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allgemein anerkannte Standards~< und )>guter Geschmack~< werden als Beispiele genannt. Untemehmensethikkodizes benutzten wohlklingende Worte, es fehle ihnen aber an praktischer Effektivitfit.". 256 Vgl. zu der insbesondere von Hegel begrOndeten Formalismus-Kritik der kantischen Ethik nochmals Frankena (1994), S. 52; Horster (1995), S. 27; Maclntyre (1995a), S. 184; Maclntyre (1995b), S. 68 f.; Suchanek (2001), S. 10; Pauer-Studer (2003), S. 22 f.
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Ansehen einzubtiBen. Die Kategorizit/it moralischer K o d e x n o r m e n verlangt, dass ihre Etablierung keinen bedingten Zwecksetzungen folgt 257. Ein Kodex ist demnach deshalb einzuf'tihren, weil es gut und richtig ist, das U n t e m e h m e n s g e s c h e h e n zu ethisieren, und die K o d e x n o r m e n dazu beitragen, dass sich das U n t e m e h m e n und seine Mitarbeiter dem Guten und dem Richtigen verpflichten 25s. Zwar ist einzur/~umen, dass hinsichtlich der Bewertung sozialer Institutionen, wie sie Unternehmensgrunds~itze darstellen, innere Handlungen (Absichten und Motive) gegentiber ~uBeren (das heiBt:/~uBerlich sichtbaren) Bedeutung abtreten mtissen 259, sofem praktikable und intersubjektiv nachvollziehbare BeurteilungsmaBst/abe gesucht sind, die nicht auf Vermutungen oder Verd/achtigungen angewiesen sind 26~ Dennoch wird sich die (Leitidee der) Kategorizit~,t als f'6rderlich f'tir die Kodexeffektivit~it erweisen, da und soweit allein der Anschein einer instrumentalistischen B e g ~ n d u n g mit dysfunktionalen Einsch/atzungen des Kodex verbunden sein kann. Normen, die nur bedingt begriJndet sind oder von den Mitarbeitem des U n t e m e h mens als bedingt begriindet w a h r g e n o m m e n werden, k6nnen immer dann keine Bindungswirkung mehr entfalten, wenn die Begriindungsbedingung aufgehoben ist oder nur aufgehoben zu sein scheint. Das Vers~iumnis darauf hinzuwirken, dass die Kategorizit/~t der K o d e x n o r m e n auch nachvollzogen und eingesehen werden kann, l/asst den Verbindlichkeitsanspruch der Gebote entsprechend erodieren 261. In der Folge bleiben diese N o r m e n unbeachtet, solange keine - an einen N o r m b r u c h g e b u n d e n e n - Strafen drohen 262.
257 So auch L 'Etang (1992), S. 738: ,,If the motive behind a code of ethics is to improve the image of a company in order to enhance the marketability of its products then the code is unethical in Kantian terms". Siehe generell zur Kategorizit~it moralischer Normen bereits oben, S. 21 der vorliegenden Arbeit. 258 Vgl. z. B. Reynolds~Bowie (2004), S. 278: ,,an ethics program ought to be adopted for the right reason.". 259 Siehe in diesem Sinne auch Reynolds~Bowie (2004), S. 285: ,,difficulty of determining intent". 260 An dieser Stelle sei vor zu pauschalen Gegent~berstellungen gewarnt. Wenn beispielsweise Unterschiede zwischen moralischen und rechtlichen Normen darauf zurtickgeflihrt werden, dass erstere innere Handlungen zum Gegenstand h/itten, w/ihrend das Recht sich damit begniage, auBere Handlungen zu steuem, so wird iibersehen, dass selbst im kodifizierten Recht (und nicht nur in seiner Auslegung und Anwendung) durchaus auf innere Handlungen Bezug genommen wird. Konkret h~mgen z. B. die rechtliche Einordnung einiger Taten und deren Sanktionierung vom Verschulden des T~iters und damit yon inneren Verhaltensmomenten (Vorsatz, Fahrl/assigkeit) ab. Die Handlungsmotivation hat dabei zwar nur eine komplementare, keinesfalls aber eine zu vernachl/issigende Bedeutung. 261 Umgekehrt gilt nach Reynolds~Bowie (2004), S. 279: ,,When a program is adopted because it is the right thing to do, it inspires individuals in the organization to be ethical because it is right.". 262 Vgi. z. B. Metzger/Dalton/Hill (1993), S. 29: ,,if the sole purpose of the code is to avoid unpleasant consequences it need not be followed when the risk of such consequences is slight or nonexistent.". Innerhalb der. Rechtsphilosophie wird mutatis mutandis argumentiert, dass kein Recht sein kann, sofem nicht die Oberzeugung besteht, dass es recht (also richtig bzw. geboten) ist. Okonomisch reduzierte Rechtstheorien tibersehen in ihren Kalkulationen diesen Einwand und damit zugleich den normativen Gehalt yon (rechtlichen) Normen.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Vereinbarkeit kodif'Lzierter Normen und persOnlicher Maximen Die Verallgemeinerbarkeit und die Kategorizitat der kodifizierten Normen sind deshalb
wichtig, weil den Kodexnormen andernfalls vorzuhalten ware, dass sie nur partikular und bedingt begrtindet sind. Da moralische Normen tiber die Eigenschaften der Universalit/~t und der Kategorizit~it verf'tigen sollen, l~isst sich eine Ethisierung des Unternehmens kaum mittels solcher Handlungsgebote erreichen, die diese Kriterien ignorieren. Dennoch reichen diese Merkmale keineswegs aus, um einen Kodex yon dem Verdacht der normativen Inkohgrenz hinl~inglich befreien zu k6nnen. Dies setzt vielmehr zudem voraus, dass die Adressaten die Handlungsgebote nachvollziehen und anerkennen k6nnen. Ob die Unternehmensmitarbeiter den Inhalt und die Begrtindung des Kodex nachvollziehen k6nnen, hfingt vorrangig von der Art seiner Geltendmachung ab. Dabei ist es unplausibel anzunehmen, dass es den Mitarbeitern generell verwehrt sein muss, den Sinn der Kodexnormen zu erschliel3en. Ob die Unternehmensmitarbeiter die Kodexnormen dartiber hinaus anerkennen k6nnen, richtet sich nach ihrem Inhalt und ihrer Begrtindung. Die Verallgemeinerungsfahigkeit und -wOrdigkeit der kodifizierten Grunds~itze implizieren insofern eine Vereinbarkeit mit den pers6nlichen Leitregeln des Einzelnen, als letztlich lediglich solche Normen verallgemeinerbar sind, die allgemein zustimmungsf'fihig sind 263. Die Anerkennungsfahigkeit und die Anerkennungswtirdigkeit von Kodexnormen stehen demgegentiber dann grundsfitzlich in Frage, wenn die Normierungen sich auf Handlungsbereiche beziehen, die der privaten Lebensgestaltung der Adressaten zugeh6ren, und mit den pers6nlichen Maximen der Akteure konfligieren. Ethik-Kodizes sind zur Implementierung einer Unternehmensethik naturgemfil3 mit unternehmerischen Belangen befasst, aber notwendigerweise auch darauf zu begrenzen 264. Sie mtissen gleichzeitig gentigend Raum ftir die pers6nlichen Maximen und deren autonome Wahl durch die Akteure belassen. Sofern sie ihren Adressaten hingegen verbindliche Vorgaben machen wOrden, die sich auf deren private Lebensftihrung ausdehnen und ihnen in dieser Hinsicht eine Ethik auferlegen, sind Ethik-Kodizes in der Tat bedenklich 265. Unternehmenskodizes sollen mit anderen Worten nicht in dem Sinne ethisch sein, dass sie Lebens- und Verhaltensweisen im Privaten normieren, sondern immer ,nur' insofern
263 Vgl. nochmals HOffe(1995), S. 80. 264 Siehe zur Themenstruktur unternehmensethischer Kodizes der Praxis nfiher S. 202 ff. der vorliegenden Arbelt. 265 Derart verdfichtige Kodizes sind in der Praxis durchaus vorzufinden. Siehe dazu exemplarisch die Forderungen in dem Ethik-Kodex von Guardsmark, Inc.: ,,Each employee ... should ... be an active participant in Guardsmark's wellness program, exercise regularly, practice sound nutrition and encourage others to maintain a healthy lifestyle." [zit. in: Murphy (1998), S. 95 im Original in Grogbuchstaben].
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Fragen der Moral behandeln, als sich diese auf Handlungen im 6ffentlichen Bereich (des Unternehmens) erstrecken 266. Bei unternehrnerischen Belangen hat das Unternehmen zun~chst einen legitimen Anspruch, innerhalb der angedeuteten Grenzen konkretere Kriterien zu definieren, nach denen sich das gute und richtige Handeln in seinem Verantwortungsbereich bestimmen soil. Die Grenzziehung ist dabei insoweit durchaus diffizil, als manche Gestaltungen des Privaten zweifelsohne (auch) das Unternehmensgeschehen tangieren. FOr diese Konstellationen macht die normative Kritik gleichwohl eindrticklich deutlich, dass den Untemehmensbelangen dennoch nicht alles untergeordnet werden darf, sondem die Privatsph/~re der Akteure sorgsam zu respektieren ist. Im weiteren Verlauf dieser Untersuchung ist daher auch auf die Gewichtung konkurrierender Anforderungen und die Herleitung angemessener Abw/~gungsl6sungen einzugehen 267. An dieser Stelle gentigt es jedoch wiederum festzustellen, dass zum Wesen von Ethik-Kodizes nicht die Notwendigkeiten geh6ren, den Kodexadressaten Maximen ihrer pers6nlichen Lebensgestaltung verordnen oder bis zu derartigen Normierungen vordringen zu mtissen.
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Voraussetzungen einer angemessenen Anwendung der Kodexnormen Als Instrumente zur Implementierung einer Untemehmensethik sind Kodizes auf unter-
nehmerische Belange zu beschr/~nken. Insofern mtissen sich die Kodexnormen mit den Maximen in Einklang bringen lassen, die sich die Unternehmensangeh6rigen ftir ihre persOnliche Lebensf'tihrung autonom setzen. Dartiber hinaus ist schlief~lich auch ftir Handlungen im Unternehmen zu konzedieren, dass die kodifizierten Normen individuelle Urteile keineswegs zwangsl~ufig verdr~ngen, sondem off geradezu verlangen, damit die Kodexnormen angemessen angewendet und die verbliebenen NormierungsRicken angemessen ausgef'ullt werden 26s. Obgleich untemehmerische Kodizes den legitimen Anspruch erheben, moralisch relevante Handlungsweisen des Unternehmens zu normieren, so ist damit folglich dennoch nicht verbunden, dass die moralische Urteilskraft der einzelnen Kodexadressaten g~inzlich entbehrlich 9. ware
269
266 Siehe zu dieser Unterscheidung zwischen Ethik und Moral nochmals oben, insb. S. 14 Fn. 12 der vorliegenden Arbeit, und Jennings (2000), S. 56, sowie femer die bei Maclagan (1998), S. 2 f., angeRihrte Differenzierung personaler und sozialer Konzeptionen der Moralitfit. 267 Siehe im Einzelnen unten, insb. S. 324 ff. der vorliegenden Arbeit. 26s Vgl. z. B. Condren (1995), S. 76: ,a code cannot be a conscience.... Neither code type can replace judgment, but each suggests differing sorts of ethical and non-ethical judgment.", oder Dienhart (1995), S. 431: ,,Judgment would still be needed to do two things: to understand the relationships between the principles, rules and technical standards [of the code, T. T.], and to apply the principles, rules and technical standards." und S. 432: ,,We must use judgment ... to understand and apply ethical codes.". 269 Vgl. z. B. auch Grace~Cohen (1995), S. 195: ,,codes of ethics do not replace or embody all of morality, even as regards those activities for which they are written.", oder Maclagan (1998), S. 170: ,,a code of ethics does not eliminate the need for personal judgment".
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Kodizes gebieten (mehr oder weniger konkrete) Probleml/Ssungen, um ethisch zutr/aglichen Handlungsoptionen zur Geltung zu verhelfen und verwerfliches Handeln im Unternehmen zu verhindern. Allerdings sind die Handlungsnormierungen, die Kodizes leisten (k6nnen), regelm/al3ig unvollst~indig. Dies erkl/art sich zun~ichst insoweit, als nicht s/amtliche Entscheidungsprobleme, die sich den Akteuren im Unternehmen stellen, (irgend)einer Normierung durch den Kodex unterliegen 27~ Wesentlich wichtiger ist indes, dass daneben insofern eigene (Ermessens-)Entscheidungen notwendig bleiben, als eine angemessene Anwendung der Kodexnormen nicht ohne die moralische Urteilskraft ihrer Adressaten gelingt. Die Kodexnormen strukturieren zwar die von ihnen erfassten moralischen Entscheidungsprobleme. Sie k6nnen dabei sogar ftir bestimmte Komponenten des Entscheidungsproblems bereits eindeutige Festlegungen der gebotenen L6sung vorgeben. Dennoch wird und kann der Strukturierungsbeitrag der Kodexnormen kaum so weit reichen, dass keine eigenen Urteile der Adressaten mehr erforderlich w~irenTM. Dies gilt zum einen ffir die Subsumtion, ob und welche Kodexnormen gtiltig sind, zum anderen ftir die Konkretisierung und Umsetzung der gebotenen Handlungsweise 272. Der Vorwurf, dass Kodexnormen grunds~itzlich die ethische Autonomie ihrer Adressaten unzul~issig weit begrenzen, ist nach alldem verfehlt, da und soweit die Normierungen des Kodex zum einen nicht tiber die Unternehmensbelange hinauswachsen und zum anderen nicht ohne die Urteilskraft der Akteure auskommen. Unternehmensethische Kodizes lassen sich nicht rein schematisch anwenden 273, sondern verlangen Auslegungs- und Interpretationsleistungen ihrer Adressaten 274. Dennoch begrenzen Kodizes dabei sehr wohl den Raum zutr~iglicher Auslegungen und Interpretationen. Insofern vertrauen sie weder immer noch voraussetzungslos, dass die Akteure die kodifizierten Problemstellungen angemessen bew~iltigen, sondern sie weisen ihnen - mehr oder weniger bestimmt - die Richtung. Es entspricht zusammengefasst daher der Natur eines Kodex, dass er die Autonomie der Unternehmensmitarbeiter zwar begrenzt, unter Berticksichtigung der genannten Randbedingungen allerdings keineswegs tiber Gebtihr.
270 Siehe nur Hyman/Skipper/Tansey (1990), S. 17: ,,no book of restrictions and guidelines can treat every problem that will arise.", oder Velasquez (1990), S. 241: ,,a written code cannot cover every contingency", sowie Dawson (1994), S. 148: ,,a code of practice can never be rich enough to provide guidance in all situations" und Pierce~Henry (2000), S. 320: ,,codes are necessarily somewhat general in their statements and do not provide specific guidance for new situations that arise". 271 Insofern wird es keine Kodizes geben, deren Normen anzuwenden sind ,,without the discretion to interpret their meaning or to choose between alternative courses of action." [Farrell/Cobbin (2000), S. 182]. 272 Siehe dazu im Einzelnen S. 312 ft. der vorliegenden Arbeit. 273 Vgl. auch die entsprechende Replik von Dienhart (1995), S. 427 Herv. im Original: ,,it is not at all clear that ethical codes are sets of rules that are meant to be followed mechanically.". 274 So auch Warren (1993), S. 188: ,,Every situation is in some way unique, and so the question has to be faced of exercising judgment in the interpretation of the rule and in its application to the facts of the situation.... we cannot ignore the crucial role that the moral agent plays in using their discretion and discernment in the interpretation of the code.".
Begrilndung unternehmensethischer Kodizes b)
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Emanzipatorische Einwendungen
aa) Darlegung der Kritik Sofern sie sich auf ein bestimmtes Aufkl~irungsverst~.ndnis bezieht, k6nnte die zuvor eingef'tihrte ethische Kritik durchaus auch als emanzipatorisch etikettiert werden, da Emanzipation generell den Prozess der Selbstbefreiung des Menschen aus Abh~ingigkeit und Fremdbestimmung beschreibt 275. Der Emanzipationsbegriff soll im Weiteren jedoch nicht geistesgeschichtlich (als letztlich erkenntnistheoretisch fundierte Befreiung aus der Gewalt der/auBeren Natur), sondern politisch (als Befreiung aus der sozialen Gewalt menschlicher Interaktionen, wie sie sich in wirtschafllichen Abh~ingigkeitsverhaltnissen manifestieren kann) Verwendung finden 276. Die zu behandelnden emanzipatorischen Bedenken sind folglich zwar ebenfalls normativer Natur. Sie werden jedoch deshalb gesondert diskutiert, weil nicht die Selbstbestimmung des Einzelnen als (normativ-)ethisches Gesetz, sondern seine (politische) Befreiung von sozialer Entfremdung und Unterdrtickung im Vordergrund stehen. Die emanzipatorischen Bedenken f'tihren kurz gefasst an, dass unternehmensethische Kodizes ein Instrument zur Sicherung hierarchischer Herrschafl darstellen 277. Sie wiarden nicht etwa die Moralit/at, sondern nur die Macht des Managements st~irken 278. Die Unternehmensleitung erl/asst darum solche Kodexnormen, die im Interesse des Unternehmens (oder seiner Ftihrung) liegen und von den Ftihrungskr~iflen gegen die ihnen unterstellten Mitarbeiter gewendet werden k6nnen. Eine m6glichst weitgehende Zentralisierung von Gestaltung und Geltendmachung des Kodex wird damit begrtindet, dass Organisationseinheiten umso eher das Wissen besitzen und beschlieBen k6nnen, was richtig und gut f'tir das Unternehmen ist, je h6her sie in der Hierarchie positioniert sind 279. Die Gestaltung des Kodex mag zwar noch den Eindruck
275 Vgl. z. B. Ulrich (1993), S. 57. 276 Vgl. z. B. Ulrich (1993), S. 57-61. 277 Vgl. z. B. Kjonstad/Willmott (1995), S. 447: ,,normative order must be coercively imposed and/or hegemonically disseminated so that alternative possibilities are suppressed or marginalised. This is the likely effect, of not the conscious interest, of business ethics where the emphasis is upon codes of conduct."; Johnson/Cassell/Smith (1996), S. 177: ,,It could be argued that the introduction of a corporate code of ethics is just another way of exercising tighter management control over the ways in which members go about their work."; Farrell/Farrell (1998), S. 598: ,,the codes use language to create and maintain a hierarchical power relationship between addressees and the enterprise and generally indicate a tightened control over employees."; Geva (2000), S. 793: ,,Codes of conduct are usually taken in organizational studies as external determinants over which manager exercises control in order to influence the subordinates' behavior and practices. Corporate codes may differ in their content or format, however, they frequently reflect normative vision of social control and an instrumental approach to the organization-employee relationship"; Schwartz (2000), S. 182: ,,The appearance of an ethical code ... is nothing more than a further intrusion by those in control.". 278 Siehe in diesem Sinne Warren (1993), S. 188: ,,They [i.e., ethical codes, T. T.] are not underpinned by moral authority but only by managerial authority.". 279 Vgl. dazu Maguire (1999), S. l l2: ,,One of the underlying assumption of control is that those who command are more knowledgeable and capable, and those who serve need direction. Hence management does the thinking and employees do what they are told to do.".
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
vermitteln (mtissen), dass er auch den Belangen anderer Anspruchsgruppen Rechnung tr~igt. Seine Geltendmachung erfolgt jedoch streng top-down, sodass die hierarchisch h6her positionierten Organisationseinheiten den Kodex (aus)nutzen k6nnen, um die ihnen nachgestellten Mitarbeiter zu drangsalieren und bei Bedarf zu disziplinieren. Im Regelfall sind hierarchisch h6here Einheiten freilich ohnehin mit den (organisatorischen und disziplinarischen) Kompetenzen ausgestattet, um den Handlungsspielraum nachgelagerter Organisationseinheiten zu begrenzen, deren Performance zu beurteilen und die Mitglieder gegebenenfalls zu bestrafen, wenn sie die vereinbarten Verhaltenserwartungen nicht erf'tillen. In dieser Hinsicht stellen Ethik-Kodizes somit ein komplement~ires und gleichwohl sehr subtiles sowie aus diesem Grunde besonders erfolgversprechendes Mittel daftir dar, auf die gef~ihrten Akteure in einer Weise einzuwirken, die den Interessen yon Vorgesetzten und Unternehmen ntitzt 28~ Z u m einen werden die (Fremd-)Kontrollen durch Ffihrungskr~ifte insoweit vereinfacht, als auf die im Kodex dokumentierten Standards verwiesen werden kann, deren Einhaltung es zu tiberwachen gilt. Sofern bei den Geftihrten die lAberzeugung vorherrscht, dass diese Fremdkontrollen nicht deshalb ergriffen werden, weil die Ftihrungskr~ifte ihnen misstrauen und kaum eigenes Disponieren gestatten m6chten, sondern weil formale Organisationsnormen die Uberwachungshandlungen verlangen, l~isst sich das direkte Verh~iltnis zwischen F~hrendem und Geft~hrtem von pers6nlichen Spannungen freihalten, die gew6hnliche Kontrollhandlungen sonst evozieren. Im Vergleich zu - davon u n b e n o m m e n e n - persOnlich geleiteten Ermahnungen kann die Beeinflussung unter Bezugnahme auf einen unternehmensethischen Kodex zum anderen weitaus effektiver sein, da sie unter dem Signum von Ethik und Moral stattfindet. Infolgedessen kann sie bei den Mitarbeitern eine grOl3ere Bindungskraft entfalten als Anweisungen, die offensichtlich im Dienste origin~ir Okonomischer und demgem~B profaner Zwecksetzungen stehen 281. Unter diesen Voraussetzungen erweisen sich Kodizes als hilfreich, damit die Ft~hrungskr~ifte ihre positionsbezogene Macht absichern und reibungsloser anwenden k6nnen 282. Unter Verwendung einer in der Organisationstheorie bekannten Bezeichnung lieBen sich Kodizes darum auch als eine MaBnahme insidiOser Kontrolle charakterisieren 283.
280 So auch Schwartz (2000), S. 174: ,,codes are in fact better described as a management tool of control - albeit a highly subtle one. The employee ... is expected to yield to moral suasion quite divorced from any overt managerial pressure.". 281 Wie in Huxleys Dystopie der ,,Brave New World" k0nnen offensichtliche ZwangsmaBnahmen daher entbehrlich bleiben: ,,The genius of the Controllers is that they have learned to manufacture consent and hence have no need to enforce obedience." [Jermier (1998), S. 245]. 282 Siehe auch die entsprechende Kritik von Willmott (1998), S. 81: ,,codes of ethics are intended to buttress other means of improving the prediction and control of employee behaviour - often by encouraging their commitment to the corporate values espoused in the code". 283 Vgl. zu dieser Kontrollform Blau/Schoenherr (1971), S. 353: ,,insidious control - control ... that is not readily identifiable as power. It is deceptive, because it does not entail experience of being oppressed by the arbitrary will of a despot and sometimes not even the need to comply with directives of superiors, but merely the
Begrtindung unternehmensethischer Kodizes
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SchlieBlich wird Kodizes vorgehalten, dass sie die Herrschaft der Ftihrenden nicht nur absichem, sondern ausbauen. Sofern den Vorgesetzten ein gr613eres Ermessen einger/aumt wird, wann (und wie) auf Kodexverst6Be zu reagieren ist, l~isst sich der Kodex gezielt missbrauchen, um einseitige Abh~ngigkeitsverh~iltnisse zu schaffen. Indem sie Kodexverletzungen demonstrativ ignoriert oder mit drakonischen Strafen zu ahnden androht, kann die Ftihrungskraft sich versichern, dass sich die betreffenden Delinquenten ihr ergeben zeigen, und ihre Machtbasis entsprechend verst~ken TM.Kodizes wtirden sich dann tats~ichlich nur noch als ein machtpolitisches Instrument zur St~kung der unternehmerischen Ftihrung gerieren.
bb) Replik a'
Grunds[itzliche Zwecksetzung der Herrschaftssicherung Die emanzipatorischen Bedenken lassen sich umgehend zurtickweisen, sofem sie in einem
grunds~itzlichen Sinne verstanden werden (sollen). Dass Kodizes ihrem Wesen nach Normen enthalten miassen, die ausschlieBlich den Interessen des Unternehmens und seiner Fiihrung folgen, und ihre Geltendmachung einseitig die Position der Vorgesetzen st/arkt, l~isst sich leicht widerlegen. Unternehmensethische Kodizes der Praxis m6gen zwar den Eindruck erh~irten, dass die kodifizierten Normen vor allem dem Schutz des Unternehmens und nicht etwa seinen Mitarbeitern dienen sollen 285. Eine solche empirische Beobachtung impliziert allerdings nicht, dass keine Normen kodifiziert werden k6nnten o d e r - zumindest a u c h - tats/~chlich kodifiziert werden, die anderen Belangen verpflichtet sind und beispielsweise gerade die Rechte der Mitarbeiter gegentiber ihren Vorgesetzen und dem Unternehmen insgesamt betonen. Ein unternehmensethischer Kodex soil s~imtliche Mitglieder des Unternehmens adressieren 286. Seine Normen binden demgem/af5 nicht nur nachgeordnete Mitarbeiter, sondern in prinzipiell gleicher Weise auch Ftihrungskr~ifte bis hin zum Topmanagement. Insofern begrenzt der Kodex ebenso den Ermessensspielraum von Vorgesetzten, deren Handlungen auch an den Kodexstandards zu messen und entsprechend zu sanktionieren sind, wenn sie den Kodex bre-
internalized obligation to perform tasks in accordance with standards of workmanship. It is unresponsive to democratic constraints, because it is often not recognized as power". 284 Vgl. dazu Cressey/Moore (1983), S. 71" ,,vagueness about punishment and due process procedures places broad discretionary power in the hands of a firm's top executives. In the absence of stipulated penalties and guidelines restricting discretion, punishments can be imposed arbitrarily and almost capriciously ... Within corporations, such informalitymight function to consolidate power in the offices of top executives". 295 Siehe zu einer n~iheren Analyse der Themenstruktur unternehmensethischer Kodizes der Praxis unten, S. 202 ff. und zu der daraus abgeleiteten Feststellung vor allem S. 227 der vorliegenden Arbeit, sowie die entsprechenden empirischen Einsch/itzungen von Stevens (1994), S. 67; Post~Lawrence~Weber (1999), S. 135; VanSandt/Neck (2003), S. 365, und die Befunde von Mathews (1987), S. 115; Mathews (1988), S. 54; Kaye (1992), S. 860; Lefebvre/Singh (1992), S. 806; Farrell/Cobbin (1996a), S. 54; Wood(2000), S. 291. 2s6 Siehe nochmals oben, S. 34 der vorliegendenArbeit.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
chen oder missbrauchen 287. Eine Art der Geltendmachung, wie sie die emanzipatorische Apologie unterstellt, entspricht nicht der Natur von Kodizes, die a u f eine Ethisierung des Unternehmens zielen. Im Gegensatz zu d e r -
pr~imissenreichen - emanzipatorischen Kritik kann
sich der K o d e x geradezu als ein Mittel erweisen, das illegitime F o r m e n hierarchischer Machtaustibung zuriickdr~ngt und das Ftihrungsverhalten stattdessen in ethisch zutr~igliche Bahnen lenkt 288. Ein unternehmensethischer K o d e x bedingt also kurz gefasst weder die Notwendigkeit, dass unter seinen N o r m e n nur die nachgeordneten Mitarbeiter leiden, noch dass unter seinen Vorgaben tiberhaupt gelitten werden muss, da und soweit sie sich dem Guten und Gerechten verpflichten 289. Die emanzipatorischen E i n w e n d u n g e n k6nnen insbesondere deshalb nicht tiberzeugen, weil Ethik-Kodizes generell abgesprochen wird, dass sie mit dem ernsthaften Bestreben eingeftihrt werden (k6nnen), die ethische Entscheidungsqualitfit im U n t e r n e h m e n zu verbessern. Die vorrangige Zielsetzung dieses Instruments sei es vielmehr, die Machtposition der Ffihrenden zu festigen und die Gefiihrten zu dominieren. Eine solche Intention l~isst sich aus dem W e s e n unternehmensethischer Kodizes allerdings keineswegs zwingend ableiten und daher nur willktirlich annehmen, sofern sie mit Kodizes grunds~itzlich verbunden wird. Unterstellt m a n Kodizes indes von Beginn an die Zwecksetzung der Herrschaftssicherung, ist das Ergebnis bereits pr~ijudiziert, dass diese ImplementierungsmaBnahme ungeeignet ist, um das Unternehmensgeschehen zu ethisieren.
287 Vgl. z. B. - mit Verweis auf die entsprechende Praxis bei Hewlett-Packard - Velasquez (1990), S. 240 f. In Abh~ngigkeit ihrer Gestaltung und Geltendmachung k6nnen unternehmensethische Kodizes mithin gerade emanzipatorisch wirken. So auch Maclagan (1998), S. 159 f.: ,,Contrary to a popular view, such arrangements are not necessarily tools of management control; they can perform an emancipatory function or contribute to an egalitarian organization, for example by providing formal protection for those who wish to express dissent.", oder Willmott (1998), S. 113 f.: ,,codes of ethics can provide a basis for subjecting corporate practices to critical scrutiny (e.g., by whistle-blowers)". 288 Vgl. in diesem Sinne z. B. De George (1986), S. 346: ,,a code can be used as a document to which employees can refer when asked to do something contrary to it."; Bowie (1992), S. 338: ,,Ethikkodizes [leiten, T. T.] nicht nur das Verhalten der Angestellten, sondern sie schr~nken auch die unumschrfinkte Macht der Arbeitgeber ein. Zumindest theoretisch kann ein Unternehmensethikkodex eine unabhangige Basis liefern, auf die man sich berufen kann, wenn man von einem Arbeitgeber oder Vorgesetzten dazu gedrangt wird, eine unmoralische Handlung auszufuhren."; Dienhart (1995), S. 430: ,,a professional code can help support those who want to act ethically when they are pressured by others to act in ethically questionable ways."; Punch (1996), S. 264: ,,Also, middle managers, who tend most to be confronted with the pressure to bend and break rules, can employ the code to set limits to a business relation."; McDonald (1999), S. 147: ,,The benefits a Code of Conduct can provide include ... bolstering the ability of individuals to resist the unethical demands of supervisors and clients"; Boatright (2000), S. 367: ,,an effective code of ethics that is enforced in an organization provides employees with a tool for resisting pressure to perform unethical or illegal actions.". 289 Siehe dazu auch Brien (1996), S. 28: ,,Actors must be able to trust the code, have confidence in it and see that it is not an instrument of repression, but one of protection which promotes the good of the organization and its stakeholders.".
Begrtlndung unternehmensethischer Kodizes
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Grundsiitzliche Tendenzzur Hierarchisierung Eine differenziertere Auseinandersetzung mit den Einwanden wird hingegen erforderlich,
sofern Kodizes zugestanden wird, dass sie nicht notwendigerweise zur Aufrechterhaltung oder Ausdehnung der Machtdistanz zwischen Ftihrenden und Geftihrten etabliert werden. Die emanzipatorische Kritik 19.sst sich vielmehr auch so fassen, dass Kodizes zwar durchaus zur Ethisierung eingeftihrt werden, ihnen aber dennoch eine grunds~itzliche Tendenz zur Hierarchisierung anhafle, die der Erreichung dieser Ethisierungsziele entgegensteht. Hierarchisierung bezeichnet dabei einen Konfliktlfsungsmodus, der vorsieht, dass L6sungen ftir Probleme j e g l i c h e r - mithin auch m o r a l i s c h e r - Art hierarchisch entschieden und nachgelagerten Organisationseinheiten entsprechend vorgegeben werden. Dabei k6nnen diese hierarchischen Probleml6sungen wiederum insofern bedenklich sein, als sie lediglich die Belange der tibergeordneten Einheit beachten, unter UmstS.nden durch perstinliche Interessen verzerrt sind und insbesondere zur Herrschaflssicherung genutzt werden. Die Tendenz zur Hierarchisierung erscheint zun/ichst deshalb nicht unplausibel, weil es letztlich die Unternehmensleitung als die Instanz an der Hierarchiespitze ist, die tiber die Einftihrung eines Kodex entscheidet und seine Normen autorisiert 29~ Die Unternehmensleitung kann und wird in ihre einschl~igigen Beschltisse auch Informationen eingehen lassen, die bei anderen und hierarchisch tiefer positionierten Organisationseinheiten eingeholt werden, um zu anerkennungsf~ihigen und insofern angemessenen Kodexnormen zu gelangen. Im Zuge dessen kann und wird gleichwohl nicht allen Vorschl~igen vollst~indig gentige getan werden, da zum einen die Pr~iferenzen tiber die zu kodifizierenden Handlungsweisen divergieren und zum anderen die Verantwortung ftir den endgtiltigen Kodex nicht diffundieren darf, sondern der Unternehmensleitung obliegen sol1291. Die Gefahr, dass der Unternehmensleitung das eigentliche Ziel der Kodexeinftihrung in Vergessenheit ger~it und nur noch pers6nlich pr~iferierte Standards kodifiziert werden 292, ist hingegen durch die Anforderungen gebannt, die bereits im Zusammenhang der normativen Bedenken eingeftihrt worden sind.
290 Siehe nochmals oben, S. 117 der vorliegenden Arbeit, sowie Kjonstad/Willmott (1995), S. 448 f.: ,,In general, ethical codes are conceived by senior management and their advisors who transmit them to all corporate members.", oder Chonko/Wotruba/Loe (2003), S. 248 f.: ,,the top managers ... are likely to have been the authors of the code of ethics.". 291 Siehe dazu auch Blau/Scott (1963), S. 186: ,,Indeed, the loose talk about internal democracy in private firms, government agencies, and similar organizations is simply misleading, since management in these types of organizations is not and cannot be governed by the principle of following the will of the majority of its members but must be guided by the principle of maximizing the effective accomplishment of given objectives.". 292 Vgl. dazu Newton (1999), S. 522, die als eine Ursache des Misserfolgs von Kodizes vermutet, dass ,,the content of the code is completely unspecified save by reference to its authors - its provisions are those that strike the CEO and his golfing bodies as good, at the time they write it.", sowie auch den Hinweis von Cassell~Johnson~Smith (1997), S. 1079, dass ,,the eventual content [of a code of ethics, T. T.] can be expected to be a reflection of the preferences and cognitions of those participating in the design process.".
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches lmplementierungsinstrument
In Hinblick auf die gew~ihnten Hierarchisierungstendenzen erscheinen die (Art der) Anwendung und Geltendmachung des Kodex daher gewichtiger als seine Gestaltung, da es weder notwendig noch zul~issig w~ire, Kodexnormen zu etablieren, die sich nur an Partikularinteressen (z. B. der Unternehmensleitung)
orientieren.
Hierarchisch verzerrte Einflussnahme-
mOglichkeiten bleiben dennoch insofern verftigbar, als die K o d e x n o r m e n regelm~il3ig einen Ermessensspielraum belassen, tiber dessen (un)angemessene AusschOpfung es Auffassungsunterschiede geben kann. Emanzipatorische Bedenken k6nnen an dieser Stelle ansetzen, da und soweit zu vermuten steht, dass das U n t e m e h m e n Streitigkeiten tiber die angemessene Auslegung und A n w e n d u n g von K o d e x n o r m e n im Ergebnis hierarchisch, das heil3t durch die hierarchisch jeweils tibergeordnete Organisationseinheit und insofern zentral 10sen l~isst 293. Einer solchen (nahe liegenden) Hierarchisierung kann durchaus mit Skepsis begegnet werden 294. Organisationstheoretisch mag zwar die Qualit~it von Entscheidungen, die von tibergeordneten Einheiten getroffen werden, tiberlegen erscheinen, da sie nicht nur auf der Basis des eigenen Wissens getroffen werden mtissen, sondern auch die informationellen und methodischen Kenntnisse nachgelagerter Organisationseinheiten berticksichtigen k0nnen. Umgekehrt kann hingegen nicht jede untergeordnete Einheit den Kenntnisstand der tibergeordneten Einheit besitzen oder erwerben 295. Eine positive Korrelation zwischen der Entscheidungsqualit~it und der hierarchischen Positionierung setzt jedoch voraus, dass die tibergeordnete Einheit die ftir eine angemessene ProblemlOsung erforderlichen Informationen tats~ichlich einholt und in ihre Beschlussfassung angemessen eingehen lfisst. Dagegen wendet die emanzipatorische Kritik ein, dass diese Entscheidungen die Bedtirfnisse der Geftihrten unzureichend beachten 296 und vor allem opportunistisch getroffen werden, um die eigene Machtposition zu st~.rken und persOnliche Belange durchzusetzen. Eine hOhere Qualit~it der Entscheidungen tibergeordneter Einheiten kann im Gegenteil sogar bezweifelt werden, da und soweit die moralische Kompetenz nicht mit der HOhe der hierarchischen Positionierung zunehmen muss 297 und h6her positionierte Organisationseinheiten vermehrt (6konomische) Leistungsvorgaben erhalten, die sie auch unter Vernachl~issigung ethischer Standards zu erreichen versuchen 29s. Schliel31ich kann
293 Vgl. Cressey/Moore (1983), S. 63: ,,This pattern of referrals [to persons of higher authority, T. T.] reveals an important assumption held by many top corporation officials, namely that decisions concerning a firm's ethical standards are the preserve of those holding authoritative positions within that firm.". 294 Vgl. z. B. generell Jermier (1998), S. 235: ,,the exercise of hierarchical control is often seen as tainted.". 295 Siehe dazu z. B. nur v. Werder (1998b), S. 12. 296 Vgl. z. B. Jermier (1998), S. 235: ,,We are especially uncomfortable with the exercise of blatant hierarchical control because it raises the specter that people and exchange are not as free as we prefer to believe.". 297 Siehe dazu z. B. auch Jackall (1988), S. 124: ,,Typically, the abstractness of one's viewpoint increases as one ascends the hierarchy of an organization. The pushing down of details and the growing social distance from the human consequences of one's actions enable the development of an austere, uncluttered perspective.". 298 So z. B. L 'Etang (1992), S. 743: ,,Managers are no better qualified to make moral judgements than employees and, indeed, their senior position may make them more likely to make self-interested and prudential judgements.". Siehe in diesem Zusammenhang auch die Befunde von Hunt/Chonko/Wilcox (1984), S. 317 f., und Chonko/Hunt (1985), S. 353, dass h/3herrangige Mitarbeiter tendenziell weniger ethische Probleme in ihrem
Beg~ndung unternehmensethischer Kodizes
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die Hierarchisierung dem Eindruck Vorschub leisten, dass den nachgelagerten Einheiten eine eigene Entscheidung tiber die angemessene Anwendung der Kodexnormen nicht zugetraut wird 299. In der Folge sinkt das Zutrauen in die autonome Wahl zutr~iglicher Handlungsweisen, sodass die angestrebte Ethisierung tats/ichlich in Gefahr ger~it. Diese Kritik ist zwar wiederum insofem fruchtbar, als sie auf Probleme hindeutet, die bei der Entwicklung und Implementierung untemehmensethischer Kodizes auftreten k6nnen. Vor allem macht sie deutlich, dass das - normativ gebotene - Ermessen, das den Adressaten bei der Auslegung und Anwendung des Kodex verbleibt, keineswegs auf ein freies Belieben hinauslaufen darf, da diese Freiheit gegen die Mitarbeiter gewendet werden und die angestrebten Ethisierungswirkungen aufheben kann. Die Kritik vermag allerdings nicht in dem MaBe zu tiberzeugen, dass die angenommenen Konsequenzen zwangsl/iufig eintreten mtissten. Vielmehr lassen sich die vorhergesagten Wirkungen durch geeignete MaBnahmen vermeiden oder - auf der Grundlage anderer und nicht unbedingt realit/itsfemerer Annahmen - abweichende Effekte erwarten, sodass Kodizes als Instrument zur Implementierung einer Untemehmensethik weiterhin keineswegs zu verwerfen sind. AbschlieBend gilt es darum noch hervorzuheben, dass die durch die emanzipatorischen Bedenken suggerierten Empfehlungen, die kodexbezogenen Kompetenzen m6glichst weitgehend zu dezentralisieren, die Erstellung des Kodex partizipativ zu gestalten und die Kodexeinhaltung im Wege der Selbstkontrolle zu tiberwachen 3~176 sowohl in Hinblick auf die angestrebte Ethisierung als auch ihrerseits aus emanzipatorischer Sicht fraglich erscheinen. So bleibt zum einen often, warum die Gef'tihrten die vorhandenen Ermessensspielr~iume nicht auch eigenntitzig auslegen sollten, wie es Vorgesetzten zuvor unterstellt wurde 3~ Das gr6Bere Interesse, das hierarchisch h6her positionierte Organisationseinheiten der Erreichung 6konomischer Leistungsziele entgegenbringen, ist zwar zun~ichst plausibel, aber keinesfalls zwingend, da und soweit die Performancebeurteilungen von Vorgesetzten sich auch an den Kodexstandards und deren Einhaltung zu orientieren haben. Der g~inzliche Verzicht auf hierarchische Kontrollen n~ihrt indes Zweifel, ob die Kodexnormen tats~ichlich und insbesondere dann befolgt werden, wenn sie mit groBem Aufwand und wenig pers6nlichem Nutzen verbunden sind. Zum anderen kann eine (zu) weitgehende Dezentralisierung insoweit emanzipatorische Bedenken schtiren, als die Untemehmen und ihre Ftihrung untemehmensethische Kodizes auf diese
Unternehmen wahrnehmen [anders hingegen Akaah/Riordan (1989), S. 118 f.; Singhapakdi/Vitell (1990), S. 12; Kohut/Corriher (1994), S. 34; Ekin/TezOlmez (1999), S. 25, die keine signifikante Beziehung zwischen dem hierarchischen Rang und der Beurteilung ethischer Entscheidungsszenarien ausweisen]. 299 Siehe auch Cressey/Moore (1983), S. 63' ,,codes are either paternalistic or authoritarian in tone, telling employees in effect that ethical expertise is correlated with salary and status.". 3oo Vgl. in diesem Sinne z. B. Maclagan (1998), S. 173: ,,codes, if any, should be the product of, and emphasize, participative processes, rather than being a means of top-down control over employees.". 301 Vgl. dazu auch Rossouw/van Vuuren (2003), S. 399: ,,The greater discretion granted to employees can be abused and unethical conduct can increase.".
Ethik-Kodizesals unternehmensethisches lmplementierungsinstrument
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Weise dazu missbrauchen, um die Verantwortung f'tir zutr~igliches (und zul~issiges) Verhalten auf die Mitarbeiter abzuschieben, denen allein es dann anzulasten ware, wenn es zu moralischen Fehlleistungen im Unternehmen kommt 3~ Danach mutet die emanzipatorische Argumentation inkonsistent an.
c)
Empirische Einwendungen
aa) Darlegung der Kritik a'
Fehlende Kodexkonsequenzen Die empirischen Einwendungen lassen sich insoweit zwei Gruppen zuordnen 3~ als sie un-
temehmensethischen Kodizes in Hinblick auf ihre angestrebten Ethisierungswirkungen attestieren, dass diese entweder ausbleiben (,fehlen') oder von den tats~ichlich erzielten Kodexkonsequenzen abweichen (,fehlgehen'3~
Theoretisch w~ire drittens vorstellbar, Kodizes zurtick-
zuweisen, obwohl sie ntitzlich sind und eine Verbesserung der ethischen Entscheidungsqualit~it im Unternehmen bewirken. Eine solche Zurtickweisung wOrde der empirische Nachweis nahe legen, dass es andere MaBnahmen gibt, mit denen die Ethisierung insgesamt erfolgreicher (das heiBt weitreichender oder mit weniger Aufwand) herbeizuftihren ist. Da der Erkenntnisstand dartiber, wie sich eine Unternehmensethik vorteilhaft implementieren l~isst, indes generell noch eher rudiment~ir ist 3~ sind zumindest bislang keine Alternativoptionen ernsthaft vorgebracht worden, welche die Implementierungsbemtihungen mittels unternehmensethischer Kodizes ersetzen sollen, da sie die Kodexfunktionen erwiesenermaBen besser erftillen. Einwendungen der ersten Fraktion geben an, dass Kodizes grunds~itzlich ungeeignet seien, um das Verhalten ihrer Adressaten tiberhaupt zu beeinflussen (empirische Kritik der fehlenden Kodexkonsequenzen). Dies wird zun~ichst damit begrtindet, dass die Mitarbeiter des Unternehmens sich entweder ohnehin ethisch zutr~iglich verhielten oder aber in der Weise bOswillig seien, dass sie sich nicht an ethischen Uberlegungen orientieren und daher auch einen
302 Siehe die entsprechende Erw~igung von Gellerman (1989), S. 74: ,,A code of ethics shifts the blame for bad conduct from the company to the individual. In that sense, a code of ethics can be a way for a company to wash its hands publicly of responsibility for the evils its employees commit.". 3o3 So auch Dienhart (1995), S. 426 f., der allerdings im Anschluss daran abweichende Argumente auf~hrt, mit denen die Geltung der beiden Einreden jeweils gesttitzt werden kOnnen. 3o4 Im Strafrecht bezeichnet das Fehlgehen einer Tat (von dem lateinischen aberratio ictus = Fehlgehen des Schlags, Abirren des Wurfs) den Umstand, dass der T~iter ein Objekt anvisiert, ein anderes aber trifft. Die Tat gelangt also nicht an dem gemeinten, sondern einem anderen Objekt zur Auswirkung. 3o5 Siehe zu der mangelnden Gestaltungsorientierung der unternehmensethischen Forschung auch nochmals De George (1987), S. 208; Kahn (1990), S. 313; Robertson (1993), S. 589; Stark (1993), S. 38 und passim; Weber (1993), S. 425; Jose/Thibodeaux (1999), S. 133; McDonald(1999), S. 144; Soule (2002), S. 114.
Begrtlndung unternehmensethischer Kodizes
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einschlagigen Untemehmenskodex ignorieren werden 3~ Dem liegt offenbar die Auffassung zugrunde, dass die Moralitat eines Akteurs durch seine Person determiniert ist. Seine Moralitat mag genetisch bedingt sein oder sich in langwierigen und lange zurOckliegenden Sozialisationsprozessen wahrend der frOhkindlichen und adoleszenten Entwicklungsphase gebildet haben, nicht mehr aber im Erwachsenenalter und durch gezielte UnternehmensmaBnahmen zu formen sein 3~ Selbst dann, wenn man diese sehr strenge - und in dieser Strenge im l~Ibrigen verheerende -
Prarnisse der moralischen Determiniertheit aufgibt und stattdessen zugesteht, dass die Mit-
arbeiter die kodifizierten Standards durchaus konsultieren m6gen, bevor sie moralisch rele' vante Entscheidungen treffen, bleiben Kodizes dennoch deshalb wirkungslos, weil sic zu allgemein gehalten sind und aus diesem Grunde in konkreten Problemsituationen kaum weiterhelfen 3~ Der Generalitatsgrad der Kodexnormen nab.re vielmehr die Erwartung, dass die kodifizierten Standards entweder ohnedies gemeinhin anerkannt und befolgt werden oder aber dann keinerlei Unterstiatzung bieten, wenn unter speziellen Anwendungsbedingungen die konkret zur Auswahl stehenden Handlungsalternativen entwickelt und in Hinblick auf ihre ethische Zutraglichkeit evaluiert werden sollen. In diesem Sinne k6nnen Kodizes auch deshalb wirkungslos sein, weil sie L6sungen for Probleme kodifizieren, die den Mitarbeitern in der Praxis kaum begegnen 3~ Diese Skepsis gegentiber Ethik-Kodizes wird zudem dadurch bestarkt, dass die Effektivitat dieses Implementierungsinstruments bislang zwar nur vergleichsweise selten empirisch untersucht worden ist 31~ Die vorliegenden Studien haben jedoch die - gemeinhin zunachst ange-
306 Siehe zu dieser Kritik z. B. auch Dienhart (1995), S. 430: ,,ethical codes cannot influence behavior because good people will do what is right and those who are not good will not be moved by codes.". 307 Vgl. z. B. Marnburg (2000), S. 206: ,,These rules about truth, about honesty, about human rights, about environmental responsibility in general, are common-sense rules that are well known - most of them learnt from early childhood. How can anyone be so naive as to believe that these general ethical rules will change the behaviour of a frequent liar?", oder Schwartz (2001), S. 257: ,,In most cases corporations will not be able to modify the level of self-interest of employees. If an employee is inherently greedy, this would be difficult to influence.". 3os Vgl. z. B. Brief/Dukerich/Brown/Brett (1996), S. 186: ,,the less specific the code (i.e., the more vague it is and the more it deals with abstract generalities) the less employees will know what is expected of them in regard to particular behaviors, and, therefore, the less efficacious it will be as a guide to action.", sowie Kearney (1999), S. 210; Cowton/Thompson (2000), S. 165; Pierce~Henry (2000), S. 320; Granitz (2003), S. 117: ,,codes of ethics can be too general - and may not respond to the unique circumstances of specific ethical dilemmas.". 309 Siehe dazu auch die empirischen Befunde von Schwartz (2001), S. 253: ,,The vast majority [of interviewed respondents, T. T.] indicated that the code had not modified their behaviour, and several indicated that they had never referred to their code. Reasons provided for this include the fact that respondents: (a) believed they already know what is right and wrong behaviour; (b) the code is merely common sense; and (c) respondents believed they had never faced an ethical dilemma.". 310 Vgl. z. B. Robertson (1993), S. 590: ,,Articles on corporate codes of ethics are .. plentiful (although most do not address the issue of the impact of codes on employee behavior)."; Stevens (1994), S. 68: ,,Are corporate codes effective? We lack solid evidence to support this notion."; Laufer/Robertson (1997), S. 1029: ,,The effectiveness and impact of ethics codes are rarely examined."; Burke/Blodgett/Carlson (1998), S. 203: ,,there
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nommene-
W i r k s a m k e i t d i e s e r M a B n a h m e k e i n e s w e g s k o n s i s t e n t n a c h w e i s e n k 6 n n e n 311. Im
G e g e n t e i l l a s s e n sich s o g a r B e l e g e daf'tir finden, dass die e m p i r i s c h e n B e d e n k e n b e r e c h t i g t sind 3~2. D a n a c h h a b e n s o w o h l L a b o r u n t e r s u c h u n g e n als a u c h F e l d e r h e b u n g e n best~itigt, dass es f'tir die W a h m e h m u n g ,
die B e u r t e i l u n g o d e r die f a k t i s c h e L 6 s u n g m o r a l i s c h e r P r o b l e m s t e l -
l u n g e n k e i n e n ( s t a t i s t i s c h s i g n i f i k a n t e n ) U n t e r s c h i e d a u s m a c h t , ob das U n t e m e h m e n
tiber
e i n e n E t h i k - K o d e x verf'tigt 313
is little substantial empirical evidence of the utility of ethical standards and principles. The usefulness of corporate ethics codes is rarely tested."; Cleek/Leonard (1998), S. 624: ,,Unfortunately, very little research has been devoted towards discovering whether codes really are effective in promoting ethical decision-making behavior."; Stevens (1999), S. 119: ,,While codes are widely used in organizations today, very little information is available about their effectiveness"; Reichert/Webb/Thomas (2000), S. 54: ,,there is a relative dearth of information on the impact of corporate ethics policies and practices on business behavior." und ebd: ,,Relatively few studies have explicitly dealt with the question of what effect corporate ethics policies and practices have on employee conduct."; Adams/Tashchian/Shore (2001), S. 200: ,,Despite the prevalence of ethics codes in large organizations, there is relatively little empirical evidence regarding the effectiveness of codes of ethics on perceptions and behavior in organizations"; Somers (2001), S. 185: ,,considerably fewer studies addressing the influence of ethical codes on employee behaviors and attitudes"; Picciotto (2003), S. 143: ,,serious study of the effects of codes is still in its infancy". 311 So auch die Einsch~itzungen von Weeks/Nantel (1992), S. 753: ,,research is inconclusive regarding the effectiveness of the formal codes in changing attitudes and behavior."; Gupta/Sulaiman (1996), S. 745: ,,Any significant empirical evidence of their [i.e., ethics codes', T.T.] effectiveness, however, is lacking."; Brief/Dukerich/Brown/Brett (1996), S. 185: ,,there is little, if any, direct empirical evidence demonstrating that codes of conduct may serve to deter fraudulent reporting"; Brien (1996), S. 22: ,,Despite the popularity of codes, there is no evidence that they actually improve ethical standards."; Gupta/Sulaiman (1996), S. 745: ,,Any significant empirical evidence of their [ethics codes, T. T.] effectiveness, however, is lacking."; Harrington (1996), S. 258: ,,despite the prevalence of codes of ethics, their effectiveness is controversial"; Mitchell/Daniels/Hopper/George-Falvy/Ferris (1996), S. 443: ,,the data about their [i.e., codes of ethics] usefulness is less clear."; Cassell/Johnson/Smith (1997), S. 1089: ,,research is currently inconclusive regarding the effectiveness of formal corporate codes on ethical behaviour and behavioural change."; Snell/Chak/Chu (1999), S. 285: ,,the evidence regarding code effectiveness is mixed, and slight."; James (2000), S. 45: ,,evidence of the effectiveness of... codes is mixed."; Marnburg (2000), S. 201 : ,,The few existing studies on the effects of ethical codes have not reported any consistent findings"; Pierce~Henry (2000), S. 310: ,,The research related to the effectiveness of codes has been mixed."; Ross/Robertson (2000), S. 415: ,,The empirical evidence that corporate codes of ethics do accomplish the purpose of producing ethical behavior in organizations is mixed"; Schwartz (2001), S. 249: ,,the research remains inconclusive regarding the impact of codes on behaviour."" Wotruba/Chonko/Loe (2001), S. 59: ,,the evidence on whether these codes have contributed to improved ethical behavior in business is sketchy and mixed" und S. 62: ,,The evidence that exists on this relationship [between ethics codes and behavior, T. T.] is mixed."; Kaptein/Wempe (2002), S. 273: ,,strong empirical evidence either for or against the effectiveness of codes is still lacking."; Carasco/Singh (2003), S. 72: ,,studies are not unanimous in the conclusion that these codes are effective in influencing behavior within organizations."; Valentine~Barnett (2003), S. 360: ,,research into the effects of ethics codes on employees' perceptions, attitudes, and behaviors has yielded mixed results."; Schwartz (2004), S. 325: ,,the results of the studies [about code effectiveness, T. T.] are clearly mixed.". 3J2 Vgl. z. B. auch Chonko/Wotruba/Loe (2003), S. 238: ,,Considerable research has reported no relationship between the existence of codes of ethics and greater ethical concern shown by managers". 313 Siehe konkret die Befunde von Hunt/Chonko/Wilcox (1984), S. 317: ,,A corporate code of ethics made no difference in the respondents' perceptions of ethical problems."; Chonko/Hunt (1985), S. 356: ,,no relationship between corporate and industry codes of ethics and the extent of ethical problems was found."; Mathews (1987), S. 125: ,,The principal finding is that there is little relationship between codes of conduct and corporate violations" und S. 126: ,,From the analyses, it becomes clear that the relationship between codes of ethics/codes of conduct and corporate violations is minimal."; Akaah/Riordan (1989), S. l l9: ,,The results show that code[s] of ethics ... lack significance as correlates of research ethics judgments."; Vitell/Davis (1990), S. 70: ,,codes of ethics were perceived as not having any impact upon either the >>opportunity for<< or the >>fre-
Beg~ndung unternehmensethischer Kodizes
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In der Konsequenz wiarden diese Bedenken - in Obereinstimmung mit der nachfolgend behandelten empirischen Kritik der dysfunktionalen K o d e x e f f e k t e - dazu ftihren, auf die Einsetzung unternehmensethischer Kodizes zu verzichten, da sie in Hinblick auf ihre angestrebten Ethisierungseffekte nutzlos erscheinen, aber dennoch mit dem A u f w a n d verbunden sind, den ihre Erstellung und Einftihrung verursacht.
b' Fehlgehende Kodexkonsequenzen Die zweite Gruppe von Kritiken unterstellt Kodizes nicht etwa nur eine fehlende, sondern sogar eine dysfunktionale Wirkungsweise (empirische Kritik der fehlgehenden Kodexkonsequenzen). Es wird mit anderen Worten nicht beklagt, dass Kodizes keinerlei Verhaltensfolgen haben. Stattdessen sei vielmehr zu beftirchten, dass der ursprtinglichen Intention zuwiderlaufende Effekte erzielt werden und die unternehmensethische Entscheidungsqualittit im Ergebnis geringer ist, als sie es htitte sein k~nnen, wenn die Kodexetablierung schlichtweg unterblieben w ~ e . Die Einsetzung eines Kodex f'tihre demgemti6 dazu, dass im Unternehmen seltener Entscheidungen getroffen werden, die moralisch zutrtiglich erscheinen und mit den Kodexanforderungen (nicht nur formal) tibereinstimmen. Diese Dysfunktionalittiten lassen sich zuntichst a u f die Weise untermauern, dass Kodizes zwar beanspruchen, verbindliche Handlungsgebote vorzugeben, ihre Normierungen allerdings nicht ausreichen, um den Adressaten die Ungewissheit dartiber zu nehmen, wie sie sich in einer speziellen Situation konkret verhalten sollen. Die Unsicherheit tiber die konkret gebotene Handlungsweise kann wiederum dann auftreten, wenn die K o d e x n o r m e n (zu) abstrakt gehalten sind, um allgemein anerkennungsf~ihig und weithin anwendbar zu sein. In diesen Konstellationen (ver)ftihrt der Kodex dazu, die im R a h m e n der Entscheidungsfindung erforderlichen Konkretisierungen allein nach selbst gew~ahlten Kriterien und insbesondere egoistischen Motiven auszurichten, da und soweit sich das individuelle Vorteilsstreben so darstellen ltisst, dass es den sehr allgemeinen Kodexstandards (noch) entspricht 314. Dies ist vor allem in
quency of~t unethical behavior."; Callan (1992), S. 768: ,,Employees' awareness and regular use of the organization's code of conduct generally proved to be poor predictors of ethical values. The frequency of the use of the code did not significantly correlate with any dimension of ethical values."; Murphy/Smith/Daley (1992), S. 18: ,,our study suggests that ethical codes may not be a strong influence on ethical behavior."; Kohut/Corriher (1994), S. 37: ,,In the current study, knowledge of a company's written code of ethics had no significant impact on the ethical business decision making"; Badaracco/Webb (1995), S. 14: ,,these ethics programs seemed to make little difference."; Brief/Dukerich/Brown/Brett (1996), S. 192: ,,codes of corporate conduct per se do not appear to work."; Morris~Marks~Allen~Perry (1996), S. 1128: ,,norms affect behavioral intentions, but codes do not."; Cleek/Leonard (1998), S. 625: ,,Thus, we must conclude that codes of ethics do not affect ethical decision making."; Ekin/TezOlmez (1999), S. 30 f.: ,,The results indicate that the ethics score of the Turkish managers does not differ significantly with respect to ... the existence of a written code of ethics."; Marnburg (2000), S. 206: ,,The multivariate statistical analysis of the influence of ethical codes gave no significant result" und S. 208: ,,The empirical findings presented here suggest that the existence of ethical codes did not have any attitudinal effects on professionals in Norway.". 314 So auch Tenbrunsel (2000), S. 130: ,,The uncertainty about what constitutes the >>fair~ solution in turn encourages egocentric interpretations of fairness, where parties focus on the solution that is most advantageous to them.".
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
den nicht seltenen F~.llen zu erwarten, bei denen einzelne Kodexnormen konfligieren, ohne dass den Adressaten die dann gebotenen Vorrangsregelungen erkennbar sein miassen 315. Einer solchen dysfunktionalen Ausnutzung verbleibender Handlungsspielr~ume l/~sst sich generell dadurch begegnen, dass diese Entscheidungsfreiheiten weiter eingegrenzt und entsprechend speziellere Kodexnormen erlassen werden. Kodexnormen, die konkret vorgeben, wie sich der Akteur in einer bestimmten Situation verhalten soil, reduzieren sein Ermessen und die damit korrespondierende Unsicherheit, welche Handlungsweise jeweils konkret geboten ist. Diese Ungewissheitsreduktion ist gleichwohl triJgerisch, da Kodizes nicht s/amtliche Entscheidungssituationen vorwegnehmen kOnnen und die Notwendigkeit verbleibt, dass die Adressaten im Zuge der Auslegung und Anwendung der Kodexnormen eigene Urteile treffen mtissen 316. Zugleich suggerieren untemehmensethische Kodizes in der Weise einen umfassenden Geltungsanspruch, dass sie die grundlegenden Standards tiber das gute und richtige Unternehmenshandeln bestimmen. In der Folge wird der (Fehl-)Einsch~itzung Vorschub geleistet, dass all den Sachverhalten, die keiner Normierung durch den Kodex unterliegen, aus Sicht des Unternehmens keine moralische Relevanz zukommt und ihre Behandlung daher dem freiem Belieben der Akteure tiberlassen ist 317. Es kann sich mit anderen Worten die Auffassung durchsetzen, dass alle Handlungsweisen als erlaubt zu erachten sind, sofern sie der Kodex nicht explizit verbietet 318. Bei Problemstellungen, die der Kodex tibergeht, werden sich die individuellen LOsungssuchen erneut an eigenntitzigen Zielen orientieren, zumal die fehlende Kodifizierung die moralische Relevanz der korrespondierenden Entscheidungssituation zu negieren scheint 319. Wenn daher schlieBlich versucht wird, diesen Fehlleitungen durch immer weitere Regulierungen Einhalt zu gebieten, treten die urspriJnglichen Normierungsziele in den Hintergrund, da sich die grundstitzliche Zwecksetzung des Kodex in dem ausufernd detaillierten Regelwerk verliert 32~ Die Akteure orientieren sich nur noch am Wortlaut des (verbosen) Kodex, um sich formal zu versichern, dass ihr Verhalten kodexkonform ist. Diese einseitige Orientierung an
315 Siehe auch Metzger/Dalton/Hill (1993), S. 30: ,,>>Ambiguityabout priorities~ has been identified as a major source of corporate deviance"; Gotterbarn (1999), S. 83: ,,in many situations these [code, T. T.] rules conflict and the code provides offer no guidance as to which principles should have higher priority. This ambiguity of priority leaves the ethical decision maker confused.". 316 Siehe nochmals oben, S. 159 ff. der vorliegenden Arbeit. 317 Vgl. zu dieser Gefahr auch Molander (1987), S. 624, 631 ; Hyman/Skipper/Tansey (1990), S. 16; Staffelbach (1994b), S. 343; Dienhart (1995), S. 433; Johnson/Cassell/Smith (1996), S. 175; Kaptein/Wempe (1998), S. 859; Boatright (2000), S. 368; Tenbrunsel (2000), S. 134; Kaptein/Wempe (2002), S. 276. 318 Siehe auch Grace~Cohen (1995), S. 188: ,,where unethical conduct is not prohibited it may be assumed that it is permitted.". 319 Siehe auch Gotterbarn (1999), S. 83: ,,The problem with an incomplete Code is that it can leave a practitioner without guidance in new situations.". 32o Vgl. z. B. Tenbrunsel (2000), S. 132: ,,Such specificity may result in a focus on the principle itself rather than on the objective behind the principle, causing a neglect of anything not specified by the principle and potentially increasing the undesirable behaviors that the codes are attempting to eliminate.".
Begrtlndung unternehmensethischer Kodizes
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den kodifizierten Tatbestanden kann sowohl kognitive als auch motivationale Ursachen besitzen. Zum einen mtissen die Akteure mit zunehmendem Detaillierungsgrad des Kodex mehr Ressourcen aufwenden, sofern sie sich vergewissern wollen, dass ihr Handeln mit den komplex beschriebenen Kodexauflagen tibereinstimmt. Dartiber hinausreichende Auslegungsanstrengungen, die zudem die Normierungsziele in die Abw~igung der zur Auswahl stehenden Handlungsaltemativen einbeziehen, k6nnen demzufolge rasch an Ressourcenengp~issen scheitern. Zum anderen kann die formal festgelegte Forderung zuvor zum Teil freiwillig gew~ihlter Handlungsweisen die intrinsische Motivation verdrangen und veranlassen, dass die Standards nur noch dann eingehalten werden, wenn andernfalls negative Sanktionen drohen. Die pers6nliche Anerkennung der gebotenen Handlungsweisen wie auch die Einsicht in ihre Notwendigkeit schwinden hingegen unter den Bedingungen, dass das Unternehmen eine unangemessene Ausnutzung verbleibender Handlungsspielr/iume durch seine Mitarbeiter bef'tirchtet, die Normierungslticken deshalb immer starker begrenzt und die Akteure entsprechend mehr Handlungsrestriktionen zu beachten haben. Dies kann zu Reaktanz und Ablehnung des Kodex f'tihren, obgleich seine Normen keineswegs prinzipiell den Pr~iferenzen der Adressaten (h~itten) widersprechen mtissen 321. Bestrebungen, bewusst gegen den (Sinngehalt des) Kodex zu verstoBen, sind daher zu erwarten und insofern unabwendbar, als sich nicht sarntliche Entscheidungsprobleme im Vorhinein vollst~indig strukturieren lassen und nicht alle Probleml6sungen tiberwacht werden k6nnen.
bb) Replik a' Verhaltensrelevanz organisationaler Maflnahmen Es kann als unbestritten gelten, dass sich die Handlungen der Unternehmensmitarbeiter durch organisationale M~nahrnen, zu denen auch unternehmensethische Kodizes zu z~ihlen sind 322, grunds~itzlich beeinflussen lassen 323. Diese Auffassung liegt auch der Kritik der fehlgehenden Kodexwirkungen zugrunde. Organisationsma6nahmen ktinnen daher einen Einfluss austiben, zwar nicht notwendigerweise auf den Menschen selbst, wohl aber auf sein tats~ichliches Verhalten im Untemehmen. Selbst dann, wenn ihre individuellen Eigenschaften, das hei6t ihre grundlegenden Einstellungen, Motive, Oberzeugungen und Ziele (kurz: ihre grundlegenden Pr~iferenzen) unver~inderbar waren, wtirden die Akteure dennoch ihr Verhalten an
32~ Vgl. z. B. auch Callan (1992), S. 762: ,,people feel considerable reactance or a loss of freedom in response to demands to alter their behavior ... the attitude-behavior relationship may break down if employees feel forced to act in certain ways, even if those actions are in line with guidelines for acceptable ethical behavior.". 322 Siehe nochmals oben, S. 128 ff. der vorliegenden Arbeit. 323 Vgl. z. B. Victor/Cullen (1988), S. 102: ,,individual characteristics alone are insufficient to explain moral and ethical behavior. As such, there is an increasing concern for the impact of social factors on individual moral behavior", oder McDonald (1999), S. 146: ,,clearly, some form of normative structure in the form of policy and codes does have an impact on ethical attitudes and possibly behaviour.".
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
die Restriktionen anpassen, die das Unternehmen setzt. Folglich kann ein Kodex demnach wenigstens dann dazu beitragen, dass die kodifizierten Standards mehr Beachtung finden, sofern seine Normen nicht nur g~ingige Praxis beschreiben und sich durch Sanktionen wirksam bewehren lassen. Die Beurteilung der Verhaltenseffekte unternehmerischer Kodizes ist somit nicht allein an der Gestaltung des Kodex selbst festzumachen, sondern sie muss zudem die Art seiner Geltendmachung beri~cksichtigen. Hinzu kommt, dass sich die Menschen nicht so einteilen lassen, dass sie entweder immer nur gut oder ausnahmslos schlecht eingestellt sind und handeln 324. Eine empirische Kodexkritik kann kaum t~berzeugen, wenn ihre empirischen Pr~imissen erkennbar unzutreffend sind. Zum einen wird in der Unternehmenspraxis die tiberw~iltigende Mehrheit der Kodexadressaten keinem der beiden Extreme zuzurechnen sein. Stattdessen ist realistischerweise davon auszugehen, dass die Akteure zwar einen Gerechtigkeitssinn entwickelt haben, aber dennoch nicht in jeder Entscheidungssituation alle tibrigen und insbesondere sfimtliche ihrer subjektiven Interessen dem Guten und Gerechten unterordnen wollen. Bei geeigneter Begrtindung und Bewehrung kann ein Kodex jedoch die normative Erwartung verstfirken, die gebotene Handlungsweise zu ergreifen, und abweichendes Verhalten weniger attraktiv erscheinen lassen. Zum anderen resultieren (unternehmens)ethische Fehlentscheidungen oft nicht aus den (dem Schlechten zugeneigten) Pr~iferenzen der Akteure, sondern daraus, dass ihnen in vielen Konstellationen schlichtweg unklar ist, was das gute und das gerechte Handeln gebietet. Die moralischen Mangel sind dann durch Begrtindungs-, nicht durch Befolgungsdefizite veranlasst 325. Folglich mtissen Kodizes keineswegs generell fehlgehen. Wenn sie in der Lage sind, dem (kognitiv begrenzten) Handlungstrager in komplexen Situationen Orientierung zu geben 326, k6nnen sie sich vielmehr als sehr willkommen erweisen, um die von den Akteuren selbst gewfinschte Erwartungs- und Verhaltenssicherheit zu gew/~hren 327. Diese Orientierung 1/~sst sich gleichwohl nicht mit allen Kodizes und nicht allein aufgrund der Existenz eines Kodex garantieren. Ob Kodizes wirksam sind, hangt daher unter anderem auch davon ab, was sie wie kodifizieren. Den (verbreiteten) Einwendungen, dass Kodizes den (Fehl-)Schluss nahe legen, alle Handlungsweisen als erlaubt zu verstehen, sofern sie der Kodex nicht explizit verbietet, l~isst sich nicht nur normenlogisch 328, sondern auch - und praktisch b e d e u t s a m e r - durch die Art der Normierung begegnen. So kann der Kodex zum einen ausdr~icklich verlautbaren, dass seine
324 Siehe auch die Replik von Dienhart (1995), S. 430: ,,people are not separated neatly into good or evil ... Most of us ... are in some grey area between good and evil.". 325 Siehe zu dieser Unterscheidung nochmals oben, S. 24 ff. der vorliegenden Arbeit. 326 So z. B. auch Grace~Cohen (1995), S. 198: ,,Codes of ethics provide guidance especially in cases which present themselves as morally uncertain.". 327 Vgl. auch Molander (1987), S. 623: ,,an ethical code could provide the kind of guidance executives seem to want and need.". 328 Siehe dazu unten, S. 234 und zu den Grundztigen der Normenlogik bereits S. 192 ff. der vorliegenden Arbeit.
Begrtindung unternehmensethischer Kodizes
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Kodifizierungen nicht beanspruchen, s/imtliche ethisch relevanten Probleme zu adressieren, die sich dem Untemehmen und seinen Mitarbeitern stellen k6nnen 329. Zum anderen lassen sich dezidiert allgemeine (Auffang-)Normen kodifizieren, deren Geltungsanspruch entsprechend selten aufgehoben ist 33~ Die (nur) derart erfassten Problemkonstellationen werden durch den Kodex zwar lediglich sehr begrenzt strukturiert. Allerdings w/ire es ohnehin vermessen und aus normativen Grfinden aul3erdem auch unangemessen, dem Kodex f'tir jede m6gliche Problemsituation eine eindeutige Verhaltensvorgabe entnehmen zu wollen. Kodifizierungen der einen oder der anderen Art bringen beide auf ihre Weise den entsprechend zuriJckhaltenden Normierungsanspruch des Kodex zum Ausdruck. Sie wirken zugleich sowohl zu weitgehenden Erwartungen entgegen als auch der ebenso fehlgehenden, dass der Kodex seine Akteure vorschnell entlastet. Unter Berficksichtigung m6glicher Ausprfigungen ihrer Gestaltung und ihrer Geltendmachung lasst sich unternehmensethischen Kodizes nach alldem nicht vorhalten, dass ihnen grunds~itzlich verwehrt ist, im intendierten Sinne verhaltenswirksam zu werden TM. Diese Feststellung wird auch durch die vorliegenden empirischen Befunde zur Kodexeffektivit~it untermauert.
b'
Empirische Bewiihrungen der Verhaltensrelevanz unternehmensethischer Kodizes
a" Auswahl relevanter Beitrfige Wenngleich es zutriffl, dass die Verhaltenswirksamkeit unternehmensethischer Kodizes bislang vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erfahren hat 332, ist dennoch inzwischen eine Reihe von empirischen Untersuchungen vorgelegt worden, denen Hinweise auf die Effektivit/at dieses Implementierungsinstruments zu entnehmen sind. Zur Selektion der einschl/igigen Studien wurde ein betont grobmaschiges Netz gespannt, um den Stand der empirischen Forschung zu dieser Thematik entsprechend umfassend wiedergeben zu k6nnen. Die nachstehende Aufstellung enthiilt demzufolge auch Arbeiten, die sich nur mittelbar auf die Verhaltenswirkungen beziehen und beispielsweise zum Gegenstand haben, inwieweit der Kodex von den Mitarbeitern zur Kenntnis genommen 333 und verstanden wird 334 oder mit ihren pers6nlichen
329 So z. B. auch der Software Engineering Code: ,,The list of Principles and Clauses is not exhaustive." [zit in: Gotterbarn (1999), S. 85]. 330 Auf die Konkretheit der Kodexnormen wird sp~iter und aus~hrlich auf S. 260 ff. der vorliegenden Arbeit einzugehen sein. 331 Siehe auch Grace/Cohen (1995), S. 188: ,,The reply to this scepticism is simple. Some codes and values statements are ineffective and unrealistic, while others are vital parts of more extensive programs to promote corporate ethics. Codes can be sued to escape ethical requirements as well as to enforce them.". 332 Siehe nochmals die Nachweise auf S. 169 in Fn. 310 der vorliegenden Arbeit. 333 Vgl. Fritz/Arnett/Conkel (1999), S. 291-295. 334 Vgl. Chonko/Wotruba/Loe (2003), S. 240-243.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Wertvorstellungen konvergiert 335. Der empirische Nachweis entsprechender Relationen erlaubt freilich Rtickschltisse auf die Kodexeffektivit~.t, da und soweit Unternehmenskodizes die
intendierten Effekte nur unter den Voraussetzungen erzielen kOnnen, dass ihre Normierungen von den Adressaten sowohl bemerkt als auch begriffen werden und deren persOnlichen 13berzeugungen nicht fundamental widersprechen. Ausgespart bleiben hingegen solche Erhebungen, die ganz generell die Einsch~itzung yon Kodizes erfragen und dabei often lassen, ob die Befragten tiberhaupt Erfahrungen mit diesem Instrument haben oder tiber seine Eignung im Grunde spekulieren mtissen. Es soil nicht in Abrede gestellt werden, dass derartige Meinungsumfragen interessant (gewesen) sein m6gen, um ein Bild der allgemeinen Sichtweise auf Kodizes zu zeichnen 336. Der Erkenntnisgewinn, der sich aus diesen Befragungen ziehen l~isst, ist allerdings an dieser Stelle deshalb gering zu gewichten, weil die grunds~itzliche Eignung von Kodizes zur Ethisierung zum einen bereits aufgrund ihrer weiten Verbreitung zu vermuten war und zum anderen inzwischen auch gegen die ethischen, emanzipatorischen und empirischen Einreden verteidigt werden konnte. Die Auswertung der vorliegenden empirischen Studien zielt mithin nicht mehr darauf, ob Kodizes hilfreich sein k6nnen, sondem inwieweit sie sich in der Praxis tats~ichlich als hilfreich erweisen. b" Ubersicht der Befunde
Tabelle 6 fasst die vorliegenden empirischen Daten zur Verhaltenwirksamkeit unternehmensethischer Kodizes zusammen. Die zuletzt genannte Verengung der Effektivitfitsfrage erweist sich demnach auch insofem als berechtigt, als die einschl~gigen Befunde tiber die Kodexkonsequenzen zwar keineswegs einhellig sind 337. Zugleich gilt es jedoch deutlich hervorzuheben, dass zumindest auch keine Studie zu dem Resultat gelangt, dass Kodizes fehlgehen (Tabelle 6). Dartiber hinaus ist festzuhalten, dass die Studien mehrheitlich positive Kodexwirkungen ausweisen 338. Demnach k6nnen Kodizes im intendierten Sinne effektiv sein und zu einer Ethisierung des Untemehmens beitragen. Betrachtet man die Verteilung positiver und neutraler Befunde, wird des Weiteren erkennbar, dass das Ubergewicht der Nachweise positiver Kodexeffekte im Zeitablauf merklich zunimmt. Dies mag unter anderem daran liegen, dass die Unternehmen gr613ere Anstrengungen aufwenden, um ihren Kodex verhaltenswirksam werden zu lassen. Vor allem aber scheint
335 Vgl. Callan (1992), S. 762-767. 336 Siehe z. B. nur die vielzitierten (HBR-)Umfragen yon Baumhart (1961), S. 156, und Brenner/Molander (1977), S. 66. 337 Siehe auch nochmais die iibereinstimmenden Nachweise auf S. 170 in Fn. 31 1 der vorliegenden Arbeit. 338 So auch die Einsch~.tzungvon Jose/Thibodeaux (1999), S. 134: ,,The effectiveness of ethical codes is a much debated issue where the majority of the researchers ... opine that ethical codes have a positive influence on employee behavior".
Beg~ndung unternehmensethischer Kodizes
177
diese E n t w i c k l u n g auch den Studien geschuldet, deren Des igns anspruchsvoller w e r d e n und die nicht mehr nur die globale Frage danach zu b e a n t w o r t e n suchen, ob K o d i z e s ntitzlich oder nutzlos sind. Verfasser
Datengrundlage
Wesentliche Befunde zur Wirkung unternehmensethischer Kodizes
Weaver/Ferrell (1977), S. 477-481; Ferrell/Weaver (1978), S. 70-72
Zufallsstichprobe von 280 MarketingManagern, die der American Marketing Association (AMA) angehOren; Rticklauf: 133 FragebOgen (48 %)
Ein Kodex und seine Bewehrung kOnnen ethische Oberzeugungen verstarken und das ethische Verhalten von MarketingManagern verbessern.
Hegarty/Sims (1979), S. 334-337
Experimentelle Untersuchung mit 91 Studierenden der BWL
Sanktionsbewehrte Kodizes kOnnen vor unethischen Handlungen abschrecken. Allerdings h/ingt das Entscheidungsverhalten starker yon individuellen Faktoren ab.
Ford/Gray/Landrum (1982) 339
Befragung von Managern
Kodizes fiihren nicht dazu, dass dem Unternehmen signifikant h/tufiger unethische Verhaltensweisen angezeigt werden, die Mitarbeiter bei ihren Vorgesetzten (im Rahmen einer Projektkalkulation) beobachten.
Hunt/Chonko/ Wilcox (1984), S. 310 f., 317 f.
Befragung von 4282 Marketingspezialisten, die der American Marketing Association (AMA) angehOren; Rticklauf: 1076 FragebOgen (25 %), wobei sich die Auswertung auf die 460 Antworten von Marktforschern beschr~inkt
Das Vorhandensein eines Kodex hat keinen signifikanten Einfluss auf die Wahrnehmung moralischer Probleme im Unternehmen.
Chonko/Hunt (1985), S. 342 f., 352-354
Befragung von 4282 Marketingspezialisten, die der American Marketing Association (AMA) angehOren; Rticklauf: 1076 FragebOgen (25 %), wobei sich die Auswertung auf die 462 Antworten von Marketing-Managern beschrankt
Marketing-Manager aus Unternehmen, die einen Kodex besitzen, nehmen zwar gering~gig weniger ethisch bedenkliche Vorkommnisse wahr, dieser Zusammenhang ist jedoch statistisch nicht signifikant.
Mathews (1987), S. 108-110, 117-125; Mathews (1988), S. 51 f., 64-76
Die 485 profitabelsten Fertigungsunternehmen in den USA mit einem Jahresumsatz von tiber 100 Millionen US-S; Rticklauf: 346 Antworten (71%), davon 202 aus Untemehmen mit einem Kodex
Unternehmen mit oder ohne Kodex unterscheiden sich nicht danach, wie h~iufig sie (zwischen 1973 und 1980) zum Sanktionsobjekt von vier BundesregulierungsbehOrden geworden sind.
Laczniak/lnderrieden (1987), S. 298-304
Experimentelle Untersuchung mit 113 MBA-Studierenden
Die Ablehnung unethischer Verhaltensweisen in einem fiktiven Unternehmen sind dann umso ausgepr~igter, wenn die Probanden einen Brief des Topmanagements und einen Kodex erhalten. Statistisch signifikante Befunde werden jedoch ledig|ich unter der Bedingung erzielt, dass der Kodex mit Sanktionen bewehrt ist.
339 Ford, Richard~Gray, Bonnie/Landrum, Robert (1982): Do Organizational Codes of Conduct Really Affect Employees' Behavior? In: Management Review, June, S. 53-54, zit. nach Cleek/Leonard (1998), S. 623; Schwartz (2001), S. 250.
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Ethik-Kodizes ais unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Ferrell/Skinner (1988), S. 105 f.
Befragung von 1500 Marktforschem; Rilcklauf: 550 auswertbare FragebOgen (37%)
Ein Kodex reduziert die Wahrscheinlichkeit ethisch unzutrfiglicher Forschungsaktivit/tten. Kodexbewehrungen tragen in zwei von drei Unternehmenstypen (d. h.: bei Subkontraktoren und selbstandigen Marktforschungsunternehmen, nicht aber bei unternehmensinternen Forschungsabteilungen) zu ethischeren Verhaltensweisen bei.
Akaah/Riordan (1989), S. 114-118
Befragung von 1366 Mitgliedern der American Marketing Association, die professionell im Marketing tfitig sind; Rticklauf: 420 FragebOgen (31%)
Das Vorhandensein eines Kodex hat keinen signifikanten Einfluss auf die ethische Beurteilung von elf Entscheidungsszenarien.
Ri ch/Sm ith/Mihal ek (1990), S. 34 f.
Befragung einer Zufallssstichprobe von 2000 Mitgliedem der National Association of Accountants sowie yon weiteren 1000 Mitgliedern, die als Controller ausgewiesen waren; Rticklauf: 590 FragebOgen (20 %)
Ein Kodex kann dazu fuhren, dass Mitarbeiter die moralische Relevanz von Problemen eher erkennen. In Unternehmen mit einem Kodex wird ein grOBerer Druck wahrgenommen, finanzwirtschaftliche Ziele zu erreichen.
Singhapakdi/Vitell (1990), S. 5-14
Befragung yon 1993 Mitgliedem der American Marketing Association, die als Marketing- oder Vertriebsmanager tfitig sind; Rticklauf: 529 FragebOgen (27 %)
Marketiers in Unternehmen mit einem sanktionsbewehrtem Kodex nehmen die moralische Relevanz von Entscheidungsproblemen eher wahr und wahlen in dem gegebenen Entscheidungsszenario eher Handlungsaltemativen, die moralisch zutraglich sind.
Vitell/Davis (1990), S. 65, 69
Befragung von 114 Mitgliedern der Southeast Electrical Management Information Systems Association, die als ITManager tatig sind.; Racklauf: 61 Frageb6gen (54 %)
Ethik-Kodizes haben keinen signifikanten Effekt auf die Einschatzungen darfiber, wie einfach und wie hfiufig unethische Verhaltensweisen in dem betreffenden Unternehmen sind.
Callan (1992), S. 762-767
Befragung einer Zufallsstichprobe von 226 Staatsbediensteten aus acht Abteilungen einer Bundesbeh6rde
Kenntnis und Nutzung des Kodex sind kaum mit ethischen Wertvorstellungen und ethischen Trainingsbedt~rfnissen der Befragten korreliert. Mitarbeiter, denen der Kodex weniger vertraut ist, zeigen sich eher besorgt, dass in der Organisation Diskriminierungen stattfinden und sie auf ethische Entscheidungen im Untemehmen wenig Einfluss nehmen kOnnen.
Murphy~Smith~ Daley (1992), S. 13-18
Befragung von 512 US-Speditionsunternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 1 Mio. US-S; RUcklauf: 147 auswertbare FragebOgen (29 %)
Die Bewertung ethisch relevanter Handlungsweisen wird nur in wenigen Fallen von dem Vorhandensein eines Kodex beeinflusst.
Weeks/Nantel (1992), S. 754-757
Befragung von 743 Vertriebsmitarbeitern eines Herstellers von Btiroeinrichtungen aus dem Stidwesten der USA; RUcklauf: 309 auswertbare FragebOgen (42 %)
Unethische Verhaltensweisen werden seltener praktiziert, wenn das Unternehmen tiber einen verstandlichen Kodex verFtigt.
Begrtindung unternehmensethischer Kodizes
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Rob ideaux/Miles/ White (1993), S. 55-57
Befragung von 602 CEOs der Fortune 500 und einiger Unternehmen der Inc. 500; Rticklauf: 96 Frageb~gen (16 %)
Manager besitzen eine grOl~ere Sensibilitat ~ r ethische Problemstellungen bei Budgetierung und Planung, wenn der Kodex ihres Unternehmens ethische Verhaltensweisen im Budgetierungs- und Planungsprozess spezifiziert.
Kohut/Corriher (1994), S. 33 f.
Befragung von 201 Executive MBAStudierenden einer grogen Universitat aus dem Stidosten der USA; Riicklauf: 86 FragebSgen (43 %)
Die (aggregierten) Antworten zu 16 fiktiven Entscheidungsszenarien unterscheiden sich nicht (signifikant) danach, ob die Respondenten aus einem Unternehmen mit oder ohne schriftliche EthikGrundsatze stammen.
Badaracco/Webb (1995), S. 8, 14 f.
Interviews mit 30 Nachwuchsmanagern, die einen Harvard-MBA erworben haben
Formale Ethik-Programme machen kaum einen Unterschied, da sie zur LOsung praktischer Probleme als irrelevant eingeschatzt und entsprechend selten konsuitiert werden.
Turner~Taylor~ Hartley (1995), S. 753-758
Experiment mit 280 MarketingStudierenden; RUcklauf: 263 auswertbare FragebOgen (94 %)
Studierende, die sich in verschiedenen Szenarien in die Rolle eines Beschaffungsmanagers versetzten, sind weniger geneigt, Geschenke von Gesch/tttspartnern anzunehmen, sofern ihr Unternehmen einen sanktionsbewehrten Kodex besitzt, der eine solche Praktik explizit thematisiert und verbietet.
Weaver (1995), S. 373-377
Laborexperiment mit 83 Studierenden der BWL
Einschatzungen der prozeduralen Gerechtigkeit des Unternehmens sind positiver, wenn der Kodex erklarende Begr~ndungen enthalt. Begrtindungen der Kodexnormen tiben hingegen keinen (statistisch signifikanten) Effekt auf die Fahigkeit der Probanden aus, die Kodexnormen rekapitulieren zu k0nnen. Die Erinnerung der Kodexinhalte und die Einschatzung der distributiven Gerechtigkeit des Unternehmens hangen nicht davon ab, ob der Kodex mit Sanktionen bewehrt ist.
Brief/Dukerich/ Brown/Brett (1996), S. 189-193
Zwei Experimente mit Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden (Studie 1) bzw. Controllern (Studie 2), die einem Managementverband angehOren. Rticklauf: 179 (27 %) bzw. 203 Frageb~gen (35 %)
Der Kodex als solcher macht keinen Unterschied in Hinblick aufbetriagerische Finanzberichterstattungen. Spezifischere Kodizes mit Sanktionsbewehrungen bewirken zwar Verhaltenseffekte in der gewiinschten Richtung, die jedoch statistisch nicht signifikant sind.
180
Harrington (1996), S. 263-272
Kitson (1996), S. 1024-1026
McCabe/Trevino/ Butterfield (1996), S. 466-471
Ethik-Kodizes als untemehmensethisches Implementierungsinstrument Befragung yon 219 IT-Mitarbeitern aus 9 Untemehmen in Ohio, USA
Anhand von 5 IT-bezogenen Fallstudien t~ber die missbr/tuchliche Computemutzung im Unternehmen werden die ethischen Urteile und Intentionen der Probanden erfasst. Das Vorhandensein eines generischen wie auch eines IT-spezifischen Kodex hat nur einen sehr geringen und in der Regel statistisch nicht signifikanten Einfluss auf die Auspragungen dieser Variablen.
Interviews mit 17 Managern aus 10 unterschiedlichen Filialen der British Cooperative Bank
Nur zwei der interviewten Manager geben an, dass der Kodex wenig Einfluss auf ihr Entscheidungsverhalten ausgeabt hat. Zehn Manager k6nnen konkrete Ereignisse nennen, bei denen sich der Kodex als hilfreich far ihre Urteilsfindung erwiesen hat.
1179 BWL-Alumni zweier Colleges aus dem Nordosten der USA; Rticklauf: 318 FragebOgen (27 %)
Respondenten, deren Unternehmen einen Kodex hat, berichten ein geringeres AusmaB unethischer Verhaltensweisen. Die negative Beziehung zwischen dem Vorhandensein eines Kodex und dem AusmaB selbst-berichteter unethischer Verhaltensweisen ist umso ausgepragter, je intensiver das Untemehmen seinen Kodex kommuniziert und je stfirker er in die Organisationskultur eingebunden zu sein scheint.
Mitchell/Daniels/ Hopper/GeorgeFalvy/Ferris (1996), S. 443, 445-451
Morris~Marks~ Allen~Perry (1996), S. 1123-1128
Befragung der Personalmanager yon 152 Unternehmen der Elektroindustrie mit 100 bis 5000 Mitarbeitern; Rticklauf: 31 Frageb6gen (20 %)
Das Vorhandensein eines Kodex ist mit der perzipierten Hfiufigkeit illegaler Handlungsweisen im Untemehmen nicht signifikant korreliert. Kodexverletzungen werden jedoch dann htiufiger berichtet, wenn die Kodexnormen eindeutig sind und ein korrespondierendes Anreizsystem etabliert ist.
Vollerhebung der (629) Mitglieder der South African Marketing Research Association (SAMRA); Rt~cklauf: 210 auswertbare FragebOgen (33 %)
Mit zunehmender Umweltturbulenz steigt die Oberzeugung, dass Kodizes wirksam sind. Allerdings erweise sich Kodizes insoweit als ineffektiv, als die intendierten Verhaltensweisen zur LOsung ethischer Entscheidungsprobleme sich nicht in Abh~ngigkeit davon unterschieden, far wie wirksam Kodizes gehalten werden.
Begrtindung unternehmensethischer Kodizes
Pierce~Henry (1996), S. 428, 430-432
Zufallsstichprobe von 2551 Mitgliedem der Association of Information Technology Professionals (AITP); Rt~cklauf: 356 FragebOgen (14 %), davon 171 (48 %) aus Untemehmen mit einem formalen EthikKodex
181 Die Befragten bescheinigen dem formalen Ethik-Kodex ihres Unternehmens einen moderaten Effekt zur Abschreckung unethischer Verhaltensweisen. Die Befragten geben an, dass flar ihre eigene Urteilsfindung wie auch im Unternehmen generell jeweils den pers0nlichen Oberzeugungen des Entscheidungstr~tgers die grt~Bte Bedeutung zukommt. Sofem das Untemehmen jedoch einen formalen Ethik-Kodex besitzt, ist dessen Einfluss auf die moralischen Entscheidungender Befragten wie auch im Untemehmen insgesamt st~trker als der eines informellen Kodex.
Nwachukwu/Vitell (1997), S. 762-765
Zufallsstichprobe von 3000 Marketingund Werbepraktikern; Rticklauf: 364 auswertbare Frageb0gen (12 %)
Die ethische Beurteilung yon Werbeanzeigen unterscheidet sich nicht in Abhangigkeit davon, ob das Unternehmen des Befragten einen Ethik-Kodex besitzt. Ein Effekt ist hingegen z. T. (in zwei von acht Versuchskonstellationen) zu beobachten, wenn das AusmaB der Kodexbewehrung berticksichtigt wird. Dabei wird die ethisch bedenkliche WerbemaBnahme eher akzeptiert, sofern das Unternehmen einen sanktionsbewehrten Kodex besitzt.
Cleek/Leonard
Laboruntersuchung mit 150 Studierenden
Die Antworten zu fiktiven Entscheidungsszenarien unterscheiden sich nicht signifikant, wenngleich die Hfilfie der Probanden mit den Fragen einen Ethik-Kodex ausgehandigt bekam.
1179 BWL-Alumni zweier Colleges aus dem Nordosten der USA; RUcklauf: 318 Frageb0gen (27 %)
Die Respondenten, deren Unternehmen einen Kodex hat, beobachten geringfl~gig weniger unethische Verhaltensweisen.
(1998), S. 624-627
Trevino/Butterfield/ McCabe (1998), S. 454-465
In dem Subsample der Kodex-Respondenten ist das AusmaB der beobachteten unethischen Verhaltensweisen und der Kodeximplementierung stark negativ korreliert. Die Beziehung zwischen beobachteten unethischen Verhaltensweisen und dem Ethik-Klima eines Unternehmens ist umso ausgepragter, sofern das Unternehmen keinen Kodex besitzt. In Unternehmen mit einem Kodex werden bei fast allen Klimatypen vergleichsweise weniger unethische Verhaltensweisen beobachtet.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches lmplementierungsinstrument
Ekin/TezOlmez (1999), S. 21-26
Befragung von 300 Managers aus 20 ttlrkischen Unternehmen; Rilcklauf: 160 Frageb6gen (53 %)
Die Antworten zu ethischen Entscheidungsszenarien unterscheiden sich nicht in Abh/ingigkeit davon, ob das Unternehmen der Respondenten einen Ethik-Kodex besitzt.
Fritz/A rnett/Conkel (1999), S. 291-295
Befragung von 868 Mitarbeitern eines groBen Dienstleitungsunternehmens
Die Mitarbeiter nehmen den Ethik-Kodex dann umso mehr wahr, wenn sie der Auffassung sind, dass die Kodexstandards durch das Unternehmen ernsthaft bewehrt und durch das Topmanagement persOnlich unterstatzt werden. Gesprache aber den Kodex steigern seine Bekanntheit nur in den Managementrfingen, nicht aber auf der tiefer liegenden Hierarchieebene der befragten Associates.
Stevens (1999), S. 114-116, 118 f.
Befragung von 215 Mitarbeitern zweier Hotels einer Kette der gehobenen Kategorie in zwei Grogstadten des mittleren Westens der USA; Racklauf: 101 auswertbare Frageb6gen (47 %)
Die Befragten bescheinigen Ethik-Kodizes einen moderaten Nutzen zum Erlernen moralischer ProblemlOsungen. Von 10 Instrumenten werden Kodizes als die viertwichtigste Quelle eingestuft, aus denen die Mitarbeiter Kenntnisse der Unternehmensethik gewonnen haben. Auf die offene Frage, welche Dokumente sich f'tir das Erlernen der Unternehmensethik am natzlichsten erwiesen haben, entfallen fund ein Zehntel (11%) der 54 Nennungen auf den Ethik-Kodex, 4 1 % jedoch aufdas Unternehmenshandbuch. Fiar fast ein Drittel (30 %) der antwortenden Mitarbeiter ist kein Dokument als besonders hilfreich hervorzuheben. Die Befragten geben an, dass ihre ethischen Entscheidungen vor allem durch ihre persOnlichen Werte und Standards geprfigt sind. Der Ethik-Kodex tibt danach jedoch einen st~.rkeren Einfluss aus als das Verhalten von Vorgesetzten und Kollegen.
Stohs/Brannick (1999), S. 314-322
Interviews mit 348 irischen Managern, die durch eine Zufallsstichprobe aus der 1993 Golden Pages List und der Business and Finance List der 1000 grOBten irischen Unternehmen ausgew~ihlt wurden
Der Kodex beeinflusst die Urteile dariaber, ob Handlungsweisen falsch sind, sofem es sich um Sachverhalte handelt, die das Untemehmen betreffen (unfaire Preispolitik, Verz6gerung von Zahlungen). Hingegen iabt der Kodex keinen Effekt aus, wenn es um die Beurteilung von mitarbeiterbezogenen Verhaltensweisen (Insiderhandel, Kickbacks, Abrechnungsbetrug), gesellschaftsbezogenen Verhaltensweisen (Irrefiihrung von Konsumenten, Diskriminierung, Verkauf unsicherer Produkte), Steuerhinterziehung oder Umweltverschmutzung geht.
Begrtindung unternehmensethischer Kodizes
Weaver/Trevino (1999), S. 324-328
Befragung einer Zufassstichprobe von 2000 Mitarbeitern eines groBen Finanzdienstleistungsunternehmens; Rticklauf: 420 Frageb6gen (21%)
183 Zunehmende Compliance- ais auch zunehmende Wertebasiertheit eines Ethikprogramms fiahren dazu, dass die Mitarbeiter ~ r ethische Themen sensibler werden, ihre ethische Entscheidungsqualitat steigt, sie eher Rat bei ethischen Problemen einholen und weniger unethische Verhaltensweisen im Unternehmen beobachten. Zunehmende Wertebasiertheit des Ethikprogramms tragt zudem dazu bei, dass die Mitarbeiter sich mit dem Unternehmen starker verbunden tilhlen, weniger Rollenkonflikte erleben und es eher als akzeptabel ansehen, Vorgesetzten schlechte Nachrichten zu Oberbringen. Die Effekte eines compliancebasierten Ethikprogramms wirken in dieseibe Richtung wie die eines wertebasierten, sind jedoch jeweils schwacher ausgepragt.
Cowton/Thompson (2000), S. 168-173
Befragung der 36 Banken, die dem United Nations Environment Programme (UNEP) beigetreten sind, und einer Vergleichsgruppe von 105 Banken; RUcklauf: 57 FragebOgen (40 %), davon 20 aus UNEPUnternehmen
UNEP-Unternehmen berOcksichtigen haufiger Umweltbelange in ihrer formalen Kreditvergabepolitik und bei der Einschatzung von Kreditrisiken. Ailerdings unterscheiden sich die beiden Gruppen nur vereinzelt in Hinblick auf die Einschatzung der Wichtigkeit, die sie Zielen einer umweltorientierten Kreditvergabestrategie und konkreten umweltbezogenen Kriterien bei der Kreditentscheidung beimessen.
Marnburg (2000), S. 203-206
Zufallsstichprobe von 1010 Mitgliedern zweier norwegischer Berufsverbande; Rticklauf: 449 Frageb6gen (44 %)
Die ethisch relevanten Einstellungen von Mitarbeitern unterscheiden sich nicht signifikant in Abhangigkeit davon, ob ihr Untemehmen einen Kodex besitzt.
Pierce~Henry (2000), S. 312-317
Zufallsstichprobe von 2551 Mitgliedem der Association of Information Technology Professionals (AITP); Riicklauf: 356 Frageb6gen (14 %)
Die Probanden beurteilen 6 von 9 Szenarien unterschiedlich, wenn ihr Unternehmen einen Ethik-Kodex besitzt. Gleichwohl beeinflussen Kodizes im Wesentlichen nur die Einschatzung darOber, wie ethisch fragliche Handlungsweisen aus Sicht des Unternehmens zu bewerten sind, nicht aber die Bewertung durch Kollegen oder den Befragten seibst.
A dams/Tashchian/ Shore (2001), S. 202-207
Strukturierte Interviews mit 766 Probanden, die wahrend ihres Berufslebens bereits mit einer ethischen Dilemmasituation konfrontiert waren
Die Befragten, deren Untemehmen einen Kodex besitzt, geben an, dass das ethische Verhalten in ihrem Untemehmen auf samtlichen Ebenen (Topmanagement, Vorgesetzte, Peers und GeRihrte) positiver ist, ihr Unternehmen ethische Handlungsweisen starker unterst~tzt und sie mit dem Ausgang des beschriebenen Ethikdilemmas zufriedener sind.
184 Schwartz (2001), S.
251-253
Somers (2001 ), S.
188-191
Trevino/Weaver
(2001), S. 658-664
Ethik-Kodizes als untemehmensethisches lmplementierungsinstrument Halbstrukturierte Interviews mit 57 Mitarbeitem, Managern und Ethikbeauftragten aus vier kanadischen Grol3untemehmen unterschiedlicher Branchen
Die Mehrheit der Befragten gibt zwar an, dass ihr eigenes Verhalten nicht durch den Kodex beeinflusst wird. Dennoch kann der Kodex verhaltenswirksam sein. Darauf weisen die Beispiele yon kodexbezogenen Verhaltens~nderungen hin, welche die Respondenten auffllhren oder sich aus den Anfragen an die Ethikbeauftragten ergeben haben.
7 %-ige Zufassstichprobe unter den Mitgliedern des Institute of Management Accountants (IMA); Rticklauf: 613 auswertbare Frageb6gen (20 %)
Respondenten, deren Unternehmen einen Kodex besitzt, geben h~ufiger an, keine unethischen Verhaltensweisen in ihrem Unternehmen wahrzunehmen und sich stfirker mit ihrem Unternehmen zu identifizieren.
Befragung einer Zufassstichprobe von 6300 Mitarbeitern aus vier GroBunternehmen unterschiedlicher Branchen; Rticklauf: 1823 FragebOgen (29 %)
Mit zunehmender Durchsetzungsintensitgt des Ethikprogramms werden weniger unethische Verhaltensweisen beobachtet und steigt die Bereitschaft, dem Unternehmen unethische Verhaltensweisen anzuzeigen. Die Auswirkungen der Durchsetzungsintensitfit auf das AusmaB unethischer Verhaltensweisen sind geringer, wenn die Mitarbeiter das Unternehmen insgesamt als gerecht wahmehmen.
Wotruba/Chonko/ Loe (2001), S. 63-
66
Befragung von 1700 Mitgliedem der U.S. Direct Selling Association (DSA); Racklauf: 286 FragebOgen (17 %)
Mitarbeiter nehmen einen Kodex als umso hilfreicher ~ r die Urteilsfindung wahr, je vertrauter sie mit seinem Inhalt sind. Mitarbeiter bewerten das Ethik-Klima ihres Unternehmens umso positiver, je hilfreicher ihnen der Kodex Nr die Urteilsfindung erscheint.
Peterson (2002), S.
318-323
Valentine~Barnett
(2002), S. 193, 196 f. Valentine/Fleischmann (2002), S.
303,305-307
Zufallsstichprobe von 700 Alumni einer groBen US-Universittit; Rticklauf: 202 auswertbare Frageb6gen (29 %)
Die Korrelation zwischen den Dimensionen eines Ethik-Klimas und dem AusmaB selbst-berichteter unethischer Verhaltensweisen ist stfirker, wenn das Unternehmen keinen Kodex besitzt. In Untemehmen mit einem Kodex werden bei fast allen Klimatypen weniger unethische Verhaltensweisen eingerfiumt.
3000 Vertriebsmitarbeiter und -manager in den USA; Rticklauf: 373 Antworten und 212 auswertbare FragebOgen (7 %)
Mitarbeiter, deren Unternehmen einen Kodex besitzt, bewerten die ethische Zutr~glichkeit ihres Untemehmens positiver.
1500 Personalmanager, Wirtschaftsprafer und RechtsanwNte in den USA; Racklauf: 143 FragebOgen (10 %)
Respondenten, deren Unternehmen einen Kodex besitzt, erweisen sich als diversitfitstoleranter. Kodizes kOnnen demnach die ethischen Uberzeugungen ihrer Adressaten beeinflussen.
BegrOndung unternehmensethischer Kodizes Chonko/Wotruba/ Loe (2003), S. 240243
Befragung von 1700 Mitgliedem der U.S. Direct Selling Association (DSA); Rticklauf: 286 Frageb6gen (17 %)
185 Die Vertrautheit und die subjektive Ntitzlichkeit eines Kodex sind umso geringer, je turbulenter die Umwelt des Unternehmens ist. Manager, deren pers6nliche Moralphilosophie relativistisch ist, sind mit den Kodexinhalten weniger vertraut und schatzen den Kodex als weniger hilfreich ein. Die Ntitzlichkeit eines Kodex wird positiver bewertet, wenn die persOnliche Moralphilosophie idealistisch ausgepragt ist.
Granitz (2003), S. 105-109, 115-117
Szenariobasierte Interviews mit 44 Mitarbeitern (unterschiedlicher funktonaler Spezialisierungen) eines muitinationalen US-Unternehmens der Tabakindustrie
Mitarbeiter, die der Auffassung sind, das der Kodex in den vorgelegten Entscheidungsszenarien ein bestimmtes Verhalten gebietet, zeigen eine grOBere Obereinstimmung in Hinblick auf ihre BegrOndung und Absicht, die ethisch gebotene Handlungsweise zu ergreifen.
Valentine~Barnett (2003), S. 361-364
3000 Vertriebsmitarbeiter und -manager in den USA; Rticklauf: 373 Antworten (12 %) und 181 auswertbare Frageb6gen (6%)
Mitarbeiter, denen das Vorhandensein eines Kodex bekannt ist, perzipieren ihr Unternehmen als ethischer und ~hlen sich starker mit ihm verbunden (Commitment).
Vitell/P aolillo/ Thomas (2003), S. 72-78
Befragung von 2000 MarketingManagern, deren Anschritten tiber einen prominenten Anbieter von Adressenlisten beschafft wurden und sich in 1560 Fallen als zutreffend erwiesen; Rticklauf: 235 Frageb6gen (15 %)
Die MaBe der Kodexdurchsetzung und der ethischen Untemehmenswerte sind hochgradig positiv korreliert. Je starker der Kodex durchgesetzt wird, desto positiver bewerten die Mitarbeiter die ethischen Untemehmenswerte. Zudem wird Ethik umso eher als langfristige und h6chste Prioritat im Unternehmen wahrgenommen, je stfirker die Kodexdurchsetzung erscheint.
Schwartz (2004), S. 327-340
Tabelle 6."
Halbstrukturierte Interviews mit 57 Mitarbeitern, Managern und Ethikbeauftragten aus vier kanadischen Gro6unternehmen unterschiedlicher Branchen
Nach Auffassung der Respondenten soilten Kodizes Anwendungsbeispiele enthalten, klar (und daher eher negativ) formuliert, nicht zu lang, relevant und realistisch sein, durch das Topmanagement, Trainings- und Reinforcement-MaBnahmen unterstOtzt werden, um ihre Wirksamkeit zu verbessern.
Ubersicht bisheriger Untersuchungen zur Effektivit(~t unternehmensethischer Kodizes
c" Methodische Bewertung r0ber die Gesamtheit der einbezogenen Untersuchungen finden verschiedene und verschieden elaborierte M e t h o d e n Verwendung. Gleichwohl dominieren Felduntersuchungen mit Perzeptionsmagen, u m die K o n s e q u e n z e n von Kodizes zu bestimmen. Die experimentellen Anordnungen haben tendenziell h~iufiger zu neutralen Befunden fiber die Kodexeffektivit~it ge-
186
ftihrt 340. Lediglich
Ethik-Kodizes ais unternehmensethisches lmplementierungsinstrument eine einzige (der insgesamt 51) Studie(n) hat die abh~ingige Variable so
operationalisiert, dass ihre Messung auf objektiven Daten (namentlich der Anzahl der Sanktionen durch vier Bundesregulierungsbeh6rden) basiert TM. Die Kodexwirkungen werden dabei zwar an ,hard facts' festgemacht und dadurch von subjektiven Verzerrungen freigehalten, allerdings auch nur entsprechend eingeschr~akt ergrtindet, da die Ethisierung eines Unternehmens tiber die Beachtung von (den wenigen ausgewfihlten) gesetzlichen Auflagen 342 weit hinausreicht 343 und nicht einmal notwendigerweise auf eine Verringerung illegaler Akte angelegt sein muss 344. Hinzu kommt, dass weitere Unternehmensmerkmale daftir verantwortlich sein k~nnen, ob und inwieweit ein Unternehmen rechtlichen Sanktionen unterworfen wird 345. Demgegentiber kOnnen PerzeptionsmaBe als vorzugswiirdig anzusehen sein, weil es letztlich auf die Perzeptionen der (befragten) Adressaten ankommt, damit der Kodex verhaltenswirksam wird. Dennoch sind die erfragten Perzeptionen selbstredend nur Ann/iherungen daran, wie sich die Mitarbeiter tats~ichlich verhalten, wenn sie moralische Entscheidungsprobleme im Unternehmen 16sen 346. Subjektive Mal3e des ethischen Engagements sind regelm~iBig mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass die Respondenten bewusst (Impression Management) oder unbewusst (Selbsttauschung) dazu tendieren (kOnnen), sich in mOglichst gutem Lichte darzustellen 347. Dieses Problem des sozial erwi.inschten Antwortverhaltens ist allerdings zum Teil bei der Studiengestaltung adressiert worden. Die korrigierenden Vorgehensweisen haben gemein, dass sie nicht (nur) direkt nach dem eigenen (Fehl-)Verhalten fragen, das die Respondenten begangen haben oder beabsichtigen. Stattdessen wird diese Frage entweder mit einer
34o Vgl. Laczniak/Inderrieden (1987), S. 298-304; Weaver (1995), S. 373-377; Brief/Dukerich/Brown/Brett (1996), S. 189-193; Cleek/Leonard(1998), S. 624-627. 34~ Vgl. Mathews (1987), S. 108-110, 117-125, bzw. Mathews (1988), S. 51 f., 64-76, die keinen Kodexeffekt feststellt. 342 Bei den vier BundesregulierungsbehOrden, deren Sanktionen zur Operationalisierung des (un)ethischen Verhaltens der untersuchten Unternehmen herangezogen werden, handelt es sich um die Food and Drug Administration, die Environmental Protection Agency, die Consumer Product Safety Commission sowie die National Highway Traffic Safety Administration [vgl. Mathews (1987), S. 109, und Mathews (1988), S. 64]. 343 Siehe auch nochmals die Diskussion t~ber die Vor- und Nachteile der MaBe, die zur Operationalisierung des ethischen Engagements von Unternehmen auf S. 87 ft. der vorliegenden Arbeit angel~hrt worden sind. 344 So auch Felo (2001), S. 207: ,,However, ethics programs are not necessarily designed to reduce illegal behavior. There are already criminal statutes designed to reduce criminal behavior. Ethics programs are more concerned with behavior in ))gray~ areas where individuals have legal alternatives that may be unethical.". 345 Siehe dazu nur King/Lenox (2001), S. 108: ,,A firm that possesses good legal resources may better forestall lawsuits.". 346 Vgl. auch Somers (2001), S. 193: ,,The consistent pattern of results suggesting that corporate codes of ethics are associated with less employee awareness of wrongdoing sheds little light on the question of how employees will respond when faced with unethical activity in their organizations.". 347 Siehe zum Social Desirability Bias nochmals Zerbe/Paulhus (1987), S. 250; Randall/Fernandes (1991), S. 805; Fernandes/Randall (1992), S. 183, sowie bereits die analogen Hinweise oben, S. 44 und S. 122 der vorliegenden Arbeit.
Begrilndung unternehmensethischer Kodizes
187
z w e i t e n ethisch neutralen kombiniert ( R a n d o m i z e d R e s p o n s e T e c h n i q u e ) 34s, a b w e i c h e n d danach gefragt, i n w i e w e i t die R e s p o n d e n t e n im U n t e r n e h m e n unethische V e r h a l t e n s w e i s e n (durch Mitarbeiter oder Vorgesetzte) beobachten 349 bzw. an tibergeordnete Einheiten berichten 35~ oder die N e i g u n g z u m Impression M a n a g e m e n t zus~itzlich erhoben und in der A u s w e r tung (als Kontrollvariable) erfasst 351. D a n e b e n sind in einer Studie z u m Vergleich Archivdaten h e r a n g e z o g e n worden, um die Validit~it der PerzeptionsmaBe zu tiberprtifen 352. AuBerdem kOnnen sich die subjektiven MaBe d a h i n g e h e n d unterscheiden, dass sie bestimmte Perzeptionen e n t w e d e r isoliert auswerten 353 oder aber aggregieren 354, um zu verl~isslicheren Daten zu gelangen, da durch die Z u s a m m e n f a s s u n g zuf'~illige Messfehler eher ausgeglichen werden 355. A b w e i c h e n d e Befunde kOnnen daher nicht nur d a r a u f zurtickzuf'tihren sein, dass es sich e n t w e d e r u m Feld- oder L a b o r u n t e r s u c h u n g e n handelt oder inwieweit objektive
348 So Weeks/Nantel (1992), S. 755: Die Respondenten sollen dabei dann mit ,da" antworten, wenn sie entweder eine bestimmte unethische Handlung begangen haben (Beispiel: ,Im vergangenen Monat habe ich Btiromaterial des Unternehmens fiir persOnliche Zwecke entwendet.') oder ein ethisch neutrales Statement zutrifft (Beispiel: ,Mein Geburtsjahr ist eine gerade Zahl.'). Die ethisch neutralen ,Kombi'-Fragen sind so auszuw~ihlen, dass flir ihre Antworten tiber die Gesamtheit der Befragten eine bekannte oder am einfachsten (wie im Beispiel) eine Gleich-Verteilung angenommen werden kann. Werden in Kombination mit der ethisch sensiblen Frage im Ergebnis Abweichungen von dieser Verteilung erhalten, da wesentlich mehr (als 50 %) der Befragten mit ,ja" antworten, deutet dies darauf, dass im Unternehmen unethische Verhaltensweisen stattgefunden haben (und - im Beispiel - ein Missbrauch von Unternehmenseigentum zu beklagen ist) [siehe zu dieser Methode auch Robertson (1993), S. 592 f. m. w. N.J. 349 Vgl. Trevino/Butterfield/McCabe (1998), S. 455 f.; Weaver/Trevino (1999), S. 325; Somers (2001), S. 189; Trevino/Weaver (2001), S. 659. 350 Vgl. Somers (2001), S. 189; Trevino/Weaver (2001), S. 659. 351 Vgl. McCabe/Trevino/Butterfield (1996), S. 469; Trevino/Butterfield/McCabe (1998), S. 456; Valentine/ Fleischmann (2002), S. 304; Valentine~Barnett (2003), S. 362-364. 352 Vgl. Mitchell/Daniels/Hopper/George-Falvy/Ferris (1996), insb. S. 449, die insgesamt sechs unethische Verhaltensweisen untersucht haben, bei denen es sich zugleich um GesetzesverstOBe handelt. 353 Vgl. Weaver/Ferrell (1977), S. 477-481; Ferrell/Weaver (1978), S. 71 f.; Hegarty/Sims (1979), S. 333; Laczniak/Inderrieden (1987), S. 299 f.; Akaah/Riordan (1989), S. 117 f.; Singhapakdi/Vitell (1990), S. 9 f.; Murphy/Smith/Daley (1992), S. 16 f.; Weeks/Nantel (1992), S. 757; Brief/Dukerich/Brown/Brett (1996), S. 190 f., 195; Harrington (1996), S. 268-271; Mitchell/Daniels/Hopper/George-Falvy/Ferris (1996), S. 450 f.; Pierce~Henry (1996), S. 428, 430-432; Nwachukwu/Vitell (1997), S. 762-765; Stevens (1999), S. 115, 118; Cowton/Thompson (2000), S. 171; Pierce~Henry (2000), S. 316 f.; Adams/Tashchian/Shore (2001), S. 204, 206; Somers (2001), S. 189-191; Granitz (2003), S. 107 f. 354 Vgl. Hunt/Chonko/Wilcox (1984), S. 317 f.; Chonko/Hunt (1985), S. 352; Ferrell/Skinner (1988), S. 105 f., 108; Callan (1992), S. 763 f.; Robideaux/Miles/White (1993), S. 56; Kohut/Corriher (1994), S. 34 f.; Turner/Taylor/Hartley (1995), S. 756 f.; McCabe/Trevino/Butterfield (1996), S. 469; Morris~Marks~Allen~Perry (1996), S. 1124 f.; Cleek/Leonard (1998), S. 626; Trevino/Butterfield/McCabe (1998), S. 455 f.; Ekin/ Tez61mez (1999), S. 23; Fritz/Arnett/Conkel (1999), S. 292 f., 298; Stohs/Brannick (1999), S. 320 f.; Weaver/Trevino (1999), S. 325; Trevino/Weaver (2001 ), S. 659; Wotruba/Chonko/Loe (2001), S. 64-66; Peterson (2002), S. 318-323; Valentine~Barnett (2002), S. 195, 199; Valentine/Fleischmann (2002), S. 304; Chonko/Wotruba/Loe (2003), S. 240 f.; Valentine~Barnett (2003), S. 361 f.; Vitell/Paolillo/Thomas (2003), S. 7375. 355 Siehe nur Rushton/Brainerd/Pressley (1983), S. 18 f.: ,,the sum of a set of multiple measurements is more stable and unbiased estimator than any single measurement from the set. One reason is that there is always error associated with measurement. When several measurements are combined, these errors tend to average out, thereby providing a more accurate picture of relationships in the population.".
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
oder subjektive Messungen v o r g e n o m m e n werden. Vielmehr k6nnen die Art und die Gtite der jeweiligen Operationalisierungen der abh/~ngigen Variable im Detail sehr unterschiedlich ausgepr/agt und f'tir die ausgewiesenen Ergebnisse (mit)verantwortlich sein 356. In Hinblick a u f die unabhangige(n) Variable(n) beschr~nken sich die groBzahligen Feldstudien darauf, mit einer einzelnen, bin/ar codierten Frage zu erheben, ob das U n t e m e h m e n nach Kenntnis des befragten Mitarbeiters - tiber einen Ethik-Kodex verftigt 357. Hinzu tritt teilweise lediglich die Messung, ob 358 bzw. inwieweit 359 dieser Kodex - nach Auffassung der Befragten - durch Sanktionen bewehrt ist. Dieses Vorgehen unterliegt naturgemal3 der Gefahr, die Realit~it insofern unzutreffend abzubilden, als sich die Respondenten tiber das Vorhandensein eines Kodex oder fiber (die Intensit/at) seine(r) Bewehrung im Irrtum befinden 36~ Diese Gefahr ist gleichwohl deshalb wenig virulent, weil es auch genau diese - und unter Umst~inden subjektiv v e r z e r r t e n - W a h m e h m u n g e n sind, auf deren Grundlage die Adressaten sich in der U n t e m e h m e n s p r a x i s entscheiden, ob und inwieweit sie Handlungen ergreifen, die mit den K o d e x n o r m e n tibereinstimmen 361. Wesentlich bedeutsamer mutet hingegen an, dass dieses Verfahren die konkrete Ausgestaltung des Kodex unbeachtet bel~isst. Die Angaben der Respondenten k6nnen sich demnach auf sehr unterschiedlich ausgestaltete (und sehr unterschiedlich sanktionierte) Kodexdokumente beziehen. Vor diesem Hintergrund k6nnen uneinheitliche Befunde kaum noch tiberraschen, da und soweit unterschiedliche Kodizes eben auch unterschiedliche Konsequenzen haben. Der Ethik-Kodex, dessen Effekte zu untersuchen sind, bleibt auch dann eine Black Box, wenn die unabh/angigen Kodexvariablen nicht bin~ir codiert sind, s o n d e m abgestuft erfragt wird, inwieweit die Adressaten den Kodex ihres Unternehmens w a h r n e h m e n 362, verstehen 363,
356 SO auch - wenngleich mit Blick auf die Ethik-Klima-Konsequenzen - Peterson (2002), S. 315. 357 Siehe Weaver/Ferrell (1977), S. 478; Ferrell/Weaver (1978), S. 70; Hunt/Chonko/Wilcox (1984), S. 317; Chonko/Hunt (1985), S. 352; Ferrell/Skinner (1988), S. 105; Akaah/Riordan (1989), S. 117; Vitell/Davis (1990), S. 68; Murphy/Smith/Daley (1992), S. 14; Robideaux/Miles/White (1993), S. 56; Kohut/Corriher (1994), S. 34; McCabe/Trevino/Butterfield (1996), S. 467; Mitchell/Daniels/Hopper/George-Falvy/Ferris (1996), S. 447; Pierce~Henry (1996), S. 436; Nwachukwu/Vitell (1997), S. 760, 765; Trevino/Butterfield/McCabe (1998), S. 455; Ekin/TezOlmez (1999), S. 21 f.; Stohs/Brannick (1999), S. 315; Pierce~Henry (2000), S. 311; Adams/Tashchian/Shore (2001), S. 203; Somers (2001), S. 189; Peterson (2002), S. 318; Valentine~Barnett (2002), S. 195; Valentine/Fleischmann (2002), S. 304; Valentine~Barnett (2003), S. 362. 358 Siehe Weaver/Ferrell (1977), S. 478; Ferrell/Weaver (1978), S. 70; Ferrell/Skinner (1988), S. 105. 359 Siehe Nwachukwu/Vitell (1997), S. 764 f.; Fritz/Arnett/Conkel (1999), S. 292; Weaver/Trevino (1999), S. 326; Trevino/Weaver (2001), S. 660 f.; Vitell/Paolillo/Thomas (2003), S. 75. 36o So auch Trevino/Butterfield/McCabe (1998), S. 455: ,,It is possible that some respondents who answered the code existence question in the negative actually work for an organization that has a code tucked away in a file drawer, or that the code exists but is not distributed to employees .... a negative response to the code existence question represents lack of knowledge that a code exists rather than a definitive, objective answer to the question of code existence.". 361 Vgl. auch Ross/Robertson (2000), S. 435: ,,Company information is not, therefore, the best information to help us predict how an employee will respond to a situation; employee perceptions of the company situation are.". 362 Siehe Callan (1992), S. 763.
Begrtlndung unternehmensethischer Kodizes
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nutzen 364 oder als ntitzlich ansehen 365. In diesen F/allen sind zwar entsprechend konsistentere Befunde zu erwarten 366. Da jedoch keine origin~en Kodexdimensionen erhoben worden sind, bleiben die Ursachen daffir unklar, warum manche Kodizes von manchen Mitarbeitern stoker wahrgenommen, besser verstanden, intensiver genutzt oder positiver bewertet werden. Diese Unklarheit besteht im Besonderen auch dann, sofern die Daten innerhalb eines Untemehmens bzw. f'tir einen speziellen Kodex gewonnen worden sind 367. Auf diese Weise wird zwar die durch die jeweilige Art des Kodex bedingte Varianz eliminiert, da die Auspr~igungen originfirer Kodexmerkmale konstant gehalten werden. Dies hat jedoch zur Konsequenz, dass sich die Auswertungen der Kodexeffektivit~it grunds~itzlich nicht mehr nach der Art des Kodex differenzieren lassen. Die Perzeptions- und die nachfolgenden Ethisierungsunterschiede k6nnen demgem~8 nicht mit der Art des Kodex in Verbindung gesetzt werden. Diese Erkenntnisgrenzen lassen sich auch dutch Konsultation der experimentellen Untersuchungen nicht fiberschreiten. Die Experimente vergleichen zwar nicht lediglich das (Entscheidungs-)Verhalten der Probanden bei An- oder Abwesenheit eines Kodex 368. Vielmehr manipulieren sie teilweise durchaus einzelne Kodexmerkmale. Konkret wird analysiert, welche Auswirkungen es hat, wenn der Kodex speziellere Handlungsvorgaben 369, erkl~ende Statements 37~ oder explizite Sanktionswamungen 371 enth~ilt. Diese Manipulationen sind jedoch sehr fallspezifisch ausgepr~igt und die korrespondierenden Befunde daher kaum verallgemeinerbar. Das Versagen, positive Kodexeffekte nachweisen zu kOnnen, mag dabei unter anderem bereits durch die Ursprungsform des Kodexdokuments bedingt sein, der den Probanden ausgeh~indigt wird. Allerdings erlaubt die gegebene Datenbasis nur Spekulationen dartiber, welche Kodexmerkmale f~r die mangelnde Verhaltenswirksamkeit verantwortlich sind.
363 Siehe Weeks/Nantel (1992), S. 755; Wotruba/Chonko/Loe (2001), S. 64 f.; Chonko/Wotruba/Loe (2003), S. 240 f. 364 Siehe Callan (1992), S. 763. 365 Siehe Wotruba/Chonko/Loe (2001), S. 64 f., oder Chonko/Wotruba/Loe (2003), S. 240 f. 366 Siehe auch - in Hinblick auf die Verst~indlichkeit von Kodizes -Morris~Marks~Allen~Perry(1996), S. 1121: ,,variation in the degree to which people know and understand the content of codes relevant to them could mask their effect on decision making in a cross-sectional study". 367 Siehe Callan (1992), S. 762; Weeks/Nantel (1992), S. 754; Kitson (1996), S. 1024; Fritz/Arnett/Conkel (1999), S. 291; Stevens (1999), S. 114 f.; Weaver/Trevino (1999), S. 324; Wotruba/Chonko/Loe (2001), S. 63; Chonko/Wotruba/Loe (2003), S. 240; Granitz (2003), S. 108. 368 So aber Hegarty/Sims (1979), S. 335, und Turner/Taylor/Hartley (1995), S. 754, 759. Cleek/Leonard (1998), S. 624, vergleichen streng betrachtet nicht, ob das Vorhandensein, sondern die Aushandigung eines EthikKodex einen Unterschied macht, da die Kontrollgruppe zumindest die Instruktion erhalten hat, dass das Unternehmen in dem Entscheidungsszenario tiber einen Kodex verfiigt. Dass im Anschluss ein neutraler Befund erzielt wird, muss daher umso weniger tiberraschen. 369 Siehe Brief/Dukerich/Brown/Brett (1996), S. 190, 196. 37o Siehe Weaver (1995), S. 373 f., 382. 371 Siehe Laczniak/Inderrieden (1987), S. 299, 306, sowie Weaver (1995), S. 374, 382 f.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Obgleich diese K o d i z e s allgemeiner gehalten sind 372, w~ire es daher beispielsweise verfehlt, daraus den Schluss ziehen zu wollen, dass spezielleren K o d i z e s generell der Vorzug zu geben ist 373.
d" Inhaltliche Bewertung Ungeachtet der m e t h o d i s c h e n Detailbetrachtungen bleibt zu konstatieren, dass K o d i z e s nicht nur grunds~itzlich v e r h a l t e n s w i r k s a m sein k 6 n n e n und tiberwiegend auch tats~ichlich V e r h a l t e n s w i r k s a m k e i t entfalten, sondern dass K o d i z e s vor allem unterschiedlich effektiv sein k6nnen. Es k o m m t d e m n a c h nicht allein d a r a u f an, ob ein U n t e r n e h m e n tiberhaupt einen E t h i k - K o d e x besitzt. Das A u s m a g der K o d e x w i r k u n g e n wird v i e l m e h r y o n weiteren Determinanten bestimmt. Dabei ist e i n e r s e i t s - sehr v e r e i n z e l t - a u f den Einfluss von M e r k m a l e n des U n t e r n e h m e n s (z. B. das vorherrschende E t h i k - K l i m a 374) bzw. seiner U m w e l t (z. B. deren T u r b u l e n z 375) und der Adressaten (z. B. ihre pers6nliche M o r a l p h i l o s o p h i e b z w . - i d e o l o g i e 376) hingedeutet worden. A u f der anderen Seite h~ingt die Kodexeffektivit~it auch und im Besonderen v o n d e r Art des K o d e x und seiner E i n b i n d u n g in das U n t e r n e h m e n s g e s c h e h e n ab. So verspricht ein K o d e x umso gr6geres Ethisierungspotential, je besser er k o m m u n i z i e r t 377, von den Mitarbeitern verstanden 378 und in die Organisationskultur e i n g e b u n d e n wird 379. B e m e r k e n s wert h~iufig wird schlieglich ausgewiesen, dass die K o d e x e f f e k t i v i t a t unter der B e d i n g u n g zunimmt, dass Sanktionen drohen, sofern die N o r m e n tibertreten w e r d e n 38~
372 Vgl. Cleek/Leonard (1998), S. 624: ,,The chosen code of ethics, which was based on the code of ethics used by McDonnell Douglas Company, was chosen due to its general nature". 373 Wohltuend zurtickhaltend sind daher auch die Hinweise bei Cleek/Leonard (1998), S. 627 f.: ,,It may also be that the chosen Corporate Code of Ethics was not sufficiently detailed enough for this particular study.", und Weaver (1995), S. 379 im Original z. T. kursiv: ,,Within the confines of an abstract, highly formal style of ethics code, content variations may prompt little response because the overall format encourages little careful consideration on the part of organization members.". Einen solchen Schluss kann im Obrigen auch die Untersuchung von Brief/Dukerich/Brown/Brett (1996), S. 189-193, nicht erm6glichen, da zwar unterschiedlich spezifische Kodizes vorgegeben werden, diese sich jedoch anhand weiterer Eigenschaften unterscheiden. Dies decken die Verfasser zum einen selbst auf, wenn sie tiber ihren mit Testpersonen durchge~hrten Manipulationscheck berichten, dass ,,the abstract code, in fact, was seen as vague, ambiguous, ill-defined, etc., the specific code, in fact, was seen as specific, clear, well-defined, etc." [Brief/Dukerich/Brown/Brett (1996), S. 190]. Zum anderen ist dem Abdruck der verwendeten Kodizes zu entnehmen, dass nicht nur die Generalitfit der Kodexnormen, sondern zum Beispiel auch ihre Sanktionsbewehrung verfindert wurde [vgl. Brief/Dukerich/Brown/Brett (1996), S. 196]. 374 Siehe Peterson .(2002), S. 319-323. 373 Siehe Morris/Marks/Allen/Perry (1996), S. 1127 f., und Chonko/Wotruba/Loe (2003), S. 242 f. 376 Siehe Chonko/Wotruba/Loe (2003), S. 242 f. 377 Siehe McCabe/Trevino/Butterfield (1996), S. 467-471. 378 Siehe Wotruba/Chonko/Loe (2001), S. 65 f. 379 Siehe McCabe/Trevino/Butterfield (1996), S. 467-471. 380 Siehe Weaver/Ferrell (1977), S. 478-481; Ferrell/Weaver (1978), S. 71; Hegarty/Sims (1979), S. 337; Laczniak/Inderrieden (1987), S. 304; Ferrell/Skinner (1988), S. 106; Turner/Taylor/Hartley (1995), S. 757-759;
BegrilndunguntemehmensethischerKodizes
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Diese empirischen Bew~ihrungen reichen zwar hin, um die Vorbehalte zu widerlegen, dass die Kodexkonsequenzen grunds~itzlich fehlen oder fehlgehen. Zudem gelingt es aufzuzeigen, dass die tats~ichlich erzielten Ethisierungswirkungen nicht nur von dem Kodexdokument selbst abhangen, sondem auch vonder Art seiner Implementierung. Hingegen stellen sich die deskriptiven Untersuchungen als wenig hilfreich dar, wenn eine dezidiert manageriale Perspektive eingenommen wird, die den Gestaltungsaspekt in den Vordergrund riackt und das Interesse auf die praktische Ntitzlichkeit der empirischen Belege richtet. Diese Einschatzung resultiert daraus, dass den Studien kaum konkrete Anhaltspunkte daf'tir zu entnehmen sind, wie Kodizes zweckmaBigerweise ausgestaltet werden sollten, um ihr Ethisierungspotential mfglichst weit auszuschOpfen. So sind die genannten Nachweise zwar verdienstvoll, aber sicherlich alles andere als kontraintuitiv, dass die Effektivit~it eines formalen Kodex steigt, wenn die Kodexstandards wirksam vermittelt sind, von ihren Adressaten zutreffend ausgelegt werden und sich im Zusammenspiel mit den im Untemehmen informell vorherrschenden Normen als (ausreichend) konsistent erweisen. Die praktische Anwendung dieser Erfolgshypothesen verlangt jedoch detailliertere Empfehlungen dariaber, wie die Gestaltung und die Geltendmachung von Kodizes ausgepr~gt sein sollten, damit ihre Normierungen jeweils tats~ichlich wahrgenommen, nachvollzogen und in die Organisationskultur integriert werden. In dieser Hinsicht haben die empirischen Untersuchungen zur Kodexeffektivit~it kaum etwas beizutragen, da sie es weitestgehend vers~iumen, origin~e Kodexmerkmale in den Blick zu nehmen und insbesondere solche Kodexeigenschaften zu thematisieren, deren Auspr~igungen ein Untemehmen gezielt setzen k6nnte. Insofem schlagen die methodischen Ausgestaltungen der Studien darauf durch, inwieweit ihre inhaltlichen Aussagen praktisch nutzbar sind. Ebenso machen die positiven Sanktionsbefunde in diesem Zusammenhang zwar deutlich, dass es nicht nur auf den Kodex selbst ankommt, sondem auch auf seine begleitenden MafSnahmen. Gleichwohl erscheint es auch hier wiederum wenig Oberzeugend, Sanktionsbewehrungen nur generell als ntitzlich oder nutzlos auszeichnen zu wollen. Vielmehr werden nicht beliebige (Arten von) Sanktionen der Kodexdurchsetzung dienlich und bestimmte (Arten von) Sanktionen sogar sch~idlich sein. Diese Differenzierungen sind jedoch entscheidend, wenn die aufgezeigten Relationen Gestaltungsimplikationen besitzen sollen. Besonders schwer wiegt schlieBlich das Defizit, dass bislang nicht einmal adressiert worden ist, welche Gestaltungsparameter ethischer Kodizes sich durch das Untemehmen tiberhaupt sinnvoll variieren lassen, wenn ein Kodex eingeftihrt werden soil. Im Anschluss stellt sich die Frage, ob und inwieweit sich Kodexarten bestimmen lassen, die nicht generell gut oder schlecht sind, sondem vielmehr Gestaltungsoptionen markieren, die sich unter unterschiedlichen Bedingungen als unterschiedlich zweckm~iBig erweisen k6nnen. Dass die Kodexnormen kommuniziert, verstanden und kulturkonform sein mtissen, um m6glichst weitge-
Fritz/Arnett/Conkel (1999), S. 293 f.; Weaver/Trevino 664; Vitell/Paolillo/Thomas (2003), S. 75 f., 78.
(1999), S. 326-329; Trevino/Weaver (2001), S. 660-
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Ethik-Kodizes als untemehmensethischeslmplementierungsinstrument
hende Ethisierungseffekte zu erzielen, ist indes aus einer Gestaltungsperspektive wenig tiberraschend und kaum zu bezweifeln, sofern ein emsthafles Interesse daran besteht, die ethische Entscheidungsqualit~it im Untemehmen zu verbessem. Aus einer Gestaltungsperspektive ist
der Blick stattdessen darauf zu lenken, welche Kodexparameter sich zweckm~iBigerweise ver~indem lassen, um die angestrebten Effekte in m6glichst hohem MaBe zu realisieren. Es gilt daher, die Black Box unternehmensethischer Kodizes zu 6ffnen und ihre Gestaltungsm6glichkeiten genauer auszuloten.
B. G e s t a l t u n g s d i m e n s i o n e n
unternehmensethischer
I.
Herleitung m6glicher Klassifizierungsmerkmale
1.
Normencharaktervon Kodizes
Kodizes
Nachdem geklfirt wurde, aus welchen Grfinden und mit welchen Zielsetzungen unternehmensethische Kodizes eingeffihrt werden k6nnen, stellt sich die Frage nach der Art der Kodizes, mit denen Unternehmen die angestrebten Ethisierungseffekte verwirklichen wollen (bzw. sollten). Die Klfirung dieser Frage setzt es voraus, grundlegende UnterscheidungsmOglichkeiten untemehmensethischer Kodizes herauszuarbeiten und die vorliegenden deskriptiven Befunde fiber ihre Ausgestaltung in der Praxis zu diskutieren. Auf diesem Fundament und unter Hinzuziehung eines geeigneten Verhaltensmodells lassen sich die Ethisierungswirkungen von Kodizes ermitteln und pr~iskriptive Gestaltungsempfehlungen entwickeln, die auch den genannten kritischen Einwendungen Stand halten. In diesem Abschnitt gilt es zungchst, die prinzipiellen Gestaltungsparameter einer Kodexeinft~hrung aufzuzeigen. Dabei soll es s i c h - als Gestaltungsparameter- zum einen um solche Kodexmerkmale handeln, deren Ausprggungen das Unternehmen tatsfichlich gezielt beeinflussen kann. Zum anderen sind aus der Gesamtheit m6glicher Gestaltungsvariablen grundlegende Parameter gesucht, die zugleich als Klassifizierungsdimensionen herangezogen werden k6nnen, um auf dieser Grundlage generische Kodextypen zu bilden. Die sich daraus ergebende Klassifizierung (oder Typologisierung 1) unternehmensethischer Kodizes ist derart auszugestalten, dass sich unterscheidende Kodexarten gekennzeichnet werden k0nnen, die fiber verallgemeinerbare Eigenschaften verft~gen und komparative Untersuchungen ihrer Ethisierungswirkungen wie auch die Zuordnung praktischer Kodexbeispiele erlauben 2. Die Abgrenzung unterschiedlicher Kodexarten dient mithin nicht nur deskriptiven Zwecken. Sie ist vielmehr notwendiger Bestandteil einer Untersuchung fiber die Effektivit~t dieses Implementie-
Die beiden Begriffe k0nnen insoweit abereinstimmendverwendetwerden, als es sich bei einer Typologie um eine mehrdimensionaleKlassifizierunghandelt [vgi. z. B. Blau/Scott(1963), S. 41]. 2 Siehegenerell zu diesen Anforderungen nur tibereinstimmend Meznar/Nigh (1993), S. 33 im Original z. T. kursiv: ,,Classification systems should accomplish at least three objectives: differentiation, generalization, and identification.".
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
193
rungsinstruments 3, da sich Aussagen fiber m6gliche Ethisierungsbeitr~ige nicht undifferenziert f'tir s~ntliche Kodizes generieren lassen werden, sondern das Ethisiemngspotential v o n d e r Art des untemehmensethischen Codes abhangt 4. U m die Vielzahl der Klassifizierungsm6glichkeiten sinnvoll zu begrenzen und einer Trivialisierung der sich anschlieBenden Effektivit/~tsanalyse entgegenzuwirken, wird ftir die Einteilung zudem gefordert, dass sie keine Kodextypen beinhaltet, deren Oberlegenheit oder Untauglichkeit offensichtlich ist. Dies ist gleichbedeutend damit, dass nur solche Gestaltungsund Typologisierungsmerkmale gesucht sind, deren zul/assige Auspr/~gungen sich nicht bereits unmittelbar und kontextunabh/angig nach ihrer Vorzugswtirdigkeit (in Hinblick auf die angestrebte Ethisierungsfunktion) ordnen lassen. Die Gestaltungs- bzw. Einteilungsmerkmale sollen mit anderen Worten keine erfolgsdominanten (und daher auch keine erfolgsdominierten) Auspr/agungen besitzen. Eine Merkmalsauspr/agung ist dann dominant, wenn die entsprechenden Kodizes in Hinblick auf den relevanten BewertungsmaBstab generell den tibrigen Kodextypen tiberlegen sind, welche die altemativen Auspr/~gungen aufweisen. Umgekehrt kann eine Merkmalsauspr~igung als dominiert bezeichnet werden, sofem es einen anderen Wert des Unterscheidungskriteriums gibt, bei dem regelm~iBig weiterreichende Erfolgswirkungen des Kodex realisiert werden. Theoretisch geschlossene Typologien untemehmensethischer Kodizes sind trotz der groBen Zahl kodexbezogener Untersuchungen bislang nicht vorgelegt worden 5. Da Kodextypen nicht ex nihilo kreiert werden k6nnen, ist zur theoretisch fundierten Herleitung geeigneter Gestaltungsparameter und zur darauf folgenden Systematisierung unterschiedlicher Kodexarten zweckm/~Bigerweise an dem Normencharakter dieser D o k u m e n t e anzusetzen 6. Prinzipiell lassen sich N o r m e n zun/achst nach ihren Elementen klassifizieren. Da der Normbegriff jedoch sehr schillemd ist, ist eine m6glichst pr/~zise Darstellung erforderlich, um keine relevanten
3 Vgl. zum Stellenwert dieser Typenbildung auch generell Stohl/Redding (1987), S. 454, die Klassifizierungen als eine der Basisprozeduren wissenschaftlicher Forschung bezeichnen und betonen, dass ,,the ultimate outcome of categorizing is ideally the construction of a scientific taxonomy, central to the formation of hypotheses as to the nature of things.". Die Vorteilhaftigkeit einer Typologie richtet sich daher danach, inwieweit sie zur Hypothesenbildung geeignet und damit erkenntnisffOrdernd ist: ,,The greatest level of ,success' that a typology may achieve is if it is able to generate new hypotheses and if it signposts relationships that were previously not recognized." [Clegg/Dunkerley (1980), S. 142]. 4 So z. B. auch Weber (1993), S. 425: ,,The effectiveness of the code should also be investigated to determine which type of code better promotes ethical employee behavior."; Weaver (1995), S. 367 im Original z. T. kursiv: ,,It is also possible, however, that variations in the design and content of a code affect people's responses to the code."; Brief/Dukerich/Brown/Brett (1996), S. 186: ,,all codes of conduct are not alike and may vary in their effects"; Cassell/dohnson/Smith (1997), S. 1088: ,,a number of factors are important in understanding the effects a corporate code will have on the behaviour of organizational members. Firstly, there is the ,nature of the code' which comprises its content and the processes by which it has been designed and implemented.". 5 Vgl. jedoch die - v o n den Autoren als logisch bezeichnete - Einteilung von Robin/Giallourakis/David/Moritz (1989), S. 72, sowie aus jUngster Zeit einen Vorschlag von Gaumnitz/Lere (2004), S. 330-335, und dazu S. 203 Fn. 62 der vorliegenden Arbeit. 6 Vgi. nochmals oben, S. 31 ff. der vorliegenden Arbeit.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
N o r m e l e m e n t e im Vorhinein zu tibersehen 7. Es bietet sich daher eine formalanalytische Kennzeichnung yon N o r m e n an, die Anleihen an die deontische (Normen-)Logik nimmt 8. Unter der deontischen Logik ist die Logik der deontischen Begriffe und S~itze zu verstehen 9. Deontische S~itze sind S~itze, die mit Hilfe deontischer Begriffe (geboten, verboten, erlaubt) gebildet werden. Da unter (der formalen) Logik generell die Lehre des gtiltigen SchlieBens verstanden werden kann 1~ untersucht die deontische Logik (bzw. die Normenlogik) deontische bzw. normative S~itze nicht nach ihrer moralischen Begrtindung oder l]berzeugungskraft, sondern ausschlieBlich nach ihrer formallogischen Richtigkeit II. Beurteilungskriterien sind demnach die formale Schltissigkeit wie beispielsweise die Folgerichtigkeit oder die Widerspruchsfreiheit normativer Aussagen. A u f dieser Grundlage analysiert die deontische Logik Folgerungszusammenh~inge und Vertr~iglichkeitsbedingungen zwischen normativen S/itzen!2. Da sie nicht vorrangig Moral und Moralit/it thematisiert, sondern die dartiber getroffenen Urteile (einer normativen Ethik), ist die deontische Logik der Metaethik zuzuordnen 13, welche tiber die M6glichkeiten einer wissenschaftlichen Ethik reflektiert und ihre wissenschaftlichen Methoden kritisiert14.
7 Vgl. in diesem Sinne auch Eichner (1981), S. 13. 8 Vgl. zur deontischen Logik bzw. (synonym) Normenlogik z. B. Kalinowski (1973); von Kutschera (1973), S. 11-72; Keuth (1974); von Wright (1977); von Wright (1979), S. 133-185; Morscher (1980), S. 452 f.; von Kutschera (1982), insb. S. 1-38; Lichtenberg (1989), S. 197; Feldman (1992), S. 736-740; Alexy (1994), insb. S. 182-185; Pieper (1994), S. 73-76, 171-175; Forrester (1996), S. 11-39. 9 Vgl. z. B. Kalinowski (1973), S. 8 und passim; Pieper (1973), S. 1017; von Kutschera (1982), S. 4 f.; Feldman (1992), S. 736; Alexy (1994), S. 182. l0 Vgl. z. B. von Kutschera/Breitkopf(1971), S. 10; Lichtenberg (1989), S. 189; zu den (weiteren, hier ausgeblendeten) verschiedenen Facetten und Verwendungen des Worts Logik ferner auch Czermak (1980), S. 377382, sowie die Unterscheidung eines weiten (eine Vielzahl unterschiedlicher philosophischer Fragen einschlieBenden) und eines engen (auf formalanalytische Themenstellungen beschr~inkten) Begriffs der Logik bei Feldman (1992), S. 736. i1 Vgl. auch Pieper (1994), S. 218 Herv. im Original: ,,Die Logik entscheidet nur tiber dieformale Gtiltigkeit eines moralischen Urteils oder Arguments, nicht aber tiber dessen moralische Gtiltigkeit.". 12 Vgl. z. B. Lichtenberg (1989), S. 197. 13 So auch Kambartel (1984a), S. 864; Pieper (1994), S. 75; Kr~imer (1995), S. 373. 14 Siehe zur Metaethik und weiteren Nachweisen nochmals oben, S. 17 ff. der vorliegenden Arbeit.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
195
Die analog zur A u s s a g e n l o g i k bestehenden und weiterentwickelten 15 VerknOpfungs- und Analysem/Sglichkeiten normativer S~itze sind f'tir die Z w e c k e der v o r l i e g e n d e n Schrift von nachgeordneter Bedeutung, da logische U n t e r s u c h u n g e n nur die formale Korrektheit von Schlussf olgerungen z u m G e g e n s t a n d haben und von den k o n k r e t e n Inhalten der betrachteten A u s s a g e n abstrahieren 16. So liegt die Einsch~itzung nahe, dass Kodizes, die inkonsistente N o r m e n beinhalten, schlechte V o r a u s s e t z u n g e n f'ttr die angestrebte Ethisierung des Untern e h m e n s besitzen ~7. Positiv formuliert kOnnten konsistente N o r m e n als eine mOgliche Wirks a m k e i t s v o r a u s s e t z u n g gefordert werden Is. Mit solchen (vermeintlichen) Plattittiden soil kein e s w e g s die A n a l y s e der Widerspruchsfreiheit und Vertr~iglichkeit kodifizierter N o r m e n trivialisiert wer den 19. Es ist eher ganz im Gegenteil a n z u n e h m e n , dass die deontische L o g i k
~5 Siehe zur historischen Entstehung der deontischen Logik, ihren wesentlichen Beitragen und noch offenen Kontroversen nur den sehr knappen Abriss bei Feldman (1992), S. 737 f. Dartiber soll nicht verschwiegen werden, dass inzwischen zwar nicht mehr die M/)glichkeit einer Logik filr Normen [vgl. z. B. Ross (1968), S. 143; Morscher (1980), S. 455, sowie zum normenlogischen Skeptizismus ausfiahrlich Weinberger (1992), S. 431-497, insb. S. 432 f.], vereinzelt wohl aber die Erforderlichkeit einer gesonderten deontischen Logik in Frage gestellt wird, da und soweit sich die deontischen Operatoren durch normale Pradikate definieren lieBen [vgl. Alexy (1991), S. 95 Fn. 169; Alexy (1995), S. 21 f. m. w. N. ~ r und wider das Erfordernis einer gesonderten Normenlogik, sowie Forrester (1996), S. 19 f., und dazu die Gegentiberstellung von Normativismus und Reduktionismus bei Weinberger (1977), S. 180 f.]. Dieser Streit ist insoweit unerheblich, als in einem solchen Falle dennoch eine Normenlogik im hier verstandenen Sinne verfi~gbar ware, die sich dann gleichwohl ausschlieBlich der Sprache der normalen Logik bedienen miasste. ~6 Vgl. nur Brandt (1959), S. 18: ,,Perhaps the Devil is perfectly consistent, but all his ethical principles are incorrect.". ~7 Damit ist auch gesagt, dass Kodizes als Normenkataloge keine Ansammlung beziehungsloser Normen darstellen, sondern systemisch zu verstehen sind. Es handelt sich mit anderen Worten um Normensysteme, das heiBt eine Menge von Normen, zwischen denen Beziehungen oder Strukturen bestehen bzw. herstellbar sind [siehe zum Begriff des Normensystems z. B. von Kutschera (1973), S. 28, der ethische Kodizes explizit als Beispiel ~ r ein Normensystem nennt, sowie Lautmann (1971), S. 65; Weinberger (1977), S. 183; Raz (1990), S. 9 und passim; Sieckmann (1990), S. 21 m. w. N.]. ~s Es ist bewusst nur von einer mOglichen Voraussetzung gesprochen worden, da die logische Gtiltigkeit zwar als eine notwendige Bedingung fi~r die Begrtindung einer Norm angesehen werden mag [vgl. z. B. Hoerster (2003), S. 73 Herv. im Original: ,,So wichtig Widerspruchsfreiheit und systematischer Zusammenhang als notwendige Kriterien Far den Erweis von moralischer Erkenntnis auch sein mOgen, hinreichend sind sie nicht.", siehe zur Forderung iogischer Korrektheit (bzw. nach ,,L-Rationalitat") auch Peczenik (1989), S. 56: ,,L-rationality is a minimum demand. A >>justification<< based on either inconsistent or linguistically incorrect premises is obviously worthless.", auBerdem in diesem Sinne zur Beziehung zwischen den Begriffen der BegrUndung und der logischen Folge Alex), (1995), S. 17, sowie fernerhin Brandt (1959), S. 19 im Original z. T. kursiv: ,,inconsistent ethical convictions cannot be accepted ... On the other hand, a consistent set is not necessarily valid either; consistency is not enough."], die BegrOndung der Norm aber - wie bereits mehrfach hervorgehoben wurde (siehe insb. nochmals oben, S. 24 ft. der vorliegenden Arbeit) - mitnichten auf ihre Befoigung durchschlagen muss. Noch kritischer Kra'mer (1995), S. 23 Herv. im Original, wonach logische Analysen nicht nur die Geltungsproblematik ausgeblendet belassen, sondern zur Sttitzung der Unbedingtheit eines moralischen Sollens kaum beitragen kOnnen: ,,Die Logik liefert nur hypothetisch-technische Imperative, die angeben, wie ich denken muB, wenn und soweit ich denken und dartiber hinaus richtig denken will (was ich so wenig unbedingt zu tun brauche wie bauen oder richtig bauen".]. 19 Siehe naher zu diesen Konsistenzkriterien z. B. von Kutschera (1973), insb. S. 29 f. Danach ist ein Normensystem logisch widerspruchsfrei, wenn es keinen Satz enthalt, sodass sowohl eine Eigenschaft A als auch die Negation von A folgt. Die deontische Widerspruchsfreiheit setzt voraus, dass es in dem System keinen Satz gibt, sodass folgt, dass A und gleichzeitig auch nicht A geboten sind [vgi. auch Bulygin/Alchourr6n (1977), S. 23 f.; Weinberger (1977), S. 184].
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
durchaus beweiskr~iftige A n a l y s e m e t h o d e n bereith~ilt 2~ mit denen sich in Kodizes der Untern e h m e n s p r a x i s W i d e r s p ~ c h l i c h k e i t e n aufdecken und in der Folge die N o t w e n d i g k e i t e n begrtinden lassen, bestimmte N o r m e n modifizieren 21 oder den K o d e x (beispielsweise u m Gewichtungsregeln) erganzen zu mtissen 22. Logisch konsistente K o d i z e s sind j e d o c h nicht zwingend wirksam, weshalb eine logische Analyse eine u n z u r e i c h e n d e Verktirzung der T h e m a t i k darstellen wtirde und die f'tir die Ethisierung faktisch relevanten Einflussfaktoren nicht verdecken darf. B e d e u t s a m ist der Eintritt in den n o r m e n l o g i s c h e n Parcours an dieser Stelle daher lediglich insofern, als sich a u f diese W e i s e die Elemente einer N o r m systematisch erschlieBen lassen. Das Interesse gilt d e m z u f o l g e den wesentlichen K o m p o n e n t e n einzelner N o r m e n , nicht aber ihren Verkntipfungsm6glichkeiten, die in der deontischen Logik g e m e i n h i n im Vordergrund stehen. Dies ist auch der G r u n d daftir, dass sich die nachfolgende Darstellung an der Notation y o n Geiger orientiert 23, die sich z w a r -
im G e g e n s a t z zu den dahinter stehenden Oberlegun-
gen 24 - nicht sehr w e i t g e h e n d durchgesetzt hat und nicht der in der deontischen Logik vorherrschenden entspricht 25. Die verwendete Notation ist j e d o c h in b e s o n d e r e m MaBe geeignet, die K o m p o n e n t e n einer N o r m sichtbar zu m a c h e n 26.
20 Alexy (1995), S. 22, spricht von der ,,analytischen Kraft" der deontischen Logik. 21 Vgl. zur Bedeutung des Kriteriums der Konsistenz ~r die Einsch~itzung der Angemessenheit ethischer Normen(kataloge) z. B. auch Brandt (1959), S. 16 f.: ,,If someone uncovers an inconsistency in our ethical views, we feel he has made a moral thrust; something must then be changed.". 22 Siehe dazu auch die nachfolgenden (von normenlogischen Betrachtungen losgelOsten) Ausf'tihrungen auf S. 225 und S. 258 der vorliegenden Arbeit. 23 Vgl. Geiger (1964), insb. S. 49-91. 24 Siehe z. B. bereits Lautmann (1971), S. 63: ,,Ira ganzen ist Geigers Buch die umfassendste und wichtigste Abhandlung zur Norm und zu den anschlieBenden Phfinomenen.". 25 Es wird daher nachstehend zumindest ~r die Grundlegungen eine Obersetzung in die t~bliche(re)n deontischen Formulierungen dargeboten [siehe insb. S. 198 Fn. 31 und Fn. 35 der vorliegenden Arbeit sowie dazu auch Eichner (1981), S. 26, 29 f.]. Dabei ist einschrfinkend anzumerken, dasses durchaus abweichende Versionen und Notationen der deontischen Logik gibt [vgl. z. B. Kalinowski (1973), insb. S. 5, 136; Forrester (1996), S. 1]. Dies lfisst unbertihrt, dass die im Folgenden aufge~hrten Komponenten von Normen jedoch weitgehend unumstritten sind [vgl. z. B. auch ganz ~hnlich von Wright (1979), S. 79, der sechs Komponenten einer Norm nennt: den Charakter, den Inhait, die Anwendungsbedingung, den Normgeber, den Normadressaten und die Situation, sowie Raz (1990), S. 50, oder bereits von Wright (1963b), S. 159; Rommetveit (1968), S. 44 f., und Spittler (1967), insb. S. 19 f., der den Normbegriff allerdings abweichend zusatzlich an Sanktionen bindet, was - wie sp~ter noch dargelegt wird (siehe im Einzelnen unten, S. 267 ff. der vorliegenden Arbeit) - als weder systematisch noch zweckm~iBig zu erachten ist]. 26 Anders als die Umgangssprache zwingt die Verwendung einer symbolisierten Fachsprache dazu, einem Zeichen eindeutig einen bestimmten Begriff zuzuweisen. Eine solche Notation kann daher eine begriffiiche Klarung schaffen, die sich mit den tiblichen sprachlichen Ausdrucksmitteln nicht erreichen lfisst [vgl. zu den Vorteilen einer Symbolisierung auch Lachmayer (1977), S. 18 f.].
Gestaltungsdimensionen untemehmensethischer Kodizes
2.
197
Formalanalytische Betrachtungvon Normen N o r m e n b e i n h a l t e n S/atze, die Standards fi,ir m e n s c h l i c h e s V e r h a l t e n ausdrticken. Der Inhalt
einer N o r m l/asst sich z u n ~ c h s t durch das S c h e m a ,,s ~ h" ausdriacken 27. D a n a c h folgt a u f eine Situation s die H a n d l u n g h 28, w o b e i die S y m b o l e ,,s" u n d ,,h" j e w e i l s ftir eine Situation bzw. H a n d l u n g eines b e s t i m m t e n T y p s stehen. D a eine N o r m u n d nicht j e d e beliebige V e r h a l tensregularit/~t zu k e n n z e i c h n e n ist, m u s s die H a n d l u n g s f o l g e gesollt, das heiBt n o r m a t i v verbindlich sein 29. Eine N o r m liegt d e m n a c h erst d a n n vor, w e n n das M o d e l l s ~ h mit V e r b i n d lichkeit auftritt. Dies lasst sich formal notieren als ,,(s ~ h)v" 30. In einer Situation s soil d e m -
27 Siehe zu der nachfolgenden formallogischen Darstellung Geiger (1964), S. 49-91. Die Terminologie und Notation werden an den Stellen ge~indert oder erg~nzt, wo es fl~r die vorliegende Untersuchung zweckm~iBig ist [~hnlich ver~hrt z. B. auch Popitz (1980), insb. S. 38]. Beispielsweise wird auf die EinRihrung eines (aitmodisch anmutenden) Gebarens ,,g" verzichtet und stattdessen von Handlungen ,,h" gesprochen [siehe zur Gleichwertigkeit dieser Begriffe Lautmann (1971), S. 56]. Zum einen k0nnen die verschiedenen deontischen Satze als Handlungsnormen verstanden werden. Unter die Handlungskategorie lassen sich danach Gebote, Verbote und Erlaubnisse subsumieren [siehe im Einzelnen sogleich Fn. 30 sowie zu den damit verbundenen Weiterungen auch yon Wright (1977), S. 119 f.]. Zum anderen wird mit dieser Begriffswahl die unmittelbare Anschluss~higkeit der normenlogischen Betrachtung an handlungstheoretische Konzeptionen deutlich [siehe zum Handlungsbezug yon Normen aus dem soziologischen Schrifttum nur Coleman (1991 ), S. 318, sowie zur weiten Verbreitung des Handlungsbegriffs als Grundbegriff des Norminhalts Weinberger (1977), S. 194, und ebenso die Feststellung von Quante (2003), S. 33, ,,der weit verbreiteten Einschr~inkung des Bereichs yon >~geboten<< auf Handlungen bzw. Handlungsweisen"]. 28 Generell besagt der Pfeil, dass auf das links Voranstehende das rechts Nachstehende folgt. Er bezeichnet also das Konditional (,,wenn-dann"). 29 Siehe ebenso start vieler Dreier (1981), S. 220: ,,Geht man vom Begriff der Norm als Vorschrilt aus, so sind bloB faktische VerhaltensgleichfOrmigkeiten als ))statistische Normen<< noch keine Normen im eigentlichen Sinne. Vielmehr werden sie zu solchen erst dann, wenn sie mit Verbindlichkeitsanspruch auftreten."; femer z. B. Hart (1975), S. 9 f.; Hoerster (1983), S. 587; MacCormick/Weinberger (1985), S. 62; Simon (1987), S. 78; Hetcher (1992), S. 910; Cooter (1995), S. 63; Lamnek (1996), S. 17; McAdams (1997), S. 350; Zoglauer (1998), S. 25. 30 Geiger (1964), S. 62, bezeichnet s --~ h auch als Normkern und v als Normstigma [vgl. ~ihnlich von Wright (1979), S. 79, wonach Charakter, lnhalt und Anwendungsbedingungen den Normkern ausmachen, sowie Lautmann (1971), S. 57, der die Verbindlichkeit von Normen unter den Begriff des normativen Elements subsumiert]. In der deontischen Logik ist es tiblich, dartiber hinaus einen deontischen Operator einzufuhren, um kenntlich zu machen, ob die Handlung h geboten [das heiBt: ,,O(h)"], verboten [,,F(h)"] oder erlaubt [,,P(h)"] ist. Dabei stehen die Symbole ,,O", ,,F" und ,,P" ~ r Obligation, Forbiddenness bzw. Permission. Die Notation O(h) - oder einfacher [siehe zur Bindungsstarke der Operatoren und den notwendigen Klammerregeln z. B. von Kutschera (1973), S. 16 f.]: Oh - bedeutet demnach: Es ist geboten, die Handlung h durchzufiihren. Im Weiteren kann auf die Sichtbarmachung dieser deontischen Modalitaten verzichtet werden, da der deontische Charakter der Handlungsfolge allgemein durch die Verbindlichkeit der Forderung zum Ausdruck kommt (,,h ist gesoilt."). Bei dieser Notation sei die bisweilen als strittig angesehene Frage ausgespart, ob der deontische Operator - wie es der wohl vorherrschenden Meinung entspricht [anderer Ansicht z. B. Ross (1968), S. 167 f.] - hinter dem Konditional zu platzieren ist [siehe dazu Alexy (1995), S. 20 f. Fn. 26 m. w. N.; ferner auch von Kutschera (1973), S. 24-28; Weinberger (1977), S. 196 f.]. Eine weitergehende Differenzierung der drei deontischen Grundmodalit~ten ist vor allem deshalb entbehrlich, da auch die deontischen Grundbegriffe gegenseitig definierbar sind. Sie mtissten daher nicht alle eingefiihrt werden, sondern es wOrde (irgend)einer von ihnen ausreichen [vgl. Sieckmann (1990), S. 36; Alexy (1994), S. 184]. So lasen sich Verbote und Erlaubnisse auf Gebote zurtickfi~hren [vgl. von Kutschera (1982), S. 1, 3]. Eine Handlung ist verboten [F(h)], wenn es geboten ist, sie zu unterlassen [O(-~h), wobei ,,--," die Negation des Nachstehenden, also ,,nicht" symbolisiert]. Eine Handlung ist erlaubt [P(h)], wenn sie nicht verboten ist, das heiBt, wenn es nicht geboten ist, sie zu unterlassen [-~O(-~h)].
198
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
gem~.B die H a n d l u n g h verbindlich sein bzw. durchgef'tihrt werden 31. Die Handlung, a u f die sich die N o r m bezieht, wird auch als Fokalhandlung bezeichnet 32. N o r m e n lassen sich nun offensichtlich nach dem Kreis der Personen unterscheiden, f'dr die eine Verbindlichkeit zum Ergreifen der gesollten Handlung besteht. Dieser Personenkreis bildet die Gruppe der N o r m a d r e s s a t e n (,,AA") 33. Da N o r m e n moralischen Anspruchs sich nicht nur an einzelne Personen richten, ist der adressierte Personenkreis stets grOBer 134. Der Plural wird durch die Duplizierung des Adressatensymbols A kenntlich gemacht. Formal ergibt sich dann: (s ~ h)v A A . Damit wird zu erkennen gegeben, dass in der Situation s die Adressaten A A die Handlung h durchfOhren sollen 35.
Darfiber hinaus ist es m6glich, dass die Handlungsweise (s --+ h) ffir die N o r m a d r e s s a t e n A A nur gegenfiber einer bestimmten Kategorie von Personen verbindlich sein soil. Diese Per-
sonengruppe wird als Normbenefiziare designiert, da die N o r m zu ihren Gunsten gilt, und durch ,,BB" symbolisiert 36. Formal kann eine solche N o r m durch ,,(s --y h)v A A / B B " zum Ausdruck gebracht w e r d e n 37. Ffir den Fall, dass die Adressaten und Benefiziare verschieden sind, kann von disjunkten N o r m e n gesprochen werden. Bei konjunkten N o r m e n hingegen ist die Gruppe der Adressaten und Benefiziare deckungsgleich 38. Sofern keine Festlegung bezfiglich
3~ Die Formalisierung der deontischen Logik schreibt da~r: ,,(x) (Sx ~ OHx)". Dabei steht ,,x" ~r eine Individuenvariable und ,,(x)" ~r den Allquantor, der besagt, dass ~ r alle x das Nachfolgende (rechts von ihm Stehende) gilt. Fernerhin ist es t~blich, ~r Individuen oder Individuenvariablen kleine Buchstaben zu verwenden, wahrend Pr~.dikate, das heiBt: die Ausdrt~cke eines Satzes, die nach Abtrennung der Individuennamen t~brigbleiben [vgl. z. B. von Kutschera/Breitkopf(1971), S. 72], durch GroBbuchstaben symbolisiert werden [vgl. z. B. von Kutschera (1973), S. 17 f.; Sieckmann (1990), S. 11; Borowski (1998), S. 68 Fn. 54]. Die Formel dr~ckt demnach aus, dass alle x, die sich in einer Situation S befinden, entsprechend H handeln sollen, bzw. unter Beibehaltung der konditionalen Formulierung: Wenn x sich in einer Situation S befindet, soil x entsprechend H handeln. 32 Vgl. Coleman (1991), S. 318. 33 So z. B. auch Spittler (1967), S. 14; Lautmann (1971), S. 64; Kelsen (1979), S. 7; von Wright (1979), S. 85; Hoerster (1983), S. 589; Simon (1987), S. 60; Zoglauer (1998), S. 34 f., 39; Hoerster (2003), S. 45. Coleman (1991), S. 318, spricht - weniger gebrfiuchlich - von den Zielakteuren einer Norm; Rommetveit (1968), S. 44, verwendet die Bezeichnung Normempfanger. 34 Es ist ~r die Zwecke dieser Untersuchung somit unergiebig zu debattieren, ob und inwieweit im Falle individueller Adressaten sinnvoll von Normen gesprochen werden kann, wenngleich eine solche Terminologie wie z. B. Keuth (1974), S. 64, bemerkt- eher unt~blich ist. 35 Aus~hrlicher: Sofern (die Situationsbeschreibung) s zutrifft, sollen die AA so handeln, dass ihr Handeln (der Handlungsbeschreibung) h genOgt [siehe auch Kambartel (1984b), S. 1030]. Die zugehOrige Fortschreibung der Notation der deontischen Logik ergibt: ,,(x)(Sx/x Ax--40Hx)". Dabei steht ,,A" ~r die Konjunktion (,,und"). Demnach gilt: Wenn x sich in einer Situation S befindet und x zur Gruppe A gehOrt, soil x entsprechend H handeln. 36 Dieser Begriff ist von Geiger (1964), S. 62, einge~hrt worden [vgl. Raiser (1995), S. 202 Fn. 37, ferner Spittler (1967), S. 14; Popitz (1980), S. 41; R6hl (1987), S. 201 f., oder Simon (1987), S. 101, der yon einem ,,Schutzobjekt" der Norm spricht]. 37 Dabei zeigt der Schrfigstrich (bzw. Bruchstrich) an, dass die Handlungen der aktiven, links (oben) stehenden GrOBe auf die passive, rechts (unten) stehende GrOBe einwirken. 38 In Anlehnung an Coleman (1991), S. 319 f., der weiterhin darauf hinweist, dass vollstfindig disjunkte und vollstfindig konjunkte Normen letztlich die Extrempositionen auf einem Kontinuum darstellen, da die Inklusi-
Gestaltungsdimensionen untemehmensethischer Kodizes
199
der Benefiziare beabsichtigt ist, wird nach dem Schr/agstrich statt BB das Symbol ,,-" eingesetzt. Die Verwendung dieses Symbols besagt, dass die Normadressaten eventuell (nur) gewissen Benefiziaren gegentiber verpflichtet sind. Fiar die entsprechende Norm gilt die Notation: (s ~ h)v AA/-. Damit wird die Gialtigkeit der Norm nicht von dem Vorhandensein von Benefiziaren abh/angig gemacht und dennoch die MOglichkeit ihres Vorhandenseins berticksichtigt. Die Schreibweise (s ~ h)v AA/+ schlieBt somit sowohl Normen ein, denen die Kategorie der Benefiziare fehlt [das heiBt: (s --~ h)v AA], als auch solche, die lediglich zugunsten einer benefizi/aren Gruppe von Personen gtiltig sein sollen [(s ~ h)v AA/BB]. Die Gruppe der Benefiziare ist weder mit den NutznieBem einer Norm gleichzusetzen 39 noch mit den Akteuren zu verwechseln, welche der Norm zur Durchsetzung verhelfen sollen 4~ Die NutznieBer sind empirisch zu ermitteln, da und soweit diese Kategorie diejenigen Personen umfasst, denen die Normbefolgung ntitzlich ist. Die Kategorie der NutznieBer bezeichnet also die Gesamtheit der Akteure, die v o n d e r (Einhaltung der) Norm profitieren. Es ist (zumindest for moralisch relevante Normen) zwar plausibel anzunehmen, dass die Norm den Benefiziaren tats~ichlich ntitzen soil. Dies ist allerdings nicht zwingend, da die Kategorie der Benefiziare lediglich zum Ausdruck bringt, dass ein bestimmtes Verhalten nicht generell, sondem nur gegentiber (,zugunsten') dieser (mehr oder weniger weitreichend) abgegrenzten Gruppe normiert ist. Die Abgrenzung der Benefiziare erfolgt mithin losgel6st von den tats~ichlichen Konsequenzen der Normbefolgung und Regelungen zur Normdurchsetzung. Folglich kann durchaus sogar ein solches Verhalten eingefordert sein, das den Benefiziaren Nutzenbeschrgnkungen auferlegt. Dariaber hinaus ist es selbst dann, wenn die Benefiziare von der Normgeltung faktisch profitieren, nicht ausgeschlossen, d a s s e s zus~itzlich weitere Personen gibt, die aus der Norm einen Nutzen ziehen k6nnen al. Normen k6nnen in S~itzen, das heiBt in Worten ausgedrtickt werden. Die in Worten ausgedriackte Norm, das heiBt der Normsatz 42 wird durch die Formel ,,w[(s-~ h)v AA/+]" be-
onsbeziehungen zwischen den beiden Gruppen beliebig variierbar sind. Popitz (1980), S. 42, bezeichnet Normen, deren Adressaten zugleich auch Benefiziare und deren Benefiziare gleichzeitig auch Adressaten sind, als ,,reziproke Normen". 39 Siehe dazu nur Coleman (1991), S. 319. 40 Dennoch ist es gleichwohl mOglich, dass diese Gruppen sich iaberschneiden oder sogar identisch sind. 41 Vgl. z. B. auch Popitz (1980), S. 41. Nachrichtlich sei erg~inzt, dass der Begriff des Benefiziars in der Organisationstheorie keineswegs unbekannt, wenn auch eher im Sinne von NutznieBer gefasst ist, da Blau/Scott (1963), insb. S. 42 f., eine Organisationstypologievorgeschlagen haben, bei der vier Organisationstypen danach unterschieden werden, welche Gruppe von ,Benefiziaren' (Mitglieder, EigentUmerbzw. Leitung, Klienten oder die allgemeine Offentlichkeit) von der Organisation im Besonderen profitiert. 42 Vgl. zum Begriff des Normsatzes und der Unterscheidung von Norm und Normsatz auch nochmals oben, S. 32 der vorliegenden Arbeit, sowie Lenk (1974), S. 113; Weinberger (1977), S. 208 Anm. 6; Riedel (1979), S. 53; Morscher (1980), S. 452; MacCormick/Weinberger (1985), S. 63; Peczenik (1989), S. 270; Penski (1989), S. 106; Aarnio (1990), S. 181 f.; Buchwald (1990), S. 159; Sieckmann (1990), S. 26; Enderlein (1992), S. 27; Weinberger (1992), S. 356 f. Fn. 3; Alexy (1994), S. 45 f.; Dorndorf(1995), S. 128; Borowski (1998), S. 109; Borowski (1998b), S. 309 Fn. 8; Zoglauer (1998), insb. S. 17, 38-40; Sieckmann (1999), S. 743; Alexy (2000), S. 40; Ott (2001), S. 43; Hoerster (2003), S. 43.
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
200
stimmt 43. Sofern die N o r m augerdem nicht nur durch miandliche Kommunikation tibermittelt wird, sondern in Schriftform festgehalten ist, kann dies mittels der Indizierung ,,Schrifi" symbolisiert werden: WSchri~[(S ~ h)v AA/+]. Schlief31ich kann nach der Herkunft einer N o r m gefragt werden. Ist die N o r m bewusst durch ein entsprechend bef~ihigtes Subjekt gesetzt worden, so wird diese Instanz (des Normgebers,-setzers oder-stiflers) mit ,,O" bezeichnet 44. Formal lassen sich derartige N o r m e n daher zusammengefasst ausdrticken als: O ." Wschrift[(s -4 h)v AA/+] 45. Nach dieser Schreibweise ist es unerheblich, ob die normsetzende Instanz lediglich eine bereits geltende (informelle) N o r m in Schriftform zum Ausdruck bringt oder von den Normadressaten neue Handlungsweisen einfordert. Sofern die Verbindlichkeit der N o r m unstrittig erscheint, kann im ersten Fall von einer Deklaration gesprochen werden, da durch die Schriftfassung nur eine ohnehin bereits bestehende N o r m zum Ausdruck gebracht wird. Im zweiten Fall handelt es sich hingegen um die Proklamation einer Norm, da das Modell s --~ h erst durch seine Verktindung ftir die Adressaten verbindlich wird 46.
3.
Typologisierungsrelevante Merkmale unternehmensethischer Kodizes Generell lassen sich N o r m e n - d e r Form O ." WSchrift[('S ~
h)v AA/+] -
nach ihren Elemen-
ten klassifizieren. Dabei scheiden bestimmte Elemente als Grundlage der gesuchten Typenbildung aus, da ihre Auspr~igungen durch die zugrundegelegte Kodexdefinition bereits eindeutig festgelegt und nicht erst durch die Gestaltungsentscheidungen des Unternehmens zu bestimmen sind 47. Untemehmensindividuelle Kodizes, die sich als formale, schriftlich gefasste (wschri~) Normenkataloge an s~imtliche Mitarbeiter des Unternehmens richten (AA) und durch den Beschluss der Unternehmensleitung wirksam werden (O), kOnnen folglich ganz oftensichtlich weder nach ihrem Formalisierungsgrad noch nach Normadressaten oder -setzer differenziert werdena8.
43 Der Buchstabe ,,w" symbolisiert dabei generell die w0rtliche Kundgabe des nachfolgend aufge~hrten Inhalts. 44 Vgl. n~.her zur Instanz des Normgebers auch Popitz (1980), S. 45, oder Simon (1987), S. 52-59. 45 Der Doppelpunkt steht dabei fiir ,,gibt zu erkennen", ,,tut kund", ,,verktindet". 46 Vgl. zur Unterscheidung deklarativer und proklamativer Norms~itze Geiger (1964), S. 64. Es sei angemerkt, dass sich die Bedeutung deklarativer und proklamativer Wortnormen von der Terminologie bei Geiger (1964), S. 85 f., unterscheidet, der dem deklarativen Ausdruck keine selbst~indige Bedeutung beimisst und die Normsetzung daher ~r die Proklamation reserviert. Dies erscheint insofern wenig zweckm~if3ig, als nicht auszuschliel3en ist, dass eine Deklaration durchaus handlungsrelevante Konsequenzen implizieren und damit die Geltung der Norm beeinflussen kann. 47 Siehe zur Explikation des Kodexbegriffs oben, S. 31 ff. der vorliegenden Arbeit. 48 Da die Auspragungen bei diesen Komponenten nicht variieren k6nnen, ohne die Exaktheit des Explikats aufzuheben, ist es insoweit auch unerheblich, dass die Abgrenzung der Komponenten durchaus nicht immer willktirfrei m6glich ist [siehe dazu sehr anschaulich Ross (1968), S. 107 f.; ferner auch Kalinowski (1973), S. 12 f.; Raz (1990), S. 50]. So lassen sich notwendige Eigenschaften der Normadressaten (AA: Alle Deutschen, die das 18. Lebensjahr vollendet haben.) auch mittels des Situationstyps festlegen (s: Sofern A das 18. Lebensjahr tiberschritten hat; mit AA: Alle Deutschen). Diese Abgrenzungsprobleme verbleiben ebenso bei tibli-
Gestaltungsdimensionen untemehmensethischer Kodizes
201
Stattdessen bieten sich zun/achst die im Kodex normierten Aussagen (s --~ h)v und insbesondere der Normkern als Grundlage einer Gruppenbildung an (Abschnitt II.). Hinsichtlich der normierten Aussagen ist zum einen ihr materieller Inhalt, das heiBt ihre Themenstruktur 49, und zum anderen ihre formale Gestalt zu betrachten. Bei den kodifizierten Themenstellungen werden die Befunde empirischer Untersuchungen kritisch diskutiert 5~ Es zeigt sich, dass eine Konsolidierung der Ergebnisse schwierig und aufgrund der Vielfalt der unternehmerischen und ethischen Praxis wenig zielftihrend ist. Ftir die Herausarbeitung von Kodextypen kommt der formalen Gestalt der Aussagen deshalb vorrangige Bedeutung zu 51. Hierbei geht es vor allem um die Sprache, die Fundierung und die Konkretheit unternehmensethischer Kodizes. Da formale Merkmale der Sprache und der kognitiven Qualit/at von Kodizes entweder keine sinnvolle Variabilit~it zulassen, da tiber ihre sich empfehlenden Auspr~igungen kaum Dissens herrscht, oder sie zu idiosynkratisch sind und sich daher f'tir eine erste Typenbildung nicht zuvorderst anbieten, soll die Herleitung einer zweckmaBigen Kodexdifferenzierung sich erstens auf das Konkretisierungsniveau der kodifizierten Normen beziehen und regel- von prinzipienartigen Kodizes abgrenzen. Eine Normanalyse muss zun~ichst an der Norm selbst ansetzen 52. Die Unterscheidung unternehmensethischer Kodizes soll jedoch nicht nur eine normentheoretische Klassifizierung widerspiegeln, sondem Beztige zur Effektivit~it dieses Implementierungsinstruments herstellen 53. Neben dem Norminhalt und den Elementen, die unmittelbar zu der Norm selbst z~hlen, ist daher zweitens zu differenzieren, wie die Setzung der Norm ausgestaltet ist, um die angestrebte Verhaltenswirksamkeit zu erreichen (Abschnitt III.). In Hinblick auf diese Gestaltungsdimension der Normimplementierung lassen sich geltungstheoretisch Kodizes, deren Durchsetzung auf restriktionsbasierten MaBnahmen wie der Anreiz- und Sanktionsgestaltung basiert, von solchen abheben, die durch eine pr~iferenzbezogene Anerkennung und Internalisierung bei den Kodexadressaten wirksam werden (sollen). Die Fokussierung dieser Dimension ist zum einen geboten, da der grundlegenden Orientierung bei der Geltendmachung von
cheren Notationen [vgl. nur Eichner (1981), S. 15, 26, der zwischen der Mitgliedschaft in einem bestimmten Kollektiv und dem Vorhandensein einer bestimmten Situation unterscheidet, sowie oben S. 198, Fn. 35] und verflilchtigen sich erst dann, wenn auf inhaltlich motivierte Zuordnungsversuche der jeweiligen Anwendungsbedingungen einer Norm verzichtet wird. Ein solches Modell ware theoretisch sch/trfer, jedoch gleichzeitig wenig aussagekratiig, da es eine Zergliederung von Normen und eine Analyse ihrer Komponenten ausschlieBt. 49 Thomas (1997), S. 56, umschreibt die thematische Struktur anschaulich als ,,what the message is about".
50 Siehe S. 202 ft. der vorliegenden Arbeit. 51 Siehe S. 238 ff. der vorliegenden Arbeit. 52 Vgl. z. B. Ross (1968), S. 106: ,,The analysis of a norm is concerned with the norm itself and must be kept distinct from the description of the factual background of the norm, that is, of those social conditions on which the existence of the norm depends.". 53 Vgl. auch- in Hinblick auf universit/tre Ehrenkodizes- McCabe/Trevino (1993), S. 525: ,,Because codes vary extensively in their content and implementation, other contextual factors may influence academic dishonesty beyond the mere existence of a code.".
202
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Ethik-Kodizes erweislich grOBere Bedeutung zukommt als der Vielzahl (entsprechend idiosynkratischer) sonstiger Einzelmerkmale 54, nach denen sich Kodizes weiterhin differenzieren lieBen. Zum anderen macht die Diskussion der vorgenommenen Unterscheidung ferner deutlich, dass einige der nicht explizit betrachteten Merkmale der formalen Normgestalt mit diesen Ausprfigungen der Normsetzung durchaus korrelieren.
II. Norminhalt 1.
Themenstruktur
a)
Methodik relevanter Untersuchungen Nach den vorstehenden Er6rterungen fiber die Ursachen und Funktionen unternehmens-
ethischer Codes 55 stellt sich die Frage nach ihrer inhaltlichen Ausgestaltung in der Unternehmenspraxis. Dabei ist zum einen zu erwarten, dass die thematischen Inhalte der Kodizes die Ursachen widerspiegeln, die ihre Etablierung begrfindet haben. Zum anderen kann eine solche Betrachtung geeignet sein, um Rfickschlfisse darfiber zu gewinnen, inwieweit die Zielsetzung einer Ethisierung des Unternehmens angestrebt wird. Im Zuge dieser Auseinandersetzung gilt es zu klfiren, ob Eigenschaften der Themenstruktur zur Klassifizierung unternehmensethischer Kodizes sinnvoll verwertbar sind. Im Verlauf dieser Arbeit ist bereits wiederholt darauf hingedeutet worden, dass empirische Erhebungen
tiber Kodizes
zum
einen durchaus
sehr zahlreich und fiberwiegend US-
amerikanisch sind 56, zum anderen jedoch im Regelfall auf einem einfachen deskriptiven Niveau verharren 57. Diese Einsch~.tzung wird durch die vorliegenden Beitr~.ge fiber die Themenstruktur unternehmerischer Kodizes ebenfalls bestfitigt, die mehrheitlich auf Inhaltsanalysen basieren s8 und vereinzelt, insbesondere yon universit~.tsexternen Autoren als Fragebogenuntersuchung konzipiert worden sind.
54 Siehe hierzu nur Trevino/Weaver/Gibson/Toffler (1999), S. 131 : ,,we found that specific characteristics of the formal ethics or compliance program matter less than broader perceptions of the program's orientation toward values and ethical aspirations.". ~5 Siehe oben, S. 115 ft. der vorliegenden Arbeit. 56 Gfinzlich unverstfindlich ist daher, wieso Gaumnitz/Lere (2002), S. 37, noch jt~ngst behaupten, dass ,,[m]ost of the studies [about codes of ethics, T. Y.] of individual companies ... have involved or been limited to entities outside the United States.". 57 Vgl. nochmals oben, S. 43 ff. und S. 121 ff. der vorliegenden Arbeit, sowie die fihnlichen Einschfitzungen yon Weber (1993), S. 425, oder Alderson/Kakabadse (1994), S. 433, und (mit allerdings Ubertriebener Schfirfe) Gaumnitz/Lere (2004), S. 329: ,,Hallmarks of the scientific method of investigation ... tend to be absent in articles devoted to codes of business ethics. Although rudimentary counts and categorizations have been used in some descriptive/exploratory studies .... the ability to comprehensively capture the complexities inherent in most codes of business ethics remains in its infancy.". 58 So auch Stevens (1994), S. 63.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
203
Inhaltsanalytische Auswertungen 59 untemehmensethischer Codes der Praxis beschranken sich durchweg darauf, die kodifizierten Normen bestimmten Kategorien zuzuordnen, die entweder im Vorhinein (deduktiv) gebildet oder im Verlauf der Untersuchung (induktiv) konstruiert worden sind 6~ Dabei erf~ihrt gemeinhin weder die Validit~it der entwickelten Kategorien, deren Operationalisierung selten ver6ffentlicht und off vermutlich als entbehrlich angesehen worden ist 61, noch die Reliabilit/at der vorgenommenen Zuordnung eine weitere Problematisierung 62. Wenngleich Fehlinterpretationen der aufgetretenen Themenstellungen im Regelfall wenig wahrscheinlich sein m6gen, kann dennoch nicht nachweislich ausgeschlossen werden, dass abweichende Befunde weniger auf substantiellen als auf subjektiven Unterschieden beruhen. Dies erscheint insbesondere dann relevant, wenn sich Inhaltskategorien tiberschneiden, was zumindest bei umfassenderen Kategorienschemata h/aufiger der Fall ist 63. In solchen Konstellationen muss einheitlich bestimmt sein, ob die fragliche Textpassage allen angesprochenen Kategorien zugeordnet oder nur entsprechend der dominanten codiert wird. Im Regelfall schweigen die einbezogenen Studien in ihren publizierten Dokumentationen hiertiber 64 jedoch genauso wie tiber den sonstigen Codierungsprozess 65. Neben Inhaltsanalysen, bei denen die Kategorienzuordnung durch den Forscher erfolgt, wurde die Verbreitung bestimmter Themengebiete in Kodizes seltener auch durch schriftliche
59 Vgl. Chatov (1980), S. 20 f.; White~Montgomery (1980), S. 83; Cressey/Moore (1983), S. 55; Sanderson/Varner (1984), S. 28; Mathews (1987), S. l l0, l l4 f.; Hite/Bellizzi/Fraser (1988), S. 772; Mathews (1988), S. 52 f.; Robin/Giallourakis/David/Moritz (1989), S. 67; Pelfrey/Peacock (1991), S. 15; Kaye (1992), S. 859 f.; Lefebvre/Singh (1992), S. 801; Beneish/Chatov (1993), S. 16 f.; Farrell/Cobbin (1996a), S. 39; Snell/Chak/Chu (1999), S. 288; Wood (2000), S. 288; Carasco/Singh (2003), S. 77 f. 60 Eine Ausnahme, die tiber die rein deskriptive Auflistung der Haufigkeiten kodifizierter Themengebiete hinausgeht, ist die Studie von Robin/Giallourakis/David/Moritz (1989), S. 67 f., die mittels einer Clusteranalyse eine weitere Verdichtung der Inhaltskategorien vornehmen (siehe sogleich, Tabelle 7 und insb. S. 211 der vorliegenden Arbeit), es allerdings gleichwohl vers~iumen, Angaben zur Durchffihrung und Gtite der Clusterung zu dokumentieren. 61 So wohl z. B. auch in der ansonsten aus~hrlicher dokumentierten Erhebung von Snell/Chak/Chu (1999), S. 288, die inhaltliche Themengebiete aus alteren Publikationen entnommen und wfihrend ihrer Analyse bei Bedaft erweitert haben, jedoch keine strenge Abgrenzung der Kategorien prasentieren (k6nnen). 62 Seltene Ausnahmen sind die Studien von Snell/Chak/Chu (1999), S. 290, oder Tucker/Stathakopolous/Patti (1999), S. 293, wobei die letztere allerdings Verbandskodizes zum Gegenstand hatte und in der nachfolgenden Obersicht daher unberticksichtigt bleibt. Nachrichtlich sei erwahnt, dass Gaumnitz/Lere (2004), S. 329, ihren Vorschlag zur Kodexklassifizierung zwar mit einer dezidierten Kritik an der Methodik vorliegender Untersuchungen einleiten (siehe nochmals das w/Srtliche Zitat oben, S. 202 Fn. 57 der vorliegenden Arbeit), die basalen Fragen der Validit~it und Reliabilit~it abet dennoch often lassen, obwohl die Anwendung ihrer Einteilung ebenfalls eine inhaltsanalytische Bestimmung der Norrnen und erfassten Themenstellungen eines Kodex erfordern wilrde. An die Stelle genauerer Operationalisierungen setzen Gaumnitz/Lere (2004), S. 334 f., die Hoffnung, dass ,,one would expect the number of differences of opinion to decline significantly as more experience is gained with classifying codes." [siehe ebenso Gaumnitz/Lere (2004), S. 335 En. 3: ,,Over time the amount of disagreement is apt to decline."]. 63 Vgl. z. B. explizit konzedierend Mathews (1987), S. 115; Mathews (1988), S. 53. 64 Anders z. B. Chatov (1980), S. 21. 65 Vgl. besonders extrem Hite/Bellizzi/Fraser (1988), S. 773 f.
204
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Befragungen ermittelt, bei denen die kontaktierten Untemehmensrepriasentanten anzugeben hatten, welche untemehmensethischen Problemstellungen in ihren Kodizes adressiert werden 66. Diese Methodik verftigt zwar tiber forschungs6konomische Vorteile 67, kann allerdings nur begrenzt detaillierte Inhaltskategorien erfragen, um die Respondenten nicht zu tiberfordem. Eine zusammenfassende Darstellung der methodisch unterschiedlich erhaltenen Befunde erscheint insofern zulfissig, als die in Fragebogenerhebungen kontaktierten Unternehmensrepr~isentanten aufgrund ihrer Position (als Ethikmanager, Mitglied oder Vorsitzender der Gesch~iftsleitung) tiber eine hinreichende Kenntnis ihres Kodexdokuments verftigt haben soilten68. Dennoch ist selbstredend nicht sichergestellt, dass die Angaben tatsachlich auf wahrhaftigen Informationen beruhen, da die angesprochenen Ftihrungskr~ifte den Fragebogen nicht persOnlich, mit nur geringer Sorgfalt oder unter (vermeintlicher) Bescht~nigung ihres Kodex 69 ausgeftillt haben k~nnten 7~ Einschrfinkungen der Vergleichbarkeit ergeben sich aul3erdem daraus, dass die Rtickl~iufe, die mit den beiden Forschungsdesigns erzielt werden, substantiell unterschiedlich sein k6nnen. So mag der Rticklauf von Fragebogenerhebungen zwar dadurch geschm~ilert werden, dass die Beantwortung zumindest gewisse Unternehmensressourcen bindet 71. Da die Unternehmen bei dieser Vorgehensweise jedoch andererseits nicht veranlasst werden, ihren Kodex unternehmensextern zug~inglich machen zu mtissen, fallt zumindest for die Unternehmen eine Teilnahmebarriere, deren Unternehmenspolitik eine Ver6ffentlichung ihrer ethischen Grundsatzdokumente untersagt 72.
66 Vgl. z. B. Ethics Resource Center (1980), S. 263; Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1601 Fn. 255 und S. 1603 Fn. 261; Berenbeim (1992), S. 13 f.; Ethics Resource Center~Behavioral Research Center (1990), S. 1 f.; 23; Higgs/Schreier (1995), insb. S. 103, 105; Murphy (2000), S. 300-303. 67 Dies gilt insbesondere auch deshalb, da Inhaltsanalysen zur Ermittlung der in Kodizes behandelten Themengebiete bislang nur manuell durchgefflhrt wurden und programmierte Vorgehensweisen nicht gfinzlich ohne manuelle Codierungen auskommen werden. 68 Unbe~cksichtigt bleiben daher hingegen unstrukturierte Befragungen, bei denen nicht speziell autorisierte Mitarbeiter angeben sollen, an welche Inhalte ihres Kodex sie sich (spontan) erinnern (k0nnen). Dieses Vorgehen basiert auf einer nicht ausreichend validen Datengrundlage, da und soweit unklar ist, wie versiert die Probanden mit dem Kodex sind. So mtissen z. B. Adams/Tashchian/Shore (2001), S. 207, feststellen, dass mehr als ein Zehntel (11%) der Befragten sich nicht in der Lage sehen, irgendeinen Kodexinhalt wiederzugeben (,,Don't remember anything"). 69 So k0nnen Unternehmensvertreter - im Gegensatz zu neutraleren Kodexlesern - m0glichst viele oder aktuell diskutierte Fragestellungen in ihrem Kodex wahrnehmen (wollen) [vgl. z. B. Marnburg (2000), S. 206, und zum Social Desirability Bias nochmals Zerbe/Paulhus (1987), S. 250; Randall/Fernandes (1991), S. 805; Fernandes/Randall (1992), S. 183]. 7o Keine der bislang vorliegenden Fragebogenerhebungen hat die Reliabilit~it ihrer Befunde durch das Einholen und den Vergleich mehrerer Antworten aus demselben Unternehmen geprtift. 71 Dabei ist relativierend zu berticksichtigen, dass die Kodizes, die den Inhaltsanalysen zugrunde liegen, oft im Zuge von Fragebogenerhebungen angefordert worden sind. 7z Vgl. zu dieser Oberlegung auch bereits oben, S. 44 der vorliegenden Arbeit. Die Angaben tiber die Hfiufigkeit der Unternehmen, die zwar einen Kodex besitzen, diesen allerdings nicht l~r Forschungszwecke zur Ver~gung stellen wollen, schwanken nicht unerheblich. W~ihrend ihr Anteil in der Erhebung von Pelfrey/Peacock (1991), S. 15, bei drei Prozent der antwortenden Unternehmen liegt, berichten andere Studien yon einem bei-
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
205
Ein nach der Erhebungsmethode getrennter Ausweis der Studien ist dessen ungeachtet entbehrlich, da die off mangelhafien Dokumentationen methodischer Untersuchungsdetails den Eindruck nicht zu entkr~iften in der Lage sind, dass sich Unterschiede zwischen inhaltsanalytischen Auswertungen als erheblicher darstellen k~nnten als die Abweichungen, die aus der Verwendung einer anderen Erhebungsmethode resultieren 73. Diese Einsch~itzung wird ferner dadurch erh~irtet, dass Schlegelmilch et al. in ihren Untersuchungen die Kodexinhalte sowohl schrifilich erfragt als auch anhand einer Teilmenge von Kodizes, die ihnen von den kontaktierten Unternehmen iaberlassen wurden, selbst codiert haben 74. Wenngleich die Autoren die Obereinstimmung zwischen den dabei jeweils erzielten Befunden nicht statistisch getestet zu haben scheinen, so weisen sie dennoch die Ergebnisse ohne einschr~nkende Kommentare aggregiert aus, was darauf schliefSen lassen sollte, von einer ausreichenden Vergleichbarkeit bzw. Reliabilit/at der schriftlichen Antworten ausgehen zu dtirfen. Bei der nachfolgenden Interpretation der sogleich in Tabelle 775 angegebenen Themenh~iufigkeiten ist zu bedenken, dass diese H~iufigkeitswerte- wie in der weit tiberwiegenden Mehrzahl der Studien76 _ nur auf der Nennung des jeweiligen Themengebiets in den ausgewerteten
nahe zweistelligen Prozentsatz [vgl. Mathews (1987), S. 110; Mathews (1988), S. 52]. Bemerkenswert ist dabei die Beobachtung, dass die Bereitschafi der Unternehmen, ihren Kodex ~ffentlich zu kommunizieren und konsequenterweise auch fi~r Forschungszwecke zug~nglich zu machen, im Zeitablauf zuzunehmen scheint [vgl. Berenbeim (1992), S. 7; Nash (1992), S. 158; anders hingegen die Befragungsergebnisse von Murphy (2000), S. 301 f., wonach der Anteil der Unternehmen, die ihre Kodexdokumente sowohl intern als auch extern kommunizieren, leicht rtickl~iufig gewesen ist, oder Murphy (1995), S. 733 (53 %); Farrell/Cobbin (1996b), S. 47 (45 %); Arthur Andersen (1999), S. 25 (45 %); Guilldn/Mel~/Murphy (2002), S. 176 (51%), wonach rund die H~ltie der befragten Gesellschaften ihren Verhaltenskodex nicht vertiffentlichen]. 73 Vgl. in diesem Sinne auch Weber (1993), S. 425: ,,These studies tended to report their results without utilizing a consistent categorical framework. Thus, there is limited potential for cross-study comparisons.". 74 Vgl. Schlegelmilch/Houston (1989), S. 15, 15-17; Langlois/Schlegelmilch (1990), S. 522, 527; Schlegelmilch (1990), S. 369, 370-372. 75 Siehe S. 207 ff. der vorliegenden Arbeit. 76 Anders z. B. Beneish/Chatov (1993), S. 18, die fiir jede lnhaltskategorie angeben, wie viele der die Kategorie definierenden Variablen (minimal, maximal und im Mittel) im Kodex auftauchten, und somit im qualitativen Sinne den Detaillierungsgrad der jeweiligen Themenbehandlung wiedergeben. Auch Snell/Chak/Chu (1999), S. 290 f., haben nicht lediglich codiert, ob ein bestimmtes Thema kodifiziert worden ist, sondern ferner in welchem Umfang, den sie durch die Anzahl der dem Thema zuzuordnenden Textzeilen in Prozent der Gesamtl/tnge des Kodex in Textzeilen (das heigt: rein quantitativ) gemessen haben. Mathews (1987), S. 111; Mathews (1988), S. 56 f., unterscheidet bei ihrer Codierung, deren Methodik sp~ter auch von Lefebvre/Singh (1992), S. 801, angewendet wurde, ob die Inhaltskategorien in den analysierten Kodexdokumenten Uberhaupt nicht behandelt, behandelt, detaillierter behandelt oder hervorgehoben behandelt werden. Diese Charakterisierung basiert allerdings anscheinend nur auf der subjektiven Einschatzung der Autorin und wird nicht intersubjektiv nachvollziehbar gemacht. Cressey/Moore (1983), S. 55 f., iiefern zu einer ~hnlichen Klassifizierung, bei der zwischen der einfachen Nennung, der detaillierteren Behandlung und der Hervorhebung eines Themengebiets differenziert wird, zumindest weitere lnformationen. Die detailliertere Behandlung ist dabei ein Maf5 fi~r die (primar wohl quantitative) Aufmerksamkeit, die einer Fragestellung gewidmet wird, und wird durch die Kodifizierung einer umfassenderen Liste konkreter Handlungen indiziert, lm Gegensatz dazu wird ein Themengebiet als ,,hervorgehoben" codiert, wenn ihm im Kodex eine besondere Wichtigkeit (im Vergleich zu den Ubrigen Kodexregelungen) zuerkannt wird, was sowohl quantitativ durch den Textumfang, den die Besprechung des Themengebiets im Vergleich zu anderen einnimmt, als auch qualitativ durch die (relative) Nachdriacklichkeit der korrespondierenden Formulierungen oder das Vorhandensein expliziter Hinweise auf die herausgehobene Bedeutung gemessen wird. Trotz dieser Kennzeichnung bleibt der tats~chliche Codie-
206
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Kodizes beruhen und die Reihenfolge der aufgeftihrten Themen sowie die Art und Intensitfit ihrer Behandlung g~hazlich unbeachtet lassen. Es wird mit anderen Worten nur wiedergegeben, wie h~iufig bestimmte Themen auftreten, ohne deren Gewichtung, das heil3t zum einen die Abfolge sowie zum anderen den Umfang und Detaillierungsgrad der Themenbehandlung innerhalb des Kodex zu berficksichtigen. Dieses Defizit ist umso unbefriedigender, als die Codes der Unternehmenspraxis sich hinsichtlich ihrer Lange deutlich unterscheiden 77. Ob die ausgewiesene Themenstreuung ebenfalls darauf wesentlich zurtickzuftihren ist, bleibt unklar, da weder Korrelationen zwischen der Themenanzahl und der Kodexlfinge dokumentiert noch Kodexgruppen gebildet werden, die Aufschluss dartiber geben k6nnten, dass zumindest kurze Kodizes die gleichen inhaltlichen Schwerpunkte setzen. Die Auswertung der Befunde wird schlie61ich nicht zuletzt ebenso dadurch erschwert, dass Differenzierungen nach nachweislich wichtigen Kontextfaktoren wie dem Alter des Kodex 78 oder der Gr66e und Branche der betrachteten Unternehmen nur vereinzelt v o r g e n o m m e n werden. Erkenntnisse fiber situative Relativierungen der Themen, die in Kodizes behandelt werden, lassen sich daher nur weitaus sp~irlicher isolieren, als es a u f der Basis der inzwischen analysierten Codes zu erwarten w~ire.
b) Ubersicht der Befunde Die nachfolgende Tabelle 7 liefert eine Obersicht der vorliegenden Befunde. Da die Beurteilung der Themenstruktur von Kodizes nicht nur die sehr h~iufig genannten Themenstellungen adressieren muss, sondern auch Erkenntnisse tiber die eher schw~icher gewichteten, da nur selten oder gar nicht aufgeftihrten Themen zu berticksichtigen hat 79, ist die Aufstellung entsprechend ausfdhrlich gehalten.
rungsprozess und seine Reliabilitfit im Dunkeln. Letztes gilt schlie61ich auch mr die Erhebung von Carasco/Singh (2003), S. 77, in der die Intensit~it der Themenbehandlung gleichwohl durch ein quantitatives Ma6 (Anzahl der Sfitze) abgegrenzt worden ist. 77 Vgl. z. B. Mathes/Thompson (1964), S. 19; Harris (1978), S. 311" White~Montgomery (1980), S. 86; Sanderson/Varner (1984), S. 31; Benson (1989), S. 308; Manley (1991), S. xiv; Sims (1991), S. 504; Alderson/Kakabadse (1994), S. 439; Stevens (1994), S. 64; Murphy (1995), S. 728; Farrell/Cobbin (1996a), S. 42; Stevens (1996), S. 72; Blodgett/Carlson (1997), S. 1366; Brytting (1997), S. 664; Murphy (2000), S. 297; Schwartz (2001), S. 252; Wotruba/Chonko/Loe (2001), S. 63; Gaumnitz/Lere (2002), S. 39; Chonko/Wotruba/Loe (2003), S. 240; Kaptein (2004), S. 17 f.; Schwartz (2004), S. 327, 330. 78 Vgl. die Beobachtung von Melrose-Woodman/Kverndal (1976), S. 25: ,,While not true of all cases, the early codes usually arose directly from the company's commercial policy. For example, one retail chain has a prewar code which covers only policy towards customers. The more recent codes have been influenced by the current debate on the social responsibility of business ... Thus they try to be more comprehensive.". 79 So auch sehr deutlich Hite/Bellizzi/Fraser (1988), S. 774: ,,Beyond the topics which received good coverage in the ethical policy statements, it is interesting to note the topics which were not covered by a large percentage of the firms.", oder Beneish/Chatov (1993), S. 16: ,,What is omitted from a code may be more important than what is contained.", fihnlich Weaver (1993), S. 54.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
Verfasser
Datengrundlage
Mathes/Thompson (1964), S. 17
Studie des National Industrial Conference Board tiber 186 Fertigungsunternehmen, von denen 70 tiber schriftlich formulierte Ethik-Standards ver~gten Kodizes von 40 britischen Unternehmen
Melrose- Woodman/ Kverndal (1976), S. 25
Hammaker, Paul M./Horniman, Alexander B./Rader, Louis T. (1977): Standards of Conduct in Business. Charlottesville, VA, zit. nach Ryan (1991), S. 124 Chatov (1980), insb. S. 22
Ethics Resource Center (1980), S. 16
Kodizes einer unbekannten Anzahl von Fortune 500Unternehmen
Schriftliche Befragung bei allen Mitgliedsunternehmen des California Roundtable und bei einer Zufallsauswahl von tiber 1000 Unternehmen aus dem Standard and Poor's Industry Survey; Rticklauf: 281 Kodizes, die inhaltsanalytisch hinsichtlich der Regelungen zum Mitarbeiterverhalten ausgewertet wurden In zwei Stufen wurden insgesamt 185 Unternehmen, die einen Kodex besitzen sollten, angeschrieben; Rt~cklauf: 74 FragebOgen hochrangiger Unternehmensvertreter
207 Kodexinhalte (mit ihrer relativen Hilufigkeit, soweit ausreichend dokumentiert)
9 Conflicts of interest 9 Acceptance of gifts and entertainment by company personnel 9 Gifts and entertainment accorded customers and prospects 9 Compliance with anti-trust laws Areas of responsibility covered by codes 1. Employees (75 %) 2. Consumers (65 %) 3. Environment (48 %) 4. Local community and society (45 %) 5. Company shareholders (40 %) 6. Suppliers and other companies (20 %) Es werden 17 inhaltlich unterschiedene Kategorien identifiziert, die - j e nach Kodex - 3 bis 38 konkretere (bzw. exemplarische) Bestimmungen enthalten.
I. Extortion, gifts, kickbacks (67 %) 2. Conflict of interest (65 %) 3. Illegal political payments (59 %) 4. Violation of laws in general (57 %) 5. Use of insider information (43 %) 6. Bribery (37 %) 7. Falsification of corporate accounts (28 %) 8. Violation of antitrust laws (25 %) 9. Moonlighting (25 %) 10. Legal payments abroad (23 %) 11. Violation of secrecy agreement (22 %) 12. Ignorance of work-related laws (22 %) 13. Fraud, deception (11%) 14. To justify means by goals (10 %) 1. Compliance with the law (86 %) 2. Conflict of interest (85 %) 2. Kickbacks (85 %) 4. Honesty/integrity (81%) 5. Bribery (78 %) 6. Corporate political contributions (74 %) 7. Abuse of inside information (64 %) 8. Confidentiality of corporate information (62 %) 9. Competition (within the industry) (41%) 10. Equality of employment (35 %) 11. Advertising practices (19 %) 12. Accounting practices (11%) 13. Gifts, entertainment, and payments (8 %) 14. Information about customers and suppliers (4 %) 14. Communications philosophy (4 %) 16. Fairness in dealing with others (3 %) 17. Other (5 %)
208
Foundation of the Southwestern Graduate School of Banking
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument 118 Kodizes USamerikanischer Unternehmen
1. 2. 3. 4. 5. 6.
Zufallsstichprobe von 30 Kodizes, die aus einer Umfrage unter den Fortune 1000-Unternehmen sowie einer Zufallsstichprobe von 1000 Mitgliedern des Financial Executives Institute erhalten wurden
1. General statements of ethics and philosophy (80%) 2. Conflict of interest (general) (73 %) 2.1 Acceptance of gifts (77 %) 2.2 Interest in suppliers (57 %) 2.3 Interest in competition (50 %) 2.3 Interest in customer (50 %) 2.3 Relatives or associates (50 %) 2.6 Membership on boards of directors (30 %) 3. Compliance with applicable laws (67 %) 4. Inside information (63 %) 5. False entries in books and records (50 %) 5. Misuse of corporate assets (general) (50 %) 5.1 Political contributions (67 %) 5.2 Payments to government officials/political parties (63 %) 5.3 Gifts, favors, entertainment (57 %) 5.4 Undisclosed or unrecorded funds or assets (53%) 5.5 False, misleading support documents (37%) 5.6 Secret payments (23 %) 5.7 Facilitating payments (20 %) 7. Antitrust compliance 7.1 Relations with competitors (30 %) 7.1 Relations with customers (30 %) 7.1 Relations with suppliers (30 %) 7.4 International transactions (13 %) 7. Confidential information (40 %) 9. Equal employment opportunity (40 %) 10. Arrangements with dealers and agents (23 %) 10.1 Responsibility for dealers' actions (43 %) 10.2 Commission levels (33 %) 10.3 Foreign or third party payments (13 %) 11. Observance of moral and ethical standards of society (20 %) 12. Specific reference to Foreign Corrupt Practices Act (17 %) 13. Partisan versus issue political activity (13 %) 14. International trade boycotts (10 %) 15. Relations with shareholders and security analysts (7%) 1. Relations with U.S. governments (77 %) 2. Relations with customers/suppliers (75 %) 3. Conflict of interest (69 %) 4. Employee relations (53 %) 5. Relations with competitors (50 %) 6. Integrity of books and records (49 %) 7. Relations with foreign governments (42 %) 8. Relations with investing public (41%) 9. Civic and community affairs (35 %) 10. Third-party commercial transactions (27 %)
(1980): A Study of Corporate Ethical Policy Statements. Dallas, zit. nach Schlegelmilch (1990), S. 371.
White/Montgomery (1980), S. 83 f.
Cressey/Moore (1983), insb. S. 56
Verhaltenskodizes von 119 Unternehmen aus der Conference Board's Watson Collection
Politische Interessen (96 %) Beziehungen zu Zulieferern (86 %) Beziehungen zu Kunden (81%) Beziehungen zu Mitarbeitern (47 %) Gesellschatt und Umwelt (42 %) Innovation und Technologie (15 %)
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes .
.
.
.
209
.
Sanderson/Varner (1984), S. 28 f.
39 Koclizes der 100 grOBten Fortune 500Untemehmen
Brooks, Leonard J.
Unbekannte Anzahl kanadischer Ethik-Kodizes
(1986): Canadian Corporate Social Performance. Hamilton, Ontario: Society of Management Accountants of Canada, S. 112, zit. nach Brooks (1989), S. 122 Brooks, Leonard J.
(1986): Canadian Corporate Social Performance. Hamilton, Ontario: Society of Management Accountants of Canada, S. 113, zit. nach Brooks (]989), S. 122
Unbekannte Anzahl kanadischer Ethik-Kodizes
Berenbeim (1987), S. 15
Antworten von 225 (Uberwiegend, aber nicht ausschlieBlich USamerikanischen) Unternehmen aus The Conference Board's Survey unter 2100 Unternehmen
Mathews (1987), S. 110-
202 Kodizes, die von den 485 profitabelsten Fertigungsunternehmen in den USA mit einem Jahresumsatz von Uber 100 Millionon US-$ erhalten wurden
117, insb. S. 111; Mathews (1988), S. 5161, insb. S. 56 f.
11. Environmental affairs (20 %) 12. Other white-collar crimes (16 %) 13. Host-country commercial relations (12 %) 14. Personal character matters (l 0 %) 15. Other conduct on behalf of the firm (3 %) 16. Other conduct against the firm (2 %) 1. Conflict of interest (70 %) Subtopics: 1.1 Gifts and entertainment (61%) 1.2 Insider information (54 %) 1,2 Investments (54 %) 1.4 Outside employment (31%) 1.5 Directorships (28 %) 2. Political contributions (72 %) 3. Customers and/or suppliers (59 %) 4. Accuracy of records (59 %) 5. Antitrust, competition (59 %) 6. Equal employment (46 %) 7. Product safety and/or environmental responsibility (44 %) 8, Trade secrets and confidential information (4 ] %) 9. Theft by employees (31%) l~ Relations with employees (88 %) 2. Relations with host communities and countries (75%) 3. Relations with customers (69 %) 4. Relations with the public (44 %) 4. Relations with shareholders (44 %) 4. Relations with governments (44 %) 7. Relations with suppliers (38 %) 1. Corporate citizenship 2. Conduct of personnel 3. Product of service related commentary 4. Planning 5. Shareholders 6. Trust of the company name and representatives by the public, business community and employees 7. Competence of personnel 8. External communications 9. Customer needs 10. Internal communications 1. Conduct toward employees (91%) 2. Conduct toward customer/consumers (87 %) 2. Conduct toward suppliers (87 %) 4. Conduct toward home country government (56%) 5. Conduct toward local communities (48 %) 6. Conduct toward foreign governments (46 %) 7. Conduct toward employees' families (45 %) 8. Conduct toward shareholders (40 %) 1. Relations with U.S. government (87 %) 2. Relations with customers/suppliers (other corporations) (86 %) 3. Payments or political contributions to governments or government officials or employees (85%) 4. Conflict of interest (75 %)
210
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument 4. 6. 7. 8.
Hite/Bellizzi/Fraser (1988), insb. S. 773
Webley (1988), S. 7, 9
Verhaltenskodizes von 67 Fortune 500-Unternehmen
45 Kodexdokumente britischer Unternehmen
Integrity of books and records (75 %) Relations with foreign governments (73 %) Relations with competitors (56 %) Divulging trade secrets/proprietary information (45%) 9. Insider trader information (43 %) 10. Relations with investors (41%) 11. Relations with employees - health, safety (37 %) 12. Civic and community affairs (25 %) 13. Relations with consumers (23 %) 14. Product quality (21%) 15. Environmental affairs (13 %) 16. Other conduct against the firm (10 %) 17. Product safety (9 %) 18. Personal character matters (6 %) 1. Misuse of funds/Improper accounting (66 %) 2. Conflict of interest (64 %) 3. Dealing with public officials (61%) 4. Confidential information (54 %) 5. Foreign payments (bribes) (48 %) 6. Business courtesies (gifts) accepted (46 %) 6. Improper gift giving (46 %) 8. Employee equal opportunity code (42 %) 9. Anti-trust (40 %) 10. Observation of local laws (37 %) 11. Insider information (30 %) 12. Dealing with suppliers (28 %) 13. Dealing with customers (27 %) 13. Government sales (27 %) 15. Advertising / promotion / PR (18 %) 15. Waste disposal (18 %) 15. Shareholder treatment (18 %) 18. Company property use (16 %) 18. Employee honesty and fairness (16 %) 20. Dealing with competitors (15 %) 20. Quality control (15 %) 22. International boycotts (12 %) 22. Environmental safety and health (12 %) 24. Trade secrets (9 %) 24. Price discrimination (9 %) 26. Trade and entertainment (7 %) 26. Bids (7 %) 26. Tying contacts (7 %) 26. Unfair trade practices (7 %) 30. Product safety (4 %) 30. Objectivity of reporting (4 %) 30. Consultant use (4 %) 30. Charitable contributions (4 %) 34. Time card reporting (3 %) 34. Export licensing control (3 %) 34. Resale (3 %) 37. Mergers (2 %) 37. Intelligence gathering (2 %) 37. Sexual harassment (2 %) 37. Substance and alcohol abuse (2 %) Three recurring issues: 9 Bribery, inducements and commissions 9 Use of privileged information 9 Conflicts of interest
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
Robin/Giallourakis/ David/Moritz (1989), S. 67 f.
Ethik-Kodizes von 84 Unternehmen aus den Business Week 1000
211 Other issues: 9 Discrimination on the basis of sex or race 9 Relationships with competitors and suppliers 9 Recording of financial transactions 9 Political involvement 9 Outside employment 9 Hospitality 9 Environmental Conversation 30 Kategorien wurden identifiziert, von denen 24 zu den foigenden 3 Clustern zusammengefasst werden konnten: 9 Cluster 1: ,,Be a dependable organization citizen. ''s~ 9 Cluster 2: ,,Don't do anything unlawful or improper that will harm the organization. ''s~ 9 Cluster 3: ,,Be good to our customers. ''s2 Items, die keinem der 3 Cluster zugeordnet wurden: 1. Seek opportunities to participate in community services and political activities (55 %) 2. Exhibit standards of personal integrity and professional conduct (37 %) 3. Racial, ethnic, religious, or sexual harassment is prohibited (23 %) 3. Report questionable, unethical, or illegal activities to your manager (23 %) 5. Conserve resources and protect the quality of the environment in areas where the company operates (14 %) 6. Members of the corporation are not to recom-
80 Mit den 9 Items: 1. Demonstrate courtesy, respect, honesty, and fairness in relationships with customers, suppliers, competitors, and other employees; 2. Comply with safety, health, and security regulations; 3. Do not use abusive language or actions; 4. Dress in business-like attire; 5. Possessions of firearms on company premises is prohibited; 6. Use of illegal drugs or alcohol on company premises is prohibited; 7. Follow directives from supervisors; 8. Be reliable in attendance and punctuality; 9. Manage personal finances in a manner consistent with employment by a fiduciary institution. Diese Items waren insbesondere in Dienstleistungsunternehmen wie Banken und Versorgungsbetrieben sehr verbreitet [vgl. Robin/Giallourakis/David/Moritz (1989), S. 69]. Quantitative Haufigkeiten sind nicht dokumentiert. 81 Mit den 12 Items: 1. Maintain confidentiality of customer, employee, and corporate records and information; 2. Avoid outside activities which conflict with or impair the performance duties; 3. Make decisions objectively without regard to friendship or personal gain; 4. The acceptance of any form of bribe is prohibited; 5. Payment to any person, business, political organization, or public official for unlawful or unauthorized purposes is prohibited; 6. Conduct personal and business dealings in compliance with all relevant laws, regulations, and policies; 7. Comply fully with antitrust law and trade regulations; 8. Comply fully with accepted accounting rules and controls; 9. Do not provide false or misleading information to the corporation, its auditors, or a government agency; 10. Do not use company property or resources for personal benefit or any other improper purpose; 11. Each employee is personally accountable for company funds over which he or she has control; 12. Staff members should not have any interest in any competitor or supplier of the company unless such interest has been fully disclosed to the company. Uber 50 (bzw. 60 % der) Unternehmen hatten zumindest einige dieser Items in ihren Grundsatzdokumenten kodifiziert [vgl. Robin/Giallourakis/David/Moritz (1989), S. 70]. s2 Mit den 3 Items [relative H~ufigkeit in Prozent, vgl. Robin/Giallourakis/David/Moritz (1989), S. 70]: 1. Convey true claims for products (29 %); 2. Perform assigned duties to the best of your ability and in the best interest of the corporation, its shareholders and its customers (18 %); 3. Strive to provide products and services of highest quality (12 %).
212
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Schlegelmilch/Houston (1989), insb. S. 15-17
31 Ethik-Kodizes, die einer Umfrage unter den 200 grOBten UKUnternehmen aus den Times Top 1000 entstammen
Edmonson, W. F. (1990): A Code of Ethics: Do Corporate Executives And Employees Need It? Fulton, MS: Itawamba Community College Press, zit. nach Murphy (1995), S. 730
Untersuchung von 100 Ethik-Kodizes
Ethics Resource Center~Behavioral Research Center (1990), S. 23-26; ferner auch Ethics Resource Center (1990), S. V-44
2000 US-Unternehmen; Riacklauf: 711 Frageb~Sgen, davon 604 aus Unternehmen mit einem Kodex
mend attorneys, accountants, insurance agents, stockbrokers, real estate agents, or similar individuals to customers (4 %) 1. Employee conduct (100 %) 2. Community and environment (65 %) 3. Customers (58 %) 4. Shareholders (39 %) 5. Suppliers and contractors (23 %) 6. Political interests (13 %) 7. Innovation and technology (6 %) Most frequently appearing areas: 9 Privacy and communication 9 Conflict of interest 9 Political contributions in the U.S. 9 Company records 9 Gifts, favors and entertainment Areas appearing in over one third of these codes 9 Relations with competitors 9 Relations with suppliers 9 Relations with customers Areas appearing in less than 20 % of these codes 9 Products/service quality 9 Environment and energy 9 Health/safety issues 1. Conflict of interest (89 %) 2. Receiving gifts, gratuities, entertainment (85 %) 3. Protecting company proprietary information (82 %) 4. Giving gifts, gratuities, entertainment (81%) 5. Discrimination (80 %) 6. Sexual harassment (79 %) 7. Kickbacks (77 %) 8. General conduct (76 %) 9. Employee theft (75 %) 10. Proper use of company assets (74 %) 11. Bribery (72 %) 12. Accuracy of expense accounts (68 %) 13. Accuracy of books and records (67 %) 13. Employee health and safety (67 %) 15. Drug and alcohol abuse (64 %) 16. Insider trading (56 %) 17. Political contributions and activities: Federal level (52 %) 17. Relations with government representatives (52%) 19. Financial support for charities, schools, civic organizations (51%) 20. Protecting proprietary information of suppliers, subcontractors (50 %) 20. Political contributions and activities: State and local level (50 %) 20. Employee right to privacy (50 %) 23. Antitrust (47 %) 24. Support for employees' volunteer community activities (46 %) 25. Product quality (44 %) 26. Political contributions and activities by company's PAC (43 %) 27. Product safety (42 %) 28. Soliciting employee support for PAC (40 %)
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
Langlois/Schlegelmilch (1990), insb. S. 527; Schlegelmilch (1990), insb. S. 371
Pitt/Groskaufman& (1990),S. 1601 Fn. 255 und S. 1603 Fn. 261
Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1601 Fn. 255 und S. 1603 Fn. 261
Pelfrey/Peacock ( 1991 ), insb. S. 17
78 Kodizes von englischen, franzOsischen und deutschen GroBunternehmen
1984 Fried, Frank Survey unter 500, an der NYSE notierten Unternehmen; Rticklauf: 121 Antworten, davon annahernd 91% aus Unternehmen mit einem Kodex 1987 Fried, Frank Survey unter 414, an der NYSE notierten Unternehmen; Rticklauf: 150 Antworten, davon 94,7 % aus Unternehmen mit einem Kodex
97 Ethik-Kodizes, die von Fortune 500-Unternehmen erhalten wurden
213 29. Protecting shareholder rights (39 %) 30. Quality control (38 %) 31. Relations with foreign government representatives (35 %) 32. False or misleading advertising (34 %) 33. Protecting the environment (32 %) 34. Plant closings and layoffs (29 %) 35. Methods of gathering competitors' information (28 %) 1. Beziehungen zu Mitarbeitern (100 %) 2. Beziehungen zu Kunden (67 %) 3. Gesellschat~ und Umwelt (65 %) 4. Beziehungen zu Aktion~ren (54 %) 5. Innovation und Technologie (33 %) 6. Beziehungen zu Zulieferern (19 %) 7. Politische Interessen (15 %) 1. Misuse of confidential information (73 %) 2. Foreign corrupt practices (65 %) 3. Insider trading (60 %) 4. Antitrust (47 %) 5. Labor relations (26 %) 6. Other (45 %) 1. Conflicts of interest (97 %) 2. Girls (87 %) 3. Misuse of confidential information (83 %) 3. Foreign corrupt practices (83 %) 5. Political contributions (79 %) 6. Insider trading (73 %) 7. Antitrust (68 %) 8. Labor relations (27 %) 9. Other (29 %) 1. Conflicts of interest (94 %) 2. Customer and supplier relations (79 %) 3. Insider information (78 %) 3. Confidentiality (78 %) 5. Political contributions (74 %) 6. Antitrust (72 %) 6. Equal employment (72 %) 7. Statement of general philosophy (69 %) 8. Accuracy of records (64 %) 9. Employee theft (36 %) 10. Product safety (10 %)
214
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches lmplementierungsinstrument
Berenbeim (1992), S. 13
The Conference Board's Survey unter 1900 Unternehmen; RUcklauf: 200 Antworten aus Unternehmen mit einem Kodex (157 US-amerikanische, 23 kanadische und 20 europaische)
Kaye (1992), S. 859
Top 26 der 50 grOf~ten australischen Unternehmen (Business Review Weekly); Racklauf: 13 Antworten
Lefebvre/Singh (1992),
75 Ethik-Kodizes aus den Top 500-Unternehmen in Kanada (Financial Post)
S. 801-805
1. Fundamental guiding principles of company (88%) 2. Purchasing guidelines (56 %) 3. Proprietary information (53 %) 4. Workplace safety s3 5. Environmental responsibility 6. Marketing 7. Intellectual property 8. Confidentiality of employee records 9. Product safety 10. Employee privacy 11. Drug-related issues 12. Technological innovation 13. AIDS s4 Characteristic emphases: 9 Employees must keep the law and observe the statutory regulation. 9 Customer relations in terms of the reputation of trust and integrity of the company is of great importance. 9 Conflict of interest between obligations to the company is and personal gain must be avoided. 9 Confidential information gained in the course of business must never be improperly used. 1. Conflict of interest (93 %) 2. Acceptance of bribes, kickbacks, gifts/entertainment (83 %) 2. Integrity of books and records (83 %) 4. Divulging trade secrets/proprietary information (81%) 5. Relations with customers/suppliers (77 %) 6. Insider trader information (72 %) 7. Giving of bribes, kickbacks, gifts/entertainment (67%) 8. Payments or political contributions to governments or government officials/employees (63 %) 9. Relations with Canadian Government (59 %) 10. Other conduct against the firm (52 %) 11. Personal character matters (51%) 12. Relations with employees - health, safety (48 %) 13. Civic and community affairs (33 %) 13. Relations with consumers (33 %) 15. Relations with investors (32 %) 16. Relations with competitors (29 %) 17. Product quality (24 %) 18. Relations with foreign governments (23 %) 19. Environmental affairs (21%) 20. Product safety (12 %)
83 Mit Ausnahme der drei genannten Prozentzahlen sind die abrigen Hfiufigkeiten nur graphisch, ohne Angabe genauer Werte dargestellt. 84 Dar~ber hinaus wurden drei Kategorien, die nicht im Fragebogen vorgegeben waren, von Respondenten aus allen drei Regionen als relevant angesehen: employee outside activities; fair conduct towards competitors; inappropriate gifts [Berenbeim (1992), S. 14].
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
Webley (1992), S. 7-16
96 Kodizes, die von den 400 grt~Bte Unternehmen in GroBbritannien erhalten wurden
Beneish/Chatov (1993), insb. S. 18
Kodizes von 160 Unternehmen des Standard and Poor's Industry Survey, die auch in der Studie von Chatov (1980) enthalten waren
Robertson/Schlegelm ilch (1993), S. 310
1481 britische Unternehmen; Rtlcklauf: 102 auswertbare FragebOgen (7%)
215 9 9 9 9 9
Relations with employees Relations with shareholders Relations with customers Relations with suppliers Relations with the community Other ethical issues referred to in the codes: 9 Product policy 9 Animal experiments 9 Taxation and currency transactions 9 The environment 1. Employees relations to firm (83 %) 2. Firm relation to government (78 %) 3. Firm relation to society (71%) 4. Firm relation to shareholders (64 %) 5. Firm relation to employees (49 %) 6. Firm relation to customers (45 %) 7. Firm relation to suppliers (44 %) 8. Firm relation to competitors (28 %) 9. Firm relation to community (27 %) 10. Firm relation to environment (19 %) 11. Firm relation to dealers (16 %) 12. Firm relation to unions (5 %) 1. Misuse of proprietary information (74 %)s5 2. Receiving gifts and entertainment (70 %) 3. Giving gifts and entertainment (68 %) 4. Conflict of interests (67 %) 5. Insider trading (66 %) 6. Kickbacks (64 %) 7. Bribery (62 %) 8. Employee theft (60 %) 9. Proper use of company assets (59 %) 10. Discrimination (56 %) 10. Protection of employee health and safety (56 %) 12. General conduct (54 %) 13. Accuracy of expense accounts (52 %) 14. Quality control (48 %) 15. Drug and alcohol abuse (48 %) 16. Misuse of information belonging to others (47%) 17. Protecting the environment (46 %)
In der Ergebnistabelle von Robertson/Schlegelmilch (1993), S. 310, Sind bei genauerer Betrachtung eigentlich hOhere Haufigkeitswerte dokumentiert, da die Haufigkeiten der einzelnen Inhaltskategorien getrennt danach ausgewiesen sind, ob sie in dokumentenorientierten oder trainingsbezogenen EthikmaBnahmen, von beiden oder gar nicht erfasst werden. Folglich mtlsste sich die gesuchte H~iufigkeit durch Summierung der separat aufgefiihrten Haufigkeiten ergeben, mit denen die Themenstellungen zum einen nur in Kodizes und zum anderen sowohl in Kodizes als auch durch Schulungen behandelt werden. Die Autoren verstiumen diese Addition jedoch bei der Interpretation ihrer Befunde wie auch beim statistischen Vergleich der von ihnen ermittelten Themenverbreitung in britischen Kodexdokumenten mit den H~iufigkeiten der US-amerikanischen Studie des Ethics Resource Center. Da im Falle einer Summierung die Halfte der Themen von drei Vierteln aller Unternehmen adressiert worden w~iren, was unter Bertlcksichtigung der Befunde anderer Studien unrealistisch hoch erscheinen muss, werden die Ergebnisse - trotz der dargelegten Nachvollziehbarkeitsprobleme - so berichtet, wie sie Robertson/Schlegelmilch (1993), S. 310, interpretieren. Zuriickhaltung bei der Gewichtung dieser Daten ist dabei nicht nur deshalb geboten, weil die Rangordnung der Themen bei Addition der H~ufigkeiten teilweise abweicht. AuBerdem decken sich die von Robertson/Schlegelmilch (1993), S. 310, zum Vergleich dokumentierten Resultate der Erhebung des Ethics Resource Center nicht mit den Htiufigkeitswerten, wie sie von dieser Institution selbst publiziert worden sind [vgl. Ethics Resource Center~Behavioral Research Center (1990), S. 23-26; Ethics Resource Center (1990), S. V-44].
216
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument 18. Plant closing and layoffs (44 %) 19. Protecting shareholder rights (42 %) 20. Relations with central government representatives (39 %) 21. Relations with foreign government representatives (35 %) 22. Employee right to privacy (35 %) 23. Anti-trust issues (35 %) 24. False or misleading advertising (34 %) 25. Methods of gathering competitor's information
(20%) Higgs/Schreier (1995), insb. S. 105
427 an der Johannesburg Stock Exhange notierte Unternehmen; Rtlcklaufi 54 auswertbare FragebOgen (13 %)
Lewin/Sakano/Stephens/ Victor (1995), S. 93
Umfrage des Japan Productivity Center (JPC) unter den 2141 gr6Bten japanischen Untemehmen; Rticklauf: 218 auswertbare FragebOgen (10 %), yon denen 30 % einen EthikKodex hat-ten
Munro, lain (1995):
Unbekannte Anzahl britischer Ethik-Kodizes
Moral regulation in Business: An Investigation into Corporate Codes of Ethics. PhD thesis, University of Hull, zit. nach Munro (1997), S. 99
Murphy (1995), S. 732 f.
800 Unternehmen aus dem Forbes 500 Directory; Rticklauf: 235 auswertbare Antworten (29 %), yon denen 9 1 % der antwortenden Unternehmen einen Ethik-Kodex besaBen
I. Customers (20 %)86 2. Employee conduct (18 %) 3. Product (18 %) 4. Community and environment (13 %) 5. Shareholders (11%) 6. Safety (7 %) 7. Commercial bribery (6 %) 8. Suppliers (2 %) 9. Accuracy of financial reporting (1%) 10. Use of company assets (0 %) 1. Community affairs 2. Employees 3. Suppliers/customers 4. Consumers 5. Product safety and quality 6. Shareholders 7. Environmental affairs 8. Philanthropy 9. Competitors 10. Insider trading 11. Proprietary information 12. Political affairs 13. Japanese government 14. Foreign governments 9 environmental issues 9 health and safety 9 community relations 9 equal opportunities 9 political activities 9 fair pay 9 bribery 9 misuse of information 9 integrity of employees 9 84 % of the codes contain specific guidance on gift giving and receiving 9 36 % of the codes emphasize mostly information pertinent to the company's industry rather than general issues
86 Die geringen H~iufigkeitswerte scheinen sich daraus zu erkl~iren, dass die Autoren eine Aggregation der Antworten tiber die ,,topics covered in the code and their contribution to code content" [Higgs/Schreier (1995), S. 105] vornehmen, die jedoch nicht naher beschrieben ist und sich daher nicht nachvollziehen l~isst.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
Farrell/Cobbin (1996a), S. 46
Blodgett/Carlson (1997), S. 1368
Doig/Wilson (1998), S. 144
Inhaitsanalyse von 95 Unternehmenskodizes, die durch eine Umfrage bei 537 australischen Unternehmen erhoben wurden, die an der Australian Stock Exchange (ASX) gehandelt oder sich unter den Top 500 der Business Review Weekly befinden
Befragung von 37 bekannten Unternehmen einer Stadt im Nordosten der USA; Rticklauf: 29 Kodizes (78 %)
10 multinationale Unternehmen, die ihren gesellschaftsrechtlichen Sitz in GroBbritannien haben oder dort zumindest geschattlich aktiv sind
217 1. Employee conduct (98 %) 2. Conflicts of interests (68 %) 3. Git~s (61%) 4. Confidentiality (60 %) 5. Accuracy of records (42 %) 6. Customers (47 %) 7. Insider trading (37 %) 8. Political interests (34 %) 9. Equal opportunity (30 %) 10. Community and environment (26 %) 11. Competitive (Trade Practices Act) (25 %) 12. Shareholder (15 %) 13. Innovation and technology (11%) 13. Suppliers and contractors (11%) 13. Product safety (11%) 16. Trade unions (4 %) 9 Acceptance of git~s or entertainment 9 Conflicts of interest 9 Joint accounts and safe deposit boxes 9 Confidentiality 9 Insider trading - disclosure securities transactions 9 Political contributions 9 Press, radio and television 9 Charitable / civic activities 9 Business directorships, outside employment 9 Personal financial matters 9 Compliance with copyrights and trademarks 9 Encouraging ethical behavior 9 Purchase or use of bank property; copyright 9 Privacy 9 Expenditures for public officials 9 Lobbying Principles and statement of values (100 %) Sound business dealings 9 Standards (50 %) 9 Fairness (50 %) 9 Internal control (20 %) 9 Competitors (30 %) 9 Use and receipt of gitts, inducements and hospitality (90 %) 9 Political payments, dealing with politicians, public sector and regulators (60 %) 9 Suppliers (50 %) 9 Customers (50 %) 9 Product/service quality (30 %) 9 Dealing with agents and consultants (50 %) 9 International business 9 Dealing with host countries (50 %) 9 Foreign currency dealings (0 %) 9 International trade (20 %) 9 Discrimination and employment (20 %) Executive management concerns 9 Management style (50 %) 9 Staffing (20 %) 9 Internal organisation (10 %) 9 Responsibility to shareholders (30 %) 9 Markets (10 %) 9 Performance (10 %) 9 Research and Development (10 %)
218
International Labour Organization (1998), Tz. 47-59
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
215 Kodizes, von denen mehr als 80 % von multinationalen Unternehmen erlassen worden sind
Varley (1998), S. 423
121 Kodizes von S&P 500- und 80 groBen Handelsuntemehmen
KolUvan Tulder/Welters
84 Kodizes transnationaler Grogunternehmen
(1999), S. 153-160
9 Competitive ability (30 %) Relations between employers and employees 9 Commitment to employees (30 %) 9 Rights and duties of the employee (80 %) 9 Personal interests outside the firm (60 %) 9 Conflict of interest (80 %) 9 Salary and benefits (10 %) 9 Dealings with media, lectures and publications (10%) 9 Trade unions and unfair dismissals (10 %) 9 Travel and entertainment expenses (20 %) 9 Use of company property, resource and time (20%) 9 Reimbursable expenses (10 %) Confidential and propriety information 9 Personal data and computer security (50 %) 9 Copyrights (10 %) 9 Intellectual property, improvements and inventions (30 %) 9 propriety information (40 %) Communications within and without the firm 9 Personal issues (10 %) 9 Anti discrimination policy (40 %) 9 Sex discrimination policy (40 %) 9 Equal opportunity (40 %) 9 Sexual harassment (30 %) 9 Alcohol and drug abuse (10 %) 9 Health and safety (20 %) 9 Product safety (10 %) 9 Security and safety (0 %) Compliance with the law (100 %) Insider trading and share dealing (70 %) Commitment to society and community (30 %) Concern for the environment (10 %) Implementation and adjudication (80 %) 9 Health and safety (75 %) 9 Employment discrimination (67 %) 9 Child labour (45 %) 9 Wage levels (40 %) 9 Forced labour (25 %) 9 Freedom of association and collective bargaining (15 %) 9 Worker health and safety (63 %) 9 Discrimination (57 %) 9 Environmental protection (55 %) 9 Child labor (37 %) 9 Wages (37 %) 9 Forced labor (36 %) 9 Mental/physical coercion (32 %) 9 Hours (18 %) 9 Freedom of association (15 %) 9 Right to organize/bargain collectively (10 %) 9 Overtime pay/bonuses (10 %) 9 Country selection standards (10 %) 9 Other (60 %) Social issues (5 details: Employment; training; working conditions; industrial relations; force; classification ranging from 0 out of 5 to 5 out of 5)
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
Organisation for Economic Co-operation and Development (1999), S.
107 Verhaltenskodizes von mehrheitlich multinationalen Unternehmen
41-52
Snell/Chak/Chu (1999), S. 291
41 Verhaltenskodizes von Untemehmen in Hongkong
219 Number of social issues = 0:5 % der Unternehmen Number of social issues = 1: 19 % Number of social issues = 2:16 % Number of social issues = 3:25 % Number of social issues = 4:29 % Number of social issues = 5:7 % 9 Environmental issues (5 details: Management policies; input/output; stakeholders; finance; sustainable development; classification ranging from 0 out of 5 to 5 out of 5) Number of environm, issues = 0:30 % der Unternehmen Number of environm, issues = 1:7 % Number of environm, issues = 2:12 % Number of environm, issues = 3 : 1 1 % Number of environm, issues = 4:14 % Number of environm, issues = 5:26 % 9 Generic issues (5 details: Consumer interests; communities; global development; ethics; legal requirements; classification ranging from 0 out of 5 to 5 out of 5) Number of generic issues -- 0:13 % der Unternehmen Number of generic issues = 1: 16 % Number of generic issues = 2:19 % Number of generic issues = 3:25 % Number of generic issues = 4:13 % Number of generic issues = 5: 14 % 9 Fair Employment and Labour Rights (78 %) 9 Environmental Stewardship (66 %) 9 Fair Business Practices (63 %) 9 Observance of Rule of Law (39 %) 9 Corporate Citizenship (37 %) 1. Extortion, kickbacks or bribery (98 %) 2. Disclosure or use of insider information (90 %) 3. Conflict of interest (88 %) 3. Breach of code/agreement/contract (88 %) 5. Moonlighting (83 %) 6. Accuracy of records (78 %) 7. Gambling with business associates (68 %) 7. Misuse of corporate assets (68 %) 9. Due process in enforcing & updating the code (59%) 10. General purpose of the code (44 %) 11. Channels for complaints (39 %) 12. Proper treatment of customers (24 %) 13. Avoiding discrimination and harassment (15 %) 14. Fraud and deception (12 %) 14. Specific house rule (12 %) 14. Violation of laws in general (12 %) 14. Needs and rights of suppliers (12 %) 14. Duties to the community (12 %) 14. Employee safety (12 %) 14. Confidentiality of employee records (12 %) 21. Labour relations (10 %) 21. 'Green' issues (10 %) 21. Policy relating to termination (10 %) 24. General injunction to follow rules, obey commands (7 %)
220
Marnburg (2000), S. 205
Murphy (2000), S. 302 f.
Wood (2000), S. 289 f.
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Zufallsstichprobe von 1010 Ingenieren und Kaufieuten aus den entsprechenden norwegischen Berufsverb~tnden; Rticklauf: 208 Frageb6gen aus Unternehmen mit einem Ethik-Kodex 785 Unternehmen aus den Forbes 500-Listen; RUcklauf: 117 FragebOgen aus Unternehmen mit einem Ethik-Kodex
83 Ethik-Kodizes, die von den 500 umsatzst/irksten Unternehmen Australiens erhalten wurden
24. Objective procedures in procurement (7 %) 24. Product and service safety (7 %) 24. Duties to shareholders (7 %) 24. Fair remuneration (7 %) 24. Alcoholism, drug dependence (7 %) 24. Illegal political payments (7 %) 31. Fair treatment of competitors (5 %) 32. Contact with regulators (2 %) 1. Issues concerning customers/suppliers (82 %) 2. Issues concerning employees/colleagues (81%) 3. Issues concerning products/services (56 %) 4. Environmental issues (internal/external) (51%) 5. Issues concerning the company's production (51%) 6. others (5 %) 1. Gift giving/receiving (93 %) 2. Bribery/grease payments (86 %) 3. Violations/sanctions (74 %) 4. Workforce diversity (71%) 5. Selling practices (62 %) 6. Competitive intelligence (62 %) 7. Working conditions (58 %) 8. Environmental problems (57 %) 9. Relationship with dealers (56 %) 10. Pertinent industry issues (44 %) 11. Human rights (39 %) 12. International issues (37 %) 13. Advertising (31%) 13. Product safety (31%) 15. Other (29 %) 1. Legal responsibility (90 %) 2. Relations with customers/suppliers (87 %) 3. Conflict of interest (72 %) 4. Acceptance of bribes, kickbacks, gifts/entertainment (68 %) 5. Divulging trade secrets/proprietary information (68 %) 6. Ethical responsibility (63 %) 7. Integrity of books and records (58 %) 8. Insider trading information (57 %) 9. Relations with employee-health, safety (53 %) 9. Giving of bribes, kickbacks, gifts/entertainment (53%) 11. Civic and community affairs (46 %) 12. Payments or political contributions to governments or government officials or employees (41%) 13. Environmental affairs (37 %) 14. Product quality (35 %) 15. Relations with competitors (34 %) 16. Relations with investors (30 %) 16. Other conduct against the firm (30 %) 18. Relations with home government (24 %) 19. Personal character matters (21%) 20. Product safety (15 %) 21. Relations with foreign governments (11%) 22. Relations with consumers (10 %)
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
Organisation for Economic Co-operation and Development (2001 a), S. 19
Organisation for Economic Co-operation and Development (2001 b), S. 8
Carasco/Singh (2003), S. 79-83
Kaptein (2004), S. 17-24
Tabelle 7."
Die 100 gr6Bten internationalen Industrieunternehmen nach dem World Investment Report der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) 246 Kodizes, yon denen 118 von (mehrheitlich multinationalen) Unternehmen erlassen wurden
32 Kodizes der 50 gr013ten transnationalen Unternehmen (nach dem Kriterium der H6he des AuslandsvermOgens)
105 der 200 weltweit gr6Bten Unternehmen, die tiber einen Kodex verflagen
221 9 Environmental commitments (99 %) 9 Health and safety commitments (89 %) 9 Commitments addressing core labour standards (70%)
1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 1. 2. 3. 4. 5.
Labour standards (60 %) Environment stewardship (59 %) Consumer protection (48 %) Bribery (23 %) Competition (20 %) Information disclosure (18 %) Science and technology (11%) Taxation (0 %) Relations with employees - health/safety (69 %) Relations with customers/suppliers (69 %) Environmental affairs (69 %) Conflict of interest (62 %) Giving bribes, kickbacks, gifts/entertainment (56 %) 6. Divulging trade secrets/propriety information (56%) 7. Acceptance of bribes, kickbacks, gilts/entertainment (56 %) 8. Relations with foreign government (56 %) 9. Integrity of books and records (47 %) 10. Other conduct against the firm (47 %) 11. Relations with competitors (47 %) 12. Payments or political contributions to governments or government officials/employees (44 %) 13. Civic and community affairs (41%) 14. Product safety (37 %) 15. Product quality (37 %) 16. Relations with investors (31%) 17. Insider trader information (25 %) 18. Personal character matters (25 %) 19. Relations with consumers (22 %) 9 Quality of products and services (67 %) 9 Adherence to local laws and regulations (57 %) 9 Protection of the natural environment (56 %) 9 Transparency (55 %) 9 Conflict of interests (52 %) 9 Honesty (50 %) 9 Corruption (46 %) 9 Fairness (45 %) 9 Fraud (45 %) 9 Discrimination (44 %) 9 Intimidation (43 %) 9 Teamwork (43 %)
(]bersicht bk~heriger Untersuchungen der Themenstellungen unternehmensethischer Kodizes
Ethik-Kodizes als unternehmensethischesImplementierungsinstrument
222
c)
Interpretation der Befunde Die in Tabelle 7 zusammengestellten Befunde machen deutlich, dass neben den genannten
methodischen Bedenken eine Konsolidierung der Ergebnisse ferner deshalb nur eingeschrfinkt m6glich ist, da den Untersuchungen sehr unterschiedliche Kategoriensysteme zugrunde liegen. Die Themenstellungen der Kodizes sind dabei entweder lediglich nach den angesprochenen Stakeholdergruppen87 oder nach vorrangig materiell und detaillierter spezifizierten Fragestellungen geordnet 88.
aa) Differenzierung nach angesprochenen Stakeholdern Fokussiert man zunfichst die aufgef'dhrten Anspruchsgruppen, so f~illt auf, dass die weit tiberwiegende Mehrzahl der Studien die Unternehmensmitarbeiter als die am hfiufigsten angesprochenen Stakeholder identifiziert 89. Diese Einschfitzung wird desgleichen durch Resultate best~itigt, die auf der Grundlage inhaltlich ausdifferenzierterer Kategorien ermittelt worden sind, da ein Grogteil der demnach besonders h~iufig thematisierten Fragestellungen recht unmittelbar Verhaltensweisen von Mitarbeitern betreffen 9~ D i e -
vereinzelt dennoch zu beo-
b a c h t e n d e - Abwesenheit mitarbeiterbezogener Grundsfitze in Unternehmenskodizes k6nnte zum einen auf das nur/~ul3erst geringe Konkretisierungsniveau der betreffenden Codes oder zum anderen auf die gleichzeitige Existenz gesonderter Mitarbeiter- oder Human RelationsGrunds~itze zurt~ckzuf't~hren sein 91. Dass die Beziehung zwischen dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern in Kodizes herausgehobene Aufmerksamkeit erffihrt, ist wenig verwunder-
87 Vgl. Melrose-Woodman/Kverndal (1976), S. 25; Berenbeim (1987), S. 15; Brooks (1989), S. 122; Schlegelmilch~Houston (1989), S. 15-17; Langlois/Schlegelmilch (1990), S. 527; Schlegelmilch (1990), S. 371; Webley (1992), S. 7-16; Beneish/Chatov (1993), S. 18. 88 Vgl. Mathes/Thompson (1964), S. 17; Chatov (1980), S. 22; Ethics Resource Center (1980), S. 16; White/ Montgomery (1980), S. 83 f.; Cressey/Moore (1983), S. 56; Sanderson/Varner (1984), S. 28 f.; Mathews (1987), S. 111; Hite/Bellizzi/Fraser (1988), S. 773; Mathews (1988), S. 56 f.; Webley (1988), S. 7, 9; Brooks (1989), S. 122; Robin/Giallourakis/David/Moritz (1989), S. 67 f.; Ethics Resource Center (1990), S. V-44; Ethics Resource Center~Behavioral Research Center (1990), S. 23-26; Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1601 Fn. 255 und S. 1603 Fn. 261; Pelfrey/Peacock (1991), S. 17; Berenbeim (1992), S. 13; Kaye (1992), S. 859; Lefebvre/Singh (1992), S. 801-805; Webley (1992), S. 7-16; Robertson/Schlegelmilch (1993), S. 310; Higgs/Schreier (1995), S. 105; Farrell/Cobbin (1996a), S. 46; Blodgett/Carlson (1997), S. 1368; Snell/Chak/Chu (1999), S. 291; Murphy (2000), S. 302 f.; Wood (2000), S. 289 f.; Carasco/Singh (2003), S. 77 f. 89 Vgl. nochmals Melrose-Woodman/Kverndal (1976), S. 25; Berenbeim (1987), S. 15; Brooks (1989), S. 122; Schlegelmilch/Houston (1989), S. 15-17; Langlois/Schlegelmilch (1990), S. 527; Schlegelmilch (1990), S. 371; Beneish/Chatov (1993), S. 18. 9o So auch besonders explizit Berenbeim (1992), S. 13. 9j Vgl. zum Letzteren auch Benson (1989), S. 308; Staffelbach (1994b), S. 340, fihnlich Weaver/Trevino/ Cochran (1999a), S. 285, sowie dementsprechend generell einschrfinkend Organisationfor Economic Cooperation and Development (200 l a), S. 12: ,,Given that, even for a particular issue, commitments may be set forth in several documents, the statements recorded in this study are likely to underestimate companies' coderelated activities.".
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
223
lich, da und soweit Untemehmen mit Hilfe dieser Grundsatzdokumente eine Verbesserung ethischer Handlungsqualit/it anstreben, die sich nur durch ihre Mitarbeiter erreichen 1/isst92. U m die unterschiedlichen Kodifizierungsh/iufigkeiten anderer Stakeholder wie Marktpartner, Regierung(stell)en, benachbarte Gemeinden, die allgemeine Offentlichkeit oder die Umwelt begrtinden zu k6nnen, mtissten neben der Kodexlange 93 weitere Kontextfaktoren bekannt sein, namentlich die Gr6Be und die Branche des jeweiligen Untemehmens 94. So steigt beispielsweise die H/iufigkeit von Kodexregelungen, die Beziehungen zu ausl~indischen Regierungen normieren, mit der Untemehmensgr6Be 95, da gr6Bere U n t e m e h m e n im Regelfall internationaler aufgestellt sind. Fragestellungen des Umweltschutzes werden insbesondere von Untemehmen angesprochen, in deren Branchen eine besondere Sensibilit~it f'tir dieses Themengebiet besteht 96. Dementsprechend haben Beneish/Chatov gezeigt, dass die Relationen des Untemehmens zu seiner Umwelt in Fertigungsuntemehmen h/aufiger und in Handelsunternehmen seltener kodifiziert sind 97. SchlieBlich ist mit Blick auf die genannten Stakeholder interessanterweise zu konstatieren, dass die Gruppe der Anteilseigner in den untersuchten Kodizes tiberraschend zurtickhaltend zitiert wird 9s. Nach der deutlichen l]berzahl bislang durchgef'tihrter Untersuchungen 99 wird in mehr als der H/ilfle der analysierten Grundsatzdokumente darauf verzichtet, Beziehungen zwischen dem U n t e m e h m e n und seinen Eigenkapitalgebern anzusprechen~~176Diese Beobach-
92
Zur Vermeidung von Missverst~indnissen sei erg~inzt, dass eine thematische Ausrichtung der Kodexnormen auf die Mitarbeiter oder andere Bezugsgruppen des Unternehmens keineswegs implizien, dass diese Stakeholder daher als Benefiziare der jeweiligen Normen fungieren.
93 Sowie der erneut bestehenden M0glichkeit, dass stakeholderbezogene Verantwortlichkeiten (insbesondere flit die Umwelt und den Umweltschutz) in gesonderten Dokumenten kodifiziert worden sind. Die Existenz separater Grunds~itze k0nnte somit eine Erklarung daflir sein, dass das prominente Umweltthema lediglich mit mittlerer Haufigkeit in den untersuchten Kodizes auftaucht und im Zeitablauf keine eindeutige Zunahme seiher Kodifizierung erkennbar ist. 94
Das (Zwischen-)Fazit yon Beneish/Chatov (1993), S. 19, class ,,the most important stakeholder groups in the codes tend toward the real and tangible, such as employees and government; abstract entities like communities and the environment rank much lower", scheint daher zu pauschal und wird auch yon den Autoren selbst im unmittelbaren Anschluss deutlich relativien.
95 Vgl. Cressey/Moore (1983), S. 57. 96 So auch Melrose-Woodman/Kverndal (1976), S. 25; Benson (1989), S. 310; Organisationfor Economic Cooperation and Development (2001 b), S. 3. 97
Vgl. Beneish/Chatov (1993), S. 19-21, sowie iibereinstimmend Ethics Resource Center~Behavioral Research Center (1990), S. 26; Organisation for Economic Co-operation and Development (1999), S. 12 f.; Organisation for Economic Co-operation and Development (2001 b), S. 21 f.
9g Vgl. z. B. Webley (1992), S. 8: ,,Companies in this survey make few comments on their obligations to shareholders or other providers of money.", oder Munro (1997), S. 99: ,,it is of some significance that shareholders are one of the least mentioned interest groups in the texts of these codes.". 99
Anders hingegen nur die Befunde yon Langlois/Schlegelmilch (1990), S. 527; Schlegelmilch (1990), S. 371; Beneish/Chatov (1993), S. 18.
10o Vgl. Melrose-Woodman/Kverndal (1976), S. 25; Berenbeim (1987), S. 15; Brooks (1989), S. 122; Schlegelmilch~Houston (1989), S. 16.
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Ethik-Kodizes als untemehmensethisches Implementierungsinstrument
tung wird durch die inhaltlich ausdifferenzierteren Studien untermauert, die entweder nicht einmal Kategorien aufgef'tihrt haben, die das Verh~iltnis zu den EigentOmern des Unternehmens betreffen ~~ oder aber nur eine entsprechend geringe Verbreitung dieser Themengebiete feststellen konntenl~ Im Gegensatz zu den H~iufigkeiten anderer Stakeholdergruppen scheint die seltene Nennung der Shareholder kontraintuitiv. Zwar ist durchaus zuzugestehen, dass die Einflussm6glichkeiten der Anteilseigner in Abhfingigkeit der Rechtsform, der EigentOmerstruktur und der kapitalmarktbezogenen Rahmenbedingungen unterschiedlich ausgepr~igt sein k6nnen. Diese Unterschiede reichen allerdings nicht aus, um die geringe Verbreitung shareholderbezogener Norminhalte zu plausibilisieren. Privatwirtschaftliche Unternehmen haben zweifelsfrei eine moralisch begrOndete Verantwortlichkeit gegenOber ihren (Eigen-)Kapitalgebernl~
die gera-
de im angloamerikanischen Wirtschaftsraum, wo das Gros der Erhebungen stattgefunden hat, besonderes Gewicht erffihrt. Es ist daher eher zu vermuten, dass die BerOcksichtigung der Anteilseignerinteressen deshalb nicht schriftlich gefasst worden ist, da sie schlicht ftir selbstverst~indlich und ihre Kodifizierung aus diesem Grunde for OberflOssig gehalten wird. Ein solcher Verzicht ist allerdings nicht unproblematisch. So kann es durchaus sinnvoll sein, auch im Grunde Selbstverst~indliches zu kodifizieren, um die Bedeutung und Bindungswirkung dieser Grunds~itze nach innen und aul3en zu dokumentierenl~
Dass Unternehmens-
kodizes auch Normen beinhalten, deren GOltigkeit gemeinhin als unstrittig angenommen werden darf, belegt beispielsweise die verbreitete Verpflichtung zur Achtung geltender Gesetze 1~ Der Verzicht auf die Kodifizierung der Anteilseignerinteressen kann dazu fOhren, dass in der Unternehmenspraxis nicht etwa die Belange der Kapitalgeber vernachl~issigt werden, sondern im Gegenteil die Glaubw~rdigkeit des Kodex in Frage gestellt und daher seine Befolgung im Unternehmensalltag ausgeh6hlt wird. Unter der Annahme, dass die Anteilseigner insbesondere an Gewinn und einem hohen Wert des Unternehmens interessiert sind, kOnnen
101 Vgl. Chatov (1980), S. 22; Ethics Resource Center (1980), S. 16; Sanderson/Varner (1984), S. 29; Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1601 Fn. 255 und S. 1603 Fn. 261; Pelfrey/Peacock (1991), S. 17; Berenbeim (1992), S. 13; Murphy (2000), S. 303. Im Zusammenhang mit den tibrigen Befunden wird deutlich, dass nicht lediglich auf die Codierung der Beziehungen zwischen dem Unternehmen und seinen Anteilseignern verzichtet worden ist [vgl. in diesem Sinne noch Langlois/Schlegelmilch (1990), S. 526], sondern die Shareholder des Unternehmens in den Kodizes tats~ichlich seltener erwfihnt werden. 1o2 Vgl. White~Montgomery (1980), S. 84; Cressey/Moore (1983), S. 56; Mathews (1987), S. 111; Mathews (1988), S. 56; Hite/Bellizzi/Fraser (1988), S. 773; Ethics Resource Center (1990), S. V-44; Ethics Resource Center~Behavioral Research Center (1990), S. 25; Lefebvre/Singh (1992), S. 803; Robertson/Schlegelmilch (1993), S. 310; Higgs/Schreier (1995), S. 105; Lewin/Sakano/Stephens/Victor (1995), S. 93; Farrell/Cobbin (1996a), S. 46; Doig/Wilson (1998), S. 144, 146; Snell/Chak/Chu (1999), S. 291; Wood (2000), S. 289; Carasco/Singh (2003), S. 80. io3 Vgl. z. B. Raiborn/Payne (1990), S. 880. ~o4 Durch Kodizes kOnnen mit anderen Worten durchaus auch rein deklarative Normsfitze verktindet werden. i05 Vgl. insbesondere Chatov (1980), S. 22; Ethics Resource Center (1980), S. 16; White~Montgomery (1980), S. 84; Wood (2000), S. 290, und auch sogleich, S. 228 der vorliegenden Arbeit.
GestaltungsdimensionenunternehmensethischerKodizes
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die Mitarbeiter im Untemehmensalltag mit Handlungsaltemativen konfrontiert werden, die zwar den Interessen der Eigenttimer dienlich sind, obwohl sie gleichzeitig moralischen Kriterien widersprechen, die der Unternehmenskodex eventuell sogar zum Gegenstand hat. Sofem der Code zur Handhabung derartiger Konfliktsituationen schweigt und er im Unternehmen dartiber hinaus derart gelebt wird, dass marktliche Sachzw~inge und Gewinnstreben bei Widerstreit Vorrang gegenfiber den kodifizierten Normen genieBen sollten, wird der Kodex zu einem Sch6nwetterdokument reduziert, dessen Normen nur dann gelten, wenn ihre Befolgung keine Kosten verursacht 1~ Wenn der Kodex hingegen die Legitimit~it eigenttimerorientierter Zielsetzungen wie auch die sozialen und moralischen Begrenzungen, die bei ihrer Realisierung notwendigerweise zu berficksichtigen sind, begrtindet 1~ wird die handlungspraktische Relevanz des Dokuments deutlich, das bei einer solchen Themenstrukturierung geeigneter ist, auch in ambivalenten Entscheidungssituationen Orientierung zu bieten.
bb) Differenzierung nach materiell konkretisierten Norminhalten Eine Konsolidierung der Studien, die H/aufigkeiten fiir materiell konkretisierte Themengebiete ermittelt haben, wird in besonderem Ma6e dadurch begrenzt, dass unterschiedliche Kategorienschemata verwendet worden sind. Dabei schwankt zunachst die Anzahl der betrachteten Kategorien betdachtlich. W~.hrend der erste Fried, Frank Survey lediglich f'tinf materiell fiberschriebene Kategorien besitzt 1~ legen andere Studien ihrer Codierung der Themenstruktur unternehmerischer Kodizes eine h6here zweistellige Anzahl inhaltlicher Kategorien
zugrunde 109. Bei einer genaueren Betrachtung kann es daher mitunter durchaus gelingen, Publikationen in Obereinstimmung zu bringen, obwohl sie fiir bestimmte Themen abweichende H~iufigkeiten festgestellt haben, da und soweit dieselben Themenstellungen unterschiedlich fein deftnierten Kategorien zugeordnet worden sind, die angewandten Messinstrumente sich also lediglich hinsichtlich ihres Detaillierungsgrades unterscheiden und gleichzeitig jedoch ineinander tiberf'tihrbar sind. So ist die im Vergleich zu den Befunden von M a t h e w s 11~ geringere Verbreitung von Kodexinhalten, die Ausgaben fiir politische Zwecke normieren, bei Lefebvre! Singh, Wood und Carasco/Singh in erster Linie nicht darauf zurtickzuf'tihren, dass die Unter-
suchung von M a t h e w s bereits l~ingere Zeit zurOckliegt und US-amerikanische (nicht kanadito6 Siehe auch Metzger/Dalton/Hill (1993), S. 30: ,,in the absence of a definitive statementof the firm's priorities in its code, middle and operating level managers can be expected [to, T. T.] favor economic goals in any conflict between such goals and announced ethical norms.". !o7 Vgl. dazu auch Molander (1987), S. 625. !o8 Vgl. Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1601 Fn. 255 und S. 1603 Fn. 261. 1o9 Vgl. insbesondere Hite/Bellizzi/Fraser (1988), insb. S. 773; Robin/Giallourakis/David/Moritz (1989), S. 68; Ethics Resource Center (1990), S. V-44; Ethics Resource Center!Behavioral Research Center (1990), S. 2326; Doig/Wilson (1998), S. 144; Snell/Chak/Chu (1999), S. 291. Jlo Mathews (1987), S. 111; Mathews (1988), S. 56.
226
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches lmplementierungsinstrument
sche bzw. australische) Kodizes analysiert hat. Vielmehr haben Lefebvre/Singh, Wood und Carasco/Singh zus~itzliche Kategorien mr Bestechungszahlungen, Kickbacks und Geschenke
vorgesehenl ! 1, die offensichtlich auch for Politiker get~itigte Aufwendungen umfassen ~12. Da detailliertere Gruppenbildungen allerdings nicht lediglich wie in dem soeben genannten Fall Ausdifferenzierungen der gr6beren Kategorienraster darstellen, sondern stattdessen h~iufig abweichend und tiberschneidend definiert sind, muss der Versuch einer weitergehenden Aggregation der mit entsprechend verschiedenen Messinstrumenten erhobenen Befunde scheitern. Zur Systematisierung der Resultate lassen sich die themenbezogen im Einzelnen teilweise sehr unterschiedlich vorgenommenen materiellen Ausdifferenzierungen inhaltlicher Kodexkategorien jedoch etwas vereinfachend danach einteilen, ob sie Verhaltensweisen im Namen des Untemehmens betreffen oder aber Verhaltensweisen, die gegen das Unternehmen gerichtet sind 113. Zur ersten Gruppe sind unter anderem die Normen zu z~ihlen, die sich auf die Relationen mit den verschiedenen Anspruchsgruppen des Unternehmens, Fragen der Produktsicherheit und -qualit~it sowie Spenden, Bestechungszahlungen oder Kickbacks beziehen, soweir sie (der Intention nach) for das Unternehmen get~itigt werden. Unter der zweiten Rubrik sind insbesondere solche Regelungen zu subsumieren, die Interessenkonflikte, den Schutz vertraulicher Unternehmensinformationen, Insidergesch~ifte oder die Richtigkeit von Rechenschaftslegungen (z. B. der Buchftihrung und Bilanzierung) zum Gegenstand besitzen. Beschr~inkt man sich auf diese Zweiteilung, so ist erkennbar, dass Verhaltensweisen im Namen des Unternehmens, die aus seinen Pflichten und Verantwortlichkeiten resultieren, in den aufgedeckten Themenstrukturen unterrepr~isentiert sind. Normen fiber das soziale Engagement des Unternehmens ftir die Gemeinschaft oder Gemeinde, in die es eingebunden ist 114, tiber die Qualit~it und Sicherheit seiner Produkte 115 oder Arbeits- und Besch~iftigungsbedin-
Ill Vgl. Lefebvre/Singh (1992), S. 803; Wood(2000), S. 289; Carasco/Singh (2003), S. 80. 112 Die Vergleichbarkeit der tibrigen Kategorien ist dabei deshalb gewfihrleistet, da sich Lefebvre/Singh (1992), S. 801, Wood (2000), S. 288, und Carasco/Singh (2003), S. 78, explizit auf die von Mathews (1987) eingefiihrte Methodik beziehen. 113 Vgl. Cressey/Moore (1983), S. 56; Mathews (1987), S. 114; Molander (1987), S. 626-628; Mathews (1988), S. 53; Lefebvre/Singh (1992), S. 803; Beneish/Chatov (1993), S. 18, 30-32; Carroll/Buchholtz (2000), S. 159; Wood (2000), S. 289 f.; Carasco/Singh (2003), S. 77. !14 Vgl. Cressey/Moore (1983), S. 56; Mathews (1987), S. 111; Hite/Bellizzi/Fraser (1988), S. 773; Mathews (1988), S. 56; Lefebvre/Singh (1992), S. 803; Farrell/Cobbin (1996a), S. 46; Snell/Chak/Chu (1999), S. 291 ; Wood (2000), S. 289; Carasco/Singh (2003), S. 80. ll5 Vgl. Sanderson/Varner (1984), S. 29; Mathews (1987), S. 111; Hite/Bellizzi/Fraser (1988), S. 773; Mathews (1988), S. 56; Robin/Giallourakis/David/Moritz (1989), S. 70; Ethics Resource Center~Behavioral Research Center (1990), S. 25; Pelfrey/Peacock (1991), S. 17; Berenbeim (1992), S. 13; Lefebvre/Singh (1992), S. 803; Farrell/Cobbin (1996a), S. 46; Snell/Chak/Chu (1999), S. 291; Murphy (2000), S. 303; Wood(2000), S. 289; Carasco/Singh (2003), S. 80.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
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g u n g e n Rl6 wie auch die Rechte der Mitarbeiter im A l l g e m e i n e n ll7 bleiben in der M e h r z a h l der analysierten K o d e x d o k u m e n t e unerw~ihnt ~~8. Die untersuchten
Ethik-Kodizes
sollen
stattdessen
anscheinend
in erster Linie d e m
Schutz 119 des U n t e r n e h m e n s dienen 12~ Aus diesem G r u n d h a b e n R e g e l u n g e n tiber Interessenkonflikte eine b e s o n d e r s prominente Stellung in den C o d e s inne 121. Entsprechende N o r m e n stellen nicht selten das h~iufigste K o d e x t h e m a dar 122, dessen V e r b r e i t u n g sich tiber zwei Drittel 123 oder sogar m e h r als 90
~
der e i n b e z o g e n e n K o d e x d o k u m e n t e erstreckt 125. Diese H~iu-
ll6 Vgl. Ethics Resource Center (1980), S. 16; White~Montgomery (1980), S. 84; Sanderson/Varner (1984), S. 29; Mathews (1987), S. 111; Mathews (1988), S. 56; Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1601 Fn. 255 und S. 1603 Fn. 261; Farrell/Cobbin (1996a), S. 46; Snell/Chak/Chu (1999), S. 291. 117 Siehe genauso auch nur Werhane (1985), S. 159: ,,Codes usually tell the employee what he or she is not permitted to do, but they seldom spell out worker rights.". ~8 Vgl. abweichend lediglich die h~ufige Nennung von Themen aus dem Bereich der Arbeits- und Beschaftigungsbedingungen bei Pelfrey/Peacock (1991), S. 17; Robertson/Schlegelmilch (1993), S. 310; Murphy (2000), S. 303; Wood (2000), S. 289, sowie die detaillierten Befunde des Ethics Resource Center~Behavioral Research Center (1990), S. 23 f., wonach zumindest Normierungen tiber Rechte der Mitarbeiter, ihre Gesundheit und Sicherheit sowie tiber das unternehmerische Engagement fi~r wohltatige Zwecke in Uber 50 % der befragten Unternehmen kodifiziert waren. 119 Diese Feststellung folgt der Auswertung der kodifizierter Themenstellungen und darf nicht dahin gehend (miss)interpretiert werden, dass das jeweilige Unternehmen als Benefiziar der kodifizierten Normen im Wortiaut der Dokumente in Erscheinung tritt. 120 So auch die Einsch~ltzungen von Stevens (1994), S. 67; Post~Lawrence/Weber (1999), S. 135; VanSandt/Neck (2003), S. 365, und die Befunde von Mathews (1987), S. 115; Mathews (1988), S. 54; Kaye (1992), S. 860; Lefebvre/Singh (1992), S. 806; Farrell/Cobbin (1996a), S. 54; Wood (2000), S. 291. Vgl. dazu fernerhin nochmals Gellerman (1989), S. 74: ,,A code of ethics shifts the blame for bad conduct from the company to the individual. In that sense, a code of ethics can be a way for a company to wash its hands publicly of responsibility for the evils its employees commit.", sowie die Anmerkungen eines Interview-Partners von Badaracco/Webb (1995), S. 15: ,,corporate codes of conduct exist to cover the potential problems companies may have. It provides deniability. It gives the employers an excuse .... The top executives can say, >These employees messed up. They violated our way of doing business.<". An dieser Stelle sei bereits erwfihnt, dass diese defensive Kodexausgestaltung nicht nur durch Auswertungen der Themenstruktur bestatigt wird, sondern auch durch sprachanalytische Untersuchungen der Kodexrhetorik [so ein Ergebnis der Studie von Stevens (1996), S. 82: ,,codes assume defensive positions to protect the organization from the employee", sowie die Schlussfolgerung von Farrell/Farrell (1998), S. 598: ,,the codes use language to create or maintain a hierarchical power relationship between addressees and the enterprise and generally indicate a tightened control over employees."], die auf S. 240 ff. der vorliegenden Arbeit aufgegriffen werden. 121 Vgl. z. B. Cressey/Moore (1983), S. 58: ,,the policies regarding conflict of interest receive significantly more attention than other policy areas ... In fact, a few documents seem to be mere conflict-of-interest codes with other matters tracked on as an afterthought.". Die Erwartung von Murphy (1995), S. 730, dass ,,[p]rivacy issues now seem to have supplanted conflicts of interest", hat sich nicht bewahrheitet, wie auch die jUngste Erhebung von Murphy (2000), S. 303, selbst zeigt. Hinsichtlich der historischen Entwicklung ist jedoch zu konzedieren, dass in einigen Unternehmen zun~ichst nur Grundsatzdokumente existierten, die sich ausschlieBlich auf Interessenkonflikte bezogen haben und sp~ter im Zuge der Verbreitung weitergehender Unternehmenskodizes entsprechend erg~nzt worden sind [vgl. White~Montgomery (1980), S. 85]. 122 Vgl. White~Montgomery (1980), S. 84; Sanderson/Varner (1984), S. 29; Ethics Resource Center (1990), S. V-44; Ethics Resource Center~Behavioral Research Center (1990), S. 23; Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1601 Fn. 255 und S. 1603 Fn. 261; Pelfrey/Peacock (1991), S. 17; Lefebvre/Singh (1992), S. 803. 123 Vgi. Chatov (1980), S. 22; Ethics Resource Center (1980), S. 16;" White~Montgomery (1980), S. 84; Cressey/Moore (1983), S. 56; Sanderson/Varner (1984), S. 29; Mathews (1987), S. 111; Mathews (1988), S. 56 f.; Hite/Bellizzi/Fraser (1988), S. 773; Ethics Resource Center (1990), S. V-44; Ethics Resource Cen-
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
figkeiten wfirden noch h6her ausfallen, wenn man in Rechnung stellt, dass Grunds~itze tiber das A n n e h m e n von Geschenken oder den Missbrauch von Insiderinformationen im Kern nichts anderes als N o r m i e r u n g e n spezieller Interessenkonflikte sind 126. Als Folge dieser Schwerpunkte ist mit Blick a u f die kodifizierten Themenstellungen ferner festzustellen, dass die Codes thematisch off sehr legalistisch orientiert sind 127. Dieses Merkmal ist von einigen Autoren ausdrticklich codiert 128 und mit beachtlicher H/aufigkeit beobachtet worden 129. Z u d e m zeigt sich der legalistische Charakter in der Auswahl der angesprochenen Sachverhalte, die zu einem Grogteil bereits rechtlich reguliert sind 13~ wie auch in der konkreten N o r m i e r u n g eingeforderter Gesetzestreue 131. Schliel31ich l~isst sich der Legalismus weiterhin durch einige Studien belegen, die ermittelt haben, ob und inwieweit in den Kodizes a u f bestimmte Gesetze explizit Bezug g e n o m m e n wird 132. A u f g r u n d dieser Themenorientie-
ter/Behavioral Research Center (1990), S. 23; Robertson/Schlegelmilch (1993), S. 310; Farrell/Cobbin (1996a), S. 46; Snell/ChaL/Chu (1999), S. 291; Wood(2000), S. 290. 124 Vgl. Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1601 Fn. 255 und S. 1603 Fn. 261; Pelfrey/Peacock (1991), S. 17; Lefebvre/Singh (1992), S. 803. 125 Die Hfiufigkeit der Kodifizierung von Regelungen zu Interessenkonflikten ist nicht nur for Unternehmen, sondern auch for andere Organisationen festgestellt worden. So verfogen z. B. 35 der insgesamt 42 von Hays/Gleissner (1981), S. 49, 54, analysierten Ethik-Kodizes US-amerikanischer Landesregierungen tiber entsprechende Regeln. Weil sich die weiteren Normen im Wesentlichen auf Vorgaben zur Transparenz des Finanzgebarens beschrfinkten, gehen die Autoren so weit zu restimieren, dass ,,[s]tate ethical norms are, in almost every instance, no more than conflict-of-interest statutes and/or financial disclosures provisions." [Hays/Gleissner (1981), S. 53]. Mit Bezug auf dieselbe Grundgesamtheit fNlt das Ergebnis der jtingeren Studie von Blake/Grob/Potenski/Reed/Walsh (1998), S. 456, noch extremer aus: ,,Every state reporting a code of ethics has guidelines pertinent to conflicts of interest.". In der Befragung von Rezaee/Elmore/Szendi (2001), S. 175 f., zeigt sich, dass Interessenkonflikte in mehr als zwei Dritteln (69 %) der Ethik-Kodizes USamerikanischer Universitfiten geregelt sind und damit das am hfiufigsten kodifizierte Thema darstellen. 126 So auch White~Montgomery (1980), S. 84; Post~Lawrence~Weber (1999), S. 135, bzw. Sanderson/Varner (1984), S. 29. 127 So z. B. sehr deutlich Robin/Giallourakis/David/Moritz (1989), S. 66. 128 Wobei auch for diese Kategorie die mangelnde Transparenz des Codierungsvorgangs angemerkt werden muss, auf die bereits oben, S. 202 ft. der vorliegenden Arbeit, hingewiesen worden ist. 129 Vgl. Mathews (1987), S. 111; Mathews (1988), S. 57; Wood(2000), S. 290, anders Lefebvre/Singh (1992), S. 803,806; Carasco/Singh (2003), S. 83 f. 13o Beispielsweise Bestechungszahlungen, Bet~gereien, Verschwiegenheitspflichten, Diebstahl, wahrheitswidrige Rechungslegungen oder Kartellabsprachen. 131 Vgl. Mathes/Thompson (1964), S. 17; Chatov (1980), S. 22; Ethics Resource Center (1980), S. 16; White/ Montgomery (1980), S. 84; Hite/Bellizzi/Fraser (1988), S. 773; RobirdGiallourakis/David/Moritz (1989), S. 68; Kaye (1992), S. 859; Farrell/Cobbin (1996a), S. 49; Blodgett/Carlson (1997), S. 1367; Doig/Wilson (1998), S. 144; Organisation for Economic Co-operation and Development (1999), S. 10; Snell/Chak/Chu (1999), S. 291 ; Wood (2000), S. 290; Organisationfor Economic Co-operation and Development (2001 b), S. 9 f.; Kaptein (2004), S. 20. 132 Vgl. insbesondere Mathews (1987), S. 112; Mathews (1988), S. 57; Lefebvre/Singh (1992), S. 803; Wood (2000), S. 292; Carasco/Singh (2003), S. 84 f., wonach Verweise auf kartell-, finanzmarkt- und korruptionsrechtliche Vorschriften und Gesetze am hfiufigsten beobachtet worden sind. Es soil nicht verschwiegen werden, dass die korrespondierenden H~ufigkeiten jedoch eher als moderat zu bezeichnen sind [so auch Mathews (1987), S. 116; Mathews (1988), S. 55; Clinard (1990), S. 162; Lefebvre/Singh (1992), S. 806; Carasco/Singh (2003), S. 84 f.]. Dabei ist wiederum offensichtlich, dass die Relevanz bestimmter Vorschriften
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rung werden die Kodexadressaten bei Unklarheiten fiber die normierten Inhalte nicht selten an die Rechtsabteilung des Unternehmens verwiesen 133, die entsprechend h~iufig die schriflliche Fassung des Kodex entwirfl TM sowie die formal-organisatorische Verantwortung for den Ethik-Kodex und die Implementierung einer Unternehmensethik tr~igt 135. Da rechtliche Vorschriflen mit staatlicher Sanktionsgewalt bewehrt sind und Verletzungen rechtlich sanktionierter Regelungen d a h e r - im Falle ihrer Aufdeckung und A h n d u n g - mit negativen Konsequenzen ffir das Unternehmen verbunden sind, soll mit der legalistischen Orientierung der Kodizes das Unternehmen wiederum vor Schaden bewahrt werden. Diese legalistische Ausrichtung der vornehmlich betrachteten US-amerikanischen Codes ist dann umso plausibler, wenn man die Umst~inde ihrer Entstehung bedenkt. Wie bereits dargelegt wurde 136, ist die Einffihrung untemehmensethischer Grundsatzdokumente seit den 1970er Jahren insbesondere auch durch rechtliche Einflfisse vorangetrieben worden, wobei zuvorderst an die v o n d e r SEC aufgedeckten Korruptionsaff~en, das Inkrafltreten des Foreign Corrupt Practices Control Act und die Verabschiedung der Federal Sentencing Commission Guidelines erinnert sei, deren Gegenst~inde in den Kodizes entsprechend aufgegriffen worden sind 137. Der legalistische Charakter unternehmerischer Kodizes legt die Vermutung nahe, dass diese Dokumente eher defensiv ausgerichtet sind und in erster Linie illegale Handlungen vermeiden, nicht aber moralische Entscheidungen erm6glichen sollenla8. Zu bedenken ist indes, dass die starke Verbreitung von Themenstellungen mit rechtlichem Charakter nicht automatisch die Abwesenheit origin~ir ethischer Normen impliziert. Vielmehr fiberschneiden sich Normierungen der rechtlichen und der moralischen Verantwortlichkeit des Unternehmens und seiner
(namentlich in den Bereichen des Arbeits- und Umweltschutzes oder des Lebens- und Arzneimittelrechts) stark branchenabh~gig ist, weshalb in Abhangigkeit der Stichprobenstruktur abweichende Verbreitungen dieser Themengebiete zu erwarten sind. 133 So ein Befund der Studien von Mathews (1987), S. 116; Mathews (1988), S. 55; Pelfrey/Peacock (1991), S. 17; Lefebvre/Singh (1992), S. 804, 807; Wood (2000), S. 293 f., sowie Sanderson/Varner (1984), S. 28, die auf3erdem feststellen, dass ,,[t]he most significant aspect of most of the codes is that about three-fourths of their content is related to complying with federal laws, such as the FCPA, SEC Acts, the Equal Opportunity Act, and the Sherman Antitrust Act.". 134 Vgl. z.B. die Angaben bei Berenbeim (1987), S. 15; Ethics Resource Center (1990), S. III-1; Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1604; Berenbeim (1992), S. 15; Nash (1992), S. 161; Webley (1995), S. 13; Farrell/Cobbin (1996b), S. 42 f.; Arthur Andersen (1999), S. 26, oder den entsprechenden Hinweis von Felo (2000), S. 161. t35 Vgl. nur die Befunde von Ethics Resource Center~Behavioral Research Center (1990), S. 35 f.; Lefebvre/Singh (1992), S. 804, 807; Robertson/Schlegelmilch (1993), S. 306; Murphy (1995), S. 737; Webley (1995), S. 13; Trevino/Weaver/Gibson/Toffler (1999), S. 146; Weaver/Trevino/Cochran (1999a), S. 288; Weaver/Trevino/Cochran (1999b), S. 46; Wood (2000), S. 293 f.; Weaver/Trevino (2001), S. 114. 136 Siehe nochmals oben, S. 43 ff. der vorliegenden Arbeit. t37 So z. B. White~Montgomery (1980), S. 80; Cressey/Moore (1983), S. 58; Benson (1989), S. 308. 13s Vgl. auch Snell/Chak/Chu (1999), S. 283: ,,In practice the majority of the codes ... are defensive and legalistic.", sowie ahnlich Stevens (1996), S. 73.
Ethik-Kodizes als unternehmensethischesImplementierungsinstrument
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Mitarbeiter 139, da ,,most codes discuss both law and ethics as the basis o f the code ''14~ A u f der Grundlage der vorliegenden empirischen Befunde l~isst sich dabei allerdings nicht generell best/atigen 14~, dass
ethische
Normen
im
Vergleich
zu
einer
rechtlichen
Compliance-
Orientierung im Z e i t a b l a u f an G e w i c h t g e w i n n e n 142, wie i m m e r wieder behauptet wird 143 und es durchaus plausibel erscheint, da und soweit eine nicht legalistisch reduzierte Unternehm e n s e t h i k 144 z u n e h m e n d als n o t w e n d i g und erstrebenswert anerkannt wird 145. Die U n m 6 g lichkeit eines solchen N a c h w e i s e s mag dabei nicht zuletzt dadurch bedingt sein, dass die sehr globalen B e t r a c h t u n g e n der Kodexinhalte wichtige Details der T h e m e n s t r u k t u r tibersehen, w e n n beispielsweise der Rangfolge der T h e m e n b e h a n d l u n g keine Beachtung geschenkt wird. So wird ftir das Integrity Statement y o n Boeing, das insgesamt acht Prinzipien und darunter ebenfalls legalistisch ausgerichtete T h e m e n beinhaltet, bei einer genaueren Einzelanalyse dennoch eine proaktive und das Ethische betonende Orientierung konstatiert, da ,,[t]he fact that >>Comply with all laws and regulations<< appears last signals that these are ethical, not legalistic principles . . . . and beginning with >~highest ethical standards<< appears significant. ''146.
d)
Folgerungen
aa) Vieigestaltigkeit und Verhaltenswirksamkeit der Themenstruktur Die bislang durchgeftihrten A n a l y s e n der T h e m e n s t r u k t u r u n t e r n e h m e n s e t h i s c h e r K o d i z e s legen die Einsch~itzung nahe, dass Codes legalistische Orientierungen aufweisen und in erster
139 Vgl. hierzu auch die Befunde Mathews (1987), S. 111; Mathews (1988), S. 57; Lefebvre/Singh (1992), S. 803; Wood(2000), S. 290; Carasco/Singh (2003), S. 84. 140 Mathews (1988), S. 54. Siehe auch Carasco/Singh (2003), S. 84: ,,the foundation of many codes is in both law and ethics". lal So wohl auch Stevens (1996), S. 73 f., sowie insbesondere die vergleichenden Befunde von Carasco/Singh (2003), S. 84. 142 So ein Resultat der Befragung von Ethikprogrammverantwortlichen durch Joseph (2001), S. 21. 143 Vgl. z. B. Ethics Resource Center (1990), S. I-3; Lefebvre/Singh (1992), S. 806; Kolk/van Tulder/Welters (1999), S. 171; Driscoll/Hoffman (2000), S. 85, 123, und in diesem Sinne ferner Santoro (2003), insb. S. 424. Siehe auch die differenziertere Einsch~itzung von Post (2000), S. 108: ,,Code language has become more formal and legalistic, reflecting the seriousness with which the parties view the commitment. It has also created pressure for more generally framed codes of principles or values as alternatives to specific outcomes or behavioral standards.". 144 Zur Kritik z. B. Blake/Grob/Potenski/Reed/Walsh (1998), S. 454: ,,although a legalistic approach may lead to the avoidance of wrongdoing, it may encourage inaction and lack of initiative.". 145 So z. B. auch Blodgett/Carlson (1997), S. 1369, sowie De George (1986), S. 346 im Original z. T. kursiv: ,,At its best, a corporate code can not only guide the actions of employees on legal matters and conflicts of interests, but it can also enable workers and managers to evaluate in moral terms the firm's ends, practices, and actions, to be sure the firm measures up to the code.", oder Felo (2000), S. 161: ,,By addressing .. non-legal issues, firms can move their employees beyond strict legal compliance toward more ethical behavior.". 146 Murphy (1998), S. 26, und zur Erheblichkeit der Reihenfolge der Themen innerhalb des Kodex ferner ebd., S. 75.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
231
Linie m6gliches Fehlverhalten der Mitarbeiter z u m G e g e n s t a n d haben 147, das es zu unterbinden gilt, damit das U n t e r n e h m e n keine Nachteile erleidet. B e s o n d e r e A u f m e r k s a m k e i t widm e n Kodizes daher Regelungen, die Interessenkonflikte ihrer Mitarbeiter z u g u n s t e n des Unt e r n e h m e n s verhindern oder aufl6sen sollen. In Hinblick a u f die n o t w e n d i g e n Spezifizierungen dieses P r o b l e m b e r e i c h s ist h i n g e g e n eher Uneinigkeit festzustellen 148. Dartiber hinaus ist generell zu restimieren, dass ,,[t]here did not appear to be any consensus a m o n g the topics covered in the codes ''t49, da es - abgesehen v o n d e r B e z u g n a h m e a u f die U n t e r n e h m e n s m i t a r beiter und der R e g e l u n g von I n t e r e s s e n k o n f l i k t e n - k a u m T h e m e n s t e l l u n g e n gibt, die mit ausreichender l~lbereinstimmung in K o d e x d o k u m e n t e n zu finden sind. AbschlieBend soil z us a mm e n f a s s e n d dargelegt werden, weshalb diese festgestellte D i v e r g e n z der zu kodifizierenden T h e m e n s t e l l u n g e n w e d e r ~berraschend noch b e k l a g e n s w e r t ist 15~ w a r u m sich das M e r k m a l der T h e m e n s t r u k t u r nicht f'tir eine Typisierung u n t e m e h m e n s e t h i s c h e r K o d e x a r t e n anbietet und welche Implikationen sich f'tir die unternehmerische Praxis ergeben. Hinsichtlich der T h e m e n s t r u k t u r u n t e r n e h m e n s e t h i s c h e r K o d i z e s ist zu unterscheiden, was ethisch relevante F r a g e s t e l l u n g e n sind 151 sowie ob und wie diese kodifiziert w e r d e n (sollen). Dabei vermittelt die vorliegende Empirie den Eindruck, dass w e n i g e r G e m e i n s a m k e i t e n , sondern vielmehr a b w e i c h e n d e A u f f a s s u n g e n bereits dariiber vorherrschen, welche T h e m e n in einen K o d e x geh6ren. Dies ist wenig verwunderlich, da u n t e r n e h m e n s i n d i v i d u e l l e K o d i z e s die spezifischen B e s o n d e r h e i t e n ihres A n w e n d u n g s b e z u g s zu berticksichtigen haben 152. Im
147 Vgl. Chatov (1980), S. 23: ,,Misconduct issues dominate the statements.". 148 So auch Chatov (1980), S. 28: ,,There is a substantial consensus among U.S. corporations on which areas of employee misconduct are of greatest concern. By no means is there unanimity or even consistency on how the individual areas are to be treated.". 149 Carroll/Buchholtz (2000), S. 159. Siehe tlbereinstimmend ferner White~Montgomery (1980), S. 85 f.: ,,The results of the content analysis ... suggest a low level of consensus in the corporate community about the ideal content of a code of conduct." und S. 86: ,,There is significant variation in the mix of subjects covered by various codes"; Cressey/Moore (1983), S. 57: ,,there appears to be little in the way of consensus among corporation officials as to the proper subject matter of a code of ethics"; Pelfrey/Peacock. (1991), S. 15: ,,The codes we reviewed revealed there is no uniform concept in their creation. They vary widely in style, length, format, content, title, and method of distribution."; Snell/Chak/Chu (1999), S. 292: ,,Each company code had unique elements and there was considerable variation in theme emphasis between codes". 150 So z. B. auch Kaptein (2004), S. 27: ,,The diversity in the content of corporate codes ... is not necessarily a negative sign.". 151 Die Relevanz einer Fragestellung ist dabei nicht mit ihrer Wichtigkeit gleichzusetzen [siehe ganz iabereinstimmend - wenn auch mit Blick auf Verbandskodizes - Gaumnitz/Lere (2002), S. 39: ,,The absence of a particular issue in a code cannot be interpreted as meaning that the professional organization views it as unimportant. Rather, the absence of an issue likely means that it is not one that is typically faced by the members of that professional organization."; ferner Farrell/Cobbin (2000), S. 187 Herv. im Original: ,, A low frequency percentage [of specific code contents, T. T.] did not indicate a low level of interest in a matter, but only a low level of interest as a matter of ethics."]. 152 Vgl. in diesem Sinne auch Johnson/Cassell/Smith (1996), S. 165: ,,Indeed such variety in content is not surprising given that codes are supposed to uniquely reflect an organization's values and goals.", sowie Cressey/Moore (1983), S. 57" ,,There is some evidence to suggest that this diversity of focal concern reflects an attempt by corporate officials to tailor the codes to firms' individual concerns".
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Gegenteil w~ire die aus einheitlicheren Befunden abgeleitete Vorgabe eines materiell konkretisierten Normenkatalogs, den es mit dem Anspruch moralischer Verbindlichkeit in siimtlichen Unternehmen durchzusetzen gelte, mit einem modernen Ethikverst~indnis unvereinbar 153. Die Begrtindungsaufgabe praktischer Untemehmensethik schlieBt aus, dass die zu kodifizierenden Themen den Unternehmen dekretiert werden k6nnten. Die Themenstruktur unternehmensindividueller Kodizes l~isst sich daher nicht generell diktieren, sondern ist mit den konkreten Anwendungsbedingungen der jeweiligen Praxis zu koordinieren. Zun~ichst ist die untemehmensethische Relevanz eines Themas durch die spezifische Anwendungssituation beeinflusst. So ist beispielsweise die moralisch ad~iquate L6sung interkultureller Konfliktlagen for nationale Unternehmen weniger virulent als for Global Players, deren Gesch~iftsaktivit~iten sich tiber ganz unterschiedliche Kulturkreise (und Rechtssysteme) erstrecken 154. Versuchungen, in Entwicklungslandem Kinderarbeit zu missbrauchen, stellen sich ft~r Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie 155 anders dar als ftir Finanzdienstleister, bei denen hingegen Fragestellungen im Z u s a m m e n h a n g mit Insidergesch~iften gr613ere Bedeutung haben werden ~s6. Selbst wenn ein Konsens fiber die Relevanz eines Themas herstellbar ist, was ffir nicht wenige Themen durchaus der Fall sein mag 157, lassen sich daraus dennoch keinesfalls unmittelbar Implikationen fur die Notwendigkeit einer Kodifizierung ziehen, da und soweit eine ethisch zutr~igliche KonfliktlOsung selbst dann verwirklicht werden kann, wenn auf eine materiell konkretisierte Thematisierung der entsprechenden Problemstellung im Kodex verzichtet wird ~58. Umgekehrt muss eine auf (nicht erreichbare) Vollst~indigkeit zielende Kasuistik denkbarer Problemkonstellationen keineswegs ethisch bessere Entscheidungen nach sich ziehen 159. Eine noch weitergehende Uneinigkeit besteht schliel31ich hinsichtlich der Spezifizierungen der ausgew~ihlten Problembereiche 16~ da Probleme wie bei-
153 Vgl. nochmals oben, S. 5 ff. der vorliegenden Arbeit. 154 Siehe dazu z. B. Weber (1981), S. 48; Tsalikis/Fritzsche (1989), S. 704; Kaye (1996), S. 4; Jackson (1997), S. 1229. 155 Vgl. zur Verbreitung der Kinderarbeit in diesen Branchen z. B. Jackson (1997), S. 1231; Hindman/Smith (1999), S. 21; Kearney (1999), S. 205-207; Kolk/van Tulder (2002), S. 293; Rivoli (2003), S. 226, sowie zur Hfiufigkeit der Themenstellung in entsprechenden Kodizes Organisation for Economic Co-operation and Development (2001 b), S. 2, 20. 156 Vgl. z. B. Brenner (1992), S. 397. t57 Vgl. zurtickhaltender z. B. Cressey/Moore (1983), S. 58" ,,It seems reasonable to conclude that corporate executives frequently hold very different views of the ethical importance of all but a few policy areas.". 158 Siehe dazu auch International Labour Organization (1998), Tz. 48. 159 Es handelt sich bei Kodizes dann um eine (deontisch) vollstfindige Normenordnung, wenn jede Handlung p aus einer bestimmten Klasse yon Handlungen H, die den MOglichkeitsbereich des Normensystems bilden, durch das Normensystem entweder geboten oder nicht geboten ist. Ein vollstfindiges Normensystem enthalt demnach fiir jedes p entweder eine Norm Op oder eine Norm -,Op [siehe zur (deontischen) Vollst~indigkeit eines Normensystems auch yon Kutschera (1973), S. 31; Bulygin/Alchourr6n (1977), S. 21 ]. ~60 Vgl. z. B. hinsichtlich der Themenstellungen Bestechung und Korruption die Befunde von Gordon/Miyake (2001), S. 163: ,,the codes show little evidence of consensus on how to deal with this diversity of acceptable
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
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spielsweise Interessenkonflikte in Kodizes ganz unterschiedlich geregelt werden. Die Kodifizierung einer Themenstellung kann mithin auf verschiedene Weise erfolgen, was die Ethisierungswirkungen nicht unbertihrt lassen wird 161. Wenn ceteris paribus anzunehmen ist, dass die Etablierung eines Ethik-Kodex sich auf das ethisch zutr~igliche Entscheidungsverhalten im Unternehmen positiv auswirken dOrfte 162, so ist unter ansonsten gleichen Bedingungen davon auszugehen, dass die Spezifizierung eines ethisch relevanten Themengebiets in einem Kodex das Bewusstsein der Mitarbeiter ftir die korrespondierenden
Fragestellungen
sch~irfen
sollte.
Dementsprechend
kommen
Robi-
deaux/Miles/White (1993) nach einer Fragebogenerhebung unter den Fortune 500 und einer Teilstichprobe der Inc. 500 (Rticklauf: 96 Antworten bzw. 16 %) zu dem Ergebnis, dass Manager eine gr6Bere Sensibilit~it f'tir ethische Problemstellungen bei Budgetierung und Planung besitzen, wenn der Ethik-Kodex ihres Unternehmens ethische Verhaltensweisen im Budgetierungs- und Planungsprozess spezifiziert 163. Genauso zeigen Turner/Taylor/Hartley (1995) in einem experimentellen Design, dass Studierende, die sich in verschiedenen Szenarien in die Rolle eines Beschaffungsmanagers versetzten, weniger geneigt sind, Geschenke von Gesch/fftspartnem anzunehmen, sofem ihr Untemehmen einen Ethik-Kodex besitzt, der eine solche Praktik explizit thematisiert und verbietet 164. Daraus ist allerdings nur abzuleiten, dass die Kodexinhalte derart zu gestalten sind, dass sie die Wichtigkeit untemehmerischer Stakeholder nicht verkennen und auf ftir das Untemehmen besonders relevante Problemstellungen eingehen. Zu fokussierte und einseitige Themenstrukturen hingegen sind abzulehnen 165. Die Kasuistik m6glichst vieler materiell konkretisierter Themen in einem Kodex muss hingegen fraglos scheitem 166. Eine ersch6pfende Aufz/ahlung kann nicht gelingen und der entsprechende Versuch sogar dysfunktionale Konsequenzen ha-
practices.", oder auch Organisationfor Economic Co-operation and Development (2001b), S. 2: ,,Codes addressing labour and environmental issues differ considerably in how they approach theses two issues.". ~6~ Vgl. z. B. auch Varley (1998), S. 403: ,,Whether a company code addresses certain topics, however, tells only one part of the story. The codes also vary in terms of the standards set, the specificity of their language, the strength of their commitment, and the way they assign responsibility for assuring compliance with the standards.". 162 Vgl. besonders explizit Claver/Llopis/Gasc6 (2002), S. 156: ,,It is obvious that in principle individuals are more ethical if a corporation has a written, formal code, and less otherwise". 163 Vgl. Robideaux/Miles/White (1993), S. 56 f. ~64 Vgl. Turner/Taylor/Hartley (1995), S. 758: ,,participants seemed to feel it was unethical to accept gratuities from vendors when the organization possessed a code of ethics that clearly prescribed such behaviors.". Siehe zu den Befunden dieser beiden Untersuchungen auch bereits oben, S. 176 ft. der vorliegenden Arbeit. 165 So wohl auch das Restimee von Chatov (1980), S. 28 f., wonach ,,many corporations would be doing a more effective job in preparing their ethical statements if they consider a greater range of issues and different ways of dealing with them.". 166 Siehe zu den Schw~chen dieser Kodex-Versuche z. B. Harris (1978), S. 315; Hyman/Skipper/Tansey (1990), S. 17; Velasquez (1990), S. 241; Pelfrey/Peacock (1991), S. 16; Staffelbach (1994b), S. 342 f.; Dienhart (1995), S. 431; Weaver (1995), S. 367; Munro (1997), S. 102; Farrell/Farrell (1998), S. 589; Driscoll/Hoffman (2000), S. 78; VanSandt/Neck (2003), S. 369.
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ben, da die Information fiber relevante Fragestellungen und L6sungsm6glichkeiten dann weniger nfitzt als schadet, wenn die Informationsverarbeitungskapazit~iten der Mitarbeiter fiberschritten werden, der Kodex seine praktische Handhabbarkeit im Unternehmensalltag verliert
und/oder Skepsis bis hin zu Ablehnung bei den Kodexadressaten gegenfiber der vermeintlichen Reglementierung hervorrufl. Im Ergebnis kann dies dazu ffihren, dass die Mitarbeiter (bewusst oder unbewusst) unterstellen, dass s~imtliche (dennoch) nicht durch den Kodex erfassten Verhaltensweisen als erlaubt gelten dfirfen 167. Wenngleich ein solcher Schluss praktisch verbreitet anzutreffeia sein mag, so ist er normenlogisch dennoch unzutreffend und keineswegs mittels der Interdefinierbarkeit der deontischen Operatoren zu untermauern 168, da andernfalls die Trennung zwischen Normen und Aussagen tiber Normen aufgegeben werden wfirde. Diese Handlungen, die der Kodex nicht erfasst, sind demnach nur nicht normiert, damit aber keineswegs normativ erlaubt 169. Die letztlich resultierenden Verhaltenseffekte des Kodex werden allerdings weniger den (normen)logischen Erw~igungen, sondern vielmehr den faktischen Einsch/atzungen durch die Kodexadressaten folgen.
bb) Grenzen einer themenstrukturellen Grundlegung der Kodexklassifizierung Nach dem Vorstehenden ist sehr eindeutig zu konstatieren, dass Merkmale der Themenstruktur ftir eine Typologisierung unternehmensethischer Kodizes wenig geeignet sind. Generellere Aussagen fiber das Ethisierungspotential unternehmerischer Kodizes lassen sich auf einer themenstrukturellen Grundlage nicht entwickeln. Zweifelsfrei wird (und sollte) die Bestimmung der Themenstruktur eines Kodex die Zwecksetzungen widerspiegeln, auf deren Erreichung die Etablierung des Kodex zielt ~7~ Von einzelnen Elementen der Themenstruktur eines Kodex k6nnen jedoch kaum verallgemeinerbare Aussagen tiber die Ethisierungswirkung erwartet werden. Zwar legen ausschlieBlich legalistisch orientierte Kodizes die Vermutung nahe, dass mit der Kodexeinftihrung vorrangig nur die Befolgung bestehender Rechtsnormen, aber keine umfassende Ethisierung des Unternehmensgeschehens angestrebt wird. Die Redu-
167 Genauso z. B. auch Molander (1987), S. 631: ,,many executives will feel anything not covered by the code is acceptable behavior"; Johnson/Cassell/Smith (1996), S. 175: ,,the assumption may be made that whatever is not explicitly prohibited by the code is therefore acceptable."; Boatright (2000), S. 368: ,,An especially dangerous situation is created when employees conclude that whatever is not prohibited is permitted."; Tenbrunsel (2000), S. 134: ,,behavior or values that are not specified by a code of conduct may be ignored and, consequently, the objective behind the code may be forgotten.", sowie Hyman/Skipper/Tansey (1990), S. 16; Staffelbach (1994b), S. 343; Dienhart (1995), S. 433; Grace/Cohen (1995), S. 188; Kaptein/Wempe (1998), S. 859; Gotterbarn (1999), S. 82 f.; Kaptein/Wempe (2002), S. 276. ~68 Siehe dazu nochmals oben, S. 197 insb. Fn. 30 der vorliegenden Arbeit und die dort angegebene Literatur. 169 Siehe auch die Feststellung von Bulygin/Alchourr6n (1977), S. 21 Herv. T. T., dass ,,die beiden Fragen (die der Interdefinierbarkeit von P und O, und die der Vollst~indigkeit) unabhangig" sind. 170 Vgl. Ethics Resource Center (1990), S. V-l: ,,the purposes and objectives of the code will affect the choice of issues and the manner in which they are addressed.", oder Ryan (1991), S. 124: ,,The specific content of Codes will vary considerably depending on the professional group or organization designing the Code and the purpose for which they are developing the Code.".
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
235
zierung der Themenstruktur auf legalistische Norminhalte ist folglich problematisch, da sie der Realisierung einer umfassenden Ethisierung des Unternehmens offensichtlich Grenzen setzt 171. Selbst im Falle einer erfolgreichen Implementierung eines solchen Kodex w~ire seine Wirksamkeit a u f die Einhaltung geltender Gesetze beschrankt. Die Vielzahl unternehmensethisch relevanter Problemstellungen, die tiber eine rein rechtliche Betrachtung hinausgehen 172, bliebe hingegen unadressiert, weshalb far diese Entscheidungssituationen keine nachhaltigen Wirkungen des Kodex zur Verbesserung der Beschlussqualitgt zu erwarten sind. Gleichzeitig verbietet allerdings allein das Vorhandensein legalistischer Elemente wie die Aufforderung zur Gesetzestreue oder die Bezugnahme auf einzelne Rechtsvorschriften den Rtickschluss, dass der Kodex nicht dennoch auch (oder sogar insbesondere 173) ethisierend wirken kann, da und soweit er weitergehende N o r m e n beinhaltet, aus denen die Bedeutsamkeit ethisch zutrgglichen (und nicht nur rechtlich zul~issigen) Handelns abzuleiten istl74 A u f der Basis von Merkmalen der Themenstruktur lassen sich Kodizes lediglich nach ihren materiell konkretisierten Inhalten unterscheiden. Eine handhabbare und far die Effektivit~itsfrage aussagekr~iftige Gruppenbildung scheitert dabei an der potentiellen Vielzahl denkbarer Themenstellungen, deren Relevanz mit dem Anwendungskontext im Einzelfall variiert und deren Kodifizierung allein kaum begrtindete Effektivit~itsprognosen zul~isst. Danach k6nnten Kodizes abgegrenzt werden, die sich auf Interessenkonflikte oder einzelne Stakeholder fokussieren. So wird es far die Verhaltenswirksamkeit eines Kodex, dessen Normierung sich im Wesentlichen auf eine bestimmte Anspruchsgruppe beschr~inkt, einen Unterschied machen, ob er die Rechte und Pflichten der Mitarbeiter thematisiert oder vor allem nur die Belange der Aktion~ire herausstellt. Z u d e m k6nnen mitarbeiterbezogene Themenstrukturen allerdings weiterhin derart unterschiedlich ausgestaltet sein, dass sich ohne weitergehende Differenzierungen Prognosen tiber die Kodexeffektivit~it verbieten 17s. Die Systematisierung unternehmens-
~7~ Bei einer vollst~indigen Reduzierung wird auBerdem fraglich, ob tiberhaupt ein Ethik-Kodex vorliegt. Siehe auch Harris (1978), S. 326: ,,If the code does not go beyond a compilation of existing laws, it should be labeled what it is - a summary of relevant statutes - and should not be masquerade as a code of ethics.". ~72 Vgl. zur fehlenden Deckungsgleichheit rechtlicher Zulassigkeit und ethischer Zutraglichkeit z. B. nochmals Davis (1973), S. 312 f.; Hegarty/Sims (1978), S. 451; Sethi (1979), S. 65 f.; Clinard/Yeager (1980), S. 213 f.; Preston~Post (1981), S. 57; Mintzberg (1983), S. 13; Hennessey/Gert (1985), S. 108; Wokutch/Spencer (1987), S. 64 f.; Raiborn/Payne (1990), S. 879; Carroll (1991b), S. 41; Lemke/Schminke (1991), S. 237; Homann/Blome-Drees (1992), S. 115; Paine (1994), S. 106 und passim; L6hnert (1996), S. 93 f.; Dannecker (1998), S. 11; Reich (1998), S. 9; Steinherr/Steinmann/Olbrich (1998), S. 201; Talaulicar (1998a), S. 17, 3133; Gibson (1999), S. 82 f.; Carroll/Buchholtz (2000), S. 32, 101. 173 Vgl. dazu nochmals Murphy (1998), S. 26. ~74 Siehe dazu auch Joseph (2001), S. 21 Fn. 5 Herv. im Original: ,,A broader focus on ethical values does not mean that organizations are focusing less on issues of compliance. Compliance goals typically remain central due to the Guidelines and other regulatory requirements. Rather, a focus on ethical values adds an important set of organizational goals and incentives.". ~75 Vgl. dazu auch die These von Kolk/van Tulder/Welters (1999), S. 153 f., 162, dasses fiir die Verhaltenswirksamkeit unternehmensethischer Grundsatzdokumente weniger darauf ankommt, ob und welche Themenstellungen behandelt werden, sondern vielmehr auf die Spezifizitat der kodifizierten Normen: ,,The way codes address social, environmental and generic issues is expected to have a profound effect on the compliance like-
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
ethischer K o d i z e s m u s s daher a u f g r u n d l e g e n d e r e n M e r k m a l e n basieren 176, w e n n aussagekr~iftige K o d e x t y p e n gebildet w e r d e n sollen, die verallgemeinerbar e A u s s a g e n tiber ihr jeweiliges Ethisierungspotential erm6glichen.
cc) Praktische Implikationen Ftir E n t s c h e i d u n g e n fiber die praktische A u s g e s t a l t u n g eines K o d e x ergibt sich nach all dem, dass n o r m a t i v e n E m p f e h l u n g e n geeigneter T h e m e n s t r u k t u r e n mit der gebotenen Zurtickhaltung zu b e g e g n e n ist 177. U n t e r n e h m e n sollten die dadurch konstituierte Unsicherheit tiber die a n g e m e s s e n e n Kodexinhalte nicht als B e d r o h u n g , sondern als Chance verstehen, da bereits der Prozess der K o d e x f o r m u l i e r u n g eine intensivere A u s e i n a n d e r s e t z u n g mit moralischen P r o b l e m s t e l l u n g e n initiiert und zur ethischen Sensibilisierung beitr~igt 178. A us diesem G r u n d sollten die B e r a t u n g e n fiber die K o d e x e r s t e l l u n g im Regelfal1179 mOglichst partizipativ gestaltet w e r d e n xS~ u m die B e d e u t u n g der T h e m a t i k frtihzeitig im U n t e r n e h m e n bekannt zu machen, von den K e n n t n i s s e n und Erfahrungen der Mitarbeiter zu profitieren und d e m Eindruck entgegenzutreten, dass die normierten Inhalte durch die U n t e r n e h m e n s l e i t u n g vor gege-
lihood. If issues are mentioned in general, leaving much room for interpretation, they will be more difficult to monitor than in case of a restrictive formulation." [Kolk/van Tulder/Welters (1999), S. 163]. Dies verdeutlicht die Bedeutung, die dem Merkmal der Konkretheit untemehmensethischer Kodizes zuerkannt wird, das auf S. 260 ff. dieser Arbeit als Grundlage der Typenbildung aus~hrlich diskutiert werden soll. 176 So auch Frankel (1989), S. 109. 177 Siehe auch Alderson/Kakabadse (1994), S. 439: ,,There is, however, no textbook code of ethics. Codes must be implemented and followed through according to the needs, values, and characteristics of the individual organization.". ~v8 Ganz in diesem Sinne auch Kaptein/Wempe (1998), S. 853 im Original kursiv: ,,A code is nothing, coding is everything", sowie De George (1986), S. 345 f.: ,,the very exercise of developing one [i.e., an ethical code, T. T.] is in itself worthwhile, especially if is forces a large number of people in the firm to think through, in a fresh way, their mission and the important obligations they as a group and as individuals have to the firm, each other, their clients and customers, and society as a whole."; Warren (1993), S. 189: ,,In this respect the process of creating the code is more important than its actual form or content"; Grace~Cohen (1995), S. 192: ,,The drafting and adoption of a code is an opportunity for a firm to think through and articulate its values and objectives. The process can be as important as the result."; Punch (1996), S. 264: ,,merely the debate on formulating a code can raise the consciousness of managers on ethical issues and can make taboo subjects a matter of open discussion"; Geva (2000): ,,The value of the code does not lie solely in the finished product, but also in the process by which it comes into being"; Adams/Tashchian/Shore (2001), S. 207: ,,More than the code itself, the process of developing and introducing the ethics code may be what increases awareness of ethical issues."; Kaptein/Wempe (2002), S. 273: ,,The power of a code lies in the process of thinking through what it should cover."; Nijhof/Cludts/Fisscher/Laan (2003), S. 66: ,,Writing a code of conduct has undoubtedly the advantage of setting managers to think about the central values of their company and to reflect on situations in which these values are at stake.". 179 Siehe zu einer differenzierteren Untersuchung dieser Partizipationsempfehlung unten, S. 403 ff. der vorliegenden Arbeit. 180 Vgl. z. B. Melrose-Woodman/Kverndal (1976), S. 52; Weber (1981), S. 48; Weller (1988), S. 391; Ethics Resource Center (1990), S. II-2 f.; Velasquez (1990), S. 240; Manley (1991), S. 13; Ciulla (1992), S. 178; L 'Etang (1992), S. 742; Longstaff(1994), S. 243 f.; Montoya/Richard(1994), S. 714; Condren (1995), S. 78 f.; Munro (1997), S. 100 f.; Burke/Blodgett/Carlson (1998), S. 204; Maclagan (1998), S. 173; Arthur Andersen (1999), S. 26; Newton (1999), S. 522; Reynolds~Bowie (2004), S. 282.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
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ben werden, ohne sich der praktischen A n g e m e s s e n h e i t und A k z e p t a n z der K o d e x n o r m e n ausreichend vergewissert zu habenl81. D e m einzelnen U n t e r n e h m e n kann keine individuelle Kl~xung dartiber a b g e n o m m e n werden, w e l c h e Sachverhalte in seiner spezifischen A n w e n d u n g s s i t u a t i o n moralische R e l e v a n z besitzen, ob sich eine Kodifizierung damit v e r b u n d e n e r Fragestellungen anbietet und wie diese spezifiziert w e r d e n soil. Dabei k 6 n n e n und w e r d e n Pr~iskriptionen 0ber vermeintlich sinnvoile T h e m e n s t r u k t u r e n ~82, deskriptive Darstellungen Ober ihre Verbreitung 183 oder die Kodexinhalte anderer U n t e r n e h m e n 184, denen von dem betrachteten ( F o k a l - ) U n t e r n e h m e n besondere B e d e u t u n g zuerkannt wird, durchaus zur Orientierung konsultiert w e r d e n 185. Die simple A d o p t i o n bestehender R o l l e n m o d e l l e birgt j e d o c h die Gefahr, Spezifika der konkreten A n w e n d u n g s s i t u a t i o n nur u n z u r e i c h e n d in R e c h n u n g und die GlaubwOrdigkeit der Kodexeinf'tihrung in Frage zu stellen 186. In der K o n s e q u e n z w~iren Beeintr~ichtigungen bei der Erreichung angestrebter K o d e x f u n k t i o n e n und somit auch, aber nicht nur 187 hinsichtlich der Ethisierung des U n t e r n e h m e n s zu erwarten 188.
181 Vgl. eingehender zu den andernfalls beg~ndbaren machtpolitischen Bedenken gegen Kodizes nochmals die Aus~hrungen oben, S. 161 ff. der vorliegenden Arbeit. 182 Vgl. z. B. Melrose-Woodman/Kverndal (1976), S. 58-61; Harris (1978), S. 355-378; Molander (1987), S. 626-628; Webley (1988), S. 11-13; Ethics Resource Center (1990), S. V-4 - V-43; Velasquez (1990), S. 239; Manley (1991), insb. S. 18; Dean (1992), S. 288; Baehr/Jones/Nerad (1993), S. 292; Robideaux/Miles/White (1993), S. 51; Grace~Cohen (1995), S. 195 f.; Johnson/Cassell/Smith (1996), S. 165. 183 Siehe nochmals die in Tabelle 7, S. 207 ff., zusammengestellten Untersuchungen. 184 Vgl. z. B. Ethics Resource Center (1980), S. 26; Ethics Resource Center (1990), S. II-2; Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1639 Fn. 461; Manley (1991), S. 4, 14; Dean (1992), S. 286, sowie zur praktischen Hfiufigkeit dieses Vorgehens in der Unternehmenspraxis Ethics Resource Center (1980), S. 25. 185 Dies gilt zum einen fi~r den Prozess der Kodexerstellung. Zum anderen kann der Vergleich mit den Kodexdokumenten anderer Unternehmen auch bei nachfolgenden Trainings- und SchulungsmaBnahmen hilfreich sein, um den Mitarbeitern die Besonderheiten des eigenen Kodex transparent zu machen [vgl. in diesem Sinne z. B. Burke/Blodgett/Carlson (I998), S. 204 f. und S. 212, die von einer ,,Code Comparison Method" sprechen]. 186 Damit ganz tibereinstimmend stellt Harris (1978), S. 313, seinem Model Code die Warnung voraus, dass dieser nicht einfach Ubernommen werden sollte, sondern ,,changes can and should be made to reflect the needs and standards of a particular firm.". Siehe auch die Erfahrung des Executive Vice President der Security Pacific Bank, Irving Margol: ,,If all you want to do is to write a code, you can look at existing codes and write the statement quickly, but for a living document you need a top-down bottom-up approach and this takes time." [zit. nach Berenbeim (1987), S. 15]. 187 Vgl.
zur mangelnden Erfolgswirkung kopierter Kodizes aus rechtlicher Perspektive z.B.
auch
Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1639 f.: ,,courts are most likely to give effect to a corporate code that has been
tailored to the circumstances confronting the particular company... Courts may dismiss the mere adoption of another company's code as >>emptyformalism.~". ~88 So auch McDonald (1999), S. 147: ,,it is imperative, when designing Codes, that organisations develop their own. It is tempting to borrow another company's Code of Conduct but the more the Code looks at and reflects the culture of an organisation, the greater the chance it will be accepted by its employees.".
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Ethik-Kodizes ais unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Aus dem hier angenommenen unternehmensethischen Verst~ndnis folgt 189, dass sich die Norminhalte nicht nur darauf beschr~inken dtirfen, die Einhaltung rechtlicher Auflagen sicherzustellen. Ethik-Kodizes, die sich der Implementierung einer Untemehmensethik verpflichten, m0ssen sich vielmehr auch der untemehmenspraktischen Probleme der Begrtindung und Befolgung moralisch gebotener Handlungsweisen annehmenl9~ Dies verlangt eine hinreichend breite Themenstruktur 191, die sich nicht auf einzelne materiell spezifizierte Problemstellungen reduziert 192.
2.
Formale Gestalt Unter der Kategorie der formalen Gestalt sind die Merkmale der Kodexinhalte zu subsu-
mieren, die nicht unmittelbar an eine bestimmte (materiell konkretisierte) Themenstruktur gebunden sind. Trotz identischer Themenstruktur kOnnen sich Kodizes dennoch grundlegend hinsichtlich ihrer formalen Gestalt unterscheiden. Bei der formalen Gestalt unternehmensethischer Grundsatzdokumente geht es um ihre Sprache und Fundierung sowie die Konkretheit der kodifizierten Aussagen. Wie eingangs bereits angektindigt 193, kommt dabei dem Merkmal der Konkretheit for die gestaltungsrelevante Systematisierung unterschiedlicher Kodexarten zentrale Bedeutung zu.
a) Sprache aa) Grundlegende Bedeutung Der Begriff der Sprache wird als ,,eigenttimlich mehrdeutig ''!94 umschrieben und auf dementsprechend vielf~iltige und unterschiedliche Weise verwendet. Sprache meint nicht lediglich die verwendete Nationalsprache (wie Deutsch oder Englisch), sondern die Verbalisierung im Allgemeinen 195. Sie stellt als konkretes Gebilde das Erkenntnisobjekt der Sprachwissenschaft oder Linguistik dar bzw. bei logisch-abstrahierender Betrachtung das der logischen Sprachanalyse. Schliel31ich muss Sprache nicht nur ein Mittel verbaler Verstfindigung zwischen Men-
189 Siehe nochmals oben, insb. S. 24 ff. der vorliegenden Arbeit. 190 Im Ergebnis 0bereinstimmend daher die These yon Brenner (1992), S. 397, tiber die ,,three different general types of concerns [in corporate ethics programs, T. T.]: avoidance of law breaking; dealing with emerging gray areas; and responding appropriatelyto profit/performance pressures.". 191 Siehe zu einer solchen Empfehlung auch White~Montgomery (1980), S. 86. ~92 Vgl. ganz in diesem Sinne Raiborn/Payne (1990), S. 883: ,,the code should be comprehensive enough to envelope the spirit of ethics and morality". 193 Siehe nochmals oben, S. 201 der vorliegenden Arbeit. 194 Wunderlich (1989), S. 316. 195 Vgl. z. B. Wunderlich (1989), S. 316.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
239
schen sein, sondem kann generell als ein System von Zeichen verstanden werden und bildet dann den Gegenstand der allgemeinen Zeichentheorie oder Semiotik 196. Da sich ftir den Zeichenvorgang (die Semiose) mit dem Zeichentr~iger (das heiBt der konkret erscheinenden Zeichengestalt), dem Designat (auf das im Zeichen Bezug genommen wird) und dem Interpretanten drei Komponenten unterscheiden lassen, untergliedert sich die Semiotik entsprechend in drei Teile 197. Die Syntaktik untersucht die logisch-grammatikalischen Beziehungen zwischen den linguistischen Zeichen einer Sprache, ohne Beziage zu den Objekten und Interpreten in den Blick zu nehmen. Die Semantik als zweite semiotische Teildisziplin hingegen ist objektbezogen und zielt darauf, die Bezeichnung oder Bedeutung der linguistischen Zeichen aufzudecken. Die Pragmatik schliel31ich bezieht den Interpretanten ein und thematisiert die Beziehungen zwischen den linguistischen Zeichen und ihren Benutzem, das heiBt Sprechern, H6rern, Lesern. Sie analysiert mithin, wie sprachliche Ausdrticke kommunikativ gebraucht werdenl98. L/asst man die sich aus solchen sprachtheoretischen oder philosophischen Er6rterungen ergebenden Weiterungen zun/achst ausgeblendet, so ist (auf der Basis gesunden Menschenverstands) bereits zu konstatieren, dass die Sprache unternehmensethischer Kodizes fraglos einen Effekt darauf hat, ob und inwieweit sie durch ihre Adressaten wahrgenommen und infolgedessen verhaltenswirksam werden. Der Sprache muss demgem/aB bei der Gestaltung unternehmensethischer Grundsatzdokumente gr6Bere Aufmerksamkeit zuteil werden. Schlecht formulierte Kodizes kOnnen das Ethisierungspotential dieses Implementierungsinstruments nicht aussch6pfen. Demgem/~13 besteht groBe Einigkeit, dass Kodizes einfach, leicht verst/andlich und gut lesbar formuliert sein sollten, damit die Botschaft der in ihnen kodifizierten Normen klar kommuniziert wird 199. Dies bedeutet auch, dass die Komplexit/~t der Darstellung die Gesamtheit der Kodexadressaten berticksichtigen 2~176 und nicht etwa den Ausbildungshintergrund der Kodexautoren widerspiegeln sollte 2~ Die Erfolgsvoraussetzung der sprachlichen Ver-
196 Siehe zu diesen verschiedenen Bedeutungen nur Seiffert (1989a), S. 313. 197 Vgl. z. B. Rodi (1989), S. 298 f. m. w. N. 198 Vgl. zu den drei Dimensionen der Semiotik z. B. Ross (1968), S. 6 f.; Kalinowski (1973), S. 2 f.; Rodi (1989), S. 298 f.; Wunderlich (1989), S. 321-325; Lueken (1999), S. 1497. 199 Vgl. z. B. Sanderson/Varner (1984), S. 31; Ethics Resource Center (1990), S. III-1; Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1638 Fn. 459 und S. 1649; Raiborn/Payne (1990), S. 883, 884; Velasquez (1990), S. 239; Ryan (1991), S. 131; Alderson/Kakabadse (1994), S. 439; Brien (1996), S. 27; Cassell/dohnson/Smith (1997), S. 1080; Joseph (2001), S. 49; Palmer/Zakhem (2001), S. 83; Chonko/Wotruba/Loe (2003), S. 238. 200 Vgl. z. B. Raiborn/Payne (1990), S. 884: ,,a useful ethics code should be: clear and understandable to the average person", oder Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1638 Fn. 459: ,,A code's primary purpose is to communicate effectively to a variety of levels of corporate employees. Thus, codes should be drafted in plain English, and not legalese, to ensure that they are understood by employees.", sowie Pierce~Henry (2000), S. 310: ,,to be effective these codes must be written such that they provide guidance to all users". 2o~ Vgl. dazu explizit Martens~Day (1999), S. 166, sowie die empirischen Befunde von Sanderson/Varner (1984), S. 31, wonach die komplexen, schwierig lesbaren Satzkonstruktionen vieler Kodizes der Unternehmenspraxis ,,reflect the heavy participation of legal departments.". Siehe eingehender zu den Problemen, die bei der Verwendung fachsprachlicher Termini auftreten k/Snnen, Ebert (1997), S. 37 f.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
st~ndlichkeit beinhaltet ferner die f'tir internationale Unternehmen dringliche Empfehlung, den Kodex sorgffiltig 2~ in die verschiedenen Landessprachen zu iibersetzen, damit nicht bereits nationalsprachliche Barrieren das Verst~indnis des Kodex behindern 2~ Das Merkmal der Verst~indlichkeit ist zwar distinktiv, das heiBt, es erlaubt eine Bedeutungsunterscheidung unternehmensethischer Kodizes. Diese Differenzierung ist jedoch praktisch insoweit wenig relevant, als unverst~indlich formulierte Kodizes eben generell weniger effektiv sein und eine bestenfalls nur geringere Ethisierung des Unternehmens bewirken werden. Sofern keine erkennbar dysfunktionalen Kodexarten erfasst werden sollen, sind diese sprachlichen Ausdrucksformen zur Herleitung einer sinnvollen Kodexdifferenzierung daher untauglich, da sie erfolgsdominante bzw. -dominierte Kodextypen konstituieren wiirden 2~ Weitergehende sprachliche Merkmale scheinen hingegen zu idiosynkratisch 2~ und sich daher far eine erste Typenbildung nicht zuvorderst anzubieten 2~ Das Idiosynkratische mag zum einen erkl~iren, warum sprachanalytisch fundierte Studien unternehmensethischer Kodizes bislang in nur ~iuBerst begrenzter Zahl durchgeftihrt worden sind 2~ Dabei soll nicht geleugnet werden, dass diese Zurtickhaltung zum anderen sicherlich auch aus der besonderen Interdisziplinarit~it dieser Untersuchungen resultiert, die profunde Kenntnisse der Sprachwissenschaft und/oder Semiotik voraussetzen 2~
bb) Empirische Untersuchungen zur Sprache unternehmensethischer Kodizes Die Einschfitzung, dass die in sprachanalytischen Studien erfassten Merkmale unternehmensethischer Kodizes ftir eine erste Systematisierung weniger geeignet sind, soll im Folgen-
202 Sorgfaltskriterien kOnnen dabei dem wissenschaftlichen Forschungsprozess entliehen werden, woes allgemein anerkanntem Standard entspricht, im Rahmen internationaler Befragungen notwendige Obersetzungen dutch Rticktibersetzung auf ihre Angemessenheit zu prtifen. 203 Vgl. z. B. Martens~Day (1999), S. 166, oder Kearney (1999), S. 214. So liegt beispielsweise der Kodex yon Shell in 51 verschiedenen Sprachen vor. Damit k0nnen 99,9 % der Mitarbeiter des Konzems auf eine Version des Kodex in ihrer Muttersprache zurtickgreifen [vgl. Kaptein/Wempe (2002), S. 295]. 204 Siehe dazu nochmals oben, S. 193 der vorliegenden Arbeit. 205 Vgl. nut die Einschfitzung yon Fulmer (1969), S. 50: ,,True, the writing [of codes, T. T.] may leave something to be desired, but the authors have every right to counter their critics with the comment, >>Ilike my way of doing it better than your way of not doing it.<<". 206 Siehe auch das Eingestfindnis von Gaumnitz/Lere (2004), S. 335 En. 7: ,,There may be interpersonal differences in how tone [of a code of ethics, T. T.] is perceived and even differences in perception by the same person over time.". 207 Vgl. z. B. Rogers/Swales (1990), S. 294: ,,There seem to have been few attempts to examine the language of ethical codes". z08 Es tiberrascht daher nicht, dass die themenbezogenen Publikationen ausnahmslos (Co-)Autoren haben, die Uber sprach- oder kommunikationswissenschaftliche Spezialisierungen verfiigen [vgl. Rogers/Swales (1990); Stevens (1996), S. 83 En. 2; Farrell/Farrell (1998), S. 587], und tiberwiegend in kommunikationswissenschaftlich ausgerichteten Fachzeitschriften erschienen sind [vgl. Rogers/Swales (1990); Stevens (1996)]. Aus dem deutschen Sprachraum ist die linguistische Untersuchung yon Ebert (1997) zu nennen (siehe dazu auch unten, S. 246 Fn. 248 der vorliegenden Arbeit).
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
241
den anhand von drei vorliegenden Kodexuntersuchungen n~iher erl~iutert werden. W~ihrend die ersten beiden Untersuchungen linguistische Methoden der Sprachanalyse anwenden 2~ basiert die dritte Studie auf dem Competing Values Framework 2~~ der ursprtinglich in der Managementwissenschaft zur Charakterisierung von Wertorientierungen organisatorischer Effektivit~itskonzeptionen
entwickelt
wurde z~l
und
inzwischen
auch
in
kommunikations-
wissenschaftlichen Analysen Prominenz erlangt hat.
a'
Rhetorik der Personalpronomen In ihrem ,,We the People?" Oberschriebenen Beitrag untersuchen Rogers/Swales (1990) den
Ethik-Kodex des US-amerikanischen Automobilzulieferers Dana Corporation 212 danach, welche Formulierungen in diesem Dokument gew~ihlt worden sind, wenn sich Aussagen auf das Untemehmen selbst oder die Mitarbeiter als Kodexadressaten beziehen. FOr diese Analyse wird die linguistische Technik der Substitution angewendet, um die Auswirkungen altemativer Formulierungen (wie ,,we", ,,Dana Corporation", ,,employees" oder ,,Dana people") abzusch~itzen und die Bedeutsamkeit dieser rhetorischen Selektion aufzuzeigen 213. Die Autoren haben nach einer Sichtung von annfihemd 80 Kodizes 214 bewusst den Code von Dana als Gegenstand ihrer Studie gew~ihlt, da sich dieses (erfolgreiche) Unternehmen zum einen mit Ausnahme des Kodexdokuments durch eine st~irkere Betonung von mOndlichen (gegenOber schriftlichen) Kommunikationsakten und zum anderen durch eine konsequente Mitarbeiterorientierung auszeichnet 215. Bei der schriftlichen Abfassung des Kodex durch ein Policy Committee, das sich aus FOhrungsorganmitgliedem zusammensetzt 216, hat diese Unternehmensphilosophie die gew~ihlten Formulierungen nachhaltig gepr~igt. Rogers/Swales (1990) untermauern dies durch Interviews mit den Kommissionsmitgliedern und durch Zitationen des Kodex, der entsprechend h~iufig das affirmative und einschlief3ende Personalpronomen ,,Wir" enth~ilt. Die Verwendung von Anreden in der zweiten Person und relationaler Phrasen wie ,,sollen", ,,sollten" oder ,,mOssen" ist hingegen bewusst vermieden worden, um dem Eindruck entgegenzutreten, dass mit dem Dokument spezifische Vorgaben kommuniziert werden, die gesetzesartigen Zwangscharakter besitzen 217 2o9 Vgl. Rogers/Swales(1990), S. 294; Farrell/Farrell(1998), S. 590. zl0 Vgl. Stevens (1996), S. 74. 211 Vgl. Quinn/Rohrbaugh(1983), insb. S. 369 f. 212 Siehe den Abdruck des Dokuments mit dem Titel ,,The Philosophy and Policies of Dana" (PPD) bei Rogers/Swales (1990), S. 298. 213 Vgl. Rogers/Swales(1990), S. 294 f. 114 Vgl. Rogers/Swales(1990), S. 308 En. 6. zl5 Vgl. Rogers/Swales(1990), S. 295 f. 216 Vgl. Rogers/Swales(1990), S. 296, 313. z17 Vgi. Rogers/Swales(1990), insb. S. 302.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Die Fallstudie demonstriert, welche durchaus subtilen Entscheidungen hinsichtlich seiner Rhetorik bei der Formulierung eines Kodex zu treffen sind. Abstrahiert man von dem betrachteten U n t e m e h m e n , so lassen sich in Hinblick auf das untersuchte Merkmal der vorherrschenden Personalpronomen drei Kodexarten unterscheiden, die entweder auf die Verwendung von Personalpronomen im Wesentlichen 218 verzichten, durch Anreden in der zweiten Person oder das einbindende ,,Wir" dominiert sind 219. Weitere sprachliche Merkmale scheinen mit dieser Einteilung durchaus zu korrelieren, da sich personalpronomenfreie Kodizes etwa wie Gesetzestexte lesen 22~ und die i~bersteigerte Nutzung von Personalpronomen in der zweiten Person die Differenz zwischen dem Absender des Kodex und seinen Adressaten hervorhebt 22z. Daher sind Kodizes dieser beiden Kategorien tendenziell negativer in ihrem Ton und durch die h/~ufigere Verwendung von W 6 r t e m wie einerseits ,,nicht", ,,vermeiden" oder ,,unterlassen ''222 sowie andererseits ,,mtissen" und ,,sollen" gekennzeichnet, die im Kodex von Dana g~inzlich fehlen 223 bzw. in wir-fokussierten Grundsatzdokumenten eher unterrepr~isentiert sind. Wenngleich empirische Belege der suggerierten W i r k u n g s z u s a m m e n h a n g e bis dato fehlen, soll die Relevanz dieser textlichen Merkmale ftir die Rezeption schrifilicher Kommunikation beim Adressaten und damit ftir die Erfolgswirkung untemehmensethischer Kodizes keineswegs in Abrede gestellt werden 224. Als Grundlage einer aussagekrfiftigen Typenbildung bieten sie sich allerdings dennoch nicht an, da positive Effekte wir-fokussierter Kodizes nicht generell erwartet werden kOnnen 225, sondern diese sich erst im Zusammenspiel mit anderen, eben generischeren Merkmalen einstellen werden. Kodizes, die im Prinzip sehr restriktive Vorgaben machen und den Entscheidungsspielraum der einzelnen Mitarbeiter deutlich einzugrenzen beabsichtigen, werden nicht deshalb positiver perzipiert werden, da sie Formulierungen wie ,,wir wollen" statt ,,unsere Mitarbeiter sollen" verwenden. Die Anrede in der ersten Person Plural erscheint in diesem Falle weniger inklusiv, sondem vielmehr die Autorenschaft des
218 Auf die Problematik der Zuordnung praktischer Codes ist an dieser Stelle nicht einzugehen. Die drei Kategorien kOnnten insoweit als Idealtypen verstanden werden, denen tatsachliche Kodexdokumente jeweils mehr oder weniger stark iihneln. 219 Genauso Rogers/Swales (1990), S. 309 En. 10: ,,The codes in our sample can be placed into three broad categories according to their pronoun use: a) >too-pronoun<>you-focused< >we-focused<< codes.". 220 Vgl. Rogers/Swales (1990), S. 309 En. 10. 221 Vgl. Rogers/Swales (1990), S. 301. 222 Vgl. Rogers/Swales (1990), S. 309 En. 11. 223 Vgl. nochmals Rogers/Swales (1990), S. 301 f. 224 Siehe z. B. die Annahme von Malloy/Fennell (1998), S. 457: ,,that individuals reading a code of ethics are more likely to be receptive to statements that are positively stated, or represent positive actions.". 225 Vgl. z. B. auch die sogleich aufzugreifende Studie von Farrell/Farrell (1998), S. 595 f., die gegen eine metaphorische Verwendung des ,,Wir" einwenden, dass damit der Ermessensspielraum des Einzelnen unter Umstanden beschr~inkt werde. Siehe weiterhin kritisch Ebert (1997), S. 48: ,,Nicht immer signalisieren die erhobenen Texte klar und deutlich, wer Angesprochener, Besprochener und Sprecher ist. Die Rolle des Sprechers bleibt z. B. geme dann often, wenn das Pronomen der ersten Person Plural (>>wir<<)verwendet wird".
GestaitungsdimensionenunternehmensethischerKodizes
243
Dokuments widerzuspiegeln226, was bei den Rezipienten dessen Wahrnehmung als restriktiv noch verst~kt. Bei den Mitarbeitern kOnnte sich der Eindruck erh~irten, bevormundet zu werden, oder die affirmative Formulierung restriktiver Vorgaben als zynisch (v)erkannt werden. Die inkonsistente Nutzung wir-fokussierender Elemente kann demgem/aB sogar eher dysfunktionale Konsequenzen besitzen, wenn diese Ausdrucksformen mit anderen Eigenschaften des Kodex nicht in Einklang stehen. Die Analyse dieser Formulierungsentscheidungen und der angenommenen Wirkungszusammenh~inge macht deutlich, dass zur Einteilung unterschiedlicher Kodexarten anderen Merkmalen grundlegendere Bedeutung zukommt, da deren Auspr~igung die Selektion zweckm~iBiger Ausdrucksformen eingrenzt und die Konsistenz ihrer Verwendung bestimmt. Den im weiteren Verlauf dieser Arbeit betrachteten generischen Merkmalen der Konkretheit kodifizierter Normen und der Art der Kodexsetzung kommt augenscheinlich eine Schltisselrolle zu, wenn die Konsistenz der Kodexformulierung zu beurteilen ist. So r~iumen Rogers/Swales (1990) mit Blick auf den Konkretisierungsgrad selbst ein, dass ,,[a]mong the codes in our collection, general mission statements or credos and hybrid codes such as the PPD tend to have a more consistent incidence of we than policy and procedures codes, perhaps because the closer one gets to ~)laying down the law,~ the more difficult it is to reinforce the transactional nature of communication and mutuality of human relationships. ''227. Eine st~irkere Konkretisierung wird danach tendenziell mit spezifischeren Formulierungen einhergehen und eine grOBere H~iufigkeit von Anreden in der zweiten Person wahrscheinlich machen, wohingegen credoartige Allgemeinheiten eher wir-fokussierte Redeweisen zulassen. Hinsichtlich der Art der Kodexsetzung wird sich der Zwangscharakter unternehmerischer Codes in legalistischen Sprachelementen niederschlagen, w~ihrend auf Internalisierung zielende Kodizes sinnvollerweise mit affirmativen und inklusiven Formulierungen kombiniert werden. Wenn Rogers/Swales (1990) konstatieren, dass ,,The ))you-focused~ codes in our sample are of the policies and procedure type and clearly ))come from the top,~ leaving little doubt as to the subordinate position of the intended reader and reinforcing corporate hierarchy. ''228, gestehen sie damit ausd~cklich ein, dass die Konkretheit der kodifizierten Normen und die Art ihrer Setzung mit den von ihnen nach sprachlichen Abgrenzungsmerkmalen gebildeten Kodexkategorien korrelieren und deren Auspr~igungen letztlich beeinflussen. Die untersuchten Merkmale der Sprache unternehmensethischer Kodizes sind zusammengefasst zwar ftir deren Erfolg von Belang, aber gleichzeitig zu idosynkratisch, als dass sie sich ftir eine erste Kategorisierung unternehmerischer Grundsatzdokumente empfehlen wiarden.
226 Vgl. zu dieser M6glichkeitauch Rogers/Swales (1990), S. 300 f. z27 Rogers/Swales (1990), S. 302 Herv. im Original. 228 Rogers/Swales (1990), S. 301.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Weitere Merkmale funktionaler Linguistik Diese Schlussfolgerung wird auch durch eine zweite Studie untermauert, in der Far-
rell/Farrell (1998) die Sprache von ftinf Ethik-Kodizes australischer GroBuntemehmen unterschiedlicher Branchen untersuchen 229. Diese Analyse wird unter Anwendung der Methodik funktionaler Linguistik durchgeftihrt 23~ die prinzipiell dem Vorgehen von Rogers/Swales (1990) sehr ~.hnlich, jedoch auf weitere sprachliche Merkmale ausgedehnt ist. Unter Fokussierung der interpersonellen Funktion der Sprache 231 wird (interpretativ) analysiert, welche Wirkungsweisen die Wahl bestimmter sprachlicher Ausdrucksformen erwarten lasst. Dabei geht es Farrell/Farrell ( 1 9 9 8 ) - anders als Rogers/Swales (1990) - nicht um die Bestimmung einer Best Practice, sondern die Bestfitigung skeptischer Kodexstimmen, die unternehmensethische Grundsatzdokumente bem~.ngeln, da sie zu legalistisch ausgestaltet seien 232, eher dem Schutz des Unternehmens 233 und der Verfestigung hierarchischer Machtdistanz dienten 234. Anhand von ftinf linguistischen Merkmalen zeigen die Autoren auf, wie sich diese vorgelagerten Kodexeigenschaften, die sich aus der Themenstruktur bzw. der Art der Normsetzung ergeben, in der Gestaltung linguistischer Strukturmerkmale widerspiegeln. Diese Modellierung konzediert bereits, dass die Wahl der Sprache aus den Ausprfigungen generischerer Kodexmerkmale resultiert. Folgerichtig unterlassen die Autoren in ihrem gesamten Beitrag auch jeglichen Versuch, unterschiedliche Kodexarten nach Merkmalen ihrer Sprache abgrenzen zu wollen. Der Ermessensspielraum der Kodexadressaten wird erstens durch relationale Bestimmungen in attribuierender oder identifizierender Form eingeschr~inkt, die Entitaten bestimmte Attribute zuschreiben (z. B. ,,Die Befolgung dieser Verhaltensregel ist unabdingbar. ''235) bzw. mit anderen EntitY,ten gleichsetzen (z. B. ,,Integritat bedeutet ftir uns, das Richtige zu tun."236). Da und soweit diese vermeintlich deskriptiven Feststellungen autoritfir vorgegeben werden, vergrOl3em sie die Distanz zwischen Absender und Adressaten des Kodex 237. Zweitens schafft die h~.ufige Verwendung passiver Satzkonstruktionen eine Entpersonalisierung des Texts und damit eine Marginalisierung der Rolle der Kodexadressaten, deren ftir eine umfassende Ethi229 Vgl. zur ngheren Kennzeichnung dieser Unternehmen Farrell/Farrell (1998), S. 591. 23o Vgl. Farrell/Farrell (1998), S. 590. 231 Vgl. Farrell/Farrell (1998), S. 590. z32 Siehe auch nochmals die Diskussion der Befunde zur Themenstruktur unternehmerischer Codes oben, S. 225 ft. der vorliegenden Arbeit. 233 Siehe auch dazu nochmals oben, S. 227 der vorliegenden Arbeit. 234 Vgl. dazu auch nochmals die machtpolitischen Bedenken gegentiber Ethik-Kodizes, die auf S. 161 ft. der vorliegenden Arbeit diskutiert worden sind. 235 Vgl. Farrell/Farrell (1998), S. 592. 236 Vgl. Farrell/Farrell (1998), S. 593. 237 Vgl. Farrell/Farrell (1998), S. 593.
Gestaitungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
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sierung des Untemehmens notwendiges aktives Engagement ausgeblendet bleibt 238. Die Bedeutung von Rechten und Pflichten verschwimmt, wenn sie den Tr~igern nicht personell zuerkannt, sondern nur passiv und unter Ausblendung der Teilnehmer formuliert werden 239. Die als drittes Merkmal betrachtete Substantivierung ist einerseits gemeinhin zwar ein legitimes Mittel zur Strukturierung komplexerer Textzusammenhange. Auf der anderen Seite kann dieses Stilelement allerdings auch eingesetzt werden, um komplexe Zusammenh/~nge unzul/~ssig zu simplifizieren und ihre Bedeutung unklar werden zu lassen, sofern beispielsweise Informationen unbenannt bleiben, die zum Einfordem anscheinend zuerkannter Rechte ben6tigt werden 24~ Viertens k6nnen Metaphern einen Text anschaulicher, aber auch wiederum unklarer wirken lassen, wenn der Kodexkontext keine eindeutige Interpretation der Metapher nahe legt. In besonderem MaBe gilt dies for die metaphorische Verwendung des Personalpronomens ,,wir", mit dem beabsichtigt sein kann, untemehmensexterne Stakeholder und die Mitarbeiter einzubeziehen, vermeintlichen Konsens aufzuerlegen oder die hierarchische Beziehung zwischen vor- und nachgelagerten Ebenen der Unternehmenshierarchie zu verdecken 241. SchlieBlich 1/asst sich mit der Modalit/it der Aussage ihr Geltungs- und Verbindlichkeitsanspruch variieren. Dabei zeichnen sich die f'tinf einbezogenen Grundsatzdokumente durch eine befehls/ahnlithe Wortwahl aus, da sie den Adressaten unabdingbare Verpflichtungen auferlegen 242 (z. B. ,,Unsere Mitarbeiter m a s s e n i m m e r die jeweils geltenden Untemehmensleits/atze befolgen."). Der Untersuchung von F a r r e l l / F a r r e l l (1998) kommt das Verdienst zu, anspruchsvolle Methoden der Linguistik auf den Gegenstand unternehmensethischer Kodizes angewendet und dabei durchaus interessante Besonderheiten in der Sprache der ausgew/~hlten Textdokumente aufgezeigt zu haben. Dabei ging es den A u t o r e n - wie bereits betont wurde - ganz offensichtlich nur bzw. gerade darum, deutlich zu machen, wie sich grundlegende Orientierungen, die in der Praxis hinsichtlich der Gestaltung und Nutzung unternehmerischer Codes vorherrschen m6gen, in der Sprache der Kodizes niederschlagen. Diese Modellierung bestfitigt den zuvor behaupteten idiosynkratischen Charakter sprachlicher Kodexmerkmale. Ftir eine Typenbildung kommen die untersuchten Merkmale indes nicht in Frage, da ihre Auspr~igungen noch keine Rtickschltisse auf die anzunehmenden Wirkungen erlauben. Das Vorhandensein der betrachteten linguistischen Merkmale allein impliziert keinesfalls, dass ein Kodex tats/ichlich als bevormundendes Zwangsinstrument wahrgenommen wird. So
z38 Vgl. Farrell/Farrell (1998), S. 593. 239 Vgl. Farrell/Farrell (1998), S. 593. z40 Farrell/Farrell (1998), S. 594 Herv. im Original, nennen als Beispiel die folgende Kodexpassage, die zwar zun~ichst konzise wirkt, jedoch dem Adressaten keine Hinweise da~r gibt, ob, wie und warm er auf die Durchsetzung dieser Norm dr~ngen kann, iaber deren Auslegung daher das Topmanagement als Absender des Codes allein zu entscheiden vermag: ,,There must be equal opportunity for employment, development and advancement for those qualified.". 241 Vgl. Farrell/Farrell (1998), S. 595 f. 242 Vgl. Farrell/Farrell (1998), S. 596.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
k6nnen im Gegensatz zu den von den Autoren zitierten Beispielen relationale Bestimmungen aufgef'tihrt werden, um notwendige Definitionen zu formulieren, die den Kodexadressaten die Durchsetzung der ihnen zugebilligten Rechte erm6glichen. Substantivierungen k6nnen zur sinnvollen Strukturierung des Texts eingesetzt werden und dessen Lesbarkeit und Verstgndlichkeit verbessern. Metaphern wie das von Farrell/Farrell (1998) genannte ,,Wir" k6nnen sogar Begeisterung f'tir den Kodex wecken 243 und Modalit~iten selbstredend auch den Entscheidungsspielraum der Mitarbeiter vergrOl3ern. M0gliche Rezeptionen der linguistischen Textmerkmale erschliegen sich daher erst durch eine umfassendere Einbeziehung des Kodexkontexts und aufwendige Interpretationsleistungen, was der anzustrebenden Verallgemeinerbarkeit einer Typenbildung entgegensteht.
c'
Competing Values Framework Abschliel3end soll auf die Studie von Stevens (1996) eingegangen werden. Die Autorin hat
unter Verwendung des Competing Values Framework 40 Kodizes der Unternehmenspraxis TM nicht gruppiert, aber zumindest doch beurteilt, inwieweit die Sprache dieser Dokumente (mehr oder weniger) transformationale, instruktionale, informationale und relationale Elemente beinhaltet 245. Das Transformationale, Instruktionale, Informationale und Relationale reprfisentieren Rhetorikdimensionen, die inhaltlich durch Wandel, Handlung, Fakten bzw. Vertrauen symbolisiert werden. Diese Dimensionen sind als konkurrierende Werte zu verstehen, da zum einen ein einzelner Kodex auf mehr als einem Beurteilungsfeld fiber St~irken oder Schw~ichen verffigen kann 246. Zum anderen stellen transformationale und informationale bzw. instruktionale und relationale Eigenschaften aus konzeptioneller Sicht Gegens~itzlichkeiten dar 247, weshalb ein relationaler Kodex, der auf die Bildung yon Vertrauen zielt, anders zu gestalten ist als ein instruktionaler, mit dem zu bestimmten Handlungen angeleitet werden sol1248.
243 Vgl. in diesem Sinne nochmals die Aus~hrungen von Rogers/Swales (1990) oder Murphy (1998), S. 75. 244 Vgl. Stevens (1996), S. 76. 245 Vgl. Stevens (1996), insb. S. 76-80. 246 Vgl. Stevens (1996), S. 75. 247 Vgl. Stevens (1996), S. 75. 248 Dem Gegenstand der Studie von Stevens (1996) fihnlich hat Ebert (1997) 154 Unternehmens- und Fahrungsgrundsfitze von 98, fast ausnahmslos deutschen Unternehmen mit dem Ziel untersucht, die vielen Dokumente auf bestimmte Grundtypen yon Texten zu~ckzuf'tihren. Auf eine ausftihrliche Darstellung der Vorgehensweise und Befunde dieser Arbeit wird hier verzichtet, da zum einen die einbezogenen Dokumente nicht durchweg als Ethik-Kodex einzuordnen sind. Zum anderen werden bei der Bildung der Texttypen nicht nur sprachliche, sondern in starkerem Mage ebenso themenstrukturelle Merkmale berUcksichtigt. Ebert (1997), S. 85-253, unterscheidet nach den Textzielen oder -funktionen zwischen einem appelativen Texttyp (der durch Ftihrungsanweisungen, Zielsetzungs-, Pflichten- und Rechtekanons regulierend, durch Wertekanons, Philosophie, Leitbild oder Vision des Unternehmens orientierend oder durch spezifische Verhaltensregeln und Checklisten instruierend ausgestaltet sein kann), einem informativen Texttyp (der durch Darstellung des Unternehmens deskriptiv, durch Darstellung des Unternehmensimage persuasiv, durch Darstellung der Unternehmensgeschichte narrativ oder durch Belehrung tiber die Unternehmensphilosophie prciskriptiv ausgestaltet sein kann) und einem ausdrucksfunktional-kommissiven Texttyp (Absichtserklfirungen, Selbstverpflichtungen, Vereinba-
GestaltungsdimensionenunternehmensethischerKodizes
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Eine n/ahere Charakterisierung dieser Rhetorikdimensionen erfolgt durch jeweils f'tinf Deskriptorensets, die sich aus je drei Adjektiven zusammensetzen249. Ftir die Bewertung der einzelnen Kodexdokumente hinsichtlich dieser vier Eigenschaflen wurde ein Fragebogen entworfen, der mittels 7-stufiger Likertskalen erhebt, inwieweit die beschreibenden Adjektivgruppen den Kodex (mehr oder weniger) zutreffend kennzeichnen. Auf der Basis der Einsch~itzungen von zwei Hochschullehrem und drei studentischen Mitarbeitem wurden durch einfache Mittelwertbildungen die Auspr~igungen der analysierten Kodizes auf den vier Dimensionen aggregiert 25~ Im Kern zeigte sich dabei, dass die einbezogenen Kodexdokumente im Allgemeinen nur mittlere Ausprfigungen sowohl bei der transformationalen als auch bei der instruktionalen Rhetorikdimension erzielten und damit als begrenzt vision~r und herausfordernd bzw. interessant und stimulierend wahrgenommen wurden. Stevens folgert daraus, dass Kodizes hinter ihren persuasiven M0glichkeiten zur~ckbleiben, da sie weder zum Handeln zu motivieren noch den Leser zu fesseln scheinen 25~. Den Schw~chen im transformationalen Bereich stehen hohe Werte der informationalen Dimension gegentiber. Diese Ausprfigung zeigt an, dass Kodizes Fakten prfizise kommunizieren, aber im Einzelfall durch ihre Wortwahl legalistische Assoziationen wecken kOnnen. Die gr0Bte Streuung der Ratings ffir die 40 Kodizes wurde mit Blick auf ihre relationalen Merkmale beobachtet. Danach gibt es auf der einen Seite Kodizes, die Ehrlichkeit, Glaubw~rdigkeit oder Vertrauen schtiren, und andererseits Grundsatzdokumente, die eine Distanz zwischen dem Kodex und seinen Adressaten schaffen. Relationale Kodizes zeichneten sich dabei weiterhin durch eine positiv gefarbte Sprache und die h~ufigere Verwendung von Personalpronomen in der ersten Person aus, wohingegen die als weniger relational eingestuften Texte gleichzeitig durch eher befehlsartige, unpers6nliche und negative Formulierungen auffielen. Auch dieser Untersuchung ist zu attestieren, dass sie einen wichtigen Beitrag ffir die Durchdringung der sprachlichen Ph~nomene geliefert hat, die im Zusammenhang unternehmensethischer Kodizes von Interesse sind. Dennoch macht bereits die nur tiberschlfigige Zusammenfassung deutlich, dass f'tir eine Typenbildung wenig fruchtbare Anhaltspunkte gegeben werden. Das Idiosynkratische dieser Studie zeigt sich zun~chst darin, dass sich bei einer nur dichotomen Skalierung der vier ausgewfihlten Rhetorikdimensionen 16 m6gliche Kodexarten ergeben252. Dabei mag die Gruppenzahl reduziert werden kOnnen, soweit bestimmte rungen, Versprechen). Dabei kann es zu Beeintr~ichtigungender kommunikativenEffektivit~itkommen, da ein einzelner Text in ganz unterschiedlichen Problemsituationen zu gebrauchen ist, daher verschiedene Funktionen er~llen soll und sich dementsprechendaus mehreren Textsorten zusammensetzt. 249 Vgl. Stevens (1996), S. 75. 250 Vgl. zur methodischenVorgehensweiseund Reliabilit~itn~herStevens (1996), S. 76 f. 251 Vgl. Stevens (1996), S. 79. 252 Nicht selten wird das Competing Values Model daher durch lediglich zwei Wertedimensionen definiert. Quinn/Rohrbaugh (1983), S. 369, hatten ursprOnglichein dreidimensionalesRaster.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Auspr~igungen nicht sinnvoll kombinierbar erscheinen 253, wie es die empirisch belegte Spannung zwischen instruktionalen und relationalen Kodexformulierungen nahe legt 254. Dessen ungeachtet scheinen Implikationen f'tir die Verhaltenswirksamkeit der verbleibenden Kodexarten durchaus ambivalent zu beurteilen sein. So ist die Sprache von Kodizes f'tir den Erfolg von Ethisierungsbemtihungen- wie zuvor schon mehrfach k o n z e d i e r t - zweifelsfrei eine wichtige Determinante, aber auch eine nachgeordnete, da die Bedeutung der Kodexinhalte und der Art der Kodexsetzung durch den strategischen Einsatz einer erfolgversprechenden Rhetorik nicht dauerhaft neutralisiert werden kann. Dartiber hinaus ger~it das gestalterische Element in den Hintergrund, da zwar einleuchtet, dass Kodizes umso persuasiver sind, je interessanter, stimulierender und gewinnender sie formuliert sind 255, aber dennoch unklar bleibt, wie die Rhetorik unternehmensethischer Kodizes auszugestalten ist, damit sie von ihren Adressaten tats~ichlich instruktiv wahrgenommen werden.
cc) Zusammenfassende Einschfitzung Vor diesem Hintergrund ist insgesamt zu resfimieren, dass die Sprache von Kodizes wichtige Implikationen ffir die Verhaltenswirksamkeit unternehmerischer Grundsatzdokumente besitzt, aus den dargelegten Grtinden allerdings dennoch nicht als Grundlage ffir eine aussagekrfiftige Typologisierung heranzuziehen ist, die praktische Gestaltungsimplikationen entfalten soil. Die vorgelegten Untersuchungen haben gleichzeitig verdeutlicht, dass die yon ihnen fokussierten sprachlichen Merkmale unternehmerischer Codes nicht selten mit grundlegenderen Kodexdimensionen korrelieren. Wenn sich schlieBlich beispielsweise die Themenstruktur legaiistischer Kodizes in den gewfihlten Formulierungen widerspiegelt, so bestfitigt dies letztlich auch, dass in der sprachwissenschaftlich gemeinhin wohl kaum ausgebildeten Unternehmenspraxis durchaus ein sensibles Gespfir daffir besteht, welche Sprache sich f~r welche Kodizes anbietet 256. Die Auswahl und Ausgestaltung der Sprache richtet sich dann allerdings nach generischeren Kodexeigenschaften.
253 So identifizierten Quinn/Rohrbaugh (1983), S. 370, innerhalb ihres dreidimensionalen Frameworks vier Basismodelle organisatorischer Effektivitfit. 254 Vgl. Stevens (1996), S. 80. 255 Vgl. Stevens (1996), S. 79. 256 Eine solche These ist bereits f'tir andere KommunikationsmafSnahmen der Untemehmensf'tihrung bestfitigt worden. So kommt die linguistische Analyse untemehmerischer Geschfiftsberichte von Thomas (1997), S. 63, zu dem abschliefSenden Fazit: ,,The variations in linguistic constructions from the good years to the bad suggest that the writers of these reports had an instinctive awareness of a level of metadiscourse in which several layers of meaning were present".
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
249
b) Fundierung aa) Pr~izisierung des Merkmals Eine zweite hervorstechende Eigenschaft, die unter der Kategorie formaler Gestalt zu subsumieren ist, betrifft die Fundierung der kodifizierten Normen, das heiBt die kognitive Qualit~it ihrer Begriindung 257. Dabei scheint zun~ichst die These plausibel, dass die Effektivit~it unternehmensethischer Kodizes tendenziell mit der kognitiven Qualit~it ihrer Handlungs- und Zielempfehlungen steigt. Gut fundierte Kodizes sollten danach wirksamer sein als Grundsatzdokumente, deren N o r m e n nur mangelhafl begrtindet sind 258. Soweit mit dem Merkmal der Fundierung allerdings die formale Gestalt unternehmensethischer Kodizes beschrieben werden soil, erfasst es nicht die den kodifizierten Ziel- und Handlungsempfehlungen (unter Umst~inden und in Kodizes der Unternehmenspraxis nicht selten nur) implizite kognitive Qualit~it, deren Bewertung auf dem Hintergrund der oft paradigmatische AusmafSe annehmenden
Streitigkeiten
konkurrierender
Moralphilosophien
tiberaus
schwierig 259, wenn auch nicht in j e d e m Falle unmSglich ist 26~ Hinsichtlich der formalen Gestalt soll mit dem Merkmal der Fundierung stattdessen angegeben werden, ob Kodizes explizit Begrtindungen enthalten, mit denen die Notwendigkeit des Kodex bzw. der Geltungsanspruch der kodifizierten Handlungs- und Zielempfehlungen dem Kodexadressaten gegentiber untermauert wird 261. Praktisch werden sich diese Begrtindungen weit iiberwiegend auf die einzelnen N o r m e n des Kodex beziehen und nicht den Kodex insgesamt zu rechtfertigen beabsichtigen. Selbst wenn es geboten erscheint, den Sinn und Zweck des Kodex vorab (in einer Pr~iambel) zu erlautern 262, so handelt es sich dabei nicht ausschlieB-
257 Vgl. zu einem derart weit gefassten Fundierungsbegriff, auf dessen m0gliche Spezifizierungen an dieser Stelle (noch) nicht einzugehen ist, v. Werder (1994), S. 49. 25s Vgl. zur Notwendigkeit von Kodexbegrtindungen auch Joseph (2001), S. 25: ,,Organizations must justify their ethics and compliance programs to their employees in some way.", sowie zu dieser Erfolgshypothese Benson (1989), S. 317: ,,codes .. should be written in a manner designed to give the reasons for each order.", oder Schwartz (2004), S. 329: ,,for those provisions [of a corporate code of ethics, T. T.] that are not clearly justifiable, sufficient justification would be required before employees would accept and comply with the expected behavior.". 259 Vgl. zum Pluralismus innerhalb der philosophischen Ethik z. B. nochmals Hegselmann (1991), S. 221; Bayertz (1996a), S. 11; Kersting (1996), S. 184; Ropohl (1996), S. 137; Irrgang (1998), S. 205; Wolf/Schaber (1998), S. 146. 26o Vgl. nur das von v. Werder (1994), S. 403-444, entwickelte Konzept der Argumentationsrationalit~it, in dem erste Vorschl/ige zur Handhabung m0glicher Begrtindungskonflikte enthalten sind, die in Form von Konzept-, Argument- und Zielkonflikten auftreten kOnnen. Dabei ist einzugestehen, dass Begrtindungskonflikte zwischen Vertretern konkurrierender Ethik-Konzeptionen sich nicht in jedem Falle konsensual zwischen den Beteiligten bew~iltigen lassen mtigen, aber gleichzeitig auch zu beachten, dass sich der Dissens tiber die in unternehmensethischen Kodizes artikulierten Grunds~itze nicht selten in Grenzen halten wird. 261 In der Terminologie der Argumentationsrationalit~it ware es somit treffender, yon einer (im Wortlaut des Kodex expliziten) Kommentierung zu sprechen [vgl. nur v. Werder (I 994), insb. S. 51 ]. 262 Wie es beispielsweise Melrose-Woodman/Kverndal (1976), S. 58; Weber (1981), S. 48 f.; Molander (1987), S. 624; Webley (1988), S. 12; Brooks (1989), S. 128, empfehlen.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
lich um Begrtindungen zur Rechtfertigung der (inzwischen realisierten Handlungsempfehlung der) Kodexetablierung, sondern regelm/igig (zumindest auch) um die Einf'tihrung kardinalerer Normen, denen sich das Unternehmen verpflichten m6chte 263. Dies ist darauf zurtickzuf'tihren, dass argumentative Fundierungsanstrengungen sinnvollerweise nicht der (deskriptiven) Tatsache der (inzwischen erfolgten) Kodexformulierung gewidmet sein kOnnen, die ftir jeden Mitarbeiter sp~itestens dann belegt ist, wenn er v o n d e r Existenz des Dokuments Kenntnis genommen hat, sondern sich auf die praskriptive Begrtindung der Vorteilhaftigkeit eines Kodex einlassen mtissen. Sollen evaluative Behauptungen wie (praskriptive) Handlungsempfehlungen (Beispiel: ,,Unser Unternehmen sollte einen Ethik-Kodex einfiahren.") oder (normative) Zielempfehlungen (eines Kodex wie beispielsweise: ,,Unser Unternehmen sollte sich dem Umweltschutz verpflichten.") untermauert werden, so erfordert dies im ersten Schritt eine (evaluative) Globalbegrtindung TM, die - neben der evaluativen Regelaussage der teleologischen Maxime (mindestens) zwei Datenaussagen enth/alt, die erstens beurteilungsrelevante Ziele oder Normen nennen (Kriteriendatum) und zweitens den vergleichsweise (bzw. ausreichend) hohen Ziel- oder Normbeitrag der empfohlenen Mal3nahme beschreiben (Konsequenzdatum). Die dabei eingeffihrten Beurteilungskriterien und Konsequenzaussagen k6nnen nun ihrerseits begrtindungsbedtirftig sein und werden im Kodex unter Umstfinden auch tats~ichlich weiter untermauert. Mit dem nachfolgenden Textausschnitt, der eine mOgliche Pr~iambel ideal veranschaulicht, soll dies verdeutlicht werden: ,,(The business firm ...) expects the highest level of ethical conduct from its employees in the performance of their assigned responsibilities. Sound ethical behavior is essential to the long-term economic interests of the firm, the continuing viability, vitality, and public support of our economic system, and the well-being of society as a whole. .
.
.265 . .
Aus argumentationstheoretischer Sicht beinhaltet diese Passage die normative Aussage, dass sich die Handlungsweisen der Unternehmensmitarbeiter an h6chsten ethischen Ansprti-
263 Vgl. z. B. W e a v e r (1993), S. 54: ,,Codes may justify themselves in terms of their coalignment with general moral principles, in terms of company traditions, in terms of firm or member interests, etc.". 264 Vgl. hierzu und zum Folgenden die im Konzept der Argumentationsrationalitfit herausgearbeiteten Strukturkomponenten von Argumentationen bei v. W e r d e r (1994), S. 289-359 und zur Struktur von Globalbegr0ndungen insb. S. 325-337, sowie zusammenfassend v. W e r d e r (1997b), S. 906-909; v. W e r d e r (1998a), S. 486489; v. W e r d e r (1999a), S. 687; v. W e r d e r / T a l a u l i c a r (1999), S. 76-79. Beg~ndungen setzten sich danach generell aus einem Grund oder mehreren G~nden zusammen, wobei jeder Grund bzw. jedes Argument eine (oder mehrere) Datenaussage(n) und eine Regelaussage beinhaltet. Dabei bringen Datenaussagen singulfire Situationsmerkmale zum Ausdruck, wohingegen Regelaussagen tiber generelle Zusammenh~inge zwischen verschiedenen Ph~nomenen informieren, mit denen eine Beziehung zwischen der Situation und der zu begrOndenden Aussage herstellbar wird. Die Stichhaltigkeit der zu begrOndenden Aussage wird durch Argumente demgemfig im Prinzip dadurch gesttitzt, dass sie den behaupteten Sachverhalt als Anwendungsfall einer Regel ausweisen, die in der vorliegenden und mit den Datenaussagen beschriebenen Situation gtiltig ist [vgl. v. W e r d e r (1994), S. 304 f.; v. W e r d e r (1997b), S. 905; v. W e r d e r (1998a), S. 485; v. W e r d e r (1999a), S. 675; v. W e r d e r / T a l a u l i c a r (1999), S. 75 f.]. 265 M o l a n d e r (1987), S. 624.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
251
chen messen lassen mtissen. Der Geltungsanspruch dieser Norm wird daraufhin damit global begrOndet, dass das geforderte Verhalten dem langfristigen 0konomischen Interesse des Untemehmens, seiner Oberlebensf'~ihigkeit und Vitalit~it, der 8ffentlichen Akzeptanz der marktlichen Wirtschaftsordnung sowie dem Wohl der Gesellschaft insgesamt dienlich ist. In diesen Globalbegrtindungen sind folglich weitere Beurteilungskriterien expliziert worden, denen sich das Untemehmen normativ verpflichtet. Im Anschluss k/Snnte zum einen hinterfragt werden, ob das von den Unternehmensmitarbeitem geforderte ethische Verhalten tats~ichlich der Realisierung der genannten Zielsetzungen dienlich ist. Dies wiirde (deskriptive) Detailbegrfindungen notwendig machen, in denen der Zielbeitrag der Empfehlung durch deskriptive Argumente untermauert wird 266 (z. B.: ,,Die marktliche Wirtschaftsordnung ist ohne moralisches Handeln des Einzelnen nicht fiberlebensf'~ihig."). Zum anderen k6nnte die Angemessenheit der eingeftihrten Bewertungsmaf3st~ibe selbst in Zweifel stehen, da und soweit beispielsweise geleugnet wird, dass das Unternehmen danach streben sollte, die Akzeptanz der Marktwirtschaft in der Offentlichkeit zu erhalten. In diesem Falle miisste das empfehlungsleitende Beurteilungskriterium der 0ffentlichen Akzeptanz der Wirtschaftsordnung in einer normativen Zieldiskussion seinerseits begri~ndet werden 267. Koppelt man das Merkmal der Fundierung an die formale Gestalt des Kodex, so kann zwar - wie auch bei den zuvor diskutierten sprachlichen Kodexeigenschaften - eine Differenzierung unternehmerischer Grundsatzdokumente erreicht werden, da sich Kodizes danach unterscheiden liefSen, ob sie (schriftlichexplizierte) Argumente enthalten, mit denen die Gialtigkeit ihrer Normen offengelegt wird 268. Der Aussagegehalt einer solchen Unterscheidung ist jedoch emeut gering, da das Vorhandensein begrOndender Argumente keine Rtickschltisse auf die Kodexeffektivit~it erlaubt. Weitergehende formale Differenzierungsm0glichkeiten, die sich aus dem Konzept der Argumentationsrationalit~it ergeben, erscheinen praktisch insofern weniger relevant, als die Rationalit~itsstufe der Detailbegrtindung in der expliziten Begrtindungsstruktur praktischer Kodizes im Regelfall nicht erreicht wird 269. Dass das explizite Vorhandensein von Begriandungen die Effektivit~it eines Kodex nicht per se verbessert, l~isst sich zum einen durch die Befunde einer empirischen Studie, die auf-
266 Vgl. zur Struktur (und weiteren Ausdifferenzierung) dieser Detailbeg~ndungen im Einzelnen v. Werder (1994), S. 343-360, 500-507. 267 Siehe dazu eingehender und grundlegend v. Werder (1994), insb. S. 335-337, 362-364; fernerv. Werder/ Talaulicar (1999), S. 78 f. 268 Siehe in diesem Sinne auch Weaver (1995), S. 370: ,,actual codes do vary in their invocation ofjustificatory passages"; ferner Manley (1991), S. 5: ,,firms often design codes that educate employees about the underlying rationale of code sections.", anderer Ansicht Malloy/Fennell (1998), S. 457: ,,codes of ethics, as they are currently designed, fail to provide the decision maker with the rationale for abiding by a particular code.". 269 Diese Einschatzung beruht auf der Durchsicht publizierter Kodexdokumente und kann eine systematische Analyse der Beg~ndungsstruktur selbstredend nicht ersetzen. Bereits auf der Grundlage dieser Betrachtung ist es dennoch als aussichtsreicher anzusehen, weitergehende Unterscheidungen nach der Anzahl vorgebrachter Globalbeg~ndungen auszurichten, die kodexabhangig durchaus variiert.
252
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
grund ihrer Bedeutsamkeit for die Einsch/atzung der Relevanz des formalen Merkmals der Kodexfundierung an dieser Stelle aufzugreifen 27~ und zun~ichst detaillierter darzulegen ist, und zum anderen durch konzeptionelle l~lberlegungen untermauem.
bb) Eignung zur Kodexklassifizierung a'
Empirische Befunde der Verhaltenswirkung In einem methodisch elaborierten Laborexperiment hat Weaver (1995) die Wirksamkeit
ethischer Kodizes in Abh~ingigkeit von deren Ausgestaltung untersucht. Dabei wird konkret der Frage nachgegangen, o b -
neben der an dieser Stelle weniger interessierenden Beschrei-
bung m6glicher Sanktionen von K o d e x v e r l e t z u n g e n - die Angabe von erkl/~renden BegrOndungen die Reaktion der Kodexadressaten in der Weise beeinflusst, dass sie ihr Unternehmen insgesamt als gerechter einschfitzen und die Inhalte des Kodex besser rekapitulieren k6nnen. Die Wahl dieser abh~ingigen Variablen ist methodisch begrOndet, da die direkte Messung der beabsichtigten Kodexbefolgung durch sozial erwOnschtes Antwortverhalten der Probanden wesentlich verzerrt werden kann 271. Die Kodexbefolgung setzt jedoch zum einen im Regelfall voraus, dass die Adressaten den Inhalt des Dokuments verstehen und rekapitulieren k0nnen 272. Z u m anderen kann auf der Grundlage organisatorischer Gerechtigkeitsstudien unterstellt werden, dass untemehmenszielkonformes Verhalten, wie es unter anderem auch den in einem Kodex beschriebenen Handlungsweisen entspricht, eher erwartet werden darf, wenn die Mitarbeiter ihr Unternehmen (im prozeduralen und distributiven Sinne) als gerecht(er) wahrnehmen 273.
270 Siehe zum Stand der empirischen Forschung 0ber die Effektivitfit unternehmensethischer Kodizes auch bereits oben, S. 175 ft. der vorliegenden Arbeit. 271 Vgl. Weaver (1995), S. 368 f., und zum Social Desirability Bias nochmals Zerbe/Paulhus (1987), S. 250; Randall/Fernandes ( 1991), S. 805; Fernandes/Randall (1992), S. 183. 272 Vgl. Weaver (1995), S. 368, sowie zur Wichtigkeit dieser Variable z. B. auch Beets/Killough (1990), S. 116: ,,Lack of code familiarity might result in code violations simply through practitioner ignorance." oder Chonko/Wotruba/Loe (2003), S. 237: ,,employees must be familiar with code content before the code can impact ethical behavior.". Bei weniger konkreten Normen hingegen kann eine Kodexentsprechung durchaus auch dann erwartet werden, wenn die Adressaten ihre Entscheidungen nur auch anhand genereller ethischer Kriterien bewerten, ohne die kodifizierten Normen im Wortlaut wiedergeben zu kOnnen. Siehe dazu auch Valentine~Barnett (2003), S. 360: ,,Although employees must be aware of the existence of an ethics code if it is to affect their perceptions of organizational values, it may not be necessary for them to be intimately familiar with code details or for the code to prescribe specific attitudes or behaviors as ))unethical.e Rather than recalling specific details of the code, employees should be aware that the code emphasizes the importance of ethics as dominant value of the organization". Im 15brigen ist die Kenntnis der Kodexnormen keine hinreichende Bedingung kodexkonformen Verhaltens [siehe z. B. Harrington (1996), S. 270: ,,Even if employees are aware of the code, employees may ignore the code if they are disaffected at work or find the codes and admonitions in conflict with personal or subgroup norms"]. 273 Vgl. Weaver (1995), insb. S. 369 f. m. w. N. Warum diese Gerechtigkeitsurteile ausschliefilich auf die Ebene des Untemehmens bezogen werden und die entsprechende Wahmehmung des Kodex (zumindest empirisch) nicht be~cksichtigt wird, bleibt unklar und auch unbefriedigend, wenn der Verfasser spfiter selbst konzediert, dass ,,variations in a code might or might not strongly affect the persons' perceptions of the justice of the code
GestaltungsdimensionenunternehmensethischerKodizes
253
Mit Blick auf die(se) Kodexwirkungen wurden insgesamt ffinf Hypothesen entwickelt 274, die in einem Laborexperiment mit 83 Wirtschaflsstudenten getestet wurden. Die Probanden wurden in vier Gruppen eingeteilt und erhielten den Ethik-Kodex einer (fiktiven) Universit~it, d e r - je nach Gruppe - begrfindende und/oder Sanktionen beschreibende Aussagen oder keine Angaben fiber Grtinde und Sanktionen beinhaltete 275. Lediglich eine Hypothese k o n n t e - mit allerdings nur geringem Beitrag zur Varianzerkl~s'ung- statistisch gestfitzt werden 276. Die Kodexadressanten sch~itzen die prozedurale Gerechtigkeit in der Unternehmung danach als h6her ein, wenn der Ethik-Kodex fiber erklarende Begrfindungen verffigt (Hypothese 1). Die in den fibrigen vier Hypothesen angenommenen Wirkungsbeziehungen haben sich hingegen als statistisch nicht signifikant erwiesen. Es ist demnach fraglich, ob ein gr66eres Ausmaf5 an distributiver Gerechtigkeit in der Unternehmung wahrgenommen wird, wenn Kodizes fiber Sanktionen verfOgen (Hypothese 2), und ob diese Wirkung durch die Angabe von Beg~ndungen positiv moderiert wird (Hypothese 3). Au6erdem misslang es nachzuweisen, dass die F~ihigkeit der Adressaten zum Erinnem des Kodexinhalts mit der Angabe von ffir die Rezipienten relevanten Begrfindungen (Hypothese 4) und der expliziten Beschreibung von Sanktionen ftir Kodexverletzungen (Hypothese 5) steigt. Trotz der (zumindest schwachen) Best~itigung eines positiven Zusammenhangs zwischen der Kodexfundierung und der wahrgenommenen Verfahrensgerechtigkeit des Unternehmens schlussfolgert W e a v e r auf dieser Grundlage daher insgesamt, dass die betrachteten Kodexvariablen wie namentlich das explizite Vorhandensein begrfindender Aussagen die Kodexwirksamkeit praktisch unbeeinflusst lassen 277. Die Befunde k6nnen somit nicht widerlegen, dass ,,it is also possible that regardless of context, the kinds of code design alternatives considered herein simply do not matter. ''278. Wenngleich die nachfolgenden theoretischen Er6rterungen die Plausibilit~it dieser grundlegenden Einsch~itzung stfitzen, sollen dennoch zuvor hervorstechende Limitierungen der empirischen Befunde nicht unterschlagen werden, die sich aus dem spezifischen Design der Studie und den vorgenommenen Operationalisierungen ergeben. Die fibliche Kritisierbarkeit (und mangelnde Generalisierbarkeit) von Laborexperimenten mag in diesem Falle zwar einerseits durchaus schw~icher zu gewichten sein, da die gew~ihlte Methodik kontextuelle Einflfisse kontrolliert oder zumindest weitgehend reduziert 279.
itself(rather than of the organization); that question has not been examined." [Weaver (1995), S. 377 Herv.
im Original]. 274 Vgl. eingehender Weaver (1995), S. 370-373. 275 Vgl. Weaver (1995), S. 373. 276 Vgl. hierzu und zum Folgenden im Einzelnen die Ergebnisse bei Weaver (1995), S. 375-377. 277 Vgl. Weaver (1995), insb. S. 377, 380. 27@Weaver (1995), S. 379. 279 So auch Weaver (1995), S. 378: ,,The influence of other factors affecting content recall - e.g., intelligence, past familiarity with the subject, sensitivity to threats, etc. - should have been minimized by the random assignment of subjects to factor levels.". Die fehlenden Befunde kOnnten demnach dahingehend gedeutet wer-
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Mit Blick a u f die F o r m u l i e r u n g des v e r w e n d e t e n K o d e x e x e m p e l s 28~ und die Operationalisierung der abh~.ngigen Variablen kann allerdings a u f der anderen Seite nicht der E i n w a n d entkr~ifiet werden, dass in dem L a b o r e x p e r i m e n t a n s c h e i n e n d w e n i g e r die verhaltensbeeinflussende W i r k u n g eines K o d e x als die Ged~.chtnisleistungen der P r o b a n d e n g e m e s s e n wurden, da die Studierenden a n z u g e b e n hatten, ob und i n w i e w e i t zehn v o r g e g e b e n e A u s s a g e n jeweils zutreffend den Inhalt des K o d e x wiedergeben, der sich seinerseits aus 20 Einzelvorschrifien z u s a m m e n s e t z t e
TM
und durch eine betonte Regelorientierung auszeichnete 2s2. Das
experimentelle Design ist dabei insbesondere deshalb nur wenig realit~itsnah, weil die Untern e h m e n s m i t a r b e i t e r in praxi die Kodexinhalte nicht durch einfache und einmalige Lekttire kennen lernen (mtissen), sondern im U n t e r n e h m e n s a l l t a g (mehr oder weniger) hfiufig mit den kodifizierten N o r m e n konfrontiert werden 283 und sie mit ihren Kollegen wiederholt diskutieren kOnnen 284. Z u d e m wurde die Fundierung des K o d e x lediglich d a h i n g e h e n d variiert, dass in die Pr•ambel begrtindende A u s s a g e n eingef'tigt wurden, die sich a u f die Rechtfertigung des K o d e x d o k u m e n t s insgesamt beziehen, nicht aber Einzelvorschrifien des K o d e x argumentativ untermauern 285. Insoweit erscheint es prima facie nicht unplausibel, andere Resultate zu erwarten, w e n n b e s t i m m t e Regeln des K o d e x durch Begrtindungen h e r v o r g e h o b e n werden, da
den, dass die Wirkung bestimmter Kodexmerkmale das Vorliegen situativer Randbedingungen voraussetzt [so auch Weaver (1995), S. 379 im Original kursiv: ,,at least some ethics code design issues cannot be considered in isolation from an intended organizational context."]. Der Aspekt dieser Kontextualisierung wird bei der spfiteren Unterscheidung unternehmensethischer Kodexarten dutch die Art der Kodexsetzung erfasst (siehe Abschnitt III., S. 358 ft. der vorliegenden Arbeit). 28o Weaver (1995), S. 379, selbst rfiumt ein, dass der fiktive Kodex zwar in Anlehnung an bestehende Grundsatzdokumente der Praxis formuliert worden ist, aber dennoch so ausgestaltet sein mag, dass ,,that format may lend itself to not being taken seriously by code recipients.". Wenn der Verfasser weiterhin zu bedenken gibt, dass ,,[w]ithin the confines of an abstract, highly formal style of ethics code, content variations may prompt little response because the overall format encourages little careful consideration on the part of organization members" [Weaver (1995), S. 379 im Original z. T. kursiv], wird damit auch die Bedeutsamkeit der im Weiteren fokussierten Merkmale des Konkretisierungsgrads der kodifizierten Normen und der Art der Kodexsetzung hervorgehoben (siehe dazu im Einzelnen S. 260 ff. und S. 358 ff. der vorliegenden Arbeit). 281 Siehe zu dem Wortlaut des verwendeten Kodex und den angewandten Messskalen den Abdruck bei Weaver (1995), S. 381 f. 282 Vgl. auch Weaver (1995), S. 379, der das in seiner Studie gewahlte Kodexbeispiel als ,,simple list of behavioral rules" kennzeichnet, und zu den Charakteristika regelorientierter Kodizes im Einzelnen S. 280 ff. der vorliegenden Arbeit. 283 Ebenso weist Weaver (1995), S. 378, darauf hin, dass ,,[e]ffective recall may require repeated exposure to a code". Siehe auch Wotruba/Chonko/Loe (2001), S. 60: ,,Familiarity [with the code content, T. T.] requires some effort on the part of those employees, such as reading and discussing the code content, attending training sessions on ethics, and critically reviewing company policies with an eye on their ethical implications.". Daher vermuten Cleek/Leonard (1998), S. 627: ,,Perhaps wording and content, thought to be very important by many authors, is not as important as how they [i.e., codes of ethics, T. T.] are communicated to employees.". 284 Siehe dazu z. B. Fritz/Arnett/Conkel (1999), S. 291: ,,Talking with others about the organization's ethical standards keeps the standard close at hand and develops one's mental models of ethical behavior so they can be applied". 285 Siehe den abweichenden Wortlaut der Praambel bei Weaver (1995), S. 382.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
255
diese Regeln infolgedessen bei der anschlieBenden Befragung m6glicherweise doch besser rekapituliert werden ktinnten. Zur fundierteren Begrtindung, warum sich das formale Merkmal d e r Kodexfundierung ftir die angestrebte Typologisierung weniger eignet, sind tiber diese empirischen Hinweise hinaus daher theoretische Er6rterungen unumg~inglich.
b' KonzeptionelleUberlegungen Mit dem formalen Merkmal der Fundierung werden Kodizes lediglich danach unterschieden, ob sie tiber explizite Begrtindungen verftigen, die den Kodex selbst oder die Vorteilhaftigkeit einzelner K o d e x n o r m e n rechtfertigen. Selbst wenn man unterstellt, dass der Geltungsanspruch des Kodex und seiner N o r m e n tiberzeugender w a h r g e n o m m e n wird und damit tendenziell durchaus auch eine gr6Bere handlungsleitende Wirkung entfaltet, wenn er argumentativ untermauert wird 286, so muss das Vorhandensein oder Fehlen derartiger (expliziter) Kommentierungen die Kodexwirksamkeit nicht determinieren. Entsprechende Argumente, welche die Vorteilhafligkeit des Kodex und seiner N o r m e n begrtinden, k6nnen (und werden) den Kodexadressaten vielmehr auf ganz unterschiedliche Weise zug~inglich gemacht werden 287. Zu denken ist nur an den Kodex erganzende K o m m u n i k a t i o n s m a B n a h m e n 288 wie Handhabungsrichtlinien 289, beispielhafle Fallstudien 29~ oder ErkRirungen der Unternehmensleitung
TM
sowie
begleitende Workshops oder TrainingsmaBnahmen, in denen die K o d e x b e s t i m m u n g e n diskutiert, ihre Angemessenheit hinterfragt und der Geltungsanspruch der N o r m e n im Detail er6r-
286 Vgl. dazu auch Weaver (1993), S. 54: ,,there is reason to think that a rationalization or justification is in order. Such justifications indicate that a code is not an arbitrary imposition on people; i.e., the justification or authorization respects people's procedural justice expectations", sowie die Empfehlung von Benson (1989), S. 317: ,,It is strongly suggested that all corporations ... attempt either to add or strengthen the part of their codes explaining the various policies.". 287 Vgl. in diesem Sinne auch Joseph (2001), S. 43; ferner Ethics Resource Center (1990), S. VI-1 - VI-6; Martens~Day (1999), S. 166 f.; Organisationfor Economic Co-operation and Development (2001 b), S. 22. 288 Vgl. genereil zur praktischen Verbreitung erganzender Dokumente die empirischen Befunde von Cressey/Moore (1983), S. 63, sowie Organisationfor Economic Co-operation and Development (2001b), S. 22; Guill~n/Meld/Murphy (2002), S. 176. 289 Vgl. z. B. die im Frage-Antwort-Schema gestalteten Erl~iuterungen der Kodizes von Security Pacific [zit. in Berenbeim (1987), S. 21], McDonnell Douglas [vgl. Ethics Resource Center (1990), S. IV-15] oder Boeing Jim Internet unter: http://www.boeing.com/companyoffices/aboutus/ethics/ethics_booklet.pdf (Stand: 28.06.2005), S. 7-23] sowie das Cummins Policies and Procedures System (CPPS) [vgl. Murphy (1998), S. 63]. 290 Vgl. z. B. das Fallstudienmaterial von JCPenney [zit. in Berenbeim (1987), S. 26 f.] oder Armstrong World Industries [zit. in Berenbeim (1992), S. 40]. 29~ Vgl. exemplarisch die entsprechende Praxis bei Pfizer [zit. in Berenbeim (1987), S. 22], British Gas, Royal Dutch/Shell Group of Companies, 3i [zit. in Webley (1988), S. 18 f., 23], Firestone, IBM, Procter & Gamble [zit. in Manley (1991), S. 25-27], der Donnelly Corporation [vgl. Murphy (1998), S. 70] oder Motorola [vgl. Post~Preston~Sachs (2002), S. 208] sowie zur Bedeutung dieser KommunikationsmaBnahme z. B. Benson (1989), S. 318; Manley (1991), S. 215; Weeks/Nantel (1992), S. 758, und zu ihrer empirischen Verbreitung Lefebvre/Singh (1992), S. 805 (43 % der erfassten Unternehmen); Blodgett/Carlson (1997), S. 1366 (62 %); Wood (2000), S. 296 (51%); Carasco/Singh (2003), S. 90 f. (56 %).
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches lmplementierungsinstrument
tert werden kann 292. Von dem formal reduzierten M e r k m a l der Fundierung verbieten sich daher Rtickschltisse a u f die Kodexeffektivit/it, da Begrfindungsleistungen desgleichen auf anderem Wege (und dort unter Umst/anden sogar zielf'tihrender, da individualisierter) erbracht werden k6nnen. Weiterhin ist zu bedenken, dass sich Begrtindungen tiberhaupt erst dann als notwendig (bzw. geboten) erweisen, wenn der Geltungsanspruch der N o r m e n in Frage steht 293. Es ist zwar realistischerweise durchaus anzunehmen, dass es sich bei den kodifizierten N o r m e n regelm~iBig um nicht triviale Behauptungen handelt, deren Geltungsanspruch nicht unmittelbar einleuchtet oder belegt werden kann 294 und deshalb legitim bezweifelt werden darf. Dennoch werden Kodizes, die keine expliziten Begrfindungen besitzen, deren N o r m e n aber faktisch fiber weite Akzeptanz und Zustimmung bei den Adressaten verffigen, keine expliziten K o m mentierungen ben6tigen 295, um lJberzeugungskrafi entfalten zu k6nnen, wohingegen sich der Geltungsanspruch kritischerer N o r m e n nicht unbedingt allein durch argumentative Rechtfertigungen im Kodextext durchsetzen lassen wird. SchlieBlich (und besonders gewichtig) sagt das Vorhandensein expliziter Begrfindungen nichts fiber die kognitive Qualitfit der vorgebrachten Argumente aus. So kann die Zuverl~issigkeit 296 und Zah1297 der sttitzenden Aussagen sowie die Wahrhafiigkeit der Kommentierun-
292 Vgl. zu solchen kodexbezogenen Seminarveranstaltungen z. B. Weber (1981), S. 51; Berenbeim (1987), S. 17 f.; Berenbeim (1988), S. 17; Drake~Drake (1988), S. 121; Mathews (1988), S. 139 f.; Blake~Carroll (1989), insb. S. 103; Brooks (1989), S. 124; Gellerman (1989), S. 77; Ethics Resource Center (1990), S. VI-4 - VI-6; Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1644, 1650 f.; Raiborn/Payne (1990), S. 888; Velasquez (1990), S. 242 f.; Manley (1991), S. 216 f.; Sims (1991), S. 494; Berenbeim (1992), S. 11, 18; Dean (1992), insb. S. 286 f.; Ciulla (1992), S. 182 f.; Metzger/Dalton/Hill (1993), S. 30; Weber (1993), S. 428; Webley (1995), S. 17; Kaye (1996), insb. S. 7; McCabe/Trevino/Butterfield (1996), S. 468; Burke/Blodgett/Carlson (1998), insb. S. 210212; Murphy (1998), S. 22; Lovitky/Ahern (1999), S. 40 f.; McDonald (1999), S. 147-151; Sternberg (2000), S. 245-247; Valentine/Fleischmann (2002), S. 307 f.; Reynolds~Bowie (2004), S. 287 f.; Schwartz (2004), S. 333 f., sowie zu ihrer praktischen Verbreitung Center for Business Ethics (1986), S. 87 f.; Kohls/Chapman/Mathieu (1989), S. 62 f.; Schlegelmilch/Houston (1989), S. 19; Ethics Resource Center (1990), S. VI-4; Ethics Resource Center~Behavioral Research Center (1990), S. 8; Sweeney/Siers (1990), S. 38; Center for Business Ethics (1992), S. 865; Robertson/Schlegelmi!ch (1993), S. 305; Farrell/Cobbin (1996b), S. 45; Lindsay/Lindsay/Irvine (1996), S. 399 f.; Brooks (1997), S. 602; Brytting (1997), S. 676 f.; Arthur Andersen (1999), S. 16, 20; Snell/Chak/Chu (1999), S. 297; Weaver/Trevino/Cochran (1999a), S. 291 f.; Chen (2001), S. 396; Organisationfor Economic Co-operation and Development (2001b), S. 24, 31; Guilldn/MelO/Murphy (2002), S. 173, und die Nachweise bei Felo (2000), S. 161 f. 293 Siehe ganz generell zur Notwendigkeit yon NormbegrUndungen Raz (1990), S. 79: ,,In order to know that the norm is valid we must know that there are reasons which justify it.". 294 Vgl. v. Werder (1994), S. 289; v. Werder (1997b), S. 905; v. Werder (1998a), S. 484; v. Werder/Talaulicar (1999), S. 75. 295 Vgl. in diesem Sinne v. Werder (1994), S. 289 Herv. T. Y.: ,,Sofern ihr Geltungsanspruch vom Adressaten tatsachlich in Zweifel gezogen und damit problematisch wird, ist die Galtigkeit der Behauptung vom Proponenten zu untermauern", oder v. Werder/Talaulicar (1999), S. 75: ,,Unternehmungsziele massen demnach [nur dann, T. T.] argumentativ gestt~tzt werden, wenn die Zustimmung des Behauptungsadressaten kritisch ist.". 296 Vgl. v. Werder (1994), S. 369-382; v. Werder (1998a), S. 492 f.; v. Werder (1999a), S. 686. 297 Vgl. v. Werder (1994), S. 383-388; v. Werder (1998a), S. 493 f.; v. Werder (1999a), S. 686 f.
GestaltungsdimensionenunternehmensethischerKodizes
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gen 29s variieren. Sofern die Bindungswirkung von Kodizes nicht durch emotionale Appelle erreicht werden, sondern sich aus Momenten der Vernunft speisen soil, ist die kognitive Qualit~it der kodifizierten Aussagen fraglos yon hervorgehobener Bedeutung. Als Typologisierungsmerkmal scheidet sie dennoch bereits aufgrund der (praktischen) Messbarkeitsprobleme aus, weshalb einfacher zugangliche Merkmale ftir die Bildung unterschiedlicher Kodexarten gewahlt werden sollen.
ee) Praktisehe Implikationen Die Zu~ckstellung des formalen Merkmals der Fundierung ftir die angestrebte Typenbildung sollte allerdings keinesfalls dazu verfiahren, bedeutsame Implikationen zu tibersehen, die sich aus der gew~thlten Merkmalsauspr~igung ergeben (kOnnen). Die Sichtung untemehmerischer Grundsatzdokumente und der kodexbezogenen Literatur l~isst dabei den Eindruck entstehen, dass das Bewusstsein ftir diese Auswirkungen geringer ist, als es beispielsweise zuvor f'tir die formale Gestalt der Sprache konstatiert werden konnte. Abschlie6end sollen daher drei wesentliche Aspekte genannt werden, die in der Praxis unzureichend berticksichtigt und tiberdies in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung missverstO,ndlich behandelt zu werden scheinen. Wie zuvor dargelegt worden ist, beginnen argumentative Untermauerungen von (den kodifizierten) Normen mit der Einftihrung einer Globalbegrtindung. Die allgemeine Struktur evaluativer Globalbegrtindungen hat verdeutlicht, dass derartige Argumente neben der Regelaussage der teleologischen Maxime und der deskriptiven Konsequenzaussage immer auch Beurteilungskriterien enthalten, mit denen die Vorzugswtirdigkeit der Ziel- oder Handlungsempfehlung ausgezeichnet wird. Bei diesen Bewertungsma6st~iben muss es sich um h6herrangige Normen handeln, wenn sic die evaluativen Urteile begrtinden sollen299. Dieser allgemeinen Struktur von (Global-)Begrtindungen sollte man sich sehr genau vergewissern, wenn Begrtindungen in den Kodex eingebaut werden. Zieht man das eingangs genannte Beispiel erneut zur Veranschaulichung heran 3~176 so werden zur Sttitzung der Norm ethisch zutr~iglichen Verhaltens weitere Normen eingeftihrt, die als Strukturkomponenten der vorgebrachten Globalbegrtindung formal hSherrangige Normen beschreiben. Diese Tatsache ist insofern virulent, als bei der Anwendung des Kodex der Eindruck entstehen kOnnte, dass ethisches Verhalten nur dann gefordert ist, wenn es zum Wohl des Unternehmens, seiner Oberlebensf'~higkeit und Vitalit~it sowie der Akzeptanz der Wirtschaftsordnung beitr~igt. Bei 298 Vgl. v.
Werder
(1994), S. 59 f.
299 Vgl. nur v. Werder (1994), insb. S. 312, 315, 334, und der Sache nach genauso Habermas (1998), S. 310, sowie mit Blick auf Ethik-Kodizes in diesem Sinne auch Ethics Resource Center (1990), S. IV-11: ,,Rationales may tie specific rules or guidelines to the general principles of the company's philosophy and values", sowie ebd.: ,,codes may explain rules and guidelines by making reference to the duties of a company to its constituencies or the duties of employeesto their company". 3oo Siehe nochmals oben, S. 250 der vorliegendenArbeit.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
der H a n d h a b u n g des K o d e x k~Snnte die N o r m b e f o l g u n g aus diesem Grunde relativiert werden, wenn sich bei den Mitarbeitern die Auffassung durchsetzt, dass die geforderten Verhaltensweisen in einer konkreten Anwendungssituation aufgegeben werden sollten, um den hSherrangigen Zielsetzungen wie dem (unter Umst~inden rein tJkonomisch verstandenen) W o h l des Unternehmens zu dienen 3~
Soweit es sich bei einer solchen Relativierung um ein Missver-
stehen der Unternehmensgrunds~itze handelt, kann dem generell - neben einer sorgffiltigen Analyse der explizierten Begrt~ndungsstruktur 3 ~
auch dadurch entgegengewirkt werden,
indem der K o d e x Gewichtungsregelungen beinhaltet, die den (Un-)Bedingtheitsgrad der kodifizierten N o r m e n zum Ausdruck bringen 3~ Dies kann unter anderem auch durch Sanktionsbewehrungen der N o r m geschehen 3~ Der Blick a u f die allgemeine Struktur von Globalbegrtindungen leitet zu dem zweiten Aspekt fiber, den es bei der Kodexgestaltung zu beachten gilt. Explizite BegriJndungen k6nnen nicht lediglich die Fundierung des Kodex und damit seine A k z e p t a n z verbessern, sondern im Gegenteil die Z u s t i m m u n g zu den kodifizierten Grundsatzen sogar in Frage stellen. W~ihrend fiber den Inhalt einer N o r m zun~ichst wenig Meinungsverschiedenheiten bestehen und unterschiedlichste Stakeholder ihre Angemessenheit ftir selbstverst~indlich halten m6gen, k6nnen hingegen tiber die (inhaltliche Auspr~igung der) Begrtindung grundlegende Dissense existieren 3~ die durch eine explizite K o m m e n t i e r u n g der N o r m sichtbar werden 3~ Legt man erneut
30~ So auch Willmott (1998), S. 83 im Original z. T. kursiv: ,,Ethics are instrumentalized as the value ascribed to the adoption of codes is made conditional upon their contribution to business objectives ... This implies that, in principle, the codes will be refined or discarded according to calculations about their continuing contribution to these objectives.". 302 Siehe zu dieser Notwendigkeit auch Schmidt (1986), S. 504: ,,A careful description of the argument suggests that the important elements are not necessarily the most obvious.". 303 Vgl. statt vieler Weller (1988), S. 392 f., der derartigen ,,priority setting policies" grOBere Effektivitfit unterstellt: ,,A code of ethics that makes its priorities clear will be more effective than a code of ethics which merely adds ethical rules to the existing agenda." [Weller (1988), S. 393; so auch Metzger/Dalton/Hill (1993), S. 30: ,,codes that do no more than contain a laundry list of ethical norms, none of which is assigned relative priority, are also unlikely to be very effective"] und als praktisches Beispiel den Kodex der Cummins Engine Company, Inc., der an die Nennung ethischer Prinzipien anschlieBt, dass ,,[f]ollowing these principles on a rare occasion may mean losing some business in the short term. This is a regrettable but acceptable outcome." [zit. in Murphy (1998), S. 62 f.]. Dabei sei angemerkt, dass derartige Vorrangregelungen oder Gewichtungsempfehlungen ihrerseits begrt~ndungsbedt~rftig sind und sich als normative Aussagen mutatis mutandis wie Zielempfehlungen beg~nden lassen [vgl. Alexy (1991), S. 249; v. Werder (1994), S. 434-443; v. Werder/ Talaulicar (1999), S. 81 f.]. 304 So z. B. auch in der von Molander (1987), S. 624, vorgeschlagenen Pr~ambel, an deren zuvor zitierten Textausschnitt sich die folgende Passage anschlieBt: ,,it should be understood by all employees that a failure to maintain high ethical standards will result in immediate administrative action which may include reduction in position and pay, dismissal, and active organizational support of criminal prosecution and/or civil recoveries.". 305 Vgl. besonders luzide Schmidt (1986), S. 501: ,,the conclusions of our arguments are often less problematic than the reasons we give for them.". Ahnlich Taylor (1996), S. 31, wonach es h~iufiger geschieht, ,,dab sich ein allgemeiner moralischer Konsens auf der Ebene der philosophischen Erl~iuterung zur Kontroverse ausw~chst." und S. 855 f.: ,,unter der Decke dieser allgemeinen Ubereinstimmung [fiber die Gtiltigkeit grundlegender moralischer Imperative] gibt es tiefe Risse, sobald es um die konstitutiven Grater und folglich um die Moralquellen geht, die diese Normen fundieren.", oder Beu/Buckley/Harvey (2003), S. 92: ,,Even if everyone
Gestaltungsdimensionen untemehmensethischer Kodizes
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den zitierten Ausschnitt aus der exemplarischen Kodexpr/~ambel zur Veranschaulichung zugrunde, so wird das geforderte ethische Verhalten zun/~chst fiar zweifelsfrei geboten gehalten. W e n n mit der Begrtindung jedoch eine rein instrumentale Rechtfertigung des empfohlenen Verhaltens verbunden wird, kann dem Kodex die Zustimmung verweigert werden, da und soweit die Auffassung vertreten wird, dass Ethik als unbedingte M a x i m e zu verstehen sei. Durch explizite Begrtindungen im Kodextext k6nnen mithin entweder tats/~chliche Konflikte aufgedeckt oder aber unn6tige Streitigkeiten provoziert werden, die aus der mangelnden Einsicht in die Struktur und Bedeutung argumentativer Begrtindungen resultieren 3~ SchlieBlich ist darauf hinzuweisen, dass Begrtindungen der argumentativen Untermauerung des durch die N o r m bezeichneten Geltungsanspruchs dienen, nicht aber der inhaltlichen Konkretisierung dieses Anspruchs. Begrtindungen sollen die Vorteilhaftigkeit der kodifizierten Norm untermauern. Durch die Aufdeckung von Beurteilungskriterien und angestrebten Konsequenzen der Normbefolgung k6nnen sie die Auslegung und Interpretation der geforderten Verhaltensweisen zwar beeinflussen 3~ Begriindungen sind jedoch nicht deshalb in den Kodex aufzunehmen, um die empfohlenen Handlungsweisen im Sinne einer Konkretisierung zu erl/autern, wie es einige Autoren mitunter suggerieren 3~ Derartige Empfehlungen verwech-
agrees that actions, which help society, are ethical in our dynamic environment, there will still be disagreements. These disagreements may stem from differences in moral principles ... or differences in the weighing of relevant values." [dazu auch das Beispiel von Kagan (1998), S. 5: ,,two people might agree that killing is indeed always wrong, while holding radically different views concerning the nature of morality, the possibility of moral knowledge, and so forth."]. In diesem Sinne auch Birnbacher (2003), S. 103: ,,Ein Konsens ist umso eher zu erwarten, je >>flacher~ er ist, d. h. je mehr er lediglich die in der Praxis anwendbaren Normen und je weniger er die diesen Normen zugrunde liegenden Prinzipien betrifft.". Siehe ferner Bayertz (1996a), S. 18 Herv. im Original, der tiber eine vom US-Kongress eingesetzte Kommission zur Er/Srterung der Probleme des Schutzes menschlicher Versuchsobjekte in der Biomedizin und der Verhaltensforschung berichtet: ,,In den Diskussionen dieser weltanschaulich, ethnisch und professionell heterogen zusammengesetzten Kommission ergaben sich weitgehende Konvergenzen immer dann, wenn einzelne Faile oder abgrenzbare Faligruppen zur Debatte standen. Auf dieser Ebene war es auch mOglich, gemeinsame Empfehlungen zu formulieren und zu verabschieden. Dieser Konsens brach jedoch zusammen, sobald die Grande zur Sprache kamen, die die einzelnen Mitglieder zu ihrer Entscheidung bewogen hatten. Dem Konsens auf der Ebene der Resultate stand ein Dissens aufder Beg~ndungsebene gegenUber.". Dazu auch Novaes (1996), S. 238 f., wonach ,,es fiir eine Gruppe leichter sei, eine Obereinstimmung hinsichtlich einer spezifischen Politik zu erreichen, als es far die Mitglieder ware, hinsichtlich der moralischen Argumentation hinter ihrer endgiiltigen Entscheidung einig zu werden.". Ten Have (1996), S. 89, spricht vonder ,,Diskrepanz in postmodernen Gesellschaften zwischen dem GutheiBen und der Rechtfertigung von Werten". Siehe schlieBlich auch den auf Luhmann bezogenen Hinweis von Reese-Schdifer (1997), S. 572, ,,dab gerade eine Begrtindung mit verbindlichem Anspruch streitverscharfend wirken kOnnte.". 3o6 Vgl. nur Ethics Resource Center (1990), S. IV- 11: ,,Rationales present the moral reasoning, business philosophy or ... the practical considerations that underlie a particular rule or set of guidelines.". 307 Siehe auch das Vorwort im Kodex der Caterpillar Tractor Co. [zit. in Webley (1992), S. 29], dessen Beg~ndung ein sehr reaktives Engagement des Unternehmens offenbart, wenn auf das zunehmende Interesse der Offentlichkeit an unternehmerischen Aktivitaten und ihre Forderung nach Verhaltensgrundsatzen ~r internationale Untemehmen verwiesen wird. 30g Siehe in diesem Sinne exemplarisch Engelhard (1989), Sp. 2162, wonach die fortwahrende Diskussion tiber die angemessene Auslegung eines Leitsatzes des OECD-Codes ein Beg~ndungsdefizit verdeutliche. 309 Vgl. z. B. Ethics Resource Center (1990), S. IV-10: ,,Codes of ethics may include definitions, rationales, or illustrations to clarify the expected behavior set down by the guidelines and rules.", oder Manley (1991), S. 5,
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches lmplementierungsinstrument
seln die Fundierung von Behauptungen mit ihrer Konkretheit. Diese beiden Merkmale sind zun/~chst nicht starr korreliert, wenngleich nicht selten ein Substitutionsverh/iltnis zwischen der Korrektheit und der Konkretheit von Propositionen besteht 31~ Ffir weniger konkrete Normen stellen sich demnach unter Umst/~nden weniger Beg~ndungsnotwendigkeiten, da und soweit ihr Geltungsanspruch seltener strittig erscheint 3~. Femer ist einzugestehen, dass Begrfindungsanstrengungen eine st/~rkere Pr/~zisierung der zu begrfindenden Behauptung mit sich bringen k6nnen, soweit diese anFanglich zu generell oder leerformelhafl verfasst worden war 312. Dies ist jedoch ein Nebenprodukt eingeforderter Beg~ndungspflichten, die eben nicht auf die Pr/~zisierung, sondern die argumentative Untermauerung des Geltungsanspruchs der zu b e g ~ n d e n d e n Aussagen abzielen, die nur bzw. immerhin fiber eine problem(16sungs)notwendige Genauigkeit verf'tigen mtissen, das heiBt, unter Berticksichtigung des Hintergrundwissens keine derart groBen Interpretationsspielrfiume zulassen, dass sie praktisch keinen Informationsgehalt besitzen bzw. lediglich Trivialit/~ten behaupten 3~3. Mit der Konkretheit ist folglich ein weiteres Merkmal der formalen Gestalt unternehmerischer Kodizes benannt, das im folgenden Abschnitt zu betrachten ist.
c)
Konkretheit
aa) Dominanz des Unterscheidungsmerkmals Eine theoretisch begrfindete Typologisierung untemehmensethischer Kodizes existiert bislang nicht 314. Dennoch sind nicht selten Differenzierungen unterschiedlicher Kodexarten vorgeschlagen worden 315. Die Kriterien, die diesen Abgrenzungen zugrunde liegen, werden zwar
wonach Beg~ndungen sicherstellen kOnnen ,,that the firm will >>explain the intent, as well as the letter of the code.<:', und S. 18 im Original kursiv: ,,The code should contain ... an explanation of how to interpret the code". 310 Vgl. v. Werder (1994), S. 217. 311 Vgl. dazu z. B. McAdams (1997), S. 383: ,,The more abstract the norm, the more likely it is that it embodies the kind of sentiment ... that commands immediate unanimous agreement.". 312 Vgl. v. Werder (1994), S. 297 Fn. 79. 313 Vgl. dazu v. Werder (1994), S. 217 f., 295 f. 314 Vgl. auch nochmals oben, S. 193 der vorliegenden Arbeit. 3~5 Vgl. Brenner/Molander (1977), S. 59: general precept codes versus specific practice codes [so auch Molander (1987), S. 620, 623]; Sanderson/Varner (1984), S. 30: codes composed of various philosophical statements on business ethics, or specific rules for acceptable and/or prohibited behavior, or a combination of both; Berenbeim (1987), S. 16: constituency obligations, professional responsibility, corporate mission [vgl. auch Weber (1993), S. 425]; Weller (1988), S. 392: agenda setting policy (which usually takes one of two forms: a statement of broad general goal or a list of concerns) versus priority setting policy; Frankel (1989), S. 110 f.: aspirational codes (a statement of ideals to which practitioners should strive), educational codes (which seeks to buttress understanding of its provisions with extensive commentary and interpretation), regulatory codes (which includes a set of detailed rules); Benson (1989), S. 306, 308: credos (which lack specific instructions to employees) versus codes (which are often detailed); Robin/Giallourakis/David/Moritz (1989), S. 72: value-based codes with little specific guidance versus rule-based codes with very specific guidance [vgl. auch Farrell/Cobbin (1996a), S. 52 f.; Post (2000), S. 113 f.]; Rogers/Swales (1990), S. 308 f. En. 8:
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes im Regelfall nicht p r a i s e
261
g e k e n n z e i c h n e t . Die D a r l e g u n g e n best~itigen j e d o c h tibereinstim-
m e n d die Einsch~itzung, dass d e m M e r k m a l der K o n k r e t h e i t h e r a u s r a g e n d e B e d e u t s a m k e i t f'tir die U n t e r s c h e i d u n g u n t e r n e h m e n s e t h i s c h e r K o d i z e s z u e r k a n n t wird u n d e n t s p r e c h e n d m e h r o d e r w e n i g e r k o n k r e t e K o d i z e s v o n e i n a n d e r a b g e g r e n z t w e r d e n 316. Fast ausschlieBlich h a n d e l t
general mission statements or credos, specific descriptions of corporate policies and procedures, hybrid codes (include both a mission statement and a description of corporate principles and policies); Schlegelmilch (1990), S. 370: 1. regulatorische Kodizes mit detaillierten (oft sanktionsbewehrten) Regeln und Richtlinien, 2. zumeist kurze weitgefasste Kodizes, die Ziele, Unternehmensphilosophien und Werte dokumentieren, 3. ausfiihrliche Kodizes, welche die soziale Verantwortung des Unternehmens gegentiber verschiedenen Interessengruppen und eine Vielzahl anderer Themen beinhalten [genauso Schlegelmilch/Houston (1989), S. 15; Langlois/Schlegelmilch (1990), S. 525]; Pelfrey/Peacock (1991), S. 15 f.: all-inclusive form of codes (addressing every possible situation), short form of codes (providing only a general statement of company values), middle of the road form of codes; Berenbeim (1992), S. 12: compliance codes (directive statements giving guidance and prohibiting certain kinds of conduct), corporate credos (broad general statements of corporate commitments to constituencies, values and objectives), management philosophy statements (formal enunciations of the company or CEO's way of doing business) [ebenso Nash (1992), S. 158 f., sowie Laufer/Robertson (1997), S. 1030]; L'Etang (1992), S. 737: codes of ethics, codes of conduct, codes of practice; Longstaff (1994), S. 241: codes of ethics versus codes of conduct; Paine (1994), S. 115: codes of conduct (which articulate specific behavior standards) versus statements of vision, purpose, and beliefs (which lay out in very simple terms the company's central purpose and core values); Condren (1995), S. 73: E codes (codes of ethics) versus C codes (codes of conduct); Lewin/Sakano/Stephens/Victor (1995), S. 92: codified rules and procedures (im Japanischen; rinri-koryo oder kodo-kihan) versus general guiding philosophies (keiei-rinen); Murphy (1995), S. 728: values statements (a succinct statement about corporate values intended to set out the guiding principles of the firm), corporate credos (delineate a company's ethical responsibility to stakeholders, often not precise enough to offer guidance), codes of ethics (a more detailed discussion of a firm's ethical policy) [siehe auch Murphy (1998), S. 2-5; Murphy (2000), S. 296 f.]; Daft (1997), S. 160: principle-based statements (which define fundamental values and contain general language about company responsibilities, quality of products, and treatment of employees) versus policy-based statements (which outline the procedures to be used in specific ethical situations); Farrell/Farrell (1998), S. 588: prescriptive versus inspirational codes; Maclagan (1998), S. 161: more general statements of corporate values and missions versus more specific corporate codes (which can direct managers and employees in a manner which is enforceable); Organisation for Economic Co-operation and Development (1999), S. 8: very detailed statements of ethical principles versus broad statements of values or intent; Boatright (2000), S. 366: codes of conduct (a statement of specific rules or standards for a variety of situations), mission statement or credo (a statement of core values of the vision of an organization), corporate philosophies (a description of the beliefs guiding a particular company); Cavanagh (2000), S. 171 f.: aspirational versus detailed and specific codes; Farrell/Cobbin (2000), S. 186: decretal, rule-based codes versus inspirational, allodial codes; Organisation for Economic Co-operation and Development (2001a), S. 12: broadly formulated statements of principles versus more detailed guidelines and policies on specific issues; KapteirdWempe (2002), S. 272: virtues statement (which offers employees a great degree of flexibility in translating values in the context of a given dilemma), code of conduct (which is much more concrete and coercive), mission statement (which generates dilemmas rather than offering any guidance for resolving them); Hosmer (2003), S. 163: mission statements (which usually are very idealistic and very general) versus codes of conduct (which frequently are very realistic and very specific); Graafland/van de Ven/Stoffele (2003), S. 47: ,,three types of statements: the mission statement that describes the purpose of the firm; value statements that describe the main values of the firm; and rules of conduct that the organisation expects from its workers or suppliers" und S. 48: concrete norms versus general values of the firm; Kaptein (2004), S. 24: stakeholder statutes (formulate responsibilities towards stakeholders), values statements (express the corporate core values in a coherent manner), codes of conduct (set down norms and rules for employee conduct). 316 Das Merkmal der Konkretheit (oder Generalit~it) von Kodizes ist im Folgenden noch genauer zu erOrtern (siehe im Einzelnen sogleich, S. 265 ff. der vorliegenden Arbeit). Zur entsprechenden Kennzeichnung danach unterschiedener Kodizes werden sowohl die Begriffspaare konkret versus abstrakt als auch speziell versus generell verwendet. Es soll nicht unerw~hnt sein, dass diese Bezeichnungen mit abweichender Verwendung in der Literatur anzutreffen sind, wie es einige der nachfolgend aufgefiihrten Belege verdeutlichen. Da sich bislang jedoch keine allgemein geteilte Begrifflichkeit herausgebildet hat und eine solche aufgrund der ganz un-
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
es sich dabei um zwei- oder dreigliedrige Einteilungen. Die Dreiteilungen beinhalten entweder eine hybride Gruppe, die Eigenschaften der beiden t~brigen Kategorien integriert und eine entsprechende Mischform darstellt 3~7. Sofern hingegen drei generische Kodexarten gebildet worden sind, er6ffnen sich auf der Grundlage der jeweils aufgezeigten Kennzeichnungen meist Abgrenzungsprobleme 318, die eine solche Einteilung wenig zweckmfil3ig erscheinen lassen. Besondere Prominenz hat die Gegent~berstellung von Ethik- und Verhaltenskodizes erlangt. Sie findet allerdings keineswegs allgemein Verwendung 3~9, was kaum tiberrascht, nachdem bereits ft~r die Explikation des tibergeordneten Begriffs unternehmensethischer Kodizes eine mangelnde Einigkeit zu konstatieren war 32~ Wenngleich die Unterscheidung von Ethikund Verhaltenskodizes (bzw. ,,codes of ethics" und ,,codes of conduct") nicht lediglich die Designationen von Kodexdokumenten in der Praxis wiedergeben soil 321, sondem durchaus einen konzeptionellen Anspruch erhebt, wird es dennoch vers~iumt zu pr~zisieren, wodurch genau diese Unterscheidung begr(indet ist. Stattdessen werden entweder ausschliel31ich entsprechende Beispiele aus der Unternehmenspraxis geschildert oder Unterscheidungskriterien lediglich angedeutet, nicht aber im Detail dargestellt und diskutiert. Eine h~ufiger zitierte Abgrenzung ist von L 'Etang ausgeffihrt worden: ,,Codes of ethics can be distinguished by being a fairly short set of ethical principles expressed in the imperative mode; codes of conduct are much more specific in detailing exceptions and particular circumstances and are practical in nature, dealing with the relationship with the customer/client ''322. Nach dieser Beschreibung bleibt unklar, wie viele Prinzipien ein Ethik-Kodex maximal enthalten darf, was unter ethischen Prinzipien fiberhaupt zu verstehen ist und warum (nur) sie in imperativische Sfitze gekleidet sein sollen. Zur Abgrenzung von Verhaltenskodizes stellen sich auf3erdem die Fragen, ob Prinzipien nicht ebenfalls Ausnahme- und Anwendungsbedingungen enthalten dt~rfen, durchaus praktischer Natur sein m6gen 323 oder die Beziehungen mit
terschiedlichen Interessenlagen und Differenzierungsniveaus themenbezogener Studien zudem kaum erwartet werden darf, bleibt eine zweckmfiBige Festlegung die einzige Option. Sie erfordert allerdings gleichsam, verwandte Begriffe sorgfaltig und nachvollziehbar abzugrenzen. 317 Vgl. Sanderson/Varner (1984), S. 30; Rogers/Swales (1990), S. 308 f. En. 8; Pelfrey/Peacock (1991), S. 15. 318 Vgl. Berenbeim (1987), S. 16; Frankel (1989), S. 110 f.; Schlegelmilch/Houston (1989), S. 15; Langlois/ Schlegelmilch (1990), S. 525; Schlegelmilch (1990), S. 370; Berenbeim (1992), S. 12; L'Etang (1992), S. 737; Nash (1992), S. 158 f.; Murphy (1995), S. 728; Laufer/Robertson (1997), S. 1030; Murphy (1998), S. 25; Boatright (2000), S. 366; Murphy (2000), S. 296 f. 319 Vgl. anders z.B. Mathews (1987), S. 108; McCabe/Trevino/Butterfield (1996), S. 461; Reichert/Webb/ Thomas (2000), S. 54; Kaptein (2004), S. 13. 320 Vgl. nochmals oben, S. 31 ff. der vorliegenden Arbeit. 321 Siehe zu den entsprechenden H~ufigkeiten dieser Ausdrficke in der Praxis die Befunde von Ethics Resource Center (1980), S. 14; Schlegelmilch/Houston (1989), S. 13; Farrell/Cobbin (1996a), S. 43 f. 322 L 'Etang (1992), S. 737. 323 Wie L 'Etang (1992), S. 737, wenig spater selbst konzediert, wenn Ethik-Kodizes als ,,highly practical guidelines" umschrieben werden.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
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den K u n d e n des U n t e m e h m e n s betreffen k6nnen. Im K e m basiert diese U n t e r s c h e i d u n g somit wohl darauf, dass E t h i k - K o d i z e s genereller sind und sich V e r h a l t e n s k o d i z e s demgegent~ber aus spezielleren N o r m e n z u s a m m e n s e t z e n . D e s s e n ungeachtet wird unterstellt, dass eine Abgrenzung eindeutig und sogar vergleichsweise einfach m6glich sei 324. Das genannte Differenzierungskriterium wird auch v o n L o n g s t a f f geteilt, w o n a c h ,,[i]n c o m p a r i s o n to a code o f conduct, a code o f ethics will tend to: be more general; contain fewer principles; be expressed in terms o f >)ought<< or >>should<< (and not >>must<<); be directed to all persons affected (and not just >)employees<<); and provide general guidance in those cases where a code o f conduct is silent, a m b i g u o u s or unclear. ''325. N a c h dieser K e n n z e i c h n u n g handelt es sich bei der A b g r e n z u n g von Ethik- und V e r h a l t e n s k o d i z e s indes um eine nur graduelle Unterscheidung, die w i e d e r u m in erster Linie a u f die Generalit/~t der K o d e x n o r m e n zurtickzuf'tihren ist. Die Darstellung deutet j e d o c h gleichzeitig an, dass mit dieser Unterscheidung die Auspr/~gungen weiterer K o d e x e i g e n s c h a f l e n in B e z i e h u n g stehen k6nnen. Zur Bildung von K o d e x t y p e n bietet sich das M e r k m a l der K o n k r e t h e i t z u m einen deshalb in b e s o n d e r e m Maf3e an, weil die vorliegenden K o d e x u n t e r s c h e i d u n g e n praktisch ausnahmslos a u f diese Eigenschafi rekurrieren 326. Z u m Z w e i t e n ist bei den v o r a n g e g a n g e n e n Er6rterungen bereits mehrfach deutlich geworden, dass es sich um ein sehr g r u n d l e g e n d e s M e r k m a l handelt. Die Generalit/at der kodifizierten N o r m e n muss die Auspr/agungen anderer K o d e x e i genschaflen zwar nicht determinieren. D e n n o c h k 6 n n e n fraglos Z u s a m m e n h a n g e z w i s c h e n der Konkretheit eines K o d e x und seiner L/ange 327, T h e m e n s t r u k t u r 328, Sprache 329 oder Fundierung 33~ bestehen.
324 So L'Etang (1992), S. 737: ,,They [codes of ethics, T. T.] are easily distinguished from the more legalistic prudential/technical codes of... conduct". 325 Longstaff(1994), S. 241. Siehe zur Kritik an diesem Abgrenzungsvorschlag auch Condren (1995), S. 74 f. 326 Siehe nochmals die Zusammenfassung auf S. 260 in Fn. 315. 327 Vgl. Pelfrey/Peacock (1991), S. 16; Kaptein (2004), S. 25, sowie Condren (1995), S. 75: ,,codes of ethics are characteristically brief and general", oder Farrell/Farrell (1998), S. 588: ,,Australian codes have been reported to be of modest length .... With this limitation there is no opportunity for corporate codes to be highly prescriptive and dictate the alternatives to be chosen ... Thus corporate codes tend to be solely inspirational or only prescriptive in general terms.". 32s Vgl. Benson (1989), S. 308: ,,The more detailed later ones [corporate codes, T. T.] usually show the influence of the 1977 Proxmire Act, the anti-trust laws, the laws against discrimination, and the S.E.C.'s efforts to eliminate insider trading."; Hosmer (2003), S. 164: ,,There often is an emphasis upon financial standards, not mission priorities, in these prohibited procedures [listed in codes of conduct, T. T.]". 329 Vgl. nochmals Longstaff(1994), S. 241, sowie Molander (1987), S. 620: ,,General precept codes tend to be, but are not exclusively, of an approbatory nature - made up of >>thou shalt's<<. Specific practice codes tend to be, but are not exclusively, of a proscriptive nature - made up of >>thou shalt not's<<."; Rogers/Swales (1990), S. 302 Herv. im Original: ,,Among the codes in our collection, general mission statements or credos and hybrid codes ... tend to have a more consistent incidence of we than policy and procedures codes"; Pelfrey/Peacock (1991), S. 16: ,,The short form ... expresses a positive tone of commitment to proper behavior ... [Codes belonging to the all-inclusive form, T. T.] usually carry a negative tone because they address >>what not to do.<<"; Maclagan (1998), S. 161: ,,Codes usually include precisely worded proscriptions, whereas mission statements tend to be worded more vaguely, spelling out objectives and responsibilities in positive
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
D a ~ b e r hinaus besitzt das Merkmal der Konkretheit f'tir die im Weiteren zu u n t e r s u c h e n d e Effektivit~t von Kodizes offensichtlich gro8e B e d e u t u n g TM. Dabei l~sst sich nicht ad hoc feststellen, ob e n t w e d e r nur generelle oder aber konkrete K o d i z e s geeignet sind, um die angestrebte Ethisierung des U n t e m e h m e n s zu erreichen 332. So finden sich a u f der einen Seite S t i m m e n dafiir, dass die W i r k s a m k e i t von K o d i z e s mit der Konkretheit ihrer N o r m e n steigt 333 und zu generelle K o d e x n o r m e n daher wertlos sind 334. Andererseits wird beispielsweise die berfihmte Rtickrufaktion von Tylenol durch das U n t e m e h m e n J o h n s o n und J o h n s o n 335 als Beleg ffir die Vorteilhaftigkeit genereller K o d e x n o r m e n angef'tihrt: ,,Another perspective on ethics codes suggests that a broader statement o f values, such as the J o h n s o n and J o h n [ n ] s o n credo, m a y be more influential than a long list o f specific rules . . . . Specific rules about what to do in cases o f product tampering were unnecessary. G u i d a n c e was provided by the more general statement o f values. ''336. Im F o l g e n d e n ist daher eine U n t e r s c h e i d u n g u n t e m e h m e n s e t h i s c h e r K o d i z e s anhand des M e r k m a l s der Konkretheit herauszuarbeiten. Hierftir muss zun/~chst genauer g e k e n n z e i c h n e t werden, was unter diesem M e r k m a l zu verstehen ist und wie sich danach generelle von speziellen K o d i z e s abgrenzen lassen. Um eine theoretisch begrtindete Differenzierung v o r n e h m e n zu k6nnen, wird w i e d e r u m an der N o r m e i g e n s c h a f i u n t e m e h m e r i s c h e r K o d i z e s angekntipfl und die (insbesondere in der Rechtstheorie) verbreitete U n t e r s c h e i d u n g von N o r m e n in Re-
terms."; Kaptein (2004), S. 25, wonach die tendenziell abstrakteren Stakeholder Statutes und Values Statements ,,predominantly descriptive" und die konkretem Codes of Conduct ,,predominantly prescriptive" sind. 33o Vgl. zur generellen M6glichkeit eines Trade-off zwischen der Konkretheit und der Korrektheit von Propositionen nochmals v. Werder (1994), S. 217. 331 So z. B. auch Tenbrunsel (2000), S. 128: ,,One factor worthy of consideration is the specificity of the code.". 332 Vgl. z. B. auch Kaptein/Wempe (1998), S. 859 Fn. im Zitat gel6scht: ,,Yet the more concrete the code, the bigger the chance that employees will solely take into account the described situations and ignore other ones. The realization that the concrete incidents are only extensions of general principles then ceases to exist. And yet in contrast, general statements such as ))we strive for the highest degree of integrity~( offer too little footing for the employees.", und Kaptein (2004), S. 28: ,,In theory, an abstract code could be as effective (or even more effective) as a detailed code". 333 Vgl. z. B. Chonko/Hunt (1985), S. 356: ,,If these ethical codes are to be useful, they must be specific.", oder Brief/Dukerich/Brown/Brett (1996), S. 186: ,,we also anticipate the proposed moderating effect of codes to be more pronounced when a code is specific rather than vague." und S. 188: ,,our recognition that vague, abstract codes may be less effective than specific ones"; Valentine/Fleischmann (2002), S. 307: ,,Written codes need to also be specific enough for practical application in the workplace.". 334 Vgl. z. B. Schlegelmilch/Houston (1989), S. 21 ; Velasquez (1990), S. 239; Mitchell/Daniels/Hopper/GeorgeFalvy/Ferris (1996), S. 443; Cavanagh (2000), S. 179. 335 Siehe zu diesem vielzitierten Fallbeispiel z. B. Velasquez (1990), S. 235 f.; Paine (1994), S. 109; Fritzsche (1997), S. 3 f., 25 f.; Badaracco (1998), S. 121-136; Driscoll/Hoffman (2000), S. 30; Hosmer (2003), S. 133 f.; Monks/Minow (2004), S. 59 f. 336 Trevino (1990), S. 205. Vgl. auch Fritzsche (1997), S. 132; Boatright (2000), S. 11 f.; Carroll/Buchholtz (2000), S. 145 f.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
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geln und Prinzipien in Anspruch genommen 337. Es wird gezeigt, dass die Abgrenzung von Regeln und Prinzipien mit dem Merkmal ihrer jeweiligen Konkretheit korrespondiert und sowohl graduell als auch qualitativ erfolgen kann. Wie im Einzelnen dargelegt wird, ist von diesen beiden M6glichkeiten die qualitative Abgrenzung von Regeln und Prinzipien vorzuziehen, um auf dieser Grundlage Effektivitatsprognosen abzuleiten.
bb) Eingrenzung des Unterscheidungsmerkmals a' Formalanalytische Abstraktion Um zu klaren, ob und inwieweit sich Kodizes sinnvoll nach dem Merkmal der Konkretheit differenzieren lassen, muss zuerst bestimmt werden, worauf sich dieses Merkmal tiberhaupt beziehen soil. Da Kodizes als Sammlungen von Normen verstanden werden, k6nnen Kodizes folglich insoweit als konkret eingestuft werden, als die Normen, die sie beinhalten, entsprechend zu attribuieren sind. Kodizes sind demnach generell (bzw. speziell), wenn sie generelle (bzw. spezielle) Normen enthalten. Es bietet sich an, eine genauere Kennzeichnung genereller bzw. spezieller Normen auf der Basis der bereits eingeftihrten formalen Notation des Normbegriffs vorzunehmen 33s. Diese Abstraktion erm6glicht es, prazise und gleichzeitig anschaulich zu verdeutlichen, wie unterschiedlich das Merkmal der Konkretheit bestimmt werden k6nnte und wie es zweckm~ifSigerweise eingegrenzt werden sollte 339. Da tats~.chlich ganz verschiedene Auffassungen tiber die Generalit~it von Normen bestehen, ist diese Betrachtung auch besonders geeignet, um Irritationen einzud~immen, soweit diese nicht substantiell, sondem im Wesentlichen begrifflich verursacht sind.
337 Vgl. zu dieser Unterscheidung z. B. Christie (1968), S. 654-669; Hughes (1968), insb. S. 419; Tapper (1971), S. 628-632; Bell (1972), S. 913-948; Raz (1972), insb. S. 838; Kearns (1973), S. 115-132; Bodenheimer (1977), insb. S. 1151 f.; Lyons (1977), insb. S. 418-426; Benditt (1978), insb. S. 74-89; MacCormick (1978), insb. S. 152, 232, 259-264; Peczenik (1983), S. 14 f.; Alexy (1985), S. 14-21; Wellman (1985), S. 69-72; Ganther (1988), S. 268-276; Dechsling (1989), S. 15; Peczenik (1989), insb. S. 74-76; Penski (1989), S. 105110; Aarnio (1990), S. 180-191; Alexy (1990), S. 21; Buchwald(1990), insb. S. 165 f.; Dworkin (1990), insb. S. 54-64, 130-143; Koch (1990), S. 152-158; Raz (1990), insb. S. 49 f.; Sieckmann (1990), S. 52-87; Dreier (1991), S. 83 f., 104 f.; Stelzer (1991), S. 212-234; Enderlein (1992), S. 80-99; Ott (1992), S. 180-182; Weinberger (1992), S. 207-212, 507, 513-515; Alexy (1994), S. 71-157; van Niekerk (1994), S. 160-166; Sieckmann (1994a), S. 205-213; Alexy (1995), S. 177-287; Dorndorf(1995), insb. S. 137-139; Sieckmann (1995), S. 45 f.; Gaffney (1996), insb. S. 43-58; Koch (1996), S. 16-20; v. d. Pfordten (1996), S. 238-242; Jansen (1997a), S. 27, 29; Jansen (1997b), S. 152; Atienza/Ruiz Manero (1998), S. 1-43; Borowski (1998a), S. 61-98; Borowski (1998b), insb. S. 309-311; Habermas (1998), insb. S. 254-256; Honeyball/Walter (1998), S. 3-24; Stack (1998), insb. S. 409 f.; Zoglauer (1998), S. 140 f.; Alexy (2000), S. 32-52; Braithwaite/Drahos (2000), insb. S. 18-20; Neumann (2000), insb. S. 115-121; Alexy (2002), insb. S. 119 f. 33s Siehe nochmals oben, S. 197 ff. der vorliegenden Arbeit. 339 Bemerkenswerterweise fehlen derartige Tiefenbetrachtungen nicht lediglich in den sich unter Umst~nden eher betont anwendungsorientiert verstehenden Untersuchungen der Managementlehre, sondern for Normen im Allgemeinen auch in den um (sprachliche) Differenzierungen gemeinhin besonders bemiihten plailosophischen Disziplinen. Das Wesen vorgenommener Abgrenzungen wird dort nicht selten im Dunkeln belassen und nur anhand von Beispielen erhellt [vgl. z. B. Hare (1983), S. 54 f.; Alexy (1995), S. 73 Fn. 11, sowie die entsprechend lautende Kritik von Dworkin (1990), S. 141, an Raz (1972), S. 838].
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Ethik-Kodizes ais unternehmensethisches Implementierungsinstrument
. . . .
Die
Normen
untemehmensethischer
Kodizes
lassen
sich
formal
ausdrticken
als:
O: WSchritt[(S ---~h)v AA/+] 34~ Nach dieser Formel handelt es sich um Normen, die durch die normgebende Instanz O, im Falle unternehmensethischer Kodizes die Unternehmensleitung, die tiber die Etablierung des Kodex entscheidet, schriftlich festgehalten und verktindet worden sind. Die Norm gebietet, dass die Normadressaten AA in einer Situation (eines bestimmten Typs) s e i n e Handlung (des Typs) h durchf'tihren sollen. Normen sind folglich notwendigerweise insofern stets allgemein, als sie unter identischen Bedingungen die gleichen Handlungsvorgaben machen341: Immer dann, wenn eine Situation s vorliegt, sollen die Normadressaten
AA entsprechend h handeln. Der Geltungsanspruch von Normen ist in diesem Sinne begriffsnotwendig allgemein, wie es ftir moralische Normen im Besonderen hervorgehoben wird 342. Das Merkmal der Konkretheit k0nnte indes, wie man im Prinzip auf den ersten Blick anzunehmen geneigt sein m6chte, s~imtliche inhaltliche Komponenten der Norm betreffen. So w~iren Normen als konkreter anzusehen, wenn sie ihrer Verbindlichkeit konkret Ausdruck verleihen, ihre Adressaten und Benefiziare konkret benennen bzw. die normrelevanten Situationsund Handlungsmerkmale konkret festlegen. Es l~isst sich allerdings relativ unproblematisch zeigen, dass sich das Merkmal der Konkretheit sinnvollerweise nur auf den Normkern (s -+ h) beziehen kann, da sich eine Differenzierung unternehmensethischer Kodizes nach den jeweiligen Auspr~igungen bei den tibrigen Komponenten entweder aus logischen (so im Falle der Verbindlichkeit) oder begriffskonventionellen Grtinden (bei den Adressaten und Benefiziaren) verbietet. Wenngleich einleitend ohnehin bereits festgelegt wurde, dass die Typologisierung von Kodizes auf den Normkern auszurichten ist 343, sollen Fehlinterpretationen insoweit vermieden werden, als zun~ichst die notwendige Eingrenzung auf den Normkern for das Merkmal der Konkretheit gesondert begrtindet wird.
340 Siehe zu dieser Formel nochmals die Erlfiuterungen oben, S. 197 ff. der vorliegenden Arbeit. 341 Vgl. z. B. Keuth (1974), S. 64: ,,Sie [die Normen, Y. T.] sind generelle S~itze, die allen Personen, welche bestimmte Bedingungen er~llen, die gleiche Anweisung erteilen.". Diese Konstanz erkl~irt die Koordinationswirkungen von Normen, die sogar kontrafaktisch zur Stabilisierung der Erwartungen bei den betroffenen Akteuren beitragen [siehe dazu die Begriffsfassung bei Luhmann (1999), S. 17 Fn. nach Satz 1 im Zitat ge10scht: ,,Normativitfit ist die Form einer Verhaltenserwartung, mit der bekundet wird, daf5 die Erwartung auch im Entt~iuschungsfalle festgehalten werden soll. Normen werden hier mithin als entt~iuschungsfeste, kontrafaktisch stabilisierte Erwartungen begriffen"]. 342 Siehe zur allgemeinen Gtiltigkeitmoralischer Normen nochmals oben, S. 21 der vorliegenden Arbeit. 343 Siehe oben, S. 201 der vorliegenden Arbeit.
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b'
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Verbindlichkeit der Norm Normen mtissen mit einem Verbindlichkeitsanspmch ausgestattet sein 344. Der Ruf nach ei-
ner Konkretisierung dieser Verbindlichkeit geht jedoch ins Leere, sofem damit eine Abgrenzung unterschiedlicher (oder auch nur unterschiedlich konkreter) Normen beabsichtigt ist. Der Grund dafiir besteht darin, dass Handlungsweisen nur entweder verbindlich bzw. gesollt oder eben nieht verbindlich sein k6nnen 345. Zwitterstellungen oder Abstufungen des Verbindlichkeitsanspruchs an sich sind logisch ausgeschlossen. Man kann daher auch sagen, dass das Normstigma bin/ir codiert ist 346. Dieser Befund mag kontraintuitiv erscheinen, da (nicht nur 347) umgangssprachlich durchaus von mehr oder weniger verbindlichen Normen die Rede ist. Die gew/~Jalte Methode der Formalanalyse kann Aufschluss dartiber bieten, wie diese Differenzierungen korrekt zu verstehen und einzuordnen sind. So kann es sich zum einen auf der Ebene einzelner Normen um entsprechende Konkretisiemngen der Situationsbeschreibung s handeln, da z. B. die Norm Nl nur dann angewendet werden soll, wenn bestimmte Situationsmerkmale vorliegen (z. B. eine Norm N2 der Anwendung von N1 nicht entgegensteht). Analoge Relationen lassen sich in Normensystemen (wie sie Kodizes als Ansammlungen einer gr6Beren Zahl yon Normen darstellen) zum anderen auch durch gesonderte Normen ausdrticken, die entsprechende Vorzugsregeln (im Falle von Kollisionen zwischen Nl und N2) festlegen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass in dem Beispiel die Norm NI ,,weniger verbindlich" ist. Die Norm gilt vielmehr nur entsprechend der situativen Einschr/~nkung weniger h/iufig bzw. situativ begrenzt. Die situative Eingrenzung ~indert jedoch nichts an der bin~iren Codierung des Normstigmas, da die Handlungsweise h entweder bei Vorliegen der in s beschriebenen Ausnahmetatbest~inde nicht verbindlich ist oder aber ergriffen werden soil, wenn dem keine besonderen Merkmale der Situation entgegenstehen. Bei diesen Differenzierungen handelt es sich d e m g e m ~ nicht um eine Variation der Verbindlichkeit v, sondem der Situation s 348.
344 Vgi. z. B. Geiger (1964), S. 61 f.; Hart (1975), S. 9 f.; Dreier (1981), S. 220; Hoerster (1983), S. 587; MacCormick/Weinberger (1985), S. 62; Simon (1987), S. 78; Hetcher (1992), S. 910; Cooter (1995), S. 63; Lamnek (1996), S. 17; McAdams (1997), S. 350; Zoglauer (1998), S. 25. 345 Vgl. z. B. Nida-Riimelin (1996b), S. 77: ,,Es gibt nur ein normatives Sollen.". 346 So auch Habermas (1998), S. 311: ,,Normen treten mit einem binfiren Geltungsanspruch aufund sind entweder gtiltig oder ungtiltig". Weinberger (1992), S. 316, spricht yon der Notwendigkeit einer ,,dichotomen Semantik" als Basis der praktischen, das heiBt handlungsbezogenen Philosophie. Siehe in diesem Sinne auch von Wright (1963a), S. 9; G~nther (1988), S. 264 f.; Buchwald (1990), S. 161; Habermas (1991), S. 169; Alex), (1994), S. 78; Borowski (1998a), S. 69; Zoglauer (1998), S. 29, sowie den Hinweis yon Hoerster (1983), S. 592, dass der Begriff der Gtiltigkeitkeine Gradunterschiede zultisst. 347 Vgl. z. B. Peuckert (1986), S. 217. 348 Siehe dazu im Einzelnen die sogleich auf S. 273 ft. der vorliegenden Arbeit folgenden Ausfiihrungen.
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Insbesondere im soziologischen Schrifltum, das bei der Definition (oder zumindest der Operationalisierung) yon N o r m e n (lange Zeit) den Sanktionsbegriff verwendet hat 349, wird bestandig suggeriert, dass die Verbindlichkeit einer N o r m mit der S t ~ k e und Wahrscheinlichkeit ihrer Sanktionierung korreliert sei 35~ N o r m e n seien danach umso verbindlicher, als sie entweder befolgt werden oder der Normbrecher negative Sanktionen erleidet TM. Eine solche Abgrenzung ist jedoch nicht mehr auf die N o r m selbst bezogen 352, da es sich bei der Sanktionierung nicht um eine N o r m k o m p o n e n t e handelt 353. Vielmehr werden Eigenschaflen der N o r m anhand von Auspr/agungen ihres Umfelds gekennzeichnet 354. Die These zielt ganz offensichtlich auf die Geltung, nicht aber die Gtiltigkeit einer N o r m 355. Der Auffassung liegt eine abweichende Verwendung des Verbindlichkeitsbegriffs zugrunde, der nicht normativ verstanden wird, sondern faktisch vorhandene Handlungsrestriktionen beschreibt 356. Die faktische Befolgung und die Sanktionsbewehrung einer N o r m sind allerdings ungeeignet, um Differenzierungen innerhalb einer normativen Kategorie vorzunehmen. In diesem Sinne ist es schlichtweg unzutreffend, dass eine N o r m deshalb normativ verbindlicher w/are, weil im Falle ihrer Missachtung (negative) Sanktionen drohen, die im Kodex explizit gemacht sind. Zudem wird heute kaum noch bestritten, dass der N o r m b e g r i f f selbst unabh~ingig von dem Sanktionsbegriff bestimmt werden muss 357. Dies l~isst die weite praktische Verbreitung unbenommen, die formalen Sanktionen zur Durchsetzung yon N o r m e n zukommt. Dabei kann und wird jedoch gerade umgekehrt die Begrtindung einer N o r m zur Rechtfertigung ihrer Bewehrung herangezogen werden, da die Sanktion nur relativ zu einer N o r m bestehen kann 358. Hingegen
349 Vgl. z. B. die Nachweise bei Spittler (1967), S. 19; Lautmann (1971), S. 62, 66; Korthals-Beyerlein (1979), S. 92, 128; Popitz (1980), S. 10 f.; Luhmann (1999), S. 117 f. Fn. 9. 350 Vgl. z. B. Korthals-Beyerlein (1979), S. 135 im Original z. T. kursiv: ,,))Streng verbindlich~ soll eine Verbotsnorm heiBen, wenn die Erwartung jeder Person aus Ego erhoben ist, mindestens eine Person aus G werde sie negativ sanktionieren, wenn sie in einer Situation der Klasse s ein Verhalten der Klasse h zeigt und diese Person(en) hiervon Kenntnis erlangt (erlangen);))nicht streng verbindlich~ soil eine Verbotsnorm heiBen, wenn die entsprechende Vermutungjeder Person aus Ego erhoben ist.". 351 Ftir die nachfolgende Begrtindung ist es unerheblich, zwischen negativen Sanktionen (Bestrafungen) for Normverletzungen und positiven Sanktionen (Belohnungen) for Normbefolgungen zu unterscheiden. 352 Vgl. auch Simon (1987), S. 73: ,,Die Verbindlichkeit von Normen ist zu unterscheiden von der Frage, ob Normen sanktionsbewehrt sind oder nicht. Beide Begriffe unterscheiden sich nicht nur sprachlich voneinander, sondern besagen auch vollkommen verschiedenes". 353 So auch von Wright (1979), S. 79. 354 Vgl. zur analytischen Kritik an derartigen Verquickungen Ross (1968), S. 106. 355 Siehe in diesem Sinne auch Habermas (1991), S. 144: ,,Sanktionen ... sind for die Sollgeltung [d. h. die Gtiltigkeit von Normen, T. T.] nicht konstitutiv". 356 Vgl. nur Korthals-Beyerlein (1979), S. 62: ,,Dabei bedeutet ))Verbindlichkeit~, dab die Einhaltung der Vorschriften yon der Gruppe oder Gesellschaft iaberwacht und sanktioniert wird.". 357 Vgl. z. B. Luhmann (1995), S. 134 f.: ,,Heute besteht wohl Einverstandnis, dab der Normbegriffnicht durch Sanktionsandrohung, geschweige denn Sanktionsverhfingung definiert sein kann.", sowie Tenbruck (1964), S. 274; Eichner (1981), S. 37 f.; Weinberger (1992), S. 96 f.; Zoglauer (1998), S. 24.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
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kann die Bewehrung mittels formaler Sanktionen zur besseren Geltendmachung der N o r m nicht ihre normative Verbindlichkeit konstitutieren. Sanktionen stellen ihrerseits wiederum nichts Anderes als N o r m e n dar 359. So schreibt eine Sanktionsnorm Ns vor, dass eine Person, die eine N o r m Nl nicht befolgt (s), zu bestrafen ist (h), und erklart damit eine entsprechende Sanktionsfolge als verbindlich 36~ Fraglos kann das Vorhandensein und die Geltung von Sanktionen (Ns) die Befolgung der korrespondierenden N o r m (Ni) beeinflussen. Dies betrifft jedoch - wie gesagt - die Geltung und nicht die Gtiltigkeit der Norm. Die N o r m ist daher nicht etwa verbindlicher, sondem unter Umst~inden wirksamer 361. Dem (logisch begrtindeten) Tatbestand einer bin/~ren Codierung normativer Verbindlichkeit widerspricht keineswegs, dass der Verbindlichkeit der N o r m sprachlich mehr oder weniger deutlich Ausdruck verliehen werden kann. Diese Differenzierung betrifft jedoch nicht die Norm, sondem den Normsatz, durch den die N o r m ausgedrtickt wird 362. So ist die Verbindlichkeit einer N o r m umso einfacher erkennbar, wenn bei der Formulierung des Kodextexts (das heil3t im Normsatz) deontische Begriffe (,,geboten", ,,verboten", ,,erlaubt") verwendet werden. Dadurch erschlieBt sich den Rezipienten des Kodex unmittelbar, dass es sich bei den kodifizierten Aussagen eben um deontische handelt 363. Dessen ungeachtet bleiben durch alter-
358 Vgl. z. B. Ross (1968), S. 89; Weinberger (1974), S. 94, und dazu auch die Unterscheidung primarer Normen und sekundarer (Durchsetzungs-)Normen bei Kelsen (1979), S. 43, 108, sowie McAdams (1997), S. 372. Diese Terminologie ist nicht mit der Begriffsfassung von Hart (1975), S. 91-96, zu verwechseln: Danach sind primare Regeln solche Normen, die den Rechtsgenossen Rechte oder Verpflichtungen auferlegen. Sekundare Regeln legen hingegen fest, wie prim~tre Regeln erkannt (,,rules of recognition"), geandert (,,rules of change") oder angewendet (,,rules of adjudication") werden kOnnen. Diese Differenzierung hat in der Rechtstheorie grOflere Aufmerksamkeit erfahren [vgl. z.B. Lyons (1977), S. 417; Benditt (1978), S. 69; MacCormick (1978), S. 229; Simon (1987), S. 283-286; Dworkin (1990), S. 50; Sieckmann (1990), insb. S. 45; Dreier (1991), S. 98; Ott (1992), S. 94-97; Weinberger (1992), S. 203 f., 508 f.; Gaffney (1996), S. 11 f., 206; Honeyball/Walter (1998), S. 2 f.], da nach Hart (1975), S. 95, entwickeite Rechtssysteme als eine Kombination dieser primaren und sekund/iren Regeln verstanden werden kt~nnen. Den beiden genannten Unterscheidungen ist jedoch gemein, dass sich der Inhalt sekund~rer Normen auf andere Normen bezieht. Sekundare Normen stellen somit Normen tiber Normen dar [vgl. Sieckmann (1990), S. 45]. 359 Vgl. z. B. Geiger (1964), S. 144; Tenbruck (1964), S. 274; Lachmayer (1977), S. 37; Eichner (1981), S. 28, 38; ROhl (1987), S. 208. 360 Vgl. dazu auch die Definition des Sanktionsbegriffs bei Weinberger (1974), S. 94. 361 Aus diesem Grunde wird die Terminologie von Geiger (1964), insb. S. 103, nicht tabemommen, der in Abh~ngigkeit der faktischen Durchsetzung einer Norm von unterschiedlichen Intensitaten der Verbindlichkeit spricht [vgl. auch Geiger (1964), S. 208 f., wonach die Verbindlichkeit einer Norm als ein ,,Tatsachenzusammenhang" aufzufassen ist, sowie kritisch zu seiner Vermengung normativer und empirischer Aspekte bereits Ross (1968), S. 81 f., 87-90]. 362 Vgl. zum Begriff des Normsatzes und der Unterscheidung von Norm und Normsatz auch nochmals oben, S. 32 der vorliegenden Arbeit, sowie Lenk (1974), S. 113; Weinberger (1977), S. 208 Anm. 6; Riedel (1979), S. 53; Morscher (1980), S. 452; MacCormick/Weinberger (1985), S. 63; Peczenik (1989), S. 270; Penski (1989), S. 106; Aarnio (1990), S. 181 f.; Buchwald (1990), S. 159; Sieckmann (1990), S. 26; Enderlein (1992), S. 27; Weinberger (1992), S. 356 f. Fn. 3; Alexy (1994), S. 45 f.; Dorndorf(1995), S. 128; Borowski (1998a), S. 109; Borowski (1998b), S. 309 Fn. 8; Zoglauer (1998), insb. S. 17, 38-40; Sieckmann (1999), S. 743; Alexy (2000), S. 40; Ott (2001), S. 43; Hoerster (2003), S. 43. 363 Da nur Normen durch deontische S~tze bedeutet werden kOnnen, handelt es sich dabei nach Kalinowski (1973), S. 7 Herv. im Original, um die ,,eigentliche linguistische Form" fur Normen.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
native Formulierungen der Norms~itze die N o r m e n (und das heil3t: die Bedeutung dieser Norms/atze) unver~indert 364. Es w~ire mit anderen Worten ein Fehlschluss anzunehmen, dass eine N o r m konkreter w/are, wenn sie unter V e r w e n d u n g deontischer Begriffe formuliert wird. Vielmehr ~kndert die Wahl der sprachlichen Ausdrucksweise und damit der Normsatz weder die Norm noch ihren Geltungsanspruch. Aus logischen Grtinden macht es nicht nur keinen Unterschied, ob Oberhaupt deontische Begriffe in die Formulierung der Norm Eingang finden. Ebenso unerheblich ist, welche deontischen Begriffe gegebenfalls verwendet werden. In der hier gew~ihlten formalen Notation von Normen wurde bewusst auf eine weitere Differenzierung dieser Operatoren verzichtet, da sich s~imtliche deontischen Sfitze mit Hilfe der deontischen Grundmodalit~iten bilden 36s und s~imtliche deontischen Operatoren letztlich beispielsweise durch das deontische Gebot definieren lassen 366. Es ist in Hinblick auf die kodifizierten N o r m e n und ihre Verbindlichkeit somit unwesentlich, ob im Kodex vor allem die deontischen Begriffe des Gebots oder der Erlaubnis auftreten und der negativ anmutenden Nennung von Verboten und Unterlassungspflichten entsagt wird 367. Diese Variationen betreffen lediglich die sprachliche Fassung des Kodex 368. F(ir die formalen Merkmale der Sprache wurde zuvor bereits festgestellt 369, dass zur Beurteilung alternativer sprachlicher Formulierungen die Einfachheit und die Verstfindlichkeit des Kodex wichtige Kriterien sind. Es wurde allerdings ebenfalls gezeigt, dass sprachliche Merk-
364 Damit ist umgekehrt impliziert, dass dieselbe Norm (z. B.: ,,Es ist in unserem Unternehmen verboten zu bestechen.") durch unterschiedliche Normsatze ausgedrtickt werden kann, die durchaus indikativisch (,,In unserem Unternehmen wird nicht bestochen.") oder imperativisch (,,Bestecht nicht!") sein k0nnen und nicht zwingend deontisch formuliert sein mtissen, sofern aus dem Kontext ihre deontische Bedeutung erkennbar wird. 365 Gebot, Verbot und Erlaubnis werden gerade deshalb als Grundbegriffe oder Grundmodalitfiten bezeichnet, weil sich mit ihnen die tibrigen deontischen Operatoren darstellen lassen [vgl. z. B. von Kutschera (1982), S. 1; Alexy (1994), S. 182]. 366 Siehe zur gegenseitigen Definierbarkeit der deontischen Operatoren nochmals oben, insb. S. 197 Fn. 30 der vorliegenden Arbeit. Aus diesem Grunde ist streng genommen die Einfiihrung (irgend)eines einzigen deontischen Grundbegriffs ausreichend, da sich damit die tibrigen deontischen Modalittiten definieren lassen. Bei Keuth (1974), S. 65; Lachmayer (1977), S. 39; von Kutschera (1982), S. 1; Sieckmann (1990), S. 26; Hoerster (2003), S. 43 f., wird der Gebotsbegriff daher als der einzige deontische Grundbegriff angesehen. Hingegen wahlt von Wright (1977), S. 3, den Begriff der Erlaubnis als einzige undefinierte deontische Kategorie [dazu kritisch Weinberger (1977), S. 190, 198; Weinberger (1992), S. 511 f.]. 367 Mitunter werden proskriptive und prfiskriptive Normen unterschieden. Normen der ersten Gruppe verbieten eine Fokalhandlung, wohingegen Normen der zweiten Gruppe die Fokalhandlung vorschreiben [vgl. z. B. Coleman (1991), S. 318, sowie Pahlke (1964), S. 284, der entsprechend positive und negative Normen unterscheidet; siehe auch die nicht deckungsgleiche Einteilung positiver und negativer Normen bei von Wright (1979), S. 81]. Die aufgezeigten definitionslogischen VerkntipfungsmOglichkeiten machen deutlich, dass auf diese Weise nicht Normen, sondern Normsfitze klassifiziert werden. 368 Innerhalb einer logischen Analyse kann nicht nur davon abgesehen werden, weiche Verben Verwendung finden, um die Verbindlichkeit der Norm auszudrticken. Ebenso unerheblich sind die grammatischen Formen der Verben, das heiBt Modi, Tempora und Personen. Diese Formen mOgen zwar Bedeutungsunterschiede bewirken, die im linguistischen Bereich eine wichtige Rolle spielen [vgl. speziell ~r unternehmensethische Kodizes nochmals die bereits behandelten Untersuchungen von Rogers/Swales (1990) und Farrell/Farrell (1998)]; sie 10sen sich jedoch in der rein symbolischen Sprache der Logik auf [vgl. Kalinowski (1973), S. 12]. 369 Siehe nochmals im Einzelnen oben, S. 238 ft. der vorliegenden Arbeit.
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male ftir eine Typologisierung unternehmerischer Grundsatzdokumente weniger geeignet erscheinen, soweit generische Charakteristika ermittelbar sind, die eindeutigere Aussagen in Hinblick auf die angestrebten Effektivit/atsprognosen zulassen. Den sprachlichen Eigenschaften des Kodex soil nicht ihr Potential zur Beeinflussung seiner Wirksamkeit abgesprochen werden. Sie treten gleichwohl insofern in den Hintergrund, als eine mtiglichst reduzierte und entsprechend einfache Typologie erstellt werden soil, die mit wenigen Kodexphg.nomenen auskommt und folglich die besonders einflussstarken zu visieren hat.
c'
Normadressaten und-benefiziare Anders als nach ihrer Verbindlichkeit lassen sich Normen sehr wohl nach ihren Adressaten
und Benefiziaren differenzieren 37~ Eine diesbeztigliche Differenzierung mag umgangssprachlich auch durchaus so verstanden werden, dass es dabei darum geht, wie konkret (oder speziell) die Normadressaten und -benefiziare festgelegt sind 371. Zur terminologischen Abgrenzung wird hierftir nicht v o n d e r Konkretheit gesprochen, sondern das Kriterium der Universalit~it einer Norm eingeftihrt. In Hinblick auf die Universalit~it einer Norm handelt es sich um eine extensionale Unterscheidung 372, da die Festlegung der Normadressaten und Benefiziare unterschiedlich weitreichend erfolgen kann. Eine entsprechende Differenzierung ist im Schrifttum weniger f'tir die Benefiziare 373 als vielmehr nach den Normadressaten keineswegs ungew6hnlich 374. Eine Norm kann danach for unterschiedlich weitgehende Personenkreise bindend sein. Im Extrem gilt eine universelle Norm ftir Jedermann, eine singul~ire Norm hingegen nur f'tir einen einzelnen Akteur 375. Ganz ~ n l i c h werden universelle und partielle (bzw. synonym: partikulare) Normen so unterschieden, dass erstere sich an die Gesamtheit und letztere an einen Teil einer Gemeinschaft richten 376. Zu beachten ist, dass die GegenOberstellung universeller und singul~irer Normen zwar eine Frage des Grades (das heifSt: des Mehr oder Weniger) sein kann, dies aber keineswegs sein
370 Siehe bereits oben, S. 197 ff. der vorliegenden Arbeit. 371 Vgl. nur Simon (1987), S. 62: ,,Von der ~iu6eren Gestaltung unterscheiden sie [die Normen, T. T.] sich zun~ichst darin, da6 die Zahl der Adressaten eingegrenzt und bestimmbarer gemacht wird. Dadurch wird auch die Norm selbst konkxeter." und S. 101: ,,Eine erste Konkretisierung [einer Norm, T. T.] ist dann gegeben, wenn beispielsweise der Normadressat n~iherbezeichnet wird.". 372 So auch Weinberger (1992), S. 210. 373 Siehe aber Popitz (1980), S. 41 f., oder Simon (1987), S. 101, wonach sich fiJr Normen auch beim ,,Schutzobjekt" Konkretisierungsm0glichkeiten bieten. 374 Vgl. z. B. Tenbruck (1964), S. 272; Williams~Gibbs (1968), S. 205; Riedel (1979), S. 48; Popitz (1980), S. 40 f.; Simon (1987), S. 62, 101; Penski (1989), S. 106. 375 Siehe zu der MOglichkeit so verstandener singul~irer Normen z. B. Simon (1987), S. 63, wonach sich ,,eine Norm auch an Einzelne oder nur an eine einzige Person richten" kann, sowie Lautmann (1971), S. 61, oder Riedel (1979), S. 48, 54. 376 Vgl. z. B. Geiger (1964), S. 73; Spittler (1967), S. 68; Korthals-Beyerlein (1979), S. 125; Riedel (1979), S. 48; Popitz (1980), S. 40, 71 f.; Ri~hl (1987), S. 202; Raiser (1995), S. 203.
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muss 377. Es ist ebenfalls verbreitet, die Unterscheidung universeller und singul/arer N o r m e n klassifikatorisch zu begreifen 378. Eine N o r m ist demnach entweder universell, wenn sie sich auf alle Mitglieder einer offenen Klasse (wie beispielsweise alle Menschen, alle Unternehmer, alle Arbeitnehmerinnen mit Kindern) bezieht 379, oder singul~ir, wenn die Normadressaten mit Hilfe singul/arer Merkmale definiert sind (wie beispielsweise Herr X, Unternehmer Y oder Arbeitnehmerin Z) 38~ und daher einer geschlossenen Klasse angeh6ren TM. Demzufolge kann eine N o r m somit nicht mehr oder weniger universell (bzw. singul/ar), sondern nur entweder universell oder singul~ir sein 382. Allerdings ist es zum einen m6glich, dass eine singulare N o r m eine gr6Bere Anzahl an Personen bindet. Z u m anderen kann es faktisch vorkommen, dass sich eine universelle N o r m zu einem bestimmten Zeitpunkt an nur eine einzige Person richtet, welche die universell beschriebenen Adressatenmerkmale erfi.illt 383. Eine detailliertere Auseinandersetzung mit diesen Differenzierungsoptionen ist jedoch entbehrlich, da unter unternehmensethischen Kodizes N o r m e n verstanden werden, die sich an s/amtliche Mitarbeiter eines Unternehmens richten. Eine Unterscheidung nach den Normadressaten und der ,,Konkretheit" ihrer Festlegung ist daher begrifflich ausgeschlossen. Kodizes sind stets in dem Sinne universell, dass sie sich auf s~imtliche Mitarbeiter eines Unternehmens beziehen, und gleichzeitig insofern singular, als sie auf ein bestimmtes Unternehmen begrenzt sind, dem das entsprechend autorisierte T o p m a n a g e m e n t den Kodex gegeben hat. Dies ~indert abermals nichts daran, dass die Adressaten der N o r m in der sprachlichen Fassung der N o r m auf unterschiedliche Weise angesprochen werden k6nnen 384. Diese Variation betrifft indes den Normsatz und nicht die eigentliche Norm.
377 Vgl. in diesem Sinne auch Kelsen (1979), S. 201. 378 Vgl. Ross (1968), S. 109 f.; Hare (1973), S. 4; MacCormick (1978), S. 78; Hare (1983), S. 55; G~inther (1988), S. 29; Peczenik (1989), S. 271" Buchwald (1990), S. 162; Alexy (1995), S. 73 Fn. l l" Hoerster (2003), S. 46. 379 Vgl. zum Begriff der offenen Klasse Ross (1968), S. 109 f. Danach ist eine offene Klasse so zu definieren, dasses prinzipiell mt~glich ist, dass die Zahl ihrer Mitglieder im Zeitablauf schwankt. Universelle Normen adressieren daher ,,Individuenvariablen" [Gunther (1988), S. 30]. 380 Vgi. Aiexy (i995), S. 73 Fn. 11. Nach Ganther (1988), S. 30, beziehen sich singulfire Normen auf Individuenkonstanten. 381 Vgl. Ross (1968), S. 109, wonach eine geschlossene Klasse eine Klasse ist, ,,whose membership cannot logically vary with time". Geschlossene Klassen lassen sich foiglich nicht lediglich durch die Verwendung eindeutiger individueller Bezeichnungen bilden, sondern auch mittels zeitlicher Spezifizierungen (z. B. ,,alle Aktiengesellschaften, die vor dem 10.08.1994 eingetragen worden sind" oder ,,alle Arbeitnehmerinnen, die am 12.12.1980 geboren wurden"). 382 Siehe auch Hare (1973), S. 6: ,,in the strict sense of >universal< the expression >more universal< has no sense.". 383 Vgl. auch Ross (1968), S. 109 f. 384 Siehe auch nochmals oben, S. 238 ff. der vorliegenden Arbeit.
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Normkern Eine U n t e r s c h e i d u n g von N o r m e n nach ihrer Konkretheit, die auch ftir u n t e r n e h m e n s e t h i -
sche Kodizes R e l e v a n z aufweist, m u s s sich nach d e m V o r s t e h e n d e n somit a u f den N o r m k e r n beziehen. U n t e m e h m e n s e t h i s c h e K o d i z e s sind generell bzw. genereller, sofern sie sich aus N o r m e n z u s a m m e n s e t z e n , die tiber einen generellen (bzw. generelleren) N o r m k e r n verftigen. Im Weiteren ist darzulegen, was far die anschliegende T y p e n b i l d u n g unter generellen bzw. speziellen K o d i z e s verstanden w e r d e n soil.
cc) UnterscheidungsmSglichkeiten des Normkerns a'
Merkmale der Situation Die D i f f e r e n z i e r u n g des N o r m k e r n s kann e n t w e d e r an der normierten Situationsbeschrei-
bung oder der geforderten H a n d l u n g s w e i s e ansetzen 385. In Hinblick a u f die Situation lassen sich N o r m e n d a n a c h unterscheiden, ob und inwieweit ihr G e l t u n g s a n s p r u c h situativ eingeschr~akt wird 386. So gibt es z u m einen N o r m e n , die keine situativen A n w e n d u n g s b e d i n g u n g e n beinhalten und daher unbedingt sind. Sie verlangen von den N o r m a d r e s s a t e n , in allen mOglichen Situationen so zu handeln, wie es der H a n d l u n g s w e i s e h entspricht 387. N o r m e n (z. B. ,,Du sollst nicht t6ten.") k 6 n n e n durchaus ohne die N e n n u n g von Einschr/ankungen formuliert sein. Sie w e r d e n sich j e d o c h nur dann nicht einfach als ungeeignet zuriackweisen lassen, w e n n sie in ein N o r m e n s y s t e m eingeordnet sind, das auftretende N o r m k o n f l i k t e und zul/assige Ausn a h m e b e d i n g u n g e n (z. B. ,,Notwehr") regelt 388. Der semantische G e h a l t v o n N o r m e n wird daher regelm/aBig M e r k m a l e von S i t u a t i o n s b e s c h r e i b u n g e n enthalten 389. H i n g e g e n sind unbe-
3ss Dabei sei daran erinnert, dass es im Einzelnen nicht immer eindeutig und willkiarfrei mOglich sein mag, die Inhalte der beiden Normkomponenten streng zu trennen. Vgl. nur Raz (1990), S. 50, wonach diese Unterscheidung ,,does not imply belief in the possibility of determining on some good grounds for every factor whether it is part of the act or of the circumstances in which the act was performed.". 386 Vgl. z. B. auch Williams~Gibbs (1968), S. 205; Raz (1972), S. 837; Lachmayer (1977), S. 45 f., 50; von Wright (1979), S. 83; Kambartel (1984b), S. 1030; Gginther (1988), S. 29; Penski (1989), S. 106. 387 Vgl. zu einer solchen Unbedingtheit auch Singer (1958), S. 169. 388 Siehe zu diesem Beispiel auch Penski (1989), S. 107, oder Habermas (1991), S. 170 im Original z. T. kursiv: ,,Verbotsnormen vonder Art ~Du sollst nicht tOten~t erwecken den Anschein, dab ein solches Verhalten ~unbedingt~ im Sinne strikter Allgemeinheit fiir jedermann unter allen Umstanden und ein ~r allemal, eben kategorisch, untersagt ist .... Freilich belehrt uns schon der zweite Blick, dab negative Rechte und Pflichten genau so wenig ~absolute~ Geltung beanspruchen kOnnen wie positive.", oder Dawson (1994), S. 148: ,,we could imagine a rather naive community formulating a code of practice which had only a single principle, say, >Do not kill<. However, we can clearly see there may be situations where we feel such a principle need not necessarily apply; such as in cases of self-defence, or military invasion. If this is the case, we would perhaps question whether it is possible to formulate a principle which we would be happy applying in all possible cases where we are supposed to apply it.", und zur Unangemessenheit unbedingter Normen ferner Wellmer (1999), S. 35, sowie Kelsen (1979), S. 16 f., der daher folgert: ,,Alle Normen gelten nur bedingt." [Kelsen (1979), S. 17 im Original gesperrt]. 389 Siehe genauso Ganther (1988), S. 28, und in diesem Sinne wohl auch Popitz (1980), S. 39: ,,Ohne Angabe der normrelevanten Situation ist die Formulierung von Normen oft irre~hrend.".
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dingte N o r m e n im strengen Sinne, die alle Arten v o n Einschr~inkungen ausschlieBen, ungeeignet, da sie selbst dann Befolgung verlangen, w e n n sie U n m ~ g l i c h e s gebieten oder anderen (und beliebig b e d e u t s a m e n ) N o r m e n widersprechen. Im Unterschied dazu b e a n s p r u c h e n bedingte N o r m e n , nur bei Vorliegen b e s t i m m t e r Situat i o n s m e r k m a l e verbindlich zu sein, die mit s beschrieben sind 39~ Die Bedingtheit einer N o r m ist ganz offensichtlich eine Frage des Grades, da die situative Einschr~inkung des Geltungsanspruchs mehr oder weniger weitreichend ausfallen kann und sich im Prinzip beliebig fein dosieren l~isst391. N o r m e n sind demgem~iB umso bedingter, je zahlreicher und seltener die Situat i o n s m e r k m a l e sind, die durch s beschrieben w e r d e n und vorliegen mtissen, damit die Handlungsweise h verbindlich sein soil. Die U n t e r s c h e i d u n g bedingter und unbedingter N o r m e n ist zwar sehr verbreitet 392. Gleichwohl ist bereits angedeutet worden, dass Normen, die einen allgemeinen Verbindlichkeitsanspruch austiben sollen, im Ergebnis regelm~iBig bedingt sein werden, o b s c h o n diese Einschr~inkung nicht durch die S i t u a t i o n s k o m p o n e n t e
der betrachteten N o r m festgelegt sein
muss 393, sondern sich aus den N o r m i e r u n g e n anderer relevanter N o r m e n ergeben kann 394. Eine kategoriale U n t e r s c h e i d u n g von N o r m e n nach ihrer Bedingheit ist daher praktisch unzweckm~iBig, da sie sinnvollerweise nicht die Norm, sondern nur ihre F o r m u l i e r u n g betreffen kann 395. Ftir den N o r m a d r e s s a t e n bringt die Bedingtheit von N o r m e n die A u f g a b e mit sich,
390 Vgl. z. B. von Kutschera (1973), S. 24 im Original z. T. kursiv: ,,Es gibt Normen, die nur unter bestimmten Bedingungen gelten. Diese Normen nennt man bedingte Normen.", oder Lenk (1974), S. 112: ,,In Rechts- und Moralkodizes sind die meisten Normstttze bedingt, d. h., nur unter bestimmten Bedingungen ist die durch die Normvorschrift gekennzeichnete Handlung auszufahren.". 391 Vgl. auch Gunther (1988), S. 39. 392 Siehe auch von Wright (1979), S. 83, der in Hinblick auf ihre Anwendungsbedingungen entsprechend kategorische und hypothetische Normen unterscheidet [ebenso Riedel (1979), S. 63]. Diese Terminologie wird nicht abernommen, da sie eine unzutreffende Analogie mit der Einteilung in kategorische und hypothetische Imperative suggeriert [vgl. zu einer solchen Kritik auch Kalinowski (1973), S. 12 f., zu der Unterscheidung von Normen und Imperativen Riedel (1979), S. 49 f., sowie zu der Unterscheidung kategorischer und hypothetischer Imperative nochmals Kant (1974), S. 51, und die weiteren Nachweise oben, S. 22 Fn. 65 der vorliegenden Arbeit]. 393 Siehe dazu in diesem Sinne auch - mit abweichendem Vokabular - Peczenik (1989), S. 271 f.: ,,A general norm, grammatically categorical, can always be translated to a conditional one. One can thus reformulate the moral norm ))One ought not to kill people,s, as follows: ))If x is a human being and y is another human being, then x ought not to kill y~.". 394 Damit wird auch nochmals deutlich, dass die Allgemeinheit bzw. Verallgemeinerbarkeit von Normen, ihre Unbedingtheit und ihre Universalitgt im hier verstandenen Sinne unterschiedliche Eigenschaften betreffen. Normen sind naturgemgB insofern allgemein, als sie immer dann Geltung verlangen, wenn ihre Anwendungsvoraussetzungen vorliegen. Je nach Ausprggung der Situationskomponente und der Adressaten massen sie nicht, k6nnen sie aber unbedingt und universell sein, dass heiBt, far alle m/Sglichen Situationen und eine offene Klasse von Adressaten verbindlich sein. Siehe zur Unterscheidung zwischen Merkmalen der Normadressaten und der Situationskomponente auch Atienza/Ruiz Manero (1998), S. 3: ,,the generality of a norm is not a quality referring to whether the class of its addressees is small or large; rather, it refers to the greater or lesser generality (or >genericity<, if you like) of the relevant properties of the case it regulates.". 395 Weitergehende Unterscheidungen sind daher wenig hilfreich. So werden die normierten Gebote beispielsweise mitunter danach unterschieden, ob sie Einschr~nkungen ihrer Anwendungsvoraussetzungen explizit nennen
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entscheiden zu mtissen, ob die Anwendungsbedingungen einer Norm in einer bestimmten Situation gegeben sind oder nicht 396. Je eindeutiger und p r a i s e r zum einen die Anwendungsbedingungen der Norm festgelegt sind und sich zum anderen die vorliegenden Situationseigenschaften feststellen lassen, desto geringer ist die Ungewissheit tiber die Verbindlichkeit der Norm in der betreffenden Anwendungssituation und damit der Ermessensspielraum des Normadressaten tiber die Anwendung der Norm. Mit dem Merkmal der Bedingtheit kann die Situationskomponente auf diese Weise hinl~inglich gekennzeichnet werden. Es finden sich zwar dennoch Stimmen, die generelle und spezifische Situationsbeschreibungen unterscheiden 397. Die Bedingtheit einer Norm ist jedoch mit der Spezifizit~it ihrer Situationsbeschreibung korreliert. Aus diesem Grund reicht es aus, in Hinblick auf die Situationskomponente mehr oder weniger bedingte Normen zu unterscheiden und den Begriff der Generalit~it bzw. Konkretheit ftir die geforderte Handlungsweise zu reservieren. Dadurch l~isst sich vermeiden, dass dieselbe Sache mittels unterschiedlicher Begriffe beschrieben wird und sich dieselben Begriffe auf unterschiedliche Sachen beziehen. Eine pr~izise Zuordnung der Begrifflichkeit ist erforderlich, da die normierte Handlung ebenso mehr oder weniger generell beschrieben sein kann 398 und andernfalls unklar bliebe, ob eine generel- 9 le Norm unbedingt ist oder in bestimmten Situationen nur generell beschriebene Handlungsweisen fordert. Da dies ftir die Verhaltenswirksamkeit einer Norm nicht unerheblich sein wird, empfiehlt es sich, zur sprachlichen Kennzeichnung der Situations- und der Handlungskomponente unterschiedliche Begriffspaare zu verwenden. Dessen ungeachtet ist es offenkundig schwierig zu beurteilen, welche von zwei unterschiedlichen Normen als bedingter zu bezeichnen ist. Eine Rangordnung nach ihrer Bedingheit ist lediglich dann ohne Probleme m0glich, wenn eine Norm Nl ver~aadert wird, indem entweder einzelne der in s beschriebenen Situationsmerkmale entfernt (Nl 3 oder weitere Anwendungsbedingungen hinzugeftigt werden (NI "). In diesem Falle ist die Norm Nl bedingter als NI' und weniger bedingt als Nl ,t399. Eine solche Rangordnung l~isst sich immer (und nur) dann aufstellen, wenn die Situationsmerkmale der einen Norm eine Teilmenge der anderen
(,bedingte Normen'), zumindest nicht ausschlieBen (,nichtbedingte Normen'), auf logisch und kausal begrtindete Restriktionen begrenzen (,unbeschrankte Normen') oder aber g~inzlich verbieten (,unbedingte Normen') [vgl. Quante (2003), S. 29-31]. Diese - sprachlich sperrige - Differenzierung ~hrt jedoch nicht daran vorbei, dass Normen letztlich immer bedingt sind, wenngleich sich ihre Bedingheit nicht explizit aus der Situationskomponente ergeben muss [siehe zur mangelnden Eignung unbedingterNormen auch Quante (2003), S. 30]. 396 Siehe zur Schwierigkeitdieser Subsumtion am Beispiel von Rechtsnormen Christie (1968), S. 668: ,,the decision as to when a legal rule is or is not applicable is a very difficult one.". 397 Vgl. z. B. GUnther (1988), S. 29, oder Ricken (1998), S. 103, sowie Raz (1990), S. 78, wonach die Generalitat von Normen als durch die Situationskomponente bestimmt angenommen wird: ,,General norms apply to many situations and we may have many occasions to refer to them.". 398 Wie auch Ricken (1998), S. 103, zutreffend anmerkt. 399 Die Norm NI ist bedingter als NI' da zwar NI' immer gtiltig ist, wenn N~ gtiltig ist, die Umkehrung dieser Feststellung jedoch nicht zutrift~, sodass Situationen eintreten k0nnen, in denen nur N~', nicht aber N~ gilltig ist.
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bilden. Sofem keine solchen Inklusionsbeziehungen zwischen den Pr~imissenmengen bestehen, bereitet der Vergleich zweier Normen in Hinblick auf die Bedingtheit ihrer Anwendungsvoraussetzungen grundlegende Schwierigkeiten. So macht es beispielsweise wenig Sinn, die Bedingtheit an der Anzahl situativer Einschr/ankungen ablesen zu wollen, wenn die zu vergleichenden Normen exklusive Situationsmerkmale beschreiben. Im Kern sind es zwei wichtige Indikatoren, die Aufschluss ~iber die Ausgestaltung der Situationskomponente einer Norm geben. Dies ist zum einen die H~iufigkeit, mit der die Anwendungsbedingungen vorliegen, die fiJr die Gialtigkeit der Norm vorausgesetzt werden. Eine Norm ist demnach umso bedingter, je seltener Situationen eintreten, in denen die geforderte Handlungsweise verbindlich ist 4~176 In Hinblick auf die Effektivitat von Normen spielt zum Zweiten eine Rolle, wie einfach und eindeutig sich beurteilen l~isst, ob die Anwendungsbedingungen der Norm vorliegen und sie daher Verbindlichkeit beansprucht. Im Gegensatz zur H/aufigkeit der Anwendungsbedingungen wird hierfiar v o n d e r Komplexit~it der Situationsmerkmale gesprochen. Diese Komplexit~it resultiert zum einen aus der Beschreibung der Situationskomponente der Norm. Zum anderen kann dieselbe Norm in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich komplex sein, da sich mehr oder weniger einfach und eindeutig feststellen 1/asst, ob die jeweiligen Situationsmerkmale tats~ichlich den Anwendungsbedingungen der Norm entsprechen und damit ihre Verbindlichkeit begrianden. Die Komplexit/it bezieht sich folglich auf den Vorgang der Subsumtion, mit dem gepriJft wird, ob ein bestimmter Sachverhalt unter den normierten Tatbestand ffillt oder nicht 4~ Ft~r die Typologisierung untemehmensethischer Kodizes sind Ausprfigungen der Situationskomponenten der kodifizierten Normen vor diesem Hintergrund insoweit nur nachrangig geeignet, als zum einen die qualitative Unterscheidung bedingter und unbedingter Normen irrelevant ist 4~ Zum anderen wirft die graduelle Unterscheidung nach dem Ausmag der Bedingtheit im Regelfall Messprobleme aut 4~
Kodizes werden sich mithin weder eindeutig
noch vergleichsweise einfach nach der situativen Bedingtheit ihrer Normen klassifizieren lassen. 400 Zu dieser Variabilit/at der Situationskomponente auch Wellmer (1999), S. 28 im Original z. T. kursiv, wonach ,,der Anwendungsbereich einer solchen Maxime [bzw. Norm, T. T.] um so kleiner wird, je genauer ich den betreffenden Situationstypus charakterisiere, und daf5 er um so unbestimmter wird, je allgemeiner diese Charakterisierung ausfallt.". Siehe dazu auBerdem die Unterscheidung fallweiser und genereller Regelungen bei Laux/Liermann (2003), S. 162 f., die von den Autoren jedoch nicht auf die Anwendungsh~iufigkeit, sondem auf die Geltungsdauer der fraglichen Normen zuriackge~hrt wird und auf die Organisationslehre yon Gutenberg zu~ckgeht. 401 Siehe dazu eingehender unten, S. 312 ft. der vorliegenden Arbeit. 402 Siehe dazu auch Penski (1989), S. 107: ,,Von einer unbedingten Norm sollte nur gesprochen werden, wenn die Anordnung, die durch sie gesetzt ist, in jedem Falle zu er~llen ist; anders: wenn keine Sachlage denkbar ist, bei der es auf die Er~llung der Anordnung nicht ank~ime. Sucht man nach solchen Normen, fallt es schwer, welche zu finden.". 403 Da eine komparative Abgrenzung aus den genannten G~nden nicht selten scheitert, mtissen die Miahen zur quantitativen (oder metrischen) Messung des Strukturierungsgrads (zumindest noch beim vorliegenden Erkenntnisstand) als uniiberwindbar gelten.
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b'
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Merkmale der Handlungsweise Der zweite Bestandteil des N o r m k e r n s ist die Handlungsweise, die durch die j e w e i l i g e
N o r m verbindlich gemacht wird. A u f diese N o r m k o m p o n e n t e soll sich das M e r k m a l der Konkretheit nach der bis hierhin v o r g e n o m m e n e n Analyse z w e c k m ~ i g e r w e i s e beziehen. Die gesollte H a n d l u n g s w e i s e kann m e h r oder weniger konkret beschrieben w e r d e n 4~ So kann d e m K o d e x entweder nur eine grobe V o r g a b e zu e n t n e h m e n oder aber im Detail festgelegt sein, was der N o r m a d r e s s a t in der A n w e n d u n g s s i t u a t i o n zu tun (bzw. zu unterlassen) hat. U m zu veranschaulichen, was nach diesem Verstandnis mit d e m M e r k m a l der K o n k r e t h e i t ausgedrOckt wird, bietet sich ein Rtickgriff a u f die Sprache der Organisationstheorie an 4~ In dern zuletzt genannten Extrem w~rde die N o r m eine vollst~ndig strukturierte H a n d l u n g s w e i s e beschreiben 4~ D e m Akteur verbleibt kein eigener Ermessensspielraum, da s~mtliche K o m p o nenten der geforderten H a n d l u n g s w e i s e determiniert sind 4~ Er hat lediglich zu entscheiden, ob er die N o r m befolgt oder nicht, das heiBt, die eindeutig v o r g e g e b e n e H a n d l u n g tats~ichlich durchf'tihrt oder v o n ihrem Vollzug absieht 4~ Der Strukturierungsgrad der geforderten Handlung kann j e d o c h auch reduziert und damit der H a n d l u n g s s p i e l r a u m der N o r m a d r e s s a t e n er-
404 Siehe auch Tenbruck (1964), S. 273, wonach sich ,,Normen nach dem Grad der Allgemeinheit unterscheiden: sie k0nnen einerseits sehr konkrete und bis in Einzelheiten festgelegte Handlungen oder andererseits auch ailgemeinere Regeln zum Inhalt haben, die den Handelnden einen mehr oder weniger groBen Spielraum in der Aus~hrung und Anwendung der Norm Uberlassen.". 405 Diese sehr eindeutigen Beztige sind insoweit wenig t~berraschend (und dennoch selten explizit thematisiert), als Normen Koordinationsmechanismen darsteilen, die einen zentralen Gegenstand der Organisationslehre bilden [vgl. z. B. nochmals March~Simon (1958), S. 142, 145; Hax (1965), S. 73 f.; Thompson (1967), S. 56; Galbraith (1974), S. 29; Hopwood (1974), S. 23; Van de Ven/Delbecq/Koenig (1976), S. 323; Tushman/ Nadler (1978), S. 618; Gray~Roberts-Gray (1979), S. 579; Mintzberg (1979), S. 82; Johnson~Gill (1993), S. 22; Marsden/Cook/Knoke (1994), S. 896; Adler (1995), S. 152; Burr (1998), S. 312; Burton/Obel (1998), S. 73; Kieser/Koch/Woywode (1999), S. 128; Kieser/Walgenbach (2003), S. 18; Laux/Liermann (2003), S. 16 f., 161 f.; Scott (2003), S. 234]. 406 Laux (1990), S. 4, spricht abweichend und in diesem Sinne wenig gebr~tuchlich von der Pr~tzision einer Norm: ,,Eine Verhaltensnorm ist um so prltziser, je starker sie den Handlungsspielraum in intersubjektiv tiberprtifbarer Weise einengt. Verhaltensnormen k0nnen pr~tzisiert werden, indem sie derart umformuliert werden, dab weitere Handlungsweisen als unzulfissig ausgeschlossen werden." [Laux (1990), S. 4, und ebenso Laux/Liermann (2003), S. 164]. 407 Farrell/Farrell (1998), S. 588, bezeichnen Kodizes, die sich aus solchen Normen zusammensetzen, als prltskriptiv: ,,Prescriptive codes arise when code writers apply (or from the context of the text, appear to apply) corporate values and principles to perceived moral hazards that might occur and make ethical decision that form the subject matter of the codes. The activity expected of addressees is not the making of ethical decisions but compliance with the prescriptions, by behaving as required, when the indicated moral hazards occur. No discretion in the matter is expected or allowed.". 408 Vgl. auch Farrell/Cobbin (2000), S. 186, wonach for derartige Normen gilt, dass ,,there is no discretion for addressees, and code compliance is a membership requirement. The decision that rests with the addressees is the fundamental question of whether to obey the rules or not.". In der Terminologie von Laux (1990), S. 3, handelt es sich um eindeutige Normen: ,,Eine Norm ist ~eindeutig~, wenn sie alle (Sequenzen yon) Verhaltensweisen bis auf eine als unzulfissig ausschlieBt und wenn intersubjektiv tiberprtifbar ist, ob die Norm befolgt wird oder nicht. Der Entscheidungstr~ger, der an eine solche Norm gebunden wird, hat keinen Ermessensspielraum fiir eigene Wahlhandlungen. Zwar kann er faktisch etwas anderes tun; er verstiSBt damit jedoch eindeutig gegen die Norm." [Laux (1990), S. 3 Herv. im Original].
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
h6ht werden, indem nur (mehr oder weniger) generelle Eckpunkte der Handlung ftir verbindlich erkl~irt werden 4~ sodass die angesprochenen Akteure fiber die konkrete Ausftillung der verbliebenen Handlungsspielr~iume und die konkrete Ausgestaltung der Handlung beschlieBen mtissen 4~~ Darfiber hinaus mtissen die Handlungsgebote nicht zwangsl~.ufig durch entsprechende Transformationsregeln vorgegeben werden (artbestimmte Normen). Normen k6nnen vielmehr auch Ziele oder Zust~inde zum Gegenstand haben, deren Realisierung sie deontisch einfordern (zielbestimmte Normen). Derartige zielbestimmte Normen k6nnen den Adressaten ihrerseits wiederum mehr oder weniger groBe Handlungsspielr~iume belassen. Ceteris paribus r~iumen sie den Adressaten indes ein gr6Beres Ermessen ein, da diese tiber die konkret durchzuftihrende MaBname zu entscheiden haben 411 Sofern die Generalitfit oder Konkretheit einer Norm sich auf die normierte Handlungsweise beziehen soll, entspricht sie demgemfiB dem Strukturierungsgrad dieser Handlung. Analog dem Merkmal der Bedingtheit lassen sich somit zum einen N o r m e n unterscheiden, die entweder eine vollst~indig strukturierte oder eine nur unvollst~indig strukturierte Handlungsweise einfordern. Im Falle unstrukturierter Handlungen ist zum Zweiten wiederum eine beliebig feine Dosierung des Strukturierungsgrads m6glich. Dabei ist aus der Organisationslehre hinl~inglich bekannt, dass sich ftir den Grad der Strukturierung von Handlungen bzw. Handlungsproblemen gravierende Messprobleme stellen 412. Eindeutige Rangordnungen lassen sich nur dann bilden, soweit Inklusionsbeziehungen zwischen den jeweils normierten Mengen der gebotenen Handlungsweisen herrschen 4~3. Danach bedeutet der geringere Strukturierungsgrad einer Norm N1 im Vergleich zu einer Norm N2, dass NI immer dann erftillt ist, wenn N2 befolgt wird, und die Umkehrung dieser Folgerung jedoch nicht zutrifft 414.
409 Vgl. auch Alexy (1995), S. 184 Fn. 37: ,,Eine Regel ist um so genereller, je unspezifischer die von ihr erfaBten Handlungsweisen sind.". 410 Vgl. auch Pahlke (1964), S. 284, der den wenig gebrfiuchlichen Begriff des Stringenzgrads einer Norm verwendet. Danach kOnnen stringente [von Pahlke (1964), S. 284, als kategorisch bezeichnete] Normen ein ganz bestimmtes Verhalten fordern oder untersagen. Hingegen bestimmen weniger stringente Normen ,,nicht genau prazisierte Verhaltensweisen, sondern lassen eine kleinere oder grOBere Variationsbreite des Verhaltens zu.". 4~1 So auch Atienza/Ruiz Manero (1998), S. 8 im Original z. T. kursiv, wonach eine zielbestimmte Norm (bzw. Regel) ,,leaves the selection of the causally appropriate means for bringing it about to the discretion of its addressee. In that sense, end rules allow their addressees a margin of discretion that does not exist in the case of action rules.". 412 Vgl. zu diesen Schwierigkeiten und ausgewahlten Messkonzepten z. B. Frese (2000), S. 86-94. 413 Vgl. dazu z. B. auch McAdams (1997), S. 382: ,,Sometimes ... broad norms are simply collections of narrow norms. Thus, there is no ambiguity; the relationship is simply one of set to subset.". 414 Siehe inhaltlich tibereinstimmend, wenn auch mit abweichendem Vokabular Hare (1973), S. 3 Herv. im Original: ,,a principle Pl is more general than another principle p2 if and only if it is analytically true that to break P2 is, in virtue of that fact, to break Pt, but the converse is not analytically true. Obviously this definition will not enable us to rank all principles in a single scale of generality".
GestaltungsdimensionenunternehmensethischerKodizes
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Wie bereits gezeigt wurde, bestehen Unterschiede in der Anwendung von vollstandig strukturierten und mehr oder weniger unstrukturierten Kodexnormen. Bei Normen, welche die geforderte Handlungsweise vollst/andig strukturieren, bleibt dem Normadressaten lediglich im Wege der Subsumtion zu prOfen, ob die (in s beschriebenen) Anwendungsvoraussetzungen der Norm bei den gegebenen Tatbestanden erfollt sind, und im Falle der Normverbindlichkeit zu entscheiden, ob er die als gtiltig ausgezeichnete Norm befolgt oder bricht. Normen geringeren Strukturierungsgrads hingegen verlangen von den Normadressaten au6erdem eigene Anstrengungen dartiber zu untemehmen, wie die Norm gegebenenfalls befolgt werden soil. Die Strukturierungslticken korrespondieren mit einem Ermessensspielraum der Normadressaten tiber die zweckm~i6ige Ausgestaltung der Normanwendung, das hei6t tiber die geeignete Konkretisierung der durchzufohrenden Handlung. Es kann mit guten Grtinden angenommen werden, dass diese Differenzen zwischen vollst~indig strukturierten und weniger konkreten Normen for die Verhaltenswirksamkeit relevant sein werden. Vorhersagen tiber die Ethisierungseffekte sind dabei nicht nur durch unterschiedliche Motivationslagen beeinflusst, da und soweit der Akteur die Entscheidungsfreiheiten strukturoffener Normen mit Furcht oder Freude honoriert. Vielmehr werden solche Prognosen im Falle weniger konkreter Normen dartiber hinaus dadurch erschwert, dass die gesollten Handlungsweisen weniger eindeutig vorgegeben sind und sich die Normbefolgung daher auf unterschiedliche Weisen verwirklichen l~isst415 Zu beachten ist indes, dass aufgrund der Vielfalt und Dynamik untemehmensethischer Problemstellungen, ftir deren Handhabung ein Kodex Untersttitzung bieten soil, vollst/andig strukturierte Handlungsanweisungen eher nur fOr die Regelung einiger ausgew~ihlter Sachverhalte zweckdienlich sein k~nnen. In jedem Falle werden Kodizes ungentigend sein, die sich ausschliefSlich aus entsprechend konkretisierten Handlungsnormen konstituieren, da sie naturg e m ~ eine gro6e Zahl moralisch relevanter Problemkreise unadressiert belassen. Sofem der Kodex zumindest Leitlinien ethischen Verhaltens bereitstellen und nicht for eine Vielzahl von Fragestellungen schlicht irrelevant sein soil, mtissen notwendigerweise Handlungsspielr~iume verbleiben, tiber deren Ausfollung die Normadressaten zu entscheiden haben. So ist zwar durchaus vorstellbar, dass Kodizes unter anderem auch Normen enthalten, die vollst~,adig strukturierte Handlungsvorgaben machen. Es kommt in erster Linie dennoch nicht darauf an, Normen mit vollst~indig strukturierten Handlungsvorgaben von solchen zu unterscheiden, deren Anwendung einen mehr oder weniger gro6en Ermessensspielraum bei den Akteuren bel~isst. In den Mittelpunkt rtickt vielmehr die Differenzierung mehr oder weniger konkreter Normen. Diese Unterscheidung verspricht zwar Implikationen for die Verhaltenswirksamkeit
415 Um Missverst~indnissenentgegenzuwirken,sei bereits an dieser Stelle hervorgehoben, dass weniger konkrete und gerade auch zielbestimmte Normen zwar teleologische oder axiologische Charakterztige tragen, ihrem Wesen nach als Normen jedoch unverfindert deontologisch sind und sein miassen [vgl. zur zwingenden Notwendigkeit der deontologischenStruktur von Normen z. B. Habermas (1998), S. 255,310 f.].
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
entsprechender Normen. Ihre ZweckmNAigkeit als grundlegende Dimension zur Typologisierung unternehmensethischer Kodizes wird jedoch dadurch begrenzt, dass eine Differenzierung nach der Konkretheit nicht vollst/andig strukturierter Normen nur graduell ist und im Regelfall kaum tiberwindbare Messprobleme mit sich bringt. Es kann sich demzufolge als unentscheidbar erweisen, ob eine bestimmte Norm (bereits) als generell oder (noch) als speziell zu bezeichnen ist 416. Genauso kann beim Vergleich zweier Normen unklar bleiben, welche der beiden als genereller oder spezieller anzusehen ist 417 Derartige Zuordnungsschwierigkeiten stellen die praktische Relevanz komparativer Wirksamkeitsprognosen, die auf der Grundlage entsprechend abgegrenzter Kodexnormen formuliert werden, von Beginn an in Frage. Diese Einw~inde k6nnen insofern vergleichsweise stark gewichtet werden, als eine alternative Unterscheidung m6glich ist, bei der es sich um eine qualitative handelt und die demgem~il3 geringere Abgrenzungsschwierigkeiten mit sich bringt. Im Weiteren ist diese qualitative Einteilung von Normen in Regeln und Prinzipien zu entwickeln.
dd) Unterscheidung von Regeln und Prinzipien a'
Graduelle Unterscheidung Die Unterscheidung von Normen in Regeln und Prinzipien ist vor allem im rechtstheoreti-
schen oder-philosophischen Schrifttum 418 gebrfiuchlich 419. Damit soll die Verbreitung dieser
416 Vgl. z. B. auch Raz (1972), S. 838: ,,there is no hard and fast line between acts which are specific and those which are unspecific". 417 Da somit bereits einer komparativen Abgrenzung enge Grenzen gezogen sind, erscheint die M0glichkeit einer quantitativen (metrischen) Messung der Generalitfit als eine zwar theoretisch m0gliche, praktisch indes nur illusorische Option. 418 Die Rechtsphilosophie stellt ein Teilgebiet der praktischen Philosophie dar, das der Untersuchung der philosophischen Fragen und Probleme gewidmet ist, die sich im Zusammenhang mit dem Recht stellen. Diese Fragen kOnnen in drei Gruppen eingeteilt werden, da sie entweder begriffiich-definitorischer, wertender oder methodologischer Art sind [vgl. Hoerster (1991), S. 7-9]. Da die methodologischen Aspekte der Auslegung und Anwendung geltender Rechtsnormen in der Spezialdisziplin der Rechtsmethodologie bzw. der juristischen Methodenlehre behandelt werden, befasst sich die Rechtsphilosophie heute im Wesentlichen mit den beiden Fragen nach dem Rechtsbegriff und der Existenz nichtpositiver Richtigkeitskriterien. Die Abgrenzung zwischen Rechtsphilosophie und Rechtstheorie ist weder einfach noch eindeutig. Historisch hat sich die Rechtstheorie jedoch als Theorie des positiven Rechts herausgebildet und unterscheidet sich damit vonder klassischen als Natur- und Vernunftrechtstheorie verstandenen Rechtsphilosophie [vgl. nur Dreier (1981), insb. S. 18, 27]. Danach beschreibt und analysiert die Rechtstheorie das System bzw. die Struktur des positiven Rechts, seine Begriffsbildung(en), Sprachverwendungen und Logik [vgl. z. B. v. d. Pfordten (1996), S. 205]. 419 Vgl. Christie (1968), S. 654-669; Hughes (1968), insb. S. 419; Tapper (1971), S. 628-632; Bell (1972), S. 913-948; Raz (1972), insb. S. 838; Kearns (1973), S. 115-132; Bodenheimer (1977), insb. S. 1151 f.; Lyons (1977), insb. S. 418-426; Benditt (1978), insb. S. 74-89; MacCormick (1978), insb. S. 152, 232, 259-264; Peczenik (1983), S. 14 f.; Alexy (1985), S. 14-21; Wellman (1985), S. 69-72; G~inther (1988), S. 268-276; Dechsling (1989), S. 15; Peczenik (1989), insb. S. 74-76; Penski (1989), S. 105-110; Aarnio (1990), S. 180191; Alexy (1990), S. 21; Buchwald(1990), insb. S. 165 f.; Dworkin (1990), insb. S. 54-64, 130-143; Koch (1990), S. 152-158; Raz (1990), insb. S. 49 f.; Sieckmann (1990), S. 52-87; Dreier (1991), S. 83 f., 104 f.; Stelzer (1991), S. 212-234; Enderlein (1992), S. 80-99; Ott (1992), S. 180-182; Weinberger (1992), S. 207-
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
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Begriffe in anderen Disziplinen 42~ wie namentlich auch der Ethik 421, nicht geleugnet werden. Die Auseinandersetzung
mit Regeln und Prinzipien besitzt innerhalb der Rechtstheorie
gleichwohl eine sehr lange Tradition 422 und weist in der Folge inzwischen ein sehr beachtliches MaB an Prfizision auf. D e m widerspricht nicht, dass diese Differenzierung dort dennoch keineswegs einheitlich v o r g e n o m m e n wird 423. So ist durchaus ebenfalls eine graduelle Unterscheidung nach der Generalit/~t der N o r m e n verbreitet. Prinzipien sind d e m n a c h N o r m e n vergleichsweise hohen Generalit~itsgrads, wohingegen unter Regeln relativ spezielle N o r m e n verstanden werden424. Diese A b g r e n z u n g entspricht im Ergebnis der im vorhergehenden Abschnitt dargelegten und kritisierten Einteilung nach dem Strukturierungsgrad. Sie bietet mithin keine A n t w o r t darauf, welcher Generalit/~tsgrad vorliegen muss, u m (noch) von Prinzipien oder (bereits) von
212, 507, 513-515; Alexy (1994), S. 71-157; van Niekerk (1994), S. 160-166; Sieckmann (1994a), S. 205213; Alexy (1995), S. 177-287; Dorndorf(1995), insb. S. 137-139; Sieckmann (1995), S. 45 f.; Gaffney (1996), insb. S. 43-58; Koch (1996), S. 16-20; v. d. Pfordten (1996), S. 238-242; Jansen (1997a), S. 27, 29; Jansen (1997b), S. 152; Atienza/Ruiz Manero (1998), S. 1-43; Borowski (1998a), S. 61-98; Borowski (1998b), insb. S. 309-311; Habermas (1998), insb. S. 254-256; Honeyball/Walter (1998), S. 3-24; Stftck (1998), insb. S. 409 f.; Zoglauer (1998), S. 140 f.; Alexy (2000), S. 32-52; Braithwaite/Drahos (2000), insb. S. 18-20; Neumann (2000), insb. S. 115-121; Alexy (2002), insb. S. 119 f. 420 FUr die Betriebswirtschaftslehre sei auf die jUngste Debatte zur Eignung oder Uberlegenheit unterschiedlicher Konzeptionen und Standards der Rechnungslegung verwiesen, in der mit den US-GAAP eine Regel-, mit den IAS hingegen eine Prinzipienorientierung verfolgt wird [vgl. z.B. die kritische Gegentiberstellung von Schildbach (2003), insb. S. 247]. 421 Vgl. z. B. Singer (1958), S. 160: ,,It has generally been recognized that there is a distinction, of some importance, between moral rules and moral principles .... moral principles are more general, pervasive, and fundamental than moral rules, and in some sense their sources or grounds.". 422 Siehe nur den Hinweis von Borowski (1998a), S. 61 m. N., dass eine vergleichbare Differenzierung bereits der Gegentiberstellung von prinzipiellem und institutionellem Rechtsdenken im r6mischen Recht zugrunde liegt. Bei Singer (1958), S. 161 Fn. 2, sind Nachweise der akademischen Diskussion aus den 1920er Jahren aufgefiihrt. 423 Vgl. z. B. Peczenik (1983), S. 14; Buchwald (1990), S. 165; Sieckmann (1990), S. 52; Borowski (1998a), S. 61; Neumann (2000), S. 115, sowie die verschiedenen bei Alexy (1985), S. 14; Penski (1989), S. 105 f.; Alexy (1994), S. 72-74 m. w. N.; Alexy (1995), S. 185 m. w. N., nachgewiesenen Abgrenzungskriterien. Da~ber hinaus kommt es auch, wenngleich seltener vor, dass die beiden Begriffe synonym verwendet werden [vgl. Raz (1990), S. 49: ,,>Principles< and >rules< are otten used interchangeably"]. 424 Vgl. z. B. Raz (1972), S. 838: ,,The distinction between rules and principles of obligation both in law and outside it turns on the character of the norm-act prescribed. Rules prescribe relatively specific acts; principles prescribe highly unspecific actions .... The distinction between rules and principles is, on this analysis, one of degree". Siehe auch Raz (1990), S. 49: ,,the word >principles< usually carries an implication of greater generality and importance than the word >rules<", sowie Christie (1968), S. 669: ,,vaguer rules called principles"; Hughes (1968), S. 419: ,,No precise distinctions can be made between rules, principles, and maxims, but the terms serve to mark differences of degree in the precision of guides to decision-making. Rules are fairly concrete guides for decisions geared to narrow categories of behavior and prescribing narrow patterns of conduct. Principles are vaguer signals which alert us to general considerations that should be kept in mind in deciding disputes under rules .... A maxim is a principle that has been distilled in a traditional, aphoristic form."; Braithwaite/Drahos (2000), S. 18 f.: ,,distinction between rules and principles ... focusing on the degree of abstractness entailed by the action-guiding prescription in question .... Rules are specific, principles have a high degree of generality."; Beauchamp/Childress (2001), S. 13: ,,The difference is that rules are more specific in content and more restricted in scope than principles. Principles are general norms and leave considerable room for judgment in many cases.".
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Regeln sprechen zu dttrfen. Fiir eine bestimmte N o r m kann daher nicht streng begriindet werden, ob sie ein Prinzip oder eine Regel darstellt 425.
b'
Qualitative Unterscheidung
a" Rechtstheoretische Grundziige (1) Urspriinge im Streit um den Rechtsbegriff Die Kritik an einer graduellen Unterscheidung legt die Einschfitzung nahe, dass for die Z w e c k e der vorliegenden Untersuchung eine qualitative A b g r e n z u n g zu bevorzugen ist. Eine auf3erst prominente Einteilung, die eine breite internationale Diskussion ausgel0st hat 426, ist erstmals von Dworkin vorgelegt 427 und im Anschluss insbesondere von Alexy im deutschen Sprachraum fortentwickelt worden 428. Diese Differenzierung von Regeln und Prinzipien ist ursprfinglich dadurch motiviert gewesen, die Grenzen streng positivistischer Rechtsauffassungen nachzuweisen. Der Rechtspositivismus besagt, dass Recht das ist, was entsprechend der geltenden Rechtsordnung als Recht erlassen 429 und gesprochen worden ist 43~ In scharfem Kontrast zu den naturrechtlichen Gegenpositionen besteht der Rechtspositivismus a u f einer strikten Trennung der Begriffe von Recht und Moral 431. Wfihrend naturrechtliche Theorien
425 Da einer solchen komparativen (oder topologischen) Abgrenzung bereits enge Grenzen gesetzt sind, kann wie auch zuvor bereits bei den Merkmalen der Situation und der Handlungsweise (siehe nochmals oben, S. 276 Fn. 403 und S. 280 Fn. 417 der vorliegenden Arbeit) - ausgeblendet bleiben, dass als dritte Alternative eine quantitative (oder metrische) Unterscheidung von Regeln und Prinzipien zumindest bzw. nur noch theoretisch vorstellbar ist [siehe zur Unterscheidung von klassifikatorischen (qualitativen), komparativen und quantitativen Begriffskonzeptionen z. B. Buchwald (1990), S. 57 f. m. N.]. 426 Vgl. z. B. Alexy (2000), S. 31, der gleichzeitig darauf hinweist, dass die Thematik - wenn auch in anderer Terminologie - im deutschsprachigen Raum durch Wilburg und Esser bereits in den 1940er und 1950er Jahren behandelt wurde. Siehe auch Atienza/Ruiz Manero (1998), S. 1, 3. 427 Vgl. Dworkin (1990), insb. S. 54-64, 130-143. 428 Vgl. Alexy (1990), S. 21; Alexy (1994), S. 75-157; Alexy (1995), S. 177-287; Alexy (2000), S. 32-52; Alexy (2002), insb. S. 119 f. 429 Vgl. z. B. Weinberger (1992), S. 307: ,,Man versteht den Rechtspositivismus oft in dem Sinne, dab er die Lehre sei, gemfif3 welcher gt~ltige Rechtsnormen genau jene Normen sind, die in der durch die Verfassung (oder die Grundnorm) vorgeschriebenen Form kreiert wurden.". 430 Modemere Varianten eines Rechtspositivismus sind also keineswegs mit einem Gesetzespositivismus gleichzusetzen [vgl. zum Gesetzespositivismus z. B. Simon (1987), S. 211-215; Ott (1992), S. 39-45], sondem kOnnen durchaus auch Richterrecht und Gewotmheitsrecht als Recht begreifen [vgl. z. B. Kelsen (1979), S. 92: ,,Dabei ist zu beachten, dab generelle Rechtsnormen, deren Inhalt Prinzipien der Moral, Politik oder Sitte entspricht, nicht nur im Wege der Gesetzgebung, sondem auch im Wege einer durch die st~ndige Judikatur der Gerichte konstituierten Gewohnheit erzeugt werden kOnnen."]. Siehe zu den mehrdeutigen Verwendungsweisen des Ausdrucks Rechtspositivismus z. B. Hoerster (1991), S. 12. 431 Diese Trennungsthese steht im Zentrum des Rechtspositivismus [vgl. z. B. Hart (1971), S. 50; Hart (1975), S. 253; Hoerster (1991), S. 12; Ott (1992), S. 175; van Niekerk (1994), S. 160; Borowski (1998a), S. 63 Fn. 21, sowie Alexy (1990), S. 9 im Original z. T. kursiv: ,,Alle positivistischen Theorien vertreten die Trennungsthese."]. Dreier (1991), S. 96, spricht daher von der ,,Generalthese aller positivistischen Rechtstheorien". Zu-
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einen engeren Rechtsbegriff annehmen, da nur das als Recht ausgezeichnet werden daft, was mit naturrechtlichen Prinzipien vereinbar ist 432, liegt dem Rechtspositivismus ein von normariven Bewertungskriterien g~.nzlich frei gehaltener Rechtsbegriff zugrunde. Demzufolge l~isst sich u n a b h ~ g i g von moralischen Erw~igungen entscheiden, was Recht ist bzw. sein soll. Die qualitative Unterscheidung von Regeln und Prinzipien ftihrt Dworkin ein, um ,,einen allgemeinen Angriff auf den Positivismus" zu unternehmen 433. Dabei geht er davon aus, dass der Rechtspositivismus ein Rechtssystem unterstellt, das ausschlie61ich regelgebunden ist, das hei6t, sich ausschliel31ich aus Regeln zusammensetzt 434. Derartige reine Regelmodelle des Rechts entsprechen allerdings nicht der (positiven) Rechtswirklichkeit. Die dominante Sichtweise des Rechtspositivismus verstellt n~imlich den Blick daf'tir, dass es in entwickelten Rechtssystemen auch Prinzipien gibt, die far die Rechtsfindung eine zentrale Rolle spielen (k~3nnen), was die strikte Trennungsthese des Rechtspositivismus in Zweifel zieht. Die Bedeutung dieser Prinzipien weist Dworkin anhand bekannter Urteile der US-amerikanischen Rechtspraxis nach, bei denen entgegen den jeweils (positiv) geltenden Rechtsregeln unter
riickhaltender in Hinblick auf die Obereinstimmungen zwischen den Rechtspositivisten hingegen Weinberger (1992), S. 304: ,,Es ist tiberhaupt fraglich, ob es eine Klasse gemeinsamer Merkmale aller positivistischen Lehren gibt.". 432 Vgl. z. B. Dreier (1981), S. 191. 433 Dworkin (1990), S. 54. Als Zielscheibe hat er sich die besonders einflussreiche Version yon Hart (1975) ausgesucht, der brisanterweise der Vorg~ingerDworkins auf dessen Lehrstuhl in Oxford war [vgl. Ott (1992), S. 179; Alexy (1995), S. 177; Honeyball/Walter (1998), S. l] und als einer der profiliertesten Vertreter des Rechtspositivismus gilt, wenngleich Hart (1975), S. 189, einen ,,minimum content of natural law" zugesteht [vgl. zustimmend Weinberger (1992), S. 307]. Ott (1992), S. 89, Uberschreibt seine Behandlung der Theorie von Hart daher mit Mischformen des Rechtspositivismus. Dennoch ist praktisch unbestritten, dass die Konzeption von Hart typisch fiir eine rechtspositivistische Lehre der Gegenwart ist [vgl. z. B. Raz (1972), S. 824; Lyons (1977), S. 416; Simon (1987), S. 281; Weinberger (1992), S. 203; Gaffney (1996), S. 10; Honeyball~Walter (1998), S. l ]. 434 Vgl. Dworkin (1990), S. 46 f.
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B e r u f u n g a u f Prinzipien Recht gesprochen wurde435. Diese Kritik am R e c h t s p o s i t i v i s m u s wird daher auch als das ,,Prinzipienargument" bezeichnet 436. N a c h D w o r k i n unterscheiden sich ( R e c h t s - ) R e g e l n und (Rechts-)Prinzipien nicht graduell, sondern qualitativ 437. Er geht y o n einer strengen T r e n n u n g der beiden N o r m a r t e n aus 438. Regeln sind in der ,,Weise des Alles-oder-Nichts ''439 anwendbar. Sofern die A n w e n d u n g s v o r a u s setzungen einer Regel in einer b e s t i m m t e n Problemsituation vorliegen, muss die Regel befolgt, das heiBt, die P r o b l e m l 6 s u n g , die sie vorgibt, t i b e r n o m m e n w e r d e n 44~ W e n n die A nw e n d u n g s v o r a u s s e t z u n g e n hingegen nicht g e g e b e n sind, ist die Regel ungtiltig und infolgedessen ftir die betrachtete Problemstellung schlicht irrelevant 441. Bei Prinzipien handelt es sich
435 Vgl. Dworkin (1990), S. 56-58. Zu diesen Fallbeispielen z~ihlt zum einen der bertihmte Prozess Riggs gegen Palmer: Im Jahre 1889 entschied ein New Yorker Gericht in dieser Sache, dass ein Enkel nicht das VermOgen seines GroBvaters erben dtirfe, obwohl er testamentarisch als Erbe genannt war, da er den GroBvater ermordet hatte, um schneller in den Besitz der Erbschaft zu gelangen. Die Herausgabe des Erbes wurde mit Verweis auf das Prinzip verweigert, dass niemand aus dem von ihm begangenen Unrecht Vorteile ziehen d~irfe, wenngleich eine solche Ausnahme in den (positiven) Regeln des Erbrechts nicht vorgesehen war. Zum anderen wird von Dworkin die Entscheidung eines Gerichts in New Jersey aus dem Jahre 1960 in der Streitsache Henningsen gegen Bloomfield Motors, Inc. ange~hrt. Unter Berufung auf verschiedene nicht gesetzlich normierte MaBstfibe gab das Gericht dem Klager recht, sodass ihm Arzt- und andere Heilungskosten (also Personensch~iden) nach einem Unfall mit einem schadhaften Auto durch den Hersteller zu ersetzen waren, obwohl vertraglich eine Beschr~inkung der Haftung des Herstellers auf den Ersatz schadhafter Fahrzeugteile vorgesehen war, diese vertraglich vereinbarte Garantie ausdrticklich anstelle anderer Garantien, Verpflichtungen oder Haftungen des Herstellers stehen sollte und keine gtiltige Rechtsregel den Hersteller hfitte hindern kOnnen, auf Einhaltung der vertraglichen Abmachung zu bestehen. Siehe kritisch zur Interpretation dieser Ffille bereits Christie (1968), S. 660-667; Bell (1972), S. 921-943. 436 Vgl. z. B. Dechsling (1989), S. 149; Koch (1990), S. 152; Dreier (1991), S. 80, 103; Ott (1992), S. 178; Dorndorf(1995), S. 146; Alexy (2002), S. 119. Das Prinzipienargument stellt neben dem Unrechtsargument die wirkungsmfichtigste Kritik an positivistischen Rechtsauffassungen dar. 437 Dworkin (1990), S. 58, spricht wOrtlich von einem ,,logischen Unterschied", der extensiv ausgelegt auch allgemeine Eigenschaften der Struktur, der Anwendung oder der Kollision von Normen erfasst [vgl. Alexy (1995), S. 182, 185, sowie genauso Sieckmann (1990), S. 53; Sieckmann (1994b), S. 163]. Dabei mt~ssen sich nach den oben, S. 265 ff. der vorliegenden Arbeit, aufgezeigten Oberlegungen die Strukturmerkmale auf den Normkern beziehen, sofern eine korrespondierende Differenzierung ftir die Typologisierung untemehmensethischer Kodizes relevant werden soll. 438 Die behauptete Unterscheidung wird daher gleichfalls ,,starke oder strenge Trennungsthese" genannt [vgl. Alexy (1985), S. 15; Alexy (1995), S. 184, sowie Aarnio (1990), S. 180 im Original kursiv: ,,strong demarcation thesis"]. Diese Terminologie ist nicht unproblematisch, da als Trennungsthese auch die dem Rechtspositivismus inhfirente Unterscheidung der Begriffe Recht und Moral bezeichnet wird (siehe nochmals die Nachweise oben auf S. 282 in Fn. 431). Da und soweit Verwechslungen aufgrund des Kontexts ausgeschlossen scheinen, wird diese Thesenbezeichnung dennoch far die beiden unterschiedlichen Sachverhalte tibernommen, um dem eingeftihrten Sprachgebrauch Folge zu leisten. 439 Dworkin (1990), S. 5 8. 440 Siehe auch Dreier (1991), S. 84 und S. 104: ,,Regeln sind Normen, die aus Tatbestand und Rechtsfolge bestehen, und zwar derart, dab die Rechtsfolge stets Platz greift, wenn der Tatbestand er~llt ist.", sowie MacCormick (1978), S. 53 f. Herv. im Original: ,,A rule of law is general in terms, stipulating whenever a given set of operative facts occurs (p), a given legal consequence is to follow (q).". 441 Vgl. Dworkin (1990), S. 58: ,,Regeln sind in der Weise des Alles-oder-Nichts anwendbar. Wenn die Tatsachen, die eine Regel als Bedingungen festsetzt, gegeben sind, dann ist die Regel entweder galtig - in diesem Fall muB die Antwort, die sie liefert, akzeptiert werden -, oder sie ist nicht gtiltig, und dann tragt sie nichts zur Entscheidung bei.".
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demgegentiber um MaBst~ibe, deren Befolgung ,,ein Gebot der Gerechtigkeit oder FaimeB oder einer anderen moralischen Dimension ist ''442. Anders als Regeln, die den Charakter von deftnitiven Geboten haben 443, legen Prinzipien keine (rechtlichen) Konsequenzen fest, die unmittelbar eintreten, wenn die Anwendungsbedingungen der Norm gegeben sind 444. Prinzipien machen mithin nicht eine bestimmte Entscheidung notwendig, sondern sie geben vielmehr nur Grtinde an, welche die Entscheidung(sfindung) in eine bestimmte Richtung lenken 445. Prinzipien haben infolgedessen eine Dimension des Gewichts oder der Bedeutung 446, die Regeln fehlt, da und soweit sie nur entweder befolgt oder nicht befolgt werden k6nnen. Prinzipien k6nnen mit anderen Worten nicht nur entweder erf'tillt werden oder nicht, sondern stattdessen und vor allem auch mehr oder weniger erf'tillt werden. Nach Alexy ist das Kennzeichen von Prinzipien daher, dass sie Optimierungsgebote enthalten, die in unterschiedlichem MaBe erf'tillbar sind 447. Diese Unterscheidung impliziert, dass Normkonflikte grundlegend anders geartet sind, wenn entweder Regeln oder Prinzipien kollidieren 448. Da Regeln nur in der ,,Weise des Allesoder-Nichts" anwendbar sind, kann es definitionslogisch gar nicht vorkommen, dass sich zwei giJltige Regeln widersprechen, das heil3t, in einer konkreten Anwendungssituation unvereinbare Handlungsvorgaben machen 449. Sollten Regeln in einem bestimmten Kontext abweichende Konsequenzen vorschreiben, so ist der Rtickgriff auf eine andere N o r m -
oder im Falle der
Rechtsprechung auch das Ermessen des R i c h t e r s - erforderlich, u m festzulegen, welcher der
442 Dworkin (1990), S. 55. 443 Vgl. Alexy (1990), S. 21; Alexy (1995), S. 216, 238, 268; Alexy (2000), S. 32; Alexy (2002), S. 120. 444 Vgl. Dworkin (1990), S. 59. 445 Vgl. Dworkin (1990), S. 60. 446 Vgl. Dworkin (1990), S. 62. 447 Vgl. Alexy (1985), S. 19 f.; Alexy (1990), S. 21; Alexy (1994), S. 75 f.; Alexy (1995), S. 203,216, 238, 268; Alexy (2000), S. 32; Alexy (2002), S. 120. Siehe auch Wellman (1985), S. 71; Penski (1989), S. 106, 109 f.; Aarnio (1990), S. 180; Koch (1990), S. 154; Sieckmann (1990), S. 62; Dreier (1991), S. 83, 104; Stelzer (1991), S. 214, 231; Enderlein (1992), S. 87; Ott (1992), S. 181 f.; van Niekerk (1994), S. 162 Fn. 6; Sieckmann (1994a), S. 207; Sieckmann (1994b), S. 169; Dorndorf(1995), S. 139; Koch (1996), S. 17; Jansen (1997b), S. 158; Borowski (1998a), S. 67; Borowski (1998b), S. 326 f.; Stack (1998), S. 409; Zoglauer (1998), S. 140 f. 44s Alexy (1994), S. 77, benutzt daher unterschiedliche Begriffe, wenn sich entweder Regeln oder Prinzipien widersprechen, und benennt dies entweder als Regelkonflikt oder als Prinzipienkollision [vgl. auch Alexy (1995), S. 59 Fn. 31]. Da diese Terminologie nur begrenzt gebrfiuchlich ist, die grunds~itzlichen Abweichungen durch die Einteilung in Regeln und Prinzipien angezeigt sind (bzw. sein sollen), Regeln auch mit Prinzipien in Widerstreit geraten kOnnen und schlieBlich eine fihnlich einprfigsame Bezeichnung flir Kollisionen bzw. Konflikte zwischen Normen im Allgemeinen fehlt [Alexy (1994), S. 94, spricht an einer Stelle von dem ,,Begriff des Normwiderspruchs im weitesten Sinne"], die trotz der Unterschiede zwischen Regeln und Prinzipien einige generelle Gemeinsamkeiten aufweisen, wird in der vorliegenden Arbeit unterschiedslos von Kollisionen und Konflikten gesprochen. 449 Vgl. Dworkin (1990), S. 62: ,,Wenn zwei Regeln miteinander in Konflikt stehen, dann kann eine von ihnen keine gUltige Regel sein. Welche von ihnen gUltig ist und welche aufgegeben oder umgeformt werden muB, mul] durch Bezugnahme auf Erwagungen entschieden werden, die tiber die Regeln selbst hinausgehen.".
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beiden Regeln Vorrang zukommt 45~ Diese Vorzugsregelung ist nicht mit einer Gewichtung gleichzusetzen. Da Regeln nur entweder eingehalten oder nicht eingehalten werden k6nnen, machen Regelkonflikte vielmehr die Folgerung notwendig, dass nur eine der beiden vermeintlich konkurrierenden Regeln gtiltig sein darf. Soweit sich aus einer weiteren Norm 451 oder aus Erw~gungen fiber das Normensystem ergibt, dass Regel Rl vorgeht, so ist damit letztlich ein Ausnahmetatbestand Dr die Anwendung der prima facie konkurrierenden Regel R2 konstituiert. Dies bedeutet nichts anderes, als dass R2 for die gegebene Situation schlechthin keine Verbindlichkeit besitzt. In einer genauen Angabe von R2 wfirde diese Ausnahme entsprechend berticksichtigt werden. Dabei geht Dworkin so weir zu behaupten, dass es keinen theoretischen Grund daftir gibt, dass sich diese Ausnahmen nicht vollst/~ndig aufftihren lieBen. Er rfiumt jedoch gleichzeitig ein, dass diese genauen Angaben der Praktikabilit~it der Regeln nicht unbedingt dienlich sein werden 452. Prinzipienkollisionen bedeuten hingegen gerade nicht, dass eines der beiden widerstreitenden Prinzipien ungtiltig ist. Eine Bewfiltigung des Konflikts erfordert stattdessen das relative Gewicht der konkurrierenden Prinzipien zu ermitteln. Diese Bestimmung ist sehr anspruchsvoll, da sich das Gewicht nicht exakt messen 1/~sst453 und die Gewichtsurteile daher nicht selten kontrovers sein werden 454. Die Urteile sind allerdings dennoch begrtindbar und auch begrtindungsbedtirftig, sofern die Konfliktl6sung intersubjektiv nachvollziehbar und in diesem Sinne rational erfolgen soll. Dabei enthalten die Gewichtungsbegrtindungen zweckm~iBigerweise Argumente tiber die (voraussichtlichen) Konsequenzen, die sich bei unterschiedlichen Gewichtungen in der gegebenen Situation jeweils auftun. Es sind somit konkret die Gewichtungen der jeweiligen Konsequenzen, die Aufschluss dartiber geben, wie die konkurrierenden Prinzipien unter den vorliegenden Anwendungsbedingungen zu ordnen sind 455. Das Prinzip, das ftir den untersuchten Anwendungsfall aufgrund der Gewichtungsentscheidung zurtickzustellen ist, verliert damit jedoch nicht seine Gtiltigkeit 456. Aus diesem Grunde ziehen entsprechende Gewichtungen auch nicht nach sich, dass das Prinzip unvollstfindig und durch das
450 Einer Regel k6nnte danach Vorrang zukommen, wenn dies entweder durch eine andere Regel bestimmt ist oder sie durch wichtigere Prinzipien gesttRztwird [vgl. Dworkin (1990), S. 62]. 451 Diese Norm ist als derogierende zu bezeichnen, da unter Derogation die Aufhebung der Gt~ltigkeit einer anderen Norm verstanden wird. Dabei handelt es sich um unselbstfindige Normen, die nur in Beziehung auf eine andere Norm gelten [vgl. z. B. Kelsen (1979), insb. S. 84 f., und nfiher zur Derogation Bulygin/Alchourr6n (1977), S. 27-301. 452 Vgl. Dworkin (1990), S. 59. 453 Vgl. Dworkin (1990), S. 83, wonach es ~r ein Prinzip keine Formel gibt: ,,mit der sich sein Gewicht auf einer bestimmten GrOBenskalafestsetzen lfiBt.". 454 Vgl. Dworkin (1990), S. 62. 455 Siehe dazu nfiher unten, S. 324 ff. der vorliegenden Arbeit. 456 Prinzipien bleiben vielmehr ,,abstrakt gleichrangig, und zwar gleichrangig in dem Sinne, dab ein Prinzip, das in bestimmten Ffillen zurOcktreten muB, in anderen Ffillen den Vorrang haben kann." [Koch (1990), S. 153 im Original z. T. kursiv].
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Aufftihren von Ausnahmen zu qualifizieren ist, da die geringere Gewichtung die Gtiltigkeit des Prinzips nicht aufhebt und die betrachtete Anwendungssituation folglich nicht als Ausnahme des Prinzips anzusehen ist. Im Unterschied zu Regeln k/3nnen die Situationen, in denen das Prinzip geringer gewichtet wird, nicht einmal theoretisch Gegenstand einer vollst~ndigen Nennung sein. Der Versuch einer solchen Aufz~ihlung ktinne zwar das Geftihl ftir das Gewicht des Prinzips sch~irfen, wtirde aber keine genauere Angabe des Prinzips bedeuten 4s7.
(2) Das Prinzipienargument gegen den Rechtspositivismus Bevor diese Unterscheidung von Regeln und Prinzipien vertiefl sowie ihre Bedeutung ftir die Typologisierung untemehmensethischer Kodizes erl~iutert wird, sollen zun~ichst die Grundztige des so genannten Prinzipienarguments und seiner Kritik vorgestellt werden. Diese Ausf0hrungen dienen der chronistischen Vollstandigkeit und k/3nnen insofem knapp verfasst werden 458, als sich die Frage nach der Trennung zwischen Recht und Moral f'tir untemehmensethische Kodizes nicht stellt, da sie gerade moralische Normen kodifizieren sollen und sich die Moral gleichzeitig nicht nur tiber die kodifizierten Normen erstrecken kann. Die Eignung der Unterscheidung von Regeln und Prinzipien zur Charakterisierung untemehmensethischer Kodizes h~ingt daher nicht davon ab, ob das Prinzipienargument gentigend Durchschlagskrafl entfaltet, um den positivistischen Rechtsbegriff sprengen zu k~nnen. Die allgemeine Position des Rechtspositivismus l~isst sich nach D w o r k i n im Wesentlichen durch drei Kemaussagen beschreiben 459. Erstens stellt das Recht einer Gemeinschafl eine Menge von Regeln dar, die nicht nach ihrem Inhalt, sondern nach ihrer Herkunfl oder Entstehungsweise erkannt werden 46~ Gtiltige Rechtsregeln lassen sich daher mit Hilfe eines Her-
457 Vgl. Dworkin (1990), S. 60. Im Weiteren wird der Prinzipienbegriff in dem Sinne verwendet, den Dworkin (1990), S. 56, als den generischen bezeichnet. Dartiber hinaus fiihrt er die (nicht unproblematische) Unterscheidung zwischen Prinzipien irn engeren Sinne und so genannten Policies ein: Erste fi~hren G~nde fiir individuelle Rechte auf, wohingegen sich letztere auf kollektive Gtiter oder Zielsetzungen beziehen [vgl. Dworkin (1990), S. 55 und insb. S. 146, femerhin Bell (1972), S. 922; Bodenheimer (1977), S. 1152; Lyons (1977), S. 427; Alexy (1985), S. 19; Alexy (1994), S. 99, sowie kritisch zu dieser zus~itzlichen Differenzierung z. B. Bodenheimer (1977), S. 1157; Lyons (1977), S. 431; Sieckmann (1990), S. 227 f.; Alexy (1995), S. 180 Fn. 19; Borowski (1998a), S. 64 Fn. 32]. Diese inhaltliche Abgrenzung ist fiir die Zwecke der vorliegenden Untersuchung unerheblich und kann daher unbeachtet bleiben. 458 Vgi. aus den zahlreichen und reichhaltigen Beitrfigen dieser Diskussion z. B. Christie (1968), S. 654-669; Bell (1972), S. 913-948; Raz (1972), insb. S. 839-854; Kearns (1973), S. 115-132; Bodenheimer (1977), S. 1151-1170; Benditt (1978), S. 74-89; MacCormick (1978), S. 229-258; Alexy (1985), insb. S. 21 f.; Dechsling (1989), S. 149-151; Penski (1989), S. 112-114; Alexy (1990), S. 21-26; Koch (1990), S. 152-161; Sieckmann (1990), S. 172-223; Dreier (1991), S. 83-85, 103-115; Ott (1992), S. 180-186; Weinberger (1992), S. 202-220; Alexy (1995), S. 177-287; Gaffney (1996), S. 9-61; v. d. Pfordten (1996), S. 238-242; Borowski (1998a), S. 62-98, 112-114; Honeyball/Walter (1998), S. 3-24; Alexy (2002), S. 117-136. 459 Zum Folgenden Dworkin (1990), S. 46-48, sowie zusammenfassend Bell (1972), S. 912; Kearns (1973), S. 115; Lyons (1977), S. 418; Benditt (1978), S. 74; Sieckmann (1990), S. 89; Ott (1992), S. 179 f.; Alexy (1995), S. 178 f.; Gaffney (1996), S. 10 f.; Borowski (1998a), S. 63. 460 Vgl. z. B. nochmals Hart (1975), S. 95, und seine Unterscheidung prim~irerund sekund~rer Regeln.
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kunftstests ermitteln und von anderen (oder ungi~ltigen) Regeln unterscheiden 461. Z u m Zweiten nehmen Rechtspositivisten an, dass sich das Recht der Gemeinschaft in der M e n g e dieser gtiltigen Rechtsregeln erschOpft. Dabei wird durchaus zugestanden, dass nicht alle F~ille eindeutig von einer Regel erfasst werden. Bei Rechtslticken muss daher a u f Magst~ibe zurtickgegriffen werden, die fiber das Recht hinausgehen, sofern diese F~ille dennoch einer Entscheidung zugef~ihrt werden sollen 462. Drittens bedeutet eine rechtliche Verpflichtung, dass die Voraussetzungen einer gfiltigen Rechtsregel erffillt sind, die von dem Verpflichteten verlangt, etwas Bestimmtes zu tun oder zu unterlassen. Im Umkehrschluss heigt das, dass es ohne eine entsprechende Rechtsregel keine rechtliche Verpflichtung geben kann. N a c h D w o r k i n sind alle drei Thesen unzutreffend. Zun~ichst mfissen Richter in schwierigen Prozessen (so genannten hard cases) a u f Prinzipien zurfickgreifen, die sich nicht durch den positivistischen Herkunftstest identifizieren lassen 463. Diese Prinzipien begr~inden zweitens, dass Richter auch in den F~illen, die durch Rechtsregeln nicht eindeutig erfasst sind, keineswegs nach ihrem beliebigen Ermessen entscheiden k6nnen 464, sondern durch eben diese Prinzipien gebunden sind 465. Rechtliche Verpflichtungen lassen sich mit dem Rfickgriff a u f Prinzipien daher auch dann entdecken, wenn sie durch keine korrespondierende Rechtsregel vorgeschrieben sind 466.
461 Da es somit immer Tests gibt, durch die sich die Galtigkeit der Entstehung einer Rechtregel bestimmen lfisst, kann auch von einer Stammbaumtheorie der Rechtsgeltung gesprochen werden [vgl. Weinberger (1992), S. 202]. 462 Vgl. zu dieser Kernthese des Rechtspositivismus im Anschluss an Austin die Formulierung z. B. bei Dreier (1991), S. 104: ,,Wo die Abwfigung beginnt, hOrt das Recht auf." [siehe auch Borowski (1998a), S. 112 m. N.]. 463 Vgl. Dworkin (1990), S. 82: ,,Der Ursprung dieser Prinzipien als Rechtsprinzipien liegt nicht in einer bestimmten Entscheidung einer gesetzgebenden KOrperschaft oder eines Gerichts, sondem in einem Sinn far Angemessenheit, der sich im juristischen Berufsstand und in der Offentlichkeit aber Zeiten hinweg entwickelt hat."; ebd., S. 83: ,,Dennoch kOnnten wir uns keine Formal ausdenken, mit der sich testen lfigt, wieviel und welche Art yon institutioneller Statzung erforderlich ist, um ein Prinzip zu einem Rechtsprinzip zu machen"; ebd., S. 87 f.: ,,Es lfigt sich kein Test der Herkunft, der Prinzipien auf Erlasse der Legislative bezieht, formulieren, und sein [Harts, T. T.] Begriff des Gewohnheitsrechts, der selbst eine Ausnahme vom ersten Grundsatz des Positivismus ist, lfiBt sich nicht ntitzlich verwenden, wenn man diesen Grundsatz nicht ganz aufgibt.", und daher schlieBlich ebd., S. 88: ,,Ich komme daher zu dem SchluB, dab wir, wenn wir Prinzipien als Teil des Rechts behandeln, den ersten Grundsatz des Positivisten, dab sich das Recht der Gemeinschaft von anderen gesellschaftlichen Magstfiben durch einen Test in der Form einer tibergeordneten Regel unterscheiden laBt, zurtickweisen mtissen.". 464 Wie es Dworkin (1990), S. 74, f't~rdie Sichtweise des Rechtspositivismus unterstellt: ,,Die Aussage, dab der Richter, wenn ihm keine Regeln mehr zur Ver~gung stehen, Ermessen in dem Sinn hat, dab er durch keinen Magstab gebunden ist, der yon der Autoritat des Rechts herstammt, lauft auf dasselbe hinaus wie die Aussage, dab diejenigen yon Richtern ange~hrten RechtsmaBstabe, die keine Regeln sind, die Richter nicht binden.". Siehe auch Bell (1972), S. 923: ,,This matter of discretion is the primary reason for Dworkin's discomfort with the model of rules and the motive for his alternative model.". 465 Vgl. Dworkin (1990), S. 89: ,,Sobald wir ... Prinzipien als Bestandteil des Rechts behandeln, entsteht die MOglichkeit, dab eine rechtliche Verpflichtung ebensogut durch eine Konstellation yon Prinzipien wie durch eine bestehende Regel auferlegt werden kOnnte.". 466 Vgl. Dworkin (1990), S. 144: ,,Auch in schwierigen Fallen bleibt es Pflicht des Richters, herauszufinden, welches die Rechte der beiden Seiten sind, und nicht rtickwirkend neue Rechte zu erfinden.".
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Dass die Rechtswirklichkeit keinem reinen Regelmodell entspricht, wird auch von Rechtspositivisten zumindest heute nicht mehr bestritten 467. Ebenso wenig muss noch zur Debatte stehen, dass im Recht auch moralische Kategorien eine Rolle spielen, nachdem moralische Prinzipien (nicht nur verfassungs)rechtlich kodifiziert und zu positivem Recht gemacht wurden 468. Zur emsthaften Einsch~itzung der Stichhaltigkeit der vorgetragenen Kritik am Rechtspositivismus k o m m t es daher nicht darauf an, ob bei der Rechtsfindung auch Prinzipien und moralische Erw~igungen berticksichtigt werden. Den Kern der Auseinandersetzung markiert vielmehr die Frage, ob es tats~ichlich femerhin Prinzipien gibt, die sich nicht durch den positiven Herkunftstest ermitteln lassen und dennoch ftir die Rechtsprechung verbindlich sind. Da inzwischen eine Reihe sehr genereller Rechtsnormen mit ausdrticklich moralischen Beztigen erlassen worden ist, bei denen es sich ganz zweifelsfrei um positives Recht handelt, weil sie in kodifizierter Form vorliegen, ist diese Frage praktisch insoweit ~iuBerst schwierig zu beantworten, als diese (oft generalklauselartigen) N o r m e n in der Folge die Urteilsfindung ftir prinzipielle und moralische Erw~igungen 6ffnen 469. Nach dieser Zuspitzung scheint die zu kl~irende Problematik eher akademischer Natur zu sein. Die konkurrierenden Lehren geben beide zu, dass im kodifizierten Recht Lticken bestehen, welche durch Abw~igungen geschlossen werden mtissen, die tiber das kodifizierte Recht hinausgehen 47~ Der Rechtspositivist sieht dabei das Ermessen des Richters zwar durch die Abstraktion und die Interpretation positiver Rechtsnormen begrenzt, betont aber dennoch das letztlich dezisionistische Element, das bei der Bew~iltigung derart schwieriger F~ille unvermeidbar sei 471. Ftir den naturrechtlichen Essentialismus D w o r k i n s hingegen sind diese Entscheidungen ebenfalls keineswegs durch das positive Recht vorbestimmt, wohl aber durch (Rechts-)Prinzipien, an die der Richter gebunden ist und auf deren Grundlage er seine Entscheidung entdeckt und nicht erfindet 472.
467 Umgekehrt r~iumt wiederum auch Dworkin (1990), S. 63, ein, dass es keineswegs ausgeschlossen sein muss, dass Prinzipien in Gesetzen kodifiziert sind [vgl. auch Dreier (1991), S. 106], wenn er darauf hinweist, dass der Oberste Gerichtshof der USA entscheiden musste, ob der erste Paragraph des Sherman Act als Regel oder als Prinzip zu behandeln ist [dazu auch S. 310 der vorliegenden Arbeit; vgl. ferner Koch (1990), S. 156, sowie Ott (1992), S. 182]. 468 Vgl. z. B. Dreier (1981), S. 76; Alexy (1985), S. 21; Alexy (1990), S. 22; Koch (1990), S. 161; Dreier (1991), S. 104 f., 107; v. d. Pfordten (1996), S. 240; Wellmer (1999), S. 115; Alexy (2002), S. 121. 469 Vgl. auch Weinberger (1992), S. 205, sowie Ott (1992), S. 183 im Original z. T. kursiv: ,,Prinzipien lassen sich nicht nur direkt in positivierten Rechtsvorschriften oder in der Gestalt von rationes decidendi in Prtijudizien nachweisen, sondern haufig auch indirekt durch Abstraktionen aus positiven Rechtsnormen und Prajudizien". Unter einem Pr~ijudiz versteht man eine Entscheidung in einem konkreten Fall, die bei sp~iteren Rechtsstreitigkeiten ais Muster herangezogen wird. Dabei bezeichnet man die relevanten Bestandteile des Pr/ijudizes als die ,ratio decidendi', wohingegen die nicht relevanten Bestandteile die ,obiter dicta' sind [vgl. Peczenik (1983), S. 66 f.]. 470 Siehe zu diesen Gemeinsarnkeiten z. B. auch Kearns (1973), S. ! 16. 471 Vgl. z. B. Weinberger (1992), S. 220: ,,Der Positivist vermeidet aber die Fiktion, dab keine Dezisionsmomente in die Entscheidung eintreten, das heifSt, er gibt sich nicht der Illusion hin, dab die juristische Entscheidung in der Tat rein deklaratorisch sei.". 9472 Siehe auch Dreier (1991), S. 113: ,,Die positivistische Strategie besagt, dab der Richter im Vagheitsbereich des positiven Rechts zur moralischen Eigenwertung erm~ichtigt sei. Die prinzipientheoretische Strategie be-
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Es w ~ e
m e h r als ein nur akademischer Unterschied, w e n n diese Abw~igung nach der
rechtspositivistischen Sichtweise tats~ichlich lediglich eine Frage der Moralit~it des Richters w~e473. Der Richter ist j e d o c h in j e d e m Falle e i n e m B e g r t i n d u n g s z w a n g seiner E n t s c h e i d u n g ausgesetzt, u m den Betroffenen und der interessierten Offentlichkeit die m e t h o d i s c h e Korrektheit und damit die Akzeptabilit~it seiner Urteilsfindung daher-
darzulegen474. Im Ergebnis
werden
Unabh~ngig von Streitigkeiten tiber die A n g e m e s s e n h e i t und Vorzugswtirdigkeit der
h i n z u g e z o g e n e n Normen, die innerhalb der beiden Lager im Einzelfall j e w e i l s grOBer ausfallen kOnnen als lagertibergreifend - nicht nur in w e i t e m MaBe der Sache nach dieselben Prinzipien V e r w e n d u n g finden, sondern sogar die B e m t i h u n g e n ganz ~ihnlich sein, ihre R e l e v a n z for den zu kl~irenden Sachverhalt aufzuzeigen 475. Der A n g r i f f a u f den R e c h t s p o s i t i v i s m u s kann z u s a m m e n g e f a s s t nur dann erfolgreich sein, w e n n sich die T r e n n u n g z w i s c h e n Recht und Moral begriffiich nicht aufrecht erhalten l/isst. Daftir gilt es n a c h z u w e i s e n , dass der (in schwierigen F~illen n o t w e n d i g e ) Rtickgriff a u f Prinzipien aus W e r t u n g e n folgt, die keine bloBen R e c h t s w e r t u n g e n des positiven Rechts sind 476, sondern tiber das positive Recht hinausgehen, grundsfitzlich moralischer Natur sind und dennoch rechtliche Verpflichtungen begrtinden kOnnen.
sagt, dab er auch in diesem Bereich, jedenfalls weitgehend, rechtlich, ntimlich durch rechtlich geltende Prinzipien, gebunden sei.". Dabei geht die Prinzipientheorie nach Dworkin (1990), S. 448, so weit, dass es auch in schwierigen Ffillen ,,eine einzig richtige Antwort auf komplexe Fragen des Rechts und der politischen Moral" gebe, obwohl es gleichzeitig mOglich sei, dass tiber die Richtigkeit der LOsung zwischen den streitenden Parteien keine verntinftige Einigkeit erzielt werden kann oder der Richter - beispielsweise aufgrund menschlicher Imtimer - eine unzutreffende Entscheidung trifft. 473 So der Vorwurf von Dworkin (1990), S. 75: ,,Es gentigt nicht zu sagen, dab das Gericht ... nur ))moralisch~ verpflichtet ist, bestimmte Prinzipien zu berOcksichtigen". Siehe zur mangelnden Verbindlichkeit z. B. auch Kelsen (1979), S. 94 im Original z. Y. gesperrt: ,,Die Prinzipien der Moral, Politik und Sitte, die das rechterzeugende Individuum in seiner Funktion beeinflussen, sind - neben anderen Faktoren - Motive des Gesetzgebers, Richters oder des Verwaltungsorgans, und diese Motive sind - gem~iB positiven Rechts - rechtlich nicht verbindlich.", sowie indes relativierend zum Ermessen des Richters Kelsen (1979), S. 181: ,,Aber auch wenn das positive Recht die Richter erm~ichtigt, nach Gerechtigkeit zu entscheiden, erfolgt die richterliche Entscheidung - weil erm~ichtigt durch das geltende positive Recht - in Anwendung dieses Rechts". 474 Vgl. fihnlich Dreier (1991), S. 114. Nach Weinberger (1992), S. 514, gilt daher, ,,dab nur akzeptierte Prinzipien Argumente for die Entscheidung von hard cases sind. Wenn der Richter oder ein anderer Entscheidungstr~iger aufgrund von Prinzipien entscheidet, muB er nachweisen, dab diese Prinzipien im betreffenden Normensystem gelten, oder wenigstens, dab er selbst im Rahmen des gegebenen Rechtssystems erm~ichtigt ist, neue Prinzipien festzusetzen.". 475 Zwar besteht Dworkin (1990), S. 76, darauf, dass es keinen lackmusartigen Herkunftstest ~r Prinzipien gebe; er r~iumt jedoch ein, dass die Relevanz und das Gewicht eines Prinzips dadurch begrtindet wird, ,,dab wir uns auf ein Amalgam der Praxis und anderer Prinzipien berufen, in dem die Implikationen der Geschichte der Gesetzgebung und Rechtsprechung zusammen mit Bezugnahmen auf die Praxis und Vereinbarungen der Gemeinschaft eine Rolle spielen.". 476 So auch v. d. Pfordten (1996), S. 239.
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(3) R e c h t s t h e o r e t i s c h e K r i t i k Der Streit zwischen Naturrechtlern und Rechtspositivisten tiber den angemessenen Rechtsbegriff besteht als eine der zentralen Debatten der Rechtsphilosophie (und angrenzender Disziplinen) fort 477, wenngleich die zuletzt genannten Begrtindungserfordemisse in der Rechtspraxis Ann~iherungstendenzen bewirken 478. Ftir die Notwendigkeit einer heute vor allem vernunfirechtlichen Qualifizierung sprechen mit dem knapp skizzierten Prinzipienargument, dem verwandten Richtigkeits- wie auch dem Unrechtsargument durchaus gute Grtinde, die allerdings ebenso mit starken Zweifeln in Frage gestellt werden kOnnen. Im Weiteren sollen weder diese Debatte im Allgemeinen noch das Ftir und Wider des Prinzipienarguments im Detail ausgebreitet werden. Die Beitr~ige des rechtstheoretischen Diskurses interessieren for den Fortgang der Abhandlung nur insoweit, als sie sich auf die v o r g e n o m m e n e Unterscheidung von Regeln und Prinzipien beziehen und nicht nur durch Beztige zum Rechtssystem entwickelt werden 479. Sofem hingegen eine Unterscheidung der beiden Normarten logisch nicht m6glich w~re und sie lediglich eine rechtspolitische Praxis wiedergeben wiirde 48~ w ~ e die Abgrenzung von Regeln und Prinzipien aufzugeben. Die relevanten Kritiken lassen sich danach ordnen, ob sie die Unterscheidung von Regeln und Prinzipien, die Kategorialit~it oder aber die Begrtindung dieser Unterscheidung in Zweifel ziehen. So kSnnte entgegen der strengen Trennungsthese zum einen in Abrede gestellt werden, dass sich Regeln und Prinzipien tiberhaupt unterscheiden lassen, da zwischen diesen Normen, ihrer Struktur und ihrer A n w e n d u n g kein logischer Unterschied bestehe 481. Zur Sttitzung einer solchen lJbereinstimmungsthese reicht es nicht aus, auf Gemeinsamkeiten und
477 Vgl. z. B. Dreier (1991), S. 108: ,,Der Begriff des Rechts ist ein Dauerthema der Rechtstheorie wie der Rechtsphilosophie und der Rechtssoziologie. Eine Einigung tiber ihn ist noch nicht erzielt und nicht in Sicht.". 478 So auch Weinberger (1992), S. 299 im Original z. T. kursiv, wonach nicht nut eklektische Kompromisse zwischen den Lehren dutch zwei Momente bedingt sind: ,,1. die Problemsituation in der Jurisprudenz stellt alle Forscher vor die gleichen Aufgaben und Probleme, so dab die Gesichtspunkte der gegnerischen Positionen betrachtet werden mtissen, wenn man den Phiinomenen und der Aufgabe gerecht werden will; 2. wird die Streitfrage dadurch in ein anderes Licht gestellt, dab das Begrtindungs- und Argumentationsproblem in den Mittelpunkt des Interesses gestellt wird, wodurch eine Perspektive entsteht, in der man mit dem bioBen Bekenntnis zum Positivismus oder Naturrecht nicht weiterkommt.". 479 So ist es fiir den Gegenstand der vorliegenden Untersuchung unbedeutsam, ob die Bindung an nicht kodifizierte Prinzipien einer moralischen oder rechtlichen Verpflichtung folgt und welcher rechtliche Status dem Ermessen in schwierigen Anwendungsf~illen des Rechts zukommt. Die bier betrachteten Prinzipien iiegen notwendigerweise in kodifizierter Form vor. AuBerdem wird kein Unternehmenskodex einen derart weitgehenden Normierungsanspruch erheben, dass sich samtliche Entscheidungsprobleme moralischer Qualit~it, die sich im Unternehmen auftun, mittels der kodifizierten Normen einer eindeutigen L~sung zufiihren lassen. Ein solcher Anspruch ist bereits deshalb auszuschlieBen, da das Unternehmensgeschehen nicht lediglich dutch individuelle Leitlinien eine exklusive Normierung erf'~ihrt, sondern weiteren Regulierungen insbesondere auch dutch das Recht ausgesetzt ist. 4g0 Vgl. zu einer solchen Auffassung z. B. Raz (1972), S. 834: ,,The different treatment of legal rules and principles in cases of conflict is not entailed by their logical differences but is a result of a legal policy.". 481 Nach Alexy (1995), S. 184, markiert diese Position die ,,Obereinstimmungsthese".
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
)khnlichkeiten zwischen Regeln und Prinzipien hinzuweisen, da diese durch eine logische Trennung keineswegs ausgeschlossen werden 482. Eine Reihe bedeutsamer Ubereinstimmungen zwischen Regeln und Prinzipien wird im Gegenteil sogar ausdrticklich zuerkannt, wenn beide unter dem Normbegriff subsumiert werden und daher die generellen Normeigenschaften teilen mtissen. Vielmehr w/are zu zeigen, dass s/amtliche Trennungskriterien tats/achlich ungeeignet sind, um eine logische Unterscheidung von Regeln und Prinzipien zu begrtinden, da sie lediglich Eigenschaften beschreiben, die im Einzelfall sowohl Regeln als auch Prinzipien unterschiedslos aufweisen k~nnten483. Kritiken der zweiten Gruppe gehen nicht ganz so weit. Danach wird zwar zugestanden, dass sich Regeln und Prinzipien unterscheiden. Im Gegensatz zur strengen Trennungsthese wird jedoch behauptet, dass es sich dabei nicht um einen kategoriellen, sondem um einen nur graduellen Unterschied handle 484. Diese Einw/ande zielen demnach ebenso auf das Kriterium, das die Einteilung in Regeln und Prinzipien bestimmt. Zwar gebe es Kriterien, mit denen sich Regeln und Prinzipien dem Grade nach unterscheiden lassen, die e s - anders g e w e n d e t - erlauben, im Vergleich mehr regel- und eher prinzipienhafte Normen zu identifizieren. Es wird jedoch bestritten, dass ein Kriterium eine qualitative Einteilung erm6glicht, nach der eindeutig bestimmbar ist, ob es sich bei einer Norm um eine Regel oder ein Prinzip handelt 485. Um beurteilen zu k6nnen, ob die strenge Trennungsthese aufrecht erhalten werden kann, ist daher sinnvollerweise zu kl/aren, inwieweit die Art der vorgenommenen Kategorienbildung geeignet ist, um eine strikte Trennung zwischen Regeln und Prinzipien zu begrianden. Kritiken der ersten beiden Gruppen miJssen sich demgemaB mit der Art der qualitativen Klassenbildung und dem daraus resultierenden Verstandnis von Regeln und Prinzipien auseinandersetzen, sofem sie die vorgeschlagene kategorielle Differenzierung widerlegen und nicht lediglich alternative Begriffsfassungen vorlegen wollen 486. Sollte eine solche qualitative Unterscheidung m6glich sein, w/aren nur noch Zweckm/aBigkeitstiberlegungen ins Feld zu ffihren, um den
482 Siehe auch Gaffney (1996), S. 43: ,,By calling the distinction ,logical', it would appear that Dworkin is suggesting that principles are - at least in some important way - not really different from rules.". 483 Nach der Obereinstimmungsthese mt~ssten mit anderen Worten samtliche logischen Eigenschaften der einen Klasse von Normen auch bei der anderen Normart auftreten kOnnen [vgl. dazu Sieckmann (1990), S. 53; Alexy (1995), S. 184; Borowski (1998a), S. 61]. 484 Diese Altemative zur strengen Trennungsthese kann als schwache Trennungsthese bezeichnet werden [vgl. Alexy (1985), S. 15; Alexy (1995), S. 184, sowie Aarnio (1990), S. 180 im Original kursiv: ,,weak demarcation thesis"]. Siehe z. B. Benditt (1978), S. 75: ,,The distinction between rules and principles may not be as sharp as Dworkin suggests; the difference may be one of degree and not of kind.". 485 Hierunter ist mithin die bereits genannte Auffassung zu subsumieren, dass die Unterscheidung von Regeln und Prinzipien nach dem Grade ihrer Generalit~t erfolgen sollte [siehe dazu auch nochmals die oben auf S. 281 in Fn. 424 aufge~hrten Nachweise]. 486 Die Er6rterungen von Sieckmann (1990), S. 61 f., decken auf, dass dennoch einige Kritiken die UnmOglichkeit der strengen Trennungsthese lediglich voraussetzen, keineswegs jedoch nachweisen, indem ein alternatives Verst~ndnis von Regeln und Prinzipien pr/asupponiert, nicht aber seine Notwendigkeit oder Vorzugswtirdigkeit ausgezeichnet wird.
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Verzicht auf eine kategorielle Trennung von Regeln und Prinzipien zu rechtfertigen. So k/Snnte ftir die Zwecke der vorliegenden Untersuchung zum einen die Relevanz der strengen Trennungsthese bezweifelt werden, falls in den Kodizes der Untemehmenspraxis regelma6ig nur eine der unterschiedenen Normarten vork~ime oder die strenge Trennung von Regeln und Prinzipien ftir die Verhaltenswirkung der Normen unerheblich w~e. Zum anderen kOnnen Praktikabilit~itserw~igungen der Nutzung einer entsprechenden Kategorisierung entgegenstehen, soweit sich Regeln und Prinzipien nicht mittels eines einfachen Kriteriums, sondern lediglich auf sehr komplizierte Weise qualitativ unterscheiden lie6en487. Der Inhalt unternehmensethischer Kodizes sind Normen moralischer Qualit/at. Damit die Abgrenzung von Regeln und Prinzipien ftir die Untersuchung unternehmensethischer Kodizes nutzbar gemacht werden kann, mtissen sowohl Prinzipien als auch Regeln als Normen unternehmensethischer Kodizes in Frage kommen dtirfen. Dies impliziert zum einen, dass die Trennung zwischen den beiden Normarten nicht darauf basieren kann, dass nur Regeln, nicht aber Prinzipien in kodifizierter Form vorliegen. Zum Zweiten mtissen nicht lediglich Prinzipien, sondern desgleichen Regeln tiber moralische Qualit~it verftigen k~nnen. Das Prinzipienargument gegen den Rechtspositivismus hat zwar hervorzuheben, dass in Rechtssystemen Prinzipien ftir die Urteilsfindung relevant werden kOnnen, die nicht zum positiven Recht z~ihlen und moralischer Natur sind, da es andernfalls nicht gelingen k/Snnen wtirde, den positivistischen Rechtsbegriff zu sprengen und die als notwendig erachteten Verbindungen zwischen Recht und Moral aufzuzeigen. Mit dieser f'tir den Gang der Argumentation gegen den Rechtspositivismus erforderlichen Einengung geht allerdings keineswegs einher, dass die Kategorisierung von Regeln und Prinzipien der Unterscheidung kodifiziert/nicht kodifiziert bzw. rechtlich/moralisch folgen muss 488. Eine entsprechend begrtindete Kritik der Trennungsthese l~iuft dementsprechend ins Leere 489. So ist erstens bereits festgestellt worden, dass Prinzipien durch das positive Recht inkorporiert sein k/3nnen und inkorporiert sind 49~ 487 Eine zu komplexe Trennungsbegrtindunggeht au6erdem mit dem Nachteil einher, dass die intuitive Plausibilitat der Unterscheidung von Regeln und Prinzipien schwindet [siehe zu diesem Argument Borowski (1998a), S. 89]. 48s Um die Unterscheidung von Regeln und Prinzipien ftir die Typologisierung unternehmensethischer Kodizes nutzbar zu machen, mtissen und k6nnen diese beiden Kategorisierungsmerkmale simultan widerlegt werden. Dies ist - wie sogleich deutlich wird - auf ganzlich unkontroverse Weise zu bewerkstelligen, sodass die Problematisierung ausgespart bleiben kann, dass diese zwei Kategorisierungsschemata mitunter gegeneinander man0vriert worden sind, um das Prinzipienargument (in dieser Hinsicht wenig tiberzeugend) zu erschtittern, soweit entweder moralische Prinzipien doch kodifiziert sein oder positive Regeln des Rechts moralische Qualit~itbesitzen k0nnten. 489 Vgl. z. B. den unzutreffenden Schluss yon v. d. Pfordten (1996), S. 241, dass die unterschiedlichen Normarten entweder mit Moral- oder mit Rechtsnormen zu identifizieren seien. Ganz entgegen einer solchen Codierung moralisch/rechtlich entziehen sich Prinzipien bei der Argumentation gegen den Rechtspositivismus gerade einer Einordnung als Moral- oder Rechtsnormen [siehe auch Koch (1990), S. 152]. 49o Diese MOglichkeit ist bereits yon Dworkin keineswegs ausgeschlossen worden [vgl. nochmals Dworkin (1990), S. 63, au6erdem die Hinweise bei Dreier (1981), S. 76; Alexy (1985), S. 21; Alexy (1990), S. 22; Koch (1990), S. 161; Dreier (1991), S. 104 f., 107; v. d. Pfordten (1996), S. 240; Wellmer (1999), S. l l5; Alexy (2002), S. 121].
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Darfiber hinaus sind keine Grfinde erkennbar, warum unternehmerische Grundsatzdokumente keine Normen kodifizieren k6nnen sollen, die Prinzipien entsprechen, da den logischen Eigenschaften, die Prinzipien zukommen sollen, nicht entgegensteht, dass Normen dieser Art in schriftlicher Form vorliegen. Zum Zweiten ist in der Moraltheorie eine lange Reihe bekannter Beispiele genannt worden, die bekunden, dass moralische Normen durchaus den Charakter von Regeln haben kOnnen 491. Dabei mag es zutreffen, dass sich eine umfassende Moralkonzeption nicht nur aus Regeln konstituieren kann 492. Dies verwehrt allerdings dennoch nicht, dass unternehmensethische Kodizes Normen des Regeltyps enthalten und bestimmte Kodizes im Extrem sogar gfinzlich aus Regeln bestehen. Gegen eine Reduzierung auf die logischen Grundzfige der Unterscheidung von Regeln und Prinzipien kOnnte vorgebracht werden, dass D w o r k i n selbst eine weitere Lesart der Trennungsthese nahe zu legen scheint, die demnach nicht nur logisch zu verstehen ist, sondern daneben normative Zfige aufweist 493, wenn Prinzipien als Mal3st~.be eingeffihrt werden, die es aus Erw~.gungen der Gerechtigkeit, Fairness oder einer anderen moralischen Dimensionen zu befolgen gilt 494. Zur Typologisierung unternehmensethischer Kodizes ist eine solche Abgrenzung aus den bereits genannten Grfinden offenkundig ungeeignet. Dessen ungeachtet scheint dieses normative Trennungsargument ohnehin wenig konsistent, da D w o r k i n an anderer Stelle wiederum konzediert, dass moralische Normen unter Umstfinden auch regelhaft sein m6gen 495. Sofern die Moralit~.t einer Norm demgemfil3 zunfichst beide Kategorisierungen zul~.sst, w~.ren folglich weitere Qualifizierungen erforderlich, um eine normativ begrt~ndete Unterscheidung von Regeln und Prinzipien vornehmen zu k6nnen. Augerdem bliebe zu klfiren, ob Prinzipien nicht ebenso auf3ermoralischer Natur sein k6nnen 496 und wie ansonsten der defini-
491 Vgl. z. B. v. d. Pfordten (1996), S. 241: ,,Es kann selbstverstandlich auch Moralnormen bzw. Ethiknormen geben, die strikt gebieten, wie dies Kant etwa mr das Gebot der Liege annahm.", ferner Lyons (1977), S. 423: ,,normative standards need not have the logical properties of principles.", sowie Wellman (1985), S. 70: ,,the moral law includes moral principles as well as moral rules.". 492 Vgl. z. B. Gert (1983), S. 179: ,,Die Moral besteht nicht nur aus Regeln". 493 So auch Lyons (1977), S. 422 f.: ,,Dworkin actually gives two accounts of principles: One is the logical account mentioned above: principles are standards that guide, but may not determine, legal decisions. Another is a normative account: principles (in the sense used in Dworkin's critique of positivism) include both statements of social goals and requirements )~ofjustice or fairness or some other dimension ofmorality.~r Normative Aspekte spielen dar~ber hinaus nicht nur mr die Unterscheidung von Regeln und Prinzipien eine Rolle. Sie liegen weiterhin dem Prinzipienargument insgesamt zugrunde, da dessen Kritik am Rechtspositivismus nicht lediglich deskritiptiv mittels empirischer Fakten der Rechtspraxis untermauert, sondern auch normativ gerechtfertigt wird [vgl. z. B. Gaffney (1996), insb. S. 13, sowie Dworkin (1990), S. 209: ,,Die These der Rechte hat zwei Aspekte. lhr deskriptiver Aspekt erklfirt die gegenwfirtige Struktur der Institution der richterlichen Entscheidung. Ihr normativer Aspekt gibt eine politische Rechtfertigung mr diese Struktur."]. 494 Vgl. Dworkin (1990), S. 55. 495 Vgl. Dworkin (1990), S. 133, der in seiner Replik aufRaz (1972) zwar zunachst die ,,Moral als eine Sache von Prinzipien und nicht von Regeln" ansieht, dann aber durchaus zugesteht, dass eine Person ihr Verhalten an eine moralische Norm in der Form einer Regel binden k6nne. 496 So die Auffassung yon Lyons (1977), S. 423: ,,Standards with the logical properties of principles need not be normative standards", sowie Gaffney (1996), S. 50, der zwei Kategorien von Prinzipien unterscheidet, bei de-
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torische Ausschluss dieser M6glichkeit zu rechtfertigen ist. Da ftir die Zwecke der vorliegenden Untersuchung der moralische Status der kodifizierten Normen nicht als Unterscheidungskriterium Verwendung finden kann, mfissen und werden diese Fragen nicht behandelt werden. Die Trennung zwischen Regeln und Prinzipien soll demzufolge nicht die moralische Codierung betreffen, sondem muss aus logischen Eigenschaflen der Normen resultieren.
b" Vertiefende Kennzeichnung der logischen Unterscheidung (1) Reichweite einer logischen Unterscheidung Die logische Unterscheidung zwischen Regeln und Prinzipien ist in einem extensiveren Umfang zu verstehen. Sie umfasst die Struktur, Anwendung und Kollision der Normen 497. Dabei ist einschr~inkend anzumerken, dass sich nicht immer streng lokalisieren l~isst, ob ein unterscheidendes Merkmal als strukturell, anwendungs- oder kollisionsbezogen zu bezeichnen ist. Ftir die Analyse kommt erschwerend hinzu, d a s s e s logisch keineswegs notwendig sein muss, dass Abweichungen beim Kollisionsverhalten oder unterschiedliche Arten der Anwendung ihren Ursprung in strukturellen Differenzen der beiden Normarten haben498. Dies bedeutet umgekehrt, dass Unterschiede zwischen den Normarten, die in Hinblick auf ihre Anwendung oder die Handhabung von Konflikten behauptet werden, nicht bereits dann widerlegt sind, wenn sich die vermeintlich zugrunde liegenden Struktumnterschiede als nicht haltbar erweisen 499. Zur qualitativen Unterscheidung von Regeln und Prinzipien reicht es vielmehr aus, dass eine Trennung aufgrund unterschiedlicher Arten ihrer Anwendung oder ihres Kollisionsverhaltens eindeutig m6glich ist. Zu beachten ist indes, dass eine stmktumeutrale Differenzierung von Regeln und Prinzipien zwar zul~issig ist. Sofem sich der Prinzipien- oder Regelcharakter allerdings nicht gmnds~itzlich an der Norm selbst ablesen l~isst, stellt sich die Frage, woran (im Vorhinein) festzumachen ist, ob die Anwendung oder das Kollisionsverhalten einer bestimmten Norm regeloder prinzipienhafl ausgestaltet werden soil. Dem Normadressaten muss der Status der Ftir ihn relevanten und unter Umst~inden konkurrierenden Normen ersichtlich sein, damit die Unter-
nen es sich einmal um moralische Normen und zum anderen um eher formale Normen zur Interpretation und Auslegung von Streitfallen handelt. 497 Vgl. nochmals Sieckmann (1990), S. 53; Sieckmann (1994b), S. 163; Alexy (1995), S. 182, 185. 498 Vgl. z. B. Giinther (1988), S. 270-276, wonach die Unterscheidung zwischen Regeln und Prinzipien keine Unterscheidung yon zwei Arten von Normen, sondern yon zwei Arten der Anwendung von Normen sei. ,,DAB bestimmte Normen Angemessenheitsargumentationenverlangen, >zeigt< sich ja erst in Anwendungssituationen. Die Forderung, eine Norm relativ zu den tatsachlichen und normativen (rechtlichen) MOglichkeiten in einer Situation anzuwenden, kOnnen wir aber anjede Norm richten. Es hangt nicht vonder Norm selbst ab, ob wir sie ohne oder mit Rticksicht auf die besonderen Umst~inde einer Situation [d. h.: ais Regel oder als Prinzip, T. T.] anwenden." [Ganther (1988), S. 270 Herv. im Original]. 499 So hat bereits Dworkin (1990), S. 62, eingeraumt: ,,Ob ein MaBstab eine Regel oder ein Prinzip ist, geht nicht immer aus seiner Form hervor.". Siehe dazu auch Gaffney (1996), S. 47, und zumindest in dieser Hinsicht tibereinstimmend Raz (1972), S. 828: ,,not everything which looks like a legal principle is a legal principle".
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scheidung von Regeln und Prinzipien tatsfichlich eine Verhaltenswirkung entfalten kann und Normen nicht nach Belieben entweder als Regel oder als Prinzip behandelt werden. In einem Untemehmenskodex k6nnte die jeweilige Normart schrifllich kenntlich gemacht sein, sodass den Kodexadressaten eindeutig bekannt ist, ob es sich bei einer Norm um eine Regel oder ein Prinzip handelt 5~176 Es kann daher theoretisch nicht ausgeschlossen werden, dass eine strukturneutrale Unterscheidung durchaus praktikabel und ftir die Gestaltung unternehmensethischer Kodizes nutzbar ist. Gleichwohl daft vermutet werden, dass es ftir die Effektivit~it kodifizierter Normen eher hinderlich ist, wenn sich ihre Wirkungsweise nicht aus der Formulierung der Norm erschliel3en l~isst, sondern erst nach Konsultation erg~inzender Zusatze tiber ihren jeweiligen Status. Unabh~ingig davon hilfl es ftir die Typologisierung bestehender Ethik-Kodizes wenig, dass es theoretisch m6glich w~ire, gesondert zu kennzeichnen, ob es sich bei den kodifizierten Normen um Prinzipien oder Regeln handelt. Sofern die Unterscheidung von Regeln und Prinzipien nur auf strukturneutralen Kriterien basiert, w~ire es konsequenterweise ausgeschlossen, existierende Ethik-Kodizes anhand der formalen Gestalt der Normen zu klassifizieren. Das macht eine derartige Unterscheidung nicht g~inzlich nutzlos, aber nur noch mit gr6Berem Aufwand nutzbar 5~ Vor diesem Hintergrund w~ire es zur Klassifizierung untemehmensethischer Kodizes vorteilhaft, wenn die Trennung zwischen Regeln und Prinzipien so erfolgen wtirde, dass sie bereits an der Norm selbst erkennbar ist. Ein entsprechendes Unterscheidungsmodell wfire in jedem Falle reichhaltiger, da es die Abgrenzung zwischen Regeln und Prinzipien sowohl auf der Ebene der Norm als auch auf der Ebene ihrer Anwendung bzw. ihres Kollisionsverhaltens abbildet 5~ Aus diesem Grund kann ein solches Modell zus~itzlich Aufschluss dartiber geben, warum eine bestimmte Art der Anwendung stattfindet oder ein abweichendes Kollisionsverhalten anzunehmen ist. Ein Modell, das sich bis auf die Ebene der Norm erstreckt, wtirde demgem~iB mehr behaupten. Die gr6Bere Reichweite seines Geltungsanspruchs setzt das Modell allerdings entsprechend zahlreicheren Angriffspunkten und Einw~inden aus. Dies macht deutlich, dass sich der Zuwachs an technischer St~irke des Modells lediglich dann erringen l~isst, wenn EinbuBen entweder bei seiner theoretischen Begrtindung oder seiner Einfachheit hingenommen werden 5~ Der Vorzug einer vergleichsweise einfachen Unterscheidung, die
500 So kOnnten die Normen im Kodex verschiedenen Kapiteln zugeordnet sein, deren Uberschriften (wie ,,Unsere Prinzipien" oder ,,Verhaltensregeln im Umgang mit Geschfiftspartnem") die notwendigen Referenzen unmissverstfindlich herstellen [siehe als prominentes praktisches Beispiel den AICPA Code, zit. in Duska/Duska (2003), S. 199-212, sowie die Erl~tuterungen ebd., S. 74-105]. 5ol So kOnnte eine entsprechende Einteilung zum Beispiel auf der Grundlage von Befragungen t~ber die (jeweils gebotene) Normpraxis vorgenommen werden. 502 Insofem ist der Replik von Alexy (2002), S. 123 Fn. 102, aufeinen Einwand yon G~inther (1988), S. 270-276, zuzustimmen. Siehe die gleichlaufende Argumentation bei Borowski (1998a), S. 94. 503 Nach Alexy (1995), S. 191 Fn. 69, ist eine Theorie im technischen Sinne umso stfirker, je mehr mit ihr behauptet wird. Die technische Starke mache die Theorie zwar relevanter, jedoch gleichzeitig ihre Begr~ndung schwieriger. Er empfiehlt daher, die technische Stfirke und die Stfirke der Begrt~ndung zu optimieren. Dem ist hinzuzu~gen, dass eine Theorie zwar technisch stark und dennoch sehr wohl gegen theoretische Einwendun-
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sich auf die Ebene der Norm ausdehnt, ist nach dem Vorangegangenen durchaus stoker zu gewichten 5~ Deshalb mag es unter Umstanden vertretbar sein, dass sich Regeln und Prinzipien zwar auch, aber nicht zwingend immer (bzw. nicht immer zwingend) anhand eines Kriteriums unterscheiden, das insoweit strukturbezogenen ist, als sich die damit markierte Differenz an der Norm erkennen 1/asst. Ein solcher Genauigkeitsmangel darf indes nicht so weit reichen, dass die logische Qualit~it der Trennung letztlich in Zweifel steht 5~ oder nur auf der Grundlage eines anderen Modells begrtindet werden kann. Die logische Unterscheidung muss andere Differenzierungen von Regeln und Prinzipien nicht zwangsl/~ufig ausschliel3en 5~ Sie ist beispielsweise durchaus vereinbar damit, dass es sich bei Prinzipien um G ~ n d e for Regeln und bei Regeln um G ~ n d e ~ r Handlungen bzw. konkrete Sollensurteile handele 5~ Gleichwohl ist sie keineswegs auf solche Abgrenzungen zu reduzieren. Vielmehr wird es ebenso als zul~issig erachtet, dass sich aus einem Prinzip Handlungsgrtinde ergeben oder eine Regel eine andere begrfindet 5~ Das Modell ist infolgedessen reichhaltiger, da es diese Ph~inomene einbeziehen kann, die praktisch durchaus relevant sind: Sofem Kodizes verhaltenswirksam sein sollen und Prinzipien enthalten k6nnen, erscheint es zum einen wenig z w e c k m ~ i g , wenn Prinzipien nur tiber den Umweg anderer Normen Handlungsanleitungen zu geben in der Lage w~iren. Da sich Normen generell nach der Reichweite ihres Geltungsanspruchs unterscheiden lassen, spricht zum anderen nichts dagegen, dass sich aus Normen des Regeltyps andere Normen dieses Typs ableiten lassen und mithin Regeln andere Regeln begrtinden 5~
gen weitergehend gefestigt sein kann, sofern ihrer Kompliziertheit keine Grenzen gesetzt sind. Siehe hierzu auch die ,Forschungsuhr' bei Weick (1995), S. 55, die veranschaulicht, dass Theorien unmOglich zugleich allgemein, genau und einfach sein kOnnen. Das angedeutete Optimierungsproblemmuss folglich die Zielsetzung der Einfachheit einbeziehen. 504 Siehe zum Erfordernis einer hinreichenden Einfachheit der Unterscheidung nochmals oben, S. 293 der vorliegenden Arbeit. Eine zu komplizierte Trennung hingegen ist gleichbedeutend mit Mttngeln bei der Praktikabilit/It und Anschaulichkeit. 505 Vgl. die kritische Bemerkung von Bell (1972), S. 936, wonach Klassifikationsproblemeindizieren, dass keine logische Trennung unterschiedlicher Normarten, sondern bestenfalls eine graduelle Abgrenzung innerhalb einer bestimmten Normklasse oder von Normen insgesamt vorgenommen wird. 506 Ebenso weist Neumann (2000), S. 115, darauf hin, dass zwischen verschiedenen Unterscheidungsmodellen ,,keine strikte Altemativitat" bestehen mt~sse. Wie bereits klargestellt wurde, ist es dennoch wichtig zu klaren, ,,welche Unterscheidungskriterien als abhangige, welche als unabhangige Variablen fungieren." [Neumann (2000), S. 115]. 507 Siehe zu einem solchen Unterscheidungsmodell Neumann (2000), S. 115: ,,Regeln waren dann als Normen auf der Regelungsebene (Handlungsebene), Prinzipien als Normen auf der Ebene der BegrCmdungdieser Regeln (Begrtindungs- oder Argumentationsebene) zu verstehen. Im einfachsten Fall hlitten dann lediglich Regeln unmittelbar verhaltens- und entscheidungssteuernde Funktion, w~ihrend Prinzipien normative Potenz nur auf der Begrtindungsebene entfalten wiarden.". 5og Vgl. Alexy (1994), insb. S. 91. 509 Siehe in diesem Sinne Raz (1972), S. 839: ,,Since we justify considerations which apply to a limited range of situations and actions by more general considerations", der im Anschluss allerdings zu abweichenden terminologischen Setzungen gelangt.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Der Ausgangspunkt der von Dworkin eingef'tihrten Unterscheidung ist augenscheinlich auf der Anwendungsebene angesiedelt, wenn Regeln dadurch gekennzeichnet werden, dass sie in der Weise des Alles-oder-Nichts anwendbar sind und im Falle ihrer Gtiltigkeit eine bestimmte Entscheidung notwendig machen 5~~ wohingegen Prinzipien nicht etwa eine bestimmte Entscheidung festlegen, sondem lediglich einen Grund angeben, der als ein Argument in eine bestimmten Richtung zu verstehen ist 5~. Diese Unterscheidung beinhaltet bzw. impliziert 512 nach Dworkin das abweichende Kollisionsverhalten von Regeln und Prinzipien, da ausschlieBlich Prinzipien die Dimension des Gewichts bzw. der Bedeutung haben, w/~hrend Regeln nur entweder gtiltig oder nicht gtiltig sein k6nnen 513. Z u d e m ist bereits die Unterscheidung nach der Alles-oder-Nichts-Anwendbarkeit damit verwoben 514, dass nicht ftir Prinzipien, wohl aber f'tir Regeln die A u s n a h m e n ihrer Gfiltigkeit wenigstens theoretisch vollst/~ndig aufz/~hlbar sind 515. Im Lichte der inzwischen fortgeschrittenen Debatte der Thematik ist zu zeigen, ob die Differenzierungskriterien tatsfichlich eine eindeutige Trennung von Regeln und Prinzipien erm6glichen und wie sie gegebenenfalls zu pr/~zisieren oder zu modifizieren sind, um eine solche Unterscheidung zu erreichen, die den Anforderungen des Anwendungsgegenstands gerecht wird.
510 Vgl. Dworkin (1990), S. 58. 511 Vgl. Dworkin (1990), S. 60. 512 Siehe w6rtlich Dworkin (1990), S. 61: ,,Dieser erste Unterschied zwischen Regeln und Prinzipien impliziert einen weiteren Unterschied." (ira englischen Original: ,,entails"), und dazu femerhin Bell (1972), S. 945; Gaffney (1996), S. 45; Borowski (1998a), S. 65; Honeyball/Walter (1998), S. 4. ~z3 Vgl. Dworkin (1990), S. 62. 5~4 Vgl. Alexy (1995), S. 188: ,,Die erste These der Dworkinschen Trennungsthese, die These, dab Regeln eine Alles-oder-Nichts-Angelegenheit sind, steht und f'allt mit seiner These der grunds/~tzlichen Aufzfihlbarkeit der Ausnahmen." [so auch Alexy (1985), S. 16]. Der Auffassung, dass dem somit letztlich nur ein einziges Unterscheidungskriterium zugrunde liegt, folgen auch Enderlein (1992), S. 82, und Borowski (1998a), S. 64 und S. 65: ,,Das erste Unterscheidungskriterium der Alles-oder-Nichts-Anwendbarkeit nimmt auf die M6glichkeit der vollstfindigen Aufzahlbarkeit von Ausnahmen zu Normen Bezug". Anders hingegen z. B. Kearns (1973), S. 120, der die beiden Merkmale gesondert auffiihrt. Siehe zur Problematik der Abgrenzung der yon Dworkin genannten Unterscheidungskriterien auch Borowski (1998a), S. 67, insb. Fn. 50. 515 Siehe Dworkin (1990), S. 59: ,,es besteht jedoch kein theoretischer Grund dafdr, warum man sie [die Ausnahmen der Regel, T. T.] nicht alle hinzu~gen k6nnen sollte, und je mehr hinzugeffugt werden, umso genauer ist die Angabe der Regel.".
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(2) S t r u k t u r e l l e E i g e n s e h a f t e n (a) VoUst~indige v e r s u s unvoilstiindige Aufz~ihlbarkeit d e r A u s n a h m e n Das zuletzt genannte Merkmal der vollst~.ndigen Aufz~ahlbarkeit der A u s n a h m e n 5~6 von Regeln l~isst sich a u f vergleichsweise unkompliziertem W e g e verwerfen 517. Eine genauere Betrachtung macht es zun~ichst notwendig zu unterscheiden, ob sich das Kriterium der grunds~itzlichen Aufz~ihlbarkeit lediglich auf die bislang bekannten, nicht aber sfirntliche denkbaren A u s n a h m e n bezieht 518. Sollte allerdings a n g e n o m m e n werden, dass die vollst~indige Formulierung einer Regel die Existenz aller ihrer mOglichen A u s n a h m e n voraussetzt und somit ihre gtiltigen Anwendungsf'~lle in allen m/Sglichen Welten enthalten muss, ist kein systematisches Argument erkennbar, warum diese (idealisierende) Forderung nicht genauso f'tir Prinzipien sinnvoll sein kann 519 Das Kriterium der Aufz~ihlbarkeit sollte daher zweckm/il3igerweise nur die bekannten Ausnahmen einbeziehen. Dementsprechend ist nicht mit Gewissheit auszuschliel3en, dass in der Zukunfl Situationen eintreten, in denen zus~itzliche Ausnahmetatbest~inde einer Regel angemessen erscheinen. Zwar k/Snnte die Berticksichtigung dieser sich erst zuktinflig erweisenden A u s n a h m e n definitorisch ausgeschlossen werden, indem die nachtr~igliche ,~nderung von Regeln strikt verboten wird, sodass s/imtliche Regeln tats~ichlich immer verbindlich sein sollen, solange nicht die aufgef'tihrten und bekannten Ausnahmeklauseln greifen. Obschon ein entsprechendes Regelsystem theoretisch m5glich sein mag 52~ so ist es dennoch auffallend un-
516 Siehe auch das ~ihnliche, auf die Anwendungsvoraussetzungen zielende Abgrenzungsmerkmal bei Atienza/Ruiz Manero (1998), S. 8 f.: ,,The difference is that principles present the case in open form, whereas rules present it in closed form. By this we mean that, while in rules the properties constituting the case are a finite and closed set, in principles no closed list of properties can be formulated. Not only do the properties constituting the conditions of application have a larger or smaller periphery of vagueness; those conditions are not even generically determined.". 517 Ebenso Christie (1968), S. 657: ,,this view as to the nature of rules is clearly erroneous." und S. 668: ,,One cannot exhaustively state legal rules so that the statement of the rule includes the complete statement of exceptions.". Siehe zur Oberlegenheit der Griinde, die gegen eine Akzeptanz des Kriteriums der Aufzfihlbarkeit der Ausnahmen sprechen, fernerhin Tapper (1971), S. 630 f.; Bodenheimer (1977), S. 1154 f.; Alexy (1985), S. 17; Enderlein (1992), S. 82; Alexy (1994), S. 88 f.; Alexy (1995), S. 192; Borowski (1998a), S. 65. 5is Vgl. auch Enderlein (1992), S. 93; Alexy (1995), S. 188 f., sowie mit Blick auf Rechtsnormen Alexy (1985), S. 16: ,,Unter einer vollstandigen Liste der Ausnahmen kann zweierlei verstanden werden: (1) eine Liste aller bis zu einem bestimmten Zeitpunkt durch Gesetzgebung und Rechtsprechung getroffenen Ausnahmen und (2) eine Liste, die dariiber hinaus alle Ausnahmen enthait, die in Zukunft zu treffen sein werden.". 519 Vgl. Alexy (1995), S. 189, sowie bereits Bell (1972), S. 929: ,,Now there are >>numberless imaginary cases<
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zweckm~iBig 521. Zudem l~isst sich das System nur dann konsistent aufrechterhalten, wenn die Formulierung von Regeln ohne Rfickgriff auf Prinzipien erfolgt und in der Konsequenz damit ein reines Regelsystem vorliegt, das nur Regeln und keinerlei Prinzipien enth~ilt. Als Resultat wird durch diese Abtrennung erreicht, dass sich die Ausnahmen von Regeln zwar definitionsgem~iB komplett aufz/~hlen lassen, aber gleichzeitig die Trennung von Regeln und Prinzipien praktisch fruchtlos wird 522. Sofern nicht definitorisch exkludiert wird, dass die Ausnahmeklauseln von Regeln prinzipiengebunden sind, wird das Merkmal der vollst~.ndigen Aufzfihlbarkeit ebenfalls obsolet. Prinzipiengebunde Ausnahmeklauseln bedeuten, dass die entsprechenden Regeln immer und nur dann anzuwenden sind, sofern dem nicht bestimmte Prinzipien entgegenstehen 523. Derartige Regeln, bei denen die Situationsbeschreibung auf die Gfiltigkeit eines oder mehrerer Prinzipien verweist, sind praktisch fiberaus relevant und verbreitet. Sie ffihren jedoch vor Augen, dass sich Regeln und Prinzipien ganz offensichtlich nicht danach unterscheiden, ob ihre Ausnahmetatbest~.nde vollz~ihlig aufgeffihrt werden k6nnen oder nicht. Da sich per definitionem die Ausnahmen yon Prinzipien selbst theoretisch nicht vollst~indig ermitteln lassen, sind auch ihre Anwendungsf'alle nicht aufz~ihlbar. Da diese Anwendungsf'fille jedoch die Ausnahmetatbest~inde einer Regel ausmachen k6nnen, kann es folglich vorkommen, dass sich ebenso die Ausnahmen yon Regeln nicht vollst~indig aufffihren lassen 524. Dieser Widerspruch l~isst sich auch nicht dadurch beseitigen, dass die G~ltigkeit yon Regeln nicht an bestimmte Prinzipien gebunden wird, sondern die konditionalen Voraussetzungen der Regelgfiltigkeit durch betont allgemeine Klauseln beschrieben werden 525. So k6nnte die Situationsbeschreibung vorsehen, dass die Regel nur dann angewendet werden soll, wenn nicht irgendein Prinzip etwas anderes gebietet 526. In einem solchen Fall w~iren die Ausnahmeklauseln der Regel zwar vollst~a'adig anzugeben, da die Gfiltigkeit der Regel fortbesteht, sofem sie nicht durch die konkret benannten Ausnahmeklauseln oder irgendein Prinzip aufgehoben wird. Mit einer solchen Angabe wird allerdings erneut der Unterschied zwischen Regeln und
521 Vgl. auch Alexy (1985), S. 16 Herv. im Original: ,,DABes zur Gewinnung einer rationalen Entscheidung erforderlich sein kann, neue Ausnahmeklauseln zu statuieren, ergibt sich schon aus der begrenzten menschlichen Ffihigkeit,zukt~nftigeKonstellationenzu t~berblicken.". 522 Diese letzte Konsequenz wird von Stelzer (1991), S. 215, t~bersehen oder wenigstens unzureichend gew~rdigt, wenn er eine Ehrenrettung mr die These der grundsfitzlichen Aufzfihlbarkeit der Regelausnahmen versucht. 5z3 Dies schlieBt ein, dass die Regeln nicht schlichtweg als ungOltigangesehen werden, sofem ihre Formulierung t~berhaupt Prinzipien enthfilt, wie es im Ergebnis der Funktionsweise des reinen Regelsystems entsprechen w~rde. 5z4 Vgl. Alexy (1985), S. 16 f.; Alexy (1995), S. 190; Borowski (1998a), S. 66. 525 Alexy (1985), S. 18, spricht von ,,abstrakten", Alexy (1995), S. 191, von ,,allgemeinen Vorbehaitsklauseln" einer Regel. 526 Vgl. mit Blick auf Rechtsregeln Alexy (1995), S. 190, der darauf hinweist, dass ,,den bekannten Merkmalen des Vordersatzes einer Regel Klauseln wie ))und wenn nicht nach einem Prinzip etwas anderes rechtlich geboten ist~" hinzuge~gt werden kOnnen, sowie genauso Alexy (1985), S. 18; Borowski (1998a), S. 66.
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Prinzipien aufgegeben, da sich Prinzipien auf g~inzlich gleiche Weise formulieren lassen mtissten. Das Kriterium der vollst~indigen versus unvollst/andigen Aufz~ihlbarkeit der Ausnahmen ist zusammengefasst nicht geeignet, um einen Unterschied zwischen Regeln und Prinzipien zu begrOnden.
(b) Alles-oder-Nichts-Charakter von Regeln Ftir Regeln ist nach Dworkin charakteristisch, dass sie nur in der Weise des Alles-oderNichts anwendbar sind. Sie sind entweder ungtiltig, falls ihre Ausnahmetatbest~inde vorliegen 527, oder gtiltig und k6nnen dann nur entweder befolgt oder gebrochen werden. Prinzipien hingegen k6nnen nicht lediglich entweder angewendet oder tibertreten werden. Stattdessen bieten sie die M6glichkeit, mehr oder weniger weitreichend eingehalten zu werden, und sind folglich in der Weise eines ,Mehr-oder-Weniger' erf'tillbar 528. Sie besitzen daher im Unterschied zu Regeln das Merkmal der graduellen Erftillbarkeit. Prinzipien legen nicht einfach eine bestimmte Handlungsfolge lest, sondern enthalten vielmehr Grtinde, die ftir oder gegen eine Entscheidung sprechen bzw. in eine bestimmte Richtung weisen. Diese Eigenschafl gibt Prinzipien die Dimension des Gewichts bzw. der Bedeutung, die Regeln demgegentiber nicht aufweisen. Da und soweit sich die A n w e n d u n g von Regeln und Prinzipien derart unterscheiden soll, kann die These vertreten werden, dass sich diese Differenz an der Normstruktur festmachen l~isst. Bei den einzelnen Elementen einer N o r m bzw. ihres Kerns 529 ist damit der Sache nach in erster Linie die Handlungskomponente angesprochen und nicht etwa die Situationskomponente, die tiber die Anwendungsvoraussetzungen Auskunft gibt und deshalb durch das zuvor betrachtete Kriterium der Aufz~ihlbarkeit der A u s n a h m e n erfasst wird. Damit Regeln nur entweder erftillt oder gebrochen werden k/3nnen, muss ihre Handlungskomponente definitive Gebote enthalten 53~ Eine Regel muss demgem~i6 eindeutig vorschreiben, was ftir eine Hand-
527 Diese Feststellung ist nicht dahingehend zu verstehen, dass Regeln ~r die Beurteilung eines bestimmten Sachverhaits vOllig irrelevant sind, sofern ihre Anwendungsvoraussetzungen nicht erfiillt sind, da sie dennoch in Analogie-Argumenten zur Sttitzung einer bestimmten Handlungsweise verwendet werden k0nnen. Vgl. die entsprechende Kritik von MacCormick (1978), S. 155: ,,The whole point of argument by analogy in law is that a rule can contribute to a decision on facts to which it is not directly applicable", weshalb die Formulierung yon Dworkin (1990), S. 58 Herv. T. T., zumindest missverst~indlich ist, dass eine Regel ,,nichts zur Entscheidung" beitrage, wenn ihre Anwendungsbedingungen nicht er~ilt sind [siehe zu (den Grenzen) der Zul~issigkeit von Analogie-Schltissen auch Kelsen (1979), S. 217 f., sowie zu ihrem logischen Folgerungsschema Peczenik (1989), S. 393]. Bei Analogie-Argumenten, deren Geltungsanspruch nicht lediglich intuitiv, sondern begrtindet sein soil, handelt es sich jedoch um Prinzipienargumente, die eine Entscheidung in eine bestimmte Richtung lenken [vgl. Sieckmann (1990), S. 56 Fn. 27]. 528 Siehe dazu n~iher den unmittelbar anschlie6enden Abschnitt (c), S. 305 ft. der vorliegenden Arbeit. 529 Siehe zur Eingrenzung der relevanten Unterscheidungsmerkmale der Normstruktur nochmals oben, S. 265 ft. und insb. S. 273 ff. der vorliegenden Arbeit. 530 In Obereinstimmung mit Alexy (1994), S. 76 Fn. 23; Alexy (1995), S. 238, wird der Gebotsbegriff an dieser Stelle in einem weiten Sinne gebraucht, sodass er als deontische Grundmodalit~it steht und Verbote und Er-
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lung(sweise) der Normadressat ergreifen soil, sofem die Anwendungsvoraussetzungen der Norm gegeben sind TM. Die in der Dann-Komponente der Norm enthaltene Beschreibung der Handlungsweise h ist mit anderen Worten so ausgestaltet, dass auf dieser Grundlage f'tir eine konkrete Handlung x 532 nur entschieden werden kann (oder zumindest: werden s011533), ob sie mit den beschriebenen Anforderungen tibereinstimmt oder nicht. Eine Menge konkreter Handlungen xi l~isst sich dementsprechend lediglich in zwei disjunkte Gruppen einteilen und nicht zudem danach ordnen, inwieweit der vorgegebenen Handlungsweise mehr oder weniger stark entsprochen wird. Regeln fehlt daher ein komparativer Bewertungsmal3stab 534. Ein Beispiel ftir eine Regel stellt die Kodexnorm dar, im Ausland mindestens die gleichen Arbeitsschutzstandards anzuwenden, die im Domizilstaat verbindlich sind. Eine solche Regel kann wie ausnahmslos jede Norm Auslegungsschwierigkeiten mit sich bringen, da beispielsweise unklar ist, ob unter den im Heimatland verbindlichen Standards nur die Mal3nahmen, die durch das Gesetz auferlegt sind, oder auch freiwillige Selbstbindungen des Unternehmens zu verstehen sind. Sofern die Tatbest~inde der Norm jedoch vorliegen (das heil3t: eine Produktionsst~itte auBerhalb der eigenen Landesgrenzen betrieben wird) und Interpretationsspielraume gekl~irt sind (da nur rechtlich vorgeschriebene Standards als verbindlich anzusehen sind), so erlaubt die Normierung der Regel lediglich zu unterscheiden, ob der Regel Folge geleistet wird oder nicht. Dieser Alles-oder-Nichts-Charakter der Regel kann insofern anhand der Handlungskomponente der Norm abgelesen werden. Diese Eigenschaft ist freilich nicht damit zu verwechseln, dass die durch Regeln gebotenen Handlungen regelm~iBig ein H6chstmaB an Strukturierung aufweisen 535. Es mag zwar durchaus h~iufiger vorkommen, dass Regeln weitgehend strukturierte Handlungen normieren 536. Allerdings ist es keineswegs zwangslaufig so, dass Regeln den Normadressaten keinerlei HandlungsspieMiume belassen. In dieser sehr bedeutsamen Hinsicht unterscheidet sich die hier vertretene Terminologie von den eingefiahrten und teilweise kritisierten Begrifflichkeiten insoweit, als mit Regeln nicht definitiv eine ganz bestimm-
laubnisse subordiniert (siehe zum Begriff der deontischen Grundmodalitfit auch nochmals oben, insb. S. 270 der vorliegenden Arbeit). 531 Siehe zum Begriff des definitiven Gebots Alexy (2002), S. 119 f.: ,,Regeln sind Normen, die bei Erfallung des Tatbestandes eine definitive Rechtsfolge anordnen, also bei Erfallung bestimmter Voraussetzungen definitiv etwas gebieten, verbieten oder erlauben oder definitiv zu etwas ermfichtigen.". 532 Das Symbol steht far eine Individuenvariableoder einen Merkmalstr~iger. 533 Diese Einschr~nkung ist dann notwendig, wenn die Strukturmerkmale nicht ausreichen, um Regeln mit hinreichender Genauigkeit identifizieren zu kOnnen. In einem solchen Falle sollen sich Regeln dennoch durch die genannte Eigenschaft ihrer Handlungsbeschreibungauszeichnen. 534 Siehe Sieckmann (1990), S. 72. 535 Siehe zum Strukturierungsgrad von Handlungen nochmals oben, S. 277 ff. der vorliegenden Arbeit. 536 Zur st~rkeren Strukturierung, das heil3t zur Einschr~nkung des Handlungsspielraums der Adressaten, kOnnte die exemplarisch gewfihlte Regel dahingehend verandert werden, dass im Ausland nur die und genau die gleichen Arbeitsschutzstandards angewendetwerden sollen, die im Domizilstaat verbindlich sind.
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te Entscheidung determiniert wird, wie es der eindeutigen Rechtsfolge bei Dworkin entsprechen w~rde 537. Vielmehr wird die gebotene Handlung nur, aber auch immerhin anhand eines oder einiger Merkmale definiert. Diese Festlegung kann im Einzelfall betr/achtliche Variationsm6glichkeiten zulassen, soweit die Menge der zur Auswahl stehenden Handlungen, die tiber die Definitionsmerkmale verfogen, (noch) entsprechend groB ist. Den Regeladressaten k6nnen daher durchaus konkret eine Reihe ganz unterschiedlicher Handlungen offen stehen, mit denen sich die Regelbefolgung realisieren l~isst und tiber deren Selektion sie entscheiden dtirfen. Zieht man das genannte Beispiel noch einmal zur Veranschaulichung heran, so w~ire es mit der Regel zweifelsfrei vereinbar, den im Ausland Besch/fftigten h~iufigere Arbeitspausen zu gewahren oder sie geringeren Larmbelastungen auszusetzen, als es im Domizilstaat gesetzlich vorgeschrieben ist. Ob und inwieweit von diesen zul/assigen WahlmOglichkeiten Gebrauch gemacht wird, ist jedoch g~inzlich unbedeutsam f'or die Beurteilung der Regelbefolgung, da Regeln nur entweder eingehalten oder tibertreten werden kOnnen. In einer konkreten Entscheidungssituation sind Regeln somit auch in Hinblick auf die Dimension ihrer Befolgung ausschlieBlich bin/ar codiert 538. Dies ist femerhin gleichbedeutet damit, dass sich eine Regel nicht lediglich zum Teil erfollen lfisst 539. Fiir die Regelbefolgung durch ein deutsches Unternehmen macht es keinen Unterschied, wenn in einem ausl~indischen Werk der Betriebssicherheit zwar zumindest insoweit gedient ist, als fOr einen ausreichenden Luftraum und Luftwechsel sowie fOr die Entfemung der beim Betrieb entstehenden Abfallstoffe gesorgt ist, die Lichtverh~iltnisse im Betrieb jedoch ungentigend sind. In einem solchen Fall h~itte ein deutsches Untemehmen die Regel gebrochen, da die hierzulande gtiltigen Arbeitsschutzstandards nicht (komplett) eingehalten sind 54~ Die Praxis stimmt mit einigen, nicht aber mit allen Merkmalen i~berein, die durch die Regel verlangt werden. Die so gesehen nur unvollst~indige Erfollung einer Regel ist ganz ge-
537 Siehe dazu auch Alexy (1994), S. 76; Alexy (2000), S. 32: ,,Wenn eine Regel gilt, dann ist es geboten, genau das zu tun, was sie verlangt, nicht mehr und nicht weniger.". 538 Vgl. Peczenik (1989), S. 81: ,,Unlike a principle, the rule in question may be obeyed or not. There are no degrees of obedience.", sowie Peczenik (1983), S. 14 im Original z. T. kursiv: ,,Eine Regel kann entweder erfiallt oder verletzt werden, tertium non datur.". 539 Entgegen Stelzer (1991), S. 214, der dessen ungeachtet dem Unterscheidungskriterium prinzipielle Brauchbarkeit bescheinigt. Es mag zwar teilbare Leistungen geben. Sofem eine Regel jedoch die Erbringung einer soichen Leistung fordert, ist mit einer Teilleistung diese Regel keineswegs - wie imUmlich unterstellt - teilweise, sondem gar nicht er~llt, wie sogleich deutlich werden wird. 54o Siehe auch Neumann (2000), S. 118: ,,Ist es geboten, 1.000 DM zu zahlen, so kommt die Zahlung yon 900 DM dem gebotenen Sachverhalt zwar in einem naturalistischen Sinne n~iher als die Zahlung yon 1 DM; nicht aber ist die Norm in einem h6heren MaBe erfiallt.".
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nerell als Regelverletzung zu erachten TM, da sich Regeln eben nicht mehr oder weniger, sondern nur ganz oder gar nicht erf't~llen lassen sollen 542. Diese Beschr~inkung der Befolgungsdimension auf eine bin~ire Codierung ist keineswegs willkiJrlich gesetzt. Ihre Begrfindung folgt aus der Tatsache, dass Regeln keinen komparativen BewertungsmaBstab besitzen. Aus diesem Grunde ist es verwehrt zu entscheiden, ob die Regel weniger weitgehend erfiJllt ist, wenn beispielsweise entweder die Licht- oder aber die Luftverhfiltnisse im Betrieb unzureichend sind. Dass beide Tatbest~inde nicht regelkonform sind, ist die einzige Bewertung, die sich auf der Grundlage der Regel vornehmen l~isst. Sofern eine Differenzierung in einzelne Teilhandlungen, die zur Realisierung der Regelvorgabe notwendig sind, vorteilhaft erscheint, kann dies auf unproblematische Weise durch eine Aufspaltung der Regel erreicht werden, indem beispielsweise gesondert vorgegeben wird, dass in ausl~indischen Betrieben mindestens die gleichen Arbeitsschutzstandards in Hinblick auf (1) die Beleuchtung, (2) die Belfiftung, (3) die Reinhaltung etc. der Arbeitsr~iume gelten sollen, die im Domizilstaat verbindlich sind. Diese Aufspaltung in mehrere Einzelregelungen ist erneut keinesfalls damit gleichzusetzen, dass der Handlungsspielraum der Normadressaten dadurch vollst~indig strukturiert wird. So verbleibt es in dem Beispiel im Ermessen der adressierten Akteure, auf welchem Wege eine ausreichende Beleuchtung, Beltiftung bzw. Abfallentsorgung in der Arbeitsstfitte sichergestellt wird. Durch eine entsprechende Fassung des Regelbegriffs eriJbrigen sich auch die Einwendungen, dass eine Regel sehr wohl mehr oder weniger erfiJllt werden und demnach ebenfalls tiber das Merkmal der graduellen ErfiJllbarkeit verfiJgen k6nne, da eine Regel entweder ausnahmslos (an samtlichen auslfindischen Standorten des Unternehmens), manchmal wie beispielsweise bei immerhin acht yon zehn Anwendungsf'fillen (bzw. Werken im Ausland) oder fiberhaupt nicht (das heiBt for das Beispiel: in keiner ausl~indischen Produktionsst/fitte) befolgt werden kann 543. Ein derart gekennzeichnetes Merkmal der graduellen ErfiJllbarkeit ist kein strukturelles, sondem es wird abweichend auf die H~,ufigkeit der Normbefolgung bezogen. Eine solche Kritik widerlegt folglich nicht, dass Regeln tiber den Charakter des Alles-oder-Nichts verft~gen. Sie fiJhrt vielmehr vor Augen, dass Regeln, die sich demgem~iB lediglich ganz oder gar nicht befolgen lassen, dennoch nicht nur immer oder hie, sondern durchaus ebenso gelegent-
541 Vgl. auch Sieckmann (1990), S. 72, der jedoch zu abweichenden Schlussfolgerungen gelangt. 542 Siehe dazu auch Peczenik (1989), S. 75 f. im Original z. T. unterstrichen: ,,If one is in a situation regulated by a rule, one has only two possibilities, to obey the rule in question or not. The rule thus establishes a borderline precise or vague - between the obligatory and not obligatory, the forbidden and permitted etc. If an action or a state of affairs is on the right side of the borderline, the norm is obeyed, no matter how close to the limit it is.... A rule qualifies a human action as conforming to or violating the rule. An important property of this mode of qualification is its binary, either-or, 0-or-1 character.". -
543 Siehe die Kritik von Enderlein (1992), S. 88: ,,Was das Merkmal der graduellen Er~llbarkeit anbelangt, so ist es wenig aussagekr~ftig. Auch das von Alexy [Alexy (1994), S. 76 Fn. 25, T. T.] als Regel angeftihrte Gebot, links zu iiberholen, kann jemand in mehr oder minder hohem MaBe erNllen. Wer beispielsweise bei allen seinen Fahrten links tiberholt, erNllt das Gebot in hOherem Maf3e als derjenige, der sich nur bei einigen seiner Fahrten an die Norm hfilt.".
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lich befolgt werden k6nnen 544. Damit verdeutlicht dieser Einwand, dass die Wirksamkeit einer Regel zweckm/iBigerweise abzustufen ist, da es zweifelsfrei einen Unterschied macht, wie off die Regel eingehalten wird. Eine diesbeztigliche Abstufung ist keineswegs st6rend, sondem im Gegenteil sogar wtinschenswert, da es wenig Sinn machen wtirde, wenn bereits ganz vereinzelte Akte einer Regelbeachtung oder -brechung das Urteil tiber ihre untemehmensweite Geltung determinierten. Die b i n g e Codierung von Regeln darf folglich nicht etwa auf die Einsch~itzung ihrer aggregierten Effektivit~it ausgedehnt werden, sondem betriffl die Dimension der Befolgung ftir den einzelnen Anwendungsfall. In einer konkreten Entscheidungssituation kann eine Regel dementsprechend nur jeweils entweder eingehalten oder tibertreten werden.
(c) Mehr-oder-Weniger-Charakter von Prinzipien Dass die Unterscheidung zwischen dem Alles-oder-Nichts-Charakter von Regeln und dem Mehr-oder-Weniger-Charakter von Prinzipien bedeutsam und aussagekraftig ist, l~isst sich im Kontrast zu Prinzipien naturgemaB besonders anschaulich darlegen. Prinzipien sind eingef'tihrt worden als Normen, die graduell, das heigt: mehr oder weniger erftillbar sind. Sie legen nicht eine bestimmte Handlung bzw. bestimmte Handlungsmerkmale definitiv fest, sondern sie lenken das Urteil tiber die Angemessenheit einer Handlung in eine bestimmte Richtung. Prinzipien verftigen aus diesem Grunde tiber die Dimension des Gewichts oder der Bedeutung 545. Die Dimension des Gewichts erkl~irt zum einen, dass Prinzipien abw~igungsflihig sind, aber auch abw~igungsbedtirftig, um zu einem konkreten Urteil tiber die Vorzugswtirdigkeit einer Handlung zu gelangen. Zum anderen ist auf die Dimension des Gewichts zurtickzuftihren, dass Prinzipienkollisionen mit grunds~itzlich anderen Implikationen einhergehen, als es bei Regelkonflikten der Fall ist 546. Alexy hat die graduelle Erftillbarkeit von Prinzipien strukturell dadurch zu pr~izisieren ver-
sucht, dass Prinzipien im Gegensatz zu Regeln nicht definitive Gebote, sondem Optimie-
544 Siehe auch die Replik von Koch (1996), S. 18: ,,Wer gelegentlich nicht links, sondem rechts tiberholt, erfiillt das >>Oberhole links~-Gebot nicht in geringerem MaBe als ein sehr rechtstreuer Autofahrer, sondem er verstOBtgelegentlich gegen das nicht graduierbare Gebot.". 545 Vgl. nochmais Dworkin (1990), S. 61 f. Regeln besitzen zwar nicht die Dimension der Gewichts. Dennoch kann die Frage nach dem Gewicht einer Regel durchaus sinnvoll sein, sofern sie sich nicht auf die gradueile Erfiillbarkeit, die fiir Regeln - wie zuvor gezeigt - ausgeschlossen ist, sondem auf die St~irkeder Begrtindung der Regel bezieht. Da Regeln durch Prinzipien gesttitzt werden k6nnen [vgl. Dworkin (1990), S. 62], entspricht das Gewicht der Regel dem Gewicht, das den sie stiitzenden Prinzipien unter den Anwendungsbedingungen zukommt, die durch die Tatbestandsvoraussetzungen der Regel beschrieben sind [vgl. Borowski (1998a), S. 65 Fn. 40]. Dies stellt eine M6glichkeit dar, wie im Falle yon Regelkonflikten entschieden werden kann, welche der konfligierenden Regeln ungtiltig sein soil (siehe nochmals oben, S. 286 Fn. 450 sowie eingehender zum unterschiedlichen Kollisionsverhalten yon Regeln und Prinzipien sogleich, S. 324 ft. der vorliegenden Arbeit). 546 Siehe dazu sogleich, S. 324 If. der vorliegenden Arbeit.
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rungsgebote enthalten sollen 547. Definitive Gebote machen Festsetzungen im Raum des normativ und faktisch M6glichen. Dieser definitive Festsetzungsgehalt fehle Prinzipien. Als Optimierungsgebote gebieten sie, dass etwas in einem relativ auf die normativen und faktischen MOglichkeiten m6glichst hohen MaBe realisiert werde 548. Damit enthalten Prinzipien einen komparativen BewertungsmaBstab 549, da sich auf der Grundlage des Prinzips Handlungsweisen, die das gebotene Etwas in hOherem MaBe verwirklichen, als vorzugswOrdig gegeni.iber anderen auszeichnen lassen, die das Gebotene in einem vergleichsweise geringeren Umfang herbeif~ihren. Das gebotene MaB der Erfiallung von Prinzipien h~ingt nicht nur von den tats~ichlichen M6glichkeiten ab, sondern auch yon den normativen. Der Bereich der normativen M6glichkeiten wird durch andere N o r m e n abgesteckt 55~ Er bestimmt sich konkret durch gegenl~iufige Regeln und Prinzipien TM. Inwieweit ein Prinzip erf~illt werden soil, l~isst sich daher in einer gegebenen Anwendungssituation nur unter Einbeziehung weiterer Normen, also g~ltiger Regeln und unter Umst~inden gegenl~iufiger Prinzipien, beurteilen. Daraus folgt, dass Prinzipien abw~igungsf~ihig und -bed~irftig sind 552. Die Tatsache, dass P r i n z i p i e n - im Unterschied zu den definitiven Geboten von R e g e l n noch nicht a u f die tats~ichlichen und normativen MOglichkeiten relativiert worden sind, begriJndet im 15brigen, warum Prinzipien gemeinhin genereller als Regeln sind 553. Das Kriterium der Generalit~it hat daher durchaus ein ,relatives Recht '554. Es wird und muss jedoch nicht als
547 ggl. nochmals Alexy (1985), S. 19 f.; Alexy (1990), S. 21; Alexy (1994), S. 75 f.; Alexy (1995), S. 203,216, 238, 268; Alexy (2000), S. 32; Alexy (2002), S. 120. Siehe auch Wellman (1985), S. 71; Penski (1989), S. 106, 109 f.; Aarnio (1990), S. 180; Koch (1990), S. 154; Sieckmann (1990), S. 62; Dreier (1991), S. 83, 104; Stelzer (1991), S. 214, 231; Enderlein (1992), S. 87; Ott (1992), S. 181 f.; van Niekerk (1994), S. 162 Fn. 6; Sieckmann (1994a), S. 207; Sieckmann (1994b), S. 169; Dorndorf(1995), S. 139; Koch (1996), S. 17; Jansen (1997b), S. 158; Borowski (1998a), S. 67; Borowski (1998b), S. 326 f.; Stiick (1998), S. 409; Zoglauer (1998), S. 140 f. 548 Vgl. Alexy (1990), S. 21; Alexy (1994), S. 75; Alexy (1995), S. 216, 238, 268; Alexy (2000), S. 32, 35; Alexy (2002), S. 120. 549 Vgl. Sieckmann (1990), S. 72. 55o Nachrichtlich sei ergfinzt, dass die Untersuchungen von Alexy primar rechtstheoretischer Natur sind und daher in erster Linie auf die Unterscheidung von Rechtsprinzipien und Rechtsregeln abzielen, weshalb er von den rechtlichen und nicht generell(er) normativen M6glichkeiten spricht. Ftir die Zwecke der vorliegenden Untersuchung ist es notwendig und problemlos m6glich, diese Eingrenzung aufzuheben und den MOglichkeitsraum auf weitere Normen (insbesondere des Kodex oder verschiedener gesellschaftlicher Moralen) auszudehnen [siehe hierzu z. B. auch die Terminologie bei Wellman (1985), S. 71, oder G~inther (1988), S. 273]. 551 Vgl. Alexy (1985), S. 20; Alexy (1994), S. 76. 552 Vgl. Alexy (1990), S. 21; Alexy (1995), S. 216; Sieckmann (1995), S. 45; Jansen (1997a), S. 27; Alexy (2002), S. 120, sowie nfiher zur Anwendung yon Prinzipien sogleich, S. 317 ft. der vorliegenden Arbeit. 553 Vgl. z. B. Alexy (1985), S. 21; Alexy (1994), S. 92; Alexy (1995), S. 205, und in diesem Sinne t~bereinstimmend Habermas (1998), S. 254 f.: ,,Regeln sind konkrete, bereits anwendungsspezifisch bestimmte Normen, wie etwa Formvorschriften ~r die Abfassung von Testamenten, wfihrend Prinzipien allgemeine und stets interpretationsbedt~rftige Rechtsgrundsatze (wie Menschenw~rde, Gleichbehandlung usw.) darstellen.". 554 Alexy (1994), S. 92. Siehe auch noch Alexy (1991), S. 299 Fn. 81: ,,Unter ))Prinzipien~ sollen hier normative Aussagen hoher Generalitfitsstufe wie ))Die Menschenwtirde soll geachtet werden~, ))Gleiche Sachverhalte
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Abgrenzungsmerkmal herangezogen werden, da das qualitative Unterscheidungsmodell reichhaltiger ist und diese verbreitete Alltagserfahrung nicht nur einbeziehen, sondern dartiber hinaus auch strukturell erkl/~ren kann. Die vorgenommene Charakterisierung zeichnet sich zun/achst durch ihre Anschaulichkeit aus 555. Bei einer genaueren Betrachtung der verwendeten Begrifflichkeit stellt sich die Definition von Prinzipien als Optimierungsgebote allerdings als nicht ausreichend tragfahig heraus 556. Der zentrale Einwand, der sich einfach nachvollziehen 1/asst und gentigt, um ein solches Unterscheidungsmodell zu widerlegen, kntipft an der Aufforderung zur Optimierung an, die mit Optimierungsgeboten ausgedriackt wird. Im Kern besagt dieser Einwand, dass sich Optimierungsgebote nur entweder erftillen oder verletzen und k e i n e s w e g s - wie b e h a u p t e t graduell befolgen lassen. Es ist daher nicht m6glich, Prinzipien von Regeln abzugrenzen, sofern erstere als Optimierungsgebote definiert werden und dennoch den Charakter des Mehroder-Weniger aufweisen sollen 557. Diese Kritik sei im Weiteren etwas ausF-tihrlicher nachgezeichnet, da sich auf diesem Wege weitere Eigenschaften von Regeln und Prinzipien erschlieBen lassen. Optimierungsgebote sind Normen, die gebieten, dass etwas optimiert werden soil. Optimieren lassen sich lediglich die Auspr/~gungen von Zielen oder Zust/anden bzw. Handlungen mit Blick auf ihre Konsequenzen. Prinzipien geben danach keine konkreten Handlungen vor, sondern haben Ziele oder Zust/~nde zum Gegenstand, die es in m6glichst weitem Umfang zu realisieren gilt. Dies ist unbedenklich, da sich Handlungsgebote durch anzustrebende Ziele und Zust/ande kennzeichnen lassen (zielbestimmte Normen) 558. Wenngleich Prinzipien somit keine konkreten Transformationsregeln vorgeben k6nnen 559, so spricht dennoch nichts dagegen, dass die gebotenen Handlungen lediglich anhand ihrer Zielkomponente eingegrenzt werden 56~
sollen gleich behandelt werden<< und }}Jeder soil fflr Unzulfinglichkeiten im eigenen Gesch~iftskreis einstehen<< verstanden werden.". 555 Vgl. Borowski (1998a), S. 80 Herv. im Original: ,,Ein weiterer, nicht zu untersch/itzender Vorteil der Prinzipientheorie Alexys besteht darin, dab sie trotz ihres hohen MaBes an normtheoretischer Prtizision intuitiv ausgesprochen plausibel ist.". 556 Vgl. insbesondere die detaillierte Kritik yon Sieckmann (1990), S. 63-67, sowie weiterhin Aarnio (1990), S. 187 f.; Sieckmann (1994a), S. 205,207-211; AtienzofRuiz Manero (1998), S. 11 f.; Borowski (1998a), S. 76 f.; Borowski (1998b), S. 326 f. 557 Siehe auch Aarnio (1990), S. 187 im Original z. T. kursiv: ,,An [optimization, T. T.] obligation ... is rulelike: either it is or it is not followed. Thus, the optimization obligation is also a rule that cannot be applied }}more or less<<.Either one does or one does not optimize.". 55s Siehe nochmals oben, S. 278 der vorliegenden Arbeit. 559 Insofern ist Penski (1989), S. 108, zuzustimmen, dass Prinzipien kein artbestimmtes Verhalten gebieten kOnnen. Gleichwohl ist zu beachten, dass die Formulierung von Prinzipien dies nicht ganz unmittelbar ersichtlich machen muss, wie es die auf S. 306 in Fn. 554 zitierten Beispiele illustrieren. 56o Siehe zur Zulfissigkeit yon Zielsetzungen als Gegenstand yon Normen z. B. Kambartel (1984b), S. 1030 Herv. im Original: ,,Dabei heil3en >Zielsetzungen< Aufforderungen, auf das Eintreten oder Weiterbestehen einer bestimmten Situation s handelnd hinzuarbeiten".
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Damit ist keineswegs eine Abgrenzung zu Regeln aufgetan 561, da Regeln insoweit genauso anzustrebende Zust~inde normieren k(Snnen 562. Im Unterschied zu Prinzipien sind diese anzustrebenden Zust~Lnde im Falle von Regeln jedoch nicht erst nach Einbeziehung der faktischen und normativen M/Sglichkeiten zu konkretisieren, sondem bereits durch die N o r m selbst deftnitiv vorgegeben. Sofern Prinzipien gebieten, dass ein bestimmtes Ziel (zum Beispiel die Realisierung der hOchsten Arbeitsschutzstandards) weitestm~glich erreicht werden soll, stellt sich die Frage, warum es sich bei Prinzipien dann um Optimierungs- und nicht vielmehr um Maximierungsgebote handeln sol1563. Maximierungsgeboten f e h l t - im Unterschied zu einem Optimierungsgebot - die Relativierung auf die normativen MOglichkeiten. Optimierungsprobleme treten daher erst und immer dann auf, wenn mehrere und konkurrierende Zielsetzungen zu beriJcksichtigen sind. Da dies in Entscheidungssituationen der Praxis regelm/al3ig der Fall ist, sind Prinzipien als Optimierungsgebote sinnvollerweise so zu verstehen, dass bei der Verwirklichung der durch das Prinzip vorgegebenen Zielsetzung weitere Zust~inde und Ziele einzubeziehen sind. Diese Interpretation wird yon A l e x y auch insofern nahegelegt, als die Umsetzung yon Prinzipien auf die normativen M6glichkeiten zu relativieren ist, was bedeutet, dass es weitere N o r m e n und das heil3t konkurrierende Regeln und Prinzipien zu beachten gilt. Diese Erl~iuterungen sind zwar insgesamt zutreffend. Gleichzeitig ftihren sie jedoch dazu hin, dass sich Prinzipien nicht yon Regeln unterscheiden lassen, sofern Prinzipien als Optimierungsgebote definiert werden, da Optimierungsaufgaben keineswegs graduell, sondern lediglich ganz oder gar nicht erftillt werden kOnnen. Die Befolgungsdimension yon Optimierungsgeboten i s t - in vOlliger lJbereinstimmung mit R e g e l n - bin/ar codiert. Dem Akteur stehen in einer konkreten Entscheidungssituation in Hinblick auf die Normerftillung wiederum nur zwei Optionen often, da er entweder die optimale Handlungsweise ausw~ihlt und damit
561 Im Gegensatz zu der Differenzierung von Kambartel (1984b), S. 1030, der Normen danach unterscheidet, ob sie Handlungsanweisungen oder Zielsetzungen vorgeben, oder yon Wright (1979), S. 116 Herv. im Original, der unterscheidet ,,zwischen Normen, bei denen es darum geht, was sein sollte, darf oder nicht darf, und Normen, bei denen es darum geht, was getan werden soilte, darf oder nicht darf.". Anders auch in Hinblick auf die Abgrenzung von Prinzipien (bzw. Grundsfitzen) und Regeln Penski (1989), S. 107 im Original z. T. kursiv, der die Unterscheidung danach trifft, ,,ob eine Norm die Verwirklichung eines Zieles bzw. die Erfiallung einer Aufgabe fordert oder ein bestimmtes Verhalten .... Als Rechtsgrundsfitze wfiren demnach Normen anzusehen, die nur allgemein die Verwirklichung eines Zieles fordern, ohne dab sie genauer bestimmen, durch welches Verhalten das geschehen soil". 562 Die zuvor eingefi~hrte exemplarische Regel ist hierfiar ein Beispiel, da ein bestimmter Zustand vorgegeben wird (die Einhaltung bestimmter Standards des Arbeitsschutzes) und keineswegs die einzelnen Handlungen determiniert sind, die durchget~hrt werden sollen, um die festgelegte Zielsetzung zu erreichen. Siehe Ubereinstimmend Atienza/Ruiz Manero (1998), S. 7 Herv. im Original: ,,to see the consequent (the solution) of norms in terms of a normative qualification o f a certain behaviour is adequate only for the most common type of legal rules, which we propose to call action rules. Besides such rules, legal systems also contain rules which deontically qualify the attainment of some state of affairs, rather than a behaviour. We propose to call mandatory rules of this last kind end rules.". 563 Siehe zum Begriff des Maximierungsgebots auch Sieckmann (1990), S. 66, ferner Jansen (1997a), S. 34; Jansen (1997b), S. 158.
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das O p t i m i e r u n g s g e b o t befolgt oder aber das O p t i m i e r u n g s g e b o t nicht erfiillt, s o w e i t die realisierte H a n d l u n g s w e i s e eine nur s u b o p t i m a l e L 6 s u n g darstellt 564. D a O p t i m i e r u n g e n generell tiber diese E i g e n s c h a f t verfiigen, schieBt die K e n n z e i c h n u n g v o n Prinzipien als O p t i m i e r u n g s g e b o t e begrifflich fiber das Ziel h i n a u s 565. D e n n o c h m a c h t diese T e r m i n o l o g i e deutlich, dass der G e g e n s t a n d p r i n z i p i e n a r t i g e r G e b o t e nicht im V o r h i n e i n definitiv festgesetzt ist 566. P r i n z i p i e n g e b i e t e n v i e l m e h r , als ideal b e s c h r i e b e n e Zust/inde 567
564 Vgl. auch Wellman (1985), S. 71: ,,If a principle really does require one to realize something to the highest possible extent relative to the legal and moral possibilities, then any action failing to do so violates the principle and must, logically, be so judged.". Beispielsweise handelt es sich bei der Norm, die h6chsten Arbeitsschutzstandards zu realisieren, soweit dies tats~ichlich und normativ mOglich ist, um ein Optimierungsgebot, das stets vollstandig (und nicht mehr oder weniger) zu erfilllen ist [siehe in diesem Sinne tlbereinstimmend Sieckmann (1990), S. 64; Borowski (1998a), S. 76]. 565 Dies verdeutlicht ebenfalls eine Replik auf die Kritik yon G~inther (1988), S. 270-272 (siehe dazu auch nochmals das wOrtliche Zitat oben auf S. 295 in Fn. 498 der vorliegenden Arbeit). Alex), (2000), S. 37, fiihrt aus: ,,Nun ist das Berticksichtigen [aller Umstande einer Situation, T. T.] abet etwas anderes als das Optimieren. Das zeigt sich schon daran, dab das Be~cksichtigen aller Umst~inde auch bei der Anwendung von Normen m0glich ist, die nur entweder er~llt oder nicht erfiillt werden kOnnen, wahrend das Optimieren voraussetzt, dab die Norm in unterschiedlichen Graden erfiillbar ist. Das Optimieren impliziert zwar das Beriicksichtigen aller Umst~lnde, das Beriicksichtigen aller Umstande aber nicht das Optimieren.". Dem ist insoweit zuzustimmen, als eine Kritik an der strukturellen Differenzierung yon Regeln und Prinzipien die behaupteten Strukturunterschiede zwischen entweder graduell oder strikt erfiillbaren Normen nicht ignorieren darf. In der Replik wird jedoch - der yon Gfinther gleichwohl nicht vorgebrachte Einwand - tlbersehen, dass das Optimieren - ebenso wie beispielsweise das Maximieren - zwar Vorgaben erfordert, die sich mehr oder weniger weitreichend erfiillen lassen. Sofem die Norm allerdings das Optimieren (oder auch das Maximieren) gebietet, wird die strikte Erfiillung verbindlich gemacht und damit die Abgrenzung zu Regeln aufgehoben. 566 In einer jtingeren Arbeit ist Alexy (2000), S. 38 f., dem genannten Vorwurf dadurch begegnet, indem er zwar eingesteht, dass Optimierungsgebote Regelcharakter haben, da und soweit sie wie Regeln strikt zu erfiillen sind. Eine Abgrenzung bleibt allerdings dennoch erhalten, wenn zwischen ,zu optimierenden Geboten' und ,Geboten zu optimieren' unterschieden wird [vgl. dazu auch Borowski (1998b), S. 327 Fn. 94]. Die Abw~igungsgegenstande yon Prinzipien sind die zu optimierenden Gebote, die als Gegenstand der Optimierung auf der Objektebene angesiedelt sind. Demgegentiber befinden sich die Gebote zu optimieren, das heiBt: die Optimierungsgebote i. e. S., auf einer Metaebene. Auf dieser Metaebene wird gesagt, dass die Gegenst~inde der Objektebene (also die zu optimierenden Gebote oder die Ideale yon Prinzipien) m6glichst weitgehend realisiert werden soilen. Mit dieser Ausdifferenzierung wird auf der Objektebene eine weitgehende Obereinstimmung mit der hier vertretenen Begrifflichkeit erreicht. Die Rede yon (strikten) Optimierungsgeboten auf der Metaebene wird im Weiteren dennoch nicht geteilt, da die Erfiillung einer auf diese Weise definierten Norm dann jeweils die erfolgreiche Bewfiltigung des korrespondierenden Optimierungsproblems erfordern wiirde. Eine Optimierung i. e. S. erscheint praktisch jedoch sehr oft illusorisch, weshalb zur Einsch~itzung der Verhaltenswirksamkeit prinzipienartiger Kodexnormen bzw. prinzipiengebundener Kodizes zweckmaBigerweise keine binare Codierung der Prinzipienbefolgung zugrunde liegen sollte. 567 Insoweit ~ihneln Prinzipien den IdeaI-Regeln bei yon Wright (1979), S. 29 im Original z. T. kursiv, ,,die unmittelbar zwar nicht Handlungen betreffen, dafiir aber Dinge, die sein sollten (dtlrfen bzw. nicht diirfen) .... Auf ldeal-Regeln beziehen wit uns zum Beispiel dann, wenn wit sagen, dab jemand hochherzig, wahrhaftig, gerecht, besonnen etc. sein sollte, ebenso wenn wit sagen, dab ein Soldat tapfer, ktihn und diszipliniert, ein Lehrer geduldig, konsequent und verst~indnisvoll, ein W~ichter achtsam, geistesgegenw~irtig und entschlossen sein sollte usw.". Da und soweit damit Ideale beschrieben sind, wird nicht ihre vollst~indige, wohl abet eine approximative bzw. m0glichst weitgehende Erftillung dieser Normen verlangt [vgl. auch Alexy (1995), S. 205, und zum approximativen Charakter yon Prinzipien Peczenik (1989), S. 74; Sieckmann (1994a), S. 207; Sieckmann (1994b), S. 182; fernerhin die Erl~iuterungen yon Dreier (1991 ), S. 105, wonach Prinzipien zu einer ,,approximativen Realisierung eines moralischen Ideals" verpflichten, sowie Enderlein (1992), S. 97, der (in seiner Terminologie: regulative) Prinzipien als Normen definiert, ,,die das Hinwirken auf ein Ideal gebieten, d. h. auf einen Vollkommenheitszustand, der nie vollst~indig erreichbar ist, an den es vielmehr immer nut eine mehr oder minder groBe Annfiherung geben kann."].
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relativ zu den faktischen und normativen MOglichkeiten m6glichst weitreichend zu realisieren 568. Diese Struktureigenschafl ist daran gebunden, dass in einer konkreten Entscheidungssituation abzuw~.gen ist, welches AusmaB der Prinzipienrealisierung unter BerOcksichtigung der vorliegenden deskriptiven und normativen Verhfiltnisse als geboten zu erachten ist. Durch die dargelegte Kennzeichnung ist eine qualitative Unterscheidung von Regeln und Prinzipien gesttitzt worden, die begriffiich ausreichend pr/~zise und vergleichsweise einfach ist. Dies darf den Blick nicht daftir verstellen, dass es praktisch fiul3erst schwierig sein kann, eine N o r m als Regel oder als Prinzip einzuordnen 569. Die Erschwernisse sind d a r a u f zurtickzuftihren, dass in den N o r m f a s s u n g e n unternehmensethischer Kodizes der Praxis die Differenzierung zwischen regel- und prinzipienartigen Geboten nicht hinreichende Beachtung finden muss. Da und soweit das Verst~.ndnis fur die Bedeutung dieser Unterscheidung k a u m verbreitet ist, kann nicht ausgeschlossen werden, dass N o r m e n in dieser Hinsicht missverstandlich gefasst sind. Daher ist bei der Auslegung einer N o r m regelmaBig zunfichst zu bestimmen, ob das Gebotene als strikte Festlegung durch eine Regel oder als zu approximierendes Ideal eines Prinzips zu verstehen ist. Diese Auslegungs- und daraus resultierenden A n w e n d u n g s s c h w i e r i g k e i t e n sind allerdings nicht lediglich ftir unternehmensethische Kodizes zu vermuten, sondern haben bereits ebenso die Klassifizierung von R e c h t s n o r m e n begleitet. Dworkin nennt als Beispiel den ersten Paragraphen des S h e r m a n Act, wonach jeder Vertrag, der den Handel einschr~nkt, ungtiltig sein sol157~ Beim ersten Hinsehen scheint diese Rechtsnorm regelartig zu sein, da sic eine eindeu-
568 Mitunter wird die Unterscheidung zwischen Regeln und Prinzipien auch so charakterisiert, dass erstere ein reales und letztere ein ideales Sollen ausdracken [siehe insb. Alexy (1995), S. 202-205, der auf die Beziehungen zu den Terminologien bei Moore (1979), S. 254 (Ideal als das absolute Gute, das Summum Bonum), Scheler (1966), S. 45 f. (idelaes Sollen des Sollseins versus imperativisches Sollen des Seinsollens), und von Wright (1979), S. 116 (Normen bzw. Ideale oder Ideal-Regeln, bei denen es darum geht, was sein sollte, versus Normen, bei denen es darum geht, was getan werden sollte), hinweist, sowie auBerdem Sieckmann (1990), insb. S. 67; Enderlein (1992), S. 87; Sieckmann (1994a), insb. S. 207; Sieckmann (1994b), insb. S. 164 f.; Dorndorf(1995), S. 138; Borowski (1998a), S. 83; Alexy (2000), S. 38 f.]. Diese Differenzierung zwischen realem und idealem Sollen wird im Weiteren nicht tibernommen, da sic in der Gefahr steht zu suggerieren, dass die Verbindlichkeit von Normen - ganz entgegen der obigen AusNhrungen, S. 267 ff. der vorliegenden Arbeit - graduierbar wfire [siehe zur leichten Missverstehbarkeit des Begriffs des idealen Sollens ebenfalls Alexy (1994), S. 120 Fn. 148, und in diesem Sinne auBerdem Buchwald (1990), S. 160: ,,Es entsteht der Eindruck, dab die Solleigenschaft dieser Normen graduiert, d.h. ein komparativer Begriff des Gebots eingeNhrt wird"]. Dass dies nicht der Fall ist, wird auch von Alexy (1995), S. 204 Fn. 94 Herv. im Original, bestfitigt, wenn er anmerkt, dass die Darstellung von idealem und realem Sollen mit den gleichen deontischen Operatoren erfolgen kann: ,,Ideale und reale Gebote der einfachsten Form kOnnen beide durch ))Op~ dargestellt werden. Ob im Hinblick auf Op yon einem idealen oder einem realen Sollen zu sprechen ist, h~ngt allein von p ab." (,,O" steht dabei Nr den Gebotsoperator, ,,p" Nr das, was geboten ist; siehe zu der verwendeten Notation auch nochmals oben, insb. S. 197 Fn. 30 der vorliegenden Arbeit). 569 Siehe auch Alexy (2000), S. 38, der einr~umt, ,,dab es Ffille gibt, in denen nicht einfach zu entscheiden ist, ob eine Norm als Regel oder als Prinzip behandelt werden soil. Dies ist eine Frage der Interpretation, und wie stets bei der Interpretation gibt es keine Kriterien, die in allen Ffillen eine einfache und klare Antwort erlauben.". 570 Vgl. Dworkin (1990), S. 63. WOrtlich lautet das Gesetz: ,,Every contract, combination in the form of trust or otherwise, or conspiracy, in restraint of trade or commerce among the several States, or with foreign nations, is declared to be illegal.".
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tige Rechtsfolge h festsetzt (und zwar die Ungtiltigkeit eines bestimmten Vertrags), die eintreten soll, wenn die Anwendungsvoraussetzungen s der Norm gegeben sind (das heigt: der Vertrag so ausgestaltet ist, dass er den Handel einschr:inkt). Eine genauere Exegese offenbart jedoch, dass letztlich fast jeder Vertrag den Handel auf irgendeine Art einschr~inkt und demgem~if5 seine Gtiltigkeit verlieren mtisste. So gesehen sollte die Norm sinnvollerweise als Prinzip fungieren, das einen Grund liefert, den Vertrag mr ungtiltig erkl~iren zu dtirfen, sofern dem keine gewichtigen Normen entgegenstehen. Die gebotene Folge w~ire demnach nicht mehr definitiv, sondern nur noch approximativ vorgegeben. Der Oberste Gerichtshof der USA schliefSlich entschied, dass es sich bei der genannten Rechtsnorm um eine Regel handele (bzw. handeln soil), die gleichwohl so zu behandeln sei, dass nicht samtliche, sondern lediglich unbegrtindete Einschr~inkungen des Handels die beschriebene Rechtsfolge nach sich ziehen 571. Da die Folgekomponente h wie im Falle der wGrtlichen Lesart eindeutig bestimmt, welches Schicksal einen Vertrag ereilen soil, der unter die Norm f~illt, ist der Gegenstand der Rechtsnorm nach dieser Festlegung nicht abw/igungsf~ihig. Die Situationskomponente s wurde jedoch durch die eingef'tihrte Begrtindungsabhangigkeit prinzipiell begrenzt. Da zu den Tatbestandsvoraussetzungen hinzugeftigt wurde, dass die Einschr~inkung des Handels durch einen bestimmten Vertrag der Rechtfertigung entbehren muss, sind zur Entscheidung tiber die Gtiltigkeit der Regel nunmehr Prinzipienabw~igungen erforderlich. Ein Vertrag, der den Handel beschrfinkt, wird daher erst dann durch die Regel erfasst, sofern sich keine tiberzeugenden Grfinde for diese Beschr/inkung finden lassen. Nach dieser h6chstrichterlichen Interpretation stellt die Norm eine Regel dar, da sic ein definitives Gebot beinhaltet. Zugleich werden der Regel insoweit Prinzipienelemente zugeschrieben, als die Feststellung ihrer Gtiltigkeit von Prinzipien abhfingt 572. Diese Prinzipienelemente lassen die Folgekomponente der Regel allerdings g~nzlich unberOhrt. Nachdem die Prtifung Ober das Vorliegen der Anwendungsvoraussetzungen abgeschlossen und die Gtiltigkeit der Regel festgestellt ist, greift der Alles-oder-Nichts-Charakter 573, der for Regeln und nur ftir Regeln kennzeichnend ist. Aus diesem Grunde sind die genannten Prinzipienelemente nicht in der Lage, die kategorielle Abgrenzung von Regeln und Prinzipien zu durchbrechen. Zweifelsfrei ist zuzugestehen (und kaum 0berraschend), dass Regeln Prinzipien ~hnlicher sind, wenn sie tiber prinzipiengebundene Anwendungs- oder Ausnahmeklauseln verfOgen 574. Diese )i,hnlichkeit reicht jedoch nicht so weit, dass die hier vertretene strenge Trennungsthese
571 Vgl. Dworkin (1990), S. 63. 572 Auf die Zulfissigkeit und Verbreitung yon Regeln, deren Anwendungsvoraussetzungenprinzipiengebunden sind, ist zuvor bereits hingewiesen worden (siehe insb. S. 300 der vorliegenden Arbeit). 573 Siehe dazu auch Gaffney (1996), S. 49 im Original z. T. unterstrichen: ,,the principles determine whether the rule has an all or nothing affect in these cases.". 574 So auch Koch (1996), S. 17 f.
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nicht aufrechtzuerhalten w~ire575. Sie macht eine eindeutige Kategorisierung von Regeln und Prinzipien weder unmOglich noch entbehrlich 576. Dass die M/Sglichkeit einer logischen Unterscheidung nicht dadurch ausgeschlossen wird, dass Regel(gt~ltigkeite)n prinzipienabh~hngig sein kOnnen, ist bereits anhand der dennoch verbleibenden Strukturdifferenzen zwischen deftnitiven und zu approximierenden Geboten nachgewiesen worden. Dass sich die Unterscheidung aul3erdem ihre Relevanz bewahrt, wenn Ahnlichkeiten der genannten Art bestehen, sollen die sich anschliel3enden anwendungs- und kollisionsbezogenen Abgrenzungen eingehender verdeutlichen.
(3) Formen der Anwendung (a) Subsumtion Die strukturellen Differenzen zwischen Regeln und Prinzipien ziehen Unterschiede bei der Anwendung und im Kollisionsverhalten der Normen nach sich. Diese logischen Unterschiede sind zuvor bereits insgesamt skizziert worden. Aufgrund ihrer Bedeutsamkeit sollen sie noch einmal in den Zusammenhang gestellt und etwas detaillierter diskutiert werden, da die im Weiteren zu untersuchende Verhaltenswirksamkeit einer Norm letztlich davon abh~ingt, wie sie ganz generell und beim Vorliegen von Konflikten behandelt wird. Es sind vor allem diese Anwendungsunterschiede, die abweichende Verhaltenswirkungen regel- oder prinzipienartiger Kodexnormen bzw. von regel- oder prinzipiengebundenen Kodizes erwarten lassen. In Hinblick auf ihre Anwendung lassen sich Regeln und Prinzipien dadurch unterscheiden, dass die kennzeichnende Form der Normanwendung im Falle von Regeln die Subsumtion und bei Prinzipien hingegen die Abw/agung darstellt. Dabei ist zu betonen, dass es sich nicht jeweils um die spezifische Form der Normbehandlung schlechthin handelt, sondem lediglich um die for die jeweilige Normart charakteristische Anwendung. Die Unterscheidung darf folglich nicht - wie im Weiteren sogleich deutlich werden wird - dahingehend missverstanden werden, dass die Anwendung von Prinzipien immer und in G~inze ohne Subsumtionen auskommt oder die Befolgung einer Regel niemals Abw~igungsbeztige aufweist. Die Subsumtion stellt die kennzeichnende Form der Regelanwendung dar 577. In einer praktischen Entscheidungssituation muss stets gepriift werden, dass d i e - in der Situationskomponente enthaltenen- Anwendungsbedingungen der Regel tats~ichlich vorliegen. Der Normad575 Entgegen der nicht naher begriandeten und die Ausdifferenzierung des Normkerns ignorierenden Behauptung von Koch (1996), S. 18, dass die Prinzipienabhfingigkeit von Regeln der strikten Trennungsthese widerspreche. 576 Das Festhalten an der strengen Trennungsthese ware trotz ihrer mOglichen Geltung dann entbehrlich, wenn die ihr zugrunde liegende Unterscheidung von Regeln und Prinzipien derart (kompliziert und ktinstlich) ausgestaltet ware, dass sie Dr die Typologisierung unternehmensethischer Kodizes und die Untersuchung ihrer Verhaltenswirksamkeit nicht natzlich sein kann. 577 Vgl. auch Sieckmann (1990), S. 18; Alexy (1995), S. 217; Dorndorf(1995), S. 138; Jansen (1997a), S. 29; Borowski (1998a), S. 121; Borowski (1998b), S. 309; Alexy (2002), S. 120.
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ressat hat sich zu vergewissem, ob die Merkmale der konkreten Situation der allgemeinen Situationsbeschreibung der Norm entsprechen, das heiBt in anderen Worten, ob die konkreten Situationsmerkmale unter die normierten Tatbestandsvoraussetzungen zu subsumieren sind. Aus diesem Grunde wird dieser Prtifungsvorgang Subsumtion genannt. Sind die Anwendungsbedingungen der Regel erftillt, so legt die ftir den konkreten Sachverhalt demnach gtiltige Regel definitiv fest, welche Handlungsweise geboten ist. Diese Anwendung l~isst sich in einem Grundschema vereinfacht darstellen (Abbildung 8), das auch ftir die Rechtsanwendung als normenlogisches Folgerungsschema sehr gebr/auchlich ist 578.
Kodexregel Tatsachenfeststellung Kodifizierte Handlungsfolge
Abbildung 8."
Grundschema der Regelanwendung
In formaler Schreibweise ergibt sich579: .(1)
(x) (Sx A A x ---~O Hx)
.(2)
Sa /x Aa
(3)
OHa
(1), (2)
Die Punkte links von den Zeilen bedeuten, dass die jeweilige Zeile nicht aus anderen Pr~imissen der Deduktion abgeleitet wurde. Die Zahlen rechts der letzten Zeile zeigen an, aus welchen Pr~imissen diese Zeile logisch folgt 5s~ (1) gibt die Formulierung einer Kodexregel TM, (2) eine Tatsachenfeststellung und (3) ein konkretes Sollensurteil tiber eine gebotene Handlungsfolge wieder. Ein Akteur a muss demnach prtifen, ob er sich in einer Situation des Typs S befindet und zur Gruppe A geh6rt. Wenn dies der Fall ist, ist ftir ihn eine Handlung des Typs H geboten 5s2. Aufgrund ihrer definitiven Festlegung kann die Regel den Akteur v o n d e r Ungewissheit tiber die Angemessenheit einer Handlung sehr weit entlasten. Sofem er in der konkret gegebenen Situation nachzuweisen in der Lage ist, dass erstens die Anwendungsvoraussetzungen der Regel erftillt sind und zweitens die ausgew~ihlte Handlung dem definitiven Gebot der Regel entspricht, so handelt er in 10bereinstimmung mit der Regel. Eine Regel ist folglich nur, aber
578 Vgl. z. B. MacCormick/Weinberger (1985), S. 71, oder Peczenik (1989), S. 19. 579 Siehe zur formallogischenNotationAlexy (1991), S. 274; Alexy (1995), insb. S. 20. 5s0 Vgl. Alexy (1991), S. 94 Fn. 166;Alexy (1995), S. 21. 581 Siehebereits oben, S. 198 Fn. 31 und Fn. 35 der vorliegendenArbeit 382 Siehe ein~hrend zur Theorie des Schliel3ens und der verwendeten Schlussfigur z. B. auch von Kutschera/Breitkopf(1971), S. 10 f., oder Kalinowski (1973), insb. S. 3.
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auch i m m e r dann befolgt, w e n n die normierten Situationsmerkmale vorliegen und die ergriffene H a n d l u n g das definitive Regelgebot erf'tillt. Die eigentliche Schwierigkeit der R e g e l a n w e n d u n g besteht darin festzustellen, ob die Gtiltigkeitsvoraussetzungen gegeben sind und eine zur A u s w a h l stehende H a n d l u n g s w e i s e mit der Regelvorgabe tibereinstimmt. Wie bereits aufgef'tihrt w o r d e n ist, sind diese Schwierigkeiten k e i n e s w e g s unter allen Umst~inden zu trivialisieren 583. Sie k 6 n n e n sich im Gegenteil als ganz gravierend herausstellen, falls die F o r m u l i e r u n g (der Situations- wie auch der H a n d l u n g s k o m ponente) der Regel derart weitreichende Interpretationsspielr/aume bel~isst, in deren Folge die Einschatzung dartiber, ob ein Sachverhalt unter die Regel zu subsumieren oder eine Handlungsweise regelkonform ist, dem subjektiven Befinden des R e g e l a n w e n d e r s (zu w e i t g e h e n d ) ge6ffnet wird. Da Regeln definitive G e b o t e enthalten, w e r d e n sie von einer n o r m s e t z e n d e n Instanz zweckm~iBigerweise nur dann als N o r m i e r u n g e n verwendet, w e n n wirklich beabsichtigt wird, etwas definitiv zu gebieten. Z w a r ist einerseits einzugestehen, dass die M e h r d e u t i g keit der m e n s c h l i c h e n
(Umgangs-)Sprache
einen gewissen Interpretationsbedarf bei der
R e g e l a n w e n d u n g u n v e r m e i d b a r macht 584. A u f der anderen Seite gilt es jedoch, diese Unklarheiten gemeinhin soweit m6glich zu minimieren, um dem Regelcharakter sinngerecht zu entsprechen 585. Dies mag sich im Einzelfall als schwierig erweisen, da und soweit definitive Ge-
583 Siehe nochmals oben, insb. S. 302 der vorliegenden Arbeit, sowie ~r die Anwendung moralischer Normen auBerdem- und auBerst weitgehend- Wellmer (1999), S. 28 f., wonach ,,in moralischen Kontroversen in aller Regel nicht die grundlegenden moralischen Normen kontrovers sind, sondem die Charakterisierungen yon Situationen oder auch Situationstypen: sobald wir uns auf solche Charakterisierungen (also auf die ))Tatsachen~ im weitesten Sinne des Wortes) geeinigt haben, 16sen sich die moralischen Kontroversen in der Regel aut~'. 584 Siehe z. B. Bulygin/Alchourr6n (1977), S. 25 im Original z. T. kursiv: ,,Bekanntlich kann eine noch so klare und eindeutige Norm in ihrer Anwendung auf konkrete Sachverhalte zu Schwierigkeiten AnlaB geben, deren Ursache in den semantischen Eigenschaften der Sprache (aktuelle und potentielle Vagheit - open texture der Begriffe) zu suchen ist.", oder Hare (1983), S. 21: ,,Ihr Gebrauch [der Ausdrticke unserer Sprache, T. T.] kann sich findem, und es gibt zu jedem Zeitpunkt zahlreiche Grenzf~lle, wo es uns bis zu einem gewissen Grade freisteht, sie so oder so zu verwenden.", sowie zum (sprachlich bedingten) Offenheitsbereich (bzw. zur semantischen Offenheit) von (Rechts-)Normen femerhin auch Raz (1972), S. 846; Hart (1975), S. 121-132; Peczenik (1989), S. 21; Alexy (1994), S. 58; Dorndorf(1995), S. 141; Atienza/Ruiz Manero (1998), S. 3 f.; Alexy (2002), S. 117 f. Alexy (1995), S. 24, spricht von einem semantischen Spielraum, den die Beschreibung einer Normkomponente besitzt, wenn unklar ist, ob ein a den normierten Tatbestand (das heiBt: S, A oder H) er~llt. Dabei lassen sich drei Arten von semantischen Spielraumen unterscheiden. Unter Mehrdeutigkeit ist zu verstehen, dass ein Ausdruck nach verschiedenen semantischen Regeln verwendet werden kann. Ein Ausdruck ist vage, wenn sich aufgrund seiner Verwendungsregeln nicht sicher sagen lasst, ob a das normierte Merkmal erfiillt oder nicht, das heiBt, es beispielsweise gleichzeitig mOglich ware, dass a ein S oder kein S ist. SchlieBlich gibt es evaluativ offene Ausdrticke (wie ,,gut", ,,gerecht" oder ,,sittenwidrig"), die bei konstanter evaluativer Bedeutung nach unterschiedlichen deskriptiv formulierten Regeln gebraucht werden kOnnen [vgl. Alexy (1995), S. 24 f., sowie Peczenik (1983), S. 104, und eingehender Peczenik (1989), S. 21-24]. 585 Um Irritationen entgegenzuwirken, sei daran erinnert, dass diese Empfehlung nicht nur ftir Regeln reserviert ist, sondem die Sprache von Kodizes im Allgemeinen betrifft [siehe auch nochmals oben, S. 238 ff. der vorliegenden Arbeit, sowie Hart (1975), S. 123: ,,In all fields of experience, not only that of rules, there is a limit, inherent in the nature of language, to the guidance which general language can provide."; Aarnio (1990), S. 188 im Original z. T. kursiv: ,,All norms, both rules and principles, are expressed in language, and the expressions may require interpretation.", oder Gaffney (1996), S. 48: ,,both rules and principles require interpretation"]. Die Empfehlung ist ~r Regeln allerdings ganz besonders virulent, da ihre Gebote Abw~igungen entzogen sind.
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bote h~iufiger auf spezielle Anwendungsbedingungen einzuschr~.ken sind und spezielle Normen tendenziell, wenn auch keineswegs naturgem~i6 kompliziertere Formulierungen erfordem 586. Unabh~ingig von sprachlich bedingten Auffassungsunterschieden tiber die angemessene Auslegung von Regel(elemente)n ist der Subsumtionsvorgang allerdings zus~itzlich dann erschwert, wenn eine Regel fiber prinzipiengebundene Ausnahmeklauseln verftigt. Dabei macht es keinen kategoriellen, wohl aber einen praktischen Unterschied, ob diese Prinzipienabh~ingigkeit aufgrund eines bestimmten oder generell irgendeines Prinzips konstituiert ist 587. In jedem Falle wird die Subsumtion nunmehr dadurch verkompliziert, dass die Feststellung dartiber, ob die Anwendungsvoraussetzungen der Regel vorliegen und sie daher gtiltig ist, die Abw~igung von Prinzipien notwendig macht 588. Diese Abw~igung bildet indes einen Bestandteil der Subsumtion. Als Ergebnis der Subsumtion steht das Urteil tiber die Regelgtiltigkeit, die b i n ~ codiert ist und demgem~if3 nur zwei Auspr~igungen einnehmen kann. Dies bedeutet, dass die Abw~igung der einzubeziehenden Prinzipien und ihrer korrespondierenden Gewichte insoweit eingegrenzt ist, als lediglich interessiert, ob die Prinzipien, die ftir eine Gtiltigkeit der Regel sprechen, in der betrachteten Situation die gegenl~iufigen Prinzipien tiberwiegen. Wenngleich Prinzipien graduell erftillbar sind und ihnen daher unterschiedlich weitreichend entsprochen werden kann, ist eine genauere Angabe der Gewichte im Rahmen der Regelsubsumtion unerheblich, da auf dieser Grundlage nur entweder die Gialtigkeit oder die Ungtiltigkeit der prinzipiengebundenen Regel ermittelt werden soil und kann. Ebenso unbenommen bel~isst die Abw~igungsbezogenheit, dass die Befolgungsdimension von Regeln bin~ir codiert ist, da sich die Handlungskomponente durch die Vorgabe eines definitiven Gebots auszeichnet, das sich nicht als Gegenstand von Abw~igungen heranziehen l~isst. Prinzipiengebundene Regeln bewahren sich also ihren spezifischen Regelcharakter, da trotz der Prinzipienabhangigkeit unver~indert bleibt, dass Regeln nur entweder gtiltig oder ungtiltig sein k0nnen und sich im Falle ihrer Gtiltigkeit nur entweder befolgen oder brechen lassen. Die Anwendung von Regeln kann ftir den Normadressaten zwar einerseits durchaus grO6ere Herausforderungen mit sich bringen, weil sich die Feststellung der Regelgtiltigkeit wie auch 5s6 Siehe auch Hare (1973), S. 3, der den Prinzipienbegriffabweichend (in unserem Sinne von Normen) verwendet und gleichzeitig nochmals auf die Oberlegenheit des Kategorisierungsmerkmalsder Konkretheit gegent~ber sprachlichen Normeigenschaften hinweist: ,,Simplicity in principles often goes with generality; it is usually possible to express more general principles in fewer words than less general ones; but this is not always the case .... and the concept of generality is a more useful, because a more precise, one than that of simplicity.~. 587 Siehe zu diesen beiden MOglichkeitenprinzipiengebundener Ausnahmeklauselnnochmals oben, insb. S. 300 der vorliegendenArbeit. 5 s s Es sei wiederholt, dasses da~ber hinaus keinen wesenhaften Unterschied zwischen Regeln gibt, deren Gt~ltigkeit entweder durch bestimmte Prinzipien oder durch allgemeine Vorbehaltsklauseln eingeschrankt ist. Gleichwohl machen allgemeine Vorbehaltsklauseln die Regelanwendung wesentlich aufwendiger, da die Feststellung der Tatbestandsvoraussetzungendie Abwagung samtlicher Prinzipien verlangt.
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der Regelkonformitfit einer bestimmten Handlungsoption anspruchsvoll gestalten kann. Auf der anderen Seite ist allerdings fernerhin beachtlich, dass die Befolgung von Regeln zumindest insoweit vereinfacht wird, als die Regelstmktur eine satisfizierende Anwendungsstrategie nahe legt. So wird und kann der Subsumtionsvorgang abgebrochen werden, nachdem die (Un-)Gfiltigkeit der fraglichen Regel mit hinreichender Gewissheit bestimmt worden ist. Im Falle der Regelgiiltigkeit sind keine weiteren Anstrengungen erforderlich, wenn eine (realisierbare) Handlungsweise bekannt ist, die - wiederum mit hinreichender Gewissheit - den Anforderungen der Regel genfigt. Da Regeln ein komparativer BewertungsmaBstab fehlt, k6nnen sie allein nicht begrfinden, die L6sungssuche fortzusetzen, nachdem (irgend)eine Handlungsoption identifiziert worden ist, die als regelkonform auszuzeichnen ist. Ebenso wenig k6nnen Regeln daher helfen, eine Reihe zur Selektion stehender Handlungen, die allesamt regelkonform zu sein versprechen, nach ihrer Vorzugswfirdigkeit zu ordnen 589. Die Auswahl zwischen mehreren regelkonformen Handlungsalternativen l~isst sich folglich nicht durch einen Rt~ckgriff auf die Regel fundieren, sondern ist insoweit bei einer ausschlieBlich regelfokussierten Betrachtung g~inzlich dem Belieben des Normadressaten tiberlassen 59~ Dieses Ermessen ist deshalb ~iuBerst bedeutsam, da regelgebundene V o r g a b e n - wie zuvor bereits aufgezeigt worden ist 591 - im Regelfall keineswegs derart weitgehend strukturiert sein werden, dass sie s~imtliche Komponenten der geforderten Handlung im Detail determinieren. Dem Normadressaten verbleibt aus diesem Grunde zwar mit Blick auf eine gtiltige Regel lediglich zu entscheiden, ob er sie befolgen oder - entgegen der normativen Vorgabe - t~bergehen m6chte. Die Akzeptanz der Regelbindung bel~sst dem Akteur allerdings dennoch (unter Umst~inden ganz betr~ichtliche) Handlungsspielr~iume, fiber deren Ausffillung er befinden darf und auch selbst befinden muss, da die Regel als defnitives Gebot dafiir keine weiteren Anhaltspunkte bereith~ilt. Damit soll nicht suggeriert werden, dass sich diese Freiheiten nicht normativ begrenzen lassen 592. Gleichwohl ist deutlich hervorzuheben, dass solche Begrenzun-
589 Da Regeln nur entweder befolgt oder gebrochen werden kOnnen, scheidet mit Blick auf die Regelkonformit~it eine differenziertere Abstufung unterschiedlicher Handlungsaltemativen aus. Die Bildung einer Rangfolge ist allerdings dennoch mOglich, wenn ihr nicht die Ausprtigungen, sondem beispielsweise die Eintrittswahrscheinlichkeiten der (tibereinstimmend regelkonformen) Handlungskonsequenzen zugrunde gelegt werden. Eine derartige MOglichkeit zur Ordnung bietet sich insofem an, als die Prognosen tiber die Konsequenzen der betrachteten Handlungsaltemativen mit unterschiedlichen Gewissheitsgraden verbunden sein kOnnen. Danach w~ire die Option zu selegieren, die mit der vergleichsweise grOf~tenGewissheit die angestrebte Regelkonformit~it verspricht. In einem solchen Falle fungiert hingegen abermals nicht die Regel, sondem die relative Prognosegtite als BewertungsmaBstab. 590 Zu beachten ist indes, dass die hier untersuchten Regeln in kodifizierter Form vorliegen und die Elemente eines Normensystems bilden. Weitergehende Anleitungen k0nnen sich ~r den Regeladressaten daher zwar nicht aus der Regel selbst, wohl aber aus anderen Normen der Kodexgesamtheit ergeben. So ist in der vorstehenden Fn. 589 bereits angeklungen, dass die Auswahl gleichsam regelkonformer Handlungsaltemativen unter Rtickgriff auf andere Normen erfolgen kann, wenn beispielsweise zus~itzlich normiert ist, dass diejenige Option zu selegieren ist, deren regelkonforme Konsequenzen mit der vergleichsweise grOBten Zuverlfissigkeit einzutreten versprechen. 591 Siehe nochmals oben, insb. S. 302 der vorliegenden Arbeit. 592 Siehe nochmals die vorangegangene Fn. 590.
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gen oder Richtungsweisungen nicht der betrachteten Regel entnommen werden k6nnen. Im Gegenteil erweist sich beispielsweise die - in praxi nicht untibliche - Aufforderung als geradezu absurd, verbleibende Regelungslticken ,im Sinne der Regel' auszuftillen. Da es sich bei Regeln um definitive Gebote handelt, sind ihre Regulierungen auf die definitiv festgesetzten Regulationsfelder beschr~inkt. Ftir Hinweise zur Ausgestaltung der iJbrigen Handlungselemente bzw. verbleibender Spielr/aume ist die jeweilige Regel daher alles andere als pr~idestiniert. Diese Beobachtung ist gleichbedeutend damit, dass Regeln im Falle ihrer (im Untemehmen) weitreichenden Befolgung deshalb nur, aber auch immerhin eine Verhaltensstandardisierung f'tir diejenigen Aspekte bzw. Handlungsmerkmale garantieren, die durch die Handlungskomponente der Regel normiert sind.
(b) Abwiigung Die f'tir Prinzipien kennzeichnende Anwendungsform ist die Abw~igung 593. Diese Kennzeichnung impliziert nicht, dass Subsumtionen f'tir prinzipienartige Normen irrelevant w~iren 594. Stattdessen k6nnen Prinzipien durchaus situativ gebunden sein, sodass in einer konkreten Anwendungssituation zunachst ihre Gtiltigkeit zu kl~iren ist 595. Der entsprechende Subsumtionsvorgang unterscheidet sich jedoch nicht v o n d e r Prtifung der RegelgOltigkeit und ist darum nicht prinzipiencharakteristisch. Genau wie bei Regeln ist die Gtiltigkeitsdimension von Prinzipien binar codiert. Die Subsumtion wird folglich mit dem Urteil dartiber abgeschlossen, ob das betrachtete Prinzip bei den konkret vorliegenden Tatbestandsbedingungen entweder gOltig oder ungialtig ist. Im Gegensatz zu Regeln ist es bei Prinzipien allerdings so, dass die herausfordemden Schwierigkeiten der Normanwendung mit der Subsumtion keineswegs beendet sind, sondem gewissermaBen gerade erst beginnen. Nachdem die Gtiltigkeit eines Prinzips ermittelt worden ist, bleibt ftir den Adressaten zun~ichst dennoch unklar, wie er sich in der gegebenen Situation verhalten soil, da die Feststellung der Prinzipiengtiltigkeit- anders als bei R e g e l n - kein definitives Handlungsgebot unmittelbar nach sich zieht. Prinzipien beinhalten keine definitiven
593 Vgl. auch Sieckmann (1990), S. 18; Stelzer (1991), S. 217; Weinberger (1992), S. 515; Alexy (1994), S. 80; Sieckmann (1994a), S. 205; Alexy (1995), S. 216; Dorndorf(1995), S. 138; Koch (1996), S. 19; Jansen (1997b), S. 152; Borowski (1998a), S. 121; Borowski (1998b), S. 309; Alexy (2002), S. 120. 594 Insofem ist die Feststellung von Jansen (1997b), S. 152, etwas missverstfindlieh, dass ,,Prinzipien der klassischen rechtlichen Methode der Normanwendung, der Subsumtion" entzogen seien. Treffender ist es, die Subsumtion als flir Prinzipien inad~iquate, das heiBt: nicht hinreichende, Anwendungsmethode zu kennzeichnen. ,,Es soil nicht ausgeschlossen werden, dab die Subsumtion den ersten Schritt bei der Anwendung eines Prinzips bildet." [Jansen (1997a), S. 29 Fn. 15]. 593 So (wenigstens) im Ergebnis auch Habermas (1998), S. 255, wenn er auf der einen Seite ausffihrt, dass Prinzipien - i m Unterschied zu Regeln - keine konkrete Spezifizierung situationstypischer Anwendungsbedingungen enthalten, andererseits jedoch einrfiumt, dass ihr Geltungsanspruch dennoch durch (wenn auch allgemeine und interpretationsbedUrftige) Bedingungen eingeschrfinkt sein kann.
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Gebote, sondern zu approximierende Ideale. Da und soweit Sollen ein K~nnen voraussetzt 596, w ~ e es wenig sinnvoll, die Verwirklichung eines Ideals definitiv zu gebieten oder auch nur bedingungslos anzustreben. Ideale, wie sie den Gegenstand von Prinzipien ausmachen, weisen die Eigenschaft auf, mehr oder weniger weitreichend erftHlt werden zu k0nnen. Sofern dementsprechend ihre Approximation geboten ist, stellt sich ftir die betrachtete Anwendungskonstellation konkret die Frage, welches Ausmal3 der Prinzipienrealisierung angebracht sein soll. Soweit die kennzeichnende Form der A n w e n d u n g von Prinzipien als Abwfigung bezeichnet wird, ist damit nichts anderes als die Beantwortung dieser Fragestellung gemeint. Die Anwendung von Prinzipien macht es notwendig, ihren Gegenstand auf die deskriptiven und normativen MOglichkeiten zu relativieren. Die Entscheidung fiber die Prinzipienbefolgung erfordert es daher, nicht nur die faktischen Gegebenheiten, sondern ebenso weitere N o r m e n zu berficksichtigen, um bestimmen zu kOnnen, welches A u s m a 6 der Prinzipienrealisierung tats~chlich geboten ist 597. Der Akteur muss mit anderen Worten abw~gen, inwieweit die deskriptiven und normativen Begleitumstfinde eine Verwirklichung des Prinzips zulassen. Wie es die Bezeichnung der A n w e n d u n g s f o r m bereits zum Ausdruck bringt, muss sich dieses Urteil nach dem Gewicht richten, welches das Prinzip in der konkreten Anwendungssituation besitzt. Die Abwfigung setzt die Gfiltigkeit des Prinzips voraus, um fiberhaupt eingeleitet zu werden, l~,sst sie dann jedoch unberfihrt. Stattdessen betreffen Abwfigungen die Dimension des Gewichts oder der Bedeutung der betreffenden Prinzipien 59s. Das Gewicht von Prinzipien lfisst sich nicht generell, sondern nur f~r den betrachteten Anwendungsfal1599 und im Vergleich zu den konkurrierenden N o r m e n ermitteln, da Prinzipien abstrakt gleichrangig sind 6~176 Ihre A n w e n d u n g kann daher ohne eine Abwfigung nicht gelingen. Wenngleich in der Vergangenheit vermehrt der Verdacht gefiuBert worden ist, dass derartige Abwfigungen dem Belieben des Normadressaten folgten 6~ sind Abwfigungsentscheidun-
596
Vgl. z. B. Geiger (1964), S. 63 f.; von Wright (1979), S. 112; Mackie (1983), S. 188; Albert (1991), S. 91 f.; Kersting (1996), S. 186; Rawls (1996), S. 268; Irrgang (1998), S. 122; Zoglauer (1998), S. 108, 112 f.; Birnbacher (2003), S. 172; Quante (2003), S. 30, 83.
597 Siehe auch Sieckmann (1994a), S. 205: ,,Urn die Abw~gungsf~higkeit von Prinzipien i.S.v. Grt~nden mr Abwfigungsentscheidungen verstehen zu kOnnen, muB deshalb angenommen werden, dab Prinzipien nicht in ihrem Norminhalt bereits auf die rechtlichen MOglichkeiten relativiert sind, sondern ein unrelativiertes Sollen enthalten". 598 So auch Kearns (1973), S. 120 f.; Stelzer (1991), S. 217; van Niekerk (1994), S. 161; Sieckmann (1995), S. 49 f.; Borowski (1998b), S. 309. 599 Siehe auch Gtinther (1988), S. 221: ,,Das richtige Abwagen und Oberlegen bezieht sich auf das Verfinderliche, Kontingente und das, was sich seinerseits durch Handeln verfindern laBt. Ober Unabanderliches brauchen wir uns keine praktisch relevanten Gedanken zu machen.". 6oo So auch Koch (1990), S. 153; Alexy (1994), S. 80; Koch (1996), S. 19. 6ol Vgl. zu solchen kritischen Einwendungen z. B. nochmals Dreier (1991), S. 104: ,,Wo die Abwfigung beginnt, h/3rt das Recht auf.", auBerdem Stelzer (1991), S. 221: ,,es als rein willkt~rlich erscheint, ein Prinzip mit einem )>Gewicht<
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gen keineswegs eine Angelegenheit rein subjektiven Ermessens, sondem durch rationale Erw~igungen zu fundieren 6~ Die Relativierung auf die faktischen und normativen Mtiglichkeiten bedeutet praktisch nichts anderes als zu begrtinden, warum eine mehr oder weniger weitreichende Realisierung des Prinzips gerechtfertigt sein soil. Die Rationalit~it der Abw~igung bemisst sich daher an der Qualit~it der vorgetragenen Begrtindungen, mit denen das empfohlene AusmaB der Prinzipienrealisierung untermauert wird. Da die notwendige Relativierung von Prinzipien rasch offen legt, dass es regelm~iBig konkurrierende Normen gibt, die bei der Bestimmung des angemessenen AusmaBes der gebotenen Prinzipienrealisierung in Rechnung zu stellen sind, ist die Abw~igung von Prinzipien bei ihrer praktischen Anwendung untrennbar mit dem Kollisionsverhalten verwoben603, das n~iher im unmittelbar nachfolgenden Abschnitt behandelt wird 6~ Um die Abgrenzung zwischen regel- und prinzipienartigen Normen weiter zu verfestigen, k6nnen gleichwohl bereits an dieser Stelle einige der grundlegenden Schwierigkeiten beleuchtet werden, die sich for den Normanwender aus der Abw~igungsnotwendigkeit von Prinzipien ergeben. In dieser Hinsicht ist darauf zurtickzukommen, dass die notwendige Relativierung ihrer idealen Gegenst~inde die Anwendung von Prinzipien naturgem~aB den Normierungen anderer Prinzipien 6ffnet. Um beurteilen zu ktinnen, inwieweit eine bestimmte Handlungsweise durch ein Prinzip gefordert oder gedeckt ist, mtissen weitere Normen betrachtet werden, damit abgewogen werden kann, ob das AusmaB der Prinzipienrealisierung, welches die Handlungsweise verspricht, die korrespondierenden Einschr~inkungen konkurrierender Normen rechtfertigt oder erst einer weiterreichenden Prinzipienrealisierung andere Normen entgegenstehen. Aus der Perspektive des Normadressaten kann Prinzipien demnach keine Entlastungsfunktion zugeschrieben werden, wie sie zuvor Regeln attestiert wurde. Der Akteur ist regelm~iBig einer Ungewissheit ausgesetzt, da und soweit sich eine alternative Handlungsweise finden lassen k/3nnte, die mit insgesamt tiberlegenen Konsequenzen verbunden ist und in deren Folge sich daher das Verwerfen der zun~ichst betrachteten Option gebietet. W~.hrend die Anwendung von Regeln mit einem satisfizierenden Verhalten vereinbar ist, legen Prinzipien die Suche nach Optima nahe. Nachdem eine Handlungsaltemative ermittelt worden ist, deren Verwirklichung
notwendigen Handwerkszeug, ist jedoch zugleich vielfach einem Irrationalismusverdacht ausgesetzt. Dort, wo die soliden Formen der Rechtsfindung enden, beginnt der Raum der Abwagung - so mag es manchem erscheinen."; mit Blick auf die Verfassungsgerichtsbarkeit Luhmann (1995), S. 231: ,,Sie [die Verfassungsgerichtsbarkeit, T. T.] versteht sich als Kontrolle der Werteabw~igung, ersetzt damit aber nur ein Gutdtinken durch ein (eventuell) anderes.", sowie fiir zahlreiche weitere Nachweise Sieckmann (1990), S. 224 Fn. 3; Sieckmann (1995), S. 52 Fn. 29; Jansen (1997b), S. 152 Fn. 2; Borowski (1998a), S. 96 Fn. 235; Borowski (1998b), S. 312 Fn. 30. 602 So auch Peczenik (1989), S. 84; Sieckmann (1990), S. 224; Stelzer (1991), S. 223; Enderlein (1992), insb. S. 351 und passim; Alexy (1994), S. 143; Dorndorf(1995), S. 148; Sieckmann (1995), S. 68 f.; Koch (1996), S. 20 f.; Jansen (1997a), S. 53; Jansen (1997b), insb. S. 153; Borowski (1998b), S. 313 f. 603 Siehe auch die generelle Anmerkung von Stiick (1998), S. 407, ,,dab bei der Definition der Abw~lgung stets auf die Kollision von verschiedenen Gegenst~indenabgestellt wird.". 604 Siehe sogleich, S. 324 ff. der vorliegenden Arbeit.
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keine faktischen oder normativen Einreden wirksam widersprechen, ist diese trotzdem noch nicht durch das Prinzip tatsachlich geboten, da Prinzipien graduell erf'tillbar sind, es ihre idealen Gegenst~nde zu approximieren gilt und daher eine alternative Handlungsweise ausgezeichnet werden k6nnte, die einen (minimal) h6heren Erreichungsgrad des Prinzips erwarten 1/~sst, ohne wiederum ihrerseits durch nun eventuell st/~rker zu gewichtende andere Normen ausgeschlossen zu werden. Es ist indes illusorisch und schon aus diesem Grund nicht ernsthaft zu fordem, dass Prinzipien erst dann als befolgt gelten, wenn tats/~chlich eine optimale Handlungsweise ermittelt und realisiert worden ist. Da die kognitiven Kapazit/iten des Menschen begrenzt sind, kann von (menschlichen) Handlungstr/~gern einerseits nicht verlangt werden, eine als optimal auszuzeichnende Alternative zu selegieren, da dies im Normalfall Informationsverarbeitungsleistungen erfordert, welche die menschlichen Fahigkeiten tibersteigen. Auf der anderen Seite w/ire es allerdings ebenfalls unzweckm/~Big, aufgrund dieser Kapazit/itsgrenzen die Suche nach optimalen L6sungen schlichtweg durch eine satisfizierende Vorgehensweise zu ersetzen. Eine regelanaloge Satisfizierungsstrategie bildet ftir die Anwendung von Prinzipien keinen gangbaren Ausweg, da sie an der Frage scheitert, wann einem Prinzip derart ausreichend entsprochen ist, dass die korrespondierende Handlungsweise demnach als geboten auszuzeichnen wfire. Diesem Einwand lfisst sich keineswegs dadurch begegnen, dass ft~r jedes Prinzip ein konkreter Erreichungsgrad festgesetzt wird, dessen Realisierung einem ausreichenden, sprich: satisfizierenden Niveau entsprechen soll. Eine solche Replik ist nicht deshalb untauglich, weil es kaum angebracht w~ire, eine derartige Festsetzung der Satisfizierungsniveaus jeweils isoliert ftir einzelne Prinzipien vorzunehmen, sodass die mit anderen Normen bestehenden Interdependenzen zwangsl~iufig ausgeblendet blieben. Dagegen w/~re es zumindest theoretisch durchaus noch vorstellbar, diese Erreichungsgrade in Abh/~ngigkeit der Auspr~igungen anderer Normen im Vorhinein zu variieren. Ftir die Praxis kann dies indes kaum sinnvoll sein, da zum einen die Bestimmung der verschiedenen Satisfizierungsniveaus nicht vollst/~ndig gelingen kann und bereits ihre Ann/~herung prohibitive Kosten verursachen dtirfte. Zum anderen muss bezweifelt werden, dass ein einschl/~giger Katalog vorgegebener Erreichungsgrade (bereits bei einer kleineren Anzahl kodifizierter Prinzipien) verhaltenswirksam werden kann. Zudem ist eine diesbeztigliche Festsetzung in jedem Falle deshalb ungeeignet, weil die betreffenden Normen dann im Ergebnis unterschiedslos regelartig w/~ren. Sofern einem Prinzip dann Gentige getan w~ire, wenn ein ex ante bestimmter Realisationsgrad erreicht ist, resultiert for Prinzipien eine binfir codierte Befolgungsdimension und damit die Aufhebung ihrer Abgrenzung zu Regeln. Ob eine bestimmte Handlungsweise dem Gebot eines Prinzips entspricht, kann nach dem Vorstehenden nicht davon abh/ingig gemacht werden, ob ihre Konsequenzen mit einem optimalen oder einem satisfizierenden Niveau der Prinzipienrealisierung verbunden sind. Diese beiden Kriterien scheiden (unter anderem deshalb) aus, da sie entweder ftir den Normadressa-
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ten oder auf einer Metaebene der Festlegung von Prinzipien und Prinzipiengewichten kognitive Anforderungen stellen, die schlechterdings nicht erf'tillbar sind. Die Beurteilung der Angemessenheit einer empfohlenen Handlungsweise muss daher - dem Wesen der ftir Prinzipien kennzeichnenden Anwendungsform der Abw~igung folgend - auf der Ebene ihrer Begriindung verortet werden. So ist Abw~igen gleichbedeutend damit zu begrtinden, warum eine konkrete Handlung tats~ichlich geboten sein soil 6~ Auf der Fundierungsebene wiederholt sich die Frage nach den Anforderungen, da sich in Hinblick auf diese Begriindungen mit den Modellen der absoluten, der objektiven und der subjektiven Rationalit~it drei Klassen unterscheiden lassen, die unterschiedlich anspruchsvolle Ma6st~ibe f'tir die Rationalbeurteilung setzen 6~ Die Fundierungsanforderungen diarfen einerseits nicht so weit reichen, dass sie die genannten kognitiven Limitierungen aus dem Auge verlieren und einen vollstandigen oder - unter Einbeziehung der Informationskosten - optimalen Informationsstand als Beurteilungsmal3stab eines absoluten Rationalmodells voraussetzen. Auf der anderen Seite sollen sie sich ebenfalls nicht derart bescheiden, dass letztlich beliebige Grtinde das Selegieren leiten und rechtfertigen k6nnten, wie es Modelle der subjektiven Rationalit~it durchaus (noch) als rational erachten. Der Ma6stab der Abw/agung von Prinzipien muss daher Modellen der objektiven Rationalit~it entstammen, die Fundierungsgrenzen konzedieren und dennoch ein gewisses (Mindest-)Ma6 an Handlungsfundierung verlangen, das sich nicht ausschlie61ich im pers6nlichen und unmittelbar verf'tigbaren Kenntnisstand ersch6pft 607. Ftir den Normadressaten stellt sich unmittelbar die Anschlussfrage, wann seine Suche nach Handlungsalternativen abgebrochen und eine Handlungsbegrtindung als ausreichend stichhaltig angesehen werden darf. Damit ist eine grundlegende Problemstellung (nicht nur) der Managementwissenschafl markiert, die sich erwartungsgem/a6 nicht durch generelle Aussagen einfach beantworten l/asst. Eine Pr~izisierung der Problemstellung ist inzwischen allerdings insoweit m6glich, als mit dem Konzept der Argumentationsrationalit/at die Grundlegungen daftir geschaffen worden sind, um die kognitive Giate vorgetragener Begrtindungen intersub-
605 lm Ergebnis so wohl auch Stelzer (1991), S. 223: ,,>>Gewichtung~tbedeutet danach, die mit relevanten Grtinden geftihrte argumentative Einl0sung der im konkreten Fall statthabenden Vorrangrelation.", und ebd., im Original z. T. kursiv: ,,Es geht ... um die argumentative Einl/Ssung einer Praferenzregel. Und dies kann nur mit Hilfe relevanter Grtinde geschehen.". Siehe dazu au6erdem auch G:inther (1988), S. 336: ,,vonder Anwendung einer Norm als Prinzip [ist, T. T.] dann zu sprechen, wenn wir in eine argumentative Prozedur eintreten, die uns zur Beriicksichtigungaller Merkmale einer Situation und zur Abwagung relevanter normativer Gesichtspunkte verpflichtet.". 606 Siehe dazu eingehender v.
Werder
(1994), insb. S. 70-72.
607 Vgl. v. Werder (1994), S. 71 f. Fn. im Zitat gel0scht: ,,Das Informationsideal der absoluten Rationalit~itfungiert hier gewisserma6en noch als regulative Idee, indem es als in der Tendenz erstrebenswert, aber nur unvollkommen erreichbar angesehen wird.".
322
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
jektiv nachvollziehbar einsch~itzen zu k/Snnen 6~ Danach ist der MafSstab ftir die Beurteilung der kognitiven Qualit~it der Entscheidungsfundierung der Stand des zuganglichen Wissens, der die Gesamtheit der vergleichsweise zuverl~issigsten Kenntnisse zu einem bestimmten Problem umfasst, die dem Probleml~ser zum Referenzzeitpunkt prinzipiell zug~inglich sind 6~ da er fiber sie verftigt (aktuelles Wissen), sie ohne prohibitiv hohe Kosten beschaffen oder auf dieser Basis erschliel3en kann (potentielles Wissen) 61~ Im Kern misst die Argumentationsrationalitat, inwieweit dieser Wissensstand bei der Entscheidungsvorbereitung ausgeschOpft wird. Das Messkonzept unterscheidet mit der unbegrtindeten, der globalbegrtindeten, der detailbegrtindeten und der qualifizierten Probleml6sung vier Hauptstufen der Argumentationsrationalitat 611. Bei einer unbegrtindeten ProblemlOsung wird lediglich behauptet, dass eine bestimmte Mal3nahme positiv zu beurteilen sei. Im Falle globalbegrtindeter Probleml6sungen wird diese Empfehlung zumindest durch Argumente gesttitzt, die Aussagen tiber die positiven Konsequenzen der geplanten Mal3nahme ftir die Prinzipienrealisierung beinhalten. Da es jedoch regelm~il3ig strittig ist, ob ein bestimmtes Ausmal3 der Prinzipienrealisierung tats~ichlich erreichbar und geboten ist, sind nicht nur unbegrtindete Probleml6sungen, sondern fernerhin auch (noch) Globalbegrtindungen unzureichend. Stattdessen sind die Konsequenzaussagen nicht nur zu artikulieren, sondern ihrerseits ebenfalls zu begrtinden. Mit diesen Begrtindungsleistungen wird die Hauptstufe der Detailbegrtindung erlangt. Die Oberzeugungskraft von Detailbegrtindungen variiert mit ihrer Struktur und ihrer Substanz 6~2. Hinsichtlich der Begrtindungsstruktur wird zwischen der Breite (Zahl der Argumente pro begrtindeter Aussage) und der Tiefe (Zahl der durchlaufenden Argumentationsrunden) der Begrtindung unterschieden 613. Zu den (kognitiv bedeutsameren) substanziellen Einflussfaktoren z~ihlen zum einen die mit Blick auf den Referenzmal3stab mehr oder weniger vollz~ihlige Anzahl sowie Ausgewogenheit der vorgebrachten Argumente. Zum anderen wird die Zuverl~issigkeit der Argumente betrachtet, die sich aus der Verlasslichkeit der argumentinternen
608 Vgl. nochmals v. W e r d e r (1994), insb. S. 468-507, sowie zusammenfassend v. W e r d e r (1997b), S. 904-913; v. W e r d e r (1998a), S. 481-494; v. W e r d e r (1999a), S. 674-679; v. W e r d e r / T a l a u l i c a r (1999), S. 73-83; v. W e r d e r / C h o / T a l a u l i c a r (2000), S. 18-20. 609 Siehe zu einem solchen (relativen) Maf3stab auch H o e r s t e r (2003), S. 28 Herv. im Original: ,,Ob eine Handlung ... rational ist oder nicht, hfingt ... nicht von einem (wie auch immer nfiher definierten) i d e a l e n Wissensstand ab, sondern von jenem Wissensstand, der dem Handelnden zum Zeitpunkt der Handlung p r i n z i p i e l l z u gcinglich ist.". 610 Vgl. v.
Werder
(1994), S. 91.
611 Siehe nfiher v. W e r d e r (1994), S. 496-500; v. W e r d e r (1997b), S. 911-913; v. W e r d e r (1998a), S. 482 f.; v. W e r d e r (1999a), S. 678 f.; v. W e r d e r / T a l a u l i c a r (1999), S. 82 f.; v. W e r d e r / C h o / T a l a u l i c a r (2000), S. 1820. 612 Vgl. v. W e r d e r (1994), S. 361-369; v. W e r d e r (1997b), S. 905; v. W e r d e r (1998a), S. 490 f.; v. W e r d e r (1999a), S. 686; v. W e r d e r / T a l a u l i c a r (1999), S. 82. 613 Vgl. v. W e r d e r (1994), S. 354-359; v. W e r d e r (1997b), S. 909; v. W e r d e r (1998a), S. 489; v. S. 677; v. W e r d e r / T a l a u l i c a r (1999), S. 78, 83; v. W e r d e r / C h o / T a l a u l i c a r (2000), S. 18 f.
Werder
(1999a),
Gestaltungsdimensionen untemehmensethischer Kodizes
323
Aussagen ergibt 614. Dabei wird beriacksichtigt, dass Begriandungen managerialer Probleml6sungen nicht nur und nicht zuvorderst auf wahren oder bewahrten Aussagen beruhen, deren Geltungsanspruch uneingeschr~_nkt oder statistisch abgesichert ist und entsprechend belegt werden kann. Die zul/issige Wissensbasis umfasst vielmehr auch plausible Aussagen, deren Geltungsanspruch zwar nicht belegt, wohl aber argumentativ untermauert ist, sowie m6gliche Aussagen, die weder belegt noch begrtindet, jedoch auch nicht erkennbar falsch sind 615. Die vierte Hauptstufe der qualifizierten Probleml6sung wird erreicht, wenn bestimmte Stoppkriterien 616 zur vemtinftigen Begrenzung der Begrtindungsbreite und -tiefe erf'dllt sind 617. In diesem Fall macht es aus kognitiver Sicht keinen Sinn mehr, weitere Begriindungen einzufordem 618. Da diese h6chste Rationalit~itsauspr/agung allerdings auch betr/~chtliche Fundierungskosten verursacht 619, kann nicht gefordert werden, untemehmensethische Entscheidungen stets auf der Basis qualifizierter Probleml6sungen zu treffen 62~ Ftir ethisch bedeutsame Fragestellungen m6gen die Kosten der Entscheidungsvorbereitung zwar unter Umst/inden vergleichsweise schw~icher zu gewichten, keineswegs aber vemachl/~ssigbar sein, da es ebenfalls wenig angemessen erscheint, in vermeintlich endlosen Begrtindungsdiskursen die Dringlichkeit von Entscheidungen und Handlungen aus dem Auge zu verlieren. Es bleibt festzuhalten, dass sich die Anwendung von Prinzipien auf diesem Hintergrund als wesentlich anspruchsvoller darstellt als die Befolgung von Regeln. Die Struktur von Regeln macht es m6glich, Zweifelsfiille zu umgehen, indem schlichtweg altemative Handlungsempfehlungen vorgeschlagen werden, deren Regelkonformitat eindeutig(er) erkennbar ist. MaBnahmen zur Verwirklichung von Prinzipien hingegen sind unausweichlich einem Begriindungszwang ausgesetzt. Dem Akteur stellen sich stets die Fragen, ob die Einschr~.nkung eines konkurrierenden Prinzips durch die empfohlene Handlungsweise tats/achlich gerechtfertigt ist
614 Vgl. v. Werder (1994), S. 369-388; v. Werder (1997b), S. 910 f.; (1999a), S. 686; v. W e r d e r / T a l a u l i c a r (1999), S. 76. 615 Siehe eingehender v. Werder (1994), insb. S. 385 f.; v. Werder (1999a), S. 686.
v. W e r d e r
v. W e r d e r
(1998a), S. 492 f.;
(1997b), S. 910; v.
Werder
v. W e r d e r
(1998a), S. 492;
6~6 Vgl. zu deren Notwendigkeit z. B. auch P e c z e n i k (1989), S. 82 im Original z. T. unterstrichen: ,,in practice, one must finish the reasoning, sooner or later.". 6~7 Siehe zu diesen Stoppkriterien im Einzelnen v. W e r d e r (1994), S. 445-467, sowie die Ubersicht bei v. (1997b), S. 910 f.; v. Werder (1998a), S. 490-494; v. W e r d e r (1999a), S. 686.
Werder
6~s Dieser Hauptstufe entspricht z. B. die ,,beste m6gliche Abwagung" im Sinne von P e c z e n i k (1989), S. 82, deren zugrunde iiegende Begr0ndung dergestalt ist, ,,that no further reasons or counter-arguments can be added to it." [ P e c z e n i k (1989), S. 83 im Original z. T. unterstrichen]. 6~9 Vgl. zu den Kosten der Fundierungsanstrengungen, die zur Erreichung der Rationalitatsstufen erforderlich sind, v. Werder (1997b), S. 914, sowie zu den 6konomischen Fundierungsbarrieren generell v. W e r d e r (1994), S. 135-137. 620 So auch in Hinblick auf die Konkretisierung des aktienrechtlichen SorgfaltsmaBstab ~r den Vorstand v. W e r d e r (1997b), S. 916: ,,Betrachtet man die aufgezeigten umfangreichen Informationsarbeiten, die zur Qualifizierung einer Entscheidungsvorbereitung unabdingbar sind, so d0rfle es auch ohne empirische Belege im Grunde kaum strittig sein, dab die oberste Hauptstufe der Argumentationsrationalit~it die praktischen Rationalpotentiale haufig, wenn nicht gar zumeist 0bersteigt.".
324
Ethik-Kodizes als untemehmensethisches Implementierungsinstrument
und warum gegebenenfalls keine weitergehende Realisierung des Fokalprinzips m6glich sein soil. Die Angemessenheit einer prinzipiengebundenen Handlungsweise l~sst sich daher regelm~ff3ig erst aus der Qualit~it ihrer B e g ~ n d u n g erschlieBen. Sie muss mit ausreichender Stichhaltigkeit untermauern, dass sich keine komparativ besseren Alternativen finden lieBen. Diese B e g ~ n d u n g e n sind keineswegs trivial, da Prinzipien einerseits (fast) st/~ndig mit anderen Normen kollidieren. Auf der anderen Seite lassen sich Prinzipien graduell erftillen, sodass die Anzahl m6glicher Probleml6sungen theoretisch unbeschrfinkt ist 621. Dennoch ist die Abwfigung yon Prinzipien keinesfalls willktirlichen Entscheidungen preiszugeben 622. Die Ungewissheit fiber die Angemessenheit m6glicher Handlungsweisen macht im Gegenteil Begrtindungsleistungen, die sich an rationalen Standards ausrichten, unabdingbar und in der Folge die Prinzipienanwendung derart anspruchsvoll. (4) Kollisionsverhalten (a) G e m e i n s a m k e i t e n von N o r m k o n f l i k t e n
Die Unterschiede zwischen Regeln und Prinzipien sollen abschlieBend anhand ihres abweichenden Kollisionsverhaltens illustriert werden 623. Normkonflikte liegen immer dann vor, wenn sich die Handlungsvorgaben, die sich aus den jeweils gtiltigen Normen ergeben, widersprechen 624. Aus Grtinden der Einfachheit kann sich die nachfolgende Er6rterung auf die Kollisionen konzentrieren, bei denen lediglich zwei Normen widerstreiten. Sollten drei oder mehr Normen miteinander in Konflikt stehen, ist eine kompliziertere, aber nicht grundsfitzlich andere Darstellung erforderlich 625. Beschr~inkt man sich zudem auf die deontische Grundmodalit~it des Gebots, so widersprechen sich zwei Normen immer dann, wenn die eine Norm eine Handlungsweise gebietet, deren Gegenteil dem Gebot der anderen Norm entspricht 626. Die beiden
621 Vgl. in diesem Sinne auch Borowski (1998a), S. 152: ,,grundsfitzlich eine unendliche Zahl m6glicher Mittel". 622 Entgegen Luhmann (1995), S. 347: ,,Auch kann man vermuten, dab mit einem Prinzip (VerhfiltnismfiBigkeit, Angemessenheit, Wertabwtigung usw.) oft, wenn nicht immer, entgegengesetzte Entscheidungen beg~ndet werden k6nnen.". 613 Siehe dazu auch Peczenik (1983), S. 121-132; Alexy (1985), S. 16-19; Aarnio (1990), S. 180 f.; Dworkin (1990), S. 61 f., 131-140; Alexy (1994), S. 77-87; Alexy (1995), S. 192-201,217 f.; Borowski (1998a), S. 6872; Habermas (1998), S. 255; Alexy (2000), S. 32-35; Neumann (2000), S. 119-121. 624 Siehe z. B. Birnbacher (2003), S. 160 im Original z. T. kursiv: ,,Von einem Normkonflikt spricht man, wenn die Aus~hrung einer gebotenen Handlung hi unvereinbar ist mit der Aus~hrung einer anderen gebotenen Handlung h2". Normkonflikte sind nach diesem Verstfindnis somit auf der Handlungsebene angesiedelt und betreffen den Norminhalt. Da~ber hinaus k6nnen Widersprtiche bestehen (1) zwischen Aussagen tiber die GUltigkeit von Normen wie auch (2) tiber die Gtiltigkeit einer Norm selbst. Unter Verwendung des Gtiltigkeitsoperators ,,G" lfisst sich dies ausdrticken als (1) GN A --~GN bzw. (2) GN A G ~ N [siehe dazu nfiher Sieckmann (1990), insb. S. 94, sowie zu den korrespondierenden Konsistenzanforderungen auch Buchwald (1990), S. 253]. 625 So auch Borowski (1998a), S. 68 Fn. 53. 626 Sofern man zwischen den verschiedenen deontischen (Grund-)Modalitaten differenziert, lassen sich Normkollisionen offensichtlich auch ohne die Verwendung von Negationen darstellen, wenn eine bestimmte Hand-
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
325
Normen sind somit nicht zugleich erftillbar. Formal l~isst sich ein solcher Konflikt folgendermal3en darstellen: .(1)
(x) (Sx ---~O Hx)
(NO
9(2)
(x) (Tx ~ O--,Hx)
(Nz)
9( 3 )
SaATa
(4)
OHa/x O--,Ha
(1), (2), (3)
Demgem~13 haben Normkonflikte zur Folge, dass den kollidierenden Normen nicht ausnahmslos und vollumf~.nglich entsprochen werden kann, da es keinem Individuum m6glich ist, zur gleichen Zeit sowohl eine Handlung des Typs H, die dem Gebot der ersten N o r m Nl entspricht, als auch die gegenteilige Handlung --,H durchzuf't~hren, wie es die N o r m N2 verlangt. Sofem Situationen auftreten, in denen die Kodexnormen derart Widersprtichliches gebieten, mtissen diese Normkollisionen aufgelOst werden, wenn der Kodex verhaltenswirksam werden soil. Es stellt sich daher die Frage, wie in diesen Konfliktkonstellationen zu verfahren ist. Normkonflikte lassen sich vergleichsweise einfach bew~iltigen, wenn eindeutige Vorrangrelationen zwischen den Normen des Kodex festgelegt sind. Derartige Hierarchisierungen des Normensystems sind durchaus verbreitet 627, und es wiirde die generelle Vorrangregel gelten, dass im Falle eines Normenwiderspruchs lediglich die hierarchisch tibergeordnete N o r m verbindlich und die GiJltigkeit der nachgeordneten N o r m aufgehoben ist 628. Ferner ist vorstellbar,
lungsweise beispielsweise durch eine Norm erlaubt ist und von einer anderen verboten wird. Siehe zu diesem logischen Widerspruch sowie weiteren Formen und Abgrenzungen der Inkompatibilitat von Normen Kelsen (1979), S. 99-101; Peczenik (1983), S. 124 f.; Peczenik (1989), S. 418-425; Zoglauer (1998), S. 99-105. 627 Ethik-Kodizes der Praxis beginnen haufig mit einer als Praambel, Unternehmensgrundsatze oder Vision tiberschriebenen Einleitung. Soweit sich deren Inhalte entsprechend in Grundnormen Uber~hren iassen, gebt~hrt diesen prima facie Vorrang bei Konflikten mit an nachgeordneter Stelle aufgeR~hrten Einzelregelungen. Siehe z. B. den Kodex von Guardsmark [zit. in: Murphy (1998), S. 90-98], der eine iange Reihe von Verhaltensnormen enthalt, die ,,Employee Relations", ,,Commitment to Excellence", ,,Employee Wellness", ,,Vendor Relations", ,,Community and Government Relations", ,,Industry Commitment" und ,,Personal Commitment" betreffen und denen eine Praambel mit den grundlegenden Wertvorstellungen des Unternehmens vorangestellt ist. 628 Siehe z. B. auch Peczenik (1983), S. 127 im Original z. T. kursiv: ,,Lex superior derogat legi inferiori. Wenn eine h0herrangige Norm mit einer niedrigeren unvereinbar ist, dann ist die h0herrangige Norm anzuwenden.". Die Gt~ltigkeit einer solchen Derogationsnorm ist unter der Voraussetzung plausibel, dass die kollidierenden Normen in einer eindeutigen hierarchischen Deduktionsbeziehung zueinander stehen. Dies ist immer insoweit gegeben, als die nachgeordnete Norm aus der tibergeordneten abgeleitet worden ist. Da die Begrtindung der Gt~ltigkeit der abgeleiteten Norm darauf basiert, dass ihre Befolgung der Verwirklichung der Gegenstande dienstbar ist, welche durch die tibergeordnete Norm gesollt sind, muss die Entsprechung mit der nachgeordneten Norm im Regelfall zurtickstehen, sofern andernfalls eine Beeintrachtigung der tibergeordneten Norm zu erwarten ist. In den Ubrigen (und wahrscheinlicheren) Fallen, bei denen keine eindeutigen Deduktionsbeziehungen zwischen den Normen bestehen, lassen sich mOgliche Vorrangrelationen zumindest nicht mehr ohne Weiteres erkennen. So darf eine Hierarchisierung beispielsweise nicht pauschal dem (vermeintlich) unterschiedlichen Generalitatsgrad der Normen folgen. Da und soweit letztlich die Bedeutung oder Wichtigkeit der kollidierenden Normen ausschlaggebend sein sollte und diese sich nicht generell und situationsunabhangig bewerten lasst, miassen die nachfolgend beschriebenen Verfahren der Konfliktbewaltigung zur Anwendung kommen.
326
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
dass ftir besonders h~iufige oder virulente Konfliktf~ille der Vorzug einer N o r m gegeniaber einer anderen determiniert ist 629. Es w~ire jedoch illusorisch anzunehmen, s~imtliche potentielle Kollisionen im Vorhinhein durch eindeutige Vorzugsregelungen einer LOsung zuftihren zu k6nnen630, die entsprechend unter den Anwendungsvoraussetzungen der betreffenden N o r m e n zu subsumieren w ~ e n 631 Da und soweit Konflikte zwischen den kodifizierten N o r m e n keine rare Ausnahmeerscheinung darstellen 632, sondern sich vielmehr h~iufiger und ebenfalls zwischen hierarchisch gleichrangigen N o r m e n zutragen k6nnen, ist es schlie61ich ebenfalls nicht als zweckmW3ig zu erachten, Normkonflikte generell durch eine tibergeordnete Entscheidungsinstanz oder letztlich sogar die Unternehmensleitung bew~iltigen zu lassen. Eine solche Redelegation verbietet sich nicht nur aufgrund der begrenzten Ressourcen der tibergeordneten Leitungseinheit. Sie wOrde weiterhin signalisieren, dass die Urteilsf~ihigkeit nachgeordneter Mitarbeiter geringgesch~itzt und dementsprechend keine besondere Aufmerksamkeit (in Schulungen und durch andere Entwicklungsma6nahmen) erfordert. Dass es sich dabei um einen schwerwiegenden Trugschluss handelt, ist mit den vorangegangenen Ausftihrungen zur N o r m a n w e n d u n g bereits hinreichend deutlich geworden, die regelmW3ig ein verst~indiges Ermessen der Normadressaten voraussetzen
muss633.
Im Weiteren sind daher solche Konflikte (im engeren oder eigentlichen Sinne) zu untersuchen, bei denen nicht bereits ex ante eine bestimmte L6sung festgelegt worden ist. Dabei sind drei Arten von Normkollisionen denkbar, soweit sich N o r m e n in Regeln und Prinzipien unterteilen lassen. Demgem~i6 kOnnen erstens ausschliel31ich Regeln, zweitens ausschliel31ich Prinzipien oder drittens Regeln mit Prinzipien kollidieren. (b) R e g e l k o n f l i k t e Der Alles-oder-Nichts-Charakter yon Regeln macht es notwendig, dass es logischerweise nicht v o r k o m m e n darf, dass zwei gtiltige Regeln in Konflikt geraten und einander widerspre-
629 Siehe dazu bereits oben, S. 258 der vorliegenden Arbeit, und zur Veranschaulichung nochmals den Kodex der Cummins Engine Company, Inc., der an die Nennung ethischer Prinzipien anschlie6t, dass ,,[f]ollowing these principles on a rare occasion may mean losing some business in the short term. This is a regrettable but acceptable outcome." [zit. in Murphy (1998), S. 62 f.]. 630 Daher kann often bleiben, ob in den genannten Ffillen t~berhaupt Normenwidersprtiche im engeren Sinne vorliegen, nachdem entsprechende Vorrangregeln wirksam erlassen worden sind. 631 Hinzu kommt, dass eine entsprechend hohe Anzahl an Vorrangregelungen bei den gegebenen kognitiven Kapazit~ten der Kodexadressaten kaum verhaltensrelevant sein kann. Siehe dazu auch Dawson (1994), S. 149: ,,Even if an infinite set of rules [about norm conflict solutions, T. T.] could be formulated, accepting this solution would seem to mean losing the advantage of a codes approach, namely its clarity and simplicity.". 632 Siehe z. B. die generelle Feststellung von Kelsen (1979), S. 101: ,,Ein Normenkonflikt ist ein unerwOnschter, aber mOglicher und gar nicht seltener Fall.". 633 Vgl. generell zur Bedeutung der Urteilskraft bei der Anwendung moralischer Normen z. B. nochmals Kettner (1992), S. 14; Kaufmann (1996), S. 578; Zimmerli/Aflldnder (1996), S. 291; Collier (1998), S. 623; Maclagan (1998), S. 40; Wellmer (1999), S. 28; Thurnherr (2000), S. 21.
GestaltungsdimensionenunternehmensethischerKodizes
327
chende Regelfolgen ffir verbindlich erkl~en. Sofem zwei Regeln konfligieren, verbleiben daher lediglich zwei M6glichkeiten, da in diesem Fall entweder mindestens eine der Regeln als ungfiltig anzusehen ist oder die eine Regel eine Anwendungsausnahme der anderen konstituieren muss. Die erste L6sungsoption Risst sich ohne weitere Qualifizierungen dadurch realisieren, dass Konfliktf~ille pauschal die Gfiltigkeit der betreffenden Regeln aufheben. Eine solche pauschale UngfiltigerkRirung erscheint allerdings reichlich unbefriedigend, da sich der Akteur offensichtlich in einer Situation befindet, die dermaBen bedeutsam ist, dass sie von mehr als einer Regel adressiert worden ist. Dennoch wird dem Akteur jegliche Orientierungshilfe durch den Kodex verwehrt, wenn das Befinden tiber die angemessene Handlungsweise ganz seinem subjektiven Ermessen fiberlassen wird, nachdem die beiden konfligierenden Regeln pauschal als ungfiltig zu deklarieren sind. Die zweite Option bedeutet, dass nur eine der beiden Regeln unter den gleichzeitig gegebenen Anwendungsbedingungen befolgt werden soil. Die fiberlegene Regel bleibt demnach unverttndert, wahrend in die Formulierung der entsprechend derogierten Regel eine zustitzliche Ausnahmeklausel aufzunehmen ist. Sofem die Regel R2: (x)(Tx --->O---,Hx) vorgeht, ist die ursp~ngliche Regel R1." (x)(Sx --+ OHx) in eine Regel Rl' zu fiber~hren, die eine weitere Anwendungsvoraussetzung zur Vermeidung des Konflikts beinhaltet. Diese Regel Ri' lautet demnach: (x) (Sx A -,Tx --+ OHx). In einer Situation, die sowohl fiber das Merkmal S als auch T verRigt, ist demgemtiB nicht eine Handlung des Typs H zu ergreifen 634. Immer dann, wenn eine Situation des Typs T vorliegt, besitzt die Regel RI' keine Gfiltigkeit und trtigt demzufolge nichts zur Entscheidungsfindung bei. Dass die Modifizierung in Form der hinzugeffigten Ausnahmeklausel den Konflikt verschwinden Risst, kann auch durch das verwendete Folgerungsschema formalisiert werden: .(1)
(x) (Sx A -, Tx --+ O Hx)
(R l ')
.(2)
(x) (Tx --~ O ~Hx)
(R z)
.(3)
Sa A Ta
(4)
O--,Ha
(1), (2), (3)
Ffir den Akteur stellt sich gleichwohl zuvor die Frage, welcher der beiden konkurrierenden Regeln der Vorzug zu geben ist, wenn sich diese Auswahl nicht bereits aus ihrer hierarchischen Stellung im Normensystem, aus kodifizierten Vorzugsregeln ffir die betrachtete Anwendungssituation oder aus Vorgaben durch legitimierte Vorgesetzte ergibt. Theoretisch ist eine Reihe abstrakter Regelungen vorstellbar, die den Beschluss fiber den Vorrang konkurriender Regelungen leiten k6nnten. Beispielsweise k6nnte im Konfliktfall die Regel ungfiltig
634 Zwischen den Konfliktl6sungen durch die Ungialtigerklfirungeiner Regel und die Konstituierung eines Ausnahmetatbestands besteht kein kategorischer Unterschied. Die Konstituierung eines Ausnahmetatbestands ist identisch damit, dass die eine Regel in ihrer ursprt~nglichen Fassung (R~) mr ungUltig erklfirt und durch die Vertinderung der Anwendungsvoraussetzungenin eine abgewandelte Regel (RI ') tiberRihrt wird. ,,Insofern ist das EinR~geneiner Ausnahmeklausel eine teilweise Ungialtigerklarungund somit ein Unterfall der Ungialtigerklfirung von Normen." [Borowski (1998a), S. 69 Fn. 54].
328
Ethik-Kodizes als untemehmensethischesImplementierungsinstrument
und durch eine entsprechende Ausnahmeklausel zu erg~inzen sein, bei der gr6Bere Ungewissheit dartiber herrscht, ob ihre Anwendungsbedingungen tats~ichlich vorliegen. Wenn sich Sa mit gr6Berer Zuverl~issigkeit feststellen lieBe als Ta, wiirde demgem~iB Rl Vorrang genieBen und RE zurtickzustellen bzw. entsprechend zu modifzieren sein. Neben der Zuverl~issigkeit und Prognosegtite k6nnten Kostenaspekte ins Feld geftihrt werden. Sofern die Durchftihrung einer Handlung H geringere Kosten verursacht als ~H, wtirde ebenfalls R l gegentiber R2 vorzuziehen sein. Derartige Vorzugsregelungen haben gemein, dass die Beseitigung des Konflikts nicht anhand der Regeln selbst vorgenommen wird. Dies kann nicht verwundern, da Regeln nur klassifikatorische BewertungsmaBst~ibe bereithalten, aber keine weiteren Wertungen erlauben. Sie sind Abw~igungen entzogen. Da die AuflOsung yon Konflikten jedoch Gewichtungen errordeft, sind zus/itzliche MaBst~ibe ins Feld zu ftihren, die tiber die Regeln hinausgehen und sich nicht bereits direkt aus ihnen selbst ergeben. Die exemplarisch aufgeftihrten LOsungsregeln k6nnen indes kaum tiberzeugen, da sie die Bedeutung oder Wichtigkeit der betrachteten Regeln ausgeblendet lassen. Insbesondere bei Vorliegen moralisch relevanter Streitf~lle macht es wenig Sinn, konkurrierende Handlungsoptionen losgel6st yon der Materialit~it der gegebenen Anwendungsbedingungen und der zu erwartenden Konsequenzen zu bewerten. Eine zur Auswahl stehende MaBnahme kann nicht allein dadurch ausgezeichnet werden, dass sich ihre Folgen besser prognostizieren lassen oder sie geringere Kosten verursacht. Diese Vorteile k6nnen nicht generell ausreichen, um den Mangel zu heilen, dass das Ergreifen der MaBnahme einer kodifizierten Regel widerspricht. Zweckm~iBigerweise sollten Kodizes dergestalt sein, dass Regelkonflikte, ftir deren Handhabung sich aus der Gesamtheit der kodifizierten Normen keinerlei Hinweise entnehmen lassen, nur selten vorkommen. Das Auftreten entsprechender Konflikte mag dennoch nicht mit letzter Gewissheit ftir alle denkbaren Situationen auszuschliel3en sein635. Um in solchen Konstellationen Regelkonflikte unter Einbeziehung der Bedeutung zu bew~iltigen, die den konkurrierenden Regeln unter den vorliegenden Umst~inden jeweils zukommt, sind die Prinzipien abzuw/igen, die den Regeln explizit oder implizit als Begrfindung zugrunde liegen636. Voraussetzung ftir die LOsung dieser Regelkonflikte w/ire es danach, Prinzipien abzuw~igen und die dabei auftretenden Prinzipienkollisionen zu bearbeiten.
(e) Prinzipienkollisionen Ein empirischer Unterschied zwischen Regel- und Prinzipienkonflikten ist, dass Kollisionen zwischen Prinzipien nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind. Die H~iufigkeit dieser Kollisionen ist nicht in erster Linie auf die tendenziell gr6Bere Generalit~it prinzipienartiger
635 Sieheauch nochmalsoben, S. 299 ff. der vorliegendenArbeit. 636 Siehebereits oben, S. 305 Fn. 545 der vorliegendenArbeit.
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Normen zur~ckzuf'tihren, sondern durch die bereits genannte strukturelle Ursache dieser Generalit~it begrtindet 637. Prinzipien fehlt die Relativierung auf die faktischen und normativen M6glichkeiten. Sie haben ideal beschriebene Zust~knde zum Gegenstand, die sich als Ideale nicht vollumfanglich realisieren lassen, sondern approximiert werden sollen. Prinzipien sind deshalb mehr oder weniger weitreichend erftillbar. Das gebotene AusmaB der Prinzipienrealisierung folgt der Relativierung auf die faktischen und normativen Gegebenheiten der jeweils konkret vorliegenden Anwendungsumstande. Da die vollstandige Verwirklichung eines Prinzips im Regelfall durch widerstreitende Normen begrenzt ist, muss das Prinzip mit anderen Prinzipien abgewogen werden. Die Aufl6sung von Prinzipienkollisionen findet dabei nicht wie bei Regeln in der Dimension der Normgialtigkeit statt, sondern in der prinzipieneigenen Dimension des Gewichts. Es ist theoretisch zwar vorstellbar und praktisch mitunter durchaus gegeben, dass zwischen Prinzipien eindeutige hierarchische Beziehungen bestehen, sodass sich die Konflikte in diesen F/~llen vergleichsweise einfach durch generelle Vorrangregeln klaren lassen. Bei der theoretisch interessanteren und praktisch relevanteren Konstellation kann hingegen nicht auf solche Relationen zuriackgegriffen werden. Da und soweit keine generellen Vorrangrelationen existieren, sind die konkurrierenden Prinzipien zun/ichst abstrakt gleichrangig. Die Aufl6sung des Konflikts kann daher nicht situationsunabhangig erfolgen, sondern sie muss die spezifischen Anwendungsumstande einbeziehen, da eine Gewichtung nur ftir diese Sachlage vorgenommen werden kann. Unter anderen Bedingungen mag sich eine abweichende Gewichtung der Prinzipien empfehlen. Diese Feststellung ist nicht dahingehend zu missverstehen, dass die Gewichtung rein kasuistisch ware. Da unter gleichen Bedingungen die gleichen Gewichte gelten m(assen, ist beim Vergleich unterschiedlicher Sachlagen vielmehr zu klaren, ob und welche Merkmale dermaBen abweichend ausgepr~igt sind, dass sie die Festlegung einer anderen Gewichtung rechtfertigen k6nnen 638. Festzuhalten ist jedoch, dass der Konflikt die Gtiltigkeit der Prinzipien unbertihrt 1/~sst und lediglich durch die Abwagung ihrer situationsspezifischen Gewichte zu entscheiden ist 639.
637 Siehe oben, S. 306 der vorliegendenArbeit. 63s Vgl. generell zur notwendigen Universalisierungz. B. Mackie (1983), S. 104: ,,Moralische Urteile sind universalisierbar. Jeder, der ernsthaft behauptet, irgendeine Handlung (Person, Sachverhaltusw.) sei sittlich richtig oder falsch, gut oder schlecht, geboten oder verboten, ist damit gehalten, dieselbe Ansicht hinsichtlichjeder in den relevantenGesichtspunkten ahnlichen Handlung (usw.) zu vertreten.". 639 Vgl. auch Alexy (1994), S. 78 f. Fn. im letzten Satz des Zitats gelOscht:,,Wenn zwei Prinzipien kollidieren.... muB eines der beiden Prinzipien zu~cktreten. Dies bedeutet aber weder, dab das zu~cktretende Prinzip fiir ung(iltig zu erklaren, noch, dab in das zu~cktretende Prinzip eine Ausnahmeklauseleinzubauen ist. Vielmehr geht das eine Prinzip dem anderen unter bestimmten Umstanden vor. Unter anderen Umstanden kann die Vorrangfrage umgekehrt zu IOsensein. Dies ist gemeint, wenn gesagt wird, dab Prinzipien in konkreten Fallen unterschiedliche Gewichte haben und dab das Prinzip mit dem jeweils grOBeren Gewicht vorgeht.... Prinzipienkollisionen finden, da nur geltende Prinzipien kollidieren kOnnen,jenseits der Dimension der Geltung in der Dimension des Gewichts staR.".
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Durch die situationsbezogene Gewichtung wird eine Vorrangregel begrtindet, welche die vorliegenden Bedingungen als Tatbestandsvoraussetzungen besitzt und die diejenige Folge gebietet, die sich unter den vorliegenden Bedingungen f'tir das vorgehende Prinzip ergibt. Dieser Zusammenhang wird auch als Kollisionsgesetz bezeichnet 64~ Wenn P1 gegentiber P2 unter den Bedingungen C starker zu gewichten ist und das Zeichen ,,p,,641 die Vorrangrelation auf die Weise symbolisiert, dass das Linksstehende st/~rker als das Rechtsstehende gewichtet ist, so lfisst sich der entsprechend bedingte Prfiferenzsatz notieren als: (P1 P Pz)
C642' Sofern Pl
unter den Umst~inden C die Folge F gebietet, so gilt nach dem Kollisionsgesetz die Regel: C ~ F 643. Das Kollisionsgesetz bringt also zum Ausdruck, dass bedingte Praferenzs~itze Regeln
implizieren644.
Dieses Kollisionsgesetz ist insoweit erhellend, als es den Charakter von Prinzipien und ihre logischen Eigenschaften nfiher beleuchtet 645. Fi~r die Anwendung eines Kodex und seiner prinzipienartigen Normen in einer konkreten Entscheidungssituation bietet diese Gesetzm/~gigkeit dem Entscheider dennoch zun/~chst wenig Untersttitzung, da die schwierige vorgelagerte Frage unbeantwortet bleibt, in welcher Richtung die Gewichte zwischen den konkurrierenden Prinzipien zu verteilen sind. Das Kollisionsgesetz ist mit anderen Worten nicht geeignet, um eine bestimmte Konfliktl6sung zu begrtinden. Es setzt vielmehr die Gtiltigkeit eines Praferenzsatzes voraus und zeigt auf, welche Konsequenzen sich ergeben, sofern die Gtiltigkeit der entsprechenden Vorrangrelation angenommen wird 646. Die gewfihlte Konfliktl6sung bedarfjedoch der Begrtindung 647, sofern sie nicht nur auf intuitiver Eingebung oder subjektivem Ermessen basieren soll. Soweit die konkurrierenden Prinzipien abstrakt gleichrangig sind, kann zun/~chst ebenso legitim behauptet werden, dass P2 starker zu gewichten ist als PI und demnach P2 P PI vertre-
64o Vgl. Alexy (1985), S. 26; Alexy (1994), insb. S. 81-84; Alexy (2000), S. 34, sowie Buchwald (1990), S. 316; Sieckmann (1995), S. 47; Borowski (1998a), S. 71; Stiick (1998), S. 412; Zoglauer (1998), S. 143 f.; Alexy (2000), S. 34; Cl~rico (2001), S. 148. 641 , , p .
wird auch als Prfiferenzoperator bezeichnet [vgl. z. B. Alexy (1985), S. 26].
642 Die generellen Vorrangregelungen, die aus den genannten Gr0nden im Weiteren ausgeblendet bleiben k0nnen, w~ren demnach durch P1 P P2 oder P2 P PI beschrieben. 643 Siehe zur Formulierung des Kollisionsgesetzes - am Beispiel yon Rechtsnormen -Alexy (1994), S. 83 Herv. im Original: ,,Wenn das Prinzip Pi dem Prinzip P2 unter den Umstfinden C vorgeht: (P~ P P2) C, und wenn sich aus P~ unter den Umstfinden C die Rechtsfolge R ergibt, dann gilt eine Regel, die C als Tatbestand und R als Rechtsfolge enthfilt: C --~ R.". 644 Vgl. Alexy (1985), S. 26. Siehe auch Peczenik (1983), S. 127. 64s Vgl. in diesem Sinne auch Alexy (1994), S. 84. 646 So auch Buchwald (1990), S. 316: ,,Dieses Gesetz gibt nicht an, wie zu begrOnden ist, dag P~ P2 vorgeht. Es sagt lediglich, was geboten ist, wenn diese Bedingung erRillt ist.", oder Sieckmann (1995), S. 47: ,,Das Kollisionsgesetz beschreibt die Struktur yon Abwfigungsentscheidungen. Problematisch ist aber vor allem, wie eine Vorrangentscheidung begr0ndet werden kann, nach welchen Kriterien also ein Vorrang eines der kollidierenden Prinzipien festgesetzt werden sollte.". 647 So auch Koch (1996), S. 19.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
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ten werden. Die abstrakte Gleichrangigkeit bedeutet auBerdem, dass zwar (Pi P P2) C akzeptiert werden kann, aber dennoch unter anderen Umst~inden C' eine umgekehrte Relation gtiltig ist: (P2 P P l) C'. Ob eine bestimmte Konfliktl6sung Akzeptanz finden kann, muss daher anhand der BegrOndung beurteilt werden, mit der die empfohlene bedingte Vorrangrelation argumentativ zu untermauem ist. Da die Gewichtung kollidierender Prinzipien nicht abstrakt, sondem nur unter Einbezug der konkreten Umst~aade erfolgen kann, liegt ihr im Anwendungsfall eine bestimmte MaBnahme zugrunde 648, tiber deren Vorteilhaftigkeit beschlossen werden muss. Ftir den Akteur gilt es abzuw~igen, ob auf der Grundlage des Kodex und seiner kodifizierten Normen eine bestimmte MaBnahme geboten sein soil. Sofem eine empfohlene MaBnahme M der Realisierung des einen Prinzips dienlich, jedoch mit Einschrankungen eines anderen (daher kollidierenden) Prinzips verbunden ist, so ist darzulegen, ob und warum die MaBnahme ergriffen werden und die entsprechende Vorrangrelation gtiltig sein soil. Sehr verbreitet wird zur Rechtfertigung von Vorrangrelationen auf einen so genannten Grundsatz der Verh/altnism~iBigkeit verwiesen, der insbesondere bei verfassungsrechtlichen Streitigkeiten zur Anwendung gelangt 649. Die Einschr~xtkung eines Prinzips zugunsten eines anderen wird danach als geboten angesehen, sofem diese Gewichtung dem Verh~iltnism~iBigkeitsgrundsatz entspricht. Unter Verh~iltnism~igkeit kann dabei verstanden werden, dass die Verwirklichung von Prinzipien nicht mehr beschr~inkt wird, als es wegen anderer Prinzipien geboten ist, sodass die damit erstrebten Vorteile die mit den Prinzipienbeschrankungen auferlegten Nachteile ausgleichen 65~ Ein solcher Grundsatz erscheint zun~ichst recht inhaltsarm und bietet folglich kaum Anhaltspunkte daftir, wie eine bestimmte Konfliktl6sung konkret zu begrOnden ist. Er l~isst sich indes durch die Kriterien der Geeignetheit, Erforderlichkeit und der Verh/altnism/~Bigkeit im engeren Sinne konkretisieren 65~. Diese Kriterien sind nicht lediglich gesetzt, sondern sie folgen aus der Konzeptualisierung des Prinzipienbegriffs 652. Die ersten beiden Kriterien korrespondieren mit der notwendigen faktischen Relativierung von Prinzipien; das dritte h~.ngt damit zusammen, dass bei der Anwendung von Prinzipien ebenso die normativen Mtiglichkeiten zu berticksichtigen sind.
648 Siehe in diesem Sinne auch Alex)/ (1994), S. 146 Fn. 218: ,,Zu Kollisionen [zwischen Prinzipien, T. T.] kommt es stets nur im Hinblick auf die LOsungvon F~llen.". 649 Vgl. Schlink (1976), S. 48; Buchwald (1990), S. 319; Alexy (1994), S. 100; Koch (1996), S. 20; Jansen (1997a), S. 28; Borowski (1998a), S. 115; Borowski (1998b), S. 311; Cldrico (2001), S. 19; Guthke (2003), S. 20 f. 650 Vgl. ~hnlich Penski (1989), S. 110. 651 Siehe zu diesen drei Elementen auch Dechsling (1989), S. 5; Stelzer (1991), S. 220 f.; Alexy (1994), S. 100; Koch (1996), S. 20; Borowski (1998a), S. 74, 116-119; Borowski (1998b), S. 325; Alex): (2000), S. 35; Cldrico (2001), S. 18; Guthke (2003), S. 24 f. 652 Vgl. zum Zusammenhang zwischen dem Prinzipienbegriff und dem Verh~ltnism~Bigkeitsgrundsatz Alexy (1994), S. 100; Borowski (1998a), S. 74, 115, 119; Borowski (1998a), S. 325; Alexy (2000), S. 35 f.; Cl~rico (2001), S. 20.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Mit dem Kriterium der Geeignetheit 653 wird geprtift, ob die empfohlene MafSnahme M! tatstichlich positive Beitrtige ~ r das vorgehende Prinzip Pl mit sich bringt. Sofern M! keine positiven Beitrtige zur Realisierung von P1 liefert, ist sie zur Realisierung von Pl nicht geeignet und daher auch nicht durch PI gefordert. Wenn 34"1 unter diesen Umsttinden aul3erdem die Realisierung von P2 beeintrtichtigt, ist MI durch P2 verboten, da die tatstichlichen MOglichkeiten (das heifSt: die faktische Eignung yon MI zur F~3rderung von P1) diese Einschrtinkungen yon P2 keinesfalls rechtfertigen kOnnen. Das Kriterium der Erforderlichkeit 654 thematisiert, ob die sich aus dem Prtiferenzsatz ergebende Einschrtinkung des unterlegenen Prinzips gerechtfertigt ist. Sofern eine alternative Mal3nahme 342 besteht, die P l in gleichem Umfang realisiert wie 341, jedoch geringere EinbuBen bei P2 mit sich bringt, so macht es ftir PI zwar keinen Unterschied, ob M1 oder 342 ergriffen wird. Da relativ auf die tatstichlichen M/3glichkeiten jedoch P2 bei der Wahl von 342 weiter erf'tillt wird als bei der DurchfOhrung yon M1, ist unter diesen Voraussetzungen M2 geboten. M1 ist hingegen verboten, da sich die Einschr/ankung yon P2 durch die Wahl einer alternativen Mal3nahme vermeiden ltisst. Das Kriterium der Erforderlichkeit entspricht daher im Ergebnis dem aus der Okonomik bekannten Pareto-Kriterium655. Diese zwei Kriterien resultieren aus der Relativierung yon Prinzipien auf die faktischen M6glichkeiten. Auf ihrer Grundlage lassen sich Mal3nahmen, die zur Konfliktl6sung vorgeschlagen werden, entsprechend mit deskriptiven Argumenten zurtickweisen, soweit sie faktisch entweder nicht geeignet sind, den angestrebten Zweck zu realisieren, oder nicht erforderlich, da es alternative MaBnahmen gibt, die bei ansonsten gleichen Normbeitrtigen die Erftillung des unterlegenen Prinzips weniger stark beschrtinken. Diese beiden Kriterien der Geeignetheit und der Erforderlichkeit sind allerdings nicht in der Lage, die Prtiferenzrelation zwischen den widerstreitenden Prinzipien zu rechtfertigen. Der Gewichtungskonflikt bleibt yon diesen beiden Kriterien unadressiert. Dieses Defizit ltisst sich besonders deutlich aufzeigen, wenn man den Konflikt in dem Konzept der Argumentationsrationalittit 656 rekonstruiert (Abbildung 9657). Die Empfehlung,
653 Bedeutungsgleich wird seltener auch von Tauglichkeit oder Zwecktauglichkeit gesprochen [vgl. Dechsling (1989), S. 5; Guthke (2003), S. 25 Fn. 73 m. N.]. 654 Dieser Teilgrundsatz wird mitunter auch ais das Gebot des milderen Mittels [vgl. Dechsling (1989), S. 5; Cldrico (2001), S. 74] oder vereinzelt als das Gebot des Interventionsminimismus [vgl. Guthke (2003), S. 25 Fn. 77 m. N.] bezeichnet. 655 Siehe dazu statt vieler z. B. Hausman/McPherson (1996), S. 17: ,,A state of affairs is Pareto optimal if it is impossible to satisfy anybody's preferences better without frustrating someone else's preferences", wobei fi~r die hier betrachtete Thematik Pr~aferenzbefriedigungdurch Prinzipiener~llung zu ersetzen ist. Vgl. zum verbreiteten Verweis auf die Okonomische Theorie aus dem (rechts)normtheoretischen Schrifttum z. B. Schlink (1976), S. 155 und passim; Dechsling (1989), S. 51-53; Sieckmann (1990), S. 224 f.; Alexy (1994), S. 149 Fn. 222; Sieckmann (1995), S. 48; Jansen (1997a), insb. S. 32-35; Jansen (1997b), insb. S. 155-158; Borowski (1998a), S. 117; Cldrico (2001), S. 111. 656 Siehe zu diesem Konzept und den darin herausgearbeiteten Strukturkomponenten von Begrtindungen bereits oben, S. 249 ff. der vorliegenden Arbeit, sowie nochmals v. Werder (1994), S. 289-359; v. Werder (1997b),
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die M ~ n a h m e MI zu ergreifen, zieht zun~ichst die Globalbegrtindung nach sich, dass dies entweder vorteilhafi w ~ e , da positive Effekte ~ r P~ zu erwarten sind. Dient hingegen P2 als Beurteilungskriterium, so ist dieselbe MaBnahme M, keineswegs geboten, sondem verboten, da sie zur Beeintr~ichtigung dieses Prinzips ~hrt. Globalbegrtindungen setzen sich (wie s~Lrntliche Begrtindungen) aus Daten- und Regelaussage(n) zusammen 658. Wahrend sich gegen die teleologische Maxime, die in G l o b a l b e g ~ n d u n g e n jeweils als evaluative Regelaussage fungiert, keine emsthaften Einwande vorbringen lassen 659, k~3nnen die beiden tibrigen Komponenten dieser B e g ~ n d u n g e n legitim in Zweifel gezogen und damit weitere Argumente eingefordert werden, mit denen zu untermauem ist, dass die Beurteilungskriterien tolerabel und die Konsequenzprognosen tragf'ahig sind 66~
Handlungsempfehlung:
Handlungsempfehlung:
M1 sollte durchgefilhrt werden.
Mt sollte nicht durchgef'tihrt werden.
Globalbegriindung:
Globalbegriindung:
Weft A 1 D: P1 ist gt~ltig. D: M~ f'6rdert P1. 4 ...... R: Eine MaBnahme mit positiven Normbeitr/igen sollte gew/ihlt werden.
Weil A2 D: P2 ist gtiltig. . . . . § D: M1 beeintr~ichtigt P2. R: Eine MaBnahme mit negativen Normbeitr~gen sollte nicht gew~hlt werden.
Detailbegriindung:
Detaiibegriindung:
Aber A21:
-~ Weil A 11 : Begrtindung der Geeignetheit von M1 zur F~Srderung yon P1.
Begrt~ndung der Erforderlichkeit der Einschr~nkung von P2 durch M1.
Gewichtungskonflikt
A D R
Legende:
A b b i l d u n g 9:
Argument(durchnummeriert) Datenaussage Regelaussage
Lokalisierung des Gewichtungskonflikts
S. 906-909; v. 79.
Werder
(1998a), S. 486-489;
657 Vgl. zu dieser Darstellung auch v.
Werder
v. Werder
(1999a), S. 687;
v. Werder/Talaulicar
(1999), S. 76-
(1994), S. 43 8.
65s Siehe nochmals oben, S. 250 der vorliegenden Arbeit, sowie v. Werder (1994), S. 333 f.; v. Werder (1997b), S. 905-907; v. Werder (1998a), S. 485 f.; v. Werder (1999a), S. 675,687; v. Werder/Talaulicar (1999), S. 76. 659 Vgl. v. Werder (1994), S. 332, 334 f.; v. Werder (1997b), S. 908; (1999a), S. 687; v. Werder/Talaulicar (1999), S. 77 f. 66o Vgl. v. Werder (1994), S. 334 f.; v. Werder (1997b), S. 908; S. 687; v. Werder/Talaulicar (1999), S. 78 f.
v. Werder
v. Werder
(1998a), S. 488;
(1998a), S. 487 f.; v.
v. Werder
Werder
(1999a),
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Da die Kollision von Prinzipien deren Gtiltigkeit voraussetzt, muss f'tir die hier zu behandelnde Thematik keine Normdiskussion dartiber er6ffnet werden, ob es sich bei Pl und P2 um tolerable Kriterien zur Beurteilung der Vorteilhaftigkeit von Ml handelt 661. Die weiteren Begrfindungsbemfihungen gelten daher zun~ichst den deskriptiven Konsequenzdaten. Sofem die Geltung dieser Konsequenzaussagen bezweifelt wird, wie es legitimerweise getan werden darf, sind Detailbegrtindungen erforderlich, in denen die Aussagen tiber die Handlungsfolgen durch deskriptive Argumente gesttitzt werden 662. Auch wenn es gelingen sollte, in diesen Detailbegrtindungen tiberzeugend darzulegen, dass die empfohlene Mal3nahme P~ f6rdert, t92 beeintr~ichtigt und keine (pareto-tiberlegene bzw. -bessere 663) Mal3nahme zur Auswahl steht, die bei ansonsten gleichen Handlungsfolgen eine geringere Einschr~inkung des kollidierenden Prinzips P2 mit sich bringt, so ist dennoch weiterhin unbegrtindet, warum die Einschr~inkung von P2 akzeptabel sein soll. Es bleibt die Argumentationslast zu begrtinden, dass der Gewichtungskonflikt unter den vorliegenden Umst~inden zugunsten yon P l entschieden werden und dieses Prinzip st~irker als das zweite zu gewichten sein soll. Zur Begrtindung der Vorrangrelation sind normative Argumente ins Feld zu fiihren. Ftir die Abwfigung der Prinzipien soll der Verhfiltnismfil3igkeitsgrundsatz im engeren Sinne verbindlich s'ein, der seltener auch als Grundsatz der Angemessenheit, Proportionalit~it oder Zumutbarkeit bezeichnet wird 664. Ob die st~irkere Gewichtung des ersten Prinzips gegentiber dem kollidierenden gerechtfertigt ist, bemisst sich danach anhand der Wichtigkeit des einen und des Beeintr~chtigungs- bzw. Erffillungsgrads des anderen. Nach A l e x y gilt ein Abwfigungsgesetz, wonach die Wichtigkeit des vorgehenden Prinzips umso gr613er sein muss, je h6her der Grad der Nichterftiliung oder Beeintr~ichtigung des kollidierenden Prinzips ist 665. Dieses Gesetz l~isst sich mit Hilfe des Konzepts der Indifferenzkurven herleiten, das in der volkswirtschafilichen Mikro- und Wohlfahrts6konomik entwickelt worden und sehr verbreitet ist 666. Ganz analog zu der Darstellung yon Gtitermengenkombinationen, die ftir einen Haushalt gleichen Nutzen stiffen, kann mit solchen Kurven das nutzenindifferente Substitutions-
661 Die Erheblichkeit einer solchen Normdiskussion soil damit keineswegs untergewichtet werden. Sie ist im Gegenteil geeignet, die im Weiteren auftretenden Probleme gar nicht entstehen zu lassen, sofern sie zu dem Befund fiihrt, dass eines der beiden Prinzipien unter den vorliegenden Anwendungsumst~nden ungtiltig und folglich nicht zu berticksichtigen ist. 662 Vgl. zur Struktur (und weiteren Ausdifferenzierung) dieser Detailbegrtindungen nochmals v. Werder (1994), S. 343-360, 500-507. 663 Vgl. zur dieser Bezeichnung Nida-Riimelin (1996b), S. 88 Fn. 13. 664 Vgl. Borowski (1998a), S. 118 Fn. 92; Guthke (2003), S. 25 f. m. N. 665 Siehe Alexy (1985), S. 27; Alexy (1994), S. 146; Alexy (2000), S. 36, und zu diesem Abw/agungsgesetzauBerdem Wellman (1985), S. 73; Peczenik (1989), S. 77; Buchwald (1990), S. 317; Sieckmann (1990), S. 229; Enderlein (1992), S. 59 f.; Koch (1996), S. 20; Jansen (1997a), S. 43; Jansen (1997b), S. 166; Borowski (1998a), S. 70; Stack (1998), S. 415; Cldrico (2001), S. 161. 666 Vgl. allein ffdrdie ethische Diskussion z. B. Enderlein (1992), S. 104; Hausman/McPherson (1996), S. 90 f.; Rawls (1996), S. 56 f.
Gestaltungsdimensionen untemehmensethischer Kodizes
33 5
verhaltnis zwischen den Erf'tillungsgraden der kollidierenden Prinzipien beschrieben werden. Da sich Prinzipien mehr oder weniger erf'tillen lassen, geben derartige Indifferenzkurven an, welche Kombinationen der Erf'tillungsgrade der Prinzipien aus Sicht des Entscheiders gleichwertig sind. Da und soweit es sich um kollidierende Prinzipien handelt, muss zwischen ihnen ein negatives Substitutionsverh/altnis herrschen. Tragt man in einem Diagramm auf den beiden Achsen die jeweiligen Erf'tillungsgrade der Prinzipien ab, sind die Indifferenzkurven daher entsprechend negativ geneigt. Ein Mehr bei dem Erf'tillungsgrad des einen Prinzips 1/isst sich demnach nur durch ein Weniger bei dem konkurrierenden Prinzip erreichen. Dartiber hinaus ist realistischerweise anzunehmen, dass das Substitutionsverh/altnis nicht konstant, s o n d e m in Abh/ingigkeit der jeweiligen Erf'tillungsgrade der Prinzipien variiert. Soweit die Erf'tillung von Prinzipien einen abnehmenden - j e d o c h durchweg positiven 667 - Grenznutzen stiftet 668, muss auch die Grenzrate der Substitution zwischen den beiden Prinzipien abnehmen 669. Eine abnehmende Grenzrate der Substitution besagt, dass umso geringere Zuw/achse des einen Prinzips erforderlich sind, um eine bestimmte Reduktion des Erf'tillungsgrads des anderen ausgleichen zu k6nnen, je mehr dieses andere Prinzip erf'tillt ist 67~ Aus diesem Grunde verlaufen die Indifferenzkurven konvex zum Ursprung671. Da es nicht auszuschlie6en, sondern stattdessen geradezu wahrscheinlich ist, dass unterschiedliche Entscheider ihren Abw/agungen unterschiedliche Indifferenzkurven zugrunde legen, f'tihrt A l e x y zur Begriindung des Abw/agungsgesetzes Indifferenzkurven einer iabergeordneten Ebene ein, die eine Funktion der Wichtigkeit des einen und des Beeintr/ichtigungsgrads des anderen Prinzips sind 672. Die Ausflucht auf diese Metaebene wird damit begrOndet, dass die Akteure zwar unterschiedliche Indifferenzkurven erster Ordnung annehmen diirfen und
667 ES wird mit anderen Worten stets ein Zustand (bzw. eine MaBnahme) praferiert, der (die) unter sonst gleichen Bedingungen mit einer weiteren Erflillung des Prinzips verbunden ist. Diese Eigenschaft ist begriffskonform, da und soweit prinzipienartige Normen Ideale zum Gegenstand haben, die es zu approximieren gilt. 668 Siehe die anschaulichen Plausibilisierungen dieser Annahme bei Jansen (1997a), S. 33, bzw. Jansen (1997b), S. 156. 669 Diese eindeutige Beziehung zwischen den Grenznutzen und der Grenzrate der Substitution setzt streng genommen voraus, dass der Nutzen aus der Erffillung des einen Prinzips unabh~ngig yon dem Realisierungsgrad des anderen bestimmbar ist. Vgl. hierzu auch das verwandte Selbst/indigkeitsaxiom yon Jansen (1997a), S. 40, bzw. Jansen (1997b), S. 164, wonach die Gebotenheit des einen Prinzips unabh~ingig yon der Er~llung des anderen ist. 670 In umgekehrter Richtung kOnnen normalerweise auch kollidierende Prinzipien zugleich zumindest zum Teil (wenn eben auch nicht mehr oder weniger vollst~indig) er~llt werden [so auch Jansen (1997a), S. 37; Jansen (1997b), S. 161 ]. Dies ist ~iu6erst bedeutsam, da es nicht selten einen Kembereich von Prinzipien gibt, der unter nur ganz besonders gewichtigen oder gar keinen Umst~nden eingeschr~inkt werden darf. Zieht man zur Veranschaulichung exemplarisch das Prinzip heran, die PersOnlichkeitsrechte der Mitarbeiter zu achten, so m6gen zwar dem Schutz der Sozialsph~ire noch die Gebote anderer Prinzipien entgegenstehen kOnnen, wohingegen Eingriffe in die Intimsph~ire der Mitarbeiter sich kaum werden aufwiegen lassen oder einer Abw~igung sogar gtinzlich entzogen sein werden. 671 Diese Eigenschaft wird auch durch die Konvexit~itsannahme zusammengefasst [vgl. Jansen (1997a), S. 33; Jansen (1997b), S. 156]. 672 Siehe Alexy (1994), S. 148 f.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
sich dennoch fiber den V e r l a u f der Indifferenzkurven zweiter Stufe im Grundsatz einig sein mfissen 673. Daraus folgt, dass die Wichtigkeit eines Prinzips u m s o gr6f3er sein muss, um die Einschr~inkung eines anderen rechtfertigen zu k6nnen, je weniger dieses andere Prinzip erftillt ist 674. Der Erkenntnisgewinn, der durch den Ebenenwechsel erlangt wird, ist indes insoweit nur gering 675, als often bleibt, wie wichtig ein Prinzip sein muss, um die Beeintr~ichtigung des anderen aufwiegen zu k6nnen. Dieses Ausmal3 hfingt offensichtlich v o m V e r l a u f der Indifferenzkurven erster Ordnung ab 676 und kann somit (zunfichst) w i e d e r u m intersubjektiv unterschiedlich sein. Es gilt j e d o c h zu bedenken, dass Pr~iferenzen und Interessen keineswegs als beliebig h i n z u n e h m e n sind 677. Sie sind z u m einen sprachlich zu repr~isentieren 678 und zum anderen ihrerseits begrfindungsbedtirftig 679, w e n n sie zu einer (intersubjektiv nachvollziehbaren) K1/arung ethischer Fragen beitragen sollen. Folglich ist ein Maf3stab erforderlich, dessen N o t w e n d i g k e i t sich auch durch das Abw~igungsgesetz nicht aufheben lfisst 68~ solange die Wichtigkeit des einen Prinzips oder die A n g e m e s s e n h e i t der Einschrfinkung des anderen nicht lediglich behauptet, sondern begrtindet werden soll.
673 SO A lexy (1994), S. 149. 674 Vgl. zu diesem Abwfigungsgesetz nochmals Alexy (1985), S. 27; Wellman (1985), S. 73; Peczenik (1989), S. 77; Buchwald (1990), S. 317; Sieckmann (1990), S. 229; Enderlein (1992), S. 59 f.; Alexy (1994), S. 146; Koch (1996), S. 20; Jansen (1997a), S. 43; Jansen (1997b), S. 166; Borowski (1998a), S. 70; Stiick (1998), S. 415; Alexy (2000), S. 36; Cl&ico (2001), S. 161. 675 Siehe kritisch zu diesem Abwfigungsgesetz z. B. auch Wellman (1985), S. 73 f. 676 Dies gilt im lJbrigen genauso l~r das Abwagungsgesetz insgesamt, dessen Gt~ltigkeit auf der - wenn auch durchweg plausiblen - Annahme basiert, dass die Grenzrate der Substitution zwischen den (Er~llungsgraden der) Prinzipien abnimmt. 677 So z. B. selbst die interessenfundierte Ethik von Hoerster (2003), S. 15 im Original z. T. kursiv: Diese beansprucht nicht, sfimtliche und beliebige, sondern ausschlief31ich ,,elementare" oder ,,aufgeklfirte" Interessen zu f0rdern. Aufgeklarte Interessen sind demnach Wt~nsche, die man nicht spontan, sondern lediglich unter Rationalitfitsbedingungen hat [vgl. Hoerster (2003), S. 37 f.], das heif3t: in einem urteilsfahigen und informierten Zustand [vgl. Hoerster (2003), insb. S. 24]. Siehe auch ganz deutlich Hoerster (2003), S. 172, wonach ,,Interessen an gewisse Rationalitatsbedingungen gebunden sind und .. es nicht rational sein kann, )~unaufgeklarten~ Interessen nachzugehen.". 678 Vgl. nur Buchwald (1990), S. 314, 322. 679 Vgl. in diesem Sinne z. B. Rawls (1996), S. 113 Herv. T. T.: ,,Urn es kurz zu sagen, das Gute ist die Befriedigung verminfiiger Bedt~rfnisse.", sowie Habermas (1991), S. 103; v. Werder (1994), S. 434; Nida-R~imelin (1996b), S. 76 f.; Kymlicka (1997), S. 34; Rawls (1997), insb. S. 67; Ott (2001), S. 39 f.; Hoerster (2003), S. 37 f.; Pauer-Studer (2003), S. 36 f.; Quante (2003), S. 68 f. 68o So auch Giinther (1988), S. 260 Herv. T. T.: ,,Dabei stellt sich allerdings das Problem, dab Abwfigungen auf Mafistdbe angewiesen sind, nach denen die relative Wichtigkeit der zu einer komplexen Relation verbundenen Elementnormen beurteilt werden kann."; Peczenik (1989), S. 75 Herv. T. T.: ,,One needs then [when principles collide, T. T.] meta-reasons ())super-reasons~0 to choose between them."; Penski (1989), S. 110 Herv. T. T.: ,,Bedingt kollidierende Grundsatze sind deshalb im Hinblick auf einen iibergeordneten Grundsatz zu beurteilen .... Wichtigkeit der Er~llung des einen bei Beeintrachtigung des anderen lassen sich aber wohl nur im Hinblick auf einen gemeinsamen ~bergeordneten Grund bestimmen."; Buchwald (1990), S. 315 Herv. T.T.: ,,Die Angabe der erwartbaren Folgen ist ein Argument Mr eine bestimmte Entscheidung erst dann, wenn ein Prinzip angefiihrt wird, nach weichem diese Folgen als gut, w0nschenswert, oder schlecht, unerwt~nscht, eingestuft werden".
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Bei einem solchen MaSstab kann es sich begrtindungslogisch nur seinerseits um eine Norm handeln, die den kollidierenden Prinzipien tibergeordnet und ebenfalls graduell erf'tillbar ist. Die Eignung als Mal3stab ist allerdings keinesfalls daran gebunden, dass seine Auspr~.gung durch die Erf'tillungsgrade der kollidierenden Prinzipien determiniert w~ire. Der Versuch, derartige Gesetzm~il3igkeiten zu entdecken, wird bei der weit tiberwiegenden Mehrzahl von Prinzipienkollisionen ebenso scheitem wie der, Prinzipien bzw. deren Erffillung zu metrisieren 681. Vielmehr hat die aufgezeigte Argumentationslast ihre Ursache gerade darin, dass keine derartigen Gesetzm~if3igkeiten bestehen und sich die Angemessenheit einer Vorrangrelation nicht beweisen (oder berechnen) l~isst. Es sind folglich m6glichst gute Grtinde vorzutragen, um der empfohlenen Gewichtung und der zugehOrigen Kollisionsbew~iltigung Akzeptanz zu verschaffen. Im Ergebnis ist A l e x y daher wiederum insofem zuzustimmen, als Abw~igungen zu begrtinden sind 682 und diese Begrtindungen keineswegs in dem Sinne abw~igungsspezifisch sind, dass sie abw~igungstypische Besonderheiten aufweisen 683, die sich kategorisch von Argumentationen zur Sttitzung von Handlungs- und Zielempfehlungen unterscheiden. In Abbildung 10 ist die Begrtindungsstruktur einer Gewichtungsempfehlung angedeutet 684. Die normative Empfehlung, unter den Umstanden C das Prinzip PI st~irker zu gewichten als P2, verlangt zun~ichst nach einer GlobalbegrOndung, in der das Beurteilungskriterium offengelegt (Kriteriendatum), die Folge eines (netto) positiven Normbeitrags erkl~irt (Konsequenzdatum) und das Bekenntnis zur Akzeptanz ntitzlicher Gewichtungen verlautbart wird (teleologische Maxime). In zul~issigen Anschlussfragen kann wiedemm zum einen die Tolerierbarkeit und zum anderen die Tragf~ihigkeit dieses Arguments problematisiert werden. Diese Zweifel verlangen entweder nach einer Normdiskussion, in der die Giiltigkeit des angesetzten Beurteilungskriteriums zu rechtfertigen ist, oder sie machen eine Detailbegrtindung notwendig, um die Konsequenzprognose der insgesamt positiven Normbeitr~ige der empfohlenen Gewichtung zu untermauem.
681 Vgl. in diesem Sinne auch Alexy (1985), S. 28; Buchwald (1990), S. 249 f., 312; Sieckmann (1990), S. 230; Enderlein (1992), S. 107 f.; Alexy (1994), S. 149; Jansen (1997b), S. 162. 682 Siehe zur notwendigen Verkntipfung des Abwagungsgesetzes mit einer Theorie der Argumentation auch Sieckmann (1990), S. 230; Alexy (1994), S. 152; Borowski (1998a), S. 70, 97; St~ck (1998), S. 415 f. 6s3 Vgl. Alexy (1994), S. 150: ,,Die zur Begrtindung derartiger S~itze [fiber Beeintr~ichtigungs- und Wichtigkeitsgrade, T. T.] anfiihrbaren Argumente haben keinen abw~igungsspezifischen Charakter.". 684 Im Unterschied zu v. Werder (1994), S. 434, und auch v. Werder/Talaulicar (1999), S. 80, wird nicht zwischen einer abstrakten Ziel- (bzw. Prinzipien-) und einer konkreten Konsequenzgewichtung unterschieden. Eine generelle Prinzipiengewichtung, die losgelOst von einem bestimmten Anwendungsfall vorgenommen wird, ist ausgeschlossen, da Prinzipien abstrakt gleichrangig sind, ihr Gewicht auspragungsabhfingig ist und Kollisionen daher nur in Hinblick auf konkrete MaSnahmen bewertet werden kt~nnen.
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Gewichtungsempfehlung: Unter den vorliegenden Umstanden C ist P~ st~irker zu gewichten als Pz.
GIobalbegriindung: Weil AI: D" Die Gewichtungskonsequenzen sind anhand der relativen Beitr~ige zur Erftillung der t~bergeordneten Norm N zu beurteilen [Kriteriendatum]. D Unter den vorliegenden Umstanden C tiberwiegen die positiven Konsequenzen durch die F6rderung von P1 die negativen Folgen der Beeintr~chtigung von P2 [Konsequenzdatum]. R: Eine Gewichtung mit insgesamt positiven Beitr~tgen zur Erftillung des Beurteilungskriteriums sollte gew~hlt werden [teleologische Maxime].
L Normdiskussion: Weft AIO: Begrfindung der Gfiltigkeit des gewghlten Beurteilungskriteriums.
Detailbegriindung: Weil A11: Begrfindung der Wichtigkeit der Erftillung yon P1 unter den vorliegenden Umst~nden C. Weil A 12: Begrtindung der Angemessenheit der Beeintr~ichtigung yon P2 unter den vorliegenden Umstanden C.
Legende:
A D R
Argument(durchnummeriert) Datenaussage Regelaussage
Abbildung 10: Begriindungsstruktur konfliktlOsender Gewichtungsempfehlungen Der Wahl des Beurteilungskriteriums k o m m t offenbar groge Bedeutung zu, da sich abweichende Gewichtungsempfehlungen ergeben k6nnen (keineswegs aber: zwangsl~iufig ergeben mfissen), wenn andere Kriterien der Gewichtung zugrundegelegt werden. In einer pluralen Gesellschaft 685 ist nicht unwahrscheinlich, dass es zumindest in bestimmten Entscheidungssituationen unterschiedliche Auffassungen dadiber gibt, welches Beurteilungskriterium angesetzt werden sollte 686. Soweit es in Frage gestellt wird, ist daher die Gtiltigkeit des vorgeschlagenen Kriteriums in einer Normdiskussion zu untermauern. Der Oberzeugungskraft einer solchen Normdiskussion sind allerdings insoweit Grenzen gesetzt, als sich keine letzten
685 Vgl. zum Pluralismus von Werten und Lebensformen in der Moderne z. B. nochmals Dreier (1981), S. 181; Mackie (1983), S. 192; Habermas (1991), S. 88; Lorenzen (1991), S. 44; Wo/f(1994), S. 92; Horster (1995), S. 100 f.; Bayertz (1996a), S. 15, 21; Bayertz (1996b), S. 60; Ropohl (1996), S. 133, 154; Rawls (1997), S. 294 und passim; Irrgang (1998), S. 23, 119; Geva (2000), S. 778 f. und passim; Thurnherr (2000), S. 77; Suchanek (2001), S. 15; Kaptein/Wempe (2002), S. 45; Fischer (2003), S. 197. 686 Siehe dazu statt vieler z. B. Rawls (1997), S. 339: ,,Viele unserer wichtigsten Urteile werden unter Bedingungen gefallt, die es ~iu6erst unwahrscheinlich erscheinen lassen, da6 gewissenhafte und uneingeschrfinkt verntinftige Personen, selbst nach einer freien Diskussion, ihre Ffihigkeit zu vemt~nftigen 0berlegungen so aust~ben kOnnen, da6 alle zur selben Entscheidung kommen.".
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Grtinde f'tir eine b e s t i m m t e N o r m vorbringen lassen 687. Der Kollisionsl6sung muss daher die Wahl einer n o r m a t i v e n Ethik vorausgehen, die den n o r m a t i v e n B e z u g s r a h m e n f'tir die Austarierung der G e w i c h t e bereitstellt. Da dem W e r t e p l u r a l i s m u s in der Gesellschaft das A n g e b o t altemativer und konkurrierender E t h i k - K o n z e p t i o n e n entspricht 6ss, ist diese Selektion v o n grundlegender Schwierigkeit 6s9. Trotz aller B e g r t i n d u n g s n o t w e n d i g k e i t e n und -pflichten l~isst sich daher ein letztlich entweder intuitives 69~ oder dezisionistisches 691 E l e m e n t ethischer Urteile nicht leugnen. Die B e s t i m m u n g des n o r m a t i v e n R a h m e n s ist zwar durch einige Kriterien im negativen Sinne eingegrenzt, die als n o t w e n d i g e V o r a u s s e t z u n g e n die Konsistenz bzw. K o h ~ e n z 692 oder die M6glichkeit bzw. Realisierbarkeit 693 der resultierenden N o r m e n einfordem. Dartiber hinaus ist die Pr~iferenz einer E t h i k - K o n z e p t i o n durchaus intersubjektiv begrtindbar. Diese A r g u m e n t e haben indes nicht z w i n g e n d die Kraft, A n d e r e v o n d e r Oberlegenheit der gew~ihlten K o n z e p t i o n zu tiberzeugen 694, s o f e m die O p p o n e n t e n sich mit d e m t
6s7 Vgl. zur Unm0glichkeit von Letztbegr0ndungen nur Albert (1991), S. 15: Versuche einer Letztbegr0ndung mtinden danach unweigerlich in ein (sog. ,,Mtinchhausen"-)Trilemma, da entweder immer weitere BegrOndungen eingefordert werden kt~nnen (infiniter Regress), auf zu Begrtindendes zurtickgegriffen wird (logischer Zirkel) oder es an einem letztlich willktirlich gesetzten Punkt zu einem Abbruch des Beg~ndungsverfahrens kommt. Dieses Begr0ndungstrilemma gilt nicht nur fiar die Sicherung deskriptiver Erkenntnisse, sondern ebenso ~r Werte und Normen [vgl. Albert (1991), S. 67]. 688 Vgl. nochmals Hegselmann (1991), S. 221; Bayertz (1996a), S. 11; Kersting (1996), S. 184; Ropohl (1996), S. 137, 154; Irrgang (1998), S. 205; Wolf/Schaber (1998), S. 146; Ott (2001), S. 72. 6s9 Siehe zu denkbaren Auswahlkriterien z. B. Ott (2001), S. 72 f. m. w. N. 690 Siehe dazu auch Rawls (1996), S. 59: ,jede ethische Theorie mul3 sich an vielen Punkten mehr oder weniger auf die Intuition sttRzen.", sowie Mackie (1983), S. 44: ,,Wichtiger, obwohl selten hervorgehoben, ist der Umstand, dab jeder Wertobjektivismus letztlich auf die zentrale intuitionistische These zurfickgreifen muB.", und zum Intuitionismus bereits oben, S. 17 Fn. 27 der vorliegenden Arbeit. 691 Vgl. Patzig (1971), S. 34: ,,Philosophische Prinzipien k~Snnen dem Einzelnen die moralische Entscheidung nicht abnehmen."; Tugendhat (1993), S. 332: ,,Dieses Beurteilungsverfahren gibt der konkreten Oberlegung einen rationalen Kern, bleibt jedoch an den Randern often und impliziert in allen tiefen moralischen Fragen einen irreduziblen pers0nlichen Entscheidungsfaktor."; Horster (1995), S. 21: ,,PersOnliche Entscheidung" und S. 110: ,,Die im Kern allgemeingtiltigen Regeln [der Moral, T. T.] sind an den Randern often und verlangen inviduelle Entscheidungen."; Kaufmann (1996), S. 580: ,,laBt sich ein gewissen Mat5 an Dezision, an Entscheidung, ~ r die es keine iabergeordneten G~nde mehr gibt . . . . nicht vermeiden.", ferner z. B. Hoerster (2003), S. 183: ,,Die letzte Basis jeder rationalen Vertretung von Moralnormen ist stets volitiver, nicht kognitiver Art: Sie besteht in einem WUnschen oder Wollen, nicht in einem Erkennen oder Wissen.", und in diesem Sinne auch Mackie (1983), S. 126: ,,GleichgUitig, wie es um die Wahrheit einer logischen These [fi~r ein grundlegendes moralisches Prinzip, T. T.] bestellt sein mag, es ist immer noch eine davon unabhangige Entscheidung fi~r oder gegen das entsprechende grundlegende praktische Prinzip erforderlich." und S. 132: ,,Wir miassen entscheiden, welche moralischen Regein wir annehmen, auf welchen Standpunkt wir uns festlegen wollen.". 692 Siehe zu diesem logisch notwendigen, aber keineswegs hinreichenden Kriterium bereits oben, S. 195 der vorliegenden Arbeit, sowie Brandt (1959), S. 19; Peczenik (1989), S. 56; Buchwald (1990), S. 253; Kaufmann (1996), S. 580; Hoerster (2003), S. 73. 693 Vgl. z. B. Geiger (1964), S. 63 f.; von Wright (1979), S. 112; Mackie (1983), S. 188; Albert (1991), S. 91 f.; Kersting (1996), S. 186; Rawls (1996), S. 268; Irrgang (1998), S. 122; Zoglauer (1998), S. 108, 112 f.; Birnbacher (2003), S. 172; Quante (2003), S. 30, 83. 694 Siehe in diesem Sinne Mackie (1983), S. 126: ,,Die Universalisierbarkeit [als grundlegende Bedingung, T. T.] sittlicher Urteile auferlegt also unseren Handlungswahlen oder vernianflig begrtindbaren Verhaitensweisen keinen rationalen Zwang", sowie - wenngleich mit abweichenden Folgerungen - Buchwald (1990), S. 313
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches lmplementierungsinstrument
gleichen V e m u n f t a n s p r u c h einem altemativen E n t w u r f verpflichten w o l l e n 695. Die A r g u m e n tation kann daher nicht b e a n s p r u c h e n zu tiberzeugen, s o n d e m nur oder i m m e r h i n den eigenen Standpunkt verst~indlich m a c h e n 696. Die A u s e i n a n d e r s e t z u n g mit dieser (metaethischen) Problematik ist ebenso grundlegend 697 wie far die A n w e n d u n g e n einer U n t e m e h m e n s e t h i k fruchtlos 698. Sie ist insbesondere dann praktisch weniger gewichtig, w e n n z u m i n d e s t f'tir den betrachteten U n t e m e h m e n s k o n t e x t geringere A u f f a s s u n g s u n t e r s c h i e d e tiber die Gtiltigkeit tibergeordneter N o r m e n zu erwarten sind. D e m e n t s p r e c h e n d wird sich beispielsweise f'tir die N o r m e n , in einer kritischen Offentlichkeit das w o h l v e r s t a n d e n e U n t e m e h m e n s i n t e r e s s e zu f~rdem oder den A n f o r d e r u n g e n der sozialen Marktwirtschaft zu entsprechen, u m f a s s e n d e r e Einigkeit erzielen lassen 699. Die N o t w e n d i g k e i t des eigenen Urteils wird dadurch indes nicht wesentlich verringert, da diese N o r m e n derart allgemein sind, dass sie w i e d e r u m unterschiedliche A b l e i t u n g e n e r m 6 g l i c h e n 7~176Die Aufl6-
Fn. im Zitat gel0scht: ,,Hier gibt es einen Bereich, in dem der ~)zwanglose Zwang des besseren Argumentes~ nicht wirken zu k~nnen scheint", und Fischer (2003), S. 198, wonach weltanschauliche Fragen zwar argumentativ begrOndbar sind und dennoch nicht davon ausgegangen werden kann, ,,dab der Zwang des besseren Arguments diese konsensf~ihig beantwortet: Einstellungen kOnnen zwar durch Argumente beeinfluBt, aber nicht zwingend verfindert werden, denn es hfingt auch von den Einstellungen ab, was als besseres Argument gilt.". 695 Vgl. auch Wo/f (1994), S. 92, wonach ,,das Bemtihen um Konsens in letzten GrOnden ein ehrenhaftes, aber hoffnungsloses Unternehmen [ist, T. T.], leben wir doch in Gesellschaften, die keine gemeinsame und homogene Moralvorstellung kennen ... Wir mOssen also zwangslaufig Annahmen treffen, von denen wir wissen, dab sie nicht allgemein geteilt werden. SchlieBlich zeigt ein Blick auf die anhaltenden BegrOndungs- und Grundlagenprobleme, dab diese wesentlich unabschlieBbar sind. Es besteht keine Chance, jemals alle Utilitaristen zu Kantianern zu bekehren oder umgekehrt.". 696 Dieser Anspruch ist alles andere als unbedeutend, da er geeignet ist, extremeren Versionen sowohl des lntuitionismus als auch des Subjektivismus entgegenzuwirken. 697 Vgl. nochmals Grewendorf/Meggle (1974), S. 7 f.; Riedel (1979), S. 68; Frankena (1994), S. 21; Wolf (1994), S. 91; Maclntyre (1995a), S. 13; Kagan (1998), S. 5 f.; Pauer-Studer (2003), S. 163; Quante (2003), S. 17 f. 698 So z. B. auch v. Werder (1994), S. 315: ,,Die manageriale Aufgabe besteht .. nicht primfir in einer permanenten Auseinandersetzung mit ethischen Grundlagenfragen"; Grabner-Krciuter (1998), S. 130: ,,Die Auseinandersetzung [mit dem LetztbegrOndungsproblem, T. T.] ... ist mr die Grundlegung einer Unternehmensethik als angewandte Ethik wenig ergiebig.". Siehe kritisch zur Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit dem Problem der Letztbegr~ndung ganz generell Luhmann (1989), S. 360; Habermas (1991), S. 195; HOffe (1993), S. 256; Schneider (1994), S. 37 f.; Horster (1995), S. 58-65; Ropohl (1996), S. 310; Zoglauer (1998), S. 284. 699 Derartige BeurteilungsmaBst~be sind dennoch nicht prinzipiell yon einer Begrtindungspflicht freigesprochen. Sie werden lediglich vorObergehend anerkannt, solange ihre Gi~ltigkeit nicht bezweifelt wird. Dies ist deshalb erforderlich, da zwar s~mtliche Aussagen kritisierbar und begrOndbar sind, nicht aber alles zur gleichen Zeit diskutiert werden kann. Begrtindungen und Kritik mtissen Voraussetzungen annehmen, damit Argumentationen Uberhaupt stattfinden kOnnen. Diese Voraussetzungen sind damit allerdings nicht jeglicher Diskutierbarkeit entzogen. Siehe zu dieser Auffassung auch Alexy (1991), S. 76; Schneider (1994), S. 38; v. Werder (1994), S. 318. 7oo Vgl. dazu z. B. in diesem Sinne Mackie (1983), S. 42: ,,Es l~iBt sich leicht zeigen, dab solche allgemeinen Prinzipien unter unterschiedlichen konkreten Umsttinden, unter Voraussetzung unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme und bei Setzung unterschiedlicher Priorittiten zu voneinander abweichenden spezifischen moralischen Regeln ~hren".
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sung von Prinzipienkollisionen ist daher unausweichlich auf die moralische Urteilskraft der adressierten Akteure angewiesenT~ Der Prozess der moralischen Urteilsfindung wird im sp~iteren Verlauf dieser Arbeit noch intensiver zu besprechen sein 7~ An dieser Stelle ist es zun~ichst ausreichend, die Bedeutung hervorzuheben, die ihm im Besonderen bei der Prinzipienanwendung letztlich zukommt. Die Begrfindung einer Gewichtungsempfehlung kann abschlieBend mit dem in Abbildung 11 dargestellten Beispiel veranschaulicht werden703. Dabei sei unterstellt, dass das betrachtete Untemehmen einen Kodex besitzt, in dem es sich den Prinzipien verpflichtet, die Interessen der Mitarbeiter in m6glichst weitem Mal3e zu be~cksichtigen und zugunsten der Aktion~e eine m6glichst hohe Rendite zu erwirtschaflen. Zwischen diesen Prinzipien besteht ein Konflikt, wenn das Untemehmen fiber die Durchf'tihrung einer geplanten MaBnahme entscheiden muss, ob ein Gesch~iflsfeld, in dem 5.000 Mitarbeiter besch~ifligt sind, zu schlieBen ist, um die Rentabilit~it des Gesamtuntemehmens von 13 % auf 15 % zu steigem. Als Kriteriendatum dient die - im Beispiel als tolerabel angesehene - Norm, den Anforderungen der sozialen Marktwirtschafl in m6glichst weitem MaBe gerecht zu werden. In Hinblick auf dieses Beurteilungskriterium k6nnte unter den angenommenen Umst~anden eine st/arkere Gewichtung der Arbeitnehmerinteressen empfohlen und damit in der Folge ein Verbot der Gesch~iflsfeldschlieBung begrfindet werden. Die Detailbeg~ndungen zur Stfitzung der empfohlenen Gewichtung in Abbildung 11 verdeutlichen, dass die Beeintr~ichtigung der Mitarbeiterinteressen zu stark ist und die Wichtigkeit der Renditesteigerung unter den vorliegenden Umst~inden nicht ausreicht, um diese Beeintr~.chtigung aufwiegen zu k6nnen. Auf der Grundlage dieser Begrfindung w~ire es daher geboten, auf die geplante Gesch~iflsfeldschlieBung zu verzichten.
701 Siehe generell zur Bedeutung der Urteilskraft bei der Anwendung moralischer Normen z. B. nochmals Ketther (1992), S. 14; Kaufmann (1996), S. 578; Zimmerli/Afllander (1996), S. 291; Collier (1998), S. 623; Maclagan (1998), S. 40; Wellmer (1999), S. 28; Thurnherr (2000), S. 21. 702 Siehe unten, S. 550 ff. der vorliegenden Arbeit. 703 Siehe zu diesem Beispiel v. Werder/Talaulicar (1999), S. 85-94, und zu der vorgenommenen Gewichtungsempfehlung ebd., S. 93-95. Zur besseren Lesbarkeit ist in Abbildung 11 darauf verzichtet worden, die einzelnen Argumente in ihre Daten-und Regelbestandteileaufzuschliasseln.
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E t h i k - K o d i z e s als u n t e r n e h m e n s e t h i s c h e s I m p l e m e n t i e r u n g s i n s t r u m e n t
Gewichtungsempfehlung:
~ln Hinblick auf die geplante Geschllftsfeldschlieflung sind unter den gegebenen Umstltnden die lnteressen der Mitarbeiter stitrker zu gewichten als die erzielbare Steigerung der Rendite des Unternehmens.~
Globalbegrfindung
Ebenen der Detailbegrfindung 1 2 3
Weil AI:
Eine starkere Gewichtung der Konsequenzen for die Arbeitnehmer im Vergleich zu den Konsequenzen for die Anteilseigner entspricht in diesem Fall den Anforderungen der sozialen Marktwirtschafi. Weil A11: Bei einer Entlassung von 5.000 Mitarbeitern werden die lnteressen der betroffenen Arbeitnehmer massiv beeintrachtigt. Weil A111: Bei ohnehin hohen Arbeitslosenzahlen sind Massenentlassungen von 5.000 Mitarbeitern besonders problematisch. Aber AI 111: Die durch die Entlassungen beeinflusste Arbeitslosenquote ist zunachst keine (unmittelbar) relevante betriebswirtschaftliche Kategorie. Aber A I 1111: Durch steigende Arbeitslosenzahlen verursachte gravierende soziale Spannungen kOnnen die Produktions- und AbsatzmOglichkeiten des Unternehmens beeintrachtigen. Aber A112: Die 5.000 Mitarbeiter sind nicht insgesamt tatsachlich zu entlassen. Weil A1121: Einzelne Mitarbeiter kOnnen in andere, wachsende Gesch~tttsfelder des Unternehmens versetzt werden. Aber A11211: Die GrOBe des zu schliel?,enden Geschafisfeids verhindert die interne Versetzung eines GroBteils der betroffenen Mitarbeiter. Weil A1122: Einzelne Mitarbeiter kOnnen sozial vertraglich und aufeigenen Wunsch das Unternehmens verlassen. Aber A11221: Die GrOBe des zu schliel3enden Gesch~tfisfelds verhindert die sozial vertra,gliche, einvernehmliche Freisetzung eines GroBteils der betroffenen Mitarbeiter. Aber A12: Eine Renditesteigerung um 2 Prozentpunkte ist nicht unwesentlich und in einer die Entfaltung gewinnorientierter Aktivit~ten fordernden Wirtschafisordnung entsprechend zu gewichten. Aber A I21: Das zu schlieBende Geschafisfeld erwirtschafiet eine nachhaltige Rendite von immerhin 12 %. Abet A122: Die bestehende Rendite des Gesamtunternehmens ist mit 13 % bereits beachtlich hoch. Abet A 1221 : Eine Rendite von 15 % wird vom Kapitalmarkt gefordert. Aber A12211: Die Zwange des Kapitalmarkts kOnnen bezweifelt werden. Weil A122111: Die UnternehmensbewertungsRationalitat des Kapitalmarkts kann bezweifelt werden. Weil A122112: Die Berechnungsmethode der Eigenkapitalkosten ist eigentt~mlich zirkular. Weil A122113: Die Deckung des Kapitalbedarfs zu for das Unternehmen akzeptablen Konditionen ist wenig problematisch.
Legende:
A
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Argument (durchnummeriert)
A b b i l d u n g 11." B e g r i i n d u n g e i n e r G e w i c h t u n g s e m p f e h l u n g TM
704 V g l . v. Werder/Talaulicar ( 1 9 9 9 ) , S. 95.
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(d) Konflikte zwischen Regeln und Prinzipien Normen lassen sich in Regeln und Prinzipien unterscheiden. Nach den zuvor behandelten Regelkonflikten und Prinzipienkollisionen kommt als dritte Art eines Normkonflikts daher in Betracht, dass eine Regel und ein Prinzip kollidieren, da sie jeweils etwas gebieten, das sich nicht gleichzeitig erftillen l/asst. Um derartige Kollisionen zwischen einer Regel und einem Prinzip zu bew~iltigen, stehen zun/achst drei Verfahren zur Auswahl. Erstens kOnnte ein genereller Vorrang von Prinzipien vorgesehen werden705. Demnach w~iren Regeln als ungtiltig auszuweisen, sofem ein Prinzip etwas Widersprtichliches gebietet. Es ist bereits gezeigt worden, dasses theoretisch durchaus vorstellbar ist, die Gtiltigkeit von Regeln durch entsprechende Zus~itze einzuschr~inken 7~ Als generelle Konfliktl6sungsregel erscheint dies indes ausgesprochen unzweckm~i6ig 7~ Zum einen ist nicht ersichtlich, wie sich im Konfliktfall ein genereller Vorrang von Prinzipien rechtfertigen 1/asst. Die vorgenommene Abgrenzung zwischen Regeln und Prinzipien basiert nicht auf einem hierarchischen Kriteriurn. Folglich sind Prinzipien auch keineswegs naturgem~i6 hOherrangige Normen als Regeln. Zum anderen ist zu bedenken, dass Prinzipien Ideale zum Gegenstand haben, die es zu approximieren gilt. Unterstellt man plausiblerweise einen abnehmenden Grenznutzen der Prinzipienerf'tillung708, so mutet es insgesamt wenig Oberzeugend an, dass eine beliebig geringftigige zus~itzliche Erftillung eines Prinzips, das ohnehin schon sehr weitgehend realisiert ist, unterschiedslos die Gtiltigkeit einer Regel aul3er Kraft setzen soil. Kurz gesagt besteht bei einem solchen L6sungsmodell die Gefahr, die Bedeutung von Regeln g~inzlich aufzuheben, da sich (fast) immer ein Prinzip finden lassen wird, mit dem die Regelanwendung blockiert werden kann. Plastisch lief3e sich diese Modelleigenschaft mit dem Ausdruck des Regelderogismus kennzeichnen. Das zweite L6sungsmodell k6nnte umgekehrt bestimmen, dass in Konfliktf~illen Regeln Vorrang
genie6en709. Dies liel3e sich zum einen dadurch plausibilisieren, dass sich (zumindest
einige) Prinzipien wenigstens bis zu einem gewissen Grad erf'tillen lassen, ohne die definitiven Regelgebote zu verletzen 71~ Zum anderen kommt dieses Modell dem Regelcharakter in dem 703 Formal entspricht dies dem Praferenzsatz: P P R. Daraus ergibt sich eine Regel R', welche die Ungtiltigkeit der kollidierenden Regel gebietet. 706 Siehe zu prinzipiengebundenen Ausnahmeklauseln von Regeln nochmals oben, insb. S. 300 der vorliegenden Arbeit. 707 Gleichwohlmag es sich im Einzelnen empfehlen, die GUltigkeitbestimmter Regeln an die Vertr~iglichkeitmit bestimmten Prinzipien zu binden. Damit ist ~r diese ausgew~ihltenNormkonfliktejedoch eine konkrete L6sung bereits im Vorhinein festgelegt worden, lm Weiteren soll es hingegen gerade um solche Kollisionsf~ille gehen, bei denen der Normadressat nicht auf eine eindeutige und eindeutig kodifizierte Vorrangregelung zurtickgreifen kann. Siehe zu dieser sinnvollen Fokussierung nochmals oben, S. 324 ft. der vorliegenden Arbeit. 708 Vgl. nochmalsJansen (1997a), S. 33; Jansen (1997b), S. 156. 709 Demnach wOrde der umgekehrte Pr~iferenzsatz gelten" R P P. Dieser Pr~ferenzsatz impliziert eine Regei R", welche die Folge der kollidierenden Regel gebietet. 71o Vgl. in diesem Sinne nochmals Jansen (1997a), S. 37; Jansen (1997b), S. 161.
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Sinne nach, dass es sich bei Regeln um Normen handelt, die definitiv gebieten. Dennoch wirkt ein entsprechendes Modell seinerseits kaum attraktiv, da und soweit Prinzipien h~.ufig einen ht~heren Generalit~.tsgrad aufweisen und sehr grundlegende moralische Standards kodifizieren. Zwar mag es sich wiederum empfehlen, dass bestimmten Regeln in Hinblick auf bestimmte Prinzipien insoweit absolute G~iltigkeit zukommt 711, als sie durch diese Prinzipien nicht auger Kraft gesetzt werden k0nnen. Als generelle Vorrangregel verbietet sich jedoch dieses L0sungsmodell, das letztlich auf einen reinen Regelrigorismus hinausl~.uft. Vorrangregelungen far Regel/Prinzipien-Kollisionen, die entweder generell Prinzipien oder pauschal Regeln bevorzugen, sind zusammengefasst bedenklich, da sie die konkreten Anwendungsbedingungen, die dem Konflikt zugrunde liegen, ausgeblendet belassen 712. Die Einbeziehung dieser Umst~.nde macht eine Abw~gungslOsung notwendig. Da Regeln als definitive Gebote nicht selbst abw~.gungsf~,hig sind, sind Konflikte zwischen einer Regel und einem Prinzip aus diesem Grund sinnvollerweise dahin gehend zu bew~.ltigen, dass die Prinzipien, die die Regel(gfiltigkeit) st(itzen, mit dem kollidierenden Prinzip abgewogen werden m~issen. Der Regel/Prinzipien-Konflikt wird damit in eine Prinzipienkollision tiberft~hrt, deren Bewfiltigung bereits im vorangegangenen Abschnitt behandelt worden ist. Regeln sind nach diesem Modell dennoch nicht ~iberfltissig, da die erforderliche Abw~.gung nicht lediglich das kollidierende Prinzip und diejenigen Prinzipien zu bert~cksichtigen hat, welche die konfligierende Regel stt~tzen. Hinzu kommt das Prinzip, das dieses L6sungsmodell begrt~ndet und gebietet, Regel/Prinzipien-Konflikte zugunsten des kollidierenden Prinzips aufzulOsen, falls die gegebenen Umst~inde es erfordern. Dies beinhaltet gleichzeitig, dass Regeln soweit mOglich einzuhalten sind, sofern der Regelbefolgung keine gewichtigen Grt~nde entgegenstehen713
c" Wichtige Abgrenzungen Es ist gezeigt worden, dass und wie Regeln und Prinzipien voneinander abzugrenzen sind. Bei Regeln und Prinzipien handelt es sich um zwei Normarten, die strukturelle, anwendungsund kollisionsbezogene Unterschiede aufweisen. Auf dieser Basis lassen sich daher regel- und prinzipienartige Kodizes differenzieren. In Hinblick auf die Unterscheidung von Regeln und Prinzipien sind abschliel3end wichtige Abgrenzungen zu Nanlichen Begriffen und Begriffspaaren zu verdeutlichen, um Missverstgndnissen entgegenzuwirken. Dabei ist zuerst auf das Ver-
711 Vgl. auch Alexy (1985), S. 20 Fn. 38, der von strikt geltenden (bzw. gt~ltigen)Regeln spricht. 712 Vgl. in diesem Sinne auch Gert (1983), S. 182, wonach Konflikte zwischen moralischen Regeln und Idealen ,,nicht abstrakt entschieden werden kOnnen, sondern dag jeder Fall f't~rsich zu behandeln ist." sowie zur Beziehung zwischen den Begriffen des Prinzips und des Ideals sogleich, S. 350 f. der vorliegenden Arbeit. Vl3 Vgl. auch Hennessey/Gert (1985), S. 114 En. 5: ,,Although we assert that rational people advocate universal obedience to moral rules, we do not say they want everyone to obey the rules absolutely, with no exceptions. There are instances, of course, in which we would all want a moral rule disobeyed in order to follow a moral ideal, in which case, in fact, it would be morally unacceptable not to break it. That requires a strong, clear reason, such as the prevention of serious evils, which are much greater than the evils caused by the violation.", sowie ~.hnlichAlexy (1985), S. 20 Fn. 38; Alexy (1994), S. 122; Borowski (1998a), S. 72 Fn. 79.
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h~iltnis zwischen Normen und Werten einzugehen und nochmals aufzugreifen, dass Prinzipien nicht mit Idealen gleichzusetzen sind. Im Anschluss werden mit den Unterscheidungen von expliziten und impliziten Normen sowie Konditional- und Zweckprogrammen kurz zwei weitere prominente Normkategorisierungen gekennzeichnet, die A,hnlichkeiten mit der Einteilung in Regeln und Prinzipien besitzen, keineswegs jedoch mit ihr deckungsgleich und f'tir die Zielsetzung der vorliegenden Untersuchung weniger geeignet sind.
(1) Normen und Werte (a) Wertbegriff Normen lassen sich in Regeln und Prinzipien einteilen. Demgemaf5 k6nnen regel- und prinzipienartige Kodizes unterschieden werden. Im unternehmensethischen Schrifttum 714 und in Kodizes der Untemehmenspraxis 715 ist indes h~iufiger davon die Rede, dass Kodizes (unter anderem auch) Werte enthalten. Teilweise werden dartiber hinaus abweichend regelbasierte mit wertbasierten Kodizes kontrastiert 716. Es gilt daher zu kl~en, welche Beziehungen zwischen Normen und Werten bestehen und inwieweit Prinzipien Werten entsprechen. Da ebenso wie im Falle von Normen der Wertbegriff sehr facettenreich ist und mit verschiedenen Bedeutungen in unterschiedlichen Disziplinen verwendet wird 717, k6nnen diese Kl~xungen nicht beanspruchen, allgemein geteilt zu werden718. Sie sollen jedoch verstandlich machen, welche Terminologie f'tir die weiteren Ausf'tihrungen anzunehmen und aus welchen Grtinden sie als z w e c k m ~ i g anzusehen ist. Der Wertbegriff ist vergleichsweise jung. Er stammt aus der Okonomie und bezeichnete ursprtinglich den Tauschwert, den Giiter am Markt erzielen719. In die philosophische Termino-
714 Vgl. Robin/Giallourakis/David/Moritz (1989), S. 72; Pelfrey/Peacock (1991), S. 15; Sims (1991), S. 494, 504; Berenbeim (1992), S. 12; Nash (1992), S. 158; Weber (1993), S. 424; Alderson/Kakabadse (1994), S. 439; Montoya/Richard (1994), S. 713; Condren (1995), S. 75; Grace~Cohen (1995), S. 195 f.; Murphy (1995), S. 728; Harrington (1996), S. 257; Johnson/Cassell/Smith (1996), S. 164; Brytting (1997), S. 670; Laufer/Robertson (1997), S. 1030, 1038; CleeldLeonard (1998), S. 622; Farrell/Farrell (1998), S. 588; Malloy/Fennell (1998), S. 453; Murphy (1998), S. 2-4; Weaver/Trevino/Cochran (1999b), S. 42; Organisation for Economic Co-operation and Development (1999), S. 8; Lovitky/Ahern (1999), S. 40; Stevens (1999), S. 113; Boatright (2000), S. 366; Driscoll/Hoffman (2000), insb. S. 78; Farrell/Cobbin (2000), S. 181, 186; Murphy (2000), S. 296; Wotruba/Chonko/Loe (2001), S. 61; Kaptein/Wempe (2002), S. 271 f.; Valentine/Fleischmann (2002), S. 307; Graafland/van de Ven/Stoffele (2003), S. 47 f.; Nijhof/Cludts/Fisscher/Laan (2003), S. 69; Valentine~Barnett (2003), S. 359; Kaptein (2004), S. 22, 24. 71s Siehe statt vieler nur die Zusammenstellung yon insgesamt 39 entsprechenden Grundsatzdokumenten bei Murphy (1998), insb. S. 235 und passim. 716 Vgl. RobirdGiallourakis/David/Moritz (1989), S. 72; Farrell/Cobbin (1996a), S. 52 f.; Post (2000), S. 113 f. 717 Vgl. z. B. Kluckhohn (1951), S. 389 f.; Schmitt (1967), S. 39-41; Lautmann (1971), insb. S. 98; Alexy (1985), S. 23; Joas (1999), S. 30-35 und passim; Schweppenhauser (2003), S. 9-13. 71g Siehe auch Sieckmann (1999), S. 743, und zur Streitigkeit fiber das Verh~lltniszwischen Normen und Werten z. B. Riedel (1979), S. 71 f. 719 Vgl. z. B. B6ckenfOrde (1991), S. 68; Schweppenhetuser (2003), S. 9.
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logie wurde er im 19. Jahrhundert a u f g e n o m m e n , nachdem als eine G e g e n b e w e g u n g zum positivistischen Wissenschaftsverst/~ndnis eine Wertphilosophie entstand 72~ die neben die Sph/~re des Seienden eine irreduzible (das heiBt: nicht vollstfindig a u f positive T e r m e rtickf'tihrbare) S p h ~ e der Werte setzte, die kein Sein, sondern eine Geltung haben sollten 721. In unterschiedlichen Disziplinen und insgesamt insofem sehr verbreitet werden Werte mit Auffassungen fiber Wtinschenswertes gleichgesetzt 722. Sie bilden demnach nicht den G e g e n s t a n d einer Bewertung (,,Etwas ist ein Wert."), sondern sie dienen als Maflstab, um etwas (wie ein Objekt, eine Handlung oder einen Zustand) in einem Werturteil oder Wertsatz als wertvoll (oder gut) auszuzeichnen (,,Etwas hat einen
Wert.")723. Da
Werte zur Bewertung des Guten herangezo-
gen werden und das Gute der axiologische 724 G r u n d b e g r i f f ist 725, stellen sie einen axiologischen Begriff dar 726. N o r m e n haben demgegentiber einen deontologischen Status. Sie gebieten etwas als gesollt 727. Zusammengeffihrt lassen sich normative Urteile daher allgemein danach unterscheiden, ob es sich um (pr/~skriptive) Verpflichtungs- oder (evaluative) Werturteile handelt (Abbildung 12) 728.
720 Vgl. z. B. Schmitt (1967), S. 46, 53; BOckenf6rde (1991), S. 69; Joas (1999), S. 258 und passim. 721 Vgl. z. B. Schmitt (1967), S. 52; BOckenf6rde (1991), insb. S. 70 f.; Gil (1993), S. 108; Schweppenhtiuser (2003), S. 9. 722 Siehe z. B. die vielzitierte Definition yon Kluckhohn (1951), S. 395 im Original kursiv: ,,A value is a conception, explicit or implicit, distinctive of an individual or characteristic of a group, of the desirable which influences the selection from available modes, means, and ends of action.". Es sei hervorgehoben, dass Werte demnach nicht einfach mit WUnschen gleichgesetzt werden, sondern dass sie des Wtinschens wert sein mt~ssen. Wt~nschenswertes wird mit anderen Worten nicht einfach beliebig, sondem begrtindet ~ r wertvoll gehalten [vgl. w0rtlich Kluckhohn (1951), S. 396: ,,A value is not just a preference but is a preference which is felt and/or considered to be justified", und eingehender dazu auch Kelman/Hamilton (1989), S. 107; Joas (1999), S. 32]. 723 Vgl. statt vieler von Kutschera (1973), S. 85 f., sowie zu der Unterscheidung zwischen dem Gegenstand und dem Kriterium der Bewertung auch Alexy (1994), S. 128 m. w. N., oder Buchwald (1990), S. 314, und genauso Lautmann (1971), S. 26: ,,Wert als Gut" versus ,,Wert als Mal]stab". 724 gon dem griechischen dt~i.ot= Wertschfitzung [vgl. z. B. Riedel (1979), S. 95]. 725 Siehe zum Begriff und den Bedeutungen des Guten z. B. yon Wright (1963b), S. 8-18 und passim; Moore (1970), S. 29-73 und passim; Gert (1983), S. 76-95; Mackie (1983), S. 60-79; Williams (1986), S. 47-63; Peczenik (1989), S. 59 f.; Tugendhat (1993), S. 49-64; Frankena (1994), S. 97-113; Pieper (1994), insb. S. 143-148; Rawls (1996), S. 433-492; Rawls (1997), insb. S. 364; Kagan (1998), S. 25-69; Birnbacher (2003), S. 241-278; Quante (2003), S. 33-37. 726 Vgl. nur yon Wright (1963a), S. 7, sowie yon Wright (1963b), S. 136. 727 Siehe Peczenik (1989), S. 51: ,,norm-expressive statements qualify a human action as prescribed (obligatory), permitted, or prohibited (forbidden)." und S. 52: ,,A value statement characterises an object as good, bad, beautiful, ugly, etc. It expresses a value judgment.", auBerdem zur Unterscheidung zwischen einer Werttheorie des Guten und einer Normentheorie des Gesollten auch von Wright (1963a), S. 7; yon Wright (1963b), S. 157; Raz (1990), S. 11. 728 Vgl. dazu start vieler Frankena (1994), S. 27 f., und zu der gewfihlten Begriffiichkeit auch von Wright (1963b), S. 2.
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Normative
Urteile
Prgskriptive Verpflichtungsurteile
Evaluative Werturtei!e
Abbildung 12." Arten normativer Urteile
Ebenso wie N o r m e n mtissen auch Urteile tiber das Gute nicht notwendig moralischer Natur sein (,,ein gutes Auto" oder ,,ein gutes Messer")729. Beschr~inkt man sich indes auf moralische Handlungen, wie es fiar die Untersuchung untemehmensethischer Kodizes gentigt, erscheint es zun~ichst plausibel, eine Interdefinierbarkeit des Guten und des Gebotenen anzunehmen, da und soweit es geboten ist, das Gute zu tun, und es gut ist, das Gebotene zu tun 73~ Die Annahme einer gegenseitigen Austauschbarkeit, wonach sich das Gute durch Bezugnahme auf das Gebotene und umgekehrt das Gebotene durch das Gute vollst~indig ausdrticken
lasst,
ist
jedoch alles andere als unbedenklich, wie es die lange w~ihrende Debatte tiber eine vermeintliche Differenz zwischen dem Guten und dem Rechten belegt TM,die nicht erst mit dem Entstehen der Wertphilosophie initiiert worden 732 und noch immer nicht abgeschlossen ist 733. Es kann in der vorliegenden Arbeit offenbar weder beabsichtigt sein noch ist es erforderlich, diese sehr grunds~itzliche Debatte zu schlichten. Die angektindigte Klarung betriffl stattdessen die bescheidenere Frage nach dem Verh~iltnis zwischen N o r m e n und Werten. In Hin-
729 Vgl. z. B. Pieper (1994), S. 143, oder Birnbacher (2003), S. 10. 730 Siehe so auch Zoglauer (1998), S. 28, sowie hierzu und zum Folgenden insbesondere Sieckmann (1999), S. 743 f. 731 Wfihrend Habermas (1998), S. 310-313, auf einer strikten Trennung zwischen Wertendem und Gebietendem beharrt [dazu z. B. auch Horster (1995), S. 181; Bayertz (1996b), S. 69 f.], unterstellt Alexy (1994), S. 131134, dem axiologischen und dem deontologischen Bereich eine Strukturgleichheit [vgl. auch Alexy (1985), S. 23, sowie zur Strukturgleichheit zwischen Werten und Normen auBerdem Eichner (1981), S. 113, oder Zoglauer (1998), S. 30]. FUr eine differenzierende Position wirbt Sieckmann (1999), S. 746-749, gleichsam ohne zu beanspruchen, die Diskussion abschlie6en zu k~nnen. 732 Vgl. nurdoas (1999), S. 258. 733 Siehe zu dieser Diskussion, die einen zentralen Streitpunkt zwischen deontologischen und teleologischen Ethiken markiert, bereits oben, S. 151 ff. der vorliegenden Arbeit, und tiber die soeben in Fn. 731 bereits genannten Quellen hinaus z. B. von Wright (1963b), insb. S. 157; Habermas (1983), S. 113 f.; Habermas (1991), S. 199-208; Frankena (1994), S. 32-35; Bayertz (1996b), S. 72 f., 78; Nida-R~melin (1996a), S. 20; Rawls (1996), insb. S. 42-45 und S. 614-626; Kymlicka (1997), insb. S. 40; Ravels (1997), S. 364 f. und passim; Reese-Schcifer (1997), S. 634 f.; Kagan (1998), S. 73 f.; Duff(2001), S. 37; Ott (2001), S. 38 f.
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blick darauf ist zu erinnern, dass N o r m e n nach dem hier a n g e n o m m e n e n semantischen Normbegriff die Bedeutung von Norms~itzen sind TM. Hingegen sind Werte keineswegs als die Bedeutung von Werts~itzen zu verstehen. Sie werden vielmehr als Magstab der Bewertung zugrundegelegt, die in Werts~itzen ausgedrtickt wird, geh/3ren mithin zum Inhalt von Werts~itzen und sind dadurch von N o r m e n kategorial verschieden. Daraus resultiert, dass zwar dartiber gestritten werden kann, ob und inwieweit deontologische Norms~itze und axiologische Werts~itze interdefinierbar sind. In den jeweiligen Sph~iren des deontologisch Gesollten und des axiologisch Guten sind N o r m e n und Werte dessen ungeachtet schlichtweg unterschiedlich verortet. N a c h d e m die Problemstellung in diesem Sinne pr~izisiert worden ist, gilt es zum besseren Verst~indnis der Relation zwischen N o r m e n und Werten, zwei wesentliche Unterschiede zwischen dem deontologischen und dem axiologischen Bereich hervorzuheben, die auf die korrespondierenden Begriffe zuriickwirken. Werturteile besitzen zungchst - d a s heil3t: zumindest solange, bis nachgewiesen ist, dass sie durch deontologische Begriffe vollst~indig definierbar sind-
nur evaluativen Charakter 735. Deontologische Urteile sind hingegen notwendig pr~i-
skriptiv (siehe auch nochmals Abbildung 12): Dass etwas gesollt ist, ist gleichbedeutend damit, dass es getan oder herbeigeftihrt werden sol1736. U m auch in den Konstellationen, in denen sich das Gute als nicht durch Bezugnahme auf das Gebotene definierbar erweisen sollte, gew~ihrleisten zu k/3nnen, dass etwas Gutes tats~ichlich realisiert bzw. handlungspraktisch bedeutsam wird, ist daher eine deontologische Rekonstruktion erforderlich 737. Da und soweit es nur m6glich, jedoch (noch) nicht notwendig ist, dass Werte als Auffassungen des Wtinschenswerten Handlungen anleiten, mtissen sie an N o r m e n gebunden werden, um unzweideutig pr~iskriptive Kraft zu erlangen. Die strenge Bindung des Kodexbegriffs an den der N o r m macht es nach den inzwischen v o r g e n o m m e n e n Kl~irungen m6glich, Kodizes von verwandten Instrumenten genauer abzu-
734 Siehe zum wiederholten Male oben, S. 32 der vorliegenden Arbeit, sowie zu der Unterscheidung von Norm und Normsatz nochmals Lenk (1974), S. 113; Weinberger (1977), S. 208 Anm. 6; Riedel (1979), S. 53; Morscher (1980), S. 452; MacCormick/Weinberger (1985), S. 63; Peczenik (1989), S. 270; Penski (1989), S. 106; Aarnio (1990), S. 181 f.; Buchwald (1990), S. 159; Sieckmann (1990), S. 26; Enderlein (1992), S. 27; Weinberger (1992), S. 356 f. Fn. 3; Alexy (1994), S. 45 f.; Dorndorf(1995), S. 128; Borowski (1998a), S. 109; Borowski (1998b), S. 309 Fn. 8; Zoglauer (1998), insb. S. 17, 38-40; Sieckmann (1999), S. 743; Alexy (2000), S. 40; Ott (2001), S. 43; Hoerster (2003), S. 43. 735 So auch Penski (1989), S. 106: ,,Solchen Aussagen [fiber Werte, T. T.] fehlt es am Sinn des Sollens". 736 Vgl. z. B. Peczenik (1989), S. 52: ,,The most important function of a norm-expressive statement is to affect people, that is, to bring about some actions and suppress other.", und in diesem Sinne ferner yon Wright (1963b), S. 157: ,,Norms ... may be said to be prescriptions for human action."; Habermas (1991), S. 168, wonach ,,der Grammatik von Geboten eo ipso ein Handlungsbezug innewohnt, wfihrend das fiir die Grammatik yon Bewertungen nicht gilt", oder Riedel (1979), S. 98 f., wonach eine Norm ,,futurische Bedeutung" haben muss und ein normativer Satz nur dann sinnvoll ist, ,,wenn er als Anweisung Dr ktinftiges Handeln verstanden wird" [ebd., S. 99]. 737 Vgl. zu einer solchen ,,Ankoppelung" auch Stelzer (1991), insb. S. 232, sowie generell zu einer entsprechenden Bestimmung des Verhfiltnisses zwischen Normen und Werten Ott (2001), S. 42 f.
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grenzen. Bei der ersten Explikation des Kodexbegriffs 738 wurde zun~chst noch often gelassen, ob Mission Statements unter den Kodexbegriff zu subsumieren sind, wie es im Schrifttum teilweise 739, aber keineswegs einhellig und insbesondere ohne begriffliche Begriandungen geschieht 74~ A u f der Grundlage der entwickelten Terminologie bestimmt sich die Zuordnung indes nicht (mehr) ausschlieBlich danach, inwieweit die Inhalte des fraglichen Dokuments auf moralische Kategorien Bezug nehmen741. Um als Kodex bezeichnet zu werden 742, muss den Inhalten des Mission Statements zudem pr~.skriptive Bedeutung zuerkannt werden kt3nnen. Sofern Mission Statements hingegen ausschlieBlich Werts/itze verlautbaren, die handlungsunverbindlich bleiben (sollen), sind sie z w e c k m ~ i g e r w e i s e auch dann nicht als Kodex aufzufassen, wenn sie moralisch relevante Werte auff'tihren. Der zweite hervorzuhebende Unterschied zwischen deontologischen und axiologischen Urteilen gibt Hinweise darauf, wie eine Anbindung erfolgen kann, um Werten eine praskriptive Wirkung zu verleihen. Er betriffl die jeweilige Codierung der beiden normativen Bereiche. Wie bereits mehrfach betont wurde, ist die deontologische Verbindlichkeit binar codiert 743. Eine Handlung kann demnach nur entweder geboten oder nicht geboten sein. Das Gute besitzt hingegen einen Komparativ (besser) 744 und ist dementsprechend graduierbar 745, da und soweit ein wenigstens komparativer Wertbegriff anzunehmen ist 746. Der MaBstab erlaubt es folglich,
738 Siehe oben, S. 31 ft. der vorliegenden Arbeit. 739 So z. B. Berenbeim (1987), S. 16; Rogers/Swales (1990), S. 308 En. 8; Brien (1996), S. 44 En. 6; Boatright (2000), S. 366; Schwartz (2001), S. 248; Graafland/van de Ven/Stoffele (2003), S. 47; Nijhof/Cludts/ Fisscher/Laan (2003), S. 69; Schwartz (2004), S. 324. 740 Vgl. zur Schwierigkeit der Unterscheidung von Ethik-Kodizes und Mission Statements auch Maclagan (1998), S. 161; Dumas/Blodgett (1999), S. 215 f. 741 Siehe nochmals S. 35 der vorliegenden Arbeit. 742 Genauer: in der Regel als prinzipienartiger Kodex, siehe dazu sogleich. 743 Siehe nochmals oben, S. 267 ff. der vorliegenden Arbeit, sowie von Wright (1963a), S. 9; Hoerster (1983), S. 592; Ganther (1988), S. 264 f.; Buchwald (1990), S. 161; Habermas (1991), S. 169; Weinberger (1992), S. 316; Alexy (1994), S. 78; Borowski (1998a), S. 69; Habermas (1998), S. 311; Zoglauer (1998), S. 29. 744 Vgl. Hare (1983), S. 174. 745 Siehe auch yon Wright (1963a), S. 9 Herv. im Original: ,,It seems to be a characteristic difference between normative [i.e.: deontological, T. T.] notions and value-concepts that the former do not admit of degrees, but that the latter do so admit. The comparative notions of better and worse are as familiar and important as the absolute notions of good and bad."; Riedel (1979), S. 94: ,,Was >>gut~>geboten<~ist - l~13t, Grade der Steigerung zu; es braucht, um es so auszudrticken, nicht in jedem Falle gleich gut, sondern kann >>besser<<(oder auch >>schlechter,) sein."; Habermas (1991), S. 169: ,,Bewertungen sagen, was jeweils >>fi~rmich< >l~runs<<mehr oder weniger gut und niatzlich, schlecht und sch~idlich ist. Binar codierte Gebote schreiben vor, welche Handlungsweisen ... richtig oder falsch sind.". 746 Ein qualitativer (bzw. klassifikatorischer) Wertbegriff ist zwar mt~glich [vgl. z. B. Quante (2003), S. 33], jedoch eher vergleichsweise rar. Danach warde eine Regel gelten, dass etwas dann als gut zu klassifizieren w~ire, wenn es iaber bestimmte Merkmale ,,FI" bis ,,Fn" verRigt: (x) (Fix/x F2x ,6 ... F,x ~ gut x). Siehe dazu Alexy (1991), S. 93 f. mit Verweis aufHare.
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eine Handlung als mehr oder weniger gut zu bewerten747. Da und soweit sich das Gute somit mehr oder weniger weitreichend erf'tillen l~isst, k6nnen die entsprechenden Werte den Inhalt von Prinzipien definieren und a u f diese Weise mittels der Prinzipien handlungswirksam werden. Dies wird im n~ichsten Abschnitt eingehender an Idealen gezeigt, die eine bestimmte Art von Werten sind und bei der strukturellen Kennzeichnung von Prinzipien eingeftihrt wurden. Da sich N o r m e n von Werten kategorial unterscheiden und es sich bei Prinzipien um eine Normart handelt, kann jedoch bereits festgehalten werden, dass Prinzipien nicht als eine spezielle Art von Werten aufzufassen sind 748.
(b) Prinzipien und Ideale Anhand ihrer strukturellen Eigenschaften sind Prinzipien dahingehend charakterisiert worden, dass sie Ideale zum Gegenstand haben, die es zu approximieren gilt 749. Ideale besitzen einen axiologischen Charakter. Da das axiologisch Gute graduierbar ist, k6nnen Ideale so begriffen werden, dass sie innerhalb einer bestimmten Kategorie denjenigen Typ beschreiben, der als besonders gut und erstrebenswert zu erachten ist (,,das ideale Auto", ,,das ideale Messer") 75~ Dabei geht es im Kontext unternehmensethischer Kodizes stets um moralische Ideale, wie beispielsweise die Ideale der Autonomie, Freiheit, Gerechtigkeit oder Wohlt~tigkeit. Mit der Feststellung, dass Prinzipien gebieten, Ideale zu approximieren, ist auch die Aussage getroffen worden, dass der Prinzipienbegriff offenbar nicht mit dem Begriff des Ideals identisch ist TM. Diese Unterschiedlichkeit ist zudem im vorangegangenen Abschnitt bei der Behandlung des Verh~iltnisses zwischen N o r m e n und Werten genauer nachgewiesen worden. Prinzipien sind N o r m e n und besitzen daher zwingend einen deontologischen Status. Ihre Gebote sind normativ verpflichtend. Ideale hingegen beschreiben anzustrebende Zust~inde, deren Verwirklichung jedoch nicht deontologisch geboten sein kann 752, da und soweit es sich dabei
747 Vgl. z. B. auch Ropohl (1996), S. 325: ,,Werte .. sind immer durch stetige, manchmal gar nach oben offene Skalen gekennzeichnet; sie k6nnen mehr oder weniger erf'tillt werden.". 748 Vgl. in diesem Sinne auch Raz (1990), S. 49: ,,the word >principle< is sometimes used to assert an ultimate value or assert that such a value is a reason for action (>the principles of the supreme value of human life< or >the principle that human life should always be respected<). As will presently become clear we shall not be concerned with this use of>principle<.". 749 Siehe nochmals oben, insb. S. 309 ff. der vorliegenden Arbeit. 75o Vgl. Moore (1970), S. 254: Ideale haben danach gemein, ,,dab wir von dem fraglichen Zustand nicht nur sagen wollen, er sei gut an sich, sondern er sei in viel hOherem MaBe gut an sich als viele andere Dinge.", sowie Hare (1983), S. 179: ,,Ein Ideal haben heiBt .... von etwas glauben, dab es besser sei als alle anderen in einer umfangreicheren Klasse.", oder dazu auch Alexy (1991), S. 103: ,,Ein Ideal zu haben, bedeutet etwas flir t~berragend gut zu halten". 751 So z. B. auch Frankena (1994), S. 85 f. 752 Vgl. Hennessey/Gert (1985), S. 106 Fn. im Zitat gel6scht: ,,people ... are required to obey the moral rules but .. they are not required to follow the moral ideals.", oder Hart (1975), S. 177: ,,The realization of these [moral ideals, T. T.] is not taken, as duty is, as a matter of course, but as an achievement deserving praise.".
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eben um ideale, das heiBt in der Wirklichkeit nicht auftretende Zustande handelt 753. Die Idealen mitunter unterstellte inspirierende Kraft 754 kann daher nur fiber Prinzipien handlungsleitend werden, die als Normen der Approximation des Ideals Verbindlichkeit verleihen. Das Ideal wiederum gibt den Prinzipien ihren komparativen BewertungsmaBstab, da Handlungsweisen, die das Ideal in h6herem MaBe realisieren, als vorzugswOrdig gegeniJber altemativen auszuzeichnen sind, die das Gebotene in einem vergleichsweise geringerem Umfang herbeiftihren 755. Die prinzipienbezogene Bindung wirkt indes nicht nur der Gefahr entgegen, dass Ideale handlungspraktisch bedeutungslos bleiben. Die notwendige Relativierung von Prinzipien auf die faktischen und normativen M6glichkeiten verhindert gleichzeitig das andere Extrem, Ideale absolut, das heiBt ohne Riacksichten auf sonstige N o r m e n und Interessen durchsetzen zu wollen, wie es dem Fanatismus zueigen ist 756. Da Prinzipien abzuw~igen und Konflikte mit konkurrierenden Normen angemessen aufzul6sen sind, verbieten sie es, nach der tats~ichlichen Vervollkommnung des ideal vorgegebenen Zustands bedingungslos zu streben 757. (2) Alternative Normkategorisierungen W~ihrend die Einteilung von Normen in Regeln und P r i n z i p i e n - wie eingangs bereits erw~hnt wurde - insbesondere im rechtstheoretischen Diskurs verbreitet ist, sind in anderen Disziplinen andere Kategorisierungen diskutiert worden. AbschlieBend soil kurz die Oberlegenheit des Regel/Prinzipien-Modells gegeniaber altemativen Differenzierungsarten aufgezeigt werden. Diese Darlegung ist eher resiammierend verfasst, da die notwendigen Argumen-
753 Siehe auch Kluckhohn (1951), S. 432: ,,the ~fideal~ carries a connotation of the unattainable", oder Scheler (1966), S. 176, wonach ,,sich [den Idealen, T. T.] wirkliche Menschen, handlungen immer nur ~annahem~ in bestimmten Graden.", sowie zu weiteren (Unterscheidungen der) Bedeutungen des Idealbegriffs z.B. Moore (1970), S. 254 f., und zu ihrem fehlenden Verpflichtungscharakter z. B. Wolf(1994), S. 93: ,,Letztere [i. e.: Ideale, T. T.] empfehlen besonders wertvolle Dinge (z. B. die F6rderung der eigenen Talente), ohne daraus eine strikte Pflicht zu machen.", oder Gert (1983), S. 18, wonach ,,moralische ldeale bloB zum Handeln anregen.". 754 Vgl. vor allem Gert (1983), insb. S. 18; Hennessey/Gert (1985), S. 105, sowie speziell fi~r Kodizes z. B. Frankel (1989), S. 110; Kaptein/Wempe (1998), S. 859; Kaptein/Wempe (2002), S. 275. 7s5 Siehe dazu z. B. auch Peczenik (1989), S. 74 im Original z. T. unterstrichen: ,,A .. principle establishes an ideal. The ideal can be carried into effect to a certain degree. The higher the degree, the better from the point of view of the principle". 756 Vgl. nur Hare (1983), S. 124, der als Fanatiker ein Subjekt bezeichnet, das mit seiner ganzen Oberzeugung einem Ideal anhangt und dem es ,,gar nichts ausmacht, wenn jemandes Interesse - und seien es seine eigenen - durch die Verfolgung dieses Ideals zu Schaden kommen.", oder Gert (1983), S. 186: ,,Wir wi~rden jeden, der es ~r rechtfertigbar halt, etwas moralisch Unrechtes zu tun, um ein Ideal oder eine Sache zu f'ordern, als Fanatiker bezeichnen.". 757 Sie wirken damit einer ,,Tyrannei der Werte" [Schmitt (1967), S. 59 mit Verweis auf den Wertphilosophen Nicolai Hartmann] entgegen, fi~r die Schmitt (1967), S. 55, die Wertphilosophie fi~rchtete: ,,Wer Wert sagt, will geltend machen und durchsetzen. Tugenden Ubt man aus; Normen wendet man an; Befehle werden vollzogen; aber die Werte werden gesetzt und durchgesetzt. Wer ihre Geltung behauptet, muB sie geltend machen.".
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te bereits im Rahmen der vorangegangenen normentheoretischen Er6rtemngen entwickelt worden sind. Im Wesentlichen macht daher bereits die Kennzeichnung der altemativen Einteilungsvorschl/age ihre (komparativen) Schw/achen erkennbar.
(a) Explizite und implizite Normen In der deutschsprachigen Betriebswirtschaftslehre erfreut sich die Unterscheidung expliziter und impliziter N o r m e n gr6Berer Bekanntheit. D e m entsprechend ist sie im Verlauf dieser Abhandlung ebenfalls vereinzelt aufgegriffen, nicht jedoch nfiher kommentiert worden758. Die Gegenfiberstellung entstammt der Organisationslehre und beschreibt zwei M6glichkeiten, wie die Handlungen einzelner Akteure in arbeitsteiligen Organisationen koordiniert werden k6nnen 759. Explizite N o r m e n geben ihren Adressaten vor, welche Verhaltensweisen ffir sie verbindlich sind 76~ Diese N o r m e n sind im Allgemeinen konditional gebunden und enthalten eine (m6glichst genaue) Beschreibung der Situation, in der sie Gfiltigkeit beanspruchen 761. Demgegenfiber zeichnen sich implizite N o r m e n dadurch aus, dass sie ihren Adressaten lediglich ein Ziel verbindlich vorgeben 762. 15ber geeignete MaBnahmen zur Zielerreichung muss der Akteur hingegen selbst bestimmen 763 Die Beurteilung, inwieweit diese Gegenfiberstellung zur Typologisierung unternehmensethischer Kodizes geeignet ist, kann vernachl~.ssigen, dass die Designation der beiden Normarten wenigstens dann missverstfindlich ist, wenn sie nicht bereits als etabliert a n g e n o m m e n wird, wie es zumindest, aber gleichermal3en auch nur ffir die deutschsprachige Betriebswirtschaftslehre nicht unplausibel sein mag. Irritierend ist dieser Sprachgebrauch deshalb, da nicht nur explizite, sondern unterschiedslos genauso implizite N o r m e n im Unternehmen explizit formuliert sein k6nnen (und auch sein mfissen, sofern sie ffir eine Typologisierung unternehmensethischer Kodizes t~berhaupt in Frage k o m m e n sollen764). Von impliziten N o r m e n wird hingegen nicht nur im organisationalen Kontext h~.ufiger dann gesprochen, wenn die betref-
758 Siehe oben, insb. S. 130 der vorliegenden Arbeit. 759 Vgl. nur Hax (1965), insb. S. 73-76; Laux (1990), S. 2 f.; Laux/Liermann (2003), S. 16 f., 161 f. 760 Vgl. Hax (1965), S. 74: ,,Die [expliziten, T. T.] Verhaltensnormen enthalten .. bindende Weisungen, wie in allen denkbaren F~illen zu verfahren ist"; Laux (1990), S. 2; Laux/Liermann (2003), S. 16, 161. 761 Vgl. Laux (1990), S. 2; Laux/Liermann (2003), S. 161. 762 Die Verbindlichkeit der Zielvorgabe resultiert aus dem Normbegriff und ist unabdingbar, sofern es sich bei den entsprechenden Regelungen tatsfichlich um Normen handeln soil. Dieser Aspekt sei angemerkt, da er in der organisationstheoretischen Literatur mitunter etwas nachlfissig behandelt wird [vgl. z. B. Hax (1965), S. 101: ,,Die Vorgabe eines Ziels ist somit eine implizite Verhaltensnorm."]. 763 Vgl. Hax (1965), S. 74: ,,Die zweite Form der Verhaltensnorm [d. h.: die implizite, T. T.] ist dadurch charakterisiert, dab dem Entscheidungstrfiger ein Ziel gesetzt wird. Er hat sein Verhalten so einzurichten, daB dieses Ziel erreicht wird."; Laux (1990), S. 3; Laux/Liermann (2003), S. 17, 162. 764 Siehe zur Explikation des Kodexbegriffs nochmals oben, S. 31 ff. der vorliegenden Arbeit.
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fende N o r m nicht ausdriacklich verktindet worden und im U n t e m e h m e n daher ,implizit' vorhanden bzw. gtiltig ist 765. Gr/SfSeres Gewicht als diesen terminologischen Aspekten ist hingegen den Einwendungen beizumessen, dass die Unterscheidung zum einen weniger eindeutig und zum anderen weniger umf~inglich ist als das Regel/Prinzipien-Modell. Die Abgrenzung von expliziten und impliziten N o r m e n basiert darauf, dass die angestrebte Handlungsnormierung bei ersteren artbestimmt und bei letzteren zielbestimmt erfolgt 766. Explizite N o r m e n geben konkrete Transformationsregeln vor, w~ihrend implizite N o r m e n das gewOnschte Verhalten anhand der Zielkomponente festlegen. Eine solche Abgrenzung mag zwar zun~ichst intuitiv einleuchtend wirken. Allerdings ist sie dennoch, wie bereits gezeigt worden ist 767, normentheoretisch unpr~izise, da sich ein und dieselbe N o r m entweder art- oder zielbestimmt formulieren l~isst. Diese Feststellung ist nicht damit gleichzusetzen, dass sich jede beliebige zielbestimmte (implizite) N o r m problemlos in eine artbestimmte (explizite) iibersetzen l~isst. Sie macht gleichwohl deutlich, was zur Zurtickweisung dieser altemativen Kategorisierung bereits gen0gt, dass das Abgrenzungsmerkmal offenbar unzureichend ist. Eine eindeutige Trennung liefJe sich erreichen, wenn unterstellt wird, dass artbestimmte (explizite) N o r m e n regelm~ifSig vollst/andig strukturierte Handlungsweisen vorgeben. Eine dergleichen enge Auslegung des Begriffs der expliziten N o r m ist im Schrifttum durchaus nicht ungew6hnlich 768. Dieses Trennungsmodell ist dennoch wenig hilfreich, da nicht samtli-
765
Vgl. z. B. Ouchi (1979), S. 834; Ouchi (1980), S. 139; Sims (1991), S. 499 f.; Brenner (1992), S. 393; Badaracco/Webb (1995), S. 14; Kaptein/Wempe (1998), S. 855; Jose/Thibodeaux (1999), S. 134 f., sowie zu einem entsprechenden Verst/indnis (unter Bezugnahme auf Werte) auch bereits Kluckhohn (1951), S. 415. Sprachliche Verwirrungen entstehen auBerdem dadurch, dass die Bezeichnung eindeutiger Normen uneindeutig, das heil3t: mit zwei unterschiedlichen Bedeutungen, verwendet wird. Zun~ichst werden derart explizite Normen gekennzeichnet, da sie eindeutig vorschreiben, was zu tun ist [siehe Laux (1990), S. 2; Laux/Liermann (2003), S. 161]. Sp~iter ist eine Norm eindeutig (oder synonym: extrem pr~izise), wenn sie dem Adressaten keinerlei Ermessensspielraum bel~isst [siehe Laux (1990), S. 3; Laux/Liermann (2003), S. 163] und in diesem Sinne eine vollst~indig strukturierte Handlungsweise normiert. Nach dem hier angenommenen Sprachverst~indnis (siehe dazu nochmals oben, insb. S. 277 ff. der vorliegenden Arbeit) besagt der erste (nicht technische) Gebrauch, dass explizite Normen die MafSnahmen, die der Adressat ergreifen soil, ausdrticklich beinhalten. Es w~ire daher treffender von artbestimmten Normen zu sprechen (siehe dazu sogleich). Die Unterscheidung ein- und mehrdeutiger Normen entspricht hingegen der Gegeniiberstellung von Normen, die entweder vollst~indig strukturierte oder unstrukturierte Handlungsvorgaben machen. Dabei k0nnen unstrukturierte Normen einen mehr oder weniger grofSen Handlungsspielraum belassen bzw. in der Terminologie von Laux (1990), S. 3 f., und Laux/Liermann (2003), S. 163 f., mehr oder weniger pr~izise sein.
766 Es ware daher sprachlich treffender, von artbestimmten versus zielbestimmten Normen zu sprechen. 767 Siehe oben, S. 277 ft. der vorliegenden Arbeit. 768 Siehe z. B. Frese (1992), S. 258, der explizite Verhaltensnormen im Anschluss an Laux als ,,konditionelle Programmierung ohne Ermessensspielraum" kennzeichnet, oder Laux (1990), S. 2 im Original z. T. kursiv: ,,Explizite Verhaltensnormen schreiben dem Entscheidungstr/iger eindeutig (explizit) vor, welche Aufgaben er erledigen soil und in welcher Weise.", sowie besonders deutlich Laux/Liermann (2003), S. 161: Bei solchen expliziten ,0>Wenn-Dann<~-Vorschriften ... verbleibt dem Entscheidungstr~iger kein Ermessensspielraum: Aus der Beobachtung der Wenn-Komponente folgt zwingend, was zu tun ist. Ein Entscheidungstr~iger, dessen Verhalten vollst~indig durch explizite Verhaltensnormen bestimmt werden soil, hat grundsatzlich keinen Ermessensspielraum fiir eigene Entscheidungen.".
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che Normen, die dem Akteur einen Handlungsspielraum belassen, implizit (das heil3t: zielbestimmt) sind. Vielmehr gibt es artbestimmte Normen, die ihren Adressaten einen (mehr oder weniger grof~en und durchaus nicht unerheblichen) Handlungsspielraum zugestehen und durch dieses Trennungsmodell daher nicht erfasst werden. Ein entsprechendes Unterscheidungsmodell w ~ e folglich unvollst~indig und im l]brigen praktisch irrelevant, da und soweit Normen, die dem Akteur vollst~indig strukturierte Handlungsanweisungen geben, in unternehmensethischen Kodizes kaum vorzufinden sind. Das Regel/Prinzipien-Modell ist zwar fraglos komplizierter als die Unterscheidung expliziter und impliziter Normen. Dieser Aufwand ist jedoch erforderlich und insoweit gerechtfertigt, um eine normentheoretisch begriindete und umfassende Abgrenzung von Normen zu erreichen. Hinsichtlich des Verh~iltnisses zwischen den beiden Kategorisierungen kann festgehalten werden, dass jede explizite Norm eine Regel, aber nicht jede Regel eine explizite Norm ist, da Regeln durchaus auch zielbestimmt formuliert sein k6nnen. Prinzipien hingegen mtissen zielbestimmt sein. Daher ist jedes Prinzip eine implizite Norm, keineswegs aber jede implizite Norm prinzipienartig, da zielbestimmte Normen eben auch Regeln sein kOnnen.
(b) Konditional- und Zweckprogramme In der soziologischen Debatte tiber die Steuerbarkeit individuellen Handelns in komplexen Organisationen ist vornehmlich durch L u h m a n n die Unterscheidung zwischen Konditionalund Zweck- (oder synonym: Final-)Programmen propagiert worden 769, die ebenfalls zur Diskussion von Rechtsnormen herangezogen wurde770. Unter einem Programm ist dabei die Festlegung von Pramissen zu verstehen, mit denen Entscheidungsprozesse innerhalb eines Systems (z. B. einer Organisation) strukturiert werden 771. Konditionalprogramme steuern inputorientiert 772, da bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen eine bestimmte Handlungsweise zu ergreifen ist 773. Demgegentiber wird durch Zweckprogramme der anzustrebende Output in
769 Vgl. z. B. Luhmann (1987), insb. S. 88; Luhmann (1991), insb. S. 99-106, 238-248, 257-342; Luhmann (1995), insb. S. 195-204; Luhmann (1999), insb. S. 140-143,274-280. 77o Weniger prominent ist die Unterscheidung zwischen Programmen und Werten bei Luhmann (1987), insb. S. 88, die im Vergleich eine engere Verwandtschaft mit dem Regel/Prinzipien-Modell aufweist [vgl. in diesem Sinne die Anmerkung von Alexy (1995), S. 206 Fn. 96], in der Folge geringere Abgrenzungsprobleme mit sich bringt und daher unbeachtet belassen werden kann. Siehe zu dem entsprechenden Wertbegriff und dem resultierenden Programmierungsbedarfferner Luhmann (1991), insb. S. 33-54. 7vJ Siehe nur Luhmann (1991), S. 258. 772 Vgl. zur Beziehung zwischen dem Input/Output-Modeil und dem Zweck/Mittel-Schema Luhmann (1991), S. 248 f., 258. 773 Vgl. Luhmann (1987), S. 227 Herv. im Original: ,,Die Grundform [des Konditionalprogramms, T. T.] lautet: wenn bestimmte Bedingungen er~llt sind (wenn ein im voraus definierter Tatbestand vorliegt), ist eine bestimmte Entscheidung zu treffen.".
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Form erwOnschter Zweck- oder Zielauspr~igungen vorgegeben und es den Akteuren tiberlassen, geeignete MaBnahmen zur Erreichung des gesetzten Outputs a u s z u w ~ l e n 774. Diese Unterscheidung hat ,~,hnlichkeiten mit der Abgrenzung von Regeln und Prinzipien 775. Zweckprogramme mtissen n a t u r g e m ~ zielbestimmt sein. Die Normierungen durch Konditionalprogramme hingegen werden Oberwiegend, wenn auch nicht zwangsl~iufig artbestimmt erfolgen. Die Differenzierung zwischen Konditional- und Zweckprogrammen ist mit dem Regel/Prinzipien-Modell allerdings keineswegs identisch. Dies ist bereits daran ersichtlich, dass nicht nur Regeln, sondem ebenso Prinzipien konditional, alas heifSt in ihrer Gtiltigkeit an das Vorliegen bestimmter Bedingungen gebunden sein kOnnen"~ Zudem gebieten Prinzipien, die korrespondierenden Ziel-, Zweck- oder Wertauspr~igungen anwendungsabh~agig unter Einbezug der deskriptiven und normativen MOglichkeiten zu ermitteln, was sich mit vorbestimmten Realisationsgraden kaum vereinbaren l~isst. Kritisch anzumerken ist iiberdies im Besonderen, dass der Programmbegriff in der Gefahr steht, das verbindliche Element von Normen zu negligieren 777. Konditional- und Zweckprogramme mtissten indes als Normen (im deontologischen Sinne) verstanden werden kOnnen, um tiberhaupt Ftir die Einteilung untemehmensethischer Kodizes in Betracht zu kommen. In der Folge erscheint daher der Einwand umso gewichtiger, dass maBgebliche Gemeinsamkeiten von Normen durch die Gegentiberstellung von input- und outputorientierter Steuerung verkannt werden 778. Es gilt stattdessen zu beachten, dass alle Normen insoweit final sind, als sie bestimmten Regelungszielen dienen sollen. Die bewusste Abkopplung der Programme von ihren jeweiligen Motivationsg~nden mag zum einen systemtheoretisch gewollt sein. Sie kann zum anderen analytisch hilfreich sein, um die M6glichkeit dysfunktionaler Konsequenzen aufzuzeigen, mit denen Entscheidungsprogramme insofem verbunden sein k/Snnen, als programmierte Handlungsweisen unabhangig von ihrer moralischen Gebotenheit im konkreten Einzelfall ergriffen werden 779. Da die Motivationsgrtinde von Konditional- und Zweckpro-
774 Vgl. Luhmann (1987), S. 88, wonach Zweckprogramme ,,bestimmte Wirkungen und Nebenbedingungen zu erwartenden Handelns fixieren". Die Gegentiberstellung korrespondiert offenbar - wenigstens in gewisser Hinsicht - mit der bekannten Unterscheidung von Zweck- und Wertrationalit/~t bei Weber (1964), insb. S. 18. 775 Vgl. in diesem Sinne z. B. auch Luhmann (1991), S. 260: ,,Zweckprogramme sind ihrem lnhalt nach zunachst und vor allem formulierte Probleme. Hierin liegt ihr wesentlicher Unterschied zu den Konditionalprogammen, die - wenigstens in ihrer Idealgestalt - zugleich das Kalktil mitenthalten, welches das Problem 10st, im Grunde also Mechanismen Rir die LSsung schon gel0ster Probleme darstellen.". 776 Siehe nochmals oben, S. 317 der vorliegenden Arbeit. 777 Siehe auch fi~r die Rechtstheorie von Luhmann im Aligemeinen die entsprechende Kritik von Habermas (1998), S. 573 im Original z. T. kursiv, Fn. nach Satz 1 im Zitat geltischt: ,,Als erstes entkleidet Luhmann normativ generalisierte Verhaltenserwartungen ihres deontologischen, d.h. verpflichtenden Charakters. Er bringt den illokutionaren Sinn von Geboten (bzw. Verboten und Erlaubnissen) und damit die spezifische Bindungswirkung dieser Sprechakte zum Verschwinden.". 778 So auch Koch (1996), S. 15. 779 Dabei geht Luhmann (1999), S. 276, so weit, dass Konditionalprogramme die Konsequenzen ihrer Anwendung ganzlich unbeleuchtet lassen: ,,Wenn eine Prtifungsordnung zum Beispiel vorsieht, dab ein Kandidat, der in der schriftlichen P~fung in zwei Fachern mangelhaft war, vonder mtindlichen P~fung ausgeschlossen
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grammen nicht zuletzt bei ihrer Auslegung von kritischer Bedeutung sind 78~ w~ire es indes unzweckm~il3ig, ihre Anwendung generell in der Form eines dermafSen weitreichenden Automatismus zu modellieren. SchliefSlich wird es mit der Gegentiberstellung vers~iumt auszuleuchten, wie Konflikte zwischen den Geboten konditionaler und finaler Programme zu handhaben sind 781. Da und soweit solche Kollisionen nicht unwahrscheinlich sind, sofem Kodizes sowohl konditional als auch final zu programmieren sind, bleibt diese S y s t e m a t i k - anders als das Regel/Prinzipien-Modell - handlungspraktisch in nicht unerheblichem Mal3e erg~inzungs-
bedtirftig782. 3.
Zwischenresiimee Unternehmensethische Kodizes stellen Normenkataloge dar. Die Ermittlung von Merkma-
len, die sich zur Typologisierung dieser Kodizes und zur Konstitution zweckm~il3iger Gestaltungsdimensionen eignen, ist daher zweckm~i6igerweise normentheoretisch geleitet. Hierftir war zun~ichst an dem Norminhalt anzusetzen und die Themenstruktur sowie die formale Gestalt des Kodex bzw. seiner Normen zu betrachten. Es hat sich gezeigt, dass die Themenstuktur im Kern deshalb als Klassifizierungsmerkmal ausscheidet, da sie zu viele und zu stark durch die jeweilige Unternehmenssituation gepr~igte VariationsmOglichkeiten zul~isst. Bei der formalen Gestalt wurden die Sprache, die Fundierung und die Konkretheit der Kodexnormen analysiert. Wie schon zuvor bei der Themenstruktur kommt for die Ethisierungsfunktion unternehmerischer Grundsatzdokumente auch diesen Merkmalen ausnahmslos grofSe Bedeutung zu, da sprachlich inad~iquat formulierte, unzureichend fundierte und aussagelos vage ebenso wie tibertrieben spezielle Kodexnormen vergleichsweise wirkungsschwach sein werden. Die Einteilung von Kodizes sollte indes auf Merkmalen basieren, deren Ausprfigungen zum einen praktisch verifizierbar und verbreitet sowie zum anderen sinnvoll variierbar und verhal-
wird, bedarf es keiner weiteren Abw~gung, welche Folgen eine solche Mitteilung an ihn hat. Weder stellt der Jurist in dieser Hinsicht Kausalhypothesen oder Wahrscheinlichkeitsrechnungen auf, noch wertet er erwartbare Folgen im Vergleich zu der im Programm vorgezeichneten Wirkung. Das heil3t: Er benutzt diese Wirkung nicht eigentlich als Zweck, n~mlich als Grundlage einer Wahl, sondern sieht in ihr nur die fraglose Wirkung, die immer dann einzutreten hat, wenn die vorgesehenen Bedingungen zutreffen. Selbst wenn der Kandidat sich das Leben nimmt, hat nicht das Prtifungsamt die Schuld, obwohl es den Tod bewirkt hat.". Siehe zur Entlastung von der Verantwortung ~r die Folgen entsprechend programmierter Entscheidungen ebenso Luhmann (1987), S. 231; Luhmann (1991), S. 242; Luhmann (1999), S. 141 f. 780 Wie Luhmann (1999), S. 275 f., selbst in Hinblick auf konditional programmierte Rechtsnormen einschr~inkend anmerkt: ,,Bei konditional programmierten Entscheiden kOnnen daher Zweckerwfigungen nur sekundtir zur Ausr~iumung von Auslegungszweifeln herangezogen werden.". 781 Vgl. in diesem Sinne Luhmann (1995), S. 195 Fn. 57: ,,Anscheinend gibt es keine Formel fdr die Einheit oder Vermittlung von Zweckprogrammen und Konditionalprogrammen.". 782 Siehe generell in diesem Sinne auch Reese-Schdfer (1997), S. 587 Fn. nach Satz 1 im Zitat gelOscht: ,,Luhmanns Beobachten hat seinen eigenen, charakteristischen blinden Fleck. Es kann Handlungen beobachten und anderes Beobachten beobachten. Es versagt aber in allen Situationen, in denen selber gehandelt oder entschieden werden mufS.". Daher besitzt seine Lehre insgesamt ein ,,theoriebedingtes UnvermOgen zu praktischen Empfehlungen" [Reese-Schi~fer (1997), S. 589 Flexion geandert].
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tensrelevant sind 783. Sprachliche Kodexeigenschaften erweisen sich entweder als unbrauchbar, da die betreffenden Merkmale zwar distinktiv sind, jedoch gleichzeitig tiber erfolgsdominante bzw. ,dominierte Auspr~igungen verftigen. Weitergehende sprachliche Merkmale hingegen sind zu idiosynkratisch und daher zur Bildung einer generischen Kodexdimension unvorteilhaft, um auf dieser Grundlage Effektivit~itsprognosen und in der Folge diesbeztigliche Gestaltungsempfehlungen abzuleiten. Da die Fundierung von Kodizes letztlich nicht nur an ihrer formalen Gestalt festgemacht werden kann, ist dieses Merkmal bereits aus diesem Grunde zu verwerfen, wenn Kodizes nach inhaltlichen Kriterien abgegrenzt werden sollen. In Hinblick auf den Norminhalt verbleibt folglich, die Konkretheit der kodifizierten Normen als Unterscheidungsmerkmal zu fokussieren. Detailbetrachtungen haben dabei ergeben, dasses normentheoretisch mOglich und ebenfalls zweckm~i6ig ist, die Normen untemehmensethischer Kodizes qualitativ danach zu differenzieren, ob es sich um Regeln oder Prinzipien handelt. Entsprechend lassen sich regel- und prinzipiengebundene Kodizes unterscheiden. Regeln enthalten definitive Gebote, die nur entweder ganz oder gar nicht zu befolgen sind. Demgegentiber gebieten Prinzipien, ideal beschriebene Zust/inde zu approximieren. Mit diesen strukturellen Unterschieden korrespondieren differente Eigenschaften bei der Anwendung und dem Kollisionsverhalten der beiden Normarten. Die Differenzen begrtinden die Erwartung, dass die Normarten jeweils abweichende Verhaltenseffekte austiben, die zur Untersuchung der Ethisierungsfunktion unternehmerischer Kodizes in den Mittelpunkt rticken.
783 Siehenochmalsoben, insb. S. 193 der vorliegendenArbeit.
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III. Normimplementierung 1.
Generelle Bedeutung S o f e m sinnvolle A u s s a g e n fiber die E t h i s i e r u n g s w i r k u n g e n von K o d i z e s hergeleitet w e r d e n
sollen, ist es ungentigend, ausschlieBlich die K e n n z e i c h e n zu untersuchen, die unmittelbar am K o d e x selbst und seinen N o r m e n ansetzen 1. Es ist unbestreitbar, dass sich die Effektivit~it eines K o d e x nicht nur anhand seines Inhalts b e s t i m m e n l~isst 2. Z u d e m mtissen prozedurale Aspekte dartiber bert~cksichtigt werden, wie die K o d e x e r s t e l l u n g und - d u r c h s e t z u n g ausgestaltet ist 3. Unter der I m p l e m e n t i e r u n g eines K o d e x sind dabei nicht n u r - und zweckm~iBigerweise nicht einmal im B e s o n d e r e n 4 -
die M a B n a h m e n seiner ersten E i n s e t z u n g zu verstehen.
V i e l m e h r bezeichnet der B e g r i f f s~imtliche A n s t r e n g u n g e n , die de m K o d e x und seinen Normen zur Geltung verhelfen sollen 5. I m p l e m e n t i e r u n g s m a B n a h m e n sind daher nur, aber auch i m m e r dann erforderlich, w e n n die durch den K o d e x gebotenen H a n d l u n g s w e i s e n nicht ohnehin eingehalten werden. Da sich die Effektivit~it eines K o d e x insbesondere an den N o r m e n bemisst, deren B e a c h t u n g sich in der V e r g a n g e n h e i t als k e i n e s w e g s selbstverst~indlich herausgestellt hat, sind I m p l e m e n t i e r u n g s m a B n a h m e n praktisch unentbehrlich, u m die Geltungschancen des K o d e x tats~ichlich auszusch6pfen. Inhaltlich identische Kodizes kOnnen mit unterschiedlichen K o n s e q u e n z e n einhergehen, da ihre G e l t e n d m a c h u n g a u f unterschiedliche Weise gef6rdert und der j e w e i l i g e K o d e x von sei-
l
Siehe auch nochmals oben, insb. S. 201 der vorliegenden Arbeit, sowie z. B. McCabe/Trevino (1993), S. 523: ,,We believe that it is important to acknowledge and understand the complexity of the social systems within which honor codes are embedded and the fact that other contextual factors may be as important or more important than the existence of an honor code by itself."; Trevino/Weaver (2001), S. 651: ,,achieving the goals of an ethics program may depend as much on the broader organizational context as it does on the formal ethics program itself.".
2 Siehe zur Bedeutsamkeit des Kodexkontexts und zur Notwendigkeit yon ImplementierungsmaBnahmen femer z. B. auch Manley (1991), S. 215; Cassell/Johnson/Smith (1997), S. 1080; Cleek/Leonard (1998), S. 627; Murphy (1998), S. 229; Kearney (1999), S. 213. 3 Vgl. auch Organisationfor Economic Co-operation and Development (1999), S. 17: ,,A code's effects and effectiveness depend on faithful implementation.", oder Ciulla (1992), S. 178: ,,Unless a company does something to implement it, the code rarely has any impact .... Codes aren't important on their own. What is important is how they were developed, implemented and understood inside the organization.", sowie N/jhof/Fisscher/Looise (2000), S. 41: ,,A code of conduct is no more than a piece of paper unless people are stimulated to act in line with the code. For an ethics program to be influential it is crucial that the code of conduct is implemented". 4
Siehe hierzu auch Arlow/Ulrich (1985), S. 16: ,,From an organizational perspective, our results indicate that ethical business values need to be reinforced continuously or intermittently rather than a single, one-time emphasis of having an employee sign an agreement to comply with an organization's ethical code on entry if favorable benefits are to be achieved and sustained.".
5
In dieser Verwendung ist der Begriff den Untersuchungen zur Effektivitfit des Rechts entliehen, da innerhalb der rechtswissenschaftlichen Implementationsforschung der Frage nachgegangen wird, ob und inwieweit sich gesellschaftliche Ziele mittels rechtlicher Regelungen durchsetzen lassen [vgl. z. B. Hucke (1980), S. 95 f. En. 2 m. w. N.].
Gestaitungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
359
nen Adressaten in der Folge unterschiedlich w a h r g e n o m m e n wird 6. Diese W a h r n e h m u n g wird nicht nur durch die konkreten ImplementationsmafSnahmen beeinflusst, sondern auch durch die vermeintlichen Motive, mit denen die MafSnahmenwahl begrOndet ist 7. Daher wird v o n d e r ,intendierten'
Geltendmachung gesprochen. Die Verwendung des Intentionsbegriffs hebt
gleichzeitig die gestaltungsorientierte Perspektive hervor, die bei der nachfolgenden Betrachtung einzunehmen ist. Mit der intendierten Geltendmachung wird erfasst, auf der Grundlage welcher Wirkungsmechanismen das U n t e m e h m e n beabsichtigt, dem Kodex Geltung zu verschaffen. Die Art der Geltendmachung eines Kodex ist insoweit analog zu seinem Inhalt ~iufSerst facettenreich und dementsprechend diffizil unterscheidbar. Es gilt allerdings wiederum, eine besonders grundlegende Abgrenzung zu ermitteln, die einerseits zu einer idealtypischen Kennzeichnung unternehmensethischer Kodizes herangezogen werden kann 8. A u f der anderen Seite soil die Abgrenzung aufSerdem dergestalt sein, dass die jeweils realisierte Kodexauspr/agung durch das M a n a g e m e n t ausreichend beeinflussbar ist, um dem Instrumentalit~itscharakter von Kodizes gerecht zu werden. Die Eignung als Idealtypen erfordert zum einen, dass sich Kodizes der Unternehmenspraxis auf der Grundlage dieser Unterscheidung untersuchen lassen. Z u m anderen soil es sich nicht um solche Idealtypen handeln, die zur angestrebten Ethisierung ganz generell und nicht nur kontextabh~ingig verschieden gut geeignet sind. So macht es beispielsweise kaum Sinn, Kodizes danach zu differenzieren, ob das T o p m a n a g e m e n t des Unternehmens ihnen Beachtung widmet, d a - wie bereits gezeigt worden ist 9 - die Untersttitzung der Unternehmensleitung als
6 Vgl. z. B. Cassell/Johnson/Smith (1997), S. 1079: ,,But the eventual effectiveness of the Code will not depend solely upon the culturally-derived ethical principles which it enshrines, but also upon how it is perceived and evaluated by those whose behaviours it is intended to influence" mit Verweis aufMolander (1987), und ebenso Johnson/Cassell/Smith (1996), S. 175. 7 So auch Johnson/Cassell/Smith (1996), S. 175: ,,the issue of how members perceive the implicit and explicit motives of those involved in the actual design process."; Cassell/Johnson/Smith (1997), S. 1079 f.: ,,Equally important however, is the need to consider the implicit and explicit motives of those involved in the actual design process."; Kaptein/Wempe (2002), S. 279: ,,Employees judge the motives of senior management in implementing integrity.". 8 Vgl. zu dem grundlegend auf Weber (1964), S. 5, 7, 14 f.; Weber (1973), S. 234 f. und passim, zurt~ckgehenden Begriff des Idealtyps z. B. Blau/Scott (1963), S. 33 f.; Aldrich (1979), S. 9; Burrell/Morgan (1979), insb. S. 257 En. 6; Mintzberg (1979), S. 84; Clegg/Dunkerley (1980), S. 137-139; Tyrell (1981), insb. S. 43; Kieser/Walgenbach (2003), S. 38 f.; Scott (2003), S. 47. 9 Siehe nochmals oben, S. 117 der vorliegenden Arbeit, sowie Fulmer (1969), S. 52; Benson (1989), S. 318; Brooks (1989), S. 123; Ethics Resource Center (1990), S. II-1, VIII-l; Singhapakdi/Vitell (1990), S. 7; Manley (1991), S. 17, 215; Sims (1991), S. 504; Nash (1992), S. 166 f.; Montoya/Richard (1994), S. 714; Turner/Taylor/Hartley (1995), S. 758; Brien (1996), S. 22 m. w. N.; Johnson/Cassell/Smith (1996), S. 171; Kaptein/Wempe (1998), S. 862; Murphy (1998), S. 229; Varley (1998), S. 429; Fritz/Arnett/Conkel (1999), S. 291; Martens~Day (1999), S. 165; Newton (1999), S. 523; Tucker/Stathakopolous/Patti (1999), S. 289; Weaver/Trevino/Cochran (1999a), S. 290; Boatright (2000), S. 368; Driscoll/Hoffman (2000), S. 59, 78, 185; Felo (2000), S. 162; Sternberg (2000), S. 244; Valentine/Fleischmann (2002), S. 308; Sethi (2003), S. 207; Schwartz (2004), S. 332, 339.
360
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
eine grundlegende Erfolgsvoraussetzung eines j e d e n E t h i k - K o d e x zu erachten ist l~ Ebenso unbestritten ist, dass die Mitarbeiter Kenntnis tiber den K o d e x erlangen und seine N o r m e n verstehen m~issen ll, was nicht nur durch den K o d e x selbst determiniert, sondern - wie ebenfalls zuvor genannt w o r d e n ist 12 - durch begleitende M a B n a h m e n zu fOrdem ist 13. Damit bleibt u n b e n o m m e n , dass sowohl das E n g a g e m e n t und I n v o l v e m e n t der U n t e r n e h m e n s s p i t z e als auch die zweckm~if3ige B e k a n n t m a c h u n g und zutreffende A u s l e g u n g der K o d e x n o r m e n durch die A d r e s s a t e n ftir die Effektivit~it eines K o d e x in unterschiedlichen Konstellationen unterschiedlich b e d e u t s a m sein k6nnen. Des weiteren soll nicht geleugnet werden, dass noch Erkenntnislticken dartiber bestehen, a u f welche W e i s e die U n t e r n e h m e n s l e i t u n g den K o d e x untersttitzen sollte und wie sich seine Verst/~ndlichkeit vermitteln lfisst, um die gewtinschten K o n s e q u e n z e n zu verwirklichen, und dass entsprechende Defizite in der U n t e r n e h m e n s p r a x i s zu b e o b a c h t e n sind 14. Eine gestaltungsrelevante T y p e n b i l d u n g muss d e n n o c h zun~ichst a u f einer g r u n d l e g e n d e r e n D i m e n s i o n basieren, deren M e r k m a l e insoweit sinnvoll(er) variierbar sind, als z w i s c h e n ihren Auspr~igungen keine generell gtiltigen Vorteilhaftigkeitsrelationen bestehen und sie somit keinen ,one best w a y ' der K o d e x g e s t a l t u n g suggerieren k 6 n n e n 15
~0 Siehe z. B. im Zusammenhang mit dem Merkmal der Kodexgeneralitfit Gellerman (1989), S. 77: ,,Such codes are necessarily rather general, but that in itself is not a serious handicap. What makes these codes effective is not how inclusive and detailed they are, but how much emphasis they receive.". ~ Siehe dazu auch den empirischen Nachweis von Valentine~Barnett (2003), insb. S. 362-365, dass Mitarbeiter mit Kenntnis des jeweiligen Kodex ihr Unternehmen als ethischer einschatzen und sich ihm daher st~irker verpflichten. ~2 Vgl. nochmals S. 255 ff. der vorliegenden Arbeit. 13 Siehe zu kodexbezogenen Seminarveranstaltungen z. B. nochmals Weber (1981), S. 51; Berenbeim (1987), S. 17 f.; Berenbeim (1988), S. 17; Drake~Drake (1988), S. 121; Mathews (1988), S. 139 f.; Blake~Carroll (1989), insb. S. 103; Brooks (1989), S. 124; Gellerman (1989), S. 77; Ethics Resource Center (1990), S. VI4 - VI-6; Pitt/Groskaufmanis (1990), S. 1644, 1650 f.; Raiborn/Payne (1990), S. 888; Velasquez (1990), S. 242 f.; Manley (1991), S. 216 f.; Sims (1991), S. 494; Berenbeim (1992), S. 11, 18; Dean (1992), insb. S. 286 f.; Ciulla (1992), S. 182 f.; Metzger/Dalton/Hill (1993), S. 30; Weber (1993), S. 428; Webley (1995), S. 17; Kaye (1996), insb. S. 7; McCabe/Trevino/Butterfield (1996), S. 468; Burke/Blodgett/Carlson (1998), insb. S. 210-212; Murphy (1998), S. 22; Lovitky/Ahern (1999), S. 40 f.; McDonald (1999), S. 147-151; Sternberg (2000), S. 245-247; Valentine/Fleischmann (2002), S. 307 f.; Reynolds~Bowie (2004), S. 287 f.; Schwartz (2004), S. 333 f., sowie zu ihrer praktischen Verbreitung Center for Business Ethics (1986), S. 87 f.; Kohls/Chapman/Mathieu (1989), S. 62 f.; Schlegelmilch/Houston (1989), S. 19; Ethics Resource Center (1990), S. VI-4; Ethics Resource Center~Behavioral Research Center (1990), S. 8; Sweeney/Siers (1990), S. 38; Center for Business Ethics (1992), S. 865; Robertson/Schlegelmilch (1993), S. 305; Farrell/Cobbin (1996b), S. 45; Lindsay/Lindsay/Irvine (1996), S. 399 f.; Brooks (1997), S. 602; Brytting (1997), S. 676 f.; Arthur Andersen (1999), S. 16, 20; Snell/Chak/Chu (1999), S. 297; Weaver/Trevino/Cochran (1999a), S. 291 f.; Chen (2001), S. 396; Organisationfor Economic Co-operation and Development (2001 b), S. 24, 31 ; GuillOn/Mel~/Murphy (2002), S. 173, und die Nachweise bei Felo (2000), S. 161 f. 14 Vgl. z. B. die Befunde yon Kohut/Corriher (1994), S. 36; Montoya/Richard (1994), S. 717; Gupta/Sulaiman (1996), S. 745; Lindsay/Lindsay/lrvine (1996), S. 400; Ferrell/Hartline/McDaniel (1998), S. 508; Reichert/Webb/Thomas (2000), S. 58; Adams/Tashchian/Shore (2001), S. 207; Schwartz (2001), S. 253; Somers (2001), S. 192, nach denen die Mitarbeiter in den untersuchten Unternehmen die jeweiligen Kodexnormen (oder sogar den Kodex insgesamt) htiufiger nicht kennen oder nur unzureichend verstehen. 15 Siehe auch nochmals oben, S. 193 der vorliegenden Arbeit, wonach die vorzunehmende Einteilung keine erfoigsdominanten Kodextypen beinhalten soll.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
361
In Hinblick auf die Implementierung unternehmensethischer Kodizes (wie auch mitunter einer Unternehmensethik im Allgemeinen) werden sehr verbreitet zwei verschiedene Implementierungsansatze gegeniabergestellt, for die zwar unterschiedliche Designationen und im Detail abweichende Kennzeichnungen gew/ahlt werden. Da die Charakterisierung dieser Ans~itze im Regelfall jedoch ohnehin eher an der Oberfl~iche bleibt 16 und die angebotenen Darstellungen inkonsistente Interpretationen zulassen, iaberwiegt die Gemeinsamkeit dieser Dichotomisierungen, die in ganz ~ihnlicher Form auch for Verbandskodizes 17 und in anderen Disziplinen im Zusammenhang mit der Geltendmachung von N o r m e n - zum Teil wiederum unter anderen Bezeichungen - diskutiert werden ~8. Wie im Folgenden noch deutiicher zu zeigen ist, beruhen diese Unterscheidungen im Kern darauf, dass Normen entweder befolgt werden, da sie mit Anreiz- und Sanktionsmechanismen bewehrt sind, oder so weit anerkannt und internalisiert sind, dass den Akteuren ihre Einhaltung selbstverst~_ndlich und nicht (in jedem einzelnen Anwendungsfall) durch Zweckm/aBigkeitstiberlegungen zu fundieren ist. Im Weiteren sollen zun~ichst kurz die Ans~itze diskutiert werden, die zur Implementierung unternehmensethischer Kodizes gemeinhin unterschieden werden 19. Dabei treten Fragen auf, die es nahe legen, die Thematik eingehender und vor allem systematischer zu behandeln, als es bislang noch der Fall ist. Zu diesem Zweck erfolgt nach einem Rekurs auf die korrespondierenden Debatten innerhalb der Organisationstheorie 2~ eine beg~ndete Unterscheidung der intendierten Geltendmachung nach den angenommenen Wirkungsmechanismen, auf denen die jeweiligen ImplementierungsmaBnahmen beruhen 21. Die sich idealtypisch ergebenden Implementierungsans~itze werden erl~iutert, bevor abschlieBend der Frage nachgegangen wird, ob und inwieweit die Ansatze komplement~ zueinander sind oder aber konkurrieren.
16 Siehe dazu generell Laufer/Robertson (1997), S. 1031: ,,the implementation of ethics codes and programs has taken place without a clear theoretical foundation.". 17 Vgl. z. B. Beets/Killough (1990), S. 124: ,,When a profession chooses to enforce its ethics code .... reliance is implicitly placed on (1) the integrity of practitioners in refraining from violating the rules and (2) practitioners' fear of punishment.". 18 So ist es beispielsweise in der Rechtssoziologie zur Erklarung der Rechtsbefolgung tiblich, (instrumentelle) Zwangs- oder Abschreckungstheorien und (normative) Theorien der lnternalisierung oder Anerkennung der Rechtsnormen zu unterscheiden [vgl. ROhl (1987), S. 213-216; Tyler (1990), S. 3; Raiser (1995), S. 204, 207 f.; Tyler/Huo (2002), insb. S. 7, 18, 204,/ihnlich Hucke (1980), S. 83; yon Hirsch/Bottoms/Burney/WikstrOm (2000), S. 3]. Siehe entsprechend flir supranationale Regelungen Tallberg (2002), S. 6 l 1-614, oder ffir Regulierungstheorien mit explizitem Bezug zum UnternehmensbereichAyres/Braithwaite (1992), S. 20. 19 Siehe sogleich Abschnitt 2. der vorliegenden Arbeit. 20 Siehe Abschnitt 3., S. 368 ff. der vorliegenden Arbeit. 2~ SieheAbschnitt 4, S. 396 ff. der vorliegenden Arbeit.
362
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
2.
Stand der Diskussion innerhalb der Unternehmensethik
a)
Verbreitete Unterscheidungen Innerhalb der Unternehmensethik verffigt die Unterscheidung von compliance- und integri-
ty-basierten Implementierungsans/~tzen, wie sie von Paine eingeffihrt worden ist, fiber besondere Prominenz 22. Sie ist auch bereits frtih in den deutschsprachigen Forschungsraum vorgedrungen 23. Mit Verweis auf Paine unterscheiden Trevino/Weaver et al. sowie Verkerk/de Leed e / N i j h o f compliance- von werteorientierten Ethikprogrammen 24. )khnlich ordnet Maclagan
die Implementierungsbemfihungen danach, ob sie entweder auf einem Paradigma der Kontrolle basieren oder die Autonomie der Akteure f'6rdern sollen 25. Betrachtet man diese Gegenfiberstellungen am Beispiel der beiden yon Paine entwickelten Ansfitze etwas genauer, so zeigt sich, d a s s e s sich um eine/~uBerst vielschichtige Unterscheidung handelt 26. Ursprfinglich ist diese Einteilung nicht gebildet worden, um die Anstrengungen zur Implementierung eines Kodex, sondern die (tibergeordneten) Strategien eines Ethikmanagements zu kategorisieren. Als abzugrenzende Ethikstrategien unterscheiden sich die beiden Ans/~tze nicht lediglich anhand der korrespondierenden MaBnahmen, mit denen die Strategien jeweils umgesetzt werden sollen. Vielmehr enthalt die Gegenfiberstellung bereits Differenzen in Hinblick auf die angestrebten Zielsetzungen und die Inhalte der jeweiligen Ethikprogramme (Tabelle 8).
22 Vgl. Paine (1994), S. 106, sowie im Anschluss daran z. B. Murphy (1998), S. 220; Boatright (2000), S. 362; Chen (2001), S. 392 f.; Schwartz (2001), S. 252; Graafland/van de Ven/Stoffele (2003), S. 46 f.; Rossouw/van Vuuren (2003), S. 396-399; Santoro (2003), insb. S. 410, 413. 23 Vgl. insbesondere Steinmann/Olbrich (1995), S. 320-322, sowie in der Folge Steinmann/Olbrich (1998), S. 97-99; Steinmann/Olbrich/Kustermann (1998), S. 124-130, ferner Steinmann/L6hr (1998), S. 416 Herv. im Original: ,,Durchsetzung bestimmter Normen und Standards mit Hilfe von Anordnungen und Anreizmechanismen" versus ,,Entwicklung einer Selbstverpflichtung der Mitarbeiter auf bestimmte, ethisch gehaltvolle Normen und Werte", oder Scherer (2003), S. 438: ,,Regelbefolgungsansatz" versus ,,Integrit~.tsansatz". 24 Vgl. Trevino/Weaver/Gibson/Toffler (1999), insb. S. 135; Weaver/Trevino (1999), S. 317 f.; Weaver/Trevino/Cochran (1999b), S. 42; Weaver/Trevino (2001), S. 119 f., sowie Verkerk/de Leede/Nijhof (2001), S. 356 f.; Nijhof/Cludts/Fisscher/Laan (2003), S. 66, und in diesem Sinne auch Driscoll/Hoffman (2000), S. 20-22; Schwartz (2001), S. 252; Kaptein/Wempe (2002), S. 279; Herron/Gilbertson (2004), S. 504. z5 Vgl. Maclagan (1998), S. 165-172, und in diesem Sinne auch Maguire (1999), S. 111: ,,Controlling conditions versus autonomy enhancing conditions", sowie Manley (1991), S. 219: ,,(1) surveillance and oversight; and (2) relying on individual integrity and senior-management role models.". 26 Siehe auch die Charakterisierung eines Compliance und eines Integrity Mode of Managing Morality bei Rossouw/van Vuuren (2003), S. 392 f., 396-399.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
363
Strategies for Ethics Management Characteristics of Compliance Strategy
Characteristics of Integrity Strategy
Ethos
conformity with externally imposed standards self-governanceaccording to chosen standards
Objective
prevent criminal misconduct
enable responsible conduct
Leadership
lawyer driven
management driven with aid of lawyers, HR, others
Methods
education, reduced discretion, auditing and controls, penalties
education, leadership, accountability, organizational systems and decision processes, auditing and controls, penalties
Behavioral Assumptions
autonomous beings guided by material selfinterest
socialbeings guided by material self-interest, values, ideals, peers
Implementation of Compliance Strategy
Implementation of Integrity Strategy
criminal and regulatory law
company values and aspirations social obligations, including law
Staffing
lawyers
executives and managers with lawyers, others
Activities
develop compliance standards train and communicate handle reports of misconduct conduct investigations oversee compliance audits enforce standards
lead development of company values and standards train and communicate integrate into company systems provide guidance and consultation assess values performance identify and resolve problems oversee compliance activities
Education
compliance standards and system
decision making and values compliance standards and system
Standards
Tabelle 8:
Strategien fiir ein Ethikmanagement nach Paine 27
Bei einer Compliance-Strategie steht das Ziel im Vordergrund, rechtliches Fehlverhalten des Untemehmens und seiner Mitarbeiter zu unterbinden, da dem Unternehmen andemfalls rechtliche Sanktionen drohen. Die entsprechenden Ethikprogramme sind daher stark legalistisch ausgerichtet. Ihre Themenstruktur ist auf rechtlich relevante Fragestellungen konzentriert. DemgemfiB ist vor allem die Rechtsabteilung des Unternehmens mit der Konzeptualisierung des Kodex betraut, um sicherzustellen, dass diejenigen Problemstellungen, die sich als rechtlich bedeutsam erweisen k6nnen, auf rechtlich korrekte Weise kodifiziert sind. In Analogie zum Recht, das der Staat durch ZwangsmaBnahmen durchsetzen kann, gilt es die Einhaltung dieser Verhaltensstandards zu tiberwachen und Abweichungen mit Hilfe von DisziplinarmaBnahmen einzuschr/anken. Diesem Durchsetzungsmechanismus iiegt ein (6konomisch reduziertes und entsprechend realit/~tsfemes) Menschenbild zugrunde, das die Mitarbeiter des
27 Paine (1994), S. 113.
364
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Unternehmens als atomisierte Akteure sieht, die ausschliefAlich an der Mehrung ihres Eigennutzes interessiert sind. Die Integrity-Strategie hingegen verfolgt eine weitergehende Zielsetzung. Sie fokussiert nicht die lSlbereinstimmung mit rechtlich auferlegten Standards. Stattdessen verpflichtet sich das Unternehmen im Wege der Selbstregulierung eigenst~indig gew~ihlten Normen und Werten. Es geht folglich nicht (vorrangig) um die Vermeidung illegaler Verhaltensweisen, sondern (vor allem) um die Erm6glichung moralischen Handelns, das mittels dieser Normen zur Geltung gebracht werden soll. Bei der Umsetzung dieser Strategie wird ein komplexeres (und insofern realit~itsn~iheres) Menschenbild angenommen. Die Akteure sind danach nicht nur an der Steigerung des eigenen Nutzens interessiert. Vielmehr werden die sozialen Beziehungen der einzelnen Pers6nlichkeiten ebenso berticksichtigt wie ihre Motivation, sich im Unternehmen verwirklichen zu wollen. Die Implementierung dieser Strategie soil daher dadurch gelingen, dass die Mitarbeiter die Unternehmenswerte verstehen und in der Folge entsprechend handeln.
b) Kritische Wiirdigung Untersucht man diese Gegenfiberstellung mit ihren Signa etwas n/~her, stellt sie sich als keineswegs unproblematisch heraus. Zunfichst ist zu konstatieren, dass der Wahl der Begrifflichkeiten anscheinend nur vergleichsweise geringe Aufmerksamkeit zuteil wird. Dies zeigt sich besonders deutlich, wenn derselbe Ansatz mittels verschiedener Begriffe bezeichnet wird, obwohl diesen abweichende Bedeutungen zukommen. So wird der Integritfitsansatz nicht selten auch als wertbasierter Implementierungsansatz eingeffihrt 28. Zwar mag es sich bei Integrit/~t um einen bestimmten Wert handeln 29. Da eine wertbasierte Implementierung allerdings ebenso auf der Grundlage anderer Werte erfolgen k6nnte, ist diese Gleichsetzung bedenklich. Sie resultiert indes aus der Nachl/~ssigkeit, dass zur Kennzeichnung eines Implementierungsansatzes zwar wiederholt der Integrit/~tsbegriff herangezogen wird, ohne jedoch seine Bedeutung zu beleuchten 3~ Dieses Defizit wiegt umso schwerer, als in der Literatur ganz unterschiedliche Interpretationen des Begriffs vorzufinden sind 31. Wenn mitunter Integrit/~t und
28 Vgl. Trevino/Weaver/Gibson/Toffler (1999), insb. S. 135; Weaver/Trevino (1999), S. 317 f.; Weaver/Trevino/ Cochran (1999b), S. 42; Verkerk/de Leede/Nijhof(2001), S. 356 f.; Weaver/Trevino (2001), S. 119 f. 29 Vgl. z. B. Driscoll/Hoffman (2000), S. 39, 78; Sternberg (2000), S. 82; Kaptein/Wempe (2002), S. 87. 3o So sucht man beispielsweise bei Paine (1994) vergeblich nach einer Definition des Integritfitsbegriffs,obwohl ihr Aufsatz mit ,,Managing for Organizational Integrity" 0berschrieben ist. Siehe zur Notwendigkeit einer Prfizisierung des Begriffs auch Velasquez (1990), S. 239, der fl~rseine Verwendung in Ethik-Kodizes fordert, dass ,,[t]he company has to spell out what integrity means", und ebd.: ,,It is not enough, for example, to write that >>integrity is expected of every employee of XYZ Corporation.<<", oder ferner die Auffassung yon Kjonstad/Willmott (1995), S. 450: ,,What counts as >integrity< for example, is socially constructed, not a given quality of particular actions or personalities.". 31 Siehe statt vieler Becker (1998), S. 155: ,,there is substantial confusion about the meaning of integrity. Is integrity simply another name for honesty, conscientiousness, or a composite of personal traits? Or is integrity
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
365
Ethik sogar als Synonyme gesetzt werden 32, so verliert die Bezeichnung Integrit~itsansatz offensichtlich ihre Aussagekraft zur Abgrenzung von E t h i k p r o g r a m m e n 33. Teilweise wird daher auch schlichtweg von Ethikprogrammen gesprochen, die mit rechtlich orientierten Complianc e - P r o g r a m m e n kontrastiert werden 34. Dies leitet dazu tiber, dass die beiden Ans~itze eines Compliance-
bzw.
Integrity-
Managements nicht nur in Hinblick auf ihre Implementationselemente unterschieden und au13erdem sehr extrem gezeichnet werden. W e n n der C o m p l i a n c e - A n s a t z auf die Einhaltung bestehender Gesetze beschr~inkt wird, wohingegen der als Alternative aufgeftihrte Integrit~itsAnsatz das ethisch Ganze in den Blick nimmt, so f'~illt die Kritik an dem Compiiance-Ansatz leicht, da eine legalistisch reduzierte Unternehmensethik fraglos unzureichend ist 35. D e m n a c h mag die Gegentiberstellung zwar zur Einsch~itzung praktischer Ethikprogramme geeignet sein 36, nicht jedoch ftir deren Typologisierung, da sie die eindeutige 13berlegenheit eines bestimmten Modells suggeriert 37. Eine solche Abgrenzung nach den Zielsetzungen und Inhalten der beiden Ans~itze ist dessen ungeachtet insoweit unangebracht, als die Einteilung lediglich
a distinct concept that deserves its own attention? This confusion is a problem because it leads people to use the same term when meaning different things.". 32 Vgl. Kaptein/Wempe (1998), S. 868 En. 3: ,,We use the concept >>integrity~>ethics~d'. 33 Vgl. z. B. LeClair/Ferrell/Fraedrich (1998), S. 2 im Original z. T. kursiv: ,,To us, integrity management is an organization's uncompromising implementation of legal and ethical principles.". 34 So z. B. Driscoll/Hoffman/Murphy (1998), insb. S. 39, oder Driscoll/Hoffman (2000), S. 21. 35 Siehe bereits oben, S. 235 der vorliegenden Arbeit, sowie z. B. nochmals Davis (1973), S. 312 f.; Hegarty/Sims (1978), S. 451; Sethi (1979), S. 65 f.; Clinard/Yeager (1980), S. 213 f.; Preston~Post (1981), S. 57; Mintzberg (1983), S. 13; Hennessey/Gert (1985), S. 108; Wokutch/Spencer (1987), S. 64 f.; Raiborn/Payne (1990), S. 879; Carroll (1991b), S. 41; Lemke/Schminke (1991), S. 237; Homann/Blome-Drees (1992), S. 115; Paine (1994), S. 106 und passim; LOhnert (1996), S. 93 f.; Dannecker (1998), S. 11; Reich (1998), S. 9; Steinherr/Steinmann/Olbrich (1998), S. 201; Talaulicar (1998a), S. 17, 31-33; Gibson (1999), S. 82 f.; Carroll/Buchholtz (2000), S. 32, 101. 36 So Steinmann/Olbrich (1995), S. 320: ,,From our interviews we have the impression that those responsible for implementing corporate ethics recognized these two types as useful for a general orientation of their work. They were also quickly able to characterize their own program as either (more) compliance or (more) integrity oriented.". 37 Zu Letzterem auch Steinmann/Olbrich (1995), S. 320 Herv. im Original kursiv: ,,it is quite obvious that Paine favors the integrity approach (and is prescriptive in that she recommends it)"; Murphy (1998), S. 220: ,,Integrity-based programs are generally believed to be superior to compliance-based ones"; Steinmann/Olbrich/Kustermann (1998), S. 129, wonach ,,in dem Beitrag von Paine (mehr oder weniger implizit) zum Ausdruck kommt, dab sie persGnlich den lntegrittitsansatz praferiert und ihm die grGBeren Erfolgschancen einr~iumt"; Trevino/Weaver/Gibson/Toffler (1999), S. 135 f.: ,,She [Paine, T. T.] asserts that the valuesbased approach should be more effective than a compliance-based approach"; Weaver/Trevino (1999), S. 316: ,,argued that programs emphasizing values, counseling, and responsible conduct are likely to have more desirable and long-lasting impacts that programs founded on rule-compliance."; Weaver/Trevino (2001), S. 119: ,,Paine (1994) argued that compliance-oriented ethics programs risk negative outcomes"; Kaptein/Wempe (2002), S. 279: ,,Linda Paine asserts that a value-based approach could be more effective than the compliance-based approach.".
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
zur Differenzierung unterschiedlicher Arten einer K o d e x i m p l e m e n t i e r u n g dienen sol138. In Hinblick auf die Inhalte k o m m t erg~inzend hinzu, dass einerseits die Rede von Compliance keineswegs nur rechtliche N o r m e n betreffen muss 39 und a u f der anderen Seite die F6rderung der Unternehmensintegrit~it durchaus auch eine rechtlich relevante Zielsetzung sein kann 4~ Sofern unter Compliance zu verstehen ist, dass die Adressaten des K o d e x mit seinen N o r m e n tibereinstimmen, so zielt die K o d e x i m p l e m e n t i e r u n g regelm~il3ig a u f die Schaffung einer m6glichst weitreichenden Compliance 41, da es wenig Sinn macht, einen K o d e x zu formulieren, ohne dass dessen N o r m e n einzuhalten sind. Die Unterscheidung von Implementationsans~itzen betriffl daher weder ihre grundlegende Zielsetzung noch diejenige des K o d e x selbst. Stattdessen muss es bei der Kennzeichnung der intendierten G e l t e n d m a c h u n g darum gehen, wie, das heif3t: durch welche Mal3nahmen und auf der Basis welcher W i r k u n g s m e c h a n i s m e n , der Kodex zur Geltung gebracht wird. Die Kritik an den ausschliel31ich rechtlich orientierten Inhalten des C o m p l i a n c e - A n s a t z e s verstellt die Sicht darauf, dass dieser Ansatz dennoch auch Elemente enth~ilt, die offenbar derart vorteilhaft erscheinen, dass sie sich der Integrity-Ansatz ebenfalls zunutze macht 42. Bei der Gegentiberstellung yon Paine handelt es sich somit nicht um t~berschneidungsfreie Antipoden 43. Der Integrity-Ansatz wirkt vielmehr wie eine Fortentwicklung des Compliance-
38 Siehe zu einer vorschnellen Vermengung der (Art der) Normimplementierung mit dem Norminhalt auch Herron/Gilbertson (2004), S. 504: ,,the principles are more value-oriented and the rules are more complianceoriented.". 39 Siehe dazu z. B. Kolk/van Tulder/Welters (1999), S. 167. 40 Erinnert sei an das 10-Punkte-Programm ,,Unternehmensintegritfit und Anlegerschutz" der Bundesregierung, das als Reaktion auf die Vertrauenskrise an den Finanzmfirkten erstmals im August 2002 vorgelegt, in einer tiberarbeiteten Fassung im Februar 2003 ver0ffentlicht wurde und inzwischen bereits entsprechende Gesetzesinitiativen nach sich gezogen hat. 41 So auch Weaver/Trevino/Cochran (1999c), S. 540: ,,Ethics programs ostensibly bring the behavior of organization members into conformity with a shared ethical standard"; Verkerk/de Leede/Nijhof(2001), S. 357: ,,Despite their differences, both approaches have in common the desire to standardize employee behavior.". 42 Siehe nochmals Tabelle 8 auf S. 363 der vorliegenden Arbeit sowie Paine (1994), S. 111: ,,Many integrity initiatives have structural features common to compliance-based initiatives". Dabei mag zutreffen, dass trotz dieser struktureilen Ahnlichkeiten wichtige Differenzen in Hinblick auf die angenommenen Wirkungsweisen dieser Maf3nahmen bestehen. Eine sorgfaltige Herausarbeitung solcher Unterschiede ist bei Paine jedoch nicht erkennbar. Stattdessen verbleibt die Abgrenzung zwischen den Ans~itzen schillernd: ,,But an integrity strategy is broader, deeper, and more demanding than a legal compliance initiative. Broader in that it seeks to enable responsible conduct. Deeper in that it cuts to the ethos and operating systems of the organization and its members, their guiding values and patterns of thought and action. And more demanding in that it requires an active effort to define the responsibilities and aspirations that constitute an organization's ethical compass." [Paine (1994), S. 111 ]. 43 So auch Trevino/Weaver/Gibson/Toffler (1999), S. 145: ,,managers need not choose between values-based and compliance-based approaches. Rather, these approaches are complementary."; Weaver/Trevino (1999), S. 318: ,,Values and compliance orientations need not be mutually exclusive."; Weaver/Trevino/Cochran (1999b), S. 42: ,,compliance and values orientations need not be mutually exclusive"; Weaver/Trevino (2001), S. 119: ,,These approaches [i.e., compliance and values orientations, T. T.] are not mutually exclusive."; Kaptein/Wempe (2002), S. 279: ,,compliance and values-based approaches are complementary"; Graafland/van de Ven/Stoffele (2003), S. 47: ,,In reality, the .. strategies are complementary.". Anderer Ansicht Steinmann/Olbrich (1995), S. 321: ,,From our rough characterization it follows that the two types of ethical man-
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
367
Ansatzes 44, da er viele seiner Merkmale enth/~lt, zus~itzlich um weitergehende Elemente erg~inzt wird und entsprechend reichhaltiger modelliert ist. Diese Uberschneidungen werden sowohl durch Erfahrungen der Praxis best/atigt, da bestehende Ethikprogramme zur gleichen Zeit tiber compliance- und wertbasierte Orientierungen verftigen 45, als auch durch normative Gestaltungsempfehlungen gefordert, die es nahe legen, dass zwischen originaren Complianceund Integrity-Programmen nicht im Sinne eines Entweder-Oder zu w~flalen ist, sondem beide zweckm~igerweise kombiniert werden sollten46. Dass im Integrity-Ansatz Elemente des Compliance-Ansatzes integriert sind und integriert werden sollen, ist bemerkenswert, da der Compliance-Ansatz mitunter nicht nur deshalb kritisiert wird, weil er wichtige moralische Themenstellungen unbeachtet l~isst. Vielmehr gibt es auBerdem Kritiken, die ihn als dysfunktional diskreditieren, da die Compliance-Orientierung ausschlieBlich die/auBerlich erkennbare Einhaltung der Kodexregeln unter der Androhung von Sanktionen einfordere, was bei den Mitarbeitem eine Abwehrhaltung provoziere, in der Folge weitere Regeln zur Anleitung und Kontrolle der Mitarbeiter notwendig mache und damit letztlich einen Circulus vitiosus in Gang setze, da immer mehr Regeln geschaffen und tiberwacht werden mtissen 47. Sofern der Compliance-Ansatz allerdings tats/achlich viti6s sein sollte, stellt sich die Frage, warum dieses Vitium nicht zum Tragen kommen soil, wenn die entsprechenden Elemente innerhalb des Integrity-Ansatzes zur Anwendung gelangen. Es bleibt daher die Notwendigkeit, die Implementierungsthematik genauer zu untersuchen. Aufgrund der thematischen N/~he bietet es sich hierfiir an, zun~ichst auf die entsprechenden Auseinandersetzungen innerhalb der Organisationstheorie einzugehen, die seit jeher Fragen organisatorischer Normen und ihrer Geltendmachung behandelt.
agement are (analytically) mutually exclusive. Even though some of the measures and activities have ... a surface similarity .... it should be unquestionable that their meaning and handling is different in the two approaches.". 44 So auch Rossouw/van Vuuren (2003), S. 390 f. 45 Vgl. die Befunde von Trevino/Weaver/Gibson/Toffler (1999), S. 137; Weaver/Trevino (1999), S. 326 f.; Weaver/Trevino/Cochran (1999b), S. 50. 46 Siehe z. B. Driscoll/Hoffman/Murphy (1998), S. 39: ,,good ethics programs and good compliance programs are interdependent; each is incomplete without the other."; Weaver/Trevino (1999), S. 329-332; Driscoll/Hoffman (2000), S. 21" ,,They [compliance and ethics programs, T. T.] are not divergent program approaches, but rather are complementaryprogram components."; Weaver/Trevino (2001), S. 119: ,,an effective ethics program will display a balance, focusing on developing values but acknowledgingthat values and aspirations sometimes need to be supported by appropriate compliance activities.". 47 Vgl. zu den generellen Einreden gegen die Effektivit~iteines Compliance-Ansatzes z. B. Steinmann/Olbrich (1995), S. 329-331; Steinmann/L6hr (1998), S. 420-422; Steinmann/Olbrich (1998), S. 104-108, 110; Steinmann/Olbrich/Kustermann (1998), S. 133-141; Kaptein/Wempe (2002), S. 280; Rossouw/van Vuuren (2003), S. 397; Scherer (2003), S. 436-440.
368
Ethik-Kodizes als unternehmensethischesImplementierungsinstrument
3.
Organisationstheoretische Einordnung
a)
Organisationen und Organisationsnormen Die Oberschrift einer organisationstheoretischen Einordnung macht eine Vorbemerkung
beinahe obligatorisch, da es bekanntermaBen nicht die eine Organisationstheorie, sondem stattdessen eine Vielzahl ~iuBerst heterogener Ans~itze gibt, die bestenfalls insoweit unter den Begriff der Organisationstheorie subsumierbar sind, als sie sich mit Ph~inomenen der Organisation besch/iftigen und Aussagen zu ihrer Erkl~irung und/oder Gestaltung entwickeln 48. Diese Gemeinsamkeit ist nicht dahingehend zu missdeuten, dass fiber den Organisationsbegriff selbst keine Streitigkeiten bestfinden 49. Es gibt im Gegenteil bis heute keine allgemein konsensf~ihige Definition daffir, was Oberhaupt unter einer Organisation zu verstehen ist 5~ Im Weiteren kann indes eine akzentuiert betriebswirtschaftliche Perspektive eingenommen werden, da es unternehmerische Kodizes als ethisches Implementierungsinstrument zu untersuchen gilt. Damit verlieren einige Uneinigkeiten ihre Bedeutung, well Organisation im institutionellen Sinne dann Unternehmen bezeichnet. Dennoch sind die relevanten Organisationstheorien weder ausschlieBlich noch vorrangig in der Betriebswirtschaftslehre beheimatet, sondern in besonderem MaBe interdisziplin~irer Natur. Einen herausragenden Stellenwert nehmen dabei Beitr~ige aus der Psychologie und der Soziologie ein 51 Sofern eine Betrachtungsebene gew/~hlt wird, die nicht nur ganze (Populationen yon) Organisationen in den Blick nimmt, sondem sich vor allem for organisationsinterne Gestaltungsaspekte 6ffnet, wie es ffir die hier verfolgte Fragestellung nach der Ausformung unternehmerischer Kodizes geboten ist, attrahiert innerhalb der Organisationstheorie die Koordinationsthematik besondere Bedeutsamkeit. An frfiherer Stelle 52 ist bereits gezeigt worden, dass die Komplexit~it der Gesamtaufgabe des Unternehmens und die begrenzten Kapazit~iten der Untemehmensmitglieder es erfordern, Arbeit zu teilen und die arbeitsteilig erbrachten Leitungsbeitrage abzustimmen 53. Dementsprechend beinhalten Organisationen MaBnahmen der Arbeitsteilung und der Koordination, um die arbeitsteilig erstellten Leistungen auf die Oberge-
48 Siehe zu den (bzw. ausgewfihlten) Organisationstheorien als l]berblick z. B. T~irk (1989); Frese (1992); Hall (1996), S. 283-301 ; Walter-Busch ( 1996); Pfeffer ( 1997); Kieser/Walgenbach (2003), S. 31-64. 49 Siehe nur - geradezu klassisch - March~Simon (1958), S. 1: ,,It is easier, and probably more useful, to give examples of formal organizations than to define the term.". 50 Vgl. z. B. Silverman (1972), S. 13-18; Lawler/Rhode (1976), S. 31; Meyer~Stevenson~Webster (1985), S. 58; Hall (1996), S. 26-45; Pfeffer (1997), S. 7-9; Burton/Obel (1998), S. 2 f.; Kieser/Walgenbach (2003), S. 1; Picot/Dietl/Franck (2005), S. 24. 51 Siehe zum interdisziplinaren Charakter der Organisationstheorie auch Thompson (1967), S. 3; Silverman (1972), S. 7; Walter-Busch (1996), S. 54-57, 298 f.; Pfeffer (1997), insb. S. 4, 9; Scott (2003), insb. S. 9, 30. 52 Siehe nochmals oben, S. 128 ff. der vorliegenden Arbeit. 53 Siehe zu diesen Grundtatbestanden der Organisation z. B. nochmals Mintzberg (1979), S. 2; Frese (1992), S. 2; Staehle (1994), S. 528 f.; v. Werder (1998b), S. 8 f.; Frese (2000), S. 6, 69; Kieser/Walgenbach (2003), S. 100 f.; Picot/Dietl/Franck (2005), S. 8.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
369
ordneten Zielsetzungen des Unternehmens auszurichten. Zu diesen MaBnahmen geh6ren organisatorische N o r m e n , die formal gesetzt und mitunter auch in Schriftform fixiert sind 54. Organisationsfragen der Betriebswirtschaftslehre w i d m e n sich vor allem der Problemstellung, welche Ausgestaltungen von Arbeitsteilung und K o o r d i n a t i o n (unter bestimmten Bedingungen und Zielsetzungen) vorteilhafl sind. In Hinblick a u f formale Organisationsnormen ist insbesondere untersucht worden, welches FormalisierungsausmaB aus Effizienzgrtinden jeweils geboten erscheint 55. Zu beachten ist indes, dass selbst eine situationsangemessene Dosierung (der quantitativen Menge) organisatorischer Regelungen keineswegs sicherstellt, dass tats~ichlich eine effiziente Aufgabenerftillung stattfindet. Mitunter empirisch best~itigte Dysfunktionalit~iten organisatorischer Regelungen 56 mtissen daher (noch) nicht gentigen, um das
54 Vgl. March~Simon (1958), S. 142, 145; Hax (1965), S. 73 f.; Thompson (1967), S. 56; Galbraith (1974), S. 29; Hopwood (1974), S. 23; Van de Ven/Delbecq/Koenig (1976), S. 323; Tushman/Nadler (1978), S. 618; Gray~Roberts-Gray (1979), S. 579; Mintzberg (1979), S. 82; Johnson~Gill (1993), S. 22; Marsden/Cook/Knoke (1994), S. 896; Adler (1995), S. 152; Burr (1998), S. 312; Burton/Obel (1998), S. 73; Kieser/Koch/Woywode (1999), S. 128; Kieser/Walgenbach (2003), S. 18; Laux/Liermann (2003), S. 16 f., 161 f.; Scott (2003), S. 234. 55 Vgl. z. B. Thompson (1967), S. 56: ,,An important assumption in coordination by standardization is that the set of rules be internally consistent, and this requires that the situations to which they apply be relatively stable, repetitive, and few enough to matching of situations with appropriate rules."; Hage/Aiken (1969), S. 371 im Original kursiv: ,,Organizations with routine work are more likely to have greater formalization of organizational roles."; Perrow (1972), S. 5: ,,The ideal form [of bureaucracy, T. T.] falls short of realization when rapid changes in some of the organizational tasks are required .... when changes come along, organizations must alter their programs; when such changes are frequent and rapid, the form of organization becomes so temporary that the efficiencies of bureaucracy cannot be realized.", S. 166: ,,When the tasks people perform are well understood, predictable, routine, and repetitive, a bureaucratic structure is the most efficient." und S. 171: ,,the highly structured bureaucratic form is preferable for routine organizations.", sowie mit Verweis auf die ,Standardtheorie organisatorischer Gestaltung' Adler (1999), S. 37 und S. 44 f.: ,,Whether organizations need more rather than less bureaucracy is a function of the degree of routineness of the key tasks of the organization." und zu weiteren Kontingenzhypothesen Van de Ven/Delbecq/Koenig (1976), S. 324-326; Mintzberg (1979), S. 91,227 f., 233-235, 261 f., 264-266, 270-272, 275-277,285-291; Johnson~Gill (1993), S. 23 f.; Burton/Obel (1998), insb. S. 100 f., 157 f., 181-189, 224-226, 299-303. Die Bezugnahme aufden Btirokratiebegriff erfolgt dabei zur Kennzeichnung einer Organisationsform, die sich im Besonderen durch ein hohes MaB an Formalisierung auszeichnet. In dieser Verwendung geht der Terminus auf Weber (1964), S. 703-705, zurtick, der den Idealtyp der Biirokratie (als spezifische Funktionsweise des Beamtentums) durch die folgenden Merkmale beschrieben hat: fest geregelte Kompetenzverteilung, Prinzip der Amtshierarchie und des lnstanzenzugs, Schriftgebundenheit der Amtsfiihrung, Fachschulung der Mitglieder, hauptamtliche T/itigkeit, Regelgebundenheit der Amtsflihrung [vgl. zu diesen Merkmalen auch Merton (1940), S. 560 f.; Burns~Stalker (1961), S. 105 f.; Blau/Scott (1963), S. 32 f.; Mintzberg (1979), S. 84 f.; Clegg/Dunkerley (1980), S. 79 f.; Hall (1996), S. 50; Burton/Obel (1998), S. 65; Kieser/Walgenbach (2003), S. 38 f.; Scott (2003), S. 43-50, insb. S. 45 f.]. Siehe zur Relevanz fiir die hier behandelte Thematik nur sehr deutlich Hall (1996), S. 73: ,,Bureaucratization is a broader concept than formalization, but it contains many of the same implications", und zur Korrelation zwischen Btirokratisierung und Formalisierung fernerhin Aldrich (1979), S. 10, sowie Burns~Stalker (1961), S. 105: ,,Bureaucracy, then, stands as the >formal organization<", oder Blau/Schoenherr (1971), S. 9: ,,The standardization of the performance of tasks through formalized procedures is commonly considered to be a mark of bureaucratization" und S. 113: ,,The standardization of decision-making in organizations on the basis of a detailed system of formalized procedures is generally considered to be an expression of bureaucratization", und Mintzberg (1979), S. 84 im Original z. T. kursiv: ,,Organizations that rely primarily on the formalization of behavior to achieve coordination are generally referred to as bureaucracies.". 56 Siehe dazu nur bereits die frtihen, in der Tradition der Btirokratiekritik stehenden Arbeiten von Merton (1940), S. 562-568; Gouldner (1954), insb. S. 176-180; Blau (1955), insb. S. 40-44, 184-189; Crozier
370
Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
Zurtickdr/angen formaler N o r m i e r u n g e n
begrtinden zu k6nnen. Fiir eine u m f a s s e n d e Be-
standsaufnahme muss vielmehr h i n z u k o m m e n , wie die F o r m a l i s i e r u n g - bei einem gegebenen RegelungsausmaB bzw. R e g e l u n g s b e s a t z 5 7 - ausgestaltet ist und zweckm/~Bigerweise gestaltet w e r d e n sollte 58. Die A u s g e s t a l t u n g der Formalisierung betrifft generell z u m einen detailliertere Betrachtungen des Norminhalts, w o r a u f f'tir u n t e m e h m e n s e t h i s c h e K o d i z e s bereits im B e s o n d e r e n ausftihrlich e i n g e g a n g e n w o r d e n ist 59. Z u m anderen sind U n t e r s c h e i d u n g e n nach der Art der Einflussnahme v o r z u n e h m e n , da nach A n z a h l und Inhalt b e s t i m m t e N o r m e n nicht garantieren, befolgt zu werden60. M a B n a h m e n der Einflussnahme, die a u f die G e l t e n d m a c h u n g der Organisationsnormen hinwirken, besitzen daher groBe Wichtigkeit for den Erfolg organisatorischer N o r m i e r u n g e n 61. W e n n g l e i c h dieser A s p e k t in d e n dominierten Organisationstheorien
lange Zeit v o r h e r r s c h e n d e n - struktur-
w e i t g e h e n d ausgeblendet bleibt 62, sind d e n n o c h in der
(N~ihe der) Organisationstheorie entsprechende Ans~itze zur Erkl~irung und U n t e r s c h e i d u n g organisatorischer E i n f l u s s n a h m e n entwickelt w o r d e n 63. Im a n g l o a m e r i k a n i s c h e n Sprachraum werden thematisch zugeh6rige Beitr~ige teilweise einer organisatorischen Kontrolltheorie zu-
(1964), S. 277-287, und dazu auch March~Simon (1958), S. 37-47; Hopwood (1974), S. 18-21; Lawler (1976), insb. S. 1254-1259; Lawler/Rhode (1976), S. 83-86; Mintzberg (1979), S. 88-91; Meyer~Stevenson~Webster (1985), S. 46-49; Scott (2003), S. 334-336. Diese Befunde haben im Besonderen die in der vorangegangen Fn. 55 genannten Arbeiten t~ber die situative Relativierung des FormalisierungsausmaBes motiviert. 57 Siehe zu diesem Begriff- im Zusammenhang mit der Ausdehnung rechtlicher Normierungen - nochmals Voigt (1983b), S. 18. 58 Vgl. z. B. Blau/Scott (1963), S. 8: ,,One aspect of bureaucratization that has received much attention is the elaboration of detailed rules and regulations that the members of the organization are expected to faithfully follow. Rigid enforcement of the minutiae of extensive official procedures often impedes effective operations.". 59 Siehe nochmals S. 202 ff. der vorliegenden Arbeit. 60 So auch Ciulla (1992), S. 179: ,,the existence of rules and regulations does not necessarily imply compliance.", oder Johnson~Gill (1993), S. 12: ,,But whatever the particular arrangement . . . . [t]here remains the problem of ensuring that members of an organization actually do what they are supposed to do in an efficient and effective manner.". 61 Siehe auch Gray~Roberts-Gray (1979), S. 579: ,,In order that the rules accomplish their control function, however, it is first necessary that the individual members of the organization comply with the rules.". 62 So auch Eisenhardt (1985), S. 134: ,,while the thinking on organizational design often focuses on structural solutions ... cases illustrate the importance to organizational design of control tools such as reward structures and information systems.". Siehe dazu auch Ouchi (1977), S. 95, der auf die mangelnde Unterscheidung der Konzepte hinweist: ,,In the literature on organizations, control and structure are not clearly distinguished from each other.", zu dem entsprechend resultierenden begrenzten Forschungsstand ferner Gray/Roberts-Gray (1979), S. 579: ,,there are few empirical data describing the conditions which encourage compliance with the rules in typical bureaucratic settings.", sowie noch weitergehend Beck/Kieser (2003), S. 794: ,,little attention is paid to formal organizational rules in current organizational research.". 63 Vgl. zur Erheblichkeit der Implementationsthematik auch bereits Gouldner (1954), S. 20: ,,a bureaucracy's effectiveness, or other of its characteristics, might vary with the manner in which rules are initiated, whether by imposition or agreement.".
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
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geordnet bzw. als Theorien organisatorischer Kontrolle bezeichnet 64, da sich der englische Ausdruck ,,Control" in diesem Sinne durch die Austibung von Einfluss oder Ma6nahmen zur Beeinflussung organisatorischen Handelns iibersetzen l~isst65. Im folgenden Abschnitt werden die besonders prominenten Vertreter dieser Richtung diskutiert, bevor auf dieser Grundlage anschlie6end eine m0glichst einfache, aber hinreichend distinktionsf~ihige Kennzeichnung der Normimplementierung entwickelt werden kann. Die vorausgehende Auseinandersetzung muss hierf'tir Aufschluss dartiber geben, welche Arten der Einflussnahme prinzipiell unterscheidbar sind (1), welche Anforderungen (2) und Wirkungen (3) ihr Einsatz jeweils mit sich bringt und unter welchen Bedingungen daher schliel31ich welche Kontrollart vorteilhaft erscheint (4).
b) Theorien organisatorischer Einflussnahme aa) Die Organisationstypologie von E t z i o n i a'
Einflussnahme und Involvement Die Bedeutung organisatorischer Kontrollmal3nahmen kommt in besonderem MaBe in frti-
hen Untersuchungen des Organisationssoziologen E t z i o n i zum Ausdruck, in denen er Organisationen nach der Art der vorherrschenden Einflussnahme (,,power") unterscheidet und auf dieser Grundlage eine Typologie von Organisationen (im institutionellen Sinne) entwickelt 66. Die Klassifizierung beruht darauf, wie in der Organisation Einfluss ausgetibt wird, um Obereinstimmung (,,compliance") mit ihren Normen (und allgemeiner ihren Anforderungen) zu erreichen, und mit welcher Art Engagement (,,discipline" bzw. ,,involvement") die Mitarbeiter die Anforderungen der Organisation erf'tillen. MaBnahmen und Wirkungsbeziehungen der Einflussnahme sind demnach derart fundamental, dass sich auf dieser Grundlage Organisationstypen bilden lassen, die w e i t e r h i n - so die sich anschlie6enden komparativen Analysen
64 Siehe dazu Tannenbaum (1962), S. 237: ,,It is the function of control to bring about conformance to organizational requirements"; Merchant (1985), S. 4 im Original z. T. kursiv: ,,Control is seen to have one basic function: to help ensure the proper behaviors of the people in the organization."; Barker (1999), S. 44 Herv. im Original: ,,The organization ... can easily ~speakt~ its important discursive formations [of its goals or norms, T. T.] ... But getting the worker to identify and comply with these formations is another issue. The organization is very aware of this problem and has a mechanism in place to help ensure identification and compliance. We commonly call such mechanisms control.", oder ganz ahnlich Johnson~Gill (1993), S. 12 f. 65 So z. B. auch Frese (1968), S. 52, oder Frese (2000), S. 90, sowie zum (mehrdeutigen) Begriff im Englischsprachigen fewer Tannenbaum (1962), S. 239; Tannenbaum (1966), S. 84; Perrow (1972), S. 138; Lawler (1976), S. 1248; Lawler/Rhode (1976), S. 6; Flamholtz (1979), S. 51; Ouchi (1979), S. 833; Merchant (1985), S. 4; Snell (1992), S. 293 f.; Laufer/Robertson (1997), S. 1031; Bacharach/Bamberger/Sonnenstuhl (2002), S. 637; Scott (2003), S. 55,309. 66 Organisationen werden dabei als soziale Entit~ten verstanden, die spezifische Zwecke verfolgen [vgl. Etzioni (1961), S. xi Fn. l; Etzioni (1964), S. 58; Etzioni (1965), S. 650, und eingehender zu dem angenommenen OrganisationsbegriffEtzioni (1964), S. 3 f.].
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument Unterschiede bei wichtigen und vieluntersuchten Merkmalen wie der Struktur der
Organisation e r k l ~ e n k6nnen (sollen) 67. Die Gr6fSe, Struktur und ausgepr~igte Zielorientierung von Organisationen bedingt, dass organisationskonformes Verhalten nicht unterstellt werden kann, sondem die Befolgung der dann notwendigen Normen 68 durch formale Mechanismen gefOrdert werden muss 69. Die Gesamtheit dieser Mal3nahmen konstituiert die organisatorische Kontrollstruktur, die definiert ist als ,,a distribution o f means used by an organization to elicit the performances it needs and to check whether the quantities and qualities of such performances are in accord with organizational specifications. ''7~ Nach E t z i o n i l~isst sich die Vielfalt der zu Kontrollzwecken eingesetzten, kurz als ,,power" bezeichneten MaBnahmenelemente 71 drei analytischen Kategorien zuordnen. Die Einflussnahme kann demnach entweder durch die (Androhung der) Ausfibung von physischen ZwangsmaBnahmen (z. B. Schl/age oder Freiheitsberaubungen), durch materielle Belohnungen (in Form von Gtitern und Dienstleistungen, aber auch monet~iren Vergfitungen) oder durch Symbole erfolgen, die normativer (z. B. Prestige oder Wertsch~itzung) oder sozialer Natur (wie Liebe oder Akzeptanz) sein k6nnen. Die jeweilige Art der Einflussnahme wird dementsprechend als Zwangsmacht, als remunerative (bzw. utilitaristische) Macht oder als normativ-soziale Macht bezeichnet 72. Alle drei Einflussarten haben als KontrollmaBnahmen gemeinsam, dass sie organisationskonformem Verhalten zur Durchsetzung verhelfen sollen. Es wird jedoch zudem angenommen, dass die jeweilige Einflussart unterschiedliche Konsequenzen daftir mit sich bringt, welche Art yon Engagement (,,discipline" bzw. ,,involvement") die Mitarbeiter in der und for die Organisation ausbilden 73. Der Einsatz von Zwangsmacht bewirkt danach vor allem Unzufriedenheit bzw. eine Entfremdung der Mitglieder von der Organisation. Durch normative Macht
67 Vgl. Etzioni (1965), S. 654: ,,A central finding of the comparative analysis of organizations is that organizations which differ in the kinds of power they apply and in the alienation or commitment they generate differ also, in many significant ways, in other aspects of their organizational structure.". Siehe auch Etzioni (1961), insb. S. 71 ; Etzioni (1964), S. 61. 6s Siehe dazu z. B. Perrow (1972), S. 25: ,,Rules are needed in organizations when complexity increases due to variability in personnel, customers, environment, techniques of producing the goods and services, and so on. When these matters are complex, it is not possible to allow personnel to ))do their own thing# no matter how much we might prefer that.". 69 Vgl. Etzioni (1964), S. 68: ,,The aim of organizational control is to ensure that rules are obeyed and orders followed. If an organization could recruit individuals who would conform on their own, or could educate its members so that they would conform without supervision, then there would be no need for control.". 70 Etzioni (1965), S. 650. 71 Siehe zu dieser Terminologie Etzioni (1964), S. 59 f., sowie Etzioni (1965), S. 651: ,,The use of various kinds of means for control purposes - power, in short", und zuvor Etzioni (1961), S. 4 Herv. im Original: ,,Power is an actor's ability to induce or influence another actor to carry out his directives of any other norm he supports.". 72 Vgl. Etzioni (1961), S. 5 f.; Etzioni (1964), S. 59; Etzioni (1965), S. 651. 73 Vgl. Etzioni (1961), S. 8 fi; Etzioni (1964), S. 60; Etzioni (1965), S. 651.
Gestaltungsdimensionen unternehmensethischer Kodizes
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hingegen 1/isst sich ein starkes Commitment der Organisationsmitglieder herstellen 74. Remunerative Macht schlieBlich ist gew6hnlich weniger entfremdend als Zwangsmacht und kann gleichzeitig nicht erreichen, dass sich die Mitglieder derart weitgehend mit der Organisation identifizieren, wie es durch normative Macht m6glich ist 75. Der Einsatz remunerativer Macht zieht ein Engagement der Mitarbeiter nach sich, das - zur Abgrenzung von dem entfremdeten und dem n o r m a t i v e n - als ein kalkulierendes gekennzeichnet werden kann76. Prinzipiell sind zun/~chst s~'ntliche Kombinationen zwischen der prim/~r ausgeiabten Art der Einflussnahme und dem vorherrschenden Engagement der Mitarbeiter in der Organisation m6glich. Es resuitieren daher durch die Verkntipfung der beiden Dimensionen insgesamt neun Organisationstypen (Tabelle 9). Aufgrund der angenommenen Wirkungszusammenh/~nge sind die Organisationstypen 1, 5 und 9 allerdings besonders relevant, da sie sich durch eine Kongruenz zwischen der gew/ahlten Einflussnahme und dem Involvement der Organisationsmitglieder auszeichnen. Die Dominanz dieser Typen wird auBerdem durch eine dynamische Kongruenzhypothese untermauert, wonach in Organisationen mit inkongruenten Merkmalsauspr/~gungen die Tendenz besteht, dass eine Entwicklung hin zu den kongruenten Kombinationen stattfindet 77. In der Praxis werden Organisationen infolgedessen mit gr613erer Wahrscheinlichkeit, wenn auch nicht zwangsl~iufig 78 einer dieser drei Kombinationsm6glichkeiten entsprechen. Die betreffenden Typen k6nnen als Zwangsorganisation (1), utilitaristische Organisation (5) und normative (,,identitive") Organisation (9) benannt werden 79. Kinds of Involvement
Alienative
Calculative
Committed
Kinds of Power Coercive
1
2
3
Remunerative
4
5
6
Normative
7
8
9
Tabelle 9."
Die O r g a n i s a t i o n s t y p o l o g i e von Etzioni 8~
74 Nach Etzioni (1961), S. 9, beschreiben Entfremdung und Commitment [entgegen der Interpretation beispielsweise von O'Reilly/Chatman (1986), S. 493,497] keine unabhfingigen Dimensionen des Involvements, sondern zum einen die negative und zum anderen die positive Auspragung auf einem entsprechenden Kontinuum. 75 Vgl. Etzioni (1964), S. 60; Etzioni (1965), S. 651. 76 So Etzioni (1961), S. 9-11. 77 Vgl. Etzioni (1961), S. 12-14. 78 Siehe auch bereits Etzioni (1961), S. 13 f.; Etzioni (1964), S. 60 f.; Etzioni (1965), S. 652. 79 Vgl. Etzioni (1961), S. 27, 31, 40. An anderer Stelle werden diese Designationen ausschlieBlich auf die Art der Einflussnahme zurOckgeftihrt: ,,three kinds of organizational structures which have been distinguished according to the kinds of control applied." [Etzioni (1965), S. 655]. 80 Vgl. Etzioni (1961), S. 12.
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Ethik-Kodizes als unternehmensethisches Implementierungsinstrument
b' Anschlussfragen Die Organisationstypologie von Etzioni hat viel Beachtung und allerdings ebenso Kritik erfahren 8~. Ft~r die vorgegebene Zwecksetzung, Organisationstypen herzuleiten, m a g sie tats~chlich wenig aussagekr~.fiig sein 82, da Struktur- und Z i e l m e r k m a l e der Organisation unzureichend abgegrenzt sind 83. Differenzen zwischen den Typen lassen sich daher im Wesentlichen nur feststellen, nicht aber erklfiren, wenn einerseits unterschiedliche Ziele Strukturunterschiede begrfinden und a u f der anderen Seite genauso v o n d e r Struktur a u f die Zielsetzungen einer Organisation geschlossen werden kann 84. Die anhaltende Bedeutung der Einteilung folgt vielmehr aus d e m zentralen Stellenwert, welcher der Variable Compliance zugemessen wird 85. Die generell angestrebte Normkonformitfit lfisst sich d e m n a c h prinzipiell auf unterschiedliche Weisen der Einflussnahme erreichen. Dadurch, dass Compliance in den Zusamm e n h a n g von organisationaler Einflussnahme und Involvement der Adressaten gestellt wird, gelingt es zum anderen, die beiden Ebenen der Organisation insgesamt und ihrer individuellen Mitglieder zu verbinden86. Ungekl~.rt wird hingegen belassen, wie diese Verbindung im Detail begr~ndet ist. Wichtige Fragen zur zweckm~,ffigen Ausges