Anthropologie und Ethik des Enhancements
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Anthropologie und Ethik des Enhancements
HUMANPROJ EKT Interdisziplinäre Anthropologie Im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben von
Detlev Ganten, Volker Gerhardt, Jan-Christoph Heilinger und Julian Nida-Rümelin
De Gruyter
Anthropologie und Ethik des Enhancements von
Jan-Christoph Heilinger
De Gruyter
Diese Publikation wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01 GWS 061 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt beim Autor.
ISBN 978-3-11-022369-9 e-ISBN 978-3-11-022370-5 ISSN 1868-8144 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
쑔 2010 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/New York Einbandgestaltung: Martin Zech, Bremen Druck: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen ⬁ Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany www.degruyter.com
Vorwort Die Fragen, was für Wesen wir Menschen eigentlich sind und was das in normativer Hinsicht bedeutet, treiben uns Menschen immer wieder um. In dieser Arbeit versuche ich eine Klärung des systematischen Zusammenhangs von Anthropologie und Ethik und beziehe mich dabei exemplarisch auf die aktuelle Debatte über mögliche biotechnische Veränderungen von Menschen (Human Enhancement). Ich entwickle einen Vorschlag, wie richtig verstandene anthropologische Argumente begründet und inhaltlich bestimmt werden sollten, um in ethischen Diskussionen eine angemessene, elementare, Rolle spielen zu können. Zum Abschluss eines Buches haben immer mehr Menschen einen Beitrag geleistet, als auf dem Umschlag angegeben sind. Ich bin vielen zu großem Dank verpflichtet. Zunächst danke ich Volker Gerhardt, Julian Nida-Rümelin und Philip Kitcher für zahlreiche Diskussionen, Anregungen und Unterstützungen im Verlauf meiner Arbeit am Manuskript. Ich habe viel von ihnen gelernt. Viele FreundInnen und KollegInnen haben die Mühe auf sich genommen, Teile des Manuskripts zu lesen und zu kommentieren, darunter Katja Crone, Matthias Jung, Colin King, Isabel Kranz, Oliver Müller, Saskia Nagel, Franz Seilnacht, Jan Slaby, Sonja Thiel und Verina Wild. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Ich hatte im Verlauf der letzten Jahre Gelegenheit, Teile meiner Arbeit in Kolloquien und auf Konferenzen in Athen, Berlin, Bonn, Freiburg, Leuven, München, New York, Oxford und Zürich zu präsentieren. Für die dort erhaltenen Rückfragen und inhaltlichen Impulse bin ich ebenfalls sehr dankbar. Ich habe mich bemüht, sie zur Verbesserung meiner Argumente zu nutzen. Außerdem danke ich Regina Reimann für die gute Zusammenarbeit während meiner Tätigkeit an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Gertrud Grünkorn, Christoph Schirmer und Renate Mannaa für die gute Betreuung der Publikation im Verlag de Gruyter. Ich widme dieses Buch Nina und Felix, meinen beiden liebsten Menschen. Berlin, im Juni 2010
Jan-Christoph Heilinger
Fr Nina und fr Felix
Inhalt Einleitung: Anthropologische Elemente einer Ethik des Enhancements . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Übersicht über die Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1 9
I. Die anthropologische Relevanz von Human Enhancement 1. 1.1. 1.2. 1.3. 1.4.
Die Forschungsfrage und ihre disziplinäre Einbindung . . . Anthropologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Meta-Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Normative Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Angewandte Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15 17 19 20 23
2. 2.1. 2.2. 2.3.
Biotechnologische Interventionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . Technische Eingriffe oder Erweiterungen . . . . . . . . . . . . . Genetisches Engineering . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Biologische Prozessoptimierung im Organismus . . . . . . . .
24 26 27 30
3.
„Alte“ und „neue“ Interventionen: Kontinuität der Mittel und Ziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Kontinuität der Mittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Kontinuität der Ziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
3.1. 3.2. 4. 4.1. 4.2. 4.3.
Das Projekt einer deskriptiv-normativen begrifflichen Selbstauslegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begriffliche Selbstauslegung des Menschen . . . . . . . . . . . . Naturalistische Erklärungen als Herausforderung für die Anthropologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jenseits des Naturalismus: Was soll der Mensch sein? . . . .
42 42 46 52
X
Inhalt
II. Was ist Enhancement? Begriffsanalysen und Definitionen 5. 5.1. 5.2. 5.3.
Vorbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gesundheit und Krankheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein „objektiver“ Begriff von Gesundheit und Krankheit Ein „subjektiver“ Begriff von Gesundheit und Krankheit Ein „relationaler“ Begriff von Gesundheit und Krankheit
59 62 63 65 66
6. 6.1. 6.2. 6.3.
Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schwierigkeiten der Begriffsbestimmung . . . . . . . . . . . . . Vielfältige Gegenbegriffe zur „Natur“ . . . . . . . . . . . . . . . Binnendifferenzierungen des Naturbegriffs . . . . . . . . . . . .
72 73 74 76
7. 7.1. 7.2. 7.3. 7.4.
Natur des Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das biologische Kriterium der Spezieszugehörigkeit . . . . . Die „typisch“ menschliche Lebensform . . . . . . . . . . . . . . Geworden und Gemacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begriffliche Schwierigkeiten: „Natur“ und „Natur des Menschen“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
82 83 85 88
8. 8.1. 8.2.
89
Eine dynamische Minimaldefinition von Enhancement . . 91 Eine dynamische Minimaldefinition . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Einschätzung der dynamischen Minimaldefinition . . . . . . 96
III. Eine integrative Kritik der Enhancementdebatte 9. 9.1. 9.2. 9.3. 10. 10.1. 10.2. 10.3.
Vorbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hoffnungen und Verheißungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Transhumanisten und andere Befürworter weit reichender Enhancements . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Drei Thesen des Transhumanismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . „Entmystifizierung“ des Transhumanismus . . . . . . . . . . . . Festhalten am status quo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Report des US-amerikanischen President’s Council on Bioethics . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vier „essential sources of concern“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine ideologische Position . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
103 105 105 117 122 125 125 130 142
Inhalt
11. 11.1. 11.2. 11.3. 11.4.
12.
Abwägen von Chancen und Risiken . . . . . . . . . . . . . . . . Ansatz und Methode der Studie Intervening in the Brain . . . Die Verantwortung der Politik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der prinzipienethische Ansatz: Principles of Biomedical Ethics Eine prinzipienethische Einschätzung biotechnologischer Enhancements . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
XI 145 145 147 151 156
Gefahren der Einseitigkeit – ein integrativer Ansatz . . . . . 165
IV. Anthropologie und anthroponome Ethik
13.1. 13.2. 13.3.
Vorbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Voraussetzungen anthropologischer Argumente: Begriff und Normativität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begriff und Einzelding . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Normativität und Normalität im außermoralischen Sinne Normativität von Begriffen im moralischen Sinne . . . . . .
14. 14.1. 14.2.
Kritik simpler anthropologischer Argumente . . . . . . . . . . 191 Die Attraktivität normativer Natürlichkeitsvorstellungen 192 Die Kritik an normativen Natürlichkeitsvorstellungen . . . 194
15.
Das Ziel: Eine signifikante Kartierung des Begriffs „Mensch“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 Eine signifikante Kartierung des Begriffs „Mensch“ . . . . . 199 „thick moral concepts“ – Die Verquickung von Fakten und Wertungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
13.
15.1. 15.2.
16. 16.1. 16.2. 16.3.
Die quasi-demokratische Begrndung anthropologischer Argumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Öffentlichkeit als Bedingung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wechselseitige Information . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Partizipation und Konsens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
177 180 180 184 188
207 209 213 214
XII
Inhalt
17. 17.1. 17.2.
Der Inhalt anthropologischer Argumente . . . . . . . . . . . . . 220 Die vier signifikanten Komponenten (K1–K4) . . . . . . . . . 223 Anthropologische Bedingungen für moralisch legitime Enhancements (B1 und B2) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
18.
Einwnde gegen meinen Vorschlag der Begründung anthropologischer Argumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Essentialismus und die „Wahrheit“ der Selbstbestimmung Die Praktikabilität der quasi-demokratischen normativen Selbstbestimmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bestimmung des Menschen als Aufgabe . . . . . . . . . . . . . . Formen quasi-demokratischer Selbstbestimmung . . . . . . . Erschließende vs. abschließende Verständigung . . . . . . . . Fünf Einschränkungen des idealen Diskurses: ein realistischeres Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kollektiver Irrtum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anthroponome Anthropologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
18.1. 18.2. 18.2.1. 18.2.2. 18.2.3. 18.2.4. 18.3. 18.4.
246 247 252 252 254 257 257 260 263
19.3.
Die Anwendung anthropologischer Argumente . . . . . . . . . Lebensverlängerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Technisierungen des menschlichen Organismus: das Hinzufügen neuer Sinne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Biologische Prozessoptimierung: Cognitive Enhancement
20.
Anthropologie und Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285
19. 19.1. 19.2.
266 268 276 280
Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310
Einleitung: Anthropologische Elemente einer Ethik des Enhancements Mit neuen Biotechnologien können Menschen nicht nur ihre Umwelt, sondern zunehmend auch sich selbst immer weitreichender und präziser nach eigenen Vorstellungen verändern. Verlängerungen der gesunden Lebensspanne, psychopharmazeutische Stimmungsaufhellungen und kognitive Leistungssteigerungen, Technisierungen des Gehirns bis hin zum Hinzufügen neuer Sinne werden möglich. Solche Eingriffe, die potentiell weitreichende Veränderungen der menschlichen Lebensform mit sich bringen, werden gegenwärtig als Human Enhancements – „Verbesserungen des Menschen“ – diskutiert. Die „Verbesserungen“ betreffen möglicherweise nicht nur einzelne Individuen in körperlicher oder mentaler Hinsicht, sondern auch das Zusammenleben von Menschen, die Kommunikation zwischen Individuen sowie das Verständnis dessen, was es heißt, Mensch, Person oder Träger moralischer Rechte und Pflichten zu sein. Die Veränderungen, die mit dem Einsatz von Enhancements einhergehen könnten, sind dramatisch. Die menschliche Lebensform könnte anders werden, als sie uns gegenwärtig vertraut ist. Angesichts dieser Möglichkeit stellt sich die Aufgabe einer Verständigung darüber, welche menschlichen Eigenschaften als besonders bedeutsam angesehen werden und deshalb als bewahrenswert gelten sollen. Damit aber wird der – zeitliche und logische – Vorrang der biologisch-natürlichen vor der kulturellen Dimension der menschlichen Existenz zumindest teilweise umgekehrt: Ein kultureller Verständigungsprozess liefert wichtige Voraussetzungen für die biologisch-natürlichen Grundlagen der menschlichen Existenz. Neben einer Auseinandersetzung mit der problematischen Frage nach dem normativen Gehalt des menschlichen Selbstverständnisses werden in der aktuellen Debatte über die Bewertung von Enhancements vor allem praktische Fragen des Umgangs mit medizinischen und finanziellen Ressourcen aufgeworfen, die für die Durchführung der Eingriffe nötig sind, aber nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Darüber hinaus ist – angesichts des unvollständigen menschlichen Wissens – auch ein Verfehlen der angestrebten Ziele möglich; Risiken sind nicht vollständig
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Einleitung
kalkulierbar und Nebenwirkungen durch den Umgang mit den neuen Technologien, die in den hyperkomplexen menschlichen Organismus eingreifen, können nicht ausgeschlossen werden. Außerdem stellt sich die Frage, inwieweit die Enhancement-Eingriffe tatsächlich auf freien Entscheidungen der Individuen basieren oder ob sie vom subtilen gesellschaftlichen Druck, der etwa in einer kompetitiven Leistungsgesellschaft herrscht, beeinflusst sind. Wie kann, all diese Aspekte berücksichtigend, eine angemessene ethische Bewertung der biotechnologischen Veränderungen, die Menschen an sich vornehmen können, aussehen? Diese Frage wird gegenwärtig nicht nur in akademischen Fachkreisen, sondern unter reger Anteilnahme der Öffentlichkeit diskutiert. Den großen Hoffnungen, die Menschen in die Biotechnologien setzen, wenn es um die Verbesserung des menschlichen Lebens geht, stehen extreme Ängste vor einem Ende der uns vertrauten menschlichen Lebensform gegenüber. Können wir mithilfe der Biotechnologien dauerhaft Krankheiten überwinden, die gesunde und aktive Lebensspanne verlängern und uns dabei fast permanent glücklich fühlen? Wird der Mensch zu einem von Technik geprägten, steuerbaren perfekten Wesen? Lässt sich die menschliche Lebensform tatsächlich vollständig auf wissenschaftlich erforschbare Abläufe reduzieren und damit auch manipulieren? Diese Fragen zeigen, warum die ethische Diskussion über den Einsatz von Human Enhancements aktuell so viel Aufmerksamkeit erfährt: Das Menschsein insgesamt scheint auf dem Spiel zu stehen. Man kann bei einer ethischen Diskussion versuchen, auf vertraute Instrumente der ethischen Analyse von Handlungsoptionen zurückzugreifen. Aus utilitaristischer Perspektive etwa wird gefragt, ob mithilfe der angestrebten Veränderungen von Menschen ein näher zu definierender Nutzen oder das Wohlbefinden gesteigert werden können. Deontologisch beeinflusste Ethiker diskutieren, ob einige Interventionen in den menschlichen Organismus kategorisch verboten sein sollten oder ob sich eventuell eine näher zu spezifizierende Verpflichtung zum Einsatz der neuen Technologien erkennen lässt. Im Kontext biomedizinischer Ethik und Technikfolgenabschätzung bezieht man sich auf etablierte moralische Prinzipien – etwa Respekt vor autonomen Entscheidungen, Vermeidung von Schaden, Begrenzung von Risiken, gerechte Verteilung knapper Güter. Die genannten etablierten Analyse- und Bewertungskriterien dominieren in der aktuellen Diskussion über Human Enhancement, die sich mittlerweile als ein neues Arbeitsgebiet der biomedi-
Anthropologische Elemente einer Ethik des Enhancements
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zinischen Ethik etabliert hat.1 Doch angesichts einer möglichen Veränderung von Menschen – einer Erweiterung ihrer kognitiven Fähigkeiten oder ihrer Sinneskapazitäten, einer massiven Ausdehnung der gesunden Lebensspanne oder der Kontrolle über Stimmungen und Wohlbefinden – greift die standardmäßige Anwendung etablierter moralischer Bewertungsmaßstäbe zu kurz. Wie nämlich sähe etwa eine utilitaristische Folgenabschätzung (etwa im Sinne von Benthams hedonistischem Handlungskonsequentialismus) aus, wenn gerade die Lustempfindungsfähigkeit von Menschen modifiziert werden würde? Wie sind Risiken einzuschätzen, wenn veränderte Menschen möglicherweise völlig anders empfinden und damit andere als die gegenwärtig dominierenden Bewertungsmaßstäbe anlegen würden? Wie kann eine in der Struktur der Vernunft begründete deontologische Ethik (etwa im Sinne Kants) als Maßstab der Bewertung von Veränderungen gelten, wenn womöglich die Struktur der Vernunft Gegenstand der Veränderungen ist? Hier zeigt sich die fundamentale Herausforderung, die auch die ethische Beurteilung erschwert: Weil letztlich die ganze menschliche Lebensform eine andere sein könnte, ist die einfache Anwendung bereits etablierter moralischer Maßstäbe möglicherweise unpassend. Die Frage, ob und wie Menschen sich verändern dürfen und sollen, ist von besonderer Art und nicht einfach analog zu anderen Problemen der angewandten Ethik abzuhandeln. Die genannten Bewertungsmaßstäbe bedürfen daher zur Beurteilung der Enhancement-Problematik einer besonderen theoretischen Begründung und inhaltlichen Ergänzung. Bei näherer Betrachtung der Debatten über Human Enhancement zeigt sich, dass ein bestimmter Typ von Argumenten hier häufiger in Erscheinung tritt als in anderen Bereichen der biomedizinethischen Bewertung technologischer Handlungsoptionen, nämlich „anthropologische Argumente“. Darunter verstehe ich Bewertungen von Handlungsoptionen, die von einem bestimmten normativen Verständnis des Menschen ausgehen. Manche Handlungen stehen, so wird dann behauptet, in einem Widerspruch zu dem, wie der Mensch ist oder wie er sein soll. Auch wenn die direkte Berufung auf eine moralisch wertvolle, feststehende „Natur des Menschen“ argumentative und konzeptuelle Defizite aufweist und zumeist als Tabu und als Diskussionsstopper von Skeptikern der neuen Technologien vorgebracht wird, leuchtet es ein, 1
Zur Übersicht über die aktuelle Debatte vgl. die Textsammlungen von Gordijn/ Chadwick 2008, Savulescu/Bostrom 2009, Schöne-Seifert et al. 2008 nach dem Vorreiter Parens 2000.
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Einleitung
dass die Frage, was der Mensch ist oder was er sein soll, eine wichtige Rolle angesichts der Bewertung möglicher – und wohl auch unvermeidlicher (Baylis/Robert 2004) – Veränderungen von Menschen spielt. Der Zukunftsforscher Ray Kurzweil schrieb kurz vor Beginn des 21. Jahrhunderts: „The primary political and philosophical issue of the next century will be the definition of who we are.“ (Kurzweil 2000, 2). Er verweist damit auf die politische Dimension der philosophisch-anthropologischen Frage nach dem Menschen. Die Frage, was der Mensch ist, was er sein soll oder welche „menschlichen“ Eigenschaften als signifikant und bewahrenswert ausgezeichnet werden sollen, ist daher Gegenstand der aktuellen Debatten, deren Antworten deskriptiv und normativ gehaltvoll sein müssen. Die vorliegende Arbeit wendet sich anthropologischen Argumenten zu und versucht, ihre Rolle im Kontext einer ethischen Analyse möglicher Human Enhancements zu bestimmen. Damit wird das fundamentale systematische Problem des Zusammenhangs von Anthropologie und Ethik anhand eines konkreten Anwendungsfalls diskutiert. Die Reichweite des problematischen Verhältnisses von Anthropologie und Ethik geht jedoch über die Enhancement-Debatte hinaus. Immer wenn die Position vertreten wird, dass Menschen einen besonderen normativen Status haben – etwa besonders wertvolle Eigenschaften, intrinsische Rechte oder eine spezifische Würde – treten normative anthropologische Argumente auf. Anthropologische Argumente sind jedoch kontrovers. So häufig sie in den Debatten vorgebracht werden, so umstritten ist ihre Tragfähigkeit. Daher werde ich „schwache“, nicht hinreichend begründete, von „starken“, tragfähigen anthropologischen Argumenten unterscheiden. Daran anschließend werde ich ein konkretes Modell für die angemessene Begrndung (durch die Angabe eines Verfahrens) und inhaltliche Bestimmung (in Form von vier Komponenten) tragfähiger anthropologischer Argumente vorstellen. Damit soll den alternativen ethischen Bewertungen von Human Enhancement eine möglichst tragfähige anthropologische Fundierung und Ergänzung an die Seite gestellt werden. Einen direkten Zugang zur Erkenntnis dessen, was der Mensch wahrhaft ist oder sein soll, halte ich jedoch für unmöglich. Daher gehe ich davon aus, dass zur Beantwortung der Frage, was der Mensch ist und was er sein soll, kein anderer Weg besteht, als das deskriptiv-normative Verständnis des Begriffs „Mensch“ (das den Kern anthropologischer Argumente darstellt) anthroponom, also durch Menschen selbst, zu bestimmen. Im Folgenden geht es mir also darum, ausgehend vom Impuls
Anthropologische Elemente einer Ethik des Enhancements
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der Enhancement-Debatte einen Beitrag zur Bestimmung des menschlichen Selbstverständnisses unter den Bedingungen der Gegenwart und damit zu einer anthroponomen Ethik zu leisten. Zentrale Merkmale dieses Ansatzes sind – aus einer aufklrerischen Tradition – die kritische Skepsis gegenüber vermeintlich ewigen oder feststehenden Wahrheiten, sowie – aus einer Tradition, die humanistisch genannt werden kann – die Betonung der menschlichen Verantwortlichkeit für das eigene Leben als Individuum und auch als Menschheit. Außerdem werden – gemäß eines pragmatistischen Ansatzes – normative Regeln und Prinzipien als fallibel und entwicklungsfähig konzipiert, so dass es auch in ethischen Systemen Verbesserungen, ja Fortschritt, geben kann. Diese drei Merkmale machen deutlich, dass das hier vorgeschlagene Modell für eine angemessene Begründung anthropologischer Argumente keine ewige Wahrheit oder Gültigkeit beanspruchen kann. Mein Anspruch ist bescheidener. Die in dieser Arbeit in Auseinandersetzung mit der aktuellen bioethischen Debatte über Human Enhancement skizzierte Methode und inhaltliche Bestimmung anthropologischer Argumente versteht sich als ein Zwischenergebnis, das auf der Grundlage der spezifisch westlichen Tradition ethischer Theoriebildung als möglicher Ausgangspunkt für weitere Bestimmungen und Präzisierungen der Antwort auf die Frage beitragen soll, wie wir als Menschen uns angemessen – i. e. signifikant – selbst bestimmen und normativ bewerten sollten. Die Unvollständigkeit und Unfertigkeit der hier vorgelegten Skizze entspricht dem untersuchten Gegenstand. Der Versuch einer abgeschlossenen Darstellung der begrifflichen Selbstauslegung des Menschen wäre dahingegen unangemessen: Ein solcher Versuch würde den notwendig aktiven, geradezu performativen und kreativen Charakter des erschließenden Prozesses menschlicher Selbstauslegung und Selbstbestimmung verkennen. Es ist allein dieser aktive Prozess der deskriptiv-normativen begrifflichen Selbstauslegung des Menschen, der – wenn überhaupt irgendetwas – eine tragfähige Grundlage für anthropologische Argumente darstellen kann, wie sie etwa in den Debatten über Human Enhancement herangezogen werden. Der Begriff „Mensch“ soll im Kontext dieser Arbeit nicht zu eng verstanden werden. Wie ich in meiner kritischen Darstellung alternativer normativer anthropologischer Argumente darlegen werde, ist ein biologischer oder gar rein genetisch bestimmter Begriff „Mensch“ zu eng. Biologische Grundlagen stellen allenfalls eine Komponente eines signifikanten Begriffs vom Menschen dar. Damit kann nicht grundsätzlich
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Einleitung
ausgeschlossen werden, dass auch Wesen, die nicht in biologischer Hinsicht eindeutig als homo sapiens zu bestimmen sind, unter den hier zu entwickelnden Begriff fallen. Die vermeintlich präzise, enge Speziesgrenze stellt jedenfalls keine feststehende moralische Grenze dar. Die hier vorgestellten Überlegungen nehmen also die aktuelle Debatte über Human Enhancement zum Ausgangspunkt und zugleich als Anwendungsbeispiel für eine zu entwickelnde deskriptiv-normative Bestimmung des Begriffs „Mensch“, die als regulative Idee zu einer Bewertung von Handlungsoptionen beitragen soll. Mit der im Folgenden von mir versuchten Integration anthropologischer, angewandt ethischer, meta-ethischer und normativer Aspekte riskiere ich jedoch, manchen Erwartungen nicht gerecht werden zu können. Denjenigen, die praxisorientiert an einer konkreten Diskussion spezifischer EnhancementTechnologien und einer diesbezüglichen Handlungsempfehlung interessiert sind (z. B.: Soll es erlaubt werden, dass Menschen Technik X anwenden?), wird meine Arbeit möglicherweise zu theoretisch und zu wenig konkret erscheinen. Denjenigen, die von einem theoretischen Interesse motiviert einen Beitrag zur normativen oder zur Meta-Ethik suchen, wird dahingegen mein Beitrag vielleicht zu konkret und nicht genügend theoretisch vorkommen. Denjenigen, die aus der Tradition der Philosophischen Anthropologie stammen, mag meine Arbeit vielleicht zu moralphilosophisch erscheinen; vielleicht wird dann der Vorwurf erhoben, dass die bereits gewonnenen Einsichten dieser Denkrichtung nicht hinreichend aufgegriffen werden. Denjenigen, die von einem genuin ethischen Interesse geleitet sind, mag die Betonung der anthropologischen Dimension zu weit gehen. Trotz dieser Risiken erscheint mir der Versuch einer Verbindung der genannten philosophischen Teildisziplinen – Anthropologie, angewandte, normative und Meta-Ethik – notwendig, um zu einer umfassenden Bewertung des Phänomens Human Enhancement zu gelangen, die nicht nur punktuell bei der Beurteilung einer bestimmten Technik von Bedeutung ist, sondern darüber hinaus als relevanter Beitrag zur möglichst guten Gestaltung des Zusammenlebens von Individuen verstanden werden kann. In dieser Absicht ergänzt eine solche umfassende Bewertung möglicher Enhancements die eingangs erwähnte übliche Diskussion, wie sie auch anhand zahlreicher anderer bioethischer Probleme geführt wird, um den Hintergrund tragfähiger anthropologischer Argumente. Wenn es mir mit meinen Überlegungen gelingen sollte, die Leserinnen zu überzeugen, dass anthropologische Argumente in der ethischen Beurteilung der möglichen Anwendung von Enhancement-Technolo-
Anthropologische Elemente einer Ethik des Enhancements
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gien eine wichtige (wenn auch subsidiäre und keineswegs ausschließliche) Rolle spielen, hätte ich mein erstes Ziel erreicht. Wenn darüber hinaus auch mein methodischer und inhaltlicher Vorschlag als ein valider Ausgangspunkt (nicht als der einzig mögliche) für das Verständnis der Rolle anthropologischer Argumente akzeptiert werden würde, hätte ich auch mein zweites Ziel erreicht. Ein drittes Ziel wäre schließlich erreicht, wenn sich Leser durch meine Darstellung aufgefordert fühlen würden, Kritik zu äußern, Veränderungen und Verbesserungen an dem hier vorgestellten Modell vorzuschlagen, und damit in den Prozess der begrifflichen Selbstauslegung von Menschen einzusteigen, zu dem ich einen Vorschlag machen möchte. Schließlich ist der Gegenstand vorliegender Arbeit die Tatsache, dass Menschen darüber nachdenken und sich darüber verständigen, wie sie sich unter den Bedingungen einer sich stets verändernden Gegenwart selbst verstehen und beschreiben; und sich außerdem darüber verständigen, welche Eigenschaften und Merkmale sie an sich selbst als signifikant und bewahrenswert auszeichnen wollen. Die Bedeutung der anthropologischen und „anthroponomen“ Selbstbestimmung ist kaum zu unterschätzen. Die Antworten auf die Frage, wer wir sind und wie wir sein wollen, wirken nachhaltig in allen Sphären des menschlichen Lebens und beeinflussen die verschiedenen ethischen Standards, die wir zur Bewertung von Handlungsoptionen anlegen können. Daher rede ich – in einem zweifachen Sinne – von den anthropologischen Elementen der Ethik des Enhancements. Die Anthropologie ist zum einen ein Element neben anderen in der Debatte über Human Enhancement, das die etablierte Debatte mit ihrer Fokussierung auf Risiko- und und Gerechtigkeitserwägungen sowie ihrer Diskussion des informed consent um eine weitere Perspektive ergänzt. Anthropologische Argumente stehen damit – einerseits – paritätisch auf einer Ebene mit anderen Argumenten. Zum anderen ist die anthropologische Dimension elementar im Sinne von fundamental, da die im Rahmen der Anthropologie vorgenommenen basalen Bestimmungen in Form von menschlichen Wertungen und Handlungen weitreichende Wirkung entfalten. Hiermit ist die Stellung anthropologischer Argumente gegenüber den anderen ethischen Argumenten nicht mehr paritätisch, sondern – andererseits – gewissermaßen subsidiär oder fundierend. Anthropologische Elemente sind dann als „Spurenelemente“ in den anderen Argumentklassen zu finden. Diese doppelte Relevanz anthropologischer Elemente im Kontext einer ethischen Diskussion von Human Enhancement-Technologien soll im Verlauf der Arbeit entfaltet werden.
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Einleitung
Zu Beginn (Teil I.) werde ich die verschiedenen Dimensionen der Enhancement-Problematik und ihre Relevanz beleuchten. Daraufhin (Teil II.) werden begriffliche Schwierigkeiten in diesem Zusammenhang diskutiert; anschließend (Teil III.) wende ich mich kritisch der aktuell geführten Debatte zu. Abschließend wird (Teil IV.) ein Modell vorgestellt, dass die anthropologischen Elemente der ethischen Diskussion von Enhancement expliziert. Damit werden insgesamt Fragen berührt, die auch über den begrenzten Horizont der Enhancement-Diskussion hinausweisen. Sie betreffen die Begründung von Normativität, die begriffliche Selbstauslegung von Menschen und die Aufgabe einer angemessenen Gestaltung des Zusammenlebens in der Welt.
Übersicht über die Arbeit Der erste Teil präsentiert die Forschungsfrage nach der Rolle anthropologischer Argumente bei der ethischen Bewertung der Möglichkeit, Menschen mithilfe biotechnologischer Interventionen zu „verbessern“. Dazu wird zunächst (Kapitel 1) die Forschungsfrage selbst in ihrer disziplinären Einbettung erläutert. Daran anschließend werden (Kapitel 2) die Technologien, die den konkreten Anlass für die anthropologischen Reflexionen darstellen, systematisch vorgestellt. Dabei zeigt sich (Kapitel 3), dass auch die neuen Technologien in einer Kontinuität zu „alten“ Mitteln und Zielen menschlichen Handelns stehen. Zum Abschluss des einleitenden Teils wird (Kapitel 4) der Rahmen der vorliegenden Arbeit abgesteckt: Die hier unternommene Bestimmung anthropologischer Argumente in einem spezifischen bioethischen Kontext ist Teil des größeren Projekts der begrifflichen Selbstauslegung des Menschen, das sich in der Gegenwart aus naturwissenschaftlichen und introspektiven, aus normativen und deskriptiven Anteilen zusammensetzen muss. Der zweite Teil wendet sich begrifflichen Klärungen zu. Insbesondere der Begriff „Enhancement“ selbst ist notorisch unklar. Auf der Suche nach einer möglichst adäquaten Bestimmung des Begriffs „Enhancement“ werden (Kapitel 5) die im Hintergrund der Begriffsbestimmung wirksamen Konzepte von „Gesundheit“ und „Krankheit“ problematisiert. Außerdem werden Schwierigkeiten bei der Verwendung der Begriffe „Natur“ (Kapitel 6) und „Natur des Menschen“ (Kapitel 7) nachgewiesen. Vor dem Hintergrund dieser konzeptuellen Probleme zeigt sich (Kapitel 8), dass eine angemessene Definition von „Enhancement“ dynamisch und minimal sein muss; das heißt, dass sie sich mit Blick auf gegebene Kontexte verändert und lediglich auf einen Teilbereich von Enhancements fokussiert, der im Rahmen der Enhancement-Debatte als ethisch relevantes Problem verstanden wird. Damit wird deutlich, dass nicht alle Enhancements per se aus bioethischer Sicht problematisch sind, sondern nur bestimmte Formen weit reichender biotechnologischer Eingriffe den Gegenstandsbereich der bioethischen Enhancement-Debatte konstituieren. Im dritten Teil soll die Notwendigkeit einer integrativen, anthropologischen Diskussion der Enhancement-Problematik erwiesen werden.
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Übersicht über die Arbeit
Dazu wird kritisch die aktuelle bioethische Debatte exemplarisch nachgezeichnet. Hier stehen sich (Kapitel 9) fortschrittsoptimistische, doch übermäßig wissenschaftsgläubige Positionen wie die der sogenannten „Transhumanisten“ auf der einen, sowie (Kapitel 10) skeptische Positionen auf der anderen Seite gegenüber. Letztere, die am Fall des USamerikanischen President’s Council on Bioethics vorgestellt werden, zeigen manchmal fundamentalistische Züge. Zwischen diesen beiden extremen Positionen wird (Kapitel 11) der Versuch unternommen, ergebnisoffen und unter Anwendung ökonomischer und gegenwärtig akzeptierter ethischer Standardbewertungen zu einer Bewertung der neuen Technologien und ihrer möglichen Enhancement-Anwendung zu gelangen. Das Schlusskapitel dieses Teils (Kapitel 12) weist auf die problematischen Einseitigkeiten aller drei Positionen hin und plädiert für einen integrativen Ansatz, der auf der Grundlage möglichst weitreichender faktischer Information den prinzipiellen Optimismus mit praktischer Vorsicht kombiniert. Ein wichtiger Bestandteil dieser Forderung ist eine deskriptive und normative Bestimmung des Begriffs „Mensch“ im Rahmen der Debatten über mögliche Verbesserungen von Menschen. Diesem Desiderat widmet sich der entscheidende und umfangreichste Schlussteil der Arbeit. Der vierte Teil unternimmt den Versuch, eine Methode vorzustellen und zu erproben, die es erlaubt, den Begriff „Mensch“ in deskriptiver und normativer Hinsicht so gut wie möglich inhaltlich zu bestimmen. Dazu wird als erste Voraussetzung (Kapitel 13) erläutert, wie Normativität und Begriffsbildung im außermoralischen und im moralischen Sinne zusammenhängen. Sodann wird als zweite Voraussetzung (Kapitel 14) eine Kritik von Versuchen einer direkten normativen Bestimmung des Begriffs „Mensch“ vorgenommen, die damit disqualifiziert werden. Anschließend wird (Kapitel 15) das Ziel einer deskriptiven und normativen Bestimmung des Begriffs „Mensch“ vorgestellt. Gemäß dem hier vertretenen moderaten oder „unaufgeregten“ Realismus kann das Ziel mit dem Anfertigen einer signifikanten Landkarte verglichen werden, in der deskriptive und normative Aspekte miteinander verbunden sind. Die Begründung der Normativität dieser signifikanten Karte verläuft (Kapitel 16) über einen Akt der quasi-demokratischen Verständigung, der unter den Bedingungen der Öffentlichkeit und der wechselseitigen Information nach Partizipation und Konsens unter denjenigen strebt, die sich selbst unter dem Begriff verstehen können. Dieser Verständigungsprozess ist nicht abschließbar und generiert lediglich „Zwischenergebnisse“, die grundsätzlich fallibel sind und zukünftigen Revisions-
Übersicht über die Arbeit
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versuchen ausgesetzt werden. An diesen methodischen Vorschlag anschließend, wird (Kapitel 17) ein Modell für die inhaltliche Bestimmung der signifikanten Kartierung vorgeschlagen. Dabei werden insbesondere vier Komponenten bestimmt, deren Struktur die Grundzüge des Begriffs im gesuchten deskriptiven und normativen Sinne erfasst. Die vier Komponenten erläutern, dass Menschen lebendig sind, aufgrund ihrer spezifischen Verkörperung und Geistigkeit „in einer Welt“ leben, darin orientierungsbedrftig und selbstbestimmungsfhig sind. Darauf aufbauend werden aus anthropologischer Perspektive zwei Bedingungen für erlaubte Veränderungen von Menschen formuliert, in deren Zentrum die Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen steht. Das nachfolgende Kapitel (Kapitel 18) diskutiert vier mögliche Fragen, die sich angesichts dieses (methodischen und inhaltlichen) Vorschlags einer Bestimmung des Begriffs „Mensch“ stellen können: Kann diese Bestimmung „wahr“ sein? Ist das hier vorgeschlagene Vorgehen praktikabel oder allein eine philosophische Fiktion? Können sich nicht alle, die an der quasi-demokratischen Verständigung partizipieren, schlichtweg irren, so dass das Verfahren insgesamt unzulänglich ist? In welchem Sinne handelt es sich bei dem Vorschlag um „anthropologische“ Diskussionen im herkömmlichen Verständnis? Die Diskussion dieser Fragen erlaubt Konkretisierungen des vorgeschlagenen Modells. Das letzte Kapitel (Kapitel 19) versucht eine exemplarische Anwendung des entwickelten normativen Begriffs vom Menschen angesichts der Möglichkeit biotechnologischer Enhancements. Anhand von drei Beispielen wird gezeigt, dass anthropologische Argumente eine untergeordnete Rolle bei der Beurteilung von Enhancements spielen, die zu Recht von den in der herrschenden Debatte diskutierten (nur indirekt anthropologisch geprägten) Risiko-, Autonomie- und Gerechtigkeitserwägungen dominiert werden. Das Schlusskapitel (Kapitel 20) fasst die Ergebnisse und Thesen der Arbeit zusammen und ordnet sie in den Kontext der Verständigung über den systematischen Zusammenhang von Anthropologie und Ethik einerseits und in das Projekt einer pragmatischen Ethik andererseits ein.
I. Die anthropologische Relevanz von Human Enhancement
1. Die Forschungsfrage und ihre disziplinäre Einbindung Welche Rolle spielen anthropologische Argumente bei der ethischen Beurteilung biotechnologischer Verbesserungen von Menschen? Normative anthropologische Argumente bewerten eine Handlung oder eine Handlungsoption auf der Grundlage eines normativen Verständnisses vom Menschen. Die Bewertung ergibt sich aus einem Abgleich der Handlung mit dem normativ gehaltvollen Begriff vom Menschen. Anthropologische Argumente können verschiedenartig in Erscheinung treten. Immer wenn davon die Rede ist, dass eine Handlung gegen die Natur des Menschen verstoße, das normale oder typische menschliche Leben gefährde, spezifisch menschliche Eigenschaften aufs Spiel setze, die menschliche Würde verletze etc., lassen sich normative anthropologische Argumente vermuten, die, formal betrachtet, folgende Struktur haben: Handlung h ist verboten, weil als eine Folge von h die menschliche Eigenschaft e verändert werden würde; und e ist aus dem Grund g wertvoll.
Positiv reformuliert: Handlung h ist geboten, weil h die menschliche Eigenschaft e vor Veränderung bewahrt; und e ist aus dem Grund g wertvoll.
Meine Antwort auf die Forschungsfrage nach der Rolle anthropologischer Argumente in der ethischen Diskussion von Enhancements erfolgt in zwei Teilen. Einerseits können sich unter der Bezeichnung „anthropologische Argumente“ ideologische Argumente oder nicht hinreichend begründete normative Vorannahmen verbergen. Solche essentialistischen Bestimmungen des Menschen und direkte Natürlichkeitsargumente erweisen sich als nicht hinlänglich begründbar und damit als untauglich für die ethische Diskussion. Daher muss ihre Verwendung in den Debatten über Human Enhancement kritisiert und vermieden werden. Andererseits können auf eine bestimmte Art und Weise begründete anthropologische Argumente eine elementare normative Funktion übernehmen. Es gilt daher, darauf zu achten, dass anthropologische Argumente nur in der im Folgenden darzulegenden starken Form in die Debatten über Enhancement Eingang finden. In dieser Absicht entwickle ich ein Mo-
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1. Die Forschungsfrage und ihre disziplinäre Einbindung
dell, das den Begriff „Mensch“ als einen deskriptiven und zugleich normativen Begriff expliziert und begründet. Der Begriff kann analytisch in (mindestens) vier signifikante Komponenten aufgeschlüsselt werden, deren Normativität in einem quasi-demokratischen Deliberationsprozess begründet werden kann. So verstanden können anthropologische Argumente die ethische Debatte über „Human Enhancement“, in der zumeist – und zu Recht – Risiko-, Autonomie- und Gerechtigkeitsfragen dominieren, begründet bereichern, ohne Gefahr zu laufen, ideologischen Ansichten Ausdruck zu verleihen. Durch neuere Fortschritte in den Wissenschaften und deren Zusammenführung („converging technologies“) stehen zunehmend biotechnologische Interventionsmöglichkeiten zur Verbesserung des menschlichen Organismus zur Verfügung, die in der aktuellen biomedizinischen Ethik zusammengenommen unter dem Begriff „Enhancement“ verhandelt werden. Enhancements sind positiv bewertete biotechnologische Verbesserungen des menschlichen Organismus, die über einen engen therapeutischen Rahmen hinausgehen (vgl. dazu Kapitel 8). Dazu gehören etwa (1) technische Erweiterungen, Ergänzungen oder Ersetzungen des menschlichen Organismus oder seiner Teile, um bestimmte Leistungen zu verbessern oder neue Funktionen hinzuzufügen; (2) Eingriffe in das Humangenom, um bestimmte Merkmale (Langlebigkeit, Immunität gegen bestimmte Krankheiten etc.) bei zukünftigen Menschen herbeizuführen; (3) Eingriffe in den Stoffwechsel des menschlichen Organismus, insbesondere des Gehirns, um etwa die kognitive Leistungsfähigkeit oder die emotionale Befindlichkeit von Menschen intentional steuern zu können. Ich bezeichne alle diese Eingriffe als „biotechnologisch“, weil sie in verändernder Absicht eine Anwendung von Techniken auf den lebendigen menschlichen Organismus betreffen. Meine Frage nach der Rolle anthropologischer Argumente bei der ethischen Bewertung dieser Handlungsoptionen nimmt die genannten Biotechnologien zum Ausgangspunkt für eine philosophische Untersuchung an der Schnittstelle zwischen angewandter Ethik und (philosophischer) Anthropologie, die Aspekte der normativen Ethik und der Meta-Ethik integriert.
1.1. Anthropologie
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1.1. Anthropologie Anthropologisch wirft meine Auseinandersetzung mit der EnhancementProblematik die Frage nach dem begrifflichen Selbstverständnis von Menschen in der Gegenwart auf: Was heißt es, ein Mensch zu sein, wenn Menschen sich mithilfe der Biotechnologien verändern können? Dabei weist der Begriff „Mensch“ eine deskriptiv-normative Doppelstruktur auf, die darin begründet ist, dass sich menschliche Sprecher selbst unter diesem Begriff verstehen. Die anthropologische Frage „Was ist der Mensch?“ ist daher auch als eine ethische aufzufassen. Bei der Analyse des Begriffs argumentiere ich dafür, dass (mindestens) vier verschiedene, signifikante „Komponenten“ unterschieden werden müssen, die physikalische Fakten und behaviorale Dispositionen normativ-deskriptiv zusammenführen: (1) die physikalisch-biologische Bestimmung als lebendiger Organismus, (2) die Bestimmung der spezifisch menschlichen Verkörperung, Erlebnisdimension und Sozialität, (3) die Orientierungsbedürftigkeit angesichts vielfältiger zur Verfügung stehender Handlungsoptionen und (4) die reflektierte, autonome Selbstbestimmungsfähigkeit. Menschen sind in einem besonderen Maße das, als was sie sich selbst beschreiben. Das heißt, dass in einem realen Sinne kulturelle Selbstbestimmungsprozesse von Menschen einen integralen Bestandteil dessen ausmachen, was Menschen sind. Anthropologische Selbstbestimmung in der Gegenwart oszilliert damit zwischen konkurrierenden empirischen Fakten über den Menschen auf der einen Seite – wie sie von den Naturwissenschaften geliefert werden, die damit zugleich neue Anwendungs- und Veränderungsmöglichkeiten generieren – und kulturellen Selbstbeschreibungen und Selbstverständigungsprozessen auf der anderen Seite. Beide Seiten, empirisch-wissenschaftlich und kulturreflexiv-sozial, haben ihre Berechtigung: Bestimmungen des Menschen ohne naturalistische Komponenten sind ignorant,1 solche ohne kulturelle Einholung
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Unter naturalistischen Komponenten verstehe ich basale Aussagen über die biologische Seite des menschlichen Organismus und die damit einhergehenden mentalen Eigenschaften und Fähigkeiten. Ich behaupte nicht, dass nur das gegenwärtige genetische oder neurobiologische Wissen eine „nicht-ignorante“ Bestimmung des Menschen ermöglicht. Auch der Wissensstand der Vergangenheit kann, wenn er den jeweils aktuell bestmöglichen Kenntnisstand repräsentiert, grundsätzlich empirisch informierte Aussagen in die menschliche Selbstbestimmung einfließen lassen und damit den Vorwurf der Uninformiert-
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1. Die Forschungsfrage und ihre disziplinäre Einbindung
verlieren das aus dem Blick, worum es geht. Ich benutze im weiteren Verlauf (nicht streng terminologisch) den Ausdruck der „menschlichen Lebensform“ als umfassende Bezeichnung für das Spektrum der menschlichen Eigenschaften, Fähigkeiten und Handlungsdispositionen.2 Die besondere anthropologische Relevanz der Enhancement-Problematik als Ausgangspunkt für meine Arbeit ergibt sich aus der Tatsache, dass mit den neuen Biotechnologien die Grundlagen der naturalistischen Selbstbeschreibungen des Menschen zunehmend in den Verfügungsbereich kultureller Entscheidungen übergehen. Während in der Vergangenheit davon auszugehen war, dass sich ein großes Maß an Variabilität auf Seiten der kulturellen Selbstinterpretation befand, wohingegen die naturalistischen Grundlagen der humanen Lebensform weitgehend festgelegt waren, ist angesichts der neuen Biotechnologien die Situation verändert: Die kulturell variablen Selbstinterpretationen „kolonialisieren“ auch den Bereich der zuvor weitgehend unbeeinflussbaren materiellen Grundlagen.3 Spätestens mit dieser doppelten Veränderungsfähigkeit des Menschen – in biologischer und in kultureller Hinsicht – wird unbezweifelbar deutlich, dass Anthropologie keine statische Disziplin sein kann, sondern dynamisch sein und Veränderungen und Entwicklungen des Menschen einbeziehen können muss. Eine solche Kolonialisierung des Natürlichen durch das Kulturelle, die graduell voranschreitet und nicht ohne Vorläufer ist, dramatisiert die anthropologische Grundfrage nach dem Menschen auf eine besondere Art und Weise: Die Frage, was der Mensch ist, wird zunehmend zu einer Frage, was der Mensch will, dass er sei (Kant 1798, Glover 1984).
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heit vermeiden. Und mit Blick auf zukünftige wissenschaftliche Einsichten wird sich auch unser gegenwärtiger Wissensstand weiterentwickeln. Darunter fällt die von Wittgenstein als „menschliche Lebensform“ bezeichnete Sprache (Wittgenstein 1953, § 19 und 23), aber auch einiges mehr, etwa die Sozialität, Musikalität, die spezifische Verkörperung, das phänomenale Erleben, die Lebendigkeit etc. Meine Analyse der signifikanten Komponenten der humanen Lebensform findet sich in Kapitel 17.1. Vgl. zur Verwendung des Begriffs „humane Lebensform“ auch die Arbeiten von Dieter Sturma (etwa Sturma 2003; 2008), der von einer geteilten Sprach- und Empfindungspraxis ausgeht. So können beispielsweise die Dauer der menschlichen Lebensspanne, die Leistungsfähigkeit des Gehirns (Konzentration und Intelligenz), die emotionale Befindlichkeit, die Anfälligkeit für Krankheiten, bestimmte Sinnesempfindungen mithilfe der Biotechnologien gesteuert werden. Damit verlieren sie ihre Kontingenz und werden Gegenstand intentionaler menschlicher Entscheidungen. Das Kontinuum, in dem die aktuellen Technologien zu früheren Anwendungen stehen, untersuche ich in Kapitel 3.
1.2. Meta-Ethik
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Die anthropologische Thematik dominiert meine Arbeit; meine Position wird vor allem in den Kapiteln 4, 6, 7, 16 und 17 entwickelt.
1.2. Meta-Ethik In meta-ethischer Hinsicht frage ich nach der Grundlage eines normativ gehaltvollen Begriffs vom Menschen. Ich argumentiere dafür, dass diese Grundlage in einem quasi-demokratischen Deliberationsprozess der empirisch informierten, begrifflich erschließenden Selbstverständigung von Menschen zu finden ist, die einen idealen Austausch von Argumenten sub-ideal realisieren und dabei ein Ergebnis formulieren. Das Ergebnis des Deliberationsprozesses ist idealiter konsensuell, realiter wird sich jedoch Konsens allenfalls punktuell herstellen lassen, so dass das Streben nach Konvergenz das nächste Ziel darstellt. Dieser anthropologische Diskurs setzt wechselseitige Information und reziprokes Engagement von Individuen (Partizipation) unter den Bedingungen der Öffentlichkeit voraus und ist nicht abschließbar; er ist kontinuierlich und hat damit eine historische Dimension. Der Prozess der Verständigung über einen regulativen Begriff vom Menschen zielt auf einen – nicht ewigen, sondern lokal und temporal begrenzten – Konsens und setzt die Bereitschaft der Deliberationsteilnehmer voraus, sich wechselseitig zu informieren, auf die Meinungen der anderen zu hören und die Regeln der Öffentlichkeit zu akzeptieren.4 Die normativ-ethische These, dass der Begriff „Mensch“ in Form von (mindestens) vier signifikanten Komponenten moralische Orientierung geben kann, ist in meta-ethischer Hinsicht zugleich anspruchsvoll und bescheiden. Sie ist anspruchsvoll, weil sie einen Prozess als tragfähige 4
Da realistischerweise bislang nur Menschen als Diskursteilnehmer anzunehmen sind, ergibt sich noch nicht die begriffliche Herausforderung, die durch die Teilnahme anderer Wesen an diesem Diskurs entstehen würde. Doch der Begriff „Mensch“, verstanden als regulative Idee, könnte auch dieser Herausforderung begegnen, da die biologische Gattungszugehörigkeit nicht unbedingt als Bedingung gelten muss, um unter den Begriff zu fallen. Die Voraussetzung für die Teilnahme an dem Diskurs besteht also in generalisierter Form darin, dass die Teilnehmer von sich aus den Anspruch erheben, unter den Begriff zu fallen. – Für diejenigen, die nicht selbst ihre Stimme erheben können (z. B. Neugeborene, an Aphasie oder Demenz Erkrankte), müssen – wie in einem demokratischen Prozess – Fürsprecher einstehen. Hier bestehen für den Begriff „Mensch“ analoge Probleme wie für den Personbegriff.
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1. Die Forschungsfrage und ihre disziplinäre Einbindung
Grundlage für die reiche Bestimmung einer „regulativen Idee“ auszeichnet. Sie ist bescheiden, insofern das Ergebnis dieses Prozesses nicht als definitiv konzipiert ist, sondern kontinuierlich für Revisionen, Kritik, Verbesserungen und Veränderungen offen ist, die grundsätzlich auch auf Veränderungen der Rahmenbedingungen (etwa der physischen Ausstattung von Menschen) reagieren können. Hintergrund dieser Überlegungen ist ein pragmatistischer Ansatz in der Moralphilosophie (vgl. etwa – im Anschluss an John Dewey – LaFollette 2000). Für die Enhancement-Debatte ist diese Art meta-ethischer Begründung eines regulativen anthropologischen Ideals wichtig, weil sie die möglichen Veränderungen der biologischen und physischen Ausstattung von Menschen, aber auch Veränderungen in kulturellen Rahmenbedingungen berücksichtigen kann. Nur so kann die begrenzte Reichweite anthropologischer Argumente aus dem Bereich ideologischer Aussagen befreit und auf ein tragfähiges Fundament gestellt werden. Anthropologische Argumente, die immer auf einem Grat zwischen inflationär überzogenen Ansprüchen und deflationär marginalisierter Erklärungsmacht balancieren, sind gemäß meinem Vorschlag so stark, wie sie nur gemacht werden können, ohne einen unhaltbaren Anspruch zu erheben. Die Notwendigkeit des integrativen Deliberationsprozesses wird in Kapitel 12 erwiesen. Der Prozess selbst wird in Kapitel 16 erläutert, Einwände werden in Kapitel 18 diskutiert.
1.3. Normative Ethik Ich argumentiere in vorliegender Arbeit für die normativ-ethische These, dass der Begriff „Mensch“, verstanden als eine regulative Idee, ethische Orientierung geben kann, weil Menschen sich und ihresgleichen gemeinsam unter diesem deskriptiv-normativen Begriff begreifen und weil damit signifikante, positiv bewertete Aspekte der menschlichen Lebensform (in Form von vier „Komponenten“) ausgezeichnet werden können. Diese Wertaussagen (in Form der vier Komponenten) wirken dann „attraktiv“ für solche Handlungen, die diese positiv bewerteten Aspekte bewahren. In einem zweiten Schritt werden jedoch aus den Wertungen auch Normen gewonnen, die „obligatorisch“ wirken (in Form von zwei Bedingungen). Ethische Argumente, die auf einem normativ gehaltvollen Begriff vom Menschen basieren, nenne ich „anthropologische Argumente“. Ein normatives anthropologisches Argument bewertet auf der Grundlage eines bestimmten Verständnisses vom
1.3. Normative Ethik
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Menschen eine Handlung (oder Handlungsoption). Die Bewertung ergibt sich aus einem Abgleich der Handlung mit dem normativ gehaltvollen Begriff vom Menschen. Positiv bewertete Handlungen erweisen sich als strukturell kohärent oder als strukturerhaltend mit Blick auf das normative Selbstverständnis des Menschen, wie es zuvor in einem quasidemokratischen Verständigungsprozess entwickelt wurde. Strukturgefährdende Handlungen werden auf dieser Grundlage abgelehnt (NidaRümelin 2001, Kapitel 3).5 Ich argumentiere dafür, dass sich auf anthropologischer Basis mit Blick auf die Enhancement-Debatte vor allem zwei Bedingungen formulieren lassen, die von moralisch erlaubten Enhancement-Handlungen erfüllt sein müssen. (B1) Enhancements dürfen die menschliche Fähigkeit zur Handlungsurheberschaft und Selbstbestimmung sowie ihre ermöglichenden Bedingungen nicht einschränken und (B2) Ungleichheiten und soziale Ungerechtigkeiten dürfen nur dann vergrößert werden, wenn die resultierenden Zustände die größten Verbesserungen für diejenigen ermöglichen, die am schlechtesten gestellt waren.
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Diese Auszeichnung bestimmter Eigenschaften, die unter einen normativen Begriff vom Menschen fallen, basiert nicht auf einem biologischen Begriff vom Menschen. Die biologische Spezies homo sapiens und die Klasse der Träger der ausgezeichneten Eigenschaften sind nicht unbedingt koextensiv. Es könnte durchaus sein, dass auch andere Lebewesen, außerdem Außerirdische oder künstliche Lebewesen, Engel oder Androiden – wenn es sie gibt – diejenigen Eigenschaften besitzen, die ich in normativer Hinsicht am Menschen ausgezeichnet habe. Ein solcher Gedanke ist nicht neu und wird etwa auch von Kant vertreten, dessen kategorischer Imperativ ausdrücklich für alle vernunftbegabten oder vernünftigen Wesen – und nicht nur für Menschen – gelten sollte (Kant 1785, 452 und 435, und Kant 1798, 418; außerdem Kant 1788). Damit kann der Speziesismusvorwurf, der aufgrund einer normativen Aufladung des Begriffs „Mensch“ schnell erhoben wird, abgewehrt werden (vgl. etwa Hughes 2004, xv, der drastisch von „human-racists“ redet, um diejenigen zu bezeichnen, die den Menschen gegenüber anderen Wesen als besonders wertvoll auszeichnen wollen). Es könnte jedoch gefragt werden, warum nicht gleich der Begriff „Person“ Gegenstand meiner Auseinandersetzung wäre. Meine Antwort gesteht zu, dass sich in dem hier vorgestellten normativen Verständnis die Begriffe „Mensch“ und „Person“ teilweise überschneiden, aber sie sind nicht koextensiv: In der Enhancement-Debatte geht es zunächst um die Veränderung von Menschen (nicht von Personen), und der umfassendere Begriff Mensch konstituiert damit den Gegenstandsbereich der Enhancement-Debatte.
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1. Die Forschungsfrage und ihre disziplinäre Einbindung
Damit wird deutlich, dass aufgrund der begrifflichen menschlichen Selbstauslegung, wie ich sie unter den Bedingungen der Gegenwart6 für angemessen halte, insbesondere der Selbstbestimmungsfähigkeit des Menschen ein besonderer Stellenwert zukommt. Zum anderen wird deutlich, dass Individuen – als „ultimate units of moral concern“ (Pogge 1992, 49) – prinzipiell gleichartige Ansprüche auf Chancen für ein gelingendes Leben haben sollen. Für die normative Beurteilung möglicher Enhancement-Eingriffe ist die hier entwickelte anthropologische Perspektive nicht die einzige relevante Dimension. Auch andere Bewertungsmaßstäbe – Risikoabwägungen, (nicht primär anthropologisch begründete) Gerechtigkeits- und Autonomiebedenken – spielen gleichfalls eine wichtige Rolle. Es wird sich sogar herausstellen, dass allgemeine Risiko-, Autonomie- und Gerechtigkeitsüberlegungen gegenüber anthropologisch fundierten Argumenten Vorrang haben und angesichts konkreter Entscheidungen zumeist für die ethische Bewertung einer Handlungsoption ausschlaggebend sind. Letztere sind daher als eine Ergänzung und Fundierung ersterer anzusehen. Wenn sich Konvergenz hinsichtlich der unterschiedlich begründeten Bewertungen ergibt, ist das kein Manko der hier präsentierten anthropologischen Überlegungen. Die normative Kraft anthropologischer Argumente darf jedoch weder überschätzt werden, da sie immer im Verbund mit anderen Argumenten auftreten, noch darf sie unterschätzt werden, da sie eine fundamentale und damit weit reichende Orientierungsfunktion haben. Das normativ-ethische Modell begründeter anthropologischer Argumente wird vor allem in den Kapiteln 16 und 17 entwickelt und setzt die Kritik in den Kapiteln 6, 7 und 14 voraus. Das Verhältnis zu alternativen Bewertungen wird in Kapitel 18.4 diskutiert.
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Mit dem Hinweis auf die „Bedingungen der Gegenwart“ möchte ich deutlich machen, dass ich nicht in einem absoluten Sinne argumentiere, sondern auch für ethische Diskussionen Entwicklungen anerkenne, so dass der hier explizierte Standard zwar den aktuell bestmöglichen Stand widerspiegeln soll, diesen aber lokal und temporal einschränkt. Er galt nicht immer und gilt nicht überall, sondern setzt eine bestimmte moralische Entwicklung voraus. Außerdem gilt er nicht ewig, sondern ist selbst Gegenstand möglicher zukünftiger Verbesserungen.
1.4. Angewandte Ethik
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1.4. Angewandte Ethik Eine solche deskriptiv-normative anthropologische Verständigung leistet einen Beitrag zu einem konkreten Problem der Angewandten Ethik: der ethischen Beurteilung der Möglichkeit, Menschen mit biotechnologischen Mitteln zu verbessern. Am Schluss der Arbeit werden auf der im Verlauf der Diskussion entfalteteten anthropologischen Grundlage exemplarisch drei Anwendungsmöglichkeiten von Enhancement-Technologien bewertet: Die Verlängerung der gesunden und aktiven Lebensspanne; die Technisierung des menschlichen Organismus („Cyborgisierung“) mit der Absicht, zusätzliche Sinne hinzuzufügen; und die psychopharmazeutische Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit. Dabei zeigt sich, dass die anthropologische Dimension der Bewertung im Hintergrund steht und nur in radikalen Fällen alleine zu einer negativen Bewertung des Einsatzes von Technologien in der Lage ist. (Diese können aber unabhängig von der anthropologischen Bewertung aufgrund anderer Bedenken verworfen werden.) Die recht verstandene anthropologische Bestimmung des Menschen erlaubt also vielfältige Veränderungen der menschlichen Lebensform und kommt nur in radikalen Fällen zu moralischen Verboten. Daher dominieren in den ethischen Debatten über Human Enhancement Risikound Gerechtigkeitserwägungen sowie Diskussionen der Frage, wie das Vorliegen eines autonomen informed consent derjenigen, die sich für ein Enhancement entscheiden, garantiert werden kann. Die hier dargelegte anthropologische Dimension ist im Vergleich zu diesen Erwägungen elementar: Sie betrachtet das Problem möglicher Veränderungen von Menschen auf einer fundamentalen Ebene und identifiziert damit eine weitere Ebene des Problems, die bei einer umfassenden Bewertung von Enhancements berücksichtigt werden muss. Die aktuelle bioethische Debatte zum Human Enhancement wird in den Kapiteln 5 bis 8 dargestellt, der angemessene Beitrag anthropologischer Argumente wird exemplarisch in Kapitel 19 entfaltet.
2. Biotechnologische Interventionen Die (mögliche) Anwendung der neuen Biotechnologien und medizinischen Interventionsmçglichkeiten konstituiert den Kern der aktuellen Enhancement-Debatte – selbst wenn umstritten ist, ob mit dem umfassenden Begriff Enhancement überhaupt tatsächlich ein einheitlich bestimmbares Phänomen und bioethisches Thema begrenzt werden kann (Bostrom/ Savulescu 2009, 1 – 4). Doch auch wenn der Einsatz der Biotechnologien keine notwendige Bedingung für das Vorliegen einer EnhancementHandlung darstellt (gezielte Verbesserungen von Menschen können auch auf anderem Weg verwirklicht werden7) und auch wenn die Anwendung einiger der aktuellen Biotechnologien nicht Teil der gegenwärtig geführten Enhancement-Debatte sind (der Einsatz von Psychopharmaka oder Prothesen etwa wird nicht allgemein als Teil der EnhancementDebatte angesehen), stellen die im Folgenden vorgestellten Biotechnologien den problematischen Kern dessen dar, was im Verlauf der Arbeit mehrfach als „weit reichendes“ Enhancement bezeichnet wird. Welche Techniken geben Anlass für die Enhancement-Debatte? Im Folgenden schlage ich eine Klassifikation der einschlägigen Biotechnologien in drei Gruppen vor, erhebe damit jedoch weder den Anspruch einer vollständigen Erfassung aller möglichen Eingriffe, noch den einer immer trennscharfen oder definitiven Klassifikation. Als Kriterium der Differenzierung setze ich den „Ansatzpunkt“ der betreffenden Praxis, also den zeitlichen und räumlichen Punkt, an dem ein menschlicher Organismus von der biotechnologischen Intervention affiziert wird. Dieses Kriterium ist für meine Zwecke dann erfolgreich, wenn es eine erste Ordnung der Methodenvielfalt biotechnologischer Interventionen er-
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So könnten beispielsweise gesellschaftliche Institutionen wie Schulen und Krankenhäuser längerfristig – im Gegensatz zu genetic engineering – einen wirksameren und unproblematischeren Weg darstellen, gewünschte positive Veränderungen hervorzurufen, die sich auch im Humangenom niederschlagen werden (so Dupré 2009).
2. Biotechnologische Interventionen
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laubt.8 Einzelne Überschneidungen im Grenzbereich tun dem keinen Abbruch. Ich unterscheide im Folgenden: – Technische Eingriffe oder Erweiterungen („Cyborgisierung“) – Genetisches Engineering zur Verbesserung des menschlichen Erbguts – Biologische Prozessoptimierung im Organismus, insbesondere im Gehirn Ich fasse diese verschiedenartigen Interventionsmöglichkeiten unter dem Begriff „Bio-Technologien“ zusammen, weil es sich um eine Anwendung von (wissenschaftlich begründetem) Wissen auf den lebendigen Organismus (des Menschen) handelt.9 Schon der Begriff der Biotechnologien erinnert daran, dass das Phänomen einer solchen biotechnologischen Intervention per se nicht neuartig ist. Pflanzen- und Viehzucht, das gezielte Vergären von Traubensaft zu Wein und zahlreiche andere Biotechnologien gehören seit langer Zeit zum alltäglichen Handlungsrepertoire von Menschen. Im Folgenden fokussiere ich offenkundig auf neuere und gezielte Biotechnologien, die auf den Menschen angewendet werden („Humanbiotechnologien“) und häufig auf der Grundlage eines Zusammenspiels von verschiedenen Wissenschaften entwickelt werden. Das Zusammenspiel verschiedener Technologien wird aktuell unter der Bezeichnung Converging Technologies diskutiert. Dabei spielen insbesondere die Nano-, Bio-, Informations- und Kognitionswissenschaften (NBIC Sciences) eine prominente Rolle (Roco/Montemagno 2004).10 Zahlreiche Technologien, die in der Enhancement-Debatte diskutiert werden, sind dabei noch in der Entwicklung begriffen und stehen nicht als einsatzbereite Techniken zur Verfügung. Andere Eingriffe, etwa das „mind-uploading“ (vgl. Koch/Tononi 2008) werden möglicherweise niemals zum Einsatz kommen können. Eine ethische Diskussion der 8 Alternative Klassifikationen finden sich etwa in Gesang 2010 und STOA 2009. Eine detaillierte Schilderung der möglichen Enhancementeingriffe auf der Basis neurowissenschaftlicher Entwicklungen liefert Nagel 2010, Kapitel 4 – 5. 9 Die Debatten zum Thema sind überwiegend anglophon. Damit ergeben sich bisweilen terminologische Unschärfen und Missverständnisse. Das deutsche Wort „Technologie“ z. B. ist semantisch enger als das englische „technology“. Letzteres kann nicht nur mit „Technik“ oder „Technologie“ übersetzt werden, sondern umfasst auch die allgemeinere Bedeutung „Verfahren“ oder „Methode“. Das englische „biotechnology“ kann somit auch weniger drastisch klingend als „Verfahren des Umgangs mit Lebendigem“ übersetzt werden. 10 Eine exemplarische ethische Diskussion von Beispielanwendungen – unter besonderer Berücksichtigung der anthropologischen Argumente – aus den drei genannten Bereichen findet sich in Kapitel 19.
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2. Biotechnologische Interventionen
Technologien kann jedoch bereits beginnen, selbst wenn die Entwicklung der betreffenden Technologien noch nicht zum Abschluss gekommen ist. Im Folgenden konzentriere ich mich auf Eingriffe, die derzeit schon relativ weit entwickelt sind und deren Einsatz, wenn er nicht jetzt schon möglich ist, zumindest wahrscheinlich erscheint. Allzu spekulative Anwendungsmöglichkeiten der Biotechnologien klammere ich aus meinen Analysen aus.
2.1. Technische Eingriffe oder Erweiterungen Die erste Klasse biotechnologischer Interventionen umfasst Eingriffe, die auf einem Zusammenspiel von technischen Geräten und dem menschlichen Organismus beruhen. Dabei handelt es sich um überwiegend reversible technische Veränderungen oder Erweiterungen der menschlichen Leistungsfähigkeit, die grundsätzlich mit dem Gebrauch eines Werkzeugs verglichen werden können. Dieses „Werkzeug“ ist häufig dem menschlichen Organismus peripher, kann aber auch in den Organismus integriert werden. Ergebnis einer solchen Erweiterung ist ein Organismus, der weiterhin autonom besteht, bezüglich einer bestimmten Kompetenz allerdings auf das Zusammenspiel mit dem technischen Gerät angewiesen ist. Solche Anwendungen können „transparent“ sein, das heißt dem Akteur nach einer Gewöhnungsphase nicht mehr auffallen. Clark diskutiert zahlreiche anschauliche Beispiele für transparente und dennoch transformatorische Techniken, die heute weit verbreitet sind: Schon der Gebrauch von Stift und Papier und Mobilfunktelefonen sind für Clark Ausdruck der Tatsache, dass der Mensch ein auf das Engste mit Technik und Kultur verbundenes Lebewesen ist. Solche technischen Erweiterungen des menschlichen Organismus durch Werkzeuggebrauch und durch die Integration von Geräten in den Organismus werden häufig mit der Idee des „Cyborgs“ als eines technologisch erweiterten Menschen assoziiert. Für Clark sind Menschen daher „natural born cyborgs“ (vgl. dazu insbesondere Clark 2003 und Heilinger/Müller 2007). Gegenwärtig werden in der Forschung neben den bereits vorhandenen und weit verbreiteten Techniken zahlreiche neue Anwendungen entwickelt, die in diese Kategorie gehören. Dabei richtet sich besondere Aufmerksamkeit auf eine mögliche Technisierung des Gehirns (vgl. dazu auch Müller 2010). Zu den geplanten und in der Entwicklung befindlichen Techniken zählen Verbindungen des menschlichen Organismus mit externen Sensoren, die bestimmte Sinneswahrnehmungen ersetzen,
2.2. Genetisches Engineering
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verbessern oder neu hinzukommen lassen (Naam 2005, Nagel et al. 2005). Auch Brain-Machine-Interfaces, die eine direkte Verbindung des menschlichen Gehirns mit einem Computer erlauben, sind hier zu nennen (Wolpaw et al. 2002, Lebedev et al. 2006, Tonet et al. 2008, Kim et al. 2009). Implantate in das Gehirn, die eine Stimulation bestimmter Regionen bewirken, zählen ebenfalls zu dieser Klasse (Breit et al. 2004, Rodriguez-Oroz et al. 2005, Boon et al. 2009). Schon jetzt weit verbreitet sind Cochlea-Implantate mit über 200.000 Trägern weltweit (Merkel et al. 2007, 158), die zukünftig vermehrt von Gehirn-Implantaten abgelöst werden könnten, die direkt den Cochleären Kern stimulieren, an dem der Hörnerv im Gehirn endet (Christen 2005). Als Vorläufer solcher neuer Technologien ist jeder Werkzeuggebrauch anzusehen. Das Greifen zum Hammer, um mit mehr und konzentrierter Kraft einen Nagel einzuschlagen, der Gebrauch von Stift und Papier oder eines Taschenrechners, das Aufsetzen einer Brille und der Gebrauch eines Mobilfunktelefons sind alltägliche Beispiele dafür, dass Menschen mithilfe externer Geräte eine bestimmte Leistung besser zu erfüllen versuchen. Auch das Einsetzen eines Herzschrittmachers oder eines Defibrillators, um den regelmäßigen Herzschlag zu sichern oder wiederherzustellen, können als Vorläufer weiterreichender Technisierungen des menschlichen Organismus verstanden werden. Die neuerdings diskutierten Technologien sind häufig invasiv und erlauben eine präzisere Interaktion mit dem Organismus sowie den Austausch von Informationen mit einer höheren Bandbreite. Außerdem können sie Eigenschaften hervorrufen, die Menschen zuvor nicht hatten.
2.2. Genetisches Engineering Seit ihren Anfängen mit der Beschreibung der molekularen Struktur der DNA von Watson und Crick im Jahr 1953 hat die moderne Genetik eine rasante Entwicklung genommen. Die Möglichkeiten der gezielten Anwendung genetischer Kenntnisse auf den Menschen werden seit den 1960er Jahren umfassend debattiert.11 Direkte Vorläufer hat diese Technik jedoch nicht, da sie ihrerseits auf einer hoch entwickelten Biologie beruht. Gleichwohl lassen sich kulturelle Praktiken erkennen, 11 Hierüber informieren etwa Weingart/Kroll/Bayertz 1988, 649 – 652, mit bes. Blick auf die Situation in Deutschland auch 669 – 673. Außerdem Walters/ Palmer 1997.
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2. Biotechnologische Interventionen
die in intentional verbessernder Absicht direkt auf das menschliche Erbgut einwirken. Dazu gehören zum einen kulturelle Praktiken, wie etwa eine gesteuerte Heiratspolitik, die zu Veränderungen auch auf der genetischen Ebene führen. Das Gleiche gilt auch für gesellschaftliche Institutionen wie Schulen und Krankenhäuser sowie für eine bestimmte Art der Ernährung: Alle diese Institutionen wirken auch auf das Erbgut der menschlichen Individuen.12 Darüber hinaus ist an die Bewegung der Eugenik zu erinnern. Die Absicht, gezielt gesündere Menschen mit einem vorteilhaften Erbgut hervorzubringen, ist allerdings durch die von einem „arischen Ideal“ ausgehenden, unter Zwang durchgeführten „eugenischen“ Züchtungsversuche und Vernichtung von „nicht-lebenswertem Leben“ der Nationalsozialisten in schweren Misskredit geraten.13 Die zweite Klasse von biotechnologischen Interventionen setzt also an der genetischen Ausstattung eines Organismus an (zur Übersicht Kiuru/Crystal 2008). Veränderungen am Erbgut – mithilfe von Interventionen wie sie zum Beispiel in der Gentherapie angewendet werden (Hämophilie: van de Biggelaar et al. 2009; zystische Fibrose: Flotte/ Laube 2001; Krebs: Rochlitz 2001) – sollen nach bestimmten Zielvorgaben die biologische Grundausstattung und damit die Ausgangsdisposition eines menschlichen Organismus verändern (vgl. Walters/Palmer 1997). Solche Interventionen sollen bei einem bereits entwickelten Organismus vom Zeitpunkt der Intervention an dauerhafte Veränderungen (etwa des Stoffwechsels) hervorrufen, die ihrerseits die erwünschten Effekte bewirken, wie etwa eine Verlangsamung des Alterungsprozesses.14 Bei Eingriffen in das Erbgut eines noch in der Entwicklung begriffenen Individuums bewirken diese nachhaltige und 12 Zu den Auswirkungen kultureller Praktiken auf die jüngere Evolution des modernen Menschen vgl. Hawks et al. 2007. Außerdem Dupré 2009. 13 Über die äußerst problematische Geschichte der Eugenik-Bewegung informiert vor dem Hintergrund der aktuellen Bemühungen um eine mögliche „liberal eugenics“ etwa Agar 2004. Zur Geschichte der Eugenik und der Rassenhygiene speziell in Deutschland vgl. Weingart/Kroll/Bayertz 1988. Aktuelle Diskussionen über eine „liberal eugenics“ gehen jedenfalls nicht mehr von direktiven Maßnahmen aus. Vielmehr werden allenfalls Informationsangebote für Beratung suchende Paare vorgeschlagen, womit ein Übergang von einer ,autoritären Eugenik‘ zu einer ,demokratischen‘ oder ,liberalen Humangenetik‘ vollzogen wird (Agar 2004). 14 Bei realistischer Einschätzung der gegenwärtigen Möglichkeiten sind die aktuellen Eingriffsmöglichkeiten jedoch noch sehr begrenzt (vgl. Rattan/Singh et al. 2009, Goya et al. 2001).
2.2. Genetisches Engineering
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irreversible Veränderungen der Ausgangsdisposition, die – bei möglichen Eingriffen in die Keimbahn – nicht nur mit Blick auf das Individuum irreversibel sind, sondern darüber hinaus auch an zukünftige Nachkommen weitergegeben werden können. Die Bedeutung des Genotyps für das Vorliegen eines bestimmten Phänotyps darf allerdings nicht überschätzt werden. Monokausale genetische Erklärungen, wie sie häufig populär vorgetragen werden, greifen zu kurz. Dass ein einziges Gen für eine bestimmte (erwünschte oder unerwünschte) menschliche Eigenschaft oder Verhaltensweise verantwortlich wäre, gilt nur in äußerst wenigen Fällen (etwa bei bestimmten Erkrankungen wie Zystische Fibrose, klassische Phenylketonurie, Hämophilie, bestimmte Formen des Albinismus). Zum Zusammenspiel zwischen genetischen Anlagen, der Genexpression und der wichtigen Rolle von Umweltfaktoren hat die Epigenetik in den letzten Jahren neue Einsichten hervorgebracht. Diese Erkenntnisse begrenzen die Erwartung, mithilfe punktueller Veränderungen einzelner Genomsequenzen tatsächlich präzise die gewünschten Eigenschaften oder Verhaltensdispositionen hervorbringen zu können und tragen der Rolle von Umwelteinflüssen in höherem Maße Rechnung (vgl. dazu Mehler 2008; Allen 2008; Borrelli 2008 und Dupré 2009). Die bereits heute verfügbaren Eingriffe betreffen Gentherapien bei verschiedenen Erkrankungen (s. o.), können bei einem entwickelten Organismus angewendet werden und zukünftig vielleicht auch pränatal Anwendung finden. Darüber hinaus sind genetische Veränderungen von Organismen mit dem Ziel möglich, bestimmte Leistungen des Organismus positiv zu beeinflussen. Dies findet in dem schwer nachzuweisenden und häufig noch als hypothetisch gehandelten „Gendoping“ Anwendung (Wells 2008; Gaffney/Parisotto 2007; Baoutina et al. 2008; de Wit, i. Ersch.). Voraussetzung der Anwendung solcher Techniken ist ein elaboriertes Analyseinstrumentarium, das eine adäquate Bestimmung des aktuellen Genoms erlaubt, das in der Folge verändert werden soll. Solche Analysen und Modifikationen können nicht nur bei entwickelten Organismen durchgeführt werden, sondern auch bei werdenden Organismen in der pränatalen oder präimplantativen Diagnostik Anwendung finden. Ohne solche Analysen und das genaue Wissen wäre jeder Eingriff nur als „trial & error“-Vorgehen möglich. Tatsächlich wurden bislang zahlreiche Veränderungen im Erbgut von lebendigen Organismen auf diese unkontrollierte Weise vorgenommen. Willkürliche radioaktive Bestrahlungen von Getreide und die anschließende Selektion gemäß ihres Ertrags haben in der Vergangenheit dazu geführt, ertragreichere Sorten
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2. Biotechnologische Interventionen
hervorzubringen (zu „genetically modified crops“ vgl. etwa Yan/Kerr 2002, Gilani/Nasim 2007, Nakazaki et al. 2003; auch Fan et al. 2004). Zukünftige Entwicklungen sind vor allem hinsichtlich der Przision möglicher Interventionen zu erwarten. Es zeichnet sich ab, dass mit Blick auf die genetische Ausstattung von Nachkommen Paaren mit Kinderwunsch zunehmend verschiedene Diagnose- und Interventionsmöglichkeiten angeboten werden. Die Entscheidung für oder gegen den Einsatz dieser Techniken wird aber aufgrund der Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen Terrorregime aus staatlicher Hand allenfalls in den Entscheidungsbereich der Eltern übertragen (Agar 2004).
2.3. Biologische Prozessoptimierung im Organismus Eine dritte Klasse biotechnologischer Eingriffe versucht, verbessernd auf die Prozesse, die im menschlichen Organismus ablaufen, einzuwirken; die Vorläufer derartiger Interventionen sind vielfältig. Die Einnahme von Substanzen zur Stimmungsverbesserung oder zur Leistungssteigerung – des Gehirns wie auch des gesamten Organismus – verfügen über eine lange Geschichte und sind weit verbreitet. Alkohol- und Koffeingenuss zählen zu den in unserem Kulturkreis allgemein akzeptierten Formen solcher Interventionen.15 Aktuell werden diese Eingriffe, die auf der neuronalen Ebene wirksam sind, unter dem Titel „Neuro-Enhancement“ diskutiert. Formal betrachtet, wird damit der Funktionszusammenhang des Organismus nur modifiziert und die Grundlage aller angestrebten Ergebnisse bleibt ein „natürlicher“ organismischer Ablauf. Viele derartige Eingriffe sind reversibel, wobei aber bei dauerhafter Anwendung auch bleibende Veränderungen zu erwarten sind. Insgesamt wird bei solchen Prozessoptimierungen der autonome Organismus als solcher nicht verändert, nur ein „tuning“ oder „doping“ einzelner Fähigkeiten wird angestrebt.16 15 Über zahlreiche andere Formen der Verabreichung berauschender Substanzen informieren nicht zuletzt ethnologisch und soziologisch angelegte Studien etwa Singer/Mirhej 2006, Agar/Reisinger 2001, Fendrich et al. 1997. Eine Taxonomie von Cognitive Enhancements und eine Übersicht über die Techniken versuchen Sandberg/Bostrom 2008. 16 Doping im Sport ist das Übertreten einer selbst auferlegten Spielregel, wie es etwa auch die Übertretung der Regel wäre, dass der Golfball eben mit einem Schläger in das Loch befördert werden soll und nicht dorthin getragen werden darf. Die
2.3. Biologische Prozessoptimierung im Organismus
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So können beispielsweise der Stoffwechsel in Muskeln, der Sauerstofftransport im Körper und der Wachstumsprozess mithilfe von pharmazeutischen Substanzen optimiert werden. Auch ein Verlangsamen des natürlichen Alterungsprozesses würde in diese Klasse von Eingriffen fallen. Insbesondere das Gehirn ist aktuell vielfältigen Versuchen optimierender Einflussnahme ausgesetzt.17 Hier lassen sich im Wesentlichen zwei Bereiche erkennen, in denen durch eine Veränderung des Stoffwechsels im Gehirn Optimierungen erzielt werden, die sich auf der Erlebnisebene niederschlagen. Zum einen handelt es sich um pharmazeutische Eingriffe, die der kognitiven Leistungssteigerung dienen („smart drugs“), zum anderen um solche, die der Stimmungsmodifikation, insbesondere der Stimmungsaufhellung dienen („happy pills“).18 Darüber hinaus – und damit im Grenzbereich zu den beiden zuvor genannten Klassen von möglichen biotechnologischen Eingriffen – sind auch Stimulierungen bestimmter Hirnregionen durch elektrische Ströme möglich19 oder Neurotransplantationen und Gentransfers zur Veränderung der Prozessverarbeitung im Gehirn. punktuelle Verbesserung der menschlichen Leistungsfähigkeit ist ein wichtiges Ziel im Sport, zu dessen Erreichen jedoch – gemäß der Regel – manche Wege ausgeschlossen werden. Zur Problematik von Doping und Fairplay etwa Gerhardt 1995 und Pawlenka 2008. – Im Rahmen von biologischen Prozessoptimierungen geht es zunächst um die intentionale Modifikation organismischer Abläufe. Das Übertreten von Regeln ist damit noch nicht angesprochen. 17 Ein knapper Überblick über die Geschichte der Psychopharmakologie findet sich in Merkel et al. 2007, 11 f. Außerdem aufschlussreich: Schott/Tölle 2006, 480 – 495. 18 Konkret: Medikamente, die zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-Störungen eingesetzt werden, können auch bei gesunden Kindern und Erwachsenen eingesetzt werden (Singh 2005, Sahakian/Morein-Zamir 2007, Maher 2007). Medikamente gegen Narkolepsie helfen dabei, länger wach und konzentriert zu bleiben (Caldwell et al. 2000). Manche Wirkstoffe verbessern die Leistung des Gedächtnisses (Ingvar et al. 1997), andere helfen dabei, selektiv bestimmte – unangenehme – Gedächtnisinhalte zu „löschen“ (Giles 2005). Zur Stimmungsverbesserung werden Antidepressiva (SSRIs) herangezogen (Kramer 1997, Elliott 2003). Auch zur Vergrößerung des zwischenmenschlichen Vertrauens in sozialen Beziehungen und zur Verbesserung von Liebesbeziehungen wird Neuroenhancement empfohlen (Savulescu/Sandberg 2008). So wird etwa das Hormon Oxytocin (Kosfeld et al. 2005) als Nasenspray vermarktet. – Die tatsächliche Wirksamkeit dieser Neuro-Enhancer konnte allerdings bislang (wie Meta-Studien gezeigt haben) allenfalls punktuell belegt werden (Repantis et al. 2009 und Repantis 2009). 19 Zur Deep-brain-stimulation vgl. Merkel et al. 2007, Kapitel 4, bes. 185 – 186; ein anschaulicher Erfahrungsbericht findet sich in Dubiel 2006. Außerdem zählt die
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2. Biotechnologische Interventionen
Die zu erwartenden Entwicklungen der Prozessoptimierung sind weitreichend (Barondes 2003). Der Gebrauch von Psychopharmaka bei gesunden Menschen weitet sich aus. Aktuell lässt sich verfolgen, wie verschiedene Medikamente ohne medizinische Indikation von Gesunden angewendet werden – sei es von Forschern, die unter dem Leistungsdruck der Konkurrenz bessere Ergebnisse mithilfe von Psychopharmaka erreichen wollen (Sahakian/Morein-Zamir 200820), sei es von Arbeitnehmern (DAK 2009), sei es zur Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit mithilfe von Viagra®, sei es zur Vergrößerung des sozialen Erfolgs etwa durch Prozac®. In anderen Feldern, etwa dem Militär, gehört der gezielte und umfassende Einsatz solcher verbessernder Medikamente wie auch anderer Eingriffe in das Gehirn mittlerweile zum Standard.21
transkranielle Magnetstimulation zu derartigen Veränderungen. Diese Eingriffe zähle ich aber auch zu den im ersten Abschnitt genannten Technisierungen des menschlichen Organismus. 20 So zeigt sich das auf subtilem äußeren Zwang basierende problematische Potential des Einsatzes von leistungssteigernden Psychopharmaka deutlich daran, dass viele Eltern bereit wären, ihre Kinder dann mit den Substanzen zu „dopen“, wenn viele andere das auch tun (Maher 2008). 21 Vgl. die Projekte der US-amerikanischen DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency), etwa zu Military Bioengineering, Human Enhancing, Continuous Assisted Performance und Brain-Machine-Interfaces auf www.darpa.mil für eine Übersicht. Außerdem affirmativ Moreno 2006. Kritisch dazu etwa Altmann 2004.
3. „Alte“ und „neue“ Interventionen: Kontinuität der Mittel und Ziele In der Darstellung der biotechnologischen Interventionsmöglichkeiten im vorhergehenden Kapitel wurde punktuell darauf hingewiesen, dass die neuen Handlungsmöglichkeiten jeweils über Vorläufer verfügen. In diesem Kapitel wird die These des Kontinuums zwischen den neuen Biotechnologien und älteren Handlungen und Handlungsoptionen weiter gestärkt.22 Nicht nur die zum Einsatz kommenden Mittel (3.1.) sind lediglich graduell von Praktiken verschieden, die schon seit langem bekannt, etabliert und anerkannt sind, auch die angestrebten Ziele (3.2.) haben sich durch die neuen Handlungsoptionen lediglich graduell weiterentwickelt. Die hier entfaltete Kontinuitätsthese erscheint mir unkontrovers: Die aktuellen Handlungsmöglichkeiten stellen Weiterentwicklungen vorheriger Möglichkeiten dar und resultieren aus menschlichen Wünschen, die nicht völlig neuartig sind. Dennoch darf die Betonung dieser Kontinuitätsrelation nicht per se moralische Unbedenklichkeit suggerieren: Die Tatsache, dass eine neue Handlungsmöglichkeit lediglich eine graduelle Weiterentwicklung darstellt und altbekannten menschlichen Zielen entspricht, sagt noch nichts darüber aus, wie sie – oder ihre Vorläufer – in moralischer Hinsicht zu bewerten sind. Die Kontinuitätsthese, die ich im Folgenden belegen möchte, ist in ethischer Hinsicht daher wenig relevant, auch wenn sie häufig in beschwichtigender Absicht vorgebracht wird, um bestehende Bedenken gegenüber den neuen Technologien abzuwiegeln und zu bagatellisieren. Mit ihrer Hilfe kann jedoch das anthropologische Theorem gestützt werden, dass Menschen als Kulturwesen sich immer wieder darum bemühen, die ihnen jeweils zur Verfügung stehenden Mittel nach ihren eigenen Zwecken einzusetzen.
22 Zur „Human Enhancement Continuity Thesis“ vgl. auch Heilinger 2009 und Malafouris/Nagel/Heilinger, i.Vorb.
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3. Kontinuität der Mittel und Ziele
3.1. Kontinuität der Mittel Wie lässt sich die vermutete Kontinuität der neuen Biotechnologien und „klassischer“ Interventionen in den menschlichen Organismus belegen? Wo zeigt sich ein gradueller Zusammenhang zwischen werkzeuggebrauchenden Menschen und „Cyborgs“, zwischen einer gezielten Heiratspolitik und genetic engineering sowie zwischen Alkoholkonsum und dem Einsatz von Ritalin zur Steigerung der Leistungsfähigkeit, wenn doch offenkundig jeweils große Unterschiede zwischen den neuen und den alten Techniken bestehen? Die Artifizialität des Eingriffs, das vorausgesetzte naturwissenschaftliche Wissen und technische Know-How sind bei den neueren Interventionen deutlich höher und der direkte Einfluss menschlichen Handelns erscheint sichtbarer als zuvor (teilweise schon allein aufgrund der zum Einsatz kommenden Geräte). Um die fundamentale Kontinuität zwischen den alten und den neuen Eingriffsmöglichkeiten deutlich erkennen zu können, muss zunächst das irreführende Bild eines isoliert existierenden, in sich abgeschlossenen menschlichen Organismus revidiert werden. Bei einer erweiterten Betrachtung des menschlichen Funktionszusammenhangs, die unangebrachte Verengungen korrigiert, zeigt sich die Kontinuität besonders deutlich. Die moderne Biologie untersucht Organismen nicht nur als isolierte Einheiten, in deren Inneren die einzelnen Bestandteile einander wechselseitig beeinflussen, sondern berücksichtigt immer auch die kontinuierliche Interaktion des Organismus mit seiner Umwelt als einer Bedingung für sein Existieren (z. B. Laubichler 2005). Auch die neuere Philosophie des Geistes geht nicht mehr von einer isoliert funktionalistischen Konzeption des menschlichen Bewusstseins und der Beschränkung seiner Grundlagen auf das Gehirn aus, sondern räumt stattdessen der Verkçrperung des bewussten Erlebens und seiner Einbindung in größere Systemzusammenhänge einen hohen Stellenwert ein („embodied embedded cognition“): Bewusstsein, so wie wir es kennen, ist immer nur in einem Zusammenhang vorstellbar, der vielfältige interne Interaktionen, aber auch vielfältige Interaktionen mit der umgebenden Umwelt notwendigerweise voraussetzt (Anderson 2003, Gallagher 2005, Thompson 2007, Noë 2009, Heilinger/Jung 2009). Vor dem Hintergrund solcher Theorien des verkörperten Geistes erscheint jede isolierte Betrachtung eines menschlichen Individuums lediglich innerhalb der Grenzen seines Körpers verkürzt. Plessner etwa hat mit seinen präzisen Analysen über die „Grenze“ des menschlichen Körpers gezeigt, dass schon die Außenseite
3.1. Kontinuität der Mittel
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der Haut die umgebende Außenwelt derartig in den menschlichen Organismus integriert, dass die unmittelbare Umgebung als Teil des menschlichen Organismus angesehen werden kann.23 Neuere Theorien kritisieren – in derselben Absicht wie Plessner – mit einem geradezu abfälligen Unterton, dass es eine unangemessene und extreme Beschränkung des menschlichen Körpers und Geistes sei, diesen allein innerhalb der Grenzen des „ancient biological skin-bag“ (Clark 2003, 198) zu konzipieren. Die Interaktion des menschlichen Organismus, insbesondere allerdings des menschlichen Geistes mit seiner Umwelt, rechtfertige eine solche Begrenzung nicht. Stattdessen müsse man vielmehr einen „erweiterten Geist“ – einen „extended mind“ – annehmen, um angemessen erklären zu können, wie sich Menschen in ihrer Umwelt orientieren, wie Bewusstsein in Interaktion eines menschlichen Organismus mit der Umwelt entstehen könne.24 In diesen Theorien wird die Interaktion mit externen „Vehikeln“ mentaler Gehalte sogar als notwendige Bedingung dafür angesehen, dass es überhaupt so etwas wie den bewussten „Geist“ geben kann. Werkzeuge, aber auch Schrift und die Sprache insgesamt, stellen solche ausgelagerte Elemente des verkörperten und eingebetteten menschlichen Geistes dar. Erst die systematische Integration dieser Elemente in den umfassenden Funktionszusammenhang erlaubt die Genese der spezifisch menschlichen Kognition.25 Die Belege, die von den Vertretern der Theorie des „extended mind“ vorgebracht werden, zeigen plausibel die engen kognitiven Verbindungen an, in denen der menschliche Organismus mit körper-externen Elementen stehen kann. Clark/Chalmers (1998) diskutieren etwa den 23 Nach Plessner haben lebendige Wesen, die er auch „raumbehauptende Wesen“ nennt, die Fähigkeit zur „Ganzheit“ in sich, das ist die Fähigkeit, Inneres und Äußeres in eine Einheit zu bringen. In Plessners eigenwilliger Diktion: „Deshalb wird hier die Grenze seiend, weil sie nicht mehr das […] Insofern der wechselweisen Bestimmtheit, der selbst nichts für sich bedeutende leere Übergang ist, sondern von sich aus das durch sie begrenzte Gebilde als solches von dem Anderen als Anderem prinzipiell unterscheidet“ (Plessner 1929, 103). 24 Der grundlegende Text zur Theorie des „extended mind“ ist Clark/Chalmers 1998. Hier entwickeln sie die Position des aktiven (oder semantischen) Externalismus. Vgl. auch Clark 2007 sowie Clark 2008, wo es anschaulich heißt: „certain forms of human cognizing include inextricable tangles of feedback, feedforward and feed-around loops: loops that promiscuously criss-cross the boundaries of brain, body and world.“ (Clark 2008, xxviii). 25 Diese steht aber selbstverständlich ihrerseits in einem evolutionären Kontinuum mit den anderen Formen von „mind“, wie sie etwa bei Primaten bestehen. Dazu vgl. insbesondere Tomasello 2000.
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3. Kontinuität der Mittel und Ziele
Gebrauch eines Notizbuches; gegenwärtig wird vielen bewusst sein, dass ihnen mit dem Verlust ihres Kalenders oder dem Crash ihrer Festplatte und dem damit verbundenen Datenverlust mehr verloren geht als ein bloßes Stück austauschbarer, externer Hardware: Der Verlust externer Datenträger kommt für manchen einer partiellen Amnesie gleich. Dies zeigt, wie selbstverständlich die geradezu intime Interaktion des menschlichen Organismus mit externen Geräten auch über die Grenzen des Körpers hinweg vorausgesetzt wird, so dass hier die Rede von einer größeren – kognitiven, aber auch physisch-interaktiven – Einheit gerechtfertigt ist.26 Auf der Grundlage einer solchen erweiterten Konzeption des organismischen Funktionszusammenhangs von Menschen zeigt sich die enge Interaktion von Menschen mit externen Geräten, aber auch mit Implantaten, in einem Kontinuum zu Werkzeugen, dem Blindenstock, Notizbüchern und Computern.27 Entscheidend ist hierbei die funktionale Beschreibung der engen Interaktion, für die – schon in den klassischen Fällen – die „skin-bag“ keine relevante Grenze darstellt. Auf dem Vorigen aufbauend lässt sich die These der kognitiven und physikalischen Einheit von Elementen und Prozessen, die innerhalb und außerhalb der skin-bag ablaufen, auch durch die Tatsache belegen, dass neuartige Technologien bei Gebrauch nach einiger Zeit „transparent“ werden können (Clark 2003). Ein geübter Schreiber ist sich des Stiftes, den er benutzt, nicht bewusst; wer viel am Computer arbeitet, bewegt die Maus nicht bewusst über das Mousepad, sondern steuert einen Cursor „direkt“; ein guter Pianist erlebt nicht länger die Widerständigkeit des 26 Klassische Diskussionen einer solchen erweiterten kognitiv-physischen Einheit des menschlichen Organismus mit externen Geräten finden sich etwa bei Merleau-Ponty (1945), der am Beispiel des Blindenstocks aufzeigt, dass die Grenzen der Körpererfahrung für einen blinden Menschen nicht etwa am Griff des Stocks, sondern an dessen Spitze liegen. Vgl. dazu auch die Diskussion in Malafouris (2008), der in diesem Zusammenhang über die noch junge Forschungsrichtung Cognitive Archaeology informiert. 27 Auch Gerhardt betont die besondere Bedeutung der über den Organismus hinausreichenden, dabei aber immer noch „organismischen“ Techniken als Spezifikum der menschlichen Gattung: „Bei keiner anderen Spezies spielt die Technik eine so große Rolle wie beim Menschen. Man kann sie als eine Auslagerung der Techniken des Lebens verstehen, derer sich der Organismus in allen seinen Vollzügen ohnehin bedient.“ (2008a, 111). An anderer Stelle spitzt er diese These extrem zu: „Technik […] ist alles – zumindest alles, was das Leben möglich macht.“ (Gerhardt 2008b, 98).
3.1. Kontinuität der Mittel
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Instruments; die zahlreichen Handlungen beim Autofahren werden automatisiert und laufen unbewusst ab. Ebenso wie bereits existierende könnten auch bestimmte neuartige Erweiterungen des menschlichen Organismus durch Mensch-ArtefaktSchnittstellen nach einer Eingewöhnungsphase transparent werden. Das gilt sowohl für technische Erweiterungen des menschlichen Organismus, wie etwa neuartige Methoden, mithilfe des ganzen Körpers Flugzeuge zu steuern, oder für sensorische und kognitive Erweiterungen des menschlichen Leistungsspektrums durch brain-machine-interfaces. Auch hier zeigt sich also deutlich das Kontinuum zwischen den klassischen und neuartigen Interventionsmöglichkeiten. Ebenso wie bereits vertraute können auch neuartige „Vehikel“ in die Abläufe des menschlichen Organismus integriert werden. Eine Konzeption der über die Grenzen des Organismus hinausgehenden Funktionseinheit lässt gegenwärtige Erweiterungen der menschlichen Leistungsfähigkeit in einem Kontinuum zu früheren Praktiken erscheinen. Vor dem Hintergrund einer solchen Konzeption des menschlichen Organismus und des menschlichen Bewusstseins erweist sich die Frage, welcher technischen oder physikalischen Art eine bestimmte Erweiterung ist und wie eng sie in den menschlichen Organismus integriert ist (extern oder intern), als zweitrangig. Vorrangig dahingegen ist die Frage, was durch die „Vehikel“, derer sich der menschliche Geist bedienen kann, ermöglicht wird. Ein Notizbuch erlaubt es, eine Vielzahl von Informationen zu speichern – und gleicht damit funktional dem deutlich höher entwickelten fiktiven Gehirnimplantat, das über eine große Speichermöglichkeit hinausgehend auch einen direkten Zugang zu den im Internet gespeicherten Informationen ermöglichen würde. Unter Bezugnahme auf die Philosophie der Biologie und die Philosophie des Geistes habe ich für die Kontinuität zwischen „alten“ und „neuen“ Biotechnologien argumentiert, indem exemplarisch auf die funktionale Ähnlichkeit der „technischen Erweiterungen“ (Kapitel 2.1.) hingewiesen wurde, mit denen der menschliche Organismus in einen funktionalen Zusammenhang treten kann.28 28 Die Kontinuität bei den genetischen Interventionen (Kapitel 2.2.) und beim Einsatz psychoaktiver Substanzen (Kapitel 2.3.) wird hier nicht ebenso ausführlich erläutert. Parallelen ließen sich jedoch nachweisen anhand der bereits erwähnte Heiratspolitik und Beschulung als Beispiele für gezielte genetische und epigenetische Veränderungen des Genotyps und an die immer von Menschen konsumierten psychoaktiven Substanzen wie etwa Alkohol und Aphrodisiaka. Vgl. auch die knappe Übersicht über die „History of Interventions in the Brain
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3. Kontinuität der Mittel und Ziele
Die festgestellte Kontinuität entbindet nicht von der Aufgabe, die aktuellen Techniken kritisch zu reflektieren. Eine Wertung – gar eine positive Einschätzung – der neuen Technologien ist mit der Betonung des Kontinuums, in dem sie stehen, nicht verbunden. Die Kontinuitätsthese legt lediglich nahe, dass wir uns bei einer Einschätzung der gegenwärtigen Situation auf ältere Debatten berufen können und dass kein gänzlich neues Problem in die Welt getreten ist. Die wichtigsten Unterschiede zwischen dem „klassischen“ und dem „modernen“ Einsatz biotechnologischer Interventionen liegen weniger in den Technologien selbst, sondern vielmehr in der beschleunigten Entwicklung immer neuer Möglichkeiten und in der damit einhergehenden Einsicht, dass – trotz der Kontinuität – immer weiter reichende Änderungen der menschlichen Lebenswelt eintreten können. Während also einerseits das „Verfügungswissen“ über den menschlichen Organismus und seine biotechnologischen Erweiterungen schnell wächst, steht angemessenes und akzeptiertes „Orientierungswissen“ zur Bewertung dieser Technologien noch nicht zur Verfügung, weil die – kontinuierliche – Weiterentwicklung des Verfügungswissens so stark beschleunigt ist, dass ehemals etablierte Bewertungsmaßstäbe fraglich werden und eine neue Verständigung nötig machen. Eine zentrale Frage in diesem Zusammenhang besteht darin zu klären, welches die Ziele der Anwendung – kontinuierlich entwickelter – biotechnologischer Mittel sind.
3.2. Kontinuität der Ziele Nicht nur die zum Einsatz kommenden Mittel, sondern auch die Ziele, zu denen die neuen Biotechnologien gegenwärtig eingesetzt werden, sind nicht neuartig. Pointiert gesagt: Die Menschen bemühen sich prinzipiell immer um dasselbe, und nutzen dabei alle ihnen jeweils zur Verfügung stehenden Mittel. Die Biotechnologien scheinen neue Möglichkeiten zur Verwirklichung lang gehegter menschlicher Wünsche zu eröffnen. Dazu gehören konkrete Wünsche, die viele Individuen – in den unterschiedlichsten kulturellen Kontexten zu den unterschiedlichsten Zeiten – haben: ein Using Psychotropic Substances“ zu Beginn von Merkel et al. 2007, die zahlreiche Beispiele von der Antike bis zur Gegenwart versammelt, sowie Wiesing 2008 zur History of Medical Enhancement.
3.2. Kontinuität der Ziele
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gesundes und ein glckliches Leben zu führen, das lange whrt. Außerdem wünschen sich die meisten ebendiese Möglichkeit für ihre Nachkommen. 29 Neben den genannten konkreten und individuellen Zielvorstellungen eines gelingenden Lebens, das mithilfe der Biotechnologien befördert werden soll, lassen sich auch übergeordnete Ziele erkennen, die in einer Zeit, in der Biotechnologien zur Verfügung stehen, eben auch mit diesen Mitteln angestrebt werden können. Mit ihnen sollen nämlich etwa bestehende Ungerechtigkeiten auf der Welt bekämpft werden (vgl. dazu insbes. Buchanan et al. 2001). Darüber hinaus besteht der menschliche Wunsch, potentiell als bedrohlich erlebten Zuständen nicht machtlos gegenüberzustehen. Statt Erfahrungen der Kontingenz zu machen, in denen die „Übermacht der Wirklichkeit“ (Blumenberg) das eigene Leben bestimmt, möchten viele ihr Leben aktiv und selbstbestimmt führen. Dabei geht es in den wenigsten Fällen darum, vollständige Kontrolle über die Welt zu erlangen (solche totalitären Bestrebungen können selbstverständlich auch biotechnologische Mittel einsetzen); doch immer da, wo es möglich ist, sich etwa gegen die Widrigkeiten des Wetters durch den Bau von Häusern, gegen Gefährdungen durch Krankheiten durch ein Gesundheitssystem zu rüsten, zeigt sich das menschliche Streben nach Selbstbestimmung, die nicht bereit ist, die vorgegebenen Umstände fraglos hinzunehmen. Die neuen Biotechnologien und ihr Enhancement-Gebrauch scheinen einigen vor diesem Hintergrund zu versprechen, dass der drohende Tod mit ihrer Hilfe weiter verschoben werden kann; dass bestimmte Leistungsgrenzen, etwa kognitiver Art, schrittweise überwunden werden können, wie zuvor durch den Einsatz von Stift und Papier; und dass insgesamt durch die Entwicklung der Biotechnologien ein glücklicheres Leben für die Menschen befördert werden könne. Die übergeordneten Ziele, mit denen die Befürworter den Einsatz von Biotechnologien legitimieren wollen, sind somit Wünsche, die viele Menschen teilen. Vielleicht geht jedoch mit den neuen Technologien auch eine Verengung der Ziele einher: So legt etwa das Vorhandensein eines bestimmten Werkzeugs (als solche lassen sich die biotechnologischen Handlungsoptionen ja verstehen) eine bestimmte, auf die Anwendung dieses Werkzeugs ausgerichtete Sicht auf die Welt nahe.30 Wer mithilfe 29 Diese vier Ziele sind weit genug formuliert, um die Mehrzahl aller Verheißungen der Biotechnologien zu integrieren. Vgl. auch die Klassifikation der Ziele biotechnologischer Interventionen in President’s Council 2003, Kapitel 2 – 5. 30 Vgl. dazu etwa Heidegger 1953.
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3. Kontinuität der Mittel und Ziele
eines Medikaments recht einfach eine bestimmte Wirkung erzielen kann, mag sich durch das bloße Vorhandensein dieser Option mehr in diese Richtung beeinflusst sehen, als jemand, für den eine solche Handlung nur als Resultat großer Anstrengungen möglich wäre. Auch wenn die Ziele von Enhancement-Handlungen somit nicht gänzlich neuartig sind, kann durch ihre größere Realisierungswahrscheinlichkeit ein gradueller, dabei aber bedeutsamer Unterschied entstehen. Hinzu kommt außerdem, dass selbst bei einem Kontinuum der Ziele das Umfeld zu beachten ist, in dem diese Ziele artikuliert werden. So ist zwar das Streben, gute Leistungen im Rahmen seiner Arbeit zu erbringen, nicht neu. In der Gegenwart färben die kompetitiven Bedingungen einer marktwirtschaftlich orientierten Leistungsgesellschaft jedoch auch auf diese Ziele ab: Gute Leistungen in einem kompetitiven Markt erbringen zu wollen, unterscheidet sich von dem Wunsch, in einem weniger kompetitiven Umfeld gute Leistungen anzustreben. Mit diesen Ergänzungen wird die Kontinuitätsthese nicht in Frage gestellt, es wird jedoch deutlich, dass eine Berücksichtigung des Umfelds der kontinuierlich eingesetzten Mittel und der kontinuierlich angestrebten Ziele unerlässlich ist. Das Kontinuum, das hinsichtlich der angestrebten Ziele und der zum Einsatz kommenden Mittel zwischen alten und neuen Enhancements besteht, stellt – wie zu Beginn des Kapitels gesagt – keine ethisch gehaltvolle Einsicht dar. Selbst wenn Menschen immer schon etwas getan haben, heißt das keineswegs, dass die betreffende Praxis deswegen auf eine bestimmte Art und Weise moralisch zu bewerten sei. Es besteht allenfalls Grund für die Vermutung, dass es sich bei den gleichartigen Handlungsweisen um den Ausdruck einer „anthropologischen Konstante“ handeln könnte. Darunter verstehe ich typisch menschliche Verhaltensweisen (vgl. Kapitel 7.2.). Es ist davon auszugehen, dass solche typischen Merkmale, Eigenschaften, Fähigkeiten oder Handlungsdispositionen und das Wissen darüber einen wichtigen Bestandteil der menschlichen Selbstbeschreibung ausmachen. Somit eröffnet die Enhancement-Debatte mehrfach einen Zugang zur Auseinandersetzung mit der anthropologischen Grundfrage, was der Mensch sei: Zum einen können die Enhancement-Handlungen als Ausdruck von anthropologischen Konstanten untersucht werden. Zum anderen kann angesichts möglicher Veränderungen typisch menschlicher Eigenschaften gefragt werden, was denn spezifische oder besonders bedeutsame Eigenschaften von Menschen seien. Und schließlich wird auch die Frage aufgeworfen, ob das Menschliche überhaupt in einer moralischen Hinsicht auszu-
3.2. Kontinuität der Ziele
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zeichnen ist. Damit ist das facettenreiche anthropologische Projekt einer deskriptiven und normativen begrifflichen Selbstauslegung des Menschen aufgerufen.
4. Das Projekt einer deskriptiv-normativen begrifflichen Selbstauslegung Die Fortschritte der Lebenswissenschaften und die daraus resultierenden biotechnologischen Eingriffsmöglichkeiten in den menschlichen Organismus mit ihren vielfältigen Auswirkungen für den Organismus, das veränderte phänomenale Erleben und in der Folge auch auf die Formen des menschlichen Zusammenlebens rufen anthropologischen Reflexionsbedarf hervor, denn sie tangieren verschiedene Bereiche der menschlichen Lebensform. Unter Anthropologie verstehe ich das systematische Nachdenken über Menschen als Menschen, über ihre physischen Eigenschaften, Verhaltensdispositionen und Eigenarten, bei dem unterschiedliche Methoden zum Einsatz kommen können. Grundsätzlich werden Untersuchungen der biologischen Grundlagen menschlicher Organismen, Beschreibungen und Analysen der kulturellen Leistungen von Menschen und aus der Introspektion gewonnene Einsichten von der Anthropologie ebenso in den Blick genommen wie kulturelle Selbstdeutungen in Kunst, Religion und Philosophie. Philosophische Anthropologie in meinem Verständnis versucht, die verschiedenen Vorgehensweisen synthetisch, integrativ zusammenzuführen und damit Einsichten über das menschliche Selbstverständnis zu gewinnen. Im Folgenden skizziere ich einige Aspekte einer gegenwärtigen Verhältnissen angemessenen integrativen Anthropologie.
4.1. Begriffliche Selbstauslegung des Menschen Anthropologie lässt sich allgemein verstehen als eine Auseinandersetzung mit der Frage „Was ist der Mensch?“ (vgl. dazu Ganten et al. 2008). Doch die direkte anthropologische Grundfrage „Was ist der Mensch?“ ruft aus mindestens zwei Gründen häufig Unbehagen hervor: Zum einen wird kritisiert, dass es sich bei dieser Frage um eine gänzlich unwissenschaftliche Frage handele; zum anderen wird an die umstrittene Tradition der „Philosophischen Anthropologie“ erinnert, die sich der Frage nach dem
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„Wesen“ des Menschen insbesondere im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zugewendet hat. Ist also die Suche nach dem „Wesen“ oder der „Natur“ des Menschen unwissenschaftlich und in den Bereich der Weltanschauungen zu übertragen? Ruft sie nicht allenfalls die Erinnerung an veraltete „Wesensbestimmungen“ wach? Welche Wissenschaft sollte denn für diese Frage zuständig sein (vgl. Schnädelbach 1992, 123 und 281)? Ist es nicht sogar gefährlich, „den Menschen“ normierend auf eine Essenz festschreiben zu wollen und damit Menschen ihrer Freiheiten und ihrer Individualität zu berauben? Und: Ist nicht aufgrund der evolutionären Veränderung der Gattung und verstärkt mit den möglichen biotechnologischen Veränderungsmöglichkeiten die Rede von „dem“ Menschen im generischen Singular ohnehin gegenstandslos geworden? Aus dieser kritischen Perspektive wird empfohlen, die übergeordnete anthropologische Frage zurückzustellen und stattdessen lediglich konkrete wissenschaftliche Fragen zu stellen, die auf spezifische Aspekte des Menschseins zielen. Besonders vielversprechende Disziplinen, die in diesem Zusammenhang Einsichten über das Menschsein zutage fördern, seien aktuell die Evolutionsbiologie und die Primatenforschung. Sie helfen, besser zu verstehen, wie sich die Gattung homo sapiens entwickelt hat. Versuche zur Erklärung des menschlichen Bewusstseins liefern außerdem die Neurobiologie und die Kognitionswissenschaften. Mit ihrer Hilfe sollen sich alle bewussten Phänomene durch Untersuchungen des Gehirns und der darin ablaufenden neuronalen Vorgänge erklären lassen. Darüber hinausgehende Erkenntnisansprüche müssen sich, um wissenschaftlich haltbar zu sein, in Form konkreter Fragen fassen lassen. Allenfalls der Begriff der „Person“ biete sich an, um – weltanschaulich möglichst neutral – über die Struktur des menschlichen Bewusstseins zu reden.31 „Der Mensch“ als generischer Singular ist aus dieser kritischen
31 Dieter Sturma hat mit seinen Arbeiten zur Philosophie der Person dafür argumentiert, dass diese in der Gegenwart an die Stelle der philosophischen Anthropologie getreten sei. Vgl. Sturma 1997, 2003 und 2001, 12: „Unter den Bedingungen anspruchsvollerer Methoden und Rechtfertigungsmodelle tritt die Philosophie der Person einen Großteil des Erbes der philosophischen Anthropologie an. Der Begriff der Person ist die moderne Antwort auf die alte Frage nach dem Selbstverständnis des Menschen.“ Diese These ist zutreffend, solange sie nicht dazu herangezogen wird, anthropologische Fragen und anthropologisches Denken abzulösen. Die Begriffe „Mensch“ und „Person“ haben zwar eine große Schnittmenge, gehen aber nicht ineinander auf, da mit „Person“ nur ein
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Perspektive kein ernstzunehmender Forschungsgegenstand, da gänzlich unklar sei, mit welchen wissenschaftlichen Methoden diese Frage abschließend zu beantworten sei. Ein zweiter Grund für das Unbehagen, das häufig mit der Frage nach dem Menschen aufgerufen wird, liegt darin, dass die Philosophische Anthropologie als eine „Denk-Schule“ (Rehberg) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über eine umstrittene Vergangenheit verfügt.32 Die „Gründungsväter“ dieser philosophischen Tradition – Scheler, Plessner und Gehlen – sind häufig kritisiert worden. Diese Kritik kann hier nur ganz kurz erwähnt werden: Scheler wird vorgeworfen, unzureichend begründete ad-hoc-Metaphysik zu betreiben. Plessner wird sein überholter Hegelianismus vorgehalten. Gehlen wird nicht nur angekreidet, mit seinem Theorem vom Menschen als Mängelwesen ein nicht theoriefähiges Konstrukt geschaffen zu haben, sondern darüber hinaus auch seine biologistischen Ausführungen über den Menschen allzu bereitwillig in die Nähe nationalsozialistischer Ideologien gerückt zu haben. Aus Sicht der sprachanalytischen Philosophie wird zudem die unpräzise Begrifflichkeit der genannten Autoren kritisiert, die zu keinen haltbaren wissenschaftlichen Theorien führe. Darüber hinaus ist kritisiert worden, dass statische Erklärungen einer Sonderstellung des Menschen keinen Raum für Veränderungen, Entwicklungen und die dynamische gesellschaftliche Dimension ließe (Habermas 1958). Das gegenwärtig wieder wachsende Interesse an anthropologischen Fragestellungen folgt damit auf eine Phase, in der die „Denk-Schule“ der Philosophischen Anthropologie eine Außenseiterrolle gespielt hat (wie sie es in der anglophonen Philosophie auch immer noch tut). Ausgehend von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen wird die Bedeutung der neuen Einsichten für die Auseinandersetzung mit der anthropologischen Grundfrage diskutiert (vgl. etwa Ganten et al. 2008). Die beiden Kritikpunkte sind ernstzunehmen, führen aber nicht dazu, anthropologisches Denken insgesamt als unwissenschaftlich aus dem Aufgabenbereich der akademischen Philosophie auszuschließen. VielTeil des reicheren Begriffs „Mensch“ erläutert werden kann (vgl. auch oben Anm. 5). 32 Die erste umfassende Übersichtsstudie über die Philosophische Anthropologie als „Denkschule“ des 20. Jahrhunderts hat Fischer 2008 vorgelegt. Auch er unterscheidet zwischen einer philosophischen Anthropologie, die jedes philosophische Fragen nach dem Menschen umfasst, und der Philosophischen Anthropologie im engeren Sinne, die eben die betreffende deutsche Theorietradition meint.
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mehr formulieren sie Aufgaben an eine gegenwärtigen Verhältnissen angemessene philosophische Anthropologie: sie können als Aufforderung gelesen werden, methodisch reflektiert die verschiedenen Einsichten über den Menschen zusammenzuführen.33 Die Kritik macht jedoch deutlich, dass die Anthropologie nicht als eine einheitliche wissenschaftliche Disziplin verstanden werden darf, die über ein festgelegtes Methodeninstrumentarium verfügt und auf einen Fundus gesicherter Erkenntnisse zurückgreifen kann. Dafür ist das Feld anthropologisch relevanter Fragen zu weit, die Gruppe derer, die philosophische Anthropologie betreiben, zu heterogen, und der Gegenstand der Untersuchung zu facettenreich. Doch trotz des solcherart immer wieder geäußerten Unbehagens gegenüber der anthropologischen Grundfrage, was der Mensch sei, kann sie als legitimer Ausgangspunkt auch für die Erklärung anthropologischer Argumente im Rahmen ethischer Debatten dienen (im Allgemeinen, und im Rahmen der Enhancement-Debatte im Besonderen). Dafür muss die Frage „Was ist der Mensch?“ allerdings als eine besondere Frage verstanden werden, die nicht in jeder Hinsicht mit anderen Was-ist-Fragen vergleichbar ist. Die Besonderheit der anthropologischen Grundfrage nach dem Menschen liegt darin begründet, dass man selbst ein Teil dessen ist, worüber man nachdenkt, wenn man sie stellt. Man denkt also nicht über ein Objekt nach, 33 Versuche zu einer „integrativen“ oder „synthetischen“ Anthropologie finden sich aktuell u. a. in Gerhardt 1999, Illies 2006, Jung 2009. Im englischen Sprachraum sind es vor allem die Arbeiten zur embedded cognition oder zum enactivism die – ausgehend von einer Kritik reduktionistischer oder funktionalistischer Ansätze in der analytischen Philosophie des Geistes – einen integrativen Ansatz zur Erforschung kognitiver und phänomenaler Vorgänge vertreten. Als Ausgangspunkt gilt dabei immer die spezifische Verkörperung denkender und erlebender Wesen, die mit ihrer Umwelt in einem vielfältigen Austausch stehen. Allen Versuchen, menschliches Leben, Denken und Erleben auf einzelne Aspekte der menschlichen Lebensform zu reduzieren – wie etwa die aktuell verbreitete Beschränkung von Erklärungsversuchen auf das Gehirn und die fragmentierende Untersuchung einzelner Erlebnismomente (Qualia) – werden von diesen Ansätzen massiv kritisiert. Vgl. dazu exemplarisch die Arbeiten von Gallagher 2005, Thompson 2007, Clark 2008, Noë 2009. Auch wenn in diesen Debatten der Begriff „Mensch“ im engeren Sinne keine Rolle spielt, findet m. E. hier gegenwärtig die fruchtbarste – anthropologische – Diskussion darüber statt, wie naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dem menschlichen Erleben nicht „versöhnt“, sondern verbunden werden können, so dass es ein umfassendes und unter den Bedingungen aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse wohlbegründetes menschliches Selbstverständnis möglich wird. Vgl. dazu auch Heilinger/ Jung 2009.
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das einem selbst als erkennendem Subjekt gegenübersteht. Die anthropologische Grundfrage zielt auf eine Klärung des menschlichen Selbstverständnisses. Damit muss die Struktur Frage „Was ist der Mensch?“ näher erklärt werden, um Missverständnissen vorzubeugen. In der Anthropologie, wie sie unter der Leitfrage „Was ist der Mensch?“ geführt werden kann, wird untersucht, wie sich Menschen als Menschen selbst verstehen. Das Verb verstehen bringt die triadische Struktur, um die es geht, deutlich zum Ausdruck (vgl. Keil 1993, 4): Jemand (ein Mensch) versteht etwas (sich selbst) als etwas (als Mensch). „Was alle Anthropologie in Anspruch nimmt, ist die Tatsache des konstitutiven Selbstbezugs des Lebewesens, das sie beschreibt; es sind Menschen, die die Wissenschaften vom Menschen betreiben.“ (Schnädelbach 1992, 32). Da das Selbstverständnis von Menschen im Rahmen der philosophischen Anthropologie im Medium des Begriffs stattfindet – um den Ausdruck 34 dieses Selbstverständnisses zu ermöglichen und intersubjektiv zugänglich zu machen – ist Anthropologie die „begriffliche Selbstauslegung des Menschen“ (Gerhardt 1999, 187 ff.). Mit einem solcherart präzisierten Verständnis der Aufgabe philosophischer Anthropologie kann das Unbehagen, das von der „Was ist“-Frage hervorgerufen wird, gemindert werden.35
4.2. Naturalistische Erklärungen als Herausforderung für die Anthropologie Die unbestrittenen Leistungen und Erfolge der Naturwissenschaften verleihen „naturalistischen“ Aussagen über Menschen besonderes Gewicht. Naturalistisch nenne ich solche Sätze, die sich des naturwissenschaftlichen Idioms bedienen und dabei auch das intentionale Vokabular (also Aussagen über das Fühlen, Wollen und Inhalte des Bewusstseins) in das naturwissenschaftliche Vokabular zu überführen versuchen. Men34 Jung rückt Artikulationsfähigkeit von Menschen in das Zentrum seiner „Anthropologie der Artikulation“ ( Jung 2009). 35 Die gegenwärtig geläufige Rede vom „Menschenbild“ ist meines Erachtens der robust-realistischen Was-ist-Frage überlegen, der Formulierung „menschliches Selbstverständnis“ jedoch unterlegen, insofern zwar einerseits der konstruktive Aspekt des Bildes betont wird, andererseits jedoch als Bild oder Abbild etwas Statisch-Unveränderliches suggeriert, das in der Rede vom menschlichen Selbstverständnis nicht anklingt. Zum Verhältnis zwischen Menschenbild und menschlichem Selbstverständnis vgl. auch Kapitel 17.1. (K3).
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schen können mit einer solchen Redeweise versuchen, sich selbst zu objektivieren. Sie reden über sich wie über „bloße Objekte“. Die neueren Debatten über die Willensfreiheit und das menschliche Bewusstsein sind vor diesem Hintergrund auch als kritische Diskussionen über die Legitimität dieser Versuche zu verstehen, eine Sprachebene durch eine andere zu ersetzen. In den Debatten wird geprüft, ob sich das menschliche Selbstverständnis naturalisieren lässt, oder ob es irreduzible semantische Gehalte des intentionalen, erstpersönlichen Idioms gibt.36 Der Naturalismus als theoretische Position zeichnet sich dadurch aus, „dass er im Rahmen seiner, ja gerade durch seine naturwissenschaftliche Orientierung zugleich philosophische Fragen beantworten will und auch die interpretative und die reflexive Dimension des Naturwesens Mensch zu naturalisieren beansprucht.“ (Keil 1993, 3; vgl. auch Keil 2005). Gemeint sind damit die Versuche, das menschliche Leben und Erleben durch naturwissenschaftlich erfassbare Regelhaftigkeiten zu erklären.37 36 Vgl. dazu und zum Folgenden Keil 1993, besonders 15 ff. – Beispiele für naturalistische Erklärungsstrategien finden sich etwa bei Roth 2001, prominent sind außerdem die Arbeiten von Dennett 1993; 1996; 2006. Radikale Positionen vertritt insbesondere Churchland 2006. – Das Projekt einer Kritischen Neurowissenschaft dahingegen stellt die Erklärungs- und Deutungsansprüuche der Neurowissenschaften auf den Prüfstand und analysiert kritisch die impliziten Voraussetzungen, normativen Investitionen und gesellschaftlichen Auswirkungen derselben (Choudhury/Nagel/Slaby 2009). 37 So lässt sich der Naturalismus funktional als ein versuchtes „Diskursreformprogramm“ (Keil 1993, 15) verstehen, das in der Rede über einen bestimmten Gegenstandsbereich eine Ebene sprachlicher Äußerungen durch eine andere ersetzen möchte und in der Folge auch zu einer daraus resultierenden (veränderten) Bewertung bestimmter Handlungsoptionen führt. Eine solche auf die Rede über den Menschen bezogene Analyse erkennt nachhaltige Veränderungen im Idiom und leitet daraus auch ein durch naturalistische Erklärungsansprüche verändertes menschliches Selbstverständnis ab. Keil weist nach, dass eine eindeutige Trennung zwischen dem naturalistischen und dem intentionalistischen Vokabular bei der Rede über den Menschen nicht durchführbar ist. Er diagnostiziert ein „Paradox von anthropomorpher Naturinterpretation und physiomorpher Selbstinterpretation des Menschen“ (ebd., 18), das die Behauptung einer Ablösung ehemaliger Selbstbeschreibungen durch ein exaktes naturalistisches Vokabular relativiert. Gemeint ist damit, dass beide Beschreibungsebenen eng miteinander verschränkt sind (ebd., 360) und dass sogar im naturalistischen Idiom anthropomorphe Implikationen nicht zu eliminieren sind. Schon diese Diagnose kann gegenüber überzogenen Naturalisierungsversuchen des menschlichen Selbstverständnisses als Aufruf zur Mäßigung verstanden werden, da selbst eine naturalistische Redeweise nicht gänzlich ohne Anleihen bei einem anthropomorphen Vokabular auskommen kann. Ein Beispiel in diesem Zu-
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Die im Grunde gar nicht kontroverse Forderung nach einer Erprobung der Reichweite und Tragfähigkeit naturalistischer Erklärungen – sowie einer Integration der Ergebnisse in das menschliche Selbstverständnis – ist jedoch häufig mit der metaphysischen Annahme gekoppelt, die Naturwissenschaften stellten einen privilegierten, wenn nicht sogar den einzigen legitimen Zugang zur Wirklichkeit dar. Damit aber entsteht ein Konflikt: Es kommt dann nicht nur zu scharfen Abgrenzungen vom traditionellen Verständnis des Menschen als einem einzigartigen Vernunft- und Geistwesen und zu einer reduktionistischen Attitüde gegenüber kulturellen lebensweltlichen Selbstdeutungen, sondern auch zu einer Revision des normativen Kerns der Alltagspraxis unter Berufung auf die strengen Wissenschaften. Die in den letzten Jahren teilweise vehement geführten Debatten über die Freiheit des menschlichen Willens stellen ein anschauliches Beispiel für die überzogenen Erklärungsansprüche enger naturalistischer Theorien dar. So wurde etwa im Anschluss an klassische Studien von Libet vertreten, dass das messbare Auftreten eines handlungsinitiierenden Bereitschaftspotentials im Gehirn vor dem bewussten Entschluss einer Person, einen Finger zu bewegen, ein hinreichender Beleg dafür sei, dass menschliche Handlungen durch das Gehirn bestimmt seien, dass menschliche Entscheidungen epiphänomenale Begleiterscheinungen neuronaler Prozesse seien und dass damit der freie Wille lediglich eine Illusion darstelle.38 Diese häufig vehement vertretene These traf auf ebenso leidenschaftlich vorgetragenen Widerspruch. Die besondere Emotionalität, mit der diese Debatten geführt wurde, zeigt – ebenso wie die große öffentliche Anteilnahme daran – an, dass es sich hier nicht allein um die fachphilosophische oder wissenschaftliche Diskussion eines akademischen Spezialproblems handelte, sondern dass zugleich etwas anderes mitverhandelt wurde, namentlich das menschliche Selbstverständnis als freie, der Selbstbestimmung fähige Wesen. Die vorrangige, das experisammenhang ist etwa das teleologische Vokabular zur naturwissenschaftlichen Beschreibung von Organismen. Gleichwohl kann nicht geleugnet werden, dass naturwissenschaftliche Erklärungen und die daraus resultierenden Praxisanwendungen dominierende Erklärungskraft haben und daher auch auf das menschliche Selbstverständnis einwirken. 38 Zur kritischen Diskussion dieser Position und zu aktuellen Versuchen, die Möglichkeit menschlicher Willensfreiheit gerade unter den Bedingungen der Natur erklären zu können (statt einen Gegensatz zwischen der biologischen Realisierung menschlicher kognitiver und mentaler Prozesse zu konstruieren), vgl. die Beiträge in Heilinger 2007.
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mentelle Setting betreffende Frage, ob etwa die Libet-Experimente überhaupt einen geeigneten Weg darstellen, Aufschluss über das Problem der Willensfreiheit zu erlangen, ist demgegenüber in den Hintergrund getreten. Den Debatten über die Willensfreiheit liegen Versuche einer Naturalisierung des Bewusstseins zugrunde, die nur solange konstruktiv sein können, wie sie das Explanandum des phänomenalen Erlebens nicht aus ihren Erklärungen herausstreichen.39 Stark reduktionistische und exklusiv funktionalistische Bestimmungen des Bewusstseins vertreten im besten Fall eine uninteressante Theorie, die zwar viel über kausale Zusammenhänge, jedoch nichts über das Bewusstsein sagt, im schlimmsten Fall liefern sie ein geradezu inhumanes Zerrbild der menschlichen Lebensform. Damit kann der „Siegeszug“ des Naturalismus als eine Gefahr für alternative Erklärungen des menschlichen Lebens und Erlebens erscheinen, die sich im Gegensatz zu „naturalistischen“ Erklärungen eher als „humane“ oder „humanistische“ bezeichnen lassen könnten (etwa Nida-Rümelin 2006a und 2008b, 18). Können allerdings naturalistische Positionen dasjenige vollständig erfassen, was Menschen an sich selbst als wichtig oder als bedeutsam empfinden? Dies scheint nicht der Fall zu sein. Naturalistische Positionen, die Phänomenalität, Reflexivität und Intentionalität als Gegenstand ihrer Analysen ausschließen, versuchen, das Bewusstsein (wie der klassische Funktionalismus in der Philosophie des Geistes), die Moral (soziobiologische Ansätze oder Versuche, eine universale Moralgrammatik festzulegen) oder die Willensfreiheit (manche harte Deterministen) allein unter Heranziehung naturwissenschaftlicher Erklärungen zu bestimmen – oder gleich zu „widerlegen“. Angesichts der großen Fortschritte der modernen Naturwissenschaften, immer neuer Einsichten über die Abläufe im Gehirn und daraus resultierend auch immer präziserer Erklärungs-, Vorhersage- und Anwendungsmöglichkeiten sehen sich die Gegenpositionen zum Naturalismus unter Druck. „Reichere“ Anthropologien oder Theorien, die das intentionale Vokabular als integralen Bestandteil eines angemessenen menschlichen Selbstverständnisses ansehen – und dabei zum Beispiel auch eine strenge Trennung von Fakten und Werten als unhaltbar ansehen –, müssen sich gegenüber den dominierenden Naturwissenschaften rechtfertigen. 39 Konstruktive Versuche, die funktionale Relevanz des phänomenalen Erlebens im Kontext menschlicher Handlungen zu bestimmen, finden sich etwa in Jung/ Heilinger 2009.
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Dennoch: Eine lediglich naturalistische Beschreibung des Menschen, die ohne Bezug auf das intentionale Idiom auszukommen versucht, scheitert bereits deshalb, weil die Beschriebenen sich in der Beschreibung nicht wiederfinden kçnnen, oder anders gesagt: reduktiv-naturalistischen Beschreibungen ist das Explanandum abhanden gekommen. Anthropologischem Fragen und Denken, wie ich es verstehe, geht es demgegenüber daher letztlich um eine umfassende Theorie vom Menschen, in der die Synthese vielfältiger externer Zuschreibungen und interner Selbstbeschreibungen einen theoretisch angemessenen Ort findet. Anthropologie wird damit nicht allein als Beschreibung der biologischen Grundlagen der menschlichen Lebensform oder als die empirische Untersuchung des menschlichen Verhaltens angesehen, sondern als das Nachdenken von Menschen über sich selbst, das empirische Aspekte und einen sinnorientierten Zugang zur Welt unter Berücksichtigung der subjektiven und intersubjektiven Dimension miteinander verbinden möchte. Damit ist Anthropologie ein synthetisches Unterfangen, das die irreduziblen semantischen Gehalte des intentionalen Idioms mit den objektiven Einsichten aus der Perspektive der dritten Person zu verbinden sucht. Absicht ist es dabei, zu einer Klärung und Ausformulierung des menschlichen Selbstverständnisses beizutragen, das eine mögliche Kluft zwischen externen und internen Beschreibungen zu überbrücken weiß und damit eine „Zerteilung“ des Menschen in zwei verschiedene Sphären – Körper und Geist – vermeidet. Entscheidend ist dabei die Einsicht, dass Menschen sich selbst definieren, und dass sie das, was sie sind, zumindest anteilig erst dadurch werden, dass sie die jeweiligen Selbstbeschreibungen für sich akzeptieren. Letztlich sind Menschen – in einem starken Sinne – immer das, als was sie sich selbst verstehen. So bestimmt etwa Charles Taylor den Menschen als: „a self-defining animal“ und präzisiert: „We are partly what we are in virtue of the self-definitions which we have accepted.“ Weiter schreibt er: „With changes in his self-definition go changes in what man is, such that he has to be understood in different terms.“ (Taylor 1971, 47 – 49; vgl. dazu auch Keil 1993, 1 – 14). Die Frage, was oder wer ein Individuum ist, kann damit nur dann als beantwortet gelten, ,wenn man begreift, was für den Betreffenden von ausschlaggebender Bedeutung ist.’40 Wenn sich diese Selbstbeschreibungen oder die Urteile darüber, was von ausschlagge40 „Who am I? […]What does answer the question for us is an understanding of what is of crucial importance to us.“ (Taylor 1989, 27; Hervorhebung JCH).
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bender Bedeutung ist, ändern, ändert sich damit auch in einem realen Sinn, was der Mensch ist. Auch Ian Hacking hat gezeigt, mit welcher Kraft wissenschaftliche Begriffe Menschen formen können („making up people“), indem sie auf die Subjekte, die sie benutzen, zurückwirken. Die Wahrnehmung und das Selbstverständnis von Menschen ist stark geprägt von den (naturwissenschaftlichen) Kategorien, die sie akzeptieren. Daher schlägt Hacking vor, solche Begriffe als „interactive kinds“ zu bezeichnen. Damit widerspricht er der Annahme, naturwissenschaftliche Klassifikationen von Menschen seien neutrale „natural kinds“. Die ontologische Bedeutsamkeit von „interaktiven Arten“ zeigt sich vielmehr darin, dass sie zum einen aus einem bereits vorab bestehenden Selbstverständnis resultieren und zum anderen wieder genau darauf zurückwirken. Hacking hat diese Vorgänge insbesondere an psychiatrischen Diagnosen untersucht, um die „soziale Konstruktion“ von wissenschaftlichen Begriffen zu erhellen (Hacking 1999, Kapitel 4, und Hacking 2006). Die Enhancement-Debatte stellt in dieser Hinsicht eine dreifache Herausforderung für das menschliche Selbstverständnis dar. Zum einen bringen die naturwissenschaftlichen Fortschritte und Einsichten über das Funktionieren des und die Steuerbarkeit von Abläufen im menschlichen Organismus ein besseres empirisches Verständnis der physischen Grundlagen der humanen Lebensform hervor. Zum anderen wird damit die Idee, dass der Mensch ein sich selbst beherrschendes und formendes Wesen ist oder sein kann, nachhaltig gestärkt. Auch die physischen Grundlagen der menschlichen Lebensform können intentional beeinflusst werden. Damit tritt die Frage, was der Mensch sein will, in den Vordergrund. Außerdem werden durch biotechnologische Enhancements die organismischen Grundlagen der menschlichen Lebensform womöglich tatschlich verändert, so dass die begriffliche Selbstauslegung von Menschen eine veränderte biologische Grundlage berücksichtigen müsste. Wenn Menschen beispielsweise länger leben und anders denken würden, dabei auch weniger krankheitsanfällig und körperlich viel leistungsfähiger wären, würde dies Auswirkungen für die begriffliche Selbstauslegung haben müssen. Die Auseinandersetzung mit der Frage „Was ist der Mensch?“ gewinnt damit geradezu existentielle Relevanz: Nicht nur variieren die unterschiedlichen kulturellen Selbstdeutungen, sondern es können als Resultat dieser kulturellen Selbstbeschreibungen und Bewertungen dementsprechend auch Veränderungen des biologisch-materialen Substrats vorgenommen werden. Die unterschiedlichen Selbstbeschreibun-
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gen werden ein Teil der Wirklichkeit, indem sich Menschen nicht allein in ihrem Handeln und Denken an ihnen orientieren, sondern darüber hinaus die Selbstbeschreibungen auch als Vorlage für physische Interventionen und Veränderungen heranziehen. Die Art und Weise, in der Menschen über sich denken, und die Sprache, in der sie sich beschreiben, zeigt diese Wirklichkeit ebenso an, wie die Handlungen, die daraus hervorgehen. In der Relevanz der Erlebnisdimension und der kulturellen Selbstdeutungen für Menschen erkenne ich somit – in Umkehrung des Titels dieses Abschnitts – eine entscheidende anthropologische Herausforderung für reduktiv naturalistische Erklärungen. Diese ergänzt die eingangs geschilderte naturalistische Herausforderung der Anthropologie komplementär. Eine naturalistische Erklärung oder Objektivierung ist nur dann sinnvoll, „wenn sie eine besser begründete Antwort auf die Frage gibt, was man in Hinsicht auf einen Gegenstand oder Sachverhalt denken soll. Eine Objektivierung hört auf, sinnvoll zu sein, wenn sie das Verständnis dieses Sachverhalts oder Gegenstands nicht steigert, sondern mindert.“ (Wingert 2006, 241). Der Anthropologie wird mit dieser doppelten Herausforderung die Aufgabe gestellt, die Erkenntnisse der unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und der im intentionalen Idiom verfassten Selbstbeschreibungen zu vereinen.
4.3. Jenseits des Naturalismus: Was soll der Mensch sein? Die gesteigerte Selbstveränderungsfähigkeit von Menschen durch biotechnologische Interventionen führt zu Orientierungsbedarf, da mit einer Steigerung des Verfügungswissens nicht gleichzeitig eine Steigerung des Orientierungswissens einhergeht. Die Frage, was der Mensch ist, erscheint angesichts möglicher tiefgreifender Veränderungen verändert: Die Biotechnologien provozieren in besonderer Weise die Frage, was Menschen sein sollen. 41 Wenn zumindest anteilig darüber entschieden werden kann, wie Menschen sein werden, und wenn auch das Unterlassen bestimmter Interventionen eine bewusste Handlung und damit eine Wahl darstellt, wird diese Frage unvermeidbar. Hatten sich naturalistische Positionen im Vorhergehenden nur begrenzt tauglich erwie41 Vgl. dazu Glover 1984, der bereits früh die Frage „What sort of people should there be?“ vor dem Hintergrund biotechnologischer Enhancements diskutiert.
4.3. Jenseits des Naturalismus: Was soll der Mensch sein?
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sen, um deskriptiv den Menschen zu bestimmen, so sind sie mit Blick auf die explizit normative Frage noch weniger tauglich. Die Frage, was der Mensch sein soll, ist von einiger Dramatik. Sie zeigt an, dass sich die konkreten Handlungsprobleme im Kontext von Enhancement-Techniken nicht „durch Rückgriff auf geltende Moral lösen [lassen], in der die Frage, wie wir leben sollen in gewisser Weise schon kulturell beantwortet ist.“ Stattdessen verlangen diese Probleme eine „Politik, in der die Frage, wie wir leben wollen, erst noch entschieden wird.“ (van den Daele 1985, 202). Eine solche Politik, die sich normativen Fragen zuwendet, ist auf anthropologische Reflexion angewiesen. Die Dramatik der Frage zeigt sich auch darin, dass es keinen eindeutigen Adressaten für diese Frage zu geben scheint: Die relative Kontingenz42 der menschlichen Lebensform, die von unverfügbaren Widerfahrnissen geprägt ist, weicht – zumindest allmählich und schrittweise – zunehmend möglicher Kontrolle. Doch während für die individuelle Intervention Individuen verantwortlich sind, hat die Frage, wie Menschen überhaupt sein sollen, keinen eindeutigen Adressaten. Welches Individuum oder welche Institution sollte verantwortlich sein zu entscheiden, welche Menschen es geben soll? Eine solche allgemeine Frage erscheint je nach Perspektive müßig oder gefährlich: Würde sie einer Institution gestellt, die keinerlei Macht zu ihrer Umsetzung hat, könnte das Nachdenken darüber als sinnlos erscheinen; würde sie einer Institution gestellt, die die Antwort auf die Frage auch durchsetzen könnte, ruft diese Frage Schaudern hervor, da sie etwa die Züchtungspläne der Nationalsozialisten in Erinnerung ruft. Dennoch ist die Frage, wie Menschen sein sollen, als philosophische Frage verstanden, bedenkenswert. Damit meine ich, dass sich die philosophische Auseinandersetzung von einem direkten Anwendungsdruck zumindest zeitweilig freimachen darf, um grundlegend über diese Frage nachzudenken. Mit Blick auf die Enhancement-Technologien ist dafür derzeit ein denkbar günstiger Zeitpunkt. Viele Technologien liegen bereits in rudimentärer Form vor und zahlreiche Eingriffe sind schon jetzt möglich. Diejenigen Eingriffe, die jedoch die nachhaltigsten Veränderungen nicht nur von Individuen, sondern von großen Gruppen von Individuen und damit potentiell „des Menschen“ mit sich bringen könnten, stehen derzeit noch 42 Ich rede hier von relativer Kontingenz, um deutlich zu machen, dass selbst bei einer weitgehenden Kontrolle über das menschliche Leben die Tatsache, dass es überhaupt menschliches Leben gibt, einen absolut kontingenten, unverfügbaren Ursprung hat.
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4. Das Projekt einer deskriptiv-normativen begrifflichen Selbstauslegung
nicht zur Verfügung. Es besteht also noch ein – vermutlich nicht besonders großes – Zeitfenster, um grundlegende Fragen ohne einen direkten Anwendungsdruck zu diskutieren. Die angemessene Art und Weise der Auseinandersetzung mit der Frage, wie Menschen sein sollen, besteht darin, sie exemplarisch 43 anzugehen. Damit stellt sich die anthropologische Dimension der Frage, wie Menschen sein sollen, zwar nur aus einer fiktiv generalisierten Perspektive – zur umfassenden Beurteilung der Legitimität von Human Enhancement ist sie jedoch wichtig.44 Hiermit ist die Aufgabe benannt, der ich mich im Folgenden stellen möchte: Ich versuche eine anthropologisch begründete Bewertung der möglichen Veränderungen von Menschen durch biotechnologische Mittel (die hinsichtlich der Ziele und der Mittel zwar in Kontinuität zu vertrauten Praktiken stehen, gleichwohl aber neuartig und verschärft erscheinen). Die Fokussierung auf die anthropologischen Elemente einer ethischen Bewertung versteht sich dabei einerseits als eine Ergnzung zu den bereits etablierten Risiko-, Gerechtigkeits- und Autonomieüberlegungen, die in den Debatten über Human Enhancement angestellt werden, und andererseits als Kritik an simplen Natürlichkeitsargumenten. Die philosophische Herausforderung der Enhancement-Debatte besteht darin, dass die zugleich deskriptive und normative Selbstbestimmung des Menschen in einem Umfeld vorgenommen wird, das verheißt, die Wünsche und selbstgewählten Ziele von Menschen Wirklichkeit werden zu lassen. Damit ist die anthropologische Dimension der EnhancementDebatte auf die Zukunft ausgerichtet. Entgegen der Ansicht, die Anthropologie fokussiere auf überzeitlich feststehende, in der Vergangenheit bestimmte Eigenschaften von Menschen, plädiere ich dafür, die Veränderbarkeit der menschlichen Lebensform und damit die Zukunft des menschlichen Lebens als integralen Bestandteil der Anthropologie anzusehen. Die zentrale Frage der Enhancement-Debatte, wie Menschen sein sollen, erfordert daher auch eine Diskussion darüber, welche mög43 Vgl. dazu die Arbeiten von Gerhardt, der die Formulierung Kants von der „Menschheit in meiner Person“ (Kant 1785, 429) als systematischen Ausgangspunkt einer exemplarischen Ethik vorschlägt (vgl. Gerhardt 2006a). 44 Genau dieser Intuition folgt auch Kants Universalisierungstest zur Bestimmung der Legitimität von Handlungsmaximen. Kant fragt, ob ein vernünftiges Subjekt widerspruchsfrei die Verallgemeinerung einer bestimmten handlungsleitenden Maxime wollen kann. Mit diesem Vorgehen wird die exemplarische Handlung generalisiert betrachtet und auf ihre strukturelle Rationalität geprüft (NidaRümelin 2001).
4.3. Jenseits des Naturalismus: Was soll der Mensch sein?
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liche Zukunft der menschlichen Lebensform als wünschenswert angesehen und befördert werden soll. Das Nachdenken über die mögliche Zukunft der humanen Lebensform ist damit aber vor allem ein Nachdenken über den Menschen selbst. Und das Nachdenken über zukünftige Ziele oder die Wünschbarkeit verschiedener Zukunftsszenarien muss beim Nachdenken über gegenwärtige Wertaussagen beginnen. Daher ist die zentrale Frage, die den Kern der anthropologischen Debatten über Human Enhancement darstellt, diejenige nach den von Menschen als bedeutsam ausgezeichneten Komponenten der menschlichen Lebensform. Im nächsten Teil (II.) werde ich begriffliche Schwierigkeiten in diesem Zusammenhang diskutieren, der darauf folgende Teil (III.) wendet sich der aktuell geführten Debatte zu. Abschließend wird (IV.) ein Modell vorgestellt, das die genannten anthropologischen Elemente der ethischen Diskussion von Enhancement entwickelt. Damit werden Fragen berührt, die auch über den begrenzten Rahmen der Enhancement-Diskussion hinausweisen. Sie betreffen die Möglichkeit der Fundierung von Moral, der begrifflichen Selbstauslegung von Menschen und einer angemessenen Organisation des menschlichen Zusammenlebens in unserer Welt.
II. Was ist Enhancement? Begriffsanalysen und Definitionen
Vorbemerkung Bei den Debatten über die Legitimität von Verbesserungen des Menschen handelt es sich um eine ethische Problematik, die unmittelbar zahlreiche Intuitionen vieler Menschen anspricht. Doch gerade in solch ansprechende Themen fließen häufig implizite Vorannahmen und normative Vorurteile ein, die in einer sachangemessenen Debatte eigentlich in Form wohlbegründeter Urteile als Resultat am Ende der Überlegungen stehen sollten. Insbesondere die häufig unterstellte komplementäre Unterscheidung zwischen Therapie und Enhancement mit ihrer impliziten normativen Dimension erweist sich hier als Anlass für vermeidbare Verwirrungen. Wenn jedoch aufgrund von Vorannahmen das Urteil über die ethische Legitimität einer bestimmten Praxis bereits im Vorfeld feststeht, ist jede Diskussion darüber sinnlos.1 Im folgenden Teil wende ich mich daher einigen zentralen Begriffen der Debatte zu, die dringend klärungsbedürftig sind. Wichtig ist dabei vor allem der Begriff „Enhancement“ selbst, ein merkwürdiger englischer Neologismus, der auch in die deutschsprachige Debatte Eingang gefunden hat. Wird mit dem Begriff überhaupt auf angemessene Weise eine Klasse von Handlungen bezeichnet, die treffend einen eigenen Problembereich der angewandten Ethik eingrenzt? Oder bezeichnet der Begriff eine Klasse von Handlungen, von denen allenfalls ein Teil als moralisch problematisch ausgewiesen werden kann? Mit dem Begriff Enhancement sind jedenfalls zahlreiche Vorbewertungen verbunden und es werden verschiedene verwandte Begriffsfelder aufgerufen. Anliegen dieses zweiten Teils ist es, eine möglichst neutrale Definition von „Enhancement“ zu entwickeln, die – auch wenn dafür ein Preis zu entrichten 1
Dieses hier eingeforderte idealtypische analytische Vorgehen steht in einem gewissen Gegensatz zu einer hermeneutischen Verfahrensweise, die gerade die bestehenden Vorannahmen und Vorurteile in einem Interpretationsprozess kritisch hinterfragt, expliziert und damit begründet. Da ich jedoch das moralische prima facie-Urteil über Enhancements als moralisch problematisch für verfehlt halte, wähle ich hier eine strengere analytische und keine hermeneutische Vorgehensweise. Die häufig rigide und nicht haltbare Vorannahme, dass Enhancements per se von Übel sind, lässt sich in einem hermeneutischen Prozess nur schwer revidieren.
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Vorbemerkung
ist – ohne normative Vorannahmen und Vorurteile auskommt. Im Rahmen der Klärung einer sachangemessenen Definition von Enhancement ist es nötig, auf zugrundeliegende Begriffe zurückzugreifen und diese ebenfalls einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Es gibt im Wesentlichen zwei Strategien, den Begriff Enhancement zu definieren: Einerseits werden Formulierungen wie Jenseits der Therapie bemüht, es wird vom Einsatz therapeutischer Mittel zu nicht-therapeutischen Zwecken oder von ber das Maß der Gesundheit hinausgehende Verbesserungen geredet; andererseits werden Enhancements als Verbesserungen des Menschen, die ber das naturgegebene Maß der Normalitt oder ber die menschliche Natur hinausgehen bezeichnet. Ich wende mich daher den Begriffen „Gesundheit“ und „Krankheit“, sowie den Begriffen „Natur“ und „Natur des Menschen“ zu. In meiner Auseinandersetzung mit diesen Begriffen, die ja vor dem Hintergrund einer versuchten Klärung des Enhancement-Begriffs stattfindet, werde ich zeigen, dass sie ambig und Ausdruck normativer Vorannahmen sind, so dass sie für eine neutrale (Ausgangs-) Definition von Enhancement nicht infrage kommen. Das Ergebnis dieses zweiten Teils – die dynamische Minimaldefinition des Begriffs Enhancement – ist bescheiden und versucht, ohne die stark normativ verstandenen Begriffe „Gesundheit“, „Krankheit“, „Natur“ und „Natur des Menschen“ auszukommen. Trotzdem hat meine Auseinandersetzung mit diesen Begriffen nicht allein ein negatives Ergebnis2 : In ihrer Analyse werden wichtige begriffliche Elemente zur Verfügung gestellt, die im Rahmen der später darzulegenden quasi-demokratischen Verständigung über den normativen Gehalt anthropologischer Argumente wieder aufgegriffen werden (Teil IV). Enhancements definiere ich als intentionale menschliche Handlungen, die der subjektiv positiv bewerteten Verbesserung des menschlichen Funktionszusammenhangs dienen. Der Gegenstand der aktuellen Enhancement-Debatte sind solche Enhancements, die neuartige Biotechnologien anwenden und auf bestimmte Formen weitreichender Veränderungen abzielen.
2
Man muss nicht Carnap (2004) zustimmen, dass sich durch die logische Analyse der Sprache die (metaphysischen) Probleme gleich vollständig überwinden lassen, um einen sprachkritischen Ansatz fruchtbar zu machen. Außerdem versteht sich, dass das hier zum Ausdruck gebrachte Interesse nicht lexikographisch ist, sondern dass über die Arbeit an den Begriffen Einsichten über unsere Orientierung in der Welt erreicht werden sollen.
Vorbemerkung
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Die gängigen Versuche, Enhancement begrifflich zu fassen, beruhen also auf einer Abgrenzung der als Enhancement zu bezeichnenden Handlungen von therapeutischen Eingriffen einerseits (Kapitel 5) oder von natrlichen Handlungen oder Zuständen andererseits (Kapitel 6 und 7). Da jedoch starke Argumente gegen die Möglichkeit einer sachlichen Bestimmung der Grundbegriffe Gesundheit und Natur sprechen, werden alle Versuche, Enhancement unter Rückgriff auf diese Konzepte zu definieren, notwendigerweise unscharf.3 Zudem werden so problematische normative Bewertungen in den Begriff Enhancement integriert. Aufgrund der Gefahr einer unangemessenen Überfrachtung des Begriffs mit externen Ansprüchen oder Konzeptionen erweist sich lediglich die hier einzuführende und zu begründende „dynamische Minimaldefinition“ (Kapitel 8) als tauglich.
3
„Yet, ultimately, any exclusive enhancement definition must fail, in part because concepts such as disease, normalcy, and health are significantly culturally and historically bound, and thus the result of negotiated values.“ (Wolpe 2002, 390). Wolpes Betonung der „ausgehandelten Werte“ greife ich in Teil IV wieder auf.
5. Gesundheit und Krankheit Die erste und zugleich gängigste Strategie, Enhancement zu definieren, verfährt folgendermaßen: Enhancements sind alle nicht medizinisch indizierten biotechnologischen Eingriffe in den menschlichen Organismus, die über das therapeutisch Gebotene zur Wiederherstellung (oder Erhaltung) der Gesundheit hinausgehen und auf eine Verbesserung der (normalen und) gesunden Leistungsund Funktionsfähigkeit des Organismus abzielen.4
Hier wird deutlich, dass zur Bestimmung von Enhancements feststehen muss, was Gesundheit ist, denn Enhancements sollen eben solche über die Herstellung und Erhaltung von Gesundheit hinausgehenden Eingriffe sein. Aus dieser Definition resultiert also die Folgefrage: Was ist Gesundheit? Diese Frage ist vor allem deshalb von Belang und kritisch zu untersuchen, weil mit der Unterscheidung zwischen Gesundheit und Krankheit und damit zwischen Therapie und Enhancement häufig zugleich die moralische Trennlinie zwischen erlaubten und verbotenen Eingriffen gezogen wird. Es wird vermutet, dass „the treatment/enhancement distinction marks a difference that is morally significant“ (Levy 2007, 88) und auch Anderson zieht diese Trennlinie klar: In summary, our society is comfortable with the use of genetic engineering to treat individuals with serious disease. Once we step over the line that delineates treatment from enhancement, a Pandora’s box would open. On medical and ethical grounds a line should be drawn excluding any form of enhancement engineering. (Anderson 1989, 689) 4
Vgl. etwa Fuchs: „Als Enhancement bezeichnet man allgemein einen korrigierenden Eingriff in den menschlichen Körper, durch den nicht eine Krankheit behandelt wird bzw. der nicht medizinisch indiziert ist.“ (Fuchs 2000, 604 f.). Merkel et al. definieren Enhancement als Eingriff, „der jemandes physischen oder psychischen Zustand in mindestens einer bestimmten Hinsicht zu verbessern beabsichtigt, dabei aber nicht als Behandlung einer Krankheit (im Behinderungen einschließenden Sinne) beurteilt werden kann.“ (Merkel et al. 2007, 437). Die moralische Bewertung eines solchen Eingriffs zumindest im Rahmen eines medizinischen Handlungskontextes lautet dann: „it is meant to circumscribe what should not be the case“ (Merkel et al. 2007, 295).
5.1. Ein „objektiver“ Begriff von Gesundheit und Krankheit
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Seinen einflussreichen Aufsatz „Human Gene Therapy: Why Draw a Line?“ schließt Anderson daher mit der Aussage: „Gene transfer should not be used for enhancement engineering.“ (Anderson 1989, 690). Ohne an dieser Stelle Andersons Grnde für die moralische Diskreditierung von Enhancements zu überprüfen, zeigt sich hier, dass eine solche Forderung eine trennscharfe Differenzierungsmöglichkeit zwischen Therapie und Enhancement voraussetzt, um eine moralische Grenze ebenso trennscharf zu bestimmen. Dazu muss es eine eindeutige Bestimmung von Gesundheit und Krankheit geben. Im Folgenden stelle ich verschiedene Gesundheitsdefinitionen aus der Theorie der Medizin vor, die herangezogen werden können, um eine solche Differenzierung zu ermöglichen. Diese treten auch in unterschiedlichen Mischformen auf, sollen hier aber idealtypisch eingeführt werden (vgl. Lenk 2002).
5.1. Ein „objektiver“ Begriff von Gesundheit und Krankheit Christopher Boorse, ein prominenter Vertreter eines objektiven Gesundheitsbegriffs, hat ein paradigmatisches Konzept vorgelegt:5 Sein „biostatistischer“ Gesundheitsbegriff geht von einem für eine bestimmte Spezies typischen Funktionieren des Organismus aus (und basiert damit auf einer aristotelischen Tradition). Dieser Referenzwert „species typical functioning“ kann durch statistische Erhebungen festgesetzt werden und stellt in der Folge eine naturalistisch fundierte Norm dar. Alle Abweichungen von der Norm, die bestimmte gattungstypische Fähigkeiten mindern, sind Beeinträchtigungen der Gesundheit und damit Krankheit. Die gattungstypischen Fähigkeiten dienen Boorse zufolge vor allem dem individuellen Überleben und der Reproduktion des Organismus. Normal functioning in a member of the reference class is the performance by each internal part of all its statistically typical functions with at least statistically typical efficiency, i. e. at efficiency levels within or above some chosen central region of their population distribution. (Boorse 1977, 558 f.)
Ausgehend von einem solchen biostatistischen Gesundheitsbegriff im Anschluss an Boorse lassen sich einige Handlungen eindeutig als Enhancement bezeichnen. Es sind diejenigen, die auf eine Steigerung be-
5
Boorse 1977. Aktuell vertritt im Anschluss an Boorse auch Daniels 2000 diese Auffassung.
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5. Gesundheit und Krankheit
stimmter speziestypischer Fähigkeiten abzielen oder über einen Durchschnittswert hinausgehen, der den Maßstab für Gesundheit darstellt. Gegen einen solchen „objektiven“ Gesundheitsbegriff lässt sich jedoch eine Reihe gewichtiger Einwände vorbringen. (a) Ein Abweichen von einer statistischen Norm genügt noch nicht, um Krankheit zu konstituieren, die immer auch eine subjektive Komponente beinhaltet. Es ist kontraintuitiv, jemanden, der sich kerngesund fühlt, aufgrund einer Abweichung von einer durchschnittlichen Norm als krank zu bezeichnen. Diesem Einwand begegnet Boorse selbst, indem er die Unterscheidung zwischen disease und illness einführt. Disease bedeutet für ihn eine praktische physische Funktionsstörung, wohingegen illness durch ein subjektives Krankheitsgefühl konstituiert wird (vgl. Boorse 1975). Boorse sieht allerdings die „theoretische Gesundheit“, die durch ordnungsgemäßes physiologisches Funktionieren gekennzeichnet ist, als das vorrangige Konzept an. Der erste Haupteinwand gegen dieses Gesundheitskonzept besteht also in der unzureichenden Integration einer subjektiven Komponente, die aus dem Begriff ausgesondert wird. (b) Das speziestypische Funktionieren ist fernerhin aufgrund der Unterschiedlichkeit nicht nur von bestimmten Individuen, sondern auch von bestimmten Populationen und Gesellschaften, allgemein eine unbestimmbare Größe. In verschiedenen kulturellen Kontexten ist das speziestypische Funktionieren völlig unterschiedlich (vgl. etwa synchron die Ausdauerfähigkeit eines gegenwärtigen durchschnittlichen USAmerikaners mit der eines gegenwärtigen durchschnittlichen Kenianers, bzw. diachron die Entwicklung der durchschnittlichen menschlichen Lebenserwartung über die letzten 250 Jahre). „Der Mensch“ ist zu unterschiedlich, um Durchschnittswerte über ein speziestypisches Funktionieren angeben zu können, die nicht bloß willkürlich auf bestimmte Referenzklassen, Zeiten und Regionen zugeschnitten wären.6 Krankheiten, die in einer bestimmten Referenzklasse weit verbreitet sind, lassen sich mit diesem Gesundheitsbegriff nicht mehr als Krankheiten ausmachen. (c) Ein dritter Einwand gegen einen „objektiven“ Gesundheitsbegriff, wie er sich am Beispiel der Homosexualität verdeutlichen lässt, kritisiert die bloß vermeintliche Wertneutralität des biostatistischen Ansatzes. Das speziestypische Funktionieren der Geschlechtsorgane – die Fortpflanzung – werde im Falle von Homosexualität verhindert, die damit eine Krankheit darstelle. Hier zeigt sich deutlich, wie leicht sich 6
In obigem Zitat Boorse’s wird dies durch den Ausdruck „chosen“ verdeutlicht.
5.2. Ein „subjektiver“ Begriff von Gesundheit und Krankheit
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durch den vermeintlich objektiven Gesundheitsbegriff Bewertungen einschleichen können. „Der Mensch“ scheint jedoch in der Vielfalt seiner Handlungsweisen, Ziele und Vorstellungen zu komplex zu sein, um sich in irgendeiner Weise durch statistische – auch biostatistische – Durchschnittswerte fixieren zu lassen. Der Wunsch nach einem präzisen Begriff von Gesundheit ist dennoch verständlich und erklärt sich vor allem aus dem Bedürfnis, klare und eindeutige Zuschreibungen über die Normalität und Abweichung von dieser vornehmen zu können, um damit auch über die Hilfsbedürftigkeit und gebotene Unterstützung bestimmter Personen (etwa durch ein öffentliches Gesundheitssystem) zu entscheiden. Der Sache angemessen ist ein solcher objektiver Gesundheitsbegriff jedoch nicht. Wegen der Vernachlässigung der subjektiven Perspektive, wegen der sich aus unterschiedlichen Referenzklassen ergebenden Kontingenz der statistischen Durchschnittswerte und wegen der nur scheinbaren Wertneutralität bietet ein objektiver Gesundheitsbegriff keine überzeugende Grundlage für eine Abgrenzung zwischen Therapie und Enhancement.
5.2. Ein „subjektiver“ Begriff von Gesundheit und Krankheit Gegen eine objektivierende Festschreibung von Gesundheit wird daher häufig ein subjektiver Gesundheitsbegriff ins Feld geführt. Dieser wird exemplarisch durch die – oft kritisierte, aber äußerst einflussreiche – Formulierung der WHO veranschaulicht. Demzufolge ist Gesundheit a state of complete physical, mental, and social well-being and not merely the absence of disease and infirmity. (WHO 1946)
Wenn das „umfassende Wohlbefinden“ der Person das ausschlaggebende Kriterium für Gesundheit ist, haben alle diesem Wohlbefinden entgegenstehenden Hindernisse zugleich Krankheitswert, womit letztlich alle Menschen im Sinne der WHO-Definition krank wären. Diese Konsequenz erscheint überzogen und kaum haltbar. In Bezug auf die Frage der Unterscheidbarkeit von Therapie und Enhancement ließe sich unter Berufung auf einen solchen stark subjektiven Gesundheitsbegriff zudem lediglich feststellen, dass alle Eingriffe in den menschlichen Organismus, die der Beförderung des maximalen Wohlbefindens dienen, als Therapie bezeichnet werden müssen. Die Klasse derjenigen Handlungen, die als Enhancement bezeichnet werden können, wäre damit notwendigerweise leer, denn einen Zustand, der über das wirklich „vollständige Wohlbe-
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5. Gesundheit und Krankheit
finden“ einer Person hinausgeht, ist nicht vorstellbar. (Ein solcher Zustand wäre außerdem, wenn er vorstellbar wäre, wohl kaum als Gesundheit zu bezeichnen.) Vielmehr würde man nach einer jeden Steigerung des Wohlbefindens immer den jeweils vorherigen Zustand als doch noch nicht vollständiges Wohlbefinden verstehen müssen und diesem daher, gemäß der subjektiven Gesundheitsdefinition, wiederum Krankheitswert zusprechen. Der subjektive Gesundheitsbegriff ist also inkonsistent und daher auch für eine Definition von Enhancement als Gegenbegriff zur Therapie unbrauchbar. Es wäre lediglich denkbar, alle Eingriffe, die einem Menschen zuvor ungeahnte Wohlbefindenszustände zukommen lassen würden, als Enhancement zu bezeichnen. Allerdings wäre damit jeder derartige Eingriff nur einmal ein mögliches Enhancement und daraufhin nur noch als Therapie anzusehen. – Der Gesundheitsbegriff der WHO ist allerdings primär in politischer Absicht zu verstehen. Er bezweckt, die weltweiten Anstrengungen zur Verbesserung und Beförderung der Gesundheit nicht unter Berufung auf eine bereits weithin erreichte Gesundheit vorschnell zum Erliegen zu bringen. Die Relevanz einer subjektiven Komponente bei der Definition von Gesundheit und von Krankheit muss anerkannt werden, zugleich aber zeigt sich, dass der anhaltende Zustand vollständigen Wohlbefindens unmöglich ist. Damit ist die wichtige Einsicht gewonnen, dass Gesundheit und Krankheit nicht als statische Konzepte verstanden werden dürfen, sondern einen prozessualen, einen dynamischen Charakter aufweisen, der in Relation zu bestimmten externen Gegebenheiten bestimmt ist. Dies bildet den Ausgangspunkt der dritten Hauptstrategie der Definition von Gesundheit und Krankheit.
5.3. Ein „relationaler“ Begriff von Gesundheit und Krankheit Ein relationales Verständnis von Gesundheit und Krankheit versucht, Einseitigkeiten durch eine übermäßige Betonung der subjektiven wie der objektiven Komponente zu vermeiden, indem ein hohes Maß an Kontextsensitivität eingeführt wird. Damit ist das Modell im Gegensatz zu den beiden zunächst vorgestellten Definitionsversuchen methodisch anspruchsvoller, verliert aber weiter an Trennschärfe im Bezug auf die Unterscheidung von Therapie und Enhancement. Bei einer relationalen Bestimmung von Gesundheit und Krankheit werden die äußeren Umstände, in denen sich ein Organismus befindet, für die Feststellung von Gesundheit herangezogen. Es besteht somit ein Bedingungsverhältnis
5.3. Ein „relationaler“ Begriff von Gesundheit und Krankheit
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zwischen den Fähigkeiten des Organismus und den spezifischen Anforderungen, die durch die jeweilige Umgebung an ihn gestellt werden. Der handlungstheoretische Ansatz von Lennart Nordenfelt etwa führt als Kriterium für Gesundheit die Fähigkeit an, unter Standardbedingungen diejenigen Handlungen ausführen zu können, die für ein minimales Glück hinreichend und notwendig sind (vgl. auch Gerhardt 1992). What emerges from the study is a concept of health based on an actiontheoretic foundation. A person’s health is characterized as his ability to achieve his vital goals. (Nordenfelt 1995, xi)
Weiter führt Nordenfelt aus, die „major suggestion“ seiner Arbeit sei, the vital goals of a human being are goals whose fulfilment is necessary and jointly sufficient for the minimal happiness of their bearer. This is the tenet of what is here to be called the welfare theory of health. (In the case of humans welfare is identified with happiness.) (Nordenfelt 1995, xv)
Allerdings ist fraglich, ob damit eine sachhaltige Definition von Gesundheit gefunden ist. Es lässt sich auch hier eine Reihe von Einwänden formulieren: (a) Die Standardbedingungen sind in einem hohen Maße kontingent und variieren stark zwischen verschiedenen Regionen, Kulturen und Zeiten, so dass es schwierig sein wird, für Menschen im Allgemeinen Bedingungen für „minimal happiness“ festzulegen. (b) Ob Glück, auch minimales Glück, zentral für Gesundheit ist, lässt sich zudem ohne weitere Vorannahmen nicht rechtfertigen. Und schließlich – mit den treffenden Worten von Christian Lenk – (c) „kann man […], diesem Ansatz zufolge, auch krank oder behindert und trotzdem in einem übergeordneten Sinn gesund sein, wenn man in der Lage ist, die glücklich machenden Ziele zu erreichen“ (Lenk 2006, 70). Somit ist insgesamt unklar, ob es sich bei einem relationalen Gesundheitsbegriff überhaupt noch um das handelt, was ursprünglich unter den Begriff Gesundheit fiel: Gesundheit in solch einem „übergeordneten Sinne“ hängt von dem jeweiligen Referenzmaßstab ab, der gewissermaßen frei gewählt werden kann. Gesundheit kann daher in diesem Sinne auch darin bestehen, gerade mit Krankheiten, Behinderungen und Verletzungen leben zu können.7 Damit ist sicherlich eine bedeutende Einsicht gewonnen, doch 7
Diese Aussage ist dem „transzendentalen Charakter des Gutes der Gesundheit“ entgegengesetzt. Wolfgang Kersting führt diesbezüglich aus: „Wie Frieden, Freiheit, Sicherheit und das Leben selbst ist Gesundheit ein transzendentales oder ein konditionales Gut. Von derartigen Gütern gilt, dass sie nicht alles sind, alles aber ohne sie nichts ist.“ (Kersting 2000, 477). Dieser These muss in ihrer radikalen Form widersprochen werden. Auch die relationale und konditionale These, wir
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5. Gesundheit und Krankheit
es ist fraglich, ob nicht zugleich dasjenige aus dem Blick geraten ist, was mit den Begriffen Gesundheit und Krankheit ursprünglich bezeichnet werden sollte. Dieses relationale Verständnis von Gesundheit und Krankheit überzeugt, insofern es ganzheitlich den Menschen und sein Umfeld in den Blick nimmt und ihn weder auf seine organische noch seine individuelle psychische Dimension reduziert.8 Trotzdem ist es problematisch, weil dadurch der Begriff „Gesundheit“ eine umfassende Erweiterung erfährt. Mit dem allgemeinen Sprachgebrauch und den alltäglichen Intuitionen in Bezug auf Gesundheit hat dieses Konzept nur noch wenig zu tun. Hinsichtlich der Differenzierungsmöglichkeit zwischen Therapie und Enhancement gilt damit, dass der relationale, wie auch der subjektive Gesundheitsbegriff je nachdem, welcher Referenzpunkt angenommen wird, verschiedenste Fähigkeiten und Eigenschaften als gesund oder krank auszeichnen können und dass damit die Gegenüberstellung von Gesundheit und Krankheit hinfällig und eine Unterscheidung von Therapie und Enhancement unmöglich wird. Das objektive Konzept verkennt seinerseits die subjektive Erlebnisdimension und versucht dagegen, statistische Durchschnittswerte als Maßstab einzuführen. Damit wird es allerdings der Vielfalt menschlicher Lebensformen nicht gerecht. Meine Ausführungen ergeben bislang, dass eine trennscharfe Abgrenzung zwischen Gesundheit und Krankheit nach allen drei genannten Strategien nicht möglich ist. Es ist daher Glenn McGee zuzustimmen, wenn er schreibt: Concepts of health and disease are defined in terms of our best guesses about the biological limits of the human body. We say that one patient is dead, another one comatose, and still a third „infected“ on the basis of assumptions and theories about what it means to be alive or dead, healthy or sick. Much of the time it is unnecessary to question such assumptions. I do not worry about my cholesterol or even notice it until my nurse practitioner points it out to me and calls it a problem. But when patients are ill, and when scientists design our most sophisticated experiments about human and animal physiology,
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benötigen Gesundheit, „um tatsächlich tun zu können, was wir selbst wollen“ (Gerhardt 1992, 7), erfährt vor dem Hintergrund der Enhancement-Debatte eine bemerkenswerte Verschiebung, insofern einerseits neuartige, bislang utopische Ziele menschlichen Handelns möglich werden, und andererseits neue Fähigkeiten auch neu bestimmen, „was wir wirklich wollen“. Auch Parsons definiert soziologisch Krankheit als „generalisierte Störung der Leistungsfähigkeit des Individuums für die normalerweise erwartete Erfüllung von Aufgaben oder Rollen“ (Parsons 1967, 71, zitiert nach Bruchhausen 2009).
5.3. Ein „relationaler“ Begriff von Gesundheit und Krankheit
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assumptions about health and disease – about biology and the stability of the „brute“ facts – are the most critical elements. (McGee 2003, 18)
Trotz der Relevanz dieser Unterscheidung („most critical elements“) lassen sich Gesundheit und Krankheit nicht sauber voneinander abgrenzen. Damit wird insgesamt in der Folge auch eine trennscharfe Abgrenzung zwischen Therapie und Enhancement notwendigerweise unmöglich, die eine klare Unterscheidung von Gesundheit und Krankheit voraussetzt. Es könnte zwar eingewendet werden, dass es für eine Abgrenzung zwischen Therapie und Enhancement und damit für eine Definition von Enhancement ausreichend sei, einigermaßen genau bestimmen zu können, was gesund und was krank sei. Schließlich bestünden trotz aller Unklarheiten auch zahlreiche eindeutige Fälle. Man könnte analog daran erinnern, dass man wohl genau wisse, wann Tag und wann Nacht sei, selbst wenn die Dämmerung und der Übergang zwischen diesen beiden Zuständen nicht eindeutig zu bestimmen sei. Doch selbst wenn diesen Aussagen prinzipiell zuzustimmen ist und sie gerade mit Blick auf die Praxis sogar befürwortet werden müssen, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Abgrenzung zwischen Therapie und Enhancement zumeist herangezogen wird, um – wie oben von Anderson – eine moralische Einschätzung (zumeist eine Diskreditierung) der Enhancementmaßnahmen zum Ausdruck zu bringen.9 Angesichts der Tatsache, dass es aber keine systematisch überzeugende Definition von Gesundheit und Krankheit gibt und dass solche Definitionen immer mit einem großen Maß an Beliebigkeit lediglich gesetzt werden können,10 kann es 9 Darauf weist auch der President’s Council on Bioethics hin: „Those who introduced this distinction hoped by this means to distinguish between the acceptable and the dubious or unacceptable uses of biomedical technology: therapy is always ethically fine, enhancement is, at least prima facie, ethically suspect.“ Weiter führen sie illustrierend aus: „Gene therapy for cystic fibrosis or Prozac for major depression is fine; insertion of genes to enhance intelligence or steroids for Olympic athletes is, to say the least, questionable.“ (President’s Council 2003, 16). 10 Auch der ambitionierte Versuch von Lenk überzeugt nicht vollständig: Er hält an der Unterscheidbarkeit von Enhancement und Therapie fest, da seiner Meinung nach „zwei von drei der genannten Aspekte [scil. zur Unterscheidung von Gesundheit und Krankheit, JCH] ausreichen, um einen pathologischen Zustand zu spezifizieren, allerdings unter der Bedingung, dass der objektive Aspekt einer dieser beiden Aspekte ist“ (Lenk 2002, 243). Lenks verdienstvolle Diskussion der unterscheidbaren Ansätze zur Bestimmung von Gesundheit und Krankheit, an die ich mich weitgehend anschließe, erscheint in dieser Zusammenführung –
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5. Gesundheit und Krankheit
auch keine eindeutige Abgrenzung zwischen Therapie und Enhancement geben. Eine moralische Trennlinie zwischen erlaubt und verboten lässt sich daher auf keine Weise mit einer vermuteten (doch unhaltbaren) Unterscheidung zwischen Therapie und Enhancement gleichsetzen. Die Wirklichkeit ist komplexer und lässt sich mit einer einfachen Dichotomie wie der zwischen Gesundheit und Krankheit nicht angemessen einholen.11 Ich plädiere daher dafür, die Abgrenzung von Therapie und Enhancement wegen der unklaren Unterscheidung zwischen Gesundheit und Krankheit und der damit verbundenen moralischen Einschätzung von Enhancementmaßnahmen bei der Definition dessen, was Enhancement ist, zunächst einmal außer Acht zu lassen. Therapie und Enhancement schließen einander nicht wechselseitig aus. Vielmehr könnte sich Therapie als eine Teilmenge möglicher Enhancements erweisen, wobei eine eindeutige Bestimmung häufig nicht möglich sein wird.12 Eine alternative, strengere Differenzierung zwischen Therapie und Enhancement führt lediglich zu begrifflichen Verwirrungen und ruft unbegründete moralische Intuitionen hervor. Eine sachlich angemessene Definition von Enhancement sollte ohne diesen beschwerlichen Ballast auskommen. Mit dieser Empfehlung für die Fachdiskussionen über Enhancement ist nicht gemeint, dass die Begriffe „Gesundheit“ und „Krankheit“ keine Funktion und Bedeutung haben. Selbstverständlich handelt es sich um wichtige Begriffe, die in vielen – praktischen und alltäglichen – Kontexten unverzichtbar und angebracht sind. Lediglich im Zusammenhang spezifischer Debatten (wie über die moralische Legitimität von Enhancement), in denen schon geringe begriffliche Nuancen objektiver Aspekt plus wahlweise subjektiver oder relationaler Aspekt – als ein wenig überzeugender ad hoc-Kompromiss, auf dem die Unterscheidung von Therapie und Enhancement nur unsicher ruht. 11 Wie sich oben gezeigt hat, besteht die Herausforderung vermutlich vielmehr darin, Gesundheit als das kompetente Leben mit – immer auch vorhandenen – Krankheiten zu verstehen. Damit aber zeigt sich, dass Gesundheit und Krankheit sich nicht ausschließen, sondern gleichermaßen Elemente in einem menschlichen Leben sind. 12 So auch Savulescu, der drei Arten von Enhancements unterscheidet: (1) Medizinische Interventionen zur Behandlung von Krankheiten, (2) die Absicht das „Natural Human Potential“ zu vergrößern und (3) „Superhuman Enhancements“. Eine Subsumption von medizinischen Interventionen unter Enhancements macht eine trennscharfe Abgrenzung der beiden Bereiche überflüssig, so dass der Gebrauch der Konzepte wie Krankheit und Natur bei Savulescu unproblematisch ist (Savulescu 2006, 326).
5.3. Ein „relationaler“ Begriff von Gesundheit und Krankheit
71
und Unsauberkeiten weit reichende Konsequenzen zeitigen können, erweisen sie sich bei näherer Betrachtung als zu ungenau.
6. Natur Neben der problematischen Unterscheidung zwischen Therapie und Enhancement wird ein alternatives Konzept häufig zur Bestimmung von Enhancement herangezogen: die „Natur“ oder die „Natur des Menschen“. Ein vorläufiger Definitionsversuch von Enhancement mithilfe eines Begriffs von „Natur“ könnte lauten: Enhancementmaßnahmen sind solche Handlungen, die darauf abzielen, das Funktionieren des menschlichen Organismus (unnatürlich) über das natürliche Maß hinausgehend zu erweitern.13
Mit diesem Definitionsversuch wird – wie im oben vorgestellten Versuch – eine Grenze eingeführt („das natürliche Maß“), um Enhancementmaßnahmen zu bestimmen. Dieser Versuch gleicht daher strukturell dem Versuch einer objektiven Bestimmung der Gesundheit, birgt aber eigene Schwierigkeiten. Es stellt sich die Frage, was denn überhaupt die Natur und die Natur des Menschen, das natürliche Maß seiner Ausstattung und Fähigkeiten oder was ein natürliches Maß allgemein ist. Schließlich geht es auch hier, so ist zu vermuten, nicht um einen bloßen Durchschnittswert, sondern um ein auf bestimmte Weise ausgezeichnetes Maß an Ursprünglichkeit und Unberührtheit, das auf näher zu bestimmenden Voraussetzungen und Vorannahmen beruht. Im Folgenden werde ich den grundlegenden Begriff der Natur (Kapitel 6) von einem Begriff der Natur des Menschen (Kapitel 7) unterscheiden und beide näher betrachten. Beide erweisen sich jedoch für eine adäquate Definition von Enhancement als äußerst problematisch und stellen keine brauchbare Grundlage dar, um Enhancement präzise begrifflich einzuholen.
13 Diese mögliche Definition ist bewusst mehrdeutig formuliert, um in der Folge die unterschiedlichen Ansatzpunkte für das Eingreifen von Naturkonzepten aufschlüsseln zu können.
6.1. Schwierigkeiten der Begriffsbestimmung
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6.1. Schwierigkeiten der Begriffsbestimmung Aus philosophischer Perspektive kann zunächst nur der Begriff der Natur näher untersucht werden – und nicht die Natur selbst –, doch „[d]ie Geschichte des neuzeitlichen Naturbegriffs ist mit Ausnahme weniger Kapitel eine des Verfalls.“ (Keil 1993, 360). Diese pointierte Diagnose bedarf der Erläuterung, schließlich wird der Begriff der „Natur“ (und die abgeleiteten Begriffe „Natürlichkeit“, „Naturalismus“ etc.) gegenwärtig viel gebraucht. Dieter Birnbacher diagnostiziert zudem einen „Natürlichkeitsbonus“ in unserer Alltagsmoral, der weite Bereiche durchdringt (Birnbacher 2006, 21 – 28). Diese primär positive Bewertung der Natur zeigt sich auch in der Existenz von Naturschutzbünden und Naturfreunden.14 Eine eindeutig positive Bewertung von Natürlichkeit lässt sich außerhalb der Alltagsmoral jedoch nur noch im Sport finden (Pawlenka 2008, 280). Trotz des von Keil diagnostizierten Verfalls des philosophischen Naturbegriffs hat der Begriff in der Alltagsmoral also immer noch Konjunktur. Auf die explizit normative Dimension des Naturbegriffs im Kontext ethischer Debatten wird erst unten in Kapitel 14 näher eingegangen. Hier soll zunächst – vor dem Hintergrund einer möglichen Definition von Enhancement als „Veränderungen des Menschen über das natürliche Maß hinaus“ – der Versuch unternommen werden, die begriffliche Problematik bei möglichst weitreichender Aussparung der normativen Dimension zu thematisieren. Der Begriff „Natur“ ist schillernd. Birnbacher führt dazu aus: „Der Ausdruck ,natürlich‘ und seine sprachlichen Verwandten verhalten sich wie semantische Chamäleons: Sie passen ihre Färbung ihrer jeweiligen Umgebung an.“ (Birnbacher 2006, 6). Mal erscheint er in einem Gewand, mal in einem völlig anderen. Er passt sich an unterschiedlichste Kontexte der Rede an, übernimmt vielfältige Funktionen, suggeriert Bestimmtheit – und lässt sich dabei doch nicht trennscharf bestimmen. Das entscheidende Problem des Naturbegriffs liegt dabei darin, dass er zu flexibel ist und dass sich daher seine Ausdehnung fast nur willkürlich, jedenfalls niemals alternativlos festlegen lässt. Ein Blick auf die Geschichte 14 Eine überzeugende Analyse der Dimensionen des Werts der Natur unternimmt Meyer, die gegenüber dem Wert der Natur für das Überleben des Menschen und dem intrinsischen Eigenwert der Natur jedoch vor allem den ästhetischen Wert der Natur in Form von Artenvielfalt, Biotopen und Landschaften hervorhebt (Meyer 2003).
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6. Natur
der Begriffsverwendung zeigt dies deutlich an (Gregory et al. 1984). So erscheint einmal alles als Natur, ein anderes Mal nur das, was ein bestimmter Sprecher gerade als Natur bezeichnen möchte: etwa den Menschen im Gegensatz zum Ganzen der Welt, oder bestimmte Elemente innerhalb der Welt, die ohne das Einwirken von Menschen zustande gekommen sind. Mit der Verwendung des Begriffs Natur gehen häufig „Entdifferenzierungen“ (Roughley 2005, 133) einher, die dem philosophischen Bemühen um Differenzierungen diametral entgegenlaufen. Im Interesse von Klarheit und Verständlichkeit muss also zumindest expliziert werden, was in einem bestimmten Diskurskontext mit dem Begriff genau gemeint ist. Schließlich muss geprüft werden, ob der Begriff in der Lage ist, etwa im Kontext einer Definition diejenige Funktion überhaupt zu erfüllen, für die er aufgeboten wird.
6.2. Vielfältige Gegenbegriffe zur „Natur“ Der Naturbegriff wird wesentlich über Abgrenzungen und Spannungsverhältnisse zu möglichen Komplementärbegriffen bestimmt. Im heutigen Sprachgebrauch existieren vielfältige Gegenbegriffe zur „Natur“, die dem Begriff je nach seinem Gegenteil unterschiedliche Bedeutungen zuweisen, etwa „das Übernatürliche, das Widernatürliche, das Kulturelle, das Technische, das Unechte oder das Gezwungene“ (Birnbacher 2006, 6). Auch eine historische Betrachtung zeigt, dass der „Begriff der Natur […] seine Konturen immer durch große Antithesen erhalten“ hat (Keil 1993, 360): Angesichts der Vielzahl möglicher Gegenbegriffe ist somit sein komplementärer Bedeutungsgehalt jeweils nur im konkreten Fall zu bestimmen. In der Antike war die techne der physis entgegengesetzt und es bestand eine Opposition von Natur und menschengemachtem Gesetz. In der jüdisch-christlichen Tradition steht das Übernatürliche dem Natürlichen gegenüber (Blumenberg 1960a), bei Kant wird ein Gegensatz zwischen Natur und Freiheit geöffnet, der in der aktuellen Willensfreiheitsdebatte immer noch von Bedeutung ist. Das 19. Jahrhundert kannte die Opposition Natur vs. Geschichte/Kultur/Geist. Die heutige relativ marginale Rolle des Naturbegriffs in der Philosophie lässt sich darauf zurückführen, „dass keine dieser Antithesen heute noch uneingeschränkt intakt ist. In gewisser Weise krankt der Naturbegriff an seinem unge-
6.2. Vielfältige Gegenbegriffe zur „Natur“
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heuren Siegeszug, an seiner Totalisierung.“ (Keil 1993, 361).15 Wenn irgendwie alles Natur sein kann, wird die Auseinandersetzung mit dem Begriff uninteressant. Die Schwierigkeiten der Begriffsbestimmung erklären auch, warum selbst die Naturwissenschaften zumeist keine Rechenschaft darüber abgeben, was genau unter dem Begriff der Natur zu verstehen ist. Das einheitsstiftende Moment der Naturwissenschaften liegt vielmehr in der gemeinsamen Verpflichtung auf ein bestimmtes Set von Methoden statt in der Bestimmung eines gemeinsamen Untersuchungsgegenstandes. Sehen wir von der noch eigens zu problematisierenden Verwendung des Naturbegriffs und von Natürlichkeitsvorstellungen in moralischen Diskursen ab (Kapitel 14), zeigt sich der Begriff als ein marginalisierter, der einerseits aufgrund seiner teilweise überkommenen Oppositionen, andererseits aufgrund seiner schillernden und missverständlichen Bedeutungsvielfalt gegenwärtig in philosophischen Debatten eine untergeordnete Rolle spielt. Der Vorschlag, den Begriff gleich aus dem philosophischen Vokabular zu streichen, ist daher schon mehrfach erhoben worden.16 Da allerdings der Gegenstand vorliegender Untersuchung – zumindest auch – als Eingriff in oder Veränderung der (menschlichen) Natur definiert werden kann, sollen im Folgenden einige Klärungsversuche vorgestellt werden, die den möglichen Entdifferenzierungstendenzen durch den Naturbegriff entgegenwirken. Abschließend wird geprüft, ob sich daraus eine klare Definition von Enhancement herleiten lässt. Mein eigener Vorschlag zur Verständigung über einen normativ gehaltvollen Begriff der – wenn man trotz der Kritik an dieser Terminologie festhalten möchte – menschlichen „Natur“ findet sich im vierten Teil dieser Arbeit.
15 Die Vielfalt der möglichen inneren und äußeren Bestimmungen des Naturbegriffs führt Mill 1874 schließlich dazu, ihn als einen in philosophischen Debatten relevanten Begriff abzulehnen. Damit stimmt er mit David Hume überein, der den Begriff „vage, indeterminate“ fand (Hume 1779, 423). – Interessanterweise geht die kritische Ablehnung des Naturbegriffs in der gegenwärtigen Philosophie mit einer besonderen Affinität für die Derivate „Naturalismus“ und „naturalistisch“ einher. 16 Boyle schließlich wollte ihn sogar ganz abschaffen, vgl. Gregory et al. 1984 und dortige Literaturangaben.
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6. Natur
6.3. Binnendifferenzierungen des Naturbegriffs Einen aktuellen Versuch der Ordnung und der Binnenklassifizierung des Naturbegriffs hat Birnbacher (2006) vorgelegt. Im Anschluss an Mill stellt er fest, dass mit dem Begriff der Natur – und den verwandten Begriffen wie Natürlichkeit, natürlich etc. – trotz aller Einwände, denen er mit Recht ausgesetzt ist, ein zentrales Moment menschlicher Weltorientierung thematisiert werde.17 Die Behauptung, dass de facto der Naturbegriff eine fundamentale Rolle dabei spielt, wie Menschen sich selbst und ihre Umwelt verstehen und ordnen, macht philosophische Analysen dieses Begriffs nötig, gerade weil es sich dabei um ein häufig äußerst vage gebrauchtes und ideologisch aufgeladenes Konzept handelt. Die zwei zentralen Abgrenzungen, die nach Birnbacher mithilfe des Naturbegriffs begrifflich eingefasst werden sollen, sind einerseits die Abgrenzung des Menschen von der ihn umgebenden restlichen Welt, sowie andererseits die dichotome Gegenüberstellung zwischen „Gewordenem“ und „Gemachtem“, zwischen Elementen der Wirklichkeit, die als „Natur“ oder als „Menschenwerk“ qualifiziert werden können (3 f.).18 Die erste Unterscheidung bezeichnet Birnbacher als eine klassifikatorische, die zumeist eindeutig getroffen werden kann, da (zumindest bislang) in den wenigsten Fällen Zweifel über die Zuordnung einer Entität in eine der beiden Klassen vorgekommen sind. Die Frage der Zugehörigkeit zur Gattung Mensch ist (fast) immer eindeutig zu be17 So auch Gernot Böhme: „Diese Unterscheidung [scil. zwischen „natürlich“ und „künstlich“, JCH] ist eine der ersten, die wir bereits als Kinder lernen […]. Sie steht neben den Grundunterscheidungen von männlich und weiblich, jung und alt, wirklich und märchenhaft bzw. ,geträumt’.“ (Böhme 1992, 141). 18 Damit knüpft Birnbacher an Mills scharfzüngigen Essay „Nature“ an, in dem fundamentale Kritik am Naturbegriff geübt wird. Mill unterscheidet zunächst zwei grundlegend verschiedene Bedeutungen von „Natur“. Zum einen ist „Natur“ alles, was ist – „all the powers existing in either the outer or the inner world and everything which takes place by means of those powers“. Zu diesem ersten weiten Verständnis gehören also zum einen das „Insgesamt“ der Natur, zum anderen die Eigenschaften der solcherart natürlich seienden Dinge im Ganzen der Natur. Zweitens ist „Natur“ für Mill all das, was unabhängig vom Einfluss des Menschen entstanden ist oder stattfindet: „what takes place without the agency, or without the voluntary and intentional agency, of man.“ (Mill 1874, 375). Später diskutiert Mill eine mögliche dritte Bedeutung von „Natur“, die er aber als unhaltbar verwirft: Als Begriff der Ethik handelt es sich bei „Natur“ allein um einen Deckmantel, der zur rhetorischen Verstärkung einer beliebigen ethischen Position herangezogen werden soll. Diesen Versuch eines dritten Weges bekämpft Mill mit scharfen Argumenten über den längsten Teil seines Essays.
6.3. Binnendifferenzierungen des Naturbegriffs
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antworten und strukturiert damit die Welt für Menschen in den Bereich der „Menschenwelt“, zu der Menschen sich selbst und ihresgleichen zählen, und den der sie umgebenden Welt.19 In dieser simplen Dichotomie findet, so scheint es, alles seinen Platz. Das zweite Gegensatzpaar von „geworden“ und „gemacht“ klammert die erste Opposition aus und betrachtet nur den Bereich der „nichtmenschlichen“ Welt, also alle Dinge, die hinsichtlich der ersten Differenzierung nicht der Klasse „Mensch“ zugeordnet werden. Dieser Gegensatz erweist sich gegenüber der Unterscheidung von Mensch und Natur häufig als weniger eindeutig. Alternative Beschreibungen dieser zweiten Opposition ziehen die Begriffe „natürlich“ und „künstlich“ heran oder erinnern an die klassisch scholastische Unterscheidung zwischen „natura naturans“ und der „natura naturata“ (Bayertz 2005, 13 – 16). Offenkundig ist in diesem zweiten Fall ein graduell organisiertes Spektrum von Beschreibungen möglich, so dass Dinge mehr oder weniger natürlich sein können. Darüber hinaus kann ein und derselbe Gegenstand zugleich hinsichtlich verschiedener Maßstäbe bewertet werden. Zahlreiche Beispiele können aufgebracht werden, wenn es darum geht, die irritierende Möglichkeit einer doppelten Beschreibung einer Entität als zugleich natürlich und künstlich aufzuzeigen: Ist Weizen ein natürliches Getreide, da es doch einerseits über lange Zeiträume von Menschen kultiviert, andererseits aber niemals mithilfe neuer Gentechnik verändert worden ist? Ist der Bonsai ein natürlicher Baum, wächst er doch von ganz alleine und besteht aus Lignin und ist kein künstlicher Plastikbaum? Ist ein Schäferhund natürlich, obwohl er das Resultat jahrhundertelanger menschlicher Domestizierung ist? Sind der Kaiserstuhl, die mallorquinischen Mandelbäume oder ein aufgeforsteter Regenwald natürlich, sind sie doch Ergebnis zielgerichteten menschlichen Planhandelns? Gibt es überhaupt noch Bereiche auf der Erde, deren Zustand als natürlich zu bezeichnen ist, da doch über die vom Menschen induzierte Klimaveränderung auch Auswirkungen selbst für diejenigen Orte auf der Welt bestehen, die nie ein Mensch betreten hat? Was wäre also ein
19 Grenzfälle wie echte Mensch-Tier-Hybride kommen in der Wirklichkeit bislang nicht vor, und auch in bestimmten Fällen der menschlichen Lebensform (werdendes oder vergehendes menschliches Leben, Menschen mit besonderen Fähigkeiten oder besonderen Einschränkungen) ist die Frage der Gattungszugehörigkeit zumeist unkontrovers. Auch technisch veränderte Menschen sind zunächst einmal Menschen (Heilinger/Müller 2007).
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6. Natur
Beispiel für etwas eindeutig oder perfekt Natürliches oder etwas eindeutig oder perfekt Künstliches? Angesichts dieser Schwierigkeiten, innerhalb der menschlichen Einflusssphäre zweifelsfreie Beispiele für die adäquate Begriffsverwendung aufzuzeigen, lässt sich in diesem zweiten Zusammenhang Natürlichkeit als komparativer Begriff verstehen (Birnbacher 2006, 6), der über mehrere Dimensionen verfügt. Das Natürliche und das Künstliche sind hierbei lediglich als „Pole“ zu verstehen, zwischen denen sich ein graduelles Spektrum befindet. Dieses Spektrum lässt sich in verschiedener Hinsicht näher spezifizieren, denn es bestehen zumindest zwei Möglichkeiten, Natürliches von Künstlichem abzugrenzen. (a) Im Anschluss an Mill lassen sich verschiedene Dimensionen von Natürlichkeit im genetischen Sinn unterscheiden (Birnbacher 2006, 9 – 13). Hier werden mögliche menschliche Einflüsse auf den Prozess der Entstehung eines Dinges oder Zustandes untersucht. Wenn also Menschen an dem Zustandekommen einer Entität beteiligt sind, kann man diesen menschlichen Einfluss hinsichtlich der drei Faktoren Eingriffstiefe, Dichte der Wechselwirkungen und Intentionalitt graduieren. So können gemäß der ersten Dimension von Natürlichkeit im genetischen Sinn gentechnische Eingriffe in das Erbgut einer Pflanze vom Gießen derselben als weniger „natürlich“ unterschieden werden. Die unterschiedliche „Dichte der Wechselwirkungen zwischen natürlichem Substrat und Kultur“ (Birnbacher 2006, 10) zeigt sich exemplarisch an der kontinuierlichen Weiterzüchtung von Nutzpflanzen oder Nutztieren über die Jahrhunderte, die in engem Wechselspiel mit den kulturellen Umständen erfolgte, unter denen die Menschen lebten, und deren Ergebnisse wiederum auf die Lebensumstände der Menschen zurückwirkten, die sich an der Kultivierung der Tiere oder Pflanzen beteiligten. Die Ko-Evolution zweier Arten kann also, gemessen an der Dichte der Interaktion zwischen beiden, als mehr oder weniger „natürlich“ unterschieden werden. Die dritte genetische Dimension von Natürlichkeit liegt in der Intentionalität, die der Veränderung der Natur (verstanden gemäß der ersten Dichotomie als alles das, was zunächst nicht Resultat menschlichen Handelns ist) zugrunde liegt. So lassen sich nicht intendierte Nebenwirkungen von Hauptwirkungen unterscheiden. Nebenwirkungen rufen aber nicht immer geringere Veränderungen hervor: Eine intentionale Veränderung könnte etwa in der Vergrößerung des Fleischanteils eines Nutztiers durch Züchtung liegen; eine nicht intendierte Nebenwirkung der verbesserten Ernährung von Menschen in der damit verbundenen Zunahme der Erdbevölkerung, der Erhöhung des Ausstoßes von Treibhausgasen durch
6.3. Binnendifferenzierungen des Naturbegriffs
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Tierzucht, und schließlich der Zerstörung der Lebensgrundlage der Menschen selbst. Es zeigt sich, dass hinsichtlich der Entstehungsbedingungen der Ausstattung der Welt mit dem Auftreten des Menschen immer weitere Bereiche dem menschlichen Einfluss ausgesetzt sind. Reine Formen natürlicher oder künstlicher Zustände und Dinge sind kaum oder gar nicht zu finden: Natürlich und dem menschlichen Einfluss gänzlich entzogen sind in einem strengen Sinne allenfalls Elemente jenseits der Oberfläche unseres Planeten; völlig künstlich und damit ausschließlich von menschlichem Handeln abhängig kann man sich auch nichts vorstellen, da jede menschliche Handlung immer den Kontext der („natürlichen“) Wirklichkeit voraussetzt und eine creatio ex nihilo dem Menschen nicht möglich ist. Die verschiedenen Dimensionen von Natürlichkeit im genetischen Sinne lassen sich also voneinander unterscheiden und nicht aufeinander reduzieren (z. B. kann etwas einen tiefen Eingriff ins Erbgut bedeuten und dabei wenig intentional sein, wie Nebenwirkungen der Atomtechnologien). Die Unterscheidung verschiedener Dimensionen von genetischer Natürlichkeit innerhalb des Naturbegriffs macht so viele Differenzierungen nötig, dass die Rede von einem Begriff der Natürlichkeit unplausibel wird. (b) Als zweiten Bereich, innerhalb dessen komparativ verschiedene Grade von Natürlichkeit unterschieden werden können, nennt Birnbacher die qualitative Ebene. So lassen sich hinsichtlich der äußeren Form eines Dinges, hinsichtlich seiner Zusammensetzung, seiner Funktionsweise sowie seiner raumzeitlichen Dimension verschiedene qualitative Grade der Natürlichkeit differenzieren. Die vier genannten Klassifikationskriterien zeigen, dass auch hier eine Vielfalt von Unterscheidungen unter einen einzigen Begriff gefasst wird. Wie schon bei der genetischen Dimension der Natürlichkeit bestehen auch im qualitativen Sinne zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten der einzelnen Aspekte von Natürlichkeit, die eine objektive Skalierung unmöglich machen: So kann hinsichtlich ihrer äußeren Form eine Plastikblume natürlich sein und dabei zugleich hinsichtlich ihrer Zusammensetzung weit dem Pol der Künstlichkeit zugeordnet werden. Eindeutige Bestimmungen des Grads von Künstlichkeit oder Natürlichkeit hängen damit immer von der jeweilig untersuchten Perspektive ab und beinhalten wenige oder keine Implikationen für die Beurteilung der jeweils anderen möglichen Perspektiven. Trotz dieser kritischen Diagnose, die die unproblematische Feststellung eines Naturbegriffs ausschließt, plädiert Birnbacher nicht dafür, den Begriff gänzlich zu verabschieden. Schließlich handelt es sich dabei –
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gerade in der Vielfalt der Dimensionen – um einen zentralen Maßstab der menschlichen Weltorientierung. Stattdessen schlägt er vor, die einzelnen Aspekte der Natürlichkeit als empirische Fragen zu behandeln, klar zu differenzieren, welche Aspekte konkret gemeint sind, und von Verallgemeinerungen abzusehen. So schreibt Birnbacher, bei den Fragen nach der genetischen oder qualitativen Natürlichkeit handele es sich um empirische Fragen, die sich mit wissenschaftlichen Methoden und mit intersubjektiv verbindlichen Resultaten untersuchen lassen, auch wenn diese Resultate stets nur vorläufig ausfallen können und gegen Revisionen nicht gefeit sind. (Birnbacher 2006, 16)
Ein einziger Maßstab, der objektiv oder subjektiv zu überzeugen vermöchte, kann damit nicht begründet werden, denn „die einzelnen Dimensionen [sind] zu verschiedenartig und in ihrem subjektiven Gewicht intra- und interpersonell zu instabil […], um auf einen zugleich ,objektiven‘ und intuitiv adäquaten Maßstab zu führen“ (ebd.). Solcherart aufgeschlüsselt wird die Rede von der „Natürlichkeit“ einer Sache zwar verständlich, da je nach Perspektive verschiedene Aspekte voneinander unterschieden werden können. „Die Natur“ ist damit als eigenständiges Substantiv allerdings vermieden, die Rede von „Natürlichkeit“ kommt weit weniger realistisch daher, indem sie sich als Substantivierung des Adjektivs „natürlich“ erklärt und hinsichtlich verschiedener Dimensionen spezifiziert werden kann, statt eine Hypostasierung des Weltganzen oder einer anderen Entität zu versuchen. Der Naturbegriff, so wichtig seine Orientierungsfunktion auch ist, zeigt sich in zu vielen Facetten, um zur Bestimmung des Begriffs „Enhancement“ sinnvoll herangezogen werden zu können. Die möglichen biotechnischen Interventionen setzen an den unterschiedlichsten Punkten der „natürlichen“ oder weniger „natürlichen“ Wirklichkeit an und bemühen die unterschiedlichsten mehr oder weniger „natürlichen“ Mittel. Insofern es sich um menschliche Handlungen handelt, sind sie zudem alle als „unnatürlich“ im zunächst eingeführten klassifikatorischen Sinne zu bezeichnen. Der zu Beginn des Kapitels erwähnte „Verfall“ des Naturbegriffs – die Zersplitterung großer Orientierungen in zahlreiche Einzelaspekte – erschwert eine Definition von Enhancement auf dieser Grundlage. Im folgenden Kapitel soll daher der Begriff der Natur des Menschen näher betrachtet werden, schließlich handelt es sich bei Enhancement, so wird vermutet, nicht nur um unnatürliche Eingriffe in die Natur im allge-
6.3. Binnendifferenzierungen des Naturbegriffs
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meinen, sondern um Eingriffe, die am Menschen vorgenommen werden, also insbesondere die menschliche Natur betreffen könnten.
7. Natur des Menschen In der stipulierten Definition von Enhancement unter Berufung auf ein „natürliches Maß“ klingt neben den oben aufgefächerten allgemeinen Natürlichkeitsvorstellungen auch die Idee der „menschlichen Natur“ oder der „Natur des Menschen“ an. Die Verwendung dieses Begriffs und Berufungen darauf sind in den Debatten über Human Enhancement verbreitet. Im Kontext der Definition von Enhancement suggeriert der Begriff einer menschlichen Natur einen Maßstab, dessen Überschreiten konstitutiv für die Qualifikation einer bestimmten Handlung als Enhancement ist. Der Begriff wird jedoch auch – und vor allem – innerhalb der Enhancementdebatte gebraucht, um über die moralische Legitimität bestimmter Enhancement-Praktiken zu diskutieren.20 Bevor dieser zweite, moralische Diskurs näher betrachtet und ein Beitrag dazu geleistet werden soll (in Teil IV), soll an dieser Stelle die Tauglichkeit des Begriffs „Natur des Menschen“ für die sachliche Bestimmung von Enhancement überprüft werden. Die komparativen Differenzierungen des Naturbegriffs lassen sich auch auf menschliche Individuen anwenden und erschweren damit eine eindeutige Bestimmung der Natürlichkeit oder der Natur menschlicher Organismen. Auch mit Blick auf menschliche Individuen lassen sich die einzelnen Teilaspekte der Natürlichkeit als empirische Fragen angehen und beantworten. Allerdings ist mit der Rede von der Natur des Menschen häufig ein weitergehender Anspruch verbunden, der nicht allein auf Beantwortung konkreter Teilfragen hinsichtlich qualitativer oder genetischer Natürlichkeit abzielt.21 Die verschiedenen Bedeutungen der Rede von der menschlichen Natur werden im Folgenden näher aufgeschlüsselt. 20 Habermas 2001, Fukuyama 2002, Sandel 2007 z. B. berufen sich in moralischer Hinsicht auf die menschliche Natur, um gegen die möglichen EnhancementEingriffe zu argumentieren, andere – z. B. Winnacker/Haniel 1997 und einige Transhumanisten (Bostrom 2005; Bostrom/Sandberg 2009) – berufen sich auf die menschliche Natur (und ihre wesentliche Offenheit für Kultur und Selbstveränderung), um sich fr biotechnologische Interventionen auszusprechen. Letzteres wird bisweilen als das „drive to perfection“-Argument bezeichnet. 21 Die moralische Relevanz dieser Ansprüche wird in Kapitel 14 kritisiert.
7.1. Das biologische Kriterium der Spezieszugehörigkeit
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Roughley hat einen Vorschlag gemacht, wie der Begriff der menschlichen Natur zu analysieren ist (Roughley 2005). In deskriptiver Hinsicht unterscheidet er drei mögliche Begriffe der menschlichen Natur, die häufig miteinander vermischt werden. Ich werde diese kurz vorstellen, um anschließend zu prüfen, ob damit hinsichtlich der Definition von Enhancement etwas gewonnen ist.22
7.1. Das biologische Kriterium der Spezieszugehörigkeit Die Evolutionstheorie erzählt die „Geschichte“ der Entwicklung der Lebewesen. Taxonomische Zuordnungen bestimmter Individuen zu einer Spezies sind daher Aussagen über die Abstammung der Individuen. Spezies sind Populationen (Gruppen von Organismen), „die sich durch ein bestimmtes Segment eines phylogenetischen Baums“ (Roughley 2005, 137; vgl. auch Mayr 2001) von anderen Populationen unterscheiden lassen. Ein solches biologisches Verständnis von Spezies bindet die Kriterien für die Zugehörigkeit von Individuen zur Spezies keineswegs an die Instantiierung bestimmter Eigenschaften, die etwa als wesentlich angesehen werden, sondern an die auf Abstammung basierende Zugehörigkeit zu einer bestimmten Population.23 Die Definition einer bestimmten Spezies und die Unterscheidung verschiedener Spezies wird dabei in Abhängigkeit von eigens heranzuziehenden relationalen Kriterien gefällt. Der 22 Alternative Analysen der Mehrdeutigkeit der Rede von der „menschlichen Natur“ sind möglich. Birnbacher 2008, 60 – 63 etwa unterscheidet drei von Roughleys Unterteilung verschiedene Bedeutungen: zunächst – hier besteht der größte Unterschied – die „faktische Beschaffenheit und die faktischen Verhaltensweisen des Menschen als Summe aller einzelnen menschlichen Individuen“, sodann die „biologische Beschaffenheit“ und schließlich die „den Menschen auszeichnenden und charakteristischen Merkmale, sein eigentümliches Wesen“ (letzterem entspricht Roughleys Aspekt der typischen Merkmale). Ich schließe mich in meiner Darstellung an Roughley an, weil ich die Unterteilung der „biologischen Beschaffenheit“ in den Aspekt der (statisch konzipierten) Spezieszugehörigkeit und den der Unterscheidbarkeit verschiedener „genetischer“ Aspekte („geworden“ oder „gemacht“) aufschlussreich finde. 23 Zur Unterscheidung des biologischen Spezieskonzept von einem taxonomischen Spezieskonzept – und anderen Alternativen – vgl. Mayr 2001, 161 – 173. Außerdem die Aufsätze Species und Some Puzzles about Species in Kitcher 2003; sowie Dupré 2002 zur Unterscheidung von Natural Kinds und biologischen Taxa, der die lediglich lokale Signifikanz derartiger Bestimmungen hervorhebt. Birnbacher 2006, 175, erinnert daran, dass insgesamt über zwanzig verschiedenen Definitionen für biologische Gattungszugehörigkeit miteinander konkurrieren.
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7. Natur des Menschen
Begriff der Spezies wird damit nicht mit robust realistischen Anforderungen überfrachtet, Spezies sind keineswegs Universalien, die als „natürliche Arten“ kontextlose Bestimmungen erlauben.24 Vielmehr handelt es sich bei biologischen Arten um „Clusterbegriffe“ (Roughley 2005, 138), die eine relativ stabile Eigenschaftskonstellation innerhalb einer Abstammungsgemeinschaft hervorheben, dabei aber nicht ohne eine Betonung der zeitlichen Variabilität auskommen: Innerhalb der Evolution haben sich solche relativ stabilen Populationen mit bestimmten Eigenschaftssets herausgebildet, die sich jedoch kontinuierlich weiter entwickeln und schließlich auch wieder vergehen können, so dass gilt: „species-typical functioning is a shifting boundary“ (Chadwick 2008, 28). Die Beschreibung von relativ stabilen Eigenschaftsbündeln erlaubt somit lediglich „Momentaufnahmen“ aus der Geschichte der Evolution. Auch der Mensch ist in dieser Hinsicht über ein relativ bestimmtes Bündel biologischer Eigenschaften konstituiert, die die Rede von einer Spezies Mensch rechtfertigen (oder auch von einer „Natur des Menschen“ im ersten, biologischen Sinne). Da jedoch die zur Spezies gehörigen Individuen keineswegs allesamt die biologischen Merkmale aufweisen müssen, die zur Konstitution der Spezies führen, ist mit diesem Verständnis des Speziesbegriffs für die Definition von Enhancement (verstanden als Verbesserung biologischer Merkmale) wenig gewonnen. In biologischer Hinsicht erweist sich das Abstammungskriterium für die Bestimmung der Spezieszugehörigkeit als ausschlaggebend. Hier lässt sich durch Eingriffe in das natürliche Funktionieren eines Individuums keine Bestimmung von Enhancement finden, da die Abstammungsrelation dadurch nicht tangiert wird. Lediglich das künstliche Erzeugen von Menschen – also etwa von Androiden, die über keine gemeinsame Abstammungsgeschichte mit Menschen verfügen (wenn es denn möglich wäre) – würde diese Relation nicht erfüllen. Alle anderen Menschen, egal welche Eingriffe mit ihnen vorgenommen würden, wären solange im geschilderten biologischen Sinn als der Spezies Mensch zugehörig zu betrachten, wie die Abstammungslinie nicht unterbrochen wird. Es ist allerdings vorstellbar, dass sich durch eine weitere Entwicklung eine Population innerhalb der Spezies Mensch herausdifferenziert, die über eine andere spezifische Konstellation von Eigenschaften verfügt, als die gegenwärtige „Momentaufnahme“ der Spezies Mensch sie zusammenfasst. In biologischer Hinsicht wäre gegebenenfalls über die Kriterien 24 Vgl. hierzu auch die Diskussion der Frage, ob der Begriff „natürliche Art“ selbst „a natural kind term“ sei in Dupré 2002, 103 – 123.
7.2. Die „typisch“ menschliche Lebensform
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des Entstehens einer eigenen Fortpflanzungsgemeinschaft oder der Besetzung einer ökologischen Nische, sowie über das Kriterium genetischer oder phänotypischer Kohärenz zu prüfen, ob eine neue Spezies entstanden ist. In diesem Fall wäre unter Berufung auf die menschliche Natur auch eine Definition von Enhancement denkbar, nämlich als diejenigen Interventionen, die zur Herausbildung einer eigenen Spezies führen. Allerdings wird damit das als Enhancement zu bezeichnende Handlungsspektrum so weit eingeschränkt, dass bislang noch kein Enhancement stattgefunden hätte. Daher erweist sich diese Begriffsbestimmung der Natur des Menschen für die Definition von Enhancement, die einen gegenwärtigen Problembereich umfassen soll, als unzureichend.25
7.2. Die „typisch“ menschliche Lebensform Unabhängig von einer direkten Berufung auf die biologischen Eigenschaften menschlicher Organismen zeichnet ein zweiter Versuch, die Natur des Menschen zu bestimmen, typische und als wesentlich angesehene Eigenschaften des Menschen aus. Hierfür ist in der Geschichte des Nachdenkens über Menschen eine ganze Reihe von Kandidaten genannt worden, die häufig formelhaft zusammengefasst wurden. So sei etwa der Vernunftgebrauch dem animal rationale wesentlich, außerdem wurden die Fähigkeit zum gesellschaftlichen Zusammenleben (animal sociale), der Werkzeuggebrauch (homo faber 26), das Sprachvermögen (homo loquax) und viele andere Eigenschaften mehr als Wesensmerkmale des Menschen vorgeschlagen.27 Ein solcher Versuch der Wesensbestimmung verfährt zumeist über eine Reduktion. Aus der Vielzahl menschlicher Eigenschaften, Fähigkeiten und Dispositionen wird jeweils eine in den Vor25 Außerdem ist es unter den gegebenen Umständen äußerst unwahrscheinlich, dass die Isolation einer bestimmten menschlichen Population über die zur Speziesierung nötige lange Zeitspanne aufrechterhalten werden könne. Auf solchem „natürlichen“ Wege ist somit kaum mit einer Veränderung der biologischen Natur des Menschen zu rechnen. 26 Vgl. dazu aktuell Müller 2010. 27 Konsequenterweise müssten allerdings auch typisch menschliche Eigenschaften wie Eigennutz, Neigung zur Ausbeutung anderer, Brutalität etc. erwogen werden, die jedoch auffallend selten zur Bestimmung der typisch menschlichen Lebensform herangezogen werden. Eine umfangreiche Sammlung von meist formelhaften Bestimmungen des Menschen findet sich in Mäckler/Schäfers 1989.
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7. Natur des Menschen
dergrund gerückt und dient als Grund der erklärten Besonderheit des Menschen („Sonderstellung“). Während der Mensch mit anderen Lebewesen als animal bezeichnet werden kann, ist die Angabe einer differentia specifica dasjenige, was ihn unterscheidbar und damit zum Menschen macht. Solche Versuche der Reduktion auf ein spezifisches Merkmal sind allerdings problematisch. Wesensbestimmungen sind tendenziell eher auf eine metaphysische Kategorie denn auf konkrete Individuen gerichtet.28 Das „Universale“ Mensch wird damit wesentlich bestimmt, ein Bezug auf das Individuum, das möglicherweise nicht über die jeweilige Eigenschaft verfügt, bleibt außen vor. Darüber hinaus wird der Zusammenhang zwischen den verschiedenen Kandidaten für wesentliche Eigenschaften nicht hinreichend beleuchtet. Dabei würde wohl allenfalls ein „spezifisches Set“ menschlicher Eigenschaften den Unterschied zu anderen Spezies gut darstellen. Roughley macht im Zusammenhang dieser zweiten Definitionsstrategie der Natur des Menschen darauf aufmerksam, dass die Betonung bestimmter Eigenschaften und Verhaltensmerkmale von Menschen prinzipiell der Vorgehensweise der allgemeinen Ethologie ähnelt. So ist dann die Rede von der menschlichen Natur in diesem Sinne zu verstehen als die Auflistung der „strukturellen Eigenschaften der charakteristischen menschlichen Lebensform“ (Roughley 2005, 141), wie die Ethologie es auch bei anderen Spezies untersucht. Allerdings lässt sich hier ein deutliches Auseinanderklaffen zwischen der biologischen Entwicklung der Spezies Mensch erkennen (deren älteste Funde in Afrika bis vor ca. 160.000 Jahren zurückreichen29) und dem spezifischen Set struktureller Eigenschaften der menschlichen Lebensform, die eher in einer bestimmten Verhaltensweise denn einer biologischen Ausstattung zu suchen sind. Roughley erwägt in diesem Zusammenhang die Fähigkeit zu „detailliert geplanten und koordinierten“ Handlungen als engeres Kriterium zur Bestimmung der strukturellen Eigenschaften der menschlichen Natur (Roughley 2005, 141). Nach Ansicht der Paläoanthropologen, auf die er sich bezieht, ist dieses Verhalten vor ca. 30.000 Jahren erstmalig gesichert nachweisbar. Somit ist das spezifische, als menschliche Natur zu bezeichnende Set von jungpaläolithischen Handlungsdispositionen und Eigenschaften abermals lediglich 28 Dieses Vorgehen wurde insbesondere von der deutschsprachigen Tradition der Philosophischen Anthropologie bevorzugt. 29 Über die Evolution des Menschen informieren etwa Schrenk 2004, Junker 2006 sowie Jones et al. 1992.
7.2. Die „typisch“ menschliche Lebensform
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als eine bestimmte Momentaufnahme der Entwicklung zu bezeichnen. Solche Einschränkungen wirken jedoch irritierend, da sie innerhalb der Gattung homo sapiens weitere Spezifizierungen erlauben, die ihrerseits als menschliche Natur ausgezeichnet werden können: Grundsätzlich wird durch die von Roughley zu Recht eingeforderte Präzisierung des Begriffs der menschlichen Natur im Sinne einer spezifischen Lebensform auch die Möglichkeit geschaffen, von der postindustriellen menschlichen Natur oder gar der postmodernen menschlichen Natur zu reden, insofern damit ein strukturelles Eigenschaftsset gemeint ist, das eine charakteristische Lebensform des Menschen betrifft. Das mag vor dem Hintergrund des biologischen Spezieskonzepts abwegig erscheinen.30 Bei einer engen zeitlichen Begrenzung der spezifisch menschlichen Lebensform könnten somit Engführungen möglich sein, die den vermeintlich feststehenden, kohärenten Charakter der menschlichen Natur von der Frage abhängig machen, welches Zeitfenster man anzulegen bereit ist. Daraus nun ergibt sich, dass auch die Frage, welche verändernden Eingriffe in den menschlichen Organismus über ein natürliches Maß hinausgehen, nur mithilfe eines Kriteriums zu bewerten ist, das nicht als objektiv bezeichnet werden kann: Je nachdem, wie nah ein Betrachter „heranzoomt“, können die verschiedensten strukturellen Eigenschaften von jeweiligen menschlichen Lebensformen erkannt werden. Gleichwohl können plausible Gründe vorgebracht werden, Roughleys Vorschlag zuzustimmen, im Jungpaläolithikum eine Zäsur zu setzen. Der „moderne“ Mensch mit den spezifischen Möglichkeiten war in früheren Entwicklungsstufen des homo sapiens noch nicht vorstellbar: Die Voraussetzungen für geplante und koordinierte Handlungen, für das organisierte soziale Zusammenleben scheinen erst auf einer bestimmten Entwicklungsstufe gegeben zu sein.31 Eingriffe in die menschliche Natur wären gemäß dieser zweiten Bestimmung des Begriffs „Natur des Menschen“ solche, die das Eigenschaftsset von Handlungsfähigkeit und sozialer Kooperation veränderten.32
30 Dennoch ist der Gedanke der Variabilität im Verständnis des Begriffs „Mensch“ ernstzunehmen und wird in Teil IV näher untersucht. 31 Die weiteren möglichen Differenzierungen der menschlichen Natur in diesem zweiten Sinne können dann als Binnendifferenzierungen der jungpaläolithischen Entwicklungsstufe angesehen werden. 32 Ein überzeugendes Eklärungsmodell dieser kulturellen Entwicklung des Menschen hat etwa Donald 2002 vorgelegt, der jeweils den Erwerb zusätzlicher semiotischer Kompetenzen heranzieht, um die Humangenese in Stufen zu un-
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7. Natur des Menschen
7.3. Geworden und Gemacht Als dritte Bedeutung des Begriffs der menschlichen Natur führt auch Roughley die Unterscheidung zwischen dem interventionslos Gewordenen und dem unter dem Einfluss von Menschen Entstandenen oder Gemachten ein. Menschliche Natur in diesem Sinne wird verstanden als „das Set von menschlichen Eigenschaften […], zu deren Entstehung kein menschliches Handeln kausal beigetragen hat“ (Roughley 2005, 145). Einwände gegen die Tragfähigkeit einer solchen Begriffsdefinition sind offenkundig: Müller hält einer solchen Definition entgegen, dass es grundsätzlich „alles andere als klar [ist], was bei dem Naturkulturwesen Mensch ,geworden‘ und was ,gemacht‘ ist.“ (Müller 2008, 45; vgl. auch Gutmann 2002). Ist nicht schon jede Zeugung eine menschliche Handlung und ist nicht damit jedes Individuum immer erst als kausale Folge einer menschlichen Handlung auf der Welt (vgl. Bayertz 2005, 13 ff.)? Und selbst wenn dieser Aspekt einmal zurückgestellt bliebe; ist nicht die menschliche Lebensform durch und durch geprägt vom Einfluss anderer Menschen und ihrer Handlungen sowie insgesamt von einem langen Zivilisierungsprozess, so dass die Natürlichkeit eines Individuums, die allenfalls im Augenblick der Geburt bestanden haben könnte,33 anschließend immer weiter zurückgedrängt und mit dem Erwachsenwerden das menschliche Leben zunehmend weniger natürlich würde? Die Sozialität von Menschen und die Enkulturation würden jede Natürlichkeit in diesem dritten Sinne schnell zunichte machen. Ob es also „universal innate mental processes and developmental mechanisms“ (Tooby/Cosmides 1990, 23) gibt, wie von der evolutionären Psychologie behauptet wird, wird angesichts der extremen Einbindung menschlicher Individuuen in kulturelle und soziale Zusammenhänge,34 die alles „Angeborene“ – wenn man so will – schon pränatal beeinflussen, meines
terteilen. Der letzte Schritt zur Humanität setzt dann die Fähigkeit des Symbolgebrauchs voraus. 33 Dass im Moment der Geburt die Natur des Menschen vollständig natürlich sei, kann bezweifelt werden: Zum einen aufgrund der der Geburt vorangehenden Handlungen der jeweiligen Eltern und zum anderen – besonders unter gegenwärtigen Bedingungen – aufgrund der pränatalen Untersuchungen und Behandlungen. 34 Tomasello spricht prägnant von der menschlichen „hyper-cooperativeness“ (Tomasello 2008, 172).
7.4. Begriffliche Schwierigkeiten: „Natur“ und „Natur des Menschen“
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Erachtens zu Recht bestritten.35 Damit wird auch mit diesem Verständnis der Natur des Menschen eine Definition von Enhancement kaum möglich sein.
7.4. Begriffliche Schwierigkeiten: „Natur“ und „Natur des Menschen“ Insgesamt zeigt sich somit ein zersplittertes Bild der (menschlichen) Natur. Natürlichkeitsvorstellungen sind vielfältig und mehrdeutig, so dass jede Bestimmung der Natur oder der Natur des Menschen immer zu einem großen Teil von kontingenten Entscheidungen oder kontingenten kulturellen Einflüssen abhängt. Es handelt sich bei Bestimmungen der Natur wie der Natur des Menschen um Ideale, weil ein einheitlicher Begriff für eine Vielzahl von Aspekten und Individuen gefunden werden soll, der die Gemeinsamkeiten und die unterstellte verbindende Ursprünglichkeit trotz aller Einwände zum Ausdruck zu bringen versucht. Ein solches jeweiliges Ideal ist allerdings bis zu einem gewissen Grad irrational, weil es die zahlreichen möglichen (rationalen) Differenzierungen, die im Einzelnen angesprochen wurden, „entdifferenzierend“ verwischt. Die Vagheit des Begriffs lässt sich – wie Hans Blumenberg es vielleicht ausdrücken würde – nicht vollständig „in die Logizität zurückholen“ (Blumenberg 1960b, 10). Als Ideale verstanden, können – so ist jedoch zu vermuten – die Begriffe „Natur“ und „Natur des Menschen“ eine Funktion übernehmen, und sei es nur, verschiedene Aspekte der Welt oder der menschlichen Lebensform allgemein unter einen Begriff zu fassen. Die ethische Relevanz eines solchen Begriffs – verstanden als eine praktische, regulative Idee – wird in Teil IV eingehend betrachtet. Was bleibt nun von der Auseinandersetzung mit dem Begriff der Natur und der Natur des Menschen für die Definition von Enhancement? Der äußerst schillernde und facettenreiche Charakter dieser Begriffe macht eine genaue Bestimmung nötig, welcher Aspekt der Clusterbegriffe jeweils als Norm ausgezeichnet werden soll, gegenüber der 35 Aufschlussreich sind hier Duprés 2003 und Kitchers 1985 kritische Auseinandersetzungen mit der Soziobiologie und der evolutionären Psychologie, Donalds Theorie der „deep enculturation“ von menschlichen Wesen (Donald 2002, bes. 211 – 213) sowie die Hinweise auf kulturelle Einflüssse auf die biologische Evolution (Hawks et al. 2007).
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7. Natur des Menschen
dann Abweichungen und Veränderungen als Enhancements bezeichnet werden können. Weder eine Idee feststehender typischer Wesensmerkmale von Menschen noch Durchschnittswerte oder die Verständigung auf etwas „interventionslos Gewordenes“ stellen, so wurde gezeigt, eine hinreichend solide Grundlage zur Bestimmung des EnhancementBegriffs zur Verfügung. Vielmehr zeigte sich ein evolutionär und kulturell changierendes Gefüge von Eigenschaften und Fähigkeiten „des Menschen“, das schon in seiner Beschreibung von Wertungen abhängig ist und damit jede ausschließlich objektive Definition zumindest uninteressant werden lässt.
8. Eine dynamische Minimaldefinition von Enhancement 8.1. Eine dynamische Minimaldefinition Enhancements als eine einheitliche Klasse von Handlungen, die dadurch gekennzeichnet wären, eine bestimmte Grenze zu überschreiten, setzen zunächst eine explizite Verständigung über die Grenzbegriffe voraus und bleiben ohne diese Verständigung unscharf. In Kapitel 5 wurde gezeigt, dass die Begriffe Gesundheit und Krankheit sich nicht eindeutig gegeneinander abgrenzen lassen und dass daher auch eine Abgrenzung zwischen Therapie und Enhancement nicht eindeutig sein kann. Weiterhin wurde gezeigt – in Kapitel 6 und 7 –, dass sich auch mithilfe des Naturbegriffs keine trennscharfe Linie finden lässt, die eine klare Definition von Enhancement erlaubt. Angesichts dieser Diagnose bestehen zwei Möglichkeiten, den Begriff Enhancement zu verstehen.36 Man kann versuchen, trotz der terminologischen Schwierigkeiten an der Gegenüberstellung von Therapie und Enhancement festzuhalten, indem man gegen alle bekannten Widerstände einen operationalisierbaren Begriff von Gesundheit und Krankheit oder Natur einführt (etwa Daniels in Buchanan et al. 2001, 313, 320). Hier soll jedoch ein anderer Weg eingeschlagen werden. Eine weitere Möglichkeit besteht nämlich darin, bei der Definition von Enhancement auf „Normalitätsstandards“ wie Gesundheit und Natur zu verzichten. Dieser Verzicht wird zunächst lediglich probehalber vorgenommen. Im weiteren Verlauf der Debatten wird sich erweisen müssen, ob sich die aus dem Verzicht auf diese Unterscheidung ergebenden Begriffe, Definitionen und Argumente als tauglich erweisen, die Klarheit der Debatte zu befördern. Ziel ist es, eine „dynamische Minimaldefinition“ von Enhancement aufzustellen, die keine impliziten normativen Vorannahmen und Vorurteile mit sich führt, wie sie mit den Setzungen von Gesundheit 36 Auch Auflistungen von mehr als zwei Möglichkeiten (etwa Chadwick 2008) lassen sich auf diese beiden Optionen zurückführen: Entweder man setzt einen Bewertungsmaßstab oder man beschreibt bloß eine menschliche Handlung und klammert die Wertungen zunächst aus. Zu einer Übersicht über weitere Versuche, Enhancement zu definieren, vgl. auch Juengst 2000.
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8. Eine dynamische Minimaldefinition von Enhancement
und Natur immer einhergehen. Es geht nicht darum, eine „natürliche Art“ von Handlungen zu bestimmen, sondern darum, unter Vermeidung von normativen Vorannahmen einen Bereich menschlicher Handlungen einzugrenzen, der über einige problemkonstitutive Gemeinsamkeiten verfügt. Dynamisch nenne ich diese Definition, weil sie von einem statischen Verständnis der Begriffe Gesundheit/Krankheit und Natur absieht und auf die angestrebten Veränderungen fokussiert, die unterschiedliche Normalitätsstandards als Ausgangspunkt haben können. Minimal nenne ich diese Definition, weil sie lediglich den Kern des zu untersuchenden Phänomens zu fassen versucht, dabei aber mit möglichst wenigen Voraussetzungen und Zusatzannahmen auskommen möchte, um die Gefahr wertender Vorannahmen gering zu halten. Die dynamische Minimaldefinition von Enhancement lautet: Ein Enhancement ist ein auf bestimmte Vernderungen zielender, intentionaler Eingriff in den – material organisierten und mental reprsentierten – menschlichen Funktionszusammenhang, der subjektiv positiv evaluiert wird.
Damit ist der gemeinsame Kern derjenigen biotechnologischen Interventionen bezeichnet, die in der Enhancement-Debatte diskutiert werden (vgl. Kapitel 2). Allerdings fallen auch zahlreiche andere Interventionen unter den solcherart verstandenen Enhancement-Begriff, etwa Body-Piercings, die Einnahme eines guten Frühstücks und fast jeder ärztliche Eingriff (vgl. auch Savulescu 2006, 326). Damit ist diese Definition von Enhancement zwar adäquat, umfasst aber mehr als den spezifischen problematischen Gegenstandsbereich der aktuell geführten bioethischen Debatte. Zur Eingrenzung sind deshalb zusätzliche Bestimmungen der dynamischen Minimaldefinition nötig, die diese konkretisieren: Der bioethische Problembereich umfasst solche Enhancementhandlungen, die bestimmte, neuartige Biotechnologien anwenden und die dies mit weitreichenden Konsequenzen tun. Im Folgenden werden zunächst die drei Merkmale der dynamischen Minimaldefinition von Enhancement erläutert – (1) intentionaler Eingriff, (2) menschlicher Funktionszusammenhang, (3) positive Evaluation – und die zusätzlichen Bestimmungen vorgestellt – (a) neuartige biotechnische Mittel und (b) weitreichende Auswirkungen. Damit wird der bioethische Problembereich möglichst genau eingegrenzt. (1) Enhancements gehören zur Klasse der menschlichen Handlungen. Unter einer Handlung verstehe ich eine absichtsvolle menschliche Tätigkeit. Mit der Einordnung von Enhancements als eine spezielle Art menschlicher Handlungen ist angezeigt, dass die Intentionalität der
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Veränderung ein wichtiges Merkmal eines Enhancements darstellt.37 Entscheidend ist also die Absichtlichkeit und Zielgerichtetheit einer Enhancementhandlung.38 (2) Der „Gegenstand“, auf den sich die Enhancementmaßnahme richtet, ist der Mensch selbst. Es versteht sich von selbst, dass konkret immer nur Individuen Gegenstand solcher Maßnahmen sein können, auch wenn durch eine weit reichende Anwendung dieser Maßnahmen auch die Menschheit, also eine größere Population, als Gegenstand dieser Maßnahmen gelten kann. Die Fokussierung auf immer neue, individuelle Einzelfälle darf jedoch in systematischer Hinsicht nicht aus dem Blick verloren werden. Die Rede von der Menschheit insgesamt, beziehungsweise vom Menschen „an sich“, der Gegenstand einer Enhancementmaßnahme sein kann, ist in diesem Sinne daher immer als eine Verallgemeinerung der Summe individueller Enhancements zu verstehen. Enhancements werden damit auch von Eingriffen abgegrenzt, die auf eine Verbesserung der Umweltbedingungen abzielen. Wenn Menschen Gegenstand von Enhancements sind, muss differenziert werden, an welcher „Stelle“ von Menschen diese ansetzen und wirksam werden. Letztlich muss also im Hintergrund einer angemessenen Definition von Enhancement eine zumindest in Grundzügen zu erläuternde anthropologische Konzeption stehen, die berücksichtigen wird, dass der Mensch ein kçrperliches Lebewesen ist, das über Bewusstsein verfügt und damit in einem Verhältnis zu seinen Lebensvollzügen steht. Auch wenn der genaue Zusammenhang zwischen diesen beiden unterscheidbaren Ebenen nicht vollständig geklärt ist, ergeben sich damit zwei (zusammenhängende aber unterscheidbare) Bereiche, die Gegenstand von Enhancements werden können: Ein Enhancement kann insgesamt 37 Eine etwa durch die Explosion eines Atomkraftwerks verursachte Steigerung der Intelligenz der Menschheit fällt nicht unter diesen Begriff, ebenso wenig eine etwa durch den (nicht absichtsvoll herbeigeführten) Biss eines Tieres ausgelöste Immunität gegen eine bestimmte Krankheit. Eine Enhancementmaßnahme werden diese Ereignisse lediglich dann, wenn sie durch den Menschen intentional herbeigeführt werden (etwa durch gezielte Bestrahlung oder die geplante Explosion des Kraftwerks, bzw. durch Injektion der immunisierenden Substanz). 38 Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Gedanke, den Nick Bostrom unter dem Namen „Status Quo Bias“ diskutiert. Er unterstellt den Menschen allgemein ein gewisses Beharrungsbestreben, das sie dazu verleitet, an aufgrund von Zufällen nun einmal bestehenden positiv bewerteten Eigenschaften festzuhalten, auch wenn eine intentionale Handlung zum Erreichen dieser Eigenschaft zuvor abgelehnt wurde. Vgl. Bostrom/Ord 2006.
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8. Eine dynamische Minimaldefinition von Enhancement
betrachtet eine psychische und/oder physische Veränderung intendieren und bewirken.39 Was durch biotechnologische Enhancements intentional verändert werden soll, ist damit der organismische Funktionszusammenhang menschlicher Individuen, der biologische und kognitive Leistungen gleichermaßen umfasst. (3) Konstitutiv für den kohärenten Gebrauch des Begriffs Enhancement ist die Komponente der positiven Evaluation der durchgeführten intentionalen Intervention in den menschlichen Funktionszusammenhang.40 Der evaluative Akt41 lässt sich aus dem Enhancement-Konzept nicht entfernen: Wenn etwas nicht als gut angesehen würde, wäre die Rede von einem Enhancement unplausibel. Doch die aktuelle Debatte über mögliche Verbesserungen des Menschen zeigt, dass einstweilen nicht einmal klar ist, was überhaupt als eine Verbesserung zählen würde. Schon die Übersetzungsmöglichkeiten des englischen Wortes ins Deutsche als „Verbesserung“ (qualitativ-wertend) oder „Steigerung“ (quantitativ-graduell ohne Wertung) weist darauf hin. Zum einen kann es sich um eine qualitative Verbesserung handeln, zum anderen kann auch eine lediglich quantitative Steigerung als Enhancement bezeichnet werden. Die quantitative Dimension allein erlaubt jedoch keine sinnvolle Definition von Enhancement, da damit ausnahmslos alls absichtsvollen Tätigkeiten, die irgendeine messbare und quantifizierbare Veränderung des menschlichen Funktionszusammenhangs bewirkten, als Enhancement zu bezeichnen wären. Damit würde der Begriff jegliche Trennschärfe verlieren. 39 Zur Klassifikation möglicher Eingriffe auf der Basis ihrer physischen Ansatzpunkte, s. Kapitel 2. Meine anthropologische Skizze, die über die beiden minimalen Elemente Körperlichkeit und Bewusstsein hinausgeht, entwickele ich in Kapitel 17.1. 40 Dieser Ansatz ist affin zur Position von Harris: „In terms of human functioning, an enhancement is by definition an improvement on what went before. If it wasn’t good for you, it wouldn’t be enhancement.“ (Harris 2007, 9). Harris setzt jedoch voraus, dass etwas tatsächlich gut sein muss, um ein Enhancement zu sein. Ich rede dagegen nur von einer subjektiven positiven Evaluation – und weise damit darauf hin, dass die Frage, ob Enhancements wirklich gut sind, nicht begrifflich abschließend geklärt werden kann. Ähnlicher zu meinem Ansatz ist daher Savulescus kontextsensitive „welfarist definition of enhancement“: „Any change in the biology or psychology of a person which increases the chances of leading a good life in circumstances C.“ (Savulescu 2006, 324). 41 Dieser evaluative Akt ist nicht zu verwechseln mit den – zu Beginn dieses Kapitels und in Kapitel 14 – von mir kritisierten impliziten normativen Vorannahmen.
8.1. Eine dynamische Minimaldefinition
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Eine positive Evaluation ist also notwendig zur Kennzeichnung von Enhancements und diese Evaluation muss wesentlich individuell sein: Angesichts der Tatsache individuell und interkulturell unterschiedlicher Bewertungen, angesichts unterschiedlicher Vorstellungen von menschlichem Wohlergehen und angesichts der Schwierigkeiten einer allgemeingültigen verbindlichen Fixierung von moralischen Normen setzt jede Evaluation immer subjektive Instantiierung und Plausibilität voraus, die nicht unter dem Vorrang einer wissenschaftlich fixierten, verbindlichen Normativität stehen kann.42 Wollte man eine objektive Definition von Enhancements vornehmen, handelte man sich die Pflicht ein, eine absolute und verbindliche Theorie des Guten präsentieren oder voraussetzen zu müssen. Bislang wurde mit der dynamischen Minimaldefinition der Bereich möglicher Enhancementhandlungen im weiteren Sinne bestimmt. Um den konkreten bioethischen Problembereich der Enhancement-Debatte im engeren Sinne einzugrenzen, müssen die betreffenden Enhancementhandlungen zwei weitere Bedingungen erfüllen: (a) Sie greifen auf bestimmte, zumeist neuartige Humanbiotechnologien zurück, wie sie oben – in Kapitel 2 – exemplarisch vorgestellt wurden. Mit dieser zusätzlichen Bestimmung werden biotechnische Enhancements von anderen „verbessernden“ Handlungen, die ein Individuum positiv bewertet (etwa Joggen, Body-Piercings oder gesunde Ernährung), abgesondert. Außerdem wird eingefordert, dass (b) Enhancements weitreichende Konsequenzen hervorbringen. Damit ist gemeint, dass eine minimale Veränderung etwa der kognitiven Leistungsfähigkeit oder eine minimale Veränderung der gesunden Lebensspanne noch kein Enhancement im engeren Sinne der aktuellen bioethischen Enhancement-Debatte konstituieren würden, selbst wenn die anderen Bedingungen erfüllt wären.43 42 Damit meine ich, dass ein Akt der individuellen positiven Evaluation notwendig ist, um eine Handlung als Enhancement auszuzeichnen. Dass die individuelle Evaluation ihrerseits de facto immer in soziale Interaktionszusammenhänge eingebettet ist, stellt keinen Widerspruch zu meiner These dar. Mir geht es vielmehr darum, dass man nicht für jemand anderen festsetzen kann, was dieser auf einer vermeintlich objektiven Grundlage für ein Enhancement zu halten habe. 43 Hier zeigt sich wieder die Schwierigkeit einer trennscharfen Unterscheidung: Fällt die Einnahme von Koffein nicht unter Enhancements, die Einnahme einer niedrigen Dosis Modafinil dahingegen schon? Gemäß meiner Minimaldefinition würde die Einnahme von Psychopharmaka tendenziell eher als Enhancement angesehen werden als die Einnahme von Nikotin, weil es sich im ersten Fall um eine entwickelte Biotechnologie handelt; hinsichtlich einer möglicherweise lediglich geringfügigen Veränderung der Leistungsfähigkeit würde Modafinil
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8. Eine dynamische Minimaldefinition von Enhancement
Die Enhancement-Debatte würde minimale Veränderungen nicht zum Anlass für ethischer Reflexionen nehmen, wobei die Ausdrücke „minimal“, bzw. „weitreichend“ ihrerseits kontextabhängig sind und nicht ohne einen Blick auf die Wirklichkeit geklärt werden können: So könnten etwa auch geringfügige Veränderungen im Gehirn langfristig weiterreichende Auswirkungen auf die Persönlichkeit haben.
8.2. Einschätzung der dynamischen Minimaldefinition Was aber ist mit einer solchen minimalen Definition gewonnen, die zudem aufgrund der Variabilität in Bezug auf die differierenden subjektiven Wertmaßstäbe als dynamisch bezeichnet werden muss und auf zwei empirische Zusatzannahmen angewiesen ist? Zum einen bezeichnet sie treffend den gemeinsamen Kern der verschiedenen biotechnologischen Eingriffe. Dies vermag eine auf der unklaren Abgrenzung der Enhancements von therapeutischen Maßnahmen beruhende Definition oder eine solche, die die Unnatürlichkeit der Eingriffe zur Unterscheidung heranzieht, nicht zu leisten. In diesen Fällen würde – auf unplausible Weise ein vermeintlicher Gegensatz zwischen therapeutischen und enhancenden Eingriffen konstituiert, wobei letztere jedoch als Oberbegriff für erstere zu verstehen sind (vgl. Kapitel 5); – eine unplausible Unterscheidung zwischen einer Untergruppe „unnatürlicher“ menschlicher Handlungen und menschlichen Handlungen insgesamt eingeführt, wobei menschliches Handeln ingesamt als „unnatürlich“ bezeichnet werden kann, da es von einem menschlichen Akteur ausgeht und damit in keinem Fall „natürlich“ ist (vgl. Kapitel 6); oder – eine unplausible Beschreibung mancher Veränderungen von Menschen als relevante Abweichung von einer vermeintlich feststehenden Natur des Menschen vorgenommen, wohingegen andere – ebenso tiefgreifende oder sogar noch weiterreichende – Veränderungen nicht als eine solche angesehen werden würden (vgl. Kapitel 7).
jedoch – ebenso wie die Einnahme von Koffein – aus dem bioethisch problematischen Kernbereich von Enhancements herausfallen.
8.2. Einschätzung der dynamischen Minimaldefinition
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Mit der dynamischen Minimaldefinition hingegen ist das verbindende Element der unterschiedlichen menschlichen Enhancementhandlungen herausgearbeitet, das lediglich in einer intentionalen, positiv bewerteten, weitreichenden biotechnischen Veränderung von Menschen besteht. Diese Definition ist nicht trennscharf, gibt aber – mithilfe der beiden Zusatzbedingungen – so genau wie nur mçglich den Gegenstandsbereich der aktuellen Debatte an. Zudem werden die möglicherweise problematischen Enhancementinterventionen mithilfe der Minimaldefinition in einen Kontext eingebettet, der sie in ein Kontinuum mit unproblematischen Enhancementeingriffen stellt. Damit sind mit der Minimaldefinition jegliche sich über eine unklare Begrifflichkeit einschleichenden normativen Vorannahmen zunächst ausgeschlossen und müssen gegebenenfalls eigens eingeführt werden. Allein der Verzicht auf Einforderung vorab feststehender Fixpunkte zur Definition des Begriffs – sowohl in Bezug auf Gesundheit als auch in Bezug auf spezifische Werte und Naturvorstellungen – erlaubt eine Definition, die sich allgemein, also auch angesichts der Existenz unterschiedlicher Wertvorstellungen rechtfertigen lässt. Umgekehrt formuliert besagt dies, dass jede Definition von Enhancement, die feststehende Wertmaßstäbe voraussetzt, zugleich diesen feststehenden Wertmaßstäben verhaftet bleibt. So müsste man in der Konsequenz immer indexikalisch von einer „dem Wertsystem x“ verpflichteten Definition von Enhancement sprechen.44 Die hier vorgeschlagene Definition ist in Bezug auf solche feststehenden Wertsysteme zunächst einmal neutral und zeigt explizit an, wenn Wertmaßstäbe herangezogen werden. Im Gegensatz zur über die Abgrenzung von Therapie verlaufenden Enhancement-Definition liefert die Minimaldefinition damit ein Mittel, das gesamte Feld von Enhancement-Maßnahmen weiter aufzusplitten und zu differenzieren. Damit kann etwa eine graduelle Abstufung der verschiedenen zum Einsatz kommenden Mittel und eine graduelle Abstufung der verschiedenen angestrebten Ziele vorgenommen werden. Eine solche sachangemessene und vorurteilsfreie deskriptive Anordnung ist die Bedingung einer ebenso sachangemessenen und vorurteilsfreien moralischen Evaluation der genannten Parameter (Mittel und Ziele). Damit scheint die Konfliktträchtigkeit spezifischer Enhancementmaßnahmen genauer gefasst werden zu können, als es im Rahmen einer an der 44 Daran leiden die meisten Konzeptionen von Enhancement und Auseinandersetzungen mit der Enhancementproblematik, wie sich in Teil III zeigen wird.
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8. Eine dynamische Minimaldefinition von Enhancement
Unterscheidung zwischen Gesundheit und Krankheit festhaltenden Definition möglich wäre. Die hier vorgeschlagene dynamische Minimaldefinition beansprucht, ein begriffliches Instrument zur vorurteilsfreien Diskussion der Problematik zur Verfügung zu stellen, indem ohne implizit wertende Vorannahmen ein Bereich menschlicher Handlungen beschrieben wird. Aber – so lautet wohl der wichtigste mögliche Einwand gegen diesen Definitionsvorschlag – ist der dafür zu zahlende Preis nicht zu hoch? Rechtfertigt der Gewinn der Möglichkeit vorurteilsfreier Debatten den Wegfall (oder zumindest das vorübergehende Dispensieren) so grundlegender orientierungsgebender Begriffe wie „Gesundheit“ und „Natur“? Zugegeben, die Minimaldefinition erscheint auf den ersten Blick aufgrund der gemeinsamen Behandlung scheinbar heterogener Phänomene kontraintuitiv. Allerdings fordert sie damit zu einer bewussten Neuordnung des Problemfelds unter dem umfassenden Oberbegriff „Enhancement“ sowie zu einer Hinterfragung und Prüfung der vermeintlich feststehenden Begriffe auf. Damit lässt sich besser erkennen, wo genau sich die moralisch relevanten Probleme verbergen, wo es sich lediglich um Scheinprobleme oder um nicht moralisch relevante Probleme handelt und wo als ideologisch zu bezeichnende Scheinargumente in die Diskussion eingeführt werden. Die dynamische Minimaldefinition versteht sich somit weniger als Fix- und Endpunkt, sondern mehr als Ausgangspunkt für die ethischen Debatten zum Thema Enhancement.45 Das wesentliche Ziel meiner Begriffsarbeit lag jedoch nicht in dem „destruktiven“ Ergebnis, das vermeintlich klare Begriffe als unscharfe Hilfskonstrukte entlarvt hat. Vielmehr ging es mir darum zu zeigen, dass 45 Ein weiterer Einwand gegen die dynamische Minimaldefinition – der jedoch auf einem Missverständnis beruht – lautet, dass durch die Betonung der subjektiven positiven Evaluation einem normativen Relativismus der Bewertung Tür und Tor geöffnet werde. Dem ist entgegenzuhalten, dass mit der Minimaldefinition, die die subjektive Dimension der Bewertung als wesentliche Komponente der Definition von Enhancement ins Zentrum stellt, lediglich eine deskriptive und definitorische Aussage getroffen wird. Eine normative Aussage über den tatsächlichen Wert einer bestimmten Enhancementmaßnahme oder über dessen moralische Legitimität ist damit nicht verbunden. Hierzu wird die individuelle positive Evaluation nicht ausreichend sein. Daher trifft der Vorwurf eines moralischen Relativismus und individueller Beliebigkeit der Bewertung meinen Vorschlag einer dynamischen Minimaldefinition nicht. Vielmehr wird in Teil IV der Versuch unternommen, bei der Bewertung möglicher Enhancements aus anthropologischer Perspektive ein – zumindest minimales – allgemeines und tragfähiges Fundament zu entwickeln.
8.2. Einschätzung der dynamischen Minimaldefinition
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moralische Intuitionen und Konnotationen, die mit vermeintlich klaren Begriffen in Verbindung gebracht werden, problematisch sind, wenn sie als kaum revisionsfähige Vorannahmen in den Begriff eingeführt sind. Die Grenzen zwischen moralisch erlaubt und moralisch fragwürdig, zwischen Therapie und Enhancement sowie zwischen mehr oder weniger natürlichen Eingriffen verlaufen unabhngig voneinander. Wer in der Hoffnung auf Klarheit dafür argumentiert, Therapie sei natürlich und moralisch erlaubt, Enhancement dagegen gegen die Natur und daher moralisch nicht erlaubt, macht es sich zu einfach. Wie es moralisch äußerst fragwürdige natürliche Therapien geben kann, besteht auch die Möglichkeit der Existenz unnatürlicher, gleichwohl aber moralisch erlaubter oder sogar gebotener Enhancements. Es bleibt festzuhalten, dass man sich wohl damit abfinden muss, dass der Begriff Enhancement umstritten ist und dass keine vollständig trennscharfe Definition zur Verfügung steht. Der Begriff allein vermag es ohne empirisch informierte Zusatzannahmen nicht, den Gegenstandsbereich der bioethischen Debatte angemessen zu bestimmen. Dazu ist es nötig, die oben genannten beiden zusätzlichen Bestimmungen explizit und kontextsensitiv einnzuführen: (a) die Anwendung näher zu spezifizierender biotechnologischer Mittel und (b) die weit reichenden Auswirkungen der Eingriffe. Die „dynamische Minimaldefinition“, die zumindest die impliziten normativen Vorurteile und Vorentscheidungen vermeidet, erscheint mir im Zusammenhang einer Diskussion der moralischen Legitimität von Enhancements dennoch allen anderen Begriffsbestimmungen als Ausgangspunkt für weitere Diskussionen deutlich überlegen, auch wenn sie mit der Suspendierung grundlegender Intuitionen einen hohen Preis zahlt. Eindeutige Orientierung ist in diesem begrifflichen Feld jedoch derzeit nicht zu haben. Die Auseinandersetzung mit sperrigen Begriffen und das Bemühen um Klärung kann aber auch dann wertvolle Einsichten zutage fördern, wenn keine abschließende Lösung gefunden wird. Damit soll genug über den Begriff Enhancement und seine mögliche Definition gesagt sein. Schließlich ist das Problem Enhancement nicht primär begrifflicher Natur, sondern ein konkretes Problem menschlicher Handlungen, über das wir zwar möglichst angemessen reden können müssen, dessen Lösung aber nicht in der begrifflichen Dimension zu finden sein wird. Im folgenden, dritten Teil werde ich einen Überblick über die aktuelle Debatte zur moralischen Legitimität biotechnologischer Enhancements geben. Dabei werde ich vor allem die Gefahr von Einseitigkeiten in der Argumentation hervorheben (wie sie nicht zuletzt durch einen
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8. Eine dynamische Minimaldefinition von Enhancement
unklaren und voraussetzungsreichen Gebrauch der im zweiten Teil untersuchten zentralen Begriffe gefördert wird) und auf die Notwendigkeit einer umfassenden Verständigung hinweisen, die über die partikularen Positionen hinausgeht und eine grundsätzliche Verständigung über den Begriff des „Menschen“ einfordert. Nur so ist eine angemessene Grundlage für anthropologisch begründete normative Bewertungen von Enhancements überhaupt möglich.
III. Eine integrative Kritik der Enhancementdebatte
Vorbemerkung Neue Handlungsmöglichkeiten rufen häufig alte Fronten auf den Plan. So lässt sich auch anhand der gegenwärtigen Diskussion über die moralische Legitimität des Einsatzes von Enhancement-Techniken eine klassische Dreiteilung von Positionen erkennen, wie sie aus anderen (bio-) ethischen Debatten über die Anwendung neuer Technologien vertraut ist. Auf der einen Seite stehen die fortschrittsoptimistischen Befürworter neuer Technologien, die Chancen sehen und Verheißungen verkünden. Ihnen gegenüber stehen die Skeptiker, die Gefahren mit den neuen Möglichkeiten heraufdämmern sehen und mit warnender Stimme zu besonderer Vorsicht im Umgang mit den neuen Möglichkeiten aufrufen oder gar vollständige Abstinenz fordern. Dazwischen stehen diejenigen, die konkret Chancen und Risiken kritisch diskutieren wollen und prinzipiell sowohl für eine positive wie für eine negative Einschätzung offen sind. Zwischen den Positionen entspinnt sich ein Disput. In diesem dritten Teil der Arbeit werde ich exemplarisch drei Positionen der Enhancement-Debatte diskutieren, die das breite Spektrum möglicher Positionen vorstellen. Ich mache kritisch darauf aufmerksam, welche Argumentationsstrategien bemüht werden, welche impliziten Vorannahmen und Vorurteile bestehen und wie diese die Ergebnisse der Argumentationen beeinflussen. Mein besonderes Interesse gilt dabei immer der anthropologischen Dimension der Debatte. Zunächst wende ich mich (Kapitel 9) Vertretern einer pro-Enhancement-Position zu, um die Herausforderungen und Verheißungen der neuen Handlungsoptionen pointiert vorzustellen. In Reinform wird diese Position von den so genannten „Transhumanisten“ vertreten. Dem gegenübergestellt wird (Kapitel 10) die „biokonservative“ Position, exemplarisch veranschaulicht durch die Schriften des US-amerikanischen President’s Council on Bioethics und seiner Mitarbeiter. Als Vertreter einer dazwischen liegenden (Kapitel 11) moderaten und ergebnisoffen abwägenden Position soll die Studie „Intervening in the Brain“ herangezogen werden. Es ist kein Geheimnis, dass die Debattanden in ethischen Diskussionen häufig wenig „beweglich“ sind. Eine substantielle Revision eines Urteils in bioethischen Debatten findet selten statt. Vielmehr geht es
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Vorbemerkung
oftmals darum, Argumente für ein schon vorab feststehendes moralisches Urteil zu finden.1 Befestigt meine exemplarisch pointierte, teilweise wohl auch ein wenig überspitzte Darstellung nicht vielleicht diese Frontstellungen zwischen Progressiven und Konservativen, anstatt einen ergebnisoffenen Dialog zu ermöglichen? Das Ziel meiner pointierten Gegenüberstellung ist es nicht, bestehende „Fronten“ zu verhärten. Stattdessen sollen die jeweiligen Anhänger der vorgestellten Positionen zu Widerspruch und zusätzlichen Klärungen aufgefordert werden, gerade wenn eine pointierte Darstellung ihnen unzutreffend erscheinen mag. Es ist wichtig anzuerkennen, dass auch innerhalb der vermeintlich feststehenden Blöcke Diskussionsbedarf besteht, wodurch einer exemplarischen Darstellung nur eine wichtige Orientierungsfunktion, nicht aber eine adäquate Abbildungsfunktion der Wirklichkeit zugestanden wird. Nach der kritischen Übersicht über die Debatte argumentiere ich dafür (Kapitel 12), dass mit der einseitigen Überbetonung jeder einzelnen der drei exemplarisch vorgestellten Argumentationsweisen problematische Entwicklungen der Gegenwart zum Ausdruck kommen. Sie erschweren eine angemessene ethische Diskussion der möglichen Veränderungen von Menschen mit biotechnologischen Mitteln, weil jeweils ein zu enges Verständnis davon zugrundegelegt wird, wie der biotechnologisch zu verbessernde Mensch zu bestimmen sei. Ich identifiziere – mit Nida-Rümelin (2008b) – drei problematische Grundtendenzen, die einer umfassenden (humanistischen) Bestimmung des Menschen entgegenstehen können: naturalistische, fundamentalistische und ökonomistische Einseitigkeiten, die sich auch in den zuvor dargestellten Debatten über Human Enhancement erkennen lassen. Bei einer einseitigen Betrachtung des ethischen Problems lässt sich keine angemessene Lösung entwickeln. Da jedoch alle Positionen – trotz der Kritik, die an ihnen geübt werden muss – wichtige und überzeugende Einsichten vertreten, besteht die Alternative zu den Einseitigkeiten in einem integrativen Ansatz. Meinen Vorschlag dazu entwickle ich im abschließenden Teil IV vorliegender Arbeit.
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Vgl. dazu Haidt 2001 und Heilinger/Keller 2010.
9. Hoffnungen und Verheißungen Die vehementesten Befürworter auch weit reichender Verbesserungen des Menschen sind die sogenannten „Transhumanisten“, die sich in einer „World Transhumanist Association“ und anderen Vereinigungen organisiert haben. Im Folgenden diskutiere ich neuere Texte, die in theoretischer Absicht das argumentative Fundament für weit reichende Verbesserungen des Menschen zu legen versuchen. Ich werde (9.1.) die transhumanistische „Bewegung“ („movement“) vorstellen, (9.2.) ihre Bedeutung für die ethischen und anthropologischen Fragen diskutieren und schließlich (9.3.) eine Bewertung vornehmen.
9.1. Transhumanisten und andere Befürworter weit reichender Enhancements Prima facie-Argumente für den Einsatz von biotechnologischen Enhancern sind leicht zu finden, so leicht, dass sie selbst häufig keine theoretische Diskussion hervorrufen (Bostrom 2003a, 498): Dass es grundsätzlich gut ist, Leid und Krankheit zu vermeiden, Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern und Ungerechtigkeiten zu beseitigen, kann als Konsens weitgehend vorausgesetzt werden. Aus diesen grundsätzlich zustimmungsfähigen Forderungen versuchen die Befürworter von biotechnologischen Interventionen die moralische Legitimität von unterschiedlichen Enhancements abzuleiten. Im Folgenden betrachte ich extreme Befürworter der neuen Interventionsmöglichkeiten. Diese Beschränkung auf die sogenannten „Transhumanisten“2 erlaubt, an dieser Stelle in besonders deutlicher Form die Argumente der Befürworter zu untersuchen. 2
Der Terminus Transhumanismus wurde populär durch den „futurist FM-2030 (also known as F. M. Estfandiary), who introduced it as shorthand for ,transitional human“ (Bostrom 2003b, 7). Diese Redeweise zeigt deutlich den Einfluss der Science Fiction-Literatur, wie er für einige Transhumanisten typisch ist. – Zuerst nachgewiesen ist der Begriff bei Julian Huxley, der eine Verbindung zwischen Evolutionstheorie und Humanismus versuchte (Huxley 1957).
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9. Hoffnungen und Verheißungen
Unter „Transhumanismus“ lässt sich ein „loosely defined movement“ (Bostrom 2003a, 493) verstehen, das sich in den letzten ca. 25 Jahren entwickelt hat. Unter dem Dach der „World Transhumanist Association“ – im Jahr 2008 umbenannt in „Humanity+“ – verfügt es über akademische Anbindungen, unterhält Mitgliederlisten, veranstaltet regelmäßig Konferenzen, unterhält wissenschaftliche Publikationsorgane (unter anderem das Journal for Evolution and Technology) und ist im Internet vertreten (zum Beispiel http://www.humanityplus.org). Mitglieder sind neben zahlreichen Privatpersonen vor allem Wissenschaftler, oftmals von angesehenen Forschungseinrichtungen. Damit tritt die transhumanistische Bewegung wie eine etablierte wissenschaftliche Forschungsrichtung auf. Tatsächlich ist es ein Ziel des Transhumanismus, auch weitreichende Interventionen in den menschlichen Organismus als legitimen Gegenstand wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Debatten einzuführen. In einer solchen Debatte argumentieren die Transhumanisten dann für die Chance einer nachhaltigen Verbesserung der menschlichen Lebensform durch den Einsatz neuer Technologien. James Hughes, ein einflussreicher Transhumanist – und ehemaliger Direktor der „World Transhumanist Association“ – bestimmt die „coalition“ der Transhumanisten inhaltlich dadurch, dass Transhumanisten extend the liberal democratic humanist tradition to a defense of our right to control our own bodies and minds, even if our choices make us something other than ,human‘. Transhumanists believe liberal democracy can and must accomodate the ,posthumans‘ that will be created by genetic and cybernetic technologies. (Hughes 2004, XV)
Auf den Punkt gebracht ist der Transhumanismus für ihn „the idea of using reason to transcend the limitations of the human condition.“ (Hughes 2004, 155). Dennoch bestehen Bedenken, ob sich eine philosophische Auseinandersetzung mit den „Transhumanisten“ aus theoretischen Interessen rechtfertigen lässt. Verbergen sich ernstzunehmende Reflexionen hinter den, wie leicht gesehen werden kann, teilweise überzogenen, geradezu megalomanen Verheißungen? Mir erscheint – trotz der kritischen Einschätzung, die ich im Folgenden entwickeln werde – eine Auseinandersetzung mit den Transhumanisten unverzichtbar und aufschlussreich. Zum einen stellen sie einen wichtigen Exponenten der aktuellen Diskussion dar. Zum anderen ist ihre anthropologische Konzeption bemerkenswert: Die Transhumanisten betrachten den Menschen als ein Wesen, das über keine unverrückbaren Eigenschaften verfügt, sondern
9.1. Befürworter weit reichender Enhancements
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das sich der Aufgabe gegenüber sieht, seine Lebensform selbst zu wählen und zu gestalten. Die Ausgangsthese der Transhumanisten ist, dass Menschen beständig werden und gewissermaßen niemals fertig sind. Damit knüpfen sie in der Gegenwart an eine lange Tradition an (vgl. zur Vorgeschichte transhumanistischen Denkens etwa Bostrom 2005; Miah 2008). Sich exemplarisch auf diese Gedanken einzulassen, denen die starke anthropologische These von der beständigen Veränderung der menschlichen Lebensform zugrunde liegt, ist für das Nachdenken über Menschen selbst dann ein Gewinn, wenn man nicht bereit sein sollte, sich an der Umsetzung der transhumanistischen Verheißungen in die Praxis zu beteiligen. Der Oxforder Philosoph Nick Bostrom, einer der führenden Denker innerhalb der „Bewegung“, beschreibt den Transhumanismus wie folgt: It promotes an interdisciplinary approach to understanding and evaluating the opportunities for enhancing the human condition and the human organism opened up by the advancement of technology. Attention is given to both present technologies, like genetic engineering and information technology, and anticipated future ones, such as molecular nanotechnology and artificial intelligence. (Bostrom 2003a, 439)
Bostrom argumentiert – wie viele Transhumanisten – keineswegs dafür, jede technische Möglichkeit sofort umzusetzen, sondern stellt zunächst das „understanding and evaluating“ von Verbesserungsmöglichkeiten als Ziel der „Bewegung“ in den Vordergrund. Allerdings erwartet Bostrom von dem interdisziplinären Ansatz überwiegend positive Evaluationen potentieller Interventionen. Die entscheidenden Bereiche, in denen aus Sicht des Transhumanismus tatsächliche Verbesserungsmöglichkeiten bestehen, umfassen eine Verlängerung der gesunden Lebensspanne, das Auslöschen von Krankheiten, das Vermeiden von unnötigem menschlichen Leiden sowie die Steigerung der intellektuellen, physischen und emotionalen Fähigkeiten von Menschen.3 Darüber hinaus – dieses Zugeständnis an die eher Science-Fiction-orientierten Mitglieder der „Bewegung“ macht Bostrom – spielen auch Fragen der „space colonization and the possibility of creating superintelligent machines, along with other potential developments that could profoundly alter the human condition“ (ebd.) eine Rolle im Transhumanismus. An anderer Stelle definiert Bostrom den Transhumanismus folgendermaßen: 3
Vgl. meine Auflistung der Ziele biotechnologischer Enhancements in Kapitel 3.2.
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9. Hoffnungen und Verheißungen
(1) The intellectual and cultural movement that affirms the possibility and desirability of fundamentally improving the human condition through applied reason, especially by developing and making widely available technologies to eliminate aging and to greatly enhance human intellectual, physical, and psychological capacities. (2) The study of ramifications, promises, and potential dangers of technologies that will enable us to overcome fundamental human limitations, and the related study of the ethical matters involved in developing and using such technologies. (Bostrom 2003b, 4)
Hier unterscheidet Bostrom innerhalb des Transhumanismus eine breitere, intellektuelle und öffentliche Strömung von der engeren wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Verbesserung von Menschen sowie ihrer (ethischen, politischen und sozialen) Bewertung. Der Begriff „transhuman“ und die Selbstbezeichnung als „Transhumanisten“ ist bemerkenswert: Warum ist überhaupt von „trans-humanistischen“ und „trans-humanen“ Eigenschaften die Rede? Und in welchem Verhältnis stehen diese zu „post-humanistischen“/„post-humanen“ Eigenschaften (wie die angestrebten Veränderungen bisweilen auch bezeichnet werden, vgl. Bostrom 2008), aber auch zu „humanistischen“/„humanen“ Eigenschaften? Posthuman bezeichnet die Vorstellung von „possible future beings whose basic capacities radically exceed those of present humans as to be no longer unambiguously human by our current standards“ (Bostrom 2003b, 5). Damit wird ein Entwicklungsziel vorgegeben und ein Ideal eingeführt, das eine qualitativ und nicht mehr bloß hinsichtlich einzelner Eigenschaften und Fähigkeiten quantitativ von uns heute lebenden Menschen unterscheidbare posthumane Lebensform umfasst. Eine genaue Beschreibung der posthumanen Eigenschaften ist jedoch aufgrund der Unvorhersehbarkeit der möglichen Entwicklungen und aufgrund der Vielfältigkeit möglicher Realisierungen bestimmter Eigenschaften unmöglich. Konkret bedeutet das, dass weder klar ist, welche Eigenschaften genau posthumane Wesen kennzeichnen – sind sie super-intelligent? super-emotional? unsterblich? –, noch, auf welche Art und Weise diese physisch realisiert werden – aufgrund von Schnittstellen zwischen biologischen und technischen Komponenten? durch vollständig synthetische „Organismen“, auf die mentale Eigenschaften „hochgeladen“ werden? Den Spekulationen sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Wichtiger als dieser entfernte Endpunkt eines posthumanen Stadiums ist jedoch auch für die Transhumanisten das erreichbare und bevorstehende
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Zwischenstadium: „an intermediary form between the human and the posthuman“ (Bostrom 2003b, 6). Hierunter würden etwa die signifikant bessere organismische Leistungsfähigkeit, eine deutlich verlängerte Lebensspanne und qualitativ überlegene kognitive Fähigkeiten gehören, ohne jedoch damit gleich eine ganz neue Lebensform etabliert zu haben. Doch in jeder Beschreibung einer solchen Steigerung klingt vor allem die Kontinuität zu den schon bestehenden Verhältnissen durch: Schon jetzt kennen wir Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten – was z. B. ihr Gedächtnis oder die physische Leistungsfähigkeit betrifft – und schon jetzt werden einige Menschen sehr alt. Offenkundig gelingt es den Menschen seit langer Zeit, immer neue relative Höchstleistungen zu erbringen: Menschen werden durchschnittlich deutlich älter als vor einhundert Jahren; die aktuellen Anforderungen im Leistungssport würden heute keinen Athleten des frühen 20. Jahrhunderts für die Teilnahme an den Olympischen Spielen qualifizieren etc. Daher kann gefragt werden, ob nicht – wenn man überhaupt an dieser Terminologie festhalten möchte – das gegenwärtige Entwicklungsstadium der Menschheit schon lange als transhuman bezeichnet werden sollte. Die zahlreichen schon jetzt möglichen Eingriffe in den menschlichen Organismus und seine Umwelt (also neben medizinischen Interventionen beispielsweise auch Verbesserungen der Hygienestandards) könnten ebenso wie die schon lange praktizierten Trainings- und Ausbildungsprogramme Anlass zu dieser Vermutung geben, weil sie alle die menschliche Lebensform über ein jeweils geltendes Maß zu „steigern“ scheinen. Transhumanisten sind jedoch üblicherweise nicht der Ansicht, ihrerseits schon transhuman zu sein – sie halten sich selbst noch für human –, sondern sind Vertreter und Fürsprecher solcher Interventionen, deren Ziel das Erreichen des trans- und schließlich des posthumanen Stadiums ist. Offenkundig ist diese Terminologie – trotz Bostroms Bemühen um Definitionen – unscharf. Die allgemeine Ausrichtung der Bewegung auf ein optimistisch als positiv bewertetes Ideal wird dennoch deutlich. Mit der Unterscheidung zwischen trans- und posthumanen Lebensformen wird eine relevante Differenzierung eingeführt: Der transitorische Übergang zu einem „höheren“ Entwicklungsstadium, der gleichwohl noch zu einer Aktivität der humanen Lebensform zu zählen ist, wird damit vom Erreichen eines Entwicklungsstadiums unterschieden, das die menschliche Lebensform hinter sich gelassen hat. Gemeinsam lassen sich die Transhumanisten also auf die Überzeugung verpflichten, dass „the human species in its current form does not represent the end of our development but rather a comparatively early phase“ (Bostrom
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9. Hoffnungen und Verheißungen
2003b, 4). Diese These drängt dazu, eine Verständigung darüber herbeizuführen, ob es etwas Gemeinsames, genuin Menschliches gibt, was in den vergangenen Entwicklungsstufen des Menschen durchgehalten wurde. Damit wird dann auch die Frage aufgeworfen, wie mit diesem „Menschlichen“ angesichts möglicher zukünftiger Veränderungen umgegangen werden soll (vgl. Teil IV). Die These, dass die Evolution von Menschen in ihrem gegenwärtigen Stadium nicht abgeschlossen ist, ist trivial. Evolutionäre Prozesse werden nicht angehalten. Die relative Stabilität der Arten allgemein – wie die des Menschen im Besonderen – zeigt sich nur vor dem Hintergrund eines engen Zeitrahmens. Doch auch gegenwärtig finden evolutionäre Prozesse statt, vielleicht sogar in beschleunigter Form gegenüber früheren Phasen (Hawks et al. 2007). Über diese These allein lassen sich die Transhumanisten somit nicht kennzeichnen. Vielmehr haben sie auf der Grundlage ihrer anthropologischen Ansichten eine normative These aufgestellt, indem sie betonen, dass die zur Verfügung stehenden Mittel gezielt genutzt werden sollen, um die kontinuierlich ablaufenden evolutionären Prozesse nach unseren Vorstellungen zu beeinflussen und zu lenken. Das Selbstverständnis der Transhumanisten geht damit (zumeist implizit, oft aber auch explizit) von einer tendenziell negativen Einschätzung der Gegenwart aus. Diese wird als Beengung erfahren, die den Menschen hinsichtlich der ihm grundsätzlich zur Verfügung stehenden Möglichkeiten beschneidet. Plastisch führt Bostrom die Verheißungen aus, vor deren Hintergrund die gegenwärtigen Beschränkungen umso drastischer hervortreten: We can conceive of aesthetic and contemplative pleasures whose blissfulness vastly exceeds what any human being has yet experienced. We can imagine beings that reach much greater levels of personal development and maturity than current human beings do […]. We can conceive of beings that are much smarter than us, that can read books in seconds, that are much more brilliant philosophers than we are, that can create artworks, which, even if we could understand them only on the most superficial level, would strike us as wonderful masterpieces. We can imagine love that is stronger, purer, and more secure than any human being has yet harbored. Our everyday intuitions about values are constrained by the narrowness of our experience and the limitations of our powers of imaginiation. (Bostrom 2003a, 494 f.)
Die gegenwärtige Begrenzung auf einen lediglich „minute subspace of what is possible or permitted by the physical constraints of the universe“ angesichts einer als überwältigend vorgestellten möglichen Erfahrungs-
9.1. Befürworter weit reichender Enhancements
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welt bedrückt die Transhumanisten so sehr, dass sie mit biotechnologischen Mitteln zur Realisierung ihrer Träume schreiten wollen.4 Insgesamt stellt sich zudem die Frage, ob mit den von den Transhumanisten propagierten Veränderungen individuelle oder die Gattung betreffende Entwicklungen gemeint sind; ob also auch ein einzelnes Individuum in die Lage versetzt werden kann, das posthumane Stadium zu erreichen, während der Rest der Menschheit noch im Stadium der transhumanen oder humanen Lebensform verharrt. Oder ist zum Erreichen des transhumanen Stadiums eine Veränderung der gesamten Menschheit oder zumindest eines signifikanten Teils derselben erforderlich? Diese Frage ist allerdings reichlich konkret und verfehlt damit die anregenden Denkanstöße, die von den Transhumanisten gegeben werden können. Meines Erachtens müssen die Termini Trans- und Posthumanismus funktional gedeutet werden, wenn man ihnen etwas abgewinnen will. Damit meine ich, dass sie weniger in der Absicht gebraucht werden, präzise neue Taxa zur Klassifikation der Wirklichkeit einzuführen, sondern dass sie in anderer Absicht gebraucht werden: Bei den Begriffen handelt es sich um Ideale, die als vage, idealisierte Zielpunkte möglicher Interventionen eine orientierungsleitende Funktion übernehmen sollen. Sie verkörpern diejenigen Eigenschaften in Idealform, die in der gegenwärtigen condition humaine unvollkommen und als leidverursachend erfahren werden. Die Überwindung dieser menschlichen Eigenschaften wird mit der Chiffre des posthumanen oder zumindest des transhumanen Ideals belegt. Nüchtern betrachtet handelt es sich dabei um 4
Aus einer verwandten Argumentationslinie, die aus dem Vorliegen ungerechter Umstände in der Gegenwart den Einsatz biotechnologischer Interventionen zur Verbesserung individueller Ausgangssituationen in der „natural lottery“ rechtfertigen möchte, können die Transhumanisten ebenfalls legitimatorische Argumente gewinnen. Buchanan et al. 2001 plädieren aus Gerechtigkeitsüberlegungen dafür, Human Enhancement zu betreiben: Um bestehende, nicht selbst herbeigeführte Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zwischen Menschen zu kompensieren, dürfe man zu enhancenden Maßnahmen greifen, die auch zu einer über das „normale Maß“ hinausgehenden Verbesserung der Individuen führen dürfe. Selbst wenn mit diesem kompensatorischen Anliegen ein gänzlich anderes als das von den Transhumanisten explizierte Ziel verfolgt wird, lassen sich transhumanistische Bemühungen auch mit Blick auf die mögliche Aufhebung von Ungerechtigkeiten legitimieren. Eine ähnliche Strategie zur moralischen Legitimation von Enhancements versucht Savulescu: „Fairness and justice require enhancement. […] It is within our power to use technology and enhancement to bring about a more just society, where everyone has a fair go.“ (Savulescu 2006, 336).
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9. Hoffnungen und Verheißungen
eine moderne säkulare Beschreibung eines Idealtypus der menschlichen Lebensform, die – im posthumanen Fall – derartig idealisiert ist, dass sie als von der menschlichen Lebensform qualitativ verschieden konzipiert wird. Personen und Positionen: Wer aber sind „die Transhumanisten“ und wofür argumentieren sie konkret? Das „loosely defined movement“5 ist eine Verbindung von Vertretern aller möglichen Disziplinen und verschiedener soziokultureller Hintergründe. Im Folgenden soll das breite Spektrum exemplarisch veranschaulicht werden. Neben Nick Bostrom, der als einer der führenden intellektuellen Vertreter der Bewegung gelten darf und daher in meiner Darstellung eine prominente Rolle eingenommen hat, profilieren sich weitere Philosophen in den theoretischen Debatten. Insbesondere John Harris – aber auch Julian Savulescu – zählen zu denjenigen, die auf hohem argumentativen Niveau die moralische Legitimität und gesellschaftliche Notwendigkeit (oder zumindest die positiven gesellschaftlichen Auswirkungen) von Enhancements zu belegen versuchen und dabei auch die Nähe zur transhumanistischen Bewegung nicht scheuen. John Harris etwa argumentiert vehement dafür, die zur Verfügung stehenden Mittel zur Verbesserung der conditio humana zu nutzen. Dass Harris glaubt, die technischen Interventionen ließen sich allgemein in einem positiven Sinn einsetzen und dass auch nachhaltige Änderungen der gegenwärtig normalen humanen Lebensform erlaubt seien, rechtfertigt meine Entscheidung, ihn bei einer Übersicht über die aktuelle Enhancement-Debatte in die Nähe der Transhumanisten zu rücken, auch wenn er sich selbst nicht so bezeichnen würde.6 Für ihn besteht sogar eine moralische Pflicht, die Biotechnologien in den Dienst der Menschen zu stellen. Dabei sollen nicht nur Individuen und Gesellschaften verbessert werden, auch die Evolution selbst soll „enhanced“ werden. Dieser Vorschlag – der sich auch prominent im Titel seines Buches Enhancing Evolution findet – ist allerdings problematisch. Dass Evolution ein blinder 5
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Umfassend dargestellt und theoretisch zusammengeführt werden die heterogenen Vertreter allenfalls unter dem Mantel der World Transhumanist Association (WTA) – seit 2008 unter dem Namen „humanity+“, einer „non-profit democratic membership organization“ (Bostrom 2003b, 5), die aber aufgrund des Zusammengehens von wenig ernstzunehmenden Technik-Euphorisierten mit seriösen Denkern und Wissenschaftlern umstritten ist. Harris teilt viele Ziele mit den Transhumanisten, identifiziert sich aber nicht mit ihrem „Programm“, vgl. Harris 2007, 38 – 39.
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und zielloser Prozess ist, auch wenn er im Ergebnis zu einer guten Anpassung führt, ist die Standardauffassung in der Evolutionsbiologie (Mayr 1976 und Mayr 2001): „Die Evolution geht ziemlich langsam nirgendwo hin.“7 Eine Verbesserung der Evolution läge also in der Überführung dieses blinden und ziellosen Prozesses in einen zielgerichteten. Damit würde allerdings der Begriff Evolution über die Maßen strapaziert werden, schließlich ist sie gerade dadurch gekennzeichnet, dass in ihr keine intentional Zwecke setzende Instanz wirksam ist (Ruse 2003). Eine solche „Verbesserung“ der Evolution würde also darin bestehen müssen, die Evolution als blinden Prozess abzuschaffen und durch (menschliches) Planhandeln zu ersetzen. Genau dafür spricht Harris sich aus, wenn er die Anwendung der vielfältigen biotechnologischen Interventionsmöglichkeiten als moralische Pflicht ansieht, selbst wenn sie in Bereiche vorstoßen, die zuvor nur durch evolutionäre Prozesse Veränderungen erfahren haben. Zur Stützung dieser Forderung bemüht Harris suggestive Analogien: Wenn wir Brillen benutzen, stellten wir schon Enhancements in den Dienst unserer Zwecke und sollten daher legitimerweise auch andere Mittel zu ebendenselben Zwecken einsetzen dürfen. Impfungen etwa seien schon jetzt eine verbreitete Form biologischen Enhancements; wenn auch auf genetischem Wege Immunität gegen HIV, Krebs etc. erlangt werden könne, wäre es ebenso geboten, diese Mittel wie gewöhnliche Impfungen anzuwenden. Wir seien außerdem bereit, unsere Verpflichtung anzuerkennen, gefährdetes Leben zu retten. Warum sollten wir also gegen altersbedingte Todesursachen nicht ebenso eifrig vorgehen wie wir uns um die Vermeidung von Autounfällen o. ä. bemühen? Wenn mit verbessernden Eingriffen in die Evolution in dieser Richtung ein Beitrag geleistet werden könne, haben wir nach Harris die moralische Pflicht, diese anzuwenden. Damit dreht Harris die Beweislast geradezu um: Da es sich bei den genannten Beispielen um Verbesserungen handelt, müssen allenfalls Gründe dafür geliefert werden, warum bestimmte Verbesserungen Menschen vorenthalten werden sollten. Diese suggestiven Beispiele beruhen darauf, dass Harris die genannten Techniken als Enhancements nur positiv versteht: „In terms of human functioning, an enhancement is by definition an improvement on what went before. If it wasn’t good for you, it wouldn’t be enhancement.“ 7
So Michael Ruse (zitiert nach Voland 2007, 110).
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(Harris 2007, 9).8 Damit trifft Harris eine wertende Vorentscheidung, die sich zwar auf die Wortbedeutung stützt, aber die tatsächlich nötige Verständigung über eine angemessene Bewertung der betreffenden Techniken überspringt. Weiter argumentiert er, dass die Möglichkeit zu Missbrauch nicht im Vorfeld dazu führen dürfe, eine Technik insgesamt zu diskreditieren. Bei zahlreichen anderen gebotenen oder legitimen Interventionen bestehe schließlich ein ebensolches Missbrauchspotential: It is important to be clear that when we call something an ,enhancement‘ or an ,enhancing‘ technology or therapy we are not saying that is [sic!] always its effect, any more than when we call something an ,analgesic‘ we imply that it will in every case and every dose reduce pain or that ,stimulants‘ will always stimulate or that ,carers‘ always care or ,healers‘ always heal. There is no sensible way in which we must take the possibility of misuse into account before determining that something is an enhancement. (Harris 2007, 13)
Wenn also etwas das menschliche Leben tatsächlich verbessert, haben wir nach Harris grundsätzlich die Pflicht, es auch anzuwenden. Wenn damit die Evolution oder die aktuelle menschliche Lebensform verändert werden sollte, wäre das für ihn solange kein Problem, wie die Veränderungen mit gutem Grund als Verbesserung bezeichnet werden können. Genau hier liegt aber ein nicht hinreichend diskutiertes Problem vor, über das sich ein Streit entspinnt: Harris’ Aussage, als Verbesserungen seien Enhancements immer moralisch erlaubt oder teilweise sogar geboten, setzt einen Konsens darüber voraus, was als Verbesserung zählt (s. dazu auch Teil II.). Bestünde dieser Konsens, so wäre seine Aussage analytisch wahr: Eindeutige Verbesserungen sind gut, damit moralisch erlaubt oder geboten. Doch genau hierüber herrscht Uneinigkeit. Neben den hier vorrangig interessierenden Philosophen spielen auch die Naturwissenschaftler unter den Transhumanisten eine wichtige Rolle, da von ihrer Seite die Verheißungen einer Verbesserung der 8
Hauskeller hat gezeigt, wie mit solchen thetischen Aussagen auch Transhumanisten (im weiteren Sinne) an einen natürlichen Standard appellieren, der das „well-being“ von menschlichen Individuen betrifft. Da die spezifisch menschliche Form von „well-being“ – trotz individueller Varianz – grundsätzlich nicht mit dem anderer Lebewesen (etwa von Hühnern) vergleichbar sei, erkennt Hauskeller auch in transhumanistischen Argumenten einen Bezug auf die „menschliche Natur“. Auch Befürworter von Enhancements „constantly rely on some implicit understanding of human nature to give sense to the idea of human flourishing and the claim that we have a moral duty to promote it. It might be a different understanding of human nature but it is as value-laden and normative as that of their opponents.“ (vgl. Hauskeller 2009, 18).
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condition humaine vermeintlich besonders kompetent veranschaulicht werden können: Schließlich sind es gerade die Biotechnologen und Informationswissenschaftler, die konkret die Mittel an die Hand geben, mithilfe derer die Verbesserungen erreicht werden sollen. So zeigt beispielsweise Ramez Naam enthusiastisch die neuen Entwicklungsmöglichkeiten und Anwendungen auf und stellt sie in die Tradition des menschlichen „drive to alter and improve on ourselves“, der „far from being unnatural […] a fundamental part of who we humans are“ darstelle (Naam 2005, 9). Ausführlich und anschaulich berichtet er von den Fortschritten der Forschung und davon, wie sich diese zu Verbesserungen der menschlichen Lebensform einsetzen lassen. Weil Naam kaum einen Gedanken auf eine kritische Reflexion der von ihm geschilderten Szenarios verwendet, steht er exemplarisch für die naive Fortschrittsgläubigkeit einiger naturwissenschaftlich geschulter Transhumanisten. Die Studie More than Human. Embracing the promise of biological enhancement überzeugt daher vor allem aufgrund der eindrucksvollen Schilderungen biotechnologischer Möglichkeiten und weniger aufgrund der ethischen Reflexionen. Damit wiederum ist Naams Buch eher als Streitschrift zu verstehen, die – in Frontstellung zu den Texten des President’s Council on Bioethics oder von Francis Fukuyama (vgl. dazu Kapitel 10) – einseitig eine Position stipuliert, ohne sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen. Auch Soziologen und Gesellschaftstheoretiker preisen die Verbesserungen, die durch den Einsatz der neuen Mittel für die Gesellschaft erfolgen könnten. Gregory Stock hat einen Vorschlag unterbreitet, wie die geregelte Anwendung der Biotechnologien zwischen einem Bann und einer völlig freien Verfügung nach individuellem Gutdünken oder nach Marktgesetzen aussehen könnte (Stock 2002). Seiner Einschätzung nach werden auch die neuen Technologien in relativ überschaubaren und reversiblen Schritten eingeführt, so dass keineswegs plötzlich mit einer katastrophal unkontrollierbaren und völlig neuartigen Situation zu rechnen sei. Daher sei vor allem eine Auseinandersetzung mit ganz konkreten Einzelfallproblemem nötig, die sich – so die These seines Buches Redesigning Humans. Our inevitable genetic future – unvermeidlich einstellen werden.9 Die Arbeit von Menschen an sich selbst, auch wenn sie dazu führt, dass sie sich selbst neu gestalten, ist für Stock der höchste Ausdruck der spezifisch menschlichen Lebensform. Aus einer soziologischen Perspektive wendet sich James Hughes einer Beurteilung möglicher Enhancements zu (Hughes 2004) und vertritt eine 9
Zur Unvermeidlichkeitsthese vgl. auch Baylis/Robert 2004.
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ähnliche Position wie Stock. Er argumentiert für einen „democratic transhumanism“, indem die üblichen demokratischen Verständigungsprozesse auch zur Regelung des Umgangs mit möglicherweise weit reichenden Enhancements herangezogen werden sollen. Aus einer wertepluralistischen Perspektive möchte Hughes es daher in den meisten Fällen den Individuen selbst überlassen, die Mittel zu wählen, die ihnen zum Erreichen der von ihnen selbst als positiv bewerteten Zwecke adäquat erscheinen. In der Absicht, gerechtere Verhältnisse herzustellen, argumentiert er zudem dafür, dass mithilfe von Enhancements auch Umverteilungen und das Aufheben von gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten befördert werden könnten. Damit komme dem Staat eine wichtige Aufgabe bei der Regelung der Zugänge zu Enhancements zu. So kombiniert Hughes den Transhumanismus mit sozialen und demokratischen Vorstellungen: Bei Wahrung der individuellen Freiheit solle der Staat dennoch Ungleichheiten bekämpfen und Individuen davon abhalten, selbst- und fremdschädigende Fehlentscheidungen zu fällen. Als Soziologe sucht er nach der Ursache von Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten zwischen den Menschen in einem Gefüge aus gesellschaftlichen und biologischen Gründen. Da auch die biologischen Ungleichheiten eine entscheidende kausale Rolle im gesellschaftlichen Gefüge spielen, weist er den biotechnologischen Enhancements eine wichtige kompensatorische Funktion zu. Mit scharfer Kritik gegenüber den Biokonservativen schreibt er: „Contrary to the vacuous assertions of Francis Fukuyama and Bill McKibben that we are all biological equals, a lot of social inequality is built on a biological foundation, and enhancement technology makes it possible to redress that source of inequality.“ (Hughes 2004, 195). Hier tritt der „demokratisch transhumanistische“ Impuls hervor, die Biotechnologien zur Verringerung von Ungleichheiten einzusetzen und mit ihrer Hilfe der menschlichen Verantwortung für bestehende Verhältnisse zusätzliche wirksame Mittel an die Hand zu geben. Darüber hinaus wehrt sich Hughes mit seinem transhumanistischen Ansatz dagegen, die Wertschätzung für die „Humanität“ unter Berufung auf spezifisch biologische Argumente zu begründen, wie es etwa Fukuyama als Vertreter einer „biokonservativen“ Position tut (Fukuyama 2002). Die Gegner, die in transhumanistischen Interventionen eine Gefährdung des moralischen Status’ der betreffenden Individuen sehen, bezeichnet er auch als „human-racists“ (Hughes 2004, xv). Diese wollen anderen (personalen) Wesen wie transhumanen Lebewesen, aber auch Cyborgs und allen Tieren, auch allen nicht-menschlichen Primaten, die
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„citizenship“ absprechen. „Citizenship“ ist für Hughes einerseits die Erlaubnis der Teilnahme an einem politischen Diskurs aber andererseits die Berechtigung, basale Rechte gegenüber anderen geltend zu machen (oder stellvertretend durch andere geltend machen zu lassen).10 Eine enge biologische Begründung des moralischen Status ist vor diesem Hintergrund tatsächlich problematisch, da sie Ausschlusskriterien formulieren müsste, welchen Wesen die „citizenship“ verwehrt werden müsste, obwohl sie – wie Menschen – über verkörpertes Bewusstsein, Intentionalität und Handlungsfähigkeit verfügten. Der drastische Vorwurf des „human-racism“ muss daher ernst genommen werden. Die transhumanistische Kritik an einer engen biologischen Begründung des moralischen Status von Menschen greife ich im vierten Teil meiner Arbeit wieder auf. Damit wurden einige transhumanistische Argumente vorgestellt, die einen ernstzunehmenden Hintergrund haben und nicht dem Bereich technik-euphorischer Science Fiction zuzuordnen sind. Über die weniger seriösen Erscheinungsformen „transhumanistischen Denkens“ kann man sich darüber hinaus im Internet leicht einen Überblick verschaffen.
9.2. Drei Thesen des Transhumanismus Im Folgenden werde ich drei transhumanistische Kernthesen formulieren und diskutieren. Dabei gilt in methodischer Hinsicht natürlich ein Caveat: Der Transhumanismus ist keine geschlossene Bewegung, die sich bereits auf einen „Katechismus“ geeinigt hätte. Auch das Vorliegen des manifestartigen Textes von Nick Bostrom „The Transhumanist FAQ“ (Bostrom 2003b) kann nicht als verbindlich gelten. Gleichwohl lassen sich deutliche Grundzüge des transhumanistischen Denkens erkennen. These 1: Die Natur des Menschen ist „work-in-progress“. Diese erste, anthropologische These des Transhumanismus plädiert vehement und provokativ für eine in anderen, etwa evolutionsbiologischen, Kontexten kaum umstrittene Meinung, nämlich dass der „Mensch“ keine feststehende natürliche Art darstellt, sondern ein kontingentes Produkt der Evolution ist. Dieses bisherige Resultat der Evolution entwickelt sich weiter, und seine Weiterentwicklung hängt auch von ihm selbst ab, etwa 10 Mit diesem Anliegen steht er Nussbaums Ansatz in Frontiers of Justice nahe, vgl. Nussbaum 2006.
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indem bestimmte menschengemachte Umweltbedingungen über epigenetische Prozesse den menschlichen Organismus verändern oder indem kulturelle Praktiken zu Veränderungen im Genom führen (Hawks et al. 2007). Die radikale Betonung des „in Arbeit befindlichen Projekts Mensch“ betont lediglich die durch den Einsatz biotechnologischer Mittel allenfalls beschleunigte, aber ohnehin ablaufende Entwicklung. Entgegen der aus der christlichen Tradition stammenden Überzeugung, dass es sich beim Menschen um die „Krone der Schöpfung“, also um etwas (zumindest weitgehend) Vollendetes handelt, sind die Transhumanisten der Ansicht, dass die biologische Art homo sapiens evolutionär keineswegs vollendet sei. Diese Sichtweise ist eine direkte Folge der Evolutionstheorie, gemäss der biologische Gattungsbegriffe – wie beispielsweise homo sapiens – nichts Feststehendes geschweige denn etwas Vollendetes beschreiben, weil sie immer nur „Momentaufnahmen“ aus dem immerwährenden Gang der Evolution darstellen. Gewiss stellen diese „Momentaufnahmen“ ein relatives Optimum mit Blick auf eine bestimmte Umwelt dar; da sich aber – nicht zuletzt auch durch den Einfluss der Menschen selbst – die Umwelt ihrerseits verändert, kann auch die Lebensform Mensch nicht schlechthin optimal angepasst sein. Vielmehr ist für die optimale Anpassung des Menschen an die aktuellen Lebensbedingungen eine zusätzliche evolutionäre Weiterentwicklung nötig. Die weitere Veränderung der Gattung homo sapiens ist also etwas Unvermeidliches. Diese evolutionäre Unabgeschlossenheit des Menschseins wird im transhumanistischen Denken ergänzt durch die Annahme einer „anthropologischen Konstante“: Es sei eine wesentliche Eigenschaft von Menschen, dass sie alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel nutzen würden, um nicht nur ihre Umwelt, sondern zielgerichtet auch sich selbst nach eigenen Vorstellungen zu verändern und zu verbessern. Bereits in frühesten schriftlichen Zeugnissen der Menschheit finden sich solche Zielvorstellungen, so dass einige Transhumanisten die Geschichte der kulturellen Entwicklung als eine „Geschichte transhumanistischen Denkens“ (Miah 2008) verstehen. Der Wunsch nach einer Veränderung der Gattung homo sapiens ist also nicht nur unvermeidlich, sondern auch Teil des Menschseins. Menschen haben sich immer schon „transhuman“, also über das Menschliche hinausweisend, verhalten. Wenn unser Wissen um die Entwicklung des Menschen mittlerweile so weit gediehen ist, dass die weitere Entwicklung von unseren Entscheidungen abhängt, und wenn ein Nichteingreifen gleichfalls eine folgenreiche Entscheidung darstellt, ist es angebracht, für das Eingreifen wie
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für das Nichteingreifen gleichermaßen Verantwortung zu übernehmen. Hier erzwingt eine ursprünglich nicht intentionale Entwicklung (die aus dem Erkenntniszuwachs resultierenden Handlungsoptionen) schließlich eine intentionale Entscheidung für oder gegen die Realisierung der Optionen. Dem Menschen und der menschlichen Entwicklung den Status eines Projekts zuzuschreiben, fordert dazu auf, nicht tatenlos zuzusehen, wenn sich Entwicklungen ergeben, die man nicht gutheißt. Hier folgt aus der anthropologischen These über den ontologischen Status des Menschen als „work in progress“ eine ethische Schlussfolgerung, die Verantwortung für die jeweilige menschliche Lebensform in die Hände von Menschen delegiert. Das Wissen und die Möglichkeit einer Intervention erzwingen in der Folge eine bewusste Entscheidung, in der unter Umständen auch neue moralische Ansprche entstehen. Vor diesem Hintergrund ist die Betonung der menschlichen Interventionsmöglichkeiten bei der Entwicklung von menschlichen Individuen und der menschlichen Gattung durch die Transhumanisten vielleicht als Überspitzung zu werten, insgesamt aber ein kohärenter Gedanke. These 2: Der Fortschritt der Wissenschaften ermçglicht eine dauerhafte Verbesserung der condition humaine – eventuelle Risiken sind kontrollierbar. Es ist möglich, mithilfe der Biotechnologien das menschliche Leben tatsächlich zu verbessern, so dass Menschen länger, gesünder, glücklicher, aktiver, kreativer und insgesamt erfüllter leben können. Mit einer solchen These stellt sich der Transhumanismus in eine lange Tradition ungebrochen fortschrittsgläubiger und fortschrittsoptimistischer Theorien, wie sie etwa in Form des frühneuzeitlichen Wissenschaftsglaubens bei Francis Bacon und im aufklärerischen Glauben an Verbesserung – der bereits in Voltaires Candide auf das Schärfste kritisiert wurde – seit langem vorliegen. Der transhumanistische Fortschrittsoptimismus muss jedoch eine Antwort auf den Einwand aufklärungs- und technikkritischer Positionen (etwa der Frankfurter Schule) bereithalten, wenn er nicht der Naivität bezichtigt werden will. Horkheimer und Adorno hatten darauf hingewiesen, dass dem instrumentellen Gebrauch der Vernunft eine Ambiguität innewohne, die dazu führe, dass auch der Einsatz instrumenteller Techniken in guter Absicht Gefahr laufe, in sein Gegenteil umzuschlagen (Horkheimer/Adorno 1947). Auch Habermas kritisiert die „Kolonisierung der Lebenswelt“ durch zweckrationales und auf Machbarkeit ausgerichtetes Handeln, das eine eigene Dynamik entfalten
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kann, die dem kommunikativ Normen generierenden Handeln teilweise zuwiderlaufe (Habermas 1981). Auf diese Weise könne die spezifisch menschliche Möglichkeit zu kommunikativem Handeln durch zweckrationales und instrumentelles Denken und Handeln überlagert und gefährdet werden. Mit Blick auf den Einsatz von Biotechnologien hat Habermas versucht, diese Möglichkeit als Störung der symmetrischen Kommunikationssituation zu exemplifizieren, die sich daraus ergeben würde, dass Kinder nach bestimmten Wünschen der Eltern instrumentell gemacht worden wären (Habermas 2001). Aufgrund ihrer von den anderen Teilnehmern der Kommunikation abweichenden Entstehung – nach Zwecken der Eltern – wären sie als Individuen den anderen in der Kommunikation unterlegen. Habermas nennt diese Kommunikation dann asymmetrisch. Die Ursache dafür liegt in dem Ausgreifen zweckrationalen Denkens auf einen zuvor dafür unverfügbaren Bereich.11 Transhumanisten würden wohl grundsätzlich nicht leugnen, dass technische Entwicklungen auch der menschlichen Kontrolle entgleiten und eine nicht gewünschte Eigendynamik entfalten können (Bostrom 2002), entg