Hugo Manfred Beer
Moskaus As im Kampf der Geheimdienste Die Rolle Martin Bormanns in der deutschen Führungsspitze
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Hugo Manfred Beer
Moskaus As im Kampf der Geheimdienste Die Rolle Martin Bormanns in der deutschen Führungsspitze
2. Auflage
Verlag Hohe Warte • Franz v. Bebenburg KG
Gescannt von c0y0te. Dieses e-Buch ist eine Privatkopie und nicht für den Verkauf bestimmt.
Alle Rechte vom Verlag vorbehalten. Copyright by Verlag Hohe Warte • Franz v. Bebenburg • Kommanditgesellschaft, 8121 Pähl, 1983. ISBN 3-88202-311-4. Gesetzt aus der Garamond und gedruckt in der Carl Bauer’sdien Druckerei, München 2
Inhaltsübersicht EINLEITUNG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ERSTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Werdegang Bormanns — Erpressung des Gefangenen Bormann zur Spionage — Stalin über Bormann ZWEITES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Adolf Hitlers Menschenkenntnis — Sein Vertrauen zu Prof. Morell — Bormanns „Sperrmauer” um Hitler — DRITTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Atmosphäre um Hitler — Zeugen über Bormann — Prof. Killian: „Waren Bormann u. Morell Komplizen?” VIERTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bormanns Aufstieg in der NSDAP — Röhm sucht Material gegen Bormann u. a. Gegner — Bormann schlägt zu FÜNFTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bormann immer mächtiger — „Säuberungen” in Wehrmacht und Roter Armee — Hitlers Horoskop SECHSTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Fall Tuchatschewski — War er Freimaurer? — Canaris versagt Heydrich Hilfe für Fälschungen SIEBTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Freisler und der Volksgerichtshof — „Freisler in seiner ganzen Art ein Bolschewik” (Hitler) ACHTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Heß ’ Englandflug — „Bormann Made im Reichsapfel” NEUNTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bormann zerstreut Hitlers Bedenken gegen Ostfeldzug — Exilrusse Dallin durchschaut Bormann ZEHNTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . „Führerbefehl” und „Kommissarbefehl” ELFTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . NS-Besatzungspolitik schafft Partisanen — Bormann verhindert den Gauleitern den Zutritt zu Hitler ZWÖLFTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Funkspiel mit Moskau — Funkabwehr stutzig — Canaris glaubt an Verrat Bormanns und Gestapo-Müllers
7 11 23 38 49 66 75 86 91 102 119 139 153
DREIZEHNTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Keitel unterdrückt Nachrichten von Canaris an Hitler — Wohin verschwanden Bormann und Müller? VIERZEHNTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bormanns Intrigen gegen Luftwaffe — General Kollers Argwohn FÜNFZEHNTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bormann prophezeit Rittmeister Boldt „Rittergut nach siegreichem Ende” SECHZEHNTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ausbruch aus der Reichskanzlei — Radio Moskau: Bormann festgenommen SIEBZEHNTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Orakelhafte Worte Sowjet-Generals Rudenko ACHTZEHNTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . US-Richter: Bormann war Sowjetagent — Sowjetoffizier sah Bormann — Bormann Leiter des Roten Orchesters NEUNZEHNTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . General Gehlens Memoiren erregen linke und rechte Öffentlichkeit — General Praun stützt Gehlens Angaben ZWANZIGSTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Überraschende Funde am Lehrter Bahnhof (Berlin) EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Veröffentlichungen vor und nach Gehlens Memoiren — Zeugen nach dem 1. Mai 1945 ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sowjetische Agenten in hohen US-Regierungsstellen — Präsidentenberater Harry Dexter White und Harry Hopkins auch Sowjetagenten — US-Major Jordans Begegnungen mit Sowjetagenten — Harry Hopkins Verbot, Uranlieferungen an die Sowjets aktenkundig zu machen SCHLUSSBETRACHTUNG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . „Sowjets siegen durch Spione” — U S-Präsidentenberater Harry Hopkins — „Kundschafter des Friedens” Guillaume — Richard Sorge — Martin Bormann — Morell
167 177 191 198 214 227 234 249 266 275
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EINLEITUNG
Die vorliegende Schrift über Martin Bormann erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Diese kann nur erwartet werden, wenn die sowjetrussischen Archive jedem Forscher aus aller Welt ohne Vorbehalte geöffnet würden. Bisher war es unmöglich, an Akten und Urkunden zu gelangen, die sich in sowjetischen Archiven befinden. Es ist nicht einmal festzustellen, was die Rote Armee bei Kriegsende an Material erbeutet und weggeschafft hat. Daher wird ein umfassendes und lückenloses Bild von Martin Bormann erst dann ausgearbeitet und der Öffentlichkeit übergeben werden können, wenn die Archive aller Siegermächte des Zweiten Weltkrieges in ihrem heutigen Stande von jedermann ebenso ausgewertet werden können, wie es in den Archiven der Bundesrepublik Deutschland jederzeit und jedermann möglich ist. Ähnlich äußerte sich auch der französische Rechtsanwalt und Schriftsteller Gilles Perrault in seinem Buch „Auf den Spuren der Roten Kapelle” in Zusammenhang mit der „Aktion Bär”, einem von der NS-Führung genehmigten Funkspiel mit Moskau, in dem Martin Bormann mit Heinrich Müller („Gestapo-Müller”) eng zusammengearbeitet hatte. Darüber wird in einem späteren Abschnitt berichtet. Gilles Perrault schreibt: „... man könnte es nur erfahren, wenn man die Archive der Zentrale einseben dürfte, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind... Vielleicht wird man eines Tages die ganze Wahrheit über das ,Große Spiel’ (Aktion Bär) erfahren, aber das wird noch lange dauern und aus Moskau wird die Aufklärung wahrscheinlich nicht kommen ... (36) 7
Auch Oberst Erich Helmdach (47) meint: „Zunächst sollten aber zur Bereinigung der Historie Vorurteile aller Art, dabei auch gewollte sprachliche Unklarheiten ausgeräumt werden, damit die Geschichtsschreibung wie der politische Alltag davon befreit wären. Mit Täuschung und Verschleierung können fortlaufend Verstrickungen in neues Unheil entstehen. Ideologische ,Gefangenschaft’ und ‚Gesetzmäßigkeit’ müssen zu eigenem Nachteil und zu Schaden führen. Das Verheimlichen und Verschließen der Archive und damit das Erschweren der Wahrheitfindung kann weder Entspannung noch Verständnis oder Zusammenarbeit fördern ...” Eine sachliche Darstellung Martin Bormanns als Mensch, seine Erscheinung, sein Wirken als Gutsverwalter in Pommern, sein Aufstieg in der NSDAP, später im engeren und zuletzt im engsten Führungskreis des Dritten Reiches, sein Verhalten bei bestimmten Anlässen, sein Verschwinden ins Nichts — wirklich ins Nichts? — dieses und vieles Andere ist Grund genug, nach 37 Jahren Abstand von der deutschen und europäischen Katastrophe des Jahres 1945, darüber im Rahmen des zur Zeit Möglichen ernsthaft nachzuforschen. Diese Forschungen sollten vom Geiste des sinnreichen altrussischen Sprichwortes „Prawda vitezi” (Die Wahrheit siegt) begleitet sein, dem die gesetzliche Eidesformel für Zeugenaussagen vor englischen und amerikanischen Gerichten „Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit” auszusagen, ebenbürtig gegenübersteht. Mit der Wahrheit, als Übereinstimmung der Vorstellung mit den Tatsachen, hat es übrigens seine eigene Bewandtnis: sie kann ebensowenig verboten werden, wie es möglich ist, die Bewegungen der Planeten zum Stillstand zu bringen. Nur die Verbreitung der Wahrheit kann für begrenzte Zeit gestoppt werden. Die Ablösung des irrigen ptolemäischen (geozentrischen) Weltsystems durch das kopernikanische (heliozentrische) Weltsystem, das sich auch mit dem Wissensstand der Gegenwart deckt, erforderte Jahrhunderte. Inquisitionsgerichte und kirchliche Verbote hinderten damals gewaltsam die Ausbreitung wissenschaftlich erforschter und bewiesener Wahrheit. 8
Ebenso wie ein erklärter Feind bestehender staatlicher Ordnung nicht im Dienste des Staates, den er zerstören will, amtlich — z. B. als Richter — tätig sein kann, ebensowenig kann ein parteiisch gebundener Historiker echte Geschichte schreiben. Die Ergebnisse sind bekannt, seit die Geschichtsschreibung in den Dienst des geltenden „Zeitgeistes” gestellt wurde. Das lassen die Chroniken des frühen Mittelalters erkennen, die von Geistlichen handschriftlich verfaßt wurden. Das damalige Geschichtsbild wurde vom Glauben an die „Allein selig machende Kirche” geprägt, ohne daß dabei bedacht wurde, daß jede Weltreligion (Christentum, Buddhismus, Mohammedanismus) die Unfehlbarkeit in Glaubensangelegeheiten für sich beansprucht und damit zugleich die anderen Religionen verdammt (2). Die zunehmende Abkehr von der christlichen Lehre, die in Europa etwa vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges einsetzte, hat nationale und parteipolitisch gebundene Historiker hervorgebracht. Der Totalitarismus des aufstrebenden Nationalsozialismus begünstigte diese Entwicklung erheblich. Es konnte dabei eine außenpolitische Annäherung an den älteren Totalitarismus osteuropäischer Form beobachtet werden. Dieser Annäherung verlieh Erich Koch, der ehemalige Gauleiter von Ostpreußen, deutlich Ausdruck, als er sagte: „Denn Hand in Hand mit jedem außenpolitischen Fortschritt in unserer Friedenspolitik wird auch ein entsprechender wirtschaftlicher Interessenausgleich zwischen den beteiligten Mächten gehen. Es wird schließlich dahin kommen, daß alle Ostmächte zwischen Rhein und Stillem Ozean, zwischen Finnland und Schwarzem Meer in den großen Fragen gemeinsam berührt werden ...” (3) Dieser Annäherung war jedoch nur kurze Dauer beschieden. Es kam zu der gewaltigen Auseinandersetzung, an deren Ende die militärische und nachher die politische Niederlage des Nationalsozialismus stand. Obwohl inzwischen fast 40 Jahre verstrichen sind, hört man noch heute aus Moskau, daß „die Jugend der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Staaten, insbesondere die Jugend der Deutschen Demokratischen 9
Republik, im Sinne des Friedens und der Zusammenarbeit, im Geiste eines tiefen Hasses gegen den Nazismus erzogen wird” (4). „Geist tiefen Hasses” gegen etwas nicht mehr Bestehendes ist sinnlos. Einer haßerfüllten neuen Generation können keine nüchtern denkenden und urteilenden Historiker entwachsen. Wenn Wilhelm von Schramm hinsichtlich des Ostfeldzuges im Zweiten Weltkrieg meint, „wer sich lange und eingehend, dazu nach wissenschaftlichen Methoden, mit dem Gegner beschäftigt, hört auf, ihn zu hassen, fängt an, ihn zu verstehen, seine Art, sowie seine Lebensinteressen zu begreifen” (5), dann ist v. Schramm hier von dem tiefen Verständnis vieler Zeitgenossen des Abendlandes getragen und zeugt von der Denkungsweise ritterlicher Kriegführung der Vergangenheit. Dieses auch nur annähernd ähnliche Verständnis ist auf der ideologisch d. h. marxistisch-leninistisch geschulten, ja gedrillten Gegenseite nicht zu finden und nur aus Gründen des bereits erwähnten anerzogenen Hasses gegen den toten Nationalsozialismus, aber auch gegen den bestehenden Kapitalismus nicht zu erwarten. Von den zahlreichen Veröffentlichungen über Martin Bormann werden nun die für diese Arbeit interessantesten einer eingehenden Betrachtung unterzogen. Bei der vorliegenden Thematik gehen die den Verfassern von Memoiren, den Historikern und Schriftstellern gesteckten Grenzen ineinander über. Es kann festgestellt werden, daß mit zunehmendem Abstand von Martin Bormann und den mit ihm verbundenen Ereignissen und Vorgängen mehr Nüchternheit, ja bescheidene Anfänge eines Willens zur Wahrheitfindung aufscheinen, der in den beiden Jahrzehnten nach Kriegsende weitgehend fehlte. Lediglich die an Ideologien gebundenen Veröffentlichungen sind in ihrem Aussagewert unverändert geblieben. Nur die Formulierungen sind verfeinert und an die Ansprüche des allgemeinen Niveaus des westlichen Leserpublikums annähernd angepaßt.
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ERSTES KAPITEL Vergleich zwischen Leibarzt Prof. Morell und Sekretär Martin Bormann — Werdegang Martin Bormanns — Erpressung des gefangenen Bormann zur Spionage — Stalins Äußerungen über Bormann zu Benesch — Bormanns Beteiligung an Fememord Aus dem großen Kreis der Anhänger und Mitarbeiter Adolf Hitlers haben sich zwei unauffällige Männer seiner engeren und spater engsten Umgebung, sein Leibarzt und sein Sekretär, in den entscheidenden Jahren als so einflußreich erwiesen, daß es keinesfalls abwegig ist, sich mit ihrem Werdegang kritisch zu befassen. Der medizinischen Tätigkeit des Leibarztes Dr. Morell haben die Ärzte Dr. Rohrs (6) und Henning Fikentscher (1) im Rahmen ihrer Betrachtungen über Adolf Hitlers Krankheit gebührend Aufmerksamkeit geschenkt. Es überrascht, daß Dr. Morell in der umfangreichen Nachkriegsliteratur, die alles Mögliche und Erdenkliche rund um Adolf Hitler aufgriff, kaum Erwähnung fand, während der Sekretär und engste Mitarbeiter, Martin Bormann, der gleich Dr. Morell die Öffentlichkeit stets und in jeder Form mied, nach seinem Verschwinden aus dem Bunker der Reichskanzlei (l./2. Mai 1945) Anlaß zu einer weltweiten Kette von Legendenbildungen gab, wie sie von dem Verteidiger Martin Bormanns im Nürnberger Prozeß (1946), Dr. Friedrich Bergold, richtig vorausgesehen worden war (7). Diese Legendenbildungen um Martin Bormann sollen in einem späteren Abschnitt dieser Arbeit näher betrachtet werden. Der am 17. Juni 1900 in Halberstadt (Sachsen) als ehelicher Sohn des Stabstrompeters Theodor Bormann und seiner Ehefrau Luise, geb. Grobler, zur Welt Gekommene besuchte drei Jahre eine private Lehranstalt in Eisenach. Später, als die Familie nach Weimar übersiedelte, kam Martin Bormann auf das Realgymnasium, das er nach Abschluß der Obersekunda verließ. Gemäß Bormanns selbst verfaßtem Lebenslauf, auf den sich Jochen v. Lang (8) und Lew Besymenski (9) stützen, soll er im Juni 1918 11
beim Feldartillerie-Regiment 55 in Naumburg als Rekrut eingerückt sein. Nach der Demobilisierung im Februar 1919 erhielt er im August 1920 die Stellung eines Geschäftsführers mit Generalvollmacht einer mecklenburgischen Begüterung. Die letzte Angabe stammt von Martin Bormann selbst. Dazu bemerkt Jochen v. Lang (8) auf Seite 30 seines Buches „Der Sekretär”: „Es läßt sich jetzt nicht mehr feststellen, wo Martin Bormann seine Elevenzeit, sprich Lehre, verbracht hat. Er selber nannte Mecklenburg, und Verwandte behaupten, es sei nicht eigentlich ein landwirtschaftlicher Betrieb, sondern vielmehr eine Ölmühle gewesen. Doch das eine braucht das andere nicht auszuschließen — beides war damals noch häufig miteinander verbunden. Unklar ist auch, wie lange diese Ausbildung dauerte und was sie umfaßte. Zu solchen Überlegungen führt zwangsläufig Bormanns selbstverfaßter Lebenslauf, denn darin folgt auf die Entlassung aus der Naumburger Kaserne im Februar 1919 als nächstes fixes Datum der August 1920 — und da wurde er angeblich ‚Geschäftsführer mit Generalvollmacht einer mecklenburgischen Begüterung’. Demnach müßte er in eineinhalb Jahren alles über Acker und Stall gelernt haben, und wenn er auch während dieser Zeit an einem Fachkurs teilgenommen hat und durch Fleiß und rasche Auffassung gut abgeschnitten hat, wofür es Zeugen gibt, so ist es doch unwahrscheinlich, daß jemand einem so unerfahrenen und milchbärtigen Anfänger gleich eine ,Begüterung’ zur Bewirtschaftung anvertraute. Schließlich war der junge Mann noch nicht einmal volljährig und also auch nicht voll geschäftsfähig.” Wie ernst der Verfasser dieses Thema behandelte, verraten die Sätze: „Unklar ist auch, wie lange diese Ausbildung dauerte und was sie umfaßte.” „Zu solchen Überlegungen führt zwangsläufig Bormanns selbstverfaßter Lebenslauf, denn darin folgt auf die Entlassung aus der Naumburger Kaserne im Februar 1919 als nächstes fixes Datum der August 1920 . ..” 12
In der SS-Stammrolle (10) hat Bormann folgende Angaben gemacht: „Juli 1920 bis 1926 Mitglied des Verbandes gegen Uberhebung des Judentums. Abschnittsleiter der Organisation Roßbach in Mecklenburg 1922/23. Juli bis Dezember 1923 in Untersuchungshaft in Leipzig. März 1924 aus politischen Gründen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nach Entlassung im Frontbann bis zum Parteieintritt am 17. 2.1927. 1927/28 Gaupresseobmann in Thüringen.” Die Zeiten im Lebenslauf und in der SS-Stammrolle (10) Martin Bormanns sind fast immer mit der Nennung eines Monats verbunden. Es ist verständlich, daß die exakten Daten dieses Abschnitts seines Werdeganges, die in die bewegte Zeit nach dem Ersten Weltkrieg fielen, nur auf diese Weise begrenzt werden konnten. Unklar bleibt die Zeit zwischen der Entlassung aus der Armee — Februar 1919 — und August 1920, der Arbeitsaufnahme als Gutsverwalter in Herzberg bei Parchim. Ob er diese achtzehn dazwischenliegenden Monate auch tatsächlich zur Erlernung der Landwirtschaft verwendet hat, wie Jochen v. Lang vermutet (8), ist keinesfalls bewiesen, auch wenn Jochen v. Lang weiter berichtet „und wenn er auch während dieser Zeit an einem Fachkurs teilgenommen und durch Fleiß und rasche Auffassung gut abgeschnitten hat, wofür es Zeugen gibt ...”, so fehlen Angaben über diese nicht näher bezeichneten Zeugen ganz. Aber auch Lew Besymenski (9), Joseph Wulf (10), Trevor Roper (11) und Ladislas Farago (12), die bekanntesten BormannForscher in Ost und West, wissen nichts über diese Lücke im Lebenslauf Martin Bormanns zu berichten, die anscheinend nicht aufgefallen ist. Erheblich mehr erfahren wir von Klaus Benzing (33), der in seinem Buch „Der Admiral” auf Seite 113 berichtet: „Wer war Martin Bormann? Nach dem Ersten Weltkrieg kämpfte er in einem Freikorps im Baltikum und wurde 1920 von den Sowjetrussen gefangenge13
nommen. Er wird aber — überraschend für seine Kameraden — nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Admiral Canaris hielt es für möglich, daß Bormann zu jenem Zeitpunkt für den sowjetischen Spionagedienst verpflichtet wurde.” Nach der Quelle dieser Mitteilung über Martin Bormann befragt, teilte Klaus Benzing dem Verfasser folgendes mit: „Zu Ihrer Frage nach der Primärquelle meiner Angaben zu Bormann, kann ich Ihnen mitteilen, daß es in Amerika eine Personalakte von Bormann gibt, die ich eingesehen habe.” (14) Dieselbe Version über den Aufenthalt Martin Bormanns — zumindest für das erste Halbjahr 1920 — vertritt auch der tschechische Journalist Pawel Havelka, der sich auf mündliche Angaben des tschechischen Generals Bartik beruft. General Josef Bartik war über zehn Jahre Chef der tschechischen Gegenspionage im Generalstab und Vertrauter des Staatspräsidenten der Tschechoslowakischen Republik, Eduard Benesdi, gewesen. Benesch soll sich mit Stalin sehr gut verstanden.haben und sei nicht wenig stolz auf das Vertrauen gewesen, das der russische Diktator ihm, einem nicht-kommunistischen Politiker bürgerlich-liberaler Prägung, entgegengebracht habe. Dennoch habe General Bartik erklärt — so Pawel Havelka in der in Malmö (Schweden) erscheinenden sozialdemokratischen Zeitung „Arbeitet” —, daß Bormann ein Agent Stalins gewesen sei. Bormann gehörte 1920 einem baltischen Freikorps an, das sich mit den Bolschewiken schlug. Er wurde gefangen und wußte, was ihn erwartete. Bormann rettete sein Leben dadurch, daß er ein Papier unterschrieb, in dem er sich verpflichtete, als Agent für die Russen zu arbeiten (15). Dazu berichtet Pavel Havelka ferner: „Als man das nächste Mal von Bormann hörte, war er einer von Hitlers nächsten Mitarbeitern. Von 1943 an, war er der zweitmächtigste Mann in des Führers Hauptquartier. Als Deutschland 1941 die Sowjetunion angriff, erhielt die sowjetische Abwehr den Auftrag, in Archiven nach deutschen Staatsbürgern zu forschen, über die man Material besaß, mit dem man sie zwingen konnte, sowjetische Agenten zu werden. In einem längst vergessenen Winkel fand man die Verpflichtung, die 1920 von Bormann unterzeichnet worden war. Der Rest sei Routine gewesen. 14
Bormann habe eine Fotokopie des Papiers mit seinem Namen darunter erhalten. Die Russen hätten einen Tag gewartet, ob Bormann Hitler seine Jugendsünde beichten werde. Er schwieg. Nun habe man ihm nur noch das Messer an die Kehle zu setzen brauchen. Bormann tat, was ihm von sowjetischer Seite gesagt wurde. In der Folgezeit erfuhren die Russen das meiste direkt aus Hitlers Hauptquartier.” Ein Spionagesystem, das ohne Erpressung arbeitet und doch „funktioniert” ist schwer denkbar. Zu einer gewissen Vollendung durch geschickte Erpressung hat es diesbezüglich das sowjetische System gebracht. Darüber ist früher sehr umfangreich berichtet worden, daß es sich erübrigt, auch in dieser Arbeit näher darauf einzugehen. Es sei hier nur an einen Komplex erinnert, der nicht ohne Ähnlichkeit zu der von Pavel Havelka berichteten Bormann-Erpressung dasteht. Darüber schreibt Reinhard Heydrich in einer Meldung vom 10. Juni 1941 an Heinrich Himmler (16), mit welchen Methoden die GPU gegen die volksdeutschen Umsiedler damals vorging, um diese zur Spionage gegen Deutschland zu zwingen: „Die deutschen Umsiedler wurden in solchen Fällen von der GPU vorgeladen, stundenlang verhört und es wurde ihnen angedroht, daß sie von der Umsiedlung ausgeschlossen würden, wenn sie sich dem Ansinnen der GPU nicht gefügig zeigten. Beliebt war auch die Methode, den angegangenen Umsiedlern zu erklären, daß man sich an den zurückbleibenden Angehörigen schadlos halten und diese als Geiseln behandeln würde, wenn sie den unter Zwang übernommenen Verpflichtungen nicht nachkommen oder es wagen sollten, in Deutschland Anzeige zu erstatten. Man drohte ihnen weiter, daß der lange Arm der GPU sie auch in Deutschland erreichen würde ... Diese Anführung von begründeten Einzelbeispielen könnte auf Hunderte von Fällen ausgedehnt werden, da es feststeht, daß die GPU nach vorsichtiger Schätzung an etwa 50 v. H. der Umsiedler herangetreten ist, um sie durch erpresserische Drohungen oder riesenhafte Geldversprechungen zur Mitarbeit zu zwingen ...” Besonders deutlich äußert sich über diese erpresserischen Me15
thoden zur Gewinnung von Agenten für das sowjetische Ausland-Netz David I. Dallin (18), wenn er schreibt: „Schließlich wurden einige recht zweifelhafte Charaktere durch finanzielle Verlockungen in das Netz gezogen. Abenteurer, vom Pech verfolgte Spieler, Personen, die die Gefahr nicht richtig einschätzten, verschuldete Individuen, in Liebesaffären verwickelte Personen waren Agenten oder potentielle Agenten. Einige wurden gefaßt und vor Gericht gestellt. Andere versuchten in ein ruhig-bürgerliches Leben zurückzukehren. Die Namen der letzteren Gruppe vergaß Moskau jedoch nicht: in manchen Fällen wurden diese Personen nach einiger Zeit stiller Zurückgezogenheit von Agenten Moskaus an ihre Vergangenheit erinnert und vor eine unselige Alternative gestellt.” Rudolf Ströbinger und Reginald Peek teilen laut der deutschen Tageszeitung „Die Welt” (17) und der britischen Tageszeitung „Daily Telegraph” mit: „Stalin selbst soll dem ehemaligen Staatspräsidenten der Tschechoslowakei, Eduard Benesch, mitgeteilt haben, daß Reichsleiter Bormann, unter Hitler der zweitmächtigste Mann in Deutschland, für die Sowjetunion spioniert habe. Das berichtet der Londoner ,Daily Telegraph’ am Montag unter Berufung auf den tschechischen Journalisten Rudolf Ströbinger, der 1968 nach der Invasion der Sowjets seine Heimat verlassen hat und in der Bundesrepublik lebt. Wie der Bonner Korrespondent, Reginald Peek, in dem Londoner Blatt schreibt, habe Ströbinger seine Kenntnis sechs Monate vor der Invasion in Prag von General Josef Bartik erhalten, der unter Benesch Chef des Geheimdienstes gewesen sei. Benesch soll einmal zu Bartik gesagt haben: ,Wenn Bormann noch lebt, wird er niemals hingerichtet werden. Er war einer von Stalins Spionen. Stalin selbst hat mir das gesagt.’ Ein Bericht gleichen Inhalts findet sich, wie dpa meldet, in der schwedischen sozialdemokratischen Zeitung ,Arbeitet’. Der Verfasser ist ein tschechischer Journalist mit dem Pseudonym Pavel Havelka.” Im übrigen dürfte sich nach Ende des Ersten Weltkrieges bei den Kämpfen der zahlreichen Freikorps im Baltikum außer der Episode der Gefangennahme und Freilassung eines Soldaten 16
namens Martin Bormann durch die Sowjets auch anderes zugetragen haben, was die Aufmerksamkeit auf die Abwehrkämpfe der deutschen Freikorps in diesem Raum lenkt. Darüber schreibt Rudolf Diels (19) anläßlich von Gerüchten über geplante Attentate auf Hitler: „Ich habe mich gehütet, diese Geschichten Hitler mitzuteilen; er hätte sie begierig aufgesogen. So berichtete ich ihm auch nicht, daß sich ein ehemaliger Freikorpsführer, der zu den Kommunisten einmal übergegangen war, täglich ungehindert Einlaß in die Reichskanzlei verschafft hatte, in seine nächste Nähe, bis ihn der Führer der Leibstandarte selbst als ‚Attentäter’ entlarvt und mich um seine Festnahme ersucht hatte, als er nicht mehr wiederkam. Der heute noch lebende ,Hansdampf in allen Gassen* fand sich aber freiwillig bei mir ein, um mich um die Vermittlung zu einer Unterredung mit Hitler zu bitten, dem er ,nur’ Treue und Gefolgschaft versprechen wollte. Ich riet ihm, sich klein zu machen.” Durch glaubwürdige, ehemalige Angehörige des baltischen Freikorps Roßbach, das damals noch „Sturmabteilung Roßbach” genannt wurde, ist die Liste des Offizierskreises dieser Einheit aus dem Jahre 1921 erhalten geblieben. Hier findet sich die folgende Eintragung: „Bormann, Martin, Weimar, Belvedere-Allee 28” Bekanntlich zog der in Halberstadt geborene Martin Bormann mit den Eltern nach Eisenach, wo er eine Privatschule besuchte, und von dort nach Weimar. Dort wohnte Familie Bormann in der Belvedere-Allee (8). Demnach dürfte dieser Martin Bormann mit dem in der Liste des Offizierskreises der „Sturmabteilung Roßbach” Genannten identisch sein. Um so mehr fällt auf, daß Martin Bormann seine Freikorpszeit bei den Angaben zur Person anläßlich der Aufnahme in die Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) verschwieg; dabei wäre gerade ihm, dem strebsamen Kandidaten, diese Zugehörigkeit zum Offizierskreis des baltischen Freikorps Roßbach nur förderlich und keinesfalls hinderlich gewesen. Jeder Freikorpskämpfer war schon vor 1933, noch mehr aber im Dritten Reich geachtet. Gerhard Roßbach, der Freikorpsführer Martin Bormanns, berichtet über den Mord an Walter Kadow in Parchim aus seiner 17
Sicht und verharmlosend, wenn er in seinem Buch „Mein Weg durch die Zeit — Erinnerungen und Bekenntnisse” (44) sagt: „Höß und Genossen wurden mit Ausnahme von Martin Bormann wegen Mordes angeklagt und zu Zuchthausstrafen verurteilt.” In dieser Darstellung Roßbachs, in der er sich auf Auskünfte seines Anwalts beruft, ist nicht enthalten, daß Martin Bormann „ ... wegen Beihilfe zu schwerer Körperverletzung sowie wegen Begünstigung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde, wovon ein Monat durch die erlittene Untersuchungshaft als verbüßt gilt.” (4, 20) Ferner kann durch diese Darstellung Roßbachs bei dem flüchtigen Leser der Eindruck erweckt werden, daß Martin Bormann straffrei ausgegangen sei. Dazu noch ergänzend die eidesstattliche Aussage von Dr. Robert M. W. Kempner vor dem Nürnberger Militärgericht: „In meiner Eigenschaft als Oberregierungsrat und Hauptrechtsberater der preußischen Polizeiverwaltung in der Zeit vor Hitler wurde ich amtlich mit dem Strafregister des Martin Bormann, der mit dem jetzt vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, Deutschland, angeklagten Martin Bormann identisch ist, bekannt. Das amtliche Strafregister des Martin Bormann enthält nachstehende Eintragung: ,Bormann Martin, verurteilt am 15. Mai 1924 durch den Staatsgerichtshof zum Schütze der Republik in Leipzig (Deutschland) zu einem Jahr Gefängnis für die Teilnahme an einem politischen Mord.’” (Dokument 3355PS, US-682. 45) Offensichtlich versuchte Roßbach seinen ehemaligen Freikorpsangehörigen Martin Bormann noch im Jahre 1950 zu decken, den er im Jahre 1921 in die Liste seines Offizierskreises aufgenommen hatte; zweifellos hat sich Martin Bormann damals besondere Verdienste erworben. Dazu kann Martin Bormanns überraschende Rückkehr aus der sowjetischen Gefangenschaft beigetragen haben, die nicht von ungefähr erfolgte (13, 15) und die sich unter dramatischen Umständen vollzogen haben kann. Roßbach hielt seinem gewiß mutigen Mitkämpfer die Treue. Es ist denkbar, daß Roßbach die 18
vermeintlich tapfere Tat, sich selbst aus der Gefangenschaft zu befreien, mit der Aufnahme in den Führungskreis seines Freikorps belohnte. Zu jenem Zeitpunkt, vielleicht auch später, war er von eingegangenen Agenten Verpflichtungen mancher „Heimkehrer” nicht unterrichtet. Wie Roßbach schrieb, hat er aber in seinem Befehlsbereich Beförderungen ausgesprochen (44). Der weitere Werdegang Bormanns ist klarer dargelegt nach seinem im Juli 1920 erfolgten Eintritt in den „Verband gegen Überhebung des Judentums” und seine im August 1920 aufgenommene Arbeit als Gutsverwalter auf Herzberg bei Parchim (Mecklenburg), die er bis zu Beginn seiner Tätigkeit als GauPresseobmann in Thüringen (Mai 1926), mit einer Unterbrechung von mehr als einem Jahr, ausgeübt hat. Bei dieser Unterbrechung, die sich vom Juli 1923 bis März 1925 erstreckte, müssen wir verweilen, da hier ein weiterer Grund für Bormanns späteres Verhalten erblickt werden kann. Im Februar 1923 hatte der am 29. Januar 1900 in Hagenow, Mecklenburg, geborene Volksschullehrer Walter Kadow um Aufnahme in die Herzberger Roßbach-Gruppe nachgesucht. Diese wurde ihm auch gewährt, da er schon früher eine deutschvölkische Jugendgruppe in Wismar, dem Wohnsitz seiner Eltern, geleitet hatte. So wurde Kadow Angehöriger des Pfeiffer'schen Trupps der Roßbacher. Da er jedoch in seinen Auffassungen etwas links und damit in Widerspruch zu der politischen Anschauung der anderen Roßbacher stand, wurde er von ihnen stets mißachtet (9). Kadow machte sich unbeliebt, indem er sich als „Leutnant a. D.” ausgab, obwohl er nie Offizier gewesen war. Auch zeigte er Orden vor, die ihm nicht verliehen worden waren. Ferner lieh er sich Geld aus, ohne es zurückzuerstatten. Damit schuf er eine Atmosphäre der Abneigung um sich herum, die in Haß umschlug, als durch einen gewissen Wiggers das Gerücht verbreitet wurde, daß Kadow kommunistischer Spitzel sei, denn er habe an geheimen Versammlungen kommunistischer Funktionäre teilgenommen. Nun sollte Kadow auf Betreiben Bormanns aus dem Kreis der Roßbacher entlassen werden. Bormann vereinbarte mit Masolle, 19
einem Geschäftsmann in Parchim, Kadow bei einem eventuellen Wiedererscheinen in Parchim, im Gasthof „Louisenhof” festzuhalten und Bormann im 13 Kilometer entfernten Herzberg zu verständigen, damit Kadow dort seine Schulden abarbeiten könne. Später änderte Bormann seine Absicht dahingehend, daß Kadow eine Tracht Prügel beziehen sollte. Damit beauftragte er den Kaufmann Masolle und fügte hinzu, Masolle möge dazu noch einige Kameraden mitnehmen. Kadow traf am 31. Mai 1923 in Parchim ein. Er begab sich in den Gasthof „Louisenhof”, wo er zunächst zahlreiche Schnäpse erhielt, so daß er bald auf dem Sofa in der Gaststube lag. Dabei wurden ihm Papiere aus der Tasche gezogen, aus denen seine kommunistische Tätigkeit hervorgegangen sein soll. Es soll auch eine blaue Karte der kommunistischen Jugend, auf den Namen Kadow lautend, darunter gewesen sein. In seinem Rucksack habe sich eine größere Menge russischen Geldes befunden (4, 8, 9, 10). Über diesen Abend hat Jochen v. Lang (8) folgendes ermittelt: „In Hamburg lebt heute noch der Schneidermeister Heinrich Krüger. Er lebte damals in Parchim und war Augenzeuge des Gelages der Roßbacher im ,Louisenhof’. Von der Theke aus beobachtete er mit einem Arbeitskollegen, daß auch Bormann an diesem Abend in der Gaststätte auftauchte. Ein Roßbacher zeigte Bormann Papiere, die man bei dem betrunkenen Kadow gefunden hatte. Krüger berichtete weiter: Ich sah, wie Bormann eine Pistole aus der Tasche zog und sie dem Roßbacher zuschob. Krüger meldete sich damals nicht bei der Polizei, weil er Schwierigkeiten bei seiner bevorstehenden Meisterprüfung vermeiden wollte.” Zu vorgerückter Stunde schleppten einige Roßbacher — unter ihnen auch Rudolf Höß, sein Name sollte später als Leiter des KZ Auschwitz bekannt werden — den schwer betrunkenen Kadow zu einem Jagdwagen, den Bormann zur Verfügung gestellt hatte. Sie fuhren in den Wald bei Parchim, wo sie Kadow grausam ermordeten und verscharrten. In dem Prozeß, der vom 12. bis 15. März 1924 in Leipzig stattfand, wurde Höß als Rädelsführer und nicht Bormann, wie zu erwarten gewesen wäre, zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. 20
Bormann kam mit einem Jahr Gefängnis unter Anrechnung eines Monates der Untersuchungshaft davon. Die Begründung lautete: „wegen Beihilfe zu schwerer Körperverletzung und Begünstigung”. Die gerichtliche Untersuchung dieses Falles hatte das Bild von Kadow erweitert: „ ... Vor allem aber war der Verdacht rege geworden, daß Kadow ein kommunistischer Spitzel sei. In der Tat läßt sich dieser Verdacht nicht als unbegründet von der Hand weisen, wenn man berücksichtigt, daß Kadow nach Aussage des Zeugen Wiggers noch in der Zeit, als er die Lehrtätigkeit ausübte, an geheimen Funktionärsversammlungen der Kommunistischen Partei teilnahm, im Januar/Februar 1921 auf drei Wochen nach Rußland reiste, sich dort um eine Stellung bemühte, auch das Bild von Lenin in seinem Besitz hatte ...” (Aus der Urteilsverkündigung am 15. März 1924, lt. Besymenski „Die letzten Notizen von Martin Bormann”.) In einem „Bericht über die damalige Zeit”, den Lew Besymenski ohne Quellenangabe veröffentlicht (9), lesen wir: „In dieser Gruppe” (Roßbacher) „befand sich auch der Jugendliche Walter Kadow. Doch bald sagte er sich von den reaktionären Banden los, ergriff für die Sache der Arbeiterklasse und die Revolution Partei und unterstützte die Parchimer Genossen. Diese mutige Tat mußte er mit dem Leben bezahlen; er wurde am 31. Mai 1923 von den Feme-Mördern viehisch umgebracht.” Nach einer Schilderung des Mordes fährt Besymenski fort: „Heute kann man jedoch mit Bestimmtheit feststellen, daß Kadow — davon überzeugt, daß seine Kollegen Banditen seien — Kontakte mit der Organisation der KPD aufnahm und sich entschloß, Parchim zu verlassen. Das war auch die Ursache für seine Ermordung. Als Kadow in Parchim erschien, wurde Bormann davon unterrichtet. Dieser gab den Befehl, Kadow umzubringen.” Joseph Wulfs Beurteilung des Mordes an Kadow (10) erfolgt aus höherer Sicht, wenn er schreibt: „Martin Bormann verdankt seiner Betätigung während der Roßbach-Zeit jedenfalls den Blutorden. Damit hatte es folgende 21
Bewandtnis: Als Albert Leo Schlageter wegen Sabotage von den Franzosen im Ruhrgebiet festgenommen und am 23. Mai 1923 von ihnen hingeriditet wurde, beschloß die mecklenburgische Roßbach-Gruppe, den angeblichen Verräter Schlageters an die Franzosen zu bestrafen. Obwohl es keine Hinweise dafür gibt, daß Walter Kadow in Mecklenburg Leo Schlageter an die Franzosen verraten hat, ermordeten ihn die Roßbach-Leute...” Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß die von Admiral Canaris gegenüber General Gehlen geäußerte Vermutung, daß Bormann erpreßt wurde (21), ihre Begründung in den folgenden beiden Punkten in Bormanns Lebenslauf haben kann: a) Fast gleichlautende Mitteilungen von Pavel Havelka und Klaus Benzing, daß Martin Bormann als 22jähriger Freikorpskämpfer im Baltikum, als er dort in sowjetische Gefangenschaft geraten war, sein Leben durch Unterschrift unter eine Spionageverpflichtung zu Gunsten der Sowjets erkaufen mußte. b) Mögliche sowjetische Drohung der Bekanntgabe der Rolle, die Bormann im Parchimer Fememordprozeß gespielt hat, daß er vom Leipziger Reichsgericht am 17. März 1924 „wegen Beihilfe zu schwerer Körperverletzung sowie wegen Begünstigung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde, wovon ein Monat durch die erlittene Untersuchungshaft als verbüßt galt” (4) und daß er für diese Gefängnisstrafe später mit dem Blutorden ausgezeichnet wurde (9).
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ZWEITES KAPITEL Adolf Hitlers Menschenkenntnis — Sein Vertrauen zu Prof. Morell — Bormann steht hinter Prof. Morell — Schellenberg über Himmlers Meinung und Mißtrauen gegen Prof. Morell — Gauleiter Jordans letzte Begegnung mit Hitler — Bormanns „Sperrmauer” um Hitler — Ruf Prof. Morells — Widersprüche zwischen Worten und Taten Bormanns Dem Anschein nach dürfte Adolf Hitler in Personalfragen recht einsame Entschlüsse gefaßt haben. Dabei hat er sich oft auf die „Intuition” (Eingebung) verlassen, obwohl bekanntlich keine Eingebung oder „innere Stimme”, welcher Art auch immer, fundiertes Fachwissen und die übliche Überprüfung zu ersetzen vermag. Dazu meint Hans F. K. Günther, indem er auf die verderbliche Auswahl von Hitlers Unterführern hinwies, „wie er (Günther) auch bereits Unfähige und Unwürdige in Hitlers Umgebung genannt habe, die von Hitler, dem es an Menschenkenntnis gebrach, gewählt worden waren. Der von Hitler gewählte Leibarzt ist ihm am meisten zum Verhängnis geworden” (l, 22,23). Anknüpfend an „Untaten hoher Bonzen, die bekannt geworden waren”, bemerkt Günther weiter, „deren Täter aber niemand und auch keine Zeitung öffentlich anzuklagen wagte. Ich brauche hier nur den Namen Koch, des Gauleiters von Ostpreußen, anzuführen. Koch soll dem ,Führer’ durch Streicher und Bormann empfohlen worden sein — Menschenkenntnis?” Treffend stellt Günther die Frage: „Wer hat törichterweise das Wort ,Herrenrasse’ auf die Deutschen unserer Zeit angewandt? Ist es Hitler gewesen? Ich bezweifle es; — Hitler war ein umwelt- und schulungsgläubiger Optimist, der von der Schulung und Erziehung durch den Nationalsozialismus eine ‚fortschrittliche’ Verbesserung der deutschen Bevölkerung erwartete ... in einem wahnvollen Wunschgedanken (hat er) auf einem Parteitag ausgerufen, das deutsche Volk sei durch den Nationalsozialismus noch schöner geworden. Von solch unhaltbaren Vorstellungen aus ließe sich auch begreifen, daß er das törichte Wort ,Herrenrasse’ zugelassen hat, ein Wort 23
in außenpolitischer Anwendung ebenso schädlich wie die Bezeichnung ,slawische Untermenschen’, die von dem — durch Hitler gewählten — Koch, einem wirklichen Untermenschen, sogar auf die anfangs deutschfreundlichen Ukrainer übertragen wurde.” Gottfried Feder, der alte Mitstreiter Adolf Hitlers aus der Frühzeit der Partei und Verfasser des Parteiprogramms der NSDAP, fand sich, nach Dr. Ernst Hanfstaengl, dem Auslandspressechef der NSDAP (46), „immer wieder zur Kritik herausgefordert, sooft das Gespräch jetzt auf Hitler kam. ,Möchte wissen’, sagte er, ,wie Hitler eines Tages das Staatsschiff ohne Gefährdung steuern will, wenn er nur Halbgebildete und blinde Jasager in seiner Umgebung duldet. Um auf die Dauer Erfolg zu haben, wird er wohl anderer Leute bedürfen, als solcher Halbwissen’ Wie recht Feder mit dieser Einschätzung der kritiklosen Jasager in Hitlers Umgebung hatte, zeigte sich in dem allmählich platzgreifenden Führerkult, den Heß in seiner grenzenlosen Verehrung für Hitler um die Person seines Idols aufbaute. Hatte bis zum Putsch” (vom 30. Juni 1934) „noch niemand daran gedacht, ihn anders anzureden als mit ,Herr Hitler', so titulierte ihn Heß jetzt nur noch mit ,Chef’, um bald darauf — in Übersetzung des italienischen ,Duce’ — die Bezeichnung ,Führer' in Umlauf zu bringen.” Der andere unauffällige Mann in Adolf Hitlers unmittelbarer Nähe war der von ihm selbstgewählte Leibarzt Dr. med. Theodor Morell. Es gelang ihm, sich Adolf Hitlers Zufriedenheit und Vertrauen durch Anwendung fragwürdiger Medikamente und Injektionen(!) zu erschleichen. Die konstatierten Scheinerfolge festigten das Vertrauen Adolf Hitlers in Dr. Morells Behandlungsweise so sehr, daß eine Überprüfung der angewendeten Heilmethoden und Medikamente unterblieb (1,6). Dr. Morell wurde auf Empfehlung des Photographen Heinrich Hoffmann, ohne Befragung oder Beratung mit der ärztlichen Führung in der Partei zum Leibarzt Adolf Hitlers ernannt, selbst entgegen schweren Bedenken des Reichsärzteführers Dr. Conti, des Dr. Brandt, des früheren Begleitarztes des Staatsoberhauptes und anderer Mediziner von Rang. 24
Wie groß das Vertrauen Adolf Hitlers in Dr. Morell war und wie er es begründete, geht aus dem Gespräch des Architekten Professor Hermann Giesler hervor, das dieser im Spätherbst 1944 mit Hitler in seinem Hauptquartier führte. Hitler: „Zu allen Mißhelligkeiten war ich dabei auch noch dem Zank der Ärzte ausgesetzt. Morell lag unter Beschüß, man warf ihm vor, er habe mich falsch behandelt, gerade als ich erkrankte und ihn brauchte. Die Chirurgen gingen gegen ihn vor, sie stützten sich dabei auf die Beurteilungen und Argumente von Internisten, die ich nicht kenne, denn sie blieben in Deckung — unglaublich, mir auch das noch anzutun! Ich war in einem schlechten Zustand, ich hatte Bauchkrämpfe mit Schmerzen, kolikartige Zustände, und eine Art Gelbsucht kam auch noch dazu. Morell war mit seinen Nerven völlig am Ende, ich mußte ihn wieder aufrichten. Ich weiß, Sie mögen ihn nicht, aus Gründen, die ich zwar verstehe, über die ich aber hinwegsehe, — er ist ein guter Arzt, und er hilft mir!” (25) Ferner berichtet Hermann Giesler von einem Gespräch mit Martin Bormann über Dr. Morell vom selben Tage: „Ich ging zurück zu Bormann, um mich über die Ärzte-Dissonanz zu informieren. Ich hatte immer den Eindruck gehabt, Bormann teile meine Sympathien für Dr. Karl Brandt. Bormann sagte: Sicher habe Karl Brandt verantwortungsbewußt und in gutem Glauben seine Bedenken über die Behandlung und die Medikamente von Morell vorgebracht, aber er sei schließlich Chirurg, und habe sich auf Meinungen ihm bekannter Internisten gestützt, vielleicht auch von ihnen die fraglichen Medikamente analysieren lassen. Die Einmischung dieser Internisten halte er für leichtfertig, der Führer sei nicht ihr Patient, und er meine, nur eine gründliche Untersuchung dürfte die Voraussetzung sein für eine kritische Beurteilung von Morells Therapie. Eher bekomme man die Architekten unter einen Hut — und das wolle doch was heißen — als die Mediziner. Hier träten sich die Lehrmeinungen hart gegenüber. Aber auch ich sei voreingenommen gegen Morell! Nun, er gebe zu, er sei keine ästhetische Erscheinung, aber komme es denn dar25
auf an? — Doch, auch! Und meine Abneigung sei begründet: Ich mußte mich mal von Morell untersuchen lassen, das wurde damals veranlaßt, als ich mit München beauftragt wurde und oft an des Führers Tafel saß.” Nach einer ausführlichen Schilderung Professor Gieslers über seine Eindrücke von einem Besuch der Praxis Dr. Morells am Kurfürstendamm fährt er in dem Gespräch mit Martin Bormann fort: „Ich habe dem Chef schon einmal gesagt: Der Morell dünstet wie ... Ich sagte es Bormann, aber jetzt, aus der Erinnerung geschrieben, wäre es doch etwas hart, den Vergleich zu wiederholen. Bormann verzog sein Gesicht und meinte: Sie können sich allerlei Spötteleien erlauben, auch beim Chef, aber nur weil er weiß, daß keine Gehässigkeit dahintersteht. Wie hat sich denn der Führer dazu geäußert? Er sagte: Giesler, ich hab den Morell nicht hier zum gut Riechen, als Arzt soll er mir helfen, — und das tut er! Aber es gibt sicherlich viele tüchtige Ärzte, sagte ich zu Bormann, weshalb nun gerade — — — Bormann unterbrach mich: er hat verschiedene Ärzte konsultiert, doch Morell hat ihm damals geholfen, und das schnell! Es stand schlimm um seinen Zustand, außer Haferflocken und gedünsteten Mohren konnte er nichts zu sich nehmen, und schließlich vertrug er auch das nicht mehr ... Nun, zweifelsohne hat Morell ihm geholfen, und das führte natürlich zu dem Vertrauen, das er nun genießt. Es war deshalb töricht und zeitlich völlig unpassend, Morells Therapie anzuzweifeln — wobei ich mich vorsichtig ausdrücke! Bitte, halten Sie sich da 'raus, trotz ihrer Sympathie für Karl Brandt, den Sie als ihren ,Hellenen’ bezeichnen. Nochmals, Giesler, ernsthaft, machen Sie uns keinen Kummer, beschränken Sie sich auf Ihr Gebiet.” (25) Zur Bereicherung des Wissens über Dr. Morell, den „stillen Mann in der Führungsspitze des Deutschen Reiches von 1936 bis 1945”, seien einige der von Henning Fikentscher (1) ermittelten Tatsachen wiedergegeben: „Obwohl bis dahin als Facharzt für Geschlechtskrankheiten bekannt, betätigte er sich in seiner neuen Stellung als Internist und Gesundheitsführer. 26
Als Leibarzt wurde er zum Professor ernannt und ihm — obwohl er erst 1933 Parteigenosse geworden war — das Goldene Parteiabzeichen verliehen. Für den Doppelbetrug, er habe das Penicillin erfunden und zuerst hergestellt, verlieh ihm der Führer und Reichskanzler das Ritterkreuz zum Kriegsverdienstkreuz, obwohl seine Penicillinampullen nur destilliertes Wasser enthielten. Morell bezichtigte den englischen Erfinder des Penicillins, Alexander Fleming, des geistigen Diebstahls. Morell genoß das blinde Vertrauen des Reichsoberhauptes, jedoch das Mißtrauen der nächsten Standesgenossen und Fachleute im Führerhauptquartier. Die US-amerikanischen ärztlichen Befrager beurteilten die gefangenen deutschen Ärzte als ebenbürtige Kollegen, den Leibarzt dagegen als ein standesunwürdiges Geschöpf, das sich rühmte, seinen hohen Schützling langsam vergiftet zu haben. Morell blieb unbehelligt, die mitgefangenen NS-Ärzte wurden als Verbrecher betrachtet, bestraft, ja gehenkt oder in den Freitod getrieben. Morells riesiges Vermögen wurde freigegeben, das der anderen NS-Ärzte enteignet, die Witwen an den Bettelstab gebracht. Wirkliche und angebliche Verfehlungen von NS-Ärzten wurden jahrelang in allen Zeitungen ausgewalzt, über Morell wurde auch nach seinem Tode Stillschweigen bewahrt. Lange nach Morells Tod wurden sich gegenseitig ausschließende Lügen darüber verbreitet und nachgeschrieben: Er soll im Lager verstorben, beseitigt worden sein, nach Amerika verbracht, sich selbst entleibt haben oder in Nürnberg verurteilt und gehenkt worden sein. Die Bedeutung des Wirkens Morells als Leibarzt Adolf Hitlers in entscheidenden Jahren hat noch kein Geschichtsforscher ernstlich angefaßt oder offen dargestellt. ” Der geneigte Leser wird sich an dieser Stelle fragen, welche Bedeutung dem Leibarzt Adolf Hitlers, Dr. Morell, denn zukommt, da dieser in einer Arbeit über Martin Bormann so eingehend gewürdigt wird. Es handelt sich jedoch weniger darum, Dr. Morells medizinische Tätigkeiten kritisch zu beleuchten, als die anscheinend bestehende, aber gut getarnte Verbindung zwi27
sehen Bormann und Morell anhand von Augenzeugenberichten aufzuzeigen. Zunächst sei der subjektive Eindruck wiedergegeben, den Dr. Morell auf Walter Schellenberg, den späteren Nachfolger von Admiral Canaris, machte, als er mit dem Gefolge Adolf Hitlers die letzten Kämpfe im Polenfeldzug (1939) bei Warschau beobachtete (l6). Darüber berichtet Walter Schellenberg in seinen Memoiren folgendes: „Wir waren schon alle wieder zum Flugzeug zurückgekehrt, als festgestellt wurde, daß Hitlers Leibarzt Dr. Morell fehlte. Nach etwa zehn Minuten kam er in Begleitung dreier Soldaten schweißtriefend angelaufen. Die Landser erklärten, sie hätten diesen Mann in einem Waldstück angetroffen; er habe, um wieder zum Flugzeug zu kommen, die Feuerzone umgehen und den sicheren Umweg durch die Wälder machen wollen. Bei diesem Vorfall hatte Morell nicht weniger Spott einzustecken als auf einem anderen solchen Frontflug. Wir waren in so böiges Wetter geraten, daß Morell laut stöhnte und sich übergeben mußte. Hitler sah seinen Leibarzt mißfällig an und sagte so laut, daß es jeder hören konnte: ,Dieser dicke Kerl hat beim Frühstück wieder mal so viel in sich hineingezwungen, daß ihm jetzt schlecht davon ist.’ Am Abend ließ Himmler mich rufen und gab mir die Weisung, Morell hinfort überwachen zu lassen, dies solle aber äußerst vorsichtig geschehen. Er hatte wohl schon seit längerer Zeit den Verdacht, daß Morell seine Beziehungen zu Hitler dazu ausnutzte, um sich für mehr als seine ärztliche Aufgabe zu interessieren. Daß Hitler nun seinen Leibarzt zum Gespött aller machte, schien ihm seine bis dahin noch gehegte Scheu vor der Stellung Morells zu nehmen. Himmler glaubte auch, Morell schlage aus der Gunst Hitlers Kapital. Tatsächlich schwamm Hitlers Leibarzt im Geld. Er besaß unter anderem in Böhmen und Mähren große Fabriken, die Äther und Medikamente herstellten. Später trat noch der Verdacht hinzu, daß er bewußt die Gesundheit Hitlers untergrabe. So verschrieb er Hitler ständig Pillen, die beruhigend auf Magen und Darm wirken sollten, in Wirklichkeit aber soviel 28
Strychnin enthielten, daß man die Lähmungserscheinungen Hitlers in den folgenden Jahren darauf zurückführte. Eine Verbindung mit feindlichen Geheimdiensten konnten wir Morell nicht nachweisen.” Ferner überliefert Schellenberg den Inhalt einer erregten Aussprache mit Himmler, in deren Verlauf er den Vorschlag machte, Hitler entweder unter Darlegung der Kriegslage (März 1945) zum Rücktritt zu bewegen oder mit Gewalt zu beseitigen oder mit Hilfe der Ärzte zu isolieren. Die letzte Lösung erschien Himmler als die günstigste, da auch er sich über Hitlers Gesundheitszustand und Regierungsfähigkeit ernstlich Gedanken gemacht hatte. Himmler konfrontierte danach Professor de Crinis, Dr. Morell und Dr. Stumpfegger mit Martin Bormann. Zwei Tage später erfuhr Schellenberg von Professor de Crinis das Ergebnis: die Ärzte hatten es abgelehnt, sich festzulegen und „im übrigen seien alle ihre Argumente Bormann gegenüber fruchtlos geblieben. Als ich Himmler darüber unterrichtete, bat er mich, über diese Angelegenheit Stillschweigen zu bewahren.” Über diesen Vorgang ist bereits oben aus der Sicht Bormanns von Professor Giesler berichtet worden (25). Es ist kein Zeuge aus der engeren bzw. weiteren Umgebung Adolf Hitlers bekannt geworden, der Dr. Morell geschätzt hätte — sogar Martin Bormann und Eva Braun lehnten ihn als Mensch und Arzt ab. Als Dr. Morell einmal Martin Bormann ein Medikament verschrieben hatte, nahm Bormann dieses Mittel nicht etwa ein, sondern soll es seiner Frau geschickt haben, mit dem Auftrag, es zu verschenken (8). So gering war das Vertrauen Bormanns in die ärztliche Kunst des Leibarztes Adolf Hitlers, für den er aber höchst eigenartigerweise eine Lanze brach, wie dem Gespräch mit Professor Giesler klar entnommen werden kann und worauf noch später eingegangen wird. In einem der zahlreichen Briefe Bormanns an seine Frau läßt er sich über den Fahrer des Leibarztes in kleinlich-gehässiger Weise aus und nennt abschließend Dr. Morell „eine wahre Pest” (28). Als jedoch die Entfernung dieser „wahren Pest” aus dem Hauptquartier bzw. aus der Reichskanzlei zur Diskussion stand, nahm Bormann wider Erwarten und mit Nachdruck für die Wei29
terverwendung Dr. Morells Stellung mit Gründen, die ein Arzt rasch und überzeugend widerlegt hätte. Das geht aus dem Gespräch Professor Gieslers mit Martin Bormann eindeutig hervor. Anfang der 30er Jahre fungierte Dr. Karl Brandt noch als „Erster Begleitarzt des Führers”. Als nach dem 30. 1. 1933 eine ungeheure Arbeitslast auf Adolf Hitler zukam, behielt er seine ungeregelte Lebensweise, nämlich die Nacht zum Tage zu machen, bei. Der Schlaf wurde durch Anwendung pharmazeutischer Mittel herbeigerufen. Oberst Hoßbach konstatierte, daß Adolf Hitler während einer militärischen Übung, wohl zufolge der Übermüdung in frischer Luft, plötzlich vom Schlaf übermannt wurde. Mitte der 30er Jahre stellten sich zunehmende Verdauungsbeschwerden ein. In diesem Stadium riet der Partei-Photograph Heinrich Hoffmann dem Führer und Reichskanzler, den ehemaligen Schiffsarzt Dr. Morell zu konsultieren. „Ein sehr merkwürdiger und der übrigen Umgebung im Grunde höchst unsympathischer Mann. Morell verordnete eine Kur zur Verbesserung der Darmflora, die Erfolg hatte. Er wurde ihm unentbehrlich und ging bald auch dazu über, ihm Vitaminund Traubenzuckerinjektionen zu verordnen, um seine Spannkraft künstlich zu steigern, eine im Grunde höchst gewissenlose Methode, die noch verhängnisvolle Folgen zeitigen sollte.” (29) Diese medizinischen Erfolge Morellscher Heilpraktiken am Staatsoberhaupt können aus der Sicht der heutigen Erkenntnisse jedoch nur als Scheinerfolge bewertet werden. Zum besseren Verständnis ist es daher notwendig, noch einmal in die Reichskanzlei zurückzukehren, wo Adolf Hitler am 24. 2. 1945 seine letzte Ansprache an die Gauleiter des Deutschen Reiches gehalten hat. Der ehemalige Gauleiter Rudolf Jordan berichtet darüber: „Bormann begrüßte uns kurz und unpersönlich; wie stets versucht er seine Unsicherheit durch Betriebsamkeit zu tarnen: ,Parteigenossen! Bitte einmal herhören! Der Führer befindet sich im Augenblick in wichtigen, um nicht zu sagen wichtigsten militärischen Besprechungen. Trotzdem wird er sich die Zeit nehmen, um zu Ihnen zu sprechen. Nach seiner Ansprache wird er gemeinsam das Essen mit Ihnen einnehmen; er kann jedoch heute nur kurze Zeit in Ihrer Mitte bleiben, denn er wird anschließend sofort 30
wieder bei entscheidenden militärischen Besprechungen erwartet. Ich kann verstehen, daß Sie gerade heute vieles dem Führer unterbreiten wollen. Aber er darf in der augenblicklichen Situation nicht abgelenkt werden. Ich appelliere an Ihre Disziplin: verschonen Sie den Führer heute mit allen Ihnen auch noch so wichtig erscheinenden Fragen. Was ich Ihnen jetzt gesagt habe, ist der Wunsch des Führers und ich bin gewiß, daß Sie ihn erfüllen werden!’ Nach dieser Mitteilung herrschte zunächst betretenes Schweigen. Sogar noch in dieser Stunde eine Sperrmauer? Einer von uns richtet an Bormann mit entschlossener Stimme die Frage: ‚Parteigenosse Bormann! Was Sie soeben gesagt haben, ist das der Wunsch des Führers oder sein Befehl?’ Bormann schaltet schnell: ,Meine Herren! Was ich Ihnen gesagt habe, das ist der Wunsch des Führers — und ich glaube, damit für uns auch sein Befehl.’... Unsere Augen sind zur Tür gewendet. Langsamen Schrittes betritt Adolf Hitler, von Bormann geleitet, den Saal. Wie unter einer schweren Last gebeugt, mit ernstem Gesicht, tritt er in unsere Mitte, entbietet uns zunächst stumm seinen Gruß. Dann drückt er jedem von uns die Hand. Es sind traurige, müde Augen, in die wir blicken, nicht mehr die lebendigen, alles durchdringenden von ehedem__ Nach dieser Zeremonie gehen wir gemeinsam in den anschließenden Reichskabinettssaal, in dem Hitler zu uns sprechen wird. Wir sitzen dicht um ihn herum, es herrscht Totenstille. Der Eindruck der Erschöpfung verstärkt sich. Hitlers Schultern hängen schlaff herunter, der Rücken ist stark gekrümmt und die Gesichtsfarbe blaß und fahl, die Haare merklich ergraut... Langsam, stockend, mit tiefer schleppender Stimme beginnt er: ,Meine Kampfgenossen.’ Als wenn es kein Drängen in dieser Stunde gäbe, keine gebietende Gegenwart, verweilt er in einer geschichtlichen Betrachtung des Ersten Weltkrieges und seines Endes. Während seiner gequälten Rede überlaufen ihn mehrmals Schulterzuckungen, die er durch nervöse Gegenbewegungen abzureagieren sucht. Seine linke Hand hält er unter der Tischkante 31
verborgen. Gelegentlich greift er mit der rechten Hand nach ihr, gleichsam, um sie zur Räson zu bringen ... So sehr wir von diesen fast seherisch vorgebrachten Argumenten überzeugt sind — auf das, worauf wir in dieser Stunde warten: auf klare und konkrete Weisungen und Parolen für unser Verhalten in diesen Tagen, in denen der Feind bereits auf deutschem Boden steht — warten wir vergebens. Hitler beendet seine Ansprache mit einigen kurzen Hinweisen auf ,neue Waffen’... Wir erheben uns still zum Gruß — und wissen eines: das war nicht mehr unser Hitler, wie wir ihn gekannt hatten ... ein dem Tode Verfallener, ein Einsamer, ein Verlassener, der bereits auf den Trümmern seines Werkes stand, ohne daß es ihm schon voll zum Bewußtsein gekommen war. Als wir Hitler in den Eßraum folgten, befreit sich einer der alten Kämpen von dem Alpdruck der Stunde mit dem gequälten Wort: ,Um Gottes willen!’ Inzwischen war Bormann mehrere Male aus dem Raum geeilt und wieder zurückgekommen. Schließlich unterbricht er den Führer mit einer Meldung, die ihm eine Ordonnanz gereicht hat. Hitler steht spontan auf, hebt die Hand zum gemeinsamen Gruß an uns alle, die wir uns mit ihm erhoben haben. Im Hinausgehen sagt Bormann noch zu den Umstehenden: ,Also, in vierzehn Tagen ... Aber wir werden nicht mehr gerufen. Es war das letzte Treffen des Führerkorps der Partei.” (30) Diesem dramatischen Bericht eines prominenten, gläubigen und enttäuschten Nationalsozialisten, der seines Umfanges wegen nur im Auszug wiedergegeben werden kann, kann ein gewisser geschichtlicher Wert nicht abgesprochen werden, da er in mehreren Punkten wesentliches für diese Arbeit über Martin Bormann enthält: a) Hitler dürfe in der augenblicklichen Situation (24. 2. 1945) nicht abgelenkt werden. b) „Sogar noch in dieser Stunde eine Sperrmauer ?” c) Die Beschreibung der Erscheinung und des sichtlichen Ge32
sundheitsverfalls Adolf Hitlers, die den „alten Kämpen” zu dem verzweifelten Ausruf „Um Gotteswillen!” bewegen, d) „Das war nicht mehr unser Hitler, wie wir ihn gekannt hatten ..., der bereits auf den Trümmern seines Werkes stand, ohne daß es ihm schon voll zum Bewußtsein gekommen war.” Die Punkte a) und b) beinhalten wie — d. h. mit welch plumpen, nicht nachprüfbaren Vorwänden — Martin Bormann die „Sperrmauer” zwischen Staatsoberhaupt und allen jenen zu errichten verstand, die Tatbestände und Sachverhalte klar dargelegt hätten. So verhinderte Bormann, daß Adolf Hitler über die wirkliche Lage im Lande angemessen unterrichtet wurde. Der verfallende Gesundheitszustand Adolf Hitlers begünstigte dieses Vorgehen Bormanns erheblich. Für den Gesundheitszustand Adolf Hitlers, der auch als „Gesundheitsverfall” bezeichnet wurde, war aber der Leibarzt verantwortlich. Der Ruf dieses Leibarztes scheint nicht so makellos gewesen zu sein, wie es von dem Leibarzt eines Staatsoberhauptes erwartet werden konnte. Darüber mögen einige Augenzeugenberidite Aufschluß geben. Der Gerichtspsychologe beim Nürnberger Prozeß, G. M. Gilbert, berichtet von einem Besuch und Gespräch mit Emmy Göring, der Frau des Reichsmarschalls Hermann Göring, am 23. März 1946 folgendes: „Nachdem Frau Göring ihre Tochter Edda zum Spielen geschickt hatte, sagte sie zu mir: ,Können Sie sich vorstellen, daß der Verrückte Befehl gab, das Kind da zu erschießen?' Dann erzählte sie mir voller Verbitterung, wie sie auf Hitlers Befehl verhaftet wurden und erschossen werden sollten, weil Hitler Göring der Treulosigkeit verdächtigte ... ,Hitler muß geisteskrank gewesen sein', stieß Frau Göring hervor. ,Haben Sie mit Dr. Morell gesprochen? Er muß es gewußt haben. Er hat ihn täglich behandelt.’ Gilbert: ,lch habe mit Dr. Morell gesprochen. Er schien sich über die Behauptungen Sorgen zu machen, seine Injektionen hätten eine ungünstige Wirkung bei Hitler hervorgerufen. Aber er war kein Psychiater und ich halte ihn mehr oder weniger für 33
einen Quacksalber. Jedenfalls schien er mir selbst auf dem besten Wege, irrsinnig zu werden.' Frau Göring: ,Das glaube ich wohl! Ein Arzt, der ihn jeden Tag behandelte, hätte feststellen müssen, daß mit dem Mann etwas nicht stimmte. Ich konnte es selbst sehen, er war nicht normal!’ Gilbert: ,Wenn ein Psychiater Hitler für anormal erklärt hätte, meine ich, wäre der vermutlich erschossen worden.’” (31) In diesem Zusammenhang sei noch einmal an die Worte Professor Gieslers erinnert, die er zu Bormann über den Leibarzt sagte: „Ich habe es dem Chef (Hitler) schon einmal gesagt, der Morell dünstet wie ...” Die Einstufung als Quacksalber erfuhr Dr. Morell außer von dem Gerichtspsychiater Gilbert auch durch Verhöroffiziere der Alliierten (l und 6). Professor Albert Speer schreibt in seinen Erinnerungen (32): „Auch Eva Braun wurde auf Hitlers Geheiß von ihm (Morell) untersucht. Sie erzählte mir danach, daß er ekelerregend schmutzig sei, und versicherte angewidert, sie lasse sich nicht länger von Morell behandeln.” Ein weiterer Zeuge im Hauptquartier, General Heinz Guderian, schreibt über Dr. Morell in soldatischer Kürze: „Hitler riet mir sodann, seinen Leibarzt Morell wegen meines ihm bekannten Herzleidens zu konsultieren und mich von ihm spritzen zu lassen. Die Konsultation habe ich ausgeführt. Nach Befragen meines Berliner Arztes lehnte ich die mir dargebotenen Spritzen aber ab. Das Beispiel Hitlers ermutigte nicht gerade zu einer Behandlung durch Herrn Morell.” (33) Albert Speer handelte ebenso wie General Guderian, als ihm von Adolf Hitler eine Untersuchung und anschließende Behandlung durch den Leibarzt empfohlen worden war (32). Professor Dr. H. F. K. Günther überliefert (22): „Hitlers Leibarzt: Ich hatte im Internierungslager eines Abends einen Lagergenossen in dessen Stube besucht, einen schlesischen Grafen meiner Altersstufe. Da kamen einige Kameraden eines Außenkommandos in ihre Stube zurück, und einer erzählte, in 34
der Stadt habe er in einer Zeitung gelesen, Hitler habe einen Leibarzt gehabt; er nannte den Namen, einen in Deutschland seltenen, in England häufiger vorkommenden Namen. Da schlug der Graf mit der Faust auf den Tisch und schrie: ,Was, dieser Schuft! Der hat mir meine Frau verrückt gemacht.’ Er berichtete, die Gräfin, nervenkrank, habe sich in Berlin in die Behandlung dieses Arztes begeben, dessen Heilmittel ihr aber den Verstand zerstört hätten. Er habe sie daher dieser Behandlung entzogen und in eine Heilanstalt gebracht, aus der sie nach längerer Zeit geheilt entlassen worden sei. Ich habe später ein Bild dieses Arztes gesehen. Wie hatte Hitler ein solches Gesicht täglich um sich ertragen können? Menschenkenntnis?” Im Hinblick auf die extrem späte Eheschließung Adolf Hitlers mit Eva Braun (Ende April 1945), der das freiwillige Ausscheiden dieser beiden Ehepartner aus dem Leben fast unmittelbar danach folgte, meint Prinz zu Schaumburg-Lippe (34), ehemals hoher SA-Führer, indem er eine Verbindung konspirativer Art zwischen Dr. Morell und Martin Bormann andeutet: „daß Hitler, wie ich annehme, spätestens zu jener Zeit, wahrscheinlich aber schon mindestens seit Monaten eben nicht mehr der Hitler war, der er gewesen. Und auch diese Lesart würde letzten Endes zu Lasten eines Mannes gehen, der ohne Martin Bormanns Macht im Hintergrunde niemals hätte handeln können, wie er tatsächlich gehandelt hat. Dr. Theo Morell — von Hitler später zum Professor ernannt — war als ganz unbekannter Arzt aus Südamerika gekommen. Zu einer Zeit, als in Hitlers Partei viele der berühmtesten Ärzte Mitglied waren und Hitler Dr. Brandt, einen guten, sein Vertrauen genießenden, menschlich absolut sauberen jungen Mann, als Leibarzt hatte, kam Morell dazu... In der Umgebung Hitlers wie ein Fremdkörper wirkend. Ohne jede innere Beziehung zur Partei. Ich selbst war bei Morell in Behandlung gewesen. Weil ich glaubte, Hitlers Leibarzt müsse ein außerordentlicher Arzt sein. Aber ich war bald schon für ihn kein interessanter Patient. Er überließ mich seinem Assistenzarzt, Dr. Weber. Als ich ihn das letzte Mal in Berlin sprach, da war der arme Dr. Weber voll35
kommen am Ende seiner Kräfte. Er muß Furchtbares durchgemacht haben. Er sagte selbst, seine Nerven seien am zerreißen, er könne und wolle das alles nicht mehr mitmachen. Er weinte. Ich kannte ihn als einen anständigen Mann, völlig unpolitisch und ängstlich. Was das Furchtbare war, unter dem er so sehr zu leiden hatte, war von ihm nicht zu erfahren. Er sagte mir später: ,Sie sind in einer guten Lage — man hat Sie weggejagt — seien Sie doch zufrieden damit — ich wollte, ich wäre in Ihrer Lage.’ Was Dr. Weber erlebte, habe ich erst viel später erfahren. Damals aber wußte ich schon: Morell ist ein Mann von Martin Bormann. Und heute halte ich Professor Morell für schuldig daran, daß Hitler nicht mehr er selbst war, als der Krieg in die letzte Entscheidung ging. Ich glaube Hitler gut genug gekannt zu haben, um zu wissen, daß ein normaler Hitler niemals einem Martin Bormann derartige Vollmachten gegeben haben würde. Ich bin weiterhin davon überzeugt, daß Martin Bormann nur diesem zweiten Hitler soviel hat vormachen und verschweigen können. Die äußerste Notlage des deutschen Volkes einerseits und die schwere gesundheitliche Schädigung Hitlers andererseits boten dem Intriganten Bormann die Möglichkeit, alle Macht an sich zu reißen. Er allein konnte stets während dieser letzten Zeit unmittelbar im Auftrag und auf Befehl Hitlers durchgreifen, selbst gegen den Reichsführer SS (Himmler) und den Reichsmarschall Hermann Göring, die er ja auch noch abgesetzt hat.” Die Mitteilungen des Gauleiters Jordan, von Emmy Göring, Albert Speer, General Heinz Guderian, Professor Dr. Günther und Prinz zu Schaumburg-Lippe machen den verzweifelten Ausruf des „alten Kämpen” „Um Gotteswillen!” verständlich. Martin Bormanns Wachsamkeit entging wenig; „er hatte seine Augen überall, darin zeigte sich der ehemalige Gutsverwalter”, meinte Professor Giesler anerkennend (25). Um so mehr wundert es, daß er, dem der sichtliche Gesundheitsverfall Adolf Hitlers nicht entgangen sein kann, keinen Anlaß fand, dagegen etwas zu unternehmen. An Einfallsreichtum hat es Martin Bormann nicht gemangelt. Wenn auch im täglichen Umgang mit einer Person Veränderungen, für die es verschiedene Anzeichen gibt, nicht 36
gleich erkannt werden, so hätte spätestens der „Ärztestreit”, über den sich Adolf Hitler beklagte, den allgegenwärtigen Sekretär alarmieren müssen. Volk und Reich befanden sich in einem „Totalen Krieg” (35), von dessen Ausgang das Schicksal aller, ja jedes Deutschen abhing. Dennoch drängte Martin Bormann nicht auf eine notwendige Besserung der gesamten Führung des Reiches, die sicher eingetreten wäre, wenn das von ihm so geschätzte Staatsoberhaupt, wie er häufig betonte, aus den Händen des „Quacksalbers” (31) genommen und einem erfolgreichen Ärzteteam zugeführt worden wäre. Auch Professor Giesler gegenüber hat Martin Bormann geäußert, „daß er nur eine Aufgabe und ein Ziel habe, das sei, als Nationalsozialist dem Führer treu zu dienen. Sein ganzer Ehrgeiz sei, dies so gut zu tun, wie er es vermag. Die Autorität, die er dazu brauche, gebe ihm der Führer. Er setze sie ein, aber sie diene ausschließlich nur dieser, seiner Aufgabe.” (25) Bei dieser betonten Ergebenheit vor Adolf Hitler befremdet es nicht wenig, daß er anläßlich der bereits zu Anfang dieses Kapitels geschilderten, durch Himmler veranlaßten Konfrontation der Ärzte — wider Erwarten — entscheidend dazu beitrug, daß alles beim alten blieb. Dr. Morell durfte Adolf Hitler weiter „behandeln”. Bei diesen Handlungen ist ein Riß zwischen den Worten bzw. den Beteuerungen und den Taten Martin Bormanns deutlich sichtbar geworden. Es scheint, als ob Dr. Morell ohne Martin Bormann und der Sekretär ohne den Leibarzt, diese beiden unauffälligen, damals öffentlich unbekannten Männer in der engeren Umgebung Adolf Hitlers nicht hätten wirken können. Dem Anschein nach mieden sie einander — aber sie bekämpften sich nicht.
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DRITTES KAPITEL Die Atmosphäre um Hitler — Zeugen über Bormann — General Koller und Reichsschatzmeister Schwarz — Prof. Morells „Erfindung” — Prof. Killian: „Waren Bormann und Morell Komplizen?”
Im zweiten Kapitel sind wir der chronologischen Wiedergabe des Lebenslaufes von Martin Bormann weit voraus geeilt. Das war unseres Eraditens jedoch notwendig, da nur dadurch das verflochtene Wirken von Martin Bormann und Dr. Morell um das Staatsoberhaupt etwas aufgehellt werden konnte. Im vorliegenden Abschnitt dieser Arbeit über Martin Bormann wird nicht nur seine geschickte Beeinflussung der Atmosphäre um Adolf Hitler diskutiert, sondern auch dargelegt, wie diese Atmosphäre mit Hilfe von Dr. Morell im Sinne Bormanns beeinflußt werden konnte. Wenn es Martin Bormann möglich war, den am 24. 2. 1945 versammelten Reichsleitern zu erklären, daß Adolf Hitler in der gegenwärtigen Lage nicht abgelenkt werden dürfe, so konnte er auch für Ablenkung in vollem Umfang Sorge tragen. Hermann Giesler schreibt darüber recht anschaulich im Kapitel „Sorgen — Führer-Hauptquartier Winniza, Spätsommer/Herbst 1942” seines Erinnerungswerkes (25): „Martin Bormann rief mich aus dem Führer-Hauptquartier Winniza an und trug mir auf, sofort ins Hauptquartier zu kommen: Parteigenosse Giesler, Sie werden hier dringend benötigt, kommen Sie mit allen Linzer Plänen und richten Sie sich auf einige Wochen ein, Beeilung bitte! Wenig später kam ein Anruf von Feldmarschall Keitel mit dem Wunsch, doch baldmöglichst mit meinen Architekturplänen ins Führer-Hauptquartier zu kommen. Dann schaltete sich ein Adjutant ein, der mir sagte, mit welcher Kuriermaschine ich von Berlin aus fliegen könnte. Schon bei der Anrede von Bormann merkte ich auf, erst recht aber bei dem ungewöhnlichen Wunsch Feldmarschall Keitels... 38
Bormann ... sagte nur, Adolf Hitler habe den Wunsch geäußert, mit mir über die Linzer Planung zu sprechen, soweit seine militärische Beanspruchung es zulasse. Nur die Beschäftigung mit städtebaulichen Fragen und mit Architektur-Planungen könne ihn entspannen. Seltsam — Feldmarschall Keitel war in Sorge um den Chef auf denselben Gedanken gekommen, Giesler könnte mit seinen Planungen zur Entspannung beitragen. Während meines Aufenthaltes im FHQ Winniza war ich meist der einzige Gast Adolf Hitlers; wir nahmen zusammen die Mahlzeiten ein, und ich verbrachte bei ihm die langen Abende und Nächte mit ernsten Unterhaltungen, nicht nur über architektonische Planungen. Oft zeichneten wir gemeinsam und besprachen bauliche Details, bis in die ersten Morgenstunden ... Erschöpft von der Anspannung vielseitiger Unterhaltung suchte ich dann mein Lager in der Blockhütte auf, wobei ich im Vorübergehen meist feststellte, daß Bormann immer noch tätig war. Einmal trafen wir uns vor meiner Blockhütte: ,Lieber Professor, ruhen Sie sich nun aus, sicher haben Sie jetzt erkannt, wie notwendig Sie hier sind!’” Über eine weitere, ebenfalls durch Martin Bormann angeregte Maßnahme, Adolf Hitler von den Tagessorgen abzulenken, berichtet Giesler in demselben Werk; der Rüstungsminister Albert Speer habe, aus dem Hauptquartier kommend, Giesler aufgesucht, über die dort empfangenen Eindrücke nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 berichtet und dann besorgt ausgeführt: „Der Führer war und ist auch noch jetzt nach dem Attentat und seinen militärischen und politischen Folgen sehr beansprucht. Aber ich glaube, nun ist es doch an der Zeit, daß du dich im Hauptquartier einfindest. Der Führer muß Abstand gewinnen von dem Attentat und den ganzen Enttäuschungen. Giesler, du bist der einzige, der ihn, und wenn auch nur auf einige Stunden am Tage, ablenken könnte. Trag ihm städtebauliche Probleme vor, Linz und die Donauuferbebauung, das würde ihn auch jetzt interessieren und aus dem dauernden Grübeln herausführen. Nach einigen Tagen kam der Tejefonanruf aus dem FührerHauptquartier. Bormann war kurz: Bitte kommen Sie so bald 39
als möglich, der Führer erwartet Sie. Bringen Sie von Ihren Planungen mit, was ihn interessieren könnte, und natürlich alles, was sich auf Linz bezieht!” Über seinen weiteren Aufenthalt im Hauptquartier schreibt der Verfasser: „Bormann bat mich am nächsten Morgen zu sich. Er gab mir Hinweise: Bitte stellen Sie dem Führer keine Fragen über den 20. Juli und das, was damit zusammenhängt, es sei denn, er spricht von sich aus darüber. Versuchen Sie vielmehr alles, um ihn abzulenken — sprechen Sie mit ihm über Ihre Planungen, vorwiegend Linz, das interessiert ihn am meisten.” Je länger der Krieg dauerte, um so massiver wurde die „Sperrmauer”, die Martin Bormann um das Staatsoberhaupt errichtete; Adolf Hitler lebte in einer derartigen Isolierung, daß nicht einmal mehr „Alte Kämpfer” der NSDAP, wie der Reichsschatzmeister Franz Xaver Schwarz oder der Reichsminister und Leiter der Reichskanzlei, Dr. Lammers, zur erforderlichen Berichterstattung vorgelassen wurden. Darüber haben sich Franz Xaver Schwarz bei General Karl Koller mündlich (37) und Dr. Lammers bei Martin Bormann schriftlich (38) bitter, aber erfolglos beklagt. General Koller, der seine Tagebuchaufzeichnungen stenographisch abgefaßt hat, teilt dazu anfangs Mai 1945 mit: „Nachmittags kommt der Reichsschatzmeister Schwarz, der in Thumersbach an der Ostseite des Zeller Sees in einem kleinen Häuschen dicht am Wasser wohnt, mit seinem Arzt, Dr. Bauer, zu mir. Schwarz möchte wissen, wie er sich verhalten soll; er mag nicht in Thumersbach sozusagen versteckt sein. Ich übernehme es, ihn durch sein Verbindungskommando in Zell bei den amerikanischen Behörden zu melden. Ich habe mit Schwarz bisher keine nähere persönliche Berührung gehabt; er ist 70jährig und herzleidend. Mit bitteren Worten beklagt er sich über die Verhältnisse in der Partei und darüber, daß man ihn seit mehreren Jahren systematisch von Hitler ferngehalten und gehindert habe, sich mit ihm über die Zustände auszusprechen. Als er dann einmal durch die Vermittlung von” (Adjutant) „Schaub zu Hitler zum Essen geladen worden sei, hätten ihn Bormann und seine Kumpane so eingerahmt, daß er auf jedes intimere Gespräch mit 40
Hitler verzichten mußte. Immer, wenn er etwas sagen wollte, rissen Bormann oder seine Gehilfen die Rede sofort an sich. Schwarz bezeichnet Bormann als Hitlers bösen Geist, den Totengräber von Partei und Staat. Er sagt: ,lch verstehe aber auch Hitler nicht. Ich war doch der Reichsschatzmeister der Partei, durch meine Hände sind ungeheure Summen, Milliarden, gegangen, und Hitler läßt mich jahrelang nicht vor, er mußte doch selbst das Bedürfnis haben, mit mir zu sprechen. Ich konnte doch mit all den gewaltigen Geldern wer weiß was machen.‘ Nachher erkundigte ich mich bei Dr. Bauer über Hitlers Leibarzt Morell. In Berlin hatte ich Anfang April zufällig am Kurfürstendamm ein Schild mit der Aufschrift — ,Dr. Morell — Haut- und Geschlechtskrankheiten‘ gelesen. Darauf befragte ich meinen Arzt Dr. Sajitz vom Westsanatorium über die Identität, die mir bestätigt wurde. Hitlers vertrauter medizinischer Berater und behandelnder Arzt hat nach dem, was mir Sajitz verriet, eine recht anrüchige Klientel gehabt. Warum wählte sich Hitler diesen Menschen anstelle eines bekannten Internisten oder sonstigen Fachmannes aus? ... Bauer erzählte mir, daß Hitlers Photograph Hoffmann ihm den Morell vermittelte.” Ähnliche Erfahrungen machte der Leiter der Reichskanzlei, Reichsminister Dr. Lammers. Er führt in einem zehn Seiten langen Brief vom 1. Januar 1945 an Martin Bormann Klage darüber, daß er seit dem 24. September 1944 trotz wiederholtem Drängen nicht mehr zum Vortrag gerufen worden sei. Auch seine Versuche, die früheren guten Beziehungen mit Martin Bormann wieder aufzunehmen, seien fehlgeschlagen, so daß er sich „abgehängt” fühle. Die ausführlichen Begründungen, die darin gipfeln, daß bestimmte Bereiche des Staatsapparates auch im Kriege nicht stillgelegt werden dürfen, scheinen Martin Bormann doch soweit beeindruckt zu haben, daß er sich schon am 5. Januar 1945 zu einer Antwort entschloß. In diesem Schreiben kommt Martin Bormanns Gabe, Sachverhalte kurz und verständlich zu formulieren, deutlich zum Ausdruck. Gleichzeitig mischt er sein starkes Bedauern darüber ein, daß Dr. Lammers z. Zt. nicht in seiner Nähe weile, denn auch er 41
sehe selbstverständlich die von Dr. Lammers geschilderten Nachteile. Dieses Bedauern erscheint unaufrichtig, wenn in Betracht gezogen wird, daß Teile der Reichskanzlei, die dem Hauptquartier Adolf Hitlers als „Feldquartier” angeschlossen waren, am 21. Oktober 1944 nach Berlin zurückverlegt worden waren, was kaum gegen den Willen des zu jenem Zeitpunkt schon allmächtigen Martin Bormann befohlen worden sein dürfte. Auch die Vorwände in diesem Brief, die „Telefonsperre” und „ewigen Leitungsstörungen” betreffend, waren nicht stichhaltig, da er außer dem Telefon auch über ein Fernschreibnetz, das sogenannte „Gauleiternetz” und eine auf den Parteicode eingestellte Funkstation verfügte (39). Ein weiterer Hinweis auf die Nachrichtenverbindungen der Parteikanzlei Martin Bormanns ist dem General der Nachrichtentruppe, Albert Praun, zu verdanken (5): „Reichsleiter Bormann behauptete 1944, seine Fernschreibverbindungen zu den Gauleitern genügten nicht, er verlange ein eigenes Funknetz. Aber gerade das wollte General Praun Zivilisten nicht zur Verfügung stellen, weil die Gefahr des Mißbrauchs nahelag. Außerdem verfügte das Heer damals bereits weder über die nötigen Funkgeräte noch Funker, die es zu diesem Zweck hätte freimachen können. Da sprang die Kriegsmarine ein, sehr gegen den Willen des Chefs der Wehrmachtnachrichtenverbindungen, und stellte dem Reichsleiter Bormann das Funknetz zur Verfügung, das er verlangte. Die Kriegsmarine hatte Funkgeräte für U-Boote gehortet und sie nun zur freien Verfügung, da diese ja nicht mehr gebaut wurden. Sie hatte auch noch Funker, die sie nun zu der Parteikanzlei abkommandierte und nicht zum Heer, wo sie dringender gebraucht wurden. Es ist nicht bekannt, ob und wie eine Kontrolle oder Beobachtung des für Reichsleiter Martin Bormann neu geschaffenen Funknetzes erfolgt ist. Hier ist sicher eine Dunkelzone entstanden.” Diesen Angaben zufolge war Martin Bormann jederzeit in der Lage, mit jedermann, vor allem mit dem Leiter der Reichskanzlei, Dr. Lammers, in Verbindung zu treten, der sich auf korrekte Weise darum bemüht hatte, bis er als letzten Ausweg den eingangs erwähnten zehn Seiten langen Brief an Bormann verfaßte. 42
— Die Dr. Lammers in Aussicht gestellte Vorsprache bei Adolf Hitler kam übrigens nicht mehr zustande. Die zu Beginn dieses Kapitels erwähnte Beeinflussung der Atmosphäre um Adolf Hitler durch Martin Bormann, auch mit Hilfe des Leibarztes Dr. Morell, erscheint in einem Falle so klar, daß dieser Vorgang hier nicht unerwähnt bleiben soll. Offenbar störte jeder den Sekretär, der in den Führungskreis des Dritten Reiches Eingang fand und Martin Bormann nicht genehm war. Der Parteiphotograph Heinrich Hoffmann, ein alter Mitstreiter aus der Frühzeit der Partei, verstand es auf volkstümliche Weise, Klatsch aus Münchner Partei- und anderen Kreisen auf gut-bayrisch-witzige Weise Adolf Hitler erheiternd nahezubringen. Dagegen war in Friedenszeiten nichts einzuwenden gewesen. Im Kriege änderte sich die Lage von Grund auf; es entstand Mißstimmung im deutschen Volke, die mit den Terrorangriffen der anglo-amerikanisdien Bomberflotten auf das Reichsgebiet anstieg. Von den deprimierenden Verlusten der Zivilbevölkerung und den umfangreichen Zerstörungen in den Wohnbereichen sollte Adolf Hitler möglichst wenig erfahren. Dazu schreibt Jochen v. Lang (8): „Als Goebbels einmal eine Anzahl Luftaufnahmen von Trümmervierteln in die Reichskanzlei schickte, bekam er sie von Bormann mit der Bemerkung zurück, des Führers Zuversicht dürfe durch solche Bilder nicht beeinträchtigt werden. Auch die Berichte der Gauleiter über die Auswirkungen des Krieges gingen von Bormanns Schreibtisch direkt in die Panzerschränke.” Demnach unterdrückte Martin Bormann die schriftlichen Mitteilungen der Gauleiter ebenso, wie er am 24. 2. 1945 den in der Reichskanzlei fast vollzählig versammelten Gauleitern den angeblichen Wunsch Adolf Hitlers als Befehl übermittelte, ihn „keinesfalls durch behelligende Fragen von seinen militärischen Aufgaben abzulenken”. Die Anwesenheit des gelösten, Heiterkeit verbreitenden Parteiphotographen Heinrich Hoffmann, der sich als „Alter Kämpfer” der NSDAP in seinen Äußerungen kaum einschränken mußte, hätte manche der Informationen, die Martin Bormann so ängstlich und konsequent von Adolf Hitler fernhielt, bekannt 43
werden lassen. Das mußte unter allen Umständen vermieden werden. Daher wurde das Staatsoberhaupt von der Bevölkerung isoliert gehalten. Dazu die Teilergebnisse über „Stimmung und Haltung der deutschen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg” von Marlis G. Steinert(4l): „Hitler trat langsam in den Hintergrund; das läßt sich ablesen aus dem schwachen Widerhall und der mangelnden Durchschlagskraft seiner Neujahrsansprache (1944), einem weiteren Nachlassen der Hitlerwitze und der Attacken gegen seine Person: die Kritik richtete sich vor allem gegen die von ihm verkörperte Regierung und deren Maßnahmen ... Noch deutlicher wird die gewollte Distanz anhand einer Anordnung Bormanns. Hier wird Hitler den Massen nicht nur in geschichtlicher Proportion vorgestellt, sondern quasi in religiöse Sphären entrückt. Da der Begriff ,Führer‘ Weltbedeutung erlangt habe, sei es erforderlich, bei der Benutzung dieses Wortes in anderen Zusammenhängen Zurückhaltung zu üben... Titel ,Führer‘ soll für Hitler Privileg bleiben, um so Profanierung zu vermeiden. (Anordnung 91/44 vom 29. 4.1944)” Wenn es schließlich doch noch gelungen ist, für Heinrich Hoffmann das Hauptquartier zu sperren, so wäre das selbst einem Martin Bormann allein nicht möglich gewesen. Dem Anschein nach fand er in Dr. Morell tatkräftige Unterstützung. Hier der Sachverhalt: Als Ende 1944 Heinrich Hoffmann Adolf Hitler im Hauptquartier aufsuchen wollte, riet ihm Martin Bormann (8), seines angeblich schlechten Aussehens wegen, den Leibarzt zu konsultieren. Diesen Rat nahm Heinrich Hoffmann an, um so mehr, als er es ja gewesen war, der Dr. Morell Adolf Hitler empfohlen hatte. Inzwischen war Dr. Morell Leibarzt des Staatsoberhauptes geworden. Von Adolf Hitler — nicht aber von seiner Umgebung — geschätzt, war Dr. Morell zum Professor ernannt und mit dem Ritterkreuz zum Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet worden (26). Die an Heinrich Hoffmann durchgeführte Untersuchung ergab nichts Nachteiliges, aber zwei Wochen später erfuhr der inzwischen nach München heimgekehrte Photograph von Dr. Morell 44
telefonisch, daß er „ohne selbst krank zu sein, ein ParatyphusAusscheider” sei. Adolf Hitler lehne daher weitere Besuche ab, und Martin Bormann habe inzwischen verfügt, daß Heinrich Hoffmann umgehend isoliert werde (8). Dieser begab sich sofort zu einer Kontrolluntersuchung nach Wien, die jedoch ein gegenteiliges Ergebnis brachte. Obwohl dieses Ergebnis umgehend an Martin Bormann weitergeleitet wurde, antwortete die Parteikanzlei darauf nicht. „Dagegen meldete sich das Wiener Gesundheitsamt, weil aus dem Führer-Hauptquartier die Anweisung gekommen war, Hoffmann als gefährlichen Seuchenverbreiter zu isolieren. Nur das ärztliche Zeugnis mit dem verwandtschaftlichen Schutz” (des Gauleiters von Wien, Baldur von Schirach) „bewahrte ihn vor der Zwangsmaßnahme.” (8) Zum Jahresende 1944 war die Angelegenheit noch nicht ausgeräumt; es erschien ein Kriminalbeamter aus dem Begleitkommando des Hauptquartiers mit dem Auftrag, „alle Personen zu vernehmen, die sich mit dem Fall Hoffmann befassen, und sie gegebenenfalls zu verhaften”. Die weiteren bakteriologischen Untersuchungen mußten unter SS-Aufsicht durchgeführt werden. Auch diese stets negativen Befunde gingen an die Parteikanzlei. Dennoch hatte Hoffmann in das Hauptquartier keinen Zutritt mehr. Heinrich Hoffmann war hartnäckig in der Verfolgung seiner Absichten. Er, der seinen Beruf unter erschwerten Bedingungen in England erlernt hatte, machte sich schon im Jahre 1905 einen Namen als „politischer Sensationsphotograph”; er hatte im Park des Schlosses Fürstenberg (Donaueschingen) Zar Nikolaus II. und Kaiser Wilhelm II. gemeinsam aufgenommen. Auch die Bilder von Joachim v. Ribbentrop und Joseph Stalin nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrages im Jahre 1939 in Moskau stammen von ihm. Das Monopol, Bilder von Adolf Hitler und Parteiveranstaltungen anfertigen zu dürfen, besaß er etwa zwanzig Jahre lang (42). Anfang April 1945, also wenige Wochen vor dem Zusammenbruch, erschien er, der ja aufgrund der negativen Befunde ein gutes Gewissen hatte, noch einmal, aber unangemeldet in der 45
Reichskanzlei. Hier wurde er von einem offensichtlich beeinflußten Adolf Hitler unwillig empfangen. Martin Bormann herrschte ihn mit den Worten an: „Wer hat Dir gesagt, daß Du hierher kommen sollst? Es wäre besser gewesen, Du hättest Strahlen erfunden, um die Flugzeuge herunterzuholen.” (8) Der Sohn Heinrich Hoffmanns vertritt heute die Ansicht, daß Dr. Morell nicht in dieses Spiel eingeweiht gewesen sei, mit der Begründung, daß die bakteriologische Untersuchung nicht von ihm sondern von einem (ungenannten) Institut vorgenommen worden sei, wo Martin Bormann einen positiven Befund „bestellen” konnte (8). Wie diese Sache nun auch wirklich gewesen sein mag, ohne Billigung des Leibarztes hätte Martin Bormann nicht so zäh gegen Heinrich Hoffmann vorgehen können. Schriftliche Befunde über diesen Vorgang liegen nicht vor. Bekannt ist nur, daß Heinrich Hoffmann von Dr. Morell telefonisch eine Mitteilung über den positiven Befund der bakteriologischen Untersuchung erhielt. Eine den Wortlaut dieses Telefonats bestätigende schriftliche Mitteilung vom Leibarzt selbst, wie es der Bedeutung der Sache angemessen gewesen wäre, ist nicht erwähnt, anscheinend nicht erfolgt oder verlorengegangen. Diese Unklarkeiten erlauben wohl die Frage, ob etwa der als dynamisch charakterisierte Sekretär den als „weichlich” geschilderten Leibarzt gezwungen haben könnte, diese schwerwiegende Mitteilung an Heinrich Hoffmann telefonisch zu machen. Es ist denkbar, wenn in Betracht gezogen wird, welch wechselvolle Umstände Dr. Morell vom Schiffsarzt der ,,Hapag” und „Hamburg-Süd” über seine berüchtigte Praxis in Berlin (1) zum Leibarzt Adolf Hitlers und weiter begleitet haben. Die Kenntnis dieser Umstände kann Martin Bormann zur Erreichung seiner Absichten ausgenutzt haben. Dr. Morell verkündete in einem Vortrag im August 1942, dem auch der Reichspressechef Dr. Dietrich beiwohnte, daß er innerhalb von zehn Tagen ein gut wirksames Läusepulver für die im Osten kämpfende Wehrmacht entwickelt habe. Der Reichspressechef nahm diese Ausführungen des Leibarztes Adolf Hitlers kritiklos zur Kenntnis. In einem fachkundigen Hörerkreis hätte 46
diese Behauptung Dr. Morells Heiterkeit hervorgerufen, da bekanntlich in der chemischen Industrie vom Laboratoriumsversuch bis zur Fabrikationsreife eines Produktes meist eine Laufzeit von Jahren erforderlich ist. Dr. Morells „Russla-Läusepulver” hat sich jedoch im Einsatz an der Ostfront (1942: 100 Tonnen verteilt) nicht bewährt, wie Frontärzte und höhere Sanitätsoffiziere übereinstimmend bestätigt haben (43); dazu der Bericht eines Oberfeldarztes des Ostheeres (43): „Der Russla-Puder war ein Schwindel und wohl ein übles Geschäft, das unzähligen unserer Kameraden die Gesundheit kostete, ja das Leben. Unsere Truppe wurde dadurch immer mehr geschwächt. Wir haben bei unserer Armee jährlich etwa eine Division an Fleckfieberkranken gehabt. Alle unsere entsprechenden Berichte und Eingaben haben ihr Ziel nie erreicht.” Das bisher erfolgreich verwendete Präparat, das Läusepulver der IG Farben „Lauseto”, wurde von Generalarzt Bickerth nicht mehr an die Truppen ausgegeben. Er stützte sich dabei auf einen „Führerbefehl”, der die weitere Ausgabe verbot (43). Erst viel später ist bekannt geworden, daß Dr. Morell für seine eigenen Schreiben Briefbogen mit dem Kopf „DER FÜHRER UND REICHSKANZLER” verwendete und gelegentlich sogar die mit übergroßen Typen bestückte Sonderschreibmaschine Adolf Hitlers für seine Mitteilungen benutzt hat. Durch solche Machenschaften kann Dr. Morell „Führerbefehle” vorgetäuscht und erlassen haben (43). Ferner hat Dr. Morell in Ölmütz (Böhmen) angeblich die erste Penicillinproduktion im Dritten Reich aufgebaut. Daraus wurden dreißig Ampullen entnommen und einer fachmännischen Prüfung in der Universität Breslau unterzogen. Es wurde keine Spur Penicillin festgestellt, die Ampullen enthielten nur reines Wasser. Über diesen ungeheuerlichen Tatbestand berichtet ausführlich Prof. Dr. med. Hans Killian in dem Kapitel „Der große Bluff des Dr. Morell” seines Buches „Über aller Macht ist Licht — Der Kampf gegen die Sepsis” (26). Am Ende dieses Kapitels stehen die Worte: „Offiziell ist damals von unseren Ergebnissen nichts bekannt 47
geworden. Wir mußten schweigen, es hätte sonst zu große Unannehmlichkeiten gegeben.” (26) Für diese nachweislich vorgetäuschten Leistungen und Erfolge hat das Staatsoberhaupt seinen Leibarzt mit der Verleihung des Professortitels und des Ritterkreuzes zum Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet. Es bedarf keiner Erläuterung, was mit Dr. Morell geschehen wäre, wenn Adolf Hitler den wahren Sachverhalt erfahren hätte, da dann auch die Anwendung der fragwürdigen Medikamente bei Hitler selbst bekannt geworden wäre. Ob bzw. wie weit Martin Bormann von diesen Angelegenheiten Dr. Morells Kenntnis hatte, kann aufgrund der z. Zt. vorliegenden Unterlagen nicht zuverlässig ermittelt werden. Es ist aber wahrscheinlich, daß Martin Bormann einiges gewußt und entsprechend verwendet hat. Er hat es schon immer verstanden, aus dem Hintergrund andere zu steuern, wie es bei dem Mord an Walter Kadow eindeutig bewiesen ist. Zu dieser Ansicht neigt heute auch Prof. Dr. Hans Killian, wenn er unter Würdigung des Beitrages von Henning Fikentscher über „Hitlers Leibarzt Morell” (43) in der „Deutschen Hochschullehrerzeitung” schreibt: „Waren Morell und Bormann Komplizen? In dem genannten Artikel in der Hochschullehrerzeitung wird nun die sehr enge Beziehung zwischen Bormann und Morell, die unzweifelhaft den Tatsachen entspricht, hervorgehoben. Zwangsläufig bringt dies auf den Gedanken einer Konspiration gegen Hitlers Aktionsfähigkeit oder gar sein Leben. Wenn die These des Generals Gehlen zutreffend ist, und dafür spricht vieles, daß Bormann jener Verräter in der nächsten Umgebung Hitlers war, der jede geheime Entscheidung nach Moskau meldete, dann bekommt die Zusammenarbeit dieser beiden düsteren Männer eine geradezu infernalische Bedeutung.” Im folgenden Kapitel soll die unterbrochene chronologische Darstellung des Lebenslaufes von Martin Bormann fortgesetzt werden.
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VIERTES KAPITEL Bormanns Aufstieg in der NSDAP — In der Hilfskasse der Partei — Darre und General Lenz über Bormann — Röhm sucht Material gegen Bormann u. a. Gegner — Heydrich schafft „zündfähige Unterlagen” — Bormann schlägt zu — Der 30. Juni 1934 Nach der im Februar 1925 erfolgten Entlassung Martin Bormanns aus dem Gefängnis zu Leipzig begann sich ein übersichtlicherer Verlauf seines Werdeganges als bisher abzuzeichnen. Er begab sich, da er jetzt mittellos war, wieder nach Parchim, wo er bis Mai 1926 blieb, um es dann endgültig zu verlassen. Er wohnte bei seiner Mutter in Weimar, die ihre Wohnung, obwohl schon zum zweiten Male verwitwet, in der Belvedere-Allee behalten konnte, dank der Zuwendungen ihres Sohnes Albert, der später einer der Adjutanten Adolf Hitlers wurde. Für einen Vorbestraften, auch aus national-politischen Motiven, dürfte es zu jener Zeit doch schwer gewesen sein, eine Beschäftigung zu finden. So ist sein Eintritt in den „Sturmbann”, eine ursprünglich nationale, später nationalsozialistische Organisation, verständlich. In den Jahren 1925/26 schwelten aus weltanschaulichen Gründen Unstimmigkeiten zwischen dem Schriftsteller und Gauleiter Thüringens, Arthur Dinter, und Adolf Hitler. Dieser Zustand wurde durch die Ablösung Arthur Dinters und Einsetzung Fritz Sauckels beendet. Hans Severus Ziegler, damals Herausgeber einer NS-Wochenzeitung und freier Schriftsteller, hat sich im Jahre 1927 des arbeitslosen Martin Bormann angenommen, indem er ihn mit Aufgaben wie Inkasso, Buchhalter, Kraftfahrer und dem Vertrieb seiner Wochenzeitung erfolgreich betraute. Ende 1927 wurde er zufolge seiner Zuverlässigkeit und seines Fleißes schon Geschäftsführer und Presseobmann des Gaues Thüringen. Seine Versuche, auch als Redner aufzutreten, schlugen fehl. Erste Erfolge stellten sich bei seiner Tätigkeit als Geschäftsführer ein, da er hier durch Rundschreiben, Anordnungen usw. vom Schreibtisch aus „regie49
ren” lernte, eine Fähigkeit, die er im Kriege in erheblich erweitertem Umfang bis zur Vollendung entwickelte. Hier knüpfte Martin Bormann auch die ersten Verbindungen über den Gau Thüringen hinaus, sei es durch Besuche von Parteigrößen oder durch eigene Dienstreisen in das „Braune Haus”, die Zentrale der NSDAP in München. In Weimar wurde Martin Bormann auch mit Adolf Hitler bekannt. Durch Ehrlichkeit in Geldangelegenheiten, Zuverlässigkeit und Fleiß hatte sich Martin Bormann in Parteikreisen einen guten Ruf erworben. Daher überraschte seine Versetzung im Oktober 1928 in die Zentrale der Partei nach München nicht. Dort traf er zu einem Zeitpunkt ein, als sich ernste Schwierigkeiten zwischen der Obersten SA-Führung (OSAF) und einer Versicherungsgesellschaft ergeben hatten. Die SA-Führung wollte ihren bei „Saalschlachten” verletzten SA-Männern allgemeinen Versicherungsschutz zukommen lassen, während die Versicherungsgesellschaft nur bei Invalidität oder bei Tod des betroffenen SA-Mannes Schadenersatz leisten wollte. Nach einigen Überlegungen gelang es Martin Bormann, diese Versicherung in die „Hilfskasse der Partei” umzuwandeln. Als durch diese geschickte Maßnahme und durch rechtliche Absicherung gegen staatliche Finanzkontrollen unter Hinzuziehung eines Rechtsanwaltes das angestrebte Ziel erreicht war, wurde der Initiator Martin Bormann von den ihn umgebenden Laien, aber auch von Adolf Hitler selbst als „Finanzgenie” hochgelobt. Im September 1929 heiratete Martin Bormann die Tochter des Majors a. D. Walter Buch, der Vorsitzender des Untersuchungsund Schlichtungsausschusses für Streitfälle innerhalb der Partei war. Trauzeugen waren Adolf Hitler und Rudolf Hess. Im Spätherbst desselben Jahres kam Martin Bormann der Einfall, ein NS-Automobilkorps aufzustellen. Dieser Gedanke fand Beifall; am 1. April 1930 wurde die Gründung dieses Korps amtlich bekanntgegeben. Ein Jahr später übernahm Adolf Hühnlein, ein ehem. Offizier, dieses in „NSKK” (Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps) umbenannte Automobilkorps; Adolf Hitler erhielt die Mitgliedsnummer l, Martin Bormann erschien unter Nr. 2. Meinungsverschiedenheiten, die im Sommer 1930 zwischen der 50
Obersten SA-Führung (Pfeffer v. Salomon) und Adolf Hitler auftraten, beseitigte er durch „Gleichschaltung”, eine Bezeichnung, die im Dritten Reich oft verwendet wurde. Adolf Hitler ernannte sich selbst zum Obersten SA-Führer, Stabschef wurde der aus Bolivien heimgekehrte Hauptmann a. D. Ernst Röhm. Damals war auch der spätere Ernährungsminister, Walter Darre, der sehr geschätzt wurde, in den engeren Führungskreis aufgenommen worden. Das hatte Martin Bormann erkannt, darum gesellte er sich ihm, auf seine Weise, zu. Anscheinend ging er dabei allzu stürmisch vor, denn Darre sagte später einmal: „Man konnte machen was man wollte, er (Bormann) fand immer einen Grund, sich zu einem zu setzen ... Der Mann war mir in seiner öligen Speichelleckerei zutiefst zuwider.” Weniger drastisch über seine Begegnung mit Martin Bormann äußert sich General Lenz, der ehemalige Kommandeur des Gebirgsjäger-Regiments 100, anläßlich einer Meldung beim Staatsüberhaupt, die Ende November 1938 am „Berghof” stattfand: „Als ich ... die breite Freitreppe zum Hauseingang erklomm, empfing mich dort der SA-Adjutant und ehem. Heeresoffizier, der Obergruppenführer Brückner, mit der entschuldigenden Bemerkung, der Führer habe momentan noch einen Besuch und lasse mich bitten, noch etwas Geduld zu haben. Unmittelbar darauf ließ mir der damalige Reichsleiter und später allmächtige Chef der Reichskanzlei” (verwechselt mit Parteikanzlei) „Bormann sagen, ich möchte doch noch einen Augenblick zu ihm herüberkommen. Er wohnte schräg vis-a-vis vom Führerhaus. Auf Anraten Brückners, der sichtlich froh war, auf diese Weise die unvorhergesehene Pause zu überbrücken, folgte ich dieser improvisierten Einladung. Vom Hausherrn freundlich empfangen, der mich durch sein schönes Haus in den 1. Stock und dort auf den Balkon hinausführte, genoß ich den herrlichen Blick auf die Südseite des Untersberges und die ganze, einmalig schöne Umgebung. In seiner sich beinahe überschlagenden Höflichkeit bot er mir gleich einen Schnaps an, was ich mit der nachdrücklichen Bemerkung ablehnte, ich könne doch unmöglich dem Führer (der bekanntlich Antialkoholiker war) mit einer ,Fahne‘ begegnen! Es war dies übrigens das einzige Mal, daß ich mit Bormann zusam51
mentraf, einem Mann, der in den folgenden Kriegsjahren einen gefürchteten Namen bekam ...” (27) In diese durch emsiges Arbeiten und gelegentliche zweckbedingte Speichelleckerei gekennzeichnete Periode im Leben Martin Bormanns fiel im September 1931 ein Geschehnis, das nicht unerwähnt bleiben sollte. Beamte der politischen Polizei erschienen in seiner Wohnung mit einem Durchsuchungsbefehl und fanden eine Schrift: „Die wichtigsten politischen Parteien und Verbände”. In dieser Schrift fand sich ein Stempel, der sie als Polizeieigentum auswies. Daher wurde Martin Bormann, der durch den Besitz dieser Schrift in den Verdacht gekommen war, über seine rein kaufmännischen Aufgaben in der Hilfskasse auch politisch tätig zu sein, auf das Präsidium vorgeladen. Dort nahm man ihn wegen Verdunkelungsgefahr in vorläufige Haft. Er wurde aber, überraschend für alle Beteiligten, innerhalb weniger Stunden auf freien Fuß gesetzt (8). Die Gründe, die zu seiner unerwartet raschen Enthaftung führten, sind nicht bekannt geworden. Der zweite Teil dieses Vorganges erinnert an seine ebenfalls überraschende Entlassung aus der sowjetischen Gefangenschaft während der Freikorpskämpfe im Baltikum, über die im ersten Kapitel berichtet wurde (13,15). Kleinere Begebenheiten in einer Zeit, die durch Straßen-, Wahl- und Saalschlachten gekennzeichnet war, wie die Verstärkung der Hilfskasse durch den Bruder Albert Bormann, der sich von Martin in jeder Weise angenehm abhob, sind für diese Betrachtungen unerheblich und können daher entfallen. Im Jahre 1932 gingen die Wogen des Wahlkampfes besonders hoch; dennoch fiel das Wahlergebnis für die Nationalsozialisten schlecht aus. Im Herbst desselben Jahres wurde der Reichstag aufgelöst, ein Ereignis, das verständlicherweise die Ungeduld der Parteifunktionäre auf eine harte Probe stellte, da sie um ihre Existenz fürchteten. Uneinigkeit zwischen dem Parteirichter Walter Buch, dem Reichsschatzmeister Franz Xaver Schwarz und dem Leiter der Hilfskasse Martin Bormann kam hinzu. Über dieses „Klima” in der Parteiführung war der temperamentvolle Stabschef der SA Ernst Röhm äußerst aufgebracht. Zu diesem 52
unpassenden Zeitpunkt trat er mit der vertraulichen Frage nach Belastungsmaterial über seine Gegner in der NSDAP, zu denen Buch und Bormann gehörten, an Hauptmann a. D. Karl Mayr, einen alten Vertrauten, arglos heran. Diese Interna der NSDAP sickerten auf ungeklärte Weise in die sozialdemokratische Presse („Münchner Post”). Am Ende kam es zu einer Gerichtsverhandlung, in deren Verlauf Röhm eine eidesstattliche Erklärung abgab, die aber nicht ausreichte, ihn aus der Affäre zu ziehen. In diesem Stadium griff Martin Bormann ein. Er richtete am 5. Oktober 1932 ein umfangreiches Schreiben an Rudolf Heß, in dem er sich über das von Röhm gesuchte bzw. erwünschte Belastungsmaterial gegen höhere Parteigenossen, ferner Beleidigungen und Beschimpfungen von Parteifunktionären als „Bonzen” bitter beklagt. Er prangert mit eindringlichen Worten den ungeheuren Schaden an, den der Stabschef der SA Röhm der Bewegung zugefügt habe. Am Ende dieses Briefes schreibt er: „Gnade Gott meinem eigenen Bruder, wenn er sich auch nur einen Bruchteil dessen gegen die Bewegung leistete, was sich der Stabschef leistete.” (8) Martin Bormann war empfindlich getroffen, da Röhm nach Belastungsmaterial gefragt hatte. Er mußte mit Recht Enthüllungen fürchten. Seine Existenz, die er sich mühselig aufgebaut hatte, stand auf dem Spiel. Darum mußte er wirkungsvoll angreifen — ein Mann der Halbheiten ist er nicht gewesen. Zweifellos hätte er einen Termin für eine Vorsprache bei Rudolf Heß oder Adolf Hitler erhalten, da er ja seit seiner Hochzeit mit Hilde Buch kein unbekannter Parteigenosse mehr war. Er scheint sich aber der Grenzen seiner Fähigkeiten als Vortragender bewußt gewesen zu sein, denn er hätte sein Anliegen kaum mündlich vorbringen können, ohne zu stocken. Aus diesem Grund dürfte er den schriftlichen Weg gewählt haben. Das war psychologisch wohlüberlegt und zugleich am wirksamsten. Martin Bormanns eindringliche, ja fast beschwörende Worte in diesem an Rudolf Heß gerichteten Brief, der Adolf Hitler gewiß auch vorgelegt wurde, haben ihre Wirkung sicher nicht verfehlt und damit Zündstoff erzeugt. Ernst Röhm ist wiederholt als „Rabauke” bezeichnet worden. 53
Dazu trug seine offene, gerade Art erheblich bei. Über ihn kann rückschauend gesagt werden, daß ihm nicht so sehr seine abartige Veranlagung, die Adolf Hitler seit Jahren bekannt war, sondern viel eher seine unvorsichtigen Äußerungen und Absichten über „eine grundlegende Änderung in der politischen Führung” (44) zum Verhängnis geworden sind. Darüber sprach Röhm auch mit Gerhard Roßbach, dem ehemaligen Freikorpsführer Martin Bormanns. Auf die Frage Roßbachs, was der Führer zu diesen Änderungen sage, antwortete Röhm: „Hitler ist von ebenso dummen wie gefährlichen Subjekten umgeben, die ihn nicht auslassen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch: Aber ich werde ihn aus diesen Fesseln befreien! Das dürfen Sie mir glauben, Roßbach!” (44) Dr. Rudolf Diels, NS-Polizeipräsident und Oberpräsident, der Schöpfer und „erste Chef der Gestapo”, zeichnet von Röhm ein Bild, das von den Darstellungen des NS-Propagandaministers Dr. Goebbels erheblich abweicht: „Röhm war kein hintergründiger Mann, er war in seiner bajuwarischen Liberalität gut zu leiden. Mit beiden Füßen stand er auf der wohlgerundeten Erde. Er forderte keine göttliche Verehrung und strebte nicht nach Maßlosigkeiten. Göring nannte er klar und schlicht einen Popanz und Hitler einen Narren. Er lachte über Verstiegenheiten. Er war Nationalist, und er mußte es sein, weil diese Gesinnung seinem Handwerk entsprach. Er war ein Soldat — kein preußischer Militarist, sondern von der lässigen und lebensfrohen süddeutschen Art. Auch er strebte nach Macht. Dafür war er ein Kondottiere und ein Abenteurer. Doch er war nicht eitel und ohne dämonisches Streben. Der Lärm des Feldlagers gefiel ihm und das passende Treiben in der Marketenderei. Daß seinen braunen Legionen marodierende Haufen folgten, machte ihm so wenig Kopfschmerzen, wie einem Landsknechtsführer des Dreißigjährigen Krieges. Er bereitete mir noch am wenigsten Schwierigkeiten, als ich sie stellte und bändigte. Der Aufwand, den er in seinen Quartieren in Berlin und München trieb, wurde später von Hitler ins Maßlose übertrieben, ebenso wie seine Veranlagung. Ich wußte, lange bevor ich ihn kannte, davon, doch ich habe keine ,Lustknaben‘ 54
um ihn bemerken können, und die von Goebbels aufgebrachte Geschichte, daß er in flagranti ertappt worden sei, habe ich nie glauben können. Rohm begnügte sich mit behäbigem Zusehen, wenn es bei seinen SA-Führern hoch herging; im Essen und Trinken war er mäßig. Nur Bayrisch Bier, Sauerkraut und Würstchen konnte er weder in Bolivien noch auf seiner Italienreise entbehren.” (19) Noch am 18. April 1934, etwa zehn Wochen vor den Morden des 30. Juni, berief der arglose Ernst Röhm das diplomatische Korps und die Auslandsjournalisten zu einer Pressekonferenz nach Berlin, wo er einige Erklärungen abgeben wollte. Die Beteiligung war groß, da man sich vom Stabschef der SA, der auch Reichsminister und einer der ganz wenigen Duzfreunde Adolf Hitlers war, Interessantes erwartete. Darüber berichtet Max Gallo (40), der auch Teile der Rede Röhms zitiert: „,Der Kampf in all den langen Jahren bis zu der Wegstrecke der deutschen Revolution, auf der wir uns gegenwärtig befinden, hat uns zur Wachsamkeit erzogen. Die SA erkennt auf Grund langjähriger, oft genug bitterer Erfahrungen die offenen und versteckten Feinde des neuen Deutschlands durch alle Masken hindurch.‘ Bedeutet das nicht, daß sie auch die Nazi-Maske tragen? Kann nun nicht jedermann Feind der SA sein? Eine ungeschickte aggressive Formulierung von Röhm, die alle in Angst versetzt, die nicht mit ihm, hinter ihm und in seiner SA sind. ,Wir haben keine nationale, sondern eine nationalsozialistische Revolution gemacht, wobei wir besonderes Gewicht auf das Wort sozialistisch legen.‘ Die Rede nimmt nun Formen an, die vor einem Publikum von Diplomaten und Auslandsjournalisten ungewöhnlich sind. ,Reaktionäre, Mucker und Spießer‘ ruft er aus, , ... uns wird schlecht, wenn wir an sie denken.‘” Die weitere Vorgeschichte und der Ablauf der Ereignisse des 30. Juni und 1. Juli 1934 sind durch zahlreiche Schilderungen bekannt geworden. Für diese Betrachtung wertvoll ist das ausführliche Werk von Heinz Höhne „Der Orden unter dem Totenkopf” (48), in dem er sich zum Teil auf Primärquellen stützt. Walter 55
Hagen, alias Dr. Höttl, im Auslandsgeheimdienst des Dritten Reiches an leitender Stelle tätig, berichtet in „Die geheime Front” (49) von einem „Ahnungsvermögen” Heydrichs, das diesen in die Lage versetzt haben soll, die zwischen Adolf Hitler und Ernst Röhm bestehenden Unstimmigkeiten zu erkennen und zu deuten. Zu Röhms Absichten, auf die bereits eingegangen wurde, gesellte sich sein Streben nach Aufstellung eines nationalsozialistischen Volksheeres. Diese insgeheim bekanntgewordenen Absichten Röhms erweckten den Argwohn des Staatsoberhauptes und der Wehrmachtführung. Heydrich sah es als seine — vielleicht auch von Himmler angeregte — Aufgabe an, diesen Argwohn zu schüren, indem er sowohl der Wehrmachtführung als auch Adolf Hitler „Material” zukommen ließ, das auf die Betroffenen provozierend wirken mußte, wie z. B. Abschiebung Adolf Hitlers auf einen Repräsentationsposten (48 und 49). Die aufgekommenen Gerüchte, die beim Staatsoberhaupt zusammentrafen, genügten jedoch noch nicht, um ein Vorgehen gegen Röhm einzuleiten. Heydrich konstruierte — im wahrsten Sinne des Wortes — zündfähige Unterlagen. Das war aus seiner Sicht notwendig geworden, da man in höheren Wehrmachtskreisen bereits davon abkam, noch an einen Putsch Röhms zu glauben (48). Dazu ermittelte Heinz Höhne (48): „Gegen die Skeptiker vom Schlage (Oberst) Heinricis und (General) von Kleists aber setzte nun Heydrich eine Lawine in Bewegung, die alle Bedenken mit einem Geröll von Gerüchten, Falschmeldungen und manipulierten Dokumenten zudecken sollte. Auch der letzte Reichswehroffizier mußte putschgläubig gemacht werden. Sepp Dietrich” (hoher SS-Führer) „zeigte dem Reichswehrministerium eine angebliche Abschußliste der SA-Führung, aus der hervorging, Röhm wolle die oberste Garnitur der Wehrmacht von den Generalen Beck und v. Fritsch an abwärts liquidieren, während andere SS-Beauftragte bei Wehrkreis- und Stadtkommandanturen SA-Listen vorlegen, wonach praktisch der Hinauswurf aller älteren Offiziere beschlossene Sache war. Bei dem Stabschef des Wehrkreiskommandos VI (Münster), Oberst Franz Halder, meldete sich ein SA-Obergruppenführer 56
und bat um Einweisung in Halders Dienstgeschäfte, da demnächst die SA-Führung die Reichswehr übernehmen würde. Halder lehnte ab, fragte aber im Reichswehrministerium nach. Dem Obersten kam die Sache seltsam vor; der SA-Besucher hatte nicht einmal seinen Namen genannt und wieder rasch die Szene verlassen. Er meldete sich auch nicht wieder. Halder vermutete, der vermeintliche Obergruppenführer sei überhaupt kein SA-Mann gewesen, sondern ein Agent provocateur interessierter Kreise. Ein anderer Trick Heydrichs war das Herumreichen angeblicher Röhm-Befehle, die von der Reichswehr meistens geglaubt wurden. Kam aber einmal ein SA-Führer den Falschmeldungen auf die Spur, dann wußten die SS-Männer auch die Richtigstellungen der SA umzulügen. Karl Ernst, Führer der SA-Gruppe Berlin-Brandenburg, vertraute sich eines Tages dem aus der SA stammenden SS-Gruppenführer Daluege an: Es gingen in der Reichshauptstadt die unsinnigsten Gerüchte über einen bevorstehenden SA-Putsch um; er, Ernst, bäte den Kameraden Daluege, ihm eine Unterredung mit Reichsminister Frick zu ermöglichen, damit er solcher Verleumdung der SA entgegentreten könne. Daluege ... lief stattdessen ins Reichswehrministerium und meldete dem stellvertretenden Abwehrchef: Soeben habe sich bei ihm ein SA-Führer ausgesprochen, der an einer internen Besprechung zur Vorbereitung eines SA-Putsches teilgenommen, dabei aber Bedenken bekommen habe und nun die Reichswehr vor der drohenden Gefahr warnen wolle ... Als Abwehrchef Patzig” (Kapitän z. S., Vorgänger von Admiral Wilhelm Canaris) „plötzlich auf seinem Schreibtisch, wie von Geisterhand hingeworfen, einen angeblichen Bewaffnungsbefehl Röhms vorfand, aus dem er folgern mußte, die SA plane einen Überfall auf die Reichswehr, und das Dokument (General) v. Reichenau vorlegte, zeigte das Gesicht General v. Reichenaus helle Empörung. Von Reichenau: ,Nun wird es aber höchste Zeit.‘ Aber waren Heydrichs Falschmeldungen nur auf die Offiziere der Reichswehr gemünzt? Manches spricht dafür, daß die Falsifikate ebenso auf Hitler zielten ...” Die oben zitierten Ermittlungen Heinz Höhnes werden er57
gänzt durch Max Gallo (40). Demnach meldete die Abwehr an General von Reichenau: „In einem Haus gegenüber der Wohnung eines französischen Diplomaten übt sich die SA im Gebrauch schwerer Maschinengewehre. Der Diplomat hat das zweifellos nach Paris gemeldet, denn die Schüsse sind bis auf die Straße zu hören. Erst vor einer Woche haben sie damit begonnen. Der Hinweis ist schwerwiegend. Viel ernster als das, was in dem Dokument steht, das Kapitän Patzig auf seinem Schreibtisch vorfand.” Walter Hagen (49) vertritt die Ansicht, daß Heydrich es war, der Adolf Hitler in der Meinung bestärkte, Röhm habe nicht nur Ehrgeiz Wehrminister zu werden, sondern er wolle auch Hitler verdrängen oder auf einen Repräsentationsposten abschieben. Heydrich soll, nach Hagen, auch eine Verschwörung der SA mit ausländischen Mächten nachgewiesen haben. Ferner meint er: „Hitler gab ... Heydrich Generalvollmacht zum Handeln. Heydrich stellte die Listen zusammen, nach denen sowohl in München wie in Berlin erschossen wurde; auch Göring erhielt die Erschießungsliste von Heydrich.” Diese „Generalvollmacht” Adolf Hitlers an Heydrich öffnete diesem alle Wege, um ein massives Vorgehen gegen die „SARabauken, das Fußvolk der Revolution” zu „rechtfertigen”. Dazu Max Gallo in „Der Schwarze Freitag” (40): „Goebbels weiß sehr wohl, daß Heydrichs Listen immer länger werden: jeder Name hat dort eine Nummer. Er weiß auch, daß Heß, Martin Bormann und Major Walter Buch, der Leiter des Parteigerichts (USCHLA), Material über Korruption und Ausschweifungen in der SA-Führung sammeln. Die Akten über Heines, der an der Ermordung von Minister Rathenau teilgenommen hatte, häufen sich. Goebbels weiß auch, daß der Haß gegen Röhm und seine Leute wächst: Major Walter Buch und sein Schwiegersohn Martin Bohrmann” (Im Original ist Bormann mit ,h‘ geschrieben.) „haben seit langem, seit Jahren schon ein Hühnchen mit Röhm zu rupfen ... Schon 1932 hat Buch versucht, Röhm und seinen Stab zu liquidieren. Standartenführer Graf v. Spreti, Graf v. Moulin-Edkart und Georg Bell, Nachrichtenmann der SA, sollten die Opfer einer 58
Gruppe von gedungenen Mördern sein, an deren Spitze Buch den ehemaligen Standartenführer Emil Traugott Danzeisen und Karl Hörn stellte. Hörn verriet den Plan an die SA. Eines Morgens versuchten die Mörder, allerdings ohne Erfolg, ihn zu beseitigen. Nun wissen Rohm, Spreti und Moulin-Eckart, daß Hörn nicht gelogen hat. Erschrocken übergeben sie die Sache der Polizei, und im Oktober 1932 wird Emil Danzeisen wegen versuchten Mordes zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Röhm hat zu seinem Schutz mit den Gegnern der NSDAP, den Sozialdemokraten, Kontakt aufgenommen. In der Umgebung von Buch und Bormann herrscht Entrüstung. Sie werden Röhm nicht mehr loslassen: im Frühjahr 1934 halten sie Unterlagen und Listen bereit.” Kurz vor dem Höhepunkt jener Tage begab sich Adolf Hitler mit Gefolge nach Essen zur Hochzeit des Gauleiters Terboven. Unmittelbar nach seinem Eintreffen erreichten ihn Alarmrufe Himmlers aus Berlin über angebliche Machenschaften der SA. Darüber Lutze, der Nachfolger Röhms, laut Heinz Höhne: „Hier auf seinem Zimmer im ,Kaiserhof‘ in Essen ging nun auch der Fernsprecher fast ununterbrochen. Der Führer überlegte stark, war sich aber scheint's klar darüber, daß er nun zuhauen wollte. Ein weiterer Konfident der Verschwörer platzte in die Führerbesprechung: Paul (,Pilli‘) Körner, Faktotum Görings und Staatssekretär im Preußischen Staatsministerium, war soeben mit dem Flugzeug aus Berlin eingetroffen und brachte weitere Nachrichten von Himmler. Im ganzen Land, so schien es, rüste sich die SA zum Aufstand.” Diese und weitere Alarmmeldungen aus verschiedenen Teilen des Reiches verfehlten ihre Wirkung auf Adolf Hitler nicht: er begab sich mit seiner engsten Begleitung, der auch Martin Bormann angehörte, unmittelbar von der Hochzeitstafel Terbovens eilig zum Flugplatz Hangelar bei Bonn, von wo er nach München-Oberwiesenfeld flog und mit Kraftwagen nach Bad Wiessee weiterfuhr. Die dort am 30. Juni 1934 ab 6 Uhr 30 vom „Führer und Reichskanzler” persönlich durchgeführten Festnahmen, denen 59
zahlreiche weitere im gesamten Reichsgebiet folgen sollten, werden als bekannt vorausgesetzt, ebenso die anschließenden Morde durch befohlene und auch nicht befohlene Erschießungen und auf andere Weise — Untaten, die der Ministerstab am 3. Juli 1934 — also nachträglich — durch folgendes Gesetz sanktionierte: „Die zur Niederschlagung hoch- und landesverrätischer Angriffe am 30. Juni und am 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr rechtens.” Nach nationalsozialistischer Rechtsauffassung waren die Morde an den SA-Leuten verschiedener Dienstgrade ebenso „rechtens” wie die Morde an den Reichswehrgenerälen Kurt v. Schleicher, Ferdinand v. Bredow, sowie an Frau v. Schleicher, an Vizekanzler v. Papens Pressechef v. Böse, an Dr. Erich Klausner (Ministerialdirektor im Reichs Verkehrsministerium), an Rechtsanwalt Dr. Förster, an Stadtbaurat Kamphausen, an Gregor Strasser und anderen, insgesamt dreiundachtzig Deutschen. Sie alle wurden ohne Gerichtsverfahren, ohne Gelegenheit zur Verteidigung hingemordet. Dazu Adolf Hitler: „In dieser Stunde war ich... des deutschen Volkes oberster Gerichtsherr.” Welche Rolle hat nun Martin Bormann in diesen Tagen und Stunden der „deutschen Bartholomäusnacht” gespielt? Jochen v. Lang (8) hat ermittelt, „daß es keinen Beleg dafür gibt, daß Bormann schon Tage zuvor in den Plan eingeweiht wurde”. Er führte ständig ein Notizbuch als Terminkalender mit sich; dort findet sich die Eintragung vom 30. 6. 1934: „RöhmKomplott aufgedeckt: Schneidhuber, Graf Spreti, Heines, Heyn, Schmid, Heydebreck, Ernst erschossen.” (7) Auffällig sei, folgert v. Lang, „daß diese bewegten Tage keine ausführliche Niederschrift ausgelöst haben — und das, obwohl Bormann damals schon zum engsten Gefolge Hitlers gehörte, an allen internen Parteiveranstaltungen teilzunehmen hatte, zwischen Reichskanzlei und Braunem Haus pendelte und bereits mit Privatangelegenheiten seines Führers beauftragt wurde. Der Ablauf des Geschehens läßt eher den Schluß zu, daß er gemeinsam mit dem Münchner Gauleiter Adolf Wagner hintergründig wie 60
beim Fememord in Parchim dafür zu sorgen hatte, daß das Drama ohne Panne über die bayrische Bühne gehen konnte.” Diese etwas kühne Behauptung begründet v. Lang damit, daß der Münchner Gauleiter Wagner am 29. Juni abends telefonisch an Adolf Hitler nach Bad Godesberg meldete, daß SA-Stürme, von putschenden Führern alarmiert, durch München marschierten. Diese Meldung Wagners „paßte” in die Reihe der bereits vorliegenden Meldungen Heydrichs und anderer und kann dazu beigetragen haben, Adolf Hitlers Entschluß, nach Bad Wiessee zu gehen, beschleunigt durchzuführen. Die Vorgänge in Bad Wiessee sind bereits vorstehend gestreift. Fest steht, daß Adolf Hitler, aus Bad Wiessee kommend, von Rudolf Heß und Martin Bormann im „Braunen Haus” in München erwartet wurde und Heß und Martin Bormann die versammelten Funktionäre der Partei in den Senatorensaal gerufen haben. Hier griff Adolf Hitler den bereits am 5. Oktober 1932 in seinem Brief an Heß gemachten Vorschlag Martin Bormanns auf, Röhm als Stabschef der SA durch Viktor Lutze zu ersetzen. Über die Vorgänge im Senatorensaal berichtet Jochen v. Lang (8) weiter: „,ln seinem Arbeitszimmer (nach Heß) fällt der Führer die ersten Urteilssprüche.‘ Einzige Unterlage dafür war eine Liste mit den Namen der verhafteten SA-Führer, zusammengestellt von den Stadelheimer Gefängnisbeamten, bei denen sie einsaßen. Nun war die Liste in den Händen Bormanns, der wie kein anderer in der Runde die peinlich genaue Bearbeitung von Akten gewährleistete, den es nicht störte, daß dieses summarische Verfahren auf Anklage, Zeugen, Verteidiger, Richter verzichtete und der, blind gehorchend, einen Namen ankreuzte, so oft Hitler ein Todesurteil aussprach. Die Exekutive wartete inzwischen im Adjutantenzimmer: Sepp Dietrich, Gruppenführer der SS und Kommandeur der Leibstandarte... Ehe er vorgelassen wurde, diktierte Hitler Verlautbarungen und Presseberichte für die Öffentlichkeit... Bormann hatte dafür zu sorgen, daß diese Texte getippt, korrigiert und den jeweils Zuständigen übergeben wurden... Von Bor61
mann bekam er (Sepp Dietrich) die Liste in die Hand gedrückt, und Hitler befahl, die dort angekreuzten SA-Führer ... erschießen zu lassen. Auch hier, wie seinerzeit in Parchim mordete Bormann nicht selber, auch hier leistete er nur Beihilfe ...” Die Darstellung Max Gallos (40) über die Vorgänge vor und während der „Urteilsverkündung” Adolf Hitlers im Braunen Haus weichen von der Schilderung v. Längs (8) etwas ab. Max Gallo: „Hitler hat sich mit seiner Umgebung in ein Zimmer zurückgezogen. Lutze, Goebbels, der Parteirichter Buch, Martin Bormann, Sepp Dietrich, Rudolf Heß, Wagner und Max Amann sind da, hören ihm zu. Ihre Gegenwart bestärkt Hitler in seiner Unversöhnlichkeit, denn alle diese Männer sind seit langem Gegner Röhms und der SA ... Sie werden jene sein, die dem Führer geholfen haben, den Feind in diesen tragischen Stunden zu vernichten ... Ein Augenblick des Schweigens tritt ein, dann stellt Parteirichter Buch, dem Röhm schon 1932 entkam” (nicht 1923, wie im Werk Max Gallos steht) „neuerlich die Frage nach dem Schicksal der Gefangenen, die sich in Stadelheim befinden. ,Diese Hunde sind zu erschießen‘, schreit Hitler. Er nimmt eine Liste, die Innenminister Wagner ihm hinhält, und kreuzt eine Reihe von Namen an. Manchmal zögert er, dann aber setzt er die beiden Striche hin, die das Todesurteil bilden. Alle schweigen, man hört nur die Feder über das Papier kratzen. Schließlich übergibt der Führer Sepp Dietrich die Liste: ,Sie begeben sich sofort in das Gefängnis Stadelheim. Nehmen Sie einen SS-Offizier und sechs Unteroffiziere mit und exekutieren Sie die SA-Führer wegen Hochverrats.‘ ... Der Führer fügt trocken hinzu: ,lch habe Röhm seiner Verdienste wegen begnadigt.‘ ... Bestürzung malt sich auf den Gesichtern von Buch, Goebbels und Bormann. Röhm wird ihnen also wieder entkommen. So lange er lebt, ist ein Umschwenken Hitlers immer wieder möglich. Nur der Tod Röhms kann ihnen Sicherheit gewähren ... Göring und Himmler überreden Hitler” (in Berlin) „Röhm doch noch liquidieren zu lassen. Hitler gibt um 13 Uhr nach und 62
erteilt” (am 1. Juli 1934) „SS-Oberführer Theodor Eicke Befehl, Röhm zu beseitigen, ihn, wenn möglich, zum Selbstmord zu bringen ... In Berlin zeigt sich Hitler nochmals der begeisterten Menge, als ihm ein SS-Offizier eine Meldung überbringt: Röhm ist tot.” (Röhm beging nicht Selbstmord, sondern wurde von Eicke ermordet.) „Hitler zieht sich einige Minuten später in seine Räume zurück. Himmler und die SS haben ihren Sieg davongetragen. Göring, Heydrich, Goebbels, Bormann, Buch und ihre Komplizen können nun in aller Ruhe über Deutschland herrschen...” Ernst Röhm war sein allzu drastisches, polterndes, letzten Endes undiplomatisches Auftreten, auch seine Reichswehrpläne, zum Verhängnis geworden: damit hatte er keine maßgeblichen Freunde gewonnen, sondern vielmehr sich mit allen Machtgruppen des Dritten Reiches verfeindet: „Reichswehr und Göring wurden einen unerwünschten Konkurrenten los, Parteiapparatschiks und Tugendwächter waren von einem lästerlich-lasterhaften Störenfried erlöst und die SS konnte sich endlich von ihrer letzten Bindung an die SA freimachen.” (48) Um nun die Rolle zu beleuchten, die Martin Bormann um den 30. Juni 1934 gespielt hat, sind bereits die Darstellungen Jochen v. Längs (8) und Max Gallos (40) zitiert. Zur vollständigen Orientierung sei auch Heinz Höhne (48) herangezogen, da in seinem umfassenden Werk „Der Orden unter dem Totenkopf” die behandelten Vorgänge und Gestalten so exakt wie möglich aufgezeigt und vor allem jede Aussage und jedes Zitat quellenmäßig belegt ist: „Um 14.30 Uhr” (am 30. Juni 1934) „war (Sepp) Dietrich wieder da. Er mußte sich drei Stunden lang im Adjutantenzimmer des Braunen Hauses langweilen, während durch die Doppeltüren des Sitzungssaales” („Senatorensaal” genannt) „lautes, aber undeutliches Stimmengewirr drang. Hitler und seine engsten Mitarbeiter debattierten über das Schicksal der verhafteten SA-Führer. Es war die große Stunde des Parteirichters Buch, der offen nachholen konnte, was ihm 1932 mißglückt war: die Ermordung des Röhm-Kreises. Rudolf Heß und der NS-Verlagsherr Max 63
Amann” (des Franz Eher Partei Verlages München) „wetteiferten um das Vergnügen des Mordens; Heß rief: ,Mein Führer, es ist meine Aufgabe, Röhm zu erschießen.‘ Fassungslos saß der neue SA-Stabschef Lutze dabei und hörte das mörderische Gerede der anderen. So hatte er sich die Säuberung der SA nicht vorgestellt. Als ihn Hitler fragte, wer erschossen werden solle, wich Lutze aus: Er wisse nichts von Schuld und Mitschuld, er könne keine Namen nennen. Und verließ schweigend den Saal. Gegen 17 Uhr öffnete sich die Tür, und Martin Bormann, Buchs Schwiegersohn, trat heraus. Er führte Dietrich zu Hitler. Der sagte: ,Fahren Sie hinaus in die Kaserne, lassen Sie sich sechs Unteroffiziere und einen Offizier geben und lassen Sie die SA-Führer erschießen wegen Landes- und Hochverrats.‘ Dann reichte Bormann dem Gruppenführer Dietrich eine Häftlingsliste ..., sie enthielt die Namen der in Stadelheim eingelieferten SA-Führer ... Sechs Namen hatte Hitler mit einem Grünstift abgehakt ...” (Es folgen Namen und Dienstgrade der betroffenen SA-Führer, sowie deren Zellennummer im Gefängnis Stadelheim.) Bei dem Vergleich der Darstellungen von Jochen v. Lang, Max Gallo und Heinz Höhne über die Vorgänge im Senatorensaal des „Braunen Hauses” in München, wo Adolf Hitler die Todesurteile anhand der Liste aus dem Stadelheimer Gefängnis aussprach, fallen Abweichungen auf, die nicht unerwähnt bleiben sollen. Während v. Lang davon spricht, daß Martin Bormann diese Liste in den Händen hatte und immer dann einen Namen ankreuzte, wenn Adolf Hitler ein Todesurteil aussprach, schreibt Max Gallo, daß Adolf Hitler auf dieser Liste die Namen der zu Erschießenden — „mit zwei Strichen ankreuzte, die das Todeskreuz bilden” und daß „man die Feder über das Papier kratzen hörte”. Am einfachsten ist dieser Vorgang von Heinz Höhne geschildert: sechs Namen auf der Liste hatte „Hitler mit einem Grünstift abgehakt”. Wenn auch die Form der Bezeichnung der Todeskandidaten auf der Liste letzten Endes unerheblich ist, so stellt sich doch die Frage, wieso Gallo von einem „Todeskreuz” mittels einer „Feder, die man über das Papier kratzen hörte”, spricht, während Höhne 64
„Abhaken mittels Grünstift” nennt. Am weitesten entfernt von diesen Darstellungen ist v. Lang, da nach seinen Angaben nicht Adolf Hitler selbst, sondern Martin Bormann die Namen der sechs zu exekutierenden SA-Führer bezeichnet haben soll. Die Überprüfung der Angaben Gallos und v. Langs ist dadurch erschwert, daß beide Verfasser ihre Quellenangaben summarisch für den Gesamtinhalt ihrer Bücher machen. Höhne dagegen ermöglicht die Verfolgung seiner Angaben bis ins letzte Detail, wie bereits vorstehend erwähnt ist. Das „Abhaken mit einem Grünstift” entnahm Höhne den Einlieferungslisten des Strafvollzugsgefängnisses München, Prozeßakten des Landgerichts München I (48), die in den Bibliographien Gallos (40) und v. Langs (8) fehlen. Die in- und ausländische Öffentlichkeit war der Ansicht, daß am 30. Juni 1934 die Reichswehr einen Sieg über Röhm und seine Absichten davongetragen habe. Diese Auffassung ist irrig. Heydrich hatte nicht als Verbündeter der Reichswehr gehandelt, als er einen ihrer hervorragendsten Repräsentanten, General Kurt v. Schleicher, ermorden ließ (49). In den folgenden Jahren wurde die SS bewaffnet. Die Reichswehr war nicht mehr „einziger Waffenträger der Nation” (Adolf Hitler). Am 3. Juli 1934 schrieb die gewiß nicht deutschfreundliche „Le Temps” (Paris): „Altes Deutschland, das hast Du nicht verdient.”
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FÜNFTES KAPITEL Bormann immer mächtiger — Er leitet Überwachung des Deutschen Volkes durch Gestapo ein — Verbot freier Meinungsäußerung — Gleichzeitige „Säuberungen” in der Wehrmacht und der Roten Armee — War ein Horoskop Ursache für Hitlers Unrast? — Hitler stellt Parteidenken über Vaterlandsliebe Durch den Aufstieg der NSDAP war „Neuland” entstanden. Hier stieß Martin Bormann geschickt und erfolgreich vor. Bereits am 27. Mai 1933 richtete er ein Schreiben an Rudolf Heß, in dem er an seine wiederholten Bitten um Versetzung aus der Hilfskasse der Partei erinnerte. Er begründete diesen Wunsch damit, daß der Reichsschatzmeister Schwarz eine Vereinfachung der Beitragsabrechnung anstrebe, wodurch Martin Bormann befürchte, überflüssig zu werden. Während er im zweiten Absatz dieses Briefes „um anderweitige Verwendung und um eine andere Aufgabe in der politischen Organisation” spricht, wiederholt er im dritten Absatz des Briefes nur den zweiten Teil seines Anliegens, „Verwendung innerhalb der politischen Organisation” zu finden, mit Nachdruck. Es ist verständlich, daß ein 33jähriger, rühriger junger Mann nach der oft zitierten „Machtübernahme” der Partei an die Stelle treten wollte, wo Aussicht auf Erfolg bestand und er zugleich auch seinen Ehrgeiz zufriedenstellen konnte. Ein negatives Bild — um auch diese Seite zu sehen — vermitteln die Worte seines ehemaligen Vorgesetzten, des Reichsschatzmeisters Schwarz (laut General Koller, 37), die sich allerdings nicht auf den Bormann aus der Zeit der Hilfskasse, sondern den „Sekretär” der späteren Jahre beziehen. Schon Anfang Juli 1933 wurde in der „Parteikorrespondenz” die Ernennung Martin Bormanns zum Leiter des Stabes von Rudolf Heß bekanntgegeben. Einige Schreiben an Adolf Hitlers Stellvertreter hatten demnach genügt, um nur sechs Monate nach der „Machtübernahme” der Partei die spätere „Machtübernahme” Martin Bormanns innerhalb der Partei einzuleiten. Von einer 66
politischen Überprüfung ist nie die Rede gewesen. Ein Vergleich aus unseren Tagen bietet sich an: Walter Guillaume — Willy Brandt. Am 10. Oktober 1933 erfolgte Bormanns Ernennung zum Reichsleiter und wenige Wochen später war er Abgeordneter des Deutschen Reichstages. Joseph Wulf (10) hat den Lebenslauf Bormanns in fünf Etappen gegliedert. Die erste Etappe umfaßt die Jahre der „weltanschaulichen Orientierung” von 1920 bis Juli 1933, der Ernennung zum Stabsleiter von Rudolf Heß. Die zweite Etappe dürfte mit dem Flug von Heß nach England (10. 5. 1941) zu Ende gegangen sein; nun begann die dritte Etappe, die Joseph Wulf von Mai 1941 bis 12. April 1943 ansetzt. Die vierte Etappe soll bis Ende 1944 gerechnet werden, als die Ardennenoffensive erfolglos verlief, während die fünfte Etappe am 1. Mai 1945 zu Ende war. Dieser Gliederung können wir uns nicht anschließen, da der Aufstieg Martin Bormanns vom „unbekannten Parteigenossen” zu den „Schalthebeln der Macht” durch besondere Merkmale gekennzeichnet ist, die nicht durch Titel bzw. Dienstbezeichnungen wie „Reichsleiter”, „Abgeordneter” und „Sekretär des Führers” begrenzt werden können. Das eine Merkmal war das Vertrauen, das Adolf Hitler zu ihm hatte und das nur durch besondern Fleiß, Aufmerksamkeit, ständige Anwesenheit und zur Schau getragene Gläubigkeit sowie Unterwürfigkeit erworben werden konnte. Wenn Adolf Hitler z.B. eine Beurteilung aus der Sicht der Partei wünschte, dann besorgte sie Martin Bormann zu jeder Tages- oder Nachtzeit in kürzester Frist, wenn erforderlich auch durch Einsatz aller Fernmeldeeinrichtungen wie Fernsprecher, Fernschreiber, Funk. Bücher wurden auf dem Luftwege beschafft. Eine weiteres Merkmal war, das so erworbene bzw. erschlichene Vertrauen nach seinem, Bormanns Gutdünken und Absichten einzusetzen und zugleich mit den Auffassungen des Staatsoberhauptes zu verbinden. Eine Parallele dazu stellt das Vertrauensverhältnis Adolf Hitlers zu seinem Leibarzt Dr. Morell dar, worüber im 2. Kapitel eingehend berichtet wurde. Martin Bormanns Tätigkeit im Stabe von Hess war vielseitig 67
und sein Interesse erstreckte sich auf die meisten Bereiche in der Partei-Organisation (PO), aber auch darüber hinaus. Dazu einige Beispiele: Als die drei „Führer-Adjutanten” Brüdmer, Schaub und Wiedemann vom Herzog v. Coburg mit dessen Hausorden dekoriert worden waren, erregten diese Ehrungen den Unwillen des Reichsleiters Bormann. Er erinnerte schriftlich daran, daß es Parteigenossen untersagt sei, für Verdienste um die Erhebung Deutschlands Orden anzunehmen, und daß es den „ehemaligen Potentaten” nicht zustehe, ja eine Anmaßung bedeute, überhaupt noch Orden zu verleihen. — Umfang und fachlicher Inhalt dieser Mitteilung lassen den Juristen erkennen. Möglicherweise hat sich Martin Bormann von seinem Mitarbeiter Dr. Heim beraten lassen, ehe dieser Brief seine endgültige Fassung erhielt, in dem auch die abweisende Haltung gegenüber „unsern ehemaligen Monarchen” zum Ausdruck kommt (8). Die Oberste SA-Führung beklagte sich im Herbst 1933 darüber, daß in allen Teilen des Deutschen Reiches von den „Amtswaltern” der Partei olivgrüne Mäntel getragen würden, die ausschließlich für die SA bestimmt seien. Hier schaltete sich Reichsleiter Bormann mit einem klärenden Schreiben am 8. November 1933 ein: für die politischen „Amtswalter” seien nur braune Mäntel zulässig, während die SA grüne Mäntel zu tragen habe (10). Eine freie Meinungsäußerung hat es im Dritten Reich nicht gegeben. Martin Bormann wollte diejenigen Deutschen überwachen, die die NSDAP zu kritisieren wagten. Dabei bediente er sich der Denunziation und arbeitete Hand in Hand mit der Gestapo. Auch hier ging er methodisch vor. In dem Rundschreiben vom 14. Februar 1935 forderte er die Dienststellen der Partei auf, „allmählich endlich alles Mißtrauen gegenüber der Gestapo fallen zu lassen und ihr lieber zu helfen, die schweren Aufgaben zum Schutz von Volk und Partei zu lösen, anstatt sich ihr entgegenzustemmen ...” (10). In einem weiteren Rundschreiben zur Sache erteilte er ein halbes Jahr später, am 3. September 1935 allen Parteidienststellen den Befehl, seine Forderung laut Rundschreiben vom 14. Februar 1935 auszuführen (10): 68
„Am 3. September 1935 gab Stabsleiter Bormann dann allen Parteidienststellen den ganz unzweideutigen Befehl, der Gestapo jeden gewissenhaft zu melden, der die Partei selbst oder eine ihrer Gliederungen zu kritisieren und zu verunglimpfen wage. Er bezog sich dabei auf ein Gesetz vom 20. Dezember 1934, demzufolge die Partei, ihre Gliederungen sowie jeder Hoheitsträger den gleichen Schutz genieße. Falls daher eine verleumderische Anzeige gegen die NSDAP, ihre Gliederungen oder einzelne Parteimitglieder vorliege, deren Heimtücke offensichtlich sei, müsse der Reichsjustizminister sich dieserhalb unmittelbar mit dem Stellvertreter des Führers in Verbindung setzen. „Stellvertreter des Führers” aber bedeutete schon damals praktisch ,Martin Bormann‘. Meistens jedenfalls! Gemeinsam werde dann gegen den heimtückischen Verleumder vorgegangen werden.” Eine Anordnung, das ganze deutsche Volk zu bespitzeln, hatte es selbst zu Metternichs Zeiten in diesem Umfang im deutschen Sprachraum nicht gegeben. Der älteren Generation, soweit sie nicht voll hinter Adolf Hitler stand, ist die so geschaffene Atmosphäre jener Tage erinnerlich. Seither ist die Abkürzung „Gestapo” der Inbegriff für Angst und Terror geworden. Übertreibungen, wie sie heute in den Massenmedien des In- und Auslandes zu finden sind, gehen aber am Sachverhalt ebenso vorbei wie Versuche, die Gestapo reinzuwaschen, weil ihr Leiter, Heinrich Müller, katholisch war, früher der bayerischen Volkspartei angehörte und „durch mißbräuchliche Verwendung dieses Instruments ... dem Nationalsozialismus das Odium des Polizeistaates anlastete”. (50) Schließlich sei noch der Brief erwähnt, den Martin Bormann dem Auslandspressechef der NSDAP, Dr. Ernst Hanfstaengl, schrieb, als dieser aus Angst um Leib und Leben in das Ausland geflohen war. Es hatte sich folgendes zugetragen: Dr. Hanfstaengl, der die Partei schon in der Frühzeit finanziell unterstützt hatte und seit jenen Tagen zu dem kleinen Kreis der Vertrauten um Adolf Hitler in München gehörte, hatte aufgrund seines Wissens um zahlreiche Interna eine unvorsichtige Äußerung getan. Er wurde am 10. Februar 1937 während eines 69
Fluges von Staaken nach Würzen i. Sa. an Bord einer Ju 52 zum Absprung mit Fallschirm gedrängt. Er weigerte sich, dem Folge zu leisten, und hielt sein Leben für bedroht. Er floh über die Schweiz nach London. In Zürich erreichte ihn folgendes Schreiben Hermann Görings vom 19. März 1937, um ihn zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen: „Lieber Hanfstaengl! Wie mir heute mitgeteilt worden ist, befindest Du Dich seit einiger Zeit in Zürich und hast die Absicht, vorläufig nicht nach Deutschland zurückzukehren. Ich nehme an, daß die Gründe hierfür auf Deinen letzten Flug von Staaken nach Würzen i. Sa. zurückzuführen sind. Ich versichere Dir, daß die ganze Angelegenheit nur einen harmlosen Scherz darstellen sollte. Man wollte Dir wegen einiger allzu kühner Behauptungen, die Du aufgestellt hattest, Gelegenheit zum Nachdenken geben. Etwas anderes war wirklich nicht beabsichtigt. Ich habe Oberst Bodenschatz zu Dir geschickt, der Dir persönlich noch einige Aufklärungen geben wird. Ich halte es aus verschiedenen Gründen für dringend notwendig, daß Du mit Bodenschatz sofort nach Deutschland zurückkehrst. Ich erkläre Dir ehrenwörtlich t daß Du Dich hier bei uns wie immer in aller Freiheit bewegen kannst. Laß also allen Argwohn fallen und handele vernünftig. Mit kameradschaftlichen Grüßen Heil Hitler! Hermann Göring” (Hervorhebungen im Original)
In der Höhe der Unterschrift hat Göring handschriftlich hinzugefügt: „Ich erwarte, daß Du meinem Wort Glauben schenkst!” (Hervorhebg. i. Orig.) Darüber Dr. Hanfstaengl in seinen Memoiren (46): „Durch den amerikanischen Kurier bat ich meinen alten Freund Truman-Smith, vorsichtig bei meinen Bekannten zu sondieren, ob mein Leben im Falle meiner Rückkehr gefährdet sei. Er wandte sich sogleich an General v. Reichenau, der ihm nach einigen Wochen mitteilte, es sei unserem gemeinsamen Bekannten von einer Rückkehr abzuraten. Das nächste, was ich hörte war, daß mein Vermögen beschlagnahmt worden war. Selbst jetzt 70
hörten ihre Bemühungen nicht auf, mich wieder in ihre Gewalt zu bekommen. Martin Bormann betonte in einem Schreiben, daß alle Strafmaßnahmen aufgehoben und mir die Kosten meines Londoner Aufenthaltes vergütet werden würden, wenn ich zurückkäme. Bodenschatz kam zum zweiten Mal nach London und brachte den Mann meiner frühern Sekretärin mit, der in Goebbels‘ Ministerium tätig war. Er überbrachte mir eine beschwichtigende Botschaft vom ‚kleinen Doktor‘. Als ich auf nichts eingehen wollte, fuhr Bodenschatz schweres Geschütz auf: ,Wenn Sie nicht zurückkommen, gibt es noch andere Mittel, Sie zum Schweigen zu bringen', drohte er. Ich erwiderte ihm, meine Erinnerungen seien bereits geschrieben und lägen im Panzerschrank meines Anwalts. Stürbe ich eines natürlichen Todes, würden sie vernichtet werden; stoße aber mir oder meinen Verwandten etwas zu, so würden sie veröffentlicht.” Am 6. November 1965 gab Generalmajor v. Schoenebeck in München die folgende Erklärung zu dieser Angelegenheit ab: „Hinsichtlich des angeblichen Scherzes, der am 10. 2. 1937 auf Befehl des damaligen Befehlshabers der Luftwaffe, Hermann Göring, gegen den ehemaligen Auslandspressechef der NSDAP, Dr. Ernst Hanfstaengl, inszeniert wurde, habe ich das Folgende zu sagen: Als damaliger Kommandeur der Erprobungsstellen in RechlinMüritzsee erhielt ich am 10. 2. 1937 von dem damaligen Adjutanten des Reichsmarschall Göring, General Bodenschatz (soweit ich mich erinnere), den Befehl, eine Ju 52 mit einer kompletten Blindflugbesatzung für eine ,Sonderaufgabe‘ zur Verfügung zu stellen. Der damalige Flugzeugführer war Herr Frodel (auch dies soweit ich mich erinnere). Gegen Abend meldete sich die Besatzung zurück und gab ihrer Empörung Ausdruck über die Verwendung, die sie gefunden hatte. Es hatte sich folgendes abgespielt: An einem bestimmten Ort wurde unter ändern Dr. Ernst Hanfstaengl an Bord genommen und es war ihm unterwegs eröffnet worden, er habe mit dem Fallschirm abzuspringen. Dr. Hanfstaengl konnte sich Gott sei Dank der mit Nachdruck geforderten Aufforderung entziehen. Nach meiner Beschwerde am 71
nächsten Tag über die Verwendung meiner Flugzeuge zu derartigen Sportveranstaltungen, (sprich Liquidierungen), wurde das Unternehmen als ,Scherz‘ bezeichnet.” (46) Kehren wir aber wieder zu Martin Bormann zurück. Es konnte nicht ausbleiben, daß er bei dem engen Kontakt, den er mit Adolf Hitler hatte, gelegentlich auch zurechtgewiesen wurde. Das geschah einmal in besonders scharfer Form, als Hitler dem erkrankten General Ludendorff im Herbst 1937 in München einen Besuch abgestattet hatte. Darüber Wilhelm Breuker (51): „Wenige Stunden nach diesem Besuch äußerte jemand aus dem Gefolge Hitlers: ,lch habe den Führer nie so weich gesehen. Wenn jetzt der richtige Mann da wäre, der den Mut hätte, nachzustoßen, dann würde Hitler seine Kriegspläne aufgeben und seine ganze Politik herumwerfen.‘ Und von einer anderen Seite aus der Umgebung Hitlers wurde erzählt: Als Bormann, beunruhigt durch die Ergriffenheit, mit der der Führer von seinem Besuch bei Ludendorff berichtete, die Bemerkung gewagt habe, Ludendorff sei sicher ein großer Soldat, aber immer ein schlechter Politiker gewesen, habe ihn Hitler mit den Worten angeherrscht: ,Schweigen Sie, Ludendorff sieht klarer als wir alle.‘” Ferner meint Breuker, daß es für jeden, der General Ludendorff kannte, keinen Zweifel geben könne, daß er Hitler ein letztes Mal vor seiner Politik des Säbelrasselns gewarnt habe. — Im übrigen hat schon am 30. März 1937 General Ludendorff im Münchner Generalkommando an Adolf Hitler folgende Worte gerichtet: „Ich warne Sie aber sehr ernst davor, einen Krieg zu beginnen. Wir müssen uns überhaupt aus jeder kriegerischen Verwicklung heraushalten. Nur ein Verteidigungskrieg kommt für Deutschland in Frage, sonst nur strikte Neutralität. Die neue Armee braucht sowieso noch Jahre, bis sie diese Aufgabe erfüllen kann. Nach allem, was ich über den Aufbau der neuen Wehrmacht erfuhr, wird Ihnen zu Beginn des Krieges großer Erfolg sicher sein. Es mag sogar sein, daß Sie bis vor Kairo und Indien kommen. Der weitere Krieg wird aber zur völligen Niederlage führen. Die Vereinigten Staaten werden diesmal in noch ganz an72
derm Ausmaß eingreifen und Deutschland wird schließlich vernichtet.” (52) Nachdem die Gefahr, die der Parteiführung von Röhm „gedroht” hatte, am 30. Juni 1934 radikal beseitigt worden war, wendet sich Martin Bormann dem Ausbau des Obersalzberges, des geplanten Sommersitzes des Staatsoberhauptes, mit der ihm eigenen Energie zu. Er hat sich mit Geldern aus der „Adolf Hitler-Spende der Industrie” in „Wahrnehmung der persönlichen Interessen Hitlers in den Besitz des Obersalzberges rund um den Berghof gesetzt und sich dadurch geschickt in das Privatleben Hitlers hineingespielt und sich im Laufe der Jahre so in ihm verankert, daß Hitler ihn in zunehmendem Maße für unentbehrlich hielt und diesem gehirnlosen Menschen dann immer mehr politischen Einfluß gab, weil er in ihm das absolute und blind gehorsame Werkzeug zur Weitergabe ... seiner Befehle bis zum furchtbaren Ende gefunden hatte”. (42) Der damalige Rüstungsminister und Architekt, Albert Speer, erinnert sich: „Bormann war der wahre Herr des Obersalzberges. Er kaufte unter Zwang jahrhundertealte Bauernhöfe auf und ließ sie ebenso abreißen, wie die zahlreichen geweihten Marterln, obwohl hier die Kirchengemeinde Einspruch erhob. Auch Staatsforste kassierte er, bis das Gelände von einem fast 1900 Meter hohen Berg in das 600 Meter tiefer gelegene Tal reichte und eine Fläche von sieben Quadratkilometern umfaßte. Der Zaun um den innern Bereich maß etwa drei, um den äußern vierzehn Kilometer. Ohne jedes Empfinden für die unberührte Natur durchzog Bormann diese herrliche Landschaft mit einem Netz von Straßen; aus Waldwegen, bisher mit Tannennadeln bedeckt und von Wurzeln durchquert, wurden asphaltierte Promenaden. Eine Kaserne, ein ganzes Garagenhaus, ein Hotel für Hitlers Gäste, ein neuer Gutshof, eine Siedlung für die ständig wachsende Zahl der Angestellten entstanden so schnell hintereinander, wie bei einem plötzlich in Mode gekommenen Kurort. Wohnbaracken für Hunderte von Bauarbeitern klebten an den Berghängen, Lastwagen mit Baumaterial befuhren die Straßen, des Nachts waren verschiedene Baustellen erleuchtet, denn es wurde in zwei Schichten 73
gearbeitet, und gelegentlich dröhnten Detonationen durch das Tal.” (32) Anzahl und Stärke dieser Sprengungen haben anscheinend zugenommen, denn „Hitler sah sich im Laufe der Jahre gezwungen, Bormann diese Sprengungen bis 12 Uhr mittags zu untersagen, damit sie ihm nicht den Schlaf raubten. Die Arbeit und die Erdbewegungen nahmen im Laufe der Jahre nicht ab, sondern wuchsen sich aus. Denn mit ihnen wuchs auch Bormanns Bedeutung! Man bekommt eine Vorstellung von dem Umfang dieser Arbeiten, wenn man weiß, daß nicht weniger als fünftausend meist ausländische Arbeiter bis weit in die Kriegsjahre hinein am Obersalzberg ... beschäftigt waren.” Soweit der Reichspressechef Dr. Otto Dietrich. (42)
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SECHSTES KAPITEL Werdegang und Fall Tuchatschewskis — War er Freimaurer? — Canaris versagt Heydrich Hilfe für Herstellung von Fälschungen — Bormann schaltet sich entscheidend ein
Die Säuberungen der Roten Armee (1937—1938) sind ein Teil der Säuberungen gewesen, die mit der Ermordung des Leningrader Parteisekretärs Kirow am 1. Dezember 1934 begannen und sidi von 1935 bis 1938 auf alle Kreise der russischen Bevölkerung erstreckten. Nicht ausgenommen davon waren selbst alte Kämpfer Lenins und Stalins, wie Sinojew, Kamenew, Bucharin; auch Karl Radek war darunter, der die einleitenden Gespräche mit General v. Seeckt über die Zusammenarbeit der Roten Armee mit der Reichswehr wenige Jahre vorher geführt hatte. Diese „Trotzkistenprozesse”, wie die Säuberungen nach sowjetischer Terminologie oder „Schauprozesse” nach westlichen Auffassungen genannt wurden, wären in den Jahren 1935 bis 1938, als Adolf Hitler die Welt in Atem hielt, nicht sonderlich beachtet worden, wenn nicht auch die Rote Armee davon erfaßt worden wäre. Als bekannt wurde, daß der Sowjetmarschall Mihail Tuchatschewski verhaftet, in geheimer Verhandlung verurteilt und hingerichtet worden war, wurde die Weltöffentlichkeit aufmerksam. Es folgten die Erschießungen der Militärbefehlshaber von Weißrußland, Uborewitsch und von Kiew, Jakir, ferner des Kommandeurs der Frunse-Kriegsakademie, Kork, des Chefs des Generaldirektorats der Armee, Feldmann, des Chefs des Ossoviachim (Vormilitärische Ausbildung), Eidmann, des frühern sowjetischen Militärattaches in London, Putna, auch des Korpsgenerals Primakow. „Der Chef des Generalstabes Egorow, der Befehlshaber der Luftstreitkräfte Alksnis, der Befehlshaber der Marine, Orlow, der Inspekteur der Artillerie und der Panzertruppe, 13 Armeegenerale von 15, 57 Korpsgenerale von 85, 110 Divisionskom75
mandeure von 195 und 220 Brigadekommandeure von insgesamt 406 waren nach weniger als Jahresfrist verschwunden. Der Chef des politischen Direktorats der Armee, Gamarnik, beging Selbstmord in seinem Büro... Im Jahre 1938 waren nur noch zwei von fünf Marschällen übriggeblieben. Von den 80 Mitgliedern des Obersten Militärrats verschwanden 75, 35 000 Offiziere und Kommissare waren liquidiert oder deportiert worden, ebenso verschwanden 90% der Generale und 80% der Obersten ... Die Stäbe der Militärbezirke der zukünftigen Armeen, Korps und Divisionen waren vollständig ausgefegt. Kein noch so mörderischer Krieg hätte so verheerende Folgen haben können ...” (59) Durch die Ereignisse der Oktoberrevolution von 1917, des Bürgerkriegs sowie verschiedener Säuberungen hatten die Historiker den Umfang der damit verbundenen Liquidierungen erfahren. Als jedoch bekannt wurde, daß sogar die Spitzen der militanten Sowjetmacht, der Roten Armee, einer besonders radikalen Säuberung zum Opfer gefallen waren, erschien dieser Vorgang unverständlich, auch daher, weil sich unter den Betroffenen ein Teil der Sowjetkommandeure befand, die noch wenige Jahre vorher durch Offiziere der deutschen Reichswehr ausgebildet worden waren und die zu den sichersten Stützen des Sowjetsystems gerechnet wurden. Daher nehmen die Vorgänge um die Person des zweiten Mannes in der Roten Armee, des Sowjetmarschalls Tuchatschewski, in der westlichen Literatur einen breiten Raum ein. Es wird berichtet, daß der im Jahre 1893 Geborene adeliger Herkunft war. Er diente als Leutnant im Semeonowski-Garderegiment des Zaren Nikolaus II. Er geriet 1914 verwundet in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus der ihm nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen erst 1918 die Flucht gelang. Tuchatschewskis Mitgliedschaft in der Loge „Polarstern”, der auch weitere Gardeoffiziere des Zaren angehört haben sollen, wurde von Viktor Alexandrow (60), der sich auf den exilrussischen General Skoblin bezieht, veröffentlicht. Diese Angaben sind jedoch aktenmäßig nicht bewiesen. Es wird darauf später, im Zusammenhang mit Heydrich, eingegangen werden. 76
Tuchatschewski trat kurz nach dem Zusammenbruch der Zarenregierung in die Rote Armee ein. Hier kämpfte er erfolgreich gegen die weißrussischen Verbände des Admirals Koltschak und des Generals Denikin. Ferner nahm er am Abwehrkampf der Sowjets gegen die in die Ukraine eingefallenen polnischen Truppen unter Pilsudski teil, die am 7. Mai 1920 Kiew besetzt hatten. Es gelang ihm nicht nur, die polnischen Truppen aus der Ukraine zu vertreiben, sondern bis in die Vororte Warschaus vorzustoßen, wo seine Verbände erschöpft und ohne Reserven zum Stillstand kamen. In dieser Lage befahl das Oberkommando der Roten Armee seiner unter Jegorow und Budjonnyj stehenden Südarmee, Tuchatschewski zu Hilfe zu kommen. Die Kommandeure der Südarmee, die Armeekommissar Stalin begleiteten, kamen diesem Befehl jedoch nicht nach, sie stießen auf Lemberg vor. In der Folge gelang es den Polen, mit französischer Waffenhilfe unter General Weygand, dem im Stich gelassenen Tuchatschewski vor den Toren Warschaus eine vernichtende Niederlage zu bereiten. (Wunder an der Weichsel, 59, 61) Auch mit der Niederschlagung des Matrosenaufstandes der Seefestung Kronstadt, dem sich die im gegenüberliegenden Oranienbaum stehenden Regimenter angeschlossen hatten, war Tuchatschewski betraut worden. Diese Aufgabe löste er unter schweren Kämpfen in der kurzen Frist von neun Tagen (7. bis 16. März 1921). Erstaunlich ist, daß seine Karriere trotz der aristokratischen Herkunft in der Roten Armee steil blieb: er wurde Befehlshaber des Leningrader Militärbezirks und Direktor der Frunse-Akademie. Seine Reformen der Roten Armee erstreckten sich auf die Schaffung mechanisierter und gepanzerter Verbände; Teile der Infanterie- und Kavalleriedivisionen sollten motorisiert werden. Auch der Aufbau einer Luftwaffe einschließlich Luftlandeverbänden, die einst auf den Manövergast General v. Hammerstein so großen Eindruck gemacht hatten, waren geplant. Er erhielt 1931 vom Polit-Büro der Partei den Auftrag, seine Pläne durchzuführen. Tuchatschewski erfreute sich nicht nur bei den Soldaten, son77
dem bei der ganzen Bevölkerung der Sowjetunion großer Popularität. Darüber hinaus begab er sich in politische Bereiche. Das wurde ihm zum Verhängnis. Tuchatschewski war durch und durch Russe. Die genannten Maßnahmen, die er traf, weisen auf eine nationale Denkungsart hin. Auch der Bau von Autostraßen, die für die neue Waffengattung „Motorisiertes Transportkorps” geschaffen wurden, deuten darauf hin (59). Hier ist der Vergleich mit den Reichsautobahnen und dem NS-Kraftfahrkorps nicht abwegig. Hand in Hand mit seinen Plänen zur militärischen Stärkung der Sowjetmacht gingen seine politischen Überlegungen. Im Januar 1936 hielt er vor dem Zentralkomitee in Moskau eine Rede über die allgemeine politische Lage in Europa. Hier war er durch seinen leidenschaftlichen deutschfeindlichen Ton aufgefallen, der in scharfem Gegensatz zu Stalins gemäßigten Erklärungen in derselben Sache stand (53). Im Winter 1936/37 berichtete der in Paris lebende exilrussische General Skoblin, der auch im Dienste der GPU gestanden haben soll, dem Chef des deutschen Sicherheitsdienstes, Heydridi, daß in der Roten Armee eine Verschwörung gegen Stalin geplant sei, an deren Spitze Tuchatschewski und General Putna stünden (53). Eindeutiger drückt sich der Verfasser des Buches „Der Marschall war im Weg” (60), Viktor Alexandrow, aus, wenn er sagt, „daß der Sowjetmarschall” (Tuchatschewski) „alles vorbereitet hatte, um eine gegen das Dritte Reich gerichtete Allianz auf die Beine zu stellen, die bei erster Gelegenheit eine Präventivaktion einzuleiten bereit war”. An dieser Stelle sei auf die Angaben General Skoblins eingegangen, die er über Tuchatschewski zu Heydrich gemacht haben soll (60). Demnach war a) Tuchatschewski sehr antideutsch eingestellt und b) als ehem. Gardeoffizier des Zaren Mitglied der Loge „Polarstern ” im 23. Grad c) Die Familie Tuchatschewski gehörte schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur Freimaurerei und 78
d)
Tuchatschewski sei jüdisch versippt; sein Großvater soll eine zum Christentum übergetretene Jüdin geheiratet haben e) Skoblin zu Heydrich: „Wenn es uns mit Ihrer Hilfe gelingt, die Kommunisten zu schlagen, dann garantiere ich Ihnen, Herr Heydrich, daß in Rußland nicht viele Juden übrig bleiben werden.” Es liegt auf der Hand, daß General Skoblin Argumente vorbrachte, die geeignet waren, den Sowjetmarschall in den Augen Heydrichs als äußerst gefährlich erscheinen zu lassen und zugleich gegen ihn aufzuputschen. Skoblins Argumente liefen parallel mit dem politischen Kurs der NSDAP. Er ist mit seinem Wissen an Heydrich herangetreten, wodurch die von Stalin geplante Liquidierung Tuchatschewskis eingeleitet werden konnte, weil Heydrich bzw. die Abwehr unter Admiral Canaris im Besitz der Unterlagen mit den Unterschriften Tuchatschewskis waren, über die bereits berichtet wurde. Dadurch ist es wahrscheinlicher geworden, daß Skoblin als Nachfolger der entführten zaristischen Generäle Kutjepow und Miller aus Paris nicht nur für die in Frankreich lebenden russischen Emigranten sondern auch für Stalins GPU tätig gewesen war. Diese Zusammenhänge zu durchschauen und damit die Grenzen seiner Tätigkeit klar zu erkennen, war dem sonst als hochintelligent geschilderten Heydrich anscheinend nicht möglich. Er glaubte bis zu seinem Tode (4. Juni 1942) daran, daß er entscheidend zu der Schwächung der Roten Armee beigetragen habe (49), ohne zu ahnen, daß auch er im Interesse Stalins gearbeitet hat. Zu der Behauptung Skoblins, daß Tuchatschewski Freimaurer gewesen sei, ist zu bemerken, daß sich eine solche Mitgliedschaft nur auf die Zarenzeit beziehen kann, da die russischen Logen nach Ausbruch der Revolution 1917 aufgelöst und verboten worden waren. Darüber teilen Friedrich Wichtl und Robert Schneider (65) folgendes mit: „In Rußland hat der Prozeß gegen Radek und Genossen ergeben, daß zwischen den russischen und den französischen Freimaurern die engsten Verbindungen bestehen. (Vgl. ,Neue Abendzeitung* Ludwigshafen vom 9. 2. 1937) Radek war Meister vom 79
Stuhl der Sowjetfreimaurerloge ,Stern des Nordens‘. Dieser Loge gehörten sowjetrussische Diplomaten und zwei Mitglieder des Zentralausschusses der kommunistischen Partei an. Es ist inzwischen bekannt geworden, daß Sowjetrußland 6 Großlogen wieder zugelassen hat, die in Verbindung mit den französischen Großlogen stehen. Das neue sowjetrussische Staatswappen zeigt Hammer und Sichel, die die Erdkugel beherrschen. Darüber befindet sich der fünfeckige Stern.” Da die subjektiven Behauptungen Viktor Alexandrows (60) über Aussagen Skoblins in Sachen Tuchatschewski, ferner die Angaben von Wichtl-Schneider (65) mit Martin Bormann nicht in Zusammenhang stehen, wird von weiteren Betrachtungen des Komplexes aus dieser Sicht Abstand genommen. Um die Glaubwürdigkeit der Angaben in seinem Buch „Der Marschall war im Wege” zu stützen, hat Viktor Alexandrow im Vorwort dazu gesagt: „Möglicherweise wird es Erstaunen erregen, daß ich so genau über die Umstände der Verhaftung Tuchatschewskis, ja selbst über die Worte informiert bin, die er damals mit dem Offizier wechselte, der die Verhaftung vorzunehmen hatte. Dieser Offizier indessen wurde 1937 als Vertreter des NKWD an die Botschaft in Sofia entsandt. Er hat dem damaligen Botschafter Raskolnikow die Ereignisse in allen Einzelheiten geschildert. Von diesem habe ich sie erfahren, nachdem er seinen Posten verlassen hatte und nach Paris emigriert war.” (60) Solche Äußerungen und eventuelle Absichten Tuchatschewskis waren nur geeignet, den stets Wachsamen und Mißtrauischen im Kreml zu beunruhigen, da er permanent um seine Macht fürchtete. Zwischen Stalin und Tuchatschewski gab es erhebliche Unterschiede im Herkommen, in der Vergangenheit, im Charakter und den persönlichen Zielen. „Neben der Furcht, auch aus der russischen Revolution könne ein neuer Napoleon auferstehen, machte Stalin schon der Gedanke krank, daß unter seinen Untergebenen jemand war, der ihm an geistigen Gaben, an Arbeitskraft, im äußern Auftreten und im Bildungsgrad überlegen war... Tuchatschewski gehörte 80
nicht zu denen, die Stalins Gunst suchten ... Während des spanischen Bürgerkrieges kam es zu ersten schwerwiegenden Spannungen zwischen dem Diktator und dem Marschall...” (59) Tuchatschewski wollte lediglich Freiwillige zur Unterstützung der Rot-Spanier gegen General Franco (1936) entsenden, um die Rote Armee für zentraleuropäische Aufgaben intaktzuhalten. Stalin setzte die Unterstützung der Rot-Spanier durch, unter denen sich auch der spätere Bundeskanzler Willy Brandt befand, indem er reguläre Truppen der Roten Armee nach Spanien beorderte. Ferner hatte Tuchatschewski in seinem schriftlichen Bericht über den Polenfeldzug (1920) Stalin für seine Niederlage vor Warschau verantwortlich gemacht, was dieser nie vergaß (62). Schließlich war die Rote Armee unter Tuchatschewski stärker und nationaler geworden. „Sie stellte eine Macht dar, die sich immer mehr von der Partei unabhängig zu machen verstand. Der Politische Apparat in der Armee hatte sich immer stärker den Soldaten angeglichen und war längst kein Instrument mehr, mit dem die Partei hätte die Armee kontrollieren können —” Ähnliche Entwicklungen zeichneten sich auch außerhalb der Armee im politischen und wirtschaftlichen Bereich des Staatsgefüges ab. Das waren bescheidene Anfänge eines „Demokratisierungsprozesses”, wie sie kein Diktator dulden konnte. Daher kam es zu den bereits genannten Säuberungen, die im kompakten Heereskörper besonders radikal durchgeführt wurden. Hier ging Stalin besonders umsichtig vor, da er über die Säuberungen auch hätte stürzen können. Heute steht fest, daß die Ausschaltung Tuchatschewskis und seiner Kameraden sowohl im Interesse Stalins als auch Adolf Hitlers lag. Leopold Trepper, der „Chef der Roten Kapelle” im Zweiten Weltkrieg, der zu den Wissenden gerechnet werden darf, vertritt die Ansicht, „daß Stalin sich der Komplizenschaft Hitlers bediente, um der Streitmacht des russischen Volkes diesen tödlichen Schlag zu versetzen.” (63) Außer der sowjetamtlichen Darstellung von Lew Nikulin (64) sind auch Walter Hagen (49), Walter Schellenberg (16), Geoffrey Bailley (53), Viktor Alexandrow (60), der sich auf eine 81
Primärquelle beruft, ferner Heinz Höhne (48), Michel Garder (59) und andere der gleichen Ansicht, daß nämlich Heydrich es war, der die Tuchatsdiewski und seinen Kreis belastenden „Dokumente” herstellen und über Benesch an Stalin weiterleiten lies. Auf die zahlreichen dort geschilderten Einzelheiten kann, ihres Umfangs wegen und da sie nicht zum Thema dieser Arbeit gehören, nicht näher eingegangen werden. Es sei lediglich auf die Beschaffung der Originale hingewiesen, die Heydrich benötigte, um die Fälschungen durchführen zu können. Aus der Zeit der Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der Roten Armee waren Belege und Schriftstücke vorhanden, die die Unterschriften der deutschen und sowjetischen Befehlshaber trugen, wie Berichte, die Tuchatschewski während seiner Ausbildungszeit bei der Reichswehr geschrieben und persönlich unterzeichnet hatte. Auch handgeschriebene Briefe an die Generäle v. Hammerstein und v. Fritsch befanden sich darunter mit einer Anzahl Manöverfotos und auch Abrechnungen. (60) Diese Originale waren in den Archiven der Admiral Canaris unterstehenden Abwehr verwahrt. Nachdem Heydrich diese von dem nicht unterrichteten und vor allem ehrenhaft denkenden Admiral Canaris vergeblich angefordert hatte, schaltete sich Hess mit demselben Anliegen, ebenfalls erfolglos, ein. Nach Viktor Alexandrow (60) „war er” (Canaris) „der Überzeugung, daß die Gestapo einige hochgestellte Offiziere der Reichswehr mit irgend einer dunklen Angelegenheit in Verbindung bringen wollte, wahrscheinlich Mitglieder der Schleichergruppe. Canaris war daher fest entschlossen, diese hinterhältigen Pläne zu durchkreuzen. Er verzögerte mit den trügerischsten Vorwänden die Aushändigung der Dokumente, die Hess verlangt hatte. In diesem Augenblick schaltete sich der dynamische Martin Bormann ein, die graue Eminenz des Führers. Er setzte sich ganz einfach an die Spitze des Komitees der ,drei H‘ (Hitler-HimmlerHeydrich) und arbeitete einen Plan aus, mit dessen Hilfe man die von Canaris verweigerten Dokumente in die Hand bekam”. (Kursiv v. Verf.) Wie das geschah, teilt Viktor Alexandrow ebenfalls mit: 82
„Des langen Wartens auf die Aushändigung der Dokumente durch Canaris leid, hatte der Chef des SD” (Heydrich) „einfach in die Amtsräume des Nachrichtendienstes der Wehrmacht einbrechen lassen” (60) (Kursiv v. Verf.) In der dazu gehörenden Fußnote schreibt Viktor Alexandrow (60): „Ein Raubüberfall auf das Büro der Abwehr durch den Chef des SD” (Heydrich) „könnte recht unwahrscheinlich anmuten. Die Tatsache wird jedoch recht eindeutig von Schellenberg” (Heydrichs rechter Hand) „in seinen Erinnerungen bestätigt. Seinerseits hat Canaris darüber mit dem Oberst Abshagen und dem Major v. Prittwitz gesprochen, deren Aussage von Colvin in seinem Werk ,Chief of Intelligence‘ festgehalten sind. Schellenberg schreibt in seinen Erinnerungen, daß die Einbrecher rückfällige Berufsverbrecher waren, sogenannte ,Ringbrüder‘, die zu schweren Strafen verurteilt waren. Heydrich hatte sie begnadigt. Sie arbeiteten mit solchem Tempo, daß nach ihrem Fortgang ein Brand ausbrach. Dieser Unglücksfall zerstörte einige wichtige Akten, die aber nichts mit der Angelegenheit Tuchatschewski zu tun hatten.” Die gestreiften Ereignisse, deren Schilderung inzwischen zu einer Literatur angeschwollen ist, fanden in den Jahren 1935 bis 1938 statt, als die Bauvorhaben auf dem Obersalzberg noch bei weitem nicht vollendet waren. Wie bekannt, hatte sich Martin Bormann zum Bauherrn gemacht. Darüber vergaß er aber seine Aufgaben als Leiter des Stabes von Heß nicht, die er sich oft selbst stellte. Joseph Wulf (10) ist der Ansicht, daß „Bormann als Stabsleiter gewissermaßen ein Doppelleben führte. Zielstrebig, aber gut getarnt und ganz heimlich baute er sich die Stellung nach eigenen Wünschen aus, ohne daß es im allgemeinen seiner Umgebung zum Bewußtsein kam. Er ging dabei so geschickt vor, daß er fast jeden täuschte.” (Kursiv v. Verf.) Leider bricht Wulf diesen Gedankengang hier ab, ohne Namen der Nicht-Getäuschten zu nennen, und geht zu der Begründung seiner Ansicht über. Dabei bezieht er sich auf die zahlreichen und mannigfaltigen Rundschreiben, die Martin Bormann verfaßte 83
und mit denen er den Ausbau seiner Stellung betrieb. In diesem Zusammenhang spricht Wulf etwas drastisch, aber nicht ganz abwegig von einer „regelrechten Untergrundarbeit” (10). Es mutet in der Tat eigenartig an, wenn der aus der Hilfskasse freiwillig Ausgeschiedene, der eine Tätigkeit in der politischen Organisation der NSDAP suchte (Schreiben Bormanns an Heß v. 27. Mai 1933), sich in Rundschreiben an alle Reichs- und Gauleiter mit der Farbe der Mäntel befaßt, die von Amtswaltern bzw. von der SA zu tragen seien. Ferner befaßt er sich mit dem Chauffeur des Leibarztes, für den er Frontbewährung befahl, die Dr. Morell sehr schnell annullierte. In einem streng vertraulichen Rundschreiben an die Reichsleiter, Gauleiter und Verbändeführer tritt er für die Einrichtung von Bordellen für Fremdarbeiter, sehr detailliert, ein. In seinem Rundschreiben vom 3. Januar 1941 erklärt er die deutsche Schrift (Fraktur) zu „Schwabacher Judenlettern” und verfügt — im Namen Adolf Hitlers —, daß die Antiquaschrift künftig als „Normalschrift” zu bezeichnen und nach einer Übergangszeit nur noch allein zu verwenden sei. Auch die Verfügung, daß beim Singen des Deutschlandliedes und des Horst-Wessel-Liedes die rechte Hand zum „deutschen Gruß” zu erheben sei, war auf Martin Bormann zurückzuführen. Anfang 1938 wurde er von Adolf Hitler nach Berlin befohlen. Es kam zu dem bereits erwähnten 4. Februar, als über zehn Generäle der Wehrmacht und der Reichsaußenminister v. Neurath entlassen und durch Nationalsozialisten ersetzt wurden. Es kam zu der Intrige gegen Kriegsminister v. Blomberg und den Oberbefehlshaber des Heeres v. Fritsch. Ob bzw. welche Rolle Martin Bormann dabei gespielt hat, ist unbekannt geblieben. Beim Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich (März 1938) befand er sich in Adolf Hitlers Umgebung. Er hatte die Aufgabe, einen früheren Bekannten Adolf Hitlers, Reinhold Hanisch, mit Hilfe der Gestapo festnehmen zu lassen. Hanisch hatte im Jahre 1910 die Aquarelle des Kunstmalers Hitler verkauft und mit ihm in einem Männerheim in Wien-Meidling gewohnt; auch hatte Hanisch mit Enthüllungen gedroht. Später schrieb Martin Bormann in einer Aktennotiz, daß „Hanisch sich nach der Übernahme Österreichs erhängt habe” (8). 84
Im Sommer 1938 begann Martin Bormann, das Staatsoberhaupt von der Bevölkerung zu isolieren, was Rudolf Jordan (30) in den letzten Kriegs jähren so treffend als „Sperrmauer” bezeichnet hat. Er ließ durch einen zwei Meter hohen Drahtzaun das Gelände des Obersalzberges von den verbliebenen Besitzern abgrenzen und diese Zone in einen äußeren und einen inneren Sperrkreis teilen. Der innere Kreis wurde von Zivilbeamten Himmlers überwacht, die am Obersalzberg Martin Bormann unterstellt waren (8). Der Vollständigkeit halber sei vermerkt, daß Martin Bormann auch im zweiten Halbjahr 1938 ständiger Begleiter Adolf Hitlers gewesen ist; er nahm teil an der Inspektion des Westwalls, an einer Flottenparade, an Truppenbesichtigungen und Anfang September am Nürnberger Reichsparteitag, wo ihm Adolf Hitler den „Blutorden” verlieh. Auch bei bedeutenderen und politischen Anlässen, wie der Konferenz Hitler-Chamberlain in Bad Godesberg aus Anlaß der „Tschechenkrise” und beim bekannten Münchner Abkommen über das Sudetenland war Martin Bormann zugegen.
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SIEBTES KAPITEL Freisler und der Volksgerichtshof — „Freisler in seiner ganzen Art ein Bolschewik” (Hitler) — Bormann attakiert General Rommel und übt Rache an ihm
Zu der „Bewältigung der Vergangenheit”, über die immer wieder gesprochen wird, gehört sowohl das Wissen über die heterogene Zusammensetzung der Führungsspitze im Dritten Reidi als auch die Betrachtung zweier weiterer Personen, denen später neben Dr. Morell und Martin Bormann große Bedeutung zukommen sollte. Es waren dies der frühere Sowjetkommissar Roland Freisler, der, obwohl halbarisch, bis zum Präsidenten des Volksgerichtshofes aufstieg, und der Duzfreund Martin Bormanns, Erich Koch, der Gauleiter von Ostpreußen, über den im Zusammenhang mit der NS-Besatzungspolitik in der Ukraine noch zu sprechen sein wird. Der Lebenslauf und die Karriere Freislers weisen einige Merkwürdigkeiten auf. Roland Freisler wurde am 30. Oktober 1893 in Celle bei Hannover geboren. Er besuchte die Schulen in Aachen und Kassel und hatte sich einen gewissen Ruf erworben, bei Wortgefechten schlagfertig und ironisch zu sein. Nach abgelegtem Abitur begann er, in Jena Rechtswissenschaften zu studieren. Anfang August 1914 meldete auch er sich als Kriegsfreiwilliger; im Herbst 1914 kam er zum Einsatz an die Ostfront, wo er nach einem Jahr in Kriegsgefangenschaft geriet. Er erlernte die russische Sprache, was ihm hervorragend gelang. Auch soll er sich intensiv mit dem Marxismus beschäftigt haben. Schließlich wurde er bolschewistischer Kommissar im Bereich der Lebensmittelversorgung (19, 66, 68). Im Juli 1920 nach Kassel zurückgekehrt, nahm er sein Studium wieder auf, das er 1921 mit summa cum laude bestand. In der Praxis war er ein guter Jurist, von dem gesagt wurde, daß „die Farben seines Temperamentes zwischen äußerster Geisteskälte, philosophischem Enthusiasmus und Kaschemmenton spielten” (19). 86
Seine Berufung als Ministerialdirektor ins preußische Justizministerium erreichte den 39jährigen im Februar 1933. Dieser Erfolg hielt den Ehrgeizigen aber nicht davon ab, Anfang März „an der Spitze seiner braunen Freunde” (66) das Rathaus in Kassel ebenso zu stürmen, wie das Bonner Rathaus vierzig Jahre später von Roten gestürmt und „besetzt” wurde. Dieser Erfolg dürfte Freisler bewogen haben, schon am nächsten Tage mit seiner braunen Schar vor das Kasseler Gerichtsgebäude zu ziehen, offenbar um auch dieses zu stürmen. Es gelang einem besonnenen Beamten, ihn davon abzubringen und sich mit der Befestigung einer Hakenkreuzfahne über dem Hauptportal zu begnügen. Über Freislers geistige Beweglichkeit schreibt Gerd Buchheit (66): „Ohne Mühe hatte er sich in der ,Kampfzeit‘ der Bewegung die Grundsätze von ,Gemeinnutz, Volk, Rasse, Erbgut‘ usw. angeeignet, so wie er in den Jahren seines Aufenthaltes in Rußland sich mit dem Wortschatz der kommunistischen Lehre vertraut gemacht hatte... Er war als Funktionär ein so perfekter Nationalist, daß er sich kaum von dem kommunistischen Apparatschik unterschied...” Über die Angeklagten des zwanzigsten Juli 1944 sagte Adolf Hitler nach Buchheit: „Und das Wichtigste ist, daß sie keine Zeit zu langen Reden erhalten dürfen. Aber das wird der Freisler schon machen. Das ist unser Wyschinski.” (Bekannter sowjetischer Staatsanwalt bei den Schauprozessen 1937. Kursiv v. Verf.) Buchheit fährt fort: „Diese Kennzeichnung des Präsidenten des Volksgerichtshofes ist recht aufschlußreich, zumal wenn man sich erinnert, daß Hitler ein andermal erklärt hatte: ,Freisler ist in seiner ganzen Art ein Bolschewik.‘” Über die Art der von Freisler geleiteten Gerichtsverhandlungen schreibt Buchheit: „Mit Recht wurde von Augenzeugen die Prozeßführung Freislers als eine Karikatur einer Gerichtsverhandlung bezeichnet. Mit schauspielerischem, brutalem und erbarmungslosem, anschei87
nend vor dem Spiegel einstudiertem, Gesichtsausdruck betrat der Vorsitzende an der Spitze seiner Mitarbeiter den Saal. Nichts von Menschlichkeit in dieser widerlichen Fratze mit den großen, von den Lidern halb überdeckten, gleißnerisch-hinterlistigen Augen ...” (66) Der Leiter des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) SS-General Dr. Kaltenbrunner schreibt in seinen geheimen „Berichten an Bormann und Hitler über das Attentat vom 20. Juli 1944” u. a.: „Freilich fehlte es auch nicht an Stimmen, die an die Verhandlungsführung des Vorsitzenden kritische Betrachtungen knüpfen. So wird, insbesondere in Kreisen der Intelligenz und Rechtswahrer darauf hingewiesen, daß die Art und Weise, wie der Prozeß aufgezogen und in breiter Form in der Öffentlichkeit besprochen worden sei, ... an frühere sowjetische Schauprozesse erinnere ... Die ,billige Art', in der der Vorsitzende — so wird gesagt — die Angeklagten, die eigentlich schon gerichtet wären, beschimpft und lächerlich gemacht habe, entsprächen nicht ganz der Würde des höchsten deutschen Gerichtshofes...” (69) Kaltenbrunner fährt in seinem Geheimbericht fort: „Andere Volksgenossen weisen darauf hin, daß es sich bei einigen der Angeklagten doch um Persönlichkeiten handele, die wegen ihrer Verdienste und wegen ihrer Tätigkeit gerade im nationalsozialistischen Staat zu höchsten Ehren und Auszeichnungen gelangt seien. Es sei doch seltsam, daß diese Männer, die noch vor nicht allzulanger Zeit vom Führer selbst befördert und deren Taten in der Presse als Heldentaten gefeiert worden seien, nun als töricht, vertrottelt und unentschlossen dargestellt würden. Wenn die Bevölkerung auf diese Weise darüber aufgeklärt würde, daß ein Generalfeldmarschall und ein Generaloberst, die über den Einsatz von Zehntausenden von Soldaten hätten bestimmen können, sich als derartige Verbrecher und unfähige Kreaturen herausstellten, so müsse damit das Vertrauen in die Wehrmacht einen starken Stoß erleiden. Es müßten aber auch Zweifel in die P e r s o n a l p o l i t i k in den höchsten Fühmann, die schon im Polenfeldzug die innere Einstellung dieses hohen und bedeutungsvollen Stellen belassen habe... Gewisse Bedenken werden auch aus der Tatsache hergeleitet, 88
daß die Prozeßführung offenbar eine freie Entfaltung der Geständnisse der Angeklagten über ihre wahren Motive verhindert hatte. Bei aller Ausführlichkeit lasse der offizielle Pressebericht viele Fragen offen. Es handele sich doch zweifellos um eine Reihe von Männern, die in der Lage gewesen wären, Deutschlands militärische und politische Möglichkeiten zu überblicken und von denen man kaum annehmen könne, daß sie grundlos und ohne jede Überlegung ein solch verabscheuungswürdiges Verbrechen vorbereitet und durchgeführt hätten ...” (69) Zu diesen Verhandlungen waren annähernd dreihundert Personen als Zuhörer zugelassen. Zahlreiche davon überlebten den Krieg und hinterließen ausführliche Berichte. Freisler schrie nicht nur die angeklagten Offiziere nieder, wenn sie eine Erklärung abgeben wollten, er beleidigte sie auch in gehässiger Weise. Hier im Verhandlungssaal des höchsten deutschen Gerichtes tobte sich der Haß des ehemaligen Sowjetkommissars, des deutschen „Wyschinski”, gegen den deutschen Adel und hochverdiente Offiziere in wahrhaft orgiastischer Weise aus. Vielleicht glaubte dieser „politische Soldat des Führers”, wie er sich einmal selbst bezeichnet hat, durch solches Verhalten öffentlich zu beweisen, daß er ein fanatischer Nationalsozialist sei, und wollte damit, gleich Heydrich, seine halbarische Herkunft kompensieren. Dieses von Haß getragene Verhalten Freislers findet eine Parallele bei dem „ewigen Widerpart des Heeres” (33) Martin Bormann, die schon im Polenfeldzug die innere Einstellung dieses Mannes grell beleuchtet. Darüber teilt General Walter Warlimont in seinen Erinnerungen mit (70): „Damit auch die Groteske, soviel Ernsthaftes ihr innewohnen mochte, nicht fehle, seien noch einige Beobachtungen besonderer Art von dem Aufenthalt im Hauptquartier Zoppot vermerkt. Am frühen Morgen sammelten dort an der Auffahrt zum Hotel, in Doppelkolonne aufmarschiert, 20—30 Wagen zur Fahrt auf das Gefechtsfeld nördlich Gdingen. General Rommel, der Kommandant des Hauptquartiers, mußte sich dabei der Aufgabe unterziehen, diesen Troß, mit Hitler an der Spitze, in Marsch zu setzen. 89
Auf die erstaunte Frage, warum denn in Doppelkolonne gefahren werde, erhielt der Besucher von Rommel die Antwort, daß er nach manchen peinlichen Erfahrungen diese ,Marschgliederung‘ eingeführt habe, weil sie am besten geeignet sei, den Rang- und Vorfahrtsansprüchen der nicht der Wehrmacht zugehörigen Besucher gerecht zu werden, die sich inzwischen zahlreich im Hauptquartier eingefunden hatten. Auf diese Weise seien wenigstens 6—8 von ihnen, zwei „Wagenladungen”, jeweils auf gleicher Höhe und im gleichen Abstand von Hitler untergebracht und darauf käme es ihnen vor allem an. Trotzdem mußte Rommel an diesem Tage eine weitere peinlich Erfahrung machen, als sich die Doppelkolonne auf schmalem Feldwege nicht mehr aufrechterhalten ließ und plötzlich der größere Teil der Wagen an einer Sperre angehalten wurde, während die Spitze mit Hitler davonfuhr. Obwohl es sich unter den Zurückgebliebenen sogleich herumsprach, daß ein kurzer Besuch in einem nahen Feldlazarett der Anlaß für die Unterbrechung war, erhob Martin Bormann, Leiter der Parteikanzlei, auf dem noch kaum aufgeräumten Gefechtsfeld ein wütendes Geschrei und beschimpfte General Rommel wegen dieser vermeintlichen Zurücksetzung in unerhörter Weise. Rommel schien gegen solche Frechheit machtlos. Auch als ihm der Besucher noch in derselben Minute und an derselben Stelle seine Empörung über das Verhalten Bormanns zum Ausdruck brachte, bat Rommel ihn nur darum, doch auch den Chef-Adjutanten der Wehrmacht, Schmundt, im gleichen Sinne über den Vorfall zu unterrichten.” (Kursiv v. Verf.) So offen zeigte Martin Bormann seine Abneigung, ja Haß gegen die Wehrmacht selten. Er intrigierte in den kommenden Jahren im stillen erfolgreich weiter, da Adolf Hitler ihm erheblich mehr Vertrauen entgegenbrachte als den Offizieren der Wehrmacht. Der oben geschilderte Vorfall läßt aber auch das Klima ahnen, in dem später die Entscheidungen getroffen wurden, die, abgesehen vom Verrat im „Führerhauptquartier” nach den ersten und großen militärischen Erfolgen von Niederlage zu Niederlage führen sollten. 90
ACHTES KAPITEL Bormann baut seine Stellung aus — Eigenarten von Heß — Heß' Flug nach England — „Bormann eine Made im Reichsapfel” — Bormann gewinnt Terrain durch Heß’ Ausscheiden — Charakterzüge Bormanns
Die Zeit zwischen dem glänzend geführten Feldzug in Polen (Feldzug der 18 Tage) im September 1939, der Besetzung Dänemarks, der Landung und Kämpfe in Norwegen, die bis Ende 1940 andauerten, der Offensive im Westen (10. Mai 1940), der Niederwerfung Jugoslawiens und Griechenlands (April 1941) war für Bormann ausgefüllt mit der Bearbeitung parteipolitischer Aufgaben und Probleme, die durch die Besetzung der eroberten Gebiete entstanden waren. Er befaßte sich auch mit der Organisation der Zivilverwaltung in diesen Gebieten, wobei er besonderes Augenmerk den Polen zuwandte. So protestierte er in einem Brief an den Leiter der Reichskanzlei, Dr. Lammers, gegen die Einführung des deutschen Strafrechtes in den Ostgebieten. Geordnete deutsche Rechtsverhältnisse erschienen ihm für die Polen zu human. Er erreichte schließlich, daß im Mai 1941 als Sonderstrafrecht für die Polen ein Polizeistrafrecht eingeführt wurde; es reichte von der Prügelstrafe bis zur Todesstrafe (8). Zur gleichen Zeit ging Martin Bormanns Vorgesetzter, Rudolf Heß, der „Stellvertreter des Führers” einer weniger verantwortungsvollen Tätigkeit nach: er betrieb Sport und lief Ski, sehr zum Unwillen Adolf Hitlers. Heß war dem Okkultismus und seinen Pseudowissenschaften, wie Astrologie, Hellsehen, Pendeldeutung usw. sehr zugetan, „ja, er war so etwas wie ihr Protektor gewesen” (49). Als Felix Kersten, der Masseur Himmlers, einmal Heß auftragsgemäß besuchte, fand er diesen im Bett. Hier seine Schilderung (71): „Fünfzig Zentimeter über seinem Körper hing ein großer, an der Zimmerdecke befestigter ,Automagnet‘. Im Flüsterton sagte er zu Kersten, er mache gerade eine magnetische Kur. Diese be91
stand nun darin, daß unter dem Bett von Heß 12 starke Magnete lagen und über ihm ein Magnet hing. Ihre Aufgabe sollte sein, alle schädlichen Stoffe aus dem Körper zu ziehen. Als Kersten unwillkürlich bei diesem Anblick lachen mußte, erklärte Heß in vorwurfsvollem Ton: ,Die wahren Heilkräfte der Natur kennt die Medizin noch nicht. Die liegen in der magnetischen Kraft. Ebenso wie die Magnetnadel sich aus eigener Kraft nach Norden dreht, ebenso kann man, wenn magnetische Eisen richtig angesetzt werden, auch Krankheiten aus dem Körper ziehen und den Körper kräftigen.' Nach einer Zeit ruhigen Daliegens sagte er dann in prophetischem Ton, er müsse enorme Kräfte sammeln, um eisenstark zu werden, damit er diese außergewöhnliche Kraft für die Rettung Deutschlands einsetze. Auf die Frage Kerstens, worin er denn diese Rettung sehe, antwortete er, darüber könne er nicht sprechen, aber er bereite eine Tat von geschichtlicher Größe vor. Kersten empfand tiefes Mitleid mit diesem Mann, der offensichtlich an einem Trauma litt. Oft konnte er von ihm hören, daß er das Leben, das er jetzt führen müsse, nicht mehr aushalte. Er wolle nicht am Schreibtisch sitzen. Fest entschlossen, sein Leben zu Ehren Deutschlands in die Schanze zu schlagen, würde er bald selbständig handeln. Bei einer solchen Zukunftsschau meinte er gelegentlich mit Tränen in den Augen zu Kersten: ,Die Welt muß einsehen, daß Deutschland unbesiegbar ist. Und ich muß die Hand dazu bieten, daß die Völker sich mit uns versöhnen.‘” Speers Bericht über Heß (32), wie dieser mit einem Adjutanten an der Tafel Adolf Hitlers erschien, entbehrt nicht der Komik: hinter Heß schritt sein Adjutant, ein Gefäß mit Speisen tragend, die nur mit Heilkräutern zubereitet waren, an deren Wunderwirkung der „Stellvertreter des Führers” fest glaubte. Adolf Hitler kommentierte diesen Aufzug sehr realistisch. Am 10. Mai 1941 flog Heß nach England. Diese Tat erregte damals überall viel Aufsehen. Es ist, besonders von sowjetischer Seite, angenommen worden, dieser Flug sei im Auftrage Adolf Hitlers durchgeführt worden, um mit Großbritannien einen Sonderfrieden zu schließen. Dieser Auffassung steht die eidesstatt92
liche Versicherung von Hildegard Fath entgegen, die vom 17. Oktober 1933 bis zum 10. Mai 1941, dem Tage seines Fluges nach England, Sekretärin von Heß in München gewesen war. Hildegard Fath sagte vor dem internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg aus (72): „Vom Sommer 1940 an — den genauen Zeitpunkt kann ich nicht mehr angeben — mußte ich im Auftrag von Heß geheim Wettermeldungen über die Wetterlage über der britischen Insel und über der Nordsee einholen und an Heß weiterleiten. Die Meldungen bekam ich von einem Hauptmann Busch. Teilweise bekam ich auch Meldungen von Fräulein Sperr, der Sekretärin von Heß bei dessen Verbindungsstab in Berlin ...” Eine Erklärung für diesen Flug gibt Albert Speer in seinen Erinnerungen (32): „Nach meiner damaligen Auffassung trieb der Ehrgeiz Bormanns Heß zu diesem Verzweiflungsschritt. Heß, ebenfalls ehrgeizig, sah sich bei Hitler zusehends ausgeschaltet. So sagte mir beispielsweise Hitler, etwa im Jahre 1940, nach einer vielstündigen Besprechung mit Heß: — , ... Mit Heß wird jedes Gespräch zu einer unerträglich quälenden Anstrengung. Immer kommt er mit unangenehmen Sachen, und laßt nicht nach.‘ Wahrscheinlich suchte Heß mit seinem Englandflug, nach so vielen Jahren im Hintergrund, Aufsehen und Erfolg zu erringen; denn er besaß nicht die Eigenschaften, die notwendig waren, sich inmitten eines Sumpfes von Intrigen und Machtkämpfen zu behaupten. Er war zu sensibel, zu offen, zu labil und gab oft allen Parteien, in der Reihenfolge ihres Erscheinens, recht... Fünfundzwanzig Jahre später versicherte mir Heß im Spandauer Gefängnis allen Ernstes, daß ihm die Idee von überirdischen Kräften durch einen Traum eingegeben worden sei...” Winston Churchill urteilte kurz und treffend: „Mit diesem Flug sei eine Made im Reichsapfel sichtbar geworden.” (32) Diese Ansicht Churchills kommentiert Albert Speer (32) mit den Worten: „Er konnte nicht ahnen, wie buchstäblich dieses Wort auf Heß' Nachfolger” (Martin Bormann) „zutraf.” 93
Aus geheimdienstlicher Sicht ist aus den Memoiren Walter Schellenbergs (16) mehr zu entnehmen: „Hitler selbst, hieß es, sei durch das Ereignis völlig konsterniert und kaum noch einer Reaktion fähig. In dieser Verfassung Hitlers gelang es Reichsleiter Martin Bormann, einen entscheidenden Vorstoß zu machen, mit dem er sich fortan das Vertrauen Hitlers sicherte. Er erfand die These: ,Heß ist verrückt geworden.‘ Er war es auch, der Hitler dazu brachte, diese Erklärung in das erste offizielle Kommunique aufzunehmen. Man hatte dabei allerdings nicht bedacht, daß nun allerseits die Frage laut wurde, wie denn ein Irrer so lange Stellvertreter des Führers habe sein können — Nun überstürzten sich die Exekutivanweisungen Hitlers. Müller” (Gestapo-Müller) „war dabei in seinem Element. Er konnte auf der ganzen Klaviatur seines Apparates herumspielen... Vom Adjutanten über seine Freunde bis zum Chauffeur des ehemaligen Stellvertreter Hitlers wurden alle verhaftet. Am liebsten hätte Müller auch noch das gesamte Flugplatzpersonal sowie die technischen Direktoren der Flugzeugfirma Messerschmidt eingesperrt, da Heß in einer Messerschmidt-Maschine geflogen war. Und wenngleich er sich auf einen kleineren Rahmen beschränkte, so ergriff seine Verhaftungswelle dennoch viele, die nicht im entferntesten daran gedacht hatten, in diesen Fall einbezogen zu werden. Berichten des Inlandsnachrichtendienstes zufolge sollte Heß ein ,stiller Förderer‘ und Anhänger des Anthroposophen Rudolf Steiner gewesen sein. Prompt wurden denn auch aus diesen Kreisen zahlreiche Menschen in Haft genommen. Doch damit nicht genug — die Berichte ergaben weiterhin, daß Heß ständige Beziehungen zu Astrologen, Hellsehern, Magnetopathen sowie Naturheilkundigen gepflegt und seinen Flug auf Grund astrologischer Ratschläge berechnet habe. Darauf wurden Müllers Kollektivverhaftungen auch auf diese Gruppen ausgedehnt__ Wußte man denn nicht vorher zur Genüge, daß Heß in dieser Richtung besondere Schwächen gezeigt hatte, die von Fachleuten schon als pathologisch bezeichnet worden waren? Und daß auch Hitler der Astrologie einiges Interesse entgegengebracht hatte, 94
wurde geflissentlich übersehen. (Nach dem Verschwinden seines Stellvertreters schlug seine Neigung in eine kompromißlose Antipathie um, und die ganze Astrologie wurde radikal verfolgt.) Ich weiß mich noch sehr wohl zu erinnern, mit welch innerem Widerstreben Himmler, der ebenfalls mit mystischen Prophezeiungen liebäugelte, damals der Kollektivaktion gegen die Astrologen und Hellseher gegenüberstand und mit welch unverhohlener Freude Heydrich, der davon wußte, in seiner Gegenwart Müller die bis ins Detail gehenden Anordnungen Hitlers auseinandersetzte. Oft genug schon hatte sich Heydrich bei mir beklagt, daß Himmler mal wieder in diesem oder jenem Falle zaudere, weil er zu tief in sein Horoskop geblickt habe. Bei einem der Telefongespräche, die nach dem Fall Heß zwischen Himmler und Heydrich geführt wurden, hörte ich letzteren wörtlich sagen: ,Dem einen machen die Sterne auf den Schulterstücken Sorgen, dem anderen die am Himmel. Es fragt sich, mit welchen man besser zusammenarbeiten kann.‘ ... Unser Geheimdienst vertrat die Auffassung, Heß könne durch einen seit Jahren an ihn herangeführten Mitarbeiter des Secret Service zu seinem Entschluß, nach England zu fliegen, bewogen worden sein. Auch ein gewisser Professor G., ein Spezialist für Schilddrüsenerkrankungen, der auf Heß einen entscheidenden Einfluß ausgeübt haben sollte, könne eine Rolle mitgespielt haben. Es müsse überdies in Betracht gezogen werden, daß Heß als Auslandsdeutscher (in Ägypten aufgewachsen) in seiner Jugend britisch beeinflußt worden sei. Doch das alles zusammen erklärte uns den Fall noch nicht hinreichend. In einer Unterredung mit Heydrich vertrat ich die Ansicht, Heß hätte sich wahrscheinlich in eine Art Messiasgedanken hineingesteigert, da er ja als intimster Freund Hitlers jahrelang in dessen Gedankengängen gelebt und unter dem Einfluß der Hitlerschen Idee vom ,englischen Brudervolk‘ gestanden habe. Entsprechende Äußerungen seien in intimen Kreisen von seiner Seite oft genug gefallen. Heydrich war nüchtern genug ... meine Meinung an sich gelten zu lassen; jedoch versteifte er sich in erster Linie auf die Vermutung, daß der Secret Service seine Hand im Spiele habe und 95
wir diese Spur weiterverfolgen müßten. Dann fügte er noch ein paar sonderbare Sätze hinzu, die ich wörtlich wiedergeben möchte: ,Sollten diese Meldungen (den Secret Service betreffend) richtig sein, dann könnte uns seitens dieser Kreise auch noch an anderer Stelle empfindlicher Schaden zugefügt werden. Es sollte mich nicht wundern, wenn wir eines Tages weitere ähnliche Überraschungen erlebten. Ich bin überzeugt, daß der Secret Service so weit plant.‘ Und dann kam der Satz: ,Na, und die Russen sind nicht weniger dumm.‘ Die Version, Hitler selbst habe Heß mit dem geheimen Auftrag nach England geschickt, ein letztes Friedensangebot zu machen, muß ich auf Grund unserer Ermittlungen als ausgeschlossen bezeichnen... Ich hatte in der Folgezeit immer wieder Informationen über sein Verhalten und seinen geistigen Zustand einzusehen. Es war Himmler, der dafür besonderes Interesse zeigte und mich, ohne Wissen Hitlers, beauftragte, eine Postverbindung zwischen Heß und seiner Frau herzustellen. Die Briten ließen einen Briefwechsel in beschränktem Maße zu. Die Post wurde über das Internationale Rote Kreuz in der Schweiz geleitet. Ein großer Teil der Briefe trug rein persönlichen Charakter und zeigte eine große Verehrung und Liebe zu Frau und Sohn. Im übrigen war der Inhalt für uns nur schwer verständlich. Ich wunderte mich damals sehr, daß die britische Zensur nicht schärfer gehandhabt wurde; sie mochte aber auf Grund von eingehenden Vernehmungen zu der Ansicht gelangt sein, daß es sich bei diesen Mitteilungen vielfach mehr um mystische, ja manische Ideen als am wichtig zu nehmende Informationen handele. Heß zitierte immer wieder alte Weissagungen und hellseherische Bilder. Dabei berief er sich auf frühere Horoskope, deren Voraussagen durch das bisherige Schicksal seiner selbst, seiner Familie, aber auch Deutschlands bestätigt worden seien. Seine Frau ging in rührender Weise darauf ein, ohne daß ich sagen könnte, wie ihre sachliche Einstellung dazu war. Bitter gestaltete sich das Schicksal des ersten Adjutanten von Heß. Er wurde die Zielscheibe der Hitlerschen Wut wie auch fortgesetzter Intrigen Bormanns. Heydrich versuchte wiederholt, 96
ihn durch geschickte Gegenzüge frei zu bekommen; wenn ihm dies nicht gelang, so trug meines Erachtens Müller die Schuld daran. Dieser folgte kompromißlos den Anordnungen Bormanns, in dem er schon damals den Nachfolger Heß' vermutete und dessen stärkere Dynamik und Durchschlagskraft er einkalkulierte. Der Adjutant mußte bis zum Kriegsende in einem KZ ausharren, ohne daß ihn dies nach dem Zusammenbruch vor weiteren Strafmaßnahmen seitens der Alliierten bewahrt hätte.” So weit Schellenberg. James Leasor (73) berichtet zahlreiche Details über den Ablauf der Ereignisse bei und nach der Meldung des Heß-Adjutanten Pintsch auf dem Berghof bei Adolf Hitler. Wissenswert erscheint das hier geschilderte Verhalten Martin Bormanns. Demnach soll Pintsch den Brief von Heß an Adolf Hitler diesem übergeben haben, der ihn mehrere Male las, ehe er ihn in die Rocktasche schob. Von einem „unartikulierten, fast tierischen Aufschrei” wie Albert Speer (32) meint, ist in dieser Schilderung nichts enthalten. Außerdem spricht Speer von zwei anwesenden Adjutanten, Leitgen und Pietsch, während Leasor (73) nur von einem Adjutanten Pintsch und nicht Pietsch schreibt. Pintsch wurde zum Mittagessen mitgenommen. Auf dem Wege zum Speisesaal begegnete er „zufällig” Martin Bormann, der begreiflicherweise fragte, was passiert sei. Weiter berichtet James Leasor: „Der Stellvertreter des Führers ist nach Schottland geflogen, erklärte Pintsch. Bormann zuckte sofort zurück. Er wollte alles vermeiden, was ihn in unangenehme Dinge verwickeln könnte. ,Nach Schottland?‘ wiederholte er ungläubig. ,Damit will ich nichts zu tun haben. Davon habe ich nichts gewußt‘, sagte er, ,halten Sie mich auf jeden Fall heraus.‘ Sie kamen in den Speisesaal. Dr. Todt war schon da, ferner Dr. Otto Dietrich, der Reichspressechef, Walter Hewel, ein Mitarbeiter Ribbentrops im Auswärtigen Amt und der General der Flieger, Karl Bodenschatz ... Das Essen war einfach ... Die anderen am Tisch, Eva Braun, Hitlers Geliebte, Martin Bormann... Außenminister v. Ribbentrop, Luftwaffengeneral Ernst Udet und Karl-Heinz Pintsch — bekamen Suppe ... 97
Pintsch war erleichtert. Die vertrauten Gesichter um ihn herum — und schließlich hatte er an Hitlers Tafel gesessen, und zwar nicht an einem der kleinen runden Tische, die für andere Gäste und Adjutanten bestimmt waren. Er glaubte daraus schließen zu können, daß seine Nachricht für Hitler keine Überraschung bedeutete. Er war dem Schicksal dankbar, daß Hitler nicht getobt und ihn angebrüllt hatte, was er sonst tat, wenn schlechte Nachrichten kamen.” (Hitler) „ging um den Tisch herum und blieb hinter Pintschs Stuhl stehen. Der Adjutant drehte sich um und sah unsicher in Hitlers blasses, fast graues Gesicht. Er wußte nicht: sollte er aufstehen oder sitzenbleiben? An seiner einen Seite erhob sich Bormann und trat zurück. Er wollte in das Gespräch der beiden nicht verwickelt werden. Er war viel zu gerissen, als daß er eine Meinung geäußert hätte, ohne daß man ihn fragte. Und er war besonders besorgt, daß man ihn in das Unternehmen ,Schottland-Flug‘ einbeziehen könnte. Bormann befand sich in einem Dilemma. Wenn Heß mit seiner Friedensmission Erfolg hätte, dann könnte Pintsch für ihn noch einmal recht nützlich sein. Wahrscheinlich aber würde die Sache schiefgehen. Dann war es besser, Pintsch nie gekannt zu haben. Niemand konnte innerhalb der nächsten Stunden wissen, welcher der beiden Fälle eintreten würde. Deshalb schien es der taktisch klügste Kurs, so lange wie möglich neutral zu bleiben. Aber so leicht kam Bormann noch nicht davon. Der Führer tippte ihm auf die Schulter und nickte fast unmerklich in Richtung Tür. Bormann verstand. Er verließ den Raum. Dabei vermied er es, Pintsch ins Gesicht zu sehen. Einen Moment später war er wieder da, begleitet von zwei jungen Hauptleuten aus Hitlers Leibwache. Sie trugen Pistolen am Koppel. Im Gleichschritt kamen sie quer durch den Raum und stellten sich hinter Pintschs Stuhl. Pintsch versuchte, in ihren Gesichtern ein Zeichen der Freundschaft zu entdecken, aber sie sahen starr und ausdruckslos aus wie Totenmasken. Bormann räusperte sich. ,Karlheinz Pintsch‘, sagte er mit rauher Stimme, ,Sie sind verhaftet. Sie erhalten Hausarrest in Obersalzberg, bis ein Verfahren stattfinden kann. Es soll festgestellt 98
werden, wie weit Sie an dem beteiligt sind, was heute geschehen ist!‘ Pintsch stand auf. Er war nicht gerade klein. Seine Wächter aber überragten ihn fast um Haupteslänge. Pintsch verbeugte sich leicht zum Führer hin, dann zur übrigen Gesellschaft und marschierte mit dem Posten zur Tür. Die übrigen Gäste sahen seinem Abgang zu. Der Raum war so still, daß Pintsch das Knirschen seiner neuen Lederstiefel hören konnte. Er hoffte nur, daß die anderen sein Herzklopfen nicht vernahmen. Die Tür schloß sich hinter ihm. Schweigend gingen die drei Männer Seite an Seite durch das marmorne Treppenhaus hinunter ins Erdgeschoß ... Draußen wartete ein kleiner Wagen mit laufendem Motor ... Nicht unfreundlich, aber bestimmt wurde Pintsch in den Wagen geschoben. Er saß auf dem Rücksitz in der Mitte zwischen den beiden Posten. Sie rasten die Bergstraße hinunter ... Als sie jetzt unter sich waren ... gaben sich die beiden Hauptleute ganz anders. ,Nun erzählen Sie mal, Pintsch, was ist denn eigentlich los?‘ ... Sie bestürmten ihn mit Fragen. Pintsch schüttelte den Kopf. ,Das ist eine lange Geschichte‘, sagte er, ,viel zu lang, als daß ich sie hier erzählen könnte.‘” James Leasor war bemüht, sich in Bormanns Überlegungen hineinzudenken. Er berichtete weiter: „Bormann kannte natürlich genau das politische Terrain, das er seinem Vorgesetzten in den letzten Stunden abgewonnen hatte. Und seine Reaktion auf Heß‘ Flug war genau die eines politischen Opportunisten. Bormann hielt es für unwahrscheinlich, daß Churchill einem Frieden mit Deutschland zustimmen würde. Bormann rechnete deshalb so: Vorausgesetzt, daß Heß nicht während der Reise verschwunden war, mußte Hitler sich innerhalb kurzer Zeit sehr massiv von ihm absetzen. Nur das konnte die Spekulationen über Heß‘ Absichten und Vollmachten in Deutschland zum Schweigen bringen. Bormann überlegte: Die Chancen, daß Heß‘ Unternehmen mißlang, überwogen weitaus. Aber es blieb immer noch eine leise Chance, daß Heß Erfolg hatte. Bormanns Klugheit und sein hochentwickelter politischer Instinkt bewahrten ihn vor jedem voreiligen Akt bis zu jenem Montag, 99
an dem Hitler entschied, man müsse nunmehr zugeben, daß Heß vermißt sei.” Anscheinend hat Heß über seine Pläne, geschweige sein Flugziel, gegen jedermann Stillschweigen bewahrt. Andernfalls hätte sich seine Frau, Ilse Heß, nicht fernmündlich an Adolf Hitler um Aufklärung gewandt, die ihr aber verweigert wurde, so daß sie mit Martin Bormann sprechen mußte. Dieser verhielt sich sehr reserviert, sandte aber doch einen Mitarbeiter seines Stabes, Dr. Hansen, zu ihr. Die von ihm erhofften Informationen blieben jedoch aus, im Gegenteil, er erwartete von Ilse Heß Aufklärung, die sie ihm mangels Orientierung über die Vorgänge um Heß nicht geben konnte. Wenig später wurde bekannt, daß Heß in Schottland gelandet war. Sofort verfügte Martin Bormann von sich aus die Kennzeichnung des Inventars in Heß‘ Berliner Dienstwohnung in ,privat‘ und ,dienstlich‘. „Herablassend meinte Bormann zu Frau Heß, sie könne die Schlafzimmermöbel billig ,als Erinnerungsstücke erwerben‘” (73). Öffentliche Einrichtungen und Straßenschilder, die den Namen „Rudolf Heß” trugen, wurden umbenannt bzw. entfernt. In ihrer Notlage wandte sich Ilse Heß an Eva Braun, Adolf Hitlers spätere Frau. Diese schrieb ihr über einen Mittelsmann: „Ich mochte Sie und Ihren Mann am liebsten von allen. Bitte, lassen Sie es mich wissen, wenn die Dinge unerträglich werden. Ich kann mit dem Führer sprechen, ohne daß Bormann irgendetwas davon erfährt.” (73) Als Dr. Hansen zum zweiten Mal mit einigen Abgesandten aus der Parteikanzlei Martin Bormanns erschien, wurde ihr die Aufhebung der ersten, durch Martin Bormann gegebenen Befehle bekanntgegeben: Adolf Hitler habe verfügt, „daß nichts was Heß gehörte, bewegt oder beschlagnahmt werden darf” (73). Da Martin Bormann im Zuge seiner Verfolgungen gegen die Familie Heß durch Adolf Hitler selbst gebremst wurde, begab er sich auf ein Gebiet, in dem er freie Hand hatte: er ließ seine beiden minderjährigen Kinder, Rudolf und Ilse, bei deren Taufe das Ehepaar Heß die Patenschaft übernommen hatte, in HerbertGerhard und Eike umtaufen. Das Ministergehalt für Heß, das 100
Martin Bormann ebenfalls sofort nach dem Bekanntwerden des Fluges nach Schottland gesperrt hatte, wurde auf Anordnung Adolf Hitlers weiter überwiesen. Auch in der Zustellung der Post von Heß an seine Frau trat keine Unterbrechung ein, obwohl sein Nachfolger dieses durchsetzen wollte (8). Wir sind mit diesen Feststellungen und Betrachtungen am Vorabend des Ostfeldzuges angelangt. In dieser Zeit und auch später war Martin Bormann mit der Festigung seiner durch den Flug von Heß freigewordenen Stellung voll beschäftigt. Wenn ihm auch der Partei-Titel seines Vorgängers nie verliehen wurde, so hatte er schon zu Beginn des Rußlandfeldzuges mehr Macht in den Händen, als sie Rudolf Heß jemals besaß.
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NEUNTES KAPITEL Bormann zerstreut Hitlers Bedenken gegen Ostfeldzug — Exilrusse Dallin durchschaut Bormann — Hitler-Bormanns Untermenschenpolitik — Rosenberg — Dr. Kleist will retten t „was durch Waffen nicht mehr zu retten war” — Bormanns Duzfreund Koch nicht hingerichtet
Die weitere Festigung seiner Macht, die Martin Bormann seit dem Englandflug von Heß auf die gesamte Organisation der NSDAP ausdehnte, erstreckte sich auf die Kirchen, auf die Juden (z. B. Deportierung von 65 000 Juden aus Wien nach Polen) und Anordnungen betreffend strenger Behandlung der polnischen und später aller „Ostarbeiter”. Seine tiefgehende Abneigung gegen die Christliche Lehre kam in „im Namen des Führers” angeordneten Beschlagnahmen von Kirchen, Klöstern und sonstigen kirchlichen Eigentum zum Ausdruck. Geistigen Auseinandersetzungen und Streitgesprächen über „Hier Christentum — dort Nationalsozialismus” wich er — wohl mangels tieferer Kenntnis — stets aus. Joachim von Ribbentrop, der damalige Reichsaußenminister, hat in seinen letzten Aufzeichnungen hinterlassen (74): „Starke Reibungen ergaben sich die ganzen Jahre hindurch auch mit der Parteikanzlei unter Bormann. Hier handelte es sich um die Entwicklung in der Kirchenfrage, die Arbeit der Auslandsorganisation u. a. m. In der Kirchenfrage nahm Reichsleiter Bormann eine völlig kompromißlose Haltung ein. Sie führte zu stärksten Spannungen mit dem Vatikan und machte auch in den protestantischen Ländern alle kirchlichen Kräfte gegen uns mobil, eine außenpolitisch sehr bedeutsame und nachteilige Entwicklung, die sich im Laufe des Krieges immer mehr verschärfte. Alle Vorstellungen bei der Parteikanzlei und auch bei Adolf Hitler selbst führten zu keiner Änderung.” Über diese Anordnungen, Verfügungen usw., die stets von Martin Bormann verfaßt und „im Namen des Führers” weitergeleitet wurden, sowie über die zahlreichen, mit Martin Bor102
mann verknüpften Intrigen innerhalb der Parteispitze, einschließlich Göring, Dr. Goebbels, Dr. Ley usw. ist so viel geschrieben und polemisiert worden (7, IMT Registerband, ferner 8, 9, 10, 11, 32), daß eine Wiederholung an dieser Stelle überflüssig erscheint. Zu Beginn des Rußlandfeldzuges, als der einfache Berliner schon auf der Straße sagte: „Jetzt haben wir den Krieg endgültig verloren”, da kamen auch Adolf Hitler die ersten Bedenken vor diesem ungeheuren Wagnis, wie sein Reichspressechef, Dr. Otto Dietrich (42), zu berichten weiß: „Schon in der gleichen Stunde, in der auf seinen Befehl deutsche Truppen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer antraten, überfielen Hitler die ersten dunklen Ahnungen! Nach Anhören der für die Ankündigung des Rußlandfeldzuges und der erwarteten Siegesmeldungen festgelegten Rundfunk-Fanfaren-Komposition (nach Motiven von Franz Liszts Präludium) äußerte er, wie mir später erzählt wurde, gegen drei Uhr nachts, im Kreise einiger Männer: ,Mir ist, als ob ich eine Tür zu einem dunklen, nie gesehenen Raum auf stoße — ohne zu wissen, was sich hinter dieser Tür befindet.‘ Die gleiche dumpfe Atmosphäre lag über der Pressekonferenz Ribbentrops im Auswärtigen Amt, als ich sie gegen fünf Uhr aufsuchte und inmitten der übernächtigten und diese neue unheimliche Kriegsbotschaft mit innerer Beklommenheit aufnehmenden Journalisten saß. Hitler hatte diese Stimmung wohl nochmals nachempfunden, als er mir einige Tage darauf sagte, daß die Presse seinen Schritt gegen Rußland nicht wirksam und überzeugend genug unterstützt habe. Dann waren es wieder berauschende militärische Siegesnachrichten, die Hitlers trübe Ahnungen verscheuchten und seine Zweifel zum Verstummen brachten.” Martin Bormann teilte diese dunklen Ahnungen nicht, obwohl er sonst immer für die Ansichten Adolf Hitlers energisch eintrat — in diesem Falle äußerte sich Martin Bormann mit eingehender Begründung für den Krieg gegen die Sowjetunion. Darüber Schellenberg (16), der damals Heydrichs rechte Hand war: „Am 21. Juni 1941 — gelegentlich eines Essens bei Horcher” 103
(bekanntes Restaurant in Berlin), „an dem Heydrich und ich teilnahmen, unternahm Canaris noch einmal einen Vorstoß, um Heydrich vor der allzu optimistischen Einstellung im Führungshauptquartier zu warnen. Heydrich entgegnete, er sei am Vortage von Himmler über das jüngste Tischgespräch zwischen Hitler und Bormann unterrichtet worden. Bormann habe die ernste und nachdenkliche Stimmung, in der sich Hitler zur Zeit befinde, dem Sinne nach etwa mit folgenden Worten zu verscheuchen gesucht: ,Mein Führer, Sie machen sich verständlicherweise große Sorgen. Die Auslösung eines solch gewaltigen Feldzuges zur rechten Zeit und mit den rechten Mitteln hängt doch allein von Ihnen und Ihrer Berufung ab. Die Vorsehung hat Sie zum Träger solch weltbestimmender Entscheidungen ausersehen, und kein anderer als ich weiß besser, mit welcher Sorge und Mühe Sie sich den kleinsten Problemen bei der Vorbereitung Ihrer Entscheidungen gewidmet und darüber nachgegrübelt haben ...' Der Führer habe sich diese Worte, ohne zu unterbrechen, angehört und dann erwidert: Man könne nur hoffen, daß er, Bormann, recht behalte. Aber bei so gewaltigen schicksalsschweren Entscheidungen wisse man nie, ob man wirklich alles richtig erwogen und vorausschauend berechnet habe. Er könne nur die Vorsehung bitten, daß sie, sich seiner als Mittler bedienend, für das deutsche Volk alles zum Guten wende.” Es begann ein Siegeszug ohnegleichen, der die deutschen Heere tief nach Rußland führte, bis der Winter fast vor den Toren Moskaus ein Halt gebot. Die militärischen Leistungen, die mit der Eroberung eines derart ungeheuren Gebietes verbunden waren, wo dazu noch Truppen, Panzer und Gerät z. T. erst von den Balkankriegsschauplätzen (Jugoslawien und Griechenland) herbeigeschafft und überholt werden mußten, erregten bei Freund und Feind Anerkennung. Es galt nun, die Etappe klug zu verwalten und den landwirtschaftlichen Reichtum dieser Gebiete, vor allem der Ukraine, kriegswirtschaftlich zu nutzen. Über die Kandidaten aus den Reihen und Organisationen der NSDAP und über deren Methoden, dieses Ziel zu erreichen, hat Alexander Dallin (24) eine um104
fangreiche „Studie über Besatzungspolitik” verfaßt, auf die dieses Kapitel überwiegend gestützt ist. Als Anwärter auf die Macht über diese Gebiete kamen in Betracht: Martin Bormann und der Parteiapparat, Alfred Rosenberg als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, Hinrich Lohse, Reichskommissar für das Ostland, Erich Koch, Reichskommissar für die Ukraine, Joseph Goebbels mit dem Propagandaministerium, Joachim v. Ribbentrop und das Auswärtige Amt, schließlich Hermann Göring als Beauftragter für den Vierjahresplan, Heinrich Himmler und die SS, und schließlich die Wehrmacht. Die Ursachen für die Spannungen zwischen den oben Genannten lagen in persönlicher Abneigung (Rosenberg und Ribbentrop), Konkurrenzkampf um Macht und Ansehen (Himmler, Goebbels, Bormann) sowie Wettbewerb einzelner Gliederungen der Partei, des Staates und der SS. Alexander Dallin (24) beurteilt die Lage wie folgt: „Unsichtbar im Hintergrund stand Martin Bormann. Er vertrat einen extremen Standpunkt, den er dank seiner Schlüsselstellung bei Hitler durchzusetzen vermochte. ,Hitlers böser Geist‘, des ,Führers Mephisto‘, die ,braune Eminenz‘ — solche und ähnliche Beinamen drücken etwas von der Meinung aus, die andere deutsche führende Persönlichkeiten von ihm hegten. Wie Himmler hatte auch Bormann sein privates Imperium — den Parteiapparat — aber ihn behinderte nicht solch ein Ballast wie Himmlers Hingabe an die Sache, Rosenbergs Bindung an selbstaufgestellte ,Grundsätze‘ oder die Traditionen und Skrupel des Heeres. Bewußt hinter den Kulissen agierend, hemmungslos in seinem Haß gegen jeden, der sich ihm, aktiv oder passiv entgegenstellte, war er das Musterexemplar eines Machiavellisten.” Bemerkenswert ist, daß Dallin (24) anhand des Quellenstudiums erkannte, „daß Martin Bormann darauf bedacht war, Einfluß auf den Gang der Ereignisse zu gewinnen ...” Er erreichte bei Adolf Hitler, daß die Probleme mit jedem Kandidaten einzeln und nicht in großem Kreise besprochen wurden. Denn, so wurde von Martin Bormann geltend gemacht, 105
„die zukünftige Verwaltung des für den deutschen Lebensraum so wichtigen russischen Gebietes wäre eine derart wichtige politische Aufgabe, daß die NSDAP als die politische Willensträgerin des deutschen Volkes unbedingt maßgeblichen Einfluß hierauf haben müßte, daß also eine Zivilverwaltung geschaffen werden müßte, die weitgehend von der NSDAP her zu steuern und personell zu besetzen wäre.” Zu Beginn des Rußlandfeldzuges konnten hinsichtlich der Ostpolitik zwei Richtungen festgestellt werden: Adolf Hitler und Martin Bormann waren kompromißlos gegen den Kreml, aber auch gegen das russische Volk eingestellt (;,Untermenschen”). Auf der anderen Seite standen die Kenner des Ostens im diplomatischen Dienst und in der Wehrmacht. Diese vertraten den Standpunkt einer Spaltung des Sowjetregimes und des „Sowjetvolkes” durch entsprechende Propaganda, wobei große Bedeutung der Erhaltung Rußlands als Ganzes zukam, um als künftiger nationaler russischer Staat Mitglied der europäischen Völkerfamilie zu werden. Wenige Wochen nach den ersten deutschen Siegen im Osten wurde das Ostministerium mit Alfred Rosenberg an der Spitze geschaffen. Ihm unterstellt war Erich Koch, als „Reichskommissar für die Ukraine”. Koch, der sich mit Martin Bormann gut verstand, sie waren Duzfreunde, gelang es mit Bormanns Hilfe, Zutritt zu Adolf Hitler zu bekommen, was seinem Vorgesetzten, Rosenberg, nicht immer gelang. Ein wesentlicher Beitrag Görings zu der gesamten NS-Ostpolitik war die Befürwortung und Durchsetzung der Ernennung Kochs zum Reichskommissar für die Ukraine, von dem er sich tatkräftige wirtschaftliche Unterstützung für den Vierjahresplan und die Kriegswirtschaft erhoffte. Über die entscheidende Besprechung, die die Berufung Kochs als Reichskommissar auslöste, berichtet Dallin (24): „Bormann, ein Feind Rosenbergs und alter Freund Kochs, hatte in der Konferenz geschickt Göring den Ball überlassen. Erst in dem Sitzungsprotokoll, das Hitler vorgelegt wurde, setzte er in Klammern einen listigen Vermerk hinzu: ,Es tritt mehrfach in Erscheinung, daß Rosenberg für die Ukrainer sehr viel übrig hat.‘” 106
„Der Mann, der unter dem Namen ,Brauner Zar der Ukraine‘ berüchtigt werden sollte”, berichtet Dallin weiter, „hatte seine Laufbahn als kleiner Eisenbahnbeamter im Rheinland begonnen. Dort hatte er während der Besatzungszeit in den ersten zwanziger Jahren an Aktionen gegen die Franzosen teilgenommen, wobei Kommunisten und Nationalsozialisten gemeinsame Sache machten ...” (Kursiv v. Verf.) Man ist versucht, hinzuzufügen: „... wie heute, wenn es um die Bekämpfung der Wahrheitsfindung im Falle Martin Bormann geht.” Doch darüber später. „Koch konnte seine Stellung”, schreibt Dallin weiter, „dank seines Verhältnisses zu Martin Bormann stark festigen. Wenn Bormann auch so geschickt operierte, daß sich die Rolle, die er gespielt hat, manchmal der dokumentarischen Festlegung entzieht” (Kursiv v. Verf.), „so stimmen doch vom Autor befragte deutsche Beamte darin überein, daß Bormann ein äußerst wichtiger Mittelsmann zwischen Koch und Hitler war... Noch bedeutsamer war die Tatsache, daß Bormann und Koch eng befreundet waren und einander duzten. Bormann seinerseits wurde mehr und mehr zu Hitlers Vertrautem und damit schloß sich der Ring. In der Befehlskette des Ostministeriums war Koch zwar nominell Rosenbergs Untergebener, doch konnte er sich über dessen Kopf hinweg, durch Bormanns Vermittlung unmittelbar an den Führer wenden, was er denn auch tat.” Einer der wichtigsten und umstrittensten Mitarbeiter Rosenbergs war Dr. Georg Leibbrandt, der — in Odessa geboren — als Kenner russischer Verhältnisse galt. Er wurde von der SS angefeindet, da er als Stipendiat der Rockefeller-Stiftung von 1931 bis 1933 in Paris und Nordamerika studiert hatte. Wegen seiner verständnisvollen „pro-ukrainischen” Haltung wurde er sowohl von Himmler als auch von Bormann/Koch so heftig angegriffen, daß er im Jahre 1943 aus dem Ost-Ministerium ausscheiden mußte und das Kriegsende bei der Wehrmacht verbrachte. Im Verlauf des Krieges verhärteten sich die Fronten innerhalb der nationalsozialistischen Führung. Während Rosenberg verkündete: „Unser Ziel ist ein freier ukrainischer Staat”, entgegneten Bormann-Koch: „Eine Ukraine gibt es nicht. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir das Herrenvolk sind.” 107
Um sich heute eine Vorstellung davon machen zu können, wie die nationalsozialistische Verwaltung in den besetzten Ostgebieten verfuhr, möge noch einmal der Nationalrusse Dallin (24) zu Wort kommen: „Kochs Ernennung leitete eine Zeit des Schreckens und der Unterdrückung ein, und sein Name wurde zum Sinnbild deutscher Brutalität und Stupidität im Osten. Mehr als irgendeinem andern gelang es Koch, die Bevölkerung der Ukraine gegen die Deutschen aufzubringen.” Dr. Peter Kleist, Ministerialdirigent im Ost-Ministerium Rosenbergs und Beamter des Auswärtigen Amtes Ribbentrops, drückt sich in seinen Erinnerungen dramatischer aus, wenn er sagt: (75) „An Stelle des Aufrufes der Völker” (gemeint sind die Völker der Sowjetunion) „zum Freiheitskampf trat die These vom Untermenschentum, an Stelle des selbständigen ukrainischen Staates trat das Reichskommissariat, an Stelle der politischen Vernunft trat Erich Koch. Für wessen Interessen handelte Erich Koch? Jeder Narr mußte einsehen, daß er mit seinem Regime jede Chance der siegreichen Überwindung des Bolschewismus konsequent und zielbewußt vernichtete. Mit jedem seiner brutalen Schläge härtete sich der Widerstand der Rote Armee, jede seiner Maßnahmen trieb die ukrainische Bevölkerung in die Arme der Partisanen, die bald mit tödlichem Griff den Nachschub der immer schwerer kämpf enden Front erstickten. Aus dem ukrainischen Bundesgenossen wurde ein Feind — im Laufe der Zeit entwickelte sich eine ukrainische Widerstandsarmee UFA. Die ersten Partisanen, die im Osten gegen deutsche Truppen kämpften, waren enttäuschte Nationalisten und keine Sowjetagenten. Erst später verstand es Stalin, sich diese Kräfte dienstbar zu machen. War Erich Koch so dumm, die Revolution der sowjetischen Völker, die der deutschen Armee entgegenkam, nicht zu erkennen, oder sollte jene Anekdote richtig sein, die erzählt, daß Stalin bei der Ordensausschüttung im Winter 1942/43 den ersten und höchsten Orden mit dem Bemerken beiseite legte: diesen Orden könne er heute noch nicht verleihen, weil sein Empfänger, 108
der Reichskommissar für die Ukraine, Erich Koch, von seinem Posten unabkömmlich sei.” Dr. Peter Kleist schließt mit den eindringlichen Worten: „Nicht Josef Stalin und seine Alliierten, nicht die Gegner des Nationalsozialismus können heute Ankläger oder Richter Erich Kochs werden, denn er hat das Menschenmögliche getan, um Deutschland im Osten verbluten zu lassen. Erich Koch und die mit seinem Namen verbundene Politik blinder und sturer Gewalt haben der Roten Armee und ihrem Generalissimus Stalin den Weg in das Herz Europas geöffnet.” (75) Es wurde seinerzeit alles unternommen, um Adolf Hitler von der selbstmörderischen Gewaltpolitik Erich Kochs abzubringen. „Nicht nur von oben her”, schreibt Dr. Peter Kleist, „auch vom untersten Mann an der Front her war man einer politischen Methode zugeneigt, die sich in der Praxis langsam durchsetzte und glänzend bewähne. Auch bei der SS und in den Kreisen der Wirtschaft fanden sich einsichtige Männer, die aus ihrer täglichen Arbeit erkannten, wie jede Gewaltmethode, jeder Versuch der non-fraternisation auf die Dauer ersticken und eine gefährliche Gegenwehr erzeugen mußte.” — „So setzten wir damals”, fährt Dr. Kleist fort, „im Sommer 1942 noch einmal mit einem breit angelegten Versuch ein, das Steuer herumzuwerfen. Wir waren monatelang unterwegs, von Heeresgruppe zu Heeresgruppe, von Armeestab zu Armeestab, zu den SS- und Polizeiführern, zu General- und Gebietskommissaren, zum Hauptquartier und in Berlin zu den Ministerien, Ämtern und Parteistellen. Mühsam gewannen wir Raum für ,politische Methoden‘.” Es kam die Zeit der Denkschriften. Im Ost-Ministerium wurde eine sogenannte „Große Denkschrift” verfaßt, deren Inhalt Rosenberg dem Staatsoberhaupt zur Kenntnis brachte. Adolf Hitler zeigte sich unzugänglich. „Die Antwort Hitlers war ein Brief seines Sekretärs Bormann vom Juni 1942, der die negative, nur auf Gewalt begründete Politik Kochs und Sauckels bestätigte, ein furchtbares Dokument politischer Blindheit und Engstirnigkeit.” (75) Das gleiche Schicksal ereilte die Denkschriften des Schriftstellers Edwin Erich Dwinger (Verfasser der Bücher „Die Armee 109
hinter Stacheldraht”, „Zwischen Weiß und Rot”) der Hauptleute Strick-Strickfeldt, Schenkendorf und Oberländer. Auch die Denkschriften der Generäle v. Unruh und Gehlen wurden von Adolf Hitler abgelehnt. In diesen Denkschriften wurde das zum Ausdruck gebracht, was der Auffassung vieler Besatzungsbeamter und Offiziere der Wehrmacht entsprach: eine Politik menschlicher Anständigkeit zu vertreten. „Bei den Berufsoffizieren bestand noch ein traditionelles Moralgefühl, das diktierte, was zu tun und zu lassen sei.” (24) Langsam setzte sich in der Wehrmacht eine Kritik an der selbstmörderischen NS-Ostpolitik durch. Dadurch wurden Teile des Offizierskorps zu einem „Treibhaus der Opposition” (24). Auch Oberst v. Stauffenberg ist dazuzurechnen, der am 20. Juli 1944 das Attentat auf Adolf Hitler ausführte, weil er die Folgen der von Hitler-Bormann-Koch geführten „Ostpolitik” nicht mehr tatenlos mitansehen konnte. Breiten Raum räumt Dallin (24) der Denkschrift General Gehlens ein, die vom Staatsoberhaupt ebenfalls verworfen wurde. Dallin berichtet: „Einen weit größern Widerhall rief ein I7seitiges Dokument aus der Feder des Chefs der Abteilung Fremde Heere Ost, des Generals Gehlen, hervor, der sich gewöhnlich im Hintergrund hielt. Wie acht Monate vorher Schenkendorff, bettete Gehlen seine Kritik und seine Empfehlungen in das nichtpolitische, militärische Thema der Partisanenbekämpfung und der Verwendung einheimischer Hilfskräfte ein. Indem er hervorhob, wie sehr es die Sowjets verstanden hätten, die deutschen Streitkräfte hinter der Front zu binden und zu stören, wies er auf die Anwerbung von Einheimischen als der einzigen praktischen Gegenmaßnahme hin: Voraussetzung für ihren Erfolg sei indes eine prodeutsche Stimmung bei der Bevölkerung. Was der Russe sich ersehne, was ihm aber weder die sowjetischen noch die deutschen Behörden gegeben hätten, hieß es nicht ohne kluge Berechnung in der Denkschrift, seien ,Gerechtigkeit, Organisationskraft, Verständnis, Fürsorge‘. Zur Basis der gesamten (nationalsozialistischen) Verwaltungsmaxime wurde der Grundsatz erhoben: ,Der Russe ist objektiv 110
minderwertig; er ist somit als rechtloses Ausbeutungsobjekt anzusehen, zwecks hoher Arbeitsleistung kärglich am Leben und auf niedrigstem Wissensniveau zu erhalten.‘ Diese umstrittene Auffassung wird aber unbestreitbar zu einem Fehler schwerster Art, wenn sie der betreffenden russischen Masse aus sämtlichen getroffenen Maßnahmen leicht erkennbar wird. Und hierfür wird in der Tat allenthalben ausreichend gesorgt... Dem Anwachsen der Partisanenbewegung, fuhr Gehlen fort, könne nur begegnet werden mit einer radikalen Änderung der deutschen Taktik, wozu unter anderm eine programmatische Erklärung der deutschen Führung mit der Zusicherung gehöre, daß Rußland nicht einen Kolonialstatus, sondern Selbstregierung erhalten werde. Es sei naiv anzunehmen, fügte er hinzu, der russische Nationalismus sei dadurch auszumerzen, daß man ihn totschwiege. Als wirkungsvolle Unterstreichung einer derartigen Erklärung, (hieß es in der Denkschrift weiter), kann die fiktive Bildung einer nationalrussischen Scheinregierung dienen, die als ,Nationalkomitee zur Befreiung der Heimat‘ in Erscheinung treten und allein durch papiermäßige Existenz und vaterländische Erlasse diesseits und jenseits der Front propagandistisch wirken kann. Einsatzbereite Persönlichkeiten mit Namen von Klang stehen hierfür in der gefangenen Generalität ausreichend zur Verfügung. (Aber sie) wollen nicht als Landsknechte dastehen, die ihr Vaterland ,für ein Stück Brot verraten‘. Der bessere Russe hatte mehr Selbstachtung, als man ihm zuschreibt. Zu solch einer Wandlung gehörte schließlich auch die rücksichtslose Ausmerzung diffamierender Behandlungsmethoden von ,freiwilligen‘ russischen Arbeitskräften im Reich, die Gewährung größerer Selbstverwaltung in den besetzten Gebieten, mehr kulturelle Freiheit und stärkerer Einsatz einheimischer Truppen als echte Verbündete des Reichs. Der Gehlen-Bericht fand große Beachtung. Hier war, mitten in der Stalingrad-Krise, eine ausführliche Neuformulierung buchstäblich aller Zweckmäßigkeitsargumente, die ein realistischer patriotischer‘ Offizier zugunsten einer grundsätzlichen Umorientierung der Ostpolitik vorbringen konnte. Der Bericht war 111
symptomatisch für das zunehmende politische Denken beim deutschen Militär. Ungewöhnlich offen, insbesondere in seinem Eintreten für eine Exilregierung, spiegelte er das Ende 1942 sich abhebende Zusammenfließen von drei deutlich voneinander zu unterscheidenden Tendenzen wieder: Kritik an der Ostpolitik schlechthin, Anschwellen der Anti-Hitler-Strömung im Offizierskorps, Enttäuschung über die militärischen Rückschläge, die mit Stalingrad ihren Höhepunkt erreicht hatten. Letzten Endes war es die wachsende Wahrscheinlichkeit der Niederlage, die mehr und mehr Leute der Wehrmacht in der Politik das Allheilmittel sehen lies, das vielleicht retten konnte, was durch Waffen nicht mehr zu retten war: die politische Kriegführung ging hervor aus der bitteren Hefe der Niederlage.” Der italienische Marschall Giovanni Messe meint dazu: „Deutschland strebt nicht danach, das bolschewistische Regime durch irgendein anderes zu ersetzen, sondern will sich ganz Osteuropa als wirtschaftliche Einflußzone unmittelbar sichern. Die Behandlung der Bevölkerung und der Gefangenen sowie die Ausbeutung der örtlichen Bodenschätze verraten oft Mangel an Voraussicht ... Deutschland hat es nicht verstanden, bei der Bevölkerung der besetzten Gebiete Sympathie und Bereitschaft zur Zusammenarbeit zu erwecken ...” (76) Durch die zahlreichen Maßnahmen, Verordnungen usw., die „Im Namen des Führers” getroffen wurden und die die oben genannten Denkschriften abbogen, soweit sie über den Schreibtisch Martin Bormanns gingen, zieht sich wie ein roter Faden Bormanns Einflußnahme, die in manchen Fällen „ein Schlaglicht auf sein wahres Wesen warf, das er im allgemeinen so gut zu verbergen verstand” (24). Seine Bestrebungen gingen dahin, die befohlenen Maßnahmen noch zu verschärfen. „Bormann warnte... vor zu milder Behandlung der Kriegsgefangenen und wiederholte, sie seien unsere Feinde und man müsse entsprechend mit ihnen umgehen” (24). „Viele Angehörige der Wehrmacht erkannten schon frühzeitig, wie wahnsinnig und auch unmoralisch die so rücksichtslos durchgeführte Politik war. Doch ihre Stimmen gingen zunächst im Lärm der nationalsozialistischen Untermensch-Parolen unter”, 112
die Bormann mit Nachdruck vertrat. Dazu gehörte auch der Wunsch Adolf Hitlers, daß die Angehörigen der Ostvölker — wie Martin Bormann im Juli 1942 dem Ostminister Rosenberg mitteilte — „und damit auch die sogenannten Ukrainer nur Lesen und Schreiben lernen sollten”, um sie planmäßig auf einer niedrigen Kulturstufe zu halten. Aktive Unterstützung erhielten diese Absichten Martin Bormanns durch seinen Intimus Erich Koch, der im Winter 1942/43 sogar vierklassige Schulen in mehreren ukrainischen Bezirken schließen ließ und diese Maßnahme mit „Kohlenmangel” begründete. Darüber war Ost-Minister Rosenberg derart empört, daß er diese Anordnung Kochs als „Verrat an den politischen Zielen Deutschlands” bezeichnete. Damit war zum ersten Mal von einem prominenten Nationalsozialisten ein anderer prominenter Nationalsozialist und zugleich Martin Bormann selbst des Verrats bezichtigt worden. In seinem Rundschreiben von Anfang November 1941 an die politischen Leiter verfügte Martin Bormann, daß die Leichen verstorbener russischer Kriegsgefangener wie folgt zu behandeln seien: „Die Toten sollen nicht eingesargt, sondern nur in Teerpappe oder Ölpapier eingeschlagen und mit Wehrmachtslastwagen unauffällig abtransportiert werden. Erst wenn genügend Leichen vorlägen, sollen sie im Massengrab Seite an Seite gelegt werden, aber nicht unbedingt Kopf an Kopf. Zeremonien seien bei dieser Prozedur ebenso verboten wie späterer Grabschmuck”. Am 19. August 1942 schrieb Martin Bormann über die russischen Kriegsgefangenen (8), „sie sollten für uns arbeiten, und soweit wir sie nicht brauchen, mögen sie sterben.” Die zahlreichen o. a. Zitate aus Martin Bormanns Arbeitsbereich seit Beginn des Ostfeldzuges, die seine Gesamteinstellung beleuchten, könnten durch zahlreiche weitere Einzelheiten ergänzt werden. Wir müssen aus Raumgründen davon Abstand nehmen und verweisen auf das Quellenverzeichnis. Seine Einstellung, die Bormann auf die „Nationalsozialistische Weltanschauung” stützte, vertrat er in einer radikalen Form, indem er „Führerbefehle” und andere Anordnungen von sich aus 113
verschärfte. Das führte in der Tat dazu, daß aus den vermeintlich befreiten Ukrainern und andern Ostvölkern, die die Wehrmacht einst mit Brot und Salz empfangen hatten, langsam Feinde wurden. Dadurch nahm die Zahl der Partisanen und der von ihnen verübten Überfälle ständig zu. Aus dieser Sicht war die Beurteilung der Ostpolitik Kochs durch Rosenberg zutreffend, wenn er sie als „Verrat an den politischen Zielen Deutschlands” bezeichnete. Dieser Satz nimmt Gestalt an, wenn man erfährt, daß Erich Koch — nach dem Kriege von einem polnischen Gericht zum Tode verurteilt — noch am Leben ist und im polnischen Gefängnis zu Wartenburg (Ostpreußen) 1975 seine Erinnerungen schrieb. Darüber berichteten „Die Welt” und „Mensch und Maß” (77): „Martin Bormanns Freund Ex-Gauleiter Erich Koch schreibt seine Memoiren. Als im Herbst 1975 unter der Überschrift ,Keine Träne für den Gauleiter‘ in der Tageszeitung ,Die Welt‘ (25./26. Oktober 1975) berichtet wurde, daß Erich Koch, Hitlers ehemaliger Gauleiter von Ostpreußen, noch lebe und in einem polnischen Gefängnis im ostpreußischen Wartenburg seine Lebenserinnerungen schreibe, da haben sich gewiß manche Leser gewundert. Diese Verwunderung war berechtigt, da bekannt ist, daß Erich Koch, erst 1949 in der BRD aufgegriffen, an die Polen ausgeliefert, am 9. März 1959 zum Tode verurteilt und anschließend hingerichtet worden sein soll. So berichtet Stockhorst in seinem Nachschlagwerk ‚Fünftausend Köpfe — wer war was im Dritten Reich?‘(1967). Besser unterrichtet ist dagegen das ,Archiv der Gegenwart‘, dem zu entnehmen ist, daß Kochs Verteidiger dem polnischen Staatsrat ein Gnadengesuch zugeleitet hatten, der das Todesurteil in eine Zuchthausstrafe umwandeln kann. Diese Umwandlung erfolgte nach ,Der Welt‘ zwar nicht, ,gleichwohl kam es, angeblich wegen des schlechten Gesundheitszustandes des Delinquenten fortan nicht zur Vollstreckung der Todesstrafe‘. Diesem ,schlechten Gesundheitszustand‘ widerspricht der weitere Bericht der ,Welt‘: ,Er genießt Sonderrechte. Aber er ist gesund. Das habe eine 114
grundsätzliche Untersuchung Anfang September ergeben.‘ Dieser Tatbestand mutet im Hinblick auf die Koch im Prozeß angelasteten Verbrechen (mitschuldig am Tode von 200 000 Juden und 72 000 Polen laut ,Archiv der Gegenwart‘, bzw. 400 000 Polen und polnischen Juden laut ,Die Welt‘) überraschend mild an. ,Der Prozeß gegen ihn‘, so berichtet ,Die Welt‘ weiter, ,wurde in ungewöhnlich fairer Weise geführt.‘ Darauf kommen wir noch zurück. Lesen wir weiter, was ,Die Welt‘ über Erich Koch noch zu berichten weiß: ,lm Prominentengefängnis im masurischen Wartenburg führt Erich Koch, gemieden von seinen Mitgefangenen, ein eher bequemes Leben. Er darf Verwandtenbesuche aus der Bundesrepublik empfangen, er hört Radio und jede Woche soll er eine deutsche Zeitung bekommen: ausgerechnet das in Hamburg erscheinende Ostpreußenblatt. Länger als in allen ändern Zellen darf bei Koch das elektrische Licht brennen: Denn der Einsitzer schreibt seine Memoiren und er soll jetzt fast am Ende damit sein. Die Erinnerungen des überraschend vitalen Greises sollen übrigens bald im Eigenverlag der Wartenburger Strafanstalt herauskommen. Man erhofft ein großes Geschäft. Der 79jährige aber hofft, begnadigt und in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben zu werden. Er glaubt, wie in Wartenburg zu erfahren ist, zu jenen 125 000 Deutschen zu gehören, die im Zuge der jüngsten Bonn-Warschauer Abmachungen endlich grünes Licht für eine Umsiedlung bekommen sollen. Kein Zweifel: Hitlers Lieblingsgauleiter will ,heim ins Reich‘*. Am Fall Koch ist bemerkenswert, daß sein Verfahren so lange verschleppt und die Todesstrafe nicht vollstreckt wurde. Das dürfte nicht von ungefähr kommen. Daher soll durch eine nähere Betrachtung von Kochs politischer Vergangenheit eine Erklärung für die auffallend schonende Behandlung dieses radikalen »politischen Soldaten Adolf Hitlers‘ anhand glaubhafter Aussagen gesucht werden. Koch gehörte zum revolutionären Flügel der NSDAP und behielt, wie seine Protektoren Göring und Bormann, etwas von seiner antikapitalistischen Einstellung bis zuletzt bei. Während 115
der Wirtschaftskrise trat Koch als einer der hauptsächlichen nationalsozialistischen Wortführer für eine Annäherung an die Sowjetunion ein. Wie Rauschning sich später erinnerte, war Koch einer von Gregor Strassers Leuten, ein eifriger Verfechter der prorussischen Politik. Noch am Vorabend des Krieges vertraute Koch dem Völkerbundkommissar für Danzig, Carl Burghardt, an, er, Koch würde fanatischer Kommunist geworden sein, wenn er nicht Hitler begegnet wäre ... In seinem Buch ,Aufbau im Osten‘ (Breslau, 1934) äußert Koch sich freimütig über seine Ansichten. Er meinte dort: ,Die Zukunft gehört den jungen sozialistischen Völkern, nicht dem kapitalistischen Westen.‘ Er geht den Spuren deutschrussischer Zusammenarbeit von Peter III. bis zum Vertrag von Rapallo (1922) nach: ,Denn alle Mächte zwischen Rhein und Pazifischem Ozean haben bei ihren großen Problemen gemeinsame Interessen.‘ Demnach dachte Koch schon vor vierzig Jahren so, wie die heutigen Baumeister der Ostpolitik, wo ihre Schreibtische auch immer stehen mögen ... Über Erich Kochs politische Grundhaltung teilt N. Broszat in seiner Untersuchung ,Der Staat Hitlers‘ folgendes mit: ,Ostpreußische NS-Bauernführer führten gegen ihren Gauleiter Koch Klage, er betriebe eine Parteidiktatur nach sowjetischem Muster, werfe den Bauern mangelndes proletarisches Bewußtsein vor und habe in diesem Zusammenhang von Reaktion und Konterrevolution gesprochen.‘ Aufgrund der angezogenen Unterlagen und der gemeinsamen politischen Heimat Erich Kochs mit dem auch nach dem Zusammenbruch aktiv gebliebenen Sowjetagenten Martin Bormann erscheint der Hinrichtungsstop für den zum Tode verurteilten Erich Koch verständlich. Bei dem derzeitigen politischen Klima wäre sogar eine Abschiebung Erich Kochs durch Polen in die Bundesrepublik, wie es laut ,Die Welt‘ für möglich gehalten wird, nichts Außergewöhnliches. Koch hat durch laufende konspirative Unterstützung seines ,an den Schalthebeln der Macht‘ operierenden Freundes Martin Bormann den Sowjets im Krieg wertvollste Dienste geleistet. Ob die von Kleist (75) überlieferte Anekdote anläßlich der Or116
densausschüttung durch Stalin der Wahrheit entspricht oder nicht, der sonst unverständliche Hinrichtungsstop für Koch stellt eine recht eindeutige Aussage dar. Einem Erich Koch das Leben zu schenken und ihn auch noch freizulassen, kann in der Tat nur als Belohnung in anderer Form, als es die Anekdote berichtet, aufgefaßt werden ... Ein Erich Koch ... dürfte von dem polnischen Ankläger lediglich, um vor der Weltöffentlichkeit und den Hinterbliebenen seiner Opfer das Gesicht zu wahren, symbolisch zum Tode verurteilt worden sein. An einem Manne wie Erich Koch, der der sowjetischen Politik im Kriege derartige Dienste geleistet hat, daß Kleist (75) mit vollster Berechtigung sagen konnte: ,nicht die Gegner des Nationalsozialismus können heute Ankläger oder Richter Erich Kochs werden, denn er hat das Menschenmögliche getan, um Deutschland im Osten verbluten zu lassen‘, an einem solchen Manne konnte die Todesstrafe nicht vollstreckt werden. Darum wurde auch der Prozeß gegen ihn, wie ,Die Welt‘ richtig bemerkt, ,in ungewöhnlich fairer Weise geführt‘. Erich Koch hätte nur von einem deutsch-polnischen Gericht verurteilt werden können, weil er dem deutschen und polnischen Volk durch seine verbrecherischen Untaten unermeßlichen Schaden zugefügt hat ...” Mit Abstand von den Ereignissen kann festgestellt werden, daß die Führung des Dritten Reiches nach seltenen Anfangserfolgen durch die Deutsche Wehrmacht den Feldzug gegen die Sowjetunion verloren hat nicht allein durch a) Nichtbeachtung der bereits von General Ludendorff wiederholt ausgesprochenen Warnung vor der unermeßlichen amerikanischen Waffenhilfe, b) deutsche Sabotage, sondern c) in erheblichem Umfang durch die Untermensch-Politik des ,wirklichen Untermenschen Erich Koch‘ mit Martin Bormann im Hintergrund, der diese Politik extrem auf die ,anfangs deutschfreundlichen Ukrainer übertragen hat‘, wie Professor Günther schreibt, (s. 2. Kapitel und die Quellen 22 und 24) 117
Es widerspricht dem geschichtlichen Sachverhalt, wenn die Hauptschuld an der Niederlage im Osten einseitig einem der drei oben genannten Gründe, vor allem deutscher Sabotage, zugeschrieben wird, während die ändern Begründungen bagatellisiert werden oder unerwähnt bleiben. In diesem Kapitel erschien zum ersten Mal das Wort vom „Verrat an den politischen Zielen Deutschlands”, dessen Bormann-Koch bezichtigt werden und die Worte von dem „ ... auch nach dem Zusammenbruch aktiv gebliebenen Sowjetagent Martin Bormann ...” In dem folgenden Kapitel wird der Leser näher an diese Dinge herangeführt.
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ZEHNTES KAPITEL „Führerbefehl” und „Kommissarbefehl” — Warum aus befreiten Ukrainern Partisanen wurden — Deutscher Widerstand gegen NS— — Bormann für Heydrich als Reichsprotektor in Böhmen und Mähren — Hintergründe des Attentats auf Heydrich — Wer zog Nutzen aus Heydrichs Tod? Ebenso, wie ein wertvolles Medikament, übermäßig dosiert, den Zustand des Patienten verschlimmern, im Extremfall sogar seinen Tod herbeiführen kann, ist es in der Staatsführung möglich, durch ein Zuviel an Demokratie ein Land mit seinem Volk in den Ruin zu führen. Aber auch Gegenteiliges kann zu denselben Folgen führen. So hat Martin Bormann Äußerungen Adolf Hitlers als „Führerbefehle” formuliert und erheblich radikalisiert an die entsprechenden Behörden und Dienststellen hinausgehen lassen. „Führerbefehle” wurden im Dritten Reich blind befolgt. Eine der wenigen Ausnahmen kann in dem sehr umstrittenen „Kommissarbefehl” erblickt werden, nach dem angeordnet wurde, daß jeder in Gefangenschaft geratene Kommissar der Roten Armee ohne Verfahren sofort zu erschießen sei. Da die Deutsche Wehrmacht in ihrer überwiegenden Mehrheit derartige Befehle nicht auszuführen gewillt war, wurden zur Lösung solcher „Aufgaben” sogenannte Einsatzgruppen aufgestellt. General Guderian (33) äußert sich dazu: „Schließlich muß noch einer Angelegenheit Erwähnung getan werden, die in der Folge dem deutschen Ansehen höchst abträglich wurde. Kurz vor Beginn der Feindseligkeiten erging ein Befehl des OKW über die Behandlung der Bevölkerung und der Kriegsgefangenen in Rußland unmittelbar an die Korps und die Divisionen. Er enthielt Bestimmungen, die die Anwendung des Militärstrafgesetzes nicht mehr unter allem Umständen erforderlich machten, sondern in das Belieben der direkten Disziplinarvorgesetzten stellten.” 119
Da dieser Befehl nach der Auffassung Generalfeldmarschalls v. Brauchitsch, General Guderians und der Kommandierenden Generale geeignet war, die Disziplin der Truppe zu schädigen, hat General Guderian die Ausgabe dieses Befehls an die Truppe verboten und seine Rücksendung nach Berlin angeordnet. Auch der „gleichfalls unrühmlich bekanntgewordene, sogenannte ,Kommissarbefehl‘ gelangte überhaupt nicht zur Kenntnis meiner Panzergruppe. Er ist anscheinend bereits bei der Heeresgruppe ,Mitte‘ angehalten worden. Auch der ,Kommissarbefehl‘ ist bei meinen Truppen nicht angewendet worden.” (33) Die Abfassung von Befehlen dieser Art wurde bestimmt von den dienstlichen Niederschriften, die Dr. Henry Picker an einem Tisch neben der Tafel Adolf Hitlers im Auftrage Martin Bormanns angefertigt hatte. In seinen Ausführungen über die Entstehungsgeschichte des Buches „Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier” (83) berichtet der Verfasser: „Da diese ‚dienstlichen‘ Niederschriften Unterlagen für Bormanns dienstliche Überlegungen und Zielsetzungen sein sollten, korrigierte er in ihnen ungeniert herum, diktierte Teile wohl auch im Sinne einer schärferen Formulierung um und versah sie mitunter sogar mit Randbemerkungen, die seinen Mitarbeitern in der Parteikanzlei den von ihm gewünschten Kurs klarmachen sollten. (Kursiv v. Verf.) Um bezüglich der dienstlichen Verwendung dieser Sorte von Niederschriften Hitler gegenüber gedeckt zu sein, verständigte er mich von seinem Wunsch nach einer derartigen Aufzeichnung durch Kärtchen, Zeichen oder Ordonnanz stets so auffallend, daß alle Tischgäste es sehen mußten und er daher Hitler Kenntnis und stillschweigendes Einverständnis für die konkrete Ausnahme von seinem Aufzeichnungsverbot unterstellen konnte.” Befehle und Anordnungen dieser Art haben das anfangs gute Verhältnis zwischen den deutschen Befreiern und der einheimischen Bevölkerung nicht vertieft. Ebenso wirkten die Maßnahmen des Reichskommissars Koch über die im 9. Kapitel ausführlich berichtet wurde. Dadurch wurden die Befreier zu Eroberern, ja Ausbeutern, und der Einheimische wandelte sich zum Feind. Die gefürchtete Partisanentätigkeit nahm zu. Damit war ein 120
Teilziel Stalins erreicht. Martin Bormann und Erich Koch haben dazu erheblich beigetragen, auch wenn sie sich mit ihren Maßnahmen auf die „Nationalsozialistische Weltanschauung” beriefen. Die so praktizierte Anwendung dieser „Weltanschauung” hat schließlich zur endgültigen Niederlage geführt. Der Nationalsozialismus ist mit seinen vermeintlichen Waffen bzw. Ideologien im Osten geschlagen worden, wobei nicht außer acht gelassen werden darf, daß Martin Bormann es war, der — meist im Hintergrund agierend — durch die von ihm erheblich verschärften Anordnungen und durch sein willfähriges Werkzeug Erich Koch die Volksseele dieser „Untermenschen” bis zur Verzweiflung angeheizt hatte und sie schließlich zu den Partisanen in die Wälder trieb. „In keiner Frage” schreibt Alexander Dallin, „war die Uneinigkeit innerhalb der deutschen Führung eklatanter als in der Ukraine. Es gab kein Gebiet, das ihr mehr bedeutete als dieses. Dennoch wurden die Stimmen, die nach einer neuen, ,aufgeklärten‘ Politik riefen, überhört von denen, die die Macht hatten. Von Hitler bis Koch blieb man stur in den Mythen und Visionen verhaftet. Solange die deutschen Truppen siegreich waren, hielt man es für überflüssig, auf die Erwartungen des Volkes mit Zugeständnissen einzugehen; als die Niederlagen kamen, galten Konzessionen als gefährlich und als der Widerstand der Bevölkerung zur Lawine wurde, reagierte man darauf mit wachsendem Terror gegen die ,zügellosen Banden‘. Einwände Andersdenkender waren vergebens. Als das Jahr 1944 anbrach und die deutschen Truppen sich aus der Ukraine zurückzogen, hatte weder Hitler in seinem Hauptquartier noch Koch in Rowno ein Rezept für die ‚Beherrschung des Ostens‘ gefunden.” (24) Das war bei dieser Bevölkerungspolitik von Anfang an auch nicht zu erwarten. Zwei Aussprüche Erich Kochs mögen seine Einstellung beleuchten: In Melitopol hielt er vor einer großen ukrainischen Hörerschaft eine Rede, in der er u. a. sagte: „Für dieses Negervolk stirbt kein deutscher Soldat.” Ein anderes Mal erklärte: „Wenn 121
ich einen Ukrainer finde, der (es) wert ist, mit mir an einem Tisch zu sitzen, muß ich ihn erschießen lassen.” (24, 82) Es wurden aber nicht nur meist die für den „freiwilligen Arbeitseinsatz” in Deutschland in Frage kommenden ukrainischen Männer und Frauen zu Verzweiflungstaten getrieben, da sie sich nur auf diese Weise der drohenden Deportierung entziehen konnten. Auch auf deutscher Seite griff angesichts dieser brutalen NSOstpolitik beginnende Verzweiflung um sich. Als erkennbar wurde, daß die in dieser Sache eingereichten Denkschriften unbeachtet blieben, gingen viele, deren Vaterlandsliebe die Zuneigung zu Adolf Hitler und der NSDAP übertraf, in den Widerstand. Einige außergewöhnliche Persönlichkeiten, wie der frühere deutsche Presseattachè in Moskau, Wilhelm Baum, beging 1942 aus Verzweiflung und Abscheu über diese Ostpolitik Selbstmord. (78) An dieser Stelle erachten wir es für dienlich, in Hinblick auf die von den Verantwortlichen im Dritten Reich, Bormann-Koch, angeordnete bzw. praktizierte NS-Ostpolitik einen Vergleich zu ziehen mit der Ostpolitik des kaiserlichen Deutschland im Ersten Weltkriege. Näheres darüber aus den Kriegserinnerungen General Ludendorffs (81): „Ich will nur ein Bild der Verwaltung des Oberbefehlshabers Ost geben und tue dies gern, denn ebenso wie meinen Mitarbeitern auf rein militärischem Gebiet, schulde ich hier meinen Helfern Dank. Die Arbeit, die wir dort zusammen, bis zu meinem Weggang Ende Juli 1916, geleistet haben, war eine große, schöne und deutscher Männer würdige Tat. Sie war der Armee und der Heimat sowie dem Lande und seinen Bewohnern selbst zu Nutz und Frommen ... Für die reine Verwaltung mußte ich auch Herren ohne fachtechnische Vorbildung nehmen, hier konnten klarer Wille, allgemeines Wissen und gesunder Menschenverstand Fehlendes ersetzen. Für Landwirtschaft und Forsten, Gericht, Finanzen, Kirche und Schule waren Leute vom Fach unbedingt nötig ... Jeder machte sich gleich mir mit Eifer an seine schwere und mühevolle Arbeit. Wir sahen uns einer fremden Bevölkerung gegenüber, die aus verschiedenen sich gegenseitig befehdenden 122
Stämmen zusammengesetzt war, uns sprachlich nicht verstand und größtenteils innerlich ablehnte. Der Geist treuer und selbstloser Pflichterfüllung, das Erbteil hundertjähriger preußischer Zucht und deutscher Tradition beseelte alle ... Ich sah allmählich, bei näherer Kenntnis des Landes, daß dies und jenes nicht durchzusetzen war und mußte ändern ... Besondere Aufmerksamkeit schenkten wir den hygienischen Verhältnissen der Bevölkerung. Der Kampf gegen das Fleckfieber, das an vielen Stellen herrschte, wurde erfolgreich durchgeführt. Er kostete uns große Opfer an Ärzten. Zur Beruhigung der Bevölkerung und zur materiellen Hebung des Landes wurde mit der Einlösung der von den Truppen während der Operationen ausgestellten Requisitionsscheine begonnen. Wir zahlten von nun an alles bar. Ich wollte damit eine Hebung der Produktion erreichen, an der mir sehr viel lag und dem Lande helfen. Zur Unterstützung des Landes ließen wir die Tätigkeit von auswärtigen Unterstützungskomitees der im besetzten Gebiete vorhandenen Nationalitäten zu; ich forderte nur, daß sie nicht einseitig bei der Hilfeleistung an ihren Volksteil stehenblieben, sondern andere gleichfalls bedachten. Die jüdischen Komitees, die über die meisten Mittel verfügten und sie auch aus Amerika bezogen, haben großzügig und nutzbringend gewirkt... Die erste jüdische Volksküche, die in Kowno entstand, trug meinen Namen. Der Feldrabbiner Rosenack hatte mich darum gebeten. Das Aufbringen der Rohstoffe war eine besonders wichtige Aufgabe. Auch hier fand Barzahlung statt. Der Jude als Zwischenhändler war dabei unentbehrlich. Wir führten viele Häute, Felle, Kupfer und Messing, Lumpen und Schrott (Alteisen) der heimischen Kriegswirtschaft zu, und entlasteten sie durch Inbetriebnahme von Fabriken in Kowno, Libau und Bjalystok... Die reichen Waldbestände regten besonders zur Ausnutzung an, jeder Raubbau aber war untersagt. Der Holzverbrauch für den Stellungsbau und für Eisenbahnschwellen war ganz außerordentlich groß ... Nutzholz ging nach Deutschland selbst, auch wurde Holz an die Bevölkerung zum Wiederaufbau der Wohnungen gegeben... 123
Die wirtschaftliche Ausnutzung des Landes war nach allen Richtungen hin sehr gründlich und, soweit möglich, mit der Schonung des Landes und seiner Bewohner verbunden ... Die Gerichtsverfassung entsprach der Haager Landkriegsordnung. Diese verlangte, daß die Bewohner privatrechtlich nach ihren Landesgesetzen abzuurteilen sind. Es mußte daher erst festgestellt werden, welche Gesetze überhaupt galten.