BARBARA BICKMORE
Wem die Macht gegeben ist Roman
Aus dem Amerikanischen von Uschi Gnade
Carly Anderson ist in Housto...
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BARBARA BICKMORE
Wem die Macht gegeben ist Roman
Aus dem Amerikanischen von Uschi Gnade
Carly Anderson ist in Houston, Texas, zu einer mächtigen und geachteten Geschäftsfrau geworden, die im Spiel um Immobilien und Geld ein Wörtchen mitzureden hat. Doch bei jedem Schritt auf der Erfolgsleiter muß Carly erkennen, daß sie ihr Herz nicht zum Schweigen bringen kann - am Ende muß sie sich zwischen drei Männern entscheiden.
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GEWIDMET der Erinnerung an meine Eltern Nina und Vernon Bickmore, die sich über die letzten zehn Jahre nicht gewundert hatten, und Robert Mason, mit dem ich seit mehr als dreißig Jahren befreundet bin und der mir dabei behilflich war, den richtigen Ansatz zu diesem Buch zu finden.
MEIN DANK GILT den Texanerinnen Mary Ann Miller und Billy Ruth Scott, die mich inspiriert und mir während der Arbeit immer wieder geholfen haben. Einige Vorkommnisse gehen auf die Jugend der beiden zurück, aber die Charakterzüge, die ich meinen Romanfiguren gegeben habe, weisen keinerlei Ähnlichkeit mit den beiden auf. Die Geschichten dieser Texanerinnen haben meine Phantasie beflügelt. Mein Dank gilt außerdem Dorothy Milbank Butler, die dieses Manuskript gelesen und Kritik daran geübt hat, während ich noch an dem Buch gearbeitet habe.
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Deutsche Erstausgabe März 1998 Copyright © 1998 für die deutschsprachige Ausgabe Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. München Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Titel der Originalausgabe »Deep in the Heart« Copyright © 1996 by Barbara Bickmore Originalverlag Kensington Publishing Corp. New York Umschlaggestaltung Agentur Zero, München Umschlagfotos Tony Stone, München/David Muench Satz MPM, Wasserburg Druck und Bindung Eisnerdruck, Berlin Printed in Germany ISBN 3-426-60.644-5
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TEIL I 1961-1968
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1 Wenn man Brownsville und McAllen nicht mitzählt, gibt es wohl kaum einen südlicheren Punkt in Texas als Verity. Es mag zwar noch so klein sein, aber es kann sich dennoch mit einigen Superlativen brüsten. Die beiden größten Rinderzuchten im ganzen Land sind im Umkreis von dreißig Meilen gelegen – die King Ranch direkt im Norden und ein klein wenig nach Osten versetzt sowie Sanborns im Nordwesten. Ein so miserables Klima wie dort trifft man in den gesamten Vereinigten Staaten nur selten an, und die Sommer sind derart schwül, daß einem das Atmen schwerfällt. Im April dagegen, wenn das saftige Gras dieser Region, der die Regenfälle im Frühling ein frisches Grün verliehen haben, von Kornblumen übersät ist und das Laub der ausladenden Kronen hoher Eichen ein filigranes grüngoldenes Gitterwerk bildet, gibt es kaum einen anderen Ort, der hübscher anzusehen wäre. Carly Anderson haßte Verity vom ersten Augenblick an, als sie Mitte April 1961, im Alter von fünfzehn Jahren, mit ihrer Mutter Francey an einem Tag in die Stadt kam, der so heiß war, daß selbst die Fliegen sich nicht von der Stelle rührten. »Das sieht doch gar nicht mal so übel aus«, sagte Francey, als sie nach Verity reinfuhren. »Ich will Los Angeles und das Großstadtleben so weit wie möglich hinter mir zurücklassen. Für Mädchen ist das nichts.« Mädchen? Carly lachte in sich hinein. Francey war knapp vierunddreißig. Francey fuhr auf einen Parkplatz vor dem Soda Shop. »Wenigstens bekommen wir hier ein Glas Limonade«, sagte sie. Es war zwei Uhr nachmittags, und nirgends war auch nur eine Menschenseele zu sehen. Die Schule war noch nicht aus, und den Leuten war es zu heiß, um auf die Straße zu gehen. Carlys Mutter zog den Schlüssel aus dem Zündschloß, öffnete die Wagentür und streckte sich. Wie Carly trug auch sie Shorts. Carly stieg mit dem gleichen Widerwillen aus dem Wagen, mit dem sie diese ganze Reise angetreten hatte. Sie hatte die Pasadena HighSchool nicht verlassen wollen, denn dort hatte sie sich für das nächste Jahr als Kandidatin für den Cheerleader-Posten aufstellen lassen, und ihre Chancen standen gut, dort hatte sie ein Dutzend gute Freundinnen, und dort begannen die Jungs gerade sich um sie zu 6
scharen. Ihre Mutter sagte, an den Wochentagen dürfe sie abends nicht weggehen, erlaubte ihr jedoch, an den Wochenenden erst um Mitternacht nach Hause zu kommen. Sie hatte sich in Kalifornien wohl gefühlt. Ein anderes Leben kannte sie nicht. Da war sie geboren worden, zwei Monate, nachdem ihr Vater im Krieg umgekommen war – drei Monate vor Kriegsende. Sie hatte geweint, als sie sich von ihren Freundinnen und von der Schule hatte trennen müssen, aber auch von dem kleinen Bungalow, in dem sie und ihre Mutter die letzten sieben Jahre gelebt hatten. Francey hatte Carly liebevoll an sich gedrückt, sie weinen lassen und ihr zugeflüstert: »Ich weiß, Schätzchen, aber eine von uns beiden muß sich eine Weile elend fühlen. Ich fühle mich jetzt schon seit Jahren elend hier, und für mich ist es höchste Zeit, weiterzuziehen. Du bist noch ein Kind. Du wirst dich schnell umstellen. Das verspreche ich dir.« Sie brachen nach Osten auf, ohne konkretes Ziel. »Sowie wir den richtigen Ort finden, werde ich wissen, daß wir angekommen sind«, versicherte Francey ihrer Tochter. Vielleicht Florida. Sie wollte in einer Gegend bleiben, in der es das ganze Jahr über sonnig und warm war, und daher kämen vielleicht die Florida Keys oder Fort Meyers Beach in Frage, irgendein ruhiger, abgeschiedener Ort, der möglichst wenig Ähnlichkeit mit L.A. aufwies. Sie traten in den dunklen Soda Shop, in dem ein Deckenventilator surrte und die schwüle Luft umwälzte. Francey wählte einen Fenstertisch mit Ausblick auf die Hauptstraße von Verity, über die hohe Bäume ihr Laub breiteten und morgens die östliche und nachmittags die westliche Straßenseite in Schatten tauchten. Die Kellnerin kam in ihrer rot-weiß karierten Arbeitskleidung an den Tisch geschlendert, musterte Mutter und Tochter und sagte dann: »Und was darf’s für euch sein?« »Zwei Gläser Limonade«, antwortete Francey. Dann stöhnte sie: »Ich bin müde.« Sie war fünf Tage lang durchgefahren und wollte im Moment nichts mehr vom Autofahren wissen. Sie beugte sich vor und spähte durch die schmierige Fensterscheibe. »Sieh dir dieses Schild an.« Auf der anderen Straßenseite blinkte über der Tür zum Blue Moon Diner eine leuchtend blaue Neonreklame. Francey deutete auf das Schild im Fenster, auf dem stand: »Bedienung gesucht.« »Was ist damit?« fragte Carly. »Vielleicht bleiben wir einfach ein paar Monate hier, damit wir 7
finanziell wieder auf die Füße kommen.« Carly verzog das Gesicht. »Ausgerechnet hier?« »Ja, klar.« Begeisterung schlich sich in Franceys Stimme ein. »Es ist eine Kleinstadt. Genau das, was ich will. Und schon springt mir ein verlockendes Stellenangebot ins Auge, als wäre es uns so vorbestimmt.« Carly fand nicht, daß die Stadt einen besonders interessanten Eindruck machte. Allerdings, mußte sie zugeben, würde sie keinen Ort reizvoll finden. Daher konnte sie ebensogut versuchen, das Beste aus dem zu machen, was ihre Mutter wollte. Für sie war ihre Mutter der großartigste Mensch auf Erden. Wahrscheinlich sogar im ganzen Universum. Francey rief die Kellnerin an den Tisch. »Gibt es hier in der Stadt ein Motel?« Die Kellnerin nickte. »Nur noch ein Stückchen weiter, gleich hier in der Straße, am Ende der Stadt. Das Twin-Oaks-Motel. Sie können es nicht verfehlen.« Francey sagte zu ihrer Tochter: »Wenn ich mich um diesen Job bewerben will, dann sollte ich besser im Rock erscheinen und einen anständigen Eindruck erwecken.« »Ich dachte, Mom, du wolltest von L.A. fortgehen, damit du nicht mehr kellnern mußt.« »Ich wollte von L.A. fortgehen, damit ich endlich die Hoffnung aufgeben kann. Jahrelang habe ich auf die richtige Rolle gehofft, schon lange vor deiner Geburt. Als man mir das einzige Mal eine Rolle angeboten hat, die echt Spitze war, war ich im vierten Monat schwanger mit dir und mußte das Angebot ablehnen. Seitdem lebe ich von der Hoffnung. Ich will nicht mehr hoffen, sondern in der Gegenwart leben, und dieses Städtchen hier wirkt auf mich, als wäre es ein netter Ort für ein junges Mädchen, um dort aufzuwachsen.« Nach der Hauptstraße zu urteilen, war es eher ein langweiliger Ort für Heranwachsende. Trotzdem tranken sie ihre Limonade und fuhren dann zum Twin-Oaks-Motel, wo Francey ein Zimmer für die Nacht mietete und ihre Sachen auspackte. »Es ist alles derart zerknittert, daß ich besser bis morgen früh warte und meine Kleider aufhänge, bis der Wasserdampf die Falten glättet. Laß uns einen Spaziergang machen und uns hier umschauen.« Carly gefiel nicht, was sie sah. Das Zentrum bestand mehr oder weniger aus einem Postamt, einer Tankstelle, der First National Bank, ein paar Geschäften, dem Soda Shop und dem Blue Moon Diner. Sie spazierten sechs Kreuzungen hinunter zum Kino, in dem samstags um dreizehn Uhr und an den Freitagen und Samstagen um 8
halb acht abends Filme gezeigt wurden. Ein paar Häuser weiter fanden sie das Lebensmittelgeschäft, das jeden Abend bis um sechs Uhr geöffnet hatte, außer am Sonntag, an dem noch nicht einmal die Tankstelle aufmachte. Sie kamen an einem kleinen weißen Haus vorbei, von dem die Tünche abblätterte. Francey lächelte, als sie das Schild mit der Aufschrift »Zu vermieten« sah. »Es sieht ganz so aus, als könnte es uns wirklich so bestimmt sein«, sagte sie. »O Mom, das Haus ist scheußlich. In einer so üblen Bruchbude haben wir noch nie gewohnt.« »Mit ein paar Eimern Farbe und etwas Schweiß können wir es richtig hübsch herrichten. Ich wette, daß sie nicht viel dafür haben wollen.« Als Francey die Telefonnummer wählte, die auf dem Schild angegeben war, erfuhr sie, daß die Miete fünfundvierzig Dollar im Monat betrug. »Das können wir uns problemlos leisten«, sagte sie lächelnd, »wenn ich einen Job finde.« Am nächsten Morgen begab sich Francey in einem roten T-Shirt mit V-Ausschnitt, einem weißen Rock, der seitlich geschlitzt war, und mit roten Sandalen an den Füßen zu dem Lokal, in dessen Fenster sie gelesen hatte, daß man dort eine Bedienung suchte. Blue Baker hatte das Schild vor zwei Tagen an die Scheibe gehängt. Als er Francey sah, wäre Blue beinah das Gebiß rausgefallen. Sie betrat das Lokal um sieben Uhr, eine Stunde, nachdem er es geöffnet hatte, und kurz bevor der große Andrang einsetzte. Sie sagte kein Wort, sondern ging mit wiegenden Hüften zum Fenster, holte das Schild heraus und legte es auf den Tresen. Blue und die fünf Männer, die an den Tischen saßen, starrten sie an, und allen fiel der Kiefer runter. Francey sagte zu Blue: »Probieren Sie es doch mal mit mir.« Jeder einzelne Mann im Raum hätte sich gern an ihr versucht, und doch kapierten sie alle, daß sie bei ihr keine Chance hatten. »Sie wollen wissen, wie es mit dem Gehalt und mit der Arbeitszeit aussieht?« »Ich bin ganz sicher, daß Sie mir ein faires Angebot machen werden«, entgegnete Francey. Blue hielt ihr eine Schürze hin. »Nein«, sagte sie, »vorher muß ich noch meine Tochter in der HighSchool anmelden.« An ihrem ersten regulären Schultag in der High-School sollte Carly feststellen, daß Neulinge nicht gerade besonders gnädig aufgenommen wurden. 9
Carly unterschied sich drastisch von allem, was den Jungs in der zehnten Klasse je zuvor unter die Augen gekommen war. In ihr schimmerndes blondes Haar war ein Band geflochten, das so blau war wie ein Rotkehlchenei und den Farbton ihrer Augen haargenau traf. Sie hatte Löcher in den Ohren, und wenn sie den Kopf drehte, funkelten ihre langen goldenen Ohrringe. Ihr blau-weiß gestreiftes Baumwollkleid, das auf dem Bügel sittsam wirkte, betonte ihre wohlgeformte Figur. Die Jungs fanden, die Knöpfe wirkten ganz so, als würden sie jeden Moment abreißen, und sie hofften, Carly würde in all ihrer Pracht herausspringen. Sie trug weiße Ledersandalen mit goldenen Nieten. Alle anderen Mädchen hatten Turnschuhe an. Als sie in der Tür stand, ließ sie eine Kaugummiblase zerspringen. Miss Hasseldorfs erste Worte waren: »Kaugummi ist hier nicht erlaubt.« Carly, die in ihrer Rolle als die »Neue« nervös war und dann auch noch als allererstes von einer Lehrerin gerügt wurde, streckte die Zungenspitze raus, nahm den Kaugummi aus dem Mund und ging auf Miss Hasseldorfs Tisch zu, um den Kaugummi in den Papierkorb zu werfen. Sie lächelte die Lehrerin strahlend an, die das junge Mädchen fasziniert anstarrte, ehe sie ihr einen leeren Platz in der mittleren Reihe zuwies. Carly setzte sich, schlug ein unbenutztes liniertes Schulheft auf, leckte die Spitze ihres Bleistifts an und blickte hoch, um bereitwillig zuzuhören. Seit sie den Raum betreten hatte, war kein Laut zu vernehmen gewesen. Miss Hasseldorf schüttelte den Kopf und blinzelte, ehe sie sich wieder der Gleichung zuwandte, die sie gerade an die Tafel schreiben wollte. »Wenn ihr eure Hausaufgaben gemacht habt«, sagte sie mit dem Rücken zur Klasse, »dann sollte euch die Lösung keine Schwierigkeiten bereiten. Wer weiß sie und kann erklären, wie er dazu gelangt ist?« Sie drehte sich um. Niemand hob die Hand. Die Lehrerin rief einen Jungen auf, der auf der hintersten Bank rumlümmelte. »Harold?« Harold schüttelte den Kopf. Sie sah sich im Klassenzimmer um. »Und wie steht es mit einer Lösung, obwohl ihr nicht wißt, wie ihr dazu gelangt seid?« Ein Bleistift rollte auf den Fußboden, und ein Junge bückte sich, um ihn aufzuheben; dabei starrte er quer durch den Raum unter den Pulten hindurch Carlys lange, braungebrannte Beine an. »Meldet sich denn niemand? Nicht ein einziger von euch?« Aus Miss Hasseldorfs Stimme war deutlich herauszuhören, daß sie am 10
Rande der Verzweiflung stand. »Zweiundsiebzig.« Die Schüler drehten sich um und starrten Carly an. Carly wünschte, der Fußboden würde sich unter ihr öffnen und sie schlucken. Sie wünschte, sie hätte den Mund gehalten, aber die Antwort war ihr gewissermaßen unwillkürlich rausgerutscht. »Weißt du, wie du zu dieser Lösung gelangt bist?« Carly zögerte, und Miss Hasseldorf sagte: »Bei uns steht man auf, wenn man sich zu Wort meldet.« Carly stand auf, und die Lehrerin hatte das Gefühl, einen taktischen Fehler begangen zu haben. Sämtliche männlichen Augenpaare waren auf die Neue geheftet. Carly gab eine kurze Antwort und stotterte in ihrer Befangenheit, ehe sie sich wieder hinsetzte. Niemand außer der Lehrerin hatte auch nur ein Wort von dem gehört, was sie gesagt hatte. Miss Hasseldorf unterrichtete schon seit siebzehn Jahren in Verity Mathematik und nach den offiziellen Schulstunden Basketball für Mädchen, und daher war ihr klar, daß sie es hier mit einer zu tun hatte, die sich in dieser Stadt jetzt schon Schwierigkeiten eingehandelt hatte, aber während Carly ihre Beweisführung darlegte, war ihr auch klargeworden, daß dieses Mädchen alle anderen Schüler, die sie bisher unterrichtet hatte, bei weitem übertraf. Bereits vor der Mittagspause hatten sich die Neuigkeiten über das gutaussehende und intelligente Mädchen im Lehrerzimmer herumgesprochen. Mr. Owens, dem Geschichtslehrer, genügte ein einziger Blick auf Carly, um zu beschließen, es würde niemals eine Rolle spielen, ob sie auch nur das geringste über Mesopotamien, den Stein von Rosette oder die Schlacht am Antietam wußte. Es kostete ihn Mühe, den Faden nicht zu verlieren und seinen Gedankengang weiterzuführen, während er darum rang, sich an das zu erinnern, worüber er eigentlich hatte reden wollen. Carly machte sich keine Vorstellung davon, welchen Wirbel sie ausgelöst hatte, und als sie nach ihrem ersten Schultag in der neuen Schule in das Motel zurückkehrte und ihre Mutter fragte: »Wie hat es dir gefallen?«, zuckte sie mit den Schultern und antwortete: »Die Leute scheinen hier nicht allzu freundlich zu sein. Niemand hat mich beim Mittagessen aufgefordert, mich zu ihm zu setzen«, und ihr war elender denn je zumute. In Pasadena war ihre Mutter Vizevorsitzende des Eltern-LehrerVerbandes gewesen und hatte im Chor der Methodistenkirche gesungen. Sie hatte ihre Umgebung als freundlich empfunden und 11
war sicher, daß man sie in Verity noch freundlicher aufnehmen würde. »Ich habe mir übrigens dieses Haus angesehen«, berichtete Francey. »Man muß eine ganze Menge Arbeit reinstecken, aber schließlich haben wir ohnehin nichts Besseres zu tun.« Sie nahm Carlys Hand und sagte: »Laß uns rübergehen und es uns anschauen. Ich habe den Schlüssel.« Carly war bestürzt über das, was sie dort vorfand. Francey aber erklärte freudestrahlend: »Das Wohnzimmer können wir weiß streichen, und wir besorgen uns Möbel auf Raten. Sieh dir nur diese Hartholzböden an. Wir werden das Holz abschleifen und es mit Klarlack versiegeln, dann wird es schon schön aussehen.« Das Resopal auf der Küchenanrichte hatte Kratzer, aber Francey hatte einmal in irgendeiner Zeitschrift gelesen, wie man solche Oberflächen wieder herrichten konnte. Der Herd und der Kühlschrank wirkten so alt, daß Carly fragte, ob sie funktionierten. Anstelle einer Antwort sagte Francey: »Von dem Erkerfenster im Eßzimmer aus sieht man eine Magnolie. Stell dir das vor.« Francey zog Carly hinter sich her durch den Korridor. »Das Haus hat zwei Schlafzimmer. Ich dachte, ich überlasse dir das größere von beiden, weil du zusätzlich noch einen Schreibtisch brauchst.« Carly erkannte einen Bestechungsversuch durchaus. Am kommenden Wochenende fuhren sie nach Corpus Christi rüber, kauften billige Gaze für Vorhänge und leisteten eine Anzahlung auf ein paar Möbelstücke, gerade nur das Notwendigste, bis Francey anfing, Geld zu verdienen. In ihren Jahren in Verity schloß Carly nur eine einzige Freundschaft. Die Familie von Zelda Marie Spencer lebte schon seit drei Generationen dort. Sie besaßen eine Ranch vier Meilen außerhalb der Stadt, und ihr Vater stand in drei Bezirken mit allen auf gutem Fuß und redete die Leute mit ihren Vornamen an, darunter auch die Sanborns und die Klebergs, denen die berühmte King Ranch gehörte. Carly war jedesmal wieder begeistert, wenn die Spencers sie übers Wochenende auf ihre Ranch einluden. Dort schwammen sie und Zelda Marie nackt im Bach, und Zelda Marie brachte Carly das Reiten bei. Sie verbrachten viele Stunden damit, über die Wiesen zu laufen, endlose Gespräche zu führen, miteinander zu kichern und von der Zukunft zu träumen. Nur an den Wochenenden und über längere Zeit im Sommer, wenn sie sich draußen auf der Ranch der Spencers aufhielt, war Carly wirklich glücklich. Francey war klar, daß Carly diese Stadt nicht mochte, aber sie war immer noch der Meinung, der Ort eigne sich 12
blendend für ein heranwachsendes Mädchen. Viel besser als L.A. Und sie war froh darüber, daß Carly Zelda Maries Bekanntschaft gemacht hatte. Während der beiden ersten Jahre in Verity ereigneten sich zwei Vorfälle, die Carly für den Rest ihres Lebens beeinflussen sollten. Zelda Marie wurde schwanger und mußte von der Schule abgehen, um zu heiraten. Joe Bob Lovetts Vater, der Tankstellenbesitzer, verabreichte seinem Sohn eine ordentliche Tracht Prügel, als Joe Bob gestand, daß er wohl der Vater sein mußte. Zelda Marie – aber keineswegs Joe Bob – wurde von der Schule verwiesen, und ihre Eltern veranstalteten eine große Hochzeitsfeier und luden die ganze Stadt zu einem Barbecue ein. Zum erstenmal in den zwei Jahren, die sie nunmehr in Verity lebten, wurde Francey zu einem Fest eingeladen. »Und dabei haben wir es nur ein einziges Mal getan«, sagte Zelda Marie, als sie sich an Carlys Schulter ausweinte. »Es hat mir noch nicht mal Spaß gemacht.« Carly schwor sich, so etwas würde ihr niemals passieren. Es konnte nicht ihr Los sein, gezwungenermaßen einen Joe Bob Lovett zu heiraten. Francey Anderson war jetzt sechsunddreißig Jahre alt und hielt immer noch an ihrem Yankee-Akzent fest, wenngleich sie auch gewisse Redewendungen übernommen hatte, und die Männer drehten die Köpfe ebenso häufig um nach ihr wie nach ihrer Tochter. Francey nähte die meisten von Carlys Kleidern auf ihrer alten Singer. Für sich selbst hatte sie seit fast drei Jahren kein neues Kleid mehr gekauft, doch ihre Kleidung, die Sachen, die sie in Hollywood getragen hatte, war in Verity einmalig. Sie sah immer noch toll aus, und ihre kurvenreiche Figur war womöglich noch anziehender als Carlys reizvoller Körper. Sie kaufte jedoch genug Stoff, um sich süße kleine Rüschenschürzen zu nähen, die sie im Diner trug. Außerdem kaufte sie sechs Paar lange, baumelnde Ohrringe, eines mit Obstgehängen, ein anderes mit großen goldenen Kreolen und eines, das aussah wie silberne Wasserfälle. Bald darauf gewöhnte sie sich an, nur noch einen Ohrring zu tragen, und zwar immer am linken Ohr. Francey mochte zwar Hollywood den Rücken gekehrt haben, aber ihre Schauspielleidenschaft hatte sich deshalb noch lange nicht gelegt. Dreimal im Jahr bewarb sie sich im Kleinen Theater von Verity um eine Rolle, und trotz des Umstands, daß sie die Erfahrung mitbrachte, die allen anderen fehlte, bekam sie nie eine. Sie fragte 13
sich, ob es wohl daran lag, daß Mrs. Padgett den Chor der Baptistenkirche, gleichzeitig aber auch das Kleine Theater leitete. Sie kümmerte sich nicht um den Umstand, daß sie der Baptistenkirche nicht angehörte, sondern fing an, sonntags dort in die Kirche zu gehen, und an einem Mittwochnachmittag erschien sie sogar zu einer Chorprobe. Ein einziger Blick auf Francey mit ihrem baumelnden Ohrring, ihrem kurzen Rock und ihren zehenfreien Sandalen genügte, und Mrs. Padgett hätte ihr am liebsten mitgeteilt, daß sie wahrhaftig niemanden mehr im Chor gebrauchen konnte. Doch als sie diese Altstimme erst einmal gehört hatte, brachte sie es nicht mehr über sich. Francey mochte ihren Job. Sie nahm das Dreifache ihres Gehalts an Trinkgeldern ein, und Blue Bakers Laden war noch nie so gut gelaufen. Die Männer, die zum Frühstück kamen, scherzten mit ihr, und wenn sie auch mit ihnen lachte, dann flirtete sie doch nie, und niemand brachte je den Mut auf, sie um eine Verabredung zu bitten. Aber es erschienen mehr und mehr Männer zum Frühstück, und Blues Laden begann sich sogar um die Mittagszeit zu füllen. Der zweite unvorhergesehene Umstand, der sich auf Carlys Leben auswirkte, war Boomer Bannerman. Sie hatte eine Schwäche für Boomer entwickelt, seit er ihr das erstemal aufgefallen war. Boomer war kein fleißiger Schüler. Er tat nur das Nötigste, aber er war intelligent und besaß eine Ausstrahlung, die alle bezauberte. Er sah nicht direkt gut aus. Als Carly sich in der High-School anmeldete, war Boomer ein schlaksiger, ungelenker Junge, der im nächsten Jahr fast zwanzig Zentimeter wuchs und daraufhin einsachtundachtzig maß. Sein welliges braunes Haar paßte gut zu seinen lebhaften dunklen Augen. Im letzten Schuljahr wurde er kräftiger und wog splitternackt rund neunzig Kilo, ohne eine Spur von Fett. Seine Sommerjobs bei einer Baufirma hatten seiner Statur nicht geschadet. Seine braunen Augen schienen ständig zu strahlen, und er pfiff fröhlich vor sich hin, während er den Bagger bediente. Auf dem Footballplatz verstand er sich nie als etwas anderes als ein Mannschaftsmitglied, obwohl er die meisten Punkte erzielte. Es gab keinen einzigen Jungen in der ganzen Schule, der Boomer nicht gemocht hätte, und es gab auch nicht ein einziges Mädchen, das nicht in ihn verknallt gewesen wäre. Boomers Familie war bereits seit fast achtzig Jahren in diesem Bezirk ansässig, und sein Vater war schon lange vor Boomers Geburt Senator in der gesetzgebenden 14
Körperschaft gewesen. Als Boomer achtzehn wurde, war sein Vater neunundfünfzig. Die beiden hatten die letzten fünfzehn Jahre allein gelebt, da Boomers Mutter an Polio gestorben war, als er gerade erst drei Jahre alt gewesen war. Boomers Daddy verbrachte einen Teil des Jahres in Austin, um Gesetze zu erlassen, und den Rest in Verity, wo er Testamente und Eigentumsurkunden aufsetzte und einmal sogar eine Scheidungsurkunde, und es gelang ihm, mindestens einmal im Jahr jeden im ganzen Wahlbezirk persönlich zu sprechen. Nichts, aber auch nichts spielte sich in seinem Wahlkreis ab, wovon Earl Bannerman nichts erfahren hätte. Boomer wurde jedoch nicht aufgrund des Einflusses, den sein Vater als Senator hatte, Captain der Verity Panthers. Er bewegte sich schlichtweg wie ein geölter Blitz auf einem Footballplatz. Boomer begann Notiz von Carly zu nehmen, als sie einander bei den Proben für das Theaterstück der Abschlußklasse zwangsläufig an vier Abenden in der Woche trafen. Zwar hatten Boomer und seine Freunde Carly Andersons Anatomie bis in alle Einzelheiten diskutiert, doch Boomer hatte nie versucht, sich mit ihr zu verabreden. Im Unterricht starrte er sie an, wenn er glaubte, daß sie nicht hinsah, aber das taten schließlich alle Jungs. Er hörte zu, wenn sie Fragen beantwortete – Fragen, die niemand außer ihr beantworten konnte –, und dabei verspürte er einen inneren Stolz, der ihn immer wieder überraschte. Er mochte den Klang ihrer Stimme, selbstsicher und doch kleinmädchenhaft, mochte den Klang ihres Lachens, und ihm gefiel, wie sie mit den Händen durch die Luft fuchtelte, wenn sie sich aufregte, und wie sie sich auf die Unterlippe biß, wenn sie nachdachte. Ab und zu nahm sie wahr, daß er sie anstarrte, und dann drehte sie sich zu ihm um, blickte ihm in die Augen und lächelte ihn strahlend an. Nie sah er diesen Gesichtsausdruck an ihr, wenn sie jemand anderen anlächelte. Und Carly spürte nie ein ähnliches Flattern in der Brust wie in den Momenten, in denen sie zufällig wahrnahm, daß er sie betrachtete. »Boomer Bannerman«, flüsterte Carly, als sie sich in einer mondhellen Nacht aus dem Fenster beugte. »Leuchtender Abendstern, bring Boomer Bannerman zu mir!« Es war März, die Knospen der Bäume waren aufgesprungen, und ihr filigranes Laubwerk zeichnete sich vor den Straßenlaternen als Silhouette ab. Boomer hatte es sich angewöhnt, Carly um neun Uhr, wenn die 15
Proben zu Ende waren, nach Hause zu begleiten. Er tat dies unter dem Vorwand, es sei zu gefährlich für ein Mädchen, allein durch die Straßen zu laufen, obwohl in Wahrheit die einzigen Verbrechen, die jemals in Verity begangen wurden, Geschwindigkeitsüberschreitungen waren – und selbst diese begingen nur Teenager oder auswärtige Fahrer beim Durchgangsverkehr – und kleine Vandalismusakte wie zum Beispiel das Anzünden von Feuerwerkskörpern in ländlichen Briefkästen mitten in der Nacht. Als er sich endlich dazu durchrang, sie zu küssen, war es ein langer und süßer Kuß, der Carly schmelzen und sich nach mehr sehnen ließ. Sie legte sich ins Bett und beobachtete, wie der Mondschein weißlich in ihr Schlafzimmer fiel. Dann setzte sie sich in ihrem durchsichtigen Nachthemd auf, schlang die Arme um ihre Knie und sagte laut: »O Boomer.« Auch Francey nahm in ihrem Zimmer auf der anderen Seite des Korridors den Mondschein wahr. Das Radio war so leise gestellt, daß sie es nur mit Mühe hören konnte, und dort wurde ein Lied aus den Zeiten gespielt, als sie in Carlys Alter gewesen war. Sie hatte ihr Nachthemd ausgezogen und tanzte durch das Zimmer, mit einem unsichtbaren Partner, dessen Gesicht sie nicht erkennen konnte, doch sie spürte seine Hand beim Tanzen auf ihrem Rücken, und sie hätte schwören können, daß er sie ganz eng an sich zog, so eng, daß sie fühlte, wie ihre Brüste sich an ihn preßten und seine Beine sich an ihre schmiegten, während sie im Mondschein durch das Zimmer wirbelten.
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2 Boomer war von Natur aus sportlich veranlagt und schwamm weiter und schneller als jeder andere in der ganzen Gegend. Im Football war er furchtlos und legte sich ohne jeden Gedanken an eine Verletzung mit seinen Gegenspielern an, und doch landete er schon vor dem High-School-Abschluß mit einer ausgerenkten Schulter, einer gebrochenen Nase, einem gebrochenen Bein und einem gebrochenen Arm im Krankenhaus. Die ausgerenkte Schulter rührte von dem Versuch her, mit einem Pferd über ein Hindernis zu springen, das zehn Zentimeter höher als alles andere war, woran sich das Pferd bisher versucht hatte. Den gebrochenen Arm hatte er sich zugezogen, als er bei seinem Bemühen, Tiger, Homer Barrons orange und weiß gemusterte Katze, zu retten, von einem Pfirsichbaum gefallen war. Das gebrochene Bein kam daher, daß er mit Bob Donovans Motorrad gefahren war, und seine Nase hatte bei einem Faustkampf in der sechsten Klasse mal was abbekommen. Als er fünfzehn war, brachte sein Daddy ihm das Autofahren bei, und zu seinem sechzehnten Geburtstag schenkte er Boomer einen Chevy Bei Air. Er war der einzige Junge, der in einem neuen Wagen zur Schule kam. Sämtliche Mädchen verzehrten sich danach, von Boomer in seinem Chevy mitgenommen zu werden. Boomer und seine Freunde, die allgemein Boomers Bande genannt wurden, sorgten wie niemand sonst für Aufregung in Verity. Der Senator hatte ihm den Wagen unter der Voraussetzung geschenkt, daß er nichts trank, »noch nicht einmal einen kleinen Schluck Bier, hörst du«, solange er nicht die High-School abgeschlossen hatte, und das war mit achtzehn Jahren, einem Monat und drei Tagen. »Falls mir zu Ohren kommen sollte, daß du etwas getrunken hast, werde ich dir den Chevy wegnehmen, und du kriegst nie wieder einen anderen Wagen von mir.« Senator Bannerman drohte Boomer mit dem Finger, obwohl er wußte, daß das nicht nötig war. Boomer hatte es ihm versprochen, und Boomer brach nie, aber auch wirklich nie, was er versprach. Und außerdem vergötterte er seinen Daddy. Senator Bannerman hatte seinem einzigen Sohn seine eigenen strengen ethischen Grundsätze eingeimpft. Er erklärte Boomer, wie schön es sei, das Mädchen, mit dem man ins Bett gehe, echt und ehrlich zu mögen. Earl Bannerman respektierte die Frauen, und er wollte, daß auch sein Sohn sie respektierte. 17
Insbesondere galt sein Respekt seiner Sekretärin in Austin, die mehrmals im Jahr nach Verity kam, »um Liegengebliebenes aufzuarbeiten«. Boomer beachtete sie kaum. Sie war nicht hübsch, sie trug eine Brille, und sie war alt. Als er ihr vor zehn Jahren zum erstenmal begegnet war, mußte sie bereits fünfunddreißig gewesen sein. Boomer lernte von seinem Vater, daß ein Mann durch sein Wort gebunden war und daß sich ein Versprechen mit einem Handschlag besiegeln ließ. Boomer war so stolz auf seinen Daddy, wie kein anderer Junge in ganz Verity auf den eigenen Vater hätte stolz sein können. Earl Bannerman hatte vor Boomers Geburt die Elektrizität nach Verity gebracht, in seiner ersten Legislaturperiode, als Franklin D. Roosevelt mit seinem New Deal im ländlichen Amerika und auch für die Arbeitslosen Wunder gewirkt hatte. Boomer berief sich nur sehr selten auf die Verwandtschaft mit seinem Vater. Statt dessen bemühte er sich, den Erwartungen zu entsprechen, die an den Sohn eines Senators gestellt wurden, und er war stolz darauf, ein Bannerman zu sein. Aber Boomer war schon für sich allein genommen eine Wucht, insbesondere in einer Stadt wie Verity. Zwar beneideten die anderen Jungs Boomer, doch sie mißgönnten ihm nichts. Sie waren gern mit ihm zusammen, und es machte ihnen Spaß, an den Samstagabenden mit ihm durch die Stadt zu fahren und spöttisch über Titten und Ärsche herzuziehen, während sie versuchten, Mädchen aufzugabeln. Carly Anderson trieb sich Samstag abends nicht auf dem Stadtplatz herum, und daher konnten sie auch nicht über sie lästern, wenn sie in Boomers schnittigem Wagen dort vorbeifuhren, doch wenn sie über Mädchen redeten, fiel in jedem dieser Gespräche unweigerlich Carlys Name, und auch Anspielungen auf ihre Figur waren an der Tagesordnung. Die Mütter hegten Boomer gegenüber ambivalente Gefühle. Sie wünschten sich, er würde ihre Töchter zu einem Rendezvous bitten, weil er Senator Bannermans Sohn und der Captain des Footballteams war, aber auch, weil er der beliebteste Junge in der ganzen Stadt war. Gleichzeitig erschauerten sie bei diesem Gedanken, denn wenn er ihnen sonntags in der Kirche begegnete oder sich auf dem Parkplatz vor der Gemischtwarenhandlung erbot, ihnen die Lebensmittel zum Auto zu tragen, dann sagten sein strahlendes Lächeln, seine kräftigen Muskeln, seine Anmut und die freundliche, offene Art, einem mitten ins Gesicht zu sehen, eben diesen Müttern, daß ihre Töchter es nicht 18
fertigbringen würden, ihm zu widerstehen. Boomers große braune Augen standen weit auseinander, und dazwischen saß die Nase, die er sich mit Zwölf gebrochen hatte. Er hatte einen schönen Mund, und seine Lippen waren voll und gewöhnlich zu einem unbefangenen Lächeln verzogen. Seine Stimme war melodisch und zugleich rauh, und er trat bezaubernd galant auf. Erstaunlicherweise war er zu dem Zeitpunkt, zu dem er Carly zum Abschlußball einlud, noch nicht mit vielen Mädchen ausgegangen. Seine erste sexuelle Erfahrung hatte er mit Vierzehn gemacht, mit einem Mädchen aus Mount Barker, das die Beine für jeden Jungen breitmachte, der sie ins Kino einlud und ihr einen Milkshake ausgab. Obwohl er das Ganze als angenehm empfunden hatte, hegte er doch seine Zweifel an einem Mädchen, das es praktisch mit jedem trieb. Den Sommer zwischen seinem ersten und zweiten Jahr an der HighSchool verbrachte er in Heuschobern mit einem Yankee-Mädchen, das aus dem Norden von Michigan kam und bei Mrs. Ferguson, seiner Tante, zu Besuch war, die gegenüber von Bannermans wohnte. Verity war vor Aufregung ganz aus dem Häuschen, als Boomer und Carly sich die ersten Male gemeinsam in der Öffentlichkeit blicken ließen, im Hot Shop ihre Cherry-Cokes tranken, Samstag abends im Drive-In auftauchten und Sonntag morgens gemeinsam in der Kirche erschienen. Carly war den Moralaposteln von Verity ebenso suspekt wie ihre Mutter, die ihrer Meinung nach den Job im Diner nur ihren kurzen Röcken und ihren prall gefüllten Blusen zu verdanken hatte. »Man kann sich ja denken, was Boomer von diesem Mädchen will«, sagten sie. Bestand darin auch nicht sein einziges Ziel, so war es doch das, was Boomer tatsächlich von Carly wollte. Es war so schlimm geworden, daß er an nichts anderes mehr zu denken vermochte als an sie. Wenn er lernen wollte und spätabends an seinem Schreibtisch saß und immer wieder dieselbe Seite las, dann konnte er nichts anderes als Carly vor sich sehen, ihre lachenden Augen und ihr goldenes Haar und die Ader an ihrem Hals, die sich blau gegen die zarte blütenweiße Haut absetzte. Er konnte ihren Geruch einatmen, diesen frischen und sauberen Duft, wie Wälder und Wiesen unter der Sommersonne. Er dachte immer wieder daran, was er empfunden hatte, als er im Drive-in seinen Arm um sie gelegt und sie vertrauensvoll den Kopf an seine Schulter geschmiegt und eine Hand 19
auf sein Bein gelegt hatte. In dem Moment hatte er nur gehofft, sie könnte nicht fühlen, was in ihm vorging. Im Unterricht sah er sie vom anderen Ende des Klassenzimmers aus an und beobachtete, wie sie mit den wohlgeformten Beinen wippte; ihre Zehennägel waren leuchtend rot lackiert, in einem Farbton, der zu ihrem Lippenstift paßte. Senator Bannerman hatte zu Ostern in der Kirche ein einziger Blick auf Carly genügt, um zu erkennen, daß dies eine Phase war, die Boomer durchmachen mußte. Wenn es erst einmal soweit war, daß Boomer das College abschloß, würde er all das längst ausgelebt haben und sich ein passenderes Mädchen suchen, ein Mädchen, das nicht den Eindruck erweckte, jeden Moment die Knöpfe seiner Bluse zu sprengen, ein Mädchen, das nicht ganz so laut lachte. Bis dahin mußte er tolerant sein und die Situation akzeptieren. Als er erfuhr, daß Boomer mit diesem Mädchen zum Abschlußball gehen wollte, schlug er ihm vor, ein Ansteckbukett aus Orchideen zu besorgen. Boomer stellte sich jedoch noch geschickter an und fragte Francey nach der Farbe des Kleides, das Carly zum Abschlußball tragen würde. »Rot«, sagte Francey und wies ihn darauf hin, daß sich eine einzige weiße Kamelie an einem roten Band perfekt eigne. Boomer mochte Francey trotz ihres Akzents, der deutlich darauf hinwies, daß sie aus der Gegend nördlich der Mason-Dixon-Linie stammte. Sie machte Fotos von den beiden, als Boomer kam, um Carly abzuholen. Als er ihr mit ihren hoch aufgesteckten Locken und ein paar duftigen Strähnen, die über ihr rechtes Ohr fielen, gegenüberstand, dachte Boomer, daß er so etwas wie Carly noch nie gesehen hatte, Franceys goldene Kreolen baumelten an ihren Ohrläppchen, aber bis auf die gigantische weiße Blüte am Halsausschnitt trug Carly keinen weiteren Schmuck. »Du brauchst nicht aufzubleiben und auf mich zu warten«, sagte Carly und gab ihrer Mutter einen Gutenachtkuß. Sie tanzten den ganzen Abend miteinander und ließen keinen einzigen Tanz aus, weder die langsamen, verträumten Melodien, während deren sie für niemand anderen Augen hatten, wenn er sie eng an sich schmiegte und ihr ins Ohr flüsterte: »Du gehörst in meine Arme«, noch die schnellen, ungestümen neuen Tänze, wie den Shimmy, bei dem sie sich schüttelten und sprangen und vor Freude laut lachten. Carly hatte in ihrem ganzen Leben nie einen so wunderbaren Abend verbracht. 20
Als alles vorbei war und die ersten Girlanden aus Kreppapier von der Decke der Sporthalle zu fallen begannen, sagte Boomer: »Komm doch noch mit zu mir.« Obwohl keine Sitzung stattfand, hielt sich der Senator in Austin auf und respektierte dort seine Sekretärin, doch Boomer hegte nicht den geringsten Verdacht. Er wußte lediglich, daß niemand zu Hause war. Carly hatte noch nie ein so großes Haus mit so vielen dunklen Möbelstücken und so vielen Gemälden von Vorfahren an den Wänden gesehen, und noch nie eine Küche mit zwei Herden und mit Töpfen, die an Flaschenzügen von der Decke hingen, und noch nie ein Badezimmer, das größer als ihr eigenes Zimmer war. Sie hatte auch noch nie Boomers Zimmer gesehen, und dorthin führte er sie, nachdem er sie in jedem einzelnen Raum des unteren Stockwerks und auf jeder einzelnen Stufe der langen Treppe geküßt hatte, bis Carly so trunken vor Verlangen war, daß ihr schwindelte. Sie entschied, sie sei verliebt. Als Boomers Hand endlich ihre Brüste streichelte, war sie bereit, sich die Kleider vom Leib zu reißen und die Vorsicht in den Wind zu schlagen, obwohl sie nervös war und sich fragte, was eigentlich genau von ihr erwartet wurde und ob sie ihre Sache denn auch richtig machen würde. Dagegen wußte sie jedoch nur zu genau, daß sie seine Küsse überall auf ihrem ganzen Körper spüren wollte, daß sie von seinen Händen berührt werden, neben ihm liegen und sehen wollte, wie der Körper eines Mannes tatsächlich aussah. Sie ließ ihr Kleid auf den Fußboden fallen. Darunter trug sie nichts weiter als einen kleinen Slip aus weißer Spitze. »Himmel!« stieß Boomer hervor und zog sie eng an sich. Er vermutete, daß sie sogar noch schöner war als Marilyn Monroe zu ihren Glanzzeiten. Er knöpfte sein Hemd auf, warf es über einen Stuhl, zog den Reißverschluß seiner Hose runter und ließ sie auf den Boden fallen. Dann hob er Carly hoch und trug sie zu seinem Bett. Sie bewegte sich unter ihm, reagierte auf seine Bewegungen und stöhnte, als er zärtlich in ihre Brüste biß und seine Zunge über deren Spitzen schnellen ließ. »Hör nicht auf«, flüsterte sie und vergaß ihre Furcht, bis sie seine Härte zwischen ihren Beinen fühlte. »Du hast den schönsten Körper auf dieser ganzen gottverdammten Welt«, flüsterte er. Carly lachte, während ihr eine Gänsehaut über den Nacken und langsam auch über die Arme lief. Trotz all seines Mangels an Erfahrung spielte Boomer sie wie ein Virtuose, der seine Stradivari 21
stimmt, und die Berührungen seiner Finger entlockten ihr ein tosendes Crescendo. Er tat ihr nur einen Moment lang weh, aber sie war gebannt und hatte sich so sehr in eine Ekstase hineingesteigert, daß der vorübergehende Schmerz ihre Bewegungen noch nicht einmal verlangsamte. »O Boomer!« rief Carly, als unerwartet warme Wogen über sie hin wegspülten. »O mein Gott!« flüsterte er mit den Lippen an ihrem Hals.
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3 Als
Ende Mai die Abschlußzeugnisse ausgegeben wurden, wurde Carly die Auszeichnung zuteil, die Abschlußrede zu halten. Zwar waren die Frauen, die in Verity das Sagen hatten, überrascht, doch gab man in Verity nicht allzuviel auf den Verstand, und schon gar nicht, wenn es sich um denjenigen eines Mädchens handelte. Intellektuellen wurde Argwohn entgegengebracht; nichtsdestoweniger herrschte allgemeines Erstaunen darüber, daß auf diesem Körper mit diesen Rundungen ein funktionierender Kopf saß. Da Intellekt jedoch keineswegs ein Kriterium dafür war, daß man sich in die Gesellschaft von Verity einfügte – vielleicht las dort noch nicht einmal ein halbes Dutzend Leute ein halbes Dutzend Bücher im Jahr –, wurden Carlys schulische Erfolge geflissentlich übergangen, abgesehen davon, daß sie den Preis von einhundert Dollar gewann, den die First National Bank für herausragende schulische Leistungen ausgesetzt hatte. Boomer hatte ein Stipendium für die University of Texas oben in Austin bekommen, doch er würde den ganzen Sommer zu Hause verbringen und seinem Baggerfahrerjob nachgehen, der ihm in diesen paar Monaten mehr einbrachte als das, was Francey in einem Jahr verdiente, einschließlich der Trinkgelder. Carly hatte in der High-School Maschinenschreiben gelernt. Sämtliche anderen Kurse, in denen sie sich hervorgetan hatte, hätten ihr Zugang zu einem College verschafft, wenn sie es sich hätte leisten können, doch keines dieser Fächer würde ihr dabei behilflich sein, in Verity einen Job zu finden. Dennoch bekam sie einen Job, ehe sie auch nur begonnen hatte, sich danach umzusehen. Einen Tag nachdem es Zeugnisse gegeben hatte, rief der Bankdirektor an und erklärte, sie solle, wenn sie möge, bei ihm vorsprechen. Sie hatte die Bank, die einzige in der ganzen Stadt, noch nie auch nur betreten. Da Blue ihre Mutter immer bar bezahlte, brauchten sie keine Bank. Es gab zwei Schalter für die Kassierer, einen langen Schalter mit Schreibstiften, Scheckformularen und Einzahlungsbelegen und die Tür zum Büro, auf der stand: WALTER B. DAVIS, BANKDIREKTOR. Francey hatte gesagt: »Wahrscheinlich plant er eine freundliche Geste, weil sie dir diesen Preis verliehen haben. Vielleicht wird er dir zeigen, wie man ein Bankkonto eröffnet.« 23
Als Carly sein Büro betrat, stand der stämmige Mann auf und streckte ihr über seinen Schreibtisch aus dunklem Walnußholz die Hand entgegen. Sie schüttelte seine Hand, die ihr wie eine freundliche Pranke erschien, und er machte ihr ein Zeichen, auf einem Ledersessel Platz zu nehmen. Als er sie aufmunternd anlächelte, spiegelte sich in seinen Brillengläsern mit dem dünnen goldenen Gestell die Sonne wider. »Ihre Rede gestern hat mich beeindruckt«, sagte er, während er das Ende einer Zigarre abschnitt und unter einem Stapel von Papieren nach einem Streichholz suchte. »Haben Sie sie selbst geschrieben?« »Ja, Sir. Vielen Dank, Sir.« Er war untersetzt, sein blondes Haar lichtete sich schon, und ein kleiner Bauch drohte, sich zu einem Rettungsring auszuweiten, wenn er nicht bald anfing, Gymnastik zu betreiben. Für einen Mann, der darüber entschied, wer Darlehen bekam und ob aus einer Hypothek die Zwangsvollstreckung betrieben wurde, gab sich Walt Davis unauffällig und zurückhaltend, zumal er früher auch noch Vorsitzender des Rotary Club gewesen war. »Sie werden jetzt aufs College gehen?« Als Carly den Kopf schüttelte, zog er an seiner Zigarre und füllte den Raum mit einem Gestank, von dem ihr ein wenig übel wurde. »Das ist eine wahre Schande. Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?« »Ich werde mich nach einem Job umsehen.« Sie konnte beim besten Willen nicht ahnen, daß ihr Lächeln und ihre Direktheit ihn betörten. »Ehe Sie den Preis der First National Bank erhalten haben, habe ich mich nach Ihrem Notendurchschnitt erkundigt. Es ist eine verfluchte Schande, eine so herausragende Intelligenz zu vergeuden. Wollen Sie hier arbeiten? Eine meiner Schalterangestellten scheidet aus, weil sie heiratet.« Carly blinzelte. »Die Arbeitszeit ist von acht bis fünf, mit einer Stunde Mittagspause, zwei Wochen Urlaub im Jahr und fünfundsechzig Dollar die Woche«, fuhr er fort. Dann lächelte er sie auf eine Art und Weise an, die sie als äußerst väterlich empfand. »Sie sind doch die Tochter von Francey Anderson, der Kellnerin im Diner, nicht wahr?« Carly nickte. Sie wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, wußte jedoch, daß sich das nicht gehörte. Also ließ sie die Hände auf dem Schoß liegen und blieb mit züchtig geschlossenen Knien in dem tiefen Ledersessel sitzen. »Was ist?« fragte er. »Wollen Sie den Job?« »O ja, Sir. Ja, sicher.« 24
Er lachte, ein angenehm klingendes Lachen, und seine Augen funkelten belustigt. »Nach zwölf Jahren Schule haben Sie vermutlich dringend Urlaub nötig, und deshalb werde ich Sie nicht gleich für morgen herbestellen. Was halten Sie davon, in zwei Wochen hier anzufangen?« Er stand auf und reichte Carly die Hand. Carly umfaßte über den Schreibtisch hinweg seine ausgestreckte Hand mit beiden Händen. »O ja, Sir. Vielen Dank.« »Ich heiße Mister Davis«, sagte er lächelnd, »und nicht Sir.« »O ja, Sir. Ich werde es mir merken.« Boomer lachte, während seine Finger den Verschluß ihres BHs öffneten. »Du in der Bank?« Von dem Moment an, da er sie von der Arbeit abholte, bekam er im Grunde genommen kein einziges Wort davon mit, was sie sagte. Solange sie sich nicht geliebt hatten, war seine gesamte Konzentration darauf ausgerichtet, ihren reizvollen Körper zu erforschen, eine neue Stellung auszuprobieren oder zu sehen, wie Carly auf oralen Sex reagierte. Oder, genauer gesagt, um zu sehen, ob er es mochte. Millicent Pilgrim war schon seit sechsunddreißig Jahren bei der Bank. Ihr graues Haar war dünn und nie ganz gleichmäßig geschnitten. Sie schaute hinter dicken Gläsern, die ihre grün gesprenkelten Augen stark vergrößerten, auf die Welt hinaus. Carly fand, daß sie wie eine Eule aussah. Sie brachte jedem einzelnen Kunden der First National Bank unerschöpfliche Höflichkeit entgegen und erkundigte sich nach dem Befinden eines kranken Säuglings; nach dem Stadium der Schwangerschaft einer Cousine oder nach dem Kropf einer Schwägerin. Sie kannte jeden, der ein Bankkonto hatte. Alles, was sie zu hören bekam, waren jedoch Informationen und niemals Klatsch, da sie ihr Wissen ausschließlich über ihren marmornen Bankschalter bezog und es nie aus belanglosen Gesprächen im Alltag schöpfte. Nach der Arbeit begab sich Miss Pilgrim auf direktem Weg nach Hause. Einmal wöchentlich, am Donnerstag, erledigte sie ihre Einkäufe im Selbstbedienungsladen, doch sonst bekam man Miss Pilgrim außerhalb der Arbeitszeiten nie zu sehen. An den Sonntagen überquerte sie noch nicht einmal die Straße, um den Gottesdienst in der Baptistenkirche zu besuchen. Miss Pilgrim hatte noch nie von Francey Anderson oder ihrer Tochter gehört, abgesehen davon, daß Carly den angesehenen Preis der First National Bank erhalten hatte. Mit Nachrichten wurde Miss Pilgrim von Fernsehreportern wie Walter Cronkite oder David 25
Brinkley eingedeckt, und daher wußte sie genauer darüber Bescheid, was sich im Mittleren Osten, in Bangladesch oder auch in New York City abspielte, als über das, was in Verity vorfiel. In ihren sechsunddreißig Jahren bei der Bank war ihr nie ein Fehler unterlaufen, und sie hatte sich nicht ein einziges Mal um einen einzigen Cent verrechnet. Erst in den letzten zwölf Jahren war eine zweite Schalterangestellte notwendig geworden, und seitdem waren sieben andere Angestellte gekommen und gegangen. Miss Pilgrim brachte jeder einzelnen von ihnen alles, was sie wußte, bei, sie blieb grenzenlos freundlich, wenn sie etwas zum zweiten- oder gar drittenmal wiederholen mußte, und runzelte niemals kritisch die Stirn, wenn ihre Kolleginnen Fehler machten. Nachdem Carly sechs Wochen in der Bank gearbeitet hatte, erschien Mr. Davis in der Tür und forderte sie auf, in sein Büro zu kommen. Sie dachte, er würde sie vielleicht dafür tadeln, weil sie vorhin Boomer zugewunken und ihm aus der Bank etwas zugerufen hatte. Aber Mr. Davis schloß die Tür hinter ihr und sagte: »Wie ich sehe, hatten Sie in der HighSchool zwei Jahre lang Spanisch belegt.« Carly lächelte überrascht und sagte: »Si.« Er lachte auf seine nette, väterliche Art. »Aber ich kann es nicht wirklich sprechen«, fuhr sie fort. »Ich bin ziemlich gut im Konjugieren von Verben, doch das ist auch schon alles. Und wenn ein Mexikaner schnell spricht, verstehe ich kein Wort.« Mr. Davis nickte. »Ich stelle mir folgendes vor: Ich werde von der Berlitz-Schule ein paar Kassetten anfordern. Um drei Uhr, wenn die Bank schließt, kann Miss Pilgrim die Konten bearbeiten und auch für Ihre Kunden die Buchungen übernehmen, und Sie lernen jeden Tag eine Stunde lang Spanisch. Es gibt so viele Mexikaner hier in der Gegend, und Miss Pilgrim sind sie irgendwie unheimlich. Jemand, der ihre Sprache beherrscht, wird unser Image aufbessern und unseren Geschäften Auftrieb geben, aber gleichzeitig auch den Mexikanern eine große Hilfe sein.« Carly strahlte ihn an. Sie vermochte kaum zu glauben, daß er ihr jetzt schon Verantwortung übertrug. »Ihr Vater ist tot, nicht wahr?« sagte Mr. Davis plötzlich. Carly nickte. Sie war bestürzt über die Wendung, die das Gespräch genommen hatte. »Das muß ein hartes Leben für Ihre Mutter sein.« Konnte man das so sagen? Carly fand, ihre Mutter sei tapfer und einfallsreich, und sie gab sich nie so, als wäre ihr Leben schwer. »Zu Hause summt sie oft vor sich hin«, entgegnete Carly, und dann begriff sie, wie albern ihre Bemerkung klingen mußte. 26
»Ach ja?« Mr. Davis schnitt die Spitze einer Zigarre ab, und Carly hatte plötzlich nichts anderes mehr im Kopf, als aus seinem Büro zu verschwinden, ehe er sie anzündete. Sie stand auf und sagte: »Ich lerne gern etwas dazu, Mister Davis. Ich hätte nicht das geringste dagegen, mein Spanisch aufzubessern.« Als sie auf die Tür seines Büros zuging, fiel sein Blick auf ihre Hüften, und er dachte, daß sie ihrer Mutter wirklich sehr ähnlich sah, der er bei den Abschlußfeierlichkeiten in der High-School zum erstenmal begegnet war. Am nächsten Abend, als sie den Salat anmachte, erzählte Francey Carly: »Dein Boss hat heute morgen im Diner gefrühstückt. Er ist wirklich sehr nett. Er hat gesagt, du würdest deine Arbeit gut machen, und daß er dich eingestellt hat, sei vielleicht die klügste Entscheidung gewesen, die er im ganzen letzten Jahr getroffen hat.« Carly spürte, daß sie errötete. Walt Davis stand in der Tür seines Büros und mußte sich enorm zusammenreißen, um nicht laut loszulachen. Die Bank erschien ihm ganz so, als feierten Vierzehnjährige dort ein Klassenfest. Die Frauen standen Schlange und warteten auf Miss Pilgrim, wohingegen sich jeder einzelne Mann bei Carly angestellt hatte. Wenn eine Frau hereinkam – abgesehen von den Lehrerinnen, die in der High-School unterrichteten –, wartete sie selbst dann darauf, von Miss Pilgrim bedient zu werden, wenn bei Carly niemand anstand und sie dort augenblicklich drangekommen wäre. Als der September seinem Ende nahte, fiel ihm auf, daß sich auch die Mexikaner, die in die Bank kamen, bei Carly anstellten, um von ihr bedient zu werden. Carly brach jedoch das Herz. Boomer war in der letzten Augustwoche zum Footballtraining nach Austin gefahren, obwohl nicht die geringste Chance bestand, daß er schon im ersten Studienjahr im Collegeteam mitspielen würde. Er hatte gelobt, noch vor Thanksgiving nach Hause zu kommen, und er hatte im Scherz gesagt, er würde ihr raten, sich mit keinem anderen einzulassen, solange er fort sei. Als ob sie auch nur im Traum daran gedacht hätte. Niemand konnte sich an Boomer messen, und so würde es auch bleiben. Er hatte sie zwar gewarnt, er sei kein großer Briefschreiber, doch sie schrieb ihm täglich. Sie vermißte es, von ihrer Arbeit aufzublicken und ihn mit einem breiten Grinsen neben der Eingangstür zur Bank stehen zu sehen, wenn es Zeit für ihre Mittagspause war. Sie vermißte seine Küsse und seine Blicke, die sie dahinschmelzen ließen. Sie vermißte es, mit ihm zu schlafen, und sie vermißte auch die Dinge, die seine Hände 27
und seine Zunge mit ihrem Körper taten. Sie hatte sich bisher nicht vorzustellen vermocht, daß sich jemand derart einsam fühlen könnte. »Mom«, sagte Carly eines Abends, nachdem sie sich Bonanza angesehen hatten, »es ist allmählich an der Zeit, daß du mir das Autofahren beibringst.« Francey nickte und trank einen Schluck von dem einen Bier, das sie sich allabendlich genehmigte. »Okay«, willigte sie ein. Sie sah auf ihre Armbanduhr. »Nach dem Abendessen ist es noch hell. Du besorgst dir morgen in der Mittagspause eine vorläufige Fahrerlaubnis, und dann fangen wir gleich damit an.« Der Wagen, den sie hatten, war ein Ford, neun Jahre alt, und Francey wusch ihn jeden Samstagnachmittag und säuberte das Wageninnere mit dem Staubsauger, weil sie wußte, daß sie niemals in der Lage sein würde, sich einen anderen Wagen zu leisten. Sechs Wochen später hatte Carly ihren Führerschein – sechs Wochen, in denen sie Boomer unermüdlich schrieb und sich mit den Mexikanern, die in die Bank kamen, um ihre Lohnschecks einzulösen, mit einem äußerst begrenzten Vokabular und doch enthusiastisch unterhielt. Einer von ihnen eröffnete sogar ein Konto. Die meisten wurden natürlich bar bezahlt, unter der Hand, und sie bekamen Löhne, für die kein Amerikaner gearbeitet hätte. Die Mexikanerinnen putzten, spülten, kochten Mahlzeiten, erledigten Einkäufe, wechselten Windeln und waren im großen und ganzen für alle da, die sich in Verity Haushaltshilfen leisten konnten. Und in Anbetracht dieser Stundenlöhne konnte sich fast jeder in Verity einen solchen Luxus leisten. Die mexikanischen Männer mähten den Rasen, jäteten Unkraut und reparierten Reifen. Einige von ihnen arbeiteten als Viehtreiber und Cowboys oder schleppten in der Futter- und Getreidehandlung schwere Säcke. Die allerwenigsten von ihnen hatten Bankgeschäfte zu tätigen, doch es sprach sich herum, daß dort ein neues Mädchen arbeitete, das ein wenig Spanisch sprach und so lächeln konnte, daß einem Mann danach zumute war, »Ole!« zu rufen. In diesen sechs Wochen erhielt Carly nur eine einzige Postkarte von Boomer, auf der das Regierungsgebäude in Austin abgebildet war und er ihr mitteilte, daß sie ihm fehlte, es ihm aber großartig gehe, und »wir sehen uns dann zu Thanksgiving«. Mit keinem einzigen Wort war davon die Rede, daß er schon vorher für ein Wochenende nach Hause kommen würde. Carly weinte sich in den Schlaf. Sie wußte ganz genau, daß er 28
Studentenpartys mit wunderschönen Mädchen besuchte, die Cheerleader waren und kurze, enge Röcke und elegante Perlenketten trugen und Boomer herablassend lächelnd nicht mehr erlaubten, als ihre geschlossenen Lippen zu küssen. Wahrscheinlich ritten sie im Damensitz, besuchten in langen weißen Kleidern Tanzveranstaltungen und schlossen sich Studentinnenverbindungen an. Aber an Thanksgiving würde sie es ihm zeigen. Nachdem er ihr in all den Wochen nur eine einzige Postkarte geschrieben hatte, dachte sie gar nicht daran, mit ihm ins Bett zu gehen. Nach Boomers Rückkehr am Abend vor Thanksgiving hielt sie genau eine Stunde und dreiundvierzig Minuten an ihrem Entschluß fest. In der ersten Dezemberwoche, als Boomer wieder in Austin war, sah Francey Anderson zu ihrem Erstaunen, daß Walt Davis eines Morgens um sieben Uhr dreißig wieder den Diner betrat, mit dem Hut in der Hand stehenblieb und seinen Blick über die Tische schweifen ließ, die weitgehend schon besetzt waren. Abgesehen davon, daß er dem Rotary Club angehörte, hatte Mr. Davis auch in der lokalen Schulbehörde seinen Dienst geleistet – zwei seiner Dienstjahre hatte er als Vorstand verbracht –, und er hatte im Kuratorium der Baptistenkirche gesessen, ehe er aufgehört hatte, zur Kirche zu gehen. Außerdem war er Bezirksvorsitzender der Demokraten. Er war zweiundvierzig Jahre alt, und sein Haus war neben dem der Bannermans das imposanteste der Stadt. Der größte Raum in ihm war die Bibliothek, die umfangreichste im ganzen Bezirk. Er las eine Menge. Zwar führte er ein recht zurückgezogenes Leben, doch bis er im letzten Juni auf dem Abschlußfest der HighSchool Francey Anderson gesehen hatte, war ihm nicht bewußt gewesen, daß er einsam war. Walt hatte zum Frühstück bestenfalls Orangensaft, Toast und Kaffee zu sich genommen, seit seine verstorbene Ehefrau Peg vor zwölf Jahren aufhören mußte, ihm die Mahlzeiten zuzubereiten, weil ihre multiple Sklerose zu schlimm geworden war. So war niemand überraschter als er selbst, als er eines Morgens in der ersten Dezemberwoche nicht etwa seinen Kaffee durchlaufen ließ, während er sich rasierte, sondern in den Diner ging, nachdem er geduscht und sich angezogen hatte. Er hatte ungewöhnlich viel Zeit darauf verwendet, eine Krawatte auszusuchen, und er war zu dem Entschluß gelangt, daß er ein paar neue, buntere Krawatten brauchte. Walt Davis war seit fast zwölf Jahren mit keiner Frau mehr im Bett gewesen, und er hatte nie eine andere Frau als Peg gehabt. Aber 29
Francey Anderson hatte Sehnsüchte in ihm wachgerufen, die ihm unbekannt waren. Er wußte nur, daß er sich ruhelos fühlte. Sowie Francey ihn in der Tür stehen sah, ging sie auf ihn zu und lächelte ihn an. »Na so was, Mister Davis. Schön, Sie wiederzusehen. Wie wäre es mit dem Tisch dort drüben am Fenster?« Sie wartete keine Antwort ab, sondern ging voraus, und er folgte ihr und fragte sich, warum er sich so benommen fühlte. Und so beschwingt. Er setzte sich und legte seinen Stetson auf den Stuhl neben sich. Francey nahm ein Flattern in ihrer Brust wahr. »Meine Tochter redet ständig von Ihnen. Man kann wohl sagen, daß Sie ihr Leben gewaltig verändert haben.« »Auf dieses Mädchen können Sie enorm stolz sein.« »Das bin ich auch.« Francey war erstaunt über die Herzlichkeit des Mannes. »Was darf ich Ihnen bringen? Fürs erste einen Kaffee?« Er nickte. »Und einen Orangensaft. Den brauche ich morgens, um in Gang zu kommen.« »Unsere Blaubeerpfannkuchen sind unschlagbar«, sagte sie von sich aus, als sie mit seinem Kaffee zurückkam. »Sie nehmen Sahne und keinen Zucker?« Er nickte. »Das weiß ich noch vom letzten Mal, als Sie hier waren. So trinke ich meinen Kaffee auch immer.« Er mußte sich zusammenreißen, um nicht einen Arm auszustrecken und ihre Hand zu berühren, als sie dastand und den Bleistift einsatzbereit über ihren Block hielt. Er beobachtete sie, als sie andere Gäste begrüßte, offenbar Stammgäste, wenn man danach urteilte, wie sie mit ihnen scherzte, und doch fand er, daß sie etwas Damenhaftes an sich hatte. Sie lachte mit ihnen und sprach sie mit ihren Vornamen an, und ihm fiel auf, daß alle sie respektvoll behandelten, obwohl die Blicke, mit denen sie Francey hinter ihrem Rücken bedachten, bei weitem mehr als nur respektvoll waren. Ihm schienen zweieinhalb Jahre zu vergehen, bis sie mit den dampfenden Pfannkuchen zurückkam, obgleich es keine zehn Minuten gedauert hatte. Er verzehrte sich danach, sie am Arm zu packen und sie zu bitten, sich zu setzen und mit ihm zu reden, ganz gleich, worüber, solange er nur ihre rauhe, melodische Stimme hören konnte. Er wollte dieses Lachen hören, das ihn an einen plätschernden Bach erinnerte. Das Frühstück kostete zwar nur drei Dollar zwanzig, doch er ließ ein Trinkgeld von fünf Dollar auf dem Tisch liegen, und dann fragte er sich auf dem Weg zur Bank immer 30
wieder, ob sie das als eine Beleidigung auffassen würde. Er wollte nicht, daß sie ihn für gönnerhaft hielt. Als seine Mittagspause nahte, verspürte er keinen größeren Wunsch als den, wieder zu Blue zu gehen und dort zu essen, obgleich ihm in all den Jahren, seit er verwitwet war, und auch schon in den neun vorangegangenen Jahren Doria, die Frau, die sein Haus sauberhielt, auch das Mittagessen zubereitet hatte. Und wenn er abends heimkam, fand er oftmals einen Schinken oder ein Huhn im Kühlschrank. Er konnte Doria jetzt nicht kränken. An jenem Abend berichtete Francey Carly: »Mister Davis ist heute wieder zum Frühstücken gekommen.« »Wahrscheinlich fühlt er sich einsam«, erwiderte Carly. »Er lebt ganz allein.« »Und er hat ein üppiges Trinkgeld gegeben. Er mag dich sehr.« »Morgen nachmittag werde ich rausfahren und Zelda Marie und das Baby besuchen«, sagte Carly. »Das heißt, wenn du den Wagen nicht brauchst. Zelda Marie fühlt sich zur Zeit schrecklich einsam.« »Es scheint ganz so, als fühlten sich sehr viele Menschen einsam«, bemerkte Francey dazu. Carly blickte zu ihrer Mutter auf, die vor dem Herd stand und darauf wartete, daß ihr Souffle aufging. »Fühlst du dich einsam, Mom?« »Einsam? Ich? Ich trage die Einsamkeit schon so lange mit mir herum, daß sie zu einem Teil von mir geworden ist. Ich mache mir nicht einmal mehr Gedanken darüber.« Am nächsten Nachmittag war der Himmel bleigrau, und all die entlaubten Äste ließen die Eichen wie tanzende Skelette wirken. Ein Nieselregen weichte die unbefestigte Straße auf, die zu Zelda Marie führte, als Carly die vier Meilen aus der Stadt hinausfuhr, um ihre Freundin zu besuchen. Sie tat ihr Bestes, um sich für Sally Mae, das fleckige rote Baby, zu begeistern, doch das war die reinste Strapaze. Zelda Marie, die das Baby in all den Monaten ihrer Schwangerschaft gehaßt hatte, war jetzt von ihm besessen. Sie konnte kaum noch über etwas anderes reden, und sie dachte auch an so gut wie nichts anderes mehr. Der gehetzte Ausdruck, der in ihren Augen stand, sagte Carly jedoch deutlich, daß selbst ein Baby, das man ganz für sich allein hat, kein Heilmittel gegen die Einsamkeit ist.
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4 Für Zelda Marie stellte Carlys Besuch den Höhepunkt der Woche dar. Sie war regelrecht deprimiert, als Boomer über Weihnachten nach Hause kam und Carly ihre gesamte Zeit mit ihm verbrachte. Bis auf den Nachmittag des Vierundzwanzigsten, als Carly und Boomer zu ihr rausfuhren, um Geschenke zu bringen, war Zelda Marie allein gewesen, wenn man nicht mitzählte, daß sie jeden Morgen zum Haupthaus hinüberschlenderte und bei einer Tasse Kaffee mit ihrer Mutter plauderte. Ihr Daddy war derart enttäuscht von ihr, daß sie ihre Besuche bewußt auf Zeiten legte, zu denen er nicht daheim war. Sie hatten beide gehofft, ein Enkelkind würde ihn versöhnlicher stimmen, doch da Sally Mae nur ein Mädchen war, blieb er weiterhin ungerührt. »Momma, ich bin nicht die erste Tochter, der so etwas passiert ist.« Zelda Marie knöpfte das Hemd auf, das sie trug, eines von Joe Bobs Hemden, und begann ihr Baby zu stillen. »Irgendwie scheint er zu glauben, du hättest das nur getan, um ihm eins auszuwischen.« Sie sahen einander an und seufzten. »Glaubst du etwa, ich fände es toll, daß Joe Bob kaum noch ein Wort mit mir redet? Er kommt erst nach Hause, wenn ich mich schon längst schlafen gelegt habe. Ich liebe mein Baby, aber ich kann dir versichern, daß es mir ein Greuel ist, verheiratet zu sein. Ich bin entsetzlich einsam. Ich habe niemanden, mit dem ich reden kann, und täglich muß ich schmutzige Wäsche waschen. Einmal in der Woche, am Samstagvormittag, kann ich den Wagen haben, um Lebensmittel einzukaufen. Ansonsten komme ich mir vor wie eine Strafgefangene.« »Dein Daddy verbietet es mir, mich um dich zu kümmern, Liebes. Ich würde es gern tun.« »Ich weiß, Momma, ich weiß. Wie kommt es bloß, daß Männer das Recht haben, uns vorzuschreiben, was wir zu tun haben? Ich wünschte, ich hätte nicht auf Daddy gehört und mich geweigert zu heiraten.« Nicht zum erstenmal erzählte Zelda Marie ihrer Mutter, wie es für sie war, wenn sie sonntags zum Mittagessen Joe Bobs Eltern in deren Haus besuchten. »Es ist immer dasselbe. Brathähnchen. Immer. Und sie veranstalten einen großen Wirbel um das Baby, und Joe Bob und sein Daddy reden über Autos, trinken Bier, sehen sich im Fernsehen Ballspiele an und tun so, als wäre ich gar nicht da. Ich helfe beim 32
Abspülen und allem Drum und Dran, und Mistress Lovett ist einigermaßen nett zu mir, aber, Momma, mein ganzes Leben ist mir derart verhaßt.« Mrs. Spencer stand auf, ging zu ihrer Tochter und schlang mit Tränen in den Augen die Arme um sie. An jenem Abend kam Joe Bob um halb elf sternhagelvoll nach Hause. Zelda Marie lag schon im Bett, schlief aber noch nicht. Der Mondschein breitete seinen Glanz über das Land und ließ alles gespenstisch weiß wirken, und in Zelda Marie weckte er Sehnsüchte, die sie sich nicht erklären konnte. Sie hörte, wie Joe Bob nach Hause kam und eine Stehlampe umwarf. Sie lag da und lauschte seinen betrunkenen Verwünschungen. Das Baby fing an zu wimmern. Zelda Marie sprang auf und rannte durch den Flur zu Sally Maes Zimmer. Dort saß sie, hielt das Baby in den Armen und summte, um es zu beruhigen, während Joe Bob mit Obszönitäten um sich warf und brüllte, Zelda Marie habe ihn in eine Falle gelockt und das gottverdammte Baby hätte für ihn alles nur noch schlimmer gemacht. Er verlasse jetzt dieses gottverdammte Haus und komme nie mehr zurück. »Wie sehr ich doch wünschte, er täte es«, flüsterte Zelda Marie ihrer Tochter ins Ohr. Dann kehrte Stille ein. Sie packte das Baby wieder in sein Kinderbettchen und schlich sich durch den Gang. Joe Bob kam aus dem Bad gewankt und folgte ihr. Sie kroch ins Bett und ignorierte ihn. Nachdem er sich neben sie gelegt hatte, streckte er eine Hand aus und berührte ihre Brust. Sie blieb stocksteif liegen. Das hatte er nicht mehr getan, seit sie miteinander verheiratet waren. Sie konnte den Alkohol in seinem Atem riechen, und ihr lief ein Schauer über den Rücken. Dennoch wärmten sie seine Finger, die ihre Brustwarze rieben, bis ins Mark. Seit weit mehr als einem Jahr hatte ihr niemand mehr Beachtung geschenkt, und es war tödlich, derart ignoriert zu werden. Daher öffnete sie bereitwillig den Mund, als seine Zunge durch ihre Lippen stieß, und schon bald darauf fühlte sie sich von Kopf bis Fuß aufgewühlt, und das bloß, weil sie überhaupt berührt wurde. »Für irgendwas mußt du schließlich gut sein«, flüsterte er, als er sich auf sie legte. »Zu irgendwas mußt du doch taugen.« Sie wollte ihm zeigen, daß sie zu etwas taugte, und daher begann sich unter ihm zu bewegen, den Rücken zu wölben und sich an ihn zu pressen, bis sein Whiskeyatem sie einhüllte, als er flüsterte: »Der 33
Teufel soll mich holen.« Es war das zweite Mal, daß ihr Mann mit ihr geschlafen hatte, das zweite Mal, daß überhaupt irgendein Mann in sie eingedrungen war, und sie war seit genau einem Jahr verheiratet und hatte ein Baby, das schon knapp fünf Monate alt war. Ihr gefiel, was er mit ihr getan hatte, obwohl bereits alles vorbei war, ehe ihr Körper sich auch nur darauf einstellen konnte. Vielleicht war sie tatsächlich dabei, ihm zu beweisen, daß sie zu etwas taugte. Während er noch auf ihr lag, hörte sie sein Schnarchen. Er gewöhnte sich nicht an, abends manchmal eher nach Hause zu kommen, und da er nicht da war, brauchte sie ihm kein Abendessen zuzubereiten, doch er begann sie jede Nacht zu berühren, und morgens grinste er sie sogar an, ehe er sich auf den Weg zur Arbeit machte, nachdem er sein Frühstück, bestehend aus Würsten, Polenta, Eiern mit fünf Scheiben Toast und einer Tasse Kaffee, zu sich genommen hatte. Bei einem von Carlys samstäglichen Besuchen hatte Zelda Marie ein blaues Auge. Die gesamte Gesichtshälfte war angeschwollen und blauschwarz verfärbt, mit Spuren von einem Grünton, der äußerst ungesund wirkte. Zelda Marie gab von sich aus keine Erklärung dafür ab, und daher stellte Carly ihr auch keine Fragen, doch sie berichtete es ihrer Mutter. »O Gott«, sagte Francey. »Er nimmt es Zelda Marie entsetzlich übel, daß sie das Baby bekommen und ihm die Freiheit geraubt hat. Männer lassen ihre Frustrationen an Frauen aus, indem sie zu Gewalttätigkeiten greifen.« Carly schüttelte den Kopf. »O Mom, nicht alle Männer tun das. Ich meine, nicht alle Männer schlagen ihre Frauen.« »Vielleicht hast du recht«, stimmte Francey ihr zu, und ihr Blick schweifte in die Ferne. Francey machte eine gänzlich neue Erfahrung. Ihre Stimme war von Staunen erfüllt, als sie verkündete: »Mister Davis hat mich für den kommenden Samstag zum Abendessen eingeladen.« Er führte sie am Silvesterabend in eines der nettesten Restaurants von Corpus Christi aus, ins La Brasserie. Sie tranken Champagnercocktails und einen teuren Chardonnay zum Essen. Er bestellte gefülltes Perlhuhn, das auf Salat angerichtet war und mit wildem Reis und zuckersüßen Erbsen serviert wurde, und dazu einen Cäsarsalat, den der Kellner am Tisch anmachte. Zum Nachtisch aßen sie eine sündhaft köstliche Schwarzwälder Kirschtorte. Walt sagte: »Ich möchte nicht, daß dieser Abend endet«, und mit diesen Worten bestellte er Irish Coffee. Später tranken sie dann Cointreau. Francey war überrascht, denn er redete nicht viel über sich selbst, 34
wie Männer es im allgemeinen tun. Natürlich waren seine umfassende Bildung und die Leistungen, die er vollbracht hatte, in Verity allgemein bekannt. Sein Leben war ein offenes Buch. Er war in der Stadt geboren worden, in der sein Großvater die Bank gegründet hatte. Man hatte ihn im Norden in die Schule geschickt, erst Phillips Exeter und dann Dartmouth, und das erklärte mehr oder weniger, warum er keinen Akzent hatte, weder einen Südstaatlerakzent noch den der Neuengland-Staaten. Seine Mutter hatte gefürchtet, anschließend könnte ihn nichts mehr in Verity halten, doch mit Einundzwanzig war er nach Hause gekommen, und seitdem hatte er nicht den Wunsch verspürt, wieder von dort fortzugehen. Er hatte jedoch ein Mädchen aus dem Norden geheiratet, das er an einem Winterwochenende kennengelernt hatte, als sie zu einem Rendezvous mit seinem Zimmergenossen von Mt. Holyoke rübergekommen war. Walt Davis verliebte sich noch am selben Wochenende in Peggy und hatte nie eine andere Frau geliebt, und das trotz des Umstands, daß sie im Alter von sechsundzwanzig Jahren an multipler Sklerose erkrankt war und die letzten acht Jahre ihres Lebens im Rollstuhl zugebracht hatte. Bei diesem Abendessen mit Francey Anderson stellte Walt fest, daß er schon lange nicht mehr so viel gelacht hatte. Francey war lebhafter als jede andere Frau, die ihm bisher begegnet war. Vielleicht war das auf all den Champagner und den Wein zurückzuführen, doch wahrscheinlicher war es, daß es an dieser schönen Frau lag, die ihm gegenübersaß; ihre dunklen Augen glänzten, ihr roter Mund war zu einem Lächeln verzogen, ihr ebenholzschwarzes Haar umrahmte ihr Gesicht, und an ihren Ohren schimmerten Ohrringe mit Bergkristallen. Es mußten Bergkristalle sein, doch eines Tages würden dort Diamanten funkeln, dafür würde er sorgen. Er war verwundert über seine eigenen Gedanken. »Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letztemal so wohl gefühlt habe. Und dabei hatte ich gefürchtet, mir würde nichts einfallen und ich wüßte nicht, was ich sagen soll.« Walt nippte an seinem Cointreau. Franceys Hand lag auf dem Tisch. Er streckte einen Arm aus und blickte ihr in die Augen, während er seine Hand auf ihre legte. Die Art, wie sie ihn ansah, wärmte ihn von Kopf bis Fuß. Jetzt tat es ihm leid, daß er nicht mit ihr in ein Lokal gegangen war, in dem eine Tanzkapelle spielte. Er wollte sie in seine Arme nehmen und sich zu den langsamen Rhythmen eines 35
Streichorchesters mit ihr bewegen. Er wollte das Parfüm tief einatmen, das sie aufgetragen hatte. Aber in Wirklichkeit wollte er, wie ihm plötzlich klar wurde, am liebsten ihre leuchtend roten Lippen küssen. Als er ihr dann zum Abschied eine gute Nacht wünschte, hielt er jedoch dreißig Zentimeter Abstand und erwiderte schlicht und einfach: »Ich auch«, als Francey sagte, sie habe den Abend wirklich sehr genossen. Und das entsprach der Wahrheit. Soweit sie sich erinnern konnte, war sie zum erstenmal in ihrem ganzen Leben so behandelt worden, als wäre sie ihrem Gegenüber wichtig. Walt gab ihr das Gefühl, geistreich und klug zu sein. Er lachte über ihre Scherze und fragte sie nach ihrer Kindheit und Jugend in New Jersey. Sie hatte ihn belogen und ein hübsches Bild für ihn entworfen, und außerdem hatte sie gesagt, die Schwüle, die den größten Teil des Jahres in Texas herrschte, sei ihr verhaßt. Er fragte sie, warum sie bliebe. »Ich wollte Carly nicht in ihrem letzten Schuljahr entwurzeln.« Und kichernd fügte sie hinzu: »Dann hätte sie niemals den Preis der First National Bank erhalten.« »Und warum bleiben Sie jetzt noch hier?« Francey hatte mit den Schultern gezuckt. »Vermutlich müßte man mich als >inert< bezeichnen. Ich bin wohl antriebslahm.« Walt kannte nicht viele Leute in Verity, die gewußt hätten, was das Wort »inert« bedeutete, obgleich es auf die Lebensweise vieler zutraf wie kaum ein anderes Wort. »Und außerdem mag ich meinen Job. Die Leute, die bei Blue frühstücken, sind die nettesten in der ganzen Stadt. Ich habe meine Stammkundschaft. Der Diner ist der einzige Ort, an dem ich jemals ein Gefühl von Zugehörigkeit empfunden habe.« Ihr gefiel, wie er seine Hand auf ihre gelegt und ihr direkt in die Augen gesehen hatte. Nachdem sie ins Bett gegangen war, lag sie da und starrte mit einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht in die Dunkelheit. Als was für ein netter Mann hatte sich Mr. Davis – Walt – doch erwiesen.
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5 Nach
einer zweimonatigen Bekanntschaft kam Walt an einem Samstagmorgen um sieben Uhr und holte Francey ab. Sie reichte ihm einen geflochtenen Picknickkorb, in den sie Brathähnchen und Kartoffelsalat gepackt hatte und außerdem noch einen Lane-Kuchen, den ersten seit Jahren, den sie selbst gebacken hatte. Auch eine Thermosflasche mit Limonade war in dem Korb verstaut, doch Walt brachte zwei Flaschen Wein in einer isolierten Tragetasche mit, in der sie kühl blieben. Sie fuhren nach Padre Island, und dort verbrachten sie in einer entspannten Atmosphäre den Tag und schlenderten, sie in Shorts und er mit hochgekrempelten Hosenbeinen, mit den Füßen im Wasser über den Strand. Sie gingen vertraut und zwanglos miteinander um und hielten den ganzen Tag über Händchen. Francey sprang über die Wellen und bespritzte Walt mit Wasser, bis er nichts mehr durch seine Brille sehen konnte. Sie lachten und planschten noch eine Weile herum, und dann breiteten sie auf dem feinen weißen Sand eine Decke aus und öffneten den Picknickkorb. Nach dem Mittagessen beugte Francey, die im Schneidersitz dasaß und in einem Mundwinkel noch Mayonnaise hatte, sich vor und küßte ihn. »Ich wollte es gar nicht erst so weit kommen lassen, daß ich fürchte, du würdest es vielleicht nie versuchen«, erklärte sie. Er streckte die Arme aus, zog sie an sich und sah ihr in die Augen, ehe er sie auf den Mund küßte, und sie kostete eine Süße und ein Drängen zugleich. »Ich versuche schon länger, den Mut aufzubringen«, gestand er. »Ich konnte mir einfach nicht vorstellen«, sagte er dann glückselig, »jemand wie du könnte tatsächlich Interesse an…« Francey lächelte. »Jemand wie ich – eine Kellnerin in einem schäbigen Lokal – könnte an dem interessantesten Menschen in der ganzen Stadt Interesse haben? Also hör mal, ich wette, jede zweite alleinstehende Frau ist schon seit Jahren hinter dir her – wenn nicht gar alle miteinander.« Walt schüttelte den Kopf. »Selbst wenn es so wäre, hätte ich nichts davon bemerkt. Und es gibt nicht eine einzige Frau in ganz Verity, die dir das Wasser reichen kann.« »Du bist ja ein Ire«, sagte sie lachend und warf den Kopf in den Nacken. Walt ließ einen Finger zart über ihren Hals gleiten. »Nicht ein 37
einziger Tropfen irischen Bluts fließt in meinen Adern.« »Aber irgendwo mußt du dich an diesen Schmeicheleien angesteckt haben, für die die Iren so berüchtigt sind.« Auf der gesamten Heimfahrt von der Insel schmiegte sich Francey an Walt, der einen Arm um sie gelegt hatte, und sie saß still und unglaublich zufrieden da. In ihrem ganzen Leben war ihr noch kein so zärtlicher Mann begegnet. »Und nicht nur das«, sagte sie laut vor sich hin, »sondern du lachst auch oft und gern.« »Nicht nur was?« fragte er, und sein Arm schlang sich noch enger um sie. Als er sie an jenem Abend vor ihrer Haustür absetzte, sagte sie: »Meinst du nicht, es ist an der Zeit, daß du mal rüberkommst und ich dir etwas koche?« Als Carly am Mittwoch nach der Arbeit die Bank verließ, begleitete Walt Davis sie zu Fuß nach Hause. Francey hatte einen saftigen Schinken auf hawaiianische Art mit Ananas, Curryreis und glasierten Karotten zubereitet und eine gedeckte Pfirsichtorte gebacken. Die Pfirsiche hatte sie im letzten Sommer selbst eingemacht. Carly hatte immer noch Schwierigkeiten, sich vorzustellen, daß ihre Mutter und Mr. Davis sich zusammengetan hatten. Sie war sich ganz sicher, daß es sich dabei lediglich um Kameradschaft handelte. In dem Alter, in dem die beiden waren, konnte doch bestimmt keine körperliche Anziehungskraft mehr im Spiel sein. Nachdem sich Carly in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, um zu lesen und an Boomer zu denken, setzten sich Walt und Francey auf die Couch, und zum erstenmal seit vielen Jahren, so vielen, daß er sich nicht einmal mehr daran erinnern konnte, wann es zuletzt dazu gekommen war, streckte der Direktor der First National Bank seine Hand aus und streichelte die Brüste einer Frau. Zu seiner Freude stellte er fest, daß sie keinen BH trug. Er hörte ein leises Stöhnen und erkannte es als sein eigenes. Francey hauchte: »Oh, tut das gut.« In jener Nacht träumte er, wieder zu Hause, von Francey, und es war ein erotischer Traum. Es sollte sein letzter sein. Als sie sich das nächstemal sahen, wurde er wahr. Die Realität übertraf alles, was er sich jemals hätte erträumen können. Er brauchte nicht lange, um einen Entschluß zu fassen. Am Samstagmorgen fuhr Walt nach Corpus Christi und verbrachte mehr als eine Stunde damit, einen Diamantring auszusuchen, von dem er hoffte, er wurde Francey gefallen. Am selben Abend aß er mit ihr im La Maison und teilte ihr mit, er würde warten, bis sie mit ihrer 38
Arbeit fertig sei. Dann ging er mit ihr die lange Straße hinunter, führte sie zu einer Bank, und nachdem Francey sich gesetzt hatte, nahm er neben ihr Platz. Er zog sie in seine Arme und bat sie, ihn zu heiraten. Sie sah ihn lange an, und dann sagte sie mit einer leisen und tonlosen Stimme: »Es gibt ein paar Dinge, die ich dir besser erzählen sollte.« »Okay.« Walt saß mit den Händen zwischen den Knien da und sah sie an. Er lächelte, doch in seinen Augen war eine Spur von Furcht zu erkennen. »Aber erzähl mir nichts, was du nicht möchtest. Ich brauche mir nicht erst eine Lebensbeichte von dir anzuhören, ich will dich ohnehin heiraten.« Sie lehnte sich zurück und holte tief Atem. Eine Minute später konnte er ihr deutlich ansehen, daß sie ihn nicht mehr wahrnahm. »Ich bin in einer Kleinstadt im westlichen Jersey aufgewachsen, mit einer feigen und restlos eingeschüchterten Mutter und einem Vater, dem der geringste Vorwand ausgereicht hat, um mich zu schlagen. Einmal habe ich ein Zeugnis mit einer Drei nach Hause gebracht, in Naturkunde in der siebten Klasse, und er hat seinen Lederriemen rausgeholt und auf mich eingeschlagen, bis ich Striemen hatte. Er hat mich oft gezwungen, mich auf einen Stuhl zu legen, und dann hat er mich geschlagen, bis ich laut geschrien habe. Immer wieder habe ich mir geschworen, ihm diese Genugtuung nicht zu gönnen, und einmal habe mir bei dem Versuch, die Schreie zurückzuhalten, sogar in die Zunge gebissen, aber er hat nicht von mir abgelassen, solange ich nicht geschrien habe. Eines Morgens habe ich mein Bett nicht gemacht, weil ich sonst zu spät zur Schule gekommen wäre, und er hat mich blutig geschlagen. Ich habe mich geweigert, Rosenkohl zu essen, und ich mußte die ganze Nacht über dort sitzen, und als ich den kalten Rosenkohl am nächsten Morgen immer noch nicht essen wollte, hat er seinen Lederriemen rausgeholt. Bei der Gelegenheit hat er mich gezwungen, mich über seine Werkbank zu beugen, und dann hat er angefangen mich auszupeitschen. Er hat erst damit aufgehört, als Blut durch meinen Schlüpfer gesickert ist. Als ich ein Teenager war«, erzählte Francey Walt weiter, »und meine Mutter gesagt hat, ich dürfe mich jetzt mit Jungs verabreden, hat er den Riemen rausgeholt, wenn ich auch nur eine einzige Minute nach zehn zurückgekommen bin, sogar an den Samstagabenden. Er hat erklärt, Gott fordere ihn dazu auf, mich zu bestrafen, wenn ich ungehorsam sei.« Sie schwieg eine Minute lang und starrte ins Leere. »Ich habe ihn 39
gehaßt. Und mit der Zeit habe ich begonnen, meine Mutter fast ebensosehr zu hassen, weil sie ihn nicht ein einziges Mal gebeten hat, er solle mich nicht schlagen. Nie hat sie zu ihm gesagt: >Hör sofort auf damit!<, und sie hat auch nie versucht, mich zu trösten. An dem Tag, an dem ich die High-School abgeschlossen hatte, habe ich eine Tasche gepackt, die ich auf dem Dachboden gefunden hatte, und mit den siebenundzwanzig Dollar, die ich innerhalb von vier langen Jahren mühsam hatte sparen können, habe ich mich mitten in der Nacht die Treppe hinuntergeschlichen und bin mit Fred Anderson, meinem Freund, nach Kalifornien durchgebrannt. In all diesen Jahren habe ich meinen Eltern nie geschrieben, nicht ein einziges Mal.« In Walts Gesicht spiegelte sich die Intensität der Qualen wider, die er durchlitt. »Fred und ich sind in Las Vegas aus dem Bus gesprungen und haben geheiratet und dann den nächsten Bus nach Los Angeles genommen. Als wir dort ankamen, war ich bereits schwanger. Wir haben eine Zweizimmerwohnung gemietet, und Fred hat einen Job gefunden. Er ließ nicht zu, daß ich allein einkaufen ging, noch nicht einmal, um Lebensmittel zu besorgen. Er mußte jede Minute an meiner Seite verbringen, da er meinte, jeder Mann, der mich sehe, wolle mich, und es sei ihm nicht recht, daß ich mich in Gefahr begebe. Und wenn ich einen Mann angelächelt habe, einen Fremden, einen Verkäufer im Lebensmittelladen, hat er mich geohrfeigt, sobald wir wieder zu Hause waren. Es war genau dasselbe wie mit Daddy, eine Art Neuauflage. Wir haben nichts unternommen. Ich bin nie ausgegangen. Und ich hatte keinen Menschen, mit dem ich hätte reden können. Er hat es sich mit der Zeit angewöhnt, später und immer später nach Hause zu kommen. Ich wußte nie, wann er endlich auftauchen würde, aber manchmal wurde es so spät, daß ich das Abendessen schon weggeworfen hatte, weil es längst kalt war. Dann hat er mich aus dem Bett gezerrt und mich angeschrien, und ich mußte noch einmal von vorn anfangen und ihm etwas kochen. Ich habe aufgehört, Mahlzeiten zuzubereiten, bevor er endlich zu Hause war, aber wenn er dann länger als zwanzig Minuten warten mußte, hat er mir den Arm umgedreht, bis ich geschrien habe. In der Woche vor Carlys Geburt hat er ihn mir gebrochen. Mein linker Arm hat in einem Gips gesteckt, als ich in den Wehen gelegen habe. Das Schreien des Babys war ihm verhaßt, und er war eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit, die ich Carly habe zukommen lassen. Er hat mich 40
wie ein Nichts behandelt. Wegen seiner Plattfüße war er als Reservist eingestuft worden, aber Anfang neunzehnhundertfünfundvierzig, kurz nach Carlys Geburt und wenige Monate vor Kriegsende, ist er eingezogen worden. Ich habe nie mehr etwas von ihm gehört. Und ich habe mich nicht bemüht, ihn zu finden, denn zum erstenmal in meinem ganzen Leben konnte ich atmen, ohne mir von jemandem vorschreiben zu lassen, wie ich das anzustellen habe. Plötzlich konnte ich tun, was ich wollte. Ich brauchte bloß einen Job und etwas Geld. Das einzig angenehme Leben, mit dem ich je in Berührung gekommen war, kannte ich nur aus dem Kino, und alle haben mir geraten, zum Film zu gehen. Immer wieder hat man mir gesagt, mit meinem Aussehen könne ich es mir leichtmachen, aber das gehe nur auf dem Umweg über die Besetzungscouch. Nun ja, auf diese Art, eine halbe Stunde in der Horizontalen in irgendeinem Büro, habe ich viele kleine Rollen bekommen, und in manchen durfte ich sogar ein oder zwei Sätze sagen. Ich hatte gerade genug Geld, um Carly mit Windeln und Apfelmus zu versorgen.« Walts Gesicht war weiß geworden. »Es muß dir ein Greuel gewesen sein.« Francey zuckte mit den Schultern. »Ich habe mir gewissermaßen vorgemacht, all das fände gar nicht statt. Ich habe mich auf etwas anderes konzentriert, zum Beispiel auf die Palme vor dem Fenster, oder ich habe mir vorgestellt, es sei Gary Cooper, der mich küßt, und alles war vorbei, wenn es gerade erst angefangen hatte, und hinterher hatte ich eine kleine Rolle und genug zu essen für ein paar Monate. Eine einzige echte Chance hat sich mir tatsächlich geboten. Der Regisseur eines Films, in dem Hedy Lamarr, Clark Gable und Spencer Tracy die Hauptrollen spielen sollten, mochte mich wirklich gern und hat mir die lukrativste Rolle in meiner ganzen Karriere angeboten, falls man überhaupt von einer Karriere sprechen kann. Das einzig Ärgerliche daran war, daß ich gerade erst herausgefunden hatte, daß ich wieder schwanger war, und daher mußte ich die Rolle ablehnen. Ich hatte noch nicht mal eine Ahnung, wer der Vater war.« Walt schloß die Augen. Francey wußte, daß er es nicht verkraften konnte. Sie war nicht das, wofür, und auch nicht diejenige, für die er sie gehalten hatte. »Ich habe einen Job bekommen, als Bedienung in einem Schnellimbiß, und ich hatte geplant, bis kurz vor der Geburt durchzuarbeiten und das Baby dann zur Adoption freizugeben. Aber ich hatte während der Arbeitszeit eine Fehlgeburt. Ich hatte die 41
Spätschicht übernommen, weil das Mädchen aus der Wohnung gegenüber eingewilligt hatte, in meinem Apartment zu schlafen und auf Carly aufzupassen. Ich kam etwa um vier Uhr nachts nach Hause und habe geschlafen, bis Carly aufgewacht ist, und dann habe ich den ganzen Tag mit ihr verbracht. Außerdem habe ich ab und zu einen Anruf bekommen, und man hat mir kleine Rollen angeboten, aber ich bin nie mehr auf die Besetzungscouch zurückgekehrt. Tatsache ist, daß ich seitdem mit keinem Mann mehr im Bett gewesen bin. Erst wieder mit dir. In all diesen Jahren habe ich in dem einen oder anderen Restaurant gearbeitet und täglich auf einen Anruf von einem der Studios gewartet, und ich habe gerade genug Anrufe bekommen, um mich über Wasser zu halten und mir die Hoffnung zu bewahren. Im Laufe der Jahre habe ich in vielleicht fünfzig Filmen Rollen erhalten, aber es hat nie ausgereicht, um davon zu leben. Und schließlich hatte ich diesen harten Konkurrenzkampf satt. Ich war es auch müde zu hoffen, und daher habe ich beschlossen, von Hollywood fortzugehen und eine nette Kleinstadt zu finden, in der Carly sich mühelos einleben kann. Doch in Verity ist Carly nie akzeptiert worden, aber auch wirklich nie. Und mich hat man ebenfalls nicht akzeptiert. Ich kann es verkraften, aber für Carly hat es mir das Herz gebrochen. Ich hätte gleich in diesem ersten Sommer wieder von hier fortgehen sollen, nachdem ihr die Schule derart verhaßt war. Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben und gedacht, wenn wir hierblieben, würden sich die Leute an uns gewöhnen und selbst sehen, was für nette Menschen wir sind. Aber wenn ich ins Kleine Theater gehe und für eine Rolle in einem Stück vorspreche, dann weiß ich, daß ich besser bin als jeder andere, und sogar mein Südstaatenakzent ist auf der Bühne glaubwürdiger, doch selbst wenn es um ihr Leben ginge, würden sie mir hier keine Rolle geben. Und wenn Boomer und Zelda Marie nicht gewesen wären, dann hätte sich mein armes kleines Mädchen hier in sich selbst zusammengerollt und wäre verschrumpelt wie eine Karottenschale. Du mußt wissen, Walt, daß ich niemals einen anderen Menschen mehr lieben kann, als ich Carly liebe. Sie ist der Mittelpunkt, um den sich mein Leben dreht. Für sie hat sich alles übrige gelohnt.« Walt stand auf, zog Francey mit sich hoch und nahm sie in die Arme. »Ich möchte dich jetzt mehr denn je heiraten. Ich möchte für dich sorgen und die unglückliche Vergangenheit ausradieren. Ich möchte dir zeigen, wie Liebe sein kann, und ich möchte dich mit allem überhäufen, was du dir wünschst. Ich will 42
dich in meinem Leben, dich täglich im Alltag um mich haben. Für immer. Ich werde stolz darauf sein, dich zur Frau zu haben. Ich liebe dich. Jetzt schon drehen sich all meine Gedanken und mein gesamter Tagesablauf um dich, und nun will ich dich zudem noch zum Mittelpunkt meines Lebens machen, dich ständig um mich haben.« »Ich hätte dich auch gern in meinem Leben, aber ich werde dich nicht heiraten.« Franceys Tonfall war unerbittlich. »Ich würde dich gern weiterhin sehen und Ausflüge mit dir unternehmen und«, sagte sie und sah ihn schelmisch an, »mit dir ins Bett gehen. Und das, obwohl ich mir geschworen hatte, es nie wieder zu tun. Ich wußte nicht, daß es so schön sein kann.« »Sag nicht zu entschieden nein«, entgegnete Walt. »Ich bin ein geduldiger Mann.« Walt und Francey gewöhnten sich daran, an den Wochenenden nach Houston oder nach Fredricksburg zu fahren. An einem Wochenende ging’s sogar nach Mexiko runter und bis nach Monterrey. Wenn Walt in Verity Paare zum Abendessen einlud, dann waren die Leute überrascht. Walt war lockerer, als sie ihn in Erinnerung gehabt hatten, er lachte mehr als früher, und diese Francey war wirklich äußerst amüsant. Sie gab seinen Gästen das Gefühl, wichtig zu sein. In eben diesem Frühjahr hatte sich Senator Bannerman gesundheitlich miserabel gefühlt. Als sein Arzt in Austin Krebs diagnostizierte, fragte der Senator: »Wie lange habe ich noch?« Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Sechs bis zwölf Monate. Und bereiten Sie sich darauf vor. Es wird sehr qualvoll sein.« Der Senator regelte seine finanziellen Angelegenheiten und kehrte nach Hause, nach Verity, zurück. Dort steckte er sich in seinem Büro im ersten Stock seines Privathauses eine Pistole in den Mund, drückte ab und verspritzte seinen Kopf über all die ungelesenen Bücher an der Wand. Boomer kam noch am selben Abend nach Verity zurück. Er war im letzten Semester seines letzten Collegejahres, ein bestürzter junger Mann, der gerade zweiundzwanzig geworden war. Carly rannte zum Haus rüber. Ein Blick auf Boomer genügte, und ihr Herz krampfte sich zusammen. Er saß mit rotgeränderten Augen auf dem Ledersofa des Zimmers, in dem das Blut seines Vaters auf dem Teppich noch nicht getrocknet war, und hatte den Kopf in die Hände gestützt. Carly schlang die Arme um ihn, und er weinte sich schluchzend zwischen ihren Brüsten aus, als würde er nie mehr damit aufhören. Während der Beerdigung hielt Carly seine Hand, und als der Sarg 43
des Senators in die Erde gesenkt wurde, hing sie sich bei ihm ein. Sie warf eine weiße Rose in die graue Grube. Nach dem Begräbnis wollte sie gemeinsam mit Boomer den Heimweg antreten, doch mit einem unsäglich traurigen Blick erklärte er: »Ich muß jetzt allein sein. Ich melde mich später bei dir.« Fünf Tage nach der Beerdigung wartete Boomer abends am Eingang der First National Bank auf Carly. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, und ihr Puls raste, genau wie früher, wenn sie ihn dort sah. »Hast du heute abend Zeit für mich?« fragte er. Vier Jahre lang hatte Carly immer Zeit für Boomer gehabt. Er nahm ihren Arm und führte sie zu seinem Wagen. »Ich möchte nicht unter Menschen sein. Laß uns Pizza und Bier besorgen und zu mir gehen.« Auf der Heimfahrt und auch beim Essen sagte er so gut wie nichts. Nachdem er das letzte Stück Pizza in den Mund gesteckt hatte, wischte er sich die Finger mit einer Serviette ab, trank das letzte Bud aus der Dose und sah sie endlich an. »Ich komme nach der Abschlußprüfung im nächsten Monat nicht hierher zurück.« Einfach so, klipp und klar. »O Boomer.« Carly drehte sich das Herz um. Sie streckte einen Arm aus und legte ihre Hand in seine. Der Schmerz in seinen Augen war ihr unerträglich. »Kann ich irgend etwas für dich tun?« Er schüttelte den Kopf. »Dieses Haus kommt morgen auf den freien Markt. Dad hat eine Menge Schulden hinterlassen.« Carly konnte einfach nicht glauben, daß sie sich nicht verhört hatte. »Du meinst, es wird zum Verkauf angeboten?« Boomer nickte. »Aber das ist dein Zuhause. Wo wirst du dann leben?« Eine Träne rollte über ihre Wange. Er blickte auf. »Warte nicht auf mich, Carly. Ich komme nicht zurück.«
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6 In dem Jahr, nachdem sich Boomer von Carly getrennt hatte und der Schmerz nicht weichen wollte, glaubte Carly, sie würde verrückt werden. Sie sprach mit Zelda Marie darüber, die inzwischen ein weiteres Baby hatte. Carly fragte sie nicht, wie es kam, daß sie ein zweites Mal schwanger geworden war, wenn Joe Bob sie doch nie anrührte. Für Zelda Marie standen die Aussichten besser. Ihre Tage waren ausgefüllt, und sie redete nicht viel über Joe Bob. Ihr Haus war ordentlicher, sie pflückte Blumen, um sie auf den Eßtisch zu stellen, und sie saß nicht mehr den ganzen Nachmittag da und sah fern. Als eine der Hereford-Kühe ihres Vaters bei der Geburt starb, nahm Zelda Marie das Kalb auf, um es großzuziehen. »Es scheint, als täte ich nichts anderes mehr als alle Welt zu stillen«, sagte sie und nahm Michael J. an die Brust, während sie in der freien Hand eine Flasche für ein verwaistes Lamm hielt. Zelda Marie, die ihren Daddy seit ihrer Heirat bewußt nie mehr um etwas gebeten hatte, überredete ihn dazu, ihr einen kleinen Stall zu bauen. Joe Bob zeigte an alldem nicht das geringste Interesse. Er fand, das Landleben sei etwas für die Vögel; dort spielte sich nichts ab. Er verbrachte die meisten Abende in der Billardhalle in der Stadt oder trank und tanzte draußen bei Barney’s. Gelegentlich ließ er seinen Sohn tatsächlich auf seinen Knien reiten, doch Sally Mae schenkte er so gut wie keine Beachtung. An den Sonntagabenden putzte er sich heraus, und dann ging er mit Zelda Marie und den Kindern zum Abendessen rüber zu den Spencers. In jenem Jahr bekam Zelda Marie von ihrem Vater zu Weihnachten einen leuchtend roten Ford Pick-up geschenkt. Man hätte meinen können, er hätte ihr eine Million Dollar vermacht, wenn man sah, wie sehr sie sich darüber freute, ihr eigenes Fahrzeug zu besitzen, und noch dazu einen Pick-up. Zelda Marie hing das Huhn bei den Lovetts derart zum Hals heraus, daß sie glaubte, sie könnte laut schreien. Daher lud sie, als gegen Ende April die heiße Jahreszeit begann, ihre Eltern und ihre Schwiegereltern einschließlich Joe Bobs Schwester und deren Familie am Sonntag nach der Kirche zu einem Barbecue unter den ausladenden Kronen der Eichen ein. Die Kinder rannten umher, die 45
Cousins jagten einander und beschäftigten sich mit den Tieren und sie brachte Joe Bob dazu, das Krocketspiel aufzubauen, das die Spencers nie benutzt hatten, fuhr zu Western Auto und kaufte ein komplettes Federballspiel, dessen Netz Joe Bob aufspannte. Die Spencers und die Lovetts gaben sich große Mühe, nett zueinander zu sein, da sie gemeinsame Enkel hatten, und Mr. Lovett bewunderte den roten Pick-up und schlug Mr. Spencer beim Federball. Bis im November die Schlechtwetterperiode wieder einsetzte, bürgerte sich das sonntägliche Picknick als ein fester Brauch ein, und Zelda Marie war begeistert darüber, daß beide Familien miteinander auskamen und sie in ihrem Haus besuchten, aber es freute sie auch, daß Joe Bob anscheinend ebenfalls stolz auf die Sonntage war und seinen Spaß daran hatte. Er war sogar so stolz auf das, was sie tat, daß sie im September dieses Jahres mit dem Kind Nummer drei schwanger war. Natürlich verdiente Joe Bob als Mechaniker in der Autowerkstatt seines Vaters inzwischen nicht mehr als zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit, doch Zelda Marie hatte eigene Pläne. »Daddy«, sagte sie am Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertags, als sie mit ihm durch das Gras zum Stall lief, »ich danke dir ja so sehr für den Pick-up. Für mich wird sich dadurch vieles ändern.« »Ich dachte, du könntest Heu damit transportieren«, murrte er. »Weißt du, was ich mir wünschen würde? Ich möchte, daß du mir all deine verwaisten Kälber überläßt.« Er grinste. Im Laufe der letzten fünf Jahre hatte sich seine Haltung seiner Tochter gegenüber beträchtlich verändert. »Mir scheint, du hast jetzt alle Hände voll zu tun. Schließlich hast du schon zwei Babys, und das nächste ist bereits unterwegs.« So lange er zurückdenken konnte, hatte ihn Zelda Marie nie um etwas gebeten. Er hielt nicht viel von seinem Schwiegersohn, doch sein Respekt vor seiner Tochter wuchs ständig. »Ich möchte diese Kälber unbedingt haben. Und wenn du jemals ein männliches Fohlen haben solltest, das verwaist ist, dann bitte ich dich, mir das auch zu geben. Ich werde Pferde züchten.« Ihr Vater fuhr sich mit einer Hand über den Mund, um sein Lächeln zu verbergen. »Woher willst du denn die Zeit nehmen, dich darum zu kümmern?« »Laß es mich versuchen, Daddy. Das ist alles, worum ich dich bitte. Ich mache mir schon länger Gedanken darüber. Ich habe nicht die Absicht, bis in alle Ewigkeit vom Gehalt eines Automechanikers zu 46
leben.« Ganz gleich, wieviel sie sonst auch zu tun hatte, Zelda Marie nahm sich doch immer Zeit für Carlys wöchentliche Besuche. Bis in die letzten Monate ihrer Schwangerschaft ritten sie gemeinsam aus und verplauderten den ganzen Nachmittag. Ab und zu blieb Carly zum Abendessen da, aber Joe Bob war derart mürrisch, daß sie sich immer unbehaglich fühlte. Eines Abends gelang es ihm, als er sie zu ihrem Wagen begleitete, ihre Brüste zu streifen, und Carly, die bemerkte, wie er sie ansah, bedauerte Zelda Marie noch mehr als bisher. Zelda Marie hatte aber auch ihrerseits großes Mitleid mit Carly, die ihr an jenem Nachmittag von ihrem brennenden Wunsch berichtet hatte, Verity zu verlassen. »Ich habe das Gefühl, hier festzusitzen«, sagte sie zu ihrer Freundin. »Ich bin fast zweiundzwanzig, und nichts passiert in meinem Leben.« »Wenn das so ist, warum gehst du dann nicht fort?« »Es ist mir eine unerträgliche Vorstellung, Walt zu verletzen. Er hat mir in der Bank so viele Chancen gegeben, die ich wirklich zu würdigen weiß, aber die Bank allein genügt nicht, um mein Leben lebenswert zu machen. Ich bin keine Miss Pilgrim.« »Mir scheint es ganz so«, entgegnete Zelda Marie, »als wäre es an der Zeit, daß du dich auf deine eigenen Füße stellst.« »Das glaube ich auch.« Aber wie konnte sie sich befreien, ohne den Mann zu verletzen, den sie als ihren besten Freund ansah? Er hätte sie in all den Jahren nicht besser behandeln können, selbst wenn sie seine eigene Tochter gewesen wäre. Es mußte eine Stadt sein, soviel wußte sie. Houston oder Dallas. Corpus Christi war zu klein, und sie war so gut wie sicher, daß sie in eine Großstadt wollte. Sie vermutete, ihr Leben würde sich ändern müssen. Zwar wußte sie nicht genau, wie sie ihr Ziel erreichen sollte, doch die Richtung, die sie einschlagen wollte, führte eindeutig hinauf. Carly beschloß, Stenographie zu lernen. Wenn sie als Sekretärin tätig sein konnte, dann war das ein Einstieg in die Geschäftswelt. Sie rechnete nicht damit, lange Sekretärin zu bleiben, aber sie besaß keine anderen Qualifikationen, die ihr dabei helfen würden, einen Job zu finden. Ihr Spanisch würde sich unter Umständen als nützlich erweisen, und daher würde sie weiter daran arbeiten. Quien sábe? Ihr erster Schritt bestand darin, jeden Samstagmorgen nach Corpus Christi zu fahren, um dort einen Stenokurs zu besuchen. Nach Ablauf von sechs Monaten teilte sie ihrer Mutter mit, was Francey 47
schon seit ein paar Jahren wußte. Sie hatte nur darauf gewartet, daß Carly selbst dahinterkam: Sie würde Verity verlassen. »Wie wirst du es Walt beibringen?« fragte Francey, die ihre eigenen Pläne hatte, von denen er bisher ebenfalls nichts wußte. »Ich hatte mir gedacht, du könntest vielleicht…« »O nein!« Francey streckte einen Arm aus und nahm Carlys Hand. »Das mußt du selbst tun. Er wird es überleben. Er wird lediglich enttäuscht sein.« »Verstehst du, ich mag ihn schrecklich gern«, sagte Carly. »Ich möchte ihm nicht weh tun.« »Manchmal muß man eigennützig handeln. Mir ist schon länger klar, daß du nicht hierbleiben wirst. Dir ist Großes vorherbestimmt.« Carly gab ihrer Mutter einen Kuß auf die Wange. »Bei dir muß man wohl eine Spur von Befangenheit voraussetzen, meinst du nicht auch?« »Etwas mehr als nur eine Spur.« Francey mußte schlucken, um zu verhindern, daß sie zu weinen begann. Sie wußte, daß es das beste für Carly war, von Verity fortzugehen, doch allein schon der Gedanke daran hinterließ einen Hohlraum in ihrer Brust. »Ich muß etwas aus meinem Leben machen, muß dafür sorgen, daß etwas Aufregendes passiert.« »Ich weiß«, sagte Francey. Und das entsprach der Wahrheit. »Vielleicht hätten wir uns niemals hier niederlassen sollen, aber dann wäre ich auch Walt nicht begegnet.« »Warum heiratest du ihn eigentlich nicht?« Diese Frage wollte Carly schon seit Ewigkeiten stellen. Francey zuckte mit den Schultern und lächelte. »Ich habe mir Gedanken darüber gemacht. Dräng mich nicht.« Inzwischen waren es vier Jahre. Jedes Jahr an Weihnachten machte Walt ihr einen Heiratsantrag, und dann führten sie ihr Leben weiter wie bisher. Walt zwang sich, die Tränen zurückzuhalten, als Carly ihm mitteilte, sie wolle nach Houston gehen. Er machte ihr für ihre Jahre in der Bank tausend Dollar zum Geschenk. Gleich nach Francey war Carly der Mensch, den Walt mehr liebte als jeden anderen auf Erden.
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7 Walt und Francey fuhren Carly nach Houston. Sie verbrachten das Wochenende damit, ein Apartment zu suchen, und Walt bestand darauf, die erste Monatsmiete zu bezahlen. Beide erweckten beim Abschied den Eindruck, als würden sie in Tränen ausbrechen. »Also, du wirst uns jeden Sonntag anrufen, hast du gehört?« sagte Walt. »Und jederzeit auch zwischendurch, wenn du uns brauchst oder etwas von uns willst. Oder wenn du einfach nur Lust dazu hast…« »Oder wenn du dich einsam fühlst«, fügte Francey hinzu. Es war der richtige Schritt. Zwischen Carly und Houston entspann sich von Anfang an eine Liebesbeziehung. Wohin sie auch ging, überall stellten sich ihr Männer vor und luden sie zum Abendessen oder in Nachtclubs ein, zu einem Samstagnachmittag im Zoo oder zum Frisbeespielen im Park. Sie hatte jedes Wochenende Verabredungen mit aufstrebenden jungen Männern, nicht solchen Nieten wie denen, die in Verity herumliefen. Sie begann wieder zu lachen. Endlich packte sie Boomer in einen Winkel ihres Herzens und drehte den Schlüssel im Schloß um. Sie warf ihn zwar nicht direkt fort, doch sie hörte auf, ständig an Boomer zu denken, und sie bemühte sich, nicht jedes männliche Wesen, mit dem sie ausging, mit ihrer Jugendliebe zu vergleichen. Sie mußte ihr eigenes Leben leben. »Weißt du, was ich gern täte?« fragte Francey. Sie und Walt saßen auf der Terrasse seines Hauses im Schatten einer Markise, die sie gegen die heiße Sonne schützte, tranken nach dem Kirchgang Kaffee und knabberten an den Zimtbrötchen, die Francey jedes Wochenende buk. Sie war klatschnaß, da sie gerade aus dem Pool gekommen war, den Walt vor zwei Jahren hatte anlegen lassen, nachdem Francey eines schwülen Junimorgens geäußert hatte: »Was gäbe ich nicht alles für einen Pool.« »Heiraten?« fragte Walt hoffnungsvoll. Francey lächelte ihn an und nahm seine Hand in ihre. »Ich habe etwas Geld gespart«, fuhr sie fort. »Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß du noch immer in diesem kleinen Haus wohnst.« »Außerhalb meiner Arbeitszeit verbringe ich die meisten meiner wachen Stunden hier drüben bei dir – und auch einige Stunden Schlaf«, sagte sie. Ihre Gedanken drehten sich nicht nicht ums Heiraten. »Abgesehen vom Blue Moon Diner« – wo sie weiterhin 49
jeden Tag am frühen Morgen und um die Mittagszeit arbeitete – »und diesem Dairy Maid gibt es kein einziges anständiges Restaurant in dieser Stadt. Es gibt kein Lokal, in das die Leute gehen können, wenn sie sich schön anziehen und ein wunderbares Essen genießen wollen.« Walt zog eine Augenbraue hoch. Er ahnte voller Unbehagen, was kommen würde. »Wie viele Leute gibt es denn schon in Verity, die sich fein anziehen, um auswärts zu essen?« »Wie viele Leute gibt es überall sonst, die sich schön anziehen, um woanders hinzugehen als in die Kirche? Ich meine einfach nur ein nettes Restaurant, das ein gewisses Flair besitzt, ein Lokal, in dem Drinks serviert werden und das sogar eine Bar hat, aber keine von der Sorte, von der sich die Typen angelockt fühlen, die bei Blue rumhängen. Ich will ein hübsches Lokal haben, etwas, wovon die Leute in Verity glauben, es habe Stil. Und Gerichte, die ihnen die Schuhe ausziehen.« Walt neigte den Kopf zur Seite. »Hast du etwa vor, all deine Abende in einer Küche zu verbringen?« »Nein, wohl kaum. Ich werde Köche ausbilden. Ich werde da sein, um alles bis in die kleinsten Einzelheiten zu überwachen, aber ich werde nicht dastehen und mich über einen heißen Herd beugen. Auf die Art möchte ich mein Geld nicht verdienen.« »Blue wird es dir nie verzeihen, wenn du bei ihm aufhörst.« »Er wird enttäuscht sein, aber er wird mir verzeihen. Vielleicht werde ich dort frühstücken, und er kann dann bei uns zu Abend essen.« »Bei uns? Ach, so sieht das also aus.« Walt gefiel die Idee gar nicht. Ein solches Vorhaben würde die Zeit gewaltig beschneiden, die er und Francey gemeinsam verbrachten. Er suchte nach etwas, was ihrem Restaurantprojekt einen Dämpfer verpassen würde. Nach wenigen Momenten hatte er es. »Und was wirst du tun, wenn du wieder die Hauptrolle in einem Stück bekommst?« Seit er die leerstehende alte Baptistenkirche gekauft und sie, in aufpoliertem Zustand, der Kleines-Theater-Gruppe zur Verfügung gestellt hatte, hatte Francey die Hauptrolle in jedem Stück erhalten, für das sie sich bewarb. Und wenn Francey in einem Stück mitspielte, dann kamen sogar alle aus dem ganzen Landstrich, um sich das anzuschauen. Sie mochte vielleicht nicht gut genug für Hauptrollen in Hollywood gewesen sein, aber sie war besser als alles, was die Leute in Verity und Umgebung je gesehen hatten. Sie 50
stellte alle anderen in den Schatten, und ihr Spiel schien der Bühne Leben zu verleihen. »Du brauchst ja nicht mitzumachen«, sagte Francey, »aber in dem Fall werde ich Geld von der Bank leihen müssen. Ich dachte, vielleicht hättest du Spaß daran, gemeinsam mit mir ein Geschäft aufzuziehen.« »Ich würde gern alles gemeinsam mit dir machen, und das weißt du ganz genau. Aber ich bin sechsundvierzig, Liebes. Weshalb sollte ich in ein neues Geschäft einsteigen wollen? Ich bin allmählich soweit, langsamer zu treten.« »Jetzt hör bloß auf, Walt. Deine Energie reicht für zwei.« »Ich brauche nicht noch mehr Geld. Mir gefällt es, daß wir an den Wochenenden frei haben und gemeinsam Ausflüge unternehmen können.« »All das tun wir jetzt schon seit Jahren. Ich bin reif für etwas Neues. Liebe habe ich.« Sie lächelte ihn an. »Und jetzt will ich Erfolg.« »Oh.« In seinen Augen spiegelte sich Belustigung wider. »Du willst deine eigenen Erfolge feiern.« »Ja, so ähnlich verhält es sich wohl«, gab sie zu. »Und trotzdem habe ich geglaubt, es könnte dir Spaß machen, als mein Partner einzusteigen.« »Ein stiller Teilhaber?« »Ich höre mir deine Ideen und Ratschläge doch immer an.« Er beugte sich vor und nahm ihren Kopf zwischen seine Hände. »Das tust du allerdings, mein Liebling. Du bist sehr wohltuend für mein Ego.« Sie lachte und streckte sich, um ihn zu küssen. »Ist es noch zu früh am Tag für eine Margarita?« »Du und Carly! Ihr brauchtet wahrhaftig nur in Grenznähe zu kommen, und schon habt ihr euch die Sitte der Margaritas angeeignet. Die Sonne steht nicht mehr im Zenit, und daher sollte eigentlich nichts dagegen einzuwenden sein.« Er konnte den Gedanken nicht abschütteln. »Was hast du denn für eine Vorstellung davon, wo du dieses Restaurant gern hättest?« »Ich bin nicht sicher«, sagte Francey. »Du kennst diesen Teich dort unten, hinter dem Elektrizitätswerk?« Walt nickte. »Ich glaube, das Land gehört Cece Braithewaite.« »Dieses Land wird für nichts genutzt, und der Teich lockt immer Enten und Gänse an. Vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich dort sogar ein paar Schwäne gesehen. Wir könnten einen Teil des Landes 51
roden, aber dieses hübsche Weiden-Wäldchen stehen lassen, und dann bauen wir… ich habe da so ein paar Zeichnungen. Flüchtige Skizzen, die ich hingekritzelt habe.« Das ruhige und beschauliche Leben, das Walt bisher gemeinsam mit Francey geführt und das er so sehr genossen hatte, drohte ein jähes Ende zu finden. Die Weiden, wie das Restaurant hieß, waren von Anfang an ein Erfolg. Bis auf den Montag verbrachte Francey dort alle Nachmittage und Abende und Walt aß da jeden Abend. Aber ganz im Gegensatz zu seinen Erwartungen stellte Walt fest, daß er dieses neue Vorhaben genoß. Es bereitete ihm enorme Freude, zuzusehen, wie Francey ihrem Geschäft zu einem glänzenden Erfolg verhalf. Man wußte zwar in Verity, daß das Restaurant zur Hälfte ihm gehörte, doch alle sprachen nur von Francey’s. Niemand nannte es je Die Weiden. Sie hatte Walt durch das halbe Land geschleppt, zumindest erschien es ihm so, um Gläser, Tischdecken und Geschirr auszusuchen. Die Teppiche waren in einem zarten Blattgrün gehalten und die Wände in einem blassen Mauve, ebenso wie die Tischdecken. Die weißen Bambusstühle hatten Sitzkissen in der Farbe der Teppiche, und frische Blumen schmückten die Tische, die ausnahmslos einen Blick auf den Teich boten. Den Gästen wurde Brot vom Vortag zur Verfügung gestellt, damit sie die Enten und die anderen Wasservögel füttern konnten, die sich hier niedergelassen hatten. Sonntags wurden Familien bewirtet, doch an den Samstagabenden schuf Francey eine romantischere Atmosphäre und engagierte sogar ein Trio vom Orchester der High-School, das Melodien aus den Vierzigern und Fünfzigern spielte. Etwas dergleichen hatte man in Verity noch nie gesehen. Es vergingen nicht allzu viele Monate, bis sogar einige Leute von Corpus Christi runterkamen oder von Brownsville rauffuhren, um in den Weiden zu Abend zu essen. Als Carly endlich mal nach Hause kam, sagte sie zu ihrer Mutter, das Restaurant könne sich mit jedem messen, in dem sie in Houston zu Abend gegessen habe. Carly war erst eine Woche in Houston gewesen, als sie auf eine Anzeige geantwortet hatte, die Rolf Realtors in der Post aufgegeben hatten. Rolf’s war außerhalb von Dallas der größte Immobilienmakler in ganz Texas. Die Firma hatte Zweigstellen in Baytown und Galveston und zahllose kleinere Filialen in den rasch emporschießenden Vorstädten von Houston. Carly und etwa achtzig andere Mädchen meldeten sich auf die 52
Anzeige hin. Sie wurden Tests in Tippen, Rechtschreibung, Steno und sogar in den Grundrechenarten unterzogen. Diejenigen, die sie bestanden, behielt man da. Fünf von ihnen wurden für ein persönliches Einstellungsgespräch mit Mr. Rolf ausgewählt. Ein einziger Blick auf Carly genügte Mr. Rolf, um sich zu sagen, es sei verdammt gut, daß er so alt war, wie er war; er konnte es genießen, einfach nur hinzuschauen und dann gleich wieder auf das Geschäftliche zurückzukommen. Abgesehen davon, hatte sie in sämtlichen Tests als Beste von allen abgeschnitten und nicht ein einziges Wort falsch geschrieben. Sie hatte noch kein Jahr für ihn gearbeitet, als sie schon wußte, was er wollte, ehe er es auch nur ausgesprochen hatte. »Hast du Radarantennen?« fragte er mit seiner dünnen Stimme, und blaue Adern traten unter seiner nahezu pergamentenen Haut hervor. Sie mochte ihn. Und sie fand nichts dabei, ihm morgens Kaffee und am Nachmittag Tee zu bringen, Arzttermine für ihn zu vereinbaren und für seine Töchter und Enkelinnen Geschenke zu besorgen. Ihr machte sowohl die Arbeit an sich Spaß als auch die Verantwortung, die er ihr übertrug. Auf Rolfs Anregung hin belegte sie einen Kurs im Beurteilen von Immobilien, obwohl für ihre Arbeit als Sekretärin keine Kenntnisse auf diesem Gebiet erforderlich waren. Sie begann, die Voraussetzungen, die Fachsprache und das Immobilienrecht besser zu verstehen als viele von Rolfs Maklern, die auf Provisionsbasis arbeiteten. Einige wenige dieser Männer verdienten knapp eine Million im Jahr. Natürlich waren sie für Gewerbeobjekte zuständig und führten die ganz großen Verhandlungen, aber etliche andere, darunter auch ein paar Frauen, verdienten Hunderttausende. »Wie kommt es, daß Frauen keine Gewerbeobjekte und auch keine Industrieobjekte verkaufen?« fragte Carly ihn am Ende einer Diktatsitzung. Mr. Rolf schüttelte den Kopf. »Welcher Geschäftsmann würde schon einer Frau vertrauen? Mit Ausnahme von mir glauben nicht viele Männer in Houston, vielleicht sogar auf der ganzen Welt, daß Frauen Verstand besitzen. Du brauchst dir doch nur den Kongreß anzusehen. Oder schau dich mal unter Generaldirektoren und auf der Ebene der Geschäftsleitungen um. Also, bei mir ist es so, daß meine Frau klüger ist als ich. Das gefällt mir. Es hält mich auf Draht. Aber nicht viele Männer mögen das.« Als sie als junges Mädchen angefangen hatte, mit Jungs auszugehen, 53
hatte Carly sich gemerkt, was Francey ihr gesagt hatte: »Laß dir, wenn du mit einem Jungen zusammen bist, nicht ansehen, wie intelligent du bist. Lächle einfach nur, und gib dich interessiert an allem, was ihn interessiert.« Ja klar, zum Beispiel Football, Golfrekorde und alte Autos. Carly hatte Mr. Rolf gern, und sie mochte ihre Arbeit, doch sie erkannte deutlich deren Grenzen. Sie ging auf dreiundzwanzig zu und wollte es zu etwas bringen. Der Moment erschien ihr günstig. Sie hob das Kinn und fragte Mr. Rolf: »Was halten Sie davon, daß Sie mich mal versuchen lassen, etwas zu verkaufen?« »Und an wen?« fragte er zurück und sah sie an. Er hatte die Ellbogen auf seinen Schreibtisch gestützt, die Fingerspitzen aneinandergepreßt und das Kinn daraufgelegt. »Glaub bloß nicht, ich hätte mir nicht selbst schon Gedanken darüber gemacht, aber du hast nicht die richtigen Kontakte. Wie viele Leute kennst du denn schon, die sich den Kauf von Objekten einer Größenordnung leisten könnten, die erforderlich ist, um das große Geld zu machen?« Die Leute, die Carly außerhalb der Arbeit kannte, waren ausschließlich Singles, die in Apartments wohnten. »O nein, man muß Kontakte haben«, sagte er und zupfte an seinem Schnurrbart. Mr. Rolf vergaß diese Unterhaltung jedoch nicht. In ihrem zweiten Jahr als seine Sekretärin rief er sie in sein Büro. Jay Thornberry, der absolute Spitzenverkäufer der Firma, war krank und konnte seinen Termin mit der Bank nicht einhalten. »Ich sollte selbst hingehen«, sagte Mr. Rolf. »Es handelt sich um ein großes Geschäft, aber ich habe da so eine Ahnung, und meine Ahnungen täuschen mich selten. Du bist im Besitz sämtlicher Informationen über dieses Objekt, bei dem es um das Land geht, auf dem A&S Petroleum ein Bürogebäude errichten will. Du kennst dich bis in alle Einzelheiten mit dem Vorgang aus. Geh rüber zur Union Trust und rede mit dem Direktor. Er ist der Sohn des Besitzers, Cole Coleridge. Es ist eine abgemachte Sache, und es kann nichts schiefgehen, aber wir brauchen seine Unterschrift. Mach diese Erfahrung, denn genau danach sehnst du dich doch schon seit längerem. Und außerdem wirst du auf die Art einen der ganz großen und vielversprechenden jungen Aufsteiger von Houston kennenlernen. Das kann nur gut für dich sein.« Er musterte sie. »Okay, Mädchen, mach dich ran. Und wenn du den Eindruck hast, daß es funkt, dann lade ihn zum Mittagessen ein. Ich bezahle die Rechnung.« 54
Carly straffte ihre Schultern. »Ich lade Männer nicht zum Mittagessen ein.« Mr. Rolf lachte. »Tja, Cole Coleridge ist ein harter Brocken. Er lädt dich ganz bestimmt nicht ein.« Carly lächelte. »Er ist doch ein Mann, oder etwa nicht?« »Finde es raus und erzähl es mir hinterher.« Er grinste. »Und vielleicht ist das für dich genau der richtige Einstieg, um die nötigen Kontakte zu knüpfen. Er ist stinkreich. Oder zumindest hat sein Daddy einen ganzen Haufen Kohle.« Als Carly sich abwandte, um zu gehen, sagte er noch: »Und verheiratet ist er auch nicht.« Sie lachte. »Wie hieß er gleich noch mal?« »Cole Coleridge.«
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TEIL II 1969-1
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8 »Ich
habe da jemanden, von dem ich finde, du solltest ihn kennenlernen.« Cole Coleridges Stimme klang am Telefon eindringlich. Alexandra Headland saß auf dem Ledersessel, der ihrem Rücken exakt angepaßt war, hielt einen schwarz-goldenen Bleistift in der rechten Hand und kritzelte auf dem Block herum, der auf ihrem Schreibtisch mit der facettierten Glasplatte lag. Sie zeichnete Blätter, identische Blätter, die die Seite zu füllen begannen. »Willst du mir Näheres erzählen?« »Wir sind hier drüben zu konservativ, aber du… du gehst Risiken ein. Er ist wegen eines Darlehens zu uns gekommen, mehr sage ich nicht. Er sitzt gerade in meinem Vorzimmer.« Sie warf einen Blick in ihren Terminkalender. »Ich bin den ganzen Tag über ausgebucht. Aber wie wäre es mit fünf?« »Er heißt Brad Bannerman. Laß mich wissen, was du mit ihm anfängst. Es würde mich wundern, wenn er dich nicht interessiert.« Alex legte ihren Bleistift hin und fragte sich, warum sie beim Telefonieren immer Blätter zeichnete. »Vermutlich eine große Summe.« Sie konnte das Lächeln in Coles Augen förmlich sehen. Er schien nur dann zu lächeln, wenn es um Geld ging. »Ich werde ihn gegen fünf zu dir schicken.« Pause. »Vergiß aber nicht unsere Verabredung um sieben.« Es würde reichlich eng werden. Sie hätte gern Zeit gehabt, um sich vor dem Abendessen noch unter die Dusche zu stellen und sorgfältig das richtige Outfit zu wählen – was nicht etwa heißen sollte, daß sie jemals etwas anderes als genau das getan hatte. Die Presse bezeichnete sie im allgemeinen als »die verwegene Glamour-Ölerbin«. Jede Party, zu der Alex erschien, wurde auch von einem Fotografen besucht. Das Time Magazine hatte einen Artikel über die neue Elite von Houston mit ihrem Foto versehen. Diejenigen, die sie nicht kannten, lechzten nach dem Glamour, für den sie stand. Diejenigen, die sie kannten, lächelten dagegen vielsagend. Ihre Alex. Außerdem besaß sie einen scharfen Verstand, so scharf wie eine Rasierklinge. Nicht ein einziges Mal war es vorgekommen, daß Alex je an sich selbst gezweifelt hätte. Ihre Eltern waren die besten Freunde von Coleridges Eltern, und das war schon so, seit Kevin Coleridge damals das Risiko eingegangen war, 57
Geld in Amos Headlands Suche nach seiner ersten Ölquelle zu investieren. Das war vor Alexandras Geburt gewesen und ehe einer der beiden Männer geheiratet hatte. Kevin hatte ängstliche Momente durchlitten, in denen er sich gefragt hatte, ob dieser ungestüme junge Mann auch wußte, was er tat, doch wie sich herausstellen sollte, förderte Amos Headland eine Ölquelle nach der anderen und dann immer noch mehr zutage und brachte sie in das Geschäft ein. Als Alexandra, sein einziges Kind, geboren wurde, war er bereits vielfacher Millionär. Cole war fünf Monate älter als Alex, und sie waren zusammen groß geworden, gemeinsam mit Coles jüngerem Bruder Bennett. In den frühen Jahren war Ben niedlich gewesen, und sie hatte ihn eigentlich lieber gemocht als Cole. Vielleicht mochte sie ihn sogar immer noch lieber. Als sie und Cole im St. John’s die siebte Klasse besuchten, nahmen sie an den Freitagabenden bei Miss Shibley Tanzstunden. Ben setzte ihr so lange zu, bis sie ihm die Schritte beibrachte und sie mit ihm gemeinsam einübte, obwohl er damals erst zehn war. Als sie in einem Sommer alle gemeinsam auf der QUEEN ELIZABETH II nach Europa reisten, war Ben derjenige gewesen, mit dem sie mehr Zeit verbracht hatte. Er war leicht zum Lachen zu bringen, sie konnte ihn beim Monopoly immer schlagen, und er war von Natur aus einfach süß und doch nie langweilig. Außerdem hatte sie den Verdacht, daß Ben gescheiter war als Cole. Cole mußte für seine Noten, die ganz ausgezeichnet waren, büffeln, doch Ben fielen gute Noten ohne jeden Aufwand in den Schoß. Cole und Alex hatten nie ein echtes Rendezvous miteinander, doch Cole holte sie zu Partys, Tanzveranstaltungen und Barbecues ab und brachte sie hinterher wieder nach Hause. Sie konnten gut miteinander tanzen. Beide entstammten dem von jeher begüterten konservativen Bevölkerungsteil Houstons, wo ohne dessen Zustimmung niemand jemand werden konnte, und das einzige Kriterium für Annehmbarkeit war Reichtum. Und zwar nicht nur ein paar läppische Millionen. Als sie die High-School abschlossen, wurde stillschweigend vorausgesetzt, daß es eine reine Frage der Zeit war, bis sie sich verloben würden. Cole war einer von nur zwei jungen Männern aus seiner Schule, die nach Harvard gingen, und Alex war das einzige Mädchen aus ganz Texas, das Bryn Mawr besuchte. Es war die Alma Mater ihrer Mutter, deren Familie ursprünglich aus Philadelphia stammte und die 58
Amos kennenlernte, als sie in einem Sommer ihre Tante in Ardis, Oklahoma, besuchte, wo er Versuchsbohrungen machte. Angesichts ihres Intellekts, ihrer SAT-Ergebnisse und ihres spektakulären Notendurchschnitts in der High-School gab es keine einzige Universität im ganzen Land, die Alex nicht liebend gern aufgenommen hätte. An dem Abend, ehe er nach Cambridge aufbrach, küßte Cole sie zum erstenmal. Er zog Alex an sich, und seine Lippen berührten ihre, als er sagte: »Du wirst mir fehlen.« Alex empfand nicht das geringste. Sie war nicht schön, noch nicht einmal hübsch, und doch drehten die Leute die Köpfe nach ihr um und starrten sie an, wenn sie einen Raum betrat. Sie besaß grenzenloses Selbstvertrauen. Sie wußte, daß sie klüger als die meisten Leute war, und sie wußte, daß sie Stil hatte, einen Stil, der daher rührte, daß sie schon immer in der Lage gewesen war, von allem nur das Beste zu kaufen. Sie wußte aber auch, daß sie einen schönen Körper hatte. Vielleicht zu dünn, doch anmutig wie die Mannequins, die die Titelblätter von Vogue zierten. Im Lauf der Jahre wuchsen sie und Cole in den Weihnachtsferien und in den Sommermonaten über diesen einen einzigen Kuß mit dünnen Lippen und geschlossenen Mündern hinaus und machten Fortschritte, doch es kam nichts dabei heraus, was sie erregt hätte. Cole schien sich nie gehenzulassen; seine Lippen legten nie eine gewisse Starre ab, und seine Leidenschaft war unterdrückt. Nach dem Abschluß in Harvard studierte er in Stanford weiter, um dort seinen MBA zu machen; Alex erhielt den ihren von der University of Pennsylvania. Sie und Cole schrieben einander nie. Eine Heirat wurde nie erwähnt, und doch setzten sowohl sie als auch ihre Familien als selbstverständlich voraus, daß sie heiraten würden. Da sich keiner von beiden im Lauf der Studienjahre mit einem anderen Partner eingelassen hatte, glaubten ihre Mütter, als sie im Sommer 1967 mit mehr Titeln geschmückt, als die meisten Texaner jemals anhäufen, nach Houston zurückkehrten, jetzt stünde eine Hochzeit bevor. Statt dessen bewerkstelligten sie nichts weiter, als miteinander zu schlafen. Cole legte im Bett keinerlei Begeisterung an den Tag, sondern tat alles rein mechanisch, fast so, als hätte er ein Handbuch gelesen. Hinterher zündeten sie sich Zigaretten an, obwohl Alex sich nichts mehr gewünscht hätte, als nach Hause zu gehen, sich in ihr eigenes Bett zu legen und in einen traumlosen Schlaf zu versinken. 59
Er wollte über Zukunftspläne reden, nicht etwa seine eigenen Zukunftspläne mit ihr, sondern die der Bank. Der Bank seines Vaters. Mit seinem neuerworbenen MBA gedachte er den Bankbetrieb zu rationalisieren und Veränderungen vorzunehmen. Sein Vater bestand darauf, es langsam anzugehen. Kreditinstitute sollten seiner Meinung nach nicht zuviel in Bewegung bringen. Geduld zählte nicht gerade zu Coles Stärken. Seine kolossale Schwäche bestand in seinem mangelnden Sinn für Humor, doch Frauen fühlten sich von seiner Reserviertheit und dem Ruf sowie auch dem gewaltigen Reichtum seiner Familie angezogen. Diese Verbindung stand für Macht. Cole probierte sich nie an etwas, wenn er sich seines Sieges nicht sicher war. Er übte unermüdlich, bis er zum Experten wurde. Beim Tennis, beim Squash und bei geistigen Wettbewerben gewann er immer. Er wirkte ebenso selbstsicher wie Alex. Und er war der einzige Mensch in ihrem gemeinsamen Freundeskreis, mit dem Alex über geschäftliche Dinge reden konnte. Sie hatte deutlich klargestellt, daß sie nicht reif für eine Ehe war, wogegen Cole nichts einzuwenden hatte. Und so schliefen sie an den Samstagabenden miteinander. Zur großen Enttäuschung ihrer Eltern hatte Alex beschlossen, nicht mit ihnen in ihrer Einundzwanzigzimmervilla in River Oaks zu leben, sondern sich für eine Luxuswohnung in einem Gebäude in der Innenstadt entschieden, das ihrem Vater gehörte – fünf Zimmer und ein Balkon mit spektakulärem Ausblick vom sechsten Stock. Ihr Wohnzimmer war geräumig, und die Wand zwischen den beiden Schlafzimmern ließ sie rausreißen, wodurch ihr Schlafzimmer, das ganz in Weiß gehalten war, sogar noch größer wurde als das ihrer Eltern. Die Küche war ganz in Schwarz und Weiß gehalten – schwarzer Kühlschrank, schwarze Herdplatte, schwarzer Einbauofen in der Wand, schwarz schimmernde Anrichte, weißer Marmorfußboden und eine Spüle aus rostfreiem Stahl. Das Wohnzimmer hatte mattweiße Wände und war mit Möbeln aus schwarzem Leder und Stahlrohr eingerichtet. Ein leuchtend buntes Mobile von Alexander Calder hing von der Decke, und ein riesiger Jackson Pollock nahm eine ganze Wand ein. Alex liebte ihre Wohnung und genoß es, ungestört und für sich zu sein. Sie ließ es dort nie zum Sex mit Cole kommen, denn sie wollte nicht, daß er oder irgend jemand sonst über Nacht blieb. Sie war gern allein, um in Ruhe ihren Gedanken nachhängen zu können, sich den Spätfilm anzusehen, mit einem Glas Baileys Irish Cream auf ihrem 60
Balkon zu stehen, auf Houston hinauszublicken und dabei zu wissen, daß sie auf dem Wege war, einer der Drahtzieher dieser Stadt zu werden, genauso wie ihr Vater. Für diese Rolle war sie ihr ganzes Leben lang geschult worden, und es hätte ihr keinerlei Schwierigkeiten bereitet, diese Rolle zu erlangen, wenn sie ein Mann gewesen wäre. Sie wußte jedoch, daß sie sich trotz ihrer Herkunft und ihres Geldes mühsam einen Weg nach oben bahnen mußte. Sie war bereit, sich jeden Zentimeter zu erkämpfen. Sie hatte keine Ahnung, daß sich um fünf Uhr etwas ereignen würde, worauf sie absolut unvorbereitet war. Ihre Sekretärin betätigte den Summer. »Mister Bannerman ist hier.« Die Tür ging auf, und der Mann füllte die komplette Türöffnung aus. Alex, die an ihrem Schreibtisch saß und die Hände vor sich gefaltet hatte, stellte fest, daß er sich nicht herausgeputzt hatte, um einen guten Eindruck auf sie zu machen, doch das Blinken seiner schon recht betagten Stiefel wies darauf hin, daß sie erst kürzlich frisch geputzt worden waren. Er hatte Jeans an, und auch die waren nicht neu. Sein Hemd war blau-weiß gestreift, und er trug eine schmale, locker gebundene Krawatte. Ein Gürtel mit silbernen und türkisfarbenen Nieten war durch die Schlaufen seiner Jeans gesteckt. Er hätte John Wayne sein können, obwohl sein Gesicht nicht zerfurcht, sondern kantig war, sein Haar dunkler, seine Augen brauner. Sie schätzte ihn etwa auf ihr eigenes Alter. Und er war braungebrannt. Mit großen Schritten kam er durch den Raum auf sie zu und hielt ihr die Hand hin. Pranke ist wohl treffender, dachte sie, als er ihr die Hand schüttelte. »Ich mag Frauen mit einem kräftigen Händedruck«, waren seine ersten Worte. Sie nahm an, dies bedeutete, daß sie seine Billigung gefunden hatte. Sie bemühte sich, die Gereiztheit zu unterdrücken, die sie in sich aufsteigen spürte. Schließlich ging es darum, daß er ihre Billigung fand. »Setzen Sie sich, Mister Bannerman.« Er füllte den ganzen Sessel aus und beugte sich sofort vor; ein eindringlicher Ausdruck trat in seine dunkelbraunen Augen. »Ich sollte Sie besser warnen«, sagte er. »Sämtliche Bankiers dieser Stadt haben mich abgewiesen. Ich bin noch nicht einmal über die niederen Sphären hinausgelangt.« Niedere Sphären? Alex revidierte ihren ersten Eindruck, daß es sich bei ihm um einen Provinzler handelte. Schließlich mußte ihr eigener Vater in diesem Alter noch Schmutz unter den Fingernägeln gehabt haben. Ohne sich etwas dabei zu 61
denken, sah sie die großen Hände des Mannes an und nahm die langen Finger und die sehr sauberen, kurzgeschnittenen Nägel wahr. »… und zu den Leuten vorgedrungen, die tatsächlich über solche Summen verfügen können…« »Um welche Summe dreht es sich überhaupt?« fiel ihm Alex ins Wort. »Eine halbe Million.« Alex lehnte sich zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und stützte das Kinn auf ihre Finger. Sie wartete. »Derart graue Augen habe ich noch nie gesehen«, sagte er und lächelte sie an. »Wie das Meer an einem bewölkten Tag.« Ihr war unbehaglich zumute. »Mit Schmeicheleien kommen Sie hier nicht weiter, Mister Bannerman.« Ihre Stimme gefror zu Eis, doch sie nahm ein Flattern in ihrer Brust wahr. Ihre Kritik schien ihm nicht das geringste auszumachen. »Das war kein Kompliment, nur die Feststellung eines unumstößlichen Tatbestandes.« Sein Lächeln war von einer kindlichen Unbefangenheit. »Eine halbe Million ist eine Menge Geld.« Nicht wirklich, dachte sie, aber für einen jungen Mann Mitte Zwanzig war dieser Betrag, wenn er ihn zu borgen beabsichtigte, hoch. »Das ist nur der Anfang«, sagte er lachend. »Ich will Apartmenthäuser bauen. Houston wächst so schnell, daß jetzt schon Bedarf an Wohnraum besteht.« Das war Alex bekannt. »Luxusapartments. Für Leute, die vor der Instandhaltung eines großen Hauses zurückscheuen. Für Singles, die es geschafft haben. Für Leute, die eine gute Adresse mitten in der Stadt haben möchten. Für diejenigen, die die Vorstädte nicht mögen. Für jene in River Oaks, deren Kinder erwachsen geworden sind und die ihre riesigen Häuser jetzt als zu groß empfinden.« Ihre Eltern würden niemals auch nur im Traum daran denken, ihr Haus gegen eine kleinere Wohnung einzutauschen. »Haben Sie schon einen Standort ins Auge gefaßt?« Ihre Blicke hingen gebannt an ihm, während er ihr ausgiebig von seinen Ideen berichtete. Als er am Ende angelangt war, sagte sie: »Eine halbe Million genügt nicht.« Er grinste. »Ich erwähnte doch bereits, daß das nur der Anfang ist.« »Und wie stellen Sie sich vor, an dieses Land zu kommen?« fragte sie. »In dieser Lage muß allein schon der Baugrund Millionen wert sein.« »Das Land gehört mir bereits«, antwortete Boomer. »Mein Vater hat es schon lange vor meiner Geburt gekauft, als dieser Teil der Stadt 62
noch eine ländliche Gegend war.« Alex straffte ihre Schultern. »Ich beabsichtige, mehr daran zu verdienen als das, was ein direkter Verkauf mir einbrächte.« »Es geht um Millionen.« »Ja, Ma’am.« »Dann ist das Land also Ihre Sicherheit?« Das wäre wirklich kein großes Risiko. Es war weit mehr wert als die Summe, die er verlangte. »Niemals im Leben«, antwortete er. »Und welche Sicherheiten bieten Sie?« Dieses breite, schiefe Grinsen trat wieder auf sein Gesicht. »Mich. Meine eigene Person.« Alex rief Cole an und sagte, sie würde sich im Restaurant mit ihm treffen. Sie mußte sich beeilen, wenn sie es rechtzeitig schaffen wollte. Das erste, was Cole sie fragte, nachdem sie sich gesetzt hatten, war: »Also, was ist mit diesem Bannerman?« Alex bestellte einen Whiskey Sour und ging dann zu Cola über. »Ja, du hast recht gehabt. Er interessiert mich.« Und das war eine krasse Untertreibung.
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9 Alex
überprüfte Bannermans Hintergrund und Werdegang und befaßte sich ausführlich mit den Zeichnungen des Architekten, die er ihr überlassen hatte. Seit er an der University of Texas sein Studium abgeschlossen hatte, hatte er durchgehend in der Bauindustrie gearbeitet. In den letzten drei Jahren war er bei drei großen Bauvorhaben Bauleiter gewesen, und seine Empfehlungsschreiben lobten ihn ausnahmslos und priesen ihn in den höchsten Tönen. Aber die Tätigkeit als Bauleiter bereitete einen noch lange nicht darauf vor, der Boss schlechthin zu sein, die Finanzen zu verwalten und den Personalaufwand zu kalkulieren. Das war ein Traum, den sie verstehen konnte, aber dazu gehörte nicht nur Weitblick, sondern auch Sachverständnis, Erfahrung und Routine. Er schien die Fähigkeit zu besitzen, ein großes Bauvorhaben abzuwickeln, und das nicht nur schon vor dem festgesetzten Zeitpunkt, sondern auch noch zu einem Preis, der unter den geschätzten Kosten lag. In einer seiner Referenzen wurde angemerkt, sein Vater sei lange Zeit Mitglied der gesetzgebenden Körperschaft von Texas gewesen. Soso! Das war tatsächlich eine Überraschung. Als Cole und sie nach dem Abendessen das Don-Shirley-Konzert über sich hatten ergehen lassen, hatte sie über Brad Bannerman nachgedacht. Als Cole ihre Hand nahm, fragte sie sich, wie Brads große Hände sich wohl anfassen würden, wenn sie sich mit ihren verflochten. Sie ließ sich mit Begeisterung auf Wetten ein, und sie wäre jede Wette darauf eingegangen, daß er schon bald ein ernstzunehmender Faktor in Houston sein würde. Er würde zu Geld kommen. Sie konnte es in ihren Knochen fühlen. Und jeder, der genug Geld hatte, war in Houston gut aufgehoben. Sie ließ sich drei Tage Zeit mit ihrem Anruf bei ihm, damit er richtig schön ins Schwitzen geriet. Und sie lächelte in sich hinein. Er würde sein Geld von einer Frau bekommen. Sie fragte sich, ob er sich wohl vor Scham krümmen und winden würde. »Mister Bannerman, was halten Sie von heute nachmittag? Wieder um fünf?« Möglicherweise würde sie ihm sogar einen gemeinsamen Drink vorschlagen. Nach drei stand nichts mehr auf ihrem Terminkalender. Jeden Abend hatte sie auf ihrem Balkon mit Blick auf die Stadt gesessen und an Brad Bannerman gedacht, an seine 64
braunen Augen, seine breiten Schultern und seine enorme Körpergröße. Er hatte Kraft ausgeströmt, als er durch ihr Büro auf sie zugekommen war, und doch hatte er auch eine naive, knabenhafte Art an sich. Sie dachte an seine Selbstsicherheit, unbeeinträchtigt durch den Umstand, daß sämtliche Bankiers von Houston ihn abgewiesen hatten. Und sie dachte auch an sein Lächeln. Sie war wütend, wußte aber nicht, ob auf ihn oder auf sich selbst. In all den Jahren hatte sie sich vorgesehen, um ganz sicherzugehen, daß kein Mann sie dazu brachte, die Selbstkontrolle zu verlieren. Bis am vergangenen Montag nachmittag dieser Bannerman in ihr Büro gekommen war, war sie gegen jede Versuchung gefeit gewesen. Selbst Cole wußte, daß er nur einen kleinen Teil von ihr für sich beanspruchen konnte – ihren Körper am Samstagabend. Als Bannerman um Punkt fünf erschien, erwartete ihn Alex mit einem Scheck. Sie sagte ihm nicht, daß hunderttausend Dollar, ein Fünftel dieser Summe, von ihrem Privatkonto stammten. Er warf einen schnellen Blick auf den Scheck, faltete ihn zusammen und steckte ihn in seine Hemdtasche. »Soll ich irgendwas unterschreiben?« Sie schob ein Blatt Papier über ihren Schreibtisch. Er las es durch, unterschrieb und schnippte es ihr wieder zu. »Woher bekommen Sie Gelder in dieser Größenordnung?« fragte er. »Ich investiere das Geld anderer Leute. Sie werden in Ihrem Vorhaben von fünf verschiedenen Personen unterstützt.« »Wissen diese Leute etwas davon?« Sie schüttelte den Kopf und dachte: Wenn sein Haar länger wäre, würde es sich über den Ohren kräuseln. »Nein. Sie stellen keine Fragen. Ich erwirtschafte immer Gewinne für sie. Verstehen Sie, Sie verpflichten sich schließlich nicht nur, eine halbe Million zurückzuzahlen. Ich habe mich mit dem Geld dieser Leute in Ihr Geschäft eingekauft.« »Als stille Teilhaber?« Sie nickte. Falls du nicht alles vermasselst, dachte sie, aber das sagte sie nicht. »Haben Sie sich das Bauland inzwischen angesehen?« »Nicht nur das. Ich habe auch die Zeichnungen ausgiebig studiert. Es mag zwar sein, daß ich Risiken eingehe, vor denen konventionelle Bankiers zurückschrecken, aber ich bin gründlich.« Er setzte sich. »Wenn man bedenkt, daß Sie so viel Geld zur Verfügung haben, sind Sie reichlich jung. Wer vertraut Ihnen so 65
große Summen an?« Alex mußte wider Willen lächeln. »Mister Bannerman, mir hat bereits von meiner Geburt an Geld zur Verfügung gestanden. Und jeder, der mich kennt und der meinen Daddy kennt, setzt Vertrauen in mich.« Sie legte den Vertrag, den er unterschrieben hatte, in eine Mappe und schob sie auf ihrem Schreibtisch zur Seite. »Kommen Sie schon«, sagte er, »helfen Sie mir beim Feiern. Ich kenne ein tolles Restaurant, von dem ich wetten würde, daß Sie noch nie dort gewesen sind. Und nennen Sie mich Boomer.« »Boomer?« Sie konnte sich gut vorstellen, daß sie keines der Lokale, die er frequentierte, je besucht hatte. Er warf einen Blick auf ihren Hosenanzug aus grauer Shantungseide und das grüne Hemd, das wie ein Herrenhemd wirkte, jedoch ebenfalls aus Seide war und sich an ihre Brüste schmiegte. »Sie brauchen sich noch nicht einmal umzuziehen. Sie können so bleiben, wie Sie sind.« Sie bemühte sich, nicht laut loszulachen. »Ist es nicht noch zu früh dafür?« »Bis wir dort sind, ist es dunkel.« Er nahm sie an der Hand und zog sie mit zielstrebigen Schritten hinter sich her. Alex entging nicht, daß ihre Sekretärin sie ungläubig anstarrte. Und ebenso ungläubig starrte Alex, als sie die schwere schwarze Harley-Davidson sah, die neben ihrer Corvette geparkt war. Zwei Helme hingen an dem Lenker. Den einen reichte ihr Boomer, den anderen setzte er selbst auf. »Das soll wohl ein Witz sein!« Boomer grinste. »Sind Sie jemals auf so was gefahren?« Ohne eine Antwort abzuwarten, streckte er die Hände aus, um ihr zu zeigen, wie sie den Helm aufsetzen mußte. Ein Blick genügte ihm, denn ihr war deutlich anzusehen, daß sie noch nie auf einem Motorrad gesessen hatte. Er half ihr beim Aufsteigen, und ehe er den Motor auf Touren brachte, drehte er den Kopf zu ihr um und sagte: »Halten Sie sich gut fest.« Sie hielt ihn so fest umklammert, daß ihre Armmuskeln schmerzten, als sie fünfundvierzig Minuten später vor einem Restaurant am Kai von Galveston anhielten. »Hier gibt’s die besten Garnelen auf Erden«, sagte er und half ihr vom Motorrad. Als sie den Helm absetzte, lachte er, und ein Blick in den Spiegel im Vorraum der Damentoilette ließ sie erkennen, warum. Das Haar war an ihren Kopf geklatscht, und sie hatte ihren Lippenstift seit dem 66
Mittagessen nicht mehr aufgefrischt. Aber schließlich würde sie hier ganz bestimmt niemanden treffen, der sie kannte. Sie erkannte sich selbst ja nicht wieder. »Ich habe schon bestellt«, teilte er ihr mit, als sie an den Tisch zurückkam. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn Männer es sich anmaßten, für sie zu bestellen. Woher wollten sie wissen, was sie mochte? »Sie haben mich ohne meine Handtasche gekidnappt«, sagte sie. »Ich habe nicht einmal einen Kamm bei mir und…« »Nicht nötig, Sie sehen prima aus«, fiel er ihr ins Wort. »… und auch keine Zigaretten.« Boomer winkte einen Kellner an den Tisch. »Welche Sorte wollen Sie?« Sie hatte den Eindruck, daß ihm das mißfiel. »Pall Mall.« Der Kellner nickte und kam eine Minute später wieder. Sie riß das Zellophan von dem Päckchen und wartete darauf, daß Boomer ihr Feuer gab. Schließlich griff sie selbst nach den Streichhölzern, zündete ihre Zigarette an und sog den Rauch tief in die Lunge. Als sie ausatmete, wedelte er mit der Hand vor seinem Gesicht, um den Rauch zu vertreiben. Die aufblitzenden Lichter von Booten funkelten und spiegelten sich im Wasser wider. Himmel und Meer waren eins. Das Terrassenrestaurant, das von Palmen umstanden war, überraschte sie. Es wirkte luxuriös, wenn nicht gar elegant. Haufenweise üppige Grünpflanzen, Papageien in Käfigen, Duke Ellington als leise Hintergrundmusik, frische Hibiskusblüten in einer Schale auf dem gestärkten Leinen der Tischdecke. Das war keineswegs die Imbißkultur, die sie erwartet hatte. »Die besten Meeresfrüchte an der ganzen Golfküste«, sagte Boomer. »Vielleicht sogar weltweit.« Sie mochte sein Lächeln. Als sie an dem pfirsichfarbenen Drink nippte, den der Kellner ihr in einem hohen Glas serviert hatte, seufzte sie. »Ambrosia. Was ist das?« Boomer schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht, aber sie sind berühmt dafür.« »Warum haben Sie es nicht auch für sich bestellt?« Er trank Mineralwasser mit einem Spritzer Zitrone. »He, ich bin der Fahrer, oder haben Sie das etwa vergessen?« »Wie könnte ich das vergessen?« Er beugte sich über den Tisch und legte eine große Hand auf ihre. »Es hat Ihnen gefallen, stimmt’s?« Sie mußte es zugeben. »Ich weiß 67
nicht, wann ich mich jemals so erfrischt und belebt gefühlt hätte.« Er zog seine Hand wieder fort und lehnte sich auf dem weißen Korbstuhl zurück. »So, und jetzt erzählen Sie mir etwas über sich. Wissen Sie was? Ich habe kaum noch an etwas anderes gedacht, seit ich am Montag Ihr Büro betreten habe.« »An kaum etwas anderes als an das Darlehen oder daran, das Projekt in Angriff zu nehmen?« Er kniff die Augen zusammen. »An Sie. An kaum etwas anderes als an Sie. Wie haben Sie es dahin gebracht, wo Sie heute sind, und warum?« Es war das erstemal in ihren sechsundzwanzig Jahren, daß ein Mann ihr Fragen zu ihrer eigenen Person stellte, ehe er Stunden damit zugebracht hatte, über sich selbst zu reden. Mit Ausnahme von Cole. Er brauchte ihr nichts über sich zu erzählen und ihr auch keine Fragen zu ihrer Person zu stellen, da sie einander schon immer gekannt hatten. »Mein Leben ist ein offenes Buch. Sie können jeden nach mir fragen.« Er musterte sie eine volle Minute lang. »Ich möchte Ihre Geschichte aus Ihrem eigenen Mund hören.« Sie lächelte. Ja, sie fühlte sich wohl in seiner Gegenwart. Oder lag es an dem Pfirsichgetränk? »Über die nächsten zehn Jahre wird es mehr zu berichten geben als über die ersten sechsundzwanzig.« Er lachte. Sie drückte ihre Zigarette aus, als der Kellner den ersten Gang brachte. Die Garnelen waren die saftigsten, die Alex je gegessen hatte. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. »Ich habe Sie unterschätzt.« »Das tun die meisten Leute.« Er sagte das ohne jeden Groll. »Jetzt machen Sie schon«, drängte er sie. »Erzählen Sie mir Ihre Geschichte.« Sie warf einen Blick auf ihn, und ihre Gabel verharrte mitten in der Luft. Als sie nach siebeneinhalb Minuten fertig war, stellte sie schockiert fest, daß sie tatsächlich nicht viel zu erzählen hatte. »Klingt wie ein Nachruf«, sagte Boomer, und seine Augen waren ernst. Der Kellner brachte den Hauptgang. Boomer beobachtete sie, als sie die Flunder kostete. Alex verdrehte die Augen und murmelte: »Einfach großartig.« Und nachdem etwa eine Minute vergangen war, sagte sie: »Mir war bisher nicht klar, wie uninteressant ich bin.« Es war ihr tatsächlich nicht klar gewesen. Uninteressant gehörte nicht 68
gerade zu den Worten, von denen sie sich jemals vorgestellt hatte, sie könnten auf ihre Person angewandt werden. Es war das erstemal in ihrem ganzen Leben, daß sie jemandem ihre Biographie präsentiert hatte, und es bestürzte sie, daß sich das in so wenigen Worten machen ließ. Boomer, der auf seinem Fisch herumkaute, meinte: »Mir scheint, Sie haben einen engen Gesichtskreis.« »Und was soll das heißen?« Sein Ton ließ keine Kritik erkennen. »Sie wollen Houston und vielleicht sogar der ganzen Welt beweisen, daß Sie sich an jedem xbeliebigen Mann messen können, ja, sogar besser sind als die meisten Männer. Sie wollen so viel Geld verdienen, daß niemand je Ihre Macht anzweifeln wird.« Alex legte ihre Gabel hin und starrte ihn an. Sie kannte ihn kaum, und er war geradewegs durch ihre Augen zu ihrem innersten Kern vorgedrungen und hatte sie nackt ausgezogen. Das hatte ihr bisher noch niemand angetan. Sechsundzwanzig Jahre lang war sie als Idol hingestellt worden, dem alle nachgeeifert hatten, die intelligenteste unter ihren Mitschülerinnen und Kommilitoninnen, die beste Tennisspielerin, die wünschenswerteste aller Töchter, eine der reichsten… Boomer beugte sich vor und sagte in einem vertraulichen Flüsterton: »Das macht nichts. Ich habe dieselben Macken.« Erwartete er von ihr, daß sie jetzt sagte: Oh, bitte, erzählen Sie mir doch mehr darüber? Und war sie dann an der Reihe, sich seine Lebensgeschichte anzuhören? Waren seine Fragen nach ihrem Leben nur das Vorspiel zu seiner Nabelschau gewesen? »Macken?« war alles, was sie herausbrachte. Sie glaubte, weit weniger Macken als die meisten anderen Menschen zu haben. »Was tun Sie zu Ihrem Privatvergnügen?« Dann redete er also doch nicht über sich. »Zum Vergnügen?« Sie sagte das, als sei es ein Fremdwort für sie. »Alles mögliche. Ich spiele Tennis, ich besuche zahlreiche Partys, dann ist da der Club. Ich…« Plötzlich lächelte sie und entspannte sich bewußt. »Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht, Mister Bannerman. Ich arbeite. Nichts anderes auf Erden macht mir mehr Spaß als meine Arbeit.« »Ich heiße Boomer.« Alex wußte nicht, ob sie es jemals über sich bringen könnte, einen solchen Namen auch nur auszusprechen. Boomer als Anrede für einen erwachsenen Mann! »Dann macht Ihre Arbeit Ihnen also Spaß. Ich kann das gut verstehen. Mir tun all diese Leute leid, die nichts 69
weiter als einen Job haben und ihre stumpfsinnige Lohnarbeit verrichten. Ja, ich arbeite auch gern, sehr gern. Es macht mir Spaß. Aber man muß nebenher noch andere Dinge tun. Man muß sich auch in andere Vergnügungen stürzen.« »Ich langweile mich nie«, brachte Alex zu ihrer Verteidigung vor. Seit wann verteidigte sie sich anderen gegenüber? »Gibt es einen Mann in Ihrem Leben?« Sie beugte sich auf ihrem Stuhl vor, stützte die Ellbogen auf die Armlehnen und faltete die Hände. »Raten Sie.« Boomer schnappte sich das letzte Brötchen, ehe er ihre Frage beantwortete, und als er über den Tisch sah und ihren Blick festhielt, konnte sie nichts in seinen Augen lesen, keine Belustigung, keinen Flirt, nichts weiter als unergründliche, undefinierbare braune Tiefen. »Nicht viele Männer, dafür fehlt Ihnen die Zeit. Für texanische Begriffe sind Sie unverhältnismäßig alt dafür, daß Sie immer noch nicht verheiratet sind. Dann haben also nicht allzu viele Männer auf Sie gewartet. Sollte es jemanden geben, so sehe ich Ihnen jedenfalls nichts davon an«, sagte er und ließ seinen Blick auf ihre Lippen gleiten und dort ruhen, »daß Sie verliebt sind.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, und seine Augen schweiften umher, bis er schließlich auf dem Golf die funkelnden Lichter der Boote beobachtete. »Bisher hat Ihr Ehrgeiz über andere Genüsse triumphiert.« Der Kellner unterbrach das Gespräch, als er das Dessert servierte. Die Crème brûlée war köstlich. Sie redeten nicht, als sie den Nachtisch aßen, doch ihre Blicke hielten einander fest. Dann war da wieder dieses Lächeln, das ihn so knabenhaft erscheinen ließ. »Ma’am, Sie können sich wirklich glücklich schätzen.« Sie zog fragend die Augenbrauen hoch. »Ich werde all das beheben und Sie mit einigen der Genüsse des Lebens vertraut machen.« Sie glaubte, damit sei gemeint, daß er versuchen würde, mit ihr zu schlafen. Aber nachdem sie an der Kaimauer entlanggelaufen waren, gegen die das Wasser leise schwappte, und im Mondschein mit fünfundachtzig Meilen in der Stunde nach Houston zurückgefahren waren, war es schon nach Mitternacht. Er versuchte noch nicht einmal, sie zum Abschied zu küssen. Er half ihr vom Motorrad, sah zu, wie sie ihren Wagen aufschloß und hinter das Steuer glitt, wartete, bis sie in Sicherheit war, und sobald sie den Motor ihres Wagens angelassen hatte, fuhr er los, und die Auspuffgeräusche seines Motorrads knatterten in ihren Ohren. Als sie zu Hause ankam, nahm sie den Aufzug in den sechsten Stock, 70
zog sich aus und trat im Nachthemd auf ihren Balkon. Sie war von einem Verlangen erfüllt, das sie bisher nicht gekannt hatte. Selbst jetzt konnte sie noch fühlen, wie der Wind durch ihr Haar blies und ihre Arme sich um die stämmige Gestalt vor ihr schlangen. Und sie sagte laut: »Ich habe das Gefühl, eine weisere Investition für meine hunderttausend Dollar hätte ich gar nicht finden können, ganz gleich, ob sein Projekt sich als erfolgreich herausstellt oder nicht.«
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10 Carly
fragte sich, ob sie nach Hause fahren und sich etwas Unauffälligeres anziehen sollte. An jenem Morgen trug sie ihr teures rotes Kostüm. Sie kaufte sich nicht viele Kleider, doch auf die wenigen, die sie erstand, war sie stolz. Sie mochten zwar immer noch nicht unbedingt unter die Kategorie Designer-Mode fallen, und vielleicht würde es dazu auch nie kommen, denn schließlich bezog sie nur das Gehalt einer Sekretärin, doch sie wußte, daß ihr Kostüm sehr schick war. Jedesmal, wenn sie es trug, äußerten sich andere Leute dazu, wie gut sie darin aussah. Auf dem Weg zur Union Trust, der Coleridge-Bank, sollte sie noch Mr. Schneider, den Leiter der Finanzabteilung von Toyland, abholen. Sie war Mr. Schneider bisher noch nie begegnet, aber im Grunde hatte sie ihm auch nicht viel zu sagen. Das Geschäft war bereits eine abgemachte Sache. Jetzt ging es nur noch darum, Papiere zu unterschreiben und Hände zu schütteln. Schneider hätte ebensogut allein hingehen können, doch da Rolfs ihm das Darlehen besorgt hatte, zählte es zu den Gefälligkeiten, die einem Kunden erwiesen wurden, daß man ihn zur Bank begleitete, ungeachtet der Größenordnung des verkauften Objekts. Vielleicht versuchte Mr. Rolf einfach nur, sie mit Leuten zusammenzubringen, die sich als potentielle Kunden erweisen könnten. Er hatte ihr gesagt, sie sei die beste Sekretärin, die er je gehabt habe, er wisse tatsächlich nicht, wie er das Büro je ohne sie geleitet habe. Und um ihr zu zeigen, daß es sein Ernst war, bedankte er sich bei ihr mit einer Gehaltserhöhung. Aber er nahm auch ihre innere Unruhe wahr. Es sei ihr bestimmt, erklärte er ihr eines Tages, höher aufzusteigen und nicht ewig als Sekretärin zu arbeiten. Inzwischen kannte sie sich besser in der Branche aus als die meisten seiner Makler. Mr. Rolf hatte nicht nur sein Studium an der University of Texas abgeschlossen, sondern darüber hinaus noch einen Mastertitel an der University of Wisconsin erworben, und obgleich seine Eltern nicht aus Houston stammten, gehörten sie zum alteingesessenen Geldadel von Texas. Er hatte zu Beginn seiner Karriere das nötige Startkapital gehabt. Sie dagegen wollte Houston zeigen, was eine Frau erreichen konnte, die ganz klein anfing. Mr. Schneider schien keineswegs begeistert über ihr Erscheinen zu 72
sein, obwohl Mr. Rolf ihn vorgewarnt hatte, er würde eine weibliche Mitarbeiterin schicken. Während sie zur Union Trust fuhren, schnalzte er unentwegt mit der Zunge. Dort angekommen, deutete er sogar verstohlen an, sie solle im Wagen auf ihn warten, doch Carly glitt vor ihm durch die gläsernen Drehtüren. Das Büro liege im dritten Stock, hatte Mr. Rolf gesagt, und sie ging Mr. Schneider voraus, ohne erst darauf zu warten, daß er ihr die Tür des Aufzugs aufhielt, doch sie lächelte ihn betörend an. Coleridge hatte ein ganz gewöhnliches Büro, das mit dezentem Geschmack und Understatement eingerichtet war. Er stand auf, als Carly und Mr. Schneider eintraten. Er sah Carly mit hochgezogenen Augenbrauen an, hielt jedoch Mr. Schneider die Hand hin. Gleich darauf kehrte sein Blick allerdings wieder zu Carly zurück. »Ich bin Carly Anderson«, sagte sie. »Ich vertrete Rolfs. Und das ist Mister Schneider von Toy land.« Coleridge wies auf die beiden Ledersessel, die seinem Stuhl gegenüber an seinem Schreibtisch standen. Nachdem sie sich gesetzt hatten, nahm auch er wieder Platz. Carly musterte ihn. Sie hielt ihn für gut einsachtzig, und er erweckte den Eindruck, als triebe er Sport. Sein Haar war schwarz und links gescheitelt, und er setzte sich entweder unter eine Bräunungslampe, oder er spielte oft Tennis. Seine Augen waren ausdruckslos, weder freundlich noch sonst etwas, und er hatte zur Begrüßung auch nicht gelächelt. Er gab sich nüchtern und geschäftsmäßig, fast so, als täte er ihnen einen Gefallen. Und so verhielt es sich natürlich auch, denn schließlich lieh er Toyland dreihunderttausend Dollar, damit sie davon das Land für ein Warenlager erwerben konnten. Toyland eröffnete Filialen in ganz Texas, und jetzt plante man den Bau einer zentralen Geschäftsstelle und eines Warenlagers. Es hatte etliche Monate erfordert, ein geeignetes Stück Land in einer Lage zu finden, in der es einen nicht das letzte Hemd kostete und doch halbwegs an die großen Schnellstraßen angebunden war, und Jay Thornberry hatte all die Monate darauf verwendet, diesen Geschäftsabschluß zustande zu bringen. Als Mr. Coleridge Papiere über seinen Schreibtisch schob und Mr. Schneider einen Stift reichte, damit dieser unterschrieb, glitt sein Blick zu Carly, und ihre Augen trafen sich. Sie lächelte ihn an. Er nickte kaum wahrnehmbar, erwiderte ihr Lächeln jedoch nicht. So sind die Reichen eben, dachte sie. Er erinnerte sie an die Ladys von Verity. Sie fragte sich, ob das Blut in seinen Adern tatsächlich blau sein könnte. Als die Papiere unterzeichnet waren und Coleridge Schneider die Kopien 73
ausgehändigt hatte, hielt er Carly die Hand hin. Es überraschte sie, daß sein Händedruck so kräftig war. Sie hatte den Eindruck, er hielte ihre Hand, an dem gemessen, was sich gehörte, einen Sekundenbruchteil zu lange fest, doch sie war sich nicht sicher. Seine schwarzen Wimpern waren die längsten, die sie je gesehen hatte, und seine Augen waren saphirblau. Und hart wie Edelsteine. Cole Coleridge betrieb jede Form von Freizeitbeschäftigung ebenso ernst und mit derselben Härte wie die harte Arbeit, die er in einer Stadt leistete, in der Männer hart arbeiteten. Um in den sechziger Jahren in Houston an die Spitze zu gelangen, genügte es nicht, einfach nur reich zu sein. Manche der Männer, die erst in der allerjüngsten Zeit zu Reichtum gelangt waren, engagierten Agenturen, um auch wirklich sicherzugehen, daß die neuen Diamanten ihrer Ehefrauen und deren Pariser Modellkleider in den Zeitungen erwähnt wurden und ihnen Plätze auf den Gästelisten sicherten. Die PR-Agentinnen brachten den neureichen Ladys bei, wie man sich anzog und wie man Tennis spielte, und sie empfahlen ihnen Innenarchitektinnen und erteilten Ratschläge, wo man sich ein Haus kaufen sollte. Die Ehemänner vieler dieser Ladys waren gewöhnliche Männer gewesen, die in Fabriken arbeiteten oder als Farmer ihr Land bestellten und auf deren Grundstücken Ölquellen hervorgesprudelt waren, die einfach nicht versiegen wollten. Die erfolgreichen PR-Frauen sorgten dafür, daß die Namen ihrer Klientinnen in den Aufnahmelisten der Clubs, in denen sich eine Mitgliedschaft lohnte, vorgezogen wurden, und auch dafür, daß man sie dort akzeptierte, und wenn sie auch noch so sparsam mit ihren Beziehungen umgingen, dann führten sie sie doch bei der alten Garde ein und schrieben den Neuankömmlingen vor, was sie zu sagen und wie sie sich zu kleiden hatten. Wie sie die entsprechenden Wendungen vorzubringen hatten, konnte ihnen niemand sagen, denn durch das Fernsehen und die größere Mobilität der Bevölkerung war es keine unerläßliche Voraussetzung mehr, einen Südstaatenakzent zu haben, doch trotzdem gab es dort nur sehr wenige Yankees. Houston war zu schwül, zu pompös und in einem zu hohen Maße am Öl orientiert, um reiche New Yorker anzulocken, und den wenigsten Aristokraten aus dem Nordosten wäre es naheliegend erschienen, eine Stadt mit all diesen südlichen Akzenten und dieser Haltung gegenüber Schwarzen zu überschwemmen, die von den meisten Leuten in Houston nach wie vor als Farbige bezeichnet wurden. 1968 stammte die große Mehrheit der Hausmädchen und Gärtner in 74
Houston bereits aus Mexiko und Guatemala, und man nahm sie für ein Jahr in seine Dienste, obgleich einige von ihnen schon Immigranten der zweiten Generation waren. Die Einwohner von Houston, ja, die Texaner generell, sahen das Establishment des Ostens ohnehin als verweichlicht und dekadent an, obwohl viele von ihnen das Wort noch nie gehört hatten. Texaner liebten Pferde, John Wayne und Gary Cooper, galantes Benehmen und schnelle Wagen, Steaks, Football und das Scheffeln von Geld, Tanzen, Musicals aus New York und weite, offene, unbebaute Flächen. Und insbesondere liebten sie es, zuzusehen, wie Herefordund Santa-Gertrudis-Rinder über diese weiten, offenen, unbebauten Flächen wanderten und Ölpumpen hin und her schaukelten und schwarzes Gold hochpumpten. Doch noch mehr als all das liebten sie vielleicht Texas. Obwohl sie sich als Demokraten ausgaben, zählten Texaner im allgemeinen und die Einwohner von Houston im besonderen zu dem konservativsten politischen Menschenschlag auf Erden, während sie gleichzeitig eine unglaubliche finanzielle Risikobereitschaft an den Tag legten. Texaner benutzten obszöne Ausdrücke, aber niemals in gemischter Gesellschaft und nur äußerst selten in Gegenwart ihrer Ehefrauen. Frauen, oder zumindest Texanerinnen, hatten wie Ladys behandelt zu werden, und man erwartete auch von ihnen, daß sie sich wie Ladys verhielten. Cole konnte nie verstehen, warum Alex sich so sehr von all den anderen Frauen unterscheiden mußte, die sie beide kannten. Und doch war sie schon immer anders gewesen -rastlos, auf der Suche, voller Ungeduld, und sie ließ sich weder von ihm noch von anderen Männern eine Wagentür aufhalten, sondern sagte in diesem belustigten und spröden Ton, der so typisch für sie war: »Ich bin nicht hilflos.« Cole war zwar nicht in sie verliebt, doch seit er fünfzehn Jahre alt gewesen war, wenn nicht schon eher, hatte er gewußt, daß Alex seine Frau werden würde. Und jetzt mußte er feststellen, daß er allmählich ungeduldig wurde. So gut wie alle Leute, die er kannte, waren bereits verheiratet, und einige von ihnen hatten sich sogar schon wieder scheiden lassen. Vielleicht sollte er einfach einen Ring kaufen, um einen ersten Schritt in Richtung einer Bindung zu tun. Bis dahin… Cole wußte eine hübsche Frau ebensosehr zu würdigen wie jeder andere Mann, aber im allgemeinen brachte ihn das Aussehen einer Frau nicht hoffnungslos aus der Fassung – bis zu dem Moment, in dem Carly Anderson in einem roten Kostüm, das ihren 75
kurvenreichen Körper nicht verbergen konnte, in sein Büro gestürmt war. Ihre langen goldenen Ohrringe hatten in der Sonne gefunkelt, und Cole hatte das Gefühl gehabt, eine Trommel hämmerte in seiner Brust. Ihre langen, nackten Beine waren braungebrannt, und sie trug nicht die spitzen, hochhackigen Schuhe wie all die anderen Frauen, die er kannte. Sie hatte rote Sandalen an, und ihre Zehennägel waren leuchtend rot lackiert, ganz im Gegensatz zu ihren Fingernägeln, die frei von jedem Nagellack waren und noch dazu hübsch rund. Wie auch der Rest von ihr. Schließlich ließ er seinen Blick höher gleiten, zu den üppigen roten Lippen und auf ein Gesicht, das golden schimmerte. Die Konturen ihrer großen runden Augen waren mit schwarzem Eyeliner nachgezeichnet, und die Augen selbst hatten die Farbe von Rotkehlcheneiern. Ihr Lächeln blendete ihn und ließ makellose weiße Zähne zwischen den geschminkten Lippen sehen. Cole schüttelte den Kopf, und zum erstenmal in seinem Leben mußte er sich anstrengen, um nüchtern und geschäftsmäßig zu wirken. Schon als Teenager hatte er immer einen nüchternen und geschäftsmäßigen Eindruck erweckt. Sogar bei Sport und Spiel. Ja, sogar dann, wenn er mit einer Frau im Bett war. Er setzte sich und faltete die Hände auf seinem Schreibtisch. »So«, sagte Mr. Rolf, dessen weißer Schnurrbart zitterte, wie es immer der Fall war, wenn er lächelte. »Dann hat er dich also nicht zum Mittagessen eingeladen. Das wäre auch ganz untypisch für ihn gewesen. Ich habe mich einfach nur gefragt, wie er dir wohl widerstehen könnte. Ich brächte es nicht fertig, wenn ich noch jung und ungebunden wäre.« Und dann fragte er: »Was ist mit Schneider? Hat der Annäherungsversuche gemacht?« Carly schüttelte den Kopf. »Zum Teufel, ich muß mir etwas einfallen lassen, um dich in einen Kreis einzuführen, in dem du potentielle Kunden finden kannst. Zweihundert die Woche mag dir zwar im Moment noch als ein gutes Gehalt erscheinen…« »Nein, ganz und gar nicht«, fiel ihm Carly ins Wort. Er nickte. »Ich weiß. Und ich will dich nicht verlieren. Ich werde sehen, was ich für dich tun kann.« Sie rechnete nicht damit, daß ihm viel zu diesem Thema einfallen würde. Alle seine Makler waren fünfunddreißig und älter. Sie waren schon seit langer Zeit in Houston und kannten die richtigen Leute. Carly kannte nur Typen, die sie auf Partys traf oder durch ihre Freundinnen kennenlernte. Keiner von diesen jungen Männern vermochte sie in Kreise einführen, in denen sie Kunden 76
von der Sorte begegnete, die zu Rolfs potentieller Klientel zählte. Doch noch ehe Mr. Rolf sich ernsthafte Gedanken über diese Frage machen konnte, erhielt er am nächsten Morgen einen Anruf von Cole Coleridge. »Ein Freund von mir aus Harvard wird von Minneapolis nach Houston ziehen, und ich habe mich gefragt, ob diese Miss Anderson mir vielleicht ein paar Wohnungen zeigen könnte, die eventuell das Richtige für ihn wären.« Der alte Rolf lachte. »Durchsichtiger geht es nicht«, sagte er zu Carly. »Er hat gar keinen Freund.« Er tätschelte ihr den Kopf. »Also los, Carly. Da hast du deine Chance, dir die Füße naß zu machen, aber rechne bloß nicht mit einem Verkauf. Hier ist seine Nummer. Er erwartet deinen Anruf, um einen Termin mit dir zu vereinbaren.« Sie wählte Coles Nummer in der Bank. »Ich zeige Ihnen gern ein paar Wohnungen, wenn Sie mir genauer mitteilen können, welche Anforderungen eine Wohnung erfüllen sollte, damit sich Ihr Freund dafür interessiert«, sagte sie. »Er wird bei Marriner and Lowe arbeiten«, erwiderte Cole und nannte damit eine angesehene Anwaltskanzlei, von der sogar Carly schon gehört hatte. »Ich könnte mir gut vorstellen, daß er ein Objekt der gehobeneren Preisklasse im Auge hat. Ich dachte mir, ich könnte mir vielleicht acht bis zehn Wohnungen ansehen und eine Vorauswahl für ihn treffen. Er wird bei mir wohnen, bis er etwas gefunden hat.« »Ja, klar«, gackerte Mr. Rolf, als Carly ihm das Telefongespräch wörtlich wiedergab. »Nun, da hätten wir als erstes mal den Washington Tower« – eine Anlage, bei der es sich keineswegs um einen Turm handelte. »Eigentlich haben wir mehr Wohnungen zur Vermietung anzubieten als zum Verkauf, aber sehen wir doch mal, was sonst noch da ist.« Carly vereinbarte einen Termin mit Cole für vier Uhr am Freitag nachmittag. »Den legen wir so, damit er dich hinterher zum Abendessen einladen kann«, sagte Mr. Rolf. Carly hoffte, es würde dazu kommen, doch während sie noch miteinander redeten, läutete das Telefon, und nach einem ausgedehnten Gespräch wandte sich Mr. Rolf mit einem schelmischen Funkeln in den Augen wieder Carly zu und sagte: »Das war die Schwiegermutter meiner Tochter. Ich weiß nicht, wie Deirdre dazu steht, aber ihre Schwiegereltern ziehen von Dallas nach Houston, und ihre Schwiegermutter will sich von mir Häuser zeigen lassen. Hier hast du deine Chance, meine Liebe. Es mag zwar nur ein auswärtiger Kontakt sein, aber probier’s doch mal.« Am Freitag 77
nachmittag war Carly vom Erfolg ihres ersten Verkaufs geradezu berauscht. Es war das reinste Kinderspiel gewesen. Mr. Rolf traf eine Auswahl der Häuser, von denen er glaubte, sie könnten Mrs. Yarnall gefallen, und Carly fuhr zum Flughafen raus und holte sie dort ab, um ihr am Vormittag vier Häuser zu zeigen. Dann aßen sie bei Petrucchio’s zu Mittag, da Mr. Rolf wußte, daß die Mutter seines Schwiegersohns eine Vorliebe für italienisches Essen hatte, und am Nachmittag zeigte sie ihr zwei weitere Häuser. Es standen noch drei andere auf ihrer Liste, doch sowie Mrs. Yarnall das sechste Haus des Tages sah, sagte sie: »Das will ich haben.« Es brauchte noch nicht einmal eine Hypothek ausgehandelt zu werden. Sie würde bar zahlen. Carly rechnete sich aus, daß ihr dieser eine Abschluß – die Hälfte von sechs Prozent – mehr einbringen würde als das, was sie in einem ganzen Jahr verdiente. Nachdem Mrs. Yarnall in das Flugzeug nach Dallas gesetzt worden war, meinte Mr. Rolf: »Um dieses Geschäft zu legalisieren, sollte ich dich besser zu einem Kurs für Immobilienhändler schicken, damit du dir eine Lizenz erwerben kannst.« Cole versuchte sich an die zwanzig Minuten zu erinnern, die Carly Anderson und Richard Schneider in seinem Büro verbracht hatten. Er nahm an, daß das Geschäft zustande gekommen und abgeschlossen worden war. Er entsann sich, daß er das Dokument unterschrieben und es Schneider über seinen Schreibtisch zugeschoben hatte, aber er konnte sich später nicht mehr daran erinnern, wie der Mann ausgesehen hatte. Als Carly Anderson sich erhob, um zu gehen, hielt sie ihm ihre Hand hin, und sie bedachte ihn mit einem Lächeln, das ihn innerlich wärmte, bis in den Bauch hinein. Es war das reinste Vergnügen gewesen, sie auf ihrem Weg zur Tür zu beobachten. Die Erinnerung daran, wie Alex aus einem Raum schwebte, hatte nie bewirkt, daß er sich stundenlang nicht konzentrieren konnte. Doch für den Rest dieses Tages hatte es ihn in den unpassendsten Momenten verfolgt, wie provozierend sich die Hüften dieses Mädchens bewegt hatten, als sie sein Büro verlassen hatte; und immer wieder war ihm eingefallen, wie zartrosa ihre Zunge gewesen war, als diese über ihre Unterlippe fuhr. Bevor er an jenem Abend einschlief, ließ ihn die Erinnerung an die vereinzelten zarten goldenen Locken lächeln, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatten; sie hatte sich das Haar mit einer goldenen Spange zurückgesteckt. Ob es wohl Männer in ihrem Leben gab? Einen 78
Ehemann? Feste Freunde? Einen Geliebten? Es mußte jemanden geben. Keine Frau, die so aussah, konnte durch die Straßen von Houston laufen, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Als sie am Freitag um vier Uhr erschien, hatte er drei volle Tage damit zugebracht, an sie zu denken. Nachdem sie ihm drei Wohnungen gezeigt hatte, sagte Cole: »Warum sollen wir uns eigentlich noch länger verstellen und einander etwas vormachen?« Carly sah ihn an. Mr. Rolf hatte recht gehabt. Er hatte die Wohnungen, die sie ihm gezeigt hatte, nur flüchtig angeschaut, woran sich leicht erkennen ließ, daß er in Wirklichkeit gar kein Interesse in ihnen hatte. »Sie haben gar keinen Freund.« »O doch, ich habe tatsächlich einen Freund.« Er hatte darauf bestanden, sich ans Steuer zu setzen, und der Verkehr hatte sich mit der Zeit beruhigt und inzwischen reichlich nachgelassen, da das Wochenende angebrochen war. Die Dämmerung senkte sich herab. »Aber er will in Wirklichkeit gar keine Wohnung kaufen, sondern eine mieten.« »Da können wir Ihnen ebenfalls etwas anbieten.« Sie mußte unwillkürlich lächeln. Sie fühlte sich beschwingt. Für diesen Nachmittag hatte sie ihre Kleidung sorgsam ausgewählt. Diesmal kein Kostüm, sondern ein kornblumenblaues Kleid, das zu ihrer Augenfarbe paßte und einen Rock hatte, der beim Laufen raschelnd um ihre Beine schwang. Sie mochte seine Hände. Es gefiel ihr, wie sie das Lenkrad umfaßten, und sie mochte auch seine langen, schmalen Finger. »Ich dachte mir, wenn ich das gleich sage, dann schickt man mir vielleicht irgendeinen unbedeutenden Vertreter und nicht jemanden von Ihrem Kaliber. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie sich mit Vermietungen abgeben, stimmt’s?« Sie lachte. »Nein, dafür bin ich nicht zuständig.« Er hatte keine Ahnung. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. »Also wirklich, Mister Coleridge, ich glaube tatsächlich, Sie wollen mich zum Essen einladen.« Er warf ihr einen Blick zu. »Sind Sie frei?« »Wenn ich es nicht wäre, dann würde ich jetzt ganz eindeutig jede andere Verabredung absagen.« »Ist Ihnen das Excelsior recht?« Sie war noch nie dort gewesen. »Oh, gegen das Excelsior habe ich wirklich nichts einzuwenden, Mister Coleridge.« »Cole, ich heiße Cole.« Während sie weiterfuhren, sagte sie: »Ihnen hat mein letzter 79
Gedanke gegolten, ehe ich gestern abend eingeschlafen bin.« Seine Hand streckte sich aus und umschloß ihre Finger.
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11 Es dauerte eine Woche, bis Alex erneut etwas von Boomer hörte. Am Donnerstag waren ihre Nerven derart angespannt, daß sie dreimal nach dem Telefon griff, um ihn anzurufen, den Hörer jedoch jedesmal wieder ohne zu wählen auflegte. So war ihr noch nie, aber auch wirklich noch nie zumute gewesen. Wie üblich hatte sie den Samstagabend mit Cole verbracht. Sie hatten im Club zu Abend gegessen und waren dann noch dort geblieben und hatten getanzt; die Kapelle spielte die Art von Musik, mit der ihrer beider Eltern aufgewachsen waren. In Houston ging es immer noch sehr förmlich zu, und sie fand, Cole wirkte in seinem Smoking ganz so, als gehörte er hierher. Ihr war vollkommen gleichgültig gewesen, wie sie aussah, und daher war sie einfach nur schnell in das graue Chiffonkleid mit den schmalen silbernen Trägern geschlüpft. Es schmiegte sich an ihre Brüste und hatte einen Rock, der an den Knien eng zulief und von dort aus abwärts weit ausgestellt war. Das Kleid ließ sie jedoch keineswegs farblos und unauffällig wirken, nein, ganz im Gegenteil – das Grau, das nur eine Spur dunkler als ihre Augen war, tauchte sie in einen silbernen Glanz. Die tropfenförmigen Diamantohrringe, der einzige Schmuck, den sie an diesem Abend trug, waren ein Geschenk von ihren Eltern. Sie strahlte selbst dann einen funkelnden Glanz aus, wenn sie aufgebracht, gereizt und ungeduldig war und eine Art innerer Unruhe verspürte. »Du siehst heute abend ganz besonders gut aus«, sagte Cole, als er sie auf der Tanzfläche eng an sich zog. Seine Beine folgten ihren, und wenn sie die Augen schloß, sah sie keineswegs Coles blaue Augen vor sich, sondern die braunen Augen von Boomer. Und sie hörte Boomers rauhe Stimme und nicht etwa Coles wohlklingende. Die Gespräche langweilten sie, und sie vernahm kaum ein Wort, das irgend jemand sagte; sie machte sich noch nicht einmal die Mühe, mit dem Kopf zu nicken oder so zu tun, als beteilige sie sich an der Unterhaltung. »Bedrückt dich etwas?« fragte Cole. Letzte Nacht hatte sie im Bett gelegen und einfach nicht schlafen können. Ihre Gedanken waren immer wieder zu Boomer zurückgekehrt. Um Himmels willen, was für ein Name, Boomer. Sie wollte seine Lippen auf ihren spüren, ihn schmecken und seine 81
Hände und seine Zunge auf ihrem Körper fühlen. »Ich habe Kopfschmerzen«, antwortete sie. »Ich glaube, ich sollte jetzt besser nach Hause gehen.« »Ich hole deinen Mantel und fahre dich heim.« »Nein«, entgegnete sie. »Ich möchte allein sein.« Boomer warf an dem Tag, an dem ihm Alex den Scheck über eine halbe Million gab, einen überdurchschnittlich gut bezahlten Job hin. Innerhalb von sechs Jahren hatte er das Geld aufgebraucht, das er für das Haus in Verity bekommen hatte, und viel mehr war nicht dagewesen. Auf dem Bankkonto seines Vaters waren exakt einundzwanzigtausendunddrei Dollar und neunundzwanzig Cent gewesen. Er hätte das Bauland in Houston verkaufen können, doch er sah dieses Land als einen Weg zur Erfüllung seines Traums an. Er hatte nicht gerade mit dem Geld geknausert. Er hatte einen Sportwagen davon gekauft, einen Triumph TR4, und die HarleyDavidson. Es machte ihm Spaß, über Schnellstraßen zu rasen, vorzugsweise fernab von den Städten, durch weite, offene und unbebaute Landstriche – rote Hügel und Salbeisträucher, so weit das Auge reichte. Das vermittelte ihm ein Gefühl von Freiheit. Die Fesseln der Erde schienen von ihm abzufallen und sich in den Asphalt zu pressen, und was auch immer auf seinen Schultern lasten mochte, es glitt hinab und verlor sich im Fahrtwind hinter ihm. Er hatte sich mit Dan Bertelson, einem jungen Architekten, zusammengetan, der ihm vor fünf Monaten beim Training in seiner Mittagspause als Sqashpartner zugeteilt worden war. Dan wurde von einer inneren Unruhe geplagt und wollte nicht so weitermachen wie bisher. Er war drei Jahre älter als Boomer und arbeitete jetzt schon im fünften Jahr für Yarrow, Golden and McLure. Dort fühlte er sich eingeengt und zu vielen Zwängen ausgesetzt. »Das fände bei keinem unserer Klienten Anklang«, hatte er sich immer wieder anhören müssen, wenn er etwas Neues ausprobieren wollte. »Ich sollte sehen, daß ich von hier fortkomme«, sagte Dan, als er den Ball gegen die Wand schmetterte. »Ich sollte nach San Francisco oder nach Seattle gehen, irgendwohin, wo die Leute für innovative Ideen aufgeschlossen sind. Verdammter Mist«, murrte er, als Boomer einen Punkt einheimste. »Taugst du etwas?« fragte Boomer, als sie hinterher unter der Dusche standen. »Ich bin besser als die Vierzigtausend, die sie mir dort zahlen. Ja, ich 82
bin gut. Ich habe das, woran es denen fehlt.« »Und was wäre das?« Boomer drehte das kalte Wasser auf, bis es ihn wie Nadeln stach. »Phantasie und Weitblick.« Das habe ich selbst, dachte Boomer und sah zu Dan hinüber. »Was hältst du davon, heute mit mir zu Abend zu essen?« »Prima.« Dan grinste. »Obwohl du mich im Sqash geschlagen hast.« »Im Charcoal Grill. Um sechs Uhr. Wir treffen uns in der Bar.« Ihre Zusammenarbeit begann mit Bleistiftskizzen auf Papierservietten im Charcoal Grill und setzte sich bis nach elf Uhr fort. Allabendlich machten sie so weiter, und samstags verlagerten sie ihre Besprechungen an den Pool des Apartmentkomplexes, in dem Dan wohnte. An dem Tag, an dem Boomer ihm den Scheck von Alex zeigte, warf auch Dan seinen Job hin. »Du gibst eine gesicherte Stellung auf«, sagte Boomer besorgt. »Das hast du doch auch getan. Und wenn nichts daraus wird, na und? Dann gehe ich eben nach Kalifornien oder vielleicht nach Seattle.« Dan ließ es nicht bei den Zeichnungen bewenden, sondern begann die Grundlagen des Bauwesens zu erlernen, und schließlich verbrachte er einen großen Teil seiner Zeit mit Installateuren, Maurern, Fertigbearbeitern und Elektrikern. Er stellte fest, daß er sich für jeden einzelnen dieser Arbeitsgänge begeisterte und jede Minute genoß. Er arbeitete in Hemdsärmeln, und bei heißem Wetter trug er überhaupt kein Hemd. Dergestalt dürftig bekleidet, verschwitzt und mit verkrustetem Sägemehl in den blonden Haaren auf seiner Brust, lernte er Tessa Oldfield kennen. Es war Samstag, und der Bautrupp hatte um die Mittagszeit Schluß gemacht. Dan und Boomer schienen nie Feierabend zu machen, zumindest nicht vor Einbruch der Dunkelheit, doch Boomer hatte sich das Wochenende frei genommen, da er vorhatte, mit seinem Motorrad in den SamHouston-Natio-nalpark raufzufahren. Dan saß auf einem Sägebock, trank Seven-up und wischte sich den Schweiß von der Stirn, als er aufblickte und eine Frau sah, die sich den ersten Rohbauabschnitt eingehend betrachtete. Sie war nicht größer als eine Zwölf- oder Dreizehnjährige, und er starrte sie an, als sie bei ihrer genauen Begutachtung die Augen zusammenkniff, ganz so, als versuchte sie sich vorzustellen, wie das fertige Haus wohl aussehen würde. Dann bemerkte sie Dan und kam auf ihn zu. Niedlich, dachte er, wie ein kleiner Kobold. Dichte rote Locken wogten auf ihre Schultern 83
herab, und als sie näher kam, sah er, daß ihre blasse Haut mit den für Rothaarige so typischen Sommersprossen gesprenkelt war. Sie trug Jeans und ein ausgebleichtes blaues Herrenhemd, das etwa vier Nummern zu groß für sie war. Er hätte gewettet, daß sie es nur mit Mühe und Not auf einsfünfzig brachte. Als sie noch ein Stück nähergekommen war, fesselten ihre Augen seine Aufmerksamkeit, denn sie waren weder grün noch blau, sondern von einem klaren Aquamarinton, den er als Augenfarbe noch nie gesehen hatte. Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken und blieb mit gespreizten Füßen stehen. Dann schob sie das Kinn vor, um auf die Baustelle zu zeigen, und fragte dabei: »Was soll das werden?« »Apartments«, antwortete er. Daraufhin sah sie nicht etwa ihn an, sondern betrachtete das Loch im Boden, das noch nicht mit Zement ausgegossen worden war. »Wie viele?« rief sie ihm zu. »Hundertzehn.« »Irre.« Sie ließ ihren Blick über die riesige freie Fläche, das Unkraut und die Wildnis wandern, bisher waren noch nicht einmal die Krüppeleichen gerodet worden. »Ein gewaltiges Vorhaben.« Er nickte und fragte sich, ob sie unter diesem viel zu weiten Hemd mehr Ähnlichkeit mit einer Frau aufwies. Sie kam zu dem Sägebock und schwang sich darauf; ihre Füße baumelten in der Luft, als sie neben ihm saß. »Sie arbeiten hier?« Er grinste. »Gewissermaßen.« Jetzt sah sie ihm mitten ins Gesicht. »Gewissermaßen?« »Ich bin der Architekt.« Sie musterte ihn, schaute ihm in die Augen und hielt ihm dann die Hand hin. »Ich bin Tessa Oldfield.« »Dan Bertelson.« »Haben Sie die Pläne dabei?« »Warum? Wollen Sie unterschreiben und eine Anzahlung für die erste Wohnung leisten?« Sie lachte. »Das weiß man nie. Es könnte durchaus sein. Ich bin Innenarchitektin. Baustellen interessieren mich immer.« »Ganz gleich, was Sie sind, der Süden hat kein bißchen auf Ihre Sprache abgefärbt. Woher kommen Sie?« Sie lachte. »Ich bin ein Yankee, Schätzchen, aus dem hohen Norden. Von viel höher oben kann man kaum kommen, wenn man noch Staatsbürger sein will. Ich stamme aus Rochester, New York, der Hauptstadt des Schneegürtels.« Sie mochte zwar aussehen wie ein Wildfang, doch sie roch nach teurem Parfüm. Er wollte das Gespräch nicht gleich wieder enden lassen. »Sind Sie schon lange in Houston?« Er fragte 84
sich, wie sie diese dichten Ringellöckchen wohl bürstete. »Diesen Monat wird es ein Jahr. Ich bin in den Süden gekommen, um für David Jones zu arbeiten.« »David Jones?« Das war die größte Innenausstattungsfirma in der ganzen Stadt, und mit Häusern, die nicht mehrere Millionen wert waren, gab man sich dort gar nicht erst ab. Sie nickte, und ihre Ringellöckchen hüpften wie Spiralfedern. Dan mußte lachen. Sie strahlte Selbstsicherheit und noch etwas anderes aus, was er nicht klar definieren konnte, aber reizvoll fand. Trotz ihrer forschen Ausdrucksweise, die so typisch für den Norden war, strahlte sie eine Wärme aus, die man bei Geschäftsfrauen nur selten fand, und Offenheit. Er war an Frauen gewöhnt, die grundsätzlich flirteten, ohne sich etwas dabei zu denken, denn sie kannten gar nichts anderes; Frauen, die sich verstellten… Genau, das war es. Die sich verstellten. »Haben Sie Lust, heute abend mit mir essen zu gehen?« fragte er plötzlich. Sie warf den Kopf zurück und lachte. »Sie wissen es zwar nicht, aber es wäre Ihnen gar nichts anderes übriggeblieben, als mich dazu aufzufordern.« Er zog die Augenbrauen hoch. »Ich warte schon darauf, seit ich mich zu Ihnen gesetzt habe. Wie soll ich mich anziehen?« fragte sie und glitt von dem Sägebock. »Fein oder lässig?« Er wollte sie gern in etwas sehen, was ihren Körper deutlicher zeigte. »Fein«, antwortete er. »Wo hole ich Sie ab?« Sie gab ihm ihre Adresse und Telefonnummer. »Bringen Sie aber auch Ihre Blaupausen und Skizzen mit«, sagte sie. Boomer sauste durch die ländliche Gegend im Osten von Texas, und heiße Luft blies durch den Wagen, da er die Fenster runtergekurbelt hatte. Er haßte Klimaanlagen. Der Wind wehte Alex das Haar ins Gesicht. Er konnte ihr nicht ansehen, was sie dachte, da sie eine Sonnenbrille mit dunklen Gläsern trug. Er war gestern nachmittag in seiner Arbeitskleidung unangekündigt in ihrem Büro aufgetaucht und hatte zu ihrer Sekretärin gesagt: »Es dauert nur eine Minute.« Dann war er ohne weitere Vorreden in ihr Büro gestürmt. »Haben Sie an diesem Wochenende etwas vor, was Sie nicht absagen können?« fragte er. »Ja«, antwortete sie, und ihre Stimme war unterkühlt. Seit acht Tagen hatte sie nichts von ihm gehört oder gesehen. »Und was ist das?« 85
»Das geht Sie nichts an. Ich habe morgen abend eine Verabredung.« »Sagen Sie sie ab. Ziehen Sie sich etwas Saloppes an, und packen Sie einen Badeanzug ein. Ich hole Sie um sieben ab.« Er wartete kaum einen Sekundenbriichteil, um zu sehen, ob sie sich weigern würde, und dann fügte er mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht hinzu: »Ich meine, um sieben Uhr morgens«, und mit diesen Worten ging er, ohne die Tür ihres Büros hinter sich zu schließen. So ließ sich Alexandra Headland von Männern nicht behandeln. Sie wrar wütend auf sich selbst, weil sie diesem Kerl die Herrschaft über ihre Gefühle zugestanden hatte, und gleichzeitig begeisterte es sie. Und außerdem machte sie der Gedanke schwach, daß sie alles tun würde, was er von ihr verlangte, ganz egal, was es auch war. Doch er verlangte gar nichts von ihr. Sie waren zu einem See hinausgefahren, von dessen Existenz sie bisher nichts gewußt hatte. Am Ufer standen ein paar vereinzelte Häuser, und es gab auch ein kleines Motel, dessen Bungalows um eine Bucht herum gebaut waren. Ein Gemischtwarenladen pries seine Fischköder an. Die Reifen knirschten auf dem Kies, als Boomer anhielt. »Sind wir da?« fragte sie. Ein billiges Motel. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie in einem Motel übernachtet, und dieser Mann, der ihr Herz im Sturm erobert hatte, brachte sie für das Wochenende in ein solches! Eiswasser sickerte durch ihre Adern. Boomer fiel es nicht auf. Er sprang aus dem Triumph, mit dem er sie, wie sie gestehen mußte, überrascht und beeindruckt hatte, ebenso wie mit seiner Fahrweise. Er schien so ganz und gar… Herr der Lage zu sein. Aber deshalb würde er noch lange nicht in einem schäbigen Motel Herr über sie werden. Für wen zum Teufel hielt er sie überhaupt? Niemand, aber auch wirklich niemand, hatte ihr je etwas Derartiges angetan. »Komm schon«, sagte, er, als er aus dem Laden zurückkehrte und den Kofferraum öffnete. Er holte einen Karton heraus und schlenderte, ohne auch nur darauf zu warten, daß sie aus dem Wagen ausstieg, an der Rezeption des Motels vorbei in Richtung See. »Bring deinen Badeanzug mit«, rief er ihr über die Schulter zu. Er hatte noch nicht einmal auf sie gewartet, hatte sich nicht erboten, ihr die Tür aufzuhalten, hatte nicht… Eine Minute lang spielte sie mit dem Gedanken, einfach im Auto sitzen zu bleiben, damit er umkehren mußte und sie ihm zeigen konnte, daß sie sich so nicht behandeln ließ. Als er jedoch gar nicht daran dachte, zurückzukommen, stieg sie aus, und Kieselsteine glitten in ihre 86
Sandalen, als sie die Richtung einschlug, in die er vorausgelaufen war. Er befand sich am Ufer des Sees, hatte die Bungalows mit Ausblick auf das Wasser in seinem Rücken und machte sich an dem Außenbordmotor eines alten Boots zu schaffen. Er zwinkerte ihr zu. »Ich möchte dir ein ganz besonders reizvolles Fleckchen Erde zeigen«, sagte er, »aber laß mich erst noch einmal zurücklaufen und Eiswürfel bei Orin holen.« Sie stand da und sah angewidert das kleinen Motorboot an, von dem die Farbe abblätterte, bis Boomer zurückgerannt kam, einen Arm um ihre Taille legte, sie in das Boot hob und auf das Brett setzte, das als Sitzbank diente. Der Motor erwachte tuckernd zum Leben, und das Boot fuhr los. »Sei unbesorgt«, sagte Boomer grinsend. »Dir kann nicht das geringste passieren.« Sie umrundeten eine Landzunge, und vor ihnen breitete sich der See aus; er war weitaus größer, als er vom Motel aus erschienen war. Die Sonne funkelte auf dem Wasser und wärmte Alex, während Wassertropfen auf sie sprühten. Plötzlich drosselte Boomer den Motor, und das Boot trieb jetzt, wobei es fast nicht mehr wankte. »Ist das nicht einer der schönsten Anblicke, die sich dir je geboten haben?« Sie mußte es zugeben, und er zeigte seine Begeisterung so unverhohlen wie ein kleiner Junge. Es war schon lange her, seit sie das letztemal einem Mann begegnet war, der sich von etwas anderem als einem Footballspiel zu solchen Schwärmereien hinreißen ließ. Vielleicht mit Ausnahme von Coles jüngerem Bruder Ben. Ben konnte sich früher für alles begeistern. Er war auch heute noch begeisterungsfähig, doch schwärmte er jetzt für die verschrobensten Dinge -Greenpeace, Demonstrationen gegen den Krieg, die Rettung der Wale. Cole wies keinerlei Ähnlichkeit mit seinem Bruder auf. Boomer dagegen war ihm ähnlich. Er saß vielleicht zwanzig Minuten lang da, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Anfangs machte es sie nervös, mitten auf einem See zu sein und überhaupt nichts zu tun, doch mit der Zeit taten das sanfte Schaukeln des Boots, die Stille, die nur durch den Ruf einer Spottdrossel durchbrochen wurde, und das schimmernde Grün des Frühlingslaubs ihre Wirkung. Sie stieß einen zufriedenen Seufzer aus, Boomer schaltete den Motor wieder an und steuerte langsam auf eine Bucht zu. »Ein Picknickplatz und ein Strand, von dessen Existenz meines Erachtens niemand sonst etwas weiß. Oder zumindest finde ich hier 87
nie Überreste von Bierflaschen und Plastiktüten vor.« Das klang wirklich sehr nach Ben. Boomer hielt das Boot an und sprang mit seinen Tennisschuhen und hochgekrempelten Hosenbeinen über Bord. Er zog das kleine Boot an den Strand, und ehe Alex wußte, wie ihr geschah, hob er sie hoch und trug sie auf den trockenen Sandstrand. Dann watete er zum Boot zurück, um die Eiswürfel und den Karton zu holen, der, wie sie jetzt feststellte, Getränke und Sandwiches enthielt. »Bist du eine gute Schwimmerin?« fragte er. »Ob ich eine gute Schwimmerin bin?« Sie lachte, und in ihrer Stimme drückte sich eine Herausforderung aus. »Geh hinter einen Baum und zieh deinen Badeanzug an.« Er wies mit dem Kopf auf den Wald, der den See umgab. Mit einer flinken Bewegung machte er den Reißverschluß seiner Hose auf, ließ sie auf den Sand fallen, trat sie zur Seite und stand in einer weinroten Badehose da, als er sich vorbeugte, um einen Flaschenöffner und eine Cola zu suchen. Nachdem sie geschwommen waren und Boomer ihr die Hühnersandwiches, hartgekochten Eier und Bananen angeboten hatte (Bananen, dachte sie, ausgerechnet Bananen?), die er gekauft hatte, streckte er sich auf dem schmalen Sandstrand aus, stützte den Kopf auf die Hände und starrte auf das Wasser hinaus. »Was wünschst du dir eigentlich?« fragte er. »Was wünschst du dir mehr als alles andere?« Alex sah ihn an, setzte sich auf und schlang die Arme um die Knie. »Was für eine seltsame Frage.« Er schwieg eine Zeitlang, dann sagte er: »Also, was?« »Keine Ahnung. Mehr als alles andere? Ich wüßte nicht, daß ich mir darüber jemals auch nur die geringsten Gedanken gemacht hätte. Mehr als alles andere…« »Du willst nicht das, was andere Frauen sich wünschen. Ehe und Familie.« »Doch, schon, aber ich will mehr als nur das, einfach alles«, flüsterte sie zu ihrem eigenen Erstaunen. »Ich will es, doch ich möchte mich nicht darauf beschränken. Ich wünsche mir eine Familie. Ich will auf diesem Weg die Unsterblichkeit erlangen, aber das soll nicht mein einziger Weg sein.« Sie unterbrach sich und wunderte sich über ihre Worte. Er sah sie an, und seine braunen Augen hypnotisierten sie mit der Intensität seines Blicks. »Ich will der Welt zeigen…« »Der Welt?« Sie lachte verlegen. »Nun ja, Houston. Meiner Welt. Vielleicht sogar Texas. Ich will beweisen, daß ich mich an die Spitze hocharbeiten 88
kann.« »Reichtum und Macht.« »An Reichtum liegt mir nichts.« Er nickte. »Das kommt nur daher, daß du immer reich gewesen bist. Und deshalb weißt du noch nicht einmal, daß du ohne Reichtum keine Macht erlangen kannst.« Sie nickte. »Also gut, dann eben Reichtum und Macht. Aber nicht nur auf dem Umweg über einen Ehemann. Nicht so wie meine Mutter, die nur einflußreich ist, weil sie mit Daddy verheiratet ist. Und auch nicht so wie jetzt, denn bisher gehen meine unbedeutenden Erfolge in erster Linie darauf zurück, daß ich die Tochter meines Vaters bin. Nein, ich will selbst jemand sein. Die Wohlhabendste, die Einflußreichste, die… Mein Gott!« Sie schüttelte den Kopf, als müßte sie das tun, um wieder klar denken zu können. »Diese Antwort kommt bestimmt unerwartet.« »Ich weiß nicht, was ich erwartet habe«, sagte er, während er sich aufsetzte und ihre Hand nahm. »Auch ich will diese Dinge. Ganz Houston wird meinen Namen kennen und ihn respektieren. Ich werde nicht irgendwelche Papiere unterschreiben müssen, wenn ich eine Bank betrete und ein Darlehen über eine Million Dollar bekomme. Der Bankdirektor wird wissen, daß mein Händedruck genügt. Wenn ich das nächste Darlehen bei dir aufnehme, dann wirst auch du es dabei bewenden lassen.« »Das nächste Darlehen?« Er nickte, ihre Hand noch immer haltend. »Vielleicht wird es nicht mein nächstes Projekt sein, doch es wird ganz gewiß eines meiner Projekte sein. Dieses Seegrundstück. Deshalb habe ich dich hierher mitgenommen, daß du es dir selbst ansehen kannst. Knapp neunhundert Acres. Mehr als zweihundertfünfzig Bauparzellen. Ein Restaurant. Ein Golfplatz und ein Country Club. Ein Jachthafen. Und all das keine zwei Stunden von der Stadt entfernt. Kostspielige und luxuriöse Wochenendhäuser von einer solchen Exklusivität, daß sich die Leute darum reißen werden. Aber ich bin noch nicht so weit. Vorher habe ich noch einiges in der Stadt selbst zu tun.« »Das erste Projekt ist gerade erst angelaufen«, sagte sie und empfand es als angenehm, daß er ihre Hand hielt. »Wir werden auf unserem Weg nach oben Partner sein.« Du, dachte sie, hast einen viel weiteren Weg vor dir als ich. »Wenn ich das Geld hätte, und sei es auch nur genug für eine Anzahlung, dann würde ich dieses Land kaufen. Für dreihundert pro Acre ist es zu haben. In zehn Jahren wird der Acre, sogar unerschlossen, bei mindestens zweitausend liegen. 89
Denk an meine Worte. Du brauchst es dir ja nur selbst anzusehen.« Er stand auf und zog sie mit sich hoch. »Niemand sonst weiß etwas davon. Ich wollte, daß du es als erste erfährst. Und wenn du geschäftstüchtig bist und das Geld auftreiben kannst, dann erwirbst du das Land jetzt gleich, damit die Kosten zu dem Zeitpunkt, zu dem wir uns gemeinsam an die Arbeit machen, nicht so hoch sind, daß sie all unsere Gewinne verschlingen.« Zu ihrer Freude stellte sie fest, daß sie ihn falsch eingeschätzt hatte. Das Motel gehörte nicht zu seinen Plänen, denn sie fuhren durch den sonnigen Nachmittag zurück nach Houston, die ganze Zeit redend und lachend. Plötzlich bremste Boomer, riß das Steuer herum und kam vor einer Gaststätte auf dem Kies des Parkplatzes zum Stehen. »An dieses Restaurant habe ich gar nicht mehr gedacht. Allerdings ist es noch reichlich früh.« Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Gerade erst halb sechs. Aber hier gibt es die besten Spareribs weit und breit.« »Ich habe noch nie Spareribs gegessen«, sagte Alex. Er öffnete die Tür. »Das ist doch wohl ein Witz! Ich kann dir sagen, du wirst noch froh sein, daß du mir über den Weg gelaufen bist.« Als sie in dem schwach beleuchteten Restaurant Platz nahmen, meinte sie: »Jemand wie du ist mir noch nie begegnet.« »Das ist mir klar.« Nachdem sie bestellt hatten, wandte er sich wieder ihr zu. »Und ich habe noch nie eine Frau kennengelernt, mit der ich über geschäftliche Angelegenheiten reden kann, jemanden, der meine Träume und Phantasien versteht.« Dann grinste er. »Einfach prima, daß wir aneinandergeraten sind. Ich muß daran denken, mich gelegentlich bei diesem Typen zu bedanken, der mich zu dir geschickt hat. Ich kann mich nicht einmal mehr an seinen Namen erinnern.« »Ich werde es ihm ausrichten«, erwiderte sie. »Ich erinnere mich noch gut an seinen Namen.«
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12 Tessa
hätte vom Hals abwärts ein Junge sein können. Nun, vielleicht nicht ganz, aber doch fast. Ihre Beine waren toll, und ihre Gestik war feminin, ebenso wie diese riesigen türkisfarbenen Augen, aber sie hatte so gut wie keinen Busen. Das fiel Dan sofort auf. Sie trug ein Kleid mit einem weiten Rock aus einem seidigen smaragdgrünen Gewebe. Es hatte ein rundes Dekollete, war jedoch nicht tief ausgeschnitten, wahrscheinlich deshalb, weil sie nichts vorzuzeigen hatte. Die Ärmel waren nichts weiter als ein paar kleine Rüschen. Die Schuhe paßten farblich zu dem Kleid und hatten sehr hohe, schmale Absätze. Dan fragte sich, wie sie auch nur einen Schritt darin laufen konnte, doch sie bewegte sich äußerst anmutig in ihren Stöckelschuhen. An ihren Ohren baumelten Perlenohrringe, die so groß wie Austern waren. Er hielt ihr die Tür auf, ging um den Wagen herum und glitt hinters Steuer. »Ein hübsches Auto«, sagte Tessa. »Ich habe noch nie in einem Cabrio gesessen. In Rochester herrscht kein Cabrio-Wetter.« »Sind Sie deswegen hierhergezogen? Wegen des Wetters?« »Auch«, antwortete sie. »Je heißer, desto besser. Ich liebe die Hitze.« »Das Wetter hier in Houston ist das allerletzte. Viel zu schwül. Und im Winter regnet es.« »Woher kommen Sie?« Er grinste sie an. »Aus Saint Paul.« »Minnesota? Dann müssen Sie sich aus den gleichen Gründen wie ich für diese Gegend entschieden haben.« Das war nicht die einzige Gemeinsamkeit. Es schien ganz so, als gäbe es nichts von Bedeutung, was sie nicht miteinander gemein hatten, doch erst beim Nachtisch sagte Tessa: »Ich bin dreißig.« Dan zog eine Augenbraue hoch. »Du siehst wie höchstens achtzehn aus.« Sie lächelte und nickte. »Ich weiß. Und außerdem bin ich schon mal verheiratet gewesen.« Seine Brust schnürte sich zusammen. »Und nach meiner Scheidung vor fünf Jahren bin ich nach New York gegangen und habe mich bei Pratt eingeschrieben, um Design zu studieren, und von dort aus bin ich hierhergekommen.« Als Dan kein Wort dazu sagte, fuhr Tessa fort: »Eines Tages in nicht allzu ferner Zukunft werde ich bei David Jones kündigen und mich selbständig 91
machen, aber im Moment verdiene ich fünfundsiebzigtausend im Jahr.« Dan schluckte schwer. »Du mußt wirklich gut sein.« »Ich bin einsame Spitze.« Er griff über den Tisch und nahm ihre Hand. »Und ich will keine Kinder«, sagte sie mit heiserer Stimme. Er ließ ihre Hand los. »Niemals?« »Niemals. Ich habe ein Kind verloren. Es war eine Totgeburt. Ich denke gar nicht daran, diese Form von emotionalem Schmerz noch einmal durchzumachen. Ich fand, das solltest du wissen.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah Tessa an. Dann winkte er den Kellner an den Tisch. »Einen doppelten Scotch«, sagte er. Im Hintergrund war Klangberieselung zu vernehmen; Frank Sinatra sang: »You’d be so nice to come home to…« Keiner von ihnen sagte etwas. Dan sah Tessa an, und Tessa schaute sich im Lokal um, bis der Kellner den Drink brachte. Beide musterten den Whiskey. Dan trank einen Schluck. »Du willst mir damit etwas sagen, aber es gibt zwei Möglichkeiten, und ich weiß nicht, welche von beiden zutrifft.« Sie blinzelte ein paarmal schnell hintereinander; sie hatte die längsten Wimpern, die er je gesehen hatte. »Entweder du willst mich mit dieser Warnung abschrecken, damit ich einen Rückzieher mache, solange es mir noch möglich ist, oder es handelt sich um eine eindeutige Aufforderung, aber du sagst mir, daß ich mich vorsehen soll.« Sie lächelte, nahm ihr leeres Weinglas in die Hand und drehte es zwischen den Fingern. »Das war mir nicht klar, aber vermutlich stimmt es.« Er trank einen Schluck von seinem Whiskey. »Und was von beidem war es?« Als Tessa ihm in die Augen sah, wußte er, wie sie es gemeint hatte. »Als ich heute morgen aufgestanden bin, hatte ich noch nie auch nur etwas von dir gehört«, sagte er und leerte sein Glas. »Das Ganze hat nur einen einzigen Haken. Du setzt als selbstverständlich voraus, daß ich jetzt noch einen Rückzieher machen kann, wenn ich will.« »Nein.« Sie schüttelte den Kopf, und die Andeutung eines Lächelns huschte über ihre Lippen. »Nicht wirklich. Bei mir war schon alles zu spät, als ich mich auf diesen Sägebock gesetzt habe. An einem wunderschönen Samstag laufe ich um die Mittagszeit durch die Gegend, kümmere mich um meine eigenen Angelegenheiten und lege mir in Gedanken meinen Einkaufszettel zurecht, und als ich 92
aufblicke, sehe ich diesen blonden Adonis vor einem Gebäude, das rundum den Eindruck erweckt, als würde es hinterher nicht ganz so wie die meisten anderen aussehen, und als ich näher gekommen bin, war es bereits zu spät. Wann war bei dir alles zu spät?« Er grinste. »Als du mir erzählt hast, daß du fünfundsiebzigtausend im Jahr verdienst.« Sie trat ihn unter dem Tisch. »Tja«, sagte er nach einer Pause, in der sie einander nur angesehen hatten, »wir könnten ebensogut gleich nach Hause gehen.« »Zu dir oder zu mir?« fragte sie und reichte ihm noch nicht einmal bis an die Schultern, als sie aufstand. »Mein Bett ist nicht gemacht.« »Aber meines. Also können wir es zerwühlen. Und außerdem möchte ich dir meinen Einrichtungsstil zeigen.« Sie ging vor ihm her, als sie das Restaurant verließen. Er fragte in einem scherzhaften Ton: »Fürchtest du etwa, ich mache einen Rückzieher, wenn es mir bei dir nicht gefällt?« »Nein«, sagte sie kopfschüttelnd. »Es wird dir gefallen. Du wirst sehen, wie wir gemeinsam Millionen scheffeln.« Er setzte sich ans Steuer. »Das ist nicht direkt das, was ich heute nacht vorhabe.« »Auch das wird dir gefallen«, versprach sie ihm. Alex beobachtete, wie Boomer vom Straßenrand losfuhr. Heute morgen war sie noch außer sich gewesen, weil sie geglaubt hatte, er hätte eine Übernachtung in einem billigen Motel mit ihr im Sinn, und jetzt hatte er sich nach einem Tag, den sie in vollen Zügen genossen hatte, mit nicht mehr als einem flüchtigen Gutenachtkuß von ihr verabschiedet. Er hatte neben ihr gestanden, als sie die Tür zum Foyer des Apartmentgebäudes aufgeschlossen hatte, ohne ihm zu sagen, daß sie die Penthousesuite bewohnte, und dann hatte er sie in seine Arme genomen und sich vorgebeugt, um seinen Mund auf ihren zu legen und sie zart auf die Lippen zu küssen. Es hatte ihr auf der Zungenspitze gelegen, auf der er dieses Brennen hinterlassen hatte, ihn in ihre Wohnung zu bitten, aber sie hatte noch nie einen Mann in ihre Wohnung gelassen, nicht allein. Zu Partys, ja. Zu einem Abendessen mit mehreren Personen. Aber es war nie ein Mann allein bei ihr gewesen. Und auch Cole bildete da keine Ausnahme. Boomer schlug noch nicht einmal vor, sie nach oben zu begleiten. Verlieb dich bloß nicht in ihn, sagte sie sich. Wenn sie mit Boomer zusammen war, benahm sie sich nicht so wie im Umgang mit anderen Männern. Er holte etwas Sanftes und Feminines aus ihr heraus, eine Seite, von der sie gar nicht gewußt hatte, daß sie sie 93
besaß. Er schien ihre Intelligenz und ihren großen Einfluß zu mögen und sich nicht davon bedroht zu fühlen. Es war, als spielten sie einander ständig neue Bälle zu. »Gütiger Himmel«, sagte sie laut vor sich hin. Cole war allein in den Club gegangen, aber er war unruhig. Er blieb nicht zum Abendessen. Nach zwei Drinks an der Bar lief er eine halbe Stunde lang von einem Tisch zum anderen und brach dann wieder auf. Es war ihm nur ein geringfügiges Ärgernis, daß Alex die Verabredung für den heutigen Abend abgesagt hatte. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letztemal einen Samstagabend allein verbracht hatte, doch er mußte feststellen, daß er sich nicht einsam fühlte, sondern schlichtweg rastlos. Vielleicht würde er sich einen Film ansehen und hinterher eine Kleinigkeit essen. Eine sachte, laue Brise ließ das Laub rascheln, und der Duft von Verbenen hing in der Luft, jedoch nicht zu vergleichen mit dem Chanel No. 5, das Alex immer auftrug, ganz egal, zu welchem Anlaß – Chanel No. 5. Eine bezaubernde Duftnote, soviel stand fest. Aber an jenem ersten Tag, an dem sie sein Büro betreten hatte, hatte Carly nach Maiglöckchen gerochen. Gestern hatte der Duft von Flieder sie begleitet. Letzte Nacht hatte er geträumt, er laufe über eine Blumenwiese. Carly schlang sich ein Handtuch um das nasse Haar und betrachtete im Badezimmer ihr Spiegelbild. Sie hatte ihre Verabredung für heute abend abgesagt, da sie es vorgezogen hatte, sich das Haar zu waschen und ihre Nägel zu lackieren, durch ihre Wohnung zu schlendern und an Cole Coleridge zu denken. Sie hatte gestern einen schönen Abend mit ihm verbracht. Ihr gefiel die Vorstellung, daß er zu Ausflüchten gegriffen hatte, weil es ihm wichtig genug gewesen war, sie zu sehen, und vielleicht hatte er sogar geglaubt, sie würde nicht mit ihm ausgehen wollen. Wie viele Mädchen hätten Cole Coleridge einen Korb gegeben? Er sah zwar nicht unbedingt gut aus, aber auf eine aristokratische Art war er von einem angenehmen Äußeren. Als sie ihm das erstemal begegnet war, wirkte er auf sie, als flösse Eiswasser in seinen Adern, doch gestern abend war er merklich aufgetaut, und wenn er auch nicht direkt charmant war, dann übte er doch in gewisser Weise eine magnetische Anziehungskraft auf sie aus. Sie war sicher, daß Geld und Einfluß einen Teil dieser Anziehungskraft ausmachten. Sie hätte nicht sagen können, was sich hinter diesen blauen Augen verbarg, die von dichten schwarzen Wimpern eingerahmt wurden. Er hatte nicht versucht, sie zum Abschied zu küssen, und er hatte noch nicht 94
einmal erwähnt, sie könnten einander wiedersehen, doch sie hatte das sichere Gefühl, daß sie ihn wiedersehen würde. Es überraschte sie, wie viel sie von sich selbst preisgegeben hatte; sie hatte ihm erzählt, daß sie sich niemals irgendwo zugehörig gefühlt habe, und auch, daß ihr Verity verhaßt gewesen sei. Sie hatte nicht mit ihm darüber geredet, wie gern sie in Kalifornien aufgewachsen war, doch sie hatte ihm verraten, daß sie glaube, in Houston sei es ihr bestimmt, Großes zu erreichen. Und er hatte ihr erzählt, er habe seine Wohnung selbst eingerichtet, was sie überrascht hatte, und er sei an den Impressionisten interessiert und würde gern eines Tages Gemälde sammeln, vielleicht sogar eine so eindrucksvolle Sammlung aufbauen, daß er sie einem Museum vererben würde. Sie waren beide Filmfans, doch Carly sah sich mehr Filme an als er. Es faszinierte ihn, daß sie sich derart von ihrer Arbeit mitreißen ließ, und er fragte sie, ob sie schon viele große Geschäftsabschlüsse getätigt habe. Carly sagte ihm nicht die Wahrheit. Sie lächelte lediglich, hoffend, daß es wie ein Mona-Lisa-Lächeln wirkte, und sagte: »Ach, ein oder zwei.« Noch vor drei Tagen hätte sie nicht einmal von einem einzigen Geschäftsabschluß reden können. Für Carly war es eine ganz beachtliche Woche gewesen, und sie wünschte, es würde in dem Stil weitergehen, zu noch mehr Geschäftsabschlüssen kommen. Und sie würde auch Cole Coleridge gern wiedersehen. Sie machte sich keine Sorgen, als er nach einer Woche noch nicht angerufen hatte. Selbst wenn er nie mehr anrief, würde ihr nichts fehlen, doch ihr hätte die Vorstellung gefallen, daß ein solcher Mann sich für sie interessierte. Sie verwandte ihre gesamte Konzentration auf den Maklerlehrgang, den sie dienstags und donnerstags an den Abenden besuchte. »Wenn du einen weiteren Verkauf tätigst«, sagte Mr. Rolf, »dann werde ich mich nach einer anderen Sekretärin umsehen, damit du flügge wirst und dich entfalten kannst, auch wenn es mich umbringt.« Carly wollte nicht einfach nur flügge werden. Sie wollte sich zu einem Höhenflug aufschwingen. Sie hatte das Gefühl, gerade dabei zu sein, sich vom Boden zu erheben. Der Umzug nach Houston war der klügste Schritt gewesen, den sie je unternommen hatte.
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13 »Mir gefällt, daß du nur einen Ohrring trägst, und den immer am linken Ohr«, sagte Walt zu Francey. »Mir gefallen die leuchtenden Farben, die du trägst. Mir gefällt die Vorstellung, daß jeder Mann, der dich ansieht, mich beneidet.« »O Walt! Ich hab noch gar nicht mitgekriegt, daß sich andere Männer zu einem Rendezvous mit mir verabreden. Himmel, in Verity bin ich noch kein einziges Mal auch nur in den Hintern gekniffen worden.« Er lachte und streckte einen Arm aus, um genau das zu tun, und dann ließ er die Hand dort liegen und strich liebevoll über ihre Rundungen. »Du hast meinem Leben eine ganz neue Dimension verliehen.« Er beugte sich vor, um zart an ihrem Nacken zu knabbern. »Du weißt doch, daß ich davon immer eine Gänsehaut bekomme«, sagte sie und schnitt weiterhin Staudensellerie klein, wenngleich ihre Bewegungen langsamer wurden. Es war Montag, der einzige Wochentag, an dem Die Weiden geschlossen waren, und Francey genoß es, zur Abwechslung selbst zu kochen. Er kam näher und schmiegte sich an ihren Rücken. »Warum heiratest du mich nicht?« Diese Frage stellte er ihr weiß Gott nicht zum erstenmal. »Heirate mich, nachdem du jetzt bewiesen hast, daß du in dieser Stadt Erfolge feiern kannst.« Francey legte das Messer auf das Schneidebrett, nahm seine Hand und flüsterte: »Ich hoffe, du führst zu Ende, was du begonnen hast.« Sie drehte sich zu ihm um und begann, sein Hemd auf zuknöpfen. Er ließ sich auf den Küchenboden sinken und zog sie auf sich. Als sie schließlich auf stand und wieder in ihre Bluse schlüpfte, fragte sie: »Müßte ich dazu Die Weiden aufgeben und mein Dasein als Hausfrau fristen?« Walt blinzelte ungläubig. »Führen wir hier tatsächlich Eheverhandlungen?« Francey lächelte verschmitzt, während sie äußerst energisch Karotten in Scheiben schnitt. »Ich habe es allmählich satt, mitten in der Nacht aus dem Bett zu springen und mich von dir zu verabschieden, um nach Hause zu gehen. Aber ich will meine Unabhängigkeit nicht verlieren.« Er packte sie um die Taille und stieß einen triumphierenden Schrei aus. »Ich will dir keinerlei Einschränkungen auferlegen. Ich will dir nur meinen Namen geben. Mein Gott, Liebes, 96
ist das wirklich dein Ernst?« »Es ist wahrhaftig an der Zeit, daß du eine ehrbare Frau aus mir machst. Ich will nur nicht, daß sich dadurch etwas an unserer Beziehung ändert.« »Laß uns Carly anrufen«, sagte er. »Sie soll erfahren, daß sie endlich einen Daddy bekommt.« Carly weinte während des Zeremoniells in der Baptistenkirche von der ersten bis zur letzten Minute. Francey trug ein fliederfarbenes Kleid aus weicher Seide und Chiffon und hielt zwei Dutzend weiße Orchideen mit purpurnen Sprenkeln in der Hand. Sie sagte zu Walt, ihr mache es nichts aus, wenn ganz Verity diese Geste als übertrieben und geschmacklos empfände, doch sie wolle eine Hochzeit feiern, von der man noch lange reden würde. Walt nickte lediglich, strahlte über das ganze Gesicht und zahlte bereitwillig. Die Feier fand in den Weiden statt, obwohl das Restaurant kaum die Hälfte der Gäste zu fassen vermochte. Das Wetter spielte mit, und der Rasen war mit Tischen unter Sonnenschirmen bedeckt, an denen man alle unterbringen konnte, die erschienen, nämlich so gut wie ganz Verity und die nähere Umgebung. Zelda Marie und Joe Bob kamen ebenfalls mit ihren Eltern. Am Abend vor der Hochzeit machte Walt Francey ein Hochzeitsgeschenk. »Ich habe das Land im Norden der Stadt gekauft, das dir schon immer so gut gefallen hat, dieses Grundstück mit dem kleinen Hügel, auf dem diese große Eiche steht, die man etliche Meilen weit sehen kann. Ich denke, daß keine Frau gern in dem Haus einer anderen Frau leben möchte. Wir können den Sommer damit verbringen, Skizzen zu entwerfen.« Francey schlang die Arme um ihn und drückte einen Kuß auf sein Ohr. »Walt, du bist so ziemlich der netteste Mann auf der ganzen Welt.« »Ich bin ein liebender Mann«, sagte er und hielt ihre Handgelenke fest, »und ich möchte für alles verantwortlich sein, was dich glücklich macht.« Carly verbrachte die Hochzeitsnacht ihrer Mutter damit, an Cole Coleridge zu denken. Er hatte am Freitag nachmittag angerufen, um sie für den Samstag zum Abendessen einzuladen, doch sie hatte ihm mitgeteilt, daß sie nach Verity fliege und am Sonntag nachmittag zurückkomme. Er sagte, in dem Fall rufe er sie möglicherweise am Sonntag abend an. Möglicherweise. Vor ein paar Jahren war sie recht besorgt gewesen, was ihre Person 97
betraf. Warum konnte sie nicht tief in ihrem Innern so empfinden, wie sie es für Boomer getan hatte? Sie hatte es so sehr genossen, mit ihm zu schlafen, daß sie sich eine Zeitlang beunruhigt gefragt hatte, ob sie vielleicht eine Nymphomanin sei, doch jetzt fragte sie sich, warum sie nicht einfach mit einem der Typen, die sie fortwährend darum anflehten, ins Bett ging. War ihr Verlangen erloschen, als Boomer sie verlassen hatte? Und dann mußte sie feststellen, daß es an einem ganz anderen Ort und mit einer ganz anderen Person wiedererwacht war, als der schlanke, elegante Cole Coleridge in ihr Leben getreten war. Nun, eigentlich konnte gar keine Rede davon sein, daß er eine Rolle in ihrem Leben spielte. Noch nicht. Als Carly am folgenden Tag zu Zelda Marie rausfuhr, fragte sie sich, wie ihre Freundin ein solches Leben führen konnte. Gemeinsam mit Joe Bob und ihren vier Kindern in diesem winzigen Häuschen eingepfercht! »Joe Bob verdient nicht genug, als daß wir es uns leisten könnten, ein Haus in der Stadt zu mieten«, erklärte Zelda Marie. »Ich weiß nicht, was wir täten, wenn Daddy uns nicht hier wohnen ließe.« »Hat Joe Bob jemals mit dem Gedanken gespielt, in der Werkstatt seines Vaters aufzuhören? In der Ölbranche gibt es haufenweise Stellen.« Zelda Marie legte den Kopf zur Seite und sah Carly an. »Was? Jobs, in denen man richtig hart arbeiten muß? Das soll wohl ein Witz sein.« Beim Hagebuttentee, den Carly mitgebracht hatte, weil sie sich dachte, daß Zelda Marie sich wahrscheinlich keinerlei derartigen Luxus leisten konnte, erzählte ihr Carly: »Ich habe einen wunderbaren Mann kennengelernt.« »Wunderbar? Ein Mann und wunderbar?« Dennoch sah Zelda Marie Carly gespannt an. »Nun, ich glaube nicht, daß sich daraus etwas entwickelt, aber ein Mann wie er ist mir noch nie begegnet.« »Und wie ist er?« »Reich. Und sieht nicht schlecht aus, wenn er auch nicht wirklich ein gutaussehender Mann ist, und irgendwie wirkt er mysteriös und in mancher Hinsicht sehr reserviert. Eine elegante Erscheinung. Er bewegt sich gewissermaßen so, wie ich mir die Bewegungen eines Panthers vorstelle, mit echter Grazie. Außerdem ist er ein wirklich traumhafter Tänzer. Und er kann recht gut küssen. Du weißt ja wohl selbst, daß viele Männer nicht das geringste vom Küssen verstehen.« 98
Nein, davon wußte Zelda Marie nichts. Joe Bob war der einzige Mann, mit dem sie überhaupt jemals irgend etwas getan hatte, und sie wußte nicht, wie irgendwelche anderen Männer irgend etwas taten. Fest stand, daß Joe Bob seine Zeit nicht mit Küssen vergeudete. »Ja, er küßt wirklich recht gut. Aber ich wage es nicht, mir allzuviel aus ihm zu machen. Ich zähle nicht zu seinen Kreisen. Jemanden wie mich wird er nicht heiraten.« »Was soll das heißen – jemanden wie dich? Du bist etwas ganz Besonderes, Carly. Ich wette, du hast bestimmt schon ein halbes Dutzend Heiratsanträge bekommen.« »Das stimmt, aber alle von Typen, aus denen ich mir nicht das geringste gemacht habe. Ich hatte noch nicht einmal Lust, mit ihnen zu schlafen, ganz zu schweigen davon, den Rest meines Lebens mit ihnen zu verbringen.« »Bist du seit Boomer mit jemandem im Bett gewesen?« Carly schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe Jahre gebraucht, um nicht mehr jeden Mann, mit dem ich ausgegangen bin, mit Boomer zu vergleichen. Und du weißt ja selbst, daß er nichts weiter als ein Teenager war, der es auf Sex abgesehen hatte, und in der Kleinstadt, in der er aufgewachsen ist, war ich das Mädchen, von dem er bekommen hat, was er wollte. Ich glaube nicht, daß Boomer mich wirklich geliebt hat, auch wenn er es sich anfangs vielleicht eingebildet hat.« »Und was ändert es, ob man sich für verliebt hält oder es tatsächlich ist?« Carly zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Aber ganz gleich, was es war, für ihn ist die Flamme wesentlich früher erloschen als für mich. Er wollte mich nur fürs Bett, und ich habe mich mit meinem ganzem Herzen auf ihn eingelassen. Es ist höchste Zeit, daß ich diese Schublade schließe und sie nicht wieder aufmache, aber ich werde mir nicht noch einmal dasselbe antun. Mit Cole habe ich meinen Spaß, und vielleicht werde ich sogar mit ihm schlafen, aber ich denke gar nicht daran, mich trügerischen Hoffnungen hinzugeben.« »Die Ehe ist nicht ein und alles«, sagte Zelda Marie. »Ich hoffe, für Mom und Walt wird es das sein.« »Deine Mom ist eine ganz beachtliche Frau«, entgegnete Zelda Marie und zündete den Gasherd an, um ein Fläschchen für ihren jüngsten anzuwärmen. 99
»Ich bin wirklich stolz auf sie. Und eines Tages wird sie auch stolz auf mich sein.« Zelda Marie lächelte Carly an. »Deine Mutter ist schon seit dem Tag deiner Geburt stolz auf dich.« Carly seufzte. »Vermutlich hast du recht. Ich frage mich, wie unser beider Leben ausgesehen hätte, wenn mein Vater nicht im Krieg umgekommen wäre.« »Mein Daddy erweist sich inzwischen als eine echte Stütze. Hast du diese Menagerie hinter dem Haus gesehen?« »Wer könnte die schon übersehen?« »All diese verwaisten kleinen Lämmer und Kälber bringe ich durch und ziehe ich auf. Und sie gehören mir, und ich kann sie später verkaufen. Ich warte nur noch auf Fohlen. Ein männliches Fohlen. Genau das wünsche ich mir. Ich will Pferde züchten. Pferde, die Züchterpreise gewinnen und mir eine Menge Geld einbringen werden, und noch dazu werden sie mich berühmt machen.« Ja klar, dachte Carly. Wir alle brauchen unsere Träume, damit wir durchhalten. »Ich frage mich«, sagte Francey, während sie sich streckte, »ob ich dich wegen deines Geldes geheiratet habe.« Es war der Morgen des ersten ganzen Tages, den sie als Francey Davis verbringen wurde. Die gläserne Schiebetür stand offen, und die Vorhänge blähten sich in der lauen Luft der Karibik. Sogar vom Bett aus konnte sie im Liegen die leuchtenden Schattierungen des Meeres sehen – aquamarinblau, türkisgrün, blaßblau und purpur. Sie lagen ohne eine Decke da. »Ich glaube, in dem Fall habe ich mir eine Fahrkarte in den Himmel gekauft«, murmelte Walt und machte ein Auge auf. Vor drei Uhr waren sie nicht zum Schlafen gekommen. Francey stieß einen zufriedenen Seufzer aus. »Wenn ich gewußt hätte, daß die Ehe so wunderbar sein kann, hätte ich schon vor Jahren ja gesagt. Ich möchte Champagner zum Frühstück«, erwiderte sie und biß ihn zärtlich. »Mein Liebling, du kannst zum Frühstück alles haben, was dein Herz begehrt, und auch zu jeder anderen Tages- oder Nachtzeit.« Sie ließ ihre Zunge auf seinem Bauch nach oben und über seine Brust gleiten, bis ihre Lippen auf seinen Mund trafen. »Du bist so sexy wie kein zweiter Mann auf Erden.« »He, du bist doch hier diejenige, die die ganze Arbeit auf sich nimmt«, sagte er mit einem schelmischen Lächeln. »Arbeit? Das 100
nennst du Arbeit?« Er zog sie auf sich. »Als was würdest du es denn bezeichnen?« »Als pure Lust«, flüsterte sie, während er sich streckte, um eine ihrer Brustwarzen in den Mund zu nehmen. »O Gott«, sagte sie und begann sich rhythmisch auf und ab zu bewegen. »Du reitest mich zum Mond«, keuchte er. »Und zur Sonne und den Sternen und was sonst noch am Himmel steht«, brachte sie mühsam heraus, ehe sie keine Worte mehr fand. Und auch nicht mehr denken konnte. Alles um sie herum versank, bis auf die Liebe.
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14 Am Sonntag morgen um halb zehn wurde Boomer vom Läuten des Telefons geweckt. Er warf einen Blick auf die Digitaluhr, deren Ziffern ihn anstarrten. So lange schlief er sonst nie. »Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt.« Es war Dan. »Nein, zum Teufel«, murmelte Boomer, dessen Augen noch vom Schlaf getrübt waren. »Komm rüber zum Brunch. In einer Stunde.« Boomer bemühte sich, klarer zu sehen. »Zum Brunch?« »Hier ist die Adresse.« Es klang ganz so, als läse Dan etwas von einem Zettel ab. »Das ist nicht weit von dir.« Er begann ihm eine vage Wegbeschreibung zu geben, und dann mischte sich eine weibliche Stimme ein. »Haben Sie einen Stift zur Hand?« Die Angaben waren äußerst präzise. »Apartment drei D.« Boomer zog sich auf einen Ellbogen hoch. »Und wer sind Sie?« Sie lachte, ein silbriger Klang, der Boomer an einen Wasserfall erinnerte. »Tessa Oldfield.« Boomer nickte. »Dann also bis in einer Stunde.« »Es paßt mir auch schon eher«, sagte sie. Brunch? Er schleppte sich ins Bad, duschte und schlüpfte in eine hellbraune Freizeithose und ein kurzärmeliges gelbes Hemd. Wieder einmal ein Tag, der für die Harley-Davidson wie geschaffen war, dachte er, als er in die strahlend helle Sonne sah. Er schnappte sich den Zettel, auf dem er Tessas Wegbeschreibung notiert hatte, und zog los. Während er durch die sonntäglich menschenleeren Straßen fuhr, fragte er sich, weshalb auch nur irgend jemand woanders als in Texas leben wollte. Allerdings herrschte heute zur Abwechslung mal keine Schwüle, und der Himmel sah aus wie in einem Technicolor-Film. Er parkte vor einem gediegenen Apartmentkomplex, vielleicht nicht so stinkvornehm wie der, in dem Alex wohnte, aber ganz entschieden der Kategorie mit den Spitzenmieten zugehörig. Er folgte den Steinfliesen eines Fußpfads, der von Springkraut und Petunien umgeben zu Komplex D führte. Dan machte ihm die Tür auf, als er läutete; er war nicht so lässig wie sonst gekleidet, doch sein Jackett hing über einer Stuhllehne, und er hatte die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt. Boomer stieß einen Pfiff aus, als er eintrat und seine Umgebung auf sich wirken ließ. »Ganz beachtlich, was?« sagte Dan, und Boomer hätte schwören können, daß er Stolz aus Dans Stimme heraushörte. 102
Er riß den Blick von den Räumlichkeiten los und sah Dan fragend an. Eine Frau, die ihm kaum bis an die Brust reichte, tauchte in einer Türöffnung auf und wischte sich die Hände an einer weißen Musselinschürze ab. Sie dürfte so um die Achtzehn sein, und ihre Augen funkeln wie das Meer an seichten Stellen. »Ich bin Tessa. Seit wir wach geworden sind, redet er von nichts anderem mehr als von Ihnen.« Seit wir wach geworden sind? Boomer warf Dan über Tessas Kopf hinweg einen Blick zu, auf dessen Gesicht sich freudiges Erstaunen widerspiegelte. »Gibt es irgendwas, womit ich das Omelette nicht füllen sollte?« »Pilze.« Sie wies mit einer Kopfbewegung hinter sich. »Kommt mit in die Küche, und schenkt euch euren Kaffee selbst ein. Ich habe beim Kochen gern Gesellschaft.« Dan goß aus einer formschönen modernen Kaffeemaschine Kaffee in die Tassen, während Boomer sich in dem langen, schmalen Raum umsah. »Tessa ist Innenarchitektin. Vielleicht beantwortet das deine Fragen.« Sie schlug die Eier mit dem Schneebesen schaumig, goß die Masse in die Pfanne, schnippelte Käse, Zwiebeln und rote und grüne Paprikaschoten hinein und versah den Teig dann in der Mitte mit kleingeschnittenem Speck. Sie wendete das Omelett gekonnt, hielt die Pfanne über die Flamme und sagte: »Voilà!« Boomer hatte keine Ahnung, was er hier zu suchen hatte, doch das störte ihn nicht weiter. »Ich habe kein Eßzimmer im herkömmlichen Sinn«, sagte Tessa, während sie jedem einen Teller reichte, »aber für einen so schönen Tag scheint sich die Terrasse blendend zu eignen.« Boomer fiel auf, daß der Tisch mit kostbarem Silber und Kristallglas gedeckt war, mit bunten, handbestickten Platzdeckchen und Servietten, und darüber spannte sich ein blau-weiß gestreifter Sonnenschirm. Kleine Brötchen mit einer Zuckerkruste wurden in einer Serviette warm gehalten. Frische rote und weiße Nelken standen in einer Vase auf dem Tisch. Dan hatte dieses Mädchen bisher noch nie erwähnt, allerdings wußte Dan auch nicht, daß Boomer gestern mit Alex zum See rausgefahren war. Ja, er hatte noch nicht einmal von der Existenz dieses Sees eine Ahnung. Das einzige, was er über Alex wußte, war, daß sie die beiden in irgendeiner Form finanziell unterstützte. 103
Das Omelette war einfach himmlisch. »Wenn Sie sich als Innenarchitektin nicht durchsetzen können«, sagte Boomer, »dann können Sie sich immer noch als Köchin verdingen.« Tessas Lächeln war hinreißend. Boomer fand jetzt schon, daß Dan sich glücklich schätzen konnte, und er stellte sich laut die Frage: »Wie lange geht das bereits so?« Dan und Tessa sahen einander lachend an, dann warf Dan einen Blick auf seine Armbanduhr. »Fast auf die Sekunde dreiundzwanzig Stunden und zwanzig Minuten.« Ehe Boomer etwas dazu bemerken konnte, fuhr Dan fort: »Tessa hat ein paar Ideen, von denen ich möchte, daß du sie dir anhörst, sobald wir fertig gegessen haben.« Allerdings schien es keiner von ihnen eilig zu haben, das späte Frühstück zu beenden. Auf das Omelette folgten aufgeschnittene Melonen und Papayas, kunstvoll arrangiert und mit Trauben angerichtet. Und noch mehr Kaffee. Nach der dritten Tasse bemerkte Boomer: »Das könnte der beste Kaffee sein, den ich je getrunken habe.« »Ich kann Sie auch gut leiden«, sagte Tessa. Boomer war eine solche Direktheit von Frauen nicht gewohnt, doch er nahm an, sie sei auf etwas eingegangen, was er mit seinen Worten offenbar auch zum Ausdruck gebracht hatte. »Ich möchte, daß du dir Tessas Ideen anhörst.« Boomer lehnte sich auf dem gepolsterten Stuhl zurück und stellte überrascht fest, wie bequem er war. »Ich höre.« Tessa begann mit leuchtenden Augen. »Dan und ich haben den ganzen Vormittag über seinen Plänen für Ihre Wohnungen gesessen…« Sie unterbrach sich, um Dan lächelnd anzusehen. »Oder wenigstens einen Teil des Vormittags. Ist Ihnen eigentlich klar, daß niemand sonst in dieser Gegend sich an dem versucht, was Sie hier tun?« Boomer nickte. »Ja, selbstverständlich ist uns das klar. Genau darum geht es ja.« »Ich kann Ihnen pro Apartment mindestens fünfzigtausend Dollar mehr zusichern als das, was Sie dafür verlangen werden, wenn Sie die Wohnungen verkaufen. Falls Sie sie vermieten wollen, bringt es Ihnen fünfhundert mehr im Monat. Minimal.« Sie lehnte sich in einer betont strammen und aufrechten Haltung zurück, faltete die Hände auf dem Tisch und wirkte einen Moment lang wie ein Schulmädchen, das gerade die richtige Antwort gegeben hat und jetzt das Lob des Lehrers erwartet. »Also gut. Ich beiße an. Wie soll das gehen?« »Indem Sie die Wohnungen komplett möbliert verkaufen oder vermieten. Wissen Sie, wer Dorothy Draper ist?« Als er nicht darauf antwortete, fuhr sie fort. »Sie ist mein Vorbild. Sie hat das 104
Greenbriar gestaltet.« Das sagte keinem der beiden Männer auch nur das geringste. »Das ist so ziemlich die edelste Ferienanlage im ganzen Land, in White Sulphur Springs, West Virginia. Sie hat sämtliche Zimmer möbliert, und zwar alle unterschiedlich. Ich selbst habe einen etwas moderneren Geschmack als sie. Doch wer weiß, natürlich kann es gut sein, daß sich mein Geschmack innerhalb der nächsten fünf Jahre ändert. Und es fällt mir enorm leicht, mich umzustellen. Aber wenn Sie mich drei oder gar – o mein Gott, ich würde alles dafür geben – fünf Musterwohnungen einrichten lassen, bekommen Sie mehr Geld für jede einzelne Ihrer Wohnungen. Vielleicht kaufen manche Kunden sogar die Einrichtung gleich mit dazu. Eine komplette Lösung, alles bereits fix und fertig. Aber selbst dann, wenn sie vorhaben, ihre eigenen Antiquitäten oder was auch immer mitzubringen, werden sich die Wohnungen durch den Gesamteindruck, den sie bieten, wesentlich leichter und zu einem weit höheren Preis verkaufen oder vermieten lassen. Sie werden einen Eindruck von Eleganz vermitteln, das kann ich Ihnen versichern. Und von Individualität. Einfach unverwechselbar«, sagte sie und schloß die Augen. »Sie werden den unverwechselbaren Stempel meines Geschmacks tragen.« »So, wie Sie dieser Wohnung Ihren unverwechselbaren Stempel aufgeprägt haben«, sagte Boomer. »Oh, selbstverständlich werden sie sich alle gewaltig voneinander unterscheiden, aber Sie können sich wenigstens eine Vorstellung davon machen, wozu ich fähig bin.« Dann fragte sie: »Was ist mit der landschaftlichen Gestaltung?« Darauf hatte Boomer eine Antwort parat. »Ich dachte mir, wenn wir kurz vor der Fertigstellung stehen, ziehe ich eine Firma für Landschaftsarchitektur hinzu und übergebe ihr das Projekt.« »Nein.« Tessa schüttelte den Kopf. »Überlassen Sie es Dan und mir. Ich weiß, daß sich das nicht allzu überzeugend anhört, aber er hat mir erzählt, daß er vor Jahren einen Kurs in Landschaftsarchitektur belegt hat, und ich verfüge über einen feinen, sicheren Geschmack. Und außerdem bin ich originell. Lassen Sie uns die Außenanlagen ebenso exotisch gestalten wie die Inneneinrichtung. Damit schaffen wir es bestimmt, in sämtliche Zeitungen zu kommen. Sollen die Leute doch danach lechzen, hier zu leben.« »Lechzen?« Boomer lachte. Ihm fiel auf, daß Tessas nackter Fuß unter dem Tisch über Dans Knöchel glitt. »Und was erwartet ihr jetzt 105
von mir?« Dan beugte sich vor. »Laß uns eine Firma gründen. Tessa ist noch nicht soweit, ihren Job bei David Jones aufzugeben, aber…« »… aber wenn David etwas davon erfährt, daß ich nebenher schwarz arbeite, dann geht es mir an den Kragen.« »He«, sagte Boomer, »das kommt alles reichlich plötzlich. Vor vierundzwanzig Stunden hast du Tessa noch nicht einmal gekannt, Dan.« »Und eines Tages haben du und ich Squash miteinander gespielt, und am nächsten Tag waren wir Partner.« »Laß mich darüber nachdenken«, sagte Boomer. »Es hat seinen Reiz, aber es wird mehr Geld kosten.« Er hegte den Verdacht, daß es sich bereits um ein fait accompli handelte. Er mochte Tessa, und wenn Dan nicht jetzt schon in sie verliebt war, dann war er zumindest auf dem besten Weg. Liebe? Binnen eines einzigen Tages? Als er am späteren Nachmittag in seine Wohnung zurückkehrte, holte er ein Bier aus dem Kühlschrank, nahm das Telefon und trug es zum Sofa, streckte sich dort aus und wählte die Nummer von Alex. »Hi.« Seine Stimme klang sanft und vertraulich. »Na, so was.« Er konnte hören, daß sie lächelte. »Was für eine nette Überraschung.« »Störe ich?« »Du störst mich bei nichts, was nicht warten könnte. Ich mache mich gerade fertig, um für das rituelle sonntägliche Abendessen zu meinen Eltern rüberzufahren.« Nach längerem Zögern hatte sie sich entschieden, Cole doch nicht anzurufen. »Wie stelle ich es an, Informationen über jemanden einzuholen?« »Du meinst, die Kreditwürdigkeit einer Person zu überprüfen?« Ihr erster Gedanke drehte sich immer um Geld. »Das und auch sonst noch einiges andere. Ich möchte Näheres über eine Frau herausfinden. Sie heißt Tessa Oldfield.« Eine Frau? Alex fühlte etwas in ihre Magengrube plumpsen; war das ihr Herz, das sank? Nachdem Boomer ihr Einzelheiten über Tessas Background erzählt hatte, zögerte sie einen Moment lang. »Handelt es sich dabei um eine geschäftliche oder um eine persönliche Angelegenheit?« Hatte er gerade eine Spur von Eifersucht wahrgenommen? Er hoffte es. »Es ist rein geschäftlich. Ich will wissen, wie gut sie in ihrem Job ist und was für eine Art Mensch sie ist.« »Ich kenne jemanden, der das herausfinden kann. Wie war doch gleich noch mal der Name?« 106
Er wiederholte ihn und sagte dann: »Ich will dich jetzt nicht länger aufhalten. Ich hatte eigentlich irgendwie gehofft…« »In dem Fall mußt du mir eher Bescheid geben«, sagte Alex. »Ich habe meinen Eltern gerade erst vor zwei Stunden versprochen, daß ich zu ihnen rüberkomme.« Am Dienstag nachmittag erschien Alex auf der Baustelle. Sie fuhr in ihrem silbernen Jaguar vor und trug eine schwarze Seidenhose und eine schwarze Bluse mit weißen Tupfen und einem Kragen, der so breit war, daß er eine Krause bildete – eine Mischung aus eleganter Geschäftsmäßigkeit und vollendeter Weiblichkeit. Kleine Perlohrringe waren ihr einziger Schmuck. Sie lief zwischen den Bauarbeitern umher, bis sie Boomer fand, der in der heißen Nachmittagssonne kein Hemd trug. Er wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. »Von dir sollte man erwarten können, daß du hinter einem Schreibtisch sitzt und andere die Schwerarbeit verrichten läßt«, sagte sie. »Ich bin eben nicht so wie alle anderen.« »Ich weiß.« »Und du bist die reinste Augenweide.« Sie lächelte ihn an und wunderte sich einmal mehr darüber, daß ihr an den Schmeicheleien eines Boomer Bannerman etwas lag. »Ich habe dir die Informationen besorgt, die du haben wolltest.« Er nahm ihren Arm und führte sie zu einer kleinen Baumgruppe. »Das ist aber schnell gegangen.« »Alles, was ich in Erfahrung bringen konnte, klingt viel zu gut, um wahr zu sein. Eine Freundin von dir?« »Wenn sie wirklich so gut ist, wie du sagst, dann könnte sie das durchaus werden. Hast du über mich auch derartige Informationen eingeholt?« »Ja, selbstverständlich.« Sie hätte ihn gern geküßt, auf die lächelnden Mundwinkel, an Ort und Stelle, vor dem versammelten Bauarbeitertrupp. Sie reichte ihm zwei Blätter. Er kniff die Augen beim Lesen zusammen. »Du liest auffallend schnell. Geht bei dir alles so rasch?« Er lächelte nicht, als er sie ansah. »Es gibt ein paar Dinge, für die ich mir sehr viel Zeit nehme.« Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken. In dem Moment rief jemand nach ihm, und er sagte: »Ich bin gleich wieder da. Lauf nicht weg.« 107
Als er zurückkam, fragte er: »Was hältst du davon, morgen abend mit mir essen zu gehen?« »Ja, gern.« Sie hatte unbedingt zur Baustelle rausfahren müssen. Drei Tage waren vergangen, seit sie ihn das letztemal gesehen hatte, und seitdem hatte sie die Hälfte ihrer Zeit damit zugebracht, an ihn zu denken. Sie wußte, daß das albern war. Sie stammten aus unterschiedlichen Welten. »Ist es dir recht, wenn ich dich um sieben abhole?« Sie nickte und bahnte sich behutsam einen Weg durch den Bauschutt, als sie zu ihrem Wagen zurücklief. Er sah ihr nach. Von hinten wirkte sie nicht besonders sexy, und doch dachte er unablässig daran, sie zu berühren, sie richtig zu küssen, sie zu… Am nächsten Tag rief er sie im Büro an. »Zieh dich bloß nicht zu fein an. Je salopper, desto besser.« Vielleicht verstand er sich noch nicht einmal auf angemessene Abendkleidung. Der bloße Umstand, daß sein Vater der gesetzgebenden Körperschaft angehört hatte, war noch lange kein Gütesiegel. Dagegen der Kongreß der Vereinigten Staaten, das war gleich etwas ganz anderes. Oder wenn sein Vater Gouverneur gewesen wäre. Sie kannte jeden einzelnen Gouverneur des Landes. Allerdings gab es auch LBJ. Selbst als er ins Weiße Haus eingezogen war, hatte ihm nach wie vor jegliches Gespür für Stil gefehlt. Bei Ladybird sah das ganz anders aus. Wie hatte sie bloß ein Leben an der Seite dieses Mannes ausgehalten, wenn man obendrein bedachte, wie er sie behandelt hatte, und noch dazu in der Öffentlichkeit? Als Boomer erschien, trug er dieselbe Kluft wie am Samstag. Frisch gereinigt und gebügelt, aber dennoch genau dieselben Sachen. »Vermutlich hast du vor, mir ein Restaurant zu zeigen, in dem ich noch nie gewesen bin. Das tust du doch immer.« »Immer?« Er lachte. Schließlich gingen sie heute erst zum drittenmal miteinander aus. »Ich möchte dich mit ein paar Leuten bekannt machen. Wir wollen dich ausfragen und an deiner Erfahrung partizipieren.« Alex spürte, wie die Enttäuschung ihr einen Stich versetzte. Ihr ganzes Leben lang hatte sie darum gerungen, um ihres Verstandes willen akzeptiert zu werden, und hier hatte sie es mit einem Mann zu tun, der sie, von einem flüchtigen Gutenachtkuß abgesehen, auf dieser Basis akzeptierte. Und jetzt mußte sie feststellen, daß sie mehr von ihm wollte. »Worüber lachst du?« fragte er, nachdem sie losgefahren waren. »Über die Ironie des Schicksals«, antwortete Alex. »Wer sind diese 108
Leute, die du mir vorstellen willst?« »Im einen Fall handelt es sich um die junge Frau, von der du gesagt hast, es klinge alles viel zu gut, um wahr zu sein.« »Tessa Oldfield?« In gewisser Weise verspürte sie ein Gefühl von Erleichterung. Er hatte diese Informationen also wirklich nicht aus persönlichen Gründen eingeholt. »Im anderen geht es um Dan…« »Ah«, sagte sie. »Dein Architekt.« Er warf ihr einen Blick zu. »Du hast wirklich ein gutes Gedächtnis.« »Ich habe Geld in diese Geschichte investiert, oder hast du das vergessen?« »Dann stammt also ein Teil des Geldes von dir persönlich?« Alex sah starr vor sich hin. Sie hatte nicht gewollt, daß er etwas davon erfuhr. »Dan hat seinen Job hingeworfen, einfach so. Jetzt schuftet er auf der Baustelle und übernimmt die Arbeiten eines Schreiners…« »Du ziehst jede Form von Leichtsinn an.« »He, du weißt bisher so gut wie nichts über mich.« Aber sie wußte, was sie empfand. »Richtig, ich habe keine Ahnung, ob du selbst leichtsinnig bist«, sagte Alex, »doch du forderst andere zum Leichtsinn heraus.« Er streckte eine Hand aus und ergriff ihre. Seine Augen funkelten. Sie sah weiterhin starr geradeaus. »Es geht nicht nur mir so. Ich bin sicher, daß du auf andere dieselbe Wirkung ausübst.« »Ich rufe also in anderen Leichtsinn wach, soso.« Ihm war deutlich anzumerken, daß ihm diese Vorstellung gefiel. »Und du bist bisher noch nie in deinem ganzen Leben leichtsinnig gewesen, stimmt’s?« »Nein, das stimmt nicht. Ich gehe laufend finanzielle Risiken ein. Ich genieße Risiken. Sie geben mir Auftrieb.« Seine rechte Hand schloß sich fester um ihre, und er steuerte den Wagen meisterlich nur mit der linken. »Fürchtest du dich?« fragte er. »Ich meine nicht den Straßenverkehr. Ich spreche vom Leichtsinn.« Alex lächelte. »Es ist ein ganz ähnliches Gefühl wie das, das ich beim Motorradfahren gehabt habe.« »Daran werde ich mich nie gewöhnen«, sagte Boomer, der abwechselnd auf die Straße schaute und Alex ansah. »Es wird mir nicht langweilig. Genau deshalb tue ich es. Ich lebe riskant. Ich hoffe zwar, daß mir nichts zustößt, aber…« Er zuckte mit den Schultern. Zum erstenmal war sie an einen Mann geraten, der sich ihrer Kontrolle entzog. Sie fragte sich, ob sie die Kontrolle wohl an sich 109
reißen könnte, wenn sie es versuchen würde.
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15 »Ich
finde, Sie sollten sich überlegen, ob Sie nicht eine Kapitalgesellschaft gründen wollen. Oder eine Personengesellschaft«, sagte Alex. »Worin besteht der Unterschied?« fragte Tessa. »Die steuerlichen Vorteile unterscheiden sich voneinander.« Alex zuckte mit den Schultern. »Hat einer von euch dreien einen Anwalt?« Tessa, Dan und Boomer tauschten Blicke miteinander aus. »Du hast doch ganz bestimmt einen«, sagte Boomer. »Meiner ist nichts für euch.« Sie lächelte. »Für das, was ihr braucht, ist er zu kostspielig und ein paar Nummern zu groß. Als Geschäftspartner eine Gesellschaft zu gründen, ist eine relativ einfache Angelegenheit, aber jemand muß euch die feinen Unterschiede genau erklären. Ich werde euch einen Anwalt besorgen.« Alex lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. Sie beneidete die drei. Von Tessa war sie schon beeindruckt gewesen, ehe sie ihr persönlich begegnet war, aber jetzt mußte sie feststellen, daß sie sie außerdem auch noch mochte. Sie war intelligent und begeisterungsfähig, und ihre Lebensfreude war ansteckend. Alex hatte so ein Gefühl, daß sie in ihr vielleicht eine Freundin finden könnte. »Ihr kennt einander noch nicht allzulange«, warnte sie. »Mit Geschäftspartnerschaften verhält es sich wie mit Ehen. Ich habe es mehrfach erlebt, daß eine solche Partnerschaft die Partner ins Unglück gestürzt hat.« »Ist es schwer, derartige Gesellschaften wieder aufzulösen?« fragte Boomer. »Nicht in Anbetracht der Vermögenswerte, die ihr im Moment habt, aber falls ihr zu Geld kommen solltet…« »Falls wir zu Geld kommen sollten?« jauchzte Tessa. Doch dann fügte sie hinzu: »Ich will nicht, daß etwas davon bekannt wird. Ich muß meinen Job behalten, bis… nun ja, einer von uns muß schließlich Geld ranschaffen.« »Wenigstens brauche ich in Zukunft keine Miete mehr zu bezahlen«, sagte Dan. Eine Sekunde lang herrschte Schweigen. Wenn sie beide allein miteinander gewesen wären, hätte Boomer gefragt: Du willst bei ihr einziehen, obwohl du sie noch keine Woche kennst? Aber Dan fuhr fort: »Wir werden eine andere Form von 111
Partnerschaft eingehen. Wir heiraten am Samstag um zwölf Uhr mittags.« Gütiger Himmel, dachte Boomer. Tessa kicherte. »Genau eine Woche, nachdem wir uns kennengelernt haben.« Sie wandte sich an Alex. »Ich weiß, daß wir einander eigentlich gar nicht kennen, aber ich habe hier noch keine echten Freundschaften geschlossen. Würden Sie… ich meine, Sie brauchen es natürlich nicht zu tun, aber es wäre mir wirklich sehr lieb, wenn Sie meine Trauzeugin wären.« Sie streckte eine Hand aus, legte sie auf Alex’ Finger und sah ihr lächelnd in die Augen. Alex hatte sich als Teilnehmerin für das Tennisturnier des Clubs eingetragen. Plötzlich schien ihr das nicht mehr wichtig zu sein, obwohl sie monatelang dafür trainiert hatte. »Ich fühle mich geschmeichelt«, antwortete sie und fragte sich, warum sie sich geschmeichelt fühlte. In der letzten Zeit konnte sie sich selbst nicht mehr verstehen. Es war nicht nur Boomer, es griff auch auf andere Bereiche ihres Lebens über. Zumindest auf Bereiche, die etwas mit Boomer zu tun hatten. Cole brauchte nicht lange, um zu begreifen, daß er Carly wollte. Er wollte sie jede Nacht und jeden Tag. Und doch, sagte er sich, war sie keine Frau für ihn. Sie würde sich nicht in die gute Gesellschaft von Houston einfügen. Seine Eltern wären schockiert darüber, und seine Freunde ebenfalls. Nun, schließlich mußte er sie ja nicht heiraten. Er konnte sich ganz einfach auf eine Affäre mit ihr einlassen. Genau das wollte er – eine leidenschaftliche und glühende Affäre. Dann mußte er über sich selbst lachen. Leidenschaftlich und glühend. Er wußte noch nicht einmal, wie man sich leidenschaftlich und glühend gab. Er hatte schon immer gefürchtet, die Frauen, mit denen er ins Bett ging, könnten ihn für lau halten und nicht etwa für wild und wunderbar. Aber Carly würde wild und wunderbar sein. Er träumte von ihr – im Schlafen und im Wachen. Wenn er sie abholte, bemühte er sich, ihr nicht direkt ins Gesicht zu sehen, damit sie die Begierde nicht erkennen konnte, von der er wußte, daß sie in seinen Augen stand. Wenn sie auseinandergingen, dann beobachtete er diese langen, formvollendeten Beine und den Schwung ihrer Hüften, und er sah auch ihrem blonden Haar nach, das sie sich manchmal aufsteckte, aber meistens fiel es ihr gelockt auf die Schultern. Er fragte sich, wie ihre Wohnung aussehen mochte. Und was sie von 112
ihm hielt. Ob sie wohl jemals an ihn dachte, wenn sie nicht zusammen waren? Erzählte sie ihren Freundinnen von ihm? Carly war die erste Frau, die ihn sich selbst in Frage stellen ließ. Und das erreichte sie einfach nur dadurch, daß sie die schönste Frau war, die Cole Coleridge je unter die Augen gekommen war. War sich Carly eigentlich darüber bewußt, was sie bei Männern anrichtete? In der ersten Februarwoche saß Cole in seinem Büro, als sein Vater hereingestürmt kam. »Uns bietet sich eine ganz phantastische Möglichkeit in Mexiko geradezu an«, sagte er. »Dieser HotelMensch, dieser Jose Rosas y Riberas, hat bei uns angefragt, ob wir einen neuen Hotelkomplex finanzieren würden, den er in Acapulco baut. Sowie er den hochgezogen hat, will er nördlich von dort mit der Errichtung eines weiteren Hotelkomplexes beginnen, und das in einer Stadt, von der er ganz sicher ist, das sie das nächste Ferienziel in Mexiko sein wird. Ich hätte liebend gern ein Standbein in Mexiko. Flieg gleich am kommenden Wochenende runter und rede mit ihm. Das Ärgerliche ist nur, daß sein Englisch wahrscheinlich genauso mäßig ist wie dein Spanisch.« »Und mein Spanisch ist praktisch nicht vorhanden«, sagte Cole. Aber die Vorstellung als solche faszinierte ihn. In Mexiko in den Geldmarkt einzusteigen, und dann auch noch mit jemandem wie Rosas… »Wenn du dort unten ankommst, engagierst du dir gleich einen Dolmetscher. Das ist ganz unproblematisch.« Aber an jenem Abend aßen Cole und Carly spät noch eine Kleinigkeit, nachdem sie gemeinsam eine Aufführung des AlleyTheaters besucht hatten. Cole erzählte ihr von seinem bevorstehenden Mexikobesuch. »Du wirst mir fehlen«, sagte er zu ihr. Ihr entging nicht, daß das die persönlichste Äußerung war, die er ihr gegenüber in ihrer sechswöchigen Bekanntschaft von sich gegeben hatte. Und er fuhr fort: »Ich hoffe, daß ich dort zurechtkomme, denn das einzige, was ich auf spanisch sagen kann, ist si und no habla espagñol.« Carly entgegnete lächelnd: »Ich spreche sehr gut Spanisch.« Cole sah sie an, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schaute ihr tief in die Augen. »Sollte ich diesen Vorschlag etwa richtig verstanden haben?« »Mir war gar nicht klar, daß ich etwas vorgeschlagen habe.« Cole legte eine Hand auf ihren Arm. »Komm mit mir, Carly. Getrennte Zimmer. Begleite mich als meine Dolmetscherin.« 113
Die Vorstellung, sie im Badeanzug zu sehen, brachte ihn nahezu um den Verstand. Carly saß am Fenster, hatte die Beine übereinandergeschlagen und trug etwas mit schmalen Riemchen, was wohl als Sandalen durchging, jedoch kaum ihre anmutigen Füße mit den leuchtend rot lackierten Nägeln bedeckte. Cole malte sich aus, diese Zehen zu küssen, einen nach dem anderen. Dieser Gedanke hatte ihn überrascht, denn bisher hatte er Füße immer als ziemlich häßlich empfunden, und die Idee, einen Zeh zu küssen, war ihm absolut fremd gewesen. Während Carly das Bordmagazin durchblätterte, stellte Cole sich vor, jeden einzelnen dieser Zehen in den Mund zu nehmen und daran zu saugen. Und die Fußsohle mit seiner Zunge zu kitzeln. Er lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen. Er sagte sich, er müsse wohl übergeschnappt sein. Wer zum Teufel würde an den Zehen eines anderen Menschen saugen? »1st alles in Ordnung mit dir?« Er hörte ihre Stimme und fühlte ihre Hand auf seinem Arm. »Ja, klar. Warum fragst du?« E