshall C. Yovits / Scott C a m e r o n ( H r s g . ) , Self-organizing Systems: Proceedings of an Interdisciplinary Conference; Oxford i960, S. 3 1 - 5 0 , dt. Übers, in ders., Sicht und Einsicht: Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie, Braunschweig 1 9 8 5 , S.
1 1 5 - 1 3 0 ; Henri
Altan, Entre le cristal et la fumée, Paris 1 9 7 9 . 81 Henri Altan geht sogar so weit, zu sagen, daß deshalb Organisationsänderungen des Systems nur extern erklärt werden könnten. Siehe: L'emergence du nouveau et du sense, in: Paul D u m o u c h e l / Jean-Pierre D u p u y (Hrsg.), L'auto-organisation: De la physique au politique, Paris 1 9 8 3 , S. 1 1 5 - 1 3 0 . V g l . auch ders., Disorder, C o m p l e x i t y and Meaning, in: Paisley Livingston (Hrsg.), Disorder and Order: Proceedings of the Stanford International Symposium, Saratoga C a l . 1 9 8 4 , S. 1 0 9 - 1 2 8 . 82 Siehe zusammenfassend: Humberto Maturana, Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig 1 9 8 2 . Für einen Ü b e r b l i c k über die neuere Diskussion siehe J o h n Mingers, SelfProducing Systems: Implications and Applications of Autopoiesis, N e w York 1995.
65
als Unterschiede in Anspruch genommen werden. Elemente sind I n f o r m a t i o n e n , s i n d U n t e r s c h i e d e , d i e i m S y s t e m einen U n t e r schied machen. U n d insofern sind es Einheiten der Verwendung z u r P r o d u k t i o n w e i t e r e r E i n h e i t e n d e r V e r w e n d u n g , für die e s i n d e r U m w e l t des S y s t e m s k e i n e r l e i E n t s p r e c h u n g gibt. A n g e s i c h t s e i n e r u m f a n g r e i c h e n u n d recht kritischen D i s k u s s i o n m u ß v o r a l l e m auf d e n g e r i n g e n E r k l ä r u n g s w e r t des B e griffs d e r A u t o p o i e s i s h i n g e w i e s e n w e r d e n . E r v e r l a n g t nur, daß m a n bei allen E r k l ä r u n g e n v o n d e n s p e z i f i s c h e n O p e r a t i o n e n a u s z u g e h e n hat, d i e ein S y s t e m - u n d z w a r das erklärte e b e n s o w i e das e r k l ä r e n d e - r e p r o d u z i e r e n . E r sagt a b e r nichts darüber, w e l c h e s p e z i f i s c h e n S t r u k t u r e n s i c h i n s o l c h e n S y s t e m e n auf G r u n d v o n strukturellen K o p p l u n g e n zwischen System und U m w e l t e n t w i c k e l t h a b e n . E r e r k l ä r t a l s o nicht die historischen S y s t e m z u s t ä n d e , v o n d e n e n d i e w e i t e r e A u t o p o i e s i s ausgeht. D i e A u t o p o i e s i s des L e b e n s ist eine b i o c h e m i s c h e E i n m a l e r f i n d u n g d e r E v o l u t i o n ; a b e r d a r a u s f o l g t nicht, daß e s W ü r m e r u n d M e n s c h e n g e b e n m ü s s e . U n d e b e n s o für den F a l l der K o m m u n i k a t i o n . D i e a u t o p o i e t i s c h e O p e r a t i o n der K o m m u n i k a t i o n v o r a u s s e t z e n d e K o m m u n i k a t i o n e r z e u g t G e s e l l s c h a f t , aber d a r aus ergibt s i c h n o c h nicht: w a s für eine Gesellschaft. A u t o p o i e s i s ist d e m n a c h ein für das j e w e i l i g e S y s t e m invariantes P r i n z i p , u n d erneut: für das erklärte e b e n s o w i e für das erklärende. D a m i t w i r d die
ontologische,
in Seinsinvarianten liegende
E r k l ä r u n g s w e i s e a u f g e g e b e n u n d m i t i h r die S u b j e k t / O b j e k t D i f f e r e n z . A b e r d a m i t ist n o c h n i c h t gesagt, w e l c h e historischen A u s g a n g s l a g e n ü b e r s t r u k t u r e l l e K o p p l u n g e n die R i c h t u n g d e r S p e z i f i k a t i o n v o n S t r u k t u r e n b e s t i m m e n . G e s a g t ist nur, daß m a n für d i e B e a n t w o r t u n g d i e s e r F r a g e das S y s t e m selbst u n t e r suchen muß. A u t o p o i e s i s ist d e s h a l b nicht als P r o d u k t i o n einer b e s t i m m t e n » G e s t a l t « z u b e g r e i f e n . E n t s c h e i d e n d ist v i e l m e h r die E r z e u g u n g einer D i f f e r e n z v o n S y s t e m u n d U m w e l t .
8 3
Durch A b -
k o p p l u n g des S y s t e m s v o n d e m , w a s d a n n als U m w e l t ü b r i g 83
Im Deutschen kann man von »Ausdifferenzierung« sprechen. Im E n g lischen gibt es kein entsprechendes W o r t . D a s erklärt vielleicht, daß diese Seite der Autopoiesis bisher nicht zureichend beachtet worden ist. Immerhin unterscheidet Maturana deutlich zwischen Autopoiesis und autopoietischer
66
Organisation
(Strukturbildung).
bleibt, entstehen intern F r e i h e i t s s p i e l r ä u m e , d a d i e D e t e r m i n a tion d e s S y s t e m s d u r c h seine U m w e l t entfällt. A u t o p o i e s i s ist a l s o , r e c h t v e r s t a n d e n , z u n ä c h s t E r z e u g u n g einer systeminternen Unbestimmtheit, d i e n u r d u r c h s y s t e m e i g e n e S t r u k t u r b i l d u n g e n r e d u z i e r t w e r d e n k a n n . D a s erklärt n i c h t z u l e t z t , daß G e s e l l s c h a f t s s y s t e m e das M e d i u m S i n n e r f u n d e n h a b e n , u m d i e s e r Offenheit für w e i t e r e B e s t i m m u n g e n i n d e n s y s t e m i n t e r n e n O p e r a t i o n e n R e c h n u n g z u tragen. Sie k e n n e n als e i g e n e O p e r a t i o n e n d e s h a l b n u r S i n n f o r m e n seligierende K o m m u n i k a t i o n e n . Selbstverständlich
kann
diese
autopoietische
Reproduktion
n i c h t o h n e U m w e l t geschehen (sonst w ä r e , w i e w i r w i s s e n , die a n d e r e Seite d e r F o r m k e i n S y s t e m ) . A b e r m a n m u ß j e t z t sehr v i e l g e n a u e r a n g e b e n (und d a v o n w i r d u n s e r e G e s e l l s c h a f t s t h e o rie p r o f i t i e r e n k ö n n e n ) , w i e a u t o p o i e t i s c h e S y s t e m e , d i e alle E l e m e n t e , die sie für die F o r t s e t z u n g i h r e r A u t o p o i e s i s benötigen, s e l b s t p r o d u z i e r e n , ihr Verhältnis z u U m w e l t g e s t a l t e n . A l l e A u ß e n b e z i e h u n g e n eines s o l c h e n S y s t e m s s i n d d a h e r unspezifisch g e g e b e n ( w a s n a t ü r l i c h nicht ausschließt, d a ß ein B e o b a c h ter d a s s p e z i f i z i e r e n k a n n , w a s e r selbst s e h e n w i l l u n d sehen kann). J e d e Spezifikation, auch der Beziehungen zur Umwelt, setzt eine E i g e n t ä t i g k e i t des S y s t e m s u n d einen h i s t o r i s c h e n Z u s t a n d des S y s t e m s als B e d i n g u n g seiner E i g e n t ä t i g k e i t v o r a u s . D e n n S p e z i f i k a t i o n ist selbst eine Form, a l s o e i n e Unterscheidung; sie besteht in einer A u s w a h l aus e i n e m s e l b s t k o n s t r u i e r ten A u s w a h l b e r e i c h ( I n f o r m a t i o n ) , u n d d i e s e F o r m k a n n n u r i m S y s t e m selbst g e b i l d e t w e r d e n . E s g i b t w e d e r I n p u t n o c h O u t p u t v o n E l e m e n t e n i n das S y s t e m o d e r a u s d e m S y s t e m . D a s S y s t e m ist n i c h t n u r auf struktureller, es ist a u c h a u f operativer E b e n e a u t o n o m . D a s ist m i t d e m B e g r i f f d e r A u t o p o i e s i s gesagt. D a s S y s t e m k a n n eigene O p e r a t i o n e n n u r i m A n s c h l u ß a n eig e n e O p e r a t i o n e n u n d i m V o r g r i f f auf w e i t e r e O p e r a t i o n e n dess e l b e n S y s t e m s k o n s t i t u i e r e n . A b e r d a m i t s i n d k e i n e s w e g s alle E x i s t e n z b e d i n g u n g e n a n g e g e b e n , u n d d i e F r a g e sei n o c h m a l s w i e d e r h o l t : w i e k a n n m a n n u n diese r e k u r s i v e A b h ä n g i g k e i t des O p e r i e r e n s v o n sich selbst u n t e r s c h e i d e n v o n d e n fraglos forte x i s t i e r e n d e n U m w e l t a b h ä n g i g k e i t e n ? D i e s e F r a g e k a n n nur d u r c h A n a l y s e d e r S p e z i f i k a u t o p o i e t i s c h e r O p e r a t i o n e n beantw o r t e t w e r d e n ( o d e r anders gesagt: d i e A n t w o r t liegt nicht s c h o n i n d e m oft o b e r f l ä c h l i c h r e z i p i e r t e n B e g r i f f d e r A u t o -
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p o i e s i s s e l b s t ) . D i e s e Ü b e r l e g u n g e n w e r d e n u n s d a z u führen, d e m B e g r i f f d e r K o m m u n i k a t i o n z e n t r a l e B e d e u t u n g für die Gesellschaftstheorie zuzusprechen. Z u n ä c h s t k l ä r e n die b i s h e r i g e n B e g r i f f s f e s t l e g u n g e n auch den heute oft b e n u t z t e n B e g r i f f d e r o p e r a t i v e n ( o d e r selbstreferentiellen) G e s c h l o s s e n h e i t d e s S y s t e m s . D a m i t ist selbstverständlich nichts g e m e i n t , w a s als k a u s a l e I s o l i e r u n g , K o n t a k t l o s i g k e i t o d e r A b g e s c h l o s s e n h e i t des S y s t e m s v e r s t a n d e n w e r d e n k ö n n t e . D i e E i n s i c h t , die s c h o n m i t d e r T h e o r i e o f f e n e r S y s t e m e g e w o n n e n w a r , daß U n a b h ä n g i g k e i t u n d A b h ä n g i g k e i t aneinander u n d d u r c h e i n a n d e r gesteigert w e r d e n k ö n n e n , b l e i b t v o l l erhalten. M a n f o r m u l i e r t j e t z t n u r anders u n d sagt, d a ß alle Offenheit auf d e r G e s c h l o s s e n h e i t des S y s t e m s b e r u h e . E t w a s ausführlicher g e s a g t , heißt d i e s , daß n u r o p e r a t i v g e s c h l o s s e n e S y s t e m e eine h o h e E i g e n k o m p l e x i t ä t a u f b a u e n k ö n n e n , d i e d a n n d a z u dienen k a n n , d i e H i n s i c h t e n z u s p e z i f i z i e r e n , i n d e n e n das S y s t e m auf B e d i n g u n g e n seiner U m w e l t reagiert, w ä h r e n d e s sich i n allen ü b r i g e n H i n s i c h t e n d a n k seiner A u t o p o i e s i s I n d i f f e r e n z leisten kann.
84
E b e n s o w e n i g w i r d die E i n s i c h t G ö d e l s w i d e r r u f e n , daß kein S y s t e m s i c h selbst z u einer l o g i s c h w i d e r s p r u c h s f r e i e n O r d n u n g schließen k ö n n e .
8 5
D a m i t ist letztlich nichts a n d e r e s gesagt als
das, w a s a u c h w i r v o r a u s s e t z e n : daß d e r S y s t e m b e g r i f f auf den U m w e l t b e g r i f f verweist und deshalb w e d e r logisch noch analytisch i s o l i e r t w e r d e n k a n n . A u f o p e r a t i v e r E b e n e (in u n s e r e m T h e m e n b e r e i c h : i n b e z u g auf K o m m u n i k a t i o n ) b e r u h t G ö d e l s A r g u m e n t auf d e r E i n s i c h t , daß eine A u s s a g e ü b e r Z a h l e n eine A u s s a g e ü b e r d i e A u s s a g e ü b e r Z a h l e n i m p l i z i e r t ( o d e r anders: daß K o m m u n i k a t i o n n u r selbstreferentiell f u n k t i o n i e r e n k a n n ) . 84 D a s Paradebeispiel hierfür ist heute das Gehirn. Siehe für eine knappe Einführung Jürgen R. S c h w a r z , Die neuronalen Grundlagen der Wahrnehmung, in: Schiepek a.a.O. S. 75—93. 85 D a s ist heute allgemein akzeptiert, wobei aber oft die Spezifik der G ö delschen Beweisführung übersehen wird. V g l . deshalb ergänzend die systemtheoretische Argumentation von W. Ross A s h b y , Principles of the Self-Organizing System, in: Heinz von Foerster / George W. Z o p f (Hrsg.), Principles o f Self-Organization, N e w Y o r k 1 9 6 2 , S . 2 5 5 - 2 7 8 ; neu gedruckt in Walter Buckley (Hrsg.), Modern Systems Research for the Behavioral Scientist: A Sourcebook, Chicago 1 9 6 8 , S. 1 0 8 - 1 1 8 .
68
Z u g l e i c h m u ß a b e r b e t o n t w e r d e n , daß dies n u r e i n e n B e o b a c h ter betrifft, d e r mit H i l f e d e r U n t e r s c h e i d u n g S y s t e m / U m w e l t b z w . m i t B e z u g auf O p e r a t i o n e n b e o b a c h t e t u n d u n s i n der F r a g e n o c h nicht festlegt, w i e d e n n d i e E i n h e i t d e s S y s t e m s zustandekommt. D i e E i n s i c h t e n i n die z i r k u l ä r e , selbstreferentielle u n d insofern l o g i s c h s y m m e t r i s c h e B a u w e i s e d i e s e r S y s t e m e h a b e n z u der F r a g e geführt, w i e d e n n diese Z i r k e l u n t e r b r o c h e n u n d A s y m m e t r i e n hergestellt w e r d e n . W e r sagt d e n n , w a s U r s a c h e und w a s W i r k u n g ist? O d e r n o c h r a d i k a l e r : w a s v o r h e r u n d was nachher, w a s i n n e n u n d w a s a u ß e n g e s c h i e h t ? D i e I n s t a n z , die d a r ü b e r befindet, w i r d heute oft » B e o b a c h t e r « g e n a n n t . D a b e i ist k e i n e s w e g s n u r an B e w u ß t s e i n s p r o z e s s e , also nicht n u r an psychische S y s t e m e zu denken. D e r Begriff w i r d hochabstrakt u n d u n a b h ä n g i g v o n d e m m a t e r i e l l e n S u b s t r a t , der Infrastruktur o d e r d e r s p e z i f i s c h e n O p e r a t i o n s w e i s e b e n u t z t , d i e das D u r c h f ü h r e n v o n B e o b a c h t u n g e n e r m ö g l i c h t . B e o b a c h t e n heißt einfach ( u n d s o w e r d e n w i r d e n B e g r i f f i m F o l g e n d e n d u r c h w e g v e r w e n d e n ) : U n t e r s c h e i d e n u n d B e z e i c h n e n . M i t d e m Begriff B e o b a c h t e n w i r d darauf a u f m e r k s a m g e m a c h t , d a ß das » U n t e r s c h e i d e n u n d B e z e i c h n e n « eine e i n z i g e O p e r a t i o n ist; d e n n man k a n n nichts b e z e i c h n e n , w a s m a n nicht, i n d e m m a n dies tut, unterscheidet, s o w i e a u c h das U n t e r s c h e i d e n seinen S i n n n u r darin erfüllt, daß es z u r B e z e i c h n u n g d e r einen o d e r der a n d e r e n Seite d i e n t (aber e b e n nicht: b e i d e r S e i t e n ) . I n d e r T e r m i n o l o g i e der t r a d i t i o n e l l e n L o g i k f o r m u l i e r t , ist d i e U n t e r s c h e i d u n g i m V e r hältnis z u d e n Seiten, die sie u n t e r s c h e i d e t , d a s a u s g e s c h l o s s e n e D r i t t e . U n d s o m i t ist a u c h d a s B e o b a c h t e n i m V o l l z u g seines B e o b a c h t e n s d a s a u s g e s c h l o s s e n e D r i t t e . W e n n m a n schließlich mit i n B e t r a c h t zieht, daß B e o b a c h t e n i m m e r ein O p e r i e r e n ist, das d u r c h ein a u t o p o i e t i s c h e s S y s t e m d u r c h g e f ü h r t w e r d e n muß, u n d w e n n m a n d e n B e g r i f f dieses S y s t e m s i n d i e s e r F u n k t i o n als B e o b a c h t e r b e z e i c h n e t , führt das z u d e r A u s s a g e : d e r B e o b a c h ter ist das a u s g e s c h l o s s e n e D r i t t e seines B e o b a c h t e n s . E r kann s i c h selbst b e i m B e o b a c h t e n n i c h t s e h e n . D e r B e o b a c h t e r ist das N i c h t - B e o b a c h t b a r e , heißt e s k u r z u n d b ü n d i g bei M i c h e l S e r res.
86
D i e U n t e r s c h e i d u n g , d i e e r j e w e i l s v e r w e n d e t , u m d i e eine
86 D e r Parasit, dt. Übers. Frankfurt 1 9 8 1 , S. 3 6 5 .
69
o d e r die a n d e r e Seite z u b e z e i c h n e n , d i e n t als unsichtbare B e d i n g u n g des S e h e n s , als b l i n d e r F l e c k . U n d dies gilt für alles B e o b a c h t e n , g l e i c h g ü l t i g o b die O p e r a t i o n p s y c h i s c h o d e r sozial, o b sie als a k t u e l l e r B e w u ß t s e i n s p r o z e ß o d e r als K o m m u n i k a t i o n durchgeführt wird. D a s G e s e l l s c h a f t s s y s t e m w i r d d e m n a c h n i c h t d u r c h ein b e s t i m m t e s » W e s e n « , g e s c h w e i g e d e n n d u r c h eine bestimmte M o r a l (Verbreitung v o n G l ü c k , Solidarität, Angleichung v o n L e b e n s v e r h ä l t n i s s e n , v e r n ü n f t i g - k o n s e n s u e l l e Integration u s w . ) c h a r a k t e r i s i e r t , s o n d e r n allein d u r c h d i e O p e r a t i o n , die G e s e l l schaft p r o d u z i e r t u n d r e p r o d u z i e r t .
87
Das ist Kommunikation.
88
M i t K o m m u n i k a t i o n ist folglich ( w i e s c h o n m i t O p e r a t i o n ) ein j e w e i l s h i s t o r i s c h - k o n k r e t ablaufendes, a l s o k o n t e x t a b h ä n g i g e s G e s c h e h e n g e m e i n t - u n d nicht eine b l o ß e A n w e n d u n g v o n R e geln richtigen Sprechens.
89
F ü r das Z u s t a n d e k o m m e n v o n K o m -
m u n i k a t i o n ist u n e r l ä ß l i c h , daß alle B e t e i l i g t e n mit Wissen u n d m i t N i c h t w i s s e n beteiligt sind. D a s hatten w i r i n d e n m e t h o d o l o g i s c h e n V o r b e m e r k u n g e n s c h o n n o t i e r t u n d als E i n w a n d g e g e n d e n m e t h o d o l o g i s c h e n I n d i v i d u a l i s m u s angesehen. D e n n w i e soll m a n N i c h t w i s s e n als einen B e w u ß t s e i n s z u s t a n d auffassen, w e n n n i c h t i n A b h ä n g i g k e i t v o n k o m m u n i k a t i v e n Situation e n , die b e s t i m m t e n A n f o r d e r u n g e n s p e z i f i z i e r e n bzw. b e -
87 Dies operative Verständnis sozialer Systeme unterscheidet sich radikal von einem ganz anderen Zugriff, der soziale S y s t e m e durch eine Mehrheit interagierender Elemente und durch Erhaltung ihres Netzwerks auch bei Ausscheiden der Elemente definiert. So Milan Zeleny, E c o s o cieties: Societal Aspects of Biological Self-Production, Soziale Systeme 1 ( 1 9 9 5 ) , S. 1 7 9 - 2 0 2 . D i e Konsequenz ist, daß dann auch Organismen, ja selbst Zellen als soziale Systeme aufzufassen sind. Diese begriffliche Überdehnung wollen w i r vermeiden. 88 Z u r begrifflichen Klärung vgl. ausführlich N i k l a s Luhmann, Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt 1984, S. 1 9 1 ff. W i r kommen darauf an vielen Stellen zurück, immer wenn wir im F o r t gang der A n a l y s e mehr Tiefenschärfe brauchen. 89 V g l . dazu als literaturwissenschaftliche Ausarbeitung H e n k de Berg, Kontext und Kontingenz: Kommunikationstheoretische Überlegungen zur Literaturhistoriographie, Opladen 1 9 9 5 ; ders., A Systems Theoretical
Perspective
S. 7 0 9 - 7 3 6 .
7°
on
Communication,
Poetics
Today
16
(1995),
s t i m m t e I n f o r m a t i o n s c h a n c e n e r k e n n b a r w e r d e n lassen. Schon d e s h a l b ist K o m m u n i k a t i o n eine a u t o p o i e t i s c h e O p e r a t i o n , weil sie d i e V e r t e i l u n g v o n W i s s e n u n d N i c h t w i s s e n e r s t produziert, i n d e m sie sie ändert. A l s S i n n p r a x i s sieht sich a u c h K o m m u n i k a t i o n g e n ö t i g t , U n t e r s c h e i d u n g e n z u treffen, u m d i e eine Seite z u b e z e i c h n e n u n d auf d i e s e r Seite für A n s c h l ü s s e z u s o r g e n . D a m i t w i r d die A u t o p o i e s i s d e s S y s t e m s fortgesetzt. A b e r w a s g e s c h i e h t m i t d e r and e r e n Seite? Sie bleibt u n b e z e i c h n e t u n d b r a u c h t d a h e r nicht auf K o n s i s t e n z h i n k o n t r o l l i e r t z u w e r d e n . H i e r w i r d nicht auf Z u s a m m e n h ä n g e geachtet. D a h e r w i r d n o r m a l e r w e i s e r a s c h verg e s s e n , w o v o n das B e z e i c h n e t e u n t e r s c h i e d e n w o r d e n w a r - sei e s v o m u n m a r k e d space, sei e s v o n G e g e n b e g r i f f e n , die für w e i tere O p e r a t i o n e n nicht i n B e t r a c h t k o m m e n . D i e andere Seite w i r d z w a r laufend mitgeführt, w e i l anders k e i n e U n t e r s c h e i d u n g z u s t a n d e k ä m e , a b e r sie w i r d n i c h t b e n u t z t , u m e t w a s B e s t i m m t e s z u erreichen. W e i t e r e K l ä r u n g e n e r g e b e n sich aus d e r E i n s i c h t , daß die elem e n t a r e O p e r a t i o n der G e s e l l s c h a f t ein z e i t p u n k t g e b u n d e n e s E r e i g n i s ist, das, s o b a l d e s v o r k o m m t , s c h o n w i e d e r v e r s c h w i n det. D i e s gilt für alle K o m p o n e n t e n d e r K o m m u n i k a t i o n : für Inf o r m a t i o n , die n u r einmal ü b e r r a s c h e n k a n n , für M i t t e i l u n g , die als H a n d l u n g a n einen Z e i t p u n k t g e b u n d e n ist, u n d für das V e r stehen, das ebenfalls nicht w i e d e r h o l t , s o n d e r n allenfalls erinnert w e r d e n k a n n . U n d e s gilt für m ü n d l i c h e w i e f ü r schriftliche K o m m u n i k a t i o n mit d e m U n t e r s c h i e d , daß d i e V e r b r e i t u n g s t e c h n o l o g i e d e r Schrift d a s E r e i g n i s d e r K o m m u n i k a t i o n zeitl i c h u n d r ä u m l i c h a n viele A d r e s s a t e n v e r t e i l e n u n d damit z u unv o r h e r s e h b a r v i e l e n Z e i t p u n k t e n realisieren k a n n . M i t diesem zeitpunktbezogenen Begriff der Kommunikation k o r r i g i e r e n w i r z u g l e i c h einen p o p u l ä r e n B e g r i f f d e r I n f o r m a t i o n . I n f o r m a t i o n ist eine ü b e r r a s c h e n d e S e l e k t i o n aus mehreren M ö g l i c h k e i t e n . Sie k a n n als Ü b e r r a s c h u n g w e d e r B e s t a n d haben n o c h transportiert w e r d e n ; u n d sie m u ß s y s t e m i n t e r n erzeugt w e r d e n , d a sie einen V e r g l e i c h m i t E r w a r t u n g e n voraussetzt. A u ß e r d e m sind I n f o r m a t i o n e n n i c h t r e i n p a s s i v z u g e w i n n e n als l o g i s c h e K o n s e q u e n z v o n S i g n a l e n , die aus d e r U m w e l t e m p f a n g e n w e r d e n . V i e l m e h r e n t h a l t e n sie i m m e r a u c h eine v o l i t i v e K o m p o n e n t e , das heißt e i n e n V o r a u s b l i c k auf d a s , w a s m a n mit
71
ihnen anfangen kann.
90
B e v o r es z u r E r z e u g u n g v o n Informa-
t i o n e n k o m m e n k a n n , m u ß s i c h a l s o ein I n t e r e s s e a n ihnen f o r mieren. W e n n m a n K o m m u n i k a t i o n als E i n h e i t b e g r e i f t , die aus den drei K o m p o n e n t e n I n f o r m a t i o n , M i t t e i l u n g u n d V e r s t e h e n besteht, d i e d u r c h die K o m m u n i k a t i o n erst e r z e u g t w e r d e n , schließt das d i e M ö g l i c h k e i t aus, einer d i e s e r K o m p o n e n t e n einen o n t o l o g i s c h e n P r i m a t z u z u s p r e c h e n . W e d e r k a n n m a n d a v o n ausgehen, daß e s z u n ä c h s t eine S a c h w e l t g i b t , ü b e r d i e d a n n n o c h g e s p r o c h e n w e r d e n kann; n o c h liegt d e r U r s p r u n g d e r K o m m u n i k a t i o n i n d e r » s u b j e k t i v « sinnstiftenden H a n d l u n g des Mitteilens; n o c h existiert z u n ä c h s t eine G e s e l l s c h a f t , d i e ü b e r kulturelle I n s t i t u t i o n e n v o r s c h r e i b t , w i e e t w a s als K o m m u n i k a t i o n z u v e r s t e h e n sei. D i e E i n h e i t d e r k o m m u n i k a t i v e n E r e i g n i s s e ist w e d e r o b j e k t i v , n o c h subjektiv, n o c h s o z i a l ableitbar, u n d e b e n deshalb schafft d i e K o m m u n i k a t i o n sich das M e d i u m S i n n , i n dem sie d a n n l a u f e n d d a r ü b e r d i s p o n i e r e n k a n n , o b die w e i t e r e K o m munikation ihr P r o b l e m in der Information, in der Mitteilung o d e r i m V e r s t e h e n sucht. D i e K o m p o n e n t e n d e r K o m m u n i k a tion setzen einander wechselseitig voraus; sie sind zirkulär verk n ü p f t . Sie k ö n n e n d a h e r ihre E x t e r n a l i s i e r u n g e n nicht mehr als E i g e n s c h a f t e n d e r Welt o n t o l o g i s c h f i x i e r e n , s o n d e r n m ü s s e n sie i m U b e r g a n g v o n einer K o m m u n i k a t i o n z u r a n d e r e n j e w e i l s suchen. Die
Zeitpunktgebundenheit
der
Operation
Kommunikation
b e z i e h t s i c h auf d e n Z e i t p u n k t des V e r s t e h e n s auf G r u n d der B e o b a c h t u n g einer D i f f e r e n z v o n I n f o r m a t i o n u n d Mitteilung. E r s t das V e r s t e h e n generiert n a c h t r ä g l i c h K o m m u n i k a t i o n . (Wir b r a u c h e n diese F e s t l e g u n g , u m schriftliche K o m m u n i k a t i o n u n d a u c h K o m m u n i k a t i o n mittels G e l d e i n b e z i e h e n z u können.) K o m m u n i k a t i o n ist also eine b e s t i m m t e A r t , W e l t z u b e o b a c h ten a n H a n d d e r s p e z i f i s c h e n U n t e r s c h e i d u n g v o n I n f o r m a t i o n u n d M i t t e i l u n g . S i e ist eine d e r M ö g l i c h k e i t e n , auf G r u n d v o n 90
Siehe dazu Gotthard Günther, Cognition and Volition: A Contribution to a Cybernetic T h e o r y of Subjectivity, in ders., Beiträge zur G r u n d legung einer operationsfähigen Dialektik B d . 2 , H a m b u r g 1 9 7 9 , S. 2 0 3 - 2 4 0 , mit der wichtigen Einsicht, daß kein operativ geschlossenes System auf eine aktive Rolle in bezug auf seine U m w e l t verzichten kann (212).
72
S p e z i f i k a t i o n U n i v e r s a l i t ä t z u g e w i n n e n . S i e ist k e i n e » Ü b e r t r a 91
g u n g « v o n S i n n , w e n n g l e i c h i m Z e i t p u n k t d e s Verstehens weite Zeithorizonte konstruiert werden können, um K o m m u n i k a t i o n i m H i n b l i c k auf d e n Z e i t p u n k t d e r M i t t e i l u n g besser vers t e h e n z u k ö n n e n . D a s P r o b l e m ist aber, daß d i e K o m m u n i k a t i o n das, w a s i m Z e i t p u n k t des V e r s t e h e n s g l e i c h z e i t i g geschieht, n i c h t k o n t r o l l i e r e n k a n n , a l s o i m m e r auf R ü c k s c h l ü s s e aus ihrer e i g e n e n V e r g a n g e n h e i t , auf R e d u n d a n z e n , auf s e l b s t k o n s t r u i e r t e R e k u r s i o n e n a n g e w i e s e n bleibt. V e r s t e h e n i n k o m m u n i k a t i v e n Z u s a m m e n h ä n g e n w ä r e deshalb g a n z u n m ö g l i c h , w ä r e e s d a r a u f a n g e w i e s e n , z u entschlüsseln, w a s gleichzeitig p s y c h o l o g i s c h abläuft. Z w a r m u ß v o r a u s g e s e t z t w e r d e n , daß B e w u ß t s e i n m i t w i r k t , a b e r k e i n e r d e r a n K o m m u n i k a t i o n B e t e i l i g t e n k a n n w i s s e n , w i e das i m e i n z e l n e n geschieht - u n d z w a r w e d e r für a n d e r e B e t e i l i g t e n o c h für s i c h selbst. V i e l m e h r m u ß die K o m m u n i k a t i o n (also die G e s e l l s c h a f t ) das für sie b e n ö t i g t e V e r s t e h e n selbst beschaffen.
Das
geschieht d u r c h
Nichtbeliebigkeiten in der Vernetzung kommunikativer Ereign i s s e , also d u r c h d i e selbstreferentielle S t r u k t u r d e r K o m m u n i k a t i o n s p r o z e s s e . D e n n j e d e s E i n z e l e r e i g n i s g e w i n n t seine B e d e u t u n g ( = V e r s t ä n d l i c h k e i t ) n u r d a d u r c h , daß e s auf andere v e r w e i s t u n d e i n s c h r ä n k t , w a s sie b e d e u t e n k ö n n e n , u n d genau d a d u r c h sich selbst b e s t i m m t .
92
E i n K o m m u n i k a t i o n s s y s t e m besteht d e m n a c h n u r i m M o m e n t seines O p e r i e r e n s ; a b e r es b e n u t z t für d i e B e s t i m m u n g seiner
91 Z u m Einfluß dieser und anderer Metaphern auf den Begriff der K o m munikation siehe Klaus Krippendorff, D e r verschwundene Bote: Metaphern und Modelle der Kommunikation, in: Klaus Merten / Siegfried J. Schmidt / Siegfried Weischenberg (Hrsg.), Die Wirklichkeit der M e dien: Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, Opladen 1994. S . 7 9 - 1 1 3 . 92 Siehe dazu Michael Hutter, Communication in E c o n o m i c Evolution: T h e C a s e of Money, in: Richard W. England (Hrsg.), Evolutionary C o n cepts in Contemporary E c o n o m i c s , A n n A r b o r 1 9 9 4 , S. 1 1 1 - 1 3 6 ( 1 1 5 ) : » T h e self-referential nature of the process implies its logical closure. Understanding appears always complete, because it contains its own foundation. Understanding operates blindly, and it has to. T h e sense of completeness is an eminently helpful property; without it, we would probably die of fear and insecurity.
73
O p e r a t i o n e n d a s M e d i u m S i n n u n d ist d a d u r c h imstande, v o n j e d e r O p e r a t i o n a u s s i c h s e l e k t i v auf a n d e r e O p e r a t i o n e n z u b e z i e h e n u n d d i e s i n H o r i z o n t e n , d i e d e m S y s t e m d i e gleichzeitig bestehende Welt präsentieren.
93
A l l e D a u e r m u ß deshalb d u r c h
U b e r g a n g zu anderen Ereignissen produziert werden. K o m m u n i k a t i v e S y s t e m e s i n d n u r als r e k u r s i v e S y s t e m e m ö g l i c h , d a sie ihre einzelnen O p e r a t i o n e n n u r d u r c h R ü c k g r i f f u n d Vorgriff auf a n d e r e nen.
9 4
Operationen desselben
S y s t e m s produzieren k ö n -
D a s w i e d e r u m bringt die D o p p e l a n f o r d e r u n g v o n K o n t i -
n u i t ä t u n d D i s k o n t i n u i t ä t m i t s i c h , u n d d a r a u s e r g i b t sich die F r a g e , w i e S i n n i n anderen werden
kann.
Es
muß
Situationen als
erkennbare
derselbe b e h a n d e l t
Wiederholung
eingerichtet
w e r d e n . N u r w e n n u n d s o w e i t d i e s d e r F a l l ist, k a n n die k l a s s i s c h e B e g r i f f l i c h k e i t , die v o n » E l e m e n t « u n d » R e l a t i o n « g e s p r o c h e n u n d d a b e i s t a b i l e G e g e n s t ä n d e u n t e r s t e l l t hatte, b e i b e h a l ten w e r d e n .
9 5
U n d d i e F r a g e ist: w i e ist d i e s i m M e d i u m v o n
Sinn möglich?
93 F ü r Theorievergleiche sei angemerkt, daß w i r damit auf die klassische Unterscheidung von Prozeß und Struktur verzichten können, die zwei Ebenen unterscheiden mußte und deshalb keine Möglichkeit hatte, die (Produktion der) Einheit des Systems zu bezeichnen - es sei denn rein sprachlich durch das »und« zwischen Prozeß und Struktur. 94 Welche Konsequenzen dies hat, läßt sich auch am mathematischen B e griff der rekursiven Funktionen vorführen, der der modernen Mathematik des Unerwartbaren und der Kompensation von Unausrechenbarkeit durch systemische Produktion von Eigenwerten zugrundeliegt. V g l . dazu H e i n z v o n Foerster, F ü r Niklas L u h m a n n : Wie rekursiv ist Kommunikation?, Teoria Sociologica 1 / 2 ( 1 9 9 3 ) , S . 6 1 - 8 5 ,
m
i
t
dem E r -
gebnis: Kommunikation ist Rekursivität. 95 Es gibt nach w i e v o r gute G r ü n d e für die Beibehaltung dieser Begriffe, wenn es darum geht, Systemmodelle zu beschreiben. A b e r über M o dellbildung k o m m t man damit nicht hinaus. In ihrer operativen W i r k lichkeit und in der Fluidität - v o r allem auch: im Reichtum ihrer übergangenen Möglichkeiten - sind Systeme sehr viel komplexer, als es in einem Modell gezeigt werden kann. Deshalb vermag ich auch dem V o r schlag von Pierpaolo Donati, Teoria relazionale della società, Milano 1 9 9 1 , nicht zu folgen, die Systemtheorie durch eine Relationentheorie zu ersetzen; oder zu ergänzen, wie K a r l - H e i n z Ladeür, Postmoderne Rechtstheorie: Selbstreferenz - Selbstorganisation - Prozeduralisierung, Berlin 1 9 9 2 (vgl. z . B . S. 1 6 5 ) meint.
74
I n d e r F o r m e n t h e o r i e v o n G e o r g e s S p e n c e r B r o w n läßt dieses D e s i d e r a t sich mit der D o p p e l b e g r i f f l i c h k e i t v o n c o n d e n s a t i o n 96
u n d c o n f i r m a t i o n a u s d r ü c k e n , die nicht auf e i n e n B e g r i f f reduziert w e r d e n k a n n . R e k u r s i o n e n m ü s s e n Identitäten erzeugen, die sich für W i e d e r v e r w e n d u n g eignen; d a s k a n n n u r durch selektives K o n d e n s i e r e n g e s c h e h e n , d u r c h W e g l a s s e n v o n nichtw i e d e r h o l b a r e n M o m e n t e n a n d e r e r S i t u a t i o n e n . S i e m ü s s e n aber a u ß e r d e m den s o k o n d e n s i e r t e n S i n n i n n e u e n S i t u a t i o n e n bew ä h r e n , u n d das e r f o r d e r t G e n e r a l i s i e r u n g e n . W e n n diese A n f o r d e r u n g e n , e t w a m i t H i l f e v o n S p r a c h e , w i e d e r h o l t erfüllt w e r d e n m ü s s e n , b i l d e n sich generalisierte S i n n i n v a r i a n t e n , deren B e d e u t u n g e n i n d e r F o r m v o n D e f i n i t i o n e n nicht z u r e i c h e n d erf a ß b a r sind. Sie e r g e b e n sich aus V e r w e n d u n g s e r f a h r u n g e n , die g a n z u n d gar v o n d e m B e n u t z e r s y s t e m a b h ä n g e n . W i r sehen d a r i n einen G r u n d für die E v o l u t i o n s y m b o l i s c h generalisierter Kommunikationsmedien.
97
A h n l i c h e Ü b e r l e g u n g e n findet m a n u n t e r d e m S t i c h w o r t différance bei J a c q u e s D e r r i d a .
98
N i c h t nur beim Schreiben, son-
dern auch beim R e d e n , ja bei jeder A r t v o n Erfahrung müssen Z e i c h e n gesetzt u n d i n a n d e r e S i t u a t i o n e n v e r s c h o b e n w e r d e n . A l s o müssen Unterscheidungen (Brüche, ruptures) in der Zeit transportiert w e r d e n . D a s g e h t nur, w e n n d a s , w o r a u f das Z e i c h e n sich bezieht (hier v o r a l l e m d i e I n t e n t i o n ) , a b w e s e n d ist.
99
D i e N o t w e n d i g k e i t zeitlicher Sequenzierung, so können w i r zusammenfassen, zwingt z u r Differenzierung v o n System und U m w e l t u n d i m S y s t e m z u r o p e r a t i v e n S c h l i e ß u n g der R e k u r sionen. D a s K o n z e p t d e r selbstreferentiellen, o p e r a t i v e n G e s c h l o s s e n heit v e r ä n d e r t den B e g r i f f d e r S y s t e m g r e n z e u n d k o m p l i z i e r t 9 6 V g l . a.a.O. S . 1 0 , 1 2 . 9 7 V g l . Kap. 2, S. 3 1 6 ff. 98 Siehe Marges de la philosophie, Paris 1 9 7 2 , insb. S. 1 ff., 365 ff. F ü r eine vergleichende A n a l y s e siehe auch Niklas Luhmann, Deconstruction as Second-Order Observing, N e w Literary History 2 4 ( 1 9 9 3 ) , S . 7 6 3 - 7 8 2 . 99 » C ' e s t que cette unité de la forme signifiante ne se constitue que par son itérabilité, par son possibilité d'être répétée en l'absence non seulement de son »referent«, ce qui va de soi, mais en l'absence d'un signifié déterminé ou de l'intention de signification actuelle, comme de toute intention de communication presente.« (a.a.O. S. 3 7 8 )
75
i h n i n einer Weise, die e i n e r s o r g f ä l t i g e n A n a l y s e bedarf. B e i l e b e n d e n S y s t e m e n , also bei e i n e r a u t o p o i e t i s c h e n Organisation v o n M o l e k ü l e n i m R a u m , kann m a n n o c h v o n räumlichen G r e n z e n s p r e c h e n . J a , G r e n z e n s i n d h i e r b e s o n d e r e O r g a n e des S y s t e m s , M e m b r a n e n v o n Z e l l e n , H a u t v o n O r g a n i s m e n , die s p e z i f i s c h e F u n k t i o n e n d e r A b s c h i r m u n g u n d d e r selektiven Vermittlung v o n Austauschprozessen erfüllen. D i e s e F o r m v o n G r e n z e (die n a t ü r l i c h n u r für einen e x t e r n e n B e o b a c h t e r sichtb a r ist u n d i m S y s t e m einfach n u r lebt) entfällt b e i S y s t e m e n , die i m M e d i u m S i n n o p e r i e r e n . D i e s e S y s t e m e s i n d überhaupt nicht i m R a u m b e g r e n z t , s o n d e r n h a b e n eine v ö l l i g andere, nämlich r e i n interne F o r m v o n G r e n z e . D a s gilt s c h o n für das B e w u ß t sein, d a s s i c h e b e n d a d u r c h v o m G e h i r n u n t e r s c h e i d e t und n u r s o d i e n e u r o p h y s i o l o g i s c h e S e l b s t b e o b a c h t u n g des O r g a n i s m u s »externalisieren« k a n n .
100
E s gilt erst r e c h t f ü r das K o m m u n i k a -
t i o n s s y s t e m G e s e l l s c h a f t , w i e seit d e r E r f i n d u n g d e r Schrift o d e r spätestens seit d e r E r f i n d u n g d e s T e l e p h o n s e v i d e n t ist. D i e G r e n z e dieses S y s t e m s w i r d i n j e d e r e i n z e l n e n K o m m u n i k a t i o n p r o d u z i e r t u n d r e p r o d u z i e r t , i n d e m d i e K o m m u n i k a t i o n sich als K o m m u n i k a t i o n i m N e t z w e r k s y s t e m e i g e n e r O p e r a t i o n e n b e s t i m m t u n d dabei keinerlei p h y s i s c h e , c h e m i s c h e , n e u r o p h y s i o l o g i s c h e K o m p o n e n t e n a u f n i m m t . J e d e O p e r a t i o n trägt, and e r s gesagt, z u r l a u f e n d e n A u s d i f f e r e n z i e r u n g des S y s t e m s bei u n d k a n n anders ihre
eigene
Einheit nicht
gewinnen.
Die
G r e n z e des S y s t e m s ist nichts a n d e r e s als d i e A r t u n d K o n k r e -
ioo W i r müssen hier offen lassen, w i e das genau zu verstehen ist. Jedenfalls kann das Nervensystem nur den Organismus
beobachten, von dem
und in dem es lebt. Es diskriminiert Z u s t ä n d e des Organimus ohne irgendeinen Z u g a n g zu dessen U m w e l t . D a s Bewußtsein scheint entstanden zu sein zur L ö s u n g der sich dabei ergebenden Konflikte der Informationsverarbeitung. Es sieht dann einen externen Raum, eine den aktuellen Moment überschreitende Zeit, es imaginiert Abwesendes, um Widersprüche zu bereinigen, die sich anderenfalls (zum Beispiel als Folge des binokularen Sehens oder der Konsistenzprüfungen des Gedächtnisses) ergeben würden. A b e r dieser A u s w e g kann, schon bei Tieren, nur funktionieren, w e n n das Bewußtsein nicht seinerseits wieder irgendwo im R a u m begrenzt lebt.
76
t i o n seiner O p e r a t i o n e n , die das S y s t e m i n d i v i d u a l i s i e r e n .
101
Sie
ist die F o r m des S y s t e m s , d e r e n a n d e r e Seite d a m i t z u r U m w e l t wird. D a s s e l b e läßt s i c h m i t H i l f e d e r U n t e r s c h e i d u n g v o n Selbstreferenz
und
Fremdreferenz
formulieren.
Sinnhaft
operierende
S y s t e m e r e p r o d u z i e r e n sich i n l a u f e n d e m V o l l z u g d e r U n t e r scheidung v o n Selbstreferenz und Fremdreferenz. D i e Einheit dieser Unterscheidung kann nicht beobachtet werden; ihr Vollz u g geschieht i m m e r n u r o p e r a t i v u n d i m m e r n u r intern (denn anderes k ö n n t e v o n S e l b s t r e f e r e n z u n d F r e m d r e f e r e n z n i c h t die R e d e sein). W i e l e b e n d e S y s t e m e k ö n n e n a u c h sinnhaft o p e r i e rende S y s t e m e m i t e i g e n e n O p e r a t i o n e n nie die eigenen G r e n zen überschreiten. A b e r im M e d i u m Sinn haben G r e n z e n immer eine andere Seite, s i n d F o r m e n i m m e r als Z w e i - S e i t e n - F o r m e n ( u n d nicht n u r als p u r e F a k t i z i t ä t des o p e r a t i v e n V o l l z u g s ) g e g e b e n . D a s heißt: d a s d e n F o r t g a n g v o n O p e r a t i o n z u O p e r a t i o n begleitende B e o b a c h t e n b e m e r k t i m m e r a u c h die Selektivität der rekursiven Verknüpfung und
damit
etwas, was
nicht
zum
System, sondern z u r U m w e l t gehört. In der K o m m u n i k a t i o n w e r d e n I n f o r m a t i o n e n ü b e r e t w a s aktualisiert u n d verändert, w a s selbst n i c h t K o m m u n i k a t i o n ist. D i e F r e m d r e f e r e n z w i r d bei a l l e m S u c h e n n a c h p a s s e n d e n A n s c h l ü s s e n i m N e t z w e r k der K o m m u n i k a t i o n i m m e r m i t g e f ü h r t . D i e G r e n z e des S y s t e m s ist d a h e r nichts a n d e r e s als d i e s e l b s t p r o d u z i e r t e D i f f e r e n z v o n S e l b s t r e f e r e n z u n d F r e m d r e f e r e n z , u n d sie ist als s o l c h e i n allen K o m m u n i k a t i o n e n präsent. M i t d e r laufend r e p r o d u z i e r t e n U n t e r s c h e i d u n g v o n I n f o r m a t i o n u n d M i t t e i l u n g k a n n ein s o z i a l e s S y s t e m sich selbst b e o b achten. E i n B e o b a c h t e r dieses B e o b a c h t e n s , ein B e o b a c h t e r z w e i t e r O r d n u n g ( z u m B e i s p i e l das S o z i a l s y s t e m Wissenschaft) k a n n a u ß e r d e m Themen u n d Funktionen d e r K o m m u n i k a t i o n unterscheiden u n d damit B e d i n g u n g e n der Wiederholbarkeit v o n O p e r a t i o n e n (hier: K o m m u n i k a t i o n e n ) b e o b a c h t e n . T h e men ermöglichen die Unterscheidung v o n Themen und B e i trägen, also v o n S t r u k t u r e n u n d O p e r a t i o n e n , die d a n n a n der
ioi
Entsprechend für das »Selbst« G r e g o r y Bateson, Geist und Natur: Eine notwendige Einheit, dt. Ü b e r s . Frankfurt 1 9 8 2 , S. 163 ff.
77
Innenseite d e r G r e n z e z u r U m w e l t h a f t e n . D a s erlaubt eine sequentielle O r d n u n g der K o m m u n i k a t i o n u n d führt z u e i n e m n a c h T h e m e n gegliederten, g l e i c h s a m l o k a l ( » t o p i s c h « ) geordneten G e d ä c h t n i s .
102
F u n k t i o n e n b e z i e h e n s i c h d a g e g e n auf die
A u t o p o i e s i s des S y s t e m s u n d d i e d a z u n ö t i g e R e p r o d u k t i o n , Ä n d e r u n g o d e r N e u e n t w i c k l u n g v o n S t r u k t u r e n . I n der K o m m u n i k a t i o n ü b e r K o m m u n i k a t i o n k ö n n e n d a n n a u c h noch T h e m e n u n d F u n k t i o n e n der K o m m u n i k a t i o n z u m T h e m a w e r d e n - ein r e - e n t r y d e r U n t e r s c h e i d u n g i n s i c h selbst. U n d damit schließt s i c h das S y s t e m auf r e f l e x i v e r E b e n e , erreicht also den Zustand doppelter Schließung
103
, d e r h o h e interne Flexibilität
garantiert, a b e r a u c h I n t r a n s p a r e n z für j e d e n B e o a c h t e r aufzwingt. W i r w e r d e n n o c h sehen, daß diese A n a l y s e uns festlegt auf die A n n a h m e eines e i n z i g e n W e l t g e s e l l s c h a f t s s y s t e m s , das gleichs a m p u l s i e r e n d w ä c h s t o d e r s c h r u m p f t , j e n a c h d e m , was als K o m m u n i k a t i o n realisiert w i r d . E i n e M e h r h e i t v o n Gesellschaften w ä r e n u r d e n k b a r , w e n n e s k e i n e k o m m u n i k a t i v e n V e r b i n d u n g e n z w i s c h e n ihnen gäbe.
V . G e s e l l s c h a f t als u m f a s s e n d e s S o z i a l s y s t e m D i e G e s e l l s c h a f t s t h e o r i e ist n a c h d e m h i e r auszuarbeitenden V e r s t ä n d n i s d i e T h e o r i e des u m f a s s e n d e n s o z i a l e n S y s t e m s , das alle a n d e r e n s o z i a l e n S y s t e m e i n s i c h e i n s c h l i e ß t . D i e s e D e f i n i t i o n ist fast ein Z i t a t . Sie b e z i e h t s i c h auf d i e E i n l e i t u n g s s ä t z e der Politik v o n Aristoteles
104
, die die s t ä d t i s c h e L e b e n s g e m e i n s c h a f t
( k o i n o n i a p o l i t i k e ) definieren als d i e h e r r l i c h s t e (herrscherlichste, k y r i o t ä t e ) G e m e i n s c h a f t , die alle a n d e r e n in sich schließt 1 0 2 W i r sprechen hier v o m Gedächtnis des Kommunikationssystems selbst und nicht v o n neurophysiologischen o d e r psychischen Leistungen. D a s Kommunikationssystem kann denn
auch, durch Gebrauch
des Eigenmittels Kommunikation, Gedächtnisleistungen einzelner psychischer Systeme substituieren und sich schließlich mit Schrift ein eigenes Gedächtnis schaffen. 103 Im Sinne von H e i n z von Foerster, O b s e r v i n g Systems, Seaside Cal. 1 9 8 1 , S. 304 ff. 104 Pol. I 2 J 2 a 5 - 6 .
78
(päsas p e r i e c h o u s a täs alias). W i r schließen m i t h i n an die alteur o p ä i s c h e T r a d i t i o n an, s o f e r n e s u m d e n B e g r i f f d e r Gesellschaft geht. F r e i l i c h w e r d e n alle K o m p o n e n t e n d e r D e f i n i t i o n (einschließlich des B e g r i f f s des E i n g e s c h l o s s e n s e i n s = periechon, d e n w i r mit d e m K o n z e p t d e r D i f f e r e n z i e r u n g s y s t e m t h e o r e t i s c h auflösen w e r d e n ) a n d e r s aufgefaßt, d e n n e s geht uns u m eine T h e o r i e d e r m o d e r n e n G e s e l l s c h a f t für d i e m o d e r n e G e s e l l schaft. D e r Z u s a m m e n h a n g m i t d e r a l t e u r o p ä i s c h e n Tradition b l e i b t also g e w a h r t , a b e r z u g l e i c h g e h t e s u m e i n e N e u b e s c h r e i b u n g , eine » r e d e s c r i p t i o n «
105
ihrer Kernaussagen.
G e s e l l s c h a f t w i r d also z u n ä c h s t als S y s t e m begriffen, u n d die F o r m des S y s t e m s ist, w i e g e s a g t , nichts a n d e r e s als die U n t e r s c h e i d u n g v o n S y s t e m u n d U m w e l t . D a s heißt a b e r nicht, daß d i e a l l g e m e i n e S y s t e m t h e o r i e ausreicht, u m i m l o g i s c h e n V e r f a h r e n erschließen z u k ö n n e n , w a s als G e s e l l s c h a f t d e r F a l l ist. V i e l m e h r m u ß z u s ä t z l i c h b e s t i m m t w e r d e n , w o r i n die B e s o n d e r h e i t s o z i a l e r S y s t e m e besteht, u n d i n n e r h a l b d e r T h e o r i e soz i a l e r S y s t e m e dann, w a s d i e B e s o n d e r h e i t eines Gesellschaftss y s t e m s a u s m a c h t , das heißt: w a s i m p l i z i e r t ist, w e n n w i r die G e s e l l s c h a f t als das u m f a s s e n d e S o z i a l s y s t e m b e z e i c h n e n . W i r m ü s s e n m i t h i n drei v e r s c h i e d e n e E b e n e n d e r A n a l y s e von Gesellschaft unterscheiden: ( 1 ) d i e a l l g e m e i n e S y s t e m t h e o r i e u n d i n ihr d i e allgemeine Theorie autopoietischer Systeme; (2) d i e T h e o r i e sozialer S y s t e m e ; ( 3 ) d i e T h e o r i e des G e s e l l s c h a f t s s y s t e m s als eines Sonderfalls sozialer Systeme. A u f d e r E b e n e d e r a l l g e m e i n e n T h e o r i e autopoietischer, selbstreferentieller, o p e r a t i v g e s c h l o s s e n e r S y s t e m e r e k r u t i e r t die G e sellschaftstheorie B e g r i f f s e n t s c h e i d u n g e n u n d E r g e b n i s s e e m p i r i s c h e r F o r s c h u n g e n , d i e a u c h für a n d e r e S y s t e m e dieses T y p s ( z u m B e i s p i e l für G e h i r n e ) gelten. H i e r ist ein s e h r w e i t greifender interdisziplinärer A u s t a u s c h v o n Erfahrungen u n d A n r e gungen möglich. Wie im vorigen Abschnitt gezeigt, gründen wir die G e s e l l s c h a f t s t h e o r i e auf i n n o v a t i v e E n t w i c k l u n g e n i n diesem Bereich.
105 E t w a im Sinne von M a r y Hesse, Models and Analogies in Science, N o t r e D a m e 1966, S. 15 7 ff.
79
A u f d e r E b e n e d e r T h e o r i e s o z i a l e r S y s t e m e geht e s u m die B e s o n d e r h e i t a u t o p o i e t i s c h e r S y s t e m e , d i e a l s soziale begriffen w e r d e n k ö n n e n . A u f d i e s e r E b e n e m u ß d i e spezifische O p e r a t i o n b e s t i m m t w e r d e n , d e r e n a u t o p o i e t i s c h e r P r o z e ß zur B i l d u n g s o z i a l e r S y s t e m e i n e n t s p r e c h e n d e n U m w e l t e n führt. D a s s i n d K o m m u n i k a t i o n e n . D i e T h e o r i e s o z i a l e r S y s t e m e faßt mith i n alle A u s s a g e n ( u n d n u r s o l c h e A u s s a g e n ) z u s a m m e n , die für alle s o z i a l e n S y s t e m e gelten, selbst für I n t e r a k t i o n s s y s t e m e v o n kurzer D a u e r und geringer Bedeutung.
1 0 6
A u f dieser E b e n e er-
scheint die G e s e l l s c h a f t ( w i e d i e k l a s s i s c h e s o c i e t a s civilis) als ein S o z i a l s y s t e m unter v i e l e n a n d e r e n u n d k a n n v e r g l i c h e n w e r d e n m i t O r g a n i s a t i o n s s y s t e m e n u n d S y s t e m e n d e r Interaktion unter A n w e s e n d e n als a n d e r e n T y p e n s o z i a l e r S y s t e m e . E r s t auf d e r dritten E b e n e k o m m t d i e S p e z i f i k v o n G e s e l l schaftssystemen zur G e l t u n g . H i e r muß artikuliert werden, was d a s M e r k m a l » u m f a s s e n d « b e s a g t , das auf d i e A n f a n g s s ä t z e der P o l i t i k des A r i s t o t e l e s z u r ü c k g e h t . O f f e n s i c h t l i c h liegt dem eine P a r a d o x i c z u G r u n d e . Sie b e s a g t , daß e i n S o z i a l s y s t e m ( k o i nom'a) u n t e r anderen z u g l e i c h alle a n d e r e n in sich einschließt. B e i A r i s t o t e l e s w u r d e d i e s e P a r a d o x i e d u r c h E m p h a s e aufgelöst u n d letztlich d u r c h ein ethisches V e r s t ä n d n i s v o n Politik. Sie w u r d e für die T r a d i t i o n d a m i t i n v i s i b i l i s i e r t . W i r entfalten diese P a r a d o x i e d u r c h d i e hier v o r g e s c h l a g e n e U n t e r s c h e i d u n g v o n E b e n e n der A n a l y s e v o n G e s e l l s c h a f t . D a s läßt die M ö g l i c h k e i t z u , b e i G e l e g e n h e i t a n d i e p a r a d o x e F u n d i e r u n g der G e s a m t t h e o r i e z u erinnern. ( D e n n d i e U n t e r s c h e i d u n g v o n » E b e n e n « ist i n u n s e r e n B e g r i f f e n eine » F o r m « , die z w e i Seiten hat; der B e griff d e r E b e n e i m p l i z i e r t , daß e s a n d e r e E b e n e n gibt). O b w o h l w i r diese E b e n e n u n t e r s c h e i d e n , b l e i b t d e r G e g e n s t a n d u n s e r e r U n t e r s u c h u n g e n (ihre » S y s t e m r e f e r e n z « ) das G e s e l l s c h a f t s s y s t e m . W i r u n t e r s c h e i d e n , m i t a n d e r e n W o r t e n , die E b e n e n d e r A n a l y s e a m G e g e n s t a n d G e s e l l s c h a f t u n d befassen uns i m v o r l i e g e n d e n K o n t e x t n i c h t m i t S y s t e m e n , die auf den a n d e r e n E b e n e n ebenfalls t h e m a t i s i e r t w e r d e n k ö n n t e n . M e t h o d o l o g i s c h führt die U n t e r s c h e i d u n g d e r E b e n e n z u d e r F o r d e r u n g , Abstraktionsmöglichkeiten
auszuschöpfen,
Systemvergleiche
1 0 6 Vorarbeiten dazu in Niklas L u h m a n n , Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt 1 9 8 4 .
80
auf m ö g l i c h s t v e r s c h i e d e n a r t i g e S y s t e m e z u e r s t r e c k e n u n d E r k e n n t n i s g e w i n n e , die b e i d e r G e s e l l s c h a f t s a n a l y s e anfallen, so w e i t m ö g l i c h für A u s w e r t u n g auf a l l g e m e i n e r e n E b e n e n zur V e r f ü g u n g z u stellen. E s h a n d e l t sich n a c h all d e m nicht, w i e S o z i o l o g e n i m m e r w i e d e r befürchten, u m einen A n a l o g i e s c h l u ß , u n d e s handelt sich e b e n s o w e n i g u m eine » n u r m e t a p h o r i s c h e « V e r w e n d u n g b i o l o g i s c h e n I d e e n g u t s . D i e U n t e r s c h e i d u n g trifft k e i n e A u s s a g e ü b e r das S e i n o d e r ü b e r das W e s e n d e r D i n g e i m S i n n e d e r » a n a l o g i a entis«. Sie ist nichts a n d e r e s als eine F o r m d e r E n t f a l t u n g d e r P a r a d o x i e d e r s i c h selbst einschließenden E i n h e i t u n d hat d i e s p e z i f i s c h e F u n k t i o n , d e n G e d a n k e n a u s t a u s c h z w i s c h e n d e n D i s z i p l i n e n z u f ö r d e r n u n d das w e c h s e l seitige A n r e g u n g s p o t e n t i a l z u steigern. Sie ist m i t all d e m keine S e i n s a u s s a g e , s o n d e r n eine w i s s e n s c h a f t s s p e z i f i s c h e K o n s t r u k tion. A u f allen E b e n e n d e r A n a l y s e des G e s e l l s c h a f t s s y s t e m s w e r d e n w i r uns z u r S p e z i f i k a t i o n d e r n o t w e n d i g e n T h e o r i e e n t s c h e i d u n g e n s y s t e m t h e o r e t i s c h e r M i t t e l b e d i e n e n . D i e allgemeine T h e o rie a u t o p o i e t i s c h e r S y s t e m e v e r l a n g t eine g e n a u e A n g a b e derjen i g e n O p e r a t i o n , d i e d i e A u t o p o i e s i s des S y s t e m s durchführt u n d d a m i t ein S y s t e m g e g e n s e i n e U m w e l t a b g r e n z t . I m Falle s o z i a l e r S y s t e m e g e s c h i e h t dies d u r c h K o m m u n i k a t i o n . K o m m u n i k a t i o n hat alle d a f ü r e r f o r d e r l i c h e n E i g e n s c h a f t e n : Sie ist eine genuin s o z i a l e ( u n d d i e e i n z i g e g e n u i n s o z i a l e ) O p e r a t i o n . Sie ist g e n u i n s o z i a l i n s o f e r n , als sie z w a r eine M e h r h e i t von
mitwirkenden
Bewußtseinssystemen
voraussetzt,
aber
( e b e n d e s h a l b ) als E i n h e i t k e i n e m E i n z e l b e w u ß t s e i n z u g e r e c h net w e r d e n k a n n . Sie schließt ü b e r d i e s m i t d e n B e d i n g u n g e n ihres eigenen F u n k t i o n i e r e n s a u s , daß die B e w u ß t s e i n s s y s t e m e d e n j e w e i l s aktuellen I n n e n z u s t a n d des o d e r d e r a n d e r e n kennen können
1 0 7
, u n d z w a r b e i m ü n d l i c h e r K o m m u n i k a t i o n , w e i l die
1 0 7 M a n kann natürlich argumentieren, daß dies angesichts von Komplexität und Operationstempo der Bewußtseinssysteme ohnehin unmöglich ist und daß die Evolution eben deshalb auf den A u s w e g der K o m munikation verfallen ist, was den Bewußtseinssystemen zugleich die Möglichkeit freigestellt hat, eigene Komplexität zu entwickeln. U n d auch das trifft zu. D a s oben im Text gebrachte A r g u m e n t besagt dann aber immer noch, daß Kommunikation nicht dazu führt, daß man die Bewußtseinszustände der Beteiligten erkennt, sondern nur: daß man
81
Beteiligten
m i t t e i l e n d / v e r s t e h e n d gleichzeitig
mitwirken,
und
b e i schriftlicher K o m m u n i k a t i o n , w e i l sie abwesend m i t w i r k e n . D i e K o m m u n i k a t i o n k a n n a l s o n u r u n t e r s t e l l e n , daß ein für sie a u s r e i c h e n d e s V e r s t e h e n a u c h p s y c h i s c h e K o r r e l a t e hat.
108
Sie ist
i n d i e s e m S i n n e ( u n d nichts a n d e r e s k a n n m i t »Interpenetration« g e m e i n t sein) auf o p e r a t i v e F i k t i o n e n a n g e w i e s e n , d i e nur g e l e g e n t l i c h u n d w i e d e r u m n u r d u r c h K o m m u n i k a t i o n getestet w e r d e n müssen. K o m m u n i k a t i o n ist g e n u i n s o z i a l a u c h i n s o f e r n , als in k e i n e r W e i s e u n d i n k e i n e m S i n n e ein » g e m e i n s a m e s « (kollektives) B e w u ß t s e i n hergestellt w e r d e n k a n n , a l s o a u c h K o n s e n s i m V o l l s i n n e einer v o l l s t ä n d i g e n U b e r e i n s t i m m u n g unerreichbar ist u n d K o m m u n i k a t i o n statt d e s s e n f u n k t i o n i e r t .
109
Sie ist die
k l e i n s t m ö g l i c h e E i n h e i t eines s o z i a l e n S y s t e m s , nämlich jene E i n h e i t , auf die K o m m u n i k a t i o n n o c h d u r c h K o m m u n i k a t i o n reagieren kann.
110
K o m m u n i k a t i o n ist, u n d das ist dasselbe
A r g u m e n t i n a n d e r e r F a s s u n g , a u t o p o i e t i s c h insofern, als sie n u r sie als Begleitphänomen so weit errät oder fingiert, daß die Kommunikation fortgesetzt werden kann. Im übrigen schließt das Argument im Verhältnis zwischen Menschen ebensowenig w i e im Verhältnis zu Dingen das Entstehen von Redundanzen aus: M a n kennt ihre Schritte und seinen H u t , und man weiß, w o m i t man den anderen ärgern kann. 108 Siehe auch Alois Hahn, Verstehen bei D i l t h e y und Luhmann, Annali di Sociologia 8 ( 1 9 9 2 ) , S. 4 2 1 - 4 3 0 . 1 0 9 Darauf weist Alois H a h n mit dem Begriff der Verständigung hin, die Konsensfiktionen
einschließen,
aber
auch
andere
Mittel
benutzen
kann, um die Fortsetzung von K o m m u n i k a t i o n bei divergenten psychischen Zuständen zu ermöglichen. Siehe: Verständigung als Strategie, in: M a x Haller / Hans-Joachim H o f f m a n n - N o w o t n y / Wolfgang Zapf (Hrsg.), Kultur und Gesellschaft: Soziologentag Zürich 1988, F r a n k furt 1 9 8 9 , S. 3 4 6 - 3 5 9 . no
Weitere Dekompositionen in einzelne W o r t e oder phonetische W o r t bestandteile (phonème) sind natürlich möglich und eventuell für die Linguistik bedeutsam. A b e r dann ist nicht mehr von Kommunikation, sondern von Sprache die Rede - v o n Sprache als Gegenstand von Kommunikation. V o n der Kommunikation her gesehen sind Lauteinheiten bzw. Worte nur (lose gekoppelte) Medien der Kommunikation, die in der Kommunikation nur funktionieren, w e n n sie zu jeweils sinnbestimmten Kap. 2 , 1 .
82
Aussagen
(Formen)
gekoppelt
werden.
Dazu
näher
im rekursiven Z u s a m m e n h a n g mit anderen Kommunikationen e r z e u g t w e r d e n k a n n , a l s o n u r i n e i n e m N e t z w e r k , a n dessen 1
R e p r o d u k t i o n jede einzelne K o m m u n i k a t i o n selber mitwirkt. " M i t V e r s t e h e n b z w . M i ß v e r s t e h e n w i r d eine K o m m u n i k a t i o n s einheit a b g e s c h l o s s e n o h n e R ü c k s i c h t auf die p r i n z i p i e l l endlose M ö g l i c h k e i t , w e i t e r z u k l ä r e n , was v e r s t a n d e n w o r d e n ist. A b e r d i e s e r A b s c h l u ß hat d i e F o r m des Ü b e r g a n g s z u w e i t e r e r K o m m u n i k a t i o n , die s o l c h e K l ä r u n g e n n a c h v o l l z i e h e n o d e r sich and e r e n T h e m e n z u w e n d e n k a n n . E l e m e n t p r o d u k t i o n ist A u t o poiesis.
Schon die
K o m m u n i k a t i o n des A n n e h m e n s
oder
A b l e h n e n s des S i n n v o r s c h l a g s e i n e r K o m m u n i k a t i o n ist eine andere K o m m u n i k a t i o n u n d ergibt sich, bei allen thematischen B i n d u n g e n , nicht v o n s e l b s t aus d e r v o r i g e n K o m m u n i k a t i o n . F ü r die A u t o p o i e s i s d e r G e s e l l s c h a f t u n d ihre S t r u k t u r b i l d u n gen ist es eine w e s e n t l i c h e V o r a u s s e t z u n g , daß K o m m u n i k a t i o n n i c h t s c h o n v o n selbst i h r e eigene A k z e p t a n z enthält, s o n d e r n daß d a r ü b e r erst n o c h d u r c h w e i t e r e , u n a b h ä n g i g e K o m m u n i k a tion entschieden w e r d e n m u ß . D a K o m m u n i k a t i o n Z e i t braucht, u m K o m m u n i k a t i o n e n a n K o m m u n i k a t i o n a n s c h l i e ß e n z u k ö n n e n , führt diese O p e r a t i o n s w e i s e z u einer z e i t l i c h e n E n t k o p p l u n g v o n S y s t e m u n d U m w e l t . D a s ändert nichts d a r a n , daß S y s t e m u n d U m w e l t gleichzeitig existieren u n d diese G l e i c h z e i t i g k e i t aller K o n s t i t u t i o n von Zeit zugrundeliegt.
112
A b e r innerhalb der dadurch gegebe-
n e n B e s c h r ä n k u n g e n m u ß das S y s t e m eine E i g e n z e i t k o n s t i t u ieren, die das O p e r a t i o n s t e m p o u n d die Z e i t p e r s p e k t i v e n des S y s t e m s internen M ö g l i c h k e i t e n anpaßt. D a s S y s t e m m u ß dann auf
eins-zu-eins-Kopplungen
von
Umweltereignissen
und
S y s t e m e r e i g n i s s e n v e r z i c h t e n u n d intern E i n r i c h t u n g e n schaffen, die d e m U m s t ä n d e R e c h n u n g tragen, daß i n der U m w e l t and e r e Z e i t v e r h ä l t n i s s e h e r r s c h e n als i m S y s t e m . D a s S y s t e m entw i c k e l t S t r u k t u r e n ( E r i n n e r u n g e n u n d E r w a r t u n g e n ) , u m i n sein e n O p e r a t i o n e n Z e i t v e r h ä l t n i s s e i m S y s t e m u n d i n der U m w e l t auseinanderhalten u n d die Eigenzeit organisieren zu können. 1 1 1 V g l . Heinz von Foerster, F ü r Niklas Luhmann: W i e rekursiv ist K o m munikation?, Teoría Sociológica 1 / 2 ( 1 9 9 3 ) , S . 6 1 - 8 8 . 1 1 2 Ausführlicher
Niklas
Luhmann,
Gleichzeitigkeit
und
Synchroni-
sation, in ders., Soziologische Aufklärung B d . 5, Opladen 1990, S. 9 5 - 1 3 0 .
83
Teils m u ß das S y s t e m g e g e n ü b e r d e r U m w e l t Z e i t gewinnen, a l s o V o r s o r g e treffen; teils m u ß e s Ü b e r r a s c h u n g e n hinnehmen u n d verkraften k ö n n e n . E s m u ß R e a k t i o n e n v e r z ö g e r n o d e r auch beschleunigen können, währenddessen in der U m w e l t s c h o n w i e d e r e t w a s a n d e r e s geschieht. A b e r z u m P r o b l e m w i r d dies n u r d a d u r c h , daß S y s t e m u n d U m w e l t a u s w e g l o s gleichzeitig o p e r i e r e n u n d das S y s t e m a l s o nicht i n d i e Z u k u n f t der U m welt vorauseilen oder in deren Vergangenheit zurückbleiben k a n n . D a s S y s t e m k a n n a l s o nie i n eine Z e i t l a g e gelangen, i n der e s sicher sein k a n n , daß i n d e r U m w e l t n i c h t s geschieht. D i e s gilt a u c h u n d s p e z i e l l für d a s V e r h ä l t n i s v o n K o m m u n i k a t i o n u n d B e w u ß t s e i n , a l s o für d i e B e w u ß t s e i n s - u n d v o r allem d i e W a h r n e h m u n g s v o r g ä n g e , die i n d e r U m w e l t der G e s e l l schaft v o r a u s z u s e t z e n s i n d . A u c h diese D i f f e r e n z erfordert u n d e r m ö g l i c h t zeitliche E n t k o p p l u n g e n bei u n b e s t r e i t b a r gleichzeit i g e m Z u s a m m e n w i r k e n . Seit d e n b a h n b r e c h e n d e n A n a l y s e n von Mead"
3
w e i ß m a n , daß K o m m u n i k a t i o n nicht schon d a -
d u r c h z u s t a n d e k o m m t , daß ein O r g a n i s m u s w a h r n i m m t , w i e ein a n d e r e r sich v e r h ä l t , u n d sich darauf einstellt; u n d auch nicht d a d u r c h , daß e r d i e G e s t e n des a n d e r e n , e t w a D r o h g e s t e n o d e r S p i e l g e s t e n , imitiert. A u f d i e s e W e i s e k ä m e e s n u r z u w e c h s e l seitiger Irritierung u n d S t i m u l a t i o n d e r ( A u t o p o i e s i s der) O r g a n i s m e n , z u m e h r o d e r w e n i g e r o k k a s i o n e l l e n u n d eventuell relativ häufigen K o o r d i n a t i o n e n . E n t s c h e i d e n d ist vielmehr n a c h M e a d , daß S y m b o l e entstehen, die e s d e m e i n z e l n e n O r g a n i s m u s e r m ö g l i c h e n , sich in sich selbst m i t d e m V e r h a l t e n anderer a b z u s t i m m e n u n d z u g l e i c h s e l b s t die e n t s p r e c h e n d e n »vocal g e s t u r e s « z u b e n u t z e n ; o d e r m i t M a t u r a n a g e s p r o c h e n : daß e s z u r Koordination der K o o r d i n a t i o n e n der Organismen k o m m t . "
4
D i e s e E r k l ä r u n g k a n n i n R i c h t u n g auf eine S e m i o t i k des S o z i a len a u s g e b a u t w e r d e n . S i e führt j e d o c h n i c h t z u einer T h e o r i e d e r G e s e l l s c h a f t als eines s i c h selbst d u r c h K o m m u n i k a t i o n g e g e n eine U m w e l t ( a u c h d e r beteiligten O r g a n i s m e n ) a b g r e n 1 1 3 V o r allem in: G e o r g e Herbert Mead, M i n d , Seif, and Society F r o m the Standpoint of a Social Behaviorist, C h i c a g o 1 9 3 4 . 1 1 4 Siehe Maturana a.a.O. ( 1 9 8 2 ) , insb. S. 2 5 8 f f . V g l . auch S. 1 5 5 , wo Sprache als »rekursive strukturelle K o p p l u n g des Nervensystems mit seiner
eigenen
mich, N . L . ) .
84
Struktur«
beschrieben
wird
(Hervorhebung
durch
zenden sozialen S y s t e m s .
1 1 5
Alle Aussagen über K o m m u n i k a -
tion b l e i b e n A u s s a g e n ü b e r das » b e h a v i o r a l o r g a n i s m « , ü b e r das N e r v e n s y s t e m ( b i o l o g i s c h ) o d e r ü b e r das B e w u ß t s e i n ( p s y c h o logisch). D a b e i ist n o c h n i c h t b e r ü c k s i c h t i g t , daß T e i l n a h m e a n K o m m u n i k a t i o n ein h o h e s u n d k o n t i n u i e r l i c h d u r c h g e h a l t e n e s T e m p o i n d e r I d e n t i f i k a t i o n s u k z e s s i v e r S i n n p a r t i k e l erfordert. O h n e dieses T e m p o w ü r d e das K u r z z e i t g e d ä c h t n i s der K o m m u n i k a tion v e r s a g e n . A n d e r e r s e i t s ist das B e w u ß t s e i n i n seinen n e u r o biologischen G r u n d l a g e n darauf nicht vorbereitet und m u ß in e i n e m sehr s p e z i f i s c h e n S i n n e e v o l u i e r e n , u m Schritt halten z u können.
1 1 6
Dafür
hält
die
Kommunikation
dann
deutlich
distinkte L a u t k o m b i n a t i o n e n bereit. J e d e n f a l l s liegt hier, u n d nicht i m b l o ß e n B e h a n d e l n v o n Z e i c h e n , das eigentliche P r o blem der C o - e v o l u t i o n v o n Gehirn, Bewußtsein und Sprache. M a n b r a u c h t a n d i e s e n E i n s i c h t e n nichts z u k o r r i g i e r e n u n d nichts
zurückzunehmen;
aber
dann
bleibt
immer noch
die
F r a g e , o b u n d w i e K o m m u n i k a t i o n eine O p e r a t i o n sein k a n n , die z u r E m e r g e n z u n d o p e r a t i v e n S c h l i e ß u n g eines eigenständigen s o z i a l e n S y s t e m s m i t einer e i g e n e n , n i c h t w a h r n e h m b a r e n (!), s o n d e r n n u r d e n o t i e r b a r e n U m w e l t führt. O d e r u m ein A r g u m e n t M a t u r a n a s aus d e r Z e l l b i o l o g i e i n die T h e o r i e s o z i a ler S y s t e m e z u ü b e r f ü h r e n : A u s einer B e s c h r e i b u n g d e r G e samtheit d e r Z u s t ä n d e beteiligter N e r v e n s y s t e m e o d e r B e w u ß t seinssysteme
folgt
noch
nichts
für
die
Frage,
wie
eine
A u t o p o i e s i s des S o z i a l e n m ö g l i c h ist. E n t s c h e i d e n d d a f ü r dürfte sein, daß S p r e c h e n (und dieses n a c h a h m e n d e G e s t e n ) eine I n t e n t i o n d e s S p r e c h e r s v e r d e u t l i c h t , also eine U n t e r s c h e i d u n g v o n I n f o r m a t i o n u n d M i t t e i l u n g u n d i m w e i t e r e n d a n n eine R e a k t i o n auf d i e s e n U n t e r s c h i e d m i t e b e n falls s p r a c h l i c h e n M i t t e l n e r z w i n g t .
1 1 7
E r s t d a d u r c h entsteht
ü b e r h a u p t , als K o m p o n e n t e d i e s e r U n t e r s c h e i d u n g , eine I n f o r -
1 1 5 D a s sieht, und akzeptiert, auch Peter M. Hejl, Sozialwissenschaft als Theorie selbstreferentieller Systeme, Frankfurt 1 9 8 2 . 1 1 6 V g l . Philip Lieberman, Uniquely H u m a n : T h e Evolution of Speech, Thought, and Selfless Behavior, C a m b r i d g e Mass. 1 9 9 1 , insb. S. 36 ff. 1 1 7 Ausführlicher hierzu Luhmann, Soziale Systeme a.a.O. S. 1 9 1 ff.; ferner unten S. 1 9 7 ff. über Sprache.
85
m a t i o n m i t I n f o r m a t i o n s w e r t , das heißt: e i n e Information, die d e n Z u s t a n d des sie p r o z e s s i e r e n d e n S y s t e m s ändert (im Sinne des b e r ü h m t e n D i k t u m s v o n B a t e s o n : a d i f f e r e n c e that makes a d i f f e r e n c e ) . E s k o m m t h i n z u , u n d das u n t e r s c h e i d e t K o m m u n i k a t i o n e n v o n b i o l o g i s c h e n P r o z e s s e n j e d e r A r t , daß e s sich u m eine O p e r a t i o n handelt, die m i t d e r F ä h i g k e i t z u r S e l b s t b e o b a c h t u n g ausgestattet ist. J e d e K o m m u n i k a t i o n m u ß zugleich k o m m u n i z i e r e n , daß sie eine K o m m u n i k a t i o n ist, u n d sie m u ß m a r k i e r e n , w e r w a s mitgeteilt hat, d a m i t d i e A n s c h l u ß k o m m u n i k a t i o n b e s t i m m t u n d s o die A u t o p o i e s i s fortgesetzt w e r d e n k a n n . S i e e r z e u g t m i t h i n n i c h t n u r d u r c h b l o ß e n V o l l z u g als O p e r a t i o n eine D i f f e r e n z (das a u c h ! ) , s o n d e r n sie v e r w e n d e t a u c h eine spezifische U n t e r s c h e i d u n g , n ä m l i c h die v o n M i t t e i l u n g u n d I n f o r m a t i o n , u m z u b e o b a c h t e n , d a ß dies geschieht. D i e s e E i n s i c h t hat. sehr w e i t t r a g e n d e K o n s e q u e n z e n . Sie besagt n i c h t nur, daß die I d e n t i f i k a t i o n v o n M i t t e i l u n g als » H a n d l u n g « d a s K o n s t r u k t eines B e o b a c h t e r s ist, n ä m l i c h das K o n s t r u k t des s i c h selbst b e o b a c h t e n d e n K o m m u n i k a t i o n s s y s t e m s . Sie besagt v o r a l l e m , daß s o z i a l e S y s t e m e ( u n d das schließt d a n n den F a l l G e s e l l s c h a f t ein) n u r als s i c h s e l b e r b e o b a c h t e n d e S y s t e m e Zustandekommen können. W i r sind durch diese Überlegung gez w u n g e n , i m G e g e n s a t z z u P a r s o n s u n d z u all d e m , w a s g e g e n wärtig
als
Handlungstheorie
auf d e m M a r k t ist,
auf eine
handlungstheoretische (und damit »individualistische«) Begründung der Soziologie zu verzichten.
118
W i r g e w i n n e n damit z u -
g l e i c h ein P r o b l e m , a b e r z u n ä c h s t nichts w e i t e r als dieses P r o blem
eines
Systems,
das
zur
laufenden
Selbstbeobachtung
g e n ö t i g t ist, w o b e i die B e o b a c h t u n g , w i e o b e n gesagt, eine u n t e r s c h e i d u n g s a b h ä n g i g e O p e r a t i o n ist, d i e i m M o m e n t ihres O p e r i e r e n s selbst als das a u s g e s c h l o s s e n e D r i t t e fungiert. A u c h alle S e l b s t b e o b a c h t u n g ist j a b e d i n g t d u r c h einen blinden F l e c k . S i e ist n u r m ö g l i c h , w e i l sie i h r S e h e n n i c h t sehen k a n n . S o fung i e r t die K o m m u n i k a t i o n selbst o p e r a t i v als E i n h e i t der D i f f e 118
D e r G r u n d dafür ist: daß der Begriff der Handlung, der nach allgemeinem Verständnis Handelnde voraussetzt, die G r e n z e n zwischen Systemen und Umwelten verwischt. D a s schließt aber keineswegs aus, den Begriff der Handlung als Konstrukt eines beobachtenden Systems wiedereinzuführen,
wobei
das
System
Handlungen
als
punkte im System und in der U m w e l t lokalisieren kann.
86
Zurechnungs-
r e n z v o n I n f o r m a t i o n , M i t t e i l u n g u n d V e r s t e h e n , o h n e diese Einheit
kommunizieren
zu
können.
Aber
sie
b e n u t z t zur
n a c h t r ä g l i c h e n S e l b s t b e o b a c h t u n g die U n t e r s c h e i d u n g v o n Inf o r m a t i o n , M i t t e i l u n g u n d V e r s t e h e n , u m festlegen z u können, o b d i e w e i t e r e K o m m u n i k a t i o n auf Z w e i f e l a n d e r I n f o r m a t i o n , auf v e r m u t e t e M i t t e i l u n g s a b s i c h t e n ( z u m B e i s p i e l T ä u s c h u n g s absichten) o d e r auf V e r s t ä n d n i s s c h w i e r i g k e i t e n zu reagieren hat. K e i n e S e l b s t b e o b a c h t u n g ist m i t h i n i n d e r L a g e , d i e v o l l e W i r k lichkeit des S y s t e m s , das sie d u r c h f ü h r t , zu erfassen. Sie kann n u r e t w a s statt d e s s e n tun, n u r E r s a t z l ö s u n g e n w ä h l e n ; u n d dies g e s c h i e h t d u r c h die W a h l v o n U n t e r s c h e i d u n g e n , m i t d e n e n das S y s t e m S e l b s t b e o b a c h t u n g e n ausführt. E i n S y s t e m k a n n , w e n n h i n r e i c h e n d k o m p l e x , v o m B e o b a c h t e n seiner O p e r a t i o n e n z u m B e o b a c h t e n seines B e o b a c h t e n s u n d schließlich z u r B e o b a c h t u n g des S y s t e m s selbst ü b e r g e h e n . I n d i e s e m F a l l e m u ß e s die U n t e r s c h e i d u n g » S y s t e m u n d U m w e l t « z u G r u n d e legen, also Selbstreferenz und Fremdreferenz unterscheiden können. A b e r a u c h dies geschieht, a n d e r s w ä r e e s k e i n e S e / ^ s t b e o b a c h t u n g , d u r c h O p e r a t i o n e n des S y s t e m s i m S y s t e m . D i e U n t e r s c h e i d u n g v o n Selbstreferenz u n d F r e m d r e f e r e n z ist eine U n t e r s c h e i d u n g , die i m S y s t e m p r a k t i z i e r t w i r d u n d sich als s o l c h e reflektiert. W i r k ö n n e n auch sagen: sie ist eine K o n s t r u k t i o n des S y s t e m s . A n g e s i c h t s d e r U n m ö g l i c h k e i t , d i e F ü l l e des Seins z u erblicken u n d das S y s t e m für sich s e l b s t t r a n s p a r e n t z u m a c h e n , entsteht ein k o m p l e x e s G e b i l d e v o n U n t e r s c h e i d u n g e n , d i e den B e o b a c h t u n g s p r o z e ß des S y s t e m s leiten, ihn n a c h i n n e n o d e r nach a u ß e n l e n k e n j e n a c h d e m , w e l c h e Seite d e r U n t e r s c h e i d u n g v o n » i n n e n « u n d »außen« b e z e i c h n e t w i r d . D a n n k a n n das S y s t e m , w e n n es über entsprechende Speichereinrichtungen, z u m Beispiel ü b e r Schrift v e r f ü g t , E r f a h r u n g e n s a m m e l n , situative E i n d r ü c k e d u r c h W i e d e r h o l u n g k o n d e n s i e r e n u n d sich ein operativ e s G e d ä c h t n i s a u f b a u e n , o h n e G e f a h r z u laufen, d a b e i sich selbst ständig mit d e r U m w e l t z u v e r w e c h s e l n . A l l dies geschieht i m A n s c h l u ß a n d i e G r u n d u n t e r s c h e i d u n g v o n Selbstr e f e r e n z u n d F r e m d r e f e r e n z m i t j e w e i l s geeigneten a n d e r e n U n terscheidungen. D e r B e g r i f f d e r S e l b s t b e o b a c h t u n g setzt n i c h t v o r a u s , daß es in e i n e m S y s t e m j e w e i l s n u r eine s o l c h e M ö g l i c h k e i t gibt. E s k ö n n e n v i e l e K o m m u n i k a t i o n e n g l e i c h z e i t i g p r a k t i z i e r t u n d gleich-
87
zeitig s e l b s t b e o b a c h t e t w e r d e n . D a s s e l b e g i l t für die B e o b a c h t u n g d e r E i n h e i t des S y s t e m s i m U n t e r s c h i e d z u r U m w e l t . E i n s o z i a l e s S y s t e m , u n d b e s o n d e r s n a t ü r l i c h e i n e Gesellschaft, k a n n s i c h selbst gleichzeitig o d e r i m n a c h e i n a n d e r auf g a n z verschied e n e - w i r w e r d e n sagen: » p o l y k o n t e x t u r a l e « - W e i s e b e o b a c h ten. E s g i b t a l s o , v o m O b j e k t her, k e i n e n Z w a n g z u r Integration d e r S e l b s t b e o b a c h t u n g e n . D a s S y s t e m tut, w a s e s tut. W a s b i s h e r g e s a g t ist, gilt für s o z i a l e S y s t e m e d e r verschiedensten A r t , z u m B e i s p i e l a u c h für O r g a n i s a t i o n e n oder, wie F a m i l i e n t h e r a p e u t e n w i s s e n , für F a m i l i e n . W e n n w i r n u n m e h r auf die dritte E b e n e z u s p r e c h e n k o m m e n , auf d e r die Spezifik eines G e s e l l s c h a f t s s y s t e m s z u b e h a n d e l n ist, m a c h e n sich die P r o b l e m e d e r Vielfalt m ö g l i c h e r S e l b s t b e o b a c h t u n g e n mit b e s o n d e r e r E v i d e n z u n d mit b e s o n d e r e r T r a g w e i t e b e m e r k b a r . D e n n d i e G e s e l l s c h a f t k e n n t als das u m f a s s e n d e s o z i a l e S y s t e m keine s o z i a l e n S y s t e m e außerhalb ihrer G r e n z e n . S i e k a n n also gar n i c h t von
außen
beobachtet w e r d e n .
1 1 9
Zwar
können psychische
S y s t e m e d i e G e s e l l s c h a f t v o n a u ß e n b e o b a c h t e n ; a b e r das bleibt s o z i a l o h n e F o l g e n , w e n n e s n i c h t k o m m u n i z i e r t , w e n n also d i e B e o b a c h t u n g nicht i m s o z i a l e n S y s t e m p r a k t i z i e r t w i r d . D i e G e sellschaft ist, m i t a n d e r e n W o r t e n , d e r E x t r e m f a l l v o n p o l y k o n t e x t u r a l e r S e l b s t b e o b a c h t u n g , d e r E x t r e m f a l l eines S y s t e m s , das z u r S e l b s t b e o b a c h t u n g g e z w u n g e n ist, o h n e dabei w i e ein O b j e k t z u w i r k e n , ü b e r das n u r eine e i n z i g e r i c h t i g e M e i n u n g b e stehen k a n n , s o daß alle A b w e i c h u n g als I r r t u m z u behandeln ist. S e l b s t w e n n die G e s e l l s c h a f t r o u t i n e m ä ß i g s i c h selbst v o n i h r e r U m w e l t unterscheidet, ist k e i n e s w e g s v o r a b klar, w a s d a m i t v o n seiner U m w e l t u n t e r s c h i e d e n w i r d . U n d selbst w e n n T e x t e , a l s o B e s c h r e i b u n g e n , a n g e f e r t i g t w e r d e n , die B e o b a c h t u n g e n s t e u e r n u n d k o o r d i n i e r e n , b e d e u t e t d a s nicht, daß es n u r j e w e i l s eine richtige B e s c h r e i b u n g gibt. M a n w i r d nicht o h n e w e i t e r e s unterstellen d ü r f e n , daß s ü d c h i n e s i s c h e F i s c h e r e b e n s o w i e d i e M a n d a r i n e u n d B ü r o k r a t e n d i e G r u n d l a g e des R e i c h e s 119
Pierre Livet, La fascination de l'auto-organisation, in: P a u l D u m o u c h e l / Jean-Pierre D u p u y (Hrsg.), L'auto-organisation: De la physique au politique, Paris 1 9 8 3 , S. 1 6 5 - 1 7 1 , spricht für diesen Fall von cloture epistemologique, stellt aber zugleich fest, daß damit noch keineswegs die Einheitlichkeit einer einzig-richtigen Selbstbeschreibung gewährleistet sei.
88
i n d e r k o n f u z i a n i s c h e n E t h i k g e s e h e n h a b e n . A u c h das indische K a s t e n s y s t e m als D a r s t e l l u n g d e r E i n h e i t d u r c h D i f f e r e n z hat r e g i o n a l g a n z v e r s c h i e d e n e u n d m i t d e r E i n h e i t einer hierarchis c h e n O r d n u n g i n k o m p a t i b l e A u s p r ä g u n g e n erhalten. U n d w e r außerhalb des K l e r u s , des A d e l s u n d d e r juristisch geschulten R i c h t e r u n d V e r w a l t u n g s b e a m t e n die D r e i - S t ä n d e - L e h r e des späten Mittelalters g e k a n n t u n d an sie g e g l a u b t hat, b l e i b t eine e m p i r i s c h e F r a g e . A u s d e r S i c h t v o n B a u e r n w a r e s w o h l eher eine E i n - K l a s s e n - G e s e l l s c h a f t m i t d e m A u s n a h m e f a l l des j e w e i ligen G u t s h e r r n u n d seiner F a m i l i e . E s gibt i m F a l l e v o n G e s e l l s c h a f t e b e n k e i n e externe B e s c h r e i b u n g , a n d e r m a n s i c h k o r r i g i e r e n k ö n n t e - s o s e h r Literaten u n d S o z i o l o g e n s i c h u m eine s o l c h e P o s i t i o n b e m ü h e n . D i e T r a d i t i o n hatte das I n t e r e s s e an einer u n f e h l b a r e n B e s c h r e i b u n g externalisiert u n d d i e e n t s p r e c h e n d e P o s i t i o n G o t t genannt. G o t t k o n n t e alles, n u r n i c h t s i c h irren. A b e r m a n hatte dann d o c h k o n z e d i e r e n m ü s s e n , daß das U r t e i l d e r Priester ü b e r das U r t e i l G o t t e s f e h l b a r sein k ö n n e u n d daß d i e richtige B e s c h r e i b u n g , das w a h r e S ü n d e n r e g i s t e r , erst a m E n d e der Z e i t als Weltgericht b e k a n n t w e r d e n w ü r d e , u n d z w a r i n der F o r m einer Überraschung. V o r d e m H i n t e r g r u n d d i e s e r T h e s e eines Ü b e r s c h u ß e s a n M ö g lichkeiten d e r S e l b s t b e o b a c h t u n g u n d S e l b s t b e s c h r e i b u n g w e r den w i r i m a b s c h l i e ß e n d e n K a p i t e l z u z e i g e n v e r s u c h e n , daß Selbstbeschreibungen
gleichwohl
n i c h t zufällig Zustandekom-
m e n . E s g i b t s t r u k t u r e l l e B e d i n g u n g e n für die Plausibilität v o n Darstellungen; und es gibt geschichtliche Trends in der E v o l u t i o n v o n S e m a n t i k e n , d i e d e n S p i e l r a u m für V a r i a t i o n e n stark einschränken. D i e soziologische T h e o r i e kann dann Z u s a m m e n hänge nach der A r t v o n Korrelationen zwischen Gesellschaftss t r u k t u r e n u n d S e m a n t i k e n e r k e n n e n ; a b e r sie k a n n z u g l e i c h w i s s e n , daß s o l c h e T h e o r i e n ihre e i g e n e n K o n s t r u k t e s i n d u n d nicht mit d e n z u r g e g e b e n e n Z e i t k u r s i e r e n d e n D a r s t e l l u n g des G e s e l l s c h a f t s s y s t e m s v e r w e c h s e l t w e r d e n dürfen. D i e G e s e l l s c h a f t hat a l s o , s o k ö n n e n w i r z u s a m m e n f a s s e n , kein W e s e n . Ihre E i n h e i t läßt s i c h n i c h t d u r c h R e d u k t i o n aufs E s s e n tielle erschließen, m i t d e r F o l g e , daß w i d e r s p r e c h e n d e A u f f a s s u n g e n sich als I r r t u m a b w e i s e n ließen ( d e n n auch dies m ü ß t e j a i n d e r G e s e l l s c h a f t k o m m u n i z i e r t w e r d e n u n d w ü r d e d a m i t das
89
ä n d e r n , w o v o n die R e d e ist). D i e E i n h e i t des Gesellschaftss y s t e m s liegt a l s o lediglich i n d e r A b g r e n z u n g n a c h außen, i n d e r F o r m des S y s t e m s , i n d e r o p e r a t i v l a u f e n d r e p r o d u z i e r t e n D i f f e r e n z . G e n a u das ist d e r P u n k t , auf d e n d i e »redescription« der alteuropäischen Tradition Wert legen m u ß . W e n n w i r s a g e n , daß nur K o m m u n i k a t i o n e n u n d alle K o m m u n i k a t i o n e n z u r A u t o p o i e s i s d e r G e s e l l s c h a f t beitragen und d a d u r c h das M e r k m a l » u m f a s s e n d « r e d e f i n i e r e n , steckt auch i n d i e s e r T h e s e ein tiefreichender B r u c h m i t d e r Tradition. E s k o m m t d a n n w e d e r auf Z i e l e n o c h auf g u t e G e s i n n u n g e n , w e d e r auf K o o p e r a t i o n n o c h auf Streit, w e d e r a u f K o n s e n s noch auf D i s s e n s , w e d e r auf A n n a h m e n o c h auf A b l e h n u n g des z u g e m u teten S i n n e s an. A u c h das i n d i v i d u e l l e G l ü c k spielt keine, o d e r allenfalls als T h e m a d e r K o m m u n i k a t i o n e i n e R o l l e . A u t o p o i e s i s s e l b s t w i r d d u r c h alle diese
1 2 0
N u r die
Kommunikationen
t r a n s p o r t i e r t . U n d natürlich erst recht d u r c h alle K o m m u n i k a t i o n e n , d i e d e n T e i l s y s t e m e n d e r G e s e l l s c h a f t z u z u r e c h n e n sind. U n t e r s c h e i d u n g e n w i e : Wirtschaft u n d G e s e l l s c h a f t , R e c h t u n d Gesellschaft, Schule und Gesellschaft sind deshalb verwirrend u n d , i n u n s e r e r T h e o r i e , nicht erlaubt. Sie e r w e c k e n den E i n d r u c k , als o b die K o m p o n e n t e n d e r U n t e r s c h e i d u n g sich w e c h selseitig a u s s c h l i e ß e n , w ä h r e n d i n W a h r h e i t Wirtschaft, R e c h t , S c h u l e u s w . n i c h t außerhalb d e r G e s e l l s c h a f t , s o n d e r n n u r als i h r V o l l z u g g e d a c h t w e r d e n k ö n n e n . E s h a n d e l t sich u m den g l e i c h e n U n s i n n w i e bei d e m V e r s u c h , F r a u e n u n d M e n s c h e n z u u n t e r s c h e i d e n - n u r e b e n u m einen s e h r v i e l w e i t e r verbreiteten Unsinn. » A l l e K o m m u n i k a t i o n e n « besagt: K o m m u n i k a t i o n e n w i r k e n
a u t o p o i e t i s c h insofern, als ihr Unterschied keinen Unterschied macht. Daß k o m m u n i z i e r t w i r d , ist in d e r G e s e l l s c h a f t mithin k e i n e Ü b e r r a s c h u n g , also 120
auch keine
Information.
(Anders
Eine ähnliche Ausklammerung aller Bewußtseinszustände, subjektiven Intentionen oder Gefühle findet man in der Diskurstheorie von L y o tard. Die Basiseinheit ist hier der Satz (phrase), der sich mit anderen Sätzen verkettet (enchaînement). Siehe Jean-François Lyotard, Le différend, Paris 1 9 8 3 . Lyotard blendet jedoch die systemtheoretische V o r stellung explizit aus, daß in der Verkettung selbst zwangsläufig schon die E r z e u g u n g einer System/Umwelt-Differenz liegt, die im System (im Diskurs?) zu reflektieren wäre.
90
natürlich für p s y c h i s c h e S y s t e m e , die u n v e r m u t e t a n g e s p r o c h e n w e r d e n . ) A n d e r e r s e i t s ist K o m m u n i k a t i o n gerade das A k t u a l i sieren v o n I n f o r m a t i o n . M i t h i n besteht die G e s e l l s c h a f t aus dem Z u s a m m e n h a n g derjenigen O p e r a t i o n e n , die insofern keinen U n t e r s c h i e d m a c h e n , als sie einen U n t e r s c h i e d m a c h e n . D a s v e r w e i s t alle A n n a h m e n ü b e r V e r s t ä n d i g u n g , F o r t s c h r i t t , R a t i o n a lität o d e r a n d e r e g e r n g e s e h e n e Z i e l e i n eine z w e i t r a n g i g e T h e o rieposition. G e n a u das w i r d dann aber der T h e o r i e symbolisch generalisierter K o m m u n i k a t i o n s m e d i e n i h r b e s o n d e r e s G e w i c h t geben. » A l l e K o m m u n i k a t i o n e n « schließt s o g a r p a r a d o x e K o m m u n i k a t i o n ein, a l s o K o m m u n i k a t i o n , d i e negiert, daß sie sagt, w a s sie sagt. M a n k a n n p a r a d o x k o m m u n i z i e r e n , u n d dies k e i n e s w e g s »sinnlos« (im Sinne v o n unverständlich = autopoietisch wirkungslos).
121
A l s Operation f u n k t i o n i e r t die p a r a d o x e K o m -
m u n i k a t i o n , a u c h w e n n sie, u n d das ist ihre w o h l v e r s t a n d e n e A b s i c h t , den Beobachter v e r w i r r t . S o w o h l die klassische R h e t o rik als a u c h d i e m o d e r n e L i t e r a t u r , s o w o h l die N i e t z s c h e - H e i d e g g e r - T r a d i t i o n d e r P h i l o s o p h i e als a u c h d i e F a m i l i e n t h e r a p e u ten b e d i e n e n s i c h des offenen P a r a d o x i e r e n s ; u n d m e h r n o c h : e s ist ü b l i c h g e w o r d e n , b e i m B e o b a c h t e n des B e o b a c h t e n s anderer auf v e r d e c k t e P a r a d o x i e n z u achten. D i e F u n k t i o n der p a r a d o x e n K o m m u n i k a t i o n ist n i c h t v ö l l i g geklärt u n d v e r m u t l i c h selbst p a r a d o x , n ä m l i c h als V e r s u c h , D e s t r u k t i o n u n d K r e a t i o n i n e i n e m A k t e z u v o l l z i e h e n . W i r w e r d e n m e h r f a c h darauf z u r ü c k k o m m e n . I m M o m e n t g e n ü g t die Feststellung, daß damit nicht die a u t o p o i e t i s c h e O p e r a t i o n , s o n d e r n n u r deren B e o b achtung i n S c h w i e r i g k e i t e n g e r ä t .
122
1 2 1 V g l . hierzu die in Niklas Luhmann / Peter Fuchs, Reden und Schweigen, Frankfurt 1 9 8 9 , erörterten Beispiele. 1 2 2 Entsprechendes scheint Y v e s Barel, Le paradoxe et le système: Essai sur le fantastique social, 2. A u f l . Grenoble 1 9 8 9 , insb. S. 19 ff. sagen zu wollen mit der Unterscheidung von logischen und existentiellen Paradoxien. Letztere sind in jedem System unvermeidlich, das über M ö g lichkeit selbstreferentieller Operationen verfügt.
91
V I . Operative Schließung u n d strukturelle Kopplungen B e s c h r e i b t m a n die G e s e l l s c h a f t als S y s t e m , so f o l g t aus der allg e m e i n e n T h e o r i e a u t o p o i e t i s c h e r S y s t e m e , daß e s sich u m ein operativ geschlossenes System handeln m u ß . A u f der Ebene der e i g e n e n O p e r a t i o n e n g i b t e s k e i n e n D u r c h g r i f f i n die U m w e l t , u n d e b e n s o w e n i g k ö n n e n U m w e l t s y s t e m e a n d e n autopoietis c h e n P r o z e s s e n eines o p e r a t i v g e s c h l o s s e n e n S y s t e m s mitwirken.
1 2 3
D a s gilt selbst d a n n , j a g e r a d e d a n n - u n d auf diesen
schwierigen Gedanken, der der gesamten
erkenntnistheoreti-
schen Tradition widerspricht, müssen w i r ausdrücklich hinwei-
sen -, wenn es sich bei diesen Operationen um Beobachtungen handelt oder um Operationen, deren Autopoiesis eine Selbstbeobachtung erfordert.
B e o b a c h t u n g e n k ö n n e n n u r auf B e o b a c h -
t u n g e n e i n w i r k e n , k ö n n e n n u r U n t e r s c h e i d u n g e n i n andere U n t e r s c h e i d u n g e n t r a n s f o r m i e r e n , k ö n n e n , m i t a n d e r e n Worten, n u r Informationen verarbeiten; aber nicht D i n g e der U m w e l t b e r ü h r e n - m i t d e r w i c h t i g e n , a b e r s e h r s c h m a l e n A u s n a h m e all d e s s e n , w a s ü b e r strukturelle K o p p l u n g e n i n v o l v i e r t ist. A u c h für b e o b a c h t e n d e S y s t e m e g i b t e s auf d e r E b e n e ihres O p e r i e rens keinen Umweltkontakt. A l l e U m w e l t b e o b a c h t u n g muß i m S y s t e m s e l b s t als interne A k t i v i t ä t m i t H i l f e eigener U n t e r s c h e i dungen
(für die
es
in d e r U m w e l t keine
Entsprechung gibt)
d u r c h g e f ü h r t w e r d e n . A n d e r s hätte es g a r k e i n e n Sinn, v o n Umw e / t b e ö b a c h t u n g z u s p r e c h e n . A l l e U m w e l t b e o b a c h t u n g setzt die U n t e r s c h e i d u n g v o n S e l b s t r e f e r e n z u n d F r e m d r e f e r e n z v o r a u s , die n u r i m S y s t e m selbst ( w o d e n n s o n s t ? ) getroffen w e r d e n k a n n . U n d das m a c h t z u g l e i c h v e r s t ä n d l i c h , daß alle U m w e l t -
123
W i l Martens, D i e Autopoiesis sozialer Systeme, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 43 ( 1 9 9 1 ) , S. 6 2 5 - 6 4 6 , meint, sie könnten immerhin die Komponenten der Elemente sozialer Systeme (also zur Kommunikation Information, Mitteilung und Verstehen) beisteuern. A b e r selbst das ist nicht möglich. Natürlich gibt es, kausal gesehen, einen solchen Fremdursprung. A b e r diese Herkunft kann nicht mitkommuniziert werden. Sie geht nicht in den Sinn der Kommunikation ein, sondern bleibt im Z u g e der E m e r g e n z des sozialen Systems in der U m w e l t zurück. Das ist nur eine andere Formulierung für das Prinzip, daß der autopoietische Prozeß zwangsläufig Systemgrenzen zieht.
92
b e o b a c h t u n g S e l b s t b e o b a c h t u n g stimuliert u n d j e d e r D i s t a n z g e w i n n z u r U m w e l t die F r a g e des Selbst, d e r e i g e n e n Identität aufwirft. D e n n w e i l m a n n u r m i t U n t e r s c h e i d u n g e n b e o b a c h t e n k a n n , m a c h t d i e eine Seite d e r U n t e r s c h e i d u n g s o z u s a g e n neugierig auf d i e a n d e r e , stimuliert sie ein Ü b e r q u e r e n (Spencer B r o w n w ü r d e s a g e n : ein » c r o s s i n g « ) d e r G r e n z l i n i e , d i e d u r c h die F o r m » S y s t e m u n d U m w e l t « markiert wird. A l l e r d i n g s b l e i b t auf der E b e n e der B e o b a c h t u n g erster O r d n u n g diese U n t e r s c h e i d u n g v o n U m w e l t k o n t a k t u n d n u r intern a n s c h l u ß f ä h i g e r F r e m d r e f e r e n z u n b e r ü c k s i c h t i g t - u n d z w a r in Bewußtseinssystemen ebenso
wie in Kommunikationssyste-
m e n . A l l e S p u r e n d e r o p e r a t i v e n S c h l i e ß u n g w e r d e n gelöscht. B e w u ß t s e i n s s y s t e m e w i s s e n nichts v o n den A r b e i t s b e d i n g u n g e n ihrer G e h i r n e , a b e r sie d e n k e n » i m K o p f « . K o m m u n i k a t i o n s s y s t e m e w i s s e n nicht, daß K o m m u n i k a t i o n e n nichts anderes k o n t a k t i e r e n als K o m m u n i k a t i o n e n . D i e S y s t e m e o p e r i e r e n mith i n u n t e r d e r I l l u s i o n eines U m w e l t k o n t a k t e s - jedenfalls s o l a n g e sie n u r b e o b a c h t e n , was sie b e o b a c h t e n , u n d n i c h t b e o b achten, wie sie
beobachten.
Erfahrung v o n Widerstand und
Nichtbeliebigkeit der Operationsresultate werden extern verb u c h t u n d g e b e n d a h e r eine Welt, d e r m a n sich z u f ü g e n hat. P h ä n o m e n o l o g i e w i r d als O n t o l o g i e praktiziert. D i e s e B e d i n g u n g ist z w a r d u r c h s c h a u b a r . S i e ist i n der B e o b a c h t u n g z w e i t e r O r d n u n g a u f h e b b a r ; a b e r dies geschieht o h n e M ö g l i c h k e i t des v o l l s t ä n d i g e n V e r z i c h t s auf j e d e B e o b a c h t u n g erster O r d n u n g , d a schließlich a u c h d i e B e o b a c h t u n g z w e i t e r O r d n u n g n o c h einen B e o b a c h t e r m u ß b e o b a c h t e n k ö n n e n ; u n d d a h e r bleibt a u c h die d u r c h s c h a u t e R e a l i t ä t s i l l u s i o n ein F a k t u m i n d e r realen Welt. M a n sieht, daß d i e S o n n e » a u f g e h t « , u n d k a n n e s n i c h t anders sehen, o b w o h l m a n w e i ß , d a ß m a n sich täuscht. A n d e r s g e sagt: A u f d e r E b e n e d e r B e o b a c h t u n g erster O r d n u n g , d i e nie ganz aufgegeben w e r d e n kann, kann zwischen Realität und R e a litätsillusion n i c h t u n t e r s c h i e d e n w e r d e n . O p e r a t i v e G e s c h l o s s e n h e i t hat z u r K o n s e q u e n z , daß das S y s t e m auf Selbstorganisation
angewiesen
ist.
Die
eigenen S t r u k t u r e n
k ö n n e n n u r d u r c h e i g e n e O p e r a t i o n e n aufgebaut u n d g e ä n d e r t w e r d e n - also z u m Beispiel Sprache nur durch K o m m u n i k a t i o n u n d nicht u n m i t t e l b a r d u r c h F e u e r , E r d b e b e n , W e l t r a u m s t r a h l u n g e n o d e r W a h r n e h m u n g s l e i s t u n g e n des E i n z e l b e w u ß t s e i n s .
93
A l l e O p e r a t i o n e n ( K o m m u n i k a t i o n e n ) h a b e n m i t h i n eine D o p p e l f u n k t i o n : Sie legen ( i ) d e n h i s t o r i s c h e n Z u s t a n d des Systems fest, v o n d e m dieses S y s t e m b e i d e n n ä c h s t e n O p e r a t i o n e n a u s z u g e h e n hat. Sie d e t e r m i n i e r e n das S y s t e m als j e w e i l s s o u n d n i c h t anders g e g e b e n . U n d sie b i l d e n (2) S t r u k t u r e n als S e l e k t i o n s s c h e m a t a , die ein W i e d e r e r k e n n e n u n d W i e d e r h o l e n erm ö g l i c h e n , a l s o Identitäten (oft sagt m a n i m A n s c h l u ß a n Piaget auch: I n v a r i a n z e n ) k o n d e n s i e r e n u n d i n i m m e r n e u e n Situation e n k o n f i r m i e r e n , also g e n e r a l i s i e r e n . D i e s e E r i n n e r n und V e r gessen e r m ö g l i c h e n d e S t r u k t u r b i l d u n g ist n i c h t d u r c h E i n w i r k u n g v o n a u ß e n m ö g l i c h , u n d e b e n d e s h a l b s p r i c h t man v o n Selbstorganisation. Geschlossenheit, Selbstdetermination und S e l b s t o r g a n i s a t i o n m a c h e n ein S y s t e m i n
h o h e m Maße, u n d
d a r i n liegt d e r e v o l u t i o n ä r e V o r t e i l , k o m p a t i b e l m i t U n o r d n u n g in der U m w e l t ,
o d e r genauer:
m i t n u r fragmentarisch, n u r
b r u c h s t ü c k h a f t , nicht als E i n h e i t g e o r d n e t e n U m w e l t e n . I n s o fern führt d i e E v o l u t i o n q u a s i z w a n g s l ä u f i g z u r Schließung v o n S y s t e m e n , d i e ihrerseits d a n n w i e d e r d a z u beiträgt, daß eine Gesamtunordnung
entsteht,
der
gegenüber
sich
operative
S c h l i e ß u n g u n d S e l b s t o r g a n i s a t i o n b e w ä h r e n . I n genau d i e s e m S i n n e e n t s p r i c h t a u c h die o p e r a t i v e S c h l i e ß u n g des K o m m u n i kationssystems Gesellschaft der Tatsache, daß bewegliche O r g a n i s m e n m i t N e r v e n s y s t e m e n u n d s c h l i e ß l i c h mit B e w u ß t s e i n e n t s t a n d e n s i n d ; u n d die G e s e l l s c h a f t v e r s t ä r k t d a n n noch, w e i l sie es erträgt, die u n k o o r d i n i e r t e P e r s p e k t i v e n v i e l f a l t dieser endogen unruhigen Einzelsysteme. I n n e r h a l b i h r e r eigenen T r a d i t i o n m u ß d e r S y s t e m t h e o r i e die T h e s e v o n d e r G e s c h l o s s e n h e i t d e r S y s t e m e als extravagant ers c h e i n e n , d e n n die S y s t e m t h e o r i e hatte s i c h m i t einem B l i c k auf das E n t r o p i e g e s e t z gerade u m g e k e h r t als T h e o r i e offener (und deshalb negentropischer) Systeme konstituiert. Diese Position im Verhältnis z u m Entropiegesetz soll natürlich nicht widerrufen w e r d e n . M i t » G e s c h l o s s e n h e i t « ist d e n n auch nicht t h e r m o d y n a m i s c h e A b g e s c h l o s s e n h e i t g e m e i n t , s o n d e r n n u r operative G e s c h l o s s e n h e i t , das heißt: r e k u r s i v e E r m ö g l i c h u n g eigener O p e r a t i o n e n d u r c h die R e s u l t a t e e i g e n e r O p e r a t i o n e n . D e n n m a n m u ß d a v o n a u s g e h e n , daß reale O p e r a t i o n e n n u r i n einer gleichzeitig e x i s t i e r e n d e n W e l t m ö g l i c h s i n d . zunächst
94
aus,
daß
eine
Operation
auf e i n e
D a s schließt es andere
Einfluß
n i m m t . W e n n dies t r o t z d e m m ö g l i c h w e r d e n s o l l , d a n n i m unm i t t e l b a r e n A n s c h l u ß einer O p e r a t i o n a n eine andere. S o l c h e rek u r s i v e n V e r h ä l t n i s s e , i n d e n e n d e r A b s c h l u ß einer O p e r a t i o n d i e B e d i n g u n g für die M ö g l i c h k e i t e i n e r a n d e r e n ist, führen aber z u einer D i f f e r e n z i e r u n g v o n S y s t e m e n , i n d e n e n S c h l i e ß u n g auf eine strukturell oft h o c h k o m p l e x e W e i s e realisiert w i r d , und d e r e n gleichzeitig e x i s t i e r e n d e r U m w e l t . D a s E r g e b n i s nennen w i r operative Geschlossenheit. D i e s g a n z e T h e m a k a n n m a n a u c h a n B e w u ß t s e i n s s y s t e m e n abh a n d e l n u n d d a n n z e i g e n , w e s h a l b u n d w i e die m o d e r n e D i s t a n z v o n I n d i v i d u u m u n d G e s e l l s c h a f t das I n d i v i d u u m z u r R e f l e x i o n , z u r F r a g e n a c h d e m I c h des I c h s , z u r S u c h e n a c h einer eig e n e n Identität anregt. D a s , w a s i m m e r s c h o n g e s e h e n w u r d e , u n d das, w a s die W e l t w a r , ist n u n » d r a u ß e n « . U n d w a s ist dann » d r i n n e n « ? E i n e u n b e s t i m m b a r e L e e r e ? W e n d e t m a n die T h e o rie a u t o p o i e t i s c h e r S y s t e m e auf d e n F a l l d e r G e s e l l s c h a f t an, k o m m t m a n z u m s e l b e n E r g e b n i s , b e z o g e n natürlich auf eine a n d e r e O p e r a t i o n s w e i s e , n ä m l i c h auf K o m m u n i k a t i o n . D i e G e s e l l s c h a f t ist ein k o m m u n i k a t i v g e s c h l o s s e n e s S y s t e m . Sie erzeugt K o m m u n i k a t i o n durch K o m m u n i k a t i o n . Ihre D y n a m i k besteht i m E i n w i r k e n v o n K o m m u n i k a t i o n auf K o m m u n i k a t i o n u n d i n d i e s e m S i n n e : i n d e r T r a n s f o r m a t i o n j e w e i l s aktueller U n t e r s c h e i d u n g e n u n d B e z e i c h n u n g e n , nie a b e r i n der U m g e staltung d e r äußeren U m w e l t .
1 2 4
M a n k a n n die D i n g e nicht zu-
rechtreden, s o w e n i g w i e m a n sie w e g d e n k e n o d e r u m d e n k e n kann. G e s e l l s c h a f t ist d a h e r ein v o l l s t ä n d i g u n d ausschließlich durch s i c h selbst b e s t i m m t e s S y s t e m . A l l e s , w a s als K o m m u n i k a t i o n bestimmt wird, muß durch K o m m u n i k a t i o n bestimmt werden. A l l e s , w a s als R e a l i t ä t e r f a h r e n w i r d , ergibt sich aus d e m W i d e r stand v o n K o m m u n i k a t i o n g e g e n K o m m u n i k a t i o n
1 2 5
, u n d nicht
aus e i n e m S i c h a u f d r ä n g e n d e r i r g e n d w i e g e o r d n e t v o r h a n d e n e n 1 2 4 Daß diese Feststellung durch den Begriff der strukturellen Kopplung innerhalb der Reichweite dieses Sachverhalts modifiziert werden muß, werden w i r sogleich sehen. 1 2 5 W i r erweitern damit etwas, w a s in der Linguistik und Literaturtheorie als »resistance of language to language« bezeichnet wird - mit dieser Formulierung v o n W l a d G o d z i c h in seiner Einleitung zu: Paul de Man, T h e Resistance to Theory, MinneapoHs 1 9 8 6 , S. X V I I .
95
A u ß e n w e l t . D a s schließt n a t ü r l i c h die K o m m u n i k a t i o n ü b e r U m w e l t a b h ä n g i g k e i t e n ein; a b e r a u c h d a n n erfolgt d i e B e s t i m m u n g d e s s e n , w a s k o m m u n i z i e r t w i r d , a n H a n d d e r systemeigenen Unterscheidung v o n Selbstreferenz u n d Fremdreferenz und durch rekursiven R ü c k g r i f f bzw. Vorgriff auf andere K o m m u n i k a t i o n e n . D i e s e E i g e n d e t e r m i n a t i o n e r m ö g l i c h t erst das Tolerier e n , j a absichtliche P l a c i e r e n v o n U n b e s t i m m t h e i t e n , zum B e i spiel
von
Fragen,
von
Mehrdeutigkeiten,
von
paradoxen
M i t t e i l u n g e n , v o n I r o n i e . D i e K o m m u n i k a t i o n selbst entscheidet, notfalls ü b e r R ü c k f r a g e n o d e r U n b e a c h t e t l a s s e n , über ihre e i g e n e n A n s p r ü c h e a n B e s t i m m t h e i t , e b e n s o w i e ü b e r einen b e s t i m m t e n V e r w e n d u n g s s i n n v o n U n b e s t i m m t h e i t e n . U n d die letzte K o n t r o l l e ü b e r die S e l b s t f e s t l e g u n g auf der D i m e n s i o n v o n b e s t i m m t z u u n b e s t i m m t liegt i n d e r F r a g e , w a s zur F o r t setzung
bzw.
zum
Abbruch
laufender
Kommunikationen
beiträgt. A l s K o m m u n i k a t i o n s s y s t e m k a n n die G e s e l l s c h a f t nur i n sich s e l b e r k o m m u n i z i e r e n , a b e r w e d e r m i t s i c h selbst, noch mit i h r e r U m w e l t . Sie p r o d u z i e r t i h r e E i n h e i t d u r c h operativen V o l l z u g v o n K o m m u n i k a t i o n e n im rekursiven Rückgriff und V o r g r i f f auf andere K o m m u n i k a t i o n e n . Sie k a n n d a n n , w e n n sie das Beobachtungsschema » S y s t e m u n d U m w e l t « zu Grunde legt, in sich selbst, über s i c h selbst o d e r über ihre U m w e l t k o m m u n i z i e r e n , a b e r nie mit s i c h selbst u n d n i e mit ihrer U m w e l t . D e n n w e d e r sie selbst n o c h ihre U m w e l t k ö n n e n i n der G e s e l l schaft g l e i c h s a m als Partner, als A d r e s s e f ü r K o m m u n i k a t i o n , n o c h m a l s v o r k o m m e n . E i n s o l c h e r V e r s u c h w ü r d e ins L e e r e s p r e c h e n , w ü r d e k e i n e A u t o p o i e s i s i n G a n g setzen u n d w ü r d e d e s h a l b u n t e r b l e i b e n . D e n n G e s e l l s c h a f t i s t n u r als autopoietisches S y s t e m möglich. D i e s e G e s c h l o s s e n h e i t b e z i e h t s i c h auf die s p e z i f i s c h e operative W e i s e d e r R e p r o d u k t i o n des S y s t e m s , also a u f K o m m u n i k a t i o n , n i c h t a l s o auf K a u s a l i t ä t s c h l e c h t h i n . D a ß die U m w e l t i m m e r m i t w i r k t u n d o h n e sie n i c h t s , a b s o l u t g a r n i c h t s geschehen k a n n , ist s e l b s t v e r s t ä n d l i c h . D e r B e g r i f f d e r P r o d u k t i o n (oder eben: p o i e s i s ) b e z e i c h n e t i m m e r n u r e i n e n T e i l d e r U r s a c h e n , die ein B e o b a c h t e r als e r f o r d e r l i c h i d e n t i f i z i e r e n k ö n n t e ; und z w a r j e n e n T e i l , d e r ü b e r d i e i n t e r n e V e r n e t z u n g d e r O p e r a t i o n e n des S y s t e m s g e w o n n e n w e r d e n k a n n ; j e n e n T e i l , m i t d e m das S y s t e m
96
seinen eigenen Z u s t a n d determiniert. U n d R e p r o d u k t i o n heißt d a n n i m alten S i n n e dieses B e g r i f f s : P r o d u k t i o n aus P r o d u k t e n , B e s t i m m u n g des Z u s t a n d e s des S y s t e m s als A u s g a n g s p u n k t für j e d e w e i t e r e B e s t i m m u n g des Z u s t a n d e s des S y s t e m s . U n d d a diese P r o d u k t i o n / R e p r o d u k t i o n eine U n t e r s c h e i d u n g externer u n d interner B e d i n g u n g e n erfordert, v o l l z i e h t das S y s t e m dabei i m m e r auch die R e p r o d u k t i o n seiner G r e n z e n , u n d das heißt: seiner Einheit.
Insofern
heißt A u t o p o i e s i s :
Produktion
des
S y s t e m s d u r c h s i c h selber. K o m m u n i k a t i o n k o m m t a b e r n u r d a d u r c h z u s t a n d e , daß z w i schen Mitteilung u n d Information unterschieden und der U n terschied v e r s t a n d e n w i r d . A l l e w e i t e r e K o m m u n i k a t i o n kann sich d a n n e n t w e d e r auf die M i t t e i l u n g o d e r auf die I n f o r m a t i o n b e z i e h e n ; a b e r d i e s n u r d u r c h eine A n s c h l u ß k o m m u n i k a t i o n , die ihrerseits w i e d e r d i e D i f f e r e n z v o n M i t t e i l u n g u n d I n f o r m a tion r e p r o d u z i e r t . Im operativen V o l l z u g ( d a d u r c h daß sie geschieht)
reproduziert die
K o m m u n i k a t i o n die
Geschlossenheit
des S y s t e m s . D u r c h d i e A r t ihrer Beobachtungsweise ( d a d u r c h wie sie geschieht, n ä m l i c h d u r c h die U n t e r s c h e i d u n g v o n M i t teilung u n d I n f o r m a t i o n ) r e p r o d u z i e r t sie die Differenz von Geschlossenheit und Offenheit. U n d so entsteht ein S y s t e m , das auf G r u n d seiner G e s c h l o s s e n h e i t u m w e l t o f f e n operiert, w e i l seine basale O p e r a t i o n auf B e o b a c h t u n g eingestellt ist. D i e F o r m d i f f e r e n z v o n M i t t e i l u n g u n d I n f o r m a t i o n ist m i t h i n für das S y s t e m eine u n v e r m e i d b a r e B e d i n g u n g a u t o p o i e t i s c h e r R e p r o d u k t i o n . I m a n d e r e n F a l l e g ä b e e s n u r das N i c h t - m e h r - K o m m u n i z i e r e n , das B e e n d e n d e r O p e r a t i o n e n des S y s t e m s . D i e s e auf die F o r m d e r K o m m u n i k a t i o n b e z o g e n e N o t w e n d i g keit besagt z u g l e i c h , daß d a s S y s t e m i m m e r auch eine d o p p e l t e R e f e r e n z r e p r o d u z i e r t , u n d z w a r , w i e bereits m e h r f a c h gesagt, die
Unterscheidung v o n
Selbstreferenz
und
Fremdreferenz.
U b e r M i t t e i l u n g b e z i e h t das S y s t e m s i c h auf sich selbst. D i e Mitteilung aktualisiert die Möglichkeit, rekursiv weitere K o m m u n i k a t i o n auf das S y s t e m z u b e z i e h e n . D a g e g e n referiert das S y s t e m ü b e r I n f o r m a t i o n e n t y p i s c h seine U m w e l t .
1 2 6
D i e Struk-
1 2 6 W i r sagen typisch, da nicht ausgeschlossen sein soll, daß das System bei hinreichender Komplexität auch über sich selber Informationen einholt, das heißt: sich mit sich selber überrascht. Die Differenz Selbstreferenz/Fremdreferenz bezieht sich zunächst also nur auf die einzelne
97
t u r d e r k o m m u n i k a t i v e n O p e r a t i o n hat m i t h i n g e n a u die F o r m , d i e n ö t i g ist, u m die D i f f e r e n z v o n S y s t e m u n d U m w e l t i n das S y s t e m h i n e i n z u v e r l a g e r n u n d h i e r als U n t e r s c h e i d u n g v o n S e l b s t r e f e r e n z u n d F r e m d r e f e r e n z z u h a n d h a b e n . D a s schlichte O p e r i e r e n r e p r o d u z i e r t n u r die D i f f e r e n z v o n S y s t e m und U m w e l t d u r c h stets selektive R e k u r s i o n . U b e r d i e U n t e r s c h e i d u n g v o n M i t t e i l u n g u n d I n f o r m a t i o n w i r d d a n n ein »re-entry« der U n t e r s c h e i d u n g i n das U n t e r s c h i e d e n e v o l l z o g e n .
1 2 7
Die Diffe-
r e n z v o n S y s t e m u n d U m w e l t e r s c h e i n t i m S y s t e m i n der F o r m v o n R e f e r e n z r i c h t u n g e n - u n d n u r s o . D a s P r o b l e m der o p e r a tiv u n z u g ä n g l i c h e n U m w e l t w i r d d a d u r c h v o n O p e r a t i o n auf Kognition umgesetzt.
128
D a s S y s t e m r e p r o d u z i e r t sich selbst i m
i m a g i n ä r e n R a u m seiner R e f e r e n z e n , u n d d i e s d a d u r c h , daß e s m i t j e d e r k o m m u n i k a t i v e n O p e r a t i o n die U n t e r s c h e i d u n g v o n S e l b s t r e f e r e n z u n d F r e m d r e f e r e n z als F o r m seiner A u t o p o i e s i s erneuert. D i e A u t o p o i e s i s des K o m m u n i k a t i o n s s y s t e m s Gesellschaft v o l l z i e h t also i m m e r u n d n o t w e n d i g d i e R e p r o d u k t i o n derjenigen U n t e r s c h e i d u n g , die R e f e r e n z e n n a c h S e l b s t r e f e r e n z u n d F r e m d r e f e r e n z aufteilt. S i e k a n n a u c h diese U n t e r s c h e i d u n g noch referieren, i n d e m sie sie als eigene U n t e r s c h e i d u n g unter »Selbstr e f e r e n z « s u b s u m i e r t . D a s w ä r e d a n n s c h o n ein re-entry einer U n t e r s c h e i d u n g i n ein bereits v o l l z o g e n e s r e - e n t r y d e r U n t e r Operation, nicht ohne weiteres auf das System. Während dann die Mitteilung gar nicht anders als systemintern begriffen werden kann, läßt die Informationskomponente zwei E x t e r n a zu: operationsextern und systemextern. 1 2 7 Siehe zur Funktion dieses re-entry und der entsprechenden Entstehung eines »imaginären« Raums, der allein jetzt noch Einheit darstellen kann, G e o r g e Spencer B r o w n , L a w s of F o r m , Neudruck N e w Y o r k 1 9 7 9 , S. 56 f., 69 ff. Siehe auch L o u i s H. Kauffman, Self-Reference and Recursive F o r m s , Journal of Social and Biological Structures 10 ( 1 9 8 7 ) , S . 5 3 - 7 2 (56f.); Jacques Miermont, L e s conditions formelles de l'état autonome, Revue internationale de
systémique 3 ( 1 9 8 9 ) ,
S- 2 9 5 - 3 1 4 . 1 2 8 So gesehen ist es denn auch kein Zufall, daß gleichzeitig mit der T h e o rie operativ geschlossener Systeme ein dazu passender, sehr allgemeiner, »konstruktivistischer« Begriff der Kognition entstanden ist, für den die alten E i n w ä n d e gegen einen vermeintlich realitätslosen Idealismus nicht mehr gelten.
98
Scheidung v o n S y s t e m u n d U m w e l t i n das S y s t e m . I m m e r bleibt dabei auf o p e r a t i v e r E b e n e diese U n t e r s c h e i d u n g v o r a u s g e s e t z t als o p e r a t i v n i c h t f a ß b a r e B e d i n g u n g des R e f e r i e r e n s . A l l e internen T r a n s f o r m a t i o n e n , alle I n f o r m a t i o n s v e r a r b e i t u n g , alles U m setzen v o n U n t e r s c h e i d u n g e n i n U n t e r s c h e i d u n g e n k a n n sich d a h e r i m m e r n u r auf ein k o m m u n i k a t i v e s R e f e r i e r e n b e z i e h e n . E s k a n n n i c h t d i r e k t i n d i e U m w e l t eingreifen. E n t s p r e c h e n d s i n d » O b j e k t e « für d a s S y s t e m i m m e r R e f e r e n z e n ; a l s o n i e i n d e r A u ß e n w e l t g e g e b e n e D i n g e , s o n d e r n strukturelle E i n h e i t e n d e r A u t o p o i e s i s des S y s t e m s , d a s heißt B e d i n g u n g e n d e r F o r t setzung v o n K o m m u n i k a t i o n .
1 2 9
U n d e b e n s o w e n i g k a n n das
S y s t e m auf d i e e i g e n e E i n h e i t d u r c h g r e i f e n . W e n n es das tut, aktualisiert es stets n u r d i e S e l b s t r e f e r e n z , also n u r die eine Seite derjenigen U n t e r s c h e i d u n g , d i e d a s R e f e r i e r e n e r m ö g l i c h t . D i e a n d e r e Seite b l e i b t u n e r w ä h n t . D e s h a l b s i n d alle S e l b s t b e s c h r e i b u n g e n der G e s e l l s c h a f t , auf d i e w i r i m letzten K a p i t e l a u s f ü h r lich e i n g e h e n w e r d e n , i m m e r n u r m i t d e r H ä l f t e derjenigen R e a lität befaßt, d i e sie als E i n h e i t v o n S e l b s t - u n d F r e m d r e f e r e n z aktualisieren. A l s B e o b a c h t e r o p e r i e r t das S y s t e m b l i n d , w e i l e s die E i n h e i t d e r U n t e r s c h e i d u n g , d i e ein B e o b a c h t e n e r m ö g l i c h t , w e d e r auf d e r e i n e n n o c h auf d e r a n d e r e n Seite der U n t e r s c h e i d u n g u n t e r b r i n g e n k a n n . U n d w e i l alles, w a s geschieht, als O p e r a t i o n des S y s t e m s i m S y s t e m g e s c h i e h t , ist w e d e r die E i n h e i t d e r U m w e l t n o c h d i e E i n h e i t d e r A u t o p o i e s i s des S y s t e m s für das S y s t e m greifbar. E s g i b t n u r d i e i m B e o b a c h t e n b e n u t z t e n , verkürzenden Bezeichnungen. D i e s e D a r s t e l l u n g g i b t allerdings n o c h k e i n z u r e i c h e n d e s B i l d des U m w e l t v e r h ä l t n i s s e s des G e s e l l s c h a f t s s y s t e m s . D e n n die R e a l m ö g l i c h k e i t d e r K o m m u n i k a t i o n hat, w i e ein B e o b a c h t e r feststellen k a n n , z a h l r e i c h e f a k t i s c h e V o r a u s s e t z u n g e n , d i e das S y s t e m selbst w e d e r p r o d u z i e r e n n o c h garantieren k a n n . G e s c h l o s s e n s e i n ist i m m e r E i n g e s c h l o s s e n s e i n i n e t w a s , w a s v o n 1 2 9 D e r A k z e n t liegt hier auf: strukturelle Einheiten im Unterschied zu bloß operativen Einheiten (Ereignissen). D a s heißt: Objekte können im
Fortgang v o n
Kommunikationen
zu
Kommunikation
identisch
bleiben - aber dies nicht deshalb, weil die natürlichen Bedingungen der Außenwelt ihnen Beständigkeit garantieren, sondern deshalb, weil sie durch das Fremdreferieren des Systems (als »Themen« der K o m m u n i kation) als strukturelle Einheiten des Systems erzeugt werden.
99
d r i n n e n h e r gesehen d a n n d r a u ß e n ist. O d e r anders gesagt: A l l e s E i n r i c h t e n u n d E r h a l t e n v o n S y s t e m g r e n z e n - u n d das gilt s e l b s t v e r s t ä n d l i c h a u c h für L e b e w e s e n - s e t z t ein Materialitätsk o n t i n u u m v o r a u s , das diese G r e n z e n w e d e r k e n n t noch r e s p e k t i e r t . ( D e s h a l b k a n n P r i g o g i n e bereits i m B e r e i c h p h y s i k a l i scher
und
chemischer
Sachverhalte
von
»dissipativen
S t r u k t u r e n « sprechen.) D i e F r a g e ist d a n n a b e r : w i e gestaltet ein S y s t e m , u n d i n u n s e r e m F a l l e : w i e gestaltet das Gesellschaftss y s t e m , seine B e z i e h u n g e n z u r U m w e l t , w e n n e s keinen K o n t a k t z u r U m w e l t u n t e r h a l t e n u n d n u r ü b e r eigenes Referieren v e r f ü g e n k a n n . D i e g e s a m t e G e s e l l s c h a f t s t h e o r i e h ä n g t v o n der B e a n t w o r t u n g dieser F r a g e a b - u n d w i r s e h e n j e t z t auch, daß u n d w i e d e r h u m a n i s t i s c h e u n d r e g i o n a l i s t i s c h e Gesellschaftsb e g r i f f e s v e r m i e d e n hat, diese F r a g e a u c h n u r z u stellen. A u f eine s c h w i e r i g e F r a g e a n t w o r t e t ein s c h w i e r i g e r Begriff. I m A n s c h l u ß a n H u m b e r t o M a t u r a n a w o l l e n w i r v o n »struktureller Kopplung« sprechen.
130
S t r u k t u r e l l e K o p p l u n g e n beschränken
d e n B e r e i c h m ö g l i c h e r S t r u k t u r e n , mit d e n e n ein S y s t e m seine A u t o p o i e s i s d u r c h f ü h r e n k a n n . S i e s e t z e n v o r a u s , daß jedes a u t o p o i e t i s c h e S y s t e m als s t r u k t u r d e t e r m i n i e r t e s S y s t e m operiert, a l s o die e i g e n e n O p e r a t i o n e n n u r d u r c h e i g e n e Strukturen d e t e r m i n i e r e n k a n n . S t r u k t u r e l l e K o p p l u n g s c h l i e ß t a l s o aus, daß Umweltgegebenheiten nach M a ß g a b e eigener Strukturen spezifizieren können, w a s im S y s t e m geschieht. Maturana w ü r d e s a g e n : d i e s t r u k t u r e l l e K o p p l u n g steht o r t h o g o n a l z u r Selbstdet e r m i n a t i o n des S y s t e m s .
1 3 1
Sie b e s t i m m t n i c h t , w a s i m S y s t e m
g e s c h i e h t , sie m u ß a b e r v o r a u s g e s e t z t w e r d e n , w e i l anderenfalls
1 3 0 Maturana a.a.O. ( 1 9 8 2 ) , S. 1 4 3 ff., 1 soff., 2 4 3 f., 2 j i ff.; ders. und Francisco J. Várela, D e r B a u m der Erkenntnis: D i e biologischen wurzeln des menschlichen Erkennens, München 1 9 8 7 , insb. S. 85ff., 252ff.; Mingers a.a.O. ( 1 9 9 5 ) , S. 3 4 f f . A u f die Schwierigkeit der Abgrenzung der eigenen
Operationen
von
Kausalitäten,
die
über strukturelle
Kopplungen auf das System einwirken, ist wiederholt hingewiesen worden. Siehe etwa Stein Braten, Simulation and Self-Organization of M i n d , C o n t e m p o r a r y Philosophy 2 ( 1 9 8 2 ) , S. 1 8 9 - 2 1 8 (204). Wir versuchen, dies Problem durch eine möglichst genaue Bestimmung des Begriffs der Kommunikation zu lösen. 1 3 1 V g l . z . B . H u m b e r t o R . Maturana, Reflexionen: Lernen oder ontogenetische Drift, Delfin II ( 1 9 8 3 ) , S. 6 0 - 7 2 (64).
100
die A u t o p o i e s i s z u m E r l i e g e n k ä m e u n d das S y s t e m aufhören w ü r d e z u existieren. I n s o f e r n ist jedes S y s t e m i m m e r s c h o n angepaßt an seine U m w e l t ( o d e r es existiert n i c h t ) , hat a b e r innerh a l b des d a m i t g e g e b e n e n S p i e l r a u m s alle M ö g l i c h k e i t e n , sich u n a n g e p a ß t zu v e r h a l t e n - u n d das R e s u l t a t sieht m a n mit besonderer Deutlichkeit an den ökologischen Problemen der modernen Gesellschaft. M i t einer aus d e r C o m p u t e r b r a n c h e s t a m m e n d e n T e r m i n o l o g i e k a n n m a n a u c h festhalten, daß s t r u k t u r e l l e K o p p l u n g e n analoge 112
Verhältnisse digitalisieren.
D a d i e U m w e l t u n d i n i h r die an-
d e r e n S y s t e m e stets g l e i c h z e i t i g m i t d e m j e w e i l i g e n B e z u g s s y s t e m der B e o b a c h t u n g o p e r i e r e n , s i n d z u n ä c h s t n u r analoge (parallellaufende) V e r h ä l t n i s s e g e g e b e n . D a r a u s k ö n n e n die beteiligten S y s t e m e k e i n e I n f o r m a t i o n z i e h e n , d e n n dies setzt D i g i t a l i s i e r u n g v o r a u s . S t r u k t u r e l l e K o p p l u n g e n m ü s s e n daher z u n ä c h s t a n a l o g e i n d i g i t a l e V e r h ä l t n i s s e u m f o r m e n , w e n n über sie die U m w e l t E i n f l u ß auf ein S y s t e m g e w i n n e n s o l l . D a s ist, i m V e r h ä l t n i s des K o m m u n i k a t i o n s s y s t e m s z u d e n B e w u ß t s e i n s s y s t e m e n , eine F u n k t i o n d e r S p r a c h e , die ein kontinuierliches N e b e n e i n a n d e r i n ein d i s k o n t i n u i e r l i c h e s N a c h e i n a n d e r v e r wandelt. E i n e w e i t e r e V o r a u s s e t z u n g s t r u k t u r e l l e r K o p p l u n g e n ist w e n i g e r beachtet w o r d e n u n d m u ß d a h e r b e s o n d e r s b e t o n t w e r d e n . S i e setzen v o r a u s , d a ß d a s S y s t e m intern M ö g l i c h k e i t s ü b e r schüsse erzeugt (zum Beispiel: w e d e r durch den R a u m noch d u r c h d e n O r g a n i s m u s i n i h r e r R i c h t u n g definierte B e w e g u n g s m ö g l i c h k e i t e n ) . N u r d a d u r c h ist das S y s t e m i n d e r L a g e , sich auf E i n s c h r ä n k u n g e n s e i n e r F r e i h e i t e n e i n z u l a s s e n , u n d dies i n einer W e i s e , die v o n S i t u a t i o n z u S i t u a t i o n v a r i i e r e n k a n n . F ü r p s y c h i s c h e u n d für s o z i a l e S y s t e m e s i n d diese M ö g l i c h k e i t s ü b e r s c h ü s s e d u r c h das M e d i u m S i n n v o r g e g e b e n . F ü r d i e A u f l ö s u n g d i e s e r U n b e s t i m m t h e i t e n (die i n j e d e m F a l l e intern erfolgen m u ß ) b e n ö t i g t das S y s t e m A n h a l t s p u n k t e , d i e e s d e m eigenen G e d ä c h t n i s , a b e r a u c h d e n s t r u k t u r e l l e n K o p p l u n g e n entneh1 3 2 Vgl.
Gregory
Bateson,
Ökologie
des
Geistes:
Anthropologische,
psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven, dt. Übers., Frankfurt 1 9 8 1 , S. 3 7 6 f . ; A n t h o n y Wilden, System and Structure: Essays in Communication and Exchange, 2. A u f l . London 1980, S. 15 5 ff. und passim.
101
m e n k a n n . ( D e r K ö r p e r erinnert s i c h a n d i e G r e n z e n seiner B e w e g u n g s m ö g l i c h k e i t e n u n d sieht sie i m G e l ä n d e . ) M i t d e r Ü b e r n a h m e dieses B e g r i f f s d e r s t r u k t u r e l l e n K o p p l u n g k a n n m a n d e r T a t s a c h e R e c h n u n g tragen, d a ß die A n g e p a ß t h e i t des S y s t e m s w e d e r d u r c h »natural s e l e c t i o n « n o c h als E r g e b n i s k o g n i t i v e r L e i s t u n g e n des S y s t e m s a n g e m e s s e n erklärt w e r d e n k a n n . D e n n k e i n S y s t e m k a n n die dafür n o t w e n d i g e »requisite v a r i e t y « ( A s h b y ) a u f b r i n g e n . E s k a n n n u r das U n b e k a n n t s e i n der U m w e l t d u r c h d i e i n t e r n e n M ö g l i c h k e i t s ü b e r s c h ü s s e , also d u r c h ein m a t c h i n g v o n U n b e s t i m m t h e i t m i t U n b e s t i m m t s e i n k o m p e n s i e r e n . D a s gilt erst recht, w e n n m a n K o g n i t i o n , anders als M a t u r a n a , als B e z e i c h n u n g auf G r u n d e i n e r U n t e r s c h e i d u n g definiert u n d d a m i t eine U n t e r s c h e i d u n g s k a p a z i t ä t v o r a u s s e t z t , für die e s i n d e r U m w e l t des S y s t e m s k e i n e r l e i K o r r e l a t e gibt. S o l l dies erreicht w e r d e n , m u ß das S y s t e m sich einerseits o p e r a tiv schließen u n d a u t o p o i e t i s c h r e p r o d u z i e r e n u n d sich andererseits auf e x t r e m e i n g e s c h r ä n k t e s t r u k t u r e l l e K o p p l u n g e n i m Verhältnis z u r U m w e l t s t ü t z e n k ö n n e n . A u g e u n d O h r mit d e n e n t s p r e c h e n d e n A n s c h l u ß o p e r a t i o n e n i m G e h i r n sind dafür d i e besten B e i s p i e l e . Strukturelle K o p p l u n g e n m ü s s e n eine R e a l i t ä t s b a s i s haben, d i e v o n d e n g e k o p p e l t e n a u t o p o i e t i s c h e n S y s t e m e n u n a b h ä n g i g ist ( o b w o h l dies allein d i e F u n k t i o n des s t r u k t u r e l l e n K o p p e i n s natürlich n i c h t e r k l ä r t ) .
133
S i e setzen, a n d e r s gesagt, ein M a t e r i a -
litäts- ( o d e r E n e r g i e - ) K o n t i n u u m v o r a u s , i n das die G r e n z e n d e r S y s t e m e sich nicht e i n z e i c h n e n , also v o r a l l e m eine p h y s i k a l i s c h f u n k t i o n i e r e n d e W e l t . S i e w e i s e n f e r n e r h o h e Stabilität auf e b e n w e i l sie m i t allen a u t o p o i e t i s c h m ö g l i c h e n S t r u k t u r e n t w i c k l u n g e n d e r S y s t e m e k o m p a t i b e l sind. A b e r das heißt n a t ü r 1 3 3 D i e Kritiker könnten hier ein Aha-Erlebnis haben, und dem wollen w i r vorbeugen. D i e Aussage des Textes ist keine Einschränkung der konstruktivistischen Grundthese und kein Rückfall in einen ontologischen Weltbegriff. W i r erläutern hier nur die Implikationen einer theoretischen Beobachtungsweise, die sich des Begriffs der Autopoiesis bedient. D e r A u s g a n g s p u n k t bleibt ein differenztheoretischer: daß die S y s t e m / U m w e l t - U n t e r s c h e i d u n g in eine Welt eingeführt werden muß, die ohne jede Unterscheidung unbeobachtbar bliebe. U n d mit »Realität« meinen w i r hier wie immer: ein Resultat von Konsistenzprüfungen.
102
lieh a u c h , d a ß ihre G e f ä h r d u n g o d e r D e s t r u k t i o n katastrophale F o l g e n h a b e n m u ß , auf die die S y s t e m e n i c h t r e a g i e r e n können, w e i l alle M ö g l i c h k e i t e n d e r R e a k t i o n auf V o r w e g f i l t e r u n g durch s t r u k t u r e l l e K o p p l u n g e n a n g e w i e s e n s i n d . S c h l i e ß l i c h ist vora u s z u s c h i c k e n , daß a u c h s t r u k t u r e l l e K o p p l u n g e n Z w e i - S e i t e n F o r m e n s i n d , d i e e t w a s einschließen d a d u r c h , d a ß sie anderes a u s s c h l i e ß e n . S i e b ü n d e l n u n d steigern b e s t i m m t e Kausalitäten, die auf das g e k o p p e l t e S y s t e m e i n w i r k e n , es i r r i t i e r e n u n d dadurch
zur
Selbstdetermination
anregen
können.
s c h l i e ß e n a n d e r e F o r m e n der E i n f l u ß n a h m e
aus.
Und
sie
A u f ihrer
A u ß e n s e i t e g i b t e s auch K a u s a l i t ä t , die d a s S y s t e m betreffen k a n n ( w i e ein B e o b a c h t e r feststellen k ö n n t e ) , a b e r s o l c h e K a u salität k a n n n u r d e s t r u k t i v w i r k e n . I m S i n n e dieses s c h o n recht k o m p l e x b e s t i m m t e n B e g r i f f s ist alle K o m m u n i k a t i o n strukturell g e k o p p e l t a n B e w u ß t s e i n . O h n e B e w u ß t s e i n ist K o m m u n i k a t i o n u n m ö g l i c h . K o m m u n i k a t i o n ist total (in jeder O p e r a t i o n ) auf B e w u ß t s e i n a n g e w i e s e n - allein s c h o n d e s h a l b , w e i l n u r das B e w u ß t s e i n , n i c h t a b e r die K o m munikation
selbst,
sinnlich
wahrnehmen
kann
und
m ü n d l i c h e n o c h schriftliche K o m m u n i k a t i o n o h n e mungsleistungen funktionieren könnte.
134
weder
Wahrneh-
A u ß e r d e m ist K o m -
munikation, zumindest in ihrer primären m ü n d l i c h e n Form, d a r a u f a n g e w i e s e n , daß s c h o n i m W a h r n e h m u n g s b e r e i c h der beteiligten B e w u ß t s e i n s s y s t e m e R e z i p r o z i t ä t h e r g e s t e l l t w e r d e n k a n n , u n d z w a r i n d e r F o r m d e r W a h r n e h m u n g des W a h r g e nommenwerdens.
1 3 5
E s geht a l s o u m e i n e S o n d e r l e i s t u n g des
B e w u ß t s e i n s , die ein n a h e z u g l e i c h z e i t i g e s P r o z e s s i e r e n v o n Mitteilung und Verstehen ermöglicht und primäre Selbstkorrekt u r e n d e r K o m m u n i k a t i o n v o r s e h e n k a n n , i n d e m z u m Beispiel eine M i t t e i l u n g g e s t o p p t w i r d , w e n n d e r M i t t e i l e n d e sieht, daß d e r E m p f ä n g e r n i c h t aufpaßt. U n d t r o t z d e m ist d a s B e w u ß t s e i n 1 3 4 D a ß dies die L e n k u n g von Wahrnehmungsleistungen durch K o m m u nikation nicht ausschließt, sei hier nur angemerkt. D e n n auch hierfür sind
Bewußtseinsleistungen
erforderlich,
deren
eigene
Autopoiesis
sich durch (wahrnehmende) Teilnahme an Kommunikation laufend irritieren läßt. 1 3 5 Siehe dazu Jürgen Ruesch / G r e g o r y Bateson, Communication: The Social Matrix of Psychiatry, N e w Y o r k 1 9 5 1 , 2. A u f l . 1 9 6 8 , S. 23 f., 208 ff.
103
w e d e r das »Subjekt« der K o m m u n i k a t i o n noch in irgendeinem anderen S i n n e » T r ä g e r « d e r K o m m u n i k a t i o n . E s trägt z u r K o m m u n i k a t i o n k e i n e r l e i O p e r a t i o n e n bei ( e t w a i m Sinne e i n e r sukzessiven
Abfolge
von
Gedanke-Rede-Gedanke-Rede).
K o m m u n i k a t i o n f u n k t i o n i e r t v i e l m e h r nur, w e i l z w i s c h e n s o h e t e r o g e n e n O p e r a t i o n s w e i s e n k e i n e R e k u r s i o n e n hergestellt w e r d e n m ü s s e n u n d w e i l d i e K o m m u n i k a t i o n die V o r a u s s e t z u n g v o n B e w u ß t s e i n n i c h t thematisieren m u ß , s o n d e r n sie sich d u r c h s t r u k t u r e l l e K o p p l u n g e n g e b e n läßt. W i r m ü s s e n deshalb auch die k l a s s i s c h e M e t a p h e r a u f g e b e n , K o m m u n i k a t i o n sei eine »Übertragung« v o n semantischen Gehalten v o n einem psychis c h e n S y s t e m , d a s sie s c h o n besitzt, auf ein a n d e r e s .
136
G i b t m a n diese V o r s t e l l u n g d e r K o m m u n i k a t i o n als Ü b e r t r a g u n g auf, m u ß das w e i t r e i c h e n d e , z u r Z e i t k a u m ü b e r b l i c k b a r e K o n s e q u e n z e n h a b e n für die a l l g e m e i n e S y s t e m t h e o r i e u n d ihre A n w e n d u n g auf s o z i a l e S y s t e m e . D e n n die k l a s s i s c h e S y s t e m theorie
(Wiener,
von
Bertalanffy,
Forrester)
hatte
sich
g r u n d s ä t z l i c h auf einen B e g r i f f d e s Transfers o d e r des F l u ß e s b e z o g e n u n d S y s t e m e als d e s s e n R e g u l i e r u n g begriffen. D a s galt für alle A r t e n v o n T r a n s f e r s - für b i o l o g i s c h e u n d für ö k o n o m i sche S y s t e m e , für O r g a n i s a t i o n e n , für B e w u ß t s e i n s s y s t e m e u n d für M a s c h i n e n - u n d e r m ö g l i c h t e d e r e n V e r g l e i c h . D i e U m w e l t b e z i e h u n g e n w u r d e n e n t w e d e r m i t H i l f e eines I n p u t / O u t p u t M o d e l l s o d e r m i t H i l f e einer R ü c k k o p p l u n g s s c h l e i f e dargestellt, i m m e r u n t e r d e r V o r a u s s e t z u n g , daß das S y s t e m d i e s e n P r o z e ß
1 3 6 Kritisch dazu bereits Klaus Merten, Kommunikation: Eine Begriffsund Prozeßanalyse, Opladen 1 9 7 7 , S. 43 ff. Das Übertragungskonzept w i r d heute auch v o n Seiten der kognitiven Psychologie in vielen seiner Voraussetzungen bestritten, etwa in den Annahmen, daß Kommunikation vorhandene Gedanken in Worten ausdrücke, daß Worte im Ü b e r tragungsprozeß als Träger eines bestimmten semantischen Inhalts fungierten, daß Verstehen der inverse Prozeß der Umsetzung von Worten in Gedanken sei, und mit all dem: daß Semantik einen Repräsentationsvorgang bezeichne - sowohl im psychischen System als auch in der Kommunikation. Siehe diese Punkte bei Benny Shanon, Metaphors for Language and Communication, R e v u e internationale de systemique 3 ( 1 9 8 9 ) , S. 4 3 - 5 9 . D i e Konsequenz ist, daß man die Semantik v o n der Pragmatik (also der Autopoiesis der Kommunikation) her verstehen muß und nicht, w i e allgemein üblich, umgekehrt.
104
d u r c h R e g u l i e r u n g u n t e r K o n t r o l l e b r i n g e o d e r i h n s o g a r erst e r z e u g e , w e n n m a n K o m m u n i k a t i o n j e d o c h n i c h t als Ü b e r t r a g u n g b e g r e i f e n k a n n , bricht eine w e s e n t l i c h e P r ä m i s s e dieser S y s t e m t h e o r i e w e g . M a n m u ß d a n n e n t w e d e r d e m alten Verd a c h t n a c h g e b e n , daß sich S o z i a l e s ü b e r h a u p t n i c h t für eine systemtheoretische Behandlung eigne - oder die Systemtheorie n e u fassen. D i e s k ö n n t e a n H a n d d e r F r a g e g e s c h e h e n , w i e e s überhaupt z u r Produktion u n d R e p r o d u k t i o n einer Differenz v o n S y s t e m u n d U m w e l t k o m m t . E b e n diese F r a g e s o l l , für eine s p e z i f i s c h e A r t v o n S y s t e m e n , n ä m l i c h s o z i a l e S y s t e m e , der Begriff der K o m m u n i k a t i o n beantworten. K o m m u n i k a t i o n e n bilden, w e n n a u t o p o i e t i s c h d u r c h R e k u r s i o n e n r e p r o d u z i e r t , eine e m e r g e n t e R e a l i t ä t s u i g e n e r i s . N i c h t der M e n s c h k a n n k o m m u n i z i e r e n , n u r die K o m m u n i k a t i o n kann k o m m u n i z i e r e n . E b e n s o w i e K o m m u n i k a t i o n s s y s t e m e sind a u c h B e w u ß t s e i n s s y s t e m e ( u n d auf d e r e n a n d e r e r S e i t e G e h i r n e , Z e l l e n usw. . . . ) operativ geschlossene Systeme, die keinen K o n takt z u e i n a n d e r unterhalten k ö n n e n . E s g i b t k e i n e n i c h t sozial vermittelte K o m m u n i k a t i o n v o n Bewußtsein zu Bewußtsein, u n d e s g i b t k e i n e K o m m u n i k a t i o n z w i s c h e n I n d i v i d u u m und Gesellschaft. Jedes hinreichend präzise Verständnis v o n K o m m u n i k a t i o n schließt s o l c h e M ö g l i c h k e i t e n aus ( e b e n s o w i e die a n d e r e M ö g l i c h k e i t , daß die G e s e l l s c h a f t als K o l l e k t i v g e i s t denk e n k ö n n e ) . N u r ein B e w u ß t s e i n k a n n d e n k e n ( a b e r e b e n nicht: i n ein a n d e r e s B e w u ß t s e i n h i n ü b e r d e n k e n ) , u n d n u r d i e G e s e l l schaft k a n n k o m m u n i z i e r e n . U n d i n b e i d e n F ä l l e n h a n d e l t e s sich u m E i g e n o p e r a t i o n e n eines o p e r a t i v g e s c h l o s s e n e n , strukturdeterminierten Systems. Z u d e n B e s o n d e r h e i t e n dieses F a l l e s s t r u k t u r e l l e r K o p p l u n g B e w u ß t s e i n - K o m m u n i k a t i o n g e h ö r t , daß auf beiden Seiten autop o i e t i s c h e S y s t e m e beteiligt s i n d . E s g e h t also n i c h t u m die K o p p l u n g eines a u t o p o i e t i s c h e n S y s t e m s a n i n v a r i a n t e G e g e b e n h e i t e n s e i n e r U m w e l t - s o w i e d i e M u s k u l a t u r v o n selbstbew e g l i c h e n O r g a n i s m e n a b g e s t i m m t ist auf d i e A n z i e h u n g s k r a f t des E r d b a l l s . A u c h i m V e r h ä l t n i s B e w u ß t s e i n / K o m m u n i k a t i o n g i b t e s e i n i g e strukturelle I n v a r i a n t e n , z u m B e i s p i e l die G r e n z e n des T e m p o s d e r V e r ä n d e r u n g v o n B e w u ß t s e i n s z u s t ä n d e n , die d i e K o m m u n i k a t i o n nicht ü b e r f o r d e r n darf. W i c h t i g e r , o d e r j e denfalls: e v o l u t i o n ä r u n w a h r s c h e i n l i c h e r ist, daß K o m m u n i k a -
tor
t i o n e n d o g e n u n r u h i g e , s i c h z w a n g s l ä u f i g i n i m m e r andere Z u stände v e r s e t z e n d e U m w e l t s y s t e m e v o r a u s s e t z t . D a s führt d a z u , daß die K o m m u n i k a t i o n sich auf ständige I r r i t a t i o n d u r c h ihre U m w e l t einstellen m u ß , o h n e daß dies d a z u f ü h r e n dürfte, daß W o r t s c h a t z u n d g r a m m a t i s c h e R e g e l n sich v o n M o m e n t z u M o m e n t ä n d e r n . E s ist v i e l m e h r die b e s o n d e r e E i g e n a r t v o n S p r a c h e , daß sie d e r K o m m u n i k a t i o n I r r i t a t i o n e n vermitteln kann, ohne daran zu zerbrechen. W i e i m m e r f u n k t i o n i e r t a u c h i n d i e s e m F a l l e d i e strukturelle K o p p l u n g u n a u f h ö r l i c h u n d u n b e m e r k t , sie funktioniert auch u n d g e r a d e , w e n n m a n nicht daran d e n k t u n d n i c h t d a r ü b e r s p r i c h t - s o w i e m a n j a a u c h bei e i n e m S p a z i e r g a n g den nächsten S c h r i t t t u n k a n n , o h n e a n das dafür p h y s i k a l i s c h n o t w e n d i g e eig e n e G e w i c h t z u d e n k e n . U n d s o w i e das G e w i c h t n u r i n e i n e m s e h r e n g e n A u s s c h n i t t v o n M ö g l i c h k e i t e n ein S p a z i e r e n g e h e n erlaubt (oder mit anderen Worten: so w i e die Anziehungskraft d e r E r d e w e d e r e t w a s s t ä r k e r n o c h e t w a s s c h w ä c h e r sein dürfte), so sind auch Bewußtseinssysteme und Kommunikationssysteme v o r w e g aufeinander abgestimmt, um dann unbemerkt koordiniert f u n k t i o n i e r e n z u k ö n n e n . D a b e i ist w e c h s e l s e i t i g e Intransp a r e n z d e r g e k o p p e l t e n S y s t e m e nicht n u r f a k t i s c h h i n z u n e h m e n , s o n d e r n a u c h n o t w e n d i g e B e d i n g u n g d e r strukturellen K o p p l u n g ; d e n n anders ließen sich die e n d o g e n b e s t i m m t e n O p e r a t i o n e n d e r S y s t e m e nicht s y n c h r o n i s i e r e n . D a ß m a n mit s o l c h e n h o c h u n w a h r s c h e i n l i c h e n B e d i n g u n g e n rechnen k a n n u n d d a m i t auf b e i d e n Seiten d e r K o p p l u n g ein s e h r enger A u s schnitt a u s v i e l e n M ö g l i c h k e i t e n realisiert ist, läßt sich e b e n s o w i e die M ö g l i c h k e i t des S p a z i e r e n g e h e n s n u r e v o l u t i o n s t h e o r e tisch e r k l ä r e n . D i e s u n b e m e r k t e , g e r ä u s c h l o s e F u n k t i o n i e r e n d e r strukturellen K o p p l u n g v o n K o m m u n i k a t i o n u n d B e w u ß t s e i n schließt e s k e i n e s w e g s a u s , daß d i e T e i l n e h m e r a n d e r K o m m u n i k a t i o n i n der K o m m u n i k a t i o n identifiziert u n d s o g a r a n g e s p r o c h e n w e r d e n . W i r w e r d e n sie u n t e r d i e s e m A s p e k t i m A n s c h l u ß a n eine alte Tradition »Personen« nennen
137
, also sagen, daß d e r K o m m u n i -
k a t i o n s p r o z e ß i n d e r L a g e ist, externe R e f e r e n z e n z u » p e r s o n i -
1 3 7 Ausführlicher Niklas Luhmann, Die F o r m »Person«, Soziale Welt 42 (1991), S. 1 6 6 - 1 7 5 .
106
f i z i e r e n « . J e d e K o m m u n i k a t i o n m u ß z w i s c h e n I n f o r m a t i o n und M i t t e i l u n g u n t e r s c h e i d e n k ö n n e n ( d e n n s o n s t w ä r e sie selbst n i c h t u n t e r s c h e i d b a r ) . D a s a b e r heißt, daß sich entsprechende sachliche u n d personale Referenzen bilden. In A n l e h n u n g an Begriffe v o n Spencer B r o w n
1 3 8
ließe sich a u c h s a g e n , daß die
W i e d e r v e r w e n d u n g solcher Referenzen P e r s o n e n (bzw. Dinge) kondensiert, n ä m l i c h als identische fixiert, u n d s i e z u g l e i c h konfirmiert, n ä m l i c h m i t n e u e n S i n n b e z ü g e n aus a n d e r s a r t i g e n Mitt e i l u n g e n anreichert. G e s c h i e h t das, so e n t w i c k e l t sich eine ents p r e c h e n d e S e m a n t i k . P e r s o n e n h a b e n N a m e n . W a s Personalität h e i ß t u n d w i e m a n d a m i t u m z u g e h e n hat, m a g i n k o m p l i z i e r t e n F o r m e n n ä h e r b e s c h r i e b e n w e r d e n . D i e s alles
ä n d e r t jedoch
n i c h t s a n d e r Separatheit u n d o p e r a t i v e n G e s c h l o s s e n h e i t der s t r u k t u r e l l g e k o p p e l t e n S y s t e m e . U n d b e s o n d e r s die m o d e r n e S e m a n t i k des L e b e n s , d e r S u b j e k t i v i t ä t , d e r I n d i v i d u a l i t ä t w i r k t s o , als o b sie z u m A u s g l e i c h für dieses u n a u f h e b b a r e F ü r s i c h s e i n erfunden w o r d e n s e i .
1 3 9
Ü b e r s t r u k t u r e l l e K o p p l u n g e n k a n n ein S y s t e m a n h o c h k o m p l e x e U m w e l t b e d i n g u n g e n a n g e s c h l o s s e n w e r d e n , o h n e deren K o m p l e x i t ä t erarbeiten o d e r r e k o n s t r u i e r e n z u
m ü s s e n . Wie
m a n a n d e r p h y s i k a l i s c h e n S c h m a l s p u r i g k e i t v o n A u g e n und O h r e n e r k e n n e n k a n n , erfassen s t r u k t u r e l l e K o p p l u n g e n i m m e r n u r einen e x t r e m b e s c h r ä n k t e n A u s s c h n i t t d e r U m w e l t . A l l e s d a m i t a u s g e s c h l o s s e n e k a n n nicht irritierend u n d stimulierend, s o n d e r n n u r d e s t r u k t i v auf das S y s t e m e i n w i r k e n . N u r s o kann die A u t o n o m i e d e r A u t o p o i e s i s des S y s t e m s u n d d e r A u f b a u eig e n e r S y s t e m k o m p l e x i t ä t gesichert w e r d e n . D a s g i l t bereits für d i e p h y s i k a l i s c h e n U m w e l t k o p p l u n g e n des N e r v e n s y s t e m s und b e s o n d e r s e i n d r u c k s v o l l a u c h für die K o p p l u n g d e s K o m m u n i kationssystems
an die individuell verstreuten
Bewußtseins-
systeme. D i e K o m p l e x i t ä t der gekoppelten U m w e l t s y s t e m e b l e i b t für das S y s t e m intransparent, sie w i r d a u c h nicht i n die e i g e n e O p e r a t i o n s w e i s e ü b e r n o m m e n , d e n n d a z u fehlt es, i n der
138 A . a . O . S. 10. 1 3 9 Hierzu näher Niklas Luhmann, Individuum, Individualität, Individualismus, in ders., Gesellschaftsstruktur und Semantik B d . 3, Frankfurt 1 9 8 9 , S. 1 4 9 - 2 5 8 . V g l . ferner Kap. 5, X I I I .
107
T e r m i n o l o g i e A s h b y s , a n »requisite v a r i e t y « . '
4 0
Sie w i r d zumeist
nur in der F o r m v o n Voraussetzung und S t ö r u n g oder von N o r malität u n d I r r i t a t i o n i m eigenen O p e r i e r e n rekonstruiert. I n K o m m u n i k a t i o n s s y s t e m e n dienen a u c h P a u s c h a l b e z e i c h n u n g e n w i e N a m e n oder Begriffe wie Mensch, Person, Bewußtsein dem e i g e n e n P r o z e s s i e r e n v o n R e f e r e n z auf U m w e l t k o m p l e x i t ä t . I m m e r g e h t e s d a r u m , g e o r d n e t e ( s t r u k t u r i e r t e , a b e r gera