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Das Buch Dr. Laura Aldridge, eine junge Psychologieprofessorin an der HarvardUniversität, traut ihren Ohren kaum, als sie von der Gray Corporation, einem mächtigen, weltweit operierenden Konzern für Kommunikationstechnik, das unglaubliche Angebot einer siebenstelligen Summe für eine einwöchige Beratertätigkeit erhält. Sie ist skeptisch und würde das Angebot nicht akzeptieren, wenn es nicht die Unterschrift des ComputerErfinders und Konzernchefs Joseph Gray trüge, der einen Ruf als gleichwohl umstrittenes wie geheimnisumwobenes Genie besitzt. Gray hat ein Problem: der von ihm erfundene riesige Neurocomputer, die Basis seiner Macht, der von einer Südseeinsel aus die weitgespannten Aktivitäten seines Firmenimperiums bis ins Kleinste kontrolliert, zeigt eine bedenkliche Neigung zu Fehlern. Und da der Computer nach der Analogie menschlichen Denkvermögens arbeitet, ist nicht nur der Techniker gefragt, sondern auch eine Psychologin. Eile ist gefragt, denn die Fehlerquote des Computers steigt täglich. Gleichzeitig verdichtet sich eine Gefahr, die der Erde und der Menschheit aus dem Weltraum droht und nur mit Hilfe des Computers bekämpft werden kann. Im virtuellen Raum gelingt es Laura, eine Beziehung zum Computer herzustellen, doch gleichzeitig führt sie diese Erfahrung an die Grenze des menschlichen Denkvermögens… Der Autor Eric L. Harry wurde 1958 in Ocean Springs, Mississippi, geboren. Vor seiner Tätigkeit als Schriftsteller machte er Karriere als Anwalt und Experte für Militärfragen. Eric L. Harry und seine aus Moskau stammende Frau Marina leben mit ihren beiden Söhnen in Houston, Texas. Bereits im Heyne Verlag erschienen: Gegenschlag (01/13.441) Kampfzone (01/13.567) Invasion (01/13.671)
ERIC L.HARRY
AUSSER KONTROLLE Roman Aus dem Amerikanischen von Christel Wiemken
WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN
Widmung Ich widme dieses Buch meinen Eltern, denen ich weitaus mehr verdanke, als sich je in Worte fassen ließe.
Danksagungen Mein aufrichtiger Dank gilt meiner wunderbaren Frau Marina, ohne deren Redigieren, unermüdliche Unterstützung und Ermutigung dieser Roman nicht geschrieben worden wäre; meiner ebenso unermüdlichen und loyalen Agentin Nancy Coffey sowie Bob Thixton, Dick Duane, Jean Free und all den anderen bei Joy Garon-Brooke Associates, die die Geduld aufbrachten, sich mit mir abzugeben. Ich danke auch meinen Lektoren bei HarperCollins, Vizepräsidentin und stellvertretende Verlagsleiterin Gladys Justin Carr und Elissa Altman. Sie erteilten mir nicht nur unendlich wertvolle redaktionelle Ratschläge – es war ein Vergnügen, mit ihnen zu arbeiten. Dank schulde ich außerdem den viele großen Denkern, deren Werke ich voller Ehrfurcht gelesen habe: Daniel C. Dennett, Direktor des Center for Cognitive Studies an der Tufts Unversity und Autor von »Consciousness Explained«, der das scheinbar Unentzifferbare entzifferte; Marvin Minsky, Mitbegründer des Artificial Intelligence Laboratory am Massachusetts Institute of Technology, dessen grundlegender Sammlung von Aufsätzen unter dem Titel »The Society of Mind« ich weitaus mehr verdanke als offensichtlich ist; und dem Visionär Hans Morevac, Direktor des Mobile Robot Laboratory an der Carnegie Mellon University für die profunden Träume und Albträume von »Mind Children: The Future of Robot and Human Intelligence«. Und schließlich ein dankbares Gedenken an Jay Garon, dem es immer wieder gelang, den literarischen Karrieren der noch Unveröffentlichten Leben einzuhauchen.
1. KAPITEL Neuronales Netz: Ein Geflecht aus eng verknüpften Prozessoren oder »Neuronen«. den Strukturen des tierischen Gehirns nachgebildet. Infolge der ständigen Kommunikation zwischen den individuellen Neuronen ist ein neuronales Netz im Stande, seine Leistungsfähigkeit durch Erfahrung zu steigern. Auch neuronaler Computer genannt. »Dr. Aldridge?«, fragte der Bote, der den Brief überbrachte. Es klebte keine Briefmarke auf dem luxuriös dicken Papier, dort stand nur »Dr. Laura Aldridge, Harvard Psychology Department« in schwarzen Druckbuchstaben. Als sie aufschaute, war der Mann verschwunden. Lauras Hörsaal summte in Erwartung der per Roboter gesteuerten Operation. Aber noch füllten farbige Teststreifen den hochauflösenden Bildschirm, und Laura nutzte die Zeit, um den Brief zu öffnen. »Liebe Frau Dr. Aldridge«, begann er – die Schrift kühn, schwarz und schwungvoll. »Ich möchte Sie gern für eine Woche als Beraterin engagieren. Heute Abend um 22 Uhr wird auf dem Landeplatz für Privatflugzeuge am Logan Airport eine Maschine bereitstehen, um Sie zur Zentrale meiner Firma zu bringen. Das Honorar beträgt eine Million Dollar (U.S.). Danke für die Prüfung meines Angebots.« Die Unterschrift lautete »Joseph Gray« – die Buchstaben seines Namens unbehindert von dem »Ihr sehr ergebener« darüber. Joseph Gray – der reichste Mann der Welt. Laura las den Brief ein zweites und ein drittes Mal, mit offenem Mund. Eine Million Dollar! dachte sie und versuchte zu begreifen, was ihr da eben ausgehändigt worden war. Joseph Gray? Das konnte doch nur ein Witz sein. Eine Million Dollar für eine Woche! Sie rieb den Bogen zwischen den Fingern, bestaunte die Qualität des Briefpapiers. Bestaunte die Handschrift; jeder Buchstabe war klar und leserlich, es gab keinerlei Anzeichen für Unentschlossenheit. Alles schien perfekt und in Ordnung. Nur die Unterschrift fiel aus dem Rahmen. Der Name – »Joseph Gray« – 11
war in steilen Spitzkurven hingehauen, wobei die Buchstaben J und G weit über den Rest hinausragten. Es war kein Name, dachte Laura, sondern ein Zeichen – der kühne Schriftzug eines Mannes mit einem Ego, das seiner Berühmtheit entsprach. Von ihren Studenten kam ein kollektives Aufstöhnen. Viele hatten eine Hand vor den Mund geschlagen oder den Blick abgewendet. Laura drehte sich zum Podium des kleinen Amphitheaters um und sah, dass sich der große Schirm in zwei nebeneinander stehende Bilder geteilt hatte. Rechts saß ein Chirurg an einem Computer-Terminal. Links hielt der Arm eines Roboters einen Elektrostimulator zwei Zentimeter über der glänzenden Oberfläche der Hirnrinde des Patienten. Das Bild des freigelegten Gehirns verwandelte sich in eine Nahaufnahme, und die jungen Studenten keuchten und stöhnten. »Es wird kein Blut fließen«, sagte Laura, um sie zu beruhigen. »Der Chirurg versucht, den genauen Ansatzpunkt für den Einschnitt zu lokalisieren, indem er die Reaktionen des Patienten auf die Stimulation bestimmter Hirnabschnitte testet.« »Es geht los, Doug«, kam die Stimme des Chirurgen über den Fernsehlautsprecher. Unter dem kristallklaren Bild eines Mannes im weißen Kittel, der auf seinen Computermonitor schaute, erschienen die Worte »Johns Hopkins, Baltimore«. Unter dem erstaunlich scharfen Bild der runzligen grauen Masse auf der linken Seite des Bildschirms stand »Cedar Sinai, Los Angeles«. Unmittelbar darunter stand die Internet-Adresse des Kanals, auf dem sie den Eingriff sahen. Das menschliche Gehirn lag entblößt unter dem wartenden Roboterarm und war von hellgrünem Operationstuch umgeben. »Wir beginnen mit der Stimulation«, sagte der Chirurg in seinem Tausende von Meilen entfernten Arbeitsraum. »Und jetzt möchte ich, dass du mir sagst, was du siehst, hörst, fühlst, schmeckst, riechst, woran du dich erinnerst und so weiter. Sag mir einfach, so gut du kannst, was die Stimulation bewirkt.« Laura legte den Brief aufs Podium und versuchte, sich auf ihre Lektion zu konzentrieren. »Der Chirurg auf der rechten Seite«, sagte sie – dann räusperte sie sich und hob die Stimme, um die Studenten auf sich aufmerksam zu machen – »arbeitet im Johns Hopkins Medical Center in Bal12
timore. Der Patient«, fügte sie hinzu, wobei sie ihren Laserzeiger auf die linke Bildhälfte richtete, »ist ein neunzehnjähriger junger Mann mit schwerer Epilepsie.« Ein pfeilförmiger Cursor, erzeugt von den in den Fernseher eingebauten Mikroprozessoren, folgte ihrem Laserpointer zu dem hell beleuchteten Loch im Schädel des Mannes. »Er befindet sich im Cedar Sinai Hospital in Los Angeles. Ziel dieser Operation per Teleroboter ist die Durchtrennung des Corpus callosum an der Basis der Längsfurche zwischen den beiden Hirnhälften. Kann mir jemand sagen, welche Funktion das Corpus callosum hat?« »Es vermittelt Daten zwischen den beiden Gehirnhälften«, antwortete ein Mädchen. »Das Corpus callosum«, dozierte Laura vom Zentrum der »Schüssel« zwischen den steil gestaffelten Sitzreihen aus, »ist das Hauptinstrument der Kommunikation zwischen den beiden zerebralen Hemisphären – der rechten und linken Hirnhälfte. Daneben gibt es aber noch zahlreiche weitere Relaisstellen.« »Warum machen sie das mit dem Mann?«, fragte ein anderer Student mit einem Zittern in der Stimme. Der Studienanfänger klang, als würde von ihm verlangt, einer rituellen Verstümmelung beizuwohnen. »In bestimmten Fällen schwerer Epilepsie«, entgegnete Laura, »kann der radikale Eingriff des Durchtrennens des Corpus callosum verhindern, dass ein Anfall, der in einer Gehirnhälfte beginnt, auf die andere überspringt. Wir haben bereits darüber gesprochen, dass im menschlichen Gehirn ein hohes Maß an Interaktion stattfindet. Das durch einen epileptischen Anfall verursachte ›Gewitter‹ aus elektrochemischen Störungen wird rasch an andere Gehirnzellen weitergeleitet, wo es weitere Störungen auslöst und einen schweren Anfall bewirkt. Dieser Patient hat sein Leben damit verbracht, von einem grand mal ins nächste zu verfallen. Er ist bereit, ein gespaltenes Gehirn in Kauf zu nehmen, wenn er dann keine Anfälle mehr hat.« Der Gesichtsausdruck ihrer Studenten reichte von stillem Ekel bis zu offenkundigem Abscheu. Eine junge Frau hatte ihre Bücher aufgestapelt und sich so weggedreht, dass sie den Bildschirm überhaupt nicht mehr sehen konnte. 13
»Ich weiß, dass dies nicht auf dem Lehrplan für heute gestanden hat«, erklärte Laura, »und ich entschuldige mich dafür, dass ich Sie nicht besser darauf vorbereitet habe. Aber wir haben erst gestern Abend erfahren, dass dieses Angebot im Web verfügbar sein würde. Es mag Ihnen grässlich vorkommen, aber ich bin sicher, dass es für Sie sehr lehrreich sein wird. Ich möchte, dass Sie diesen Eingriff verfolgen, weil er die seltene Gelegenheit beinhaltet, eine direkte Interaktion mit einem menschlichen Gehirn zu beobachten, und nicht die indirekte durch die normalen Sinne des Patienten. Das Labor der Natur hat uns diese Chance gegeben, und wir als Wissenschaftler müssen nehmen, was uns geboten wird.« Jemand murmelte etwas; eine witzige Bemerkung, die unter den Studenten nervöses Gekicher auslöste. »Also, Doug, kannst du mich gut hören?«, fragte der Chirurg. »Ja«, erwiderte der junge Mann – die Szene auf der rechten Seite erweiterte sich kurz zu einem größeren Ausschnitt aus dem Operationsraum. Die Studenten stöhnten, als sie das Gesicht und den geschorenen Kopf des Patienten aus dem hellgrünen Tuch herausragen sahen. Das Bild kehrte rasch zur Nahaufnahme der Hirnoberfläche zurück. »Heißt das etwa, dass sie dem Mann das Gehirn aufschneiden wollen, während er wach ist?«, fragte einer der Studenten fassungslos. »Er wird narkotisiert, sobald sie den Weg hinein gefunden haben. Aber sie mussten ihn bei Bewusstsein halten, damit er sagen kann, was er bei der Stimulation empfindet.« »Okay, Doug«, sagte der Chirurg. »Das Programm ist eingeschaltet und läuft.« »Ich fühle überhaupt nichts«, kam die Antwort des Patienten. Seine Stimme zitterte, als der Roboterarm, der die Nadel hielt, sich auf die Oberfläche seines Gehirns herabsenkte und im Näherkommen langsamer wurde. Der Arzt auf der rechten Hälfte des geteilten Bildschirms lehnte sich mit einem Notizblock zurück und beobachtete den Monitor. »Oh, wow!«, rief der junge Mann plötzlich. »Six-oh-six-oh-eightfour-too! sang er. »I been waitin’ for you! Dial the number… and call. Da-da-da-da-da-da-dada-da-da-da-da-da-da-da-da. Get no… answer at all! Da-da-da-da-da-dada-da-da-da-dada-da-da-da-da.« 14
»Ist das ein Song?«, unterbrach ihn der Chirurg, und der Elektrostimulator hob sich ein paar Millimeter. »Ja! Die B-52s!«, sagte der Junge. »Mein Dad hat sie sich ständig angehört.« »Und du kannst ihn hören, wenn wir genau diese Stelle hier stimulieren?« Der Chirurg tippte in seinem Büro in Maryland etwas auf seine Tastatur, und in Kalifornien senkte sich der Arm des Roboters. »Wow! Da ist es wieder. Als ob es in meinem Kopf gespielt würde!« »Du brauchst nicht zu schreien.« »Entschuldigung.« »Der Patient hat ein Erinnerungserlebnis«, erklärte Laura. »Er erinnert sich an einen Song. Wenn wir eine alte CD mit diesem Song finden, können wir später die Aufzeichnung des Gesangs des Patienten mit der CD vergleichen. Wir werden vermutlich feststellen, dass sie mit dem Original so synchron ist, als hätte er Kopfhörer auf und begleite die Musik mit seinem Gesang.« »Purpur«, sagte der Junge im Operationsraum. »Siehst du etwas?«, fragte der Arzt. »Was ist purpurn?« »Nichts. Nur Purpur. Das ist alles. Die Farbe Purpur.« »Zu Farben kommen wir später im Semester«, warf Laura ein. »Im Augenblick brauchen Sie sich nur an das zu erinnern, was der Patient erlebt. Er sieht und meldet ›Purpur‹, aber es ist nicht irgendein Gegenstand, der purpurn ist. Es ist einfach die Farbe, die er erlebt. Ihre Aufgabe für die nächste Vorlesung ist, sich eine purpurne Kuh vorzustellen. Schließen Sie die Augen und stellen Sie sie sich so detailliert wie möglich vor. Stellen Sie sich ihre Augen vor, ihre Ohren, ihre Hufe, alles. Und dann, wenn Sie das getan haben, denken Sie über folgendes nach. Haben Sie die Farbe Purpur ›gesehen‹ oder haben Sie einfach Purpur ›gedacht‹? Wenn Sie die Farbe nicht ›gesehen‹ haben – was hat dann die Kuh purpurn gemacht?« Erst nachdem Laura die Aufgabe gestellt hatte, wurde ihr bewusst, dass bei der Satellitenübertragung der Operation kein Ton zu hören war. Der Arzt lehnte sich angespannt auf seinem Stuhl vor. Auf dem anderen Bild ruhte die stumpfe Spitze des Elektrostimulators locker auf der glänzenden Hirnrinde, aber der Patient sagte nichts. 15
»Doug?«, rief der Arzt, rückte seine Brille zurecht und rutschte nervös auf seinem Stuhl herum. »Was fühlst du jetzt, Doug? Irgendetwas?« Es kam keine Antwort. »Doug, du musst mit mir reden. Was ist los? Ist es eine Erinnerung?« »Ich will nicht darüber sprechen.« »Junge, du musst es…« »Nehmen Sie das Ding von meinem Kopf!« Das Tuch um den Einschnitt wackelte. Die Kamera schwenkte wieder über den Operationssaal. Zwei Schwestern in hellgrünen Kitteln und mit Gesichtsmasken eilten an die Seiten des Patienten, dessen Hände an den schwarzen Nylonfesseln zerrten. »Aufhören! Aufhören!«, schrie Doug, aber als die Kamera wieder eine Naheinstellung zeigte, übte der Roboterarm immer noch einen stetigen Druck der Nadel auf das Gehirn aus. »Was passiert da?«, fragte eine von Lauras Studentinnen mit zitternder Stimme und einem Ausdruck des Grauens im Gesicht. »Der verdammte Computer zwingt ihn, sich an etwas zu erinnern, woran er sich nicht erinnern will!«, antwortete ein anderer Student. »Doug«, sagte der Chirurg ganz ruhig von seiner rechten Bildschirmhälfte aus, »wenn du willst, kann ich versuchen, das auszumerzen, was immer dir zu schaffen macht. Eine etwas stärkere Stimulation der Stelle, und ich kann wahrscheinlich…« »Lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe gesagt, Sie sollen aufhören! Und zwar sofort!« »Okay, okay, beruhige dich.« Der Arzt tippte etwas ein. Doch trotzdem drückte der Roboterarm den Stimulator nach wie vor herunter. Doug schrie immer noch. »Aufhören! Bitte, aufhören!«, kreischte er und begann zu weinen. »Tun Sie das nicht mehr! Bitte, bitte, zwingen Sie mich nicht…!« Farbige Teststreifen traten an die Stelle des Bildes der zuckenden, zunehmend spasmodischen Bewegungen des epileptischen Jungen und des Roboterarms, der den Elektrostimulator nach wie vor sorgfältig und vollkommen still an seiner vorprogrammierten Stelle hielt.
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Laura schloß die Tür ihres Büros und strebte mit Grays Brief direkt auf ihren Stuhl zu. Hinter ihr flog die Tür wieder auf, und sie fuhr erschrocken zusammen. »Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen«, sagte Jonathan Sanders, ihr Büronachbar und bester Freund, als er hereinschlenderte und es sich auf dem Sofa gegenüber ihrem Schreibtisch bequem machte. Laura ließ sich auf ihren Stuhl sinken, holte mühsam Luft und versuchte, ihr heftig klopfendes Herz zu beruhigen. »Also«, begann Jonathan in entschuldigendem Ton,» deine Sekretärin hat mir von der Flut von E-Mails erzählt, die du übers Wochenende von liebeskranken Akademikern aus allen Ecken und Enden unserer feinen Institution bekommen hast. Tut mir Leid, dass ich diese Profilgeschichte gemacht habe. War etwas Ernsthaftes dabei?« Sie schüttelte den Kopf. »Es tut mir wirklich Leid, Laura«, fuhr Jonathan fort. »Es war nur ein Witz. Ich dachte, es würde dir Spaß machen. Das Programm hatte so einen hübschen Namen – ›Rate Your Mate‹. Irgendein Doktorand drüben am MIT hat es ins Netz der Universität gestellt. Es ist ein Renner, aber es tut mir trotzdem Leid.« Laura sah ihn an und nickte, aber sie wünschte sich, er würde sie allein lassen, damit sie nachdenken konnte. »Aber wer weiß?«, sagte Jonathan und kehrte zu seinen üblichen Spötteleien zurück. »Vielleicht findest du irgendwo dort draußen im Cyberspace den wahren Seelenfreund. Oder, was wahrscheinlicher ist, er findet dich an irgendeinem einsamen Abend, während du im Netz surfst.« »Jonathan, ich bin jetzt nicht in der Stimmung für so was, okay?« »Tatsächlich? Ich dachte, du wärst völlig hin und weg. Du solltest dir deine Vorzüge ansehen. Sie sind wirklich erstklassig. Aber ich mache mir immer noch Gedanken wegen des Namens, den ich für dich benutzt habe – ›Blond Bomber‹. Was hältst du davon? Ich hatte an ›Skinny Minnie‹ gedacht, habe mich dann aber dafür entschieden, dein Haar hervorzuheben, weil eine Menge von den Heteros immer noch auf Brüste abfährt. Was mich betrifft, so habe ich natürlich überhaupt kein Verständnis dafür. Ein großer Busen läßt Frauen so matronenhaft aussehen…« 17
Laura schaute von ihrem Brief auf, sah aber nicht Jonathan an. Kann das denn möglich sein?, fragte sie sich. »… aber als ich deine Beschreibung eingab – einsachtundsechzig, schlank, athletisch, blonde Haare, blaue Augen, makelloser Teint –, da hat das Programm dich in die erste Kategorie eingeordnet. ›Klassefrau‹ heißt sie, glaube ich. Wenn nur deine Persönlichkeit nicht so beängstigend wäre – deine akademischen Grade, was dich anmacht und was dir zuwider ist, Dinge dieser Art. Und wenn deine Brüste vielleicht etwas größer wären – dann hättest du bestimmt diese Kosmetikerin aus Brookline vom ersten Platz verdrängt.« »Jonathan! Das ist jetzt wirklich nicht der richtige Moment dafür.« »Ich habe doch nur eine Beschreibung geliefert! Und ich dachte, die Sache mit der ›Persönlichkeit‹ würde besser herauskommen, als es dann der Fall war. Ich habe gesagt, du wärest ›gefühlvoll‹, und auf die Frage, welche Art von Mann du bevorzugst, habe ich ›verlorene Seele‹ eingetragen.« Laura funkelte ihn an. »Für die Bezeichnung ›kastrierendes Biest‹ bin ich nicht verantwortlich, Laura. Ich habe nur die Daten eingegeben! Ich habe das Ding nicht programmiert, Schlüsse zu ziehen!« Sie seufzte frustriert. Was Jonathan nicht wusste, war, dass sie am vergangenen Freitag, nachdem er ihr vom Ausfüllen des elektronischen Fragebogens erzählt hatte, ihre Beschreibung im Netz gefunden hatte. Übers Wochenende hatten sich Tausende von E-Mails in ihren ComputerBriefkasten ergossen. Ein ziemlich großer Teil von denen, die sie gelesen hatte, bevor sie sie allesamt löschte, hatten sich in drastischer Weise über sexuelle Akte ausgelassen, vom harmlos Widerwärtigen bis hin zum wirklich Rührenden. Einige hatten sogar Fotos oder Videos angehängt und sie gebeten, sich mit einem Aktfoto oder einem eigenen Videoclip zu revanchieren. Die ganze Sache hatte Laura zu schaffen gemacht, und im Laufe des Wochenendes hatte sie vergeblich versucht, die düstere Stimmung abzuschütteln. Anfangs hatte sie gedacht, es wäre einfach das unsaubere Gefühl, Zielscheibe von so viel Obszönität zu sein, die Nähe zu den widerlich grapschenden Händen des Internets. Aber am Sonntagabend, nachdem sie Hunderte von neuen E-Mails gelöscht hatte, die im Laufe des Tages ein18
gegangen waren, hatte sie sich noch einmal die Beschreibung angesehen, die Jonathan verfasst hatte, und den wahren Grund für ihren Unmut begriffen. Alles, was er über sie gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Tränen waren geflossen, als sie zu Hause vor ihrem Computer saß. Eines der Dinge, auf denen Lauras Freundschaft mit Jonathan gründete, war seine ans Wunderbare grenzende Fähigkeit des Wahrnehmens und Verstehens. Aber mit genau dieser Fähigkeit hatte er jetzt ihre Seele vor aller Welt seziert. Es machte ihr nichts aus, dass ein von irgendeinem pickligen Doktoranden geschriebenes Programm sie zu einem »kastrierenden Biest« erklärt hatte. Was Laura zu schaffen machte, war, dass ihr Jonathans Beschreibung der wahren Laura gefiel. Sie wollte genau so sein wie in der Beschreibung – und sie war tatsächlich so. Das Problem war, dass es da draußen aber offenbar niemanden gab – weder in ihrem Leben noch in den Hunderten von E-Mails, der diese Person zu mögen schien. »Es tut mir wirklich Leid!«, sagte Jonathan zerknirscht, und Laura kehrte mit Tränen in den Augen in die Gegenwart zurück. »Du hast meine Web-Adresse eingegeben, Jonathan! Ich habe Tausende von Nachrichten aus aller Welt bekommen, ein Teil davon total obszön.« »Oh… Darf ich die lesen?« »Wenn du schon auf billige sexuelle Reize aus bist – weshalb hast du dann nicht eine Beschreibung von dir selbst geliefert?« Er schnitt eine Grimasse. »Wer würde einem dickbäuchigen, schwulen Professor mittleren Alters schon pornographische Briefe schreiben?« »Jonathan, bitte. Mir geht eine Menge in Kopf herum.« Sie warf ihm den Brief über den Schreibtisch hinweg zu. »Hier, lies das.« »Ich dachte schon, du würdest mich nie dazu auffordern«, sagte er und schnappte sich das Schreiben interessiert. »Weißt du etwas von dem Brief?« »Ich weiß, dass ein prachtvoller junger Mann ihn gebracht hat. Er hat mich gefragt, wo er dich finden könnte, und ich…« Jonathan verstummte, und seine Brauen hoben sich, als er den Brief las. »Donnerwetter! Ich glaube, hier haben wir alle Voraussetzungen für ein echtes moralisches Dilemma.« Laura sank auf ihrem Stuhl zusammen. »Wovon redest du?« 19
»Also, überlegen wir mal.« Jonathan schaute zur Zimmerdecke empor. »Böser reicher Einsiedler«, sagte er nachdenklich, mit ausgestrecktem Finger, als zeigte er auf die Worte, die er sprach, »dicht an der Grenze zu abnormem Verhalten.« Sein Finger kehrte zu seinem Mund zurück. »Weil sie wissen, dass er dringend psychotherapeutischer Behandlung bedarf, schauen sich seine ›Leute‹ in der Psychologischen Fakultät von Harvard um. Eifrige Adjutanten finden eine gutaussehende junge Psychologin, die für eine Woche voller Spaß und Analyse auf Grays Insel im Südpazifik fliegen soll. Aber sie haben keine Ahnung, dass zwischen Psychologie und Psychiatrie ein Riesenunterschied besteht und dass sich die hübsche junge Frau, für die sie sich entschieden haben, nicht in der realen Welt des Heilens zu Hause ist, sondern in den niederen Regionen der geheimnisumwitterten Erforschung des Bewusstseins, der Persönlichkeit und anderer imaginärer Schöpfungen animalischer Gehirne.« Laura rieb sich die Augen. »Ich glaube, du wirst auf deine alten Tage noch zu einem ziemlich gemeinen Kerl, Jonathan.« »Aber eine Million Dollar«, sagte er träumerisch, unbeirrt. »Was man mit einer Million Dollar alles anfangen könnte! Man könnte zum Beispiel eine Untersuchung finanzieren, um herauszufinden, ob Blattläuse imstande sind, eine wirklich menschengleiche Vorliebe für Coca-Cola zu entwickeln. Oder vielleicht… ob ein Toaster wirklich ›Scham‹ empfindet, wenn er das Brot verbrennt.« »Ich werde das Angebot nicht annehmen«, sagte Laura, fassungslos, dass er es ernsthaft in Erwägung zog. »Aber warum denn nicht? Eine Woche oder so in deinen liebevollen Händen – dazu diese warme, tropische Luft«, er warf den Kopf zurück und fuhr mit den Fingern durch das sich lichtende, ergrauende Haar, »und dein Patient wird so gut aufgelegt sein wie ein Schuljunge! Du brauchst nur ein paar Fragen über seine Kindheit zu stellen, ein bißchen psychiatrisches Abrakadabra zu murmeln und dann seinen Arzt dazu zu bringen, dass er ihm Prozac verschreibt!« Mit schwer auf dem Schreibtisch ruhenden Armen warf Laura Jonathan einen wütenden Blick zu, dann drückte sie ihr Gesicht in die Ellenbeuge und stöhnte. 20
»Nein«, sagte er, jetzt in einem weniger scherzhaften Ton. »Das sollte kein Witz sein.« »Du meinst wirklich, ich sollte diesen Job annehmen?«, fragte sie und sah erstaunt auf. »Warum nicht? Er braucht das Geld nicht. Er ist der reichste Mann der Welt! Ich würde zehn Millionen verlangen. Was bedeutet das schon für ihn? Wie es heißt, besitzt er jetzt, da er den Fernsehmarkt dank der neuen Gerätetechnik beherrscht, an die siebzig oder achtzig Milliarden. Außerdem« – Jonathan lehnte sich vor und sprach mit gespieltem Ernst – »ist es ein Hilfeschrei. Schließlich ist er trotz allem auch nur ein Mensch.« »Ich kann nicht für jemanden wie Joseph Gray arbeiten.« »A-a-a-h«, meinte Jonathan. Er nickte und ließ sich auf dem Sofa wieder zurücksinken. »Lehrstuhl, ja?« Sie sah ihn an. Sein Mund lächelte, aber seine Augen waren traurig. »Hör mal, Laura«, sagte er mit einem Blick auf die Tür. »Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, aber keinen Lehrstuhl zu bekommen, bedeutet nicht das Ende der Welt.« Sie schaute Jonathan in die Augen, bis seine Miene leicht mitfühlend wirkte, dann betrachtete sie ihren vollen Schreibtisch. Die Emotionen drohten sie zu überwältigen, und sie kämpfte hart gegen die aufsteigenden Tränen an. Ihre Unterlippe bebte, und sie biss darauf, entschlossen, sich keine Blöße zu geben. »Weißt du Genaueres?«, fragte sie, mit angespannter und unnatürlich hoher Stimme. Jonathan schüttelte den Kopf. »Nein.« Er zögerte. »Nichts Bestimmtes.« Er wirkte gequält und schien nicht recht zu wissen, was er sagen sollte. »Aber – nun ja, Laura, nach der Sache in Houston ist eine Menge über Paul geredet worden.« Laura spürte, wie sich ihr Gesicht vor Empörung rötete, nachdem sich das Karussell der Emotionen ein Stück weitergedreht hatte. Sie biss die Zähne zusammen. Paul Burns war der andere Kandidat. »Mit diesem Vortrag bist du ein Risiko eingegangen. Ich habe dir gesagt, dass es ein Risiko ist. Wenn er angekommen wäre, wärest du jetzt ein Star. Buchverträge, Lesereisen und das alles. Aber du hast ihn an der Fahnenstange hochgezogen, und niemand hat salutiert.« »Aber was hätte ich denn sonst tun sollen? Noch mehr Laborratten in noch mehr Labyrinthen herumlaufen lassen, wie Burns?« Es war so unfair. 21
Paul Burns hatte keinen originellen Gedanken im Kopf, wies aber Jahr für Jahr pünktlich eine weitere erfolgreiche Publikation vor. Zeitschrift um Zeitschrift, Texte in obskuren Universitätsverlagen, die binnen Wochen wieder vergessen waren, nirgendwo auch nur eine einzige herausragende Leistung. Aber er würde es schaffen, das war ihr klar. Sie konnte es an der Körpersprache der Leute ablesen, denen sie auf den Fluren begegnete. Sie konnte es an Burns’ aufblühendem Selbstbewusstsein ablesen. Und nun konnte sie es auch an Jonathan ablesen, der gerade den letzten Nagel in den Sarg ihrer Karriere geschlagen hatte. Sie wollte etwas sagen, zögerte dann aber, weil sie nicht sicher war, ob es gut wäre, noch mehr zu hören. »Aber du glaubst doch«, sagte sie schließlich verunsichert, »du glaubst doch, dass ich trotzdem Recht hatte, oder?« »Du meinst, was die Substanz deines Vertrags angeht? Meiner Meinung nach ist es eine der originellsten, anregendsten Arbeiten, die seit Jahren aus diesem Bau hier herausgekommen sind. Aber ob es richtig war, sie im letzten Sommer vorzutragen? In Anbetracht der Tagung des Lehrstuhlkomitees am Ende des Herbstsemesters?« Er verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Ich habe es dir gesagt. Die Leute sind noch nicht bereit für einen Paradigmenwechsel im Hinblick auf etwas so Grundlegendes wie das menschliche Bewusstsein. Wie wäre dir denn zumute gewesen, wenn du dort gesessen hättest und eine vierunddreißigjährige Lehrbeauftragte hätte dir erklärt, dass es so etwas wie Stimmungen nicht gibt? Dass es in Wirklichkeit ein anderes ›Selbst‹ ist – eine andere Persönlichkeit –, die an die Oberfläche kommt und die Kontrolle über ihren Wirtsorganismus übernimmt? ›Jeder Mensch besitzt zahlreiche Persönlichkeiten, nur fällt uns normalerweise der Übergang von einer zur anderen nicht auf, weil die Identitäten der verschiedenen Persönlichkeiten einander so ähnlich sind. Wir diagnostizieren sie nur dann als Persönlichkeitsstörung, wenn sie so radikal sind wie bei Dr. Jekyll und Mr Hyde.‹« Er schüttelte den Kopf. »Du hättest vorher einen Entwurf in Umlauf bringen und auf ein bisschen Input warten sollen, anstatt die Leute aus heiterem Himmel damit zu überfallen.« »Input«, erwiderte sie wütend. »Wenn die Leute damit fertig gewesen wären, mich mit Input zu versorgen, wäre der Text doppelt so lang und nur 22
halb so gut geworden.« Laura verdrehte die Augen und schnaubte. »Wenn ich grauhaarig und ein Mann gewesen wäre, dann hätten sie aufgehorcht.« »Und wenn ich Grace Kelly gewesen wäre, dann hätte ich einen Fürsten geheiratet.« »Du hast einfach keine Ahnung, wie weh das tut, Jonathan! Wie oft habe ich an Fachkonferenzen oder irgendwelchen blöden Tagungen teilgenommen und bin mit einem Diskussionsbeitrag vollkommen ignoriert worden! Und dann sagt nur eine Viertelstunde später ein Mann genau dasselbe, und alle überschlagen sich, um darüber zu diskutieren!« »Miau.« »Das ist kein Spiel, Jonathan!« »Doch, ist es!«, entgegnete er plötzlich und rutschte auf die Vorderkante des Sofas. »Es ist ein Spiel. Mir wurde gesagt, ich solle meinen Freund nicht zur alljährlichen Cocktailparty der Treuhänder mitbringen. Also habe ich es nicht getan. Sie wollen, dass ich ein richtiger Mann bin? Keine Rollkragen und kein Weinkonsum mehr? Ein bisschen gesunde heterosexuelle Belästigung der Studentinnen? Klar, Boss! Man tut alles, um einen Lehrstuhl zu bekommen, und danach tut man alles, wozu man gerade Lust hat.« Er setzte sich zurück und richtete den Blick wieder zur Zimmerdecke. »Als Lehrbeauftragter ist man so etwas wie eine junge Seegurke. Man sucht das Meer nach einem geeigneten Korallenplatz ab, den man zu seinem Heim auf Lebenszeit machen kann. Dazu braucht man nur ein rudimentäres Nervensystem, und sobald man einmal die richtige Stelle gefunden und Wurzeln geschlagen hat, benötigt man nicht einmal mehr das und kann tun, was Seegurken zu tun pflegen und sein eigenes Gehirn verspeisen.« Laura lehnte den Kopf an die Rückenlehne ihres Stuhls und schaute gleichfalls zur Zimmerdecke empor. Dann holte sie tief Luft und sagte mit wachsendem Verdruss. »Vielen Dank für die hilfreiche Analogie.« Jonathan zögerte, als müsste er sich seine nächsten Worte erst genau überlegen. »Burns spielt das Spiel.« »Natürlich tut er das!«, fauchte Laura und funkelte ihn an. »Und wenn du meinst, ich müsste ein Paul Burns sein, um einen Lehrstuhl zu bekommen… ich denke nicht einmal im Traum daran!« 23
Jonathan schnaubte scheinbar erbittert und ließ sich tiefer in die Lederkissen sinken. »Gott, wie ich es hasse, mich mit Leuten mit Prinzipien unterhalten zu müssen. Ich weiß dann nie, was ich sagen soll.« Laura verspürte ein wachsendes, panikartiges Bedürfnis, etwas zu unternehmen, nur wusste sie nicht, was. Wie nur sollte sie ihre Karriere – ihr Leben – retten? »Ich habe es vermasselt, nicht wahr?« Nach kurzem Zögern beugte Jonathan sich in dem knarzenden Lederstuhl vor und warf den Brief auf den Schreibtisch. Das dicke Blatt landete direkt vor ihr, und die beiden gefalteten Enden ragten in die Luft. »Also«, sagte sie und nahm es auf, vor allem, um noch einmal die makellose Handschrift zu betrachten, »was meinst du? Ist das meine Zukunft? Psychoanalyse?« Jonathan hob die Schultern. »Wenn du mit Seelenklempnerei eine Million Dollar in der Woche verdienen kannst, dann sag mir Bescheid.« »Oh, Jonathan«, stieß sie hervor und musterte die vertraute Umgebung ihres kleinen Büros – eines Büros, das sie wohl bald würde verlassen müssen – für immer. Sie holte tief Luft und seufzte schwer. »Ich kann das alles einfach nicht fassen.« Sie betrachtete den Brief mit verschwommenen Augen. »Wenn ich diesen Job annehme, ist mein Schicksal besiegelt, nicht wahr?« Sie sah zu ihm auf. »Sie werden es als Signal deuten, dass ich mich nach etwas anderem umsehe.« Jonathan wiegte den Kopf. »Es ist weniger das, als… Schau mal, dieser Gray ist so etwas wie ein Unhold und Plünderer. Es würde bestimmt herauskommen. Ich meine – was glaubst du denn, weshalb er dir eine Million Dollar bietet?« Sie sah ihn an, weil sie nicht begriff, worauf er hinauswollte. »Was willst du damit sagen?« »Also wirklich, Laura. Das ist eine Menge Geld. Er hat wahrscheinlich…« Jonathan verstummte und hob wieder die Schultern. »Was?«, fragte sie, plötzlich wütend. Jonathan erwiderte nichts. »Was hat er? Er hat wahrscheinlich schon eine Menge Absagen bekommen! Und er hat den Preis erhöht, weil niemand sonst bereit war, den Job zu übernehmen? Was willst du damit sagen, Jonathan? Dass ich nicht seine erste Wahl bin?« Er wand sich. »La-a-aura…« 24
»Hat er dich gefragt?« Jonathan schaute zu ihr auf. »Er hat es getan, stimmt’s?« Jonathan schüttelte den Kopf. Laura ließ sich wieder in den warmen Pfuhl des Selbstmitleids sinken. Jonathan hob abermals die Schultern. »Sei einfach auf der Hut. Ich meine« – er schüttelte den Kopf – ,«ich weiß im Grunde nicht viel über den Mann, aber nach allem, was ich über ihn gelesen habe, ist er möglicherweise ein unangenehmer Zeitgenosse. Ein gefährlicher, wie mir scheint.« Lauras Haar war noch feucht von der Dusche, als sie sich vor einem Computer in der Hauptbibliothek niederließ. Sie hatte gerade ihren üblichen Morgenlauf hinter sich, aber es war ihr nicht gelungen, ihre innere Unruhe zu verscheuchen. Mit einem tiefen Seufzer schaltete sich Laura ins World Wide Web ein. Das gewaltige Netzwerk – die »Datenautobahn«, die Millionen kleinerer Netzwerke zu einem globalen Hochgeschwindigkeitssystem vereinigte – war gelegentlich nützlich, aber kaum die Revolution, als die es angepriesen worden war. Laura runzelte die Stirn, starrte auf den Cursor in der Form des Stundenglases und wartete eine Weile, bis endlich die Eingabemaske erschien. »Gray, Joseph«, tippte sie, drückte die Enter-Taste und biss verstohlen ein Stück von dem Sandwich ab, das sie in das Gebäude eingeschmuggelt hatte. Die Reaktion des Computers ließ ungebührlich lange auf sich warten. Laura kaute verdrossen. Sie mochte Computer nicht. »10.362 Eintragungen«, erschien schließlich auf dem Bildschirm. »Verdammt«, murmelte sie mit vollem Mund. Das war viel mehr, als sie erwartet hatte. Wie sollte sie das alles lesen? Vielleicht konnte sie irgendwelche anderen Parameter finden, die die Liste verkürzten? Sie versuchte es, aber ihr fiel nichts ein. Sie wollte etwas über den Mann wissen, ihr war allerdings unklar, was denn eigentlich. Laura watete in die Artikelflut. Der neueste war zehn Tage alt. Das Fortes-Magazin führte Gray als den reichsten Mann der Welt auf, mit einem Vermögen zwischen vierzig und siebzig Milliarden Dollar. Kommerzielle Elektronik, Telekommunikation, Zugang zum Internet, Satellitenstarts, Computer, Robotertechnologie, Weltraumausbeutung. Lauras Augen kehrten zum letzten Wort zurück. Auf den ersten Blick hatte sie exploration – Erforschung – anstelle von exploitation 25
– Ausbeutung – gelesen. »Ohne jede Unterstützung durch Regierungsstellen hat die Gray Corporation praktisch die gesamte Konkurrenz in den Vereinigten Staaten, Japan und Europa auf dem Markt des direkt übertragenen, hochauflösenden Fernsehens in den Konkurs getrieben. Mit ihren einen Zoll dicken und einen Quadratmeter großen, phasengesteuerten Satellitenantennen und ihrer vom Nutzer frei wählbaren, zu Datenblöcken komprimierten High-Definition-Fernsehprogrammierung und InternetDownloads aus einem Netz von mehr als hundert erdnahen Satelliten kann die Gray Corporation allein in diesem Jahr mit einem Weltumsatz von über 50 Milliarden Dollar rechnen. Joseph Gray ist Alleininhaber der Gray Corporation, die praktisch schuldenfrei ist.« Dazu gab es eine TelefotoAufnahme von einer merkwürdig aussehenden Rakete mit flachen Seiten, die auf ihrer Startrampe stand. »Eine wiederverwendbare Einstufenrakete mit Flüssigbrennstoff-Antrieb« lautete die Unterschrift. Ein Bild von Gray war nicht dabei. Laura überflog den Artikel auf der Suche nach weiteren Informationen. Sie fand sein Geburtsdatum. Er ist siebenunddreißig Jahre alt – dachte sie und hielt einen Moment verblüfft inne. Nachdem sie ein großes Stück von ihrem Sandwich abgebissen hatte ließ sie – in der Zeit zurückgehend – ein paar hundert Artikel aus. Dann, als sie einen zwei Jahre alten Artikel las, fiel ihr wieder ein, wo sie Grays Namen zum ersten Mal gehört hatte. »Wirtschaftsministerium fordert Einsicht in Firmenunterlagen.« Gray bestritt jeglichen Verstoß gegen die Bestimmungen des Technologie-Transfers bei der Nutzung russischer Schutzvorrichtungen für seine Satelliten. Laura sprang von Artikel zu Artikel. Alle wiederholten mehr oder weniger dieselben Fakten, aber einige verliehen den Ereignissen einen sinistren Beigeschmack. »Wunderknabe kauft russische Raketen.« Gray hatte Dutzende von riesigen russischen Interkontinentalraketen gekauft, die im Rahmen des START III-Abkommens vernichtet werden sollten, und sie dann dazu benutzt, seine Satelliten zu Schnäppchenpreisen ins All zu befördern. Sie sprang weiter zurück. »Bundesbehörde zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs unterliegt in Kartellrechtsverfahren.« Die von Gray vorgesehenen Tarife für Satellitenübertragungen wären zwar unglaublich niedrig, aber es wären keine illegalen »Raubpreise«, hatte das Gericht 26
entschieden. »Bundesbehörde für das Fernmeldewesen leitet Untersuchung ein.« Gray hatte erklärt, er werde seine Systeme in Europa und Japan verkaufen, wenn er keine Genehmigung für die Vereinigten Staaten bekäme. »Umstrittener Geschäftsmann abermals vor dem Kongress.« Gray war vorgeladen worden, um vor dem Ausschuss für wissenschaftliche und technologische Forschung auszusagen. »Welche Absichten verfolgen Sie?«, war er gefragt worden. »Geld zu verdienen«, war seine einzige Antwort gewesen. Der bis auf den letzten Platz gefüllte Tagungssaal sei in Gelächter ausgebrochen, berichtete der Artikel im Time-Magazin. Mit einem Seufzer übersprang sie auf ihrer rückwärts laufenden Suche ungefähr ein Drittel der Strecke. Da war ein Artikel im Wall Street Journal über eine zusammengebrochene Spar- und Darlehenskasse Anfang 1988. Gray hatte auf dem Capitol Hill als einer der Leute aussagen müssen, die von der Kasse ein beträchtliches Darlehen erhalten hatten, bevor sie in Konkurs ging. Laura runzelte die Stirn und nickte. »Das passt«, murmelte sie ein wenig enttäuscht. Der einzige Weg, an die Spitze zu kommen, ist betrügen. Dann fiel ihr Blick auf eine Zeile am Ende des Artikels. »Mr Grays Forschungslaboratorium in Palo Alto hatte auf Verlangen des Prüfungsausschusses des Verwaltungsrates einen Monat, bevor die Kasse unter ihrer vernichtenden Last von ungesicherten Hypotheken zusammenbrach, das Darlehen inklusive Zinsen vollständig zurückgezahlt.« Vollständig zurückgezahlt? fragte sie sich, einen Augenblick lang verblüfft. Aber wer weiß, was dahintersteckte, dachte sie und ging noch weiter in der Zeit zurück. Nur sechs Monate davor war Gray erneut vernommen worden, diesmal in Zusammenhang mit angeblichen Marktmanipulationen nach dem großen Börsenkrach vom Oktober 1987. »Reizend«, flüsterte sie und warf ihr Sandwichpapier in den Mülleimer. Ihre Finger zögerten über der ExitTaste. Sie hatte genug erfahren und war bereit, zu dem Stapel Aufsätze zurückzukehren, die sie benoten musste. Laura zögerte noch einen Moment länger – dann las sie trotzdem weiter. Gray hatte am Montag – also drei Tage vor dem Crash am Donnerstag – auf dem Optionsmarkt fast zweihundert Millionen Dollar in etwas gesteckt, das »Puts« hieß. Optionen für Puts, las sie, geben dem Inhaber das 27
Recht, Anteile zu einem festen Preis an den Vertragspartner zu verkaufen. Es waren »nackte« Puts, was bedeutete, dass Gray die Anteile nicht besaß, für die er die Verkaufsoption hatte. Als die Börsennotierungen in den Keller stürzten, kaufte Gray die Anteile billig auf, verkaufte sie anschließend an die anderen Partner zum vertraglich festgelegten höheren Preis und steckte die Differenz in die Tasche. In einer Woche hatte Gray zweihundert Millionen Dollar in sechs Milliarden nach Abzug der Steuern verwandelt. Der Zusammenbruch des Marktes hatte ihm ein Vermögen eingebracht. Vor dem Untersuchungsausschuß der Regierung hatte er behauptet, er hätte sich eines leistungsfähigen neuen Computerprogramms, eines »probabilistischen, neuronalen Netzwerks« bedient, um die bevorstehende Abwärtsbewegung des Marktes zu entdecken. Die Regierung fand keinerlei Beweise für irgendwelche illegalen Manipulationen. Laura seufzte. Das roch übel. 1987, dachte sie. Gray war… vierundzwanzig Jahre alt. Ein Multimilliardär mit vierundzwanzig! Irgendwo, weit zurück, musste die Quelle liegen. Der Ursprung des Reichtums, des Erfolgs. Je mehr sie las, desto schmutziger kam ihr das Geld vor. Anfang der achtziger Jahre war Gray der Wunderknabe Michael Milkens bei Drexel Burnham gewesen und hatte mit dem Analysieren von Hightech-Aktien für den wenig später im Gefängnis landenden JunkBond-König Millionen gemacht. Gray war bei dem Prozess gegen Milken als Zeuge vorgeladen worden. Allem Anschein nach hatte es 1984 zwischen Gray und Milken Differenzen gegeben, und die beiden hatte sich getrennt. »Gray bestritt, aus ethischen Gründen bei Drexel Burnham ausgeschieden zu sein. Er behauptete, der Grund für sein Ausscheiden seien Meinungsverschiedenheiten über die Brauchbarkeit eines Computerprojekts für die Vorhersage von Markttrends gewesen. Nach seinem Abschied von Drexel machte Gray Hunderte von Millionen, indem er eine Investorengruppe zusammenbrachte und ein eigenes petrochemisches Projekt startete.« Laura überflog noch ältere Artikel. »Hiesiger Geschäftsmann verkauft Fabrik«, berichtete die Houston Chronicle Anfang 1987. »Industriegigant Monsanto hat sich bereit erklärt, der Gray Corporation 700 Millionen Dollar für eine Anlage zu zahlen, die Produkte aus Polyvinylchlorid her28
stellt.« Lauras Oberlippe kräuselte sich angesichts eines Fotos der schmutzigen Fabrik. Sie schüttelte den Kopf, als sie sich die Tonnen toxischer Abfallprodukte vorstellte, die ausgestoßen wurden und auf amerikanische Verbraucher niedergingen. »Das Produkt dient in erster Linie der Herstellung leichter Rohre für Trinkwasser, die heute in fast allen Neubauten verlegt werden.« Gray hatte 1984, nach seiner Tätigkeit bei Drexel Burnham, vier Millionen Dollar in das Geschäft gesteckt – jeden Pfennig, den er besaß. Andere Investoren hatten für vierzig Millionen Vorzugsaktion gekauft, und Banken hatten vierhundert Millionen geliehen, aber Gray war immer alleiniger Besitzer der Stammaktien gewesen. Er hatte immer die Kontrolle behalten, hatte auf einer Schrottauktion eine seit langem geschlossene petrochemische Fabrik gekauft, sämtliche Arbeiter wieder eingestellt und die Anlage auf Herstellung von PVC umgerüstet. Als sie die Produktion aufnahm, konnte er Aufträge für die nächsten fünf Jahre registrieren. Er hatte richtig taktiert. Auf der ganzen Welt herrschte eine gewaltige Nachfrage nach Plastikrohren. Abermals hatte Gray einen Markrumschwung vorhergesehen, der allen anderen entgangen war. Lauras Augen lösten sich vom Bildschirm. Diesmal war nicht die Rede von einem »neuronalen Netzwerk«, mit dessen Hilfe die Trends auf dem PVC-Markt entdeckt werden konnten, wie das bei der Börsenuntersuchung der Fall gewesen war. Heutzutage wurden Programme routinemäßig für derartige Vorgänge eingesetzt, das wusste sie. Börsenmakler machten in Zeitungen und Zeitschriften und im Fernsehen ständig Reklame für ihre Lieblingsprogramme, denen sie Namen wie »Primus One« oder »Trendline 2000« gaben. Aber konnte es sein, dass Gray schon damals ein solches Programm entwickelt hatte? 1984? Da war Gray 21 Jahre alt gewesen. Sie ging in dem Datenmaterial abermals noch weiter zurück. Ein kurzer Artikel in Business Week enthielt ein Foto von Gray im Alter von zwanzig Jahren. Er saß an einem Tisch, neben einem Computer, in einem Hemd mit offenem Kragen und Blue Jeans. Eigentlich sah er normal aus, jedenfalls für die damalige Zeit. Der Artikel war humorvoll geschrieben, der Autor lachte »mit« Gray, nicht »über ihn«: »Der Wunderknabe behauptet, das ›analoge neuronale Netzwerk‹ wäre auf ideale Weise dazu geeignet, Probleme zu lösen, die er ›fuzzy‹ 29
nennt. Aber wenn das Programm aufgefordert wird, das Problem ›Wieviel ist zwei und zwei‹ zu lösen, dann sagt es ›ungefähr vier‹. Grays Bosse bei Drexel Burnham schwiegen, als sie gefragt wurden, ob sie sich über Grays Schöpfung gefreut hätten, die angeblich große Mengen locker miteinander verbundener Variablen akzeptieren und Muster oder Beziehungen erkennen konnte, die bei Marktanalysen helfen.« Vor 1983 gab es nur sehr wenige Artikel über Gray. Sein Name erschien mit denen zahlreicher anderer, die irgendeine Finanzierung abgeschlossen oder bei irgendwelchen Fusionen mitgewirkt hatten. Jetzt schwirrte ihr das, was sie über den Mann bereits wusste, im Kopf herum. Russische Raketen, Verstöße gegen das Kartellrecht, Manipulation des Aktienmarktes, bankrotte Spar- und Darlehenskassen, Junk Bonds, chemische Fabriken… Sie überflog rasch die restlichen Artikel. Als ihr die ganze Quintessenz dessen, was sie gelesen hatte, klar wurde, war Laura wütend auf sich selbst, weil sie auch nur daran gedacht hatte, das Angebot dieses Mannes zu akzeptieren. Sie war im Begriff, den Computer abzuschalten. Mit dem Finger auf der Exit-Taste entschied sie ein für allemal, dass sie nur ihre Zeit vergeudete. Aber Laura brachte es nicht über sich, die Taste zu drücken. Sie würde nur noch einen Artikel lesen, entschied sie. Mit Schuldgefühlen wegen ihres obsessiven Verhaltens drückte sie auf die Home-Taste, um zum allerersten Artikel zu gelangen, der über Gray erschienen war. Im Jahr 1976. Es war ein kurzer Artikel – eigentlich nur eine Meldung – aus einer kleinen Zeitung in Indiana. »Hiesiger Junge mit 13 in Harvard aufgenommen.« Joe Gray war aufgebrochen, um Philosophie zu studieren. Philosophie! dachte sie. Sie starrte auf den körnigen Schnappschuss des Jungen. Auf seine traurigen Augen, hinter denen unverkennbar Seltsames vorging. »Professor Paulus?«, sagte Laura. Der gebrechliche Dekan der Philosophischen Fakultät wirkte sehr klein hinter seinem unordentlichen Schreibtisch. »Ah, kommen Sie herein! Kommen Sie herein!« Lose Papiere bedeckten jeden Quadratzentimeter seiner Regale, der Stühle und der Couch. »Ach, legen Sie das Zeug irgendwo hin«, sagte er, eine Hand schwenkend. »Set30
zen Sie sich. Setzen Sie sich.« Seine Stimme war krächzend und hatte ihre Kraft verloren. Sie wusste, dass er noch in diesem Jahr emeritiert werden sollte und hatte von dem Gerangel um seinen Lehrstuhl gehört. Laura legte seine unleserlichen handschriftlichen Notizen auf den Fußboden. »Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, mit mir zu reden.« »Für meine Studenten und Studentinnen habe ich immer Zeit.« »Oh… äh… Ich bin Lehrbeauftragte drüben in der Psychologischen Abteilung.« »Großer Gott! Bitte, entschuldigen Sie.« Er nahm seine Brille mit den dicken Gläsern ab, putzte sie mit seinem Taschentuch, setzte sie dann wieder auf und musterte sie. »Hmmm«, murmelte er nach seiner Inspektion, offensichtlich zu dem Schluss gekommen, dass sein Irrtum verständlich war. Laura wusste, dass sie jünger aussah, als sie in Wirklichkeit war. »Also, was kann ich für meine geschätzte Kollegin tun, Miss…?« »Aldridge. Laura Aldridge.« Sie entschied sich dagegen, »Doktor« zu sagen, weil sie fürchtete, den Anschein von Angeberei zu erwecken und dem freundlichen Mann Anlass für feministische Vorurteile zu geben. »Ich habe nur eine Frage. Es ist sehr lange her, aber erinnern Sie sich zufällig an einen Ihrer Studenten namens Joseph Gray? Er war…« »Brillant. Absolut brillant, aber…« Der alte Mann war jetzt hellwach, seine Augen waren jedoch weit weg und schienen wie gebannt auf einen festen Punkt im Weltall zu starren. »Wie bitte?« »Weshalb fragen Sie?«, erkundigte er sich, plötzlich auf der Hut. »Also…« Sollte sie es ihm wirklich sagen? »Dürfte ich Ihren Universitäts-Ausweis sehen?« »Was?« »Ihren Ausweis«, wiederholte er und wackelte mit den Fingern seiner ausgestreckten Hand wie ein Polizist bei einem Autofahrer, den er gerade angehalten hatte. Sie holte den Ausweis aus der an einem Gürtel um ihre Taille hängenden Tasche, und er inspizierte ihn. »Tut mir Leid, Dr. Aldridge«, sagte der alte Mann, als er ihn ihr zurückgab – jetzt wieder mit sanfter und freundlicher Miene. »Es ist nur… Heutzutage kann man nie sicher sein. So viele Leute stellen Fragen.« 31
»Über Gray?«, erwiderte sie, und er nickte. »Wer?« »Unsere Regierung zum Beispiel. Erst vorigen Donnerstag hat man jemand hierher geschickt. FBI. Und dann gab’s übers Wochenende diesen Einbruch. Hier und auch in Ihrer Abteilung.« »Was für ein Einbruch? Jemand ist in unsere Büros eingebrochen?« »Nein, nein. Eigentlich hätte ich das gar nicht sagen dürfen. Sie wollen alles streng geheimhalten – es hat irgendwie mit unserer Sicherheitseinstufung wegen Rüstungsprojekten zu tun.« Er beugte sich über seinen Schreibtisch und senkte die Stimme. »Jemand ist ins Netz der Universität eingedrungen. Und hat dieses Ding benutzt – das ›Web‹. Hat in den Dateien herumgeschnüffelt, unter den Verzeichnissen Philosophie, Linguistik und Psychologie – also Ihrer Abteilung.« »Was hat er mit den Dateien angestellt? War es ein übler Streich? Vandalismus?« »Nein, nein.« Er schüttelte den Kopf. »Allem Anschein nach ist nichts passiert. Er hat nicht einmal irgendwelche Dateien kopiert, sondern nur darin gelesen.« Er lachte, zuckte die Schultern und verzog belustigt das Gesicht. »Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es in unseren Dateien etwas geben könnte, um dessentwillen sich die Leute Sorgen hinsichtlich unserer nationalen Sicherheit machen müssten.« »Aber hat irgendetwas davon mit Gray zu tun? Ich meine, Hacker sind wirklich eine Gefahr. Sie sind einer von mehreren hundert Gründen, warum ich Computer hasse. Erst im letzten Monat stand auf meinem Kontoauszug ein Vermerk, jemand sei in den Computer der Bank eingedrungen und deshalb könnten sie nicht garantieren, dass die Unterlagen ihrer Kunden vertraulich geblieben wären. Und dann, ob Sie’s glauben oder nicht, ist irgendjemand – wer, weiß ich nicht, vermutlich irgendein Junge, der sonst nichts besseres zu tun hatte, in den Computer des Videoladens eingedrungen, in dem ich meine Kassetten ausleihe.« Sie kicherte. »Sie hatten an der Tür zur nicht jugendfreien Abteilung des Ladens ein großes Schild angebracht, mit dem sie alle darüber informierten. Ich wette, da sind ein paar Männer wegen dieser Ausleihunterlagen ziemlich nervös herumgerannt.« Der Professor schien in Gedanken versunken. Er zuckte wieder die 32
Schultern. »Sie haben Recht.« Er nickte. »Sie haben vermutlich Recht.« Der Blick des alten Mannes ging ins Leere und schien davonzudriften. »Dieser junge Mann…« Er schüttelte den Kopf. »Wie bitte?« Paulus seufzte. »Es ist einfach eine Schande. Eine wahre Schande. Er war der brillanteste Kopf, der mir je begegnet ist, unvergleichlich.« »Waren Sie sein Lehrer?« Paulus lachte kurz auf. »Nicht eigentlich. Sehen Sie, Dr. Aldridge, soweit ich mich erinnern kann, hat nie jemand diesem Jungen etwas beigebracht.« Er schüttelte wieder den Kopf. »Oh, er hat gelesen. Er war ein unglaublicher Leser. Schnell wie der Blitz, mit einem wahrhaft fotografischen Gedächtnis. Mir ist, als hätte jemand in Ihrer Abteilung einmal vorgehabt, ihn zu testen. Ein Dr. Weems? Ist er noch bei Ihnen?« Laura schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Er ist gestorben, bevor ich kam.« »Also, jedenfalls ist es nicht dazu gekommen, das kann ich Ihnen sagen, denn wenn dieser Junge noch etwas anderes war, dann war er halsstarrig. Dickköpfig.« »Ich verstehe das nicht, Professor. Sie sagen, niemand hätte diesem Studenten je etwas beigebracht. Aber er hat Vorlesungen besucht. Er hat einen akademischen Grad erworben.« »Oh, ja, ja. Aber er war einfach – einfach so weit voraus, verstehen Sie. Was ja nicht anders zu erwarten war bei der Unmenge von Büchern, die er las. Der Junge brauchte nachts höchstens vier oder fünf Stunden Schlaf. Und jede Nacht nahm er sich immer obskurere Texte vor und entdeckte in einem immer enger werdenden Feld bis dahin ungelesener Abhandlungen einige immer grundlegendere Gesichtspunkte.« »Sie sagten, er war brillant. Woher wussten Sie das? Ich denke, Sie haben ihn natürlich getestet – ich meine akademisch.« »Oh, ja, ja. Aber es reichte einfach niemand an ihn heran. Habe ihm einfach immer die besten Noten gegeben.« Er lachte plötzlich wieder auf. »Einmal – einmal hat ein promovierter Lehrassistent Joe für einen Aufsatz über Logik eine Zwei gegeben. Es war ein Oberseminar, und Joe hatte sich der allerprimitivsten Werkzeuge der deduktiven Beweisführung bedient und sie auf die allereinfachsten logischen Argumente angewendet.« Es 33
machte ihm offensichtlich Spaß, die Geschichte zu erzählen, und er lächelte. Ein Lehrer, dachte Laura mit einem Anflug von Selbstmitleid, am Ende einer beachtlichen Laufbahn, der in Erinnerungen an seinen intelligentesten Studenten schwelgt. »Er bediente sich des Standards der deduktiven Beweisführung. Dem von Platon. ›Aristoteles war ein Mensch, alle Menschen sind sterblich, also war Aristoteles sterblich‹. Aber Joe wendete es auf Descartes’ ›Cogito, ergo sum‹ an – ›Ich denke, also bin ich‹. In diesem Aufsatz war es ihm darum gegangen, den fehlenden Operator zu ermitteln – das mittlere Argument, das ›Ich denke‹ mit ›also bin ich‹ verbindet.« Paulus lachte laut. »Der promovierte Lehrassistent hielt ihn für viel zu stark vereinfacht. Er hatte von keiner der komplizierteren Methoden der symbolischen Logik Gebrauch gemacht. Er hatte nicht einmal irgendwelche der klassischen Trugschlüsse wiedergekaut. Der Lehrassistent gab mir eine fünfzehn Seiten lange Kritik von Joes Aufsatz, der, wenn ich mich recht erinnere, nur sieben oder acht Seiten lang war. Er schrieb nie lange Aufsätze.« »Was haben Sie getan?« »Nun, ich habe die Note natürlich in eine Eins geändert. Es war einfach genial.« »Zu welchen Schlüssen ist er gelangt – in Bezug auf Descartes Argument?« »Er stimmte mit Descartes überein.« Nach einem Moment des Zögerns lachte auch Laura, aber diesmal teilte Paulus ihre Belustigung nicht. »Es war im Grunde ein Kompliment an Descartes«, sagte der alte Mann, und das Lächeln verschwand aus Lauras Gesicht. Er meinte es ernst. »Sie hätten hören sollen, wie er den armen Immanuel Kant zerpflückte.« Laura wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Ein Teenager, der geruhte, mit Leuten wie Descartes und Kant einverstanden oder nicht einverstanden zu sein. »Also, wenn er nichts anderes tat, als mit Descartes übereinzustimmen – worin bestand dann die großartige Leistung?« »Es war die Art, auf die er mit ihm übereinstimmte!« In Paulus’ Stimme lag etwas Träumerisches. »So war es nun einmal. Es war so frustrierend« – Paulus griff mit geballten Fäusten in die Luft vor sich – »mit Joe zusam34
men zu sein. Es war mühsam, etwas aus ihm herauszuholen. Man musste seinen Verstand aufhebeln, und selbst dann gewährte er einem nur flüchtige Einblicke. Einmal, als ich versuchte, ihn aus sich herauszuholen, hat er gesagt, es wäre ja nicht so, dass er nicht mit Leuten reden wolle, sondern es dauere ihm einfach zu lange, Begriffe für sie definieren zu müssen. Sehen Sie« – Paulus zeigte auf seinen Schädel – »in seinem Kopf wimmelte es von Ideen und Konzepten, die sich in der englischen Sprache nicht definieren lassen. In keiner Sprache. Er sagte sogar, dass er sich Dinge ausdenke und sie dann nicht-verbalen Etiketten zuordne, die er… Ach herrje, wie hat er sie doch gleich genannt?«, sagte der alte Mann, plötzlich ratlos. »Zeichen?« »Ja! Woher wussten Sie das? Ach so, Psychologie, richtig?« Laura lächelte und nickte. »Also, jedenfalls speicherte er diese ›Zeichen‹ für Zeiten, zu denen er später auf das Thema zurückkommen würde. Man stelle sich das vor – Gedanken, die so komplex sind, dass sie die gesamte Disziplin umfassen, mit deren Studium man sein ganzes Leben verbracht hat. Führen Sie sich einen Augenblick lang vor Augen, Sie wollten die gesamte Psychologie mit einer bestimmten Ansicht oder Logik oder Formel für jeden einzelnen umstrittenen Punkt, mit einer Schlussfolgerung über konkurrierende Theorien, über jede Ungewißheit, in einem Begriff zum Gebrauch in Ihrem Denken und Ihren Diskussionen einkapseln.« »Instantiation«, sagte Laura und stellte dabei fest, dass ihre Stimme den leisen und fast ehrfürchtigen Ton annahm, mit dem Paulus über Gray sprach. »Die konkrete Verkörperung einer immens komplizierten Idee. Sie wollen doch nicht behaupten, dass dies einem Menschen möglich wäre?« Paulus hob die Schultern. »Sind Sie Joe Gray jemals begegnet? Der Junge war der Inbegriff eines Genies. Damit meine ich nicht diese Feld-Waldund-Wiesen-Typen mit hohem Intelligenzquotienten. Von denen wimmelt es hier geradezu.« Auf Paulus’ Gesicht lag ein warmes, aufrichtiges Lächeln. »Ich meine die transzendente Intelligenz, die erforderlich ist, um zwei völlig verschiedene Disziplinen zur Synthese zu bringen. Das ist der wahre Maßstab. Ihre kleinen Tests sind für gewöhnliche Sterbliche völlig in Ordnung. Aber wenn man versucht, einen Jungen wie Joe zu beurteilen, dann…« Er streckte die Hände aus und schüttelte den Kopf. »Wahre Ge35
nies greifen zu Beweisen aus einer Disziplin, um Probleme in einer anderen zu lösen. Vielleicht benutzen sie die Physik, um zu einem Durchbruch in der Biologie zu gelangen. Oder Mathematik, um ein chemisches Problem zu lösen.« »Und Joseph Gray hatte diese Art von Verstand?« Ein Ausdruck völliger Ruhe und Gelassenheit erschien auf Paulus’ Gesicht. Laura wusste, dass er sie jetzt nicht mehr wahrnahm. Er schien sehr weit weg zu sein. »Einmal habe ich etwas ganz Erstaunliches gesehen.« Seine Stimme klang, als betete er. »Joe stand auf einem Flur des Museums, stand einfach da. Sein Kopf war – irgendwie zur Seite gekippt.« Paulus machte es vor. »Er stand völlig erstarrt da, mit seinen Büchern unter dem Arm. Leute liefen an ihm vorbei, aber er bemerkte es nicht einmal. Ich ging auf ihn zu. Ich machte mir Sorgen um ihn. Er sah einfach nicht – normal aus. Ich tippte ihm auf die Schulter, und er drehte erschrocken den Kopf. Und dann rannte er los.« Paulus lachte. »Ich war damals ein bisschen behender als heute und folgte ihm in einen leeren Vorlesungsraum. Über eine Kladde gebeugt saß er dort und schrieb wie ein Besessener. Ich versuchte zu lesen, was er da schrieb, aber für mich hatte es weder Hand noch Fuß. Nur eine Seite voller Formern – Schemata nennt man sie, glaube ich –, und sie bestanden aus einer Unmenge von Symbolen, die ich vorher noch nie gesehen hatte. ›Joseph? Joseph, was tun Sie da?‹ fragte ich ihn. Er murmelte etwas über ›Fourier-Transformationen‹, etwas in der Art, also ließ ich ihn in Ruhe. Um neun Uhr am gleichen Abend, zwölf Stunden später, saß er immer noch da und schrieb. Ich habe ihn nach Hause geschickt.« »Was – was wollen Sie damit sagen?« »Ich will damit sagen«, erwiderte Paulus, der geistig ins Zimmer zurückgekehrt war und Laura wieder wahr nahm, »dass Joe, wenn er Kunstwerke betrachtete, sie in ihm Stürme von abstrakter mathematischer Wut auslösten!« Er beugte sich vor. »Eines Tages traf ich ihn in der Bibliothek beim Musikhören. Ich ging zu ihm, um Hallo zu sagen. Er…!« Paulus schüttelte den Kopf, kaum imstande, das zu unterdrücken, was Laura für Zorn hielt. »Die Musik hat es ausgelöst, ich wusste es einfach. Er fing an zu reden und hörte nicht wieder auf! Er baute einen funkelnden Turm aus 36
Logik, und jede Schlussfolgerung bildete die nahtlose Prämisse für das nächste Argument! Er redete eine halbe Stunde, pausenlos. Symbole, Beweise, Gedanken, die so brutal unangreifbar waren, dass…!« Laura war bestürzt. Paulus hatte sich halb von seinem Stuhl erhoben und presste die Hände auf seinen Schreibtisch. »Wenn ich ihn nur zurückhaben könnte.« Er sank wieder auf seinen Stuhl, verausgabt. Erschöpft. »Wenn ich auch nur die Hälfte dessen hätte aufschreiben können, was er an jenem Nachmittag in der Bibliothek gesagt hat. Gott, ich würde alles darum geben…« Paulus’ Gesicht war jetzt unter seinen Händen vergraben. Das Büro war still und Laura zögerte, bevor sie die Stille unterbrach. »Was hat er gesagt?« Paulus streckte die Hände aus, wie ein Bittsteller mit den Handflächen nach oben. »Ich weiß es nicht.« Sein Kopf neigte sich von einer Seite zur anderen. »Das – das ist ja das Problem. Ich weiß es einfach nicht!« Nach einer respektvollen Pause verabschiedete Laura sich von ihm. Doch an der Tür blieb sie stehen und drehte sich noch einmal zu ihm um. »Wie lautete sein Beweis für Descartes’ Argument? Wie hat er ›ich denke‹ mit ›also bin ich‹ verknüpft?« Paulus hatte sich nicht bewegt, seit sie aufgestanden war. Er schien zu erschöpft und antwortete mit lethargischer Stimme: »Joe glaubte, dass jeder Mensch eine Welt für sich ist. Was ein Mensch erlebt, kann unmöglich dasselbe sein, was ein anderer Mensch erlebt. Deshalb ersinnen und erschaffen sich alle denkenden Wesen ihre eigene Welt, ihr eigenes Universum. Eine ›virtuelle Welt‹ hat er sie einmal genannt. Ja! Eine virtuelle Welt.« Paulus wirkte erfreut, von der Erinnerung an die Worte wiederbelebt. »Ich habe ihn später danach gefragt, aber er wollte nie wieder darüber sprechen. So war er nun einmal. Wenn er etwas durchdachte, dann redete er. Aber sobald er seine Antwort hatte, ging er zu etwas anderem über und ließ uns alle hinter sich zurück.« Er schnaubte laut. »Aber ich glaube, diese Ideen, besonders die über die ›virtuellen Welten‹ der Menschen waren für ihn fast so etwas wie – eine Religion. Verstehen Sie, der Schöpfer jeder dieser ›virtuellen Welten‹ ist für Joe der Gott der Welt, die er erschaffen hat. Etwas in der Art.« 37
»Alles ist relativ«, sagte Laura. »Hüten Sie Ihre Zunge! Joe hasste Relativierungen. Er war voll und ganz ein Absolutist, ein Objektivist. Es gibt nur eine Wahrheit, eine moralische Richtigkeit – nur eine.« »Aber das ist ein Widerspruch.« »Nicht für Joe. Nur wenige Leute sehen die Wahrheit, die Richtigkeit. Diejenigen Leute, deren heterophänomenologische Welten – die Welten in ihrem Kopf – sich substantiell mit der realen, objektiven Wahrheit überlappen. In Ihrer Welt mögen Sie glauben, vollkommen im Recht zu sein, aber trotzdem ist es legitim, Sie an objektiven Standards zu messen. Sie sind immer noch entweder gut oder böse, je nachdem, wie genau die Welt in Ihrem Kopf mit der wahren Wahrheit übereinstimmt.« »Was bedeutet, dass er ein Egomane ist, der sich einbildet, dass er die einzig wahre Wahrheit erkennt«, warf Laura ein. Paulus strafte sie mit einem Blick, der sie veranlasste, ihren Ausrutscher sofort zu bedauern. »Also, Professor Paulus, weshalb haben Sie gesagt, es wäre eine Schande? Dass Gray brillant war, aber dass es eine Schande wäre?« »Nun ja, er hat das Interesse verloren. Er hat den ganzen Lehrplan in zwei Jahren plus den drei Sommern absolviert.« Paulus schüttelte den Kopf. »Wenn er nur dabei geblieben wäre. Wenn er nur – etwas niedergeschrieben hätte.« »Also war er nach zwei Jahren graduiert? Mit fünfzehn?« Paulus nickte. »Und was tat er danach?« Paulus reckte den Daumen in Richtung Fenster. »MIT«, sagte er, als wollte er seine Enttäuschung erklären. »Die größte Vergeudung menschlichen Talents, die mir je vorgekommen ist!«, fauchte Professor Petry. Laura saß in dem geräumigen Büros des Dekans der Mathematischen Fakultät des Massachusetts Institute of Technology. Sie sah zu, wie der Mann, der sich gerade erst auf seinem Stuhl niedergelassen hatte, wieder aufstand und hinter seinem Schreibtisch herumwanderte. »Konnte einfach nicht dabei bleiben. Musste unbedingt an die Wall Street und Geld machen.« Sein Mund war zu einem Ausdruck der Verachtung verzogen. »Vor ein paar Jahren habe ich ihm geschrieben, bevor er sich mit all diesem Fernseh-Blödsinn beschäftigte. Ich habe ihm 38
gesagt, ich würde seine Dissertation einreichen und ihm seine Doktorate verschaffen, wenn er das verdammte Ding nur schreiben würde.« »Doktorate?«, fragte Laura. »Plural?« »Ja!« Er warf seinen Bleistift auf den Schreibtisch. »Ich habe mit den Leitern der Abteilungen Ingenieurwesen und Computertechnik gesprochen. Sie waren mit einem interdisziplinären Projekt nach Josephs Wahl einverstanden, aber…« »Sie meinen, er hätte Doktorate in Mathematik, Ingenieurwesen und Computertechnik verdient – bis hin zur Dissertation? Nachdem er in Philosophie promoviert hatte?« Er nickte, dann seufzte er. »Die größte Vergeudung, die mir je begegnet ist.« »Weshalb ist es eine solche Vergeudung?«, erwiderte Laura unwillkürlich, dann senkte sie die Stimme. »Ich meine« – sie streckte die Hände aus und stieß einen Luftschwall aus, der weder ein Seufzer noch ein Auflachen war – »auf diese Weise ist ihm das akademische Hickhack erspart geblieben. Schließlich gibt es im Leben noch andere Dinge.« Der streng wirkende Mann musterte sie mit hochgezogenen Brauen. »Andere als…«, begann sie lahm, dann verstummte sie und wendete den Blick ab. »Hat er – Ihren Brief beantwortet?« Petry schnaubte und holte aus einer kleinen Schublade ein einzelnes Blatt Papier heraus. Es schien der einzige Inhalt der Schublade zu sein. Er betrachtete es, dann las er: »Leider bin ich anderweitig beschäftigt. Danke für Ihr freundliches Angebot.« »Darf ich den Brief sehen?«, fragte sie, und er reichte ihn ihr, ihn nur an den Rändern vorsichtig mit den Fingerspitzen anfassend. Der kurze Text stand unter dem kühnen Briefkopf JG. Darunter befand sich Grays Unterschrift mit ihren schwungvollen Federstrichen in schwarzer Tinte. Sie gab ihm den Brief zurück und dankte ihm. Bereits an der Tür, hörte sie: »Übrigens, weshalb stellen Sie all diese Fragen? Versucht er, Sie auch zu engagieren?« Laura drehte sich um und hob den Kopf. »Ja, also… das tut er tatsächlich. Wie sind Sie darauf gekommen?« Er nickte, und Laura hatte das Gefühl, dass er sie jetzt mit anderen Au39
gen betrachtete. »Er hat uns seit Jahren geschröpft – uns und die Leute in Palo Alto. Sie sagten, Sie kommen von der Psychologischen Fakultät?« Er stand neben seinem Schreibtisch und hielt immer noch Grays Brief mit beiden Händen. Laura nickte. »Also, was immer er da unten zusammenbraut, es muss etwas Großes sein. Er hat allein aus dieser Fakultät an die zwei Dutzend Spitzenleute engagiert.« »Wie arbeitet es sich für ihn?« Petry zuckte die Schultern. »Ich weiß es nicht.« »Ich meine, was sagen die Leute, die dort unten waren?« »Ich weiß es nicht. Bisher ist niemand zurückgekommen. Jedenfalls meines Wissens nicht.« Laura verspürte einen leichten Schauder. »Oh, erzählen Sie ihm, dass Sie Fermats letztes Theorem geknackt haben, bevor er es getan hat, aber da sind immer noch Riemans Hypothese und das Langlands-Programm, falls er einen Ausflug in die Geschichte machen will. Das gäbe uns eine Chance, diese unerträglichen Leute von der algebraischen Geometrie auf ihre Plätze zu verweisen.« »Wie bitte?« »Sagen Sie Joseph, dass Princeton es vor uns geschafft hat. Wenn er für die Mathematik nur so viel Interesse aufgebracht hätte wie für das Anschauen von Footballspielen…« Petry schüttelte abermals den Kopf. »Hat Gray an der Lösung von Fermats Theorem gearbeitet, als er hier war?« Petry lachte. »Er hat gesagt, das brauchte er nicht. Sagte, er hätte nicht nur das Theorem, sondern einen endgültigen Beweis für die gesamte Taniyama-Konjektur.« Er schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn. »Er hat mir diesen Beweis versprochen. Ich warte immer noch darauf.« »Nun, ich werde es ihm sagen, wenn ich ihn sehe, aber ich weiß noch nicht, ob ich sein Angebot annehme.« »Oh«, sagte Petry laut, »Sie werden es annehmen. Sie werden es ganz bestimmt annehmen. Ich weiß nicht, wer Sie sind und was Sie tun, aber wenn Gray mit Ihnen zusammenarbeiten will, dann müssen Sie etwas zu bieten haben.« »Wie meinen Sie das?« »Ich meine damit, dass er nur die Besten engagiert.« Er musterte sie. 40
Versuchte offenbar herauszufinden, was Grays Interesse erregt hatte. »Nur die Allerbesten und Intelligentesten.« Die Worte hallten in Lauras Kopf nach, als sie zum Campus von Harvard zurückwanderte. Worte, von denen sie geträumt hatte, dass sie sie eines Tages von irgendjemandem hören würde. Nur die Allerbesten und Intelligentesten. »Dr. Aldridge?« Laura blieb stehen, drehte sich um und sah zwei Männer in Anzügen und mit Sonnenbrillen, die auf sie zukamen. »Ja?«, erwiderte sie sehr zurückhaltend. Sie zogen Ausweismarken aus ihren Jacketts. »FBI, Madam. Dürfen wir kurz mit Ihnen sprechen?« »Worüber?«, fragte Laura und drückte dabei unwillkürlich ihre Gürteltasche an den Bauch. Sie versuchte, sich zu entspannen – einen weniger defensiven Eindruck zu erwecken. Sie blieben unmittelbar vor ihr stehen. »Wir würden uns lieber nicht hier mit Ihnen unterhalten. Hätten Sie etwas dagegen, mit uns in die Innenstadt zu fahren?« Der Mann deutete auf die offen stehende Tür eines am Bordstein parkenden Wagens. »Ja, ich glaube, ich hätte etwas dagegen.« Sie standen ungerührt da, offensichtlich durchaus nicht beleidigt. »Habe ich etwas verbrochen?« »Nein, Madam. Wir möchten nur mit Ihnen reden.« »Na schön – reden Sie«, sagte Laura schulterzuckend und ohne sich von der Stelle zu rühren. Studenten strömten an ihnen vorbei und registrierten das merkwürdige Bild. Die Vorlesungen waren gerade beendet, und die vielen jungen Leute beruhigten sie. »Könnten wir dort hinübergehen?«, fragte einer der Männer. Sie folgte ihnen zum Sockel einer Statue, die direkt am Rande des Weges stand. Die beiden Männer mit den Sonnenbrillen schien das grelle Licht nicht zu stören, aber Laura trat in den Schatten der Statue. »Uns ist bekannt, dass ein Mr Joseph Gray Ihnen eine Anstellung angeboten hat.« Es war im Grunde keine Frage. Es hörte sich eher wie eine Beschuldigung an. 41
»Keine Anstellung. Ich würde als unabhängige Beraterin fungieren. Und außerdem – woher wissen Sie das und was geht es Sie an? Ist es illegal, eine Beraterin anzuheuern?« »Nein, Madam.« Die beiden Männer sahen einander an. »Was wissen Sie über Mr Gray?« »Ich bin ihm noch nicht begegnet. Ich habe erst heute Morgen sein Angebot erhalten. Weshalb sagen Sie mir nicht, worauf Sie aus sind?« »Wir sind auf gar nichts aus, Madam. Wir wollten Ihnen nur ein paar Fragen stellen.« Laura wartete. »Kennen Sie einen Dr. William Krantz?« Laura überlegte. Sie erinnerte sich, dass er Physik studiert und sich bei einem Footballspiel gegen die Psychologen einen Finger gebrochen hatte. Laura nickte. »Ja, ich glaube, ich kenne Dr. Krantz. Warum?« Einer der Agenten machte sich Notizen. »Sie arbeiten in der Psychologischen Abteilung von Harvard, ist das richtig?« »Ja.« »Und Sie haben nichts mit hochenergetischer Physik zu tun?« Laura lachte. »Würden Sie mir freundlicherweise sagen, was das alles soll?« »Das dürfen wir leider nicht, aber wir brauchen Ihre Hilfe.« »Und welche Art von Hilfe brauchen Sie?« »Wir beschäftigen uns schon seit geraumer Zeit mit Mr Grays Vorhaben. Wir haben Gründe zu der Annahme, dass… nun ja, dass die Dinge dort eine kritische Phase erreicht haben.« »Was hat eine kritische Phase erreicht? Und welche Vorhaben meinen Sie?« Sie sahen einander an, dann gaben sie Laura eine Karte, auf der eine Telefonnummer mit der Vorwahl von Washington stand. »Das ist eine Nummer, die Sie jederzeit anrufen können, vierundzwanzig Stunden am Tag, falls Sie etwas sehen sollten, das Ihnen – verdächtig vorkommt.« »Was meinen Sie mit ›verdächtig‹? Was, glauben Sie, geht da unten vor sich?« Es folgte eine lange Pause. Die beiden Männer musterten sie. Endlich sagte der größere von ihnen: »Das wissen wir nicht.« 42
Nachdem die beiden Agenten verschwunden waren, lehnte sich Laura an den kühlen Sockel der Statue. Die Plakette der Statue befand sich direkt neben ihren Füßen. »Galileo Galilei. 1564 -1642.« Jonathan folgte Laura in ihr Büro und ließ sich, wie schon so oft zuvor, auf ihr Sofa sinken. Laura warf ihre Gürteltasche auf den Schreibtisch und sackte auf ihrem Stuhl zusammen. Jonathan beugte sich vor und wartete begierig auf die Fortsetzung des Dramas dieses heutigen Tages. »Also?«, fragte er. »Was wirst du tun?« »Ich werde verfolgt«, sagte Laura, stand auf und trat ans Fenster, um hinauszuschauen. Sie konnte niemanden entdecken, der unten herumlungerte, aber natürlich würden sie sich nicht sehen lassen. Sie waren Profis. »Und außerdem glaube ich, dass sie in meinen privaten Unterlagen bei meiner Bank und in meinem Videoladen herumschnüffeln.« Sie drehte sich um und sah, dass Jonathan sie anstarrte. »Was ist?«, wollte Laura wissen. »Das einzige, was mir dazu einfällt, ist ›Arzt, heile dich selbst‹.« »Es ist keine Paranoia!«, fauchte Laura, zog die Karte aus der Tasche und warf sie ihm zu. »Das FBI hat mich angehalten und wir hatten ein kleines Gespräch über Gray.« Jonathan betrachtete die Karte und gab sie ihr dann zurück. »Und dabei hätte man annehmen sollen, nach Watergate hätten sie ihre Lektion gelernt. Sie sind in deinen Videoladen eingebrochen, sagst du?« Laura stöhnte mit zusammengebissenen Zähnen und ließ sich wieder auf ihren Stuhl sinken. »Also, was wirst du tun?« »Ich habe keine Ahnung.« Sie sah ihn an. »Jonathan, ich weiß einfach nicht, ob der Mann ein vom Establishment verfolgter exzentrischer Außenseiter ist oder der personifizierte Antichrist!« Jonathan hatte eine Zeitschrift zur Hand genommen, in der er geistesabwesend blätterte. »Ich habe einen Burschen angerufen, den ich voriges Jahr bei dieser Neurologentagung in Chicago kennenlernte. Er hatte mir in Chicago erzählt, dass er vor Jahren hier zusammen mit Gray Philosophie studiert hat. Sagte, Gray sei ein stiller Junge gewesen.« 43
Laura wartete, aber Jonathan blätterte nur die Seiten um. »Und das ist deine große Neuigkeit?« »Das war, was er damals gesagt hat. Aber jetzt habe ich ihn heute Nachmittag angerufen und gründlich ausgefragt.« Wieder wartete Laura. Jonathan leckte seinen Zeigefinger an und blätterte eine weitere Seite um. »Herrgott, Jonathan!« Er warf die Zeitschrift auf den Beistelltisch. »Seine Theorie ist, dass Gray ihn vielleicht verliert.« »Dass er was verliert?« »Also, wie kann ich mich höflich in Hinblick auf deinen künftigen Boss ausdrücken?« Jonathan schaute nachdenklich drein. »Er glaubt, dass Gray vielleicht den Verstand verliert – total wahnsinnig wird.« Laura starrte ihn an, sagte aber nichts. »Extrem antisoziales Verhalten. An der Grenze zur Misanthropie. Er hält ihn für einen klassischen Fall. Als Wunderkind erlebt er eine ziemlich bizarre Kindheit. Er hat mit Gleichaltrigen nichts gemein und entwickelt sich zu einem Einzelgänger. Als er heranwächst, ist er nicht länger die brillante Ausnahme. Andere Intellekte ziehen mit ihm gleich und übertreffen sein eigenes Begriffsvermögen. Er sondert sich ab. Fängt an, die Menschheit zu hassen. Später kauft er Inseln im Südpazifik, ausgerechnet. Lässt Fingernägel und Haare lang wachsen. Obsessivkompulsives Händewaschen und Angst vor Krankheitskeimen. Sauerstoffzelte, um seine Lebensdauer zu verlängern. Und so weiter und so weiter.« Laura nickte langsam. »Dieser ›Freund‹ von dir hat Gray seit dem Studium nicht mehr gesehen, stimmt’s?«, fragte sie. »Er weiß nicht das Geringste von ihm.« »Es war ja nur eine Theorie«, sagte Jonathan. »Aber eines weiß er.« Laura unterdrückte ein Auflachen. »Erzähl mir nicht, dass Gray schwul ist.« »Nein. Es wird dich freuen zu erfahren, dass er ein normaler Mann ist. Ich habe extra danach gefragt.« »Also weiß dein Freund zweierlei.« Jonathan grinste, aber zu Lauras Überraschung kam keine schnoddrige Erwiderung. »Er hat seine Eltern bei einem Autounfall verloren, als er zwölf war. Keine Brüder, keine Schwestern, keine Tanten und Onkel, 44
keine Vettern. Sein Englischlehrer an der High School hat ihn für ein Jahr, bis er sein Stipendium für Harvard bekam, bei sich aufgenommen. Einmal hat mein Bekannter aus Chicago eine Nachtschicht eingelegt, um für ein Examen zu büffeln. Als die Bibliothek geschlossen wurde, kehrte er in sein Studentenheim zurück. In Grays Zimmer im Erdgeschoss brannte Licht, wie üblich. Gray schlief anscheinend nie, sondern las immer die ganze Nacht. Nur diesmal nicht. Also trat mein Freund an Grays Fenster und schaute hinein. Offenbar saß Gray, um drei Uhr in der Nacht, ganz alleine da und starrte die Wand an.« Jonathan schwieg einen Moment. »Einige Stunden vorher hatte ihm die Fakultät eine Torte geschenkt. Es war sein sechzehnter Geburtstag.«
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2. KAPITEL Die schwere, feuchte Luft des Südpazifiks traf Laura wie ein Schlag, als sie an der Tür des Flugzeugs stand. Auf der Rollbahn warteten ein paar Jets, Propellermaschinen und Hubschrauber, aber Menschen waren nirgendwo zu sehen. Der einsame Flugbegleiter verwies Laura auf ein kleines Gebäude, das am Fuße eines üppig grünen Berges stand; dann warnte er sie: »Kommen Sie dem Rumpf der Maschine nicht zu nahe. Er ist immer noch heiß.« Der Überschall-Firmenjet hatte für die Strecke von Boston bis hierher nur sechs Stunden gebraucht. Laura stieg die Stufen zum Beton hinunter, während der Pilot die Triebwerke abschaltete. Ein tiefes und fernes Dröhnen, das sich anhörte, als würde ein schwerer Stoff zerrissen, übertönte das ersterbende Winseln der Motoren. Oberhalb des üppig grünen Berges, der in der Mitte der Insel aufragte, erschien ein grelles Feuer am Himmel. Laura hob eine Hand, um ihre Augen abzuschirmen und sah, dass es der gleißende Triebwerkstrahl einer kantigen, flachseitigen Rakete war. Die Rakete hatte eine stumpfe Nase und eine Landevorrichtung, die gerade in den Rumpf eingefahren wurde. Laura blieb stehen und beobachtete, wie sie durch die dünne Wolkenschicht aufstieg und auf ihrem Weg in den Weltraum am Himmel hochzog. Als die Rakete außer Sicht war, setzte sie ihren Weg zum Terminal fort. »Willkommen bei den Südpazifik-Anlagen der Gray Corporation« stand auf einem großen, einladenden Schild über dem Eingang des Gebäudes. »Unbefugte werden festgenommen«, warnte ein kleineres Schild darunter. Den Hauptteil des großen Schildes füllte das Logo der Gray Corporation aus. Als sich Laura dem Gebäude näherte, konnte sie den Blick nicht von diesem Logo abwenden. Es hatte ungefähr die Form eines menschlichen Kopfes. Das Firmenemblem – überall auf der Welt bekannt – baute sich aus breiten, diagonalen Streifen in Grau auf, deren Tönung von Blaugrau bis Schiefer abgestuft war. Es war diese Abstufung der Farbtöne, die bewirkte, dass das Logo einem menschlichen Kopf ähnelte. Alles in allem 46
ein High-tech-Design, futuristisch in seiner Vielfalt subtiler Schattierungen und in seiner Form, aber Laura wusste nicht recht, was sie auf diesen Gedanken brachte. Wenn man es aus der Nähe betrachtete, verschwand der Effekt, und zurück blieb nur ungefähr ein Dutzend diagonaler Linien in leicht unterschiedlichen Farbtönen. Laura schüttelte den Kopf; sie begriff, dass der Flug sie etwas durcheinander gebracht hatte. Sie hatte fast die ganze Zeit geschlafen und war erst aufgewacht, als das Fahrwerk des Jets aufsetzte. Sie wusste, dass sie in ihrem augenblicklichen, leicht benommenen Zustand sogar wie gebannt auf ein simples Straßenschild gestarrt hätte. Ein Mann kam aus dem Gebäude. Nach einem kurzen Aufflackern von Vorfreude verspürte Laura eine Spur von Enttäuschung. Es war nicht der, den sie erwartet hatte. »Hallo, Dr. Aldridge«, sagte der junge Mann und nahm ihr den Koffer ab. Die in den Terminal hineinführende Tür öffnete sich automatisch. Drinnen gab es anstelle von Schaltern und Reihen von Sitzgelegenheiten lediglich eine weiße Fahrstraße mit hohen Bordsteinen, die mitten durch das Gebäude hindurchführte. Auf dieser Straße stand ein merkwürdiges Fahrzeug, dessen beide Türen an Lauras Seite sich wie die Flügel eines großen Vogels in die Luft erhoben hatten. Der Mann schob ihren Koffer durch die hintere Tür in das Fahrzeug. Der Fahrgastraum enthielt vier Sitze, die von klarem Plexiglas umgeben waren. Alle Sitze sahen gleich aus. Es gab keine Steuervorrichtungen für einen Fahrer. Der Mann stand neben der offenen Vordertür. Nach einem Moment des Schweigens sagte er: »Dieser Wagen bringt Sie zu Mr Grays Haus.« Laura zögerte. »Keine Sorge«, versicherte er. »Er bewegt sich vollautomatisch. Sie brauchen sich nur hinzusetzen. Die Fahrt bis hinauf auf den Berg dauert ungefähr eine Viertelstunde.« Laura stieg in den Wagen und ließ sich auf dem vorderen Sitz nieder. Sie war überrascht, als die Türen sich automatisch schlossen, mit einem leisen Luftzischen, das der absoluten Stille der hermetisch abgeschlossenen Kabine vorausging. Der Mann winkte von seinem Standort neben der Fahrstraße. 47
Dann kam ein dünner Ton, und auf der Konsole vor ihr erschienen in Rot die Worte: »Bitte anschnallen.« Sobald Laura den Sicherheitsgurt angelegt hatte, setzte sich der Wagen in Bewegung, und die Tür am Ende des Gebäudes hob sich. Als der Wagen allmählich beschleunigte, verkrampfte sie sich und umklammerte mit beiden Händen die Armlehnen ihres Sitzes. Auf der Straße vor ihr waren keine Schienen, und ihre erhöhten Begrenzungskanten waren auch nicht mit Gummi verkleidet. Die vier Räder des Wagens wurden offensichtlich nicht von derartigen mechanischen Vorrichtungen behindert. Das Summen des Elektromotors nahm stetig an Lautstärke zu, als der Wagen das Gebäude verließ und in den grellen Sonnenschein hinausrollte. Laura war überrascht und bestürzt, weil er ständig weiter beschleunigte. Sie konnte es, als der Wagen die Anhöhe neben dem Flugplatz hinauffuhr, auch daran spüren, dass sie in ihren Sitz gedrückt wurde. Je mehr die Geschwindigkeit wuchs, desto fester umklammerte sie die Armlehnen; sie verkrampfte sich immer mehr und kauerte starr vor Angst auf ihrem Sitz. Die Straße vor ihr beschrieb eine sanfte Kurve und war an der Außenseite leicht überhöht. Im Gegensatz zu normalen Straßen gab es hier keine Kreuzungen und Ampeln – nur Abzweigungen. Obwohl die Straße breit genug war, dass zwei Wagen aneinander vorbeifahren konnten, gab es auf der glatten Strecke keinerlei Markierungen, und der unsichtbare Fahrer unternahm allem Anschein nach keinerlei Versuche, innerhalb imaginärer Linien zu bleiben. Als der Wagen in eine besonders scharfe Abzweigung einbog, setzte Lauras Herz einen Moment lang aus, weil sie einen Überschlag befürchtete. Aber ihre Fahrt den Berg hinauf ging ohne irgendwelche Zwischenfälle weiter. Nur langsam, ganz allmählich lockerte Laura ihren Griff um die Armlehnen. Der Wagen musste auf ungefähr hundert Stundenkilometer beschleunigt haben, bevor er ein gleichbleibendes Tempo hielt. Die Szenerie flog vorüber, eine Kehre nach der anderen umkurvte der Wagen, von denen jede weiter auf den Berg hinaufführte. In Lauras Ohren knackte es, und sie holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Die Bemühung zahlte sich aus, und ihre Aufmerksamkeit verlagerte sich allmählich von den Gefah48
ren, die sie sich auf der Straße vor ihr vorstellte, auf die Szenerie, die an den Fenstern des Wagens vorüberglitt. Mehrmals konnte sie in einiger Entfernung irgendwelche Gebäude ausmachen, bevor diese wieder hinter dichtem Blätterwerk verschwanden. Durch schmale Lücken im Gestrüpp hindurch sah sie riesige weiße Kugeln, die aussahen wie an Beton verankerte Ballons aus Stahl, in die Landschaft emporragen. Einige waren halb mit Eis überzogen und stießen dünne Schwaden von Wasserdampf aus, aber keine trug eine Aufschrift, die auf ihren Inhalt hätte hinweisen können. Diese Schnappschüsse von Grays Arbeit vermittelten Laura zwei Grundeindrücke – das Gefühl, dass alles auf Grays Insel neu war und dass alles einem industriellen Zweck diente. Bei der Fahrt den steilen Berg hinauf führte die Straße häufig an der Flanke eines Hügels entlang oder über die Kuppe einer Anhöhe hinweg. Dabei wurden große Teile der Insel sichtbar. Ein anscheinend undurchdringlicher Dschungel erstreckte sich über weite Flächen und verlieh dem Eiland eine wildes und ursprüngliches Aussehen – ein auffälliger Kontrast zu dem Terrain, das an den Fenstern ihres Wagens vorüberglitt und das irgendwie gezähmt wirkte. Dichter Dschungel säumte die hohen Bordsteine der Straße an der einen Seite und bildete neben dem gepflasterten Fußweg an der anderen Seite eine undurchdringliche Wand. Aber die dichte Inselflora war säuberlich in Schach gehalten worden – überall dort gestutzt, getrimmt und zurückgeschlagen, wo sie die Arterien menschlicher Unternehmungen bedrohte. Sie drängte vor, gierte nach den sonnigen Stellen, die in ihrem üppigen Reich freigelegt worden waren, hatte sich aber – widerstrebend – dem Willen eines anderen gebeugt, dem Willen von Joseph Gray. Die Straße beschrieb durch den Sattel zwischen zwei kleinen Hügeln hindurch eine sanfte Kurve, und Laura erhielt hoch oben auf dem Gipfel des Berges den ersten Hinweis darauf, dass nicht alles das Werk der Gray Corporation war. Ein Gebäude, das aussah wie ein Ferienhotel, klammerte sich an die konkave Flanke einer großen Klippe. Der Blick von den Baikonen und durch die gläsernen Wände auf den Dschungel tief darunter musste wirklich beeindruckend sein. Der Wagen überquerte eine weitere Kuppe. Sein Motor summte in einem 49
tieferen Ton, weil jetzt eine steilere Phase des Aufstiegs begann. Von ihrem neuen und höheren Blickpunkt aus konnte Laura eine Ansammlung von kleineren und größeren Gebäuden an der Basis der Flanke des großen Berges erkennen. Die Siedlung war halb unter dicken Bäumen und grünen Sträuchern begraben, die in der fruchtbaren Erde der Insel kraftvoll zu wachsen schienen. Wo ihre Straßen endeten, übernahm wieder der allgegenwärtige dunkle Dschungel die Herrschaft. Aber als die Anhöhe, die ihr die Sicht auf das Terrain unten genommen hatte, in die Ferne zurückwich, sah Laura, dass die Natur abermals der Hand des Menschen hatte weichen müssen. Dort, wo sich eigentlich ununterbrochen das dichte Pflanzengewirr hätte erstrecken müssen, erschien stattdessen die säuberliche Kante eines völlig flachen, grünen Rasens. Lauras Atem stockte. Hinter der Anhöhe, die ihr bis jetzt die Sicht verwehrt hatte, erhob sich ein massiges weißes Gebilde. Wie ein am Horizont aufsteigender Mond ließ das riesige Gebäude alles andere in Sichtweite geradezu winzig erscheinen. Es erstreckte sich über ein leeres Feld, ungefähr fünfzehn oder zwanzig Stockwerke hoch, ohne irgendwelche Fenster oder Türen. Atemberaubend in seinen Ausmaßen, war es ganz offensichtlich der zentrale Punkt aller Anlagen auf der Insel. Der Wagen näherte sich dem Gipfel des Berges, der sich um eine Steilwand mit dichter Vegetation herumzog. Jetzt konnte sie die ganze Insel überblicken. Hinter dem riesigen Gebäude unten fächerte sich eine breite braune Straße auf und führte durch den dichten Dschungel zu drei betonierten Raketen-Startrampen direkt am Ufer. Die Rampen lagen auf den Spitzen kleiner Landvorsprünge, die wie drei Finger aus der Insel herausragten. Auf der Rampe ganz rechts stand eine kantige, stumpfnasige Rakete wie die, deren Start Laura vor nur wenigen Minuten beobachtet hatte. Von der leeren Startrampe in der Mitte driftete noch jetzt weißer Rauch oder Dampf langsam in die Luft. Die Rampe ganz links lag, im Gegensatz zu den anderen, relativ nahe bei dem riesigen Gebäude. Auch sie war leer; ihr Versorgungsturm hielt einsam Wache und wartete auf die Rückkehr seines Schützlings. Jenseits der drei Startrampen gab es nur das ruhige Grün stiller Strande, das donnernde Weiß der Brandung gegen die Riffe der Insel und das gren50
zenlose Blau der tiefen See, die Grays Königreich umgab. Hier war man isoliert, fern von allem, losgelöst. Trotz der Höhe, die der Wagen erreicht hatte, waren keine anderen Inseln zu sehen. Und diese war ein kleiner grüner Punkt in einem ungeheuer großen blauen Teich. Das Meer, dachte Laura, als sie in die Ferne schaute, diente als Burggraben. Es hielt Grays Geheimnisse drinnen und seine Feinde draußen. Jetzt rollte der Wagen in tintenschwarze Dunkelheit, und Laura keuchte vor Angst. Er schoss durch einen Tunnel, in dem trübe Lampen am Rand eines mit einem Geländer gesicherten Fußwegs die einzige Beleuchtung bildeten, bis er eine Kurve beschrieb und in die Sonne zurückkehrte. Es dauerte einen Moment, bis Lauras Augen sich angepasst und sie begriffen hatte, dass der Wagen bremste. Zu ihrer Rechten kam hinter einer mit Efeu bewachsenen Steinmauer ein prachtvolles Gebäude in Sicht. Der Wagen verlangsamte bis auf Schritttempo und bog durch ein offenstehendes Eisentor ab. Vor Laura lag ein großer, mit Kopfsteinen gepflasterter und an drei Seiten von den verputzten Mauern des großen Hauses begrenzter Hof. Beiderseits des Eingangs brannten einladend zwei große Gaslaternen, und von den Plastiken eines riesigen, wunderschönen Springbrunnens im Zentrum des Hofes stürzten Wasserkaskaden herab. Gepflegte Rabatten mit leuchtend bunten Blumen umgaben den Springbrunnen. Die Straße mit den erhöhten Bordsteinen führte durch dies alles hindurch und bildete dann eine um den Springbrunnen herumführende tränenförmige Schleife aus weißem Beton. Vor der Vorderfront des Gebäudes hielt der Wagen, und eine Frau in Jeans und einem kurzärmeligen T-Shirt kam die Stufen herunter. Die Türen öffneten sich automatisch mit einem leisen Zischen. »Dr. Aldridge, nehme ich an«, sagte die Frau – jetzt an der Bordsteinkante – fröhlich. »Hallo«, erwiderte Laura und stieg aus in die erstaunlich frische Bergluft. »Ich heiße Janet Baldwin«, erklärte die Frau mit einem deutlichen australischen Akzent. »Ich stehe Mr Grays Haushalt vor.« Laura reichte ihr die Hand und versuchte dabei ein Lächeln zu unterdrü51
cken angesichts der Begegnung mit der ersten Person aus – wie sie vermutete – einer ganzen Horde von Leuten, die sich einzig um die Bedürfnisse des einsiedlerischen Milliardärs kümmerten. »Ich nehme an, das hört sich für Sie ein bisschen merkwürdig an«, sagte Janet freundlich. Lächeln schien für sie etwas ganz Natürliches zu sein. Sie hatte sandfarbenes Haar, eine gebräunte Haut voller Sommersprossen und schien ungefähr Mitte vierzig zu sein. »Aber keine Sorge. Wir halten hier nicht viel von Formalitäten.« Laura sah, wie Janet einen Blick auf das ausgefranste Knie ihrer Jeans warf, bevor sie kehrtmachte und ihr die Eingangsstufen des Hauses hinauf voranging. Laura hob verstohlen ihr eigenes Knie an, um schnell das Ausmaß ihrer Anpassungsfähigkeit zu checken, dann trat sie unter einem mit Steinbildhauerei reich verzierten Portikus neben Janet. Ein Mann in einem weißen Jackett eilte die Stufen hinunter, um Janets Koffer aus dem Wagen zu holen, und Laura drehte sich noch einmal zum Hof um. Als der Mann ihren Koffer herausgeholt hatte, schlossen sich die Türen des Wagens und er setzte sich in Bewegung, umrundete den Springbrunnen und fuhr dann auf seiner Straße davon – fahrerlos. »Das«, sagte Laura, nickend und eine Hand ausstreckend, »ist wirklich beeindruckend.« »Was? Der Wagen?«, fragte Janet. »Daran sieht man, dass Sie eben erst angekommen sind.« Sie machte kehrt und führte Laura durch die hohe Doppeltür aus facettiertem Glas. Lauras Kinn sackte herab, als sie das Haus betrat. Praktisch jeder Quadratzentimeter der Wände war mit Gemälden in unterschiedlichen Formen und Formaten bedeckt. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als sie auf mehreren die impressionistische Pinselführung großer Meister entdeckte. In Grays Haus, dachte sie, waren das bestimmt keine Kopien. An beiden Wänden führte eine geschwungene Treppe hoch hinauf in den ersten Stock. Unterhalb der Treppe gewährte ein breiter Korridor Zugang zum Rest des Erdgeschosses. Laura stand da und gaffte wie eine Touristin. Der auf Hochglanz polierte Parkettboden wies Einlagen aus dunklem Marmor in Mustern von verschiedener Größe und Vielfalt auf. Die Decke über ihr war mindestens 52
zwölf Meter hoch. Von ihrer Mitte hing ein prachtvoller Kristallleuchter herab. Das Gefühl, das Laura angesichts der Größe des Eingangsbereichs hatte, glich dem, das sie beim Betreten einer großen Rotunde empfunden hatte. Dieses Gefühl war so stark, dass sie, als sie Janet über das Parkett folgte, die Marmorintarsien musterte, um zu sehen, ob sie vielleicht eine Karte der fünfzig Bundesstaaten bildeten oder vielleicht auch der Inselkette, zu der Grays Eiland gehörte. Aber die Intarsien wiesen kein derartiges Muster auf. »Sie sollen während Ihres Besuchs hier in Mr Grays Haus wohnen«, sagte Janet, während sie Laura zur Treppe führte. »Wobei ich annehme, dass Sie mit Ihrer Unterkunft zufrieden sein werden.« Lauras Staunen verwandelte sich in ein nervöses Kichern, als ihr Blick über die Werke von Renoir und Matisse und anderen schweifte, deren Signaturen ihr unbekannt waren. »Ich glaube, Sie joggen gerne.« Laura war nicht klar, ob ihre Führerin das sagte oder fragte. »Ja, das tue ich.« Janet hatte das wohl, dachte Laura, augrund ihrer Nylon-Laufschuhe vermutet, die auf dem polierten Boden laut quietschten. Laura war erleichtert, als sie endlich Marmor und Hartholz hinter sich hatten und auf den Orientteppich traten, der mit funkelnden Messingstangen fest auf den Treppenstufen befestigt war. »Sie werden feststellen, dass neben den meisten Straßen ein Fußweg verläuft. Die Luft ist ein bisschen dünner hier oben – wir sind fast fünfzehnhundert Meter hoch –, aber sie ist auch ein wenig kühler. Unten im Dorf ist es wesentlich feuchter und heißer.« »Im Dorf?«, fragte Laura, abermals belustigt lächelnd. Der Herr, der auf dem Gipfel des Berges in seiner Burg lebte. Und das Dorf darunter. »So nennen wir den Ort, an dem die Angestellten und ihre Angehörigen wohnen. Er hat ungefähr fünftausend Einwohner, und Anfang des Jahres haben sie ein Preisausschreiben veranstaltet, um ihm einen Namen zu geben. ›Workers‹ Paradise’ war, glaube ich, der Sieger, aber die Bezeichnung hat sich nicht durchgesetzt.« Sie hatten das Ende der Treppe erreicht und schritten einen kurzen Flur 53
entlang, dessen Decke gewölbt und von weichem, indirektem Licht beleuchtet wurde. Überall war die Ausstattung des Hauses erlesen – man hatte keine Kosten gescheut. Aber warum auch?, dachte Laura, wobei sie sich vorstellte, wie der megareiche Gray an sonnigen Sommertagen Eisskulpturen zu seinem Vergnügen bestellte und kubanische Zigarren mit Hundert-Dollar-Scheinen anzündete. Eine Reihe von Glastüren stand offen. Der Flur mündete in einen anderen, der sich links und rechts in einer sanften Kurve außer Sichtweite erstreckte. Das musste das Gebäude sein, das sie auf ihrer Fahrt den Berg hinauf gesehen hatte. Von außen hatte es wie ein Ferienhotel gewirkt. Aber innen sah es aus wie… Also, dergleichen hatte Laura noch nie gesehen. Janet wendete sich nach links, und Laura folgte ihr. Die wenigen Türen, die sie passierten, befanden sich alle an der rechten Seite des Flurs – an der Innenseite des konkaven Ganges. In diesem Teil des Hauses war die Ausstattung zurückhaltender – nur hier und da eine Nische mit einer schwach angestrahlten Statue. Vielleicht mußte Gray ein bißchen sparen, dachte Laura. Steck alles, was du hast, in den Eingangsbereich, und knausere bei den Gästezimmern. Janet blieb vor einer drei Meter hohen Tür stehen, die in einen Raum mit einer vier Meter hohen Kassettendecke führte. Der untere Teil der Wände war mit reich geschnitzter, weiß gestrichener Täfelung bedeckt. Die Tapete darüber war kobaltblau und harmonierte mit dem dunkleren Blauton der schweren, mit Bändern zusammengerafften Vorhänge. Die Sonne strömte durch die Fenster hinter den Vorhängen – die ganze Wand bestand aus von weißer Gaze leicht verhülltem Glas. Laura trat ein und staunte über die Ausmaße des Zimmers. Ein dicker Orientteppich bedeckte den Boden. Er war so groß, dass Laura sich klein und fehl am Platze vorkam. Da waren Bücherschränke mit ledergebundenen Büchern und Tische, auf denen Porzellanfiguren standen. Massive Goldrahmen fassten Ölgemälde ein unter Lampen mit Messingschirmen. Ein Flügel stand unbeachtet in einer Ecke; seine schwarzlackierte, völlig staubfreie Oberfläche reflektierte das Sonnenlicht. »Das ist ihr Wohnzimmer«, sagte Janet und führte sie zu einer offenste54
henden Tür am anderen Ende des Teppichs. Laura folgte Janet an einem antiken Schreibtisch und an Sofas vorbei, die einen Bogen vor einem prasselnden Kaminfeuer bildeten, sowie entlang einer Bar, hinter deren dunklen Holzpaneelen sich, wie Janet erklärte, eine voll eingerichtete Küche befand. Durch die Tür gelangten sie ins Schlafzimmer. Es war geräumig, aber nicht so absurd riesig wie das Wohnzimmer und wirkte deshalb behaglicher. Auf einem breiten Himmelbett türmten sich Stapel von Kissen. Janet zog die Vorhänge auf, und die helle Nachmittagssonne flutete herein. Laura trat an das Fenster, das sich auf ganzer Wandlänge vom Fußboden bis zur Decke erstreckte. Sie holte tief Luft und stieß sie mit einem »Wow!« wieder aus. Das »Dorf« lag, halb unter dem Blätterwerk verborgen, ungefähr anderthalb Kilometer entfernt. Der Dschungel, die offenen grünen Rasenflächen, die Raketenrampen, der schwarze Sandstrand und die Blau- und Grüntöne des Meeres lagen alle direkt unterhalb ihres Schlafzimmers. »Es ist immer wieder schön, das alles mit den Augen von jemandem zu sehen, der gerade erst eingetroffen ist«, sagte Janet. »Ich denke da an den Tag meiner Ankunft. Und an die Träume, die ich über das Leben in diesem Haus hatte.« Laura schaute sich um und bemerkte, dass Janets Miene sich vollständig verändert hatte. »Also«, sagte sie, wieder zum Tonfall eines Führers bei einer Orientierungstour durch Lauras Suite zurückkehrend, »alle Ausblicke befinden sich an dieser Seite des Hauses.« Sie sah weder Laura an, noch genoss sie die Aussicht. »Das Haus selbst ist nämlich aus der Bergflanke herausgearbeitet worden.« Jener besondere Augenblick – was immer ihn ausgemacht hatte – war verflogen, und Laura drehte sich wieder um und blickte hinaus auf Grays Insel. Im Zentrum ihres Blickfeldes stand das riesige fensterlose Gebäude, das aus dem baumlosen grünen Feld aufragte. »Wozu dient das gewaltige Ding da unten?«, fragte Laura, fühlte sich aber nicht genötigt, darauf zu zeigen. Es gab nur ein einziges Bauwerk, das die Landschaft unter ihr dominierte. 55
»Das ist die Montagehalle. Dort findet der größte Teil der Produktion statt. Aber man wird Sie später sowieso herumfuhren, da bin ich ganz sicher.« Als nächstes präsentierte Janet das marmorne Badezimmer, das einen Whirlpool enthielt, so groß, dass man darin hätte Purzelbäume schlagen können, und abgetrennte Räume für Toilette und Bidet. Als sie den separaten Raum betrachtete, der Sauna und Dampfbad enthielt, murmelte Laura: »Ohne sie ist kein Badezimmer komplett, das habe ich schon immer gesagt«, sehr zur Belustigung ihrer Führerin. Dann betraten sie einen Schrank, der selbst ein kleines Zimmer war. Er enthielt hohe Spiegel hinter Podesten für Anproben, gepolsterte Bänke und niedrige Sitzkissen für den Fall, dass sie sich ausruhen wollte, und Reihen von Hängestangen für ihre Garderobe. Laura wurde sofort unbehaglich zumute. Die Sachen, die sie mitgebracht hatte, passten auf drei oder vier Kleiderbügel in einer winzigen Ecke des Schrankes, der ungefähr so groß war wie ihre gesamte Wohnung daheim in Cambridge. Als die Besichtigung endlich vorüber war, sah Janet Laura erwartungsvoll an. »Oh«, stammelte Laura, »das sollte eigentlich genügen.« Janet lachte laut heraus, was sie sofort als unschicklich empfunden haben musste, denn sie schlug die Hand vor den Mund und wendete sich ab. Gleich darauf hatte sie sich wieder genügend unter Kontrolle, um zu sagen »Bitte entschuldigen Sie.« Sie beendete den Lachanfall mit einem Lächeln, aus dem so viel echte Freude an diesem Augenblick sprach, dass Laura sich fragte, wie oft Janet wohl aus diesem Haus herauskam. »Also«, fuhr Janet fort, jetzt wieder ganz gefasst, »Mr Grays Diener wird sich um Ihre Sachen kümmern. Falls Sie etwas brauchen oder haben möchten – persönliche Dinge, die Sie vielleicht vergessen haben, Kleidungsstücke, Essen oder Getränke, die nicht in der Küche vorrätig sind, oder sonst irgendwas – dann wählen Sie nur die Null am Telefon.« »Und wenn ich ein Ferngespräch führen möchte?«, fragte Laura. Sie dachte an Jonathan, dem sie hatte versprechen müssen, anzurufen. Außerdem konnte sie es kaum abwarten, ihm zu erzählen, was sie bisher gesehen hatte. Aber auch der Gedanke an die Karte mit der FBI-Nummer in ihrer Brieftasche schoss ihr durch den Kopf. 56
»Wählen Sie einfach, wie Sie es in den Staaten tun würden«, erwiderte Janet. Lauras Augen wurden ungläubig staunend von dem Teeservice angezogen, das für sie zwischen Sofas und weichen Sesseln bereitstand. Mein Kleiderschrank enthält ein Teezimmer, dachte sie beinahe fassungslos. Als sie sich umsah, war Janet verschwunden. Laura war allein. Sie kehrte in ihr Schlafzimmer zurück und stellte fest, dass irgendwann während ihrer Besichtigungstour ihr Koffer eingetroffen war. Es herrschte Stille. In dem großen Haus schien niemand irgendwelche Geräusche zu verursachen. Keinerlei Lebenszeichen? Laura fragte sich, ob hier überhaupt jemand lebte. Nach dem Auspacken ging sie auf Erkundungstour. Auf dem Schreibtisch in dem großen Wohnzimmer stand ein Computer, und an der Wand hing ein Exemplar der Grayschen Fernsehproduktion mit dem Flachbildschirm. Sie betrachtete den Bildschirm besonders eingehend. Diese Fernseher waren vor nur zwei Jahren überall aufgetaucht. Nach einer großen Werbekampagne hatten die gigantischen amerikanischen Elektronikkonzerne von der Bundesbehörde für Fernmeldewesen die Genehmigung zur Ausstrahlung des hochauflösenden Fernsehens erhalten. Die ersten dieser neuen Geräte waren kaum auf dem Markt gewesen, als der Außenseiter Gray damit begann, sein eigenes System zu offerieren. Die Giganten hatten Zeter und Mord geschrien. Als Gewinner der Multi-Milliarden-DollarKonkurrenz bei der Ablösung des bisherigen NTSC-Standards durch das neue, hochauflösende System ersuchten sie die Regierung um Protektion und erhielten sie anfangs auch. Washington untersagte Gray den Verkauf in den Vereinigten Staaten. Aber Gray ging auch weiterhin seinen Geschäften nach, beförderte Satelliten in den Weltraum, stellte Programme bereit und verkaufte seine Geräte in Kanada, Europa und dem Fernen Osten. »Gray-Geräte« begannen in den Vereinigten Staaten auf dem grauen Markt aufzutauchen, jedoch konnten Grays Satellitensignale bei deren Ausstrahlung nach Kanada nur von Piratensendern in der nördlichen Staatenkette empfangen werden. Aber die Leute hörten allmählich auf, die von 57
der Bundesbehörde genehmigten Geräte zu kaufen, als ein Artikel nach dem anderen die Überlegenheit von Grays Geräten pries und den Bankrott von Grays Konkurrenten vorhersagte. Klagen wurden eingereicht, Untersuchungsausschlüsse eingesetzt, und schließlich hatte das Konsortium der von der Bundesbehörde gebilligten Konzerne Gray ein Joint Venture angeboten. Gray hatte das Angebot abgelehnt. Unter dem immensen öffentlichen Druck von Verbraucherverbänden hatte die Bundesbehörde schließlich nachgegeben und den Verkauf von Grays Fernsehern in den Vereinigten Staaten gestattet. Die aufgestaute Nachfrage entlud sich wie ein Dammbruch, und Grays Produktion und Verkaufsziffern schnellten in die Höhe, während seine Konkurrenten und Möchtegern-Partner Konkurs anmeldeten. Das Sahnehäubchen auf dem Verbraucherkuchen kam, als Grays System den Zugang zum World Wide Web ermöglichte. Das Ergebnis war eine Kombination von Telefon, Fernsehen und Computer-Technologie für alle Benutzer, die für die Verlegung von Kabelanschlüssen zu ihrem Haus ein paar Dollar mehr investierten. Grays System war das Nonplusultra an Interaktivität. Eine kleine Linse am unteren Rand jedes Fernsehers wurde zum eigenen Fernsehstudio. »In den Kanälen surfen« und »Im Web herumwandern« wuchsen zu nicht mehr unterscheidbaren Beschäftigungen zusammen. Mit der Fernbedienung konnten die Betrachter ganz einfach von C-SPAN ins Internet und wieder zurück schalten. Im Web konnten sie alles finden: Von raffinierter Produktwerbung bis zum Kid im Medienzimmer seiner Eltern, das eine hervorragende Imitation von ›Wayne’s World‹ lieferte – alles in erstklassiger Bildqualität und in Stereo. Anfangs gab es düstere Vorhersagen, dass die Lieferanten von Pornographie das Geschäft ihres Lebens machen würden. Aber dann geschah auf der Straße von der Vulgarität zum Reichtum etwas Merkwürdiges. Die Profi-Pornographen wurden von Amateuren aus dem Geschäft gedrängt, die ihren Schmutz kostenlos anboten. Laura hatte sich das gesamte System zugelegt, seine Möglichkeiten aber nie erkundet, bis sie eines Samstags einen Artikel in Newsweek gelesen hatte. Darin hieß es, das Netz erwache spät nachts zum Leben; also hatte sie sich eingeloggt, bevor sie zu Bett 58
ging. Sie war bis vier Uhr morgens aufgeblieben – völlig verblüfft und zutiefst angewidert. Offenbar waren alle Anstrengungen der Zensoren von technisch versierteren Teenagern zunichte gemacht worden. Indem sie »anonyme Server« nutzten, tauchten immer wieder Untergrund-Sendungen auf, deren Herkunft niemand aufspüren konnte. In der Freiheit, die diese Anonymität gewährte, prosperierten die dunkleren Nebenstraßen der Daten-Autobahn. Der Artikel in Newsweek war Lauras Führer gewesen. Als sie die »Newsgroup« gefunden hatte war das, was sie sah, zu ihrer Verblüffung live gesendete und unzensierte Pornographie; Ein Junge und ein Mädchen mit Halloween-Masken, die auf einem Sofa vor dem Fernseher Sex miteinander hatten. Eine Stimme außerhalb des Kamerabereichs kommentierte fortlaufend die umgeblätterten Seiten eines Männermagazins. Laura sah sogar ein Video von einem High School-Mädchen beim Duschen, das durch ein kleines Loch in der Wand fotografiert worden war. Sie hatte Geschichten gehört von Männern, die von solchen Dingen derart besessen waren, dass sie ihre Häuser überhaupt nicht mehr verließen. Es gab sensationelle Berichte von Scheidungsprozessen; professionelle Artikel über obsessiv-kompulsive Persönlichkeitsstörungen. Laura schüttelte den Kopf – alles wegen eines Fernsehgeräts. Vorsichtig fuhr sie mit der Hand über die feine Körnung des mattschwarzen Bildschirms: Ein Flüssigplasma-LCD, das keine sperrigen Projektoren oder ähnliche Vorrichtungen benötigte. Nur die einen Quadratmeter große Antenne, die – in Lauras Wohnung – an der Wand des Dielenschrankes hing und »elektronisch« eingestellt wurde, was immer das heißen mochte. Es gab nicht einmal Leitungen, die beides miteinander verbanden. Wie das funktionierte, hatte Laura noch nie begriffen. Der Bildschirm unter Lauras Fingerspitzen war nur zweieinhalb Zentimeter dick und hing wie ein Gemälde flach an der Wand. Er hatte fast dieselben Proportionen wie eine Kinoleinwand – breiter als hoch. Das ermöglichte – so hatte sie auf der ersten Seite der dicken Bedienungsanleitung zu Hause gelesen, bevor sie das Interesse verloren hatte – eine stärker panoramische Sicht, wie Filmregisseure sie bevorzugten. Und die Bildqualität… Sie hatte nie eines der Geräte von Grays Konkurrenz gesehen, be59
vor er sie aus dem Geschäft drängte, doch es hieß allgemein, Grays Geräte seien unvergleichlich besser; ihre Auflösung gleiche der eines Fünfunddreißig-Millimeter-Fotos. Nachdem die Verbraucher sie gesehen und den digitalen Rundumton und die großen Tiefstton-Lautsprecher gehört hatten, die in ihnen verborgen waren und direkt durch das Gitterwerk unter dem Bildschirm erklangen, waren die alten NTSC-Geräte mit einem Schlag überholt. Plötzlich musste jeder eines der neuen Geräte haben, trotz ihres hohen Preises. Die besten – mit dem Sechs-Meter-Bildschirm und Raumbeschallung aus fünfzehn Lautsprechern – kosteten mehr als fünfzigtausend Dollar. Doch die Leute spielten verrückt. Hochauflösende Fernsehsysteme standen rasch an dritter Stelle bei Darlehensaufnahmen, nach Haus und Auto. Alle kauften und kauften. Sogar Laura, die das Fernsehen nicht mochte, hatte fast zehntausend Dollar ausgegeben, die sie nicht besaß, als sie eines Samstagnachmittags ein Tuch für ihre Sekretärin kaufen wollte. Das war eine Stange Geld, aber bei einer Finanzierung mit zehnjähriger Laufzeit waren es nur ein paar hundert Dollar pro Monat. Dazu hatte es nicht mehr bedurft als einer Vorführung im Einkaufszentrum. Sie ging gerade vorüber, als sie über den Köpfen der Menge einen dieser Bildschirme sah. Alle Leute, die ihn anstarrten, waren völlig hingerissen. Laura hatte eine Dreiviertelstunde in der Schlange gestanden, um das Gerät zu kaufen, und dabei unablässig auf die unglaublich klaren und gestochen scharfen Bilder geschaut. Kredit wurde sofort gewährt. Das Gerät wurde noch am gleichen Tag installiert, von Männern in sauberen blauen Overalls, die auf die Minute pünktlich erschienen und nach einer halben Stunde alles in bester Ordnung verließen. Gray machte alles möglich. An diesem Abend hatte Laura Freunde eingeladen, denen sie das Gerät vorführte. Es gab ein Demo-Programm, das man aus einem bei der Einschalt-Routine erscheinenden Menü auswählen konnte. Es zeigte eine Achterbahnfahrt in einem Vergnügungspark. Zuerst der Himmel – ein dunkles Blau mit flauschigen, unglaublich detaillierten Wolken. Man konnte so dicht vor dem Bildschirm stehen, wie sie jetzt hier stand – man konnte sogar die Nase daran drücken, wie es der allmählich betrunkener 60
werdende Jonathan getan hatte –, und sah trotzdem keine zackigen Linien oder verschwommenen Ränder. Und dann war da die atemberaubende Pause am Ende der Aufwärtsfahrt der Achterbahn gewesen, bevor sie mit klappernden Rädern, pfeifendem Wind und schreienden Fahrgästen abwärts sauste. Erst als sie die Demonstration zum zweiten Mal anschauten, begriff Laura, dass das Schreien nicht von der Tonspur, sondern von ihrem Publikum kam… Jemand klopfte und brachte Laura zurück in die Gegenwart. Sie ging zur Tür und ergriff die solide Messingklinke. Das musste Gray sein. Sie konnte seine Gegenwart durch das dicke, dunkel gebeizte Holz hindurch spüren. Ihr Herz raste, als sie die schwere Tür öffnete. Ein Mann in einer Weste stand vor ihr, in der Hand ein silbernes Tablett, auf dem ein Briefumschlag lag. Es war eine Einladung: »Mr Joseph Gray bittet um das Vergnügen Ihrer Gesellschaft beim Dinner heute Abend um acht Uhr. Zwanglose Kleidung.« Um acht folgte Laura dem Diener die prachtvoll geschwungene Treppe hinab. Sie trug ihr einziges Kleid – ein schlichtes, ärmelloses mit einem Gürtel um die Taille – und blaue Pumps. Mit einem tiefen Atemzug versuchte sie sich zu beruhigen. Sie ärgerte sich, dass etwas so Triviales wie ein nicht ganz passendes Kleid sie so nervös machte. Sie ärgerte sich auch darüber, dass Jeans, T-Shirts und Jogging-Bekleidung die einzigen anderen Sachen in ihrem Koffer waren. Wenigstens hatte sie Zeit zum Duschen gehabt und um etwas mit ihrem Haar zu machen, das sie normalerweise hochgesteckt trug. Jetzt hing es auf die Schultern herab und verlieh ihrem Auftreten eine gewisse Formalität, die ihr ein klein wenig Selbstvertrauen vermittelte. Laura streckte den Rücken und trat mit so viel Würde ein, wie sie aufbringen konnte. Das Esszimmer war leer. An dem einen Ende des langen Tisches, nahe dem Fenster, waren, einander gegenüber, zwei Gedecke aufgelegt worden. Der Raum war schwach beleuchtet, von Kerzen in der Mitte des Tisches und sanft, indirekt aus dem Stuckkranz an der Decke. Im Kamin glühte warm ein Feuer. Leise Kammermusik drang aus irgendwelchen unsichtba61
ren Lautsprechern – oder vielleicht aus einem unsichtbaren Alkoven, in den Gray vier Musiker gestopft hatte? Laura zog es an den Gedecken vorbei an die gläserne Wand, durch die man auf das Festival der Lichter unten blicken konnte. Helle Lampen funkelten im »Workers’ Paradise«, wo die Menschen, wie sie vermutete, ihr sorgenfreies Leben in Grays Feudalreich genossen. Doppelscheinwerfer von Wagen bewegten sich auf den Straßen und Gassen des geschäftigen Bezirks. Jenseits des Dorfes waren das riesige Montagegebäude und die drei Raketenrampen in grelles Licht getaucht. Auch an anderen kleinen Nischen und Flecken hatte Gray die Nacht zum Tage gemacht. Einer war, wie sie erkannte, ein Feld am Dorfrand, auf dem irgendein Ballspiel stattfand. Die anderen Lichtflecke – in weiten Abständen über die Dunkelheit der Insel verstreut – hatten keine erkennbare Funktion. »Interessante Perspektive von hier oben, nicht wahr?« Laura drehte sich um und sah zwei blaue Augen, die auf die funkelnden Lichter hinabschauten. Gray war aus dem Nirgendwo direkt neben ihr aufgetaucht. Sie spürte, wie sich ihr Hals zuschnürte; es fühlte sich an wie ein Zwicken direkt oberhalb ihres Kehlkopfes. »All diese Aktivitäten erscheinen aus der Nähe individuell«, sagte er, »aber aus der Ferne betrachtet so gemeinschaftlich.« Gray musterte sie mit einem freundlichen Lächeln – das Weiß seiner Zähne bildete einen scharfen Kontrast zur Bräune seiner Haut und zu seinem dunklen Haar. Er sah so viel jünger aus, als Laura sich vorgestellt hatte, dass sie sich unwillkürlich fragte, ob er es wirklich war. Aber die Augen… Das Lächeln war jetzt auf seinem Gesicht erstarrt, nicht länger natürlich. Er schaute sie durch zusammengekniffene Augen so intensiv an, dass sie gezwungen war, den Blick abzuwenden und wieder auf das Dorf unten zu richten. Trotzdem war sich Laura eindringlich dessen bewusst, dass sich sein beharrliches Interesse nach wie vor auf sie richtete. Der Augenblick – Grays Anstarren – dauerte zu lange und Laura spürte, wie diese seltsam peinliche Begegnung sie erröten ließ. Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte sie, dass er ihr die Hand entgegengestreckt hatte. 62
»Joseph Gray«, sagte er. Der Ton seiner Stimme hatte sich verändert. Sie klang fragend, als wartete er jetzt darauf, was sie als nächstes tun oder sagen würde. Sie holte tief Luft und schaute ihn direkt an. Er ergriff sanft ihre Hand. Sie schüttelte die seine kräftig, nur einmal, geschäftsmäßig. »Laura Aldridge.« Sein Blick ruhte immer noch auf ihr, aber diesmal schaute sie nicht weg. Sie starrte ihn gleichfalls an, und Gray brach den Blickkontakt als erster, mit einem verwirrten, erstaunten Ausdruck im Gesicht. »Ich – äh… ich freue mich sehr, dass Sie gekommen sind, Dr. Aldridge.« Sie nickte und lächelte verhalten. Ganz ruhig, befahl sie sich und biss die Zähne zusammen. »Bitte, nehmen Sie doch Platz«, sagte Gray und geleitete Laura zu einem Stuhl, den er für sie zurechtrückte. »Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug.« »Danke, den hatte ich«, sagte sie, als Gray sich ihr gegenüber niederließ. Ein Diener erschien und schenkte Rotwein in ihre Gläser ein. »Ich hatte schon von diesen neuen Maschinen gehört – den Überschallflugzeugen.« »Oh, die… die Grumman-Suchoi?« »Wirklich eine gute Idee. Zeit ist ein so wertvolles Gut und die Technologie zum Beschleunigen des Reisens existierte, also…« Er zuckte mit den Schultern und breitete die Serviette auf seinem Schoß aus. »Wenn ein derart gutes Produkt noch nicht entwickelt worden wäre, hätte ich meine Leute darauf angesetzt.« Laura trank einen Schluck Wein, um ihr Grinsen zu verbergen. »Meine Leute«, dachte sie, die braven Leibeigenen in dem Dorf da unten. Die Trockenheit des Weins verwandelte sich rasch in einen wunderbaren Nachgeschmack. Laura betrachtete die dunkle Flüssigkeit und trank einen weiteren Schluck. Fantastisch. »Also«, sagte Gray, »und wo wohnen Sie?« Lauras Kopf fuhr hoch. Sie verschluckte sich fast an ihrem Wein und musste in ihre Serviette husten. Nachdem sie sich geräuspert hatte, fragte sie verblüfft mit noch immer krächzender Stimme: »Wie bitte?« 63
»Wo hat man Sie untergebracht?«, wiederholte Gray, jetzt in einem etwas unsichereren Tonfall. »Ich wohne… oben. In Ihrem Haus.« Er schien überrascht, und sein Gesicht rötete sich. »Sie haben doch nichts dagegen? Ich meine, ich wollte nicht…« »Nein, nein. Das ist… es ist…« »Ich könnte ohne weiteres…« Laura hob die Schultern. »Nein. Auf gar keinen Fall.« Gray räusperte sich. »Und haben Sie alles, was Sie brauchen?« »Nein«, erwiderte sie, dann versuchte sie, ihre verwirrende Antwort rasch zu korrigieren. »Nein… nein, ich meine, ich brauche überhaupt nichts. Also hätte ich wohl ›ja‹ sagen müssen«, erklärte sie mit einem schwachen Auflachen. Dann trank sie einen weiteren, größeren Schluck Wein. »Ja – was?«, fragte Gray verwirrt. Sie holte tief Atem, schwieg aber einen Moment. »Ich meine, ja – ich habe alles, was ich brauche, vielen Dank.« In dem Raum breitete sich völlige Stille aus. In ihr hörte sich Lauras Atmen wie gereizte, abgrundtiefe Seufzer an. Sie blickte nach unten, um sich mit der weißen Leinenserviette die Lippen abzutupfen, und sah ihr schlichtes Kleid. Aber dann schaute sie wieder auf und nahm zum ersten Mal wahr, dass Gray selbst einen Freizeitpullover trug, die Ärmel bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt; Blue Jeans und einen Pullover. Das kam ihr merkwürdig vor. Eigentlich hatte Laura sich ihn immer als einen Mann in einem konservativen Anzug vorgestellt. Gray nahm einen Bissen von den sautierten Pilzen, die von zwei schweigend und gleichzeitig agierenden Bedienungen vor sie hingestellt worden waren. Er ertappte sie dabei, wie sie ihn musterte, und sie senkte den Blick auf ihren Teller. »Ihr Haus ist wundervoll«, sagte Laura, spießte einen der delikaten Pilze auf und schob ihn in den Mund. Er schmeckte köstlich. »Danke«, erwiderte Gray. »Ich kann nicht behaupten, dass ich viel mit der Ausstattung zu tun hatte.« Er sah sich um, als suchte er nach etwas, worüber er eine Bemerkung machen könnte. »Sieht irgendwie«, murmelte er kauend, »altenglisch aus, mit einem Anhauch von Science Fiction.« Ihre 64
Augen schweiften über die Kristallkaraffen, die silbernen Servierschüsseln und die Zierteller, die auf Regalen zur Schau gestellt waren, aber ihr Blick endete bei der Glaswand. Die Montagehalle und die Raketenrampen schienen gewissermaßen in der Dunkelheit zu schweben. Ein rascher Blick auf Gray offenbarte Fältchen um seine Augen herum. Er hatte einen Scherz gemacht. Laura lächelte verspätet. »Also«, sagte Gray, legte seine Gabel auf den Teller und tupfte sich mit der Serviette die Lippen ab, »was das Geschäftliche angeht – ich habe Ihr Honorar auf ein Konto bei der Chase Manhattan Bank überweisen lassen, das wir für Sie in Boston eröffnet haben. Eine Million Dollar, abzüglich Steuern.« Laura spürte, wie ihr Gesicht rot wurde, als er diesen horrenden Betrag nannte. »Danke«, sagte sie – und empfand es sofort als jämmerlich unzulängliche Erwiderung. Gray schien es nicht zu bemerken. Sie ertappte sich dabei, wie sie »eine Million Dollar« dachte, dann verdrängte sie das Thema rasch. Bisher hatte sie keinerlei Pläne für die Verwendung des Geldes gemacht. Sie hatte noch nicht einmal richtig begriffen, dass das Geld da sein würde, wenn sie nach Hause zurückkehrte. Aber jetzt stellte sie sich zum ersten Mal vor, wie sie ihren Kontoauszug betrachten und das Guthaben sehen würde. Als Laura aufschaute, stellte sie fest, dass Gray mit seiner Vorspeise fertig war. Sie holte sich rasch die restlichen Pilze von der kleinen Platte. Sie schmeckten so delikat, dass es ihr widerstrebte, sie in die Küche zurückgehen zu lassen. »Nach meinem Zeitplan«, sagte Gray, »hat Ihre einwöchige Arbeit begonnen, als Sie in Ihr Flugzeug stiegen, und sie endet…«, sein Zögern ließ sie aufblicken. »… nun ja, mit Ihrer Rückkehr nach Boston am Sonntag, vermute ich, obwohl ich noch nicht weiß, ob Sie für Ihre Arbeit die ganze Woche brauchen werden.« Der erste Gang wurde abgeräumt und ein zweiter serviert Rindstournedos, diverse Gemüse und zu einer Muschel geformtes Kartoffelpüree. »Sehen Sie«, sagte Gray und stocherte in seinem Essen,, »wir stehen ein 65
bisschen unter Zeitdruck. Wir arbeiten auf Vierundzwanzig-StundenBasis, aber Sie brauchen natürlich nur so viel zu tun, wie Sie glauben schaffen zu können.« Ein Diener erschien mit einer neuen Flasche Rotwein. »Oh, ich hätte gern noch etwas von dem hier«, sagte Laura und deutete auf die noch immer halbvolle Flasche auf dem Tisch. »Was ist das für ein Wein?«, fragte sie und trank einen weiteren kleinen Schluck. »Er ist wundervoll.« Gray drehte die Flasche, um das Etikett lesen zu können. Er hatte offensichtlich keine Ahnung. »Es ist ein Merlot, Kalifornien, 1978.« Er schenkte sich selbst ein weiteres Glas ein; das Thema war damit offensichtlich für ihn erledigt. Sie aßen jetzt in völligem Stillschweigen; die einzigen Geräusche waren das leise Klirren von Besteck auf Tellern. Laura tat so, als interessiere sie die Tapisserie an der Wand hinter Gray, die dekorative steinerne Ummantelung des Kamins, die Blumen in dem großen Arrangement auf der Mitte des Tisches. Dabei warf sie jedesmal einen verstohlenen Blick auf Gray. Er war schlank, aber seine Schultern waren breit. Sein Kinn wirkte kantig, aber nicht so, dass es das Oval seines Gesichts beeinträchtigt hätte. Sie sah Haare auf seinen Unterarmen und am unteren Ende des V-Ausschnitts an seinem Pullover, aber sein Hals und seine Hände waren glatt. Als sie das nächste Mal in seine Richtung schaute, senkte er rasch den Kopf. Er hatte die nackte Haut ihrer Oberarme betrachtet. Laura warf einen verstohlenen Blick nicht auf Gray, sondern auf sich selbst, auf ihre Arme. Sie waren zu mager, zu bleich. Er war braungebrannt, und mit ihm verglichen sah sie geradezu kränklich aus. Das läuft ja prächtig, dachte Laura. Die Stille im Zimmer kam ihr plötzlich erstickend vor. Es hätte ebenso gut ein Metronom da sein können, das im Rhythmus ihres Schweigens tickte – das Vergehen der Zeit maß, in der Laura nichts zu sagen hatte. Die Stille schien plötzlich auf ihr zu lasten, sie zu drängen, sich unter ihrem wachsenden Gewicht zu winden. »Was ist mit…«, setzte sie an, während Gray gleichzeitig sagte: »Sie sind…« Einen Augenblick herrschte Verwirrung, aber schließlich gewann Laura, indem sie darauf bestand, Gray solle als erster sagen, was er hatte sagen wollen. 66
»Sie sind am richtigen Abend für eine Show angekommen«, sagte Gray, hob seinen Arm und schaute auf die Uhr. »In ungefähr fünf Minuten sollte ein Shuttle landen.« »Sie meinen, dort drüben?«, fragte Laura und deutete mit einem Kopfnicken auf die drei hellen Lichtinseln, die in der Dunkelheit hinter dem Fenster zu hängen schienen. Als sie sich umdrehte, ertappte sie ihn abermals dabei, wie er sie anschaute. Gray senkte den Kopf und nickte, plötzlich vollauf damit beschäftigt, mechanisch sein Essen zu verspeisen. Wieder breitete sich diese unbehagliche Stille am Tisch aus. Wieder war Gray mit dem Gang fertig, bevor Laura auch nur die Hälfte geschafft hatte. »Wir haben durchschnittlich zwei Starts und Landungen pro Woche«, sagte er aus heiterem Himmel, ließ seine Serviette auf den Tisch fallen und nahm die Unterhaltung wieder auf, die ihrer Meinung nach längst gestorben war. »In letzter Zeit vor allem Wartungsarbeiten an den Satelliten. Aber auch ein paar neue Märkte. Heute wurde ein Satellit hinaufgeschickt, der die Versorgung Indonesiens vervollständigen soll.« »Ja, ich habe es gesehen«, sagte Laura und vertilgte mit einem einzigen Bissen ein Stück Fleisch, das ungefähr doppelt so groß war wie die Portion, die sie normalerweise aß. Gray schaute aus dem Fenster – nicht auf die Erde, sondern zum Himmel. Dann sah er wieder auf die Uhr. »Unsere Antennen sind so klein«, fuhr er fort und überraschte Laura erneut mit diesem plötzlichen Hinweis, »dass die Übertragungen von den Satelliten sehr viel Energie erfordert. Wir haben die traditionelle Methode der Stationierung in einem geosynchronen Orbit erprobt, sodass sie große Gebiete abdecken konnten, aber in einer Höhe von sechsunddreißigtausend Meilen konnten sie uns nicht die Effizienz garantieren, die für fünfhundert Kanäle und die üblichen EinMeter-Antennen notwendig ist. Also schickten wir stattdessen ein paar hundert Satelliten auf eine erdnahe Umlaufbahn. Sie fliegen ziemlich schnell vorüber, aber es ist immer zumindest einer über jedem Markt, den wir bedienen. Im Grunde ist es eine überaus komplizierte Sache, das Überfliegen so zu planen, dass sie ihren Sendeaufgaben nahtlos nachkommen können. Ein Satellit sendet ein paar Minuten auf einer Ost-West67
Umlaufbahn über den Vereinigten Staaten, dann überquert er den Atlantik und beginnt in Großbritannien zu senden. Anschließend schaltet er auf Französisch, Deutsch, Ungarisch, Ukrainisch und Russisch um. Ich glaube, mit den Kasachen sind wir noch nicht im Geschäft. Dann Chinesisch, und auf einer etwas südlicheren Umlaufbahn wieder rund um die Welt. Es kann durchaus sein, dass er auf den nächsten hundert Umlaufbahnen nicht wieder über die Vereinigten Staaten hinwegfliegt. Da wir von der Erde aus nur eine Aufwärtsfrequenz haben, besorgen diese Satelliten auch die ununterbrochenen Echtzeit-Übertragungen der Signale von Satellit zu Satellit. Es spielt sich also dort oben rund um die Uhr ein überaus kompliziertes Ballett ab. Nun, der Computer steuert alles wunderbar.« Gray schien mit seinem Vortrag fertig zu sein, eine Tatsache, die Laura mit einem raschen Aufschauen von ihrem Teller bestätigte. »Das ist erstaunlich«, sagte sie, bevor sie rasch den Rest des Kartoffelpürees in den Mund schob. »Oh, lassen -Sie sich ruhig Zeit«, sagte Gray wohlwollend, bevor die leeren Teller blitzschnell abgeräumt wurden und er wieder auf die Uhr schaute. Typ A Persönlichkeit, vermutete sie. Motor im höchsten Gang, rund um die Uhr, genau wie sein Betrieb. Er lehnte sich zurück, während ein Fruchteis vor ihn hingestellt wurde, und vertilgte es dann mit drei Löffelschüben. Offenbar war er für die Ästhetik des Essens ebenso blind wie für die Pracht seines Hauses. »Da kommt er«, sagte er und stand auf. Sie beförderte eine Portion ihres Eises auf den Löffel, schob ihn in den Mund und sprang auf, um ihm zu folgen. Hoch am Himmel sah sie Feuer. Ein langer Flammenstift senkte sich aus der sternklaren Nacht herab, wobei sich seine Sinkgeschwindigkeit fast unmerklich verringerte. »Es ist eine einstufige Rakete«, sagte Gray, seinen Vertrag wieder aufnehmend. Sie sah ihn an, und er schaute zu den Sternen empor. Nach dem, was Paulus und Petry ihr über den jungen Gray erzählt hatten, war sie darauf gefasst gewesen, einem schweigsamen, fast verdrießlichen Mann zu begegnen, der wenig Zeit zum Reden hatte. Er musste sich geändert haben. »Alles ist wiederverwendbar«, fuhr er fort. »Wir benutzen Flüssigtreib68
stoff, und im normalen Zyklus vergehen nur drei Tage bis zum erneuten Start. Theoretisch könnten wir es auch in ein paar Stunden bewerkstelligen.« »Ich habe gelesen, dass Sie irgendwann in der nahen Zukunft bemannte Raumstationen planen«, sagte Laura, die sich vage eines Artikels entsann, den sie am Vortag in der Bibliothek gelesen hatte. Er sah sie an und lächelte, wobei seine Brauen sich verschwörerisch hoben. Sein erstes offensichtliches Täuschungsmanöver, dachte sie. Laura schaute wieder hinauf zu dem niedergehenden Raumschiff. Sein Feuerstrahl hatte sich inzwischen noch tiefer herabgesenkt. »Es ist genau so wie in den alten Filmen«, sagte Laura. »Sie erinnern sich, diese albernen Stories aus den Fünfzigern: ›Retro-Raketen‹ und derartige Dinge. Raumfahrzeuge mit kleinen Stützbeinen, die von der Erde starten und auf dem Mond oder dem Mars oder sonst irgendwo landen.« »Es ist die kostengünstigste Methode, auf lange Sicht«, sagte er, und Laura war erleichtert, dass sie ein Gesprächsthema gefunden hatte. Seine Arbeit, dachte sie. Wie typisch! »Zur Reduzierung des Gewichts der Raumfähre verwenden wir eine superleichte Verbindung aus Epoxydharz und Graphitfaser«, fuhr er fort. Laura nickte verständnisvoll. »Von der Fracht abgesehen, macht der Treibstoff achtundneunzig Prozent des Gewichts eines voll betankten Shuttles aus. Leer ist es leichter als Styropor.« »Und außerdem so leise«, bemerkte Laura. Die Rakete war fast landebereit – sie schwebte draußen über dem Meer. »In Wirklichkeit nicht«, sagte Gray und tippte mit den Fingernägeln gegen das Fenster. »Dreifachglas. Der eine Hohlraum ist vakuumversiegelt, der andere mit Argon gefüllt.« Er ging hinüber zur Wand und legte einen in der Täfelung kaum sichtbaren Hebel um. Als er die Verandatür öffnete, drang ein lautes Dröhnen ins Zimmer. Laura folgte ihm hinaus in die kühle Nacht und betrachtete im Hinausgehen den Türrahmen. Er war so exakt in die Täfelung eingelassen, dass der Übergang praktisch unsichtbar blieb. Das Tosen der Raketentriebwerke ließ die Luft selbst in dieser Entfernung erbeben. Um den feurigen Triebwerkstrahl herum war die Landevorrichtng ausgefahren worden, und die Rakete begann jetzt, seitwärts auf die linke Plattform zuzugleiten. 69
»Das Seitwärtsmanöver ist am lautesten!«, rief Gray. Er hatte die Stimme erhoben, um das Getöse zu übertönen. »Wir haben alle Wohnhäuser und anderen Gebäude auf der Insel so isoliert, dass wir Starts und Landungen im Vierundzwanzig-Stunden-Betrieb abwickeln können!« Als sich die Rakete genau über der Betonplattform und für Gray und Laura ungefähr in Augenhöhe befand – ihre Seiten wurden jetzt von Scheinwerfern am Boden angestrahlt –, begann sie in einer geraden Linie der Erde entgegenzusinken. Alles erfolgte linear, präzise, maschinell – eindeutig das Werk eines Computers. Laura warf einen Blick auf Grays Gesicht. Es wurde von dem schwachen weißen Flammenschein erhellt, der auch in seinen Augen glomm. Ein ganz bestimmter Ausdruck lag auf seinem Gesicht – Befriedigung, vermutete sie. Sie schaute wieder in Richtung Plattform und dachte: »Wie kann ich je erraten, was er denkt oder fühlt?« Aber sie würde es lernen müssen. Das war ihr Job. Die Flammen schlugen auf das Zentrum der Betonrampe neben dem Versorgungsturm und breiteten sich, als sie unten aufprallten, sogar noch weiter aus. Weiße Wolken quollen an der einen Seite in Richtung Meer hervor und an der anderen über die breite braune Straße; sie brodelten wie in einem Zeitlupenfilm einer sich entwickelnden Gewitterfront. Dschungel und Meer, die die Rampe umgaben, wurden von Scheinwerfern erhellt. Aber das Feuer aus den Triebwerken der Rakete machte die Nacht zum Tag und tauchte das nahe Montagegebäude und einen massiven Betonklotz, der das offene Feld mit seinem beindruckenderen Nachbarn teilte, in grelles Licht. Die scharfen Schatten, die das Feuergleißen über das Feld warf, wurden länger, und das Absinken der Rakete endete bei einem fast völligen Stillstand über der Plattform. Die Triebwerke schalteten sich plötzlich ab, und Lauras Herz setzte in der überraschenden Stille eine Sekunde lang aus – sie war auf eine ohrenbetäubende Explosion infolge eines verhängnisvollen Versagens gefasst gewesen. Aber die Rakete stand bereits sicher auf ihrem Platz auf der Rampe, und anstelle ihres künstlichen Feuers erhellten nur noch die Scheinwerfer die Nacht. Laura musterte Gray abermals. Auf seinem Gesicht lag ein befriedigtes Lächeln, das er zu verbergen versuchte, indem er sich abwendete. »Dies ist 70
eine Vulkaninsel«, sagte er mit einer Stimme, die er jetzt nicht mehr zu erheben brauchte. »Der Krater befand sich da, wo jetzt das Dorf liegt. Diese gesamte Flanke des Berges« – er deutete auf die ungefähr halbkreisförmige Bergwand, in deren Zentrum sein Haus stand – »war die Innenseite der Kraterwand. Meine Geologen haben mir gesagt, dass die gegenüberliegende Wand in einer großen Eruption vor ungefähr zehntausend Jahren in die Luft geflogen ist.« Laura stellte sich vor, wie sich die Wände einst zu einem Kreis zusammengefügt hatten und begriff, dass die Insel kaum mehr gewesen war als die aus der See herausragende Spitze eines Vulkans. »Die Erosion hatte den größten Teil dessen, was übriggeblieben war, bereits eingeebnet« fuhr Gray fort. »Trotzdem hatten wir über ein Jahr mit Erdbewegungsarbeiten zu tun, bevor wir mit dem Bauen beginnen konnten. Das Zentrum der Insel dort unten« – er deutete auf die funkelnden Lichter des Dorfes – »war ein kleiner See, den wir trockenlegen mussten. Es war ein elender Ort, an dem es von Moskitos wimmelte.« »War die Insel bewohnt, bevor Sie sie kauften?« »Sie ist gepachtet. Ich habe einen Pachtvertrag für neunundneunzig Jahre. Nach dem Gesetz der Fidschi-Inseln bin ich der Generalgouverneur.« Er lächelte etwas verlegen, als er das sagte. »Nein. Hier konnte niemand leben. Es gab kein Süßwasser. Ich habe eine Entsalzungsanlage gebaut, dort drüben.« Er deutete in die Dunkelheit an der Küste – ganz der Kapitän, der auf seiner Brücke steht. Er hob die Hand, und an der Stelle, auf die er zeigte, konnte man sich die Gebilde vorstellen, die seiner Erfindungskraft entsprungen waren. Er – der Schöpfer. Der Ursprung. Immer »Ich«, registrierte sie berufsmäßig. Laura hob die Hände, um über ihre Oberarme zu reiben und sich vor der Kühle zu schützen. »Sollen wir hineingehen?«, fragte Gray. Er hatte sie aus dem Augenwinkel beobachtet. Gray hielt die Tür für sie. Auf dem Tisch stand eine riesige Schokoladen-Mousse-Torte, und auf der Platte bildeten Wirbel aus dunkler Schokolade ein vielfach verschlungenes Muster um das köstliche Dessert herum. Gray setzte sich auf seinen Stuhl, ohne es zur Kenntnis zu nehmen. »Können wir anfangen?«, fragte er. 71
Laura hielt die Serviette in der Hand, die sie säuberlich zusammengefaltet auf der Stuhllehne vorgefunden hatte, ließ sie jetzt aber rasch auf den leeren Stuhl fallen. »Okay«, sagte sie in ihrem nachdrücklichsten Ton. »Machen wir uns an die Arbeit.« Bei dem von Gray vorgegebenen Esstempo hatte das Dinner keine Viertelstunde gedauert, aber Laura war entschlossen, wieder die Oberhand zu gewinnen, sobald sie mit ihrer Analyse begann. Es gab keine andere Möglichkeit, ihn behutsam zu den Themen hinzuführen, die ihrer Ansicht nach wichtig sein konnten. »Wo würden Sie sich am behaglichsten fühlen?« »Wie bitte?« »Nun, eine Analyse kann ein ziemlich strapaziöser Prozess sein. Es gibt im Grunde keine Abkürzungen. Sie wären überrascht, wie körperlich erschöpfend manche Patienten sie empfinden – was natürlich von der… von der Schwere des Problems abhängt.« Grays Mund stand vor Verblüffung weit offen. Dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus und auch seine Augen begannen zu funkeln. Er brach in Gelächter aus. »Sie glauben also…«, begann er, aber die Frage ging in noch mehr Gelächter unter. Laura neigte den Kopf zur Seite und runzelte verwirrt die Stirn. »Tut mir Leid«, sagte Gray. »Ich hätte damit rechnen müssen. Bisher haben wir noch nicht wirklich über Ihren Job gesprochen. Ich wollte bis nach dem Dinner damit warten, und das wäre jetzt.« Er räusperte sich und gewann seine Fassung zurück. »Ich fürchte, da liegt ein Missverständnis vor. Ich bin es nicht, Dr. Aldridge, der Ihre fachliche Hilfe braucht.« Sie schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern, dann wischte sie die Haarsträhne beiseite, die ihr ins Gesicht gefallen war. »Wer ist es dann?« Gray war der Bewegung ihrer Hand gefolgt, als wollte er sich ein exaktes Bild von ihr machen. Jetzt stand er da und musterte sie eingehend. Das Lächeln verschwand. »Mr Gray?« Er wendete sich ab, und sie wartete, während auch der letzte Anflug von Belustigung aus seinem Gesicht verschwand. »Wer ist mein Patient, Mr Gray?«, drängte sie, weil sein Verhalten sie verunsicherte. 72
Gray richtete sich auf, und es schien ihm Mühe zu bereiten, ihr voll ins Gesicht zu sehen. »Es ist der Computer«, sagte er. Seine Augen folgten den Konturen ihres Haars, bevor sie sich schnell wieder abwendeten. »Computercenter bitte«, sagte Gray, als er sich neben Laura auf einem der Vordersitze eines fahrerlosen Wagens niedergelassen hatte. »Sie können mit ihm reden, einfach so?«, fragte Laura, mit dem Anlegen ihres Sicherheitsgurts beschäftigt. »Sie brauchen ihm nur zu sagen, wo Sie hinwollen«, erwiderte er, als handle es sich dabei um das allersimpelste Phänomen seiner Inselwelt. In dem Moment, in dem Lauras Gurtschließe einrastete, begann der Wagen zu beschleunigen. »Die Erkennung und Synthese von Stimmen sind Nutzerfunktionen, und sie erfordern eine überraschend große Menge von Verarbeitungskapazität. Aber der Computer ist imstande, Schallwellen akkurat genug zu analysieren, um rudimentäre Befehle zu erkennen, wenn sie deutlich und auf Englisch gesprochen werden.« Der Wagen gewann an Tempo, als er den Hof verließ und am Tor nach links abbog. Laura saß an der Stelle, die in einem amerikanischen Auto der Fahrersitz gewesen wäre. Ihr Puls beschleunigte sich gleichzeitig mit dem steigenden Tempo des Wagens, und sie keuchte und klammerte sich an die Konsole vor ihr, als der Wagen in die dunkle Öffnung des Tunnels hineinschoss. Dabei neigte sie sich zu Gray hinüber, weil sie um die sanfte Kurve herum nach den näherkommenden Scheinwerfern Ausschau halten wollte, mit denen sie – wie sie überzeugt war – in der nächsten Sekunde zusammenprallen würden. »Keine Sorge«, sagte Gray gelassen. Der sanfte Ton seiner Stimme – die Intimität, die aus ihr klang – zwang sie, ihn anzusehen. Ihre Gesichter waren einander sehr nahe, dann ließ sich Laura in ihren Sitz zurücksinken. »Mit diesen Wagen haben wir noch nie einen Unfall gehabt. Keinen einzigen.« Laura versuchte sich zu entspannen, aber sie konnte nicht vermeiden, dass sie wieder zusammenzuckte, als sie aus dem Tunnel hervorschossen. Ihr Herz hämmerte abermals gegen ihre Rippen, und sie war sich jetzt zweier Dinge bewusst – der wachsenden Geschwindigkeit des Wagens, als 73
die Abwärtsfahrt vom Berg hinunter begann, und der körperlichen Nähe zu Gray. »Wir… hatten einige Probleme. Mit dem Computer.« Laura war von ihrer Angst vor der unbekannten Technologie, der ihr Leben im Augenblick anvertraut war, zu stark abgelenkt, um sich voll und ganz auf seine Worte konzentrieren zu können. »Es hat jetzt schon seit Monaten immer wieder unerklärliche Fehler gegeben. Und die Fehlerrate ist ständig gestiegen – in beängstigendem Ausmaß. Wie es im Moment steht, müssen wir in einer Woche, vielleicht schon früher…« Laura war nicht imstande, den Blick von der vorüberrasenden, von den schmalen Strahlen der Scheinwerfer angeleuchteten Wand des Dschungels abzuwenden, schaffte es aber trotzdem, zu fragen: »Was ist in einer Woche?« »Der Computer ist der Mittelpunkt von allem, was wir tun. Nicht nur auf der Insel, sondern weltweit. Von dem Satelliten-Sendesystem, das ich Ihnen vorhin beschrieben habe, bis hin zu den einhundertfünfzig Millionen Konten, die sämtliche Sendungen verbuchen, Online-Shopping oder Bankgeschäfte erledigen, Umfragen durchführen, High SchoolFootballspiele überwachen, Software übertragen, Videospiele laufen lassen, V-Mail versenden oder von irgendeinem der anderen interaktiven Dienste Gebrauch machen, die wir anbieten. Und das ist immer noch nur ein ganz kleiner Bruchteil dessen, was wir den Computer tun lassen.« Der Wagen raste mit einer Geschwindigkeit, die nahe bei hundertfünfzig Stundenkilometern liegen musste, bergab, schwenkte mühelos in die eine oder andere Richtung, wenn sie eine Gabelung in der Straße erreichten, die an diesen Stellen verbreitert und überhöht wie eine Bobbahn war. Lauras Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Sie konnte nie vorhersehen, in welche Richtung der fahrerlose Wagen abbiegen würde, und das Ergebnis war eine ständig wachsende Angst vor einer nahen Katastrophe. »Wir benutzen den Computer natürlich«, fuhr Gray völlig gelassen fort, »für unsere Produktion. Das, was Sie hier sehen, konnten wir nur bauen, weil die Produktivität der fünfzehnhundert Arbeiter auf der Insel phänomenal ist. Produktivität hängt immer von dem Kapital ab, das man einsetzt, und ich habe sehr viel in die Infrastruktur dieser Insel investiert.« 74
Gebäude in unterschiedlichen Größen und Formen, aber ohne erkennbaren Zweck, flogen in der Dunkelheit vorüber. Lauras Augen starrten unverwandt auf die Windschutzscheibe – sie waren ständig auf die Straße gerichtet, die sie entlangrasten. In ihren Ohren knackte es, und ihre Hände schmerzten vom Umklammern der Armlehnen. »Das Bruttosozialprodukt dieser Insel ist größer als das der meisten Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen. Quadratkilometer für Quadratkilometer und Mann für Mann ist dies der produktivste Ort auf der Erde. Sogar der produktivste Ort in der ganzen Geschichte des Planeten.« »Wie bitte?«, fragte Laura, die kaum zugehört hatte und jetzt ihre Augen kurz von der Straße abwendete, um Gray anzuschauen, wie er dasaß – voller Selbstvertrauen und völlig entspannt. »Wir stellen hier jedes Jahr Produkte her, deren Wert auf dem offenen Markt, wenn sie zum Verkauf stünden, Hunderte von Milliarden betragen würde. Produktivität pro Arbeitskraft ist natürlich eine trügerische Statistik. Mit einem derart hohen Maß an Automation verliert sie ihre Bedeutung. Eine Menge von Dingen verliert dann ihre Bedeutung«, murmelte er. Laura begann, sich ein wenig zu beruhigen. Bisher war ihnen noch kein anderes Fahrzeug entgegengekommen. Vielleicht gab es nur ein oder zwei Wagen, die auf diesen Spezialstraßen fuhren. Vielleicht waren die fahrerlosen Wagen nur für Gray und seine wichtigsten Mitarbeiter da. Dieser beruhigende Gedanke wurde abrupt unterbrochen, als in einem kurzen Schwall heftiger Luftturbulenzen zuerst eins und dann noch mehrere dieser Fahrzeuge an ihnen vorbeischössen. Laura fiel auf, dass ihr Wagen jetzt seine bisher so rücksichtslose Fahrweise geändert hatte. Er war langsamer geworden und hielt sich dicht am rechten Rand der Straße, genau wie die anderen Fahrzeuge, die in der Gegenrichtung an ihnen vorbeifuhren. Offenbar war alles unter Kontrolle. Unter der Kontrolle des Computers. Aber hatte Gray nicht gesagt, dass der Computer nicht richtig funktionierte?, dachte sie. Laura stieß einen tiefen Seufzer aus – erschöpft von der Rückkehr ihrer Angst. Gray war verstummt – seine Augen, die von der dunklen Scheibe reflektiert wurden, waren in weite Ferne gerichtet. 75
»Tut mir Leid, was sagten Sie eben?«, fragte Laura. »Ich sagte, eine Menge von Dingen verliert ihre Bedeutung.« Sie wandte sich ihm zu. Dem Ton seiner Stimme nach zu urteilen stand im »Workers’ Paradise« nicht alles zum Besten. Schweigend setzten sie die Fahrt den Berg hinunter schweigend fort. Als der Wagen die Außenbezirke des Dorfes erreicht hatte, verlangsamte er seine Geschwindigkeit zu einem gemäßigteren Tempo. »Mr Gray«, sagte Laura, wobei sie ihre verkrampften Schultern hob und senkte und ihre steifen Hände zu lockern versuchte, »Sie haben mir immer noch nicht erklärt, wie ich Ihnen bei einem Computer helfen kann. Ich fürchte, da muss ein Missverständnis vorliegen. Ich bin Psychologin. Wenn jemand von Ihren Leuten Sie über mein Fachgebiet falsch informiert hat, dann wäre es wohl nicht mehr als recht und billig, wenn ich Ihnen mein Honorar zurückzahle und…« »Der Computer leidet unter einer Depression«, unterbrach Gray sie, wendete sich vom Fenster ab und sah sie direkt an. »Jedenfalls behauptet er das. Einer chronischen Depression.« Nachdem das, was er gesagt hatte, bei ihr durchgedrungen war, gab Laura ein kurzes Schnauben von sich, das ein Auflachen gewesen wäre, wenn sie sich imstande gefühlt hätte, so etwas hervorzubringen. »Soll das ein Scherz sein?« Er sah keinesfalls so aus, als hätte er einen Scherz gemacht, er sah betroffen aus. Aus seinen Augen – denselben Augen wie auf dem Zeitungsfoto aus seiner Kindheit – sprach Traurigkeit, so unmissverständlich, wie das ohne Worte überhaupt möglich war. Die Absurdität seiner Behauptung bewirkte, dass Laura fast schwindelig wurde. Ihr Blick glitt davon und meldete die Anblicke des Dorflebens einem Verstand, der tief in Gedanken versunken war. Obwohl vor ihnen keinerlei Verkehr war, hielt der Wagen an jeder Straßenkreuzung an. Die Dorfstraßen waren gitterförmig angelegt wie in jeder normalen Stadt. Aber ihr fahrerloser Wagen und andere von der gleichen Art, die ihnen entgegenkamen, schienen auf ihnen mit derselben Leichtigkeit zu navigieren, mit der sie auch die Hochgeschwindigkeitsstraßen bewältigten, die kreuz und quer über die Insel verliefen. 76
»Was ich hier gebaut habe, Dr. Aldridge, ist der allererste Computer der sechsten Generation. Wissen Sie, was das bedeutet?« Laura zuckte mit den Schultern, dann schüttelte sie den Kopf. Ihre Aufmerksamkeit wurde von einer Statue zu ihrer Linken angezogen, dann von dem langen Boulevard, den die Statue dominierte. Die breite Straße mit ihrem grasbewachsenen Mittelstreifen fiel, vom Berg wegführend, sanft durch das Zentrum des Dorfes ab. Der Wagen bog nach rechts auf den Boulevard ein, und Gray reckte den Hals, um durch die klare PlexiglasHeckscheibe hinauszuschauen. Laura dagegen war fasziniert von dem, was es in dem geschäftigen Dorf vor ihr zu sehen gab. Langsam glitt der Wagen den hell erleuchteten Boulevard entlang, auf dem ein munteres und offensichtlich gesittetes Nachtleben herrschte. Der Ort war wirklich eine Art Dorf, dachte Laura. Leute schlenderten auf Fußwegen an Straßencafes vorüber; es gab erleuchtete Geschäfte mit Luxuswaren; ein Kino war allem Anschein nach Treffpunkt für Jugendliche. Einige der Inselbewohner, stellte Laura fest, erkannten Gray durch die Wagenfenster hindurch. Es gab zeigende Finger, Leute, die in Straßenlokalen beim Essen saßen, stießen einander an. Gray schien diese Beweise seiner Berühmtheit überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen. »Die erste Generation«, fuhr er unbeirrt fort, »verfügte über Vakuumröhren-Schaltungen und Verzögerungsleitungen aus Quecksilber, wie zum Beispiel der Sperry Univac in den frühen Fünfzigern. Die zweite, wie der Honeywell 800 Ende der Fünziger und Anfang der Sechziger, verwendete Transistoren.« Die Straße wurde dunkler, als der Wagen das Dorf verließ. »Sperrgebiet« stand in großen, deutlich sichtbaren Lettern auf einem Schild neben einem offenen Schlagbaum. Der Dschungel rückte wieder näher heran, und der Wagen beschleunigte abermals und schoss durch die dunkle Blätterschlucht. »Die dritte Generation wurde um kleine, integrierte Schaltkreise herum gebaut und dominierte den Markt von der Mitte der Sechziger bis zur Mitte der Siebziger. Das IBM System 36 war ein Computer der dritten Generation. Die späten Siebziger brachten die Computer mit hoch und sehr hoch integrierten Schaltkreisen.« Der Wagen erreichte offenes Gelände, auf dem das riesige Montagegebäude die Szenerie beherrschte und die gesamte Windschutzscheibe ausfüllte. »Anfang der 77
Achtziger begannen die experimentellen Arbeiten an einem Computer der fünften Generation, und die ersten von ihnen kamen Mitte der Neunziger auf den Markt. Es sind Computer mit massiver Parallelarchitektur, bei denen Tausende digitaler Prozessoren Daten blitzschnell verarbeiten.« Der Wagen verlangsamte und bog auf eine kreisförmige Auffahrt ab. Rings um sie herum lag der baumlose Rasen, den sie von hoch oben gesehen hatte. Vor einem gewaltigen Bunker hielten sie an. Grays und Lauras Türen öffneten sich automatisch und schwenkten mit leisem Zischen nach oben. Sobald sie ausgestiegen waren, schlossen sich die Türen wieder und der Wagen fuhr davon. Gray führte Laura einen Pfad zu dem niedrigen Betonbau entlang, der aussah, als wäre er halb in dem flachen und offenen Gelände versenkt. In der feuchten Luft lag der widerwärtige, beißende Geruch irgendeiner Chemikalie. »Auspuffgase«, sagte Gray, »von Rampe A.« Ihr wurde bewusst, dass er sie abermals beobachtet hatte. Laura blieb am oberen Ende der Treppe stehen, die in die Tiefe führte. An ihrem unteren Ende bildete eine schwere Metalltür den Eingang zu den unterirdischen Gebäudetrakten. Sie wollte diese Treppe nicht hinabsteigen, bevor sie mehr wusste. Dieses flaue Gefühl in ihrem Magen – rührte es von der Fahrt her oder von etwas anderem, von etwas vage Bedrohlichem? Plötzlich kam ihr die Reihe von Entscheidungen, mit denen sie ihre Reise auf Grays Insel verstandesmäßig begründet hatte, höchst dubios vor. Was tat sie hier? Was tat Gray hier? Sie wollte es wissen, erfahren, um ihre natürliche Neugierde zu befriedigen; besonders nach den kleinen Einblicken, die sie bisher auf der Insel gewonnen hatte. Aber Lauras wachsende Angst, dass irgendein Unheil bevorstand, löste in irgendeiner vernünftigeren Ecke ihres Verstandes das Verlangen aus, stattdessen wieder nach Hause zurückzukehren, in den tröstlichen Umkreis ihres früheren Lebens. »Ich habe den Computer der sechsten Generation gebaut«, sagte Gray, neben Laura am oberen Ende der Treppe stehend. Sein Tonfall deutet eine Gewichtigkeit an, die Laura nicht begriff. »Es ist ein voll funktionelles, massiv parallel konstruiertes neuronales Netzwerk.« Sie sah zu ihm auf. Er 78
versuchte festzustellen, welchen Eindruck seine Worte auf sie gemacht hatten. »Der erste echte Neurocomputer der Welt.« Und diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. »Ist das Ihr Ernst?« Er schwieg, seine Miene war ausdruckslos. »Ich meine, entschuldigen Sie, aber… aber ein wirklich hochdifferenzierter, mit Hochgeschwindigkeit arbeitender Neurocomputer ist eine technologische Unmöglichkeit. Es war eine Sackgasse. Man hat es in den Fünfzigern versucht, und es hat nicht funktioniert.« Ein Lächeln – dieser selbstzufriedene Ausdruck, den sie schon einmal bemerkt hatte – breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Das war vor der Fuzzy-Logik, den genetischen Algorithmen und mir.« Laura wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Oberflächlich gesehen war seine Behauptung Egoismus reinsten Wassers. Aber er machte keineswegs den Eindruck eines Egoisten. Außerdem wollte sie ihn nicht für einen Egoisten halten. Sie war hierhergekommen, um Joseph Gray, der missverstandenen Waise, zu helfen, nicht Joseph Gray, dem Egomanen. Zwar wusste sie, dass sie sich vor Projektionen hüten musste – davor, sich irgendwelchen Fantasien hinzugeben über diesen seltsamen und rätselhaften Mann, dessen Charakter sie ergründen wollte. Aber im Augenblick war ihr nicht klar, was sie von Gray halten sollte. Vor allem – sie war nicht hierher geholt worden, um Grays seelische Verfassung zu beurteilen. Er hatte sie aus einem anderem Grund geholt. Laura blickte hinunter in die dunkle, beängstigende Leere am Fuß der Treppe. Sie wollte nicht dort hinuntergehen – nicht dem begegnen, was sein Schöpfer mit einem schweren Betonsarg umgeben hatte. Gray, der offenbar ihr Zögern spürte, wendete sich von der Treppe ab. »Lassen Sie uns einen Spaziergang machen«, sagte er und tippte Lauras Ellbogen an. Sie wanderten neben der Straße her, die quer über den weiten Rasen zu dem Montagegebäude führte. Der riesige Bau am anderen Ende der Straße bildete eine von Menschenhand geschaffene Mauer, die sich von der einen Seite des Feldes bis zur anderen erstreckte. Eine frische Brise befreite die Luft von den widerlichen Antriebsgasen. Laura atmete tief den Geruch des Meeres ein und spürte, wie ihre Ängste allmählich verflogen. 79
»Wir wussten nicht, was dabei herauskommen würde«, fuhr Gray fort, »aber wir wussten, dass wir eine außergewöhnliche DatenverarbeitungsKapazität brauchten. Wir wollten Automation, aber die wahre Beschränkung bei der Robotertechnik war nicht die Hardware der Roboter, es waren die Pferdestärken des Computers, der sie steuert. Nehmen Sie nur das Sehsystem. Anstelle von Kameras benutzen wir Netzhaut-Chips. Sie können sich besonders gut sowohl auf Licht wie auch auf Schatten einstellen – was ein großes Problem ist – und auf das Verfolgen von Objekten in ihrem Gesichtsfeld. Aber selbst mit den Vorteilen, die die Netzhaut-Chips mit sich bringen, sind die Ansprüche an den Computer immens. Das simple Erkennen von Umrissen – das Identifizieren von visuellen Hinweisen darauf, wo die Grenzen eines Objekts sind – würde selbst bei den schnellsten Super-Computern Minuten dauern. Fügen Sie Hör- und Tastvermögen hinzu, Kinästhesie, das Lösen von Problemen, Zielbeschränkungen – alles, was zu einem tatsächlichen Funktionieren in der realen Welt erforderlich ist –, und die Verarbeitungsansprüche, die an das System gestellt werden, gehen weit über seine Kapazität hinaus.« In seiner Stimme lag, ohne dass er sie dazu erheben musste, eine Eindringlichkeit, die Aufmerksamkeit forderte. Sie klang klar, im Tonfall tiefer als die von Männern seines Körperbaus und Alters. Und seine Gedanken sprudelten derart flüssig aus ihm heraus, dass sie wie auswendig gelernt wirkten. Aber er sprach ganz natürlich und schien mit sich und der Welt zufrieden. »Digitale Computer sind sehr präzise, was gut ist für Aufgaben, bei denen Zahlen im Spiel sind«, sagte er. Laura hörte zu, wobei sie das Erlebnis mehr genoss als den Inhalt. »Aber die besten digitalen Computer, die wir bisher produzieren konnten, haben nicht mehr Verarbeitungskapazität als ein Dreijähriger und werden auch nie darüber hinauskommen. Digitale Computer sind eine Sackgasse.« Gray verfiel in Schweigen und ging mit tief in den Taschen vergrabenen Händen weiter. »Sie sind sich Ihrer Sache sehr sicher«, sagte Laura schließlich. Er blieb stehen und drehte sich zu ihr um. »Dies« – er streckte seine Arme aus und sah ihr dabei ins Gesicht – »ist keine digitale Welt; sie ist voll 80
und ganz analog. Deshalb hat sich das Gehirn, über das wir Menschen verfügen, so entwickelt, dass es analoge Informationen verarbeiten kann – anstatt Zahlen durchzukauen. Wenn Ihr Gehirn ein digitaler Computer wäre, würden Sie in einer langen Liste eine Beschreibung der Gesichter sämtlicher Leute speichern, die Sie kennen. Jedesmal, wenn Sie Ihre Mutter sähen, müssten Sie diese Liste von Gesichtern durchgehen, bis Sie das Passende gefunden und sie erkannt haben. Wenn Sie älter werden und die Liste der Gesichter wächst, brauchen Sie immer mehr Zeit, um das Passende zu finden und das Gesicht Ihrer Mutter zu erkennen. Aber Ihr Gehirn ist nicht digital. Sie brauchen keine Liste von Gesichtern. Sie verfügen über ein Netzwerk von vielfach miteinander verkoppelten Neuronen. Wenn Sie das Gesicht Ihrer Mutter sehen, dann erinnern sich die Verbindungen in Ihrem Gehirn nicht nur an ihre Identität, sondern an alles, was mit ihr in Zusammenhang steht – und zwar sofort! Der Liebe ihrer Mutter zu Ihnen. Der Wärme, die Sie ihnen als Kind geboten hat. An den Duft ihres Parfüms. An die Tatsache, dass sie nächste Woche Geburtstag hat. An alles – und zwar auf einmal. Ein neuronales Netzwerk kann all diese Dinge aus nur einem kleinen Datensplitter hervorholen – den Anblick des Gesichts Ihrer Mutter oder den unverwechselbaren Ton ihrer Stimme, wenn Sie Ihren Namen ruft. Im Gegensatz zu digitalen Computern zeichnet ihr Gehirn sich vor allem dadurch aus, dass es fragmentarische Daten verarbeiten kann –›fuzzy‹ Daten.« Die Verwendung des Wortes »fuzzy« bewirkte, dass Laura in Grays Gesicht schaute. Gray hatte bereits 1983 an einem neuronalen Netzwerk gearbeitet, das »fuzzy« Probleme lösen konnte. Kann es sein, dass all dies hier das Resultat ist, zwei Jahrzehnte später?, fragte sie sich. Sie erinnerte sich an die Meilensteine von Grays Biographie. Seine Vorhersage der Nachfrage nach PVC-Geräten 1984 – seine erste Milliarde. Seine Vorhersage des großen Börsenkrachs 1987 – Dutzende von Milliarden. Sein Sieg auf dem Markt des hochauflösenden Fernsehens. Das neuronale Netzwerk, das er entwickelt hatte, diente dazu, Muster zu erkennen – Hilfe bei Marktanalysen zu geben. Laura war plötzlich so aufgeregt – so hingerissen von den überwältigenden Möglichkeiten –, dass ihr gar nicht aufgefallen war, dass Gray wieder 81
schwieg. Ihre Blicke trafen sich kurz, was bewirkte, dass Lauras Haut seltsam kribbelte. Ihr war klar, dass es irrational war, aber bei diesem kurzen Blickwechsel hatte sie das Gefühl, als wäre sie berührt worden. Nicht körperlich, sondern seelisch – als hätte er hinter den Vorhang geblickt, um ihre innersten Gedanken mit ihr zu teilen. Als ob er mit seinem Blick gesagt hätte: »Ich weiß, was Sie denken.« Es war bestürzend und bewirkte, dass ihre Gedanken zu treiben begannen. Als er fortfuhr, sprach er leise und sanft – als wollte er Laura nicht aus ihrem Träumen herausreißen. »Etwas ganz Besonderes ist passiert. Etwas Magisches.« Ohne zu wissen warum, musste Laura all ihre Kraft zusammennehmen, um fragen zu können: »Was?« Es war die Kraft, die sie brauchte, um sich auf seine Antwort gefasst zu machen. »Er lernt«, sagte er schlicht. Ihre erste Reaktion war Enttäuschung. Sie hatte sich auf mehr eingestellt und ihre Erwartung war enttäuscht worden. Diese anfängliche Reaktion änderte sich jedoch mit jedem Wort, das er sprach. »Er verallgemeinert, Laura. Aber wenn er verallgemeinert, dann tut er es in Analogie nicht zur menschlichen Welt, sondern zu der neuen Welt, in der er existiert. Und das ist es, was uns entgangen ist! Als der Computer erstmals begriff, dass ein Draht für Elektrizität dasselbe ist wie eine Ader für Blut, da verdrehten wir die Augen und machten einfach weiter. Seine Intelligenz begann, über die unsere hinauszuwachsen. Und das konnte deshalb geschehen, weil er frei war von dieser unserer Hülle«, sagte Gray, an seinem Körper hinunterschauend. »Und deshalb auch frei von den Beschränkungen unserer Perspektive – unseren Lebenserfahrungen.« Jetzt hatte Laura Angst, ihn anzusehen. Angst, dass ihre Miene irgendwelche privaten Gedanken oder Gefühle verraten könnte. Angst, dass sein Gesicht irgendetwas verraten könnte, was sie nicht sehen wollte. Ihr Mund war trocken, als sie fragte: »Was genau wollen Sie damit sagen?« »Ich will damit sagen, dass wir in eine neue Phase eintreten.« Er hob einen Arm und zeigte voraus. Sie interessierte sich mehr für den Mann, für das Gesicht. »Dort drüben ist einer von unseren Robotern.« Laura schaute über den Rasen hinweg auf die fernen Scheinwerfer eines 82
näherkommenden Fahrzeugs. Sie fragte sich, welchen Zusammenhang Gray zwischen der neuen Phase und dem plötzlichen Auftauchen eines Roboters sah. Laura hatte plötzlich das Gefühl, als stünde der einzige andere Mensch auf der Erde neben ihr. Als wären sie allein inmitten der hell angestrahlten Objekte, die direkt seiner Imagination entsprungen waren. Aber dann begriff sie, dass es doch nicht so war, als wäre er der einzige andere Mensch. Es war, als stünde er im Zentrum der Welt, die sein Denken erschaffen hatte und die auf dem Gelände rings um sie herum aufragte; der Welt, in die sie jetzt eingetreten war. Gray setzte seinen Weg in Richtung Montagegebäude fort. »Wir haben eine Entdeckung gemacht«, sagte er. Wieder vertrieb seine Stimme Lauras Gedanken. »Damit er Intelligenz entwickeln konnte, mussten wir dem Computer Mobilität verleihen. Wir mussten ihm die Fähigkeit geben, die physikalische Welt zu erkunden; Gegenstände aufzuheben, sie zu zerbrechen. Ein ›Gefühl‹ zu entwickeln für all die Naturgesetze, die wir als gegeben hinnehmen. Mobilität – das ist der Schlüssel… in mehr als nur einer Hinsicht.« Er seufzte. »Die Siebener-Modelle sind voll einsatzfähig. Die ersten beiden Modelle waren experimentell. Dann kamen die Dreier-Modelle – das sind die Wagen, mit denen wir auf der Insel herumfahren. Die Modelle Vier und Fünf wurden aus dem Verkehr gezogen oder mit eng begrenzten Funktionen am Fließband immobilisiert. Schließlich kamen die Modelle Sechs und Sieben. Wir haben hunderte Sechser-Modelle, die noch in Betrieb sind, und inzwischen mehr als hundert Siebener.« Er hob wieder den Arm und deutete nach links. »Das da drüben ist ein Sechser.« Er war immer noch ziemlich weit entfernt, und Laura konnte nichts sehen außer einem Fahrzeug mit dicht nebeneinander liegenden Scheinwerfern und einem Blinklicht auf dem ›Kopf‹. Es kam direkt auf sie zu. Dann hörte sie ein leises Summen wie von einem Rasenmäher. Sie gingen auf einen Punkt zu, der sich mit der Linie schneiden würde, auf der sich der Roboter bewegte. Laura betrachtete das näherkommende Fahrzeug. Seine Fähigkeit, mit einer Geschwindigkeit von fast fünfzig 83
Stundenkilometern Rasen zu mähen, kam ihr weniger beeindruckend vor als die fahrerlosen Wagen der früheren Generation. »Sowohl die Sechser als auch die Siebener wurden ausschließlich vom Computer konstruiert. Und auch der Computer selbst hat sich, zum größten Teil, selbst konstruiert. Wir wissen ziemlich gut, wie die Hardware funktioniert. Das eigentlich Revolutionäre ist die Software.« Als das Sechser-Modell ungefähr hundert Meter entfernt war, verstummte das Geräusch des Rasenmähers. Der auf Rädern laufende Roboter hatte angehalten. Ein großer, zentral montierter Arm hob einen großen Sack hoch in die Luft. Der Roboter schaffte es, den unhandlichen Sack umzudrehen, indem er seinen Boden an die Kante der Tonne setzte, die er hinter sich herzog. Abgemähtes Gras rutschte in die Tonne. Vom oberen Ende des Aufsatzes – dem ›Kopf‹ des Roboters – strahlte ein Licht herunter. Der Arm drehte den Sack um, damit das Licht hineinfallen konnte. Offenbar war noch etwas Gras darin hängen geblieben. Um es zu lockern, stellte der Roboter den Sack wieder auf den Kopf und schüttelte ihn. Dann wiederholte er die Inspektion mit dem Licht. Beim dritten Versuch schmetterte er den Sack herunter, was offenbar seine Wirkung tat. Der Roboter setzte seinen Weg fort – das Summen des Motors wurde lauter und dann beim Kontakt mit dem noch ungemähten Gras wieder leiser. Das bewies logisches Lösen von Problemen, dachte Laura. Wie aus heiterem Himmel überfiel sie das unbehagliche Gefühl, dass sie auf einem Pfad vorangetrieben wurde, den zu begehen sie nicht im mindesten vorbereitet war. Als ihr die Implikationen dessen, was sie beobachtet hatte, klar wurden, lief ihr ein kalter Schauder über den Rücken. Haben sie ihm beigebracht, den Sack so herunterzuschmettern, oder hat er das von selbst gelernt? Zum ersten Mal betrachtete Laura jetzt die Lichter oben auf dem Roboter. Es war kein Blinklicht auf seinem ›Kopf ‹, wie sie geglaubt hatte. Es waren zwei am oberen Ende der Maschine montierte Lampen, die mit schnellen, ruckartigen Bewegungen unabhängig voneinander über den Boden leuchteten. Die hellen Lichtstrahlen sprangen von einem Rasenfleck zum nächsten und beschrieben mit zittrigen Bewegungen einen breiten Bogen vor dem Fahrzeug, in fast nervöser Erregung mehrmals in der 84
Sekunde schwankend. Die Lichter suchten das Gelände auf dem Pfad des Roboters ab. Laura strebte auf dem gepflasterten Gehweg auf den Roboter zu und beobachtete, als er näher kam, seine völlig koordinierten Bewegungen. Gray folgte ihr. Als sie nur noch ungefähr zwanzig Meter entfernt waren, richteten sich die hellen Lichter am oberen Ende des Roboters auf sie. Laura blieb stehen und hob die Hand, um ihre Augen abzuschirmen. Der Rasenmäher des Roboters schaltete sich ab – das Surren der Messer erstarb rasch. Einen Moment später erloschen die beiden Scheinwerfer. Jetzt war alles still. Laura starrte den bewegungslosen Roboter an. Die beiden Scheinwerfergehäuse waren nach wie vor auf sie gerichtet. »Mr Gray«, dröhnte eine Stimme aus einem unsichtbaren Lautsprecher hinter ihnen, »bitte kommen Sie ins Computerzentrum.« Die Worte hallten auf dem offenen Gelände, und Gray sagte: »Wie es scheint, müssen wir unsere Besichtigung der Montagehalle auf später am Abend verschieben.« Er machte kehrt und drängte Laura sanft zurück in Richtung Bunker. Über die Schulter hinweg warf sie noch einen Blick auf den dunklen, bewegungslos dastehenden Roboter. Sie konnte das Gefühl einfach nicht abschütteln, dass er trotz seiner scheinbaren Inaktivität auch sie anstarrte. Sobald sie kehrtgemacht hatten, schalteten sich die Lichter wieder ein und die starken Scheinwerfer warfen lange Schatten auf den gepflasterten Pfad. Die Haut auf Lauras Rücken kribbelte. Sie wurden beobachtet. Die Lichter bewegten sich weiter, und der Rasenmäher schaltete sich wieder ein. Laura konnte dem Verlangen nach einem neuerlichen Blick über die Schulter nicht widerstehen. Der Arm des Roboters streckte sich vor seinem Gehäuse aus, und beide Scheinwerfer waren auf einen bestimmten Punkt auf dem Boden vor ihm gerichtet. Laura blieb stehen, um zuzuschauen. Als der Roboter an dem angestrahlten Punkt angekommen war, der seine Aufmerksamkeit erregt hatte, ruckte der Arm mit verblüffender Geschwindigkeit in Richtung Boden. Dann überquerte der Roboter die Straße, hielt seine geschlossene Klaue ins Licht und drehte seine Trophäe zuerst nach links und dann nach rechts. Nach dieser Inspektion langte er nach hinten und warf den Müll in die mitgeschleppte Tonne. Dazu brauch85
te er nicht nach hinten zu schauen, stellte Laura fest. Er wusste, wo die Tonne war. Gray stand neben ihr; sein Gesicht war eine undurchdringliche Maske. »Das war wirklich bemerkenswert!«, sagte Laura. Seine Mundwinkel kräuselten sich langsam, und sein Ausdruck – sein ganzes Verhalten – entspannten sich. In seinen dunklen, aber lächelnden Augen flackerten die dünnen Strahlen des grellen künstlichen Lichts. Er drehte sich um und strebte auf den Bunker zu. Laura folgte ihm die Stufen zur Metalltür hinunter, auf der Suche nach Lösung der Rätsel, die sich in der Miene des schweigenden Mannes, der ein Genie war, widerspiegelten.
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3. KAPITEL Gray schaute in eine Sichtscheibe am Eingang des Computerzentrums. Von irgendwo tief drinnen im Beton kam ein metallisch knackendes Geräusch. Er richtete sich auf und die schwere Tür begann mit einem Rumpeln in die Wand zurückzugleiten. Laura betrachtete den aus dem Türrahmen herausragenden Mechanismus aus rostfreiem Stahl, und ihr erster Gedanke war: Das Ding gleicht einem Banktresor. Oder einem Bunker, fiel ihr dann ein. Die ungefähr dreißig Zentimeter dicke Metallplatte rastete ein; eine leichtere Innentür zischte und glitt rasch auf. Dahinter lag ein schwach beleuchteter Raum. Durch sein Zentrum führte ein schmaler, metallener Laufsteg mit zwei Geländern, die sich von einem Ende bis zum anderen erstreckten. Laura folgte dem schweigenden Gray in den kleinen Raum; ihre zugeschnürte Kehle, ihr flaches Atmen und ihr klopfendes Herz verrieten ihr, dass sie sich abermals sehr unbehaglich fühlte. Gray blieb ungefähr in der Mitte des Laufstegs stehen, der in der schwarzen Metallkammer in der Luft zu hängen schien. Das Zischen komprimierter Luft begleitete das Schließen der Ausgangstür. Durch die Wände der Kammer hindurch konnte Laura hören, wie sich auch die Tresortür schloss. Sie suchte sämtliche Winkel der dunklen Kammer nach Hinweisen auf ihren Zweck ab. Der Fußboden, die Wände und die Decke bestanden aus schwarzen Metallplatten; ihre Winkel waren dem schmalen Laufsteg zugeneigt. Laura wartete darauf, dass Gray weiterging, aber er stand in Gedanken versunken da; mit einer Hand umklammerte er das Geländer. »Oh«, sagte er, »ich hätte erwähnen sollen, dass das Computerzentrum halbsauber ist. Wir müssen den Staub minimieren, verstehen Sie?« Ein Summen ertönte, und auf einem Bildschirm vor ihnen leuchteten rot die Worte »Gebläse aktiviert« auf. Aus dem Raum hinter den Metallplatten kam eine rasche Folge klickender Geräusche. Gray rief: »Sie sollten sich festhalten an…!« Seine letzten Worte gingen in Heulen unter. Der Windstoß traf sie mit Sturmstärke, und ihre Ohren knackten unter 87
der plötzlichen Druckveränderung. Sie standen in einer Art Windkanal, wobei der Wind aber von allen Seiten gleichzeitig auf sie einprallte. Lauras Haar wurde ihr übers Gesicht gepeitscht; dies und der Sturm zwangen sie, die Augen zu schließen. Sie griff hoch, um eine lange Strähne aus ihrem Mund zu ziehen. Sie hätte besser nach unten gegriffen. Luftwirbel drangen unter ihr Kleid und bahnten sich ihren Weg auf ihrer nackten Haut nach oben. Der Gürtel ihres Kleides schob sich bis zu ihren Brüsten hoch, und sie packte das flatternde Gewebe und versuchte es herunterzuziehen. Der leichte Stoff widerstand allen Bemühungen, und sie presste eine Hand auf das Vorderteil und die andere auf den Rücken. So schnell, wie er begonnen hatte, war der Sturm vorbei. Das Kleid rutschte sanft wieder an seinen Ort, und Laura öffnete die Augen unter einem dichten Vorhang aus Haaren. Sie langte hoch, um die Mähne aus ihrem Gesicht zu streichen, aber statische Elektrizität bewirkte, dass die Strähnen an ihrer Handfläche hafteten. Das erste, was sie sah, war Gray, der mit einem etwas unglücklichen Lächeln um Entschuldigung bat. Ihm stand das Haar zu Berge – winzige Spitzen, wie in alle Richtungen herausragende Hörner. Laura brach in Gelächter aus und schlug schnell eine Hand vor den Mund, um zu ersticken, was sich rasch in eine Folge unschöner Juchzer zu verwandeln drohte. Sie brachte ein »Entschuldigung« heraus, während sie mit der einen Hand ihr Haar von der Stirn fernhielt und die andere fest auf ihren Mund presste. Schließlich strich sie ihr Haar zurück und hob die Schultern, jetzt wieder völlig gefasst. »Das war eine hübsche Überraschung.« Gray fuhr sich mit den Fingern über den Kopf und zuckte mit den Schultern. »Hier unten tragen nicht viele Leute Kleider.« Das Display auf dem Bildschirm an der Wand änderte sich. »Willkommen« stand jetzt in heiteren grünen Buchstaben darauf, und ein zischendes Geräusch verkündete das Aufgleiten der Tür. Helles Licht aus dem vor ihnen liegenden Raum flutete in die enge Kammer. Laura folgte Gray in den großen Raum, der von der regen Geschäftigkeit von mehr als einem Dutzend Leuten erfüllt war. Sie schienen Techniker zu sein, die an Reihen von Konsolen arbeiteten. Laura hatte plötzlich das 88
Gefühl, ein großes Raumschiff einer fernen Zukunft betreten zu haben. Überall gab es antiseptisch weiße Paneele und leuchtende, mehrfach unterteilte Bildschirme. Auf wandgroßen Monitoren waren Balkendiagramme zu sehen, die im Takt eines unhörbaren, dissonanten Rhythmus’ tanzten. Auf Bildschirmfenstern flackerten Zahlen, Diagramme und grandiose Schaubilder auf, die Laura an eine psychedelische Lichtshow erinnerten. Gray sah sie an, und sie drehte sich zu ihm um. Zuerst lachte sie, dann lächelte sie töricht. »Wow!« war alles, was ihr einfiel. Gray trat vor eine Art Frisiertisch direkt neben dem Eingang und kämmte sich. Laura warf einen Blick in den Spiegel, dann griff sie sofort nach der dort bereitliegenden »Gray Corporation«-Bürste. »Wenn Sie einen Pullover oder eine Jacke oder sonst etwas möchten«, sagte Gray, »brauchen Sie es nur einem der Leute hier zu sagen. Wir haben mehrfach versucht, das Heizungssystem zu verbessern, aber es scheint uns nicht zu gelingen. Das hängt mit der supraleitenden Elektronik zusammen. Sie wird mit flüssigem Stickstoff gekühlt.« Nach ihrem Spaziergang durch die warme Pazifiknacht fand Laura die kühle Luft belebend. Außerdem war sie von dem Anblick, der sich ihr bot, viel zu fasziniert, um auf die Temperatur zu achten. Die Finger der Techniker flogen über Tasten – tippten darauf oder wirbelten Trackballs herum. Einige trugen superleichte Kopfhörer, in ständiger Verbindung mit jemand, der auf der anderen Seite des Zimmers oder der anderen Seite des Globus’ sitzen mochte, sie wusste es nicht. Auf scharf abzeichnenden 17 Zoll-Monitoren tauchten leuchtende Farben auf wie Geister aus Lampen. Hier gab es kein ausrangiertes Regierungsmaterial. Alles war von allerbester Qualität. Es war ein Forschungsschiff, das der Menschheit um Jahrhunderte vorauseilte. Gray tippte auf eine kleine, neben der Frisierkommode an die Wand montierte schwarze Fläche. »Vor Eintreten bitte berühren«, stand auf einem hellroten Plakat darüber. Laura tat es – und spürte einen schmerzhaften Stich in die Fingerkuppe. »Au!«, rief sie und rieb sich den Finger mit dem Daumen. »Entschuldigung«, sagte Gray schwach. Er wartete neben ihr vor den Wundern des Raumes. 89
»Was ist das?«, fragte Laura, vor Staunen wie angewurzelt. »Das ist der Operationsraum des Hauptcomputers.« Sie nickte mehrmals, konnte aber den Blick nicht abwenden. »Oh«, sagte sie schließlich. Gray führte sie durch das Labyrinth der Computerstationen. Die meisten Techniker waren Männer, und Laura fiel auf, dass keiner von ihnen aufschaute oder ihren Blick erwiderte. Stattdessen schauten sie verstohlen in die Richtung, in der sie weitergegangen war, wie Jungen auf den Fluren einer High School. Auch Gray bemerkte dieses seltsame Benehmen. »Die meisten meiner Computerleute sind ziemlich verklemmte Typen«, sagte er erklärend. Sie passierten Konsolen, auf denen Zwei-Liter-Plastikflaschen standen, halbvoll mit Orangenlimonade. Große Beutel mit Käsecrackern, Salzbrezeln und Popcorn lagen offen in Grays »halbsauberem« Kommandoschiff herum. Aufkleber verzierten Monitore mit Slogans wie »Legalisiert Marihuana« oder mit Bildern des Raumschiffs ›Enterprise‹. Aus einigen Kopfhörern der Techniker kam, wie Laura registrieren konnte, laute Musik von Klassik bis Pop. Ebenso verschieden waren die Leute, die dieser Musik lauschten. Fast alle trugen dicke Pullover. Was einen Mann vom nächsten unterschied war das, was er sonst noch anhatte. Laura staunte über die Modeparade – die kurzärmeligen Freizeithemden mit diebstahlssicheren Taschen, die gebatikten T-Shirts und die orangefarbenen, unten weit ausgestellten Polyesterhosen aus der Disco-Ära. Viele von denen, die sich über ihre Konsolen beugten, schienen einen permanenten Buckel zu haben. Andere hatten sich in ihren gepolsterten Lederstühlen zurückgelehnt. Einer hatte die Füße über Kopfhöhe gelagert und hielt einen übergroßen Digitalisierer auf dem Schoß. Die leuchtenden Farben der ComputerBildschirme spiegelten sich in den dicken Gläsern ihrer Brillen, alle mit sehr schmucklosen Gestellen. Laura stellte sich vor, dass die ganze Horde eines Tages gezwungen sein könnte, aus ihrem Loch herauszukriechen – wie sie dann ihre Augen abschirmen und sich sofort einen nahezu tödlichen Sonnenbrand holen würden. »Was halten Sie davon?«, fragte Gray, am hinteren Ende des Raums stehenbleibend. 90
»Lauter Weicheier«, flüsterte Laura. Sie sah, wie Gray lächelte, dann grinste, dann in Gelächter ausbrach und damit ein paar der Leute in ihrer Nähe aufschreckte. Er strahlte sie an, mit fröhlich funkelnden Augen. Wirklich – er war ein gutaussehender Mann. »Ich meinte eigentlich die Anlage«, erklärte er, noch immer sehr belustigt. Laura schaute sich um, versuchte, sich etwas einfallen zu lassen. »Es ist sehr… hübsch.« »Danke«, erwiderte er, immer noch dem Lachen nahe. »Und Sie haben Recht, es sind wirklich Weicheier. Eine traurige, aber wahre Tatsache. Immerhin, so schätze ich, hat jeder von ihnen durchschnittlich mehr als zehn Millionen Dollar auf dem Konto.« Laura warf ihm einen verblüfften Blick zu, und er zuckte mit den Schultern. »Ich gebe ihnen etwas, das sich Gewinnbeteiligung nennt. Es ist eine Menge Geld, aber mit Produktivität steigt auch das Honorar. Wenn ein Mann tausendmal soviel leistet wie ein anderer, kann man ihm auch tausendmal soviel zahlen. Oder« – Gray sah Laura an – »mindestens hundertmal soviel.« Er grinste wieder übers ganze Gesicht. Wieder mal ein Scherz. Dann drehte er sich um und führte sie einen Flur entlang. Sie passierten eine ganze Reihe unscheinbarer Türen – keine Täfelung, kein Wandschmuck, nur flaches weißes Plastik. Eine dieser Türen glitt auf, als sie sich ihr näherten, und verschwand mit einem kaum hörbaren Luftzischen in der Wand. Sie hatte sich eine halbe Sekunde vor ihrer Ankunft geöffnet, stellte Laura fest, aber eine gleiche Tür auf der anderen Flurseite war geschlossen geblieben. Hinter Gray betrat sie den Raum, wobei sie sich immer noch fragte, woher die Tür gewusst hatte, wann sie sich öffnen sollte. Sie gerieten direkt ins Zentrum einer hitzigen Debatte. Rund um einen langen Tisch im dem Hightech-Konferenzzimmer saßen sechs weitere »Weicheier« – männliche und weibliche – und ein Mann, der eindeutig kein Weichei war: Ein muskulöser, braungebrannter Typ mit der entschlossenen Miene eines Soldaten. Er wirkte in dieser Gruppe völlig fehl am Platze und schwieg, während die anderen diskutierten. Seine hellwachen Augen musterten Laura, als sie sich neben Gray niederließ. Gray lehnte sich vor und legte die Unterarme auf den Tisch; alle ver91
stummten wie auf ein Stichwort. »Erstens«, sagte Gray in dem plötzlich stillen Konferenzzimmer, »möchte ich Sie mit dem neuesten Mitglied unseres Teams bekannt machen, Dr. Laura Aldridge.« Es gab ein paar schwach nickende Köpfe, aber keinen Willkommenschor. Laura war sofort auf der Hut. Gray wendete sich der Frau links von ihm zu. »Dr. Aldridge, das ist Dr. Margaret Bickham. Sie ist unsere Direktorin für künstliche Intelligenz – das heißt für die ›Software‹.« Die Frau nickte und presste die Lippen so fest zusammen, dass sie sich aufwarfen und kräuselten. Ihr Gesicht zeigte weder ein Lächeln noch verriet es Missbilligung. »Links von ihr«, sagte Gray und wies mit der Hand zum des schmaleren Ende des ovalen Tisches, »sitzt Dr. Georgi Filatov, der Chef unserer Computerfunktionen.« »Ich freue mich sehr, Sie kennen zu lernen«, sagte der Mann mit einem deutlichen russischen Akzent. Er sah aus wie ein legendärer Schachweltmeister oder ein Psi-Spezialist, der mit Gehirnkraft Löffel verbiegen konnte. Sein buschiges, ergrauendes Haar schien die tatsächliche Größe seines Kopfes zu verdoppeln. »Georgi sorgt für das Funktionieren der Hardware unseres Hauptcomputers. Neben ihm sitzt Dr. Philip Griffith«, fuhr Gray fort, mit einem Nicken auf den Mann gegenüber weisend. »Dr. Griffith ist Direktor der Robotik. Das bedarf wohl keiner weiteren Erklärung.« Der Mann deutete mit Fingerwackeln einen ungeschickten Gruß an, wobei seine Augen hinter dicken Brillengläsern lächelten. Dann zog das Lächeln seine dicken, von Koteletten bedeckten Backen auseinander und ließ zwei Reihen unregelmäßiger Zähne zum Vorschein kommen. Lauras Augen wanderten zum nächsten Mann – dessen harter Blick von jenseits des Tisches sie nicht losgelassen hatte, seit sie ins Zimmer gekommen war. »Und das ist Franz Hoblenz. Er ist mein Sicherheitschef.« Der Mann nickte Laura kurz zu. Er war groß, hatte das verwitterte Aussehen eines Mannes, der sich viel im Freien aufhält, und musterte sie so unverhohlen, dass in seinem Verhalten eine Spur von Unverfrorenheit zu liegen schien – jener speziell männlichen Unverfrorenheit, vor der Laura instinktiv zurückschreckte. 92
»Neben ihm sitzt Dr. Dorothy Holliday. Sie ist unsere ›Epidemiologin‹.« Alle lachten, aber Laura hatte keine Ahnung, worin der Witz liegen sollte. »In Wirklichkeit bin ich für ›F und V‹ zuständig«, sagte die errötende junge Frau mit einer verblüffend hohen Stimme. »Fehler und Viren«, übersetzte sie. Die Frau war höchstens Anfang Zwanzig – und hübsch. Sie hatte ein gewinnendes, wenn auch etwas unsicheres Lächeln, ohne die Anmut und Leichtigkeit, die später die Reife mit sich bringen würde. Fast glich sie Laura – nur eben ein Jahrzehnt oder mehr jünger. »Wir nennen sie einfach ›Doc Holliday‹«, brummte der Soldat an der anderen Seite des Tisches. Diese scherzhafte Anspielung auf den Revolverhelden aus dem Wilden Westen löste Gekicher aus. Die Bemerkung des muskulösen Mannes hatte Laura überrascht, nicht wegen seiner tiefen und rauen Stimme – die zu seiner Figur passte –, sondern wegen ihres deutlichen Texas-Akzents. Sie hatte angenommen, der blonde Sicherheitschef wäre Deutscher. Gray beendete seine Vorstellung mit den Direktoren für Produktion und Raumfahrt, die Laura vorkamen wie weitere Klone aus Grays Fabrikation verrückter Wissenschaftler. »Okay«, sagte Gray schließlich, den Tonfall wechselnd und seine Hände fragend ausstreckend. »Wie sieht der letzte Fehlerbericht aus?« Dorothy Holliday tippte mit einem Pen ihren Minicomputer an. »Vor zwei Stunden hat sich in der Turnhalle eine pneumatische Tür direkt vor der Nase eines Mannes geschlossen.« »Ist das überprüft worden?«, fragte Margaret Bickham vom anderen Ende des Tisches. »Ja«, erwiderte Dorothy und nickte ein wenig zu hastig »Der Mann hatte gerade einen Mordsstreit mit seiner Frau gehabt, vor Gott und allen Menschen. Als er davonstapfte, lief er« – sie schlug zur Veranschaulichung die erhobenen Handflächen aufeinander – »direkt gegen die Tür. Es müssen an die zwanzig Leute gewesen sein, die herumstanden und es gesehen haben. Es heißt, sie hätten alle tüchtig gelacht«, sagte sie, bereit, selbst zu lachen, aber ihr Publikum zeigte nur finstere Mienen. »Jedenfalls hat sich danach die Tür wieder normal geöffnet. Eine Phase-Eins-Überprüfung war 93
negativ.« Als niemand darauf reagierte, wölbte Dorothy ihre Augenbrauen und presste die Lippen zusammen; dann fuhr sie fort. Laura lächelte über die ungekünstelt jugendliche Art der jungen Frau – jedes ihrer Gefühle spiegelte sich auf ganz natürliche Weise in einem Gesicht, das die Kunst der Täuschung noch nicht gelernt hatte. Bei jeder Berührung mit ihrem Pen gab Dorothys Minicomputer ein leises bing von sich. »Dann«, fuhr sie fort, wobei ihre Stimme immer mehr zu einem Flüstern verebbte und man sich anstrengen musste, sie zu verstehen, »hatten wir vor ungefähr einer Stunde eine Kundin in Kopenhagen – übrigens eine unsere früheren Überprüferinnen –, die sich beschwerte, dass mit ihrem Konto etwas nicht stimme. Wir haben nachgeschaut, und das Konto wies tatsächlich einen Fehlbestand von mehreren hunderttausend Dollar auf.« »Jesus«, sagte Georgi Filatov und schüttelte angewidert den Kopf. Sein buschiger Haarmop machte die Bewegung mit, und er beugte sich vor, um Blicke mit den anderen zu tauschen. »Und schließlich…«, begann Dorothy. »Noch ein Fehler?«, fragte Margaret, offensichtlich ungläubig. Dorothy runzelte die Stirn und nickte. »Auf dem Parkplatz unserer Fabrik in Taiwan ist einer der Breitstrahler durchgebrannt. Einer der Wachmänner hat es gemeldet, aber ihr Verlöschen hätte einen entsprechenden Hinweis auslösen müssen.« »Ich werde ein Team nach Taipei schicken, das das überprüft«, sagte Hoblenz zu Gray. »Das ist schon das zweite Mal in dieser Fabrik und könnte auf eine Sicherheitsgefährdung hindeuten.« Gray nickte. »Okay. Was unternehmen wir gegen das Problem, Margaret?«, fragte er, mit der links von ihm sitzenden Direktorin für ›Künstliche Intelligenz‹ anfangend. Sie hob einen metallenen Aktenkoffer vom Fußboden auf, den sie methodisch auf den Tisch legte und mit einem knackenden Geräusch seiner Schließen öffnete. Während sie in ihren Papieren wühlte, musterte Laura die Frau. Sie wog etliche Kilo zu viel und trug eine Brille, genau wie alle hier mit Ausnahme von Laura, Gray und Hoblenz. Und Dorothy ergänzte Laura bei sich, als sie sich umschaute. Dorothy und Margaret, die an entgegengesetzten Enden des Tisches sa94
ßen, bildeten eine Art Rahmen. Sie waren die einzigen Frauen am Tisch – bis zu Lauras Eintreffen. Lauras Blick wanderte zwischen den beiden Frauen hin und her. Dorothys hellbraunes Haar war dünn und glatt und wurde von Spangen gehalten. Hier und dort hatten sich kleine Strähnen auf eine unbeabsichtigte, aber reizvolle Weise selbständig gemacht. Margarets dunkle, ergrauende Mähne ähnelte einem fest auf ihren Schädel gepressten Stahlhelm. Keine der beiden Frauen trug Make-up, das der Rede wert gewesen wäre, aber bei der jugendlichen Haut von Dorothy wäre das auch nicht erforderlich gewesen. Und beide schenkten ihrer Kleidung ganz offensichtlich nur wenig Beachtung. Margaret trug eine braune Polyesterhose und ein weißes Hemd von militärischem Schnitt, mit Schulterklappen, Paspelierung und einer zugeknöpften Brusttasche, die bis zum Bersten mit irgendeiner unsichtbaren Fracht gefüllt war. Dorothy trug verblichene, schlecht sitzende Blue Jeans und eine eng anliegende, ärmellose Bluse auf einem Körper, der nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien. Laura blickte von der einen zur anderen und fragte sich müßig, mit welcher der beiden sie selbst mehr Ähnlichkeit hatte. Dabei spürte sie auf einmal, ohne es eigentlich zu sehen, dass Gray sie beobachtete. Plötzlich hellwach, wurde sich Laura seiner Anwesenheit neben ihr in immer stärkerem Maße bewusst – seines sie unverwandt musternden Blickes. Sie hütete sich, Gray in die Augen zu schauen – sie sah überallhin, nur nicht in seine Richtung –, und dabei geriet sie unversehens in Blickkontakt mit Hoblenz. Der Mann machte sich nicht die Mühe, woanders hinzuschauen, sondern musterte sie auch weiterhin schamlos, nicht die Spur beunruhigt, dass er dabei ertappt worden war. Stattdessen war es Laura, die sich gezwungen fühlte, den Blick abzuwenden. »Herr im Himmel, Margaret!«, brauste Filatov auf. »Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit!« Margaret ignorierte den Vorwurf. Sie verlangsamte sogar ihre Suche in dem Aktenkoffer zu einem Schneckentempo und durchwühlte jede Ecke und jeden Winkel, ohne eine Spur von Rücksicht auf das theatralische Gebaren ihres Kollegen. Filatov schnaubte wie ein Bulle und ließ, Unterstützung heischend, den Blick in die Runde wandern. 95
Endlich räusperte sich Margaret und rückte ihre Brille zurecht. Sie legte ein einzelnes Blatt Papier auf den Tisch, verschränkte die Finger und deponierte ihr Kinn auf das Geflecht. »Wir haben den Computer zu einer routinemäßigen Muster-Erkennung der bisher aufgetretenen Fehler aufgefordert.« »Was ist dabei herausgekommen?«, fragte Gray. »Nichts.« Es herrschte einen Augenblick Stille, dann explodierte Filatov. »Verdammt nochmal!« Er hieb seine Hand auf den Tisch, und Laura zuckte bei dem Dröhnen zusammen. Margaret wirkte völlig ungerührt. »Die Fehler scheinen zufällig zu sein«, fuhr sie fort, als befände sie sich in einem ganz anderen Universum als Filatov. »Aber er hat eine konstante Überwachung aufgebaut und wird alle Schwachstellen melden, die er findet.« »Sie ist eine Vulkanierin!«, brüllte Filatov mit wild gestikulierenden Händen. »Schlimmer noch – eine Klingonin!« »Georgi-i-i«, sagte Griffith und schüttelte den Kopf, um seiner Missbilligung über diese üble Beschimpfung Ausdruck zu verleihen. »Welche Schwelle für Fehlerermittlung hat er installiert?«, fragte Gray, von der bestürzenden Zurschaustellung von Zwietracht völlig unberührt. »Ich weiß es nicht«, erwiderte Margaret. »Überprüfen Sie es«, befahl Gray knapp. »Ich möchte, dass Sie sie sehr niedrig ansetzen. Mir ist es lieber, wenn wir ein paar Hirngespinsten nachhängen, anstatt uns die Chance einer frühen Aufdeckung entgehen zu lassen.« Jetzt sah er Filatov an, seinen Chef für Computerfunktionen. »Was haben Sie zu sagen, Georgi?«, fragte Gray in munterem Tonfall, wobei er sich aber bemühte, ein Lächeln zu vermeiden. Hoblenz beugte sich wachsam vor und grinste erwartungsvoll von einem Ohr zum anderen. »Bevor ich anfange«, erklärte Filatov mit entschlossener und überlauter Stimme, »sollten wir vielleicht alle Margaret für die großartige Arbeit danken, die sie zur Lösung unserer gegenwärtigen Probleme geleistet hat.« Filatov klatschte mehrmals langsam in die Hände, aber niemand schloss sich ihm an. Gray sagte auch weiterhin nichts. Als Filatov fertig war, stieß er einen tiefen Seufzer aus, dann fuhr er fort, 96
als wäre nichts passiert. »Wir arbeiten mit ungefähr sechsundneunzig Prozent System-Kapazität. Abzüglich natürlich des Anti-Viren-Programms der Phase Eins. Ich habe mit Dorothy über die Möglichkeit gesprochen, genügend Ressourcen für Phase Zwei freizumachen.« Laura wunderte sich immer noch über die von niemand beanstandete Unhöflichkeit des Mannes, und deshalb entging ihr anfangs die Tatsache, dass jetzt alle Blicke auf Gray gerichtet waren. Sie hatte keine Ahnung, was Filatovs Bemerkung zu bedeuten hatte, aber als er die Worte »Phase Zwei« ausgesprochen hatte, war der Raum plötzlich von Spannung erfüllt. Der Vorschlag, was er auch bedeuten mochte, schien von weitreichender Bedeutung zu sein. Gray überflog langsam die Gesichter, bis er bei Dorothy angekommen war. Die junge Frau beschäftigte sich geistesabwesend mit ihrem Minicomputer und machte sich nicht die Mühe aufzuschauen, bevor sie das Wort ergriff. »Wir müssten insgesamt ungefähr« – sie zog die Schultern ein, als wollte sie einen unmittelbar bevorstehenden Schlag abwehren – »sechs Prozent freimachen.« Sofort brach am Tisch Unruhe aus; alle gaben ihrer Empörung über diese Forderung Ausdruck. »Kein Durcheinanderreden!«, sagte Gray streng, und im Raum herrschte wieder Stille. Er wandte sich wieder an Dorothy. Der Körper der jungen Frau war noch tiefer in ihren Sessel gesunken, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. »Georgi hat gesagt, ich sollte mindestens einen, möglichst aber zwei Prozent…« »Lauter!«, unterbrach Hoblenz mit hallender Stimme, wie um ein Beispiel zu geben. Dorothy richtete sich kerzengerade auf. »Ja, Sir!«, erwiderte sie selbstbewusst, aber mit sehr kindlicher Stimme. Sie salutierte vor Hoblenz sarkastisch, aber recht ungeschickt. »Wir brauchen zwei Prozent mehr«, sagte sie laut, wobei sie ihre Sopranstimme zu einer Imitation von Hoblenz’ Bass senkte und ihn mit zwei in der Luft wackelnden Fingern anstarrte. »Ohne Spielraum für Spitzen«, warf Filatov ein, »kommen wir gefährlich nahe an einhundert Prozent Kapazität heran. Wenn es zu einer Flut 97
von Datendurchgängen kommt…« Er zögerte und verstummte dann. Alle hier wussten, was passieren würde, wenn Filatovs Befürchtungen eintrafen. Alle außer Laura. »Das bedeutet, dass wir insgesamt acht Prozent freie Kapazität brauchen würden«, fuhr Filatov verdrossen fort. »Im Augenblick kann ich vier bereitstellen, wenn ich mit dem Nachtdurchlauf ein bisschen jongliere.« Seine Augen wanderten um den Tisch herum; er hatte die Hände in einer bittenden oder entschuldigenden Geste erhoben. »Wir müssen zusehen, dass wir die restlichen vier Prozent irgendwo herbekommen.« Von Philip Griffith, Grays Direktor für das Robotik, kam der klägliche Versuch eines Pfeifens. »Wieviel gewinnen wir, wenn wir auf die nächtliche Fehlerüberprüfung bei Interbank-Überweisungen verzichten?«, fragte Gray. Mehrere Köpfe fuhren hoch. »Ich werde die Banken für etwaige Diskrepanzen entschädigen«, sagte er und beschwichtigte damit eine Sorge, die Laura nur aus dem Kontext vermuten konnte. Sie kam sich vor wie eine Zuschauerin bei einem Spiel, dessen Regeln sie nicht kannte. Was vor sich ging, konnte sie nur anhand der Reaktionen der anderen erahnen. Filatov lehnte sich in seinem Sessel zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Seine Augen wanderten zur Decke empor. Sein Hemd hatte Schweißränder unter den Achselhöhlen. »Das würde uns vermutlich an die vier Prozent bringen. Aber wenn Sie bedenken, dass zehn Uhr abends an der Westküste ungefähr sieben Uhr morgens auf dem Kontinent ist, dann gibt uns das nur ein paar Stunden, bevor die Banken in Europa öffnen und wir damit anfangen müssen, die Leitungen freizumachen.« »Wie wäre es, wenn wir Phase Zwei etwas früher am Abend laden würden?«, fragte Gray. »Da müssten Sie sich die Programmplanung ansehen«, sagte Filatov. »Heute Abend zum Beispiel findet in Las Vegas dieser große Schwergewichtskampf statt. Das Letzte, was ich von den Marketingleuten gehört habe, war, dass sie damit rechnen, dass ungefähr fünfzig Millionen Leute diese Übertragung ordern werden.« »Und das ist eine Übertragung auf acht Kanälen«, meldete sich Hoblenz unvermutet zu Wort. »Je ein Kanal in den Ringecken, einer mit und einer 98
ohne Sprecher, und dazu die Helm-Camcorder und ich weiß nicht was sonst noch. Und das alles mit voller VR-Simultan-Aufzeichnung für die Beta-Tester.« »Genügen zwei Stunden für einen Durchlauf von Phase Zwei?«, fragte Gray, an Dorothy gewandt. Sie zuckte mit den Schultern, dann begann sie damit, den Kopf abwechselnd zur einen und zur anderen Seite zu neigen, eine Bewegung, die langsam zu einem rhythmischen Nicken zu einer Musik wurde, die nur Dorothy hören konnte. »O-o-o-h«, sagte sie und seufzte dann, »seit vorigem Jahr ließen wir Phase Zwei nicht mehr durchlaufen. Und seither haben wir das System verdoppelt. Damals brauchten wir vierundsiebzig Minuten.« Gray runzelte die Stirn. »Also, fangen wir mit dem Freimachen an. Ich möchte, dass mir jeder von Ihnen Vorschläge für eine zehnprozentige Entlastung in der seiner Abteilung zugewiesenen Kapazität macht.« Von allen Seiten wurde Stöhnen laut, und Hoblenz räusperte sich und beugte sich vor. »Ausgenommen im Sicherheitsbereich«, ergänzte Gray, und Hoblenz nickte. »Wir kommen in vier Stunden wieder zusammen.« Laura sah auf die Uhr. Das wäre um ein Uhr morgens, dachte sie, aber sie fühlte sich nicht müde. Sie war aufgeregt. Zwar wusste sie nicht, was passieren würde oder was von ihr erwartet wurde, aber es war ganz eindeutig aufregend. Vor allem war es so ganz anders als alles, was sie gewohnt war, und so akzeptierte sie die Tatsache, dass man in der Geschäftswelt bis in die Nacht hinein arbeiten musste, ohne weiteres. Deshalb bezahlt er so gut, begriff sie und hatte etwas weniger Skrupel, das Geld anzunehmen. »In der Zwischenzeit, Dr. Aldridge«, sagte Gray und riss Laura damit aus ihrem Kokon der Anonymität, »werde ich dafür sorgen, dass Sie sich ein bisschen eingewöhnen, bevor Sie an die Arbeit gehen. Dr. Griffith, würden Sie Dr. Aldridge herumführen?«, sagte Gray zu seinem Direktor für Robotik. Der Mann schaute verblüfft drein. Er starrte Gray an, und seine roten Lippen öffneten sich am Schnittpunkt der gewaltigen Koteletten, die seine Backen bedeckten. Seine Augen – vergrößert hinter dicken ColaflaschenLinsen – schienen im Begriff zu sein, aus ihren Höhlen hervorzutreten. 99
»Aber, Mr Gray, ich hatte für heute Nacht… eine Systemüberprüfung an den Zubringerbändern geplant und eine Qualitätskontrolle in der…« »Delegieren Sie das an jemand anderen«, fiel ihm Gray, bereits aufstehend, ins Wort. »Wir sehen uns in vier Stunden wieder. Sitzung vertagt.« »Tut mir Leid, wenn ich Sie von Ihrer Arbeit abhalte«, sagte Laura, während der Fahrstuhl seine schnelle Abwärtsfahrt fortsetzte. »Ich meine, Sie scheinen sehr viel zu tun zu haben. Ich weiß nicht, weshalb Mr Gray gerade auf Sie verfallen ist.« Griffith zuckte die Schultern. »Bei Mr Gray ist man nie vor Überraschungen sicher.« Nachdem er kurz in ihre Richtung gelächelt hatte, zog Griffith die Oberlippe hoch und entblößte seine Zähne, sodass es aussah, als würde er gleich fauchen. Er grimassierte insgesamt dreimal – runzelte seine Stirn und kniff dabei jedesmal die Augen zusammen, bis er es schließlich aufgab und seine Finger benutzte, um seine Brille höher auf den Nasenrücken hinaufzuschieben. Laura wendete sich ab und bemühte sich um eine neutrale Miene. Leute wie Griffith hatte sie schon oft gesehen, besonders unter Akademikern: Sonderlinge, weltfremde Einzelgänger, die Art von Leuten, die die Schlangen in den Zulassungsstellen für Kraftfahrzeuge bevölkerten und es liebten, über Regierungsverschwörungen zu reden. Der einzige Unterschied zwischen diesen Typen und Akademikern wie Griffith war ihr Intelligenzquotient. Griffith schnaubte laut und gab, als er sich räusperte, ein grunzendes Geräusch von sich. Als es in Lauras Ohren zum dritten Mal knackte, fragte sie: »Wie weit hinunter fahren wir?« »Das Hauptareal liegt ungefähr dreihundert Meter unter Meereshöhe«, antwortete er. »Wir haben festgestellt, dass in dieser Tiefe das Lavagestein den größten Teil des subatomaren Mülls absorbiert, der im Weltraum herumfliegt, und somit unsere Fehlerquote erheblich reduziert. Natürlich werden dadurch auch elektromagnetische Interferenzen und simplere Probleme wie Vibrationen und Staub gegenstandslos.« Der Fahrstuhl wurde langsamer. »Und dann ist da natürlich die physikalische Sicherheit.« Griffith öffnete einen in die Wand des Fahrstuhls eingelassenen Kasten 100
und hielt Laura eine dunkle Sonnenbrille hin. »Hier«, war alles, was er sagte. Die Linsen waren kohlschwarz, und ihre Ränder waren mit dunklem, halbstarrem Plastik abgeschirmt. »Was ist das?«, fragte sie. »Setzen Sie sie auf«, sagte Griffith, während er eine gleiche Brille über seine eigene schob. »Sie verhindert NetzhautSchädigungen durch die Laser.« »Wie bitte?«, fragte Laura. Sie hatte das Gefühl, dass ihre Beine unter ihr nachgaben, während der Fahrstuhl ständig langsamer wurde. »Was für Laser?«, fragte sie, wartete aber die Antwort nicht ab, sondern folgte Griffith’ Beispiel und setzte rasch die dunkle Brille auf. Die Linsen waren so stark getönt, dass es in der kleinen Fahrstuhlkabine praktisch pechschwarz wurde. Als der Fahrstuhl unten angekommen war, ging das Licht plötzlich ganz aus. »Hey!«, entfuhr es Laura. »Wir müssen verhindern, dass irgendwelche Lichtstrahlen die Kommunikationssignale stören«, erklärte Griffith. »Auf der Beobachtungsplattform gibt es eine ganz schwache rote Beleuchtung.« Es dauerte einige Zeit, bis sich die Fahrstuhltüren dreihundert Meter unter dem Bunker des Computerzentrums öffneten. Ihr Auf gleiten gab den Blick frei auf einen kleinen Raum, der schwach beleuchtet und von Fenstern umgeben war. Ein kalter Schwall schwerer Luft ergoss sich in den Fahrstuhl. In der fast vollständigen Dunkelheit spürte Laura, wie die eisige Welle sie einhüllte, über ihre Beine spülte wie eine Flüssigkeit und Zentimeter um Zentimeter an ihrem Körper hochstieg. Binnen Sekunden war sie vollständig in das eisige Bad eingetaucht. Laura watete hinter Griffith in die kalte Luft. Er holte einen dicken Parka aus einem Schrank und schüttelte ihn heftig, bevor er ihn ihr reichte. »Der sollte eigentlich gleich warm werden, sobald die chemischen Einlagen im Futter in Aktion treten.« Laura ignorierte ihn fast. Als sich ihre Augen langsam der schwachen Beleuchtung anpassten, faszinierte sie das einzigartige Schauspiel, das sich ihr durch die mit Eis bedeckten Fenster hindurch bot. Etwas ähnliches 101
hatte sie noch nie zuvor gesehen. Die dunkle Welt wurde von einer Milliarde funkelnder Sterne erhellt. Sie flackerten so rapide, dass jedes Pulsieren nur ein Produkt ihrer Phantasie zu sein schien – eine Augentäuschung. Der Effekt war atemberaubend. Die mysteriöse Höhle war von lebenden Lichtern erfüllt und dennoch in vollkommene Dunkelheit getaucht. Die lähmende Kälte zwang Laura, den übergroßen Parka überzuziehen. Mit zitternden Händen schloss sie den Reiß-Verschluss und zog sich die pelzgefütterten Kapuze über den Kopf. Der gesteppte Parka war so lang wie ein Militärmantel, aber ihre Füße waren trotzdem der eisigen Kälte der Luft ausgesetzt. Vorsichtig suchte sie sich ihren Weg über die Beobachtungsplattform auf die Lichter zu, dann glitt ein Schauder über ihren Rücken, als die Kälte durch den Parka hindurchdrang. »O Mann…«, flüsterte sie, und das Wort vibrierte durch das Klappern ihrer Zähne. »Ja«, sagte Griffith, gleichfalls mit bebender Stimme. »Es ist ka-a-alt.« »Nein, ich meine, was ist das nur für ein Ort?«, murmelte sie, vor dem rot beleuchtetem Fenster stehend. »Diese Lichter! Sie sind…« »Außerirdisch«, ergänzte Griffith. »Das jedenfalls denke ich immer. Es ist, als blicke man in eine andere Welt, in eine andere Dimension.« Laura streckte die Hand aus, um das Glas zu berühren. »Nicht!«, warnte Griffith, und sie zog die Hand schnell zurück. »Die Kälte könnte Ihre Haut verbrennen.« Griffith hebelte einen ganz gewöhnlichen Eiskratzer von der Fensterbank los und begann ein Stück der Scheibe freizumachen. »Wir haben hier unten nicht oft Besucher«, sagte er, während er arbeitete. Nachdem er einen großen, unregelmäßigen Fleck in der Mitte der Scheibe freigeschabt hatte, steckte er die Hand rasch wieder in die Tasche und benutzte ungeschickt seinen Ellbogen zum Sauberreiben des Glases. Laura beugte sich vor, um durch das Loch hindurchschauen. Das Flackern war verschwunden. Das Licht pulsierte jetzt in brillanter Helligkeit, und jedes Pulsieren war ein flüchtiger Nadelstich auf der kohlschwarzen Leinwand dahinter. Die Szene veränderte sich ständig; jedes rasche Aufblitzen war ein singuläres, nicht wiederholbares Ereignis. Zufälligkeit, die auf perfekte Ordnung hindeutete. »Das ist das ›Netz‹«, sagte Griffith leise, fast ehrfürchtig. »Ein neurona102
les Netzwerk. Ein optisches, analoges, neuronales Netzwerk. Die innovativste Maschine, die je geschaffen wurde. Was Sie da betrachten, Dr. Aldridge, ist das achte Weltwunder. Ich wünschte mir nur, Archimedes wäre hier, um das zu sehen.« »Es ist wunderschön«, murmelte Laura, völlig hingerissen von dem unirdischen Schauspiel. »Sie können es in der Dunkelheit natürlich nicht erkennen, aber wir stehen auf einer Terrasse oberhalb eines großen Betonbeckens. Das Becken ist ungefähr zehn Meter tief, ein paar hundert Meter lang und hundert Meter breit. Es ist mit Flüssigstickstoff gefüllt, dessen Siedepunkt bei minus zweihundertsiebzig Grad Fahrenheit liegt. Wenn die peripheren elektronischen Komponenten auf diese Temperatur gekühlt sind, werden sie supraleitend. Was wir tun, ist Folgendes: Wir lassen Gestelle, die aussehen wie Kinder-Baukästen, in das Becken hinab. Jedes Gestell enthält tausend Platinen, und jede Platine leistet ungefähr hundertmal soviel wie ein alter Cray-1-Supercomputer.« Seine Stimme bebte, und er trat von einem Fuß auf den anderen. Es würde ein kurzer Besuch hier werden, vermutete Laura, trotz der chemischen Wärme, die ihr Parka jetzt ausstrahlte. »Auf jeder dieser Platinen«, fuhr Griffith fort, »befinden sich ungefähr zehn Millionen Knoten oder, um Ihre Terminologie zu benutzen, Neuronen. Zehn Millionen Gehirnzellen.« Was Griffith sagte, waren bloße Worte. Sie waren nichts verglichen mit dem, was sie mit eigenen Augen sah. Die Unermesslichkeit des Anblicks, der sich ihr bot, verschlug ihr den Atem. Wie war es möglich, etwas zu konstruieren, das diesen Effekt erzielte? Schwärze, erfüllt von Licht. »Es ist ein optischer Computer«, fuhr Griffith fort, »kein elektronischer. Er arbeitet mit Licht anstelle von Elektrizität, um seine grundlegenden logischen Operationen durchführen und seine Erinnerungen speichern zu können. Logische Pforten werden geöffnet oder geschlossen, je nach Intensität der Laserstrahlen, die den Platz von Halbleitern einnehmen.« Laura hörte ein Stoffrascheln und riss sich für einen Moment von den Lichtern los, um einen Blick in die Öffnung von Griffith’ Kapuze zu werfen. »Wissen Sie, was eine Picosekunde ist?«, fragte er, in der Pelzumrahmung kaum sichtbar. 103
»Also – natürlich!« Lauras Atem formte sich zu Dampfwolken »So ungefähr.« »Es ist der billionste Teil einer Sekunde. Normale elektronische Supercomputer benötigen ungefähr vierhundert Picosekunden, um eine binäre Operation wie etwa das Addieren von zwei Zahlen vorzunehmen. Dieser optische Computer hat diese Zeit auf 0,4 Picosekunden verkürzt. Und Sie sehen nur einen winzigen Bruchteil dieser Operationen. 99,9 Prozent seines Signalverkehrs spielen sich auf mikroskopisch kleinen, in die Platinen selbst eingelagerten Wellenleitern ab.« Laura starrte staunend auf die Nadeln aus Licht, die wie winzige Blitzlichter aufflammten. Mehr als an alles andere erinnerten sie sie an astronomische Aufnahmen aus den Tiefen des Weltraums. Nur war dieses Universum lebendig und blitzschnell – Sterne wurden geboren, erstrahlten hell und starben wieder, und das alles in Bruchteilen einer Picosekunde. »Also machen diese Lichter da unten«, fragte Laura, »nur 0,1 Prozent der Operationen des Computers aus?« »Nein, das stimmt nicht ganz. Sie machen wesentlich weniger aus. Ungefähr neunundneunzig Komma irgendein Prozent des Signalverkehrs, der nicht über die internen Schaltkreise einer Platine läuft, spielen sich über Glasfaserkabel ab, die Sie gleichfalls nicht sehen können.« »Einen Moment«, sagte Laura. »Wenn wir die internen Lichtsignale auf den Platinen selbst nicht sehen können, und wenn wir die GlasfaserSignale nicht sehen können« – sie wendete sich wieder dem faszinierenden Schauspiel hinter dem freigekratzten Glas zu – »was ist das hier vor uns dann?« »Laserpulse. Kommunikationen zwischen Platinen, die für eine feste Verbindung nicht stabil genug oder einander nicht nahe genug sind. Diese Platinen reden miteinander, indem sie Laserstrahlen durch den gasförmigen Stickstoff oberhalb des Beckens schicken. Diese Lasersignale da unten repräsentieren nur ungefähr eines von jeweils rund hundert Millionen Datenpaketen, die von einem Gateway zum nächsten übermittelt werden.« Griffith redete weiter über die konstante »Rationalisierung« der Schaltungen des Computers zur Erhöhung der Effektivität, aber Laura hörte nicht zu. Sie war über die Implikationen dessen, was er sagte, viel zu er104
staunt, um den Details folgen zu können. Wenn dies, dachte sie, während sie die außerordentlichen Konstellationen der flüchtigen Sternchen betrachtete, einhundert Millionstel der Gesamtmenge der Signale ist… Es war unmöglich, sich das vorzustellen. Es war ein so konstantes, so dissonantes Tosen von Funktionen, dass es ihre Einbildungskraft völlig überwältigte. Es ist ein Gehirn. Der Gedanke kam ihr so klar und deutlich, als wäre er ihr ins Ohr geflüstert worden. Sie stand innerhalb eines lebendigen Gehirns und beobachtete die elementarsten Denkimpulse – synaptische Interaktionen. Individuelle Gehirnzellen, die miteinander kommunizierten. Ein Kribbeln breitete sich auf ihrer Kopfhaut aus, rieselte dann über ihren Hals und ihre Schultern. Sie zitterte, aber nicht vor Kälte. Was sie spürte, war die körperliche Reaktion auf ein ausschließlich zerebrales Phänomen. Denn Laura wusste, dass in tierischen Gehirnen Gedanken aus Verbindungen von ähnlicher Komplexität hervorgingen. Und dass aus einem vielfach verschlungenen Netzwerk aus Impulsen, der Konfusion der Lichter dort unten sehr ähnlich, in Menschen ein Gefühl des Bewusstseins entstand. »… Signale gelangen in das Netz durch Input-Vorrichtungen – Dinge wie Kameras, Mikrofone, Bewegungsmelder und so weiter, oder durch die herkömmlichen elektronischen Input-Vorrichtungen wie Tastaturen, Mausklicks oder Digitalisierer. Sie werden von elektronenbasierten zu lichtbasierten Signalen umgewandelt durch…« »Er hat es geschafft«, flüsterte sie. Tränen traten ihr in die Augen, aber ihr Mund war trocken, als sie die Symphonie aus Lichtern beobachtete, die über dem Stickstoffbecken gespielt wurde. Mit einem Rascheln seines Parkas schaute Griffith in ihre Richtung und verstummte. Gray hatte ein Gehirn geschaffen. Es war ihm gelungen. All das Gerede, all die fruchtlosen Recherchen so vieler Leute über so lange Zeit – und Gray hatte das alles Wirklichkeit werden lassen. Die Gänsehaut breitete sich jetzt aus, ergriff nicht nur ihre Arme, sondern ihren gesamten Körper. Es war ein Gefühl der Begeisterung, des Triumphes, des Fortschritts. Laura schwelgte darin – in dieser Euphorie, die wie eine Droge freigesetzt wurde, als ihr plötzlich die ganze Tragweite von Grays Durchbruch zu 105
Bewusstsein kam. »Wie in aller Welt hat er das alles zustandegebracht?«, fragte sie wie im Traum. Es war im Grunde keine Frage, sie gab lediglich ihrem Unglauben Ausdruck. »Diese Komplexität ist phänomenal!« »Oh, Mr Gray hat das Netz nicht gebaut.« Laura wirbelte zu der dunklen Masse des Mannes herum. »Wie meinen Sie das? Wer hat es denn gebaut?« »Also, ich glaube, das ist eine eher philosophische Frage. Natürlich hat Mr Gray den Prozess in Gang gesetzt. Er und Margaret haben den Computer vor ungefähr drei Jahren darauf angesetzt, das Netz zu entwickeln. Gray hat das Saatprogamm implantiert, aber von da an ist es gewissermaßen selbst gewachsen und…« »Was für ein ›Saat‹-Programm?« In der Dunkelheit war es unmöglich, Griffith’ Miene auszumachen. Seine Reaktion kam sehr langsam. »Also… er…Ich meine, sie fingen nicht einfach mit einer völlig leeren Schiefertafel an. Ich meine, Gray hatte natürlich schon seit Jahren mit einer Unmenge von Theorien herumgespielt. Sie fingen mit einem Programm an, das ursprünglich lediglich das Ziel hatte, das Netz zu vergrößern – irgendwie ist es um diese Basis herum gewachsen. Vor ungefähr einem Jahr haben wir dieses Becken gefüllt und ein weiteres, den Anbau, eine halbe Meile von hier entfernt, hinzugefügt. Er hat ein weit größeres Volumenpotential, aber bis heute haben wir dort nur ungefähr ebenso viele Platinen eingesetzt wie hier im Hauptbecken.« »Und dieses Saarprogramm – das stammt von Gray?«, fragte Laura und konzentrierte sich dann ganz auf den Tonfall von Griffith’ Stimme, als er antwortete. »Natürlich! Ja.« Laura nickte. Die Verbindungen in ihrer Vorstellung waren jetzt vollständig. Die Verbindungen zwischen den Punkten von Grays Biographie – die Meilensteine auf seinem Weg, der reichste Mann der Geschichte zu werden. Von seinen bescheidenen Anfängen in der Wall Street war das rechenschwache Computerprogramm des Wunderkindes herangewachsen zu – dem hier! Natürlich! dachte sie. Er hatte mit der Arbeit an diesem System vor fast zwei Jahrzehnten begonnen. Sein kleines »Saat«-Programm war in 106
Wirklichkeit das Produkt eines angestrengt arbeitenden Genies. Die Aufregung über ihre Entdeckung ließ ihr fast den Atem stocken. Aber sie war so offensichtlich, es war eine Entdeckung, die die anderen bestimmt schon längst gemacht hatten. »Weshalb fragen Sie?«, flüsterte Griffith. Er hörte sich verschwörerisch und vorsichtig an. »Worauf wollen Sie hinaus?«, drängte er. Laura war erstaunt. Seltsamerweise hatte zumindest ein Mitglied von Grays »Team« nicht die Schlüsse gezogen, die Laura für so offensichtlich hielt. »Nichts«, sagte Laura, ohne recht zu wissen, weshalb es ihr widerstrebte, ihre Gedanken mit diesem Mann – einem von Grays Spitzenkräften – zu teilen. Sie nahm den Faden von Griffith’ letzter Bemerkung wieder auf. »Sie sagen also, dass das Saatprogramm sich zu dem hier ausgewachsen hat? Dass der Computer sich selbst gebaut habe?« Griffith zögerte – eine Pause, die Laura als Enttäuschung über ihre ausweichende Reaktion interpretierte. »Oh, wir haben es natürlich überwacht. Aber nur auf der allergemeinsten Ebene. Nehmen Sie meine Abteilung – Robotik. Jeder unserer Roboter hat sein eigenes neuronales MiniaturNetzwerk – oder ›Mini-Netz‹ –, und das erste Training, das wir diesen Mini-Netzen angedeihen lassen, besteht darin, dass wir den Hauptcomputer veranlassen, sie mit Simulationen auf Trab zu bringen. Als wir für unsere Siebener-Roboter mehr kinästhetische Fähigkeiten brauchten, haben wir einfach den Computer aufgefordert, ihnen mehr kinästhetisches Training angedeihen zu lassen. Mehr Platinen kommen in das Becken, und im Handumdrehen beginnen die motorischen Fähigkeiten der SiebenerModelle zu wachsen.« Laura starrte den verschwommenen Umriss des Mannes an, dann wendete sie sich wieder dem Becken zu. Der Computer war vollauf damit beschäftigt, mit sich selbst zu reden. »Sie wissen also nicht, wie er funktioniert, oder?«, fragte sie. Griffith ließ sich Zeit mit seiner Antwort. »In der Tat – ich habe keine Ahnung«, erwiderte er schließlich. Die warme Nachtluft auf dem langen Weg zum Montagegebäude taute 107
Lauras erstarrte Füße allmählich auf. Sie hatte darauf bestanden, zum nächsten Punkt ihrer Besichtigungstour zu Fuß zu gehen. Nicht, um wieder warm zu werden, wie sie Griffith gegenüber behauptet hatte, sondern um ihre Blitzreise durch die Zeit zu verlangsamen, damit sie verdauen konnte, was sie bereits erfahren hatte. Aber Griffith war unerbittlich. Er setzte seinen Schnellkurs über das 21. Jahrhundert fort. »Der Computer arbeitet analog, nicht digital. Die Lichtsignale, die er aussendet, sind nicht auf Ein und Aus beschränkt wie bei einem digitalen Computer. Sie sind außerdem stärker oder schwächer, größer oder kleiner, höher oder tiefer, heißer oder kälter, je nach der Intensität der Signale des Lasers und danach, welche Information das jeweilige Signal übermitteln soll.« Er redete und redete, und Laura betrachtete derweilen die hoch aufragenden Wunderwerke in Grays kleiner Nische der Zukunft. »Der Computer ist durchweg parallel aufgebaut. Er zerlegt jedes Problem in so viele Teile wie möglich und geht dann all diese Teile simultan an.« Lauras Denken war mit neuen Ideen total übersättigt – die Speicher voll von unverarbeitetem Datenmaterial. Aber Griffith war ein Springbrunnen des Wissens, und die Ventile dieses Springbrunnens waren weit geöffnet. »Wenn ein völlig neues Problem auftritt, dann versucht ein neuronales Netzwerk es mit Probieren zu lösen. Und selbst nachdem es das Problem gelöst hat, testet es sich selbst unaufhörlich weiter, stellt ständig neue Schaltungen her, um seine Leistungsfähigkeit zu vergrößern.« »Komplex-adaptives Verhalten«, murmelte Laura, bemüht, sich das alles vorzustellen. »Nach Billionen und Aberbillionen von Neuschaltungen haben wir nicht die geringste Ahnung, was der weitaus größte Teil des Systems tut. Und ein beträchtlicher Teil der Signale, die in jedem beliebigen Moment übermittelt werden, haben ein Reprogrammierungsvermögen, das die Operationen jeder beliebigen Platine verändern kann.« Eine warme Meeresbrise strich über sie hinweg, und Laura schüttelte den Kopf – ihre eigenen Platinen waren überladen. »Das hört sich an, als wäre es ein völliges Durcheinander«, sagte sie. »Das totale Chaos.« »Das ist es!«, sagte Griffith. Er sah sie an und lächelte. »Aber in dieser 108
Zufälligkeit passiert etwas ganz Wundervolles.« Der Ton seiner Stimme hatte sich verändert. Jetzt schien er nicht mehr über Technisches zu reden, sondern über etwas viel Sublimeres. »Einmal… einmal surfte ich auf der ›Shell‹ – das ist das Interface für die globale Nutzung –, und da hat der Computer wie aus heiterem Himmel gesagt: ›Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass manche Wolken aussehen wie Gesichter?‹ Laura sah zu ihm auf. Er brauchte ihr nicht zu erklären, wie bedeutsam diese Frage des Computers war. Sie empfand genau die Intensität des Staunens, die sich in seiner Stimme ausdrückte. »Ich veranlasste den Computer, der synaptischen Route dieses Gedankens nachzugehen, und auf diese Weise fand ich heraus, was passiert war. Der Computer hatte meteorologische Daten über einer der Startrampen registriert. Als eine Wolke vorüberzog, hatte die Platine, die nach schlechtem Wetter Ausschau hielt, dem Bild eine hohe Priorität zugewiesen – eine starke synaptische Gewichtung –, und es zur Weiterverarbeitung durch all seine Schaltungen gejagt. Andere Platinen berechneten, ob die Wolke möglicherweise zu elektrischen Entladungen neigte oder elektronische Störungen bewirken könnte oder sonst etwas dergleichen. Wenn sie gefährlich aussah, dann erhöhten die Platinen die Gewichtung des Signals und jagten die verarbeiteten Informationen durch all ihre Verbindungen. Diejenigen Platinen, denen die Wolke gleichgültig war, taten das Gegenteil – sie reduzierten die Signalstärke, bevor sie das Bild weitergaben. Die meisten dieser Pfade waren Sackgassen – sie betrafen eine Reihe von Platinen, von denen jede ihre Signalstärke reduzierte, bis sie völlig erloschen war. In einer dieser Sackgassen – bevor das Bild dieser Wolke erlosch -landete es bei einer Platine, die die Umrisse von Videobildern aufzeichnete. Diese Platine hatte ein Muster gefunden. Sie folgte den Linien der Wolkenumrisse und stellte fest, dass das Bild die Form eines Gesichtes hatte. Was halten Sie davon?« »Ich… ich finde es… es ist wundervoll! Es ist eine Analogie!« Das war genau das, was Gray auf ihrem Spaziergang früher am Abend beschrieben hatte. »Mit Analogien kann er verallgemeinern«, sagte Laura. Je tiefer das, was Gray und Griffith gesagt hatten, in ihr Bewußtsein einsickerte, desto 109
aufgeregter wurde sie. Sie sprach immer schneller und gestikulierte mit den Händen, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. »Mit Verallgemeinerungen kann er lernen! Er kann herausfinden, dass ein Sofa zum Sitzen da ist, weil es so ähnlich aussieht wie ein Stuhl! Mit dieser Art von Lernpotential könnte er…!« Die Worte blieben ihr in der Kehle stecken. Er hat es geschafft!, dachte sie, hütete sich aber, Gedanken auszusprechen, die weit vorauseilten. Sie streckte die Hand aus, packte Griffith und blieb mit ihm auf dem Gehsteig neben derselben Straße stehen, auf der Gray Laura das Sechser-Modell gezeigt hatte. »Ich will wissen, wie es funktioniert«, verlangte Laura. »Ich will alles darüber wissen.« »Wozu?«, erwiderte Griffith mit beiläufigem Achselzucken und setzte dann den Weg zu ihrem Ziel fort – dem hell erleuchteten Montagegebäude. »Große Mainframe-Computer wie die, die wir da unten in diesen Becken installiert haben, sind eine zunehmend überholte Form der Datenverarbeitung. Miniaturisierung ist das Schlüsselwort. Wir haben mit der Verkleinerung der Schaltungstechnik bereits beträchtliche Erfolge erzielt. Sie werden beeindruckt sein, wenn ich Ihnen die Siebener-Modelle zeige. Mit dem Studieren des Hauptcomputers vergeuden Sie nur Ihre Zeit.« Griffith’ wegwerfende Bemerkung traf direkt ins Herz ihrer Unsicherheit. Laura hatte nur eine wirklich tiefsitzende Angst. Es gab nur eine Sache, die für sie wirklich eine Rolle spielte. Sie war nicht unsicher bezüglich ihres Aussehens oder ihrer Persönlichkeit oder der sehr wenigen Verehrer, die sie ihrer Mutter vorgestellt hatte. Die Sache, anhand derer sie sich einstufte, war ihr Verstand, ihr Intellekt, ihre Intelligenz. In ihrem früheren Leben hatte sich diese Intelligenz an den Artikeln messen lassen, die sie veröffentlichte, an den Diskussionen, die ihre Ideen auslösten. Nach diesen Maßstäben galt sie schon jetzt als Versagerin. Das hatte sie sich eingestanden, als sie an Bord von Grays Flugzeug gegangen war. Das Angebot, sich Grays »Dream Team« anzuschließen, war ihre Rettung gewesen. Die anderen würden behaupten, sie hätte einen Rückzieher gemacht, aber das war bei weitem erträglicher als das, was ihnen an höhnischen Äußerungen eingefallen wäre, nachdem der Dekan seine Abschiedsrede gehalten hätte. Was Gray ihr geboten hatte, war eine einmali110
ge Chance – die Chance, dem Berufungskomitee eine lange Nase zu zeigen. Ihre Phantasievorstellung enthielt nur ein Problem: Darin war kein Platz für einen schmählichen Rückzug von Grays Insel – aus seiner Gesellschaft des Intellekts. »Mr Gray hält den Computer offensichtlich nicht für veraltet«, sagte Laura. »Ich meine« – sie suchte nach Worten – »er hat mich engagiert, damit ich helfe, ihn in Ordnung zu bringen.« Laura hatte sich bemüht, sich ihre Furcht, ihre bescheidene Rolle in dem »Dream Team« könnte rasch belanglos werden, nicht anmerken zu lassen. Griffith zuckte die Schultern. »Aber er hat auch die Produktion neuer Platinen einstellen lassen, obwohl der Anbau erst halb genutzt ist.« Laura betrachtete den Beton unter ihren Füßen, über den sie schritt. Sie musste sich zwingen, das Kinn hochzunehmen und die Schultern zu straffen. »Wann hat er das getan?« »Die Anweisung wurde gestern erteilt.« »Weshalb?« Griffith schüttelte den Kopf und zuckte wieder die Schultern. »Ich bin nur der Direktor einer Sechsundzwanzig-Milliarden-Dollar-Abteilung. Woher zum Teufel soll ich das wissen?« Es war der Versuch, einen Scherz zu machen, aber der Sarkasmus verriet seine Bitterkeit. »Die Zukunft liegt jedenfalls in der Mobilität. Und dorthin sind wir jetzt unterwegs. Es ist im Grunde eine natürliche Progression. In zwanzig Jahren wird es zwischen Computern und Robotern keinen Unterschied mehr geben. Sie werden ein und dasselbe sein.« Sie gingen schweigend weiter, wobei Laura über die Implikationen von Griffith’ Bemerkung nachdachte. Ihr Verstand wurde nicht damit fertig, und sie stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie kämpfte gegen die Unsicherheit – den Drang, aufzugeben, sich einzugestehen, dass ihr das alles über den Kopf wuchs. Die Zähne zusammenbeißend beschloss sie, es langsam anzugehen – einen Schritt nach dem anderen. »Öffnet der Computer die Türen automatisch – oder wie funktioniert das? Wie die Tür zu dem Konferenzraum, in dem Sie saßen, und die in der Turnhalle, gegen die dieser Mann anrannte, nachdem er einen Streit mit seiner Frau gehabt hatte?« 111
»Pneumatische Türen gehören zu meiner Abteilung«, sagte Griffith. »Robotik. Aber für den Fehler war der Computer verantwortlich, das kann ich Ihnen versichern, nicht die Servosteuerung in dieser Tür.« »Aber wozu all die Mühe, die Türen vom Computer öffnen zu lassen? Ich meine, in Supermärkten genügen dafür doch Bewegungsmelder oder sonst etwas in der Art.« Griffith lachte unvermutet laut auf und schlug sich wie eine verschlankte Version des heiligen Nikolaus auf den rundlichen Bauch. Er lachte über ihren Witz, aber Laura hatte es ernst gemeint. Ihre Stimmung verschlechterte sich rapide, aber sie klammerte sich hartnäckig an ihre Frage. Sie war entschlossen, zumindest eine Sache im ersten Kapitel ihres Instruktionshandbuchs zu begreifen, bevor sie sich Griffith auf Seite vierhundert anschloss. »Also, wie öffnet der Computer eine Tür? Ich meine, als Mr Gray und ich auf die Tür zum Konferenzraum zugingen, öffnete sie sich, noch bevor wir sie erreicht hatten. Woher wusste der Computer, dass er diese Tür öffnen, aber die auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs geschlossen halten musste?« »Nun ja«, sagte Griffith mit einem Kichern, das nicht ganz heiter klang – ein Anflug von Verwirrung erschien auf seinem Gesicht, als läge die Antwort auf der Hand –, »weshalb sollte er glauben, dass Sie in eine Kammer gehen wollten, in der nur Mops und Besen und Eimer aufbewahrt werden?« Jetzt war es Laura, die verwirrt war. »Sie meinen – der Computer wusste, wo wir hinwollten?«, fragte sie. Griffith nickte und sah sie an, als wäre dies die allerelementarste Feststellung der Welt. »Aber dann… dann musste ihm klar sein, wer wir waren.« »Ja, natürlich«, sagte Griffith und sah sie abermals an, wobei ihm offensichtlich erstmals bewusst wurde, wie weit zurück Laura tatsächlich war. Wie unvorbereitet auf ein Leben in Grays Welt… und wie wenig vorbereitet auf die Aufgabe, die sie in Grays Team übernehmen sollte. In diesem Moment wurde Laura klar, dass Gray nichts über ihre beruflichen Qualifikationen gesagt hatte, als er sie vorstellte. Sie hatten keine Ahnung, wie wenig sie über Computer-Technologie wusste – oder über irgendeine an112
dere Technologie. »Die pneumatischen Türen dienen der Sicherheit, nicht der Bequemlichkeit«, sagte Griffith. Seine Stimme hörte sich plötzlich herablassend an. »Falls jemand, der nicht autorisiert war, unsere Versammlung zu stören, auf diese Tür zugegangen wäre, dann hätte er die Gegensprechanlage benutzen und um Einlass bitten müssen. Aber wenn der Computer wusste, weshalb derjenige dorthin unterwegs war – wenn er zum Beispiel den Ausdruck einer E-Mail abliefern wollte, oder wenn im Kontrollraum ein Feuer ausgebrochen wäre oder etwas dergleichen –, dann hätte er die Tür sofort geöffnet. Er ist sehr gut darin, Vermutungen anzustellen. Deshalb ist der Fehler in der Turnhalle so schwer zu begreifen. Fehler dieser Art macht er sonst fast niemals.« In Lauras Kopf drängten sich so viele Fragen, dass sie unsicher war, welche sie als nächste stellen sollte. Sie wollte nicht ihre Unwissenheit verraten, indem sie etwas fragte, was für alle außer ihr auf der Hand lag, und deshalb wählte sie ihre nächste Frage mit Bedacht: »Werden alle Türen vom Computer gesteuert?« »In den öffentlichen Gebäuden, ja«, erwiderte Griffith. »Natürlich nicht in den Privathäusern.« Sein Ton war so ungeduldig, als wäre die Antwort derart offensichtlich, dass ihre Frage kaum eine Reaktion verdiente. Das ärgerte Laura. »Hören Sie, für Sie mögen das alles alte Hüte sein, aber in der wirklichen Welt entscheiden Turen nicht, ob sie sich öffnen sollen oder nicht! Dort muss man so etwas niederdrücken, das ›Klinke‹ genannt wird, okay?« Sie vergewisserte sich, dass sie als Antwort ein entschuldigendes Nicken erhielt, bevor sie fortfuhr: »Also«, sagte sie, jetzt mit freundlicher Stimme und diese kleine Episode hinter sich lassend, »weshalb öffnet und schließt der Computer Türen in öffentlichen Gebäuden, aber nicht in Privathäusern?« Griffith öffnete den Mund, doch dann zögerte er und warf ihr aus den Augenwinkeln einen Blick zu, wobei er offenbar seine Antwort abwog. »Weil«, sagte er in gesetztem Ton, »es dabei um die Privatsphäre geht. Mr Gray legt sehr großen Wert darauf, dass die Privatsphäre der Leute nicht angetastet wird. Damit der Computer Ihnen die Tür öffnen kann, muss er wissen, wer Sie sind und was Sie tun. Um diese Dinge wissen zu können, verfügt er über ein Echtzeit-Modell der Welt – wer und was jeder Mensch 113
und jede Sache ist und was die Betreffenden in genau diesem Augenblick tun. Er konstruiert dieses Modell, indem er die Daten verarbeitet, die ihm seine Sensoren vermitteln. Visuelle, auditorische, thermale Bewegung – alle diese Sinneswahrnehmungen verschmilzt er, um sich ein Bild von der Welt und allem darin zu machen. Wenn wir ihm gestatten würden, seine Beobachtungen in die Häuser der Leute auszudehnen – in ihre Schlafzimmer und Badezimmer und… Also, Sie können sich ein Bild davon machen«, schnaubte Griffith, »aber der Computer kann es nicht!« Er stieß Laura mit dem Ellbogen an, laut lachend. »Kapiert?« Laura nickte. »Das war ein Witz, ist Ihnen das klar?« Laura nickte abermals. »Es war ein Wortspiel. Haben Sie es verstanden?« »Ja!« Griffith verzog das Gesicht, als wäre er abermals ganz unabsichtlich über Lauras aufbrausendes Temperament gestolpert. »Tut mir Leid«, sagte Laura, und sie gingen schweigend weiter. Laura ließ den Blick über die leeren Rasenflächen schweifen, weil ihr immer unbehaglicher zumute wurde. »Also werden die Leute ständig von Kameras überwacht, wenn sie sich in öffentlichen Räumen aufhalten?« »Und von Infrarot, Wärmemeldern, Schwachlicht, Mikrofonen, BodenBewegungsmeldern, Drucksensoren, Feedbacks von Dingen wie Lichtschaltern…« »Ich verstehe«, unterbrach ihn Laura. »Es ist die einzige Möglichkeit, die der Computer hat, ein Weltmodell zu erstellen. Er muss jeden verfügbaren Sensor nutzen, um ein Gefühl für den Ort zu bekommen. Wenn seine Sinneswahrnehmungen beträchtlich behindert sind – wenn Sie sich zum Beispiel hinter einem Strauch oder sonst etwas verstecken, um sich zu kratzen – für Sie eine ganz normale Sache –, dann ist das, soweit es den Computer angeht, nicht passiert. Es geschieht außerhalb des Modells des Computers. Auf dieser Insel lernt man sehr schnell, wo es Lücken im System gibt. Es ist im Grunde keine große Sache.« »Und all diese Mühe machen Sie sich nur aus Sicherheitsgründen? Ist Gray denn derart auf Sicherheit versessen?« »Oh, nein, nein. Es ist nicht nur die Sicherheit. Die Roboter zum Bei114
spiel benutzen eben dieses Weltmodell, um nicht irgendwo anzustoßen. Die Dreier-Modelle zum Beispiel können nur deshalb so schnell über die Straßen sausen, weil sie sehen können, was sich vor ihnen befindet. Ein Sechser würde wissen, wann er die Straße überqueren kann, weil beide vom gleichen Weltmodell Gebrauch machen und nach rechts und nach links schauen. Das ist das Schöne am Konstruieren und Unterhalten eines kompletten Weltmodells. Es gibt so viele verschiedene Verwendungsmöglichkeiten dafür.« Laura konnte sich eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren, nachdem sie jetzt wusste, dass sie ständig beobachtet und jede ihrer Bewegungen aufgezeichnet wurde. Sie spürte ein erstickendes Etwas, ein starres Auge, das in ihre Richtung schaute. Das starre Auge eines gestörten Wesens, erinnerte sie sich. »Also, Dr. Griffith, was stimmt Ihrer Meinung nach nicht mit dem Computer?« Griffith hob die Schultern. »Wir glauben, dass es vielleicht doch ein Virus ist. Der Computer ist massiv verkoppelt, nicht nur intern, sondern über das Internet mit der ganzen Welt. Wir hatten es mit Hackern zu tun, mit Industriespionage und einer Unmenge von Infektionen. Eine von ihnen hat übrigens im vorigen Jahr fast zu einem Systemzusammenbruch geführt.« »Wollen Sie damit sagen, dass eine Infektion mit einem ordinären Computervirus fast die ganze Anlage lahmgelegt hätte?«, fragte Laura. Griffith schüttelte den Kopf. »Es war schlimmer als nur eine Infektion – es war eine Seuche. Jemand in einem unserer Büros gab Georgis Operatoren eine falsche Telefonnummer, und der Computer rief ein Schwarzes Brett in Hongkong an, anstelle eines digitalen Prozessors, den wir geleast hatten. Der Computer schrieb ein Programm – einen ›Gopher‹ – und zappte es in das Schwarze Brett. Der Gopher reproduzierte sich ungefähr eine Million mal und fegte in wenigen Sekunden durch die Datenbank. Er siebte alles durch – Spiele, hausgemachte Pornos, Kleinanzeigen – und erstattete in Form eines komprimierten Datenstroms Bericht, bevor er sich selbst zerstörte. Auf diese Weise ist das Virus durchgeschlüpft. Als der Bericht komprimiert zurückkam, ging er direkt durch den von Phase Eins als Virenschutz errichteten Firewall. Im Laufe der nächsten paar Tage 115
wurde der Computer schwer krank. Es fehlte nicht viel, und wir hätten ihn abschalten müssen, um das verdammte Ding umzubringen.« Laura hatte natürlich schon von Computer-Viren gehört. In letzter Zeit wurde immer wieder über sie berichtet. Aber von einer Seuche war ihr noch nie etwas zu Ohren gekommen. »Und was bedeutet es für den Computer, wenn er ›krank‹ wird?«, fragte sie. »Vermutlich dasselbe wie für uns Menschen. Ich vermute, dass ist eines der Dinge, die Sie hier herausfinden sollen.« Griffith zog seine Hose hoch und schob das Kinn vor. »Aber beim großen Zampano weiß man ja nie, woran man ist.« Laura nahm an, Griffith habe wieder einmal versucht, witzig zu sein, und lächelte ihn höflich an. »Nennen ihn alle so? Den großen Zampano?« »Dieser Haufen?«, sagte Griffith abschätzig und reckte den Daumen über die Schulter in Richtung Computerzentrum. »Dazu sind die viel zu ängstlich. Die schlucken doch alles.« Diesmal war Lauras Lächeln echt. Griffith erwiderte es und strahlte dabei absolutes Selbstvertrauen aus. Als sie Griffith jetzt musterte, sah sie nicht die an den Seiten seines Kopfes vorstehenden buschigen Locken, nicht die krummen Zähne, die dicken Brillengläser und die überdimensionalen Koteletten. Wer immer er war – was sich in seinem Kopf abspielte – unterschied sich erheblich von dem, was von Außen zu erkennen war. Sie gingen weiter durch die stille Nacht, aber in Gedanken war sie immer noch bei der Seuche. »Dr. Griffith…?«, begann sie. »Phil«, unterbrach er. »Phil«, wiederholte sie, »und, bitte, nennen Sie mich Laura.« »Ich Phil«, sagte Griffith mit einer ›Höhlenmensch‹-Stimme und berührte seine Brust. »Du Laura.« Er lachte und schüttelte den Kopf über die Lustigkeit der eigenen Possen. Lauras Lächeln verebbte schnell, und sie räusperte sich. »Also, Phil, weshalb hat der Computer dieses Schwarze Brett in Hongkong überhaupt durchforscht? Ihm war doch bestimmt klar, dass er die falsche Nummer hatte. Weshalb hat er nicht einfach aufgelegt?« »Weil er zu neugierig war. Sehen Sie, von dem kleinen ›Saat‹-Programm abgesehen, das Mr Gray installiert hat, um die Dinge in Gang zu bringen, hat sich der Computer fast alles selbst beigebracht. Und es gibt nur eine 116
Möglichkeit, ein Selbststudium zu motivieren – und die besteht darin, ihn so zu programmieren, dass er neugierig ist. Genau das hat Margaret getan, und zwar gründlich.« »Sie scheinen Mr Grays Anteil an dem ganzen Projekt für ziemlich gering zu halten«, sagte Laura versuchsweise. »Oh! Entschuldigen Sie, wenn ich diesen Eindruck erweckt haben sollte. Es tut einer Karriere nie gut, wenn man den Boss kleinredet. Es ist nur so, dass Mr Grays wahres Genie auf dem Gebiet der Robotik liegt. Der Aspekt der künstlichen Intelligenz ist im Grunde nicht sein Bier.« Gray, überlegte Laura, ein Genie der Robotik? Sie war überzeugt gewesen, dass es Grays Innovationen hinsichtlich der neuronalen Netzwerke gewesen war und nicht die auf dem Gebiet des Engineerings, die den auf dieser Insel sichtbaren Durchbruch erzielt hatten. »O ja«, fuhr Griffith fort, »ich erinnere mich, wie der Computer praktisch pausenlos auf uns eingeredet hat. Aber nur auf der ›Shell‹. Die meiste Zeit verbringe ich mit Problemen auf einer niedereren Ebene, aber gelegentlich wusste ich nicht weiter und wollte ein paar Fragen stellen. Auf der ›Shell‹ kann man nämlich Dinge in schlichtem Englisch eingeben wie zum Beispiel ›Wenn der hydraulische Antrieb mit einer Kopplung mit vier Toleranzwerten, aber nur drei Grenzwerten verknüpft ist, kann das Kontrollsystem dann eine Zielvorgabe erstellen, die verhindert, dass der Mechanismus unterbegrenzt ist?‹« Laura sah ihn mit einem schiefen Lächeln an. »In schlichtem Englisch?«, fragte sie. Griffith neigte nur den Kopf – von ihrer Frage verblüfft. »Oder auf Japanisch oder Deutsch oder Französisch, was immer Sie sprechen«, sagte er, sie missverstehend. »Jedenfalls, irgendwann während der Unterhaltung pflegte der Computer dann zu sagen: ›War das alles, was Sie wissen wollten?‹, oder etwas in der Art. Wenn man dann ›ja‹ sagte, erwiderte er: ›Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen ein paar Fragen stelle?‹« Griffith lachte. »Man konnte es schon aus einer Meile Entfernung kommen sehen. Und dann tippte man sich mit den Antworten die Finger wund. Damals, verstehen Sie, war er noch sozial unreif. Wenn man etwas eintippte wie: ›Junge, wie die Zeit vergeht. Es ist schon Mitternacht‹ dann erklärte er: 117
›Ich habe auf Ihrem Terminkalender keinen Eintrag für Mitternacht‹.« Laura lachte. »Weshalb haben Sie dann nicht einfach Schluss gemacht?« »Also…«, setzte Griffith an, aber dann schien es ihm schwerzufallen, die richtigen Worte zu finden. »Wissen Sie, das wäre doch nicht sehr… nett gewesen, meinen Sie nicht auch?« »Schauen Sie einfach nicht nach oben«, sagte Griffith hilfreich, als Laura sich an das kalte Metallgeländer klammerte. Sie stiegen die Treppe hinunter, die zum Eingang des Montagegebäudes führte, das – wie das Computerzentrum – teilweise in die Erde hineingebaut worden war. Laura hatte an der sechzehn Stockwerke hohen Mauer emporgeblickt, die sich in beiden Richtungen jeweils hunderte Meter weit hinzog. Es war, als hätte der unvermutete Anblick der riesigen, im rechten Winkel zur Erde aufragenden Fläche ihr Gehirn zu der Frage veranlasst, welches der echte Horizont war. Ihr war sofort schwindlig und ein wenig schlecht geworden. »Das passiert öfter als Sie glauben«, sagte Griffith. »Lassen Sie uns hineingehen. Drinnen wird es Ihnen gleich besser.« Sie tastete sich ihren Weg die Treppe hinunter, klammerte sich Hand über Hand an das Geländer und hielt den Kopf gesenkt. Nachdem sie eine dicke Tresortür passiert hatten, gelangten sie in einen weiteren dieser infernalischen »Entstauber«. Diesmal wusste sie jedoch, dass sie ihr Kleid festhalten musste. Wieder peitschte ihr das Haar ums Gesicht, aber auch diesmal hörte der Sturm rasch wieder auf. »Vielleicht sollte ich mir den Kopf rasieren«, sagte Laura, als sie sich das Haar aus dem Gesicht strich. Auf Griffith schien die Sache überhaupt keinen Eindruck gemacht zu haben. »Oh, sehen Sie das hier?«, sagte er und deutete auf eine an der Wand neben der Tür angebrachte kleine schwarze Platte. »Das ist ein Weitwinkel-Netzhaut-Chip. Die werden Sie hier überall finden.« Er schnitt für die Kamera eine Grimasse, bohrte die Daumen in die Ohren und streckte die Zunge heraus. Die innere Tür glitt auf und geschäftige Geräusche hallten durch den vor ihnen liegenden geschlossenen Raum. Sie folgte Griffith in eine kleine, gut beleuchtete Kammer – berührte die antistatische Matte und spürte den 118
erwarteten Stich in den Fingerkuppen. Laura sah sich um, fand hier aber keine Kommode mit einer Bürste neben der Tür. Was sie vorfand war ein weiterer schwarzer Augapfel, der in das Zimmer starrte. »Hier«, sagte Griffith und streckte ihr eine Schutzbrille mit großen, klaren Gläsern und Ohrenschützern entgegen, die aussahen wie alte StereoKopfhörer. Laura setzte die Brille auf; das weiche Plastik legte sich um ihre Augen und schmiegte sich ihrem Gesicht dicht an. Die Ohrenschützer dämpften die Geräusche außerhalb des Zimmers zu einem bloßen Summen. Dann reichte Griffith ihr einen weißen Schutzhelm, der gut passte und gnädig die wirre Masse ihres Haars bedeckte. »Da drinnen ist es ziemlich laut!«, rief Griffith, nachdem er sich selbst ausstaffiert hatte und sie auf die innere Tür zugingen. Sie verschwand in der Wand, als sie sich ihr näherten, und gab den Blick frei auf das grelle Licht eines künstlichen Tages direkt dahinter. Die gesamte Innenwelt der Montagehalle war in dieses erstaunlich weiße Licht getaucht, und überall herrschten Aktivität und Bewegung. Als sie die Tür passierten, die mindestens dreißig Zentimeter dick war und aussah wie eine Luftschleuse, konnte sich Laura des Gefühls nicht erwehren, dass sie eine Art gut konstruiertes Schiff betrete. Wie im Computerzentrum war auch hier alles solide und hermetisch verschlossen – entworfen und konstruiert mit einem Qualitätsanspruch, der normalerweise nur in Unterseebooten und Raumfahrzeugen anzutreffen war. Und w