Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!
In der Sternenbrücke halten die »Schwarzen Weißen«, die den Terranern d...
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Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!
In der Sternenbrücke halten die »Schwarzen Weißen«, die den Terranern das Erbe der Mysterious streitig machen wollen, die Männer der POINT OF noch immer in Atem. Während Ren Dhark sich auf die Suche nach »Erron-3« begibt, stößt Colonel Huxley im verwüste ten System der Nogk am Rande der Milchstraße auf unheimliche schwarze Raumschiffe – die Schatten sind da! Kurt Brand schuf in den Jahren 1966 -1969 mit einem Team von Co-Autoren die Heftserie Ren Dhark, die in den 70er und 80er Jahren eine zweite und dritte Auf lage erlebte. Für diese Buchausgabe ist der SF-Klassiker neu bear beitet und fortgeschrieben worden, denn in den Tiefen des Kosmos ist das große Rätsel der Mysterious noch immer zu lösen…
Ren Dhark
Durchbruch nach Erron-3 Die große SF-Saga von Kurt Brand Band 13
Bereits erschienen: (1) Sternendschungel Galaxis – (2) Das Rätsel des Ringraumers (3) Zielpunkt Terra – (4) Todeszone T-XXX (5) Die Hüter des Alls – (6) Botschaft aus dem Gestern (7) Im Zentrum der Galaxis – (8) Die Meister des Chaos (9) Das Nor-ex greift an! – (10) Gehetzte Cyborgs (11) Wunder des blauen Planeten – (12) Die Sternenbrücke sowie die Sonderbände:
Die Legende der Nogk
Gestrandet auf Bittan
Wächter der Mysterious
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1.Auflage
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Postfach 22 01 22
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Telefon: 02.631-356.100
Fax: 02.631-356.102
Internet: http://www.ren-dhark.de
© REN DHARK: Brand Erben
Buchbearbeitung: Gerd Rottenecker
Beratung: Heinz Mohlberg
Cover: Ralph Voltz
Illustrationen: Swen Papenbrock
Druckvorlagenherstellung:
TYPO-Schlick GmbH, 56.566 Neuwied
Druck und Bindung:
Westermann Druck Zwickau GmbH
© 1999 HJB Verlag
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 3-930.515-23-7
Scanned by Grebo
K-Leser JohnFuller
Vorwort Was im vorangegangenen Band 12 der Ren-Dhark-Buchausgabe be gonnen hat, setzt sich im vorliegenden Buch fort: die Suche nach den Mysterious und der Konflikt mit den »Schwarzen Weißen« – beides Themen, die uns auch weiterhin begleiten werden. Darüberhinaus wird in diesem Band dem wohl faszinierendsten und beliebtesten Fremdvolk der Serie breiter Raum gewidmet: den Nogk, die mit der ihnen eigenen Geschwindigkeit und Konsequenz ein fast schon als wahnwitzig zu bezeichnendes Unternehmen vor antreiben. Im Umfeld der Nogk manifestiert sich auch erstmals eine Gefahr, die für die Erde zu einer ebensolchen Bedrohung werden könnte, wie sie die »Schwarzen Weißen« darstellen. Und natürlich sind auch »Drei Männer und ein Robothund« wieder mit von der Partie… Wer den Abflug unseres ersten Modells der POINT OF verpaßt hat, bekommt jetzt die Gelegenheit, Versäumtes nachzuholen. Denn zeitgleich mit dem Erscheinen dieses Buches wird auch die 2. Edition des Ringraumer-Modells (in kleinerem Maßstab und preisgünstiger) zu haben sein – wiederum auf 98 Exemplare limitiert! Bereits seit zwei Monaten ausgeliefert und den Abonnenten und Vorbestellern längst zugegangen ist der dritte Ren-DharkSonderband mit dem Titel »Wächter der Mysterious«. Darin erzählt der Atlan- und Perry-Rhodan-Autor Hubert Haensel vom weiteren Schicksal des Dieners Simon, dessen Bewußtsein beim G’LoornAngriff auf Hope in den Körper eines Mysterious-Roboters gesogen wurde – und der sich diesen neuen Körper jetzt mit einem fremden Bewußtsein teilen muß. Aber ist dieses fremde Bewußtsein Freund oder Feind? Weitere Sonderbände sind bereits angedacht bzw. existieren als Konzept. Bei zwei Titeln sind die Planungen allerdings schon we sentlich weiter gediehen: für sie gibt es bereits Exposes. Der vierte Sonderband wird voraussichtlich im Herbst 1999 erscheinen, der fünfte Anfang des Jahres 2000. Nachzutragen blieben wie immer die Titel und Verfasser der Ori ginalromane, die überarbeitet und teilweise gekürzt in dieses Buch eingeflossen sind: Die Hypnosperre, Durchbruch nach Erron-3 und Transmitter-Straßen von Kurt Brand sowie SOS aus dem Spiralarm und Die Heimat im Nichts von Staff Caine (alias Hermann Werner Peters). Offenburg, im Frühjahr 1999 Gerd Rottenecker
Prolog Frühjahr 2057. Für die Erde und die Welten des terranischen Ein flußbereichs ist die Zeit der turbulenten Ereignisse, die vor mehr als einem Dreivierteljahr mit dem Auftauchen des Nor-ex begonnen hat, noch immer nicht vorbei. Zwar droht Terra momentan allem Anschein nach keine direkte Gefahr – wie sie etwa der in letzter Sekunde abgewendete Angriff der gewaltigen Robot-Ringraumerflotte darstellte –, doch auch so gibt es genügend Entwicklungen, die den terranischen Verantwortli chen Sorge bereiten. Da wären zunächst einmal die unerklärlichen Vorfälle im Industrie dom von Deluge, die nur zu einem Teil auf das Wirken der beiden >entarteten< Cyborgs Mildan und Dordig zurückzuführen waren und die den Terranern auf drastische Weise verdeutlichten, daß sie das Vermächtnis der Mysterious allenfalls in Ansätzen enträtselt und verstanden haben. Auch das Problem, das Mildan und Dordig selbst darstellen, ist weit von einer Lösung entfernt, denn nach wie vor ist ungeklärt, wie es überhaupt zu ihrer >Entartung< kommen konnte – und ob sich so etwas noch einmal wiederholen kann. Aber vielleicht finden Jos Aachten van Haag, Manu Tschobe, Chris Shanton und Jimmy eine Antwort auf diese Frage. Die drei Terraner und der Robothund haben den Industriedom über eine >Transmit terstraße< der Mysterious verlassen und gelten als vermißt. Nie mand ahnt, daß sie auf einem unbekannten Planeten eine unterseei sche, vollautomatisierte Ringraumerwerft gefunden haben – und dort plötzlich den totgeglaubten Cyborgs gegenüberstehen. Außerdem wartet man auf Terra bereits seit einiger Zeit vergeblich auf irgendeine Nachricht von Ren Dhark. Der Commander der Plane ten ist einmal mehr im All verschollen. Die Jagd auf die RobotRingraumerflotte hat ihn und die Besatzung der POINT OF zur Ster nenbrücke geführt – einem astronomisch-technischen Wunder der Mysterious, das nicht nur positive Überraschungen für die Terraner bereithält. So sind Ren Dhark und seine Männer innerhalb der Sternenbrücke auf eine völlig humanoide Rasse gestoßen, deren technische Mög lichkeiten die der Menschen – aber auch die der Utaren oder selbst der Nogk – deutlich übersteigen. Diese Humanoiden, von denen noch niemand weiß, wie sie sich selbst nennen, und die daher bis jetzt entsprechend ihrem Äußeren einfach als >Schwarze Weiße< bezeichnet werden, befinden sich ebenfalls auf der Jagd nach dem Erbe der Mysterious – und sie sind dabei alles anderer als zimperlich in der Wahl ihrer Mittel. Noch ahnt man auf der Erde nichts von den bedrohlichen Gescheh nissen innerhalb der Sternenbrücke, noch weiß man nicht um die Entdeckungen, die Tschobe, van Haag und Shanton bei ihrer Reise
über die Transmitterstraßen gemacht haben. Und man ist schon gar nicht auf das vorbereitet, was Colonel Fre deric Huxley im Tantal-System, der Heimat der Nogk, finden wird…
1. Marschall Bulton war um seine Aufgabe nicht zu beneiden. Schon seit Tagen hockte er bis spät in der Nacht in seinem Büro und versuchte einen Folienstapel abzuarbeiten, der nicht kleiner werden wollte. An diesem Abend war seine Stimmung besonders schlecht. Des halb machte er sich noch nicht einmal die Mühe aufzublicken, als die Tür zu seinem Büro geöffnet wurde, sondern knurrte nur unwirsch: »Ich dachte, ich hätte mich klar genug ausgedrückt, als ich gesagt habe, ich wollte in den nächsten zwei Stunden nicht gestört werden, Patters!« »Das haben Sie zweifellos, Bulton, allerdings…« Das war ganz eindeutig nicht die Stimme seines Adjudanten. Etwas irritiert blickte Bulton endlich auf. Vor seinem Schreibtisch stand – gepflegt wie immer, und obwohl es schon gegen 23:00 Uhr Ortszeit ging, ohne das geringste, äußer lich erkennbare Anzeichen von Müdigkeit – Henner Trawisheim und lächelte ihn freundlich an. Bulton seufzte. »Was wollen Sie denn noch um diese Zeit?« fragte er in vorwurfsvollem Ton. Der Stellvertreter Ren Dharks antwortete nicht sofort, sondern zog sich erst einen Besuchersessel heran und ließ sich gemächlich darin nieder. Dabei blickte er Bulton die ganze Zeit mit dem gewinnenden Lächeln an, das fast so etwas wie sein Markenzeichen war. Jeden anderen hätte er mit diesem Lächeln für sich eingenommen – doch beim stellvertretenden Befehlshaber der TF zeigte es nicht die ge ringste Wirkung. »Nun schießen Sie schon los, Trawisheim, ich habe schließlich nicht die ganze Nacht Zeit«, knurrte Bulton in einem Tonfall, der seinen Untergebenen höchste Alarmstufe signalisiert hätte. »Ist schon wieder irgendwo eine große Schweinerei im Gange? Sie sind doch nicht nur gekommen, um mir einen Höflichkeitsbesuch abzu statten, oder?« »Mein lieber Bulton, Sie sollten mal ein paar Tage ausspannen«, sagte Trawisheim, ohne direkt auf Bultons Worte einzugehen. Der Marschall wurde puterrot im Gesicht. Doch noch bevor er ex plodieren konnte, hatte Trawisheim bereits abwehrend die Hand ge hoben und fuhr schnell fort: »Auch wenn Ihnen das merkwürdig erscheinen mag, dies ist tatsächlich in erster Linie ein Höflichkeits besuch. Ich hatte vor knapp einer Stunde ein kurzes ViphoGespräch mit Patters, und bei dieser Gelegenheit hat mir Ihr Adju tant erzählt, daß Sie schon seit Tagen nicht mehr vor Mitternacht aus dem Büro kommen. Da ich aber nichts von einem erneuten Auftauchen des Nor-ex oder einem weiteren Angriff einer Flotte von Robot-Ringraumern gehört habe, frage ich mich natürlich, was Sie bis spät in die Nacht an den Schreibtisch fesselt. Und nur aus die
sem Grund - reiner Neugier sozusagen – bin ich vorbeigekommen.« Das war eine lange Rede für den Mann, dem Ren Dhark so bedin gungslos vertraute wie kaum einem zweiten, und der dieses Ver trauen noch niemals enttäuscht hatte. Bulton grummelte etwas Unverständliches, dann räusperte er sich und sagte: »Manchmal wünsche ich mir beinahe, es wäre wieder eine feindliche Flotte im Sol-System rematerialisiert und… Ach was, jetzt fange ich schon an, dummes Zeug zu reden!« Der Marschall griff nach dem Folienstapel auf seinem Schreibtisch und wedelte damit Trawisheim unter der Nase herum. »Wissen Sie, was ich hier habe? Ich will es Ihnen sagen: Hier habe ich ungefähr so viele Versetzungsanträge, wie es Kommandanten sowie Erste und Zweite Offiziere in der TF gibt… Nein, wahrscheinlich sogar noch ein paar mehr…« Trawisheim wölbte die Brauen. »Wollen Sie damit andeuten, jeder zur Kommandoführung befähigte Offizier der TF hätte einen Verset zungsantrag gestellt?« »Ich will nichts andeuten, Trawisheim – das sind Tatsachen!« Der Marschall polterte schon wieder. »Es sind diese verfluchten Ringraumer! Sie bringen die ganze Struktur der TF durcheinander!« »Verstehe«, sagte Trawisheim halblaut. Bulton schnaubte und kniff die Augen zusammen. Er holte tief Luft – und dann legte er los: »Nichts verstehen Sie, Trawisheim, über haupt nichts…! Sind Sie schon einmal mit einem Kugelraumer ge flogen? Egal, ob mit einem Beuteschiff oder einem unserer Nach bauten… Und ich meine jetzt nicht so eine kleine Tour durch das Sol-System, ich meine einen richtigen interstellaren Flug, nach Hope oder nach Dorado oder wasweißich wohin?« Trawisheim schüttelte den Kopf. »Sehen Sie, das habe ich mir gedacht! Sie haben also noch nie ei ne Transition an Bord eines Kugelraumers erlebt. Dann haben Sie auch keine Ahnung von den Gefühlen, die ein solcher Sprung durch den Hyperspace bei Menschen erzeugt. Aber ich kann Ihnen versi chern, Trawisheim, es sind scheußliche Gefühle… verdammt scheuß liche Gefühle…« »Und jetzt haben wir die erbeuteten Robot-Ringraumer, die nach und nach umgerüstet werden – Raumschiffe, die nicht nur über den Sternensog für den überlichtschnellen Flug verfügen, sondern bei denen auch Transitionen ohne unangenehme Begleiterscheinungen ablaufen… ganz zu schweigen von den Intervallfeldern und der bes seren Bewaffnung. Kein Wunder, daß jeder terranische Offizier mit ein bißchen Grips im Kopf ein derartiges Schiff befehligen will.« Henner Trawisheim hatte einmal mehr bewiesen, daß er mitzuden ken vermochte. Bulton nickte schwer. »Und welchem Offizier kann ich einen sol chen Wunsch guten Gewissens abschlagen? Aber das ist ja nur ein Teil des Problems. Schließlich brauchen wir auch die Mannschaften, um die Raumer zu bemannen, und am Ende wird keine einzige ein
gespielte Crew übrigbleiben – und es wird natürlich erst recht nie mand mehr übrigbleiben, der weiterhin mit einem unserer Kugel raumer durchs All schippern will…« »Hm.« Trawisheim schien einen bestimmten Gedankengang zu verfolgen. »Eines wundert mich dennoch, Bulton. Haben wirklich so gut wie alle Ersten und Zweiten Offiziere derartige Anträge gestellt? Ich meine, es gibt doch bestimmt Besatzungen, deren Zu sammengehörigkeitsgefühl so groß ist, daß…« Bulton winkte ab. Für einen winzigen Augenblick schien ein iro nisches Lächeln um seine Mundwinkel zu spielen, aber als er den Mund zu einer Entgegnung öffnete, wirkte er wieder so bärbeißig wie immer. »Ich habe mich vorhin vielleicht ein bißchen ungenau ausgedrückt, Trawisheim. Die Ersten und Zweiten haben ihre Versetzungsanträge nicht alle selbst gestellt. Gerade bei den besten haben es sehr viel häufiger ihre Kommandanten für sie getan. Ein guter Kommandant wird seinen Offizieren immer den Weg zu einem eigenen Kommando eröffnen, selbst wenn das für ihn heißt, dadurch auf einen fähigen Mann verzichten zu müssen…« Henner Trawisheim blickte etwas zweifelnd drein. Augenscheinlich war ihm das Loblied suspekt, das Bulton gerade auf seine Kom mandanten angestimmt hatte. Aber dies war sicher nicht der richtige Augenblick für eine Diskus sion über die – vermeintlichen oder tatsächlichen – Tugenden des Militärs. Dies war eine Situation, die pragmatische Entscheidungen erforderte – und in Sachen pragmatischer Entscheidungen gab es auf Terra nur wenige Menschen, die Bulton das Wasser reichen konnten. Trawisheim überlegte kurz, ob er dem Marschall sein zwei tes Anliegen vortragen sollte, entschied sich jedoch dagegen. Bulton hatte auch so schon mehr als genug um die Ohren. »Nun gut, Bulton, Sie werden sicher das Richtige tun, da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Und für einen Höflichkeitsbesuch war mein Aufenthalt bei Ihnen eigentlich schon zu lang…« Trawis heim erhob sich. »Ich wünsche Ihnen noch eine gute Nacht, Mar schall«, sagte er, »und der eine oder andere Versetzungsantrag hat ja vielleicht auch noch bis morgen Zeit…« Marschall Bulton starrte mehrere Herzschläge lang auf die Tür, die sich gerade hinter Henner Trawisheim geschlossen hatte. Höflich keitsbesuch, paah, dachte er. Ich bin zwar kein geistiger Cyborg und bestimmt nicht so schlau wie Trawisheim, aber daß dies einzig und allein ein Höflichkeitsbesuch sein sollte, das kann mir niemand er zählen. Er starrte auf die Folie, die er gerade in den Händen hielt. Leutnant Majjid T’Challa, Erster Offizier der SIRIUS II. Der Vorschlag stamm te von seinem Kommandanten, Major Pietro Angelo Caruso – und auf der nächsten Folie hatte Caruso seinen Zweiten Offizier, Leut
nant Henk Olbik, vorgeschlagen. Bulton seufzte. In den letzten Wochen hatte er pausenlos Entscheidungen von al lergrößter Tragweite treffen müssen. Verglichen mit dem Stop der Bandstraßen, auf denen terranischen Kugelraumer produziert wur den – oder genauer: der Umstellung dieser Bandstraßen –, war das Spiel mit den Offizieren eigentlich erschreckend einfach. Was Bulton Sorge bereitete, war etwas anderes; etwas, das er ra tional nicht erfassen konnte, das er nur spürte – das er aber nicht hätte benennen können… Natürlich stellte es die Logistik der TF vor die allergrößten Pro bleme, schlagartig weit über 3500 Raumschiffe zu bemannen und der plötzlich deutlich gewachsenen Flotte adäquate Strukturen zu geben. Dennoch hätte er eigentlich zufrieden sein müssen. Der Machtzuwachs, den Terra mit den Ringraumern erhalten hatte, war mit Geld nicht zu bezahlen. Endlich einmal schien die Erde in der Lage zu sein, sich gegen einen potentiellen Angreifer wirksam zur Wehr setzen zu können. Eigentlich hätte Bulton glücklich sein müssen, doch er fühlte sich, als würde sich über seinem Kopf eine dicke schwarze Wolke zu sammenballen – eine Wolke, die nur Unheil bringen konnte. Er seufzte erneut. Und wie immer, wenn‘s brenzlig wird, sind weder Dhark noch Riker auf Terra, grummelte er innerlich. Er wußte natürlich, daß er dem Commander und Riker mit diesen Gedanken ein bißchen Unrecht tat, aber das Unbehagen, das er bereits seit einiger Zeit verspürte, schien von Minute zu Minute stärker zu werden und machte ihn immer nervöser. »Patters!« bellte er in die Sprechanlage auf seinem Schreibtisch. Nur Sekunden später öffnete sich die Tür zu seinem Büro, und sein Adjutant betrat den Raum. Trotz der späten Stunde wirkte Patters immer noch hellwach – und längst nicht so gereizt wie sein Chef. »Sir?« »Setzen Sie sich hin, Patters, und stehen Sie nicht so in der Ge gend ‘rum. Sie wissen doch, daß mich das nervös macht!« Patters schien der >freundliche< Empfang nichts auszumachen. Zumindest ließ sich auf seinem Gesicht keine Gefühlsregung able sen, als er sich in einen der Besuchersessel sinken ließ. »Was kann ich für Sie tun, Marschall?« »Sie könnten ein paar hundert von diesen Versetzungsanträgen bearbeiten und unterschreiben, damit ich mich endlich wieder um wichtigere Dinge kümmern kann!« polterte der Marschall los. »Es tut mir außerordentlich leid, Sir, aber wie Sie sicher selbst wissen, kann ich genau das leider nicht tun. In den Flottenstatuten 766/11 und 321a ist genau geregelt, wer…« »Ach hören Sie schon auf, Patters, das weiß ich doch selbst.« Wie immer, wenn er richtig wütend war, wurde der Marschall sehr laut. Ruckartig stand er auf und begann, in seinem Büro auf und ab zu
gehen. Patters, der seinen Vorgesetzten kannte wie kaum ein ande rer, blieb mit ausdruckslosem Gesicht in seinem Sessel sitzen. Nachdem Bulton einige Male mit energischen Schritten hin und her gestapft war, drehte er sich plötzlich zu Patters um und fixierte seinen Adjutanten mit funkelnden Augen. »Ich nehme an, die POINT OF hat sich noch immer nicht gemel det?« Bedauernd schüttelte Patters den Kopf. »Nein, Sir. Ich hätte Sie natürlich sofort…« »Geschenkt, Patters, geschenkt…« Bulton nahm seine ruhelose Wanderung wieder auf, grummelte dabei unverständliche Worte vor sich hin. Schließlich blieb er erneut stehen. Sein Blick wanderte zum Fenster und hinauf zum nächtli chen Firmament, über das sich das hell leuchtende Band der Milch straße zog. Als er dann wieder Patters ansah, war der grimmige Ausdruck aus seinem Gesicht verschwunden. »Spüren Sie es nicht auch, Patters?« begann er ungewohnt leise. »Ich kann es nicht genau benennen, aber ich habe das Gefühl, daß uns in nächster Zeit jede Menge Ärger ins Haus steht… verdammt großer Ärger!« Patters nickte schwer. »Sie haben recht, Marschall. Auch ich habe das Gefühl, daß etwas in der Luft liegt… Allerdings denke ich dabei weniger an Commander Dhark und die POINT OF, als…« »Als?« Bultons Stimme hatte einen beinahe lauernden Klang. »Ich… ich weiß nicht…« Hilflos zuckte Patters die Schultern. »Ich ertappe mich dabei, daß ich nachts zum Himmel hochschaue und… und ein Frösteln verspüre, und das Licht der Sterne, es…« »Es scheint plötzlich dunkler zu werden…« ergänzte Bulton düster. Überrascht starrte Patters ihn an. »Woher…?« Bulton stieß einen langen, tiefen Seufzer aus. Einen Moment lang wirkte der als cholerisch und schwierig verschrieene Marschall, der während Dan Rikers Abwesenheit den Oberbefehl über die TF inne hatte – und das hieß an 360 Tagen im Jahr, wie er einmal ironisch im Kreise seiner engsten Vertrauten gesagt hatte – nicht wie einer der mächtigsten Männer des Sol-Systems, sondern wie ein müder alter Mann, den die Last der Verantwortung schier erdrückte. »Es ist das gleiche Gefühl, das ich empfinde, wenn ich den nächt lichen Sternenhimmel betrachte… und es macht mir Angst.« Die letzten Worte sagte er so leise, daß Patters sich nicht sicher war, ob er richtig gehört hatte. Einige Augenblicke sprach keiner der beiden Männer ein Wort. Dann schüttelte sich Bulton, und als hätte er mit dieser Bewegung auch die düstere Stimmung abgeschüttelt, schritt er zurück an sei nen Schreibtisch und meinte in normalem Tonfall: »Kommandanten auf letztlich bauartgleiche Schiffe zu verteilen ist kein Problem – abgesehen davon, daß wir eigentlich viel zu wenig fähige Männer haben. Aber ich würde mit Ihnen gerne noch die Liste der Geschwa derführer durchgehen, Patters, sonst fragt mich morgen wieder
einer meiner Stabsoffiziere, warum ich Colonel X oder Major Y über gangen habe. Doch außer Larsen und Szardak und einem halben Dutzend anderer drängen sich mir nur wenige Namen auf.« Patters nickte schweigend. Er hatte so seine eigenen Ideen, wie man das Personalproblem in der TF lösen könnte, doch jetzt schien ihm nicht der geeignete Zeitpunkt, diese Ideen Bulton vorzutragen. »Was ist eigentlich mit dem Geschwader Martell? Die MOUNT KING und die übrigen Schiffe müßten doch inzwischen längst im SolSystem angekommen sein?« fragte der Marschall plötzlich. »Sind sie auch, schon vor drei Tagen, Sir«, erwiderte Patters. »General John Martell und seine Männer befinden sich bereits an Bord der Schulungsschiffe, um sich mit den Ringraumern vertraut zu machen.« Er verkniff sich die Bemerkung, daß Bulton eine ent sprechende Notiz erhalten haben müßte. »Na, immerhin, ein paar hervorragende Offiziere mehr in unserer neuen Ringraumer-Flotte«, brummte Bulton. »Wenn wir schon auf Leute wie Colonel Huxley und seine Crew verzichten müssen… Hat der sich mittlerweile gemeldet?« »Nein, Sir. Seit Colonel Huxley vor drei Wochen ins Tantal-System aufgebrochen ist, hatten wir keinen Kontakt mehr mit der FO-1.« Bulton blickte auf. Er brauchte nichts zu sagen. Patters erkannte auch so, daß das Unbehagen des Marschalls zu rückgekehrt war. Nogk II hatte sich verändert. Colonel Huxley und seine Männer sa hen es deutlich. Über dem zweiten Planeten der blaugrünen Sonne Tantal wehte ein Hauch von Zerfall und Tod. Nachdenklich stapfte Huxley durch den rotgelben Sand dieser hei ßen, trockenen Welt. Unter seinen Schritten wirbelten kleine Staub wolken auf, hingen eine Weile als gelbliche, durchsichtige Schwaden im grellen Sonnenlicht und sackten schließlich wieder zu Boden. Lautlos, gespenstisch – wie alles auf diesem Planeten. Der Colonel drehte sich zu seinen beiden Offizieren herum. »Prewitt, Maxwell, verstehen Sie das?« Die beiden Männer schüttelten die Köpfe. »Nein, Sir. Absolut nicht!« erwiderte schließlich Maxwell, früher Sergeant auf dem Forschungsraumer FO-1, jetzt Zweiter Offizier. Lee Prewitt, der Erste Offizier, deutete auf die halbzerstörten gi gantischen Mauern der Ringstadt der Nogk. »Das könnten Spuren der Kämpfe zwischen den Nogk und den angreifenden Nor-ex sein, von denen Sie erzählt haben! Aber der Kampf ist vorbei, der Pakt, den Dhark mit dem Nor-ex geschlossen hat, erstreckt sich auch auf die Nogk. Sie hätten also mit dem Wie deraufbau ihrer Städte längst beginnen, ihre angeschlagene Flotte wieder in Schuß bringen können. Auf diesem Planeten müßten über all die Spuren neuer Aktivität zu finden sein. Statt dessen…« Der I.O. schüttelte abermals den Kopf. »Statt dessen überall nur halb
zerfallene oder gar völlig zerstörte Städte. Und von den Nogk selbst keine Spur!« Huxley nickte. Prewitt hatte gerade seine eigenen Gedanken in Worte gefaßt. Der Colonel machte sich Vorwürfe. Ich hätte viel eher hierher fliegen müssen, dachte er. »Ja, Maxwell? Was ist?« Huxley wandte sich um. »Steht eigentlich fest, daß vor unserem Einbruch ins KarminUniversum auf Nogk II noch Prallschirme standen? Präziser gefragt: Prallschirme der Nogk?« Colonel Huxley ruckte unwillkürlich herum. Über seiner Nasen wurzel bildeten sich zwei steile, scharfe Falten. »Teufel, wie kommen Sie darauf, Maxwell? Ich habe doch deutlich gesehen, daß…« Huxley unterbrach sich. Ein jäher Gedanke durch zuckte ihn. Er dachte an die abgelenkten To-Funkstrahlen. In seiner Erinnerung entstand wieder das Bild der schimmernden, ver schwommen Halbkugeln, die er für Prallschirme der Nogk gehalten hatte, während sein Hauptaugenmerk sich auf das über der Sonne Tantal und dem innersten Planeten stehende Nor-ex gerichtet hatte. Er erinnerte sich daran, wie der innerste Planet, jene Höllenwelt aus Hitze und erbarmungsloser Strahlung, plötzlich das Nor-ex angegrif fen hatte. Mit Mitteln, die weder er noch irgendein Mann seiner damaligen Besatzung gekannt hatte. Das Ende des Kampfes hatte keiner von ihnen mehr erlebt, weil ihr Schiff ins Karmin-Universum hineingezogen worden war… »Maxwell, Sie könnten recht haben! Zum Donnerwetter, daß ich darauf noch gar nicht gekommen bin!« Er winkte ab, als Prewitt eine Frage stellen wollte. »Sie können davon nichts wissen, Prewitt!« sagte er nur kurz. Dann drehte er sich abrupt herum. Der nachdenkliche Ausdruck verschwand schlag artig aus seinen Zügen. Er griff nach seinem Vipho, das er stets auf der Brust seiner grauen, völlig schmucklosen Uniform trug. »Kommandant an Zentrale. Boot eins startklar machen. Sergeant Cooper und drei Mann gehen an Bord. Die FO-1 bleibt, wo sie ist. Alarmstufe 1. Erkinsson, Sie übernehmen das Kommando. Halten Sie ständig die Bordfrequenz, To-Funk und die Nogkschen Detekto ren besetzt. Sollte etwas Unvorhergesehenes geschehen, werden wir über eines dieser drei Medien immer noch Verbindung bekom men. Wir fliegen mit dem Boot in die Ringstadt! Ende!« Chief Erkinsson nickte. »Okay, Colonel«, knurrte er, während er bereits die notwendigen Anweisungen an Cooper und seine Truppe gab. Vom gut 200 Meter langen Spindelkörper der FO-1 drang helles Triebwerkssingen an ihre Ohren. Unwillkürlich drehten sich die drei Männer um. Sie sahen gerade noch, wie sich aus dem Bootsdeck des ehemaligen Forschungsraumers der blitzende Punkt eines Bei boots löste. An den aufwirbelnden Sandfontänen und den ausgefah renen Stabilisierungsflächen erkannten sie, daß Sergeant Cooper die Turboaggregate benutzte, über die jedes Beiboot ebenso verfügte
wie die FO-1. Trotz der Umrüstung seines Raumers auf NogkTechnik hatte Huxley die Turboaggregate beibehalten, weil sie sich speziell bei Unternehmungen in Planetenatmosphären immer wieder bewährt und seinen Männern oft genug entscheidende Vorteile ver schafft hatten. Denn die Aggregate machten keinerlei Unterschied zwischen giftigen und ungiftigen, zwischen stabilen und hochexplo siven Gashüllen. Wenig später nahm das Beiboot Huxley und seine beiden Offiziere an Bord. Gleich darauf wirbelten die Triebwerke den Sand zu ge waltigen Fontänen auf, deren rotgelbe Schwaden die Sonne verfin sterten. Colonel Huxley und seine Männer starrten durch die großen Di rektsichtscheiben der Bugkanzel den kegelförmigen Riesenmauern der Ringstadt entgegen, die mit jeder Sekunde größer und größer vor ihnen aufwuchsen. Huxley spürte plötzlich, wie ihn ein Schauer überlief. Irgend etwas in seinem Innern signalisierte ihm eine dro hende Gefahr, die von der Nogk-Stadt auf sie zukam. »Cooper, umfliegen Sie die Ringstadt. Gehen Sie nicht dichter heran, als notwendig ist, um Einzelheiten zu erkennen. Dann sehen wir weiter!« Der Sergeant nickte. Huxley registrierte die fragenden Blicke von Prewitt und Maxwell, aber er sagte nichts. Statt dessen hefteten sich seine Blicke auf die hoch in den grünlichen Himmel ragende Ruine. Sie sah aus wie das Fragment eines gigantischen Kegelstumpfs mitten in einer trostlosen, völlig vegetationslosen Wüstenlandschaft, über der die Luft unter den sengenden Strahlen Tantals flimmerte. Mühsam setzte Pietro Angelo Caruso einen Fuß vor den anderen. Sein Herz hämmerte, und in seinen Ohren rauschte das Blut. Keu chend sog er die Luft ein, doch so sehr er seine Lungen auch füllte es war nie genug. Und das Schlimmste war, daß T’Challa anschei nend nicht die geringsten Schwierigkeiten hatte. »Na Major, sind Sie immer noch der Ansicht, daß dieser Ausflug eine gute Idee war?« Caruso blickte auf. T’Challa stand knapp zehn Meter vor ihm, ein unverschämt breites Grinsen im ebenholzschwarzen Gesicht. Schwer atmend stapfte Caruso weiter. Ich werde das Sauerstoffgerät nicht als erster herausholen, ich nicht! schwor er sich, so fertig bin ich noch lange nicht! Endlich hatte er seinen ehemaligen Ersten Offizier erreicht. »Ich… bin… etwas… aus… der… Übung…« preßte er zwischen keu chenden Atemzügen hervor, »aber… aber ich finde immer noch…. Dass es eine tolle Idee war…. hierher zu kommen.« Allmählich kam er wieder zu Atem. »Ist dieses Panorama nicht wundervoll?« »Es ist toll, Major. Und die Erinnerung an diesen Anblick wird mich begleiten, egal, wohin ich fliegen werde«, sagte T’Challa ernst. »Deswegen habe ich Sie mit hierher genommen. Damit Ihnen der
neue Rang als frischgebackener Ringraumer-Kommandant nicht zu Kopf steigt. Es ist kein Schaden, wenn man sich inmitten der Weiten des Alls an die Schönheit von Mutter Erde erinnert.« Das leichte Grinsen, das um Carusos Mundwinkel spielte, nahm seinen Worten das Pathos. Und dann standen die beiden Männer schweigend in der bizarren Hochgebirgslandschaft der Kordilleren. Vor ihnen breitete sich das Illampu-Massiv aus, und ringsum reckten sich die Berge bis auf 6000 Meter Höhe. »Nur noch bis zu jenem Grat dort vorn, dann haben wir einen fan tastischen Blick auf ein Hochplateau. Na los, kommen Sie, T’Challa! Lassen Sie sich nicht hängen…« brach Caruso nach einigen Minuten das ergriffene Schweigen und stapfte wieder los. T’Challa warf den Kopf in den Nacken und lachte dröhnend. Das Lachen hing seltsam fremd in der kalten, dünnen Gebirgsluft. Dann marschierte der Hüne, dessen Großeltern noch mit ihrem Vieh durch die Steppen Ostafrikas gezogen waren, mit großen Schritten los. Schnell holte er Caruso ein und zog an ihm vorbei. Die dünne Luft schien ihm wirklich nicht das geringste auszumachen. »Ihr Antritt ist nicht schlecht, aber Sie haben Defizite im Ausdau erbereich, Major«, sagte er grinsend über die Schulter. Caruso ver kniff sich eine Antwort. Er hatte genug damit zu tun, nicht allzu weit zurückzufallen. Und dann hatte T’Challa den Grat erreicht und blieb ruckartig stehen. »Na, habe… ich… zuviel… versprochen?« Caruso keuchte schon wieder. »Major«, sagte T’Challa. Seine Stimme klang alarmiert. »Das soll ten Sie sich ansehen, Major…« Augenblicke später blieb Caruso wie vom Donner gerührt neben ihm stehen. Vor den beiden Männern erstreckte sich ein gewaltiges Hochplateau – und auf diesem Hochplateau lag ein Raumschiff! Ein Raumschiff der Nogk…
2.
Das Beiboot der FO-1 mit Huxley und seinen Männern umflog die Ringstadt. »Sehen Sie sich das an, Prewitt! Überall Spuren des Zerfalls, der Zerstörung!« knurrte er. »Diese Stadt würde jeder Archäologe für das Relikt einer untergegangenen Kultur halten, wenn…« Ein Ruf Maxwells unterbrach ihn. »Da, Sir, sehen Sie!« Huxley blickte in die Richtung, in die sein Zweiter Offizier wies. Und dann sah er es auch. »Teufel!« murmelte er mit zusammengekniffenen Augen. Sekun den später hatte der Pilot des Beiboots, Sergeant Cooper, den blit zenden Gegenstand, der da vor ihnen im rotgelben Sand der Wüste lag, auf dem Tasterschirm. Ein schalenförmiges, gut fünfzig Meter langes Trümmerstück. Unverkennbar von einem Raumschiff. Sergeant Cooper ging auf Höchstvergrößerung. Die Männer hielten plötzlich den Atem an. »Das Stück wurde aus einem Nogkraumer herausgerissen, Sir! Das ist ein Teil der Versorgungsschleuse eines der großen Kampfschif fe!« Die Stimme Maxwells vibrierte. Auch Huxley schluckte krampf haft. Sein Zweiter Offizier hatte recht. Herausgerissen aus einem der riesigen Nogk-Kampfschiffe! Aus einem Raumer, der über eine Technik verfügte, die ihn fast unüberwindlich machte. Fast! »Landen, Sergeant! Landen Sie neben dem Trümmerfragment!« Das Beiboot verlangsamte seine Geschwindigkeit. Die Turboag gregate schwenkten langsam herum, wühlten die flimmernde Luft unter ihnen auf. Und dann sahen die Männer noch etwas. Von dem Trümmerfragment lief eine gläserne Spur in Richtung der Ringstadt. Hin und wieder markiert durch Fetzen verbogenen, zer rissenen Metalls. Als das Beiboot aufsetzte, verließen Huxley, Prewitt und Maxwell die Schleuse mit bleichen Gesichtern. Behutsam näherten sie sich dem tief im Wüstensand steckenden Trümmerstück. Erst jetzt bemerkten sie, daß es wesentlich größer war, als sie ursprünglich angenommen hatten. Colonel Huxley fuhr mit der Hand über die scharfen Bruchkanten. Dann warf er einen Blick zur Ringstadt hinüber, die gespenstisch und still unter dem glasgrünen Himmel von Nogk II lag. Langsam drehte er sich zu seinen beiden Offizieren herum. »Wir werden jetzt zur Ringstadt hinüberfliegen. Und wir werden dort noch mehr unangenehme Dinge finden. Auf Nogk II muß wäh rend unserer Abwesenheit ein Kampf stattgefunden haben, wie wir ihn uns gar nicht vorzustellen vermögen!« Huxley schwang sich als letzter in die Schleuse des Beiboots. Nachdenklich betrat er die transparente Bugkuppel. Einer plötzlichen Eingebung folgend, rief er die FO-1 an.
»Chief, sofort Sperr- und Unsichtbarkeitsschirme aktivieren. Blei ben Sie, wo Sie sind, rühren Sie sich ohne ausdrücklichen Befehl nicht von der Stelle. Alarmstufe 1 unbedingt bestehen lassen! En de!« Dann drehte er sich zu Sergeant Cooper herum. »Legen Sie die Steuerung zu mir herüber, Cooper. Sie überneh men die Co-Funktion!« Huxley wußte nicht, warum, aber sein sechster Sinn, der ihn noch nie getäuscht hatte, ließ ihn zu diesen Vorsichtsmaßnahmen greifen. Sanft hob das Beiboot ab. Huxley bemühte sich, so wenig Sand wie möglich aufzuwirbeln. Außerdem aktivierte er den Nogkmeiler des Raumantriebs so weit, daß er jederzeit in der Lage war, umzu schalten. Ein Aggregat, das mit terranischen Fusionsmeilern absolut nichts gemein hatte, sondern auf der Basis komplizierter Feldstruk turen arbeitete. Erst nachdem der Unsichtbarkeitsschirm ihr Boot wie durch Zau berhand im flimmernden Glast der Mittagshitze hatte verschwinden lassen, beschleunigte Huxley. Das Beiboot näherte sich der Ringstadt schnell. Je näher die Män ner den gewaltigen Mauern aus jener schimmernden, glasartigen Substanz kamen, die die Nogk für die meisten ihrer Bauten verwen deten, desto deutlicher erkannten sie die Spuren der Verwüstung, die ein unbekannter Gegner an ihnen hinterlassen hatte. Huxley zog das Beiboot über den Außenring hinweg in das Innere der Stadt. Er war innerlich auf vieles gefaßt gewesen, aber nicht auf das Bild, das sich nun seinen Blicken bot. Unwillkürlich verriß er die Steuerung des Beiboots und streifte dadurch fast den auf die Au ßenmauer folgenden Innenring. Nur die blitzschnelle Reaktion des neben ihm sitzenden Sergeanten verhinderte einen Aufprall. »Danke, Cooper!« krächzte Huxley nur, während er das Boot be reits so hart abbremste, daß die Andruckabsorber die plötzlich auf tretenden Kräfte nicht vollständig zu neutralisieren vermochten. »Heavens!« ächzte jetzt auch Maxwell, während Prewitt stumm und steif in seinem Sitz hinter Huxley hockte. Vor ihnen, im Innern der Ringstadt, lagen die Wracks von drei Kampfschiffen der Nogk. Zwei wiesen nur mittlere Beschädigungen auf, wahrscheinlich waren sie bereits vor dem Start zerstört worden. Das dritte hingegen mußte mit unvorstellbarer Wucht in die Innen mauer der Stadt gerast sein. Die Trümmer seines völlig deformier ten Rumpfes lagen fast über das ganze Innenareal verstreut unter den Strahlen der noch immer hochstehenden blaugrünen Sonne. Aber das war es nicht, was Huxley und seine Männer totenbleich und starr auf ihren Sitzen verharren ließ. Es waren vielmehr die toten Nogk, die da in den zerstörten Anlagen im Innern ihrer Stadt lagen. Ausgedörrt von der erbarmungslosen Sonne, vertrocknet und mumifiziert von der heißen Wüstenluft. Mit einem Ruck setzte Huxley das Boot auf einem der terrassen förmigen Wohnringe auf, die sich wie ein überdimensionales Am
phitheater aus mehr als tausend Meter Höhe bis zum Boden hinab zogen. Huxley sprach als erster aus, was in diesem Moment alle Männer im Beiboot dachten: »Das war kein Nor-ex! Die Nogk müssen hier von einem ganz anderen Gegner förmlich überrumpelt worden sein. Und eben das will mir nicht in den Kopf! Ich kenne ihre Technik, ich kenne ihre Vorsicht und ihre Art, sich gegen derartige Überfälle abzusichern.« Er schüttelte den Kopf, während sich seine Hände vor Erregung fast krampfhaft öffneten und schlössen. Und wie kam es, daß die Nogk ihre Toten nicht in der üblichen Weise bestattet hatten? Er wußte, wie streng diese Rasse ihre Bräu che in dieser Beziehung handhabte. Es gab eigentlich nur zwei Mög lichkeiten: Entweder hatte keiner der Nogk überlebt und der Planet war zur Zeit des Überfalls mit Ausnahme dieser drei Schiffe bereits verlassen gewesen, oder die Nogk hatten fliehen müssen, und es gab für sie einen triftigen Grund, warum sie nicht einmal zurück kehrten, um wenigstens ihre Toten zu bestatten. Das aber würde bedeuten… Huxley zuckte in jähem Erschrecken zusammen. Das war es! Die Fremden waren noch hier! Er und seine Männer waren ahnungslos in eine Falle getappt, die jeden Moment zu schnappen konnte! Er griff zum Vipho, wollte seinen Männern eine Erklärung geben – aber es war bereits zu spät. Die Fremden kamen nicht, sie waren plötzlich einfach da. Niemand vermochte sie zu erkennen, niemand vermochte zu sagen, wie sie eigentlich aussahen. Dunkle Schemen, Schatten verschiedener Größe, die plötzlich im Innern der Ringstadt hin und her huschten oder schwebten. Irgendwo neben den Wracks ein dunkler Fleck, ein Schemen oder Schatten, dessen Konturen sich nicht bestimmen, dessen Ausmaße sich auch nicht annähernd schätzen ließen. Und doch konnten die Männer sehen, daß sich da jemand an den Wracks der Nogkraumer, an den Mauern und Anlagen der Stadt, ja sogar an den herumliegenden Toten zu schaffen machte… Huxley spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Aber dann über wand er das Grauen, das ihn und seine Männer an diesem glasgrü nen Mittag auf Nogk II ansprang. Er suchte nach einer Deckung für das Beiboot. Langsam, als gelte es, jedes unnötige Geräusch zu ver meiden, schaltete er auf den lautlos arbeitenden Nogkantrieb um, stutzte und machte die Schaltung augenblicklich wieder rückgängig. Mit minimalstem Schub, ohne die Schemen aus den Augen zu las sen, manövrierte er das Beiboot mit den Turbotriebwerken hinter einen gewaltigen Mauervorsprung der geborstenen Terrasse. Dann schaltete er ab. Auf seiner Stirn stand der Schweiß in dicken Trop fen. Sie konnten jetzt die Fremden nicht mehr sehen. Er hoffte, daß die Schemen sie noch nicht bemerkt hatten. Zwischen ihnen und den Wracks der Nogkraumer lagen Tausende von Metern. Und der
Unsichtbarkeitsschirm des Beiboots. Huxley starrte seine Männer aus schmalen Augen an, während seine Gedanken rasten. »Wir müssen näher heran! Zwei gehen. Ich und einer von Ihnen, Prewitt oder Maxwell. Das Los wird entschei den!« Prewitt wollte protestieren, aber Huxley ließ ihn nicht zu Wort kommen. Das Los fiel auf Maxwell. »Prewitt, Sie richten hier auf der Terrasse einen Beobachtungspo sten ein, während Maxwell und ich in die Stadt hinabsteigen. Cooper und zwei Männer bleiben im Boot, bereit, sofort zu uns zu stoßen. Wenn wir innerhalb von fünf Stunden nicht zurück sind oder zumin dest Nachricht über unseren Verbleib gegeben haben, kehren Sie zur FO-1 zurück. Mit den Turboaggregaten. Auch die FO-1 bewegt sich auf dem Planeten nur auf diese Art. Die Fremden haben mögli cherweise ihre Warngeräte auf die unvermeidlichen Störungen der Kraftlinien der Magnetfelder durch die Nogkschen Antriebe justiert, um von den Nogk nicht überrascht zu werden! Denn daß die Nogk, falls es sie noch gibt, Vergeltung üben werden, versteht sich von selbst. Für den Fall, daß wir nicht zurückkehren, Prewitt, versuchen Sie, sich mit der FO-1 unter Einsatz aller Mittel nach Terra durchzu schlagen!« Huxley erhob sich. »Kommen Sie, Maxwell!« Wenig später verließen die beiden Männer die Schleuse des Bei boots. Sie hatten Glück; schon nach wenigen Metern fanden sie ei nen Einstieg in die Ringstadt. Und nach weiteren hundert Schritten durch die Umgänge im Innern der Mauern machten sie eine überra schende Feststellung: Obwohl die Stadt äußerlich einen völlig zer störten Eindruck machte, funktionierte dennoch ein Teil ihrer Ener gieversorgung. Unwillkürlich blieb Huxley stehen. Seine Hände strichen über die glasige, selbstleuchtende Wandung des Ganges. »Merkwürdig, Maxwell! Fast könnte man meinen, die Nogk steck ten doch noch irgendwo in oder unter den Mauern ihrer Stadt! Nun, wir werden sehen!« Huxley ging weiter. Geschmeidig, fast unhörbar auf seinen dicken Plastiksohlen. Über Maxwells Züge huschte ein Grinsen. Das war der alte Huxley, so, wie er ihn aus vielen Unternehmungen kannte. Wachsam, eiskalt und zum Äußersten entschlossen… »Das gibt es doch nicht!« Major Pietro Angelo Caruso war fassungs los. »Los, T’Challa, sagen Sie mir, daß ich träume!« »Falls Sie träumen, dann haben wir beide genau denselben Traum, Major«, knurrte T’Challa. Er war genauso erschüttert wie Caruso. »Wie zum Teufel kommt ein Raumschiff der Nogk hierher?« Das gigantische Schiff – ein Raumer der 600-Meter-Klasse – lag
wie ein etwas zu lang geratenes Ei im tiefen Schnee des Plateaus. Seine Oberseite war ebenfalls mit Schnee bedeckt. Sämtliche Schotts waren geschlossen. Um das Schiff herum gab es keine Spur von Leben – das riesige Ei wirkte wie tot. »Hier stimmt etwas nicht, T’Challa«, sagte Caruso langsam. »Wir sollten machen, daß wir zu unserem Jett zurückkommen und Cent Field benachrichtigen. Ich würde zwar am liebsten zu dem Schiff ‘rübergehen, aber…« Er ließ das Ende des Satzes in der Luft hängen. Im Stillen verwünschte sich der Major dafür, sein Vipho nicht mit genommen zu haben. »…das würde zu lange dauern«, beendete T’Challa den Satz für seinen ehemaligen Kommandanten. Seine Stimme klang abwesend. Der hünenhafte Massai ließ den Blick schweifen. Er verspürte eine merkwürdige Unruhe. Plötzlich zuckte er zusammen. »Dort, sehen Sie, Major?« Bei diesen Worten packte er Caruso am Oberarm und wies mit der Linken auf einen kleinen Gipfel, der sich links von ihnen erhob. Caruso kniff die Augen zusammen und blickte in die angegebene Richtung. Dann sah er es. Ein Aufblitzen. Dort drüben brach sich das Sonnenlicht in einem Etwas, das definitiv nicht hierher gehörte. »Was ist das?« fragte er sich halblaut. »Gehen wir ‘rüber und sehen es uns an«, versetzte T’Challa unter nehmungslustig. Er griff in seinen Rucksack und zog sein tragbares Sauerstoffgerät heraus. »Wir sollten versuchen, möglichst schnell dorthin zu kommen und unseren sportlichen Ehrgeiz ein andermal auszutoben«, meinte er grinsend, als er die Atemmaske überstreif te. Caruso brummte eine unverständliche Antwort, tat es aber seinem Begleiter nach. Dann marschierten sie los. Eine knappe Stunde später erreichten sie schweratmend ihr Ziel sechs schlanke, etwa vier Meter hohe kegelförmige Gebilde, die im Sonnenlicht auf eine eigentümliche Weise leuchteten. »Totenkegel der Nogk!« Caruso flüsterte beinahe. Zögernd trat er näher an einen der Kegel heran. Vor ihm, eingeschlossen in eine glasartige Substanz, die erst aus allernächster Nähe Durchblick gewährte, stand ein Nogk. Seine Facettenaugen glitzerten im Licht der Sonne, sein Libellenkopf wirkte auch jetzt noch zugleich fremd artig und bedrohlich. Der Nogk trug eine enganliegende goldene Uniform, von deren Schultern silberne Streifen hinab zu den vier fingrigen, lederhäutigen, gepunkteten Händen liefen. »Ein Mitglied des Rates des nogkschen Imperiums«, sagte T’Challa leise, als er an Caruso herantrat. »Und in dem Kegel dort drüben ist der Kommandant des Nogkraumers, wenn ich mich recht an die nogkschen Uniformen erinnere…« Caruso wirbelte herum. »Hier ist irgendeine riesengroße Schwei nerei im Gange, T’Challa! Wir sollten zusehen, daß wir so schnell wie möglich zum Jett kommen. Jetzt ist es noch wichtiger geworden, Cent Field zu benachrichtigen… Verdammt!« Caruso blickte seinen
Begleiter aus zusammengekniffenen Augen an. Sein Gesichtsaus druck war grimmig. »Huxley! Wenn mich nicht alles täuscht, ist der gute alte Frederik Huxley mit seiner FO-1 zur Zeit unterwegs ins Tantal-System. Ich weiß nicht…« Was auch immer er noch sagen wollte, es blieb ihm im Hals ste cken. Die Sonne verfinsterte sich, das eigentümliche Leuchten der Totenkegel erlosch. Hinter dem Gipfel schraubte sich eine dunkle, alles erdrückende Masse in den Himmel. Ein leichtes, durch Mark und Bein gehendes Vibrieren hing sekundenlang in der Luft. Dann war alles vorbei. Der Nogkraumer verschwand Richtung Norden in der Ferne. Gleichzeitig wirbelten Caruso und T’Challa herum, blickten hinüber zum Plateau, auf dem noch vor wenigen Minuten der Nogkraumer gelegen hatte. Es war leer. Colonel Huxley blieb stehen und gab Maxwell ein Zeichen, zu ihm zu kommen. Dann deutete er auf die kreisrunde Platte vor ihnen, ge nau in der Mitte des Umgangs. »Wir könnten sie benutzen, Maxwell! Sie ist intakt. Ich kenne diese Platten von meinen früheren Besuchen bei den Nogk. Wahrschein lich führt der Lift uns direkt in eines der Zentren dieser Stadt. Er kann uns aber auch die Schatten auf den Hals hetzen! Was schlagen Sie vor?« »Die Stadt hat tausend Meter hohe Mauern. Wenn wir an die Schatten heran wollen, dann müssen wir nach unten. Bei den Aus maßen und auch deshalb, weil wir bisher noch auf keinen einzigen Zugang zu den eigentlichen Räumen gestoßen sind, sollten wir die Liftplatte benutzen! Wahrscheinlich gibt es überhaupt keine andere Möglichkeit, ins Innere der Ringstadt zu kommen!« »Ganz meine Meinung, Maxwell. Aber vorher sollten wir uns von einer der Terrassen aus nach den Schatten umsehen! Ich könnte Prewitt anrufen, aber ich möchte jeden unnötigen Funkverkehr ver meiden!« Maxwell nickte. Wortlos gingen die beiden Männer weiter. Sie um rundeten die Liftplatte. Schon nach wenigen Augenblicken fanden sie, wonach sie suchten. Ein schwach gewundener Gang, dessen Krümmung das Eindringen von direktem Tageslicht in den Umgang verhinderte, führte auf eine der Terrassen hinaus. Meter um Meter schoben sich die beiden Männer vorsichtig ins Freie. Sorgfältig benutzten sie jede ihnen sich bietende Deckung. Huxley warf einen kurzen Blick nach oben. Sie befanden sich fünf Terrassen tiefer als Prewitt und seine Männer. Durch eigentümlich anmutende Steigschächte, deren Sinn auch Huxley nicht kannte, waren sie in den vergangenen Stunden tiefer in die Ringstadt einge drungen. Und immer, ohne eine Möglichkeit zu finden, aus den teils erleuchteten, teils stockfinsteren Umgängen herauszukommen und
ins Innere der Ringstadt vorzudringen. Im stillen verwünschte Hux ley, daß die Detektorschulung, die er von den Nogk erhalten hatte, nicht auch Aufschluß über ihre Lebensgewohnheiten gab. Damals hatten seine so andersartigen Freunde, die ihn sogar zum Mitglied des Rates ihres Imperiums ernannt hatten, sich den Umständen ent sprechend auf das Notwendigste beschränkt. Und dann passierte es. Gerade als Huxley und sein II.O. wieder die huschenden, gleitenden Schatten im Innenareal erblickten, deren Konturen verzerrt und für ihre Augen einfach undefinierbar blieben, verfinsterte sich Tantal. Die beiden Männer sahen, wie die Schatten plötzlich erstarrten. Doch schon in der nächsten Sekunde kam wie der Bewegung in sie. Irgendwo unter ihnen erschien ein länglicher dunkler Fleck. Für Augenblicke vermeinte Huxley sogar, die scharfen Umrisse eines schwarzen, fremdartigen Raumers zu erkennen, dann jedoch blieb ihm keine weitere Zeit mehr für irgendwelche Überle gungen. Über der Ringstadt erschienen innerhalb von Sekunden weißstrah lende, von schimmernden, rotierenden Spiralen umgebene Miniatur sonnen. Eine gewaltige Detonation zerriß die geisterhafte Stille. Die folgende Druckwelle preßte Huxley und Maxwell so hart auf die Terrasse, daß ihnen die Luft wegblieb. Der Druckwelle folgte au genblicklich ein zweiter Donnerschlag, durchzuckt von knisternden Entladungen, die im Nu den ganzen Himmel überzogen. Irgendwo polterte etwas in die Tiefe. Die Terrasse erbebte unter weiteren gewaltigen Schlägen. Huxley drehte sich mühsam um. Er sah Maxwell, wie er sich in stinktiv in die Risse und Vertiefungen der Terrasse krallte. Den Blick zum Himmel gerichtet, starrte er aus weit aufgerissenen Augen auf das Schauspiel über ihren Köpfen. »Achtung, Sir, festhalten!« brüllte er plötzlich dem Colonel zu. Gleichzeitig griff er nach dem Vipho. Huxley hörte ihn noch das Beiboot anrufen, irgendeine Warnung ausstoßen. Blitzartig hob Huxley den Kopf. Er wußte nicht, warum Maxwell ihm die Warnung zugebrüllt hatte. Etwas Langgestrecktes, Schwarzes schoß an ihnen vorbei. Es stieß senkrecht empor, genau dem goldenen, flirrenden Energienetz ent gegen, das sich über den ganzen Himmel spannte. Wabernde, lo dernde Maschen, die von Sekunde zu Sekunde dichter und undurch dringlicher wurden. Die Nogk! schoß es Huxley durch den Kopf. Er kannte die Mini atursonnen, kannte dieses flirrende, tödliche Netz. Seine FO-1 ver fügte wie alle Nogk-Kampfschiffe selbst über diese entsetzliche Waffe. Und doch war dieses Netz anders. Noch tödlicher, ultimati ver. Huxley wußte nicht warum, er erfaßte nur, daß es so war. Abermals zuckten donnernde Entladungen auf. Der Schatten prall te gegen das Netz. Huxley und Maxwell wurden von der mit Urge walt durch die Stadt tobenden Druckwelle gepackt und gegen die
Terrassenmauer geworfen. Benommen und undeutlich sah Huxley einen länglichen Körper an ihnen vorbei in die Tiefe jagen. Ein Mann schien irgendwie außen an diesem Körper zu hängen, seine langen Beine strampelten verzweifelt. Er schrie irgend etwas, dann war der Spuk auch schon unterhalb der Terrasse verschwunden. »Sir, das Beiboot!« Wie aus weiter Ferne vernahm Huxley die Stimme seines Ge fährten. »Prewitt hing außen an der Schleuse…« Huxley schüttelte mit aller Gewalt seine Benommenheit ab. Lang sam richtete er sich in hockende Stellung auf. »Das Beiboot? Prewitt?« Maxwell nickte. Huxley griff nach dem Vipho. Doch er kam abermals nicht dazu, sein Vorhaben auszuführen. Über ihnen erschien der längliche Schatten. Deutlich hob er sich gegen das flimmernde Energienetz der Nogk ab. »Drei- bis vierhundert Meter!« schätzte Huxley flüchtig. Gleich zeitig schaltete er das Vipho ein, während er sich langsam rückwärts bewegte – dorthin, wo der gewundene Gang ins Innere der Ring stadt führte. Im nächsten Moment jedoch überstürzten sich die Ereignisse. Der Schatten gab seine Anonymität auf. Von einer Sekunde zur anderen verwandelte er sich in ein scharfumrissenes, abstruses Etwas. Pechschwarz und – so verrückt sich das in Huxleys Vorstel lung ausnahm – von einem unbeschreiblichen, lichtlosen Leuchten oder Lodern umgeben, das ihm und Maxwell den kalten Schweiß auf die Stirn trieb. Ein kompliziertes Gebilde aus gewaltigen Röhren, zwischen denen ein nicht genau erkennbarer Innenkörper hin. Das unheimliche Schiff schob sich langsam über die Ringstadt. Urplötzlich schoß aus seinem Innern ein tiefschwarzer Strahl. Er traf das Energienetz der Nogk. Huxley hatte das Gefühl, als würde in diesem Moment das Kontinuum aufgerissen. Von außen drang etwas Dunkles in die Ringstadt ein, saugte das Energienetz auf, griff nach den drei Raumerwracks, die immer noch im Innenareal der Stadt lagen, wirbelte Teile der Stadt empor und ließ alles, was es auch nur für den Bruchteil einer Sekunde berührte, verschwinden. Es war, als ob sich die Dinge und der Raum um Huxley und seine Gefährten auflösten. Die Hände des Colonels verkrampften sich um das Vipho. Er war in diesem Augenblick unfähig, auch nur ein einziges Glied zu rühren. Wie gebannt starrte er das schwarze Monstrum an, das nur wenige hundert Meter von ihm entfernt zwischen den Resten der Ringstadt stand. Und plötzlich starrte er ins Nichts. Ein lodernder Ball dimensionslo ser Schwärze hing für Sekundenbruchteile zwischen Staub, Chaos und Panik vor ihnen. Danach nichts mehr. Von den Schatten keine Spur mehr weit und breit. Huxley lehnte schweratmend an der wieder unter den sengenden
Strahlen Tantals liegenden Mauer der Terrasse, auf der sie sich be fanden. Langsam, noch völlig benommen von den Ereignissen der letzten Minuten, ließ er seine Blicke in die Runde schweifen. Gut ein Drittel der Ringstadt war fort, zerstäubt. Die Wracks der Nogkraumer waren ebenfalls verschwunden, desgleichen die Toten, die vorher noch zwischen den zerstörten Schiffen gelegen hatten. Statt dessen hing im Norden des Planeten eine gewaltige Staubwol ke, die sich langsam der Sonne entgegenschob und sie innerhalb kürzester Frist abermals verfinstern würde. Huxley riß sich zusammen. »Los, Maxwell, rufen Sie die FO-1, ich kümmere mich um das Beiboot!« Das Beiboot meldete sich sofort. Das zerschundene Gesicht Ser geant Coopers erschien auf dem Schirm. »Wir haben unheimlich Dusel gehabt, Sir. Das Boot ist zwar hin, der I.O. verletzt, aber alle anderen sind okay!« »Wo befinden Sie sich, Cooper?« »Irgendwo im Süden der Stadt, Sir. Ich hatte das Boot wieder ab gefangen und hochgezogen, da hat es uns erwischt und hier in die Wüste gehauen. War nichts mehr zu machen. Gut, daß wir Prewitt schon in der Schleuse hatten!« »Bleiben Sie, wo Sie sind, Cooper. Wir holen Sie! Bleiben Sie auf Empfang!« Huxley drehte sich zu Maxwell herum. »Haben Sie die FO-1?« Der II.O. nickte. »Kommt gerade, Sir!« Das Gesicht Chief Erkinssons erschien. »An Bord alles in Ordnung, Chief?« »Alles okay, Sir! Aber wahrscheinlich nur, weil genau über uns eine Gruppe von Nogk-Schiffen steht, die uns die ganze Zeit abgeschirmt hat. Der Schwarze hat auch versucht, nach uns zu greifen, aber das haben die Nogk verhindert!« Huxleys Augen verengten sich. »Nogk? Sie sind noch hier, stehen über Ihnen?« Der Chief nickte abermals und nahm einige Schaltungen vor. Gleich darauf konnten Huxley und Maxwell die Raumer auf den Bildschir men ihrer Viphos sehen. Es war ein Pulk von fünf Kampfschiffen. Eines von ihnen scherte aus dem Verband aus und nahm Kurs auf die Ruine der Ringstadt. Minuten später war es über Huxley und Maxwell. Ein blitzender, tropfenförmiger Körper stieß auf die beiden Männer herab. Knapp zehn Meter von ihnen entfernt setzte er auf. Lautlos öffnete sich das Schott des Beiboots. Es sah aus, als öffne sich die Blende einer riesigen Kamera. Ein Nogk in goldener, weithin leuchtender Uniform trat heraus. Für einen Moment blieb er stehen und sah die beiden Menschen aus seinen dunklen Facettenaugen an. Dann kam er zu ihnen herüber. Mit den raschen, eigentümlich glei tenden Bewegungen seiner Rasse. Auch Huxley und Maxwell setzten sich in Bewegung. »Charaua!« Nur dieses eine Wort kam über Huxleys Lippen, wäh
rend er dem Nogk seine Hände entgegenstreckte. Charaua ergriff sie und hielt sie eine Weile fest. >Es ist gut, daß du hier bist, Huxley!< teilte er sich dann in der lautlosen Art der Nogk mit. Und wieder registrierten die beiden Men schen erstaunt, wie präzise und deutlich die Bildtelepathie der Nogk war, wie sie genau das in jeder Nuance auszudrücken vermochte, was ein Nogk sagen wollte. Irgendwo in einem Teil ihres Gehirns wurden die Impulse des Nogk zu menschlichen Begriffen umgeformt – zumindest bei Colonel Huxley und seiner ganzen Crew, die sich mittlerweile alle einen nogkschen Modulator hatten implantieren lassen. >Wir hatten dich schon lange erwartet, Huxley! Dich und deine Männer! Du hast eben gesehen, was in unserem System vorgeht. Wir kennen diesen heimtückischen Feind noch nicht, wir wissen nicht, woher er kommt und was er will. Unsere Rasse mußte schwe re Verluste hinnehmen. Noch sind unsere Waffen ziemlich machtlos gegen die schwarzen Schiffe. Unser Wohnplanet ist zerstört. Der Rat des Imperiums hat schwerwiegende Beschlüsse gefaßt; unsere Techniker entwickeln zusammen mit den Meegs eine völlig neue Technik!< Er machte eine Pause. Huxley sah, wie seine Fühler unruhig spiel ten. Gleichzeitig tauchte in den Hirnen der beiden Männer die Vision riesiger Zentren unter der Oberfläche eines heißen, atmosphäre losen Planeten auf. In einem der Hangars arbeiteten die Nogk an einem Schiff, das sich von allen anderen Nogk-Raumern schon rein äußerlich unterschied. Er sah Mitglieder des Rates aus dem Schiff herauskommen, sah gelbuniformierte Meegs hineineilen. Huxley wußte, daß Charaua sie mit diesen Bildern auf etwas vor bereiten wollte. Deshalb sah er den Nogk jetzt fragend an. »Du bist nun ebenfalls Mitglied des Rates, Charaua. Was hat das alles zu bedeuten? Wo lebt ihr und warum bekamen wir auf keinen unserer Rufe Antwort von euch, bevor wir auf Nogk II landeten?« >Wir konnten euch nicht antworten, ohne die Fremden sofort auf euch aufmerksam zu machen. Dann aber hätte auch ich dir nicht mehr helfen können. Wir sind gerade noch zur rechten Zeit gekom men. Noch heute findet eine Sitzung des Rates unseres Imperiums statt. Als Ratsmitglied wirst du daran teilnehmen, Huxley. Und nicht nur du allein, sondern alle deine Männer. Dann wird die Zeit sein, Fragen zu stellen. Wir brauchen die Hilfe deiner Rasse, Huxley! Uns droht eine Gefahr, deren Größe sich noch gar nicht abschätzen läßt!< Der Nogk legte Huxley und Maxwell seine Hände auf die Schultern. >Kommt jetzt! Wir bringen euch an Bord eures Schiffes. Und wir werden darüber wachen, daß ihr wohlbehalten auf unseren neuen Wohnplaneten gelangt!< Als eine riesige Staubwolke die Sonne Tantal von Norden her ver finsterte, startete die FO-1, nachdem sie das beschädigte Beiboot und seine Besatzung wieder an Bord genommen hatte.
Der schlanke, spindelförmige Raumer nahm sich zwischen den fünf Kampfschiffen der Nogk wie ein Zwerg aus. Die sechs Schiffe nahmen Kurs auf die blaugrüne Sonne dieses unheimlichen Systems auf der anderen Seite der Galaxis. Huxley saß im Leitstand seines Schiffes und starrte nachdenklich auf die nadelfeinen Punkte ferner Sonnen. »Sir!« Der Colonel fuhr aus seinen Gedanken hoch. Chief Erkinsson stand vor ihm. »Der I.O. ist versorgt und wird schon bald wieder aktionsfähig sein. Das Beiboot läßt sich mit Bordmitteln nicht reparieren, der Druckkörper ist zu schwer beschädigt. Vielleicht können die Nogk…« Huxley richtete sich aus seiner lässigen Haltung auf. Aufmerksam betrachtete er den Chief. Unwillkürlich zogen sich seine Brauen zu sammen. »‘raus mit der Sprache, Chief. Deswegen sind Sie doch nicht hier hergekommen! Das hätten der Doc oder Sie mir über Vipho mittei len können! Also, was ist denn nun wirklich los?« Ganz gegen seine Gewohnheit druckste Chief Erkinsson eine Weile herum, bis er endlich herausbrachte: »Sir, bevor die Nogk uns zu Hilfe kamen, habe ich… weil ich dachte… kurz und gut: Ich habe über To-Funk einen SOS-Ruf nach Terra losgelassen. Ich weiß nicht, ob das nicht ein schwerer Fehler war, aber ich hatte noch keine Ahnung von diesen teuflischen Fremden…« Huxleys Hände umkrampften die Lehnen seines Kontursessels. Fieberhaft versuchte er, mögliche Gefahren zu bedenken, die dieser Notruf für Terra heraufbeschwören könnte. Doch dann schüttelte er plötzlich den Kopf. »Ich mache Ihnen deshalb keinen Vorwurf. Ich hätte wahrscheinlich dasselbe getan. Die Sache muß aus ihrer Posi tion noch um einiges scheußlicher ausgesehen haben. Ehe wir in dieser Angelegenheit weitere Schritte unternehmen, wollen wir die Ratssitzung der Nogk abwarten, Chief. Bleiben Sie inzwischen auf jeden Fall auf Empfang, falls Cent Field antworten sollte!« Der Chief atmete auf, aber dann, als er schon im Begriff war zu gehen, blieb er noch einmal stehen. »Falls Cent Field antworten sollte, Sir?« Huxley sah seinen Chief an. »Bevor wir das Sol-System verließen, sprach ich mit Monty Bell. Er sagte für die nächste Zeit Magnetorkane von einer Stärke voraus, wie sie die Galaxis bisher noch nicht erlebt hat! Einen Vorgeschmack haben wir ja bereits bei unserem Rüg hierher bekommen. Immerhin haben wir mehr als doppelt so lange wie üblich gebraucht, um das Tantal-System zu erreichen… Auch wenn es hier momentan ruhig ist, Erkinsson, kann in anderen Gebieten der Milchstraße der Teufel los sein. Und Sie wissen ebensogut wie ich, daß während eines Or kanmaximums selbst To-Funk wirkungslos ist!« Erkinsson nickte und verließ den Leitstand. Hätte Huxley geahnt, welche verheerende Wirkung dieser SOS-Ruf haben sollte, er hätte
alles versucht, um das zu ändern… Major Caruso starrte dem Nogkraumer nach. Konsterniert drehte er sich zu T’Challa um. »Verdammt, jetzt ist er weg! Wie ist das nur möglich? Die Nogk müssen uns doch bemerkt haben! Sie hätten doch erkennen müs sen, daß hier oben Menschen standen!« Er zog fröstelnd die Schultern hoch. Eine Windböe strich scharf und eiskalt über den Gipfel. Blitzend brachen sich die Sonnenstrahlen in den Totenkegeln der Nogk. »Wir müssen etwas unternehmen! Wenn das Schiff von unseren Überwachungsstationen geortet wird, ist im Handumdrehen der Teufel los!« T’Challa nickte. »Sie haben recht, Major! Wir müssen schleunigst Cent Field benachrichtigen! Bulton sollte Bescheid wissen!« Der Major setzte sich in Bewegung. Er ging mit schnellen Schrit ten, und dann begann er zu rennen. Er wußte genug über die Nogk und ihre Technik, um sich mit jeder verstreichenden Sekunde mehr Sorgen zu machen. T’Challa rannte hinter ihm her. Dem Leutnant war plötzlich ein beunruhigender Gedanke gekommen. »Major! Warten Sie!« Er packte Caruso am Arm. Caruso blieb stehen und starrte seinen ehemaligen I.O. irritiert an. »Was zum Teufel, T’Challa…« »Haben Sie eigentlich schon einmal darüber nachgedacht, was mit den Nogk passiert sein könnte? Ihr Schiff ist völlig unversehrt, trotz dem haben sie sechs Tote. Sie starten, ohne die geringste Notiz von uns zu nehmen. Eine Tatsache, die bei allem, was man über diese Rasse, über ihre sprichwörtliche Reaktionsfähigkeit und Wachsam keit weiß, einfach unglaublich ist!« Er verstärkte unwillkürlich seinen Griff. »Was, Major, wenn die Nogk durch irgendwelche Einflüsse – durch Vorkommnisse, die wir nicht kennen, von denen wir nicht die ge ringste Vorstellung haben – in unserem Sinne vielleicht gar nicht mehr normal sind?« Caruso erblaßte. »Bei allen Sternengeistern, T’Challa, Sie glauben doch nicht… Sie denken doch nicht etwa, die Nogk wären…« T’Challa schüttelte den Kopf. »Ich glaube gar nichts, Major. Aber mir will dieses seltsame Ver halten der Nogk nicht in den Kopf. Ich bin der Meinung, daß wir Bulton und Cent Field, und nicht nur Cent Field, auf alle Möglich keiten vorbereiten müßten! Sie wissen so gut wie ich, welch eine Kampfkraft so ein Nogkraumer in sich bergen soll!« Major Caruso antwortete nicht mehr. Er rannte, ohne auch nur ei ne einzige Sekunde zu verlieren, weiter. Und bei jedem Schritt ver fluchte er ihren Ausflug und die Tatsache, daß ihr Jett möglicher weise zu weit entfernt war, um ihn rechtzeitig zu erreichen.
3.
Janos Szardak, Kommandant des zur Zeit auf Cent Field stationier ten Ringraumergeschwaders Sol, schwang mit seinem Kontursessel herum. Mit gerunzelten Brauen starrte er abwechselnd auf die Folie in seiner Hand und auf den Bildschirm, den Marschall Bultons grim miges Konterfei zur Gänze ausfüllte. Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich, während Szardak die Meldung las. Sie war verstümmelt; den eigentlichen Text konnte er sich nur zusammenreimen, indem er die Bruchstücke in Gedanken miteinander verband. Bulton beobachtete ihn scharf. »Was halten Sie davon, Szardak?« fragte er schließlich. »Das ist ein Notruf der FO-1, Bulton! Ein SOS-Ruf von Huxley, wie er nicht dringender sein könnte!« In seinem sonst so unbeweglichen Gesicht arbeitete es. »Huxley ist nicht der Mann, der leichtfertig um Hilfe ruft! Bei ihm muß der Teufel los sein!« Er warf abermals einen Blick auf die Folie. »Schwarze Schiffe, Schatten«, murmelte er. Doch dann fuhr er plötzlich mit einem Ruck herum. »Verdammt, Bulton, das Wichtigste fehlt! Wo befindet sich die FO 1? Wieso haben wir keine Koordinaten des Schiffes! Sie hätten doch als erstes durchgegeben werden müssen! An Bord der FO-1 gibt es ganz bestimmt keinen einzigen Mann, der in einer Gefahrensituation so durchdreht, daß er vergißt, vor dem eigentlichen Notruf die Posi tion seines Schiffes durchzugeben. Nicht bei Huxley und seiner Crew!« Der Marschall nickte. »Genau das ist es, Szardak! Genau das gleiche habe ich auch ge dacht. Und nun hören Sie gut zu, Szardak: Ich habe sofort Recher chen in den Peilstationen durchführen lassen. Das Ergebnis ist völlig verrückt: Der Spruch kommt aus dem Randgebiet unseres Spiral arms, aus einem Gebiet, das von unseren Schiffen wegen der Strahlorkane so gut wie nie angeflogen wird, aus Richtung der Ko ordinate Rot. Entfernung der Einpeilung 1900 Lichtjahre. Die FO-1 befindet sich aber nicht in jenem Gebiet, sondern bei den Nogk. Wie kommt Huxley in die Randzone unseres eigenen Spiralarms? Ist er allein, oder sind Nogk-Schiffe bei ihm? Und wer sind jene Schatten, was bedeuten die Worte schwarze Schiffe?« Bulton schien nur noch mühsam Ruhe zu bewahren. »Es droht Ge fahr, Szardak«, fügte er hinzu. »Ich habe bereits Larsen verstän digt. Er hat mit seinem Ringraumergeschwader Kurs auf jenes Ge biet genommen…« Der Marschall unterbrach sich. Sein Gesicht verschwand vom Bild schirm. Gemurmel und unverständliche Wortfetzen drangen über die Tonphase. Und dann begann Bulton zu brüllen. Augenblicke später erschien sein Gesicht wieder auf dem Schirm.
Er wirkte blaß und verstört. »Szardak, ich habe gerade eine unglaubliche Meldung hereinbe kommen. Sie stammt von Major Caruso, der mit einem seiner Män ner auf einer Hochgebirgswanderung in den Kordilleren war. Lösen Sie sofort Alarmstufe eins aus! Ein 600-Meter-Kampfschiff der Nogk ist vor knapp 30 Minuten von einem Plateau des Illampu-Massivs gestartet und auf Nordkurs gegangen. Auf dem Gipfel des Illampu befinden sich sechs Totenkegel der Nogk. Unter den Toten sind kenntlich durch die Uniformen – auch ein Mitglied des Rates des Imperiums und der Kommandant des Kampfschiffs. Was genau geschehen ist, wissen wir nicht. Es besteht jedoch die Möglichkeit, daß die Nogk an Bord des Kampfschiffs in unserem Sinne nicht mehr normal sind. Die sich daraus ergebenden Konsequenzen brauche ich Ihnen nicht erst zu nennen. Halten Sie sich und Ihre Raumer bereit, Szardak, aber greifen Sie den Nogkraumer unter keinen Umständen zuerst an, egal was das Schiff tut. Lassen Sie zur Überwachung am besten zwei oder drei Ihrer Ringraumer starten. Der Nogkraumer kann jeden Moment bei Ihnen auftauchen – wenn er überhaupt noch auf Nordkurs liegt und nicht inzwischen unter seinem Unsichtbar keitsschirm verschwunden und damit auch für unsere Ortung unauf findbar ist!« Der Marschall atmete schwer. »Szardak, ich bin davon überzeugt, daß zwischen dem Notruf der FO-1 und dem geheimnisvollen Auftauchen dieses Nogkraumers ein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Daran gibt es für mich nicht den geringsten Zweifel! Schwarze Schiffe… Schatten…« »Wenn diese Fremden über Mittel verfügen, die den Nogk-Schiffen derart zuzusetzen vermögen, ohne den Rumpf auch nur im gering sten zu beschädigen, dann ist das ein böses Zeichen, Bulton!« Szar daks Gesicht war maskenhaft starr, als er fortfuhr: »Das bedeutet nämlich, daß diese Fremden über eine Waffe verfügen, die Schutz schirme wertlos werden läßt… Allmählich glaube ich fast, daß die Nogk Terra um Hilfe bitten wollten oder warnen…« Er wurde von einem lauten Ruf seines Ortungsoffiziers unterbro chen, der dem Wortwechsel aufmerksam gefolgt war, dabei aber seine Instrumente nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen hat te: »Colonel Szardak! Der Nogkraumer! Er kommt genau auf Cent Field zu! Verdammt, das Schiff setzt zur Landung an…« In rasender Eile gab Szardak Anweisungen an seine Offiziere und die ihm unterstellten Kommandanten. Dann sahen die Terraner zu, wie der riesige Raumer langsam auf die Piste Cent Fields niedersank. Der eiförmige Rumpf leuchtete weithin sichtbar im hellen Licht der Sonne. Das Schiff selbst und seine Besatzung aber blieben stumm. Die Nogk reagierten auf kei nen einzigen Anruf. Szardak starrte aus schmalen Augen auf das riesige Schiff, dessen Schatten auf die Piste fiel und über die Ringraumer huschte, in de nen viele hundert Männer in atemloser Spannung die Landung des
Raumers beobachteten. Urplötzlich wurde er von einer unerklärlichen, nagenden Unruhe erfaßt. Das Gefühl, es könne auf jede Sekunde ankommen, wurde in ihm übermächtig. Ohne weiter nachzudenken verließ er nach einem letzten Blick auf die Bildschirme mit langen Sätzen die Zentrale seines Schiffs. Er erreichte das Schott, als der Gigant eben seine Landekufen ausfuhr. Im Laufen schätzte Szardak sie auf mindestens 200 Meter Länge und eine Breite von mehr als 30 Metern. Im Mittelteil des Nogkraumers öffnete sich eines jener lamellenartigen Schotts, die immer wieder an die überdimensionale Blende eines Kameraver schlusses erinnerten. Janos Szardak verlangsamte seinen Lauf. Und dann blieb er plötz lich wie angewurzelt stehen. In der fahl beleuchteten Öffnung erschien ein Nogk. Deutlich er kannte Szardak die blaue Uniform, von deren Schultern Silberstrei fen bis zu den Handwurzeln hinabliefen. Tausend Empfindungen und Gedanken durchzuckten ihn. Er dachte an seine erste Begegnung mit den Nogk – auf Hope, im Col-System. Der Nogk bewegte seine beiden Fühlerpaare. Ihre Spitzen richteten sich auf Szardak. Gleich darauf vernahm er über den implantierten Modulator auch schon die lautlosen, bildhaften Impulse. >Bleib stehen, Terraner. Ich schicke dir ein Gleitfeld, das dich an Bord dieses Schiffes bringt. Ich muß mit dir sprechen, Terraner.< Die letzten Impulse kamen nur noch sehr schwach. Die Bilder, die sie irgendwo in Szardaks Hirn entstehen ließen, verloren an Schärfe und Brillanz. Der Nogk taumelte sekundenlang. Szardak wurde plötzlich von ei nem grünlichen, leicht pulsierenden Energiefeld eingehüllt. Er spür te, wie er auf einer knapp zwei Meter breiten Lichtbahn dem Raumer entgegenschwebte. Sekunden später setzte ihn das Gleitfeld direkt in der Schleuse des Nogkraumers ab. Erst jetzt kamen Szardak die gewaltigen Ausmaße dieses Schiffes in aller Deutlichkeit zum Bewußtsein. Die Schleuse allein war wesentlich größer als die Zentrale eines Ringraumers. Aus gläsern wirkenden Wänden drang bläuliches, keinerlei Schatten werfendes Licht. Szardak blickte sich suchend nach dem Nogk um. Er erschrak. Der Nogk lag auf dem Boden der Schleuse und rührte sich nicht mehr. Schlaff hingen seine Fühlerpaare zur Seite. Der Körper wirkte eigen artig verkrümmt. Mit wenigen Schritten war der Terraner bei ihm und kniete sich nieder. Die bräunliche, gepunktete Hand des Nogk griff nach ihm. Deutlich spürte Szardak die trockene, lederartige Haut. Und dann vernahm er die Impulse des Nogk. Ganz schwach, verzerrt und undeutlich empfing er die Botschaft. >Euch droht Gefahr, Terraner… Schwarze Schiffe einer unbekann ten Rasse überfielen unseren Wohnplaneten und zerstörten unsere
Städte und einen Teil unserer Schiffe, töteten viele von uns… Auch unsere Technik ist machtlos gegen sie, ehe wir nicht…< Der Nogk verstummte. Szardak spürte förmlich, wie er nach neuen Kräften rang. >Nehmt Verbindung mit unserem Imperium auf, Terraner! Nur zusammen können wir die Fremden vertreiben. Aber hütet euch vor den Schatten, vor den schwarzen Schiffen, unsere Schutzschirme halfen uns nicht…< Abermals verstummte der Nogk. Und diesmal dauerte es eine ganze Weile, ehe Szardak neue Impulse vernahm. >Die Besatzung dieses Schiffes wurde von den Fremden daran ge hindert, die Schlafperiode einzuhalten. Ein Nogk, der die Schlafpe riode zu lange unterbricht, stirbt. Wir können euch nicht helfen, ehe die Schlafstrahler unsere Kräfte nicht regeneriert haben. Ich habe meine Zeit der Erneuerung bereits zum drittenmal unterbrochen, um hierher zu kommen und euch zu warnen. Folge jetzt meinen Impulsen und bringe mich zu meinen Gefährten. Schützt uns und unser Schiff, bis wir wieder erwachen…< Der Nogk erhob sich taumelnd. Seine dunklen Facettenaugen starrten den Menschen an. Ohne eine weitere Frage packte Szardak zu. Er nahm den über zwei Meter großen Nogk auf die Arme und lief mit ihm auf die gege nüberliegende Schleusenwand zu. Lautlos öffnete sich vor ihm das Innenschott und gab ihm den Weg ins Innere des Kampfschiffs frei. Er trat in einen zylindrischen Raum, dessen Wände in lauter kleine Zellen aufgeteilt waren, gerade groß genug, einem Körper von der Größe der Nogk Halt zu bieten. Der Nogk wies ihn an, ihn in eine der Zellen zu stellen, sich selbst in eine andere. Szardak befolgte die Anweisung sofort. Er sah, wie die sehnigen Hände des Nogk sich unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte in die eigens dafür vorgesehenen Griffschalen verkrampften. Dann spürte Szardak eine Bewegung. So heftig, so überraschend, daß ihm fast die Knie einknickten. Sein hagerer Körper wurde gegen eine Wand seiner Zelle gepreßt. Der Zylinder bewegte sich. Wenn sein Orientierungsvermögen Szardak nicht trog, erst quer durch das Kampfschiff, dann dem Heck entgegen und schließlich steil nach oben. Nach einer Zeit, die Szardak viel länger vorkam, als sie in Wirk lichkeit war, stoppte der Zylinder so abrupt, wie er sich in Bewegung gesetzt hatte. Der Nogk schien unterdessen neue Kräfte gesammelt zu haben. Er stieß sich von der Wandung seiner Zelle ab und glitt durch den Zy linder auf ein sich öffnendes Schott zu. Szardak folgte ihm, bereit, jederzeit wieder helfend einzugreifen. Sie gelangten direkt vom Zylinder in einen flachen Kuppelraum, dessen Durchmesser Szardak auf mehr als hundert Meter schätzte. Fasziniert blieb der Terraner stehen.
Vor ihm, tief eingelassen in den Boden des Gewölbes, sah er die Schlafnischen der Nogk. Es mußten weit über tausend sein. Und bis auf einige wenige waren alle besetzt. Sie gruppierten sich in kon zentrischen Kreisen um ein merkwürdiges Gerät mit einem hantel förmigen Projektor. Jedes seiner Projektionssysteme warf einen fahlblauen Strahl auf einen Nogk und hüllte dessen Körper – genau den Konturen der Schlafnische folgend – ein. Der Nogk blieb stehen. Szardak spürte die Anstrengung, die es den Fremden kostete, sich überhaupt auf den Beinen zu halten, fast körperlich. >Ihr dürft diesen Raum niemals betreten, Terraner!< warnte er. >Die Schlafstrahlen würden euch töten! Ich suche jetzt meine Ni sche auf, dabei kannst du mir nicht helfen. Vergewissere dich je doch, ob ich sie auch erreiche. Du kannst mich durch die Schutzde cke beobachten! Falls nicht, dann gib die Botschaft an das Imperium weiter, die dir nach meinem Tod von den Detektoren dieser Schlaf kuppel übermittelt werden wird.< Der Nogk wandte sich ab. Er wankte auf eine Stelle im Kuppel boden zu, über der eine leicht flimmernde Energiebarriere den Zu gang zum Schlafgewölbe absicherte. Ehe der Nogk jedoch in der Barriere verschwand, drehte er sich noch einmal zu Szardak herum. >Die Detektoren dieses Schiffes haben dein Persönlichkeitsmuster eingespeichert und analysiert. Du hast für die Dauer unserer Schlaf periode freien Zugang zu alle Räumen unseres Kampfschiffs. Falls du aber deine Welt verläßt, ehe wir erwachen, dann kannst du sie auf einen oder auch mehrere Terraner deiner Wahl übertragen! Aber sorge dafür, daß unser Vertrauen nicht mißbraucht wird, Terra ner…< Die letzten Impulse vernahm Szardak schon nur noch wie aus weiter Ferne. Der Nogk verschwand hinter der Energiebarriere und sackte lang sam in das Schlafgewölbe hinunter. Szardak blieb stehen und beobachtete, wie der Nogk sich langsam an den Schläfern vorbei von Nische zu Nische schob. Schließlich mußte er eine Pause einlegen. Völlig erschöpft hockte er seitlich von einem der Schläfer, auch jetzt noch immer sorgsam darauf bedacht, nie in den Projektorstrahl eines seiner Gefährten zu geraten. Seine Fühler vibrierten schwach, und von Zeit zu Zeit überlief sie ein heftiges Zittern. Dann raffte sich der Nogk abermals auf. Mit äußerster Anstrengung schob er sich auf seine Schlafnische zu, erreichte sie und ließ sich augenblicklich hineingleiten. Es gelang ihm gerade noch, sich zu rechtzulegen, als auch schon vom Projektor her der Schlafstrahl auf ihn zustieß und seinen Körper einhüllte. Szardak atmete erleichtert auf. Er warf einen letzten Blick auf die Schläfer unter dem glasartigen Boden, auf dem er stand, und ver ließ dann mit schnellen Schritten das Gewölbe. Voll Erstaunen und
Befriedigung zugleich stellte er fest, daß es ihm keinerlei Schwierig keiten bereitete, sich in dem riesigen Nogkraumer zu orientieren. Schotts öffneten sich automatisch, sobald er auf sie zutrat, die Transportzylinder brachten ihn jeweils genau dorthin, wohin er woll te. Minuten später stand er schon wieder in der großen Außenschleuse und glitt gleich darauf in einer grünen Lichtbahn auf die Piste hinab, auf der seine Ringraumer lagen. Mit schnellen Schritten ging er zu seinem Schiff hinüber. Eine knappe halbe Stunde später saß Marschall Bulton mitten in der Zentrale des Ringraumers und hörte sich Szardaks Bericht an. Die Stirn des Marschalls furchte sich von Satz zu Satz mehr. »Szardak, Sie müssen mit Ihrem Geschwader Larsen so rasch wie möglich folgen. Ich werde inzwischen auf Biegen und Brechen ver suchen, Ren Dhark zu erreichen. Außerdem werde ich an Schiffen und Kräften mobilisieren, was ich habe. Aber wenn die Nogk mit diesen unheimlichen Fremden schon nicht fertig wurden, was, zum Teufel, soll dann erst aus uns werden, wenn sie hier auftauchen? Es ist ja geradezu, als ob in unserer Milchstraße der permanente Wahnsinn ausgebrochen ist. Seit der Invasion dieser verdammten Giants gibt es in unserer Galaxis nichts anderes mehr als unaufhörli chen Krieg, Mord und Totschlag!« Der Marschall war aufgesprungen und stand mit geballten Fäusten in der Zentrale. Er starrte düster vor sich hin. »Und ein Ende, ein Ende dieser sinnlosen Abschlachterei ist noch lange nicht abzusehen«, fügte er schließlich hinzu. Unvermittelt trat er dicht an Szardak heran. »Auf wen wollen Sie den Zugang zum Nogkraumer übertragen, Szardak?« Der Angesprochene überlegte nur kurz. »Ich dachte an Sie, Mar schall – und an Major Caruso!« Bulton verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Doch bevor er etwas sagen konnte, setzte Janos Szardak gedanken verloren hinzu: »Wir sollten jetzt keinen Fehler begehen. Der Nogk warnte mich, sein uns geschenktes Vertrauen zu mißbrauchen! Von Huxley weiß ich, wie empfindlich diese Rasse auf derlei Dinge re agiert. Aus Freunden könnten leicht Feinde werden, Marschall! Sie und Caruso – und sonst niemand!« Überraschend schnell lenkte Bulton ein. »Nun gut, Szardak, viel leicht ist es am besten so! Obwohl ich mich frage, warum Sie ausge rechnet diesen… ach, vergessen Sie’s!« Dann fiel ihm noch etwas anderes ein. »Was glauben Sie, wie lange wird es dauern, Szardak, bis die Nogk wieder erwachen?« Doch der zuckte nur die Achseln. »Ich habe nicht die geringste Ahnung, Marschall.« Bulton seufzte und wandte sich dem Schott der Zentrale zu. »Dann werde ich mich mal um den Papierkrieg kümmern, damit Sie so bald wie möglich aufbrechen können…«
Im halbkugelförmigen Leitstand der FO-1 herrschte absolute Stille. Huxley hatte auf Allround-Sicht geschaltet. Es sah aus, als schweb ten die drei Männer mit ihren Kontursitzen irgendwo zwischen den Sternen am Rand der Galaxis. Von den Wandungen und der kreis förmigen Bodenfläche des Leitstandes war nichts mehr zu sehen. Statt dessen glommen zwischen den nadelfeinen Punkten der fernen Sonnen wie von Geisterhand gezogene Koordinaten, die das All in Sektoren unterteilten. An Steuerbord stand Tantal als grünblaue, durch die automatischen Filter gedämpfte Scheibe. Über und unter ihnen zogen die für normale Augen und Apparaturen völlig unsicht baren Kampfschiffe der Nogk durch den Raum. Allsichtschirme waren eine Spezialität der Nogk. Alle ihre Schiffe waren mit solchen Zentralen ausgerüstet. Nur das schwache Licht der Instrumentenbeleuchtung schimmerte durch die Dunkelheit. Unablässig kreisten suchend die hochempfindlichen Tasterfinger der Detektoren. Sie würden jeden Feind erfassen, noch ehe er nahe genug heran war, um den Verband zu überfallen. Jeden? Huxley stellte sich diese Frage zum x-tenmal. Tantal blieb hinter ihnen zurück. Einer der Sektoren des Schirms glomm auf. Zwischen den Sternen erschien der ins Überdimensionale vergrößerte Kopf Charauas. Sei ne goldene Uniform mit den silbernen Streifen bildete einen gerade zu fantastischen Kontrast zur samtenen Schwärze des Alls. >Wir nähern uns dem innersten Planeten unseres Systems <, ver nahmen die Männer die Impulse des Nogk. Gleichzeitig entstand in ihren Gehirnen das Bild einer wahren Höllenwelt. Unerträglich hel les, blaugrünes Sonnenlicht, klaffende Spalten, die die ganze Ober fläche durchzogen. Krater, aus denen brodelndes Magma floß und dort, wo es die Oberfläche des Planeten berührte, Gesteine, Minera lien und alles, was sich ihm in den Weg stellte, in gelbrote Gas schwaden verwandelte, die wiederum gierig von den klaffenden Spalten aufgesogen wurden. Huxley schauderte. Er hatte nur einmal etwas Ähnliches gesehen: Auf Merkur, dem innersten Planeten des Sol-Systems. Aber der war im Vergleich zu dieser Ausgeburt der Hölle harmlos. Er dachte dar an, was einem Schiff und seiner Besatzung geschehen mochte, das auf einer solchen Welt notlanden mußte… Die Impulse des Nogk nahmen ihn erneut gefangen. Er zeigte den Männern im Leitstand der FO-1 nun einen Krater, dessen Durch messer knapp fünf Kilometer betragen mochte. Er lag hoch im Nor den des Planeten. Dort traten die langen, oft viele Kilometer breiten Spalten und das glühende Magma mit seinen giftigen, dichten Schwaden weit seltener auf. >Unter diesem Krater befindet sich eine Höhlung, die wir künstlich erweitert und ausgebaut haben!< teilte ihnen Charaua mit. >Sie ist groß genug, einen Teil unserer Schiffe aufzunehmen – und au ßerdem noch etwas, das ihr gleich kennenlernen werdet. Wir haben
auf dieser Welt noch einige solcher Höhlungen entdeckt und für unsere Zwecke ausgebaut, nachdem unsere Städte auf Nogk II zerstört wurden. Zum Teil durch die ständigen Angriffe des Nor-ex, wie eure Bezeichnung für diese Hyperraumwesen war, zuletzt durch die schwarzen Schiffe. < Er schwieg für einen Moment. Seine Facettenaugen glitzerten. >Ich werde mit meinem Kampfschiff zuerst in den Hangar einflie gen. Dann kommst du, Huxley, während die anderen vier Schiffe über eure Sicherheit wachen. Lande neben meinem Schiff und folge mir dann sofort mit allen Terranern, die sich an Bord deines Schiffes befinden. Der Rat des Imperiums wartet bereits auf uns!< »Gut, Charaua, ich verständige meine Männer!« Huxley schaltete die Bordverbindung ein. »Kommandant an Be satzung: Nach der Landung versammelt sich die gesamte Mann schaft ohne Ausnahme vor der Steuerbordschleuse. Ihr alle kennt die Nogk. Ich bitte mir äußerste Disziplin aus! Wir nehmen ge schlossen an einer Sitzung des Rates des Nogkschen Imperiums teil. Denkt daran, daß wir Terra repräsentieren! Ende!« Maxwell und Erkinsson warfen Huxley erstaunte Blicke zu. Was sollte diese Ermahnung? Die Männer an Bord der FO-1 waren aus gesuchte Spezialisten. Disziplin war an Bord dieses Schiffes eine Selbstverständlichkeit. Huxley drehte sich zu ihnen um. »Sie halten mich jetzt für total übergeschnappt, oder? Sie finden meine Bemerkung bezüglich der Disziplin völlig überflüssig, stimmt’s?« Maxwell und der Chief nickten. »Warten Sie’s ab! Sie werden sehr bald wissen, warum diese Er mahnung keinesfalls überflüssig war!« erwiderte Huxley und been dete damit das Gespräch. Er wandte sich wieder den Kontrollen zu, denn Charauas Kampfschiff schwebte bereits dem Krater im Norden des Teufelsplaneten entgegen. »Chief, kümmern Sie sich bitte darum, daß der Doc unseren I.O. auf die Beine bringt. Ich hoffe, Prewitt ist inzwischen wieder so weit!« fügte Huxley nach einer Weile noch hinzu. Der Chief erhob sich und verließ den Leitstand. Huxley beobachtete den Nogkraumer. Ihm war noch immer unklar, wie das riesige Schiff durch den Kraterboden in das Innere des Han gars gelangen würde. Unwillkürlich unterzog er den ganzen Krater, der von seinem Schiff aus gerade noch zu überblicken war, einer genaueren Musterung. »Donnerwetter!« entfuhr es ihm unwillkürlich, während sich seine Augen zu Schlitzen verengten. Maxwell fuhr ebenfalls herum. »Das ist gar kein Krater, Maxwell!« Huxley war aus seinem Kontursitz geglitten und stand jetzt neben dem Steuerpult. »Da, sehen Sie sich einmal die beiden konzentrisch hintereinander
liegenden Ringwälle an! Können Sie es erkennen?« Maxwell stieß einen leisen Pfiff aus. Gleich darauf wanderten seine Blicke über den Boden des angeblichen Kraters. »Sie haben recht, Sir! So wenig wie die Ringwälle echt sind, so wenig ist es der Kraterboden selbst! Lediglich eine täuschend ähn lich nachgeahmte Energiebarriere! Die Ringwälle hingegen…« Er wurde unterbrochen. >Ihr habt scharfe Augen, Terraner! Der Krater ist eine Imitation, der Boden eine Energiebarriere mit einem von unseren Technikern genau berechneten Reflexionsvermögen des Sonnenlichts!< ver nahmen sie plötzlich Charauas Impulse. >Die Wälle bergen im Ge gensatz zu unseren früheren Städten jedoch keine Versorgungsag gregate, sondern hochempfindliche Taster- und Detektorzentren. Außerdem eine neue, ultimative Waffe, die aber bisher noch nicht zum Einsatz gekommen ist und auch nicht eingesetzt werden wird, wenn uns die schwarzen Schiffe hier nicht ebenfalls aufspüren und angreifen!< Charaua unterbrach seine Impulse für einen Moment, um einige Anordnungen zu erteilen. >Außerdem brauchten wir die Ringwälle, weil unsere Rasse auf Dauer ohne direktes Sonnenlicht oder zumindest einen gleichwerti gen Ersatz nicht zu leben vermag. Wir können nicht im Innern eines Planeten leben! Landen wir also jetzt, alles weitere werdet ihr dann sehen!< Der Nogkraumer senkte sich auf den Kraterboden hinab und ver schwand in der Energiebarriere, die die übrige Planetenoberfläche täuschend ähnlich nachahmte. Huxley folgte mit seiner FO-1 sofort. Da er inzwischen die AllsichtSchaltung der Zentrale wieder aufgehoben hatte, vermochte er die vier anderen Kampfschiffe der Nogk nicht mehr zu sehen. Sie stan den irgendwo über ihnen im Schutz ihrer Unsichtbarkeitsschirme. Die FO-1 sackte durch die Energiebarriere in den gewaltigen Han gar, der sich unter ihr auftat. Und obwohl Maxwell und er die Nogk und ihre Technik kannten, verschlug es ihnen diesmal doch den Atem. Als erstes begriffen sie, daß die beiden Ringwälle, die wie alle Nogk-Städte aus jener durchlässigen, glasartigen Substanz bestan den, ein raffiniertes optisches System bildeten oder zumindest in sich bergen mußten. Der gesamte Hangar wurde auf sanfte, über aus angenehme Weise vom grünblauen Licht der nahen Sonne durchflutet. Im Hangar selbst zog sofort ein Areal ihre Blicke auf sich, in dem sich ein gewaltiger Druckkörper befand, der mit keinem der ihnen bekannten Schiffe zu vergleichen war. Er besaß von oben gesehen die mathematisch genaue Form einer Ellipse. Je tiefer die FO-1 sank, desto größer wurde die Bestürzung der beiden Männer im Leitstand. Auch von der Seite her bildete der Raumer, denn um einen solchen handelte es sich unverkennbar, eine Ellipse, wenn auch in abgeflachter Form.
Huxley umklammerte unwillkürlich die Lehnen seines Kontursitzes. Er erfaßte sofort, daß es mit keinem der bisher bekannten Verfahren möglich war, eine derartig geformte Zelle herzustellen. Blitzschnell versuchte er, sich verschiedene Schnittebenen durch den Raumer vorzustellen, doch vergebens. Dazu reichten auch seine immensen Kenntnisse nicht aus. Und dann die Ausmaße! Wirkten die normalen Schiffe der Nogk schon gewaltig, dieses Monstrum übertraf sie deutlich. Huxley schätzte den Rumpf auf mindestens 900 Meter Länge. »Heavens, Maxwell!« stieß er endlich konsterniert hervor. »So leicht bringt mich ja nichts und niemand aus der Fassung, aber die Nogk haben das gründlich geschafft! Was mögen sie wohl mit die sem Monstrum von Schiff vorhaben?« Sein II.O. schüttelte den Kopf. »Also wenn Sie mich fragen, Sir, so habe ich mir immer einen der vorläufig noch utopischen transgalak tischen Raumer vorgestellt. Aber das ist natürlich völliger Unsinn…« Huxley wirbelte herum. »Transgalaktischer…« Schlagartig begriff er mit der ihm eigenen Schnelligkeit. Er starrte das riesige Schiff an, als sähe er ein Ge spenst. Mit verkniffenem Gesicht setzte er die FO-1 auf dem Boden des Hangars auf. Gleichzeitig öffnete er über die Zentralsteuerung die Steuerbordschleuse. »Gehen wir, Maxwell! Ich fürchte, wir werden heute noch einige Neuigkeiten erfahren, die uns wenig behagen werden!« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er davon. Maxwell starrte ihm sekundenlang hinterher, ehe er sich ebenfalls in Bewegung setzte. Krampfhaft versuchte er, den Sinn von Huxleys Worten zu erfassen, gab dann aber auf…
Aufmerksam von den Nogk beobachtet, marschierte die Besatzung der FO-1 in geschlossener Formation durch den Hangar. Jetzt zeigte sich, welch eine verschworene Gemeinschaft diese Besatzung bil dete. Im allgemeinen verzichtete Huxley auf derartige militärische Demonstrationen, doch er nahm Rücksicht auf die Mentalität seiner Freunde. Er wußte, daß bei den Nogk die Begriffe Disziplin und ab
soluter Gehorsam an erster Stelle standen. Die Nogk waren eine mi litante Rasse, diesem Umstand trug er Rechnung. Und hätte er in den Gehirnen und Gedanken der beobachtenden Krieger, Techniker, Wissenschaftler und Offiziere lesen können, hätte sich Huxley zu seinem Einfühlungsvermögen beglückwünscht. Charaua führte sie einer transparenten Wandung entgegen, hinter der das Licht der Sonne Tantal heller zu leuchten schien als in den übrigen Bereichen des riesigen Hangars. Durch ein Lamellenschott traten sie ein. Zum zweitenmal an die sem Tag staunte Huxley darüber, mit welchem Sinn für Zweckmä ßigkeit und Ästhetik die Nogk sich aus dem Nichts auf diesem Höl lenplaneten ein Lebens- und Wohnzentrum geschaffen hatten. Bei ihrem Eintritt erhoben sich die Ratsmitglieder und die bereits ver sammelten Nogk – es mußten Tausende sein – absolut gleichzeitig von ihren bequemen Schalensitzen. Charaua führte Huxley und seine Männer an den halbkreisförmig angeordneten Sitzreihen vorbei nach vorn zur Ratstribüne. Durch die transparenten Wände drang gedämpftes Sonnenlicht, dessen blaugrüner Schimmer den Raum und die anwesenden Nogk in eine Atmosphäre von Fremdartigkeit und Unwirklichkeit tauchte. Zugleich vermittelte die Versammlung aber auch einen Eindruck der Größe dieser Rasse – trotz ihrer Niederlagen, trotz ihrer Verluste. »Halt!« sagte Huxley leise. Seine Männer blieben stehen. Huxley trat einige Schritte vor, dann folgte er Charaua zu einem Nogk, der bereits auf ihn wartete. Seine goldene Uniform war statt der silbernen mit leuchtend roten Streifen besetzt. Er kam Huxley mit raschen, gleitenden Bewegungen entgegen. >Willkommen, Terraner! Willkommen als Mitglied dieses Rates, willkommen als Angehöriger unseres Volkes!< Er streckte Huxley die braune, gepunktete Hand entgegen. Huxley ergriff sie und erwi derte ihren Druck. Der Nogk wies auf die Sitze zu seiner Rechten. >Nimm dort mit deinen Gefährten Platz, wir haben über vieles mit einander zu sprechen und zu beraten. Außerdem möchten wir in einigen Punkten euren Rat hören. Darüber hinaus brauchen wir die Hilfe deiner Rasse, so wie ihr die unsrige brauchen werdet. Ein un bekannter Feind ist in unsere Galaxis eingedrungen. Er ist gefährli cher als alles, was wir bisher kennengelernt haben!< Der Nogk wies abermals auf die Sitzschale, und Huxley gab seinen Männern ein Zeichen. Sie setzten sich mit der gleichen Exaktheit, mit der sie zuvor in den Raum marschiert waren. Zusammen mit Charaua ging Huxley zu seinen Männern hinüber. Erstaunt stellte er fest, daß ihre Sitzschalen extra für sie angefertigt worden sein mußten. Eine Aufmerksamkeit ihrer Gastgeber, die ihm Achtung abnötigte. Der Herrscher des Imperiums erhob sich. Seine dunklen Facetten augen richteten sich auf die Versammlung. Sein großer, schlanker Körper hob sich scharf gegen die vom Son
nenlicht durchfluteten transparenten Wände ab. Der Herrscher der Nogk bot einen imponierenden Anblick. Die Menschen zuckten unwillkürlich zusammen, als seine ersten Impulse in ihr Bewußtsein drangen. So gestochen scharf, so brillant waren die Bilder, die in ihren Gehirnen entstanden. Die Menschen erlebten noch einmal die Katastrophe im System der roten Riesen sonne Charr, sahen, wie die glühenden Partikelwolken Charrs nach der Atmosphäre des Planeten griffen, wie die Städte durch Tausende von Raumern evakuiert wurden. Sie erlebten noch einmal die Zwi schenlandung auf Ginok, jenem Planeten in der Peripherie der Milch straße, dann den erneuten Aufbruch, den Bau der neuen Ringstädte auf Nogk II und ihre Vernichtung. Der Herrscher der Nogk machte eine Pause. Dann wandte er sich an die Menschen. >Seit unsere Rasse ihr altes System verließ, wurde sie von Tod und Vernichtung verfolgt – vor allem durch jene Magnetorkane, die die Tiefen der Galaxis durchtoben. Diese Orkane haben einen gro ßen Teil unserer Brut, unserer Nachkommenschaft vernichtet. Tritt keine Änderung ein, dann ist unsere Rasse zum Sterben verurteilte Er sah Huxley an. >Du kennst von allen deinen Gefährten die Pro bleme und Gefahren, die unsere Existenz bedrohen, am besten. Und doch weißt du nur wenig von uns, von der Entstehung unserer Ras se. Wir Nogk sind streng genommen das Produkt oder das Relikt einer kosmischen Katastrophe. Wir sind Mutanten – jedenfalls wür den eure Wissenschaftler uns so nennen. Du weißt, daß wir ohne das Licht einer Sonne, ohne die vielfältige Strahlung, die ununter brochen aus den Tiefen des Universums auf jeden Planeten, auf jedes Lebewesen einwirkt, nicht existieren können. Zumindest nicht auf Dauer. Wir Nogk sind abhängig von jener Strahlung, vom nor malen und ungestörten Ablauf all jener kosmischen Vorgänge, die in und um unsere Galaxis seit Jahrmillionen und Jahrmilliarden statt finden. Dieser Ablauf ist nun gestört, wodurch, das vermochten bisher weder eure noch unsere Wissenschaftler zu ergründen!< Er unterbrach seine Impulse und starrte eine Weile vor sich hin. >Ihr müßt verstehen, daß wir diese Galaxis nicht verlassen kön nen, selbst wenn unsere Schiffe in der Lage wären, entsprechende Entfernungen zu überwinden. In dem strahlungsinaktiven Raum zwi schen zwei Sterneninseln würden wir sterben. Wir haben derartige Versuche unternommen. Trotzdem müssen wir hier fort. Trotzdem müssen wir diese Galaxis verlassen, wenn wir weiterleben wollen!< Er machte mit der Hand ein Zeichen. Sofort verdunkelte sich der Raum, und an der gewölbten Decke erschien – größer und detail lierter als Huxley und seine Männer sie je gesehen hatten – zwi schen hauchdünnen, glimmenden Koordinaten Andromeda mit ihren beiden Begleitern. Ein Lichtstrahl huschte auf die größere der beiden Andromeda be gleitenden Satellitengalaxien zu. >Dort wird unsere neue Heimat sein, Terraner! Ihr habt vorhin das
neue Schiff im Hangar liegen sehen. Unsere Wissenschaftler haben es aufgrund sorgfältiger Untersuchungen entwickelt. Das Schiff ist noch nicht fertig, das dauert noch eine Weile. Aber inzwischen sind zwei kleinere Einheiten vom gleichen Typ fast fertiggestellt. Eine davon, Huxley, sollst du mit deinen Männern und einer Gruppe von Nogk unter Führung Charauas erproben. Wir wollen, daß ihr Terra ner die Erprobung vornehmt, weil ihr strahlungsunabhängiger seid. Und weil ihr – sollte trotz aller Sorgfalt unserer Wissenschaftler etwas Unvorhergesehenes geschehen – nicht so hilflos seid wie wir Nogk. Das ist meine eine Bitte an euch, ich hoffe, ihr schlagt sie uns nicht ab. Euer altes Schiff mag für die Zeit hierbleiben, wir werden es überholen und abermals verbessern!< Erwartungsvoll richteten sich die Facettenaugen des Herrschers auf die Terraner. Auch die anderen Nogk sahen zu ihnen herüber. Huxley erhob sich. »Wir werden euren Wunsch erfüllen. Es ist auch zu unserem Be sten. Denn wer vermag heute schon zu sagen, ob wir nicht selbst eines Tage entsprechender Schiffe bedürfen, mit denen wir ebenfalls unsere Milchstraße verlassen können.« Zustimmende Impulse brandeten auf. Doch auf ein Zeichen des Herrschers hin verstummten sie sofort. Huxley benutzte die Stille. »Zudem sind unsere Rassen miteinander befreundet. Ein Freund aber hilft dem anderen, das ist selbstverständlich. Doch«, er sah den Herrscher der Nogk fragend an, »was ist mit den schwarzen Schiffen, mit jenen unheimlichen Fremden, von denen bisher nie mand weiß, woher sie kommen, wer sie sind und was sie vorha ben?« Der Nogk richtete sich plötzlich hoch auf. Seine Facettenaugen begannen zu glitzern. Seine ganze Haltung strahlte etwas Drohendes, eine Huxley und seinen Männern bis dahin bei den Nogk unbe kannte Wildheit aus. >Das ist der zweite Punkt, über den ich vor dieser Versammlung mit euch sprechen wollte!< teilte er sich dann mit. >Noch nie hat eine Rasse das Imperium der Nogk ungestraft so heimtückisch an gegriffen, wie diese Fremden es taten! Nicht nur, daß sie unsere Städte zerstörten, viele von uns töteten, grundlos, ohne jeden er kennbaren Anlaß über unsere ihren Waffen gegenüber nahezu wehr losen Kampfschiffe herfielen und sie vernichteten, wo immer sie auf sie trafen, sie haben auch eines unserer Beobachtungsschiffe im Halo der Galaxis verschwinden lassen. Wir wissen nicht, wohin. Wir wissen aber mit Sicherheit, daß dieses Schiff von ihnen nicht zer stört wurde. Es gibt Anzeichen dafür, daß irgendwo in den Randzo nen unserer Galaxis ein Stützpunkt existiert. Wir haben ihn bisher nicht finden können. Wir wissen nicht, wie er aussieht, ob er in unserem oder in einem anderen Kontinuum liegt. Wir wissen nur eines: Wir müssen ihn finden und vernichten. Darum wollte ich dich bitten, Huxley, deine Rassegefährten zu Hilfe zu rufen, sie notfalls
mit einem der neuen Raumer zu holen. Jener Terraner, der sich Ren Dhark nennt, verfügt über ein ringförmiges Schiff, das technische Möglichkeiten besitzt, die nützlich sein könnten! Wie denkst du darüber?< Huxley überlegte. Die schwarzen Schiffe waren eine nicht zu un terschätzende Gefahr. Wo allerdings Dhark zur Zeit war, das wußte man vermutlich nicht einmal in Cent Field. Aber da waren ja die erbeuteten und von der TF in Dienst gestellten Ringraumer. »Ich werde meine Rassegefährten verständigen! Und ich kann dir die gute Nachricht überbringen, daß die Terraner inzwischen nicht nur ein Ringschiff, sondern deren viele besitzen! Tausende!« Der Nogk zuckte zusammen. Für einen Moment schwirrten die Impulse der überraschten Nogk wild durcheinander. Doch dann trat ebenso plötzlich wieder Ruhe ein. >Tausende!< Nur dieser eine Begriff erfüllte den Raum. Der Herrscher der Nogk streckte impulsiv die Hände nach Huxley aus. >Komm, Terraner, folge mir jetzt! Du sollst sehen, daß auch wir nicht untätig waren!< Er reichte Huxley seine Hand und wies auch Charaua durch einen Wink an, ihm zu folgen. »Wartet hier auf mich! Prewitt, Maxwell und Sie, Chief, kommen mit! Sie ebenfalls, Barnard!« wies Huxley nach abermaliger kurzer Überlegung den Astrophysiker der FO-1 an. Die Genannten erhoben sich und folgten ihrem Anführer, der be reits mit Charaua und dem Herrscher der Nogk dem Ausgang entge genschritt. Noch im Hinausgehen bemerkte Huxley, wie die Nogk ihre starre, disziplinierte Haltung aufgaben und nun seine Männer umringten. Ungehindert von den übrigen Mitgliedern des Rates…
4.
Colonel Ralf Larsen beobachtete aufmerksam die Bildschirme seines S-Kreuzers mit der offiziellen Typbezeichnung A-001, den er ARROW getauft hatte. »Ortung, Madock?« fragte er. Der Ortungsoffizier schüttelte den Kopf. »Nichts, Sir, absolut nichts! Hoffentlich hat uns Terra nicht in die Wüste geschickt! Was sollte Huxley denn hier auch wollen?« Larsen nickte. Das waren genau die Gedanken, mit denen er sich seit Stunden beschäftigte. Seit der Spruch aus Cent Field ihn er reicht hatte. Voraus stand die winzige Scheibe einer roten Sonne. Ein namen loser Stern, unregistriert, ganz am Rande des Spiralarms I/a, in dem auch die Erde ihre Bahn zog. Unregistriert, weil kaum jemals ein Raumer der TF in dieses Gebiet kam. Von der Erde aus war diese unbedeutende kleine Sonne überhaupt nicht wahrzunehmen. »Wir sollten die Pause im Magnetorkan ausnutzen, Madock!« ließ Larsen sich nach einer Weile abermals vernehmen. »Kurs auf die voraus liegende Sonne, wir werden uns dieses Unikum einmal ge nauer betrachten!« Er tastete die Rundrufverbindung zu allen Schiffen seines Ge schwaders ein. »Geschwaderführer an alle! Wir nehmen Kurs auf die Sonne auf Koordinate Rot. Anweisung an alle Bordlabors. Sofort mit den Untersuchungen beginnen, Auswertung umgehend an ARROW! Ende!« Die Ringraumer beschleunigten. Larsen hockte reglos in seinem Kontursitz und beobachtete wachsam die Kontrollen. Plötzlich wirbelte Madock herum. »Wir werden geortet, Sir!« »Was?« Larsen fuhr aus seinem Sitz und war mit wenigen Schrit ten beim Ortungspult. Er sah sofort, daß Madock recht hatte. Durch die Meßkoordinaten der verschiedenen Schirme zuckten Blips unterschiedlichster Art. Nur in einem glichen sie sich: ihre Amplituden waren außerordent lich steil und reichten sowohl in den Plus- wie in den Minusbereich. Larsen tastete die Bordsprechanlage ein. »Kommandant an Labor. Was ist mit den Auswertungen?« Ein Astrophysiker meldete sich. »Verteufelte Sache, Sir! Die Sonne gehört zum Typ Ml. Oberflächentemperatur ca. 4000°C. Weitere Ergebnisse sind nicht zu bekommen. Unsere Instrumente bringen einfach nichts. Wir wissen nicht, ob es sich um eine Mono-Sonne handelt oder ob sie Planeten besitzt. Es ist, als ob über dem ganzen Raum um die Sonne irgendein Schleier läge. Tut mir leid, Sir, aber aus dieser Entfernung ist da nichts zu machen. Die Abteilungen der anderen Schiffe kommen ebenfalls nicht weiter!« Larsen schaltete ab. Nachdenklich und beunruhigt zugleich starrte
er den erlöschenden Bildschirm an. »Madock, was halten Sie davon?« In den scharfen Zügen des Ortungsspezialisten zuckte es. »Ein System verschleiert sich nicht von selbst, Sir. Es liegt auch kein Grund zu der Annahme vor, daß es sich hier um einen Sonnen typ handelt, der irgendeine uns bisher unbekannte Strahlung aus sendet und damit vielleicht ein Partikelfeld schaffen könnte, das ähnliche Auswirkungen hat. Wenn also über dieser Sonne und ihrer Umgebung ein Schleier liegt, dann will sich jemand verbergen. Und wer sich verbirgt, hat normalerweise auch einen triftigen Grund dazu!« »Genau, Madock! Und wenn dort jemand ist, der sich zu verbergen trachtet, dann hat diese Sonne auch mindestens einen Planeten!« Larsen schaltete abermals auf Rundruf. »Geschwaderführer an alle: Formationsänderung. Fächer bilden, Schiffe stufenförmig anordnen, auf freies Schußfeld achten. ARROW nimmt Mittelposition ein. Feuern nur auf Befehl oder wenn wir an gegriffen werden!« Larsen beobachtete, wie die Ringraumer sich zu einem breiten Fä cher auseinanderzogen, der auch terassenförmig nach >oben< und >unten< wuchs. Die Besatzungen legten ihre Raumanzüge an, eine Sicherheitsmaßnahme, auf die in den Geschwadern Larsen und Szardak nie verzichtet wurde. Als wenig später die Klarmeldungen in der Zentrale der ARROW einliefen, verschwanden fast gleichzeitig die Blips der Fremdortung. Larsen preßte die Lippen zusammen. Der Gegner bereitet sich also vor. Vielleicht starten in diesem Augenblick schon seine Raumer, um sich zum Kampf zu stellen. Sind wir womöglich auf jene schwarzen Schiffe gestoßen, von denen in der letzten Meldung Cent Fields die Rede gewesen ist? Er straffte sich: »Meldung an Stab der TF. Geschwader Larsen im Anflug auf nicht registrierte rote Sonne. Position Rot, 22:48,02. System wahrscheinlich bewohnt, wurden von Fremdortung erfaßt. Bitten um sofortige Unterstützung. Ende!« Larsen fuhr sich flüchtig über die Stirn, ehe er seinen Raumhelm schloß. Er fühlte sich abgespannt; schließlich befand sich sein Ge schwader bereits seit Wochen im Einsatz. Die rote Sonne wurde auf den Bildschirmen größer und größer. Noch immer gab es keinerlei Hinweis darauf, ob die Fremden über haupt noch da waren. Und noch immer zeigte sich kein Planet, keine Welt, auf der Lebewesen zu existieren vermochten. »Kurs um 20 Grad auf Grün ändern«, befahl Larsen einer plötzli chen Eingebung folgend. Und dann sahen sie den Planeten. Eine blaßgrüne Kugel, die sich langsam hinter der Sonne hervor schob. Weiße und violette Streifen durchzogen die Oberfläche. Doch so sehr sich die astronomischen Abteilungen auch bemühten, noch immer vermochten sie über diese Welt nichts Näheres in Erfahrung
zu bringen. »Ich fürchte, wir werden uns auf unangenehme Überraschungen gefaßt machen müssen!« brach Madock das Schweigen. »Es ist mir zu still! Wenn wir dort auf einen Gegner stoßen, dann hat er minde stens so gute Nerven wie wir! Das bedeutet aber weiter, daß ihn selbst hundert anfliegende Ringraumer nicht sonderlich aus der Ruhe zu bringen vermögen. Daß er gut genug gerüstet ist, um sich in einem Kampf eine reelle Chance ausrechnen zu können!« Madock ahnte indes nicht, wie sehr er mit seiner letzten Behaup tung irrte… Das schwache Licht der roten Sonne hüllte die grauen Wohnzellen der Wabenstadt am Ufer des violetten Stromes ein. Lange bläuliche Schatten fielen auf das Wasser, verschmolzen mit seiner Oberfläche. Unter den Bewohnern der Stadt herrschte Aufregung, die an Panik grenzte. Übergroße Augen, wie geschaffen dafür, im Dunkeln und in der Dämmerung zu sehen, starrten in den dunstigen Himmel. Riesi ge, zweieinhalb Meter hohe Gestalten hetzten auf ihren Stum melfüßen zu den flunderartigen Schiffen hinüber, die sich auf dem provisorisch angelegten Raumhafen hinter der Stadt befanden. Dröhnen und Vibrieren erfüllte die Luft über der Wabenstadt. Die Schuppenhaut der Fremden glitzerte in den grellen Lichtkegeln ihrer Schiffe, die jetzt überall aufflammten. Und mit jeder Sekunde kam der Verband der Ringraumer näher. Im größten Flunderschiff starrte einer der Fremden auf die eckigen Bildschirme, die die Zentrale wie ein pulsierendes Band umliefen. Sein eiförmiger Kopf saß ohne Hals auf dem großen Körper, der breite, lippenlose Mund, der an ein Fischmaul erinnerte, klaffte weit auf. Der schwere Körper stützte sich auf einen schuppigen Schwanz, an dessen Ende sich verkümmerte Flossen befanden. Im Licht greller Lampen glitzerten silberne Schuppen überall dort auf, wo nicht die leuchtend rote Uniform seinen Körper umschloß. Das knapp drei Meter große Wesen war von anderen, nur wenig kleineren umgeben. Nur daß sie statt der roten blaue und gelbe Uni formen trugen. Das klaffende Fischmaul schloß sich mit einem scharfen, schmat zenden Geräusch. Gleichzeitig öffneten und schlossen sich die scharfen Krallen am Ende der überlangen Arme konvulsivisch. »Sie kommen hierher! Hierher, auf unsere Welt!« Der Komman dant der Amphis stieß eine Reihe harter, scharf akzentuierter Laute aus. Vor Erregung öffneten sich die dunkelgrünen Kiemenspalten beiderseits seines Mundes. »Was sollen wir tun? Schon einmal ha ben uns diese Fremden vernichtend geschlagen, als wir gerade glaubten, zu siegen und ihren Planeten zu unterwerfen!« In seinen Augen flackerten widersprüchliche Empfindungen: Wut, Enttäuschung. »Wir sollten sie landen lassen und dann plötzlich über sie herfallen!
Wir sollten Rache nehmen dafür, daß sie uns schon einmal von einer Welt vertrieben haben, daß sie uns jetzt wieder nachstellen. Wir sollten diese häßlichen, glatthäutigen Wesen töten, eines nach dem anderen!« stieß er schließlich hervor. Die anderen Amphis stimmten ihm voller Erregung zu, während ihre Augen unablässig auf die Bildschirme geheftet waren, die die anfliegenden Ringraumer zeigten. Doch der Kommandant gewann seine Beherrschung zurück. Mit aller Kraft dämmte er die Flut widerstreitender Gefühle ein. »Wir können jetzt aber keinen Kampf, keine Verluste brauchen! Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit zur Rache ein andermal. Jetzt sollten wir uns darauf beschränken, die Fremden hinzuhalten! « Die Amphis starrten ihren Kornmandanten an. Dann stimmten sie zögernd zu. Enok war klüger als sie, stärker als sie. Enok hatte noch immer das Richtige getan. Sie würden sich seinem Rat fügen. Der Kommandant wirbelte überraschend schnell herum. Sein lip penloser Mund bewegte sich. »Es bleiben nur wenige Raumer hier. Die anderen verteilen sich rund um den Raumhafen und die Stadt, und zwar so, daß ihre Waf fen die Fremden, falls sie hier landen, vernichtend treffen können. Aber wartet auf meinen Befehl. Vielleicht läßt sich auch ein Kampf vermeiden!« Er beobachtete, wie die Flunderschiffe sich nacheinander von der Landepiste lösten und in der Dämmerung verschwanden. Auf den Schirmen kontrollierte er die neuen Liegepunkte und dirigierte die ses oder jenes Schiff wieder um. Dann glomm Befriedigung in sei nen kalten Augen auf. »Gut!« sagte er. »Jetzt können sie kommen. Wenn sie unsere Wünsche nicht respektieren, werden sie sich schnell daran erinnern, daß wir zu kämpfen verstehen!« Allmählich verschwand auch aus den Augen der anderen die Furcht, die sie anfangs ergriffen hatte. Auch in der Wabenstadt trafen die Amphis ihre Vorbereitungen. Sie waren seit langem dar auf eingerichtet, sich gegen Invasoren jeder Art wirksam zu vertei digen. Sehr wirksam sogar! Unterdessen jagte das Ringraumergeschwader Sol unter der Füh rung von Janos Szardak dem Geschwader Larsen hinterher. Szardak befand sich nicht in der Zentrale seiner LUXOR, sondern in der aufs Modernste eingerichteten Funk-Z, deren ursprüngliche, zum Ringraumer gehörige Geräte sich aufs Raffinierteste mit denen terranischer Technik ergänzten. »Los, Malone, werten Sie alle nur verfügbaren Informationen über die letzten Magnetorkane aus. Ich möchte die genauen Verläufe aller registrierten Stürme haben, außerdem Reflexionszonen und mögliche Beugungsfelder! Fassen Sie alle Werte zusammen und geben Sie die Daten schnellstens in den Suprasensor! Die Ergebnis
se dann sofort an mich. Rufen Sie alle verfügbaren Stationen und Labors an, recherchieren Sie auch bei den in der Galaxis stationier ten Warnschiffen. Ich muß es so genau wie möglich wissen, es hängt unter Umständen sehr viel mehr davon ab, als wir vorläufig absehen können! Haben Sie mich verstanden, Malone?« Der diensttuende Funküberwachungsoffizier nickte. »Ich habe begriffen, Sir. Verlassen Sie sich auf mich und meine Männer!« »Gut, aber beeilen Sie sich, es muß schnell gehen! Ich brauche die Information, ehe wir Kurs auf Koordinate Rot, 22:48,02 nehmen!« Szardak schlug Malone kurz auf die Schulter, verließ die Funk-Z und trat auf den Gang hinaus, der den Ringkörper im Zentraldeck kreisförmig durchlief. Er sah auf sein Chrono. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie in den Sektor vorstießen, aus dem Larsens Hilferuf gekommen war. Janos Szardak, der Mann in der TF, der schon vor der Invasion der Giants manches Himmelfahrtskommando in der Jupiter-Gruppe mitgemacht hatte, der vielleicht sogar von allen Offizieren in der TF auf diesem Gebiet die größte Erfahrung besaß, Szardak, dieser alte Draufgänger, fragte sich in diesem Mo ment, wie ihnen wohl eine Begegnung mit den schwarzen Schiffen bekommen würde. Was ihm der geschwächte Nogk erzählt hatte, gab keinerlei Anlaß zu irgendwelchem Optimismus. Er schüttelte den Kopf. Nach allem, was er von dem Nogk wußte, konnte es sich bei den hypothetischen Bewohnern jenes Sonnensy stems nicht um die ominösen Schatten handeln. Wahrscheinlich hätten sie Larsen gar keine Chance mehr gegeben, Hilfe anzufor dern! Aber warum, zum Teufel, hatte er es dann trotzdem getan? Und warum antwortete er auf keinen einzigen Funkspruch. Was war mit Huxley und der FO-1? Szardak beschleunigte seine Schritte. Mit dem Geschwader Larsen verfügten sie insgesamt über zweihundert Ringraumer mit gut aus gebildeten Besatzungen – eine nicht unerhebliche Streitmacht! Larsen und seine Männer konnten inzwischen mühelos Einzelheiten der Planetenoberfläche erkennen. Jetzt sprachen auch die Ortungen an. Doch noch immer kamen alle Daten stark verzögert. Erst bei der dritten Umkreisung entdeckten sie die Wabenstadt und Teile des Raumhafens, die sich gerade anschickten, in die Nachtsei te des ohnehin düsteren Planeten einzutauchen. Ralf Larsen fluchte leise vor sich hin. Er hatte die verschlüsselten To-Funksprüche Szardaks bekommen. Er glaubte zwar nicht, daß die Bewohner dieser Welt damit etwas anfangen konnten, aber er durfte auf keinen Fall antworten, denn das könnte möglicherweise verraten, daß weitere Schiffe unterwegs waren. Wenn Szardak ein traf, sollte er überraschend auftauchen. Larsen wandte sich erneut an seinen Ortungsoffizier, der an Bord der ARROW auch die Funktionen des I.O. wahrnahm. »Was meinen Sie, Madock, sollen wir mit dem ganzen Verband einfach landen? Die Intervalle würden uns genügend Schutz gegen plötzlichen Beschuß bieten. Zugleich könnten wir den Gegner – falls
es sich überhaupt um einen solchen handelt – mit der Landung be eindrucken und ihm zeigen, daß wir verhandeln wollen!« Gespannt wartete Larsen auf die Antwort des jungen Offiziers. Er schätzte Madock wegen seines überaus scharfen Intellekts, wegen seines sicheren Gespürs für Situationen und Gefahren. Madock bewegte abwägend den Kopf. »Nein, Colonel!« erwiderte er nach einer Weile. »Das sollten wir lieber nicht tun. Wenn ich das Kommando hätte, würde ich mit der Hälfte der Schiffe landen, ohne den Versuch einer Kontaktaufnahme. Aber so, daß meine Absicht deutlich wird, damit die Fremden sich nicht plötzlich zu irgend etwas hinreißen lassen, das nicht in unse rem Sinn ist. Die restlichen Ringraumer würde ich im Orbit um den Planeten verteilen. So ist erstens eine Kontrolle über mögliche nicht sofort offensichtliche Maßnahmen der Wesen dort unten gewährlei stet, zweitens würde der eventuelle Gegner erkennen, daß wir nicht blind in eine vielleicht gestellte Falle tappen, drittens würde auf diese Weise verhindert, daß plötzlich eine Falle über uns zuschlägt! Ich würde darauf achten, daß die fünfzig Schiffe im Orbit so verteilt werden, daß jeder Punkt der Planetenoberfläche gescannt werden kann. Ringschaltung zu allen Schiffen würde die Wirksamkeit einer derartigen Maßnahme noch erhöhen!« Larsen nickte hochbefriedigt. »Madock, aus Ihnen wird einmal ein verdammt guter Kommandant oder Geschwaderchef! Wir machen es genau so, wie Sie gesagt haben. Geben Sie jetzt bitte die notwen digen Anweisungen!« Madock erglühte förmlich unter dem Lob Larsens. Innerhalb we niger Minuten hatte er alle Schiffe verständigt und eingeteilt. Dann gab Larsen das entscheidende Kommando. Fünfzig Ringrau mer scherten aus dem Verband aus und tauchten in die blaßgrüne Atmosphäre der unter ihnen liegenden Wasserwelt ein.
»Amphis!« Larsen stieß dieses Wort voller Betroffenheit aus, als sein Schiff an der Spitze der fünfzig Ringraumer zur Landung auf dem Raumhafen neben der Wabenstadt ansetzte. Seine Stirn furchte sich beim Anblick der großen, flunderförmigen Schiffe. Er hatte diese Raumer und alles, was mit ihnen zusam menhing, noch lebhaft in Erinnerung, auch wenn einige Jahre seit seiner letzten Begegnung mit den Amphis vergangen waren. Er er innerte sich schlagartig an die Grausamkeit und Bösartigkeit dieser Rasse. Fühlte wieder jenes Grauen in sich aufsteigen, das ihn da mals im Col-System überfallen hatte, als er mit Dhark, Riker, Szar dak und der ganzen Top-Crew der GALAXIS in die Hände dieser Fischwesen gefallen war. Spürte erneut den Ekel, der ihn gepackt und fast gelähmt hatte, als er durch eines der morschen Dächer der Amphistadt gebrochen und in das Bassin eines dieser Wesen ge
stürzt war. In eine schleimige, grünliche, entsetzlich riechende Mas se. Nur der Schnelligkeit und Entschlossenheit seiner Gefährten hatte er es zu verdanken, daß er noch lebte. Und jetzt stand er dieser Rasse abermals gegenüber. Wenn auch wesentlich besser gerüstet. Larsens Gedanken überstürzten sich. Wenn Huxley und die FO-1 sich tatsächlich in diesem System aufhielten, stand es schlecht um ihn und seine Männer. Larsen wußte nur zu gut, daß man die Amphis und ihre Flunderschiffe, vor allem aber die entsetzliche Entschlossenheit und Verbissenheit, mit der sie kämpften und star ben, nicht unterschätzen durfte. Ihm wurde schlagartig klar, daß er keine Zeit vergeuden durfte. Falls Huxley und seine Männer noch lebten, zählte jede Minute. Bei den Flunderschiffen rührte sich nichts. Kein Amphi zeigte sich. Keines der Schiffe machte auch nur den geringsten Versuch, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. »Wie viele Flunderschiffe befinden sich auf der Piste?« Larsen stellte diese Frage fast automatisch. Die Antwort kam schnell. »Soweit wir den Raumhafen überblicken können, nicht ganz zweihundert. Ich gebe aber zu bedenken…« »Danke, Madock; ich weiß, was Sie sagen wollen. Die Amphis haben uns früh genug geortet, um eine prächtige Falle für uns vor bereiten zu können, das ist mir völlig klar! Ich kenne diese Rasse und ihre Kampfweise noch von früher! Es könnte aber sein, daß unser Arrangement ihnen das Konzept einigermaßen verdorben hat.« Angestrengt starrte Larsen auf die Bildschirme. Noch immer rührte sich nicht das geringste, aber das beunruhigte ihn nur noch mehr. Er wandte sich den Kontrollen zu. »Kommandant an Besatzung! Wir sind auf Amphis gestoßen. Diese Rasse hat uns in der Vergan genheit auf Hope mehrfach angegriffen. Ich erwarte von allen Kom mandanten daher höchste Aufmerksamkeit und Disziplin. Ende!« Larsen lehnte sich in seinem Kontursitz zurück. Er wartete. Diese verdammten Fischwesen müssen doch irgendwie reagieren, dachte er. Doch nichts geschah. Sekunden tropften dahin, wurden zu Minuten. Die Flunderraumer und die nahegelegene Stadt wirkten wie tot. Larsen fluchte inner lich. Er zermarterte sich das Hirn über den nächsten, sinnvollen Zug – und dann geschah doch etwas, allerdings etwas ganz anderes als er erwartet hatte. »LUXOR an ARROW! Hier Szardak! Larsen, bitte kommen!« dröhn te es plötzlich durch die Zentrale der ARROW. Larsen seufzte erleichtert. Janos Szardak und sein Ringraumer geschwader waren endlich eingetroffen. Das verbesserte die Position der Terraner natürlich enorm. Jetzt würde es möglich sein, die Am phis aus der Reserve zu locken und zu einer Reaktion zu bewegen. Beinahe fröhlich setzte er sich mit Szardak in Verbindung. »Bleiben Sie im Orbit, Szardak! Den Amphis dürfte mittlerweile
klar sein, daß sie keine Chance mehr gegen uns besitzen! Ich werde mit ihnen verhandeln. Wir müssen herausfinden, ob sie Huxleys FO 1 vernichtet oder in ihrer Gewalt haben!« Szardak überlegte. »Ich habe da so meine eigenen Gedanken, Larsen!« erwiderte er. »Daß wir es mit Amphis zu tun haben, ändert allerdings einiges. Warten Sie auf mich, ich stoße mit der LUXOR zu Ihnen; wir sollten die Verhandlungen mit diesen Fischwesen gemeinsam führen! Wir beiden kennen diese Brüder ja ziemlich gut!« Szardak schaltete ab. Bereits kurze Zeit später setzte sein Ringraumer, ungehindert von den Amphis, neben der ARROW auf. »Hören Sie, Larsen, ich mache folgenden Vorschlag. Wir gehen einfach gemeinsam auf die Piste hinaus. Anders werden wir die Amphis nie dazu bringen, mit uns zu verhandeln! Feige sind die Burschen ja nicht. Wenn wir unbewaffnet auf die Piste kommen, werden sie begreifen, was wir wollen! Alles andere müssen wir ab warten. Unsere Schiffe können uns Rückendeckung geben, so gut es geht. Das Anfangsrisiko liegt allerdings auf unserer Seite! Es wird aber schon nichts passieren! Die Amphis sind nicht so dumm, uns zu zerstrahlen, um sich dann anschließend von unseren Ringraumern atomisieren zu lassen! Also, kommen Sie?« Larsen holte tief Luft. Das war wieder einmal typisch Janos Szar dak. Aber sein Vorschlag hatte etwas für sich. »Gut, Szardak, ich komme. In fünf Minuten bin ich auf der Piste«, erwiderte er schließlich. Er erhob sich aus seinem Kontursitz. »Madock, Sie informieren die anderen Schiffe, soweit sie nicht mitgehört haben! Sollte etwas geschehen, übernehmen Sie das Kommando der ARROW!« Larsen verließ die Zentrale. Er wollte pünktlich sein. Ein Blick auf sein Chrono zeigte ihm, daß er sich höllisch beeilen mußte… Enok ließ den Schirm, der Larsen und Szardak zeigte, nicht aus den Augen. Die beiden Männer trafen sich zwischen ihren Raumern und setzten sich anschließend in Bewegung. Schritt für Schritt gingen sie auf den vordersten Flunderraumer zu. Angestrahlt von den gleißen den Lichtkegeln der ARROW und der LUXOR. In Enoks Gehirn jagten sich die Gedanken. Er mochte die Terraner nicht, hätte sie liebend gern vernichtet. Aber andererseits war ein Kampf das letzte, was sein Volk jetzt brauchen konnte. Bot sich hier vielleicht die Chance, diesen Kampf zu vermeiden? Enok ruckte herum. Sein breiter, lippenloser Mund klaffte auf. »Sie könnten uns vernichten! Stattdessen liefern sich ihre beiden Anführer unseren Strahlern aus! Sie tragen nicht einmal Waffen!« Wieder starrte der riesige Amphi auf den Schirm. Unterdessen waren Larsen und Szardak stehengeblieben. Sie be fanden sich jetzt genau auf halbem Weg zwischen ihren eigenen und den Amphiraumern.
Janos Szardak hob beide Arme und drehte den Amphis seine lee ren Handflächen entgegen. Dann nahm er seine Arme wieder her unter und wartete. Enok starrte die beiden Terraner aus seinen großen, dunklen Au gen an. »Es sieht so aus, als ob sie verhandeln wollen!« stieß er verblüfft hervor. Er konnte sich kaum vorstellen, daß die Terraner auf die Chance, ihren früheren Gegner ein für allemal zu vernichten, einfach verzichteten. Larsen wiederholte jetzt Szardaks Geste. Noch langsamer, noch deutlicher. Zusätzlich winkte er unmißverständlich mit beiden Hän den. »Sie wollen wirklich mit uns verhandeln!« Enok konnte es noch immer nicht richtig glauben, doch dann schob er sein Mißtrauen beiseite. Entschlossen richtete er sich auf. »Ich werde zu den Terranern gehen.« Er überlegt kurz. »Schickt das Qalln in die Schleuse. Es könnte nützlich sein. Und… wenn sie mich töten, wißt ihr, was ihr zu tun habt!« Als Enok neben seinem Raumer auftauchte und auf sie zukam, wa ren Szardak und Larsen erleichtert. Auch wenn der knapp drei Meter große Amphi gefährlich, ja fast bedrohlich wirkte, bedeutete es, daß er das Verhandlungsangebot annahm. »Er kommt allein!« Larsen traf diese Feststellung einigermaßen verblüfft. Das mindeste, was er erwartet hatte, waren zwei Amphis. »Er wird schon wissen, was er tut«, erwiderte Szardak. Dann war der Amphi heran, und Szardak und Larsen erkannten, daß er doch nicht ganz allein gekommen war. Denn dort, wo sein Kopf praktisch halslos in den Rumpf überging, hatte sich ein unde finierbares, graugrünes Etwas um seinen Körper geschlungen, das langsam und gleichmäßig pulsierte. Lange Fangarme schienen an mehreren Stellen mit der Haut des Amphi verschmolzen zu sein. Knapp zwei Meter vor ihnen blieb der Amphi stehen. Seine rote Uniform leuchtete im Strahl der Scheinwerfer. »Was wollt ihr auf unserer Welt?« begann der Riese schroff und ohne Umschweife. Seine Stimme klang dumpf und so ähnlich, als hätte er den Mund voller Wasser. Und – er sprach Angloter! Szardak musterte den Amphi genauer, während Larsen es über nahm zu antworten. »Uns erreichte der Notruf eines unserer Schiffe! Unsere Untersu chungen ergaben, daß es sich zur Zeit seines Hilferufes hier, in die sem System, befunden haben muß! Wir wußten nicht, daß ihr euch jetzt hier aufhaltet, aber wir wollen wissen, was mit unseren Ge fährten geschehen ist!« Fast körperlich spürten die beiden Männer, wie es hinter der hohen Stirn des Amphi arbeitete. Die mächtigen Krallen am Ende seiner überlangen Arme, mit denen er seinen Körper abstützte, öffneten und schlossen sich.
»In unserem System hat sich keines eurer Schiffe aufgehalten!« stieß er endlich hervor. »Solange wir hier leben, kam noch nie ein Raumer einer fremden Rasse in die Nähe unserer Sonne!« Larsen trat unwillkürlich einen Schritt vor. »Unsere Techniker arbeiten zuverlässig! Sie stellten fest, daß der SOS-Ruf aus diesem Gebiet kam! Also befand sich das Schiff auch hier! Wir haben keinen Grund, dir zu vertrauen, und werden euren Planeten nicht eher verlassen, bis ihr uns unser Schiff und unsere Gefährten herausgegeben habt! Und wenn ihr sie getötet habt, wer den wir sie rächen!« Larsen deutete mit einer kreisenden Handbe wegung hinter und über sich. »Wir haben die Macht, diese Drohung wahrzumachen! Denke daran!« Er sah, wie sich das Gesicht des Amphi vor Wut verzerrte. Sein rechter Arm zuckte hoch und hieb dann mit Wucht in den Boden. Steine und Sand stoben in hohem Bogen davon. »Wir haben keines eurer Schiffe gesehen! Bei uns befindet sich kein Wesen eurer Rasse. Das ist mein letztes Wort. Wenn ihr kämp fen wollt, dann kämpft! Wir werden uns wehren!« Larsen trat noch näher an den Amphi heran. »Ihr habt uns schon geortet, noch bevor wir euren Planeten er reichten. Ihr müßt also auch das Schiff unserer Gefährten entdeckt haben. Warum behauptest du, daß es nicht in die Nähe eurer Sonne gekommen sei, wo unsere Peilstationen doch die Herkunft des SOSRufs mit absoluter Sicherheit festgestellt haben? Verstehst du nicht, daß wir dir nicht glauben können? Zwischen unseren Rassen schwelt noch immer der Haß eurer letzten Niederlage. Wollt ihr jetzt eure endgültige Vernichtung herbeiführen? Gebt uns unsere Gefährten und das Schiff heraus, und nichts wird geschehen. Wir werden eure Welt verlassen und nie wieder zurückkehren! Wir Terraner haben kein Interesse daran, euch zu vernichten. Wir achten das Leben, in welcher Form auch immer es uns begegnet!« Der Amphi starrte die beiden Menschen an. »Ihr glaubt mir nicht!« Die Worte klangen wie ein urweltliches Dröhnen. »Aber wenn ihr mir nicht glaubt, welchen Grund hätte ich, euren Worten Glauben zu schenken? Auch in der Vergangenheit habt ihr unsere Welt zuerst überfallen, ihr seid auf unseren Planeten gekommen, nicht wir zu euch!« Er machte eine Pause und starrte die beiden Männer an. »Zwischen unseren Rassen wird nie Freund schaft herrschen. Aber ich bleibe dabei: Keines eurer Schiffe kam in die Nähe unserer Sonne, kein Wesen eurer Rasse befindet sich in unserer Gewalt. Durchsucht diesen Planeten, durchsucht unsere Stadt. Niemand wird euch daran hindern. Das ist mein letztes Ange bot. Wenn ihr trotzdem kämpfen wollt, dann kämpft!« Hochaufgerichtet stand der Amphi vor Szardak und Larsen. »Gut!« Larsen straffte sich. »Wir werden…« »Warten Sie, Larsen!« Szardak hatte den Amphi und seinen Sym bionten, der wahrscheinlich als eine Art organischer Translator fun gierte, bisher nur intensiv gemustert; jetzt mischte er sich ein.
»Du weißt von den magnetischen Stürmen, die durch unsere Ga laxis toben! Eure Rasse leidet wahrscheinlich genauso darunter wie die unsere. Wann durchzog der letzte Orkan euer System?« Der Amphi horchte auf. »Warum willst du das wissen?« fragte er. »Antworte mir erst!« forderte Szardak ihn auf. »Vielleicht gibt es für alles auch noch eine andere Erklärung!« Er sah, wie der Amphi zögerte. Gleichzeitig vernahm er Larsens ärgerliche Stimme. »Sind Sie des Teufels, Szardak? Wie können Sie dem Amphi eine solche Brücke bauen? Er wird…« Doch Szardak winkte energisch ab. Die dröhnende Stimme Enoks unterbrach ihn. »Ich will es dir sa gen, damit du siehst, daß ich nicht lüge! Der letzte Orkan – wie ihr das nennt – wütete in unserem System fast, bis wir eure Schiffe orteten. Er war schrecklich und dauerte länger als jeder andere Aus bruch zuvor. Keines unserer Schiffe vermochte zu starten. Wir wa ren gezwungen, uns in unsere Stadt zurückzuziehen. – Wir können in dieser Galaxis nicht länger leben, Terraner, deswegen werden wir sie in Kürze für immer verlassen. Unsere Oks haben eine Möglichkeit gefunden, wie wir vielleicht die Reise in eine benachbarte Galaxis trotz der ungeheuren Entfernung überdauern können! Nicht alle von uns werden die Nachbargalaxis lebend erreichen, aber unsere Rasse wird fortbestehen! Jetzt habe ich dir viel mehr gesagt, als ich wollte. Wir können keinen Krieg gebrauchen, Terraner. Wir wollen unsere letzten Vorbereitungen ungestört zu Ende bringen!« Larsen starrte den Amphi ungläubig an. Eine Geste Szardaks hin derte ihn daran, etwas zu sagen. »Ich glaube dir. Wir werden euren Planeten nicht durchsuchen. Erlaubt uns, daß wir noch einige Stunden hierbleiben, dann werden wir eure Welt wieder verlassen! Ich wünsche euch, daß eure Pläne gelingen, wir werden euch nichts in den Weg legen! Wenn du willst, soll fortan Friede zwischen unseren Rassen herrschen!« Der Amphi beugte sich unwillkürlich vor und starrte Szardak an. In seinen riesigen Augen glitzerte es. »Ich verstehe dich nicht, Terraner!« stieß er schließlich betroffen hervor, und in seiner Stimme schwang das ganze, uralte Mißtrauen seiner Rasse mit – einer Rasse, die bisher nirgendwo im All Freunde gefunden hatte, sondern stets Haß, Abscheu und Verfolgung begeg net war. »Wie kannst du deine Meinung so schnell ändern, warum glaubst du mir plötzlich?« Szardak blickte den Amphi an. »Wir wußten nicht, ob ihr etwas mit dem Verschwinden unserer Gefährten zu tun habt. Daher mußten wir uns Gewißheit verschaf fen! Jetzt weiß ich, daß wir uns geirrt haben. Und noch etwas, damit auch du siehst, daß wir es ehrlich meinen: Eine neue Gefahr bedroht die Galaxis. Eine fremde Rasse, schattengleiche Wesen mit schwar zen Schiffen, zieht mordend und plündernd durch die Spiralarme jenseits des galaktischen Zentrums. Wir wissen nicht, woher sie stammen, noch, was sie beabsichtigen. Wir wissen auch nicht, wann
sie hierher kommen werden. Hütet euch vor ihnen. Bisher war ihren schwarzen Schiffen noch keine Waffe gewachsen!« Szardak grüßte und wandte sich ab. Den völlig perplexen Larsen forderte er durch einen Wink auf, ihm zu folgen. Larsen schüttelte den Kopf. Sein Gesicht war verkniffen. Er zwei felte in diesem Augenblick am Verstand des alten, erprobten Hau degens. Aber er schwieg, selbst dann noch, als Szardak ihm bedeu tete, mit an Bord seiner LUXOR zu kommen. Erst in der Zentrale, als sie sich endlich wieder der Raumanzüge entledigt hatten, konnte er nicht mehr länger an sich halten. »Szardak, Sie müssen total den Verstand verloren haben!« fauchte er. »Wie können Sie diesen Fischwesen trauen? Haben Sie unsere früheren Begegnungen mit den Amphis etwa vergessen? Was, wenn Huxley und seine Männer doch hier sind? Verdammt, ich hätte gute Lust, den Planeten doch noch umzukrempeln!« Larsen hatte sich in Wut geredet. Das geschah nur äußerst selten bei ihm, aber dann um so gründlicher. »Setzen Sie sich, Larsen, und hören Sie erst einmal zu. Ich habe aus gutem Grund so gehandelt!« Szardak trat an einen Monitor und schaltete ihn ein. Auf dem Bildschirm erschien eine Computersi mulation. »Sehen Sie hier, Larsen! Auf dem Flug hierher und auch schon in Cent Field habe ich Recherchen über alle bekannten Ma gnetorkane angestellt, die in letzter Zeit die Galaxis durchzogen. Jedenfalls über alle, die uns bekannt sind!« schränkte er seine Er klärung etwas ein. »Ich weiß also, daß der Amphi uns nicht belogen hat. Dieses Gebiet wurde am stärksten betroffen. Aber auch hier…« ein Gebiet weit jenseits des Spiralarms, in dem sie sich befanden, blinkte auf, »und hier und da und noch an anderen Stellen.« Er tippte auf einige Sensortasten. »So, Larsen, und nun verfolgen Sie die rote Linie, die quer durch die Milchstraße bis in das System führt, in dem die Nogk sich befinden! Vergleichen Sie die Werte und den sich ergebenden Reflexionsspiegel! Sie werden sehr schnell erkennen, daß selbst ein To-Funkspruch so weit abgelenkt und re flektiert werden kann, daß er schließlich aus einer gänzlich anderen Richtung in unsere Empfänger gelangt, als von dort, wo er abge strahlt wurde!« Abermals berührte er die Sensortasten. Die Darstellung veränderte sich. »Und dann sehen Sie sich das einmal an, Larsen!« Er deutete auf ein rundliches, verschwommenes Gebilde, das sich deutlich von der Umgebung abhob. »Da steckt irgend etwas, Larsen! Um dieses Gebiet machen alle Strahlungsorkane einen Bogen, wie stark sie auch sein mögen. Sie werden einfach abgelenkt, umwandern dieses Gebiet. Sagt Ihnen das etwas?« Ralf Larsen hockte mit gefurchten Brauen in seinem Kontursessel und starrte auf den Monitor. Er war erfahren genug, um die Stich haltigkeit dieser Ausführungen zu erkennen. Schließlich sah er Szardak an. »Sie sind also der Ansicht, daß Huxley sich nach wie vor bei den
Nogk befindet? Daß er seinen SOS-Ruf von dort abstrahlte und daß der Spruch durch mehrere Reflexionen schließlich aus dieser Rich tung zu uns kam?« Szardak nickte bestätigend. »Sie glauben weiterhin, daß dieses seltsame Gebiet in der Nähe der Nogk mit dem Hilferuf Huxleys in Zusammenhang steht?« Szardak nickte abermals. »Nicht nur das, ich vermute sogar…« Er berichtete dem aufhorchenden Larsen von seinen Erlebnissen mit dem Kampfschiff der Nogk auf Cent Field. »Nach meiner Meinung sollten wir sofort zu den Nogk aufbrechen, Larsen! Sie brauchen Hilfe. Ich habe mit Bulton schon alles bespro chen für den Fall, daß sich meine Vermutungen bestätigen!« Larsen erhob sich abrupt. Impulsiv streckte er Szardak die Rechte hin. »Ich war ein Idiot, Szardak. Ich hätte gerade Sie besser kennen müssen!« Szardak ergriff seine Hand. »Machen Sie sich nichts daraus, Larsen. Als ich erfuhr, daß Sie auf Amphis gestoßen waren, hätte ich meine Überlegungen auch beina he über den Haufen geworfen. Auch ich war anfangs überzeugt, daß Huxley diesen Fischwesen in die Hände gefallen ist! Ohne die Simu lation – ich hätte mich nicht anders verhalten, als Sie es vorhatten!« Er begleitete Larsen zur Schleuse. Eine knappe Viertelstunde spä ter starteten die auf dem Raumhafen der Amphis liegenden Ringraumer. Viele tausend Augenpaare starrten ihnen nach. Unter ihnen das von Enok, dem Herrscher der Amphis.
5.
Huxley saß Charaua in der Kommandozentrale des neuen Ellipsen raumers gegenüber. Dieses Schiff unterschied sich deutlich von den Nogk- raumer her kömmlichen Typs. Zwar hatten die Nogk ihre Allsichtschirme bei behalten, bei deren Aktivierung die Illusion entstand, man befände sich schutzlos irgendwo zwischen den Sternen, aber sonst waren sie völlig neuen Erkenntnissen gefolgt. Der Mittelteil des Ellipsenrau mers bestand aus einem hundert Meter großen Gewölbe, das wie derum eine Ellipse darstellte. In ihren Brennpunkten befand sich jenes Wunderwerk der Nogk-Technik, das diese Rasse in Zukunft befähigen würde, in die Tiefen des Leerraums vorzustoßen: In jedem der beiden Brennpunkte der Ellipse glühte eine künstliche Son ne. Durch speziell dafür und mit höchster Präzision geschaffene Wandungen, die über ein kompliziertes Diffusorsystem die Strahlen der Sonnen reflektierten, wurde das Gewölbe völlig gleichmäßig ausgeleuchtet. Die beiden Sonnen wurden in einer eigens zu diesem Zweck geschaffenen Zentrale von den Meegs überwacht. Ihre Strah lungsspektren ließen sich unabhängig voneinander variieren, so daß eine Sonne diejenigen Nogk versorgen konnte, die sich in ihrer Schlafperiode befanden, die andere jedoch die nötige Versorgung der aktiven Mannschaft mit Licht und Strahlung sicherstellte. Eben sogut konnten aber auch beide Sonnen auf Schlaf- oder Wachperio de eingestellt werden. Neben dem eigentlichen Gewölbe befanden sich an den kurzen Bögen der Ellipse Behandlungsräume für er krankte Nogk. Über ein besonderes System von Filtern und Konver tern konnte in jede einzelne Kabine jede gewünschte Strahlung geschickt werden. Ein weiteres Meisterwerk stellten die Detektoren dar, die den Gesundheitszustand eines jeden Besatzungsmitglieds überwachten und bei Gefahr automatisch Meldung an die Meegs gaben. Diese Detektoren befanden sich in jeder Abteilung des Schif fes. In der Zentrale im Bug des Raumers, auf den vollautomatisch gesteuerten Waffendecks, in den Antriebsräumen und den großen Hangars der Bootsdecks, die außerdem zur Aufnahme aller mögli chen Transportgüter eingerichtet waren. Im Schiff selbst erfolgte die Fortbewegung von einer Abteilung in die andere mittels Gleitfeldern, deren grünliches Schimmern den leichten Krümmungen der Trans portschächte folgte. Bei Versagen der Energiestationen war es mög lich, sich innerhalb der Schächte auf extra dafür geschaffenen Lauf flächen fortzubewegen. Huxley schüttelte den Kopf. Dieses Schiff war wirklich das Wun derwerk einer fremden Technik. Er sah Charaua an. »Du sprachst von neuen, ultimativen Waffen, Charaua! Nach wel chem Prinzip arbeiten sie? Ich glaube, wir sollten darüber sprechen, weil wir nicht wissen, wann wir auf die schwarzen Schiffe stoßen!« Er warf einen Blick auf sein Chrono. »Zudem starten wir in einer
knappen halben Stunde, uns bleibt also nicht mehr viel Zeit!« Der Nogk wandte sich seinem terranischen Freund zu. >Du kennst unsere Energienetze, Huxley! Auch die neue Waffe ar beitet nach diesem Prinzip. Materie, die das Netz berührt, wird zer setzt. Auch die Schutzschirme werden aufgesogen und absorbiert. Außerdem aber geschieht noch etwas anderes.< Der Nogk starrte den Menschen an, seine Fühler spielten unruhig. >Die neuen Energienetze bilden kugelförmige Sphären, sobald ein Objekt einmal mit ihren energetischen Tastern in Berührung gerät. Hat sich die Sphäre um den Gegner geschlossen, tritt ein Prozeß ein, den auch wir nicht wieder rückgängig machen können. Es bildet sich eine Antisphäre. Diese Antisphäre aber wird vom weit größeren und energetisch milliardenfach stärkeren Normalkontinuum als un tragbarer Fremdkörper ausgeschleudert. Wohin, wissen wir nicht. Wir haben Versuche unternommen. Wir haben einige unserer Schiffe zur Erprobung der Waffe verwendet, ohne Besatzung natürlich. Sie verschwanden spurlos. Lediglich eine Strukturerschütterung zeigte die Ausschleuderung an. Ob diese Waffe uns gegen die Fremden hilft, wissen wir nicht. Aber wir glauben an einen Erfolg, weil der Prozeß erst anläuft, wenn das angegriffene Objekt durch die zerset zende Wirkung unseres Energienetzes bereits stark beschädigt ist!< Huxley starrte den Nogk aus schmalen Augen an. »Charaua, das ist eine teuflische Waffe!« flüsterte er. Sein ge schulter Verstand begriff sofort die entsetzlichen Konsequenzen der Erklärung des Nogk. »Ihr könntet unter Umständen, wenn genügend Energie durch eine genügende Anzahl von Ellipsenschiffen vorhan den ist, ganze Welten aus dem Normalkontinuum herausstoßen!« Charaua zögerte. >Das ist nicht sicher, wäre aber denkbar. Aller dings werden wir Nogk das nie an irgendeiner Welt erproben. Der Rat des Imperiums hat strenge Gesetze erlassen, die die Anwen dung dieser Waffe genau festlegen. Jeder Verstoß gegen diese Be schlüsse wird hart geahndet werden, Terraner. Sollte es aber zum Kampf zwischen uns und den schwarzen Schiffen kommen, dann werden wir sie anwenden müssen, weil alle anderen Waffen versa gen. Du hast es selbst erlebt!< Huxley straffte sich. »Ich muß mich um meine Männer kümmern, Charaua! Zum Zeitpunkt unseres Startes finde ich mich hier wieder ein. Wir sind uns also einig, daß wir vor der eigentlichen Erprobung dieses Schiffs und seiner Einrichtungen erst Verbindung zu meinen Rassegefährten aufnehmen und dann versuchen, den Stützpunkt der Fremden zu finden!« >So wünscht es unser Herrscher. Vergiß nicht, auch der bevorste hende Kampf, die Suche nach den Fremden wird schon eine Erpro bung sein. Ich glaube nicht, daß sich der Stützpunkt jener Schatten - wie du sie nennst – innerhalb unserer Galaxis befindet! Alle unsere Messungen, unsere wenigen Ergebnisse, weisen auf ein Gebiet im Halo der Galaxis…< Huxley stutzte plötzlich. Erschrocken blickte er den Nogk an. »Du
meinst, die Fremden könnten aus einer uns benachbarten Galaxis kommen?« >Gerade das wissen wir nicht!< Charaua erhob sich mit der seiner Rasse eigenen Schnelligkeit. >Bis gleich, Huxley! Auch ich habe noch einiges zu tun!< Eine knappe Viertelstunde später verließ der Ellipsenraumer den Hangar. Er schwebte lautlos an dem Riesenschiff vorbei, an dem auch jetzt ein ganzes Heer von Nogk arbeitete und es so Stunde für Stunde seiner Fertigstellung entgegentrieb. Gegen diesen Giganten war ihr Raumer mit seinen 500 Metern Länge fast ein Zwerg. Und doch wußte Huxley, daß eine Menge Schiffe dieser Art in anderen Hangars auf ihren Werften lagen. Schon bald würden die alten Ei raumer der Nogk diesem neuen Typ weichen müssen. Charaua hatte angedeutet, daß sie in Zukunft nur noch zu Patrouillenzwecken in der nächsten Umgebung der Sonne Tantal Verwendung finden wür den. Der Riesenraumer hingegen würde in Begleitung einer Gruppe von 500-Meter-Schiffen in Richtung Andromeda fliegen. Aber erst dann, wenn die neue Flotte der Nogk stark genug war, jeden poten tiellen Angreifer aus dem Tantal-System zu vertreiben. Er, Huxley, würde zusammen mit Charaua das Kommando über den Riesen raumer der Nogk übernehmen. Er und seine Männer würden einen Teil der Besatzung dieses Schiffes bilden. So hatte es der Rat des Imperiums in einer weiteren Sondersitzung gewünscht, und Huxley hatte eingewilligt. An all dies dachte der hagere Colonel, als der Gi gant nun unter ihnen zurückblieb und schließlich unter der schüt zenden Energiebarriere verschwand. Zwischen den Koordinaten des Allsichtschirms im Leitstand des Ellipsenraumers, den Huxley auf den Namen CHARR getauft hatte, erschien in Lebensgröße der Herrscher des Imperiums. Tausende von schwarzen Facettenaugen glitzerten aus dem Hintergrund des Ratssaales zu ihnen empor. Der Herrscher hob die Hand, seine Impulse drangen durch den Leitstand. >Die gesamte Rotte des Imperiums liegt bereit. Wenn ihr Hilfe braucht, startet sie sofort!< Abermals winkte der Herrscher ihnen zu, dann verlosch seine Ge stalt zwischen den Koordinaten… Larsen saß vornübergebeugt in seinem Kontursitz. Angespannt beobachtete er den winzigen, blaugrünen Stern auf dem Haupt schirm. »Kommandant an Labor: Auswertung, welcher Sonnentyp?« Das Labor meldete sich sofort. »Blaugrüne Sonne. Klassifizierung nicht möglich, Sonnentyp unbekannt. Die Oberflächentemperatur dürfte zwischen 20.000 und 30.000 Grad betragen. Vielleicht auch mehr. Spektrum weist völlig unbekannte, undeutbare Emissionslini en auf. Strahlungsablauf stabil. Wahrscheinlich drei Planeten! Das ist vorläufig alles, Sir!«
»Danke! Versuchen Sie weiterhin, etwas herauszufinden!« Larsen rief die LUXOR Szardaks an. »Wir sind da, Szardak! Das ist Tantal! Ich kenne die Sonne aus den Beschreibungen Huxley´s. Die Koordinaten stimmen ebenfalls – erstaunlich genug bei einer Entfer nung von nahezu 75.000 Lichtjahren… Wir sollten jetzt die Nogk anrufen!« Szardak nickte bestätigend. »Bin ganz Ihrer Ansicht, Larsen. Mich interessiert vor allen Dingen, ob wir Huxley nun finden oder nicht!« Sekunden später gellte der Alarm durch die Schiffe. Larsen und Szardak sahen sich verblüfft an. Die Ortungsoffiziere schwiegen, und die Bildschirme der Außenbeobachtung zeigten nichts. Plötzlich tauchte seitlich des Ringraumer-Verbands ein Schemen auf- ein merkwürdig konturloser Schatten. »Szardak, was zum Teufel ist das? Wie kommt das Schiff so plötz lich in unsere Flanke? Sollten das etwa diese…« Weiter kam er nicht. Etwas Schwarzes fuhr auf sie zu. Ein schwarzer, um seine Längs achse rotierender Strahl, der – so verrückt sich das auch anhören mochte – von einem unheimlichen, lichtlosen Leuchten und Pulsie ren umgeben war. Der Strahl traf auf das Intervallfeld der LUXOR. Durch das Schiff ging ein Ruck. Das Intervall verformte sich unter dem plötzlichen Ansturm fremder Energien. Die LUXOR wurde aus dem Verband hinausgewirbelt und jagte, von unsichtbaren Kräften getrieben, in den Raum hinein! Aber Colonel Szardak reagierte trotzdem. Blaßrosa Nadelstrahlen fuhren auf den Schatten los. Gleichzeitig eröffneten auch die ande ren Schiffe des Verbands das Feuer. Um den Schatten leuchtete es auf. Und dann, von einer Sekunde zur anderen, gab der Fremde sein Inkognito auf. Larsen sträubten sich förmlich die Haare, als er das schwarze Schiff anstarrte. Ein geradezu abstoßend häßliches, bösartig wirkendes Gebilde aus gewaltigen Röhren, zwischen denen ein nicht genau erkennbarer langgestreckter Innenkörper hing. Das Ganze wurde von einem unbeschreiblichen lichtlosen Leuchten umgeben. Der massive Nadelstrahl-Beschuß schien dem Fremden zuzuset zen. Dennoch schoß er einen weiteren schwarzen Strahl auf eines der Schiffe von Szardaks Verband ab. Auch dieser Ringraumer wur de davongeschleudert. Larsen beobachtete, wie das Intervall des Raumers unter der Belastung zu pulsieren begann. Aber sonst ge schah nichts. Szardak und der andere Kommandant bekamen ihre Schiffe bald wieder unter Kontrolle und stießen erneut gegen den Fremden vor. »Feuer einstellen!« Larsens Stimme dröhnte durch die Zentralen der Ringraumer. »Erst abwarten, was der Fremde weiterhin vorhat. Wir…« Erschrocken hielt er inne. Ohne jede Warnung erschienen aus dem Nichts plötzlich schwarze Schiffe und schlossen den terranischen
Verband ein. Die Männer in den Ringraumern spürten ein eigenarti ges Ziehen und Kribbeln in ihren Gliedern. Konverter und Speicher bänke begannen zu brummen. »Verdammt, Larsen, diese Brüder haben uns in eine Falle gel…« Szardaks Stimme wurde schlagartig von einer anderen Sendung überlagert. »Huxley an Ringraumer-Verband! Achtung, hier spricht Colonel Huxley! Beschleunigen Sie und drehen Sie nach Grün ab. Alle ver fügbaren Waffen einsetzen. Achten Sie auf schwarze Bälle, die sich aus dem Raum Ihrem Verband nähern könnten. Wir nehmen uns jetzt das große Schiff vor ihrem Verband vor, es steht genau zwi schen Tantal und der ARROW! Dorthin unter keinen Umständen feuern! Gehen Sie auf Kurs Grün!« Szardak, Larsen und die übrigen Kommandanten starrten verblüfft auf ihre Schirme, auf denen eben noch Huxleys schmales Gesicht neben dem dunklen Libellenkopf eines Nogk zu sehen gewesen war. Doch trotz ihrer Verwunderung reagierten sie nach einem kurzen »Okay, Huxley, verstanden!« unverzüglich. Auf den Schirmen der Distanz- und Masseortung erschienen kaum wahrnehmbare Blips. Irgend etwas bewegte sich vor dem Verband auf das alleinstehende schwarze Schiff zu, das wie alle anderen sein Inkognito, seine Dun kelschirme abgebaut hatte. Geblendet schlossen die Terraner die Augen, als aus dem All ein blauweißer Ball zuckte. Blitzartig weitete er sich zu einem feinma schigen Energienetz, das den fremden Raumer umschloß. Die Fremden zögerten nicht. Ihr Raumer schoß vor und prallte gegen das weithin leuchtende Energienetz. Augenblicklich umzuck ten entsetzliche Entladungen das schwarze Schiff. Die Besatzungen der Ringraumer beobachteten, wie einige seiner mächtigen Röhren zersprühten. Und dann geschah es. Das Energienetz flammte auf. Es sah aus, als würden unzählige Arme durch die Schwärze eines aufreißenden Kontinuums greifen. Das fremde Schiff wurde herumgewirbelt. Der Raum schien sich zu krümmen und in sich selbst zu verwinden. Eine gewaltige StrukturErschütterung folgte. Dann war der Spuk vorbei. Das Schiff war verschwunden. Kein Trümmerstück trieb durch den Raum, keine Energiewolke – nichts. Sekundenbruchteile später registrierten die Instrumente der Ringraumer eine abermalige Erschütterung der Raum-Zeit-Struktur. Die Waffen der Schiffe entluden sich ins Leere. »Feuer einstellen!« Die Stimme Larsens überschlug sich beinahe. Es war alles viel zu schnell gegangen. Und genau in diesem Augenblick allgemeiner Ver wirrung wuchs neben den Ringraumern ein ellipsenförmiger Raumer auf. Ein undeutlicher grauweißer Nebelfleck zunächst nur, der je doch an Schärfe und Deutlichkeit gewann, je weiter der Unsichtbar keitsschirm sich abbaute. »Himmel und Hölle, was ist denn das nun schon wieder?«
Larsen starrte verwirrt auf den Schirm. Gleichzeitig meldete sich Szardak. Auch seine Züge wirkten angespannt. »Mir scheint, Huxley hat bei den Nogk keinen unvorteilhaften Tausch gemacht! Die Demonstration, die er uns da eben geliefert hat, war absolut nicht ohne. Bei den Nogk scheint man inzwischen auch nicht gerade geschlafen zu haben!« Die beiden Männer fixierten aus schmalen Augen die CHARR, die langsam auf sie zuglitt und sich dann der Fahrt des Ringraumerver bands anpaßte. Es sah aus, als stünden die Schiffe ruhig im All. Nur die langsam seitlich auswandernde Sonne erinnerte an die hohe Ge schwindigkeit, mit der sie sich bewegten. Huxley meldete sich erneut. »Ich schlage vor, wir treffen uns auf der ARROW! Es ist gut, daß Sie gekommen sind. Ich glaube, jetzt können wir mit diesen Schatten fertig werden – gegen das Intervall sind ihre Waffen offenbar machtlos. Jedenfalls vorläufig! Und auch wir haben einiges in petto, was sie bis jetzt noch nicht kennen! Aber darüber wird Ihnen Charaua berichten!« Seine grauen Augen blickten Larsen an. »Lasen Sie den Kurs Ihrer Schiffe abermals ändern, Larsen! Gehen Sie in einen Orbit um den innersten Planeten der Sonne Tantal. Der Vorfall von eben ändert einiges an unseren Plänen!« Larsen nickte grimmig. »Also gut, Szardak und ich erwarten Sie und Charaua an Bord meines Schiffes. Wir sollten einen Teil der anderen Kommandanten ebenfalls hinzuziehen, oder?« Doch Huxley schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß das in diesem Stadium sinnvoll ist…« »Ganz wie Sie meinen. – Auch wir haben übrigens Neuigkeiten. Auf Cent Field steht ein Kampfschiff der Nogk, sechs Besatzungs mitglieder sind tot, der Rest befindet sich in der Schlafperiode. Un ter den Toten sind ein Mitglied des Rates und der Kommandant des Schiffs! Außerdem hatten wir einen Zusammenstoß mit unseren alten Freunden, den Amphis, aber auch davon gleich mehr!« Charaua starrte Szardak aus seinen schwarzen, glänzenden Facet tenaugen an. Er hatte die Mitteilung des Mannes mit dem Pokerface verstanden. Unruhig pendelten seine Fühler hin und her. >Es müs sen sich schlimme Dinge ereignet haben! Das Schiff hätte lange vor Beginn der Schlafperiode bei euch sein müssen! Und Chorr, der Beauftragte unseres Herrschers, ist tot!< Charaua wandte sich ruckartig um. >Gehen wir, Huxley, gehen wir schnell! Ich muß Genaueres erfahren, es ist wichtig für uns alle!< Wenig später machten an der blauschimmernden Unitall-Wandung der ARROW zwei sehr unterschiedliche Beiboote fest. Eines von der Bauart, wie sie auf den Kugelraumern der TF Verwendung fanden denn die erbeuteten Ringraumer verfügten über keine Flash –, das andere ein genaues Abbild des großen Ellipsenraumers der Nogk.
Charaua beugte sich über die holografische Darstellung. Sorgfältig studierte und verglich er die Bewegungsrichtungen, die Ablenkun gen und die Reflexionszonen der Magnetorkane. Schließlich richtete er sich ruckartig auf. >Sind alle Berechnungen überprüft worden?< Szardak und Larsen nickten. »Sie stimmen, Charaua!« Der Nogk schien durch sie hindurchzusehen. >Das ist so wichtig, daß ich vorschlage, wir geben alle Daten noch mals in unsere Speicher ein. Zusammen mit den von uns ermittelten Daten. Aber wir müssen rasch handeln. Wir müssen den Stützpunkt der Fremden aufgespürt haben, ehe sie wieder angreifen!< Huxley legte Larsen eine Hand auf die Schulter, als er den Unwillen in dessen Zügen bemerkte. »Charaua hat recht, Larsen! Denken Sie nach: Wenn wir Ihre Daten zusammen mit denen der Nogk verwen den, dann ergibt sich eine weitere Peilbasis. Das heißt, wir bekom men für die Schnittpunkte unserer Peilfrequenzen plötzlich eine Basis von fast 75.000 Lichtjahren. Wenn sich auch aufgrund der Struktur jener Schatten vielleicht kein hundertprozentiges Ergebnis erzielen läßt, so werden wir doch auf jeden Fall herausfinden kön nen, ob dieser von uns angenommene Stützpunkt der Invasoren überhaupt innerhalb unseres Normalkontinuums liegt!« Larsen begriff. »Natürlich, Huxley. Daran hatte ich im Moment nicht gedacht. Mir macht nämlich ein anderer Punkt beträchtliche Sorgen. So wir kungslos offenbar die Waffen der Schatten gegen unsere Intervall felder sind, genauso wirkungslos blieben auch unsere Nadelstrahlen. Aber wie wollen wir die Fremden wirkungsvoll bekämpfen, wenn allein der neue Nogkraumer über entsprechende Mittel verfügt?« Charaua hatte aufmerksam zugehört. >Euer Intervallfeld kann von ausschlaggebender Bedeutung sein, Terraner!< ließ er sich vernehmen. >Allein eure Ringschiffe vermö gen Schutzfelder und Materie zu durchfliegen, als existierten sie nicht. Ihr könntet in den Stützpunkt eindringen und uns einen Weg bahnen. Außerdem werde ich sofort veranlassen, daß unser zweites Ellipsenschiff, das ebenfalls fertig in seinem Hangar liegt, bemannt wird und startet. Du, Huxley<, wandte er sich an den neben ihm stehenden Colonel, >solltest die Männer deiner Besatzung teilen. Wir wissen nicht, wie weit wir in den Raum hinaus müssen; es ist besser, wenn sich trotz der neuen Einrichtungen unserer Schiffe Terraner an Bord befinden!< »In Ordnung, Charaua! Ich schlage vor, daß Sie, Larsen, und Sie, Szardak, Charaua und mich zu den Nogk begleiten. Während wir auf die Daten-Auswertung warten, können wir bereits einen Einsatzplan entwerfen! Die Ringraumer sollten unterdessen den Planeten absi chern, damit wir nicht von den Schatten überrascht werden, denn sie sind jetzt bestimmt ganz schön nervös geworden!« Larsen und Szardak erhoben sich. Sie gaben letzte Anweisungen
an ihre Verbände, dann stiegen sie in das Beiboot des Ellipsenrau mers um. Unterwegs erzählte Huxley seinen beiden alten Freunden alles, was sich in jüngster Zeit im Raum der Sonne Tantal ereignet hatte -und die Konsequenzen, die die Nogk daraus zogen. Auch von der Bitte, ihren Riesenraumer zur Andromeda und zurück zu brin gen. Szardak sah den grauhaarigen Colonel an, während das Beiboot in das Bootsdeck einflog. »Eine Aufgabe, Huxley, um die ich Sie und Ihre Männer beneide! Halten Sie gut die Augen auf, vielleicht werden wir die Erkenntnisse, die Sie auf diesem Flug zur Andromeda erwerben, noch dringend brauchen!« Abermals tagte eine Versammlung im Ratsgewölbe tief im Innern des Nogkplaneten. Neben den drei Terranern und dem Herrscher des Imperiums waren alle anwesenden Kampfschiffkommandanten der Nogk-Flotte versammelt. Gespannt hingen ihre Augen an der Sphäre über ihren Köpfen. Grün schimmerten die Koordinaten vor dem samtschwarzen Hinter grund des Raumes, der außer einigen Sonnen ganz am Rand der Galaxis nur noch die milchigweiße Linse der Andromeda zeigte. Jeden Augenblick mußte das Speicherzentrum die Ergebnisse seiner Untersuchungen projizieren. Ruckartig wandten sich die Libellenköpfe der Nogk der Sphäre zu, als die ersten Impulse das Gewölbe durchdrangen. Zwischen den Koordinaten zeichneten sich die beiden Schenkel eines sphärischen Dreiecks ab, während sich die Projektion des galaktischen Sektors automatisch veränderte. Zwischen den Schen keln des Dreiecks bildete sich die Basislinie. Zwei Sonnen bezeich neten ihre Endpunkte. Eine gelbe, eine blaugrüne. Szardak und Larsen, zum erstenmal in ihrem Leben zu Gast bei den Nogk, blickten wie gebannt auf das Geschehen über ihren Köp fen. Die ans Unheimliche grenzende Perfektion der Nogk-Technik zog sie ganz in ihren Bann. >Die Messungen jener Wesen, die sich Terraner nennen, sind sehr exakt<, vernahmen sie die Impulse des Speichers. >Kombiniert mit unseren eigenen Messungen ergibt sich, daß der gesuchte Stütz punkt der Aggressoren im Halo unserer eigenen Galaxis im Normal kontinuum liegt. Die mutmaßliche Entfernung beträgt 4000 Lichtjah re. Die Sprungdaten für unsere Schiffe errechnen sich wie folgt…< Der Speicher gab einige für Szardak und Larsen unverständliche Werte durch. Gleichzeitig schoben sich die bis dahin noch offenen Schenkel des Dreiecks zusammen, und um seine Spitze bildete sich ein großer Kreis, der das Gebiet eingrenzte, in dem sich der Stütz punkt der Schatten befinden mußte. Szardaks Stirn furchte sich. Aus zusammengekniffenen Augen starrte er auf das langsam erlöschende Bild zwischen den grünlich
schimmernden Koordinaten. Nachdenklich wandte er sich Huxley, Larsen und Charaua zu. »Falls die Berechnungen des Speicherzentrums stimmen, haben wir eine Chance! Wir müssen unsere Transitionsdaten so berechnen, daß unsere Schiffe beim Wiedereintauchen ins Normalkontinuum das ganze vom Speicherzentrum angegebene Gebiet schlagartig besetzen. Eines oder sogar mehrere Schiffe müßten dann auf diesen mysteriösen Stützpunkt stoßen, falls er sich an der errechneten Position befindet. Und das…« Szardak fuhr sich mit der Hand über die Stirn, »halte ich für durchaus wahrscheinlich.« Der Herrscher der Nogk trat auf ihn zu. >Dein Vorschlag ist gut, Terraner. Kein Feind sollte euch unterschätzen. Außer unseren bei den einsatzbereiten Ellipsenraumern – wie ihr diese Schiffe nennt wird zwischen euch und unserer Sonne noch ein starker Verband unserer alten Kampfschiffe bereitstehen. Sie haben den Schatten zwar nicht viel entgegenzusetzen, weil sie noch nicht über unsere neue Waffe verfügen, doch vielleicht hilft ihre große Zahl dennoch, falls ihr in Not kommt. Viel Glück, Terraner, das Imperium wird eure Hilfe nicht vergessen!< Kaum Minuten später entwickelte sich auf dem innersten Planeten der Sonne Tantal fieberhafte Geschäftigkeit. In den Kavernen unter der glühendheißen Oberfläche eilten die Besatzungen der Kampf raumer zu ihren Schiffen. Der zweite Ellipsenraumer unter dem Kommando eines erfahrenen Nogk-Kommandanten verließ seinen Liegeplatz. Dicht neben der CHARR ordnete er sich in die Formation der im Orbit kreisenden Schiffe ein. Die Hälfte von Huxleys Männern unter Führung Lee Prewitts schwebte im kaum wahrnehmbaren Licht eines Gleitfelds zur Hauptschleuse des Schiffes hinüber und wurde dort von den Nogk in Empfang genommen. Nach und nach formierten sich unter dem Verband der Ringraumer und der beiden Ellipsenschiffe auch die eiförmigen Kampfschiffe der Nogk. Huxley zahlte 500 Einheiten. Von allen Seiten schwirrten die Impulse der Nogk und die Klar meldungen der terranischen Schiffe durch den Raum. Dann setzte sich die Armada von insgesamt mehr als 700 Schiffen in Bewegung. Tantal verblaßte hinter ihnen. Der Verband der Eiraumer fiel lang sam zurück. Huxley beobachtete noch, wie der gewaltige Verband sich zum Sprung formierte. Minuten später verschwammen die Konturen der Schiffe, die Schirme der Felddetektoren leuchteten für den Buchteil einer Sekunde auf, dann war von den Eiraumern nichts mehr zu sehen. »Jetzt sind wir dran, Charaua!« Der Nogk nickte. Prüfend beobachteten seine Facettenaugen den Verband der Ringraumer. Wie ein Schwarm von bläulich leuchtenden Punkten nahmen sich die Intervallschirme vor der Schwärze des Alls aus.
Charaua rief den Kommandanten des neben ihnen fliegenden El lipsenraumers an. Ein letztes Mal verglichen die beiden Schiffe ihre Sprungkoordinaten. Dann erfolgte der wesentlich kompliziertere Abgleich mit den Suprasensoren der Ringraumer. Über die Schirme des Nogkraumers zuckten die gekoppelten Im pulse der beiden Bordgehirne. Der Leitstand verdunkelte sich, die Wandungen verschwanden. Die Leere des Raumes schien plötzlich in das Schiff einzudringen. In den großen Gewölben im Mittelteil der Schiffe flammten die künstlichen Sonnen auf. Dann war es soweit. Die Sterne zwischen den Koordinaten erlo schen…
6.
Als die CHARR aus der Transition kam, zuckte Huxley zusammen. Charauas Körper neben ihm versteifte sich. Der Nogk stemmte seine Hände gegen das Steuerpult, als wollte er die Dinge aufhalten, die jetzt unweigerlich geschehen würden. »Nein!« Huxley stieß nur dieses eine Wort hervor. Ungläubig, mit weit aufgerissenen Augen starrte er die gewaltige Kugel an, die undeut lich zwischen den Koordinaten des Allsichtschirms hing. Charaua drehte sich mit einer ruckartigen, blitzschnellen Bewe gung zu ihm um. >Wir müssen deine Gefährten warnen, Huxley! Für ihre Schirme ist die Kugel unsichtbar. Das glaube ich jedenfalls! Rasch, beeile dich, deine Freunde Szardak und Larsen halten genau auf die Kugel zu!< Huxley löste sich aus seiner Erstarrung. »Verdammt, Charaua, du hast recht!« Und dann handelte er. Ohne Rücksicht darauf, ob die Fremden die Impulse der CHARR auffingen oder nicht. »Huxley an ARROW und LUXOR! Vor Ihnen in Flugrichtung, auf Gelb 07:13,39, befindet sich wahrscheinlich der Stützpunkt der Fremden. Er besitzt einen hochwertigen Deflektorschirm, der auch unseren Tastern eine genaue Ortung unmöglich macht. Wir können das kugelförmige Gebilde nur verschwommen auf unserem All sichtschirm ausmachen. Wir…« Charaua unterbrach ihn. >Eine erste Auswertung aus der Doppel peilung unserer beiden Schiffe. Ungefährer Durchmesser nach euren Maßen 10.000 Meter. Das Objekt wird von eigenartigen Feldern umgeben, deren Natur wir noch nicht erkennen können!< Die Gesichter von Larsen und Szardak verhärteten sich. Sie hatten die Impulse des Nogk verstanden. »Danke! Haltet die Augen auf, wir gehen wie besprochen vor.« Kurz darauf formierten sich die Ringraumer zu einem weiten Halb kreis, dessen Mittelpunkt die Station der Schatten bildete. Noch immer ließ sich kein feindliches Schiffe sehen. »Ringraumer an CHARR und Begleiter. Dirigiert uns, unsere Bild schirme zeigen so gut wie nichts; wir fliegen blind!« Huxley nickte grimmig. »Okay! Linker Flügel auf Gelb 13:13,72 gehen. Mitte Kurs halten. Rechten Flügel auf Grün 35:02,18 korrigieren. Verringern Sie Ihre Geschwindigkeit, sonst prallen Sie im Innern des Stützpunkts auf einander. Und eröffnen Sie sofort das Feuer. Sie müssen versuchen, den Druckkörper oder was sonst diesen Koloß umgibt, aufzureißen. Nur eine Lücke, eine Öffnung sichert unsere weitere Verständigung. Keiner von uns weiß, was sich im Innern der Kugel befindet…« »Verstanden!« Sekunden später korrigierten die Ringraumer ihre Formation. Dann eröffneten sie das Feuer. Schlagartig. Die Nadelstrahlen von 200
Raumern prallten auf den Deflektorschirm des Giganten. Zunächst hatte es den Anschein, als würde der Schirm die Energie absorbieren. Die blaßrosa Energiefinger verschwanden im Nichts. Aber dann, von einer Sekunde zur anderen, zerrissen gewaltige Ent ladungen das Deflektorfeld des Giganten. Der Koloß wuchs vor den Ringraumern auf. Eine lodernde, von grellen Blitzen und wirbelnden Energiefahnen umloderte Kugel. Weithin sichtbar für jedermann. Huxley brauchte die Ringraumer nicht mehr zu dirigieren. Szardaks Fäuste lagen auf den Steuerschaltern seiner LUXOR. Ra send schnell näherte sich das Schiff dem Inferno aus Eruptionen und Entladungen. Ein Blick auf einen der anderen Bildschirme zeigte ihm, daß Larsens ARROW ihm unmittelbar folgte. »LUXOR an alle! Wir fliegen ein!« Hastig stieß Szardak die Worte aus, während auf den Bildschirmen vor ihm die grünschwarze Masse des Giganten ins Unermeßliche anschwoll. Die Station der Fremden schien auf sie zuzustürzen. Für einen winzigen Augenblick konnte Szardak sogar Details ihrer Ober fläche unterscheiden. Flimmernde, möglicherweise rotierende Spira len, deren Struktur unter dem immer noch andauernden Na delstrahlbeschuß zusammenbrach. Die Schirme verdunkelten sich. Szardak spannte sich in seinem Sitz. Eine Kugel von annähernd zehn Kilometern Durchmesser! Er registrierte, daß auch die Wandung Hohlräume aufwies. Einmal glaubte er sich bewegende Schemen wahrzunehmen. Dann befanden sie sich im Innern der Kugel! »Verdammt…« Szardak beugte sich weit vor, so als könne er dadurch die Szenerie vor sich besser überblicken. Das erste was er sah, war ein Nogkraumer, eines der großen Kampfschiffe. Aber wie sah sein Druckkörper aus! Zerrissen, zer fetzt. Aus den riesigen Löchern in seinen Wandungen war eine glas artige Substanz hervorgequollen, die sich in langen Bahnen über die Flanken des eiförmigen Rumpfes zog. An diesen Stellen stand ein kaum wahrnehmbares Leuchten über dem Schiff. Szardaks Augen glitten blitzschnell weiter. Die Kugel bildete einen riesigen Hangar. In ihrer Mitte schwebte, umgeben von riesigen, ringförmig angeordneten Plattformen, eine schwarz strahlende Ku gel. Auf den Plattformen – Szardak kniff die Augen zusammen wahrhaftig, dort standen die schwarzen Schiffe! Eines neben dem anderen! Ihre fremdartigen Gitterkörper glänzten düster in dem Licht, das das Innere der Kugel ausfüllte. Licht? Erst jetzt wurde Szardak bewußt, daß er einem entsetzlichen Irr tum unterlegen war. »Masterson!« Blitzartig wandte er sich dem Sergeanten am Ortungspult zu. »Strahlung, Sir, unzweifelhaft Strahlung! Sie durchdringt unser Intervallfeld. Es ist, als ob sie in die Struktur des Unitalls eindringt und sich dort festsetzt! Weiß der Teufel, was…« Er zuckte zusam
men, wies dann auf die Instrumente. »Da, Sir, sehen Sie!« Szardak folgte seiner Handbewegung. Einer der Schirme zeigte den gegenüberliegenden Teil der Kugel. Eine gigantische, gewölbte Fläche, aus der antennenartige Gitterkonstruktionen hervorragten und zwar zwischen den ringförmigen Plattformen, die die Innenseite der Kugel in geringen Abständen umliefen und oben wie unten an eine schillernde Fläche grenzten. Aber das registrierte Szardak nur nebenbei. Was er vor allem sah, waren die schattenhaften Gestal ten, die jetzt überall auf den Ringplattformen erschienen, sich ab stießen und quer durch den Innenraum der Kugel schwebten. Ges talten, die nichts ähnelten, was er bisher in seinem Leben gesehen hatte. »Sie wollen zu den Schiffen! Achtung, die Fremden wollen zu ihren Schiffen! Wir scheinen sie überrascht zu haben! Sofort die Raumer unter Beschuß nehmen! Feuer!« Er registrierte noch, wie hinter ihm die ARROW auftauchte, wie kurz darauf auch noch andere Ringraumer in den Hohlkörper des Giganten einflogen. Ob sie seinen Befehl verstanden hatten oder nicht, sie folgten dem Beispiel seines Schiffes und schossen aus allen Rohren. Blaßrosa Nadelstrahlen und grüne Duststrahlen fraßen sich durch die mit jeder Sekunde heftiger pulsierende Strahlung. Die antennenartigen Gitterkonstruktionen ruckten herum. An ihren Spitzen erschienen schwach glühende Energiefahnen. Düster, nahe zu schwarz. Die schwarze Kugel in der Mitte der Station – zwischen den Platt formen, deren Material bereits unter dem Beschuß der Ringraumer zerstäubte – dehnte sich ruckartig aus. Schwarzes, lichtloses, unbe schreibliches Leuchten umgab sie, ließ sie pulsieren. Der erste der fremden Raumer fiel in sich zusammen, seine Gitter konstruktion zersprühte, der Innenkörper barst. Lautlos, gespens tisch. Das Schiff flog auseinander, irgendwelche Teile wirbelten herum, ohne jeden Blitz, ohne jede Entladung. Und doch zeigten in diesem Moment die Ortungen der Ringraumer enorm hohe Werte. Wie gebannt starrten die Ringraumerbesatzungen auf die herum wirbelnden Trümmer des schwarzen Schiffs. Und dann begriffen sie. Die Wrackteile verschwanden im Innern der pulsierenden Kugel, die nun die durch eigenartige Ringe abgeschirmte Sphäre zwischen den Plattformen ausfüllte. Immer mehr der bizarren Wesen ergossen sich aus den Ringen an der Innenwand der Kugel zwischen die feuernden Ringraumer. Un beirrbar, von den Energien der Dust- und Nadelstrahlen umflossen, bewegten sie sich von allen Seiten auf ihre Schiffe zu. Larsen und Szardak fluchten. Wie war es möglich, daß diese un heimlichen Gestalten auf ihre Waffen nicht im geringsten reagier ten? Wie pulsierende, konturenlose Schatten, weder von der Or tung, noch von den Bildschirmen deutlich zu erfassen, jagten sie dahin. Die Ringraumer verstärkten ihr Feuer. Der Beschuß konzentrierte
sich zusehends auf die noch immer völlig schutzlos dastehenden Röhrenraumer. Mehr und mehr von ihnen lösten sich auf, zerfielen in gespenstischer Lautlosigkeit, wirbelten als Trümmer und amor pher Staub davon, um gleich darauf von der schwarzen Kugel auf gesogen zu werden. Und dann geschah etwas, mit dem niemand gerechnet hatte. Ohne jede Vorwarnung hob der gewaltige Nogkraumer von seiner Plattform ab. Undeutliche, verzerrte Impulse drangen zu den Ringraumern. Unverständlich für menschliche Gehirne. »Vorsicht, dem Schiff ausweichen, Formation auseinanderziehen«, dröhnte die Stimme Larsens auf. Der Nogkraumer stand über der Plattform, auf der er eben noch scheinbar bar jeden Lebens gelegen hatte. Plötzlich verschwand ein Teil des Schiffs unter seinem Unsichtbarkeitsschirm. Ein gespensti scher Anblick: Heck und Mittelteil des Raumers waren wie ausge löscht. Einzig der mächtige Bug ragte wie ein gewaltiges Relikt in den Raum. Die Ringraumerbesatzungen sahen, wie das Schiff mit aller Kraft versuchte, sich von der schwarzen Kugel frei zu machen, die ihrer seits mit aller Macht an dem Kampfschiff zu zerren schien. Plötzlich standen mehrere weißglühende Bälle über den nach wie vor im konzentrischen Feuer liegenden Schattenraumern. Sie jagten auf die schwarze Kugel zu, zerplatzten und hüllten einen Teil von ihr und den Plattformen in ein weithin leuchtendes, flirrendes Ener gienetz. Kaskaden sprühender Funken ergossen sich in den Raum. Teile der Plattformen und Schiffe zersetzten sich unter gewaltigen, von unvorstellbaren Blitzen durchzuckten Entladungen. Mehrere der Röhrenschiffe wurden von ihren Liegeplätzen emporgerissen und davongewirbelt. Der Nogkraumer beschleunigte. Nochmals schoß das gewaltige Schiff eine ganze Serie von Energiebällen auf die schwarze Kugel ab. In der Station der Fremden brach die Hölle los… Die Energienetze entluden sich mit unvorstellbarer Heftigkeit, wo immer sie auf Materie stießen. Die ersten Schatten erreichten die Plattformen, verschwanden zwischen den ununterbrochen in die Schiffe und Plattformen einschlagenden Nadel- und Duststrahlen. Aber der Komplex im Mittelteil der Station war viel zu groß, als daß er sich von einer Minute zur anderen hätte vernichten lassen. Szar dak wußte, daß die Fremden trotz des Beschusses einige ihrer Schif fe erreichen würden. Diejenigen, die innen auf den Plattformen lagen, die die Strahlen der Ringraumer noch nicht zu erreichen vermochten. Unwillkürlich suchte er den Nogkraumer. Erst nach einigen Se kunden entdeckte er das Schiff – oder vielmehr den sichtbaren Teil davon. Szardak erschrak. Der Nogkraumer jagte mit hoher Beschleunigung auf die Innen wand der Station zu. Eine Masse von vielen, vielen tausend Tonnen, umgeben von defekten, halb zusammengebrochenen Schutzschir men.
Szardak brüllte eine Warnung ins Mikro. Er sah, wie einige der in diesem Teil der Station stehenden Ringraumer buchstäblich in aller letzter Sekunde auswichen. Dann raste der Nogkraumer auch schon gegen die Innenwand der Kugel. Szardak schloß für einen winzigen Moment die Augen. Das Kampfschiff durchschlug die Plattformen, riß den Druckkörper auf, raste alles zermalmend und zerfetzend durch die letzte Innen wand der Station. Der Kugelkörper der Station begann unter der Wucht des Aufpralls zu schwanken. Trümmer wirbelten durch den Innenraum der Kugel: Ganze Platt formen, einige der Antennen, skurrile, gezackte Gebilde, von denen keiner der Männer wußte, was sie darstellten. Eine jähe Explosion zerriß das Chaos. Das Kampfschiff der Nogk verwandelte sich in eine gleißende, alles um sich herum verdamp fende Sonne. Die Außenhaut der Station riß auf. Die ganze Kugel schale brach auseinander. Kilometerlange Risse liefen über die Wan dung, klafften blitzartig auf – und ließen ein gewaltiges Stück aus dem Druckkörper der Station brechen. Die Reste des Nogkraumers wirbelten davon. Trümmer, die eine weithin sichtbare Energiefahne hinter sich herzogen. Die Männer der Ringraumerbesatzungen starrten mit bleichen Ge sichtern auf das riesige Loch, das in der Station klaffte. Doch dann riß die scharfe Stimme Szardaks sie aus ihrer Erstarrung. Auf den Plattformen hoben die ersten Schiffe ab, wurden zu un deutlichen, verschwommenen Schemen. Szardak rechnete mit ei nem wütenden Angriff der Fremden, aber er irrte. Die Schiffe rasten auf die von Sekunde zu Sekunde stärker pulsierende Kugel zu und verschwanden in ihrer schwarzlodernden Sphäre. Andere folgten. Irgend etwas durchzuckte die Innensphäre der Station. Szardak spürte, wie sich ein unheimlicher Druck in seinem Gehirn ausbreite te. Er vermochte kaum noch die Augen offenzuhalten. Mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft kämpfte er dagegen an, das Bewußtsein zu verlieren. Verschwommen registrierte er einen schwarzen, kilometerdicken Strahl, der unten und oben aus der Ku gel herausbrach. Er verschwand in den schillernden Ebenen, die die beiden Pole der Innenkugel der Station ausfüllten. Riesige, mehrere Kilometer durchmessende Ebenen. Wie ein Blitz durchzuckte Szardak die jähe Erkenntnis. Diese Kugel ist ein Transmitter. Eine Station, über die… »Larsen, hören Sie mich, Larsen, bitte kommen!« stöhnte er. In seinem Kopf hämmerten die wildesten Schmerzen, die er jemals verspürt hatte. Er sah das verzerrte Gesicht Larsens, sah den bereits bewußtlos in seinem Sitz hängenden Madock. Für weitere Beobachtungen oder gar Worte blieb ihm keine Zeit. Irgend etwas lief schief. Die Transmitterkugel geriet außer Kontrolle. Sie blähte sich plötzlich auf. Schleuderte die einfliegenden Raumer zurück. Die Schiffe rasten durch die Innensphäre, streiften die Inter
vallfelder einiger Ringraumer, warfen auch sie aus der Bahn und zerschellten schließlich an der Innenwand zwischen den Plattformen. Lodernde, entsetzlich lichtlose Brände flackerten auf, fraßen sich blitzartig weiter, sprangen über die noch unzerstörten Teile der Ringplattformen, zersetzten die Wandung und zuckten schließlich in langen, protuberanzenähnlichen Eruptionen gegen die sich jäh ver formenden Intervalle der Ringraumer. Innerhalb von Sekunden brach im Innern der Station endgültig die Hölle los. Die Kugel blähte sich weiter auf. Plattformen, Schiffe, alles was sie berührte, wurde mit ungeheurer Wucht davongeschleudert. Ein schwarzer Strahl schoß aus ihr hervor. Verschwand durch das riesi ge Loch, das der Nogkraumer gerissen hatte. Abermals wirbelten Teile der Wandung davon… »Raus hier, um Himmels willen, raus!« brüllte Szardak ins Mikrofon seiner LUXOR. Er sah noch, wie die Ringraumer blitzartig beschleunigten, durch die tobende, lodernde Innensphäre rasten. Plötzlich durchfuhr ein gewaltiger Schlag sein Schiff – und dann war nichts mehr… Colonel Huxley und seine Männer wurden Zeuge des Untergangs der Transmitterstation. Die riesige Kugel zerfiel innerhalb weniger Se kunden. Riesige, sich ebenfalls zersetzende Trümmerstücke jagten in den Raum. Überall erschienen die leuchtenden Punkte der Ringraumer. Viele von ihnen steuerlos, andere noch gerade recht zeitig ausgeflogen. Er sah, wie Teile der beiden Geschwader sich an die Verfolgung der abtreibenden Ringraumer machten. Sofort be schleunigten auch die CHARR und ihr Schwesterschiff. »Wir können nichts tun, Charaua! Das Intervall ist für unsere Bei boote undurchdringlich! Ich weiß auch nicht, wie die anderen Ringraumer an die außer Kontrolle geratenen Schiffe herankommen wollen!« Charaua, noch ganz benommen von dem furchtbaren Opfertod der Besatzung des Nogkraumers, der sich im Innern der Transmittersta tion befunden hatte, ruckte hoch. >Wir müssen sie stoppen! Ihre Intervallfelder sind ein mehr als ausreichender Schutz gegen unsere normalen Energienetze! Rasch, ehe sie zu weit abtreiben. Vielleicht arbeiten sogar noch ihre Antrie be! Wenn sie zu schnell werden, können wir sie nicht mehr einho len!< Die CHARR und der andere Ellipsenraumer beschleunigten. Huxley schluckte konsterniert. »Ich Narr! Ich verdammter alter Narr!« murmelte er. »Daß ich auf diese Idee nicht selbst gekommen bin!« Rasch setzte er sich mit den noch rechtzeitig vor der Explosion ausgeflogenen Schiffen in Verbindung. Colonel Shooters, einer der Kommandanten aus dem Geschwader Larsen, meldete sich stellver tretend für die andern.
»Vielleicht geht es, Huxley! Wir müssen es zumindest versuchen! Der Antrieb der LUXOR arbeitet. Wir müssen vor allen Dingen dieses Schiff aufhalten, bis Szardak wieder zur Besinnung kommt! Die meisten anderen treiben lediglich. Um sie kann sich das andere Ellipsenschiff kümmern! Alle Intervalle stehen noch!« »Wir versuchen es, Shooters!« Die CHARR jagte davon. Charaua holte alles aus dem Schiff her aus. Es gelang ihnen, die LUXOR zu überholen. Bläulich leuchtete das Intervallfeld zu ihnen herüber. Der Ringraumer Szardaks wurde mit jeder Sekunde schneller und schneller. Charauas Facettenaugen glitzerten. Er wußte, daß sie ohne die Schiffe der Terraner gegen die schattengleichen Fremden keine Chance gehabt hätten. Der kurze, verworrene Bericht des im Transmitter gefangenen Nogkraumers, der einzig und allein durch den Angriff der Ringraumer zeitweilig der Kontrolle der Schatten entglitten war, war deutlich genug gewesen. Die CHARR hatte den notwendigen Vorsprung erreicht. Nachein ander verließen zehn blauweiße Energiebälle die Waffensteuerung. Die LUXOR flog in die vor ihr im Raum stehenden Energienetze der Nogk. Die ersten beiden wurden vom hell aufglühenden Intervall durchbrochen, das dritte aber hielt dem Ansturm des steuerlosen Schiffs stand. Die LUXOR verfing sich unter blitzenden, sprühenden Entladungen in seinen Maschen. Der Ringraumer Colonel Shooters’ drang mit Hilfe des eigenen Intervallfeldes bis zu Szardaks Schiff vor. Fasziniert beobachteten Huxley und seine Männer, wie Shooters sein Ringschiff genau über die LUXOR manövrierte. Die beiden Schiffe schienen zu einem Doppelring zu verschmelzen. Das Intervall von Shooters’ Schiff erlosch. Aus einer der Schleusen kamen Bergungstrupps hervor, die nach kurzer Zeit im Innern von Szardaks Schiff verschwanden. Minuten später fiel das Intervall der LUXOR ebenfalls in sich zusammen. Die Facettenaugen Charauas richteten sich auf Huxley. >Unsere beiden Rassen sollten von nun an immer zusammen kämpfen, Hux ley! Auch dann, wenn wir nach Andromeda ausgewandert sein wer den, wird ein Teil unserer Schiffe, unserer Krieger und unseres Ra tes zu eurer Verfügung stehen. Der Herrscher unseres Imperiums hat mich beauftragt, nach Beendigung dieses Kampfes noch vor der Erprobung der CHARR mit dir zu eurem Heimatplaneten zu fliegen. Wir Nogk haben ein Geschenk für deine Rasse, das ihr von größtem Nutzen sein wird. Wir Nogk freuen uns, daß wir zu euren Freunden zählen!< Charaua erhob sich. Durch einige Impulse befahl er eine Gruppe gelbgekleideter Meegs zu sich. >Wir werden jetzt zu deinen Gefährten gehen. Ich glaube, unsere Meegs vermögen ihnen rascher zu helfen als eure Ärzte!< Huxley und Maxwell erhoben sich fast gleichzeitig. Der Colonel streckte dem Nogk die Hand hin. »Ich danke dir im Namen Terras, Charaua. Dir und deiner Rasse!
Ihr werdet auf unserer Welt stets willkommen sein!« Stunden später erwachten Szardak und seine Männer in den Be handlungskabinen der CHARR aus ihrer todesähnlichen Ohnmacht. Szardak wollte aufspringen, aber Huxley drückte ihn wieder zurück. »Sie waren so gut wie tot, Szardak! Die Nogk mußten all ihre me dizinische Kunst aufbieten, um Sie dem Schock zu entreißen, der fast alle Ihre Körperfunktionen lähmte! Bleiben Sie ruhig liegen. Sie und Ihre Männer fliegen an Bord der CHARR zur Erde. Marschall Bulton wartet bereits auf uns. Sie haben durch Ihren beispiellosen Einsatz die Transmitterstation vernichtet. Sie und der Nogkkreuzer, dessen Besatzung sich für unsere beiden Rassen geopfert hat!« Charaua trat zu ihm. Seine goldene Uniform leuchtete im milden Licht der künstlichen Sonnen, die im ellipsenförmigen Gewölbe ne ben den Kabinen brannten. >Auch ich danke dir im Namen der Nogk, Terraner. Dir und den Besatzungen eurer Ringschiffe! Aber jetzt überlasse dich den Hän den und der Pflege unserer Meegs. Bis wir auf Terra landen, wirst du wieder völlig genesen sein!< Über Janos Szardaks eingefallene Züge huschte ein schiefes Lä cheln. Er winkte dem Nogk und den Terranern, unter denen sich auch sein alter Freund Larsen befand, zu. »So habe ich mir immer meine eigene Beerdigung vorgestellt höchst überflüssige Reden, eine Menge alter, närrischer Burschen, die lauter dummes Zeug schwatzen…« murmelte er. Seine letzten Worte waren kaum noch zu verstehen. Janos Szardak versank abermals in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Charaua wandte sich mit einigen fragenden Impulsen an Huxley. >Was hat euer Gefährte gemeint?< wollte er beunruhigt wissen. Huxley winkte ab. Er und die übrigen Terraner grinsten. »Es war nicht böse gemeint, Charaua. Dieser Mann wird sich nicht mehr ändern! Es war seine Art, sich bei uns zu bedanken!« Einer der Meegs trat an Szardaks Bett. Er wechselte einige Impulse mit Charaua, der daraufhin mit den Menschen die Kabine verließ. Marschall Bulton stand am Fenster seines geräumigen Arbeitszim mers im Stabsgebäude der TF. Unter buschigen Brauen liegende Augen blickten zum strahlend blauen Himmel hinauf, der sich an diesem Morgen über Cent Field spannte. Weit im Süden des Raumhafens, gerade noch mit bloßem Auge zu sehen, reckten sich die schlanken Schäfte der mehr als tau send Meter hohen Stielbauten Alamo Gordos empor. Langsam wanderte Bultons Blick zu dem auf einem abgeriegelten Landefeld liegenden Nogkkampfschiff hinüber. Die Nogk befanden sich immer noch in ihrem totenähnlichen Schlaf. »Patters!« wandte sich der Marschall schließlich an seinen Adju
tanten, »die Schlacht auf der anderen Seite der Galaxis gewährt uns einen Aufschub. Vielleicht ist den Invasoren für die nächste Zeit die Lust vergangen, sich in unserer Milchstraße nochmals blicken zu lassen. Aber wissen können wir das nicht, darum werden wir nach her sofort gemeinsam mit den Nogk unsere Vorkehrungen treffen.« Er wandte sich vom Fenster ab, als das Vipho auf seinem Schreib tisch summte. Gleichzeitig flammte der große Wandschirm auf. »Hyperfunkstation an Marschall Bulton! Ein Verband von 200 Ringraumern fliegt soeben in den äußeren Sperrgürtel ein. Bei dem Verband befinden sich außerdem zwei ellipsenförmige Nogkraumer bisher unbekannten Typs. Der Kommandant der ARROW, Colonel Larsen, bittet um Landeerlaubnis. Landung kann in einer halben Stunde erfolgen!« »Erlaubnis erteilt! Weisen Sie die Schiffe ein, Cent Field Tower. Die beiden Nogkraumer sollen neben dem Kampfschiff landen. Und bemühen Sie sich, mir für die nächste Stunde die TV- und Presse leute vom Hals zu halten. Später stehe ich für Interviews gern zur Verfügung! Ende.« Als der Verband über Cent Field erschien, standen Marschall Bulton und Captain Patters vor dem Nogkkampfschiff. Fasziniert beobachte ten sie die in geschlossener Formation niedergehenden Raumer. Immer wieder wanderten ihre Blicke zu den beiden Ellipsenraumern hinüber, die im Sonnenlicht silbern schimmerten. Captain Patters schüttelte nachdenklich den Kopf. »Können Sie sich vorstellen, wie die Nogk diese Ellipse zustande bekommen haben?« Der Marschall furchte seine Stirn. »Offengestanden nein, Patters! Dieser Rumpf wirkt fast, als ver berge sich zwischen seinen Wandungen eine uns noch unbekannte Dimension! Was mag das erst für ein Schiff sein, das bei den Nogk seiner Fertigstellung entgegensieht! 900 Meter lang! Patters, kön nen Sie sich das Volumen vorstellen, das ein solcher Druckkörper umschließt?« Langsam sanken die beiden Ellipsenraumer auf die Piste herab. Nur wenige hundert Meter von dem alten Nogkkampfschiff ent fernt, setzten sie nebeneinander auf. Die beiden Männer beobachteten, wie sich Schotts an den Unter seiten der Raumer öffneten. Drei Nogk verließen das Schiff. Kurz danach die Besatzungen der FO-1 und der LUXOR. Huxley winkte dem Marschall zu. Dann landeten die Ringraumer. Larsen und die anderen Komman danten verließen ihre Schiffe und kamen zusammen mit Huxleys und Szardaks Männern auf Bulton zu. Eine Stunde später wußte Marschall Bulton in allen Einzelheiten, was am Rande der Milchstraße geschehen war. »Das ist eine verteufelte Geschichte!« wandte er sich an Charaua. »Was sollen wir tun, wenn die Fremden in größerer Anzahl abermals in unsere Galaxis einfallen?«
Der Nogk erhob sich. >Meine Rasse hat ein Geschenk für euch, Terraner. Eine Trans portflotte unseres Imperiums startet in dieser Stunde. Sie bringt alle Teile, die ihr zur Errichtung eines undurchdringlichen, globalen Schutzschirms für euren Planeten braucht. Unsere Techniker werden die Anlage gemeinsam mit euren Wissenschaftlern errichten. Dieser Schutzschirm hilft auch gegen die Fremden, frage unseren Freund Huxley!< Der Colonel blickte Charaua überrascht an. »Du meinst doch nicht eure neue Waffe, die wir gegen die Schatten…« >Doch, Huxley, die meine ich. Wenn auch in etwas anderer Form, als auf unseren Schiffen!< Huxley schüttelte den Kopf. Dann klärte er Bulton mit wenigen Worten auf. »Das ist ein nobles Geschenk, Marschall! Zugleich der Beweis vorbehaltloser Freundschaft!« Marschall Bulton erhob sich. Er trat auf Charaua zu und reichte dem Nogk die Hand. »Sag’ dem Herrscher eures Imperiums unseren Dank, Charaua! Sag’ all denen unseren Dank, die halfen, jene Fremden zu bekämp fen und aus unserer Galaxis zu vertreiben. Ich spreche in dieser Stunde auch für den Commander der Planeten, für Ren Dhark! Sei nen offiziellen Vertreter, einen Terraner namens Trawisheim, wirst du noch heute kennenlernen. Er wurde von eurer Ankunft unterrich tet und wird bald hier sein!« Charaua nahm die Hand des Marschalls. >Die Männer an Bord eurer Schiffe taten mehr für uns, Terraner! Wir sollten nicht von Dank sprechen, sondern von der Freundschaft, die unsere beiden Rassen von nun an für immer miteinander verbin den wird!< Das Vipho summte. Captain Patters schaltete auf Empfang. Auf dem Schirm erschien einer der Meegs, die sich sofort nach der Landung der beiden Ellipsenraumer an Bord des Nogkkampfschiffs begeben hatten, in dem sich die schlafenden Nogk befanden. Charaua horte seinem Bericht aufmerksam zu. Dann gab er dem Meeg präzise Anweisungen. Der Schirm erlosch. Charaua sah die Menschen an. >Es wird nach eurer Zeitrechnung noch fast einen Monat dauern, ehe die Besatzung unseres Kampfschiffs erwacht. Vorher werden wir also nichts darüber erfahren, was mit dem Schiff während seines Fluges zu eurem Planeten geschah, auf welche Weise der Beauf tragte unseres Herrschers, der Kommandant und die vier Krieger starben, ohne daß das Kampfschiff beschädigt wurde. Wecken dür fen wir sie auf keinen Fall vor Ablauf dieser Zeit, es wäre ihr siche rer Tod! < Er trat auf Huxley zu. Seine langen Fühler spielten einige Zeit hin und her. Der Colonel nickte. Anschließend wandte er sich an Bulton. »Charaua bittet uns, ihn zu der Stelle zu führen, an der die Totenkegel der sechs Nogk stehen! Er lädt alle Anwesenden ein, ihn an
Bord der CHARR zu begleiten; der Raumer wird uns zu den Toten bringen!« Marschall Bulton warf einen Blick auf das Chrono in seinem Ar beitszimmer. Dann nickte er zustimmend. »Selbstverständlich, Charaua! Bis Trawisheim hier eintrifft, werden noch einige Stunden vergehen. Starten wir am besten gleich!« Der Marschall, Charaua, Huxley, Larsen und Szardak verließen das Arbeitszimmer. Kurz darauf startete die CHARR und nahm Kurs auf das Illampu-Massiv. Stumm stand Charaua vor den Totenkegeln seiner sechs Rassege fährten. Taktvoll hielten sich die Menschen im Hintergrund. Lediglich Huxley nahm an der Totenehrung teil. Vor jedem Totenkegel verneigte sich Charaua dreimal. Beim letz ten Kegel, nach der letzten Verneigung, richtete er sich hoch auf. >Huxley!< teilte er sich dumpf mit, >es muß etwas Außergewöhn liches geschehen sein. Keiner meiner Gefährten wurde verletzt. Sie starben auf die gleiche Weise, wie unser erster Toter auf jenem Pla neten, auf dem ich eurer Rasse zum erstenmal begegnete! Das We sen, das damals einen Krieger tötete, nanntet ihr Syntie. Diese We sen haben schon einmal ein Schiff unserer Rasse vernichtet, unse ren damaligen Herrscher getötet. Ich weiß nicht, ob zwischen diesen Toten und jenen im System der beiden Col-Sonnen ein Zusammen hang besteht, aber ich werde das untersuchen!< Charaua schwieg eine Weile. Hin und wieder zuckten seine Fühler in verhaltener Erregung. In seinen Facettenaugen glitzerte der Wi derschein der Totenkegel, deren glasartige Substanz in der hochste henden Sonne leuchtete. >Wenn es euch recht ist, dann möchte ich die Toten an dieser Stätte lassen, Huxley. Es ist ein schöner Ort, eure Sonne wird sie Tag für Tag grüßen, bis sich ihre Kegel eines fernen Tages auflösen und sie wieder freigeben…< Huxley nickte. Er wußte aus eigener Erfahrung, daß die Toten in den Totenkegeln nicht wirklich für alle Zeit tot waren. Charaua wandte sich ab. Mit schnellen, gleitenden Bewegungen ging er auf das Beiboot zu, vor dem die anderen warteten. Hoch über dem Gipfel des Illampu stand der mächtige Druckkörper der CHARR. Dir Schatten fiel genau auf jenes Plateau, auf dem vor nicht allzu langer Zeit der eiförmige Rumpf des Kampfschiffs gele gen hatte, zu dessen Besatzung auch die Toten im Illampu-Massiv gehört hatten…
7.
Die beiden entarteten Cyborgs Dordig und Mildan waren nicht tot. Auf Jos Aachten van Haags Aufforderung hin waren sie neben dem vorletzten Ringraumer, der auf seine Abwrackung wartete, stehen geblieben. Langsam und mißtrauisch ging der GSO-Mann auf sie zu. Ich darf ihnen keine Chance geben, dachte er, obwohl ich gegen Cyborgs wenig ausrichten kann, wenn sie auf ihr zweites System geschaltet haben! Hinter ihm drehte sich Manu Tschobe ratlos zu Chris Shanton um. Aber auch der Diplom-Ingenieur konnte nicht verstehen, wieso plötzlich zwei Männer vor ihm standen, die im Industriedom von Jimmy getötet worden waren. »Projektion?« flüsterte Shanton, ganz im Gegensatz zu seiner son stigen Lautstärke. Der Afrikaner schüttelte den Kopf, obwohl er seine abweichende Meinung nicht beweisen konnte. Diese beiden Männer waren aus Fleisch und Blut. Dordig erkannte die Entschlossenheit in den Augen des GSOManns. Er begriff, daß Mildan und er verloren waren, wenn sie die kleinste Bewegung machten. »Van Haag, wir sind waffenlos!« rief er laut. Jos’ Reaktion war verständlich. »Langsam die Hände hochnehmen und noch langsamer umdrehen.« Die Cyborgs gehorchten. Van Haag ließ sie nicht aus den Augen. Er winkte Shanton und Tschobe zu sich heran. Fast im gleichen Mo ment tauchte Jimmy auf. Der Abstrahlpol in der aus dem Maul hän genden Zunge des Scotchterriers war auf die beiden Cyborgs ge richtet, die sich gegen die Verkleidung eines Aggregats stützten. »Volle Dosis, wenn die Burschen einen Trick versuchen!« be stimmte Jos. Chris Shanton hatte seine Kaltblütigkeit wiedergefunden. Seine Stimme dröhnte so laut wie meist, als er sagte: »Jimmy wird ihnen schon jede Lust an irgendwelchen Eskapaden nehmen.« Jos steckte seine Strahler ein und durchsuchte erst Mildan, dann Dordig nach Waffen, fand aber keine. »Haben Sie umgeschaltet?« fragte er scharf und lauschte gleich zeitig konzentriert. Nur wer schon öfter mit Cyborgs zu tun gehabt hatte, vermochte den winzigen Unterschied aus ihrer Stimme her auszuhören, wenn sie auf ihr zweites System geschaltet hatten. »Jos, wir… Großer Himmel, warum geben Sie uns keine Gelegen heit, eine Erklärung…« »Mund halten!« fauchte Jos. »Arme ‘runtemehmen und umdre hen!« »Große Milchstraße«, schnaubte Dordig, »wir sind doch keine Ver brecher!«
»Nein«, fiel Jos ihm schneidend ins Wort, »nur Mörder!« »Reden Sie keinen Blödsinn!« brüllte ihn Mildan an, der alles an dere als schuldbewußt wirkte. »Auch Sie können niemand zur Ver antwortung ziehen, der unzurechnungsfähig ist – und das waren wir, bis uns die Robs wieder kurierten.« Manu Tschobe wurde hellhörig. »Wo sind die Roboter, von denen Sie kuriert wurden?« mischte er sich ein. »Auf T-4! Ach so, das können Sie ja noch gar nicht wissen… Wir haben die Transmitter-Stationen so benannt. Nur T-1 haben wir nie finden können.« »Verdammter Unsinn!« knurrte Chris Shanton. Drohend baute er sich vor den beiden auf. »Sie haben doch erst vor ein paar Stunden versucht, uns drei umzubringen!« »Aber hören wir uns doch erst einmal an, was die beiden uns zu berichten haben«, meinte Tschobe. »Nicht viel«, erwiderte Dordig, »selbst wenn wir mit den nicht um geschalteten Robonen anfangen, die uns gekidnappt haben. Müssen wir eigentlich hier in der Abwrackwerft bleiben, oder können wir ins Kasino gehen – dort ist es viel gemütlicher.« Versuchte Dordig sie zu bluffen? Jos war ein Mann schneller Ent schlüsse. »Gehen Sie voraus! Zeigen Sie uns das Kasino!« Mildan warf Jimmy einen mißtrauischen Blick zu. »Dieser Köter und sein Abstrahlpol machen mich reichlich nervös!« »Reden Sie nicht so viel, Mildan! Gehen Sie endlich!« Das half. Die Cyborgs setzten sich in Bewegung. Sie bogen am Ende der Bandstraße links ab und schritten auf eine fugenlose Uni tallwand zu, die sich blendenartig öffnete, als sie sie erreichten. Ein mannshoher Durchgang entstand. Blaues Licht strömte aus den Wänden eines röhrenartigen, gerade verlaufenden Ganges. Der Bo den war mit einem schalldämpfenden Belag beschichtet. Die Luft roch frisch und würzig, die Temperatur war angenehm. »Vorsicht!« warnte Dordig. »Wir erreichen gleich ein A-Grav-Feld, das uns zum Kasino bringt.« Jos blieb mißtrauisch. »Sagen Sie uns, wenn Sie das A-Grav-Feld erreichen!« Bereitwillig erwiderte Dordig: »Tun wir, aber Sie werden es ohne hin sehen, wenn wir den Boden unter den Füßen verlieren.« Unwillkürlich streckte sich Jos Aachten van Haag. Dordigs Stimme hatte eine Spur zu freundlich geklungen. Wollte der Cyborg sie ver höhnen? Hatte der Bursche womöglich auf sein zweites System geschaltet, um gegen Schockstrahlen immun zu sein? Aufpassen! befahl sich der GSO-Mann. »A-Grav!« rief Mildan ohne sich umzudrehen. In diesem Moment erkannte Jos, daß man sie hereinlegen wollte. Beide Cyborgs bewegten sich auf gleicher Höhe. Beide erreichten zur gleichen Zeit das A-Grav-Feld. Und beide verschwanden von einem Augenblick zum anderen!
Gegen Mysterious-Technik war auch Jimmy machtlos! Wie ein Sprinter spurtete Jos los. Tschobe reagierte fast genauso schnell. Der dicke Shanton hatte mehr Masse zu beschleunigen und einen schlechten Start, holte aber erstaunlich schnell auf. Dann verschwand Jimmy! Jos verspürte leichten Widerstand. Er glaubte keinen Boden mehr unter den Füßen zu haben und rannte dennoch weiter. Aber in einer anderen Umgebung! Vor ihm stand Jimmy, der seinen Kopf drehte und wahrscheinlich alle Ortungen laufen ließ. »Die sind weg!« Hinter dem GSO-Mann tauchten seine beiden Begleiter auf. Chris Shanton stolperte und wäre um ein Haar über seine eigenen Beine gestürzt. Fluchend fing er sich gerade noch einmal. »Wieder einmal ein anderes Transmittermodell!« stellte Tschobe sarkastisch fest, überhörte das Fluchen des Dicken und suchte in der Wand hinter ihnen nach einer Steuerung. Unwillkürlich mußte er an sein Transmitter-Abenteuer mit Professor Tim Acker und Jimmy denken. Damals waren sie auf der POINT OF aus einer Wand getre ten, hinter der niemand einen Transmitter vermutet hatte. Plötzlich erkannte er in der Unitallschicht Zahlensymbole der Mysterious. Seine Hand fuhr über die glatte Wand. Shanton öffnete den Mund, um etwas zu sagen. »Lassen Sie mich für einige Momente in Ruhe!« verlangte der Afrikaner; er wollte versuchen, die Schaltung in der Unitallwand mit seiner Alpha-Rhythmus-Frequenz anzusprechen. Unterdessen sahen sich Jos Aachten van Haag und Chris Shanton in ihrer neuen Umgebung um. Sie befanden sich in einer vollkom men leeren transparenten Kuppel von mehr als hundert Metern Durchmesser, die mitten in den Tiefen eines Ozeans zu schwimmen schien. Wohin sie auch sahen, blickten sie ins künstlich beleuchtete Wasser hinaus. Jos und Shanton glaubten selbst, mitten im Wasser zu sein, und dieser Eindruck verstärkte sich, je länger sie die Unge heuer der Tiefsee betrachteten, die zu ihnen hereinglotzten. Gewaltsam unterdrückte Manu Tschobe seinen Ärger darüber, daß Mildan und Dordig ihnen entkommen waren. Den Weg schalten, den die beiden Cyborgs genommen haben! dach te er immer wieder. Es spielte keine Rolle, ob die empfangende Station den Begriff Cyborg kannte oder nicht. Zahlensymbole verschwanden, andere tauchten an ihrer Stelle auf. In der Unitallwand begann eine Kontrollanzeige zu blinken. »Folgen Sie mir!« rief Tschobe seinen Begleitern zu, überwand den schwachen Widerstand und trat durch die Wand. Lichtloses Dunkel empfing ihn. Um ihn herum ein drohendes Rau schen. Seine Hände bewegten sich, und der grelle Lichtkegel seines Scheinwerfers stach durch die Finsternis! Jetzt fluchte auch der Afrikaner. Die beiden Cyborgs hatten ihnen den zweiten Streich gespielt! In dem Riesenraum, in dem es nur ge waltige unitallverkleidete Maschinensätze gab, konnten Mildan und
Dordig über Infrarot so gut sehen wie immer; Tschobe und seine Begleiter hingegen waren hier trotz ihrer Scheinwerfer hilflos. Da stieß etwas gegen seine Kniekehlen. Jimmy war eingetroffen. Vor seinem Konstrukteur und dem GSO-Mann. »Ich habe sie in der Ortung!« Jimmy sah über Infrarot. Manu Tschobe hörte, wie der Robothund sich in Bewegung setzte. Als er seinen Scheinwerferstrahl in Rich tung der Laufgeräusche schwenkte, sah er, daß sich das Brikett auf vier Beinen zur Verfolgung der Cyborgs aufgemacht hatte. Mittlerweile waren auch Jos und Shanton angekommen. Der Afri kaner informierte sie. Shanton holte das Spezialgerät aus der Ta sche, mit dem er mit Jimmy kommunizierte, und las die Anzeige ab. »Was ist?« verlangte Jos zu wissen. Der Dicke zischte eine Verwünschung. »Beim nächsten Umbau ver passe ich Jimmy ein As-Onen-Triebwerk. Zur Hölle, was hat Echri Ezbal nur in diese Cyborgs reingebaut? Die Burschen sind doppelt so schnell wie Jimmy. Und jetzt…« Er schnaufte. »Aus!« knurrte er. »Aus und vorbei. Die Verdrehten sind mal wieder in einem Trans mitter verschwunden… Doch wenn jetzt jemand auf die Idee kom men sollte, wir müßten da hin – ohne mich. Für einen Spaziergang von sechs bis sieben Kilometern sind meine Gehwerkzeuge nicht gebaut!« Manu Tschobe nickte. »Es hat keinen Sinn, die Cyborgs weiter zu verfolgen. Sie scheinen die Werftanlage sehr gut zu kennen, wäh rend wir Gefahr laufen, uns in diesem Labyrinth zu verirren. Doch Mildan und Dordig haben uns auf etwas Lebenswichtiges aufmerk sam gemacht: Wir müssen trinken und essen. Ich glaube an dieses Kasino, und wir sollten versuchen, es so schnell wie möglich fin den.« Jos wollte die Jagd nicht so schnell aufgeben. »Uns steht immer noch der Weg über den Kugel-Transmitter im Dschungel offen. Über ihn können wir jederzeit nach Deluge zurückkehren.« Shanton richtete seinen Scheinwerferstrahl auf den GSO-Mann. »So eilig habe ich es nicht mit der Rückkehr, mein Lieber. Aber ich hab’ Durst, und ich freue mich auf ‘nen anständigen, vierstöckigen Cognac. Den brauch’ ich zur Ölung, sonst fressen sich meine Ge lenke fest!« Jos seufzte innerlich. Wenn der Dicke in dieser Form redete, dann war er Vernunftgründen nicht mehr zugänglich. Jimmy tauchte aus der Finsternis auf und hockte sich stumm neben seinen Herrn. »Wir sollten versuchen dieses Kasino zu finden«, schlug Tschobe vor. »Vielleicht kann ich mich ja über meine Alpha-RhythmusFrequenz verständlich machen«, ergänzte er mit einem dünnen Grinsen… Das Raumschiff Girr-Os existierte nicht mehr.
Zwitt hatte zugeschlagen. Zwitt hatte seine Roboter-Wacht alarmiert, und die variablen Ro boter hatten das Schiff mitsamt seiner Besatzung vernichtet. Ren Dharks Flash war von einer Robotergruppe aufgeschnitten worden, die sich gleich einem Ring um sein Beiboot gelegt hatte. Unitall war wie Butter durchschnitten worden! Vollkommen ge räuschlos und anscheinend ohne den Einsatz thermischer Energie! Der hinter der Unitallverkleidung liegende Antrieb war abgetrennt worden, während die Doppelkugel der Schwarzen Weißen in einem atomaren Orkan vergangen war. Für Sekunden hatte der Comman der buchstäblich im Freien gesessen. Ren Dhark registrierte eine schwache Bewegung. Im gleichen Mo ment wurde es um ihn herum dunkel. Die Robotergruppe, die seinen Flash auseinandergeschnitten hatte, umgab ihn wie eine zweite Haut. Er fühlte sie überall, und überall war ihr Druck gleich stark. Großer Himmel, dachte er, hätte ich doch auf Dan gehört und die se Sternenbrücke niemals angeflogen! Er glaubte, leichten Andruck zu spüren. Was passiert mit mir? fragte er sich. Und was ist in der Zwischenzeit mit den anderen ge schehen, mit Oberleutnant Roder und seinen Männern vor dem äußeren Ring Fanals? Eine Idee, ich brauche eine Idee, um aus diesem robotischen Ge fängnis herauszukommen und wieder handeln zu können. Blitzartig fiel die zweite Haut ab. Licht stürzte von allen Seiten auf ihn ein. Die Roboter waren verschwunden. Er stand einen Augenblick reglos da – wie jemand, der Todesäng ste erlebt hat und nun nicht begreift, daß ihm gar nichts passiert ist! Ren Dhark befand sich nicht mehr dort, wo man seinen Flash zu Boden gedrückt und auseinandergeschnitten hatte. Und er konnte keinen einzigen Schritt tun! Dafür war kein Platz. Die konkav und konvex gebogenen Abstrahlpole, die ihn von allen Seiten einschlossen, verhinderten es. Wie in einer eisernen Jungfrau aus dem Mittelalter, dachte er. Die Abstrahlpole, von denen keiner mehr als zwanzig Zentimeter durchmaß, umgaben ihn vollkommen. Er hörte sich unter dem Klar sichthelm hastig atmen. Im Empfang war es still. Absolute Abschirmung, konstatierte er, und die ihm eigene Ruhe kehrte zurück. Er wurde erst stutzig, als das schwache Übelkeitsge fühl in seiner Magengegend sich zusehends verstärkte. Normaler weise gehörte er nicht zu den Menschen, die aufgrund starker Erre gung Schwierigkeiten mit dem Magen bekamen. Ren Dhark versuchte, den Kopf in den Nacken zu legen, um zu sehen, was sich über ihm befand. Sein Klarsichthelm stieß gegen einen der Abstrahlpole, die so blankpoliert waren, daß sie wie Spie gel wirkten, die ihn vielfach verzerrt wiedergaben. Er bewegte die Augen. Über sich konnte er einen winzigen Aus schnitt erkennen: Ein leuchtendes Band, das dicht über seinem Kopf stand und konstant grüne Strahlen aussandte.
Das Übelkeitsgefühl wurde stärker. Schluß mit dem Herumsuchen, befahl er sich. Im Augenblick er fahre ich doch nichts. Er konzentrierte sich und kämpfte mit aller Willenskraft das scheußliche Gefühl in seinem Magen nieder. Ich darf mich nicht übergeben! Ich darf es nicht! Immer wieder hämmerte er sich mit fast suggestiver Kraft diesen Befehl ein. Ich darf es nicht! Ich darf es nicht! Die polierten Abstrahlpole spiegelten sein von der Anstrengung gezeichnetes Gesicht wider, doch er nahm es nicht wahr. Ich lasse mich nicht unterkriegen! So kann man mit mir doch nicht umspringen! Und im gleichen Moment sah er in den vielen dünnen Metallstäben mit ihren Abstrahlpolen den Gegner! Sie versuchten ihn physisch zu erledigen! Die Übelkeit wurde noch stärker. Schweiß brach ihm aus allen Po ren. Seine Beine begannen zu zittern, als ob er einen Marathonlauf hinter sich hätte. Ich habe doch Strahlwaffen! schoß es ihm durch den Kopf. An seine Strahler kam er heran. Mühsam balancierte er den Blaster zwischen den kleinen Lücken der Abstrahlpole hindurch. Sein Zeigefinger näherte sich dem Kontakt. Da schwangen lautlos alle Pole zurück. Der Boden unter ihm war zu erkennen. Ren Dhark blickte hoch. Das leuchtende, grüne Band erlosch langsam. Verwirrt ließ er seinen Blaster sinken. Dhark, willkommen in der siebten Sonne der Sternenbrücke, die ihr Zwitt nennt! Der unerwartete telepathische Gruß traf ihn wie ein Schlag. War er auf einem anderen Planeten der Sternenbrücke nicht schon einmal so empfangen worden? Hatte man ihn nicht aufgefordert, einen Xe-Flash zu benutzen? Später hatte sich herausgestellt, daß alles das Werk der Schwar zen Weißen gewesen war. Der Commander wirbelte herum. Zum erstenmal sah er den Raum, in den man ihn gebracht hatte. Vorhin, als die Robotergruppe sich aufgelöst hatte, war keine Gelegenheit gewesen, sich umzusehen. Der Raum war kugelförmig. Eine Hohlkugel, auf deren Innenseite er stand. Von blauem Licht erhellt. Ein Raum, in dem es außer der spiegelnden Innenwandung nur ihn, den Terraner, gab! Ren Dharks Blick wanderte die Rundung entlang. Er versuchte den Durchmesser des Raumes zu bestimmen. Zwanzig Meter? Fünfzig? Oder sogar hundert? Seine Umwelt war unwirklich. Sie wirkte nicht real. Dhark erinnerte sich der meisterhaften Projektionen, mit denen man ihn und seine Begleiter düpiert hatte. War nicht die gesamte Besatzung der POINT OF ein Opfer dieser unglaublichen technischen Mittel geworden, als alle geglaubt hatten, in ein Gebäude einzufliegen, das sich gut acht tausend Meter über der Spiralturmstadt befand?
Warum konnte er den Durchmesser der Hohlkugel nicht schätzen? Weshalb schwankten seine Schätzungen zwischen zwanzig und hundert Metern? Er blickte zu Boden, hob das rechte Bein und stampfte fest mit dem Fuß auf. Der Boden war real, wie jenes Gefängnis in dem Bau werk über der Spiralturmstadt, aus dem er sich mit Riker und den beiden Flash-Piloten hatte befreien müssen; dennoch war alles Pro jektion gewesen! Er hielt immer noch den Blaster in seiner rechten Hand, wollte ihn einstecken, zögerte… Ein wahnwitziger Gedanke schoß ihm durch den Kopf! Er setzte sich in Bewegung, ging die Rundung hinauf! Immer weiter! Und wo er sich befand, war unten! Überall! Dhark blieb stehen. Auf seinen Paraschocker konnte er verzichten. Er legte ihn zu Boden und ging weiter, zählte seine Schritte. Dhark, gib den Versuch auf, denn er führt zu keinem Resultat! Wieder hörte er diese unpersönlich klingende Stimme in seinem Kopf – der Beweis, daß er nicht nur beobachtet wurde, sondern daß man auch seine Gedanken las. Unbeirrt ging er weiter. Nach genau einhundert Schritten blieb er stehen. Er drehte sich nach seinem Paraschocker um. Die Waffe lag genau über ihm! Er mußte den Kopf weit in den Nacken legen, um sie hoch über sich auf der anderen Seite der Hohlkugel sehen zu können. In Ge danken triumphierte er, daß er sein Experiment durchgeführt hatte. Wieder setzte er sich in Bewegung. Es war schwierig, in dieser Hohlkugel ohne jeden Anhaltspunkt nicht die Richtung zu verlieren. Wieder blieb er nach genau einhundert Schritten stehen. Aber er hatte seinen Paraschocker nicht erreicht, obwohl er kaum von der vorgesehenen Richtung abgekommen war. Hypnose! dachte er. Nein, sagte die Stimme in seinem Kopf, du wirst nicht durch Hyp nose beeinflußt. Du erlebst Zwitts Herz, den Mittelpunkt der siebten Sonne, den Girr-O das Tor zur Sonne genannt hat. Ren Dharks Herzschlag setzte für einen Augenblick aus.
Er befand sich im Mittelpunkt des Planeten Zwitt?!
Daran ist nichts besonderes, meldete sich die Stimme wieder. Auch
nicht daran, daß sich der Durchmesser dieses Hohlraums ununter brochen verändert. Die Kräfte, die entwickelt werden konnten, um auch Zwitts Energien zu nutzen, mußten in einem gesunden Ver hältnis bleiben. Deshalb ist dieser Hohlraum auch nicht völlig stabil. Woher kamen die Impulse, die ihm Aufklärung gaben? Während er sich suchend umsah, fiel sein Blick zufällig auf den als Markierungszeichen zurückgelassenen Paraschocker. Keine dreißig Schritte trennten ihn von der Waffe! Innerhalb weniger Sekunden mußte die Hohlkugel mehr als zwei
Drittel ihres Durchmessers verloren haben – und er hatte davon nicht das geringste bemerkt! Sie benutzen Intervallfelder, schoß es Dhark durch den Kopf. Nein! erwiderte die Stimme. Das ist in diesem Fall unmöglich, weil Intervall und Korona nicht miteinander harmonieren! Allein aus die sem Grund mußte Vorsorge getroffen werden, daß die POINT OF keinen Versuch unternehmen konnte, durch die Sonnenhülle zu fliegen! Ren Dhark mußte sich bewegen. Still auf der Stelle zu stehen war eine zusätzliche Belastung. Wenn er sich vorzustellen versuchte, welcher Druck, welche Hitzegrade im Mittelpunkt Zwitts herrschen mußten, drohte ihn das Grauen zu übermannen. Und wie stark die Hohlkugel zusammengepreßt wurde und sich wieder ausdehnte, konnte er an seinem Paraschocker beobachten. Die Waffe war inzwischen wieder soweit entfernt, daß er sie kaum noch erkennen konnte! Du kannst den Raum verlassen und bis zur äußeren Schale gehen, wann immer du willst! Und ob er wollte! Aber zuerst holte er sich seinen Paraschocker. Er erreichte seine Waffe als die Hohlkugel gerade wieder stark zu sammengepreßt wurde. Innerhalb weniger Sekunden verringerte sich die Distanz so deutlich, daß Dhark unwillkürlich den Atem an hielt, stehenblieb und fast schon damit rechnete, im nächsten Au genblick mitsamt dem Hohlraum zerdrückt zu werden. Doch die Hohlkugel brach nicht in sich zusammen. Ich will diesen Raum verlassen, dachte Dhark unter Aufbietung aller Konzentration – und der nächste Schritt führte ihn mit kaum spür barem Widerstand hinaus und in einen anderen Raum hinein. Er stand nun auf der Außenseite der sich verändernden Hohlkugel, und die gebogene Decke über ihm war die Innenseite einer weiteren Kugel! Er sah eine Instrumentenwand, davor ein Schaltpult – und unwillkürlich wurde er an die Zentrale auf W-4 erinnert. Schon wieder >hörte< er die unpersönlich klingende Stimme in seinem Gehirn. Dieser Planet ist von uns eliminiert worden! Ahnte die Stimme, welchen Schock sie Ren Dhark mit diesem Satz versetzt hatte? Die Mysterious waren die Mörder von W-4 gewesen! Sie hatten die Planetenbombe gezündet und eine Welt vernichtet! Gewaltsam schüttelte er die düsteren Überlegungen ab. Eine Ras se, die ein astronomisches Wunder wie die Sternenbrücke erschaf fen konnte, mußte schwerwiegende Gründe gehabt haben, eine von ihr beherrschte Welt zu vernichten. Bei diesem Gedanken begann Dharks Herz schneller zu schlagen! Die Mysterious lebten! Mit der Vernichtung von W-4 hatten sie den Beweis ihrer Existenz geliefert! Er erwartete, daß sich die Stimme wieder melden würde, doch seine Erwartung erfüllte sich nicht.
Dhark überflog die Instrumente. Sein Gesicht entspannte sich, als er seinen Klarsichthelm öffnete und zurückstreifte. Kühle, würzige Luft umgab ihn. Sie roch, als ob man sie gerade aus einem Tannenhochwald von der Erde hierhergeschafft hätte. Dhark rührte keinen einzigen Steuerschalter an, aber je weiter er an der Instrumentenwand entlangging, um so vertrauter wurde ihm alles. Unbekannte Symbole konnte er plötzlich deuten, und als er vor der fugenlosen Wand stand, schritt er einfach weiter, verließ sich voll und ganz auf die Auskunft, bis zur äußeren Schale gehen zu können. Abermals erlebte Ren Dhark eine Sternstunde! Nach Überwindung des kaum spürbaren Widerstands befand er sich in einem Archiv der Mysterious! In seinen Schläfen pulste das Blut. Er sah den kleinen, ihm aus der Ringraumerhöhle so vertrauten Auffangkorb! Er verlangte nach Wissen – nach Wissen über das Tor zur Sonne; er wollte alles über die Sternenbrücke erfahren, über die Mysterious, über die Schwarzen Weißen und ihre humanoid wirkenden Roboter! Eine Archivscheibe fiel in den Korb. Als er sie öffnete, sah er darin eine Mentcap liegen. Ohne die geringsten Bedenken führte Dhark die kleine weiße Kugel zum Mund und schluckte sie. In der Ringraumerhöhle hatte er viele Mentcaps geschluckt und auf diesem Weg sein Wissen über die POINT OF erworben. Schlagartig brach der Inhalt der Mentcap bei Ren Dhark durch. Er befand sich in der Kommandozentrale der Sternenbrücke! Im nächsten Augenblick wäre er in der Lage gewesen, die Hohl kugel mit ihren sieben Schalen maßstabgetreu mit allen wichtigen Einzelheiten zu zeichnen. Energieerzeuger, Schwerkraftregler, Druckabsorber – jeweils in regelmäßigen Abständen über die gesamte Station verteilt. Acht zehn Maschinenräume. Sie nahmen vier Fünftel des gesamten Vo lumens ein. Wohnräume, nach Mannschaftsgraden unterteilt. Die Kabine des Kommandanten neben der Funk-Z, mit einem Transmit ter ausgerüstet, um ihn an jeden gewünschten Punkt der siebten Schale zu bringen, die ein einziger Bildschirm war! Ren Dhark schluckte Wissen in Form von schneeweißen syntheti schen Kugeln. Und erfuhr, daß der Kommandant diese Station vor rund tausend Terra-Jahren verlassen hatte. Ma-Soor! Ein paarmal sprach er den Namen leise vor sich hin. »Ma-Soor… Ma-Soor…« Er lauschte dem Klang dieses Namens nach – dem ersten Namen eines Geheimnisvollen. Dann stoppte er abrupt die Einnahme der Mentcaps. In Gedanken wünschte er sich in diesem Augenblick seinen Stellvertreter Henner Trawisheim herbei, den Cyborg, der niemals etwas vergaß, und der sich des eingenommenen Wissens vielleicht auch nicht durch zu
sätzliches Erarbeiten versichern mußte. Aber Henner Trawisheim war nicht hier. Er war auf Terra – und Terra lag viele, viele tausend Lichtjahre tief im Sternenmeer. Dhark hielt die letzte Archivscheibe noch in der Hand, als er auf merkte. Diese Station im Mittelpunkt des Planeten Zwitt besaß kei nen Checkmaster! Keine einzige Mentcap hatte ihm darüber eine In formation geliefert. Aber auch die Schwarzen Weißen waren nicht erwähnt worden, genausowenig wie das System, zu dem der inzwi schen vernichtete Planet W-4 gehört hatte! Dhark, der keine Mentcap mehr schlucken wollte, um von der Flut an Wissen nicht überwältigt zu werden, konzentrierte seine Gedan ken noch einmal auf die Punkte, die ihm gerade eingefallen waren. Keine Scheibe fiel aus dem Schlitz in den Auffangkorb. Das Archiv enthielt darüber also kein Wissen! »Woher«, fragte sich Ren Dhark eher verwirrt als verärgert, »hat dann die Stimme von W-4 und den Schwarzen Weißen gewußt?« Informanten waren die stellaren Kontrollen! Abermals hatte sich die unpersönlich klingende Stimme gemeldet, aber was unter dem Begriff stellare Kontrolle zu verstehen war, ver riet sie nicht. Dhark verzichtete darauf, weitere Informationen einzuholen. Sie verwirrten ihn mehr, als daß sie ihm einen Überblick verschafften. Er machte sich auf den Weg zur Kabine des Kommandanten – zur Kabine des Mysterious’ namens Ma-Soor! Eine Schale nach der anderen passierte er. Seine MentcapKenntnisse ließen ihn auf den ersten Blick erkennen, wo er sich aufhielt und welchem Zweck die einzelnen Räume dienten. Dann trat er durch die Wand und stand in Ma-Soors Kabine! Er glaubte in der POINT OF zu sein. Dieser Raum unterschied sich praktisch nicht von seiner Kabine! Doch damals, als sie die POINT OF entdeckt hatten, waren alle Ka binen bis auf die Einrichtung leer gewesen. Aber hier lagen Gegen stände auf dem kleinen Schwebetisch! Und auf dem Bett! Als ob Ma-Soor diesen Raum überstürzt verlassen hätte! Ein Etui, dunkelblau, geschlossen, lag neben drei Gegenständen, die ihm völlig unbekannt waren. Auf dem Bett ein schillernder Gurt, an dem zwei Strahlwaffen klebten. Daneben vier Folien – Sternkar ten. Sein Blick wanderte weiter, suchte die Wand ab. Kein Holo, kein Foto, dachte er – und dann kniff er die Augen zu sammen und glaubte an eine Sinnestäuschung: Die leere Stelle an der Wand über dem Bett war nicht mehr leer. Er sah einen unitallblauen Ringraumer, auf dessen Wandung un bekannte Schriftzeichen in kräftigem Goldton prangten. Für einen Moment wanderten Dharks Gedanken ab. Synchron dazu verblaßte das Bild, und die Wand über dem Bett war wieder leer. Ein eigenartiges Gefühl beschlich ihn, als er die Zusammenhänge
verstand; terranische Technik war von diesem Grad der Perfektion zum Glück noch weit entfernt. Vorsichtig griff Dhark nach dem schillernden Gurt, an dem zwei Strahlwaffen klebten. Er war erstaunlich leicht. Bevor er eine der Waffen berührte, betrachtete er sie von allen Seiten. Vor Jahren, auf der Flucht vor Rocco, hatte er im Industriedorn ei nen Energiestrahler der Mysterious gefunden. Aber eines Tages war ihm die Waffe entwendet worden, als man ihn entwaffnete… Seine Augen weiteten sich, als er die Kapazitätsanzeige ablas. Hun dert Prozent! Die zweite auch. Trotz tausendjähriger >Lagerung
besaß sie in diesem Augenblick ihre maximale Ausdehnung. Der gewölbte Boden war eine einzige, durchgehende Panoramascheibe. Mehr als fünfzig Meter mußte der Commander zurücklegen, um die drei Flash zu sehen. Aufgeschnitten die 002, drum herum die drei Piloten mit Dan Riker und Arc Doorn. Er konnte sehen, wie sie ihre Lippen bewegten und bedauerte es, sie in diesen Augenblick nicht hören zu können. »…und das will mir nicht in den Kopf!« sagte Dan Riker und deu tete erregt auf die völlig glatte Schnittstelle. »Großer Himmel!« stieß Ren Dhark aus, als er Rikers Worte hörte. Und danach den Sibirier in seinem typischen Tonfall. »Hier haben wir es mit einer Strukturauflösung zu tun! Hier ist weder geschnitten noch gebrannt worden. Und das bringt mich dazu, mir über Dharks Schicksal keine besonders großen Sorgen zu machen!« Unwillkürlich schmunzelte der Commander, als er miterlebte, wie alle drei Flash-Piloten Doorn widersprachen, ihn aber nicht aus der Reserve locken konnten. Er hatte seine Meinung gesagt, und damit war der Fall für ihn erledigt. »Aber wir können hier nicht bis zum Jüngsten Tag auf Ren war ten.« Rikers ungeduldig vorgebrachte Bemerkung brachte den Comman der zu dem Entschluß, die Station zu verlassen. Er hatte den Plan genau im Kopf. 45-8 in der sechsten Kugelschale! Die graue Transmitter-Antenne war ihm vertraut. Die Steuerschaltung auch. Die Koordinaten kannte er. Nur war ihm rätselhaft, wie er seine Begleiter erreichen würde. Zwitts Oberfläche konnte doch unmöglich ein einziger Transmitter sein. Sein Herz klopfte ein wenig schneller, als er durch die Ring antenne trat. »Hallo!« stieß er verblüfft aus, und dann benötigte auch er ein paar Sekunden, um sich klar zu machen, daß er wie eine Transiti onsbombe vom Mittelpunkt Zwitts zur Oberfläche verschickt worden war. »Ren, schließ den Raumhelm!« brüllte ihn Riker über Helmfunk so laut an, daß er es sogar aus dem zurückgeklappten Helm hörte. Mit einem Ruck zog sich Ren Dhark den Klarsichthelm über den Kopf. Von allen Seiten wurde er mit Fragen bestürmt. Er ging auf keine einzige ein. Erst wollte er das Rätsel lösen, wie er zwischen seinen Freunden wieder hatte existent werden können. Als er zur Rohröffnung hinübersah und das leichte Flimmern er kannte, verstand er alles. Aber gab es einen Rückweg in die Stati on? Ungläubig sahen ihn die Männer an. Sie glaubten ihm kein Wort. Sein Bericht war aber auch zu phantastisch. Ausgerechnet im Mit telpunkt des Planeten sollte sich das komplizierte Steuerzentrum der Mysterious befinden? »Was? Du hast Mentcaps geschluckt?« An dieser Stelle von Dharks Bericht war Riker hellhörig geworden, genau wie Doorn.
»Ziemlich viele. Daher kenne ich die Station in der Tiefe auch in allen Einzelheiten.« Jetzt erst bemerkte Riker den schillernden Gürtel mitsamt der dar an klebenden Strahlwaffen, den Dhark um die Hüften trug. »Den habe ich in Ma-Soors Kabine gefunden.« »In wessen Kabine? Wer ist Ma-Soor? Du hast mit einem Mysteri ous… gesprochen?« Drei Fragen auf einmal. Keine einzige konnte er beantworten, denn in diesem Augenblick kamen erneut Raumschiffe der Schwarzen Weißen über Zwitt aus der Transition. Eine ganze Armada! Aus der Korona jagten Energiebahnen herab und schlugen mit vernichtender Macht mitten im Pulk der Angreifer ein. Fanal und die übrigen planetaren Forts griffen in den Kampf ein. Überall schienen plötzlich winzige Sonnen aufzugehen, die schnell vergingen. Aber wo gerade ein Raumschiff des Gegners vernichtet worden war, tauchte ein weiterer Verband aus dem Hyperraum auf. Die Schwarzen Weißen waren zum Großangriff auf Zwitt ange treten. Die Stunde der Entscheidung hatte begonnen! Und der Planet schlug zurück! Durch das Tosen und Fauchen der Energiebahnen, die in Zwitts Lufthülle wahre Orkane entfesselten, brüllte Ren Dhark über Helm funk: »Ich muß sie finden! Ich muß sie aktivieren!« Sie begriffen nicht, was er damit meinte. Sie sahen ihn gegen den Orkan ankämpfen. Er wurde zur Seite gewirbelt, fing sich wieder und kroch auf Händen und Füßen der dunklen Öffnung im Boden zu, durch die er die Oberfläche erreicht hatte. »Ren, was hast du vor? Sag uns doch, was du vorhast!« Dan Ri kers Stimme dröhnte ihm in den Ohren. »Wir müssen nach unten, Dan. Alle! In die Zentrale. Sie hat keinen Checkmaster! Wir müssen nach unten!« Der Orkan wurde immer schlimmer. Dhark krallte sich im Boden fest, aber er durfte nicht liegenbleiben. Wenn er und seine Kameraden es nicht schafften, die Öffnung zu erreichen, dann würden sie mitsamt den Flash in wenigen Minuten davongewirbelt werden. Der Boden bebte. Zwitt wurde von schwersten Treffern erschüttert. Die Schwarzen Weißen versuchten, die gefährlichen planetarischen Forts zu ver nichten. Aber auch der Planet schlug zu. Feuerräder, von Energiefontänen umlodert, rasten vom Himmel herab – zusammengeschossene Doppelkugelraumer der Schwarzen Weißen, die wie Bomben einschlugen und Vulkane entstehen ließen, die viele tausend Tonnen Erdreich halbvergast in die aufgewühlte Atmosphäre schleuderten. Inzwischen hatte Ren Dhark die Öffnung erreicht. Aber er kam nicht ganz heran. Ein Energiefeld hielt ihn zurück. Der Transmitter war aktiv, arbeitete in entgegengesetzer Richtung. Er jagte Robotergruppen wie Transitionsbomben in den Raum dorthin, wo sich die Verbände der Schwarzen Weißen befanden.
Ren Dhark suchte verzweifelt nach einer Steuerschaltung, um den Transmitter umzupolen. Dan Riker hatte den rettenden Gedanken. »Versuch’s doch einmal mit der Alpha-Rhythmus-Frequenz, Ren!« Sie sprach sofort an, kaum daß der Commander sich konzentriert hatte. Ein Stein, den er zur Probe in die Öffnung warf, fiel nicht in die Tiefe, sondern verschwand, kaum daß er das Loch erreicht hat te. »Einzeln einsteigen«, schrie Dhark, der sich kaum noch halten konnte. Der gefährlichste Augenblick – er mußte sich aufrichten. Er sprang. Der Orkan packte ihn, aber bevor er ihn mitreißen konnte, hatte Ren Dhark den Transmiter-Bereich erreicht. Er verschwand! In 45-8 trat er aus der grauen Transmitter-Antenne. Nacheinander trafen Riker, Wonzeff und Doraner ein. Aber Warren und Doorn kamen nicht. Hatte der Orkan sie davongetrieben? »Zwei Mann müssen zurück!« schrie Dan Riker verzweifelt. »Keiner geht zurück. Wartet hier!« stieß Dhark hervor und ver schwand durch die Wand. Riker, Doraner und Wonzeff sahen ihm entgeistert nach. Daß man sich in dieser Station derart von Raum zu Raum bewegen konnte, davon hatte ihnen Dhark nichts erzählt. Der Commander ahnte, daß jetzt jede Sekunde kostbar war. Bevor er sich um die Verteidigung des Planeten kümmern konnte, mußte er zunächst Arc Doorn und Rul Warren retten. Sein Mentcap-Wissen befähigte ihn, Zwitts Robotergruppen ein zusetzen – jene bizarren Segmente, die sich zu den verschiedenar tigsten Einheiten formierten. Er raste durch die dritte Wand, befand sich jetzt in der fünften Schale. Drei Räume nach rechts, dann hatte er sein Ziel erreicht. Er warf sich in den Sessel, überflog kurz die Instrumente und schalte te, als ob er sein ganzes Leben lang nichts anderes getan hätte. Kontrollen flackerten auf, erloschen wieder. Einmal, zweimal… Bestätigung! Auftrag ausgeführt! Im gleichen Moment hörte er wie zum Beweis Doorns Stimme im Helmfunk. Erleichtert stand Dhark auf und raste zurück. Großer Himmel, dachte er, warum haben die Mysterious dieser Station keinen Checkmaster mitgegeben wie der POINT OF? Wieder glitt er durch eine Wand. In diesem Moment begann die Zentrale im Herzen des Planeten zu schrumpfen. Dhark hatte diese Vorgänge bereits ein paarmal erlebt. Aber er mußte daran denken, wie es seinen Begleitern zumute sein mußte, die nichts von diesem Phänomen wußten. Deshalb rief über Helmfunk: »Zentrale verändert ständig den Durchmesser. Ein nor maler Vorgang, der vollkommen ungefährlich ist.« »Das hättest du uns auch früher erzählen können!« Dhark antwortete nicht auf Rikers Vorwurf. Arc Doorn wollte wissen, wo er das Archiv fand. »Schließlich bin ich nicht zu Besuch hier, Dhark!«
Der Commander beschrieb ihm die Lage des Archivs. »Ich bin in der Waffensteuerung zu finden!« schloß er. »Wo?« fragte ihn Riker verblüfft. »In der Waffensteuerung? Großer Himmel, weißt du denn damit umzugehen?« Dhark glitt durch die letzte Wand. Die Waffensteuerung! Ähnlichkeiten mit den Waffensteuerungen in der POINT OF waren vorhanden, aber diese Zentrale war um ein Vielfaches größer. Den noch gab es am Schaltpult nur einen einzigen Sitz! Und einen großen Bildschirm, der in viele Quadrate aufgeteilt war und die gesamte Umgebung des Planeten Zwitt wiedergab. Distanz- und Masseortung ein! Koordinaten-Abruf ein! Antennenjustierung… Für einen Moment dachte Ren Dhark daran, daß der Strahl, der vom äußeren Ring Fanals emittiert wurde, einen Durchmesser von zwölf Kilometern hatte. Doch jetzt war nicht der geeignete Zeitpunkt, weiteren Gedanken und Überlegungen nachzuhängen. Drei Strukturerschütterungen innerhalb einer Sekunde. Masse- und Distanzortung hatten die gerade auftauchenden Verbände erfaßt. Die Auswertung arbeitete so exakt, wie er es von der POINT OF gewohnt war. Für einen kurzen Moment dachte er an sein Schiff, das sich angeblich in der Nähe des inneren Planeten aufhalten soll te. Die Koordinierung warf die neuesten extrapolierten Daten aus. Mit einem Blick hatte Dhark alles erfaßt und schaltete. Dreihundert achtzehn Anlagen, jede so groß wie Fanal, unterstanden nun seinem Kommando. Er fühlte sich als Verantwortlicher für die Hinterlassenschaft der Mysterious. Er konnte nicht vergessen, daß die Schwarzen Weißen ihm sein Wissen gewaltsam hatten entreißen wollen, und daß es ihnen gleich gültig gewesen war, ihn dadurch zum Idioten zu machen. Er hatte auch Girr-Os Drohung nicht vergessen, sich bald einen lächerlichen Planeten namens Terra näher anzusehen. Durch seinen Leichtsinn waren die Schwarzen Weißen nach Zwitt gekommen. Erst durch ihn hatten sie erkannt, daß die siebte Sonne der Sternenbrücke keine Sonne war, sondern nur eine künstlich er stellte Korona, in deren Innern sich ein Planet verbarg. Sechzehn große Verbände kämpften sich immer näher an Zwitt heran. Über achtzehntausend Doppelkugelraumer befanden sich in nerhalb der Korona! Hauptsteuerschalter! Position Null-eins! Die Zielerfassungen wurden mit neuen Impulsen gefüttert. Drei hundertachtzehn Anlagen stellten für den Bruchteil einer Sekunde ihr Feuer ein. Fanal befand sich auch darunter. Dann waren die neuen Ziele erfaßt. Und Ren Dhark hatte nichts
mehr zu tun! Einzeln im Raum herumrasende Doppelkugelraumer der Schwar zen Weißen, die vorher von der Planetarischen Abwehr so vehement bekämpft worden waren wie ein geschlossener Verband, wurden plötzlich nicht mehr belästigt. Das gesamte Abwehrfeuer Zwitts galt jetzt nur noch den Schiffen, die in so eng gestaffelten Formationen flogen, daß sich ihre Schutzschirme überlappten. Nicht nur die dreihundertachtzehn planetarischen Forts waren auf die Hauptziele ausgerichtet worden, sondern auch einige Millionen Flächenprojektor-Stationen in der Korona! Die nächste Aufgabe wartete auf Ren Dhark. Ununterbrochen schickte Zwitt seine Roboter in den Raum, wo sie sich in Gruppen zusammenschlossen und versuchten, die Doppelku gelraumer der Schwarzen Weißen zu vernichten. Dhark hatte sich mit seinem Schwenksessel leicht nach rechts ge dreht. Dort war das Schaltpult deutlich erkennbar unterteilt. Sein Gehirn arbeitete fast mit der Geschwindigkeit eines Suprasen sors. Das durch die Mentcaps erworbene Wissen wurde schlagartig frei. Es bestimmte sein Handeln. Jedes Roboter-Segment sollte eine neue Programmorder erhalten! Angriff auf die einzelnen oder in kleinen Pulks fliegenden Schiffe des Gegners! Keinen Raumer mehr angreifen, der zu einem großen Verband gehört! Besonders auf havarierte Schiffe achten, die versu chen, auf Zwitt zu landen! Er kam nicht mehr dazu, die neuen Befehle abzustrahlen. Langsam, aber unaufhaltsam, schob sich eine Wand zwischen ihn und das Steuerpult. Was ist das? fragte sich Ren Dhark entsetzt. Sein Entsetzen wurde noch größer, als er bemerkte, daß er seine Arme nicht mehr bewe gen konnte. Was ist das nur? fragte er sich noch einmal. Da hatte ihn die Wand erreicht.
8. Die Angaben der beiden Cyborgs waren richtig gewesen. Sie hatten das Kasino gefunden; es arbeitete auf der gleichen Ba sis wie die Kantine in der Ringraumer-Höhle auf Deluge. Der acht mal zehn Meter große Raum war mit runden Schwebeti schen und bequemen Sesseln ausgestattet und bot auf einer Seite einen phantastischen Blick in die Tiefen des fremden Ozeans, der von unbeschreiblichen Ungeheuern wimmelte. Obwohl sie grausige Kämpfe sahen, in denen sich wieder einmal erwies, daß nur der Stärkere überlebte, ließen sich Tschobe, Jos und Shanton ihr Essen schmecken. Der Dicke hatte außerdem auch einen Cognac-Ersatz gefunden, der ihm ausgezeichnet zu munden schien. Satt zu sein, macht zufrieden. Und möglicherweise lag es an dieser Zufriedenheit, daß sie sich über ihr weiteres Vorgehen aus nahmsweise sehr schnell einig wurden. »Wir können zu dritt hier sowieso nichts reißen«, hatte Jos gesagt und dann vorgeschlagen, über den Transmitter im Dschungel nach Deluge zurückzukehren. Shanton und Tschobe waren der gleichen Meinung. »Gehen wir«, sagte der Dicke, der sich diebisch freute, in diesem Kasino sein Essen nicht bezahlen zu müssen. In dieser Hinsicht waren ihm die Mysterious sehr sympathisch. In anderer Hinsicht hatte er sie oft schon aus ganzem Herzen verwünscht. Alle drei Männer warfen noch einmal einen Blick auf die transpa rente Wand und die Tiefen des unbekannten Ozeans, dann drehten sie sich um und gingen dem Ausgang zu. Jimmy, der nicht zu fressen und zu saufen brauchte, folgte ihnen. Kaum hatten sie den Gang erreicht, als der Robothund verrückt spielte. »Angriff!« bellte er, und die Männer, die keine Spur von ei nem Gegner sahen, glaubten sich gefoppt. Selbst Chris Shanton ließ sich irreführen. »Wenn du Mistviech…« Und dann sah Jos die Schatten. Schatten von drei oder vier Personen! Aber in dieser unterseei schen Werftanlage konnte es außer ihnen doch nur noch die beiden Cyborgs geben – oder sollten ihnen inzwischen einige Männer aus dem Industriedom gefolgt sein? Der GSO-Mann kam nicht zu weiterem Nachdenken. Jimmy raste los und verschwand um die Ecke, an der die Schatten von Menschen zu sehen waren, die sich plötzlich nicht mehr be wegten. »Hallo!« schrie Shanton mit seinem orgelnden Baß und fand es überflüssig, nach seinen Strahlern zu greifen. Manu Tschobe war mißtrauischer. Er ahmte das Beispiel des GSOMannes nach und zog seine Waffen.
»He! Hallo!« schrie Shanton noch einmal, als er keine Antwort er hielt. Er hob sein Spezialgerät und musterte die winzigen Anzeigen. Verwundert blies er die Backen auf und sagte: »Der kommt nicht zurück, der Lauser!? Der rennt weiter?! Ja, bei allen Sternen, dann stimmt hier doch was nicht!« Es stimmte einiges nicht! »Zurück! In die Kantine!« brüllte der GSO-Mann, den plötzlich eine furchtbare Unruhe peinigte. Die Schatten, die menschliche Form hatten, waren ihm unheimlich geworden, ebenso Jimmy s Verhalten! Er riß den Dicken herum und stieß ihn in Richtung der Tür zum Kasino. Manu Tschobe hatte sie schon erreicht. Plötzlich blitzten Energiestrahlen auf; Jos schaffte es gerade noch, sich durch die Tür zu werfen, dann dröhnte eine Explosion durch den langen, nicht allzu breiten Gang. Eine Feuerwalze fegte durch die offene Tür ins Kasino und zwang Tschobe und Shanton, zwischen Tischen und Stühlen Deckung zu suchen. Jos hatte sich in den toten Winkel hinter der Tür gerollt und warf sie mit einem Fußtritt zu. Ein hochenergetischer Strahlschuß schmolz ein Loch in die Tür, die leider nicht aus Unitall bestand. Daß keiner der drei Männer getötet wurde, war Zufall. Aber allen dreien war klar, daß jemand hier war, der ihnen nicht freundlich gesinnt war. »Raumhelme schließen, sonst werden wir gegrillt!« rief Tschobe, der als erster die Gefahr erkannte, seinen Begleitern zu. »Die haben uns die beiden Verdrehten auf den Hals gehetzt!« tobte Shanton, der hinter einem Sessel hockte und mittlerweile ebenfalls Waffen in den Händen hielt. Jos spähte zur Tür, in der das Loch durch Strahlbeschuß immer größer wurde – und sah einen Schatten. Er feuerte ohne nachzuden ken. Der Schatten zerbarst in einer gewaltigen Explosion, deren Druckwelle Tische und Stühle zur Seite schleuderte. »Das sind Roboter«, brüllte der GSO-Mann in plötzlichem Be greifen. »Shanton, was sagt Ihr Wunderhund?« Chris Shanton rief über sein Spezialgerät Jimmys Ortungsdaten ab. »Das gibt’s doch gar nicht«, orgelte er plötzlich los. »Was gibt’s nicht?« fragte Tschobe gereizt, während er nach einer besseren Deckung Ausschau hielt. »Wenn da draußen nicht irgendwelche Typen mit Konvertern auf dem Buckel ‘rumlaufen, haben wir’s tatsächlich mit Robotern zu tun.« Shantons Stimme klang ungläubig. Manu Tschobe sah die Sekunde kommen, in der die Roboter durch die aufgeschmolzene Tür hereinstürzen würden, und wenn Shanton mit seinem Verdacht recht hatte, daß sie diesen Angriff den beiden Cyborgs zu verdanken hatten, mußten sie mit dem Schlimmsten rechnen.
»Ich bohre die transparente Wand zum Ozean an!« überraschte der Afrikaner seine Begleiter mit einer selbstmörderischen Idee. »Sollen wir schneller ersaufen als uns diese Robs umbringen kön nen?« wehrte Jos den Vorschlag ab – und feuerte erneut. Auf der anderen Seite der halbzerstörten Tür explodierten in kurz aufeinanderfolgenden Donnerschlägen zwei Roboter. Die Druckwelle riß die Tür aus ihrer Halterung und schleuderte sie ins Kasino, gegen einige Schwebetische, die erstaunlicherweise dem Anprall standhiel ten. »Schießen! Schießen!« bellte Jos, die zusammengekniffenen Augen fest auf sich schnell bewegende Schatten im Gang gerichtet. Chris Shanton hatte seinen Helmfunk auf Jimmys Frequenz ge schaltet. Dadurch konnte er Jos’ Aufforderung nicht hören. Aber was Jimmy ihm auf Abruf zu sagen hatte, trieb ihm den Schweiß aus allen Poren. »Roboter haben die Werft besetzt, viele schwarze, menschenähnli che Roboter mit grell glühenden Augen.« Schwarze Roboter mit grell glühenden Augen? Manu Tschobe und Jos Aachten van Haag wechselten einen kurzen Blick. Beide hatten das Dossier über Dharks Erlebnisse während seiner Gefangenschaft bei den Robonen gelesen. Darin wurde auch die Begegnung mit zwei derartigen Robotern erwähnt, die sich jedoch nicht direkt feindselig verhalten hatten. Und jetzt sollten diese Roboter die Werft besetzt haben? Woher sollten die drei Terraner auch wissen, was Ren Dhark und die Männer der POINT OF inzwischen erlebt hatten? Rechts von Shanton verging ein Schwebetisch in Höllengluten. In stinktiv schloß der Dicke die Augen. Drei Roboter drangen durch die aufgebrochene Türöffnung und kümmerten sich nicht um harte Strahlung. Tschobe, Jos und Shan ton, die hinter den letzten Schwebetischen entlang der Wände la gen, rechneten sich gegen die Kampfmaschinen keine Chancen mehr aus. Dennoch gaben sie nicht auf; sie wollten ihr Leben so teuer wie möglich verkaufen. Jos sah ein Paar Beine. Er zielte, kam aber nicht mehr dazu abzu drücken. Der hinterste der drei Robs griff seine Kollegen an. Ein durchdrehender Roboter, dessen technisches Innenleben durch die anhaltende, überaus harte Strahlung Schaden erlitten hatte! Eine andere Erklärung konnten die drei Terraner, die fassungslos den Amoklauf beobachteten, sich nicht vorstellen. Wieder einmal hatten sie eine winzige Galgenfrist erhalten, aber das Kasino war inzwischen zu einem Inferno aus tödlicher Strahlung und umherfliegenden Metallfetzen geworden. »Wir müssen hier ‘raus! ‘raus um jeden Preis!« brüllte Jos, der gleichzeitig aufsprang und schon wieder seinen Blaster benutzen mußte, als zwei neue Robs in der Türöffnung auftauchten. Sie ver gingen in einer wilden Explosion. Zufällig sah Manu Tschobe an der Wand hoch, vor der er lag.
Spielten ihm seine Augen einen Streich? Oder waren die Zahlen symbole echt? Sie waren echt! »Gebt mir eine Chance!« schrie er über Helmfunk und verschwen dete keinen Gedanken daran, daß weder Jos noch Shanton mit die ser Aufforderung viel anfangen konnten. Aber sie hielten ihn nicht mit unnützen Gegenfragen auf. Tschobe stemmte sich hoch, ver zichtete auf jede Deckung und ließ seine Handfläche über die Wand gleiten. Er fühlte eine winzige Erhebung! Wie auf der POINT OF! schoß es ihm durch den Kopf. Im gleichen Moment zuckte ein greller Blitz durch das Kasino, und die folgende Druckwelle preßte ihn heftig gegen die Wand. Einschalten! Einstellen! Nur dieser Gedanke beherrschte ihn. Wenn es überhaupt noch eine Rettung vor diesen Robotern gab, die anscheinend überfallartig die unterseeische Werft besetzt hat ten, dann lag sie in diesem Transmitter… Eingeschaltet! Jetzt noch einstellen. Der graue Ring der Transmitter-Antenne war nicht mehr zu über sehen. Hastig stieß der Afrikaner aus. »Achtung! Transmitter! Muß ihn nur noch einstellen, und dann… In drei Sekunden ist es soweit. Klar bei euch?« Zweimal hintereinander erklang ein »Okay!«. »Ich verschwinde!« stieß Tschobe aus und trat durch die Ringan tenne. Er hörte nicht mehr, wie Jos Aachten van Haag sagte: »Der ist weg! Los, Shanton, und jetzt Sie!« Der Dicke protestierte nicht. Gegen die Schießkünste des GSOAgenten kam er nicht an. Der Diplom-Ingenieur bewegte sich in Richtung Transmitter, ließ aber die aufgesprengte Türöffnung nicht aus den Augen. Er kollidier te zweimal mit einem Schwebetisch, einmal mit einem Sessel, stoppte dicht vor der rettenden Ringantenne ab und schoß aus bei den Waffen auf einen gerade aufgetauchten neuen Rob. Die reinste Energieverschwendung! Jos war ihm abermals zuvor gekommen und hatte einen Volltreffer erzielt. Der GSO-Mann hatte inzwischen erkannt, wo er die schwarzen Roboter treffen mußte, um sie mit einem Schuß zu vernichten, aber er fragte sich auch, wieso diese Konstruktionen so blindlings in ihren Untergang liefen. Mit denen stimmt etwas nicht, stellte er fest. Besonders große Be geisterung rief diese Erkenntnis nicht hervor. Wenn Jimmys Nach richt richtig war, dann trieben sich viele von diesen Blechkameraden hier herum, und es war unwahrscheinlich, daß Tschobe, Shanton und er weiterhin so viel Glück haben würden wie bis jetzt. Doch zunächst galt es, von hier zu verschwinden. Er trat durch die Antenne, trat aus einer anderen heraus – und verlor den Boden unter den Füßen, wirbelte in einem halben Dut zend Salti so schnell herum, daß er nur lange, helle, leicht gebogene Striche erkennen konnte!
»Aufpassen!« hörte er Manu Tschobe über Helmfunk schreien. Jos zerkaute einen Fluch. Der hat gut reden! Worauf sollte er denn aufpassen? Er konnte immer noch nichts erkennen, nur daß er hochstieg und dann wieder dreißig oder vierzig Meter absackte. Er krachte gegen den Boden. Ein scharfer Stoß jagte durch seine Wirbelsäule, aber Jos Aachten van Haag ließ seine beiden Strahl waffen nicht los. Die langen, hellen und leicht gebogenen Striche nahmen wieder Formen an. Großer Himmel, schoß es dem GSO-Mann durch den Kopf, als er in etwa hundert Metern Entfernung auf einer Art Galerie die beiden entarteten Cyborgs erkannte, die ihn jedoch nicht beachteten, son dern gegen drei Robs kämpften, die über ein A-Grav-Feld gerade die linke Seite der Kommandobrücke erreicht hatten. Jos sprang auf. Er rannte über die freie Fläche dem nächsten Ag gregat zu. Zwei schwach leuchtende Energiebahnen, weit ab und links von ihm, konnten ihn nicht stoppen. Sie galten auch nicht ihm, sondern den beiden Cyborgs auf der Brücke. Shanton und Tschobe gaben ihm Feuerschutz! Heftig atmend ließ Jos sich hinter einem mehr als dreißig Meter durchmessenden M-Konverter zu Boden fallen. Jetzt erst bekam er Gelegenheit, sich umzusehen. Wohin sein Blick fiel, sah er Energieerzeuger. Halbkugelförmige, nahtlose Tanks, die in dreiundzwanzigfacher Ausführung auf der POINT OF zu finden waren, dort aber nur einen Durchmesser von zwei Metern hatten, während diese hier über dreißig Meter maßen. Jos zählte die gewaltigen Aggregate nicht. Wichtiger war es ihm zu wissen, wo Tschobe und Shanton steckten, und wie der Kampf der beiden verdrehten Cyborgs gegen die Robs ausgegangen war. Sein Instinkt meldete sich wieder. Er spürte, daß hier einiges nicht stimmte. Wahrscheinlich waren die Roboter durch Mildan und Dordig hierhergeholt worden. Wie? Das zu wissen war vorläufig von zweit rangiger Bedeutung. Aber wichtig war es, zu erfahren, warum die Cyborgs plötzlich mit den Robs Streit bekommen hatten! Plötzlich hörte Jos über Helmfunk die orgelnde Stimme des Dicken – aber sie orgelte ungewohnt gedämpft. »Dieses Biest! Dieses Mist stück! Lauser, elender! Na, warte!« Diese Kosenamen konnten nur Jimmy gelten. Der Dicke freute sich über sein Brikett auf vier Beinen – nur hätte Jos gern gewußt, wor über sich der Dicke so freute. Er schob den Kopf um die Rundung seines M-Konverters. Knapp unter der Hallendecke schlugen mehr als ein Dutzend Ro boter in rasendem Tempo Salti! Wie ich eben! schoß es dem GSO-Agenten durch den Kopf, und unwillkürlich wanderte sein Blick zur Galerie. Dort standen die bei den Cyborgs völlig ungedeckt, als ob sie genau wüßten, daß ihnen von keiner Seite Gefahr drohen könnte. Sie standen vor einem klei nen Gerät, an dem sie offensichtlich schalteten! Sie hatten ihn also Salto schlagen lassen!
Irgend etwas in ihrem Verhalten kam Jos unnatürlich vor. »Tschobe«, flüsterte er ins Mikrophon seines Helmfunks, »sind die beiden Cyborgs übergeschnappt?« »Nein«, kam prompt die Antwort, »nur paralysiert…« »Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?« schnaubte Jos, der keine Spur von Lähmung an den beiden Entarteten beobachten konnte. »Es ist Jimmy. Er muß irgendwo auf der Brücke stecken und be strahlt die Cyborgs mit einer so minimalen Dosis, daß sie nicht in der Lage sind, auf ihr zweites System zu schalten, und außerdem nur noch über einen Teil ihrer Sinne verfügen. Mann, Jos, fragen Sie mich nicht. Es muß so sein, aber wieso es so ist… fragen Sie diesen dreimal verdammten Robot-Köter! Ende, oder noch was?« »Wo stecken Sie und Shanton?« »Genau hinter Ihnen. Sie wären schon zehnmal ein toter Mann, wenn wir Robs wären!« Jos grinste verlegen. Solche Fehler unterliefen ihm selten. »Müssen wir hierbleiben?« lautete seine nächste Frage. »Und wie so drehte ich Saltos, als ich aus dem Transmitter