ZU DEN STERNEN Die offizielle Autobiographie von
GEORGE TAKEI Star Trek’s Mr. Sulu
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ZU DEN STERNEN Die offizielle Autobiographie von
GEORGE TAKEI Star Trek’s Mr. Sulu
HEEL
HEEL Verlag GmbH Wintermühlenhof 53639 Königswinter Tel.:(02223)9230-0 Fax:(02223)923026
©1997 HEEL AG Rämpferstr. 2 CH-8834 Schindellegi Amerikanische Originalausgabe © 1994 by Pocket Books 1230 Avenue of the Americas New York, NY 10020 USA Englischer Originaltitel: To the Stars – The Autobiography of George Takei Star Trek’s Mr. Sulu © 1994 by George Takei © 1994 by Paramount Pictures Übersetzung: Yvonne Angkawidjaja, Königstein Ralph Sander, Köln Druck: Ebner Ulm – Alle Rechte vorbehalten – ISBN 3-89365-581-6
George Takei ist den Zuschauern bestens als Mr. Sulu, Steuermann der Enterprise und Captain der Excelsior, bekannt. Als Teil der Besatzung der Enterprise erforschte er Fremde Welten und neue Zivilisationen und entführte Woche für Woche Millionen von Zuschauern in die Welt von Star Trek. Star Trek entstand in den wechselhaften sechziger Jahren und starb nur drei Jahre später. Es Folgte eine Wiedergeburt, die Star Trek aus den Herzen und Gedanken der Fans bis auf die große Leinwand brachte. Acht Filme und drei Serien weiter steht Star Trek immer noch als einzigartiges Phänomen da und als nicht wegzudenkender Teil der Kulturgeschichte unseres Jahrhunderts. Die Geschichte von Star Trek besteht aus unendlicher Hoffnung und erschütternden Enttäuschungen, harten Machtkämpfen und unglaublichen Leistungen. Diese Geschichte ist aber auch Teil des Lebens der Schauspieler, die ursprünglich in einer einzigartigen, aber schlecht laufenden Fernsehserie mitspielten und heute, dreißig Jahre später, für uns alle zur Familie gehören. Für George Takei ist das Abenteuer Star Trek mit einer persönlichen Odyssee verbunden, die während des zweiten Weltkriegs begann. Damals war George vier Jahre alt und wurde zusammen mit seinen Eltern von der US-Regierung gezwungen, in ein Internierungslager zu gehen. Star Trek bedeutet George Takei wesentlich mehr als eine außergewöhnliche Karriere, die mittlerweile dreißig Jahre umspannt. Für einen Amerikaner, dessen Ideale einem so schweren Test unterzogen wurden, steht Star Trek auch für den Traum von Freiheit und Gleichheit in einer gerechten Welt.
Für meinen Vater
Danke! Die Idee für dieses Buch entstand bei einem gemeinsamen Essen mit Tom Kagy, dem Herausgeber des „Transpacific Magazine“. Wir saßen auf der Terrasse eines Restaurants in Santa Monica und blickten aufs Meer, als er mir vorschlug, meine Geschichte als asiatisch-amerikanischer Schauspieler und Aktivist in einer Chronik zu veröffentlichen. Nur eine Woche später hatte mein Agent Steve Stevens den Einfall, meine 30 Jahre mit dem „Star Trek“-Phänomen in einer Autobiographie zusammenzutragen. Ich hatte diese Vorschläge bis dahin immer abgelehnt, weil ich mich viel zu jung fühlte, um über mein Leben zu schreiben. Doch da zwei Menschen, deren Meinung ich sehr schätze, mit nur einer Woche Verzögerung die gleiche Idee hatten, konnte ich mich nicht länger auf meine „Jugend“ berufen – meine Zeit schien gekommen zu sein. Doch als ich mich mit der Vorstellung anfreundete, mein Leben zu Papier zu bringen, wurde mir die Komplexität meiner Erlebnisse erschreckend bewußt. Meine Erinnerungen an meine Zeit in amerikanischen Internierungslagern waren nah und lebendig, aber ich fühlte die Notwendigkeit, meine Kindheitserfahrungen in einen größeren historischen Kontext einzufügen. Für die Hilfe, diese Jahre hinter Stacheldraht wieder zum Leben zu erwecken, bin ich vielen Menschen von Herzen dankbar: Vom „Japanese American National Museum“ – Kurator Dr. Kaoru Oguri, Clement Hanami, der die Mikrofilme verwaltet, und Che-ster Hashizume von der Rechtsabteilung; Carol Saito von der „Japanese American Citizens League“ und Kango und Katsumi Kunitsugu vom „Japanese American Cultural Community Center“. Ich möchte außerdem Dr. John Kashiwabara und Ken Wakabayashi dafür
danken, daß sie mir dabei geholfen haben, meine persönlichen Familienerlebnisse aufzuzeichnen. Ich schulde den „Star Trek“-Experten Richard Arnold und Phil Burril großen Dank, die mir dabei geholfen haben, meine Erinnerungen aus 30 Jahren „Star Trek“ zusammenzutragen. Vielen Dank auch an Ana Martinez-Holler, Leiterin der Presseabteilung der „Hollywood Chamber of Commerce“, die mich bei meinen Recherchen über die Geschichte der Traumfabrik unterstützte. Meinen ganz besonderen Dank an den Journalisten Brad Altman, der mir unermüdlich mit Rat zur Seite stand. Ohne seine Unterstützung wäre die Arbeit an diesem Buch nicht so erfüllend gewesen.
Prolog Das 25jährige Jubiläum Ein Vierteljahrhundert – zweieinhalb Jahrzehnte. Wer hätte das jemals zu wünschen gewagt? „Star Trek“ wurde 25 Jahre alt. Im September 1966 ging die Serie zum ersten Mal auf Sendung, und nun war es 1991, die Zeit schien mir wie im Fluge vergangen zu sein. Seit 25 Jahren hatten wir alle Höhen und Tiefen erlebt – von der Absetzung zum Neubeginn, vom Kinohit zum Flop, von erfundenen Weltraumschlachten zu Trek-Kriegen im wirklichen Leben. Wir hatten eine Zeit erlebt, die niemand von uns erhofft hatte. Nicht einmal in unseren kühnsten Träumen hätten wir uns ausmalen können, was zur Realität wurde – und nun hatten wir einen seltenen Meilenstein erreicht: 1991 feierte „Star Trek“ sein glanzvolles Silbernes Jubiläum. Im Mittelpunkt stand die Kinopremiere von „Star Trek VI: Das unentdeckte Land“. Doch einen Tag vor dem Start, am 5. Dezember 1991, sollten wir sieben – Bill Shatner, Leonard Nimoy, DeForest Kelley, Nichelle Nichols, Jimmy Doohan, Walter Koenig und ich – uns für eine wunderbare Ehrung im berühmten „Chinese Theater“ auf dem Hollywood Boulevard zusammenfinden. Das „Chinese Theater“ war das prunkvollste Kino der Stadt. 1927 wurde es in einem „chinesischen“ Stil erbaut, der nicht in der eigentlichen chinesischen Architektur verwurzelt ist. Es handelt sich um den einmaligen orientalischen Stil, den Hollywood geschaffen hat. Im Vorhof des Kinos sind die
Autogramme und Handabdrücke von den ganz Großen der Filmgeschichte in Zement verewigt. Es ist das Kino, in das mich meine Eltern als Kind zu besonderen Anlässen mitnahmen. Ich erinnere mich daran, wie ich meine Hand in die riesigen Abdrücke von Gary Cooper, Gene Kelly und Clark Gable gelegt hatte und Gänsehaut bei dem Gedanken bekam, daß ich nun die gleiche Stelle berührte wie die magischen Leinwandhelden es zuvor getan hatten. Nun sollten wir, die „Star Trek“-Crew, uns in dem selben Vorhof versammeln, um uns in diese außergewöhnliche Ahnentafel einzureihen. Wir gehörten zu den Legenden der Filmgeschichte! Vor der eigentlichen Zeremonie wurden wir im Kino in einer inoffiziellen Besprechung gebeten, nur unsere Autogramme in den feuchten Zement zu schreiben – und nicht mehr. Der Platz für sieben Unterschriften war begrenzt. Mehrmals wurden wir darauf hingewiesen, nur unsere Namen zu schreiben. Dann verließen wir das Gebäude durch einen Hinterausgang, um in Cabriolets vorzufahren. Der große Moment war gekommen: Die Menge jubelte, die Musikgruppen spielten, die offiziellen Reden wurden gehalten – es war eine Feier, wie sie nur Hollywood auf die Beine stellen konnte. Bill war der erste, der den roten Teppich hinunterschritt und sich hinkniete. Er griff nach dem Stift und schrieb mit gesenktem Kopf sorgfältig seinen Namen in den Zement – so, wie abgesprochen. Danach folgte Leonard. De war der nächste. Er schien ein bißchen nervös zu sein. Ich machte ihm keinen Vorwurf, dieser Moment war ehrfurchtgebietend. Er ging auf die Knie, schrieb seinen Namen und erhob sich. Irgend jemand flüsterte: „Er hat seinen Namen falsch geschrieben.“ Bill hörte die Bemerkung und schrie: „De! Du hast dich verschrieben!“ Wir schauten auf seine Unterschrift. Dort stand es verewigt im Zement: D-e-F-o-
r-e-t Kelly. De hatte das s in seinem Namen vergessen. Das Blitzlichtgewitter begann. Des öffentlicher Auftritt machte den Rest von uns sehr vorsichtig. Als ich an der Reihe war, schrieb ich meinen Namen vorsichtig auf die zähflüssige Oberfläche, machte den Strich vom T und bereitete mich auf das letzte i vor. Doch plötzlich überkam mich ein schrecklicher Anflug von Verantwortungsbewußtsein. Mir wurde klar, daß ich der einzige aus unserer Gruppe war, der in Los Angeles geboren wurde. Leonard kam aus Boston, De aus Georgia, Nichelle aus Chicago und Walter aus New York. Bill und Jimmy waren noch nicht einmal Amerikaner – sie stammten aus Kanada. Von keinem konnte man erwarten, daß sie die Geschichte und die Tradition des „Chinese Theater“ kannten. Aber ich bin damit aufgewachsen. Als einzig echter Angeleno trug ich eine Verantwortung. Doch dann erinnerte ich mich daran, daß wir deutlich darauf hingewiesen wurden, nur unsere Namen zu schreiben. Aber, so dachte ich bei mir, was könnten sie tun? Sie würden es nicht wagen, den Abdruck zu entfernen! Ich machte den Punkt über das i, legte den Stift beiseite, und mit dem Gedanken an die Tradition, die ich in mir trug, öffnete ich meine Hand und grub sie fest in den Zement. Um mich herum herrschte entsetzte Stille. Sie wurde von Bills gehauchten Worten: „George hat seine Hand hineingelegt“ unterbrochen. Mir war die anklagende Stille bewußt, aber ich drückte weiter meine Hand in den Zement. Dann schrie Bill erneut: „Ich will auch einen Abdruck machen!“ Er rannte den roten Teppich herunter, und mit einem lauten Klatsch landete seine Hand direkt unter seinem Namen. Der Bann war gebrochen. Alle anderen rannten zu ihren Namen und drückten ihre Hände in den fast schon trockenen Zement. Doch Leonard, der immer
ganz bewußt in seiner Rolle lebte, legte seine Hand vorsichtig in den Zement und formte den Vulkaniergruß. „Star Trek VI: Das unentdeckte Land“ wurde zu einem Triumph. Die Kritiker schwärmten, die Kinokassen klingelten, und unser Vorzeigestück zum Silbernen Jubiläum war ein weiterer Meilenstein in der 25jährigen Trekgeschichte. Zwei Monate nach dem Kinostart kamen Majel Barrett und der Rest der Besetzung an der entgegengesetzten Küste wieder an einem berühmten Ort zusammen, dem „National Air and Space Museum“ in Washington D.C. Es war eine weitere Premiere, aber diesmal von einer ganz anderen Art. Es war die Eröffnungsveranstaltung der „Star Trek-Ausstellung zum 25jährigen Jubiläum“. Es war eine weitere unerwartete Auszeichnung. Wir fanden uns zur Pressekonferenz auf der Bühne vor den eigentlichen Eröffnungsfeierlichkeiten ein. Es war ein großer Saal, der an eine Flugzeughalle erinnerte, und in ihm saßen Vertreter der Medien. Ein Reporter stand auf und stellte der Kuratorin des Museums, Mary Henderson, folgende Frage: „Dieses Museum zeigt eindrucksvoll, was unserer Zivilisation in der Flugzeug- und Weltraumtechnik bereits erreicht hat. Wir haben die echte ‘Spirit of St. Luis’, mit der Charles Lindbergh zum ersten Mal allein den Atlantik überquerte. Wir besitzen den Raumanzug von Neil Armstrong, den er auf dem Mond getragen hat. Ein anderes Ausstellungsstück hier im Smithsonian ist ein großer Gesteinsbrocken vom Mond. Warum muß eine Fernseh- bzw. Kinoserie neben diesen echten Meilensteinen unserer Weltraumgeschichte hier in diesem Museum geehrt werden?“ „Ja“, antwortete Mary Henderson. „Wir besitzen die Ausstellungsstücke, die sie aufgezählt haben. Aber in diesem Museum sollten nicht nur Artefakte aus unserer Geschichte zu
sehen sein. Unsere Sammlung hat das Ziel, junge Leute über unsere Entwicklung aufzuklären. Sie soll den Geist anregen, ihre Neugierde für das Universum wecken. ‘Star Trek’ ist sehr wichtig für dieses Museum, weil die Serie in den letzten 25 Jahren die Vorstellungskraft, nicht nur von Jugendlichen, sondern von vielen Menschen angeregt hat. ‘Star Trek’ hat viele dazu bewogen, in ihrem Leben zu forschen und nachzufragen. Lehrer, Ingenieure – sogar Astronauten – wurden von den Idealen der Serie berührt. ‘Star Trek’ hat in seiner 25jährigen Geschichte ein lebendiges Interesse an der Weltraumforschung geschaffen. Die ‘Star Trek’-Ausstellung gehört hierher, genau in die Hauptstadt unseres Landes, eben weil ‘Star Trek’ mit seinen Ideen eine große Anziehungskraft für das Abenteuer Universum geschaffen hat.“ Mary Henderson konnte überzeugen. Ihre Worte erfüllten mich mit Stolz. Die Ausstellung sollte drei Monate lang zu sehen sein. Doch die Verantwortlichen des Museums hatten keine Vorstellung von der Zahl unserer Fans. Vom ersten Tag an bildete sich eine endlose Menschenschlange rund um das Gebäude, die geduldig auf den Einlaß warteten. Die Ausstellung wurde mehrmals verlängert. Die Menschen kamen aus allen Teilen der Welt. Die „Star Trek“-Ausstellung lief rekordverdächtige elf Monate lang und mußte schließlich beendet werden, weil eine andere Ausstellung nicht länger zurückgehalten werden konnte. Das Smithsonian-Museum hatte niemals zuvor einen solchen Zuschaueransturm erlebt. Für „Star Trek“ war es eine weitere Auszeichnung. Die Jubiläumsconvention in Los Angeles war die größte, die jemals organisiert wurde. Das riesige Shrine-Auditorium war bis auf den letzten Platz gefüllt. „Star Trek“ war zu einem weltweiten Phänomen geworden, und die Fans flogen aus allen
Teilen der Welt nach Los Angeles – Europa, Amerika, Asien und Australien. Die Metapher des Raumschiffs Erde war Wirklichkeit geworden, und der Raum war gefüllt von einem Murmeln aus unterschiedlichen Akzenten und Sprachen. Die Convention war ein Tribut an Gene Roddenberry, den Schöpfer von „Star Trek“. Das gesamte Programm war Gene gewidmet, als Ausdruck der Dankbarkeit für einen Künstler und Visionär, der so viele Menschen auf unterschiedlichen Wegen berührt hatte. Alle Schauspieler waren wieder zusammengekommen, um den Mann zu ehren, der es geschafft hatte, so viele Menschen unterschiedlicher Nationen zusammenzubringen. Wir, die das Glück hatten, Gene als Freund zu kennen, sprachen von der großen Bühne zu den Zuschauern. Schöne Erinnerungen wurden geteilt, amüsante Anekdoten erzählt. Unsere Beziehung zu Gene war erfüllt von Zuneigung und Liebe. Doch in unseren Reden ließ sich die Melancholie nicht verbergen. Gene war schon seit langer Zeit erkrankt. Während des vergangenen Jahres mußten wir erleben, wie er von mehren Schlaganfällen geschwächt wurde. Seine Aussprache war undeutlich geworden. Dann erlitt der Riese von einem Mann, der früher als Polizist gearbeitet hatte, einen weiteren Schlaganfall, der ihn seines sicheren Schrittes beraubte. Seither ging er zitternd auf einen Stock gestützt. Zur Zeit der großen Convention saß er bereits im Rollstuhl. Doch das verschmitzte Lächeln und der Glanz in seinen Augen konnten ihm nicht geraubt werden. Gene war der Letzte, der vorgestellt wurde. Er hatte im Schatten des Bühnenvorhangs gewartet und lächelte uns, die wir im Rampenlicht saßen, bei den Auszeichnungen zu. „Sehr geehrte Damen und Herren! Der Mann der Stunde, der Mann für alle Zeiten – Gene Roddenberry.“ Die Stimme des Ansagers hallte durch das gesamte Auditorium. Genes
Rollstuhl, geschoben von seinem Sohn Rod, rollte über die Bühne. Die Lichter im ganzen Saal gingen an. Wir standen in einer Reihe vor dem dunklen Vorhang. Wie eine Einheit war das ganze Auditorium von tosendem Applaus erfüllt. Die Lautstärke nahm immer weiter zu, als Rod seinen Vater zur Mitte der Bühne schob. Die Begeisterung wollte nicht enden. Ich betrachtete Genes gekrümmte Haltung in dem Rollstuhl. Und plötzlich durchfuhr mich blitzartig ein großer Schrecken! Genes Arme, die auf den Lehnen des Rollstuhls ruhten, begannen schrecklich zu zittern. Ich schaute Rod fragend an. Warum tat er nichts? Dann bemerkte ich, daß Gene Rods Sorge durch ein Kopfnicken zerstreuen wollte. Gene wollte keine Hilfe. Er richtete sich mit der Kraft seiner Armmuskeln auf. Seine Beine schienen ihn nicht länger tragen zu können, aber er war fest entschlossen, sich aus eigener Kraft zu erheben. Der Anblick ließ mein Herz fast aufhören zu schlagen. Genes Arme zitterten gefährlich. Doch aus reiner Willenskraft schaffte er es, sich der nie aufhörenden Dankbarkeit und Liebe, die ihm entgegenströmte, stehend entgegenzustellen. Mit der Willenskraft, die sein Leben auszeichnete, forderte er von sich auch die letzten Quellen seiner Kraft heraus. Ganz langsam, mit großen Schmerzen, erhob er sich – und lächelte. Als er voller Stolz stand, flüsterte er die Worte: „Herzlichen Dank“. Diese Jubiläumsconvention im Shrine-Auditorium wird mir als eines der glänzenden Höhepunkte eines außergewöhnlichen Jahres mit Lobeshymnen, Auszeichnungen und Erinnerungen an nie erwartete 25 Jahre in Erinnerung bleiben. Daß dieses Vierteljahrhundert „Star Trek“ zu einem Teil meines Lebens geworden ist, ist ein unglaubliches Wunder. Ich, der ich nun mit Reisen in den Weltraum in Verbindung gebracht werde, hätte das vor mehr als 50 Jahren als kleiner Junge aus Los Angeles, der mit großen Augen die Sterne
betrachtete, nicht im Traum geglaubt. Damals waren dieser japanisch-amerikanische Junge und seine Familie auf einer ganz anderen Reise. Ihre Welt, die sie sich aufgebaut hatten, drohte in einem völligen Chaos zu versinken. Ich war ein kleiner Junge. Und meine persönliche Reise begann in den Wirren des Zweiten Weltkrieges.
EIN AMERIKANISCHER ANFANG
1 Die Reise nach Arkansas Ein Windstoß fegte heißen Staub gegen das Fenster und ebenso schnell wieder hinweg. Der Zug fuhr mit Höchstgeschwindigkeit, aber in der leeren Weite der Wüstenlandschaft vermittelten nur hin und wieder ein paar Staubwogen und einsame Saguaro-Kakteen, die vorüberflogen, einen Eindruck von Bewegung. Dazu kam das stetige, eintönige Rütteln des Zuges. Doch die Szene draußen blieb die gleiche. Stunde um Stunde, Tag um Tag. Ich war vier Jahre alt und sensibel genug, um die Spannung zu fühlen. Ein seltsamer Ernst lag auf den ledernen Gesichtern der alten Leute, die sich im Takt hin- und herwiegten. Einige der Frauen hatten geweint, als wir Los Angeles verließen, doch jetzt starrten sie nur noch hinaus in die schweigende Leere, schaukelten leidenschaftslos hin und her, und ihre angetrockneten Tränen hinterließen filigrane Muster auf ihren Wangen. Wir alle trugen numerierte Identifikationsschilder, die mit biegsamem Draht fest an unserer Kleidung angeheftet worden waren. Ich war Nr. 12832-C. Von Zeit zu Zeit stampften die Militärpolizisten, die sonst wie Statuen an beiden Enden des Waggons standen, mit ihren Gewehren auf den Boden, um sich ihre Langeweile zu vertreiben. Unser Vater hatte uns – meinem jüngeren Bruder Henry, meiner Schwester Nancy Reiko, die damals noch ein Baby war, und mir – erzählt, daß wir „für einen sehr langen Urlaub aufs Land fahren würden.“ Ich glaubte ihm. Ich dachte, daß es ein wunderbares Abenteuer werden würde. Ich nahm an, daß
dieses genau die Art war, wie Leute für längere Zeit aufs Land fuhren. Ich fragte mich nur, warum die kranke Dame am anderen Ende unseres Wagens, die unter einem schlimmen Reizhusten litt, mit uns in diese Ferien kommen mußte. Unser Vater erzählte uns, daß wir in ein Lager namens Rohwer gehen würden, an einem fernen Ort, genannt Arkansas. Als ich ihn fragte, wie es da wohl sein würde, meinte er nur, daß er nicht sicher sei und sagte dann nichts mehr. Die Reise schien endlos. Es war der zweite Tag, und Camp Rohwer fühlte sich kein bißchen näher an. Das Wiegen und das Schaukeln schien endlos, die harten, aufrechten hölzernen Sitze waren eine Tortur und die brütende Hitze unerbittlich. Jedermann wurde von einer dumpfen Lethargie betäubt. Doch plötzlich wurde die Langeweile unterbrochen. Ohne erkennbaren Grund hielt der Zug mit einem ohrenbetäubenden Rumpeln, Rattern und Quietschen mitten in der Wüste an. Jeder wurde sofort aufmerksam. Was passierte nun? Meine Mutter faßte mich an der Schulter und zog mich zu sich heran, während sie meine kleine Schwester fest im Arm hielt. Sie blickte meinen Vater an, der die MPs beobachtete. In den Augen aller stand blanke Angst. „Alles in Ordnung. Alle raus zum Bewegen. Ab nach draußen. Raus.“ Beide MPs fuchtelten herum, um uns zum Verlassen des Waggons zu bewegen. „Nach draußen?“ „Hier?“ Es gab ein heilloses Durcheinander. „Warum halten wir mitten im Nirgendwo?“ „Raus. Raus zum Bewegen“, schrie der MP. Die jüngeren Leute begannen, den verwirrten älteren die Situation auf Japanisch zu erklären. Einige junge Männer kamen schwankend von ihren Sitzen hoch, und zunächst noch träge begann dann der Trubel beim Verlassen des Zuges. Müde, zerknitterte Leute, die zwei Tage und eine Nacht auf
einem Platz gesessen hatten, fingen an, sich wieder zurechtzumachen. Meine Mutter setzte sich eilig ihren neuen Strohhut von Sears Roebuck auf und reichte meinem Vater seinen Panamahut. Wir drei Kinder bekamen weiße Baumwollmützen auf unsere Köpfe. Die hohen Trittbretter der Waggons erschienen mir wie kleine Klippen. Mein Vater hielt meine Hand, und ich wurde hinuntergereicht. Henry hing an der anderen Hand meines Vaters. Es war ein großartiges Gefühl, da draußen zu sein. Sobald ich festen Boden unter den Füßen hatte, schnappte ich eine Handvoll warmen Sand und bewarf damit meinen Bruder. Er jaulte auf und rannte auf mich zu. Ich schnappte eine andere Handvoll und lief davon. In dem Moment spürte ich, wie eine feste Hand nach meinem Arm griff. Es war der ruhige Mann, der uns gegenüber auf der anderen Seite des Ganges gesessen hatte. Er stoppte Henry mit einem sanften Druck seines Zeigefingers. „Sie haben lebhafte Jungen, Takei-san“, sagte er lächelnd, als er mich zu meinem Vater hinüberreichte. „Danke.“ Mein Vater wirkte seltsam bedrückt, als er unsere Hände nahm. Er blickte auf uns herab, und einen Augenblick lang erwartete ich ein mißbilligendes Stirnrunzeln. Aber statt dessen sah ich Traurigkeit in seinen Augen. Sein Blick schien sich an uns festzuheften. Er wiederholte sanft: „Lebhafte Jungen.“ Dann starrte er hinaus in die Einöde der Wüste. Als wollte er den leeren Horizont fragen, murmelte er: „Und wo bringe ich sie hin?“ Nachdem alle, die ihre Beine strecken wollten, aus dem Waggon heraus waren, pflanzten sich die MPs demonstrativ auf das unterste der Trittbretter. Derjenige, der mir am nächst saß, sang die Melodie: „Shoo fly, don’t bother me. Shoo fly, don’t bother me.“ Die meisten von uns, die ausgestiegen waren, blieben dicht bei den Waggongs, aber es gab auch ein paar junge Männer, die weiter in den heißen Sand hinaus
wanderten. Andere beugten sich hinab, um die Unterseite des Zuges zu inspizieren. Ein junger Mann duckte sich zwischen den Waggons und urinierte auf die Räder des Zuges. Es dampfte und brutzelte, als die Flüssigkeit auf den heißen Stahl spritzte. Ich dachte, daß mein Vater ihn auch sah, doch er gab vor, ihn nicht zu bemerken. Henry und ich blickten einander an und kicherten. „Alles in Ordnung, alle zurück in den Zug. Alles zurück!“ Die MPs gingen herum und riefen: „Die Pause ist vorbei! Zurück in den Zug!“ Der Tumult und das Chaos beim Einsteigen waren schlimmer als beim Aussteigen. Einige alte Leute mußten die steilen Trittbretter hinaufgetragen werden. Unser „Shoo fly“-MP stellte sich neben die Treppe und reichte jedem die Hand, der sie brauchte. Wir standen neben ihm und warteten, bis wir an der Reihe waren. Sein Gewehr hatte er locker über die Schulter geschwungen. Ich streckte die Hand aus und berührt es. Das Geschützmetall war heiß von der Hitze der Wüstensonne. Ich heulte auf, mehr vor Überraschung als vor Schmerz. Der MP lächelte zu mir hinunter. „Das machste aber nich nochmal, ja?“ Er bückte sich zu mir hinunter, nahm mich hoch und setzte mich auf der obersten Stufe ab. „Ab mit dir, Kleiner.“ Mein Vater kämpfte sich hinauf, mit Henry an der Hand. Meine Mutter war mit Nancy Reiko im Arm schon oben im Wagen. Unsere kurze Fahrtunterbrechung mitten in der Wüste war vorüber. Die lange Reise unserer Familie, die uns zusammen mit Hunderten anderer japanischer Amerikaner quer durch das Land zu einem stachel-drahtumzäunten Lager in Arkansas führte, sollte noch eine Nacht und einen weiteren Tag dauern. Und für einen wißbegierigen und energischen vierjährigen Jungen war dies der Anfang eines großen Abenteuers. Das Gedächtnis ist ein listiger Bewahrer der Vergangenheit, für gewöhnlich treu und wahr, manchmal schwer zu fassen,
und gelegentlich täuscht es uns auch. Kindheitserinnerungen sind besonders unzuverlässig. Wunderschön, und so voller Freude, können sie doch ein völlig verdrehtes Bild der Wahrheit liefern ebenso wie die angenehme Erinnerung an den Geschmack eines Bonbons auf einer Beerdigung. Ganz aus dem Zusammenhang gerissen, und vollkommen subjektiv, wird die Süße für ein Kind ewig wirklich bleiben. Ich weiß, daß mich die äußeren Umstände meiner Kindheit, eine Realität, an die ich mich vage erinnern kann, lebenslänglich verfolgen werden. Ich erinnere mich an die Melancholie meines Vaters und die zwanghafte Sorge meiner Mutter, sich um unser tägliches Wohlergehen kümmern zu können. Aber dies sind staubige, weit entfernte Erinnerungen. Die hellen, klaren Bilder in meinem Gedächtnis sind die einer freudigen Zeit mit Spielen, Spaß und Entdeckungen. Ich erinnere mich daran, daß meine Mutter jedem von uns Kindern für die Reise eine eigene Wasserflasche bei Sears gekauft hatte. Wir fanden das großartig. In Wirklichkeit hatte sie die Flaschen gekauft, weil sie sich über die Wasserversorgung auf dieser langen Reise Sorgen machte. Gleichgültig wie groß die Besorgnis meiner Mutter war, mir ist der Spaß lebhaft in Erinnerung, den wir dabei hatten, immer wieder in kleinen Schlückchen das lauwarme Wasser aus unseren eigenen Wasserflaschen zu trinken. Für meinen Vater Takekuma Norman Takei war diese heiße Reise durch die südwestliche Wüste mehr als nur das Ende von allem, was er sich in seinem Leben aufgebaut hatte. Es war eine Reise in die völlige Ungewißheit – mit einer Frau und drei kleinen Kindern. Als die Einöde der Wüste an seinem Fenster vorüberflog, müssen ihm zahllose Gedanken durch den Kopf gegangen sein. Erinnerungen an seine Ankunft in Amerika als dreizehnjähriger japanischer Junge, zusammen mit seinem
älteren Bruder und ihrem verwitweten Vater, alle drei so voller Hoffnungen und Träume. An seine Jugend im vibrierenden Japantown, der japanischen Gemeinde von San Francisco. Als die trockene Landschaft an ihm vorüberfegte, müssen seine Gedanken zurückgewandert sein zu den Erinnerungen an die kühle Gegend der San Francisco Bay, wo er als Mitglied der Japantown Seals Baseballmannschaft viel herumgereist war. Erinnerungen über Erinnerungen. Wie schmerzlich es für ihn gewesen sein muß, an all die schwungvollen Pläne zu denken, die er für die Zukunft gemacht hatte, als er den Abschluß des Hills Business College in San Francisco in der Tasche hatte. Als er gen Süden gezogen war, um in der blühenden jungen Stadt Los Angeles sein Glück zu machen, und sich beim Wilshire Boulevard ein gutgehendes Reinigungsgeschäft aufgebaut hatte. Dort hatte er auch Fumiko Emily Nakamura aus Sacramento kennengelernt und sie 1935 im siebenundzwanzigsten Stockwerk des Rathauses von Los Angeles geheiratet. Und dann hat er sich bestimmt an den Schmerz des Verlustes ihres erstgeborenen Kindes im Alter von drei Monaten erinnert. Aber die Freude kam wieder bei der Geburt eines gesunden Jungen am 20. April 1937. Dieses Baby, so kostbar nach dem Verlust ihres Erstgeborenen, wurde zum Zentrum ihres Lebens, zum Mittelpunkt ihrer Welt. Der Junge brauchte einen passenden Namen. Für sie bedeutete dieses Baby ebensoviel wie ein Premierminister, sogar ein König. Als ein anglophiler Mensch, ein Bewunderer alles Englischen, hatte mein Vater deshalb seine Auswahl zwischen Neville und George zu treffen. Er und Fumiko Emily – die er von da ab „Mama“, und die ihn „Daddy“ genannt hat – einigten sich auf die königliche Wahl. Das Baby wurde George genannt, zu Ehren von König Georg VI. von England. Sie wählten Hosato, das heißt auf Japanisch „Dorf der reichen Ernte“, als seinen japanischen
Mittelnamen. Ein Jahr später wurde ein weiterer Junge geboren, ein gesundes, pausbäckiges Baby – und so dick wie König Henry VIII. Natürlich nannten sie ihn Henry. Zwei Jahre später kam noch ein Baby, diesmal ein Mädchen. Sie wurde Nancy genannt, nach einer bemerkenswert schönen Frau, die sie kannten, und Reiko, was auf Japanisch „gütiges Kind“ heißt. Dann brach ein fürchterlicher Krieg aus, und die ganze Welt meines Vaters wurde hinweggeweht. In Amerika wurden alle Menschen japanischer Abstammung sofort in Internierungslager gesteckt, und sie mußten alles zurücklassen, was sie besaßen. So vieles war für immer verloren. Das Geschäft – aufgegeben. Das gemietete Haus in der Garnet Street – eilig geräumt. Der Wagen – für das beste Angebot verkauft: fünf Dollar – immer noch besser, als ihn zurückzulassen. Aber für den neuen Kühlschrank gab es kein Angebot. Es brachte Mama fast um, ihn den Geiern überlassen zu müssen. Alles, außer den paar Habseligkeiten, die man uns mitzunehmen erlaubt hatte, war verloren. Nur noch Erinnerung. Alles so flüchtig wie der Sand, der am Fenster vorbeigeweht wurde. Alles weg. Die Erinnerungen meines Vaters an diese Bahnfahrt sind so anders als meine. Wie sehr wünschte ich, daß ich seine Qualen hätte teilen können. Wie sehr grämt es mich jetzt im nachhinein, daß ich nichts habe tun können, um seinen Schmerz irgendwie zu mindern. Aber die Zeit und eine Generation trennten uns auf dieser Wüstenreise – unserer gemeinsamen und doch so unterschiedlichen Fahrt in ein Lager namens Rohwer. Die Herkunft meiner Mutter ist das transpazifische Gegenstück zu der meines Vaters. Er wurde in Yamanashi, Japan, im Schatten des Fujiama geboren. Sie kam in den Vereinigten Staaten, auf dem Bauernhof meines Großvaters
Nakamura, in einer Stadt namens Florin bei Sacramento in Kalifornien zur Welt. Mein Vater kam als Teenager nach Amerika und ging hier zur Schule. Meine Mutter wurde zur Erziehung nach Japan geschickt. Sie vertauschten in ihrer Jugend die Länder und die Erfahrungen, aber das Schicksal brachte sie in der Stadt der Engel zusammen, in Los Angeles. Mein Großvater Nakamura baute erfolgreich Hopfen, Erdbeeren und Weintrauben auf einem Stück Land an, das er von einem Mann namens Cransarge gepachtet hatte. Mein Großvater war einer der ersten, die in Florin einen Ford Modell T besaßen. Als meine Mutter fünf Jahre alt war, kaufte er für sie ein großartiges Klavier, und sie begann, darauf zu üben. Er konnte es sich leisten, seine Kinder nicht der minderwertigen Ausbildung in den Landschulen des abgelegenen Sacramentodeltas der damaligen Zeit zu überlassen. Alle seine sieben Kinder wurden in Japan ausgebildet. Meine Mutter war das dritte Kind und die erste Tochter. Als sie sieben war, wurde sie nach Japan verfrachtet, um dort eine richtige japanische Dame aus ihr zu machen. So kommt es, daß meine Mutter, obwohl sie in Amerika geboren wurde, doch immer eine ganz traditionelle Japanerin war und ist. Aber sie war es vor allem immer auf ihre ganz eigene, einzigartige Weise. Als der Zug wieder weiterrumpelte, war Mama beständig beschäftigt. Das Baby mußte gefüttert werden. Henry wurde reisekrank, und sein Erbrochenes mußte beseitigt werden. George mußte zur Toilette, und man mußte sich in die immer sehr lange Warteschlange am Ende des Wagens einreihen. Wir alle standen einer unbekannten Zukunft gegenüber, aber zunächst einmal mußten wir mit den unmittelbaren Gegebenheiten um uns herum fertig werden. Mama hatte nicht vor, sich der Angst vor unseren Lebensumständen zu überlassen. Sie war entschlossen, sich in unserer kollektiven Ungewißheit ihre ganz eigene Sicherheit zu schaffen. So sicher
wie die in Seetang eingewickelten Reisbällchen, die sie in ihrem Handgepäck hatte, um die kalten Verpflegungsrationen im Zug zu ergänzen. Sie hatte nicht vor, sich mit der Eintönigkeit abzufinden, die andere als unvermeidlich hinnahmen. Sie hatte das begrenzte Volumen ihres Gepäcks mit besonderen Leckereien für uns Kinder vollgestopft; einige Lutscher, Kekse, und „Cracker Jack“-Schachteln, mit kleinen Überraschungsspielzeugen darin. Sie hatte Märchenbücher eingepackt, aus denen Daddy uns vorlesen konnte. Die Langeweile war ein Feind, und sie war entschlossen, ihn zu bekämpfen. Sie wollte es nichts und niemandem, nicht einmal der Regierung der Vereinigten Staaten erlauben, das Wohlergehen ihrer Familie zu beeinträchtigen. Sie hatte ein wirkungsvolles Arsenal in ihrem Handgepäck an Bord des Zuges geschleppt. Ich kann die Erinnerung an ihre gewaltige, unförmige und wunderbare Reisetasche mit ihr teilen. Ich habe glühende Erinnerungen an diese Tasche voller Köstlichkeiten, die diese Reise zu einer unvergeßlichen Bahnfahrt machte. Aber sogar diese gemeinsame Erinnerung ist eine Erinnerung an zwei sehr unterschiedliche Reisen – die eine ein Abenteuer der Entdeckungen, die andere ein angsterfüllter Weg ins Unbekannte. Am dritten Tag kamen wir endlich aus der Wüste heraus. Wir konnten Bäume und gelegentlich eine Reklametafel sehen. Als wir uns einer kleinen, ländlichen Stadt im Osten von Texas näherten, befahlen uns die MPs, die Rollos herabzuziehen, so wie wir das an jeder noch so kleinen und altersschwachen Station tun mußten, durch die wir hindurchgefahren waren. Die Bevölkerung sollte nicht wissen, daß japanische Amerikaner im Zug transportiert wurden. Wir rumpelten langsam hinein. Allmählich kam der Zug zischend und hustend zum Stehen. Uns wurde befohlen, ruhig zu sein und stillzusitzen in dem
trüben olivfarbenen Licht, das durch die Vorhänge schimmerte. Ich konnte die Geräusche hören, die vom Be- und Entladen irgendwelcher Sachen draußen zeugten. Ich konnte laute Rufe hören, die zwischen den Männern der Arbeitsmannschaft hin und her gingen. Ich konnte klingende, rollende und tiefe, kratzende Töne hören. Ich konnte Leute lachen hören. Es waren die Geräusche des vollen Lebens unmittelbar da draußen, jenseits dieser quälenden, dichtgezogenen Leinwandschranke. Die Versuchung war unerträglich. Ich hob den Saum des Vorhangs ein winziges bißchen und guckte hinaus. Direkt vor mir, im vollen, hellen Sonnenlicht, das mich blinzeln ließ, sah ich etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Auf einer langen, abgesplitterten Holzbank saß eine Reihe alter, schwarzer Männer. Ich hatte schon vorher in Los Angeles schwarze Leute bemerkt, aber ich hatte noch nie Menschen mit einer so tiefen und reinen schwarzen Farbe gesehen. Diese verwitterten alten Männer, die aussahen, als ob die texanische Sonne sie verkohlt hätte, saßen da in ihren ausgebeulten, formlosen Sachen, aufgereiht, als ob sie ewig dort gewartet hätten. In ihren Augen sah ich gelangweilte, stoische Geduld. Es war faszinierend. Ich glaubte, etwas wiederzuerkennen. Da war etwas in den Augen dieser schwarzen alten Männer, dieser Menschen, die so anders aussahen als wir. Es war der gleiche leere und entrückte Blick, den ich auch in den Augen der alten Leute in unserem Zugwagen sehen konnte. Henry bemerkte durch den hellen Sonnenstrahl, daß ich hinausguckte, und er versuchte, sein Gesicht neben meines zu drängeln. Plötzlich wurde meine enge, kleine Sicht nach draußen dunkel. Mama hatte uns auch bemerkt, und zog schnell den Vorhang zu, bevor die MPs uns erwischen konnten.
Ein tiefes Grollen, der Schrei müden Stahls auf abgenutzten Schienen, ein ärgerliches, angestrengtes Stampfen der Lokomotive vorn am Zug, und wir bewegten uns wieder. Langsam und mühsam begannen wir den letzten Teil unserer Reise nach Rohwer in Arkansas.
2 Erinnerungen an Rohwer „Rohwer!“ Das Geschrei der MPs hatte unsere Energien wiederbelebt. „Alles bereit machen zum Aussteigen. Rohwer!“ Ihre durchdringenden Stimmen klangen wie „Rroarrr!“, als ob ein paar gereizte Löwen brüllten. Wir konnten sie durch alle anderen Waggons schreien hören, es war wie ein Echo, das zurückprallt, und sich dann in der Ferne verliert. „Rroarrr!“ „Rroarrr!“ Der Zug hielt direkt neben dem Stacheldrahtzaun. Das Lager war entlang der Westseite des Schienenwegs der Missouri Pacific Railroad gebaut worden. Auf der anderen, der östlichen Seite, verlief parallel zu den Gleisen eine mit Kies bedeckte, schmutzige, schmale Landstraße mit dem hochtrabenden offiziellen Namen „Arkansas State Highway No. 1“. Camp Rohwer – oder Rohwer Relocation Center (Umsiedlungszentrum), so der formelle Euphemismus – war das östlichste der zehn Internierungslager, die von der War Relocation Authority (Amerikanische Behörde für Zwangsumsiedlungsmaßnahmen im Zweiten Weltkrieg) eilig aus dem Boden gestampft worden war, um dem von Präsident Franklin D. Roosevelt erlassenen Gesetzesauftrag Nr. 9102 gerecht zu werden. Eine frühere Order des Präsidenten, Erlaß Nr. 9066, genehmigte die Internierung selbst. Milton Eisenhower, der Bruder des zukünftigen Präsidenten, war der oberste Direktor der War Relocation Authority.
Rohwer lag in der südöstlichen Ecke von Arkansas, ungefähr sieben Meilen westlich des Mississippi und ungefähr vierzig Meilen nördlich der Grenze zu Louisiana. Einer der Internierten, Eiichi Kamiya, gab später eine lebhafte Beschreibung des Lagers als „sowohl weit genug südlich, um jeden Wirbelsturm der Golfküste einzufangen, als auch weit genug nördlich für jeden Orkan aus dem Mittelwesten; nahe genug am Fluß für jede Überschwemmung des Mississippi, und mit genügend Vegetation, um ein idealer Hafen für jedes eklige Krabbeltier und verfluchte Insekt dieser Welt zu sein.“ Für mich jedoch sollte es ein großes paradiesisches Abenteuerland werden. „Rohwer!“ Die MPs brüllten weiter. Wir rollten langsam am Stacheldrahtzaun entlang – so langsam, daß es schien, als ob der Zug uns gewaltsam mit jedem Detail des Ortes beeindrucken wollte, an den er uns gebracht hatte. In der hellen Sonne konnten wir auch noch den kleinsten dieser Widerhaken glänzen und blitzen sehen, die wie scharfe, tödliche Edelsteine auf dem neuen Drahtzaun aufgereiht waren. Wir fuhren an großen Wachtürmen vorüber, von denen bewaffnete Soldaten auf uns hinunterstarrten. In einiger Entfernung jenseits des Zaunes konnten wir ein paar Internierte sehen, die früher angekommen waren und uns verloren zuwinkten. Jenseits von ihnen standen endlose Reihen von Armeekasernen, mit schwarzer Teerpappe verkleidet und mit militärischer Präzision, wie auf einem Truppenübungsplatz, ausgerichtet. Mama erkannte einen Freund unter den Leuten, die uns grüßten, und brachte ein bleiches Lächeln und ein zaghaftes Winken zustande. Daddy starrte nur aus dem Fenster und schwieg beharrlich. Mit einem letzten Ruck hielt der Zug an. Unsere zermürbenden drei Tage und zwei Nächte waren endlich vorüber.
Ich sprang von unserer harten, hölzernen Sitzbank auf. Ich konnte es nicht erwarten, aus dem Wagen zu stürmen. Aber Daddy schnappte mich, setzte mich wieder hin, und sagte, wir müßten warten, bis wir an die Reihe kämen. Mit der größtmöglichen Ruhe und Ordnung, die erschöpfte, ungewaschene, nervöse und beunruhigte Menschen aufbringen können, sammelten wir unser Gepäck aus den Ablagen über uns, kramten den Rest unter den Sitzen hervor und stiegen schweigend aus. Nur die lauten Befehle der Wachen übertönten das gewaltige Schlurfen des Massenexodus. Wir warteten eine ganze Weile neben unserem Waggon in der brennenden Sonne von Arkansas, bis wir schließlich jemanden schreien hörten: „Takei, Familie mit Fünfen.“ Eine Wache mit einem Klemmbrett rief unseren Namen auf. „Takekuma Takei und Familie.“ „Hier sind wir“, rief Daddy zurück. Die Wache schritt herüber und begann, uns allen Schilder anzuheften, auf denen 6-2-F stand. Man sagte uns, daß wir auch die anderen Identifikationsschilder weiterhin tragen müßten, die man am Anfang der Reise an unserer Kleidung angebracht hatte. Daddy erstarrte, als er etikettiert wurde. „Was ist das?“ fragte er. Es war mehr eine Forderung als eine Frage. „Das ist, wo der Fahrer Sie hinbringen wird“, antwortete der Wächter mit dem Klemmbrett 6-2-F. Es war die Adresse des einen Raumes, der unser neues Heim werden sollte. Block 6, Baracke 2, Einheit F. Alle Leute für Block 6 wurden mitsamt ihrem Gepäck auf einen offenen Lastwagen geladen, und nach einem weiteren schnellen Check durch die Wachen am Tor wurden wir durch den Lagereingang und an der Gruppe der früher Angekommenen vorbei hineingefahren. Mama winkte und nickte höflich einem Gesicht zu, das sie erkannte. „Es ist Imai-
san“, flüsterte sie. Daddy sagte nichts. „Frau Imai. Aus NordHollywood“, betonte sie. Doch Daddy blieb teilnahmslos. Das Lager hatte eine gewaltige Ausdehnung und war weitläufig angeordnet. Wir fuhren lauter gleichförmige Blocks ab, vorbei an unzähligen schwarzen Teerpappe-Kasernen, bis ganz zum südlichen Rand des Camps. Jeder Block sah genau gleich aus. Jede Baracke enthielt sechs Räume, zwölf Baracken bildeten einen Block. Ein Block hatte auf beiden Seiten sechs Baracken; das Waschhaus mit den Toiletten und der Speisesaal waren im Zentrum aufgestellt. Ein Feldweg und ein Abflußgraben umgaben jeden Block. Ein Block war konzipiert, um ungefähr 250 Leute unterzubringen. Rohwer hatte insgesamt 33 Blöcke und in der Spitzenzeit fast 8.500 Insassen. Der Fahrer lud uns beim Speisesaal von Block 6 ab und fuhr zurück, um weitere Neuankömmlinge abzuholen. Unser Block lag an der südlichen Grenze des Lagers, gleich neben dem Stacheldrahtzaun. Wir konnten einen Wachturm sehen, und die Wachen konnten uns sehen. Daddy ließ Mama und uns Kinder beim Gepäck zurück und ging los, um 6-2-F zu finden. Während Mama mit unserer Schwester auf dem Arm ein Schwätzchen mit den anderen Damen hielt, saßen Henry und ich auf dem Gepäck und warteten. Jenseits des Zauns konnten wir einen Wald mit großen Bäumen und dichtem, strauchartigem Unterholz sehen. Er war dicht und voller dunkler Schatten. Aus den fernen Tiefen des Waldes hörten wir geisterhaft krächzende Töne. Dieser Ort jenseits des Stacheldrahtzauns sah nicht nur erschreckend aus, er hörte sich auch so an. „Weißt du, was das für ein komisches Geräusch ist?“ fragte eine Stimme. Ich schaute mich um. Ein großer, ungefähr acht Jahre alter Junge saß in der Nähe auf einem Haufen Gepäck und wartete darauf, daß sein Vater zurückkam.
„Nein. Was ist das?“ fragte ich. „Da draußen ist ein Dinosaurier“, flüsterte er uns vertrauensvoll zu. Henry und ich blickten einander an. Wir hatten von so einem Ding noch nie gehört. „Ein Dino-was?“ fragte ich. „Ein Dinosaurier, Dummkopf“, antwortete er. „Ihr wißt nicht, was ein Dinosaurier ist?“ Wir schüttelten beide unsere Köpfe. „Das sind riesengroße Ungeheuer, die vor Millionen von Jahren gelebt haben, und dann sind sie ausgestorben.“ „Sie sind ausgestorben?“ Das ist seltsam, dachte ich. „Wie kommt es dann, daß wir sie da draußen hören können?“ „Nun“, sagte er nach einer langen, unheilverkündenden Pause, „der einzige Ort, an dem sie nicht ausgestorben sind, ist hier in Arkansas. Deshalb haben sie diesen Zaun aufgestellt. Um sie einzusperren.“ „Oh“, sagte ich. Es war tröstlich zu erfahren, daß jene scharfen Widerhaken auf dem Zaun die krächzenden Ungeheuer von einem Angriff auf uns abhalten würden. „Okay. Ich habe 6-2-F gefunden.“ Daddy war zurück, und bei ihm waren zwei junge Männer, die sich angeboten hatten, uns zu helfen. Sie schnappten all unser Gepäck, groß und klein, und klemmten sich die kleineren Stücke unter die Arme. Einer der jungen Männer versuchte sogar, Mamas große Tasche voller Köstlichkeiten zu nehmen, aber sie bestand darauf, sie selbst zu tragen. „Sie ist schwer, Frau Takei“, beharrte er. Aber sie ließ dieses voluminöse Füllhorn niemals von jemand anderem tragen – nicht einmal von Daddy. Mama hatte sie alleine den ganzen Weg von Los Angeles nach Arkansas geschleppt, und sie war entschlossen, sie auch noch ohne Hilfe in unser neues Heim zu bringen. Ich fragte mich, welche anderen Überraschungen sie noch für uns auf Lager hatte. Wir trotteten dieser verwahrlosten Gruppe mit Daddy an der Spitze hinterher. Es war heiß und staubig, und jeder Schritt
wirbelte eine feine Wolke goldfarbenen Arkansas-Staubes auf. Statt die Hitze zu absorbieren, schien die schwarze Teerpappe flimmernde Hitzewellen auszustrahlen. Dankenswerter Weise war Baracke 2 nicht allzu weit entfernt, und Einheit F lag am Ende des Gebäudes. Daddy stampfte die drei rohen Holzstufen vor 6-2-F hinauf und öffnete die Tür. Die Hitze, die ihm entgegenschlug, warf ihn fast um. Wenn es draußen schon heiß war, dann war es drinnen wie in einem bullernden Ofen. Daddy bat die jungen Männer, unser Gepäck draußen abzustellen, und bedankte sich für ihre Hilfe. Dann stürzte er sich in den backofenheißen Raum, um die Fenster zu öffnen. Er kam wankend, keuchend und schweißgebadet zurück. Halb gekocht und rot angelaufen von der Zerreißprobe keuchte er: „Lassen wir erst einmal eine Weile frische Luft rein, bevor wir hineingehen.“ Aus ihrer Überraschungstasche zauberte Mama ein großes, weißes Baumwolltaschentuch und wischte über Daddys Augenbrauen. Als wir schließlich hineingingen, war die Luft immer noch drückend und warm. Der Raum war ein nacktes Rechteck von knapp fünf mal sechs Metern, mit rohen Bretterwänden, drei Fenstern und einem Fußboden aus Holzplanken. Und in der Ecke, welch Ironie, ein einziges, einsames Möbelstück – ein schwarzer, dickbäuchiger Ofen. „Faßt ihn nicht an“, warnte Daddy uns Kinder, „er könnte noch heiß sein.“ Mama stand schweigend neben der Tür und sah den Raum abschätzend an. Sie trug noch immer ihre Tasche. „Wo wir schlafen?“ fragte sie. „Sie verteilen Feldbetten am anderen Ende des Blocks“, sagte Daddy. „Ich werde ein paar Leute suchen, die mir helfen, sie hierher zu bringen.“ In dem Moment hörten wir Stimmen, Stampfen und Rumpeln von der anderen Seite der Bretterwand. Unsere nächsten Nachbarn zogen ein.
„Heiliger Jesus, ist das heiß hier drinnen“, sagte eine Männerstimme. Man konnte ein lautes Rumpeln hören: „Vielen Dank.“ „Jederzeit. Gern geschehen“, antwortete eine andere Männerstimme. „Rufen Sie uns, wenn Sie Hilfe brauchen“, sagte die erste Stimme. „Wir alles hören durch Wand“, flüsterte Mama und wölbte betrübt die Augenbrauen. „Wir nicht haben Privatsphäre.“ „Shikata ga nai. Es ist nicht zu ändern“, flüsterte Daddy zurück. „Ich nehme an, wir müssen uns damit abfinden.“ Er ging hinaus, um unser Gepäck hereinzuholen. Ich konnte nicht verstehen, warum sie mit so großer Besorgnis in ihren Stimmen flüsterten. Ich fand, daß es Spaß machte, wenn man die Nachbarn belauschen konnte. Als Daddy all unser Gepäck hereingeschafft hatte, setzte Mama schließlich ihre überdimensionale Tasche ganz oben auf den vielen Koffern ab. Ich hatte das Gefühl, daß nun der große Augenblick gekommen war. Mama blickte lächelnd auf uns alle und kündigte an: „Ich zeig euch etwas.“ Sie langte hinein und hob einen schweren rechteckigen Gegenstand heraus, der in ihren beigen Pullover mit den hübschen Blumenmustern in Garnstickerei eingewickelt war. Ich bemerkte, daß der Gegenstand ein ziemliches Gewicht hatte, also war es wahrscheinlich nichts zu essen. Es mußte etwas zum Spielen sein. Sie wickelte das geheimnisvolle Ding sorgfältig aus ihrem Pullover aus. Es hatte jedoch noch eine weitere Verpackungsschicht – die rosa Babydecke meiner Schwester. Es war das schwerste und größte Ding in Mamas Tasche. Also wußte ich, das hier mußte der Grund sein, warum sie sich nie beim Tragen hatte helfen lassen. Es mußte die beste aller Überraschungen sein, die sie aus dieser abgenutzten Tasche zauberte. Sie zog eine Ecke der Babydecke herab, um
etwas Metallisches zu enthüllen. Es muß ein Spielzeug für uns sein, dachte ich. Das rosa Tuch enthüllte beim Herabstreifen eine rechteckige, mahagonifarbene Metallbox mit einer dunkelblauen Fläche oben drauf und einem Schlitz darin. Sie faßte mit ihren Fingern in den Schlitz und zog. Und heraus kam etwas, das ich nie erwartet hätte. Es war Mamas transportable Nähmaschine! Wir waren sprachlos. Wir standen da und schauten uns bestürzt an. „Die hast du mitgebracht!“ ächzte Daddy verblüfft. „Ich nicht wollte sie zurücklassen“, sagte sie einfach. „Und Kinder brauchen neue Kleider.“ Es gab ein langes Schweigen. Schließlich sagte Daddy leise flüsternd: „Du hast gewußt, daß es verboten war.“ „Ich weiß“, antwortete sie. „Aber Kinder brauchen neue Kleider.“ Daddy starrte die Schmuggelware an, die wir da vor uns hatten. Dann plötzlich geschah etwas Erstaunliches: Daddy brach in Gelächter aus. Er lachte schallend. Das Geräusch kam tief aus seinem Bauch heraus, stieg in ihm auf und schüttelte seinen ganzen Körper. Es schüttelte ihn so sehr, daß es aussah, als ob er versuchte, ein unsichtbares Ding hinauszuwerfen, das sich lange in seinem Körper festgesetzt hatte. Er zeigte auf die Nähmaschine und lachte und lachte. Tränen liefen ihm über die Wangen, als er halb erstickt zu Mama sagte: „Und du wußtest, daß es verboten war.“ Mama hielt sich höflich die Hand vor den Mund und lachte mit. Wir kicherten auch, weil sie so komisch aussahen. Seit langer Zeit hatten wir nicht mehr so zusammen gelacht. Ich verstand damals nicht die volle Bedeutung des Gelächters, das den kleinen, nackten Raum am ersten Tag unserer Ankunft in Rohwer füllte. Aber ich erinnere mich sehr wohl daran, daß Mamas Nähmaschine eine der größten und
niederschmetterndsten Enttäuschungen war, die sie je aus ihrer alten, abgenutzten Tasche herausgezogen hat. Unser neues Leben in Rohwer einzurichten, wurde sowohl für Daddy als auch für Mama schon bald zu einer Ganztagsbeschäftigung. Mama begann mit der immensen Arbeit, aus dieser einen, rohen Bretterbude ein Heim für uns zu schaffen. Mit ihrer transportablen Nähmaschine begann sie, aus Armeestoffen Gardinen zu nähen. Aus Streifen von Lumpen flocht sie farbenprächtige Fußmatten, die sie vor die stählernen Feldbetten legte, die man uns zugeteilt hatte. Sie brachte interessante Baumzweige und große Unkrauthalme herein und arrangierte sie kunstvoll in angemalten Kaffeedosen. Und natürlich gab es die Sisyphusarbeit des Waschens und Flickens und hundert andere notwendige Arbeiten, die bei drei kleinen Kindern anfielen. Weil die Mahlzeiten im Speisesaal ausgeteilt wurden, war Kochen das einzige, was sie nicht für uns tat. Für Mama war dieses jedoch keine Erleichterung, sondern nur ein weiteres Aufgeben einer kostbaren persönlichen Verantwortung – eine geliebte Tätigkeit für ihre Familie, die man ihr wegnahm. Ein weiterer Verlust. Als ob es galt, dies wettzumachen, ging sie mit wilder Entschlossenheit daran, sich neue Aufgaben zu schaffen. Ich erinnere mich daran, daß Mama immer mit irgend etwas beschäftigt war. Sicherlich waren die Vorhänge, Fußmatten und die einfachen Pflanzenarrangements ein Ausdruck ihrer Liebe zu ihrer Familie. Aber ich frage mich heute, ob es nicht, ebenso wie ihre Nähmaschine, auch ihre ganz eigene Form des Protestes gegen unsere Lebensumstände war. Die Regierung mochte ihr Heim weggenommen und ihre Familie in dieses rohe Einzelzimmer in einer Teerpappe-Baracke gebracht haben, sie mochte ihr die Freiheit genommen und uns in diesen Stacheldrahtkäfig gesteckt haben. Aber sie konnten ihr weder
ihre Familie wegnehmen, noch ihre Fähigkeit, für uns zu sorgen. Nicht, solange sie nähen und flechten oder gefallenen Zweigen und getrocknetem Laub Schönheit abgewinnen konnte. Auch Daddy sah sich mit den Herausforderungen unseres neuen Lebens konfrontiert. Er suchte den Lagerplatz nach Holzstücken und losen Nägeln ab, die von den Bauarbeitern zurückgelassen worden waren, und machte daraus Regale und kleine Hocker, auf denen wir Kinder sitzen konnten. Aber wichtiger noch war, daß Daddy, der auf unserer Reise nach Rohwer unter den Folterqualen seiner eigenen Ängste und der Sorge um die Ungewisse Zukunft seiner Familie gelitten hatte, hier im Lager nun mit der unmittelbaren Gewißheit und der Notwendigkeit zurechtkam, seine Existenz mit einer großen Zahl von Leuten zu teilen, die alle mit den gleichen Schwierigkeiten konfrontiert waren. Von Anfang an war er dabei, anderen Familien beim Einzug zu helfen, Gepäck zu tragen, Betten zu verteilen, und sich bei der Organisation aller möglicher Dinge anzubieten. Bei seiner Arbeit, anderen Leuten zu helfen, wurde er mehr und mehr mit den verschiedenen Bedürfnissen und persönlichen Geschichten der einzelnen Leute vertraut, die im Block 6 zusammengewürfelt waren. Da war die kleine, streichholzdünne Frau Takahashi mit ihren vier Kindern, deren Mann das FBI nur deswegen verhaftet und abgeführt hatte, weil er ein buddhistischer Geistlicher war. Da war Frau Yasuda mit zwei Kindern und einer ältlichen Mutter, deren Mann von den Bundesbeamten verhaftet wurde, weil er ein japanischer Sprachenlehrer war. Beide waren von ihren Männern getrennt, die ohne Verhör oder gar formelle Anklage im Gefängnis saßen – und deren einziges Verbrechen es war, daß sie in der japanischen Gemeinschaft hoch angesehene Positionen bekleideten.
Dann waren da noch Herr und Frau Mamiya in der Baracke gegenüber. Sie war eine große, weißhaarige Dame europäischer Abstammung, wegen der Herr Mamiya sich stets arge Sorgen machte, denn sie war so kränklich. Er sagte, daß sie sich aus lauter Angst, und weil sie die einzige weiße Person in unserem Block sei, selbst ganz krank mache. Und da war ein ältliches Paar aus Lodi, Kalifornien, deren einziger Sohn sich der Internierung widersetzen wollte, indem er seine verfassungsmäßigen Rechte zitierte, und den man deshalb verhaftet und weggebracht hatte. Es waren Leute da aus allen japanischen Gemeinden aus ganz Kalifornien und auch ein paar aus Hawaii. Da waren Bauern aus Fresno und Fischer aus San Pedro, Akademiker aus Los Angeles und Geschäftsleute aus Stockton. Es gab alte Einwanderer und alte Nisei, in Amerika geborene Nachkommen japanischer Einwanderer. Es gab junge Einwanderer und viele junge Nisei und sogar Sansei, Amerikaner in der dritten Generation. Wir waren alle so verschieden, und doch waren wir auch gleich. Wir waren alle japanische Amerikaner, und wir waren alle in Block 6 in Rohwer. Das war unser gemeinsamer Nenner. Daddy fühlte die zwingende Notwendigkeit, daß diese uneinheitliche Gruppe irgendwie zum Zusammenleben befähigt werden mußte. Wir mußten eine Gemeinde formen. Aber Probleme und Klagen waren unvermeidlich, und sie kamen sofort auf. Die Frauen beschwerten sich über den Mangel an Privatsphäre in ihrer Toilettenanlage. Es war eine lange, offene Reihe von Toilettensitzen und weiter nichts. Es mußten Trennwände her, um wenigstens ein klein wenig Intimsphäre sicherzustellen. Bei einer der ersten Mahlzeiten im Speisesaal hatte es Rinderhirn gegeben. Dies war eine unbekannte, und für die meisten japanischen Geschmäcker unangenehme Delikatesse. Die Lagerverwaltung mußte darum
ersucht werden, Essen zur Verfügung zu stellen, das sich für den japanischen Gaumen eignete. Die Notwendigkeit, daß jemand sich mit diesen Problemen befaßte und die Leute als Repräsentant bei der Lagerverwaltung vertrat, war offensichtlich. Daddy wurde als Blockleiter vorgeschlagen, und er wurde gewählt. Obwohl Daddy sich keine großen Gedanken über seine Position als Anführer machte, so war er doch unter den gegebenen Umständen geradezu prädestiniert für eine derartige Aufgabe. Er sprach fließend japanisch und englisch und war somit fähig, sowohl mit der japanisch sprechenden Einwanderergruppe als auch mit der englischsprachigen, in Amerika geborenen Generation zu kommunizieren. Auch vom Alter lag er genau in der Mitte. Daddy war neununddreißig. Er war alt genug, um bei den Ältesten mit ihren fünfzig oder sechzig Jahren eine gewisse Glaubwürdigkeit zu haben, und doch auch jung genug für die in Amerika geborene NiseiGruppe, die zumeist aus Teenagern und Leuten anfang zwanzig bestand. Vor allem fühlte er die dringenden Bedürfnisse jener, mit denen er die gemeinsamen Umstände teilte. Er nahm die Notwendigkeit, ihnen zu dienen, bereitwillig an. Als Blockleiter wurde seine Rolle eine Kombination aus Bürgermeister des Blocks, Verbindungsmann zur Lagerverwaltung, Schiedsrichter von Streitigkeiten innerhalb des Blocks und – in einigen Fällen sogar Eheberater. Während Daddy und Mama mit dem Neuanfang unseres Lebens im Lager vollauf beschäftigt waren, hatten Henry und ich eine nagelneue Welt zu erforschen. Das Lager selbst war langweilig in seiner geometrischen Symmetrie und starren Einheitlichkeit. Aber das Gebiet nahe am Stacheldrahtzaun wurde ein Ort endloser Entdeckungen. Wir waren Stadtkinder, und, obwohl es auch in Los Angeles Schmetterlinge gab, hatten wir noch nie so große und
farbenprächtige Exemplare gesehen wie die, die da am Zaun entlangflatterten. Aber es waren dumme Schmetterlinge. Wenn ich mich leise einem näherte, der sich gerade auf dem Draht ausruhte, und dann schnell zulangte, konnte ich ihn mit zwei Fingern schnappen, bevor er wußte was geschah. Sie waren schön, aber dumm. Es war viel zu leicht, sie zu fangen. Ich warf sie wieder in die Luft, und als sie dankbar davonflatterten, fand ich schöne Pulvermuster, die sie auf meinen Fingern zurückließen. Die interessanteren der fliegenden Exoten waren die Libellen. Diese karminroten oder leuchtend blauen lebenden Torpedos, die sich summend auf den Zaun stürzten, hielten kurz auf dem Draht an, als ob sie einen durch das Vorführen der ganzen Pracht ihrer hell glänzenden Schwänze necken wollten. Und sie spreizten ihre Flügel, die gar nicht unsichtbar waren, sondern nur sehr durchsichtige Propeller, die in wechselnden irisierenden Farben schimmerten. Ich mußte diese Geschöpfe fangen. Aber noch bevor ich nahe genug heran war, um eine von ihnen an ihren stillstehenden Flügeln zu schnappen, stürmten sie davon und verspotteten mich triumphierend mit ihren phantastischen Zickzack-Flugkünsten. Eines Tages, als Henry und ich am Zaun spielten, kamen zwei große Jungs zu uns herüber. Es waren Brüder, die auf der andere Seite des Speisesaals wohnten, und ich wußte, daß der ältere der beiden ungefähr dreizehn war und Ford hieß, und sein jüngerer Bruder Chevy. Ich hatte Daddy zugehört, wie er Mama während des Mittagessens im Saal auf die beiden aufmerksam gemacht und ihr erzählt hatte, daß der Vater der beiden sie nach den Autos benannt habe, die er sich jeweils in den Jahren gekauft hatte, als die beiden geboren wurden. Daddy meinte, daß ihr Vater wohl sehr stolz auf seine Autos gewesen sein mußte.
„Hey, Kids, wollt ihr ein magisches Wort lernen?“ Es war Ford, der mich ansprach. „Was für eine Magie?“ fragte ich. „Damit könnt ihr Macht über die Wachen im Turm haben.“ „Macht über die Soldaten mit den Gewehren? Tatsächlich?“ Es klang ziemlich beeindruckend. „Okay“, sagte ich etwas zögernd. Eine Entscheidung wie diese sollte nicht tollkühn überstürzt werden. „Was ist das magische Wort?“ Ford fing an zu erklären. Sein Bruder Chevy – der mit dem runden, dümmlichen Gesicht – lehnte sich nach hinten und kicherte aus unbekanntem Grund. „Mit diesem magischen Wort“, begann Ford, „könnt ihr die Soldaten dazu kriegen, euch alles zu geben, was ihr euch wünscht. Zuerst müßt ihr ihnen all das zurufen, was ihr haben wollt. Dann schreit ihr die magische Formel ganz laut heraus. Und wenn ihr das Wort richtig gesagt habt, dann werden sie euch alles geben, was ihr euch gewünscht habt.“ Das klang ja reichlich einfach, dachte ich. Aber ich wurde noch einer anderen Sache gewahr: Fords kleiner Bruder war offenbar wahnsinnig. Während Ford mir von dem magischen Wort erzählte, hielt sich Chevy wie verrückt seinen Mund zu, bei dem dummen Versuch, sein Gekicher zu unterdrücken. „Gut, und was ist das magische Wort?“ fragte ich. „Denk daran, daß du es richtig sagen mußt, oder es wird nicht funktionieren“, betonte Ford. „Okay, ich werde es richtig sagen. Wie heißt es?“ forderte ich. „In Ordnung, hier ist es“, sagte Ford. Er begann, die Worte sehr langsam und bedächtig auszusprechen. „Sakana beach.“ „Sakana beach?“ Ich war verwirrt. ‘Was ist so magisch an Sakana beach?’ dachte ich bei mir. Sakana bedeutet „Fisch“ – also Fischstrand. Was ist magisch daran? „Denk daran, du mußt es richtig aussprechen“, sagte Ford.
„Gut, und wie sage ich ‘Sakana beach’ richtig?“ fragte ich. „Du mußt es ganz schnell sagen und ganz laut. Es ist wirklich wichtig, daß du es schnell sagst.“ Inzwischen zuckte Chevy unkontrollierbar, seine Arme dicht um seinen zitternden Körper geschlungen, um in seinem schweigenden Kampf nicht vor Kichern zu platzen. Dieser Dummkopf von einem Bruder ging mir langsam auf die Nerven. „Okay, also, ich rufe der Wache alle Dinge zu, die ich haben will, und schreie ganz schnell ‘Sakana beach’, richtig?“ Es klang so leicht. Ich befahl Henry zu bleiben wo er war und ging zum Wachtturm hinüber. „Hol Kaugummi“, rief Henry mir nach. „Erinnere dich“, betonte Ford noch einmal, „wenn du es nicht richtig sagst, dann werden die Wachen richtig böse und fangen vielleicht an zu schießen. Also, falls du es nicht richtig sagst, dann renn weg wie der Teufel.“ Sie könnten anfangen zu schießen? Warum sagte er mir das erst, nachdem ich schon losgelaufen war? Die Sache sah plötzlich ganz anders aus. Aber es war zu spät. Ich war schon auf dem Weg. Ich war kein Feigling. Ich ging weiter zum Turm. Dort war gerade Wachablösung, und der, der oben im Turm gestanden hatte, war heruntergekommen. Beide Wachen standen unten und schwatzten. Ich näherte mich ihnen und hielt dann knapp fünfzig Meter entfernt an. Ich brüllte: „Kaugummi!“ Das war für Henry. Die Wachen, die aufgeschreckt zu mir herüber schauten, fingen an zu lächeln. Ich machte ein paar Schritte vorwärts und schrie: „Popsicle!“ [Wassereis am Stiel] Das war etwas, an das ich mich von Los Angeles erinnerte und das wir im Lager nicht hatten. Die Wachen lächelten und zuckten nur mit den Schultern. Noch ein paar Schritte mehr und ich schrie: „Dreirad!“ Nichts. Sie
ignorierten mich jetzt. Ich dachte, daß ich besser daran tat, nicht zu gierig zu werden. Ich machte noch ein paar Schritte mehr auf die schwatzenden Wachen zu, holte dann tief Luft, und brüllte dann mit allem, was meine Stimme hergab und so schnell wie ich konnte: „Sakana beach!“ Sie drehten sich erstaunt zu mir um. Ich wartete. Ich wunderte mich, wie sie dort wohl Kaugummi, Eis und ein Dreirad herstellen wollten. Aber sie standen einfach nur da und starrten mich an. Vielleicht hatte ich es nicht ganz richtig gesagt. Ich holte noch mal Luft und schrie noch lauter und schneller als vorher: „Sakana beach!“ „Wart nur du kleiner Schurke“, grollte einer der Soldaten. Und er fing an, sich zu bücken und einen Kiesel aufzuheben. Es funktionierte nicht. Ich hatte das magische Wort nicht richtig ausgesprochen. Vielleicht konnte ich den Fehler wiedergutmachen, wenn ich es ein bißchen langsamer sagte. Aber, als ich gerade mein drittes – und wie sich herausstellte, letztes – „Sakana beach“ hervorbrachte, schleuderte die Wache einen Kieselstein nach mir. Ich drehte mich um und rannte so schnell mich meine Füße trugen. Hinter mir konnte ich die andere Wache rufen hören: „Du kleiner Rotzlöffel!“ Ein weiterer Kieselstein flog an mir vorbei. Sie waren tatsächlich böse! Das war eine Katastrophe. Als nächstes fingen sie womöglich noch an, mit ihren Gewehren auf mich zu schießen. Ich schnappte Henrys Hand, und wir rannten so schnell wie wir konnten. Aus dem Augenwinkel sah ich Ford und Chevy, die sich hinter einer Baracke versteckt hatten, und sich jetzt in hysterischen Lachkrämpfen am Boden rollten. Zu Hause fragte ich Mama, was so magisch an „Sakana beach“ war, aber sie konnte nicht herausfinden, wovon ich redete. „‘Sakana’ heißt Fisch“, sagte sie „Und ‘beach’ bedeutet
‘kaigan’. Keine Magie. Nur Japanisch und Englisch miteinander vermischt.“ Wir wußten das. Sie war keine Hilfe. Am Abend erzählten wir Daddy die ganze Geschichte und fragten ihn, ob er das Rätsel von „Sakana beach“ lösen könnte. Er saß da und wiederholte es immer wieder mit anderer Geschwindigkeit. Sakana beach schnell, Sakana beach mittel und Sakana beach langsam. Schließlich hielt er inne und fing an zu lächeln. „Sakana beach“, betonte er nochmals. Sakana beach, erzählte er mir, klinge wie ein paar sehr schlechte englische Wörter, von denen er nicht wollte, daß wir sie benutzten, und ganz bestimmt nicht, daß wir die Wachen damit anbrüllten. Er sagte, Ford und Chevy Nakayama seien schlechte Jungs, weil sie uns diese Worte beigebracht hätten, und er wollte, daß wir nicht mehr mit ihnen spielten. Das ist gut, dachte ich. Ich mochte diese verrückten Brüder sowieso nicht. Aber die Macht der Worte „Sakana beach“ blieb mir weiterhin ein Rätsel. Erst als ich viel älter war, wurde mir klar, daß sakana beach, wenn man es richtig ausspricht, klingt wie „Son of a bitch“ (Hundesohn, Scheißkerl). Ich war nicht ständig in der Klemme, so wie andere Kinder. Aber an die Fälle, als ich in Nöten war, erinnere ich mich gut. Bei einer solchen Erfahrung hätte ich ernste Schwierigkeiten bekommen können, aber am Ende ist alles noch mal gutgegangen. Henry und ich freundeten uns mit dem Jungen an, der uns an unserem ersten Tag im Lager auf die Dinosaurier im Wald aufmerksam gemacht hatte. Sein Name war Paul, und er wohnte zwei Baracken weiter. Eines Tages trafen wir ihn, als wir auf dem Feldweg am Abflußgraben entlanggingen. Er füllte eine Kaffeedose mit dem gelblichen Wasser aus dem Graben. „Seht ihr, was ich da gefangen habe?“ sagte Paul aufschneiderisch. Er ließ uns in seine Dose schauen. Dort
schwammen ein paar winzige, schwarze, fischähnliche Dinge herum. „Was ist das?“ fragte ich. „Kaulquappen“, meinte er stolz. „Sie verwandeln sich in kleine Frösche.“ Natürlich war Paul älter als ich, aber er benahm sich wie ein altkluger Besserwisser. Ich blickte ihn mißtrauisch an. Ich wußte, was Frösche waren und wie sie aussahen, und diese winzigen Fische sahen überhaupt nicht wie kleine Babyfrösche aus. „Du lügst“, forderte ich ihn heraus. „Ja. Du lügst“, echote Henry, und stärkte mir als guter kleiner Bruder den Rücken. „Ihr glaubt mir nicht? Gut, dann schaut euch diesen an“, sagte er und wies auf einen, der still am Boden der Dose lag. „Seht ihr? Könnt ihr die winzigen Beine sehen, die an der Seite herauswachsen?“ Es war schon eine erstaunliche Sache, einen Fisch zu betrachten, dem zwei Miniatur-Froschschenkel aus seiner Seite herausragten. „Na ja“, fuhr Paul fort, „die Beine werden größer, und der Schwanz wird kleiner, und schließlich verschwindet er. Bis dahin bekommt es auch zwei Vorderbeine, und dann wird er ein Frosch und steigt aus dem Wasser.“ Mit ein wenig Phantasie konnte ich die dicke, runde Form eines Frosches in der Kaulquappe mit den Beinen erkennen. Wenn es stimmte, was Paul da sagte, dann war es eine faszinierende Sache, dieses Ereignis so richtig mit eigenen Augen zu beobachten. „Kann ich ein paar haben?“ fragte ich. „Geht und fangt euch selber welche“, meinte er mit einem stolzen Grinsen. „Wir wissen nicht, wo man sie fängt. Wirst du es uns zeigen?“ bettelte ich.
„Gut, okay“, ließ er sich mit übertriebenem Widerwillen erweichen. Und schon waren wir auf unserer großen Kaulquappen-Expedition. Am späten Vormittag, kurz vor dem Aufruf zum Mittagessen, kamen Henry und ich zurück, jeder mit unserer eigenen Kaffeedose voll frisch gefangener quirliger Kaulquappen und erfüllt von der Aussicht auf diesen ganzen aufregenden, magischen Vorgang, der sich nun vor unseren Augen entfalten sollte. Aber noch bevor wir die Geschichte unseres Abenteuers beenden konnten, brach Mama in Panik aus. „Was! Ihr habt gespielt an Abflußgraben neben Zaun? Oh, abunai.“ Sie fing an, immer wieder unkontrollierbar „abunai“ zu wiederholen. „Abunai. Es ist so gefährlich. Abunai, ihr hättet euch verletzen können.“ Wir dachten, daß es überhaupt nicht abunai war. Warum machen Mütter immer soviel Aufhebens wegen allem, woran man Spaß hat? Gerade in dem Moment kam Daddy aus dem Büro des Blockleiters nach Hause, um mit uns zu Mittag zu essen. Mama überschüttete unseren armen, aufgeschreckten Daddy sofort mit einem Redeschwall – mit noch großzügigerer Betonung auf abunai. Beim Mittagessen im lauten Speisesaal erzählte uns Daddy nüchtern von den verschiedenen Arten giftiger Schlangen, wie z.B. Wasser-Mokassins, die sich als schwimmende Stöcke tarnten, um kleine Jungs durch ihren Biß zu vergiften. Und in den Wäldern, erzählte er uns, lebten andere Schlangen, gefährlich schön, mit kupferroten Körpern, namens Copperheads, und solche, die an den Spitzen ihrer Schwänze Rasseln trügen, mit deren Geräusch sie kleine Jungs warnten, bevor sie sie auffraßen. Ich wollte nicht gefressen werden, aber es klang faszinierend – erschreckend und fesselnd zugleich. Schlangen, die wie Stöcke auf dem Wasser schwammen und Schlangen mit Rasseln als Essensglocken. Das Unbekannte, verborgen im Dunkel der Wälder, schlug mich mit seiner
Exotik in den Bann und schien verlockender zu sein als alles andere. „Daddy, nimmst du uns mit in den Wald, so daß wir es uns ohne Gefahr ansehen können?“ fragte ich. Mama begann sofort mit einer neuen Runde abunai. Aber Daddy erwog es für einen Moment und sagte dann: „Ich werde sehen, was sich machen läßt.“ Am selben Abend, nach den Ankündigungen, die er als Blockleiter im Speisesaal zu machen hatte, setzte Daddy sich mit uns hin. Dann erzählte er uns von einem besonderen Vergnügen, das er für uns arrangiert hatte. Es war ihm gelungen, einen Jeep von der Fahrbereitschaft zu borgen und uns „Erlaubnisscheine“ zu besorgen, mit denen wir morgen Nachmittag für einige Stunden nach draußen gehen konnten. Daddy würde uns aus unserem Stacheldrahtzaun herausbringen! Es war großartig, einen Daddy zu haben, der solche Wünsche erfüllen konnte. Es schien ewig zu dauern, bis es endlich „morgen Nachmittag“ war. Ich erzählte es allen Kindern, die Henry und ich kannten, einschließlich Paul. Sie alle sagten, daß wir Glück hätten, aber ich wußte, daß es daran lag, daß unser Daddy der Blockleiter war. Nach dem Mittagessen saßen Henry und ich auf unserer Vordertreppe und warteten. Bei uns waren Paul, Eddy – der Sohn des buddhistischen Priesters – und ein anderer Junge namens Tadao mit seinem kleinen Bruder Akira. In einer Wolke gelben Staubes, mit Gummireifen, die knirschend Kies und Schmutz hochwarfen, kam Daddy plötzlich auf der Straße hinter dem Speisesaal angefahren. Es sah großartig aus, wie er den Jeep fuhr. Es waren immer nur uniformierte Wachen gewesen, die wir in Jeeps hatten fahren sehen – niemals Japaner. Aber dieses Mal war Daddy der Fahrer. Er trug sein weißes kurzärmeliges Hemd und den Panamahut und fuhr, als ob der Jeep ihm gehöre. In einer enormen Staubwoge kam der
Jeep mit einem Knirschen zum Stehen. Daddy hupte zweimal, stand dann auf und winkte zu uns herüber. „Mama! Mama! Daddy ist hier. Beeile dich“, riefen wir und rannten zu ihm hinüber. Henry und ich kletterten auf den Rücksitz und begannen zu singen: „Mama, Mama, beeile dich. Mama, Mama, beeile dich.“ Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sich die Tür der Baracke öffnete und Mama mit Reiko an der Hand heraustrat. Mama hatte wie gewöhnlich eine weiße Baumwollbluse an, aber sie trug einen neuen Rock, den sie aus einem hellbraunen Armeestoff genäht hatte. Dazu einen Schal aus dem gleichen Material, den sie unter ihrem Kinn zusammengebunden hatte. Und auch Reiko war mit einem passenden Schal und einem Overall aus dem gleichen Material ausgestattet. Mutter und Tochter im ArmyPartnerlook. Das war es also, was sie gestern abend und heute morgen in einer solch fieberhaften Eile genäht hat, dachte ich. Ich glaube, auch für Mama war dies ein besonderer Anlaß. „Beeile dich, Mama. Beeile dich“, riefen Henry und ich im Chor und verloren unsere Geduld. Wir baten Daddy, noch einmal zu hupen. Da kamen sie herbeigelaufen und kletterten auf den Sitz neben Daddy. Wir winkten den neidischen Gesichtern von Paul, Eddy, Tadao und Akira zum Abschied zu und fuhren durch das Lager zum Haupttor. Daddy hielt an, reichte der Wache ein Formular, das er vorher ausgefüllt hatte, unterschrieb mit seinem Namen auf einem Klemmbrett – und dann waren wir draußen. Zum ersten Mal seit unserer Ankunft vor vielen Monaten lagen Wachtürme und Stacheldrahtzaun hinter uns. Sobald Daddy anfing, auf dem Arkansas State Highway No. 1 zu beschleunigen, blieb der Staub hinter uns, und es war nur reiner, frischer Wind, der unsere Gesichter liebkoste. Der Luftstrom zwang Daddy, seinen Panamahut abzunehmen. Sein Haar fing an, dünn zu werden, und Mama wollte ihn nicht
barhäuptig der Sonne von Arkansas überlassen. Sie war mit seiner alten Baseballmütze bewaffnet, die sie ihm nun aufsetzte – mit dem Schild nach hinten wie bei einem Fänger. Daddy fuhr durch offene Felder und über holperige Brücken, die dunkle Sümpfe überspannten. Er fuhr durch üppige, beschattete Wälder und an ruhigen Tümpeln entlang. Und er brachte uns zu einer kleinen Farm, die mitten im tiefen Wald lag. Dort sah ich etwas, das ich nie vergessen werde. Damals dachte ich, es müsse der Dinosaurier aus dem Wald sein, von dem uns Paul erzählt hatte. Es war kolossal in seiner Größe und erschreckend häßlich in seiner Erscheinung – mehr als zwanzig mal so groß wie Henry und ich zusammen. Aber die Töne, die es machte, waren nicht das seltsame Krächzen, das wir am ersten Tag gehört hatten. Dieses massive Geschöpf produzierte ein obszönes Grunzen und Schnaufen und gelegentlich ein beängstigend lautes Gebrüll. Und es lief auch nicht frei im Wald herum, sondern war in dem dreckigsten, übelriechendsten und fauligsten Pferch eingesperrt, der mir je untergekommen war. Dies war ohne jeden Zweifel die erschreckendste Monströsität der Welt. Ich glaubte fest, daß dies das Geschöpf sein mußte, von dem Paul behauptet hatte, es sei ein Dinosaurier. Aber Daddy und der Bauer nannten es ein Schwein, und Daddy erzählte, daß das Spam [ähnlich Corned beef, aber aus Schweinefleisch], das es manchmal zum Abendessen im Speisesaal gab, aus diesem gewaltigen Tier gemacht wurde. Wenn Daddy das sagte, dann mußte es stimmen, dachte ich, aber ganz bestimmt gehörte es zu einer Rasse von Monstern. Mama und Reiko wollten im Jeep bleiben, also wanderten Daddy, Henry und ich mit dem Bauern über seinen Hof. Wir sahen jede Menge Hühner, manche in Käfigen und andere, die frei herumstolzierten. Es gab überall Tiere – schlafende Hunde
und Katzen, die um sie herumschlichen. Ich hatte nicht gewußt, daß es Leute gab, die so lebten, umgeben von so vielen wunderbaren Tieren. Ich beneidete den Bauern. Auf unserer Rückfahrt zeigte uns Daddy Stellen, wo möglicherweise Schlangen lebten. Sonnige, offene Gebiete wie Schlammpfützen und warme Felsen, ideal für Klapperschlangen und Copperheads; stille, ruhige Tümpel für Wasser-Mokassins. Daddy wollte, daß wir etwas über Schlangen lernten, so daß wir wußten, wie wir es vermeiden konnten, von ihnen gebissen zu werden. Aber wir bekamen keine Wasser-Mokassins, keine Copperheads und keine Klapperschlangen zu sehen – ich war nur dem ungeheuerlichsten Geschöpf meines Lebens begegnet. Und anstatt von ihm verschlungen zu werden, hatte ich erfahren, daß wir es aßen. Die Sonne ging langsam unter. Aus irgendeinem Grund fuhr Daddy sehr langsam – so langsam, daß der erschöpfte Henry auf dem Rücksitz einschlief. Mama sah nach hinten und bemerkte es. Sie berührte Daddy an der Schulter und zeigte auf meinen schlafenden Bruder. Sie lächelten, sahen mich an und legten einen Finger auf ihre Lippen. Dann wiesen sie auf Reiko auf Mamas Schoß, die auch schon eingeschlafen war. Daddy und Mama sahen so glücklich aus. Dieses eine Mal hatte der weiche Abendwind die dauernde Sorge auf ihren Gesichtern weggeweht. Auch ich wurde schläfrig, aber ich wollte nichts von dieser wunderbaren Reise versäumen. Ich war entschlossen, während der ganzen Rückfahrt wach zu bleiben. Ich bin froh, daß ich es tat, denn als wir nach Hause kamen, verfärbte sich der westliche Abendhimmel in ein feuriges Orange. Die Wolken schienen mit einem leuchtend gelben Heiligenschein zu glühen. Als unser Jeep näher kam, ragten die Wachtürme wie kleine schwarze Scherenschnitte hinein in das spektakuläre Lodern dieses Sonnenuntergangs in Arkansas.
Ich schlief schließlich ein, als Daddy uns bei den Torwachen wieder eincheckte. Kindheitserinnerungen sind reich an sinnlichen Wahrnehmungen – Düfte, Töne, Farben und besonders Temperaturen. Die angenehmen und liebevollen Erinnerungen strahlen glühende Wärme aus. Auf diese Weise erinnere ich mich an jenen goldenen Nachmittag, an dem Daddy die Familie auf diese wunderbare Jeepfahrt mitnahm. Sogar Erinnerungen, die eigentlich in Frost erstarrt sein müßten, glühen mit der gleichen Wärme. So das Andenken an einen kalten Morgen im darauffolgenden Winter, als wir aufwachten und entdeckten, daß alles mit einer weißen Schicht bedeckt war. Von den Dächern der Teerpappe-Baracken hingen reihenweise glasige Eiszapfen. Über Nacht hatte sich die Landschaft in ein Wunderland aus unberührtem Weiß und Teerpappenschwarz verwandelt. Mama zog uns für unsere Morgenwanderung zum Speisesaal unsere wärmsten Sachen an, während Daddy das Feuer in dem großen, schwarzen Kanonenofen schürte. Sobald wir fertig verschnürt waren, stürzten Henry und ich hinaus in das weiche, weiße Pulver. Es wehte vor uns auf, leicht und schwerelos wie Staub. Aber dieser Staub war kalt. Er hatte keinen Geschmack, nur das Gefühl der Kälte. Er konnte zu einem Ball geformt werden und ließ unsere Hände prickeln. Jetzt hatte er Gewicht, und man konnte damit nach jemandem werfen. Aber ohne zu verletzen, hinterließ er nur einen scharfen, eisigen Stich. Das Gefühl von Kälte – etwas, daß wir bisher nur in der Luft gefühlt hatten – war über Nacht greifbar geworden in Form dieser weißen, alles bedeckenden Staubschicht. Wir hatten ein solches kaltes Wunder vorher nie erfahren. Es war magisch. Henry und ich waren schon mit Schneeballresten bedeckt, als Daddy, Mama und Reiko nach draußen kamen. Ich traf Daddy
mit meinem Schneeball, und Henry traf Mama mit seinem, und wir rannten wild durcheinander, unter lautem Geschrei und Gelächter zum Speisesaal. Gerade als ich dachte, daß wir es geschafft hatten, uns in die Sicherheit und Wärme des großen Gebäudes zu retten, fühlte ich, wie Daddys großer Schneeball mich auf meinem Rücken traf. Sein Baseball-Wurfarm war noch immer stark und präzise. Nach dem Frühstück zeigte Daddy uns, wie unsere kleinen Schneebälle im Schnee gerollt werden konnten, um daraus große Schneekugeln zu machen. Diese wurden dann in einer Reihe aufgestellt, um eine Wand zu bauen. Dann wurden mittelgroße darüber gestapelt, und mit jeder Schicht wurde das Gebäude höher. Mit jeder neuen Reihe wurden die Schneebälle kleiner, bis wir eine große Schneefestung mit einer starken, festen Basis gebaut hatten, die bis über unsere Köpfe hinausragte – ein solides Gebäude ganz aus Schnee gemacht. Es war erstaunlich, was wir mit diesem kalten Staub anfangen konnten. Es war ein großartiges Gefühl der Befriedigung. Wir konnten unsere aufgeregten, erschöpften Atemwolken sehen, weiß und frostig, wann immer wir ausatmeten. Daddy und Henry hatten rosa Wangen und rosige Nasenspitzen. Wir waren äußerlich kalt und müde, aber innerlich erfüllte uns eine glückliche, warme Glut. Unser erstes Weihnachten im Lager kam nicht allzu lang nach dem Schneefall. Mama stellte selbstgemachte Dekorationen in unserem Zimmer auf. Im Speisesaal reihten Freiwillige lange Papierschlangen auf. Darauf standen in großen roten und grünen Buchstaben die Worte „Fröhliche Weihnachten“. Die Banner hingen von einem Balken quer durch den Saal bis zum nächsten auf der anderen Seite.
Der Höhepunkt des Weihnachtsfestes sollte der Besuch von Santa Claus, dem Weihnachtsmann, sein. Jeder erzählte uns, daß er auch in unseren Speisesaal käme, aber niemand wußte wann. Gut, ich kannte die Person, die alles wußte, und das war mein Daddy, der Blockleiter. Ich fragte ihn. Er antwortete: „Wir wissen nicht, ob er schon zum Heiligabend-Essen oder erst am Weihnachtsmorgen zum Frühstück kommen wird.“ Ich fragte ihn, warum der Weihnachtsmann so langsam war, wenn er doch seinen Schlitten hatte und Rentiere und all diesen guten glatten Schnee. Daddy antwortete, daß der Weihnachtsmann die Kinder in allen dreiunddreißig Blöcken von Rohwer und nicht bloß die in Block 2 besuchen wollte. „Warum kann er nicht alle Kinder am Heiligabend besuchen?“ fragte ich. Daddy antwortete, daß der Weihnachtsmann gern etwas Zeit mit jedem Jungen und Mädchen verbrachte. Für mich war das eine unbefriedigende Antwort. Endlich kam das Heiligabend-Essen. Es gab ein besonderes Menü: Brathähnchen, süße Kartoffeln, Reis und Schokoladenkuchen. Die Familien mit kleinen Kindern wurden nahe an die Tür gesetzt. Ich hatte tief in mir das Gefühl, daß Santa Claus an diesem Abend noch nach Block 2 kommen könnte. Wir waren mit dem Essen fertig, aber es kam kein Weihnachtsmann. Wir saßen da und warteten. Einige Leute vertrieben sich die Zeit mit einer zweiten Portion Schokolandekuchen. Dann stand eine Gruppe Erwachsener auf und sang Weihnachtslieder. Ich konnte nicht verstehen, warum sie sangen: „Ich träume von einer weißen Weihnacht“, wenn alles draußen schon völlig weiß und voller Schnee war. All diese Zeit wurde verschwendet, wo doch Santa Claus schon längst hier bei uns hätte sein können. Ich hatte die Hoffnung auf seine Heiligabend-Vorstellung schon fast aufgegeben, als plötzlich ohne Vorwarnung die Türen des Speisesaals aufflogen und ein kalter Windstoß hereingewirbelt kam. Wir
hörten das Klingeln von Glöckchen, ein lautes „Ho, ho, ho“, und hereingewatschelt kam ein kleiner, übermäßig lustiger Santa Claus in einem ausgestopften, zerknitterten roten Anzug. Henry und Reiko saßen da und machten vor lauter Überraschung große Augen. Dieser Weihnachtsmann ho-hoho-te schrecklich viel, ging dann von einem Kind zum anderen und fragte jedes, ob es brav oder ungezogen gewesen war. Einige waren sprachlos. Jene, die etwas aufsagten, behaupteten, sie wären brav gewesen. Niemand bekannte sich zu etwas Schlechtem. Nicht einmal Ford und Chevy Nakayama. Die meisten Kinder erstarrten in Ehrfurcht oder Bestürzung, aber sie bekamen trotzdem ihre Geschenke aus dem riesigen Sack, den er bei sich trug. Einige brachen in Tränen aus, und so wurden ihre Geschenke an die verlegenen Mütter gereicht. Henry und Reiko starrten Santa unverwandt an, nickten, als er sie fragte, ob sie brav gewesen seien, und bekamen ihre Geschenke. Aber als er mich fragte, nickte ich und rief laut: „Ja!“ Und dabei schaute ich mir sein Gesicht gründlich und genau an. Gleichzeitig preßte ich meine Hand fest auf seinen Bauch. Genau wie ich es mir gedacht hatte! Der Verdacht, den ich seit seinem stürmischen Eintreten gehabt hatte, bestätigte sich. Ich fühlte das Knittern von Zeitungen unter dem roten Anzug, dort, wo sein Bauch sein sollte. Und sein Bart sah aus wie zerzauste Baumwollfäden, die man aus einer Steppdecke entnommen hatte. Aber der eindeutige, unwiderlegbare Beweis war das Gesicht dieses Santa Claus. Er war ein Japaner! Dieser Weihnachtsmann war eine Fälschung. Ich wußte, wie der Weihnachtsmann aussah. Mama hatte mich voriges Weihnachten mitgenommen, um ihn mir im Kaufhaus der May Company in Downtown Los Angeles zu zeigen. Ich hatte ihn kennengelernt. Ich hatte auf seinem Schoß gesessen. Ich hatte mit ihm geredet. Und er war kein Japaner! Dieser ho-ho-ho-
ende Weihnachtsmann vor mir war ein Betrüger! Aber um der Höflichkeit willen nahm ich mein Geschenk von ihm trotzdem entgegen. Ich sah, daß Henry und Reiko an ihn glaubten, und Mama und Daddy benahmen sich auch so, als ob er sie erfolgreich hinters Licht geführt hätte. In der Tat schien jeder seinem übermäßig lustigem „ho, ho, ho“ auf den Leim zu gehen, und ich hatte nicht das Herz, das ihre zu brechen. Ich vermutete, daß der echte Weihnachtsmann wahrscheinlich nicht durch den Stacheldrahtzaun kommen konnte. Also putzte sich jemand hier im Lager als diese Fälschung des Weihnachtsmanns heraus, um jedermanns Weihnachten ein bißchen fröhlicher zu machen. Sie alle schienen so glücklich. Ich entschied mich, meine Entdeckung als mein eigenes Privatgeheimnis für mich zu behalten. Dies sind die Erinnerungen, die in meinem Herzen glühen. Sogar über die Jahre hinweg strahlen sie eine angenehme Wärme aus. Aber ich habe auch Erinnerungen an Rohwer, die scharf sind – und eiskalt bis ins Mark. Und ich erinnere mich an sie mit einem Zittern. Die erschreckendste Lagererinnerung, die ich habe, ist die an ein Frühjahrsgewitter in Arkansas. Es war nach dem Essen, und wir waren in unseren Raum in der Baracke zurückgekehrt, außer Daddy, der draußen bei einer seiner Blocksitzungen war. Mama war leise und eifrig bei ihren Flickarbeiten, und wir beschäftigten uns mit unseren Spielzeugen. Plötzlich gab es einen hellen, lautlosen Blitz, und alles im Raum erstrahlte in hellem Weiß: die Wände, der Boden, das Bett, alles. Sogar Mamas aufgeschrecktes Gesicht leuchtete in gespenstischem Weiß. Dann war es vorüber. Es dauerte gerade lange genug, um uns zu erschrecken, und dann war es vorbei. Aber noch bevor wir fragen konnten: „Was war das?“, begann der Terror. Mit einem kolossalen Schlag fing der Himmel an auseinanderzubrechen. Der Raum vibrierte, die Betten
klapperten und mein kleiner Spielzeuglastwagen rollte zitternd davon. Reiko kreischte vor Schreck, und Henry schrie, als ob er den heißen Kanonenofen berührt hätte. Gerade als Mama herübergelaufen kam, riß eine noch schlimmere Explosion den Himmel entzwei. Mamas zinnernes Nähkästchen fiel aus dem Regal hoch oben krachend herunter und verstreute Schere, Fingerhüte, Bandmaß und Garnrollen über den Boden. Sie brachte uns alle in Daddys Bett im Zentrum unseres Raumes und beugte sich schützend über uns. Aber die Donnerschläge kamen unerbittlich, einer nach dem andern. Gerade wenn einer sich mit einem tiefen, rollenden Grollen zu beruhigen schien, zerriß auch schon der nächste riesige Schlag den Himmel in einer fürchterlichen Explosion. Es war, als ob die Welt untergehen würde. Und Daddy war nicht bei uns. Da fing ich an zu weinen. Unsere Familie war in jeder Krise immer zusammen gewesen. Daddy und Mama sagten, daß uns nichts jemals auseinanderbringen könnte. Und jetzt war die Welt am Ende, und Daddy war irgendwo da draußen in dieser dunklen, höllischen Nacht. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Selbst als die Donnerschläge aufhörten und der Regen begann, konnte ich mich nicht beruhigen. Mama streichelte uns zärtlich, aber ich konnte die Furcht auch in ihr fühlen. Wir würden Daddy nie wieder sehen. Es regnete lang in dieser Nacht. Dann hörte ich ein Stampfen auf der Vordertreppe. Die Tür klapperte, und mit einem aufgeweichten Life-Magazin über seinem Kopf kam ein gründlich durchnäßter Daddy herein. Den Schock, die Freude, die Erleichterung und Liebe, die ich bei seinem Anblick fühlte, werde ich nie vergessen. Er zog seine nasse Jacke aus und gab uns allen eine warme, feuchte Umarmung. Der Himmel bedrohte uns noch immer mit seinem unheilverkündenden Grollen, aber mir war nicht mehr bange.
Daddy war bei uns, und die ganze Familie lag sich vereint in den Armen. Erinnerungen sind unsere kostbarsten Besitztümer. Sie sind die ultimativen Bindeglieder zu unserer Vergangenheit. Mein Andenken an Rohwer mag nur die fragmentarische Erinnerung eines Kindes an einzelne Geschichten sein, unvollständig, zusammenhanglos und allzu emotional. Aber mir ist jedes Stückchen wertvoll, jede Scherbe, jeder kleine und unvollständige Gedächtnisfetzen, den ich habe. Besonders an jene seltsame und unwirkliche Nacht, als mich etwas aufweckte – ein Ton, ein Unbehagen oder vielleicht auch eine Eingebung. Ich weiß nicht was. Etwas holte mich aus dem Schlaf. Ich erwachte und sah ein leichtes, trübes Glühen von der anderen Seite unseres Raumes herüberscheinen. Es war die Kerosinlampe, die auf dem niedrigen Stuhl stand, den Daddy für Reiko gebaut hatte. Daddy und Mama saßen da und flüsterten miteinander. Seine Stimme war leise, nachdenklich, nüchtern. Mama saß aufrecht, als hätte sie einen Stock verschluckt. Es lag etwas Starkes und Entschiedenes in ihrer Haltung. Ihr Gesicht war ausdruckslos, aber das Licht spiegelte sich in zwei glänzenden nassen Streifen auf ihren Wangen. Sie sah aus, als ob ihr Tränen herabliefen. Es gab eine lange, schweigende Pause, dann flüsterte Mama etwas, langsam und bedächtig. Sie redete nicht, als ob sie weinte. Aber wenn sie einatmete, machten die Tränen in ihrer Nase einen weichen schnüffelnden Ton. Es war seltsam. Mama klang, als ob sie weinte, aber sie verhielt sich nicht so. „Mama, nicht weinen“, murmelte ich schläfrig. Die beiden sahen zu mir herüber und erschraken. „Nicht weinen, Mama“, wiederholte ich. Sie trippelten auf Socken herüber, und Mama wischte sich schnell die Tränen vom Gesicht.
„Alles in Ordnung. Schlaf wieder ein. Mama und ich reden über Erwachsenen-Sachen“, flüsterte Daddy mir zu. „Schhhh“, sagte Mama sanft. „Weck Henry und Reiko nicht auf. Alles ist gut.“ Und sie deckte mich wieder zu. Solchermaßen beruhigt, muß ich wieder eingeschlafen sein. Das ist alles, woran ich mich bei diesem kurzen Erwachen erinnern kann. Doch es war kein Traum. Es geschah tatsächlich. Über die Jahre hinweg habe ich diesen Moment des Bewußtseins zu schätzen gelernt, der mir hier gewährt wurde. Deswegen kann ich behaupten, Zeuge einer Diskussion über ein verheerendes Ereignis zu sein, das die internierten japanischen Amerikaner erneut in Angst, Schrecken und Wut versetzte. Diese schlafumnebelte Erinnerung ist mein einziges Bindeglied zu einer einschneidenden Entscheidung, die Daddy und Mama zu treffen hatten. Ihre Entscheidung sollte für uns bedeuten, packen zu müssen und zurück nach Kalifornien in ein anderes Lager zu kommen. Es trug den poetischen Namen Tule Lake. Anfang 1943 wurde das politische Klima in Amerika durch die rassistische Rhetorik opportunistischer Politiker wie Earl Warren, Justizminister von Kalifornien, belastet. Er wurde dank einer Angstkampagne über potentielle japanische Sabotageakte zum Gouverneur des Staates gewählt. Das durch den Krieg sowieso schon angespannte Klima wurde durch Warrens Ideen einer möglichen Spionage von japanischen Amerikanern – er nannte das „die Wühlarbeit einer fünften Kolonne“ – zusätzlich angeheizt. Tatsächlich gab es jedoch nicht einen einzigen Fall von Verrat durch einen Amerikaner mit japanischen Vorfahren. Die einzigen amerikanischen Bürger, die während des ganzen Krieges wegen Spionage gegen die Vereinigten Staaten
verhaftet wurden, waren zwei Leute europäischer Herkunft. Doch man ignorierte die Tatsachen und war blind gegenüber dem Schmerz, den Verletzungen und den Qualen, die den sowieso schon internierten Menschen immer wieder zugefügt wurden – und die mitleidslosen Schreibtischtäter in Washington reagierten nun mit aller Macht. Sie erdachten ein Programm von bestürzender Grausamkeit. Der Plan sollte die Loyalität der japanischen Amerikaner prüfen, die man hinter Stacheldraht gefangenhielt. Um den ultimativen Beweis ihrer Treue zu den Vereinigten Staaten zu erhalten, wurden alle Internierten, die siebzehn und älter waren, egal ob männlich oder weiblich, ohne Rücksicht auf ihre Staatsangehörigkeit, dazu aufgefordert, einen Loyalitäts-Fragebogen auszufüllen. Der Fragebogen enthielt Dutzende von Fragen. Die beiden entscheidendsten waren die Fragen Nr. 27 und Nr. 28: Nr. 27: „Sind Sie bereit, in den Streitkräften der Vereinigten Staaten im Fronteinsatz zu dienen, wo auch immer sie hinbefohlen werden?“ Nr. 28: „Werden Sie den Vereinigten Staaten von Amerika uneingeschränkt die Treue schwören und die Vereinigten Staaten getreulich gegen jeglichen Angriff fremder oder einheimischer Mächte verteidigen, und werden Sie jedweder Form der Treue oder des Gehorsams gegenüber dem japanischen Kaiser, irgendwelchen anderen fremden Regierungen, Strömungen oder Organisationen abschwören?“ Nach der Bombardierung von Pearl Harbor im Dezember 1941 waren viele junge japanische Amerikaner ebenso in die Rekrutierungsbüros gerannt, um sich für den Kriegsdienst zu melden wie die meisten anderen amerikanischen Männer ihres Alters auch. Dieser Akt echter Loyalität wurde mit einem
Schlag ins Gesicht beantwortet. Die Männer wurden als 4C klassifiziert, die gleiche Kategorie wie feindliche Ausländer, und pauschal zurückgewiesen. Jene, die zur Zeit von Pearl Harbor schon beim Militär waren – und es gab ungefähr fünftausend junge japanische Amerikaner in Uniform beim Ausbruch des Krieges –, litten unter der Demütigung, daß man ihnen ihre Waffen abnahm. Einige mußten sogar Beschimpfungen hinnehmen und wurden wie gemeine Verbrecher in den Bunker geworfen. Die Fieberwelle der antijapanischen Hysterie wurde von General John L. DeWitt, dem kommandierenden General an der Westfront, verkörpert. DeWitt sagte: „Ein Japs ist ein Japs… Es macht keinen Unterschied, ob er ein Amerikaner ist oder nicht. Theoretisch bleibt er immer ein Japaner, und man kann ihn nicht ändern.“ Aber im Verlauf des Krieges, der eine Menge Arbeitspotential verschlang, machte Präsident Roosevelt eine 180-Grad-Kehrtwendung in seiner Politik. Er deklarierte im Februar 1943: „Keinem loyalen Bürger der Vereinigten Staaten soll das demokratische Recht verwehrt werden, die Verantwortung seiner Staatsangehörigkeit ohne Rücksicht auf seine Vorfahren wahrzunehmen.“ Und damit durften japanische Amerikaner ab sofort im Militär dienen. Die Grundrechte der amerikanischen Staatsbürgerschaft – allen voran Freiheit und Gerechtigkeit – wurden uns weggenommen, aber jetzt sollten wir die „Verantwortung“ der Staatsangehörigkeit nicht leugnen dürfen. Japanische Amerikaner hatten das Recht, für ein Land getötet zu werden, das sie gedemütigt hatte, sie ihres Eigentums und ihrer Würde beraubt und das sie hinter Stacheldraht gesteckt hatte. Das war der Kernpunkt von Frage Nr. 27. Frage Nr. 28 war so scharfsinnig hinterhältig, wie Frage Nr. 27 plump war. Der Trick dieser Frage war es, in einem einzigen Satz zu fragen: „Schwören Sie den Vereinigten
Staaten uneingeschränkte Treue?“ und im gleichen Atemzug: „Schwören Sie dem japanischen Kaiser die Treue ab?“ Antwortete man nun mit „Ja“, in der Absicht, den ersten Teil der Frage zu bejahen, dann sagte man auch Ja zum Abschwören, was eine bestehende Loyalität zum Kaiser von Japan vermuten ließ. Falls man mit „Nein“ antworten wollte, um jedwede solche Loyalität zu leugnen, dann erteilte man auch der Treue zu den Vereinigten Staaten eine Absage. Es wurde von vielen als eine Fangfrage empfunden. Die zwei Fragen wurden zu einer brisanten Mischung, die zum Ausbruch von Tumulten in allen zehn Internierungslagern führte, von Manzanar in Kalifornien bis hin zu Rohwer in Arkansas. Als der Staub sich schließlich wieder legte, waren es bemerkenswert viele Internierte, die die beiden Fragen mit „Ja – Ja“ beantworteten. Dies bereitete den Weg für die Rekrutierungsbeamten, junge Männern für den Wehrdienst zu verpflichten. Die große Zahl von Männern, die sich mustern ließen, ist ein Tribut ihrer außergewöhnlichen Entschlossenheit, die Ideale der Fahne zu verwirklichen, der sie täglich in ihren Klassenzimmern und sogar in den Lagern die Treue geschworen hatten. Für meine Eltern war der Kampf, den Loyalitäts-Fragebogen zu beantworten, eine Tortur. Mein Vater war in Amerika aufgewachsen und zur Schule gegangen. Er hatte dieses Land als seine Heimat gewählt. Bis zum Kriegsausbruch war es sein Plan für sich und seine Familie gewesen, uns hier eine Zukunft aufzubauen. Aber er war in Japan geboren worden, und das U.S.-Gesetz verweigerte asiatischen Einwanderern die Einbürgerung, obwohl ihre Kinder, die in den USA geboren wurden, amerikanische Staatsbürger sein würden. Nr. 27 fragte ihn, ob er Willens wäre, für die Vereinigten Staaten in den Kampf zu ziehen, für ein Land, das ihm nicht nur die
Staatsangehörigkeit verweigerte, sondern ihn wegen seiner Rassenzugehörigkeit eingesperrt hatte. Er war fast vierzig Jahre alt, hatte eine Frau und drei Kinder, die alle von dieser Regierung in ein Internierungslager gesteckt worden waren, und jetzt fragte man ihn, ob er einem solchen Land im Fronteinsatz dienen wollte. Nr. 28 wollte ihn im Grunde zu einem Mann ohne Heimat machen. Mein Vater fühlte keine besondere Treue zum Kaiser, aber Japan war das Land, in dem er geboren war. Es war der Ort, wo er noch Verwandte und Erinnerungen hatte. Diese Frage forderte ihn dazu auf, all das abzulegen und einem Land die Treue zu schwören, das ihn nicht haben wollte. Für meinen Vater war dies schließlich der Punkt, wo er sagen mußte: „Genug – es reicht!“ Es ging jetzt nicht länger um die Frage irgendwelcher Staatsangehörigkeiten, sondern einfach um seine Würde. Er antwortete „Nein – nein.“ Für meine Mutter war Frage Nr. 27 fast lächerlich in ihrer Absurdheit, wäre das Ganze nicht so eine Qual gewesen. Sie antwortete mit nein. Die schlimmste Frage war für sie Nr. 28. Sie war amerikanische Staatsbürgerin, geboren in Florin, Kalifornien. Ihre Kinder waren alle Amerikaner und kannten nur dieses Land. Aber sie war mit einem Mann verheiratet, dem dieses Land die Einbürgerung verweigert hatte, und den es jetzt als feindlichen Ausländer betrachtete. Ihr Geburtsland entwurzelte ihre Familie und brachte uns alle hier in dieses eine rohe Zimmer in einer Baracke in Arkansas. Und jetzt noch diese Inquisition, diese Beleidigung als Krönung ihrer Verletzung. Frage Nr. 28 forderte sie auf, zwischen ihrem Land und ihrem Mann, ihrem Geburtsort oder ihrer Familie zu wählen, sich für das eine oder das andere zu entscheiden. Das war die Szene gewesen, deren Zeuge ich bei meinem kurzen Erwachen im trüben Schein der Kerosinlampe in jener Nacht geworden war. Ich hatte den Augenblick gesehen, als
Mama die Entscheidung fällte, auf ihrem LoyalitätsFragebogen mit „Nein – nein“ zu antworten. Es war ein Akt, aufgrund dessen man sie als „treulos“ gegenüber der Regierung der USA einstufen und der schließlich zum Verlust ihrer amerikanischen Staatsangehörigkeit führen sollte. Meine letzte Erinnerung an Rohwer ist wie meine erste, acht Monate zuvor, von einem Zugfenster eingerahmt. Beim morgendlichen Frühstück im Speisesaal verabschiedete ich mich von Paul, Eddy, Tadao und Akira. Ich sagte Ford und Chevy Nakayama nicht Lebewohl, weil sie im Zug mit uns fuhren. Die Damen schnieften, als sie sich beim Abschied voreinander verbeugten. Einige der jungen Mädchen umarmten sich und weinten dabei laut. Beim Zug am Haupttor schüttelte Daddy mit ernster Miene jedem die Hand, der gekommen war, um uns noch einmal zu sehen. Dann stiegen wir ein. Alles, was ich aus dem Fenster des Zuges heraus sehen konnte, war ein Meer von traurigen Gesichtern – Gesichter von Leuten, die unsere Freunde geworden waren. Paul, Tadao und Akira, Mamas Freundinnen Frau Imai und Frau Yasui, unsere Nachbarn – die Mamiyas, die Yasudas und die Takahashis. Mama sagte, daß wir sie nie wieder sehen würden. Die schwarzen Baracken, die bei unserer Ankunft noch so uniform erschienen waren, hatten jetzt Identitäten. Sie waren das Zuhause von Freunden. Die Türme waren keine unheilverkündenden Wächter mehr, sondern nur ein Teil der Landschaft. Und sogar der Stacheldrahtzaun war einfach die vertraute Begrenzung meines Spielplatzes geworden. Alles das verließen wir jetzt für immer. Als der Zug anfing, sich zu bewegen, brach er damit die emotionale Beherrschung aller. Der Kummer war unerträglich. Einige Damen weinten, als ob es für ihren Gram keine Grenzen mehr gäbe.
Der Zug beschleunigte schnell. Ich blickte zurück auf die Menschenmenge, die kleiner und kleiner wurde. Schon bald waren unsere Freunde, die neben den Schienen standen, nur noch ein paar Farbtupfer. Die tiefergelegene Kaserne war nichts als eine dunkle Linie am Horizont. Die großen Wachtürme waren die einzigen Strukturen, die ich noch ausmachen konnte. Als sie kleiner wurden, schien auch das laute Weinen langsam zu einem weichen Schniefen abzuebben. Ich schaute weiter hinaus, bis eine Fliege, die auf dem Fensterglas summte, größer war, als die Türme, die ich noch sehen konnte. Dann fuhr der Zug in eine Kurve, und die Wachtürme verschwanden. Sie waren weg. Rohwer war jetzt nur noch eine Sammlung von Erinnerungen.
3 Kalter Wind am Tule Lake Der Tule Lake war – (und ist) – ein kalter, windgepeitschter, ausgetrockneter See nahe der nördlichen Grenze Kaliforniens zu Oregon. Er war das ödeste Gegenteil von Rohwer. Im südlichen Arkansas war die Luft im Sommer drückend und schwül, im Winter trocken und erfrischend gewesen, dagegen war sie hier im zwölfhundert Meter hoch gelegenen Tule Lake scharf und beißend, und im Winter konnte einem die Kälte bis ins Mark kriechen. Statt des weichen Staubes von Rohwer gab es hier sandigen Kies mit scharfkantigen kleinen Einschlüssen von Fossilien und Felsen. Vom saftig grünen Rohwer waren wir in eine unfruchtbare Landschaft ohne jede Vegetation gekommen, abgesehen von den dornigen Steppenläufern, die ziellos in dem völlig flachen Gelände umherrollten. Das einzige Wahrzeichen war Castle Rock, ein großer brauner Berg, ähnlich einer Abalone-Schale, der öde, einsam und drohend im Osten aufragte. Das Lager Tule Lake war ein Internierungslager, das man in ein Hochsicherheits-Sonderlager für „Abtrünnige“ umgewandelt hatte. Hier wurden alle diejenigen zusammengelegt, die auf die Schlüsselfragen im LoyalitätsFragebogen mit ‘nein-nein’ geantwortet, die um ihre Ausbürgerung und Rückführung nach Japan gebeten hatten, und jene, deren Loyalität „der Meinung des Projektleiters nach“ fragwürdig erschien. Auch hier gab es Stacheldrahtzaun und Wachtürme, aber anders als in Rohwer bestand der Zaun aus schwerem Maschendraht und war „ausbruchssicher“, und
die Wachtürme waren mit Maschinengewehren ausgestattet. Um das Lager herum patrouillierten Dutzende von Panzern und bewaffneten Jeeps. Die Wachen waren kampfbereite Truppen in voller Bataillonsstärke. Dieses ganze waffenstrotzende Aufgebot diente dazu, Leute einzusperren, die von den Beschimpfungen einer durch Hysterie verblendeten Regierung in die Wut getrieben worden waren. Die Hälfte der 18.000 Internierten im Lager Tule Lake waren Kinder wie ich. Ich mochte unsere Baracke in unserem neuen Block 80. Sie lag genau gegenüber der Speisebaracke. Für einen ewig hungrigen Sechsjährigen war es großartig, bei der Kälte draußen nur einen kleinen Sprung von der lärmenden und angenehmen Wärme und dem Essen entfernt zu sein. Aber Mama haßte es. Sie mochte das laute Scheppern und Klappern aus der Küche nicht, das schon am frühen Morgen mit den Vorbereitungen für’s Frühstück begann und bis zum letzten Spülen und Putzen nach dem Abendessen andauerte. Sie mochte die Vorstellung nicht, daß die Leute draußen unmittelbar vor unseren Fenstern dreimal täglich Schlange standen. Aber am allermeisten beklagte sie sich über die Gerüche, die von der gegenüberliegenden Küche herüberwehten – das aufdringliche Aroma einer Großküche, kombiniert mit Reinigungsmitteln und anderen Chemikalien vom Abwasch und dem säuerlichen Geruch von Desinfektionsmitteln, mit denen der Boden nach dem Essen abgespritzt wurde. „Stinkt fürchterlich“, war Mamas einfache Summierung des Problems. Daddy war philosophisch. Er meinte, dies sei eben der Kompromiß. Hier in Tule Lake hatten wir zwei Räume. Jedes Zimmer für sich war kleiner als das in Rohwer, aber zusammengerechnet hatten wir jetzt mehr Platz. Wir hatten
jetzt etwas, das wir ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer nennen konnten. „Welcher Kompromiß?“ beharrte Mama. „Jetzt ist die Toilette so weit weg. Kinder können in der Kälte nicht so weit gehen.“ Sie hatte recht damit. Manchmal war es eine schiere Folter, sich mit steifen Muskeln durch den kalten Wind bis zur Latrine durchzukämpfen. Manchmal dachte ich, daß ich es nicht mehr rechtzeitig schaffen würde. Ich kam immer gerade noch hin, mit einem wilden Blick, nervös vor Anspannung und kurz vorm Bersten. Glücklicherweise passierte mir im Gegensatz zu Henry nie ein Mißgeschick. Ab da sammelte Mama große leere Kaffeedosen, die sie für uns Kinder im Schlafzimmer bereithielt. Es gab noch einen Grund, warum ich gerne gegenüber der Speisebaracke wohnte. Das Leben im Lager war für gewöhnlich langweilig und eintönig. Aber die Speisebaracke war der soziale Brennpunkt und das Kulturzentrum des Blocks. Wir waren nahe dran und hatten besseren Zugang zu allen großen Sonderveranstaltungen. Manchmal wurden nach dem Abendessen im Speisesaal Filme gezeigt. Dazu wurde am einen Ende des Saales ein großes weißes Laken aufgehängt und am anderen Ende ein unförmiger, schwarzer Projektor aufgestellt. Weil wir den kürzesten Weg hatten, bekamen wir immer die besten Sitzplätze. Ich sah Paul Muni in „Scarface“, Bette Davis in einem Film, in dem sie sehr viel leiden mußte, und die „Gangbusters“-Serie. Aber vor allem erinnere ich mich höchst lebhaft an Charles Laughton als das tragische Ungeheuer in „Der Glöckner von Notre Dame“. Der Film war ein Schlüsselerlebnis. Ich empfand Mitleid mit diesem nach Liebe hungernden, deformierten Krüppel, den die Leute verachteten und beleidigten. Ich entdeckte die faszinierende Welt des alten Paris durch seine kläglich verunstalteten Augen. Es tat mir
weh, wenn er schmachten mußte. Es verletzte mich, wenn er gequält wurde. Und wie er sich zum Schluß unter dem dröhnenden Klang der Glocken von Notre Dame vom Turm hinunterstürzte, wird mir in schrecklicher Erinnerung bleiben. Ich entdeckte die bewußtseins- und horizonterweiternde, rührselige Welt des Films im Speisesaal gegenüber unserer Teerpappe-Baracke. Bei anderen Gelegenheiten sahen wir alte japanische Filme über Samurais und Ninjas und tränenreiche zeitgenössische Geschichten über die langen Leiden von Müttern und Witwen. Anscheinend war bei einigen dieser japanischen Filme die Tonspur abhanden gekommen. In solchen Fällen kam ein Mann aus einem anderen Block, der sich auf diese Dinge spezialisiert hatte, zu uns herüber und setzte sich vor dem Leinentuch auf den Boden. Er hatte ein schwach beleuchtetes Manuskript vor sich und erzählte auf japanisch, was wir auf der Leinwand sahen. Und er war nicht nur ein Erzähler, sondern er spielte auch alle gesprochenen Rollen. Er machte die tiefe Stimme des schroffen Samurai nach, das kristallklare Stimmchen der Prinzessin ebenso wie das Gackern des alten Weibes – alles synchron zu dem schnellen dramatischen Geschehen auf der Leinwand. Für die Höhepunkte des Films, wie z.B. Schwertkampfszenen, hatte er Bambusklöppel, die er rhythmisch gegeneinanderschlug, während sein Assistent mit kleinen Becken Krach machte. Die Becken verstärkten das dramatische Geschehen mit ihren „chang“-Tönen, und die Klöppel machten einen rieselnden „bara-bara“-Ton, mit dem sie, passend zur Szene, das Spiel der Schwerter auf der Leinwand anfeuerten. Die alten Leute nannten alle diese Epen mit Samurais und Schwertkämpfen chambara-Filme, und ich konnte sehen, warum: Jedesmal, wenn die Schwerter anfingen
zu tanzen, wurde der Speisesaal von lauten „chang“- und „bara-bara“-Tönen erfüllt. Ich fand die Vorstellung des Erzählers absolut faszinierend. Nur mit seiner Stimme allein wurde er zu so vielen anderen Leuten; er litt Qualen, erfuhr Freude, provozierte Furcht und rührte so viele Emotionen auf – wunderbar. Nach dem Film fragte ich Daddy, wie ein einziger Mann zu so vielen Leuten werden und so viele Erfahrungen sammeln konnte. Er erzählte mir, daß man diese Leute Benshi nannte. In den alten Zeiten in Japan, als die Filme noch keinen Ton hatten, waren diese Benshi für die Geräuschuntermalung der Stummfilme zuständig. Er sagte mir auch, daß ein guter Benshi in jenen Tagen ebenso als Künstler angesehen war wie ein Schauspieler. Ich sagte: „Ich glaube, daß der Mann, den wir heute abend gesehen haben, so ein Künstler ist.“ Daddy stimmte mir zu. Daddy wurde wieder zum Blockleiter unseres neuen Blocks 80 in Tule Lake gewählt. Und wieder verloren wir ihn an wichtige Besprechungen und Krisen. Und Mama machte sich ans Werk, uns ein neues Heim zu schaffen, diesmal in zwei Räumen. Die Wohnzimmerfenster bekamen natürlich neue Vorhänge, und jetzt hatten wir sogar ein Extrabett im Wohnzimmer, für das Mama gleich passende Decken und Kissen machte. Es wurde unser Sofa. Und sie entdeckte sogar die Schönheit in den Steppenläufern, die draußen herumrollten. Mama brachte sie herein und machte daraus schlichte und elegante Arrangements. Kalter Wind blies durch die offenen Spalten im Bretterboden und die Astlöcher in den Wänden. Daddy verschloß die Astlöcher mit den Deckeln von leeren Blechdosen. Den einzigen Luxus des Wohnzimmers verdankten wir den Spalten im Fußboden. Um sie zu bedecken, gingen Daddy und Mama
zur Lagerverwaltung, die vier Blöcke weiter weg war, und kauften ein Stück blaues Linoleum mit weißen Sternen darauf. Es war so glänzend und glatt. Henry und ich liebten es, auf Socken darauf herumzuschlittern, und Reiko kreischte vor Freude, wenn Daddy sie über den glatten Linoleumboden zog. In der Begrenztheit des anderen Raumes, der unser Schlafzimmer wurde, gab es keine Möglichkeit für eine ästhetische Anordnung. Er war mit fünf dicht aneinander gestellten Betten vollgestopft. Aber eines stellte Mama absolut sicher. Keines der Betten war kita makura – nach Norden gebettet. Denn das bedeutete Pech. Sie erzählte uns, daß man in Japan die Toten mit dem Kopf nach Norden legte. All unsere Kissen lagen gen Süden. Daddy lag am weitesten entfernt, dann kam Mama, dann war ein kleines Stück frei für die Tür zum Wohnzimmer, dann kamen in umgekehrter Geburtsreihenfolge Reiko, Henry und ich. Da ich der Älteste war, lag ich am weitesten von Daddy und Mama entfernt. Und ich hatte das Fenster über mir. Ich konnte von meinem Bett aus auf die Rückseite der nächsten Baracke sehen. Der Vorhang vor Daddys Fenster auf der gegenüberliegenden Seite blieb stets dicht geschlossen. Das war die Seite gegenüber der Speisebaracke. Eines Nachmittags nach unserem Schläfchen spielten Henry und ich hinter der Rückseite der Küche. Hinter einem Stapel leerer Gemüsekisten kam ein struppiger, schwarzer Hund hervor, mit braunen Pfoten und braunen Streifen auf der Seite, die wie verschmierte Erdnußbutter aussahen. Über seinen traurig aussehenden Augen hatte er zwei kleine, hellbraune Augenbrauen. Wir streichelten seinen Kopf, und er winselte erbärmlich. „Er muß hungrig sein“, sagte ich. „Wir holen etwas für ihn“, schlug Henry vor. Wir gingen an die Hintertür der Küche und baten Herrn Kikutani, einen der Arbeiter in der
Speisebaracke, uns etwas zu geben, womit wir den Hund füttern konnten. Er gab uns ein halbes Würstchen von dem Hauptgericht, das er fürs Abendessen vorbereitete. Der Hund schlang es gierig hinunter. Wir gingen zurück, um noch eines zu holen, aber diesmal wollte uns Herr Kikutani keines mehr geben. „Hey, ihr wißt, daß ich hier Leute füttern muß, keine streunenden Hunde“, sagte er. Aber während ich mit Herr Kikutani diskutierte, langte Henry hinter ihn, nahm ein weiteres halbes Würstchen heraus und schlüpfte leise hinaus. Ich bedankte mich für alle Fälle bei Herrn Kikutani und verließ die Küche. Als ich draußen ankam, war der Hund schon eifrig dabei, den kleinen Wurstzipfel in seiner Kehle verschwinden zu lassen. Er leckte seine Lefzen und schaute mich mit einem großen Hundelächeln und wedelndem Schwanz an. Er war einfach zu niedlich, um ihn hungrig zurückzulassen. Vielleicht hatte Mama ja noch etwas zu Essen für diesen Hund. Wir rannten heim und riefen: „Mama, Mama.“ Der Hund lief mit neuerweckter, würstchengestärkter Energie selig hinter uns her. Ich öffnete die Tür und hielt sie für den Hund auf. „Mama, Mama“, rannte Henry laut rufend hinein, und hinter ihm her der Hund. Dann hörte ich Mama kreischen, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte. Es klang, als ob jemand versuchte, sie umzubringen. Bei einem Blick nach drinnen sah ich den Hund in panischer Hilflosigkeit schlittern und rutschen. Er versuchte verzweifelt, auf dem glatten Linoleumboden sein Gleichgewicht zurückzugewinnen. Die Krallen seiner Pfoten waren auf der hochglanzpolierten Oberfläche völlig nutzlos, als er sich verzweifelt bis an den Rand des Linoleums vorkämpfte. Mit vor Schreck geweiteten Augen floh der zu Tode geängstigte Hund schließlich zurück zur Tür, und Mamas Kreischen hörte auf. Ich ging hinein, um eine ebenso
angsterfüllte Mama zu finden, die Henry so fest gegen ihre Brust drückte, daß er fast erstickte. „Nicht verletzt?“ fragte sie, und ihre Stimme zitterte vor Furcht. Sie ging schnell zur Tür, um sie zu schließen. „Oh, abunai Hund.“ Sie ließ Henry los, der hustete und nach Luft rang. „Mama, das ist ein hungriger Hund“, informierte ich sie. „Ich weiß. Der Hund hat Henry gejagt. Oh, abunai.“ „Nein Mama, das ist ein netter hungriger Hund“, beharrte ich. „Ja, Mama, es ist ein netter Hund“, keuchte Henry, bei dem Versuch, wieder Luft zu kriegen. Wir erklärten ihr, daß wir den armen hungrigen Hund hinter der Küche gefunden hatten. „Mama, haben wir etwas da, womit wir ihn füttern können?“ fragten wir. Beruhigt und ein wenig beschämt dachte Mama nach. „Ich habe Kekse“, bot sie an. Das waren die kleinen Imbisse, die sie für uns behielt. „Aber Hunde mögen keine Kekse“, meinte sie skeptisch. „Wir werden sehen“, riefen wir im Chor. „Können wir bitte einen Keks haben?“ Als wir herauskamen, stand der Hund in sicherer Entfernung vor unserer Tür. Aber als er Henry und mich sah, kam er mit wedelndem Schwanz herbei und wackelte mit seinem ganzen Körper vor Glück. Als er Mama hinter uns herauskommen sah, machte er eine Vollbremsung und kauerte sich mit gemischten Gefühlen auf den Boden. „Er glaubt, daß du eine furchtbare Dame bist“, sagte Henry zu Mama. Sie lächelte und brach den Keks in ihrer Hand in drei Stücke, reichte eines davon zu mir, eines zu Henry und behielt das letzte selbst. Ich bot ihm mein Stück zuerst an und fragte mich, ob er es wohl essen würde. Er kam heran, schnupperte, schleckte es mir aus der Hand und zerbiß es mit Genuß. Auch Henrys Stück nahm er sofort an. Jetzt war die furchtbare Dame an der Reihe. Mama hielt ihr Stück hin. Er wollte es nehmen, das konnte man sehen. Aber er
hielt sich zurück. Er hatte Angst vor dem schrecklichen Geräusch, das sie am Anfang gemacht hatte. Ich konnte den Konflikt in den armen, traurigen Hundeaugen sehen. Aber der Hunger gewann schließlich die Oberhand. Er sah vorsichtig zu Mama hoch und versuchte es mit einem Schwanzwedeln. Sie machte diesmal nicht dieses schreckliche Geräusch. Bedächtig kam er zu ihr heran, nahm ihr schnell das Keksstück aus den Fingern und verschluckte es mit einem einzigen Bissen. Und so wurde Blackie in Tule Lake zu einem Teil unserer Familie. Wir bauten ihm einen Schuppen hinter unserer Baracke, direkt unter meinem Schlafzimmerfenster. Wir bekamen immer ein bißchen mehr Lebensmittel, als wir zu jeder Mahlzeit essen konnten, so daß wir die Reste für Blackie mit nach Hause nehmen konnten. Blackie wurde unser Spielkamerad und ständiger Begleiter, wo auch immer wir hingingen, überall – außer in unserem Wohnzimmer. Er hatte Angst vor dem Raum mit dem verräterisch glänzenden Boden. Blackie weigerte sich strikt, sich dort hinein zu wagen, selbst wenn wir ihn hineinschoben. Daddy meinte, er sei ein kluger Hund. „Er lernt schnell. Kein lebendes Wesen hat es gern, wenn seine Welt plötzlich unbeständig wird“, sagte er. „Wir wollen ihm ein gutes Heim geben.“ Und Blackie mußte keine Angst haben, daß seine Welt plötzlich unbeständig wurde. Zumindest nicht, solange wir in Tule Lake waren. Für uns jedenfalls unterschied sich Tule Lake sehr von allem, was wir vorher erfahren hatten. Ich wachte bei Tagesanbruch von dem entfernten Lärm des Frühsports einer großen Zahl junger Männer auf. „Wah shoi, wah shoi, wah shoi, wah shoi.“ Ich lag da und hörte zu, wie der Ton näher und näher kam und dann wieder in der Entfernung verklang. „Wah shoi, wah shoi, wah shoi.“ Diese jungen Männer zählten im Chor, während sie in militärischer Ordnung in der kalten Morgenluft um die
Blöcke joggten. Sie alle trugen hachimaki um ihre Köpfe, weiße Stirnbänder, einige mit der aufgehenden Sonne darauf gemalt – die militärischen Insignien von Japan. Dies waren die jungen Männer, die durch ihre Desillusionierung und das Gefühl, von Amerika verraten worden zu sein, zu Radikalen geworden waren. Wenn sie von Amerika schon wie Feinde behandelt wurden, dann wollten sie Amerika eine Antwort geben, die es würde ernst nehmen müssen. Sie wollten Feinde werden und Amerika dazu zwingen, mit ihnen zu rechnen. Sie wollten ihre Muskeln ebenso stählen wie ihren Geist. Sie wollten vorbereitet sein auf den Tag, an den sie inbrünstig glaubten, an dem japanische Streitkräfte an Amerikas Westküste landen würden und wollten sich dann erheben und sich diesen anschließen. Tule Lake war ein Lager, in dem es vor politischen Spannungen brodelte. Obwohl die Lagerbevölkerung vorwiegend aus jenen bestand, die man als allgemein „treulos“ kategorisiert hatte, gab es innerhalb dieser Gruppe das volle Spektrum des religiösen Glaubens und der politischen Überzeugungen – von jenen, die auf dem LoyalitätsFragebogen mit „nein-nein“ geantwortet hatten, um mit diesem Protest ihre Würde zu bewahren, bis hin zu echten Radikalen, die neuerdings scharf darauf waren, Japan zu einem Sieg zu verhelfen. Zu dieser Gruppe gehörte Joe Kurihara, ein ehemaliger pro-amerikanischer Patriot und Veteran aus dem Ersten Weltkrieg. In seiner Bitterkeit darüber, von dem Amerika verraten worden zu sein, dem er vertraut hatte, schwor er offen, „ein hundertprozentiger Japs zu werden“. Die Lagerkommandanten betrachteten jedenfalls alle Internierten als Gegner und verschlimmerte die brenzlige Situation nur noch mehr mit den plumpen Versuchen, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Es gab mitternächtliche Überfälle der Wachen auf jene, die im Verdacht standen, die Anführer
der Radikalen zu sein, und oft wurden die Falschen verhaftet. Als radikal geltende Gruppen wurden aus bestimmten Arbeitsmannschaften entfernt, was die Unterbrechung wichtiger Aufgaben, wie zum Beispiel der Lieferung von Nahrungsmitteln und Brennmaterial bewirkte. Diese Maßnahmen wiederum wiegelten erneut zu Protesten und Demonstrationen auf. In diesem turbulenten Klima gedieh natürlich eine Atmosphäre des gegenseitigen Mißtrauens bestens. Jene, die auf bestimmten Arbeitsposten eingesetzt wurden, von denen andere abgezogen worden waren, standen bei den anderen Internierten im Verdacht, sich die Gunst der Lagerverwaltung verschafft zu haben. Die solchermaßen Verdächtigten wurden angeprangert, sie seien Denunzianten oder inu, das japanische Wort für „Hund“. Es gab gewaltsame Auseinandersetzungen, sogar Prügeleien, die nur noch mehr Restriktionen seitens der Kommandantur einbrachten. Es wurden Sperrstunden eingeführt, die Gegenwart von noch mehr schwer bewaffneten Wachen nötig machte. Die Internierten rächten sich mit Hungerstreiks und sogar mit Aufruhr. Keto! Das ist das Wort, an das ich mich bei all dem Geschrei am besten erinnern kann. „Keto, keto!“ Über all dem Chaos. „Gottverdammte keto!“ „Keto fahr zur Hölle!“ schrie man den Wachen zu, die mit ihren röhrenden Jeeps die wogende Menge einkreisten. Die Leute liefen nach allen Richtungen davon. Die Wachen in den Jeeps zielten mit ihren Waffen auf die Flüchtenden, verfolgten sie und wirbelten große Staubwolken auf, als sie in gefährlich engen Kurven und Kreisen hinter ihnen herrumpelten. Daddy und ich waren weit weg von jenen Jeeps, aber er hielt meine Hand fest, und wir rannten so schnell wir konnten. Wir rannten viele Blöcke weit, bevor wir nach Hause zurückkamen.
Ich erinnere mich nicht daran, warum wir so weit von zu Hause weg gewesen waren. Tatsächlich kann ich mich nicht einmal erinnern, warum wir überhaupt ein Teil von all dem Chaos waren. Aber das Geschrei, das Durcheinander und der Terror waren unvergeßlich. Diese eine Kindheitserinnerung hat sich in meinen Verstand eingebrannt wie ein Spritzer aus einem heißen Kochtopf auf der Haut. Sie hat mich versengt, aber mit der Zeit blieb nur noch eine kaum merkliche Narbe zurück. Ich kann mich noch erinnern, wie schrecklich dieser Tag war. Ich kann mir das Chaos und Durcheinander noch ins Gedächtnis rufen. Aber ich kann mich nicht erinnern, an was ich da teilgenommen hatte. Ich kann mich an die Ursache für diesen unvergeßlichen Terror nicht erinnern. Erst sehr viel später, als ich älter war, fragte ich Daddy über diese irgendwie zusammenhanglose Erinnerung aus. Er erzählte mir, daß wir gegen die willkürliche Inhaftierung von jemandem protestiert hatten, der verdächtigt wurde, ein Radikaler zu sein. Das war es, was er viele Jahre später einem Erwachsenen erzählte. Aber die Essenz der Erfahrung war hinweggeweht wie der Staub, den die wild kreisenden Jeeps aufgewirbelt hatten. Was sich in meinem Gedächtnis festgesetzt hat, war die Antwort, die Daddy mir auf meine Frage gab, nachdem wir heil zu unserer Baracke zurückgekehrt waren. „Was bedeutet keto, Daddy?“ fragte ich. Er erzählte mir, es sei ein wütendes Wort, mit dem man weiße Leute beschimpfte. „Aber warum?“ „Es ist ein schlechtes Wort, das benutzt wird, um Leute zu verletzen.“ „Aber die Wachen sahen nicht verletzt aus“, sagte ich. „Weil sie es nicht verstanden haben.“ „Aber was heißt es denn dann?“ „Es bedeutet ‘haarige Brut’“, antwortete mein Vater.
„Nun, weiße Leute sehen behaart aus. Schau nur die Arme der Wachen an.“ „Das mag sein. Aber es ist ein Wort, mit dem man beleidigen und verletzen will. Ich will euch niemals dieses Wort benutzen hören.“ „Auch nicht bei den Wachen?“ „Bei niemandem. Niemals. Es ist ein schlechtes Wort“, sagte Daddy in einem Tonfall der Endgültigkeit. Ich vermutete, daß keto ein weiteres jener geheimnisvollen Worte wie Sakana beach sein mußte. Mitte 1944 war Tule Lake eine durch Zorn, Verdächtigungen und Chaos zerbrochene Gemeinde. Die Gerüchte nahmen Überhand. Nachbarn verdächtigten Nachbarn. Die einfachste Meinungsverschiedenheit konnte in eine wütende Konfrontation ausarten, und oftmals brach Gewalt aus. In diese kritische Situation warf der Kongreß eine weitere Brandbombe. Es ging um den sogenannten „DenaturalisationsErlaß“. Diese Bestimmung, bekannt unter der Bezeichnung „Public Law 405“, besagte, daß ein amerikanischer Bürger auf amerikanischem Boden im Falle eines Krieges auf seine oder ihre Staatsangehörigkeit verzichten kann. Die unerbittlichen Wellen der anti-japanischen Hysterie hatten neuen Sprengstoff und ein weiteres verfassungsmäßig unhaltbares Gesetz produziert. Im Angesicht des von Tag zu Tag wahrscheinlicher werdenden Ende des Krieges fingen die Politiker der Westküste an, gegen die mögliche Rückkehr japanischer Amerikaner in ihre früheren Heime zu agitieren. Der Kongreßabgeordnete Clair Engle von Kalifornien, der später in den Senat der Vereinigten Staaten gewählt werden sollte, deklarierte: „Wir in Kalifornien wollen diese Japse nicht zurückhaben. Je mehr wir loswerden können, desto besser.“
Das Szenario, das man sich in Washington vorstellte, schien es erforderlich zu machen, daß man amerikanische Bürger mit japanischen Vorfahren dazu brachte, unter dem unerträglichen Druck in den Lagern auf ihre Staatsangehörigkeit zu verzichten, um so einen legalen Weg für ihre „Deportation“ als feindliche „Ausländer“ nach Japan zu eröffnen. Dies sollte ein besonders nützliches Werkzeug sein, um das Land von jenen unliebsamen radikalen Aktivisten von Tule Lake zu befreien. Das Ergebnis war eine neue überschwappende Welle von Qual und Tumult, in der sich nicht nur die Radikalen erhoben, sondern alle Internierten im Lager Tule Lake. Die Aktivisten wollten so viele wie möglich dazu bewegen, mit ihnen zusammen auf die Staatsangehörigkeit zu verzichten, und sie starteten einen aggressiven Missionierungs-Feldzug. Sie veranstalteten wilde und aufrührerische Zusammenkünfte. Die Lagerverwaltung reagierte mit noch mehr mitternächtlichen Überfällen, und wieder wurden meist die falschen Leute verhaftet. Es gab Wut und Zwietracht. Tule Lake verwandelte sich in einen kochendheißen Kessel widerstreitender Leidenschaften. Mama wurde von diesen inbrünstig pro-japanischen Kämpfern als eine aussichtsreiche Kandidatin für einen Staatsbürgerschaftsverzicht angesprochen. Sie hatte auf dem Loyalitäts-Fragebogen mit „nein-nein“ geantwortet und war mit einem in Amerika aufgewachsenen japanischen Einwanderer verheiratet. „Amerika behandelt euch wie Abfall“, argumentierten die Kämpfer. „Warum nehmt ihr diese rassistischen Beschimpfungen hin? Seid endlich stolz auf euer eigenes rassisches Erbe.“ Alles scheinbar überzeugende Argumente. Aber Mama nahm den Radikalen ihren militanten Druck übel, und sie reagierte gereizt, als einige von ihnen versuchten, ihre Entscheidung durch Daddy zu beeinflussen. Dies war ihre
Entscheidung, die sie ganz privat mit Daddy für sich und ihre Familie treffen mußte. Sie hatte nicht vor, sich von Fanatikern zwingen zu lassen. „Hito wa hito. Uchi wa uchi“, höre ich sie in meiner Erinnerung immer sagen: „Andere Leute sind andere Leute. Unser Haus ist unser Haus.“ Dann tat man in Washington voller Schwerfälligkeit und mit erstaunlicher Grausamkeit etwas, das den Fanatikern erst recht in die Hände spielte: Im Dezember 1944 kündigten die Beamten ohne jede Vorwarnung plötzlich die Schließung des Lagers an. In sechs Monaten bis maximal einem Jahr sollte das Hochsicherheitslager Tule Lake geschlossen werden. Dies war für die Internierten eine bestürzende Neuentwicklung. Terror fegte durch das Lager wie eine elektrische Entladung. Wir sollten „rausgeworfen“ werden als Fraß für die Wölfe. Es wurden noch immer weiße Jungs im Krieg von Japanern getötet. Der Feuersturm der Paranoia gegen japanische Amerikaner wütete an der Westküste mit voller Wucht. Radikale nationalistische Organisationen intensivierten ihren „Rottet die Japs aus“-Feldzug. Der Stacheldrahtzaun, der uns einsperrte, war ironischerweise auch unser Schutz. Und jetzt sollte er weg sein. Die Aktivisten nahmen dieses Geschenk aus Washington genüßlich an. „Da rausgehen und abgeknallt werden? Zur Hölle nein, nicht mit mir!“ Sie argumentierten, daß man die Regierung dazu zwingen könnte, das Lager Tule Lake weiter offen zu halten, wenn nur genügend Leute auf ihre Staatsangehörigkeit verzichteten. Der psychologische Druck war unerträglich. Mamas alleinige Sorge war es jetzt, ihre Familie sicher zusammenzuhalten. Es war nicht der Druck der Radikalen. Es hatte nichts mehr mit irgendeiner Doktrin zu tun. Mama hatte große Angst um die Sicherheit und das Wohlergehen ihrer Familie. Sie entschied sich dafür, Washington zu zwingen,
Tule Lake als einen sicheren Hafen für uns zu behalten. Sie verzichtete auf ihre amerikanische Staatsangehörigkeit. Mama wurde ein „denaturalisierter Bürger“. Während alle diese Dinge, die ein siebenjähriger Junge kaum verstehen konnte, um mich herumwirbelten, fanden eine halbe Welt weit weg Ereignisse statt, die für mich sogar noch unverständlicher gewesen wären. Diese mir damals unbekannten Entwicklungen in weiter Ferne sollten von tiefer und historischer Bedeutung für meine Zukunft sein. Im fernen Europa trugen die Brüder und Vettern der jungen Männer, die hier die aufgehende Sonne auf ihr hachi maki malten, die gleichen Uniformen wie die Soldaten, die uns aus den Waffentürmen heraus bewachten. Tatsächlich kämpften sie auf der gleichen Seite wie jene Wachen, die hinter den auf uns gerichteten Maschinengewehren standen. Diese jungen Männer, in deren Antlitz Amerika das des Feindes erkannte, vergossen ihr Blut, während sie Sterne und Streifen trugen. Es waren junge japanische Amerikaner, sich verpflichtet hatten, um ihrem Land trotz der befremdlichen Umstände zu dienen. GIs, so sagt ein Sprichwort, kämpfen um „Moms Apple Pie“ zu verteidigen. Aber junge japanisch-amerikanische GIs kämpften buchstäblich darum, ihre Moms aus amerikanischen Stacheldrahtzäunen herauszubekommen. Sie zogen in den Kampf, um unter den empörendsten Umständen ihren Glauben an die grundlegenden Ideale eines Landes zu beweisen, das eben jene Ideale selbst verraten hatte. In ihrer Entschlossenheit, von manchen auch blindes Vertrauen genannt, rüttelten sie Amerika zu einer Neubewertung ihrer Staatsangehörigkeit und der Kenntnisnahme ihrer Auffassung von Patriotismus auf. Und mit der Kühnheit und dem außergewöhnlichen Mut, den sie auf den Schlachtfeldern in Italien, Frankreich und Deutschland demonstrierten,
begründeten sie nicht nur ihren Ruf als gute Kämpfernaturen, sondern erhoben auch ihre Zugehörigkeit zu Amerika über jeden Zweifel. Der Heroismus dieser japanisch-amerikanischen GIs belebte die Ideale dieses Landes wieder und brachte eine neue Dimension in die Definition der amerikanischen Staatsangehörigkeit. Aber für welch einen furchtbaren Preis. Der durch und durch japanisch-amerikanische 442. Kampfverband verlor bei seinem ersten Einsatz an der italienischen Front am Arno bei Rom etwa ein Viertel seiner gesamten Truppenstärke. Um 40 Meilen gutzumachen, nahm man 1.272 Opfer in Kauf. Im Rheinland-Feldzug in Frankreich, bei der heroischen Rettung des „verlorenen TexasBataillons“, des hinter den Feindlinien gefangenen Ersten Bataillons des 141. Regimentes, wurden 800 Männer geopfert, um 211 zu retten. Bei Kriegsende hatte der 442. Kampfverband einen außerordentlichen Rekord an Einsätzen aufzuweisen und erwies sich als die höchstdekorierte Einheit des Zweiten Weltkrieges. Er hatte aber auch die größte Opferrate eines Verbandes seiner Größenordnung aufzuweisen. Im Juli 1946 empfing Präsident Harry Truman die japanischamerikanischen Soldaten auf dem Rasen vor dem Weißen Haus und sagte: „Sie kämpften nicht nur gegen den Feind, sondern sie kämpften auch gegen Vorurteile – und sie haben gewonnen.“ Und es gab noch andere Ereignisse an weit entfernten Orten, die uns in Tule Lake beeinflußten. Ich stand neben dem Waschhaus, als ich von einem dieser Ereignisse hörte. Eine Gruppe Männer stand herum und redete mit ernsten Gesichtern. Ich schlenderte hinüber und hörte den Mann mit der Glatze sagen: „Er ist nicht wirklich tot. Es ist ein Trick. Verlassen Sie sich darauf, es ist ihnen zuzutrauen, daß sie so etwas versuchen.“
Aber Herr Takeda, unser Nachbar, beharrte: „Nein, es muß wahr sein. Ich war heute morgen im Büro der Lagerkommandantur, und sie hatten die Fahne auf Halbmast.“ Ein schlanker junger Mann fragte: „Kein Scherz? Tatsächlich? Dann muß Roosevelt tatsächlich tot sein. Naja, wer weiß.“ Aber der kahlköpfige Mann blieb stur: „Es ist ein Trick. Ich sage Ihnen, es ist ein Trick.“ Ich rannte nach Hause, um Mama zu erzählen, daß ein Mann namens Roosevelt gestorben war und daß sie Angst hätten, es könnte nur ein Trick sein und daß man deswegen die Flagge auf Halbmast gesetzt habe. Beim Abendessen gab Daddy dann offiziell bekannt, daß Präsident Roosevelt verschieden war. Die weitaus verheerendere Nachricht für die Internierten kam ein Jahr später an einem Sommertag im August. Eine neue Bombe, zerstörerischer als alles, was die Menschheit je zuvor erfunden hatte, war auf Japan abgeworfen worden. Die Nachricht kam knisternd über hereingeschmuggelte Kurzwellen-Rundfunkempfänger. Niemand wußte, wer die Nachricht zuerst gehört hatte, aber alle redeten darüber. Diese fürchterliche Waffe, man nannte sie eine Atombombe, war auf die im Süden Japans gelegene Stadt Hiroshima geworfen worden. Die Zerstörungen, die diese Bombe anrichtete, waren schon grausig, aber der nachfolgende Feuersturm war erst recht katastrophal – Zehntausende von Menschen waren in der Feuersbrunst getötet worden. Dann, drei Tage später, wurde noch eine Atombombe geworfen – diesmal auf die Stadt Nagasaki. Die Leute von Tule Lake waren wie betäubt. Die schnelle Folge der Ereignisse hatte sie überwältigt. Die zwei Bombenabwürfe, so grausig sie waren, stellten für viele auch tiefgehende persönliche Tragödien dar. Eine beträchtliche Zahl
der Internierten hatten Familien und nahe Verwandte, die in den beiden Städten lebten. Unsere Familie war eine davon. Unsere Großeltern, Mamas Vater und Mutter, waren vor Kriegsausbruch nach Japan zurückgekehrt. Sie waren nach Hiroshima gegangen. Mama war außer sich vor Sorgen. Jeder Fetzen von Nachrichten über das Bombardement wurde verzweifelt gesucht. Jedes Stückchen Information, das aus einem Kurzwellenradio kam, wurde begierig aufgenommen. Sogar die Gerüchte wurden bis zu ihrem wirkungslosen, bedrückenden Ende verfolgt. Aber nichts Zuverlässiges stand zur Verfügung. Die grausige Gewißheit, so furchtbar sie auch immer sein mochte, wäre erträglicher gewesen, als die Folter dieser Ungewißheit. Mama wurde verrückt vor Angst. Daddy sagte schließlich zu ihr: „Es war ein verheerendes Bombardement. Eine unglaubliche Zahl von Leuten ist getötet worden. Aber du mußt weiterleben. Du mußt dir selbst Frieden geben. Um deinetwillen, für dein eigenes Wohlergehen laß uns annehmen, daß deine Eltern umgekommen sind.“ Erst viel später, lange, nachdem wir aus dem Lager gekommen waren, erfuhren wir, daß unsere Großeltern wie durch ein Wunder den Atombombenabwurf auf Hiroshima überlebt hatten. Aber eine von Mamas jüngeren Schwestern, unsere Tante Ayako, war mit ihrem Baby in diesem Holocaust gestorben. Der Krieg war vorüber, und Japan hatte sich ergeben. „Es war unvermeidlich“, sagte Daddy. „Ich wußte, daß es dazu kommen würde. Aber es gibt einige, die es einfach nicht verwinden können.“ Als Daddy beim Mittagessen in der Speisebaracke diese schwerwiegende Nachricht bekanntgab, stand eine Gruppe älterer Männer schweigend auf und ging, ohne zu Mittag zu
essen. Als ich später zur Latrine ging, stand der kahlköpfige Mann alleine da und brüllte jeden an, der vorüberging: „Es ist eine Lüge. Glaubt es nicht. Es ist ein weiterer Trick.“ Aber er war nur eine einzelne Stimme. Es gab keine Hysterie. Eine seltsame Stille senkte sich auf einmal über das turbulente Tule Lake. Jetzt standen wir einer neuen Sorge gegenüber, den unbekannten Gefahren eines Lebens außerhalb der Stacheldrahtumzäunung, ohne jeden Schutz. Es gab nur eine Gewißheit: Das Lager Tule Lake sollte geschlossen werden. Im Februar 1946 sollte es endgültig soweit sein. Wir hatten jetzt sechs Monate Zeit, um Pläne zu machen – für ein neues Heim draußen in einem feindlichen Amerika. Dann schlug ein neuer Blitz ein. Es wurde angekündigt, daß diejenigen, die die amerikanische Staatsangehörigkeit abgelegt hatten, nach Japan „deportiert“ werden sollten. Der 15. November 1945 war das Datum, an dem das erste Schiff abfahren sollte. Und Mama stand auf der Passagierliste. Ihr waghalsiges Opfer für unsere Sicherheit war fürchterlich schiefgegangen. Daddy und Mama wurden von dieser neuen Drohung sehr mitgenommen. Ich erinnere mich an Nächte, in denen mich etwas aufwachen ließ. Ich lag im Dunkeln und hörte Daddy und Mama bei ihren intensiven, geflüsterten Unterhaltungen zu. Henry und Reiko schliefen. Ich tat nur so, als ob. Am Tage gingen sie auf lange Spaziergänge weit weg von unserer Baracke, um ein bißchen Privatsphäre zu bekommen. Mama kam oft völlig aufgewühlt zurück und tupfte sich ihre stark geröteten Augen mit ihrem Taschentuch ab. Mama und all die anderen in der gleichen Situation brauchten rechtlichen Beistand. Eine fürchterliche Kettenreaktion war ausgelöst worden, von einem Akt der Verzweiflung in höchster Not. Aber wer würde sie vertreten? Warum sollte jemand einen
solch unpopulären Fall übernehmen? Mama und die anderen „Abtrünnigen“ waren Ausgestoßene. Sie wurden sogar noch mehr verachtet als die japanischen Amerikaner, hatten sie doch auf die amerikanische Staatsangehörigkeit verzichtet. Und sie waren der ganzen Macht der Regierung der Vereinigten Staaten hilflos ausgeliefert. Es war eine unmögliche Situation. Manchmal frage ich mich nach den Wendepunkten eines Lebens. Gewöhnlich sind es bedeutende historische Zeitpunkte wie beispielsweise Krieg und Frieden, der große unvermeidliche Fluß der Ereignisse, die ein Schicksal entscheiden. Aber wie ein kleiner Kiesel manchmal die Richtung eines ganzen Flusses ändert, kann in stürmischen Zeiten auch ein einzelnes Individuum den Kurs des Lebens eines anderen Menschen verändern. Ich frage mich, wie wohl mein Leben verlaufen wäre, und wer ich wohl heute wäre, wenn es zu diesem entscheidenden und scheinbar hoffnungslosen Zeitpunkt in unserem Leben nicht einen tapferen Mann gegeben hätte, der mutig für uns eintrat. Wayne Collins, ein glänzender Rechtsanwalt aus San Francisco und leidenschaftlicher Kämpfer für die grundlegenden Garantien der Verfassung, übernahm den schwierigen Fall japanischer Amerikaner, die ihre Staatsangehörigkeit aufgegeben hatten. Er sagte: „Sie können die Staatsangehörigkeit im Kriegsfall ebensowenig zurückgeben, wie die Zugehörigkeit zur menschlichen Rasse.“ Vor Gericht argumentierte er, daß dieser Verzicht nicht das Produkt des freien Willens war, sondern durch die rechtswidrige Haft und die Zustände erzwungen wurde, die im Lager Tule Lake vorherrschten, und für die einzig und allein die Regierung verantwortlich war. Der 15. November, der Tag der Deportation kam. Das Schiff, auf dem Mama und wir hatten mitfahren sollen, legte mit einer vollen Passagierliste ab. Aber wir waren noch in Tule Lake.
Wayne Collins hatte Mama eine Anhörung mit aufschiebender Wirkung verschafft, wenige Tage vor der Abfahrt des Schiffes. Er hatte uns buchstäblich in letzter Sekunde gerettet. Es sollte viele sorgenvolle Jahre dauern, in denen Wayne Collins unermüdlich für Mama tätig war, um ihre amerikanische Staatsangehörigkeit wiederherstellen zu lassen. Aber bis dahin erwirkte er zumindest eine Aufenthaltsgenehmigung für sie. Und damit sorgte Wayne Collins dafür, daß Mama auf amerikanischem Boden bleiben konnte. Damit nahm er auch entscheidenden Einfluß auf mein Schicksal. Daddy und Mama hatten jetzt eine weitere wichtige Entscheidung für unser Leben zu treffen: Wohin sollten wir ziehen? Einer meiner Onkel, Daddys älterer Bruder, hatte sich für Salt Lake City in Utah entschieden. Er berichtete, daß die dort ansässigen Mormonen ein gastliches Klima für japanische Amerikaner boten. Zwei von Mamas Vettern waren in Chicago, einer studierte Medizin an der Universität von Chicago. Es sei eine große Stadt mit vielen Arbeitsmöglichkeiten, schrieben sie. Einige ihrer Freunde waren ins weit entfernte Seabrook (New Jersey) gezogen, wo es Arbeitsplätze in der Gemüse-Tiefkühlindustrie gab. Jede Möglichkeit schien in gewisser Weise attraktiv für eine neue Heimat zu sein, und jede hatte ihre Nachteile. Los Angeles war immer noch in ihren Köpfen. Es war die Stadt, aus der sie kamen, die sie kannten und liebten. Aber die Westküste war noch immer erfüllt mit antijapanischer Leidenschaft. Um die Rückkehr der Internierten zu erleichtern, war die Regierung jetzt sehr bemüht, die heroischen Taten der japanisch-amerikanischen GIs des 442. Kampfverbandes öffentlich groß herauszustellen. Aber Daddy wußte von Berichten, aus denen hervorging, daß heimgekehrte
kriegsversehrte Nisei-Veteranen nicht nur beleidigt, sondern tatsächlich aus Restaurants und Friseurgeschäften hinausgeworfen worden waren. Oberbürgermeister Fletcher Bowron von Los Angeles, einer der leidenschaftlichsten Anführer derjenigen, die schon zu Beginn des Krieges die Rückführung japanischer Amerikaner gefordert hatten, war noch immer im Amt. Und doch liebten meine Eltern Los Angeles. Trotz allem zog es sie dorthin. Ich habe den Verdacht, daß es zum Teil auch die Herausforderung war, etwas von dem zurückzubekommen, was ihnen früher gehört hatte. Darum zu kämpfen, etwas Wertvolles wiederzuerlangen. Es ging ihnen um ihre Erinnerungen und ihre Würde. Ich erinnere mich an Daddys abschließende, entscheidende Worte: „Laßt uns in Los Angeles neu anfangen.“ Wir hatten also vor, in die Stadt zurückzukehren, aus der wir einst gekommen waren. Sie wollten jedoch nicht die Sicherheit von uns Kindern riskieren. Die Verhältnisse dort waren einfach noch zu ungewiß. Daddy sollte uns zunächst verlassen, um das Klima im Nachkriegs-Los Angeles zu testen. Dies sollte das erste Mal sein, daß unsere Familie nicht zusammen sein würde. Aber es mußte getan werden. Daddy verließ das Lager Tule Lake am 22. Dezember 1945 – gerade mal drei Tage vor Weihnachten. Ich habe liebevolle Erinnerungen an alle meine Weihnachtsfeste in den Lagern. Aber aus irgendeinem seltsamen Grund kann ich mich an das Weihnachten von 1945 nicht mehr erinnern. Mama sagte, daß sie einen Steppenläufer mit Früchten und Süßigkeiten geschmückt hätte. Sie sagte, daß wir am Weihnachtsmorgen Geschenke ausgepackt hätten und sie heiße Schokolade für uns gemacht habe. Ich erinnere mich an nichts davon. Ich erinnere mich nicht einmal an die Tatsache, daß wir ein Weihnachten ohne Daddy hatten.
Irgendwie ist Weihnachten 1945 völlig aus meinem Gedächtnis verschwunden. Es war am Abend des 6. März 1946, und unsere letzten paar Stunden in Tule Lake waren angebrochen. Das Datum vom Februar, in dem das Lager Tule Lake geschlossen werden sollte, war auf den 20. März 1946 verschoben worden. Wir waren fast die letzten, die in Block 80 noch übrig waren. Der Wagen würde bald kommen, um uns nach Klamath Falls in Oregon zur Bahnstation zu bringen, von wo aus wir einen Zug nach Los Angeles nehmen sollten. Mama hatte uns alle warm eingekleidet, und wir waren bereit für die lange Reise. Während sie noch mit dem Packen der letzten Dinge beschäftigt war und sich über Henry und Reiko aufregte, schlenderte ich den Weg hinüber zu unserer alten Speisehalle. Sie war in den letzten drei Wochen nicht mehr benutzt und geschlossen worden. Lagerbeamte hatten uns in die Speisehalle von Block 79 verlegt, weil so viele Leute Block 80 schon verlassen hatten. Einige der Internierten waren auf einem zweiten Schiff nach Japan deportiert worden, andere hatten das Lager verlassen, um sich draußen anzusiedeln. Ich berührte die alte verwitterte Tür, auf die wir jeden Tag hinübergesehen hatten. Sie schien so abgetragen, müde, aufgebraucht. Ich zog daran, und sie öffnete sich knarrend. Die Speisebaracke war völlig leer. Alles war weg – Tische, Bänke, sogar die Theke. Alles. Nur eine weite Leere blieb. Dieser gewaltige Saal, der immer so erfüllt gewesen war mit dem Lärm von unzähligen Tabletts, Geräten, Töpfen und Pfannen, dem Geplapper und Gelächter schreiender Kinder und scheltender Eltern, dieser Raum, stets so voller Töne des Lebens, war jetzt nur noch gespenstisch still. Der große Saal, der immer so sehr nach den angenehmen Düften von Lebensmitteln oder dem säuerlichen Stich der Reinigungs- und Desinfektionsmitteln roch, war jetzt frei von jedem Aroma.
Nur ein geruchloses Nichts war geblieben. Nichts außer kalter, leerer Luft. Ich starrte hinein in diesen weiten Raum, in dem mich einst die Abenteuer von Samurais und Ninjas und die Qualen des armen Buckligen von Notre Dame aufgewühlt hatten. Jetzt war es nur noch eine schweigende, leblose Leere. Die Ankündigungen, die Daddy hier bei den Mahlzeiten gemacht hatte, schöne Nachrichten ebenso wie ernste Mitteilungen, waren jetzt einzig Echos von Erinnerungen. Sogar Daddy war weg. Ich stand lange allein in der ungeheuren Leere. Dann hörte ich Blackie draußen bellen. Ich warf noch einen abschließenden Blick in die Runde, dann schritt ich hinaus und schloß die Tür zum letzten Mal von außen. Blackie wartete auf mich mit seinem großen Hundelächeln. Er wußte nicht, daß man uns verboten hatte, ihn mit uns nach Los Angeles zu nehmen. Er wedelte mit seinem Schwanz und wußte nicht, daß wir niemanden hatten finden können, der sich um ihn kümmern würde. Er sah zu mir auf mit jenen großen vertrauensvollen Augen und hatte keine Ahnung, daß seine Welt ganz plötzlich wieder sehr unsicher werden sollte. Ich umarmte ihn fest. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß wir ihn hier zurücklassen mußten. Aber es gab nichts, was wir hätten tun können. Ich blieb bei ihm in der kalten Abendluft, bis die Wachen schließlich kamen, um uns einzuladen. Und nicht einmal im Auto, als wir schon weit weg von Block 80 und Blackys rasendem Bellen waren, konnte ich aufhören zu weinen.
4 Wieder Daheim Der Zug rüttelte und wiegte uns, teils schlafend, teils wach die ganze Nacht hindurch. Aber bei Tagesanbruch schien niemand müde zu sein. Der ganze Wagen befand sich in ruheloser Anspannung. Wir näherten uns Los Angeles. Ken Wakabayashi, ein Freund der Familie und auch aus Block 80, den Daddy, als er das Lager verließ, gebeten hatte, sich um Mama und uns Kinder zu kümmern, saß neben mir. Mit seiner weichen, höflichen Stimme erzählte Ken mir alles von diesem wunderbaren Ort namens Los Angeles. Dort sei es immer warm und sonnig, sagte er. Wir würden die schwere Kleidung von Tule Lake nicht mehr länger brauchen. Autos und Straßenbahnen würden uns hinbringen, wo auch immer wir hinwollten. Keine Sperrstunden, keine Wachen, keine Zäune. Nichts, was uns davon abhielt, hinzugehen, wo auch immer es uns gefiel. Es gab große, große Gebäude und nette kleine Häuser mit grünem Rasen. Ken erzählte mir alles von diesem Paradies. Aber für mich war die wichtigste Sache an Los Angeles, daß dort Daddy auf uns wartete. Als wir uns einem großen, grünen Berg näherten, fuhr unser Zug langsamer. Es gab jetzt viele Gleise um uns herum, und überall waren Züge. Ich hatte noch nie so viele gesehen – manche standen einfach da, andere fuhren hin und her, als ob sie sich nicht entscheiden konnten, wohin sie wollten. Unser Zug fuhr langsam durch sie hindurch und schaffte es irgendwie, nicht mit anderen zusammenzustoßen. Der große, grüne Berg war schließlich zu Ende. Die Gleise folgten
anscheinend der Kurve am Fuß des Berges. Es schien, als ob der Berg ein Vorhang sei, der zurückgezogen wurde, um das Schauspiel dahinter zu enthüllen. Langsam aber sicher hatten wir den Bogen vollendet. Direkt vor unseren Augen sah ich große, prachtvolle Gebäude, die bis in den Himmel reichten, genauso, wie Ken es mir erzählt hatte – einige waren oben reich verziert mit steinernen Ornamenten, auf anderen waren riesige Buchstaben auf spinnwebartigen Halterungen montiert, die so groß waren wie die Gebäude selbst. Und alles überragend thronte weit über ihnen ein glatter schneeweißer Turm strahlend im späten Morgensonnenschein. „Das ist das Rathaus von Los Angeles“, erzählte mir Ken. „Es ist das größte Gebäude in der Stadt. Nichts Größeres kann je gebaut werden.“ Ich war völlig ergriffen. Es war das schönste Gebäude, das ich je gesehen hatte. Mama stieß mich an und sagte: „Dort haben Daddy und Mama geheiratet.“ So, wir selbst hatten also eine Beziehung zu dieser majestätischen Struktur, dachte ich. Das machte es noch eindrucksvoller. Mama wies auf eine der oberen Etagen. „Sehen Stockwerk oben?“ Ich konnte wirklich nicht sagen, auf welches sie deutete, aber ich nickte einfach und sagte: „Ja.“ „Oh, ich habe so nette Erinnerungen. So nett.“ Ich merkte damals, daß dies der Ort war, an dem Mama ihre Erinnerungen zurückgelassen hatte. Sie kehrte nun nach Hause zurück, zu einem Leben, das sie vor mir gehabt hatte. Dann war dieser wunderbare, aufregende, neue Ort also auch ein Teil meiner Vergangenheit. Diese Stadt, in der ich vor acht Jahren geboren worden war, und in der nun Daddy auf uns wartete, dieser Ort meiner Träume, lag nun unmittelbar vor mir. Ich konnte es kaum erwarten, bis der Zug endlich anhielt.
Daddy stand da auf dem Bahnsteig und lächelte und winkte. Er sah genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Sogar die zehn langen Wochen, in denen wir ihn nicht gesehen hatten, hatten ihn kein bißchen verändert. Er trug den gleichen grauen Anzug und hatte denselben abgenutzten Panamahut auf dem Kopf, wie an dem Tag, an dem er uns verlassen hatte. Er stand da, strahlend und mit ausgestreckten Armen. Wir alle rannten zu ihm hin und umarmten ihn von allen Seiten. Wir stießen ihm seinen Hut herunter, aber er lachte immer nur weiter. Wir waren so glücklich, daß wir nicht sprechen konnten. Wir konnten einfach nur weiter lachen. Dann bemerkten wir Reiko, die sich schüchtern hinter Mamas Rockzipfel versteckte. Die zehn Wochen hatten ihren Tribut gefordert. Daddy war für Sie nur noch eine vage Bekanntschaft geworden. Daddy lachte und bot ihr sehr formell seine Hand an. Nur nach energischem Anfeuern durch uns alle schüttelte sie schließlich schüchtern, fast nur versuchsweise seine Hand. Jetzt waren wir wieder eine vollständige Familie. Wir gingen durch einen langen Tunnel, in dem das Echo von unzähligen eiligen Schritten polterte. Ich schleppte einen Handkoffer; Henry kämpfte mit einem anderen. Daddy trag drei Koffer, den kleinsten unter den Arm geklemmt. Mama hielt Reiko an der einen Hand und trug in der anderen die große Tasche mit ihrer transportablen Nähmaschine darin. Sie hatte die Maschine wieder den ganzen Weg mit zurück nach Los Angeles gebracht. Plötzlich kamen wir auf einen riesigen Platz, dessen schiere Größe mich in meinem Schritt innehalten ließ. Die Wände waren mit schönen spanischen Kacheln geschmückt. „Dieses ist der Warteraum der Union-Station“, verkündete Daddy. Er war hundertmal größer als alle Speisesäle in unserem Lager zusammengenommen. Mama stupste mich, damit ich weiterging. Voll Verwunderung stolperte ich vorwärts, gaffte
in die großen, eleganten, sich drehenden Schaufenster und starrte zu den großen geschmückten Balken hoch oben an der Decke hinauf. Ich hatte noch nie einen so monumental großen Raum erlebt. Und zu denken, daß dies von Menschen erbaut worden war… Das war eine wunderbare Leistung. Mir war schwindelig vor Ehrfurcht. Und überall waren Leute, die diesen prachtvollen Raum einfach ignorierten. So viele Leute in solch großer Vielfalt. So viele Gesichter, die nicht japanisch waren. So viele waren hübsch angezogen. Und alle hatten es furchtbar eilig, in die eine oder andere Richtung zu gehen. Und die Soldaten in Los Angeles trugen keine Gewehre. Sie waren einfach nur ein Teil des großen Menschenstromes, der sich in aller Eile irgendwohin bewegte. Schwarze Leute in unterschiedlichen Uniformen trugen eilig das Gepäck anderer Leute. Es war zu viel, um alles auf einmal aufzunehmen. Als wir in den hellen Sonnenschein hinaustraten, sahen wir wieder, diesmal noch weißer und herrlicher als zuvor, das Rathaus von Los Angeles. Daddy führte uns zur Straße. Und als ob sie auf uns gewartet hätte, stand da etwas, das Daddy eine Straßenbahn nannte – eine gelb und grün angemalte, stromlinienförmige kleinere Ausgabe eines Eisenbahnwagens. Wir kletterten hinein, und mit einem lauten „ding-ding“ fuhren wir los. Von meinem Fenster hatte ich einen unglaublichen Ausblick nach dem anderen. Die Straße war voll mit Autos in einer erstaunlichen Vielfalt von Stilen und Farben. Aber es gab keine Jeeps. Ich sah Plakatwände mit riesigen Bildern von bemerkenswert schönen weißen Männern und Frauen, die Zigaretten rauchten und Limonade oder Alkohol aus eleganten Gläsern tranken. Plötzlich sauste ein großer roter Lastwagen vorbei, laut und durchdringend hupend und mit einem erschreckenden Sirenengeheul. Das lärmende „Rat-tat-tat“ der
Bauarbeiter, die mit mächtigen Geräten den Straßenbelag aufrissen, klang fast angenehm, nachdem der rote Laster weg war. Die Straßenbahn bog an der Ecke First Street und Alameda ab. Daddy flüsterte: „Jetzt werden wir durch das alte Little Tokyo fahren.“ Daddy und Mama hatten mir so viel von diesem japanischen Stadtteil von Los Angeles erzählt, daß ich gespannt war zu sehen, wie er wirklich aussah. Ich sah zu Mama hinauf, um sie zu beobachten, wie sie einen weiteren Teil ihrer Erinnerungen zurückgewann. Aber statt der glücklichen Erwartung, mit der ich gerechnet hatte, sah sie schockiert aus. Ich hörte, wie sie zu Daddy flüsterte: „So viele schwarze Leute jetzt hier.“ Wir fuhren durch eine Gegend mit alten Ziegelgebäuden mit Geschäften und Restaurants, und genau wie Mama bemerkt hatte, standen eine Menge schwarzer Leute herum. Daddy flüsterte zu Mama: „Sie nannten Little Tokio während des Krieges Bronzeville. Aber die Japaner kommen jetzt zurück. Schau, Nisei Sugar Bowl ist schon zurück. Dort gibt es immer noch den besten Kaffee und Apfelkuchen der ganzen Stadt. Und sieh, dort drüben ist Kyodo Drug Store. Wir kommen zurück.“ Bevor wir es merkten, rollten wir schon an einen neuen Block heran, mit einer eindrucksvollen Gebäudefassade und einem üppigen grünen Park davor. Daddy stieß mich an. „Das ist das Rathaus.“ Wir waren jetzt tatsächlich vor dem größten Gebäude in Los Angeles. Ich verrenkte meinen Hals, um den Gipfel des hoch aufragenden Turmes zu sehen, aber das Straßenbahnfenster war nicht groß genug, die volle Höhe dieses eindrucksvollen Wolkenkratzers darin unterzubringen. So, das Rathaus ist also ganz in der Nähe von Little Tokio, dachte ich.
Dann bogen wir um eine weitere Ecke, und sofort war die ganze Straße ein Meer glänzender Farben und blendender Lichter. Das war der Broadway, Los Angeles’ feinste Straße mit all den Filmpalästen und großen Kaufhäusern. Im hellen Tageslicht blitzten von riesigen Vordächern Neonschriften, farbige Lichter und große weiße Glühbirnen. Jedes Vordach präsentierte eitel seine aktuelle Vorführung und wetteiferte damit um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Zwischen den Theatern mit Namen wie Million Dollar, Roxy, Palace, Los Angeles, Lowe’s State und Orpheum gab es zauberhafte Schaufenster von Geschäften mit Namen wie Bullock’s, Desmonds, May Co. – und ganz passend – Broadway. Während die Vordächer in einer unaufhörlichen Bewegung aus Farben und Licht flackerten und tanzten, waren die Schaufenster die Quintessenz gefrorener Anmut und Heiterkeit. Und auf der Straße waren so viele Leute, überall Leute. Und alle hatten es eilig, irgendwohin zu gehen. Im Jahr 1946 war Los Angeles ein erstaunlicher Ort – eine elektrisierende Stadt und eine überwältigende neue Erfahrung. Im Gegensatz zu der mit Stacheldraht eingezäunten Eintönigkeit und dem Durcheinander der Internierungslager war diese explosive Aktivität und verwirrende Vielfalt eine Offenbarung. Ich mochte hier geboren worden sein, aber ich hatte keinerlei Erinnerung daran. Es war alles so neu. Ich fühlte mich in meiner Heimatstadt wie ein Fremder. Wir stiegen an der Kreuzung Broadway und Fifth Street aus und gingen die Fünfte in östlicher Richtung entlang. Einen Block weiter veränderte sich der Charakter der Straße. Wir überquerten eine baumbeschattete Straße mit großen und eindrucksvollen Bürogebäuden mit Granitfassaden. Hier waren viele modisch gekleidete Männer und nur wenige Frauen. Daddy erzählte uns: „Das ist Spring Street, das FinanzZentrum von Los Angeles. Hier machen die Männer das große
Geld, und am Broadway geben die Frauen das große Geld wieder aus.“ Ein neuer Block, und wieder eine Veränderung. Hier waren die Männer lässiger angezogen, und die Frauen trugen Kleider, die enger waren, als alles, was ich je zuvor gesehen hatte. Sie hatten Schuhe mit hohen Absätzen an, die durch dicke Plateausohlen noch höher gemacht waren. Es gab eine Menge Soldaten in allen möglichen Uniformen – Armee, Marine und Marineinfanteristen. Aber diese Soldaten waren nicht wie die Wachen im Lager. Dies waren glückliche, lachende, entspannte Soldaten. Tatsächlich waren einige von ihnen regelrecht ausgelassen. Sie taumelten von einer Seite auf die andere. Diese Straße war ein einziger vibrierender Nachtclub. Aus den offenen Türen hörte ich den Klang von Musikboxen herauswehen, zusammen mit einem reichlich starken Geruch nach alkoholischen Getränken. Auch auf dieser Straße gab es Vordächer mit flackernden Neonreklamen, aber vor diesen Theatern hingen Plakate mit lebensgroßen Bildern stattlicher Frauen, die nichts auf dem Leib trugen, außer ein paar spärlichen Schmuckstücken an drei strategischen Punkten ihres Körpers. Mama drängte uns schnell an diesen Theatern vorbei. „Hayaku, hayaku, beeilt euch, beeilt euch“, drängelte sie. Einen Block weiter gab es noch mehr Veränderungen. Ich war entsetzt, Leute zu sehen, die auf dem Pflaster lagen und nach Alkohol stanken. Noch ein paar Blocks weiter bogen wir in eine heruntergekommene, enge Straße mit dem Namen Wall Street ein. Zerzauste Männer mit trüben Augen standen herum und lehnten an den Hauswänden. Ich hatte noch nie zuvor Leute wie diese gesehen. Sie waren mir unheimlich – bemitleidenswert und erschreckend zugleich. Wir eilten an langen Reihen von Mülltonnen vorbei, von denen einige auf den Bürgersteig überquollen. Es stank nach verfaulten
Lebensmitteln, und der Geruch von Urin stach aus den dunklen engen Winkeln zwischen den Gebäuden hervor. „Hayaku, hayaku.“ Mamas geflüsterte Ermahnungen erschien jetzt fast gehetzt. Aber ihr Gesicht blieb ausdruckslos. Wir kamen zu einem schmutzigen, dreistöckigen Ziegelgebäude, mit einer dunkelorangfarbenen Lichtreklame, die brutzelte und flackerte. Zu lesen stand: „Alta Hotel.“ „Das ist es“, kündigte Daddy an. „Wir sind da. Es gibt hier eine Menge anderer Familien aus dem Lager“, sagte er beruhigend. Mama hielt für einen ganz kurzen Augenblick inne und starrte das Gebäude an, ausdruckslos, völlig ruhig. Dann folgte sie Daddy hinein. Wir wankten ihm nach, einen dunklen Korridor entlang. Dann ging Daddy eine Treppe hinauf. Ein lautes Stampfen betonte jeden seiner Schritte. Wir Kinder waren erschrocken. Wir waren vorher noch nie in einem zweistöckigen Gebäude gewesen. Wir waren noch nie in unserem Leben Treppen hinaufgegangen. Erwartete man von mir etwa, daß ich ganz allein in die erschreckende Höhe dieser Treppe hinaufstieg? Und auch noch diesen Koffer da hinaufschleppte? Henry und Reiko weigerten sich einfach hinaufzugehen. Also blieb Mama mit uns am Fuß der Treppe. Wir hielten unseren Atem an, während wir beobachteten, wie Daddy die Treppen hinauf und herab stampfte und jedesmal ein paar Gepäckstücke mit auf die Reise nahm. Nachdem er sie alle nach oben befördert hatte, kam er herunter, und wir hielten uns alle an den Händen. Aber Reiko weigerte sich absolut, mit uns hinaufzugehen. Sie mag schon fünf Jahre alt gewesen sein, aber sie beharrte darauf, von Mama getragen zu werden. Erst nachdem Mama auf Erschöpfung plädierte, war Reiko damit einverstanden, sich von Daddy die Treppen hinauftragen zu lassen. Daddy nahm also unsere Schwester auf den Arm und hielt meine Hand. Mit meiner anderen hielt ich Henrys Hand
fest. Mama hielt seine andere, und so gingen wir hinauf. Vorsichtig nahmen wir eine Stufe nach der anderen. Ich klebte mit meinen Augen förmlich an jedem Tritt fest, während Mamas Blick nach oben gerichtet war. Sie schien eher über das beunruhigt zu sein, was uns oben erwartete. Daddy sagte immer wieder: „Vorsichtig jetzt. Immer nur eine Stufe nach der anderen. Und jetzt gehen wir schön hinauf.“ Eine furchtsame, aber wiedervereinigte Familie erarbeitete sich ihren Weg in ihr neues Heim in einem heruntergekommenen, lauten Hotel. Für Mama waren wieder der Lärm und die Gerüche das Schlimmste – wie in Tule Lake. Aber hier stank es furchtbarer, und es war auch lauter – und zwar dauernd, nicht nur zu den Essenszeiten. Nicht einmal ich mochte es. Daddy hatte für uns in dem heruntergewirtschafteten Alta Hotel zwei miteinander verbundene Räume gefunden, mit einer Kochplatte für kleine Mahlzeiten. Die braunen Flecken an den Wänden waren schon so alt, daß sie anfingen, in einem flaumigen Beige zu verblassen. Das Linoleum auf dem Boden war gebrochen und gerissen. Alles in diesen Räumen war verbraucht und verschlissen. „Es ist nicht das Biltmore“, scherzte Daddy, „aber denkt immer daran, es ist nur vorübergehend. Ich verspreche es.“ „Nur vorübergehend“, wiederholte Mama. Und ich wußte, daß sie fest daran glaubte, denn während der ganzen Zeit, die wir im Alta Hotel verbrachten, machte sie nie irgendwelche Anstalten, ihre Nähmaschine auszupacken. Das Schlimmste für uns Kinder waren es nicht so sehr die schmutzigen Räume, der Lärm oder der Uringestank, der von der Gasse unter uns bis zu unserem Fenster heraufdrang, sondern die Treppen. Jeder Weg jene Treppen hinauf und hinab wurde zu einer gefürchteten Reise. Hinunter zu gehen
erfüllte mich mit noch größerer Angst als das Hinaufklettern. Ich umarmte das Geländer als meinen Lebensretter bei dem Versuch, den nächsten unsicheren Tritt mit dem Fuß zu ertasten. Meine Augen waren fest geschlossen, um mich vor dem Anblick der erschreckenden Höhe zu bewahren. Wenn ich eine feste Basis spürte, verlagerte ich mein Gewicht hinunter, ließ dabei aber nie das Geländer los, dann erfühlte ich die nächste feste Basis weiter unten. Ich erinnere mich noch an das Gefühl großer Befriedigung und Erleichterung am Ende jedes derartigen Abstieges. Reiko überquerte die Treppen nie auf eigenen Füßen. Sie beharrte darauf, getragen zu werden. Aber sogar bei diesem so königlichen Transport hielt sie die Augen fest geschlossen. Als Daddy aus Tule Lake nach Los Angeles zurückkehrte, sollte es zu seiner größten Herausforderung werden, eine Arbeit zu finden. Es war die unmittelbare Nachkriegsperiode, und die Arbeitslosigkeit begann, sich überall im Land einzuschleichen. Es war nahezu unmöglich, in Los Angeles einen Job zu finden. Und außerdem waren die Feindseligkeiten gegen die japanischen Amerikaner immer noch auf dem Siedepunkt. Der einzige Ort, wo Daddy und seine Freunde Arbeit finden konnten, war in Chinatown. Daddy hatte Weihnachten 1945 und das darauffolgende Silvester in der Küche eines Chop-Suey-Restaurants in Chinatown beim Tellerwaschen verbracht. Und dafür mußt er sich sogar glücklich schätzen. Er hatte eine Arbeit. Es gab andere, die völlig mittellos dastanden. Viele konnten kein Englisch. Andere hatten Angst um ihre Sicherheit und waren durch die Zeit der Inhaftierung wie gelähmt. Diese Leute baten ihren alten Blockleiter um Hilfe. Und so verbrachte Daddy all die Zeit, die ihm neben seinem Tellerwäscher-Job noch verblieb, damit, für andere, die aus den Internierungslagern zurückkamen, Arbeit zu finden. Für
die Männer fand er Arbeit als Gärtner, Schwerstarbeiter oder Hausmeister. Er vermittelte die Frauen als Haushaltshilfen, Küchenhilfen und Arbeiterinnen in der Bekleidungsindustrie. Alles nur fürs Überleben. Als wir zu ihm nach Los Angeles kamen, hatte Daddy bereits seinen Tellerwäscher-Job in Chinatown aufgegeben und hatte einen kleines Arbeitsvermittlungsbüro in der East First Street in Little Tokyo eröffnet. Ich erinnere mich daran, daß Mama mit uns Kindern den ganzen Weg vom Alta Hotel in der Wall Street bis zu Daddys kleinem Büro hinüber ging, um mitzuhelfen. Während Mama für Daddy Papiere abstaubte, reinigte und arrangierte, breiteten wir uns auf dem Boden aus und malten Bilder auf die Rückseiten benutzter ArbeitsFragebögen. Daddy hing immer irgendwie am Telefon, sprach entweder englisch oder japanisch und reichte nebenher Zettel mit Arbeitsangeboten an die Leute weiter, die in seinem Büro saßen oder draußen im Korridor warteten. Ich erinnere mich, daß ich mich wunderte, warum die Leute ihm so überschwenglich dankten. Sie verbeugten sich vor ihm tiefer und länger, als jede japanische Etikette dies erforderte. Andere nahmen seine Hand mit beiden Händen, fester und auch länger als ein normaler Händedruck. Einige hatten sogar Tränen in ihren Augen. Mama erzählte uns, daß diese Leute dankbar waren, weil Daddy so viel opferte, um ihnen zu helfen. Aber sie selbst klang nicht allzu dankbar für Daddys Opfer. Eines Tages erzählte sie uns, daß er zu viel und zu lange geopfert hätte. Er würde dieses Geschäft beenden müssen. Erst viel später erfuhren wir, daß Mama ihn dazu gebracht hatte, das Geschäft zu schließen, weil er es einfach nicht fertigbrachte, den Leuten für seine Dienste eine Provision abzuverlangen. Er verstand die bedrückenden Lebensumstände der Menschen, denen er
half, nur allzu gut. Er brachte es einfach nicht über sich, diese verzweifelten armen Leute aus den Lagern wegen seiner Gebühren zu mahnen. Mama verstand das auch. Doch sie konnte es über sich bringen, von Daddy zu fordern, er möge sich lieber für seine eigene Familie opfern. Die meisten der zurückgekehrten Internierten hatten unterdessen irgendeine Art von vorläufiger Beschäftigung gefunden, beharrte sie. Irgendwie konnten sie essen. Jetzt, sagte sie zu Daddy, war es Zeit, um an etwas zu arbeiten, damit auch wir genug zu essen hätten. Mama bestand darauf, daß er Geld verdiente. Und das sollte er mit einer chemischen Reinigung tun, einem Geschäft, in dem Daddy sich aus der Zeit vor dem Krieg auskannte. Er borgte etwas Geld von seinem älteren Bruder und einigen Freunden und brachte das notwendige Kapital zusammen. Mama sagte, daß sie mit ihrer Näherei noch Zusätzliches beitragen könnte. Daddy fand ein gut eingeführtes Reinigungsgeschäft in der North Soto Street im Osten von Los Angeles, zu dem noch eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung gehörte. Wir konnten in der Wohnung leben; Daddy und Mama sparten überdies Zeit und Fahrgeld, und die Familie würde zusammen sein. Es war ein ideales Arrangement. Und so, nach sechs Wochen im SlumViertel, zogen wir wieder um – diesmal in das größte mexikanisch-amerikanische Ausländerviertel in den Vereinigten Staaten.
EINE KINDHEIT UNTER FREMDEN
5 Tacos und Mariachis Von dem Lärm, dem Gestank und den schrecklichen Treppen des Alta Hotels zogen wir in eine anscheinend grenzenlose Umgebung im Osten von Los Angeles, in unser bescheidenes neues Heim in der North Soto Street Nr. 1400. Im dem wild zugewucherten Hof an der Seite stand eine großblättrige Bananenstaude, mit Früchten behangene Kumquatbäume und ein großer, alter, knorriger Aprikosenbaum, in den Henry und ich uns ein geheimes Baumhaus bauten. Ein breites Beet mit Eiskraut reichte die Seitenböschung vom Hof bis zum Fußweg hinunter. Auf der anderen Seite der Straße lag ein weitläufiger grüner Stadtpark mit dem Namen Hazzard Park, das war nicht als Warnung gedacht für das, was sich dort abspielte, sondern als Erinnerung an einen längst vergessenen Stadtvater, einem Ratsherrn namens John Hazzard. Wir hatten jetzt wieder genug Platz, um Haustiere zu halten. Unsere erste Hündin war eine ausgelassene, kurzhaarige, erdnußbutterfarbene Streunerin. Wir nannten sie Skippy, nach dem Markennamen unseres Lieblingsessens. Aber wir verloren sie plötzlich wieder bei einem Autounfall auf der verkehrsreichen North Soto Street. Doch wie das Schicksal so spielt, kam schon bald ein andere Hündin in unser Leben – eine Hündin, die wir einfach nicht abweisen konnten. Sie war ein Mischling, wirkte aber wie eine Rassehündin. Sie hatte das langhaarige Fell und den Körperbau eines Irischen Setters, war aber schwarz mit braunen Flecken auf der Seite. Und über
ihren treuen Augen hatte sie zwei erdnußbutterfarbene Flecken. Sie war das Ebenbild von Blackie, unserem Hund im Lager! Obwohl Henry schon sieben Jahre alt war und es besser hätte wissen müssen, glaubte er tatsächlich, daß diese Hündin Blackie sei und uns allen den ganzen Weg von Tule Lake hierher gefolgt sei. Aber Daddy, Mama und ich konnten sehen, daß diese Hündin etwas jünger und kleiner als unser altes geliebtes Haustier war. Wir alle versuchten, uns einen Namen für diesen neuen Familienzuwachs auszudenken, aber trotz intensiver Bemühungen ertappten wir uns immer wieder dabei, daß wir sie Blackie nannten. Wir entschieden uns schließlich, das Schicksal anzunehmen: Sie wurde unsere neue Blackie. Als ob sie uns für die Jahre, in denen wir keine Haustiere gehabt hatten entschädigen wollten, ließen Daddy und Mama es zu, daß wir unseren Tierpark noch weiter vergrößerten. Zu Ostern kauften sie uns ein Paar Kaninchen. Ein Nachbar gab uns eine riesige Landschildkröte. Unser Onkel, der vom Lager aus zunächst nach Salt Lake City gezogen, anschließend aber wieder nach Los Angeles zurückgekehrt war, schenkte uns ein paar Entenküken. Es kamen sogar noch zwei Sperlingsküken dazu, die Daddy rettete, als ihr Nest bei einem Sturm heruntergefallen war. Wir Kinder legten uns mächtig ins Zeug, um den Appetit der gefräßigen Kleinen zu stillen. Kurz bevor wir die kleinen Sperlinge bekamen, waren wir im Clyde Beatty Zirkus gewesen, also nannten wir die beiden Clyde und Beatty. Unseren kleinen Tierpark hätte man zwar nicht als einen Zirkus, dafür aber ganz gut als den Takei-Familien-Zoo bezeichnen können. Daddy und Mama versuchten, für uns eine Umgebung zu schaffen, die so normal wie möglich war. Aber „Normalität“ war für uns Kinder eine ununterbrochene Folge neuer
Entdeckungen. Als man Reiko eine schöne, gelbe Banane gab und ihr erzählte, daß es eine Köstlichkeit sei, biß sie in die ganze ungeschälte Frucht und entschied, daß sie das nicht mochte. Cheerios Frühstücksgetreide, „geformt wie kleine O’s“, wie es in der Fernsehwerbung hieß, waren ebenso geeignet zum Spielen wie zum Essen. Henry und ich klebten sie auf einige unserer Schulaufgabenhefte, und Reiko machte eßbare Armbänder und Ketten aus ihnen. Für die Arbeit, mit Hilfe rötlich-orangefarbener Flüssigkeit aus winzigen Zellophanpaketen weiße Margarine in gelbe Butter zu verwandeln, meldeten wir uns alle freiwillig. Und das Wunderbarste all dieser „normalen“ Wunder war, daß direkt vor unserer Haustür von Verkäufern in Lastwagen – manche spielten sogar Musik dabei – alle möglichen Köstlichkeiten verkauft wurden. Ich erinnere mich, wie sehnsüchtig wir auf den Klang der Musik des Good-Humor-Eiswagens warteten und auf das lustige Pfeifen des Wagens von der Helm’s-Bäckerei, der so wundervolle Dinge wie Schokoladenkuchen und Himbeertörtchen dabei hatte. Der Eismann kam stampfend in die Küche und balancierte dabei einen riesigen Eisblock auf dem Rücken, den er mit einer stählernen Klammer festhielt. Er schien immer genau zu wissen, wann der alte Eisblock im Eisschrank fast geschmolzen war. Eine ganz besonders vergnügliche „Normalität“ war der Sonntagmorgen. Das war dann, wenn Daddy und Mama nicht früh aufstehen mußten. Sie blieben im Bett, und wir krochen zu ihnen unter die Decke. Daddy las uns die lustigen Seiten im „Los Angeles Examiner“ vor. Und dann, während Mama das Frühstück machte, liefen Henry und Reiko auf Daddys Rücken herum. Henry war klein für sein Alter, sogar kleiner als Reiko, und so durfte er zusammen mit ihr auf Daddys Rücken steigen. Ich machte nicht mit, weil Daddy meinte, daß ich zu groß und
zu schwer sei. Daddy lag auf dem Bauch und grunzte und stöhnte vor Wohlbehagen bei jedem wackeligen Schritt, den sie auf seinem Rücken machten. Nach dem Ritual des „Spaziergangs auf Daddy“ gab es als Sonntagsfrühstück Pfannkuchen mit Sirup aus einem Blechbehälter, der wie ein kleines Blockhaus geformt war. Ich erinnere mich gut an diese liebevollen Sonntagsfrühstücke. Ich weiß, daß sie ein Teil von Daddys und Mamas Anstrengungen waren, unser Leben wieder in normale Bahnen zu lenken, aber für mich waren sie etwas ganz Besonderes. Aber so sehr sie auch versuchten, für uns eine „normale“ Umgebung zu schaffen, so sehr wußten wir auch, daß wir anders waren. Als wir in die Merchandise Street School kamen, waren wir die Ältesten in unseren Klassen. Alle drei hinkten wir wegen dem Lager in der Schule hinterher – ich war schon fast neun und erst in der zweiten Klasse. Wir waren die einzige japanische – tatsächlich sogar die einzige asiatische – Familie in einer rein mexikanischen Nachbarschaft. Mein Freund, der ein Stückchen die Straße hinunter auf der anderen Seite wohnte, hieß Onorato. In dem Haus gegenüber dem freien Platz lebten die drei Brüder Chi Chi, Lata und Pelon. Die Familie Gonzales wohnte direkt neben uns. Wir kauften in einem Lebensmittelladen namens „Venegas“ in der Nähe ein. Rundherum wurde nur Spanisch gesprochen. Um in unserer Umgebung normal zu sein, hätten wir Mexikaner sein müssen. Ich liebte dieses ‘normale’ Leben mit der Nachbarschaft in unserem neuen Viertel. Jede Erfahrung war eine beständige Abfolge neuer Empfindungen und wunderbarer Entdeckungen. Eines Tages, als ich mit Onorato zusammen von der Schule nach Hause ging, lud er mich zu sich nach Hause ein, um mir seine Sammlung mit Hundekarten zu zeigen. Das waren Sammelkarten mit den Abbildungen von Rassehunden, die
damals in jedem Päckchen Langendorf-Brot zu finden waren. „Ich habe eine, die aussieht wie eure Blackie“, sagte er. „Willst du sie sehen?“ Onoratos Haus war nur einen halben Block weg von unserem, aber ich hatte es noch nie betreten. Ich folgte ihm zur Rückseite des Hauses, und er öffnete mir die Tür des Hintereingangs. Er geleitete mich in eine warme Küche, in der es verlockend duftete. Eine kleine, rundliche Frau begrüßte uns auf spanisch. Ich wußte, daß sie seine Mutter sein mußte, denn er nannte sie Mama – genauso, wie wir unsere Mutter nannten. Aber anders als wir betonte er bei „Mama“ das zweite „ma“. Dann wies er auf mich und sagte etwas auf spanisch, das mit „George“ endete. Ich vermutete, daß er mich vorgestellt hatte, streckte also meine Hand aus und sagte: „Guten Tag, Frau Moreno.“ Sie wischte sich die Hand an ihrer Schürze ab, lachte und sagte etwas, das glücklich und nach einem herzlichen Willkommen klang, und schüttelte meine Hand. Die Küche war erfüllt von dem Duft nach frisch gekochtem Essen, etwas aus Mais und noch etwas anderes Leckeres, das ich nicht kannte. Onorato brachte seine Karten herbei und breitete sie auf dem roten Resopaltisch aus. „Hier“, sagte er und wies auf eine Karte. „Sieht der nicht aus wie eure Blackie?“ Das stimmte, aber es war die falsche Farbe. Es war das Bild eines langhaarigen Hundes wie Blackie, aber dieser war ganz rotbraun und nicht schwarz. „Er ist nicht schwarz wie Blackie, aber er sieht ihm schon ein bißchen ähnlich“, stimmte ich zu. „Auf der Karte steht ‘Irish Setter’“, las er. „Das heißt also, Blackie ist zum Teil ein Setter. “ „Eee ho“, rief Onorato und sprach es ganz andächtig, fast schon lyrisch aus. Eee ho war ein Ausdruck, den ich häufig unter meinen neuen Freunden hörte. Aus der Art und Weise, wie sie ihn gebrauchten, schloß ich, daß er für etwas
Beeindruckendes oder Bewundernswertes benutzt wurde. Und Eee ho wale war, wie ich bald lernte, die Steigerung davon. Dann sagte seine Mutter etwas, das ich nicht verstehen konnte. Die Art, wie sie sprach, klang so melodisch. Die Worte rollten von ihrer Zunge, gerade so, als ob sie sang. Frau Moreno stellte uns einen Teller mit einem einzigen großen Pfannkuchen hin. Aber dieser war anders als die Pfannkuchen, die uns Mama am Sonntagmorgen machte. Er war dampfend heiß und duftete nach Mais. Das mußte es sein, was ich gerochen hatte, als wir hereingekommen waren. „Tortilla“, informierte mich Onorato. Dann tauchte seine Mutter einen großen Löffel in eine Schüssel mit einer dicken, bräunlichen Paste darin. „Frijoles“, verkündete Onorato. Ich bemerkte, daß er das für mich wiederholte, was seine Mutter zuvor in ihrem musikalischen, akzentuierten Spanisch gesagt hatte. Sie nahm einen Löffel voll von der bräunlichen Paste und verteilte sie auf dem gelblichen Pfannkuchen. Dann kam noch ein Klacks einer roten Flüssigkeit darauf. „Salsa roja“, wiederholte Onorato. Diesmal waren es zwei spanische Wörter. Dieser rote, flüssige Chili, dieses Salsa roja, roch scharf und würzig. Frau Moreno rollte den Pfannkuchen zusammen und schnitt ihn in der Mitte quer durch. An beiden Enden quoll ein bißchen von der braunen Paste heraus. Mit einem liebenswürdigen Lächeln hielt sie mir den Teller mit ihrer exotischen Schöpfung hin. Ich nahm ein Stück und wartete, damit ich Onorato beobachten konnte, was er damit machte. Er biß mit Genuß hinein und leckte geschickt mit seiner Zunge den Tropfen ab, der am anderen Ende heraussickerte. Ich war nicht so schnell, und die Soße tröpfelte auf meine Finger. Es schmeckte fantastisch! Das leicht erdige Aroma der frijoles paßte herrlich zu der süßlich-scharfen Salsa roja, alles
eingewickelt in den warmen Maisgeschmack dieses wunderbaren Pfannkuchens namens tortilla. Onorato erzählte mir, daß man diese köstliche Mischung Burrito nannte. Ich mochte es sehr und konnte es gar nicht erwarten, zu Hause davon zu erzählen. Besser noch, ich mußte meine Mutter dazu bringen, so wie Onoratos Mama zu kochen. Und es sollte auch nicht lange dauern, bis unsere Küche die gleichen wunderbaren Düfte verströmte, die ich zum ersten mal bei Onoratos Mutter kennengelernt hatte. Und Mama wurde eine wunderbare Köchin der verschiedensten mexikanischen Gerichte. Ihre Tacos wurden unsere Lieblingsspeise. Henry, Reiko und ich wetteiferten darum, wer von uns die meisten von Mamas Tacos essen konnte. Ich gewann meistens mit einem Vorsprung von vier Stück. Die Entdeckung der Speisen unserer neuen Gemeinde war leicht und vergnüglich. Das melodische Geheimnis der Sprache, die uns umgab, war da schon eine größere Herausforderung. Wir drei Kinder ahmten die Töne so nach, wie wir sie hörten. Pilino parano, piúno parano war die übermütige Redewendung, die wir benutzten, wenn wir so taten, als ob wir Spanisch miteinander sprachen. Daddy jedoch war uns weit voraus. Er lernte die echten spanischen Wörter. Wenn seine Kunden kamen, um ihre Sachen in die chemische Reinigung zu geben, benutzte er Wörter wie pantalón für Hosen, camisa für Hemden und abrigo für Mäntel. Ich entschloß mich, über das pilino parano hinauszugehen und die richtigen spanischen Wörter zu lernen. Hier war eine reiche, faszinierende Welt um mich, in der ich alles sehen, hören, riechen und schmecken konnte. Und doch gab es die unsichtbare Sprachbarriere, die mich davon abhielt, wirklich daran teilzuhaben. Daddy hatte schon angefangen, diese Barriere zu überwinden, und ich wollte das auch. Aber Spanisch zu lernen war ganz schön anstrengend.
Die Freude, an mexikanischer Musik teilzuhaben, erforderte dagegen überhaupt keine Anstrengungen. Ein Freund namens Danny Sandoval, der ein Stück die Straße hinunter wohnte, hatte einen älteren Bruder, der Anfang zwanzig war und Cesar hieß. Ich fand Cesar ein klein wenig seltsam. Er sprach nur wenig. Er hatte einen enormen schwarzen Schnurrbart und trug sein glänzendes schwarzes Haar so lang, daß es ihm fast bis auf die Schultern reichte. Danny sagte, daß Cesars Haar so lang sei, weil er ein Musiker sei. Cesar lebte allein in der Garage der Sandovals, die in der Gasse hinter ihrem Haus stand. Danny nahm Onorato und mich manchmal mit, um Cesar in seiner winzigen umgebauten Garagenwohnung zu besuchen. Das waren besondere Erfahrungen und für mich geradezu exotische Offenbarungen. Ich erinnere mich noch lebhaft an unseren ersten Besuch dort. Die Wände von Cesars Garagenzimmer waren von oben bis unten mit Vorhängen in bunten Farben drapiert. Ein dicker orangefarbener Teppichboden bedeckte den darunterliegenden Beton. Auf dem einzigen Bett im Raum lagen eine rot und schwarz gemusterte Decke und ein halbes Dutzend Kissen aus dem gleichen Stoff. Überall im Raum standen kleine rote Glasbehälter mit brennenden Kerzen. Riesengroße und leuchtend bunte Kissen lagen über den Teppichboden verstreut. Cesar sagte nicht viel. Er nickte kaum, als wir hinter Danny hereinkamen, und er begrüßte uns mit einem gedämpften Grunzen. Wir setzten uns auf die Kissen am Boden, während Cesar, der auf seinem Bett saß, seine Gitarre nahm und eine Zeitlang unschlüssig die Saiten betastete. Als er bereit war, schlug er plötzlich einen vollen, klingenden Akkord an und fing dann an zu singen. Ich hatte noch nie zuvor eine solche Stimme gehört – so voll, tief und lyrisch. Ich verstand keines seiner Worte, aber ich fühlte seine Emotionen mit ganzem
Herzen. Die melancholischen Lieder klangen furchtbar traurig. Wenn er ein Klagelied anstimmte, dann war seine Stimme dünn, kristallklar und unglaublich hoch, und er schien die Töne ewig zu halten. Ich wagte kaum zu atmen, bis sein Klagelied beendet war. Ich war sicher, daß Cesar in seinem Leben schon unerträgliches Leid erfahren haben mußte, um so dramatisch zu singen. Dann schlug er plötzlich einen anderen Akkord an, seine Finger flogen nur so über die Gitarrensaiten, und er begann mit einer lebhaften, munteren und fröhlichen Nummer. Auf einmal schien sein ganzer Körper zum Leben zu erwachen. Er wiegte die Schultern, stampfte mit dem Fuß und nickte mit dem Kopf im Takt dazu. Die spanischen Worte schnellten und trillerten und rollten nur so von seinen Lippen zum Rhythmus seines Gitarrenspiels. Cesar hatte mich musikalisch von einem emotionalen Extrem ins andere katapultiert. Dann hörte er genauso abrupt auf, wie er begonnen hatte, zündete sich eine Zigarette an, zog tief daran und saß dann schweigend und rauchend da. Danny langte hinüber und nahm die Schachtel Zigaretten, steckte sich eine in seinen Mund und hielt sie dann jedem von uns mit einem freundlichen „auch eine?“ hin. Onorato nahm eine. Ich war unsicher. Ich hatte gehört, daß Rauchen das Wachstum hemmen könnte. Aber dieses erste Mal, und nur der Höflichkeit wegen, nahm ich eine. Danny zündete seine an und hielt Onorato das Streichholz hin. Ich war überrascht, daß Onorato paffte wie ein erfahrener Raucher. Dann hielt Danny das Streichholz an meine zitternde Zigarette, die ich wacklig im Mund hielt. Ich zog genauso tief daran wie Onorato. Eine beißendes, brennendes Gefühl würgte mich in Mund und Nase. Es war als ob ich die Abgase eines Autos einatmete. Ich zerbarst fast in einem keuchenden Hustenanfall und blies Dannys Streichholz aus. Es war schrecklich. Ich tat das nie wieder.
Aber wann immer Danny mich einlud zu kommen, ging ich hin, um seinen Bruder Cesar spielen zu hören. Cesars wunderbare Kunst war mein erster Zugang zu dem ganzen Reichtum mexikanischer Musik und Kultur. Eines Tages erzählte mir Danny, daß Cesar mit einer MariachiGruppe auf einer Fiesta namens Cinco de Mayo spielen würde. Ich hatte noch nie von Mariachis oder Cinco de Mayo Fiesta gehört. Aber ich kannte und bewunderte Cesars Musik. Ich wollte hingehen. Die Fiesta sollte in einem Neubauviertel namens Ramona Gardens abgehalten werden, das sich direkt hinter Venegas’ Lebensmittelladen befand. Ich kannte Ramona Gardens, weil dort eine Menge meiner Schulfreunde lebten. Daddy und Mama wußten, daß es nicht allzu weit entfernt war, und sie wußten, wie sehr ich Cesars Musik liebte. Sie erlaubten mir also, nach der Schule zusammen mit Danny und Onorato zu der Cinco de Mayo Fiesta zu gehen. Aber ich mußte versprechen, daß ich um spätestens fünf Uhr wieder daheim sein würde. Als wir ankamen, drängten sich die Leute in den parkähnlichen Grünanlagen des Neubauviertels Ramona Gardens. Banner, Fahnen und Kreppapierschlangen flatterten kräftig in der starken Frühjahrsbrise. Überall verteilt standen Verkäufer und boten von Tischen, Karren und großen, breiten Bauchläden aus ihre Waren an. „Churros!“ rief einer, der lange, gezuckerte Teigstückchen verkaufte. „Dulces!“ tönte ein weiterer, in dessen Bauchladen süße, klebrige Zuckersachen lagen. „Taquitos, Taquitos“, lockte noch einer, dessen Karren mit einem weißen Tuch bedeckt war, von dem ich wußte, daß sich darunter Berge von Tortilla-Röllchen mit Fleischfüllung befanden.
Daddy hatte mir fünfzig Cent als Taschengeld gegeben. Es war genug, aber ich mußte sorgfältig planen, weil er mir gesagt hatte, daß ich meinen Freunden das gleiche kaufen sollte, wie mir selbst. Ich entschied mich also für die Fünf-Cent-Churros und die Acht-Cent-Limonade. Das ließ mir noch elf Cent übrig. Im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit stand, auf einer provisorischen Bühne mitten auf den grünen Rasen, ein dicker, verschwitzter Mann in einem weißen, bestickten mexikanischen Hemd. Über den Lautsprecher hörte man seinen spanischen Redeschwall fast wie eine Salve aus einem Maschinengewehr. Gelegentlich mischte er ein paar englische Brocken hinein, ich verstand „verrückt“, „Filmstar“ und „das Beste im Westen“. Als er fertig war, gab es Applaus, und dann begann laute Musik aus dem Lautsprecher zu schmettern. Wie ein Paar übermütige Fohlen kamen ein Junge und ein Mädchen, in helle mexikanische Trachten gekleidet, mit den Füßen stampfend, auf die Bühne stolziert. Sie sahen aus, als ob sie etwa mein Alter hätten -zehn Jahre. Der Junge trug einen riesengroßen mexikanischen Hut, einen weißen Baumwollanzug und einen farbenprächtigen Serape über der Schulter. Er hatte seine Hände auf dem Rücken und stampfte mit den Füßen im Takt. Das Mädchen bewegte ihr Füße im Gleichklang mit ihm, aber sie war viel spektakulärer. Mit dem voluminösen und wunderschön bestickten Rock, den sie trug, stürmte und wirbelte sie im Takt der Musik herum. Der Junge nahm seinen riesigen Hut ab und warf ihn auf die Bühne. Der Hut wurde nun zum Brennpunkt der tänzerischen Energien. Sie umkreisten ihn, stampfend und trampelnd. Das Tempo der Musik nahm zu. Die Tänzer änderten ihre Richtung, ihre Füße paßten sich dem veränderten Rhythmus an. Die Musik wurde schneller, und das Getrampel hielt mit. Das Mädchen wirbelte um den Hut herum, und der Junge sprang darüber hinweg. Das
Tempo wurde sogar noch schneller, und die Füße der Tänzer schlugen jetzt mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf. Gerade als es unmöglich schien, irgendwie noch schneller zu werden, trampelten sie ein atemberaubendes Durcheinander, und mit einem lauten, dramatischen letzten Donnern war es vorüber. Ich war schon allein vom Zusehen erschöpft. Aber die Tänzer lachten und strahlten, als sie sich verbeugten und die Bühne verließen. „Ziemlich gut, was?“ fragte Onorato und lächelte mir zu. Ich war sprachlos. Ich konnte nur versuchen, mit mindestens soviel Energie zu applaudieren, wie die beiden Tänzer auf der Bühne getanzt hatten. Und sie waren nur gerade mal so alt wie wir! „Na, das war noch gar nichts“, meinte Danny, unsere kulturelle Autorität. „Deshalb waren sie auch am Anfang. Wartet nur, da kommen noch bessere Tänzer.“ Ich staunte. Noch besser als das, was wir gerade zu sehen bekommen hatten? „Wart’s ab“, versicherte mir Danny. Im weiteren Verlauf des Nachmittags entdeckte ich, wie recht er hatte. Als die anderen Tänzer kamen, die alle erwachsen waren, stellte ich fest, daß ihre Kunst nicht nur in diesem Getrampel lag. Es waren auch ihre Körper, der kühne Schwung ihrer Schultern und ihre ganze stolze Haltung, während sie mit ihren stampfenden Füßen förmlich dahinglitten. Wir alle stimmten überein, daß das beste Paar noch ein anderes Element mit einbrachte – Sexappeal. Ihre Körper wogen im Einklang, schien sich zu liebkosen, aber sie berührten sich nie. Ihre Blicke, mit denen sie sich zunächst spielerisch neckten, wurden glühend, hungrig, brennend. Als das Dröhnen der Füße zunahm, loderten ihre Augen vor Leidenschaft, die sich bis zum Aufblitzen ekstatischen Entzückens steigerte. Ihr Stampfen wurde nicht nur lauter und schneller, sondern sensibel und nuanciert. Plötzlich schien das
Dröhnen ihrer Füße aufzuhören, aber wir merkten, daß das nicht stimmte. Ihre Füße bewegten sich durchaus noch, fast unmerklich vibrierend, wurden allmählich wieder hörbar, und erneut schwoll das Dröhnen in einem Stakkato des Stampfens zu einem sinnlichen explosiven Höhepunkt an. Die Tänzer brachten Klang und Bewegung in elegante Kontrolle und waren wild und hingebungsvoll in völligem Einklang. Sie waren fantastisch! „Sexy, was?“ Danny lächelte. Er war endlich auch beeindruckt. Er klatschte mit der gleichen Begeisterung wie der Rest von uns. Wir hatten eine großartige Zeit, aber ich wurde unruhig. Es war schon nach halb fünf, und Cesar war noch nicht aufgetreten. „Wann ist dein Bruder dran, Danny?“ fragte ich. „Ich muß um fünf zu Hause sein.“ „ßee ho, sei nicht so kribblig“, sagte Danny. „Nur ruhig Blut.“ Das war ein etwas anderer Gebrauch von Eee ho, dachte ich. Ich erriet, daß es auch so etwas wie „bleib cool“ oder „ruhig“ bedeuten mußte oder vielleicht sogar „Halt’s Maul.“ Danny schien ein wenig gereizt, aber nichtsdestotrotz wußte ich, daß ich bald würde gehen müssen. Genau in dem Moment schnitt das helle, laute Schmettern von Trompeten durch das Stimmengewirr der Menge. Drei Trompetenspieler kamen von links auf die Bühne. Sie sahen wunderschön aus, wie sie da in ihren schwarz und silbern funkelnden Kostümen die Treppen hinaufstiegen und dabei eine feurig-lebhafte Melodie spielten. Ihre prunkvollen Hosen, waren an den Hüften hauteng und unten weit ausgestellt. Sie trugen pechschwarze kurze Jacken. An den Seiten der Arme und Beine und quer über die Vorderseiten der Jacken hatten sie silberne Pailletten, die im Sonnenschein strahlten und funkelten.
Dann wurde der klare Ton der Trompeten mit dem süßen lyrischen Klang von Geigen verbunden. Von der rechten Seite kamen drei Geigenspieler heran, die genauso gekleidet waren wie die Trompeter. Sie erklommen die Treppen zur Bühne, während sie den Refrain zu der lebhaften Melodie spielten. Die Geigen und Trompeten klangen harmonisch zusammen. Dann kam eine dramatische Pause, und im nächsten Augenblick hörten wir den vibrierenden Ton von Gitarren. Drei Gitarrenspieler in den gleichen prächtigen Kostümen und ein vierter Musiker, der ein volltönendes riesiges Instrument spielte, das wie eine große, schwangere Gitarre aussah, stiegen von hinten auf die Bühne hinauf. Ihr Spielen gab dem gleichen Thema eine Fülle und eine tieftönende Solidität. Cesar war der Gitarrist ganz links. „Da ist Cesar“, flüsterte Danny und stieß uns alle aufgeregt an. Mit dramatischer Genauigkeit fielen die Trompeten und Geigen ein – volltönend und aufwühlend. Noch nie zuvor hatte ich Musik wie diese gehört. Ich war wie verzaubert. Nein, es war mehr als das, ich war völlig weg. Aber es war jetzt fast fünf Uhr. Ich wußte, daß ich zu spät nach Hause kommen würde. Ich flüsterte meinen Freunden leise zu: „Ich muß jetzt gehen.“ „Jee ho“, war alles, was Danny sagte. Onorato flüsterte zurück: „Ich komme mit dir.“ Während die lebhafte Mariachi-Musik weiterspielte, manövrierten Onorato und ich uns durch die Menge hindurch und fingen an, nach Hause zu trotten. Ich war noch ganz berauscht von dieser Cinco de Mayo Fiesta – dem Tanz, der Musik, der überschäumenden Fröhlichkeit. Ich konnte es gar nicht erwarten, meiner Familie alles von diesem wunderbaren Nachmittag zu erzählen. Wir leben in einer phantastischen Gemeinde, dachte ich. Ich war glücklich, Freunde wie Danny zu haben, die mir all diesen
Glanz näher brachten. Es war großartig, einen Freund wie Onorato zu haben, der mich zu sich in sein Haus einlud und mich an den Gaumenfreuden, den Klängen und den Vertraulichkeiten der Leute teilhaben ließ, die unsere neuen Nachbarn waren. „Weißt du, Onorato“, sagte ich, als wir nach Hause eilten, „ich mag das Leben in unserem Viertel.“ „Ja? Wieso?“ „Nun, weil es so besonders ist“, schwärmte ich. „Warum?“ wiederholte er. „Naja, die Cinco de Mayo Fiesta. Das ist phantastisch!“ „Oh ja. Ich weiß“, sagte er ziemlich nüchtern. „Die haben wir jedes Jahr, weißt du.“ Ich blieb stehen. „Du veräppelst mich! Wirklich?“ Ich konnte einfach nicht glauben, daß sich so etwas Spektakuläres jedes Jahr wiederholen sollte. Nicht einmal Weihnachten war so toll, wie das, was ich gerade kennengelernt hatte. „Ja“, sagte Onorato mit einem vergnügten Lächeln. „Tatsächlich!“ meinte ich, noch immer skeptisch. Das Leben hier würde wunderbar werden. Als wir wieder anfingen zu laufen, fragte Onorato: „Wo habt ihr denn früher gelebt?“ Ich rannte weiter, aber die Frage sandte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Aus irgendeinem Grund schlich sich ein vages Schamgefühl bei mir ein. „Oh, wir lebten weit weg von hier“, antwortete ich gleichgültig. „Und wo?“ beharrte er. Das wurde langsam unbequem. „Oh, an einem weit entfernten Ort namens Arkansas“, sagte ich in der Hoffnung, daß er mit der Fragerei aufhören würde. Wir trotteten eine Zeitlang schweigend dahin. Dann fing er wieder an.
„Und wie war es dort so?“ fragte er. Wir waren jetzt fast zu Hause. Onoratos Haus war auf der anderen Straßenseite und meines einen halben Block weiter. Ohne Onorato anzublicken, sagte ich: „Hab’ ich vergessen.“ Ich wurde schneller und rannte ihm voraus. „Ich sehe dich morgen!“ rief ich und rannte heim, so schnell ich nur konnte. Als ich schnaufend und keuchend in die Reinigung kam, sah Daddy von seiner Dampfpresse auf und stellte mit einem beruhigenden Lächeln das Offensichtliche fest: „Du kommst ein bißchen zu spät.“ „Es tut mir leid, Daddy“, bat ich um Entschuldigung. „Ich bin den ganzen Weg zurück mit Onorato zusammen gerannt.“ „Paß besser auf die Zeit auf“, maßregelte mich Mama von ihrer großen neuen Nähmaschine aus. „Das muß ja eine Menge Spaß gemacht haben“, sagte Daddy erwartungsvoll. „Ja, es war nett“, antwortete ich, und ging schnell nach hinten in unsere Wohnung. Das war alles, was ich Daddy und Mama von einem der denkwürdigsten Nachmittage in meinem Leben erzählen konnte. Wir waren anders. Und es gab immer etwas, das mich an diese Tatsache erinnerte. Ich erinnere mich an die Bedrängnis, die ich fühlte, als Mrs. Lewis, die ich in der zweiten Klasse als Lehrerin hatte, mir am ersten Tag des neuen Schuljahres ihre Aufmerksamkeit widmete. Sie hatte ein sichtliches Vergnügen daran, jeden Namen korrekt zu nennen – und legte großen Wert auf die richtige Aussprache. „Bobby Corral“, las sie vor, und rollte das r. „Martha Gonzales“, rief sie, und sprach das z mit einem weichen s aus – es schien ein sehr geläufiger mexikanischer Name zu sein. „Ofelia Gutierrez“, rollte es nur so von ihrer Zunge. Sie las die
Liste in alphabetischer Reihenfolge vor. Nachdem sie „Mario Silvera“ ausgerufen hatte, hielt sie inne und starrte schweigend in ihr Klassenbuch. Ich wußte, daß mein Name an der Reihe war, „George, wie spricht man deinen Mittelnamen aus?“ fragte sie, nachdem sie H-0-S-A-T-O buchstabiert hatte. Jeden anderen Namen konnte sie so leicht aussprechen, dachte ich. Mein Name wurde genau wie im Spanischen ausgesprochen. Er war so einfach. Warum mußte sie von meinem so ein Aufhebens machen? „George Hosato Takei“, trug ich vor. Ich nannte ihr meinen vollständigen Namen, damit sie nicht als nächstes nach der Aussprache meines Nachnamens fragen würde. „Hosato“, wiederholte sie langsam. „Das klingt so poetisch. Es ist ein lieblicher Name“, beglückwünschte sie mich. Ich antwortete: „Danke“, aber ich wünschte, sie hätte sich jeglichen Kommentar gespart. In der Pause kamen ein paar Kinder zu mir und sagten: „Du hast so einen lieblichen Namen.“ „Er ist so poetisch.“ „Wie spricht man ihn aus?“ Ich hätte sie am liebsten verhauen. Mrs. Lewis schien alles an mir zu mögen. Sie mochte meine Zeichnungen; sie sagte, daß ich künstlerisch begabt sei. Sie mochte die Art, wie ich unsere Schul-Hymne „Oh, Murchison, lieber Murchison“ sang. Und sie mochte es, wie ich die Gedichte vortrug, die wir auswendig lernen mußten. Und sie war es auch, die mich für meine erste Schauspielrolle besetzte. Was Lampenfieber bedeutet, habe ich in unserer Parodie gelernt, die wir am Erntedanktag aufführten. Ich hatte die Hauptrolle, den Part des Anführers der Pilgerväter. Ich hatte mehr Worte als sonst irgend jemand, sogar mehr als Bobby Corral, der den Häuptling der Indianer spielte.
Am meisten Angst hatte ich vor einem Satz, den ich in einer Indianersprache sagen mußte, um den Häuptling zu begrüßen. Zusätzlich zu all meinem Dialog mußte ich ihn mir auch noch auf Indianisch merken! Bobby hatte es leichter, weil er den gleichen Begrüßungssatz wiederholte, nachdem ich ihn gesagt hatte. Je mehr ich übte und probte, desto nervöser wurde ich. Ich hatte alles im Kopf, aber die Angst davor, auf der Bühne alles zu vergessen, lähmte mich förmlich. Die Aufführung war auf den letzten Nachmittag vor den regulären Herbstferien angesetzt. Ich war ein Wrack. Ich konnte nur noch an diesen einen indianischen Satz denken. Als der Vorhang sich hob, führte ein kleiner trotteliger Pilger-Führer in einem schwarzen Kreppapier-Kostüm seine Leute hinaus auf die Bühne. Meine Stimme schwankte, meine Hände zitterten, und mein Pilger-Gewehr fiel mir herunter. Ein Pilger-Mädchen vergaß ihr Stichwort, um aufzustehen, so daß ich aus Versehen auf ihren grauen Kreppapier-Rock trat und ihn ihr abriß. Aber als Bobby Corral seinen Auftritt hatte – prachtvoll gekleidet mit seinem Kreppapier-HäuptlingsFederschmuck gekleidet –, brachte ich wie durch ein Wunder meinen Begrüßungssatz auf Indianisch ohne Schwierigkeiten ganz heraus. Bobby stotterte, als er die Begrüßung nach mir wiederholte. „Gott sei Dank ist das nicht mir passiert“, dachte ich. Der gefürchtete Augenblick war vorbei. Dann war mein Verstand plötzlich leer. Ich konnte mich nicht mehr an meinen nächsten Satz erinnern. Ich stand da wie eingefroren, und die schiere Panik erfaßte mich. Ich konnte fühlen, wie mich alle Augen anstarrten. Mrs. Lewis kam vor die Bühne herausgeschossen, vornübergebeugt wie eine Bucklige. Dachte sie etwa, daß niemand sie sehen konnte? Sie gestikulierte krampfhaft und versuchte hysterisch, mir etwas zuzuflüstern. Ich konnte nichts
hören. Sie fuhr immer weiter fort mit ihrer schweigenden, panischen Pantomime. Plötzlich kamen die vergessenen Zeilen zu mir zurück, und auch meine Stimme war wieder da. Irgendwie kam der geprobte Ablauf der Dinge wieder in Gang. Und bevor ich es merkte, war unsere Parodie vorüber. Ich war schweißgebadet, und mein nasses Kreppapier-Kostüm hatte auf mein T-Shirt abgefärbt. Zu meiner Überraschung erschien Mrs. Lewis voll des Lobes hinter den Kulissen. Sie meinte, daß unsere Parodie die beste Vorstellung von allen Klassen gewesen sei. Und sie lobte mich ganz besonders. Sie wies die anderen kleinen Schauspieler auf meine coole und kontrollierte Art hin, mit der ich die Fassung behalten hatte, als mein Text weg war. Sie bemerkte, daß ich, statt zusammenzubrechen, meine ruhige und natürliche Glaubwürdigkeit aufrecht erhalten hatte, bis ich mich wieder an meine Worte erinnern und weitermachen konnte. Sie überschüttete mich mit Lob. Ich war wie betäubt. Hatte sie denn nicht gesehen, daß ich viel zu gelähmt war, um zusammenzubrechen? Zu traumatisiert, um glaubhaft etwas anderes zu sein, als ein Junge, der einen nassen Finger in eine Lampenfassung gesteckt hatte? Aber Mrs. Lewis’ Schwärmereien gingen weiter. Mein Bühnendebüt wurde als ein großer Erfolg verbucht. Nur mein T-Shirt mit den schwarzen Streifen und ich kannten die Wahrheit. Die schwarzen Flecken waren nach ein paar Wäschen verschwunden. Aber bis heute kann ich mich noch an jenen absolut unvergeßlichen indianischen Satz erinnern. Ich glaube, er ist mir für immer in mein Gehirn gemeißelt. „Yo hay yo hay, mee tah koo jah nah huin poh, om neechi ni chopi.“ Ich habe nicht die geringste Ahnung, was das bedeutet. Mrs. Lewis dachte, daß ich in allem hervorragend war. Sie gab mir in allem eine Eins und ließ mich das nächste Jahr überspringen. Ich kam von ihrer zweiten Klasse direkt in Mrs.
Rugens vierte Klasse. Ich wechselte von einer Lehrerin, die alles an mir mochte, zu einer Lehrerin, die ich schon bald hassen sollte. Mrs. Rugen war eine kleine, stämmige Dame mit rosigen Wangen, die ihr stahlgraues Haar in einem runden Dutt oben auf ihrem Kopf trug. Die rötliche Farbe ihrer Wangen kam nicht von einem gesunden Erröten; es war ein feines Gewebe roter Äderchen, das ihrem Gesicht dieses frische Aussehen gab. Es war ein Gesicht, das nie lächelte. Sie hatte etwas Sachliches und Hartes an sich. Ihre Ausstrahlung war ebenso kalt, wie die von Mrs. Lewis warm war. Jedesmal wenn sie eine Frage stellte und ich meine Hand hob, um zu antworten, nahm sie jemand anderen dran. Wenn ich der Einzige war, der seine Hand hob, dann wartete sie lange, ob sich nicht doch noch ein anderer meldete, und übersah mich geflissentlich. Nur wenn sich wirklich kein anderer meldete, kam sie sehr widerwillig auf mich zurück. Ich hörte bald auf, meine Hand zu heben. Zusätzlich zum Unterricht in der vierten Klasse hatte Mrs. Rugen nachmittags die Aufsicht auf dem Schulhof. Sie hatte die Aufgabe, über die spielenden Kinder zu wachen. Ihr Verhalten im Schulhof war das glatte Gegenteil von dem im Klassenzimmer, wo sie versuchte, mich zu übergehen. Anstatt mich zu ignorieren, beobachtete sie mich hier wie ein Habicht. Wenn wir Prellball spielten und ich in der Hitze des Gefechts die Linie des Kreises ein klein wenig zu oft überquerte, schnappte sie mich plötzlich brutal am Arm und zog mich mit einem Verweis zurück. Wenn ich beim Federball zu laut schrie, pfiff sie mich laut und schrill zurück, und ich bekam einen Verweis wegen zu großen Lärms. Den anderen Kindern schenkte sie niemals soviel Aufmerksamkeit und ich wußte, daß sie mich aus irgendeinem Grund haßte.
Eines nachmittags, während einer Pause, stand Mrs. Rugen da und schwatzte mit einer anderen Lehrerin. Ich spielte nahe genug, um sie reden zu hören, aber ich hörte nicht tatsächlich zu. Dann sagte Mrs. Rugen etwas, das mich wie eine Gewehrkugel traf. Sie nannte mich den „kleinen Japs-Jungen.“ Ich fühlte Schock, Schmerz, Wut und Scham, alles zur gleichen Zeit. Jene Worte trafen mich tiefer, als alles andere, was sie mir angetan hatte. Aber ich schaffte es, in die andere Richtung zu schauen, und so zu tun, als ob ich es nicht gehört hätte. Ich behielt dieses heiße Gefühl tief in mir. Bis heute ärgert es mich, daß ich weggesehen habe. Daß ich nichts gesagt habe. Daß ich meinen Schmerz hinuntergeschluckt habe. Selbst als wir ins Klassenzimmer zurückkehrten, fühlte ich noch den inneren Aufruhr. Sie mochte meine Lehrerin sein, aber ich konnte nicht vermeiden, sie böse anzublicken, wenn sie da vorne am Lehrerpult saß. Ich haßte sie. Aber als sie mit dem unschuldigen „Was-glotzt-du-mich-so-an?“-Blick zurückstarrte, vermied ich es wieder, ihr in die Augen zu sehen. Irgendwie war meine Scham größer als mein Zorn. Ich hatte das ekelerregende Gefühl, daß es etwas mit unserer Vergangenheit im Lager zu tun hatte, wenn sie mich „Jap“ nannte. Und ein Lager war – ich war inzwischen alt genug, um das zu wissen – so etwas Ähnliches wie ein Gefängnis. Es war ein Ort, wo Leute hingeschickt wurden, die schlechte Dinge getan hatten. Ich hatte lange Zeit ein nagendes Schuldgefühl wegen unserer Zeit im Lager. Ich konnte nicht ganz verstehen, wie es dazu gekommen war, daß man uns bestraft hatte. Aber vielleicht verdienten wir es ja, daß man uns so schmerzhaft „Japse“ nannte. Japs ist schließlich nur eine Abkürzung des Wortes Japaner – ein Ausschnitt, der eher zu sparsam klingt. Doch diese einfache Silbe hat im vergangenen Jahrhundert eine seltsame
Sprengkraft erhalten. Die Geschichte schmiedete ein neutrales Wort – doch gehämmert vom stumpfen Haß der Rassisten, angefeuert durch die Hysterie politischer und ökonomischer Opportunisten hatte es schließlich durch die sengende Glut des Krieges einen rasiermesserscharfen Rand bekommen. Es kann noch immer verletzen und alte Wunden wieder öffnen. Es kann degradieren und entmenschlichen. Für einen japanischen Amerikaner ist „Japs“ ein unheilvoller Laut, ein klangvolles Schimpfwort mit einem vibrierenden, drohenden Unterton. Nur ein Laut, ein abgekürztes Wort. Doch der Schmerz und die Verletzungen, die es zufügen kann, liegen in der Kraft, die die Geschichte hineingehämmert hat. „Japs“ ist mehr als ein Wort geworden. „Japs“ ist eine Angriffswaffe. Damals verstand ich, was Daddy mir über Worte erzählt hatte, die verletzen können – Worte wie keto und diejenigen, die so ähnlich klangen wie Sakana beach. Es verletzte mich, wie Mrs. Rugen mich genannt hatte. Es tat viel zu sehr weh, als daß der Schmerz bis zum Ende des Tages wieder hätte verblassen können. Sogar als ich mit Onorato zusammen auf dem Heimweg von der Schule war, schmerzte es noch, aber ich erzählte es ihm nicht. Es hielt auch noch an, als ich in unsere Reinigung ging. Ich erzählte Daddy und Mama nicht, wie Mrs. Rugen mich genannt hatte. Ich begann zu verstehen, daß es auch für sie unangenehm war, über unsere Jahre im Lager zu reden, und „Japs“ war ein Wort, das unwiderruflich mit jenen Jahren verbunden war. Daddy und Mama litten ihre ganz eigenen Qualen. Etwas, an das ich mich aus der ganzen Zeit im Lager her überhaupt nicht erinnern konnte, geschah: Daddy und Mama fingen an zu streiten. Heimlich, still und leise hatte sich eine kalte Spannung zwischen ihnen aufgebaut. Ihre Gespräche wurden gereizt.
Manchmal redeten sie lange Zeit überhaupt nicht miteinander. Aber ihr Schweigen war emotionsgeladen. Eines Nachmittags, nachdem wir von der Schule nach Hause gekommen waren, kam der erste Ausbruch. Ich saß im Wohnzimmer und las, Henry hörte Radio, und Reiko spielte im Schlafzimmer. Daddy und Mama waren vorne im Laden. Wir hörten den stetigen Rhythmus von Daddys Dampfpresse, wie sie herunterklappte, dann ein paar Sekunden zischte und wieder hochklappte. Mama saß vermutlich an ihrer Nähmaschine. Plötzlich stoppte das Stampfen und Zischen von der Dampfpresse, und wir hörten, daß beide laut miteinander sprachen. Ich legte das Buch beiseite, und Henry schaute von seinem Radio hoch. Reiko erschien schweigend und mit großen Augen in der Schlafzimmertür. Daddy schrie herum, und Mama kam, ganz kalt vor Wut, in die Wohnung gelaufen. Die Dampfpresse startete, diesmal in einem schnelleren Tempo. Mama blieb hinten, versteinert und unfähig, irgend etwas zu tun. Dann ging sie in die Küche und murmelte vor sich hin. Wir hörten sie mit den Tellern klappern und das Geschirr aufeinanderstapeln, während sie beständig und kaum hörbar vor sich hinsprach. Das Geräusch der Dampfpresse verstummte. „Was hast du gesagt?“ brüllte Daddy vorne im Laden. Mama wurde still, aber die Luft knisterte vor Spannung. Ich war vor Angst wie gelähmt. Als das Geräusch der Dampfpresse wieder zu vernehmen war, konnte man unsere Erleichterung förmlich spüren. Mama fing wieder an, in der Küche herumzuklappern. Und Daddys Dampfpresse antwortete mit heißem Zischen. Es schien ein Gefecht zwischen Zischen und Klappern, Klappern und Zischen zu werden. Und dann kam wieder Mamas herausforderndes Gemurmel mit in die Runde.
„Mama, bitte tu das nicht“, wollte ich zu ihr sagen. Aber ich war zu versteinert, um offen zu reden. Gott sei Dank ging das lebhafte Stampfen und Zischen der Dampfpresse weiter. Dann sagte Mama etwas in Japanisch und so laut, daß wir es alle hören konnten: „Wenn er nur wenigstens ein bißchen Rückgrat hätte.“ Der Dampfbügler verstummte. Ich war vor Angst erstarrt. Es herrschte ein qualvolles Schweigen. „Was!“ bellte Daddy. Schweigen. Er stampfte durch die Wohnung direkt in die Küche. „Was hast du gesagt?“ brüllte Daddy. Mama schwieg sich aus und begann nur wieder zaghaft mit ihrem Tellergeklapper. „Glaubst du vielleicht, daß ich das nicht gehört habe?“ brüllte Daddy. Das Klappern ging weiter. „Glaubst du vielleicht, du bist die einzige, die mit dem Geschirr klappern kann?“ hörte ich Daddy schreien. Mama schnappte nach Luft, und dann hörte ich, wie ein Teller auf den Boden krachte. „Du zerbrichst die Teller“, schrie Mama und kam ins Eßzimmer gerannt. „Und ich kann noch mehr zerbrechen!“ schrie Daddy, als er ihr mit einer großen Platte in der Hand nachrannte. Mama lief ins Badezimmer, aber noch bevor sie ihm die Tür vor der Nase zuknallte, schrie sie: „Rückgratloser Mann!“ Die große Platte flog gegen die Tür und zerbrach. Reiko kreischte und fing an zu schreien. Daddy hämmerte mit der Faust auf die Badezimmertür ein und verlangte, daß sie öffnete. Wir alle rannten zu ihm und bettelten: „Bitte, Daddy, bitte, bitte, bitte, hör auf.“ Sein Gehämmere und unser Weinen hielt einige Zeit an. Schließlich hielt Daddy inne, umarmte uns und sagte: „Ist ja gut. Ist ja gut. Hört auf zu weinen.“ Dann schloß er das Geschäft und ging fort. Es gab noch mehr Konfrontationen zwischen unseren Eltern. Um die Wahrheit zu sagen, es gab zu viele davon. Die
Atmosphäre zu Hause wurde immer angespannter und unerträglicher. Immer öfter blieb ich nach der Schule bei Onorato oder Danny. Die Häuser meiner Freunde waren erfüllt von Glück und Freundlichkeit. Ich haßte es, nach Hause zu kommen, allein wegen unserer säuerlichen, spannungsgeladenen Stimmung beim Essen. Henry fing an einzunässen. Es passierte immer öfter. Mama zwang ihn dazu, sein Laken mit den gelben kreisförmigen Flecken auf die Wäscheleine zu hängen. Sie dachte wohl, daß sie mit diese Demütigung einen achtjährigen Bettnässer heilen würde. Es klappte nicht. Henrys Bettlaken bekamen immer mehr gelbe Flecken. Mama mußte es schließlich bleichen, und Henry fing mit einem weißen Laken wieder von vorne an. Reiko war die einzige von uns, die offenbar von Daddys und Mamas Schuldgefühlen, die sie wegen ihrer Kämpfe hatten, zu profitieren schien. Sie überschütteten sie mit – wie Henry und ich meinten – übermäßig viel Liebe und Aufmerksamkeit. Wenn irgendeine Leckerei zwischen uns aufgeteilt wurde, bekam Reiko immer den Löwenanteil. Und wenn es nur ein Stück gab, gaben sie es ihr. Sie wurde zur Prinzessin einer schuld- und furchtbeladenen Familie. Eine stetige Atmosphäre des Unwohlseins durchdrang unser Haus. Es machte mich nervös, wenn Daddy und Mama eine Zeitlang schwiegen. Aber das Ende des Schweigens haßte ich noch mehr. Jedesmal, wenn ich vorne im Laden ein lautes Geräusch hörte, wenn eine Schere mit Gewalt vom Ladentisch gefegt wurde oder eine Garnspule von Mamas Nähmaschine herunterfiel, zuckte ich zusammen. Sollte dies der Anfang eines weiteren traumatischen Streites sein? Glücklicherweise war es meist falscher Alarm. Der einzige beruhigende Ton, den ich von vorne zu hören bekam, war der stetige Rhythmus von Daddys Dampfpresse.
Ich glaubte damals, es könnte nichts Fürchterlicheres geben als die Streitereien zwischen unseren Eltern. An einem Samstagabend mußte ich jedoch erfahren, daß es noch einen viel schlimmeren Schrecken gab. Das Geschäft hatte noch bis in den späten Abend geöffnet, und wir drei Kinder waren hinten im Wohnzimmer. Während ich las, konnte ich den tröstlichen Rhythmus von Daddys Pressen und Zischen hören. Plötzlich glaubte ich von Mama ein ersticktes Keuchen zu hören. Die Presse verstummte. Eisige Kälte kroch meinen Rücken hinauf. Ich hörte laute Stimmen und dann den Ton von schweren Schritten, die zu uns herüberkamen. Mama kam in die Wohnung gewankt, von Daddy beschützt, der von einem jungen Mexikaner geschoben wurde. Dann sah ich den Glanz eines Revolvers, den er Daddy an die Schläfe hielt. Ich erstarrte. „Bitte, ich habe meine Kinder hier“, flehte Daddy. „Wo habt ihr das große Geld?“ grollte der Mann. „Mama, gib es ihm“, befahl Daddy eindringlich. Mama rannte zurück ins Schlafzimmer. Mit seinen dunklen Augen schaute sich der Mann blitzartig in unserer Wohnung um. Daddys Augen waren auf den Revolver fixiert. „Was macht sie denn?“ knurrte der Räuber. „Mama!“ schrie Daddy. Sie kam mit einer zerknüllten braunen Papiertüte aus dem Schlafzimmer zurück. Als sie an mir vorüberging, sah ich, wie sie ein Bündel Geldscheine, das sie verstohlen in ihrer rechten Hand trug, heimlich unter ein Sofakissen steckte. Dann eilte sie zu dem Mann hinüber und streckte ihm die Papiertüte hin. „Nehmen Sie alles Geld“, sagte sie. Er starrte auf die ziemlich leere braune Tüte. „Ist das alles?“ „Das ist alles“, antwortete sie. „Bitte, das ist alles“, bestätigte Daddy.
Der Mann starrte Mama mißtrauisch an, schnappte sich die Tasche und verschwand. Wie ein schneller, schrecklicher Alptraum war alles vorüber. Es blieb nur beängstigendes Schweigen. Dann fing Reiko an zu weinen. Daddy und Mama rannten zurück in den Laden. „Sei vorsichtig, sei vorsichtig“, flüsterte Mama. Ich guckte von der Tür aus in den Laden. Daddy war draußen und schaute die Straße hinunter. „Sie sind in Richtung Norden weggefahren“, sagte Daddy. Als er ins Geschäft zurückkam, meinte er: „Sie waren zu zweit. Einer hat draußen im Wagen gewartet.“ Daddy sperrte zu und rief sofort die Polizei an. Als die beiden in die Wohnung zurückkamen, ging Mama geradewegs zum Sofa und holte das Bündel Geldscheine heraus, das sie versteckt hatte. „Was ist das?“ fragte Daddy. „Ich habe Geld aus Tasche genommen und versteckt“, antwortete sie und hielt ihm das Bündel Geldscheine hin. „Was! Soll das etwa heißen, du hast ihm gar nicht alles gegeben?“ Daddy konnte es nicht fassen. „Du hast das diesem Burschen vorenthalten?“ „Wir schwer arbeiten. Das hart verdientes Geld.“ Mit diesen Worten legte Mama das Geld auf den Tisch. Meine Mutter ist eine starke Frau. Ich verstand so langsam wie stark. Ihre Stärke besteht aus einer Mischung aus schnellem Denken und einfachem Geschäftssinn; aus Mut kombiniert mit einer guten Portion Waghalsigkeit. Dank Mamas schnellem Handeln konnte der Räuber nur weniger als die Hälfte des Geldes aus der Tüte erbeuten. Er hatte mehrere kleine Scheine und die Münzen aus der Kasse mit dem Wechselgeld unter dem vorderen Ladentisch bekommen und etwa dreihundert Dollar, die Mama ihm in der braunen Papiertüte übergeben hatte. Später zählten Daddy und Mama
das Bündel Geld, das Mama vor dem Räuber versteckt hatte. Es waren fast fünfhundert Dollar. Etwa ein halbes Jahr nach dem Raubüberfall waren Daddy und Mama im Krankenhaus, um dort einen kranken Freund zu besuchen. Als sie gingen, hörte Mama eine Stimme, von der sie glaubte, sie zu erkennen. Es war ein tiefes, betrunkenes Grollen. Sie blickte den Gang herab und sah von hinten einen Mann, der jemanden in einem Rollstuhl vor sich herschob. Sofort erkannte sie die grobschlächtige Gestalt des Mannes, der den Rollstuhl schob. Es war der Räuber. „Daddy, das ist er“, flüsterte sie. Er blickte schnell hinüber und stimmte ihr zu. „Schnell, laß uns zum Auto gehen“, sagte er. Sie fuhren um den Block, um sich noch einmal zu vergewissern, was sie gesehen hatten und gingen dann geradewegs zur Polizeiwache. Der Mann wurde sofort verhaftet. Mamas Geiz hatte den Räuber fast ohne Beute zurückgelassen, als er das Verbrechen beging, und ihre scharfen Ohren schickten ihn für seine Tat ins Gefängnis. Mama war bei vielen Dingen sehr aufmerksam. Sie war besonders empfindlich, wie meine Freunde sich kleideten und welche Frisuren sie trugen. Sie mochte Danny Sandovals lange Mähne nicht. Sie mochte so etwas prinzipiell nicht. Sie konnte die an den Knöcheln weit ausgestellten Hosen, die er trug, nicht leiden. Und sie verabscheute seine dicksohligen Schuhe mit den lauten Hufeisen-Beschlägen an den Absätzen. „Danny ist erst zehn. Warum ist er angezogen wie ein kleiner Pachuco?“ beklagte sie sich bei mir. Ich war überrascht, daß Mama wußte, was ein Pachuco war. Ich hatte geglaubt, daß der Tag bald kommen würde, an dem ich ihr erklären mußte, daß die Pachucos die älteren Jungen aus den höheren Klassen
waren, die draußen herumhingen und immer nach dem allerneuesten Modetrend gekleidet waren. Sie wußte das sehr wohl, und darüber hinaus glaubte sie, daß das alles Gangster waren. Ich versuchte ihr zu erklären, daß Danny sich so anzog, weil er die Sachen von seinen älteren Brüdern auftragen mußte. Sie schien dieses Argument widerwillig hinzunehmen. Mama fühlte sich alarmiert, als Onorato damit anfing, sein Haar in einer gut geschmierten Schmalztolle zu tragen. Als sie Onoratos neuen Haarschnitt sah, verzog sie mürrisch das Gesicht. Ohne jeden Kommentar ihm oder mir gegenüber ging sie geradewegs zu Daddy und begann eine mißbilligende, geflüsterte Konversation während der sie immer wieder auf Onoratos glänzenden Brillantine-Kopf schielte. Ich war verlegen. Onoratos Eltern machten nie irgendwelche Bemerkungen darüber, wie ich angezogen war. Ich nahm es Daddy und Mama übel, daß sie sich meinem Freund gegenüber so verhielten. Abgesehen von ihren langen Auseinandersetzungen begann ich noch andere, subtilere Veränderungen bei meinen Eltern wahrzunehmen. Ihr großes Bemühen um Normalität in unserem Leben begann sich mehr und mehr zu verschieben – zugunsten einer Definition der Unterschiede zwischen uns und der Gemeinde, in der wir lebten. Es ging nicht nur um die Sachen und die Frisuren, die wir trugen. Es lag mehr in den Gedanken, die sie sich um unsere Bildung und unser Gefühl für die eigene Kultur machten, und was sie sich für unsere Zukunft erhofften. Sie wollten nicht, daß wir das Japanisch, was wir zu Hause sprachen, verlernten, im Gegenteil, sie wollten, daß wir unsere Kenntnisse verbesserten. Sie schickten uns samstags in Japanisch-Kurse. Wenn wir protestierten, daß wir fünf Tage in der Woche zur Schule gingen und unsere Freunde samstags schließlich auch Zeit zum spielen hatten, bekamen wir nur
Mamas alte Maxime zu hören: „Hito wa hito, uchi wa uchi“ – „Andere Leute sind andere Leute, unser Haus ist unser Haus.“ Wenn wir bemerkten, daß es teuer sei und wir das Geld lieber sparen sollten, antworteten Mama und Daddy, daß wir später im Leben dankbar sein würden, daß sie dieses Geld jetzt ausgaben. Wir murrten, daß wir jetzt jedenfalls keinerlei Dankbarkeit empfanden. Sogar in der Schule drängten uns unsere Eltern zu besseren Leistungen. Sowie sie es sich gerade eben leisten konnten, kauften sie uns einen Satz der umfangreichen BrittanicaEnzyklopädie. An vielen Abenden saß Daddy mit uns auf dem Wohnzimmersofa und las uns daraus vor. Es war lustig, etwas über das Kunterbunt der Welt zu lernen, und das nur unter dem Vorzeichen eines gemeinsamen Anfangsbuchstabens. Eines Abends las er uns aus dem Band zum Buchstaben S vor. Es war das erste Mal, daß ich von William Shakespeare hörte. Drei Monate nach der Cinco de Mayo Fiesta, nahmen uns unsere Eltern mit zum Nisei-Wochen-Festival in Little Tokio in Downtown Los Angeles. Es war ein Fest für japanischamerikanische Kunst und Kultur, das jedes Jahr im August gefeiert wurde. Es war eine farbenprächtige Kombination aus traditioneller japanischer Kunst, Handwerk und Kriegskunst, angereichert mit solch typisch amerikanischen Bestandteilen wie Talentshows, Kleinkinder-Wettbewerben, einem Straßenkarneval und einem Festzug mit einer Schönheitskönigin. Das Glanzlicht dieser einwöchigen Feier war die Ondo-Tanzparade am Abschlußabend. Die Straßen von Little Tokio waren voll mit volkstümlichen Tänzern, Männer und Frauen, von den alten Leuten bis zu kleinen Kindern, jedem, der Spaß daran hatte, mitzumachen. Alle waren sie in ihre kühlen Sommerkimonos gekleidet, die man Yukata nennt. Die Tänzer aus den traditionellen Tanzschulen waren in einheitliche seidene Kimonos gekleidet. Es war ein
wunderschöner Anblick – ein Meer von Tänzern, die sich beim Einherschreiten zu der beschwingten Melodie des Samisen einer Art japanischer Gitarre – hin und her wiegten. Doch keiner der ausgebildeten Tänzer – so geschmeidig sie auch tanzten – war so beeindruckend wie der riesige schwarze Mann, ein langjähriger Einwohner von Little Tokio, von dem Daddy uns erzählte, daß man ihn liebevoll „Little Joe“ nannte. Er trug ein hachi maki, das weiße Baumwollstirnband um seinen glänzenden, rasierten Kopf und einen knisternden, weißen Sommer-Yukata aus Baumwolle, in den er seinen gewaltigen Körper eingewickelt hatte. Seine enorme Größe von über einem Meter achtzig und sein massiver Körperbau ließen alle anderen Tänzer um ihn herum winzig erscheinen. Aber seine große Gestalt gab der überraschenden Anmut und Leichtigkeit seiner Bewegungen eine Besonderheit, die ihn zu einem Publikumsliebling machte. Wenn er sich näherte, konnte man aufgeregte Rufe hören wie: „Hier kommt er“, und „Hey, Little Joe kommt.“ „Seit Little Joe zurück ist, ist es fast wie vor dem Krieg“, hörte ich einen Mann wehmütig zu seiner Frau sagen. „Obwohl, sieh mal, er ist ganz schön alt geworden“, bemerkte die Frau. Und als Little Joe anmutig vorbeigeglitten war, hörte ich den Mann zu ihr sagen: „Ja, aber schau dich an. Du hast dich überhaupt nicht verändert.“ Sie gab ihm freundschaftlich einen Schlag auf die Schulter. Daddy und Mama begannen an den Sonntagnachmittagen mit einer neuen Aktivität – Familienausflüge mit dem Auto, um nach Häusern Ausschau zu halten, die zum Verkauf standen. Sie betonten, daß wir uns nur umschauen, aber nicht tatsächlich etwas kaufen würden. Wir müßten noch viel mehr Geld sparen, erzählten sie uns. Es machte viel Spaß, aber ich fragte mich, warum wir uns nur zum Spaß Gebiete wie
Crenshaw oder Culver City oder das San Fernando Valley ansahen. Es war doch viel interessanter, durch so schöne Gegenden wie Beverly Hills und Bel Air zu fahren, wo die Häuser groß und schön waren. Wenn sie schon wollten, daß wir in der Schule unser Bestes gaben, dann sollten wir auch auf unseren Sonntagsfahrten nur durch die besten Gegenden fahren, beharrte ich. Also begann Daddy damit, uns überall durch Los Angeles zu kutschieren. Er fuhr mit uns die großen Boulevards der Stadt entlang; Wilshire-Boulevard, der im Mac Arthur Park einen schimmernden See durchquert; Sunset-Boulevard, mit seinen ausgedehnten Strecken üppiger, palastartiger Herrenhäuser; und Ocean-Boulevard in Santa Monica, mit seinem Panoramablick auf den Pazifischen Ozean. Daddy legte ganz besonderen Wert darauf, mit uns über das Gelände der beiden großen Universitäten in Süd-Kalifornien zu fahren: UCLA und USC. „Diese sind zwei der besonderen Orte in Amerika“, erzählte er uns. Er wies auf die Studenten, die lesend im Schatten alter Bäume saßen, und er meinte mit bedeutungsvoller Stimme: „Seht ihr, wie hart sie lernen? Sie müssen wirklich hart ran im College.“ Wir verstanden, was er meinte. Aber nichtsdestotrotz schienen diese Kommentare zu seiner automatischen Reaktion zu werden, wann immer ein College-Student in Sicht kam, der im Freien saß und lernte. „Seht ihr, wie hart sie im College studieren?“ wiederholte er dann. Solche schwerwiegenden Beobachtungen hörten erst auf, wenn Henry und ich zum Gegenangriff übergingen. „Schau, Henry“, sagte ich nüchtern und deutete auf einen Studenten, der im Schatten eines Baumes auf dem Unigelände schlummerte. „Glaubst du, daß du so werden könntest wie er?“
„Ich weiß nicht“, reagierte er mit scheinheiliger Ehrfurcht, „ich bin nur ein Kind. Ich werde daheim noch viel härter an meinem Schlaf trainieren müssen.“ Es war auf einer dieser Sonntagsfahrten, als ich meine ganz eigene Entdeckung machte, die für mich zu einem der Schätze von Los Angeles wurde; – die phantastische Welt der Filmstudios. Als wir die Melrose Avenue entlangfuhren, sah ich in die Bronson Avenue hinein und erhaschte den Blick auf die schmiedeeisernen Tore der Paramount Studios. „Daddy, Daddy, fahr zurück. Ich habe gerade ein Filmstudio gesehen.“ Er drehte um und fuhr uns bis zur Marathon Street und hielt direkt vor dem Studiotor an. Hier, unmittelbar vor uns, war dieses Tor, das ich in so vielen Filmmagazinen gesehen hatte – dieses berühmte Tor, durch das jeden Tag Koryphäen wie Alan Ladd, Lizabeth Scott, Gary Cooper und Barbara Stanwyck auf ihrem Weg zu irgendeinem zauberhaften Filmset gingen. „Daddy, Daddy. Bitte stell den Wagen ab. Ich möchte aussteigen und mir das anschauen.“ Am Sonntag gab es an der Straße jede Menge Parkplätze. Ich spähte durch das verschnörkelte Tor hindurch auf die verlassene Straße zwischen den Hallen. Ein einsamer Sicherheitswächter döste in der Bude gleich hinter dem Tor, aber ich ließ meiner Phantasie freien Lauf und sah im Geiste Cowboys, vollbusige Haremsdamen und Fremdenlegionäre auf der anderen Seite der leeren Straße stehen. Wir gingen entlang der hohen Studiomauer die MarathonStreet hinunter. Jenseits der Mauer konnten wir eine Wand mit einem riesigen Stück hellblauen Himmel sehen, der auf einem turmhohen Gestell montiert das ganze hintere Gelände überragte. Er sah viel schöner aus als der richtige Himmel. Ich glaubte diesen Himmel von so vielen Paramount-Filmen her wiederzuerkennen. Jenseits dieser Wand wurde der Zauber
erschaffen. Es war schwer zu glauben, daß dieser wunderbare Ort, diese Fabrik, in der Träume entstanden, die so wunderbar weit über die Wirklichkeit hinausgingen, hier in dieser Stadt lag, in der wir lebten – und daß Hollywood so nahe war. Von diesem Sonntag an begann Daddy jedesmal, wenn wir in einer entsprechenden Gegend waren, eine Fahrt zu einem der großen Filmstudios in unsere Ausflüge einzubeziehen: das Republic-Studio im San Fernando Valley, 20th Century-Fox im Westen von Los Angeles und MGM, wenn wir in Culver City waren. Leere Filmstudios, bar jeden Lebens am Sonntagnachmittag – und doch wurden sie in meiner Phantasie zu magischen Orten mit zauberhafter Betriebsamkeit und Geschäftigkeit – und meinen ersten zaghaften Hoffnungen. Hollywood lag gerade mal auf der anderen Seite des Zaunes. Diese Sonntagsfahrten voller Hoffnungen, Entdeckungen – und für mich auch voller Träume – brachten uns nach vielen Jahren ans angekündigte Ziel. Daddy und Mama kauften ein Haus. Wir fanden ein zu-gewuchertes, weißes, stuckverziertes Gebäude im Wilshire District, in dem alten Viertel, wo wir vor dem Krieg gelebt hatten. Es war ein ruhiges, gemischtes Wohnviertel mit hauptsächlich weißen und schwarzen Akademikern. Wir würden die ersten Asiaten in der Straße sein. Und wieder mußten wir umziehen. Aber diesmal konnten wir es kaum erwarten. Wir zogen in ein hübsches, großes Haus mit einem Garten, in dem Orangen- und Pfirsichbäume voller Früchte standen. Wir Kinder waren ganz aufgeregt wegen der Eisdiele, die nur zwei Blocks entfernt lag und dem schönen Uptown-Kino. Unsere Eltern waren begeistert von den Schulen, die wir besuchen würden. Für mich sollte es die Mt. Vernon Junior High sein und für Henry und Reiko die Wilton Place Grammar School. Aber noch wichtiger und von allergrößter Bedeutung war dieser Umzug für Daddy und
Mama. Sie hatten diese Entscheidung selbst getroffen. Sie allein hatten sich entschlossen, dieses Haus zu kaufen. Es war kein Regierungsauftrag, der uns mit vorgehaltener Waffe an einen unbekannten Ort verschlug. Es war ein Schritt zurück und ein Aufstieg. Sie gewannen etwas wieder, was sie verloren hatten – die Kontrolle über ihr Leben. Wir verließen den Osten von Los Angeles im Sommer 1950. Unsere vier Jahre im mexikanischen Viertel waren zu Ende. Ich war jetzt ein dreizehn Jahre alter Teenager. Wir zogen ein in unser neues Heim und in ein neues Leben. Aber ich mußte auch Abschied nehmen von Menschen und Dingen, die ich liebgewonnen hatte. Onorato und Danny, Cesars Musik und die farbenfrohen Cinco de Mayos, Mrs. Morenos Kochkünste und der Geschmack eines guten, fettigen Burritos aus Ost-L.A. Ich mag dieses Viertel verlassen haben, aber meine Jahre dort hatten mir Vorlieben und Werte beschert, die ein Teil von mir wurden. Und ich bin in weit größerem Maße ein Kind des OstViertels von L.A. als mir damals bewußt war.
6 Die Tage in Mt. Vernon Die Mt. Vernon Junior High School befand sich auf der anderen Seite der Stadt und Welten von der Murchison Street School im Osten von Los Angeles entfernt. Ein üppiger grüner Rasen führte zu einer Reihe eleganter Säulen hinauf, die vor der Vorderfront eines dreistöckigen Gebäudes standen. Die Fassade gab die Architektur des Hauses des ersten amerikanischen Präsidenten wieder – daher der Name „Mt. Vernon“. Hier waren die Schüler im Vergleich zu meiner alten Schule genauso verschieden wie die Architektur – vor allem wegen der vielfältigen Herkunftsländer der Schüler, die in europäischen Ländern wie England, Rußland, Deutschland und der Tschechoslowakei geboren worden waren. Es gab wenige Asiaten, die meisten davon Japaner, und praktisch keine Mexikaner. Ich mußte mich einer neuen Umgebung anpassen. Doch wollte ich den Bezug zu der Art des Lebens, das ich gerade hinter mir gelassen hatte, nicht verlieren. In der Junior High School hatten wir die Entscheidung zu treffen, welche Fremdsprache wir lernen wollten. Ich wählte Spanisch. Unsere Lehrerin Mrs. Woods war trotz ihres Nachnamens Mexikanerin und eine passionierte Verfechterin von Fremdsprachenstudien als wesentlichem Bestandteil des Lebens. Sie hatte eine wundervolle Art, beim Unterrichten das Spanische lebendig werden zu lassen; sie sprach uns alle mit den spanischen Übersetzungen unserer Namen an. Ich war Jorge. Das Mädchen auf der anderen Seite des Durchgangs zwischen unseren Bankreihen, Nancy, wurde zu Anita, doch
erklärte uns Mrs. Woods, daß die verniedlichende Form des Namens Anitita wäre, und eine noch liebevollere Form bestünde nur aus den letzten beiden Silben von Anitita, dem verspielt-herzlichen „Tita“. Ich mochte diesen Namen. Der englische Name meiner Schwester war Nancy, also entdeckte ich eine Möglichkeit, das Spanische in unsere Familie einfließen zu lassen. Reiko blieb seitdem für mich Tita. Eine Clique von Jungs in der Klasse nannte sich „The Oddballs“ (Die Exzentriker). Doch für Mrs. Woods und uns wurden sie zu „Las Pelolas Curiosas“, was eine witzige wörtliche Übersetzung von „Oddballs“ war, einen Namen, den sie selbst annahmen. Sie bat uns, bekannte Örtlichkeiten in der näheren Umgebung zu nennen, die spanische Namen hatten, wie beispielsweise „La Brea Tar Pits“ oder „San Gabriel Mission“ oder Straßennamen wie „Pico Boulevard“ und „Figueroa Street“ oder die Namen umliegender Städte wie El Monte, Santa Monica oder sogar unser Los Angeles. Mrs. Woods brachte uns bei, daß diese Bezeichnungen nicht nur aus exotischen Geräuschen bestand, an die sich unsere Ohren gewöhnt hatten. Sie hatten alle eine Bedeutung und eine ereignisreiche, faszinierende Geschichte. Das südliche Kalifornien war zum großen Teil mexikanisch. Von Mrs. Woods lernte ich, daß das Spanische mir nicht nur Zugangsmöglichkeiten zu vielen Leuten um mich herum eröffnete, sondern auch Aufschluß über die Geschichte der mich umgebenden Welt gab. Daddy und Mama beließen es nicht bei dem Selbstvervollkommnungsprogramm, das sie mit uns begonnen hatten. Tatsächlich erweiterten sie es. Natürlich gingen unsere samstäglichen japanischen Sprachkurse weiter. Sie schrieben uns an der Jefferson Gakuen
Language School im Crenshaw-Distrikt ein, nicht allzu weit von unserem neuen Zuhause entfernt. Sie kauften uns ein großes Klavier für das Musikzimmer. Wir fanden es lustig, darauf herumzuhämmern, doch wurde es uns nicht klar, daß sie vorhatten, uns ernsthaft darauf spielen zu lassen. Jeden Dienstag, wenn die Schule aus war, erschien Miss Kawakami mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms an unserer Tür und einem ebensolchen in der Hand. Während es seine Tickgeräusche von sich gab und sie rhythmisch mit ihrem Finger in unsere Richtung wedelte, hämmerten wir unsere Fingerübungen herunter. Wir glaubten, wenn wir die Tasten nur laut genug anschlugen, würde diese permanente Tortur von Mamas Nerven sie irgendwann dazu veranlassen, die Klavierstunden zu beenden. Es wurde uns nicht klar, wie hoch Mamas Toleranzschwelle hinsichtlich unserer Lärmproduktion war, die sich Klavierunterricht nannte. Die Stunden gingen weiter, und irgendwann hörte sich das alles nicht mehr allzu schrecklich an. Beim jährlichen Vorspielen erhielten wir herzlichen, wenn auch vielleicht nicht ganz unvoreingenommenen Beifall. Unsere Eltern machten uns zu Mitgliedern der Pfadfindertruppe 379 am buddhistischen Koyasan-Tempel in Little Tokyo. Dort wurden unsere Klavierspielerfinger durchs Binden von Lassos, Laufknoten und anderen Knoten jeder erdenklichen Art geübt. Doch sogar bei den Pfadfindern entkamen wir der Musik nicht. Die Truppe 379 war bereits vor der Kriegszeit für ihre Trommler- und Hörnerkorps bekannt. Sie war 1932 gegründet worden und hatte ihren guten Ruf seit der Rückkehr der japanischstämmigen amerikanischen Gemeinde nach Los Angeles wiederhergestellt. Die Mitgliedschaft bei der Pfadfindertruppe bedeutete, Teil des Trommler- und Hörnerkorps zu werden. Henry bekam ein Signalhorn, und mir wurde ein Baßhorn zugeteilt, ein größeres
Instrument, das eine tiefere Tonlage hatte. Und so hatten wir an den Donnerstagabenden und an den Wochenenden auch noch Unterricht im Hornblasen. Doch unsere Gruppenaktivitäten fand im Bewußtsein einer gemeinsamen Zielsetzung statt – sie machten Spaß. Wir wurden im Laufe der Zeit zu akzeptablen Hornbläsern. Das Korps wurde eingeladen, bei Paraden und Festivals in ganz Südkalifornien teilzunehmen, einschließlich der am Neujahrsmorgen stattfindenden „Tournament of Roses Parade“ in Pasadena. Die jubelnden Massen, die aufspielende Musik und die alles umfassende Festivalatmosphäre waren allesamt Elemente, die meine heute längst nicht mehr nur schlummernden theatralischen Sehnsüchte anstachelten. Während wir uns änderten, tat dies auch die Welt um uns herum. Und weit entfernt spiegelte sich dies auch in Washington D.C. wider. Die Regierung, die eine solch bösartige Feindseligkeit gegenüber japanischstämmigen Amerikanern entwickelt hatte, ließ ein Gesetz passieren – als Akt der Wiedergutmachung und des schlechten Gewissens –, das ein Meilenstein der diesbezüglichen Legislative war, nämlich den „Immigration and Naturalization Act“ von 1952. Von dem Kongreßabgeordneten Francis Walter aus Pennsylvania und Senator Pat McCarran aus Nevada als Vorlage eingebracht, eröffnete das Gesetz allen Rassen die Möglichkeit, amerikanischer Staatsbürger zu werden. Die Annahme des Gesetzes durch den Kongreß war jedoch kein uneingeschränkter Sieg. Die immer noch vorhandenen Vorbehalte uns gegenüber unterstreichend, legte Präsident Harry Truman sein Veto dagegen ein. Doch sowohl der Kongreß als auch der Senat konnten dieses Veto zu Fall bringen, und die Vorlage wurde zum Gesetz. Daddy konnte nun eingebürgert werden.
Daddy hatte seinen Reinigungsbetrieb in East Los Angeles verkauft und einen Gemischtwarenladen an der Western Avenue gekauft, nicht weit von unserem neuen Haus entfernt. Den Laden zu betreiben, bedeutete viele Stunden harter Arbeit, doch Daddy war irgendwie von neuer Kraft erfüllt, als das Gesetz, das ihm seine Staatsbürgerschaft zu guter Letzt verschaffen würde, in Kraft getreten war. Wenn er nach Einbruch der Dunkelheit von der Arbeit zurückkam, nahm er ein schnelles Abendessen ein und vergrub sich dann bis tief in die Nacht in seinen Büchern. Ich erinnere mich daran, wie ich ihm zusah, wenn er im Schein dieser einen Lampe an seinem Schreibtisch in seine Studien vertieft dasaß und über dieses seltsame Ding namens Staatsbürgerschaft grübelte. Dieses unsichtbare Etwas, über das ich nie nachgedacht hatte – etwas, mit dem ich geboren worden war und das ich bisher immer für selbstverständlich erachtet hatte, dem Daddy jedoch einen sehr großen Wert beimaß, und das Mama mit solcher Leidenschaft vor Jahren zurückgewiesen hatte. Welche Macht besaß dieses abstrakte Ding, daß es solche Entschlossenheit bei Daddy und solche Wut bei Mama bewirkte? Ich hatte nicht die Absicht, ihn zu unterbrechen, doch Daddy bemerkte, wie ich ihm zusah. Er lächelte, nahm seine Brille ab und massierte die Druckstellen auf seinem Nasenrücken. Er winkte mich in einen Stuhl, und ich setzte mich. „Du siehst aus, als würdest du dir irgendwelche Gedanken machen“, sagte er. Ich wußte, daß es spät war und er müde sein mußte, doch mußte ich ihn über die Bedeutung der Staatsbürgerschaft befragen, und er antwortete. Daddy erklärte, die Staatsbürgerschaft zu besitzen bedeutete, Mitglied eines Landes, einer Stadt oder einer Gemeinde zu sein, doch darüber hinaus, bedeutete es, daß man sich zu einer Reihe von Werten bekennen müsse. Als ich ihn fragte, warum
er ein Mitglied dieses Landes werden wollte, obwohl er dies doch nicht mußte, antwortete er: „Die Staatsbürgerschaft ist eine Wahl. Manche Leute werden damit geboren, tun aber nichts damit. Das ist keine wirkliche Staatsbürgerschaft. Das ist nur ein Status auf dem Papier. Du mußt eine bewußte Entscheidung treffen, wenn du sie mit einer Bedeutung versehen willst. Deine Mama hat so starke Empfindungen bezüglich ihrer Staatsbürgerschaft und deren Bedeutung, daß sie handeln mußte, als diese verletzt wurde. Sie sorgte dafür, daß die Bedeutung sichtbar wurde und nahm kraftvoll dazu Stellung. Und weil sie sie würdigt, kämpfte sie sehr darum, ihre Staatsbürgerschaft zurückzubekommen. Für mich war es sehr schwer, meine Einbürgerung Wirklichkeit werden zu lassen, und ich brauchte dazu die Hilfe von Menschen, die wollten, daß ich diese Wahl treffen konnte, von Menschen, die an Amerikas beste Ideale glaubten. Amerika ist der Ort, an dem ich die meiste Zeit meines Lebens verbrachte. Ihr Kinder seid Amerikaner. Meine Zukunft befindet sich hier in diesem Land. Jetzt, wo ich eine Wahl treffen kann, besteht meine Entscheidung darin, amerikanischer Bürger zu werden.“ „Aber Amerika hat uns so schlecht behandelt“, wandte ich ein. „In diesem Land gibt es keine Gerechtigkeit. Was hat dich dazu veranlaßt, Bürger eines solchen Landes werden zu wollen?“ Daddy klappte sein Buch zu und dachte nach. „Amerika ist ein seltsames Land“, fing er an. „Trotz allem ist es immer noch eine Nation der Ideale. Richtig, die Justiz hierzulande ist weder unparteiisch noch gerecht. Sie spiegelt nur die Gesellschaft wider. Doch ist dies eine offene Gesellschaft, an der die Leute teilhaben können, wenn sie nur wollen. Das System hier nennt sich partizipierende Demokratie, an der das Wichtigste die Teilnahme daran ist. Wenn Leute wie ich nicht dazu bereit sind, ihre Chance zu nutzen und zu partizipieren, wird Amerika weit von seinen
Idealen entfernt stehenbleiben. Meine Wahl besteht darin, mich mit guten Leuten wie Wayne Collins zu verbünden, dem Anwalt, der Mama bei ihrem Rechtsstreit geholfen hat. Meine Wahl besteht darin, Amerika dabei zu helfen, das zu werden, was es von sich behauptet.“ In dieser Nacht, als ich Daddys müder und doch resoluter Stimme lauschte, wurde mein Verständnis der Bedeutung amerikanischer Staatsbürgerschaft so fest zusammengefügt wie das Buch, das auf seinem Schreibtisch lag. Im Licht der Lampe, das auf dieses schon häufig benutzte Buch über amerikanische Geschichte fiel, wurden mir Amerika und seine Ideale auf eloquente Art von einem Immigranten erläutert, einem „feindlichen Fremden“ der Kriegszeit, einem Internierten eines Konzentrationslagers, dem Ehemann einer Frau, die ihre amerikanische Staatsbürgerschaft ablehnte – meinem Vater. Ich war schon längst Teenager, als ich die Zeitungen entdeckte. Die „L.A. Times“ wurde uns schon immer nach Hause geliefert, aber wie bei so vielen Dingen, die Kinder für selbstverständlich halten, waren es nur Teile, nämlich die Comics und die Kinoanzeigen, die für mich bislang von Interesse gewesen waren. Andere Abschnitte hatte ich nur durchgeblättert. Doch brachte Daddy häufig irgendwelche Tagesereignisse am Eßtisch zur Diskussion, und ich fand rasch heraus, daß die „Times“ mit Fotos illustrierte, was er erzählte. Dann erst kam die Erkenntnis, daß der Text mehr Details lieferte und sogar gegenteilige Meinungen darin zu Wort kamen. Daraus entwickelte sich echtes Interesse für die Neuigkeiten. Ich fing an, die Zeitung von der ersten bis zur letzten Seite zu verschlingen. Der Krieg in Korea landete fast immer auf der Titelseite. Eines Morgens war mitten auf der ersten Seite ein großes Foto eines Feldes mit verrotteten Erdbeeren abgebildet. Es war
ein schockierendes Bild. Ich liebte Erdbeeren. Es war so eine Verschwendung, gute, reife Früchte in der prallen Sonne verderben zu lassen. Der Begleitartikel sprach von einer „Operation Wetback“, der Rücksendung mexikanischer Arbeiter. Er besagte, daß Braceros, Farmarbeiter aus Mexiko, die von Farm zu Farm gingen, um pflanzliche Produkte zu ernten, wenn sie reif waren, davon abgehalten werden müßten, das Land zu betreten. Solange keine amerikanischen Erntearbeiter rekrutiert werden konnten, um diese Braceros zu ersetzen, führte der Mangel an Arbeitskräften dazu, daß die Erdbeerernte