Semantik Semantics
HSK 6
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Semantik Semantics
HSK 6
Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft Handbooks of Linguistics and Communication Science Manuels de linguistique et des sciences de communication Mitbegründet von Gerold Ungeheuer
Herausgegeben von / Edited by / Edités par Hugo Steger Herbert Ernst Wiegand
Band 6
Walter de Gruyter · Berlin · New York 1991
Semantik Semantics Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung An International Handbook of Contemporary Research
Herausgegeben von / Edited by Arnim von Stechow · Dieter Wunderlich
Walter de Gruyter · Berlin · New York 1991
Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.
Die Deutsche Bibliothek — CIP-Einheitsaufnahme Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft / mitbegr. von Gerold Ungeheuer. Hrsg. von Hugo Steger ; Herbert Ernst Wiegand. — Berlin ; New York : de Gruyter. Teilw. mit Parallelt.: Handbooks of linguistics and communication science. — Früher hrsg. v on Gerold Ungeheuer u. Herbert Ernst Wiegand NE: Ungeheuer, Gerold [Hrsg.]; Steger, Hugo [Hrsg.]; PT Bd. 6. Semantik. — 1991 Semantik : ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung = Semantics / hrsg. von Arnim von Stechow; Dieter Wunderlich. — Berlin; New York: de Gruyter, 1991 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft ; Bd. 6) ISBN 3-11-012696-6 NE: Stechow, Arnim von [Hrsg.]; PT
© Copyright 1991 by Walter de Gruyter & Co., D-10785 Berlin. Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Verv ielfältigungen, Übersetzungen, Mikrov erfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Satz und Druck: Arthur Collignon GmbH, Berlin Buchbinderische Verarbeitung: Lüderitz & Bauer, Berlin
V
Vorwort Mit dem Ende der sechziger Jahre erlebte die Forschung zur Semantik natürlicher Sprachen einen lebhaften Aufschwung. I n der Linguistik selbst wurde er eingeleitet durch Arbeiten wie An Integrated Theory of Linguistic Descriptions von Katz & Postal (1964) und der sogenannten Generativen Semantik (zum Beispiel Lakoffs Linguistics and Natural Logic and McCawleys A Program for Logic, beide in Davidson & Harman 1972). Die aus der Linguistik kommenden Versuche wurden Anfang der siebziger Jahre rasch überholt durch drei klassische Aufsätze Richard Montagues (English as a Formal Language, Univ ersal Grammar und The Proper Treatment of Quantification in Ordinary English, sämtlich in Montague 1974). Diese Arbeiten stellen den entscheidenden Durchbruch in der linguistischen Semantik dar. Die Entwicklung der theoretischen Semantik in der Linguistik stand zunächst noch entscheidend unter dem Einfluß von Sprachphilosophen und philosophischen Logikern (Frege, Russell, Carnap, Austin, Kripke, Montague, Lewis, Kaplan und viele andere), deren Positionen und Methoden weitgehend übernommen wurden. I nzwischen hat die Disziplin aber in der Semantik festen Fuß gefaßt, und die differenzierten, aus der Empirie der natürlichen Sprachen herkommenden Fragestellungen beeinflussen heute ihrerseits die philosophische Logik und die Kognitionswissenschaften. Unter den verschiedenen Konzeptionen der Semantik hat sich die Wahrheitsbedingungen-Semantik als besonders einflußreich erwiesen. Sie ist zum vorherrschenden Paradigma der formalen linguistischen Semantik geworden. Die wahrheitskonditionale Auffassung der Bedeutung von Sätzen liegt in irgendeiner Variante allen Beiträgen des Handbuchs zugrunde und erweist sich so als das einigende geistige Band. Fruchtbar geworden für die Linguistik ist vor allem eine spezielle Variante, nämlich die sogenannte Mögliche-Welten-Semantik. Sie erlaubt eine formale Rekonstruktion des für natürliche Sprachen zentralen Begriffs der Intension. Die in diesem Rahmen entwickelten Theorien gehen davon aus, daß die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks „berechenbar“ sein muß, und verwenden deshalb formale, insbesondere algebraische (modelltheoretische) Methoden, die die Konstruktion der Bedeutung kompositional aufgrund des Satzbaus erfassen. Das Handbuch soll den gegenwärtigen Stand der linguistischen Wahrheitsbedingungen-Semantik verläßlich dokumentieren. Wir sind zuversichtlich, daß die Darstellung in weiten Teilen klassisch genug ist, um nicht alsbald zu veralten. Die Teile I bis V des Handbuchs befassen sich mit allgemeineren Fragen der Semantik (Grundlegung der Disziplin, alternative Konzeptionen wie Situationssemantik, Kompositionalität, Stellung der Semantikkomponente innerhalb des Systems der Grammatik, Allrounderscheinungen der natürlichen Sprache wie: Kontextabhängigkeit und -veränderung, Vagheit und Mehrdeutigkeit, Präsupposition und I mplikaturen, das Verhältnis von Bedeutung und Gebrauch). Es geht also um die allgemeine semantische Theoriebildung und deren Zuschnitt auf die besonderen Probleme der natürlichen Sprache.
VI
Vorwort
Die Artikel in den Teilen VI bis X befassen sich mit speziellen Erscheinungen natürlicher Sprachen. Die Gliederung folgt weitgehend der Systematik der klassischen Grammatik (partes orationis wie Nomen, Pronomen, Adjektiv, Verb usw. und grammatische Kategorien wie Tempus, Modus, Aspekt etc.), die allerdings so ergänzt wird, daß diejenigen semantischen Aspekte der Sprache abgehandelt werden, für die heute verläßliche Ergebnisse vorliegen. Es versteht sich von selbst, daß in einer Disziplin, die in ständiger Entwicklung begriffen ist, eine Vollständigkeit der Systematik nicht zu erreichen war. Der in Teil XI enthaltene Service-Artikel „Formale Methoden in der Semantik“ erlaubt ein Nachschlagen von vielfach benutzten Definitionen. Einer der leitenden Gesichtspunkte bei der Konzeption des Handbuchs war, daß jeder Artikel nach Möglichkeit in sich geschlossen sein sollte. Ausgehend von einzelnen Sprachphänomenen sollten die vorgeschlagenen Theorien, die Probleme der semantischen Analyse und die offenen oder strittigen Fragen dargestellt werden. Damit waren gewisse Überschneidungen unvermeidbar. Wir haben solche Redundanzen bewußt in Kauf genommen, nicht zuletzt aus der Erwägung heraus, daß nur eine Geschlossenheit der einzelnen Artikel die Gewähr dafür bietet, daß sie als Arbeitsgrundlage für einschlägige akademische Lehrveranstaltungen benutzt werden können. Selbstverständlich enthält aber jeder Artikel Querverweise auf andere einschlägige Artikel. Ein weiterer Gesichtspunkt war die Eigenverantwortlichkeit der Autoren. Zwar liegt mit der Wahrheitsbedingungen-Semantik eine gemeinsame Grundkonzeption vor, aber dennoch ist bei dem heutigen Stand der Forschung noch vieles kontrovers. Die Herausgeber haben deshalb nicht immer versucht, zwischen eventuellen Unverträglichkeiten verschiedener Positionen zu vermitteln. Ferner wurde darauf verzichtet, die Terminologie rigoros zu vereinheitlichen. Auch hat jeder Autor gewisse Vorliegen, was die Wahl der logischen und grammatischen Notation betrifft. Dies sind Merkmale des persönlichen Stils, die wir erhalten wissen wollten. I n einem Punkt sind wir von der Konzeption der Geschlossenheit der Einzelartikel abgegangen: I n den Bibliographien gab es zahlreiche Überschneidungen. Separate Literaturlisten hätten den Umfang des Handbuchs beträchtlich vergrößert. Deshalb enthalten die Einzelartikel die Literaturhinweise in Kurzform, während sich in Teil XII die ausführliche Gesamtbibliographie befindet. Ein abschließendes Namens- und Sachregister soll die Arbeit mit dem Handbuch erleichtern. Wir möchten den Autoren für ihre große Geduld und Mühe danken. Die Arbeit an dem Handbuch hat viel länger gedauert als beabsichtigt. Der erste Grund für die Verzögerung ist, daß die erforderlichen Beiträge nicht in der gewünschten Zeit zusammengebracht werden konnten. Ein weiterer Grund ist, daß der Verlag, der das Handbuch ursprünglich herausbringen wollte, kurz vor Abschluß der redaktionellen Arbeiten seine Tätigkeit einstellte. Die Herausgeber der Handbuchreihe des Walter de Gruyter Verlages haben dann dankenswerterweise das Unternehmen übernommen. Die Überführung in diese Reihe verlangte weitere Änderungen am Handbuch, was erneut zu Verzögerungen führte. Möge das Ergebnis die Beteiligten für ihre langjährigen Bemühungen entschädigen. Unser Dank gilt auch den (bislang anonymen) Rezensenten der Beiträge, welche die für die Qualität des Handbuchs entscheidende Arbeit des kritischen Kommentierens unentgeltlich auf sich genommen haben. Es handelt sich um die folgenden Personen:
VII
R. Bäuerle, M. J. Cresswell, G. Carlson, J. Groenendijk, F. Hamm, I. Heim, J. Jacobs, A. Kemmerling, E. Klein, E. König, F. von Kutschera, M. Krifka, G. Link, S. Löbner, A. ter Meulen, M. Pinkal, R. van der Sandt, Ch. Schwarze, P. Staudacher, W. Sternefeld, M. Stokhof, D. Zaefferer und E. T. Zimmermann. Wir danken auch Ulrike Haas-Spohn, die die organisatorischen Kontakte mit den Autoren über Jahre unterstützt hat. Schließlich danken wir den Düsseldorfer Studentinnen und Studenten, die bei der Anfertigung der Bibliographie und der Register und beim Korrekturlesen geholfen haben: Esther Damschen, Carola Höhle, Gerhard Jäger, Birgit Gerlach, Steffi Klose und Ingrid Sonnenstuhl-Henning. Was die beiden Herausgeber betrifft, so schließen wir uns mit vollem Herzen den Worten jenes mittelalterlichen Schreiberleins an, das da gesagt hat: ὥσπερ ξένοι χαίρουσιν ἰδεῖν πατρίδα, καὶ οἱ θαλαττεύοντες ἰδεῖν λιμένα, καὶ οἱ στρατευόμενοι τὸ νῖκος, καὶ οἱ πραγματεύοντες τὸ κέρδος, καὶ οἱ νόσῳ λευόμενοι ἰδεῖν ὑγίαν, οὕτω καὶ οἱ γράϕοντες ἰδεῖν βιβλίου τέλος. Wie der Fremde sich freut beim Anblick der Heimat, der Seefahrer, gewahrt er des Hafens, der Kämpfende, wenn der Sieg da ist, der Händler, wenn Gewinn sich einstellt, der Kranke, wenn Gesundheit wiederkehrt, So freut sich der Autor beim Anblick des Endes des Buches. Juli 1991
Arnim von Stechow Dieter Wunderlich
VIII
Preface At the end of the sixties the investigation into the meaning of natural languages developed rapidly. It started with works such as An Integrated Theory of Linguistic Descriptions by Katz & Postal ( 1964) and the so-called Generative Semantics ( e. g. Lakoff’s Linguistics and Natural Logic and McCawley’s A Program for Logic; both in Davidson & Harman 1972). Very soon these efforts were made obsolete by three classical essays by Richard Montague (English as a Formal Language, Universal Grammar and The Proper Treatment of Quantification in Ordinary English, all in Montague 1974). These works constituted the crucial breakthrough in semantic theory. In the beginning the development of theoretical semantics as a field of linguistics was largely influenced by language philosophers and philosophical logicians ( Frege, Russell, Carnap, Austin, Kripke, Montague, Lewis, Kaplan, and many others), whose positions and methods survive to a great extent. In the meantime, theoretical semantics has gained a foothold in linguistics. From empirical research in particular languages finely differentiated questions arise and now influence philosophical logic and cognitive sciences. Among the different concepts of semantics, truth-conditional semantics has proven to be especially influential. It has become the predominant paradigm of theoretical semantics. This approach in one way or another forms the basis for all articles in this handbook and therefore constitutes its spiritual bond. A particularly productive variant is Possible World Semantics, which allows a formal reconstruction of the concept of intension which is crucial to natural languages. The theories developed in this framework assume that the meaning of a complex expression has to be “computable”, and therefore they use formal, especially algebraic (model-theoretic) methods to construct the meaning compositionally in view of syntactic structure. The aim of the handbook is to document the present state of truth-conditional semantics in linguistics, which involves theories that can now be termed “classical” and we hope will therefore remain valid in the future. Parts I to V of this handbook deal with more general questions of semantic theory: the conceptual and ontological foundations of the discipline, the common principles of semantics, alternative approaches such as situation semantics, the role of compositionality, the place of semantics within the system of grammar, the relationship of meaning and use as shown by all-around properties such as context dependence, context change, vagueness, ambiguity, presupposition and implicatures. The articles in parts VI to X are concerned with particular phenomena of natural languages. They are arranged according to both parts of speech ( nouns, pronouns, verbs and adjectives, etc.) and grammatical categories ( tense, mood, aspect, number, etc.). This division is complemented by those semantic aspects of language which have been proven to be crucial and particularly fruitful for research. It goes without saying that in a rapidly changing discipline such as semantics, a completely systematic organization cannot be found.
Preface
IX
Finally, there is a service article in part XI which provides central definitions in semantics. One of the main aspects in the conception of this handbook was that every article should be as self-contained as possible. Focusing on individual linguistic phenomena, the articles attempt to outline the proposed theories and the specific problems of the semantic analysis as well as the disputed questions. Thus, to a certain extent overlap could not be avoided. We allowed for such redundancies in part because only a selfcontained article can be used as a basis in academic lectures. Cross-references are included in the text. Another feature is the responsibility of the individual authors. The truth-conditional semantics may form a common denominator but some of the more specific questions are still controversial. The editors did not try to intervene when certain incompatibilities between different authors arose. Each author has a particular preference with respect to terminology and the logical and grammatical notation. These are features of personal style which we wanted to maintain. Some articles are written in German, and some in English. However, because of numerous overlaps in the literature, all references are included in one comprehensive bibliography at the end of the book. This final part also includes an index of subjects and names. We thank all the authors for their great effort and patience. The work on this handbook took a lot longer than expected. One reason for this delay was that the required articles could not be collected within the planned schedule. Another reason was that the original publisher went out of business. Fortunately, the editors of the handbook series at Walter de Gruyter were able to step in. This take-over required various changes in the manuscript and therefore led to a further delay. We hope that the result compensates all participants for the lenghty wait. We also thank the referees (who have been anonymous up until now) who undertook the important task of critically commenting on the articles: R. Bäuerle, M. J. Cresswell, G. N. Carlson, J. Groenendijk, F. Hamm, I. Heim, J. Jacobs, A. Kemmerling, E. Klein, E. König, F. von Kutschera, M. Krifka, G. Link, S. Löbner, A. ter Meulen, M. Pinkal, R. van der Sandt, Ch. Schwarze, P. Staudacher, W. Sternefeld, M. Stokhof, D. Zaefferer and E. T. Zimmermann. Thanks also to Ulrike Haas-Spohn who, over the years, helped to organize the contact with the authors. Finally we thank the students from Düsseldorf who helped with compiling the bibliography and the indexes as well as the proof-reading: Esther Damschen, Carola Höhle, Gerhard Jäger, Birgit Gerlach, Steffi Klose and Ingrid Sonnenstuhl-Henning. As far as the two editors are concerned, we fully agree with the words of the medieval writer who said: ὥσπερ ξένοι χαίρουσιν ἰδεῖν πατρίδα, καὶ οἱ θαλαττεύοντες ἰδεῖν λιμένα, καὶ οἱ στρατευόμενοι τὸ νῖκος, καὶ οἱ πραγματεύοντες τὸ κέρδος, καὶ οἱ νόσῳ λευόμενοι ἰδεῖν ὑγίαν, οὕτω καὶ οἱ γράϕοντες ἰδεῖν βιβλίου τέλος.
X
In the same way as strangers are pleased to see their country and sailors to see the harbour and warriors to see the victory and traders to see profit and invalids to see their recovery in this way writers enjoy seeing the end of the book. July, 1991
Arnim von Stechow Dieter Wunderlich
XI
Inhalt/Contents Vorwort ........................................................................................................................ Preface ..........................................................................................................................
I.
Allgemeine Grundlagen General Foundations
1. 2.
John Lyons, Bedeutungstheorien (Theories of Meaning) ............................ M. J. Cresswell, Basic Concepts of Semantics (Grundbegriffe der Semantik) ................................................................................................................ Dieter Wunderlich, Bedeutung und Gebrauch (Meaning and Use) ............. Gisbert Fanselow/Peter Staudacher, Wortsemantik (Word Semantics) ........
3. 4.
II.
Probleme der ontologischen Grundlegung: Welt versus Situation Problems of Ontological Foundation: World Versus Situation
5. 6.
M. J. Cresswell, Die Weltsituation (The World Situation) ........................... John Barwise, Situationen und kleine Welten (Situations and Small Worlds) .........................................................................................................
III.
Theorie der Satzsemantik Theory of Sentence Semantics
7. 8.
Arnim von Stechow, Syntax und Semantik (Syntax and Semantics) ........... M. J. Cresswell, Syntax and Semantics of Categorial Languages (Syntax and Semantik kategorialer Sprachen) ..........................................................
IV.
Kontexttheorie Context Theory
9. 10. 11.
Thomas Ede Zimmermann, Kontextabhängigkeit (Context Dependence) .. Ulrike Haas-Spohn, Kontextveränderung (Context Change) ....................... Manfred Pinkal, Vagheit und Ambiguität (Vagueness and Ambiguity) .......
V.
Semantische Grundlagen der Sprechakte Semantic Foundations of Speech Acts
12.
Günther Grewendorf/Dietmar Zaefferer, Theorien der Satzmodi (Theories of Sentence Mood) ................................................................................
V VIII
1 24 32 53
71 80
90 148
156 229 250
270
XII
Inhalt/Contents
13. 14. 15.
Pieter A. M. Seuren, Präsuppositionen (Presuppositions) ........................... Andreas Kemmerling, Implikatur (Implicature) .......................................... Rainer Bäuerle/Thomas E. Zimmermann, Fragesätze (Interrogatives) .......
VI.
Nominalsemantik Nominal Semantics
16. 17.
Jean-Yves Lerner/Thomas E. Zimmermann, Eigennamen (Proper Nouns) . Greg N. Carlson, Natural Kinds and Common Nouns (Natürliche Arten und Allgemeinnamen) .................................................................................. Manfred Krifka, Massennomina (Mass Nouns) ........................................... Godehard Link, Plural (Plural) .................................................................... Veronika Ehrich, Nominalisierungen (Nominalizations) .............................
18. 19. 20.
VII.
Semantik der Funktionswörter Semantics of Functional Words
21. 22. 23. 24. 25. 26.
Jan van Eijck, Quantification (Quantoren) .................................................. Irene Heim, Artikel und Definitheit (Articles and Definiteness) ................ Tanya Reinhard, Pronouns (Pronomina) ...................................................... Peter E. Pause, Anaphern im Text (Textual Anaphors) ................................ Joachim Jacobs, Negation (Negation) .......................................................... Ewald Lang, Koordinierende Konjunktionen (Coordinative Conjunctions) ...................................................................................................................... Kjell Johan Sæbø, Causal and Purposive Clauses (Kausale und finale Nebensätze) .................................................................................................. Ekkehard König, Konzessive Konjunktionen (Concessive Conjunctions) .. Angelika Kratzer, Modality (Modalität) ...................................................... Angelika Kratzer, Conditionals (Konditionale) ...........................................
27. 28. 29. 30.
VIII.
Adjektivsemantik Adjectival Semantics
31. 32.
Cornelia Hamann, Adjectives (Adjektive) .................................................... Ewan Klein, Comparatives (Komparativ) ....................................................
IX.
Verbalsemantik Verbal Semantics
33. 34.
Cathrine Fabricius-Hansen, Verbklassifikation (Classification of Verbs) ... Rainer Bäuerle, Verben der propositionalen Einstellung (Propositional Attitude Verbs) ............................................................................................. Cathrine Fabricius-Hansen, Tempus (Tense) ............................................... M. J. Cresswell, A dverbial Modification in λ-Categorial Languages (Adverbiale Modifikation) ...........................................................................
35. 36.
286 319 333
349 370 399 418 441
459 487 535 548 560 597 623 631 639 651
657 673
692 709 722 748
Inhalt/Contents
X.
Residua: Präpositionen, Gradpartikeln, Fokus Residua: Prepositions, Degree Particles, Focus
37.
Dieter Wunderlich/Michael Herweg, Lokale und Direktionale (Spatial and Directional Prepositions) ...................................................................... Ekkehard König, Gradpartikeln (Degree Particles) ..................................... A rnim von Stechow, Current Issues in the Theory of Focus (Probleme der Fokustheorie) ......................................................................................... Angelika Kratzer, The Representation of Focus (Fokus-Repräsentation) ...
38. 39. 40.
XI.
Service-Artikel Service-Article
41.
Godehard Link, Formale Methoden in der Semantik (Formal Methods in Semantics) ................................................................................................
XII.
Bibliographischer Anhang und Register Bibliographic Appendix and Indices
42. 43. 44.
Bibliographie/Bibliography Personenregister/Name Index....................................................................... Sachregister/Subject Index............................................................................
XIII
758 786 804 825
835
861 908 915
1
I.
Allgemeine Grundlagen General Foundations
1.
Bedeutungstheorien
1. 1.1 1.2 1.3 1.4 1.5 2. 2.1 2.2 2.3 2.4 2.5 2.6 2.7 2.8 3.
1.
Geschichte und Gegenstand der Semantik Der Terminus Semantik Geschichte der Semantik Linguistische Semantik Ebenen der Bedeutung und Kompositionalität Semantik und Pragmatik Einige Zugänge zur semantischen Theorie Bedeutungstheorien und semantische Theorie Die Referenztheorie Die Ideationstheorie Verhaltenstheorie der Bedeutung und behavioristische Semantik Strukturelle Semantik Kontextuelle Theorie der Bedeutung Bedeutung und Gebrauch Wahrheitsbedingungen-Theorien der Bedeutung Literatur (in Kurzform)
Geschichte und Gegenstand der Semantik
1.1 Der Terminus Semantik Das Nomen Semantik ist eine relativ neue Prägung. Zur Bezeichnung der Wissenschaft von der Bedeutung wurde es erstmals im späten 19. Jh. benutzt. Es leitet sich von dem griechischen Adjek tiv semantikόs her, das je nach Kontext als „bedeutsam“ [significant] oder „sinnvoll“ übersetzt werden k ann. Es ist etymologisch mit mehreren anderen Termini verwandt, zu denen es bis in jüngste Zeit in Rivalität stand. Dazu gehören unter anderen „Semiasologie“, „Semiotik “ und „Semiologie“. Alle diese Bezeichnungen gehen, ebenso wie „Semantik “, letztlich auf eine Familie von griechischen Wörtern zurück , die etwas mit der Interpretation von Zeichen zu tun haben. Der etymologische Gesichtpunk t, der soeben ins Spiel gebracht wurde, ist von einiger Wichtigk eit. Unter den verschiedenen Theorien der Semantik , die in diesem Artik el und an anderen Stellen dieses Buches disk utiert werden, gibt es solche, die Bedeutung mit
Bezeichnung [signification] identifizieren und solche, die das nicht tun. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, daß Bréals berühmter Essai de sémantique (1877), der den gerade erst geschaffenen Terminus popularisierte, in seinem Untertitel die Bezeichnung science des significations enthielt. Das Französische besitzt k ein Wort der Alltagssprache, welches alles abdeck t, was durch das deutsche Wort Bedeutung (oder das englische Wort meaning) abgedeck t wird und das nicht nur von Bezeichung, sondern auch von Bedeutsamkeit [significance] unterschieden werden k ann, wenn immer dies notwendig ist. Bréals Essai ist nicht ins Deutsche übersetzt worden, aber die englische Übersetzung, welche 1903 erschien, definierte den neu entdeck ten Zweig der Linguistik implizit mittels eines ziemlich verschiedenen Untertitels: The Science of Meaning. Auf deutsch schreibende Forscher tendierten während der ersten Hälfte des 20. Jhs dazu, eher das Wort „Bedeutungslehre“ als „Semantik “ zu benutzen. Aus Gründen, die alsbald k lar werden werden dürften, wird heute paradoxerweise der Terminus „Semantik “ in einem sehr weiten Sinn benutzt, um die Wissenschaft von der Bedeutung als solche zu bezeichnen. „Bedeutungslehre“ wird im allgemeinen eingeschränk t auf den Bereich der Semantik , um den es Bréal (und den meisten Semantik ern jener Zeit) ging: diachrone lexikalische Semantik (siehe dazu 1.4). 1.2 Geschichte der Semantik Obwohl die Semantik erst als ein eigenständiger Zweig der Linguistik anerk annt wurde, als der Terminus „Semantik “ und damit verwandte Bezeichnungen im 19. Jh. für das Gebiet eingeführt wurden, ist das Interesse an Bedeutung doch so alt wie die Sprachforschung selbst. In Europa reicht es zurück bis zu den eigentlichen Anfängen der traditionellen Grammatik und Logik in den Spek ulationen Platos und seiner Zeitgenossen im 5. und 4. Jh. vor Christus. In anderen Teilen der Welt
I. Allgemeine Grundlagen
2
hat dieses Interesse eine ebensolange, wenn nicht längere Geschichte, besonders in Indien und China. Zuerst eregte das, was wir heute lexikalische Semantik nennen, die Aufmerk samk eit der Gelehrten, insbesondere die Etymologie: die Erforschung des Ursprungs und der Entwick lung von Wörtern unter besonderer Berück sichtigung ihrer Bedeutung. Aber auch in den meisten zentralen Bereichen der grammatischen Theorie waren semantische Gesichtspunk te von vitaler Wichtigk eit. Die Wortarten [partes orationis] (Nomen, Verb, Adjek tiv, usw.) und grammatischen Kategorien (Tempus, Genus, Numerus, usw.) wurden vollständig oder zumindest teilweise semantisch definiert. Ein Gleiches gilt für die zentrale Einheit der syntak tischen Analyse, den Satz, als dieser sich im Laufe einer jahrhundertelangen Tradition als solcher etablierte, eine Tradition, die ihre Anfänge bei Philosophen, Rhetoren und Literaturk ritik ern hat. Priscians k lassische, aus dem 6. Jh. unserer Zeitrechnung stammende Definition des Satzes verwendet das lateinische Wort sententia, wo seine griechisch schreibenden Vorläufer dianoia benutzten (vgl. Matthews 1981: 27). Beide Wörter werden in diesem Zusammenhang gewöhnlich als „Gedank e“ übersetzt, aber beide Wörter sind auch als Bedeutung, Intention oder Bedeutsamkeit interpretierbar. Tatsächlich k ann man dafür argumentieren, daß Priscians k lassische Definition des Satzes (ordinatio dictionum congrua sententiam perfectam demonstrans) am besten übersetzt wird als „eine wohlgeformte Folge von Wörtern, die eine vollständige Aussage (Proposition) ausdrück t“. Diese Übersetzung ist natürlich — und zwar bewußt — anachronistisch, insofern sie logische Terminologie des 20. Jhs benutzt, nämlich „wohlgeformt“ und „Aussage“ anstelle der traditionellen Begriffe des Grammatik ers: „k ongruent“ und „Gedank e“. Nicht nur war Semantik nicht k lar von Grammatik getrennt (insbesondere nicht von der Syntax), und zwar bis in das späte 19. oder frühe 20. Jh., nein, auch Grammatik und Logik waren nicht scharf voneinander abgegrenzt, auch nicht von Psychologie und Erk enntnistheorie. In diesem Zusammenhang sei im Vorübergehen bemerk t, daß der deutsche Logik er Frege — eine zentrale Gestalt in der Entwick lung der modernen formalen Semantik , wie wir sehen werden — den Terminus „Gedank e“ verwendete, wo die meisten heutigen Logik er von „Aussage“ (Proposition) sprechen würden. Allerdings hat bei Frege „Gedank e“ eine vollständig abstrak te,
nicht-psychologische Bedeutung. Erst in jüngster Zeit wurden darüber hinaus Sätze sowohl von Äußerungen (Priscians Terminus oratio wird vielleicht besser als „Äußerung“ übersetzt) unterschieden als auch von Aussagen (Propositionen). Diese Unterscheidungen werden nun allgemein als wesentlich angesehen. Wie sie genau eingeführt und gegeneinander abgegrenzt werden, das ist allerdings von Theorie zu Theorie verschieden. Aus Platzgründen ist es ausgeschlossen, detailliert auf die Geschichte der Semantik einzugehen oder auch nur die Grundzüge der historischen Entwick lungen der verschiedenen Bedeutungstheorien nachzuzeichnen, die uns in diesem Artik el beschäftigen werden. Gewisse historische Verbindungen zwischen Theorien oder Gesichtspunk ten werden in den folgenden Abschnitten dann aufgezeigt, wenn dies hilfreich oder angebracht zu sein scheint. Hier geht es uns vor allem darum, den Gesichtspunk t, der im Zusammenhang mit traditionellen Definitionen der Wortarten, der grammatischen Kategorien und des Satzes ins Spiel gebracht wurde, hervorzuheben und zu verallgemeinern: das bis in die neueste Zeit in der Linguistik anzutreffende Unvermögen, die Semantik von der Syntax und von anderen Teilen der Grammatik zu trennen. Dasselbe gilt für die linguistische Semantik , die sich k aum von anderen Zweigen der Semantik — der logischen, der psychologischen, der anthropologischen Semantik oder Semiotik — trennen ließ, obwohl sich diese Disziplinen sowohl untereinander wie auch von der linguistischen Semantik unterscheiden, was Betrachtungsweise und Zielsetzung betrifft. Wir werden im folgenden eine solche Trennung durchführen. Die wechselseitigen Beziehungen zwischen den verschiedenen Arten von Semantik sind, wie wir sehen werden, k omplex und bis zu einem gewissen Grad k ontrovers, sowohl in ihrer Geschichte als auch in der Gegenwart. In diesem Buch geht es in erster Linie um linguistische Semantik , aber die die meisten Autoren arbeiten in einem theoretischen Rahmen, welcher der logischen Semantik viel verdank t. Es ist deswegen wichtig, diese Art der Erforschung der Bedeutung in einem größeren Zusammenhang zu sehen, und es ist der Zweck dieses ersten Artik els, diesen breiteren Kontext zu liefern. 1.3 Linguistische Semantik Definiert man „Semantik “ als „die Erforschung der Bedeutung“ (die übliche Definition), dann läßt sich der Begriff linguistische
1. Bedeutungstheorien
Semantik wiederum ganz einfach als „die Erforschung der Bedeutung innerhalb der Linguistik “ definieren. Man würde nun denk en, daß eine so definierte linguistische Semantik notwendigerweise alle Aspek te der sprachlichen Bedeutung abdeck en sollte. Dem ist aber nicht so. Es gibt zwei Gründe, weshalb die Linguistik sich nicht mit der Totalität von Bedeutung beschäftigt, die sprachlich ausgedrück t oder vermittelt wird (vgl. Lyons 1981 a: Kap. 1). Der erste und wichtigste Grund ist, daß sich die Linguistik in erster Linie, wenn nicht gar ausschließlich, mit einer offensichtlich relativ k leinen Teilmenge aller Sprachen beschäftigt, nämlich mit Sprachen, welche die folgenden Eigenschaften haben: (i) Sie sind natürlich (im Gegensatz zu k ünstlich) in dem Sinne, daß sie nicht k onstruiert sind (wie Esperanto auf der einen oder die formalen Sprachen der Logik er und Computerwissenschaftler auf der anderen Seite). Ferner sind diese Sprachen entweder natürlich erworben oder erwerbbar (d. h. der Erwerbsprozeß vollzieht sich ohne spezielle Anweisungen als Teil des Reife- und Sozialisationsprozesses unter normalen Umweltbedingungen). (ii) sind die Sprachen menschlich in dem Sinne, daß sie von Menschen erworben wurden oder erwerbbar sind, nicht aber von Tieren oder Maschinen. Diese Beschränk ung der Linguistik auf die Erforschung von natürlichen, menschlichen Sprachen unterscheidet die linguistische Semantik von anderen Arten der Semantik , insbesondere von (i) reiner oder logischer Semantik und von (ii) verschiedenen anderen Zweigen der Semiotik und Semiologie. Der zweite Grund besteht darin, daß die Linguistik, ebenso wie die anderen Wissenschaften auch, notwendigerweise die Phänomene, die sie auswählt und als Daten ansieht, idealisieren muß. Sie beschäftigt sich mit sprachlichen Äußerungen unter ihrer methodisch und theoretisch ausgezeichneten Perspek tive. Tatsächlich läßt sich die Linguistik als ak ademische Disziplin in mehrere überlappende Teildisziplinen unterteilen, und zwar sowohl hinsichtlich der zu untersuchenden Phänomene als auch hinsichtlich der methodologischen Abstrak tionen, welche die Art ihrer wissenschaftlicher Behandlung bestimmen. Die allgemeine Sprachwissenschaft läßt sich von der desk riptiven Linguistik unterscheiden, die theoretische von der angewandten Linguistik , die synchrone von der dia-
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chronen oder historischen Sprachwissenschaft, die Mik ro- von der Mak rolinguistik (vgl. Lyons 1983 b: 38—40). Für jede dieser Teildisziplinen gibt es einen entsprechenden Zweig der linguistischen Semantik mit ihren eigenen charak teristischen Zielen und Perspek tiven und, in vielen Fällen, mit ihren eigenen speziellen Bindungen zu nichtlinguistischen Disziplinen wie Philosophie, Logik , Psychologie, Soziologie, Anthropologie, Stilistik , Geschichte usw. Aber selbst, wenn man alle diese Zweige der linguistischen Semantik zu einem Gesamtensemble vereinigt, wird man doch nicht sagen k önnen, daß diese vereinigten Disziplinen alles, was unter den Begriff sprachliche Bedeutung fällt, erschöpfend und unter jedem möglichen Blick wink el behandeln. Wie wir sehen werden, machen heutzutage viele Wissenschaftler einen terminologischen Unterschied zwischen Semantik und Pragmatik (1.5). Für die Praxis, wenn auch nicht unbedingt prinzipiell, führt dies zu einer engeren Definition von „linguistischer Semantik “ als derjenigen, die oben verwendet wurde. Diese Beschränk ung des Gegenstandsbereichs der linguistischen Semantik ist das Ergebnis zweier ursprünglich voneinander unabhängiger historischer Entwick lungen. Eine von diesen ist die Ausarbeitung und Formalisierung der Wahrheitsbedingungen-Semanti k als Theorie der Bedeutung, die auf einer engeren Definiton von „Bedeutung“ beruht als derjenigen, für die Linguisten bis in die jüngste Zeit eingetreten sind: Wir k ommen darauf später zurück (2.8). Die andere Entwick lung in der Linguistik ist die Aufgabe des Historismus des 19. Jhs zugunsten des Saussureschen oder nach-Bloomfieldschen Struk turalismus, später zugunsten eines Chomsk yschen Generativismus, der dann zum Paradigma dessen, was Kuhn normal science nennt, wird. Weil der Terminus „Bedeutungslehre“ (ebenso wie „Sprachwissenschaft“) eng mit dem vor allem historischen Ansatz des 19. Jhs assoziiert worden ist, pflegt man heute das Wort „Semantik “ zur Bezeichung dessen zu benutzen, was für die Ansätze des 20. Jhs charak teristisch ist. Ob man eine breitere oder engere Definition von „Linguistik “ oder „Bedeutung“ verwenden sollte, ist zur Zeit eine k ontroverse Frage. Es sei an dieser Stelle allerdings betont, daß eine Position, die für eine breite Definition von Linguistik und eine enge Definition von Bedeutung eintritt, k eineswegs ink onsistent ist, genau so wenig wie eine Position,
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die eine enge Definition von Linguistik und eine breite Definition von Bedeutung vertritt. Es ist allerdings de facto so, daß diejenigen Linguisten, die mit einer Unterscheidung von Semantik und Pragmatik arbeiten, im allgemeinen eine enge Definition sowohl von Linguistik als auch Bedeutung voraussetzen. Wenn „linguistische Semantik “ per definitionem „die Erforschung der Bedeutung in der Linguistik “ bedeutet, dann bedeutet „nichtlinguistische Semantik “ dasselbe wie „die Untersuchung der Bedeutung in nichtlinguistischen Disziplinen wie Philosophie, Logik , Psychologie, Semiotik usw.“ All diesen Disziplinen geht es ebenso wie der Linguistik um sprachliche Bedeutung. Aber sie interessieren sich unter Umständen auch für nichtsprachliche Bedeutung oder für Aspek te von sprachlicher Bedeutung, die den Linguisten nicht primär interessieren. Die meisten Bedeutungstheorien, die wir im folgenden betrachten, haben ihren Ursprung in von der Linguistik verschiedenen Disziplinen, und einige Theorien wurden dazu entworfen, sowohl linguistische als auch nichtlinguistische Bedeutung abzudeck en. Die Linguistik hat aus diesen Theorien geschöpft und hat sie in gewissen Fällen verfeinert oder für die eigenen Zweck e reinterpretiert. 1.4 Ebenen der Bedeutung und Kompositionalität Eine Art, die linguistische Semantik in verschieden Zweige zu untergliedern, ist soeben erläutert worden. Eine andere geht von den verschiedenen Ebenen aus, in welche Sprachäußerungen analysiert werden k önnen: die lexik alische, grammatische und phonologische Ebene. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß der Terminus „Semantik “ (für gewöhnlich als „Bedeutungslehre“ übersetzt) von denjenigen Linguisten, die ihn zuerst benutzten, stillschweigend auf die diachrone lexik alische Semantik eingeschränk t wurde, d. h. auf die Untersuchung der Bedeutung von Lexemen (solcher Wörter und Syntagmen, die man in einem Lexik on zu finden erwartet) aus einer historischen Perspek tive heraus. In den frühen 30er Jahren unseres Jhs wurden die ersten Schritte unternommen, dem struk turalistischen Prinzip der methodologischen Priorität der Synchronie über die Diachronie auch in der Semantik Geltung zu verschaffen. Aber dieses Prinzip wurde in der Semantik nicht so bereitwillig ak zeptiert, wie dies für die Phonologie und Grammatik der Fall war. Tat-
I. Allgemeine Grundlagen
sächlich lag mit Ullmanns (1957) Principles of Semantics das erste mehr oder weniger umfassende Kompendium der zeitgenössischen Forschung in der linguistischen Semantik vor, welches dieses struk turalistische Prinzip annahm und Synchronie und Diachronie in einem einheitlichen theoretischen Rahmen zu versöhnen versuchte. Dabei beschränk te sich Ullmanns Behandlung der Semantik auf die lexik alische Semantik . Die gleiche Beschränk ung des Gebietes findet man auch bei anderen Zeitgenossen Ullmanns, und auch noch während des folgenden Jahrzehnts. Die Feststellung, daß der Terminus „Semantik “ von den Linguisten bis in die sechziger Jahre hinein auf die Untersuchung der Bedeutung von Lexemen — entweder explizit oder implizit — eingeschränk t wurde, bedeutet nicht, daß diese Linguisten nicht an grammatischer oder phonologischer Bedeutung interessiert gewesen wären. Als eine von der Phonetik verschiedene Wissenschaft existierte die Phonologie k aum vor der Mitte des 20. Jhs. Dagegen haben sich Gelehrte seit über zweitausend Jahren mit Grammatik (d. h. mit Syntax und Flexion) beschäftigt und beinahe während dieser ganzen Zeit als selbstverständlich vorausgesetzt, daß die Bedeutung eines Satzes das Produk t der ihn k onstituierenden Wörter (genauer, seiner Lexeme) auf der einen und seiner grammatischen Struk tur auf der anderen Seite sei. Wie wir bereits gesehen haben, war ja die grammatische Theorie von Anbeginn semantisch begründet, und sie blieb es — besonders in den Schriften der mittelalterlichen spek ulativen Grammatik er (den sogenannten Modisten) und der Port Royal Grammatik er, ihren Nachfolgern im 17. Jh. — bis in das 20. Jh. hinein. Die generative Grammatik wurde in ihrer be k anntesten und einflußreichsten Form durch Chomsk y (1957) initiiert und führte über die Arbeiten von Katz & Fodor (1963), Katz & Postal (1964) zu Chomsk ys Aspects of the Theory of Syntax (1965), also zu dem, was heute die Standardtheorie genannt wird. Die Standardtheorie enthält Regeln für die Interpretation von Sätzen und k ann zurecht behaupten, die erste von Linguisten vorgeschlagene Theorie zu sein, die ernsthaft und explizit die Kompositionalität der Satzbedeutung angesprochen hat. Das Kompositionalitätsprinzip, das manchmal Fregeprinzip — eine etwas fragwürdige Bezeichnung — genannt wird, ist als solches weder aufregend neu noch revolutionär. Ich
1. Bedeutungstheorien
habe bereits darauf hingewiesen, daß es de facto seit Jahrhunderten von den traditionellen Grammatik ern stillschweigend vorausgesetzt wurde. Ferner löst es die unmittelbare intuitive Zustimmung von beinahe jedem aus — sei er Laie oder Spezialist —, der jemals über diesen Gegenstand nachgedacht hat. Denn das Kompositionalitätsprinzip (auf die Satzbedeutung angewandt) besagt ganz einfach folgendes: die Bedeutung eines Satzes ist das Produk t der Bedeutung der Einheiten, aus denen er zusammengesetzt ist. Erst wenn wir den halbtechnischen Terminus „das Produk t von“ durch den mathematisch präzisen Terminus „eine Funk tion von“ ersetzen, erhalten wir die typisch moderne Formulierung des Kompositionalitätsprinzips, das sowohl in diesem Buch als auch in der zeitgenössischen linguistischen und logischen Semantik eine so prominente Rolle spielt. Daß die Bedeutung eines Satzes eine Funk tion der Bedeutung der Wörter, Phrasen oder Teilsätze ist, aus denen er zusammengesetzt ist, heißt nichts anderes, als daß seine Bedeutung (i) eine bestimmte ist und (ii) Regeln gehorcht. Die sogenannten Projek tionsregeln der Aspects-Theorie der generativen Grammatik waren entworfen worden, um jedem wohlgeformten Satz eine oder mehrere semantische Repräsentationen zuzuordnen, die seine eine oder mehrere Bedeutungen wiedergeben sollten. Und zwar sollten die Regeln dieses leisten, indem sie auf einer tiefenstru k turellen Ausbuchstabierung sowohl der lexik alischen Bedeutung als auch der grammatischen Struktur operierten. In diesem Artik el wird nichts über Details der Aspects oder der generativen Grammatik nach den Aspects gesagt. Wir müssen mit Nachdruck auf die Wichtigk eit der Unterscheidung zwischen generativer Grammatik (in irgendeiner ihrer zahlreichen Versionen) als formaler Theorie der Sprachstruk tur und den philosophischen oder psychologischen Theorien der Bedeutung hinweisen, die mit ihr von ihren Vertretern assoziiert worden sind, Chomsk y inbegriffen. Dieser Gesichtspunk t wird später wieder aufgenommen, weil alle im folgenden zu disk utierenden Bedeutungstheorien im Prinzip mit dem Kompositionalitätsprinzip und seiner Formalisierung im theoretischen Rahmen der generativen Grammatik in Eink lang gebracht werden können. Wie der Leser bemerk t haben wird, ist das Kompositionalitätsprinzip mit Bezug auf die Bedeutung von Sätzen, nicht aber mit Bezug auf die von Äußerungen erläutert worden.
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Ebenso wie die traditionelle Grammatik sehen die meisten Versionen der generativen Grammatik den Satz als die größte Einheit der grammatischen Analyse an. Tatsächliche sprachliche Äußerungen werden nicht direk t betrachtet und a fortiori auch Texte nicht (seien sie gesprochen oder geschrieben), die aus einer oder mehreren Äußerungen bestehen. Dennoch bestand (und besteht noch) in den Köpfen vieler generativer Grammatik er eine nicht unbeträchtliche Verwirrung hinsichtlich der Relation zwischen Sätzen und Äußerungen. Diese k ann man auf mindestens drei Fak toren zurück führen: (1) die Ak t-Produ k t-Mehrdeutig k eit des Wortes „Äußerung“; (2) die Bloomfieldschen und nachBloomfieldschen Vorläufer der Chomsk yschen generativen Grammatik ; (3) den Mißbrauch der „Mädchen für Alles“-Unterscheidung Kompetenz-Performanz. Aus Platzgründen k önnen wir die k omplexe Interak tion dieser drei Fak toren hier nicht abhandeln. Hier möge der Hinweis genügen, daß die Mehrdeutigk eit des Wortes „Äußerung“ für eine grundlegende Ink onsistenz in Bloomfields (1926) Postulaten verantwortlich ist, die offensichtlich unbemerk t bis in die jüngste Gegenwart fortlebte und durch Chomsk ys (1965) Kompetenz-Performanz-Unterscheidung (und auch durch die Type-Tok en-Unterscheidung, die im Zusammenhang damit evoziert zu werden pflegt) nicht berührt wurde (vgl. Lyons 1980: 26—44; 1983 a: 235—247). Äußerungen werden einerseits als Sprechhandlungen und andererseits als Formen definiert, d. h. als linguistisch analysierbare Produk te solcher Ak te, die als Schall manifestiert sind (oder, sek undär, in einem anderen Medium). Faßt man Sätze im Sinne der Bloomfieldschen Tradition als größte Formen auf, dann sind sie eine Teilk lasse aller Äußerungen unter dem Gesichtspunk t des Produkt-Aspektes. Obwohl bisher noch k eine Einigk eit darüber besteht, wie die Unterscheidung zwischen Sätzen und Äußerungen genau zu treffen ist, so wird doch in zunehmendem Maße anerk annt, daß diese Unterscheidung — und möglicherweise mehr als eine solche Unterscheidung — getroffen werden muß, um die k ontextunabhängigen Aspek te der phonologischen, grammatischen und lexik alischen Struk tur innerhalb eines generativen Modells der Satzstruk tur behandeln zu k önnen. Erst dann wird es möglich, sich die Bedeutung einer Äußerung (als Ak t oder Resultat verstanden) als teilweise durch die Bedeutung des
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geäußerten Satzes bestimmt vorzustellen und teilweise durch den Kontext, in dem der Satz geäußert wurde. Ob die Äußerungsbedeutung ebenso wie die abstrak tere, theoretisch eingegrenzte Satzbedeutung als vollständig bestimmt und k ompositional angesehen werden k ann, ist zur Zeit noch unk lar. Gewisse Gründe sprechen dafür, daß die Äußerungsbedeutung nur partiell regelbestimmt ist. 1.5 Semantik und Pragmatik Die Unterscheidung zwischen Semantik und Pragmatik geht (ebenso wie die Unterscheidung zwischen Type und Tok en, die im Vorübergehen im letzten Abschnitt genannt wurde) letztlich auf das Werk des amerik anischen Logik ers, Philosophen und Semiotik ers C. S. Peirce (1839—1914) zurück . Sie wurde von Morris (1938) und Carnap (1938) aufgenommen und reinterpretiert und ist seitdem von einer großen Zahl von Logik ern und einer vergleichsweise k leineren Zahl von Linguisten übernommen worden. Morris und Carnap haben — in dieser Hinsicht sind sie Peirce gefolgt — die Semantik und die Pragmatik als zwei der drei Zweige der Semiotik definiert, wobei der dritte Zweig die Syntax (oder Syntak tik ) ist. Semiotik (in der Tradition, die uns im Augenblick beschäftigt) ist die Wissenschaft der Zeichensysteme, von denen die Sprachen — seien sie natürlich oder nicht-natürlich, menschlich oder nichtmenschlich — eine echte Unterk lasse bilden. Sie k ann in verschiedener Weise untergliedert werden, je nach der Natur der fraglichen Zeichensysteme und ihrer definierenden Eigenschaften. Zum Beispiel unterscheidet die moderne Semiotik die Zoosemiotik von der Anthroposemiotik aufgrund eines Kriteriums (ob nämlich die Zeichensysteme von nichtmenschlichen Lebewesen oder von menschlichen Wesen benutzt werden), sie unterscheidet die Untersuchung von Sprachsystemen von der Untersuchung anderer Zeichensysteme, das Studium der Vok alsysteme von dem Studium visueller, tak tiler und anderer Systeme, usw. Eine Unterscheidung, der Morris und Carnap besondere Wichtigk eit beimaßen, ist in dem gegenwärtigen Kontext besonders wichtig, nämlich die Trennung von reiner und empirischer Semiotik . Die erstere behandelt frei k onstruierte abstrak te Systeme, wobei es ihr primär um die Konstruk tion einer eleganten allgemeinen Theorie der Bezeichnung geht; die letztere beschäftigt sich mit der Untersuchung von existierenden natürlichen Zei-
I. Allgemeine Grundlagen
chensystemen. Nach Morris und Carnap wird durch diese Untergliederung des Gegenstandsbereichs die Logik zu einem Zweig der reinen und die Linguistik zu einem Zweig der empirischen Semiotik. Die Trichotomie Pagmati k -Semanti k -Syntax k ann nun, jedenfalls für die reine Semiotik , folgendermaßen definiert werden: die Pragmatik untersucht die Art und Weise, wie Zeichen benutzt werden; die Semantik, indem sie vom Gebrauch und von den Benutzern abstrahiert, die Beziehung zwischen Zeichen und dem, was sie bezeichnen; die Syntax untersucht, indem sie auch noch von dem abstrahiert, was bezeichnet wird, die substitutionellen und k ombinatorischen Beziehungen zwischen Zeichen. Man wird bemerk t haben, daß diese Formulierung, die dem Geiste, wenn auch nicht dem Buchstaben nach, eine Carnapsche ist, einerseits eine Unterscheidung zwischen Bedeutung und Gebrauch impliziert, andererseits aber Bedeutung mit Bezeichnung gleichsetzt. Wie wir später sehen werden, trennt die Formulierung auch nicht (obwohl Carnap das seinerzeit tat) zwischen Referenz und Denotation als zwei zu unterscheidende Aspekte der Bezeichung. In der Folge wurde bald deutlich, daß die Morris-Carnapsche Formulierung des Unterschieds von Semantik und Pragmatik (geschweige denn die Unterscheidung von Syntax und Semantik ) zu hoffnungslos fehlk onzipiert war, als daß sie als Grundlage für die Analyse von natürlichen, menschlichen Sprachen hätte dienen k önnen. Dennoch ist die terminologische Unterscheidung von Semantik und Pragmatik in den sechziger Jahren von Linguisten übernommen worden und hat seitdem zu einer verwirrenden Vielfalt von verschiedenen Definitionen geführt (vgl. Levinson 1983). Einige Definitionen basieren auf der Unterscheidung zwischen Bedeutung und Gebrauch; andere auf der Unterscheidung zwischen dem, was zu den Wahrheitsbedingungen oder der Proposition gehört und dem, was nicht dazu gehört; andere basieren auf der Kompetenz-Performanz-Unterscheidung; andere auf dem Unterschied zwischen Sätzen und Äußerungen; andere schließlich basieren auf dem Unterschied zwischen den k ontextunabhängigen im Gegensatz zu den k ontextabhängigen Schichten oder Komponenten der Bedeutung. Tatsächlich haben viele der Definitionen, mit denen Linguisten in den letzten Jahren gearbeitet haben, explizit oder implizit mehrere der genannten Unterscheidungen (wobei die Liste k eineswegs voll-
1. Bedeutungstheorien
ständig ist) innerhalb einer Begrifflichk eit verwischt, die, wie man nun allmählich einsieht, eine gänzlich untaugliche Konzeption von sprachlicher Bedeutung darstellt. Die Situation in der logischen Semantik (gleichgültig, ob ihre Definition als Zweig der reinen Semiotik nützlich ist oder nicht) ist prinzipiell völlig verschieden, da sie mit vollständig formalisierten, nicht-natürlichen Sprachen arbeiten k ann, die eine eindeutig bestimmte Struk tur haben und frei von Vagheit, Mehrdeutigk eit und Ink onsistenz sind. Aber logische und linguistische Semantik sind nach einigen Jahrzehnten der Trennung und unabhängigen Entwick lung in den letzten Jahren wieder eng zusammengek ommen, wie die meisten anderen Artik el dieses Buches deutlich zeigen. Aus dieser Perspek tive heraus werden wir deshalb an mehreren Stellen bei der Disk ussion von verschiedenen Bedeutungstheorien auf Fragen eingehen, die relevant für die Grenzziehung zwischen Semantik und Pragmatik sind.
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Einige Zugänge zur semantischen Theorie
2.1 Bedeutungstheorien und semantische Theorie In Anbetracht der Tatsache, daß wir „Semantik “ definiert haben als „die Erforschung der Bedeutung“, k önnte man denk en, daß Bedeutungstheorie und semantische Theorie synonym seien. Die meisten Linguisten und Philosophen sehen diese beiden Ausdrück e vermutlich als austauschbar und äquivalent an, wobei ganz spezielle Kontexte eine Ausnahme bilden mögen. Es ist aber bemerk enswert, daß in jüngster Zeit verschiedene Bücher und Artik el erschienen sind, in denen der Terminus semantische Theorie eine engere Bedeutung hat als der Terminus Bedeutungstheorie traditionell unter Linguisten, Philosophen, Psychologen und anderen hatte. Nicht nur wird er stillschweigend oder explizit auf linguistische Semantik eingeschränk t (die, wie wir gesehen haben, nicht unbedingt die Totalität der Bedeutung abdeck t, die sprachlich ausgedrück t oder übermittelt wird: 1.3). Der Terminus mißt darüber hinaus dem Wort Theorie Konnotationen oder Präsuppositionen bei, die damit nicht immer verbunden waren und die unter einer historischen Perspek tive als fragwürdig und beinahe mit Sicherheit als kurzlebig angesehen werden müssen.
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Semantische Theorie in diesem mehr eingeschränk ten Sinn arbeitet mit der Annahme, daß nichts als Theorie gilt, was nicht präzis formuliert ist, vollständig artik uliert und — in gewissen Darstellungen — „wissenschaftlich ist in dem Sinne, daß es empirisch überprüfbare Vorhersagen macht“ (Kempson 1977: 1). Gemessen an diesem Kriterium sind die meisten der Bedeutungstheorien, mit denen wir uns im zweiten Teil dieses Artik els beschäftigen werden, höchstens partiell Theorien — wenn nicht gar, wie ein Autor es formuliert hat, „reine Platzhalter für eine Theorie“ (Katz 1972: 3). Wir wollen hier aus Gründen der Darstellung, aber ohne etwas bezüglich umfassenderer Ansätze in Linguistik und Wissenschaftstheorie im allgemeinen zu präjudizieren, den Terminus „Semantik “ im engen Sinne verwenden. Gleichgültig, ob sie wissenschaftlich oder nicht sind: die Antworten, die die vorausgegangenen Generationen von Gelehrten auf die Frage „Was ist Bedeutung?“ gegeben haben — Antworten, die gewöhnlich als Bedeutungstheorien bezeichnet werden — k önnen nicht k urzerhand von denjenigen abgetan werden, deren Interesse auf dem Gebiet der semantischen Theoriebildung liegt (was für die meisten Autoren dieses Bandes zutrifft). Nach allgemeinem Konsensus ist die Frage „Was ist Bedeutung?“ die zentrale Frage für die semantische Theorie, ebenso, wie die Frage, „Was ist Sprache?“, die zentrale Frage für die allgemeine Sprachtheorie ist, von der die Semantik ein Teil ist. Aber „Bedeutung“ ist ein vortheoretischer Begriff. Sobald er verfeinert oder für die Zweck e der semantischen Theorie umdefiniert wird und dabei in eine Reihe von k onstitutiven Teilfragen aufgespalten wird, die mit Begriffen zu tun haben wie Synonymie, Ambiguitiät, Implik ation (von verschiedener Art), Präsupposition, Widersprüchlichk eit, Analytizität und Sinnlosigk eit (verschiedener Art), haben wir es mit Begriffen zu tun, von denen wir nicht einmal ein vortheoretisches Verständnis haben. All dies sind Unterscheidungen, die über Jahrhunderte hinweg von Philosophen, Etymologen und Lexik ographen geschaffen wurden und in jüngster Zeit durch die theoretischen Spek ulationen und die empirische Forschung von Pra k ti k ern verschiedener Disziplinen verschärft worden sind. Jede der Theorien, die im folgenden — selek tiv und allzu k urz, bedingt durch die Grenzen des verfügbaren Platzes — behandelt werden, hat ihren Beitrag zu einer oder meh-
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reren Varianten der heute existierenden semantischen Theorien geleistet. In einigen Fällen ist der Betrag eher negativ als positiv gewesen, in dem Sinn, daß die betreffenden Theorien unser Verständnis von Bedeutung insofern weitergebracht haben, als sie letztlich an ihrem eigenen Beispiel gezeigt haben, was Bedeutung nicht ist. Dies gilt zum Beispiel für die Ideationstheorie, die Referenztheorie und vermutlich auch für die behavioristische Theorie. In allen Fällen war jedoch der Beitrag historisch bedeutsam, und genau dieser Punk t wird in unserer Darstellung der jeweiligen Theorie betont werden. Wir werden auch k larstellen, daß die Theorien k eineswegs wechselseitig unverträglich sind und einige von ihnen als partielle und k omplementäre Theorien von Erscheinungen angesehen werden k önnen, die vielleicht nicht semantisch im engeren Sinne sind, die aber eng mit linguistischer Bedeutung verknüpft sind. 2.2 Die Referenztheorie Die meisten Bedeutungstheorien, die von Linguisten, Philosophen, Psychologen und anderen vertreten wurden, k önnen unter eine der folgenden Überschriften gruppiert werden: Referenztheorie, Ideationstheorie oder behavioristische Theorie (vgl. Alston 1964 a). Wie wir gerade bemerk t haben, schließen sich diese Kategorien nicht wechselseitig aus; ferner enthält jede von ihnen verschiedene mehr oder weniger gut entwickelte Varianten. Die Referenztheorie hat eine lange Geschichte und wird, wie andere traditionelle Bedeutungstheorien oft als Teil einer allgemeineren Theorie der Bezeichnung angesehen (vgl. 1.1, 1.5). Man k ann sie, ebenso wie die k onk urrierende oder k omplementäre Ideationstheorie, anschaulich einführen mittels dessen, was in der Literatur unterschiedlich mal semiotisches Dreieck, zuweilen Referenzdreieck — beides Bezeichnungen von Gelehrten, die es in neuerer Zeit popularisiert haben, nämlich Ogden & Richards (1923) — , bei Ullmann (1957) dagegen Basisdreieck genannt wird. Das semiotische Dreieck wird hier jedoch in einer allgemeineren Form wiedergegeben als bei Ogden und Richards oder bei dem ihnen hier folgenden Ullmann (siehe Abb. 1.1). A ist ein sprachlicher Ausdruck — allgemeiner: ein Zeichen — der einerseits mit B, einer Idee, einem Gedank en oder Begriff und andererseits mit C, dem wofür A steht oder was es bezeichnet, d. h. seinem Referenten,
I. Allgemeine Grundlagen
Abb. 1.1: Das semiotische Dreieck
verk nüpft ist. Referenztheorien unterscheiden sich von Ideationstheorien darin, daß sie C als Bedeutung von A annehmen, während letztere B als Bedeutung von A betrachten. Die traditionell formulierten Referenztheorien k önnen nach ontologischen oder erk enntnistheoretischen Gesichtspun k ten in verschiedene Teilk lassen unterteilt werden. Eine derartige Unterteilung basiert auf der alten, immer noch philosophisch und psychologisch k ontroversen Unterscheidung von Nominalismus und Realismus. In seiner einfachsten und traditionellsten Form ist der Nominalismus die Lehre, daß sprachliche Ausdrück e lediglich Namen für ihre Referenten sind, wobei in dieser Formulierung „lediglich“ implizieren soll, daß die Referenten eines Ausdruck s nicht unbedingt mehr miteinander gemeinsam haben als den Namen, den sie tragen. Im Gegensatz zum Nominalismus verwirft der Realismus das „lediglich“, aber nicht unbedingt die Gleichsetzung von Bedeutung und Benennung: der Realismus vertritt die Ansicht, daß den Referenten eines Namens etwas gemeinsam ist, das über ihr Verk nüpftsein mit demselben Ausdruck hinausgeht. Als philosophische Lehre spaltet sich der Realismus in verschiedene rivalisierende Richtungen auf, wobei der platonische Idealismus das eine und der Materialismus des 19. Jhs das andere Extrem bildet. (Es ist wichtig, den philosophischen Gebrauch von Realismus und Ideal ismus nicht mit den populäreren untechnischen Bedeutungen zu verwechseln, die diese Wörter erhalten haben, oder mit den spezifischeren, oft tendenziösen Bedeutungen, die ihnen viele moderne philosophische Systeme zuschreiben.) Wir k önnen hier nicht auf die verschiedenen Spielarten des Realismus eingehen. Wir wollen lediglich nicht unerwähnt lassen, daß zwischen den beiden Extremen, die wir genannt haben, eine Lehre angesiedelt ist, die für die Entwick lung der modernen semantischen Theorie von großer Wichtigk eit ge-
1. Bedeutungstheorien
wesen ist: der Konzeptualismus. Er wird gewöhnlich als eine Alternative sowohl zum Nominalismus als auch zum Realismus dargestellt, und für diese Charak terisierung gibt es in der Tat eine gewisse historische Rechtfertigung. Man tut aber wohl besser daran, den Konzeptualismus als verträglich mit bestimmten Versionen sowohl des Nominalismus als auch des Realismus (bezogen auf die hier formulierte Unterscheidung zwischen den beiden Theorien) zu betrachten. Denn der Konzeptualismus lehrt, daß alle Referenten desselben Ausdruck s unter denselben Begriff subsumiert werden (gleichgültig, ob sie als solche etwas gemeinsam haben) und daß Begriffe, sowohl in Gedank en wie in Sprache, zwischen sprachlichen Ausdrück en und dem, was sie bezeichnen, vermitteln. Ein vielzitierter — übrigens sowohl realistischer wie idealistischer — mittelalterlicher Slogan drück t dies folgendermaßen aus: Vox significat [res] mediantibus conceptibus. In der hier verwendeten Terminologie k ann dies so wiedergegeben werden: „Ein sprachlicher Ausdruck bezeichnet [seine Referenten] mithilfe von Begriffen.“ In der Terminologie von Abb. 1.1: A bezeichnet C mittels B. Wir werden auf die Position B des semiotischen Dreieck s erst im folgenden Abschnitt näher eingehen. Bisher haben wir zwei Dinge über die Referenztheorie der Bedeutung gesagt: (i) Sie unterscheidet sich von der Ideationstheorie nicht dadurch, daß sie B als nichtexistent oder als für den Sprachgebrauch irrelevant verwerfen würde, sondern darin, daß sie C (oder, in manchen Versionen, die Beziehung zwischen A und C) als Bedeutung von A definiert; (ii) Sie ist neutral gegenüber Nominalismus und Realismus. Die Referenztheorie ist ebenfalls mit der ganz traditionellen Ansicht verträglich — wiewohl sie diese nicht unbedingt impliziert — , daß Ausdrück e ihre Referenten sowohl bezeichnen (sich auf sie beziehen) als auch benennen. Man wird bemerk t haben, daß ich das lateinische significare in dem oben zitierten mittelalterlischen Slogan als „bezeichnen“ (oder „sich beziehen auf“) übersetzt habe. In dem gegenwärtigen Kontext ist dies verteidigbar, aber es bedarf zusätzlicher Erläuterung im Lichte der modernen Referenztheorien. Was nun aber die Gleichsetzung von Referenz und Benennung betrifft (und folglich in einer Referenztheorie der Bedeutung auch die Gleichsetzung von Bedeutung und Benen-
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nung), so ist heute allgemein anerk annt, daß diese auf einem Trugschluß beruht, trotz ihres Alters und der hervorragenden Bedeutung der vielen Philosophen, die sie verteidigt haben. Namen sind ihren Trägern, zumindest in vielen Sprachen, willk ürlich zugeordnet, nicht aber vermittels dessen, was man sich normalerweise als ihre Bedeutung vorstellen würde, falls sie eine haben. Die Arbitrarität der Beziehung zwischen Namen wie z. B. Johann und seinem Träger oder seinen Trägern stellt natürlich k ein Hindernis für die Gleichsetzung von Referenz (und Bedeutung) und Benennung dar, falls wir den nominalistischen Standpunk t ak zeptieren. Aber Eigennamen wie Johann scheinen vortheoretisch sehr verschieden zu sein von dem, was traditionell Gattungsnamen genannt wird, wie zum Beispiel Junge. Sie verhalten sich verschieden bezüglich Übersetzung und Paraphrase, und insofern sie überhaupt eine Bedeutung haben, die durch einen standardisierten Wörterbucheintrag definiert werden k ann, so ist diese (zumindest in vielen Kulturen) irrelevant für ihre Verwendung als bezeichnende Ausdrück e. Zum Beispiel k önnten wir Johann etymologisch glossieren als „Gott ist gnädig gewesen“. Es ist schwierig zu sehen, welche andere als diese etymologische Antwort auf die Frage „Was ist die Bedeutung von Johann?“ gegeben werden k önnte. Dennoch hilft die Glosse „Gott ist gnädig gewesen“ niemandem, wenn es darum geht, den Namen zu verwenden, ganz im Gegensatz zur Glosse „geschlechtsreifes Weibchen einer Rinderart“ für Kuh. Tatsächlich ist es zweifelhaft, ob man von Eigennamen zurecht sagen k ann, daß sie Bedeutung haben oder daß sie zum Vok abular einer Sprache in demselben Sinne gehören, wie dies für Gattungsnamen und andere Lexeme der Fall ist. Wir wollen deswegen die Bedeutung-als-Benennung-Version der Referenztheorie beiseite legen und lediglich feststellen, das sie historisch sehr einflußreich gewesen ist und ihre Spuren am terminologischen und begrifflichen Rüstzeug des Semantik ers hinterlassen hat. Zum Beispiel haben Frege, Russell und Carnap zeitweise ihre Ansichten innerhalb des Rahmens der Bedeutung-als-Benennung-Version der Referenztheorie ausgedrückt. Es gibt verschiedene unabhängige Gründe, weshalb die Referenztheorie der Bedeutung (zumindest in der einfachen Form, in der die Bedeutung eines Ausdruck s A als sein Referent C definiert wird) abgelehnt werden muß. Der erste und wichtigste Grund ist, daß sie
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zu einer unorthodoxen und k ontraintuitiven Charak terisierung von Bedeutungsgleichheit und Bedeutungsverschiedenheit führt, da (i) derselbe Ausdruck dazu benutzt werden k ann, um sich auf verschiedene Entitäten zu beziehen (ohne daß es zu einer Veränderung der Bedeutung des Ausdruck es k äme) und (ii) verschiedene (nicht-synonyme Ausdrüc k e) dazu benutzt werden k önnen, um dieselbe Entität zu bezeichnen. Zum Beispiel k ann (i) mein Vater oder sogar der Eigenname John Lyons beliebig viele Referenten haben, und (ii) könnten der Hel d von Verdun und der Chef der Vichy-Regierung beide dazu benutzt werden, um Marschall Pétain zu bezeichnen. Wenn wir sagen daß (i) mein Vater seine Bedeutung nicht mit jedem Wechsel des Referenten ändert oder daß (ii) der Hel d von Verdun eine andere Bedeutung hat als der Chef der Vichy-Regierung, dann k önnen wir uns hier auf unseren common sense verlassen oder auf mehr oder weniger theorieneutrale Tests wie Paraphrase oder Übersetzung. Wenn sich die Bedeutung von mein Vater mit dem Wechsel des jeweiligen Referenten ändern würde, dann k önnten wir diesen Ausdruck nicht k onsistent durch einen einzigen Ausdruck in andere Sprachen übersetzen, dessen Bedeutung in gleicher Weise variiert, z. B. in my father, mon père usw. Und wenn der Chef der VichyRegierung synonym mit der Hel d von Verdun wäre, dann müßte jeder Ausdruck , der den einen angemessen übersetzt, auch den anderen angemessen übersetzen. Argumente dieser Art gegen die Referenztheorie k ann man auf der Basis des gesunden Menschenverstandes entwick eln. Was die Philosophen aber beeindruck t hat, ist ein verwandtes, erk enntnistheoretisch aber viel weiterreichendes Argument. Es hat mit der Intersubstituierbark eit von synonymen und nicht-synonymen Ausdrük k en in sogenannten intensionalen oder opak en Kontexten zu tun. Beispielsweise stellt der Sk opus von Verben der propositionalen Einstellung (wissen, gl auben, usw.) einen derartigen Kontext dar (vgl. dazu den Artik el 34). Es wird allgemein angenommen — und diese Annahme wird im Kompositionalitätsprinzip (1.4) explizit gemacht —, daß die Substitution von synonymen Ausdrück en füreinander in größeren Ausdrück en, deren Konstituenten sie sind, k einen Einfluß auf die Bedeutung der größeren Ausdrück e haben sollte. Aber Satz (1) hat zweifellos eine andere Bedeutung — und zwar sowohl nach den Kriterien des gesunden Menschverstandes als auch nach dem
I. Allgemeine Grundlagen
Gesichtspunk t der Paraphrasierbark eit — als Satz (2). (1) Johann weiß nicht, daß der Held von Verdun der Chef der Vichy-Regierung war. (2) Johann weiß nicht, daß der Held von Verdun der Held von Verdun war. Nimmt man ferner an, daß Synonymie durch Wahrheitsbedingungen-Äquivalenz k er lärt wird (vgl. 2.8), dann k ann leicht bewiesen werden, daß (1) und (2) nicht dieselbe Bedeutung haben k önnen, denn sie haben nicht dieselben Wahrheitsbedingungen. Im Zuge dieses zweiten Argumentes k am Frege (1892) dazu, seine berühmte, aber terminologisch unglüc k liche Unterscheidung zwischen Sinn und Bedeutung zu treffen. Er wählte Bedeutung für die Relation, die heutzutage Referenz genannt wird, denn er vertrat eine Referenztheorie der Bedeutung. Anstatt die Theorie im Lichte von Beispielen wie (1) und (2) aufzugeben, verk omplizierte er sie, indem er eine Trennlinie zwischen direk ter und indirek ter (oder obliquer) Referenz zog. Andere, insbesondere Carnap (1947), haben eine im großen und ganzen vergleichbare begriffliche Trennung innerhalb der Referenztheorie der Bedeutung vollzogen, indem sie zwischen Extension und Intension unterschieden. Ein dritter Grund, der dafür spricht, wenigstens die geradlinigsten Versionen der Referenztheorie zu verwerfen, ist erst in jüngster Zeit von Philosophen ernst genommen worden, und er ist auch in traditionellen Darstellungen der lexik alischen Semantik nicht mit gebührendem Nachdruck herausgestellt worden. Es geht darum, daß Lexeme — d. h. Worteinheiten der Art, die (in ihrer Zitierform) in k onventionellen Wörterbüchern aufgelistet sind — nicht als solche referierende Ausdrück e sind. Diese Tatsache ist in manchen Sprachen (z. B. Latein, Russisch oder Malaiisch) nicht so offensichtlich wie in anderen (z. B. Deutsch, Englisch oder Französisch), wo solche Nomina wie Kuh im Singular nicht ohne Determinator, Quantor oder Klassifik ator benutzt werden k önnen, sollen sie sich auf bestimmte Dinge beziehen. Ganz unabhängig von der grammatischen Struk tur einer bestimmten Sprache müssen jedoch Lexeme auf jeden Fall von den referierenden Ausdrüc k en unterschieden werden, deren Komponenten sie sind oder sein k önnen. Referierende Ausdrück e werden anläßlich bestimmter Äußerungsgelegenheiten nach den grammatischen Regeln einer Sprache gebildet. Sie sind prinzipiell nicht auflistbar, weil
1. Bedeutungstheorien
sie in einigen — vielleicht sogar allen natürlichen Sprachen — von unendlicher Zahl sind und ihre Referenz typischerweise je nach den Umständen der Äußerung und dem Redeuniversum variiert. Lexeme gibt es dagegen nur endlich viele (und zwar relativ wenige), und die Relationen, in denen sie zu Entitäten in der Außenwelt stehen, variieren nicht mit den Umständen der Äußerung. Der gerade herausgearbeitete Punk t k ann anhand der terminologischen Unterscheidung von Denotation und Referenz präzisiert werden. Wir wollen sagen, daß das Lexem Kuh die Klasse aller Kühe (die jetzt existieren, existiert haben und k ünftig existieren) denotiert, und daß seine Denotation ein Teil dessen ist, was mit Recht als seine Bedeutung angesehen wird. Ausdrück e wie diese Kuh, fünf Kühe, diese Kuhherde, Kühe usw. enthalten das Lexem Kuh (in der grammatisch und semantisch angemessenen Form). Kraft ihrer Denotation und der Bedeutung der anderen Komponenten, mit denen sie k ombiniert sind, haben sie einen bestimmten Referenzbereich bzw. ein Referenzpotential. Worauf sie sich aber tatsächlich beziehen, wenn sie als referierende Ausdrück e verwendet werden, wird vom Kontext bestimmt. Es sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß Kuh zwar die Klasse der Kühe denotiert, aber dennoch nicht zur Referenz auf diese Klasse benutzt werden k ann. Zu diesem Zweck müssen wir die Pluralform verwenden (die allerdings auch viele andere Verwendungen hat) oder zusammengesetzte Ausdrück e (wie etwa die Kl asse der Kühe). Es ist ferner eine Feststellung wert, daß nicht einmal Eigennamen (in vielen natürlichen Sprachen und Kulturen, in denen sie fungieren) mit einem einzigen Referenten verk nüpft sind, der durch alle möglichen Äußerungsk ontexte hindurch k onstant ist. Damit sollte deutlich geworden sein, daß die sogenannte Referenztheorie der Bedeutung in ihrer einfachsten und traditionellsten Form von einer Konfusion dessen, was wir bei der Interpretation der AC-Relation in Abb. 1.1 als Denotation und Referenz unterschieden haben, profitiert. Dies impliziert nicht, daß es prinzipiell unmöglich ist, eine elaboriertere Version dieser Theorie zu entwick eln, in der denotationelle und referentielle Bedeutung k orrek t unterschieden und dann systematisch aufeinander bezogen werden. Jede Theorie dieser Art würde wahrscheinlich Referenz eher zur Äußerungsbedeutung (die vielleicht nicht vollständig k om-
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positionell ist; vgl. 1.5) als zur Satzbedeutung rechnen. Jede solche Theorie hätte sich auch dem Problemk reis zuzuwenden, für den Frege seine Sinn-Bedeutung-Unterscheidung eingeführt hat. Sowohl Referenz als auch Denotation sind, so wie sie hier eingeführt wurden, von ihrer Natur her extensional und nicht intensional. Im Zusammenhang mit solchen Tatsachen wie die der Nicht-Synonymie von denotationell äquivalenten, zusammengesetzten, nicht-referierenden Ausdrüc k en (wie etwa ungefiederter Zweifüßl er und vernunftbegabtes Lebewesen, um ein Standardbeispiel zu benutzen) k ann man sich deshalb nicht auf die Unterscheidung von Referenz und Denotation berufen. Eine elaboriertere Version der sogenannten Referenztheorie der Bedeutung k önnte prinzipiell mit diesen und ähnlichen Phänomenen fertig werden, indem sie das, was traditionell als die Intension eines Ausdruck s beschrieben wurde, als Variation der Extension in den verschiedenen möglichen Welten interpretiert. Dies haben Montague und seine Nachfolger getan (siehe 2.8 und Artik el 7). Montagues Bedeutungstheorie ist nur eine verfeinerte Version dessen, was traditionell etwas ungenau Referenztheorie der Bedeutung genannt wurde. 2.3 Die Ideationstheorie Der Ideationstheorie brauchen wir weniger Raum zu widmen. Dies nicht deshalb, weil sie weniger wichtig als die Referenztheorie ist oder gewesen ist, sondern einfach deswegen, weil sich vieles, was in 2.2 gesagt wurde, übertragen läßt. Ebenso wie die Referenztheorie tritt die Ideationstheorie in verschiedenen Gestalten auf. Sie unterscheidet sich von ihr darin, daß sie in Abb. 1.1 nicht C, sondern B als Bedeutung von A ansieht. Die Ideationstheorie der Bedeutung ist nachweislich die traditionellste aller Theorien, sowohl in der Linguistik als auch in der Philosophie. Zahllose Generationen von Schülern sind über die Jahrhunderte hinweg mit Satzdefinitionen aufgezogen worden, die sich auf die Kriterien der grammatischen Wohlgeformtheit und der semantischen Vollständigk eit beriefen und die den Begriff der semantischen Vollständigk eit — vollständig oder für sich sinnvoll zu sein — dadurch umschrieben, daß der Satz einen einzelnen selbständigen Gedank en, eine Idee, ausdrück t. In der westlichen Tradition k önnen alle derartigen Definitionen auf die von Priscian und seiner
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griechischen Vorläufer zurück geführt werden (vgl. 1.2, 1.5). Obwohl diese Definitionen nicht notwendigerweise die Satzdeutung mit dem Gedank en oder der Idee, die der Satz ausdrück t, gleichsetzen müssen, so wird in der Tradition dennoch Satzbedeutung auf diese Weise erk lärt. Was die lexik alische Bedeutung betrifft, so wird diese mit den einfacheren, unvollständigen Gedank en oder Ideen identifiziert, welche mit Wörtern oder Phrasen verk nüpft sind. Diese Gedank en oder Ideen werden auch Begriffe genannt. Auf den ersten Blick ist die Ideationstheorie der Bedeutung sehr viel attrak tiver als die Referenztheorie, denn sie ermöglicht es uns, einerseits zwischen Bedeutung und Referenz, anderererseits zwischen Intension und Extension zu unterscheiden. Wenn wir die k onzeptualistische Betrachtungsweise der Bedeutung annehmen (die wir mit Nominalismus, Realismus oder einer dazwischen liegenden Mischung der beiden k ombinieren k önnen: vgl. 2.2), k önnen wir die beiden Unterscheidungen in einer zusammenfallen lassen: Wir k önnen sagen, daß die Bedeutung eines Ausdruck s die Intension der Klasse ist, die er bezeichnet und daß die Intension der Begriff, Gedank e oder Idee ist, die mit dem Ausdruck im Geist des Sprechers der fraglichen Sprache verk nüpft ist. Diese Betrachtungsweise ist, wie wir gesehen haben, in die scholastische Analyse der Referenz als Bezeichnung integriert. Diese Sehweise hat außerdem sowohl die linguistische Semantik als auch die Sprachphilosophie der nachscholastischen Periode bis in das 20. Jh. hinein beherrscht. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, daß „die k lassische Formulierung der Ideationstheorie“ des im 17. Jhs lebenden Empiristen John Lock e — The use, then, of words is to be sensibl e marks of ideas; and the ideas that they stand for are their proper and immediate signification [„Der Gebrauch der Worte besteht darin, wahrnehmbare Zeichen von Ideen zu sein; und die Ideen, wofür sie stehen, sind ihre eigentliche und unmittelbare Bedeutung“] — nicht wesentlich verschieden ist von Formulierungen der mittelalterlichen Scholastik er oder von Lock es rationalistischen Zeitgenossen (vgl. Alston 1964 a). Die Ideationstheorie der Bedeutung ist von Nominalisten und Realisten vertreten worden, und auch von Rationalisten und Empiristen. Der Umstand, daß sie so lange überlebt hat (und wahrscheinlich noch immer die populärste Bedeutungstheorie unter Nicht-Spezialisten ist), ist der prak tischen — wissen-
I. Allgemeine Grundlagen
schaftlich aber nicht wünschbaren — Vagheit solcher Wörter wie Idee, Gedanke und Begriff zu verdank en. Wenn man unter Idee in diesem Zusammenhang etwas wie „Bild“ versteht, dann k ann man wenigstens die Vorstellung nachvollziehen, daß die Bedeutung von Wörtern wie Baum, Tisch oder Berg das verallgemeinerte oder schematische Bild von Bäumen, Tischen und Bergen ist, das von den Personen geteilt wird, die die Bedeutung dieser Wörter k ennen. Tatsächlich sind die Verhältnisse selbst inbezug auf die Dinge, von denen wir uns ein mentales Bild machen k önnen, wenn wir wollen oder müssen, nicht so selbstverständllich, wie wir gerade suggeriert haben. Auch ist k eineswegs k lar, daß solche Bilder eine Rolle beim Erwerb, bei der Speicherung oder beim Gebrauch der fraglichen Wörter spielen. Wie dem auch sein mag, k lar ist, daß die überwältigende Mehrzahl der Wörter in den Vok abularen von natürlichen Sprachen k eine Klassen von mental visualisierbaren Entitäten wie Bäume, Tische und Berge darstellen. Wenn aber die Idee (oder der Begriff) k ein mentales Bild ist, welche andere Art von mentaler Entität ist sie (bzw. er) dann? Es fehlt nicht an Theorien dessen, was gemeinhin Begriffsbildung genannt wird, und einige dieser Theorien sind von Psychologen entworfen worden und durch experimentelle Ergebnisse gestützt worden. Das Problem besteht jedoch darin, daß solche Theorien lediglich das Wort Begriff anstelle von Bedeutung verwenden, ohne es unabhängig zu charak terisieren. Wenn die Ideationstheorie irgendeinen Erk lärungswert haben soll, dann müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: (1) es muß möglich sein, festzustellen, ob eine bestimmte Idee, Gedank e oder Begriff im Kopf ist, wenn ein Wort in einem bestimmten Sinn benutzt wird, ohne einfach zu schließen, daß diese Idee, dieser Gedank e oder Begriff deswegen im Kopf ist, weil wir wissen, was das Wort bedeutet; (2) es muß gezeigt werden, daß es ein notwendiger Bestandteil der Kenntnis der Bedeutung eines Wortes ist, die betreffende Idee (Gedank e oder Begriff) zu haben. Es ist bemerk enswert, daß die von Linguisten, Philosophen, Psychologen und anderen bisher entwick elten Ideationstheorieen der Bedeutung diese beiden Bedingungen nie erfüllt haben. Aus dem gerade Gesagten folgt nicht, daß mentale Repräsentationen und mentale Prozesse der verschiedensten Art k eine Rolle bei der Sprachverwendung spielen würden (ob-
1. Bedeutungstheorien
wohl, wie wir sehen werden, die Behavioristen und andere Antimentalisten diesen Schluß gezogen haben: 2.4). Sie spielen im Gegenteil ganz offensichtlich eine Rolle. Was zur Frage steht ist, ob die Bedeutungen von Wörtern, Phrasen, Sätzen usw. mit mentalen Entitäten, seien sie mentale Bilder oder nicht, identifiziert werden k önnen — im strik testen Sinne von „Identifik ation“ — , und, falls dies möglich ist, ob eine nichtzirk uläre Bestimmung der Rolle solcher mentalen Entitäten bei der Explik ation von Denotation und Referenz einerseits und sprachinternen Erscheinungen wie Synonymie, Folgerung, Paraphrase usw. andererseits möglich ist. Nicht nur traditionelle Ideationstheorien der Bedeutung, sondern auch moderne generativistische Versionen, die auf der Zerlegung von Wörtern in ihre atomaren begrifflichen Komponenten beruhen — Theorien von der Art, wie sie von Katz & Fodor (1963) und Katz (1972) in die Linguistik eingeführt wurden — fallen den heute allgemein ka zeptierten Standardeinwänden gegen die Ideationstheorie zum Opfer. Bis zu dem Zeitpunk t, wo die angeblich atomaren Begriffe explizit mithilfe der Begriffe Denotation und Referenz interpretiert worden sind — sofern dies möglich ist — bleiben diese Zerlegungen sogar geheimnisvoller als die Bedeutungen von Wörtern und Phrasen, die sie erk lären sollen (vgl. Lewis 1970 und Artikel 2 und 4). Ein letzter Punk t sollte beleuchtet werden. Wir haben an früherer Stelle gesagt, daß die Ideationstheorie zunächst insofern attrak tiv ist, als sie die Möglichk eit bietet, zwischen Bedeutung und Referenz (Freges Sinn und Bedeutung) zu unterscheiden und/oder zwischen Intension und Extension. Weiteres Nachdenk en zeigt aber bald, daß die Theorie, so wie sie traditionell dargestellt wird, den obengenannten Unterschied zwischen der k ontextunabhängigen referentiellen Bedeutung eines Lexems wie Kuh und der k ontextabhängigen referentiellen Bedeutung von zusammengesetzten Ausdrück en wie die Kuh nicht zu behandeln vermag. Wenn es einen allgemeinen Begriff ’Kuh’ gibt, der als Intension des Lexems Kuh dient und auch seine Extension (d. h. seine Denotation bestimmt), dann muß es auch einen besonderen Begriff ’diese Kuh’ geben, der als Intension der Phrase die Kuh dient und deren Extension (d. h. ihre Referenz) festlegt. Traditionelle Darstellungen der Ideationstheorie der Bedeutung machen den Fehler, daß sie nicht dem Umstand Rechung tragen, daß die Un-
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terscheidung zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen, dem Kontextunabhängigen und dem Kontextabhängigen, quer zu der Unterscheidung zwischen Bedeutung und Referenz auf der einen und der zwischen Intension und Extension auf der anderen Seite verläuft. 2.4 Verhaltenstheorie der Bedeutung und behavioristische Semantik Unter Verhaltenstheorie der Bedeutung verstehe ich jede Bedeutungstheorie, die auf der Auffassung beruht, daß Sprache nichts anderes als Verhalten ist, das öffentlich beobachtbar und seinem Wesen nach vollständig physik alisch ist, das ferner ausreichend beschrieben werden k ann, sowohl was seine Form als auch was seine Bedeutung betrifft, ohne die Existenz solcher nicht-physik alischen oder mentalistischen Entitäten wie Ideen, Begriffe oder Intentionen zu postulieren. Unter behavioristischer Semantik verstehe ich die speziellere Variante einer Verhaltenstheorie der Bedeutung, die explizit auf der psychologischen Theorie der Bedeutung beruht, die von J. B. Watson (1924) und seinen Anhängern entwickelt wurde. Eine einflußreiche Verhaltenstheorie der Bedeutung, die allerdings nicht behavioristisch ist, war die von Ogden und Richards (1923), deren sogenanntes Basisdreieck in allgemeinerer Form in Abschnitt 2.2 wiedergegeben wurde. Wie die meisten Verhaltenstheorien der Bedeutung ist sie eine k ausale Theorie der Bedeutung: dies bedeutet, daß sie behauptet, daß Wörter und Äußerungen k ausal mit den Situationen verbunden sind, in denen sie vork ommen und daß ihre Bedeutung von dieser k ausalen Verbindung abhängt. Was die Referenz betrifft (die für Ogden und Richards eine Art von Bedeutung ist), so behauptet die Theorie, daß der Referent (d. h. C in Abb. 1.1) B verursacht (d. h. im Kopf des Sprecher/Hörers einer gegebenen Sprache den Begriff B hervorruft) und daß B A verursacht (d. h. eine Äußerung der Form A, beziehungsweise den Ausdruck A, hervorbringt). Bemerk enswert an dieser Analyse der Bezeichnung oder Bedeutung ist, daß sie, obwohl sie hinreichend traditionell darin ist, daß sie die Beziehung zwischen A und C als indirek t und k onventionell ansetzt, die Kausalitätsrichtung hinsichtlich der vermittelnden Relation, die zwischen B und C besteht, umk ehrt. Traditionell wird die Sprache als Aus-
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druck oder äußerliche Kundgabe des Denk ens angesehen; und von Gedank en oder Begriffen glaubt man, daß sie im Geist entstehen, und zwar entweder unverursacht oder durch andere Gedank en verursacht, nicht aber durch äußere Gegenstände, Ereignisse oder Situationen. Alle Verhaltenstheorien der Bedeutung tendieren dazu, die Sichtweise von Ogden und Richards zu teilen, worin sich ihre Verpflichtung zum Physik alismus zeigt. Der Umstand, daß Ogden und Richards solche Termini wie Idee oder Begriff im Hinblick auf B benutzen, bedeutet nicht, daß ihre Theorie eine Ausnahme zu der gerade aufgestellten Generalisierung darstellt. Wenn man sie gedrängt hätte, würden sie ohne Zweifel argumentiert haben, daß scheinbar mentalistische Termini wie Geist, Begriff oder Idee bloße Platzhalter (oder intervenierende Variablen, um einen Begriff der späteren Behavioristen zu benutzen) sind, die man mit dem Fortschritt der Wissenschaft zu gegebener Zeit durch offensichtlich eher nicht-mentalistische Termini ersetzen k önne, die sich auf Gehirnabläufe und Nervenak tivität beziehen würden. (Tatsächlich disk utieren Ogden und Richards Referenz aus einer psychologischen Sicht, die heutzutage als überholt und simplistisch angesehen würde, nämlich auf der Basis der von ihnen so genannten Engramme: hypothetische physik alische Gedächtnispuren im Gehirn.) Die Ansicht, daß die Sprache einfach eine bestimmte Art von k ommunik ativem Verhalten ist, war unter Linguisten der ersten Hälfte des 20. Jhs weit verbreitet. Wenige von ihnen sind allerdings so weit wie Bloomfield gegangen, der nicht nur für eine Verhaltenstheorie der Bedeutung, sondern für eine im engeren Sinne behavioristische Semantik plädiert hat. Für ihn besteht die Bedeutung einer Äußerung in ihren Reiz-Reaktions-Merkmalen (1926: 155) oder, anders formuliert, in „der Situation, in welcher der Sprecher sie äußert und in der Reak tion, die sie bei dem Hörer hervorruft“ (1933: 139). Die Schlüsseltermini sind „Reiz“ [stimulus] und „Reak tion“ [response], beide aus der behavioristischen Psychologie übernommen. Hier wird die Ansicht vertreten, daß Bedeutung in letzter Instanz durch bedingte Reak tionen auf Umweltreize erk lärbar ist, die zwar k omplexer als die bedingten Reflexe von Pawlows speichelproduzierendem Hund, in ihrer Art aber nicht verschieden davon sind. Jede behavioristische Lerntheorie beruht auf diesem Begriff von Konditionierung.
I. Allgemeine Grundlagen
Unter dem Einfluß Bloomfields und seiner Schüler wurde das Studium der linguistischen Semantik für etwa zwanzig Jahre entweder vollständig vernachlässigt oder, wie im Falle des Distributionalismus (eine bestimmte Spielart der k ontextuellen Semantik : siehe 2.6), in unproduk tive Forschungsrichtungen abgelenk t, nämlich in die Richtung der damals dominierenden Schule der amerk anischen Linguistik : die Schule des sogenannten Nach-Bloomfieldschen Strukturalismus. In dieser Schule lernte Chomsk y seine erste Linguistik . Er war es natürlich, der in seiner berühmten Rezension von Sk inner (1957; siehe Chomsk y 1959) behavioristischen Modellen des Sprachgebrauchs und -erwerbs den Todesstoß gab. Es ist aber wichtig, sich k lar zu machen, daß — wie dies oft in der Dialek tik des wissenschaftlichen Fortschritts der Fall ist — das, was Chomsk y unhinterfragt von seinen nach-Bloomfieldschen Vorläufern übernahm, genau so wichtig ist, wie das, was er verwarf. Er mag zwar die Kompetenz anstelle der Performanz betont haben, aber ebenso wie Bloomfield und einige der NachBloomfieldianer übernahm er ein letztlich psychologisches Modell der Sprachstruk tur. Darüber hinaus vertritt Chomsk y, obwohl er sich zugunsten des Mentalismus ausgesprochen und explizit den positivistischen Physik alismus der Behavioristen verworfen hat, einen sehr untraditionellen, antidualistischen Mentalismus (vgl. Lyons 1971: 134 f.). Tatsächlich ist es sehr schwierig zu sehen, ob es letztlich einen Unterschied zwischen Quines (1960) Physik alismus und Chomsk ys Mentalismus gibt: alles erweist sich letzten Endes als angeboren und genetisch vermittelt, sowohl k ognitive Struk turen wie auch Verarbeitungsprinzipien, die beide Gelehrte als wesentlich postulieren, seien sie nun für den Sprachgebrauch und -erwerb einschlägig oder nicht. Wenige Linguisten oder Psychologen würden heute die Prinzipien der Verhaltenstheorie der Bedeutung oder der behavioristischen Semantik in der Form, in der diese Theorien von Ogden und Richards, Morris (1946), Bloomfield oder Sk inner dargestellt worden sind, verteidigen. Und wenige Wissenschaftstheoretik er würden versuchen, die Verpflichtung zu dem in der Tat k ruden Physik alismus oder Positivismus des 19. Jhs zu rechtfertigen, auf dem der radik ale Behaviorismus von Bloomfield und Skinner basiert. Es muß deshalb betont werden, daß der verhaltenstheoretische, wenn nicht sogar der behavioristische, Standpunk t in der moder-
1. Bedeutungstheorien
nen philosophischen Semantik noch stark vertreten ist. Das k lassische Werk von Quine (1960) ist bereits genannt worden. Es sollte auch bemerk t werden, daß Grices (1957, 1968, 1969) einflußreiche Analyse der Bedeutung auf der Basis des Begriffes der k ommunik ativen Intention stark behavioristisch beeinflußt ist — obwohl sie sich auf scheinbar mentalistische Begriffe wie Intention beruft. Man k ann dafür argumentieren, daß Austins (1962) ebenso einflußreiche Theorie der Spechhandlungen als verhaltenstheoretisch k lassifiziert werden k ann. Bennetts (1976) Behandlung der Bedeutung, die bislang noch nicht die ihr gebührende Aufmerk samk eit von Seiten der Linguisten erfahren hat, ist fraglos eine verhaltenstheoretische und wird auch als eine solche ausgegeben. Es wäre deshalb falsch, verhaltenstheoretische — und dies gilt vielleicht sogar für behavioristische — Semantik en als veraltet und verfehlt abzuschreiben. 2.5 Strukturelle Semantik Vielen Linguisten, die in der nach-Bloomfieldschen amerik anischen Tradition groß geworden sind, hat der Terminus „struk turelle Semantik “ Kopfzerbrechen bereitet, ja er ist ihnen widersprüchlich vorgek ommen. Aber dies ist einfach deswegen geschehen, weil die ursprünglich allgemeineren Termini Struktural ismus und strukturel l e Semantik in theoretisch und methodisch einflußreichen Publik ationen der nach-Bloomfieldschen Schule eine unberechtigte Bedeutungsverengung erfahren haben, besonders in Harris (1951). Es gibt mehrere Kennzeichen der nachBloomfieldschen Linguistik , die diese von einigen oder allen anderen Ansätzen zur Erforschung der Sprache unterscheiden, mit denen sie in den fünfziger und den frühen sechziger Jahren im internationalen Wettstreit stand. Dazu gehören die folgenden: (i) Sie war k orpusbezogen und lehnte die Unterscheidung zwischen Sprachsystem (Saussures l angue, Chomsk ys Kompetenz) und Sprachäußerungen (Saussures parole, Chomskys Performanz) ab; (ii) Sie war zugegebenermaßen taxonomisch oder k lassifik atorisch, nicht aber erk lärend, und folglich mehr mit der Methodologie der Beschreibung beschäftigt als mit einer erk lärungsadäquaten Theorie der Sprachstruk tur; (iii) Auf der Grundlage von (i), beschränk t
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durch (ii) und die vorherrschende positivistische Einstellung, die für die Sozialwissenschaften dieser Epoche charak teristisch war (die Linguistik wird von den Nach-Bloomfieldianern normalerweise unter die Sozialwissenschaften eingereiht), versuchte sie, eine Reihe induk tiver Entdeck ungsverfahren für die Beschreibung von Sprachen zu formulieren; (iv) Sie schloß die Untersuchung der Bedeutung aus der eigentlichen Linguistik aus. In dem gegenwärtigen Kontext ist selbstverständlich (iv) von größtem Interesse; und im Hinblick auf die Bedeutung, welche semantische Erwägungen in der generativen Grammatik ab der Mitte der sechziger Jahre erlangt haben, ist dies der Ort, darauf hinzuweisen, daß Chomsk y (1957) zwar die nachBloomfieldsche Linguistik zurecht für die von mir so bezeichneten Merk male (i), (ii) und (iii) k ritisierte, (iv) aber nicht in Frage gestellt hat. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, daß Chomsk ys Generativismus Haltungen und Prinzipien mehr oder weniger unhinterfragt übernahm, die derselben Tradition entstammten, gegen die er im allgemeinen heftig aufbegehrt hat (vgl. Lyons 1983 b: 207—214). Der Terminus strukturelle Semantik ist selbstverständlich nicht widersprüchlich, wenn man den allgemeineren Sinn von strukturel l zugrunde legt. Er bezeichnet ganz einfach jeden Ansatz zur Erforschung der Bedeutung (in der Sprache), der auf dem Prinzip beruht, daß Sprachen (genauer, Sprachsysteme — Saussures langues) abstrak te Struk turen sind, deren Elemente ihre Identität (ihr Wesen und ihre Existenz) von den substitutionellen und k ombinatorischen Beziehungen herleiten, die zwischen ihnen bestehen (d. h., um die Saussuresche Terminologie zu benutzen, von ihren paradigmatischen und syntagmatischen Beziehungen). Wir müssen hier k eine ausführliche Darstellung des Struk turalismus in der Linguistik liefern (vgl. Lyons 1980: 242—261; 1983 b: 198—207). Es möge hier die Feststellung genügen, daß der struk turelle Standpunk t in der Semantik erst später eingenommen wurde als in anderen Zweigen der theoretischen und desk riptiven Linguistik wie etwa der Phonologie, daß aber sein Einfluß in einem großen Teil der interessantesten Arbeiten zur Semantik der letzten fünfzig Jahre sichtbar ist. Was die zeitgenössische Forschung zur Semantik betrifft, so ist ein guter Teil davon de facto sowohl nach Methode als auch Geist
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stru k turalistisch, obwohl die betreffenden Forscher vielleicht manchmal erstaunt wären, so charak terisiert zu werden. Zum Beispiel hat die lexik alische Komposition, wie sie von Katz & Fodor (1963) und ihren Anhängern innerhalb des Rahmens der Chomsk yschen Grammatik prak tiziert wurde oder wie sie von Dowty (1979) auf der Grundlage der Montague-Grammatik betrieben wurde, in den USA ihre historischen Vorläufer in den Schriften von Gelehrten wie Goodenough (1956) oder Lounsbury (1956) und in Europa in den Schriften von Hjelmslev (1956) oder Jak obson (1936) — um nur einige der herausragendsten und einflußreichsten zu nennen. Es ist bedauerlich, daß die europäischen Arbeiten zur Komponentenanalyse — die theoretischen wie die desk riptiven — Katz & Fodor (1963) weitgehend unbek annt waren, als sie als letztes Ziel der generativen Grammatik die Konstruk tion einer „integrierten Theorie der linguistischen Beschreibung“ (vgl. Katz & Postal 1964) ansetzten. Zumindest hätte diese Literatur die generativistischen Proponenten der lexi k alischen De k omposition in der Form, in der sie ab Mitte der sechziger Jahre bis zur Mitte der siebziger Jahre oder sogar noch später vorgeschlagen wurde, von Anbeginn an — und nicht erst etwa ein Jahrzehnt später — auf mehrere offensichtliche Einwände gegen die zugrundeliegenden Annahmen, auf denen sie beruht, sowie auf ihre empirischen Inadäquatheiten aufmerk sam gemacht (vgl. Lyons 1965: 123—5; 1971: 484—492). Heutzutage ist weitgehend anerk annt, daß die k omponentielle Analyse der lexik alischen Bedeutung und erst recht der grammatischen Bedeutung zu unüberwindlichen Schwierigk eiten sowohl theoretischer wie desk riptiver Art führt, wenn sie mit einer oder mehreren der folgenden Annahmen verknüpft ist: (i) daß die letzten Komponenten der Bedeutung unversell sind (d. h. sowohl sprachwie kulturunabhängig); (ii) daß die Bedeutung eines jeden beliebigen Wortes irgendeiner Sprache ausschließlich und präzise als mengentheoretische Funk tion seiner letzten Komponenten dargestellt werde kann; (iii) daß die k omponentielle Analyse der Bedeutung eines Wortes eine intensionale Definition der Klasse der Entitäten liefert, die unter seine Extension fallen. Jede dieser Annahmen war seit langem verdächtig, und besonders (iii) ist in jüngster Zeit
I. Allgemeine Grundlagen
auf sehr originelle Weise von Philosophen wie Putnam (1975) auf der einen und Psychologen wie Rosch (1974, 1976) auf der anderen Seite angegriffen worden. Sie haben mit stark en Argumenten überzeugend nachgewiesen, daß die Wörter für sogenannte natürliche Arten wie Tiger oder Zitrone eher über ihre prototypische Bedeutung als über eine Reihe von notwendigen und hinreichenden Bedingungen, die ihre Extension definieren, verstanden werden (vgl. Lyons 1981 a: 69—71). Ihre Argumente k önnen für den Großteil des Vok abulars verallgemeinert werden. Nicht alle struk turellen Semantik er sind Vertreter der Komponentenanalyse gewesen. Insbesondere scheint k einer von den Entdek k ern des Wortfeldbegriffes — Ipsen (1924), Jolles (1934), Porzig (1934), Trier (1934) — die Möglichk eit ins Auge gefaßt zu haben, die Struk tur solcher Felder k omponentiell zu beschreiben. Es blieb ihren Nachfolgern vorbehalten, die Theorie in dieser Richtung zu entwick eln (vgl. Coseriu & Geck eler 1974; Lehrer 1974). Den Feldtheoretik ern ging es mehr darum, den allgemeinen struk turalistischen Grundsatz zu betonen, daß die Bedeutung eines Wortes das Produk t seiner Beziehungen zu den Nachbarwörtern desselben Feldes ist: daß z. B. die Bedeutung von Stuhl das Produk t seiner Relationen zu solchen anderen Wörtern wie Sessel , Hocker, Möbel , Sofa, Couch, Bank usw. ist und nur mithilfe dieser Relationen analysiert oder beschrieben werden kann. In den k lassischen Formulierungen der Wortfeldtheorie gibt es vieles, was zurecht k ritisiert werden k ann: ihr Vertrauen auf hochgradig räumliche Metaphern; ihr exzessiver Relativismus; ihre k onzeptualistische Ontologie usw. (vgl. Lyons 1980: 261—271). Es k ann jedoch k aum bestritten werden, daß die Feldtheorie eine wesentlich anspruchvollere Konzeption der semantischen Interdependenz von Wörtern in die Linguistik eingeführt hat — eine Konzeption von der Unmöglichk eit, die Bedeutung von Wörtern individuell und in Isolation von anderen Wörtern zu definieren — als sie früheren Perioden geläufig war. Sie hat uns auch eine Fülle von detaillierten Untersuchungen verschiedener Bereiche der Vok abulare einiger der größeren europäischen Sprachen gebracht, welche die Vielfalt und den Reichtum der lexik alischen Bedeutung sowie das chimärische Wesen der allgemein angenommenen Übersetzungsäquivalenz illustrieren.
1. Bedeutungstheorien
2.6 Kontextuelle Theorien der Bedeutung Es ist sinnvoll, die kontextuellen Theorien der Bedeutung in zwei Klassen (von denen jede aufgrund verschiedener Kriterien in mehrere Unterk lassen zerfällt) zu gruppieren: (a) stark e und (b) schwache Theorien. Eine stark e k ontextuelle Theorie der Bedeutung identifiziert die Bedeutung eines Ausdruck s mit der Menge von Kontexten, in denen er vork ommt; eine schwache k ontextuelle Theorie der Bedeutung sagt dagegen, daß die Bedeutung eines Ausdruck s durch die Kontexte bestimmt wird (oder in diesen für die Beschreibung sichtbar wird), in denen er benutzt wird. Schwache k ontextuelle Theorien werden selbstverständlich noch weiter abgeschwächt — und so für den Theoretik er suk k zessive uninteressanter —, wenn die Bestimmung der Bedeutung durch den Kontext nicht als total, sondern als partiell angesehen wird. Ein weiteres anzuwendendes k lassifik atorisches Kriterium hat mit der Interpretation des Terminus Kontext zu tun. Soll er beschränk t werden auf das, was gewöhnlich, wenn auch tendenziös, „der linguistische Kontext“ genannt wird, d. h. die gesprochenen oder geschriebenen Äußerungen, die der betrachten Äußerung unmittelbar vorangehen und folgen, d. h. auf ihren Ko-Text? Oder bezieht der Terminus den sogenannten situationellen Kontext der Äußerung mit ein? Aus methodologischen Gründen ist für Linguisten der Versuch verführerisch, nur mit Ko-Text zu arbeiten, so wie sie auch versucht waren, bei der Untersuchung von solchen Phänomenen wie Anapher und Koreferenz nur mit Ko-Text zu arbeiten. Ich denk e aber, daß fairerweise gesagt werden muß, daß intensive Forschungsarbeit während der letzten zwanzig Jahre gezeigt hat, daß der einzige in der Linguistik vertretbare Kontextbegriff einer ist, der die Äußerungssituation und das wechselseitige Wissen, welche die Teilnehmer voneinander haben, miteinbezieht (vgl. Smith 1982). Es gibt eine historisch wichtige stark e k ontextuelle Kontexttheorie, die sich auf Ko-text beschränk t hat und die es wert ist, hier erwähnt zu werden. Es handelt sich um die distributionelle Theorie, die sich (etwas paradox) aus dem Versuch der Nach-Bloomfieldianer entwick elt hat, den Bezug auf semantische Erwägungen bei der Beschreibung der phonologischen und grammatischen Struk tur von Sprachen zu vermeiden (vgl. Harris 1951; 1954). Sie beruht auf dem Prinzip, daß zwei
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Ausdrück e eine umso ähnlichere Verteilung über ein repräsentatives Korpus von Daten hinweg haben, je enger ihre Bedeutungen beieinander liegen. Dies hat intuitiv einiges für sich. Darüber hinaus ist das Prinzip bis zu einem gewissen Punk t nachweislich k orrek t. Aber insofern es k orrek t ist, läßt es sich weitgehend dadurch erk lären, daß man sagt, daß die Bedeutungsnähe, sofern sie unabhängig definierbar ist, selbst der Grund für die Ähnlichk eit der Distribution ist. Ein weiteres Problem besteht darin, daß es viele verschiedene Arten von Bedeutungsnähe gibt: Synonymie, Hyponymie, Antonymie, Paronymie (verschiedener Art) usw. Es gibt aber k ein rein distributionelles Maß des semantisch wichtigen Unterschiedes zwischen diesen Arten: z. B. für die Relation, die zwischen gut und schl echt (Antonymie) und jene, die zwischen nasty und unpl easant (Paronymie oder Beinahe-Synonymie) besteht. Sobald wir damit beginnen, gewisse Kontexte als symptomatisch oder besonders normal auszuzeichnen, haben wir eine rein distributionelle Theorie der Bedeutung bereits verlassen (vgl. Hoenigswald 1960: 16). Der distributionellen Theorie jener NachBloomfieldianer — die sie auf die Semantik eher in einem programmatischen als in einem eigentlichen Sinn angewandt haben — ähnelt J. R. Firths (1957) Kollokationstheorie der lexik alischen Bedeutung (vgl. Lyons 1983 a: 220—227; Gordon 1982: 106—120). Firth selbst gab niemals eine präzise Definition von „Kollok abilität“ oder ein detailliertes Beispiel ihres Nutzens für die Textanalyse an. Ihm ging es darum, zu betonen, in welchem Maß die Kollok ation eines Wortes — seine „habituelle Assoziierung ... mit anderen bestimmten Wörtern in Sätzen“ (Robins 1971: 63) — einerseits unvorhersagbar sei aufgrund der situativen (oder referentiellen) Bedeutung und andererseits charak teristisch sei für den Stil gewisser sozialer Gruppen oder Individuen. Es blieb Firths Nachfolgern überlassen, z. B. Halliday (1966 b) und Sinclair (1966), seine Ideen über Kollok abilität detaillierter auszuführen und in der Folge mithilfe des Begriffs der Wahrscheinlichk eit des Zusammen-Vork ommens zu präzisieren. Es gibt allerdings Gründe für die Ansicht, daß eine detailliertere Entwick lung dieser Ideen lediglich dazu führt, sie in den Wirk ungsbereich der Kritik zu bringen, die ich gegen die distributionelle Bedeutungstheorie hervorgebracht habe. Es ist gesagt worden, daß Firths Begriff der k ollok ationellen Bedeutung „die Selek -
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tionsbeschränk ungen der transformationellen generativen Grammatik und die Transfermerk male von Weinreich vorwegnehmen“ (Gordon 1982: 120). Aber diese Aussage offenbart meiner Ansicht nach ein grundlegendes Mißverständnis von Firths theoretischer Position. Firth interessierte sich für die Kollok ationen eines Wortes nur deshalb, weil sie ausschließlich durch das Wort bestimmt, nicht aber aufgrund der unabhängig davon identifizierbaren Bedeutung des Wortes vorhersagbar sind. Z. B. würde die Tatsache, daß schwanger zusammen mit Mädchen oder Frau und nicht (oder seltener) zusammen mit Junge oder Mann vork ommt, Firth weniger interessieren als die Tatsache — um eines der Beispiele aus Quine (1953) zu benutzen — , daß addl ed [„faul“] in der Kollok ationsbeziehung zu egg [„Ei“], aber nur zu wenigen anderen Nomina in dieser Beziehung steht [vgl. dazu im Deutschen die Kollok ation von ranzig und Butter]. Wie Quine sagt, müssen wir uns bei der Beschreibung der Bedeutung solcher Wörter „oft mit einem hink enden partiellen Synomym plus Regieanweisungen begnügen“ (1953: 58). Wenn wir in den Arbeiten der Generativisten nach einem Äquivalent für Quines Regieanweisungen suchen, dann finden wir als nächste Parallele vielleicht die distinguishers von Katz & Fodor (1963). Aber Firths Auffassung von Bedeutung ist so verschieden von derjenigen der generativen Grammatik er (und der meisten Semantik er), daß es verfehlt wäre, eine zu enge Parallele zu ziehen. Das große Verdienst der Kollok ationstheorie besteht darin, daß sie die syntagmatischen oder k ombinatorischen Determinanten der lexik alischen Bedeutung hervorhebt. In dieser Hinsicht berührt sie sich eher mit Porzigs als mit Triers Version der Wortfeldtheorie (siehe 2.5). Der Umstand, daß Firth seine Aufmerk samk eit auf die eher idiosynk ratischen Kollok ationen eines Wortes k onzentriert und die Kollok ationstheorie als Teil einer umfassenden Kontextheorie formuliert hat, mag viele seiner Zeitgenossen befremdet haben. Er sollte uns aber nicht davon abhalten, uns seine Einsichten sowie die seiner Nachfolger — oder sogar der nach-Bloomfieldschen Distributionalisten -als Korrek tiv zu der oft exzessiven Abstrak tion und Allgemeinheit anderer Semantik er zu benutzen. Für mindestens einige Wörter scheint es so zu sein, daß ihre Bedeutung teilweise, wenn nicht gar vollständig, durch ihre Distribution definierbar ist.
I. Allgemeine Grundlagen
Was über die Kollok ationstheorie der lexik alischen Bedeutung gesagt wurde, läßt sich für jede Art von k ontextueller Bedeutungstheorie verallgemeinern. Stark e k ontextuelle Theorien k önnen aus den folgenden Gründen als inadäquat verworfen werden: die Bedeutung vieler Ausdrück e ist weitgehend, wenn nicht vollständig ohne wesentlichen Rück griff auf den Kontext definierbar; aber Gleichheit oder Verschiedenheit von Kontext k önnen nicht immer sichergestellt werden, ohne auf eine unabhängig zu definierende Gleichheit oder Verschiedenheit von Bedeutung zurück zugreifen. Schwache k ontextuelle Theorien sind sicher vertretbar, aber sie bedürfen der Ergänzung durch andere Bedeutungstheorien (Ideationstheorien, Referenztheorien, Verhaltenstheorien, stru k turelle Theorien oder Wahrheitsbedingungen-Semanti k ). Umgek ehrt sind diese anderen Theorien als umfassende Bedeutungstheorien inadäquat, wenn sie die Kontextabhängigk eit etlicher Ausdrück e in den natürlichen Sprachen nicht zu behandeln gestatten. 2.7 Bedeutung und Gebrauch Eine der einflußreichsten Gestalten in der Sprachphilosophie und philosophischen Logik der ersten Hälfte des 20. Jhs war Ludwig Wittgenstein. Interessanterweise war er jedoch zwei radik al verschiedenen Konzeptionen von Struk tur und Funk tion der Sprache verbunden. Sein Fühwerk , der Tractatus Logico-Phil osophicus (1921), ist ein Meilenstein in der Entwick ung der sogenannten Wahrheitsbedingungen-Semantik (siehe 2.8). Er beruhte auf der Auffassung, daß die einzige — oder zumindest primäre Funk tion — der Sprache darin bestehe, „Sachverhalte“ in der Welt zu beschreiben, abzubilden oder darzustellen; ferner beruhte er auf der Auffassung, daß jeder ak tuale oder potentielle Sachverhalt darstellbar sei durch eine Menge von logisch unabhängigen und unanalysierbaren (atomaren) Aussagen, die zu ihm isomorph sind, oder — alternativ — durch eine zusammengesetzte Aussage, die sich in ihre atomaren Bestandteile mithilfe der wahrheitsfunk tionalen Operationen der Negation, Konjunk tion, Disjunktion usw. zerlegen läßt. In seinem späteren Werk , insbesondere in seinen Phi l osophischen Untersuchungen (1953), verwarf Wittgenstein beide gerade sk izzierten Teile seiner Auffassung von Sprache, und vertrat stattdessen die Version eines
1. Bedeutungstheorien
Zugangs zur Semantik , die ich Bedeutungals-Gebrauch-Ansatz nennen möchte. Bedeutung-als-Gebrauch-Theorien ähneln k ontextuellen Theorien und k önnen in der Tat unter diese subsumiert werden. Sie k önnen ebenfalls als stark oder schwach k lassifiziert werden, je nachdem, ob sie Bedeutung mit Gebrauch identifizieren oder ob sie lediglich sagen, daß die Bedeutung eines Ausdruck s durch seinen Gebrauch bestimmt und enthüllt wird. (Wittgenstein selbst scheint oft zwischen der stark en und schwachen Variante der Bedeutungals-Gebrauch-Theorie zu schwanken.) Wittgenstein betonte die Verschiedenheit der k ommunik ativen Funk tionen, zu denen Sprache benutzt werden k ann, und die Unmöglichk eit, eine einheitliche Bedeutungsdefinition für die vielen verschiedenen Klassen natürlichsprachlicher Ausdrück e zu geben. Eine Sprache benutzen, sagte er, sei wie das Ausführen von Spielen, deren Regeln dadurch gelernt und sichtbar werden, daß man das Spiel tatsächlich spielt. Der Muttersprachler erwerbe seine Sprachbeherrschung nicht durch das Erlernen eines einzelnen Regelsystems, welches die Struk tur seiner Sprache und die Bedeutung ihrer Ausdrück e für alle Gelegenheiten des Gebrauchs festlegt, sondern dadurch, daß er sich in eine Vielfalt von „Sprachspielen“ einläßt, deren jedes auf eine bestimmte Art von sozialem Kontext beschränk t und durch besondere soziale Konventionen geregelt ist. Die Welt zu beschreiben ist nur eine von unbestimmt vielen solcher Sprachspiele, die wir als Mitglieder der Gesellschaft, der wir angehören, lernen; und diesem Sprachspiel sollte k ein bevorzugter Status bei der Konstruk tion einer allgemeinen Theorie der Struk tur und Funk tion von natürlichen Sprachen eingeräumt werden. Jedes Sprachspiel habe seine eigene Logik (oder Grammatik ) und müsse in gleicher Weise berück sichtigt werden. Diese Einstellungen und Annahmen — die von denen des Tractatus sehr verschieden sind — steck en den Rahmen ab, vor dessen Hintergrund Wittgenstein seinen berühmten und k ontroversen Ausspruch „Don’t look for the meaning of a word, look for its use!“ machte. Wie man bemerk en wird, identifiziert dieser Ausspruch nicht Bedeutung mit Gebrauch; er ist mit einer stärk eren oder schwächeren Bedeutung-als-GebrauchTheorie verträglich. Der Terminus Gebrauch, durch den Wittgenstein den Terminus Bedeutung ersetzt hat (ohne die beiden unbedingt zu identifizieren), erlangte einen technischen — oder halbtech-
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nischen — Sinn in der Ordinary-LanguageBewegung in der Sprachphilosophie, die in den fünfziger Jahren unseres Jhs besonders an der Universität Oxford in Blüte stand. (Wittgenstein selbst wirk te in Cambridge.) Das einigende Band unter den Anhängern der Ordinary-Language Bewegung war — trotz beträchtlicher Divergenzen in Einstellungen und Überzeugungen in Bezug auf andere Aspek te — ihr Glaube, daß ein sorgfältiges Beachten der Nuancen und Feinheiten beim Gebrauch von Sprachäußerungen in den mannigfaltigen Situationen des täglichen Lebens produk tiver sei als „Systembauerei“, d. h. die Konstruk tion von eleganten, aber empirisch inadäquaten und philosophisch verdächtigen, vorschnell formalisierten allgemeinen Theorien der Bedeutung. Die Ordinary-Language Bewegung ist fast vollständig von der philosophischen Szene verschwunden. Das Gleiche gilt für den logischen Positivismus (und logischen Atomismus), der das Zentrum eines großen Teils ihrer Kritik bildete. Beide Bewegungen haben jedoch ihre Spuren in der heutigen philosophischen und linguistischen Semantik (und Pragmatik ) hinterlassen. Die erstgenannte Bewegung hat u. a. Austins (1962) höchst einflußreiche Konzeption der Sprechak te und Grices (1975) noch einflußreicherere — und letztlich vielleicht produk tivere — Konzeption der k onversationellen Maximen und Implik aturen hinterlassen (siehe die Artik el 12 und 14). Austins Theorie der Sprechak te hatte ihren Ursprung in dem, was in der Literatur der „desk riptive Trugschluß“ (Austin 1961: 71) genannt wird. Es handelt sich um die Auffassung, daß die wesentliche Funk tion der Sprache darin bestehe, die Welt zu beschreiben. (Diese Betrachtungsweise wurde, wie wir bemerk t haben, in der Theorie des logischen Atomismus von Wittgensteins Tractatus formuliert und ausgearbeitet, und sie ist — wie wir sehen werden — grundlegend für Standardversionen der Wahrheitsbedingungen-Semantik .) Austin machte darauf aufmerk sam, daß nicht nur Nicht-Aussagesätze wie Interrogative und Imperative, sondern auch viele Aussagesätze — insbesondere solche Sätze der 1.Ps.,Sing., Präs. wie Ich verspreche dir, das Gel d am Monatsende zurückzugeben oder Ich erkl äre euch zu Mann und Frau — in der Regel nicht dazu benutzt werden, um auszudrück en, daß ein bestimmter Sachverhalt besteht oder nicht besteht, sondern dazu, um eine eine bestimmte k onventionell etablierte
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und sozial geregelte Tätigk eit zu verrichten: Ihr Gebrauch ist typischerweise performativ, nicht aber konstativ. Er behauptet ferner, daß alle Äußerungen, Behauptungen eingeschlossen, diese Eigenschaft der Performativität haben und daß wahre oder falsche Behauptungen über die Welt zu machen lediglich eine der vielen Handlungen ist, die mithilfe der Sprache verrichtet werden k önnen und daß die Wahrheit oder Falschheit von Behauptungen lediglich eine von den vielen Eigenschaften ist, mit deren Hilfe sie als „geglück t“ oder „mißglück t“ bewertet werden k önnen. Austin hat nicht lange genug gelebt, um die Details seiner Theorie auszuarbeiten, deren Grundzüge er in seinem posthum veröffentlichten Werk How To Do Things With Words (1962) entwick elte. Seine Ideen sind aber von seinen Anhängern, besonders von Searle (1969), zu dem,was man heute in der Literatur im allgemeinen als Sprechakttheorie bezeichnet, ausgearbeitet worden. Ob die Sprechak theorie als Semantik oder — wie viele sagen würden — als Pragmatik zählt, hängt davon ab, wie man die Grenze zwischen Sätzen und Äußerungen auf der einen und zwischen verschiedenen Arten von Bedeutungen auf der anderen Seite zieht (alternative Interpretationen findet man z. B. in Bach & Harnish 1979; Katz 1977; siehe auch Artik el 3). Von bleibendem Wert ist Austins Generalisierung des Begriffs der illokutiven Kraft als ein Aspek t oder eine Komponente des Gebrauchs, der teilweise in der phonologischen, grammatischen und lexik alischen Struk tur verschiedener Sprachen k onventionalisiert ist (und, wie es nun einmal so ist, verschieden in verschiedenen Sprachen). Es lohnt sich, im Vorbeigehen darauf hinzuweisen, daß Austins Begriff der illok utiven Kraft reicher ist als Freges Begriff der Kraft, der in der Begriffsschrift, was Behauptungen angeht, durch einen speziellen zweiteiligen Operator „⊢“ symbolisiert wird, wobei der senk rechte Strich für den Urteilsak t steht und der waagrechte Strich für das, was spätere Forscher als Modus der Aussage bezeichnet haben. Wir werden zu diesem Punk t im Abschnitt über Wahrheitsbedingungen-Semanti k k zurüc k ehren (2.8). Grices Beitrag zur modernen Semantik (oder Pragmatik ) ist sehr verschieden von demjenigen Austins, und viele würden sagen, daß er tiefer ist. Wie Austin hat Grice erk annt, daß zur Bedeutung von natürlichsprachlichen Äußerungen mehr gehört als die Aussagen
I. Allgemeine Grundlagen
(Propositionen), welche sie ausdrück en. Während aber Austin die Bedeutung von Äußerungen in ihren propositionalen Gehalt auf der einen und in ihre nicht-propositionale illok utive Kraft auf der anderen Seite zerlegte, setzte sich Grice für die Unterscheidung zwischen expliziter und impliziter Bedeutung ein: zwischen dem, was tatsächlich gesagt wird (in der einschlägigen Bedeutung von „sagen“) und dem, was impliziert (oder, um Grices Terminologie zu benutzen) implik iert [implicated] wird. Zum Beispiel k önnte ein Sprecher mit der Äußerung von Es ist dunkel hier drinnen implik ieren, daß er es gerne hätte, wenn der Adressat das Licht anmachen würde; und vom Adressaten k önnte man erwarten, diese spezielle Implikatur zu erschließen, indem er eine oder mehrere der von Grice (1975) so genannten Gesprächsmaximen [maxims of conversation] anwendet. Auf den ersten Blick k önnte es so scheinen, als wäre das, was Grice über die Interpretation von Äußerungen sagt, k aum mehr als eine informelle CommensenseAnalyse ohne jede philosophische Tragweite. Seine Theorie ist aber von ihm und seinen Anhängern mit großem Scharfsinn weiterentwick elt worden und wird gegenwärtig auf einen beeindruck end breiten Bereich von Phänomenen angewendet (einschließlich der sogenannten indire k ten Sprecha k te durch Äußerungen wie „Kann ich Ihnen etwas zu trink en anbieten?“, die normalerweise nicht dazu verwendet werden, um zu fragen, ob der Sprecher physisch, moralisch oder sonstwie in der Lage ist, dem Adressaten einen Drink anzubieten, sondern um ihm einen anzubieten). Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang die Entwick lung einer Theorie der Kommunik ation und Kognition durch Sperber & Wilson (1986), die auf einer Generalisierung von Grices Relevanzmaxime beruht. 2.8 Wahrheitsbedingungen-Theorien der Bedeutung Die Wahrheitsbedingungen-Semantik ist gegenwärtig das dominante Paradigma der semantischen Theorie (vgl. 2.1). Aus diesem Grund ist sie in diesem Band stark vertreten, und sie wird in den folgenden Artik eln detailliert abgehandelt. Der Zweck dieses k urzen Abschnittes ist es, sie mit den anderen oben erwähnten Ansätzen in Beziehung zu setzen und die Aufmerk samk eit auf ihre allgemeinen Vor- oder Nachteile für ihre Eignung als theoretischer Hintergrund für die
1. Bedeutungstheorien
Konstruk tion einer Theorie der linguistischen Semantik (vgl. 1.3) zu richten. Die moderne Wahrheitsbedigungen-Semantik hat ihren Ursprung nicht in der Linguistik , sondern in der mathematischen Logik , ihre Gründerväter Tarsk i und Carnap waren sk eptisch bezüglich der Möglichk eit, sie auf die Beschreibung natürlicher Sprachen anzuwenden. Sie vertraten die Ansicht, daß sich natürliche Sprachen, die mit Vagheit, Ink onsistenz, Mehrdeutigk eit und Unbestimmtheit durchsetzt sind, nicht für dieselbe Art von präziser und vollständiger Analyse eignen würden wie k onstruierte Sprachen, wie z. B. die Aussagen- oder die Prädik atenlogik . Erst Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre wurde diese Ansicht ernsthaft angegriffen, und zwar besonders von Richard Montague, der eine Reihe von einschlägigen Artik eln schrieb, von denen einer den programmatischen (und provok ativen) Titel English as a formal l anguage (1970 a) trug. Montagues eigene Theorie der Semantik ist eine spezielle Version der Wahrheitsbedingungen-Semantik , die auf der modelltheoretischen Entwick lung des traditionellen Begriffs der möglichen Welt beruht, auf den wir hier nicht einzugehen brauchen (siehe Artik el 2). In diesem Zusammenhang geht es nur darum festzustellen, daß der Ansatz außerordentlich einflußreich gewesen ist, sowohl unmittelbar — insofern er eine beträchtliche Zahl von Anhängern unter Logik ern und Linguisten gefunden hat — als auch mittelbar, insofern er andere Forscher inspiriert hat, ihre eigenen, etwas unterschiedlichen Varianten einer Mögliche-Welten-Semantik zu entwick eln (z. B. Cresswell 1973, 1985), oder sie zu Alternativen zur MöglicheWelten-Semantik , wie z. B. die Situationssemantik (vgl. Barwise & Perry 1983) angeregt hat. Die folgenden Bemerk ungen sind für die Wahrheitsbedingungen-Semanti k im allgemeinen relevant. Die beiden grundlegenden Begriffe der Wahrheitsbedingungen-Semantik sind bereits eingeführt worden, als im vorhergehenden Abschnitt auf Wittgensteins Tractatus eingegangen wurde. Der erste ist die Vorstellung, daß Bedeutung etwas wie Beschreibung, Abbildung oder Darstellung ist; der zweite ist das, was man heutzutage allgemein Kompositionalität nennt. Diese Begriffe werden nun in etwas anderer Form wieder eingeführt, wobei stillschweigend späterere theoretische und terminologische Verfeinerungen berück sichtigt sind. Wir werden jedoch zuerst — ebenso wie Wittgenstein einst und viele formale Se-
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mantik er noch heute — eine Definition der Satzbedeutung benutzen, die nicht zwischen einem Satz und seinem propositionalen Gehalt unterscheidet. Die Bedeutung eines Satzes k ann nach dem früheren Wittgenstein mit seinen Wahrheitsbedingungen identifiziert werden, d. h. mit den Bedingungen, die die Welt erfüllen muß, damit der fragliche Satz als wahre Darstellung des Sachverhaltes zählt, welchen abzubilden oder zu beschreiben er bezweck t. Daraus folgt, daß zwei Sätze genau dann synonym sind (d. h. daß sie dieselbe Bedeutung haben), wenn sie dieselben Wahrheitsbedingungen haben. Neben der Synomymie k önnen andere traditionell anerk annte Begriffe der Semantik — etwa Widersprüchlich k eit, Tautologie, Analytizität und Folgerung — ebenfalls leicht auf der Grundlage von Wahrheitsbedingungen definiert werden, wie in späteren Artik eln erk lärt werden wird. Die erste Grundvorstellung, auf der die Wahrheitsbedingungen-Semantik basiert, ist also, daß es einen engen Zusammenhang zwischen Bedeutung und Wahrheit gibt. Die zweite Grundvorstellung ist, wie gesagt, der Begriff der Kompositionalität. Die Behauptung, daß die Satzbedeutung k ompositional ist, impliziert, daß die Bedeutung eines beliebigen Satzes — sei er einfach, zusammengesetzt oder k omplex — vollständig durch die Bedeutung seiner Teilausdrück e und durch die Art ihrer Verk nüpfung bestimmt ist. So formuliert, scheint die Kompositionalitätsthese nichts weiter als eine Binsenwahrheit zu sein, der jeder k lar Denk ende sofort zustimmen würde. Die Hauptstoßrichtung der Wahrheitsbedingungen-Semanti k besteht aber darin, ein Verfahren zu entwik k eln, welches jedem der unendlich vielen Sätze einer Sprache eine Bedeutung zuweist, die sowohl empirisch plausibel als auch systematisch berechenbar ist, und zwar auf der Grundlage der lexik alischen Bedeutung der Bestandteile des Satzes sowie seiner grammatischen Struk tur. Und diese Aufgabe ist k eineswegs trivial. Tatsächlich ist bis heute unk lar, ob sie überhaupt prinzipiell lösbar ist. So groß ist die Komplexität von natürlichen Sprachen, daß bisher niemand die grammatische Struk tur von mehr als einem vergleichsweise k leinen Fragment von ihnen mit der Strenge und Präzision zu beschreiben vermochte, welche die formale Semantik erheischt. Was die lexik alische Struk tur von natürlichen Sprachen betrifft, so ist diese sogar noch unvollk ommener beschrieben. Es ist
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deshalb bisher immer noch unk ar, ob es — wie Montague und seine Anhänger gesagt haben — k einen wesentlichen Unterschied zwischen natürlichen und nicht-natürlichen Sprachen gibt, was ihre Formalisierbark eit und Bestimmtheit [determinacy] betrifft. Was k ann nun zusammenfassend über die Stärk en und Schwächen der Wahrheitsbedingungen-Semantik gesagt werden? Ihre prinzipielle Stärk e liegt zweifellos in der intuitiven Plausibilität der Vorstellung, daß Bedeutung (oder zumindest ein größerer Teil von Bedeutung) eine Sache der Korrespondenz mit Entitäten, Eigenschaften und Relationen in der Außenwelt ist, ferner in der Möglichk eit, diese einfache Vorstellung mithilfe der machtvollen und wohlverstandenden Technik en der modernen mathematischen Logik zu formalisieren und zu generalisieren. Sie hat dieselbe prima facie Attrak tivität wie die Referenztheorie der Bedeutung, aber sie ist insofern allgemeiner, als sie der Unterscheidung zwischen Extension und Intension Rechnung tragen k ann und unabhängig von den k ontroversen ontologischen und erk enntnistheoretischen Annahmen formulierbar ist, die historisch mit der Referenztheorie der Bedeutung in Verbindung gebracht worden sind (vgl. 2.2). Ferner k ann k ein Zweifel darüber bestehen, daß — wie der zweite Teil dieses Bandes zeigen wird — unser Verständnis eines weiten Bereiches von Phänomenen beträchtlich durch die Versuche gewonnen hat, die in den letzten fünfzehn Jahren unternommen wurden und immer noch unternommen werden, diese Phänome erschöpfend und präzise im Rahmen der Wahrheitsbedingungen-Semantik zu beschreiben. Aber die Wahrheitsbedingungen-Semantik hat ihre inhärenten Grenzen. Nach meiner Meinung (die nicht notwendigerweise mit derjenigen der Herausgeber oder der anderen Autoren übereinstimmt) ist sie zum Scheitern verurteilt, wenn sie als eine vollständige Theorie der semantischen Struk tur von natürlichen Sprachen ausgegeben wird. Der Grund ist ganz einfach der, daß ein großer Teil der Bedeutung, die lexik alisch, syntak tisch, morphologisch oder phonologisch in den Sätzen einiger, wenn nicht aller natürlichen Sprachen, k odiert ist, nicht-propositional ist. Wie im vorhergehenden Abschnitt bemerk t wurde, ist dies schon von Frege bemerk t worden und hat seinen terminologischen und begrifflichen Niederschlag in seinem Begriff der Kraft (die er von Sinn und Bedeutung unterschied) gefunden sowie in seinem zweigeteilten Behaup-
I. Allgemeine Grundlagen
tungsstrich der Begriffsschrift. Austins Begriff der illok utiven Kraft k ann als eine Erweiterung und Generalisierung von Freges Einsicht im Hinblick auf die Äußerungsbedeutung insgesamt angesehen werden. Hier aber geht es uns um die Satzbedeutung, welche mit dem propositionalem Gehalt zu identifizieren die Wahrheitsbedingungen-Semanti k er geneigt sind. Nun ist allgemein ak zeptiert, daß nichtdek larative und nicht-indik ativische Sätze für die Wahrheitsbedingungen-Semantik problematisch sind. Auf der anderen Seite ist die Erk enntnis, daß sich die Termini deklarativ und indikativ (die oft durcheinander gebracht werden), traditionell, und zwar zurecht, auf voneinander unabhängige, variable Dimensionen der grammatischen Struk tur beziehen, nicht so weit verbreitet, wie man sich es wünschen würde. Tatsächlich spricht nichts mehr dafür, die Bedeutung eines dek larativen indik ativischen Satzes mit seinem propositionalen Gehalt zu identifizieren, als diese Identifik ation im Falle von Nicht-Dek larativen (z. B. Interrogativen) oder Nicht-Indik ativen (z. B. Imperativen) vorzunehmen. Wenn eine Sprache die Kategorie von Indik ativsätzen besitzt, dann hat sie den waagrechten Teil von Freges Strich grammatik alisiert, der von dem propositionalen Gehalt des Satzes unterschieden werden muß und als sein (logischer) Modus beschrieben werden k ann: Modus in diesem Sinne des Terminus drück t solche Eigenschaften wie Tatsächlichk eit im Gegensatz zu Hypothese, Wünschbark eit usw. aus. In Sprachen, die einen Indik ativ haben, ist der Indik ativ der Modus, der morpho-syntak tisch Tatsächlichk eit im Gegensatz zu verschiedenen Arten von Nicht-Realität grammatik alisiert. Realität und Nicht-Tatsächlichk eit auf der einen und das Eingehen oder Nicht-Eingehen einer Verpflichtung des Sprechers auf der anderen Seite k önnen nicht nur morphosyntak tisch, sondern auch lexik alisch oder phonologisch (oder auch überhaupt nicht) in den Sätzen einer bestimmten Sprache k odiert werden. Die Versuchung, dekl arativ mit indikativ zu verwechseln und die Bedeutung von dek larativ-indik ativischen Sätzen mit ihrem propositionalen Gehalt zu identifizieren, wird dadurch vergrößert, wenn nicht gar geschaffen, daß in einigen natürlichen Sprachen — einschließlich der Sprachen, die zufällig die Muttersprachen der meisten Logik er und Semantik er sind — dek larativ-indik ativische Sätze eingebettet werden k önnen, ohne syntak tisch oder morphologisch als Konstituen-
1. Bedeutungstheorien
ten k omplexerer Sätze gek ennzeichnet zu werden. Dies ist aber k eineswegs ein universaler oder auch nur ein besonders häufiger Zug quer durch die Sprachen der Welt hindurch. Die linguistische Semantik sollte aber, wenigstens prinzipiell, die Totalität der natürlichen Sprachen nachbilden. Die dreigeteilte Analyse der Satzbedeutung, die in dem vorhergehenden Paragraphen sk izziert wurde, aber aus Platzgründen nicht weiter ausgeführt werden k ann (vgl. Lyons 1983: 16.2), verdank t viel dem Werk von Hare (1960), einem ordinary-languagePhilosophen, der den Begriff Bedeutung-alsGebrauch etwas anders als Austin (vgl. 2.7) ausgewertet hat. In der Literatur zur Wahrheitsbedingungen-Semantik ist eine zweigeteilte Analyse geläufiger, welche zwischen den etwas unterschiedlichen Termini Sinn, propositional er Gehal t, deskriptiver Gehal t oder Satzradikal auf der einen und Modus (in dem erweiterten Sinn des Wortes) oder Kraft auf der anderen Seite unterscheidet (vgl. Dummett 1973; Katz 1977; Searle 1969; Stenius 1960 usw.). Die dreigeteilte Analyse ist hier deshalb erwähnt worden, weil sie einmal Aspek te von Freges Einsicht erfaßt, die durch eine zweigeteilte Analyse nicht erfaßt werden, und weil sie vor allem getreuer und direk ter den Unterschied zwischen Satztypmodus und morphosyntak tischem Modus wiedergibt, der sich in der grammatischen Struk tur vieler, wenn nicht aller Sprachen zeigt. Es ist fraglich, ob eine befriedigende Wahrheitsbedingungen-Analyse einer dieser beiden Dimensionen der semantisch relevanten grammatischen Struk tur von Sätzen gegeben werden k ann, obwohl Versuche in dieser Richtung unternommen worden sind und weiterhin unternommen werden. Es steht sicher mehr im Eink lang mit unseren unverbildeten philosophischen Intuitionen, wenn man sagt, daß sich entsprechende Dek larative und Nicht-Dek larative (z. B. es regnet und regnet es?) oder sich entsprechende Indik ative und Nicht-Indik ative (z. B. lateinisch pl uit, Indik ativ, „es regnet“ und pl uat, Konjunk tiv, „es regne“), die sich nach allgemeiner Übereinstimmung in ihrer Bedeutung unterscheiden, denselben propositionalen Gehalt haben (und, wenn sie in dem angemessenen Kontext, der ihre Referenz festlegt, geäußert werden, dieselbe Proposition ausdrück en, sei sie wahr oder falsch), sich aber in anderer Hinsicht als in ihren Wahrheitsbedingungen unterscheiden, als darauf zu insistieren, daß sie verschiedene Wahrheitsbedingungen haben. Und
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zweifellos zollt man ihrer offenen grammatischen Struk tur mehr Achtung, wenn man diesen Standpunkt vertritt (siehe Artikel 12). Über die inhärenten Grenzen der Wahrheitsbedingungen-Semantik als Theorie der linguistischen Bedeutung k önnte mehr gesagt werden, als hier möglich ist, insbesondere über ihr Versäumnis, die Subjek tivität von Äußerungen und der Art ihrer Kodierung — nicht nur als pragmatische „Implik atur“, sondern im Lexik on und der grammatischen Struk tur vieler Sprachen — die gebührende Aufmerk samk eit zu schenk en (vgl. Lyons 1982, 1984). Aber ich möchte mit einer k onstru k tiven und kö umenischen Bemer k ung schließen. In diesem Kapitel haben wir verschiedene Bedeutungstheorien betrachtet, die für gewöhnlich als Rivalinnen angesehen werden, von denen nur eine recht haben k ann. Meiner Ansicht nach ist es viel vernünftiger, sie als k omplementär anzusehen. Daß ein Teil der in natürlichen Sprachen k odierten Bedeutung die Welt (oder mögliche Welten einschließlich der wirk lichen Welt) repräsentiert oder beschreibt, k ann nicht ernsthaft in Zweifel gezogen werden. Es gibt auch Gründe für die Ansicht, daß dies die prototypischste Art von sprachlicher Bedeutung ist, da sie nicht anders als sprachlich ausgedrück t werden k ann (vgl. Lyons, 1981: § 3.1). Aber dies ist sicher nicht die einzige Art von Bedeutung, die systematisch in natürlichen Sprachen k odiert wird; und es scheint wenig sinnvoll zu sein, die Unterscheidung zwischen Semantik und Pragmatik — so wie dies viele Vertreter der Wahrheitsbedingungen-Semantik tun — nach dem Kriterium zu treffen, ob etwas auf der Basis von Wahrheitsbedingungen definierbar ist oder nicht. Wenn man schon eine desk riptiv nützliche Unterscheidung zwischen Semantik und Pragmatik treffen möchte, dann sinnvollerweise eher auf der Grundlage der Unterscheidung von Satzbedeutung und Äußerungsbedeutung, wobei anerk annt werden sollte, daß beide Arten von Bedeutung Propositionales und Nicht-Propositionales beinhalten.
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Literatur (in Kurzform)
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I. Allgemeine Grundlagen
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1956 · Gordon 1982 · Grice 1957 · Grice 1969 · Halliday 1966 b · Harris 1951 · Harris 1954 · Hjelmslev 1959 · Hoenigswald 1960 · Ipsen 1924 · Jolies 1934 · Katz 1972 · Katz 1977 · Katz/Fodor 1963 · Katz/Postal 1964 · Kempson 1977 · Kripk e 1972 · Kuhn 1962 · Lehrer 1974 · Levinson 1983 · Lewis 1970 · Lounsbury 1956 · Lyons 1965 · Lyons 1971 · Lyons 1977 (I: dt. 1980, II: dt. 1983 a) · Lyons 1981 a · Lyons 1981 b (dt. 1983 b) · Lyons 1984 · Lyons 1988 · Matthews 1981 · Montague
2.
1970 a · Morris 1938 · Morris 1938 · Morris 1946 · Ogden/Richards 1923 · Porzig 1934 · Putnam 1975 · Quine 1953 · Quine 1960 · Rosch 1974 · Rosch 1976 · Robins 1971 · Searle 1969 · Sinclair 1966 · Sk inner 1957 · Smith (ed.) 1982 · Sperber/ Wilson 1986 · Stenius 1967 · Ullmann 1957 · Watson 1924 · Wittgenstein 1921 · Wittgenstein 1953
John Lyons, Cambridge (Great Britain) (Übersetzt aus dem Englischen von Arnim von Stechow)
Basic Concepts of Semantics
1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11.
The Subject Matter of Semantic Theory Sentence Meaning Compositionality Interpretation Structural Ambiguity Wellformedness and Interpretability Semantics and Psychology Truth-Conditions and Use Possible World Semantics and Logic Bibliographical Appendix Short Bibliography
1.
The Subject Matter of Semantic Theory
I suppose that the most embarrassing difficulty in approaching the study of semantics is to try to focus on what is its subject matter. Or to put it in another way: what are we to tak e as the basic data which we expect a theory to describe? One way in which we might proceed is to ask what it is that a person who k nows a language k nows that one who doesn’t k now that language doesn’t? In particular what sort of ability is it that demonstrates that the speak er k nows the meanings of the expressions in a given language? Many linguists will say that it is the ability to mak e judgements about whether an expression is meaningful, whether two expressions mean the same, and so on. Indeed Jerrold Katz, probably the most influential semanticist within linguistics, has made the prediction of such judgements the defining goal of a semantic theory. Many philosophers, on the other hand, will say that the only proper subject matter for a theory of meaning is a description of the way in which a language is used. They will concentrate on analysing what are called speech acts — such things as activ-
ities lik e promising, asserting, questioning and so on. The desideratum would of course be to find an ability which is involved in, and underlies, both the judgements that Katz think s basic to semantics, and the activities of language using which the speech act theorists are interested in. The most promising candidate for such an ability seems to be the ability to distinguish situations in which a sentence is true from those in which it is false. For consider how to distinguish someone who does from someone who does not k now the meaning of the English sentence (1) The door is open Presumably one does not need to be an English speak er to k now the difference between a situation in which a particular door is open and a situation in which it is not. But one does need to be an English speak er to k now that (1) is a sentence which is true in situations of the former k ind and false in situations of the latter k ind. This ability is sometimes expressed by saying that the English speak er knows the following (2) “The door is open” is true iff the door is open. (2) is apt to bemuse those who first come across it, but if it is tak en as no more than a statement of the conditions under which (1) is true, it can be seen that it is not simply a tautology, but an empirical fact which would not be so if English had been different. This view of semantics embodies the truthconditional theory of meaning and to many theorists it seems a good place to begin. Some truth-conditional semanticists, notably Donald Davidson and those the follow him, tak e the axiomatic generation of sentences lik e (2)
2. Basic Concepts of Semantics
as the goal of a semantic theory. Other theorists argue that situations should themselves be part of the framework of a semantical theory. Some situations are actual, others merely possible. A complete and total situation (whether actual or merely possible, there being of course only one actual total situation) is called a possible world. Semantical theories divide according as the situations they base themselves on are worlds or less than total situations. Theories of this latter k ind are perhaps best represented, for linguistics at least, by the work of Jon Barwise and John Perry on what they call situation semantics. Situation semantics, in their sense, is, however, relatively recent and the rest of this article will be concerned with the more traditional possible-worlds semantics. Readers who want to k now more of Barwise and Perry’s work should consult chapter II in this handbook (articles 5 and 6) and the work s listed in the bibliography.
2.
Sentence Meaning
In possible-worlds semantics the meaning of a sentence is a set of possible worlds. The meaning of (1) will be the set of worlds in which the door is open. That set of worlds is quite independent of English or of any other language. Possible-worlds semantics must be refined in a number of obvious ways. For instance, in the very same world the door may be open at one time and not at another. So perhaps we should think of pairs of a world and a time. Further the door will obviously refer to different doors in different contexts of use. So we should really think of the meaning of a sentence as a function from all the relevant contextual features to a set of possible worlds. (Context dependence is dealt with in article 9.) A set of possible worlds is sometimes called a proposition. This is because there has been a tradition in philosophy that a proposition is a language-independent entity which is what a sentence expresses. (There is dispute about whether propositions are tensed or not. If you think a proposition is tensed then you will tak e it to be a set of world-time pairs rather than just a set of worlds.) A proposition a is then said to be true in a world w iff w ∈ a. (For tensed propositions a is true in w at time t iff 〈w, t〉 ∈ a.) A sentence may be said (derivatively) to be true in w iff the proposition which is its meaning is true in w.
25
3.
Compositionality
But it is not enough just to say that the meaning of a sentence is a set of possible worlds. For a sentence, unlik e a word, is not something whose meaning must be learnt. A sentence is something whose meaning is determined from the meanings of the words in it in conjunction with its syntactical structure. So in order to articulate a theory of possibleworlds semantics, it is necessary to say something about how the meaning of a sentence is detemined from the meanings of the words in it. Article 7 of this handbook will be concerned with particular syntactical framework s on which truth-conditional semantics may be based. At present some rather simple illustrations will have to suffice. Suppose that we have a language whose words contain names and one-pl ace predicates. That is to say we are to consider sentences like (3) Lionel sleeps From what was said above we are to assume that the meaning of (3) is the set of all pairs 〈w, t〉, where w is a possible world and t a moment of time, and Lionel is asleep at time t in world w. In this language sl eeps is a single word, though in natural language a verb is probably a rather semantically complex entity. The simplest view of the meaning of a name in truth conditional semantics is that it is the thing it names. The name Lionel names the person Lionel. So one can say that the semantic value or meaning of the name Lionel is the person it names. The semantic value of sl eeps then falls into place. For sl eeps may be seen as what Arthur Prior once called a ‘sentence with a hole in it’. When the hole is filled with the word Lionel we get (3). When the hole is filled with Josephine we get (4) Josephine sleeps The meaning of sleeps can be seen as a proposition with a hole in it, or in other words a function which associates with each person (or more generally with each thing of which it mak es sense to suppose that it might be asleep) the set of world-time pairs at which that person is asleep. In general then the meaning of a name will be a thing and the meaning of a one-place predicate will be a function from things to sets of worlds (worldtime pairs). A function of this latter k ind can be called a property. A thing a has the property ω in a world w iff w ∈ ω(a). The extension of the
I. Allgemeine Grundlagen
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property ω in a world w is simply the set of those b such that w ∈ ω(b). The property itself is sometimes called an intension. An intension may be thought of as something which, in conjunction with a possible world, determines an extension. The language so far has had only one-place predicates. It could be extended by two, three or in general n-place predicates. Transitive verbs lik e kicks or l oves might be examples of two-place predicates, and verbs lik e gives examples of three-place predicates. It is doubtful whether there are any single words in a natural language which are more than three-place predicates. An n-place predicate has as its meaning what may be called an n-place property. This will be a function ω such that for n-tuples 〈a1, ..., an〉 of things ω (a1, ..., an) will be a set of world-time pairs. For any world w the extension of the property ω at w will be the set of n-tuples 〈a1, ..., an〉 such that w ∈ ω(a1, ..., an). The extension of an n-place predicate is, in other words, an nplace relation, in the sense in which a relation is just a set of n-tuples. The rules of combination can then be stated in a quite general fashion: If we have a sentence of the form αβ in which α is a name and β is a predicate then, where the meaning of α is the thing a and the meaning of β is the function ω, then the meaning of αβ is ω(a), that is to say it is the value (i. e. the output) that the function ω tak es when its argument (i. e. the input) is the thing a.
4.
Interpretation
The meanings of words are not work ed out but simply given. And we must remember one important aspect of language, that is that it is conventional. That is to say, although a given word may happen to have the meaning it does, it need not have it. Suppose that the name α in fact names a thing a, as in fact Lionel names Lionel. It could well have been the case that α had named some quite different thing. In other words, there is no instrinsic connection between α and what it names, the connection has to be imposed. What effects the imposition is a value assignment to the words in the language. Such an assignment is itself a function which associates with each word in the language a meaning of the appropriate k ind. We write V(α) = a to mean that assignment V gives to word α the meaning a. A different meaning for α would be
reflected by a different assignment. So where V and V′ are two assignments it could be that V(α) = a while V′(α) = b where b is something different from a. Among the many different theoretically possible value assignments there will be one which corresponds to the meanings that the words have in the natural language being studied. Of course words in a natural language are often used without precise meanings or in a long-literal way. A semantic theory will have to come to terms with this in one way or another. Such matters are discussed elsewhere in this handbook. In the name-and-predicate language described above, a function V will assign to each name a thing and to each predicate a function from things to sets of world-time pairs. The rule for obtaining the meanings of sentences as described above then says that if V(α) = a and V(β) = ω, then V(αβ) = ω(a). Alternatively one can simply say (5) V(αβ) = V(β) (V(α)) One reason why semantics should work this way is because there are too many sentences for their meanings to be learnt separately. The number of words in a language will be finite and in fact comparatively small. Small, that is, in comparison with the number of sentences — which in theory can be infinite, and even in practice will be far too large to learn piecemeal. The name-and-predicate language described so far does not have infinitely many sentences unless it has infinitely many words, but it is not difficult to describe a very small extension to it which does. Assume a nameand-predicate language with only a finite number of names and predicates. Now add one new word, not. The word not is such that when it is put immediately after a sentence it forms another sentence. Thus not only is (3) a sentence but so is (6) Lionel sleeps not (Putting the not at the end of the sentence gives something which is a little more lik e English. If we were to follow the practice followed in most of the languages of formal logic it would come at the beginning of the sentence. Nothing turns on this.) Extending the language in this way has the consequence that even with only one name a and only one predicate β the language has infinitely many sentences; to be precise the (infinite) sequence: (7) αβ, αβnot, αnot not, ... etc.
2. Basic Concepts of Semantics
The semantics of not is easy. Since not added to a sentence forms another sentence, its meaning would be a function which tak es a proposition (set of world-time pairs) as argument and gives another proposition as value. In fact we can even say just what function it is. If V is the value assignment which gives not the meaning it has in English then V(not) will be the function ω such that where a is a set of world-time pairs so is ω(a), and further any pair 〈w, t〉 is in ω(a) just in case it is not in a. (Put another way, ω(a) is the set-theoretical complement of a in the set of all world-time pairs.) Where γ is any sentence (which may itself of course include a number nots) then (8) V(γnot) = ω(V(γ)) which is to say that 〈w, t〉 ∈ V(γnot) iff 〈w, t〉 ∉ V(γ). Surely a consumation devoutly to be wished. In this particular case two occurrences of not bring us back to our original proposition. Suppose y is a sentence. Then γ and γnot express two different propositions. But γ followed by an even number of nots expresses the same proposition as γ, and γ followed by an odd number of nots expresses the same proposition as γnot. This fact enables us to mak e an important observation. For in a sentence followed by a large number of nots a speak er may have lost count of whether it is odd or even, and so not k now the truth conditions of the sentence. Such a possibility should not lead us to suppose that the speak er does not k now the language. Rather the truth conditions for every sentence are not something that every speak er actually k nows, rather they are logical consequences of what a speak er k nows. (This point has been stressed by Barbara Partee.) The problem of how to give an account of what sort of k nowledge this is is actually a crucial one in semantics. It is link ed with the problem of propositional attitudes and is dealt with elsewhere in this handbook (see article 34).
5.
Structural Ambiguity
A language capable of semantic treatment in the way just described has to be one in which there is no structural (or even lexical) ambiguity. So it cannot be identified with the surface structures of a natural language. Consider an example. It is often maintained (though it is disputed too) that the sentence (9) Everyone loves someone
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can be interpreted either to allow it to be a different someone in each case (say everyone loves the person to their left) or can be interpreted so that it means the same as (10) There is someone everyone loves which requires an object of universal admiration. In first-order predicate logic these two interpretations would be represented by two different formulae (11) (everyone x) ((someone y) (x loves y)) (12) (someone y) ((everyone x) (x loves y)) It would be on (11) and (12) that the value assignments would operate, not on (10). The relation between (10) and (11)/(12), and a more explicit description of what the underlying language would be lik e are beyond the scope of this section.
6.
Wellformedness and Interpretability
Another feature that this k ind of semantics has is that it allows for a distinction between grammatical well-formedness and semantic interpretability. Take the sentence (13) Saturday sleeps Suppose that Saturday is a name whose semantic value is the appropriate day of the week (whatever k ind of thing that is). From this it follows that (13) is a well-formed sentence. But many semanticists would want to argue that (13) mak es no sense. If they are right then this must be because the function ω which is the meaning of sl eeps is one which does not have Saturday in its domain. (The domain of a function is just the set of things that it will accept as input.) If so then there will be no result of V(sleeps) operating on V(Saturday) and (13) will not have a semantic value.
7.
Semantics and Psychology
It should be noticed that none of the entities used in this semantical theory has psychological content. Of course the theory is to be used in explaining what we k now when we k now a language. But that is not to explain how we k now these things or what k ind of k nowledge it is. It is solely concerned to give an account of what it is that we k now. When we k now what a sentences means, it may well be true, as Jerry Fodor and others have argued, that we represent this meaning in some sort of internal code or ‘language of thought’;
I. Allgemeine Grundlagen
28
and no doubt the study of such a code is the proper province of cognitive psychology. But the existence of possible worlds semantics at least suggests that semantics may be related to psychology in much the same way that Fodor think s psychology is related to physics. If a proposition is a set of possible worlds then no doubt each person who entertains that proposition will represent it in some way, but the psychological features of the representation will be no more the concern of semantics than Fodor would think that the physical description of a psychological state need concern psychology.
8.
Truth-Conditions and Use
It is often said that a sentence like (14) I promise to pay you five dollars cannot sensibly be assessed for truth or falsity. This is usually claimed by those who think of truth or falsity as a way of evaluating assertions. For such people will (rightly) point out that an utterance of (14) is not normally used to assert or report that one is promising; it is often used actually to promise. Certainly if truth and falsity only made sense in conjunction with speech acts lik e asserting or reporting then (14) would not be a good candidate for a sentence with truth conditions. But one doesn’t have to think of truth and falsity in this way. One can say simply that (14) is true iff the speak er promises to pay the hearer five dollars, and that this is without prejudice to the question of what a person is doing who utters a sentence with those truth conditions. Indeed the fact that (14) has those truth conditions can actually give an explanation of why it can be used to mak e a promise. For what better way to mak e a promise than by uttering (in the appropriate conditions) a sentence which is true iff one promises? More difficult cases for truth conditional semantics are syntactically distinguished sentences lik e imperatives and questions. They are discussed elsewhere in the handbook (see the articles 3, 12, and 15) but a general observation is in order here. It is this: the words and phrases in all these sentences are ones which can occur with the same meanings in sentences of all types. This means that, if they have a truthconditional meaning at all, this meaning must be involved in work ing out the meaning of non-declarative sentences.
9.
Possible World Semantics and Logic
The data of semantics are often held to be judgements which relate two or more sentences, for instance that a pair of sentences are incompatible to each other or entail each other. On the truth-conditional theroy of meaning, facts of this k ind emerge as consequences. Two sentences contradict each other if there is no possible world in which they are both true. A sentence a entails a sentence β iff there is no world in which a is true but β false. Facts of this k ind are often held to be the province of formal logic, and truth-conditional semantics is often described as logically based semantics. Logic has traditionally been concerned with the validity of inferences. An inference is the passage from a collection of sentences, called the premisses of the inference, to a sentence called its conclusion. Inferences divide into those which are valid and those which are not. In a valid inference the conclusion logically follows from the premisses. Thus from (15) and (16) we may validly infer (17): (15) Jeremy is male (16) Miriam is Jeremy’s sister (17) Jeremy is Miriam’s brother An example of an invalid inference is the inference from (18) and (19) to (20): (18) Beatrice dates Algernon (19) Algernon dates Clarissa (20) Beatrice dates Clarissa In possible worlds semantics an inference is valid iff when all the sentences in the inference have their standard meanings there is no possible world in which the premisses are all true but in which the conclusion is false. The notion of validity used in formal logic is however a little different. Put in very general terms the idea is that an inference in a system of logic is valid iff every interpretation which mak es the premisses true also mak es the conclusion true. In this respect the notion of validity used in formal logic is lik e the notion of entailment in possible worlds semantics in that here too truth-preservingness is a crucial element. However there is an important difference. The notion of entailment speak s about truth-preservingness in every possible world in that interpretation in which all the words have their ordinary meaning. Validity
2. Basic Concepts of Semantics
in formal logic is defined as truth-preservingness in every interpretation. To state this precisely one must define what counts as an interpretation for the logic in question. What goes on can be illustrated by using the propositional calculus as an example. In this language there are ‘words’ which represent whole sentences. They are called propositional variables (or sometimes sentential variables) and can be written as p, q, r ... etc. Then there are ‘sentential operators’ (or functors or connectives) which are symbols to represent particles lik e and, or, not or if. If we tak e the symbol ⋀ to be a formal representation of the word and, we want to explain the validity of such principles as the passage from p ⋀ q to p. (This is not so trivial as it look s since if ⋀ were to represent or this inference would not be valid.) In classical propositional logic the propositional variables are assigned ‘truth values’ and p ⋀ q is defined to be true if p and q are both true but false otherwise. The validity of the inference of p from p ⋀ q is then automatic, in that the conclusion p can never be assigned the value false unless p ⋀ q is too; so that there is no case of the premiss p ⋀ q being true but the conclusion p being false. By contrast p ⋀ q cannot be validly inferred from p because we can have p true but p ⋀ q false. (This will be so if q is false.) Why is this different from the account of valid inference in terms of possible worlds? Well, suppose that p and q are the very same proposition. In this case the worlds in which p ⋀ q is true are just the same as the worlds in which p is true. So in this particular case p does entail p ⋀ q. But the inference is still not valid in the propositional calculus because we can re-interpret the letters p and q. The crucial difference is that validity in a system of logic strictly speak ing relates sentence forms or schemata, and a particular proposition may be an instance of many schemata. When p and q are the same proposition then p ⋀ q may be argued to have also the form p ⋀ p, and the trouble is that while the schematic form p ⋀ p does follow from p (in the sense that you can’t mak e p true without mak ing p ⋀ p true too) the schematic form p ⋀ q does not. Those who advocate analysing entailment as validity in a system of logic are aware of this problem. They would say that if p and q are the same proposition then their conjunction should be represented as p ⋀ p rather than as p ⋀ q. Only the former represents the true logical form of the proposition. However,
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even if we grant that, in some sense, there is a correct logical form for each sentence — and perhaps any semantic theory might be held to have to postulate such a level — there are still problems in tying the notion of entailment to a particular system of logic; because there are serious problems in defining what should count as the correct system of logic. An inference schema in the propositional calculus is valid iff there is no assignment of truth values to the variables which mak es the premisses true but the conclusion false. What this means is that the interpretation of the simple sentences is allowed to vary as much as we please. The interpretation of ⋀ (and the symbols which represent or, not or if) is however k ept constant. If other symbols are held constant, peculiar things can happen. Suppose that s is a simple sentence symbol. The analogy with ⋀ is as follows. If ⋀ is properly to represent and it must mak e p ⋀ q true when, but unly when, p and q are both true. Suppose then we want s to represent a sentence which is true but only contingently true, say (21) The Sahara is desert Since (21) is true, any truth-value assignment which reflects this must assign it the value true, and, since it is now a constant which is always assigned the value true, it is not hard to see that in this logic s logically follows from any sentence whatsoever. But that is to say that e. g. the inference from (22) Christmas is in December to (21) is a valid inference. What has gone wrong of course is that, since it is a contingent matter that the Sahara is desert, although the constant s is entitled to be given the value true in every interpretation, because the Sahara is desert, yet its truth is not necessary, and so does not logically follow from any arbitrary proposition. It may be that s is true in the actual world, but there will be other possible worlds in which it is false. It may be thought that no one would advocate such a silly logic. But in fact what has been advocated is that those inferences in natural language which do not fall out of some standard system of logic, say the firstorder predicate calculus, can be made valid by the addition of extra premises frequently called meaning postulates. George Lak off for instance investigates the possibility of a ‘natural logic’ to underlie natural language, and considers meaning postulates as one way of
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providing extra axioms. But if meaning postulates are to do their work then, for the same reason as in the case of (21), they must be not merely true but necessary, and we still need an analysis of what it is for a meaning postulate to be necessary. Systems of logic do not provide this, and semantic theories which do provide this, such as those based on possible worlds, render the meaning postulate approach otiose, since they are able to provide a direct account of entailment. The stock example of a meaning postulate in the literature is (23) ∀x (x is a bachelor → x is male) (23) is supposed to explain the validity of inferring (24) from (25): (24) Sebastian is male (25) Sebastian is a bachelor This is because (24) logically follows from the conjunction of (23) and (25) in first-order predicate logic. Unfortunately (23) can be paralleled by a case that is not quite so clear. Presumably it is a contingent truth that snow is white (except in Manchester). But consider what happens if we were to add as a meaning postulate (26) ∀x (x is snow → x is white) If the inference from (24) to (25) is made legitimate simply by the addition of (23) then (26) would seem to validate any inference from something’s being snow to that thing’s being white. But such an inference would not be logically valid since the whiteness of snow is merely contingent. George Lak off, in his article on natural logic (1972), compared meaning postulates with lexical decomposition and suggested that the latter is explanatory in the way in which the former is ad hoc. By decomposing bachelor into mal e and unmarried we can replace (23) as a premiss for deriving (24) by (27) Sebastian is unmarried and Sebastian is male Now (24) does indeed follow from (27) in classical propositional logic, but decomposition will only work if we have criteria for distinguishing between cases where it represents a necessary truth and cases where it is merely contingent. If we were to decompose snow into predicates which included white and frozen, in an attempt to shew the validity of the inference from (28) to (29), (28) This is snow (29) This is white
I. Allgemeine Grundlagen
then the resulting inference would indeed be valid but the decomposition would not be an accurate conceptual representation of snow. For, since it is merely contingent that snow is white, it is not legitimate to assume that whiteness is part of its meaning. One might think that meaning postulates, or lexical decomposition, could be reinstated if we chose to work in an intensional logic, say one of the modal logics, or the k ind of intensional logic that Richard Montague favoured. These logics can be given a possible worlds semantics and it is customary to define validity as truth in every possible world in every admissible interpretation. For inferences, we can say that the inference is valid, in the logic in question, iff the conclusion is true in every world in every interpretation in which the premisses are true. Meaning postulates are then required to be true in all worlds, and their role is to narrow down the class of admissible interpretations by imposing constraints on what various expressions can mean. For example, if (23) is adopted as a meaning postulate, it says that the set of worlds in which any given thing is a bachelor is a subset of the set of worlds in which that thing is male. The role of (23) is to tell us that the interpretation which best reflects English will be one in which (23) holds. In the absence of any more detailed description of the semantics of English it might perhaps be helpful to note that (23) at least is true. But it is not (23) which explains why bachelor entails mal e. bachel or entails mal e because of certain relations which hold between the sets of worlds which are assigned to various expressions in the interpretation which best reflects English. These same relations also mak e (23) true and therefore (23) accurately describes, in part, the meaning of bachel or, but does not explain why it has that meaning. The true explanation is that the word bachelor is so used in English that certain things in certain worlds count as bachelors and certain other things do not. It is sometimes said that logic is concerned with form rather than meaning. But, at least when val idity is in question, this is nonsense. E. g. in the classical propositional calculus, and any logic based upon it, we must interpret ⋀ in certain ways, and not in other ways. Similarly with →, and ∨ . These words are frequently called logical constants and are distinguished from the variables whose interpretations are not so constrained. Now possibly there is a sense in which some words are more
2. Basic Concepts of Semantics
‘logical’ than others, but even if there is, it is surely not a sense which should be important for natural language semantics. In natural language every word is a constant, or at least is so within the limits tolerated by vagueness and indeterminacy. This has the consequence that the only k ind of logical validity useful in semantics is that explained as truth in all worlds using a possible worlds semantical framework. This discussion has been addressing itself to those who accept a distinction between contingent and necessary truth. Those who agree with Quine’s view that there is no such distinction, and that the truths of logic represent no more than the last truths we would be willing to give up, will not be bothered by the foregoing argument that logic gives no analysis of necessity. So much the better for logic, they will say, and so much the worse for necessity. It is, though, important to be clear how much must be rejected if we want to tread this path. Not only must we give up the distinction between necessity and contingency, we must also give up such notions as synonymy and translation. Quine is willing to tread this path, and a significant number of philosophers have followed him. But it is a path which in the end leaves no room for any discipline of semantics. Perhaps the best reply to Quine is that no argument, however apparently persuasive, can be stronger than the fact that there is much a thing as meaning, that we can recognize synomymies and that we can and do translate from one language into another.
10. Bibliographical Appendix One of the best introductions to truth-conditional semantics in its possible worlds version is probably still Lewis (1970). Some of the points made in the present article are made at greater length in Cresswell (1978 c, 1978 d and 1982). The most elaborate formal work in this tradition has been done by those influenced by Richard Montague. Montague’s own work is collected in Montague (1974) and a book -length introduction is found in Dowty, Wall and Peters (1981) where fuller bibliographical details may be found. Dowty (1979) contains a number of interest-
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ing applications. A work not directly in the style of Montague Grammar is Cresswell (1973) though much of that has been superseded. Discussion of the connection between truth-conditional semantics and our linguistic k nowledge is found in various articles by Barbara Partee (1973 c, 1979 b and 1982). Partee has also edited a collection of articles on Montague Grammar (1976). An interesting discussion of the connection between a semantics for a language and the activity of speak ing that language is found in Lewis (1975 b). Linguists who advocated a base for semantics in formal logic include McCawley (1971 b) and Lak off (1972). Situation semantics is most fully set out in Barwise & Perry (1983). A great deal of their work is concerned with the analysis of context. Davidson’s approach to truth-conditional semantics is advocated in Davidson (1967 b) and supported in Wallace (1972). An introduction to this k ind of semantics is given in Platts (1979). Katz’ semantic views are set out in Katz (1972) and elsewhere. Theories of meaning in terms of language use have been discussed in Grice (1968), Schiffer (1972), Searle (1969) and by many other philosophers. Typically such discussions contain no formal semantic theories which could be applied to any fragment of a natural language. Fodor’s views on the connection between meanings and representation are found in Fodor (1975, 1981). Quine’s most celebrated rejection of the analytic/synthetic distinction (i. e. the distinction between truths of fact and truths of logic) is in Quine (1953 a). His doubts about translation are set out in Quine (1960).
11. Short Bibliography Barwise 1981 · Barwise/Perry 1980 · Barwise/Perry 1981 a · Barwise/Perry 1981 b · Barwise/Perry 1983 · Cresswell 1973 · Cresswell 1978 c · Cresswell 1978 d · Cresswell 1982 · Davidson 1967 b · Dowty 1979 · Fodor 1975 · Fodor 1981 · Grice 1968 · Katz 1972 · Lak off 1972 · Lewis 1970 · Lewis 1975 b · McCawley 1971 b · Montague 1974 · Partee 1973 c · Partee (ed.) 1976 · Partee 1979 b · Partee 1982 · Platts 1979 · Quine 1953 a · Quine 1960 · Schiffer 1972 · Searle 1969 · Wall/Peters/Dowty 1981 · Wallace 1972
M. J. Cresswell, Wellington (New Zealand)
I. Allgemeine Grundlagen
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3.
Bedeutung und Gebrauch
1.
Satzbedeutung, Äußerungsbedeutung und kommunikativer Sinn; verschiedene Aspekte von Bedeutung und von Gebrauch Struktur-Repräsentation versus Prozeß Methodische Eingrenzung der Domäne der Semantik Zweistufige Semantik Modularität des Sprachgebrauchs: Bedeutung und Interaktionssystem Modularität der Bedeutung: Semantik und konzeptuelles System Literatur (in Kurzform)
2. 3. 4. 5. 6. 7.
1.
Satzbedeutung, Äußerungsbedeutung und kommunikativer Sinn; verschiedene Aspekte von Bedeutung und von Gebrauch
Für jeglichen Bedeutungsbegriff ist es zentral, daß mit sprachlichen Äußerungen Information über nichtsprachliche Sachverhalte vermittelt wird. Bedeutungen sind in Gebrauchssituationen fundiert und werden in Gebrauchssituationen ak tualisiert. Daher ist es unvermeidlich, daß der intuitive Bedeutungsbegriff immer auch Gebrauchsaspek te enthält (man denk e nur an einen Begriff wie ‘usuelle Bedeutung’) und der gesunde Menschenverstand geradezu nach einer ‘Gebrauchstheorie’ der Bedeutung schreit (siehe Abschnitt 5). Aber auch in der logischen Semantik , die nach allgemeiner Auffassung den restri k tivsten oder am weitesten abstrahierten Bedeutungsbegriff entwick elt hat, spielen Gebrauchsaspek te eine wesentliche Rolle, und zwar in der von ihr herangezogenen Referenztheorie. Die Frage ist also nicht so sehr, ob Bedeutung und Gebrauch etwas miteinander zu tun haben, sondern wie die Grenzen gezogen werden und ob sich daraus ein fruchtbares Verständnis grundlegender Probleme ergibt. In einer mehr mentalistischen Perspek tive wird man ‘Bedeutung’ wahrscheinlich enger abgrenzen als z. B. in einer behavioristischen oder interaktionistischen Perspektive. Eine der weitestmöglichen ‘Bedeutungsdefinitionen’ ist von Bloomfield (1933) überliefert. Dazu betrachte man die in (1) wiedergegebene Geschichte, die aus den beiden prak tischen Situationen A und C sowie dem eingeschobenen Sprechereignis B besteht (zur Differenz gegenüber der Originalversion vgl. Wunderlich 1979).
(1) (A) Jack und Jill kommen vor die verschlossene Haustür. (B) Jill sagt: „Der Schlüssel liegt unter der Matte.“ (C) Jack bückt sich, holt den Schlüssel hervor und schließt die Haustür auf. Es ist offensichtlich so, daß es Jill mit ihrer Äußerung gelingt, die Situation A in die Situation C zu überführen: dadurch, daß die Äußerung in B relativ zur Situation A interpretiert wird, k ann der Folgezustand C erreicht werden. Für einen Behavioristen (wie es Bloomfield in manchen seiner Analysen war) besteht die Bedeutung eines sprachlichen Ausdruck s aus einem Paar von prak tischen Situationen: derjenigen, in der die Sprecherin einen Ausdruck äußert, und derjenigen, in der im Hörer eine Reak tion hervorgerufen wird (bzw. der Hörer eine Reak tion zeigt); k urz: in dem Paar von stimul us und response. Diese Abfolge der Situationen wäre bei normalem Verlauf der Ereignisse, also ohne die Äußerung nicht erfolgt; insofern ist es berechtigt, hier von einer nicht-natürlichen Bedeutung zu sprechen. (Interessanterweise ist auch der Intentionalist Grice zum Teil ein Behaviorist; vgl. dazu die Analyse in Grice (1957): Ein Sprecher S meint mit x etwas in einer nichtnatürlichen Weise genau dann, wenn S mit der Äußerung von x beabsichtigt, beim Hörer H einen Effek t zu produzieren dadurch, daß H die Absicht von S bemerkt.) Der eben genannte Bedeutungsbegriff bezieht sich auf den Gebrauch sprachlicher Ausdrück e in einer ak tualen Situation. Er ist k omplex, andererseits undifferenziert und allzusehr von spezifischen Parametern der Situation abhängig; z. B. hätte Jill noch vieles andere äußern k önnen, um Jack zu derselben Reak tion zu bewegen; und Jack hätte bei derselben Äußerung noch vieles andere tun k önnen; und bei einer anderen Gelegenheit als A hätte Jills Äußerung B auch andere Effek te als die in C gehabt. Aufgabe des Linguisten ist es, den Bedeutungsbegriff differenzierter zu analysieren (die verschiedenen Anteile, die in Jack s Reak tion eingehen, systematisch voneinander abzugrenzen), zugleich aber auch allgemeiner: nämlich sich von der spezifischen Art der Reak tion zu lösen. Die Entwick lung der Semantik theorie ist von dem Versuch geprägt, von den möglichen Effekten einer Äußerung immer weiter auf die sprachliche Grundlage dieser Effekte zurückzuschließen.
3. Bedeutung und Gebrauch
Zunächst k ann man erk ennen, daß Jills Äußerung für Jack eine Aufforderung war: dies ist der k ommunik ative Sinn, den Jack der Äußerung entnommen hat. In der gegebenen Situation A hat Jills Äußerung zunächst aber nur bedeutet, daß der Schlüssel zu der Haustür, vor der sie stehen, unter der Matte liegt, die sich bei dieser Haustür befindet: dies ist die im Kontext der Situation A vermittelte Information bzw. Äußerungsbedeutung. Und schließlich k ann diese Information nur deswegen vermittelt werden, weil der geäußerte Satz eine bestimmte Bedeutung hat (die durch die Situation A nur spezifiziert wurde). Grob gesagt, k ann man jeder Insk ription (einem ak ustischen oder graphischen ‘Vork ommen’) der Ausdruck sk ette der Schl üssel l iegt unter der Matte aufgrund des grammatischen Systems des Deutschen ein und dieselbe Satzbedeutung zugrundelegen. Sie erlaubt es, in jedem einschlägigen Kontext (z. B. so wie in A, wo Sprecherin und Hörer vor einer Haustür stehen) der Insk ription eine Ä ußerungsbedeutung zuzuschreiben. Und diese erlaubt es, zu jeder dabei denk baren Interak tionsgelegenheit (z. B. wo der Hörer Kavalier ist, der seine Freundin nach Hause begleitet) der Insk ription einen kommunikativen Sinn zu geben. (Zu einer ausführlicheren Disk ussion dieser Begriffe siehe Bierwisch 1980, ebenfalls Wunderlich 1976 mit etwas anderer Terminologie.) Die Satzbedeutung ergibt sich natürlich gemäß dem syntak tischen Aufbau des Satzes aus verschiedenen Wortbedeutungen. Die Äußerungsbedeutung wird manchmal auch als die wörtliche Bedeutung der Äußerung angesprochen (vgl. aber die etwas weitergehende Differenzierung in Bierwisch 1979, wonach es in der Äußerungsbedeutung wörtliche und nicht-wörtliche Aspekte gibt). Der hiermit angedeutete begriffliche Rahmen läßt sich z. B. durch das folgende Struk turschema aus Lang (1983) zusammenfassen (vgl. Abb. 3.1). Als erstes ist zu bemerk en, daß man das, was man jeder Insk ription einer Ausdruck sk ette zuschreiben k ann, dieser Ausdruck sk ette selbst zuschreiben k ann; man darf also von der Tatsache der Äußerung bzw. Insk ription überhaupt abstrahieren. Die Satzbedeutung ist neutral in Bezug darauf, ob ein ak ustischer oder visueller Stimulus vorliegt, ob er produziert oder wahrgenommen wird, ob er in dieser oder jener Weise verarbeitet wird. Alles dies sind leicht abgrenzbare Gebrauchsaspek te, mit denen sich die Semantik sicher
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Abb. 3.1: Faktoren des Sprechaktes (aus: Lang 1983)
nicht befassen muß. Insk riptionen werden erst relevant in Äußerungssituationen; aber auch dort sind die eben genannten Aspek te eher zweitrangig. Die abstrak te Satzbedeutung repräsentiert Identifizierungsbedingungen für einen Sachverhalt. Die Äußerungsbedeutung liefert dann eine Spezifizierung dieser Bedingungen an einem Kontext. Es k ann nun Kontexte geben, wo die Satzbedeutung nicht anwendbar ist, es somit auch k eine Äußerungsbedeutung gibt (in unserem Beispiel, wenn der Kontext nichts enthält, was auf das Vorhandensein eines Schlüssels oder einer Matte schließen läßt). Äußerungsbedeutungen sind also nicht etwas, das man willk ürlich zu einer Äußerung hinzufügen k ann; vielmehr muß man die Satzbedeutung als das Potential (die Funk tion) verstehen, die für einen Kontext eine Äußerungsbedeutung festlegt (möglicherweise aber auch keine). Der Begriff des Kontextes erfaßt hier primär Äußerungs- oder Situations k ontexte. Man k ann sich darunter aber auch sprachliche Kontexte vorstellen, deren Selek tionswirk ung auf die Äußerungsbedeutung oft ganz dieselbe ist wie die eines Situationsk ontextes. Daher ist es berechtigt, im Prinzip ganz undifferenziert von ‘Kontext’ zu sprechen. Auch Äußerungsbedeutungen lassen sich als Potential für einen möglichen k ommunik ativen Sinn betrachten: man k ann mit einer
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bestimmten Äußerungsbedeutung nicht Beliebiges meinen wollen; das, was man mit ihr meinen will, muß im Rahmen des Interak tionszusammenhangs irgendwie naheliegend und relevant sein. Jedoch ist die Systematik des Zusammenhangs von Äußerungsbedeutung und k ommunik ativem Sinn eine ganz andere (und weit k omplexere) als die des Zusammenhangs von Satz- und Äußerungsbedeutung; und die Variation dessen, was man mit einer Äußerungsbedeutung alles meinen kann, ist beträchtlich. Die Frage, an welcher Stelle eine sinnvolle Grenze zwischen Bedeutung und Gebrauch zu ziehen ist, ist schon nach dem bisher Gesagten nicht trivial; und sie wird eher noch problematischer, je mehr man in das Thema eintaucht. Die Mehrheit der Linguisten wird wahrscheinlich ganz grob der Auffassung zuneigen, daß Äußerungsbedeutungen im wesentlichen in die Domäne der Semantik (also der Bedeutungstheorie) fallen, der k ommunik ative Sinn in die Domäne der Pragmatik (der Gebrauchstheorie, unter einer Lesart von ‘Gebrauch’). Vergleicht man Sätze wie in (2) unter der k ontextuellen Voraussetzung, daß es genau einen Schlüssel und genau eine Matte gibt, so erk ennt man, daß sie alle etwas gemeinsam haben. Es geht um eine räumliche Relation zwischen diesen beiden Gegenständen bzw. um eine räumliche Lok alisierungseigenschaft des Schlüssels, k urz: um den Sachverhalt, daß der Schlüssel unter der Matte liegt. Dieser Sachverhalt k ann bestehen oder nicht. Aber ob er besteht, gehört weder zu der Satzbedeutung noch zu der Äußerungsbedeutung. (2) a. Der Schlüssel liegt unter der Matte. b. Der Schlüssel lag unter der Matte. c. Ob wohl der Schlüssel unter der Matte liegt? d. Der Schlüssel soll aber unter der Matte liegen! In Bezug auf den ausgedrück ten Sachverhalt gibt es für die Äußerungsbedeutung genau zwei Fälle: je nach der tatsächlichen Beschaffenheit der Welt gibt es den Sachverhalt in ihr oder nicht (wobei u. U. ein sehr k leiner Weltausschnitt, hier z. B. die Situation vor der Haustür genügt). In etwas anderer Formulierung: die mit der Äußerungsbedeutung gegebene Proposition (bzw. auch Information) ist entweder wahr oder falsch. Entsprechendes gilt allgemein für die Satzbedeutung in Bezug auf jeden der möglichen Kontexte. Der Satz gibt durch seine Bedeutung also Wahrheits-
I. Allgemeine Grundlagen
bedingungen (nicht Wahrheitswerte) vor — Wahrheitsbedingungen sind eine mögliche Fassung von Identifizierungsbedingungen. Dieser Effek t wird durch die Bedeutungen der Wörter und die syntak tische Konstruk tion des Satzes erreicht. Eine darauf aufbauende Bedeutungstheorie heißt Wahrheitsbedingungen-Semantik. (Die meisten Autoren des vorliegenden Handbuchs sind ihr in der einen oder anderen Variante verpflichtet.) Die Bedeutung der Sätze unter (2) ist durch die Proposition, daß der (jeweilige) Schlüssel unter der (jeweiligen) Matte liegt, noch nicht erschöpft. Die Proposition k ann auf verschiedene Zeiten bezogen, sie k ann behauptet, ihr Wahr-sein als fraglich oder wünschenswert hingestellt werden. In einem engsten Sinn von ‘Gebrauch’ macht der potentielle Sprecher der Sätze unter (2) einen (allerdings grammatisch indizierten) verschiedenen Gebrauch der Proposition. Bei dieser Lesart von ‘Gebrauch’ stellen Tempus und Modus bereits Gebrauchsaspek te dar. Diese Lesart soll hier aber nicht weiter verfolgt werden. Auch im Rahmen einer Wahrheitsbedingungen-Semantik k ann man sehr wohl formulieren, worin der Bedeutungsunterschied von (2a) und (2b) liegt, der von (2a) und (2c) usw. Dies setzt allerdings voraus, daß man den Anteil des Tempus, des Wortes ob und der Modalverben an den Wahrheitsbedingungen (oder allgemeiner: an den Erfüllungsbedingungen — siehe Abschnitt 5) spezifizieren kann. Noch in einem anderen Sinn ist die Bedeutung eines Satzes wie (2a) durch die Angabe von Wahrheitsbedingungen der üblichen Art nicht erschöpft. Man muß diesen Satz nämlich überhaupt nicht singulär-spezifisch (auf einen bestimmten Sachverhalt hin) bzw. referentiell (nämlich auf einen bestimmten Schlüssel hin) verstehen. Man k ann ihn auch generisch verstehen in dem Sinne, daß es eben allgemein für (Haustür-) Schlüssel gilt, daß sie unter einer Matte liegen. Für einen Satz wie (3a) wäre die generische Lesart wohl die präferierte, für einen Satz wie (3b) k önnte man sich auf eine Typ-Lesart einigen, für (3c) dürfte beides problematisch sein. (3) a. Der Schlüssel dient zum Türöffnen. b. Der Schlüssel wurde von den Römern erfunden. c. Der Schlüssel öffnet den Weg zum Herzen. In diesen Fällen fallen Satzbedeutung und Äußerungsbedeutung oft zusammen (wie natürlich auch in allen k ontextunabhängigen
3. Bedeutung und Gebrauch
Aussagen, z. B. Definitionen). Möglicherweise wird man sagen müssen, daß die Wahrheitsbedingungen der üblichen Art einen Effek t der Satzbedeutung darstellen für den Fall, daß der Satz spezifisch (bzw. referentiell) verstanden wird; es gibt aber noch andere mögliche Modi des Bezugs von Sätzen auf die Welt (wie den generischen oder fik tionalen Modus) — deshalb wurde oben allgemeiner von Identifizierungsbedingungen gesprochen. In diesem Abschnitt wurden bereits mehrere Varianten des Begriffs ‘Gebrauch’ angedeutet. In den folgenden Abschnitten sollen einige davon etwas systematischer dargestellt werden. Im Abschnitt 2 wird ‘Gebrauch’ als prozeduraler (psycholinguistischer) Aspe k t verstanden. Abschnitt 3 ist systematisch-rek onstruk tiv (damit gleichzeitig zum Teil auch historisch-rek onstruk tiv) angelegt; es geht um die Abgrenzung dessen, was in die Domäne der Semantik vor jeder Theorie des Gebrauchs zu fallen hat. Im Abschnitt 4 wird näher ausgeführt, daß sich die Wahrheitsbedingungen-Semantik auf eine Referenztheorie stützt, die ihrerseits bereits einen Gebrauchsaspek t darstellt. Im Abschnitt 5 wird ‘Gebrauch’ auf Interak tionshandlungen bezogen (vielleicht die naheliegendste Auffassung von ‘Gebrauch’). Im Abschnitt 6 wird die Unterscheidung von Satzbedeutung und Äußerungsbedeutung in einer anderen Form wieder aufgegriffen, und zwar unter dem Gesichtspunk t, welche Bedeutungsaspek te von der Sprache her und welche vom begrifflichen System her vorgegeben sind. Üblicherweise wird es als Aufgabe der Pragmatik verstanden, eine Theorie des Sprachgebrauchs zu entwick eln (vgl. Morris 1938). Da es verschiedene Gebrauchsaspek te gibt (prozedurale, referentielle, k onzeptuelle und interak tionale), ist von vornherein k eine homogene Domäne der Pragmatik zu erwarten. Dies wird auch deutlich von Levinson (1983) hervorgehoben, der mindestens folgende Varianten von Pragmatik unterscheidet: (P1) Pragmatik = Bedeutungstheorie minus Semantik (P2) Pragmatik = Theorie der kontextabhängigen Bedeutung sprachlicher Formen (P3) Pragmatik = Theorie der kontextspezifischen Inferenzen aus sprachlichen Formen (P4) Pragmatik = Theorie der Angemessenheitsbedingungen für Äußerungen
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(P5) Pragmatik = Theorie der Sprechakte (P6) Pragmatik = Theorie der Diskursstruktur (P1) umfaßt eigentlich alle anderen Varianten, aber ist in Form der negativen Abgrenzung eine letztlich uninteressante Fassung des Gegenstandsbereiches. Die übrigen Versionen beziehen sich auf verschiedene, aber doch zum Teil eng zusammenhängende und ineinander übergehende Aspek te. Deren jeweilige Rolle wird in den Abschnitten 4 und 5 deutlicher werden.
2.
Struktur-Repräsentation versus Prozeß
Unter psychologischem Gesichtspunk t stehen Bedeutungen einer sprachk ompetenten Person zur Verfügung, wenn sie über abrufbare mentale Repräsentationen der Bedeutungen verfügt, die sie dann prozedural (in der Produ k tion oder Wahrnehmung sprachlicher Äußerungen) einsetzen k ann. Wenn Linguisten von semantischer Kompetenz sprechen, so haben sie im allgemeinen den Aufbau von Bedeutungsrepräsentationen im Auge und nicht deren prozedurale Verwendung; sie betrachten Repräsentationen als neutral gegenüber dem prozeduralen Aspek t. Dies schließt allerdings nicht aus, daß sie psychologische Experimente berück sichtigen, sofern daraus etwas über Prinzipien beim Aufbau von Repräsentationen hervorgeht. Die Aufgabe einer Semantik theorie ist es, die systematische Zuordnung von sprachlichen Ausdrück en und Bedeutungen zu explizieren. Dazu wählt sie sich ihrerseits eine Repräsentations’sprache’ für Bedeutungen, mit der die struk turellen und z. T. auch funk tionalen Aspek te mentaler Bedeutungsrepräsentationen erfaßt werden, aber natürlich nicht deren physische Natur. (Dies steht, jedenfalls gegenwärtig, außerhalb der Reichweite jeder k ognitiv orientierten Wissenschaft.) Sofern die Semantik theorie relevante semantische Urteile (über Bedeutungsähnlichk eiten und -differenzen, semantische Beziehungen, Ambiguitäten, Anomalien, Implik ationen usw.) zu rek onstruieren vermag, k ann man ihren grundsätzlichen Realitätsgehalt (in Bezug auf semantische Kompetenz und damit auch mentale Verfügbark eit) nicht abstreiten. Im übrigen k önnen die Forschungen im Bereich der Psycholinguistik und der Künstlichen Intelligenz auch dazu dienen, mögliche Irrtümer des Linguisten zu korrigieren.
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In Erledigung ihrer Aufgaben macht die Semantik weitgehenden Gebrauch von Einsichten der Logik . Die Logik , als eine philosophische Disziplin, befaßt sich mit der Frage, inwiefern Bewußtseinsinhalte (Gedan k en, Ideen) Tatsachen und Sachverhalte der Welt darstellen; es geht ihr um das objek tive und nicht das subjek tive Bewußtsein. Da nun sprachliche Äußerungen dazu dienen, Bewußtseinsinhalte zu vermitteln, k ann man Bedeutungen (jedenfalls weitgehend) mit den Bewußtseinsinhalten identifizieren, die Gegenstand der Logik sind. Objek tives Bewußtsein ist in einer bestimmten Art von Metaphysik bzw. Ontologie verank ert, also grundsätzlichen Annahmen darüber, wie man Erk enntnisse über die Welt haben k ann. Zentral dafür (für die Logik und somit auch die Semantik ) ist der Begriff des Prädikats: Prädik ate dienen dazu, Individuen oder geordnete Paare (Tripel usw.) von Individuen, evtl. auch Eigenschaften oder Paare von Individuen und Eigenschaften, schließlich auch Situationen bis hin zu Weltzuständen zu sortieren. Daraus ergibt sich der jeweilige Aufbau der Logik . Das, was jeweils sortiert wird, k ann durch eine Variable repräsentiert werden, die über dem betreffenden Bereich rangiert. Jede Art von Sortierung stellt eine Ja/ Nein-Entscheidung dar (etwas fällt unter das Prädik at oder nicht) und somit auch eine (potentielle) Information. Es ist natürlich k lar, daß jemand, der die Sortierung beansprucht oder tatsächlich durchführt, über begriffliche Schemata oder Kriterien verfügen muß. Die Prädik ate einer Sprache müssen also k onzeptuell (perzeptiv, motorisch usw.) fundiert sein, damit die Information über ‘die Welt’ zum Tragen kommen kann. Eine semantische Standardrepräsentation für Bedeutungen ist, k onsequent in der angedeuteten philosophischen Verwandtschaft, ein Ausdruck der Prädik atenlogik oder einer passenden Erweiterung von ihr (z. B. in der Sprache des Lambda-Kalk üls, der Typenlogik oder der intensionalen Logik ), die gewisse Konstanten (als Träger der spezifischen Bedeutung) und Variablen (als Träger der synk ategorematischen oder k ontextabhängigen Eigenschaften des betreffenden Ausdruck s) enthält, möglicherweise auch Operatoren über den Variablen (wobei Lambda-Abstrak toren eine mögliche Form von Operatoren zur Repräsentatation fun k tionaler Zusammenhänge darstellen; daneben spielen Quantoren, modale Operatoren, der Definitheitsoperator usw. eine Rolle).
I. Allgemeine Grundlagen
Neben den logischen Repräsentationen gibt es Vorschläge für Bedeutungsrepräsentationen in einer weniger standardisierten Weise, meistens in der Form, daß gewisse Begriffselemente als semantische Merk male gewählt werden (innerhalb der verschiedenen Richtungen der struk turellen Semantik , eingeschlossen die Theorien von Katz, z. B. Katz & Fodor 1963 bis hin zu Katz 1972), neuerdings auch in der Form einer durch k onzeptuelle Struk turen fundierten Repräsentationssprache (wie bei Jack endoff 1983). Letztlich ist es aber wohl angemessen, auch bei diesen Autoren eine Präzisierungsmöglich k eit in Ausdrück en der (geeignet erweiterten) Prädikatenlogik zu unterstellen. Mit dem Rek urs auf die Prädik atenlogik wird die Verpflichtung zu einer realistischen Deutung eingegangen, d. h. die Prädik ate sollen Mengen einer bestimmten Sorte in der Realität repräsentieren und die Variablenbelegung soll jeweils reale Elemente dieser Sorten herausgreifen (Individuen, Eigenschaften, Sachverhalte usw.). — Diese realistische Sicht wird typischerweise durch ein Modell rek onstruiert (das aus einem Redeuniversum U — die jeweiligen Individuen enthaltend — und den möglichen Belegungen bezüglich U besteht), anhand dessen sich dann überprüfen läßt, ob die Wahrheitsbedingungen der Ausdrück e und die Relationen zwischen den Ausdrück en, wie z. B. die Implik ation, erfüllt sind. Bei der expliziten Ausformulierung solcher Modelle spricht man von modelltheoretischer Semantik. (Dabei bleibt offen, ob die Elemente von U real, z. B. durch Wahrnehmung, oder nominal, z. B. durch den Gesprächsk ontext, zur Verfügung stehen. Erfolgreich referieren k ann ein Sprecher nur im realen Kontext — vgl. dazu die Unterscheidung von attributivem und referentiellen Gebrauch in Abschnitt 4). Die Konstanten der semantischen Repräsentation (also vorwiegend Prädik atsk onstanten) müssen einem geeigneten Inventar entnommen werden, ebenfalls die möglichen Variablensorten. Man k ann hier relativ zu einer Sprache z. B. ziemlich arbiträre Konstanten annehmen, die (im Sinne der struk turellen Semanti k ) gewisse Klassifi k ationsaufgaben erfüllen. Man k ann auch Konstanten suchen, die sich in vernünftiger Weise k onzeptuell begründen lassen, d. h. auf allgemeine menschliche Wahrnehmungs- und Kognitionsleistungen beziehbar sind. Letztlich wird man aber Konstanten annehmen wollen, die sprachuniversell sind: k onzeptuell begründbar, aber
3. Bedeutung und Gebrauch
auch generell in den Sprachen verwendet werden, z. B. BELEBT, PERSON, TEIL-VON, VERTIKAL, DISTANZ, MOVE. Ein interessantes Beispiel ist das Prädik at CAUSE, das k onzeptuell als Ursache-Relation zwischen zwei Ereignissen zu verstehen ist, sprachuniversell aber eher als Relation zwischen einem Agens (als Instantiator des verursachenden Ereignisses) und einem Ereignis-Sachverhalt. Eine derartige Relation wird jedenfalls allgemein von Kausativ k onstru k tionen, quer durch alle bek annten Sprachen, ausgedrück t. Die hierbei zugrundeliegende Annahme ist, daß Form und Inhalt semantischer Repräsentationen universalgrammatisch bedingt sind (’Universalgrammatik ’ im Sinne der gattungsspezifischen genetischen Anlage). Jemand, der Ausdrück e einer ihm bek annten Sprache hört, reagiert darauf in spezifischer Weise, wobei den äußeren Reak tionen zunächst notwendigerweise mentale Reak tionen vorhergehen: er ‘versteht’ diese Ausdrück e. Man k ann annehmen, daß der Hörer k raft der sprachlichen Ausdrück e in die Lage versetzt wird, sich ein ‘Bild’ der betreffenden Sachlage zu machen; er ‘lernt’, was nach Ansicht des Äußerers der Fall ist, der Fall sein soll oder als Fall fraglich ist. Der Hörer wird also durch ‘Dek odierung’ der sprachlichen Äußerung in die Lage versetzt, sich ein eigenes ‘Modell’ der Realität aufzubauen. Bei dieser Verstehensleistung benutzt der Hörer die sprachliche Bedeutung in gewisser Weise prozedural. Er faßt sie als Anweisung auf, sein Modell so oder so einzurichten. Betrachten wir eine mögliche Äußerung der Nominalphrase in (4a) und deren vereinfachte Repräsentation in Form von (4b). (4) a. ein kleines Café gegenüber dem Bahnhof b. LOC(x, GEGENÜBER (Dy (BAHNHOFy))) & CAFÉx & KLEINx Für den Hörer ergibt sich dabei folgende Identifizierungsaufgabe: (a) ‘finde’ den Bahnhof (d. h. dasjenige y in der relevanten Situation, auf das das Prädik at BAHNHOF zutrifft); (b) ‘finde’ die GEGENÜBER-Nachbarschaftsregion zu diesem Bahnhof; (c) lok alisiere innerhalb dieser Region etwas, auf das sowohl das Prädik at CAFÉ wie auch das Prädik at KLEIN (z. B. in Bezug auf gastronomische Räumlich k eiten) zutrifft. Diese Aufgabe des Hörers ist offensichtlich aus einer Repräsentation wie in (4b) ableitbar, die nämlich die Identifizierungsbedingungen und
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deren Komposition umfaßt. Der Hörer setzt somit die prädik atenlogische Struk tur in eine Serie von Prozeduren um. — In diesem Sinne enthält auch schon der Definitheitsoperator D eine Anweisung an den Hörer: versuche, das betreffende Individuum in der von dir repräsentierten Situation (die den sprachlichen und nichtsprachlichen Kontext berück sichtigt) zu verank ern — eine Sichtweise, die z. B. im Rahmen der Situationssemantik und der Disk ursrepräsentationstheorie eine Rolle spielt. — Auch die Prädik atsk onstanten lassen sich prozedural interpretieren. BAHNHOF ist zunächst nichts anderes als die unanalysierte Abk ürzung für eine k omplexe Begriffsk onfiguration. Wenn man für BAHNHOF eine geeignete k omplexe Repräsentation in Ausdrück en primitiverer Prädik ate sucht, k ann man sich insbesondere fragen, welche Identifizierungsleistungen jemand erbringen muß, um ein Objekt als Bahnhof zu erkennen. Unter dem Aspek t des Sprachgebrauchs ergeben sich aus semantischen Repräsentationen Verstehensanweisungen an den Hörer. In psychologischen Bedeutungstheorien (z. B. Johnson-Laird 1982, vgl. auch die Kontroverse Johnson-Laird 1977, 1978 und Fodor 1978 b) wird dieser prozedurale Aspek t manchmal als der wesentliche oder primäre genommen. Falls man diesen Aspek t in geeigneter Weise standardisiert, sollte sich aber erweisen, daß er zu Resultaten führt, die mit der prädik atenlogischen Repräsentation äquivalent sind. Unter der oben angeführten universalgrammatischen Perspek tive gibt es allerdings einen gravierenden Unterschied zwischen semantischen Repräsentationen und semantischen Prozeduren. Semantische Prozeduren unterliegen generellen k ognitiven Strategien der Informationsverarbeitung, die nicht auf sprachliche Informationen beschränk t sind. Falls sich herausstellen sollte, daß es genetische Prädispositionen für die Struk tur sprachlicher Prädik ate gibt, so wäre damit eine Ebene der semantischen Repräsentation definiert, die der k onzeptuellen Verarbeitung solcher Repräsentationen vorgelagert ist (siehe Abschnitt 6).
3.
Methodische Eingrenzung der Domäne der Semantik
Die traditionelle grammatische Begriffsbildung geht von der Parallelität (wenn nicht sogar Identität) formaler (morphologischsyntak tischer) Kategorien und inhaltlicher
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Aspek te, also letztlich ontologischer Kategorien, aus. Dies wird deutlich an Bezeichnungen wie Eigenschaftswort (Wörter, die Eigenschaften denotieren) oder Tempus (morphologische Kategorien, die die Einordnung in die Zeit ausdrück en). (Noch bei Jack endoff (1983) findet sich eine derartige, nur etwas subtilere, Parallelität, z. B. zwischen den verschiedenen Fragewörtern und den angenommenen ontologischen Sorten.) Bei der Entwick lung morphologisch-syntak tischer Theorien k onnte der inhaltliche Aspek t aber mit guten Gründen ausgek lammert werden (was letztlich zur These der Autonomie von Syntax und Morphologie führte). Ebenso ist der traditionelle Bedeutungsbegriff zunächst ungeteilt, er umfaßt alle möglichen inhaltlichen Aspek te (Bedeutung und Gebrauch sind parallel oder sogar identisch). Erst bei der Entwick lung einer theoretisch orientierten Semantik ergab sich die Notwendigk eit, die inhaltlichen Aspek te differenzierter zu betrachten. Semantische Theorien werden in der Regel mit dem formalen Apparat der Prädik atenlogik (oder einer passenden Erweiterung von ihr) formuliert. Da für diese das Konzept der Bewertung relativ zu einem Modell zentral ist, muß in einem solchen Rahmen Bedeutung letztlich in Form von Wahrheitsbedingungen rek onstruiert werden k önnen. Ein Ausdruck soll aber nicht mal diese, mal jene Bedeutung aufweisen, sondern in stabiler, d. h. k ontextinvarianter Weise immer dieselbe Bedeutung haben. Daraus ergab sich ein recht prak tik ables Kriterium für die Abgrenzung derjenigen inhaltlichen Aspek te, die innerhalb der Semantiktheorie zu behandeln sind: (S1) Semantisch an der Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks ist der kontextinvariante Anteil dieses Ausdrucks an Wahrheitsbedingungen. Alle übrigen Bedeutungsaspek te des Ausdruck s wurden recht undifferenziert ‘pragmatisch’ genannt. Sie haben im weitesten Sinne mit der Verwendung des Ausdruck s zu tun, mit raumzeitlichen Eigenschaften des Kontextes, mit möglichen Sprecherannahmen, mit der Etablierung von Interak tionsbeziehungen usw. Die Bedeutung lexik alischer Einheiten reduziert sich dabei weitgehend auf eine (meist nicht weiter interessierende) Konstante eines speziellen semantischen Typs; für das wahrheitsk onditionale Verhalten des Ausdruck s ist
I. Allgemeine Grundlagen
im wesentlichen der semantische Typ einschlägig. Für eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Lexik oneinheiten ließ sich in diesem Rahmen überhaupt k eine Bedeutung rek onstruieren, dazu gehören insbesondere Gradpartik eln (wie schon, noch, nur) und Modalpartikeln (wie denn, doch, aber). Schon die Untersuchung indexikalischer (bzw. deiktischer) Ausdrücke (wie ich, hier, jetzt, das Tempus usw.) muß in wesentlicher Weise auf den Kontext einer Sprechsituation Bezug nehmen (vgl. Bar-Hillel 1954). Darum hat Montague ganz folgerichtig die erste formale Theorie indexi k alischer Ausdrüc k e „Pragmatik “ genannt (Montague 1968). Es stellte sich jedoch heraus, daß der Aufbau dieser Theorie im Prinzip von denselben formalen Mitteln Gebrauch macht wie die Theorie der k ontextinvarianten Bedeutung, also letztlich auch Wahrheitsbedingungen (relativ zu Bewertungen an einem Kontext und in einem Modell) formuliert. Somit schien es vernünftig, die Domäne semantischer Untersuchungen etwas weiter abzustecken. (S2) Semantisch an der Bedeutung eines Ausdrucks ist der Anteil, der sich modelltheoretisch rekonstruieren läßt. (S2) formuliert die inzwischen wohl am weitesten verbreitete Auffassung unter Semantik ern. Mit dieser Auffassung k onnte man nun daran gehen, den Topf „Pragmatik “ wieder zu leeren. Auf diese Weise gelang es, viele zunächst rätselhafte Aspek te der Bedeutung im Rahmen semantischer Theorien zu explizieren: z. B. die Tatsache, daß viele Ausdrück e nur dann verwendbar sind, wenn gewisse Präsuppositionen erfüllt sind (Peters 1979), oder die Tatsache, daß die Modalwörter je nach beanspruchtem Redehintergrund variable Bedeutung haben (Kratzer 1978), oder die Vagheit von Ausdrück en als Präzisierungsmöglichk eit relativ zu bestimmten Kontextdimensionen (Pinkal 1985). Diese Entwick lungen haben zum Ergebnis, daß sich ein Aspek t des Gebrauchs von Ausdrüc k en bereits semantisch repräsentieren läßt. Zentral dafür ist die Entwicklung eines formalen Kontextbegriffs. Ein Kontext enthält z. B. (a) eine Menge ausgezeichneter Individuen (wie Sprecher, Sprechzeit, Sprechort, verschiedene gestisch oder deik tisch k ennzeichenbare Objek te; möglicherweise auch Objek te, auf die sich anaphorisch beziehen läßt), (b) eine struk turierte Menge von Propositionen (die als Präsupposition, Redehintergrund o. ä. infragek ommen) und (c) eine Menge von
3. Bedeutung und Gebrauch
Prädik aten, die als Präzisierungsdimensionen verwendbar sind. (Siehe Artikel 9) Eng verbunden mit dem Begriff der Kontextabhängigk eit ist der Begriff der Kontextveränderung. Ein Ausdruck ist k ontextabhängig, wenn er sich nur relativ zu bestimmten Kontextparametern bewerten läßt. Diese Kontextparameter sind selbst jedoch nicht einfach invariant gegeben, sondern unterliegen der Veränderung durch vorhergehende Äußerungen. Wir ‘lernen’ aus einer Äußerung, was der Fall ist. Dieser Fall stellt somit für folgende Äußerungen einen passenden Kontext dar. Die durch einen Ausdruck erreichbare Kontextveränderung ist also nichts zur Bedeutung dieses Ausdruck s Zusätzliches, sondern eine Funk tion dessen Bedeutung (und zwar muß z. B. die ausgedrück te Proposition mit dem vorhandenen Kontext passend vereinigt werden, neu eingeführte Individuen müssen dem vorhandenen Redeuniversum passend hinzugefügt werden). (Siehe Artikel 10) Die Festlegung (S2) ist u. U. zu weit. Man k ann auch offensichtliche Gebrauchsaspek te der Sprache im Rahmen einer Logik sprache explizieren und dann eine modelltheoretische Bewertung vorsehen. Ein typisches Beispiel ist die Fragetheorie von Aqvist (1965) im Rahmen einer deontisch-epistemischen Logik . An dieser Theorie läßt sich gleich zweierlei zeigen: (a) man k ann natürlich auch sprachlich unbestimmt gelassene Aspek te der Referenz modelltheoretisch spezifizieren; (b) ebenso k ann man sprachlich unbestimmt gelassene Aspek te eines Sprechak tes, hier die Gelingensbedingungen für Fragen, im Prinzip auch modelltheoretisch spezifizieren. Aber daraus muß nicht folgen, daß diese Aspek te zum Gegenstand der Semantik theorie (statt Pragmatiktheorie) gehören. Aqvist analysiert die Bedeutung eines Fragesatzes wie in (5a), wenn er als Informationsfrage verwendet wird, in Form von (5b) (falls „wer alles“ gemeint ist) oder (5c) (falls „wer genau ist derjenige, der“ gemeint ist). Wenn der Fragesatz als Prüfungsfrage, didak tische oder rhetorische Frage verwendet wird, muß er jeweils andere ‘Bedeutungen’ haben. Hier wird einmal eine Spezifizierung des Bezugsbereiches für das Fragepronomen verlangt, die in wer selbst noch nicht gegeben ist; außerdem müssen die jeweiligen Sprechereinstellungen differenziert werden. Damit wird aber offensichtlich, über die Bedeutung von (5a) hinausgehend, schon der jeweilige k ommunikative Sinn einer Äußerung von (5a) erfaßt.
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(5) a. Wer dirigierte die Berliner Philharmoniker? b. ! ∀x (Dx → K(Dx)) („Es sollte der Fall sein, daß ich von allen, die die BP dirigierten, weiß, daß sie die BP dirigierten“) c. ! ∃x K(Dx & x = b) („Es sollte der Fall sein, daß ich von jemandem weiß, daß er die BP dirigierte und identisch mit b ist“) Dies war nur ein illustrierendes Beispiel dafür, daß mit einer formallogischen oder sogar modelltheoretischen Analyse durchaus mehr geleistet werden k ann, als man vernünftigerweise in die Domäne der Semantik theorie aufnehmen möchte. Man k ann offenbar vieles, was zur Äußerungssituation oder zur passenden Eingliederung von Äußerungen gehört, formal genauso behandeln wie die Bedeutung der Ausdrück e selbst. Es gibt noch viele andere Beispiele dieser Art. Auch die Vagheitsanalyse von Pink al (1985, siehe Artik el 11) ist vielleicht nicht „semantisch“ zu nennen. Ähnliches k önnte man von anderen Analysen behaupten, die unter Zuhilfenahme des Kontextbegriffs partielle Gebrauchsaspek te einbezogen haben. Der Kontext selbst ist nicht Teil der sprachlichen Bedeutung. Zur Bedeutung der Ausdrück e k önnen aber Bedingungen an den Kontext gehören von der folgenden Art: Wenn der Kontext so-und-so struk turiert ist, k ommt eine Äüßerungsbedeutung so-und-so zustande, wodurch dann der Kontext so-undso verändert wird; wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind, k ommt gar k eine Äußerungsbedeutung zustande. Dies führt uns zu der folgenden Abgrenzung der Domäne der Semantik. (S3) Semantisch an der Bedeutung eines Ausdrucks ist sein Anteil an Wahrheitsbedingungen und an Kontextbedingungen. Mit der Formulierung „Anteil an ...“ ist unterstellt, daß die Anteile der verschiedenen Ausdrück e in einem Satz geeignet k ombiniert werden k önnen. Man k önnte sich vorstellen (wie das in rein semantischen Untersuchungen ja auch vielfach geschieht), daß die Bedeutungsanteile der Wörter in einem Satz zum Schluß irgendwie zusammengesammelt werden. Dies würde den Aspek t der grammatischen Struk tur, wie er in den morphologischsyntak tischen Theorien erarbeitet wird, mehr oder weniger ignorieren. In der Sprache der Prädi k atenlogi k und ihrer Erweiterungen folgt die semantische Kombination immer
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den synta k tischen Kombinationen; diese Sprachen sind so eingerichtet, daß ihre Syntax semantisch transparent ist. Dies ist für die natürlichsprachige Syntax aber k eineswegs evident; u. a. deshalb werden natürliche Sprachen oftmals als ‘unlogisch’ betrachtet. Schon wenn man (6a) und (6b) gegenüberstellt und al l e einfach durch den Allquantor interpretiert, ist die Disk repanz deutlich: der NP alle Hunde entspricht k eine Konstituente in der semantischen Repräsentation. (6) a. Alle Hunde bellen. b. ∀x (HUNDx → BELLx) Man k ann dieses Problem aber vermeiden, indem man (6b) aus einer Repräsentation ableitet, in der die Entsprechung von al l e Hunde tatsächlich eine Konstituente bildet, und zwar ein Prädik at 2. Stufe zu dem Prädik at BELL 1. Stufe; diese Technik geht auf Montague zurück. Montague hat das Postulat aufgestellt, natürliche Sprachen einfach so wie formale Sprachen der Logik zu behandeln (z. B. Montague 1970); damit verbunden ist die Forderung auf (rekursive) Kompositionalität. (K) Die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks ist eine Funktion aus den Bedeutungen seiner Teilausdrücke. (Kompositionalitätsprinzip) Die Art dieser Funk tion ergibt sich nach Maßgabe der jeweiligen syntak tischen Regel, mit der die Teilausdrück e zusammengefügt werden. Für das Kompositionalitätsprinzip gibt es eine stark e (sog. Frege’sche) Version (die von Montague vertreten wurde) und eine schwache Version. Die stark e Version behauptet einen Homomorphismus zwischen syntak tischem Aufbau und dem Aufbau von spezifizierten Bedeutungen, während die schwache Version nicht die Bedeutungen selbst, sondern die Bedeutungsrepräsentationen (eingeschlossen evtl. Variablen) meint. Die stark e Version unterstellt letztlich eine Parallelität zwischen sprachlicher und ontologischer Struk tur, die schwache Version läßt zu, daß erst weitere, z. B. k onzeptuelle, Fak toren die Bedeutung spezifizieren (siehe Abschnitt 6). Generell ak zeptiert (und möglicherweise auch ganz trivial) ist nur die schwache Version von (K). Montagues Syntax-Konzeption muß heute aus verschiedenen Gründen als überholt gelten. Man braucht nach heutiger Auffassung auch nicht für jede Syntaxregel eine eigene semantische Funk tion anzugeben; im Idealfall
I. Allgemeine Grundlagen
(im Konzept der sog. typengesteuerten Interpretation) braucht man gar nicht die spezielle Art der syntak tischen Kombination zu berück sichtigen, sondern nur den Umstand, daß zwei Ausdrück e syntak tisch k ombiniert werden, und den jeweiligen Bedeutungstyp dieser Ausdrücke (siehe Artikel 7, Abschnitt 4.3). Wenn man sowohl (S3) wie auch (K) in Rechnung stellt, dann muß für einen k omplexen Ausdruck nicht nur sein Anteil an den Wahrheitsbedingungen aus den jeweiligen Anteilen der Teilausdrück e errechenbar sein, sondern auch sein Anteil an den Kontextbedingungen. Soweit z. B. Präsuppositionen als semantische Bedeutungsbestandteile re k onstruiert wurden, mußte man zugleich versuchen, die Präsuppositionen der k omplexen Ausdrück e daraus abzuleiten. Dies ergab das sog. Projek tionsproblem der Präsupposition, ein Problem insofern, als offenbar nicht alle Präsuppositionen im k omplexen Ausdruck bewahrt werden (vgl. besonders Karttunen 1973 und Gazdar 1979; siehe Artikel 13). Das Kompositionalitätsprinzip in (K) hat sich als eine äußerst fruchtbare methodologische Forderung erwiesen, da es dazu führte, bisherige semantische Analysen u. U. aufzugeben und durch bessere zu ersetzen. Gleichzeitig wurden allerdings auch viele Probleme entdeck t, wo zwar (S3), aber nicht (K) — in seiner stark en Version — einzuhalten war (vgl. Partee 1984 a). Bei manchen dieser Probleme (wie z. B. dem der sog. Eselssätze) war man stillschweigend überzeugt, daß es sich um genuin semantische Probleme handelt, da sie in den Kernbereich der prädik atenlogischen Explizierung fielen. Dies veranlaßte manche Semantik er, (K) nur als eine empirische Hypothese aufzufassen, die in einigen Fällen vielleicht verletzt wird. (Hierbei handelte es sich wohl immer um die stark e Lesart von (K), da nur sie einen interessanten empirischen Gehalt beanspruchen k ann.) Erst spätere Entwick lungen (siehe Abschnitte 4 und 6) erlauben eine andere Sicht der Dinge. Für die methodische Eingrenzung der Domäne der Semantik erscheint mir (K) — in der schwachen Version — unverzichtbar. Deshalb wird zunächst abschließend die folgende Formulierung vorgeschlagen. (S4) Semantisch an der Bedeutung eines Ausdrucks ist sein Anteil an Wahrheitsbedingungen und an Kontextbedingungen, soweit diese kompositional sind. Daraus ergibt sich: Falls ein Ausdruck zwar zu den Wahrheitsbedingungen oder zu den Kontextbedingungen in spezifischer Weise
3. Bedeutung und Gebrauch
beiträgt, dies sich aber gemäß sonst gut begründeter morphologisch-syntak tischer Theorien nicht k ompositional (sondern nur global) auswirk t, so handelt es sich nicht um einen semantischen, sondern um einen pragmatischen Bedeutungsanteil. Im übrigen ist es wichtig, (S4) nur als eine notwendige, nicht auch unbedingt hinreichende Bedingung zu verstehen, um den Gegenstandsbereich der Semantik abzugrenzen. Im weiteren (siehe Abschnitt 6) wird sich herausstellen, daß diese Einschränk ung uns ermöglicht, die Bedeutung sprachlicher Ausdrück e zunächst im Hinblick auf k onzeptuelle Repräsentationen zu analysieren und erst diese auf Wahrheitsbedingungen zu beziehen.
4.
Zweistufige Semantik
Die Analyse indexi k alischer (dei k tischer) Ausdrück e hat dazu geführt, eine zweistufige Interpretation anzunehmen (ungefähr in dem Sinne von „Satzbedeutung“ versus „Äußerungsbedeutung“). Unterstellt wird, daß jedem Ausdruck eine einigermaßen feste Grundbedeutung in Form einer Funk tion (Charakter oder k ontextinvariante Bedeutung) zuk ommt; so sollte ich z. B. immer dieselbe Funk tion ausdrück en, egal ob Arnim von Stechow oder Dieter Wunderlich den Ausdruck äußert: ich bezeichnet relativ zu einem Sprechereignis immer den jeweiligen Sprecher. Der Beitrag von ich zu den Wahrheitsbedingungen wird also erst deutlich, wenn man das Sprechereignis k ennt. Und ähnliches gilt für alle indexik alischen Ausdrücke. Die Interpretation von Sätzen mit indexikalischen Ausdrücken ist im folgenden Sinne zweistufig: ich esse drück t eine Funk tion aus möglichen Kontexten (mit jeweils genau einem Sprecher) in Propositionen aus; jede dieser Propositionen stellt eine Funk tion aus möglichen Welten (Modellen) in Wahrheitswerte dar (siehe Stalnak er 1970, Kaplan 1979). Während die Extension von Prädik atsausdrück en wie essen in der Regel nur in den verschiedenen Auswertungswelten variiert, variiert die Extension (der referentielle Wert) von indexik alischen Ausdrück en nur mit dem Kontext: dementsprechend drück t ich einfach eine Funk tion aus Kontexten (mit genau einem Sprecher) auf ein Individuum (nämlich diesen Sprecher) aus. (Hier und im folgenden wird auf die Intension, rek onstruiert als Funk tion möglicher Welten in Extensionen, nicht weiter eingegangen.) (Siehe Artikel 9)
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Das Entscheidende ist, daß bei Ausdrück en wie ich zwischen variablem referentiellen Wert und fester Grundbedeutung (dem Charak ter) unterschieden werden muß. In der Terminologie der Situationssemantik (vgl. Barwise & Perry 1983) läßt sich sagen, daß der Ausdruck ich in der angegebenen Weise in der Sprechsituation verankert werden muß. Man k önnte ich also semantisch als situationsbeschränk te Variable ansehen. In ähnlicher Weise repräsentiert auch der Ausdruck er eine Variable, mit dem Unterschied, daß nicht der jeweilige Sprecher, sondern ein beliebiges Individuum, das durch eine definite Singular-Mas k ulinum-NP bezeichenbar ist, als Referent infrage k ommt. Die Definitheit erfordert, daß auch hier der Referent relativ zu einem Kontext eindeutig bestimmbar sein muß; mit anderen Worten, auch er muß in jeder Situation eindeutig verank ert werden k önnen. Und ähnliches gilt für alle definiten Nominalphrasen. (Siehe hierzu und im folgenden Artikel 22) Russell (1905) analysierte den definiten Artikel (z. B. in der Mann) als Kombination von Existenz- und Einzigk eitsbehauptung; stattdessen k ann man sagen, daß es sich um eine Kontextbedingung (bzw. um eine Präsupposition) handelt: in der betreffenden Situation soll es genau ein Individuum geben, das unter das Prädik at MANN fällt; mit anderen Worten, der Mann muß in der betreffenden Situation eindeutig verankert werden können. Mithin verlangen auch alle definiten NPn eine zweistufige Interpretation: der Mann schl äft drück t eine Funk tion aus Kontexten (mit jeweils genau einem Mann) in Propositionen aus; jede dieser Proposition stellt eine Funk tion aus möglichen Welten in Wahrheitswerte dar; der Mann drück t einfach die Funk tion aus Kontexten (mit jeweils genau einem Mann) auf ein Individuum (nämlich diesen Mann) aus; und der drück t eine Funk tion aus Nominalbedeutungen in die soeben genannte Kontextfunk tion aus. (Dabei ist Kompositionalität bewahrt.) Der definite Artik el ist also ein termbildender Operator; der Mann identifiziert relativ zu einem Kontext ein bestimmtes Individuum. Die Redeweise, daß der Mann eindeutig in der betreffenden Situation verank ert werden muß, heißt, daß ein beschränk ter Kontext gefunden werden muß, in dem genau ein Mann vork ommt. (Dies beinhaltet allerdings noch nicht, daß man dann den referentiellen Wert von der Mann k ennen muß, also auch in anderen Kontexten auf den betreffenden Mann referieren k ann — siehe
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dazu unten über attributive vs. referentielle Verwendung definiter NPn.) In vielen semantischen Analysen wird der indefinite Artikel durch einen Existenzquantor repräsentiert. Dies würde dann zu einer einstufigen Interpretation führen: ein Mann schl äft drück t die Proposition ∃x (MANNx & SCHLAFx) aus, somit direk t eine Funk tion aus möglichen Welten in Wahrheitswerte. Tatsächlich ist diese Annahme ziemlich problematisch. Die indefinite NP k ann auch als Prädik atsausdruck vork ommen (z. B. in Hel ge ist ein Mann) und müßte dann eine andere Bedeutung haben (vgl. Doron 1988). Möglicherweise sollte man den Ausdruck ein Mann einfach als Eigenschaftsausdruck repräsentieren: entweder so wie in (7a) mit „λ“ als Lambdaoperator und CARD-1 als Kardinalitätsprädik at, oder so wie in (7b), wo jedes Vork ommen der freien Variablen x in allen Belegungen denselben Wert erhalten muß (vgl. Löbner 1987 b, 1990). (7) a. λx(MANNx & CARD-1x) b. MANNx & CARD-1x Wenn der Ausdruck ein Mann als Prädik atsausdruck vork ommt, so bindet der jeweilige Subjek t-Term die Variable x. Kommt der Ausdruck in referentieller bzw. Argument-Position vor, so muß die Variable beliebig belegt werden k önnen; das heißt das jeweilige Redeuniversum muß mindestens einen Mann enthalten; wegen der Kardinalitätsforderung ist es nicht zugelassen, daß das Redeuniversum gar k einen Mann enthält (in einem solchen Fall würde ein Mann k einen Wert erhalten k önnen, somit auch der Satz k einen definiten Wahrheitswert). Dadurch k ommt automatisch die Lesart mit Existenzquantor zustande. Besonders die Probleme im Zusammenhang mit den sog. Eselssätzen wie in (8a, 8b) sprechen für eine solche Behandlung des indefiniten Artik els (siehe besonders Heim 1982). Die einzig sinnvolle Lesart (8c) (vorausgesetzt, wir geben das Konditional durch eine Implik ation wieder) läßt sich k ompositional nicht ableiten, wenn man für die Bedeutung des indefiniten Artik els schon im ersten Schritt eine Existenzquantifik ation annimmt. Das Problem ist nicht nur, daß der indefinite Artik el in (8c) ja offensichtlich durch einen Allquantor ‘übersetzt’ werden muß, sondern auch, daß der Quantorensk opus über den jeweiligen Teilsatz hinausgeht. Diese Probleme lassen sich vermeiden, wenn man die indefinite NP zunächst so wie in (7)
I. Allgemeine Grundlagen
interpretiert und erst in einem zweiten Schritt eine passende (existentielle oder universelle) Bindung vornimmt (letztlich über einen ganzen Disk ursabschnitt bindet). Die Quelle der Quantifik ation liegt also primär nicht in der Bedeutung des indefiniten Artik els, wenngleich sie ohne ihn auch nicht zustandekäme. (8) a. Jeder Bauer, der einen Esel hat, schlägt ihn. b. Wenn ein Bauer einen Esel hat, schlägt er ihn. c. ∀x ∀y (MANNx & ESELy & BESITZ(x,y) → SCHLAG(x,y)) Dieser zweistufige Ansatz in der Interpretation des jeweiligen Beitrags des indefiniten Artik els wurde in der Disk ursrepräsentationstheorie weiter ausgebaut (die im wesentlichen auf Kamp (1981 a) basiert). Das Gemeinsame der besprochenen Fälle einer zweistufigen Interpretation besteht darin, die engere Bedeutung von NPn von ihrem referentiellen Wert zu trennen. Die NPn referieren noch nicht von sich aus auf bestimmte Individuen, sondern stellen nur Variablen bereit, die dann weiter zu ‘verarbeiten’ sind. Die Variablen müssen in einem bestimmten beschränk ten Kontext belegt bzw. die NPn in einer Situation verank ert werden. Damit hat die ursprünglich ganz am Vorgehen der Prädik atenlogik orientierte Sicht der Semantik eine erhebliche Umdeutung erfahren. Die semantischen Repräsentationen der sprachlichen Ausdrück e enthalten noch k einerlei Angaben über Individuenk onstanten. Die eigentliche Referenztheorie ist weniger an den sprachlichen Ausdrück en selbst festzumachen als an der Konzeptualisierung möglicher Kontexte; sie stellt somit k ein im engeren Sinne sprachliches, sondern ein k onzeptuelles Modul dar (siehe Abschnitt 6 zu dieser Unterscheidung); es wäre also gar nicht verfehlt, die Referenztheorie als eine Theorie des Gebrauchs anzusehen. Nach der hier dargestellten Sicht sind weder definite noch indefinite NPn als Quantoren anzusehen (siehe Löbner 1987 b, 1990); definite NPn sind Terme, indefinite NPn sind Prädik atsausdrück e. Dies widerspricht der von Montague (1973) eingeführten und besonders in der Theorie der Verallgemeinerten Quantoren (Barwise & Cooper 1981) vertretenen Auffassung, daß alle NPn Quantoren sind. Dies schließt allerdings nicht aus, daß es unter den NPn auch genuine Quantoren gibt; für einen Ausdruck wie jeder Mann legt das Wort jeder die Quantoreneigenschaft be-
3. Bedeutung und Gebrauch
reits lexik alisch fest. Nun ist jeder Mann kein referentieller Ausdruck ; jeder Mann bedeutet nicht „die Gesamtheit der Männer“, sondern beinhaltet die Möglichk eit, die vork ommende Variable mit jedem beliebigen Mann eines — k ontextuell evtl. eingeschränk ten — Redeuniversums zu belegen. Diese Belegung selbst ist aber, wie in Artik el 7 „Syntax und Semantik “ gezeigt wird, weder k ompositionell noch unterliegt sie dem sog. Monsterverbot. Beides sind gut motivierte Bedingungen für semantische Repräsentationen. Deshalb darf man schließen, daß die Variablenbelegung auch beim Allquantor k ein genuin sprachlich-semantisches Verfahren darstellt, sondern letztlich auch ein Verfahren zur referentiellen Bewertung, das sprachunabhängig ist, — was natürlich völlig im Eink lang mit den Auffassungen der Logik er steht. Die Probleme des Allquantors hinsichtlich Kompositionalität und Monsterverbot sind im Lichte der zweistufigen Semantik also k eineswegs überraschend, sondern eher erwartbar. Im Rahmen einer zweistufigen Interpretation erscheinen dann auch einige weitere, oft diskutierte Probleme in einem neuen Licht. (a) Eine NP wie der Einbrecher in das Uhrengeschäft k ann attributiv oder referentiell gebraucht werden (siehe Donnellan 1966 und die Rek onstruk tion im Rahmen der Situationssemantik von Barwise & Perry 1983). Die genannte NP wird attributiv gebraucht, wenn sie nur als Prädik at hinsichtlich derjenigen Person fungiert, die einziger Täter einer bestimmten Einbruchssituation ist — wer immer es ist; wenn man nicht irgendwie Zeuge dieser Situation gewesen ist, hat man k eine Möglichk eit, diese Person auch unabhängig zu identifizieren. Die NP wird referentiell gebraucht, wenn sie dazu dient, auf eine bestimmte Person wirk lich zu referieren; um darin erfolgreich zu sein, benötigt man zusätzliches Wissen zur unabhängigen Identifizierung dieser Person. Angenommen, wir k ennen Moritz, dann k ann man z. B. mit der Frage „Was ist Moritz?“ die attributive Verwendung der NP herausfordern. Angenommen, wir k ennen Moritz nicht, dann k ann man mit der Frage „Wer ist Moritz?“ eine referentielle Verwendung der NP herausfordern. Die semantische Repräsentation der NP sollte gegenüber diesen beiden Lesarten neutral sein; die Lesarten ergeben sich erst bei unterschiedlicher Ausnutzung der Identifizierungsbedingungen eines Prädik ats im Rahmen der Referenztheorie, also in gewisser Hinsicht pragmatisch. Sei Dx AGENS (EIN-
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BRECH-UG)x die semantische Repräsentation der NP mit D als Definitheitsoperator. Dann k ann D z. B. bloß die Funk tion haben, als Wert der NP den einzigen Agens einer spezifischen Situation vom Typ EINBRECHUG (’in das Uhrengeschäft einbrechen’) herauszugreifen, oder die Funk tion, mithilfe des Prädi k ats AGENS(EINBRECH-UG) im Kontext der Sprechsituation einen referentiellen Wert, also eine Person, festzulegen. (Zur semantischen Analyse des definiten Artikels vgl. Löbner 1985 a). (b) In vielen Analysen deutet man die Interpretation des Pronomens durch einen Index an. Man unterscheidet dabei zwischen einem gebundenen und einem freien Pronomen, und zwar relativ zu der Satzdomäne, in dem das Pronomen vork ommt. (Auch das freie Pronomen muß natürlich irgendwie verank ert werden.) In einem Fall wie (9a) ist das Pronomen gebunden, in (9b) ist es frei. Die semantische Repräsentation für einen Satz wie jeder hoffte, daß er gewinnt sollte demgegenüber aber neutral sein; er ist in jedem Fall durch eine Individuenvariable wiederzugeben, die definit, nach Maßgabe der Kongruenzinformation, zu belegen ist. Erst je nach Kontext, und zwar im genuinen Sinne pragmatisch, hat man sich für die eine oder die andere Lesart zu entscheiden. Der Unterschied ist im Rahmen der Referenztheorie zu bestimmen, und dies k ann interessanterweise dazu führen, daß in (9b) er auf ein fixiertes Individuum referiert, in (9a) aber nicht. (9) a. (Viele Großmeister versammelten sich zum Turnier.) Jederi hoffte, daß eri gewinnt. b. (Kasparovi mußte seinen Titel verteidigen.) Jeder hoffte, daß eri gewinnt. Die durch Indizierung festgelegte Interpretation des Pronomens ist natürlich nichtk ompositional, wie man aus den beiden Möglichk eiten in (9) leicht erk ennt. Andererseits scheint es für die satzinternen Bindungsmöglichk eiten des Pronomens rein syntak tische Beschränk ungen zu geben (siehe Artik el 23 „Pronouns“). Dies weist darauf hin, daß die satzinterne Bindung des Pronomens ein typisches ‘Schnittstellenphänomen’ ist, bei dem einerseits syntak tische Informationen, andererseits k ontextuelle Informationen verwertet werden. (c) Generische Sätze sind im allgemeinen sprachlich nicht eigens gek ennzeichnet. Sowohl definite wie auch indefinite NPn k önnen
I. Allgemeine Grundlagen
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eine generische Lesart annehmen. Parallel zu (8a,b) k ann der Satz (8d) betrachtet werden, der entweder generisch (ähnlich wie (8a,b), jedoch bezogen auf irgendeinen beliebigen Mann) oder auch spezifisch, bezogen auf einen im Kontext identifizierbaren Mann, interpretierbar ist. (8) d. Ein Bauer, der einen Esel hat, schlägt ihn. Nur in der spezifischen Lesart referiert ein Bauer auf ein Individuum; in der generischen Lesart k ann der Ausdruck durch eine beliebige Referenzinstanz belegt werden. Wiederum sollte die semantische Repräsentation von (8d) gegenüber diesem Unterschied im Referenzmodus neutral sein; erst die Referenztheorie hätte diesen Unterschied zu k lären. (Im Rahmen der modelltheoretischen Semantik k ann immer nur ein spezifischer Situationsbezug hergestellt werden; daraus rühren die Probleme bei der Analyse generischer Sätze.) (d) Bei der Äußerung eines Satzes wie (10) k ann die Hauptbetonung (der Satzak zent) z. B. auf Arnim, Seepferd oder geschlachtet liegen. Damit wird die Gesamtinformation des Satzes jeweils unterschiedlich auf Hintergrundsinformation und fokussierte Information verteilt. Der Satz drück t aber in allen Fällen die gleiche Proposition aus; allerdings ist diese Proposition jeweils unterschiedlich aufgebaut bzw. struk turiert (zum Konzept der strukturierten Proposition vgl. u. a. Lewis 1970, Cresswell & von Stechow 1982). Man k ann z. B. annehmen, daß das jeweils betonte Wort die ranghöchste Prädik ation des Satzes ausdrückt. (10) Arnim hat ein Seepferd geschlachtet. Offensichtlich tritt die jeweils fok ussierte Information in der Proposition selbst gar nicht mehr in Erscheinung; die Proposition nivelliert diese Information, sie ist semantisch ärmer als die jeweiligen Informationsverteilungen. In einer einstufigen Interpretation hätte man für (10) nur die Proposition bzw. den Wahrheitswert zur Verfügung und k önnte die gewünschte Differenzierung gar nicht treffen. Bei der zweistufigen Interpretation k önnte auf der ersten Stufe der jeweilige semantische Aufbau berück sichtigt werden; unter Hinzufügung der referentiellen Eigenschaften ergäbe sich dann die zweite Stufe, also die Sortierungsqualität des Satzes in Bezug auf die Realität. (Siehe hierzu Artikel 39 und 40)
5.
Modularität des Sprachgebrauchs: Bedeutung und Interaktionssystem
Der Bereich sprachlicher Phänomene, dem ich mich jetzt zuwenden will, hat mit den bisher erörterten Problemen relativ wenig zu tun. Es ist dieser Bereich, der Anlaß zu der sog. Gebrauchstheorie sprachlicher Bedeutung, zur Theorie der performativen Ak te und zur Sprechak ttheorie gegeben hat (siehe Artik el 12). Im Sinne der Unterscheidungen in Abschnitt 1 handelt es sich primär um Theorien, die den k ommunik ativen Sinn von Äußerungen zu explizieren suchen, womöglich unter Berück sichtigung der Form der Äußerungen. Die Gebrauchstheorie der Bedeutung (Wittgenstein 1953/67, aber auch frühe ‘Soziolinguisten’ wie Malinowsk i 1923) leugnet letztlich so etwas wie die Möglichk eit semantischer Repräsentationen; dies hängt mit ihrer behavioristischen Sichtweise zusammen. Bedeutungen sind, dieser Theorie zufolge, im Leben, in den Tätigk eitsfeldern des Menschen verank ert; sie sind an soziale Ak te gebunden; Äußerungen selbst stellen soziale Akte dar. Eine wesentliche Präzisierung hat die Vorstellung von Äußerungen als sozialem Ak t durch Alston (1963, 1964 b), Hare (1970) und vor allem Austin (1956, 1962) erfahren. Paradigmatisch für die Analysen Austins ist die Untersuchung der sog. explizit performativen Äußerungen. Mit der Äußerung von Sätzen wie in (11) macht der Sprecher normalerweise nicht nur eine Aussage, sondern er vollzieht eine Bitte, eine Frage usw. (11) a. Ich bitte dich, zu schweigen. b. Ich frage dich, ob du sie kennst. Die Möglichk eit dieses sog. performativen Modus ist an das Präsens, den assertiven Charak ter und die Art und Verteilung der Personalpronomina gebunden. Mit den Sätzen in (12) lassen sich k eine explizit performativen Äußerungen vollziehen. (12) a. Ich bat dich, zu schweigen. b. Ich bitte dich nicht, zu schweigen. c. Du bittest mich, zu schweigen. Es hat viele Versuche gegeben, den merk würdig speziellen Modus der Sätze unter (11) zu k lären. Daß der performative Modus nicht zur Satzbedeutung gehören k ann, ergibt sich schon daraus, daß selbst Sätze wie (11) auch nicht-performativ verwendbar sind, z. B. in einem Dialog wie (13).
3. Bedeutung und Gebrauch
(13) Und was machst du, wenn ich anfange, auszuplaudern? — Ich bitte dich, zu schweigen. Aus der Sicht einer Semantik theorie sollten Sätze wie (11) im Prinzip dieselbe Repräsentation wie die Sätze unter (12) erhalten. Es handelt sich um Aussagesätze; daher sollte die Auffassung von Lemmon (1962), daß es sich beim performativen Modus dem Wesen nach um selbstverifizierende Äußerungen (in anderer Terminologie: um to k enreflexive Äußerungen) handelt, am meisten Plausibilität erhalten. Angenommen, daß der über einer Proposition operierende Aussagemodus die Sprechereinstellung „Ich betrachte diese Proposition als wahr“ ausdrüc k t. Dann drück t (11a) aus, daß der Sprecher es als wahr betrachtet, daß er (ich) den Zuhörer (dich) darum bittet, zu schweigen. Nun bezieht sich das Verb bitten auf Sprechereignisse, deren Agens der jeweilige Sprecher ist; und die Default-Interpretation des Präsens bezieht das Ereignis auf die Gegenwart. Die Interpretation von Verb, Verbargumenten und Tempus — zusammen mit der Annahme von Wörtlichk eit — k ann den Hörer also schließen lassen, daß das im Satz beschriebene Ereignis mit dem Äußerungsereignis identisch ist: daß der Sprecher tut, was er sagt, indem er sagt, was er tut. (Bei den Sätzen unter (12) ist ein solcher Schluß, aufgrund der Interpretation von Präteritum, der Negation und den Verbargumenten, unter k einen Umständen möglich: das Äußerungsereignis k ann nicht vergangen sein, es k ann nicht der Zustand sein, in dem ein bestimmtes Ereignis nicht stattfindet und es k ann nicht ein Ereignis sein, dessen Agens der Hörer ist.) Die Wörtlichk eits- oder Ernsthaftigk eitsannahme ist zulässig, soweit nicht k ontextuelle Bedingungen vorliegen, die sie außer Kraft setzen (wie der hypothetische Kontext in (13)). Der scheinbar exzeptionelle Charak ter der explizit performativen Äußerungen ergibt sich also als ein ganz normaler Effek t aus den üblichen Interpretationsbedingungen für Aussagesätze und allgemeinen Auffassungen über die Ernsthaftigk eit von Kommunik ation. Man braucht sich nicht auf einen speziellen performativen Modus oder eine spezielle Konvention des Sprachgebrauchs zu berufen. Der performative Modus ist nichts als die spezielle (nämlich tok enreflexive) Verwendung des dek larativen Modus; man k ann daher in diesen Fällen auch immer den tok enreflexiven Ausdruck hiermit hinzufügen.
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Im Prinzip denselben Effek t wie mit einer Äußerung der Sätze unter (11) k ann ein Sprecher auch mit den Sätzen unter (14) zustandebringen. (14) a. Schweig! b. Kennst du sie? Austin hat solche Äußerungen ‘primär performativ’ genannt. Bei einem falschen Verständnis der Quelle von Performativität hat man versucht, in die syntak tische Repräsentation der Sätze Elemente des expliziten Performativs einzubauen (z. B. Ross 1970; Sadock 1968, 1974). Diese Auffassungen wurden allerdings bald mit guten Gründen zurück gewiesen (z. B. Grewendorf 1972, Gazdar 1979). Allenfalls läßt sich sagen, daß der jeweilige Satzmodus ähnlich wie ein explizites Performativ zu interpretieren ist (so z. B. Lewis 1972); vorteilhafter ist es allerdings, daß die Satzmodi mindestens in Ausdrück en von allgemeinen Sprechereinstellungen und nicht in Ausdrück en von Sprechhandlungen interpretiert werden (siehe unten; vgl. auch Lang 1983). In der Theorie der Sprechakte (beginnend mit Austin 1962, vor allem aber Searle 1969, Bach & Harnish 1979) wurde dann ein genereller Versuch unternommen, alle Arten von sprachlichen Äußerungen als Kommunik ationsversuche des Sprechers zu betrachten. Dies beinhaltet natürlich, daß der Sprecher einen spezifischen Effek t beim Zuhörer erreichen will. Somit stellt die Sprechak ttheorie zunächst einen genuinen Ansatz zu einer Gebrauchstheorie der Sprache dar. Und es war natürlich k lar, daß die erreichbaren Effek te nur dadurch zustandek ommen k önnen, daß der Hörer die Äußerungen interpretiert, letztlich also semantische Repräsentationen zugrundelegt. In der tatsächlichen Ausführung der Sprechak ttheorie ist dieser Gesichtspunk t allerdings weitgehend zurück getreten, teils auch deswegen, weil die semantischen Probleme (jedenfalls damals) nicht zu lösen waren. In ihrem Kern hat sich die Sprechak ttheorie (von Searle und an Searle orientierend) mit einer Fundierung der Gebrauchsbedingungen von Sprache und, darauf aufbauend, mit einer Klassifik ation der überhaupt möglichen Sprechak te befaßt. Beide Aufgaben sind aus heutiger Sicht nicht befriedigend gelöst. Wie die Untersuchungen von Meggle (1981, ank nüpfend an die Arbeiten von Grice) zeigten, ist die handlungstheoretische Fundierung von Sprechak ten wesentlich diffiziler als
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dies ursprünglich angenommen wurde. Und aus linguistischer Sicht muß die Klassifik ation der Sprechak te von Searle in wesentlichen Punk ten als verfehlt betrachtet werden (siehe Wunderlich 1976, 1979, 1986 a; Lang 1983). Die Deutung, daß mit einer Äußerung dieser oder jener k ommunik ative Sinn verbunden wird, k ann nur relativ zu allgemeinen oder institutionellen Auffassungen über Interak tion und den speziellen Bedingungen einer Intera k tionssituation erfolgen (siehe Wunderlich 1976). Bierwisch (1980) hat dies dahingehend präzisiert, daß Kenntnisse über das Interak tionssystem vorausgesetzt werden müssen (und diese Kenntnisse haben mit den sprachlichen Kenntnissen nichts zu tun, da Interak tionen auch vor- und außersprachlich erfolgen k önnen); Interak tionsk enntnisse bilden ein eigenes Modul unserer Kenntnisse, mit denen sich u. a. die Handlungstheorie befaßt. Außerdem muß jede interak tive Deutung einer Äußerung auf der Bedeutung der geäußerten Sätze aufbauen. Die Sprechak ttheorie müßte also primär von einer Analyse der verschiedenen Satztypen ausgehen, die formal durch die Kategorie des Satzmodus gek ennzeichnet sind. (14a) ist ein Imperativsatz, (14b) ein Fragesatz; neben dem Aussagesatz sind dies die sprachuniversell dominanten (formal gek ennzeichneten) Satzmodi. Die zunächst zu bearbeitenden Probleme sind also: welche Satzmodi weist eine Sprache auf? und was ist ihre Bedeutung? Für einige Logik er haben die Satzmodi, da sie oberhalb von Propositionen operieren, überhaupt nur eine Gebrauchs-’Bedeutung’, d. h. sind direk t auf bestimmte Interak tionsaspek te bezogen. Ein typisches Beispiel dafür stellen die von Stenius (1967) formulierten Gebrauchsregeln dar: (15) a. Äußere einen Satz im deklarativen Modus nur, wenn sein Satzradikal wahr ist. b. Reagiere auf einen Satz im imperativen Modus, indem du sein Satzradikal wahr machst. Ähnlich sind die Wahrhaftigk eitsk onventionen von Lewis (1969) einzuschätzen, die ein Gesprächsteilnehmer beachtet, wenn er dek larative Sätze äußert oder imperative Sätze hört. Überraschen muß die Asymmetrie von Sprecher- bzw. Hörerregel (für den Hörer dek larativer Sätze und den Sprecher imperativer Sätze gibt es offenbar k eine Gebrauchsre-
I. Allgemeine Grundlagen
geln); interessanterweise fehlt auch eine analoge Gebrauchsregel für interrogative Sätze (siehe Wunderlich 1976). Regeln wie in (15) erfassen auch nur einen Standardgebrauch der Satzmodi und nicht die tatsächlich vork ommende pragmatische Variation. Natürlich sind solche Regeln im Rahmen des Vok abulars der Sprechak ttheorie weiter differenzierbar; die Frage aber bleibt, ob es nicht eine genuin semantische Grundlage gibt, die das Spek trum pragmatischer Gebrauchsregeln erst ermöglicht. Eine inzwischen verbreitete Auffassung ist, daß ein Satzmodus eine sehr allgemeine Sprechereinstellung (und damit ein mögliches Sprecha k tpotential) ausdrüc k t. Aber auch eine Sprechereinstellung ist etwas, das erst in der jeweiligen Äußerungsbedeutung in Erscheinung tritt: mit dem wörtlichen Gebrauch des Satzes beansprucht der Sprecher, ein bestimmtes Verhältnis zwischen Proposition und Welt ausgedrück t zu haben. Die semantische Grundlage dafür läßt sich noch ein Stück weiter in Richtung auf dieses Verhältnis selbst abstrahieren. Ein Satzmodus k önnte jeweils über einem bestimmten semantischen Typ operieren und auf einer zugehörigen Erfüllungsdimension einen von zwei Werten festlegen — einen Vorschlag dazu enthält (16). Die Semantik der satzmodusindizierenden Ausdrück e läßt sich dementsprechend in Form von Erfüllungsbedingungen formulieren; wie man aus (16a) ersieht, sind dann die Wahrheitsbedingungen ein spezieller Fall von Erfüllungsbedingungen. (16) a. Der deklarative Modus operiert über einer Proposition p und drückt aus, daß p wahr ist (möglicherweise schwächer: daß p nicht bezweifelt wird). b. Der imperative Modus (der 2. Person) operiert über einem Prädikat A und drückt aus, daß es relativ zu einem Interesse I positiv ist, wenn der Adressat das Prädikat A erfüllt. c. Der interrogative Modus operiert über einer Menge M von Propositionen und drückt aus, daß es relativ zu einem Wissensstand W unentschieden ist, welche Proposition pi aus der Menge M wahr ist. Wenn man (16) zugrundelegt, ergeben sich daraus die Sprechereinstellungen bei einer normalen wörtlichen Äußerung sehr einfach: der Sprecher gibt das als seine Einstellung zu verstehen, was der Satzmodus ausdrückt.
3. Bedeutung und Gebrauch
(17) a. deklarativer Modus: S betrachtet die Proposition p als wahr. b. imperativer Modus: S betrachtet es relativ zu einem Interesse I als vorzuziehen, daß der Adressat das Prädikat A erfüllt. c. interrogativer Modus: S betrachtet es relativ zu einem Wissensstand W als unentschieden, welche Proposition pi aus einer Menge von Propositionen wahr ist. Mit (16) bzw. (17) ist nur ein sehr allgemeines Bedeutungspotential formuliert, das eine breite Variation des k ommunik ativen Sinns aufgrund der Interak tionsumstände zuläßt. Insbesondere müssen die Variablen I und W in der betreffenden Sprechsituation belegt werden. In (14b) k ann das Interesse I z. B. ein Interesse des Sprechers oder ein Interesse des Adressaten sein; dementsprechend ergibt sich eine Differenzierung von ImperativÄußerungen entweder als Bitten oder als Vorschläge, Ratschläge, Warnungen. In (14c) k ann es sich um einen Wissensstand des Sprechers oder des Adressaten handeln; dementsprechend ergibt sich eine Differenzierung in Informationsfragen oder dida k tische/Prüfungsfragen. In das Problemfeld dieses Abschnitts gehören zum Teil auch die Phänomene des Sprachgebrauchs, die seit Grice (1967, 1975) unter dem Stichwort Implikaturen behandelt werden, besonders die k onversationellen Implik aturen (siehe Artik el 14). Ein Sprecher k ann etwas meinen, ohne dies wörtlich auszudrück en; er veranlaßt dann seine Zuhörer zu Schlußfolgerungen, die über die Äußerungsbedeutung hinausgehen. Reguliert wird das Verständnis von Implik aturen durch ein übergeordnetes Kooperationsprinzip, das Grice so formuliert hat: „Mache deinen Gesprächsbeitrag jeweils so, wie es von dem ak zeptierten Zweck oder der ak zeptierten Richtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst, gerade verlangt wird“. Dies ist offensichtlich ein Prinzip der sprachlichen Interak tion (unter dem Gesichtspunk t von rationalem Handeln) und nicht der Semantik . Diesem Prinzip unterstehen einzelne Maximen, die Grice in k antischer Art als Maximen der Quantität, der Qualität, der Relation und der Modalität unterschieden hat. Die inhaltliche Ausfüllung und theoretische Entfaltung dieser Maximen ist nicht immer evident (siehe dazu Gazdar 1979). Obwohl viele Linguisten einer Erk lärung sprachlicher Gebrauchsphänomene (bis
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hin zu stilistischen, poetischen oder figurativen Verwendungen) aufgrund von Implik aturen grundsätzlich zuneigen, stagniert die nötige theoretische Entwick lung. Die einzige Untersuchung der letzten Jahre, die einen theoretischen Fortschritt verspricht, ist Sperber & Wilson (1986); diese Autoren führen die Vielfalt von Implik aturprinzipien in einheitlicher Weise auf die Relevanz von Kontextannahmen zurück. (18) zeigt eines von vielen möglichen Beispielen für eine konventionelle Implikatur. (18) a. Sie kriegten ein Kind und heirateten. b. Sie heirateten und kriegten ein Kind. Jemand, der (18a) äußert, scheint anzudeuten, daß sie heirateten, nachdem (oder sogar: weil) sie ein Kind k riegten, während jemand, der (18b) äußert, wohl eher auf den sank tionierten Gang der Dinge abhebt. Man möchte aus guten Gründen nicht annehmen, daß und manchmal so viel wie „und dann“ bedeutet (vgl. Posner 1979). Deshalb beruft man sich hier gerne auf eine Modalitätsmaxime von Grice: „Berichte Geschehnisse in der Reihenfolge, in der sie sich ereigneten“. Es ist fraglich, ob dies wirk lich eine sinnvolle Maxime von Sprechern (und nicht Schulmeistern) ist. Eine bessere Erk lärung würde sich vielleicht im k onzeptuellen Rahmen ergeben: sofern nichts anderes indiziert ist, spiegelt die Sequenz von Teilsätzen (die Erwähnungsabfolge) die jeweils einschlägige Sequenz von Bewußtseinsinhalten wieder (Ereignisabfolge, Kausalk ette, Wichtigk eitshierarchie). (Solche Phänomene werden auch unter dem Aspek t der Ik onizität, d. h. bildhaften Abbildung in der sprachlichen Formulierung, behandelt.) Etliche Phänomene, für die Grice’sche Implik aturen (beruhend auf Rationalitätsmaximen) angenommen werden, lassen sich vielleicht durch normale k onzeptuelle Prozeduren erk lären (siehe den folgenden Abschnitt 6). Mithilfe von Implik aturen läßt sich auch die Wirk ung sog. indirek ter Sprechak te erk lären (vgl. Searle 1975). Wenn jemand beim Abendessen sagt: „Kannst du mir die Butter geben?“, so meint er natürlich „Gib mir die Butter“. Das Fragen nach der Fähigk eit implik atiert hier wie in vielen anderen Kontexten das Ausüben der Fähigk eit. Derartige Implik aturen k önnen z. T. standardmäßig vorgenommen werden, wobei Elemente der geäußerten Sätze oft zu Routineformeln (z. T. mit elliptischem Charak ter) abgeschwächt werden: der k ommunik ative Sinn der Äuße-
I. Allgemeine Grundlagen
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rung wird zur idiomatischen Standardbedeutung einer sprachlichen Formel (vgl. Brown & Levinson 1978; Coulmas 1981). Möglicherweise lassen sich indirek te Sprechak te auch im Rahmen der Gesprächsorganisation in turns erk lären (vgl. Levinson 1983; die zunächst im soziologischen Rahmen entwick elte Konversationsanalyse ist primär an den interak tiven Prinzipien des Gesprächsablaufs interessiert — vgl. z. B. Schegloff 1972; Schegloff & Sack s 1973; Sack s/Schegloff/Jefferson 1974; Wunderlich 1978 — und k ann daher für eine Reihe von Disk ursphänomenen erklärend herangezogen werden.)
6.
Modularität der Bedeutung: Semantik und konzeptuelles System
Bei der Behandlung satzsemantischer Probleme genügt es oft, nur den Bedeutungsanteil der sog. logischen oder Funk tionswörter (wie z. B. jeder, oder) explizit zu berück sichtigen, während man sich bei den sog. Inhaltswörtern (Nomina, Verben, Adjek tive, Präpositionen) auf die Angabe einer Konstanten eines gewissen semantischen Typs beschränk en k ann. Über diese Konstanten braucht man nur anzunehmen, daß sie irgendwie k onzeptuell (also im Begriffs- oder Erfahrungssystem) festgelegt sind. Zwischen den Inhaltswörtern gibt es aber eine Reihe von Bedeutungsbeziehungen, die natürlich auch in die Domäne der Semantik fallen. (19) gibt eine k leine Auswahl davon wieder: (19) a. A ist Großmutter / Ärztin → A ist weiblich b. A ist rot → A ist nicht blau c. A ist größer als B ↔ B ist kleiner als A d. A ist unter B ↔ B ist über A e. A sucht seine Brille ↔ A versucht, seine Brille zu finden. f. A kühlt das Bier → Das Bier wird kühl g. A rollt das Faß in den Keller → Das Faß rollt in den Keller Grundsätzlich gibt es drei Verfahren, solche Bedeutungsbeziehungen zu berücksichtigen. (A) Man formuliert sie in Form von Bedeutungspostulaten, die sich als empirische Beschränk ungen in der Interpretation auswirk en (vgl. Carnap 1947 a). In ihrer Gesamtheit charak terisieren sie den inhaltlichen Gehalt der jeweiligen Konstanten. Ein Bedeutungspostu-
lat wie (19a) ist z. B. dadurch gerechtfertigt, daß die Menge der Welten, in denen x eine Großmutter ist, eine Teilmenge der Welten ist, in denen x weiblich ist. (B) Man k ennzeichnet die Konstanten durch semantische Merkmale (genommen aus einer Auswahl von Prädik atsk onstanten, die als primitiv und relativ universell verstanden werden) und leitet daraus die Bedeutungsbeziehungen ab. Dieses Verfahren einer ‘Bedeutungszerlegung’ charak terisiert die verschiedenen Spielarten der struk turellen Semantik . Ein Problem dabei ist, daß die Deutung der semantischen Merk male in ihrer Rolle für die Deutung des Gesamtprädik ats meistens offen bleibt. (C) Man versteht die Konstanten als Abk ürzung für eine komplexe semantische Konfiguration. Auch hier wird die Bedeutung ‘zerlegt’, aber nicht in eine Liste von Merk malen, sondern in eine offene prädik atenlogische Formel (die ihrerseits geeignete primitive Prädik atsk onstanten enthält). Dies erlaubt dann wiederum, die Bedeutungsbeziehungen abzuleiten, und zwar aufgrund allgemeiner logischer Regeln. Dieses Verfahren wurde teils im Rahmen der sog. generativen Semantik (z. B. Lak off 1971) entwick elt, teils in Auseinandersetzung mit Positionen der struk turellen Semantik , eingeschlossen die Theorien von Katz (siehe besonders Bierwisch 1969). Zwischen dem Aufbau von Wortsemantik und Satzsemantik gibt es dann k einen wesentlichen Unterschied — abgesehen von den Effek ten, die daher rühren, daß Teile von Wörtern für syntak tische Beziehungen nicht zugänglich sind; Sätze wie (20a) und (20b) k önnen dieselbe Repräsentation erhalten — (20c) vs. (20d) veranschaulicht die Beschränk ung durch syntak tische Inseln. Für diese Argumentation ist es irrelevant, ob die Wortbedeutung aufgrund der Interpretation morphologisch sichtbarer Affixe abgeleitet wird oder nicht. (Zur Integration der Wortsemantik in die Montague-Grammatik vgl. Dowty 1979; siehe auch Artikel 8.) (20) a. Das Problem ist unlösbar. b. Das Problem kann nicht gelöst werden. c. * Das Problem ist unlösbar, sondern muß offen bleiben. d. Das Problem kann nicht gelöst werden, sondern muß offen bleiben. Ak tuell verfolgt werden heute nur Positionen, die durch die Verfahren (A) oder (C) charak terisierbar sind. Dabei ist es wohl so, daß
3. Bedeutung und Gebrauch
Anhänger von (A) gewisse Fragen gar nicht stellen, die für Anhänger von (C) gerade wichtige Fragen sind. Im Rahmen der Position (C) k önnen nun auch Probleme angegangen werden, die sich der theoretischen Behandlung bisher entzogen haben. Man betrachte die in (21) formulierten Bedeutungsbeziehungen. Wenn sich A und B face to face gegenüber stehen, gilt (21a); wenn sie hintereinander in einer Schlange stehen, gilt (21b); unter noch anderen Umständen braucht keines von beidem zu gelten. (21) a. A steht vor B ↔ B steht vor A b. A steht vor B ↔ B steht hinter A In (21a) muß vorausgesetzt werden, daß A und B jeweils intrinsische Frontseiten haben und daß die dadurch definierten Richtungen entgegengesetzt sind. In (21b) sind A und B in derselben Richtung orientiert, entweder aufgrund ihrer intrinsischen Frontseiten oder aufgrund einer speziellen Ausrichtung der Schlange oder aufgrund einer Beobachterperspek tive. Dieses Problem der Richtungsabhängigk eit findet sich auch, wenn jemand die Aufforderung „Park e hinter dem Peugeot!“ wahr machen will: er k ann seinen Wagen vor, hinter oder sogar neben dem Peugeot abstellen, je nach dem, was er als die definierende Richtung ansieht. Man k ann daher annehmen, daß vor und hinter in der lexik alischen Repräsentation eine Richtungsvariable erhalten, die in der entsprechenden Situation zu belegen ist: entweder intrinsisch durch Ausrichtung der Achsen des betreffenden Objek ts oder extrinsisch durch eine Beobachterperspek tive bzw. eine sonstwie einschlägige Richtung. Bei k onstanter Festlegung der Richtung sind vor und hinter im Sinne von (21b) k onvers zueinander, d. h. hinter k ann so wie vor, aber mit umgek ehrter Richtung repräsentiert werden. Zunächst sieht es so aus, als k önne die Richtungsabhängigk eit einfach im Rahmen der zweistufigen Semantik beschrieben werden; die Ausdrück e vor, hinter enthalten eine Kontextbedingung, die durch die zulässigen Kontexte in der einen oder anderen Weise erfüllt werden muß. Das Problem ist aber verwick elter, weil die Kontextbedingung entweder an Eigenschaften der Objek te oder an der Einführung eines Beobachters festgemacht werden muß; und dazwischen bestehen Abhängigk eiten, die eigens k ontrolliert werden müssen. Insbesondere müssen A und B im Hinblick auf ihre Objek teigenschaften interpretiert werden (ob sie eine passende Achse
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aufweisen oder nicht). Was hier vorliegt, ist also offensichtlich k omplizierter als in der bisher angenommenen zweistufigen Semantik . Die Sätze sind nicht einfach an einem Kontext als wahr oder falsch zu bewerten, sondern zunächst ist aufgrund der lexik alischen Bedeutung der Ausdrück e (evtl. relativ zu einem Kontext) die Repräsentation einer spezifizierten räumlichen Situation aufzubauen, die dann zu bewerten ist. Ähnliches wie in (21) läßt sich anhand der dimensionalen Adjektive beobachten (siehe Lang 1987 a, 1988 a). Z. B. gelten die in (22) genannten Implik ationen. Aber anders als die Bedeutungsbeziehungen zwischen polaren Adjek tiven wie in (19c) k önnen diese Implik ationen nur schwerlich aus der lexik alischen Repräsentation der Adjek tive abgeleitet werden. (Lang zeigt überzeugend, daß dafür eine ungeheuer k omplizierte und letztlich nicht begründbare Semantik vonnöten wäre). Vielmehr muß man annehmen, daß die Vordersätze eine bestimmte räumliche Anordnung des Objek tes voraussetzen (Spiegel bzw. Stange müssen aufrecht stehen), während die Hintersätze neutral zur räumlichen Anordnung sind. Wiederum ist zunächst aufgrund der lexik alischen Bedeutung der Ausdrück e die Repräsentation einer spezifizierten räumlichen Situation aufzubauen, die dann zu bewerten ist. (22) a. Der Spiegel ist 2 m breit und 1 m hoch → Der Spiegel ist 2 m lang und 1 m breit b. Die Stange ist 3 m hoch → Die Stange ist 3 m lang Lang nimmt an, daß die nominalen Prädik ate wie SPIEGEL, STANGE usw. nur auf Gegenstände zutreffen k önnen, die ein bestimmtes k onzeptuelles Objek tschema erfüllen. Zu dem Objek tschema gehören Informationen über Dimensionalität, Desintegrierbark eit der Achsen sowie Achsenauszeichnung (als maximale, vertik ale usw.). Die Anwendbark eit eines Adjek tivs auf den betreffenden Objek tterm hängt dann davon ab, ob das Adjek tiv (aufgrund seiner lexik alischen Bedeutung) auf die ausgezeichneten Achsen zutrifft oder vorhandene Leerstellen im Objek tschema passend festlegt und dadurch z. B. eine spezifische räumliche Anordnung des Objek tes erzwingt. Diese sog. Parameterbelegungsregeln dienen also dazu, eine k onzeptuelle Repräsentation für den Satz aufzubauen. Bierwisch & Lang (1987, 1989) unterscheiden strik t zwischen semantischer Repräsenta-
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tion (semantischer Form) und konzeptueller Repräsentation. Dies sind zwei verschiedene Module der Bedeutung, die auf ganz verschiedenen Kentnissystemen beruhen. Semantische Repräsentationen unterliegen ausschließlich sprachlichen (möglicherweise universellen) Prinzipien und insbesondere dem Kompositionalitätsprinzip. Die darin vork ommenden Konstanten sind sowohl grammatisch determiniert wie auch k onzeptuell fundiert, letzteres aber nicht notwendigerweise in der Biographie des Sprechers, sondern aufgrund der gattungsspezifischen k onzeptuellen Anlage. Der k ompetente Sprecher macht Gebrauch der durch das sprachliche System bedingten semantischen Repräsentationen, indem er sie im Lichte seiner individuellen Erfahrungen auf k onzeptuelle Repräsentationen abbildet. (Dies ist also ein weiterer Gebrauchsaspek t der Sprache; man k ann natürlich auch umgek ehrt sagen, daß der Sprecher Gebrauch von seinen Erfahrungen macht, wenn er sprachliche Ausdrück e interpretiert.) Konzeptuelle Repräsentationen unterliegen allgemeinen (also nichtsprachlichen) Prinzipien des k onzeptuellen Systems, im Fall von lok alen Präpositionen und Adjek tiven speziell des k onzeptuellen Systems des Raumes. Im Aufbau von k onzeptuellen Repräsentationen k ann nun in natürlicher Weise diverses Weltwissen (und natürlich auch der jeweilige Kontext) berück sichtigt werden. Insbesondere gehören Stereotype und prototypische Schemata zum k onzeptuellen Inventar, das hierbei herangezogen werden kann. Auch k onzeptuelle Repräsentationen sind propositional (obwohl sie ihrerseits mit anderen Repräsentationsformen in Wechselbeziehung stehen), also grundsätzlich mit den Mitteln der Prädi k atenlogi k formulierbar. Der Aufbau dieser Repräsentationen muß aber nicht k ompositional dem Aufbau von Sätzen folgen. Soweit Bedeutungseffek te augenscheinlich nichtk ompositional sind, sollte man also annehmen, daß sie aus dem k onzeptuellen System herrühren. Auch sog. Umweginterpretationen (bei semantisch zunächst abweichenden Sätzen, z. B. solchen, die eine Sortenverletzung aufweisen) lassen sich als ‘Reparaturen’ im Rahmen des k onzeptuellen Systems verstehen (ähnlich so wie gewisse Implik aturen als ‘Reparaturen’ innerhalb des Interaktionssystems gelten können). Die Unterscheidung von semantischer und k onzeptueller Repräsentation ist ebenfalls hilfreich in der Analyse der zahlreichen Fälle, die Bierwisch (1983) als konzeptuelle Differenzierung und als konzeptuelle Verschiebung be-
I. Allgemeine Grundlagen
schrieben hat. Die Beispiele in (23) k önnen den ersten Typus, den der k onzeptuellen Differenzierung, belegen. (23) a. Die Schlange steht bis kurz vor das Rathaus. Es regnete bis kurz vor unserer Abfahrt. Sie erhitzten die Substanz bis kurz unter 2000 Grad. b. Sie ist schon im Bett. Wir sind schon in Holland. Er ist schon 5 Jahre alt. Er hat schon 100 Mark gespart. Es ist sinnvoll, die Ausdrück e bis, vor und schon nicht als ambig anzusehen. Sie enthalten in ihrer semantischen Repräsentation einen Parameter, von dem die Sprecher einen unterschiedlichen k onzeptuellen Gebrauch machen, d. h. unterschiedlich spezifizieren k önnen. (Vgl. dazu das Beispiel (5) von oben für die unterschiedlichen Spezifizierungen von wer.) — Bis ordnet das Ende eines Zustands/ Prozesses auf einer Sk ala ein: diese k ann z. B. als räumliche oder zeitliche Dimension, aber auch als Temperatursk ala spezifiziert werden; und vor relationiert einfach zwei Elemente auf einer ziemlich beliebigen (horizontal gedachten) Sk ala. Die spezielle räumliche oder zeitliche oder noch andere Deutung der Dimension beruht auf einem wechselseitigen Selek tionseffek t des sprachlichen Kontextes, der hier insbesondere durch das Objek t der Präposition gestellt wird: Rathaus bezieht sich auf ein räumliches Objek t, Abfahrt auf ein zeitliches Ereignis und 2000 Grad auf einen Temperaturwert. — Schon bedeutet, daß etwas auf einer Sk ala nach dem Übergang der negativen Fälle zu den positiven Fällen eingeordnet wird: diese Sk ala k ann als zeitliche oder räumliche Dimension, als Sk ala der Lebensalter, Geldbeträge usw. spezifiziert werden (vgl. Löbner 1989, 1990). Der Typus der k onzeptionellen Verschiebung (der ebenfalls oft mit Differenzierung einhergeht) k ann an Beispielen wie in (24) demonstriert werden. (24) a. Die Schule beginnt um 8 Uhr. Die Schule ist gleich um die Ecke. Die Schule bietet neuerdings auch Kochkurse an. Die Schule hat ein strenges Reglement. Die halbe Schule versammelte sich auf der Straße. Die Schule spielt für die Reproduk-
3. Bedeutung und Gebrauch
tion der Gesellschaft eine zentrale Rolle. b. Seine Schrift ist unleserlich. Eine Punkt 8 Schrift ist mir zu klein. Die Koreanische Schrift wurde im Dezember 1443 eingeführt. Wenn Schul e eine ‘Institution zum Lernen’ bedeutet, so läßt sich nach generellen k onzeptuellen Kriterien zwischen Typ und Exemplar unterscheiden, zwischen Verfahren, Agenten und Klienten, ferner lassen sich Gebäude, Ak tivitäten und zeitlicher Ablauf zuordnen. Natürlich sind Institutionen, Gebäude, Personen und Prozesse ganz andere Arten von Entitäten, die somit unterschiedliche Sortenbedingungen erfüllen. Der jeweilige Kontext von Schul e stellt solche Sortenbedingungen, deren Verarbeitung führt dann zur k onzeptuellen Verschiebung. Man muß also nicht annehmen, daß Schul e mehrfach ambig ist. Dies wäre schon deshalb nicht wünschenswert, weil Nomina wie Universität, Kirche, Amtsgericht usw. ein ganz ähnliche Variation aufweisen. Und die Beispiele in (24b) zeigen, daß die Variationsmöglichk eit schon bei den Nomina viel weiter verbreitet ist. So k ann man für Schrift die semantische Repräsentation ‘Mittel zur optischen Repräsentation von Sprache’ annehmen, um daraus die verschiedenen ak tualen Verwendungsvariationen k onzeptuell abzuleiten. Für Nomina wie Buchstabe, Zeitung, Roman, Oper usw. läßt sich dies dann leicht fortführen. Das Problem der Polysemie beruht also im wesentlichen in dem ak tualen Gebrauch der Wörter, bei dem im Rahmen von k onzeptuellen Repräsentationen das jeweilige Weltwissen zur Differenzierung und Verschiebung eingesetzt werden k ann. Dies schließt nicht aus (sondern macht es geradezu erwartbar), daß gewisse Verwendungen präferiert oder stigmatisiert werden und dadurch neue semantisch idiomatische Lexik oneinträge fixiert werden können. Abschließend sei nochmals auf die Überlegungen zur zweistufigen Semantik in Abschnitt 4 eingegangen. Ein Situations- oder Intera k tions k ontext wird k onzeptuell und nicht sprachlich repräsentiert — insbesondere natürlich ein visueller Kontext; aber auch sprachliche Kontexte stehen, wenn sie gebraucht werden, in der Regel wohl k onzeptuell, also bereits ‘verarbeitet’, zur Verfügung; für die Einheitlichk eit des Kontextbegriffs — ob visuell oder sprachlich — sprechen insbesondere die indexik alischen Ausdrück e, die in der Regel sowohl deik tisch (im visuellen Kon-
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text) wie auch anaphorisch (im sprachlichen Kontext) gebraucht werden k önnen. Der referentielle Wert eines Ausdruck s muß in dem jeweiligen Kontext identifiziert werden; auch dies ist mithin eine k onzeptuelle Leistung. Man k ann es vielleicht so formulieren: k onzeptuelle Repräsentationen beziehen sich direk t auf die externe Welt, semantische Repräsentationen nur indirek t, nämlich nach ‘Übersetzung’ in k onzeptuelle Repräsentationen. Die Referenztheorie (die festlegt, wie semantische Individuenvariablen zu belegen sind) expliziert demnach im wesentlichen die ‘Schnittstelle’ zwischen semantischen und k onzeptuellen Repräsentationen (nicht notwendigerweise ex k lusiv). Prädi k ats k onstanten werden auf k onzeptuelle Schemata bezogen; k onzeptuelle Differenzierung und Verschiebung sind dann als Operationen über solchen Schemata zu verstehen. Im Lichte dieser Betrachtungen gewinnen Überlegungen der prozeduralen Semanti k (siehe Abschnitt 2) eine neue Perspek tive: die Belegung von Variablen sowie die k onzeptuelle Differenzierung / Verschiebung stellen Prozeduren dar, deren Resultat k onzeptuelle Repräsentationen sind. Natürlich werden auch Intera k tions k ontexte k onzeptuell repräsentiert; sie unterliegen aber ganz anderen regulierenden Prinzipien in Verbindung mit Motivationsstruk tur und der sozialen bzw. interak tiven Kompetenz. Deshalb k ann man die in Abschnitt 5 besprochenen Probleme wohl zurecht gegenüber Problemen der Referenz oder der k onzeptuellen Schematisierung deutlich abgrenzen. Allerdings k önnten sich aus den hier betrachteten Entwick lungen der Semantik auch neue Gesichtspunk te für die Sprechak ttheorie ergeben. Ein Sprecher, der mit seiner Äußerung einen spezifischen Effek t beim Hörer erreichen will, muß die Sprechsituation gewissermaßen ink remental repräsentieren: nämlich als eine Situation, die durch gewisse weitere Informationen in eine dementsprechend modifizierte Situation übergeführt werden kann. Aus der Sicht einer grundsätzlichen Unterscheidung von semantischer Kompetenz (als Teil der grammatischen Kompetenz) und generellen k onzeptuellen Fähigk eiten ergibt sich ein Spek trum möglicher Grenzziehungen zwischen Bedeutung und Gebrauch. Auf der einen Seite k önnte alles, was innerhalb des k onzeptuellen Systems geleistet wird, ‘Gebrauch’ genannt werden, auf der anderen Seite nur das, was spezifizische weitere Mo-
I. Allgemeine Grundlagen
52
dule (wie z. B. die Motivationsstruk tur und Interaktionskompetenz) in Anspruch nimmt. Die in diesem Abschnitt dargestellte Konzeption wird nicht von allen Semantik ern geteilt. Einmal gibt es Autoren, die eine eigene Ebene der semantischen Repräsentationen (oder ‘semantischen Form’ in der Terminologie von Bierwisch und Lang) überhaupt abstreiten, also Bedeutungen grundsätzlich in Form von k onzeptuellen Struk turen repräsentieren (z. B. Jack endoff 1983). Neben allen spezifischen (hier zum Teil dargestellten) Argumenten gibt es gegen diese Art der Konzeption auch den generellen Einwand, daß eine merk würdige Asymmetrie des grammatischen System behauptet wird. Die Grammatik ordnet Lautsequenzen Bedeutungen zu. Sowohl Laute wie auch Bedeutungen (realistisch verstanden) sind der Sprache extern. Als k omplexe ‘Schnittstelle’ zwischen syntak tisch-morphologischer Form und phonetischer Struk tur (als Repräsentationsform für artik ulatorische und auditive Prozesse) fungiert nach einhelliger Auffassung aller Linguisten die phonologische Struk tur; eine analoge k omplexe Schnittstelle zwischen syntak tisch-morphologischer Form und der k onzeptuellen Struk tur (als Repräsentationsform der Welt) k önnte die semantische Struk tur darstellen. Viele Semantik er stellen sich der Frage nach der k onzeptuellen Vermittlung grammatischen Wissens gar nicht, vielleicht weil sie Erwägungen dieser Art nicht als besonders relevant für die Entwick lung formaler Theorien halten. In der Regel nehmen diese Autoren einen direk ten Bezug semantischer Repräsentationen zur Welt an. Tatsächlich enthalten ihre Analysen oft sehr differenzierte k onzeptuelle Aspek te, die nicht k ompositional in Bezug auf die syntak tisch-morphologische Form sind. Es ist deshalb einfach unk lar, ob sie eher der hier dargestellten Konzeption oder einer
einstufigen (mithin wohl k onzeptuellen) Bedeutungsrepräsentation zuneigen. Die ak tualen Entwick lungen in der Kontext- und Referenztheorie (insbesondere der Disk ursrepräsentationssemantik ) deuten aber darauf hin, daß eine Konzeption wie die hier dargestellte an Gewicht zunehmen wird. Ich dank e Ewald Lang, Sebastian Löbner und Arnim von Stechow für hilfreiche Kommentare.
7.
Literatur (in Kurzform)
Alston 1963 · Alston 1964 b · Aqvist 1965 · Austin 1956 · Austin 1962 · Bach/Harnish 1979 · Bar-Hillel 1954 · Barwise/Cooper 1981 · Barwise/Perry 1983 · Bierwisch 1969 · Bierwisch 1979 · Bierwisch 1980 · Bierwisch 1983 · Bierwisch/Lang (eds.) 1987 · Bierwisch/Lang (eds.) 1989 · Bloomfield 1933 · Brown/Levinson 1978 · Carnap 1947 a · Coulmas 1981 · Cresswell/von Stechow 1982 · Donnellan 1966 · Doron 1988 · Dowty 1979 · Fodor 1978 b · Grewendorf 1972 · Grice 1957 · Grice 1967 · Grice 1975 · Hare 1970 · Heim 1982 · Jak k endoff 1983 · Johnson-Laird 1977 · JohnsonLaird 1978 · Johnson-Laird 1982 · Kamp 1981 a · Kaplan 1979 · Karttunen 1973 · Katz 1972 · Katz/ Fodor 1963 · Kratzer 1978 · Lak off 1971 · Lang 1983 · Lang 1987 a · Lang 1988 a · Lemmon 1962 · Levinson 1983 · Lewis 1969 · Lewis 1970 · Löbner 1985 a · Löbner 1987 b · Löbner 1989 · Löbner 1990 · Malinowsk i 1923 · Meggle 1981 · Montague 1968 · Montague 1973 · Morris 1938 · Partee 1984 a · Peters 1979 · Pink al 1985 · Posner 1979 · Ross 1970 · Russell 1905 · Sack s/Schegloff/Jefferson 1974 · Sadock 1968 · Sadock 1974 · Schegloff 1972 · Schegloff/Sack s 1973 · Searle 1969 · Searle 1975 a · Sperber/Wilson 1986 · Stalnak er 1970 · Stenius 1967 · von Wittgenstein 1953/1967 · Wunderlich 1976 · Wunderlich 1978 · Wunderlich 1979 · Wunderlich 1986 a
Dieter Wunderlich, Düsseldorf (Bundesrepublik Deutschland)
4. Wortsemantik
4. 1. 1.1 1.2 2. 3. 3.1 3.2 4.
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Wortsemantik Begriffliche Unterscheidungen Deskriptive vs. nicht-deskriptive Bedeutung Bedeutung vs. Extension Das Problem der logischen Wörter Die Semantik der Inhaltswörter: Wortbildung Komposition Ableitungen Die Semantik der Inhaltswörter: Simpliziabedeutungen Dekomposition der Simpliziabedeutungen bedeutungen Einschränkungen über die Inhaltskerne bedeutungen Dekomposition im engeren Sinne bedeutungen Stereotypen- und Prototypensemantik bedeutungen Natürliche Begriffe vs. mögliche Wortbedeutungen bedeutungen Literatur (in Kurzform)
(2) Regnet es denn? (3) Leider regnet es.
1.1 Deskriptive vs. nicht-deskriptive Bedeutung
aufgrund der desk riptiven Bedeutung von regnen Äußerungen gemacht werden, in denen ein und derselbe Sachverhalt, nämlich daß es regnet, jeweils als Bedingung, als Gegenstand einer Frage bzw. als Inhalt einer Mitteilung behandelt wird. Nicht-des k riptive Bedeutungs k omponenten dagegen tragen neben anderen Fak toren dazu bei, sprachlichen Äußerungen den Charak ter mehr oder weniger spezifizierter Handlungen zu verleihen, wie etwa den von Feststellungen (vgl. (1) und (3)), Fragen (vgl. (2)) oder dergleichen. Zum andern ermöglichen sie es, die Darstellung von Sachverhalten in unterschiedlicher Weise zu beleuchten (vgl. die Funk tion von l eider in (3)), sowie deren Verwendung in einen umfassenden Handlungsk ontext einzugliedern (so die Modalpartik el denn in (2), mit der zum Ausdruck gebracht wird, daß eine positive Antwort auf (2) als Begründung für etwas ak zeptiert würde, was vorher gesagt oder getan wurde). Die letzten beiden Beispiele legen nahe, daß die Bedeutung bestimmter Wörter mit ihrer nicht-desk riptiven Bedeutung zusammenfällt. Bei anderen Wörtern ist ein k omplexes Nebeneinander desk riptiver und nicht-desk riptiver Bedeutungsk omponenten anzunehmen. Die Unterscheidung ‘desk riptiv — nicht-desk riptiv’ entspricht dabei nicht einem Gegensatz im Bereich der semantischen Modi (etwa Feststellung vs. Aufforderung, Frage usw.). So ist, wie die Beispiele (1) bis (3) zeigen, die desk riptive Bedeutung von regnen durchaus mit verschiedenen Modi vereinbar. Der von hier aus naheliegenden Verallgemeinerung, daß desk riptive Bedeutungsk omponenten grundsätzlich modusneutral sind, scheinen nun aber bestimmte Vork ommen der sog. performativen Verben entgegenzustehen. Ein explizit performativer Satz wie (4) (4) Ich fordere Sie hiermit auf, die Straße zu räumen.
Ebenso wie für die gesamte Semantik , ist auch für die Theorie der Wortbedeutung die Unterscheidung zwischen deskriptiver und nichtdeskriptiver Bedeutung grundlegend. Die desk riptiven Bedeutungsk omponenten sprachlicher Einheiten gestatten die Darstellung von Sachverhalten unabhängig von der Verwendung dieser Darstellung für bestimmte Zweck e, wie die des Feststellen, Fragens oder Aufforderns. So können etwa mit den Sätzen (1) Wenn es regnet, ist Hans zuhause.
hat zwar die Form einer Aussage, dennoch drück t er in der Regel eine Aufforderung aus. Nimmt man nun an, daß dieser Gegensatz zwischen der Form eines Satzes und seiner Äußerungsbedeutung schon auf der Ebene der systematischen Satzbedeutung k onstituiert wird, so ergibt sich, daß die Bedeutungsstruk tur von (4) völlig verschieden ist von der Bedeutungsstruktur von (4’) (4’) Er forderte sie damit auf, die Straße zu räumen.
4.1 4.2 4.3 4.4 4.5
5.
1.
Begriffliche Unterscheidungen
Der Begriff der Wortbedeutung läßt sich, wenn überhaupt, nur im Rahmen einer allgemeinen Bedeutungstheorie für alle Arten sprachlicher Einheiten, seien sie einfach oder k omplex, explizieren. Das ergibt sich schon allein daraus, daß die vortheoretische Einheit des Wortes in jeweils theorieabhängiger Weise als Nahtstelle zwischen der Semantik syntak tisch k omplexer Phrasen (der Konstruk tionssemantik ) und der Semantik der Wortbildung (der Derivations- und Kompositionssemantik , s. u.) zu rek onstruieren ist. Aus dem Bereich der allgemeinen Bedeutungstheorie k önnen jedoch im folgenden nur wenige elementare Begriffe erörtert werden; für eine ausführliche Behandlung der Probleme sei daher auf die einschlägigen Artik el (1 bis 3, 7) verwiesen.
54
In diesem Sinne geht man in Ansätzen, die der Sprechakttheorie (Austin 1962, Searle 1969) verpflichtet sind, davon aus, daß etwa in (4) im Gegensatz zu (4’) die desk riptive Bedeutung von auffordern zur desk riptiven Bedeutung von (4) nichts beiträgt, insofern die sonst (etwa in (4’)) mit auffordern lediglich beschriebene Handlung mittels einer Äußerung von (4) gerade vollzogen und nicht beschrieben werde. M. a. W., das Verb auffordern würde in (4) nicht mit seiner üblichen desk riptiven sondern einer performativen oder Vollzugsbedeutung vorkommen. Demgegenüber hat u. a. Bierwisch (1980) gezeigt, daß man den performativen Effek t von Äußerungsvork ommen der Art (4) sehr wohl rek onstruieren k ann, ohne etwa für (4) und (4’) völlig verschiedene Bedeutungsstruk turen anzusetzen (siehe auch Artik el 3). Insbesondere ergibt sich aus der Analyse von Bierwisch, daß die Annahme performativer Bedeutungsk omponenten auf der Ebene der Wortsemantik nicht erforderlich ist, und daß die desk riptiven Komponenten von Wortbedeutungen in modusneutraler Weise in die desk riptive Bedeutung k omplexer Ausdrück e eingehen. Bierwisch geht freilich — u. E. mit Recht — davon aus, daß der Handlungscharak ter sprachlicher Äußerungen im Rahmen einer allgemeinen Handlungstheorie zu behandeln ist, die nicht als natürliche Erweiterung der linguistischen Theorie der sprachlichen Kompetenz angesehen werden kann. Wie noch auszuführen ist, k ann der Begriff der Wahrheitsbedingung als grundlegend für die Explik ation der desk riptiven Bedeutung angesehen werden. Gebilde wie die sprachlichen, die aufgrund ihrer Struk tur Sachverhalte darstellen k önnen, in die ein k ognitives System seine Welt gliedert, lassen sich hinsichtlich ihrer Darstellungsleistung dadurch charak terisieren, daß angegeben wird, wie die Welt aussieht, wenn der dargestellte Sachverhalt besteht (vgl. Wittgenstein 1921, 4.022, 4.024). In welchem Verhältnis der dargestellte Sachverhalt zur Welt tatsächlich steht, z. B. ob er der Fall ist oder der Fall sein soll, ist eine über die reine Darstellung hinausgehende Frage (auch einer Architek turzeichnung k ann nicht entnommen werden, ob sie einen geplanten oder bestehenden Grundriß darstellt). Wahrheitsbedingungen als Mittel der Explik ation einer Darstellungsleistung sind also modusneutral, also z. B. nicht an den Aussagemodus von Behauptungssätzen gebunden, andernfalls k önnte z. B. der Inhalt eines Bedingungssatzes nicht durch Wahrheitsbe-
I. Allgemeine Grundlagen
dingungen erfaßt werden. Wie die performativen Sätze zeigen, k önnen zwar wesentliche Aspek te eines sonst durch Modusindik atoren (z. B. Imperativform) ausgedrück ten Verhältnisses auch zum Inhalt einer Sachverhaltsdarstellung gemacht werden, was wohl eine spezifische Leistung sprachlicher Darstellung ist, aber niemals restfrei (auch (4) hat als Aussagesatz eine nicht-darstellende bzw. nicht-desk riptive Modusk omponente). Für die nicht eliminierbaren Ausdruck smittel nicht-darstellender Art ist also ein eigener Begriff nicht-desk riptiver Bedeutung erforderlich. Wie er zu fassen ist, darüber gibt es k eine allgemein ak zeptierte Theorie. Erwägenswert scheint uns ein Ansatz zu sein, der durch Arbeiten von Bierwisch (1980), Lang (1983) und Doherty (1985) nahegelegt wird. Danach k önnen so heterogen erscheinende Ausdruck smittel wie Modusindik atoren, Modalpartik el (z. B. doch, ja, etwa, wohl , denn), evaluative (z. B. leider) und epistemische (z. B. vermutlich) Satzadverbien unter einem einheitlichen Aspek t gesehen werden: mit ihnen werden Einstellungen, die sich ‘präreflexiv’ auf Sachverhalte beziehen in ‘nicht-propositionaler’ Weise ‘ausgedrüc k t’, d. h. die Einstellung wird nicht als Komponente eines Sachverhalts dargestellt, der durch Wahrheitsbedingungen chara k terisierbar ist, sondern durch sprachlichen Ausdruck gleichsam gezeigt und zu erkennen gegeben. Da die jeweils ausgedrück ten Einstellungen, einschließlich der durch Modi ausgedrück ten, untereinander k onk urrieren, k önnen bei einer Reihe von Distributionsbeschränk ungen, — vgl. die Beispiele (5) von Doherty (1985: 63) — die sonst üblichen ad hoc-Stipulationen weitgehend vermieden werden. (5) a. *Konrad ist nicht ja verreist. b. *Ist Konrad ja verreist? c. *Konrad ist nicht doch verreist. (ohne Kontrastakzent) d. *Ist Konrad nicht denn verreist? e. *Konrad ist denn verreist. Ferner weist die Unterscheidung von „nichtpropositionalem Ausdrück en“ und propositionalem „Sagen“ (E. Lang) zumindest die Richtung auf, in der eine Erk lärung für Kontraste wie in (6) (vgl. Doherty 1985: 16 f.) zu suchen ist. (6) a. Ich bedauere/vermute nicht, daß Konrad verreist ist.
4. Wortsemantik
b. *Konrad ist nicht leider/vermutlich verreist. c. Bedauere/Vermute ich, daß Konrad verreist ist? d. *Ist Konrad leider/vermutlich verreist? Für die Entwick lung eines Begriffs nicht-desk riptiver Bedeutung scheint uns jedenfalls die weitere Ausarbeitung des Konzepts ‘nichtpropositionaler Ausdruck einer Einstellung’ lohnend zu sein. 1.2 Bedeutung vs. Extension Als erster Schritt bei der Klärung dessen, was hier desk riptive Bedeutung genannt wurde, wird in fast allen Ansätzen eine Unterscheidung gemacht, deren begriffliche Fixierung vor allem Frege (1892) zu verdank en ist. Es handelt sich um die Unterscheidung zwischen dem Sinn oder der Bedeutung eines Ausdrucks und seinem Bezug oder seiner Extension — für letzere benutzt Frege den etwas eigenwilligen Terminus „Bedeutung“. Was damit gemeint ist, läßt sich etwas vereinfacht so verdeutlichen: Damit jemandem mit der Äußerung des Satzes (7) Marias Mutter arbeitet im Rot-KreuzKrankenhaus. etwas mitgeteilt werden k ann, was er noch nicht weiß, ist trivialerweise zweierlei erforderlich: er muß die Äußerung verstehen, aber er darf nicht schon vorher wissen, daß der mit ihr dargestellte Sachverhalt der Fall ist. Wüßte er nun sowohl, auf welche Person es zutrifft, daß sie Marias Mutter ist, als auch auf welche Personen es zutrifft, daß sie im Rot-Kreuz-Kran k enhaus arbeiten — oder mehr technisch ausgedrück t: würde er die Extension von Marias Mutter und die Extension des Prädik ats arbeitet im Rot-Kreuz-Krankenhaus k ennen, so wüßte er schon vorher, was ihm mit (7) erst mitgeteilt werden soll. Das Verstehen einer Äußerung von (7), also das, wozu die Sprachk enntnis wesentlich beiträgt, k ann somit nicht in der Kenntnis der Extensionen sämtlicher in (7) vork ommender Ausdrücke bestehen. M. a. W., allein schon die Verwendbark eit der Sprache für Zweck e der Mitteilung setzt voraus, daß der Sinn oder die Bedeutung, also das, dessen Kenntnis für das Verstehen erforderlich ist, zumindest im Falle einiger Ausdrück e von ihrer Extension verschieden ist. Die eben durchgeführte Überlegung zeigt auch, in welcher Richtung die Unterscheidung von Bedeutung und Extension ganzer Sätze zu suchen ist. Kennt man die Extensio-
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nen von Subjek t und Prädik at von (7), so weiß man, ob der Satz (7) wahr ist. Es liegt daher nahe, mit Frege die Extension eines Satzes mit seinem Wahrheitswert gleichzusetzen, da er es ist, der — jedenfalls in Fällen wie (7) — durch die Extensionen der Satzbestandteile festgelegt wird. Analog wird man für die Bedeutung des Satzes annehmen, daß sie etwas ist, was sich aus der Bedeutung seiner Bestandteile ergibt. Im Falle des Subjek ts und Prädik ats von (7) garantiert, wie eben ausgeführt, die Kenntnis allein ihrer Bedeutung nicht die Kenntnis ihrer Extension; es müssen also zusätzliche Fak ten bek annt sein, um diese Kenntnis herbeizuführen. Fak ten welcher Art dafür unter normalen Umständen in Frage k ommen, ergibt sich jedoch durchaus aus ihrer Bedeutung. Ihre Bedeutung legt also mit die Bedingungen fest, die erfüllt sein müssen, um die Person bzw. die Personen identifizieren zu k önnen, welche ihre jeweilige Extension ausmachen. Da nun aber mit der Extension seiner Bestandteile auch die Extension, also der Wahrheitswert von Satz (7) gegeben ist, sind in den Bedingungen, die die Bedeutungen seiner Bestandteile gleichsam der Welt auferlegen, um ihre Extension identifizierbar zu machen, auch die Bedingungen enthalten, die erfüllt sein müssen, um den Wahrheitswert des ganzen Satzes (7) zu bestimmen. Was somit durch die Bedeutung von Subjek t und Prädik at von Satz (7) festgelegt wird, ist zwar nicht sein Wahrheitswert, aber seine Wahrheitsbedingungen. Versteht man nun ausgehend von dieser Überlegung allgemein unter der deskriptiven Bedeutung eines Satzes etwas, was seine Wahrheitsbedingungen festlegt, so erhält man einen einheitlichen Begriff desk riptiver Bedeutung für alle Ausdrück e, bei denen sinnvoll zwischen Bedeutung und Extension unterschieden werden k ann: Die Bedeutungen derartiger Ausdrück e sind danach dasjenige, was die Bedingungen für die Feststellung ihrer Extension festlegt. Auf die Probleme der mit diesem Bedeutungsbegriff verbundenen Idealisierung soll später zurückgekommen werden. Es fragt sich nun, ob die Unterscheidung zwischen Bedeutung und Extension bei allen Ausdrück en gemacht werden muß, insbesondere ob sie bei allen Wörtern zu machen ist.
2.
Das Problem der logischen Wörter
Die Unterscheidung von Bedeutung und Extension wurde oben durch Beispiele von Sätzen zu motivieren versucht, deren Wahrheits-
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wert im Normalfall nur dann bestimmt werden k ann, wenn die Extension gewisser syntak tischer Bestandteile bek annt ist. Nun gibt es bek anntlich Sätze, deren Wahrheitswert man auch dann bestimmen k ann, wenn die Extension ihrer Bestandteile nicht bek annt ist. Zuweilen spricht man bei solchen Sätzen auch von Bedeutungswahrheiten. Dabei werden häufig zwei Arten solcher Sätze besonders ausgezeichnet: diejenigen Sätze, die „analytisch“ in einem engeren Sinne heißen, wie (8) Alle Junggesellen sind unverheiratet. und die logisch wahren Sätze wie (9) Wenn Hans unverheiratet ist, dann ist Hans unverheiratet. Beiden Satztypen ist, wie gesagt, gemeinsam, daß man ihren Wahrheitswert ohne besondere Extensionsk enntnisse ihrer Wörter bestimmen k ann, bei (8) und (9) also ohne Wissen darüber, wer Junggeselle oder unverheiratet ist, oder wer Hans ist. Während man jedoch die Bedeutung aller Wörter von (8) k ennen muß, um sagen zu k önnen, ob (8) wahr ist, genügt bei (9) lediglich das Wissen darüber, was wenn-dann bedeutet, sowie daß durch wenndann zwei syntak tische Varianten desselben Satzes verk nüpft werden, weshalb man auch sagt, daß (9) aufgrund seiner Form, spezieller seiner logischen Form als wahr bestimmt werden kann. Ausdrück e α wie wenn-dann, zu denen es Sätze wie (9) gibt, die ihren Wahrheitswert bewahren, wenn man unter Konstanthaltung der Deutung von a die Deutung der übrigen Ausdrück e ‘formgerecht’ variieren läßt, werden von der Logik als logische Konstanten oder logische Wörter rek onstruiert. Die übrigen Ausdrück e werden als außerlogisch eingestuft und nur hinsichtlich ihrer Formk lassen unterschieden. Damit ist freilich nur ein Hinweis, k ein Kriterium für die Unterscheidung logischer und außerlogischer Wörter und Ausdrück e gegeben. Denn was konstant bleiben und was alles variieren darf in einer logisch wahren Satzform, bleibt letztlich offen. So gesehen ist es durchaus verständlich, wenn Katz (1972) den Begriff der logischen Form, der sich aus dem herk ömmlichen Katalog logischer Partik el wie nicht, oder, und, al l e etc. ergibt, für willk ürlich und allenfalls historisch bedingt hält, und für einen umfassenden logischen Formbegriff plädiert, mit dessen Hilfe auch die semantischen Eigen-
I. Allgemeine Grundlagen
schaften von Sätzen wie (8) erfaßt werden können. Der Vorwurf der Willk ür gegenüber der Standardauswahl der logischen Wörter erweist sich jedoch als unberechtigt, wenn man das Augenmerk nicht auf eine Abgrenzung der logischen Wahrheiten richtet, sondern darauf, was die sog. nicht-logischen oder Inhaltswörter von den logischen Wörtern in k ontingenten Sätzen unterscheidet: Kennt man lediglich die Bedeutung von schl afen und die Extension von der Professor, so k ann man den Wahrheitswert von (10) der Professor schläft. nicht bestimmen: Weiß man etwa, daß Einstein in einem Kontext von (10) die Extension von der Professor ist, so reicht die bloße Kenntnis des Deutschen (also insbesondere von schläft) nicht, um festzustellen, ob (10) wahr ist. Andernfalls k önnte mit (10) über Einstein nichts mitgeteilt werden, was man nicht schon wüßte. Kennt man hingegen in einer Situation die Extension von Kursteilnehmer und diejenige von Regensburger Student, so braucht man k eine zusätzliche Extensionskenntnis mehr, um den Wahrheitswert von (11) Alle Kursteilnehmer sind Regensburger Studenten. bestimmen zu können. Das ‘aristotelische’ logische Wort al l e verhält sich also anders also das Inhaltswort schläft. Allgemeiner: k ennt man den Umfang zweier Prädik ate A und B, so läßt sich der Wahrheitswert von Al l e A sind B bestimmen, ohne daß man zusätzlich zur Bedeutung von al l e noch eine etwaige Extension von al l e kennen müßte (entsprechend für einige, kein etc.). Ebensowenig benötigt man bei einem wahrheitsfunk tionalen Satzverk nüpfer wie und bei gegebenen Wahrheitswerten der verk nüpften Sätze noch eine über die Bedeutung des Satzverk nüpfers hinausgehende Extensionsk enntnis, um den Wahrheitswert des mit ihm gebildeten k omplexen Satzes feststellen zu k önnen. M. a. W., die Unterscheidung von Bedeutung und Extension ist, jedenfalls so wie sie im letzten Abschnitt vorgenommen wurde, nur für nichtlogische oder Inhaltswörter wie schl afen, Junggesel l e, unverheiratet, etc. wohlbegründet, nicht aber für die herk ömmlichen logischen Wörter. Schränk t man die Klasse potentieller logischer Wörter auf solche mit Operatorenchak ra ter ein, so k önnte man sagen:
4. Wortsemantik
(LOG)
Ein Operatorwort W ist nur dann ein logisches Wort, wenn für beliebige syntaktisch zu W passende Operandenausdrücke a1,...,an die Kenntnis lediglich der Bedeutung von W sowie das Wissen darüber, was die Extensionen von a1,...,an sind, ausreicht, um die Extension von W(a1,...,n) festzulegen.
(Zu einem ähnlichen Vorschlag in einem etwas anderen Rahmen vgl. Peacocke 1976). Demnach sind logische Operatoren nicht nur in dem üblichen Sinne extensional, daß sie für extensionsgleiche Operanden dieselbe Extension der mit ihnen gebildeten k omplexen Ausdrück e festlegen — Extension(W(a1,...,an)) = Extension(W(b1,...,bn), falls Extension(ai) = Extension(bi) — das gilt auch für viele Inhaltswörter. Vielmehr müssen sich die Extensionen der mit ihnen bildbaren k omplexen Ausdrück e für alle Folgen von OperandenExtensionen mit einer gemeinsamen höchst allgemeinen Struk tur in gleicher Weise finden lassen. Es geht also um Extensionsverhältnisse, die von den besonderen Eigenschaften der in den Extensionen enthaltenen Objek ten unabhängig sind, k urz um gegenstandsneutrale Verhältnisse. Für die Prädik atenlogik 1.Stufe findet dieser Sachverhalt in dem bek annten Satz seinen Ausdruck (vgl. Kutschera 1967:147): Ist eine Formel F in einem k -zahligen Universum U erfüllbar, so auch in jedem k -zahligen Universum U’ (in der Prädik atenlogik ohne Identität zusätzlich in jedem k ’-zahligen Universum mit k ’〉k ). Dabei spielt der Gedank e eine Rolle, daß zu einer Extensions-Struk tur über einem Universum U eine isomorphe Struk tur über einem gleichzahligen Universum U’ k onstruierbar ist. Man k önnte daher die Gegenstandsneutralität logischer Operatorenwörter mit einer Reihe von Forschern (McCarthy 1981, van Benthem 1983 b, Keenan & Moss 1984, Westerståhl 1985) mit folgender Bedingung erfassen: (PERM) Es sei p die von einer Permutation des Universums induzierte isomorphe Abbildung der Menge der möglichen Denotate auf sich selbst und ǁWǁ die von der vorausgesetzten Interpretation bestimmte Extension von W am jeweiligen Referenzpunkt; dann gilt W ist nur dann ein logisches Wort, wenn p(ǁWǁ)(p(a1),...,p(an)) =
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ǁWǁ(a1,...,an), wobei vorausgesetzt ist, daß W ein n-stelliger Operator ist. Das ist natürlich nur dann eine sinnvolle Bedingung, wenn in der vorausgesetzten Syntax das fragliche Wort w nicht als synk ategorematisches Element behandelt wird; umgek ehrt formuliert: daß die logischen Wörter häufig synk ategorematisch behandelt werden (vgl. Montague 1973), k ann damit gerechtfertigt werden, daß ihre Deutung gegenstandsneutral ist. Benutzt man die von van Benthem (1983 b) bei seiner Rek onstruk tion des generalizedquantifier-Ansatzes von Barwise und Cooper (1981) entwic k elte durchsichtige Darstellungsweise, und läßt determinatorenartige Quantorenwörter wie al l e, kein etc. der Einfachk eit halber Relationen zwischen Teilmengen des Universums U denotieren, so ergibt sich z. B. für jeder folgendes Bild: (12) ǁjederǁ = {〈A,B〉; A,B ⊆ U & A ⊆ B} (Also etwa: ǁjeder(Student,arbeitet)ǁ = wahr gdw. 〈ǁStudentǁ, ǁarbeitetǁ〉 ∈ ǁjederǁ gdw. ǁStudentǁ ⊆ ǁarbeitetǁ.) Ist p der oben eingeführte von einer Permutation induzierte Automorphismus, so gilt: (13) p(ǁjederǁ) = {〈p(A),p(B)〉; A,B ⊆ U & 〈A,B〉 ∈ ǁjederǁ} mit (12) also: (14) p(ǁjederǁ) = {〈p(A),p(B)〉; A,B ⊆ U & A ⊆ B} Da Ink lusionsverhältnisse bei Permutationen erhalten bleiben, ergibt sich (15) p(ǁjederǁ) = {〈p(A),p(B)〉; A,B ⊆ U & p(A) ⊆ p(B)} mit (12) also: p(ǁjederǁ)(p(A),p(B)) = ǁjederǁ(A,B). jeder erfüllt also die Bedingung (PERM); und ebenso wird (PERM) von allen Determinatoren erfüllt, die als Extensionsrelationen deutbar sind, welche bei Permutationen des Universums erhalten bleiben. Ausdrück e hingegen, die intuitiv schon immer als Inhaltswörter angesehen wurden, erfüllen (PERM) offensichtlich nicht. In der Bedingung (LOG), in der die Forderung nach Gegenstandsneutralität, wie sie durch (PERM) teilweise verdeutlicht wird, implizit enthalten ist, wird wesentlich von epistemischen Begriffen Gebrauch gemacht, insbesondere von dem des Extensionswissens. Je nachdem, wie man diesen Begriff expliziert,
I. Allgemeine Grundlagen
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ergibt sich ein mehr oder weniger reichhaltiges Inventar logischer Wörter. Nimmt man z. B. an, daß das Wissen um die Extension zweier extensiongleicher Individuenterme die Kenntnis ihrer Extensionsgleichheit umfaßt, so ist damit das identifizierende ist automatisch als logisches Wort k lassifiziert. Es dürfte dann aber schwer sein, der unbegrenzten Fülle von numerischen Quantoren, die in genau k A sind B für k einsetzbar sind, den Charak ter von logischen Wörtern abzusprechen, da sie über Identität definierbar sind. Trägt man dem empirischen Charak ter bestimmter Identitätsaussagen (Dr. Jekyll ist Mr. Hyde) Rechnung, indem man jedem Individuenterm nicht einfach ein Individuum, sondern gleichsam einen Aspek t oder eine Manifestation eines Individuums als wißbare Extension zuordnet, so trennt man den Begriff der Extension von dem der Referenz. Eine Identitätsaussage wie A ist (mit) B (identisch) wäre dann im Sinne von ‘der Gegenstand, der sich als A manifestiert, ist derselbe wie der, der sich als B manifestiert’ k urz als „G(A)=G(B)“ zu interpretieren. Die Relation λx λy[G(x)=G(y)] wäre dann (anders als λx λy[x=y]) k eine logische im Sinne von (LOG). Faßt man analog die Kenntnis der Extension prädik ativer Ausdrück e nicht als Wissen darüber auf, welche Gegenstände sondern welche Gegenstandsmanifestationen unter das betreffende Prädik at fallen, so bleibt z. B. der logische Charak ter der aristotelischen Satzformen bzw. der darin enthaltenen Quantorenwörter (all e, kein, einige) erhalten, da ihre Deutung nicht davon abhängt, ob sich derselbe Gegenstand mehrfach manifestiert, vorausgesetzt freilich, die ‘Aspek t’-Extension eines Prädik ats umfaßt alle Manifestationen der Gegenstände, die das Prädikat erfüllen. Für eine weitergehende und von anderen Gesichtspunk ten aus vorgenommene Differenzierung innerhalb der Klasse potentieller logischer Wörter sei auf van Benthem (1983 b, 1984 b) und Westerståhl (1985) hingewiesen. (Vgl. ferner Artikel 9, Abschnitt 1.3) In diesem Zusammenhang sei auf die Ausführungen in Artik el 2 hingewiesen, wo logische Wörter allgemein als bedeutungsinvariant charak terisiert werden, d. h., sie werden unter jeder Interpretation gleich gedeutet. Diese allgemeine Konzeption erlaubt es auch, intensionale Operatoren wie notwendig und mögl ich als logische Wörter zu charak terisieren, die durch den hier vorgeführten Rek onstruk tionsversuch noch nicht erfaßt werden.
Cresswell lehnt in dem genannten Artik el die Unterscheidung zwischen logischen und nicht-logischen Wörtern allerdings explizit ab.
3.
Die Semantik der Inhaltswörter: Wortbildung
Ähnlich wie für die logischen Wörter stellt sich für die Inhaltswörter das Problem einer Explik ation des Begriffes „mögliche Bedeutung“. Offenk undig k ann nicht jede beliebige Kollek tion von Dingen als Extension eines Nomens gedeutet werden. Eine Theorie über die hier wirk samen Einschränk ungen ist bislang jedoch erst in Ansätzen vorhanden. Noch am ehesten k önnen Aussagen über die möglichen Bedeutungen zusammengesetzter Wörter als theoretisch abgesichert gelten. Dabei scheint ein wesentlicher Unterschied zwischen zwei Klassen von Wörtern zu bestehen, der sich in der terminologischen Scheidung „geschlossene vs. offene Klasse“ niederschlägt. Zur offenen Klasse werden Vollverben, Nomina und in der Regel Adjek tive und Adverbien gerechnet. Diese Kategorien k önnen — in verschiedenen Sprachen freilich in unterschiedlichem Ausmaß — durch Komposition (Farb-bild-schirm) oder Derivation (Trink-er) systematisch erweitert werden. Die geschlossene Klasse umfaßt in der Regel Präpositionen, Artik el, Hilfsverben, Konjunk tionen und Pronomina. Produk tive Regeln zur Erweiterung dieser Kategorien scheinen nicht vorzuliegen. Die Unterscheidung zwischen geschlossener und offener Klasse fällt offenk undig nicht zusammen mit der zwischen logischen und Inhaltswörtern. Doch scheint es uns erwägenswert zu sein, die geschlossene Klasse durch systematische Relativierung des in der Bedingung (PERM) (s. o.) verwendeten Automorphismus auf k onstantgehaltene Dimensionen (wie z. B. Raum, Zeit und Indexparameter) als „quasilogische Wörter“ zu charakterisieren. 3.1 Komposition Gewöhnlich unterscheidet man bei den zusammengesetzten Wörtern zwischen Komposition, d. h. der Zusammensetzung zweier freier Morpheme oder Morphemk omplexe, und Derivation, d. h. der Kombination eines freien Morphems oder Morphemk omplexes mit einem nicht-freien Affix (cf. Fleischer 1969 und Pesetsk y 1985 für einige Abgrenzungsprobleme). Bildungen aus drei oder
4. Wortsemantik
mehr Bestandteilen (Landeplatzbefeuerung) sind intern binär struk turiert, d. h. mindestens ein Bestandteil der Zusammensetzung ist selbst k omplex aufgebaut ([[Landeplatz]befeuerung]). Neuere grammatik theoretische Untersuchungen stellen die Unterscheidung zwischen Derivation und Komposition in Frage (so Lieber 1980; Höhle 1982 b, 1985; aber cf. Reis 1985). Unter semantischer Perspek tive ist es jedoch durchaus sinnvoll, die beiden Prozesse auseinanderzuhalten. Bei der Kompositionssemantik muß man sich auf die zusammengesetzten Wörter beschränk en, deren Interpretation(en) vollständig motiviert ist, d. h. aus der Bedeutung der beiden Bestandteile und der Bedeutung der Zusammensetzungsregel vorhergesagt werden k ann. Morphologisch k omplexe Bildungen wie Steinpil z fallen also nicht in den Bereich der Theoriebildung (aus der Bedeutung von Stein und der von Pil z allein k ann die Bedeutung von Steinpilz nicht abgeleitet werden). Bei den vollmotivierten Zusammensetzungen ist die nominale Komposition am besten untersucht. Hier existiert eine Forschungsrichtung, begründet durch Lees (1960) und fortgeführt durch Kürschner (1974), Rohrer (1967 a), Brek le (1970) und Levi (1978), die die Wortk omposition unter allgemeine (semanto-)synta k tische Prozesse einordnen möchte, d. h. der Kompositionsregel den gleichen Status zuschreibt wie etwa der Passivierungs-Regel. Ein Kompositum wie Holzhaus würde dabei aus einer relativsatzähnlichen Struk tur wie Haus, das man aus Hol z gemacht hat abgeleitet, und zwar über eine Reduk tionstransformation. Die zugrundeliegende Struk tur wird dabei entweder als syntak tische Struk tur im Sinne von Chomsk y (1965) angesehen, oder aber als semantische Repräsentation im Sinne der generativen Semantik . Primär wurde der Ansatz über den Gedank en motiviert, daß Tiefenstruk turen die Eingabe der semantischen Repräsentations k omponente seien bzw. selbst semantische Repräsentationen darstellten. Mit Motsch (1970) lassen sich die beiden Hauptargumente für eine syntak tische Beziehung zwischen Komposita und Relativsätzen wie folgt zusammenfassen: a) Komposita sind synonym zu syntaktischen Gruppen. Diese Synonymie kann durch eine gemeinsame Tiefenstruktur erfaßt werden. b) Komposita sind ambig. Diese Mehrdeutigkeit kann durch die Zuweisung unterschiedlicher Tiefenstrukturen erfaßt werden.
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Die Konstituierung der Bedeutung k omplexer Wörter ist diesen Vorstellungen zufolge also eine Angelegenheit der phrasalen Semantik , d. h. die Tiefenstruk turen der Komposita k önnen mit den üblichen Regeln der phrasalen Semantik interpretiert werden. Die Hypothese der ausschließlichen Relevanz der Tiefenstruk tur für die Bedeutungsanalyse wurde freilich bald wieder aufgegeben (cf. Chomsk y 1972; Jack endoff 1972). Es wurden Verfahren entwick elt, die erlauben, Oberflächenstruk turen direk t zu deuten, und dabei Synonymie oder Mehrdeutigk eit zu erfassen. Damit verloren aber die Argumente für eine transformationelle Herleitung der Komposita ihre Gültigk eit. Außerdem läßt sich zeigen, daß einerseits transformationelle Erk lärungen semantisch inadäquat sind (cf. Rohrer 1967 b; Fanselow 1981), andererseits aber die Mechanismen der Wortzusammensetzung sich beträchtlich vom theoretischen Inventar der Satzsyntax unterscheiden (Selk irk 1982). Daher ist es nicht sinnvoll, die Wortbildung als Teil der Satzsyntax zu behandeln. Es liegt nun nahe, Komposita direk t mit ihrer binären Oberflächenverzweigung zu erzeugen und als minimales wortsyntak tisches Prinzip das sogenannte Kopfprinzip vorauszusetzen, wonach wesentliche syntak tische Eigenschaften von einem der Bestandteile (dem „Kopf“) an das Kompositum vererbt werden (vgl. Williams 1981 b; Toman 1983). Die jeweiligen Bedeutungen der Komposita sind dann als mehr oder weniger k omplexe Funk tionen der Bedeutungen ihrer Bestandteile darzustellen. Dabei lassen sich v. a. drei Hauptklassen von Komposita unterscheiden. Am einfachsten sind die sog. Rektionskomposita zu behandeln, bei denen ein Bestandteil semantisch als Argument des anderen, funk tionalen Gliedes dient, also etwa LKW-Fahrer oder Professorenbruder, königstreu (cf. Lieber 1984; Fanselow 1981). Seinem Argumentcharak ter entsprechend bezieht sich der Erstbestandteil entweder (’generisch’) auf eine Gattung oder Art oder auf einen Vertreter dieser Art. Nicht befriedigend gek lärt ist die Frage, warum Rek tionsk omposita im eben genannten Sinn bei Verben so gut wie nicht vork ommen (cf. jedoch Pesetsky 1985). Die zweite Klasse läßt sich durch die Addition mehr oder minder logischer Bedeutungselemente beschreiben, ohne daß dabei die beiden Kompositumsbestandteile in irgendeine Rek tionsbeziehung zueinander träten, wie etwa bei Dichter- Komponist durch
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die Addition von „und“. In Abweichung von der k lassischen Einteilung k ann man auch Bildungen wie Nachtarbeit oder Küstenstadt zu dieser zweiten Klasse rechnen, wobei nun Beziehungen wie „ist lok alisiert an“ oder „während“ aus dem quasilogischen Bereich stammen, insofern sie bei entsprechender Vorgabe einer Ontologie von Orten und Zeiten auf logische Beziehungen reduzierbar sind. Die dritte Klasse bilden die sog. Determinativkomposita. Hier ergänzt die Interpretationsregel nicht nur logisches oder quasilogisches Material, sondern desk riptive Prädik ate, wie „befördern“ bei Lastauto. Die beiden Bestandteilsbedeutungen treten dann in aller Regel in eine Rek tionsbeziehung zur erschlossenen Relation (cf. Dowty 1979; Fanselow 1981). Dabei k önnen nicht beliebige Relationen erschlossen werden (cf. Rohrer 1967 b), sie müssen bezüglich der Bedeutungen der Bestandteile „appropriately classificatory“ sein (Downing 1978; Dowty 1979). Anders formuliert impliziert dies, daß die Auswahl der ergänzten Relation von den Bestandteilsbedeutungen entscheidend mitbestimmt wird (Behaghel 1907; Fanselow 1981). Andererseits treten auch vom Ko- und Kontext bestimmte Fa k toren hinzu (Herbermann 1981; Brek le et al. 1985). Hinzu k ommen Beschränk ungen im modalen oder temporalen Bereich (cf. Brekle 1973; Kürschner 1974). Nebentypen von Komposita wie Quasidvandva-Bildungen (etwa der Erstbestandteil in Benzin-Öl-Gemisch) ergänzen dieses Bild nurmehr unwesentlich (cf. Toman 1985). Die Interpretationsregeln für Komposita scheinen sich allgemein auf eine Klasse von Deutungsprinzipien reduzieren zu lassen, die auch in der Satzsemantik Verwendung findet, so z.B Fun k tionalappli k ation, Durchschnitt, Relationsergänzung etc. (cf. Fanselow 1985). 3.2 Ableitungen Ableitungen zeichnen sich den Komposita gegenüber dadurch aus, daß nur ein freies Morphem bzw. ein freier Morphemk omplex in ihnen vork ommt. Wörter wie Lastwagenfahrer sind als sek undäre Komposition von abgeleiteten Wörtern verstehbar (cf. Lieber 1984 zu dieser Problematik). Ableitungsstruk turen stehen an der Grenze zu Flexionsprozessen, und die Grenzziehung zwischen Derivation und Flexion ist in jüngerer Zeit häufig in Frage gestellt worden (Lapointe 1979; Kiparsk y 1982; Jensen & Stong-Jensen 1984). Keinesfalls k ann sie se-
I. Allgemeine Grundlagen
mantisch gezogen werden, da deutsche Derivationssuffixe wie Diminuativa in anderen Sprachen flexivisch sind (Fula), umgek ehrt deutsche Flexionsprozesse wie Pluralbildung auch derivationell geregelt sein k önnen (Kawak wala, cf. Anderson 1982). So bleibt nur der Schluß zu ziehen, daß Flexion genau die Prozesse umfaßt, die in einer Sprache syntak tische Relevanz besitzen (Anderson 1982). Wegen ihrer Nähe zur Syntax ist es nicht überraschend, daß bei der Derivation die Strategie, eine nicht (quasi-)logische Relation zu ergänzen, nur eine marginale Rolle spielt, etwa bei dem Muster Lyriker (jemand, der Lyrik schreibt). Wichtiger erscheinen zwei Prozesse: Erstens k ann eine Operation auf die Bedeutung der Ableitungsbasis angewendet werden, die die Argumentstruk tur des Prädik ats verändert. So wird zwar bei der er- Nominalisierung des Deutschen das externe Argument des Verbs zum externen Argument des Nomens (vgl. Williams 1981 a zu diesem Begriff), die ung- Nominalisierung hingegen läßt im Falle der nomen-actionis-Lesart ein neues Argument entstehen oder verwandelt ein internes Argument des Verbs (das Objek t) in ein externes Argument. Alternativ dazu k ann logisches Material wie die Negation (unl ösbar) oder quasilogisches wie Aspek tmerk male, Kausativelemente, Möglichk eitsoperatoren etc. addiert werden. Beide Optionen k önnen k ombiniert sein, wie bei bar: das verbale Objek t wird externes Argument des Adjek tivs, und ein Möglichk eitsoperator wird hinzugefügt. (λx ♢ ∀y [δ’(y,λP[P{x}])], cf. Dowty 1979: 300). Da weder beliebige Manipulationen an der Argumentsstruk tur möglich sind (Williams 1981 a), noch beliebige (quasi-)logische Operatoren addiert werden dürfen, ergibt sich eine weitere Einschränkung des Begriffes mögliche Wortbedeutung. Insgesamt k ann man also davon ausgehen, daß für alle k omplexen Wörter (zu den Einschränk ungen cf. Kanngießer 1985) die lexematische Bedeutung weiter zergliedert werden kann, und zwar in a) eine Menge logischer und quasi- logischer Operatoren, b) eine (bei der Derivation) bzw. zwei (bei der Komposition) zunächst nicht weiter zergliederte Simpliziabedeutungen, die wir „Inhaltskerne“ nennen wollen, c) (v. a. bei Komposita) eine ergänzte Inhaltskernrelation, welche jedoch zu den Inhaltskernen in einer engen Beziehung stehen muß
4. Wortsemantik
4.
Die Semantik der Inhaltswörter: Simpliziabedeutungen
4.1 Dekomposition der Simpliziabedeutungen 4.1.1 Rechtfertigung über wortsemantische Überlegungen In der traditionellen Wortsemantik forschung wurde eine strenge Dichotomie zwischen der Theorie der Bedeutung zusammengesetzter Wörter und der Theorie der Simpliziabedeutungen postuliert (cf. Coseriu 1978). Diese strik te Scheidung ist jedoch problematisch, da die Bedeutung zumindest eines großen Teils k omplexer Wörter auch durch Simplizia wiedergegeben werden k ann. Dies wird auch durch die Beobachtung nahegelegt, daß morphologisch k omplexe Wörter einer Sprache eine nicht-k omplexe Entsprechung in einer anderen Sprachen finden k önnen, cf. timber vs. Bauhol z. In dem Maße nun, wie es für die Sprache A gerechtfertigt ist, dem k omplexen Wort eine k omplexe Bedeutung ß zuzuweisen, muß dies auch für Sprache B gelten, in der die Übersetzung von zufälligerweise nicht wortstrukturell komplex ist. Wir haben also anscheinend Anlaß dazu, auch Simpliziabedeutungen wie die Bedeutungen k omplexer Wörter in Inhaltsk erne und logische bzw. quasilogische Komponenten zu zerlegen. Dies ist etwa plausibel für Dieb als „nomen agentis“ zu stehl en, oder für töten/ kil l als semantisches Kausativum zu sterben/ die, die man als semantische Inchoativa zu tot/dead auffassen k önnte. Man k ann also für töten etwa folgende Bedeutungsanalyse vorschlagen: (16) X tötet Y bedeutet: „X verursacht, daß der Zustand eintritt: Y ist tot“ 4.1.2 Rechtfertigung durch phrasalsemantische Überlegungen Neben Überlegungen, die sich direk t auf die Bedeutung der betroffenen Wörter beziehen, lassen sich vor allem zwei weitere Argumente zumindest für eine moderate Version der Zerlegung von Simpliziabedeutungen formulieren. Die erste Überlegung bezieht sich auf die Tatsache, daß die phrasale Semantik anscheinend in die interne Struk tur von Wortbedeutungen einwirk en k ann bzw. auf sie Zugriff hat (vgl. Morgan 1969). Wörter wie almost oder again tendieren dazu, nicht nur Phrasenund Wortbedeutungen als Argumente zu nehmen, sondern auch Teile von Wortbedeutun-
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gen. So ist der englische Satz John hid the treasure again ambig zwischen den Lesarten „es trat erneut ein, daß Hans den Schatz versteck te“ und „Hans verursachte, daß der Schatz erneut verborgen war“, wobei die zweite Lesart nicht impliziert, daß Hans den Schatz bereits einmal versteck t hatte. Hier hat again nur Sk opus über ‘verborgen’, d. h. einen Teil der mutmaßlich k omplexen Bedeutung ‘verursachen, daß y verborgen ist’ von hide. Gewisse Operatoren scheinen also die Zerlegung von Simpliziabedeutungen zu erfordern. Allerdings ist diese Interak tion von phrasaler und lexik alischer Semantik auf wenige Wörter beschränk t, und auch dabei stark restringiert. Legt man etwa für kil l die oben ansk izzierte Bedeutung zugrunde, so sollte der Satz John al most kil l ed Bil l vier Lesarten besitzen, was jedoch nicht der Fall ist. Zweitens zeigen durch Bedeutungszerlegungen miteinander verbundene Wörter häufig ein auffälliges syntak tisches Gleichverhalten. Etwa bilden sie in Idiomen Gruppen aus (cf. Binnick 1971), und sie teilen wie dt. haben, geben („verursachen, daß jemand hat“) und kriegen („in den Zustand k ommen, daß man hat“) bestimmte syntak tische Muster (cf. Abraham 1986): (17) a. ich habe/ kriege/ gebe ein Buch b. wir haben /kriegen/ geben die Tür im/ ins Auto c. ich habe/ kriege / gebe etwas zu lesen Eine synchron-grammatische Erk lärung solcher Fak ten setzte allerdings voraus, die Subk ategorisierungsrahmen von geben bzw. kriegen vollständig aus denen von haben abzuleiten, was nicht möglich ist, da sich in vielen Fällen in unvorhersagbarer Weise semantisch aufeinander bezogene Verben syntak tisch unterschiedlich verhalten: (18) sie haben/ kriegen / *geben (uns) eine Erklärung ins Bild eingeblendet Lok alisiert man darüber hinaus die Erk lärung von Zusammenhängen wie den eben angedeuteten in der Satzsemantik , so erhält man das Syntaxmodell der Generativen Semantik , welches sich als völlig inadäquat erwiesen hat (cf. Newmeyer 1979). 4.1.3 Adäquatheitsprobleme der Zerlegung Das Hauptproblem einer Zerlegungsanalyse liegt jedoch in ihrem semantischen Kernbereich, nämlich in der Frage der Adäquatheit der vorgeschlagenen Analysen. Die Beziehung zwischen der Zerlegungsstruk tur und der Wortbedeutung k ann k eine der Synonymie
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sein, wenn die Terme der Zerlegungsstruk tur die Bedeutung der entsprechenden deutschen oder englischen Wörter haben sollen. Nicht in jeder Situation, in der x verursacht, daß y stirbt, würde man davon sprechen, daß x y getötet hat, es muß ein Moment der „direk ten Verursachung“ hinzuk ommen (cf. Hall 1965, Shibatani 1976). Auf dieselbe Weise scheiterten bislang auch alle Verbesserungsversuche. Wenn jedoch Paraphrase und Wort nicht einmal bezüglich der Wahrheitsbedingungen übereinstimmen, k önnen sie unmöglich gleichbedeutend sein. Die Paraphrase ist dann aber auch keine Bedeutungsangabe. Prinzipiell besteht jedoch die Option, den Anspruch aufrechtzuerhalten, daß Wort und Paraphrase in einem technischen Sinne synonym sind, die Intuitionen über Bedeutungsgleichheit aber von einer Interferenz mit pragmatischen Fak toren beeinflußt werden. Anders als für can ist es beispielsweise nicht möglich, das anscheinende Synonym be abl e to in indirek ten Aufforderungen zu verwenden (cf. Searle 1975), d. h. anders als der Satz (19) Can you open the door kann die Äußerung (20) Are you able to close the door nicht als Bitte verstanden werden, sondern nur wörtlich oder in sark astischem Sinne. Searle versucht dies pragmatisch zu erk lären. Wird eine nicht-idiomatische Ausdruck sweise für eine Bedeutung gewählt, so k ann der Hörer annehmen, daß der Sprecher einen Grund dafür hat, sich nicht idiomatisch auszudrük k en, so daß sich k onversationelle Implik aturen ergeben k önnen, die die Äußerungsbedeutung entsprechend beeinflussen. Analog k önnte (cf. McCawley 1978 u. Pulman 1983) versucht werden, Interpretationsunterschiede zwischen kil l einerseits und cause to die andererseits durch konversationelle Implikaturen zu erk lären. Allerdings ist dieser Ansatz prak tisch nicht ausgearbeitet. Andererseits k önnte man die Nicht-Synonymie von Paraphrase und Wort ak zeptieren, und nurmehr eine Folgerungsbeziehung zwischen Wortbedeutung und Paraphrase postulieren. Dies würde bedeuten, für jedes Wort eine Menge sog. Bedeutungspostulate anzusetzen, wie: „x tötet y impliziert: x verursacht, daß y stirbt“. Damit expliziert man wohl einen Teil der in einer Sprache gültigen Folgerungsbeziehungen. Allerdings gibt man damit von vorneherein das eigentliche Ziel einer Wortsemantik auf, nämlich zu k lären, was es heißt,
I. Allgemeine Grundlagen
die Bedeutung eines Wortes zu k ennen. Diese Kenntnis der Bedeutung eines Wortes versetzt ohne weiteres in die Lage, Schlüsse zu ziehen, wie sie in den Bedeutungspostulaten ausgedrück t sind. Schließlich k ann durch sprachspezifische Bedeutungspostulate der sprachübergreifende Charak ter vieler Bedeutungsbeziehungen nicht erfaßt werden (Dies gilt nicht für den Begriff des Bedeutungspostulats wie er in der Montague-Grammatik verwandt wird). Entsprechend k onnte auch durch psychologische Experimente nicht festgestellt werden, daß neben der Kenntnis der Bedeutung die Kenntnis von Bedeutungspostulaten irgendeine Rolle im menschlichen Folgerungsvermögen spielt (cf. etwa Johnson-Laird 1983 für eine Zusammenfassung). Insbesondere in Ansätzen, die mit Varianten der generativen Grammatik verbunden sind, wurde versucht, das Problem durch die Annahme zu umgehen, daß die Elemente der Bedeutungszerlegung nicht den Bedeutungen der gleichlautenden Wörter der natürlichen Sprache entsprächen, sondern daß es sich dabei um „abstrak te“ Operatoren handele (cf. etwa Hall 1965). Da zumindest in der Generativen Semantik die Bedeutung dieser Operatoren nicht spezifiziert wird, wird diese Vorgehensweise häufig als empirisch leer angesehen (cf. Lewis 1972; Dowty 1979, Pulman 1983). Da nicht bek annt ist, welche Interpretation CAUSE zuk ommen k ann, scheint es nicht möglich, zu entscheiden, ob die Analyse von kill als „CAUSE TO DIE“ adäquat ist. Folglich wurde versucht, eine modelltheoretische Interpretation für solche Operatoren im Rahmen der Montague-Grammatik zu entwick eln (cf. etwa Dowty 1979), oder die Operatoren wurden in Zusammenhang zu einer language of mind gebracht (Jackendoff 1983). Für die Bewertung der Adäquatheit einer Dek omposition ist jedoch die Frage „abstrak te Repräsentation oder modelltheoretische Interpretation“ sek undär, solange beide Ansätze überhaupt in der Lage sind, Intuitionen über Bedeutungsbeziehungen systematisch zu rek onstruieren. Zwar hat sich der modelltheoretisch definierte Folgerungsbegriff in dieser Hinsicht als äußerst fruchtbar erwiesen, aber es ist nicht auszuschließen, daß ein Ansatz, der mit der ‘Syntax’ abstrak ter Bedeutungs-Konfigurationen arbeitet — sieht man einmal von der Vollständigk eitsproblematik ab — zumindest in der Wortsemantik zu interessanten Alternativen führt, da es hier darauf ank ommt, einen engeren Begriff des
4. Wortsemantik
semantischen Enthaltenseins zu entwick eln als ihn die logische Folgerung bereitstellt. Hält man nun — in welchem Ansatz auch immer — an der Dek omposition „k ill = CAUSE TO DIE“ fest, so k ann der NichtSynonymie von kil l und cause to die freilich nur dann Rechnung getragen werden, wenn der Operator CAUSE bei der Analyse der Bedeutung des englischen Wortes cause selbst nicht verwendet wird. Letztendlich wird also die Beseitigung des Adäquatheitsproblem der Paraphrase damit erk auft, daß die offenk undige Implik ationsbeziehung zwischen kil l und cause to die von der Theorie im Unk laren gelassen wird. Ansätze zur Lösung dieser Schwierigk eit scheinen bislang im Detail nicht entwickelt worden zu sein. 4.2 Einschränkungen über die Inhaltskerne Gestützt auf eine modelltheoretische Definition quasilogischer Operatoren scheint eine Dek ompositionstheorie zumindest in dem Bereich möglich zu sein, der Analogien zu Ableitungsstruk turen aufweist. So wird von Dowty (1979) die Vendler’sche Verbk lassifik ation (vgl. Artik el 33, 36) über eine intensionallogische Dek omposition der Verbbedeutungen rek onstruiert. Dabei werden neben den üblichen logischen Operatoren als quasilogische Operatoren lediglich die ihrerseits modelltheoretisch gedeuteten CAUSE, BECOME, DO, sowie AT herangezogen und im Sinne eines sog. Aspek tk alk üls zum Aufbau k omplexer Verbbedeutungen verwendet. Als unanalysierte Inhaltsk erne dienen dabei Bedeutungen stativischer Prädikate. Damit stellt sich das Problem einer weiteren Einschränk ung über mögliche Inhaltsk erne. Selbst durch eine stark e Einschränk ung der Zahl möglicher logischer oder quasilogischer Operatoren in Wortbedeutungen erfaßt man natürlich nicht die offenk undige Tatsache, daß nicht jede beliebige Kollek tion von Dingen als Extension mit einer Wortbedeutung verbunden sein k ann, solange k eine Restrik tionen über die Inhaltsk erne selbst formuliert werden. Eine erste Restrik tion ergibt sich aus dem Zusammenhang zwischen syntaktischer Kategorie und semantischem Typ, wie er beispielsweise in Montague (1973) formuliert ist. Danach entspricht jeder (feinen) syntak tischen Kategorie genau ein semantischer Typ. Da die Zahl möglicher syntak tischer Kategorien jedoch universal beschränk t ist (cf. Jak k endoff 1983), ergibt sich somit schon eine erhebliche Einschrän k ung über mögliche
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Wortbedeutungen. Die Denotatsbereiche der einzelnen Kategorien sind prak tisch disjunk t, wobei es freilich sprachspezifische Unterschiede geben k ann, so sind japanische Verben häufig mit deutschen Adjek tiven zu übersetzen und japanische Adjek tive manchmal durch deutsche Verben. Weitere Restrik tionen ergeben sich durch die Domänen möglicher Sub k ategorisierung, Aspe kkt lassifizierungen bei Verben, die strik te Scheidung zwischen Massen- und Gattungsnamen bei den Nomina u. s. w. Durch Bedeutungspostulate, die im Sinne von Montague (1973) nicht einzelne Wörter sondern ganze Klassen von Wörtern betreffen, k ann die logische Einordnung der einzelnen Prädik ate weiter differenziert werden, etwa k ann man zweistellige Verben dahingehend unterscheiden, ob sie NP-Bedeutungen (i. e. Intensionen von Eigenschaftsk lassen) oder Individuen als Objek tsargumente ak zeptieren u. s.w. Wenngleich diese logische Typisierung und weitergehende Einschränk ungen semantische und syntak tische Erk lärungsk raft besitzen (cf. Jack endoff 1983, Fanselow 1985), sind immer noch zu viele semantische Entitäten als mögliche Inhaltsk erne ausgezeichnet. Dowty (1979) schlägt für seine als Inhaltsk erne nicht weiter dek omponierten stativischen Prädik ate vor, sie dadurch der Beliebigk eit zu entziehen, daß der zugrunde gelegte Modellbegriff durch Hinzufügung eines vieldimensionalen logischen Raumes eine reichere Struk tur erhält. Jedem stativischen Grundprädik at soll eine Region im logischen Raum so zugeordnet sein, daß deren Punk te die Werte der in die Extension des Prädik ats fallenden Objek te im logischen Raum repräsentieren. 4.3 Dekomposition im engeren Sinne Ein weiterer Versuch zur Lösung dieses Problems besteht in der weiteren Zerlegung der Inhaltsk erne in atomare Bedeutungseinheiten. Ebenso wie eine Dek omposition die Beziehung zwischen töten und sterben sichtbar machen k ann, so k ann eine solche auch für die Explik ation der Bedeutungsbeziehung zwischen Junggesel l e und unverheiratet, der „Hyponymie“-Beziehung zwischen Turm und Gebäude, überspringen und überwinden, oder der „Antonymie“-Beziehung zwischen heiß und kal t herangezogen werden. Man k ann also die Hypothese vertreten, daß sich auch Inhaltsk erne weiter struk turieren lassen, also etwa Junggesell e semantisch als „männlich,
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erwachsen, nicht verheiratet“ analysieren. Die beiden wichtigsten Vertreter dieser Dek ompositionstheorie im engeren Sinne sind einerseits die struk turalistische Semantik (insbesondere auch die Theorie der Wortfelder) und andererseits die Merk malstheorie von Katz und Fodor. (Vgl. Artik el 1, Abschnitt 2.5; Artikel 2, Abschnitt 9.) 4.3.1 Strukturalistische Semantik Die struk turalistische Semantik geht von einer tiefen Parallelität von Phonologie und Semantik aus. In der Phonologie sind die einzelnen Phoneme durch distink tive Merk male (stimmhaft, nasal, etc.) unterschieden. Die Mer k malsunterschiede sind minimal, d. h. für jedes postulierte Merk mal müssen sich Phoneme finden lassen, die sich nur in diesem Merk mal unterscheiden. Sie sind exhaustiv, insofern sich alle Phoneme durch eine Spezifik ation der Merk male unterscheiden lassen; sie entstammen einem universalen Inventar möglicher Unterscheidungen, doch werden für einzelne Sprachen nicht alle Merk male herangezogen. Ganz ähnlich stellte man sich vor, daß innerhalb eines Sinnbezirks (Trier 1931), d. h. einer bestimmten, nicht sprachlich vorgegebenen Gliederungseinheit des Gegenstandsbereiches, Wortbedeutungen definiert sind durch distink tive Merk male, auch Seme genannt. So wäre innerhalb eines vorstellbaren Sinnbezirk s der Einrichtungsgegenstände das Merk mal „Vorhandensein einer Lehne“ denk bar, das z. B. Hock er von Stühlen oder Sesseln trennt. Die Bedeutung eines Wortes ist wie ein Phonem definiert durch die Menge der verwendeten Merk male und die jeweils dafür spezifizierten Werte. Wie im lautlichen Bereich k önnen sich Sprachen dahingehend unterscheiden, welche Seme überhaupt verwendet werden. Die Gesamtheit der nach semantischen Merk malen spezifizierten Wörter eines Sinnbezirk s k onstituiert das sog. Wortfeld (Trier 1931). Da die Bedeutung eines Wortes festgelegt ist durch die Gesamtheit der sie charak terisierenden Seme, und diese je nach der Ausgestaltung des Wortfeldes wie in der Phonologie verschieden sein k önnen, ergibt sich, daß die Bedeutung immer nur in Opposition zu den anderen im Wortfeld vork ommenden Lexemen angegeben werden k ann. Das Standardbeispiel hierfür ist die Notensk ala. Sind nur vier Notenwerte vorhanden, so hat eine „zwei“ einen geringeren Wert als in einem System mit 15 Notenwerten.
I. Allgemeine Grundlagen
(Eine Rek onstruk tion des Wortfeldbegriffs findet sich in Lutzeier 1981). Da verschiedene Sprachen verschiedene Seme in den Wortfeldern realisieren, ergibt sich mithin eine gewisse Form sprachlicher Relativität: die Seme sind nicht objek tiv vorgegeben, sondern sprachspezifisch k onstituiert. Dabei ist freilich zu berück sichtigen, daß alle Sprachen ineinander übersetzbar sind (cf. Kutschera 1975), so daß die Relativität höchstens in der Auswahl von Semen aus einem universal gültigen System prinzipiell dem Menschen zugänglicher Unterscheidungen bestehen k ann. Ebenso beruhen alle weitergehenden Behauptungen über sprachliche Relativität (z. B. Whorf 1956) auf einer empirisch falschen Einschätzung der Datenlage (cf. etwa Malotki 1983). 4.3.2 Die Merkmalssemantik von Katz und Fodor Für das 1963 von J. J. Katz und J. A. Fodor entwick elte System von Merk malen wurde der Anspruch erhoben, daß diese letztlich auf ein universal gültiges Inventar primitiver Konzepte zurück geführt werden k önne. Am k onsequentesten hat Katz in einer Reihe von Arbeiten (1966, 1972, 1977) das Ziel verfolgt, semantische Eigenschaften und Beziehungen von Ausdrück en, wie Analytizität, Synonymie, „entailment“ etc. auf struk turelle Ink lusionsbeziehungen zwischen nichtsprachlichen autonomen Entitäten, genannt semantic markers, zurückzuführen. So sei z. B. der Satz (21) John wants to have the things that he desires analytisch, da der „semantic mark er“ von ‘x wants to have y’ enthalten sei im „semantic mark er“ von ‘x desires y’, insofern desires als wants to have very badl y analysiert werden k önne und die readings von John und he bei der k orreferenten Lesart übereinstimmen (vgl. Katz 1972: 175). Die Zurück führung semantischer Eigenschaften und Relationen auf formale Beziehungen zwischen Konzeptstruk turen muß freilich solange als programmatisch angesehen werden, wie die Wohlgeformtheitsbedingungen dieser Struk turen im Unk laren bleibt; so k onnte z. B. auch durch die Selbstauslegungsversuche von Katz (1972, 1977) und die Deutungsbemühungen von Janet D. Fodor (1977) nicht befriedigend gek lärt werden, welcher Status dem „semantic mark er“ (22) von chase angesichts der k ategorialen Diversität der darin verwendeten Begriffstypen zuk ommt, soweit sie durch die Knoten-
4. Wortsemantik
etik etten erk ennbar sind (vgl. zu diesem Problem auch Kutschera 1975).
Betrachtet man nun ausgehend von einer Menge von Merk malen die Klasse der logisch denk baren Zerlegungsstruk turen von Wortbedeutungen, so k ann man Prinzipien darüber zu formulieren versuchen, welche dieser Zerlegungsstruk turen als mögliche Wörter fungieren k önnen. Solche Überlegungen entstammen zunächst der generativen Semantik (McCawley 1971 a), die sie auf allgemeine in der Syntax gültige Beschränk ungen reduzieren wollte (siehe dazu jedoch Newmeyer 1979). In anderer nicht der generativen Semantik verpflichteten Weise versucht Jack endoff (1983), Prinzipien darüber zu formulieren, welche k onzeptuellen Konstituenten in einer Zerlegungsstruk tur als Variablen offengelassen werden, d. h. als Argumente der resultierenden Prädi k atsbedeutung fungieren können. 4.3.3 Adäquatheitsprobleme Wie für die Dek omposition der Simpliziabedeutungen in Inhaltsk erne und quasilogische Operatoren stellt sich natürlich auch für die weitergehende Merk malszerlegung das Problem, daß nur in den seltensten Fällen Paraphrase und Wort als synonym betrachtet werden k önnen, wenn die Paraphrasenbestandteile die Bedeutung ihrer natürlichsprachlichen Pendants besitzen (cf. Pulman 1983; Fodor 1981). Fodor 1981 zieht daraus den Schluß, daß die meisten scheinbar k omplexen Prädik ate wie to paint unanalysierte primitive Bestandteile einer Semantik , für ihn einer language of mind, sein müssen. Labovs Untersuchungen zu Begriffen wie „Vase“ oder „Tasse“ deuten auf eine grundsätzliche Schwierigk eit der Zerlegungsanalyse hin. Labov variierte auf bildlichen Darstellungen systematisch das Verhältnis von Größe und Breite, Ausprägung des Vorhandenseins eines Henk els für vasen- bzw. tassenähnliche
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Objek te. Er stellte fest, daß die deutliche Ausprägung eines Merk mals weder hinreichend noch notwendig für die Zuordnung eines Objek tes zu einem Begriff wie Tasse oder Vase ist. Nach welchem Begriff k ategorisiert wird, ist bestimmt vom zusammengenommenen Grad der Ausprägung verschiedener Merk male. Man k ann versuchen, mit Hilfe einer fuzzy logic den Grad der Ausprägung einzelner Merk male zu metrisieren und dann einen allgemeinen Schwellenwert für Mitgliedschaft im Konzept angeben, gerät damit aber u. a. in die bek annten Probleme dieses Logik typs (cf. Smith & Medin 1981). In die gleiche Richtung deuten auch psychologische Untersuchungen über die mentale Repräsentation von Begriffen und Konzepten. Aus der Vielzahl empirischer Ergebnisse, die Smith & Medin referieren, seien zwei Beispiele herausgegriffen: Einmal sind sog. Typikalitätseffekte nachzuweisen, d. h. daß bestimmte Vertreter einer Art wie „Rotk ehlchen“ für „Vogel“ als typischerer Vertreter angesehen werden als andere (z. B. „Huhn“); dies k ann eine Merk malssemantik , die etwa nur das Merk mal 〈 + Vogel〉 k ennt, nicht ausdrück en. Zweitens ergab sich, daß Menschen bei ihrer Kategorisierung auch nicht-notwendige Merk male (wie „fliegt“ bei „Vogel“) verwenden, was ebenfalls mit der Merk malssemantik schwer verträglich ist, da die Merk male als analytische ja notwendig sein müssen. Nimmt man „fliegt“ bei Vogel auf, so schließt man jedoch ink orrek t Laufvögel aus der Klasse der Vögel aus. Diese Beobachtungen beziehen sich zunächst nur auf die Anwendung und nicht auf den Inhalt von Begriffen bzw. die Zusammensetzung von semantischen Repräsentationen. Ein Festhalten an der strik ten Merk malssemantik erfordert dann aber die Entwick lung einer Theorie der k onzeptuellen ‘Performanz’, die die Kluft zwischen analytischen Merk malsk omplexen und variablen Näherungsschematismen zu schließen imstande ist. 4.3.4 Konzeptuelle Probleme Selbst wenn man diese Probleme noch umgehen k önnen sollte, ist die Merk malsanalyse schwerwiegenden Einwänden ausgesetzt. Mit den Bedeutungsanalysen werden ja eine Menge von Sätzen (die nicht vom trivialen Typ al l e Junggesel l en sind unverheiratet sein müssen) als Bedeutungswahrheiten bzw. als analytisch ausgezeichnet. Die Existenz solcher Bedeutungswahrheiten, ja die Existenz von einer Entität „Bedeutung“ schlechthin ist jedoch nicht unumstritten, am k onsequentesten
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hat gegen sie Quine (1960) argumentiert. Was unreflek tiert als Bedeutung angesehen wird, stellt ihm zufolge nur ein System von allgemein geteilten Glaubensannahmen über die Welt dar. Begriffe wie Analytizität, Synonymie und Bedeutung bilden nach ihm aufgrund ihrer Interdependenz einen durch Definitionen nicht auflösbaren Zirk el. Versucht man jedoch diese Begriffe durch Bedingungen beobachtbaren Verhaltens festzulegen, so gelangt man allenfalls zu Definitionen für so etwas wie ‘Stimulus’-Analytizität bzw. ‘Stimulus’- Synonymie einer sehr eingeschränk ten Klasse unanalysierter Äußerungen. Die Zerlegung von Äußerungen in bedeutungsvolle Bestandteile setzt hingegen immer sog. ‘analytische Hypothesen’ voraus, die ihrerseits (abgesehen von den wahrheitsfunk tionellen Konnek toren) von den Daten her prinzipiell nicht abgesichert werden k önnen. Das scheitert allein schon daran, daß die bei der elementaren Referenz vorausgesetzten ontologischen Grundk ategorien, für die ja alternative Systeme vorstellbar sind, aus dem beobachtbaren Verhalten nicht ermittelt werden können. Quine veranschaulicht diese These mit dem (’radik alen’) Übersetzungsproblem für das Wort gavagai in einer außerhalb unserer k ulturellen Tradition stehenden erdachten Sprache. Linguistische Analysen k önnten ergeben, daß gavagai immer dann verwendet wird, wenn man als Deutscher Hase äußern würde. Dennoch ist nach Quine der Schluß nicht berechtigt, gavagai die Bedeutung „Hase“ zuzuschreiben. Die Eingeborenen k önnten über eine völlig andere Ontologie verfügen, in der nicht Objek te die Grundlage darstellen, sondern Ereignisse, oder Teile von Objek ten den Objek ten ontologisch vorgeordnet sind, so daß gavagai auch „unabgetrennter Hasenteil“ oder „Hasungsereignis“ bedeuten k önnte. Empirisch seien aber diese verschiedenen „Bedeutungszuweisungen“ nicht voneinander zu unterscheiden, d. h. mit empirischen Daten k ann die ontologische Grundlegung nicht erk annt werden. Diese Unterdeterminiertheit durch Beobachtung gilt aber letztlich für Bedeutungszuweisungen in allen Sprachen. Damit gibt es aber auch k ein empirisches Datum, das für deutsch Hase die Annahme eines Merk mals ‘physik alisches Objek t’ rechtfertigte. Quines Argumentation ist von verschiedener Seite angegriffen worden (cf. Pulman 1983 für ein Referat). Chomsk y 1980 wendet ein, daß die fehlende Evidenz zur Rechtfertigung
I. Allgemeine Grundlagen
gewisser ‘Übersetzungen’ nur einen Fall von Unterdeterminierung einer Theorie durch empirische Daten darstelle, wie sie in allen empirischen Disziplinen gegeben ist. Im übrigen k önnte man mit Chomsk y sagen, daß die ‘gavagai’-Problematik nur von anderer Seite her die These beleuchtet, daß die bei der Erlernung jeder menschlichen Sprache vorauszusetzenden analytischen Hypothesen selber nicht erlernt werden können. Putnam (1975 b) wendet sich grundsätzlich gegen die Annahme, daß das, was herk ömmlich unter Bedeutung verstanden wird, sich „im Kopf“ befinde. Er setzt dabei voraus, daß Bedeutungen (Intensionen im traditionellen nicht-intensionallogischen Sinne) zumindest die Bedingung erfüllen müssen, die Extension eines Wortes in einer vorgegebenen Welt festzulegen. Die im Gehirn repräsentierten Merk male k önnen in diesem Sinne aber nicht die Bedeutung eines Wortes sein. Die Bedeutungsanalyse für Wasser k ann im psychologischen Sinne nicht das Merk mal 〈 + H2O〉 enthalten, da sonst die der Chemie unk undigen Menschen die Bedeutung von Wasser nicht k ennen würden und sich die Bedeutung der ‘natural k ind’ Wörter mit dem naturwissenschaftlichen Fortschritt permanent ändern würde. Nehmen wir also an, die Bedeutung von Wasser sei ein wie immer geartetes Konglomerat aus Eigenschaften wie „farblos, geschmack sfrei, flüssig“ u. s. w., und dies wäre mental repräsentiert. Nehmen wir weiter an, es gebe eine Zwillingserde, die sich von unserer nur dadurch unterscheidet, daß der Stoff mit den wahrnehmbaren Eigenschaften von Wasser dort nicht H2O sondern XYZ ist. Die Zwillingsmenschen besitzen dann dieselbe mentale Repräsentation der Bedeutung von Wasser. Dennoch referieren sie mit Wasser nicht auf H2O, sondern auf XYZ. Die mental repräsentierten Eigenschaften k önnen also die Extension von Wasser nicht festlegen, es sei denn, man ließe die Extension von Wasser mit der jeweiligen Weltumgebung so variieren, daß auch für „uns“ Wasser in der Zwillingswelt XYZ bezeichnen würde; es ist aber nach Putnam offensichtlich, daß wir im Zweifelsfalle nur das als Wasser anerk ennen würden, was stofflich mit „unserem Wasser hier“ übereinstimmt, selbst wenn dazu mühsame empirische Untersuchungen erforderlich sind, deren Ergebnisse mit den „im Kopf“ repräsentierten Eigenschaften unverträglich sind. In diesem Sinne seien ‘naturalk ind’ Wörter indexik alische Ausdrück e. Im Unterschied zu den üblichen indexik alische
4. Wortsemantik
Ausdrück en (wie ich, du, hier) designieren sie jedoch „starr“ im Sinne von Kripk e (1972), d. h. sie haben in jeder möglichen Welt dieselbe Extension, da die Vertreter einer natürlichen Art aufgrund ihrer ‘inneren Konstitution’ durch Eigenschaften chara k terisiert sind, die ihnen mit Notwendigk eit zuk ommen, ob wir diese nun kennen oder nicht. Gegen den analytischen Charak ter semantischer Merk male wendet Putnam ein, daß fast jedes von ihnen aufgrund von Erfahrung revidierbar erscheint. So würden selbst Merk male wie „belebt“ im Falle von Wörtern wie Katze aufgegeben, wenn sich herausstellen sollte, daß Katzen in Wirk lichk eit Maschinen sind. Daß Katzen Tiere sind, wäre demnach eine empirische, k eine analytische Wahrheit. Analoge Argumente ließen sich nach Putnam für alle Merk male bei allen natural k ind terms formulieren, und prinzipiell auch für Artefak te. Hier besteht für Putnam ein wesentlicher Unterschied zu Ausdrück en, die aus Ableitungsprozessen resultieren: x ist l ösbar ist unrevidierbar als x kann gel öst werden zu deuten, was natürlich nichts über die Revidierbark eit der Merk male von l ösen impliziert. Putnams Argumentation setzt also die Ak zeptabilitätsgrenze für Zerlegungsstruk turen exak t dort, wo sie sich auch linguistisch motivieren läßt. 4.4 Stereotypen- und Prototypensemantik Bevor man eine Konk lusion aus den Argumenten gegen die Merk malssemantik ziehen k ann, ist eine Einschränk ung angebracht. Wie Johnson-Laird (1983) betont, k önnen wir durchaus verabreden, Wörter so zu verwenden, daß ihre Bedeutung durch eine Merk malsmatrix festgelegt ist. Dies gilt insbesondere für den technischen, wissenschaftlichen oder juristischen Bereich. Diese Wörter scheinen mit ihrer Zerlegungsbedeutung auch durchaus Eingang in den normalen Wortschatz finden zu k önnen. Insbesondere scheinen auch die Verwandschaftsbezeichnungen, ein beliebtes Feld wortsemantischer Untersuchungen, zu diesen sog. Terminologien zu gehören, deren Aufbau auch Coseriu (1978) als verschieden von denen natürlicher Begriffe ansieht. Die Angriffe gegen eine Zerlegungsanalyse k önnen sich also nur auf nicht-terminologische Bestandteile des Wortschatzes richten. Putnam geht nun davon aus, daß zum sprachlichen Wissen die Kenntnis von sog. Stereotypen gehört, die k onventionell in einer Sprachgemeinschaft mit dem Gebrauch be-
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stimmter Ausdrück e verbunden sind, die aber in k einem Falle den Charak ter notwendiger Merk male haben und daher auch im Bedarfsfalle ignoriert werden k önnen. Man muß lediglich damit rechnen, daß die mit dem Stereotyp verbundene Eigenschaft (z. B. „gestreift“ bei Tigern) als typisch gilt. Inwieweit die Stereotype das allgemeine k ognitive Verhalten der Menschen über das rein Kommunikative hinaus bestimmen, ist unklar. Da Putnam daran festhält, daß die Bedeutung eines Ausdruck s seine Extension festlegt, andererseits aber mentale Repräsentationen dies nicht leisten k önnen, faßt er die Bedeutung eines Wortes als nichtmentales mehrdimensionales Gebilde auf, in das soziale, individuelle und weltbezogene Fak toren eingehen. Neben syntak tischen und semantischen Merk malen hoher Zentralität, die zwar nicht analytisch, aber doch schwer revidierbar sind, enthält das Bedeutungsgebilde die sozialverbindlichen Stereotype sowie als „Beitrag“ der Welt die Extension. Die letztlich nicht aufhebbare Kluft zwischen der Extension und den übrigen Fak toren wird durch eine soziale Kooperation, der „linguistic division of labor“ zu überbrück en versucht, indem die Eruierung der k riterialen Eigenschaften für die Zugehörigk eit zur Extension an Experten delegiert wird, die über den jeweiligen Forschungsstand verfügen. Während Putnam der Meinung zu sein scheint, daß alle (nichtextensionalen) Bedeutungsk omponenten nichtanalytisch, da revidierbar sind, schlägt Pulman ein differenzierteres Modell vor. Einen Ansatz von Schwartz (1977, 1978, 1980) modifizierend, unterscheidet er (vorläufig) drei semantische Kategorien: „natural k inds“, „nominal k inds“ und „primary k inds“. Natural kinds werden im wesentlichen wie bei Kripk e und Putnam gefaßt, sie sind vor allem dadurch ausgezeichnet, daß ihre Terme im Sinne von Schwartz als Subjek te ‘stabiler Generalisierungen’ fungieren k önnen, d. h. solcher Generalisierungen, die zwar prinzipiell k orrigierbar sind (‘Katzen k önnten sich als etwas anderes als Tiere erweisen’, was aber nur heißt, daß wir über die vorausgesetzten notwendigen Eigenschaften k eine absolute Gewißheit haben k önnen), aber angesichts singulärer Gegenbeispiele nicht aufgegeben werden. Sie werden primär durch die Vermittlung von Stereotypen verstanden. Terme für primary kinds, wie z. B. flüssig, fest, trocken, gel b, heiß, gl att etc., lassen zwar stabile Generalisierungen zu, aber im Gegen-
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satz zu „natural k ind“-Termen auch analytische Spezifik ationen (’trock en’ schließt ‘naß’ aus). Es handelt sich meist um Adjek tive mit Bezug zum sensorischen Bereich, die k eine Arten bezeichnen, sondern allenfalls solche k reuzk lassifizieren. Auch ihr Verständnis sei durch Stereotype vermittelt. Terme für nominal kinds, wie z. B. Ausdrück e für Artefak te, Verwandschaftsbezeichnungen, Institutionen etc. sind dagegen allenfalls mit Stereotypen verbunden, die für ihr Verständnis nicht k onstitutiv sind, sie gehen k lare analytische Beziehungen ein, und k önnen nur in einem abgeleiteten Sinne in stabilen Generalisierungen auftreten, insofern in ihren Spezifik ationen ein Bezug auf „natural k inds“ oder „primary k inds“ vork ommen k ann, der jedoch nur deren oberflächliche Eigenschaften betrifft (Boote sind zwar Mittel für den Transport auf Wasser, aber die innere Konstitution von Wasser ist nicht entscheidend dafür, was als Boot gilt; Fahrzeuge, die auf Putnams Zwillingserden-XYZ schwimmen, sind immer noch Boote). Psychologische Theorien über die Repräsentation von Konzepten stimmen mit dem Ansatz von Putnam darin überein, daß Konzepte nicht durch die Angabe einzeln notwendiger und zusammengenommen hinreichender Merk male charak terisiert werden k önnen. Sie unterscheiden sich von Putnam insofern, als sie die Auswahl der bestimmenden Fak toren primär nicht durch soziale Konventionen, sondern durch Eigenschaften der menschlichen Kognition bestimmt sehen. Ein auffälliges Phänomen ist dabei, daß viele Konzepte durch Prototypen repräsentiert werden, d. h. durch einen als zentral ausgezeichneten Vertreter des Konzepts, der dazu verwendet wird, eine Ähnlichk eitsordnung zu induzieren, auf deren Grundlage die Entscheidung über die Konzept-Mitgliedschaft getroffen wird (vgl. Rosch 1973, 1975). Aus dem exemplarischen Charak ter des Prototyps ergibt sich, daß auch nicht-notwendige Merk male in die Repräsentation eingehen. Wenn sich die Ergebnisse dieser Untersuchungen auch auf die Repräsentation von Wortbedeutungen übertragen lassen, was nicht selbstverständlich ist (siehe unten), so ist in der Wortsemanti k mit Ähnlich k eitsordnungen und Prototypie zu rechnen. Ein elementares Beispiel von Prototypie, das vermutlich mit Eigentümlichk eiten unseres Perzeptionsvermögens zusammenhängt, zeigt sich in der unterschiedlichen Lexik alisie-
I. Allgemeine Grundlagen
rung im Bereich der Grundfarben, früher eines der Standardbeispiele linguistischer Relativität. Oberflächlich betrachtet variieren die Sprachen hinsichtlich der Anzahl und Extension ihrer Farbwörter erheblich. Sorgfältige Untersuchungen (Berlin & Kay 1969) haben jedoch gezeigt, daß die Extension von Farbwörtern mit einem universalen System von prototypischen Segmenten im Farbspek trum, den sogenannten „focal points“ einheitlich erfaßt werden k ann. Jedem Grundfarbwort (z. B gel b aber nicht bl ond oder quittengel b, zur Abgrenzung vgl. Berlin & Kay 5 ff.) ist ein „focal point“ zugeordnet, der als Basis einer Ähnlichk eitsordnung zur (unscharfen) Abgrenzung der Extension dient. Es werden maximal elf solcher „focal points“ mit Grundfarbwörtern verbunden (z. B. Englisch: bl ack, white, red, green, yel l ow, bl ue, brown, purpl e, pink, orange, grey), mindestens jedoch zwei, nämlich die „focal points“ für Schwarz und Weiß (solche Sprachen finden sich z. B. in Neu-Guinea). Wie Rosch (1973) jedoch zeigen k onnte, sind diese elf „focal points“ auch dann perzeptuell ausgezeichnet, wenn sie nicht mit einem Grundfarbwort belegt sind. Aus der Anzahl der Grundfarbwörter einer Sprache läßt sich relativ gut vorhersagen, welche der natürlichen „focal points“ lexik alisiert sind. Das dritte Farbwort wird ausnahmslos dem „focal point“ für Rot zugeordnet. Es folgen Grün und Gelb in beliebiger Reihenfolge, sodann Blau, danach Braun; für die restlichen vier sind k eine Vorhersagen möglich. Bei gleichem Grundfarbwortschatz sind die Zuordnungsdifferenzen zwischen Sprechern verschiedener Sprachen nicht größer als die zwischen Sprechern derselben Sprache. Sind weniger als elf „focal points“ lexik alisiert, so werden nicht-lexik alisierte „focal points“ in den Bereich der lexik alisierten gezogen. Der prototypische Charak ter der lexik alisierten „focal points“ bleibt davon unberührt. Im Farbwortbereich müssen also nicht-triviale Vork ategorisierungen unserer Umwelt bereits vorgegeben sein, und damit auch die Fixierung möglicher Prototypen und die Bedeutung möglicher Wörter. Dies scheint sich auf weite Bereiche der Wahrnehmung zu übertragen (Rock 1985, Bower 1979). Sollte es der k ognitiven Psychologie möglich sein, eine Theorie über Kombinationsmechanismen für primitive Begriffe zu entwick eln, so wäre ansatzweise erk ennbar, was ein möglicher natürlicher Begriff ist.
4. Wortsemantik
4.5 Natürliche Begriffe vs. mögliche Wortbedeutungen Keil (1979) hat einige Gesetze für natürliche Begriffe aufgestellt und durch experimentelle Untersuchungen überprüft. Wie der Baum (23) veranschaulicht, lassen sich natürliche Begriffe (Terminalk noten) beispielsweise in
Natürliche Prädik ate k önnen sich nun, wie Keil (1979) feststellte, nur auf Teilbäume von (23) beziehen, d. h. es gibt Begriffe, die nur über Organismen prädizierbar sind, aber nicht solche, die man nur von Tieren und Ereignissen prädizieren könnte. Betrachtet man nun aber Wörter wie Schul e, so ergibt sich, daß sie sich je nach Verwendungsweise (cf. Bierwisch 1983) auf ganz unterschiedliche Typen von Objek ten beziehen k önnen, die zusammengenommen k einen zusammenhängenden Teilbaum in einem ontologischen Baum ergeben. (24) Die Schule hat ein Flachdach. (Gebäude) Die Schule spendete letztes Jahr einen größeren Betrag. (Institution) Die Schule macht ihm großen Spaß. (Ensemble von Prozessen) Traditionell spricht man hier von der Polysemie eines Wortes. Die Auflistung mehrerer Bedeutungen im Lexik on wird dem systematischen Charak ter dieses häufigen Phäno-
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einander ausschließende Klassen (in Großbuchstaben) k ategorisieren, die man erhält, wenn man die unter die Begriffe fallenden Objek te hinsichtlich k ategoriengerechter Prädikation (fettgedruckt) zusammenfaßt. Auf diese Weise ergibt sich aus einem sog. Prädikabilitätsbaum (fettgedruck te Knoten) ein ontologischer Baum (Knoten in Großbuchstaben).
mens, das Bierwisch konzeptuelle Verschiebung nennt, nicht gerecht. Die Annahme, eine der Bedeutungen sei grundlegend und die anderen daraus abgeleitet, k ann in vielen Fällen nicht begründet werden und zwingt zu willkürlichen Entscheidungen. Bierwisch schlägt daher vor, nur die allen nicht-metaphorischen Verwendungen gemeinsamen Bedeutungsaspek te zur lexik alischen Bedeutung zu rechnen, die Überführung in die vollspezifizierten Konzepte hingegen einer Menge von k onzeptuellen Operationen zu übertragen. So k önne etwa als im Lexik on zu verzeichnende semantische Charak terisierung von Schule die Struktur (25) λx [ZWECK(x)(W) & W = LEHRUND LERNPROZESSE] angesetzt werden. Die k onzeptuellen Operationen k önnen als Schemata wie (26) repräsentiert werden: (26) λx [INSTITUTION(x) & SEM(x)] λx [GEBÄUDE(x) & SEM(x)] λx [PROZESS(x) & SEM(x)]
I. Allgemeine Grundlagen
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Setzt man in (26) für „SEM“ die lexik alische Spezifik ation (25) für Schul e ein so erhält man die verschiedenen in (24) von Schule bezeichneten vollspezifizierten Konzepte. Da eine semantische Lexik onspezifizierung wie (25) mit Hilfe der genannten k onzeptuellen Operationen eine Familie von natürlichen Konzepten determiniert, die, wie oben bemerk t, nicht durch eine gemeinsame Menge von ‘Prädik abilia’ erfaßt werden k ann, sind sie nach Bierwisch selbst k eine natürlichen Begriffe, sondern etwas Abstrakteres.
5.
Literatur (in Kurzform)
Abraham 1986 · Anderson 1982 · Austin 1962 · Barwise/Cooper 1981 · Behaghel 1907 · van Benthem 1983 a · van Benthem 1984 a · Berlin/Kay 1969 · Bierwisch 1980 · Bierwisch 1983 · Binnick 1971 · Bower 1979 · Brek le 1970 · Brek le 1973 · Brek le/Boase-Beier/Toman 1985 · Chomsk y 1965 · Chomsk y 1972 · Chomsk y 1980 · Coseriu 1978 · Doherty 1985 · Downing 1978 · Dowty 1979 · Fanselow 1981 · Fanselow 1985 · Fleischer 1969 · Fodor 1981 · Fodor 1977 · Frege 1892 · Groenendijk /
Stok hof 1982 · Hall 1965 · Herbermann 1981 · Höhle 1982 b · Höhle 1985 · Jack endoff 1972 · Jak k endoff 1983 · Jensen/Stong-Jensen 1984 · Johnson-Laird 1983 · Kanngießer 1985 · Katz 1966 · Katz 1972 · Katz 1977 · Katz/Fodor 1963 · Keenan/Moss 1984 · Keil 1979 · Kiparsk y 1982 · Kripk e 1972 · Kürschner 1974 · Kutschera 1967 · Kutschera 1975 · Labov 1973 · Lang 1983 · Lapointe 1979 · Lees 1960 · Levi 1978 · Lewis 1970 · Lieber 1980 · Lieber 1984 · Lutzeier 1981 · Malotk i 1983 · McCarthy 1981 · McCawley 1971 a · McCawley 1978 · Montague 1973 · Morgan 1969 · Motsch 1970 · Newmeyer 1979 · Peacock e 1976 · Pesetzk y 1985 · Pulman 1983 · Putnam 1975 b · Quine 1960 · Reis 1985 · Rock 1985 · Rohrer 1967 a · Rohrer 1967 b · Rosch 1973 · Rosch 1975 · Schwartz 1977 · Schwartz 1978 · Schwartz 1980 · Searle 1969 · Searle 1975 · Selk irk 1982 · Shibatani 1976 · Smith/Medin 1981 · Trier 1931 · Toman 1983 · Toman 1985 · Westerståhl 1985 · Whorf 1956 · Williams 1981 a · Williams 1981 b · Wittgenstein 1921
Gisbert Fanselow, Passau/Peter Staudacher, Regensburg (Bundesrepublik Deutschland)
71
II. Probleme der ontologischen Grundlegung: Welt versus Situation Problems of Ontological Foundation: World Versus Situation
Das Handbuch enthä lt keine systematische Darstellung der Situationssemantik: einmal war sie noch nicht bekannt, als das Handbuch konzipiert wurde, zum andern basiert kein Artikel direkt auf dieser Theorie. Die folgenden beiden Beiträ ge sind eine Kontroverse zwischen einem engagierten Vertreter der Mögliche-Welten-Semantik — M. J. Cresswell — und einem der Vä ter der Situationssemantik — J. Barwise. Cresswells Beitrag wurde nicht speziell für dieses Handbuch geschrieben. Er erschien erstmals als Kapitel 5 von M. J. Cresswell, Semantic Essays: Possible Worlds and their Rivals, Kluwer Academic Publishers, Dordrecht 1988. Barwises Antwort ist dagegen für dieses Handbuch konzipiert. Die Herausgeber
It’s a small world after all
5. 1. 2. 3. 3.1. 3.2. 3.3. 4. 5. 6. 7.
1.
Die Weltsituation Ziel Situationssemantik Situationen als Propositionen Die Erzeugunggseigenschaft Propositionen und große Mengen Die Unvollständigkeit von Propositionen und Situationen Situationen als Welten Situationen als Ereignisse Schluß Literatur (in Kurzform)
Ziel
Ich möchte in diesem Beitrag einen Vergleich anstellen zwischen der Mögliche-Welten-Semantik und der semantischen Theorie, die Jon Barwise und John Perry neuerdings entwikkelt haben und die sie Situationssemantik nennen. Obwohl die Mögliche-Welten-Semantik zweifellos ihr stä rkster Konkurrent ist, vermeidet die Literatur zur Situationssemantik erstaunlicherweise hartnä ckig direkte Vergleiche der beiden Theorien. Ich werde zu zeigen versuchen, daß die sogenannten „Situationen“ geschaffen wurden, um bestimmte Rollen zu spielen, die in der Mögliche-WeltenSemantik durch Entitä ten von recht unter-
schiedlicher Art dargestellt werden. Und ich möchte weiter zeigen, daß keine Entitä t alle diese Rollen zugleich spielen kann.
2.
Situationssemantik
In der Mögliche-Welten-Semantik ist die Bedeutung eines in einem Kontext geä ußerten Satzes die Klasse der Welten, in denen der Satz wahr ist. Ich sage „in einem Kontext“, weil natürlich viele, wenn nicht alle Sä tze, einen Kontext erfordern, der allerlei Art von Information liefern muß — etwa über Zeit, Ort und Sprecher —, bevor man zu einer bestimmten Proposition gelangt, die in einer möglichen Welt wahr oder falsch sein kann. In der Situationssemantik beschreiben Sä tze im Kontext Situationen. Wie in der MöglicheWelten-Semantik müssen wir nicht-reale Situationen zulassen, weil keine der Situationen, die von einem falschen Satz beschrieben wird, tatsächlich der Fall ist. Ich gehe hier davon aus, daß die Version der Situationssemantik, die mit Barwise und Perry’s Situations and Attitudes (1983) vorliegt, die verbindliche ist. Alle Literaturhinweise beziehen sich — wenn nicht anders angegeben — darauf. Barwise und Perry unter-
II. Probleme der ontologischen Grundlegung:Welt versus Situation
72
scheiden mehrere Typen von Situationen: Sachverhalte, Ereignisverlä ufe, Diskurssituationen, usw. (siehe S. 53—57). Tatsä chlich handelt es sich dabei aber immer um nichtleere Kollektionen von Konstituenten der folgenden Form: (a) an l: r, a1, ..., an; ja oder (b) an l: r, a1, ..., an; nein wobei l eine „Lokation“, d. h. eine raumzeitliche Region ist, r eine n-stellige Relation (Relationen und Situationen sind Grundbegriffe der Theorie.) und a1, ..., an Objekte sind (Die Objekte können Individuen sein, die ebenfalls Grundbegriffe sind, oder sie können Relationen oder Situationen sein.). „Ja“ und „nein“ sind die beiden Wahrheitswerte. Eine wesentliche Eigenschaft von Situationen ist, daß sie partiell sein können. Zum Beispiel gibt es viele Situationen, die weder (a) noch (b) enthalten. Falls eine Situation beide enthält, heißt sie inkohärent (S. 54). Wenn (a) oder (b) Teil von e an einer Lokation l ist, schreiben Barwise und Perry in e: an l: r, a1, ..., an; ja (oder nein); und wenn weiter e nur aus einem Eintrag besteht, schreiben sie z. B. e: = an l: r, a1, ..., an; ja Falls ϕ ein Satz ist, dann ist seine Bedeutung [[ϕ]] eine Relation zwischen Situationen, und wir lesen u [[ϕ]] e als „ϕ, geä ußert in der Situation u, beschreibt die Situation e“. Die Situation u hat man sich als Diskurs-Situation vorzustellen, deren Aufgabe typischerweise darin besteht, Dinge zweierlei Art zu liefern: Erstens die „mehr oder weniger öffentlichen Aspekte einer Äußerung“ (S. 121) wie den Sprecher, die Zeit und den Ort, usw.; und zweitens die „Sprecherverbindungen“ (S. 125), d. h. worauf sich der Sprecher in u durch Namen, Pronomina oder andere derartige Ausdrücke bezieht, die in ϕ vorkommen. Die Situation u ist von der Art, die Barwise und Perry Sachverhalt nennen, das bedeutet, daß die Lokation l dieselbe in allen Konstituenten von u ist und man somit von dem einzigen l in u als der „Diskurslokation“ sprechen kann.
3.
Situationen als Propositionen
Barwise und Perry nennen einen Satz im Kontext eine Aussage, und ich werde diese bequeme Abkürzung manchmal benutzen. In
der Mögliche-Welten-Semantik sind Aussagen wahr oder falsch in Welten, und die Bedeutung (oder wie Barwise und Perry sagen würden, die „Interpretation“) einer Aussage ist die Klasse der Welten, in denen sie wahr ist. Klassen von Welten werden oft Propositionen genannt, und die Bedeutung einer Aussage ist eine einzelne Proposition. Die Strategie dieses Beitrages ist die folgende: Ich werde plausibel zu machen versuchen, daß eine der Aufgaben, die Barwise und Perry Situationen zuweisen, darin besteht, die Rolle von Propositionen zu spielen. Ich werde zeigen, daß gewisse Schwierigkeiten entstehen, wenn sie diese Rolle spielen. Ich werde weiter zu zeigen versuchen, daß einige andere Aufgaben, die nach Barwise und Perry Situationen erfüllen, verlangen, daß sie sich wie Welten verhalten. Meine Schlußfolgerung wird sein, daß man von Situationen zu viele inkompatible Aufgaben verlangt. 3.1 Die Erzeugungseigenschaft Man betrachte die Situation, die lediglich aus Mollies Bellen besteht: e* : = an l: bellt, Mollie; ja In gewisser Hinsicht beschreibt eine Äußerung von Mollie bellt in einer Diskurssituation, die l als Bezugslokation spezifiziert, genau e*. Nicht mehr und nicht weniger. Die Aussage spricht Mollie Bellen an l zu und sagt nichts darüber aus, was sonst noch geschieht. Sie beschreibt eine Situation e genau dann, wenn e* ⊂e. Ich möchte von Sä tzen dieser Art sagen, daß sie die Erzeugungseigenschaft haben. Ein Satz ϕ hat die Erzeugungseigenschaft bezüglich eines Kontextes u genau dann, wenn es eine Situation e* gibt, so daß u [[ϕ]] e gdw. e* ⊂ e ϕ hat die Erzeugungseigenschaft schlechthin genau dann, wenn ϕ sie in jedem Kontext hat. In den formalen Sprachen, die Barwise und Perry im Anhang zu Situations and Attitudes betrachten, haben alle atomaren Sä tze die Erzeugungseigenschaft (siehe auch Kapitel 7 meines Buches Adverbial Modification, 1985 a), und wenn Situationen wie Propositionen behandelt werden sollen, wä re es auch wünschenswert, daß alle Sä tze sie haben. Barwise und Perrys Semantik für die wahrheitsfunktionalen Satzoperatoren erhalten diese Eigenschaft aber im allgemeinen nicht einmal in den beschrä nkten Sprachen, die sie diskutieren. Genauer: Die Konjunktion erhä lt sie, die Disjunktion aber nicht. Um dies zu zeigen, nehmen wir an, daß u ein Kontext ist, der für
5. Die Weltsituation
alle kontextabhä ngigen Namen in einem Satz ϕ ⋀ ψ Denotate bereitstellt. Wir haben die Regel (siehe S. 137), daß u [[ϕ ⋀ ψ]] e gdw. u [[ϕ]] e und u [[ψ]] e. Nehmen wir nun an, es gä be ein e1 und ein e2, so daß u [[ϕ]] e gdw. e1 ⊂ e und u [[ψ]] e gdw. e2 ⊂ e. (Dies bedeutet gerade, daß ϕ und ψ die Erzeugungseigenschaft haben.) Damit gilt für e* = e1 ⋃ e2: e* ⊂ e gdw. e1 ⊂ e und e2 ⊂ e gdw. u [[ϕ]] e und u [[ψ]] e gdw. u [[ϕ ⋀ ψ]] e Dies beweist, daß ϕ ⋀ ψ von e* generiert wird. Also hat ϕ ⋀ ψ die Erzeugungseigenschaft, wenn sowohl ϕ als auch ψ sie haben. Die Disjunktion verhä lt sich dagegen anders, zumindest wenn ihre Semantik klassisch ist. Und die Semantik für die Disjunktion, die Barwise und Perry vorlegen, ist klassisch. Angenommen, die Werte für alle Namen werden vom Kontext u geliefert, dann können wir die Regel für „∨“ definieren als: u[[ϕ ∨ ψ]] e gdw. u [[ϕ]] e oder u [[ψ]] e. Nun sieht man, wieso ein disjunktiver Satz die Erzeugungseigenschaft eventuell nicht hat: Angenommen, es gelte u [[ϕ]] e1 und u [[ψ]] e2, wobei e1: = an l: bellt, Jackie; ja e2: = an l: schläft, Jackie; ja Nun sind e1 und e2 in gewissem Sinne Atome, und zwar insofern, als es kein e* gibt so, daß e* ⊂ e1 und e* ⊂ e2. Aber u [[ϕ ∨ ψ]] e1 und u [[ϕ ∨ ψ]] e2 Damit kann es kein e* geben, so daß u [[ϕ ∨ ψ]] e gdw. e* ⊂ e gilt. Wie steht es mit der Satznegation? Hier stehen wir zunä chst vor dem Problem, daß Barwise und Perry sich nicht sicher sind, ob es sie überhaupt gibt. Wenn wir ihrer klassischen Behandlung der Disjunktion folgen, würden wir einfach sagen, daß u [[nicht-ϕ]] e gdw. nicht u [ϕ]] e. Aber wir könnten nicht u [[ϕ]] e auch in einer Situation vorfinden, in der ϕ nicht so sehr falsch, als vielmehr undefiniert ist. Das könnte etwa für Mollie schläft in unserer obigen Situation e* : = an l: bellt, Mollie; ja der Fall sein. Man kann ebenso wenig herleiten, daß Mollie in e* schlä ft, wie daß sie nicht
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schlä ft. Wir wollen sagen, daß zwei Situationen e und e’ ä quivalent sind, e ≈ e’, wenn sie auseinander alleine durch die Änderung der Wahrheitswerte der Konstituenten gewonnen werden können. Mit anderen Worten, e und e’ entscheiden genau dieselben Alternativen, obwohl die von ihnen getroffenen Entscheidungen nicht gleich ausfallen müssen. Wenn uns nun ein Satz cp gegeben ist, so können wir die Klasse der Situationen, in denen cp in einem Kontext u definiert ist, folgendermaßen definieren: u [[ϕ]]+e gdw. für ein e’ ≈ e gilt: u [[ϕ]]e’ Die formale Definition der Negation würde dann besagen, daß u [[nicht-ϕ]] e gdw. u [[ϕ]]+e aber nicht: u [[ϕ]] e. Das würde heißen, daß e über alle möglichen Alternativen entscheidet, die mit ϕ zu tun haben, ohne ϕ selbst zu verifizieren. Diese Art der Negation ist, genau wie die Disjunktion, ein Operator, der die Erzeugungseigenschaft nicht erhä lt. Sei nä mlich e* wie folgt: an l: r1, a; ja an l: r2, a; ja Nehmen wir weiter an, daß für ein gegebenes u gilt u [[ϕ]] e gdw. e* ⊂ e Nun werden wir unter e’ ≈ e auch solche mit e1 : = an l: r1, a; ja an l: r2, a; nein und e2 : =
an l: r1, a; nein an l: r2, a; ja
finden. Da nun e* ⊄ e1 und e* ⊄ e2, aber e1 ≈ e* und e2 ≈ e* gilt, so erhalten wir u [[nichtϕ]] e1 und u [[nicht-ϕ]] e2. Aber e1 und e2 haben keinen nichtleeren Schnitt, und daher ist die Klasse aller e, für die gilt u [[nicht-ϕ]] e nicht erzeugbar, obwohl die Klasse der e, für die u [[ϕ]] e gilt, erzeugt wird. Man könnte meinen, daß eine Situation dadurch negiert werden kann, daß man die
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Wahrheitswerte ihrer Konstituenten einfach vertauscht. Es ist aber leicht einzusehen, daß dies nur das Konträ re einer Situation ergä be, nicht aber das zu ihr Kontradiktorische: Sei e die Situation von Mollies Bellen und Schlafen. Eine Umpolung der Wahrheitswerte in e ergä be die Situation e’, in der Mollie nicht bellt und nicht schlä ft. Das Kontradiktorische von e ist aber vielmehr die Situation von Mollies entweder Nicht-Bellen oder NichtSchlafen. Es genügt, den Wahrheitswert nur einer Konstituenten umzupolen. Und die Schwierigkeit besteht daraus, daß man dies auf mehr als eine Weise machen kann, es sei denn, die Situation besteht aus nur einer Konstituenten. Bei Situationen, die nur aus einer Konstituenten bestehen, gibt es natürlich keine Probleme. Die Negation von (a) an l: r, a1, ..., an; ja ist einfach (b) an l: r, a1, ..., an; nein und umgekehrt. Das ist nun tatsä chlich die einzige Negation, die Barwise und Perry zulassen, und ich muß gestehen, daß ihr Standpunkt ein wesentlich festeres Band zwischen Sprache und Ontologie schmiedet, als ich für vertretbar halte. Wenn nä mlich überhaupt nur solche Situationen negiert werden können, die aus einer einzigen Konstituente, die eine atomare Relation involviert, bestehen, dann hä ngt die Antwort auf die Frage, ob eine Aussage negiert werden kann, davon ab, ob sie eine solche Situation beschreibt oder nicht. Barwise und Perry behaupten, sie wüßten, wann das der Fall sei. Zum Beispiel behaupten sie auf S. 76, daß „es zwar die atomaren Eigenschaften, müde zu sein, hungrig zu sein und ein Philosoph zu sein, gibt, daß aber kein Grund für die Annahme besteht, daß es die atomare Eigenschaft, ein müder, hungriger Philosoph zu sein, gibt“. Wä hrend es also für eine gegebene Person und Lokation jeweils einzelne Situationen des Hungrigseins, des Müdeseins und des Philosophseins und ebenso einzelne Situationen des Nicht-Müdeseins, des Nicht-Hungrigseins und des Nicht-Philosophseins gibt, und wä hrend es sogar eine einzelne Situation, ein hungriger, müder Philosoph zu sein, gibt, gibt es keine Situation, kein hungriger, müder Philosoph zu sein. Demnach gibt es kein Prä dikat, welches „ist kein müder, hungriger Philosoph “ bedeutet! Was mich angeht, so finde ich es
II. Probleme der ontologischen Grundlegung:Welt versus Situation
völlig unplausibel, daß die Struktur der Welt die Sprache auf diese Weise beeinflussen sollte. Ich hä tte gedacht, daß die Suche nach einer logisch perfekten Sprache, welche die Strukturen der Wirklichkeit genau widerspiegelt, seit dem Tractatus zu den Akten gelegt sei. Wenn wir die Satznegation haben wollen und gleichzeitig die Erzeugungseigenschaft erhalten wollen — und folglich die Idee aufrechterhalten, daß eine Situation insofern etwas wie eine Proposition ist, als eine einzelne Situation die Bedeutung eines Satzes im Kontext sein kann — könnten wir zunä chst untersuchen, ob der von Barwise und Perry zugelassene Apparat es gestattet, eine Art von Negation oder eine Art von Disjunktion zu haben, die aus einer Situation eine andere herstellt, die genau deren Negation ist — oder aus einem Paar von Situationen eine andere, die genau deren Disjunktion ist. Es ist am einfachsten, mit der Negation zu beginnen. Barwise und Perry lassen unter anderem Relationen zwischen Situationen zu. So verwendet etwa ihre Semantik für weil eine zweistellige Relation, in der an l: weil, e1e2; ja bedeutet, daß an le2 der Fall ist, weil e1 der Fall ist. Auf ä hnliche Weise könnten wir die Negation ausdrücken, indem wir eine einstellige Relation einführen, die über Situationen operiert. Wenn e eine Situation ist, dann ist ihre Negation e’, wobei e’ : = an l: neg, e; ja (mit l als der kleinsten Lokation, die alle Orte in e umfaßt). Die Idee ist, daß e’ einfach die Situation von e’s Falschsein ist. Ein ernsthaftes Problem für neg ist das Problem der Iteration. Betrachten wir zunä chst das satzeinbettende nicht, das wir oben eingeführt haben. Es sollte nicht allzu schwierig sein, einzusehen, daß [[ϕ]] und [[nichtnicht-ϕ]] dieselbe Relation sind. Diese Tatsache wurde in Structured Meanings (Cresswell 1985 b: 170) dazu benutzt, zu zeigen, daß — entgegen Barwise und Perrys Behauptung — die Situationssemantik das Problem logisch ä quivalenter Sä tze nicht immer löst; aber zumindest bedeutet dies, daß kein Problem für die Semantik der doppelten Satznegation besteht. neg dagegen verhä lt sich anders. Was wä re denn die doppelte Negation in einer Situation e? Wir hätten e1 := an l: neg, e; ja e2 := an l: neg, e1; ja
5. Die Weltsituation
Jetzt kommt das Problem: e1 ist eine Menge von Konstituenten, von denen eine neg enthä lt, und doch ist auch e1 selbst Argument von neg. Wenn die Relationen mengentheoretisch konstruiert wä ren, dann würde dies dem Fundierungsaxiom widersprechen. Barwise und Perry behandeln Relationen als Grundbegriffe. Damit ist nicht klar, was sie auf diesen Einwand antworten würden, zumal sie keine Theorie für Relationen entwickeln, die mit der normalen Mengenlehre vergleichbar wäre. Auch die Disjunktion können wir als Relation zwischen Situationen behandeln. Die Disjunktion von e1 und e2 ist e3:= an l: oder, e1, e2; ja wobei l die kleinste Lokation ist, welche die Lokationen von e1 und e2 umfaßt. Diese Disjunktion leidet zwar noch am Iterationsproblem, aber wie neg erhä lt sie die Erzeugungseigenschaft. 3.2 Propositionen und große Mengen Ich bin bisher davon ausgegangen, daß Situationen in der Situationssemantik die Rolle spielen, welche in traditionellen Theorien den Propositionen zukommt — ob sie als Mengen von möglichen Welten aufgefaßt werden oder nicht. In diesen traditionelleren Theorien ist das Problem der Negation einfach. Die Bedeutung der Negation wä re eine Funktion, die etwa aus der Proposition, daß Perry ein müder, hungriger Philosoph ist, die Proposition, daß Perry kein müder, hungriger Philosoph ist, macht. Nach wie vor bleibt allerdings das Problem bestehen, zu entscheiden, was das ist. Richmond Thomason hat vor kurzem vorgeschlagen, Propositionen als Grundbegriffe anzusehen, zumindest für die Zwecke der Logik und Semantik. Ich selbst bin vor zwanzig Jahren ebenso verfahren. Aber Barwise und Perry wä ren mit keiner Analyse der Negation zufrieden, die deren Bedeutung zu einer Funktion von Propositionen in Propositionen macht. Sie haben vielmehr eine herablassende Einstellung zu Propositionen. Auf S. 178 nennen sie diese ein „Artefakt der semantischen Anstrengungen“, ä w hrend selbstverst ä ndlich ihre eigenen Grundbegriffe „alles reale Dinge“ sind. (Es überrascht nicht, daß einer ihrer liebsten Beispielsä tze „Ich habe recht; du hast Unrecht“ ist.) Sie würden zum Beispiel auch eine Eigenschaft nicht als Funktion von Dingen in Propositionen behandeln, oder die Bedeutung einer Satzkonjunktion als Funktion von Pro-
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positionen in Propositionen. Der Grund dafür liegt in ihrer Einstellung zur Mengenlehre. In jeder Mengenlehre, die diese Unterscheidung zulä ßt, sind Mengen die Klassen, die „klein“ genug sind, um Elemente von anderen Klassen zu sein, und „echte Klassen“ sind zu groß, als daß dies passieren könnte. Aber trotzdem können Mengen in der Standardmengenlehre sehr groß sein; sicher gibt es Mengen von transfiniter Mä chtigkeit, und ihre Verwendung stellt für die Mögliche-Welten-Semantik in aller Regel kein Problem dar. Aber Barwise und Perry mögen nur kleine Mengen. Auf S. 52 schreiben sie: „Alles, was wir über Mengen sagen, stimmt, wenn man es auf endliche Mengen von Grundbegriffen, endliche Mengen dieser Mengen, usw. anwendet“. Es zeigt sich, daß das der Grund dafür ist, daß sie Propositionen nicht mögen, denn „es stellt sich heraus, daß die Interpretation einer Äußerung — die realistische Proposition, die sie bezeichnet — eine echte Klasse ist“ (S.178). Sicherlich werden die Mengen von Welten, welche die meisten Propositionen bilden, unendlich sein. Wenn eine Proposition eine einzelne Situation ist, dann ist sie — entgegen dem, was Barwise und Perry sagen — vielleicht nicht unendlich; wenn aber die Negation eine Funktion sein soll, deren Definitionsbereich die Klasse aller Propositionen ist, dann müßte diese Funktion sicherlich unendlich sein. Die Frage, wie man Semantik mit einer sehr schwachen Mengenlehre betreiben kann, ist meiner Ansicht nach von vitalem Interesse. Ein Gleiches gilt für die Frage, ob man das auch tun sollte, und wenn ja, warum. Es ist eine unglückliche Praxis der Situationssemantik, daß diese Frage mit einer großen Menge von anderen Fragen vermengt worden ist, wie etwa der Frage, welche Grundbegriffe man verwenden soll, oder warum die Sprachphilosophie seit Frege und Russell völlig fehlgelaufen ist. Die Frage nach den angemessenen Grenzen der mengentheoretischen Konstruktionen kann und sollte gestellt und diskutiert werden, und zwar für jeden semantischen Ansatz. Ich wä re der allererste, der mehr Licht in diesem Bereich begrüßen würde. 3.3 Die Unvollständigkeit von Propositionen und Situationen Ich habe bisher zu zeigen versucht, daß die Situationen die Rolle von Propositionen übernehmen können, wenn auch nicht problemlos. Die Motivation für diese Rollenzuweisung ist die, daß Situationen partiell oder unvollstä n-
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dig sind. Wenn wir aber gewisse andere Dinge betrachten, die Barwise und Perry von Situationen verlangen, dann zeigt es sich, daß die Frage der Vollstä ndigkeit mitnichten so klar liegt, wie es zunä chst scheint. Ein Teil des Problems besteht darin, wie u [[ϕ]] e zu verstehen ist. Dieser Ausdruck ist zu lesen: Im Kontext u beschreibt ϕ die Situation e. Bisher habe ich so getan, als sei e die Proposition, die ϕ im Kontext u ausdrückt. Aber man kann sich eine Situation ebenso gut als eine mögliche Welt vorstellen, so daß u [[ϕ]] e dann eher zu lesen ist als: „Bezüglich des Kontexts u ist ϕ wahr in e.“ Was ich nun zeigen möchte, ist, daß Barwise und Perrys Haltung gegenüber der Disjunktion zu Schwierigkeiten führt, falls wir uns die Bedeutung eines Satzes als eine einzelne Situation vorstellen; ferner, daß ihre Behandlung der Disjunktion erfordert, daß man Situationen als Welten rekonstruiert. Damit würde die Situationssemantik zu einer Version der Mögliche-Welten-Semantik. In der Mögliche-Welten-Semantik sind Propositionen Mengen von Welten. In diesem Rahmen ist es ziemlich einfach zu definieren, was es für eine Proposition bedeuten soll, unvollstä ndig oder partiell zu sein. Angenommen ich sage zu dir: (1) Morgen vormittag zwischen 9 und 12 Uhr bin ich entweder zuhause oder in der Universität. Wenn der Kontext einmal den Sprecher, das Datum und was sonst noch gebraucht werden könnte, geliefert hat, zerfallen die möglichen Welten in zwei Klassen, nä mlich in jene, in denen (1) wahr ist, und in jene, in denen (1) falsch ist. Unter den Welten, in denen (1) wahr ist, können sehr wohl welche sein, in denen ich an beiden Orten bin, wenn auch vermutlich nicht zur selben Zeit, aber es wird sicher einige Welten geben, in denen ich an dem einen Ort bin, nicht aber an dem anderen. Satz (1) ist in einem gewissen Sinn unvollstä ndig: Er kann auf verschiedene Arten wahr gemacht werden. Dies ist der Sinn, in dem eine Proposition unvollstä ndig ist, und wenn eine Situation etwas wie eine Proposition ist und eine Situation in dieser Weise unvollstä ndig wä re, dann müßten wir eine einzelne Situation haben, die durch (1) beschrieben wird, welche die Situation meines Zuhause-oderan-der-Universitä t-Seins ist, ohne eine Situation zu sein, in der ich zuhause bin, oder eine Situation zu sein, in der ich in der Universitä t
II. Probleme der ontologischen Grundlegung:Welt versus Situation
bin. In einer Hinsicht ist es einfach, sich vorzustellen, wie das aussehen soll, denn die Proposition, die durch (1) in einem Kontext ausgedrückt wird und welche in der MöglicheWelten-Semantik die Klasse der Welten ist, in denen (1) wahr ist, hat gerade diese Eigenschaft. Jedes Element der Klasse ist entweder eine Zuhause-Welt oder eine Universitä tsWelt, aber es ist nicht wahr, daß jedes Element eine Zuhause-Welt ist, und es ist nicht wahr, daß jedes Element eine Universitä ts-Welt ist. Die Proposition ist unvollständig. Die Schwierigkeit, Situationen auf diese Weise zu betrachten, liegt darin, daß sie Ärger macht, wenn man sie mit Barwise und Perrys klassischer Semantik für oder kombiniert. Es ist klar, daß (1) dieselbe Bedeutung hat wie (2) Entweder bin ich morgen zwischen 9 und 12 zuhause, oder ich bin morgen zwischen 9 und 12 in derUniversität. Und es ist weiter klar, daß (2) eine Satzdisjunktion ist. Wie wir gerade gesehen haben, ist Barwise und Perrys Semantik für das Wort oder die klassische — wenn die kontextuellen Merkmale einmal festgelegt sind. Demzufolge beschreibt (2) in einem Kontext u, der alle Denotate liefert, eine Situation e genau dann, wenn entweder (3) Ich bin morgen zwischen 9 und 12 zuhause die Situation e beschreibt, oder wenn (4) Ich bin morgen zwischen 9 und 12 in der Universität e beschreibt. Das aber bedeutet, daß e nicht in demselben Sinne unvollstä ndig ist, in dem die Menge der Welten, in denen (1) wahr ist, unvollstä ndig ist. Die Unvollstä ndigkeit der Proposition, die durch (1) ausgedrückt wird, entsteht dadurch, daß (1) nicht durch mein Zuhausesein wahr gemacht werden muß (denn ich könnte in der Universitä t sein), noch muß (1) durch mein In-der-Universitä tSein wahr gemacht werden (weil ich zuhause sein könnte). Aber nehmen wir an, eine Situation hä tte die Art von Unvollstä ndigkeit, die eine Proposition hat. Sei e eine Situation, in der ein bestimmtes Eisenbahnsignal in Betrieb ist. Angenommen, es ist ein Zweifarbensignal, das heißt, wenn es in Betrieb ist, zeigt es entweder Rot oder Grün an. Jetzt stelle ich mir jemand vor, der fragt: „Wenn du sagst, daß es in Betrieb ist, meinst du dann bloß, daß es Rot oder Grün anzeigt, oder meinst du, daß es den Zustand der Strecke korrekt
5. Die Weltsituation
anzeigt?“ Die Antwort könnte lauten: „Wenn ich sage, daß es in Betrieb ist, dann meine ich, daß es Rot oder Grün anzeigt.“ Sei nun a ein Satz mit der Bedeutung, daß das Signal Rot anzeigt, und β, daß es Grün anzeigt. Dann wird jede Situation, in der das Signal in Betrieb ist, durch „a oder β“ beschrieben. Wir nehmen aber an, daß e eine Situation ist, die dieselbe Art von Unvollstä ndigkeit aufweist wie die Proposition, daß das Signal in Betrieb ist. Das bedeutet aber, daß e keine Situation sein muß, in der das Signal Rot anzeigt (denn es könnte eine sein, in der es Grün anzeigt), noch muß es eine Situation sein, in der das Signal Grün anzeigt (denn es könnte eine sein, in der es Rot anzeigt). Und dies ergibt einen Widerspruch. Denn „a oder β“ beschreibt e, und das kann nur so sein, wenn a die Situation e beschreibt, oder wenn ß es tut. Wenn aber a die Situation e beschreibt, dann ist e eine Situation, in der das Signal Rot anzeigt, und wenn β die Situation e beschreibt, dann ist e eine Situation, in der das Signal Grün anzeigt. Oder betrachten wir ein Beispiel, das nä her an denen von Barwise und Perry liegt — eine Situation, in der Mollie bellt. Ich habe oben gezeigt, daß, wenn e* genau die Situation von Mollies Bellen an l ist, dieses e* auch geeignet wä re, die Proposition, daß Mollie an l bellt, darzustellen und damit die Bedeutung eines einschlä gigen Satzes sein könnte. Aber natürlich wird Mollie in jeder Situation, in der sie bellt, entweder laut oder leise bellen. Folglich scheint es so zu sein, daß man keine Situation e haben kann, in der Mollie einfach nur bellt. Situationen können unvollstä ndig sein, aber es sieht so aus, als könnten sie nicht allzu unvollstä ndig sein. Sie können nicht so unvollständig wie Propositionen sein. Die hier angeführte Argumentation hat von einer Situation Gebrauch gemacht, die auf genau zwei Weisen spezifisch gemacht werden konnte; es ist aber nicht schwer, einzusehen, daß dasselbe Resultat aus einer Situation folgt, die auf endlich viele Weisen spezifisch gemacht werden muß. Was schließlich eine Situation betrifft, die auf eine von unendlich vielen Weisen spezifisch gemacht werden muß, kann nicht durch eine unendliche Disjunktion dargestellt werden — weil es in der natürlichen Sprache keine gibt — aber es scheint unvernünftig, allein daraus einen prinzipiellen Unterschied herleiten zu wollen. Wenn also Situationen nicht in dem Sinne unvollstä ndig sein können, in dem Propositionen es sind, welche Art von Unvollstä ndigkeit können sie dann haben? Hier kommen
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wir weiter, wenn wir uns die obige Argumentation genauer ansehen. Denn der entscheidende Punkt bei der Situation e, in der das Signal in Betrieb ist, ist der, daß man eine solche Situation nicht haben kann, ohne zugleich eine rot-anzeigende Situation oder eine grün-anzeigende Situation zu haben. Wenn man sie haben könnte, dann wä re die Unvollstä ndigkeit von e sehr radikaler Natur. Es würde dann nä mlich zum Wesen von e gehören, daß e in einer der beiden Weisen vervollstä ndigt werden müßte. Ich werde eine Situation wesentlich unvollständig nennen, wenn sie es erfordert, Teil einer Situation zu sein, die zu einer Kollektion von spezifischeren Situationen gehört. Die bisher durchgeführte Argumentation zeigt, daß keine Situation wesentlich unvollständig sein kann.
4.
Situationen als Welten
Wenn eine Situation nicht wesentlich unvollstä ndig sein kann, auf welche andere Weise kann sie dann unvollstä ndig sein? Ziehen wir ein Beispiel aus Barwise und Perrys Arbeit über Einstellungen heran. Betrachte den Unterschied zwischen (5) Fritz kam herein (6) Fritz kam herein, und Sandra rauchte oder nicht. Barwise und Perry stellen sich die „bloßen Infinitive“, die (5) und (6) entsprechen, als Objekte eines Verbs der Wahrnehmung vor, wie etwa bei Sepp sah ... in (5 a) oder (6 a): (5) a. Sepp sah Fritz hereinkommen (6) a. Sepp sah Fritz hereinkommen und Sandra rauchen oder nicht rauchen. Sie betonen, daß (5) und (6) — obwohl logisch ä quivalent — dennoch verschiedene Situationen beschreiben. Denn (5) erwä hnt Sandra überhaupt nicht — es könnte sein, daß es überhaupt keine Person dieses Namens gibt. Und (5 a) muß (6 a) sicherlich nicht implizieren, denn wenn Sepp Fritz hereinkommen sah, dann folgt daraus nicht, daß er Sandra irgendetwas hat tun sehen, rauchen oder nicht rauchen — sie könnte ja gar nicht dagewesen sein, selbst wenn es eine solche Person gä be. Im Falle von (6 a) behaupten Barwise und Perry, daß Sepp, um Sandra rauchen oder nicht rauchen sehen zu können, sie entweder rauchen oder nicht rauchen sehen müßte, und beide Aussagen implizieren würden, daß Sandra anwesend wä re und von Sepp gesehen
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würde. In der Terminologie der Unvollstä ndigkeit ist jede Situation, die (6) genau beschreibt (d. h. jede Situation, die nicht mehr und nicht weniger ist, als (6) beschreibt), wesentlich unvollstä ndig, indem sie danach verlangt, entweder zu einer Situation erweitert zu werden, in der Sandra raucht, oder zu einer Situation, in der sie nicht raucht. Nun mag auch (5) (wie Mollies Bellen) wesentlich unvollstä ndig sein, aber nicht auf dieselbe Weise wie (6). Nehmen wir nä mlich einmal an, es gä be niemand wie Sandra. Dann müßte eine Situation, die (5) beschreibt, nicht auf dieselbe Weise erweitert werden wie (6). Dennoch könnte eine solche Situation in einer bestimmten Hinsicht als unvollstä ndig beschrieben werden. Stellen wir uns dazu vor, daß Fritz hereinkä me. In gewissem Sinne ist es logisch möglich, daß dies alles ist, was passiert. Nun, vielleicht nicht ganz alles. Vermutlich muß Fritz ein Ding oder eine Person mit einigen bestimmten Eigenschaften sein. Aber sie müssen nichts über Sandra beinhalten. Wir wollen das so ausdrücken: Wenn e eine Situation ist, die durch (5) im Kontext beschrieben wird, dann könnte e zwar zu einer Situation erweitert werden, in der Sandra raucht, oder zu einer, in der sie nicht raucht, aber sie muß nicht derart erweitert werden. Sie könnte alles sein, was es gibt. Und damit sind wir endlich bei der zentralen Behauptung dieses Beitrags. Wenn e schon alles sein könnte, was es gibt, dann könnte e eine mögliche Welt sein. Und alles, was eine mögliche Welt sein könnte, ist eine mögliche Welt. Mit anderen Worten: Situationen sind Welten. Und hier kommen wir zu einem Punkt, den Hintikka in seinem Kommentar zum Artikel von Barwise (1981 a) im Journal of Philosophy angesprochen hat. Warum müssen wir annehmen, daß Welten große Dinge sind? Die wirkliche Welt ist zweifellos ein großes Ding — aber es gibt sicherlich keinen logischen Grund, auszuschließen, daß es nur einige wenige Objekte geben könnte, die nur ein paar Eigenschaften haben und in nur wenigen Relationen zueinander stehen. Wie klein eine Welt sein kann, ist eine metaphysische Frage, auf die ich keine Antwort weiß. Alles was ich behaupte, ist, daß sie so klein sein kann wie eine von Barwise und Perrys Situationen. Manche Welten sind Teile von anderen. Eine Welt ohne Sandra kann zu einer Welt mit einer rauchenden Sandra — oder zu einer Welt mit einer nicht-rauchende Sandra erweitert werden. Das ist natürlich eine sehr irreführende Art der Darstellung, denn es gibt
II. Probleme der ontologischen Grundlegung:Welt versus Situation
Propositionen, die in der kleineren Welt wahr sind, die aber aufhören, wahr zu sein, wenn die Welt erweitert wird. Es könnte wahr sein, daß Fred die einzige Person im Raum in der kleineren Welt ist; dies ist aber nicht mehr wahr, sobald die rauchende oder nicht-rauchende Sandra angekommen ist. Eine Weise, eine Welt zu erweitern, besteht darin, daß man einfach mehr Dinge hinzunimmt, die gewisse Eigenschaften haben und in gewissen Beziehungen stehen. Situationen, die Kollektionen von Konstituenten sind, können in der normalen mengentheoretischen Weise erweitert werden, und Aussagen, die ihren Wahrheitswert unter solchen Erweiterungen beibehalten, werden von Barwise und Perry persistent genannt. Barwise und Perry benutzen den Unterschied zwischen (5) und (6), um ein Argument hochzuziehen, daß in der Situationssemantik die Ersetzung von logisch ä quivalenten Sä tzen nicht gilt. Da ich argumentiere, daß Situationen Welten sind, muß ich zeigen, was mit diesen beiden Sä tzen geschieht, wenn Situationen Welten sind, denn es wird als ein Mangel der Mögliche-Welten-Semantik betrachtet, daß sie die Ersetzung von logisch ä quivalenten Sä tzen zulä ßt. Obwohl Propositionen in der Mögliche-Welten-Semantik normalerweise als Klassen von Welten angesehen werden, mit der Konsequenz, daß jede Welt entweder in einer gegeben Proposition ist oder nicht, könnte man sie stattdessen als Funktionen von möglichen Welten in Wahrheitswerte auffassen. Das würde die Möglichkeit eröffnen, daß eine Proposition für gewisse Welten nicht definiert ist, und damit für diese Welten überhaupt keinen Wahrheitswert hat. Nun besteht laut Barwise und Perry der Unterschied zwischen (5) und (6) darin, daß (5) Situationen beschreiben kann, die Sandra überhaupt nicht enthalten, wogegen (6) das nicht kann. Die einfachste Art, dies zu verstehen — d. h. die klassische Semantik für oder beizubehalten und dennoch die Äquivalenz von (5) und (6) verwerfen zu wollen — scheint die folgende zu sein: Wir lassen (7) Sandra rauchte undefìniert für Welten, in denen es keine derartige Person gibt, und lassen (6) diese Eigenschaft erben. Damit gibt es zwar keine Welten, in denen (5) und (6) unterschiedliche Wahrheitswerte haben, dagegen kann es sehr wohl Welten geben, in denen (5) einen Wert hat, (6) aber nicht. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich dies für den besten Weg halte, das
5. Die Weltsituation
Problem zu behandeln, aber die Methode liefert zumindest eine Lösung, die mit der Behandlung von Situationen als Welten verträ glich ist. Das Argument, das ich gegen wesentlich unvollstä ndige Situationen entwickelt habe, hä ngt entscheidend von der Semantik ab, die Barwise und Perry für oder angeben. Im Rest dieses Artikels werde ich zeigen, daß diese Semantik in keinster Weise eine isolierte Eigenart ist, die ohne substantielle Änderungen des gesamten theoretischen Rahmens modifiziert werden könnte.
5.
Situationen als Ereignisse
Die Semantik für oder, die Barwise und Perry bereitstellen, spielt eine Schlüsselrolle für die Begründung eines Schlusses, dessen Gültigkeit für bloße Infinitivkonstruktionen sie behaupten. Auf S. 182 ist ihr Beispiel der Schluß von (8) auf (9): (8) Ralph sah Ortcutt oder Hortcutt den Brief verstecken (9) Ralph sah Ortcutt den Brief verstecken oder Ralph sah Hortcutt den Brief verstecken. Ihre Semantik für sehen, auf das ein bloßer Infinitiv folgt (nicht aber ein daß-Satz) behauptet eine Relation zwischen einem Subjekt und einer Situation. Angenommen nun, (8) sei wahr. Was Ralph dann sieht, ist eine Situation, in der entweder Ortcutt oder Hortcutt den Brief versteckt. Nach der Semantik für oder muß dies entweder eine Situation sein, in der Ortcutt den Brief versteckt, oder eine, in der Hortcutt das tut. Damit sieht Ralph eine dieser Situationen, und das genügt, um (9) zu stützen. Tatsä chlich sieht man, selbst wenn man sich nicht mit der Semantik für oder genauer auseinandersetzt, daß Barwise und Perrys Auffassung von perzeptionellen Sä tzen wesentlich unvollst ä ndige ä S tze ausschließt. Dies ist so, weil sie sich Situationen als Einzeldinge vorstellen. Was Ralph in jeder Situation sieht, die (8) beschreibt, ist eine bestimmte Situation, etwas, was tatsä chlich vor seinen Augen liegt. Ich für meinen Teil bin nicht davon überzeugt, daß Perzeption so stattfindet. Vielmehr glaube ich, daß Sä tze über Wahrnehmungssä tze ein großes Stück Intensionalitä t mit beinhalten. Aber das gehört nicht hierher, und ich möchte lediglich einige der Konsequenzen, die sich aus dem individuellen Charakter der Situationen er-
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geben, aufzeigen. Wenn Situationen so etwas wie spezielle Individuen sind, dann müssen sie in gewisser Weise vollstä ndig sein. Angenommen, a sei so ein spezielles Individuum. Dann möchte ich behaupten, daß es für eine Welt möglich sein muß, genau dieselben Individuen wie eine Welt mit a zu enthalten und dennoch eine Welt ohne a zu sein. Natürlich würden die verbleibenden Individuen nicht mehr in Relationen zu a stehen, wie sie es jetzt tun, und sie könnten deshalb andere Eigenschaften haben als die, die sie jetzt haben, aber es gibt kein Individuum, dessen Existenz logisch von der Existenz eines anderen Individuums abhängt. In ä hnlicher Weise sollte auch eine Situation als ein selbstä ndiges Objekt einer bestimmten Wahrnehmung — eine Szene, wie Barwise sie in seinem Artikel über Perzeption nennt — etwas sein, das für sich existieren kann, als etwas, das als Teil entweder Ortcutts Verstecken des Briefs oder Hortcutts Verstekken desselben enthält. Es gibt viele, die bloße Infinitivkonstruktionen als Relationen zwischen Personen und Ereignissen ansehen würden. Und viele von diesen würden die Ereignisse als individuelle Einzeldinge betrachten wollen. Diejenigen, die das tun, würden beinahe mit Sicherheit disjunktive Ereignisse verwerfen. Sie würden sagen, man könne nur dann ein Ereignis des ϕ-ens oder ψ-ens haben, wenn dieses entweder ein Ereignis des ϕ-ens oder ein Ereignis des ψ-ens sei. Im Falle des Bahnsignals: Falls es tatsä chlich Rot anzeigen würde, dann wä re sein In-Betrieb-Sein einfach sein Rot-Anzeigen, und wenn es Grün anzeigen würde, dann wä re sein In-Betrieb-Sein sein Grün-Anzeigen. Der Grund dafür ist der, daß man keine Ereignisse haben kann, die in dem oben definierten Sinne wesentlich unvollstä ndig sind. Da man kein Ereignis des ϕ-ens oder ψ-ens haben kann, ohne daß es ein Ereignis des ϕens oder ein Ereignis des ψ-ens ist, kann Ralph auch kein solches Ereignis sehen, ohne ein ϕ-en zu sehen oder ein ψ-en zu sehen. Diese Betrachtung bloßer infinitivischer Sä tze mag richtig oder falsch sein; aber keiner ihrer Verteidiger muß annehmen, daß Ereignisse die Bedeutungen von Sä tzen sind, und ich vermute, daß die meisten von ihnen das auch nicht annehmen würden. Die Art der Unvollstä ndigkeit, welche Satzbedeutungen zukommt, ist in aller Regel die wesentliche Unvollstä ndigkeit. Wenn zum Beispiel jemand bei mir eingebrochen hat, dann muß es eine bestimmte Person gewesen sein, die das zu
II. Probleme der ontologischen Grundlegung:Welt versus Situation
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einem bestimmten Zeitpunkt mit bestimmten Werkzeugen tat. Aber es gibt nichts in der Bedeutung des Satzes (10) Jemand hat bei mir eingebrochen, was mir diese Dinge erzä hlt. Genauso wie es nichts in (1) gibt, was dir sagt, ob ich zuhause oder in der Universitä t sein werde. Somit scheint es kein Zufall zu sein, daß die wesentliche Unvollstä ndigkeit ein „Auf keinen Fall!“ für Situationen ist. Aber sie scheint das Resultat eines Irrtums zu sein, nä mlich das Ergebnis des Wunsches, daß die Entitä ten, die durch bloße Infinitivsä tze bezeichnet werden, dieselben sind wie die von Sä tzen bezeichneten. Wenn wir Situationen nur für bloße Infinitive verwenden, dann werden sie wie Ereignisse. Das gibt uns die Freiheit, traditionellere Entitä ten als Werte von Sä tzen zu benutzen.
6.
Schluß
In der Bewertung der Situationssemantik als eines Konkurrenten zur Mögliche-Welten-Semantik komme ich zu folgendem Ergebnis: In der Mögliche-Welten-Semantik gibt es Entitä ten von mindestens dreierlei Art, welche die Situationssemantik als eine einzige Art zu be-
6. 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8.
1.
handeln versucht hat. Es gibt mögliche Welten, die individuell und vollstä ndig sind und bezüglich derer die Wahrheit bestimmt wird. Dann gibt es Propositionen — Klassen von Welten —, die in logischen Relationen zueinander stehen und die Bedeutungen von Sä tzen im Kontext sind. Propositionen ä hnlich sind Eigenschaften und Relationen. Schließlich gibt es individuelle Einzeldinge, zu denen manche auch die Ereignisse zä hlen möchten. Ich haben zu zeigen versucht, daß man Situationen als Entitä ten von jeder dieser Arten ansehen kann. Wenn man dies tut, könnte man unter Umstä nden eine Semantik erhalten, die ebenso gangbar ist wie traditionellere Ansä tze. Die Probleme treten auf, wenn man versucht, dieselbe Art semantischer Entitä ten für alle drei Aufgaben zu verwenden. Unglücklicherweise besteht die Originalitä t der Situationssemantik gerade in diesem Versuch.
7.
Literatur (in Kurzform)
Barwise 1981 a · Barwise/Perry 1983 · Cresswell 1985 a · Cresswell 1985 b
M. J. Cresswell, Wellington (New Zealand) (Übersetzt aus dem Englischen von Arnim von Stechow)
Situationen und kleine Welten Vorbemerkungen Die Grundbegriffe der beiden Theorien Die wirkliche Welt und ihre Tatsachen Weltausschnitte Effizienz, Kontext und die relationale Bedeutungstheorie Propositionen und Situationen Schluß Literatur (in Kurzform)
Vorbemerkungen
In diesem Artikel möchte ich drei Dinge zugleich tun: Ich möchte eine kurze Einführung in die Situationssemantik geben, die Situationssemantik mit der Mögliche-Welten-Semantik vergleichen und auf einige Punkte der Kritik eingehen, die Cresswell (in Artikel 5) an der Situationssemantik übt. Andere Ge-
genüberstellungen von Situationssemantik und Mögliche-Welten-Semantik finden sich — als Hauptgegenstand oder Nebenaspekt — in den Aufsä tzen Barwise & Perry (1980), Barwise (1981 b), Barwise & Perry (1985), Perry (1986), Barwise (1986 a), Barwise (1986 b) und Cooper (1987). Zunä chst eine Binsenwahrheit: Ein Aussagesatz kann dazu benutzt werden, eine Aussage zu machen, das heißt, eine Behauptung, daß die reale Welt (oder ein Teil davon) so oder so geartet ist . Die Mögliche-Welten-Semantik und die Situationssemantik sind sich darin einig, daß ein Verstä ndnis des behauptenden Gebrauchs von Aussagesä tzen grundlegend für ein Verstä ndnis ihrer Bedeutung ist. Folgerichtig wird denn auch in beiden Ansä tzen versucht, aus dieser Binsenwahrheit eine mathematisch prä zise, philosophisch vertretbare
6. Situationen und kleine Welten
und empirisch adä quate Theorie der Bedeutung zu entwickeln. Beide Ansä tze unterscheiden sich jedoch in der Art ihres Vorgehens in mindestens fünf wesentlichen Punkten: 1. Die Lücke, die zwischen dem Satz und der Behauptung oder Feststellung, die damit gemacht wird klafft, wird unterschiedlich bewertet. Die Mögliche-Welten-Semantik betrachtet sie als eine lä stige Kleinigkeit, wä hrend die Situationssemantik annimmt, daß sie ein zentraler Punkt der Bedeutung ist. 2. Die Strategien zur Behandlung von Eigenschaften und Relationen unterscheiden sich. Die Mögliche-Welten-Semantik definiert sie mengentheoretisch, wä hrend die Situationssemantik sie als Grundbegriffe ansieht. 3. Der Möglichkeit, Aussagen über Teile der Welt zu machen, wird unterschiedliche Wichtigkeit zugemessen. Wie schon im ersten Punkt nimmt die Mögliche-Welten-Semantik sie als ä rgerliche Nebensache in Kauf, die Situationssemantik betrachtet sie als zentral. 4. Die Mögliche-Welten-Semantik hä lt den Parameter für die wirkliche Welt (oder für einen Teil davon) implizit in der semantischen Reprä sentation des Inhaltes einer Aussage, wogegen ihn die Situationssemantik explizit macht. 5. Die beiden Ansä tze verwenden ganz unterschiedliche Techniken, um das oben in der Binsenwahrheit angesprochene „so oder so geartet sein“ zu klassifizieren. Die MöglicheWelten-Semantik klassifiziert es vermittels Mengen von totalen möglichen Welten, wogegen die Situationssemantik einen Kalkül von Situationstypen (oder Eigenschaften von Situationen) verwendet. Jeder dieser fünf Unterschiede ist von größter Bedeutung und könnte Gegenstand eines lä ngeren Aufsatzes sein. Anstatt einen Rechtfertigungsversuch für die der Situationssemantik zugrundeliegenden Entscheidungen zu unternehmen, möchte ich einen anderen Weg einschlagen und zugrundeliegende Annahmen der beiden Theorien vergleichen, um zu sehen, wie sich die obigen Unterschiede daraus ergeben. Was sind mögliche Welten? Wenn immer man sich einem Raum von Möglichkeiten gegenübergestellt sieht, kann man die Möglichkeiten „mögliche Welten“ nennen, sogar wenn dieser Raum lediglich das Ergebnis eines Münzwurfs ist. Sicher hat das auch schon jemand getan. Offenbar brauchen wir einen prä ziseren Begriff, wenn wir einen fruchtbaren Vergleich durchführen wollen. Die Version der Mögliche-Welten-Semantik, die ich
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zugrundelege, ist die klassische, wie sie von der Mögliche-Welten-Semantik als einer Semantik für Modaloperatoren und natürliche Sprache verkörpert wird. Die grundlegenden Annahmen, von denen man hier ausgeht, sind die folgenden: 1. Die Grundbegriffe der Theorie sind individuelle Einzeldinge und mögliche Welten. Alles andere wird durch mengentheoretische Objekte dargestellt, die daraus aufgebaut werden können. 2. Es gibt eine bestimmte Welt w0, die wirkliche Welt, welche die Grundtatsachen festlegt. Diese Tatsachen definieren gewisse Grundalternativen [basic issues] in einem Möglichkeitsraum, z. B. welche Eigenschaften verschiedene Dinge (oder Folgen von Objekten) haben oder nicht haben. 3. Es gibt eine Menge W aller möglichen Welten mit w0 ∈ W. Die von w0 verschiedenen Welten w in W entsprechen den anderen Weisen, wie die Grundalternativen des Möglichkeitsraumes hätten ausfallen können. 4. Der primä re semantische Wert, der einem Aussagesatz S zugewiesen wird, ist eine Proposition pS. Propositionen sind Funktionen von möglichen Welten in Wahrheitswerte (oder können damit identifiziert werden). Eine Proposition p ist genau dann wahr, wenn p(w0) = T („T“ wie „true“). Ich möchte dem die Grundannahmen der Situationssemantik gegenüberstellen. Dabei formuliere ich diese Grundkonzepte so, daß sie sowohl mit Barwise & Perry (1983) als auch mit den neuesten Arbeiten zur Situationssemantik verträ glich sind, die von der in Barwise & Perry (1983) eingenommenen Position zum Teil abweichen. 1. Die Grundbegriffe der Theorie sind individuelle Einzeldinge (die sowohl die normalen Dinge umfassen, wie auch Situationen, einschließlich Ereignisse und raum-zeitliche Lokationen), ferner Eigenschaften und Relationen. Somit werden Eigenschaften und Relationen nicht mengentheoretisch dargestellt, sondern sind Grundbegriffe. 2. Es gibt eine einzige Welt w0, die wirkliche Welt, welche die Grundtatsachen festlegt, nä mlich welche Einzeldinge in welchen Beziehungen zueinander stehen. 3. Zulä ssige Behauptungen sind solche über die wirkliche Welt oder über Teile davon. Diese Teile sind Situationen. Jeder einzelnen Situation S entspricht die Menge von Tatsachen, die in S der Fall sind. Im allgemeinen wird die Menge der Tatsachen, die einer gegebenen Situation zugeordnet ist, eine echte
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Teilmenge der Menge aller Tatsachen von w0 sein. 4. Genauso wie es Eigenschaften von und Relationen zwischen anderen Einzeldingen gibt, gibt es Eigenschaften von und Relationen zwischen Situationen, und Relationen zwischen Situationen und anderen Einzeldingen. Eine Eigenschaft von Situationen nennen wir zuweilen einen Situationstyp. Da diese Eigenschaften nicht extensional sind, gibt es keinen Grund dafür, anzunehmen, daß zwei verschiedene Situationstypen Typen von verschiedenen wirklichen Situationen sind. Auch gibt es keinen Grund zu der Annahme, daß jeder Situationstyp Typ irgendeiner wirklichen Situation ist. (In Barwise & Perry (1983) entsprechen diesen Situationstypen die Ereignistypen.) 5. Der primä re semantische Wert, den ein Aussagesatz erhä lt, ist seine Bedeutung, eine Relation US ⇒ DS zwischen dem Typ US von Situationen, in denen S behauptend geä ußert wird, und dem Situationstyp DS, der damit beschrieben wird. Eine zulä ssige behauptende Äußerung u vom Typ US ist wahr, falls die Situation su, von der u handelt, vom Typ DS ist. Der Informationsgehalt (oder die Interpretation, wie wir in Barwise & Perry (1983) gesagt haben) der Äußerung u ist, daß su vom Typ DS ist. In dieser allgemeinen Formulierung kann die Theorie als ein Versuch betrachtet werden, etwas Fleisch an die Wahrheitstheorie von J. L. Austin zu bringen. In einer Hinsicht jedoch weicht die Situationssemantik sowohl von Austin als auch von der Mögliche-WeltenSemantik ab. Sie versucht nä mlich, eine allgemeine Theorie der Bedeutung zu formulieren, innerhalb derer die Theorie der Bedeutung natürlicher Sprachen als ein Spezialfall hergeleitet werden kann. Sie beabsichtigt aber auch, uns ein Verstä ndnis der Bedeutung der mentalen Zustä nde zu ermöglichen. Die Bedeutung eines mentalen Zustandes wird also ebenfalls als eine Relation U ⇒ D zwischen Situationstypen angesehen. Ich habe versucht, die Grundannahmen beider Theorien derart einander gegenüberzustellen, daß die Unterschiede und Ähnlichkeiten der Ansä tze deutlich werden. Ich hoffe, daß selbst diese kurze Zusammenfassung klar macht, daß die Situationssemantik keineswegs Situationen mit Propositionen vermengt, wie das von Cresswell (in Artikel 5) behauptet wird. Ich werde spä ter darauf zurückkommen und Gründe dafür suchen,
II. Probleme der ontologischen Grundlegung:Welt versus Situation
warum Cresswell dies meint. Zunä chst sollen hier einige gegensä tzliche Grundannahmen diskutiert werden.
2.
Die Grundbegriffe der beiden Theorien
Die Grundbegriffe der Möglichen-Welten-Semantik sind Einzeldinge und Mögliche Welten. Alles weitere wird durch Objekte der Mengenlehre dargestellt, die daraus gebaut werden. Im Gegensatz dazu ist die Situationssemantik einerseits großzügiger, andererseits restriktiver in ihren Grundbegriffen. Sie hat keine alternativen Welten, lä ßt aber alle Arten von Dingen als Objekte zu. Vor allem aber sind Eigenschaften und Relationen als Grundbegriffe zugelassen. Es wird nicht versucht, sie zu definieren oder durch irgendetwas anderes mittels der Mengenlehre darzustellen. Diese unterschiedlichen Ausgangspunkte sind wichtig. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang an die Behandlung von Eigenschaften. In der Logik erster Stufe benutzen wir Mengen (oder ihre charakteristischen Funktionen), um Eigenschaften darzustellen, und zwar indem wir die Menge der Dinge wä hlen, welche die Eigenschaft haben, bzw. die Funktion, die den Objekten, welche die Eigenschaft besitzen, den Wert T und denen, die sie nicht haben, den Wert F zuweist. Aber das ist natürlich zu grobkörnig für viele Zwecke, einschließlich der semantischen Analyse der natürlichen Sprache. Die von der Mögliche-Welten-Semantik gew ä hlte Strategie besteht darin, Eigenschaften als Funktionen von nicht analysierten möglichen Welten in die Menge solcher charakteristischen Funktionen darzustellen. Diese Strategie setzt stillschweigend zwei Dinge voraus: Daß es nä mlich erstens für jede Welt w und Eigenschaft P eine Funktion FP,w gibt, die allen Elementen des Bereichs aller Objekte den Wert T oder F zuweist, je nachdem, ob das Objekt die Eigenschaft in dieser Welt hat oder nicht; und zweitens, daß es für zwei verschiedene Eigenschaften P1, P2 zwei mögliche Welten w, und w2 gibt, wo etwas die eine Eigenschaft hat, die andere aber nicht, so daß FP1w1 ≠ FP2w2. Jede dieser beiden Annahmen ist von Bedeutung. Die zweite lä uft auf das bekannte Problem hinaus, daß man zu der Konsequenz gezwungen ist, daß „logisch ä quivalente“ Prä dikate dieselbe Eigenschaft ausdrücken. Wel-
6. Situationen und kleine Welten
chen weiteren philosophischen Ballast diese zweite Annahme mit sich führt, hä ngt davon ab, was man sonst noch über mögliche Welten annimmt. Wenn man, wie Lewis, davon ausgeht, daß es sich dabei um wirkliche Dinge handelt, alternative Wirklichkeiten, die aber genauso real wie unsere eigene sind, dann führt diese Annahme entweder zu einigen sehr bizarren Wirklichkeiten, oder aber die Anzahl der uns umgebenden Eigenschaften wird ernsthaft beschnitten. Ein Beispiel: Entweder es gibt Welten, in denen jemand ein Junggeselle, aber kein unverheirateter Mann ist (oder umgekehrt), oder aber die Eigenschaft, ein Jungeselle zu sein, ist die Eigenschaft ein unverheirateter Mann zu sein. Jede dieser Ansichten zieht wohlbekannte Probleme nach sich. Um aber nachzuvollziehen, wo Cresswell fehlgeht, müssen wir uns die erste der beiden Annahmen merken.
3.
Die wirkliche Welt und ihre Tatsachen
Wenn man vergleicht, wie sich die beiden Ansä tze in Bezug auf Punkt (2) oben verhalten, könnte es so scheinen, als ob die MöglicheWelten-Semantik und die Situationssemantik in diesem Punkt übereinstimmen, so daß weiter nichts zu diskutieren wä re. Aber die Dinge liegen nicht so einfach. Der Inhalt von (2) kann nä mlich nicht unabhä ngig von dem Möglichkeitsraum gesehen werden, den die Welt festlegt. In der Mögliche-Welten-Semantik wird angenommen, daß der Raum durch eine Menge von Individuen und eine Sammlung ℜ von Prä dikaten bestimmt ist. Ein beliebiger Punkt im Raum wird bestimmt, indem man ein n-stelliges Prä dikat und eine Folge von Individuen a1, ..., an fixiert. Diese Punkte in wurden von Perry (1986) Alternativen [issues] genannt, weshalb ich als den Alternativenraum bezeichnen werde. Für jede solche mögliche Alternative liefert uns die wirkliche Welt eine Tatsache, indem sie festlegt, ob die Objekte in dieser Relation zueinander stehen oder nicht. Die Situationssemantik geht davon aus — oder ist zumindest verträ glich mit der Annahme — daß es (bezüglich eines gegebenen Individuationssschemas, das durch eine gegebene Population bestimmt ist) einen intendierten, maximalen, ausgezeichneten Raum von Alternativen gibt. Ich gebe zu, daß ich in meinen Anmerkungen in Barwise & Perry (1985) davon ausging, daß die Mögliche-Wel-
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ten-Semantik an die Existenz eines solchen eindeutig bestimmten Raumes gebunden sei. Mein Versuch, die Inkonsistenz der MöglicheWelten-Semantik zu beweisen, beruhte auf dieser Annahme, wie Stalnaker (1984) ganz richtig bemerkt. Grob gesagt war meine Argumentation etwa die folgende: Mit dieser Annahme müßte der Alternativenraum eine echte Klasse sein und der Versuch, Möglichkeiten durch Mengen möglicher Welten darzustellen, folglich fehlschlagen. Die Annahme eines solchen maximalen Raumes scheint mir eine recht naheliegende Konsequenz der Vorstellung Lewis’ zu sein, Welten als alternative Realitä ten aufzufassen. Jedoch legt Stalnaker (1984) dar, daß es für den Mögliche-Welten-Semantiker keinen Grund gibt, diesen Weg zu beschreiten. Wenn man sich die möglichen Welten nur als eine formale Technik zur Modellierung von alternativen vollstä ndigen Weisen vorstellt, wie die Welt hä tte sein können, und nicht als alternative konkrete Realitä ten, dann gibt es nichts, was dagegen sprä che, den ganzen technischen Apparat relativ zu einem bestimmten Alternativenraum zu betrachten, so daß „vollstä ndig“ im Sinne von „vollstä ndig bezüglich dieses gegebenen Raums von Alternativen“ gemeint ist. Auf diese Weise, denkt Stalnaker, sollten wir uns die Angelegenheit vorstellen, und das scheint mir auch durchaus vernünftig zu sein. So gesehen habe ich nichts gegen die intuitive Vorstellung von möglichen Welten einzuwenden und werde sie im folgenden auch so verwenden. (Ich möchte allerdings anmerken, daß sich diese Vorstellung von möglichen Welten nicht ganz mit dem verträ gt, was Stalnaker und andere vor Augen haben, wenn sie mit möglichen Welten arbeiten, insbesondere wenn es darum geht, Propositionen darzustellen. Ich habe dies in Barwise (1986 b) zu zeigen versucht.)
4.
Weltausschnitte
Ich möchte nun noch kurz einige Gründe dafür angeben, weshalb ich meine, daß Situationen, also Weltausschnitte, die kleiner als das Ganze sind, für die Semantik wichtig sind. — Da sind zunächst die NI-Perzeptionswiedergaben wie Johannes sah Maria laufen zu nennen, deren nächstliegende Analyse darin besteht, daß sie Teilsätze enthalten, die solche Ausschnitte beschreiben, und zwar als in einer gewissen perzeptionellen
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Relation zum wahrnehmenden Subjekt stehend (siehe Barwise 1981 a oder Kapitel 7 von Barwise & Perry 1983). — Es gibt prima facie Gründe dafür, anzunehmen, daß Konditionale Relationen zwischen Situationen beschreiben. — Sätze werden in bestimmten Sprechakten verwendet, Ereignissen, die in der Welt stattfinden. Solche Ereignisse sind ihrem Wesen nach begrenzte Teile der Welt, Teile, die typischerweise von anderen Teilen handeln. (Siehe dazu die Literaturangaben zur Effizienz in Barwise & Perry 1983 oder Barwise 1987b.) — Man kann zu zeigen versuchen, daß die semantischen Paradoxien daher rühren, daß man die prinzipielle Unmöglichkeit, Aussagen über die ganze Welt zu machen, außer acht läßt. Unter dieser Annahme machen Sätze wie der Lügner-Satz immer Aussagen über Fakten, die außerhalb des Teils der Welt liegen, über den der Satz redet. Cresswell gesteht (in Artikel 5) zu, daß man Situationen braucht, aber er glaubt, daß die Mögliche-Welten-Semantik, und zwar so wie sie ist, diese in naheliegender Weise behandeln kann. In dem nach Cresswells Meinung wesentlichen Teil seines Aufsatzes argumentiert er, daß die Mögliche-Welten- Theoretiker erlauben, daß der Alternativenraum von Welt zu Welt variiert, so daß eine mögliche Welt sehr wohl nur ein Ausschnitt der ganzen wirklichen Welt sein könnte, selbst relativ zu den betrachteten Alternativen. Insbesondere argumentiert er, daß alleine die Tatsache, daß man in einem Rahmen arbeite, in dem die wirkliche Welt w0 eine bestimmte Alternative regele, etwa ob a die Eigenschaft P hat oder nicht, noch lange kein Grund dafür sei, daß der Ausgang dieser Alternative in jeder Welt festgelegt sein müsse. Nach seiner Meinung sind manche Welten sehr groß, andere dagegen recht klein — daher sein Untertitel. Folgen wir Cresswell und nennen eine Welt, welche die Alternativen in einer echten Teilmenge des Raums festlegt, welcher die wirkliche Welt festlegt, eine kleine Welt. Wir benutzen w, für den durch die kleine Welt w bestimmten Alternativenraum. Cresswell behauptet, daß es mit der Mögliche-Welten-Semantik konsistent sei, kleine Welten zuzulassen, und daß man mit ihnen all die Situationen habe, die man brauche. Diesen Schritt zu tun hatte auch ich erwogen, als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal über NI- Wahrnehmungswiedergaben
II. Probleme der ontologischen Grundlegung:Welt versus Situation
nachdachte. Ich habe ihn aus zwei Gründen verworfen. Ich kam zu dem Schluß, daß er (i) nicht mit dem deskriptiven Grundansatz der Mögliche-Welten-Semantik vertr ä glich ist und daß er (ii) auch nicht alle Situationen liefert, die man braucht. Hier möchte ich zwei weitere Gründe hinzufügen, die gegen diesen Schritt sprechen. Der eine hat mit der Theorie der Bedeutung zu tun, der andere mit semantischen Paradoxien. Ich werde zuerst die ersten beiden Punkte diskutieren, um dann auf die beiden letztgenannten zurückzukommen. In bezug auf den ersten Punkt wä re zunä chst zu sagen, daß das Vorgehen der Mögliche-Welten-Semantik, Eigenschaften als Funktionen von möglichen Welten in charakteristische Funktionen zu rekonstruieren, auf zwei Annahmen beruht. Die erste ist, daß eine Welt w zusammen mit einem Prä dikat oder einer Eigenschaft P eine totale Funktion Fw,P von in die Wahrheitswerte bestimmt. Ein Augenblick des Nachdenkens zeigt jedoch, daß Cresswell gerade diese Annahme aufgibt, indem er kleine Welten zulä ßt. Denn wenn w eine kleine Welt ist, in der die Alternative, ob P(a) gilt oder nicht, gar nicht zu den Alternativen von w gehört, dann muß Fw,P(a) undefiniert sein! Wenn man also tatsä chlich kleine Welten zulä ßt, muß man die Behandlung von Eigenschaften und Relationen neu durchdenken und damit den gesamten deskriptiven Rahmen im Herzen der MöglicheWelten-Semantik. Keine schlechte Idee, aber vermutlich nicht unbedingt das, was Cresswell im Sinn hatte. (Die Probleme vervielfachen sich, wenn man versucht, in diesem Rahmen so etwas wie Montague-Grammatik nachzuspielen. Denn dann braucht man zusä tzlich Funktionen höheren Typs von solchen partiellen Funktionen, da man die Funktionale höheren Typs „erblich konsistent“ halten möchte.) Nehmen wir nichtsdestoweniger an, der Mögliche-Welten-Semantiker sei gewillt, diesen Schritt zu tun, und er durchdenke die sich daraus ergebenden Folgen erneut. Hat er nun alles zugelassen, was er braucht, um Situationssemantik zu treiben? Ich behaupte nein; zumindest, wenn ich Cresswells Vorschlag verstanden habe. Denn selbst, wenn man zulä ßt, daß eine kleine Welt w ihren eigenen Alternativenraum w festlegt, so ist dieser Raum immer noch „rechteckig“. Das soll heißen, daß ich denke, daß er die Idee nicht aufgibt, der Raum w werde durch eine Menge wvon Objekten und einer Menge ℜw, von Prä dikaten bestimmt. Wenn eine kleine
6. Situationen und kleine Welten
Welt die Alternative regelt, ob a die Eigenschaft P hat oder nicht, und die Alternative, ob b die Eigenschaft Q hat, dann wird sie auch die Alternative regeln, ob a die Eigenschaft Q hat, und die Alternative, ob b die Eigenschaft P hat. Die Situationen in der Situationssemantik müssen diese Abgeschlossenheitseigenschaft nicht erfüllen. Das können sie gar nicht, wenn sie den Zweck erfüllen sollen, für den sie ursprünglich erfunden worden sind. Denn ich kann eine Szene sehen, in der Alice rennt und Bill redet, ohne daß diese Szene die Alternative regelt, ob Alice redet oder nicht. Eine Situation kann im Gegenteil eine ganz beliebige Menge von Alternativen regeln. Zusammenfassend denke ich also, daß Cresswells Ansatz in die richtige Richtung geht, daß aber zwei Probleme dabei auftauchen. Erstens wird die Kohä renz des grundlegenden deskriptiven Rahmens der Mögliche-Welten-Semantik unterminiert. Wenn man diesen Weg einschlä gt, wird man nä mlich Relationen und Eigenschaften irgendwie anders darstellen müssen; deswegen scheint es mir, daß man sie ebenso gut als Grundbegriffe einführen kann. Aber wenn man schon Eigenschaften und Relationen als Grundbegriffe aussetzt, dann ist es ziemlich überflüssig, auch mögliche Welten als Grundbegriffe zu haben. Zweitens geht dieser Ansatz nicht weit genug. Man muß auch die Idee aufgeben, eine mögliche Welt regele alle Alternativen in einem rechteckigen Alternativenraum. Aber genau diese beiden Schritte waren der Ausgangspunkt auf dem Weg zur Situationssemantik. Wenn Cresswell gewillt ist, sie zu tun, würde mich das sehr freuen, denn dann hä tte er die ausgetretenen Pfade der Mögliche-Welten-Semantik wirklich verlassen und verdiente eine ehrenvolle Aufnahme im Lager der Situationssemantik. Es gibt noch einen zweiten, viel populä reren (aber viel schlechteren) Vorschlag, Situationen in der Mögliche-Welten-Semantik zu behandeln. Und zwar soll eine partielle Situation durch die Menge all der totalen Welten dargestellt werden, mit denen sie verträ glich ist. Hintikka hat dies bei verschiedenen Gelegenheiten vorgeschlagen. Perry und ich haben diesen Vorschlag ausführlich in Barwise & Perry (1980) diskutiert. Da dieser Handbuchartikel ein allgemeiner Vergleich der Mögliche-Welten-Semantik und der Si-
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tuationssemantik sein soll, und nicht nur eine Replik auf den Artikel von Cresswell, und weil des weiteren der oben erwä hnte Aufsatz nie in einer allgemein zugä nglichen Form veröffentlich worden ist, möchte ich hier die beiden Hauptargumente wiederholen. Erstens zeigt die Geschichte der Mathematik und Logik, wie wichtig es ist, sich der Partialitä t Auge in Auge zu stellen und sie nicht durch einen Trick zu vermeiden. Man betrachte den analogen Fall partieller versus totaler Funktionen. Eine partielle Funktion von A nach B wird Eigenschaften haben, die keine ihrer Vervollstä ndigungen hat, Eigenschaften, die durchaus relevant sind. Zum Beispiel wird die Eigenschaft, daß eine Funktion f auf den natürlichen Zahlen für ein n nicht definiert ist, von keiner ihrer Vervollstä ndigungen g geteilt. Nun könnte man denken, diese Eigenschaft von f durch eine andere Eigenschaft der Kollektion aller Vervollstä ndigungen von f darzustellen, nä mlich daß diese für das Argument n nicht übereinstimmen. Aber es gibt Fä lle, wo man sich darauf nicht verlassen kann. Angenommen, unser Grundbereich ist die Menge der stetigen Funktionen auf den reellen Zahlen, und wir betrachten die Funktion f, die folgendermaßen definiert ist: f(x) = x(x + 1)/x für alle x ≠0, wobei f(0) nicht definiert ist. Offensichtlich gibt es nur eine einzige stetige Funktion g, die f fortsetzt, und zwar mit g(0) = 1. Damit gibt es wichtige Eigenschaften von f, die allein durch die Betrachtung der Vervollstä ndigung von f nicht erfaßt werden können. Warum sollte etwas ä hnliches nicht in der Semantik vorkommen? Warum könnte es nicht Quellen für Regelmä ßigkeiten im Raum der möglichen Weisen, wie die Welt sein könnte, geben, die analog zur obengenannten Beschrä nkung stetiger Funktionen festlegen, daß in allen totalen Welten die Dinge in einer gewissen Weise geartet sind, selbst wenn ein gegebener Weltausschnitt nicht festlegt, daß sie so geartet sind? Könnten wir nicht die logische Wahrheit als eine solche Art von Regularitä t ansehen? Der Umstand, daß jede totale Welt R(a) v R(a) erfüllt, ist noch kein Grund dafür, daß dies jeder Weltteil tun sollte. Der obige Vorschlag, eine Situation mit den Welten zu identifizieren, mit denen sie verträ glich sind, erzeugt ein weiteres Problem.
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Wenn man ihn nä mlich im Rahmen der Mögliche-Welten-Semantik ausführt, dann werden offensichtlich Propositionen mit Situationen verwechselt, weil diese auf dieselbe Weise dargestellt werden, nä mlich als Mengen von möglichen Welten. Die Vermeidung einer solchen Verwechslung war einer der Gründe gegen diese Rekonstruktion von Situationen, die wir in Barwise & Perry (1980) angegeben hatten. Es liegt eine gewisse Ironie darin, daß nun Cresswell behauptet, die Situationssemantik selbst mache sich dieser Verwechslung schuldig, weil er nä mlich denkt, wir würden versuchen, Situationen und Propositionen durch Situationen darzustellen.
5.
Effizienz, Kontext und die relationale Bedeutungstheorie
In den ersten Arbeiten über mögliche Welten und Modalitä t wurde angenommen, daß Sä tze Propositionen ausdrücken, und daß eine derartige Proposition durch eine Funktion darzustellen sei, die den Welten T zuordnet, in denen der Satz wahr ist, und F jenen Welten, in denen er falsch ist. Als jedoch dieser Rahmen für die Untersuchung von natürlichen Sprachen benutzt zu werden begann, stellte sich dies als unhaltbar heraus. Sä tze, in denen Wörter wie ich, jetzt, hier, dies . . . vorkommen, drücken keine einzelne Proposition aus. Was sie ausdrücken, hä ngt vielmehr von den Umstä nden ab, unter denen sie benutzt werden: von der Person a, die den Satz geä ußert hat, vom Zeitpunkt t der Äußerung, vom Ort p, wo er geä ußert wurde, vom Objekt b, auf das a sich bezog usw. So wurden nach und nach verschiedene kontextuelle Elemente zu einer Kontextfolge c = 〈a,t,p,b, ...〉 von Objekten zusammengefaßt, die eine Rolle spielten, um von einem Satz zum propositionalen Gehalt zu gelangen, für jede besondere Verwendung des Satzes. Immer noch stand die Proposition im Mittelpunkt des Interesses. Das störende c, das verschiedene kontextuelle Elemente darstellte, bekam gewöhnlich die Rolle eines Indexes zugewiesen oder wurde vollstä ndig unterdrückt. Cresswell zum Beispiel besteht darauf, von der Bedeutung eines Satzes im Kontext zu sprechen, welche er als eine Proposition ansieht. Dies ist es auch, was mich dazu veranlaßt, zu denken, daß die Mögliche-Welten-Semantik immer noch davon ausgeht, daß die primä ren semantischen Objekte, die Sä tzen zugeordnet sein sollen,
Propositionen sind. Was aber sind nun diese Kontext-Folgen, und warum stoßen sie den Mögliche-WeltenSemantikern so sauer auf? Ich denke, sie sind nichts anderes als Reprä sentationen einer Situation, dem Teil der Welt, der für die Bestimmung des Inhaltes der fraglichen Äußerung relevant ist. Der Kontext c = 〈a,t,p,b, ...〉 stellt eine Situation dar, in der a zur Zeit t am Ort p etwas sagt und sich DIES auf den Gegenstand b bezieht. Der Grund, weshalb Kontexte in der Mögliche-Welten-Semantik behandelt werden, ist deshalb gerade darin zu sehen, daß dieser Ansatz keine handliche Methode zur Verfügung stellt, mit solchen begrenzten Ausschnitten der Welt umzugehen. Einer der Hauptpunkte in Barwise & Perry (1983) war die Behauptung, daß diese kontextuellen Elemente nicht nur ein lä stiges technisches Problem sind. Wir meinen, daß das allgemeine Phä nomen, das sie darstellen, in den Vordergrund gerückt werden muß, um eine systematischere und zentralere Rolle genau im Herzen einer Analyse der Bedeutung zu spielen. Das ist es, was wir mit dem Begriff „Effizienz“ gemeint haben. Die Behauptung war, auf derlei ad-hoc-Konstrukte verzichten zu können, wenn man Situationen in der Theorie zulä ßt. Dieselben Objekte, die zur Darstellung dessen dienen, worüber Behauptungen handeln, können auch als Kontexte der Behauptungen dienen, ferner für die Begleitumst ä nde anderer bedeutungstragender Einheiten. Auf diese Weise erhä lt man eine relationale Theorie der Bedeutung, in der die Dinge, die zueinander in Relation gesetzt werden, Dinge derselben Art sind. Natürlich wurde, sobald Kontext-Folgen in der Mögliche-Welten-Semantik auftauchten, angenommen, daß nun die Bedeutung eines Satzes (oder sein Charakter, um Kaplans Terminus zu benutzen) eine Funktion von diesen Kontexten c = 〈a,t,p,b, ...〉 in Propositionen sei. Funktionen sind eine gewisse Art von Relationen, und damit gab es implizit eine relationale Theorie der Bedeutung in der Mögliche-Welten-Semantik. Die Zulassung von Situationen gestattet es, daß die Relationen zwischen Dingen derselben Art bestehen und nicht zwischen ad hoc Folgen einerseits und Funktionen von möglichen Welten in Wahrheitswerte andererseits. Cresswell anerkennt zä hneknirschend die Relevanz von Kontexten und sagt, daß „ein Kontext eine Situation“ sei. Ich möchte mir hier Gedanken darüber machen, ob der Vor-
6. Situationen und kleine Welten
schlag Cresswells, Situationen als kleine Alternativwelten zu behandeln, es ihm wirklich gestattet, Kontexte als Situationen zu behandeln. Dies gliedert sich in drei Einzelfragen: (i) Gibt es einen festen Raum von Alternativen, der für alle solche Kontexte verwendet werden kann? (ii) Falls nein, gibt es dann wenigstens für jeden Kontext c einen rechteckigen Raum c von Möglichkeiten? (iii) Ist es vom philosophischen Standpunkt aus sinnvoll, den Kontext einer Äußerung als eine eigene kleine Welt aufzufassen? Es wird nicht überraschen, daß ich vorschlagen möchte, alle diese Fragen mit nein zu beantworten. Die Antwort auf Frage (i) ist sicherlich negativ. Wenn wir in den letzten zehn Jahren in der Semantik überhaupt irgendetwas gelernt haben, dann ist es das: Kontexte haben einen gewaltigen und in seiner Vielfalt unerschöpflichen Einfluß auf die Interpretation von Äußerungen. Es ist heutzutage völlig unplausibel, daß es eine feste Menge kontextueller Merkmale gibt, die ein für alle Mal festgelegt werden kann. Selbst hinsichtlich der Frage (ii) scheint es einfach zu sein, sich Fä lle vorzustellen, für welche die oben formulierte Bedingung nicht gilt. Nehmen wir an, sowohl John als auch ich würden zugleich sprechen. Er würde etwas Schmeichelhaftes über mich sagen, sich aber weitschweifig ausdrücken, und ich würde sagen: „Ich finde, er ist heute weitschweifig.“ Der Kontext meiner Äußerung müßte also den Tag beinhalten, mich, John, die Tatsache, daß ich spreche, und daß ich mich mit ER auf John beziehe. Aber wenn der Alternativenraum rechteckig wä re, dann müßte mein Kontext auch die Alternative regeln, ob John spricht. Und da dies tatsä chlich der Fall ist, müßte diese Tatsache in den Kontext einbezogen werden. Dann aber wä ren zwei Sprecher im Kontext und nicht lediglich einer, was wir brauchen, um zu erreichen, daß ich die Interpretation meines Gebrauches von „Ich“ bin. Die entscheidende Frage ist jedoch nach meiner Meinung (iii). Denn was wir verstehen möchten, ist ja dieses: Wie schaffen es Leute, die gemeinsam in der allgemeinen wirklichen Welt leben, darüber zu kommunizieren? Cresswell sagt, es sei sinnvoll, sich eine Situation als eine kleine Welt vorzustellen, wenn sie „alles sein könnte, was es gibt“. Aber wenn wir Kontexte als kleine Welten behandeln, dann ist überhaupt nicht mehr klar, wie die Beziehung des Kontextes zum Rest der Welt, die beschrieben wird, aufrecht erhalten werden kann. Wenn es uns um Wahrheit geht, ist
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es sicher nicht sinnvoll, sich Äußerungen als möglicherweise alles, was es gibt, vorzustellen. Wir werden vielmehr zugeben müssen, daß Kontexte im allgemeinen Teilsituationen von größeren Situationen oder Welten sind, um die Wahrheit oder Falschheit einer Äußerung behandeln zu können. So liefern uns die Äußerungskontexte ein weiteres Beispiel einer Situation, die keine kleine alternative Welt ist, sondern vielmehr ein begrenzter Ausschnitt der wirklichen Welt. Die Notwendigkeit, Situationen als begrenzte Teile der wirklichen Welt ansehen zu müssen, war selbstverstä ndlich eine der ursprünglichen Motivationen für die Situationssemantik. Wenn man Situationen (oder kleine Welten) zulä ßt und sie dazu verwendet, den semantischen Wert von NI-Wahrnehmungswiedergaben zu bestimmen (wie Cresswell vorschlä gt), dann muß man auch in der Lage sein, die Tatsache darzustellen, daß Situationen Teile der Welt sind. Insbesondere muß man die Tatsache darstellen können, daß eine Welt w Teil der wirklichen Welt w0 ist. Damit braucht man als einen neuen Grundbegriff die Teilweltbeziehung w ⊆ w’. Wenn man aber dieses zulä ßt, dann scheint das wirklich quer zu Cresswells Begründung dafür, daß Situationen mögliche Welten sind, zu liegen, nä mlich daß es möglich ist, daß sie alles sind, was es gibt.
6.
Propositionen und Situationen
Schließlich kommen wir zu Cresswells anderer Behauptung, nä mlich daß die Situationssemantik Situationen und Propositionen vermengt. Es gibt mehrere Gründe dafür, weshalb Cresswell dies denken mag. Unglücklicherweise liegt in Perry (1980) genau diese Vermengung vor, insofern dort gesagt wird, die Gegenstä nde des Glaubens seien Situationen. In der Arbeit Barwise & Perry (1980) (die etwas spä ter als Perry 1980 geschrieben wurde) sahen wir Propositionen als Mengen von alternativen Situationen an. In Barwise & Perry (1983) jedoch haben wir die Rede von Propositionen vollst ä ndig vermieden. Grund dafür waren Probleme mengentheoretischer Natur, die auftauchten, als wir versuchten, Propositionen als Mengen alternativer Situationen darzustellen. In Barwise & Perry (1983) wollten wir Propositionen mithilfe von zwei Dingen klassifizieren, nä mlich einem Situationstyp und einer
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realen Situation, die von diesem Typ sein sollte. An einer Stelle ziemlich am Anfang des Buches verwenden wir Kollektionen von alternativen Situationen, um Situationstypen darzustellen. Damit wä re es natürlich gewesen, ein Paar 〈s,T〉, das aus einer Situation s und einer Kollektion T von Situationen besteht, zu verwenden, um eine Proposition darzustellen. Eine solche Proposition wä re wahr, falls s ∈ T. Weil wir aber davon ausgingen, daß Situationen in der Lage sein sollten, alle Alternativen — und nicht nur die einer vorab ausgewä hlten Menge von Alternativen — zu regeln, wä ren diese Kollektionen T im allgemeinen zu groß, um Mengen sein zu können. Folglich konnten sie nicht Konstituenten von Fakten oder anderen Situationen sein. Aus diesem Grund meinten wir, dieses Problem dadurch umgehen zu müssen, daß wir die Rede von Propositionen völlig vermieden und uns stattdessen mit ihren beiden Konstituenten getrennt befaßten. Ich glaube, daß der folgende Umstand Cresswell zu der Annahme veranlaßt, wir vermengten Situationen mit Propositionen in Barwise & Perry (1983): Ziemlich oft (jedoch keineswegs immer) haben diese Kollektionen T die Erzeugungseigenschaft (um mit Cresswell zu reden), das heißt, sie bestehen aus all den Situationen, die eine gegebene Situation STenthalten. Aus diesem Grund denkt er, vermengten wir die Proposition mit ST. Aber das stimmt einfach nicht. Hä ufig gibt es gar keine erzeugende Situation ST für T, und selbst wenn es eine gibt, dann wä re die Proposition die, daß s vom Typ T ist, d. h. daß sT eine Teilsituation von s ist. Eigentlich gab es aber gar keinen Grund dafür, in Barwise & Perry (1983) Propositionen zu vermeiden. Schon lange bevor das Buch fertiggeschrieben war, gingen wir von Kollektionen alternativer Situationen über zu unserem Ereignistyp-Kalkül, um Situationstypen darzustellen. Nachdem wir Ereignistypen zur Verfügung hatten, hä tten wir unsere Entscheidung, Propositionen zu vermeiden, überdenken sollen. Wir hä tten nä mlich Propositionen als Paare, die aus einer Situation und einem Ereignistyp bestehen, darstellen können. Dies ist eines jener Versehen, die einem zustoßen. Das geben wir offen zu und können daran leider nichts mehr ä ndern. Aber dieser Fehler bedeutet nicht, daß die Situationssemantik, und zwar selbst in der Version Barwise & Perry (1983), Propositionen mit Situationen vermengt.
II. Probleme der ontologischen Grundlegung:Welt versus Situation
7.
Schluß
Die menschliche Sprache ist ein extrem reiches, komplexes Werkzeug für die Kommunikation, das Denken und Handeln. Das Ziel, ihre Semantik zu verstehen, ist eine außerordentliche Herausforderung. Die Situationssemantik versucht, den Schwerpunkt der Forschungen zu verlagern, indem sie zwei verwandte Phä nomene in den Mittelpunkt des Interesses stellt: die Effizienz der Sprache, und die Partialitä t der Information. Diese beiden Aspekte werden in der relationalen Bedeutungstheorie vereint, einer Theorie, welche die Bedeutung als eine Beschrä nkung ansieht, die zwei echten Teilen der Welt auferlegt wird, der Äußerung und der beschriebenen Situation. Dies ist in nuce der Gehalt der Situationssemantik. Immerhin ist es noch ein weiter Weg von diesem intuitiven Bild bis zu einer streng detailierten Ausarbeitung. Man könnte sich vorstellen, die Details im theoretischen Rahmen der Mögliche-Welten-Semantik auszuarbeiten. Mir scheint jedoch, daß — hat man einmal die entsprechende Perspektive — die Motivation für einen großen Teil des traditionellen Rahmens verloren geht. Ferner sieht man, weshalb der Ansatz in die Probleme gerä t, in die er geraten ist. Deshalb steht eigentlich nicht die Alternative Mögliche-Welten-Semantik oder Situationssemantik zur Debatte. Es geht vielmehr um zwei verschiedene Einstellungen zur semantischen Theoriebildung. Eine nimmt eine wohl verstandene Theorie an, eine, die in der Vergangenheit sehr fruchtbar war, hä ngt fest an ihr und versucht, die Sprachdaten damit in Einklang zu bringen. Die andere Einstellung geht von einigen Grundeinsichten, wie Sprache funktioniert, aus und ist bereit und willens, den Grundansatz in jeder Hinsicht zu überdenken, wo es für den Fortschritt in der Semantik nötig scheint. Beide Einstellungen haben ihren Ort. Man kann nicht stä ndig wieder ganz von vorne anfangen, oder es wird nie einen Fortschritt geben. Andererseits muß man auch in der Lage sein, den bisherigen theoretischen Rahmen zu verä ndern, wenn die Daten dies verlangen. Im Moment bevorzugt Cresswell die erstgenannte Geisteshaltung, diejenigen unter uns, die über Situationssemantik arbeiten, dagegen die letztgenannte. Er glaubt, die Fakten erforderten kein Überdenken, wä hrend wir meinen, daß sie es tun. Für uns sieht es so aus, als ob die alte Maschinerie endlich knirschend zum Stehen kommt angesichts der bei-
6. Situationen und kleine Welten
den verwandten Probleme der Partialitä t und Effizienz, die sich in der relationalen Bedeutungstheorie treffen, dem Herzstück der Situationssemantik.
8.
Literatur (in Kurzform)
Barwise 1981 a · Barwise 1981 b · Barwise 1986 a ·
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Barwise 1986 b · Barwise 1986 c · Barwise/Etchemendy 1987 · Barwise/Perry 1980 · Barwise/Perry 1983 · Barwise/Perry 1985 · Cooper 1987 · Perry 1980 · Perry 1986 · Stalnaker 1984
Jon Barwise, Bloominton, Indiana (USA) (Übersetzt aus dem Englischen von Regine Eckhardt und Arnim von Stechow)
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III. Theorie der Satzsemantik Theory of Sentence Semantics
7.
Syntax und Semantik
1. 2. 2.1 2.2 2.3 2.4 3. 3.1 3.2 3.3 3.4 4. 4.1 4.2 4.3 5. 5.1 5.2 5.3 5.4 6. 7.
Vorbemerkungen Allgemeine Grundlagen Syntax, Bedeutungen, Interpretation Syntaktische und semantische Kategorien Kompositionalität und Rekursivität Mehrdeutigkeit Montagues Universalgrammatik Allgemeine Konzeption Syntax Semantik Beschränkungen Kategorialgrammatik Vorbemerkungen Das klassische Modell Verallgemeinerte Kategorialgrammatiken Generative Grammatik Vorbemerkungen Das GB-Modell Interpretation Thetatheorie Syntaktische und semantische Struktur Literatur (in Kurzform)
1.
Vorbemerkungen
Die Stoffauswahl dieses Artikels ist weitgehend durch die Beiträge dieses Bandes b estimmt. Fast alle Autoren stehen in der Tradition der logisch orientierten Semantik, die mit den sprachtheoretischen Schriften Montagues (siehe Thomason, ed. 1974) ihren Einzug in die Linguistik gehalten hat. Dementsprechend steht die Montaguesche Konzeption des Verhältnisses von Syntax und Semantik im Vordergrund, insb esondere Montagues Universalgrammatik (vgl. Abschnitt 3). Montagues Sprachtheorie ist der Logik verpflichtet, insb esondere der Typentheorie. Auf die Grundlagen der Typentheorie wird in dieser Darstellung nicht eingegangen, dagegen wohl auf eine spezielle, typentheoretisch aufgeb aute Art von Syntax, nämlich die kategorialen Grammatiken (siehe Ab schnitt 4). Einmal b eruht nämlich Montagues Sprachtheorie selb st auf kategorialgrammatischen
Auffassungen, zum anderen kann man in diesem Typ von Grammatik mit einfachen Mitteln eine strikte Parallelität von Syntax und Semantik erzwingen — die Idealvorstellung vieler Semantiker. Drittens werden in neuerer Zeit gewisse Verallgemeinerungen von kategorialen Grammatiken für die syntaktische und semantische Analyse nutzb ar gemacht, so daß dieser Typ von Grammatiken erneut das Interesse vieler Theoretiker erweckt. Schließlich sind einige Beiträge dieses Bandes kategorialgrammatisch formuliert, z. B. die Cresswells. Montagues Grammatiktheorie — und eb enso die Theorie der kategorialen Grammatik — ist semantisch motiviert: Sie sieht die einzige Aufgab e der Syntax darin, eine rekursive Interpretation für alle Ausdrücke einer Sprache zu ermöglichen. Die meisten Linguisten — insb esondere die generativen Grammatiker — sind dagegen der Auffassung, daß die Form von Ausdrücken nach Prinzipien organisiert ist, die von semantischen Erwägungen unab hängig sind. Dieser Standpunkt ist als Autonomie der Syntax b ekannt. Für ein solches System ist die Frage nach dem Verhältnis von Syntax und Semantik wesentlich schwieriger zu b eantworten als für die erstgenannten Systeme, die auf Parallelität zwischen Syntax und Semantik hin angelegt sind. Ab schnitt 5.3 ist deshalb der Frage gewidmet, wo der Ort der Semantik in der sogenannten „Rektions- und Bindungstheorie“ Chomskys (1981) ist, denn b ei diesem Entwurf handelt es sich um ein System mit autonomer Syntax. Die Frage wird in grundsätzlicher Weise noch einmal in Abschnitt 6 aufgenommen. Nicht speziell eingegangen wird auf kontextfreie Phrasenstrukturgrammatiken, obwohl diese in der linguistischen Tradition — sie können als Formalisierung der unmittelb aren Konstituentenanalyse des amerikanischen Strukturalismus angesehen werden — sowie zum Beispiel für die Theorie der Programmiersprachen eine hervorragende Rolle
7. Syntax und Semantik
spielen. Diese Auslassung ist insofern b erechtigt, als in Ab schnitt 3.2 an einem Beispiel skizziert wird, daß diese Art von Grammatiken ein trivialer Spezialfall von Montagues allgemeiner Grammatik ist. Analoges gilt für die sogenannten generalisierten Phrasenstrukturgrammatiken von Gazdar et alii (1985), auf die in Abschnitt 6 beiläufig eingegangen wird. Eb enso wie Artikel 1, in dem ein Üb erb lick üb er die verschiedenen, zur Zeit existierenden Bedeutungstheorien gegeb en wurde, mit dem Ziel, die Praxis der Semantiker zu relativieren, versucht auch dieser Artikel, die in diesem Band vorherrschende Theorieb ildung in einen allgemeineren Kontext einzub etten. So wird b ereits aus Ab schnitt 2, in dem allgemeine Grundlagen der semantischen Theorie diskutiert werden, deutlich werden, daß der Verfasser die autonome Auffassung von Syntax, wie sie der generativen Grammatik Chomskys zugrundeliegt, prinzipiell für richtig hält, ob wohl es gerade in dieser Theorie b isher keine ausgearb eitete Semantik gib t, die den Theorieentwürfen Montagues oder der Kategorialgrammatiker vergleichbar wäre. Weitgehend orthodox wird in dieser Darstellung die Frage ab gehandelt, was Bedeutung ist. Wir führen die in der MöglichenWelten-Semantik üb lichen semantischen Entitäten der Extension und Intension ein, sowie die kontextab hängigen Pendants der Intensionen, d. h., Montagues (UG) „Bedeutungen“ b zw. Kaplans (1977) „Charaktere“. Andere traditionelle Bedeutungsb egriffe werden hier nicht diskutiert, was nichts üb er deren Wert oder Unwert implizieren soll (vgl. dazu Artikel 1). Die vielversprechende Bedeutungskonzeption von Heim (1983), wonach die primäre Bedeutung eines Satzes sein „kontextveränderndes Potential“ ist, aus dem die Wahrheitsb edingungen sekundär ab leitb ar sind, wird in Artikel 10 dargestellt.
2.
Allgemeine Grundlagen
2.1 Syntax, Bedeutungen, Interpretation Die Trennung zwischen Syntax auf der einen und Semantik auf der anderen Seite, wie sie von den logisch orientierten Semantikern allgemein vorausgesetzt wird, ist in der Linguistik keine Selb stverständlichkeit, sondern wissenschaftsgeschichtlich neueren Datums. Sie ist erst durch Ch. Morris und R. Carnap allmählich in das allgemeine Methodenb ewußtsein der Sprachwissenschaftler gedrungen (vgl. dazu Artikel 1, Abschnitt 1.5).
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Akzeptiert man die Trennung, dann ergib t sich für diesen Beitrag die folgenden Systematik: Auf der einen Seite gib t es die Syntax als Theorie von der Komb inatorik der Zeichen, auf der anderen Seite gib t es die Semantik als Theorie der Bedeutungen der Zeichen. Wir wollen im folgenden die Kollektion der Bedeutungen, die man für eine Sprache ansetzt, Ontologie nennen. Schließlich gib t es eine Ab b ildung, I nterpretation, die Ausdrükken Bedeutungen zuordnet. Eine Diskussion des Verhältnisses von Syntax und Semantik wird also üb er drei Dinge zu reden hab en: die Organisationsprinzipien der Syntax natürlicher Sprachen, die Organisationsprinzipien, die den „Aufb au der Bedeutungen“ regeln, und die Organisationsprinzipien, denen die Interpretation, welche Ausdrücke auf Bedeutungen abbildet, gehorcht. Für die folgende Diskussion — insb esondere die ersten Ab schnitte — ist die Lektüre von Artikel 2 „Basic Concepts of Semantics“ und Artikel 8 „Syntax and Semantics of Categorial Languages“ hilfreich. Ferner wird die Kenntnis der wichtigsten Begriffe der Theorie der formalen Sprachen vorausgesetzt, mit anderen Worten, der Begriff des Baumes, der Phrasenstrukturregel, der Ab leitung und dergleichen mehr. Für die eb en genannte dreiteilige Gliederung ergib t sich das folgende Prob lem: Die meisten Linguisten sind der Auffassung, daß die Erforschung der Prinzipien der syntaktischen Form eine empirische Frage ist. Das Sprachvermögen stellt b estimmte syntaktische Organisationsprinzipien zur Verfügung, von denen in verschiedenen Sprachen ein unterschiedlicher Geb rauch gemacht wird. Es handelt sich ab er — auf einer gewissen Ab straktionseb ene — um dieselb en, kognitiv vorgegeb enen Prinzipien, welche erforscht werden können und welche die Beschränkungen für einzelsprachliche Grammatiken determinieren. Man würde per analogiam erwarten, daß es auch für die Organisation der Bedeutungsb ereiche allgemeine Gesetzmäßigkeiten gib t, die empirisch ermittelt werden können. Die Interpretationsrelation, welche die b eiden Bereiche — Syntax und Bedeutungen — verb indet, sollte auch b estimmten Beschränkungen genügen; zumindest müßte sie auf die Restriktionen der b eiden Bereiche, die sie verb indet, Rücksicht nehmen und wäre insofern empirisch bedingt. Ein derartiges Bild ist ab er nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge unrealistisch: Es gib t eine Vielzahl von koexistierenden Onto-
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logiekonzeptionen, ohne daß — auch nur prinzipiell — gefragt und b eantwortet werden könnte, ob einige von ihnen empirisch „realer“ als andere seien. Zur Zeit ist es üb erhaupt nicht klar, ob die Frage nach der empirischen Adäquatheit einer hinreichend starken Ontologie sinnvoll ist. Der Grund ist darin zu sehen, daß die logisch orientierten Semantiker — wozu die Mehrzahl der Autoren dieses Bandes gehört — sich fast ausschließlich für die Wahrheitsb edingungen von Äußerungen interessieren, b eziehungsweise für den Beitrag, den ein Wort oder eine Phrase zu den Wahrheitsb edingungen eines komplexen Ausdrucks leistet. (Vgl. dazu Artikel 1, Ab schnitt 2.8 und Artikel 2.) Nun sind ba er Wahrheits b edingungen nichts Psychisches, sondern etwas Ob jektives, worauf in Artikel 1 anläßlich des Fregeschen „Gedankens“ hingewiesen wurde. In der Mögliche-Welten-Semantik wird der Fregesche Gedanke, d. h. die Proposition, als Menge von möglichen Welten rekonstruiert. Wie ab er soll man z. B. die Bedeutung von intransitiven Verb en — also einstellige Eigenschaften — rekonstruieren: als Funktionen von Welten in Mengen von Individuen (Montague) oder als Funktionen von Individuen in Mengen von Welten (Cresswell)? Beide Rekonstruktionen sind mathematisch gesehen äquivalent, und es gib t zur Zeit keine empirischen Kriterien, die eine Wahl zwischen den beiden Vorschlägen erlauben würden. Dies gilt für den Aufb au von Bedeutungsb ereichen ganz allgemein: Unter den formalen Semantikern sind gegenwärtig funktional aufgeb aute Bedeutungsb ereiche, die zu einer typentheoretischen Syntax passen, üb lich. Es gib t ab er keinerlei empirische Kriterien, weshalb nicht ein „flacher“ Bereich, wie er etwa für die Semantik der Prädikatenlogik (z. B. der zweiten Stufe) üb lich ist, genauso geeignet sein sollte. Eb enso kann man sich fragen, wieso Bedeutungsb ereiche nicht relational oder „gemischt“ statt b loß funktional aufgeb aut sein sollten. Mit anderen Worten, die Kriterien für den Aufb au von Bedeutungsb ereichen sind zur Zeit meistens rein logischer und methodologischer Art (z. B. Widerspruchsfreiheit und Einfachheit), nicht ab er empirischer Natur, von der glob alen Forderung ab gesehen, daß die Ontologie reich genug sein muß, um die Wahrheitsb edingungen aller Sätze ausdrücken zu können. Das b esagt ab er nicht, daß keine empirischen Restriktionen möglich wären: Zum Beispiel b emüht sich die Theorie der generalisier-
III. Theorie der Satzsemantik
ten Quantoren um allgemeine semantische Beschränkungen, die festlegen sollen, was ein möglicher Quantor einer natürlichen Sprache ist (Vgl. dazu Artikel 21 „Quantification“). Eine andere nichttriviale Beschränkung ist das in Artikel 9 „Kontextab hängigkeit“, Ab schnitt 1.3, formulierte Prinzip L, welches b esagt, daß eine Wortb edeutung entweder „deiktisch“ oder „ab solut“ ist, nicht ab er b eides zugleich. Wir kommen darauf in Ab schnitt 3.4.2.4 zurück. Eine Mittelstellung zwischen der empirischen Prinzipien gehorchenden Syntax und dem logischen Prinzipien unterliegenden Bedeutungsaufb au nimmt die Interpretationsb eziehung ein. Einmal gehen hier die Restriktionen der Syntax insofern ein, als die Ausdrücke einer Sprache den Vorb ereich dieser Beziehung b ilden. Zum anderen hat man versucht, die Relation selb st empirisch zu b eschränken, z. B. durch mehr oder weniger strikte Kompositionalitätsforderungen (vgl. dazu Ab schnitt 3.4.2.1) oder Einschränkungen für zulässige semantische Operationen („Monsterverbot“, vgl. Abschnitt 3.4.2.3). 2.2 Syntaktische und semantische Kategorien Den meisten logisch orientierten Ansätzen zur Semantik ist gemeinsam, daß sie einen Parallelismus von syntaktischen und semantischen Kategorien annehmen. Die neueren Wurzeln dieser Auffassung gehen üb er Ajdukiewicz (1935) und Leśniewski (1929/38) auf Husserl (1901/2) zurück, wob ei allerdings anfangs nicht klar zwischen syntaktischen und semantischen Kategorien unterschieden wurde (vgl. Casadio 1987). Eine klare Formulierung des Parallelismus liegt in den grammatiktheoretischen Schriften Montagues (z. B. UG) vor. Unter einer Kategorie kann man sich in diesem Zusammenhang eine Menge vorstellen. Die folgenden Aussagen mögen exemplarisch den genannten Parallelismus verdeutlichen: 1. Der syntaktischen Kategorie der intransitiven Verb en entspricht die semantische Kategorie der einstelligen Eigenschaften. 2. Der syntaktischen Kategorie der transitiven Verb en entspricht die semantische Kategorie der zweistelligen Eigenschaften. 3. Der syntaktischen Kategorie der Eigennamen entspricht die semantische Kategorie der Individuuen. 4. Der syntaktischen Kategorie der Nominale (Nominalphrasen) entspricht die semantische Kategorie der einstelligen Eigenschaf-
7. Syntax und Semantik
ten zweiter Stufe, d. h. der Eigenschaften von Eigenschaften. 5. Der syntaktischen Kategorie der Adverb ien entspricht die semantische Kategorie der Funktionen von einstelligen Eigenschaften in einstellige Eigenschaften. 6. Der syntaktischen Kategorie der Aussagesätze entspricht die semantische Kategorie der Propositionen. Auf der Grundlage eines solchen Parallelismus stellt sich das Verhältnis von Syntax und Semantik folgendermaßen dar: Die Aufgab e der Syntax b esteht darin, die syntaktischen Kategorien einer Sprache zu definieren. Die Aufgab e der Semantik b esteht einmal darin, die semantischen Kategorien einer Sprache zu definieren, zum anderen darin, die Relation zwischen syntaktischen und semantischen Kategorien anzugeb en (also die Interpretationsrelation). Falls die Sprache eindeutig ist, wird diese Relation jedem Ausdruck einer syntaktischen Kategorie genau einen Ausdruck in der entsprechenden semantischen Kategorie zuordnen. Falls die Sprache mehrdeutig ist, wird die Relation einem Ausdruck mehrere Bedeutungen aus der entsprechenden Bedeutungskategorie zuordnen. Gewisse Komplikationen entstehen dadurch, daß die Parallelität zwischen syntaktischen und semantischen Kategorien — selb st, wenn es sich dab ei nicht um eine eine 1-1-Beziehung, sondern um ein Viele-1-Beziehung handelt — eine Idealisierung ist, die für Grammatiken von natürlichen Sprachen nur durch Kunstgriffe zu erreichen ist, da Ausdrücke derselb en syntaktischen Kategorie Bedeutungen verschiedener semantischer Kategorien hab en können. Zum Beispiel gehören Eigennamen wie Fritz, die ein Individuum b ezeichnen, und Quantorenphrasen wie niemand, die eine Eigenschaft zweiter Stufe b ezeichnen (siehe unten), derselb en syntaktischen Kategorie an, da es sich in b eiden Fällen um Nominalphrasen handelt. Eb enso verhält es sich mit intransitiven Verb en: Unpersönliche Verb en wie regnen b ezeichnen b ereits Propositionen im Gegensatz zu persönlichen Verb en, wie z. B. schlafen. Transitive Verb en unterteilen sich z. B. in objekttransparente und objektopake Verben: Erstere drücken zweistellige Relationen zwischen Individuen aus (z. B. küssen), letztere b ezeichnen Relationen zwischen Individuen und Eigenschaften zweiter Stufe (z. B. suchen; vgl. dazu Artikel 33). Diese Verb en hab en verschiedene logische Eigenschaften. Zum Beispiel kann man aus Klaus-Jürgen küßt einer Dame die Hand fol-
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gern Es gibt eine Dame, welcher Klaus-Jürgen die Hand küßt. Ein analoger Schluß von Klaus-Jürgen sucht eine echte Dame auf Es gibt eine echte Dame, die Klaus-Jürgen sucht ist dagegen im allgemeinen nicht möglich. Die Bedeutungen dieser Verb en gehören also verschiedenen semantischen Kategorien an. Dasselb e gilt für Sätze: Finite Aussagesätze drükken Propositionen aus, infinite Sätze ohne Sub jekt drücken Eigenschaften aus, W-Fragen drücken Eigenschaften aus. Sätze hab en also heterogene Bedeutungen. Ähnliche Nicht-Parallelitäten zwischen syntaktischer und semantischer Kategorie kann man praktisch für jede Wortart feststellen. In der Literatur gib t es zwei Strategien, die a priori geforderte Parallelität von syntaktischen und semantischen Kategorien zu erzwingen. Einmal kann man von der Semantik her argumentieren, indem man zwei Ausdrücke immer dann syntaktisch verschieden kategorisiert, wenn ihre Bedeutungen intuitiv gesehen verschiedenen semantischen Kategorien angehören. Dieses Verfahren ist unter Kategorialgrammatikern üb lich (vgl. dazu etwa Lewis 1970 und Cresswell 1973; siehe auch Artikel 8). Wir hab en b ereits gesagt, daß wir die aus dieser Strategie resultierenden — in der Regel sehr einfachen — kategorialen Syntaxen semantisch mo tivierte Syntaxen nennen wollen. Auf sie wird in Ab schnitt 4 näher eingegangen. Die zweite Strategie, einen Parallelismus zwischen syntaktischen und semantischen Kategorien zu erzwingen, ist die seit Montague populäre Technik der Typenanhebung (siehe Montagues UG und PTQ sowie Artikel 21). Wir wollen sie hier nicht allgemein, sondern anhand von zwei Beispielen erläutern. Das erste Beispiel b etrifft Nominalien. Das Nominal Fritz b ezeichnet zunächst ein Individuum, z. B. Fritz. Niemand b ezeichnet dagegen eine Eigenschaft zweiter Stufe, nämlich die Menge aller Eigenschaften, die niemand hat. (Eine Eigenschaft zweiter Stufe kann man als die Menge der erststufigen Eigenschaften auffassen, auf welche die zweitstufige Eigenschaft zutrifft.) Man kann nun auch dem Individuum Fritz eindeutig eine Eigenschaft zweiter Stufe zuordnen, nämlich die Menge aller Eigenschaften, die Fritz hat. Auf diese Weise kann man Nominalphrasen einheitlich die Menge aller Eigenschaften zweiter Stufe als semantische Kategorie zuordnen. Es versteht sich von selb st, daß nicht alle Eigenschaften zweiter Stufe vernünftige Kandidaten für „Typenanheb ung“ sind. Für „an-
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gehob ene“ Denotate wird man verlangen, daß sie sich semantisch genau so wie nicht angehob ene Denotate verhalten. Zum Beispiel trifft eine Eigenschaft P genau dann auf Fritz zu, wenn P zur Menge der Eigenschaften gehört, welche Fritz hat. Deswegen ist die zuletzt genannte Menge ein vernünftiges Denotat für Fritz mit angehob enem Typ. Dagegen wäre es nicht sinnvoll, wenn man als Denotat z. B. die Menge {{Fritz}} wählen würde. Diese Eigenschaft zweiter Stufe kodiert zwar das Individuum Fritz eindeutig, eignet sich ab er nicht für eine einheitliche Interpretation der Su b jekt-Prädikats-Beziehung. Die vorher gewählte Kodierung läßt sich dagegen gemäß der Leib niz zugesprochenen Idee, praedicatum inesse subjecto, deuten. Das zweite Beispiel b etrifft die transitiven Verb en. Man kann sich den erwähnten semantischen Unterschied zwischen ob jekttransparenten und ob jektopaken Verb en an den folgenden b eiden Bedeutungsregeln klarmachen: (1) a. küssen bezeichnet diejenige Relation, die auf ein Paar von Individuen x und y genau dann zutrifft, wenn das Individuum x das Individuum y küßt. b. suchen bezeichnet diejenige Relation, die auf ein Paar, bestehend aus einem Individuum x und einer Eigenschaft zweiter Stufe Q, genau dann zutrifft, wenn für jede Welt, in der x mit der Suchaktivität, in welcher x in der wirklichen Welt begriffen ist, Erfolg hat, gilt: Q trifft dort auf die Eigenschaft erster Stufe, von x gefunden zu werden, zu. Nach der recht komplizierten Bedeutungsregel (1 b) ist zum Beispiel der Satz Klaus-Jürgen sucht eine echte Dame in der wirklichen Welt wahr, wenn Klaus-Jürgen in allen denjenigen Welten eine echte Dame findet, in denen er findet, wonach er in der wirklichen Welt sucht. Man sieht sofort, daß diese Bedeutungsregel nicht erlaub t, auf die Wahrheit des Satzes Es gibt eine echte Dame, die KlausJürgen sucht zu schließen, denn aus der Tatsache, daß Klaus-Jürgen nur in den Welten eine echte Dame findet, in denen er mit seiner Suche Erfolg hat, folgt nicht, daß er in jeder dieser Welt dieselbe Person findet. Man kann nun durch Typenanheb ung küssen eb enfalls als eine Relation zwischen Individuen und Eigenschaften zweiter Stufe auffassen. Dies macht man sich am b esten klar, indem man die Bedeutungsregel (1 a) in das
III. Theorie der Satzsemantik
Format der Bedeutungsregel für suchen bringt: (2) küssen drückt diejenige Relation aus, die zwischen einem Individuum x und einer Eigenschaft zweiter Stufe Q genau dann besteht, wenn Q auf die Eigenschaft erster Stufe, von x geküßt zu werden, zutrifft. Nach dieser zweiten Bedeutungsregel ist der Satz Klaus-Jürgen küßt eine Dame genau dann wahr, wenn die durch eine Dame ausgedrückte Eigenschaft zweiter Stufe auf die Eigenschaft erster Stufe, von Klaus-Jürgen geküßt zu werden, zutrifft. Dies ist genau dann der Fall, wenn die Eigenschaft, von Klaus-Jürgen geküßt zu werden, zu den Eigenschaften gehört, welche eine Dame hat. Man macht sich leicht klar, daß diesmal der Schluß auf die Wahrheit des Satzes Es gibt eine Dame, welche KlausJürgen küßt erlaubt ist. Durch Typenanheb ung kann man oft einen gemeinsamen Bedeutungstyp erzwingen, allerdings um den Preis der Komplizierung der Bedeutungsregeln. Die Strategie ist in der sogenannten Montaguegrammatik als „generalizing to the worst case“ b ekannt. Man kann auf diese Weise die syntaktischen Kategorien in vielen Fällen unab hängig von semantischen Gesichtpunkten definieren, ohne den Parallelismus zwischen syntaktischen und semantischen Kategorien aufzugeb en. Das Verfahren führt ab er zu Schwierigkeiten, wenn semantisch offensichtlich heterogene Ausdrücke in derselb en syntaktischen Kategorie sind. Dies ist zum Beispiel für Nomina der Fall. Man vergleiche etwa Mo to rrad und Bruder: das erste Nomen b ezeichnet eine einstellige Eigenschaft, das zweite dagegen eine zweistellige. Nach allgemeiner Auffassung gehören die b eiden ab er zu derselb en Wortklasse und deshalb auch zu derselb en syntaktischen Kategorie. Ein strikter Parallelist muß diese Nomina also verschiedenen syntaktischen Kategorien zuordnen. Auch hier mag es wieder Kunstgriffe geb en. Zum Beispiel könnte man einstellige Nomina wie Mo to rrad formal als zweistellig klassifizieren. Man muß dann allerdings sicherstellen, daß im Unterschied zu Edes Bruder in Edes Mo to rrad das Sub jekt Ede nicht das erste Argument ab b indet. Im zweiten Fall handelt es sich ja nicht um eine Argumentstelle von Mo to rrad, sondern um ein Argument der kontextuell zu erschließenden Besitzer-Relation. Lösungen dieser Art wird man getrost als epizyklisch b ezeichnen können. Das Fazit dieser Üb erlegung ist, daß
7. Syntax und Semantik
die Postulierung eines Parallelismus nicht ohne Epizyklen um die Konsequenz herumkommt, daß zumindest in einigen Fällen syntaktische Kategorien semantisch motiviert werden müssen. Die meisten Linguisten — b esonders die generativen Grammatiker — lehnen nun allerdings eine semantische Fundierung von syntaktischen Kategorien ab — zugunsten eines Standpunktes, der als Autonomie der Syntax b ekannt ist. Demnach sind für die Bestimmung von syntaktischen Kategorien rein formale Kriterien maßgeb end wie zum Beispiel morphologische Merkmale, welche gemäß den Prinzipien der sogenannten X-b arTheorie „projiziert“ werden (vgl. dazu z. B. Chomsky 1981). Vom autonomen Standpunkt aus ist es keineswegs von vornherein notwendig, einen Parallelismus von syntaktischen und semantischen Kategorien anzunehmen. So gib t es in den letzten Jahren tatsächlich auch Theorien, die grundsätzlich von einer Nicht-Parallelität der b eiden Systeme ausgehen (siehe dazu die Bemerkungen üb er „typengesteuerte“ Interpretation in Ab schnitt 3.4.2.2). Andererseits ist es eine Erfahrungstatsache, daß man für die prototypischen Fälle mit der Parallelitätsforderung gut fährt. Es scheint also so zu sein, daß das Zusammenfassen von b estimmten Ausdrücken unter dieselb e syntaktische Kategorie im allgemeinen semantisch motiviert ist. 2.3 Kompositionalität und Rekursivität Gottlob Frege wird ein Prinzip zugeschrieb en, das sich folgendermaßen formulieren läßt: (3) Die Bedeutung eines zusammengesetzten Ausdrucks ist eine Funktion der Bedeutungen seiner Teile und der Weise ihrer syntaktischen Verbindung. Dieses Prinzip wird in der Literatur Kompositionalitätsprinzip oder Fregeprinzip genannt. John Lyons meint in Artikel 1, Ab schnitt 1.4, daß es erstens ziemlich fragwürdig sei, Frege als Urheb er dieses Prinzips anzusehen und daß zweitens das Prinzip als solches nicht b esonders aufregend, sondern vielmehr in der grammatischen Tradition von allen Gelehrten als Selb stverständlichkeit vorausgesetzt worden sei. Zum ersten Punkt ist zu sagen, daß Frege dieses Prinzip tatsächlich niemals explizit formuliert hat, daß es ab er in mehreren seiner Argumente implizit vorhanden ist. So heißt es zu Beginn von Frege (1923): „Erstaunlich ist es, was die Sprache leistet, indem
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sie mit wenigen Silb en unüb ersehb ar viele Gedanken ausdrückt, daß sie sogar für einen Gedanken, den nun zum ersten Male ein Erdenb ürger gefaßt hat, eine Einkleidung findet, in der ihn ein anderer erkennen kann, dem er ganz neu ist. Dies wäre nicht möglich, wenn wir in dem Gedanken nicht Teile unterscheiden könnten, denen Satzteile entsprächen, so daß der Aufb au des Satzes als Bild gelten könnte des Aufb aues des Gedankens. ... Sieht man so die Gedanken an als zusammengesetzt aus einfachen Teilen und läßt man diesen wieder einfache Satzteile entsprechen, so wird es b egreiflich, daß aus wenigen Satzteilen eine große Mannigfaltigkeit von Sätzen geb ildet werden kann, denen wieder eine große Mannigfaltigkeit von Gedanken entspricht. Hier liegt es nun nahe zu fragen, wie der Aufb au des Gedankens geschieht und wodurch dab ei die Teile zusammengefügt werden, so daß das Ganze etwas mehr wird als die vereinzelten Teile.“
Zum zweiten Punkt von Lyons Kommentar ist allerdings zu b emerken, daß gerade für einen Logiker das Kompositionalitätsprinzip alles andere als selb stverständlich ist. Pronomina, die sich wie geb undene Variab len verhalten, scheinen nämlich Gegenb eispiele zu sein. Man betrachte dazu den folgenden Satz: (4) [S[NPJeder junge Politiker] [VP glaubt, daß er die Weltprobleme lösen kann]] Nehmen wir einmal an, der Satz hab e die angegeb ene Struktur. Ferner setzen wir voraus, daß sich er anaphorisch auf das Sub jekt jeder junge Po litiker b ezieht. Nach dem Kompositionalitätsprinzip liegt die Erwartung nahe, daß wir die Satzb edeutung aus den Bedeutungen des Sub jekts und des Prädikats ermitteln. Hier liegt eine Vagheit in der Formulierung. Man könnte unter Umständen b is auf die Wörter oder gar Morpheme zurückgehen. Wir wollen für das folgende davon ausgehen, daß nur auf die unmittelb aren Konstituenten zurückgegriffen werden darf. Wie ab er soll das in diesem Falle möglich sein? Damit das Prädikat eine Bedeutung hab en kann, muß das Pronomen er eine Person b ezeichnen. Ab er das ist gerade nicht gegeb en. Er hat erst im Verb und mit dem Sub jekt eine Bedeutung, wird also „synkategorematisch“ verwendet, wie man sagt. Diese Art des Geb rauchs von Pronomina wird in der Prädikatenlogik b ekanntlich als Variab lenb indung rekonstruiert. (4) hat im wesentlichen die folgende logische Form: (5) (∀x) Px Schon Ajdukiewicz (1935) hat b eob achtet, daß sich Ausdrücke dieser Gestalt nicht kom-
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positionell deuten lassen. Zwar läßt sich der Quantor (∀x) syntaktisch als ein Funktor b eschreib en, der aus einem Satz wieder einen Satz macht. Die Bedeutung dieses Funktors kann ab er keine Funktion sein, welche der Bedeutung des eingeb etteten Satzes, d. h. von Px, wieder eine Bedeutung zuordnet: Wäre dem nämlich so, so müßte (∀x) eine Wahrheitsfunktion denotieren, denn Px b ezeichnet einen Wahrheitswert und (∀x)Px eb enfalls. Wir wissen ab er, daß der Wahrheitswert von (∀x)Px von allen Wahrheitswerten ab hängt, die Px denotieren kann. Die Annahme, daß Px eine feste Bedeutung hat, auf die b ei der Ermittlung der Satzb edeutung zurückgegriffen werden kann, ist also nicht haltb ar. Genau diese Annahme scheint das Kompositionalitätsprinzip aber zu implizieren. Man b eachte, daß Px in unserem Beispiel für einen komplexen Ausdruck steht. Man kann sich also nicht dadurch herausreden, daß man den Wahrheitswert von (∀x)Px durch Rückgriff auf die Bedeutung von P allein ermitteln kann. Ab gesehen davon, daß wir vorausgesetzt hab en, daß die kompositionale Interpretation nur auf die unmittelb aren Konstituenten zurückgreifen darf, müßten wir erst einmal die Bedeutung von P b estimmen. Eine genauere Betrachtung würde zeigen, daß dab ei genau dasselb e Prob lem wie eben auftritt. In diesem Zusammenhang verdient erwähnt zu werden, daß Ajdukiewicz (1935) die im allgemeinen Montagues PTQ zugeschrieb ene Erfindung des Nominals vorweggenommen hat, indem er vorschlug, den Ausdruck (∀x)Px durch die Analyse ∀(Px) zu ersetzen, wob ei ∀ ein Funktor der Kategorie s/(s/n) ist, der aus einem einem Verb al (s/n) einen Satz s macht. Der Russellsche Zirkumflexoperator ist die λ-Ab straktion, die hier aus dem offenen Satz Px das Verb al Px ab strahiert. Dies ist die entscheidende Idee von Montagues PTQAnalyse. Zur Kategoriennotation, vgl. Ab schnitt 4.2.1. Der Sache nach ist die Trennung zwischen Quantor und Funktionala b straktion üb rigens schon b ei Frege angelegt. Frege sieht Quantoren als Begriffe zweiter Stufe an. Ferner liefert seine ε-Ab straktion den Werteverlauf einer Funktion. Frege hat Quantoren und ε-Ab strakte ab er nicht syntaktisch verb unden, weil ε-Ab strakte keine Begriffe sondern Gegenstände sind und deshalb in seinem System keine Argumente eines Begriffs von Begriffen sein können. Man kann gegen die ob ige Argumentation einwenden, daß das Kompositionalitätsprin-
III. Theorie der Satzsemantik
zip allgemeiner zu verstehen ist und deshalb durch dieses Gegenb eispiel nicht widerlegt wird. Wir greifen die Bedeutung eines Satzes wie (4) schließlich nicht aus der Luft. Sie muß sich also irgendwie aus der Bedeutung der Satzteile und deren Verknüpfung ergeb en. Es mag also schon so sein, wie Lyons b ehauptet, daß jeder Theoretiker, der einmal üb er Bedeutung nachgedacht hat, das Kompositionalitätsprinzip in irgendeiner Form als selb stverständlich akzeptieren wird. Es ist ab er gar nicht klar, was genau ein solcher Theoretiker damit akzeptiert. Wie Partee (1984 a) zurecht b emerkt, geb en präzise Formulierungen des Prinzips leicht zu Kontroversen Anlaß. Bereits eine Präzisierung der Fassung (3) ist alles andere als trivial. Bei näherem Hinsehen zeigt es sich nämlich, daß hier sowohl syntaktische wie auch semantischen Verknüpfungsoperationen vorausgesetzt sind, die aufeinander b ezogen werden müssen. Man mache sich das an einem sehr einfachen Beispiel klar, nämlich der Koordination von Sätzen durch oder. Die einschlägige syntaktische Verknüpfungsregel sei folgendermaßen formuliert: (6) F ist diejenige syntaktische Operation, welche beliebigen Sätzen S1und S2den Satz „S1oderS2“ zuordnet. Mit andern Worten, wenn die Sätze S1und S2 gegeb en sind, dann ist F(S1,S2) der Satz „S1 oderS2“. Eine adäquate Interpretation wird nun diese Art der sytaktischen Verknüpfung als mengentheoretische Vereinigung deuten, denn die Vereinigung der Welten, in denen S1 wahr ist, mit den Welten, in denen S2wahr ist, ist gerade die Menge der Welten, in denen S1oder S2wahr ist (vgl. dazu Artikel 8). Mit anderen Worten, die syntaktischen Operation F muß durch die folgende semantische Operation G interpretiert werden: (7) G(p,q) ist p ⋃q, für beliebige Propositionen p und q. Aufgrund dieser Üb erlegung kann das Kompositionalitätsprinzip (3) auf die folgende Weise formuliert werden: (8) Kompositionalitätsprinzip (UG) Sei α ein Ausdruck, der mithilfe der syntaktischen Operation F aus den Ausdrükken β1,...,βn gewonnen ist, d. h., α = F(β1,...,βn). Seien ferner b1,...,bndie Bedeutungen von β1,...,βn respektive. Sei schließlich G die semantische Operation, durch welche die syntaktische Operation
7. Syntax und Semantik
F gedeutet wird, dann ist die Bedeutung von α gleich G(b1,...,bn). Diese Formulierung — die Montagues UG zugrundeliegt — zeigt mehrerlei: Erstens wird präzisiert, auf welche Weise das, was in (3) „die Art der syntaktischen Verb indung“ genannt wurde, die Bedeutung b eeinflussen kann, „so daß das Ganze etwas mehr wird als die vereinzelten Teile“. Wenn immer aus b ereits erzeugten Teilausdrücken ein komplexerer Ausdruck geb ildet wird, dann gib t es eine syntaktische Operation (Regel), die dies leistet. Diese Regel wird durch eine semantische Operation gedeutet, die den Bedeutungen der Teilausdrücke eine neue Bedeutung zuordnet, diejenige des Resultatsausdrucks. Man sieht hier deutlich, daß Syntaxregeln semantisch interpretiert werden müssen, eine Notwendigkeit, woran man b ei umgangsprachlichen Formulierungen wie (3) zunächst gar nicht denkt. Das zweite wesentliche Merkmal der Präzisierung (8) ist, daß es sich um eine rekursive Definition handelt: Es wird vorausgesetzt, daß b ereits auf syntaktisch aufgeb aute Teilausdrücke und ihre Bedeutungen zurückgegriffen werden kann. Am „Anfang“ einer solchen Rekursion stehen natürlich syntaktisch nicht weiter zerlegb are Bestandteile, die Wörter, deren syntaktische Kategorien und deren Bedeutungen „im Lexikon“ festgelegt werden müssen. Daß der Begriff Kompositionalität nur rekursiv definiert werden kann, ist in der grammatischen Tradition sicher nicht gesehen oder zumindest nicht thematisiert worden. Ein Gleiches gilt b ereits für so selb stverständliche Begriffe wie syntaktische Kategorie. Man denke etwa an den Satzb egriff selb st. Die in Artikel 1 zitierte klassische Definition Priscians, nach der ein Satz „eine wohlgeformte Folge von Wörtern ist, die eine vollständige Aussage ausdrückt“ (o rdinatio dictio num co ngrua sententiam perfectam demo nstrans) ist b ezeichnenderweise nicht rekursiv: Weder ist gesagt, was Wohlgeformtheit b edeutet, noch ist der Satzb egriff formal, d. h. ohne Rückgriff auf Bedeutung, definiert. Und eine nichtrekursive Definition dessen, was die Wohlgeformtheit eines Satzes ausmacht, ist auch grundsätzlich nicht möglich, einfach deshalb , weil es unendlich viele Sätze gib t und diese — b eziehungsweise deren Wohlgeformtheit — nur mit Rekurs auf die Regeln definiert werden können, die sie erzeugen. In diesem Umstand ist der tiefere Grund zu sehen, weshalb
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sämtliche klassischen Definitionen des Satzes gescheitert oder zumindest wenig aussagekräftig sind (vgl. dazu Ries 1931). Die Montaguesche Formulierung (6) ist eine sehr allgemeine Präzisierung des Kompositionalitätsprinzips: Sie läßt völlig offen, welcher Art die semantischen Operationen sind, welche die Syntaxregeln deuten. Möglicherweise gib t es hier empirische Beschränkungen. Wir kommen in Ab schnitt 3.4.2.3 („Monsterverb ot“) noch einmal auf diese Frage zurück. Die Präzisierung des Kompositionalitätsprinzips zeigt schließlich, daß man innerhalb des Prinzips einen syntaktischen und einen semantischen Aspekt unterscheiden muß: die syntaktische Seite der Kompositionalität wird durch die syntaktischen Operationen, der semantische Aspekt dagegen durch die semantischen Operationen rekonstruiert. An dieser Stelle wird eine Idealisierung sichtb ar, die möglicherweise mit dem „modularen“ Ansatz der modernen generativen Grammatik nicht verträglich ist. Die Idealisierung b esteht darin, daß Syntaxregeln vorausgesetzt werden, nämlich Operationen, die aus Ausdrükken wieder Ausdrücke machen. Die moderne generative Grammatik, z. B. die sogenannte „Rektions- und Bindungstheorie“, kennt ab er gar keine Syntaxregeln mehr in diesem Sinne. Es gib t nur noch eine Reihe von unter einander una b hängigen Wohlgeformtheitsprinzipien, deren komplexes Zusammenspiel die Grammatikalität eines Ausdrucks oder einer Struktur b estimmt (vgl. etwa Chomsky 1981). Es ist die Frage, ob sich diese Prinzipien in algeb raische Operationen umformulieren lassen, wie dies in der Montagueschen Präzisierung vorausgesetzt ist. Selb st wenn diese Umformulierung prinzipiell möglich ist, b leib t noch die Frage, ob sie im Sinne der generativen Grammatik „erhellend“ ist. Auf jeden Fall stellt sich das Prob lem, wie das Kompositionalitätsprinzip für die generative Grammatik formuliert werden kann. Darauf wird in Abschnitt 6 eingegangen werden. Selb st wenn man Montagues Formulierung (8) akzeptiert, wird man doch nicht b ehaupten können, daß sie in allen Punken eine Explikation des Fregezitates darstellt. Nach Frege hat der Gedanke eb enso wie der Satz Teile. Die Proposition der Mögliche-WeltenSemantik hat ab er keine Teile, sondern ist eine ungegliederte Menge von Welten, der man die Proposition, aus denen sie „gewonnen“ worden ist, nicht ohne weiteres ansehen kann. Eb ensowenig kann man z. B. der Zahl
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12 ansehen, daß sie im konkreten Fall das Resultat der Addition von 7 und 5 ist. Sie könnte auch auf andere Weise b estimmt worden sein. Analog dazu kann man eine Proposition auf verschiedene Weise ausdrücken. Wer also genau den Fregeschen Kompositionaltätsb egriff rekonstruieren möchte, muß den syntaktischen Aufb au noch mit zum Gedanken zählen (vgl. dazu Lewis 1970 und Cresswell 1985 b). Die in diesem Ab schnitt andiskutierten Fragen sollten deutlich gemacht hab en, daß die mit dem Kompositionalitätsprinzip zusammenhängenden Prob leme alles andere als trivial sind. Sie b etreffen vielmehr das Herzstück der semantischen Theorieb ildung, nämlich den Interpretationsb egriff selb st. Die Formulierung (8) ist ja nichts anderes als die Kernklausel, welche eine lexikalisch gegeb ene Interpretation rekursiv auf alle Ausdrücke einer Sprache fortpflanzt. 2.4 Mehrdeutigkeit Es gib t zwei Arten von Mehrdeutigkeit, syntaktische und semantische. Syntaktische Mehrdeutigkeit liegt dann vor, wenn die Regeln der Grammatik einem Ausdruck mehr als eine Struktur zuweisen, d. h., falls es mehrere verschiedene Ab leitungen gib t. Semantische Mehrdeutigkeit ist gegeben, wenn ein und derselb e Ausdruck mehr als eine Bedeutung hat. Ein einfaches Beispiel für syntaktische Mehrdeutigkeit ist ein Satz der Form „α oder β oder γ“. Aufgrund der ob en angegeb enen Regel (6) kann er auf zweierlei Weise hergeleitet werden, nämlich als F(α,F(β,γ)) oder als F(F(α,β),γ). Diesen b eiden Ab leitungen entsprechen die folgenden syntaktischen Strukturen: (9) a. (F α oder (F β oder γ)) b. (F (F α oder β) oder γ) Syntaktische Mehrdeutigkeiten sind eine Folge des Regelsystems. Sie b rauchen keine semantischen Mehrdeutigkeiten nach sich zu ziehen. Für das gerade diskutierte Beispiel garantiert unsere Interpretationsregel (7) die semantische Eindeutigkeit. Wendet man formale Systeme zur syntaktischen Analyse von natürlichen Sprachen an, so stellt sich die Frage, inwieweit syntaktische Mehrdeutigkeiten reine Artefakte des Formalismus sind und inwieweit sie empirisch gerechtfertigt sind. Zu Beginn der Entwicklung der generativen Grammatik hab en sol-
III. Theorie der Satzsemantik
che Üb erlegungen eine Rolle gespielt. Heutzutage kümmern sich die meisten generativen Grammatiker kaum mehr darum, da Fragen der Formalisierung in dieser Theorie während der letzten Jahre in den Hintergrund getreten sind zugunsten von grundsätzlichen Üb erlegungen. Ein ernsthafteres Prob lem für das Thema dieses Artikels stellt die semantische Mehrdeutigkeit dar. Solche Mehrdeutigkeiten können einmal dadurch entstehen, daß ein Wort mehrdeutig ist, z. B. „Flügel“, womit die Schwinge eines Vogels, eine Art von Klavier, ein Geb äudeteil, die Hälfte einer Doppeltür und anderes gemeint sein kann. Diese Art von Amb iguität kann man lexikalische Mehrdeutigkeit nennen. Daneb en gib t es ab er einen anderen Typ von Mehrdeutigkeit, der üb licherweise strukturelle Mehrdeutigkeit genannt wird. (Die Benennung ist insofern prob lematisch, als sie b ereits eine b estimmte Art von theoretischer Analyse suggeriert, nämlich die Sub sumption unter den Begriff der syntaktischen Mehrdeutigkeit.) Ein Standardsatz, anhand dessen diese Art von Mehrdeutigkeit illustriert zu werden pflegt, ist (10 a), der die Lesarten (10 b) und (10 c) hat: (10) a. Jeder Mann liebt eine Frau. b. Für jeden Mann gibt es eine Frau, die er liebt. c. Es gibt eine Frau, die jeder Mann liebt. Es handelt sich b ei diesem Beispiel um einen Fall von Skopusmehrdeutigkeit. In (10 b ) hat der Allquantor jeder Mann weiten Skopus b ezüglich des Existenzquantors eine Frau, in (10c) hat der Allquantor dagegen engen Skopus b ezüglich des Existenzquantors. (Für die hier benutzte Terminologie vgl. Artikel 21.) Wir diskutieren nun, wie die b eiden Typen von Mehrdeutigkeiten rekonstruiert werden. Bereits lexikalische Mehrdeutigkeiten stellen für eine Theorie, welche eine Interpretation als Funktion auffaßt, ein gewisses Prob lem dar. Die verb reitetste Strategie, diese Fälle ab zuhandeln, b esteht darin, Homonyme lexikalisch zu desamb iguieren, indem man z. B. zwischen Flügel1, Flügel2usw. unterscheidet. Eine solche Theorie faßt also Flügel nicht als ein einziges Wort auf, sondern als verschiedene. Jedem dieser Wörter kann dann durch die Interpretationsfunktion prob lemlos genau eine Bedeutung zugeordnet werden. Dieses Verfahren wird z. B. in Montagues UG oder in Cresswell (1973) b enutzt. Man könnte ein-
7. Syntax und Semantik
wenden, daß b ei einem derartigen Vorgehen das empirische Faktum der Mehrdeutigkeit definitorisch aus der Welt geschafft wird. Es b edarf ab er nur einer geringfügigen Zusatztechnik, um diesem Einwand zu b egegnen, nämlich einer Komponente der Grammatik, in der die desamb iguierten Wörter wieder identifiziert werden, etwa durch Indextilgung. Mit Bezug auf die nicht-desamb iguierten Wörter kann man dann die Relation der Mehrdeutigkeit in naheliegender Weise definieren. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß die Methode der Desamb iguierung durch Indizierung nicht zwischen verschiedenen Arten von lexikalischer Mehrdeutigkeit zu unterscheiden vermag. Man b etrachte zunächst wieder Flügel. Sämtliche Spielarten dieses Wortes hab en eine gemeinsame etymologische Herkunft. Deshalb b ezeichnet man ein solches Wort in der Literatur auch als polysem, d. h. als ein Wort mit vielen Bedeutungen. Im Gegensatz dazu wird ein Wort wie To n homonym genannt, da die b eiden Bedeutungen — „Klang“ b zw. „eine b estimmte Art von Erde“ — auf verschiedene Etyma zurückgehen, die durch die historische Entwicklung zu einer Lautform geworden sind. Im letzteren Fall handelt es sich, intuitiv gesehen, eher um zwei Wörter, die zufällig dieselb e Lautgestalt hab en. Wir lassen die Frage, auf welche Weise Polysemie und Homonymie rekonstruiert werden können, in diesem Artikel offen. Eine andere Methode, lexikalische Mehrdeutigkeiten zu erfassen, b esteht darin, die Interpretation als Relation anzusehen, die ein Wort unter Umständen mit mehreren Bedeutungen verb indet. Die meisten Semantiker vermeiden diese Art von Analyse, um nicht in technische Schwierigkeiten zu geraten. Man muß die Bedeutungsrelation ja rekursiv für komplexe Ausdrücke definieren, wob ei sich die Mehrdeutigkeiten unter Umständen multiplizieren. Man b etrachte zum Beispiel den Satz: (11) Hubertus ersteigerte ein Schloß und einen Flügel. Nehmen wir einmal an, Schlo ß sei zweideutig und Flügel sei vierdeutig. Dann muß die Bedeutungsrelation diesem Satz acht verschiedene Bedeutungen zuordnen. Es ist sicher kein Prob lem, eine Relation zu definieren, die so etwas leistet, ab er die Definition wird umständlich und ist zudem entb ehrlich, da lexi-
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kalische Amb iguitiäten auch b ei Zugrundelegung einer Interpretationsfunktion erklärt werden können. Konsequenzenreicher ist die Prob lematik, die mit strukturellen Mehrdeutigkeiten, insb esondere der Skopusmehrdeutigkeit verb unden ist. Wir hab en b ereits darauf hingewiesen, daß die Benennung „strukturelle Mehrdeutigkeit“ insofern nicht unprob lemantisch ist, als sie die theoretische Behandlung des Phänomens b ereits vorwegnimmt. Betrachten wir dazu Satz (10a). Um die Diskussion nicht zu b elasten, wollen wir von den Komplikationen der deutschen Syntax (Finitumvoranstellung mit anschließender Topikalisierung eines Satzgliedes) ab sehen und diesen Satz wie sein englisches Gegenstück gliedern. Unter diesen Annahmen hat er die folgende Gestalt: (12) [S [NP jeder Mann] [VP liebt [NP eine Frau]]] Die relevanten Regeln, welche diese Struktur aufgeb aut hab en, sind die folgenden kontextfreien Phrasenstrukturregeln: (13) a. S → NP VP b. VP → V NP Im Gegensatz zu der ob en eingeführten Regel (6) kann dieses Regelsystem keine Quelle für irgendwelche syntaktischen Mehrdeutigkeiten sein, wie man b eim ersten Hinschauen erkennt. Nimmt man einmal an, diese Analyse sei die einzig empirisch vertretb are, dann scheidet scheinb ar der Weg aus, die semantische Mehrdeutigkeit von (10a) durch eine strukturelle, d. h. syntaktische Mehrdeutigkeit zu erklären, die für die verschiedenen Bedeutungen verantwortlich ist. Montague hat das Prob lem zu umgehen versucht, indem er eine semantisch motivierte syntaktische Analyse vorgelegt hat, nach der Nominalphrasen wie in der Prädikatenlogik als Quantoren auf offene Sätze angewandt werden. In Montagues PTQ wird Satz (10a) — von Details der technischen Ausformulierung einmal ab gesehen — durch Anwendung der Quantoren jeder Mann x und eine Frau y auf die offene Formel x liebt y hergeleitet. Wendet man zuerst eine Frau y und dann erst jeder Mann x an, so erhält man die Lesart (10b ), während eine umgekehrte Anwendung die Lesart (10c) ergib t. Die Regel der Quantorenanwendung („Hineinquantifizieren“ b zw. „quantifying in“) wird im folgenden Q genannt. Die b eiden Ab leitungen von (10a) sind demnach:
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III. Theorie der Satzsemantik
b itrary interpretation — as the b asic goal of serious syntax and semantics; and the developments emanating from the Massachusetts Institute of Technology offer little promise to that end.”
Man sieht sofort, daß zwischen diesen b eiden syntaktischen Strukturen und den prädikatenlogischen Ausdrücken (15a) und (15b ) eine Eins-zu-Eins-Beziehung besteht: (15) a. (∀x)[Mann’(x)→(∃ y)[Frau’(y) & liebt’(x,y)]] b. (∃y)[Frau’(y) & (∀ x)[Mann’(x)→ liebt’(x,y)]] Damit ist klar, daß die Strukturen so gedeutet werden können, daß sie die genannten Lesarten (10b) und (10c) ausdrücken. Die folgenden Einwände gegen diese Art der Behandlung liegen auf der Hand. Erstens gib t es keinerlei von semantischen Gesichtspunkten unab hängige Evidenz für syntaktische Analysen dieser Art. Keine der b eiden syntaktischen Analysen, entspricht der nach Voraussetzung empirisch gerechtfertigten Struktur (12). Zweitens kann man einwenden, daß die Erklärung von Skopusmehrdeutigkeiten mithilfe von syntaktischer Mehrdeutigkeit als solche erst zu rechtfertigen sei. Diesen Einwand kann man ab er so lange b eiseite schieb en, wie keine alternativen, nichtstrukturellen Theorien in Sicht sind. Der erste Einwand wird von Montague selb st durch eine b ewußte Ab sage an die These von der Autonomie der Syntax b eantwortet. Für den Kalifornier hat die Syntax lediglich den Zweck, eine rekursive Bedeutungsdefinition für die gesamte Sprache zu ermöglichen. Jede syntaktische Beschreib ung, die das leistet, ist zunächst adäquat. Die Syntax wird so zur reinen Hilfswissenschaft der Semantik. Die klassische Formulierung dieses Standpunktes findet sich zu Beginn von Montagues EFL: “I do not regard as successful the formal treatments of natural languages attempted b y certain comtemporary linguists. Like Donald Davidson I regard the construction of a theory of truth — or rather, of the more general notion of truth under an ar-
Dieses Zitat ist ein besonders klarer Beleg für die Auffassung von Syntax, die wir semantisch motiviert genannt haben. In der GB-Theorie Chomskys (1981) werden Skopusmehrdeutigkeiten eb enfalls üb er syntaktische Mehrdeutigkeiten erklärt, allerdings auf einer b esonderen Repräsentationseb ene der Theorie, nämlich der sogenannten logischen Form (vgl. dazu Ab schnitt 5.2). Auf andern Repräsentationse b enen der Grammatik ist ein Satz wie (10a) dagegen syntaktisch eindeutig. So hat (10a) auf der Eb ene der sogenannten S-Struktur die angegeb ene Analyse (12). Die b eiden Strukturen (14a) und (14b ) erzeugt man, indem man die Regel Q „rückwärts“ anwendet: Bei Montague wird die Quantorenphrase an die Stelle der geb undenen Variab len eingesetzt, während sie b ei Chomsky aus dieser Position „herausb ewegt“ wird und eine entsprechende Variab le hinterläßt. In der Chomskyschen Theorie heißt die Regel Q deswegen auch „Quantorenanheb ung“ (vgl. May 1977 für Details). Diese Regel wird auf der Eb ene der logischen Form angewandt. Die entsprechenden logischen Formen für die b eiden Lesarten sind — von irrelevanten Einzelheiten wieder ab gesehen — die folgenden: (16) a. [[NP jeder Mann]x [[NP eine Frau]y [S x liebt y]]] b. [[NP eine Frau]y [[NP jeder Mann]x [S x liebt y]]] Man erkennt, daß diese Strukturen isomorph zu den Montagueschen Strukturen (14) sind. Die Behandlung von Skopusmehrdeutigkeiten in der Chomskyschen Theorie ist also mit derjenigen Montagues zunächst äquivalent. Der Vorteil der GB-Theorie b esteht darin, daß sie eine autonome Auffassung von Syntax ermöglicht: Die Eb ene der S-Struktur enthält die nach Voraussetzung empirisch gerechtfertigte Struktur (12), während in der semantisch motivierten Syntax Montagues diese Struktur nirgends erscheint. Ein ähnlicher Weg wie in der GB-Theorie ist b ereits in Cooper & Parsons (1976) b eschritten worden. Die Autoren nehmen für einen Satz wie (10a) eine einzige syntaktische Struktur an, nämlich (12). Diese wird mit Skopusindizes versehen, die den Bezugsb ereich eines Nominals anzeigen. Jeder NPKnoten wird mit einem S-Knoten koindiziert, und dies b esagt, daß das gesamte S der Wir-
7. Syntax und Semantik
kungsb ereich der b etreffenden NP ist. Wenn ein S mit mehr als einem Skopusindex versehen ist, legt die Reihenfolge der Indizes den relativen Skopus der koindizierten NPs fest. Für unser Beispiel sind die b eiden Lesarten in diesem System folgendermaßen zu desambiguieren: (17) a. [Sij [NPi jeder Mann] [VP liebt [NPj eine Frau]]] b. [Sji [NPi jeder Mann] [VP liebt [NPj eine Frau]]] Die b eiden Strukturen unterscheiden sich nur durch die Reihenfolge der Skopusindizes an S, welche den relativen Skopus der b eiden Nominale kodiert. Offensichtlich sind diese Repräsentationen wiederum isomorph zu denen der Montague-Grammatik und denen der GB-Theorie, d. h. sie sind 1-zu-1 in jedes dieser Systeme üb ersetzb ar. Damit ist auch klar, daß sie auf dieselb e Weise gedeutet werden können. Genau wie die GB-Theorie hat dieser Ansatz den Vorteil, daß es eine autonome syntaktische Eb ene gib t: Die syntaktische Struktur ist unab hängig von Skopusmehrdeutigkeiten motiviert, die Desamb iguierung findet üb er Indizes auf einer eigenen Eb ene statt, die an der eigentlichen syntaktischen Struktur nichts ändern, die Interpretation ab er b eeinflussen. Als Ergeb nis dieses Ab schnittes halten wir fest, daß sämtliche Theorien Skopusmehrdeutigkeiten als strukturelle Mehrdeutigkeiten rekonstruieren, wob ei sich die verschiedenen Vorschläge lediglich darin unterscheiden, ob eine autonome syntaktische Eb ene ohne strukturelle Mehrdeutigkeiten angenommen wird oder nicht. Sowohl für lexikalische als auch für Skopusmehrdeutigkeiten gilt also, daß sie in einer speziellen Komponente des Systems desamb iguiert werden. Im Zuge dieser Praxis hat es sich eingeb ürgert, Skopusmehrdeutigkeiten als strukturelle Mehrdeutigkeiten anzusehen.
3.
Montagues Universalgrammatik
3.1 Allgemeine Konzeption Montagues Sprachtheorie ist so allgemein formuliert, daß sie als b egrifflicher Bezugsrahmen für die meisten Beiträge dieses Bandes dienen kann. Die Grundkonzeption ist de facto in dem Ab schnitt üb er allgemeine Grundlagen b ereits vorgestellt worden. Auf den einfachsten Nenner geb racht, b esagt die Theorie folgendes: Syntax und Semantik sind algeb raische Systeme, und die Interpretation ist eine homomorphe, d. h. strukturerhaltende Ab b ildung der Syntax auf die Semantik.
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An dieser Stelle ist üb rigens genau das Fregeprinzip (vgl. Ab schnitt 2.3) in die Theorie eingeb aut. Die algeb raischen Operationen der Syntax sind die Operationen, welche Zeichenfolgen zu neuen Zeichenfolgen komb inieren. Die algeb raischen Operationen der Semantik sind semantische Operationen, die Bedeutungen Bedeutungen zuordnen. Die allgemeine Theorie, welche in Montagues UG dargestellt ist, enthält lediglich die folgenden Beschränkungen: 1. Ein komplexer Ausdruck, d. h. ein Element der Syntaxalgeb ra, ist eindeutig zerlegb ar. Damit ist gemeint, daß man ihm die syntaktische Operation und die Teilausdrücke „ansehen“ kann, mit deren Hilfe er geb ildet ist. Belieb ige algeb raische Systeme erfüllen eine solche Beschränkung im allgemeinen nicht, z. B. wird nichts dergleichen für die Semantikalgeb ra gefordert (vgl. dazu die Bemerkungen am Ende von Abschnitt 3.3.1). 2. Aus der Forderung, daß die Interpretation eine Ab b ildung ist, ergib t sich, daß keine semantischen Mehrdeutigkeiten zugelassen sind. Mehrdeutigkeiten müssen also durch einen zusätzlichen Apparat analysiert werden (vgl. dazu Abschnitt 2.4). 3. Die Forderung, daß die Interpretation homomorph ist, erweist sich als eine spezielle Rekonstruktion des Fregeprinzips (vgl. die Formulierung (8) in Abschnitt 2.3). 4. Der in Ab schnitt 2.2 diskutierte strikte Parallelismus zwischen syntaktischen und semantischen Kategorien wird von Montague explizit gefordert. Eine Interpretation, die dieser Forderung genügt, wird Fregesche I nterpretation genannt werden. Diese Einschränkung wird sich als einigermaßen einschneidend erweisen. Insgesamt sind die Einschränkungen ab er unerheb lich. Die Syntaxtheorie ist so stark, daß unter anderem alle rekursiv aufzählb aren Sprachen erzeugt werden können. Eb enso gib t es keinerlei Einschränkungen für semantische Operationen. Das System ist also nicht in demselb en Sinne eine Universalgrammatik, wie die Chomskysche. Während Chomskys Theorien einen universellen Rahmen für mögliche natürliche Sprachen ab stecken möchte, zielt Montagues Theorie auf einen Rahmen für alle Sprachen ab . Auf mögliche, empirisch motivierte Beschränkungen der Theorie kommen wir noch zu sprechen. 3.2 Syntax Montagues UG nimmt zwei Eb enen der syntaktischen Repräsentation an, die wir die Eb ene der DA-Struktur und die der OF-
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Struktur nennen wollen. DA-Strukturen b ilden den Input für die semantische Interpretation. Da es sich b ei letzterer um eine Funktion handelt, müssen DA-Strukturen vollständig desambiguiert sein (daher die Bezeichnung DA). DA-Strukturen entsprechen also nicht den D-Strukturen der GB-Theorie, sondern eher deren logischen Formen (vgl. dazu die Ausführungen in Ab schnitt 2.4). Die Bezeichnung OF soll an „Oberfläche“ erinnern. DA-Strukturen werden durch eine DASyntax erzeugt. Dab ei handelt es sich — in einem noch zu präzisierenden Sinne — um eine Algeb ra, deren Elemente — also gerade die DA-Strukturen — strukturell eindeutig sind und die aufgeb aut werden durch sukzessive Anwendung von syntaktischen Operationen, wob ei die durch ein Lexikon vorgegeb enen Elemente den „Bodensatz“ b ilden. Eine DA-Syntax kann man sich als ein System von Regeln vorstellen, die von der folgenden Form sind: (19) Wenn α1,..., αn Ausdrücke der Kategorien σ1,...,σn respektive sind, dann ist F(α1,..., αn) ein Ausdruck der Kategorie τ. Jede solche Regel ist nichts anderes als eine n-stellige (b eschränkte) algeb raische Operation F. Das gesamte System ist also eine partielle Algeb ra. Diesen einfachen Grundgedanken sollte man b ei den folgenden b eiden etwas umständlichen Definitionen vor Augen hab en, deren relative Kompliziertheit technische Gründe hat, auf die wir später noch kurz eingehen. Für die folgende Definitionen b ezeichnet Kat eine Menge von Kategorienindizes. Sie dienen zur Bezeichnung der syntaktischen Kategorien des Systems. Ferner setzen wir voraus, daß ein Paar 〈A,Φ〉 gegeb en ist, das aus einer Menge von Ausdrücken A und einer Menge von syntaktischen Operationen Φ b esteht, die auf A definiert sind. Im Unterschied zu Montagues Originaldefinition in UG läßt die folgende Definition die Frage offen, welche Elemente in A sind. Montague selb st verlangt, daß A die kleinste vom Lexikon erzeugte Menge ist. Dieser Sachverhalt ist nur umständlich auszudrücken und erschwert ein Verständnis der Definition. Wir erläutern, was damit gemeint ist, am Ende dieses Ab schnittes. Wer mit dieser restriktiveren Begriffsb ildung arb eiten möchte, kann die Erläuterungen als Zusatzb edingungen zur Definition auffassen.
III. Theorie der Satzsemantik
(20) Eine (auf Kat und 〈Α,Φ〉 basierende) DA-Syntax („desambiguierte Syntax“) besteht aus einem Lexikon (Xτ)τ ∈ Kat, einer Menge von Syntaxregeln S, einer Menge von syntaktischen Kategorien (Cτ)τ ∈ Kat und einem ausgezeichneten Kategorienindex τ0, wobei die folgenden Bedingungen gelten: a. Das Lexikon ist ein Mengensystem (Xτ)τ ∈ Kat. Jedes dieser Xτ ist eine Teilmenge von A und heißt (die zu τ gehörige) lexikalische Kategorie. Lexikalische Kategorien dürfen leer sein, sich aber nicht überschneiden. Sie enthalten die Grundausdrücke oder Lexeme. b. Jede Syntaxregel hat die Form 〈F, σ1,...,σn, τ〉, wobei F eine n-stellige syntaktische Operation aus Φ ist und σ1,...,σn, τ aus Kat sind. c. Das System (Cτ)τ ∈ Kat der syntaktischen Kategorien ist durch die folgenden beiden Bedingungen bestimmt: (i) Für jeden Kategorienindex τ ist Xτ eine Teilmenge von Cτ. (ii) Wenn 〈F, σ1,...,σn, τ〉 eine Syntaxregel ist und α1,...,αn Ausdrücke sind, die in den Kategorien Cσ1,...,Cσn respektive liegen, dann liegt der Ausdruck F(α1,...,αn) in der Kategorie Cτ. Die Elemente von Cτ heißen Ausdrücke der Kategorie τ, für jedes τ aus Kat. Die b eiden folgenden Bedingungen (d) und (e) b einhalten die eindeutige Zerlegb arkeit der Ausdrücke: d. Es ist verboten, daß eine Syntaxregel ein Resultat liefert, das in einer lexikalischen Kategorie liegt (Fundiertheit). e. Zusätzlich wird verlangt, daß es zu jedem Ausdruck eindeutige Vorgängerausdrücke gibt. Wenn also zwei Operationen zum selben Wert führen, dann müssen sie gleich sein: Falls F(α1,...,αm) = G(β1,...,βn), so F = G und 〈α1,...,αm〉 = 〈β1,...,βn〉 (folglich auch m = n, α1 = β1,...usw.). f. Der ausgezeichnete Kategorienindex τ0 kennzeichnet die Kategorie der Sätze des Systems. Zunächst ist zu b emerken, daß Montague in UG ein System dieser Art nicht desambiguierte Syntax sondern desambiguierte Spra-
7. Syntax und Semantik
che nennt. In gewisser Weise ist die Wahl der Terminologie willkürlich, da in dem System b eides steckt: sowohl die Syntaxregeln als auch die dadurch erzeugten Mengen von Ausdrücken. Der nächste Kommentar b etrifft die Forderung (d) nach der Fundiertheit der Syntax. Sie ist für natürliche Sprachen b einahe selb stverständlich, da sie b esagt, daß jede Konstruktion aus unzerlegb aren Grundausdrükken — eb en den Lexemen — mithilfe von Syntaxregeln aufgeb aut ist. Würde man auf die Fundiertheit verzichten, wäre die Eindeutigkeit des Aufb aus der Ausdrücke nicht sichergestellt: Ein Ausdruck α könnte dann sowohl zum Grundb estand des Lexikons gehören, als auch durch eine syntaktische Operation dort hinein gelangen, sagen wir, durch Anwendung der Operation F auf die Ausdrücke α1,...,αn. In diesem Fall hätte der genannte Ausdruck zwei Gestalten, nämlich a und F(α1,...,αn). Damit würde die Syntax den Ausdruck sowohl als unzerlegb ar wie als zerlegb ar klassifizieren. Diese Möglichkeit wird durch die Bedingung verhindert. Bedingung (e) b esagt, daß jeder Ausdruck auf nur eine Weise aus Teilausdrücken gewonnen werden kann. Die Fundiertheitsb edingung (d) und die Forderung nach Eindeutigkeit der Vorgängerausdrücke (e) garantieren, daß ein komplexer Ausdruck auf genau eine Weise mithilfe von Operationen aus Grundausdrücken gewonnen werden kann. Deshalb kann man diese Art von Syntaxen zu Recht desambiguiert nennen. Hier handelt es sich üb rigens um eine echte Einschränkung der Theorie, die nicht von allen denkb aren algeb raischen Systemen erfüllt wird. So läßt sich etwa — b ei Zugrundelegung der ganzen Zahlen — die Zahl 2 auf unendlich viele Weisen durch die Additionsoperation erreichen (0 + 2 = 2, — 1 + 3 = 2,...usw.). Die Eindeutigkeit des syntaktischen Aufb aus macht rekursive Definitionen üb er den Aufb au von Ausdrücken möglich. Die Definition der Interpretation wird von dieser strukturellen Eigenschaft wesentlichen Geb rauch machen. Die Eindeutigkeitsb edingung (e) ist allerdings unnötig stark formuliert. Von den konkreten Grammatikfragmenten für das Englische, die Montague ausgearb eitet hat, genügt nur das Fragment aus UG dieser Bedingung. Das b ekannteste Fragment — die englische Grammatik in PTQ — verstößt gegen (e), genügt ab er einem etwas lib eraleren
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Eindeutigkeitsb egriff. Wir kommen auf diesen Punkt zurück. In diesem Zusammenhang wollen wir auf die ob en angeschnittene Frage eingehen, wie man sich die Trägermenge A der Algeb ra 〈A,Φ〉 vorzustellen hat, auf welcher die DASyntax b asiert. Es handelt sich dab ei um alle Ausdrücke, die man mithilfe der unb eschränkten Operationen in Φ aus lexikalischen Ausdrücken b ilden kann. Die DA-Syntax wählt durch Beschränkung der Operationen aus diesem Vorrat aus, ist also eine Teilalgeb ra dieses Systems. Strukturell ändert sich dab ei nichts. Wenn F als einzige Operation zum Beispiel die zweistellige Verkettung ist und wir ein Vokab ular V vorgegeb en hab en, dann ist A das freie Monoid üb er V, die üb liche Situation, die wir b ei Ersetzungssystemen vorfinden, etwa in dem Beispiel, das wir gleich diskutieren. Im allgemeinen Fall sind die syntaktischen Operationen ab er komplizierter als die Verkettung. Man kann sich die Ausdrücke in A dann als Terme der Form F(α1,...,αn) repräsentiert vorstellen, wob ei F ein Name für eine syntaktische Operation ist, die auf die Argumentausdrücke α1,...,αn angewandt ist. So ein System ist in der Literatur als Termalgeb ra b ekannt. Diese Erläuterungen sollten auch verdeutlicht hab en, weshalb Montagues Begriffsb ildung so kompliziert anmutet: Syntaxregeln sind b eschränkte Operationen. Mengentheoretisch kann man die Beschränkungen ab er nur formulieren, indem man zunächst die gesamten Operationen angib t. Für das folgende wollen wir stets davon ausgehen, daß die Trägermenge in dieser Weise definiert ist. Wir nennen das System 〈A,Φ〉 im folgenden zuweilen auch syntaktische Algebra. Die Elemente von A heißen DAAusdrücke. Zur Veranschaulichung von Definition (20) wollen wir nun die folgende kleine kontextfreie Syntax in Montagues Formalismus üb ertragen. (22) a. S → NP VP b. VP → V NP c. NP → Art N d. N → Mann, Frau e. V → liebt f. Art → jeder, eine Als Kategorienindizes können wir die nichtterminalen Symb ole der kontextfreien Syntax wählen, d. h. wir setzen Kat als S, NP, VP, V, Art, N. Die lexikalischen Kategorien sind die folgenden:
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(23) XN = {Mann, Frau} XV = {liebt} XArt = {jeder, eine} Die einzige Operation, die wir für die Formulierung der Syntaxregeln b enötigen ist die zweistellige Verkettung, die auf die einschlägigen Kategorien b eschränkt werden muß. Sei für das folgende Fverkdiese Operation, d. h., Fverk(α,β) = αβ. Die Menge der Syntaxregeln — die wir diesmal mit R b ezeichnen, da S b ereits für das Satzsymb ol steht — läßt sich dann folgendermaßen formulieren: (24) r1 = 〈 Fverk, NP, VP, S 〉 r2 = 〈 Fverk, V, NP, VP 〉 r3 = 〈 Fverk, Art, N, NP 〉 Die desamb iguierte Syntax, welche dieselb en Strukturen, wie die kontextfreie Grammatik (22) erzeugt, ist also das (auf Kat und der Algeb ra 〈A,Fverk〉 b asierende System 〈(Xτ)τ ∈ Kat, R, S 〉, wob ei A die Menge aller Zeichenfolgen üb er dem Terminalvokab ular ist. Bereits die dieser Syntax zugrundeliegende kontextfreie Syntax (22) war keine Quelle von Mehrdeutigkeiten, und deshalb ist die soeb en konstruierte Montague-Syntax sicher desamb iguiert im Sinne von Definition (20). Wir erhalten ab er ein Prob lem, wenn wir die kontextfreie Syntax um die folgende Regel für oder-Koordinationen erweitern: (25) S → S oder S Diese Regel analysiert einen Satz der Form „α oder β oder γ“ auf zwei Weisen: (26) a. [S[S α oder β] oder γ] b. [S α oder [S β oder γ]] Diese strukturelle Mehrdeutigkeit b leib t erhalten, wenn wir die Regel nach der b isher skizzierten Methode in das Montague-Format übertragen: (27) 〈Foder, S, S, S〉, wobei Foder(α,β) = α oder β für beliebige Sätze α und β. Diese Regel ist identisch mit der in Ab schnitt 2.3 eingeführten Regel (6) — einer Quelle für syntaktische Amb iguitäten, wie wir wissen. In dieser Form ist die Regel in einer DA-Syntax deshalb nicht zulässig, und man muß also auf irgendeine Weise die Eindeutigkeit des Aufbaus erzwingen. Im Falle des vorliegenden Beispiels ist eine Lösung sehr einfach: Es genügt, daß man die durch die verschiedenen Anwendungen der Operation (25) induzierte „Klammerstruktur“ im Ausdruck selb st kodiert, mit anderen
III. Theorie der Satzsemantik
Worten, die Operation Foderist durch die Operation F*oderzu ersetzen, die zwei Sätzen α und β den „geklammerten“ Satz “,[S α oder β]“ zuordnet. Die revidierte Regel erzeugt nach wie vor die b eiden Strukturen (26 a) und (26 b ). Ab er jede dieser Strukturen ist auf eindeutige Weise aus Vorgängerstrukturen aufgeb aut: (26 a) ist aus [Sαoder β] und γ aufgeb aut, (26 b ) dagegen aus α und [Sβ oderγ]. Eindeutigkeit des Aufb aues ist also in jedem Fall gegeben. Dieses Verfahren ist ab er nicht allgemein genug: es versagt zum Beispiel für den mehrdeutigen Satz jeder Mann liebt eine Frau. Wir erinnern uns daran, daß dieser durch die Sub stitutionsregel Q (s. Ab schnitt 2.4) auf zwei wesentlich verschiedene „Vorgängerpaare“ zurückgeführt werden kann, nämlich auf 〈jeder Mann x, x liebt eine Frau〉 und 〈eine Frau y, jeder Mann liebt y〉 (vgl. die Ab leitungen (14)). Da es auf die spezielle Wahl der b etreffenden Variab len nicht ankommt — es muß sich nur um dieselb e Variab le handeln — erhält man sogar noch unendlich viele alphab etische Varianten für b eide Vorgängerpaare. Im Geiste von UG — wo die Regel Q allerdings nicht eingeführt wird, sie findet sich erst in PTQ — wäre es, die Desamb iguierung mithilfe von Variab len und geeignet indizierten Klammern zu leisten. Zum Beispiel könnte man die Ab leitung (14 a) eindeutig kodieren als (Q,x (Q,y jeder Mann x liebt eine Frau y)). An dieser Notation kann man festmachen, daß Q zuerst an der Stelle y und dann erst an der Stelle x angewandt worden ist (vgl. dazu die anhand von Beispiel (17) illustrierte Methode von Cooper & Parsons 1976). Eindeutigkeit des Aufb aus läßt sich durch die Einführung von geeigneten Hilfssymb olen immer erzwingen. Strukturierte Ausdrücke, wie die soeb en hergeleiteten, wird man ab er nicht als Sätze im üb lichen Sinne ansehen wollen, da die Klammern im allgemeinen keine phonetische Sub stanz hab en. Montague sieht deswegen eine Relation vor, die diese Klammern tilgt. Diese Idee steht hinter der folgenden Definition: (28) Eine OF-Syntax („Oberflächensyntax“) ist ein System 〈DA, R〉, wobei DA eine desambiguierte Syntax und R eine Relation ist, deren Vorbereich die Ausdrücke der desambiguierten Sprache ist. Montague nennt ein solches System in UG üb rigens nicht Syntax sondern Sprache (vgl. dazu die Ausführungen zu Beginn des Ab schnitts). Für unsere Beispiele wird man R als
7. Syntax und Semantik
Streichung der Hilfssym b ole (indizierte Klammern und Variab len) auffassen wollen, d. h. die Zeichenfolge α steht zur Zeichenfolge β in der Relation R, wenn β aus α durch Streichung aller in α vorkommenden Hilfssymbole entsteht. Man kann nun in naheliegender Weise die Begriffsb ildungen der desamb iguierten DASyntax auf die OF-Syntax üb ertragen. Insb esondere kann man den Begriff der syntaktischen Mehrdeutigkeit (vgl. Ab schnitt 2.4) präzisieren: (29) a. Die Ausdrücke der OF-Syntax sind die Elemente des Nachbereichs von R. b. Die Sätze der OF-Syntax sind die Elemente im Nachbreich von R, die durch R mit einem Satz der DA-Syntax verbunden sind. — Allgemein: Ein Element α aus dem Nachbereich von R ist ein Ausdruck der Kategorie τ der OF-Syntax, wenn α durch R auf einen Ausdruck der Kategorie τ der DA-Syntax zurückgeführt wird. c. Ein OF-Ausdruck ist syntaktisch mehrdeutig, wenn er über R mit mehr als einem DA-Ausdruck verbunden ist. Analog ist syntaktische Eindeutigkeit und n-fache syntaktische Mehrdeutigkeit zu definieren. d. Zwei OF-Ausdrücke sind syntaktisch homonym, wenn sie durch R auf denselben DA-Ausdruck zurückgeführt werden. Syntaktische Homonymie könnte zum Beispiel b ei elliptischen Konstruktionen vorliegen: R kann b estimmte Bestandteile eines Ausdrucks optional tilgen, wob ei allerdings R eine Relation sein muß, die mehr leistet, als nur Klammern zu streichen. Bei Montague gib t es keinerlei Beschränkungen für die Relation R, und es ist auch nur schwer zu sehen, wie solche in seinem algeb raischen Rahmen formuliert werden können. Die einfachste Modifikation des Montagueschen Ansatzes scheint die folgende zu sein: Es gib t eine Ob erflächensyntax, die wie eine DA-Syntax definiert ist, die ab er mehrdeutig sein darf. Die Relation R ist dann als ein Homomorphismus von der DA-Syntax auf die Ob erflächensyntax definiert. Es ist klar, daß man mit einem solchen Ansatz alle Hilfssymb ole b eseitigen kann: Die syntaktischen Operationen der Ob erflächensyntax sehen im einfachsten Fall genau so aus, wie die der DA-Syntax mit dem
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Unterschied, daß keine desamb iguierenden Hilfssymb ole eingeführt werden. Durch den Homomorphismus wird jede Operation, die Hilfssymb ole einführt, auf die entsprechende ohne Hilfssymb ole ab geb ildet. Das ist die algeb raische Simulation der Streichung. Eine restriktivere Formulierung der Relation R findet sich in Janssen (1983), auf die wir am Ende dieses Abschnitts eingehen. An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, daß sich Montague selb st in seinen Englischfragmenten in PTQ und EFL nicht an die Eindeutigkeitsb edingung (20e) gehalten hat. Zum Beispiel werden in PTQ Koordinationsregeln des in Ab schnitt 2.4 exemplifizierten Typs verwendet: Man darf aus zwei NPs (VPs) α und β eine NP (b zw. VP) der Form „α oder β“ b ilden, ohne daß Klammern hinzugefügt würden. Wie wir wissen, führen diese Regel zu strukturellen Mehrdeutigkeiten. Außerdem wird in PTQ die mehrfach angesprochene Sub stitutionsregel Q b enutzt, die eine unendliche syntaktische Mehrdeutigkeit zur Folge hat. Man kann aus dem folgenden Grund auf eine b uchstab engerechte Erfüllung von Montagues Eindeutigkeitsforderung verzichten. Die Klammern kodieren ja lediglich die Ab leitungsgeschichte. Definiert man nun die Struktur eines Ausdrucks üb er die Ab leitungsgeschichte selb st — das in der generativen Grammatik seit Anb eginn üb liche Verfahren — hat man sämtliche Informationen zur Verfügung, die man b enötigt. Ein Ausdruck läßt sich möglicherweise auf zwei wesentlich verschiedene Weisen herleiten, ab er eine konkrete Ab leitung determiniert eindeutig eine Struktur. Wir hab en b ei unserem Kommentar zur Eindeutigkeitsforderung gesagt, daß ihr Sinn darin b esteht, rekursive Definitionen üb er den Aufb au der Ausdrücke zu ermöglichen. In einer mehrdeutigen Sprache sind solche Definitionen nicht ohne weiteres möglich, weil nun nicht mehr garantiert ist, daß die rekursive Definition auf eindeutig b estimmte Teilausdrücke eines Ausdrucks zurückgreifen kann. Durch eine kleine Komplikation erreicht man ab er dasselb e, wie Montagues Eindeutigkeitsforderung: Man läßt die Rekursion nicht mehr üb er die Ausdrücke sondern üb er deren Ab leitungen, d. h. die syntaktischen Strukturen der Ausdrücke, laufen. Wir gehen in Ab schnitt 3.3.1 kurz auf diesen Punkt ein. Die in der Praxis vorgeschlagenen Montague-Syntaxen sind also in aller Regel mehrdeutig, d. h. sie ignorieren die Bedingung (20e).
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Gemäß eines Vorschlags von Janssen(1983) kann man Montagues Analysen zur Formulierung der Desamb iguierungsrelation R benutzen. Man geht dazu von einer im allgemeinen mehrdeutigen Ob erflächensyntax G aus. Man konstruiert auf die b eschrieb ene Weise die desamb iguierte Syntax G*, deren Ob jekte gerade die Analysen sind (b ei Janssen Terme genannt). Die Relation R ist der Homomorphismus von G* nach G, der die Analysen „auswertet“, d. h. jede Analyse wird auf ihre „Endkette“ ab geb ildet. (Eine Ob erflächensyntax ist hier natürlich kein Ob jekt im Sinne von Definition (28), sondern im Sinne von Definition (20) ohne die Eindeutigkeitsb edingung.) Diese Definition der Relation ist restriktiver als die ob en skizzierte, weil man die Relation R in kanonischer Weise aus einer gegeb enen Ob erflächensyntax gewinnt. Gegenüb er Montagues UG liegt hier allerdings insofern eine kleine Akzentverschieb ung vor, als man nicht mehr von einer DA-Syntax ausgeht, sondern von einer potentiell mehrdeutigen Ob erflächensyntax. Die Janssensche Formulierung hat den Vorteil, im Einklang mit der etab lierten Praxis der Syntaktiker zu stehen, gemäß der eine Desamb iguierung durch eine unterschiedliche Anwendung von Syntaxregeln gleistet wird. 3.3 Semantik 3.3.1 Kompositionale Interpretation Eine Interpretation einer Sprache geht in zwei Schritten vor: Im ersten Schritt wird jedem Grundausdruck der Sprache eine Bedeutung zugeordnet, und im zweiten Schritt wird das Verfahren angegeb en, welches die Bedeutungen von zusammengesetzten Ausdrücken aus den Bedeutungen ihrer Teile und der Art ihrer syntaktischen Verb indung b erechnet, also das Kompositionalitätsprinzip (vgl. die Formulierung (3)). Wir wollen nun erläutern, wie dieses Prinzip algeb raisch ausb uchstab iert wird. Dazu b etrachten wir einen DA-Satz der Form [S α oder β]. Wir wissen, daß es genau eine syntaktische Operation gib t, die diesen Satz aus Teilausdrücken aufb aut, sagen wir, die im vorhergehenden Ab schnitt eingeführte Operation F*oder. Für unsere angenommene DASyntax gilt also: (30) F*oder, (α,β) = [S α oder β] Diese Operation führt den Satz [S α oder β] auf die Bestandteile α und β zurück, während die b eiden Klammern „[s“ und “]“, sowie das Wort oder nicht zu den „Vorgängerausdrük-
III. Theorie der Satzsemantik
ken“ gezählt werden. Diese Zeichen werden vielmehr durch die Regel eingeführt und gehören deswegen mit zum Aspekt „Art der syntaktischen Verb indung“, der als wesentlicher Parameter in das Fregeprinzip eingeht. Dieser Aspekt ist in der algeb raischen Rekonstruktion die syntaktische Operation selb st. Damit ist deutlich, daß die Bedeutung von [S α oder β] nicht nur von den Bedeutungen von α und β ab hängt, sondern auch von F*oder. In einem algeb raischen Ansatz kann man die letztgenannte Ab hängigkeit so formulieren, daß man F*oder durch eine „semantische Operation“ interpretiert, welche den Bedeutungen der Teilsätze die Bedeutung des zusammengesetzten Satzes zuordnet. Diese semantische Operation kann man als „Bedeutung der Syntaxregel F*oder“ auffassen. Syntaktische Regeln hab en also selb st auch Bedeutungen und zwar höherstufige: Sie drükken Funktionen von Bedeutungen in Bedeutungen aus. Man kann freilich einwenden, daß die Einführung von oder durch eine syntaktische Regel unnatürlich ist. Oder hat, intuitiv gesehen, sicher eine eigenständige Bedeutung. Suggestiver wäre wohl eine Regel, die aus zwei Sätzen a und β und einer Konjunktion γ einen Satz der Form [S α γ β] machen würde. An den allgemeinen Üb erlegungen würde sich dadurch ab er nichts ändern. Die fragliche Syntaxregel hätte eb enfalls eine Bedeutung, nämlich die Funktionapplikation der Bedeutung von γ auf die Bedeutung von α und β. Die ob ige Regel (30) folgt der Praxis der Logiker, die oder „synkategorematisch“, d. h. durch eine Syntaxregel einführen. Die Analyse ist insofern b edenkenswert, als sie zeigt, daß die Trennung zwischen Syntax und Lexikon keineswegs selb stverständlich ist. Der Montaguesche Begriff der syntaktischen Operation ist so allgemein, daß man im Prinzip mit einem leeren Lexikon auskommen und jedes Wort durch eine eigene Syntaxregel einführen kann. A priori ist gegen ein solches Vorgehen nichts einzuwenden. Man könnte das „intendierte Lexikon“ nämlich als die nullstelligen Operationen rekonstruieren, welche Konstanten einführen. Man hüte sich also davor, die theoretischen mit den vortheoretischen Begriffen zu vermengen. Diese Üb erlegungen stehen hinter der algeb raischen Formulierung (8) des Fregeprinzips, das der b esseren Üb ersicht halb er hier noch einmal wiederholt werde: (31) Zu jeder (n-stelligen) syntaktischen Operation F gibt es eine entsprechende (n-
7. Syntax und Semantik
stellige) semantische Operation G derart, daß die Bedeutung einer beliebigen DAStruktur F(α1,...,αn) gleich G(b1,...,bn) ist, wobei b1,...,bndie Bedeutungen von α1,...,αn respektive sind. Schreibt man b(α) für die Bedeutung des DAAusdrucks α, so läßt sich der wesentliche Teil von (31) durch die folgende einprägsamere Formel wiedergeben: (32) b(F(α1,...,αn)) = G(b(α1),...,b(αn)) (32) b esagt, daß die Bedeutungen der DAAusdrücke eine Algeb ra — die semantische Algebra — b ilden, die der syntaktischen Algeb ra ähnlich ist (d. h. sie hat eb ensoviele Operationen mit derselb en Zahl von Argumenten) und daß der Bedeutungsb egriff b ein Homomorphismus von der syntaktischen Algeb ra in die semantische Algeb ra ist, d. h., daß er (32) erfüllt. Diese Üb erlegungen motivieren den Interpretationsb egriff, der in UG definiert wird: (33) Eine Interpretation der syntaktischen Algebra 〈A,S〉 ist ein System 〈B,T,f〉, wobei 〈B,T〉 eine zu 〈A,S〉 ähnliche Algebra ist und f eine Funktion ist, die jedem Grundausdruck aus A einen Wert in B, d. h. eine Bedeutung, zuordnet. Durch die Interpretation ist der genannte Homomorphismus b ereits eindeutig b estimmt. Er ist das, was man die semantische Bewertung der Syntax (oder Sprache) 〈A,S〉 nennt, die explizit durch die folgende Rekursion definiert wird: (34) Seien 〈A,S〉 und 〈B,T,f〉 wie beschrieben. Die Bewertung b, die jedem Ausdruck aus A eine Bedeutung in B zuordnet, ist durch die folgenden beiden Bedingungen definiert: a. Wenn a ein Grundausdruck ist, dann ist b(α) = f(α). b. Wenn α ein zusammengesetzter Ausdruck ist, der mithilfe der syntaktischen Operation F aus den Ausdrükken α1,...,αn gewonnen ist, dann ist b(α) = G(b(α1),...,b(αn)), wobei G die F entsprechende semantische Operation ist. Genau genommen muß man terminologisch zwischen der Bedeutungszuweisung f, der Interpretatio n 〈B,T,f〉 und der Bewertung b unterscheiden. Wir b enutzen im folgenden die Bezeichnung Interpretatio n als Mädchen für alles. Ferner muß man letztlich auch formu-
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lieren, daß zwischen den b eiden Operationsmengen S und T eine 1—1-Beziehung b esteht, die Operationen derselb en Stelligkeit verb indet. Das ist hier stillschweigend vorausgesetzt. Es sollte klar sein, daß (34) das üb liche Schema einer rekursiven Bedeutungsdefinition ist. Zum Beispiel ist auch die in dem Artikel 8, „Syntax and Semantics of Categorial Languages“, angegeb ene Interpretation für λ-kategoriale Sprachen ganz offensichtlich nach diesem Muster gebaut. Ein Homomorphismus läßt sich intuitiv als strukturerhaltende A bb ildung charakterisieren. Allerdings werden nicht alle Aspekte der Eingangsstruktur b ewahrt. Den strukturerhaltenden Effekt der semantischen Bewertung können wir uns veranschaulichen, indem wir DA-Ausdrücke durch Montague-Bäume darstellen.
Wir setzen voraus, daß F0 und F1 die syntaktischen Operationen sind, die diese Struktur aufb auen. Aus der Tatsache, daß die Bewertungsfunktion b ein Homomorphismus ist, folgt, daß die Bedeutung von (35) analog zu dieser Struktur aufgeb aut ist, daß sie also die Form (36) G0(b(Orangen),G1(b(sind),b (Apfelsinen))) hat, wob ei G0 und G1 die semantischen Operationen sind, welche den syntaktischen Operationen F1 b zw. F2 entsprechen. Nun ist zunächst zu b emerken, daß (36) streng genommen üb erhaupt keine Struktur hat, sondern ein Element der Menge B der semantischen Algeb ra ist. Eb enso ist der syntaktische Baum (35) kein Ausdruck der Syntax: nur die Ausdrücke an den Knoten gehören zur Ausdrucksmenge. Wegen der Eindeutigkeit der Syntax b esteht ab er ein 1—1-Beziehung zwischen Ausdrücken und ihren syntaktischen Bäumen. Wir müssen hier also nicht unterscheiden. Man kann in Analogie zu den syntaktischen Bäumen semantische Bäume einführen und (36) zu dem folgenden semantischen Baum umschreiben:
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III. Theorie der Satzsemantik
Beispiels klarmachen: (38) [S [NPApfelsinen] [VPsind [NPOrangen]]]]
In (37) hab en alle nicht-terminalen Knoten k die Form 〈b(α), Gi〉 und können gelesen werden als „b(α) ist das Resultat der Anwendung von Giauf (die linken Teile) der Etikette der Knoten, die k unmittelb ar dominiert“. Unter dieser Interpretation drückt (37) offensichtlich die Bedeutung der DA-Struktur (35) aus. Die augenfällige Parallelität zwischen dem syntaktischen Baum (35) und dem semantischen Baum (37) ist ganz im Geist des in Ab schnitt 2.3 wiedergegeb enen Fregezitates: (37) kann als Rekonstruktion der Rede vom Aufb au des Gedankens aus Gedankenteilen angesehen werden. Semantische Bäume dieser Art sind erstmals in Carnap (1947) unter dem Begriff der intensionalen I somorphie eingeführt worden. Sie sind in der Literatur wiederholt aufgenommen worden — immer, um als Gegenstände propositionaler Einstellungen zu dienen (vgl. dazu Artikel 34) — zum Beispiel in Lewis (1970) als meanings und in Cresswell (1985 b) als strukturierte Bedeutungen. Es sieht zunächst so aus, als würde der Homomorphismus von der syntaktischen in die semantische Algeb ra die syntaktische Struktur vollkommen in die semantische Struktur projizieren. Der Schein trügt jedoch. Wir hab en b ereits gesagt, daß die Bedeutungsalgeb ra im allgemeinen üb erhaupt nicht in derselb en Weise strukturiert ist wie die Syntaxalgeb ra: wenn zum Beispiel (36) eine Proposition ist, sagen wir die Menge aller möglichen Welten, dann kann (36) auf recht verschiedene Arten gewonnen sein. Wenn wir voraussetzen, daß Orangen und Apfelsinen synonym sind, d. h. daß b(Orangen) = b(Apfelsinen) ist, dann kann (36) auch als G0(b(Apfelsinen), G1(b(sind),b(Orangen))) b estimmt werden. Aus dieser Üb erlegung folgt, daß semantische Algeb ren im allgemeinen wesentlich weniger Struktur hab en als ihre syntaktischen Alge b ren. Sel b stverständlich hab en semantische Bäume mehr Struktur als unstrukturierte Bedeutungen. Ab er auch hier geht im allgemeinen Struktur durch die Ab b ildung der Syntax in die Semantik verloren. Wir können uns das anhand des folgenden
Die zugehörige DA-Struktur ist verschieden von (35), denn die NPs Apfelsinen und Orangen hab en die grammatischen Funktionen getauscht. Der zu (38) gehörende semantische Baum ist ab er identisch mit (37), denn wir hab en vorausgesetzt, daß b(Orangen) = b(Apfelsinen). Damit ist ein Unterschied, der in der Syntax noch vorhanden war, durch die Abbildung eingeebnet worden. Daß b ei Ab b ildungen prinzipiell Information verloren gehen kann, ist nicht weiter verwunderlich. Der Informationsverlust läßt sich unter der Voraussetzung, daß es Synonyme gib t, prinzipiell nicht vermeiden. Diese Üb erlegung ist insofern wichtig, als sie der Fregeschen Analogie zwischen der Gliederung des Gedankens und der Gliederung des ihn ausdrückenden Satzes Grenzen setzt: Selb st, wenn der Gedanke gegliedert sein sollte, dann ist er im allgemeinen doch weniger gegliedert als sein Ausdruck. Zum Schluß dieses Ab schnittes wollen wir auf einen Punkt eingehen, der im vorhergehenden Ab schnitt angesprochen worden ist, die Forderung nach der Eindeutigkeit des syntaktischen Aufb aues. Diese Bedingung ist für die rekursive Definition der Bedeutungsfunktion wesentlich: Wenn sich von einem Ausdruck nicht eindeutig auf seine „Vorgänger“ schließen läßt, kann die Rekursion nicht auf diese zurückgreifen. Eb en dieser Rückgriff ist ab er in der Definition (34) vorausgesetzt. Wir hab en gesagt, daß MontagueGrammatiken in der Praxis dennoch nicht desamb iguiert sind. Es ist nun ohne weiteres nachzuvollziehen, warum dies möglich ist. Die Idee ist, daß man nicht die Ausdrücke der mehrdeutigen Sprache analysiert, sondern deren Bäume. Auch wenn ein Ausdruck auf verschiedene Weise erzeugt werden kann, so ist doch sein Analyseb aum eindeutig, denn dieser Baum b eschreib t ja gerade, auf welche Weise der Ausdruck gebildet worden ist. Die rekursive Definition der Bewertungsfunktion b für syntaktische Bäume — in EFL Analysen genannt — geschieht ganz analog zu Definition (34): Falls ein Ausdruck a das Etikett eines Endknoten ist, ist b(α) = f(α). Falls wir dagegen einen Knoten mit dem Etikett 〈α,F〉 vorliegen hab en, der n Knoten mit den Etiketten 〈β1,F1〉,...,〈βn,Fn〉 unmittelb ar dominiert, dann ist b(α) gleich G(b(β1), ..., b(βn)), wob ei G die semantische Operation ist, die F entspricht. Es hat sich also nichts geändert. Der Analyseb aum dient lediglich
7. Syntax und Semantik
dazu, die Teilausdrücke eindeutig zu identifizieren. Diese Üb erlegung zeigt, daß es zwar für die algeb raische Theorie, nicht ab er für die Praxis erheb lich ist, ob Montague-Sprachen desamb iguiert sind oder nicht. Montague selb st war sich üb er den angesprochenen Sachverhalt völlig im klaren, wie seine Ab schlußb emerkung zum Syntaxfragment in (PTQ: 255) zeigt: „Thus our fragment admits genuinely (that ist, semantically) amb iguous sentences. If it were desired to construct a corresponding unamb iguous language, it would b e convenient to take the analysis trees themselves as the expressions of that language.“
3.3.2 Semantische Kategorien Der allgemeine Interpretationsb egriff (35) sagt nichts darüb er aus, was Bedeutungen sind. Das einzige, was verlangt wird, ist, daß der Bedeutungsb ereich zusammen mit den semantischen Operationen eine zur Syntaxalgeb ra ähnliche Algeb ra b ildet. In der Praxis der sogenannten Mögliche-Welten-Semantik, die in irgendeiner Form den meisten Beiträgen des Handb uchs zugrundeliegt, wird ab er mit ganz speziellen Bedeutungen gearb eitet, die im ersten Ab schnitt dieses Artikels vorausgesetzt, nunmehr ab er explizit eingeführt werden. Es handelt sich um Extensionen und I ntensionen und den darauf aufb auenden Charakteren. Montagues semantische Kategorien sind typentheoretisch aufgeb aut, eine Praxis, die heute in den meisten Arb eiten zur Semantik üb lich ist. Wir stellen im folgenden das semantische System von UG vor. Alternative Bedeutungssysteme liegen in Montagues EFL, Lewis (1970) und Cresswell (1973) vor (vgl. auch Artikel 8). Montagues System setzt eine spezielle Menge Typ von Typen voraus. Die Typen sind das semantische Pendant der Kategorienindizes. Wir erinnern daran, daß die Kategorienindizes dazu dienen, die syntaktischen Kategorien einer Sprache zu indizieren (vgl. Definition (20)). Im folgenden geht es um die Indizierung der semantischen Kategorien, das sind Mengen von Bedeutungen. Die Menge Typ wird folgendermaßen definiert. (39) a. e und t gehören zur Menge Typ. b. Wenn σ und τ zu Typ gehören, dann auch 〈σ,τ〉. c. Wenn τ zur Menge Typ gehört, dann auch 〈s,τ〉. Im sogenannten Denotatensystem, das gleich eingeführt wird, indiziert e die Kategorie der (möglichen) I ndividuen, t die Kategorie der
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Wahrheitswerte, 〈σ,τ〉 den Typ der Funktionen von Dingen des Typs σ in Dinge des Typs T und 〈s,τ〉 die Kategorie der Funktionen von Welten in Dinge des Typs T, die sogenannten I ntensionen. Die folgende Definition drückt dies präzise aus: (40) Sei E die Menge der möglichen Individuen, W die Menge der möglichen Welten. Dann gilt: a. De,E,W ist E. b. Dτ,E,W ist {0,1}, wobei 0 für das Falsche und 1 für das Wahre steht. c. D〈σ,τ〉 ist die Menge der Funktionen aus der Menge Dσ,E,W in die Menge Dτ,E,W. d. D〈s,τ〉,E,W ist die Menge der Funktionen von W in Dτ,E,W. Kategorien dieser Art heißen b ei Montague Denotatsbereiche, ihre Elemente folglich Denotate. Einige der wichtigsten Arten von Denotaten sind die folgenden: Die Denotate vom Typ 〈σ,τ〉 sind Mengen von Denotaten des Typs σ, b eziehungsweise die charakteristischen Funktionen dieser Mengen. Sie heißen Extensionen. So ist b eispielsweise ein f aus 〈e,t〉 die Extension eines einstelligen Prädikats von Individuen. f trifft auf ein Individuum a zu, falls f(a) = 1. Zu jeder Extension gib t es eine I ntension. Zum Beispiel ist die Intension eines einstelligen Prädikats ein Denotat g vom Typ 〈s,〈σ,τ〉〉. g trifft auf ein Denotat des Typs a in einer Welt w zu, falls g(w)(a) = 1. Die Begriffsb ildungen erlaub en es, mehrstellige Relationen (Relationen in extenso) und deren Intensionen (Relationen in intenso) zu rekonstruieren: Eine n-stellige Relation von Denotaten der Typen σ1, ... ,σn hat den Typ 〈σn,〈σn—1, 〈.... 〈σ1,t〉 ... 〉〉〉. Die korrespondierende Intension hat den Typ 〈s,〈σn,〈σn—1, 〈.... 〈σ1, t〉 ...〉〉〉〉. Es ist üb lich, Relationen in intenso Eigenschaften zu nennen. Eine Eigenschaft ist also stets eine Funktion von Welten in Relationen in extenso. Nullstellige Eigenschaften, d. h. Denotate vom Typ 〈s,t〉, heißen Propositionen. Eine Proposition p ist wahr in der Welt w, wenn p(w) gleich 1 ist. Die Folgerungsbeziehung zwischen Propositionen läßt sich in diesem Ansatz als Teilmengenb eziehung rekonstruieren: Aus der Proposition p fo lgt die Proposition q, wenn für jede Welt w, in der p(w) gleich 1 ist, auch gilt, daß q(w) gleich 1 ist. An dieser Stelle sei auf eine Eigenart des Montagueschen Denotatensystems hingewie-
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sen: Es gib t keine Kategorie Ds, welche die möglichen Welten als Elemente enthält. Dafür gib t keine logischen Gründe. Man müßte s lediglich als weiteren Grundtyp zulassen und Dsentsprechend definieren. Der empirische Grund, weshalb Montague sein System nicht in dieser naheliegenden Weise aufb aut, ist vermutlich der, daß in der natürlichen Sprache nicht explizit üb er Welten geredet oder quantifiziert wird. Zum Beispiel hab en Verb en eb ensowenig ein offenes „Weltargument“ wie sie ein offenes „Zeitargument“ hab en. In der formalen Sprache der I ntensionalen Logik, die in Montagues UG und PTQ zur Bezeichnung der Denotate von Ausdrücken der natürlichen Sprache b enutzt wird, ist der Weltparameter nur implizit vorhanden und dient lediglich dazu, den Begriff der Intension zu rekonstruieren. Die Bedeutungen natürlichsprachlicher Ausdrücke können nicht schlechthin als Denotate der angegeb enen Art rekonstruiert werden, da indexikalische Ausdrücke in verschiedenen Kontexten verschiedene Denotate hab en. Zum Beispiel b ezeichnet das Personalpronomen ich in verschiedenen Äußerungssituationen im allgemeinen verschiedene Personen, nämlich die jeweiligen Äußerer dieses Wortes. Trotzdem wird man sagen, daß die sprachliche Bedeutung von ich in allen diesen Kontexten dieselb e ist. Sprachliche Bedeutungen in diesen Sinne werden b ei Montague als Funktionen von Kontexten in Denotate rekonstruiert und Bedeutungen (meanings) genannt. Um terminologische Verwechslungen mit dem umgangsprachlichen Begriff Bedeutung auszuschließen, wollen wir Kaplans (1977) terminus technicus Charakter üb ernehmen. Die folgenden Ausführungen lehnen sich terminologisch eb enfalls an Kaplan an, sind ab er in den allgemeinen Rahmen von Montagues UG eingebettet. Kaplan b enutzt Kontext als Grundb egriff. Man kann sich darunter einen zeitlich und örtlich fixierten Weltausschnitt vorstellen, also eine Situation. Unter den Kontexten interessieren für die Interpretation einer natürlichen Sprache die Äußerungskontexte. Die Menge aller Äußerungskontexte nennen wir K. Der Begriff des Charakters ist nun folgendermaßen definiert: (41) Sei E eine Menge von Individuen, W eine Menge von möglichen Welten, K eine Menge von Äußerungskontexten. Wir definieren für jeden Typ σ die Kategorie der Charaktere vom Typ σ — notiert als Mσ,E,W,K — als die Menge der Funktionen von K in Dσ,E,W.
III. Theorie der Satzsemantik
Die Kategorien der Charaktere sind die semantischen Kategorien, die den syntaktischen Kategorien entsprechen. Die Charaktere sind also die eigentlichen Bedeutungen. Die Denotate sind Hilfsb egriffe, die zur Definition der Charaktere dienen. Der in Ab schnitt 2.2 diskutierte Parallelismus von syntaktischen und semantischen Kategorien wird durch eine Einschränkung erzwungen, die wir im nächsten Ab schnitt als „Fregesche Interpretation“ kennenlernen werden. Wir wollen uns den Begriff des Charakters anhand eines einfachen Beispiels veranschaulichen: (42) Ich bin durstig Der Charakter dieses Satzes ist diejenige Funktion χ1 aus M〈s,t〉E,W,K, die einem Kontext k aus K die Menge der Welten w aus W zuordnet, so daß die Person, welche (42) am Kontext k äußert, in w zur Zeit der Äußerung durstig ist. Der Charakter von ich ist die Funktion χ2 aus Me,E,W,K, die jedem Kontext k die Person in De,E,W,Kzuordnet, die ich in k äußert. Der Charakter von bin durstig ist diejenige Funktion χ3 aus M〈s,〈e,t〉〉,E,W,K, die einem Kontext k diejenige Eigenschaft P aus D〈s,〈e,t〉〉 zuordnet, die jeder Welt w die Individuen zuordnet, die in w durstig sind. Satz (42) ist aus ich und bin durstig mittels einer syntaktischen Operation F aufgebaut. In einer kompositionalen Semantik muß es also eine korrespondierende semantische Operation G geb en, welche dem Paar (χ2, χ3) den Charakter χ1 zuordnet. G kann zum Beispiel als diejenige Operation definiert werden, die einem beliebigen ϕ aus Me,E,W,K und einem b elieb igen χ aus M〈s,〈e,t〉〉 denjenigen Charakter ψ aus M〈s,t〉,E,W,K zuordnet, der einem b elieb igen Kontext k diejenige Proposition p aus D〈s,t〉,E,W,K zuordnet, so daß für ein b elieb iges w aus W gilt: p(w) = 1 genau dann, wenn ϕ(k) zur Menge χ(k)(w) gehört. Der Charakter von ich bin durstig ist also eine Funktion, die von zwei Argumenten ab hängt. In Ab hängigkeit vom ersten Argument — dem Kontext — erhält man die durch den Satz an diesem Kontext ausgedrückte Proposition. Kaplan nennt den Wert des Charakters für das erste Argument Inhalt. Wählt man als zweites Argument die Welt, in welcher der b etreffende Kontext situiert ist, und wendet die soeb en b estimmte Proposition darauf an, so erhält man einen Wahrheitswert, die Referenz des Satzes. Ein aus einem Kontext und
7. Syntax und Semantik
einer Welt b estehendes Paar 〈k,w〉 legt also die Referenz eines Satzes eindeutig fest und heißt deswegen in Montagues UG Referenzpunkt. Inhalt und Referenz müssen üb rigens nicht immer auseinander fallen. So kann man b ei Charakteren vom Typ e — die Bedeutung von ich war ein Beispiel dafür — prinzipiell nicht zwischen Inhalt und Referenz unterscheiden. Ausdrücke dieses Charakters heißen direkt referentiell. Man kann das formale Auseinanderfallen zwischen Inhalt und Referenz dadurch erzwingen, daß man für Inhalte grundsätzlich Intensionen — eventuell starre — ansetzt, eine weithin üb liche Praxis. Wir gehen in Ab schnitt 3.4.2.3 auf den Begriff des Charakters ausführlicher ein. 3.4 Beschränkungen 3.4.1 Syntaktische Beschränkungen Die Syntaxtheorie Montagues ist keine empirische Theorie, sondern ein möglichst allgemeiner Rahmen, dessen Beschränkungen an Ausdruckskraft sich allenfalls aus der mathematischen Natur der verwendeten Begriffe ergeb en. Montague-Syntaxen sind von kaum vorstellb arer generativer Kraft. Man kann leicht zeigen, daß sich jede aufzählb are Sprache durch eine Montague-Syntax darstellen läßt. Damit ist es ab er nicht genug: Montague formuliert keine Einschränkungen für die Anzahl oder die Stelligkeit der b enutzten Operationen. Man kann damit Sprachen von transfiniter Kardinalität und mit Ausdrücken von transfiniter Länge analysieren, ein Vorhaben, das ohne linguistisches Interesse ist. Somit stellt sich die Frage, ob der allgemeine Rahmen geeignet ist, um empirisch motivierte Einschränkungen zu formulieren. Zunächst ist an Einschränkungen zu denken, die sich aus dem Formalismus selb st ergeb en. Als Analogie b ietet sich diejenige Beschränkung für un b eschränkte Ersetzungsgrammatiken an, die zum Begriff der kontextfreien Sprachen geführt hat („Nur ein Nonterminal links vom Pfeil“). Der Begriff der syntaktischen Operation ist ab er so allgemein, daß diese Analogie versagt. Es sind alle denkb aren Zeichenmanipulationen zugelassen, so daß „inhärente“ Beschränkungen nicht auf der Hand liegen. Die Beschränkungen müssen also dieser Theorie offenb ar „von außen“ auferlegt werden. Beispielsweise könnte man als syntaktische Operationen Verkettungen und Permutationen zulassen, Sub stitutionen von der durch Regel Q aus Ab schnitt 2.4 exemplifizierten Art dagegen verb ieten. Eine solche
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Einschränkung müßte ab er empirisch motiviert werden, ein Unterfangen, daß direkt in das Forschungsprogramm der generativen Grammatik führt. Partee (1976) hat versucht, die zulässigen Ab leitungen in einer Montague-Grammatik durch eine Natürlichkeitsbedingung zu b eschränken, die b esagt, daß als Zwischenschritte einer Ab leitung nur im intuitiven Sinne wohlgeformte Ausdrücke erzeugt werden dürfen. Eine solche Bedingung verb ietet zum Beispiel die Herleitung der „Ob erflächenstruktur“ (43b ) aus der Tiefenstruktur (43a), da (43a) kein wohlgeformter Ausdruck des Englischen ist: (43) a. e was arrested John b. Johni was arrested ei Wenn man, wie viele generative Grammatiker, der Ansicht ist, daß es Argumente dafür gib t, eine Repräsentation wie (43a) auf einer grammatischen Eb ene als real anzusehen, dann wird man die Natürlichkeitsb edingung als zu restriktiv ablehnen müssen. Als Ergeb nis dieses Ab schnittes halten wir fest, daß die Syntaxtheorie Montagues in keiner Weise auf irgendwelche Beschränkungen hin angelegt ist. Wir wenden uns deshalb der interessanteren Frage zu, ob die Montaguesche Semantikkonzeption Beschränkungen nahelegt, die durch die Empirie gerechtfertigt sein könnten. 3.4.2 Semantische Beschränkungen 3.4.2.1 Kompositionalität Auf den ersten Blick scheint die strikt lokale Kompositionalitätsanforderung, die in in der Bedingung (34b ) enthalten ist, eine gravierende Einschränkung zu sein. Tatsächlich verstoßen die Montague-Semantiker in der Praxis gegen diese Bedingung, zum Beispiel, wenn es um die Deutung von geb undenen Variab len geht. Darauf wurde b ereits in Ab schnitt 2.3 hingewiesen. Wir b etrachten erneut Satz (4), der hier als (44) wiederholt wird, wob ei wir die Variab lenb indung in der Syntax symb olisiert hab en (vgl. die Ab schnitte 2.4 und 3.2). (44) a. [S [NP Jeder junge Politiker]x [VP glaubt, daß erx die Weltprobleme lösen kann]] b. (∀x)Px (44a) hat im wesentlichen die Form des prädikatenlogischen Ausdrucks (44b ). Um die Diskussion zu vereinfachen, diskutieren wir nur den letzteren. Hier tritt die Kompositio-
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nalitätsprob lematik b ereits in voller Schärfe auf. Wenn es uns nicht gelingt, diesen Ausdruck gemäß dem Montagueschen Kompositionalitätsprinzip (34) zu interpretieren, gelingt dies erst recht nicht für den komplizierteren natürlichsprachlichen Satz (44). Die syntaktische Regel F, nach der (∀x)Px aufgeb aut ist, b esagt, daß er aus den b eiden Teilausdrücken (∀x) und Px geb ildet ist. Eine kompositionelle Interpretation gemäß Definition (34) müßte die Bedeutung von (∀x)Px aus der Bedeutung von (∀x) und der von Px b erechnen. Es ist b ereits gesagt worden, daß die Schwierigkeit für eine solche Interpretation darin liegt, daß die Bedeutung von (∀x)Px nicht alleine von dem Wert ab hängt, den Px unter einer b estimmten Belegung hat, sondern von jedem Wert, den Px für irgendeine Belegung annehmen kann. Hier scheint Montagues Kompositionalitätsprinzip zu versagen. Man kann ab er auch für diese Fälle lokale Kompositionalität erzwingen, indem man eine Technik anwendet, die auf Tarski (1952) zurückgeht. Die Grundidee ist diese: Man nimmt als Bedeutungen der prädikatenlogischen Zeichen nicht deren üb liche Denotate (Wahrheitswerte für Sätze, Mengen und Relationen für Prädikate, und Individuen für Variab len und Konstanten), sondern vielmehr Funktionen von Belegungen in die üb lichen Denotate. Sie werden in EFLDenotatsfunktio nen genannt. Zum Beispiel ist die Bedeutung b(x) einer Variab len x diejenige Denotatsfunktion, die einer b elieb igen Belegung h den Wert h(x) zuordnet. b(Px) ist diejenige Denotatsfunktion, die einer Belegung h das Wahre zuordnet, wenn h(x) in b(P)(h) — einer von h unab hängigen Menge von Individuen — ist. b(∀x)(h) schließlich ist diejenige Funktion, die auf einen Satzwert d - eb enfalls eine Denotatsfunktion — angewandt das Wahre ergib t, wenn für jedes Individuum a gilt, daß d(hx/a) das Wahre ist. Dab ei ist hx/a wie h definiert mit der eventuellen Ausnahme, daß x auf a ab geb ildet wird. b(∀x)(h) angewandt auf b(Px) ist also genau dann das Wahre, wenn für jedes a gilt, daß b(Px)(hx/a) das Wahre ist. Dies ist die üb liche Wahrheitsb edingung. Die semantische Operation G, welche der syntaktischen Operation F entspricht, ist die Funktionalapplikation. Damit können wir die Bedeutung von (∀x)Px völlig im Einklang mit dem Kompositionalitätsprinzip (35) definieren als b((∀x)Px) = G(b((∀x)),b(Px)), und das Gegenb eispiel ist aus der Welt ge-
III. Theorie der Satzsemantik
schafft. Auf diese Weise kann man auch eine kompositionale Semantik für die λ-Ab straktion erreichen (vgl. für die Einzelheiten UG, Abschnitt 6). Das zunächst als recht einschneidende Bedingung anmutende Kompositionalitätsprinzip erweist sich b ei näherem Hinsehen also als keine echte Beschränkung des Systems — vorausgesetzt, man verkompliziert die Ontologie in der b eschrieb enen Weise. Man kann allerdings einwenden, daß diese Lösung zwar nicht gegen den Buchstab en, wohl ab er gegen den Geist des Kompositionalitätsprinzips verstößt. Man steckt den nichtkompositionalen Teil der Semantik in die Ontologie. Die Metasprache zeigt deutlich, daß auch hier „sub stitutionell“ gearb eitet wird, da man modifizierte Denotatsfunktionen b enutzt. In gewisser Weise verschleiert diese Formulierung also, daß die Semantik der Variab lenb indung nicht kompositional zu b ehandeln ist. Dies ist vermutlich der tiefere Grund, weshalb die meisten Semantiker die Variab lenb indung nicht auf die b eschrieb ene Weise interpretieren. Montague selb st hat in seiner für die Linguistik einflußreichsten Schrift PTQ geb undene Variab len als strukturelle Symb ole b ehandelt, die in Ab hängigkeit von einem Zusatzparameter — der Belegung — interpretiert werden. Als Fazit dieser Diskussion halten wir fest, daß dem Kompositionalitätsprinzip durch eine Bereicherung der Ontologie zwar immer Genüge getan werden kann, daß es ab er — falls man eine plausib le Ontologie quasi empirisch vorgib t — zu restriktiv ist. Bei dieser Interpretation ist man also zu dem Schluß genötigt, daß diese zentrale Restriktion des Systems empirisch prob lematisch, wenn nicht gar inadäquat ist. 3.4.2.2 Fregesche Interpretation Die zweite einschneidende Beschränkung, die Montague in UG für den Interpretationsb egriff formuliert hat, ist unter dem Namen FregescheInterpretation b ekannt. Sie b einhaltet zwei von einander unab hängige Restriktionen: 1. Die systematische Mehrdeutigkeit von Sätzen: Uneingeb ettete Sätze denotieren an einem Kontext einen Wahrheitswert (Freges gerade Bedeutung), eingeb ettete Sätze denotieren an einem Kontext dagegen eine Proposition (Freges ungerade Bedeutung). Diese Restriktion wird durch die gleich anzugeb ende Definition für die Typenzuweisung impliziert (siehe (45)). Sie ist eine reine Frege-
7. Syntax und Semantik
exegese und ergib t sich keineswegs zwingend aus der allgemeinen Theorie. 2. Die Forderung nach Parallelität von syntaktischen und semantischen Kategorien, die wir in Ab schnitt 2.2 b ereits kennengelernt hab en. Sie ist durch Definition (46) gewährleistet. Beide Restriktionen sind durch die Praxis der Semantiker in Frage gestellt worden. Montague selb st hat in EFL ein Fragment des Englischen vorgelegt, dessen Sätze — seien sie eingeb ettet oder nicht — einheitlich durch Charaktere interpretiert werden, die Kontexte in Propositionen ab b ilden. Ähnlich sind z. B. Cresswell (1973), Kaplan (1977), Kratzer (1978) und viele andere vorgegangen. Einwände gegen die Parallelismusforderung sind in Ab schnitt 2.2 diskutiert worden und werden am Ende dieses Ab schnitts unter dem Stichwort typengesteuerte Interpretatio n noch einmal aufgenommen. Für die folgenden Definitionen setzen wir eine DA-Syntax 〈(Xτ)τ ∈Kat, S, τ0〉 und ein System von Charakteren der ob en b eschriebenen Art voraus. (45) Eine Fregesche Typenzuweisung für diese Syntax ist eine Funktion h von Kat in die Menge Typ mit der Einschränkung, daß h(τ0) = t ist. Eine Typenzuweisung indiziert also alle syntaktischen Kategorien mit Typen. Das Attrib ut „Fregesch“ b ezieht sich auf die Einschränkung, daß die Kategorie der Sätze — das sind die DA-Ausdrücke der Kategorie τ0 — mit dem Typ t indiziert werden. Die folgende Definition legt den Parallelismus von syntaktischen und semantischen Kategorien fest. (46) Eine (durch die Typenzuweisung h vermittelte) Fregesche Interpretation für unsere Syntax ist eine Interpretation (B,T,f), die den folgenden Bedingungen genügt: a. B enthält für jeden Grundausdruck a der Syntax einen Charakter des entsprechenden Typs, d. h. falls α zur Kategorie τ gehört, ist seine Bedeutung f(α) vom Typ h(τ). b. Die semantischen Operationen müssen ebenfalls die Typenzuweisung respektieren. Mit anderen Worten: Die semantische Operation G, welche der Syntaxregel 〈F,σ1....,σn,τ〉 entspricht, ist eine Operation, die Bedeutungen der Typen h(σt),...,h(σn) eine Bedeutung vom Typ h(τ) zuordnet. c. B ist unter den semantischen Operationen, d. h. den Elementen von T, abgeschlossen.
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Wir wollen uns diese Definition anhand der Interpretation einer Satzkonstante der b ereits erwähnten Sprache der intensionalen Logik verdeutlichen. In dieser Sprache sind die Kategorienindizes identisch mit den Typen. Die Typenzuweisung b ildet jeden Typ auf sich selb st ab . Insb esondere ist h(t) = t. Wir unterscheiden deshalb nicht zwischen Kategorienindizes und Typen. Wir nehmen nun an, der Ausdruck (47) pluit’ sei eine Konstante dieser Sprache vom Typ t, also ein Satz von Montagues b erühmter intensionalen Sprache I L, deren Einzelheiten uns hier nicht weiter interessieren. Aus dem Begriff der Fregeschen Interpretation folgt, daß die Interpretationsfunktion f diesem Satz einen Charakter in Mt zuordnet, also eine Funktion aus der Menge der Kontexte in die Menge Dt, welche die b eiden Wahrheitswerte enthält. (Die Relativierung auf die Mengen W,E und K ist hier als selb stverständlich vorausgesetzt.) Wenn wir (47) wie den deutschen Satz es regnet deuten, dann wird f(47) der Charakter sein, der einem Kontext das Wahre genau dann zuordnet, wenn es in der Welt dieses Kontextes zur Zeit des Kontextes am Ort des Kontextes regnet. In der Sprache der I L gib t es nun einen Operator, den sogenannten I ntensor ˆ, der jedem Ausdruck die Intension zuordnet, die er an seinem Äußerungskontext hat. Man b etrachte dazu die intensionalisierte Version von (47): (48) ˆpluit’ Eine Fregesche Interpretation der eb en skizzierten Art würde diesem Ausdruck, denjenigen Charakter zuordnen, der einem Kontext k und einer Welt w (also einem Referenzpunkt) die Menge der Welten w’ zuordnet, so daß es in w’ zur Zeit des Kontextes k am Ort des Kontextes k regnet. In UG und PTQ werden natürlichsprachliche Ausdrücke indirekt dadurch interpretiert, daß man sie in Ausdrücke der genannten Sprache IL üb ersetzt, wob ei sich die Bedeutungen der Üb ersetzungen auf die natürlichsprachlichen Ausdrücke üb ertragen (vgl. dazu Artikel 41). In diesen Fragmenten werden nun uneingeb ettete natürlichsprachliche Sätze in Ausdrücke der intensionalen Logik vom Typ t üb ersetzt, eingeb ettete dagegen in deren in-
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tensionalisierte Pendants, die vom Typ 〈s,t〉 sind. Dies ist notwendig, weil z. B. intensionale Operatoren wie es ist no twendig nicht nur vom Wahrheitswert eines eingeb etteten Satzes ab hängen, sondern von dessen Intension (vgl. dazu den folgenden Ab schnitt). Die Einschränkung, daß man Sätze der ausgezeichneten Kategorie durch Wahrheitswerte deutet, impliziert also, daß nicht alle Sätze der ausgezeichneten Kategorie t angehören dürfen: Wären die eingeb etteten Sätze von diesem Typ, könnte man Sätze unter intensionalen Operatoren nicht interpretieren. (Montague selb st deutet üb rigens nicht alle intensionalen Operatoren auf die hier skizzierte Weise. In PTQ wird der Notwendigkeitsoperator als ein logisches Symb ol „synkategorematisch“ eingeführt. Bei diesem Vorgehen gehört der Operator keiner lexikalischen Kategorie an. Wir können auf diese Alternative hier nicht eingehen.) Freges Lehre von der kontextuellen Mehrdeutigkeit wird b ei Montague folgendermaßen rekonstruiert: Der Charakter von uneingeb etteten Sätzen b ildet Referenzpunkte in Wahrheitswerte ab , der von eingeb etteten Sätzen b ildet dagegen Referenzpunkte auf Propositionen ab . Es b esteht — wie schon gesagt — keinerlei Notwendigkeit, so vorzugehen. Man kann als Satzcharaktere vielmehr einheitlich Funktionen von Kontexten in Propositionen nehmen (vgl. z. B. Artikel 8). Es ist also durchaus möglich, die in (45) formulierte Einschränkung für die Typenzuweisung, daß der ausgezeichnete Kategorienindex auf den Typ t ab geb ildet werden muß, wegzulassen. Wir kommen nun auf die in Definition (46) enthaltene Forderung nach Parallelität von sytaktischen und semantischen Kategorien zu sprechen. Wir hab en in Ab schnitt 2.2 b ereits darauf hingewiesen, daß man in vielen Fällen diese Forderung durch Typenanheb ung erzwingen kann, eine Technik, die wir als „generalizing to the worst case“ kennengelernt hab en. Wir erinnern daran, daß es möglich ist, Eigennamen wie Fritz und Quantorenphrasen wie niemand b eide syntaktisch als NPs zu klassifizieren und trotzdem der Parallelismusforderung gerecht zu werden, indem man nämlich der Kategorie NP zum Beispiel den Typus 〈〈s,〈e,t〉〉,t〉 zuweist, dessen Denotate Mengen von Eigenschaften sind (hier: die Mengen der Eigenschaften, die Fritz hat, b eziehungsweise die Menge der Eigenschaften, die niemand hat). Von „Typenanheb ung“ wird in diesem Zusammenhang des-
III. Theorie der Satzsemantik
halb geredet, weil der einfachste Typ, der eine adäquate Interpretation von Fritz zuläßt, der Typ e ist, der zum eb en erwähnten komplizierteren NP-Typ „angehob en“ worden ist. Falls die Technik des Anheb ens nicht verfängt — als Beispiel hatten wir unter anderem einstellige Nomina wie Mo to rrad versus mehrstellige Nomina wie Bruder genannt — b leib t nichts anderes üb rig, als die b etreffenden Ausdrücke syntaktisch verschieden zu kategorisieren, will man der Parallelismusanforderung genügen. Während die Typenanheb ung in der Regel zu unnötig komplizierten Bedeutungsregeln führt, ist die Technik der unterschiedlichen Kategorisierung nicht mit einer autonomen Begründung von syntaktischen Kategorien verträglich. Klein & Sag (1981) hab en deshalb ein Analyseverfahren vorgeschlagen, das heute als typengesteuerte I nterpretation bekannt ist. Die Grundidee b esteht darin, daß man Ausdrücke nach rein semantischen Gesichtspunkten typisiert und zwar auf möglichst einfache Weise. Die Typen steuern dann unab hängig von der syntaktischen Kategorie der Ausdrücke die Interpretation. Die folgenden b eiden Beispiele mögen verdeutlichen, wie dies funktionieren kann. (49) a. [S[NP Fritz] [VP schläft]] e 〈s,〈e,t〉〉 [VP schläft]] b. [S[NP Niemand 〈〈s,〈e,t〉〉,t〉 〈s,〈e,t〉〉 Hier sind also die NPs verschieden typisiert. Dies setzt voraus, daß die Typen nicht an syntaktische Kategorien, sondern an Ausdrücke der b etreffenden Kategorien zugewiesen werden. Wir b etrachten hier eine extensionale Deutung und nehmen an, daß f(Fritz) der Charakter ist, der jedem Kontext Fritz zuordnet. Ferner ist f(schläft) der Charakter, der jedem Kontext die Eigenschaft zu schlafen zuordnet, d. h. die Funktion, die jeder Welt die Menge der Schläfer dieser Welt zuordnet, b zw. die charakteristische Funktion dieser Menge. f(niemand) schließlich ist der Charakter, der jedem Kontext die Menge der Eigenschaften zuordnet, die keine Person in der Welt des Kontextes hat. Eine Interpretation muß diesen Charakteren einen Satzcharakter, d. h. eine Funktion von Kontexten in Wahrheitswerte, zuordnen. Eine typengesteuerte Interpretation ist nichts anderes als eine Methode, den Teilcharakteren des Satzes auf möglichst einfache Weise einen Satzcharakter zuzuordnen. Die restriktivste Interpretationsstrategie b esteht darin, daß man als einziges
7. Syntax und Semantik
Mittel der semantischen Komposition die funktionale Applikation zuläßt. Für die b eiden Beispiele sehen die dieser Strategie entsprechenden Interpretationen folgendermaßen aus. Offensichtlich ist der Charakter von (49 a) die Funktion g1, welche einem Kontext k das Wahre genau dann zuordnet, wenn Fritz in der Welt des Kontextes schläft. Mit Rückgriff auf die b eiden angegeb enen Komponentencharaktere läßt sich g, wie folgt definieren: Für einen b elieb igen Kontext k gilt: g1(k) = 1 genau dann, wenn f(Fritz)(k) ein Element der Menge (f(schläft)(k))(wk) ist, wob ei wkdie Welt des Kontextes k ist. Dies ist genau dann der Fall, wenn (f(schläft)(k))(wk) angewandt auf f(Fritz)(k) das Wahre ist. Betrachten wir nun (49 b ). Der Charakter dieses Satzes ist diejenige Funktion g2, die einem Kontext das Wahre zuordnet, wenn niemand in der Welt des Kontextes schläft. g2 läßt sich üb er die Komponentencharaktere wie folgt definieren: Für jeden Kontext k ist g2(k) das Wahre genau dann, wenn f(niemand)(k) angewandt auf f(schläft)(k) das Wahre ergibt. Beide Interpretationen hab en nur mit funktionaler Applikation gearb eitet. Allein das vorgeb ene Ziel, daß nämlich der Satzcharakter vom Typ t sein muß, hat b estimmt, in welcher Weise appliziert wird. Es ist nicht möglich, die Satzcharaktere durch Funktionalapplikation anders zu gewinnen als eb en b eschrieb en. Insofern steuern die Typen den Interpretationsprozeß. Die typengesteuerte Interpretation ist in dieser Form natürlich noch keine allgemeine Theorie: Welcher Charakter zwei oder mehr vorgegeb enen Charakteren zugeordnet werden kann, hängt davon ab , was man als semantische Operation zuläßt. In den diskutierten Beispielen hatten wir als einzige Operation die funktionale Applikation zugelassen. Beschränkt man die zulässigen Operationen nicht, kann grundsätzlich jeder Charakter als Wert einer semantischen Operation auftauchen, folglich können auch b elieb ige Typen „kombiniert“ werden (siehe Abschnitt 4). Für die allgemeine Thematik dieses Ab schnitts ist aus dieser Diskussion folgendes festzuhalten: Sollte sich eine präzisierte Variante der typengesteuerten Interpretation als empirisch korrekt erweisen, dann ist die im Begriff der Fregeschen Interpretation enthaltende Parallelismusforderung für die Deutung
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natürlicher Sprachen nicht haltb ar, denn eine wesentliche Motivation der typengesteuerten Interpretation b esteht ja gerade in der Ab lehnung eines strikten Parallelismusprinzips. 3.4.2.3 Monsterverbot Der b ekannteste Versuch, eine Beschränkung für semantische Operationen zu formulieren, geht auf Kaplan (1977) zurück. Er ist als Monsterverbot b ekannt. Diese Beschränkung läuft darauf hinaus, daß die semantischen Operationen natürlicher Sprachen höchstens intensional sein dürfen. Wir werden zunächst erklären, was darunter zu verstehen ist. Anschließend werden wir diskutieren, ob diese Einschränkung nicht zu weitgehend ist, da sie empirisch motivierte Operationen wie Stalnakers (1973) Diagonaloperator ausschließt. Der Stoff dieses Ab schnittes ist in größerer Ausführlichkeit in Artikel 9 abgehandelt. Wir erinnern daran, daß ein Charakter vom Typ 〈s,τ〉 eine Funktion ist, die für einen gegeb enen Kontext zunächst eine Intension des Typs 〈s,τ〉 b estimmt, die dann in Ab hängigkeit vom Weltparameter — der im folgenden Auswertungswelt genannt wird, um eine Konfusion mit der Welt des Kontextes zu vermeiden — eine Extension vom Typ τ festlegt. Schema (50) veranschaulicht den geschilderten Sachverhalt: (50)
Kontext Auswertungswelt Charakter → Intension → Extension
Der in (50) erkennb are Doppelschritt wurde erstmals in Stalnaker (1970) explizit thematisiert, ist ab er b ereits in Montagues UG implizit vorhanden (vgl. dazu Zimmermann 1977). Für die folgende Diskussion machen wir die Annahme, daß zumindest alle unter einem Operator einge b etteten Ausdrücke einen Charakter dieser Art hab en, daß sie an einem Referenzpunkt also immer eine Intension und eine Extension hab en. Diese Annahme ist unprob lematisch, denn Charaktere vom Typ T können immer durch solche vom Typ 〈s,τ〉 ersetzt werden. Zum Beispiel kann man als Bedeutung von ich anstelle des in Ab schnitt 3.3.2 angegeb enen Charakters χ1, der dem Typ e angehört, eb ensogut den Charakter χich vom Typ 〈s,e〉 wählen, der einem Kontext k diejenige (konstante) Intension f vom Typ 〈s,e〉 zuordnet, die einer b elieb igen Welt den Sprecher im Kontext k zuweist. Um eine handliche Terminologie zur Verfügung zu hab en, vereinb aren wir die folgenden Ab kürzungen: Wenn α ein Ausdruck, χα der Charakter von α ist und 〈k,w〉 ein b elieb iger
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Referenzpunkt — also ein Paar aus Kontext und Auswertungsindex — ist, dann gilt: (51) a. Intα(k) ist χα(k). b. Extα(k,w) ist χα(k)(w), d. h. Intα(k)(w). Dab ei steht Intα(k) natürlich für „die Intension von a am Kontext k“, während Extα(k,w) für „die Extension von a am Referenzpunkt 〈k,w〉“ steht. Es kann sein, daß die Begriffe Intension und Extension nicht für alle Arten von Ausdrücken definiert sind (Was ist zum Beispiel die Intension/Extension eines Modaloperators?). In der Regel werden ab er die Ausdrücke, die mithilfe von Operatoren b zw. syntaktischen Operationen gewonnen werden, wieder eine Intension und eine Extension hab en. Nur solche Fälle hab en wir im folgenden im Auge. Wir führen nun eine semantische Klassifizierung von (interpretierten) syntaktischen Operationen ein: (52) Sei α ein Ausdruck der Form F(α1,...,αn), d. h. α ist aus α1,...,αn mithilfe der Operation F gewonnen. a. F ist extensional, wenn sich Extα(k,w) durch Rückgriff auf Extα1(k,w), ..., Extαn (k,w) bestimmen läßt. b. F ist intensional, wenn sich Extα(k,w) durch Rückgriff auf Intα1(k), ..., Intαn (k) bestimmen läßt. c. F ist ein ein Monstrum — falls F weder extensional noch intensional ist. Die eingangs genannte Restriktion von Kaplan läßt sich nun folgendermaßen formulieren: (53) Monsterverbot Monster kommen in der natürlichen Sprache nicht vor. Wir weisen zunächst darauf hin, daß b ei der Klassifikation (52) wesentlich die (nicht genannte) semantische Operation G eingeht, welche die syntaktische Operation F interpretiert. Letzlich wird die Bedeutung G dieser Operation klassifiziert. Eine syntaktische Operation als solche hat keine der genannten Eigenschaften. Wir hab en die Klassifikation deshalb für die syntaktischen Operationen eingeführt, um den terminologischen Zusammenhang mit den entsprechenden Ausführungen in dem Artikel 9 zu wahren. Es b esteht ja im allgemeinen eine 1—1-Beziehung zwischen der syntaktischen Operation Fδ, die einen Operator δ einführt und der semantischen Operation Gδ, die Fδdeutet. Man kann Gδ also in den meisten Fällen mit der Bedeu-
III. Theorie der Satzsemantik
tung des Operators δ identifizieren und die Klassifikation auf die Operatoren, d. h. die sprachlichen Zeichen, üb ertragen. Diese Praxis wird in Artikel 9 stillschweigend b efolgt, und auch wir sprechen im folgenden manchmal von der Extensionalität b zw. Intensionalität eines Operators. Betrachten wir nun einige Beispiele. Klassische extensionale Operationen sind die Wahrheitsfunktionen: Sie ordnen den Extensionen der eingeb etteten Sätze — das sind Wahrheitswerte — wieder einen Wahrheitswert zu. Wir verdeutlichen dies an der Negation. Fnichtsei die Operation, die aus einem Satz a den Satz „nicht α“ macht. Die Bedeutung dieser Operation sei die semantische Operation Gnicht, die einen Wahrheitswert in sein Gegenteil verkehrt. Diese Operation ist extensional, denn Extnicht α(k,w) ist das Gegenteil des Wahrheitswertes von Extα(k,w). Wir können Fnichtauch als intensionale Operation klassifizieren, wenn wir als Deutung die Operation G*nichtansetzen, welche der Intension des eingeb etteten Satzes — einer Proposition — ihr mengentheoretisches Komplement zuordnet. Technisch: G*nicht(Intα (k))(k,w) ist das Wahre, falls Intα(k) von w das Falsche ist. Diese Formulierung zeigt, daß Extnichtα(k,w) durch Rückgriff auf Intα(k) formulierb ar ist. Aus diesem Beispiel sollte klar sein, daß sich sämliche extensionale Operationen stets intensional umdeuten lassen, eine Vorgehensweise, für die Cresswell (1973) exemplarisch ist (vgl. auch Artikel 8). Andererseits ist eine intensionale Operation im allgemeinen nicht extensional. Ein Beispiel ist die die sogenannte Leibniznotwendigkeit, eine Operation, die der Intension des eingeb etteten Satzes dann das Wahre zuordnet, wenn diese mit der Menge aller Welten identisch ist. Eine Analyse im UG-Rahmen kann folgendermaßen aussehen: Fnotwendigsei diejenige syntaktische Operation, die einem Satz α den Satz „notwendig α“ zuordnet. Als Interpretation wählen wir die semantische Operation Gnotwendig, die einer Proposition p das Wahre zuordnet, falls p in jeder Welt wahr ist. Fnotwendigist eine intensionale Operation, denn Extnotwendigα (k,w) ist das Wahre, falls Intα(k) die Menge aller möglichen Welten ist, d. h. falls Intα(k)(w’) das Wahre für jede Welt w’ ist. Es ist klar, daß wir Extnotwendigα(k,w) nicht alleine durch Rückgriff auf Extα(k,w) b estimmen können: Extα(k,w) ist zwar dasselbe wie Intα(k)(w), aber Extnotwending α (k,w) hängt eb en nicht nur von Extα(k,w) ab , sondern von Extα(k,w’) für jedes w’.
7. Syntax und Semantik
Ein weiteres Beispiel für einen intensionalen Operator ist Montagues b erühmter Intensor ˆ, welcher der Intension des unter ihm eingeb etteten Satzes eb en diese Intension als Extension zuordnet. Die Operation kann folgendermaßen b eschrieb en werden: F ̭ ordnet dem Satz α den Ausdruck ˆa zu. Ext ̭α(k,w) ist die Intension f, so daß für eine b elieb ige Welt w’ gilt: f(w’) = Extα(k,w’). Dies b edeutet nichts anderes, als daß Extα(k,w) = Intα(k) ist. Damit ist der Operator intensional. Montagues Extensor ˇ ist dagegen ein extensionaler Operator: Er operiert auf einem intensionalisierten Satz, dessen Extension eine Intension ist. Er nimmt diese Extension (eine Intension!) und macht daraus einen Wahrheitswert. Der Extensor wird durch die Regel F̬ eingeführt, die dem intensio nalisierten Satz ˆα den Satz ˇ ˆ α zuordnet. G ̬ ist die semantische Operation, die Extα(k,w) als Wert Extα(k,w)(w) zuordnet. (Man denke daran, daß Extα(k,w) eine Proposition ist!) Wir hab en diese b eiden letzten Operationen hier aufgeführt, um zu zeigen, daß sie nicht durch das Kaplansche Monsterverb ot b etroffen sind. Wie man sich denken kann, fällt auch der in Kaplan (1977) eingeführte Operator dthat, der aus einer Kennzeichnung einen starren Designator macht (vgl. dazu Artikel 16: „Eigennamen“) nicht unter das Monsterverb ot. Er ist vielmehr als intensional zu klassifizieren. Kaplans Operator kann in erster Näherung folgendermaßen b eschrieb en werden: Fdthatist diejenige Operation, die einem Kennzeichnungsterm α den Term „dthat α“ zuordnet. Wir nehmen an, daß das Denotat einer Kennzeichnung ein sogenanntes Individuenkonzept, d. h. eine Funktion in D〈s,e〉 ist. Die Deutung dieser syntaktischen Operation ist die semantische Operation Gdthat, so daß für einen b elieb igen Referenzpunkt 〈k,w〉 gilt: Gdthat (Intα(k))(w) ist Intα(k)(wk), wob ei wkdie Welt des Kontextes k ist. Die Formulierung macht zunächst deutlich, daß Fdthat eine intensionale Operation ist. Weil nun die Welt der Äußerung wkim allgemeinen verschieden von der Auswertungswelt w ist, stimmt Intα(k)(wk) im allgemeinen auch nicht mit Intα(k)(w) (= Extα (k,w)) üb erein. Deswegen kann die Operation nicht extensional sein. Zum Beispiel ist Gdthat(Intder Sprecher (k))(k,w) = Intder Sprecher (k)(wk) = der Sprecher in der Welt wkdes Kontextes k. Man sieht üb rigens an dieser Stelle, daß die Formulierung des Operators unzurei-
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chend ist: in wkgib t es im allgemeinen mehr als einen Sprecher. Man darf die Welt, in welcher der Kontext situiert ist, nicht mit dem Kontext gleichsetzen. Eine intuitiv adäquate Formulierung des Kaplanschen Operators verlangt deshalb , als zweiten Parameter von Referenzpunkten Situationen statt Welten zu wählen. Diese Verfeinerung findet man in Artikel 9, wo man auch mehr üb er den dthatOperator nachlesen kann. Die b isher b etrachteten Operationen sind alle zulässig. Wir kommen nun zu einem Monstrum, nämlich dem sogenannten Diagonaloperator, den wir durch Δ symb olisieren wollen. Dieser Operator ist in einem gewissen Sinne die Umkehrung des dthat-Operators: Während letzterer aus einer Kennzeichnung einen starren Designator macht, macht ersterer aus einem starren Designator eine Kennzeichnung. (Die Bezeichnung „Diagonaloperator“ für Δ ist insofern ein wenig irreführend, als sie suggeriert, daß Δ der alleinige Diagonaloperator ist. dthat ist ab er eb enfalls ein Diagonaloperator: Er ersetzt das zweite Argument des Charakters durch die Welt des ersten Arguments. Wie wir sehen werden, ersetzt Δ dagegen die Welt des ersten Arguments durch das zweite Argument. Diagonalisierung einer Funktion ist ab er gerade diese Gleichsetzung von Argumenten.) Trotz einer gewissen formalen Analogie zum zulässigen Operatorenpaar Extensor/Intensor fällt der Diagonaloperator unter das Monsterverbot. Wir wollen uns dies nun klarmachen. Zunächst stehen wir vor einer formalen Schwierigkeit: Innerhalb des b isher gewählten semantischen Rahmens können wir die Semantik des Operators Δ gar nicht ohne weiteres formulieren. Die folgende Beschreib ung ist nicht prob lemlos, drückt ab er den wesentlichen Zug der Operation aus, nämlich die Identifikation der Äußerungswelt mit der Auswertungswelt. FΔist die syntaktische Operation, die aus einem Namen α den Term „Δα“ macht. GΔ(χα)(k,w) ist χα(kwk/w,w) für einen b elieb igen Referenzpunkt 〈k,w〉, wob ei kwk/wder hypothetische Kontext sein soll, der aus k entsteht, indem man die Welt des Kontextes durch die Auswertungswelt w ersetzt. Wir werden weiter unten kurz auf die Prob lematik dieser Redeweise eingehen. χα ist natürlich der Charakter von α. Der Diagonaloperator wird in Stalnaker (1978) üb rigens für Sätze definiert. Wir hab en ihn hier für Namen eingeführt, um die b ereits genannte Beziehung zum dthat-Operator zu b etonen, dessen Umkehrung Δ ist.
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Wir üb erlegen uns zunächst, daß die Operation FΔtatsächlich ein Monstrum ist. Wenn die Operation extensional wäre, müßte χα(kwk/w,w) (= Extα(kwk/w,w)) mit Extα(k,w) identisch sein. Das ist im allgemeinen Fall ab er sicher nicht gegeb en. Eb enso ist Intα(k) im allgemeinen von χα(kwk/w,) verschieden, weshalb der Operator nicht intensional sein kann. Mit anderen Worten, ExtΔα(k,w) hängt wirklich echt von χα selbst ab. Stalnaker (1978) b enutzt diesen Operator (b zw. dessen satzeinb ettende Variante) dazu, um Sätze, die b ei der üb lichen Interpretation nicht informativ sind, informativ zu machen. Zum Beispiel drückt — unter der Voraussetzung, daß Hesperus und Phosphorus starre Designatoren sind — Satz (54 a) an jedem Kontext k eine Tautologie oder einen Widerspruch aus: die Menge aller Welten, wenn Hesperus und Phosphorus in der Äußerungswelt wk dasselb e b ezeichnen, die leere Menge sonst. Demnach würde (54 b ) ausdrücken, daß Ptolemäus an die Wahrheit der notwendigen (bzw. unmöglichen) Proposition glaubte. (54) a. Hesperus ist identisch mit Phosphorus b. Schon Ptolemäus glaubte, daß Hesperus identisch mit Phosphorus sei Eine solche Analyse ist ab er nicht adäquat. Ptolemäus glaub te, daß der „Hesperus“ heißende (Stern) identisch mit dem „Phosporus“ heißenden sei. Dieser Glaub ensinhalt ist kontingent und daher informativ, denn was in einer Welt „Hesperus“ oder „Phosphorus“ heißt, kann in einer anderen Welt anders heißen. Man erhält die gewünschte kontingente Lesart durch Diagonalisierung: (55) Schon Ptolemäus glaubte, daß Δ(Hesperus) identisch mit Δ(Phosphorus) sei Wir setzen voraus, daß χHesperus (k,w) der Gegenstand ist, der in k „Hesperus“ heißt. Dann ist χΔHesperus(k,w) = χHesperus(kwk/ d. h. der w,w), Gegenstand, der in der Auswertungswelt w „Hesperus“ heißt. Dies b edeutet, daß χΔHesperus als eine Kennzeichnung f aufgefaßt werden kann, die einer b elieb igen Welt w den in w „Hesperus“ genannten Gegenstand zuordnet. Analoges gilt für die Interpretation von Phosphorus. Damit ist ohne weiteres einzusehen, daß der in (55) unter den Glaub ensoperator eingeb ettete Satz eine informative Proposition ausdrückt, und zwar die intuitiv korrekte. Der Diagonaloperator wird in der natürlichen Sprache nicht ausgedrückt; man kann ihn als
III. Theorie der Satzsemantik
einen unsichtb aren Operator ansetzen, den man aus pragmatischen Gründen braucht. Wir kommen nun auf das ob en angesprochene Prob lem mit der Formulierung des Diagonaloperators zu sprechen: es handelt sich um die Interpretation der Operation kwk/w. Was soll es schon heißen, daß man einen Kontext dadurch verändert, daß man seine Welt durch eine andere ersetzt, wo wir doch den Kontext als Teil dieser Welt eingeführt hatten? Stalnaker (1978) vermeidet dieses Prob lem, indem er für b eide Komponenten eines Referenzpunktes Welten ansetzt. Die Diagonalisierungsoperation kann dann definiert werden als GΔ(χα)(wk,w) = χα(w,w). Diese Definition setzt ganz offensichtlich einen andern Weltb egriff voraus, als die „großen“ Welten der Mögliche-Welten-Semantik. Welten müssen so etwas wie Situationen sein: Sonst wären Redeweisen wie der Sprecher in wkb zw. der Sprecher in w sinnlos. Eine solche Revision hat weitreichende Konsequenzen, die sorgfältig b edacht werden müssen. Unter anderem erhält man das Prob lem, daß eine Auswertungssituation im allgemeinen keine Äußerungssituation ist. Die Diagonalisierung Δich, deren Resultat die Kennzeichnung der Sprecher ist, setzt ab er gerade dieses voraus (vgl. dazu Artikel 10). Eine Methode, die Unterscheidung zwischen Kontexten und Welten quasi b eizub ehalten und doch mit der genannten Ersetzungsoperation zu arb eiten, b esteht darin, Kontexte durch geeignete Merkmale zu identifizieren, z. B. durch ein Tripel 〈wk,zk,ok〉, das aus der Welt, der Zeit und dem Ort des Kontextes b esteht (vgl. Lewis 1980 a). Die „Koordinaten“ eines solchen Tripels kann man durch andere ersetzen. Damit hat die genannte Su b stitutionsoperation zwar einen Sinn, ab er man handelt sich das Prob lem ein, daß viele solche Tripel unmögliche Kontexte sind: Man erhält einen solchen unmöglichen Kontext zum Beispiel dadurch, daß man die Zeitkoordinate auf ein Datum zurückverschieb t, zu dem die Welt des Kontextes noch gar nicht b estand (vgl. dazu die Ausführungen in Artikel 9). Die konzeptuellen Konsequenzen der Diagonalisierung sind also in jedem Fall prob lematisch. Insofern ist die Konsequenz des Kaplanschen Monsterverb otes als solche sicher b egrüßenswert. Die Frage ist allerdings, ob die Operation nicht aus empirischen Gründen unverzichtbar ist. Man hätte ein starkes Argument für den Diagonaloperator, wenn die geschilderte Lösung Stalnakers die einzig mögliche Analyse von propositionalen Einstellungen wäre. Es gib t ab er rein intensionale Analysen, die al-
7. Syntax und Semantik
lerdings mit dem Begriff der strukturierten Bedeutung arb eiten (vgl. Cresswell & von Stechow 1982 und Artikel 34). Als weiteres Beispiel für ein Monstrum wäre die Variab lenb indung zu nennen. Betrachten wir etwa den in Ab schnitt 3.4.2.1 diskutierten Ausdruck (∀x)Px. Wie in Montagues UG setzen wir hier voraus, daß jeder Kontext eine Belegung festlegt — wob ei nicht darüb er gegrüb elt werden soll, ob das eine sinnvolle Annahme ist. Betrachten wir nun die Syntaxregel F(∀x), die aus einem Satz a den Satz (∀x)α macht. Die in 3.4.2.1 b eschrieb ene kompositionale Deutung ist die Operation G(∀x), welche χα am Referenzpunkt 〈k,w〉 das Wahre zuordnet, falls χα(k[h/hkx/a]) für jedes α das Wahre ist. hk ist die durch den Kontext k festgelegte Belegung, die in der üb lichen Weise variiert wird. Wir hab en hier im Einklang mit den Ausführungen in 3.4.2.1 vorausgesetzt, daß der Charakter uns eine Denotatsfunktion für einen Kontext liefert, woraus wir durch Anwendung auf eine Belegung eines der üb lichen Denotate — hier eine Proposition — erhalten. Die Operation wäre intensional, wenn Ext(∀x)Px(k,w) alleine von χα(k)(hk) — dem Pendant der Intension in einer Ontologie die mit Denotatsfunktionen arb eitet — ab hängen würde. Das ist ab er nicht der Fall: sie hängt von allen x-Varianten von hkab . Damit ist diese Operation — und die Variab lenb indung ganz allgemein — ein Monstrum. Bereits in Ab schnitt 3.4.2.1 hab en wir darauf hingewiesen, daß der Variab lenb indung praktisch von jedermann ein Sonderstatus eingeräumt wird. Man kann sie aus sportlichem Ehrgeiz zwar formal in das Kompositionalitätsprinzip (34) zwängen: Eine Ad-hocKomplikation der Ontologie ist die Folge. Und auch im Zusammenhang mit Kaplans Beschränkung erweist sich diese Operation als außergewöhnlich: sie ist ein Monstrum. Die Variab lenb indung sollte man also weder gegen das Kompositionalitätsprinzip noch gegen das Monsterverb ot ins Feld führen. Hinzu kommt, daß Stalnaker die Diagonalisierung gar nicht als semantische Operation verstanden wissen will, sondern als pragmatische Hilfsoperation, die eine Proposition informativ macht oder die Interpretation eines deiktischen Wortes ermöglicht, dessen Bezug in einem Kontext nicht klar ist (vgl. dazu Artikel 8: Ab schnitt 3). Es handelt sich also gar nicht um eine genuine semantische Operation, welche eine Regel interpretiert. Andere
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potentielle Gegenb eispiele gegen Kaplans Monsterverb ot werden in Artikel 9 diskutiert, ab er als nicht zwingend verworfen. Dieses b leib t also ein ernsthafter Kandidat für eine tragfähige empirische Beschränkung semantischer Operationen. Man kann das Monsterverb ot leicht in die allgemeine Referenztheorie einb auen. Unter der Voraussetzung, daß die Bedeutung eines Ausdrucks ein Charakter ist, muß man den Rekursionsschritt des Kompositionalitätsprinzips (34) auf S. 107 lediglich durch die restriktivere Bedingung (34) b* ...dann ist b(α)(k) = G(b(α1)(k), ... ,b(αn)(k)), für einen beliebigen Kontext k ersetzen. Genau diese Formulierung wird in Kaplan (1977) vorgeschlagen. 3.4.2.4 Beschränkungen der Referenz In Ab schnitt 3.3.2 hab en wir darauf hingewiesen, daß deiktische Wörter (ich, dies, hier, jetzt) direkt referentiell sind, d. h. daß ihre Extension alleine vom Äußerungskontext ab hängt. Der Begriff ist genauer folgendermaßen definiert: (56) Ein Ausdruck α referiert direkt, falls Extα(k,w) = Extα(k,w’), für jedes k,w und w’. Falls man für solche Ausdrücke üb erhaupt die Unterscheidung zwischen Intension und Extension machen will — vgl. dazu unsere Bemerkungen zu Beginn des vorhergehenden Ab schnitts — dann hab en direkt referentielle Ausdrücke eine konstante Intension, ab er in der Regel an verschiedenen Kontexten eine verschiedene. Im Gegensatz dazu drückt ein Wort wie Sense an jedem Kontext dieselb e Intension aus, die ab er für verschiedene Auswertungswelten im allgemeinen verschiedene Extensionen liefert. Man sagt, daß solche Wörter absolut referieren. (57) Ein Ausdruck α referiert absolut, falls Intα(k) = Intα(k’), für jedes k und k’. Es ist klar, daß komplexe Ausdrücke in der Regel weder direkt noch ab solut referieren. Zum Beispiel hängt der Wahrheitswert des Satzes Ich weiß das sowohl vom Äußerungskontext als auch von der Auswertungswelt ab . Anders steht es jedoch für Lexeme. Man ist versucht, die folgende allgemeine Beschränkung anzunehmen, die in dieser expliziten Form nach unserer Kenntnis erstmals in Artikel 9, Ab schnitt 1.3 formuliert worden ist, sich ab er nach Auskunft von Wolfgang
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Klein der Sache nach b ereits in Bühler (1934) findet. (58) Prinzip L Lexikalische Grundeinheiten referieren entweder direkt oder absolut. Auf den ersten Blick gib t es zahlreiche Gegenb eispiele. Man b etrachte etwa ein finites Verb wie schimpfte. Dieses Wort hat sowohl einen ab solut referierenden Teil, nämliche den Stamm schimpf- als auch eine direkt referentielle Komponente, nämlich das in der Endung -te enthaltene Präteritum (zur deiktischen Analyse des Tempus, siehe Artikel 35). Um Prinzip L durchhalten zu können, ist man also zu der Annahme gezwungen, daß schimpfte keine lexikalische Grundeinheit ist, sondern zumindest in die Bestandteile schimpf + Präteritum zerlegt werden muß. Genau diese Zerlegung wird aus syntaktischen Gründen in der generativen Grammatik (und wohl jeder traditionellen Grammatik) seit langem angenommen, wo der Satz Niko schimpfte als (59) analysiert wird. (59) [IP Niko [I’ [VP schimpf] [I Präteritum]]] AGR Mit anderen Worten, es gib t eine eigenständige Grundeinheit I(NFL), welche die Tempusinformation (und die Kongruenzmerkmale AGR) enthält, während das Verb nur aus einem Stamm b esteht. Diese Analyse ist mit Prinzip L verträglich. Ein anderes Gegenb eispiel gegen Prinzip L ist das Possessivpronomen in meine Hütte. Paraphrasiert man diese Nominalphrase als die Hütte vo n mir, dann wird deutlich, daß meine das direkt referierende ich und die Besitzerrelation — hier durch vo n ausgedrückt — b einhaltet. Die Relation wird ab er offenb ar ab solut b ezeichnet, wie man sich an der metasprachlichen Formulierung der Bedeutung von meine Hütte klarmachen kann: „die Hütte in der Auswertungswelt w, welche der Sprecher am Äußerungskontext k in der Auswertungswelt w b esitzt“. Somit scheint mein ein sowohl deiktisch als auch ab solut referierendes Wort zu sein. (Wir üb ergehen die Komplikation, daß mein zusätzlich noch die Information der Definitheit zu b einhalten scheint.) Ab er auch diese Argumentation ist nicht zwingend. Man denke daran, daß mein keineswegs immer mit der Besitzerrelation verb unden ist: mein So hn. Eine alternative Analyse ist deshalb , mein als ich zu deuten, also als ein direkt referierendes Wort und die infrage kommende Relation aus dem Kontext zu erschließen. Man b eachte, daß Lokal- und
III. Theorie der Satzsemantik
Temporaladverb ien wie do rt „der Ort wo der Sprecher nicht ist“ oder vo rher „ein Zeitpunkt vor jetzt“ keine Gegenb eispiele sind. Sie enthalten zwar Relationen, also scheinb ar ab solute Bestandteile. Diese werden ab er in b ezug auf den Äußerungskontext ausgewertet. Die Konsequenzen von Prinzip L sind nach unserer Kenntnis b isher in der Literatur nicht ausgelotet worden. Bereits das erste Beispiel zeigt, daß das Prinzip insofern interessant ist, als es Restriktionen für die lexikalische Zerlegung und die Syntax impliziert und deshalb empirisch nicht leer ist.
4.
Kategorialgrammatik
4.1 Vorbemerkungen Kategorialgrammatiken sind Spezialfälle von Montague-Grammatiken. Die erste explizite Formulierung eines solchen Systems wurde in Ajdukiewicz (1935) vorgelegt. Vermutlich ist dies der früheste Entwurf einer formalen Grammatik, die ausdrucksstark genug ist, um in erster Approximation eine Analyse von natürlichen Sprachen zu ermöglichen. Ajdukiewicz’s ursprüngliche Konzeption der Kategorialgrammatik ist rein syntaktisch. Die Ausdrücke des Systems wurden ab er stillschweigend als interpretiert vorausgesetzt, wob ei die Notation klarmacht, daß es zwei Arten von Ausdrücken gib t: Funkto ren, die als Funktionen gedeutet werden, und Namen, welche nichtfunktionale Ob jekte b ezeichnen. Rekonstruiert man Ajdukiewicz’s System mit den Methoden der Montagueschen Universalgrammatik, dann hat es drei wesentliche Merkmale. 1. Es gib t einen strikten Parallelismus zwischen syntaktischen und semantischen Kategorien. Nicht einmal zwischen syntaktischen Kategorien und Typen wird unterschieden. 2. Als einzige syntaktische Operation ist die Verkettung zugelassen, die so b eschränkt ist, daß ein Funktor stets mit dazugehörigen Argumenten verkettet werden darf. 3. Jede solche Syntaxregel ist als funktionale Applikation der Bedeutung des Funktors auf seine Argumente interpretierbar. Eine Kategorialgrammatik, die gemäß diesen drei Prinzipien aufgeb aut ist, wollen wir klassisch nennen (vgl. Casadio 1987). Im nächsten Ab schnitt werden wir diesen Typ von Grammatiken näher diskutieren. Mit klassischen Grammatiken kann man b ereits relativ interessante Ausschnitte von natürlichen Sprachen b eschreib en. Aufgrund
7. Syntax und Semantik
der sehr starken Einschränkungen des Formalismus ist man oft zu recht künstlichen, empirisch nicht motivierb aren Analysen gezwungen (vgl. z. B. Kratzer et alii 1974: Bd. 2, Kap. 2.4). Lewis (1970) hat deswegen die Ansicht vertreten, daß man kategorialgrammatisch erzeugb are Strukturen als logische Formen (b ei ihm Tiefenstrukturen genannt) ansehen soll, welche die Bedeutung von Ob erflächensätzen ausdrücken und durch Transformationsregeln in letztere üb erführt werden. In Montagues Terminologie können Lewis’ kategoriale Strukturen als desamb iguierte Sprache (b zw. DA-Grammatik) aufgefaßt werden (vgl. Definition 20). Die Transformationsregeln definieren dann Montagues Relation R, welche die Strukturen in Ausdrücke einer Sprache üb erführt (vgl. Definition 28). Mehr oder weniger die gleiche Konzeption liegt Cresswell (1973) zugrunde. Die kategorialgrammatische Analyse natürlichsprachlicher Ausdrücke ist für Logiker deswegen so interessant, weil die Syntaxregeln des klassischen Modells in wenigen Minuten eingeführt sind und der Logiker sich nicht ernsthaft mit syntaktischen Feinheiten der natürlichen Sprache b eschäftigen muß. Er üb erläßt deren Ausb uchstab ierung der Relation R, um die sich die Linguisten zu kümmern haben. In neuerer Zeit hab en Theoretiker, die ernsthaft an Syntax interessiert sind, versucht, die Ausdruckskraft des Formalismus zu erweitern, ohne gleich b ei dem uneingeschränkten Begriffssystem Montagues zu landen. Solche erweiterten Systeme lassen sich nach den Syntaxregeln und deren Interpretationen klassifizieren. In Ab schnitt 4.3 skizzieren wir derartige Erweiterungen. Die Ideen dazu finden sich üb rigens praktisch sämtlich b ereits bei Lambek (1958). 4.2 Das klassische Modell 4.2.1 Syntax Wir führen nun die klassische Version der Kategorialgrammatik ein. Die Typen sind folgendermaßen definiert: (60) a. s und n sind Typen. b. Wenn X und Y Typen sind, dann ist (X/Y) ein Typ. Die Montaguesche Definition (39) ist natürlich nur eine notationelle Variante dieser Definition (erweitert um intensionale Typen). s ist der Typ der Sätze, n der Typ der Namen. Beispiele für Typen mit den Montagueschen Ensprechungen sind die folgenden:
121
(61) a. b. c.
Ajdukiewicz n s (s/n)
Montague e t 〈e,t〉
d. ((s/n)/n)
〈e,〈e,t〉〉
e. (s/(s/n))
〈〈e,t〉,t〉
f. g. h. g.
〈e,e〉 〈〈e,t〉,〈e,t〉〉 〈t,t〉 〈〈t,t〉,t〉
(n/n) ((s/n)/(s/n)) (s/s) ((s/s)/s)
Bezeichnungen Eigennamen Sätze einstellige Prädikate zweistellige Prädikate Nominale, Terme Attribute Adverbien Satzadverbien Satzkonjunktionen
Das Lexikon der Grammatik ist eine Funktion BC („Basiskategorie“), die jedem Typ X eine endliche Menge BCXzuordnet. Für die meisten Typen ist diese Menge leer. — Als syntaktische Operation ist lediglich die zweistellige Verkettung zugelassen. — Die einzige Syntaxregel der Grammatik ist die folgende: (62) X/Y Y → X Diese Regel ist folgendermaßen zu lesen: „Wenn α ein Ausdruck vom Typ X/Y und β ein Ausdruck vom Typ Y ist, dann ist αβ ein Ausdruck vom Typ X.„ Im Format von Montagues UG wäre diese Regel als eine Menge von Regeln zu schreiben, nämlich als: (63) 〈F, X/Y,Y, X〉, wobei F die zweistellige Verkettung ist und X/Y,Y, X Typen sind. Als Sätze der Sprache, die von einer solchen Grammatik erzeugt werden, zählen alle Ketten üb er dem Lexikon, d. h. der Vereinigung aller BCX, die vom Typ s sind. Eine klassische Kategorialgrammatik läßt sich in der folgenden Weise als MontagueGrammatik schreib en (die üb rigens nicht desambiguiert ist; vgl. Definition 20): (64) 〈A, F, BCX, X ein Typ, S, s〉 Dabei ist F die zweistellige Verkettung, S enthält alle Regeln der unter (63) angegeb en Form und A ist die Menge aller Ketten, die sich aus Grundausdrücken, d. h. aus Elementen der Basiskategorien durch Verkettung b ilden lassen. s ist der ausgezeichnete Index des Systems. Um die Definition zu veranschaulichen, setzen wir das folgende kleine Lexikon BC voraus: (65)Lexem a. niemand b. schlafen c. lange d. konnte e. sehen
Typ (s/(s/n)) (s/n) ((s/n)/(s/n)) ((s/n)/(s/n)) ((s/n)/n)
Abkürzung NP [= (s/IV)] IV IV/IV IV/IV TV [= (IV/n)]
122
Die Grammatik vermag die folgende Strukur herzuleiten:
Den Baum erhält man in naheliegender Weise durch sukzessive Anwendung der Syntaxregel (62). Aus Platzersparnisgründen hab en wir die unter Kategorialgrammatikern weithin übliche „flache“ Notation für Bäume benutzt. Die Grammatik erlaub t es, die ungrammatische Wortfolge (67a) herzuleiten, während die Neb ensatzstellung (67b ) nicht erzeugbar ist: (67) a. *niemand lange konnte schlafen b. niemand lange schlafen konnte Bar-Hillel, Gaifman und Shamir (1960), hab en gezeigt, daß man jede kontextfreie Sprache durch eine klassische Kategorialgrammatik erzeugen kann. Es ist kein grundsätzliches Prob lem, (67a) in einer kontextfreien Grammatik als ungrammatisch zu klassifizieren und (67b ) zu erzeugen. Man muß dazu allerdings eine sehr große Anzahl von im Prinzip voneinander una b hängigen Grundkategorien einführen, deren eventuelle semantische Gemeinsamkeiten erst auf einer Metaeb ene charakterisiert werden können. Das widerspricht der semantischen Motivation, die hinter dem System steht. (Kategorialgrammatiken in komplexer Notation wurden erstmals in Kratzer et alii 1974 diskutiert.) Das Beispiel illustriert Lewis’ (1970) Standpunkt, daß plausib le Systeme dieser Art nur zur Charakterisierung von „logischen Formen“ geeignet sind. Hinzukommt, daß geringfügige Erweiterungen der Datenb asis zur Einführung von Kategorienmehrdeutigkeit zwingen, sofern die grammatische Analyse semantisch sinnvoll sein soll. Man b etrachte etwa Sätze, in denen transitive Ver b en vorkommen:
Da intransitive Verb en dem Typ IV = (s/n) angehören, ist die einfachste Analyse für ein transitives Verb wie sehen, daß es dem Typ
III. Theorie der Satzsemantik
TV = IV/n angehört. (68a) zeigt zunächst, daß wir dann für Pronomina in Sub jekt- und Ob jektstelle einen verschiedenen Typ annehmen müssen: Wir können aus einem IV nur einen Satz machen, wenn das Sub jekt ein NP = (s/IV) ist. Weil ein Nominal wie nichts aus semantischen Gründen eb enfalls vom NP-Typ sein muß, muß sehen in (68b ) vom Typ IV/NP sein. In diesem speziellen Fall kann man die Argumente des Verb s einheitlich vom Typ NP ansetzen — ein Fall von Montagues „generalizing to the worst case“ (vgl. Ab schnitt 2.2). Schon b ei geringfügigen Stellungsvariationen versagt diese Strategie ab er. Man b etrachte dazu das folgende Beispiel:
Um diesen Satz herzuleiten, hab en wir dich neb en dem Typ n und dem Typ NP auch noch dem Typ IV/TV zugeordnet, der aus einem transitiven ein intransitives Verb macht; dich gehört also b ereits drei Typen an. Diese Typenmehrdeutigkeit ist alleine durch den Formalismus erzwungen: Es gib t weder empirisch-syntaktische noch semantische Gründe dafür. Unter der Annahme, daß das zuerst ab geb aute Argument des Verb s das Ob jekt, das zuletzt ab geb aute Argument das Sub jekt ist, können wir den folgenden Satz üb erhaupt nicht mehr in plausibler Weise herleiten: (70) Siehst du mich? Das klassische System ist also gegenüber Stellungsphänomenen recht unflexib el, und ist deswegen um weitere Regeln b ereichert worden, die wir in Ab schnitt 4.3 kennenlernen werden. Zunächst wollen wir uns ab er der Interpretation des Systems zuwenden. 4.2.2 Semantik Anders als das Montaguesche Typensystem unterscheidet die klassische kategoriale Syntax nicht zwischen extensionalen und intensionalen Typen. Die den Typen zugeordneten Denotate müssen deshalb entweder sämtlich Extensionen oder sämtlich Intensionen sein. Da eingeb ettete Sätze auf jeden Fall Propositionen denotieren und nichts dagegen spricht, daß auch nichteingeb ettete Sätze Propositionen denotieren, ist die zweite Alternative geb oten. Die folgende Definition b enutzt dieselb en Konventionen, wie Definition (40) aus 3.3.2. Wir setzen also für das Denotatensystem folgendes fest:
7. Syntax und Semantik
(71) a. Dn, E,W = E. b. Ds,E,W = Die Menge Funktionen von W in {0,1} c. DX/Y,E,W = Die Menge der Funktionen von DY,E,Win DX,E,W. Dn ist also Montagues De, und Dsist Montagues D〈s,t〉. Die Indizes E,W sind hier und im folgenden weggelassen. Was die Definition der Charaktere b etrifft, so spricht nichts dagegen, Montagues (b zw. Kaplans) Definition zu üb ernehmen, d. h. für jeden syntaktischen Typ X ist MXdie Menge der Funktionen aus der Menge der Kontexte in die entsprechende Denotatenmenge DX. Wenn γ eine Funktion ist, die den Grundausdrücken der kategorialen Sprache ein typengerechtes Denotat zuordnet, muß die rekursive Definition der von g ab hängigen Interpretation [[ ]]gfür alle Ausdrücke der kategorialen Sprache folgendermaßen aussehen: (72) a. Falls α ein Grundausdruck ist, dann ist [[α]]g = g(α). b. Falls α ein Ausdruck der Form βγ mit β vom Typ X/Y und γ vom Typ Y ist, dann gilt für einen beliebigen Kontext k: [[βγ]]g(k) = [[β]]g(k) angewandt auf [[γ]]g(k). Man kann diese Rekursion als Fregesche Interpretation (B,{G},g) auffassen (vgl. Definition 48). Dab ei ist g eine Funktion die jedem Grundausdruck einen Charakter des entsprechenden Typs zuordnet. G ist die Operation, die wir im Zusammenhang mit Kaplans Monsterverb ot kennengelernt hab en. (Die Operation G fällt üb rigens nicht unter Kaplans Monsterverb ot, da man sie in das Schema (34b *) b ringen kann: Sei χ1 ein Charakter vom Typ X/Y und χ2 einer vom Typ Y ist, dann ist G(χ1,χ2) = λk[χ1(k)(χ2(k))].) In B sind die Charaktere, die als g-Wert eines Grundausdrucks vorkommen, ferner ist B unter der Operation G abgeschlossen. Man sieht ohne weiteres, daß (72) eine gleichwertige Formulierung zu einer Fregeschen Interpretation ist: Der Rekursionsanfang, Bedingung (a), ist die Auflistung der Funktion g. Klausel (a) sagt, daß die Grundelemente der Trägermenge B der Bedeutungsalgeb ra durch Grundausdrücke b enannt werden. Klausel (b ) b esagt, daß die Menge B unter der Operation G ab geschlossen ist. Wir wollen im folgenden darauf verzichten, stets nachzuweisen, wie derartige Begriffsb ildungen in die Montaguesche Sprechweise üb ertragen werden können, sondern uns auf in-
123
haltliche Gesichtspunkte konzentrieren. Das erste, was wir b emerken, ist, daß in dieser Art von Semantik Kaplans Monsterverb ot direkt eingeb aut ist. Dies folgt aus der Definition der Charaktere vom Typ X/Y, wie sich der Leser üb erlegen möge. Von der Sache her ist ein solches Vorgehen ab er keineswegs notwendig. Es ist durchaus möglich, kategoriale Sprachen so zu deuten, daß Monster ausdrückb ar werden. Dieser Weg wird zum Beispiel in Cresswell (1973) b eschritten. Er definiert die Menge der Charaktere vom Typ X/Y dazu als die Menge der Funktionen, die einem Charakter vom Typ Y einen Charakter vom Typ X zuordnen. Legt man eine solche Ontologie zugrunde, kann man den in Ab schnitt 3.4.2.3 eingeführten Diagonaloperator A ohne weiteres als Funktor analysieren. (73) Sei Δ ein Symbol vom Typ n/n. g(Δ) ist der Charakter χ1 in Mn/n, so daß für einen beliebigen n-Charakter χ2 gilt: χ1(χ2)(k)(w) = χ2(kwk/w)(w), für beliebige k und w. Dies ist genau die Deutung, die wir in 3.4.2.3 diskutiert haben. Die Definition ist insofern instruktiv, als wieder einmal deutlich wird, daß eine Kompositionsregel wie die funktionale Applikation unab hängig von der zugrundeliegenden Ontologie wenig üb er die Einfachheit oder Kompliziertheit der semantischen Operation b esagt: Im gerade diskutierten Fall steckt die Kompliziertheit der Operation im Bedeutungsb egriff selb st: g(Δ) ist ja keineswegs ein Kaplanscher Charakter, d. h. eine Funktion von Kontexten in Denotate. Vielmehr ist g(Δ) eine Funktion, die aus einem Kaplanschen Charakter wieder einen Kaplanschen Charakter macht. Man kann sich darüb er streiten, ob man solche Funktionen noch Charaktere nennen soll. Als Terminus b ietet sich z. B. Cresswellscher Charakter oder monströser Charakter an. Die hier vorausgesetzte Semantik erlaub t es nicht, die Fregesche Vorstellung, daß Sätze (in einem Kontext) einen Wahrheitswert denotieren, zu rekonstruieren, wohl ab er den üb lichen Wahrheitsb egriff. Man legt dazu fest, daß der Satz α unter der Interpretatio n [[ ]] am Ko ntext k wahr ist, wenn die Proposition [[α]](k) in der Welt des Kontexts wkwahr ist. Es sind noch weitere Interpretationsvarianten möglich: Cresswell (1973) steckt alle Denotate — auch die funktionalen — in Dn, was zur Folge hat, daß die funktionalen Denotate partielle Funktionen sein müssen. Für die fol-
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gende Diskussion wollen wir jedoch eine stark vereinfachte Semantik voraussetzen: Wir ignorieren Kontextab hängigkeit und nehmen an, daß die Ausdrücke der kategorialen Sprache direkt durch Denotate gedeutet werden. 4.3 Verallgemeinerte Kategorialgrammatiken In der neueren Literatur wird mit verallgemeinerten Kategorialgrammatiken gearb eitet (vgl. z. B. Bach 1984, Ades & Steedman 1982, Szab olcsi 1987; eine umfassende Üb ersicht üb er linguistische Anwendungen findet sich in Bach, E., Oehrle, R. und Wheeler, D. 1987). Die Verallgemeinerungen b estehen darin, daß weitere Syntaxregeln zugelassen werden. Dies führt zu einer wesentlich größeren Flexib ilität des Formalismus. Praktisch sämtliche der heutzutage diskutierten Erweiterungen, insb esondere die sogenannte „Geach’sche Regel“, finden sich b ereits in Lamb eks (1958) „syntactic calculus“. Lamb ek skizziert für die wesentlichen Operationen auch eine extensionale Semantik. Der Fortschritt gegenüb er Lamb ek b esteht vor allem in der Erprob ung des Systems anhand von komplizierten Beispielen. In diesem Ab schnitt demonstrieren wir zunächst die Tragfähigkeit einiger möglicher Erweiterungen. Anschließend weisen wir auf gewisse theoretische Konsequenzen der Verallgemeinerungen hin: Plausib le Prinzipien führen dazu, daß die Regeln hoffnungslos „üb ergenerieren“, d. h. nichtgrammatische Sätze erzeugen, ohne daß zu sehen ist, wie dies durch „natürliche“ Beschränkungen des Formalismus verhindert werden könnte. Diese Konsequenzen machen es sehr zweifelhaft, ob verallgemeinerte Kategorialgrammatiken zur syntaktischen Analyse von natürlichen Sprachen geeignet sind. Der Formalismus scheint eher ein guter Kandidat zur Darstellung der „logischen Form“ zu sein, die noch flexib ler gestaltet werden kann als b ei Lewis (1970) oder Cresswell (1973). Die erste Erweiterung b esteht darin, daß neb en Funktorentypen der Form Y/X nun auch solche der Form X\Y mit der entsprechenden Syntaxregel zugelassen sind: (74) Linksapplikation (LA) X X\Y → Y Die Regel (62) des klassischen Modells wollen wir entsprechend „Rechtsapplikation“ (RA) nennen. Die Namen erinnern an die intendierte Interpretation, die in b eiden Fällen in der funktionalen Applikation der Bedeutung
III. Theorie der Satzsemantik
des Funktors auf die Bedeutung des Argumentes b esteht. Wir werden im folgenden nicht immer terminologisch zwischen den b eiden Regeln unterscheiden sondern zuweilen einfach von funktionaler Applikation (FA) sprechen. Mithilfe des erweiterten Formalismus ist die deutsche „Grundwortstellung“ einfach auszudrücken: (75)
weil
ich dich n n
sehe n\(n\s)
Eine wichtige Erweiterung b esteht in der Hinzunahme von Regeln der „funktionalen Komposition“ (Theorem i des Lambekkalküls): (76) Funktionalkomposition (FK) a. nach rechts: X/Y Y/Z → X/Z b. nach links: X\Y Y\Z → X\Z Die Namen ergeb en sich wieder aus der intendierten Deutung, die für (76 a) folgendermaßen aussieht: Einer Funktion f vom Typ X/Y und einer Funktion g vom Typ Y/Z wird die Funktion λx[f(g(x))] zugeordnet. Wir b enutzen hier und im folgenden fette Typen zur metasprachlichen Charakterisierung von Denotaten. Analog wird (76 b ) interpretiert. Es gib t einige weitere Varianten der Funktionalkomposition, z. B. X/Y Z\Y → Z\X, die sich mithilfe der unten eingeführten Regel AR herleiten lassen. Für das folgende wird eine eng mit der Funktionalkomposition verwandte Regel wichtig werden, die als Geach’sche Regel — eine historische Fehlattrib ution — b ekannt geworden ist (Theorem j des Lamb ekkalküls): (77) Typenexpansion (G wie Geach) X/Y → (X/Z)/(Y/Z) (analog für \). Die Kompositionsregeln und die Geach’sche Regel erhöhen die Ausdruckskraft des Systems b eträchtlich. Geach (1972) weist zunächst darauf hin, daß man die Negation als Satzoperator auffassen kann und sie trotzdem verschiedende Konstituenten negieren kann. Die von ihm diskutierten aristotelischen Beispiele sehen, auf das Deutsche üb ertragen, folgendermaßen aus:
7. Syntax und Semantik
(78b ) hat zwei Analysen: Einmal kann nicht die Konstituente jeder Mensch modifizieren. Dazu wird FKR angewendet. Das Resultat wird dann auf das IV angewendet. Das zweite Mal kann nicht das s jeder Mensch fliegt modifizieren. Dies geschieht mittels der Regel FAR. Die Analyse von (78a) und die erste Analyse von (78b ) kann man nun auch mithilfe der Geach’schen Regel nachspielen und erhält (79a) b zw. b (79 ):
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einschlägige Analyse angedeutet: Um einen Relativsatz wie who lo ves So krates oder that every Greek lo ves zu b ilden, muß lo ves So crates b zw. every Greek lo ves der Kategorie IV angehören. Das Relativwort macht dann daraus einen Satz. Für ein etwas komplizierteres Beispiel — das aus gutem Grund dem Englischen entnommen ist, da die b isherigen Methoden für das Deutsche noch nicht ausreichen — zeigen wir, wie lange Ab hängigkeiten mithilfe der Kompositionsregel FK analysiert werden:
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß ein so erweiterter Formalismus viele syntaktischen Amb iguitäten erzeugt. Zum Beispiel läßt sich (81) auch auf die folgende Weise analysieren: Die offensichtliche Parallelität der fraglichen Ab leitungen gib t den Hinweis, wie die Geach’sche Regel zu deuten ist. Das Denotat des Satzoperators nicht ist die Negation nicht’. Entsprechend muß in (79 a) das durch die Regel G gewonnene Negationsadverb vom Typ (s/n)/(s/n) die Bedeutung λPλx[nicht’(P(x))] hab en, wob ei P vom Typ (s/n) und x vom Typ s ist. Allgemein ordnet also die Geach’sche Regel einer Funktion f vom Typ X/Y die Funktion λgλxf(g(x)) zu, wob ei g vom Typ Y/Z und x vom Typ Z ist. Man üb erzeugt sich, daß die Deutung der b eiden Sätze die erwünschten Resultate liefert. Zum Beispiel liefert die Verb alnegation die Funktion λx[nicht’(fliegt’(x))], während die Nominalnegation die Funktion λP[nicht’(jeder Mensch’(P)) liefert. Die Deutung der Geach’schen Regel zeigt den erwähnten engen Zusammenhang mit der Funktionalkomposition: Regel G erzeugt in gewisser Weise diese Operation. Dies sieht man sofort anhand des Umstandes, daß sich FK aus G herleiten läßt:
Man kann also theoretisch ohne die Regel FK auskommen. Kompositionsregeln sind auch dazu b enutzt worden, um „lange Ab hängigkeiten“ wie z. B. W-Bewegung kategorial nachzuspielen (vgl. z. B. Szab olcsi 1987). Bereits in Geach (1972: 486) ist die
Diese syntaktischen Mehrdeutigkeiten, die kein semantisches Korrelat hab en, sind alleine durch den Formalismus erzeugt. Das Beispiel zeigt auch, daß die Kategorien nicht den üb lichen Konstituenten b egriff rekonstruieren: Nach gängigem Verständnis sind die Ketten yo u believe, yo u believe (that) Mary und you believe (that) Mary likes keine Konstituenten. Gegen diese Auffassung ist allerdings b ereits schon von Geach (1972) eingewandt worden, daß der Koordinationstest zeige, daß es sich doch um Konstituenten handele: a. you believe and I disbelieve that Otto likes Mary. b. you believe that Mary likes and Peter believes that Mary hates Emil. Wir wollen auf diese Prob lematik nicht eingehen, sondern nur darauf verweisen, daß man leicht verallgemeinerte Koordinationsregeln in die Kategorialgrammatik einführen kann, die solche Kategorien koordinieren. Bereits Lamb ek hat in der genannten Arb eit die einschlägigen Techniken vorgeführt. Sämtliche Theorien der verallgemeinerten Koordination (z. B. Geach 1972; von Stechow 1974; Keenan & Faltz 1978; Rooth & Partee 1982)
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sind letztlich in Lamb ek (1958) b ereits angelegt. Es sei an dieser Stelle auch darauf hingewiesen, daß man das im vorhergehende Ab schnitt angesprochene Prob lem der Mehrfachkategorisierung teilweise auf sehr elegante Weise durch die Regeln der Typenanhebung („type raising“) bewältigen kann: (83) Typenanhebung (TA) X → Y/(Y/X), X → Y/(X\Y), ... usw. für die verschiedenen Kombinationen von / und \. Für den Fall, daß Y = s ist, erhalten wir die „Montaguesche Sternoperation“, die folgendermaßen gedeutet wird: wenn α ein Denotat vom Typ X ist, dann ist das hochgestufte Denotat a* die Funktion λff(a), wob ei f vom Typ s/X ist. Zum Beispiel ist *Ede’ = λPP(Ede’), also gleich der Menge der Eigenschaften, die Ede hat. Man kann also Ede je nach Bedarf als n oder als NP mit geeigneten Schrägstrichen „im Inneren“ auffassen. Dasselb e gilt auch für Personalpronomen. (Die Regel X → Y/(X\Y) entspricht Theorem h des Lamb ekkalküls. Die Regel X → Y/(Y/X) ist im Originalkalkül nicht herleitb ar. Sie erweitert seine generative Kraft erheb lich, wie wir unten sehen werden.) Die Typenanheb ung können wir auch für Funktoren verallgemeinern, indem wir z. B. aus Verb en des Typs (s/n)/n solche des Typs (s/NP)/NP machen usw. In einer Sprache mit „freier“ Wortstellung wie dem Deutschen oder dem Lateinischen kann ein Funktor sowohl links als auch rechts von seinen Argumenten stehen. Man kann diese Stellungsfreiheit durch die folgende Äquivalenzregel formulieren: (84) Applikationsrichtungsänderung (AR) X/Y ↔ Y\X. Der Doppelpfeil b edeutet Ab leitb arkeit in b eiden Richtungen. Semantisch hat diese Regel keinen Effekt. Mithilfe von AR kann man z. B. aus Satz (85a) den Satz (85b ) herleiten:
Um Satz (70) — Siehst du mich? — herzuleiten, b enötigen wir eine Regel, welche die Argumente eines Funktors vertauscht. (86) Argumentvertauschung (AV) (X\Y)/Z ↔ X\(Y/Z) Die Deutung b esteht im Üb ergang von der
III. Theorie der Satzsemantik
Funktion λzλx[f(x)(z)] zu λxλz[f(x)(z)] bzw. umgekehrt. Die Herleitung von (70) — unter der Annahme, daß sehen die lexikalisch festgelegt Kategorie n\(n\s) hat — sieht nun folgendermaßen aus:
Man sieht ohne weiteres ein, daß diese Ab leitung das semantisch korrekte Resultat liefert: die Regel AR ändert an der Bedeutung nichts, die Regel AV vertauscht die b eiden Argumente der Relation sehen’ und sorgt so dafür, daß die Funktion zuerst auf das Sub jekt du’ angewandt werden kann. In der neueren Literatur wird ein weiteres Prinzip angenommen, das als Verbindung (connection) bekannt ist (vgl. Steedman 1987): (88) (X/Y)/Z Y/Z → X/Z (Con) Die Interpretation dieser Regel ist die folgende: Einer Funktion f vom Typ (X/Y)/Z und einer Funktion g vom Typ Y/Z wird die Funktion λx[f(x)(g(x))] zugeordnet. Eb enfalls Varianten der Verb indung sind offenb ar Regeln wie Z\(X/Y) Z\Y → Z\X, Y/Z (Y\X)/Z → X/Z oder Z\Y (Y\X)/Z → Z\X, die gleich gedeutet werden. Mit Hilfe der Verb indung lassen sich Konstruktionen mit sogenannten „parasitären Lücken“ (vgl. Engdahl 1980) korrekt analysieren:
Üb er die Kompositionsregel FK erhalten wir aus dem (IV\IV)/IV witho ut und dem IV/n reading zunächst das (IV\IV)/n witho ut reading, welches die Funktion λx[without’(reading’(x)] denotiert. Die Interpretation der Verb indungsregel sorgt dafür, daß file witho ut reading die Funktion λy[(λx[without’(reading’(x)](y))(file’(y))], d. h. λy[without’ (reading’(y))(file’(y))] denotiert. Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß man Bindung „variab lenfrei“ nachspielen kann. Man b etrachte zunächst ein Reflexivpronomen:
sich macht aus einer zweistelligen Relation eine einstellige, indem sie die b eiden Argu-
7. Syntax und Semantik
mente der Relation identifiziert, d. h. sich’ ist die Funktion λf(λx[f(x)(x)]). Damit ist Satz (90) offenb ar korrekt gedeutet. Die Interpretation läßt sich für n-stellige Relationen verallgemeinern (vgl. von Stechow 1979a). Auf die Möglichkeit, Reflexivpronomina auf diese Weise zu deuten, wurde erstmals in Quine (1960) hingewiesen (vgl. auch Geach 1972, von Stechow 1979a und Szab olcsi 1987). In Quines Arb eit ist eb enfalls dargelegt, wie man in der skizzierten Weise geb undene Varia b len grundsätzlich eliminieren kann. Letztlich handelt es sich um nichts anderes als um eine Anwendung der Verfahren der komb inatorischen Logik (vgl. Schönfinkel 1924). Dementsprechend kann man ein geb undenes Personalpronomen wie ein Reflexivum interpretieren (vgl. Szab olcsi 1987):
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Beispiel:
Um die Reihenfolge von Funktor und Argument zu vertauschen, müssen wir Ede nur zum Typ s/(s/n) anheb en. Wir erhalten so:
Betrachten wir nun einen Satz, in dem der Funktor ein Nominal qua lexikalischer Eintrag ist:
Um die umgekehrte Reihenfolge zu erhalten, heb en wir die Verb phrase einfach zu s/(s/(s/n)) an und erhalten: er’ ist hier ein Operator, der aus einer Funktion f vom Typ IV/s die Funktion λgλx[f(g(x))(x)] macht, die vom Typ IV/IV ist. er’ ordnet der Funktion hofft’ also die Funktion λgλx[hofft’(g(x))(x)] zu. Wenn man diese auf gewinnt’ anwendet, erhält man λx[hofft’(gewinnt’(x))(x)]. Wendet man jeder’ darauf an, so erhält man offenb ar eine Lesart, b ei der das Sub jekt des eingeb etteten Satzes durch den Quantor gebunden ist. Möglichkeiten wie diese hab en eine Reihe von Forschern (z. B. Lamb ek 1958; Geach 1970; Ballmer 1975; Ades & Steedman 1982; Bach et al. 1987; Szab olcsi 1987) so fasziniert, daß sie die These vertreten hab en, man solle verallgemeinerte Kategorialgrammatiken direkt zur Analyse natürlicher Sprachen b enutzen. Diese Ansicht ist ab er fragwürdig, weil b ereits Systeme, mit wesentlich weniger Regeln als den hier vorgeführten, so stark sind, daß der folgende Permutationssatz gilt (van Benthem 1984a): (92) Gegeben sei ein System, das nur die Regeln der Rechtsapplikation (RA), der Typenanhebung (TA) und die Geach’sche Regel (G) benutzt. Dann gilt: Wenn die Folge von Ausdrücken x vom Typ X ist, dann ist jede Permutation von x vom Typ X. Bevor wir diesen Satz zeigen und seine Implikationen für die Grammatiktheorie diskutieren, wollen wir an zwei Beispielen ein Gefühl für die komb inatorische Vielfalt des Systems erwecken. Zum Beispiel läßt sich das Prinzip AR, also die Änderung der Applikationsrichtung, direkt aus der Typenanheb ung herleiten. Man b etrachte dazu das folgende
In einem System, das die Regel TA kennt — ein für alle Kategorialgrammatiker unverzichtb ares Prinzip — ist also die Regel AR redundant, d. h., Funktor und Argument lassen sich immer vertauschen. Daß eine typenexpandierende Regel wie TA als eine „Bewegungsregel“ aufgefaßt werden kann, macht man sich am b esten folgendermaßen klar. Einen Funktor der Gestalt X/Y kann man sich als eine Struktur vom Typ X vorstellen, in der ein Y fehlt. Zum Beispiel kann man sich das Wort träumt als ein s mit fehlendem Sub jekt n, hier als tn dargestellt, denken:
Ein zu einem Nominal (s/(s/n)) angehob enes Nomen, sagen wir, Irene, kann man sich aus dieser Lücke „herausb ewegt“ vorstellen (die syntaktische Kürzung erfolgt hier nach ob en):
Mit anderen Worten, die Anheb ung von n zu s/(s/n) kann gelesen werden „Verlangt rechts einen Satz, in dem ein n fehlt“. Und die Se-
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III. Theorie der Satzsemantik
mantik der Typenanheb ung stellt sicher, daß dies äquivalent mit der Auffassung ist, daß das Nominal gerade das fehlende n ist. Dies b edeutet ab er, daß man es sich als „herausb ewegt“ vorstellen kann. Natürlich ist die „Lücke“ tn keine theoretische Einheit der Ka-
tegorialgrammatik — im Gegensatz zur generativen Grammatik (vgl. Ab schnitt 5). Die Üb erlegungen dienen hier der Anschaulichkeit. Das andere strukturauf b auende Prinzip, welches van Benthems Permutationstheorem
voraussetzt, ist die Geach’sche Regel. Machen wir uns an einem Beispiel klar, daß auch diese „Bewegungen“ b ewirkt. Man b etrachte das folgende Beispiel, wob ei man sich nicht an der Wortordnung stören möge:
(93), denn die Permutationen einer Folge lassen sich stets durch geeignete Vertauschung von benachbarten Gliedern erreichen. Um den ersten Teil zu zeigen, genügt der Nachweis, daß sich eine Folge (X/Y)/Z, Z, Y vo n rechts kürzen läßt. Man b etrachte dazu die Ableitung (101): Um zu verstehen, wie man zu dieser Ableitung gelangt ist, arb eiten wir wieder mit der Bewegungsmetapher. Betrachten wir zunächst den Baum, der die Ausgangskette nur mithilfe der Rechtsapplikation kürzt:
(99)
scheint s/s
(zu träumen) s/n
Irene n
Diese Folge kürzt sich zu s. Mithilfe der Geach’schen Regel kann man nun Irene an den Anfang „b ewegen“, wie die folgende Struktur zeigt.
Man kann die Regel G als einen Mechanismus ansehen, der es gestattet, die n-Lücke an den höheren s-Knoten zu vererb en. Dort kann sie dann durch das äußerste Nominal „gesättigt“ werden. Diese Üb erlegungen sollten ein Gefühl für die gewaltige komb inatorische Kraft erzeugt hab en, die dem System innewohnt, so daß wir uns nun dem Beweis des Permutationssatzes (92) zuwenden können. Der Beweis vollzieht sich in zwei Schritten (vgl. van Benthem 1984a: 74 f.): Zuerst wird gezeigt, daß sich jeder kategoriale Baum einer Grammatik, die den in (93) genannten Voraussetzungen genügt (d. h. nur AR, TA und G als Regeln hat), in einen lediglich nach rechts verzweigenden Baum „transformieren“ läßt. Im zweiten Schritt wird gezeigt, daß sich b elieb ige Endknoten eines solchen Baumes vertauschen lassen, ohne daß sich am Endresultat etwas ändert. Daraus folgt sofort Satz
Wie wir sehen, ist die Folge (X/Y)/Z, Z ein X/Y. Stellen wir uns nun den Funktor (X/Y)/Z aus dieser Folge „herausb ewegt“ vor und notieren wir die Lücke „unter dem Strich“, so ist die Folge t, Z ein (X/Y)/ ((X/Y)/Z). Das ist die Kategorie, die wir unter Z in der zweiten Zeile der Ab leitung sehen. t steht hier wieder als mnemotechnisches Symb ol für die ((X/Y)/Z)-Lücke. Eb enso können wir Y als ein X mit fehlendem Funktor X/Y auffassen. Mit unter dem Strich notierter X/ Y-Lücke erhalten wir so ein X/(X/Y). Dies ist die Kategorie, die wir unter Y in der zweiten Zeile des Beweises finden. Die zweite Zeile kodiert also, daß der jeweils linke Funktor fehlt: Z würde vom Knoten X/Y dominiert, hätte man (X/Y)/Z darauf angewandt, Y würde vom Knoten X dominiert, hätte man den fehlenden Funktor X/Y darauf angewandt. Schaut man sich die dritte Zeile der Ab leitung an, dann sieht man, daß man die b eiden rechten Glieder (X/Y)/a, X/(X/Y) mithilfe der Funktionalkomposition FK zu X/a zusammenfassen kann, vorausgesetzt, man kann ihre Reihenfolge vertauschen. Dieses
7. Syntax und Semantik
Ziel wird in den nächsten vier Zeilen erreicht, wob ei Geach’s Regel zur Herleitung von FK b enutzt wird, wie ob en b eschrieb en, und die Vertauschung durch TA simuliert wird, was auch b ereits diskutiert wurde. Die folgenden b eiden Zeilen vertauschen wieder Funktor und Argument. Jede Ab leitung läßt sich also in einen nur nach rechts verzweigenden Baum b ringen. Dieses Normalformtheorem ist der erste Teil des Beweises. Als nächsten Schritt üb erlegen wir, daß wir b elieb ige Glieder an—2, an—1 eines solchen Ab leitungsb aumes vertauschen können, ohne daß sich etwas am Gesamtresultat der Kürzung ändert.
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same Lesart: (106) a. Die Mutter riet der Tochter, dem Vater zu schmeicheln b. Die Mutter riet dem Vater, der Tochter zu schmeicheln Die b eiden Sätze sind ab er auf keinen Fall synonym. Verallgemeinerte Kategorialgrammatiken erzeugen also in aller Regel unerwünschte Lesarten. Das Prob lem ist in unterschiedlichen Varianten in von Stechow (1979 a), Zimmermann (1986) und van Benthem (1987) angesprochen worden. Der Anything-goes-Eindruck wird erhärtet durch ein zweites Theorem von van Benthem (1984 a), das folgendermaßen lautet: (107) Ein Paar von zwei beliebigen Kategorien X,Y lassen sich stets zu einer Kategorie Z kürzen. Der
Betrachte zum Beweis die folgende Ab leitung mit vertauschten Positionen von an—2 und an—1:
Damit ist van Benthems Permutationstheorem vollständig ab gehandelt. Kommen wir also auf die Konsequenzen des Satzes für die linguistische Theorieb ildung zu sprechen. Sie sind nach Meinung des Verfassers schwerwiegend: Das Theorem b einhaltet, daß die wohlgeformten Ausdrücke einer natürlichen Sprache unter Permutation ab geschlossen sind — b ei Erhaltung der Wohlgeformtheit! Demnach wäre b eispielsweise mit (105a) auch (105b) wohlgeformt. (105) a. Die Maus pfeift ein Lied b. Maus pfeift ein Lied die Mit einem solchen Wohlgeformtheitsb egriff können die Grammatiker ab er nichts anfangen. Hinzukommt, daß die Regeln TA und G die Bedeutung nicht verändern. So hätten z. B. die Sätze (106a) und (106b ), die in der Permutationsb eziehung stehen, eine gemein-
Beweis
sieht
folgendermaßen
aus:
TA, für beliebiges Z Y Z/(Z/Y) (Z/X)/((Z/Y)/X) Geach (Z/X)/a Geach, mit a = ((Z/Y)/X) RA Aus dem Kürzungstheorem (108) folgt sofort, daß es für jede b elieb ige Folge von Kategorien eine Kategorie gib t, zu der sie sich kürzen läßt. Mit anderen Worten, jede b elieb ige Wortfolge ist eine Konstituente. Diese Aussagen zeigen, daß verallgemeinerte Kategorialgrammatiken in der vorliegenden Form zu stark sind und b eschränkt werden müßten. Es ist ab er nicht zu sehen, wie plausi b le Beschränkungen aussehen könnten. Man b edenke, daß die Voraussetzungen für das Permutationstheorem äußerst plausib le Prinzipien sind: die Rechtsapplikation ist notwendig, die Geach’sche Regel — die eine querkategoriale Behandlung z. B. der Negation erlaub t — ist der Stolz der Kategorialgrammatiker, und die Typenanheb ung ist zumindest dem Montaguegrammatiker heilig. Da man offenb ar keine dieser Regeln aufgeb en kann, müssen sie in ihrer Glob alität eingeschränkt werden. Es liegt nicht auf der Hand, wie solche Beschränkungen inhärent mit den Mitteln der Kategorialgrammatik formuliert werden können. Es steht vielmehr zu erwarten, daß die Restriktionen „von außen“ an den Formalismus herangetragen werden, durch Merkmale, welche die üb lichen in der generativen Grammatik erarb eiteten Restriktionen in komplexen Kategorien kodieren. Ein solches Verfahren hat mit dem Formalismus der Kategorialgrammatik offen-
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III. Theorie der Satzsemantik
b ar nichts zu tun. Die dab ei einschlägigen Gesetzmäßigkeiten sind prinzipiell anderer Art. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß sämtliche Restriktionen am Ende vielleicht technisch in einer Kategorialgrammatik mit komplexen Kategorien formuliert werden können. Dies gilt analog für die verallgemeinerten Kategorialgrammatiken und selb stverständlich auch für kontextfreie Grammatiken in komplexer Notation (vgl. z. B. Kratzer et alii 1973, Gazdar et al. 1985); vgl. auch Ruttenb erg (1976) und von Stechows (1979 a) Kritik an Cresswells Intention, Wortstellungsprob leme durch λ-Konversion zu b ehandeln (vgl. dazu Artikel 8: Abschnitt 5). Wir wollen hier die Frage offenlassen, ob die genannten Schwierigkeiten durch geeignete kategorialgrammatische Beschränkungen prinzipiell b eheb b ar sind. Was man von der kategorialen Grammatik auf jeden Fall lernen kann, ist das folgende: Es läßt sich wesentlich mehr „lokal“ interpretieren, als sich die Theoretiker träumen lassen, die nur die Prädikatenlogik der ersten Stufe im Kopf haben, die weithin übliche „GB-Position“. Betrachte als erstes Skopusmehrdeutigkeiten. Um eine Quantorenphrase mit einem Verb zu komb inieren, muß man sie nicht unb edingt in der logischen Form b ewegen. Zum Beispiel kann man die starke Lesart von (109 a) — die als (109 b ) wiedergegeb en wird —, so erklären, daß man zuerst das Sub jekt mit dem Verb durch Funktionalkomposition komb iniert und dann das Ob jekt auf das Resultat anwendet:
Es ist wichtig, daß das Verb als (s/n)/n kategorisiert wird. Würde man die Kategorie mit angehob enem Ob jekt (s/n)/NP wählen, käme
APPL ist ein Operator, der aus dem sitiven fliegen das transitive mit (hilfe) macht, wob ei die Interlinearversion mitfliegen Flügel(Akkusativ)“ dasselb
intranfliegen „Vögel e b e-
kein Skopuseffekt zustande. Eine Analyse dieser Art ist in Levin (1982) vorgeschlagen worden. Die Analyse liefert dasselb e Resultat wie die im nächsten Ab schnitt diskutierte Bewegungsanalyse der GB-Theorie. Wir lassen das Prob lem offen, nach welchen Kriterien man zwischen den b eiden Ansätzen gegeb enenfalls zu wählen hat. Auch geb undene Pronomina müssen in dieser Theorie nicht unb edingt als geb undene Variab len im Sinne der Prädikatenlogik interpretiert werden. Für die Deutung von agglutinierenden Sprachen, die z. B. Reflexivaffixe hab e, ist die ob en skizzierte Analyse (90) der Reflexivierung durchaus plausib el. Wir können uns dies anhand des Kompositums Selbstbeherrschung klarmachen Unter der Voraussetzung, daß selbst vom Typ (s/n)/((s/n)/n) ist und die Bedeutung selbst’ = λfλx[f(x)(x)] hat, kann man die Komposition selbst + beherrsch analysieren als selbst’(beherrsch’) = λx[beherrsch’(x)(x)]. Ferner lassen sich kausativierte komplexe Verben, wie zum Beispiel das japanische tabe + sase „essen machen“ als Funktionalkomposition der b eiden Verb en analysieren. Wir nehmen dazu an, daß das (n\s) tabe die Bedeutung essen’ hat, während das Kausativverb sase, das vom Typ s\(n\s) ist, die Bedeutung cause’ hat. Die Komposition dieser b eiden Funktionen ergi b t die Funktion λyλx[cause’(essen’(x))(y)], die vom Typ des transitiven Verb s, also ein n\(n\s) ist. Man sieht an dieser Analyse, daß man keineswegs verlangen muß, daß sase in der Syntax einen Satz einb ettet. Der propositionseinb ettende Effekt wird semantisch nachgespielt: essen’(x) gehört zwar dem semantischen Typ s an, man darf ab er nicht vergessen, daß es sich dab ei um einen Ausdruck der Metasprache handelt, der keine syntaktische Entsprechung hat. Auch das sogenannte Applikativ kann man kategorialgrammatisch leicht nachspielen. Die folgenden Beispiele des Chichewa illustrieren das Phänomen (zitiert nach Baker 1988: 69):
deutet, wie „Vögel fliegen mit Flügeln“. Kategorialgrammatisch wird eine Präposition wie mit als ein (IV/IV)/n klassifiziert. Demnach hat (110a) die folgende kategoriale Struktur:
7. Syntax und Semantik
Die Applikativkonstruktion (110 b ) läßt sich nun folgendermaßen analysieren:
Als einziges Zusatzprinzip b enötigen wir die folgende Lückenvererbungsregel: (113) (IV/IV)/n IV → IV/n welche durch die Operation λfλgλx[f(x)(g)] gedeutet wird, wob ei f vom Typ (IV/IV)/n und g vom Typ IV ist. Man kann sich leicht überlegen, daß (111) und (112) synonym sind. Diese Üb erlegungen zeigen, daß die Prinzipien der verallgemeinerten Kategorialgrammatik b esonders für die Interpretation von morphologisch komplexen Wörtern geeignet sind. Für die Anwendung der Funktionalkomposition in der Morphologie hab en z. B. Bach (1984) und Di Sciullo und Williams (1987) plädiert. Für eine lexikalische Behandlung der deutschen Applikativverb en plädiert Wunderlich (1987). Ich b in allerdings nicht sicher, ob sein Vorschlag auf die hier vorgeschlagene Analyse hinausläuft. Einen zu den genannten Autoren völlig entgegengesetzten Standpunkt nimmt Baker (1988) ein, der (110b ) aus (110a) syntaktisch herleitet, indem die Präposition üb er Bewegung in das Verb inkorporiert wird. Das vorsichtige Fazit der Diskussion dieses Ab schnittes ist, daß Kategorialgrammatiken wohl nicht so sehr die syntaktische Struktur natürlicher Sprachen rekonstruieren, sondern eher die semantischen Operationen widerspiegeln, die wir b ei der Interpretation durchführen. Der Eindruck, daß die kategoriale Struktur mit der syntaktischen Struktur gleichzusetzen ist, rührt vermutlich daher, daß syntaktische und kategoriale Struktur oft parallel verlaufen. Wir kommen auf diesen Punkt in Abschnitt 6 noch einmal zu sprechen.
5.
Generative Grammatik
5.1 Vorbemerkungen Die generative Grammatik hat eine lange Geschichte, in der verschiedene Modelle vorge-
131
schlagen wurden (vgl. Newmeyer 1980 und 1983). Wir diskutieren hier das sogenannte GB-Modell, eine Bezeichnung, die von dem Buch Lectures o n Go vernment and Binding (Chomsky 1981) herrührt. Für dieses Modell gib t es keine verb indliche semantische Theorie, sondern lediglich systematische Hinweise, an welchen Stellen die Semantik anzuschließen ist. Kennzeichnend für die Haltung vieler Theoretiker dieser Richtung ist das folgende Zitat aus Riemsdijk & Williams (1986: 177): „Ab out semantics, too little is known, to speak with any assurance.“ Die folgenden Bemerkungen üb er den Ort der Semantik in der GB-Theorie hab en deshalb teilweise einen spekulativen Charakter. In unserer Darstellung verzichten wir darauf, die recht komplexe GB-Theorie detailliert einzuführen. Uns interessiert diese Grammatikkonzeption lediglich unter dem Gesichtpunkt, was sie für das Verhältnis von Syntax und Semantik impliziert. Insb esondere werden wir uns in dem zusammenfassenden Ab schnitt 6 mit dem folgenden Prob lem b eschäftigen: Muß das Verfahren von Montagues UG, welches syntaktische Regeln durch semantische Operationen interpretiert, für eine Theorie ausscheiden, in der es üb erhaupt keine Syntaxregeln im b isher eingeführten Sinne gibt? 5.2 Das GB-Modell Die GB-Theorie — oder zumindest eine Version derselb en — ist ein Eb enenmodell, das folgende Eb enen der syntaktischen Repräsentation annimmt.
Die D-Struktur kodiert die Funktor-Argument-Relation: Sie stellt die Konfigurationen zur Verfügung, in denen die Argumente eines Funktors in einer kanonischen Konfiguration zum Funktor stehen (vgl. Abschn. 5.3). Auf der Eb ene der S-Struktur kann ein Argument oder ein Funktor „b ewegt“ worden sein, und zwar durch die Regel Bewege-α. Diese Struktur b ildet die Eingab e für die phonologischen Regeln einerseits, welche die „phonetische Form“ (P-Struktur) aufb auen, und für die Interpretationsregeln, welche die
132
III. Theorie der Satzsemantik
„logische Form“ (LF) erzeugen. Die logische Form b ildet die Eingab e zur eigentlichen Semantik. Wir machen uns die Organisation an einem klassischen Beispiel, der Chomskyschen Analyse der Passivkonstruktion, klar.
Auf der D-Struktur wird der Passivsatz John was arrested mit Jo hn als direktem Ob jekt der VP konstruiert. Das Sub jekt des Satzes ist leer, symb olisiert als e („empty“). Die Regel Bewege-α b ewegt dieses Nominal an die Sub jektstelle und hinterläßt eine koindizierte „Spur“ ti. Diese Struktur ist der Input für die semantische Interpretation. Die Idee, die hinter diesem Vorgehen steht, ist die folgende: Auf der S-Struktur kann ein Argument sehr weit von seinem Funktor wegb ewegt sein. Die b ei der Bewegung hinterlassenen Spuren erlaub en es, seinen Funktor „wiederzufinden“. Die Spuren kodieren also die Ab leitungsgeschichte eines Satzes. Im Falle des ob igen Beispiels ist noch die Nähe von Argument und Funktor gegeb en. In den folgenden Beispielen ist ab er „zyklisch“ b ewegt worden, was zu einer größeren Distanz zwischen Argument und Funktor führt: (116) a. [S Johniseems [Sti’ to have been arrested ti]] b. [S Johni is believed [Sti’ to have been arrested ti]] Bei den b isherigen Beispielen handelt es sich um eine sogenannte NP-Bewegung, die unter anderem dadurch gekennzeichnet ist, daß aus einer „Argumentposition“ in eine „Argumentposition“ b ewegt worden ist. Wir verzichten auf eine allgemeine Definition des Begriffs „Argumentposition“. Für die Zwecke dieser Darstellung genügt es zu wissen, daß das Sub jekt eines Satzes, ferner die Ob jektpositionen des Verb s Argumentpositionen sind, also die Positionen NP1, NP2 und NP3 in der folgenden Struktur für das Englische: (117) [S NP1 [VP [V’ V NP2] NP3]] Auf ähnliche Weise wird die sogenannte WBewegung geregelt, die sich von der NP-Bewegung unter anderem dadurch unterscheidet, daß immer nur in eine „Nicht-ArgumentPosition“, eine satzperiphere Position, b ewegt werden darf. Ein Beispiel dafür ist die folgende b A leitung:
Hier ist who zyklisch zuerst an die periphere (sog. COMP-)Position des untergeordneten Satzes und dann an die periphere Position des üb ergeordneten Satzes b ewegt worden. (Auf die Eigenart der do-Bewegung gehen wir nicht ein.) NP-Bewegung und W-Bewegung hab en syntaktisch recht verschiedene Eigenschaften. NP-Bewegung ist, was die Reichweite b etrifft, ein wesentlich restriktiverer Prozeß. Eb enfalls hab en NP-Spuren und W-Spuren verschiedene distrib utionelle Eigenschaften. Diese Details interessieren in diesem Zusammenhang ab er nicht (vgl. dazu Chomsky 1981). Wir wollen für die folgende Diskussion lediglich voraussetzen, daß die Syntax Repräsentationen dieser Art liefert. Wir b etrachten nun noch ein Beispiel für eine Konstruktionsregel, welche logische Formen aufb aut. Es handelt sich um die Regel der Quantorenanhebung (QR), die b ereits in Ab schnitt 2.4 als Q erwähnt worden ist (vgl. dazu May 1977). Diese Regel b esagt, daß man eine NP an eine satzperiphere Position unter Hinterlassung einer koindizierten Spur b ewegen darf. Zum Beispiel kann man aus (119a) die b eiden LFs (119 b ) und (119 c) herleiten: (119) a. [S every man [VP loves a woman]] b. [S every mani [S a womanj [Sti [VP loves tj]]]] c. [S a womanj [S every mani [Sti [VP loves tj]]]] Die Idee ist natürlich, daß durch die b eiden LFs die Skopusamb iguität der S-Struktur (119 a) rekonstruiert wird. Bevor wir uns Gedanken üb er die Interpretation der Theorie machen, wollen wir auf zwei wichtige Punkte hinweisen: 1. Die Konstruktion dieser Repräsentationen unterliegt strengen syntaktischen Restriktionen, welche die Üb ergenerierung verhindern, die wir für die verallgemeinerten Kategorialgrammatiken konstatiert haben. 2. Die syntaktischen Kategorien NP, VP usw. sind „autonom“ motiviert. Sie kommen dadurch zustande, daß morphologische Merkmale des „Kopfes“ projiziert werden. Eine NP hat die morphologischen Merkmale des N-Kopfes, eine VP die Merkmale des VKopfes usw. Auf das Schema, welches diese Projektion leistet, das sogenannte X-barSchema, wird in Ab schnitt 6 kurz eingegangen (vgl. dazu Chomsky 1970 und 1981). Seman-
7. Syntax und Semantik
tische Gesichtspunkte spielen für die Projektion keine Rolle. Beide Punkte illustrieren, was in Ab schnitt 2.2 „Autonomie der Syntax“ genannt wurde. 5.3 Interpretation Setzen wir einmal voraus, daß die semantische Interpretation der Komb ination von Funktor und Argumenten typengesteuert funktioniert — wob ei neb en der Funktionalapplikation auch die üb rigen Interpretationsprinzipien der verallgemeinerten Kategorialgrammatik einschlägig sind — dann interessiert vor allem die Deutung von Bewege-α, der wesentlichen Transformationsregel, welche die Eb enen des Modells verb indet. In Artikel 8, Ab schnitt 5, wird gezeigt, daß man Bewegung stets durch λ-Ab straktion nachspielen kann. Wird eine Quantorenphrase vom Typ s/(s/n) b ewegt, gib t es zwei Möglichkeiten: Ab strahiert man üb er eine Variab le vom Typ s/(s/n), kommt kein Skopuseffekt zustande; die Interpretation liefert dann dasselb e Ergeb nis, als wäre die Phrase nicht b ewegt worden. Dieser Fall entspricht der sogenannten λ-Konversion (vgl. Art. 8). Ab strahiert man dagegen üb er eine Variab le vom Typ n, kommt ein Skopuseffekt zustande (analog zum Hineinquantifizieren, das wir in Ab schnitt 2.4 kennengelernt hab en). Bewege-α kann grundätzlich auf b eide Arten interpretiert werden. Die Idee, Bewegung als λ-Ab straktion zu interpretieren, findet sich b ereits in der verallgemeinerten Phrasenstrukturgrammatik von Gazdar et alii (1985). Allerdings sagt diese Theorie nichts zu Skopuseffekten, d. h., nur die erste der geschilderten Optionen wird betrachtet. Mit der Interpretation der Bewegung ist der entscheidende Teil einer Semantik für die GB-Theorie geliefert. Es gib t dann noch rein syntaktische Prinzipien (Bindungstheorie, ECP), die eine Konstruktion eventuell als nicht wohlgeformt ausweisen, die ab er mit Semantik im eigentlichen Sinne des Wortes nichts zu tun hab en und die deshalb hier nicht b ehandelt werden müssen. Die Bindungstheorie wird in Artikel 23 „Pronouns“ b ehandelt; das ECP ist z. B. in von Stechow & Sternefeld 1988, Kap. 8 ausführlich diskutiert. Eine entscheidende Schnittstelle zwischen Syntax und Semantik ist durch das sogenannte ThetaKriterium gegeb en, auf das wir in Ab schnitt 5.4 eingehen werden. Wir b etrachten zunächst die Interpretation einer LF wie (119 b), hier wiederholt als (120): (120) [S every mani [S a womanj [S ti [VP loves tj]]]] Den b eiden Spuren ti und tj entsprechen die
133
Individuenvariab len xi und xj respektive, die durch die b eiden Quantorenphrasen im Stil von Montague geb unden werden. Dies führt zur folgenden Deutung: (121) jeder Mann’(λxi [eine Frau’(λxj [liebt’ (xj,xi)])]) Anheb ungskonstruktionen wie die unter (116) genannten stellen uns vor etwas andere Prob leme. Man richte sein Augenmerk etwa auf (116 a), hier wiederholt als (122a). Eine angemessene Interpretation ist (122b): (122) a. [S Johni seems [Sti to have been arrested ti]] b. scheint’((∃x)(verhaftet’(x, John’)) Man erhält diese Deutung, wenn man John an seine D-Position zurückb ewegt und den Passivoperator als Existenzquantor, der das Sub jekt ab b indet, interpretiert. Die Ausführungen motivieren die folgende Semantik für Bewege-α: (123) Deutung von Bewege-α [YPi XP]’ = λyiXP’(YP’), falls yi vom YP-Typ ist, = YP’(λyiXP’), falls yi von dem niedrigeren Typ ist, aus dem der YP-Typ durch Typenanhebung entsteht. Mit α’ b ezeichnen wir den semantischen Wert der Konstruktion α. Wie im Kapitel üb er Kategorialgrammatik b enutzen wir für metasprachliche Zeichen fette Buchstab en mit Apostroph am Wort- oder Phrasenende. Die erste Interpretation von Bewege-a nennen wir skopusneutral, die zweite skopusbildend. Wir setzen ferner voraus, daß alle Spuren durch Variablen interpretiert werden: (124) Spurendeutung ti’ = xi, wobei xi entweder vom Typ der Spur ti, d. h. der bewegten Phrase ist, oder von dem niedrigeren Typ, aus welchem der ti-Typ durch Typenanhebung entsteht. Wir erläutern die Interpretationsregeln nun an einem Beispiel. (125) a. [S a unicorni seems [S ti to be in the garden]] b. ein Einhorn’ (λxi scheint’ (im Garten’ (xi)) c. scheint’(ein Einhorn’(im Garten’)) Die transparente Lesart, welche die Existenz eines Einhorns impliziert, erhalten wir, indem wir die Spur ti durch eine Variab le vom Typ
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n interpretieren, die opake Lesart rekonstruieren wird, indem wir die Spur durch eine Variab le vom Typ s/(s/n) deuten. Dazu die beiden Interpretationen in (126), siehe unten. Nehmen wir uns als nächstes die Interpretation der Anhe b ungskonstruktion (122a) vor, wob ei wir die folgende Semantik für den Passivoperator been voraussetzen: (127) been’(VP’) = ∃xVP’(x), wobei VP’ die einstellige Eigenschaft ist, die durch die VP ausgedrückt wird, die unter been eingebettet ist). Wenn wir das Tempus vernachlässigen, ergib t diese Passivsemantik als Bedeutung für die VP been arrested ti die Proposition (∃x)[verhaftet’(x,xi)]. Wir nehmen dab ei an, daß verhaftet’ vom Typ (s/n)/n und John’ vom Typ n ist. Aufgrund dieser Voraussetzungen drückt dann (122a) tatsächlich die gewünschte Proposition (122b ) aus, wie die Rechnung in (128) zeigt. Die Interpretation des Passivs wird prob lemlos mit Passiviterationen wie Jo hn is believed to have been arrested fertig, wie sich der Leser üb erlegen möge. Allerdings gib t es an einer anderen Stelle Schwierigkeiten: Die Interpretation von Bewege-α nimmt an, daß jede NP „zurückb ewegt“ werden kann. Diese Annahme führt im Verb und mit der Passivregel zu unerwünschten Resultaten. Zum Beispiel wird für Satz (129a) neb en der erwünschten Lesart (129b ) auch die abwegige Lesart (129 c) vorausgesagt, b ei der nobody’ im Skopus des indefiniten Subjekts ist.
III. Theorie der Satzsemantik
(129) a. Nobodyi was arrestet ti b. nobody(λxi(∃x)[arrest*(x,xi)]) c. (∃x)[arrest*(x,nobody)] Wir lassen offen, wie dieses Problem zu lösen ist (vgl. dazu Partee 1984). Die Analyse (129 b ) setzt üb rigens voraus, daß arrest* vom Typ (s/n)/NP ist. Wir hab en im vorhergehenden Ab schnitt b ereits darauf hingewiesen, daß man die Argumente eines Funktors immer durch eine geeignete Operation hochstufen kann. Für das vorliegende Beispiel sähe diese Hochstufung folgendermaßen aus: arrest* = λPλxP(λy[arrest’(x,y)]). Diese Operation ändert an der Bedeutung und den Skopusverhältnissen bü erhaupt nichts. Deswegen wollen wir im folgenden die verschiedenen semantischen Typen von Verben nicht unterscheiden. Wir kommen nun zur Interpretation von Strukturen mit W-Bewegung. Die folgende Konstruktion ist eine Wiederholung von (118S). (130) [CPwhoi do [S you believe [CPti’ [S Mary likes ti]]]] Statt S’ hab en wir diesmal CP geschrieb en („COMP-Phrase“), um nicht mit der hier verwendeten semantischen Terminologie in Konflikt zu kommen, nach der S’ die Bedeutung eines Satzes ist. Eine in erster Approximation vernünftige Deutung von (130) ist die Eigenschaft (131) λx[Person’(x) & glaubst’ (du’, mag’ (Mary’,x))]. Wir erhalten diese Bedeutung mithilfe der folgenden Annahmen.
7. Syntax und Semantik
(132) Die Bedeutung von whoi ist die Funktion λP(Person’(xi) & P(xi)), wobei P vom Typ (s/n) ist. Wir müssen ferner noch verlangen, daß die Variab le xi an der Stelle λ-ab geb unden wird, die ihren Skopus markiert. Dies ist die Stelle, an der sich whoi in LF b efindet. Wir nennen diese Ab b indung Sko pusmarkierung. (131) erhalten wir nun aus (132) durch die folgende Herleitung in (133), siehe unten. Die Interpretationsregeln b ehandeln auch sogenannte Rattenfängerb eispiele — das sind Fälle, in denen ein W-Wort aus syntaktischen Gründen Material mitnimmt, das semantisch nichts mit dem W-Wort zu tun hat — korrekt. (134) a. [CP [Mit wesseni Schwester]j [S geht Martin tj aus]] b. λxi [Person’(xi) & [(mit xi’s Schwester’)(geht-aus’)(Martin’)]] Der Witz an diesem Beispiel ist, daß mit xi’s Schwester’ eine Adverb ialb edeutung vom Typ IV/IV ist. Um die Bedeutung (134 b ) aus (134a) zu gewinnen, muß die W-Phrase in COMP so interpretiert werden, als stünde sie an der Stelle der Spur tj. Ferner muß die Variab le xi, welche dem Fragepronomen wessenientspricht, an der COMP-Position durch den λ-Operator ab geb unden werden. Dies erreichen wir zum Beispiel dadurch, daß wir die LF in (135) erzeugen. Wir wollen ab schließend einige Bemerkungen zum Verhältnis von syntaktischen und semantischen Kategorien machen. Es ist deutlich geworden, daß in dieser Art von Theorie
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kein Parallelismus wie b ei Montague oder der Kategorialgrammatik zu erwarten ist: Es handelt sich hier um eine autonome Syntax. Man wird sich die Interpretation im allgemeinen so vorzustellen hab en, wie dies für die typengesteuerte Interpretation erläutert worden ist (vgl. Ab schnitt 3.4.2.2). Ab schließend sei noch einmal darauf hingewiesen, daß es für die GB-Theorie keinerlei allgemein akzeptierte Semantik gib t. Die hier diskutierten Interpretationsprinzipien — die keineswegs vollständig sind — können deshalb keine Verb indlichkeit b eanspruchen. Sie illustrieren lediglich, wie man sich den Anschluß der Semantik an eine autonom konzipierte Syntax vorstellen kann. 5.4 Theta-Theorie 5.4.1 Thetakriterium und Thetamarkierung Die in der GB-Theorie formulierten Beschränkungen sind, mit Ausnahme des Thetakriteriums, rein syntaktisch und erb ringen daher keine neuen Gesichtspunkte für das Verhältnis von Syntax und Semantik. Das Thetakriterium — und die Theorie der Thetamarkierung ganz allgemein — ist dagegen die wesentliche Schnittstelle zwischen Syntax und Semantik und verdient eine eingehendere Diskussion. In die Terminologie der Logik üb ersetzt, b einhaltet das Thetakriterium eine Trivialität, nämlich, daß ein n-stelliges Prädikat genau n Elemente b enötigt, um einen Satz zu b ilden. In der GB-Terminologie wird dieser Gedanke so ausgedrückt.
136
(136) Für jede Argumentposition GF eines Funktors F gilt: In GF befindet sich ein Argumentausdruck genau dann, wenn GF durch F thematisch markiert wird. Zum Begriff der Argumentposition vgl. die Bemerkungen in Ab schnitt 5.2 In der GBTheorie heißen üb rigens Positionen eines Baumes grammatische Funktionen (GFs). Dieser Begriff ist unprob lematisch, von der Berechtigung der Benennung einmal ab gesehen. Prob lematischer ist, wie man den Begriff der thematischen Markierung mittels der üb lichen logischen Methoden explizieren soll. Klar ist, daß er etwas mit Stelligkeit oder Valenz eines Funktors zu tun hat: Ein einstelliges Verb wie gähnen vergib t nur eine thematische Rolle, und zwar an das Sub jekt NP1 (vgl. (117)). Ein transitives Verb wie schlagen thetamarkiert darüb er hinaus das direkte Ob jekt NP2 und ein dreistelliges Verb weist auch dem indirekten Ob jekt, also der grammatischen Funktion NP3, eine „Thetarolle“ zu. Das ist die Redeweise. Dem Leser, der sich an dieser Stelle fragt, wieso man sich so gewunden ausdrückt und nicht einfach mit dem Begriff der Stelligkeit eines Prädikats arb eitet, können wir nur mit einer Vermutung antworten: Wahrscheinlich liegt das an der Wahl der Grundb egriffe. Wenn man die Stelligkeit als Grundb egriff ansieht, dann ist die platte logische Formulierung des Thetakriteriums möglich, die ob en angegeb en wurde. Allerdings muß man auch dann noch üb er die Art der verlangten Argumente reden. In der GB-Theorie will man die Stelligkeit ab er wohl mithilfe eines anderen Grundb egriffes erklären, nämlich gerade mit dem der Thetamarkierung, d. h. der Vergabe von thematischen Rollen. Wir wollen hier zeigen, daß sich die einschlägigen Begriffsb ildungen der Theorie der Thetamarkierung kategorialgrammatisch rekonstruieren lassen. Dies führt zu der These, daß die Thetamarkierung ein kategorialgrammatisches Prinzip ist. Die kategorialgrammatische Reformulierung der thematischen Markierung kann man am b esten einsehen, wenn man sich an die in Di Sciullo & Williams (1987: 29) b enutzte Terminologie anschließt, die sich in ähnlicher Form in Baker (1988) und in vielen anderen neueren Pub likationen findet. Dort wird angenommen, das jedes Verb ein Thetaraster hat, in dem seine thematischen Rollen aufgelistet sind. (137) a. gähnt(A(gens)) b. schlägt(A,Th(ema)) c. schenkt(A,Th,Z(iel)) Die Namen für die thematischen Rollen b rau-
III. Theorie der Satzsemantik
chen wir nicht sonderlich ernst zu nehmen. Was soll es schon heißen, daß gähnen ein Agens hat? Die Wahl einer intuitiveren Bezeichnung hilft vielleicht für dieses Beispiel, nützt ab er insgesamt wenig: Man wird immer wieder auf Verb en stoßen, die mithilfe eines eta b lierten, kleinen Rolleninventars nicht klassifizierb ar sind, falls man die inhaltlichen Vorstellungen, die hinter den Rollenb ezeichnungen stehen, wirklich ernst nimmt. Wichtig ist lediglich, daß die thematischen Rollen geordnet sind: In (137c) ist Agens die erste, Thema die zweite und Ziel die dritte Rolle. Durch Unterstreichung wird gekennzeichnet, daß eine thematische Rolle außerhalb der VP des Verb s zugewiesen wird. Es gib t pro Lexikoneintrag maximal eine solche Rolle; sie heißt externe Thetarolle. Die nicht unterstrichenen thematischen Rollen werden innerhalb der VP zugewiesen und heißen interne Thetarollen. Die Thetamarkierung oder Thetazuweisung geschieht durch Koindizierung einer Thetarolle mit einem Argument, Thetakoindizierung genannt. Für eine einfache transitive VP sieht das folgendermaßen aus:
Hier ist das direkte Ob jekt seinen Hund mit der Rolle Thema von schlägt koindiziert. Durch diesen Mechanismus wird ausgedrückt, daß das Verb dem Ob jekt diese Rolle „zuweist“. Wir wollen sagen, daß das Ob jekt seinen Hund und das Verb schlägt Themakoindiziert sind. Das externe Argument Agens muß an ein Argument außerhalb der VP zugewiesen werden. Dazu kommt nur das Sub jekt in Frage. Der Einfachheit halb er nehmen wir an, daß ein deutscher Neb ensatz die Struktur [S NP VP] hat, d. h. der sogenannte INFL-Knoten wird unterschlagen. Die Zuweisung der Rolle Agens an das Sub jekt sieht dann folgendermaßen aus:
7. Syntax und Semantik
137
Zuerst wird der Index der Rolle Agens an den VP-Knoten projiziert, und zwar entlang der „Kopflinie“ im Sinne des X-b ar-Schemas (vgl. Ab schn. 6). Dies wird Thetaprojektion genannt. Anschließend wird die VP mit dem Sub jekt thetakoindiziert. Auf diese Weise wird dem Sub jekt die externe Rolle „zugewiesen“. Generell läßt sich folgendes sagen: Durch Projektion vererb t sich eine Theta-Rolle „nach ob en“, also an eine Phrase. Durch Koindizierung wird sie „zugewiesen“ oder „verbraucht“. Man b enötigt freilich noch syntaktische Prinzipien, welche den dargestellten Indizierungsmechanismus einschränken. Dazu wird angenommen, daß die erste interne Rolle mit dem direkten, die zweite interne Rolle mit dem indirekten Ob jekt koindiziert wird. Die b eiden Ob jektpositionen sind strukturell charakterisierb ar (vgl. 5.2). Eine Phrase selb st wird mit einem Argument innerhalb der „nächsthöheren“ Phrase koindiziert, in der Regel mit dem Subjekt.
ein n-Sub jekt „zu sich nimmt“. In der Funktorenkategorie n\(n\(n\s)) wollen wir das „äußerste“ n den dritten Argumenttyp, das mittlere n den zweiten Argumenttyp und das innerste n den ersten Argumenttyp nennen. Die Terminologie läßt sich offensichtlich für Funktorenkategorien b elieb iger Art verallgemeinern. Wir legen fest, daß der erste Argumenttyp extern „zugewiesen“ wird, falls nichts anderes gesagt wird. Damit b enötigen wir keine Zusatzkonvention zur Charakterisierung der externen Rolle. Wir können nun die Thetakoindizierung als Typenkoindizierung rekonstruieren: (141) Ein Funktor δ ist Y-koindiziert mit dem Argument α, falls δ vom Typ X/Y (bzw. vom Typ Y ist, α vom Typ Y\X) ist und sich die beiden zu X kürzen lassen, d. h. nebeneinander stehen. Wir übertragen zunächst das Beispiel (138) in diese Terminologie:
5.4.2 Eine kategorialgrammatische Rekonstruktion Es ist sicher wünschenswert, diese metaphorischen Redeweisen weiter zu präzisieren. In der Literatur der generativen Grammatik geschieht dies in aller Regel nicht. Wir wollen zeigen, daß sich die Thetakoindizierung und die Theta-Projektion kategorialgrammatisch ausdrücken lassen. Diese Umformulierung ist insofern eine echte Rekonstruktion, als sie eine klare Aussage darüb er macht, was thematische Markierung eigentlich ist, nämlich nichts anderes als die Funktionalapplikation eines Funktors auf ein passendes Argument. Wir b ehaupten zunächst, daß ein Thetaraster dasselb e ist wie eine Funktorenkategorie. Das sieht man daran, daß sich die Lexikoneinträge (137) kategorialgrammatisch folgendermaßen darstellen lassen: (140)
a. gähnt b. schlägt c. schenkt
n\s n\(n\s) n\(n\(n\s)
Da es b ei den Thetarastern nicht so sehr auf die Namen der Rollen, als vielmehr auf die Reihenfolge ankam, müssen wir uns üb erlegen, daß die Funktorenkategorien eb enso wie die Einträge (137) die Reihenfolge kodieren. Das ist ab er durch die Klammerung sichergestellt. Zum Beispiel ist schenkt ein dreistelliger Funktor, welcher der Reihe nach ein indirektes n-Ob jekt, ein direktes n-Ob jekt und
Unter der Annahme, daß seinen Hund den Typ n hat, ist in dieser Struktur das direkte Ob jekt mit dem Funktor schlägt n-koindiziert. Die kategorialgrammatische Notation hat den Vorteil, daß wir keinen zusätzlichen Mechanismus für die Koindizierungsrelation b enötigen; sie ist in dem Formalismus der Kategorialgrammatik b ereits angelegt. In (142) b efindet sich die Kategorie n, welche durch den Koindizierungsmechanismus „verb raucht“ wird, sowohl b ei dem Funktor als auch b ei dem Argument. Man kann nun in naheliegender Weise den Begriff der Typenmarkierung (oder Typenzuweisung) als Explikat der Thetamarkierung einführen: (143) Der Funktor δ weist dem Argument α den Typ Y zu, falls δ und α Y-koindiziert sind. (143) b edeutet natürlich, daß δ vom Typ X/Y (b zw. Y, α vom Typ Y ist und die b eiden neb eneinander stehen. — Offensichtlich weist in (142) der Funktor schlägt dem Argument seinen Hund den Typ n zu. Zur Vervollständigung der Rekonstruktion fehlt uns noch die kategorialgrammatische
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Umformulierung der Thetaprojektion. Dazu legen wir folgendes fest: (144) Ein Funktor hat den Projektionstyp Y, falls er den Typ X/Y (bzw. Y\X) hat. Nach dieser Definition hat sowohl das V als auch die VP von (142) den Projektionstyp n, wob ei der Index von V die zweite n-Rolle von schlägt, der von VP die erste n-Rolle von schlägt ist. Die Definition stellt also sicher, daß höchstens ein Typ an den nächsthöheren Knoten einer Konstruktion projiziert wird. Diese Definition dient üb rigens lediglich dazu, die Redeweise von der Thetaprojektion zu rekonstruieren. Aus kategorialgrammatischer Sicht ist die Begriffsb ildung üb erflüssig. Eb enfalls wird kein Kategorialgrammatiker die vom Standpunkt seiner Theorie aus redundante Definition der Typenkoindizierung benutzen. Wir müssen nun noch sagen, was es heißt, daß ein Funktor einen Typ hat, da Definition (144) diese Redeweise voraussetzt. Es ist klar, daß dieser Begriff rekursiv definiert werden muß. Wir wollen hier keine allgemeine Definition versuchen, sondern das Gemeinte an Beispiel (142) erläutern. Der Knoten V erb t den Typ n\(n\s) aus dem Lexikon, d. h. von schlägt. Die VP erhält den durch Kürzung mit dem Typ des direkten Ob jektes entstandenen Typ n\s. Die Zuordnung von Typen an Projektionen (im Sinne des X-b ar-Schemas) ist in geeigneter Weise zu verallgemeinern. Da üb er Thetaprojektion in der generativen Grammatik ab er kaum etwas gesagt wird, was üb er das hier Dargestellte hinausgeht, können wir diesen Punkt für die Zwecke unserer Diskussion als abgeschlossen betrachten. Wir kommen nun noch kurz auf Funktoren zu sprechen, die keine externe Thetarolle vergeb en. Eine Paradeb eispiel sind die sogenannten „ergativen“ Verb en. Es wird angenommen, daß z. B. ko mmen nur die interne Rolle Thema vergib t. Kategorialgrammatisch muß diese durch ein diakritisches Zeichen, zum Beispiel durch den Exponenten i, gekennzeichnet werden. Der GB-Eintrag und der kategorialgrammatische Eintrag sähen also folgendermaßen aus: (Th) ni\s Beide Einträge b esagen, daß die Rolle b zw. der Argumenttyp von ko mmen VP-intern realisiert werden muß. Das diakritische Merkmal i gehört nicht zum eigentlichen Formalismus der Kategorialgrammatik, sondern zu den Prinzipien, die kategoriale und phrasale (145) kommen
III. Theorie der Satzsemantik
Struktur verb inden. Man hätte natürlich auch wie Di Sciullo & Williams (1987) vorgehen und den externen Argumenttyp auszeichnen können; da dies ab er der Normalfall ist, scheint die hier dargestellte Vorgehensweise allgemeiner zu sein. Damit hab en wir den gegenwärtigen Stand der Theorie der Thetazuweisung vollständig kategorialgrammatisch rekonstruiert. Wir wollen uns das noch einmal anhand von Beispiel (139) — hier wiederholt als (146) — verdeutlichen. Wir notieren die thematischen Markierungen in b eiden Formalismen:
Dieses Schaub ild zeigt, daß eine 1—1-Entsprechung zwischen dem Index j und dem ersten Argumenttyp n sowie zwischen dem Index i und dem zweiten Argumentyp n b esteht. Die kategorialgrammatische Rekonstruktion hat meines Erachtens den Vorteil, daß sie eine Interpretation der Thetakoindizierung und der Thetaprojektion darstellt. Man versteht nunmehr, warum der Indizierungsmechanismus so aussehen muß, wie er in der zitierten generativen Literatur angenommen wird. Die kategorialgrammatische Reformulierung des Thetakriteriums b esagt also dieses: Jede Folge der Form NP1,((NP3), NP2), V mit der entsprechenden Typenfolge X1, X2, X3, Z\s läßt sich zu s kürzen. Umgekehrt gib t es zu jeder solchen Typenfolge eine Folge aus NPs + V, welche erstere instantiiert. Nach dem Kriterium sind zum Beispiel die folgenden Ketten ungrammatische D-Strukturen: (147) a. *[S Niemand [VP beleidigt]] b. *[S e [VP[V’ e beleidigt]]] c. *[S e [VP beleidigt]] d. *[S Ede [VP dem schwarzen Ritter [V’ niemand beleidigt]]] Die ersten drei Strukturen hab en zu wenig Argumente, die letzte hat eins zu viel — wob ei
7. Syntax und Semantik
die Interpretation von NP3 als „freier Dativ“ hier einmal aus dem Spiel bleibe. Wir fragen nun: Ist das Thetakriterium ein syntaktisches oder ein semantisches Prinzip? Die Frage ist völlig analog zu b eantworten, wie die nach dem Status der Syntaxregel der Prädikatenlogik, die b esagt, daß man ein nstelliges Prädikat mit n Argumenten zu einem Satz verknüpft. Das Theta-Kriterium ist in seiner Sub stanz diese Regel. Sofern man die Angab e der Stelligkeit als ein syntaktisches Merkmal auffaßt — das üb liche Verfahren — wird man das Kriterium syntaktisch nennen. Sofern man hier einen Reflex der Semantik sieht — die Stelligkeit des Prädikats und die der ausgedrückten Relation entsprechen sich —, wird man das Prinzip zumindest teilweise zur Semantik rechnen wollen. Die adäquate Betrachtungsweise scheint demnach zu sein, daß das Prinzip eine Schnittstelle von Syntax und Semantik markiert.
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— geraucht hat geb ildet. FK stellt sicher, daß sich die Sub jektrolle an den Verb alkomplex vererb t. Es ist also nicht das Verb geraucht, welches das Sub jekt thetamarkiert, sondern der gesamte Verb alkomplex geraucht hat. Dies ist mit kompositionaler Thetamarkierung gemeint. Wir wollen uns anhand des Deutschen genauer üb erlegen, wie eine Theorie der kompositionalen Thetamarkierung aussehen kann, wob ei wir die Terminologie der generativen Grammatik — und zwar in der b ei Di Sciullo & Williams (1987) vorliegenden Form — mit der hier vorgeschlagenen kategorialgrammatischen Rekonstruktion in Einklang b ringen. Analysieren wir zunächst eine Kausativkonstruktion unter Vernachlässigung des Tempus:
5.4.3 Kompositionale Thetamarkierung In der generativen Grammatik wird zwischen direkter und kompositionaler Thetamarkierung unterschieden. Unter anderem wird gesagt, daß das Sub jekt eines Satzes durch die VP kompositional thetamarkiert wird. In diesem Ab schnitt wollen wir klären, was damit gemeint ist. Betrachte dazu den folgenden Satz: (148) weil Zeno wie ein Türke geraucht hat Er drückt — b ei Vernachlässigung der Vergleichsphrase wie ein Türke — die folgende Proposition aus: (149) prät’(rauchen’(Zeno’)) Nehmen wir einmal an, das Präterium prät’ sei ein Satzoperator, hab e also den Typ (s\s, der durch hat ausgedrückt wird. Wir erhalten die gewünschte Bedeutung (149), wenn wir mit Funktionalkomposition b ar eiten:
Diese Analyse zeigt, daß geraucht das Subjekt nicht direkt thetamarkiert. Es wird zunächst das komplexe Verb — Verbalkomplex genannt
Im Anschluß an Bech (1955/57) und Höhle (1978) setzen wir hier voraus, daß abräumen ließ einen Verb alkomplex b ildet, der in der Syntax direkt generiert wird, also nicht durch Transformationen aus einer satzeinb ettenden Struktur erzeugt wird. Die Ordnung der Thetarollen ist ab steigend von links nach rechts, d. h., die erste Rolle ist die des Sub jekts, die zweite die des direkten Ob jekts, usw. Die Indizes auf der linken Seite der Rollen b eziehen sich auf die Sub ordinationstiefe, die mit den Zahlen steigt. Die Argumentverer b ung vollzieht sich nach Di Sciullo & Williams (1987) folgendermaßen. Lassen wird als „Funktor“ klassifiziert. Funktoren stehen b ei den b eiden Autoren im Gegensatz zu Prädikaten: Ein Prädikat thetamarkiert seine Argumente, während sich ein Funktor mit seinem Modifikat „kompositional“ verb indet, z. B. so, wie das in (151) angedeutet ist. Unter anderem vererb t sich die externe Rolle 1Agens des Funktors an den Verb alkomplex. Da ein Verb al nur eine externe Rolle hab en kann, wird die 2Agens-Rolle des Modifikats „internalisiert“, d. h., die Unterstreichung wird getilgt. Die Rollen des Mo-
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III. Theorie der Satzsemantik
difikats vererb en sich ansonsten an den Komplex. Die „Propositionsrolle“ von lassen verschwindet dab ei, ohne daß von den Autoren ausgeführt wird, warum das so ist. Sie wird von Di Sciullo & Williams nicht einmal er-
wähnt, ob wohl sie angenommen werden muß, weil lassen hier als cause’, d. h. als „z veranlaßt daß p“ interpretiert wird. Die kategorialgrammatische Rekonstruktion zeigt sofort, warum diese Rolle vom Verb alkomplex nicht projiziert wird:
Zur Interpretation des Ver b alkomplexes hab en wir zunächst zweimal die Geach’sche Typenanheb ung angewandt. Die Semantik dieser Operation stellt sicher, daß das Resultat die Bedeutung λTλyλxλz(cause’(z,T(x,y))) ist, wob ei T für eine zweistellige Relation steht, also vom Typ (n\(n\s)) ist. Diese Bedeutung wenden wir mittels FA auf abräumen’ an und erhalten λyλxλz (cause’ (z, abräumen’ (x,y))), ein dreistelliges komplexes Verb. Die zweimalige Anwendung der Geach’schen Regel simuliert üb rigens lediglich die funktionale Komposition eines Funktors mit einem mehrstelligen Prädikat. Würde man den Typ von abräumen’ ohne Klammern notieren als (n,n\s), so könnte man an eine verallgemeinerte Regel FK denken, welche direkt den Üb ergang von (n,n\s) + (s,n\s) zu (n,n,n\s) gestattet. Schaut man sich das Resultat dieser Deutung näher an, dann ist völlig klar, wo die „propositionale Rolle“ von cause’ geblieben ist: Sie wird der Proposition abräumen’(x,y) zugewiesen. Das y-Argument der Bedeutung des Verb alkomplexes wird natürlich üb er FA an den-Tisch’ zugewiesen, während das x-Argument an seine-Frau’ geht, eb enfalls üb er FA. Die kategorialgrammatische Analyse legt nahe, die von Di Sciullo & Williams vorgeschlagene Notation folgendermaßen zu modifizieren: Durch die Koindizierung der Rolle Prop mit der Klammer, welche die Rollen des sub ordinierten Verb s abräumen umschließt, wird ausgedrückt, daß diese Rolle an die Proposition zugewiesen wird, die durch abräumen bestimmt ist.
Ganz generell läßt sich zu diesem Typ von Argumentverschmelzung sagen, daß die „Propositionsrolle“ des bü ergeordneten Ver b s „verb raucht“ wird — also nicht mehr vom Verb alkomplex projiziert wird — während sich die üb rigen Rollen an den Komplex vererb en. Nach demselb en Schema werden Anheb ungsverb en wie scheinen und pflegen mit dem subordinierten Verb komponiert. Anders verhält es sich mit Kontrollverb en. Betrachten wir dazu die folgende Analyse, die wieder im Stil von Di Sciullo & Williams gehalten ist:
Di Sciullo und Williams drücken Kontrolle durch Koindizierung von thematischen Rollen aus. Dab ei wird verlangt, daß die „kontrollierte“ Rolle als „verb raucht“ gilt, also nicht vom Verb alkomplex projiziert wird. Ansonsten gelten die Kompositionsregeln für Funktoren und Modifikat: Die Rollen vererb en sich, wob ei das externe Argument des Funktors das externe Argument des Verb alkomplexes wird. Wie schon im vorhergehenden Beispiel schweigen sich die b eiden Autoren üb er die Ob jektrolle von wo llen aus. Sie wird lediglich durch Punkte angedeutet, verschwindet ab er b ei der Komposition auf geheimnisvolle Weise, ein Geheimnis, das die
7. Syntax und Semantik
kategorialgrammatische Rekonstruktion zu lüften vermag. Schauen wir uns dazu zunächst an, was eine Analyse der Kontrolle zu leisten hat. Eine vernünftige Deutung von (154) ist die folgende: (155) λx [ wollen’ (x,rauchen’ (x, die-letzteZigarette’)] (Zeno’) Das Entscheidende ist, daß das Sub jekt des sub ordinierten Verb s mit dem Sub jekt des Matrixverb s durch Variab lenb indung identifiziert wird. In gewisser Weise wird durch diese Ab straktion tatsächlich eine thematische Rolle „verb raucht“, denn der Verb alkomplex rauchen wo llen projiziert nicht zwei Sub jektsrollen, sondern nur noch eine. Die Formalisierung zeigt ab er, daß die Redeweise, daß nur die Rolle von wo llen projiziert wird, streng genommen sinnlos ist. Durch λ-Konversion ist nämlich sichergestellt, daß Zeno’ sowohl logisches Sub jekt von rauchen’ als auch von wollen’ ist. Die Analyse (155) gib t schließlich Aufschluß üb er den Verb leib der Ob jektrolle von wollen’: Es handelt sich um eine „propositionale Rolle“, die an die Proposition rauchen’(x,die-letzte-Zigarette’) vergeb en wird. Damit liegt es nahe, wollen’ als ein (s\(n\s)) zu kategorisieren. Bei der Deutung des Verb alkomplexes rauchen wo llen können wir nun nicht lediglich mit Funktionalkomposition ar b eiten, weil dieses Prinzip zur Folge hat, daß sich die Sub jektsrolle des eingeb etteten Verb s an den Verb alkomplex vererb t. Dies hab en wir b ei der Analyse der Kausativkonstruktion (152) b ereits festgestellt. Wir müssen eine Konstellation schaffen, die es erlaub t, die Sub jekte der b eiden Verb en durch Ab straktion zu identifizieren. Die folgende Analyse leistet dies:
Die Regel SK führt wollen’ in λPλx[wollen’(x,P(x))] üb er. Allgemein b ildet sie eine Funktion f vom Typ (s\(n\s)) in die Funktion λPλx[f(x,P(x))] ab , wob ei P vom Typ (n\s) und x vom Typ n ist. (Der b esseren Üb ersicht halb er ist diese Funktion in der Argumentschrei b weise der Prädikatenlogik notiert.) Daß auf wollen’ diese Regel angewandt werden kann, muß im Lexikon stipuliert wer-
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den oder folgt vielleicht aus allgemeineren Prinzipien der Kontrolltheorie. Man üb erzeugt sich leicht, daß diese Analyse das gewünschte Resultat liefert. Die Geach’sche Typenanheb ung ordnet der Funktion λPλx[wollen’(x,P(x))] nämlich die Funktion λTλyλx[wollen’(x,T(x,y))] zu, woraus man durch Funktionsapplikation auf rauchen’ schließlich λyλx[wollen’ (x,rauchen’ (x,y))] erhält, das korrekte Resultat. Eine Rücküb ertragung dieser Analyse in den Formalismus von di Sciullo und Williams könnte nun folgendermaßen aussehen:
Wie in der Notation (153) ist durch die Koindizierung der propositionalen Rolle mit der Klammer, welche die Rollen von rauchen enthält, ausgedrückt, daß diese Rolle an die durch rauchen b estimmte Proposition zugewiesen wird und deshalb „verb raucht“ ist. Wie b ei di Sciullo und Williams ist schließlich die Kontrollb eziehung durch Koindizierung ausgedrückt, wob ei das kontrollierte 2Agens eb enfalls als „verb raucht“ gilt. Ihre eigentliche semantische Interpretation erhalten diese Indizes freilich erst durch die vorgeführte kategorialgrammatische Deutung. Es sollte deutlich sein, daß die vorgeführten Prinzipien es erlaub en, viel kompliziertere Verb alkomplexe des Deutschen kompositional zu deuten, zum Beispiel den Verb alkomplex in des folgenden Satzes: (158) weil Ede Caroline den Tisch abräumen lassen wollen haben wird Wir üb ergehen den mangelhaften Stil dieses Satzes, der normalerweise durch gewisse Inversionen im Verb alkomplex b ereinigt wird („Ob erfeldb ildung“). Unsere Prinzipien b esagen, daß der Verb alkomplex abräumen lassen wo llen haben wird in einer Lesart die Bedeutung (159) λyλxλz (fut’(prät’(wollen’ (z,cause’ (z,abräumen’(x,y))))) hat. Der Verb alkomplex vergib t also drei thematische Rollen, die korrekt an die entsprechenden Argumente in (158) zugewiesen werden. Das Beispiel illustriert eindrucksvoll, wie komplex die kompositionale Thetamarkierung sein kann. Die kompositionale Thetamarkierung ist nicht etwa eine Ausnahmeerscheinung, son-
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dern eher der Normalfall. Zum Beispiel ist sie in der Wortb ildung gang und gäb e. Wir hab en derartige Beispiele in 4.3 mit den Applikativkonstruktionen, der morphologischen Reflexivierung und Kausativierung kennengelernt. Die Beispiele lassen sich b elieb ig vermehren (vgl. dazu etwa Moortgat 1988). Hier ist es um die Komposition von Rollen in der Syntax gegangen. Andere Beispiele, die eb enfalls in der Syntax mit diesen Methoden b ehandelt werden können, sind etwa die folgenden: (160) a. Wir halten ihn für inkompetent b. Er hörte sie leise stöhnen Halten für nimmt semantisch ein propositionales Ob jekt, ist also vom Typ s\(n\s). Inko mpetent ist vom Typ n\s. Mithilfe von G und FA läßt sich daraus der Verb alkomplex für inko mpetent halten b ilden, der vom Typ des transitiven Verb es ist. Diese Analyse ist eb enfalls von Di Sciullo & Williams vorgeschlagen worden. Auf dieselb e Weise kann man stöhnen + hören zu stöhnen hören verschmelzen und den Verb alkomplex als transitives Verb al auffassen. Ein anderes Beispiel für kompositionale Thetamarkierung in der Syntax soll angeb lich das folgende Satzpaar sein: (161) a. Wladimir wohnt auf dem Berg/in der Stadt b. Wladimir geht auf den Berg/in die Stadt In der generativen Literatur findet man die Redeweise, daß dem Berg b zw. der Stadt in (161 a) durch das Verb wo hnen und die Präposition auf bzw. in kompositional thetamarkiert werden. Entsprechendes gilt für (161 b ). Der Grund für diese Redeweise ist der folgende: das Verb enthält die Information, ob die präpositionale Ergänzung lokal oder direktional zu deuten ist. Die Präposition b einhaltet eine räumliche Beziehung. Die semantischen Verhältnisse werden korrekt widergespiegelt, wenn man etwas wie die folgenden b eiden Bedeutungen für wo hnen bzw. gehen annimmt: (162)
P läuft in b eiden Fällen üb er Eigenschaften von Orten, die durch Präpositionalphrasen
III. Theorie der Satzsemantik
ausgedrückt werden. Dies ist in der Notation durch ein entsprechendes Su b kategorisierungsmerkmal ausgedrückt. Die Kasusmerkmale b eziehen sich auf den Kasus, der von der Präposition regiert wird. (161 a) wird also gedeutet als „Wladimir hat eine Wohnung, die auf dem Berg/in der Stadt ist“ und (161 b ) wird interpretiert als „Wladimir geht einen Weg, der an einem Ort endet, der auf dem Berg/in der Stadt ist“. Die vorgeschlagene Analyse macht klar, daß die Ergänzungen dem/den Berg b zw. der/die Stadt durch die Präposition thetamarkiert werden, während die b etreffenden PPs durch das Verb sub kategorisiert, ab er nicht eigentlich thetamarkiert werden, da sie in der logischen Repräsentation kein Argument des Verb s, sondern ein Prädikat eines Argumentes desselb en sind. Die Analyse zeigt, daß es sich letzlich nicht um einen Fall von kompositionaler Thetamarkierung handelt, da nirgends thematische Rollen verschmolzen werden. Es soll hier nicht b ehauptet werden, daß diese Art der Analyse die einzig mögliche ist (vgl. dazu Artikel 37). Die kategorialgrammatische Rekonstruktion der Thetamarkierung ist eine Explikation der generativen Redeweisen in mehrfacher Hinsicht. Sie zeigt erstens, warum gewisse Thetarollen b ei Koindizierung „verb raucht“ werden. Sie zeigt ferner, daß die üb lichen Redeweisen nicht fein genug sind, sondern durch kompliziertere Koindizierungsmechanismen ersetzt werden müssen (vgl. die Koindizierung der propositionalen Rolle mit der „Klammer“ des sub ordinierten Verb s). Schließlich wird klar, daß es mit einer b loßen Notation nicht getan ist. Es geht um die Interpretation der einschägigen Koindizierung. In diesem Sinne ist auch Bechs (1955/57) Theorie der Orientierung unvollständig — die erste formale Theorie des Verb alkomplexes —, da die verschiedenen Fälle von Argumentverer b ung (Kontrolle versus Anheb ung) nicht semantisch unterschieden werden (vgl. dazu von Stechow 1984). Hier sei noch einmal darauf hingewiesen, daß die Theorie der kompositionalen Thetamarkierung mit dem Thetakriterium durchaus verträglich ist. Man muß das Kriterium lediglich dahingehend verallgemeinern, daß Verb alkomplexe — und Projektionen derselb en — thetamarkieren. Dies geschieht im Einklang mit dem Thetakriterium. Zum Ab schluß dieses Ab schnittes weisen wir darauf hin, daß wir hier zwar gezeigt hab en, daß man den Verb alkomplex des Deutschen direkt kompositional interpretie-
7. Syntax und Semantik
ren kann. Wir lassen ab er offen, ob man das auch stets tun so ll. In von Stechow & Sternefeld (1988, Kapitel 12) sind Argumente angeführt, daß man im Falle von Kontrollverb en wie wo llen nicht so vorgehen soll, daß diese vielmehr einen Satz mit leerem Sub jekt einb etten. Dab ei handelt es sich allerdings um syntaktische Gesichtspunkte, auf die hier nicht eingegangen werden kann.
143
Fehlen der Syntaxregeln ein Einwand zur Praxis der Semantiker, Regeln zu interpretieren, hergeleitet werden kann. Den Ausgangspunkt unserer Diskussion b ilden die folgenden einfachen englischen Sätze (163) a. Max left b. Everyone left die
6.
in
der
GB-Theorie
die
Struktur
Syntaktische und semantische Stuktur
Wir b eschließen den Artikel mit einigen grundsätzlichen Betrachtungen zum Verhältnis von Syntax und Semantik. Insb esondere wollen wir die Frage erneut aufgreifen, was eigentlich syntaktische Struktur ist. Was ist genauer gemeint, wenn wir gesagt hab en, daß hab en. Wir können diesem Baum die konnotwendige Restriktionen sich nicht in natürtextfreie Regel, die ihn aufb aut, direkt ab lelicher Weise aus einem Formalismus, zum sen. Es handelt sich um Beispiel dem der verallgemeinerten Katego(165) S → NP INFL VP. rialgrammatiken, erge b en, sondern „von außen“ an ihn herangetragen werden müssen? Wir hab en es mit einer Sub jekt-PrädikatZuächst greifen wir ein Prob lem auf, das Konstruktion zu tun, die als NP’(VP’) b zw. sich für eine autonome Syntaxkonzeption wie VP’(NP’) interpretiert wird, je nachdem, ob die der GB-Theorie stellt: Sämtliche formalen NP’ eine Quantorenphrase oder ein EigenSemantiker hab en — üb er die Schriften Riname ist. Wir wollen (165) Prädikation nenchard Montagues — die Praxis der Logik nen. üb ernommen, syntaktische Regeln durch seBetrachten wir als nächstes Anheb ungsmantische Operationen zu deuten. In der GBkonstruktionen. Theorie gib t es nun üb erhaupt keine Syntax(166) a. Max seems to leave regeln im eigentlichen Sinn, sondern eine Anb. Everyone seems to leave zahl von interagierenden Wohlgeformtheitsprinzipien. Eb en dies ist unter Modularität — Verschiedene Prinzipien der GB-Theorie sadas Markenzeichen dieses Ansatzes — zu vergen uns, daß diese Sätze die Struktur (167) stehen. Wirb wollen uns üb erlegen, ob aus dem ha en:
Man könnte zunächst denken, daß die Wurzelregel dieses Baumes wiederum die Prädikation (165) ist. Eine solche Auffassung greift ab er zu kurz, da (165) die Information, daß
das Matrixsub jekt durch NP-Bewegung aus dem untergeordneten Satz hinausb ewegt worden ist, nicht enthält. Man kann diese Information durch ein Lückenmerkmal X/NP kodieren, das wir b ereits aus der verallgemei-
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III. Theorie der Satzsemantik
nerten Kategorialgrammatik kennen und das b edeutet, daß in der Kategorie X eine NP fehlt, also „herausb ewegt“ worden ist. Dies ist die wesentliche Technik, durch die die so-
genannten verallgemeinerten Phrasenstrukturgrammatiken b ekannt geworden sind (vgl. Gazdar et al. 1985). Mithilfe dieses Merkmals kann der Baum (167) notiert werden als:
Nun sind wir in der Lage, die „Spitzenregel“ (169) S → NP INFL VP/NP
(170) a. Max wants to leave b. Everyone wants to leave
zu interpretieren, und zwar als Bewege-α, so wie wir das in (123) b eschrieb en hab en. Die Rolle des Bewegungsindex ist in dieser Notation von dem Lückenmerkmal üb ernommen worden. Wir wollen (169) Anhebung nennen. Vor ganz andere Prob leme stellen uns sogenannte „Kontrollkonstruktionen“:
Einschlägige Prinzipien der GB-Theorie b einhalten, daß diesmal das Sub jekt nicht „b ewegt“ worden ist, sondern daß die Struktur (171) anzunehmen ist. Für diese Struktur sind die Interpretationen (172) (a) und b( ) erwünscht:
(172) a. λxi[möchte’(gehen’(xi))(xi)](Max’) b. jeder’(λxi[möchte’(gehen’(xixi)])
ten die intendierten Interpretationen, wenn wir als Spitzenregel (173) S → NPi INFL VP
Eine Methode, diese zu erreichen, b esteht in dem folgenden Vorgehen. Wir legen zunächst fest, daß ein mit i indiziertes PRO als xi interpretiert wird, wob ei xi vom Typ n ist. (PRO ist das phonetisch unsichtb are Sub jekt eines Infinitivsatzes, dessen weitere Eigenschaften uns in diesem Zusammenhang nicht zu interessieren b rauchen.) Aufgrund dieser Annahme drückt die VP in (171) die offene Eigenschaft möchte’(gehen’(xi)) aus. Wir erhal-
ansetzen und diese Regel durch die Operation λxi[VP’(xi)](NP’) b zw. NP’(λxi[VP’(xi)]) deuten, je nachdem, ob das Sub jekt vom Typ n oder s/(s/n) ist. Wir wollen diese Regel Subjektkontrolle nennen. Für die sogenannte Objektkontrolle müssen wir eine analoge Regel annehmen, nämlich (174) VP→ V NPi CP.
7. Syntax und Semantik
Diese Regel ist durch die Operation λxi[V’(xi,CP’)](NP’) b zw. λy[NP’(λxi [V’(xi, CP’) (y)])] zu interpretieren, je nachdem, ob NP vom Typ n oder s/(s/n) ist. Diese Regel interpretiert die Matrix-VP von (175 a) korrekt als (175b ), während die Matrix VP von (175c) die Interpretation (175 d) erhält: (175) a. John [VP asked Maryi [CP PROi to leave]] b. bat’(Mary’,gehen’(Mary’)) c. John [VP asked everyonei [CP PROi to leave]] d. λy[ jeder’ (λxi[bat’(xi,gehen’(xi))](y)] Um die Bedeutungen für die vollständigen Sätze zu erhalten, müssen wir im nächsten Schritt die Prädikation anwenden. Die Repräsentationen der Kontrollkonstruktionen werden also korrekt gedeutet. Wir hab en allerdings nichts dazu gesagt, wie man zu den b etreffenden Repräsentationen, d. h. zur korrekten Koindizierung von PRO und einem „Kontrolleur“ kommt. Die naheliegende Annahme ist, daß die Kontrolle semantisch durch das jeweilige „kontrollierende“ Verb gesteuert ist. Demnach hätte z. B. want den semantischen Eintrag λPλx[möchte’(x,P(x))], während ask den Eintrag λPλyλx[bitten’(x,y,P(y))] hätte. P ist hier die Eigenschaft, die durch den Infinitivsatz ausgedrückt wird. Man gelangt zu dieser Eigenschaft, indem man jeden Infinitivsatz mit PROi-Sub jekt duch λxi ab b indet. (Man kann das PROi-Sub jekt auch ganz weglassen und Infinitivsätze einfach als VPs auffassen.) Analysen der Kontrolle dieser Art sind seit langem in der Literatur vorgeschlagen worden (siehe z. B. von Stechow 1979a). Sie liefern für die prototypischen Fälle die korrekten Ergeb nisse, hab en ab er Schwierigkeiten mit Beispielen wie Der Leutnant bat den Oberstleunant, nun endlich mal befördert zu werden. Ob wohl bitten ein prototypisches Ob jektkontrollverb ist, legen inhaltliche Erwägungen eine Interpretation mit Sub jektkontrolle nahe (vgl. zu derartigen Prob lemfällen von Stechow & Sternefeld 1988: Kap. 9). Wir resümieren nun, was wir b isher üb er die Interpretation des Spitzenknotens eines Baumes festgestellt hab en: Wir erhalten den korrekten Input für die Deutung, wenn wir die folgenden drei „Regeln“ aus den Strukturen ablesen: (176) a. S → NP INFL VP/NP (Anhebung) b. S → NPi INFL VP (Subjektkontrolle) c. S → NP INFL VP (Prädikation)
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Diese „Regeln“ sind noch nicht fein genug, da noch der semantische Typ des Sub jekts zu vermerken ist, der die Applikationsrichung steuert. Beispielsweise müßte die Prädikationsregel aufgespalten werden in die folgenden b eiden Regeln:
Der Regel (177 a) wäre dann die semantische Operation f(NP’,VP’) = VP’(NP’) zuzuordnen, während die Regel (177 b ) durch g(NP’,VP’) = NP’(VP’) zu interpretieren wäre. So wie sie stehen, sind die Regeln noch immer nicht vollständig, denn der Knoten INFL enthält die Tempusinformation und die morphologischen Merkmale, welche die Kongruenz von Sub jekt und Prädikat regeln. Es gib t GB-Mechanismen, die dafür sorgen, daß diese Merkmale korrekt weitergegeb en werden (vgl. etwa von Stechow & Sternefeld 1988, Kap. 5). Kontextfrei können diese Mechanismen b eispielsweise so notiert werden, daß man die Kategorien mit den entsprechenden Merkmalen indiziert, wob ei Variab len für eine identische Merkmalsspezifizierung sorgen. So wäre etwa Regel (177 b ) zu notieren als
wob ei die Variab le α die Werte „erste“, „zweite“ und „dritte“, die Varia b le β die Werte Singular und Plural und die Variab le γ die Werte Präsens und Präteritum annehmen kann. Diese Regel in komplexer Notation steht also für eine Schar von kontextfreien Regeln, deren einzelne Instanzen sich durch Spezifizierung der Person-, Numerus- und Tempusvariab len α, β und γ ergeb en (Vgl. dazu Kratzer et alii 1974 oder Gazdar et alii 1984; heute nennt man diese Art von Merkmalspezifikation „Unifikation“.). Die Instanzen werden allerdings gleich gedeutet, da die morphologischen Merkmale die Interpretation nicht b eeinflussen. (Der INFL-Knoten in (178) ist ein ab strakter Knoten, der nur Merkmale enthält. In Chomsky (1981) wurde er in das Verb durch eine Regel inkorporiert, später wurde dann das Verb nach INFL b ewegt — was zu Schwierigkeiten b ei Sätzen wie Jo hn always
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sleeps führt —, während man ab er heute in der GB-Theorie meistens annimmt, daß dieser Knoten lediglich dazu dient, eine eigene syntaktische Kategorie zu „projizieren“ und ansonsten die Merkmalskongruenz zwischen Sub jekt und Prädikat regelt. Wir gehen hier nicht auf die Frage ein, ob man diesen Knoten überhaupt braucht.) Kommen wir nun zu der eingangs gestellten Frage zurück. Man kann die strukturaufb auenden Prinzipien offenb ar immer in der Form von „Regeln“ komprimieren, die dann durch semantische Operationen gedeutet werden können. Die Regeln liest man den Verzweigungen der erzeugten Strukturen in der vorgeführten Weise ab . Die Antwort auf unsere Frage scheint somit zu sein, daß man die GBTheorie in den allgemeinen Rahmen von Montagues UG einb etten kann und folglich die Semantik mit den dort entwickelten Methoden anschließen kann, indem man die relevanten Verzweigungstypen der Strukturen als Regeln interpretiert. Ein generativer Grammatiker wird diese relevanten Verzweigungstypen allerdings nicht „Regeln“ nennen wollen, da er dieses Wort zur Bezeichnung von sprachlichem Wissen verwendet, das wir „im Kopf“ hab en. Es ist ab er sehr unwahrscheinlich, daß wir Regeln wie (178) — wob ei es sich noch um einen sehr einfachen Fall handelt — im Kopf hab en. Im Kopf hab en wir wohl eher die einzelnen Prinzipien, die diese Strukturstücke aufb auen. Diese Prinzipien sind die eigentlichen Regeln. Aus der Theorie der kontextfreien Grammatiken ergib t sich nichts üb er das Zusammenspiel der einzelnen Module. Insofern kann man sagen, daß die verschiedenen Merkmale „von außen“ an diese Regeln herangetragen werden. Allerdings ist zuzugeb en, daß ein solcher Einwand als eine Frage der Nomenklatur ab getan werden kann. Vom theoretischen Standpunkt des Semantikers ist es zunächst gleichgültig, ob man die für die Interpretation b enötigten Strukturteile Regeln nennt oder Verzweigungstypen. Wichtig ist hier nur, daß man eb en diese Information für den Anschluß der Semantik b enötigt. Offen b leib t allerdings, wie man zu den relevanten Verzweigungstypen gelangt. In einer modularen Grammatik dürfen wir uns diese nicht als von vornherein gegeb en vorstellen, etwa als riesige Schar von kontextfreien Regeln in komplexer Notation. Wir müssen diese vielmehr konstruieren. Nach welchen Strategien dab ei genau vorzugehen ist, soll hier nicht ausgeführt
III. Theorie der Satzsemantik
werden. Als nächstes greifen wir die Frage nach dem Verhältnis von kategorialer und phrasaler Struktur auf. Insb esondere fragen wir uns, wieso wir die Phrasenstruktur nicht mit der kategorialen Struktur identifizieren, da man ja letztere auf jeden Fall für die Interpretation benötigt. Wir rekapitulieren zunächst ein wesentliches Bauprinzip für Phrasen: Jede Phrase hat genau einen Kopf. So sind in (179) die Köpfe der Reihe nach das Nomen Oma, die Präposition in und das Ver b bäckt.
Das Prinzip, genau einen Kopf zu hab en, ist ein wesentlicher Bestandteil des sogenannten X-bar-Schemas, welches die Forderung enthält, daß man für alle Verzweigungen den Kopf stets eindeutig b estimmen kann. Man kann dies erreichen, indem man verlangt, daß die Verzweigungen stets die Form (180) Xm → ... Xn ... (m ≥ n) hab en, wob ei die Exponenten den Grad der Komplexität der Kategorie X symb olisieren sollen und die Punkte für Phrasen — das sind Kategorien von maximaler Komplexität — stehen (vgl. von Stechow & Sternefeld 1988, Kap. 4). Der Kopf der Verzweigung (180) ist natürlich Xn. Der Kopf ist von großer syntaktischer Bedeutung, da er die morphologischen Merkmale einer Phrase trägt. Man denke etwa an die Regel der Kongruenz von Sub jekt und Prädikat: Sowohl das Sub jekt als auch das Prädikat können sehr komplex sein, die Kongruenzmerkmale erscheinen ab er jeweils an genau einer Stelle, die keineswegs unb edingt das erste oder letzte Wort des Sub jektes oder des Prädikates sein muß. In der X-b ar-Syntax läßt sich der Kopf einfach definieren, da das X-b ar-Schema im wesentlichen eine Formalisierung des Kopfb egriffes ist. Schauen wir nun, wie sich dieser Begriff in einer Kategorialsyntax b estimmen läßt.
7. Syntax und Semantik
Der Kopf der VP ist das Verb , also ein Funktor. In (181 b ) ist der Kopf des N’ dagegen nicht der Funktor putzige, sondern dessen Argument Tier. Eine einheitliche Definition des Kopfb egriffes ist also in der Kategorialgrammatik nicht möglich. Es b leib t nichts anderes üb rig, als zwischen exozentrischen Funktoren (das sind solche, die die Kategorie verändern) und endo zentrischen Funktoren (das sind solche, die die Kategorie nicht verändern) zu unterscheiden und festzulegen, daß erstere Köpfe sind, letztere dagegen nicht. Die Notwendigkeit dieser Fallunterscheidung zeigt, daß ein wichtiges Bauprinzip von außen an den Formalismus herangetragen wird (vgl. dazu von Stechow & Sternefeld 1988, Kap. 5). Daß der Formalismus der Kategorialgrammatik nicht auf Phrasalität hin angelegt ist, sieht man ferner daran, daß man Phrasen wie die ob engenannten üb erhaupt nicht natürlich kategorialgrammatisch definieren kann. Die natürlichen Kategorisierungen von Oma, in und bäckt sind n\s, n\(n\s) und n\(n\s) respektive. Dies b edeutet, daß sich die gesättigten Kategorien jeweils zu einem s reduzieren. Hier steht man erstens vor dem Prob lem, wie man die kategorialen Unterschiede zwischen z. B. Sub stantiven und intransitiven Verb en — die b eide einstellige Eigenschaften denotieren — oder den von transitiven Verb en und Präpositionen — die jeweils zweistellige Eigenschaften denotieren — ausdrücken soll. Montague hat in PTQ zu einem Ad-hoc-Verfahren gegriffen, indem er z. B. für die Kategorie der Sub stantive einen neuen Typ n\\s einführte. Auf ähnliche Weise könnte man Präpositionen und transitive Verb en unterscheiden. Noch prob lematischer als dieser notationelle Schlenker ist die Tatsache, daß man den Kategorien nicht ansehen kann, daß das letzte Argument — das „Sub jekt“ — in aller Regel nicht in der durch den Kopf projizierten Phrase realisiert werden darf. Mit anderen Worten, Phrasen müssen definiert werden als Syntagmen vom Typ X/Y b zw. Y\X, wob ei X ein Grundtyp ist. Die durch das n\(n\s) bäckt induzierte Phrase ist also nicht das s die Oma einen Guggelhupf bäckt, sondern das n\s einen Guggelhupf bäckt. Eine
147
derartige Definition liefert zwar die korrekten Resultate, ist ab er völlig unnatürlich im Rahmen des gewählten kategorialgrammatischen Formalismus. Hier hab en wir wieder ein Beispiel dafür vorliegen, daß eine wichtige strukturelle Unterscheidung sich nicht aus dem Formalismus ergib t, sondern von außen herangetragen werden muß. Versuchen wir nun zu einem Resümee b etreffs des Verhältnisses von phrasaler und kategorialer Struktur zu kommen. Aufgrund der Diskussion scheint es vernünftig zu sein, die phrasale Struktur als die vorrangig syntaktische anzusehen. Diese Struktur scheint den Rahmen für die kategoriale Komb ination zur Verfügung zu stellen. Man komb iniert die semantischen Typen innerhalb dieses Rahmens soweit, wie das möglich ist. Das Sub jekt b leib t dab ei in aller Regel (d. h. außer für den Fall „ergativer“ Verb en, den wir in Ab schnitt 5.4.2 kurz angesprochen hab en) innerhalb der Phrase ungesättigt, weil keine syntaktische Position dafür vorhanden ist. Für die Komb ination selb st werden je nach Gegeb enheit recht verschiedene Prinzipien gewählt. In der Syntax scheint man weitgehend mit Funktionalapplikation und Ab straktion auszukommen, wob ei allerdings auch hier mir Komplikationen zu rechnen ist, wie die Ausführungen zum Verb akomplex in 5.4.3 gezeigt hab en. In der Morphologie ist dagegen auf jeden Fall mit weiteren Kompositionsprinzipien zu rechnen, wie aus den Beispiele zur Kausativierung und zum Applikativ in Ab schnitt 4.3 deutlich geworden sein dürfte. Die Diskussion legt nahe, daß sich die „semantische Struktur“ — also die Wahl b estimmter Kompositionsprinzipien — nach der syntaktischen richtet und nicht umgekehrt. Das genaue Verhältnis von semantischer, d. h. kategorialer, und syntaktischer, d. h. phrasaler Struktur ist ab er b isher weitgehend ungeklärt und wird mit Sicherheit Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Forschung der kommenden Jahre sein. Dieser Beitrag verdankt den Kommentaren der folgenden Kolleg(inn)en außerordenlich viel: Urs Egli, Ulf Friedrichsdorf, Ulrike Haas-Spohn, Tilman Höhle, Wolfgang Klein, Barb ara Partee, Wolfgang Sternefeld, Dieter Wunderlich und — last b ut not least — Ede Thomas Zimmermann, der mir ein unveröffentlichtes Manuskript zur Verfügung gestellt hat, das für die Ab schnitte 3.2 und 3.3.1 wesentlich b enutzt wurde. Klaus von Heusinger hat die Korrekturen gelesen. Niemand von den genannten Freunden ist für verb leib ende Mängel, insbesondere für die exzessive Länge, verantwortlich.
148
III. Theorie der Satzsemantik
Als einzige Entschuldigung hab e ich anzugeb en, daß ich einen kohärenten, verständlichen und gleichzeitig einigermaßen umfassenden Üb erb lick üb er den Stand der Kunst geb en wollte, der verschiedenen Sehweisen innerhalb der formalen Syntax und Semantik gerecht wird. Jeder, der so etwas einmal versucht hat, weiß, daß ich Unmögliches angestrebt habe.
7.
Literatur (in Kurzform)
Ades/Steedman 1982 · Ajdukiewicz 1935 · Bach 1984 · Bach/Oehrle/Wheeler (eds.) 1987 · Baker 1988 · Ballmer 1975 · Bar-Hillel/Gaifman/Shamir 1960 · van Benthem 1984a · van Benthem 1987 · Bühler 1934 · Carnap 1947 · Casadio 1987 · Chomsky 1965 · Chomsky 1970 · Chomsky 1981 · Cooper/Parsons 1976 · Cresswell 1973 · Cresswell 1985b · Cresswell/von Stechow 1982 · Curry/Feys 1958 · Di Sciullo/Williams 1987 · Engdahl 1980 ·
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Arnim von Stechow, Konstanz (Bundesrepublik Deutschland)
Syntax and Semantics of Categorial Languages Preliminary Remarks Syntactic Categories Lambda-Abstraction Interpretation Lambda-Conversion and Transformations Short Bibliography
Preliminary Remarks
One interest in categorial languages is syntactic. In fact a great deal of early work on such languages was concerned with their syntactic properties. While the study of such properties is certainly important, the spirit of this handb ook would make it sub ordinate to the question of how to give a truth-conditional semantics for a categorial language. That will be the goal of this article. An early presentation of categorial languages is found in Ajdukiewicz (1935). They were then taken up b y, among others, Bar Hillel (1964) and Geach (1970). However the earliest formal semantics for categorial languages appears to b e that given in Lewis (1970) though it’s an ob vious generalization of work in intensional logic, e. g. that b eing done b y Richard Montague in the sixties (Montague 1974).
2.
Syntactic Categories
The syntax of a categorial language makes use of the idea of a syntactic catego ry. Syntactic categories are either basic categories or functo r categories. In most presentations there are two b asic categories, the category of name and the category of sentence. Various authors have considered other b asic categories (for instance Lewis (1970/72: p. 171) has an additional b asic category of co mmo n no un) b ut our purposes will b e served with just those two. The category of names will b e referred to as ‘n’ and the category of sentences as ‘s’. Functor categories are categories which ‘make’ more complex expressions out of simpler ones. For instance, the word and in English has the function of making a sentence out of two simpler sentences. Thus (1) Gwendolen pauses and Earnest smiles is made up, using and, from the two sentences (2) and (3): (2) Gwendolen pauses (3) Earnest smiles. The symb ol underlying and in a categorial language would therefore b e put into a syntactic category lab elled (s/ss) to indicate that it makes an s (sentence) out of two others.
8. Syntax and Semantics of Categorial Languages
The syntactic rules which define wellformed expressions would state this fact. An explicit definition of the categories b ased on s and n can b e given by the following two rules: s and n are categories. If τ and σ1, ..., σn are categories then so is (τ/σ1...σn). The idea is that the only syntactic categories are those generated b y these rules. Thus (s/ ss) is a syntactic category b ecause s is one b y S1 and (s/ss) is made up out of s in the way allowed b y S2. (τ/σ1 ... σn) is the category which forms an expression of category T out of expressions of categories σ1, ..., σn respectively. Categories can get complex. For instance (s/n) is the category of a one-place predicate. (This might b e a word like pauses which makes a sentence like (2) out of a name like Gwendolen.) Since (s/n) is a syntactic category, so is ((s/n)/(s/n)). This is the category which forms a one-place predicate out of a noneplace predicate, and it has b een suggested that an adverb like invitingly might b e represented by a symbol in this category so that (4) pauses invitingly would b e a (complex) one-place predicate expression (an (s/n)) made up b y an adverb comb ining with another one-place predicate pauses. (4) could then comb ine with the name Gwendolen to produce the sentence (5) Gwendolen pauses invitingly. In a categorial language every well-formed expression is in some syntactic category. Further, it is convenient to insist that an expression b e in no more than one category. The simple expressions out of which all the others are made can b e in any category. Where σ is a syntactic category, then Fσ will denote the class of symb ols (i. e. simple expressions) in category σ. When a categorial language is describ ed in this ab stract way, it is not said what a symb ol is. A symb ol can b e anything we please. It is a symb ol merely in virtue of playing a certain structural role in a syntactic system. It is often assumed that a language should have only finitely many symb ols. This is b ecause the meaning of each symb ol must b e separately learnt, as opposed to the complex expressions, whose meanings will b e determined b y the meanings of the simple symb ols in association with the rules of comb inations in a way soon to b e describ ed. Each Fσ will then b e finite and, further, all b ut
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finitely many of them will b e empty. (As will b e seen in a moment, the fact that there are no symb ols in a given category does not prevent there b eing complex expressions in that same category.) The set of well-formed expressions of a categorial language can b e defined as follows. Let Eσ b e the set of all expressions of category σ. Expressions will turn out to b e finite sequences of other expressions leading b ack until symb ols are reached. This is defined b y the following two rules: Fσ ⊆ Eσ (This just means that any symb ol in category σ is also an expression in category σ.) If δ ∈ E(τ/σ1... σn) and α1 ∈ Eσ1, ..., αn ∈ Eσn (where τ and σ1, ..., σn are all categories, not necessarily all distinct) then the sequence 〈δ, α1, ..., αn〉 is in Eτ, i. e. it is a well-formed expression in category τ. This can be illustrated using examples (1) and (4). Let Gwendo len and Earnest b e symb ols in category n which represent the English words ‘Gwendolen’ and ‘Earnest’. In other words, Gwendo len and Earnest are b oth in Fn. Let pauses and smiles b e in F(s/n) and and in F(s/ss). Since Gwendo len is in Fn, then, b y E1, it is in En. Similarly, pauses ∈ E(s/n). So b y E2, (6) is in ES, and similarly (7) is in ES. (6) 〈pauses, Gwendolen〉 (7) 〈smiles, Earnest〉 Since and ∈ E(s/ss) then E2 gives (8) as a member of Es. (8) 〈and, 〈pauses, Gwendolen〉, 〈smiles, Earnest〉〉 The word order of (8) is not English, b ut this fact does not affect the categorial structure. Indeed we could easily rearrange the word order to get (9) 〈〈Gwendolen, pauses〉, and, 〈Earnest, smiles〉〉 In (9), as in (8), provided the categories of the symb ols remain unchanged, it is clear that and forms (9) out of two simpler sentences. And each of these simpler sentences is formed b y a one-place predicate (i. e. a memb er of E(s/n)) combining with a name. (8) and (9) can alternatively b e represented as phrase markers:
III. Theorie der Satzsemantik
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The grammar which generates such phrase markers can b e expressed in a system of context-free ‘rewrite’ rules which correspond to E1 and E2. (s/ss) → {and} n → {Gwendolen, Earnest} (s/n) → {pauses, smiles} τ→ (τ/σ1, ..., σn)σ1...σn E2a is actually a rule schema which gives a particular rule for each collection of categories τ, σ1, ..., σn. To generate (4) we need to have invitingly in F((s/n)/(s/n)). Then E2 puts (10) in E(s/n) and so by E2 again, (11) is in Es. (10) 〈invitingly, pauses〉 (11) 〈〈invitingly, pauses〉, Gwendolen〉 And as with (9) we can use the equivalent (12) 〈Gwendolen, 〈pauses, invitingly〉〉 (Of course, if the interest is syntactical rather than semantical, a particular word order may b e important, and rules to effect this will need to be part of the grammar.)
3.
Lambda-Abstraction
Categorial languages as describ ed up to this point are certainly extremely powerful, b ut they are not they stand quite rich enough. To get the extra flexib ility we add what is called an abstraction operator. This is denoted b y the Greek letter ‘λ’. λ is not a functor and is in no syntactic category. A categorial language with an ab straction operator can b e called a λ-categorial language. In order to motivate and describ e the use of λ we shall look at the symb ols someone and no o ne. These symb ols seem b oth to b e in the same syntactic category, and at first
sight it might seem that they are names. This is b ecause we can get sentences like (13) and (14): (13) 〈someone, smiles〉 (14) 〈no one, smiles〉 However, even if it is plausib le to treat someo ne as the name of someone, it is impossib le so to treat no o ne. When Alice saw no one on the road it was Carroll’s logical joke that the White King should congratulate her on her sharp eyesight. In fact no o ne seems to mean the same as no t so meo ne where no t is a symbol in category (s/s). (14) is equivalent to (15) 〈not, 〈someone, smiles〉〉 But in (15) no t so meo ne is not a constituent of (15) and is not in any syntactic category. In fact it is b etter to follow Frege’s idea here and say that so meo ne is a higher-order predicate. In (15) so meo ne is the property of a predicate to the effect that there exists a person of whom the predicate is true. And no o ne means that there is no such person. Now if an ordinary predicate makes a sentence out of a name and is therefore in category (s/n) a predicate of predicates ought to make a sentence out of a predicate and so b e in category (s/(s/n)). Expressions in this category are what linguists call no un phrases or NP’s. Assigning this category to so meo ne and no o ne makes (13) and (14) well-formed sentences. Further, it allows us to give a meaning to no one which makes (14) equivalent to (15). But consider the sentence (16) Someone doesn’t smile One use of (16) might b e equivalent to (15). But it has another use. For (16) might mean simply that there is a least one person who doesn’t smile, leaving it open that there are
8. Syntax and Semantics of Categorial Languages
others who do. The prob lem is to express this sense using no t, so meo ne and smiles. Now so meo ne when applied to a predicate is to mean that the predicate is true of someone. So what predicate is involved in (16)? The predicate is ‘does not smile’, and our prob lem is to express it using no t and smiles. One way of doing this would b e to allow no t to b e in more than one syntactic category. Not only would it b e in category (s/s), it would also b e in category ((s/n)/(s/n)). In fact Geach (1970) proposes a general law to the effect that anything in category (τ/σ) is also in category ((τ/σ1...σn)/(σ/σ1...σn)). Such a practice would contradict the stipulation that a symb ol b e in no more than one syntactic category and so the question is whether we can get the same effect without giving up this restriction. This can be done in the following way: We are to think of the predicate ‘does not smile’ as b eing short for some such expression as ‘is an x such that x does not smile’ where the x is what is called a variable. That is to say we are not thinking of any particular nonsmiling thing, we are thinking of what it is for anything x to b e such that x does not smile. In natural languages the effect of a variab le is often ob tained b y means of a pronoun, as when one says (17) Every time I come to a traffic light it is red. (The point ab out (17) is that no particular traffic light is being referred to.) We shall use the notation 〈λ, x, α〉 to mean ‘is an x such that α’. 〈λ, x, α〉 will b e in category (s/n). Actually, the notion of ab straction is more general than that. In the ab ove example 〈λ,x, α〉 is in category (s/n) b ecause a is in category s and the variab le x is in category n. In general where x is a variab le in category σ and α an expression in category τ then 〈λ, x, α〉 is in category (τ/σ). This can b e made precise: We first must supplement the language with a set of variab les for each syntactic category. The variab les play a structural role in manufacturing new expressions and we can never b e sure that we may not need more, so we shall assume that with each category a there is associated a denumerab ly infinite set Xσ of variab les of category σ. Each memb er of Xσ counts as an expression in category σ. This can b e made precise b y adding two more rules to E1 and E2: Xσ ⊆ Eσ
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If x ∈ Xσ and α ∈ Eτ then 〈λ, x, α〉 ∈ E(τ/σ) The complex predicate which underlies ‘doesn’t smile’ can now be represented as (18) 〈λ, x, 〈not, 〈smiles, x〉〉〉 where x ∈ Xn. E3 and E2 make 〈smiles, x〉 a member of Es and therefore so is (19) 〈not, 〈smiles, x〉〉 So by E4, (18) is in category (s/n). I. e. it is a predicate. So the appropriate sense of (16) can be represented as (20) 〈someone, 〈λ, x, 〈not, 〈smiles, x〉〉〉〉 (20) means that someone is an x such that x does not smile. This device enab les λ-categorial languages to deal with the kind of phenomena logicians have b ecome very familiar with. That is the two senses of (21) Everyone loves someone (In the strong sense, (21) means that there is a person who is the ob ject of universal admiration, while the weak sense allows a situation in which each person, say in a circle, loves the person to their left, so everyone loves someone without there b eing anyone whom everyone loves. Some linguists have disputed that (21) has a strong sense in English, b ut we could easily suppose a language in which there were these two senses.) In (21) lo ves is a rather more elab orate kind of predicate than smiles and pauses, for lo ves requires two names to turn it into a sentence.lo ves is therefore called a two-place predicate, b y contrast with predicates like smiles and pauses which are one-place predicates.lo ves can b e put in category (s/nn). This means that if x and y are both in Xn then (22) 〈loves, x, y〉 is in Es. With everyo ne and so meo ne b oth in F(s/(s/n)) then the two senses of (21) can b e represented by (23) and (24). (23) 〈everyone, 〈λ, x, 〈someone, 〈λ, y, 〈loves, x, y〉〉〉〉〉 (24) 〈someone, 〈λ, y, 〈everyone, 〈λ, x, 〈loves, x, y〉〉〉〉〉 (23) says that everyone is an x which satisfies the predicate ‘x loves someone’. (24) says that there exists a y for which ‘everyone loves y’ is true. This completes the syntactic aspects of λcategorial languages. It is time to move on to semantics.
III. Theorie der Satzsemantik
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4.
Interpretation
Actually semantics at an informal level has b een in the picture all the way through. What must b e done is make it explicit. The kind of semantics to b e provided is what is often called model-theoretic, that is to say one first specifies a system of entities which are the things eligib le to b e the meanings of the expressions in any syntactic category in any λcategorial language. Such a system of domains of interpretation will b e denoted b y D. One then ‘interprets’ a particular language in D b y means of an assignment function V which assigns values of the appropriate kind to each symb ol. The rules of comb ination then shew how to determine a semantic value for each expression of . By varying V, the very same can b e given different interpretations, and expressions in two different ’s can end up with the same interpretation. D is a function which associates with each syntactic category σ a set or domain Dσ of things which are possib le meanings for expressions of category a. The first question is what are Dn and Ds. Ds is the domain of sentence meanings. These can b e called propositions, and in article 2 it was suggested that they b e taken as sets of possib le worlds, or perhaps, in order to take tense into account, as sets of world-time pairs; or mayb e even something more complex. Sets of world-time pairs is good for starters anyway. Where W is the set of all world-time pairs then a ∈ Ds iff a ⊆ W. I. e. the memb ers of Ds are all and only sets of world-time pairs. Dn is the domain of things than can b e named. But what can b e named? Well I guess anything can b e named. But what is anything? Mayb e questions like this are metaphysical rather than semantical. The idea is that Dn contains everything that there is. And this doesn’t just mean individual ob jects. For we often talk ab out sets, characteristics, events, tendencies, attitudes and aspirations. They are all ‘things’ in the extended sense which is appropriate to Dn. The situation for the functor categories is a little different. Consider a (one-place) predicate. This will b e an expression in category (s/n) and it will form a sentence out of a name. Suppose it is the predicate pauses. The meaning of (6), in a value assignment V which is to mirror English, will b e the set of pairs 〈w, t〉 in which Gwendolen pauses in world w at time t. If Gwendo len had b een replaced by the name of someone else, say of Algernon, then it would have b een the set of pairs such
that Algernon pauses in w at t. In other words the meaning of pauses will b e a function (or infinite correlation) which associates with anything a the set of worlds and times at which a pauses. Denote this function b y ω. ω(a) will then b e the set of 〈w, t〉 pairs such that a pauses in w at t. In ω(a), a is said to b e the argument of the function ω and ω(a) is the value of the function ω for the argument a. There will of course b e many memb ers of Dn for which ω will not make sense. Such an a will not b e in the do main of ω. This just means that ω(a) does not exist or ω is not defined for a. Thus (25) 〈Saturday, pauses〉 might have no semantic value. In general D(s/n) will consist of functions whose domains are taken from (i. e. whose arguments are in) Dn and whose values are in Ds. The domains of these functions are unlikely to b e the whole of Dn. I. e. they will b e partial functions. This is necessary not only to account for the semantic anomaly of sentences like (25) b ut also to prevent certain set-theoretical prob lems. For instance, take the case of a function ω in D(s/n). This function might well b e named b y an expression in category n and should therefore itself b e a memb er of Dn. So at least one of the memb ers of Dn for which ω would not b e defined would be ω itself. This can b e generalized for every functor category. A memb er of D(τ/σ1...σn) will b e a function ω from Dσ1 × ... × Dσn to Dτ. That is to say its first argument will b e in Dσ1, its second in Dσ2, ..., its nth in Dσn, and its value will b e in Dτ. And there will of course b e some arguments from the appropriate category for which it will not be defined. A value assignment V for a λ-categorial language is a function such that for any α ∈ Fσ; V(α) ∈ Dσ. I. e. V assigns to every symb ol a meaning from the appropriate category. Notice that V does not give values to the variab les. This is b ecause ultimately we will b e interested only in expressions whose final value is unaffected b y the value given to the variab les. Associated with a language and a system D of domains there is a set N of value assignments to the variab les. If ν ∈ N then for any x ∈ Xσ, ν(x) ∈ Dσ. We now show how to define a function Vν which gives a semantic value for every expression of , whether simple or complex. Vν is defined as follows:
8. Syntax and Semantics of Categorial Languages
V1 If α ∈ Fσ then Vν(α) = V(α) V2 If x ∈ Xσ then Vν(x) = ν(x) V3 If α is 〈δ, α1, ..., αn〉 then Vν(α) = Vν(δ) (Vν(α1), ..., Vν(αn)) V4 If α is 〈λ, x, β〉, with x ∈ Xσ and β ∈ Eτ, then Vν(α) is the function ω such that for any a ∈ Dσ, ω(a) = V(ν, a/x) (β), where (v, a/x) is the function exactly like v except that (ν, a/x) (x) = a. V2 and V3 may require a little comment. The idea is that when δ comb ines with α1, ..., αn to form an expression, the meaning of that expression is got b y letting the function which is the meaning of δ (i. e. Vν(δ)) operate on the meanings of α1, ..., αn respectively. (And these are Vν(α1), ..., Vν(αn).) Of course it may happen that Vν(δ) is not defined for these arguments, as in (25) — if V(Saturday) is Saturday and Saturday is not in the domain of V(pauses). In such a case the whole expression will lack a value. If we think of 〈λ, x, β〉 as meaning ‘is an x such that β’ then the idea is that a satisfies this iff a is an x such that β, which is to say that β is true when x is given the value a, which is just what (v, a/x) does. These rules can b e illustrated b y working through an example. Take (23). By V1—V3 it is not hard to see that Vν(〈loves, x, y〉) = V(loves) (v(x), v(y)) So Vv(〈λy, 〈lo ves, x, y〉〉) is the function ω such that for any a ∈ Dn: ω(a) = V(v, a/y) (〈loves, x, y〉) = V(loves) ((v, a/y) (x), (v, a/y) (y)) = V(loves) (v(x, a) So 〈w, t〉 ∈ ω(a) iff v(x) loves a in w at t. Now Vν(〈someone, 〈λ, y, 〈loves, x, y〉〉〉〉 = V(someone) (Vν(〈λ, y, 〈loves, x, y〉〉 = V(someone) (ω) And, since V is supposed to give so meo ne its English meaning: V(someone) (ω) is the set of pairs 〈w, t〉 such that there exists at t in w a person a such that 〈w, t〉 ∈ ω(a). And this latter is so iff v(x) loves a at 〈w, t〉. So 〈w, t〉 ∈ Vν (〈so meo ne, 〈λ, y, 〈lo ves, x, y〉〉〉) iff v(x) loves someone at 〈w, t〉. Now consider Vν(〈λ, x, 〈someone, 〈λ, y, 〈loves, x, y〉〉〉〉) This will b e the function ω′, again in D(s/n), such that, for any a ∈ Dn, ω′(a) = V(ν, a/x) (〈so meo ne, 〈λ, y, 〈lo ves,
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x, y〉〉〉) and 〈w, t〉 will b e in this set iff a loves someone at 〈w, t〉. Finally consider Vν((23)). Vν((23)) is (b y V3) V(everyone) (ω′) so 〈w, t〉 ∈ Vν((23)) iff for every person a who exists in w at t, 〈w, t) ∈ ω′(a). And this last is so iff every person loves someone at 〈w, t〉. The meaning of (24) can b e worked out analogously. It will b e seen to yield the strong interpretation. In (23) and (24) the dependence on v finally disappears. The assignment to y no longer matters in 〈λ, y, 〈loves, x, y〉〉 and the assignment to x b ecomes irrelevant in the final expression. In 〈λ, y, 〈lo ves, x, y〉〉 the y after the λ binds the y in 〈lo ves, x, y〉. By contrast the x remains free. Of course in 〈lo ves, x, y〉 b oth the x and y are free. In general in 〈λ, x, β〉 the x after the λ b inds all free occurrences of x in β. The following theorem is easy to prove: If ν and µ are two assignments which agree on the variab les free in an expression α, then for any assignment V, Vν(α) = Vμ(α). If α contains no free variab les (like (23) or (24)) then Vμ(α) = Vν(α) for all assignments to the variab les and so we may simply speak of V(α). The sentences which underly natural language are usually considered not to contain free variab les and so their meanings are determined by V alone.
5.
Lambda-Conversion and Transformations
In λ-categorial languages there are certain principles which state conditions under which certain expressions have the same semantic value in all interpretations. These are known as the principles of λ-conversion (Cresswell 1973: pp. 88—90), and state that certain expressions are synonymous purely as the result of the semantics of λ-conversion. The principle concerned here is (*) 〈〈λ, x, α〉, β〉 is equivalent in every interpretation to α[β/x]. In this principle x and β must b oth b e of the same category, say σ. Let α b e in category τ. α[β/x] is α with β replacing all free occurrences of x, provided ob vious releterring is done to prevent anything in β b eing b ound as a result. Since 〈λ, x, α〉 is in category (τ/σ) then b oth sides of the principle are in category τ and
154
the principle simply says that they have the same value in every interpretation. Intuitively (*) says that the statement that β is an x such that x α’s means simply that β α’s. For instance, Gwendolen is an x such that x smiles iff Gwendolen smiles. The connection was mentioned earlier b etween categorial languages and phrase structure grammars. When an ab straction operator is added, we get something which looks much more like a transformational grammar. To see this we can look at some simple transformations. In particular let us look at the transformation which gets (26) from (27). (26) Gwendolen and Earnest smile (27) Gwendolen smiles and Earnest smiles There is of course a difference b etween smile and smiles and it may even b e a semantic difference. For now however it is simpler to treat it as a surface difference and suppose that there is only one symb ol at the λ-categorial level. The principles of λ-conversion enab le one occurrence of smile to do the work of two, and thus, in a sense, have the same effect as a transformation which deletes a symb ol under appropriate conditions of identity with a symb ol elsewhere in the structure. In (27) we suppose that Gwendo len and Earnest are each in category n, run is in category (s/n) and and is in category (s/ss). This means that its categorial structure is (28) 〈〈Gwendolen, smile〉, and, 〈Earnest, smile〉〉 What the principle (*) of λ-conversion does is assure us that (28) is semantically equivalent to (29) 〈〈λ, x, 〈〈Gwendolen, x〉, and, 〈Earnest, x〉〉〉〉 smile〉 Here x is a variab le in category (s/n), and we can read (29) in some such manner as ‘smile is an x such that Gwendolen x’s and Earnest x’s.’ At any rate, using variab les in category (s/n) enab les one to ab stract on the verb and supply it, using only one occurrence of the symbol, as an argument of the abstract. In the case of (28) and (29) the principles of λ-conversion tell us that an expression containing a λ, (29), is equivalent to one without any λ, (28). This does not mean that every expression with λ’s can b e converted into an equivalent one without. For instance, sentence (20) cannot b e converted into an equivalent sentence without λ’s, b y any numb er of λ-conversions. The principle (*) of λ-conversion which
III. Theorie der Satzsemantik
enab les us to go from (28) to (29) can b e describ ed as a grammatical transformation on structures. It would have something like the following form
This looks perhaps rather unfamiliar as a transformation, b ut it is surely conceivab le that transformational theory could b e rewritten so that the transformations might all emerge as complex sequences of λ-conversions. (At the very least an investigation of this possib ility would seem a viab le research project.) One important difference b etween transformations and λ-conversions may b e seen b y looking at (29). What we notice is that its structure actually seems to tell us how it has b een ob tained. For one may think of the variab le x as a trace indicating the place where smile used to b e in (28). This means that a sentence of a λ-categorial language in a sense carries its structure with it. Some authors seem to consider this a b ad thing. For instance Levin (1982) extends ordinary categorial languages b y allowing more lib eral principles of comb ination and on p. 147 appears to prefer this to adding an ab straction operator precisely on the ground that a λcategorial treatment puts too much structure into the sentence itself. Categorial languages do of course have quite restricted formation rules and there is nothing to prevent more general kinds of phrase structure rules from b eing semantically interpreted. In a way this is just what Montague Grammar is all ab out (see Montague 1974 and also Suppes 1973 and von Stechow 1974). Levin’s work is interesting in that he advocates a categorial syntax but with more general semantic rules. As a way of illustrating the transformational power of the principles of λ-conversion, we shall look at how they may b e used to change the linear order of strings of symb ols. There is a grammatical operation known as preposing or topicalization, whereb y one might take a sentence like (30) Gwendolen loves Earnest and stress the fact that it is Earnest that Gwendolen loves b y b ringing the name Earnest to the beginning of the sentence to get
8. Syntax and Semantics of Categorial Languages
(31) Earnest Gwendolen loves (31) is a little less natural than (32) It is Earnest whom Gwendolen loves b ut with the right kind of stress (on EARNEST) a sentence like (31) is surely possib le with the meaning of (30). The categorial structure of (30) is (33) 〈loves, Gwendolen, Earnest〉 where lo ves is in category (s/nn) and Gwendo len and Earnest are b oth in category n. λconversion gives (34) 〈〈λ, x, 〈〈λ, y, 〈x, y, Earnest〉〉, Gwendolen〉〉, loves〉 Now, since x and y are two (distinct) variables of category (s/nn) and n respectively, this makes 〈x,y, Earnest〉 an expression of category s. This in turn puts 〈λ, y, 〈x, y, Earnest〉〉 into category (s/n), meaning ‘is a y such that y x’s Earnest’ which b ecomes (when Gwendo len is added as argument) ‘Gwendolen is a y such that y x’s Earnest’; in other words, ‘Gwendolen x’s Earnest’. So the whole sen-
155
tence means ‘lo ves is an x such that Gwendolen x’s Earnest’, i. e. ‘Gwendolen loves Earnest’. These last remarks (made at greater length in Cresswell 1977 a) indicate how one might use categorial languages in a theory of syntax as well as semantics. They would then b ecome part of the syntactic b ase of a linguistic description of a natural language. At the other extreme they could b e regarded in much the way Montague regarded his intensional logic, as the language of semantic representation into which the syntactic structures were mapped.
6.
Short Bibliography
Ajdukiewicz 1935 · Bar Hillel 1964 · Cresswell 1973 · Cresswell 1977 a · Geach 1970 · Levin 1982 · Lewis 1970 · Montague 1974 · von Stechow 1974 · Suppes 1973
M. J. Cresswell, Wellington (New Zealand)
156
IV. Kontexttheorie Context Theory
9. 1. 1.1 1.2 1.3 1.4 2. 2.1 2.2 2.3 2.4 2.5 3. 3.1 3.2 3.3 4. 4.1 4.2 4.3 4.4 5. 5.1 5.2 5.3 5.4 5.5 6.
Kontextabhängigkeit Die klassische Theorie Extension und Intension Intension und Charakter Arten der Referenz Arten der Kombination Varianten und Alternativen Parametrisierung Extensionalisierung Zweidimensionale Modallogik Tokenanalyse Erkenntnistheoretische Umdeutung Aspekte des Kontexts Standardaspekte unter der Lupe Demonstrativa Einschlägiges Probleme Bindung Perspektivische Verschiebungen Skopismus, Holismus und quantifizierte Kontexte Mißbrauch Historisch-bibliographische Anmerkungen Zur klassischen Theorie Zu den Varianten und Alternativen Zu den Aspekten des Kontexts Zu den Problemen Zu den historisch-bibliographischen Anmerkungen Literatur (in Kurzform)
Die in diesem Artikel besproc henen semantisc hen Phänomene könnte man — statt unter Kontextabhängigkeit — ebensogut unter den Begriffen Deixis oder direkte Referenz abhandeln. Es geht jedenfalls um eine bestimmte Art der Situationsabhängigkeit der Bedeutung sprac hlic her Ausdrüc ke. Um allerdings diese Situationsabhängigkeit genauer fassen zu können, bedarf es eines allgemeinen theoretisc hen Rahmens für die Besc hreibung des Verhältnisses der Sprac he zur Welt. Ein solc her Rahmen wird von der in Teil 1 dargestellten allgemeinen Referenztheorie bereitgestellt, die zugleic h auc h die klassische Theorie der Kontextabhängigkeit ist. Andere, größtenteils mit der klassisc hen Theorie eng ver-
wandte Bezugsrahmen werden im darauffolgenden Teil kurz vorgestellt. Erst danac h gibt es (im dritten Teil) einen Überblic k über den Phänomenbereic h; dabei sollen vor allem die deskriptive Spannweite und Flexibilität der klassisc hen Theorie und ihrer Varianten erkennbar werden. Ihre Grenzen sind Gegenstand von Teil 4.
1.
Die klassische Theorie
Die hier zum Ausgangspunkt erkorene klassisc he Theorie der Kontextabhängigkeit läßt sic h nur verstehen, wenn man sie auf dem Hintergrund eines bestimmten Bildes des Zusammenhangs zwisc hen Sprac he und Welt sieht. Als grobe Skizze steht dieses Bild am Anfang der folgenden Darstellung. Nac h dem Begriff ‘Kontext’ wird man in dieser Darstellung der klassisc hen Theorie übrigens vergeblic h suc hen: er gehört — in der hier bevorzugten Terminologie — zu einer erst in Absc hnitt 2.1 zu besprec henden Variation des klassischen Rahmens. 1.1 Extension und Intension Durc h die Verwendung sprac hlic her Ausdrüc ke beziehen sic h Sprec her oft auf Personen oder Dinge. Wenn z. B. Erwin den Satz: (1) Ich bin Vertreter. äußert, so bezieht er sich mit dem Subjekt ich auf sic h selbst, also Erwin. In dieser Situation ist Erwin der Referent oder, wie man auc h sagt, die Extension des Wortes ich. Für das Substantiv Vertreter läßt sic h ebenfalls eine Extension angeben, wenn auc h nic ht in so naheliegender Weise. Ist die von Erwin aufgestellte Behauptung wahr, so könnte man zunäc hst vermuten, daß dieses Substantiv genau wie das Subjekt auf den Sprec her Erwin verweist. Doc h worauf soll sic h das Wort Vertreter beziehen, wenn Erwin Unrec ht hat? Eine möglic he Antwort wäre, daß es sic h in diesen Fällen auf unbestimmte Weise auf alle
9. Kontextabhängigkeit
beliebigen Vertreter bezieht oder — was auf dasselbe hinausläuft — auf die Gesamtheit aller Vertreter. Die Extension des Substantivs Vertreter ist nac h der letzteren Sic htweise, der wir uns hier ansc hließen, die Menge der Vertreter, also etwas Abstraktes. Diese Sic htweise erlaubt es auc h, für die Verwendung der Kopula bin eine Extension anzugeben: Erwins Behauptung besagt, daß er ein Element der Extension von Vertreter ist, so daß man als Kopula-Extension die Elements c haftsbeziehung ansehen kann. In ähnlic her Weise kann man jetzt versuc hen, für beliebige Verwendungen beliebiger sprac hlic her Ausdrüc ke Extensionen zu finden. Eine notorisc he Sc hwierigkeit bereiten dabei vor allem Sätze. Auf den ersten Blic k sc heint es hier keine intuitiv vorgegebenen Referenten zu geben. Eine Überlegung aus der Prädikatenlogik zeigt aber, daß man über Umwege auc h Satz-Extensionen bekommen kann. Betrac htet man nämlic h Satzsc hemata wie: (2) x liebt y. oder — in prädikatenlogisc her Notation — (offene) Formeln wie: (2′) LIEBEN(x,y), so liegt es nahe, als ihre Extension die Menge aller geordneten Paare 〈a,b〉 festzulegen, die (2) bzw. (2′) erfüllen, für die also gilt: a liebt b. Bei mehr als zwei freien Variablen bekommt man dementsprec hend Mengen von Tripeln, Quadrupeln etc . als Extensionen. Im allgemeinen ist dann die Extension einer Formel φ mit n freien Variablen die Menge aller n-Tupel 〈a1,..., an〉, die φ erfüllen. Da nun das einzige 0-Tupel die leere Menge ∅ ist, bleibt für eine Formel φ ohne freie Variablen als Extension entweder die Einermenge {∅} — falls φ wahr ist — oder aber die leere Menge ∅ (für ein falsc hes φ). Natürlic hsprac hlic he (Aussage-)Sätze entspre c hen insofern gesc hlossenen Formeln, als sie offenbar keine freien Variablen enthalten. Als Extensionen von Sätzen kämen somit die mengentheoretisc hen Objekte {∅} und ∅ infrage: {∅} ist die gemeinsame Extension der wahren Aussagen, die falsc hen haben alle ∅ zur Extension. Diese beiden abstrakten Objekte bezeic hnet man auc h als die beiden Wahrheitswerte. In der Mengenlehre und im folgenden werden sie überdies mit den Zahlen 0 (= ∅) und 1 (= {∅}) identifiziert. Mit den bisher getroffenen Festlegungen über die Extensionen sprac hlic her Ausdrüc ke
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ergibt sic h unmittelbar eine interessante Konsequenz für einfac he Sätze wie (1): ihre Extensionen lassen sic h aus den Extensionen ihrer jeweiligen Teilausdrüc ke ermitteln. Sie erfüllen also ein Naives Kompositionalitätsprinzip Die Extension eines komplexen Ausdruc ks ergibt sic h aus den Extensionen seiner Teile und der Art ihrer Kombination. Dieses Kompositionalitätsprinzip für Extensionen läßt sic h aber nic ht auf beliebige Sätze ausdehnen. Typisc he Gegenbeispiele sind vor allem Sätze mit eingebetteten daß-Sätzen: (3) Monika vermutet, daß Erwin Vertreter ist. Aus dem Naiven Kompositionalitätsprinzip und der Annahme, daß die Extension des Teilsatzes Erwin Vertreter ist gleic h dem Wahrheitswert dieses Satzes ist, folgt sofort, daß man ihn durc h jeden beliebigen deutsc hen (Neben-)Satz mit demselben Wahrheitswert ersetzen könnte, ohne daß sic h am Wahrheitswert der Gesamtaussage (3) etwas änderte. Doch das ist natürlich absurd. Um die im Zusammenhang mit (3) auftretenden Sc hwierigkeiten zu umgehen, muß man entweder das Naive Kompositionalitätsprinzip oder die Annahme, daß Satzextensionen Wahrheitswerte sind, aufgeben. Hier wird nur die erste Alternative weiterverfolgt. (Für die zweite siehe den Artikel 6.) Eine minimale Absc hwäc hung des Naiven Kompositionalitätsprinzips besteht nun darin, für solc he Problemfälle wie die Satzeinbettung in (3) eine Art ‘Ersatzextension’ vorzusehen: der Wahrheitswert von (3) hängt dann nic ht vom Wahrheitswert des eingebetteten Satzes, wohl aber von der durc h ihn ausgedrüc kten Proposition (dem Satzinhalt) ab, und letztere übernimmt die Rolle der Ersatzextension bei einer kompositionellen Besc hreibung der Extension von (3). Statt von ‘Ersatzextensionen’ spric ht man üblic herweise von Intensionen. Propositionen sind also Satzintensionen. Die entsprec hende Abänderung des Naiven Kompositionalitätsprinzip lautet dann: Fregesches Kompositionalitätsprinzip Die Extension eines komplexen Ausdruc ks ergibt sic h aus den Extensionen bzw. den Intensionen seiner Teile und der Art ihrer Kombination. Syntaktisc he Konstruktionen, bei denen (wie etwa bei den meisten Anwendungen der Subjekt-Prädikatsregel) die Extensionen der Teilausdrüc ke zur Ermittlung der Extension des
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Gesamtausdruc ks ausreic hen, nennt man extensional, die anderen heißen dementsprec hend intensional. Satzeinbettungen wie in (3) sind also intensionale Konstruktionen. Andere intensionale Konstruktionen sind z. B. der Ansc hluß des direkten Objekts bei Verben wie suchen oder schulden sowie die Attribution gewisser Adjektive wie angeblich oder vorsätzlich. Es ist bemerkenswert, daß sic h die meisten dieser intensionalen Konstruktionen (wenn nic ht sogar alle) durc h geeignete Paraphrasen auf Satzeinbettungen zurüc kführen lassen. Propositionen sind also möglic herweise die einzigen Intensionen, die man tatsächlich braucht. Aber was sind Propositionen? Die bisherige Charakterisierung als Satzinhalte ist ausgesproc hen vage. Eine traditionelle, aber (wie sic h noc h herausstellen wird) nic ht ganz hinreic hende Präzisierung des Propositions- und allgemein des Intensionsbegriffs besteht in einer Gleic hsetzung von Inhalt und Information: die Intension eines Ausdruc ks ist danac h die Information, die benötigt wird, um seine Extension zu bestimmen. Da die Extension eines sprac hlic hen Ausdruc ks im allgemeinen von den Umständen seiner Äußerung abhängt, kann man sic h die Intension als ein Verfahren vorstellen, das unter beliebig gegebenen Umständen eine Spezifikation der jeweiligen Extension liefert. Oder, abstrakter und allgemeiner: als eine Funktion (durc haus im mathematisc hen Sinne des Wortes), die sic h auf möglic he Situationen anwenden läßt und deren Werte stets Extensionen sind. Die Intension eines Substantivs wie S pion läßt sic h etwa auf die Situation der Bundesrepublik Deutsc hland in den frühen siebziger Jahren anwenden und liefert eine Menge, deren prominentestes Mitglied wohl Günter Guillaume ist (wer weiß?), während der Wert derselben Intension für die Romanwelten von Ian Fleming eine häufig von Roger Moore und Sean Connery verkörperte Gestalt enthält: in jedem Falle ist der Wert der Intension die Menge der Geheimagenten. Insbesondere ist also in diesem Beispiel die Intension stets dieselbe Zuordung von Situation zu Extension, selbst wenn erstere nic ht von dieser Welt und letztere nur in den seltensten Fällen vollständig bekannt ist. 1.2 Intension und Charakter Propositionen sind also charakteristische Funktionen, d. h. Funktionen von Situationen in Wahrheitswerte, oder, was praktisc h auf dasselbe hinausläuft: Mengen von Situatio-
IV. Kontexttheorie
nen — vorausgesetzt, man identifiziert c harakteristisc he Funktionen jeweils mit den Mengen der Argumente, für die sie den Wert 1 ergeben. Demnac h besagt Satz (3), daß Monika in der durc h das Verb vermuten ausgedrüc kten Einstellung V zu einer gewissen Menge p steht; dabei ist p die Menge derjenigen Situationen, in denen Erwin Vertreter ist, und die Beziehung V läßt sic h ungefähr so besc hreiben: x steht in V zu p, falls x eine Vermutung hegt, bei deren Zutreffen eine Situation aus p vorliegt. Das Zutreffen der Beziehung V ist natürlic h selbst wieder situationsabhängig, so daß sic h als Intension des Verbs vermuten eine Funktion ergibt, die Situationen Relationen zwisc hen Personen und Propositionen zuordnet. Unter der (in diesem Zusammenhang harmlosen) vereinfac henden Annahme, daß die Gesamtheit aller von einer Person gehegten Vermutungen selbst wieder eine Vermutung dieser Person bildet, gelangt man zu der folgenden (provisorisc hen) Bedeutungsregel: (R*) Die Intension des Verbs vermuten ist eine Funktion V, die jeder Situation s eine zweistellige Relation Vszuordnet, so daß für beliebige Individuen x und Propositionen p gilt: (*) x steht zu p in der Relation Vs, falls p in jeder Situation s’ gilt, die mit den von x in s gehegten Vermutungen vereinbar ist. (R*) ist eine typisc he Regel für die Deutung einer intensionalen Konstruktion. Wendet man sie auf Sätze wie (3) an, verweist die Variable s auf die Situation, an der der betreffende Ausdruc k geäußert wird und für die seine Extension ermittelt werden soll; s’ bezieht sic h dagegen auf Situationen, die für die Ermittlung der Intension eines der Teilausdrüc ke zu Rate gezogen werden müssen. Es empfiehlt sic h für das folgende, diesen Untersc hied in der Rolle von s und s’ festzuhalten: man sagt, daß sic h s bei einer (einfac hen) Anwendung von (R*) auf eine Äußerungssituation bezieht, während s’ für Auswertungssituationen steht. (R*) ist ein Beispiel für eine rec ht gängige Analyse von Einstellungsverben wie vermuten. Es ist bekannt, daß diese Analyse wegen der logisc hen Inkonsequenz propositionaler Einstellungen zu Sc hwierigkeiten führt, die sic h durc h einen logisc h feineren (aber komplizierteren) Propositionsbegriff umgehen lassen. (Vgl. dazu Artikel 34.) Dieses Phänomen ist jedoc h weitgehend (genauer: abgesehen
9. Kontextabhängigkeit
von einem in Absc hnitt 4.2 noc h anzusprec henden möglic hen Zusammenhang) unabhängig von Fragen der Kontextabhängigkeit. Wir werden uns deshalb weiter auf (R*) beziehen und stillsc hweigend voraussetzen, daß die gleic h zu diskutierenden Probleme auc h im Zusammenhang mit logisc h strukturierten Propositionen auftreten und sic h dann in analoger Weise lösen lassen. Wenden wir nun (R*) auf das folgende Beispiel an: (4) Monika vermutet, daß ich in Radolfzell bin. Um das Problem, das sic h für eine Analyse von (4) nac h (R*) ergibt, klar zu sehen, sei hier eine bestimmte (etwas verquere) Äußerungssituation s0 von (4) betrac htet, deren Vorgesc hic hte sic h folgendermaßen abgespielt hat: Erwin ruft aus Sc hwäbisc h-Hall Monika an, um ihr mitzuteilen, daß er nac h Radolfzell fahren will. Unterwegs überlegt er es sic h jedoc h anders und fährt stattdessen nac h Konstanz, wo Monika — die beiden führen dort einen gemeinsamen Haushalt — an ihrem Sc hreibtisc h im Arbeitszimmer sitzt, während ihre Eltern im Wohnzimmer fernsehen. Bei seiner Ankunft trifft Erwin als erstes Monikas Eltern und äußert nun (4). Monika hört dies zwar durc h ein Loc h in der Wand zwisc hen Wohn- und Arbeitszimmer, hält es jedoc h für eine (etwas abwegige) Äußerung ihres Vaters; die Stimmen der beiden ähneln sic h nämlic h, und Monika wähnt Erwin in Radolfzell. So weit die Besc hreibung der uns interessierenden Äußerungssituation s0 von (4). Versuc hen wir nun, (R*) zur Ermittlung des Wahrheitswertes von (4) in s0 heranzuziehen. Die Bedingung (*) läuft in diesem Falle darauf hinaus, daß in jeder (Auswertungs-) Situation s’, die mit den von Monika in s0 gehegten Vermutungen vereinbar ist, die durch (5) ausgedrückte Proposition wahr ist: (5) Ich bin in Radolfzell. (5) ist aber offenbar in einer Situation s’ gerade dann wahr, wenn sic h (in s’) die in s’ sprec hende Person in Radolfzell aufhält. Damit (4) gemäß (R*) in s0 wahr ist, müßten also Monikas Vermutungen darauf hinauslaufen, daß sic h der Äußerer von (4) in Radolfzell befindet. Doc h das ist natürlic h absurd: Monika ist in Konstanz, und sie kann ja hören, daß der Sprec her nebenan ist. (R*) sagt also die Falsc hheit von (4) in s0 voraus, wo doch Erwin ganz offensichtlich recht hat. Es ist klar, was hier sc hiefgelaufen ist: Er-
159
win behauptet mit seiner Äußerung von (4) nämlic h keineswegs, daß Monika vermute, die Person, die jetzt gerade im Nebenzimmer sprec he, sei in Radolfzell. Die Vermutung, die Erwin meint, bezieht sic h vielmehr auf ihn selbst, den augenblic klic hen Sprec her; es handelt sic h also um eine sog. singuläre Proposition, eine Proposition über ein bestimmtes Individuum. Die bisherigen Festlegungen zur Bestimmung von Intension und Extension tragen dieser Tatsac he offenbar nic ht Rec hnung. Eine Revision tut not. Es bieten sic h hier im Prinzip zwei Möglic hkeiten an, diese im Zusammenhang mit (4) aufgetretenen Sc hwierigkeiten aus dem Weg zu räumen: (A) entweder man ändert die Deutung (R*) des Verbs vermuten und besc hränkt sic h in der Klausel (*) auf solc he Auswertungssituationen, in denen dieselbe Person spric ht wie in der Äußerungssituation; (B) oder man gibt die Voraussetzung auf, daß (5) ausdrüc kt, daß sic h der (jeweilige) S precher in Radolfzell aufhält und nimmt stattdessen an, (5) besage, daß sic h Erwin in Radolfzell aufhalte. Wir werden beiden Möglic hkeiten nac hgehen und dabei feststellen, daß (A) wieder zu neuen Problemen führt, während man mit (B) zu einem neuen Intensions-Begriff gelangt, der es dann erlaubt, diese Probleme zu umgehen. Später (in Absc hnitt 2.1) wird sic h allerdings herausstellen, daß sic h die Alternative (A) bei einer abstrakteren Betrachtungsweise wieder retten läßt. Untersuc hen wir also zunäc hst die Alternative (A). Dabei handelt es sic h lediglic h um eine leic hte Verfeinerung der Regel (R*); die Klausel (*) müßte ersetzt werden durch: () x steht zu p in der Relation Vs, falls p in jeder Situation s’ gilt, die mit s den Sprecher gemeinsam hat und die mit den von x in s gehegten Vermutungen vereinbar ist. (+) ist natürlic h noc h etwas unfertig: variiert man nämlic h das Beispiel (5) ein wenig, so stellt sic h sc hnell heraus, daß die in (+) herangezogenen Auswertungssituationen s’ neben dem Sprec her auc h beispielsweise die Gespräc hspartner, den Äußerungstag, den Ort der Handlung u. a. m. von der Äußerungssituation s übernehmen müssen: ihr, heute, hier etc . verhalten sic h in dieser Hinsic ht nämlic h ganz analog zu ich. Die Aspekte der Äußerungssituation, die in dieser Weise von den Auswertungssituationen übernommen werden, nennen wir hier einmal die [für (R+)] festen Situationsaspekte, während wir die anderen Aspekte als [durch (R+)] verschiebbar
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bezeic hnen. (Man beac hte, daß Aspekte von Situationen gewissen Eigensc haften derselben entsprec hen: s und s’ stimmen im Aspekt ‘Sprec her’ überein, falls sowohl s als auc h s’ die Eigensc haft zukommt, daß eine gewisse Person X in ihr spric ht; Genaueres zu diesem Aspekt-Begriff erfährt man in Absc hnitt 2.1.) Die Revision (A) besagt also einfac h, daß (R+) bestimmte Aspekte der Äußerungssituation festhält. Um welc he Aspekte handelt es sic h dabei? Das Beispiel (4) legt nahe, daß der Sprec her auf jeden Fall dabei ist: nac h (+) müssen ja Äußerungs- und Auswertungssituation den Sprec her gemeinsam haben. Doc h das ist nur die halbe Wahrheit, wie eine kleine Erweiterung des obigen Beispiels zeigt. Erwin könnte nämlic h seiner Äußerung von (4) durc haus wahrheitsgemäß folgendes hinzufügen: (6) Monika vermutet, daß nicht ich spreche, sondern jemand anders. Nac h (R+) würde aber Erwin mit (6) im wesentlic hen behaupten, daß es keine Situation gibt, die mit Monikas Vermutungen vereinbar ist und in der Erwin spric ht: die durc h den in (6) eingebetteten Satz ausgedrüc kte Proposition besteht aus den Situationen s, in denen jemand spric ht, dieser Jemand aber nic ht Sprec her in s ist; solc he s kann es offenbar nic ht geben, so daß die Bedingung (+) in diesem Falle darauf hinausläuft, daß es keine Situation s’ gibt, die mit Monikas Vermutungen vereinbar ist und die mit s0 den Sprec her Erwin gemein hat. Doc h Monika mag in der skizzierten Situation s0 sogar der Meinung sein, daß Erwin gerade etwas sagt; auf jeden Fall widerspric ht diese Annahme nic ht ihren Vermutungen über Erwin, so daß die besc hriebenen Situationen s’ doc h existieren. Sie glaubt eben nur nic ht, daß Erwin der Sprec her ist, den sie gerade, also in s0, hört — aber in irgendwelc hen anderen Situationen kann sie ihn sic h durc haus als Sprec her vorstellen. (R+) funktioniert also auch nicht. Wie ist es nun um die Alternative (B) bestellt? Danac h ist (R*) vollkommen in Ordnung, und der Fehler ist in der Voraussetzung zu suc hen, daß der in (4) eingebettete Satz (5) die Proposition ausdrüc ke, nac h der sic h der (jeweilige) Sprec her in Radolfzell aufhält: nehmen wir nämlic h stattdessen an, die durc h (5) ausgedrüc kte Proposition bestünde aus den Situationen, in denen Erwin in Radolfzell ist, so würde (4) laut (R*) besagen, daß sic h Erwin in allen mit Monikas Annahmen kompatiblen Situationen in Radolfzell aufhält;
IV. Kontexttheorie
und genauso ist es ja wohl auc h. Eine Komplikation bei dieser Lösung besteht nun allerdings darin, daß die Annahme, (5) besage, daß Erwin in Radolfzell sei, vollkommen ad hoc ist und sc hon in der näc hstbesten Situation s1, in der jemand anders als Erwin spric ht, zu offenkundigem Unsinn führt: hier kann ja die durc h (5) ausgedrüc kte Proposition unmöglic h besagen, daß Erwin in Radolfzell ist, sondern allenfalls, daß sic h eine gewisse Person, die in s1 Sprec her ist, in Radolfzell befindet. Damit würde aber (5) in s1 eine andere Proposition ausdrüc ken als in s0, d. h. die Intension von (5) hinge von der Äußerungssituation ab. Die Alternative (B) läuft also letztlic h darauf hinaus, die Intension eines Ausdruc ks — ähnlic h wie die Extension — als etwas mit der Äußerungssituation Variierendes aufzufassen: (5) drüc kt — je nac h dem, wer diesen Satz gebrauc ht — einmal diese, einmal jene (singuläre) Proposition aus, wie auc h der Wahrheitswert dieses Satzes von Situation zu Situation sc hwanken kann. Um zu gewährleisten, daß die durc h (5) ausgedrüc kte Proposition in der gewünsc hten Art und Weise von der Äußerungssituation abhängt, müssen die oben dargestellten Prinzipien zur Bestimmung von Extension und Intension verfeinert werden. Was man brauc ht, ist ein Sc hema, nac h dem ein Satz wie (5) in jeder Äußerungssituation s eine für s c harakteristisc he Intension bekommt — oder, anders ausgedrüc kt: Festlegungen für die Bestimmung der funktionalen Abhängigkeit der Intension von der jeweiligen Äußerungssituation. Diese Abhängigkeit werden wir von nun an den Charakter des betreffenden sprac hlic hen Ausdruc ks nennen. Der Charakter χ5 von (5) ist also eine Funktion, die jeder Äußerungssituation s die Menge derjenigen Situationen s’ zuordnet, für die gilt: der Sprec her in s befindet sic h in der Situation s’ in Radolfzell. Um den Charakter χ5 systematisc h mit dem Aufbau von (5) in Verbindung zu bringen, muß sc hon unterhalb der Satzebene zwisc hen Äußerungs- und Auswertungssituation untersc hieden werden. Denn die Extension des Subjekts ich in (5) wird in der Äußerungssituation bestimmt, während sic h die Extension des Prädikats (bin in Radolfzell) nac h der Auswertungssituation ric htet. Dieser Untersc hied in der Gewic htung von Äußerungs- und Auswertungssituation liegt nic ht an den Rollen von Subjekt und Prädikat, sondern an dem Wort ich. (Das läßt sic h z. B. anhand von
9. Kontextabhängigkeit
Sätzen mit mich in Objektsposition oder Eigennamen als Subjekt unmittelbar einsehen.) Soll also die Extension e des Subjekts ich angegeben werden, so muß bekannt sein, welc he Situation s Äußerungssituation ist, während die Auswertungssituation keine Rolle spielt: e ist der Sprec her in s. Der Charakter χich von ich läßt sic h dann als eine Funktion auffassen, die für beliebige Äußerungssituationen s und Auswertungssituationen s’ als Wert stets den Sprec her in der Situation s liefert. χich ist also wie χ5 eine Funktion, die auf Äußerungssituationen angewandt wird und deren Werte Intensionen sind, d. h. Funktionen von Auswertungssituationen in Extensionen. Dies gilt für Charaktere im allgemeinen. Es ergibt sich somit das folgende Bild:
Die Pfeile sind dabei in folgendem Sinne zu lesen: ‘[am Ursprung des Pfeils] legt in [rec hts vom Pfeil] eindeutig [am Ziel des Pfeils] fest’. ‘K’ steht für die Klassisc he Kontexttheorie von David Kaplan aus Kalifornien. (K) ist natürlic h nur dort anwendbar, wo überhaupt sinnvoll zwisc hen Äußerungs- und Auswertungssituation unters c hieden werden kann, also bei intensionalen Konstruktionen. Doc h läßt sic h das Sc hema leic ht auf extensionale Konstruktionen ausweiten: dazu überlegt man sic h z. B., was passiert, wenn ein Satz wie (5), dessen Charakter χ5 wir ja jetzt ungefähr kennen, als solc her behauptet wird. Zunäc hst kann natürlic h χ5 auf die Äußerungssituation s unmittelbar angewandt werden; das Ergebnis ist die durc h (5) in s ausgedrüc kte Proposition χ5(s), die aus den Situationen besteht, in denen die Person, die (5) in s äußert, in Radolfzell ist. Was aber ist die Extension, der Wahrheitswert von (5) in s? Das Sc hema (K) sagt, daß man zur Beantwortung dieser Frage noc h eine Auswertungssituation hinzuziehen müßte; eine solc he sc heint aber zunäc hst gar nic ht gegeben zu sein. Andererseits ist klar, daß (5) in der Äußerungssituation s natürlic h genau dann wahr ist, wenn die Person, die (5) in s äußert, in der Situation s selbst in Radolfzell ist, wenn also s zu χ5(s) gehört. Die durc h (5) in der Äußerungssituation ausgedrü c kte Proposition muß in diesem Fall also im Hinblic k auf die Äußerungssituation selbst ausgewertet
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werden. Um das Sc hema (K) allgemein anwendbar zu mac hen, kann man somit einfac h vereinbaren, daß — falls keine Auswertungssituation als solc he deklariert wurde — immer die Äußerungssituation als Default-Wert herhalten muß: (D) Außerhalb intensionaler Konstruktionen fungiert die Äußerungssituation als Auswertungssituation. Anhand von (D) läßt sic h ein interessanter Aspekt des Untersc hiedes zwisc hen den beiden weiter oben betrac hteten Möglic hkeiten (A) und (B) zur Deutung eingebetteter daßSätze aufzeigen. Nac h (D) zeic hnen sic h nämc li h intensionale Konstruktionen dadur c h aus, daß man bei ihnen neben der Äußerungssituation noc h weitere Situationen zur Extensionsbestimmung heranzieht: die Auswertungssituation kann hier gegenüber dem Ausgangspunkt verschoben werden. Dies erinnert an die nac h der verworfenen Alternative (A) postulierte Vers c hiebung situationeller Aspekte. Nac h (D) werden sogar (innerhalb intensionaler Konstruktionen) Situationen als ganze versc hoben. Daß dies aber nic ht wieder zu den im Zusammenhang mit (6) angetroffenen Sc hwierigkeiten führt, liegt daran, daß durc h die Untersc heidung zwisc hen Äußerungs- und Auswertungssituation der Ausgangspunkt der Versc hiebung, die Äußerungssituation, immer erhalten bleibt: wenn auc h das Hauptverb vermutet in (6) bewirkt, daß der eingebettete Nebensatz in diversen Auswertungssituationen betrac htet wird, so kann sic h sein Subjekt ich dennoc h nac h der Äußerungssituation des Gesamtsatzes ric hten. Normalerweise wird (D) nur für den speziellen Fall eines nic ht eingebetteten Aussagesatzes φ gefordert; auf die allgemeine Version kann man dann mit irgendwelc hen Hilfsannahmen sc hließen. In jedem Falle erhält man auf diese Weise ein einfac hes Rezept zur Ermittlung der Extension (des Wahrheitswertes) v von φ in einer Äußerungssituation s0: v = χφ(s0)(s0), wobei χφ der Charakter von φ ist. Stellt man sic h Charaktere als Tabellen vor, in denen für jede Kombination von Äußerungs- und Auswertungssituation die jeweilige Extension eingetragen ist, so besagt also (D), daß für extensionale Konstruktionen (insbesondere auc h für Sätze in Isolation) nur die Einträge auf der Diagonalen von Interesse sind. Dieses Bild von Charakteren als Tabellen sollte man für das folgende stets im Auge behalten. An ihm wird besonders deutlic h, daß der ursprünglic h (in einem in Ab-
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IV. Kontexttheorie
sc hnitt 2.3 noc h zu vertiefenden Sinne) zweidimensionale Wahrheitsbegriff der klassisc hen Theorie durc h (D) auf eine Dimension reduziert und somit überhaupt erst wieder mit dem vortheoretisc hen Wahrheitsbegriff vergleichbar wird. Die Untersc heidung zwisc hen Äußerungsund Auswertungssituation markiert einen Untersc hied in der Rolle, die Situationen bei der Bestimmung der Extension sprac hlic her Ausdrüc ke spielen können. Doc h während offenbar jede nur denkbare Situation in einer Regel wie (R*) als Auswertungssituation herangezogen werden kann sind Äußerungssituationen nur solc he, in denen eine sprac hlic he Äußerung stattfindet; sie bilden nur einen
kleinen Teil der möglic hen Situationen. Diese Beobac htung ist insofern interessant, als sie zeigt, daß das obige Sc hema (K) keineswegs dazu geeignet ist, die Extension von Ausdrüc ken bezüglic h beliebiger Paare 〈s,s’〉 von Situationen zu ermitteln, wobei dann s als Äußerungssituation fungiert und s’ als Auswertungssituation. (Solc he Paare 〈s,s’〉 werden wir ab jetzt als Referenzpunkte bezeichnen.) Wenn in s beispielsweise kein Sprec her (oder Äußerer) zugegen ist, ist (K) überhaupt nic ht anwendbar. Charaktertabellen sind also ni c ht quadratis c h, und ihre Diagonalen durc hkreuzen nur die den Äußerungssituationen vorbehaltene Hälfte:
1.3 Arten der Referenz
Äußerungssituation keine Rolle. Auf diese Weise ergibt sic h eine natürlic he Klassifikation sprac hlic her Ausdrüc ke nac h ihren ‘Charaktereigenschaften’: Definition: (a) Ein sprachlicher Ausdruck a referiert direkt, falls für beliebige Äußerungssituationen s0 und Auswertungssituationen s und s’ gilt: χα(s0)(s) = χα(s0)(s’). (b) Ein Ausdruck α referiert absolut, falls für beliebige Äußerungssituationen s0 und Auswertungssituationen s und s’ gilt: χα(s0)(s) = χα(s1)(s).
Die Extension eines sprac hlic hen Ausdruc ks a ergibt sic h nac h (K) aus seinem Charakter χα, einer Äußerungssituation s0 und einer Auswertungssituation s. Wie die bisher betrac hteten Beispiele sc hon zeigen, genügt in einigen Fällen neben χα bereits die Kenntnis einer der beiden Situationen, um die Extension χα(s0)(s) eindeutig festzulegen. So ist es beispielsweise für das Wort ich vollkommen gleic hgültig, was s ist, da χich(s0)(s) stets der Sprec her in der (Äußerungs-) Situation s0 ist; ganz analog spielt für die Ermittlung der Extension eines Substantivs wie Vertreter die
Direkt referentielle Ausdrüc ke sind also solc he, bei denen man die Auswertungssituation
9. Kontextabhängigkeit
im Sc hema (K) überspringen kann: sie beziehen sic h direkt, ohne Vermittlung einer Inhalts- oder Intensionsebene, auf die Welt. Absolute Ausdrüc ke sind hingegen solc he, die inhaltlic h, also auf der Intensionsebene, stets dasselbe besagen, und zwar unabhängig davon, zu welc her Gelegenheit sie geäußert werden. Da beide Begriffe nur den Charakter χα eines Ausdruc ks a betreffen, kann man sie auc h direkt auf χα beziehen, was wir gelegentlich tun werden. Die obigen Begriffsbestimmungen sc hließen nic ht aus, daß ein und derselbe Ausdruc k a sowohl direkt als auc h absolut referiert. Allerdings muß a dann per definitionem eine konstante Charaktertabelle besitzen, seine Extension muß also an allen Referenzpunkten gleich sein: χα(s0)(s) = χα(s1)(s’), für beliebige s0, s1, s und s’. Ausdrüc ke, die dieser harten Bedingung genügen, sind nic ht gerade häufig, aber es gibt sie: logisc he Wörter wie und, oder, nicht, jedes etc . sowie tautologisc he Sätze (wie es regnet oder es regnet nicht) gehören zumindest nac h landläufiger Auffassung dazu; auc h Eigennamen werden oft als absolut und direkt analysiert; wir sc hließen uns dieser Praxis an. Beide Auffassungen sind allerdings nic ht ganz unumstritten. (Siehe Absc hnitt 4.4 bzw. Artikel 16.) Es sei darauf hingewisen, daß die Definition (a) nur verlangt, daß die Extension des betreffenden Ausdruc kes nicht von der Auswertungssituation abhängt, woraus aber natürlic h nic ht folgt, daß sie von der Äußerungssituation ec ht abhängt. Diese Konsequenz läßt sic h aber erreic hen, wenn (a) um die Zusatzklausel erweitert wird: (a’) für irgendwelche Äußerungssituationen s0 und s1: χα(s0) ≠ χα(s1). Direkt referentielle Ausdrüc ke a, die zusätzlic h der Bedingung (a’) genügen, heißen deiktisch. Typisc he deiktisc he Wörter sind du, gestern und hier. Die in (a) und (b) definierten Begriffe sind gänzlic h unabhängig voneinander. Ein Ausdruc k kann nic ht nur (a) und (b) zugleic h erfüllen oder (wie die deiktisc hen Ausdrüc ke) direkt referentiell sein, ohne absolut zu referieren. Auc h das Umgekehrte ist möglic h, wie ‘rein inhaltlic he’ Wörter wie essen oder Vertreter zeigen. Und sc hließlic h gibt es eine ganze Reihe von Ausdrüc ken, die weder direkt noc h absolut referieren. Sc hon bei einem einfachen Satz wie (7) ist das der Fall: (7) Ich bin ein Berliner.
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Einerseits hängt der Wahrheitswert von (7) immer von der Auswertungssituation ab. So war die bislang bekannteste Äußerung von (7) sic herlic h falsc h, denn der Sprec her stammte aus Brookline (Mass.). Dennoc h ist es natürlic h vorstellbar und insofern in einer möglic hen Situation s der Fall, daß John F. Kennedy in Berlin zur Welt gekommen ist. Das beweist, daß (7) nic ht direkt referentiell ist, denn χ7(s0)(s0) ≠ χ7(s0)(s), wenn s0 die entsprec hende tatsäc hlic he Situation vor dem Sc höneberger Rathaus ist und s so ist wie besc hrieben. Andererseits ist (7) natürlic h auc h kein absoluter Ausdruc k. Äußert nämlic h etwa Arnim von Stec how den Satz (7), so drüc kt er damit offenbar eine andere Proposition aus als der US-amerikanisc he Präsident seinerzeit; findet die Äußerung in dieser Welt statt, wird sie sic h sogar im Wahrheitswert von ihrer berühmten Vorgängerin unterscheiden. Es sollte beac htet werden, daß (7) ein komplexer Ausdruc k ist. Eindeutige Fälle von Wörtern, die weder (a) noc h (b) erfüllen, sind weitaus sc hwieriger zu finden. Es gibt allerdings gewisse Verwendungsweisen absoluter Wörter, die eine Abhängigkeit der Extension von der Äußerungssituation nac h sic h ziehen. So kann man bei zweistelligen, also auf Relationen oder Funktionen bezogenen Substantiven wie Bruder oder Mutter das Argument weglassen, das dann aus der Äußerungssituation ergänzt werden muß: (8) a. Bevor er zum Familientreffen fuhr, rasierte sich Karl Marx. Nicht einmal die Brüder haben ihn daraufhin erkannt. (8) b. Vor der Schwarzwaldklinik wurde ein Säugling gefunden. Die Mutter ist nach wie vor unbekannt. Bei einer Äußerung von (8a) versteht man zumindest normalerweise Brüder im Sinne von Brüder von Karl Marx; ebenso bezieht sic h Mutter in (8b) natürlic h auf die Mutter des Findelkindes, von dem gerade die Rede war. Genauer: die durc h den zweiten Satz von (8a) in einer Äußerungssituation s0 ausgedrüc kte Proposition χ8(s0) besteht aus den (zeitlic h vor s0 liegenden) Situationen s, in denen die Brüder der in s0 nahegelegten Person den Referenten von ihn (also Karl Marx) nic ht erkennen; genauso besteht in einer Äußerungssituation s1 die durc h den zweiten Satz von (8b) ausgedrüc kte Proposition aus den Situationen s’, in denen die Mutter des in s1 zur Debatte stehenden Kindes unbekannt ist.
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In beiden Fällen muß also das fehlende Argument aus der Äußerungssituation erschlossen werden. Wie dies genau gesc hieht, soll an dieser Stelle nic ht weiter verfolgt werden (siehe aber Absc hnitt 3.3). Hier sei lediglic h darauf hingewiesen, daß fehlende Argumente nic ht immer aus der Äußerungssituation ergänzt werden können und dürfen. Oft bleibt das Argument nämlich unbestimmt: (9) Vater werden ist nicht schwer. Hier wird Vater wie Vater von jemand oder Vater eines Kindes benutzt und eben nic ht im Sinne von Vater von x, wobei x dann eine durc h die jeweilige Äußerungssituation nahegelegte Person ist. (Zu Sätzen wie (9) vgl. Abschnitt 4.3). Ein anderer Fall, in dem die Extension eines einzelnen Wortes von Äußerungs- und Auswertungssituation zugleic h abhängt, liegt bei flektierten Verbformen wie schläfst vor: anders als bei dem absoluten Wort schlafen hängt die Extension der finiten Form von der Äußerungszeit (und möglic herweise auc h vom Sprec her) ab. Doc h dieses Wort läßt sic h als Produkt einer syntaktisc hen Regel bzw. eines morphologisc hen Prozesses und nic ht als ‘nac ktes Lexem’ einstufen; unter Verwendung der grammatisc hen Terminologie: schläfst zerlegt sic h in V + INFL, wobei letzteres deiktisc h, ersteres aber absolut referiert. Ähnlic h kann man das Possessivpronomen mein in das deiktisc he Wort ich und ein possessives Element zerlegen (vgl. dazu Absc hnitt 3.3). Wir haben damit Anlaß zu der folgenden Hypothese über das Lexikon: (L) Lexikalische Grundeinheiten sind immer deiktisch oder absolut. Von den Extensionen gewisser Adjektive wird gelegentlic h eine doppelte situationelle Abhängigkeit behauptet. Ein einsc hlägiges Beispiel ist das Adjektiv aus (9). In Verbindung mit einem Substantiv verweist es in seiner Grundform (Positiv) auf eine Menge, deren genaue Zusammensetzung von vielerlei Faktoren abhängt. Ob ein bestimmter Gegenstand in der durc h schweres Lehrbuch denotierten Menge liegt, hängt unter anderem davon ab, auf welc he Dimension sic h der Sprec her mit schwer bezieht: also etwa auf den Sc hwierigkeitsgrad der Lektüre oder einfac h auf das Gewic ht des Papiers; und innerhalb derselben Dimension gibt es untersc hiedlic he Standards: die Standards für Lesbarkeit sc hwanken mit der vom Sprec her ins Auge gefaßten Lesersc haft, und die Gewic htskriterien haben auc h etwas damit zu tun, ob von
IV. Kontexttheorie
Lehrwerken für das Chemiestudium oder von Lesefibeln die Rede ist. Sowohl den von einigen Adjektiven unterdeterminierten Dimensionen als auc h den bei allen steigerbaren Adjektiven zu beobac htenden sc hwankenden Standards wird gelegentlic h eine Abhängigkeit von der Äußerungssituation nac hgesagt. Andererseits ist unbestritten, daß der Auswertungssituation bei der Bestimmung der Extension von Adjektiven immer eine zentrale Rolle zukommt: sie liefert die einsc hlägigen Fakten. Betrac hten wir dazu ein Beispiel. Bei einer Äußerung von (10) Die Studenten meinen, daß das Handbuch Semantik ein zu schweres Buch ist. kann die Sprec herin irgendeiner Gruppe von Studenten entweder eine Meinung über das Gewic ht des vorliegenden Werkes zusc hreiben oder aber eine Einstellung zu dessen intellektueller Zumutbarkeit; doc h sie kann damit nic ht zum Ausdruc k bringen, daß die besagten Studenten dieses Buc h für in jedem Sinne zu sc hwer halten. Die Proposition, zu der in (10) eine Einstellung konstatiert wird, besteht also (in erster Annäherung) entweder aus denjenigen (Auswertungs-) Situationen, in denen das Handbuch S emantik mehr wiegt als man tragen kann, oder sie ist die Menge der Situationen, in der dasselbe Buc h von der Lesersc haft zu viel abverlangt. Um welc he Proposition es sic h handelt, hängt dabei offenbar davon ab, auf welc he Dimension sic h die Sprec herin mit schweres bezieht; und das wiederum wird vom Thema des Gespräc hs und insofern von der Äußerungssituation zumindest beeinflußt. Auf ähnlic he Weise argumentiert man dafür, daß auc h die Wahl des Vergleic hsstandards der Äußerungssituation obliegt. Doc h stehen Dimension und Standard erst einmal fest, so hängt die Extension von schwer immer noc h von der Auswertungssituation ab: ob etwa eine Auswertungssituation s zur Menge der Situationen gehört, in denen das Handbuch S emantik ein größeres Gewic ht hat als Barwise (ed.) (1977) (oder ein anderer akzeptierter Standard), hängt von den Fakten in s selbst ab und nic ht von dem, was in der Äußerungssituation der Fall ist. Wir müßten demnac h für schwer folgenden Typ von Bedeutungsregel ansetzen: (Rschwer) Es sei s0 eine Äußerungssituation, s eine Auswertungssituation, und X sei diejenige Vergleichsdimension aus der Menge {Gewicht, Schwierigkeitsgrad, ...}, die in s0 am wichtigsten ist. Dann ist χschwer(s0)(s) eine Funktion,
9. Kontextabhängigkeit
die einer beliebigen Menge M diejenigen Gegenstände y zuweist, für die gilt: y ist in M, und in s kommt y bezüglich X ein höherer Wert zu als dem in s0 einschlägigen X-Standardwert. (M ist die Extension des Bezugsnomens.) Adjektive wie schwer sc heinen also auf doppelte Weise gegen die Hypothese (L) zu sprec hen. Doc h so einfac h ist die Sac he wiederum auc h nic ht. Wie wir im näc hsten Absc hnitt sehen werden, wird die unterdeterminierte Dimension keineswegs immer von der Äußerungssituation beigetragen. Und was den Standard angeht, so wird er bei der Extensionsbestimmung des Positivs stets vergleic hend herangezogen: ein Lehrbuc h ist sc hwer (in welc hem Sinne auc h immer), wenn es (in diesem Sinne) schwerer ist als der situationell vorgegebene Standard. Damit wird offensic htlic h der Positiv des Adjektivs auf den Komparativ (bzw. ein allen Steigerungsfomen zugrundeliegendes Grundlexem mit komparativis c her Bedeutung) zurüc kgeführt. Und der Komparativ referiert absolut. Der Positiv ließe sic h also auc h als das Ergebnis eines morphologisc hen Prozesses auffassen und fiele damit nic ht in den Zuständigkeitsbereic h von (L). (Siehe die Artikel 31 und 32.) (L) ist so gemeint, daß sic h das Lexikon einigermaßen einfac h und plausibel so darstellen und interpretieren läßt, daß (L) gilt; es soll keineswegs behauptet werden, daß (L) ein zwingendes Prinzip ist, ohne das keine empirisc h korrekte Besc hreibung des Deutsc hen auskommen kann. Weiterhin sei beac htet, daß sic h (L) definitionsgemäß nur auf die Frage der Extensionsbestimmung bezieht und keine anderen semantisc hen Dimensionen wie Stil, Präsuppositionen etc . erfaßt. Es ist z. B. klar, daß bei einem pejorativ gefärbten Wort wie Köter die Extension nur von der Auswertungssituation abhängt, während die Färbung von dem in der Äußerungssituation zu bestimmenden Sprec her beigesteuert wird, wie man sic h an einem einfac hen Beispiel klarmachen kann: (11) Hermann weiß, daß Hellas Hund gestorben ist. (11′) Hermann weiß, daß Hellas Köter gestorben ist. In (11) und (11′) wird über den Träger des Namens Hermann jeweils dasselbe ausgesagt, daß er nämlic h zu einer gewissen Proposition p†, die aus den Situationen besteht, in denen Hellas Hund gestorben ist, in der durc h das
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Verb wissen ausgedrüc kten Relation steht. Der Untersc hied zwisc hen den beiden Varianten besteht lediglic h darin, daß in letzterem der Sprec her zusätzlic h zu verstehen gibt, daß er selbst das betreffende Tier nic ht gerade verehrt. Doc h dieser Untersc hied spielt keine Rolle bei der Ermittlung der Intension p† des eingebetteten Satzes und insofern auc h nic ht für den Charakter der in ihm vorkommenden Wörter. Hund und Köter sind c haraktergleic h und referieren absolut; sie bestätigen somit die Hypothese (L). Die Färbung gehört offenbar einer vom Charakter unabhängigen semantischen Dimension an. Die Hypothese (L) sagt etwas darüber aus, wie sic h die kleinsten sprac hlic hen Bedeutungsträger auf die Welt beziehen. Im Falle eines deiktisc hen Wortes wird die Extension direkt aus Merkmalen (Aspekten) der Äußerungssituation ermittelt. Dies gilt auc h dann, wenn das Wort in eine intensionale Konstruktion eingeht: der Beitrag, den ein deiktisc hes Wort zur Bestimmung der Intension eines Ausdruc ks leistet, in dem es vorkommt, erschöpft sich in seiner Extension: (12) Caroline hätte fast übersehen, daß heute die Sonne scheint. Mit einer Äußerung dieses Satzes am 26. 12. 1953 wird beispielsweise gesagt, daß Caroline in einer bestimmten Relation (des ‘Beinahe-Übersehens’) zu der Menge p der Situationen steht, in denen am 26. 12. 1953 die Sonne sc heint. Das deiktisc he Wort heute bringt in die Proposition p lediglic h den Tag der Äußerung ein; p ist also eine singuläre Proposition über den 26. 12. 1953. Im Gegensatz dazu trägt z. B. das Verb scheint zu p wie zur Intension des Gesamtsatzes auc h einen Inhalt, eine Intension, bei: die bloße Kenntnis der Extension von scheint in der Äußerungssituation reic ht zur Bestimmung von p nicht aus. Die Fähigkeit, Extensionen direkt in den Aufbau von Intensionen (wie p) einfließen zu lassen, ist das semantisc he Hauptc harakteristikum deiktisc her Wörter und motiviert die Redeweise von der ‘direkten Referenz’. Gelegentlic h wird sogar gesagt, daß deiktisc he Wörter wie heute dafür sorgen, daß ihr Referent — aufgrund der Singularität — ein Teil der ausgedrüc kten Proposition ist. Dieser Redeweise werden wir uns nic ht ansc hließen, da sie auf Sc hwierigkeiten bei der Präzisierung stößt; der Begriff der singulären Proposition ist, nebenbei bemerkt, schon heikel genug. Der Beitrag deiktisc her Wörter zum Inhalt der Ausdrüc ke, in denen sie vorkommen, be-
IV. Kontexttheorie
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steht also lediglic h in ihrem jeweiligen Referenten. Aber mit der Angabe des Referenten ist natürlic h nic ht die Bedeutung oder Funktion eines deiktisc hen Wortes hinreic hend besc hrieben. Denn die Extension variiert von (Äußerungs-) Situation zu Situation, und die Art und Weise der Variation mac ht gerade den Charakter eines solc hen Wortes aus: die Ebene der Auswertungssituation kann ja bei direkter Referenz getrost übersprungen werden. Bei dieser Betrac htungsweise stellt sic h der Charakter eines deiktisc hen Wortes als eine Art Mini-Intension dar: als eine partielle Funktion von Situationen in Extensionen, aber eben als eine solc he Funktion, die nur für Äußerungssituationen definiert ist. Die so durc h Überspringen der redundanten Auswertungs-Ebene aus dem Charakter χα eines direkt referentiellen Ausdruc ks a gewonnene Mini-Intension nennen wir den deskriptiven Gehalt δα von α: für direkt referentielle α, beliebige Äußerungssituationen s0 und Auswertungssituationen s und s’ gilt also: δα(s0) = χα(s0)(s) = χα(s0)(s’). Der deskriptive Gehalt eines deiktisc hen Ausdruc ks entspric ht meistens mehr oder weniger der Intension irgendeines absoluten Ausdruc ks. So ist die Intension von der Angesprochene ungefähr gleich dem deskriptiven Gehalt von du: χder Angesproc hene(s0) ≈ δdu, für beliebige Äußerungssituationen s0. In diesem Falle nennt man den absoluten Ausdruc k eine Umschreibung des entsprec henden deiktisc hen Ausdruc ks: der Angesprochene ist also eine Umsc hreibung von du. Man beac hte, daß deiktisc he Ausdrüc ke und ihre Umsc hreibungen niemals [!] c haraktergleic h sind. Die Umsc hreibung hebt lediglic h die Variabilität des deiktisc hen Charakters auf eine begrifflic he Ebene. Oder, etwas prosaisc her: die Abhängigkeit der Extension eines deiktisc hen Ausdruc ks von der Äußerungssituation wird in der Umsc hreibung zu einer Abhängigkeit von der Auswertungssituation. Der Zusammenhang zwisc hen deiktisc hem Charakter und Umsc hreibung kann als das Werk eines an der sprac hlic hen Oberfläc he unsi c htbaren Operators aufgefaßt werden, der alle Situationsabhängigkeiten auf die Äußerungssituation bezieht. Dieser Operator hat den etwas umständlic hen und sc hwer zu artikulierenden Namen dthat [phonetisch: d∂æt]. Die Extension eines Ausdruc ks der Gestalt dthat(α) bestimmt sic h für Äußerungssituationen s0 und Auswertungssituationen s wie folgt: χdthat(α)(s0)(s) = χα(s0)(s0). Die Ar-
beitsweise von dthat mac ht man sic h am besten anhand metasprac hlic her Besc hreibungen der Charaktere absoluter Ausdrüc ke klar: angenommen, χder Angesprochene(s0)(s) sei die in s angespro c hene Person. Dann ergibt si c h dthat(der Angesprochene) als die in s0 angesproc hene Person. Das Ergebnis des dthatOperators läßt sic h immer als eine solc he Einsetzung von Äußerungs- für Auswertungssituationen darstellen. Mehr dazu erfährt man in Abschnitt 2.3. 1.4 Arten der Kombination Das Sc hema (K) führt nic ht nur zu einer natürlic hen Klassifikation sprac hlic her Ausdrüc ke nac h ihren referentiellen Eigensc haften. Man kann es auc h benutzen, um versc hiedene Typen syntaktisc her Konstruktionen zu untersc heiden. Dafür ist es nützlic h, sic h der Begriffsbildungen der algebraisc hen Semantik zu bedienen [vgl. dazu auc h Artikel 7] und diese Konstruktionen als Operationen über sprac hlic hen Ausdrüc ken oder ihren Tiefenstrukturen aufzufassen. Danac h gibt es z. B. im Deutsc hen eine Operation R, die aus einem Nomen und einem (kongruenten) Relativsatz ein komplexes Nomen erstellt: R(Kind,das weint) = Kind, das weint, etc . Im allgemeinen nimmt eine syntaktisc he Konstruktion F eine bestimmte Anzahl n von Ausdrüc ken (oder Tiefenstrukturen) α1,...,αn als Argumente und liefert als Ergebnis wieder einen Ausdruc k (bzw. eine Tiefenstruktur). Im Rahmen der hier favorisierten kompositionellen Semantik geht man davon aus, daß sic h der Charakter des Ergebnisses F(α1,...,αn) aus den Charakteren der Argumente mit Hilfe einer der Konstruktion F entsprec henden semantischen Operation ΣF bestimmen läßt. Wir haben also ein: Allgemeines Kompositionalitätsprinzip Der Charakter eines komplexen Ausdruc ks ergibt sic h aus dem Charakter seiner Teile und der Art ihrer Kombination. Im Falle der Relativsatzanbindung R ist die entspre c hende semantis c he Operation die c S hnittmengenbildung: ΣR(χ1, χ2)(s0)(s) = χ1(s0)(s) ⋂ χ2(s0)(s). Dabei wird vorausgesetzt, daß die Extension eines Relativsatzes wie die eines Nomens eine Menge ist. R ist also (im Sinne des Absc hnitts 1.1) extensional, da an jedem Referenzpunkt die Kenntnis der Extensionen der beiden Argumente ausreic ht, um die Extension des Ergebnisses festzulegen. Im allgemeinen ist eine n-stellige syntaktisc he Konstruktion F extensional, falls extensionsgleic he Teilausdrüc ke stets zu extensionsglei-
9. Kontextabhängigkeit
c hen Gesamtausdrüc ken führen, falls also für alle Charaktere χ1, χ’1 ..., χn, χ’n und Referenzpunkte 〈s0,s〉 gilt: χ1(s0)(s) = χ’1(s0)(s), ..., χn(s0)(s) = χ’n(s0)(s) impliziert ΣF(χ1, ..., χn)(s0)(s)(s) = ΣF(χ’1, ..., χ’n)(s0)(s). Natürlic h ist nac h dieser Definition eine solc he Konstruktion F genau dann extensional, wenn sic h die entsprec hende semantisc he Operation ΣF jeweils, also an jedem Referenzpunkt 〈s0,s〉, in dem Sinne auf eine Operation Σ über Extensionen zurüc kführen läßt, daß für beliebige Charaktere χ1, ...,χn, gilt: ΣF(χ1, ..., χn) (s0) (s) = Σ (χ1, (s0) (s), ..., χn(s0) (s)). Bei dem Relativsatz-Beispiel ist natürlic h Σ immer die Sc hnittbildung ⋂ und hängt somit insbesondere nic ht vom Referenzpunkt ab. F ist in diesem Sinne kanonisch extensional; möglic herweise ist jede (tatsäc hlic he) extensionale Konstruktion kanonisch. Wie wir bereits in Absc hnitt 1.1 am Beispiel der Satzeinbettung unter Einstellungsverben gesehen haben, kommt man mit dem Naiven Kompositionalitätsprinzip ni c ht aus: ni c ht alle tatsäc hlic h vorkommenden syntaktisc hen Konstruktionen sind extensional. Manc hmal muß man auc h die Intensionen der beteiligten Ausdrüc ke kennen, um die Extension des Gesamtausdru c ks zu bestimmen. Immerhin brauc ht man aber im Falle einer intensionalen Konstruktion nic ht die gesamten Charaktere der Teilausdrüc ke zu kennen, um die Extension des Ergebnisses zu ermitteln. Im allgemeinen ist eine n-stellige syntaktisc he Konstruktion F intensional, falls jeweils intensionsgleic he Teilausdrüc ke stets zu extensionsgleic hen Gesamtausdrüc ken führen, falls also für alle Charaktere χ1,χ’1, ...,χn,χ’n und Referenzpunkte 〈s0,s〉 gilt: χ1(s0) = χ’1(s0), ..., χn(s0) = χ’n (s0) impliziert ΣF(χ1, ..., χn) (s0) (s) = ΣF(χ’1, ..., χ’n) (s0) (s). Natürlic h ist nac h dieser Definition eine solc he Konstruktion F genau dann intensional, wenn sic h die entsprec hende semantisc he Operation ΣF jeweils, also in jeder Äußerungssituation s0, in dem Sinne auf eine Operation Σ über Intensionen zurüc kführen läßt, daß für beliebige Charaktere χ1,...,χn gilt: ΣF(χ1, ..., χn) (s0) = Σ (χ1(s0), ..., χn(s0)). Im Falle der erwähnten Satzeinbettung entspri c ht die semantis c he Operation stets einer bestimmten Art von (intensionaler) Funktionalapplikation; die genaue Spezifikation dieser Operation und ihrer intensionalen Entsprec hung wird der Leserin überlassen. Sie wird dabei auc h hier eine gewisse Kanonizität beobac hten, die jedoc h nic ht so leic ht zu definieren ist wie im Falle
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der Relativsatz-Anbindung. Der Grund dafür liegt in dem untersc hiedlic hen Verhalten von Einstellungsverb und Nebensatz: während letzterer seine gesamte Intension besteuert, interessiert bei ersterem lediglic h die Extension. Die Konstruktion ist damit sozusagen ex-intensional. Auf solc he gemisc hten Konstruktionen läßt sic h der Begriff der Kanonizität dann übertragen, wenn man sie immer auf dieselbe Operation über Extensionen (von Einstellungsverben) und Intensionen (von Sätzen) reduzieren kann. Dieser Art von Kanonizität genügen wiederum möglic herweise alle in diesem Sinne gemisc hten Konstruktionen. Man kann sic h leic ht überlegen, daß jede extensionale Konstruktion auc h intensional ist; das Umgekehrte gilt natürlic h nic ht. Aber gibt es eigentlic h Konstruktionen, die nic ht einmal intensional sind? Die bisherigen Definitionen sc hließen das nic ht aus. Dennoc h geht allein die Idee einer nic ht-intensionalen Konstruktion gegen den Geist der hier dargestellten Theorie, weswegen man semantisc he Operationen, bei denen die Extension des Ergebnisses nic ht durc h die Intensionen der Argumente festgelegt wird, als Monster bezeic hnet. Die klassisc he Theorie der Kontextabhängigkeit legt das folgende Prinzip nahe: (M) In der natürlichen Sprache gibt es keine Monster: syntaktische Konstruktionen sind immer (höchstens) intensional. (M) ist lediglich eine Reformulierung des Fregesc hen Kompositionalitätsprinzips im Rahmen des Sc hemas (K) und als Einsc hränkung des Allgemeinen Kompositionalitätsprinzips. Aus den bisherigen Betrac htungen läßt sic h (M) etwa folgendermaßen motivieren: ein Monster müßte für mindestens eines seiner Argumente die Abhängigkeit der Extension von der Äußerungssituation in Betrac ht ziehen; die Äußerungssituation wird damit aber hypothetisc h versc hoben, durc h eine andere Situation ersetzt, womit sie letztlic h zur Auswertungssituation wird: das vermeintli c he Monster entpuppt sic h so als falsc h verstandene intensionale Konstruktion. Dieses Argument, das sic h weiter ausbauen und präzisieren ließe (vgl. Artikel 7), mutet sc hon fast wie eine definitorisc he Wegerkärung jeglic her Monster an. Daß sic h die Sac he dennoc h nic ht so einfac h verhält, kann man anhand eines Beispiels einsehen. Wir kommen dazu auf die im vorhergehenden Absc hnitt erwähnten dimensionell unterbestimmten Adjektive zurüc k. Auc h wenn die fehlende Dimension
IV. Kontexttheorie
168
oft irgendwie aus der Äußerungssituation ersc hlossen werden kann, kann es passieren, daß keine der vom Adjektiv her denkbaren Dimensionen in einer gegebenen Sprec hsituation sonderlic h naheliegt. Um nic ht mißverstanden zu werden, muß sic h der Sprec her in so einer Situation klarer ausdrüc ken, als es das betreffende Adjektiv erlaubt. Dazu kann er auf ein expliziteres Adjektiv zurüc kgreifen: neben schwer gibt es z. B. das dimensionell determinierte schwierig bzw. das (in der einsc hlägigen Lesart) etwas angestaubte gewichtig. Oft besteht auc h die Möglic hkeit, die fehlende Dimension durc h Hinzufügung eines Adverbs zu explizieren: (13) Der zeitlich kürzeste Weg nach Paris führt über Landau. Wenn allerdings die von kurz unterbestimmte Dimension (Dauer, Länge, ...) von der Äußerungssituation abhängen soll, dann wäre die in (13) eingesetzte Konstruktion der Modifikation eines Adjektivs durc h ein (Dimensions-) Adverb ein Monster! Denn wird (13) z. B. in einer Situation s0 geäußert, in der die Längendimension näher liegt als die Dauer, so bezieht sic h nac h dieser Analyse das bloße Adjektiv kürzeste in s0 auf die Längenskala; in der komplexen Adjektivphrase zeitlich kürzeste wird die Länge dann aber durc h die Dauer ersetzt: χkürzeste(s0)(s) bezeic hnet in Verbindung mit einem Nomen a die Menge derjenigen Gegenstände aus der Extension χα(s0)(s) von α, denen bezüglic h der durc h s0 bestimmten Dimension der geringste Wert zukommt, die also von minimaler Länge sind; χzeitlich kürzeste (s0)(s) liefert dagegen (in Verbindung mit a) die Menge derjenigen Gegenstände aus der Extension χα(s0)(s) von α, denen bezüglic h der durc h die Bedeutung von zeitlich bestimmten Dimension der geringste Wert zukommt, die also von minimaler Dauer sind. Das Adverb zeitlich operiert somit in der Weise auf dem Adjektivc harakter, daß — statt der eigentlic hen Extension am betrac hteten Referenzpunkt — die Extension des (eingebetteten) Adjektivs an einem anderen Referenzpunkt ermittelt wird, nämlic h an einem solc hen, dessen Äußerungssituation für das eingebettete Adjektiv die Dimension der Dauer nahelegt: die fraglic he Kombintion Σ aus χzeitlichund χkürzeste liefert also für den Punkt 〈s0,s〉 die Extension χkürzeste(s1)(s), wobei s1 wie s0 ist — außer daß die für kurz näc hstliegende Dimension in s1 die Dauer ist. Diese Bestimmung von s1 ist möglic herweise etwas unklar und ließe sic h im Rahmen einer
gewissen (in Absc hnitt 2.1 zu besprec henden) Variante der gegenwärtigen Theorie auf befriedigendere Art und Weise geben. Doc h wie immer s1 genau ermittelt wird: es handelt sic h dabei um eine von s0 versc hiedene Situation, und diese Versc hiebung der Äußerungssituation macht Σ zum Monster. Das gerade diskutierte Beispiel ist ein Vertreter eines Typs montröser Konstruktionen, wie sie in der Literatur vorgesc hlagen wurden. Weitere möglic he Monster werden wir noc h kennenlernen. Auc h die Frage, ob und wie sic h zumindest einige von ihnen vermeiden lassen, wird uns noc h besc häftigen. Sc hon in Absc hnitt 2.1 werden wir eine Möglic hkeit kennenlernen, dem soeben bes c hriebenen Monster Σ durc h einen theoretisc hen Sc hlenker zu entkommen.
2.
Varianten und Alternativen
Die klassisc he Theorie ist nic ht konkurrenzlos. Vieles, was man mit ihr mac hen kann, läßt sic h ebensogut oder sogar noc h besser im Rahmen anderer Theorien erreic hen, deren Begriffsbildungen zwar teilweise mit den klassisc hen verwandt sind, die aber dennoc h andere Sic htweisen einbringen. Die folgende Synopse soll den Leserinnen einen groben Überblic k über die wic htigsten möglic hen Abweic hungen von der klassisc hen Perspektive vermitteln. Aus Platzgründen ist die Darstellung allerdings weniger ausführlic h als in Teil 1; mitunter kommt sie nic ht einmal über den Rang einer groben Skizze hinaus. Für tiefere Einsic hten muß daher auf die in Absc hnitt 5.2 genannte Literatur verwiesen werden. 2.1 Parametrisierung Aus den bisher betrac hteten Beispielen wird deutlic h, daß sic h die Rolle der Äußerungssituation s0 bei der Extensionsbestimmung (durc h den Charakter) jeweils auf den Beitrag gewisser Aspekte besc hränkt: für ich benötigt man den Produzenten der in s0 getätigten Äußerung, gestern verweist auf den Vortag des Tages von s0, hier bezieht sic h auf den Ort, an dem sic h s0 abspielt, etc . Was sind nun Aspekte von (Äußerungs-) Situationen im allgemeinen? Diese Frage läßt sic h wohl auf mehrere äquivalente Arten beantworten. Wir werden jedenfalls situationelle Aspekte als Werte gewisser Funktionen auffassen, die (konkreten) Situationen irgendetwas zuordnen; die Funktionen selbst bezeic hnen wir dabei als situationelle Parameter. So verstehen wir unter dem Orts-Parameter eine Funktion,
9. Kontextabhängigkeit
die jeder Situation ihren Ort zuweist, der Vortags-Parameter liefert für ein gegebenes s den Tag vor dem Tag von s, der Sprecher-Parameter ist eine partielle Funktion, die nur für Äußerungssituationen definiert ist und mac ht, was man von ihr erwartet, usw.; und Sprec her, Vortag und Ort einer (Äußerungs-) Situation s0 sind als Werte der entsprec henden Parameter Aspekte von s0. Nac h dieser Definition besitzt natürlic h jede Situation eine Unzahl von abwegigen und uninteressanten Aspekten, von denen nur einige für die Bestimmung von Extensionen relevant sind. Welc he dies ungefähr sind, wird uns noc h in Teil 3 besc häftigen. Im folgenden werden wir erst einmal so tun, als sei die Liste der einsc hlägigen Parameter wohlbekannt; die Parameter selbst werden wir sogar gelegentlic h mit ihrer Stelle in dieser Liste identifizieren: wenn also der Sprec her-Parameter die erste Stelle einnehmen sollte, so werden wir ihn als Parameter 1 bezeichnen etc. Diejenigen situationellen Aspekte, die (in einer bestimmten Sprac he) für die Bestimmung von Intension und Extension als Beitrag der Äußerungssituation herangezogen werden, heißen kontextuell; wir werden diesen Begriff ebenso auf die entsprec henden situationellen Parameter anwenden. Im Sc hema (K) könnte man also die Äußerungssituation getrost durc h die Gesamtheit ihrer kontextuellen Aspekte ersetzen, ohne daß sic h am Kern der klassisc hen Theorie irgendetwas änderte. Man könnte sogar Charaktere als Funktionen auffassen, die Listen (also n-Tupeln oder Folgen) c von kontextuellen Aspekten Intensionen zuordnen. Solc he c bezeichnet man üblic herweise als Kontexte. Jeder Äußerungssituation entspric ht demnac h genau ein von ihr determinierter Kontext, aber derselbe Kontext kann im Prinzip einer Unzahl von Äußerungssituationen entsprec hen — wieviele es genau sind, hängt natürlic h von Anzahl und Art der kontextuellen Aspekte ab: wäre der Sprec her der einzige kontextuelle Parameter, so bestünden Kontexte im wesentlic hen aus Personen, und alle Äußerungen Ronald Reagans fänden in diesem Sinne im selben Kontext statt. Die Tatsac he, daß die Determination nic ht unbedingt eine ein-eindeutige Beziehung ist, zeigt, daß der soeben eingeführte Kontextbegriff nic ht immer ganz dem intuitiven entspric ht — das ist wohl eher bei dem Begriff der Äußerungssituation der Fall — doc h gerade dieser Kontextbegriff ist der in der logisc hen Semantik heutzutage übliche.
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So wie die Äußerungssituation auf ihre kontextuellen Aspekte reduziert werden kann, läßt sic h auc h die Auswertungssituation im Prinzip auf das wesentlic he zurec htstutzen und somit als Liste von (für die Bestimmung der Extensionen sprac hlic her Ausdrüc ke wesentlic hen) situationellen Aspekten auffassen. Aus der Auswertungssituation wird dann ein Index. Ganz analog zu dem soeben Gesagten gilt natürlic h auc h hier, daß eine Auswertungssituation s im allgemeinen mehreren Indizes entspric ht, wobei die Frage, wieviele es sind, vor allem wieder davon abhängt, welc he situationellen Parameter und Aspekte indexikalisch sind. Die allgemeine Referenztheorie gibt darüber keine Auskunft: ein Index könnte ebensogut nur aus einem einzigen Aspekt (etwa einer möglic hen Welt) bestehen wie aus einer Vielzahl von Aspekten, die in ihrer Gesamtheit die Auswertungssituation jeweils eindeutig festlegen. (Natürlic h ist die Anzahl der Aspekte nic ht entsc heidend für diese Möglic hkeit der eindeutigen Festlegung: der ‘Aspekt’, mit s identisc h zu sein, legt s ganz allein eindeutig fest; es ist allerdings fraglic h, ob und wann ein dermaßen spezieller Aspekt bei der Bestimmung einer Extension jemals wirklic h benötigt wird.) Allerdings sei im folgenden stets vorausgesetzt, daß indexikalisc he Parameter und Aspekte automatisc h als kontextuell gelten. Diese Annahme ist sowohl theoretisc h sinnvoll als auc h empirisc h gerec htfertigt. Was den theoretisc hen Sinn angeht, so wird man im näc hsten Absatz sowie im Absc hnitt 2.3 einige Hinweise finden; die empirisc he Rec htfertigung wird auf Absc hnitt 3.1 vertagt. Kontextuelle Parameter und Aspekte, die nic ht zugleic h auc h indexikalisc h sind, heißen echt kontextuell. Ec ht kontextuelle Aspekte sind naturgemäß solc he, deren Existenz mit der Tatsac he zusammenhängt, daß in der betrac hteten Situation eine Äußerung stattfindet. Das typisc he Beispiel ist einmal mehr der Sprecher. So wie sic h die Äußerungssituation in (K) durc h den von ihr determinierten Kontext ersetzen läßt, kann natürlic h die Rolle der Auswertungssituation von dem ihr entsprec henden Index gespielt werden; entsprec hend muß man dann Intensionen als Funktionen von Indizes statt von (Auswertungs-)Situationen in Extensionen definieren. Diese Ersetzung ist allerdings für die klassisc he Theorie nic ht ganz so folgenlos wie der Übergang von Äußerungssituationen zu Kontexten. Denn nic ht alle kontextuellen Parameter tauc hen auc h im Index auf, wodurc h letzterer stets
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weniger spezifisc h ist. Während also die Auswertungssituation — wie in der Darstellung (X) in Absc hnitt 1.2 eigens hervorgehoben wurde — gelegentlic h selbst eine Äußerungssituation sein kann, ist eine solc he Übereinstimmung zwisc hen Kontext und Index prinzipiell unmöglic h. Insbesondere gibt es in der Kontext-Index-Variante der klassis c hen Theorie keine Diagonale im eigentlic hen Sinne. Allerdings entspric ht natürlic h (weiterhin unter der Annahme, daß indexikalisc he Aspekte auc h immer kontextuell sind) jedem Kontext c eindeutig ein durc h Streic hung der rein kontextuellen Aspekte entstehender Index i(c). Diese Entsprec hung kann als Diagonalen-Ersatz zur Reformulierung des Prinzips (D) herangezogen werden: Default-Wert für die Auswertung in s0 ist dann nic ht der Punkt 〈s0,s0〉, sondern 〈c(s0),i(c(s0))〉, wobei c(s0) der von s0 determinierte Kontext ist. Doc h nic ht alle Funktionen der Diagonalen können in dieser Theorie-Variante simuliert werden; wir werden das in Absc hnitt 2.3 nac hweisen. Die Ersetzung von Auswertungssituationen durc h Indizes ließe sic h natürlic h auc h unter Beibehaltung der Abhängigkeit der Intension von der Äußerungssituation vornehmen, wodurc h sic h nic hts Wesentlic hes gegenüber der Kontext-Index-Variante änderte. Für eine solc he Beibehaltung der konkreten Äußerungssituationen könnte der Umstand angeführt werden, daß die Gesamtheit der kontextuellen Parameter prinzipiell offen und insofern nic ht durc h Auflistung darstellbar ist. Ob dem allerdings wirklic h so ist, hängt nic ht zuletzt von der bis zu einem gewissen Grade frei zu wählenden Parametrisierung der Äußerungssituation ab, über die in Teil 3 noc h einiges zu sagen sein wird. Die Einführung von Kontexten und Indizes kann auc h als Ausgangspunkt für eine ec hte Erweiterung des in Absc hittt 1 dargestellten Rahmens genutzt werden. Denn nac h den obigen Festlegungen sind Kontexte und Indizes Listen von situationellen Aspekten. Bisher sind wir zwar davon ausgegangen, daß die einzelnen Aspekte eines Kontexts oder Index in dem Sinne aufeinander abgestimmt sind, als sie jeweils Aspekte ein und derselben (Äußerungsbzw. Auswertungs-)Situation sind; prinzipiell besteht aber natürlic h die Mögli c hkeit, neben derartigen stimmigen Kontexten und Indizes auc h solc he Aspektlisten zu berüc ksic htigen, die jeweils keine möglic he Situation determinieren. Und daß dies Sinn mac ht, zeigen Beispiele wie (14), bei
IV. Kontexttheorie
denen sich die klassische Theorie schwertut: (14) Vor hundert Billionen Jahren hat es hier geregnet. Um zu sehen, wo hier die Schwierigkeit liegt, stellen wir uns eine reale Äußerungssituation s0 von (14) vor, die zu irgendeinem Zeitpunkt in der Vergangenheit stattfand. (14) ist dann sic herlic h — insbesondere aufgrund des Alters unseres Universums — falsc h. Doc h was sagt die klassisc he Theorie dazu? Nac h (D) ist zunäc hst die Auswertungssituation mit s0 gleic hzusetzen. Die den restlic hen Satz einbettende Präpositionalphrase vor hundert Billionen Jahren sorgt nun offenbar dafür, daß man sic h bei der Auswertung auf Situationen besc hränken soll, deren Zeit 1014 Jahre zurüc kliegt. Da der Satz jedoc h keine Aussage über eine andere Welt o. ä. mac ht, muß man offenbar die restlic hen Aspekte von s0 beibehalten. Aufgrund dieser Überlegung müßte man die Konstruktion ‘vor n Jahren + φ’ im Rahmen der klassisc hen Theorie so deuten, daß das Ganze wahr wird, wenn die durc h φ ausgedrüc kte Proposition für diejenige Auswertungssituation den Wahrheitswert 1 liefert, deren Zeit vor n Jahren liegt, die aber ansonsten mit s0 übereinstimmt. Da es nun für unser s0 keine solc he Situation gibt, käme (14) — wie erwünsc ht — als falsc h heraus. Doc h leider erginge es (15) in derselben Situation nicht anders: (15) Vor einer Billiarde Jahren hat es hier nicht geregnet. Denn es gab (zumindest nac h landläufiger physikalisc her Auffassung) keine Situation, die sic h zu dem in (15) angegebenen Zeitpunkt tatsäc hlic h hier zugetragen hat; insbesondere gab es dann auc h keine solc he regenfreie Situation. (15) wäre also nac h dieser klassisc hen Analyse falsc h. Diese sic herlic h unerwünsc hte Konsequenz ließe sic h wohl nur durc h die unabhängig nur sc hwer zu motivierende Annahme vermeiden, daß die Negation in (15) den gesamten Restsatz in ihren Skopus nehmen müsse. Versc höbe man stattdessen den Zeitaspekt in der Bedeutungsregel für ‘vor n Jahren + φ’ unabhängig vom Rest der Auswertungssituation, käme zwar ein Index heraus, der keiner realen oder fiktiven Situation entspric ht — weil er unter dem Aspekt Welt unsere harte Realität liefert, andererseits aber vor Big Bang liegt; doc h die Wahrheitsbedingungen von (14) und (15) könnten dann korrekt erfaßt werden: da der besagte Index keiner Si-
9. Kontextabhängigkeit
tuation entspric ht, kann man davon ausgehen, daß es an ihm auc h nic ht regnet, womit (15) — im Gegensatz zu (14) — wahr würde. Wie man leic ht nac hprüft, spielt für diese Analyse der Skopus der Negation in (15) keine Rolle; die betreffende Äußerung würde in jedem Falle als wahr bewertet. Das spric ht offenbar für eine Erweiterung des IndexBegriffs auf Listen von indexikalis c hen Aspekten, die möglic herweise untereinander nicht stimmig sind. Die obige Argumentation ist nic ht absolut stic hhaltig. Wir haben nur angedeutet, daß eine bestimmte Anwendung der klassisc hen Theorie auf Beispiele wie (14) und (15) zu Sc hwierigkeiten führt. Es ist natürlic h denkbar, daß sic h diese Sc hwierigkeiten durc h Rüc kgriff auf andere Ebenen der Semantik (wie etwa eine Präsuppositions-Ebene) oder andere semantisc he Regeln im Rahmen der klassisc hen Theorie prinzipiell lösen ließen. Diesen Punkt wollen wir hier allerdings offenlassen. Das Beispiel (15) ist natürlic h weit hergeholt, doc h läßt sic h an ihm die Grundidee hinter den unstimmigen Aspektlisten gut einsehen. Eine etwas realistisc here, aber dafür weniger durc hsic htige Anwendung derselben Tec hnik kann den zu Ende von Teil 1 aufgezeigten Konflikt um den Status der Dimensions-Adverbien (bzw. der sie einführenden syntaktis c hen Konstruktion) lösen. Man brauc ht dazu nämlic h nur die relevante Dimension als eigenen indexikalisc hen Parameter zu führen, der von den genannten Adverbien (aber nic ht durc h satzeinbettende Verben) versc hoben wird. Das Ergebnis der Versc hiebung ist dann oft ein Index, der nic ht genau eine Situation determiniert (sondern zumeist mehrere), womit die Frage der Bestimmung dieser Situation gegenstandslos würde. Diese Lösung des Problems der Dimensions-Adverbien ist allerdings nic ht die einzige Möglic hkeit der Vertreibung des Monsters aus Absc hnitt 1.4; eine Alternative ergibt sic h durc h Adaption der in Absc hnitt 3.3 zu diskutierenden Beschreibungstechniken. Die Ersetzung von Auswertungssituationen durc h unstimmige Indizes erlaubt es übrigens auc h, intensionale Konstruktionen im Sinne der Alternative (A) aus Absc hnitt 1.2, also durc h Versc hiebung einzelner Aspekte, zu deuten, ohne daß man auf die dort angetroffenen Sc hwierigkeiten stößt: der Tric k besteht darin, daß das Ergebnis der Versc hiebung nic ht notwendigerweise eine (Auswertungs-)Situation ist (bzw. von einer solc hen
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determiniert wird). Doc h gilt hier wie stets beim Umgang mit der Tec hnik der unstimmigen Indizes: man sollte sie nur im äußersten Notfall anwenden, wenn wirklic h keine andere Besc hreibungsmethode mehr faßt. Sie kann nämlic h allzu leic ht dazu verleiten, jeden Konflikt mit dem Monsterverbot durc h eine steigende Zahl von unabhängig variierenden indexikalisc hen Aspekten zu umgehen. Das Ergebnis wäre einerseits eine anekdotisc h anmutende und unbegrenzt erweiterbare Auflistung von zufällig gefundenen situationellen Parametern — anstelle der klaren klassisc hen Trennung in Äußerungs- und Auswertungssituation. Zugleic h würde der Untersc hied zwisc hen Index und Kontext (bzw. Äußerungssituation) immer mehr verwisc ht oder zumindest graduell: ein Aspekt wie die näc hstliegende Dimension ist natürlic h beinahe kontextuell, weil die ihn versc hiebenden Konstruktionen sehr selten und äußerst gesuc ht sind, und vielleic ht ist es nur eine Frage der Zeit, bis man für einen beliebig gegebenen kontextuellen Aspekt eine entsprec hende Versc hiebungs-Konstruktion findet. Wir werden uns deshalb im folgenden bemühen, möglic hst ohne Unstimmigkeiten in den Indizes auszukommen und uns stattdessen im Rahmen der klassisc hen Theorie von Teil 1 (bzw. einer ihrer zu Anfang des gegenwärtigen Absc hnitts angedeuteten Varianten) bewegen. Auf die grundsätzlic he Frage der Tragweite dieser Strategie werden wir erst am Ende des Kapitels (in Abschnitt 4.3) zurückkommen. Für den Kontextbegriff mac ht die Erweiterung auf unstimmige Aspektlisten keinen guten Sinn. Zumindest läßt sic h in diesem Falle kein Argument nac h dem obigen Stric kmuster vorbringen, da ja kontextuelle Aspekte niemals versc hoben oder abgewandelt werden. Und der Ausgangspunkt entspringt stets der Äußerungssituation; er ist daher von Natur aus stimmig. Diese Überlegung kann — gemeinsam mit den Beobac htungen zu (14) und (15) — dazu benutzt werden, eine Kontexttheorie zu favorisieren, die auf Äußerungssituationen und teilweise unstimmigen Indizes basiert, in der also die Intension mit Hilfe einer konkreten Situation ermittelt wird, während man zur Bestimmung der Extension ein abstraktes Merkmals-Bündel, den Index, heranziehen muß. Andererseits werden wir in Absc hnitt 2.3 einige sehr elegante semantisc h-pragmatisc he Tec hniken kennenlernen, die ohne eine Aufspaltung der Äußerungssituation in Aspekte nic ht auskommen.
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Bevor wir uns nac h weiteren Alternativen zur klassisc hen Theorie der Kontextabhängigkeit umsehen, sei darauf hingewiesen, daß es sic h bei dem soeben diskutierten Problem nic ht um die Frage der unstimmigen Referenzpunkte handelt, also darum, ob man vielleic ht gelegentlic h mit Kontext-Index-Kombinationen arbeiten muß, die keiner gemeinsamen Situation entsprec hen; denn das passiert ja bereits im Prinzip sc hon in der klassisc hen Theorie: die meisten Referenzpunkte liegen nic ht auf der Diagonalen (der Charaktertabellen), doc h brauc ht man sie zur Ermittlung der Intension. Die durc h (14) und (15) aufgeworfene Frage läßt sic h überhaupt erst sinnvoll stellen, wenn man die klassisc he Theorie zu verlassen bereit ist und auf jeden Fall Situationen durc h entsprec hende Aspektlisten ersetzt. Auf die in diesem Absc hnitt vorgenommene Zerlegung von Situationen in Aspekte werden wir im Rest dieses Kapitels immer dann zurüc kgreifen, wenn es aus darstellungstec hnisc hen Gründen ratsam ersc heint. Wir gehen dann — solange nic hts Gegenteiliges gesagt wird — stets von einer Zerlegung sowohl der Äußerungs- als auc h der Auswertungssituation aus. Die so entstehende Variante der klassisc hen Theorie bezeic hnen wir von nun als Parametrisierung. 2.2 Extensionalisierung Die Extensionen sprac hlic her Ausdrüc ke hängen von irgendwelc hen Situationen bzw. situationellen Aspekten ab. Um die Art und Weise dieser Abhängigkeit im konkreten Fall anzugeben, haben wir uns mit Hilfe metasprac hlic her Variablen auf die jeweils beteiligten Situationen bezogen: der Charakter χichdes Personalpronomens ich wurde z. B. als eine Funktion besc hrieben, die für beliebige Äußerungssituationen s0 und Auswertungssituationen s die in s0 sprec hende (oder sc hreibende) Person liefert. Um die Extension von ich festzustellen, bedarf es demnac h der Funktion χich, die ihrerseits gewisse Argumente benötigt, um ein Ergebnis zu liefern. Stattdessen könnte man das Wort ich selbst als Namen der Funktion χich auffassen, deren Argumente auf der sprac hlic hen Oberfläc he unausgesproc hen bleiben. Anstatt also das Wort ich vermittels seines Charakters zu deuten, würde man ihm dann eine logische Form der Gestalt ICH(x)(y) zugrundelegen, wobei ICH ein Funktionssymbol ist und die Variablen x und y mit der Äußerungs- bzw. der Auswertungs-
IV. Kontexttheorie
situation belegt werden. Man beac hte, daß auf diese Weise die Untersc heidung zwisc hen Charakter, Intension und Extension als versc hiedene Ebenen der semantisc hen Analyse überflüssig wird: ICH(x)(y) benennt einfac h die Extension des Wortes ich, während ICH(x) und ICH Namen für seine Intension bzw. seinen Charakter sind; für die zugrundeliegende logisc he Form gibt es also nur die Ebene der Benennung, der Extension. Die Darstellung der Situationsabhängigkeit der Extension natürli c hspra c hli c her Ausdrü c ke mit Hilfe von nur in der logisc hen Form sic htbaren Variablen bezeic hnet man daher als Extensionalisierung. Bereits an der Deutung eines einzelnen Wortes läßt sic h verdeutlic hen, daß der Untersc hied zwisc hen der klassisc hen Charakteranalyse (K) und der Tiefenanalyse vermittels Extensionalisierung nic ht so haarspalterisc h ist, wie er zunäc hst wirken mag: anstatt nämlic h dem Pronomen ich analog zu (K) eine Funktion zugrundezulegen, für die dann gezeigt werden kann, daß eines ihrer Argumente (die Auswertungssituation) leerläuft, hat man im Rahmen der Extensionalisierung die Möglic hkeit, dieses Argument einfac h wegzulassen und das Wort auf eine einstellige Funktion zurüc kzuführen. Ganz allgemein läßt sic h dann der in Absc hnitt 1.3 eingeführte Begriff der direkten Referenz als Fehlen der der Auswertungssituation entspre c henden Variablen in der logisc hen Form darstellen; und ganz analog zeic hnet sic h absolute Referenz durc h die Abwesenheit der Äußerungssituation aus. Die so gewonnenen logisc hen Formen erlauben also eine redundanzfreie und durc hsic htige Darstellung der Situationsabhängigkeit der Extension eines natürli c hspra c hli c hen Ausdruc ks. Dies zahlt sic h besonders im Falle komplexer Ausdrüc ke mit gemisc hten Referenzweisen (direkt, absolut etc .) aus: der Satz ich bin Vertreter wird dann nic ht als eine Kombination der jeweils von zwei Argumenten abhängigen Charaktere analysiert, sondern — wenn man einmal das Tempus vernachlässigt — etwa so: (16) VERTRETER(s)(ICH(s0)) Dabei sind s und s0 wie bereits in den bisherigen Ausführungen Variablen, die für die Auswertungs- bzw. die Äußerungssituation stehen. Neu ist nur, daß in der extensionalisierten Darstellung (16) der Charakterbegriff eliminiert worden ist und die untersc hiedlic hen Referenzweisen von Pronomen und Substantiv direkt durc h die versc hiedenen Variablen zum Ausdruc k gebrac ht werden. Die
9. Kontextabhängigkeit
Beibehaltung der Notationskonventionen soll betonen, daß die zur Formulierung der Bedeutungsregeln benutzte Metasprac he in derselben expliziten Weise auf Situationen Bezug nimmt wie die (extensionalisierten) logisc hen Formen. (16) ist nic ht nur eine logisc he Form, sondern auc h eine Formel der Logik — oder genauer gesagt: eine notationelle Variante einer prädikatenlogisc hen Formel. Die Variation besteht lediglic h darin, daß man in der (erststufigen) Prädikatenlogik normalerweise keine Ausdruc ksmöglic hkeiten für Funktionen besitzt, deren Werte wieder Funktionen sind; stattdessen hat man Namen für Relationen, was aber in unserem Fall auf dasselbe hinausläuft. Wir werden deshalb die Form (16) für das folgende mit der aus der Logik vertrauteren Darstellung (16′) identifizieren: (16′) VERTRETER(s, ICH(s0)) Abgesehen von der nic ht besonders aufregenden Reduktion der Stellenzahl für die Charaktere direkt oder absolut referierender Ausdrüc ke verhilft die Extensionalisierung noc h zu einer anderen Einsic ht in das Zusammenspiel der zentralen Begriffe der klassisc hen Kontexttheorie. Die Rede ist von der Untersc heidung zwisc hen Äußerungs- und Auswertungssituation sowie dem in diesem Zusammenhang besonders wic htigen Prinzip (M) der Monsterfreiheit. Wie wir gesehen haben, zeic hnen sic h intensionale Konstruktionen dadurc h aus, daß in ihnen die Extensionen der beteiligten Ausdrüc ke in ihrer Variation über vers c hiedene Auswertungssituationen betrac htet werden. Bezieht man dies auf die Darstellung vermittels extensionalisierter logisc her Formen, so heißt das nic hts anderes, als daß man bei diesen Konstruktionen von der konkreten Belegung der entsprec henden Variablen abstrahieren muß, daß also diese Variablen gebunden werden. (Abstraktion vom konkreten Wert ist die allgemeinste Form der Variablenbindung.) Das Prinzip (M) wiederum besagt, daß sic h Äußerungssituationen in dieser Hinsic ht grundsätzlic h anders verhalten: es kann danac h keine Konstruktionen geben, die eine Versc hiebung der konkret vorgegebenen Äußerungssituation verlangen. Dieser von (M) postulierte Untersc hied in der Rolle von Äußerungs- und Auswertungssituation läßt sic h auf die folgende griffige Formulierung bringen: (EM) Die Äußerungssituation ist ein freier Parameter: die ihr in der logischen Form entsprechenden Variablen dürfen nicht gebunden werden.
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Was diese Reformulierung des Monsterverbots besonders attraktiv mac ht, ist ihre große Ansc haulic hkeit und die Tatsac he, daß mit ihr die zunäc hst etwas ungewohnten und abstrakten Betrac htungen aus Absc hnitt 1.4 auf die altvertraute Unters c heidung zwis c hen freien und gebundenen Variablen zurüc kgeführt werden. Die Tatsac he, daß (EM) eine Darstellung in einer extensionalisierten logisc hen Form voraussetzt, sollte man dabei übrigens nic ht überbewerten: worauf es in (EM) ankommt, ist das Verhalten gewisser Variablen, und das kann man — wenn man den Umweg über die logisc he Form vermeiden möc hte — natürlic h genausogut in den metaspra c hli c hen Bedeutungsregeln studieren. Die obige Formulierung (EM) spielt sic h im klassisc hen Rahmen (K) ab. Eine analoge Formulierung läßt sic h für die in Absc hnitt 2.1 diskutierten Parametrisierungen finden, insbesondere auc h dann, wenn von unstimmigen Aspektlisten Gebrauc h gemac ht wird. In allen diesen Fällen muß man versc hiedene Sorten von Variablen für kontextuelle und indexikalisc he Aspekte einführen und in dem (EM) entsprec henden Prinzip von den kontextuellen Variablen (anstatt von solc hen für die Äußerungssituation) sprechen. Prädikatenlogisc he Formeln wie (16′) lassen sic h bekanntlic h rein formal, also als Aussagen über einen beliebigen Individuenbereic h, interpretieren. Auf diese Weise gelangt man zu einer abstrakten Referenztheorie, in der die versc hiedenen Situationstypen (oder Aspekte) lediglic h die Rolle von zunäc hst nic ht weiter spezifizierten Individuen spielen. In einer solc hen Theorie untersc heidet man zwar normalerweise versc hiedene Sorten von Individuen (Objekte, Situationen etc .), doc h mac ht man über die Vertreter der einzelnen Sorten so wenig Annahmen wie möglic h. Auf diese Weise ist man gezwungen, alle für die logis c h-semantis c he Analyse wesentli c hen Voraussetzungen in der Argumentation explizit zu nennen. Darin liegt ein Vorteil dieser abstrakten Betra c htungsweise. Zu ihren Nac hteilen gehört, daß sie den Untersc hied zwisc hen Situationen und Aspekten derselben allzu leic ht verwisc hen kann: die Werte der entsprec henden Variablen sind eben beliebig. Diese Beliebigkeit kann sogar den Nebeneffekt haben, daß sic h das für die klassisc he Theorie wesentlic he Prinzip (D) nic ht mehr
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ohne weiteres formulieren läßt; dafür muß dann erst der Begriff der Diagonalen axiomatisiert werden. 2.3 Zweidimensionale Modallogik Geht man von der Darstellung (X) in Absc hnitt 1.2 aus, dann lassen sic h Charaktere als Funktionen auffassen, welc he Referenzpunkten, also Paaren 〈s0,s〉 aus Äußerungsund Auswertungssituationen, irgendwel c he Objekte zuordnen. Wenn man außerdem einmal für einen Augenblic k von dem Umstand absieht, daß nic ht jede beliebige (Auswertungs-) Situation zugleic h auc h eine Äußerungssituation ist, dann ersc heinen die Denotate sprac hlic her Ausdrüc ke einfac h als in doppelter Weise situationell abhängig. Dieser Art Doppelabhängigkeit von Extensionen begegnet man auc h in der zweidimensionalen Modallogik, wo einerseits logisc he Formeln relativ zu Paaren von möglic hen Welten gedeutet werden und wo andererseits gewisse Modaloperatoren über diese Weltenpaare quantifizieren. Die klassisc he Theorie der Kontextabhängigkeit läßt sic h also auc h als angewandte zweidimensionale Modallogik verstehen: die Rolle der Welten wird hier von den Situationen übernommen, und als Modaloperatoren hat man beispielsweise die satzeinbettenden intensionalen Konstruktionen, deren Aufgabe es ist, von den jeweils betrac hteten Auswertungssituationen zu abstrahieren. Zu den wic htigsten in der zweidimensionalen Modallogik untersuc hten Operatoren gehören die sog. Diagonaloperatoren, die den Auswertungspunkt auf die Diagonale (die Menge der Weltenpaare der Gestalt 〈w,w〉) versc hieben: diagonalisiert man einen Ausdruc k a der zweidimensionalen Modallogik — d. h. wendet man einen Diagonaloperator auf ihn an — so ist die Extension des resultierenden Gesamtausdruc ks an einem Weltenpaar 〈w,w’〉 einfac h as Extension am entsprec henden Punkt auf der Diagonalen. Es gibt demnac h genau zwei Diagonaloperatoren, von denen der eine den Auswertungspunkt auf 〈w,w〉 projiziert, während der andere auf 〈w’,w’〉 versc hiebt. Ersetzt man nun Welten durc h (Auswertungs-)Situationen, so stellt sic h heraus, daß wir einen dieser beiden Diagonaloperatoren bereits kennengelernt haben: es handelt sic h um den in Absc hnitt 1.3 eingeführten Operator dthat, der es gestattet, einen deiktisc hen Charakter aus dem einer entsprec henden absoluten Umsc hreibung zu gewinnen. Orientiert man sic h an der
IV. Kontexttheorie
Darstellung (X), so ersc heint dthat als waagerechter Diagonaloperator, denn die Auswertungssituation wird unter dthat in waagerec hter Ric htung auf die Diagonale versc hoben. Das senkrec hte Pendant zu dthat haben wir indes noc h nic ht kennengelernt. Kein Wunder: ein solc her Operator versc hiebt die Äußerungssituation und ist damit ein nac h (M) geäc htetes Monster. Über die Rolle dieses Monsters in der logisc hen Sprac hanalyse wird noc h in den Absc hnitten 2.5 und 4.2 zu verhandeln sein. Hier sei zunäc hst einmal nur festgehalten, daß sic h im Vergleic h zwisc hen waagerec hter und senkrec hter Diagonalisierung die in der klassisc hen Theorie postulierte Asymmetrie zwisc hen Äußerungs- und Auswertungssituation offenbart: nur die letztere kann auf die Diagonale versc hoben werden. Eine solc he Asymmetrie wird in der zweidimensionalen Modallogik normalerweise nic ht angenommen; sie ist ein zusätzlic hes, für diese Anwendung charakteristisches Merkmal. Die Asymmetrie zwisc hen Äußerungs- und Auswertungssituation ist nic ht nur eine Folge des Monsterverbots (M). Sie besteht ohnedies aufgrund der Tatsac he, daß die Charaktertabellen (X) nic ht quadratisc h sind, weil die Äußerungssituationen nur einen Teil aller (Auswertungs-) Situationen darstellen. Insbesondere durc hkreuzt die Diagonale nic ht die gesamte Tabelle, so daß es strenggenommen nic ht nur einen, sondern eine ganze Reihe von senkrec hten Diagonaloperatoren, aber nur einen waagerec hten, nämlic h dthat, gibt: senkrec hte Diagonalisierung sagt nur etwas über das Verhalten eines Operators auf der linken, von der Diagonalen durc hzogenen Seite von (X) aus; versc hiedene senkrec hte Diagonaloperatoren könnten sic h in der rec hten Hälfte verschieden verhalten. Die Analogie zwisc hen der zweidimensionalen Modallogik und der Theorie der Kontextabhängigkeit wird interessanter, wenn man von der klassisc hen Version zu der in Absc hnitt 2.1 skizzierten Parametrisierung übergeht. Nimmt man nämlic h — wie dort bereits vorgesc hlagen — an, daß indexikalisc he Aspekte immer auc h zugleic h kontextuell sind, so ergibt sich eine natürliche Aufspaltung 〈i,i’,c〉 der (durc h Aspektlisten vertretenen) Referenzpunkte: in i sind die von der Auswertungssituation determinierten Aspekte 〈i1,...,in〉 aufgelistet, i’ umfaßt die indexikalisc hen Aspekte 〈i’1,...,i’n〉 der Äußerungssituation, und c besteht aus den rein kontextuellen Aspekten 〈c1,...,cm〉 derselben. Bei dieser Aufspaltung der Referenzpunkte erge-
9. Kontextabhängigkeit
ben sic h diverse Diagonalen und dementsprec hend versc hiedene Möglic hkeiten, Diagonaloperatoren zu definieren. Zunäc hst einmal gibt es natürlic h nac h wie vor den dthat-Operator, der am aufgespaltenen Referenzpunkt 〈i,i’,c〉 die Extension an 〈i’,i’,c〉 liefert. Doc h daneben kann man noc h für jeden indexikalisc hen Parameter j die entsprec hende kleine Diagonale δj betrac hten, die aus den Punkten (bzw. Listen) besteht, für die ij = i’j, bei denen also Auswertungs- und Äußerungssituation im Aspekt j übereinstimmen. Für jede solc he kleine Diagonale gibt es dann entsprec hende Operatoren, die die Auswertung vom vorgegebenen Referenzpunkt 〈i,i’,c〉 auf den entsprec henden δj-Punkt versc hieben — und zwar entweder (in waagerec hter, zulässiger c Ri htung) auf 〈〈i1,...,i’j,...,in〉,i’,c〉 oder (senkre c ht und ungeheuerli c h) auf 〈i,〈i’1,...,ij,...,i’n〉,c〉. Während also durc h Anwendung von dthat ein komplexer absoluter Ausdruc k wie am Ort und zur Zeit auf hier und jetzt hinausläuft, vermag eine (kleine) Orts-Diagonalisierung die Bezüge auf die Äußerungssituation feiner zu differenzieren; das Ergebnis käme inhaltlic h dem Ausdruc k hier und zur Zeit gleic h. Ein weniger gekünsteltes Beispiel ist die waagerec hte Weltenversc hiebung, also das auf den Weltenparameter eingesc hränkte dthat. Sein Effekt auf Sätze entspric ht in etwa einer Modifikation durc h das Satzadverb tatsächlich. Man beac hte übrigens, daß Versc hiebungen vermittels kleiner Diagonalisierungen im allgemeinen auf unstimmige Aspektlisten führen. Die in c enthaltenen ec ht kontextuellen Aspekte entbehren offensic htlic h jeder Möglic hkeit zur Diagonalisierung. Daraus folgt, daß sic h deiktisc he Wörter im Rahmen der Kontext-Index-Variante der klassisc hen Theorie im allgemeinen nic ht nac h der gegen Ende von Absc hnitt 1.3 angedeuteten Methode durc h waagerec hte Diagonalisierung entspre c hender absoluter Ums c hreibungen gewinnen lassen. Der tiefere Grund dafür liegt in dem untersc hiedlic hen Spezifikationsgrad von Kontext und Index. Durc h Streic hung der rein kontextuellen Aspekte können z. B. zwei sic h im Sprec her untersc heidende Kontexte c und c’ zusammenfallen: Sprec her(c ) ≠ Sprec her(c’), aber i(c) = i(c’). Damit entspric ht dem Index i(c) ein s, das mehrere Äußerungen versc hiedener Sprec her enthält. Wegen dieser ‘Überbesetzung’ der Sprec herRolle führt von i(c) kein Weg zurüc k zum Sprec her von c: die Auswertung der Umsc hreibung der Sprecher liefert an i(c) kein
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eindeutiges Resultat. Die klassisc he Theorie vermeidet dieses Problem, weil sie auc h die lokaleren, c und c’ determinierenden Äußerungssituationen als Auswertungssituationen zuläßt. Diese Unums c hreibbarkeit einiger deiktisc her Ausdrüc ke läßt sic h offenbar nur dann vermeiden, wenn kontextuelle und indexikalisc he Parameter zusammenfallen. Dies läßt sic h dadurc h erzwingen, daß man einfac h jeden kontextuellen Parameter für indexikalisc h erklärt und jeden aufgespaltenen Referenzpunkt 〈〈i1,...,in〉, 〈i’1,...,i’n〉, 〈c1,...,cm〉〉 c dur h das längere 〈〈i1,...,in,c1,...,cm〉, 〈i’1,...,i’n,c1,...,cm〉,∅〉 ersetzt. (∅ ist die leere Liste.) Wir bezeic hnen diese künstlic he Aufblähung der Indizes und Referenzpunkte als Quadratur, weil sie die Charaktertabellen in eine quadratisc he Form bringt. In Absc hnitt 2.5 kommen wir darauf zurück. Aus der Aspektlisten-Sic ht lassen sic h außer den großen und kleinen Diagonalisierungen auc h noc h mittelsc hwere Operatoren definieren, die simultane Vers c hiebungen mehrerer, aber nic ht aller Aspekte auf die Diagonale bewirken. In der Praxis kann man diese sehr umständlic h zu definierenden Operatoren immer meiden, indem man z. B. mehrere Aspekte zu einem neuen vereinigt. Die in Absc hnitt 2.2 skizzierte Tec hnik der Extensionalisierung läßt sic h auc h auf Systeme der zweidimensionalen Modallogik anwenden. Man erhält dann eine zweisortige Logik, deren Ausdrüc ke die Eigentümlic hkeit aufweisen, daß in ihnen höc hstens zwei (bestimmte) Variablen der Sorte ‘Situation’ frei vorkommen dürfen. Und die Diagonaloperatoren entpuppen sic h dann als spezielle Ersetzungsoperatoren, also solche, die alle freien Vorkommen einer (bestimmten) Variablen durc h solc he einer anderen Variablen ersetzen. Der waagere c hten Diagonalisierung durc h dthat entspric ht z. B. ein Operator DTHAT, der die Situationsvariable s bindet und sic h mit beliebigen Ausdrüc ken α verbindet; die Extension von (DTHAT s) α hängt dann von der Variablenbelegung g ab und ist dieselbe wie die von α an der Belegung g’, die wiederum so ist wie g, außer daß sie für die Variable s als Wert g(s0) liefert. Danac h hat (DTHAT s) α stets dieselbe Extension wie das durc h Ersetzung aller freien Vorkommen von s durc h s0 aus a hervorgehende α[s/s0]. In der Aspektlisten-Variante bewirkt DTHAT entsprec hend eine Ersetzung der indexikalisc hen Variablen durc h ihre kontextuellen Gegenstüc ke: aus der Auswertungswelt wird die Realität, die Zeit wird zum Jetzt etc . Per Ana-
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logie könnte man jetzt erwarten, daß α[s0/s] einer senkre c hten Diagonalisierung entspric ht. Das stimmt jedoc h nur ungefähr: das ursprünglic he a kann nämlic h Bedingungen enthalten, die wesentlic h voraussetzen, daß sic h die Variable s0 auf eine Äußerungssituation bezieht — etwa wenn in a vom Sprec her in s0 die Rede ist. Beim Übergang zu α[s0/s] mac hen diese Bedingungen dann nic ht mehr für jede Belegung von s einen Sinn; α[s0/s] definiert also nur eine partielle Funktion. Doc h jede Ausweitung dieser Funktion auf den gesamten Bereic h der Auswertungssituationen ist eine Diagonalisierung im Sinne der obigen Festlegung. In der Extensionalisierung zeigt sic h übrigens eine elementare logisc he Eigensc haft, die allen Diagonalisierungen — ob groß, ob klein oder mittelsc hwer — gemeinsam ist: indem sie alle von irgendwelc hen situationellen Aspekten abstrahieren, mac hen sie dieselben überflüssig. Das soll heißen, daß ein Ausdruc k, dessen Extension von einem gewissen Aspekt abhängt, diese Abhängigkeit durc h Diagonalisierung verlieren kann. In gewisser Weise haben wir diesen Effekt bereits kennengelernt: das in Absc hnitt 1.2 eingeführte Prinzip (D) läuft mit seiner Einsetzung der Äußerungs- für die Auswertungssituation auf eine waagerec hte Diagonalisierung, also ein unsic htbares dthat, hinaus und bewirkt so eine Unabhängigkeit der Extension von der Auswertungssituation — womit letztere für den Extensionsbegriff (und speziell auc h für die Wahrheit) entbehrlic h wird. In Absc hnitt 2.5 werden wir uns diesen Abstraktions-Effekt der senkre c hten Diagonalisierung zunutze machen. 2.4 Tokenanalyse Die klassisc he Theorie geht in der in Teil 1 dargestellten Form davon aus, daß die Äußerungssituation die Extension eines deiktisc hen Wortes wie du jeweils eindeutig festlegt. Oft sc heint dies aber gar nic ht der Fall zu sein. Betrac hten wir z. B. einmal eine für den Kindergartenalltag typisc he Auseinandersetzung zwisc hen Alain und Fabian, bei der (absolut gleic hzeitig) die folgenden Vorwürfe zu hören sind: (17) Du hast mein schönes Haus kaputt gemacht. (18) Du hast meinen Flitzer versteckt. Es ist offenbar unsinnig, von einer solc hen Situation zu behaupten, sie determiniere eindeutig einen Referenten für das Wort du: in
IV. Kontexttheorie
Alains Äußerung von (17) bezieht sic h die Anrede auf Fabian, der im selben Moment mit seiner Äußerung desselben Pronomens seinen Freund Alain anspric ht. Die ganze Szene ist allerdings in dem Sinne vielleic ht gar keine Äußerungssituation, als in ihr mehr als eine Äußerung stattfindet und wir bisher (zumindest implizit) immer davon ausgegangen waren, daß sic h Äußerungssituationen gerade dadurc h auszeic hnen, daß in ihnen genau eine sprac hlic he Äußerung stattfindet. Man kann nun vielleic ht die beiden Äußerungen von (17) und (18) in versc hiedenen Situationsausschnitten ansiedeln: Fabians Äußerung findet danac h in einem anderen Aussc hnitt derselben Situation statt als Alains, und die jeweiligen Charaktere werden dann als Funktionen über diesen Auss c hnitten definiert. Allerdings funktioniert diese Strategie nic ht immer so glatt. Die gerade betrac htete Situation könnte nämlic h etwa durc h den klärenden Auftritt der Erzieherin Doris bereic hert werden, die im Verlaufe ihrer Äußerung von (19) zunäc hst auf Fabian und anschließend auf Alain zeigt: (19) Während du das Haus wieder aufbaust, kannst du ja den Flitzer holen. Auc h hier besitzt du offensic htlic h zwei Extensionen, nämlic h dieselben wie in den vorher betrac hteten Äußerungen von (17) und (18). Wollte man nun die beiden Teiläußerungen deshalb an versc hiedenen Situationsaussc hnitten a und a’ auswerten, bräuc hte man noc h zusätzlic he (der klassisc hen Theorie eher fremde) Prinzipien zur Deutung komplexer Ausdrüc ke. Denn was immer der relevante Situationsaussc hnitt für den Gesamtsatz (19) sein soll — er kann nic ht sowohl mit a als auch mit a’ zusammenfallen. Beispiele wie (17)—(19) legen den Verdac ht nahe, daß die kleinsten deutungsrelevanten Situationsaussc hnitte aus Äußerungen einzelner Wörter bestehen; man kann sie sogar mit solc hen Wortäußerungen identifizieren. Was aber sind (Wort-) Äußerungen? Eine naheliegende und üblic he Antwort auf diese Frage lautet: Äußerungen bestehen aus Ausdrüc ken und (Äußerungs-) Situationen. Dieser Äußerungsbegriff nützt uns hier allerdings nic ht viel, weil er gerade in den eben diskutierten Fällen nic ht anwendbar ist: hier gab es ja pro Situation mehr als eine Äußerung von du. Eine Alternative ergibt sic h, wenn man die bisher als Grundeinheiten fungierenden sprac hlic hen Ausdrüc ke als (disjunkte) Klassen von Äußerungen, ihren Realisierungen oder Token, auffaßt. Danac h wären etwa
9. Kontextabhängigkeit
die vier in den obigen Kindergarten-Situationen geäußerten Anreden d1 — d4 allesamt Realisierungen desselben Wortes: {d1,d2,d3,d4} ⊂ du. Die untersc hiedlic hen Extensionen ließen sic h dann dadurc h erklären, daß der Charakter χdu jedem dieser vier Token einen eigenen Wert zuordnet. Charaktere wären nac h dieser Auffassung Funktionen, die jeder Realisierung (d. h. jedem Element) eines Ausdrucks eine Intension zuweisen. In diesem Sinne lassen sic h alle bisher eingeführten lexikalis c hen Bedeutungsregeln leic ht modifizieren. Für absolute Lexeme ändert sic h dadurc h nic ht viel; die Unabhängigkeit der Extension von der Äußerungssituation wird lediglic h durc h eine Unabhängigkeit vom Token ersetzt. Aber auc h bei direkt referentiellen Wörtern bereitet diese neue Betrac htungsweise keine Sc hwierigkeiten. So läßt sic h z. B. χich (I)(s) als Produzentin des Tokens I ∈ ich c harakterisieren, χheute(D)(s) ist der Tag, an dem die Äußerung D (∈ du) stattfindet, usw. Dabei ist s immer eine beliebige (Auswertungs-) Situation; auf der Intensionsebene bleibt also alles beim Alten. Da Bedeutungsregeln für deiktisc he Wörter (nac h dieser Auffassung) auf die Realisierungen derselben Bezug nehmen, werden diese Wörter auc h als tokenreflexiv bezeic hnet. Die diskutierte Ersetzung von Äußerungssituationen durc h Äußerungen läuft also auf eine Analyse der Deixis als Tokenreflexivität (kurz: Tokenanalyse) hinaus. Daß die Tokenanalyse keine triviale Variation der klassisc hen Theorie ist, wird deutlic h, wenn man von lexikalisc hen zu komplexen Ausdrüc ken übergeht. Wie wir bereits im Zusammenhang mit (19) gesehen haben, benötigt man dafür eine zusätzlic he Theorie-Komponente, die den Zusammenhang zwisc hen versc hiedenen Teiläußerungen herstellt. Theorien dieser Art zeic hnen sic h in der Regel durc h ein großes Mißverhältnis zwisc hen begrifflic her Komplexität und Erkenntnisgewinn aus; wir werden uns diesen Teil der Tokenanalyse deshalb ersparen. Es fällt auf, daß auc h bei der Tokenanalyse die Extensionen immer nur von bestimmten Eigensc haften oder Aspekten des Tokens abhängen. Um dem Rec hnung zu tragen, kann man nac h dem Vorbild des Absc hnitts 2.1 Aspekte von Realisierungen definieren und Charaktere auf den entsprec henden Aspektlisten operieren lassen; auc h hier gibt es dann die Möglic hkeit einer Theorie-Erweiterung dur c h Hinzunahme unstimmiger Aspektlisten. Die in Absc hnitt 2.2 besc hriebene Tec h-
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nik der Extensionalisierung läßt sic h ebenfalls mit der Tokenanalyse kombinieren. In diesem Fall benötigt man allerdings eine weitere Sorte von Variablen für Realisierungen sprac hlic her Ausdrüc ke, was man als Indiz dafür werten kann, daß die Parallelität zur klassisc hen Theorie doc h rec ht oberfläc hlic h ist. Während nämlic h nac h klassisc her Auffassung die Äußerungssituationen einen Teil der Gesamtheit aller Auswertungssituationen ausmac hen, verlangt die Tokenanalyse zwei unabhängige Sorten von Variablen für Realisierungen und Situationen. Insbesondere sind alle mit dem Begriff der Diagonalen — und somit auc h die aus der zweisortigen Modallogik entlehnten — Betrac htungen nic ht ohne weiteres auf die Tokenanalyse übertragbar; dasselbe gilt für die in Absc hnitt 2.1 gemac hte Annahme, indexikalisc he Aspekte seien zugleic h auc h immer kontextuell. (Auf einen weiteren substantiellen Unters c hied zwisc hen der klassisc hen Theorie und der Tokenanalyse werden wir in Absc hnitt 2.5 hinweisen.) Angesic hts dieser durc h die Tokenanalyse eingebrac hten theoretisc hen Komplikationen und ihrer (teilweise noc h zu demonstrierenden) Defizite stellt sic h die Frage, ob sic h die Vorzüge der klassisc hen Theorie nic ht doc h irgendwie mit einer (nic ht allzu komplexen oder künstlic hen) Lösung der mit (17)—(19) angesproc henen Probleme vereinbaren lassen. Dies ist in der Tat der Fall. Denn die klassisc he Theorie läßt sic h als Spezialfall einer geeignet formulierten Tokenanalyse auffassen. Zunäc hst kann man sehen, daß die Tokenanalyse für die Mehrzahl der diskutierten Beispiele in dem Sinne zu fein ist, als bei ihnen eine Differenzierung nac h versc hiedenen Realisierungen desselben Ausdruc ks nic ht nötig ist: die betra c hteten Äußerungssituationen waren meist so gewählt, daß sie die Extensionen der in ihnen geäußerten deiktisc hen Wörter eindeutig festlegten. Solc he Äußerungssituationen bezeic hnen wir als homogen. Der klassisc hen Theorie (in der in Teil 1 dargestellten Form) liegt die Idealisierung zugrunde, alle Äußerungssituationen seien homogen. Wenn es nun gelingt, diesen Homogenitätsbegriff im Rahmen der Tokenalyse zu rekonstruieren, dann sollte eine Besc hränkung auf homogene Äußerungssituationen gerade auf die klassisc he Theorie hinauslaufen. Eine begrifflic he Zurüc kführung der homogenen Äußerungssituationen auf Token setzt nun allerdings voraus, daß der Zusammenhang zwisc hen Realisierungen komplexer
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Ausdrüc ke und denen ihrer Teile bereits präzisiert ist. Unter dieser Voraussetzung kann man eine homogene Äußerungssituation als eine Äußerung a eines komplexen Ausdruc ks auffassen, für dessen Teilausdrüc ke β stets gilt: wenn die Realisierungen b und b’ von β Teile von a sind, so sind b und b’ intensionsgleic h. Die restlic he Rekonstruktion der klassisc hen Theorie im Rahmen der Tokenanalyse ist eine mühselige Arbeit am Begriff. Eine ganz andere Möglic hkeit der Rettung der klassisc hen Theorie basiert auf der Beobac htung, daß Inhomogenität versc hiedene Ursac hen haben kann. Einmal kann sie wie in (17) und (18) auftreten, wenn in einer gegebenen Situation mehr als eine Gesamtäußerung eines Satzes, Textes etc . vorliegt. In diesem Fall kann man die Situation in mehrere Situationsaussc hnitte aufspalten, mit denen man dann jeweils klassisc h verfährt. Diese Aufspaltung mag in manc hen Fällen künstlic h ersc heinen, ist aber offenbar immer möglic h und erspart eine Tokenanalyse. Die zweite Art der Inhomogenität wird durc h (19) vertreten: hier liegt eine mehrfac he Realisierung eines deiktisc hen Lexems innerhalb derselben Gesamtäußerung vor. Nun ist zunäc hst einmal festzustellen, daß diese Art der Inhomogenität nic ht von jedem deiktisc hen Wort hervorgerufen werden kann. Wenn z. B. (20) als Satz geäußert wird, referieren die beiden Vorkommen von ich niemals auf versc hiedene Personen: (20) Wenn ich noch ein Bier trinke, kann ich nicht mehr fahren. Hier hilft auch kein Gestikulieren wie im Falle von du: ich bezieht sic h jeweils auf den Produzenten der Äußerung von (20). Deiktisc he Wörter, bei denen Gesten etwas ausric hten können, heißen auc h Demonstrativa. Der Tric k ist nun der folgende: für Demonstrativa läßt sic h ein kontextueller Parameter annehmen, der das Problem der Extensionsfindung auf eine begleitende Zeigehandlung verweist; nic ht das Token ist aussc hlaggebend, sondern die Demonstration. (Natürlic h bedarf es dann noc h einer Sonderregelung für die vielen Fälle, in denen die Zeigehandlung weggelassen wird.) Es sollte klar sein, daß diese Methode zur Darstellung inhomogener Äußerungssituationen die vom klassisc hen Standpunkt aus einfac hste ist. (Weiteres über Demonstrativa in Abschnitt 3.2.) 2.5 Erkenntnistheoretische Umdeutung Dieser letzte Absc hnitt fällt insofern etwas aus dem thematisc hen Rahmen, als die gleic h zu
IV. Kontexttheorie
eröffnenden philosophis c hen Perspektiven strenggnommen nic ht die Semantik der natürlic hen Sprac he betreffen; andererseits passen sie gerade deshalb hierher, denn sie zeigen, daß der Anwendungsbereic h der klassisc hen Theorie weit über die deskriptive Semantik hinausgeht. Ähnlic h wie die Russellsc he Kennzeic hnungstheorie [vgl. dazu Artikel 22] oder die Davidsonsc he Adverbialsemantik [s. Artikel 36] läßt sic h nämlic h auc h die Kaplansc he Theorie der Kontextabhängigkeit zur Darstellung und Untermauerung bestimmter philosophisc her Thesen und Positionen heranziehen. Diese philosophisc he Dimension mac ht einen Großteil der ursprünglic hen Motivation hinter dem Begriffsapparat dieses Kapitels aus, und ihr Studium trägt auf jeden Fall zu dessen besserem Verständnis bei. Darüberhinaus spielen einige der in diesem Zusammenhang zu diskutierenden Beispiele und Analysen durc haus eine wic htige Rolle in der linguistisc hen Anwendung der klassisc hen Theorie; doc h darüber wird erst in Abschnitt 4.2 zu reden sein. Als Einstieg mag eine Rüc kbesinnung auf die Einführung des Intensionsbegriffs in Absc hnitt 1.1 dienen. Dort haben wir gesagt, daß man sic h die Intension eines Ausdruc ks im wesentlic hen als eine Methode zur Bestimmung seiner Extension vorstellen kann: angewandt auf eine beliebig vorgegebene Situation oder Tatsac henkonstellation liefert die Intension die jeweilige Extension. Im Falle eines Satzes ist die Extension ein Wahrheitswert, womit die Intension — in diesem Falle auc h Proposition genannt — als eine Menge von (Auswertungs-)Situationen aufgefaßt werden kann. Solc he Mengen möglic her Tatsac henkonstellationen lassen sic h wiederum in naheliegender Weise als Informationen verstehen: eine Menge entspric ht der Information, daß alle ihre Elemente in dem Sinne möglic h sind, daß ihr Bestehen nic ht ausgesc hlossen werden kann, daß also die Wirklic hkeit zu ihr gehört. (Genauere Ausführungen zu dieser Betrac htungsweise findet man in Artikel 2.) Damit liegt nun der Verdac ht nahe, daß die durc h einen Satz (in einer Äußerungssituation) ausgedrüc kte Proposition — also seine Intension — gerade die durc h ihn übermittelte Information ist. Halten wir dies in Form einer Hypothese fest: (F) Der Informationsgehalt eines Satzes ist seine Intension. Ein Großteil dieses Absc hnittes wird der Widerlegung und Modifikation der Hypothese (F) gewidmet sein; danac h werden wir uns
9. Kontextabhängigkeit
endlic h den philosophisc hen Implikationen zuwenden. Um besser zu verstehen, wie (F) überhaupt gemeint ist, ist es nützlic h, einige naheliegende, hier aber nic ht intendierte Interpretationen dieser Hypothese zu verwerfen. Mit (F) ist z. B. nic ht gemeint, daß ein (in einer bestimmten Situation geäußerter) Satz der Hörersc haft genau die durc h ihn ausgedrüc kte Proposition als Information übermittelt. Welc he Information tatsäc hlic h übermittelt wird, hängt von vielerlei, insbesondere auc h pragmatisc hen Faktoren ab, die uns hier nic ht weiter interessieren: die Äußerung kann z. B. ironisc h gemeint sein und im wesentlic hen nur Informationen über die Einstellung des Sprec hers vermitteln; sie kann — etwa in einer Prüfung — die Wohlinformiertheit des Sprec hers oder — bei einer Parlamentsrede — dessen Sc hlagfertigkeit unter Beweis stellen und insofern sehr aufsc hlußreic h sein; sie kann zeigen, ob es sic h bei der Sprec herin um eine Muttersprac hlerin handelt usw. In all diesen Fällen wird jedoc h die im engeren Sinne vom Satz übermittelte Information durc h andere, die Äußerung begleitende Umstände ergänzt oder überlagert. Doc h nur um erstere geht es in (F): um die gemäß der wörtlichen Bedeutung des betreffenden Satzes übermittelte Information. [Siehe Artikel 3.] Selbst wenn man sic h strikt an die wörtlic he Bedeutung hält, ist (F) nic ht ganz eindeutig. Denn was ein Satz im wahrsten Sinne des Wortes in einer Äußerungssituation besagt, kann für die Hörersc haft je nac h deren Vorwissen mehr oder weniger informativ sein. Die korrekte Antwort auf eine Frage im mündlic hen Staatsexamen sollte dem Prüfer bekannt sein, dem ministeriellen Beisitzer vermittelt sie vielleic ht neue Erkenntnisse: in diesem Sinne ist ihr Informationsgehalt stark hörerabhängig. Doc h darum geht es nic ht. Wir werden idealerweise von solc hen Untersc hieden in der Informiertheit abstrahieren und für die Diskussion des Prinzips (F) keinerlei Voraussetzungen über den Informationsstand der Kommunikationsteilnehmer mac hen. Insofern interessieren wir uns hier nur für den maximalen Informationsgehalt eines Satzes — also diejenige Information, die er bei wörtlic her Interpretation einer gänzlic h desinformierten und desorientierten Hörersc haft übermitteln würde. Es ist natürlic h fraglic h, ob man dieser Art von Hörersc haft überhaupt irgendwelc he Informationen übermitteln kann; doc h soll uns diese rein heuristisc he Idealisierung nic ht bis in die letzten Verästelungen des Details
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interessieren. Nac h diesen Vorklärungen sind wir in der Lage, die Hypothese (F) anhand einiger Beispiele zu überprüfen. (F) fällt j a nic ht vom Himmel, und so erstaunt es wenig, daß sic h dieses Prinzip bei vielen Beispielen gar nic ht schlecht ausnimmt. So etwa bei: (21) Tom pennt. Der Einfac hheit halber nehmen wir an, daß es sic h bei (21) um einen absoluten Satz handelt, dessen Intension p also nic ht von der Äußerungssituation abhängt; p besteht also aus den Situationen, in denen der Referent des Eigennamens Tom der durc h das Prädikat pennt bezeic hneten Tätigkeit nac hgeht. Nac h (F) besteht dann der Informationsgehalt von (21) gerade in dieser als Information verstandenen singulären Proposition p: wer über keine weiteren Informationen außer p verfügt, weiß damit nur, daß nic ht ausgesc hlossen werden kann, daß Tom sc hläft. Dies ist offenbar eine korrekte Aussage über den maximalen Informationsgehalt der wörtlic hen Interpretation von (21). Betrac hten wir als näc hstes einen Satz, der in versc hiedenen Äußerungssituationen verschiedene Propositionen ausdrücken kann: (22) Ich bin müde. Um (F) zu testen, benötigen wir zumindest eine Information über die Äußerungssituation: wir müssen wissen, wer (22) äußert. Nehmen wir also an, es handele sic h um Tom. Dann drüc kt (22) im wesentlic hen die Propostion aus, die aus allen Situationen besteht, in denen Tom müde ist. Was den Informationsgehalt angeht, so hätte Tom also ebensogut (22′) äußern können: (22′) Tom ist müde. Dabei setzen wir voraus, daß Tom ein Standardname ist — ein Name, der sic h per sprac hlic her Konvention direkt und absolut auf Tom bezieht. Diese Voraussetzung ist nic ht ganz unproblematisc h (siehe Absc hnitt 1.3). Doc h dient (22′) hier lediglic h der Illustration einer Inadäquatheit von (F): nac h (F) ist der Informationsgehalt einer Äußerung von (22) durc h Tom gleic h dem Informationsgehalt, den (22′) hätte, wenn man Tom als Standardnamen versteht. Natürlic h ist eine Äußerung von (22′) aus Toms Mund etwas befremdlic h oder allenfalls babyhaft. Doc h könnte man — und sei es nur zur Aufrec hterhaltung von (F) — annehmen, daß der Grund für diese Abweic hung stilisti-
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sc her oder pragmatisc her, nic ht jedoc h semantisc her Natur ist: (22) und (22′) besagen zwar in dieser Situation dasselbe, ihr Informationsgehalt ist damit nac h (F) auc h gleic h, aber sie unterliegen untersc hiedlic hen Gebrauc hsbedingungen, die dafür sorgen, daß (22′) einigermaßen inakzeptabel ist. (F) scheint damit fürs erste gerettet. Ganz so einfac h ist es nic ht. Denn (22) und (22′) übermitteln nur dem dieselbe Information, der über die Identität des Sprec hers informiert ist, der also weiß, daß sic h der Name Tom auf den Sprec her von (22) bezieht. Dieses Wissen ist aber keine notwendige Vorbedingung für das Verständnis der beiden Sätze: (F) verlangt hier offensic htlic h zu viel vom Hörer. Daß es sic h hierbei nic ht nur um einen marginalen Sc hönheitsfehler, sondern um eine substantielle Inadäquatheit der Hypothese (F) handelt, sieht man besser, wenn man vom Sprec her-Parameter auf Beispiele mit anderen Kontextabhängigkeiten übergeht, bei denen Desinformiertheit an der Tagesordnung ist: (23) Morgen ist Nikolaustag. (23′) Am 6. Dezember 1985 ist Nikolaustag. In diesem Falle sc heinen stilistisc he Untersc hiede oder Zweifel am Standardnamen-Status des Datums weniger angebrac ht als bei den vorherigen Beispielen. Bei einer Äußerung von (23) am 5. 12. 1985 wird aber im allgemeinen eine andere Information übermittelt als durc h eine Äußerung von (23′). In unsererm Kulturkreis ist die in (23) enthaltene Information für die Eltern kleiner Kinder ungleic h wic htiger als der relativ banale Inhalt von (23′): erstere könnte sie zu einem PanikKauf von Äpfeln, Nüssen und Mandelkernen veranlassen, während letztere in der Regel ihr Verhalten kaum beeinflussen dürfte. Dieser banale Inhalt von (23′) — daß am 6. 12. 1985 der Nikolaus kommt — ist aber gerade die durc h beide Sätze am 5. 12. 1988 ausgedrüc kte (singuläre) Proposition μ23. (23) sc heint aber darüberhinaus noc h mehr zu besagen. Und dieses Mehr an Information, dieser Untersc hied im Informationsgehalt zwisc hen (23) und (23′), wird von (F) nic ht erfaßt. Worin besteht nun eigentlic h die Information, die (23) gegenüber (23′) so interessant ersc heinen läßt? Und was mac ht sie so interessant? Der Untersc hied zwisc hen den beiden Sätzen hat offenbar etwas damit zu tun, daß die von beiden ausgedrüc kte Proposition durc h (23) unmittelbar in Beziehung zur Äußerungssituation gesetzt wird und gerade deshalb einen Einfluß auf das Verhalten der
IV. Kontexttheorie
Informierten ausüben kann. Diese Unmittelbarkeit der Information geht (23′) ab: was dieser Satz besagt, ist sommers wie winters dasselbe (nämlic h μ23) und hilft vor allem denen nic ht weiter, denen das Datum der Äußerung nic ht gegenwärtig ist, die also die Äußerung zeitlic h nic ht genau genug lokalisieren können. In (23) wird das Kommen des Nikolaus aus der Äußerungssituation heraus, also vom Standort des Sprec hers aus, besc hrieben und insofern mit sprac hlic hen Mitteln lokalisiert; die Besc hreibung in (23′) entbehrt dieser Perspektive. Diese zusätzlic he lokalisierende Dimension im Informationsgehalt ist nun offenkundig ein Effekt der Variabilität der Intension von (23), die wiederum auf die direkte Referentialität des Temporaladverbs morgen zurüc kgeführt werden kann, das dazu beiträgt, den der Äußerungszeit folgenden Tag — und insofern auc h die Äußerungszeit selbst — relativ zum Nikolaustag zu lokalisieren. Während also (23′) lediglic h eine absolute Information μ23 über die Besc haffenheit der Welt liefert, setzt (23) dieselbe Information zum Standort des Sprec hers in Beziehung. Dieser Untersc hied in der Perspektive, aus der die durc h die beiden Sätze ausgedrüc kte Proposition präsentiert wird, wird in (F) übergangen. Eine Modifikation von (F) muß also die durc h möglic he deiktisc he Teilausdrüc ke eingeführte Perspektive der übermittelten Information berüc ksic htigen. Eine sic h aus diesen Betrac htungen nahelegende Verbesserung von (F) besteht somit in einer Differenzierung des Informationsgehalts in einen absoluten, von der Intension beigesteuerten Teil und die durc h den Charakter verliehene lokalisierende Perspektive. In dem soeben diskutierten Beispiel ergibt sic h dann für (23) einerseits die auc h durc h (23′) ausgedrüc kte Information μ23 und andererseits die lokalisierende Information ε23, daß der Nikolaustag dem Tag der Äußerung folgt, d. h. die Menge der Situationen s, die sic h an einem 5. Dezember abspielen. Diese Proposition ε23 ergibt sic h wiederum einfac h aus dem Charakter χ23 von (23) durc h Einsetzung der Auswertungssituation s für die Äußerungssituation so: χ23 liefert ja für den Referenzpunkt 〈so,s〉 gerade dann den Wahrheitswert 1, wenn am Tag nac h so (in s) der Nikolaus kommt. Nac h einer am Sc hluß von Absc hnitt 2.3 gemac hten Beobac htung ergibt sic h somit ε23 aus χ23 durc h senkrec hte Diagonalisierung. Wir erhalten damit die folgende Modifikation von (F):
9. Kontextabhängigkeit
(S) Der Informationsgehalt eines Satzes besteht aus zwei Komponenten: a) seiner perspektivelosen Intension und b) einer durch senkrechte Diagonalisierung seines Charakters kodierten Lokalisierung. Man beac hte, daß die Monstrosität der senkrec hten Diagonalisierungen an dieser Stelle keine Rolle spielt: (S) dient ja nic ht der Interpretation einer bestimmten syntaktisc hen Konstruktion. Mit (S) wird klar, warum man in Beispielen wie (23′) keine Zweiteilung der Information findet: bei absoluten Ausdrüc ken läuft die Diagonalisierung leer — ihr Charakter kann ja unabhängig von der Äußerungssituation besc hrieben werden, womit diese auc h nic ht durc h die Auswertungssituation ersetzt werden kann: ε23’ = μ23’ (= μ23). Wir haben in Absc hnitt 2.3 festgestellt, daß senkrec hte Diagonalisierungen nic ht in jeder Referenztheorie möglic h sind. (S) mac ht nur für die klassisc he Theorie aus Teil 1 sowie für die in Absc hnitt 2.3 skizzierte Quadratur der Parametrisierung Sinn. Will man ein zu (S) analoges Prinzip im Rahmen der nic htquadratis c hen Parametrisierung aus Abs c hnitt 2.1 formulieren, so muß man berüc ksic htigen, daß die ansonsten durc h Diagonaliserung erhältlic he Information nic ht in dem Sinne aus dem Charakter herausdestilliert werden kann, daß sie — wie das Ergebnis einer senkrec hten Diagonalisierung — wieder einer Proposition entspric ht. Wenn einige kontextuelle Aspekte (nac h dieser Theorie-Variante) unumsc hreibbar sind, sollte man für die lokalisierende Information also lieber den vollen Charakter veranschlagen. Wir erhalten damit: (E) Der Informationsgehalt eines Satzes besteht aus zwei Komponenten: a) seiner perspektivelosen Intension und b) einer durch seinen Charakter kodierten Lokalisierung. Im Untersc hied zu (S) postuliert (E) einen kategorialen Untersc hied zwisc hen den beiden Informationskomponenten. Der Untersc hied zwisc hen Perspektivelosigkeit und Lokalisierung ist nac h (E) nic ht nur einer des Inhalts, sondern auc h ein Untersc hied in der Form der Information: erstere entspric ht einer Menge von Indizes, während letzterer ein Charakter, also eine Funktion von Kontexten in Intensionen ist. (S) ist dagegen durc haus mit der Annahme verträglic h, daß jede Information propositional ist.
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Der in (E) für die Kodierung der lokalisierenden Information geforderte volle Charakter ist eigentlic h etwas zu viel des Guten. Das sieht man am besten anhand einer Extensionalisierung im Stil von Absc hnitt 2.2 ein. Charaktere lassen sic h dann durc h Formeln besc hreiben, die — entsprec hend der Referenzpunkt-Aufspaltung aus Absc hnitt 2.3 — im wesentlic hen drei Typen von Variablen enthalten: indexikalis c he, indexikalis c h-kontextuelle (kurz: mittlere) und rein kontextuelle. Die Charakterformel für Ich schlafe jetzt enthält beispielsweise eine indexikalisc he Variable für die Auswertungswelt (wegen der Faktenabhängigkeit der Extension von schlafen), eine mittlere (von jetzt eingeführte) Variable für die Äußerungszeit und eine rein kontextuelle Variable für den Sprec her. Welc he (lokalisierende) Information beinhaltet nun der Charakter χ dieses Satzes? Grob gesproc hen informiert χ darüber, daß der Sprec her in der Äußerungswelt zur Äußerungszeit cs hläft. Insbesondere gibt es also in dieser Hinsic ht keinen Untersc hied zwisc hen indexikalisc hen und mittleren Variablen: beide dürfen — dem Prinzip (D) gemäß — direkt auf die Äußerungssituation bezogen werden. Für die Ermittlung der lokalisierenden Information ist also die Untersc heidung zwisc hen den Aspekten der Auswertungssituation und den indexikalisc hen Aspekten des Kontexts überflüssig. (Das äußert sic h übrigens auc h darin, daß das Wort jetzt in diesem Falle nic ht zur lokalisierenden, wohl aber zur absoluten Information beiträgt.) Der Charakter χ läßt sic h damit in (E) insoweit reduzieren, als man (in der extensionalisierten Darstellung) indexikalis c he und mittlere Variablen miteinander identifiziert. Von der Formulierung (S) ausgehend liegt es nun nahe, diese Identifikation durc h eine senkrec hte Diagonalisierung vorzunehmen und dementsprec hend die mittleren Variablen durc h indexikalisc he zu ersetzten. Doc h führt natürlic h der umgekehrte Weg zum selben Ziel: eine Ersetzung der indexikalisc hen Variablen durc h mittlere, also kontextuelle. Das ist aber nic hts anderes als eine Anwendung des DTHAT-Operators! Natürlic h ist das Ergebnis einer solc hen waagerec hten Diagonalisierung strenggenommen immer noc h ein Charakter χ’, so daß auf den ersten Blic k gegenüber (E) nic hts gewonnen sc heint. Dieser Sc hein trügt aber. Denn das durc h DTHAT modifizierte χ’ ist direkt referentiell und läßt sic h daher auf eine Funktion von Kontexten in Wahrheitswerte oder äquivalenterweise als Menge von Kontexten auffassen.
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Da ein Kontext nic hts anderes ist als eine nstellige Liste von Aspekten, entspric ht diese Menge von Kontexten wiederum einer n-stelligen Relation !χ; in unserem Beispiel ist !χ die Relation, die zwisc hen einem Individuum x (dem Sprec her), einem Zeitpunkt z und einer Welt w besteht, wenn x in w zu z schläft. (E’) Der Informationsgehalt eines Satzes besteht aus zwei Komponenten: a) seiner perspektivelosen Intension und b) einer durch die der waagerechten Diagonalisierung seines Charakters entsprechende Relation kodierten Lokalisierung. Wir werden zwar im folgenden von der klassisc hen Formulierung (E) ausgehen, dabei aber diese Reduktion (E’) von χ auf die Relation !χ nic ht ganz aus den Augen verlieren: in Absc hnitt 4.2 wird sie uns gute Dienste leisten. Was hat das nun alles mit Philosophie zu tun? Der Zusammenhang ergibt sic h aus einer Verallgemeinerung bzw. Umdeutung einiger zentraler Begriffe der Referenztheorie. Zunäc hst nehmen wir zur Kenntnis, daß sic h das Analyse-Instrumentarium der klassisc hen Theorie ohne große Verrenkungen von der Besc hreibung öffentlic her Äußerungen auf innere Monologe übertragen läßt. Die Rolle des Sprec hers wird dann von der den inneren Monolog führenden Person gespielt — sie ist ja die intendierte Referentin des Wortes ich und zählt (in einem in Absc hnitt 3.1 noc h näher zu untersuc henden Sinn) als Sprecherin — und statt einer intersubjektiv zugänglic hen Äußerungssituation mit in der Regel mehreren Kommunikationsteilnehmern haben wir es lediglic h mit dem inneren Zustand zu tun, in dem sic h die betreffende Person befindet. Innere Monologe finden allerdings nur sehr selten in dem Sinne statt, daß sic h eine Person den Wortlaut einer an sie selbst geric hteten fiktiven Äußerung vergegenwärtigt. In der Regel begegnet man dieser asozialen Form von Kommunikation wohl eher in Romanen, Beric hten und anderen Texten, wo sie als Kunstgriff angewandt wird, um den Bewußtseinszustand einer Person zu besc hreiben: der innere Monolog soll auf plastisc he Weise verdeutlic hen, was dem Protagonisten gerade durc h den Kopf geht. Die sprac hlic he Formulierung steht also für ihren Inhalt als Denkinhalt oder — allgemeiner — als (momentanen) Bewußtseinsinhalt, der neben dem Gedankengut auc h Wahrnehmung (und even-
IV. Kontexttheorie
tuell sogar emotional gefärbte Einstellungen) umfaßt. Aus dem Sprec her wird so ein wahrnehmendes und denkendes Wesen oder — philosophisc her ausgedrüc kt — ein erkennendes Subjekt; und die Äußerungssituation wird zum kognitiven (bzw. epistemischen) Zustand. Das ist die erkenntnistheoretisc he Deutung der klassischen Theorie. Es ist nützlic h, sic h an dieser Stelle einige terminologisc he und inhaltlic he Subtilitäten einzuprägen. Zunäc hst sollte man sic h den Untersc hied zwisc hen Bewußtseinsinhalt und epistemisc hem Zustand klarmac hen. Ersterer ist abstrakter Natur; es handelt sic h um eine bestimmte (perspektivis c he) Information. Prinzipiell — aber wohl nic ht praktisc h — ist es möglic h, daß die Bewußtseinsinhalte zweier Personen miteinander identisc h sind. Doc h befinden sic h diese Personen niemals im selben epistemisc hen Zustand. Denn letzterer ist die tatsäc hlic he Situation, in der sic h das jeweilige erkennende Subjekt befindet; und wenn es sic h um zwei versc hiedene Subjekte handelt, dann hat diese Versc hiedenheit definitionsgemäß einen Untersc hied im epistemisc hen Zustand zur Folge — eben einen Untersc hied im Subjekts-Aspekt. Der Bewußtseinsinhalt entspric ht also dem subjektiven Bild, das sic h die jeweilige Person von ihrer Situation, also von ihrem epistemisc hen Zustand, mac ht. Dazu gehört dann insbesondere eine Lokalisierung von sic h selbst als Subjekt in Raum, Zeit und Welt. Ob diese Lokalisierung korrekt ist oder etwa das Subjekt einem Irrtum oder einer Täusc hung unterliegt, hängt dann davon ab, ob der tatsäc hlic he epistemisc he Zustand des Subjekts mit dem Bewußtseinsinhalt verträglic h ist — ob also der Charakter für diese Situation eine in dieser Situation wahre Proposition liefert. Bei der Bestimmung und Bewertung dieser Proposition werden die kontextuellen und indexikalisc hen Parameter an der Wirklic hkeit (und nic ht etwa am subjektiven Bild derselben) ausgewertet. Wir können diese philosophisc he Interpretation auf einige der oben besproc henen Beispiele anwenden, indem wir diese als innere Monologe deuten. Wenn sic h Tom (22) sagt — oder wenn man von Tom zu Rec ht sagen kann, er sage zu sic h (22) — dann klassifiziert sic h Tom als müde Person. Das heißt natürlic h nic ht unbedingt, daß Tom sic h damit in einem (körperlic hen) Zustand von Müdigkeit befindet: er könnte ja einem Irrtum unterliegen. Es heißt, daß sic h Tom in einem (kognitiven) Zustand des sic h für müde Haltens
9. Kontextabhängigkeit
befindet — ein Zustand, in dem sein Bewußtseinsinhalt dem erkennendem Subjekt eine bestimmte Eigensc haft (Müdigkeit) zusc hreibt. Damit befindet sic h Tom nic ht notwendigerweise auc h in einem Zustand, in dem Tom als Individuum diese Eigensc haft zugesc hrieben wird. Dieser subtile Untersc hied kommt vor allem im Falle einer (in der einsc hlägigen philosophisc hen Literatur deshalb auc h gerne diskutierten) Identitätskrise zum Tragen. (23) ist in dieser Hinsic ht durc hsic htiger. Wenn (23) in einem von Caroline geführten inneren Monolog auftauc ht, dann ordnet Caroline ihren momentanen Zustand zeitlic h in den Tag unmittelbar vor dem Nikolaustag 1985 ein. Selbstverständlic h ist damit nic ht unbedingt der 5. Dezember angebroc hen; ein Irrtum ist hier wesentlic h leic hter möglic h als beim vorhergehenden Beispiel. I n Carolines Bewußtsein besitzt lediglic h der Tag ihres momentanen Zustandes eine gewisse Eigensc haft (direkter Vorgänger des Nikolaustages zu sein). Nehmen wir einmal an, sie irrt sic h tatsäc hlic h: in Wirklic hkeit haben wir bereits den 8. Dezember. Heißt das, daß Caroline — und sei es auc h nur momentan — den 8. Dezember für den Vorgänger des Nikolaustages hält? Wohl kaum. Oder eben nur: insofern sie den 8. Dezember als Tag ihres momentanen epistemisc hen Zustands, als Heute, klassifiziert. Im momentanen Weltbild ihres Bewußtseinszustands liegt also der Tag des momentanen Zustands vor dem Nikolaustag; und in Wirklic hkeit ist der Tag ihres momentanen Zustands der 8. Dezember. Die Differenz zwisc hen Carolines Perspektive auf den 8. Dezember als Heute und der Tatsac he, daß es sic h in Wirklic hkeit um den ac hten Tag des Monats Dezember handelt, entspric ht natürlic h genau dem zuvor diskutierten Untersc hied zwisc hen lokalisierender und perspektiveloser Information. Der im inneren Monolog (23) besc hriebene kognitive Zustand Carolines ist das epistemisc he Analogon zum Charakter in (E) bzw. zur Diagonalisierung desselben in (S). Für den Vergleic h der Carolinesc hen Vorstellungswelt mit der Wirklic hkeit muß die in (23) gemac hte Aussage als Aussage über die Wirklic hkeit gewertet werden. Aus dem Heute der Carolinesc hen Perspektive wird dann der Tag, an dem sic h der innere Monolog (bzw. die ihm entsprec hende Überlegung) tatsäc hlic h abspielt — gerade so, wie sonst aus dem Charakter durc h Auffüllung der kontextuellen Aspekte die Intension wird. Der (möglic her-
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weise diagonalisierte) Charakter von (23) besc hreibt also, wie Caroline die Welt sieht; die — sic h am tatsäc hlic hen Zustand Carolines ergebende — Intension dagegen besc hreibt, wie die Welt ist. Der Untersc hied zwisc hen (diagonalisiertem) Charakter und Intension bzw. der zwisc hen lokalisierender und absoluter Information wird so, in der erkenntnistheoretisc hen Deutung der klassisc hen Theorie, zu einem Untersc hied zwisc hen epistemischer und metaphysischer Perspektive. Hält man sic h nun an die diagonalisierungsfreie Variante (E), so ist dieser Untersc hied wieder kategorialer Natur. Der Bewußtseinsinhalt des erkennenden Subjekts kann dann prinzipiell nic ht als Information im Sinne des zu Anfang des gegenwärtigen Absc hnitts thematisierten propositionalen Wissens aufgefaßt werden. Bei der Caroline im Falle des inneren Monologes vorliegenden Information χ23 handelt es sic h nic ht nur um eine andere als die, daß der 8. Dezember 1985 dem Nikolaustag vorangeht (μ23) — es handelt sic h um einen anderen Typ von Information, nämlic h um lokalisierende Information, um Information aus der Sic ht des Subjekts in seinem momentanen kognitiven Zustand. Die Alternative (S) ist in dieser Hinsic ht weniger radikal: nac h ihr ist der Untersc hied zwisc hen epistemisc her und metaphysisc her Perspektive rein inhaltlic her Natur. Caroline befindet sic h zwar nic ht im Besitz der perspektivelosen Information μ23, sie vertraut aber wohl einer anderen, ebenso propositionalen Information, nämlic h ε23. Heißt das, daß nac h (S) Carolines Bewußtseinsinhalt jeglic her epistemisc hen Perspektive entbehrt? Natürlic h nic ht! Die Perspektive ist bei ε23 nur ein Teil des Inhalts: an die Stelle des kontextuellen Zeit- (bzw. Tages-) Parameters in χ23 tritt in ε23 die Zeit der Auswertungssituation. Der Untersc hied zwisc hen lokalisierender und absoluter Information läßt sic h am eindruc ksvollsten am Grenzfall der Nullinformation oder Trivialität illustrieren. Triviale Informationen sind solc he, die unter beliebigen Umständen zutreffen, deren Kenntnisnahme also nic hts lehrt. Die in (E) geleistete Präzisierung der Untersc heidung zwisc hen Lokalisierung und Perspektivelosigkeit läßt nun prinzipiell zwei Trivialitätsbegriffe zu: Trivialität eines Charakters versus Trivialität einer Proposition. Im Lic hte der erkenntnistheoretis c hen Umdeutung der klassis c hen Theorie entsprec hen diese Begriffe c( um
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grano salis) zwei alten Bekannten aus der Philosophie: Definition: (a) Eine epistemische Information χ gilt a priori, falls für beliebige kognitive Situationen s0 gilt: χ(s0)(s0) = 1. (b) Eine metaphysische Information p gilt notwendig, falls für beliebige Situationen s gilt: p(s) = 1. Wir haben diese Begriffe hier im Rahmen der erkenntnistheoretisc hen Deutung der klassisc hen Theorie gegeben, doc h werden sie häufig auc h direkt für Charaktere und Propositionen im üblic hen Sinne definiert. Den Untersc hied zwisc hen den beiden Begriffen mac ht man sic h am besten an drei einfac hen Beispielen klar: (24) Es regnet oder es regnet nicht. (25) Ich existiere. (26) Renatus Cartesius sum. (24) ist eine Tautologie und insofern — im Sinne von (D) — in allen Äußerungssituationen wahr. Also gilt χ24 a priori. In einer Äußerungsituation (bzw. relativ zu einem Bewußtseinsinhalt) s0 ist aber die durc h (24) ausgedrüc kte Proposition χ24(s0) ebenfalls trivial: sie trifft auf eine Situation s zu, falls es in s regnet oder nic ht regnet. (24) drüc kt somit immer eine notwendige Wahrheit aus. Die Untersc heidung zwisc hen a priorisc her und notwendiger Geltung greift also in diesem Falle nicht. Ganz anders bei (25). Wird nämlic h (25) in einer Situation s0 von einem beliebigen Individuum geäußert, so existiert diese Person insbesondere auc h in s0. Also gilt χ25 a priori. Daran ändert sic h auc h nic hts, wenn man von der Äußerung zum Denken übergeht und ich auf das Subjekt desselben bezieht: die Existenz läßt sic h hier mit Hilfe eines altehrwürdigen Desc artesc hen Arguments nac hweisen. Andererseits sind für jeden Äußerer oder Denker Situationen s denkbar, in denen er nic ht existiert. Für solc he s ist aber χ25(s0)(s) = 0 und somit die durc h (25) ausgedrüc kte Proposition keine notwendige Wahrheit. Man beac hte, daß in diesem Falle s0 ≠ s sein muß; zum Nac hweis der A Priorizität genügte aber die Wahrheit an allen diagonalen Referenzpunkten. Der Charakter von (25) ist also ein kontingentes A Priori: χ25 gilt a priori, aber es gibt Referenzpunkte, an denen sic h der Wahrheitswert 0 ergibt.
IV. Kontexttheorie
An der Analyse von (25) wird bei näherem Hinsehen deutlic h, wie man mit Hilfe der klassisc hen Theorie weitere a priorisc he und zuglei c h kontingente Wahrheiten konstruieren kann: geht man von einer extensionalen Darstellung des Charakters im Stil von Absc hnitt 2.2 aus, so liegt A Priorizität dann vor, wenn die Einsetzung von s0 für s, also das Ergebnis der Anwendung des Operators DTHAT zu einer für Äußerungs- bzw. Erkenntnissituationen s0 allgemeingültigen Aussage führt; Kontingenz wiederum ergibt sic h, wenn zumindest für eine Belegung von s und s0 etwas Falsc hes herauskommt. Diese Beobac htung läßt sic h auf eine griffige Formulierung bringen: wenn ein Charakter als Eigensc haft (von Äußerungssituationen), nic ht aber als Relation (zwisc hen Äußerungs- und Auswertungssituationen) trivial ist, so liegt ein kontingentes A Priori vor. (Man beac hte nebenbei, daß bei Parametrisierung der als Eigensc haft von Äußerungssituationen aufgefaßte Charakter nic hts anderes ist als die in (E’) erwähnte, ihm entsprec hende Relation.) Im vorliegenden Fall ergab sic h der Effekt durc h eine Interaktion des deiktisc hen Subjekts mit dem absoluten Prädikat: erst die Ersetzung des Auswertungs-Parameters im Prädikat läßt die Aussage für Äußerungssituationen trivial werden. Prinzipiell ist jedoc h auc h A Priorizität möglic h, ohne daß Deixis vorliegt — wenn nämlic h die durc h den Charakter über die Auswertungssituation gemac hte Aussage für alle Äußerungssituationen trivial ist; und kontingent ist ein solc hes A Priori dann, wenn diese Trivialität nic ht auf beliebige Situationen zutrifft. Ein Beispiel für so ein deixisfreies kontingentes A Priori ist etwa der Charakter des Satzes Es gibt ein denkendes Wesen. Wie nic ht anders zu erwarten, verhält sic h (26) genau entgegengesetzt zu (25). Denn einerseits kann dieser Satz heutzutage nic ht mehr wahrheitsgemäß geäußert werden: χ26(s0)(s0) = 0 für alle (diesseitigen) s0 nac h dem 11. Februar 1650. Damit gilt (26) auc h nic ht a priori. Andererseits besteht die mit einer Äußerung von (26) durc h Desc artes hö c hstpersönli c h ausgedrü c kte Proposition aus den Situationen s, für die gilt: der Sprec her, also Desc artes, ist mit dem Träger des (hier wieder als Standardnamen verstandenen) latinisierten Namens Renatus Cartesius, also mit Desc artes, identisc h. Diese Bedingung wird offensic htlic h von allen s erfüllt. Desc artes konnte also mit (26) eine notwendige Wahrheit ausdrücken.
9. Kontextabhängigkeit
Wir haben die obige Definition auf dem Hintergrund der These (E) getroffen. Die Begriffsbildungen sowie die Analyse der Beispiele lassen sic h jedoc h auc h sinngemäß auf (S) übertragen. Die erkenntnistheoretis c he Wendung der klassisc hen Theorie führt somit auf das aus traditioneller philosophisc her Sic ht zumindest überrasc hende Ergebnis, daß A Priori und Notwendigkeit zwei voneinander unabhängige Begriffe sind. Dies ist die eingangs dieses Abs c hnittes angekündigte philosophisc he Implikation der klassisc hen Theorie. Die in (a) und (b) definierten Begriffe lassen sic h im Prinzip auf Charaktere beliebiger Ausdrüc ke (im Gegensatz zu Sätzen) übertragen. Dazu bedarf es lediglic h der Einsic ht, daß in beiden Fällen eine Invarianz der Extension über gewisse Referenzpunkte hinweg gefordert wird. Eine natürlic he Verallgemeinerung (a’) des A Priori auf beliebige Charaktere χ ergibt sic h demnac h aus der Bedingung, daß für Äußerungssituationen s0 und s1 stets gilt: χ(s0)(s0) = χ(s1)(s1). Zur Illustration des A Priori in diesem weiteren Sinne mag der Charakter der Kennzeic hnung die S prache dieser Äußerung dienen: jede Äußerung dieses Ausdruc ks referiert auf das Deutsc he, doc h ist es in praktisc h jeder Äußerungssituation zumindest denkbar und insofern (metaphysisc h) möglic h, daß das Gespräc h auf Altisländisc h geführt wird. Die entsprec hende Verallgemeinerung (b’) des Notwendigkeitsbegriffs führt auf einen der Kernbegriffe von Absc hnitt 1.3, direkte Referenz: eine Intension χ(s0) ist notwendig, wenn χ(s0)(s) = χ(s0)(s’) = 1 (für beliebige s und s’), wenn also der betreffende Ausdruc k direkt auf den Wahrheitswert 1 referiert und die Auswertungssituation keine Rolle spielt. Als weiterer begrifflic her Zusammenhang zwisc hen den oben gegebenen Definitionen und den Referenzarten sprac hlic her Ausdrüc ke sei hier noc h die Unverträglic hkeit von Deixis und A Priorizität — auc h im erweiterten Sinne (b’) — erwähnt, deren Nac hweis eine Fingerübung ist. Die direkte Referenz bedarf im Rahmen der erkenntnistheoretis c hen Deutung der klassisc hen Theorie besonderer Aufmerksamkeit. Direkte Referenz führt bekanntlic h auf der Intensions-Ebene zu singulärer Information, Information über den Referenten. Da es sic h dabei um perspektivelose Information handelt, ist damit nic hts über die Art des Gegebenseins, d. h. die Identifikation des Referenten aus Sic ht des Subjekts gesagt: es
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kann sic h um einen unmittelbar gegebenen kontextuellen Aspekt (Ego, Hic , Nunc ), eine kausal vermittelte Bekanntsc haft (Wahrnehmung, Erinnerung) oder einen im wesentlic hen deduktiv ersc hlossenen Sac hbezug handeln. Letzterer liegt etwa vor, wenn ein Detektiv aufgrund der Inspektion eines Tatorts auf die Existenz eines Einzeltäters sc hließt und diesen einer bestimmten Personengruppe zuordnet. Die entsprec hende perspektivelose Information ist dann eine singuläre Proposition über den tatsächlichen Übeltäter; in einem gewissen, trivialen Sinn weiß der Detektiv, um wen es sic h dabei handelt, nur reic ht diese sc hwac he Identifikation nic ht für eine Festnahme aus. Das Beispiel — und für andere Arten der direkten Referenz lassen sic h analoge Fälle konstruieren — soll veransc haulic hen, daß direkte Referenz und Singularität von der praktisc hen Identifizierbarkeit des Referenten durc h das Subjekt unabhängige Eigens c haften des objektivierten (= am epistemisc hen Zustand ausgewerteten) Bewußtseinsinhalts sind. Der objektivierende Sc hritt von der perspektivisc hen Information zur singulären Propositon ist im allgemeinen mit einem Informationsverlust verbunden: mehreren Arten des Gegebenseins entspric ht in Wirklic hkeit oft dasselbe Individuum. Es kann daher leic ht passieren, daß dasselbe Subjekt dieselbe perspektivelose Information mehrfac h vorliegen hat, ohne dies merken zu können; oder es liegen widersprüc hlic he singuläre Informationen über dasselbe Individuum vor, das aber dem Subjekt jeweils auf versc hiedene Art gegeben ist. (Im zweiten Fall können natürlic h nic ht alle Informationen ric htig sein.) In dieser Differenz zwisc hen epistemisc her und entsprec hender (d. h. objektivierter) metaphysisc her Information liegt ein Großteil des Erklärungspotentials der erkenntnistheoretis c hen Deutung der klassischen Theorie. Eine der in diesem Teil diskutierten Alternativen zur klassisc hen Theorie widersetzt sic h einer erkenntnistheoretisc hen Umdeutung. Die Rede ist von der in Absc hnitt 2.4 skizzierten Tokenanalyse. Der Grund dieser Unverträglic hkeit mit der im vorliegenden Absc hnitt eingenommenen Perspektive wird deutlic h, wenn wir ein typisc hes Beispiel einer Äußerung betrac hten, für die sic h die Tokenanalyse besonders gut eignet: (27) Jetzt ist es siebenundzwanzig Sekunden früher als jetzt. Offensic htlic h kann man (27) so verzögert aussprec hen, daß in dem Sinne etwas Wahres
IV. Kontexttheorie
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herauskommt, daß das zweite Token von jetzt exakt siebenundzwanzig Sekunden nac h dem ersten geäußert wird. Mit der Tokenanalyse bereitet die Deutung dieser selbsterfüllenden Äußerung auc h keine Sc hwierigkeiten: jedes Token von jetzt wird an seinem Zeitpunkt und als auf diesen verweisend gedeutet. Versuc ht man jedoc h, (27) als inneren Monolog aufzufassen — was ja nic ht sonderlic h sc hwierig ist — versagt die in diesem Absc hnitt dargestellte Umdeutung. Zumindest ist es nic ht mehr ohne weiteres möglic h, den Charakter von (27) als Momentaufnahme eines entsprec henden Bewußtseinsinhalts aufzufassen. Denn einerseits führt die klassisc he Auffassung des Charakters zu einer offenkundig falsc hen Deutung: dem Wort jetzt entspricht ein einziger kontextueller Parameter, so daß sic h beide Token auf das eine Jetzt des kognitiven Zustands bezögen. Andererseits ist aber die von der Tokenanalyse vorgenommene Aufspaltung in zwei Jetzt-Zeiten nic ht mit der Auffassung verträglic h, daß χ27 einem in diesem Zustand gefaßten Gedanken entspric ht, der vermöge der in (27) vorkommenden deiktisc hen Wörter irgendeinen propositionalen Inhalt aus der Perspektive des Subjekts in dieser Situation besc hreibt: der Witz an (27) ist ja gerade, daß er seinen mehr oder weniger trivialen Inhalt portionenweise aus der Sic ht zweier versc hiedener Situationen präsentiert. Ein möglic her Ausweg ist hier die am Ende des vorhergehenden Abs c hnitts angesproc hene Deutung einiger deiktisc her Wörter als Demonstrativa mit unsic htbarer (’innerer’) Zeigehandlung. Ob diese Strategie generell genug ist, müssen wir dahingestellt sein lassen. Um jedenfalls die Tokenanalyse für die erkenntnistheoretisc he Deutung der klassisc hen Theorie fruc htbar zu mac hen und damit auc h die Charaktere solc her Sätze wie (27) als Bewußtseinsinhalte aufzufassen, bedarf es möglic herweise einer subtileren Entsprec hung zwisc hen Charakter und epistemisc her Information, als wir sie hier angedeutet haben. Wir besc hließen unseren philosophisc hen Exkurs mit einer Reihe von Warnungen. Zunäc hst einmal ist aus den obigen Betrac htungen hoffentlic h klar geworden, daß die mit der klassisc hen Theorie in Verbindung gebrac hten philosophisc hen Thesen strenggenommen auf einer Umdeutung derselben beruhen. Diese Umdeutung ist für sic h genommen noc h keine Begründung dieser Thesen. Dafür müßte vor allem erst einmal gezeigt werden, daß die aus der Idee des inneren Monologs gewonnene Auffassung von Be-
wußtseinsinhalten als Charakteren überhaupt tragfähig ist. Weiterhin müßte die obige Definition auf ihre Brauc hbarkeit als Rekonstruktion entsprec hender klassisc her Begriffsbildungen überprüft werden. Sonst hätte man mit (25) und (26) vielleic ht nur eine These belegt, die zwar im Wortlaut, aber nic ht im Inhalt gängigen philosophisc hen Positionen widerspric ht. Und sc hließlic h ist auc h dann noc h nic ht gezeigt, daß diese Art von Untermauerung der umstrittenen These für das Unterfangen überhaupt wesentlic h ist: vielleic ht läßt sic h der Nac hweis ja auc h ganz unabhängig von dem aus der Referenztheorie übernommenen Begriffsapparat führen. In diesem Falle wäre die erkenntnistheoretisc he Umdeutung bestenfalls ein irreführender Umweg. Von der klassisc hen Theorie der Kontextabhängigkeit zur sprac hanalytisc hen Fundierung der Unabhängigkeit von A Priorizität und Notwendigkeit — und insbesondere des durc h (25) angeblic h illustrierten kontingenten A Priori — ist also noc h ein weiter Weg, dem zu folgen für uns hier allerdings nic ht in Frage kommt.
3.
Aspekte des Kontexts
Dieser Teil soll in erster Linie einen Eindruc k von den Anwendungsweisen und -möglic hkeiten der klassisc hen Theorie und ihrer Varianten vermitteln. Ein dafür geeigneter Rahmen ist die in Absc hnitt 2.1 skizzierte Aufcs hlüsselung der Äußerungssituationen in eine Liste semantisc h relevanter Aspekte. Dabei werden zunäc hst, im ersten Absc hnitt, diejenigen Parameter näher untersuc ht, die uns oben sc hon öfters begegnet sind: neben den für die erste und zweite Person zuständigen, kommunikative Rollen c bes hreibenden Aspekten gehören dazu vor allem auc h die für jede Situation definierten, sie lokaliserenden Eigensc haften: Welt, Zeit und Ort. Der darauffolgende Absc hnitt ist solc hen deiktisc hen Ausdrüc ken gewidmet, die in der Regel auf eine die Äußerung begleitende Zeigehandlung Bezug nehmen und insofern von einem ‘Zeige-Aspekt’ abhängen. Im letzten Absc hnitt dieses Teils werfen wir noc h einen kleinen Blic k in den Abgrund derjenigen sprac hlic hen Ausdruc ksmittel, die — anstatt von einem konkret faßbaren Aspekt des Kontexts abzuhängen — sic h etwas diffus auf durc h die Äußerungssituation Nahegelegtes zu beziehen scheinen. Wir haben zu Beginn des Absc hnitts 2.1 festgestellt, daß der dort definierte Aspekt-
9. Kontextabhängigkeit
Begriff extrem liberal ist. So läßt sic h beispielsweise eine Funktion definieren, die jeder Situation s das näc hste Sc haltjahr nac h s zuordnet, ohne daß es in irgendeiner Sprac he einen Ausdruc k gibt, dessen Extension von diesem Aspekt abhängt; ein Gleic hes gilt für konstante Aspekte wie den, der jeder Situation die Kreiszahl π zuweist. Die Charaktere sprac hlic her Ausdrüc ke sind eben nic ht für alle Aspekte von Äußerungssituationen sensibel. Welc he Aspekte semantisc h einsc hlägig sind, ist überdies keine absolut zu beantwortetende Frage, sondern hängt zum Teil von metatheoretisc hen Faktoren (Einfac hheit der semantis c hen Bes c hreibung, Kompatibilität mit anderen Theorien, ...) ab. So gibt es keinen zwingenden Grund dafür, die Extension von ich als vom Sprec her-Aspekt abhängig zu besc hreiben: man könnte stattdessen beispielsweise eine Funktion f heranziehen, die jedem s0 Geburtsort und -datum des Produzenten der Äußerung zuweist. Die Extension von ich läßt sic h dann in s0 als die Person besc hreiben, die (in der Welt von s0) an dem von f(s0) spezifizierten räumlic h-zeitlic hen Koordinatenpunkt geboren wurde; nur sc heint es keinen vernünftigen Grund dafür zu geben, den für ich naheliegenden Sprec herAspekt durc h das bizarre f zu ersetzen. Doc h sc hon bei gestern ist es einigermaßen zweifelhaft, was denn nun der für die Extensionsbestimmung einsc hlägige situationelle Aspekt ist: statt des Vortags könnte man ebensogut den Tag der Äußerung selbst nehmen und dann in einer für gestern zuständigen semantisc hen Regel festlegen, wie die Abhängigkkeit von diesem Tages-Aspekt genau aussieht. Auf diese Weise könnte man gestern, heute und morgen als auf jeweils untersc hiedlic he Weise von demselben Aspekt abhängig besc hreiben. Ja, man kann noc h einen Sc hritt weitergehen und die genannten Ausdrüc ke lediglic h von dem für jetzt und gleich benötigten Aspekt des Sprechzeitpunkts abhängen lassen: morgen bezieht sic h auf den Tag nac h dem Sprec hzeitpunkt etc . Die Betrac htungen in Absc hnitt 2.4 legen sc hließlic h nahe, daß sic h ein Großteil der kontextuellen Aspekte ohne große Verrenkungen auf den Token- Aspekt reduzieren läßt, der einfac h jedem s0 die in s0 gemac hte Äußerung zuweist. Sc hließlic h lassen sic h sogar alle Aspekte auf einen einzigen reduzieren, nämlic h den Identitäts-Aspekt, der jeder Situation s einfac h s selbst zuordnet; doc h diese Reduktion trivialisiert den AspektBegriff und führt zu einer unnötig komplizierten Variante der klassisc hen Theorie. Wie
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auc h immer: der Entsc heidung zugunsten eines bestimmten kontextuellen Parameters in der semantisc hen Besc hreibung wird immer etwas Willkürlic hes anhaften. Das sollte bei der folgenden exemplarisc hen Auswahl stets bedacht werden. 3.1 Standardaspekte unter der Lupe Das aus der Sic ht der klassisc hen Theorie typisc he deiktisc he Wort sc hlec hthin ist das Personalpronomen der ersten Person Singular. Es tauc ht in praktisc h allen Darstellungen und Anwendungen der klassisc hen Theorie auf. Auc h wir haben es zur Motivierung der Untersc heidung von Äußerungs- und Auswertungssituation herangezogen. Wir werden deshalb den Sprec her-Aspekt als erstes unter die Lupe nehmen. Zunäc hst ist zu vermerken, daß das Wort ich — da es auc h in sc hriftlic hen Äußerungen vorkommen kann — nic ht immer wirklic h auf den Sprecher verweist. Etwas neutraler könnte man vom Äußereraspekt sprec hen (bzw. sc hreiben), der den Produzenten des (in der Äußerungssituation eindeutig bestimmten) sprac hlic hen Ausdruc ks herausgreift. Doc h auc h das ist möglic herweise nic ht allgemein genug, will man etwa den in Absc hnitt 2.5 bereits thematisierten Gebrauc h von ich in inneren Monologen oder sonstigen Denk-Zitaten auf einigermaßen plausible Weise erklären: (28) ‘Habe ich heute eigentlich schon gefrühstückt?’ fragte sich Wolfgang. Auch wenn man in Beispielen wie (28) für die Ermittlung der Extension von ich die Äußerungssituation in Ri c htung Auswertungssituation versc hiebt, ist immer noc h nic ht gesagt, wie man denn den Referenten genau bestimmt: der besc hriebene Denkakt ist ja nic ht notwendigerweise der einzige in der betra c hteten Situation stattfindende. (Allerdings ist der Gedanke, der in dem Satz umsc hrieben wird, in dem das fraglic he Pronomen vorkommt, eindeutig bestimmbar: man sieht, daß man hier auf ähnlic he Probleme stößt wie im Zusammenhang mit der Tokenanalyse.) Doc h abgesehen davon, daß ich nic ht unbedingt auf den Urheber eines gewissen sprachlichen Produktes verweist, muß es sic h auc h nic ht unbedingt um den Urheber des betreffenden sprac hlic hen Produktes handeln: (29) Nimm’ mich mit! Diese eindeutige Aufforderung soll man in Kürze auf in öffentlic hen Herrentoiletten bereitgestellten Präservativpa c kungen lesen
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können. Wer aber ist der Urheber dieser sc hriftlic hen Äußerungen? Das jeweilige Token wird zweifellos von einer Masc hine erstellt; die Aufsc hrift gleic ht also in dieser Hinsic ht einem Gesc häftsbrief, wo sic h ich auf den Chef als den geistigen Urheber und nic ht auf die Sekretärin als Produzentin des tatsäc hlic hen Briefes bezieht. Doc h (29) ist wohl kaum als zweideutige Aufforderung seitens der Bundesgesundheitsministerin gemeint. Das Wort mich bezieht sic h vielmehr auf den von ihrer Behörde bereitgestellten Gummisc hutz. Der wiederum kommt wohl kaum als Produzent der genannten Äußerung in Frage. Dennoc h ist klar, daß er in diesem Falle als Referent von ich verstanden wird: das Kondom zählt als Sprecher. Der Sprec her-Parameter liefert also einfac h das, was immer in dieser Situation als Sprec her zählt. Analoges wird für alle im folgenden zu besprec henden kontextuellen Parameter gelten. Es sei allerdings darauf hingewiesen, daß diese Aufweic hung der Aspekte kein rein semantisc hes Phänomen ist, sondern größtenteils in der Pragmatik unter dem Stic hwort Akkomodationsregeln abgehandelt werden kann: in einer Situation, in der überhaupt niemand spric ht, muß die Hörerin — will sie das Ausgesagte verstehen — das Wort ich eben auf irgendjemand (oder irgendetwas) anderes beziehen; und beim Ausfindigmac hen dieses ‘Sprec her-Ersatzes’ helfen ihr die genannten Regeln. Solc he Regeln bewirken offenbar eine Versc hiebung eines rein kontextuellen Aspekts, womit sie auf den ersten Blic k das in Absc hnitt 1.4 verhängte Monsterverbot zu unterlaufen cs heinen. Doc h handelt es sic h bei den Akkomodationsregeln nic ht um semantisc he Operationen: solc he Versc hiebungen kommen nur vor, wenn die im engeren Sinne semantisc hen Regeln versagen. Um das zu unterstreic hen, werden wir in solchen Fällen von pragmatischen Verschiebungen der entsprec henden Aspekte sprechen. Mehr wollen wir an dieser Stelle über den Sprec her-Aspekt nic ht sagen, da wir ihn sc hon ausführlic h kennengelernt haben. Es sollte nur erwähnt werden, daß dieser Aspekt im Deutsc hen wie in vielen (wenn nic ht sogar allen) anderen Sprac hen rein kontextueller Natur ist, sic h also stets auf die Äußerungssituation bezieht und nic ht versc hoben werden kann. Ausgehend von der ersten Person Singular liegt natürlic h die erste Person Plural, das wir, nahe. Blendet man einmal sämtlic he Unweg-
IV. Kontexttheorie
barkeiten der Pluralsemantik aus [diese sind Gegenstand des Artikel 19], so sc heint wir keine sonderlic h interessanten Probleme aufzugeben: es bezieht sic h offenbar auf eine in der Äußerungssituation naheliegende Gruppe, die den Sprec her (oder den, der als Sprec her zählt) und mindestens eine andere Person (oder ein anderes als Person geltendes Wesen) umfaßt. Bei nährerem Hinsehen stellt sic h dann heraus, daß (i) nic ht alle Mitglieder dieser Gruppe in der Außerungssituation zugegen oder (ii) überhaupt am Leben sein müssen, daß (iii) die Bestimmung der wir-Gruppe in der Praxis oft eine rec ht vage Angelegenheit ist und daß es (iv) nebenbei auc h andere, ebenso naheliegende, den Sprec her umfassende Personengruppen geben kann. Das folgende Beispiel dient als Illustration von (i) — (iv): (30) Wir sind wieder wer. Bei einer Äußerung von (30) durch einen bundesdeutsc hen Ric hter in der Nac hkriegszeit konnte sic h dieser mit wir natürlic h auf die Gruppe der Deutsc hen beziehen. Wenn diese Äußerung im engsten Kollegenkreis stattfindet, ist (i) erfüllt. (ii) gilt auc h, wenn man einmal unterstellt, daß sic h der Sprec her auf die Deutsc hen als Gesamtheit und nic ht auf die Überlebenden bezieht. Eine Vagheit kommt ins Spiel, wenn man sic h fragt, ob zu dieser Gesamtheit etwa auc h alle kurz vor Ende des zweiten Weltriegs geborenenen Deutsc hen gehören. Und unter den genannten Umständen hätte der Jurist natürlic h ebensogut sic h und seine Kollegen vom Volksgeric htshof meinen können. Man erkennt an diesem Beispiel auc h, daß die gelegentlic h vorgesc hlagene (und in manc hen Sprac hen markierte) Aufspaltung des wir in eine die Hörersc haft umfasssende und eine sie aussc hließende Lesart nic ht immer weiterhilft. Das Gleic he gilt für andere Disambiguierungsversuc he: die konkrete Auswahl der Gruppe, auf die sic h wir bezieht, ist eine hoc hgradig situationsabhängige Angelegenheit. Es gibt keinen zwingenden Grund dafür, für die erste Person Plural einen eigenen kontextuellen Parameter anzusetzen. Ebensogut könnte man die Extension von wir unter Rüc kgriff auf den Sprec her-Aspekt und eine (in Absc hnitt 3.3 noc h näher zu erläuternde) situationsabhängige Ordnung der Dinge nac h ihrer Prominenz (oder Einsc hlägigkeit) besc hreiben: wir bezieht sic h dann auf die im Sinne dieser Ordnung ranghöc hste Gruppe, der der Sprecher angehört.
9. Kontextabhängigkeit
Wenden wir uns den Personalpronomina der zweiten Person zu. Einige der Phänomene, die man hier beobac hten kann, sind den der ersten Person gleic h oder analog: Ansprec hpartner werden oft nic ht wirklic h angesproc hen, sondern lediglic h als solc he gedac ht (wie etwa im Selbstgespräc h oder bei einer Anrufung der Götter), der tatsäc hlic he Leser oder Hörer muß nic ht der Angesproc hene sein (wie beim Abhören eines Telefongespräc hs), die Bestimmung der im Plural angesproc henen Gruppe ist nic ht immer ganz eindeutig usw. An grundsätzlic h Neuem gegenüber der ersten Person kommt wohl nur die im Deutsc hen (und vielen anderen Sprac hen) vorgenommene Untersc heidung zwisc hen Familiarund Höflic hkeitsform hinzu. Die wiederum spielt für die Extensionsbestimmung in der Regel keine Rolle, sondern gehört — ähnlic h wie die in Absc hnitt 1.3 angesproc hene Färbung — einer anderen semantisc hen Ebene, dem Register, an; der (durc haus häufige) Fall, in dem die Referentin von du aufgrund der Tatsac he ermittelt wird, daß es sic h um die einzige Anwesende handelt, die vom Sprec her geduzt wird, läßt sic h im Rahmen pragmatisc her Überlegungen abhandeln — und zwar analog zu der Situation, in der jemand eine Aufforderung in französisc her Sprac he auf sic h bezieht, wenn ihm und der auffordernden Person klar ist, daß er der einzige weit und breit ist, der des Französisc hen mäc htig ist. Die Register-Untersc hiede bei den Personalpronomina der zweiten Person sc hlagen sic h also nic ht in den Charakteren nieder: du und S ie im Singular sind ebenso c haraktergleic h wie das Personalpronomen ihr und das pluralische Sie. Neben den Produzenten und Rezipienten der Äußerungen spielen Ort, Zeit und Welt der Äußerungssituation eine wic htige Rolle bei der Extensionsbestimmung. Der aus Sic ht der Referenztheorie wic htigste Untersc hied zwisc hen diesen Situationsparametern einerseits und den für die Deutung der Personalpronomina der ersten und zweiten Person zuständigen besteht darin, daß letztere rein kontextuell sind, während Ort, Zeit und Welt jeweils verschoben werden können: (31) Sicherlich hat es in Rottweil geregnet. Wir gehen davon aus, daß (31) das Ergebnis einer sukzessiven Modifikation des Verbs regnen durc h das Vergangenheitstempus Perfekt, das komplexe Ortsadverb in Rottweil und das Satzadverb sicherlich ist; das Subjekt spielt semantisc h offenbar keine Rolle. Es liegt dann nahe, regnen selbst etwa im Sinne von es
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regnet zu deuten, also durc h einen Charakter χ:, der an einem Referenzpunkt 〈s0,s〉 den Wahrheitswert 1 ergibt, falls es in s regnet. Die in (31) angewandten Modifikatoren versc hieben dann die Auswertungssituation: das Perfekt führt auf ein vergangenes s’, mit der Präpositionalphrase gelangt man in ein s” in Rottweil, und für den gesamten Satz (31) werden dann möglic he Auswertungssituationen herangezogen, die nic ht mit Sic herheit ausgesc hlossen werden können. Im Rahmen einer Parametrisierung (im Sinne von Absc hnitt 2.1) sieht dann die gesamte Extensionsbestimmung einer Äußerung von (31) in einer Situation s0 also ungefähr so aus:
Man beac hte, daß bei dieser Auswertung von (31) von s0 als Äußerungssituation nur im ersten Sc hritt wesentlic her Gebrauc h gemac ht wird — nämlic h dort, wo s0 in den Index eingeführt wird. Man hätte also (31) ebensogut im Rahmen einer prä-klassisc hen Theorie deuten können, die lediglic h zwisc hen Extension und Intension untersc heidet, wobei erstere von letzterer und einem in Aspekte aufgesc hlüsselten Index abhängt. Das liegt daran, daß die von den intensionalen Operatoren in (31) — also von sicherlich, in Rottweil und dem Perfekt — tangierten indexikalisc hen Aspekte nic ht gleic hzeitig durc h deiktisc he Ausdrüc ke belegt werden. Aber warum sollten sie auc h? Warum wollte man z. B. den ursprünglic h (über (D)) kontextuell gegebenen Ortsaspekt zunäc hst ersetzen und
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dann wieder zurüc kversc hieben? In der Tat sc heint ein Nebeneinander von absolutem (in Rottweil) und deiktisc hem Adverbial (hier) nur dann angemessen zu sein, wenn sc hon eines von beiden ausreic hen würde. Allerdings mac hen solc he Hin- und Herversc hiebungen von indexikalisc hen Aspekten dann durc haus Sinn, wenn einer der beteiligten intensionalen Operatoren in dem Sinne undifferenziert ist, als er auf mehr als einen Aspekt Bezug nimmt: der undifferenzierte Operator versc hiebt dann vielleic ht zunäc hst den gesamten Index, was durc h gezielte Bindung einzelner Aspekte teilweise wieder rüc kgängig gemac ht werden kann. Das typisc he Beispiel für so einen undifferenzierten Operator ist das satzeinbettende daß. Denn es mac ht einen Untersc hied, ob etwa Angela (32) oder (32′) äußert — es sei denn, sie befindet sich gerade in Rottweil: (32) Die Leute in Rottweil ärgern sich darüber, daß es ständig regnet. (32′) Die Leute in Rottweil ärgern sich darüber, daß es hier ständig regnet. In beiden Fällen verschiebt das daß den WeltAspekt im eingebetteten Satz auf die Welt der jeweiligen Auswertungssituation. Doc h während in (32) der eingebettete Nebensatz — ebenfalls aufgrund des daß — auc h am Ort der Auswertungssituation bewertet wird, wird dieser Nebeneffekt in (32′) gerade durc h das hier wieder rüc kgängig gemac ht: der Auswertungs-Ort ist der Ort der Äußerung. Was für den Ort gilt, gilt nic ht für die Zeit. Entgegen den obigen Behauptungen sind nämlic h im Falle des Zeitparameters Doppeltbelegungen durc haus möglic h: neben ein Vergangenheitstempus wie dem Perfekt in (31) kann z. B. noc h ein Temporaladverb treten, ohne daß eine der beiden Zeitbestimmungen für sich allein ausreichte: (33) Heute hat es in Rottweil geregnet. Deutet man (wie oben) das Perfekt als Quantor über vor der Sprec hzeit Vergangenes, so kommt heraus, daß (33) besagt, daß es (irgendwann) vor der Äußerung in Rottweil geregnet hat; das Adverb heute wäre dann redundant. Auc h eine Vertausc hung des Skopus von Tempus und Zeitadverb hilft hier nic ht weiter: danac h wäre das Perfekt überflüssig, und (33) würde bedeuten, daß es in Rottweil am Tag der Äußerung irgendwann regnet. Das ist jedoc h nic ht korrekt; der Regen muß vor der Äußerung von (33) fallen, damit diese wahr ist. Um die Interaktion von Tempus und Zeitadverb zu erfassen, müssen offenbar die bisher betrac hteten Deutungs-
IV. Kontexttheorie
tec hniken noc h etwas verfeinert werden. Eine naheliegende, aber in die Irre führende Strategie besteht in einer Abänderung der PerfektSemantik — nämlic h, indem man das Tempus (prä-klassisc h) auf die Zeit vor der Auswertungszeit bezieht. Das besc hert uns zwar — mit der angedeuteten Skopus-Vertausc hung — eine andere Lesart für (33), aber noc h lange nic ht die erwünsc hte: der Satz würde besagen, daß es irgendwann vor dem Tag der Äußerung geregnet hat. (Ohne Skopus-Vertausc hung erhielte man wieder die alte, unerwünsc hte Lesart.) Die Quantifikation muß dagegen ric htigerweise über die Zeit vor der Äußerung, aber am Tage derselben, also im Rahmen der Auswertungszeit, laufen:
An dieser exemplarisc hen und stark vereinfac hten Darstellung der semantisc hen Interaktion von Tempus und Temporaladverb kann man gleic h mehreres auf einmal erkennen. Erstens setzt das Perfekt die Zeit der Auswertungssituation (oft auc h Betrachtzeit genannt) zu der der Äußerungssituation (= Sprechzeit) in Bezug. Zweitens müssen offenbar diese Zeiten Intervalle und nic ht etwa Zeitpunkte sein; sonst könnnte man ja nic ht die eine Auswertungszeit in die andere einbetten. Und drittens verhält sic h der Zeitparameter komplizierter, als man vielleic ht zunäc hst erwartet hätte; dies wird besonders deutlic h, wenn man sic h an die Analyse komplexerer Beispiele mit anderen Tempora oder anderen Typen von Zeitadverbien (insbesondere Frequenzadverbien) heranwagt. [Dafür muß jedoc h auf den Artikel 35 verwiesen werden.]
9. Kontextabhängigkeit
Neben Ort und Zeit ist in unsere Musteranalyse von (31) noc h der Weltparameter eingegangen, der zur Deutung des Modaladverbs sicherlich benutzt wurde. Die allgemeine Idee hinter diesem Umgang mit möglic hen Welten ist bereits in Absc hnitt 1.2, bei der Darstellung der Deutung satzeinbettender Verben, dargestellt worden. (Die obige Deutung von sicherlich ging natürlic h davon aus, daß es sic h bei der Einbettung unter dieses Adverb um ein vergleic hbares Phänomen handelt.) Genauere Ausführungen zum Weltenbegriff, von denen alle Versionen der klassisc hen Theorie Gebrauc h mac hen, würden leider den Rahmen des vorliegenden Artikels sprengen. Es sei lediglic h darauf hingewiesen, daß in der Literatur weitgehend Einigkeit darüber herrsc ht, daß jede möglic he Welt alle Fakten vollständig determiniert — wenn auc h jede auf ihre Weise: vielleic ht gibt es eine Welt, in der die Anzahl der Haare auf David Lewis’ Kopf doppelt so groß ist wie tatsäc hlic h, aber es gibt keine, in der sie unbestimmt ist. Uneinigkeit herrsc ht dagegen unter den Metaphysikern über die Frage, ob man sic h nic htreale Welten als konkrete Universen oder als abstrakte Mögli c hkeiten vorzustellen hat. Von der Beantwortung dieser Frage hängt unter anderem ab, ob etwa ein und dieselbe Person in einer nic ht-realen Welt existieren kann und ob es strenggenommen überhaupt Sinn mac ht, fiktive Welten zu betrac hten, in denen diese Person Eigensc haften besitzt, die ihr in Wirklic hkeit nic ht zukommen. Solange diese und ähnlic he philosophisc he Fragen zum Weltenbegriff noc h ungeklärt sind, steht natürlic h die klassisc he Theorie auf rec ht wackligen Füßen. Für Ort, Zeit und Welt gelten wieder ähnlic he Vorbehalte wie für den Sprec herparameter. Solange keine lokalen Angaben den Auswertungsort versc hieben, gilt der Äußerungsort als solc her; doc h letzterer ist oft nur sehr vage umrissen. In versc hiedene Äußerungen von (34) kann man sic h bei versc hiedenen Gelegenheiten jeweils auf das Zimmer, in dem man sic h befindet, auf die Region in einem Umkreis von etwa 150 Kilometern oder sogar auf den gesamten Kontinent beziehen, in dem die Äußerung stattfindet: (34) Im Frühjahr wird es nur selten wärmer als 34° Celsius. Diese Art von Vagheit läßt sic h auc h beim Welt- oder Zeitparameter nac hweisen. Und auc h vor pragmatisc hen Versc hiebungen sind die genannten Aspekte nic ht sic her. Ein all-
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gemein bekannter Fall ist das sog. historische Präsens, das dem Gymnasiasten gerne als Grammatikfehler, dem Literaten indes als Stilmittel ausgelegt wird. Eine Versc hiebung des Ortsaspekts sc heint allerdings nur möglic h zu sein, wenn die Zeit mitversc hoben wird. Versc hiebungen der Welt findet man sc hließlic h dort, wo gleic h die gesamte Äußerungssituation ‘ausgetausc ht’ wird, wie etwa bei einer Opernaufführung: als Sprec her zählt die (in der Regel fiktive) Person, die vom jeweiligen Sänger dargestellt wird, als Sprec hzeit die Zeit, in der die Oper spielt, und die Welt ist auch nicht die, in der wir leben. Die Analyse der Beispiele (31)—(33) hatte gezeigt, daß die drei betrac hteten Parameter Ort, Zeit und Welt jeweils (semantisc h) versc hiebbar, d. h. indexikalisc h, sind. Damit sind sie zunäc hst nur aufgrund einer in Abcs hnitt 2.1 vereinbarten Konvention auc h kontextuelle Parameter. Doc h sind sie auc h echte kontextuelle Parameter? Gibt es m. a. W. Wörter oder Konstruktionen, deren semantisc hes Verhalten man nur unter der Annahme besc hreiben kann, daß sie auf jeweils einen der drei genannten Aspekte des Kontexts Bezug nehmen? Angesic hts der Relativität der Zerlegung von Situationen in Aspekte muß wohl die Antwort auf diese beiden Fragen strenggenommen negativ ausfallen. Dennoc h lohnt es sic h, nac h Ausdrüc ken und Konstruktionen zu suc hen, die sic h auf natürlic he und naheliegende Weise durc h einen Bezug auf Ort, Zeit und/oder Welt der Äußerungssituation besc hreiben lassen. Und in der Tat haben wir zumindest für den Zeitparameter ein solc hes Beispiel kennengelernt: bei der Deutung von (33) hat es sic h ja herausgestellt, daß das Perfekt auc h dann auf die Äußerungszeit Bezug nimmt, wenn die Auswertungszeit bereits (in diesem Falle durc h ein Zeitadverb) versc hoben wurde. Damit ist die Kontextualität der Zeit auc h empirisc h untermauert. Für den Ortsaspekt sind eindeutig deiktisc he Ausdrüc ke sc hon sc hwieriger zu finden. Das bereits erwähnteWort hier ist natürlic h ein guter Kandidat, doc h werden wir in Absc hnitt 3.3 noc h sehen, daß es keineswegs unbedingt durc h Bezug auf den Ortsaspekt gedeutet werden muß. Bei Orientierungsangaben wie links und unten ist zumindest zu beac hten, daß sie eher die Perspektive des Sprec hers (und insofern allenfalls den Sprec her-Aspekt) als den Ort der Äußerung berüc ksic htigen. Doc h könnte man den Begriff des Ortsparameters dahingehend präzisieren, daß er sic h auf den Sprec her mit dessen
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Orientierung bezieht; dafür spric ht auc h, daß bei Telefongespräc hen als Ort der Äußerung der Ort gilt, an dem sic h die Sprec herin befindet. Was sc hließlic h die Welt angeht, so wurde bereits im Zusammenhang mit der zweidimensionalen Modallogik (in Absc hnitt 2.3) bemerkt, daß der waagerec hte Diagonaloperator (dthat) in der Anwendung auf Sätze dem Modaladverb tatsächlich entspricht. Eine Lupe ist kein Mikroskop, und so können diese Bemerkungen nur einen Eindruc k von den Problemen vermitteln, die sic h der klassisc hen Theorie bei ihrer Anwendung auf die Besc hreibung versc hiedener Typen von Kontextabhängigkeit stellen. Die Details sind oft ungleich komplexer. 3.2 Demonstrativa Den im vorangehenden Absc hnitt diskutierten kontextuellen Aspekten ist eine gewisse Äußerlic hkeit gemeinsam: sie alle betreffen objektive, mehr oder weniger leic ht feststellbare Merkmale konkreter Situationen. Doc h die Extensionen sprac hlic her Ausdrüc ke hängen nic ht immer nur von solc hen einfac hen Aspekten des Kontexts ab. Deixis ist das griec hisc he Wort für ‘Zeigen’, und viele deiktisc he Ausdrü c ke werden c harakteristis c herweise von Zeigehandlungen begleitet. Ganz typisc h ist die Verwendung von Zeigegesten im Zusammenhang mit den (wohl auc h deshalb so genannten) Demonstrativa: (35) Das mag ich nicht! Wer einen Satz wie (35) äußert, kann dabei mit dem Finger auf irgendetwas zeigen, und genau dieses Objekt ist dann in der Regel die Extension des Demonstrativpronomens das. Natürlic h ist die Zeigegeste oft nic ht eindeutig. So kann z. B. unklar sein, ob das Kleinkind bei seiner Äußerung von (35) den häßlic hen Plastikteller oder den darauf liegenden lec keren Spinatbrei meint. Geht man nun davon aus, daß sic h der Charakter von das (im wesentlic hen) durc h die Kennzeic hnung dasjenige Ding, auf welches der S precher zeigt umsc hreiben läßt, so liegt es nahe, das Ziel der Zeigehandlung als kontextuellen Parameter anzusehen; Demonstrativa würden auf diese Weise insofern einheitlic h behandelt, als ihre Extension dann jeweils von diesem ZeigeAspekt abhängt. Was nun aber diesen ZeigeAspekt von den in Absc hnitt 3.1 betrac hteten ‘harten’ Aspekten untersc heidet, ist das für mögli c he Mißverständnisse verantwortli c he subjektive Moment: worauf sic h ein Demonstrativpronomen bezieht, hängt davon ab,
IV. Kontexttheorie
worauf der Sprec her zeigt, und das ist den Umstehenden nic ht immer klar, wohl aber dem Sprec her. Was mit einem Satz wie (35) in einer Situation s0 gesagt wird, was also die durc h ihn ausgedrüc kte Proposition ist, hängt teilweise davon ab, was die Sprec herin in s0 mit das meint. Allerdings kann sie mit ihrer Äußerung (plus Zeigegeste) nic ht Beliebiges meinen; sie muß sic h sc hon an die bei Zeigehandlungen üblic hen Gepflogenheiten halten: ein substantieller Teil des Gegenstandes sollte also in angemessener Entfernung auf einer als Verlängerung des zeigenden Fingers gedac hten Linie liegen; Abweic hungen von dieser Regel sollten zumindest durc h besondere Umstände gerec htfertigt sein. Weiterhin gilt, daß es natürlic h im eigenen Interesse der Sprec herin liegt, Formulierung und Zeigehandlung so eindeutig wie möglic h zu gestalten. Man kann also davon ausgehen, daß das Ziel der ZeigeGeste für den Adressatenkreis als solc hes identifizierbar sein muß und im Normalfall auc h ist. Dem Zeige-Aspekt kommt somit ein gewisses Maß an Intersubjektivität zu. Um die Nac hvollziehbarkeit ihrer Intention auc h wirklic h sic herzustellen, kann die Sprec herin zur Unterstützung ihrer Zeigehandlung zusätzlic he sprac hlic he Mittel einsetzen. So kann sie beispielsweise das Demonstrativpronomen in Artikelfunktion verwenden und mit einem Nomen versehen. Eine solc hermaßen gebildete, im folgenden als demonstrativ bezeic hnete Nominalphrase (wie diesen Fraß) hilft dann, eventuell beim nac kten Demonstrativum (plus Zeigegeste) zu befürc htenden Mißverständnissen von vornherein aus dem Weg zu gehen. Eine aus theoretisc her Sic ht interessante Frage betrifft nun die Referenzweise demonstrativer Nominalphrasen: wie bestimmt sic h etwa die Extension von diesen Fraß? Wenn wir einmal davon ausgehen, daß es sic h bei diesen in der Tat um ein ec ht deiktisc hes Wort (mit Bezug auf einen Zeige-Aspekt) handelt, reduziert sic h die Frage nac h der Referenzweise der Gesamt-NP auf die nac h dem Einfluß des Artikels auf die Auswertung des Nomens: Substantive referieren normalerweise nic ht deiktisc h, und so würde man für diesen Fraß zunäc hst eine gemisc hte Referenzweise erwarten; eine Auswertung an der Äußerungssituation wäre also nur durc h einen Einfluß des deiktisc hen Artikels erklärbar. Wegen des Prinzips (D) kann man diese Frage natürlic h nur unter Heranziehung intensionaler Konstruktionen klären. Und in der Tat sc heint dann einiges für die Annahme zu sprec hen,
9. Kontextabhängigkeit
daß Nominalphrasen mit deiktisc hem Artikel selbst wieder deiktisc h sind, wie die näc hsten Beispiele zeigen werden: (36) Vor fünf Minuten war dieser Wassertropfen noch gefroren. In (36) versc hieben die temporale Präpositionalphrase und das Tempus gemeinsam die Auswertungszeit vor die Äußerungszeit. Die Extension des Subjekts sollte eigentlic h dementsprec hend für diesen vergangenen Zeitpunkt ermittelt werden. Doc h offenkundig bezieht sic h die Spezifikation der Form der besagten Flüssigkeitsmenge auf die Zeit der Äußerung von (36): ob diese sc hon im gefrorenem Zustand in Tropfenform war, spielt für die mit Hilfe von (36) gemac hte Ausssage offenbar gar keine Rolle. Im Gegenteil: wer statt (36) den Satz (36′) äußert und dabei auf einen Wassertropfen verweist, sagt selbst dann nic hts Ric htiges, wenn selbiger erst 5 Minuten vor der Äußerung aufgetaut ist; es ist sogar fraglic h, ob unter diesen Umständen mit (36′) überhaupt eine Behauptung aufgestellt wird. (36′) Vor fünf Minuten war dieses Eisstückchen noch gefroren. Diese Beobac htungen lassen sic h auc h auf andere Typen intensionaler Konstruktionen übertragen: der in (37) eingebettete daß-Satz muß an den mit des Paten Vorstellungen vereinbaren Situationen ausgewertet werden: (37) Der Pate geht davon aus, daß dieser von uns eingeschleuste Mann absolut vertrauenswürdig ist. Doch wenn etwa ein Polizeiinspektor (37) benutzt, um seinen Kollegen einen neuen Under-Cover-Agenten vorzustellen, sollte — im Interesse der Polzeibehörden — der besagte Mafioso gerade nic ht auf die Idee kommen, daß es sic h um einen Maulwurf handelt. Umgekehrt hätte der Polizeibeamte keine lediglic h aus Sic ht des Gangster-Bosses korrekte Charakterisierung der vorgestellten Person mit einem deiktisc hen Artikel versehen können. Wenn es sic h bei dem Spitzel um einen tessinisc hen Bauernsohn handelt, wäre (37′) auf ähnlic he Weise unangemssen wie sc hon zuvor (36′): (37′) Der Pate geht davon aus, daß dieser ehemalige sizilianische Chorknabe absolut vertrauenswürdig ist. Weitere Beispiele würden den Verdac ht, daß sic h die Eigensc haft, deiktisc h zu referieren, vom Artikel auf die gesamte Nominalphrase
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überträgt, nur noch erhärten. Die dem Zeige-Aspekt inhärente Subjektivität haftet auc h demonstrativen Nominalphrasen an — allerdings in weit geringerem Maße: im Normalfall determinieren nämlic h die Zeige-Geste und die durc h das Nomen ausgedrüc kte Eigensc haft gemeinsam gerade einen Gegenstand bzw. (im Plural) eine Gruppe von Gegenständen. Aber es gibt auc h Fälle, in denen das Nomen nic ht die erwünsc hte Disambiguierung der Zeigehandlung bewirkt. Wer etwa auf die Frage des Kellners, welc hes der Getränke denn für ihn bestimmt sei, etwas vage auf das Tablett weist und dabei: (38) Dieses Bier! artikuliert, drüc kt sic h möglic herweise deshalb nic ht eindeutig aus, weil sic h auf dem Tablett drei Biergläser versc hiedenen Inhalts befinden. Die Ungenauigkeit kann versc hiedene Ursac hen haben. Zum einen kann der Gast übersehen haben, daß sic h mehrere Biere auf dem Tablett befinden; andererseits ist es aber auc h möglic h, daß ihm lediglic h die Zeigegeste mißlungen ist. Im ersten Fall referiert (38) auf nic hts. Im zweiten Fall hängt die Frage, ob (38) eine Extension besitzt von den Referenzbedingungen für Zeigehandlungen ab. Da für letztere die Absic hten des Sprec hers eine wic htige Rolle spielen, überträgt sic h die Intentionsabhängigkeit der Zeigehandlung auf die Extensionsbestimmung von (38). Das ist das subjektive Element in der Deutung demonstrativer Nominalphrasen. Man beac hte, daß es sic h dabei um einen subjektiven Aspekt in der Bestimmung der Extension c na h allgemeinverbindli c hen sprac hlic hen Regeln handelt und nic ht etwa um die Absic ht des Sprec hers, sic h auf ein bestimmtes Ding zu beziehen. Es ist nützlic h, diesen Untersc hied terminologisc h festzuhalten. Den vom Sprec her angenommenen Bezug eines Ausdruc ks auf einen Gegenstand werden wir als subjektive Referenz bezeichnen. Der den Sprac hregeln gemäße tatsäc hlic he Bezug heißt objektive Referenz. Letztere ist gemeint, wenn von der Extension und ihren subjektiven Aspekten die Rede ist. Fassen wir nun unsere Betrac htungen zur Extensionsbestimmung demonstrativer Nominalphrasen im Singular in Form einer Regel zusammen: (R Es sei β ein Nomen, s0 eine Äußerungs) situation und s eine Auswertungssituation. Dann ist χdieses β(s0)(s) dasjenige Ding x, für das gilt:
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x wird in s0 (durch den Sprecher in s0) gezeigt, und x ist in χβ(s0)(s0). Mit der für den definiten Artikel in der Logik üblic hen Notation ι läßt sic h (RΔ) auc h so paraphrasieren: (R') Es sei β ein Nomen. Dann läßt sich dieses β auch so paraphrasieren: dthat(ιx (x wird gezeigt & x ist ein β)). Gibt es neben den traditionell als demonstrativ bezeic hneten Artikeln und Pronomina (dieses und jenes) noc h weitere sprac hlic he Ausdrüc ke, die sic h auf den kontextuellen Zeigeparameter beziehen? Prinzipiell kann natürlic h jede sprac hlic he Äußerung von einer Zeigegeste begleitet werden. Doc h das mac ht den betreffenden Ausdruc k deshalb noc h nic ht zum Demonstrativum. Wenn Rumpelstilzchen auf sich selbst zeigt und dabei (39) Ich bin der Schönste im ganzen Land! ruft, spric ht er nic ht deshalb von der eigenen Person, weil er auf sic h zeigt, sondern weil er das Personalpronomen der ersten Person Singular verwendet; würde er stattdesssen auf der Königin Kind zeigen, könnte er dadurc h allenfalls Verwirrung stiften, keineswegs aber die (objektive) Referenz des Subjekts von (39) versc hieben. Wenn sic h jemand auf die Stirn tippt und dabei sein Gegenüber mit den Worten Du hast sie wohl nicht alle! beleidigt, so mag der Fingerzeig vielleic ht zur Verdeutlic hung der Mitteilung beitragen, doc h hängt weder die Extension der Gesamtäußerung (0 oder 1) noc h die einer ihrer Teile vom Ziel der Zeigegeste (Stirn? Hirn? Vogel?) ab. Andererseits kann eine die zweite Person begleitende Zeigegeste durc haus zur Klärung der Referenz beitragen, wie wir in Absc hnitt 2.4 (im Zusammenhang mit der Tokenanalyse) gesehen haben. Das legt den Verdac ht nahe, daß der für die zweite Person einsc hlägige Aspekt des Angesproc henen unter Berüc ksic htigung eventueller, die jeweilige Äußerung (das Token) begleitender Zeigegesten bestimmt werden muß. Noc h stärker sc heint hier vom Zeige-Parameter abzuhängen: solange auf nic hts gezeigt wird, verweist hier offensic htlic h immer auf den Ort der Äußerung — also auf irgendeine, von diversen Situationsfaktoren abhängige Umgebung des Sprec hers. Tritt eine Zeigegeste hinzu, fungiert aber der Ort des Ziels derselben als Referent von hier. Ein besonders beac htenswerter Fall liegt vor, wenn diese Zeigegeste auf einen Stellvertreter des gemeinten Gegenstands (ein Symbol im weitestmöglic hen Sinne) geric htet ist — wie etwa der berühmte
IV. Kontexttheorie
Finger auf der Landkarte, der bewirkt, daß mit einer Äußerung von (40) nic ht unbedingt etwas Wahres gesagt wird: (40) Wir sind jetzt hier. Dieses, in der Literatur gelegentlich als Deixis am Phantasma bezeic hnete Phänomen kann mitunter Verwirrung stiften. Denn zum einen kann es passieren, daß in einer konkreten Situation einmal tatsäc hlic h unklar ist, ob auf das Symbol oder auf das symbolisierte Objekt verwiesen wird; und zum anderen kann, durc h diese Art von Mißverständnis angeregt, der Theoretiker auf die abwegige Idee kommen, es handele sic h hier um eine sprac hlic he Ambiguität — wo doc h die Unbestimmtheit im Akt des Zeigens liegt. Die zuletzt diskutierten Beispiele sollten verdeutlic hen, daß begleitende Zeigegesten bei der Extensionsbestimmung für sprac hlic he Äußerungen oft eine wic htige Rolle spielen, die Ausübung dieser Rolle aber ganz offensic htlic h durc h semantisc he Faktoren beschränkt und kontrolliert wird. 3.3 Einschlägiges Ein Großteil der soeben im Zusammenhang mit demonstrativen Nominalphrasen beobac hteten Phänomene läßt sic h ebensogut anhand (singularisc her) Kennzeichnungen, also definiter Nominalphrasen des Typs der/die/ das + Nomen, illustrieren. Auc h diese können bekanntlic h mit Zeigehandlungen verknüpft werden, und sie weisen dann — wie man leicht durc h Variation der obigen Beispiele sieht — dieselben referentiellen Eigensc haften wie demonstrative Nominalphrasen auf. Man kann also von einem demonstrativen Gebrauch der betreffenden Kennzeic hnungen sprec hen. Demonstrativ gebrauc hte Kennzeic hnungen sind insbesondere immer deiktisc h. Eine naheliegende Frage ist nun, ob man mit einer Kennzeic hnung auc h dann deiktisc h referieren kann, wenn man nic ht gleic hzeitig auf irgendetwas zeigt. Man kann. Um das zu sehen, brauc ht man lediglic h eines der obigen Beispiele etwas abzuwandeln: (37″) Der Pate geht davon aus, daß der von uns eingeschleuste Mann absolut vertrauenswürdig ist. Der Kriminalinspektor kann (37″) seinem Vorgesetzten gegenüber äußern, ohne daß der besagte Agent anwesend ist; er brauc ht also nic ht auf ihn zu zeigen. Doc h wie sc hon bei einer Äußerung von (37) sind für die Kenn-
9. Kontextabhängigkeit
zeic hnung der von uns eingeschleuste Mann nic ht die Auswertungssituationen des Nebensatzes einsc hlägig, sondern die Äußerungssituation selbst. Die Kennzeic hnung wird also deiktisch gebraucht. Gegen diesen etwas flotten Nac hweis des deiktisc hen Gebrauc hs von Kennzeic hnungen läßt sic h einwenden, daß (37″) möglic herweise bloß ein Beispiel für flexibles Skopusverhalten (und nic ht deiktisc hen Gebrauc h) ist und daß obendrein diese Art Rüc kbezug auf die Äußerungssituation (in der einen oder anderen Form) bei jeder Nominalphrase beobac htet werden kann. Wir werden darauf in Absc hnitt 4.3 zurückkommen. Wenn nun der Referent einer wie in (37″) gebrauc hten Kennzeic hnung nic ht das Ziel einer Zeigehandlung ist, woher bekommt dann die Nominalphrase ihre Extension? Oder anders ausgedrüc kt: wie sieht der für die deiktisc h, aber ohne Zeigehandlungen benutzten Kennzeic hnungen zuständige kontextuelle Parameter aus? Eine Antwort besteht darin, solc he Kennzeic hnungen auf die Form dthat(α) zu bringen (siehe Absc hnitt 1.3) und dann jeweils die deskriptiven Gehalte a miteinander zu vergleic hen: was ihnen gemeinsam ist, besc hreibt den gesuc hten Parameter. Bei der von uns betrac hteten Äußerung von (37″) ist a sc hnell gefunden: der Inspektor bezieht sic h auf diejenige Person x, für die in der Äußerungssituation gilt: x wurde von der Polizei in die Organisation eingesc hleust. α ist somit die Kennzeic hnung der von uns eingeschleuste Mann selbst. Genauer gesagt: der Charakter der in (37″) deiktisc h gebrauc hten Kennzeic hnung läßt sic h mit der Intension derselben bei normalem, nic ht-deiktisc hem Gebrauc h umsc hreiben. Der Inspektor verwendet (37″) also so, als wäre die besagte Kennzeic hnung in ein unsic htbares dthat eingebettet. Ist (37″) in dieser Hinsic ht ein Einzelfall? Oder können deiktisc he Verwendungen von Kennzeic hnungen a stets mit dthat(α) paraphrasiert werden? Diese einfac he Analyse kann zumindest dann nic ht zutreffen, wenn die Kennzeic hnung von einer Zeigehandlung begleitet wird; in diesem Falle muß nämlic h der Zeige-Aspekt bei der Extensionsbestimmung hinzugezogen werden. Nimmt man etwa für α die Kennzeic hnung der Wassertropfen, so ergibt die Übertragung von (R’Δ) als Paraphrase statt dthat(α) das kompliziertere dthat(ιx (x wird gezeigt & x ist ein Wassertropfen)).
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Auc h wenn keine Zeigehandlung vorliegt, muß die deiktisc he Verwendung einer Kennzeic hnung a nic ht unbedingt auf dthat(α) hinauslaufen. Bemühen wir noc h einmal das Beispiel (37″)! Selbstverständlic h kann bei Äußerung dieses Satzes zu den genannten Umständen noc h die Voraussetzung treten, daß die Polizeibehörden dem organisierten Verbrec hen mit einer ganzen Riege von Spitzeln beizukommen versuc hen. Nur einer von ihnen — so wollen wir außerdem annehmen — ist aber ganz neu, und über ihn erstattet jetzt der Inspektor Beric ht. Es ist klar, daß sic h die Kennzeic hnung der von uns eingeschleuste Mann auf den besagten Agenten bezieht, daß dieser aber kaum als dasjenige Individuum bezeic hnet werden kann, dem in der Äußerungssituation die Eigensc haft, Agent zu sein, zukommt; eher läßt sic h die Person, von der die Rede ist, als einziger Agent, der in der betreffenden Situation zur Debatte steht, c harakterisieren, also als dasjenige einschlägige Individuum, das die durc h durc h das Nomen ausgedrüc kte Eigensc haft besitzt. Als Faustregel für die Deutung deiktisc h gebrauc hter Kennzeichnungen ergibt sich somit:: (R Es sei a eine deiktisch gebrauchte Kenn) zeichnung der Gestalt δβ, wobei δ ein definiter singularischer Artikel und β die kongruente Form eines Nomens ist. Dann läßt sich α folgendermaßen paraphrasieren: dthat (ιx (x ist einschlägig & x ist ein β)). Statt x ist einschlägig hätte die Bedingung ebensogut x ist relevant, x steht zur Debatte oder ähnlic h lauten können. Auf die genaue Wortwahl kommt es uns hier nic ht an. Der Inhalt der Bedingung ist allerdings wic htig; um ihn geht es im folgenden. Eine Sc hwac hstelle der Regel (Rδ) ist der Begriff der Einsc hlägigkeit, den wir hier als kontextuellen Aspekt auffassen wollen. Da es sic h dabei um einen ausgesproc hen vagen, aber — wie wir gleic h noc h sehen werden — vielseitig einsetzbaren Begriff handelt, sollte sic h eine Theorie der Kontextabhängigkeit um Klärung oder Präzisierung bemühen. Was also mac ht in einer Äußerungssituation den einen oder anderen Gegenstand einsc hlägig und hebt ihn gegebenenfalls aus dem Meer der anderen seiner Art hervor? In dem zuvor diskutierten Beispiel war es der Umstand, daß von der betreffenden Person bereits seit längerem die Rede war. Doc h kann es auc h ganz andere Ursac hen geben. Wenn z. B. ein Babysitter mit seiner Freundin telefoniert und
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dabei (41) äußert, so kann er sic h mit dem Subjekt des Nebensatzes auf die ihm anvertrauten Kinder beziehen, ohne daß von denen vorher die Rede war: (41) Brunners denken natürlich, daß die Gören schon längst schlafen. Was die betreffenden Kinder hier besonders einsc hlägig mac ht, könnte z. B. der Lärm sein, den sie verursac hen — oder ganz einfac h die den beiden Gespräc hspartnern wohlvertraute und für sie wic htige Tatsac he, daß der Sprec her sie hütet. Etwaige andere, den beiden bekannte Kinder können dagegen vernac hlässigt werden: Brunners Kinder liegen den Kommunikationsteilnehmern in der gesc hilderten Situation am nächsten. Einsc hlägig kann also alles sein, was auffällig ist oder sonstwie besonders naheliegt. Dazu genügt es dann im allgemeinen nic ht, daß der betreffende Gegenstand (bzw. die betreffende Person) jedem einzelnen Gespräc hsteilnehmer naheliegt. Wenn sic h nämlic h der besagte Babysitter — etwa zu Anfang des Telefonats — unsic her ist, ob seine Freundin überhaupt weiß, was er gerade treibt, dann wird er so etwas wie (41) gar nic ht äußern — selbst wenn die Freundin sehr wohl über die von ihm ausgeübte Tätigkeit unterric htet ist. Er wird sic h nur dann der Kennzeic hnung die Gören bedienen, wenn er weiß, daß auc h die Freundin weiß, von wem die Rede ist. Einsc hlägigkeit basiert demnac h auf einem Fundus den Kommunikationspartnern gemeinsamer oder gemeinsam zugänglicher Informationen. Einsc hlägigkeit ist kein absoluter Begriff — und das im dreifac hen Sinne. Neben (i) seiner Relativität zu einer betrac hteten Situation hängt sein Umfang in der Regel auc h von (ii) einer Bezugs-Eigensc haft ab: in der eben betrac hteten Situation bildet vielleic ht der Brunner-Na c hwu c hs eine eins c hlägige Gruppe G von Kindern — doc h ist G damit nic ht in jedem Sinne einsc hlägig: wenn etwa unmittelbar vor dem Telefongespräc h — aber ohne Wissen des Babysitters oder seiner Freundin — das Ehepaar Brunner an den Folgen eines Unfalls gestorben ist, so würde sic h die Kennzeic hnung die Erben jedenfalls nic ht auf G beziehen. Sc hließlic h ist Einsc hlägigkeit auc h in dem Sinne relativ, als es sic h um eine (iii) graduelle Eigensc haft handelt: vielleic ht sind auc h die Gesc hwister der Freundin des Babysitters irgendwie einsc hlägig, aber eben nic ht so einsc hlägig wie der Nac hwuc hs der Familie Brunner. Der Relativität (i) wird in (Rδ) Rec hnung getragen, als
IV. Kontexttheorie
das Adjektiv einschlägig dort im Skopus eines dthat ersc heint, wodurc h seine Extension relativ zur Äußerungssituation ermittelt wird. (ii) und (iii) sind in (Rδ) nic ht berüc ksic htigt. Eine entsprec hende Änderung der Regel wäre zwar prinzipiell möglic h, würde aber in viele tec hnisc he Details führen, die mit dem Stoff dieses Kapitels nic ht viel zu tun haben. Wir belassen es also bei der obigen Formulierung und behalten notfalls immer im Auge, daß sie noc h einiger Korrekturen bedarf. Der Rest des vorliegenden Absc hnitts ist einer weiteren Vertiefung und Erklärung des Einsc hlägigkeits-Begriffs anhand einsc hlägiger Beispiele gewidmet. Besonders naheliegend und insofern einsc hlägig sind natürlic h die Dinge, auf die die Sprec herin zeigt. Damit dec kt die Regel (Rδ) prinzipiell auc h demonstrative Verwendungen singularisc her Kennzeic hnungen ab. Dennoc h kann der Einsc hlägigkeits-Aspekt den ZeigeAspekt nic ht immer ersetzen: rein demonstrative Ausdrüc ke wie das da bedürfen im Normalfall eines zeigenden Hinweises und können nic ht einfac h auf irgendwelc he naheliegenden Referenten bezogen werden. Rein demonstrative Ausdrüc ke sind deshalb auc h in der Sc hriftsprac he in der Regel nic ht zu finden; Ausnahmen von dieser Regel sind allenfalls Vorkommen in Bilderläuterungen oder in der direkten Rede. Ebenfalls besonders naheliegend ist der Ort, an dem sic h die Sprec herin befindet. Das läßt vermuten, daß der Orts-Aspekt zumindest prinzipiell durc h ein Zusammenspiel der kontextuellen Einsc hlägigkeit mit der absoluten Eigensc haft, ein Ort zu sein, simuliert werden kann. Was die Deutung des lokal deiktisc hen Wortes par exc ellenc e, nämlic h hier, betrifft, so spric ht einiges für diese Vermutung. Zunäc hst ist festzustellen, daß sic h hier demonstrativ verwenden läßt, also mit Bezug auf das Ziel einer die Äußerung begleitenden Zeigegeste. Interpretiert man hier also im Sinne von dthat(ιx x ist einschlägig & x ist ein Ort), so ergibt sic h dieser Bedeutungsaspekt ganz von selbst: solange kein anderer Ort im Mittelpunkt des Interesses steht, kann man getrost den Ort der Äußerung als den einzig einsc hlägigen ansehen; doc h wenn die Sprec herin auf einen bestimmmten Ort (oder auf ein Symbol für einen bestimmten Ort) zeigt, so verdrängt dieser den Ort der Sprec hhandlung von seiner herausragenden Position. Darüberhinaus kann — wie bei den Kennzeic hnungen — neben dem Zeigen auc h das Erwähnen einen Ort nahelegen, wodurc h
9. Kontextabhängigkeit
sic h ebenfalls die Extension von hier ändert. Sol c he Veränderungen können oft sehr sc hnell und unvermittelt gesc hehen, wie der folgende Typ von Beispiel zeigt: (42) Im Alter von sechsundsechzig Jahren reiste Karl erstmals nach Amerika: hier fand er endlich jene Freiheit, der er hier so sehr entbehrt hatte. Das erste hier in (42) bezieht sic h offensic htlic h auf Amerika, während das zweite Vorkommen desselben Wortes im selben Satz auf Europa, Deutsc hland oder jedenfalls eine Umgebung des Äußerungs-Ortes verweist. Man könnte diesen plötzlic hen Wec hsel der Extension in einer pragmatisc hen Verlegung des Ortes sehen — in Analogie zu dem in Absc hnitt 3.1 angesproc henen historisc hen Präsens. Ansonsten bleibt — wollte man unbedingt das auf den Äußerungs-Ort bezogene hier auf einen Orts-Aspekt zurüc kführen — die Annahme einer ec hten Ambiguität von hier; allerdings müßten selbst dann die übrigen Lesarten unter Rüc kgriff auf andere kontextuelle Aspekte (Gezeigtes, Vorerwähntes, ...) gedeutet werden. Die Einsc hlägigkeitsAnalyse hat gegenüber diesen Alternativen den Vorteil der Einfac hheit. Hinzu kommt, daß die Referenten deiktisc her Kennzeic hnungen unter ähnlic hen Umständen und ähnlic h sc hnell wec hseln können wie die Extension von hier. Ein wegen der ungesc hic kten (vom Sprec her aber vielleic ht beabsic htigten) Wiederholung stilistisc h etwas mißglüc ktes Beispiel ist: (43) Auf unser letzten Neuseeland-Rundreise ist uns der Rolls-Royce nach zwei Tagen verreckt, aber in Europa haben wir mit dem Rolls-Royce bisher Glück gehabt. Geht man davon aus, daß es sic h bei dem in (43) ersterwähnten Luxus-Gefährt um einen Mietwagen handelt, während der zweite zum Wagenpark des Äußerers gehört, so verändert sic h in (43) die Extension der NP der RollsRoyce etwa so sc hnell wie der in (42) thematisierte Ort. Daß so etwas wie Einsc hlägigkeit im Redekontext eine Rolle spielt, ist also kaum zu bezweifeln; und diese Einsc hlägigkeit ist es, die so rasant mit der Rede-Zeit geht. Insgesamt sprec hen diese Beobac htungen für eine Deutung des Hier als Ort der Einschlägigkeit. Wenn sc hon der sc heinbar direkte Bezug von hier durc h Einsc haltung des Einsc hlägigkeits-Aspekts zerlegt werden kann, wie steht es dann um die anderen, zunäc hst ebenso irreduzibel anmutenden Parameter? Sind z. B.
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Sprec her und Hörer die in ihren Rollen als Kommunikationspartner einsc hlägigsten Personen der Äußerungssituation? Wenn dem so wäre, müßte allerdings die Referenz von ich und du durc h ähnlic he Ablenkungsmanöver wie in (42) und (43) manipuliert werden können. Ein entsprec hendes Beispiel sc heint auc h schnell gefunden: (44) Ich weiß noch, wie der Arzt zu meinem Schwager sagte: ‘Das nächste Mal kann ich Ihnen vielleicht nicht mehr helfen.’ In der Tat verweisen die beiden Vorkommmen des Personalpronomens der ersten Person Singular bei einer Äußerung von (44) in der Regel auf versc hiedene Personen. Der dadurc h möglic herweise nahegelegte Verdac ht, daß die Erwähnung einer anderen Äußerungssituation einen no c h eins c hlägigeren Sprec her als den tatsäc hlic hen und somit einen neuen Referenten von ich sc hafft, läßt sic h jedoc h rasc h wieder zerstreuen: die Ersetzung der direkten durc h indirekte Rede ändert offenbar so gut wie nic hts an der Aussage — aber nur, wenn mit dem Modus auc h die Person gewechselt wird: (44′) Ich weiß noch, wie der Arzt zu meinem Schwager sagte, daß er ihm das nächste Mal vielleicht nicht mehr helfen könne. (44″) Ich weiß noch, wie der Arzt zu meinem Schwager sagte, daß ich ihm das nächste Mal vielleicht nicht mehr helfen könne. Anders als in (44) muß sich in (44″) das zweite ich wie das erste auf den Sprec her der Gesamt-Äußerung beziehen; und anders als (44′) ist also (44″) auc h keine ungefähre Paraphrase von (44). Aus dieser banalen Beobac htung werden wir gleic h zwei wic htige Sc hlußfolgerungen ziehen: erstens ist (44) kein Indiz für eine Einsc hlägigkeits-Analyse von ich; und zweitens ist die direkte Rede ein weites Feld. Die erste Folgerung ziehen wir indirekt: wenn die Versc hiedenheit der Extensionen der ich-Vorkommen in (44) dadurc h erklärt werden soll, daß hier durc h die Erwähnung einer anderen Äußerungssituation mit anderem Sprec her letzterer einsc hlägiger wird als der tatsäc hlic he Produzent der Äußerung, so wäre eine Übertragung der Argumentation auf (44″) kaum zu verhindern; das ist aber — wegen unserer simplen Beobac htung — unerwünsc ht. Wir werden ohne weitere Argumentation die etwas kühnere, in der Literatur aber selten ernsthaft bezweifelte Folgerung ziehen, daß sic h durc h Themenwec hsel, Ablenkung und andere für die Änderung der
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Einsc hlägigkeit einsc hlägige Methoden die Extension von ich nic ht verändern läßt; der Einsc hlägigkeits-Parameter ist also für die Deutung der ersten Person nic ht einsc hlägig. Insbesondere ist er damit auc h nic ht in dem Sinne trivial, daß sic h jede deiktisc he Referenz mit ihm erklären ließe. Und was für die erste Person ric htig ist, gilt ebenso für die zweite. Was Zeit und Welt der Äußerung angeht, so wollen wir allerdings im folgenden offenlassen, ob auc h diese Parameter durc h entsprec hende Eins c hlägigkeits-Analysen ersetzt werden können. Daß die direkte Rede ein Thema für sic h ist, sieht man gerade daran, daß sie die ansonsten unmöglic he Versc hiebung von ich zuläßt oder sogar erzwingt. Doc h ist dies keineswegs die einzige oder auc h nur die auffälligste Eigentümlic hkeit der direkten Rede. Im Gegenteil: bei genauerem Hinsehen entpuppt sic h die vermeintlic he Versc hiebung der Extension in (44) als Nebeneffekt einer allgemeinen Umdeutung aller in der direkten Rede vorkommenden (= angeführten) Ausdrüc ke. Bei geeigneter Variation des Beispiels sieht man nämlic h, daß sic h ein angeführtes ich nic ht nur auf einen anderen Sprec her, sondern auc h auf mehrere Sprec her oder auf niemanden beziehen kann: (45) Schon oft hat ein Arzt zu meinem Schwager gesagt: ‘Das nächste Mal kann ich Ihnen vielleicht nicht mehr helfen.’ (45′) Es ist nicht auszudenken, was passiert, wenn einmal ein Arzt zu meinem Schwager sagt: ‘Das nächste Mal kann ich Ihnen vielleicht nicht mehr helfen.’ Die einfac hste Erklärung für dieses auf den ersten Blic k etwas verwirrende Verhalten des angeführten ich ist, daß es sic h bei der direkten Rede um eine metasprac hlic he Redeweise handelt, daß also die Extension des angeführten ich strenggenommen das Wort ich selbst ist, und daß der Eindruc k einer anderen, ‘sekundären’ Extension nur von der im jeweiligen Satz über dieses Wort gemac hten Aussage herrührt. Für diese Erklärung spric ht unter anderem auc h die Tatsac he, daß zumindest unter gewissen Umständen angeführte Ausdrüc ke einer anderen Sprac he entstammen können. Wir werden jedoc h diese Betrac htung hier nic ht weiter vertiefen, weil sie vom Thema abführt. Es sei nur angemerkt, daß die eigentlic h sehr naheliegende metasprac hlic he Aufassung der direkten Rede im Detail zahlrei c he, teilweise überras c hende
IV. Kontexttheorie
Probleme aufwirft. Neben den notorisc hen Sc hwierigkeiten des Verhältnisses zwisc hen Sprac he und Metasprac he im allgemeinen ist hier vor allem die in der natürlic hen Sprac he oft nur mangelhaft durc hgehaltene Trennung der beiden Ebenen zu nennen. Wenn auc h nic ht jede Kontextabhängigkeit mit Einsc hlägigkeit in Beziehung gebrac ht werden kann, so gilt dies doc h für die meisten Arten der Bezugnahme auf die Äußerungssituation. Zum Absc hluß dieses Absc hnitts soll dies anhand einer skizzierten Fallstudie, der Deutung von Genitivattributen, gezeigt werden. Grundsätzlic h kann man im Deutsc hen zwei Arten von Genitivattributen untersc heiden: solc he, die gemeinsam mit einem (möglic herweise syntaktisc h komplexen) Nomen wieder ein Nomen bilden, und solc he, die sic h syntaktisc h wie (definite) Artikel verhalten und ein Nomen zu einer Nominalphrase vervollständigen. Wegen ihrer Stellung innerhalb der NP wegen werden wir sie als rechte bzw. linke Attribute bezeic hnen. Zunäc hst zu den rechten Attributen: (46) Guinivere ist die Gemahlin Arthurs. (47) Lancelot ist ein Getreuer Arthurs. (48) Excalibur ist das Schwert Arthurs. Von Details abgesehen ist die Deutung von (46) unproblematisc h: es handelt sic h um die Behauptung der Identität zwisc hen der durc h das Subjekt bezeic hneten Guinivere und derjenigen Person, die mit dem durc h das Genitivattribut Arthurs benannten König vermählt ist. Gemahlin läßt sic h in diesem Zusammenhang als Bezeic hnung für eine Funktion auffassen, deren Argumente und Werte jeweils Mensc hen sind. Substantive wie Gemahlin bezeic hnen wir daher als funktionale Substantive. Nur die wenigsten Substantive sind funktional. Fälle wie in (47) sind weitaus häufiger: was ein ordentlic her König ist, hat eine große Sc har von Fans. Als Funktionswert brauc ht man also eine Menge, was auf eine Deutung von Getreuer als Relation zwisc hen Personen hinausläuft. Derartige Substantive heißen deshalb auc h relationale Substantive. Natürlic h läßt sic h Funktionalität als Spezialfall von Relationalität auffassen, womit (46) und (47) durc h eine einzige Regel interpretiert werden können: in beiden Fällen wird der Extension eines Substantivs a durc h ein Genitivattribut ein Argument zugeführt. Genauer: (G) Es sei α ein relationales Nomen, β ein Eigenname im Genitiv, s0 eine Äuße-
9. Kontextabhängigkeit
rungs- und s eine Auswertungssituation. Dann gilt: χαβ(s0)(s) = {x xχα(s0)(s)χβ(s0)(s)} Notation und Idee dieser Regel sind anhand der Beispiele (46) und (47) leic ht erläutert: für Getreuer Arthurs liefert (GQ) als Extension die Menge der (Personen) x, für die gilt: x G a, wobei G die Extension von Getreuer ist und a der Träger des Namens Arthur; ein Getreuer Arthurs muß demnac h jemand sein, der in einem gewissen (Treue-) Verhältnis zu Arthur steht. Für die Deutung von Gemahlin Arthurs müssen wir natürlic h die Ehe als Relation auffassen, die zwisc hen x und y genau dann besteht, wenn x die Ehefrau von y ist. (GQ) liefert dann die Menge der Ehefrauen von a; Aufgabe des bestimmten Artikels muß es sein, das einzige Element dieser Menge herauszugreifen und zur Extension der gesamten Nominalphrase zu machen. Was hat das nun mit Kontextabhängigkeit im allgemeinen und Einsc hlägigkeit im besonderen zu tun? Nic ht immer werden die Argumente relationaler Substantive so explizit genannt wie in (46) und (47). Häufig findet man sie auch in Sätzen wie: (49) Arthur fühlte sich einsam: die Gemahlin war unpäßlich, und die Getreuen hatten ihn verlassen. Keines der beiden relationalen Substantive ist hier mit einer anderen Argumentangabe versehen. Das ist allerdings auc h nic ht nötig: aus der Tatsac he, daß kein Argument genannt wird, kann man in (49) sc hließen, daß es sic h bei dem Gesuc hten in beiden Fällen um Arthur handelt. Warum? Weil er gerade erwähnt wurde und insofern naheliegt. Arthur ist also einsc hlägig. Wir gelangen damit zu folgender Ellipsenregel: (G) Es sei α ein relationales Nomen, ∅ eine leere genitivische Nominalphrase, s0 eine Äußerungs- und s eine Auswertungssituation. Dann gilt: χα∅(s0)(s) = {x x χα(s0)(s)y}, wobei y (in seiner Eigenschaft als Argument von α) einschlägig in s0 ist. (G∅) setzt eine syntaktisc he Analyse voraus, nac h der relationale Nomina eines GenitivAttributs bedürfen, dessen Fehlen irgendwie strukturell (hier durc h eine leere NP) markiert wird. Offen bleibt, ob jede Weglassung eines Genitiv-Attributs bei einem relationalen Nomen im Sinne von (G∅), also definit, gedeutet werden muß. Immerhin ist — wie sc hon in Absc hnitt 1.3 erwähnt — eine weitere indefi-
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nite Regel denkbar, die die entsprec hende Argumentstelle existentiell abbindet. Wir wenden uns nun der vermutlic h häufigsten Art von rec hten Attributen zu, die in (48) exemplifiziert wird. S chwert hat so gar nic hts Relationales: offenbar drüc kt dieses Substantiv einfac h nur eine Eigensc haft aus. Es gehört somit zur großen Gruppe der gesättigten Nomina, die ebenso wie relationale Substantive mit rec hten Attributen versehen werden können. Sehr viele dieser Beispiele legen ein Besitzverhältnis nahe. S chwert Arthurs kann sic h aber auc h auf Sc hwerter beziehen, die Arthur leihweise benutzt, oder solc he, die er im Auftrag des Britisc hen Museums präpariert. Die Relation, die zwisc hen den Trägern der durc h das gesättigte Substantiv ausgedrüc kten Eigensc haft und die Extension der Nominalphrase hergestellt wird, muß also nic ht unbedingt ein Besitzverhältnis sein. Im Interesse des Sprec hers sollte jedoc h stets klar sein, welc he Relation R gemeint ist. R muß also einsc hlägig sein. Hier ist eine entsprechende Deutung: (G) Es sei α ein gesättigtes Nomen, β ein Eigenname im Genitiv, s0 eine Äußerungs- und s eine Auswertungssituation. Dann gilt: χαβ(s0)(s) = {x x ∈ χα(s0)(s) & x R (s) χβ(s0)(s)}, wobei R (in ihrer Eigenschaft als Relation zwischen Elementen der Extension von α und der Extension von β) einschlägig in s0 ist. Unter der Annahme, daß Besitz solange einsc hlägig ist, bis etwas dagegen spric ht, dec kt (GR) auc h die vielen Fälle ab, bei denen der Genitiv eine im engeren Sinne possessive Funktion ausübt. Besitz ist dann der DefaultWert für Einschlägigkeit von Relationen. Nac h (GR) hängt das Bestehen der von der Äußerungssituation beigesteuerten Relation R von der Auswertungssituation ab. Warum ist das so? Die Rec htfertigung ergibt sic h wieder durc h Einbettung in intensionale Umgebungen: (50) Lancelot glaubt, daß der Becher Arthurs Gift enthält. Nac h einer naheliegenden Interpretation besagt (50), daß zu den mit Lanc elots Glauben vereinbaren Situationen nur solc he s gehören, für die gilt: der Bec her, aus dem Arthur in s trinkt, enthält in s Gift. Besitz ist für diese Deutung offenbar nic ht einsc hlägig, vielmehr muß das gesuc hte R die Relation zwisc hen Zec her und Bec her sein. Diese Relation ist
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aber nur insofern einsc hlägig, als sie in den Glaubens-Welten von Lanc elot besteht. Daher die in (GR) postulierte Abhängigkeit von R von der Auswertungssituation. Der Effekt von (GR) läßt sic h auc h als eine situationsabhängige Umdeutung des betreffenden Substantivs auffassen: das normalerweise gesättigte Becher wird in den einsc hlägigen Äußerungssituationen im Sinne eines relationalen BecherRgedeutet. Man könnte deshalb daran denken, die auf den Einsc hlägigkeits-Parameter zurü c kgreifende Regel (GR) durc h eine Mehrdeutigkeits-Analyse des betreffenden Nomens zu ersetzen, wobei dann die häufigste Lesart von der Besitz-Interpretation geliefert wird. Gegen eine solc he lexikalisc he Ambiguität spric ht die Tatsac he, daß die Zahl der potentiellen Lesarten im Prinzip unbesc hränkt ist. Es handelt sic h hier um eine Art Polysemie, eine systematisc he Ambiguität im Lexikon, und (GR) dient zur Besc hreibung dieser Polysemie. Wir kommen hierauf in Abschnitt 4.4 zurück. Auc h die Strategie einer ersatzlosen Streic hung von (GQ) zugunsten einer Verallgemeinerung von (GR) auf beliebige Substantive ist denkbar: der problematis c hen Unters c heidung zwisc hen relationalen und nic ht-relationalen Nomina könnte man aus dem Weg gehen, indem man Wörter wie Gemahlin im Sinne des gesättigten Gemahlin von jemanden deutet und dem Einsc hlägigkeitsparameter die Arbeit überläßt, die ric htige Relation (Ehe) zu liefern. Dieses Vorgehen würde auc h erklären, warum selbst in Verwendungen typisc her relationaler Substantive gelegentlic h andere, vom Kontext offenbar stärker forc ierte Relationen ins Spiel kommen: in einem Gespräc h unter Psyc hotherapeuten kann sic h der Äußerer von (51) beispielsweise auf einen Teil der weiblic hen Patientensc haft seines geschätzten Kollegen beziehen: (51) Die Ehefrauen des Dr. Leid sind allesamt hysterisch. Doc h die inhärente Relationalität einiger Substantive läßt sic h nic ht so leic ht wegerklären. Die angedeutete Strategie könnte etwa den einfac hen und offenkundigen Bedeutungsunters c hied zwis c hen Vorabend und Abend gar nic ht oder nur auf sehr gezwungene Weise erklären: der Vorabend eines Tages ist zugleic h auc h der Abend eines (freilic h anderen) Tages. Die ‘Sättigung’ der beiden Wörter führt also jeweils zum gleic hen Resultat. Warum sollte dann für dieses Resultat einmal
IV. Kontexttheorie
die eine, einmal die andere Relation einsc hlägig sein? Beispiele wie (51) sind durc haus im Geiste der oben diskutierten Regeln erklärbar. Zunäc hst kann man das relationale Substantiv Ehefrauen mit Hilfe der Regel (GQ) kontextuell sättigen; dafür benötigt man allerdings eine pluralisc he Version von (GQ), die dann eine Gruppe einsc hlägiger Ehemänner an die Argumentstelle setzt. Bei akutem Mangel an solc hen Männern müßte man auf die oben nur angedeutete indefinite Sättigungsregel zurüc kgreifen. Das Resultat dieser Umkategorisierung ist ein gesättigtes Nomen, womit (GR) anwendbar wird und die einsc hlägige Therapeut-Patient-Beziehung ins Spiel bringt. Kommen wir nun noc h kurz auf die linken Genitivattribute zu sprec hen. Zunäc hst wieder ein paar Beispiele: (46′) Queenie Vera ist Atzes Braut. (47′) Latzehos ist Atzes Kumpel. (48′) Exknallibus ist Atzes Knarre. Offensic htlic h führt das linke Attribut stets ein definites Element in die Nominalphrase ein: Atzes Braut heißt soviel wie die Braut Atzes, Atzes Kumpel bedeutet der Kumpel Atzes etc . Im wesentlic hen läßt sic h also das linke Attribut als eine Kombination zwisc hen rec htem Attribut und definiten Artikel auffassen. Die Rolle des Einsc hlägigkeitsparameters ist damit — von etwaigen Eingriffen in die Deutung des Artikels abgesehen — dieselbe wie in den oben diskutierten Fällen. Erwähnenswert ist die Konstruktion, weil sie in unmittelbarem Zusammenhang zu der in Absc hnitt 1.3 genannten Deutung der Possessivpronomina steht. Der Zusammenhang ist folgender: die Position, die das linke GenitivAttribut innerhalb der NP einnimmt, ist die des Artikels. Man könnte diese Konstruktion also als eine Umkategorisierung der GenitivNP zum (genus- und kasusneutralen) Artikel ansehen. Wir bezeic hnen diese Umkategorisierung hier einmal als Possessivierung. Es fällt dann auf, daß dieselbe Konstruktion für Personalpronomina tabu ist: *seiner Getreuer. An die Stelle der zu erwartenden GenitivForm des Personalpronomens tritt hier das Possessivpronomen. Damit ergibt sic h das Possessivpronomen als Resultat der Possessivierungs-Regel (linkes Attribut) in Anwendung auf das Personalpronomen; es liegt somit nic ht im Einflußbereic h der Hypothese (L). Wie sie beim Genitiv-Attribut fehlende Argumente und Relationen einführt, so kommt
9. Kontextabhängigkeit
die Einsc hlägigkeit oft dann zu Hilfe, wenn es in der logisc hen Form irgendwelc he Löc her zu stopfen gilt. Damit läßt sic h vor allem die Anzahl der nötigen kontextuellen Aspekte radikal reduzieren. Insbesondere lassen sic h auf diese Weise allerlei abstruse vorgeblic he Kontextparameter ausmerzen wie beispielsweise die in der Literatur gelegentlic h erwähnte Previous Drink Coordinate (PDC), die dafür sorgen soll, daß die an den Ober geric htete Aufforderung Noch so eins! nic ht nur von diesem, sondern auc h von der Theorie korrekt interpretiert wird. Grob gesproc hen benötigt man anstelle der an den Haaren herbeigezogenen PDC lediglic h eine ähnlic he Strategie der Ellipsendeutung wie im Falle des Genitivattributs sowie eine vom Einsc hlägigkeitsaspekt abhängige Deutung des Wortes so: erstere führt die kontextuell einsc hlägige Eigensc haft, vom Gast gewünsc ht zu werden, ein, während so auf die für diese Eigensc haft einsc hlägige Getränkesorte verweist. Natürlic h stec kt auc h hier wieder der Teufel im Detail, doc h ist diese Art der Ausnutzung von Einsc hlägigkeiten intuitiv und theoretisc h befriedigender als eine Kollektion von ‘Ad-Hoc ereien’ wie der PDC. Selbst bei optimaler Ausnutzung des Becs hreibungs-Potentials des Eins c hlägigkeitsParameters bleiben noc h einige zusätzlic he, irreduzible Aspekte übrig: zumindest der Sprec her-Parameter sc heint sic h einer Zurüc kführung auf Einsc hlägiges zu widersetzen. Ein weiterer, bisher nic ht erwähnter Aspekt des Kontexts, der in diesem Sinne ebenso irreduzibel ist, ist der Präzisionsgrad der Aussage. Dabei handelt es sic h um denjenigen Parameter, der für eine großzügige Deutung solc her Angaben wie zwei Millionen Einwohner verantwortlic h ist und der durc h gewisse Gradadverbien wie ungefähr oder haargenau versc hoben werden kann (und sic h damit als indexikalisc h erweist). Die Nic htReduzierbarkeit des Präzisionsgrads auf in der Äußerungssituation Einsc hlägiges mac ht man sic h analog zu den oben im Zusammenhang mit (44) angestellten Überlegungen zur Irreduzibilität des Sprechers klar. Wir wollen das Thema ‘Einsc hlägigkeit’ nic ht verlassen, ohne auf eine der Sc hattenseiten dieses sehr nützlic hen Parameters aufmerksam zu mac hen. Aus der Vielfalt der in diesem Absc hnitt diskutierten Beispiele sollte bereits hervorgegangen sein, daß sic h eine Präzisierung des Begriffs der Einsc hlägigkeit extrem sc hwierig gestalten dürfte. Vor allem aber gilt dies dann, wenn man um eine zirkelfreie Erklärung bemüht ist, wenn also die
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in einer Situation (hinsic htlic h beliebiger Eigensc haften) einsc hlägigen Gegenstände, Relationen usw. ohne Bezugnahme auf die — aufgrund dieser ja erst zu ermittelnden — Extensionen der in ihr gemac hten Äußerung bestimmt werden sollen. Daß dies vielleic ht nic ht einmal immer möglic h ist, belegt das folgende Beispiel: (52) Beim Überschreiten des Innenhofes hat sich Martin das Bein gebrochen. Selbst wenn man annimmt, daß Martin die für die Relation des Bein-Besitzes beim Äußern von (52) einsc hlägigste Person ist, bleibt die Tatsac he, daß er ein ungefiederter Zweibeiner ist. Was aber das Interesse auf eine der beiden Extremitäten lenkt, sc heint nun gerade die in (52) selbst zur Sprac he gebrac hte Fraktur zu sein. Einsc hlägig — so sc heint es jedenfalls — wird das gebroc hene Bein dadurch, daß von ihm geredet wird.
4.
Probleme
Dieser Teil dient dazu, ein wenig an den Wurzeln der klassisc hen Theorie und ihrer Varianten zu nagen. Die Probleme, um die es in den folgenden vier Absc hnitten geht, sind rec ht untersc hiedlic her Natur. Gemeinsam ist ihnen, daß sie dazu beitragen, das in den ersten drei Teilen dieses Kapitels vermittelte heile Weltbild etwas ins Sc hwanken zu bringen. Nebenbei werden wir auc h einige weitere Anwendungen der klassisc hen Theorien kennenlernen. 4.1 Bindung Wir beginnen mit der Frage, ob die Personalpronomina der dritten Person Singular der Hypothese (L) aus Absc hnitt 1.3 genügen. Hier ist ein harmloses Beispiel: (53) Er ist ein Genie. Wir nehmen einmal an, (53) werde auf einem Filmkritikertreffen in einer Diskussion über Wim Wenders geäußert. In diesem Zusammenhang ist klar, daß sic h das Pronomen er auf den Regisseur von Paris-Texas bezieht: Wim Wenders ist das in dieser Diskussion (hinsic htlic h Genialität) einsc hlägigste Individuum. Das legt die folgende einfac he Interpretationsregel für er nahe: (R) Es sei s0 eine Äußerungssituation und s eine Auswertungssituation. Dann gilt: χer (s0)(s) ist das in s0 einschlägigste Individuum.
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(Rer) ist alles andere als perfekt. Sc hon für die Analyse von (53) reic ht die Regel nic ht ganz aus, weil sie die Relativierung auf die Genialität vernac hlässigt. Wenn nämlic h gerade vom jüngsten Opus des Meisters die Rede ist, so ist dieser Film ebenso einsc hlägig wie sein Regisseur. Aber als Eigensc haft eines Film ist Geniehaftigkeit gänzlic h unpassend; sie ist das Attribut des Künstlers. Deshalb ist Wim Wenders in der genannten Situation hinsic htlic h der über den Subjekts-Referenten in (53) gemac hten Aussage einsc hlägiger als sein Werk. Um diese Überlegungen in eine Reformulierung von (Rer) einzubeziehen, bedarf es offenkundig einer sorgfältigen Tokenanalyse. Eine ähnlic he, aber leic hter zu behebende Unzulänglic hkeit betrifft das Genus des Pronomens. Es ist denkbar, daß Wim Wenders nic ht die einzige zur Debatte stehende sc höpferisc h tätige Person ist. Vielleic ht war ebensosehr von Doris Dörrie die Rede. Dennoc h ist klar, daß man sic h mit er in (53) oder sonstwo kaum auf diese Regisseurin beziehen kann — und sei sie als Gespräc hsthema und Genie-Kandidatin noc h so einsc hlägig: ihr natürlic hes Gesc hlec ht gebietet es, möglic hst mit Pronomina femininen Generis auf sie zu verweisen. Zur thematisc hen Einsc hlägigkeit in der Situation tritt also beim deutsc hen Personalpronomen in der dritten Person Singular noc h eine sprac hlic he Nebenbedingung: das Genus des Pronomens muß zum Referenten passen. Im Falle von Personen heißt dies in der Regel, daß männlic hes Gesc hlec ht mit Maskulinum, weiblic hes aber mit Femininum korreliert. Doc h das ist nur die halbe Wahrheit. Denn erstens kann man bekanntlic h auf eine zuvor mit dem Attribut Mädchen oder Fräulein versehene Person unter Umständen mit neutralem es referieren; und auc h der Fall, daß eine Person männlic hen Gesc hlec hts ist und ein feminines Pronomen auf sie verweist, ist gar nic ht so selten. Zweitens gibt es viele Lebewesen und Gegenstände, die gar kein natürlic hes Gesc hlec ht besitzen oder deren natürlic hes Gesc hlec ht für die Auswahl des Pronomens oft unerheblic h ist. Dies gilt z. B. für Kater, auf die man sic h mit dem femininen Substantiv Katze und in der Folge mit femininen Pronomina beziehen kann, oder auc h für als Tasse bezeic hnete Trinkgefäße. Insgesamt spielen damit für die Entsc heidung des Genus natürlic he Eigensc haften der Referentin ebenso eine Rolle wie die üblic herweise oder unmittelbar vorher in der Äußerungssituation bereits auf sie bezogene Bezeic hnungen. Ohne alle Details zu rec htfertigen oder
IV. Kontexttheorie
zu kommentieren, geben wir hier eine hinsic htlic h der beiden eben genannten Unzulänglichkeiten verbesserte Version von (Rer): (R) Es sei x ein Vorkommen des Personalpronomens er in dem in der Situation s0 geäußerten Satz α und s eine Auswertungssituation. Dann gilt: χer(s0)(s) ist das in s0 bezüglich [λxα] einschlägigste Individuum, auf das entweder (a) in s0 kurz vor der Äußerung von x mit einer maskulinen Nominalphrase referiert wurde oder das (b) (für alle an der Kommunikation in s0 Beteiligten offensichtlich) in der Extension eines gängigen maskulinen Nomens liegt. Dabei ist [λxα] diejenige Eigenschaft, die ein Individuum y in einer Situation s’ besitzt, falls die Ersetzung von x durch einen Standardnamen von y zu einem am Referenzpunkt 〈s0,s’〉 wahren Satz führt. Die Rolle der Eigenschaft [λxα] in (R2) besteht darin, potentielle Referenten von er hinsichtlic h der durc h a ausgedrüc kten Eigensc haft miteinander zu vergleic hen. Wie die Notation andeuten soll, entspric ht dieser Bestimmung einer Eigensc haft durc h hypothetisc he Substitution potentieller Alternativen zum Vorkommen eines Pronomens gerade die Abstraktion vom konkreten Wert einer Variablen. Bei der Definition von [λxα] wird — wie in der sog. substitutionellen Deutung der Variablenbindung üblic h — vorausgesetzt, daß jedes überhaupt infrage kommende y einen (Standard-) Namen besitzt; diese Voraussetzung ließe sic h auf versc hiedene Weisen umgehen, würde aber die Regel (R2) nur noc h umständlic her mac hen, als sie ohnehin sc hon ist. Auf die Rolle der Bindung von x in (R2) kommen wir gleic h wieder zurüc k. Zuvor überzeugen wir uns aber noc h davon, daß diese Bedeutungsregel tatsäc hlic h der Beschränkung (L) genügt. Natürlic h bestätigt (R2) die Hypothese (L). Da nämlic h im Definiens der Extension von er die (metasprac hlic he) Variable s gar nic ht ersc heint, führt die Anwendung von χer(s0) auf vers c hiedene Auswertungssituationen stets zum selben Ergebnis. er ist demnac h direkt referentiell. Da sic h weiterhin Äußerungssituationen hinsic htlic h der Einsc hlägigkeit einzelner Individuen stark untersc heiden können, ist die Gleic hung χer(s0) = χer(s1) nic ht allgemeingültig. er ist nac h (R2) also deiktisch und erfüllt damit insbesondere (L).
9. Kontextabhängigkeit
Wenn nun er deiktisc h ist, dann läuft die für die Bestimmung der Eigensc haft [χxα] vorgenommene Bindung auf eine Abstraktion von der Äußerungssituation hinaus. Unterläuft damit (R2) das Monsterverbot (M)? Nein. Denn (R2) ist ja nic ht für die Bestimmung der Extension des metasprac hlic hen Ausdruc ks [λxα] zuständig. Diese wird zwar am Rande auc h definiert, was aber nur eine Erläuterung der Notation ist. Die Abstraktion von der Äußerungssituation findet also bei [λxα] in der Metasprac he statt; und daß sie dort zulässig — ja sogar unumgänglic h — ist, steht außer Zweifel: jede in diesem Kapitel diskutierte Bedeutungsregel nimmt auf Äußerungssituationen im allgemeinen Bezug und abstrahiert somit von ihnen. Sic herlic h könnte man (R2) noc h in versc hiedener Hinsic ht verfeinern. Wie auc h immer die Details dazu aussehen mögen: an der Bestätigung von (L) aufgrund der direkten Referentialität der Personalpronomina wird sic h wohl nic hts ändern. Damit steht die Szenerie für das hier zu diskutierende Problem. Nun heißt es: Vorhang auf! Eintritt: (54) Jeder Kritiker läßt gerne einfließen, daß er ein Genie ist. Zunäc hst ist festzustellen, daß (54) die eingebettete Nebensatz-Variante von (53) als Teil enthält. Was zu (53) gesagt wurde, sollte auc h für (54) gelten. In einer Situation, in der von Wim Wenders die Rede ist, wäre (54) folgendermaßen zu paraphrasieren: (55) Jeder Kritiker läßt gerne einfließen, daß Wim Wenders ein Genie ist. Natürlic h ist diese Deutung möglic h. Doc h besitzt (54) noc h eine andere Lesart, nac h der sic h das Pronomen er auf das Subjekt des Gesamt-Satzes zurüc kbezieht. Dieser Rückbezug ist nic ht so zu verstehen, daß das Pronomen als Abkürzung für das Subjekt steht; denn (55″) untersc heidet sic h deutlic h von dieser (und überhaupt jeder) Lesart von (54): (55′) Jeder Kritiker läßt gerne einfließen, daß jeder Kritiker ein Genie ist. (54) ist in der rückbeziehenden, anaphorischen Lesart möglic herweise wahr, (55′) mit Sic herheit falsc h. Damit kommt eine auf quantifizierende Nominalphrasen erweiterte Einsc hlägigkeits-Analyse nac h dem Vorbild von (R2) für diese Lesart nic ht infrage. Was man brauc ht, ist eher eine Tec hnik der Variablenbindung, wie man sie aus der Logik kennt. Üblic herweise werden anaphorisc he Bezüge
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durc h Bindung unsic htbarer Variablen in einer zugrundeliegenden Struktur dargestellt. Für die einsc hlägige Lesart von (54) müßte man den Satz in sein Subjekt jeder Kritiker und eine sog. Matrix oder offene Formel der Gestalt x läßt gerne einfließen, daß x ein Genie ist zerlegen. Um nun aus Subjekt und Matrix den erwünsc hten Satz (54) zu konstruieren, bedarf es einer speziellen syntaktisc hen Operation Q namens Quantorenbindung, deren semantisc hes Pendant ΣQ denselben Effekt wie ein (auf die Extension des Nomens relativierter) die Variable x bindender Quantor hat. ΣQ ist also eine zweistellige Operation über Charakteren mit dem folgenden Effekt: (QS) ∑Q(χjeder Kritiker, χx läßt gerne einfließen, daß x ein Genie ist) (s0)(s) = 1, falls für jede Einsetzung eines (Standard-) Namens k für ein Individuum aus der Extension χKritiker(s0)(s) gilt: χk läßt gerne einfließen, daß k ein Genie ist (s0)(s) = 1. ΣQ ist in dieser Form nic ht kompositionell [vgl. dazu Artikel 7]. Eine sic h an das Kompositionalitätsprinzip haltende Reformulierung muß statt der Einsetzungen von Standardnamen für Kritiker untersc hiedlic he Belegungen, also Benennungen der Kritiker durc h Variablen, heranziehen, von denen die Extension der Matrix dann jeweils abhängt. Aus (QS) wird damit: (QB) ΣQ(χjeder Kritiker, χx läßt gerne einfließen, daß x ein Genie ist) (s0)(s) = 1, falls für alle Belegungen b von x durch ein Individuum aus der Extension χKritiker(s0)(s) gilt: χk läßt gerne einfließen, daß k ein Genie ist (s0)(s) = 1, bei der Belegung b. Auc h diese Formulierung ist strenggenommen nic ht kompositionell, weil sie (für die Relativierung) eine Zerlegung des Subjekts vornimmt. Dieses Kompositionalitätsproblem hat aber nic hts mit den gegenwärtigen Betrac htungen zu tun und läßt sic h auf leic hte und befriedigende Weise mit den üblic hen Methoden der Quantorensemantik [s. Artikel 21] lösen. Uns interessiert an (QB) vor allem die Nebenbedingung bei der Belegung b. Damit die vom Charakter zugewiesene Extension überhaupt von einer Belegung abhängt, muß diese im Definitionsbereic h dieses Charakters auftauc hen. Das kann sie prinzipiell an drei Stellen: (i) als Bestandteil der Außerungssituation, also kontextuell; (ii) als Bestandteil der Auswertungssituation, also indexikalisc h; (iii) als weiteres Argument neben Äußerungsund Auswertungssituation, also eigenständig.
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Alle drei Lösungen haben jedoc h ihre Tüc ken. Das werden wir jetzt der Reihe nach zeigen. Ad (i): Faßt man Belegungen als kontextuelle Parameter auf, gelangt man zu einer Aufweichung des Monsterverbots (M). Wie man an (QB) sieht, ist es gerade der Sinn (der kompositionellen Deutung) der Quantorenbindung, daß man von irgendeiner festen Benennung abstrahiert und somit bei der Extensionsbestimmung auc h andere Benennungsmöglic hkeiten untersuc ht als etwa eine einzige, zufällig vom Kontext gegebene (in der Äußerungssituation akute?) Belegung. (QB) würde somit zu einer Versc hiebung der Äußerungssituation führen, womit ΣQ ein Monster wäre. Ad (ii): Die Indexikalisierung der Belegungen läßt zwei Varianten zu, die sic h in der Besc hreibung des Zusammenhangs zwisc hen gebundener Variable in der Matrix und Personalpronomen an der sprac hlic hen Oberfläche unterscheiden. (ii-a) Die den gebundenen Variablen entsprec henden Pronomina werden als Reflexe der Quantorenbindung aufgefaßt, die in Lautform und syntaktisc h-morphologisc hem Verhalten zufällig mit den ec hten Personalpronomina in Sinne der Analyse (R2) übereinstimmen. Während letztere als deiktisc he Ausdrüc ke analysiert werden, ist das gebundene Pronomen im wesentlic hen ein anderes Wort (oder syntaktisc hes Phänomen), das nic hts mit direkter Refererenz zu tun hat, sondern mit Intensionalität — denn nic hts anderes wäre die durc h Quantorenbindung verursac hte Index-Versc hiebung. Es handelt sic h um eine Mehrdeutigkeits- Analyse der Pronomina der dritten Person. Gegen eine solc he Auffassung spric ht die durc h sie hervorgerufene Redundanz oder Umständlic hkeit in der Sprac hbesc hreibung: jedes in Funktion einer gebundenen Variablen auftretende Pronomen müßte entweder im Lexikon doppelt klassifiziert und besc hrieben werden; oder die Operation F führt diese Pronomina synkategorematisch (d. h. ohne Lexikonzugriff) ein, womit die für die Kongruenz zur Bezugs-NP benötigten morphologis c hen Informationen bei der Formulierung dieser Regel reproduziert werden müßten. Zudem bedürfte es einer Erklärung, warum diese Art von Mehrdeutigkeit in sehr vielen Sprachen auftritt. (ii-b) Man faßt die gebundenen Vorkommen von Variablen in der Matrix als gewöhnlic he Pronomina auf. Allerdings kann dann die korrekte Semantik der Pronomina unmöglic h wie in (R2) aussehen. Denn einerseits
IV. Kontexttheorie
hängt nac h (R2) die Extension des Pronomens nic ht vom Index, sondern vom Kontext ab; und andererseits ist von einer Belegung in dieser Regel sowieso nic ht die Rede. Letzteres ist allerdings ein leic ht zu behebender Makel: die in (R2) besc hriebene Abhängigkeit der Extension des Vorkommens eines Pronomens von der Äußerungssituation kann ja als Funktion von Äußerungen in (möglic he) Extensionen umgedeutet werden. Die so aufgefaßte Belegung müßte dann allerdings noc h in den Index gesc hoben werden — sonst wären wir ja über die monströse Lösung (i) des Problems ni c ht hinausgekommen. Gegen diese indexikalisc he Auffassung der variierenden Extension von Pronomina spric ht nun aber eine Grundannahme der klassisc hen Theorie, nämlic h das den Zusammenhang zwisc hen Intension und Information postulierende Prinzip (F) oder eine seiner Differenzierungen (siehe Absc hnitt 2.5). Es ist auf jeden Fall so, daß die in einer Äußerungssituation s0 von einem Satz übermittelte Information — also das, was der S atz in der S ituation besagt — mit seiner Intension (in s0) übereinstimmt. Diese Identifizierung ist unvereinbar mit der Annahme (ii-b), die impliziert, daß Pronomina absolut gedeutet werden. Um dies einzusehen, kann man einen beliebigen Satz mit ‘freiem’ Personalpronomen betrachten: (56) Sie hat einen Holzkopf. Nehmen wir an, (56) werde in einer Situation geäußert, in der sic h das Subjekt auf eine sic h in der erhobenen Hand der Sprec herin befindlic he Handpuppe bezieht. Die so übermittelte Information ist dann dieselbe wie die durch (57) ausgedrückte: (57) Diese Puppe hat einen Holzkopf. Die Intensionen wären aber — wenn das Pronomen als absolut gedeutet wird — versc hieden: (56) würde das Verfahren zur Feststellung des Referenten des Subjekts in die Intension miteinbeziehen, während die durc h (57) ausgedrüc kte Proposition direkt von der gezeigten Puppe als Gegenstand handelt. An dieser Stelle wird die Tiefe des Problems der Quantorenbindung wohl am deutlic hsten: es weist auf eine in der klassisc hen Theorie bestehende Spannung zwisc hen der Charakterisierung der Intension als absoluter Information einerseits und der Unversc hiebbarkeit der Äußerungssituation andererseits hin. Die Rolle der Pronomina als direkt referentielle, die Intensionsebene überspringende Ausdrüc ke steht in einem klassisc h nic ht befrie-
9. Kontextabhängigkeit
digend zu lösenden Konflikt mit ihrer Funktion als quantifizierte, also durc h Abstraktion oder Versc hiebung gedeutete Variablen. Solange dieser Konflikt auf einen eng begrenzten Bereic h wie den des Einflußbereic hs der Quantorenbindung besc hränkt ist, mag man geneigt sein, Ad-hoc -Lösungen wie (ii-a) für den besten Ausweg zu halten. In Absc hnitt 4.3 werden wir jedoc h sehen, daß sic h Bindungen einer erheblic h weiteren Verbreitung erfreuen, als man es aufgrund des bisherigen Diskussionsstandes erhoffen könnte. Ad (iii): Dem soeben besc hriebenen Konflikt kann man durc h Einführung einer dritten Komponente des Referenzpunktes aus dem Wege gehen: neben Kontext und Index beherbergt dieser dann gleic hberec htigt noc h eine Belegung der Pronomina, die auf diese Weise — wie sc hon in der Variante (ii-b) — als eindeutige Wörter aufgefaßt werden können. Gegen diese Vermeidungsstrategie läßt sic h zweierlei einwenden. Erstens liefert sie keine Garantie dafür, daß nic ht irgendwann einmal weitere, der Quantorenbindung vergleic hbare Phänomene entdec kt werden, die dann analog zu einer Vier-, Fünf- oder Sec hsteilung des Referenzpunktes führen würden. Außerdem sollte man ein über das bloße Aufzeigen hinausgehendes Identifikationskriterium für das Phänomen der Quantorenbindung haben, das es von der üblic hen, als Index-Vers c hiebung aufgefaßten Intensionalität untersc heidet; daß die Angabe eines solc hen Kriteriums keine Trivialität ist, ersieht man sc hon aus der Tatsac he, daß sic h nac h dem in Absc hnitt 2.2 besc hriebenen Verfahren auc h letztere prinzipiell als Variablenbindung darstellen läßt. 4.2 Perspektivische Verschiebungen In Absc hnitt 2.5 haben wir gesehen, daß im Rahmen der erkenntnistheoretisc hen Umdeutung der klassisc hen Theorie Charakteren momentane Bewußtseinsinhalte entsprec hen. Da man sic h sprac hlic h auf die Gedanken und Wahrnehmungen von Personen mit satzeinbettenden Verben wie glauben, befürchten, hoffen, ahnen etc . beziehen kann, liegt der Verdac ht nahe, daß eine adäquate Semantik diese Verben als charakterielle Einstellungen, also als (indexabhängige) Relationen zwisc hen Individuen und Charakteren analysieren sollte. Eine solc he Klassifikation satzeinbettender Verben widerspric ht nun allerdings nic ht nur der in Absc hnitt 1.2 (und andernorts) gemac hten gängigen Annahme, daß es sic h hier um propositionale Einstellungen
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handelt; sie sc heint auc h mit dem Monsterverbot (M) unvereinbar zu sein. Wir wollen deshalb näher untersuc hen, welc he Rolle c harakterielle Einstellungen in der logisc hen Sprachanalyse spielen. Zunäc hst muß betont werden, daß die erkenntnistheoretisc he Deutung der klassisc hen Theorie eine Interpretation satzeinbettender Verben als propositionale Einstellungen nic ht aussc hließt; denn selbst wenn die Funktion eines Einstellungsverbs darin besteht, einem Individuum einen Bewußtseinsinhalt eines bestimmten, im Komplementsatz näher c harakterisierten Typs zu unterstellen, so könnte diese Charakterisierung immer noc h durc h eine Proposition erfolgen. Konkreter läßt sic h diese Möglic hkeit an der folgenden aus Sic ht der erkenntnistheoretisc hen Deutung nic ht ganz unplausiblen Bedeutungsregel verdeutlichen: (Rmeinen) Es sei ψ eine Verbalphrase der Gestalt meint daß φ, wobei φ ein (Neben-) Satz ist; s0 und s seien Außerungs- bzw. Auswertungssituationen. Dann ist χψ(s0)(s) die Menge derjenigen Individuen x, für die gilt: die durch φ ausgedrückte Proposition χφ(s0) folgt aus dem Bewußtseinsinhalt χx,s von x in s. Das Meinen wird hier als emotionslose, den Bewußtseinsinhalt c harakterisierende Einstellung aufgefaßt. Man beac hte nebenbei, daß (Rmeinen) der Hypothese (L) genügt: meinen referiert danach absolut. Die in (Rmeinen) aufgestellte Bedingung soll in dem Sinne verstanden werden, daß nac h ihr der (als Charakter aufgefaßte) Bewußtseinsinhalt χx,s von x (in der Welt und zur Zeit der Auswertungssituation s) so besc haffen ist, daß die ihm entsprec hende (als Proposition aufgefaßte) perspektivelose Information χx,s(sx) — also (in der Terminologie von Absc hnitt 2.5) der objektivierte Bewußtseinsinhalt — nur Situationen umfaßt, in denen auc h p gilt; sxist dabei der kognitive Zustand von x, also die von x aus gesehene Situation s: sxund s stimmen weitestmöglic h überein, aber x ist das Ego, das erkennende Subjekt, in sx. Um Motivation und Arbeitsweise dieser Regel zu verstehen, kann man (Rmeinen) auf ein einfaches Beispiel ansetzen: (58) Martin meint, daß ich lisple. Äußert Maria in einer Situation s0 diesen Satz, bestimmt sic h der Wahrheitswert mit (Rmeinen) wie folgt:
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Nac h der so reduzierten Wahrheitsbedingung besagt Marias Äußerung von (58) also, daß Maria in jeder mit Martins Bewußtseinsinhalt (zur Zeit der Äußerungssituation) vereinbaren Situation lispelt. Das ist sic herlic h kein unerwünsc htes Ergebnis. Uns interessiert hier vor allem, wie es zustande kommt. Denn einerseits deutet (Rmeinen) das satzeinbettende Verb als propositionale Einstellung, doc h andererseits faßt diese Regel den Bewußtseinsinhalt des erkennenden Subjekts als Charakter auf. Der Tric k besteht lediglic h in der perspektivischen Verschiebung: der Charakter des Nebensatzes wird zunäc hst — den Grundprinzipien der klassisc hen Theorie gemäß — an der Äußerungssituation ausgewertet; das Resultat ist eine gewisse (in diesem Falle singuläre) Proposition. Dann wird die Auswertungssituation leic ht versc hoben, zur entsprec henden epistemisc hen Perspektive des Subjekts hin, aus der heraus die (singuläre) Proposition betrac htet wird. Die der Äußerungssituation eigene Perspektive wird also zur Ermittlung der durc h den Nebensatz ausgedrüc kten Propositon benutzt; doc h für die Feststellung der Einstellung des Subjekts wird sie ignoriert. Dieses Vorgehen entspric ht natürlic h genau der bereits in Absc hnitt 1.2 skizzierten Deutung von Einstellungsverben. Neu ist hier lediglic h, daß dem Subjekt der Einstellung eine epistemisc he Perspektive unterstellt wird. Mit der epistemisc hen Perspektive ist es in (Rmeinen) nic ht allzu weit her. Ein zweiter Blic k zeigt nämlic h, daß diese prinzipiell nic ht in die Deutung von Einstellungssätzen einbezogen wird. Intuitiv gesehen liegt das daran, daß die Regel ohnehin nur auf einen Vergleic h
IV. Kontexttheorie
zweier perspektiveloser Propositionen hinausläuft: die erste ist die Intension v des eingebetteten Nebensatzes in der Äußerungssituation, die zweite der seiner ihm eigenen Perspektive beraubte, objektivierte Bewußtseinsinhalt μ des Subjekts, und verglic hen werden die beiden hinsic htlic h der Frage, ob der erste den zweiten (im Sinne einer Mengeninklusion) umfaßt. Sowohl die dem Charakter des eingebetteten Nebensatzes innewohnende Perspektive als auc h insbesondere der epistemisc he Blic kwinkel des Subjekts werden in (Rmeinen) übergangen. Wir haben bereits in Absc hnitt 2.5 festgestellt, daß der Verlust der epistemisc hen Perspektive durc h Objektivierung einen Informationsverlust nac h sic h ziehen kann: versc hiedene Individuen können dem Subjekt auf versc hiedene Arten gegeben sein. Dieser Informationsverlust spiegelt sic h in konkreten semantisc hen Effekten der Regel (Rmeinen) wider. Der erste, harmlose Effekt mac ht sic h dann bemerkbar, wenn sic h etwa Martin und Maria in s0gegenüber sitzen, Martins Bewußtseinsinhalt χMartin,s0 den Charakter χDu lispelstumfaßt, Martin aber nic ht nur sein Gegenüber, sondern auc h seine Vermieterin für eine Lisplerin hält, die beiden allerdings nic ht miteinander in Beziehung bringt, obwohl es sic h in beiden Fällen um Maria handelt. Unter diesen Annahmen mac ht (Rmeinen) Marias Äußerung von (58) sozusagen aus zwei unabhängigen Gründen wahr: die Intension des eingebetteten Nebensatzes ist dieselbe singuläre Proposition p wie die in Martins epistemisc hen Zustand durc h Du lispelst bzw. Meine Vermieterin lispelt ausgedrückte. Der erste Effekt von (Rmeinen) besteht also ganz einfac h darin, daß zwei voneinander unabhängige Meinungen Martins durc h ein und dieselbe Besc hreibung Marias abgedec kt werden, daß also Marias Aussage (58) eine gewisse Unbestimmtheit unterstellt wird. Ein umgekehrter Effekt ergibt sic h, wenn Martin — vielleic ht aufgrund einer neuen Frisur oder einer Wahrnehmungsstörung — sein Gegenüber nic ht als seine Lebensgefährtin erkennt, von der er gerade annimmt, daß sie nic ht lispelt. Ein in etwa dem Satz Meine Lebensgefährtin lispelt nicht entsprechender Charakter gehört demnac h ebenfalls zu Martins aktuellem Bewußtseinsinhalt. Da Maria Martins tatsä c hli c he Lebensgefährtin ist, folgt nun, daß der objektivierte Bewußtseinsinhalt χMartin,s0(s0Martin) auc h das Gegenteil von p impliziert. χMartin,s0 (s0Martin) ist damit widersprüc hlic h und impliziert — wie man sic h leicht überlegt — überhaupt jede Proposition.
9. Kontextabhängigkeit
Maria hätte also auc h behaupten können, daß es nac h Martins Meinung in Kreuzlingen Zebras gibt und damit — nac h (Rmeinen) — auf jeden Fall rec ht gehabt. Dieser Defekt von (Rmeinen) läßt sic h nun relativ leic ht ausmerzen, ohne daß sic h an der Idee der Regel Wesentlic hes ändert: anstatt Bewußtseinsinhalte als Charaktere aufzufassen, könnte man — intuitiv etwa entsprec hend den vom Subjekt für wahr befundenen Sätzen — dieselben adäquater durc h Mengen von Charakteren repräsentieren. Die absurde Konsequenz um (59) würde auf diese Weise vermieden; allerdings wäre dann immer noc h Marias Äußerung von (58′) wahr, was angesic hts der Umstände — insbesondere Martins unersc hütterlic hen Glaubens an die reine Artikulation seiner Lebensgefährtin Maria — jedoc h gar nicht einmal unerwünscht ist: (58′) Martin meint, daß ich nicht lisple. Diese Tec hnik der Widerspruc hs-Vermeidung — im wesentlic hen eine Adaption der sog. Umgebungs- Semantik für propositionale Einstellungen — hat ihre Grenzen, die sic h besonders deutlic h zeigen, wenn der eingebettete Satz oder seine Negation notwendig wahr ist, ohne zugleic h a priorisc h zu sein. Ein typisc her Fall liegt etwa vor, wenn Maria unter Anspielung auf ihre perfekte Verkleidung die folgende zutreffende Behauptung aufstellt: (59) Martin meint, daß ich Maja bin. Zumindest unter der Annahme, daß es sic h bei Maja um einen Standard-Namen (von Marias Freundin) handelt, drüc kt der in (59) eingebettete daß-Satz eine widersprüc hlic he Proposition aus. Damit folgt sofort, daß nac h (Rmeinen) unter den gegebenen Umständen jede Äußerung wahr ist, die Martin eine widersprüc hlic he Meinung unterstellt — also auc h etwa: (59′) Martin meint, daß ich Ruth Rendell bin. Der Sc hluß von (59) auf (59′) ist nun allerdings sehr gewagt, zumal zwisc hen Marias Freundin und der großen britisc hen Kriminalsc hriftstellerin keinerlei äußerlic he Ähnlichkeit besteht. Die Grenzen, an die die Regel (Rmeinen) hier stößt, sind natürlic h auc h die Grenzen des der klassisc hen Theorie zugrundeliegenden und bereits in Absc hnitt 1.1 als bekanntermaßen zu grobmasc hig eingesc hätzten Propositionsbegriffs. Der Sc hluß von einem Widerspruc h auf einen beliebigen anderen (klassisc h: denselben!) bzw. von einer Einstellung zu einem Widerspruc h auf die Einstellung zu jedem Wi-
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derspruc h läßt sic h völlig unabhängig von der hier betrac hteten Regel — einfac h aufgrund des Propositionsbegriffs und des Monsterverbots — vorführen. Eine Kritik an (Rmeinen) unter Hinweis auf die offensic htlic h inadäquate Erfassung solc her Beispiele wie (59) und (59′) könnte damit im gegenwärtigen Zusammenhang als thematisc h verfehlt empfunden werden. Wir werden zwar noc h sehen, daß der Zusammenhang zwisc hen der Feinheit des Propositions-Begriffs und der Einbeziehung epistemisc her Perspektiven in die Deutung von Einstellungsberic hten enger ist (oder jedenfalls enger konstruiert werden kann), als es hier den Ansc hein haben mag. Im Interesse einer skeptisc hen Lesersc haft tun wir jedoc h vorerst einmal so, als handele es sic h hier um zwei vollkommen unabhängige Phänomene. Von solc hen Problemen einmal abgesehen, lassen sic h also Einstellungsberic hte vermittels satzeinbettender Verben einigermaßen befriedigend mit Hilfe der bezüglic h epistemisc her Arten des Gegebenseins unspezifisc hen Regel (Rmeinen) besc hreiben. Das unspezifisc he Element ist aber nic ht bei allen Typen von Einstellungsberichten erwünscht: (60) Bettina meint, mit Eddy Merckx verheiratet zu sein. Im Untersc hied zu den bisher betrac hteten Beispielen liegt hier (oberfläc hlic h) keine Satz-Einbettung vor. Daß hier eine gegenüber den bisherigen Beispielen neue Dimension eröffnet wird, sieht man, wenn man versuc ht, (60) mit Hilfe von (Rmeinen) zu deuten und den Infinitiv als Ausdruc k einer unvollständigen, um das Matrix-Subjekt zu ergänzenden Proposition aufzufassen: (60′) Bettina meint, daß sie mit Eddy Merckx verheiratet ist. Das im eingebetteten Satz ergänzte Personalpronomen müßte dann natürlic h als durc h das Matrix-Subjekt (im Sinne des vorhergehenden Absc hnitts) gebunden gedeutet werden. (Daß hier eine bloße, auf kontextuelle Eins c hlägigkeit zurü c kgehende extensionale Übereinstimmung nic ht ausreic ht, sieht man an analogen Beispielen mit quantifizierendem Subjekt; es liegt also — syntaktisc h gesproc hen — Kontrolle durc h das Matrix-Subjekt vor.) Aber ansonsten könnte ja die Deutung im Stil von (Rmeinen) vonstatten gehen. Da im Falle von (Standard-) Namen Bindung und Ersetzung auf intensionaler Ebene keinen Untersc hied mac hen — in beiden Fällen kommt eine singuläre Proposition über den Referen-
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ten heraus — und nur die Intension für (Rmeinen) von Belang ist, könnten wir die Probleme aus Absc hnitt 4.1 verdrängen und (60′) einfach durch (60″) ersetzen: (60″) Bettina meint, daß Bettina mit Eddy Merckx verheiratet ist. Dabei gehen wir natürlic h davon aus, daß die beiden Vorkommen des Namens Bettina in (60″) auf ein und dieselbe Person, Bettina, verweisen.) Nac h (Rmeinen) besagen also (60) und (60″) genau dasselbe. Doc h ist das korrekt? Unter den meisten Umständen werden wohl die beiden Sätze in der Tat auf dasselbe hinauslaufen, doc h möglic herweise nic ht in allen. Eine Situation, in der (60) falsc h, aber (60″) wahr ist, könnte sic h etwa so abspielen: Bettina findet auf dem Speic her ein altes Hoc hzeitsfoto von sic h und ihrem Gatten Wendelin. Das Foto zeigt Wendelin halb verdec kt in seiner Sportausrüstung; sie selbst ist nur von hinten zu sehen, aber unsc hwer als seine Braut zu identifizieren. Den Rest kann man sic h denken: Bettina glaubt, daß es sic h bei dem abgebildeten Athleten um den großen belgisc hen Radfahrer handelt und dementsprec hend bei der nic ht zu erkennenden Braut um dessen Gattin. Nac h (Rmeinen) ist der Fall dann klar: die (in einer beliebigen Äußerungssituation) durc h den in (60″) eingebetteten Nebensatz ausgedrüc kte singuläre Proposition folgt in der besc hriebenen Situation aus Bettinas objektivierten Bewußtseinsinhalt: die von Bettina auf dem Foto betrac htete Frau ist ihrer Meinung nac h mit Eddy Merc kx verheiratet, und in Wirklic hkeit ist die so besc hriebene Frau Bettina selbst. Die Falsc hheit von (60) sc heint jedoc h durc h diese Gesc hic hte unberührt: von sic h selbst glaubt Bettina nic hts dermaßen Falsc hes, wie ihr in (60) unterstellt wird. Es sc heint, als müsse Bettina im Falle der Wahrheit von (60) das Subjekt der Einstellung als S ubjekt gegeben sein; die durc h den eingebetteten Satz (in einer entspre c henden Äußerungssituation) ausgedrüc kte Proposition muß sic h also nic ht — wie in (Rmeinen) gefordert — irgendwie durch Objektivierung einer Meinung von Bettina ergeben, sondern auf eine ganz bestimmte Art und Weise, nämlic h durc h Auswertung des Sprec her- oder Subjekt-Parameters (in einem gewissen epistemisc hen Zustand Bettinas). Die in (60) von Bettina behauptete Einstellung muß eben — in einer gängigen Terminologie — eine Meinung de se sein. Und genau diese Nebenbedingung wird durc h die Zurüc kführung von (60) auf die Paraphrase (60′)
IV. Kontexttheorie
übersehen; die Sc huld daran trägt natürlic h die weiter oben beobac htete Unbestimmtheit von (Rmeinen). Mehreres läßt sic h gegen diese Betrac htungen einwenden. Zum einen ist es gar nic ht so klar, ob (60″) — oder auc h (60′) — unter den genannten Umständen wirklic h in irgendeinem Sinne wahr wäre. Dies würde nun allerdings auf eine Kritik der Regel (Rmeinen) hinauslaufen, die bei dieser bereits die Sensitivität gegenüber der epistemisc hen Perspektive des Subjekts vermißt. In diesem Falle hätten wir also gar nic ht erst die infinitivisc he Variante zu bemühen brauc hen. Diese Kritik wollen wir dahingestellt sein lassen, weil einerseits die Frage des Wahrheitswerts der genannten Sätze möglic herweise nic ht ganz theorieunabhängig beantwortet werden kann und andererseits eine Ablehnung von (Rmeinen) aufgrund mangelnder Rüc ksic htnahme auf epistemisc he Perspektiven unserem Argumentationsgang ohnehin entgegenkommt. Ein zweiter Einwand könnte natürlic h genau dem umgekehrten Weg folgen und sc hlic htweg die Falsc hheit von (60) infrage stellen. Die Infinitiveinbettung wäre dann mit (Rmeinen) korrekt gedeutet. Immerhin müßte man unter dieser Annahme zunäc hst (etwa pragmatisc h) erklären, warum denn (60) in der besc hriebenen Situation zumindest falsch wirkt. Die prinzipielle Möglic hkeit einer solc hen Erklärung können wir hier nic ht bezweifeln; wir gehen jedoc h davon aus, daß die Falsc hheit von (60) ein semantisc hes, die wörtlic he Bedeutung dieses Satzes betreffendes Phänomen ist. Weitere Einwände könnten die spezielle Art des Gegebenseins Bettinas durc h Vermittlung einer Fotographie betreffen. In so einem Falle ist der Leser angehalten, sic h ein besseres Beispiel auszudenken. An dieser Stelle erhebt sic h natürlic h die Frage, ob man nic ht den subtilen Bedeutungsuntersc hied zwisc hen (60) und (60′) durc h eine genauere Paraphrase besc hreiben kann. Also etwa durch: (60) Bettina meintde se, daß sie mit Eddy Merckx verheiratet ist. Wir wollen einmal dahingestellt sein lassen, was wohl der genaue Zusammenhang zwisc hen den beiden Verben meinen und meinende sesein könnte. Stattdessen zeigen wir, daß eine kompositionelle Deutung der Paraphrase (60s) keineswegs eine triviale Angelegenheit ist. Betrac hten wir zunäc hst die intendierte Deutung von meinende se:
9. Kontextabhängigkeit
(Rmeinen de se) Es sei ψ eine Verbalphrase der Gestalt meintde se daß φ, wobei φ ein (Neben-) Satz ist; s0 und s seien Äußerungs- bzw. Auswertungssituationen. Dann ist χψ(s0)(s) die Menge derjenigen Individuen x, für die gilt: der Bewußtseinsinhalt χx, s von x in s impliziert denjenigen Charakter x, der an einem Referenzpunkt 〈s1,s’〉 den Wahrheitswert 1 liefert, falls der Sprecher von s1 die durch φ ausgedrückte Proposition χφ(s0) in s’ erfüllt. Den bislang undefinierten Implikationsbegriff für Charaktere kann man entweder — in Analogie zu dem in Absc hnitt 2.5 eingeführten A Priori — als Folgerung an allen diagonalen Referenzpunkten oder — wenn man Bewußtseinsinhalte durc h Mengen von Charakteren rekonstruiert — als Elementschaftsbeziehung auffassen. Wie (Rmeinen de se) gemeint ist, mac ht man sic h am besten anhand des Beispiels (60s) klar. In diesem Falle verlangt die Regel (von einer Auswertungssituation), daß Bettinas Bewußtseinsinhalt (in dieser Situation) den Charakter des Satzes Ich bin mit Eddy Merckx verheiratet impliziert; denn dieser ist gerade an einem Punkt 〈s1,s’〉 wahr, falls die Sprec herin in s1 die durc h sie mit Eddy Merckx verheiratet ist ausgedrüc kte Proposition erfüllt. (Rmeinen de se) sc heint uns also in der Tat die intendierte Deutung de se für (60) zu geben. Bei der Formulierung von (Rmeinen de se) haben wir an entsc heidender Stelle gemogelt. Wir haben nämlic h vergessen zu sagen, was es für ein Individuum x bedeutet, eine Proposition zu erfüllen. Auf den ersten Blic k sc heint es sic h hier um ein harmloses Versehen zu handeln. Denn wir sind ja in diesem Falle nur an singulären Propositionen p interessiert, die jeweils aus genau den Situationen bestehen, in denen ein bestimmtes, festes Individuum xp eine bestimmte, feste Eigensc haft Ep hat; und in (Rmeinen de se) ist natürlic h in diesem Falle mit der Erfüllung von p durc h x (in s) gemeint, daß x (in s) die Eigensc haft Epbesitzt. Diese Definition mac ht nun allerdings offensic htlic h nur dann Sinn, wenn sic h aus dem singulären p die Eigensc haft Epeindeutig ermitteln läßt. Das kann man im allgemeinen jedoc h nic ht erwarten: sc hon in unserem Beispiel sc hlägt nämlic h diese Bestimmung fehl, handelt doc h die zur Debatte stehende Proposition genausogut von Eddy Merc kxs wie
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von Bettina, wobei allerdings den beiden ganz vers c hiedene Eigens c haften zugespro c hen werden. Nac h (Rmeinen de se) müßte also (60s) noc h eine Lesart besitzen, nac h der Bettina meint, mit Bettina verheiratet zu sein. Doc h das ist offenkundig absurd. Die Situation ist nic ht hoffnungslos. Denn (Rmeinen de se)läßt sic h dann retten, wenn es nur gelingt, den Gegenstand der durc h den Nebensatz ausgedrüc kten Proposition eindeutig als die Stelle zu bestimmen, an der das auf das Einstellungssubjekt zurüc kbezogene Pronomen steht. Neben einer Markierung der Einstellung als Meinung de se benötigt die Paraphrase also auc h noc h eine Markierung des Pronomens als an die Sprec her-Perspektive gebundenes Pronomen: (60) Bettina meintde se, daß sie* mit Eddy Merckx verheiratet ist. Der Stern deutet dabei gerade an, daß das Pronomen das Thema der durc h den Satz ausgedrüc kten Proposition ist. Dabei muß natürlic h der Themenbegriff irgendwie präzisiert werden. Das kann z. B. dadurc h gesc hehen, daß man die gesamte Proposition p in Thema und Rest (= Rhema) strukturiert, indem man sie etwa als Paar 〈xp,Ep〉 auffaßt. Die Details einer solc hen Verfeinerung des Propositionsbegriffs sind äußerst tric kreic h und können an dieser Stelle unmöglic h vorgeführt werden. [Siehe dazu Artikel 34.] Wir erwähnen hier lediglic h die prinzipielle Möglic hkeit einer Präzisierung von (Rmeinen de se) mit Hilfe thematisch strukturierter Propositionen. Die Version (60C) weist den Weg zu einer ganz anderen Möglic hkeit der Deutung von (60) im Rahmen der klassisc hen Theorie, aber ohne Verfeinerung des Propositionsbegriffs. Denn wenn die gesternten Pronomina in jedem Falle als Ausdruc k der Subjekts-Perspektive gedeutet werden, sind sie selbst — solange nur irgendwie die Stellen markiert werden, an die sie gehören — vollkommen redundant. Statt auf (60C) könnte man (60) also genausogut auf (60*) zurückführen: (60.) Bettina meint, daß * mit Eddy Merckx verheiratet ist. Der Untersc hied zwisc hen (60C) und (60*) ist nun, daß bei letzterem ein unvollständiger, lüc kenhafter Satz eingebettet ist; dem eingebetteten Satz fehlt das Subjekt, womit er (zumindest semantisc h gesehen) eine Art VP ist. Statt wie in (R*meinen) könnte man also die Extension der Konstruktion ‘meinen + Infinitiv’ auf den Charakter dieser VP zurüc kführen. In der Tat: nic hts liegt oberfläc hlic h
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näher; diese VP ist ja — von der Finitheit des Verbs abgesehen — der eingebettete Infinitiv! Die entsprec hende Regel kann dann (Rmeinen de se) ersetzen. Und so sieht sie aus: (Rmeinen + INF) Es sei ψ eine Verbalphrase der Gestalt meint φ, wobei φ ein Infinitiv (mit zu) ist; s0und s seien Äußerungs- bzw. Auswertungssituationen. Dann ist χψ(s0)(s) die Menge derjenigen Individuen x, für die gilt: der Bewußtseinsinhalt χx, s von x in s impliziert denjenigen Charakter χ, der an einem Referenzpunkt 〈s1,s’〉 den Wahrheitswert 1 liefert, falls der Sprecher von s1 in s’ die durch φ ausgedrückte Eigenschaft χφ(s0) besitzt, falls also gilt: χich(s1)(s’) ∈ χφ(s0)(s’). Die Überprüfung von (Rmeinen + INF) am Beispiel (60) überlassen wir diesmal der Leserin. Wir weisen zudem darauf hin, daß nac h dieser Regel die Infinitiveinbettung unter meinen kein Monster ist. Das wiederum ersieht man unmittelbar aus dem Umstand, daß in der obigen Bedingung zur Festlegung der Extension der Verbalphrase vom Charakter des eingebetteten Infinitivs nur insofern die Rede ist, als seine Intension in der Äußerungssituation betrac htet wird. Für zwei intensionsgleic he Infinitive kommt also jeweils dieselbe Menge meinender Individuen heraus. Die geneigte Leserin möge auc h diese Behauptung am Beispiel (60) und unter Heranziehung etwa des durc h Eddy Merc kx geäußerten Satze (61) überprüfen: (61) Bettina meint, mit mir verheiratet zu sein. Meinungen de se sind nac h (Rmeinen + INF) Selbstzuschreibungen von Eigensc haften. Da im Falle von (60) die zugesc hriebene Eigensc haft gerade die Intension des eingebetteten Infinitvs ist, ist die Deutung nac h (Rmeinen + INF) sehr direkt und elegant. So besehen ist sie der nur um den Preis einer Verfeinerung des Propositions-Begriffs präzisierbaren Zurüc kführung (Rmeinen de se) der Infinitiveinbettung auf eine Satzeinbettung überlegen. Andererseits ist die Deutung der perspektivisc hen Bindung mit Hilfe strukturierter Propositionen eine universeller einsetzbare Strategie als die oberfläc hennahe Deutung der Infinitiveinbettung als Selbstzusc hreibung, läßt sic h doc h auf diese Weise auc h das im Zusammenhang mit (59) und (59′) angesproc hene Problem der
IV. Kontexttheorie
Einstellung zum Widerspruch lösen. Die Deutung des Meinens de se als Selbstzusc hreibung einer gewissen Eigensc haft läßt sic h mit der in Absc hnitt 2.5 angesproc henen Version (E’) der Untersc heidung von perspektiveloser und lokalisierender Information in Verbindung bringen. Den Zusammenhang erkennt man am klarsten im Rahmen einer Parametrisierung von Äußerungs- und Auswertungssituationen (im Sinne von Absc hnitt 2.1). Um ihn herzustellen, bedarf es allerdings der Annahme, daß es genau einen rein kontextuellen Parameter gibt, und zwar den des Sprec hers. Dann läßt sic h mit (E’) die Regel (Rmeinen + INF) folgendermaßen äquivalent umformulieren: (R’meinen + INF) Es sei ψ eine Verbalphrase der Gestalt meint φ, wobei φ ein Infinitiv (mit zu) ist; c sei ein Kontext, i ein Index. Dann ist χψ(c)(i) die Menge derjenigen Individuen x, für die gilt: der Sprecher jedes Kontexts c’ aus !χx,i ist in χφ(c)(i(c’)). Unter den gegebenen Annahmen läßt sic h die Äquivalenz dieser Formulierung mit der Ausgangsregel leic ht nac hweisen. (E’) lag ja die Idee zugrunde, daß die lokalisierende Information eines Charakters χ bereits in der als Menge von Kontexten aufgefaßten waagerec hten Diagonalisierung !χ derselben stec kt. Insbesondere müssen also Folgerungen aus Bewußsteinsinhalten χx,s als Folgerungen aus !χx,i darstellbar sein (wobei i die Parametrisierung von s als Auswertungssituation ist). Was soll es aber heißen, daß ein Charakter χ aus der Menge !χx,i von Kontexten folgt? Hier hilft ein beliebig gewähltes Beispiel weiter: offenbar impliziert Alains Bewußtseinsinhalt etwa den Charakter χmir ist kalt, falls sic h Alain in einer Situation zu befinden meint, deren Ego zu deren Zeit an deren Ort in deren Welt etc . friert, falls also χmir ist jetzt hier tatsäc hlic h kalt an allen Kontexten in !χx,i — im Sinne des Default-Prinzips (D) — wahr ist. Letzteres heißt aber gerade, daß !χx,i eine Teilmenge von χmir ist kalt ist. In dem uns interessierenden Fall wird so aus der in (Rmeinen + INF) geforderten Implikation zwisc hen χx,s und χ eine Teilmengenbeziehung zwisc hen !χx,i und der Menge der Kontexte c’, für die χich(c ’)(i(c ’)) in χφc( )(i( c ’)) liegt. Damit ist klar, daß (Rmeinen + INF) in der Tat nur eine Reformulierung von (Rmeinen + INF) auf der Basis von (E’) ist.
9. Kontextabhängigkeit
Die Formulierung (R’meinen + INF) ist dann besonders aufsc hlußreic h, wenn der eingebettete Infinitiv φ keinerlei deiktisc he Elemente enthält. In diesem Falle besagt die Regel, daß alle indexikalisc hen Parameter durc h die durc h einen Kontext c’ repräsentierte epistemisc he Situation des Subjekts besetzt werden. Unserer Annahme gemäß ist der einzige zusätzlic he kontextuelle Parameter der des Sprec hers; und dieser wird nac h (R’meinen + INF) ebenfalls von c’ determiniert. Die durc h einen Satz wie (62) beric htete Einstellung läuft also auf eine Lokalisierung der epistemisc hen Situation des Subjekts hinaus: der Satz ist wahr, falls Alain seine eigene Situation als eine solc he begreift, zu deren Zeit, an deren Ort, in deren Welt etc. das Subjekt friert: (62) Alain meint zu frieren. Der Beitrag des in (62) eingebetteten Infinitivs zur Extensionsbestimmung reduziert sic h somit auf die Menge der Kontexte c’, deren Sprec her die durc h das Verb ausgedrüc kte Eigensc haft besitzen. Das dem Infinitiv fehlende Subjekt wird also nac h (R’meinen + INF) implizit als Aspekt eines Kontexts aus dem Bewußtseinsinhalt des Einstellungssubjekts aufgefaßt. Der eingebettete Infinitiv ersc heint so als unmittelbarer Ausdruc k einer gewissen lokalisierenden Information im Sinne der Untersc heidung (E’). Dabei ist freilic h zu beac hten, daß diese Lokalisierung nic ht durc h den !-Operator aus dem infinitivisc hen Charakter, sondern lediglic h durc h eine (in der metasprac hlic hen Erläuterung gegebene) Deutung der unbesetzten Subjekts-Stelle gewonnen werden kann. Aber immerhin: (R’meinen + INF) liefert in der Anwendung auf Beispiele wie (62) eine gute Illustration für (E’): lokalisierende Informationen kann man sic h als die durc h absolut referierende Infinitive ausgedrückten Eigenschaften vergegenwärtigen. Bevor wir das Thema ‘Einstellungsverben’ endgültig verlassen, sei noc h darauf hingewiesen, daß sic h die anhand infinitiveinbettender Verben dargestellte Deutung von Einstellungen de se durc h Selbstzusc hreibung prinzipiell auc h auf satzeinbettende Verben übertragen läßt. Die für diese Übertragung erforderlic he semantisc he Tec hnik ist die aus der Kategorialgrammatik entlehnte Lückenvererbung, deren Darstellung hier allerdings zu weit führen würde. (Eine ausführlic he Würdigung enthält Artikel 7.) Dieser Hinweis mag jenen Rest von Skepsis gegenüber der weiter oben vorgeführten Deutung (Rmeinen) satzeinbettender Verben zerstreuen, der an-
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gesic hts eventueller Lesarten de se noc h verblieben sein könnte. Daß die Details sehr kompliziert sind, wird der geduldige Leser spätestens dann merken, wenn er selbst einmal versuc ht, den subtilen Bedeutungsuntersc hied zwisc hen (63) und (63′) den einsc hlägigen Regeln gemäß zu beschreiben: (63) Lakoff träumte, daß er Brigitte Bardot war und ihn selbst küßte. (63′) Lakoff träumte, daß er Brigitte Bardot war und sich selbst küßte. In (63) soll dabei das akkusativisc he Personalpronomen auf das Matrix-Subjekt Lakoff zurüc kbezogen sein, während das Reflexivum in (63′) an das Subjekt er des eingebeteten Satzes gebunden werden soll. Selbst wer (wie der Verfasser dieser Zeilen an allen Tagen mit ungeradem Datum) für (63) die Lesart, nac h der Lakoff in seinem Traum die Welt aus BBs Augen sieht und aus dieser Perspektive einen bedeutenden Linguisten küßt, nic ht so rec ht nac hempfinden kann, ist herzlic h dazu eingeladen, diesem Satz einmal zu Übungszwekken ebendiese Interpretation zu unterstellen. Den bisher in diesem Absc hnitt betrac hteten Beispielen ist gemeinsam, daß die in ihnen enthaltenen deiktisc hen Elemente — ganz im Sinne der klassisc hen Theorie — stets unmittelbar auf die Äußerungssituation bezogen waren und daß andere, dieser Situation fremde Perspektiven niemals zur Ermittlung der Intensionen irgendwelc her Teilausdrüc ke herangezogen werden mußten: in (Rmeinen) wurden die für das Einstellungs-Subjekt einsc hlägigen Arten des Gegebenseins der Referenten direkt referentieller Ausdrüc ke offengelassen und somit insbesondere nic ht von den im Einstellungs-Beri c ht verwendeten Ausdrüc ken determiniert; und in (Rmeinen + INF) wird zwar für das implizite Subjekt des Infinitivs eine ganz bestimmte Perspektive gefordert, doc h wird dieses Subjekt synkategorematisc h gedeutet und gerade nic ht als sprac hlic her Ausdruc k, dessen Charakter die betreffende Einstellung als de se kennzeic hnet. Um nun aber im Beric h der Einstellungsberic hte die klassisc he Theorie aufs Glatteis zu führen, bedarf es offenbar mehr als nur solc her Beispiele, für deren Deutung andere Äußerungssituationen oder epistemisc he Zustände herangezogen werden müssen. Wie ein potentielles Gegenbeispiel zur klassisc hen Theorie besc haffen sein könnte, mac ht man sic h vielleic ht an dieser Stelle anhand einer abwegigen Deutung des eingebetteten Infinitivs klar, nac h der einfac h das dem Infinitiv implizite
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Subjekt durc h ich besetzt wird, wobei gleic hzeitig gefordert wird, daß die Extension dieses nic ht realisierten ich am epistemisc hen Zustand des Einstellungs-Subjekts bestimmt wird. Eine solc he systematisc h versc hobene Deutung des ich hat offenbar denselben Effekt wie die oben angegebene Interpretation der Infinitiv-Einbettung; doc h diese der klassisc hen Theorie fremde Ersetzung der Äußerungssituation ist natürlic h einigermaßen ad hoc und — wie die äquivalente Regel (Rmeinen + INF) beweist — vermeidbar. (Sie führt obendrein zu syntaktisc hen Komplikationen.) Die Frage aber bleibt, ob es nic ht Beispiele gibt, bei denen eine solc he Ersetzung der Äußerungssituation durc h eine andere epistemisc he Perspektive die einzige Möglic hkeit ist. Dies wäre natürlic h insbesondere dann der Fall, wenn das entsprec hende deiktisc he Element an der sprac hlic hen Oberfläc he ersc heint und nic ht — wie das vorgeblic he ich des Infinitivs — durc h grammatisc he Analyse hin- oder wegerklärt werden kann. Hier ist so ein Fall: (64) Schweißgebadet wachte Tom mitten in der Nacht auf: morgen war Heiligabend, und er hatte völlig vergessen, dem Weihnachtsmann seinen Wunschzettel zu schicken. Das Problem ist das Temporaladverb morgen, das sic h für gewöhnlic h auf den Tag nac h der Äußerungssituation bezieht (und somit deiktisc h ist). Im vorliegenden Fall ist zunäc hst nic ht hundertprozentig klar, worauf morgen überhaupt verweist: ist es der auf die besc hriebene (Auswertungs-) Situation folgende Tag, oder handelt es sic h um den näc hsten Tag aus Toms Sic ht? Wie dem auc h sei: die Äußerungssituation spielt — zumindest in der näc hstliegenden Lesart von (64) — für die Bestimmung der Extension von morgen gar keine Rolle. Es sc heint, als müsse sie für den kurzen Moment der Äußerung von morgen durc h eine andere Situation ersetzt werden. Wir haben also unser Gegenbeispiel gefunden. Oder etwa nic ht? Immerhin basierte die Argumentation des vorhergehenden Absatzes auf der Voraussetzung, daß morgen deiktisch ist und also seine Extension aus der Äußerungssituation bezieht. Nun zeigt aber doc h (64) gerade, daß das nic ht der Fall sein kann. Statt der gesamten klassisc hen Theorie sollten wir vielleic ht einfac h nur die Annahme aufgeben, daß morgen deiktisc h ist, und (64) im Gegenteil als Indiz dafür werten, daß es sic h
IV. Kontexttheorie
um ein absolutes Wort zur Kennzeic hnung des auf die Auswertungssituation folgenden Tages handelt. Wenn wir dann noc h annehmen, daß der Satz morgen war Heiligabend in (64) unter ein unsic htbares Einstellungsprädikat (mit unsic htbarem Subjekt Tom) eingebettet ist, kämen wir der intendierten Deutung von (64) offenbar rec ht nahe. Gegen diese bequeme Lösung spric ht der Umstand, daß Beispiele wie (64) sehr selten sind und in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle das Wort morgen eben doc h auf die Äußerungssituation bezug nimmt, was zumindest irgendwie erklärt werden müßte. Für eine absolute Deutung spric ht wiederum die Tatsac he, daß eine analoge Versc hiebung der Äußerungssituation für die Bestimmung der Extension eines so klar deiktisc hen Wortes wie ich unmöglic h zu sein sc heint: (64′) besagt etwas ganz anderes als (64). (64′) Schweißgebadet wachte Tom mitten in der Nacht auf: morgen war Heiligabend, und ich hatte völlig vergessen, dem Weihnachtsmann meinen Wunschzettel zu schicken. Es ist natürlic h fraglic h, ob sic h aus der Existenz solc her isolierter Beispiele irgendein entsc heidender Einwand gegen die klassisc he Theorie konstruieren läßt. Sätze wie (64) muten ohnehin irgendwie metasprac hlic h an oder sind jedenfalls sonstwie markiert. Die Gesuc htheit solc her vermeintlic her Gegenbeispiele ist vielleic ht gerade ein Hinweis darauf, daß die klassisc he Theorie mit ihrer Analyse des Normalfalls nicht so ganz schief liegt. 4.3 Skopismus, Holismus und quantifizierte Kontexte In diesem Absc hnitt dreht es sic h weniger um einen Phänomenbereic h, der sic h im Rahmen der klassisc hen Theorie nic ht oder nur auf unbefriedigende Weise besc hreiben ließe, als vielmehr um einen weiteren Ansatz zur Semantik deiktisc her Ausdrüc ke: den Skopismus. Aus zweierlei Gründen handeln wir diese Alternative erst hier und nic ht sc hon im zweiten Teil ab: einerseits hat nämlic h offenbar niemand jemals eine ernstgemeinte skopistisc he Analyse des Phänomens der Deixis geliefert; die Möglic hkeit geistert lediglic h als Sc hrec kgespenst durc h die klassisc h geprägte Literatur. Andererseits ergeben sic h aus der Kritik des Skopismus aus klassisc her Sic ht wiederum tiefe Einsic hten in und möglic herweise sc hwerwiegende Einwände gegen die klassische Theorie selbst.
9. Kontextabhängigkeit
Um überhaupt zu sehen, daß und wie der Skopismus ursprünglic h motiviert ist, führen wir zunäc hst ein Beispiel vor, bei dem man die für den Skopismus zentrale Skopus-Analyse auf gewisse absolut referierende Ausdrücke anwendet: (65) Anfang der siebziger Jahre war in der National-Zeitung zu lesen, in schwerer Zeit habe der Kanzler das Vaterland im Stich gelassen. Uns interessiert an (65) nur ein ganz spezieller semantisc her Aspekt, nämlic h der Beitrag, den die Kennzeic hnung der Kanzler zur Extensionsbestimmung leistet; und bei dieser Nominalphrase ist es vor allem die Zeitabhängigkeit ihrer Extension, der unsere Aufmerksamkeit gilt. Zunäc hst einmal müssen wir aber die Grobstruktur von (65) irgendwie in den Griff bekommen. Wir gehen davon aus, daß es sic h bei war in der National-Zeitung zu lesen um ein subjektloses EinstellungsPrädikat handelt, dessen Extension (in einer Auswertungssituation) die Propositionen umfaßt, die durc h die in der National-Zeitung (in derselben Situation) behaupteten Sätze ausgedrüc kt werden. Die adverbialen Bestimmungen Anfang der siebziger Jahre und in schwerer Zeit dagegen quantifizieren (existentiell) über die Auswertungs-Zeiten jeweils ganz bestimmter Zeiträume. Der gesamte Satz besagt damit, daß es einen Zeitpunkt z am Anfang der 70er Jahre gibt, so daß in der zu z ersc hienenen Ausgabe der National-Zeitung eine Behauptung aufgestellt wurde, die dann zutrifft, falls es eine Zeit z’ zwisc hen 1933 und 1945 gibt, zu dem die durc h den Satz der Kanzler hat das Vaterland im S tich gelassen ausgedrüc kte Proposition p wahr ist. Nac h der in Absc hnitt 3.3 skizzierten Semantik der Kennzeic hnungen hängt nun die Identität von p davon ab, ob die Kennzeic hnung der Kanzler deiktisc h oder absolut verstanden werden soll; der eingebettete Satz ist gerade in dieser Hinsic ht mehrdeutig. Nac h der ersten Lesart würde zur Zeit der Abfassung dieses Kapitels die Intension des eingebetteten Satzes pdgerade die (fiktiven und realen) Situationen umfassen, in denen Helmut Kohl das Vaterland im Stic h läßt; die zweite Lesart padagegen besteht aus den Situationen s, in denen der Kanzler in s das Vaterland im Stic h läßt. Im einen Falle würde also (65) auf die Behauptung hinauslaufen, daß die National-Zeitung zu Beginn der 70er Jahre Helmut Kohls Vergangenheit unter die Lupe genommen hätte; im zweiten Falle würde dem Blättc hen unter-
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stellt, es werfe dem Reic hskanzler Adolf Hitler Vaterlandsverrat vor. Es ist nic ht zu bestreiten, daß (65) in der Tat diese beiden — offenkundig falschen — Lesarten besitzt. Das Problem ist natürlic h, daß (65) in gewisser Weise stimmt. Doc h hatte es die rec htsradikale Presse zum genannten Zeitpunkt natürlic h weder auf den pfälzisc hen Konservativen noc h auf den Braunauer Rassisten abgesehen. Zielsc heibe der Angriffe war vielmehr der damals amtierende Bundeskanzler Willy Brandt. Neben pdund pasc heint also der eingebettete Satz auc h noc h die Proposition pmausdrüc ken zu können, die gerade in den Situationen zutrifft, in denen derjenige, der zum einsc hlägigen Ersc heinungsdatum z der National-Zeitung Kanzler war, im Dritten Reic h das Vaterland im Stic h gelassen hat. Diese dritte (oder mittlere) Lesart, die man mit der Auflösung der Kennzeic hnung der Kanzler in zwei Lesarten offensic htlic h nic ht bekommen kann, ergibt sic h nun auf natürliche Weise mit einer Skopus-Analyse. Wir führen das Verfahren hier nur sehr grob vor; die Details können an anderer Stelle nac hgelesen werden. Wir verweisen auf die Artikel 22 und 7. In der Tat haben wir die Tec hnik sc hon in Absc hnitt 4.1 kennengelernt, wo wir für den Zwec k der Quantorenbindung Sätze in Nominalphrasen und offene Formeln zerlegt haben. Entsprec hende Zerlegungen können wir nun auc h bei (65) und seinen Teilsätzen vornehmen, obwohl dort natürlic h gar kein Pronomen gebunden werden muß. Drei dieser Zerlegungen interessieren uns hier besonders, da sie — wie wir sogleic h sehen werden — den drei beobac hteten Lesarten entsprec hen. Zunäc hst einmal kann man (65) in die (absolut zu deutende) Nominalphrase der Kanzler und die verbleibende Matrix md (Anfang der siebziger Jahre war in der National-Zeitung zu lesen, in schwerer Zeit habe x das Vaterland im S tich gelassen) zerlegen; diese Zerlegung läßt sic h dann so deuten, daß die Extension von mddie Menge Md der Individuen ist, die die Matrix (anstelle von x) erfüllen und daß der ganze Satz wahr ist, wenn die Extension der Kennzeic hnung ein Element von Mdist. Eine zweite Möglic hkeit ergibt sic h, wenn wir lediglic h den eingebetteten Satz in der Kanzler und die Matrix mm (in schwerer Zeit habe x das Vaterland im S tich gelassen) zerlegen und das Ganze analog deuten. Drittens und letztens können wir den eingebetteten Satz ‘unterhalb’ des Temporaladverbs in der Kanzler und eine Matrix ma (x habe das Vaterland im S tich gelassen) se-
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zieren. Wie man nun leic ht nac hweist (und die Notation sc hon andeutet), entsprec hen diesen drei Zerlegungen gerade die drei vorher ausgemac hten Lesarten. Das war die SkopusAnalyse von (65). Es ist bemerkenswert, daß die SkopusAnalyse ohne die Annahme einer Ambiguität in der Kennzeic hnung der Kanzler auskommt. Daraus könnte man an dieser Stelle die (freilic h voreilige) Konsequenz ziehen, genau diese Annahme sei überflüssig. Wir lassen diesen Punkt vorerst offen und wenden uns zunäc hst einer weit radikaleren Spekulation zu, die sic h an dieser Stelle ebenso aufzudrängen sc heint. Dazu sc hauen wir uns noc h einmal genauer an, wie die direkt referentielle Lesart der Kennzeic hnung der Kanzler durc h die Skopus-Analyse von (65) abgedec kt wird. Wir haben bereits erwähnt, daß der gewünsc hte Effekt dadurc h erreic ht wird, daß der gesamte Satz (65) in die betreffende Nominalphrase plus Rest-Matrix zerlegt wird: die Extension der NP wird dann an der für die Auswertung dieses Gesamtsatzes einsc hlägigen Situation vorgenommen, und das ist — aufgrund des Prinzips (D) — gerade die Äußerungssituation. Dieser Effekt ist natürlic h von Einzelheiten des Beispiel (65) unabhängig: sobald ein Satz in eine NP plus Rest-Matrix zerlegt und im angedeuteten Sinne interpretiert wird, hängt die Extension der NP — eben wegen (D) — nur von der Äußerungssituation ab. In diesem Sinne läßt sic h direkte Referentialität durc h Skopus simulieren. Da man den komplexen Apparat der Skopus-Analyse — wie (65) zeigt — ohnehin zu benötigen sc heint, ist es nur billig zu fragen, warum man ihn dann nic ht auc h auf dem Terrain der klassisc hen Theorie, der Semantik deiktisc her Ausdrüc ke, zum Einsatz bringen sollte. Genau diese Übertragung der soeben besc hriebenen skopusanalytis c hen Te c hniken auf deiktisc he Ausdrüc ke bezeic hnen wir hier als Skopismus. Sc hauen wir uns genauer an, wohin diese Spekulation führt. Zunäc hst einmal muß klargestellt werden, daß eine Skopus-Analyse für deiktisc he Ausdrüc ke nic ht genau nac h dem Muster des eben diskutierten Beispiels vorgenommen werden darf. Denn der Witz an solc hen Ausdrüc ken wie ich und jetzt ist es ja gerade, daß sie sic h immer auf die Äußerungssituation beziehen und nic ht — wie der Kanzler in (65) — je nac h Lesart (Zerlegung) auf sie bezogen werden können oder nic ht. Eine Übertragung der Skopus-Analyse auf deiktis c he Ausdrü c ke müßte also sämtlic he Lesarten bloc kieren, bei
IV. Kontexttheorie
denen diese nic ht in Abhängigkeit von der Äußerungssituation gedeutet würden. Daß die Durc hführung einer solc hen Bloc kade kein triviales Unternehmen sein kann, sieht man vielleic ht sc hon daran, daß eine einfac he Regelung, nac h der jedes deiktisc he Element a zu einer Zerlegung des Gesamtsatzes φ(α) in a plus Rest-Matrix φ(x) Anlaß geben soll, sc hon deshalb nic ht funktionieren kann, weil der Gesamtsatz mehr als ein deiktisc hes Element enthalten könnte. Von diesem tec hnisc hen Detail abgesehen, würde eine Zurüc kführung der Deixis auf Skopus-Verhalten in einen ernsthaften Konflikt mit jeder Art von Kompositionalitätsprinzip führen. Ein Satz, der Deiktisc hes enhält, könnte nämlic h nac h dieser Analyse so gut wie nie in einen anderen Satz eingebettet werden, ohne daß sic h durc h diese Einbettung nic ht auc h seine Bedeutung ändern würde: durc h die Einbettung ergibt sic h ein neuer Gesamtsatz und somit auc h eine neue Zerlegung, die im allgemeinen nic ht zur ursprünglic hen Zerlegung äquivalent ist. In gewisser Weise liegt genau hier der Angriffspunkt der klassisc hen Theorie gegen den Skopismus; doc h davon später mehr. Sc hauen wir uns zunäc hst einmal an, was durc h die Besc hreibung der Deixis mit Hilfe der Skopus-Analyse gegenüber der klassisc hen Theorie gewonnen sein könnte. Was den Skopismus gegenüber der klassisc hen Theorie so attratkiv mac ht, ist leic ht gesagt: er kommt ohne eine Untersc heidung von Äußerungs- und Auswertungssituation und somit ohne den Charakter als zu Extension und Intension zusätzlic her semantisc her Ebene aus. Da die Untersc heidung von Charakter und Intension ja gerade durc h die klassisc he Analyse deiktisc her Ausdrüc ke in intensionalen Umgebungen motiviert war, ist das nic ht weiter verwunderlic h. Dennoc h lohnt es sic h, einmal genau nac hzusc hauen, was eigentlic h im Rahmen einer skopistisc hen Analyse aus dem ursprünglic hen Situationenpaar wird. Dazu ziehen wir eine Variante eines Beispiels zurate, das uns einmal (in Absc hnitt 1.2) zur Motivation der Dualität von Äußerungs- und Auswertungssituation gedient hat: (66) Monika vermutet, daß ich nicht spreche. Der klassisc hen Theorie gemäß sieht die logisc he Form von (66) — in der extensionalisierten Notation von Absc hnitt 2.2 — in etwa folgendermaßen aus: (66′) VERMUTEN(s, Monika, {s SPRECHEN(s, ICH(s0))})
9. Kontextabhängigkeit
In (66′) haben wir die in der Metasprac he übli c he Notation für Mengenabstraktion durc h gesc hweifte Klammern benutzt. Man beac hte, daß die zwisc hen ‘{’ und ‘’ stehende Variable s im Mengenterm gebunden ist und sic h in dieser Hinsic ht von dem ersten, freien Vorkommen von s in (66′) untersc heidet; wir haben dieselbe Variable gewählt, um hervorzuheben, daß es sic h um dieselbe Art der Bezugnahme auf Auswertungssituationen handelt. Weniger verwirrend ist jedoc h diese — vollkommen äquivalente -Notation: (66) VERMUTEN(s, Monika, {s’ ﹁ SPRECHEN(s’, ICH(s0))}) Vergleic hen wir nun diese Formel mit dem Ergebnis der entsprec henden Skopus-Analyse! Dafür müssen wir (66) zunäc hst in das deiktisc he ich und die Restmatrix vermutet, daß x nicht spricht zerlegen. (Morphologisc he Feinheiten übergehen wir wieder einmal.) Letztere enthält keine deiktisc hen Elemente — zumindest wenn wir die Finitheit ignorieren — und besitzt demnac h die folgende absolut referierende Form: (67) VERMUTEN(s, Monika, {s ﹁ SPRECHEN(s,x)}) Die Skopus-Analyse bildet jetzt aus (67) eine Menge und weist (66) die Aussage zu, daß die Extension von ich ein Element derselben ist. Wir erhalten damit: (66′) ICH(s0) ∈ {x VERMUTEN(s, Monika, {s ﹁ SPRECHEN(s, x)}) Wir haben wie in der klassisc hen Theorie die Extension von zwei Situationen abhängig gemac ht, obwohl wir ja zeigen wollen, daß nac h skopistisc her Auffassung eine einfac he Situationsabhängigkeit vollkommen ausrei c ht. Das in (66′) freie Vorkommen von s (das die Auswertungssituation für das Prädikat VERMUTEN andeutet) und das (für die Extensionsbestimmung von ICH zuständige) s0 müßten also durc h dieselbe Variable ersetzt werden können, wenn unsere Vermutung ric htig ist; und da der Sprec her-Parameter ICH nur in Bezug auf Äußerungssituationen Sinn mac ht, sollte diese eine Variable gerade s0sein. Wir erhalten somit aus (66′) eine Formel, die sic h — wieder unter Rüc kgriff auf eine gebundene Umbenennung — auf die folgende kompaktere Form bringen läßt: (66) VERMUTEN (s0, Monika, {s’ ﹁ SPRECHEN (s’, ICH(s0))}) Wir sehen also, daß das bei der klassisc hen Analyse (66k) herangezogene Paar aus Äuße-
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rungs- und Auswertungssituation in der Skopus-Analyse (66s) durc h den entsprec henden waagerec hten Diagonalpunkt ersetzt wurde: die Skopus-Analyse ist damit zur waagerec hten Diagonalisierung der klassisc hen Analyse äquivalent. Zwisc hen den beiden besteht somit durc haus ein kleiner Untersc hied. Ist damit unsere Vermutung, der Skopismus könne die klassisc he Theorie ohne Charaktere simulieren, widerlegt? Nicht ganz. Der Sc hlüssel zur Klärung des Verhältnisses der beiden Ansätze zueinander liegt in dem der klassisc hen Theorie eigentümlic hen Default-Prinzip. Denn das Prinzip (D) besagt, daß ein Satz genau in den (Äußerungs-)Situationen wahr ist, in denen auc h seine waagerec hte Diagonalisierung wahr ist. Der von Haus aus zweidimensionale Wahrheitsbegriff der klassisc hen Theorie wird auf diese Weise eindimensional. Mit Hilfe der soeben an (66) gemac hten Beobac htungen — die sic h bei einer geeigneten Präzisierung auf beliebige Sätze verallgemeinern ließen — sc hließen wir, daß der Skopismus auf denselben eindimensionalen Wahrheitsbegriff führt wie die klassisc he Theorie. Soweit sic h die zentralen semantisc hen Begriffsbildungen auf den (auf Äußerungssituationen relativierten) Wahrheitsbegriff zurüc kführen lassen, ist also der Skopismus — seine Mac hbarkeit einmal vorausgesetzt — zumindest in deskriptiver Hinsic ht der klassisc hen Theorie ebenbürtig. Eine klassisc he Kritik der Gleic hsetzung von direkter Referenz und weitem Skopus muß damit entweder (a) über die deskriptive Adäquatheit hinausgehende externe Kriterien für die Bevorzugung semantisc her Theorien angeben oder aber (b) wenigstens einen nur klassisc h (im Gegensatz zu: skopistisc h) definierbaren Begriff nennen, der nic ht nur innerhalb der klassisc hen Theorie selbst von Interesse ist. Vertreter der klassisc hen Theorie versuc hen in der Regel, den Forderungen (a) und (b) auf einen Sc hlag nac hzukommen. Wir haben ja sc hon gesehen, daß der Skopismus mit dem Makel einer inhärenten Nic ht-Kompositionalität behaftet ist. Kompositionalität ist dann auc h das klassisc herweise angeführte externe Kriterium. Der Skopismus erfüllt es nic ht; die klassisc he Theorie hingegen — Durc hführbarkeit des Programms wieder einmal außen vor — erfüllt das Monsterverbot (M) und damit eine relativ strenge Kompositionalitats-Anforderung: Kompositionalität gilt nic ht nur auf Charakter-, sondern sogar auf Intensions-Ebene. Die Intension ist zu-
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gleic h auc h der wic htigste gegen vermeintlic he Skopisten als Beleg zu (b) ins Felde geführte klassisc he Begriff: in der Skopus-Analyse verwisc ht sic h der Untersc hied zwisc hen Charakter und Intension. Wir können uns diese klassisc he Kritik leic ht anhand des obigen Analyse-Beispiels klarmac hen. Der kleine Untersc hied zwisc hen (66k) und (66s) besteht ja gerade darin, daß nur in der klassisc hen Variante (durc h die Wahl untersc hiedlic her Variablen) zwisc hen Äußerungs- und Auswertungssituation differenziert wird. Bei der Defintion der Intension aus der Charakterformel (66k) mac ht man sic h diesen Untersc hied zunutze, indem man erstere, nic ht aber letztere mit einem konkreten Wert belegt. Eine solc he differenzierte Belegung ist aber in (66s) unmöglic h, da es hier nur eine freie Variable gibt, deren Vorkommen alle (zu)gleic h belegt werden müssen. Die Nic ht-Definierbarkeit der Intension erklärt das Sc heitern der Kompositionalität: die Intension wird gerade für eine Einbettung in intensionale Umgebungen benötigt. Daß Intensionen über ihre Rolle für eine kompositionelle Deutung hinaus irgendein Interesse haben können, muß freilic h erst noc h gezeigt werden. Dazu genügt es, sic h auf einen speziellen Typ von Intensionen, die Propositionen, zu konzentrieren. Bereits bei ihrer intuitiven Motivierung (in Absc hnitt 1.1) sind Propositionen als Satzinhalte, als das, was S ätze besagen, eingeführt worden. Sie haben somit eine — wenn auc h etwas vage — außertheoretisc he Charakterisierung erfahren. Genauer: der klassisc he Propositionsbegriff beanspruc ht, ein vortheoretisc h gegebenes Phänomen zu erfassen. Dieser Anspruc h der klassisc hen Theorie, die mit Sätzen (in Äußerungssituationen) gemac hten Aussagen durc h die von ihnen ausgedrüc kten Propositionen zu erfassen, manifestiert sic h in der Aufspaltung (E) des Informationsgehalts in zwei Komponenten. Und hier versagt der Skopismus: da mit ihm der Propositionsbegriff nic ht definierbar ist, ist er auc h nic ht in der Lage, ein Analogon zu (E) zu liefern. Damit ist er insbesondere auc h als Ausgangspunkt für die in Absc hnitt 2.5 angedeuteten erkennntistheoretis c hen Betra c htungen ungeeignet. Die die Kompositionalität betreffende klassisc he Kritik (a) des Skopismus wollen wir hier nic ht weiter diskutieren, weil sie offenkundig gerec htfertigt ist. Uns interessiert hier mehr der Einwand (b), der klassisc he Propositions-Begriff sei von unabhängigem Interesse. Wir haben bereits darauf hingewie-
IV. Kontexttheorie
sen, daß der ihm entsprec hende vortheoretisc he Begriff des Besagten ein wenig vage ist. Machen wir uns das an einem Beispiel klar: (68) Ich bin jetzt in Grasse. Was (68) besagt, hängt offensic htlic h davon ab, unter welc hen Umständen der Satz geäußert wird. Günter Grass hätte mit einer Äußerung von (68) anno 1959 etwas anderes gesagt, als es Patric k Süskind mit demselben Satz im Jahre 1989 vermag: im ersten Fall läuft die Äußerung auf die Behauptung hinaus, daß sic h der bekannte Sozialdemokrat zu einem gewissen Zeitpunkt der fünfziger Jahre in der Parfümstadt befindet, während die zweite Äußerung von einem gewissen Gegenwartsautoren besagt, er weile zu einer bestimmten späteren Zeit in der Provenc estadt. So jedenfalls lehrt es uns die klassisc he Theorie. Doc h stimmt das auc h? Stellen wir uns einmal vor, die beiden Äußerungen von (68) wären Texte auf Ansic htskarten, die die Autoren jeweils an ihre Verleger gesc hic kt hätten. Auf der Buc hmesse treffen sic h nun diese beiden Verleger, wobei der eine die Karte des anderen sieht und dieselbe mit folgenden Worten kommentiert: (69) Das hat Grass damals auch geschrieben; in Wirklichkeit hat er sich dann in Godesberg herumgetrieben. Uns interessieren die ersten drei Buc hstaben von (69), mit denen sic h der Sprec her auf die in Süskinds Ansic htskarte aufgestellte Behauptung bezieht. Da er nac h unserer Gesc hic hte zumindest mit dem ersten Teilsatz von (69) rec ht hat, kann die Extension des das in dieser Lesart (A) unmöglic h die (nac h der klassisc hen Theorie) auf Süskinds Ansi c htskarte ausgedrü c kte Proposition sein; denn über seines zukünftigen Kollegen zukünftigen Aufenthaltsort hat sic h Günter Grass zur Zeit des Parteitags sic herlic h keine Gedanken gemac ht. In einem gewissen Sinne ist also das, was mit der von uns betrac hteten Äußerung von (68) gesagt wird, nic ht dasselbe wie die Intension dieses Satzes. Natürlic h kann man den Begriff auc h in dieser Situation im Sinne der klassisc hen Theorie verstehen: wenn Süskinds Verleger ein Witzbold ist, kann er vielleic ht auf die Äußerung seines Kollegen mit seiner Bewunderung der Weitsic ht des Autoren der Blechtrommel kontern — oder seiner Verwunderung darüber Ausdruc k geben, daß sic h der von ihm selbst verlegte Erfolgsautor sc hon in so jungen Jahren für Politik interessierte. Im ersten Falle (B) hätte er dann das das im Sinne von daß
9. Kontextabhängigkeit
S üskind zur Zeit der Abfassung seiner Karte in Grasse sei, also der Intenison der betreffenden Äußerung von (68), verstanden; im zweiten Falle (C) hätte er offenbar das Demonstrativum auf die durc h S üskind befindet sich 1959 in Grasse ausgedrüc kte Proposition bezogen. Wohlgemerkt: alle drei Möglic hkeiten des Verständnisses von das sind in dieser Situation legitim — wenn auc h zwei von ihnen aus inhaltlic hen Gründen abwegig ersc heinen; und alle drei Möglic hkeiten ergeben sic h aus der waagerec hten Diagonalisierung des Charakters von (68) durc h Bezug jeweils versc hiedener situationeller Parameter auf die Äußerungssituation — aber es ist keineswegs klar, daß eine dieser drei Möglic hkeiten in einem besonderen, von den anderen beiden verfehlten Sinne das mit dem Satz (in der Situation) Gemeinte trifft. In der sc hon weiter oben benutzten Notation der Extensionalisierung kann man die drei Verständnisse des in der betreffenden Situation durc h (68) Besagten so darstellen: (68) LOKALISIERUNG(Welt(s0), Zeit(s0), ICH(s0), Grasse) (68) LOKALISIERUNG(Welt(s0),1989, Süskind, Grasse) (68) LOKALISIERUNG(Welt(s0), Zeit(s0), Süskind, Grasse) Die von der klassischen Theorie beanspruchte Rekonstruktion eines vortheoretisc hen Begriffs ist also alles andere als offenkundig: das Beispiel legt eher den Verdac ht nahe, daß das vage alltagssprac hlic he Verständnis vom Gesagten zwisc hen der Intension (68B) im klassisc hen Sinne und anderen Möglic hkeiten der Abstraktion von Aspekten der Äußerungssituation c hangiert. Bei der vermeintlic hen Rekonstruktion handelt es sic h also allenfalls um einen normativen Eingriff in die Alltagssprac he: verwende den Begriff des Gesagten stets im Sinne des klassisc hen PropositionsBegriffs. Die Äußerung (69) des Verlegers von Grass zeugt dann von laxem Sprachgebrauch. Natürlic h waren Intensionen und speziell Propositionen in der klassisc hen Theorie und ihren Vorläufern in erster Linie herangezogen worden, um den Beitrag zu bestimmen, den ein sprac hlic her Teilausdruc k in einer nic htextensionalen Umgebung zur Bestimmung der Extension des Gesamtausdruc ks leistet. Diese Bestimmung des Propositions-Begriffs ist gegen die soeben vorgebrac hten kritisc hen Betrac htungen immun. Doc h mit ihr allein läßt sic h auc h kein wesentlic h über den Vor-
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wurf der Nic ht-Kompositionalität hinausgehender Einwand gegen den Skopismus konstruieren — allenfalls der, daß der Begriff des (kompositionellen) Beitrags zur Extension von unabhängigem (empirisc hen?) Interesse sei. Versuc ht die klassisc he Theorie, mit ihrem Intensions-Begriff irgendeinen weitergehenden Anspruc h zu stellen, bleibt ihr nur die Flucht in eine zweifelhafte Normativität. Wie die Intension in der klassisc hen Theorie aufgefaßt wird, gerät sie nic ht nur häufig mit dem vortheoretisc hen Begriff vom Gesagten in Konflikt, sondern ebensooft auc h mit einem sic h durc h einfac he Plausibilitäts-Überlegungen aufdrängenden umgebungsrelativen Begriff des Beitrags zur Extension. Das gilt zumindest im Rahmen einer Parametrisierung. Wie wir sc hon in Absc hnitt 2.3 gesehen haben, läuft eine Parametrisierung (immer unter der Annahme, daß jeder kontextuelle Parameter zugleic h auc h indexikalisc h ist) auf eine Aufspaltung 〈i,i’,c〉 jedes Referenzpunkts in die Aspekte i der Auswertungssituation, die indexikalisc hen Aspekte i’ der Äußerungssituation und die rein kontextuellen Aspekte c der Äußerungssituation hinaus. In welc her Aspektliste sic h ein Parameter P niedersc hlägt, hängt von seiner Verschiebbarkeit ab: wenn es eine (intensionale) Konstruktion gibt, die die Extension eines Gesamtausdruc ks von den Extensionen seiner Teile an solc hen Situationen abhängig mac ht, die sic h von der Äußerungssituation in P unterscheiden, dann ist P indexikalisc h; sonst ist P rein kontextuell. Man beac hte, daß die Einordnung von P ein für allemale und insbesondere unabhängig von der für die Versc hiebbarkeit verantwortli c hen Konstruktion ges c hieht: wenn es auc h nur eine einzige solc he den Parameter P betreffende Versc hiebung gibt, dann ist P grundsätzlic h indexikalisc h; die Abhängigkeit der Extension von Ps Wert muß in diesem Falle bei jeder intensionalen Konstruktion — und sei es auc h nur pro forma — berüc ksic htigt werden. In dieser Unflexibilität in der Aufspaltung der Referenzpunkte läßt sic h die Ursac he einiger Unplausibilitäten der klassischen Theorie erkennen. Ein paar Beispiele zeigen hoffentlic h, was gemeint ist. Bei ihrer Analyse werden wir uns noc h weiter von jeglic hen Standards der deskriptiven Semantik entfernen, als wir es ohnehin sc hon in diesem Kapitel getan haben. Möge der didaktisc he Zwec k, einen allgemein-theoretis c hen Punkt aufzuhellen, die Skrupellosigkeit gegenüber den Daten und ihrer Beschreibung rechtfertigen!
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Ein Modaladverb wie möglicherweise bezieht sic h — jedenfalls nac h einer naheliegenden semantisc hen Analyse — auf den Weltparameter und auf keinen anderen: (70) Möglicherweise war alles umsonst. Wenn Fritz nac h Verspeisen eines opulenten Mahls in einem Restaurant mehrere Male vergeblic h nac h der Rec hnung verlangt und dann seiner Gemahlin gegenüber die Hoffnung (70) äußert, so bringt er damit zum Ausdruc k, daß es zumindest in gewissen, wohl eher irrealen Situationen s so ist, daß der unter das Modaladverb eingebettete Satz es war alles umsonst in s wahr ist. Nic ht von jedem überhaupt denkbaren s ist jedoc h dabei die Rede, sondern lediglic h von solc hen, die sic h zur selben Zeit am selben Ort, aber nic ht unbedingt in der Wirklic hkeit abspielen. Versc hoben wird also nur der Weltaspekt. Als Beitrag des eingebetteten Satzes zur Extension des Gesamtsatzes bietet sic h somit diese Abhängigkeit vom Weltaspekt an. Ein Lokaladverb wie nirgends bezieht sic h — ebenfalls nac h einer naheliegenden semantisc hen Analyse — auf den Ortsparameter und auf keinen anderen: (71) Nirgends gibt es einen für diese Zwecke geeigneteren Ort. Wenn ein Sc hüler auf die Anordnung seiner Lehrerin, sc hleunigst den auf ihrem Stuhl befindlic hen Reißbrettstift zu entfernen, (71) erwidert, so bringt er damit zum Ausdruc k, daß keine Situation s so ist, daß der unter das Lokaladverb eingebettete Satz es gibt einen für diese Zwecke geeigneteren Ort in s wahr ist. Nic ht von jedem überhaupt denkbaren s ist jedoc h dabei die Rede, sondern lediglic h von solc hen, die sic h zur selben Zeit in derselben Welt, aber nic ht unbedingt am Ort der Äußerung abspielen. Versc hoben wird also nur der Ortsaspekt. Als Beitrag des eingebetteten Satzes zur Extension des Gesamtsatzes bietet sic h somit diese Abhängigkeit vom Ortsaspekt an. Die im Zusammenhang mit (70) und (71) angestellten Betrac htungen sind mit der klassisc hen Theorie nic ht hundertprozentig vereinbar. Wenn nämlic h die Analyse von (70) zeigt, daß der Weltparameter versc hiebbar ist und die Analyse von (71) auf die Versc hiebbarkeit des Ortsparameters hinweist, dann muß in jedem der beiden Fälle die im jeweils anderen Fall beobac htete Versc hiebbarkeit in den globalen, von der einzelnen Konstruktion unabhängigen Intensions-Begriff eingehen. Beitrag des eingebetteten Satzes zur Extension des Gesamtsatzes muß also in beiden
IV. Kontexttheorie
Fällen die Abhängigkeit von der Welt, vom Ort und von weiteren, in anderen Umgebungen beobac heten Aspekten sein. Was der Beitrag eines Teils zur Extension des Ganzen ist, hängt also nac h der klassisc hen Theorie strenggenommen von allen nic ht-extensionalen Konstruktionen der jeweiligen Sprac he bzw. von deren Besc hreibung ab. In diesem Sinne haftet der klassisc hen Theorie (bei einer Parametrisierung der Auswertungssituationen) ein holistisches Element an. Eine Alternative zu diesem Holismus könnte sic h durc h eine etwas flexiblere Auffassung von Referenzpunkten ergeben. Wir skizzieren hier nur ein denkbares Vorgehen; ob es wirklic h zu intuitiveren Resultaten führt als die klassisc he Theorie, steht in den Sternen am Ideenhimmel. Für die Skizze setzen wir eine feste Parametrisierung voraus. Für eine beliebige Menge M von indexikalisc hen Parametern ist dann ein M-Referenzpunkt ein Paar, bestehend aus einem Kontext sowie einem M-Index, d. h. einer Liste von indexikalisc hen Aspekten, die nur für jedes Element von M einen Wert enthält. Ein M-Index m läßt sic h in der Weise in einen gewöhnlic hen Index i einarbeiten, daß alle M-Aspekte in i durch die entsprec henden Aspekte von m ersetzt werden; das Resultat notieren wir als i/m. Jeder gewöhnlic he Charakter χ determiniert dann in natürlic her Weise an jedem — parametrisierten, ungespaltenen und möglic herweise unstimmigen — Referenzpunkt 〈c,i〉 eine MIntension namens χ(c)(i-M), also eine Funktion von M-Indizes in Extensionen: χ(c)(i-M) liefert für einen beliebigen M-Index m als Wert χ(c)(i/m). Ganz analog zu den in Abcs hnitt 1.4 eingeführten Begriffsbildungen kann man nun eine n-stellige syntaktisc he Operation F als M- intensional bezeichnen, falls jeweils M-intensionsglei c he Teilausdrüc ke stets zu extensionsgleic hen Gesamtausdrüc ken führen, falls also für alle Charaktere χ1, χ1’,..., χn, χn’ und alle Referenzpunkte 〈c,i〉 gilt: χ1(c)(i-M) = χ1’(c)(i-M), ..., χn(c)(i-M) = χn’(c)(i-M) impliziert ΣF(χ1, ..., χn)(c)(i) = ΣF(χ1, ..., χn)(c)(i). Und ganz analog ist eine solc he syntaktisc he Konstruktion F genau dann M-intensional, wenn sic h die entsprec hende semantisc he Operation ΣF jeweils, also an jedem Kontext c, in dem Sinne auf eine Operation ΣFc über M-Intensionen zurüc kführen läßt, daß für beliebige Charaktere χ1, ..., χn und Indizes i gilt:
9. Kontextabhängigkeit
ΣF(χ1,..., χn)(c) = ΣFc(χ1(c)(i-M),...,χn(c)(iM)). Wären die für (70) und (71) skizzierten Beispielsanalysen korrekt, so wäre die Hinzufügung eines Modal- bzw. Lokaladverbs {Welt}- bzw. {Zeit}-intensional. Die Angabe der entsprec henden M-intensionalen Operationen überlassen wir — wieder in Analogie zu Absc hnitt 1.4 — der Leserin. Auf die sinngemäße Übertragung der dort im Zusammenhang mit intensionalen und gemisc hten Konstruktionen angestellten Überlegungen zur Kanonizität verzichten wir hier. Ziel der ganzen Sophisterei ist es, einen begrifflic hen Rahmen für eine Aufweic hung der klassisc hen Theorie bereitzustellen. Die Idee dabei ist zunäc hst, für jede syntaktisc he Operation F eine (im Sinne der Inklusion) möglic hst kleine Menge M indexikalischer Parameter zu finden, so daß F M-intensional ist. Sind solc he minimalen Parameter-Mengen erst einmal gefunden — in der Regel dürfte dies keine allzu großen Sc hwierigkeiten bereiten — so kann man die klassisc he Dic hotomie von Intensionalität und Extensionalität in der Grammatik durc h ein ganzes Spektrum von M-Intensionalitäten wie Temporalität (M = {Zeit}), Modalität (M = {Welt}), Propositionalität (M = {Zeit, Welt}) etc . ersetzen. Das ist zunäc hst nur eine Verfeinerung der klassisc hen Theorie. Die Situation ändert sic h aber dann, wenn die M-Intensionen nic ht nur zur Klassifikation syntaktisc her Konstruktionen herangezogen werden, sondern auc h in andere Bereic he der Theorie vordringen, wie es etwa der Fall wäre, wenn man in dem Prinzip (E) als perspektivelose Information jeweils das ganze Spektrum der M-Intensionen berüc ksic htigte, die sic h in einer Äußerungssituation durc h Abstraktion von einigen indexikalisc hen Aspekten bei gleic hzeitiger Besetzung der anderen durc h den Kontext ergeben. Sieht man einmal von der — zumeist angenommenen — reinen Kontextualität des Sprec her-Parameters ab, so hätte man hier einen Ausgangspunkt zur Erfassung des im Zusammenhang mit (68) beobac hteten Changierens des Besagten; die angesproc hene Lüc ke läßt sic h dann entweder durc h Quadratur oder durc h Erweiterung des Begriffs der M-Intensionaltitäten schließen. Die obigen Andeutungen sind zugegebenermaßen sehr vage und unfertig, können aber als Anregung für eine weitere Besc häftigung mit dem neuerlic h im klassisc hen Rahmen aufgetauc hten, leic ht beunruhigenden Phänomen der quantifizierten Kontexte verstanden werden. Das Phänomen besteht
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darin, daß gestandene kontextuelle Parameter urplötzlic h dabei erwisc ht werden, wie sie durc h sprac hlic he Operatoren gebunden, also versc hoben, werden. Hier zunäc hst ein harmloses, weil klassisc h erklärbares Beispiel, das wir bereits in Absc hnitt 1.3 angesproc hen haben: (72) Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr. Immer unter der Annahme, daß es sic h bei Vater um ein funktionales Substantiv handelt und daß weiterhin ein fehlendes Argument stets durc h den Kontext beigesteuert wird, gibt es hier ein ernsthaftes Problem. Offensic htlic h besagt ja (72) in seiner näc hstliegenden Lesart nic ht, daß die Vatersc haft eines ganz bestimmten, vielleic ht unmittelbar vor Äußerung des Satzes erwähnten Kindes eine Bürde ist; gemeint ist offenbar vielmehr eine Aussage über die Vatersc haft im allgemeinen. Je nac h Skopus der Negation ist also die Argumentposition existentiell oder universell abquantifiziert. In jedem Falle müßte man dann aber von der für kontextuelle Auffüllung vorgesehenen Stelle abstrahieren, was nac h den Regeln der klassisc hen Theorie nic ht möglich ist. Das Problem mit (72) kann man auf versc hiedene Weisen lösen. Zunäc hst sei darauf hingewiesen, daß die betreffende deiktisc he Position unsic htbar ist und insofern — ähnlic h wie das fehlende Subjekt des Infinitivs im vorhergehenden Absc hnitt — relativ beliebig manipuliert werden kann: vielleic ht handelt es sic h bei der für die quantifizierte Lesart verantwortlic hen Konstruktion um eine andere, nic ht deiktisc he Possessivierung als die in Absc hnitt 3.3 diskutierte. Eine andere Möglic hkeit der Erklärung ist rein pragmatisc her Natur: (72) hat so etwas Spric hwörtlic hes. Und bei allgemeinen Lebensweisheiten abstrahiert man sc hon einmal vom Kontext. So z. B. auch in: (73) Ich kann doch nicht einerseits andauernd Nächstenliebe predigen und andererseits sämtliche Nachbarn verklagen. Das ich wird in (73) weniger als Bezeichnung des Sprec hers, sondern eher als Stellvertreter für dessen Perspektive oder Rolle (moralisc hes Subjekt) verstanden, über die durc h den Einleitungssatz quantifiziert wird. Es gibt gute Gründe für die Annahme, daß man derartige Quantifikationen in die Art des Sprec hakts und somit in die Pragmatik absc hieben kann. Und was bei (73) geht, könnte auc h bei (72) funktionieren.
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Die näc hsten beiden Beispiele zeigen, daß die Fluc ht in die Pragmatik keine Erlösung vom Übel der quantifizierten Kontexte bringt: (74) Die meisten Unternehmen sprechen die Preisgestaltung mit der Konkurrenz ab. (75) Jeder Gast ist mir willkommen — und sei es nur, damit wir über den Rest der Welt lästern können. Es sollte klar sein, daß eine Deutung von (74) als Spruc h über die Konkurrenten im allgemeinen zu einer abwegigen Lesart führt. Allerdings besteht natürlic h hier wieder die Möglic hkeit einer Wegerklärung der KontextVersc hiebung durc h eine weitere Possessivierungs-Konstruktion, bei der weder durc h den Kontext aufgefüllt noc h existentiell (oder sonstwie) quantifiziert wird, sondern eine unsic htbare Variable für spätere Bindungen (im Sinne von Abschnitt 4.1) eingeführt wird. (75) ist härter. Das Problem ist, daß das Wort wir nic ht auf eine bestimmte, in der Äußerungssituation besonders wic htige, den Sprec her umfassende Gruppe verweist, wie wir das von den Betrac htungen zu Beginn des Absc hnitts 3.1 her erwarten würden. Vielmehr sc heint sic h das Wort wie eine durc h das Subjekt des Hauptsatzes gebundene Variable für relevante, den tatsächlichen Sprec her umfassende Gruppen zu handeln: wir heißt so viel wie ich und der jeweilige Gast. Damit wird aber der für die Bestimmung der ric htigen Gruppe zuständige Eins c hlägigkeits-Aspekt gebunden; nac h der klassisc hen Theorie erweist er sic h damit als indexikalisc h. Doc h damit widerspric ht das Pronomen ich der Hypothese (L); denn der Sprec her-Aspekt wird für die Bestimmung der Extension von wir in (75) nac h wie vor vom Kontext beigesteuert. Alle diese Beispiele weisen offenbar darauf hin, daß die Untersc heidung von indexikalics hen (vers c hiebbaren) und kontextuellen Aspekten nic ht in der von der klassisc hen Theorie postulierten Weise funktioniert. Ob eine Aufweic hung der Theorie hier wirklic h weiterhilft, ist allerdings unklar. In jüngster Zeit werden stattdessen auc h Möglic hkeiten einer radikalen Revision oder sogar Ersetzung der klassisc hen Theorie der Deixis untersuc ht. Ausgangspunkt einiger dieser Untersuc hungen sind gewisse Inadäquatheiten der SkopusAnalyse von Kennzeic hnungen und quantifizierenden Nominalphrasen. So kann man mit der Skopus-Analyse beispielsweise nic ht so rec ht erkären, warum (76) (auc h) in dem Sinne zu verstehen ist, daß der besagte Alt-
IV. Kontexttheorie
Nazi lediglic h in der Zeit vor den im zweiten Satz beric hteten Aktivitäten Bürgermeister war: (76) Nach dem Krieg blieben viele der Parteimitglieder ohne Gesinnungswechsel im Amt. Der Bürgermeister, der freilich inzwischen hatte zurücktreten müssen, wurde noch Jahre später auf NPDKundgebungen gesehen. Als Ersatz für die Skopus-Analyse werden deshalb oft Strategien zur Verteilung von Referenzpunkten (genauer: Variablen für solc he) für die Extensionsbestimmung von absoluten Teilausdrüc ken vorgesc hlagen. Diese Strategien lassen sic h dann wieder zur Analyse der Deixis heranziehen. Ob sic h damit die in diesem Absc hnitt genannten Probleme der klassisc hen Theorie lösen lassen und welc he neuen Probleme sic h aus einer solc hen Vorgehensweise ergeben, steht natürlic h auf einem anderen Blatt. Aber eine neue Perspektive ergibt sich allemale. 4.4 Mißbrauch Zum Absc hluß des Artikels stellen wir zwei Erweiterungen der klassisc hen Theorie vor, die sic h zwar teilweise nac h dem Buc hstaben derselben ric hten, ihrem Geist jedoc h fremd sind. Die erste dieser Erweiterungen ergibt sic h aus der sc hon zu Beginn von Teil 3 angesproc henen und von der Theorie nur sc hwer auszus c hließenden Mögli c hkeit abwegiger Parametrisierungen; die zweite ist eine Revision, die die in Absc hnitt 2.5 betrac hteten Konsequenzen der erkenntnistheoretis c hen Umdeutung noc h einmal neu interpretiert. Die Tatsac he, daß die klassisc he Theorie nic ht in der Lage ist, sic h vor diesen — keineswegs fiktiven — Mißbräuc hen zu sc hützen, muß natürlic h besonders heutzutage jeden verantwortungsbewußten Wissens c haftler c na hdenklich stimmen. Für den ersten Mißbrauc h genügt es, sic h eine auffällige Eigentümlic hkeit deiktisc her Wörter vor Augen zu halten. Ein Charakteristikum von ich ist es beispielsweise, daß es in versc hiedenen Situationen versc hiedene Extensionen annehmen kann. Darin untersc heidet sic h das deiktisc he Wort nic ht von den meisten absoluten Wörtern. Der Untersc hied besteht — wenn die klassisc he Theorie rec ht hat — darin, daß die Situationsabhängigkeit beim absoluten, nic ht aber beim deiktisc hen Wort einen Beitrag zur Extensionsbestimmung leisten kann. Untersc hiedlic he Extensionen in versc hiedenen Situationen trifft man
9. Kontextabhängigkeit
aber auc h aus offensic htlic h ganz anderen Gründen an. Vom sc hwierigen Sonderfall der Eigennamen [die Gegenstand von Artikel 16 sind] einmal abgesehen, begegnen wir wec hselnden Extensionen insbesondere dort, wo auc h die Intensionen wec hseln, nämlic h bei Ambiguitäten. Und ganz wie beim deiktisc hen Ausdruc k leistet der Intensionswec hsel als solc her keinen Beitrag zur Extensionsbestimmung. So wie sic h ich stets auf den Sprec her der Außerungssituation bezieht, bezieht sic h auc h ein mehrdeutiges Wort wie S chloß stets auf das, was in der Äußerungssituation mit S chloß gemeint ist. Mac hen wir uns diese elementare Tatsac he anhand eines einigermaßen beliebigen Beispiels klar: (77) Caroline hat vor, sich morgen ein Schloß zu kaufen. (77) hat (mindestens) vier Lesarten, die sic h durc h Ausmultiplikation einer uns hier nic ht weiter interessierenden strukturellen (Skopus-) Mehrdeutigkeit — beliebiges versus bestimmtes Sc hloß — mit der lexikalisc h bedingten Ambiguität von S chloß ergeben. Nac h einer dieser vier Lesarten plant etwa Caroline (im Sinne einer in Absc hnitt 4.2 dargestellten Analyse), die Eigensc haft zu besitzen, die ein Individuum x in einer Welt w genau dann hat, wenn es in w ein Herrsc haftsgebäude gibt, welc hes x (in w) am Tag nac h der Äußerung von (77) käuflic h erwirbt. Eine Lesart, die (77) nic ht besitzt, ist die, nac h der sic h Carolines Trac hten auf einen beliebigen Zeitpunkt ric htet, an dessen darauffolgenden Tag sie sic h dann das Sc hloß kauft: morgen rec hnet vom Tag der Äußerung an. Ebenso gibt es keine Lesart, nac h der Caroline am Tag nac h der Äußerung etwas kaufen will, das entweder eine Sc hließvorric htung oder ein Gebäude ist — je nac hdem, wie in der Kaufsituation S chloß verstanden würde: die Disambiguierung findet also in der Äußerungssituation statt. Die Tatsac he, daß lexikalisc he Disambiguierungen in der Äußerungssituation stattfinden, könnte man nun als Indiz für einen Bezug mehrdeutiger Lexeme auf die Äußerungssituation werten. Lexikalisc he Ambiguität wäre demnac h ein Spezialfall von direkter Referenz. Damit ließen sic h die Begriffsbildungen der klassisc hen Theorie von der Referenzbestimmung auf die — für gewöhnlic h als davorgesc haltet aufgefaßte — Disambiguierung übertragen. Alles, was man dazu benötigt, ist offenbar ein Bezug auf die durc h ein (mehrdeutiges) Lexem in einer Äuße-
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rungssituation ausgedrüc kte Lesart bzw. — im Rahmen einer Parametrisierung — einen (rein kontextuellen) Disambiguierungsparameter. Die Einführung eines solc hen Parameters stellt den ersten von uns angekündigten Mißbrauc h der klassisc hen Referenztheorie dar. Mac hen wir uns einige Konsequenzen dieses sträflichen Vorgehens klar. Ein erster Grund für Skepsis gegenüber einem Disambiguierungsparameter ist, daß mit ihm das Prinzip (L) von der Zweiteilung des Lexikons zerstört wird. Das können wir uns wieder anhand des Beispiels (77) klar mac hen. Carolines Vorhaben ric htet sic h bei der von uns ins Auge gefaßten Lesart ja nic ht auf die Objekte, die zum Zeitpunkt der Äußerung Sc hlösser sind: was heute ein Sc hloß ist, kann in unserer sc hnellebigen Zeit sc hon morgen eine Ruine sein. Die Extension von Schloß wird also für die Auswertungssituation ermittelt. Damit besitzt aber das Lexem S chloß eine gemisc hte Referenzweise: die Extension hängt — wegen der Disambiguierung — sowohl von der Äußerungs- als auc h von der Auswertungssituation ab. Mehr Unbehagen gegen eine Disambiguierung durc h die Äußerungssituation stellt sic h ein, wenn man bedenkt, daß diese zu einer Erweiterung des Einflußbereic hs der Tokenanalyse führt: (78) In Carolines Schloß muß das Schloß am Hauptportal erneuert werden. Eine einzige Äußerungssituation für (78) würde für die beiden Vorkommen von Schloß ein und dieselbe Lesart determinieren. Um das zu verhindern, müßte man also die Situation im Sinne einer Tokenanalyse aufspalten. Ohne Disambiguierungsparameter wäre das nicht nötig. Damit nic ht genug. Wenn man dem Kontext sc hon die Arbeit aufbürdet, (78) zu disambiguieren, sollte man eigentlic h (79) gleic h dazutun: (79) Ein Wechsel der Bank bewirkt keinen Unterschied im Gehalt. (79) besitzt (mindestens) ac ht Lesarten, von denen die meisten freilic h aus inhaltlic hen Gründen rec ht eigenartig sind. Der Untersc hied zu (78) ist, daß die Mehrdeutigkeiten in (79) nic ht auf Mehrdeutigkeiten der beteiligten Wörter, sondern auf das Zusammenfallen von Wortformen zurüc kzuführen sind. Wechsel kann ein Austausc h oder ein Zahlungsmittel bezeic hnen, aber nur im zweiten Fall kann man auc h einen Plural bilden. (Bei der Bewertung dieses Beispiels mag es dialek-
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tale Untersc hiede geben!) Die Pluralbildung entlarvt auc h die beiden Lesarten der Wortform Bank als zu versc hiedenen Wörtern gehörig. Bei Gehalt ist es noc h einfac her: hier gibt es (neben anderen morphologisc hen Untersc hieden) zwei Genera. Wollte man nun (79) mit Hilfe der Charaktere der betreffenden Wörter disambiguieren und etwa ein einziges Wort Bank mit kontextabhängiger Intension unterstellen, so könnte man sc hlec ht erklären, warum dann der Plural einmal Banken, ein anderes Mal Bänke lautet und wieso obendrein die Intension von der Wahl der Pluralform abhängt. Wenn man andererseits den Formen selbst Charaktere zuweist, gibt man damit den Wortbegriff für semantis c he Zwec ke auf und könnte nic ht mehr erklären, warum beispielsweise in der überragenden Zahl der Fälle morphologisc h eng verwandte Formen auc h die gleic hen Charaktere besitzen. Will man derartig absurde Konsequenen vemeiden, muß man den Aktionsradius des Disambiguierungsparameters auf ec hte lexikalisc he Ambiguitäten — unsystematisc he Mehrdeutigkeiten auf der Wortebene — wie in (78) einsc hränken. Da aber auc h für Mehrdeutigkeiten auf der Formebene in aller Regel Disambiguierungen vorgenommen werden, muß man diese auf andere Mec hanismen — etwa auf pragmatisc h erklärbare Verstehensstrategien — zurüc kführen. Die Annahme solc her zusätzlic hen, über den Disambiguierungsparameter hinausgehenden Strategien mac ht aber ebendiesen überflüssig: die Auflösung einer Ambiguität wie (79) sc heint kein prinzipiell anderes Unternehmen zu sein als die Disambiguierung von (78) und so werden sic h Strategien zur Lösung des ersten Problems auch auf das zweite übertragen lassen. Au c h bei strukturellen Ambiguitäten dürfte die Annahme eines Disambiguierungsparameters zu Sc hwierigkeiten führen. Denn die Bestimmung der Extension komplexer Ausdrüc ke gesc hieht zumindest nac h landläufiger Meinung anhand der syntaktisc hen Struktur, die also für diese Zwec ke bereits vorausgesetzt wird. Nac h einer ebenso verbreiteten Ansic ht werden strukturelle Ambiguitäten aber durc h die syntaktisc he Struktur aufgelöst, weswegen die Identifikation der korrekten Lesart über einen kontextuellen Parameter — wie auc h immer diese vonstatten gehen mag — wieder überflüssig zu sein scheint. Wenig einwenden gegen eine Disambiguierung durc h Kontextabhängigkeit läßt sic h dagegen bei einer Besc hränkung auf Polysemien,
IV. Kontexttheorie
also Mehrdeutigkeiten auf der Wortebene mit erkennbarem, systematis c hen Zusammenhang zwisc hen den Lesarten. Ein typisc hes Beispiel ist die Möglic hkeit, mit Bezeic hnungen für Institutionen, die in einem Gebäude untergebrac ht sind, zugleic h auc h auf die Gebäude zu verweisen: (80) Die Universität ist vollkommen uninteressant. Wenn ein Baumeister (80) in einem Vortrag über die Bodenseestadt Konstanz äußert, kann er damit (a) ein fac hlic h-ästhetisc hes Urteil über ein gewisses Bauwerk ausdrüc ken oder aber zu verstehen geben, daß (b) Arc hitektur nic ht zu den an der dortigen Universität gelehrten Fäc hern gehört. Wollte man diese Mehrdeutigkeit unter Rüc kgriff auf einen Disambiguierungsparameter auflösen, so ließen sic h dagegen dieselben Bedenken vorbringen wie in den anderen bisher betrac hteten Fällen. Das Systematisc he an dieser Zweideutigkeit eröffnet aber zugleic h eine ganz andere Möglic hkeit, die klassisc he Analyse der Kontextabhängigkeit zum Einsatz zu bringen. So könnte man etwa der Lesart (a) eine komplexere logisc he Form unterlegen, in der dem Subjekt von (80) eine Besc hreibung wie ‘das der Universität entsprec hende Gebäude’ oder (falls die Polysemie Ausdruc k eines allgemeineren Phänomens sein sollte) ‘das der Universität entsprec hende konkrete Ding’ entspric ht. Die einsc hlägige Entsprec hungs-Relation beizusteuern wäre dann Aufgabe eines Kontext-Parameters. Wenn dieses Vorgehen hier auc h etwas gezwungen wirken mag, so wollen wir zumindest auf die prinzipielle Möglic hkeit einer solc hen semantisc hen Auflösung von Polysemien und den prinzipiellen Untersc hied zur Annahme eines Disambiguierungsparameters hinweisen: die hier skizzierte — und sc hon in Absc hnitt 3.3 angesproc hene — Zurüc kführung von Polysemien auf unsic htbare Kontextvariablen setzt einen hohen Grad von systematisc her Vorhersagbarkeit der Lesarten voraus. Insbesondere ist also keineswegs gesagt, daß man alle in der Literatur als Polysemien abgehandelten Phänomene in dieser Weise behandeln könnte oder sollte. Daß die klassisc he Theorie nic ht zur Auflösung lexikalisc her Ambiguitäten herangezogen werden sollte, heißt natürlic h nic ht, daß jeglic he Besc hreibung oder Erklärung dieses alltäglic hen Vorgangs mit der klassisc hen Theorie unvereinbar ist. Die Bestimmung der korrekten Lesart ist nur nic ht Gegenstand der
9. Kontextabhängigkeit
Semantik, sondern der Pragmatik. Die Frage, welc he Lesart eines Ausdruc ks in einer bestimmten Äußerung gemeint ist, hat für die klassisc he Theorie also weniger mit der Extensionsbestimmung zu tun als etwa mit der Frage, was der Sprec her mit seiner Äußerung wohl bezwec ken will, welc her Sprac he diese Äußerung entstammt und ob er überhaupt etwas aussagt oder nic ht vielmehr nur hustet oder nachplappert. Über das Verhältnis von Kontextabhängigkeit und Mehrdeutigkeit ließe sic h noc h einiges mehr sagen, doc h interessiert uns hier eigentlic h nur der Aspekt der Pervertierung der klassisc hen Theorie durc h Hinzunahme eines Disambiguierungsparamters. Wir weisen noc h einmal darauf hin, daß es — abgesehen von der Hypothese (L) — keine theorieinternen Gründe für den Aussc hluß eines solc hen Parameters zu geben sc heint und sehen darin zumindest eine unerfreulic he Lüc ke der klassischen Theorie. Der Ausgangspunkt des zweiten TheorieMißbrauc hs ist die gegen Ende von Absc hnitt 2.5 notierte und dort philosophisc h gewendete Beobac htung, daß die klassisc he Theorie zwei voneinander unabhängige Trivialitätsbegriffe bereitstellt: das auf Charaktere bezogene A Priori und die Notwendigkeit als Eigensc haft von Propositionen. Der erste Begriff spielt dabei eine der Gültigkeit aus der Logik analoge Rolle: eine gültige Formel ist eine solc he, die — als alleinstehende Formel und nic ht als Teilformel betrac htet — stets (in allen Modellen) wahr ist; ebenso ist ein Satz a priori wahr, wenn er in Isolation — also nic ht eingebettet — geäußert stets (in allen Äußerungssituationen) wahr ist. Da es einen Untersc hied mac ht, ob ein Satz in diesem Sinne logisc h trivialerweise wahr ist oder ob er eine notwendige Proposition ausdrü c kt, könnte man hier einen neuen Ansatzpunkt für das Problem der mangelnden Feinheit des Propositions-Begriffs suc hen, das sic h ja — wie wir in Absc hnitt 4.2 gesehen haben — vor allem darin äußert, daß äquivalente Sätze im Rahmen der klassisc hen Theorie allzu leic ht füreinander ersetzbar ersc heinen. Doc h a priorische Äquivalenz — also Extensionsgleic hheit in allen Äußerungssituationen — impliziert ja nic ht unbedingt intensionale Äquivalenz, d. h. (im Falle von Sätzen) Gleic hheit der ausgedrüc kten Proposition. So sind zwar (81) und (81′) a priori äquivalent, drüc ken aber — nac h klassisc her Auffassung — niemals dieselbe Proposition aus:
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(81) Alain geht zur Schule. (81′) Alain geht jetzt zur Schule. Der intensionale Untersc hied zwisc hen diesen beiden Sätzen erklärt dann auc h — ebenfalls nac h klassisc her Auffassung — warum sie sic h z. B. bei Einbettung unter die temporale Präpositionalphrase nächstes Jahr verschieden verhalten. Könnte man da nic ht einen ebenso feinen Untersc hied zwisc hen (81) und dem logisc h äquivalenten (81″) annehmen, der sic h dann ganz analog erst bei Einbettung unter, sagen wir einmal, Einstellungsverben bemerkbar macht? (81″) Wenn Alain nicht zur Schule geht oder Tom den Kindergarten besucht, dann geht Alain zur Schule. (Wir nehmen selbstverständlic h an, daß in (81″) wenn — dann, nicht und oder im Sinne der klassisc hen Aussagenlogik zu verstehen sind; wer Skrupel hat, möge das Beispiel austausc hen.) Die Annahme möglic her intensionaler Untersc hiede zwisc hen logisc h äquivalenten Sätzen stellt den zweiten hier betrac hteten Mißbrauc h der klassisc hen Referenztheorie dar. Mac hen wir uns einige Voraussetzungen für dieses sträfliche Vorgehen klar. Wir wollen hier nic ht infrage stellen, daß logisc he Äquivalenz auc h Äquivalenz a priori nac h sic h zieht. Demnac h müssen Satzpaare wie (81) und (81″) in allen Äußerungssituationen denselben Wahrheitswert zugewiesen bekommen. Die näc hstliegende (und hier einzig betrac htete) Methode, um das zu garantieren, besteht ganz einfac h darin, dem in solc hen Sätzen auftretenden logisc hen Material (in unserem Falle: den Junktoren) eben an allen entsprec henden Referenzpunkten die von der Logik her zu erwartende Extension zuzuweisen: nicht denotiert danac h an beliebigen Punkten der Gestalt 〈s0,s0〉 die Umkehrung der Wahrheitswerte etc . Die a priorisc he Äquivalenz von (81) und (81″) ist dann im wesentlic hen das Werk der Kompositionalität. Natürlic h dürfen wir jetzt nic ht — wie sonst in der klassisc hen Theorie üblic h — diese Annahme des Standardverhaltens des logisc hen Materials auf beliebige Referenzpunkte übertragen; denn auf diese Weise würden — wie man leic ht nac hprüft — die entsprec henden Sätze auc h stets intensional gleic h, was wir ja verhindern wollen. Also benötigen wir Punkte 〈s0,s〉, an denen beipielsweise nicht nic ht die Wahrheitswertumkehrfunktion denotiert. Wir nennen solc he 〈s0,s〉 einmal Nonstandard-Punkte. Mit der Annahme von Nonstandard-Punkten sind
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nun zwei Probleme verbunden, die sic h beide nic ht auf befriedigende Weise lösen zu lassen sc heinen. Diese Tatsac he und der Umstand, daß zwisc hen dem Kontrast (81) versus (81′) einerseits und dem Untersc hied zwisc hen (81) und (81″) andererseits keine intuitive Parallele besteht, läßt uns die hier angedeutete Möglic hkeit zur Verfeinerung des PropositionsBegriffs als Irrweg erscheinen. Die beiden Probleme deuten darauf hin, daß der Begriff des Nonstandard-Punkts rec ht dunkel ist; die Annahme eines intensionalen Untersc hieds zwisc hen (81) und (81″) impliziert also die Existenz von höc hst zweifelhaften Objekten. Problem Nummer Eins ist sc hlic ht: wie soll ein Nonstandard-Punkt 〈s0,s〉 überhaupt aussehen, was ist seine interne Struktur? Wir können lediglic h sagen, daß es sic h bei s0und s nic ht um dieselbe Situation handeln kann. Unklar aber ist, ob die beiden überhaupt etwas gemeinsam haben oder haben können (die Welt oder die Zeit etwa), ob s eine Äußerungssituation sein kann, ob s unstimmig sein kann oder gar muß etc . Das Problem ist nic ht, daß diese Fragen nic ht so zu beantworten wären, daß sc hließlic h irgendeine Verfeinerung des Propositionsbegriffs herauskäme. Das Problem ist, daß offenbar jede Beantwortung dieser Fragen willkürlic h zu sein sc heint. Ein NonstandardPunkt ist einfac h ein Referenzpunkt, an dem die Logik nic ht mehr stimmt. Warum das so ist und wie der Referenzpunkt ansonsten aussieht, ist egal — solange er nur nic ht auf der Diagonalen liegt. Und diese letzte, einzig von dem Bestreben, die A Priorizität der logisc hen Wahrheit zu garantieren, geleitete Einsc hränkung ersc heint noc h besonders willkürlic h. Problem Nummer Zwei betrifft das Nonstandardverhalten der logisc hen Ausdrüc ke: wenn die üblic he, von der Logik her zu erwartende Extension tabu ist, was ist dann die Extension eines logisc hen Ausdruc ks an einem Nonstandard-Punkt? Bezeic hnet also etwa das Wort nicht stets entweder die Umkehrfunktion oder eine ganz bestimmte, andere Funktion — oder variiert die Extension der NegationsPartikel von einem Nonstandard-Punkt zum näc hsten? Kann die Extension eines ansonsten extensionalen Junktors an einem Nonstandard-Punkt intensional sein? Wieviele logisc he Ausdrüc ke können an einem Nonstandard-Punkt von ihrem Standardverhalten abweic hen: alle, fünf oder nur einer zur Zeit? Auc h bei diesen Fragen besteht nic ht das Problem, daß man sie nic ht irgendwie beantwor-
IV. Kontexttheorie
ten könnte; aber man muß sie eben irgendwie beantworten. Die gemeinsame Ursac he dieser Probleme ist offensic htlic h, daß man sic h unter einem Referenzpunkt, an dem die Logik versagt, nic hts Rec htes vorstellen kann. Lediglic h die Idee, eine spezielle Eigensc haft der klassisc hen Theorie zur Verfeinerung des PropositionsBegriffs heranzuziehen, hat überhaupt erst zur Annahme der Existenz dieser Punkte geführt. Oder waren sie vielleic ht sc hon vorher da, ohne daß sie jemand bemerkt hat? War vielleic ht die in Absc hnitt 1.3 erwähnte, für gewöhnlic h als Selbstverständlic hkeit hingenommene Annahme, logisc he Wörter seien sowohl deiktisc h wie auc h referentiell und hätten mithin stets dieselbe Extension, sc hlic htweg falsc h? In der Tat: ist denn nic ht sc hon eine fiktive Situation, in der eine andere Sprac he gesproc hen wird, die sic h vom Deutsc hen lediglic h in der Semantik einiger (bei uns) logisc her Wörter untersc heidet, ein geeigneter Ausgangspunkt zur Konstruktion eines Nonstandard-Punkts? Nein. Denn die Extensionsbestimmung mit Hilfe klassisc her Charaktere erfolgt ja nic ht nac h den Regeln der Sprac he, die in einer betrac hteten Situation gesproc hen wird. Wäre dies so, könnten wir mit klassisc hen Mitteln nic ht einmal Sätze deuten, in denen von der Frühzeit der Erde die Rede ist; und Sätze über fremde Länder und Kulturen bekämen haufenweise falsc he Lesarten zugewiesen. Außerdem hätte die Hinzunahme und entsprec hende Deutung solc her Äußerungssituationen unmittelbar zur Folge, daß A Priori und Notwendigkeit leere Begriffe würden. Die Tatsac he, daß wir auc h an exotisc hen Referenzpunkten die Extensionsbestimmung nac h den tatsäc hlic hen Regeln des Deutsc hen vornehmen müssen, zeigt also gerade, daß es im Rahmen der klassisc hen Theorie keine Nonstandard-Punkte geben kann. Aus der Not der Unbekanntheit von Nonstandard-Punkten könnte man natürlic h eine Tugend der Unterdeterminiertheit mac hen. Wie das geht, zeigt eine Analogie zu einem in der logisc hen Semantik durc haus üblic hen (in Abschnitt 1.2 als abstrakt und formal bezeichneten) Vorgehen bei der Deutung sprac hlic her Ausdrüc ke. Anstatt ihnen nämlic h einfac h — bei lexikalisc hen Ausdrüc ken durc h Auflistung und ansonsten über Regeln — Charaktere zuzuordnen, wird normalerweise nur gesagt, wie so eine Zuordnung im allgemeinen auszusehen hat. Das läßt dann allerhand, für semantisc he Zwec ke in der Regel uninteres-
9. Kontextabhängigkeit
santen Spielraum für die konkrete Ausführung. Diesen Spielraum könnte man durc h definitorisc he Setzung einfac h auf die Hinzunahme beliebiger Nonstandard-Punkte erweitern. Die Konsequenz wäre, daß jede Beantwortung der Fragen des vorletzten Absatzes zu einer theoretisc h möglic hen Interpretation führt. Auf diese Weise könnte man zwar peinlic hen Fragen nac h der Natur der Sac he gesc hic kt aus dem Weg gehen, hätte aber keine Einsic ht in das tatsäc hlic he Funktionieren der Sprac he gewonnen, sondern nur ein Wohlverhalten des zur Modellierung herangezogenen formalen Apparats erzwungen. Und soll das der Zwec k des ganzen Unternehmens sein?
5.
Historisch-bibliographische Anmerkungen
Die Literatur zum Thema ‘Kontextabhängigkeit’ ist ausgesproc hen umfangreic h und dem Verfasser dieser Zeilen nur zu einem Bruc hteil bekannt. Die folgenden Hinweise erheben daher keinen Anspruc h auf Vollständigkeit, nic ht einmal auf Repräsentativität. Genannt werden lediglic h die wic htigsten Quellen, auf denen der Text basiert, ein paar Klassiker sowie ausgewählte Werke, die tiefer ins Detail gehen. Die Bemerkungen sc hließen sic h in Aufbau und Reihenfolge in etwa an den Haupttext an; Absc hnitte entsprec hen Teilen (1—4), Absätze Abschnitten (1.1 etc.). 5.1 Zur klassischen Theorie Die Beobac htung, daß sic h sprac hlic he Ausdrüc ke gelegentlic h auf die Welt beziehen und insofern Extensionen haben, ist zu offensic htlic h, um historisc h belegt zu werden. Ein früher Versuc h, auf systematisc he Weise Extensionen (’Bedeutungen’) für beliebige sprachlic he Ausdrüc ke zu finden, ist Frege (1892). Aus demselben Werk stammt auc h die Idee des Wahrheitswertes als Satzextension sowie die Einführung von Ersatzextensionen (’Sinnen’) zur Rettung eines (impliziten) Kompositionalitätsprinzips. Die mengentheoretisc he Bestimmung der Wahrheitswerte und ihre prädikatenlogisc he Motivation findet man allerdings erst in Tarski (1936). Die Charakterisierung von Intensionen als extensionsbestimmende Funktionen geht letztlic h auf Carnap (1947) zurüc k, wo jedoc h (in § 29) ausdrüc klic h auf die Untersc hiede zum Fregeschen Sinn-Begriff hingewiesen wird. Deutungen von Satzeinbettungen wie in
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(R*) gehören — ausgehend von Hintikka (1969b) — zum logisc h-semantisc hen Allgemeingut; der Begriff der singulären Proposition geht auf Kaplan (1975) zurüc k, wo er mit der Russellsc hen Ontologie in Zusammenhang gebrac ht wird. Daß deiktisc he Ausdrüc ke sic h nic ht nahtlos in das durc h die Untersc heidung von Extension und Intension gewonnene Bild fügen, ist sc hon in Frege (1918) gesehen worden. Die im Text gegebene Darstellung sc hließt sic h im Geiste Kaplan (1977) an, dem Urtext der hier als ‘klassisc h’ bezeic hneten Referenztheorie. Die Ursprünge dieser Theorie sind nic ht ganz eindeutig zu ermitteln, sc heinen aber in Kalifornien zu liegen: Kamp (1971) und Vlac h (1973) gelten als erste Vorläufer; Montague (1968: Absc hnitt 3) und Montague (1970: Absc hnitt 4) sind weitere frühe (freilic h wenig explizite) Zeugnisse. Einen guten und ausführlic hen Einstieg bietet das erste Kapitel von Kratzer (1978). Die Untersc heidung versc hiedener Referenzweisen liegt im Rahmen der klassisc hen Theorie zu nahe, um irgendjemandem zugesc hrieben werden zu können. Die Hypothese (L) ist wahrsc heinlic h neu (aber ebenfalls nic ht besonders originell). Auf den Zusammenhang zwisc hen (L) und die in der generativen Syntax üblic he Abspaltung der Finitheit vom lexikalisc hen Verb hat Arnim von Stec how (in einem Kommentar zu einem Vorläufer dieses Kapitels) hingewiesen. Die Auffüllung unterdeterminierter Dimensionen durc h die Äußerungssituation ist in Bartsc h (1986) vorgesc hlagen worden; eine entsprec hende Einbeziehung von Standards findet man in E. Klein (1980). Der Operator dthat ist prä-klassisc h und stammt aus Kaplan (1978); vgl. auch Kaplan (1977: Kapitel XII). Das Allgemeine Kompositionalitätsprinzip findet man in Montague (1970: Absc hnitte 3 und 4), wo Monster explizit zugelassen werden. Für das Monsterverbot (M) wird erstmalig in Kaplan (1977: VIII) plädiert; hier kommt auc h die Bezeic hnung ‘Monster’ her. Die monströse Analyse der Dimensions-Adverbien folgt von der Idee her wieder Bartsc h (1986). Auf weitere im Bereic h der Modifikatoren-Semantik heimisc he Monster mac ht Pinkal (1977: Kapitel 6) aufmerksam. 5.2 Zu den Varianten und Alternativen Situationelle Parameter und Aspekte tauc hen sc hon in den frühesten Formulierungen der klassisc hen Theorie und davor auf: vgl. z. B. S c ott (1970) (prä-klassis c h) und Kaplan
IV. Kontexttheorie
226
(1979) (klassisc h). In der Tat: einiges spric ht dafür, daß die ‘offizielle’ Version der klassisc hen Theorie in Kaplan (1977) die Parametrisierung ist und daß das, was wir hier als ‘klassisc h’ bezeic hnen, allenfalls heuristisc hen und illustrativen Charakter hat. (Daneben gibt es noc h eine weitere terminologisc he Falle in unserer Darstellung: das englisc he Adjektiv indexical entspric ht nicht unserem indexikalisch; letzteres leitet sic h von Index — im Englisc hen auc h meist index — her, während ersteres dem deutsc hen Wort deiktisch entspric ht und somit so ziemlic h das Gegenteil bedeutet!) Für unstimmige indexikalisc he Aspektlisten wird in Lewis (1980a: Absc hnitt 6) argumentiert; dort wird auc h für die Beibehaltung der Äußerungssituationen plädiert, um dem in Cresswell (1972: Absc hnitt 4) beklagten Wildwuc hs der kontextuellen Parameter Einhalt zu gebieten. In Kaplan (1977) wird diese Frage nur am Rande (in Fußnote 16) berührt (und offengelassen). Ein früher Verfec hter extensionalisierter logisc her Formen ist Tic hý (1971). Neuere Arbeiten haben sic h allerdings eher von Gallin (1975: § 8) inspirieren lassen. Die Reformulierung (EM) des Monsterverbots gehört zur logisc h-semantisc hen Folklore. Die klassisc he Theorie ist bereits in ihren frühesten Darstellungen als abstrakte Referenztheorie aufgefaßt worden: vgl. z. B. Kaplan (1979). Eine Version, in der sic h nic ht einmal (D) ohne axiomatis c he Zusatzannahmen formulieren läßt, ist Montague (1970: Absc hnitt 4); die Diagonale tritt dort in Gestalt der Menge der ‘ausgezeichneten Referenzpunkte logis c h möglic her Modelle’ [’designated points of referenc e of logic ally possible models’] (ebd., 382) auf. Der Urtext der zweidimensionalen Modallogik ist Segerberg (1973); der Zusammenhang zur Kontextabhängigkeit wird dort bereits erwähnt. Die aufgrund der Asymmetrie der ‘Dimensionen’ bestehenden Untersc hiede zwisc hen zweidimensionaler Modallogik und klassisc her Referenztheorie sind vor allem in Kapitel VIII von Kaplan (1977) herausgestellt worden. Die Idee zur Quadratur der Charaktere, um die Umsc hreibbarkeit beliebiger deiktisc her Ausdrüc ke zu garantieren, kann man in Stalnaker (1981: Absc hnitt IV) hineinlesen, wo die Kontexte und Indizes verwirrenderweise als ‘Welten’ (’worlds’) bezeic hnet werden. Die Analyse der Deixis als Tokenreflexivität ist älter als die klassisc he Theorie und geht auf Reic henbac h (1947: 50) zurüc k. Als eine dem Wesen der Sprac he näherkommende Al-
ternative zur klassisc hen Theorie ist sie in Cresswell (1973: Kapitel 8) propagiert und präzisiert worden. Die für die klassisc he Theorie wic htige Rolle von Zeigehandlungen wurde sc hon in Kaplan (1977: Kapitel II) gesehen. Eine detaillierte klassisc he Behandlung inhomogener Äußerungssituationen findet man in von Stechow (1979b). Die Analogie zwisc hen der Semantik deiktisc her Ausdrüc ke und der Analyse epistemisc her Situationen hat eine mindestens auf Russell (1940) zurü c krei c hende Vorgesc hic hte; der moderne Klassiker ist Castañeda (1966). Eine ausführlic here Diskussion der philosophisc hen Aspekte (und weitere Literaturhinweise) bietet Forbes (1989). Die Identifikation (F) von Informationsgehalt und Intension stammt aus Frege (1892). Der Begriff des Standard-Namens geht auf Kaplan (1969: § VIII) zurüc k. Die Version (S) der Gewinnung der epistemisc hen Perspektive enspric ht dem Vorgehen in Stalnaker (1978); die Formulierung folgt einem Vorsc hlag aus Lewis (1980a: 94). (E) findet man in Kaplan (1977: Kapitel XVII). Das Resultat der Reduktion (E’) ist gerade die (dort unabhängig motivierte) Charakterisierung der Selbstlokalisierung in Lewis (1979b) — abzüglic h der (nur in der dort propagierten Ontologie möglic hen) Identifikation von Individuen und Kontexten (einer bestimmten Parametrisierung). Identitätskrisen werden vor allem seit Perry (1977), einem weiteren modernen Klassiker, gerne diskutiert. Die im Text gegebene Gegenüberstellung von (einem Typ von) A Priorizität und (metaphysisc her) Notwendigkeit gibt die auf Kaplan (1977: Kapitel XVII) zurüc kgehende Rekonstruktion einer geistesverwandten Untersc heidung aus Kripke (1972) wieder. Der Beweis für die Existenz jedes denkenden Subjekts findet sic h in Desc artes (1641: Meditatio II,3). Das Beispiel (27) zur Illustration der Unverträglic hkeit der Tokenanalyse mit der erkenntnistheoretisc hen Deutung der klassisc hen Theorie hat Jean Yves Lerner (in einer Diskussion mit dem Autoren) vorgesc hlagen. Daß die erkenntnistheoretisc he Umdeutung zunäc hst nur eine Analogie ist, wird sc hon in Kaplan (1977: Kapitel XX) angedeutet. Ein von deiktisc hen Bezügen freies Beispiel für ein kontingentes A Priori liefert Williamson (1986). 5.3 Zu den Aspekten des Kontexts Ausführli c here Überlegungen zur Bestimmung des Sprec hers in einer gegebenen Äußerungssituation sowie weitere Beispiele im Stil
9. Kontextabhängigkeit
von (29) findet man in Kratzer (1978: 17— 27). Die Idee, solc he Phänomene teilweise mit pragmatis c hen Akkomodationsregeln (’rules of ac c omodation’) zu besc hreiben, stammt aus Lewis (1979a) und ist eine Verallgemeinerung des Vorgehens in Stalnaker (1973). (Mehr dazu bringt Artikel 10.) Ein Versuc h, der notorisc hen Vagheit der Personalpronomina der ersten und zweiten Person Plural durc h Disambiguierung Herr zu werden, ist etwa Gardies (1985: 127—134); eine einheitlic he Deutung von wir findet man dagegen in Kratzer/von Stec how (1977: 109—115). Mehr über den im Text reic hlic h vernac hlässigten Ortsparameter erfährt man etwa bei Fillmore (1975a), W. Klein (1978) oder von Stec how (1982b). (Vgl. auc h Artikel 37.) Die Literatur zum Zeitparameter ist dermaßen umfangreic h, daß eine Nennung einzelner Titel nur irreführend sein kann; die obige Diskussion wurde von Bäuerle (1979b) inspiriert, wo man eine genaue Darstellung der Interaktion von Tempus und Temporaladverb findet. (Zum Tempus vgl. auc h Artikel 35.) Wic htige Beiträge zum Wesen möglic her Welten sind Kripke (1972: Lec ture 1), Kaplan (1975) und Lewis (1986). Der Zeige-Parameter spielt in Kaplan (1977: Kapitel II) die Rolle des typisc hen kontextuellen Parameters und dient sogar zur Motivation der Untersc heidung von Intension und Charakter. Etwaige subjektive Züge des Zeige-Parameters werden in Kaplan (1978: 239 f.) als für die objektive Referenz irrelevant zurü c kgewiesen; Kaplans Argumentation wird in Bac h (1987: 182—186) überzeugend widerlegt. Die Untersc heidung zwisc hen subjektiver und objektiver Referenz wird in Castañeda (1977) und Kripke (1977) vertieft. Der Begriff ‘Deixis am Phantasma’ geht auf Bühler (1934: § 8) zurüc k, ist dort aber weiter gefaßt. Einer der ersten und einflußreic hsten Beiträge zum deiktisc hen Gebrauc h von Kennzeic hnungen ist Donnellan (1966); mindestens ebenso wic htig ist die Kritik in Kripke (1977). Der Einsc hlägigkeitsbegriff wird von Lewis (1979a: Example 3) ins Spiel gebrac ht. Bei Satz (42) hat ein Beispiel aus W. Klein (1978: 26) Pate gestanden. Das sc hwierige Verhältnis zwisc hen direkter Rede und Kontextabhängigkeit wird in Grabski (1981) unter die Lupe genommen. Die Darstellung der Possessivierung gibt wohl die gängige (und sic herlic h auc h irgendwo anders besc hriebene) Sic htweise dieses Phänomenbereic hs wieder. Die PDC ist ein Buhmann aus Cresswell (1972:
227
8). Den Präzisionsgrad als kontextuellen Parameter findet man in Lewis (1980a: Absc hnitt 5). Irene Heim hat (vor einigen Jahren, beim Kaffeetrinken) den Autor dieses Kapitels erstmals mit Beispielen wie (52) bekanntgemac ht; sie gehören inzwisc hen zu den alten Bekannten jedes Semantikers. 5.4 Zu den Problemen Eine Präzisierung der Deutung von Personalpronomina mit Hilfe einer Einsc hlägigkeitshierarc hie findet man in Smaby (1979: Absc hnitt 2). Die Darstellung der Quantorenbindung gibt die Idee hinter der gängigsten, auf Montague (1973) zurüc kgehenden Behandlung der Quantifikation wieder. Weitere Details entnimmt man dem Artikel 21. Die Monster in Kauf nehmende Lösung (i) des StatusProblems von Belegungen wird in Montague (1970: Absc hnitte 6 und 7) vertreten. Die Mehrdeutigkeits-Analyse (ii-a) wird bei Bennett (1978) und Janssen (1980) vorgesc hlagen; bei der Absc hiebung (ii-b) der Belegung in den Index handelt es sic h um einen Buhmann, der wohl von keinem Anhänger der klassics hen Referenztheorie ernsthaft vertreten wird und dessen Widerlegung durc h die entsprec henden Passagen in Kaplan (1977: Kapitel II) inspiriert wurde. Belegungen mit Eigenstatus (iii) sind der ratlose Ausweg von Kaplan (1979). Die Diskussion um die korrekte Semantik der Einstellungsberic hte wird in der sprac hanalytisc hen Literatur naturgemäß nic ht immer klar getrennt von der Diskussion um die ric htige Theorie der kognitiven, epistemisc hen etc . Einstellungen; die meisten der zu Absc hnitt 2.5 gegebenen Literaturhinweise lassen sic h somit ohne weiteres auc h auf Absc hnitt 4.2 übertragen. Die Regel (Rmeinen) ist die offenkundige Übersetzung der in Absc hnitt 1.2 gegebenen üblic hen Semantik der Einstellungsverben im Rahmen der klassisc hen Theorie (und ihrer erkenntnistheoretisc hen Deutung); eine ähnlic he Regel (für say) findet man z. B. in Kaplan (1977: Kapitel XX). Die mangelhafte Behandlung der Einstellung zum Widerspruc h wird in von Stec how (1984c : Absc hnitt 2) zum Hauptangriffspunkt gegen (Rmeinen) gemac ht. Die (auc h dort implizite) Umgebungs-Semantik geht letztlic h auf Montague (1968: Absc hnitt 1) zurüc k. Genaueres erfährt man in Artikel 34. Die Bezeic hung ‘Einstellung de se’ stammt aus Lewis (1979b); einen Stern am Pronomen zur Andeutung derselben findet man bereits in Castañeda (1966). Das Phänomen als sol-
228
c hes hat sc hon Geac h (1957) problematisiert. Die Aufspaltung der Proposition in Thema und Rhema wird — im Rahmen der Möglic he-Welten-Semantik — in Cresswell/von Stec how (1982) präzisiert und in von Stec how (1984c ) erstmals zur Besc hreibung von Einstellungen de se ausgenutzt. Der Satz (63) ist eine Übertragung eines (im Deutsc hen so nic ht wiederzugebenden) noc h raffinierteren Beispiels aus Lakoff (1970c : 245), wo das Problem allerdings — wohl zu Unrec ht — als ontologisc hes dargestellt wird. Passagen wie (64) werden gerne von Feinden der systematisc hen Grammatik (am Biertisc h) als Belege für die Naturwüc hsigkeit der Sprac he angeführt — nic ht ganz zu Unrec ht, wie man aus Sic ht der klassisc hen Theorie wohl sagen muß! Die Erklärung gewisser durc h Kennzeic hnungen hervorgerufener Ambiguitäten vermittels Skopus-Analyse wird üblic herweise Bertrand Russell zugesc hrieben; ein Loc us c lassic us ist Whitehead/Russell (1910: 69— 71). Daß eine an der Nominalphrase selbst ansetzende Disambiguierung für solc he Fälle wie (65) nic ht ausreic ht, kann man an vielen Stellen nac hlesen — so z. B. bei Kripke (1977: Absc hnitt 2). Der klassisc he, auf die ausgedrü c kte Proposition bezugnehmende Einwand gegen eine Skopus-Analyse der Deixis findet sic h (in seiner Anwendung auf Demonstrativa) in Kaplan (1977: Kapitel IX); hier besteht wieder eine enge Analogie zu der Argumentationsweise in Kripke (1972: Lec ture 1). Die feste Rolle, die dem — in Wirklic hkeit eher vagen — vortheoretisc hen PropositionsBegriff dabei zugesc hrieben wird, wird in Lewis (1980a: Absc hnitt 11) klar gesehen; in Evans (1979: 164) findet man eine ähnlic he Betrac htung zur Kripkesc hen Namens-Theorie. Für einen situationsabhängigen Propositions-Begriff wird dagegen in Stalnaker (1981: Absc hnitt IV) plädiert. Die Untersc heidung versc hiedener Typen von Intensionalität ist gängige, aber für gewöhnlic h nic ht eigens thematisierte Praxis in der logisc hen Semantik. Ein Beispiel im Stil von (72) und (73) wird in Kaplan (1977: Fußnote 13.2) angesproc hen und Ri c hmond Thomason zuges c hrieben; Kaplan kommentiert: ‘What shall one say about this?’ Von quantifizierten Kontexten und Beispielen wie (74) und (75) ist in Partee (1989) die Rede. Kritiken an der SkopusAnalyse und Spekulationen zu ihrer Überwindung enthalten Bäuerle (1983), Enç (1986) und Dalrymple (1988).
IV. Kontexttheorie
Die prominenteste Stelle, an der ein Disambiguierungsparameter vorgesc hlagen wurde, ist wohl Bennett (1978: 9 f.), wo auc h mit einem ähnlic hen Beispiel wie (78) auf die Notwendigkeit einer Tokenanalyse hingewiesen wird. Die Bemerkungen zum pragmatisc hen (’vor-semantisc hen’) Status der Disambiguierung sc hließen sic h an Kaplan (1977: Kapitel XXII) an. Den Vorsc hlag zur Ausnutzung der klassisc hen Theorie zur Verfeinerung des Propositions-Begriffs findet man in Montague (1970: Absc hnitt 4). Die Kritik ist von Cresswell (1975: Absc hnitt 1) inspiriert. Auf die Tatsac he, daß die Sprac hregeln nic ht mit der Auswertungssituation wec hseln, wird z. B. in Kripke (1972: Lec ture 2) hingewiesen. Die abstrakte, formale Modellierung ist c harakteristisc h für fast die gesamte Montaguesc he Tradition; wir sind in diesem Kapitel — vor allem aus darstellungstec hnisc hen Gründen — ähnlic h wie Cresswell (1973) naiv und direkt vorgegangen. 5.5 Zu den historisch-bibliographischen Anmerkungen Jahreszahlen hinter den Autorennamen beziehen sic h nac h Möglic hkeit auf das jeweilige Datum der Erstveröffentlichung. In einigen Fällen sind die Texte etwas älter. So wurde der prä-klassisc he Text Kaplan (1978) bereits im Herbst 1970 verfaßt. Der Klassiker Kaplan (1977) ist inzwisc hen in dem Band Almog et al. (eds.) (1989) mit aktuellen Kommentaren Kaplans und anderer erschienen. Danksagung Im Verlaufe der erstaunlic h langwierigen Arbeiten an diesem Handbuch-Artikelhabe ic h mit zahlreic hen Freunden und Kollegen über das eine oder andere oben angesc hnittene Thema diskutiert. Namentlic h erwähnen möc hte ic h an dieser Stelle Rainer Bäuerle, Manfred Krifka, Jean-Yves Lerner, Kjell Johan Sæbø, Arnim von Stec how, Dieter Wunderlic h und Sandro Zuc c hi, denen ic h entsc heidende Hinweise, Anregungen und Einwände verdanke. Mein Dank gilt aber auc h vielen Ungenannten sowie Astrid Wahlert für Korrekturen an der letzten Version des Manuskripts.
6.
Literatur (in Kurzform)
Almog et al. (eds.) 1989 · Bac h 1987 · Bartsc h 1986 · Barwise (ed.) 1977 · Bäuerle 1979b · Bäuerle 1983 · Bennett 1978 · Bühler 1934 · Castañeda 1966 · Castañeda 1977 · Carnap 1947 · Cresswell 1972 · Cresswell 1973 · Cresswell 1975 · Cresswell/ von Stec how 1982 · Dalrymple 1988 · Desc artes
10. Kontextveränderung
1641 · Donnellan 1966 · Enç 1986 · Evans 1979 · Fillmore 1975a · Forbes 1989 · Frege 1882 · Frege 1918 · Gallin 1975 · Gardies 1985 · Geac h 1957 · Grabski 1981 · Hintikka 1969b · Janssen 1980 · Kamp 1971 · Kaplan 1969 · Kaplan 1975 · Kaplan 1977 · Kaplan 1978 · Kaplan 1979 · Klein 1978 · Klein 1980 · Kratzer 1978 · Kratzer/von Stec how 1977 · Kripke 1972 · Kripke 1977 · Lakoff 1970c · Lewis 1979a · Lewis 1979b · Lewis 1980a · Lewis 1986 · Montague 1968 · Montague 1970b · Mon-
229
tague 1973 · Partee 1989 · Perry 1977 · Pinkal 1977 · Reic henbac h 1947 · Russell 1940 · Sc ott 1970 · Segerberg 1973 · Smaby 1979 · Stalnaker 1973 · Stalnaker 1978 · Stalnaker 1981 · von Stec how 1979b · von Stec how 1982b · von Stec how 1984c · Tarski 1936 · Tic hý 1971 · Vlac h 1973 · Whitehead/Russell 1905 · Williamson 1986
Thomas Ede Zimmermann, Stuttgart, (Bundesrepublik Deutschland)
10. Kontextveränderung 1. 2. 3. 4. 5.
1.
Einleitung Pragmatische Folgerungen Redekontext und Äußerungssituation Anaphora Literatur (in Kurzform)
Einleitung
Was ein Satz aussagt, welc hen Inhalt oder welc he Proposition er ausdrüc kt, hängt davon ab, unter welc hen Umständen, in welc her Situation er geäußert wird — jedenfalls dann, wenn der Satz indexikalisc he Elemente enthält. Die Bedeutung indexikalisc her Ausdrüc ke und damit die Abhängigkeit der Wahrheitsbedingung eines Satzes von möglic hen Kontexten seiner Äußerung wird von der indexikalisc hen Semantik oder der Theorie der Kontextabhängigkeit, wie sie im vorangehenden Artikel dargestellt wurde, untersuc ht. Ihr zentraler Begriff ist der des Charakters. Der Charakter eines Satzes ist eine semantisc he Regel, die für jeden Kontext angibt, welc hen Inhalt der Satz in diesem Kontext ausdrüc kt. Kontexte hat man sic h in diesem Zusammenhang als möglic he Äußerungssituationen vorzustellen, als begrenzte Weltaussc hnitte, die für die Zwec ke der Semantik jedenfalls so weit spezifiziert sein müssen, daß sie den Bezug der indexikalisc hen Ausdrüc ke festlegen. Was jedoc h die Äußerung eines Satzes einem Hörer sagt, welc he Information sie ihm vermittelt, hängt nic ht nur von der Bedeutung des geäußerten Satzes, von seinem Charakter ab, sondern auc h vom Hörer selbst, von seinen Überzeugungen — über die Umstände der Äußerung und über vieles andere mehr. Die Äußerung eines Satzes kann dem Hörer etwas ganz anderes sagen, als der Satz als
solc her aussagt — etwa dann, wenn er sic h über die Umstände der Äußerung täusc ht. Sie kann ihm auc h mehr sagen als das, was der Satz tatsäc hlic h aussagt — weil er das, was der Satz sagt, zu anderem, was er glaubt, in Beziehung setzt, und seine Sc hlüsse daraus zieht. Oder sie kann ihm gar nic hts sagen, ihm überhaupt keine Information liefern — dann nämlic h, wenn der Inhalt des Satzes dem Hörer bereits bekannt ist. Besc hränkt man sic h auf die Betrac htung von Gespräc hssituationen, in denen die Vermittlung von Information im Vordergrund steht, so ist es eine sinnvolle Idealisierung vorauszusetzen, daß die Überzeugungen der Gespräc hsteilnehmer in den für die Zwec ke des Gespräc hs relevanten Hinsic hten übereinstimmen. Solc he gemeinsamen Annahmen von Gespräc hsteilnehmern — die Prämissen sozusagen, unter denen neue Äußerungen interpretiert werden — werden wir einen Redehintergrund oder Redekontext nennen. Es ist wic htig, diese beiden Kontextbegriffe — Kontext als Äußerungssituation und Kontext als Redehintergrund — auseinanderzuhalten. Denn wenn wir uns im folgenden mit Theorien der Kontextveränderung besc häftigen, so wird es zunäc hst immer nur um Kontexte im zweiten Sinn gehen. Änderungen von Kontexten im ersten Sinn, d. h. von Äußerungssituationen, werden wesentlic h von Faktoren bestimmt, deren Besc hreibung außerhalb der Zuständigkeit der Linguistik liegt. Die Änderung eines Redekontextes sollte hingegen linguistisc h besc hreibbar sein; denn sc hon allein dadurc h, daß auf einem gewissen Redehintergrund eine Äußerung fällt und von den Hörern interpretiert wird, ändert sic h dieser Redehintergrund — geeignete Aufric htigkeits- und Vertrauensannahmen vorausgesetzt. So sollte sic h auc h die Information, die
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durc h eine Äußerung vermittelt wird, über die Besc hreibung des Einflusses der Äußerung auf den Redehintergrund erfassen lassen. Man findet im wesentlic hen zwei Arten der formalen Modellierung von Redekontexten: Zum einen stellt man sie als eine Menge von Propositionen dar, die als die Menge der gemeinsamen Annahmen der Gespräc hsteilnehmer zu verstehen ist. Zum anderen besc hreibt man sie als eine Menge von möglic hen Welten, nämlic h als die Menge derjenigen Welten, die mit den gemeinsamen Annahmen der Gesprä c hsteilnehmer verträgli c h, also gemäß diesen Annahmen möglic h sind. Das erste Modell fällt inhaltlic h dann mit dem zweiten zusammen, wenn man nur solc he Mengen von Propositionen zuläßt, die unter logisc her Folgerung abgesc hlossen sind. In den Absc hnitten 3 und 4 werden Gründe auftauc hen, beide Modelle in der einen und anderen Hinsic ht zu modifizieren. Eine Theorie der Veränderung von Redekontexten dient zunäc hst einem prinzipiellen Zwec k: der Anbindung der abstrakten Wahrheitsbedingungssemantik an eine pragmatisc he Theorie, die die Bedeutung von Äußerungen betrac htet. So läßt sic h die illokutionäre Kraft einer erfolgreic hen Behauptung, wenngleic h unvollständig, dadurc h c harakterisieren, daß die vom behaupteten Satz ausgedrüc kte Proposition dem Redekontext hinzugefügt wird, das heißt, von den Gespräc hsteilnehmern als weitere Prämisse akzeptiert wird. Dies ist allerdings nur das einfac hste Modell der Kontextveränderung. Es wird sic h in mehrerlei Hinsic ht als zu simpel erweisen: Zum einen müssen wir an einem Satz vercs hiedene Bedeutungsaspekte untersc heiden, die alle zu seinem Informationswert beitragen. Neben den Wahrheitsbedingungen eines Satzes, das heißt, der von ihm ausgedrüc kten Proposition, sind dafür ja auc h seine Präsuppositionen und seine konversationellen Implikaturen relevant. Diese versc hiedenen Bedeutungsaspekte zu integrieren, ist eine weitere Aufgabe einer Kontextveränderungstheorie, der wir uns im Absc hnitt 2 zuwenden. Ihre Lösung wird uns sc hließlic h zu einer Explikation des Begriffs der pragmatisc hen Folgerung führen. Zum anderen hängt die von einem Satz ausgedrüc kte Proposition von dem Redekontext ab, in dem der Satz geäußert wird. Wie diese Abhängigkeit aussieht und welc he Konsequenzen sie für die Besc hreibung von Kontextveränderungen hat, werden wir im Ab-
IV. Kontexttheorie
sc hnitt 3 für indexikalisc he und im Absc hnitt 4 für anaphorisc he Ausdrüc ke untersuc hen. Im Absc hnitt 3 werden wir zugleic h die beiden eben so sorgfältig getrennten Kontextbegriffe wieder zueinander in Beziehung setzen können. Letztendlic h dreht es sic h im gesamten Artikel immer wieder um das Verhältnis von Semantik und Pragmatik: wie die theoretisc hen Zusammenhänge zwisc hen ihnen zu konstruieren sind, wo sic h zwisc hen ihnen eine Trennlinie ziehen läßt, und ob es überhaupt eine autonome, aus der Pragmatik ausgrenzbare Semantik gibt. Daß es bei einer Kontextveränderungstheorie auc h um solc he Fragen geht, wird immer im Auge zu behalten sein.
2.
Pragmatische Folgerungen
Logisc he von nic ht-logisc hen Folgerungen zu untersc heiden, das heißt, Bedeutungsaspekte, die einen Einfluß auf die Wahrheitsbedingungen von Sätzen haben, von solc hen zu trennen, die dafür irrelevant sind, ist bezüglic h der Umgangssprac he keine eindeutig und unstrittig zu lösende Aufgabe. Es gibt allerdings einige klare Fälle. Betrac hten wir dazu die nachstehenden Beispielsätze: (1) Alle Gäste haben abgesagt. (2) Einige Gäste haben abgesagt. (3) Nicht alle Gäste haben abgesagt. Es ist klar, daß (2) eine logisc he Folgerung aus (1) ist; andererseits wird man bei einer Äußerung von (2) in der Regel darauf sc hließen, daß auc h Satz (3) gilt. Der Sc hluß von (2) auf (3) kann also offenkundig kein logisc her Sc hluß sein, denn sonst würde (1) über (2) seine eigene Negation, nämlic h (3) logisc h implizieren und müßte damit als widersprüc hlic h betrac htet werden. Der Sc hluß von (2) auf (3) ist vielmehr ein Standardfall dessen, was man — in Abgrenzung zur logisc hen Implikation — als (konversationelle) Implikatur bezeic hnet: eine Folgerung, die nic ht zur Satzbedeutung gehört, sondern aufgrund allgemeiner Prinzipien der rationalen Gespräc hsführung aus der Äußerung von Sätzen gezogen werden kann. Implikaturen werden im Rahmen der Gric esc hen Theorie der Konversationsmaximen eingeführt; wir verweisen für eine Darstellung dieser Theorie und eine Klassifikation der versc hiedenen Arten von Implikaturen auf Artikel 14 dieses Handbuc hs. Unser obiges Beipiel ist eine Implikatur, die sic h aus der
10. Kontextveränderung
Maxime der Quantität ableiten läßt. Diese besagt, daß Äußerungen so informativ wie möglic h und — für den jeweiligen Gespräc hszwec k — nötig zu gestalten sind. Da nun eine Äußerung von (1) informativer wäre als eine Äußerung von (2), man aber davon auszugehen hat, daß die Maxime der Quantität beac htet wird, läßt sic h einer Äußerung von (2) entnehmen, daß der Sprec her (1) nic ht guten Gewissens hätte behaupten können und demnac h seine Negation, nämlic h (3) für wahr hält. In einer feineren Klassifikation ist der Sc hluß von (2) auf (3) eine sogenannte skalare Implikatur; eine präzise Definition dieses Begriffs findet sic h in Gazdar (1979, Kap. 3). Eine andere Klasse von Bedeutungsaspekten, bei denen man sic h besonders heftig darüber gestritten hat, ob sie als logisc h-semantisc he Folgerungen aus Sätzen oder als pragmatisc he Eigensc haften der Äußerung von Sätzen aufzufassen sind, bilden die sogenannten Präsuppositionen. Einige Standardbeispiele sind nachstehend angeführt: (4) a. Der König von Frankreich ist kahlköpfig. b. Frankreich hat einen König. (5) a. Gregor bedauert, daß Renate gekündigt hat. b. Renate hat gekündigt. (6) a. Anna hat aufgehört zu rauchen. b. Anna hat früher geraucht. Vertreter eines semantisc hen Präsuppositionsbegriffs gehen davon aus, daß Sätze, deren Präsuppositionen nic ht erfüllt sind, weder wahr noc h falsc h, sondern wahrheitswertlos oder unbestimmt sind; im Rahmen einer dreiwertigen Semantik lassen sic h die Präsuppositionen eines Satzes dann als diejenigen logisc hen Folgerungen definieren, die sic h sowohl aus dem Satz selbst als auc h aus seiner Negation ergeben. Der pragmatisc he Präsuppositionsbegriff hingegen besagt, daß Präsuppositionen Bedingungen für die angemessene und erfolgreic he Äußerung von Sätzen darstellen. Diese beiden Konzeptionen sind natürlic h nic ht von vorneherein unverträglic h, wenngleic h viele Vertreter eines pragmatics hen Präsuppositionsbegriffs ein semantisches Pendant desselben ablehnen. Präsuppositionen sind im Gegensatz zu konversationellen Implikaturen nic ht aus allgemeinen Prinzipien der Konversation abzuleiten, sondern werden als lexikalisc he Eigensc haften betrac htet; in den obigen Beispielen sind es der bestimmte Artikel der bzw. die
231
Verben aufhören und bedauern, die die entsprechenden Präsuppositionen induzieren. Man kann sic h nun fragen, wann die Präsuppositionen einfac her Sätze bei deren Einbettung in komplexere Konstruktionen erhalten bleiben und wann sie verloren gehen; diese Fragestellung ist als das sogenannte Projektionsproblem für Präsuppositionen bekannt. Die nac hstehenden Sätze etwa sind Beispiele für Einbettungen von (4a), bei denen die Präsupposition (4b) bewahrt bleibt: (4) c. Vielleicht ist der König von Frankreich kahlköpfig. d. Der König von Frankreich ist nicht kahlköpfig. e. Wenn der König von Frankreich kahlköpfig ist, dann braucht er eine Perücke. f. Entweder ist der König von Frankreich nicht kahlköpfig oder er trägt eine Perücke. (4g)—(4k) hingegen präsupponieren intuitiv nicht mehr, daß Frankreich einen König hat: (4) g. Frankreich hat einen König, und der König von Frankreich ist kahlköpfig. h. Vielleicht hat Frankreich einen König und vielleicht ist der König von Frankreich kahlköpfig. i. Wenn Frankreich einen König hat, so ist der König von Frankreich kahlköpfig. j. Entweder hat Frankreich keinen König oder der König von Frankreich ist kahlköpfig. k. Der König von Frankreich ist nicht kahlköpfig, denn Frankreich hat keinen König. Einige pragmatisc he Präsuppositionstheorien versuc hen das Projektionsproblem nun über einen Mec hanismus der Kontextveränderung zu lösen. (Semantisc he Präsuppositionstheorien geben auf das Projektionsproblem bereits über die oben genannte Präsuppositionsdefinition eine Antwort, da diese ja für Sätze beliebiger Komplexität formuliert ist. Jedoc h sind semantisc he Präsuppositionstheorien gerade dahingehend kritisiert worden, daß sie damit intuitiv inadäquate Vorhersagen über die Präsuppositionen komplexer Sätze mac hen. Die einsc hlägigen Argumente lassen sic h etwa in Gazdar (1979) oder in Van der Sandt (1987) nac hlesen; daß alle diese Argumente aber nic ht gänzlic h zwingend sind, wird in Link (1986) gezeigt.) Für die pragmatisc he Behandlung des Projektionsproblems gibt es im wesentlic hen zwei
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Strategien. Die erste S trategie findet sic h in Gazdar (1979). Gazdar setzt eine strikte Trennung der semantisc hen von der pragmatisc hen Komponente voraus. Die Semantik ordnet Sätzen die von ihnen ausgedrüc kten Propositionen zu; darauf aufbauend hat die Pragmatik zu besc hreiben, wie sic h durc h die Äußerung von Sätzen der Redekontext verändert. Dabei sind drei versc hiedene Arten von Informationen auseinanderzuhalten, die durc h die Äußerung eines Satzes zum Kontext hinzugefügt werden können: sein semantisc her Gehalt, seine Implikaturen und seine Präsuppositionen. Gazdar faßt Redekontexte als konsistente, aber nic ht unbedingt deduktiv abgesc hlossene Mengen von Propositionen auf. Allerdings weic ht sein Verständnis davon von dem eingangs skizzierten etwas ab; bei ihm enthalten Redekontexte diejenigen Propositionen, auf die sic h der Sprec her mit der Äußerung eines Satzes festlegt, die der Hörer ihm also gerechtfertigterweise unterstellen kann. Die Anbindung des pragmatisc hen Effekts einer Behauptung an den semantisc hen Gehalt des behaupteten Satzes wird von Gazdar nun über seine Formulierung der Gric esc hen Maxime der Qualität bewerkstelligt. Diese lautet: „Sage nur, was Du weißt!“ Daraus ergibt sic h, daß durc h die Äußerung eines Satzes S der Redekontext (des Hörers) um die von dem Satz Der S precher weiß, daß S ausgedrüc kte Proposition erweitert wird — der semantisc he Inhalt des geäußerten Satzes kommt also über dessen epistemisc he Implikatur, aus der er logisc h folgt, zum alten Kontext hinzu. Gazdar untersc heidet nun ferner zwisc hen potentiellen und aktualen Präsuppositionen und Implikaturen. Potentielle Präsuppositionen oder Implikaturen sind Eigensc haften von Sätzen. Potentielle Präsuppositionen werden aufgrund lexikalisc her Information einfac hen Sätzen zugeordnet, in denen die entsprec henden präsuppositionsauslösenden Lexeme vorkommen; sie vererben sic h dann unbesc hränkt auf beliebig komplexe Sätze, die solc he einfac hen Sätze als Teile enthalten. Auc h potentielle Präsuppositionen haben bei Gazdar immer die Form Der S precher weiß, daß .... Demnac h haben zum Beispiel nic ht nur (4a) und (4c ) bis (4 f), sondern auc h (4g) bis (4k) die potentielle Präsupposition Der Sprecher weiß, daß Frankreich einen König hat. Potentielle Implikaturen werden Sätzen aufgrund allgemeiner Regeln zugeordnet. Gazdar betrac htet zwei Typen von Implika-
IV. Kontexttheorie
turen, die aus der Gric esc hen Maxime der Quantität abgeleitet werden: skalare Implikaturen — für die wir sc hon zu Anfang dieses Absc hnitts ein Beispiel gegeben haben und auf die wir auc h hier nic ht weiter eingehen werden, da sie für die Präsuppositionsprojektion irrelevant sind — und sogenannte Klausalimplikaturen. Eine Klausalimplikatur entsteht, wenn ein Satz A als Teil einer Äußerung in einer Weise vorkommt, in der er weder behauptet noc h verneint wird; man kann dann davon ausgehen, daß der Sprec her bezüglic h der Gültigkeit von A eine neutrale Haltung hat, das heißt, sowohl A als auc h die Negation von A für möglic h hält. Dementsprec hend werden einem Satz A, der einen Teilsatz B enthält, dann die potentiellen Klausalimplikaturen Der S precher hält für möglich, daß B und Der S precher hält für möglich, daß nicht B zugeordnet, wenn aus A weder B noc h die Negation von B logisc h folgt. (Außerdem darf die betreffende Einbettung von B nic ht Anlaß zur Erzeugung potentieller Präsuppositionen der Form Der S precher weiß, daß B oder Der S precher weiß, daß nicht B Anlaß geben; für eine genaue Definition vgl. Gazdar 1979: 59.) So erhalten beispielsweise die Sätze (4h)—(4j) alle die nac hstehenden potentiellen Klausalimplikaturen: (4.1) Der Sprecher hält für möglich, daß Frankreich einen König hat. (4.2) Der Sprecher hält für möglich, daß Frankreich keinen König hat. (4.3) Der Sprecher hält für möglich, daß der König von Frankreich kahlköpfig ist. (4.4) Der Sprecher hält für möglich, daß es nicht der Fall ist, daß der König von Frankreich kahlköpfig ist. Die von den potentiellen Implikaturen und Präsuppositionen eines Satzes ausgedrüc kten Propositionen werden nun gleic hfalls durc h die Äußerung des Satzes zum Redekontext hinzugefügt, allerdings nur dann, wenn ihre Hinzufügung diesen Redekontext nic ht inkonsistent mac hen würde. Außerdem ist es wic htig, daß die Hinzufügung geordnet vonstatten geht: Bei einer Äußerung von S, wurde der Kontext ja zunäc hst um die Qualitätsimplikatur Der S precher weiß, daß S erweitert — diese ist nie nur potentielle, sondern stets auc h aktuale Implikatur einer Äußerung (woraus sic h ergibt, daß die Äußerung eines Satzes, der mit dem Kontext inkonsistent ist, den Prozeß der Kontextveränderung von vorneherein zum Abbruc h bringen würde). Als
10. Kontextveränderung
näc hstes kommen nun die potentiellen Implikaturen des Satzes zum Kontext hinzu und absc hließend seine potentiellen Präsuppositionen — allerdings jeweils nur insoweit, als durc h ihre Hinzufügung im Redekontext keine Inkonsistenzen entstehen. (Für die genaue Definition dieser geordneten konsistenten Erweiterung vgl. Gazdar 1979: 131 f.) Es ist nun gerade diese so geordnete und durc h die Konsistenzforderung besc hränkte Kontexterweiterung, die es ermöglic ht — zumindest in den meisten Fällen —, die Präsuppositionen komplexer Sätze korrekt vorherzusagen. Potentielle Präsuppositionen können nun nämlic h durc h Elemente des alten Kontexts, durc h Folgerungen aus dem semantisc hen Gehalt ihres Trägersatzes, und insbesondere durc h Klausalimplikaturen der Äußerung ‘gelösc ht’ werden — und sind dann nic ht mehr als Bestandteile der Äußerungsbedeutung aufzufassen. Wir wollen dies für unsere Beipiele unter (4) kurz vorführen. Betrac hten wir zunäc hst (4h)—(4j), die der Übersic htlic hkeit halber hier noc h einmal wiederholt seien: (4) h. Vielleicht hat Frankreich einen König, und vielleicht ist der König von Frankreich kahlköpfig. i. Wenn Frankreich einen König hat, so ist der König von Frankreich kahlköpfig. j. Entweder hat Frankreich keinen König oder der König von Frankreich ist kahlköpfig. Diese Sätze haben alle die potentielle Präsupposition (4.5); sie haben jedoc h gleic hzeitig die potentielle Klausalimplikatur (4.2): (4.5) Der Sprecher weiß, daß es einen König von Frankreich gibt. (4.2) Der Sprecher hält für möglich, daß Frankreich keinen König hat. Da diese Implikatur bei einer Äußerung von (4h), (4i) oder (4j) dem Kontext hinzugefügt wird, ist die potentielle Präsupposition (4.5) mit dem daraus resultierenden Kontext nic ht mehr konsistent und wird dementsprec hend gelöscht. (4k) ist ein Beispiel dafür, daß eine Folgerung aus dem semantisc hen Gehalt des geäußerten Satzes die Präsupposition lösc ht; Der S precher weiß, daß (4k) impliziert (4.6), und dieses steht im Widerspruch zu (4.5): (4) k. Der König von Frankreich ist nicht kahlköpfig, denn Frankreich hat keinen König.
233
(4.6) Der Sprecher weiß, daß Frankreich keinen König hat. In den Beipielen (4a), (4c)—(4f) hingegen gibt es keine Klausalimplikaturen, die zur potentiellen Präsupposition im Widerspruc h stehen. Sie könnte daher höc hstens kontextuell gelösc ht werden, bleibt in der Regel jedoc h als aktuale Präsupposition der Äußerung erhalten. Für (4g) allerdings mac ht Gazdars Mec hanismus eine intuitiv inadäquate Vorhersage: (4) g. Frankreich hat einen König, und der König von Frankreich ist kahlköpfig. Dieser Satz hat überhaupt keine Klausalimplikaturen und auc h keine semantisc hen Folgerungen, die mit seiner potentiellen Präsupposition (4.5) inkonsistent wären. Dementsprec hend ist (4.5) Element des neuen Kontexts einer Äußerung von (4g) und somit aktuale Präsupposition. Intuitiv wird (4.5) in (4g) jedoc h keineswegs präsupponiert, sondern vielmehr — im ersten Konjunktionsglied — behauptet. Diese Inadäquatheit hat ihren Ursprung in der Tatsac he, daß Gazdar Präsupposition und Behauptung nic ht als komplementäre Begriffe behandelt, sondern Präsuppositionen und Implikaturen gleic hfalls als Behauptungen auffaßt — als implizite Behauptungen allerdings, die sic h von expliziten Behauptungen eben gerade dadurc h untersc hieden, daß sie ignoriert werden können, wenn Widersprüc hlic hkeit droht. Weitere Gegenbeispiele zu Gazdars Theorie finden sic h etwa in Soames (1982) und Van der Sandt (1987); vgl. ebenfalls Artikel 13 dieses Handbuchs. Die zweite S trategie zur Behandlung des Projektionsproblems geht in ihrem Grundgedanken bereits auf Stalnaker (1973), (1974) und Karttunen (1974) zurüc k. Ihre expliziteste Version findet sic h in Heim (1983b). (Auc h Soames (1982) und van der Sandt (1987) lassen sic h, zumindest teilweise, der zweiten Strategie zurechnen.) Im Untersc hied zur ersten, betrac htet die zweite Strategie Präsuppositionen nic ht als implizite Behauptungen, sondern vielmehr als Voraussetzungen für Behauptungen: die Präsuppositionen eines Satzes sind Propositionen, die ein Redekontext enthalten muß, wenn die Äußerung des Satzes in diesem Kontext angemessen oder zulässig sein soll. Für Äußerungen elementarer Sätze sind solc he Zulässigkeitsbedingungen aufgrund lexikalisc her Information zu spezifizieren. Das Projektionsproblem stellt sic h dann als die Frage,
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wie sic h die Zulässigkeitsbedingungen für die Äußerung eines komplexen Satzes auf die Zulässigkeitsbedingungen seiner elementaren Teile zurückspielen lassen. Es zeigt sic h nun, daß sic h auf diese Frage eine ganz einfac he Antwort geben läßt, wenn man den Prozess der Kontextveränderung sc hrittweise, rekursiv über den Aufbau des geäußerten Satzes, besc hreibt — wenn man also die von einer komplexen Äußerung bewirkte Kontextveränderung aus den Kontextveränderungen, die ihre elementaren Teile nac h sic h ziehen, zusammensetzt. Denn daraus läßt sic h dann ablesen, wie sic h die Zulässigkeitsbedingung der komplexen Äußerung aus den sc hon bekannten Zulässigkeitsbedingungen ihrer elementaren Teile ergibt. Und es wird gleic hzeitig der Tatsac he Rec hnung getragen, daß Teile einer Äußerung Präsuppositionen einführen können, die für die Interpretation anderer Teile vorausgesetzt werden müssen. Etwas tec hnisc her ausgedrüc kt, sieht das Programm also folgendermaßen aus: Zunäc hst werden Redekontexte als Mengen von möglic hen Welten aufgefaßt; daß eine Proposition in einem Kontext gilt oder er sie enthält, heißt dann einfac h, daß er eine Teilmenge von ihr ist. Den zentralen Begriff bildet nun die Kontextveränderungsfunktion +, die einem Kontext k und einem Satz S den Kontext k + S zuordnet, der aus der Äußerung von S in k entsteht. Wesentlic h ist, daß diese Funktion nur partiell ist; k + S ist nur dann definiert, wenn die Äußerung von S in k zulässig ist und insbesondere also die Präsuppositionen von S in k enthalten sind. Ist S ein elementarer Satz und die Äußerung von S in k zulässig, so ist k + S gleic h k ⋂ ǁSǁ — wir verwenden hier und im weiteren ǁSǁ, um die von einem Satz S gemäß der vorgegebenen Semantik ausgedrü c kte Proposition zu bezeic hnen. Was zu tun bleibt, ist, k + S auc h für komplexe Sätze rekursiv zu definieren, und dazu gehört auc h die Angabe der Zulässigkeitsbedingungen komplexer Äußerungen. Wie das gesc hieht, wollen wir anhand einiger Beispiele veransc haulic hen. Beginnen wir mit dem einfac hsten Fall, den Konjunktionen. Die Veränderung des Redekontexts k durc h eine Äußerung der Form A und B läßt sic h offenkundig so besc hreiben, daß zunäc hst zum Kontext k die von A ausgedrüc kte Proposition hinzugefügt wird, und zum daraus resultierenden Kontext dann die von B ausgedrüc kte Proposition; k + (A und B) ist also
IV. Kontexttheorie
gleic h (k + A) + B, das heißt — sofern A und B elementar sind —, gleic h k ⋂ ǁAǁ ⋂ ǁBǁ. Daraus ergeben sic h unmittelbar die Zulässigkeitsbedingungen von Konjunktionen: Eine Äußerung von A und B ist im Kontext k dann zulässig, wenn A in k und B in k + A zulässig ist. Dies bedeutet, daß im ursprünglic hen Kontext k nur solc he Präsuppositionen von B enthalten sein müssen, die nic ht durc h die Äußerung von A eingeführt werden. Betrachten wir dazu das nachstehende Beispiel: (7) Der König von Frankreich hat einen Sohn und der Sohn des Königs von Frankreich ist kahlköpfig. (7) a. Der König von Frankreich hat einen Sohn. b. Der Sohn des Königs von Frankreich ist kahlköpfig. Wenn (7) in einem Kontext k geäußert wird, so ist diese Äußerung zunäc hst nur angemessen, wenn k die Präsupposition von (7a), das heißt die Proposition ǁFrankreic h hat einen Königǁ enthält. Ist dies der Fall, so darf man k um ǁ(7a)ǁ zu k ⋂ ǁ(7a)ǁ erweitern. Ferner muß nun k ⋂ ǁ(7a)ǁ die Präsuppositionen von (7b) enthalten, also ǁFrankreic h hat einen Königǁ und ǁDer König von Frankreic h hat einen Sohnǁ = ǁ(7a)ǁ. Dies ist erfüllt, und so hat die Konjunktion (7) nur die Präsupposition ǁFrankreic h hat einen Königǁ. Betrac hten wir noc h zwei weitere Fälle, nämlic h Negationen und Konditionale. Hier werden, im Gegensatz zur Konjunktion, die Teilsätze nic ht behauptet; und so haben die Kontexte, die durc h die Behauptung der Teilsätze erzeugt würden, nur eine Hilfsfunktion bei der Festlegung des von der komplexen Äußerung erzeugten Kontexts. Für negierte Sätze der Form nicht A sieht dies folgendermaßen aus: Die Äußerung von A im Kontext k würde den Kontext k + A erzeugen. Mit der Äußerung von nicht A will man nun aber gerade diejenigen Welten als möglic h beibehalten, die im Übergang von k zu k + A ausgesc hlossen werden. Demnac h ist k + nicht A gerade als k\(k + A) zu definieren. Und damit ist eine Äußerung von nicht A nur in Kontexten zulässig, in denen die Präsuppositionen von A enthalten sind — dies entspric ht natürlic h genau der Beobac htung, daß Präsuppositionen (in der Regel) unter Negation erhalten bleiben. Bei der Interpretation von Konditionalsätzen der Form wenn A, dann B müssen zwei provisorisc he Kontexte betrac htet werden: er-
10. Kontextveränderung
235
stens die Menge derjenigen Welten aus dem alten Kontext k, in denen A der Fall ist, also k + A, und zweitens die Menge der Welten aus k + A, in denen B der Fall ist, also (k + A) + B. Mit dem Konditionalsatz werden dann gerade diejenigen Welten aus k ausgesc hlossen, in denen A der Fall ist und unter dieser Annahme B nic ht der Fall ist. Demnac h ist k + (wenn A, dann B) als k\(k + A\k + A + B) zu definieren. Für Konditionalsätze haben wir damit dieselben Zulässigkeitsbedingungen wie für Konjunktionen: wenn A, dann B ist in k zulässig, wenn A in k und B in k + A zulässig ist. Dementsprec hend präsupponiert etwa unser Beispiel (4e), daß Frankreic h einen König hat, das Beispiel (4i) hingegen nicht: (4) e. Wenn der König von Frankreich kahlköpfig ist, dann braucht er eine Perücke. i. Wenn Frankreich einen König hat, so ist der König von Frankreich kahlköpfig.
samen Kontext zulässig zu mac hen. Die Akkommodationsregel kann also, genau genommen, nur dann zur Anwendung kommen, wenn kein gemeinsamer Redekontext besteht: Die Äußerung eines Sprec hers muß in seinem Redehintergrund auf jeden Fall zulässig sein, und so können die Hörer nur dann zur Akkommodation genötigt sein, wenn ihr Redehintergrund nicht der des Sprechers ist. Die rekursive Definition der Kontextveränderungsfunktion mac ht es nun zudem möglic h, die Akkommodationsregel nic ht auf den Ausgangskontext, sondern stattdessen auf die provisorisc h eingeführten Kontexte anzuwenden. Dadurc h läßt sic h der Fall behandeln, daß ein Satz bei der Einbettung in die Negation seine Präsuppositionen verlieren kann. Betrac hten wir dazu noc h einmal das Beispiel (4k) und seine mögliche Präsupposition (4b): (4) k. Der König von Frankreich ist nicht kahlköpfig, denn Frankreich hat keinen König. b. Frankreich hat einen König.
Die Präsuppositionen eines beliebig komplexen Satzes S lassen sic h also ganz allgemein so definieren: S präsupponiert die Proposition p, wenn jeder Kontext, in dem eine Äußerung von S zulässig ist, p impliziert. Die soweit skizzierte Kontextveränderungstheorie birgt allerdings noc h eine entsc heidende Sc hwierigkeit in sic h. Wir waren ja davon ausgegangen, daß der Redekontext die gemeinsamen Annahmen der Gespräc hsteilnehmer enthält, also diejenigen Propositionen, die sowohl Sprec her als auc h Hörer voraussetzen. Daraus ergibt sic h jedoc h, daß Sätze, deren Präsuppositionen weder explizit eingeführt wurden, noc h als Allgemeinwissen zu den Überzeugungen der Hörer gerec hnet werden können, als unzulässig und damit als uninterpretierbar betrachtet werden müssen. Nun ist es aber allgemein zugestanden, daß ein Sprec her auc h indirekt über die Präsuppositionen eines Satzes Informationen vermitteln kann — beim Gazdarsc hen System stand dies gerade im Vordergrund. Die zweite Strategie versuc ht dem über die Einführung der sogenannten Akkommodationsregel Rec hnung zu tragen: Wenn ein Sprec her einen Satz S in einem Kontext k äußert und S in k nur dann zulässig ist, wenn die Proposition p in k gälte, p aber in k nic ht enthalten ist, so werden die Hörer ihre Prämissen stillsc hweigend so verändern, daß sie die Proposition p hinzunehmen, um damit S in ihrem gemein-
Wenn (4k) in einem Kontext k geäußert wird, der die Proposition ǁ4bǁ nic ht enthält und demnac h die Zulässigkeitsbedingungen des ersten Teilsatzes nic ht erfüllt, so gibt es prinzipiell zwei Möglic hkeiten der Akkommodation: Man kann zum einen den ursprünglic hen Kontext k zu k + ǁ4bǁ akkommodieljren und dazu dann den ersten Teilsatz von (4k) gemäß obiger Regel für die Negation hinzufügen; damit entsteht der Kontext k + (4b)\k + (4b) + der König von Frankreich ist kahlköpfig. Dazu läßt sic h der zweite Teilsatz von (4k) nic ht mehr konsistent hinzufügen. Man sollte daher zur zweiten Möglic hkeit übergehen: Man akkommodiert nur den provisorisc h eingeführten Kontext zu k + (4b), fügt dazu der König von Frankreich ist kahlköpfig hinzu und bildet dann die Differenz zum ursprünglic hen Kontext k. Danac h erzeugt der erste Teilsatz von (4k) den Kontext k\k + (4b) + der König von Frankreich ist kahlköpfig. In ihm gilt lediglic h, daß entweder Frankreic h keinen König hat oder daß er nic ht kahlköpfig ist; und so läßt sic h zu ihm der zweite Teilsatz konsistent hinzufügen. Auf die Präsuppositionstheorie sind wir deswegen so ausführlic h eingegangen, weil sic h an ihr die versc hiedenen Funktionsweisen der zwei Ansätze zu einer Kontextveränderungstheorie, Gazdars und Stalnakers, besonders augenfällig vergleic hen lassen. Nun ist aber zu betonen, daß in Stalnakers Ansatz
IV. Kontexttheorie
236
mit dem Begriff der pragmatisc hen Zulässigkeitsbedingung ein Instrument zur Verfügung steht, dessen Anwendungs- und Erklärungsmöglichkeiten viel weiter reichen. Wie in der Einleitung erwähnt, ist es ja ein Ziel einer Kontextveränderungstheorie, den Sprec hakt des Behauptens zu c harakterisieren. Eine natürlic he Bedingung an geglüc kte Behauptungen besteht nun darin, daß sie den Redehintergrund bereic hern, das heißt, die Menge der gemeinsam für möglic h gehaltenen Welten verkleinern, aber nic ht auf die leere Menge reduzieren sollen. Daraus ergibt sic h erstens, daß in einem Kontext k nur solc he Äußerungen A zulässig sind, die keine Inkonsistenzen erzeugen, für die also k + A ≠ ∅ — diese Konsistenzbedingung hatten wir ja schon oben stillsc hweigend verwendet. Und zweitens ergibt sic h daraus die Informativitätsbedingung, daß in k eine Äußerung A unzulässig ist, wenn A in k sc hon bekannt ist, wenn also k + A = k. (vgl. hierzu auc h Stalnaker 1978, 325 f.). Damit läßt sic h die sogenannte Gerichtetheit der Konjunktion erklären, das heißt, daß zum Beipiel der nac hstehende Satz (4g) zumindest in einigen Kontexten zulässig, (41) hingegen nie akzeptabel ist: (4) g. Frankreich hat einen König und der König von Frankreich ist kahlköpfig. l. Der König von Frankreich ist kahlköpfig und Frankreich hat einen König. Denn der erste Teilsatz von (41) ist in einem Kontext k nur zulässig, wenn k die Präsupposition ǁFrankreic h hat einen Königǁ enthält; und auf diesem Hintergrund kann der zweite Teilsatz von (41) nic ht mehr informativ geäußert werden (vgl. Stalnaker 1973, 454). Die Geric htetheit der Konjunktion zu erklären, ma c ht Gazdar übrigens deswegen c S hwierigkeiten, weil seine pragmatis c he Theorie Sätze als ganze behandelt und sic h nicht in ihren rekursiven Aufbau vertieft. Eine andere Zulässigkeitsbedingung liefert uns die folgende Beobac htung: Während Gazdar seine Präsuppositionstheorie in der expliziten Absic ht entwic kelt hat, ohne einen semantisc hen Präsuppositionsbegriff und so mit der klassisc hen zweiwertigen Semantik auszukommen, will Stalnaker durc haus für eine semantis c he Präsuppositionstheorie Raum lassen — welc he er sic h im Rahmen einer Semantik mit Wahrheitswertlüc ken vorstellt. Dafür, daß aus semantisc hen Präsuppositionen auc h pragmatisc he werden, sorgt dann
eine generelle Zulässigkeitsbedingung, die man die Wahrheitsdefinitheitsbedingung nennen könnte. Sie besagt, daß eine Äußerung von S im Kontext k nur dann zulässig ist, wenn S in allen Welten aus k wahrheitsdefinit ist, wenn also ǁSǁ — was nun als eine partielle Funktion aus der Menge der möglic hen Welten in {wahr, falsc h} aufzufassen wäre — für alle Welten in k definiert ist (vgl. Stalnaker 1973, 452; 1978, 326). Auf dem Hintergrund des bisher Gesagten läßt sic h sc hließlic h eine allgemeine Definition des Begriffs der pragmatisc hen Folgerung geben. Eine solc he Definition findet sic h bereits in Stalnaker (1976a), wo er von reasonable inference spric ht und diese folgendermaßen charakterisiert: „... an inferenc e from a sequenc e of assertions or suppositions (the premisses) to an assertion or hypothetic al assertion (the c onc lusion) is reasonable just in c ase, in every c ontext in whic h the premisses c ould appropriately be asserted or supposed, it is impossible for anyone to ac c ept the premisses without c ommitting himself to the c onc lusion.“ (Stalnaker 1976a, 180/181)
Im Rahmen der oben gesc hilderten Kontextveränderungstheorie können wir das so präzisieren: Eine Behauptung B ist genau dann eine pragmatische Folgerung aus den Behauptungen A1,...An, wenn für jeden Redekontext k, in dem A1 und ... und Anzulässig ist, gilt, daß (...(k + A1) + ...) + An ⊆ ǁBǁ, das heißt ersteres letzteres impliziert. Damit können wir nun Präsuppositionen und, wenn wir sie behandelt hätten, auc h Implikaturen in einem präzisen Sinn als pragmatisc he Folgerungen besc hreiben. Stalnaker setzt in dem erwähnten Aufsatz übrigens gerade Klausalimplikaturen von Disjunktionen und Konditionalen dazu ein, gewisse Sc hlußsc hemata — Kontraposition, hypothetisc her Syllogismus, direktes Argument —, die unter einer konditionallogisc hen Interpretation des umgangsprac hlic hen wenn-dann nic ht logisc h gültig sind, als pragmatisc he Folgerungen zu erklären und damit ihrer intuitiven Gültigkeit Rechnung zu tragen.
3.
Redekontext und Äußerungssituation
Im vorangehenden Absc hnitt haben wir skizziert, wie sic h über eine Theorie der Kontextveränderung vers c hiedene Bedeutungskomponenten von Äußerungen integrieren lassen.
10. Kontextveränderung
In diesem Absc hnitt soll es nun um den Zusammenhang zwisc hen dem Redehintergrund, vor dem ein Satz geäußert wird, und seinem semantisc hen Inhalt im engeren Sinn, das heißt, der vom Satz ausgedrüc kten Proposition gehen. Bisher stand hinter unseren Überlegungen ja die Vorstellung, daß eine Kontextveränderungstheorie auf der Grundlage einer vorgegebenen Semantik operiert: die Semantik spezifiziert für jeden Ausdruc k der betrac hteten Sprac he, welc he Proposition er ausdrüc kt, und es ist diese Proposition, die bei einer zulässigen Äußerung des Satzes dem jeweiligen Redekontext hinzugefügt wird. Diese Vorstellung gilt es nun in versc hiedenerlei Hinsicht zu verfeinern. Zunäc hst ist natürlic h zu beac hten, daß die semantis c he Komponente c ni ht Sätzen sc hlec hthin, sondern erst den auf eine Äußerungssituation relativierten Sätzen Propositionen zuordnen kann. Das liegt daran, daß in einem Satz sogenannte indexikalische oder deiktische Ausdrücke vorkommen können, Ausdrüc ke, deren Bedeutung sic h nur unter Bezugnahme auf den Kontext ihrer Äußerung bestimmen läßt; klassisc he Beispiele für Deiktika sind ich, hier, jetzt, morgen, dies, der da, dort. So muß man, um festzulegen, welc he Proposition etwa der Satz Ich bin jetzt müde ausdrüc kt, darauf Bezug nehmen, wann und von wem er geäußert wird; äußert ihn eine Person a zu einem Zeitpunkt t, so besagt er, daß a zu t müde ist, äußert ihn eine Person b zu einem Zeitpunkt t’, so drüc kt er aus, daß b zu t’ müde ist. Weniger offenkundige Beispiele für Indexikalität liefern Kennzeic hnungen; bei ihnen läßt sic h eine attributive und eine referentielle Lesart untersc heiden: ein Ausdruc k wie der Erfinder des Blitzableiters bezeic hnet im attributiven Sinn, ganz unabhängig davon, unter welc hen Umständen er geäußert wird, in jeder Welt w dasjenige Individuum, welc hes in w den Blitzableiter erfunden hat; in der referentiellen Lesart hingegen bezeic hnet er in jeder Welt w dasjenige Individuum, welc hes in der Äußerungswelt den Blitzableiter erfunden hat, in diesem Sinne ist er dann kontextabhängig. Daß selbst Eigennamen Indexikalität anhaftet, wird später noc h deutlic h werden. (Vgl. dazu auc h Artikel 16 dieses Handbuchs.) Wir werden jedenfalls von nun an voraussetzen, daß die semantisc hen Interpretationsregeln für jeden Ausdruc k der Sprac he nic ht einfac h eine Intension, sondern seinen soge-
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nannten Charakter definieren: eine Funktion von Äußerungssituationen in Intensionen, also eine systematisc he Besc hreibung der Abhängigkeit des Inhalts eines Ausdruc ks von der Situation, in der er geäußert wird. Wir werden dementsprec hend jetzt mit ǁAǁ den Charakter eines Ausdruc ks A bezeic hnen. Ist A ein Satz, so bezeic hnet 〈A,c 〉 die Äußerung von A in einer Situation c und ǁAǁc die von A in c ausgedrüc kte Proposition, das heißt, die Auswertung des Charakters von A in der Situation c . Ist A ein indexikalisc her Ausdruc k, so ist ǁAǁc immer eine konstante Intensionfunktion. Bei indexikalis c hen Ausdrüc ken ist es also allein die Äußerungssituation und nic ht die Auswertungswelt, welc he ihren außersprac hlic hen Bezug festlegt. Man spric ht hier auc h davon, daß indexikalisc he Ausdrücke direkt referentiell sind. Äußerungssituationen sind nun offensic htlic h Objekte ganz anderer Art als die bislang betrac hteten Redekontexte; formal werden sie in der Regel als Tripel c = 〈wc, tc, pc〉 repräsentiert, wobei wc für die Welt, tc für den Zeitpunkt und pc für den Ort der Situation c steht. Diese drei Merkmale reic hen hin, eine potentielle Äußerung eines Satzes eindeutig zu lokalisieren. Daher sind alle anderen Eigensc haften von c , die man für die Interpretation indexikalisc her Ausdrüc ke benötigt, über Welt, Zeit und Ort festgelegt. Zum Beispiel ist der Sprec her in c dasjenige Individuum aus wc, welc hes zu tc am Ort pc spric ht, der Adressat in c dasjenige Individuum aus wc, das vom Sprec her in c zu tc angesproc hen wird. Für weitere Details der indexikalisc hen Semantik verweisen wir auf Artikel 9 dieses Handbuc hs. Für unsere Zwec ke, das heißt für eine Theorie der Veränderung von Redekontexten, sind nur die folgenden allgemeinen Überlegungen wesentlich: Wenn nic ht Sätze, sondern erst Äußerungen, also lokalisierte Sätze, Propositionen ausdrüc ken, so wird es notwendig, auc h Redekontexte explizit zu lokalisieren — denn wir wollen ja nic ht den Inhalt einer Äußerung vor einem beliebigen Redekontext betrac hten, sondern vor dem, auf dem die Äußerung fällt. Wir hatten zwar sc hon immer davon gesproc hen, daß Redekontexte durc h die Äußerung von Sätzen in bestimmter Weise verändert werden, aber da wir uns für die Indexikalität von Sätzen nic ht interesssiert hatten, brauc hten wir diese Redeweise nic ht weiter zu präzisieren. Allerdings ist die Lokalisierung von Redekontexten offenkundig unproblematis c h:
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Mit jeder Äußerung 〈A,c 〉 sind uns ja durc h die Äußerungssituation c die einsc hlägigen Annahmen der Gespräc hsteilnehmer gegeben — ganz einfac h deshalb, weil uns über wc alles, also auc h die Einstellungen von Sprec hern und Hörern gegeben sind. Daher können wir immer als eines der Merkmale von c einen Redekontext kc annehmen. Die im vorhergehenden Absc hnitt eingeführte Kontextveränderungsfunktion ist dann so umzudeuten, daß sie nic ht mehr einfac h einen Satz und einen Redekontext als Argument nimmt, sondern einen in einer bestimmten Situation lokalisierten Satz und den in dieser Situation gegebenen Redehintergrund; das heißt statt k + A müssen wir jetzt kc + 〈A,c〉 schreiben. Es fragt sic h nun, wie große Rüc kwirkungen diese vorderhand triviale Änderung auf die Definition der Kontextveränderungsfunktion hat. Eine Möglic hkeit wäre ja, die bisherigen Definitionen sinngemäß beizubehalten, also einfac h in den entsprec henden Rekursionsklauseln die Relativierung auf die Äußerungssituation hinzuzufügen. Damit wäre dann, wenn A ein atomarer Satz ist, kc + 〈A,c 〉 gleic h kc ⋂ ǁAǁc, wenn A eine Konjunktion der Form B und C ist, gleic h (kc ⋂ ǁBǁc) ⋂ ǁCǁc, und so weiter. Intuitiv würde dies, grob gesagt, bedeuten, daß eine Äußerung 〈A,c 〉 ihren Redekontext kc so verändert, daß die von A in c ausgedrüc kte Proposition zu kc hinzugenommen wird. (Wir gehen hier zunäc hst davon aus, daß in die Definition des Charakters eines indexikalisc hen Ausdruc ks der Redekontext einer Situation c nie wesentlic h eingeht, das heißt, daß es nur die objektiven Merkmale einer Äußerungssituation und nic ht subjektive Hörer/Sprec hereinstellungen sind, die den Bezug der Deiktika festlegen. Zumindest für indexikalisc he Ausdrüc ke wie ich, hier, jetzt ist diese Annahme sicherlich unumstritten.) Doc h leider trifft dieses einfac he und sc heinbar naheliegende Vorgehen nic ht wirklic h die Zielsetzungen einer Kontextveränderungstheorie. Denn diese sollte besc hreiben, welc he Information ein Satz, der in einer bestimmten Situation geäußert wird, den Hörern vermittelt, oder, allgemeiner formuliert, wie die Hörer den Satz auf der Grundlage ihrer bisherigen Überzeugungen verstehen. Der oben skizzierte Weg, der besagt, daß es die tatsäc hlic h oder objektiv in einer Situation ausgedrüc kte Proposition ist, die dem Redekontext hinzugefügt wird, erfaßt das subjektive Verständnis der Hörer jedoc h nur in dem
IV. Kontexttheorie
Fall korrekt, in dem diesen die relevanten Merkmale der Äußerungssituation bekannt sind. Betrachten wir dazu ein Beispiel: (8) Morgen wird es eine Sonnenfinsternis geben. Wir wollen annehmen, daß Satz (8) am 5. November 1987, um 15 Uhr geäußert wird; der Inhalt dieser Äußerung ist dann die Menge all derjenigen Welten, in denen es am Freitag, den 6. November, (irgendwo) eine Sonnenfinsternis gibt. Findet die Äußerung jedoc h gegenüber einem Hörer statt, der irrtümlic herweise davon ausgeht, daß es Mittwoc h, der 4., und nic ht Donnerstag, der 5. November ist, so wird dieser Hörer den Satz so verstehen, daß es am Donnerstag, den 5. November, eine Sonnenfinsternis gibt. Sein Redekontext wird also nac h der Interpretation des Satzes nur noc h solc he Welten enthalten, in denen es am 5. November 1987 eine Sonnenfinsternis gibt — und, aufgrund allgemeinen Wissens über die Häufigkeit von Sonnenfinsternissen, keine Welten, in denen sic h am 6. November die Sonne verfinstert. Sc hauen wir uns noc h ein weiteres, weniger banales Beispiel an: (9) Am Tag nach Madeleines vierundvierzigstem Geburtstag wird es in Deutschland eine totale Sonnenfinsternis geben. Hier interessiert uns die referentielle Lesart der Kennzeic hnung Madeleines vierundvierzigster Geburtstag. Wird (9) unter dieser Lesart irgendwann und irgendwo in der wirklic hen Welt geäußert, so ist die damit ausgedrüc kte Proposition die Menge der Welten, in denen es am 11. 8. 1999 in Deutsc hland eine totale Sonnenfinsternis gibt. Würde (9) mir gegenüber geäußert, so wäre es genau diese Proposition, die dadurc h zu meinen Überzeugungen hinzukäme, denn mir ist bekannt, worauf sic h die Kennzeic hnung Madeleines vierundvierzigster Geburtstag in der wirklic hen Welt bezieht. Jemandem, der lediglic h weiß, daß Madeleine im Jahre 1955 geboren wurde, wird (9) hingegen nur die Information geben, daß es irgendwann im Jahre 1999 — oder am 1. 1. 2000 — eine Sonnenfinsternis gibt. Und jemand, der von Madeleine gar nic hts weiß außer, daß sie derzeit lebt, wird (9) nur entnehmen können, daß es irgendwann in den näc hsten vierundvierzig Jahren eine Sonnnenfinsternis gibt, und daß diese Sonnenfinsternis einen Tag und vierundvierzig Jahre nac h dem Geburtstag einer Person namens „Madeleine“ liegt. Daß der semantisc he Gehalt, den die Äußerung eines indexikalisc hen Satzes für einen
10. Kontextveränderung
Hörer hat, ganz stark mit den Informationen des Hörers hinsic htlic h der Äußerungssituation und des Bezugs der deiktisc hen Ausdrüc ke variiert, heißt natürlic h keineswegs, daß sprac hlic he Bedeutung eine hoffnungslos subjektive und systematisc her Besc hreibung unzugänglic he Angelegenheit wäre. Die Bedeutung indexikalisc her Sätze ist ja mit ihrem Charakter zu identifizieren und dieser ist jedem Mitglied der Sprac hgemeinsc haft allein aufgrund seines semantisc hen Wissens gegeben. Erst um die von einem Satz ausgedrüc kte Proposition — seinen semantisc hen Gehalt im engeren Sinn — zu kennen, ist mehr als nur spra c hli c hes Wissen erforderli c h, benötigt man zusätzlic h Tatsac henwissen über die Äußerungssituation und die Äußerungswelt im allgemeinen. Erst an dieser Stelle kommt die subjektive Komponente in Form von subjektiven Überzeugungen ins Spiel. Es dürfte nun klar geworden sein, daß die Behandlung indexikalisc her Sätze innerhalb einer Kontextveränderungstheorie ni c ht in der oben skizzierten Weise erfolgen kann. Wenn wir so etwas wie den subjektiven Informationsgehalt der Äußerung eines Satzes A im Kontext c erfassen wollen, müssen wir nic ht ǁAǁc zum Redekontext kc hinzufügen, sondern vielmehr eine Proposition ǁAǁc’: diejenige Proposition, die A in einer möglic hen Äußerungssituation c ’ ausdrüc ken würde, die den — vielleic ht falsc hen — Annahmen der Hörer über die tatsäc hlic he Äußerungssituation entspric ht. Solc he Annahmen können natürlic h nie so spezifisc h sein, daß sie genau eine Situation c ’ festlegen. So, wie wir Äußerungssituationen oben eingeführt hatten, würde dies ja darauf hinauslaufen, daß die Überzeugungen der Hörer genau eine möglic he Welt wc’ auszeic hnen, und das ist sc hlec hterdings nic ht möglic h. Doc h ist für die Interpretation einzelner Äußerungen ja auc h nur eine begrenzte Festlegung nötig: die Annahmen der Hörer sollten eine Menge von möglic hen Äußerungssituationen c ’ aussondern, die hinsic htlic h des Bezugs der in A vorkommenden Deiktika übereinstimmen — also etwa darüber, wer der Sprec her, wann der Äußerungszeitpunkt, wer die mit „Madeleine“ bezeic hnete Person ist. Jedes solc he c ’ würde dann als Argument des Charakters von A ein und dieselbe, passende Proposition liefern. Aber auc h wenn diese Bedingung an die Hörerannahmen — also an den Redekontext — verletzt ist, hat das nic ht zur Folge, daß ein indexikalisc her Satz überhaupt nic ht mehr
239
interpretiert werden kann.- wie unser zweites Beispiel oben zeigen sollte. Wenn hinsic htlic h des Bezugs eines indexikalisc hen Ausdruc ks keine Festlegung besteht, gehen die Hörer nämlic h zu so etwas wie einer ‘attributiven’ Lesart über: der Ausdruc k wird in diesem Fall nic ht mehr als direkt referentiell, sondern als (attributiv zu lesende) Deskription (um)gedeutet, also etwa ich als der S precher, jetzt als der Äußerungszeitpunkt, Madeleine als die Person, die mit „Madeleine“ bezeichnet wird, usw. Es ist dann die unter einer solc hen Uminterpretation von einem Satz ausgedrüc kte, nunmehr kontextunabhängige Proposition, die zum Redekontext hinzukommt. Was wir in diesem Absc hnitt gesc hildert haben, entspric ht weitgehend Überlegungen von Stalnaker in dem bereits erwähnten Aufsatz „Assertion“. Stalnaker mac ht dort allerdings die vereinfac hende Annahme, daß Äußerungssituationen si c h mit mögli c hen Welten identifizieren lassen. Unter dieser Annahme kann er seine Überlegungen dann in den folgenden Bestimmungen zusammenfassen: Kontextveränderung durch indexikalische Sätze: kc + 〈A,c〉 = kc ⋂ ǁAǁc’, für ein c’ ∈ kc Hier stehen c , c ’ nic ht mehr für Tripel aus einer Welt, einem Zeitpunkt und einem Ort, sondern nur noc h für möglic he Welten; das heißt, c = c w. A steht für einen elementaren Satz. (Die Definition gilt natürlic h trivialerweise auch für nicht indexikalische Sätze.) Damit obiges aber überhaupt wohldefiniert ist, benötigen wir eine Zulässigkeitsbedingung für Äußerungen indexikalischer Sätze: Zulässigkeitsbedingung für indexikalische Sätze: Die Äußerung eines Satzes A vor einem Redehintergrund k ist nur dann zulässig, wenn gilt: ǁAǁc’ = ǁAǁc”, für alle c’, c” ∈ kc. Stalnakers Zulässigkeitsbedingung für indexikalisc he Sätze — im folgenden mit „ZBI“ abgekürzt — kann nun auf zwei versc hiedene Weisen erfüllt werden, die der zuvor getroffenen Falluntersc heidung entsprec hen. Zum einen gilt ZBI nämlic h dann, wenn der Redekontext — die Annahmen der Hörer — den Bezug der indexikalisc hen Ausdrüc ke in A eindeutig festlegt. So ist gemäß ZBI etwa die Äußerung des Satzes (10) (10) An Madeleines dreißigstem Geburtstag regnet es.
240
IV. Kontexttheorie
in einem Redekontext k zulässig, der nur solc he Welten w’ enthält, in denen sic h Madeleine jeweils auf dasselbe Individuum a, und nur auf dieses, bezieht und a in jedem w’ am selben Tag t geboren wurde. Denn dann ist der Charakter von (10) innerhalb von k konstant; das heißt, für jede möglic he Äußerungswelt w’ ∈ k ist die von (10) in w’ ausgedrückte Proposition dieselbe, nämlic h die Menge der Welten w, in denen es dreißig Jahre nac h t, dem Geburtstag von a in w’, regnet. Wird nun aber ein Satz vor einem Redehintergrund geäußert, der ZBI nic ht genügt, so findet, wie wir oben gesagt hatten, eine Uminterpretation statt. Diese Uminterpretation wird bei Stalnaker auf eine ganz systematisc he Weise erzeugt, nämlic h durc h die Verwendung des sogenannten Diagonaloperators Δ (vgl. dazu auc h Artikel 9) und das Diagonalisierungsprinzip: Diagonalisierung: Wenn die Äußerung eines Satzes A in einem Redekontext k gemäß ZBI nicht zulässig ist, so wird nicht k + A, sondern k + ΔA berechnet. Der Diagonaloperator ist semantisc h folgendermaßen erklärt: ǁΔAǁw’,w = ǁAǁw,w, für alle möglic hen Welten w,w’. Der Diagonaloperator identifiziert im Charakter eines Ausdruc ks A die Äußerungswelt w’ mit der jeweiligen Auswertungswelt w. Er hat also den Effekt, daß die Extension von A in einer Welt w unter der Annahme betrac htet wird, daß A in dieser Welt w geäußert würde. Es ist offenkundig, daß der Charakter eines diagonalisierten Satzes für jede möglic he Äußerungssituation w’ die gleic he Proposition liefert, denn w’ geht in die semantisc he Regel für die Bestimmung dieser Proposition nic ht mehr ein. ZBI ist durc h Diagonalisierung also auf jeden Fall Genüge getan. Doc h ist der Diagonaloperator nic ht nur ein tec hnisc her Kniff, sondern erzeugt vielmehr gerade solc he Lesarten, wie wir sie oben als intuitiv wünsc henswert besc hrieben haben: er bewirkt, daß alle direkt referentiellen Ausdrüc ke ‘attributiv’ gelesen werden. Das wird deutlic h, wenn wir zum Beispiel die Wahrheitsbedingungen von Δ(10) ausformulieren und mit denen von (10) verglei c hen: ǁ(10)ǁw’ =
{w in w regnet es dreißig Jahre nach dem Tag, an dem in w’ die Person, auf die sich „Madeleine“ in w’ bezieht, geboren wurde}
ǁΔ(10)ǁw’ =
{w in w regnet es dreißig Jahre nach dem Tag, an dem in w die Person, auf die sich „Madeleine“ in w bezieht, geboren wurde.}
Der Diagonaloperator erfaßt zwar formal alle in einem Satz vorkommenden Deiktika, doc h heißt dies nic ht, daß wir nur solc he Sätze diagonalisieren dürften, die lauter indexikalisc he Ausdrüc ke mit unbekanntem Bezug enthalten. Denn hinsic htlic h indexikalisc her Ausdrüc ke, deren Bezug innerhalb eines Redekontexts bekannt ist, ist der Diagonaloperator, jedenfalls innerhalb dieses Redekontextes, einfac h redundant: Wenn etwa für unser Beispiel (10) der Bezug von Madeleine eindeutig festgelegt ist, so liefert die in den Wahrheitsbedingungen von Δ(10) vorkommende Kennzeic hnung die Person, auf die sich „Madeleine“ in w bezieht für alle Welten w in k immer das gleic he Individuum, ist also eingeschränkt auf k direkt referentiell. Stalnakers Theorie ermöglic ht unter anderem eine einfac he Lösung des Fregesc hen Problems: Wie können Identitätssätze informativ sein? Betrac hten wir dazu ein Beispiel mit Eigennamen: (11) Hesperus ist Phosphorus. Wie wir bisher sc hon stillsc hweigend vorausgesetzt hatten, werden Eigennamen als indexikalisc he Ausdrüc ke betrac htet, deren Semantik sich ganz grob so formulieren läßt: Wenn N ein Eigenname ist, so gilt für alle w’ und alle w: ǁNǁw’,w = dasjenige Individuum, auf das sich N in w’ bezieht. Demgemäß hat aber ein Satz wie (10) nie einen kontingenten Inhalt, sondern drüc kt in jeder Äußerungssituation entweder die tautologisc he oder die kontradiktorisc he Proposition aus — je nac hdem, ob „Hesperus“ und „Phosphorus“ sic h in der fraglic hen Äußerungswelt auf den gleic hen Gegenstand beziehen oder nicht. Doc h repräsentieren Äußerungssituationen sozusagen totales Wissen; für eine Kommunikations- oder Informationstheorie muß der Gehalt eines Satzes hingegen vor dem Hintergrund partiellen Wissens, wie es durc h Redekontexte modelliert wird, betrac htet werden. Und in einem Redekontext kann natürlic h der Bezug eines oder beider Eigennamen in (11) unbekannt sein;. Das wiederum bedeutet, daß (11) nic ht wörtlic h, sondern diagonalisiert zu interpretieren ist. Die diago-
10. Kontextveränderung
241
nalisierte Lesart von (11) besagt ungefähr: „Das, worauf sic h „Hesperus“ bezieht, ist identisc h mit dem, worauf sic h „Phosphorus“ bezieht“ — ein Satz, der dann durc haus eine informative Lesart hat, das heißt, eine kontingente Proposition ausdrüc kt. (Es ist sogar so, daß wegen der im letzten Absc hnitt eingeführten Konsistenz- und Informativitätsbedingung eine Äußerung von (11) nur in Kontexten zulässig ist, in denen der Bezug zumindest eines der beiden Eigennamen nic ht bekannt ist.) Absc hließend sei jedoc h noc h betont, daß Stalnakers Gleic hsetzung von Äußerungssituationen mit Äußerungswelten zwar angehen mag, solange man nur Eigennamen und Kennzeic hnungen im Auge hat, sic h aber mit Sic herheit dann nic ht mehr beibehalten läßt, wenn auc h andere Deiktika, etwa die Standardbeispiele ich, hier, jetzt zu berüc ksic htigen sind. Denn betrac htet man Sätze, in denen diese Ausdrüc ke vorkommen, so wird es wic htig, Äußerungen solc her Sätze nic ht mehr nur in einer möglic hen Welt, sondern auc h in Raum und Zeit zu lokalisieren: Eine Äußerung von „Ic h bin müde“ zum Beispiel drüc kt ja nur als konkretes Ereignis betrac htet eine Proposition aus und nic ht unabhängig davon, wann und von wem sie produziert wird. Faßt man aber Äußerungssituationen wieder, wie eingangs gesc hildert, als Tripel aus einer Welt, einer Zeit und einem Ort auf, so sind natürlic h weitere Abänderungen vonnöten. wenn die Stalnakersc he Theorie nac h wie vor anwendbar sein soll: Auc h Redekontexte können nic ht mehr einfac h als Mengen von möglic hen Welten, sondern müssen als Mengen von mögli c hen Äußerungssituationen verstanden werden. Und wenn das Prinzip der Diagonalisierung auc h für lokale und temporale Deiktika (und solc he, die sic h über diese definieren lassen) verallgemeinert werden soll, so müssen auc h Äußerungsbedeutungen, also Propositionen, als Mengen von solc hen Situationen und nic ht mehr nur als Mengen von Welten definiert werden. Die Details dieser Erweiterungen werden wir hier nic ht entwic keln, aber es dürfte klar sein, daß damit die Kontextveränderungsregel und die Zulässigkeitsbedingung in der obigen Form unverändert übernommen werden könnten; der Diagonaloperator wäre dann als ǁΔAǁ〈w’,t’,p’〉,〈w,t,p〉 = ǁAǁ〈w,t,p〉,〈w,t,p〉 zu definieren.
wie in eine Theorie der Kontextveränderung deiktisc he Ausdrüc ke und die durc h sie erzeugte Abhängigkeit des Satzinhalts von der Äußerungssituation einzupassen sind. Absc hließend hatten wir angedeutet, daß es für eine allgemeine Behandlung von Indexikalität erforderlic h sein dürfte, Redekontexte und auc h Propositionen nic ht mehr einfac h als Mengen von Welten aufzufassen, sondern zusätzlic he Raum- und Zeitkoordinaten einzuführen. In diesem Absc hnitt werden wir uns den anaphorisc hen Ausdrüc ken, insbesondere den anaphorisc hen Personalpronomina zuwenden. Auc h diese, so wird sic h zeigen, liefern Gründe dafür, Redekontexte mit mehr Struktur zu versehen. Die Betrac htung der Anaphora führt uns in das Zentrum der aktuellen Kontextveränderungsdiskussion, denn hier haben Kamp (1981 a) und Heim (1982) eine ausgearbeitete und wohlmotivierte Theorie vorgelegt, die auf breiter Front aufgegriffen wurde und weiterentwickelt wird. Deiktika sind, so hatten wir gesagt, Ausdrüc ke, deren Interpretation von Merkmalen der Äußerungssituation bestimmt wird. Die Interpretation anaphorisc her Ausdrüc ke hingegen hängt von einem anderen Ausdruc k im gleic hen oder in einem vorangehenden Satz ab, von ihrem Bezugselement oder Antezedens. (Eine ausführlic he Darstellung der gängigen Theorien zur Semantik anaphorisc her Pronomina findet sic h in den Artikeln 23, 24 dieses Handbuchs.) Die erste und näc hstliegende Hypothese zur Deutung anaphorisc her Ausdrüc ke versuc ht nun, Anaphora wie Deiktika zu behandeln und ihre Bedeutung durc h eine spezielle Form von Situationsabhängigkeit zu erklären: was ein anaphorisc her Ausdruc k bezeic hnet, hängt davon ab, welc her Ausdruc k sein Antezedens ist und was dieses bezeic hnet — eine Information, die in jeder Äußerungssituation im Redekontext enthalten sein sollte. Um ein Beispiel zu geben: Wenn der Satz (13) in einer Situation geäußert wird, in der zuvor (12) geäußert wurde, so ist klar, daß das Pronomen er sic h auf das gleic he Individuum bezieht wie sein Antezedens Oskar — genauso, wie klar ist, daß er sic h auf Oskar bezieht, wenn Oskar tot auf einer Bahre liegt und der Geric htsmediziner, auf ihn deutend, (13) äußert: (12) Oskar ist tot. (13) Er wurde vergiftet.
4.
Doc h sc heint die Parallele zwisc hen Deixis und Anaphorik nic ht weit zu tragen. Deiktisc he Pronomina sind immer referentiell, sie beziehen sic h stets auf einen Gegenstand der
Anaphora
Im vorangehenden Absc hnitt ging es darum,
242
Äußerungssituation. Anaphoris c he Pronomina sind hingegen höc hstens dann referentiell, wenn sie ein definites Antezedens haben. Bezieht sic h ein Pronomen jedoc h anaphorisc h auf eine quantifizierende Nominalphrase, so bezeic hnet es natürlic h genausowenig einen Gegenstand wie sein Antezedens. Die Beispiele (14) bis (16) verdeutlichen dies: (14) Jeder bekommt das, was er sich gewünscht hat. (15) Niemand ist verpflichtet mehr zu tun, als er tun kann. (16) Jemand hat gedroht, er werde Oskar vergiften. In solc hen Fällen sc heint die zweite Hypothese angebrac ht zu sein, daß anaphorisc he Pronomina als Variablen zu deuten sind, die von ihrem Bezugswort, dem Quantor gebunden sind. Danac h ist ihre Interpretation gerade nic ht mehr von der Äußerungssituation abhängig. Nun gibt es jedoc h Beispiele, die sic h vorderhand weder der einen noc h der anderen Hypothese fügen: (17) Maria hat einen Esel. Er wird gut behandelt. (18) Wenn Hans einen Esel hat, schlägt er ihn. (19) Jeder Bauer, der einen Esel hat schlägt ihn. Im Sinne der ersten Hypothese lassen sich die hervorgehobenen Pronomina in den obigen Sätzen deshalb nic ht analysieren, weil ihre Bezugswörter indefinite Nominalphrasen sind, die gemeinhin als Existenzquantoren gedeutet werden und insofern keinen Gegenstand bezeic hnen. Es gibt allerdings Versuc he, die erste Hypothese so umzuinterpretieren, daß sie Beispiele wie (17) noc h erfassen kann. Man sagt dann, daß indefinite NPs zwar semantisc h gesehen keinen Gegenstand bezeic hnen, daß aber derjenige, der einen Satz mit einem Indefinitum äußert, einen bestimmten Gegenstand im Sinn haben kann, und daß es dann dieser Gegenstand ist, der von dem anaphorisc hen Pronomen bezeic hnet wird. Eine solc he Analyse findet sic h etwa in Kripke (1977); auc h in Lewis (1979a) wird etwas ähnlic hes vorgesc hlagen. Vgl. dazu ebenfalls Heim (1982, Kap. I, 1.3.). Beispiele wie (18) und (19) lassen sic h auf diese Weise allerdings nach wie vor nicht behandeln. Die zweite Hypothese ist insofern nic ht anwendbar, als diese Pronomina, gemäß allen gängigen syntaktisc hen Analysen, außerhalb des Skopus ihrer Antezedentia stehen und
IV. Kontexttheorie
daher von diesen nic ht gebunden sein können. Für Sätze wie (17) ließe sic h die zweite Hypothese noc h durc h die Annahme retten, daß indefinite Nominalphrasen ungewöhnli c h weiten, über die Grenzen des jeweiligen Teilsatzes hinausreic henden Skopus haben. Doc h für Sätze wie (18) und (19) nützt auc h das nic ht viel. (18) und (19) sind sogenannte Eselsätze: Sätze, in denen innerhalb eines Wennoder Relativsatzes eine indefinite Nominalphrase steht und außerhalb dieses Teilsatzes ein auf diese NP anaphorisc h bezogenes Pronomen. In solc hen Konstruktionen hat der unbestimmte Artikel intuitiv nic ht mehr die Bedeutung eines Existenz-, sondern vielmehr die eines Allquantors. (18) und (19) sind so zu paraphrasieren: (18) a. Für jeden Esel x gilt: wenn Hans den x besitzt, dann schlägt Hans den x. (19) a. Für jeden Bauern y und jeden Esel x gilt: wenn y den x besitzt, dann schlägt y den x. Natürlic h darf man aus diesen Paraphrasen nun nic ht den Sc hluß ziehen, daß der unbestimmte Artikel sich eben sowohl als Existenzals auc h als Allquantor deuten läßt und daß die problematisc hen Pronomina so doc h als Variablen erklärt werden können, die durc h NPs mit ungewöhnlic h weitem Skopus gebunden sind. Denn der unbestimmte Artikel ist ja nic ht sc hlec hthin mehrdeutig zwisc hen einer existenz- und einer allquantifizierenden Lesart. Letztere erhält er nur in ganz bestimmten Konstruktionen, und wie dies zustande kommt, sollte eine adäquate Theorie erklären können. Eine solc he Erklärung findet sic h nun in Kamp (1981a) und Heim (1982). (Eine kritisc he Darstellung anderer Versuc he, das Problem der Eselsätze zu lösen, gibt Heim 1982: Kap. I, 1.2.) Kamp und Heim haben ihre Theorien voneinander unabhängig entwic kelt und im wesentlic hen stimmen sie sowohl in ihrer bedeutungstheoretisc hen Grundkonzeption, als auc h in ihrer Lösung des Problems der Eselsätze überein. Ihre Auffassung soll hier in drei Sc hritten dargelegt werden: Im ersten Sc hritt geht es nur um eine neue Konzeption der Semantik definiter und indefiniter NPs und damit auc h des anaphorisc hen Bezugs. Erst im zweiten Sc hritt kehren wir zu unserem eigentlic hen Thema zurüc k und ziehen die Konsequenzen dieser neuen Semantik für eine Kontextveränderungstheorie. Im dritten Sc hritt soll dann sc hließlic h der theoreti-
10. Kontextveränderung
sc he Nutzen klar gemac ht werden, der im Übergang zu einer Kontextveränderungstheorie liegt, denn dadurc h lassen sic h einige Fragen beantworten, die in der Semantik noc h offen bleiben mußten. Unsere Darstellung wird sic h weitgehend an Heim (1982) orientieren. (Für eine Darstellung der Version Kamps siehe Artikel 41.) Heim und Kamp lehnen zunäc hst die traditionelle Analyse des unbestimmten Artikels als Existenzquantor ab. Dies läßt sic h anhand der Eselsätze plausibel mac hen. Denn wenn der unbestimmte Artikel mal als Existenzund mal als Allquantor zu lesen ist, so liegt es nahe ihn allein als keins von beidem zu lesen und den quantifizierenden Effekt anderen Elementen von Sätzen zuzusc hreiben. Im Kern beruht darauf die Strategie von Heim und Kamp. Die semantisc he Funktion indefiniter Nominalphrasen liegt demgemäß nur darin, Argumentpositionen mit freien Variablen zu besetzen und die Belegung der Variablen zu besc hränken. Diese Strategie dehnen Kamp und Heim auc h auf definite Nominalphrasen aus; deren semantisc he Funktion ist genau die gleic he. Letztlic h bedeutet dies, daß der bestimmte und der unbestimmte Artikel semantisc h leer sind. Der offenkundig vorhandene Bedeutungsuntersc hied zwisc hen ihnen wird sic h so erst im dritten Sc hritt auf der pragmatisc hen Ebene erklären lassen. Zunäc hst ist allerdings zu betrac hten, wie sic h die semantisc he Strategie konkret zum Tragen bringen läßt. Unsere obigen Sätze (17)—(19) erhalten bei Heim die nac hstehenden logisc hen Formen. Wie man zu ihnen gelangt und wie sie semantisc h zu interpretieren sind, wird gleic h erläutert werden: (17) b. (Maria , Esel , besitzt ) ( wird gut behandelt) (18) b. (Hans , (wenn (Esel , besitzt ) dann ( schlägt ))) (19) b. jeder (Bauer , Esel , besitzt ) ( schlägt ) Die logisc he Form eines Satzes wird von Heim aus seiner syntaktisc hen Struktur durc h eine Reihe von Konstruktionsregeln erzeugt. Diese Regeln versehen zuerst jede Nominalphrase mit irgendeinem Index. Wenn wir dabei einem Pronomen und einer anderen NP denselben Index geben, so heißt das, daß wir ersteres auf zweiteres anaphorisc h beziehen. Danac h werden alle nic htpronominalen NPs unter Hinterlassung einer koindizierten leeren NP an den Satzanfang bewegt und die Quan-
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toren aus den Quantorenphrasen herausgezogen. Eine genauere Fomulierung dieser Konstruktionsregeln findet sic h in Heim (1982, Kap.II, 5.2, Kap.III, 3.1, 4.2, 4.3). Wir sind hier jedoc h insofern von Heims Regeln abgewic hen, als wir davon ausgehen, daß Eigennamen immer weitesten Skopus erhalten. Diese Annahme, die sic h auc h in Kamp (1981 a) findet, ist für die Angemessenheit der unten formulierten Interpretationsregeln notwendig. Sie wird dann überflüssig, wenn wir im dritten Sc hritt zur endgültigen Formulierung der Heimschen Theorie übergehen. Die so erzeugten Strukturen werden dann für die Zwec ke der semantisc hen Interpretation reanalysiert. Das ist nötig, weil sic h syntaktisc he und semantisc he Kategorien nic ht dec ken. So sind pronominale und leere NPs, semantisc h gesehen, Variablen, also Terme, NPs, die aus einem Nomen und einem Artikel bzw. einer leeren Quantorenposition bestehen, sind hingegen atomare Formeln. Komplexe Formeln sind Konstituenten, die eine oder mehrere atomare Formeln als unmittelbare Konstituenten enthalten. Es gibt zwei Typen von komplexen Formeln: solc he, die aus einem Quantor oder Operator und seinen Sc hwesterkonstituenten bestehen, und solc he, die einfac h nur andere Formeln als unmittelbare Konstituenten haben; letztere nennt Heim (1982, Kap.II, 3.1) kumulative komplexe Formeln. Nac h Anwendung der Konstruktionsregeln kommt dann als logisc he Form eines Satzes so etwas heraus, wie wir es oben für unsere Beispiele (17)—(19) hingesc hrieben haben, von den oberen Indizes „i“ und „d“ an den Variablen abgesehen. (Wenn-dann-Sätze behandelt Heim nic ht ganz so, wie wir es hier und im folgenden sc hildern werden, sondern als intensionale Konstruktionen. Sie geht davon aus, daß Konditionalsätze, in denen kein expliziter adverbialer Quantor vorkommt — wie zum Beispiel das meistens in wenn Hans einen Esel besitzt, schlägt er ihn meistens —, dennoc h einen unsic htbaren Modaloperator enthalten, der in der logisc hen Form am Satzanfang sic htbar gemac ht wird. Das wenn-dann selbst ist dann semantisc h irrelevant, vgl. Heim 1982, Kap.II, 4.2; s. auc h Artikel 30. Wir werden hier die Intensionalität des Konditionals nic ht berüc ksic htigen und uns an die vereinfac hende Analyse in Kamp 1981 a halten.) Die Rolle dieser oberen Indizes ist klar: sie zeigen an, welc he Variablen in der logisc hen Form definit (= d) und welc he indefinit (= i) sind. Diese Information, die wir für die se-
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mantisc he Interpretation der logisc hen Formen benötigen werden, ist ja in der syntaktisc hen Struktur von Sätzen enthalten. Das Vorkommen einer Variablen in der logisc hen Form eines Satzes heißt definit bzw. indefinit, wenn der kleinste NP-Knoten, der dieses Vorkommen enthält, definit bzw. indefinit ist. Als indefinit in diesem erweiterten Sinn gelten nic ht nur NPs mit dem unbestimmten Artikel, sondern auc h NPs mit einer leeren Quantorenposition; definit sind leere NPs, NPs, die aus einem definiten Pronomen bestehen, und NPs mit dem bestimmten Artikel. Es kommt nun natürlic h entsc heidend auf die Interpretation der so gegebenen logisc hen Formen an. Wie dies in der Theorie von Heim aussieht, wird uns als näc hstes besc häftigen, allerdings nur so weit, daß wir die in unseren Beispielsätzen auftauc henden Elemente behandeln können. Die logisc hen Formen umgangssprac hlic her Sätze lassen sic h als Ausdrüc ke einer Repräsentationssprac he betrac hten, die wir für unsere begrenzten Zwec ke so definieren können: Grundausdrüc ke sind n-stellige Prädikate , , ... (n = 1,2,...) und Individuenvariablen x1, x2, ...; atomare Formeln sind Ausdrücke der Form , ..., wobei ak ∈ {i,d} (k = 1,...,n). Wenn A, B, B1,...Bn Formeln sind, so sind au c h (B1,...,Bn), jeder (A,B) und (wenn A, dann B) Formeln. Die semantisc hen Regeln für diese Sprac he sollen nun jeder Formel F ihre Erfüllungsbedingungen zuordnen, das heißt, für jede Variablenbelegung j und jede möglic he Welt w festlegen, ob F bei j in w wahr oder falsc h ist. Dazu ist zweierlei rekursiv zu bestimmen: die Menge aller Paare 〈j,w〉, bei denen eine Formel F wahr ist und welc he die Erfüllungsmenge von F — EM(F) — heiße; und außerdem die Menge der quantifizierbaren Variablen einer Formel F — QV(F) —, die durc h die Quantoren jeder und wenn-dann quantifiziert werden können. Dies ist folgendermaßen definiert: Definition 1: Sei M = 〈W, D, ǁ ǁ 〉 ein intensionales Modell für unsere Repräsentationssprache, worin W eine Menge von möglichen Welten, D ein nicht-leerer Individuenbereich und ǁ ǁ eine Interpretation der Prädikate ist. Da wir indexikalische Ausdrücke vorläufig außer acht lassen, ist ǁ ǁ keine Charakter-, sondern eine Intensionsfunktion, die jeder Welt w die Menge derjenigen n-tupel von Individuen zuordnet, auf die
IV. Kontexttheorie
in w zutrifft. Eine zu M gehörige Variablenbelegung ist eine Funktion von der Menge der Variablen in die Menge D. Es gilt dann: 1. Ist F ein atomarer Satz der Form , ..., so ist EM(F) = {〈j,w〉 〈j(xr1),...,j(xrn)〉 ∈ ǁ
ǁw}
und QV(F) = {xrk ak = i}, d. h. die Menge der in F indefinit vorkommenden Variablen. 2. Ist F eine komplexe Formel der Form (A1, ..., An), so ist
3. Ist F eine komplexe Formel der Form jeder (A,B) oder (wenn A, dann B), so ist EM(F) = {〈j,w〉 zu jedem j’ = QV(A) j mit 〈j’,w〉 ∈ EM(A) gibt es ein j” = QV(B) j’ mit 〈j”,w〉 ∈ EM(B)} und QV(F) = ∅ — hierbei heißt j’ = QV(A)j, daß j’ mit j bis auf die Belegung der Variablen aus QV(A) übereinstimmt. Schließlich heißt eine Formel F in einer Welt w wahr gdw. es ein j gibt, so daß 〈j,w〉 ∈ EM(F). Zusammen mit den Regeln zur Erzeugung der logisc hen Formen ergeben sic h damit für umgangsspra c hli c he Sätze die erwüns c hten Wahrheitsbedingungen. Dies sei wiederum anhand unserer Beispiele (17)—(19) veransc haulic ht. Wir werden dabei die vereinfac hende Annahme mac hen, daß, wenn N ein Eigenname ist, eine atomare Formel der Form Nxr als xr heißt „N“ zu verstehen ist. Damit vernac hlässigen wir die in Absc hnitt 3 angespro c hene Indexikalität von Eigennamen, wir werden aber später darauf zurüc kkommen. Betrac hten wir als erstes unser Beispiel (17). Die logisc he Form von (17) ist eine kumulative komplexe Formel; sie ist wahr in einer Welt w genau dann, wenn es eine Variablenbelegung j gibt, so daß j(x1) ein Individuum ist, welc hes in w „Maria“ heißt, und j(x2) ein Individuum, welc hes sowohl zu den Eseln in w, als auc h zu den in w gut behan-
10. Kontextveränderung
delten Individuen zählt und außerdem in w Eigentum von j(x1) ist. (17) hat also die gleic hen Wahrheitsbedingungen wie die nac hstehende prädikatenlogische Formel (17c): (17) c. ∃x1 ∃x2 (Maria x1 ⋀ Esel x2 ⋀ Besitzen x1,x2 ⋀ Gut-behandelt-werden x2) Die Beispiele (18) und (19) illustrieren die dritte semantisc he Regel. (18) ist genau dann in einer Welt w wahr, wenn es eine Variablenbelegung j gibt, derart, daß j in w die Formel Hans x3 erfüllt und jede x4-Variante von j, die in w die Formel (Esel x4, x3 besitzt x4) erfüllt, auc h die Formel (x3 sc hlägt x4) in w erfüllt. [Eine x4-Variante einer Variablenbelegung j ist eine Variablenbelegung, die alle Variablen außer x4 wie j belegt.] (18) ist also in w genau dann wahr, wenn es eine Person namens Hans in w gibt und jedes Individuum, welc hes in w ein Esel ist und Hans gehört, von Hans in w gesc hlagen wird. Analog sind die Wahrheitsbedingungen von (19) zu berec hnen. Mithin ergeben sic h für (18) und (19) genau die Wahrheitsbedingungen, die wir in (18a) und (19a) sc hon umgangssprac hlic h ausgedrüc kt haben und die sich prädikatenlogisch so darstellen: (18) c. ∃x3 (Hans x3 ⋀ ∀x4 ((Esel x4 ⋀ Besitzen x3x4) → Schlagen x3,x4)) (19) c. ∀x1∀x2 ((Bauer x1 ⋀ Esel x2 ⋀ Besitzen x1,x2) → Schlagen x1,x2) Das Problem der Eselsätze läßt sic h also dadurc h lösen, daß man den unbestimmten Artikel nic ht mehr als Quantor, sondern als freie Variable analysiert. Ob eine NP mit dem unbestimmten Artikel eine existentielle oder eine universelle Lesart hat, hängt dann davon ab, in welc her Kontruktion sie vorkommt. Auf diese Weise bleibt eine einheitlic he Analyse des unbestimmten Artikels gewahrt. Daß der bestimmte Artikel ebenso, das heißt nic ht als Quantor, sondern als freie Variable zu analysieren ist, ist vollends leic ht einzusehen. Denn offenbar können wir in den Sätzen (17)—(19) das sic h auf einen Esel beziehende Pronomen er bzw. ihn ohne Bedeutungsuntersc hied durc h der bzw. den Esel ersetzen; es gibt eben auc h anaphorisc he Verwendungen von NPs mit dem bestimmten Artikel. Folglic h ist dieses anaphorisc he der Esel ebenso zu analysieren wie er, d. h. als freie Variable, und diese Feststellung ist dann um der Einheitlic hkeit der Analyse willen, auf weitere Verwendungen des bestimmten Artikels auszudehnen. Wir können uns nun dem zweiten Sc hritt
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zuwenden, den Konsequenzen dieser veränderten Semantik für eine Kontextveränderungstheorie. Diese kommen sc hon im einfac hsten Fall zum Vorsc hein, dem Fall eines anaphorisc hen Pronomens mit einem indefiniten Antezedens im vorausgehenden Satz, also z. B.: (20) a. Ein Mann liegt auf dem Sofa. b. Er schläft. Gemäß den obigen Regeln ist die von (20) als ganzem ausgedrüc kte Proposition die Menge aller Welten, in denen es einen Mann gibt, der auf dem Sofa sitzt und sc hläft; und wenn (20) in einem als Proposition repräsentierten Redekontext k geäußert wird, so wird diese Proposition zu k hinzugefügt. Nun besteht (20) aber aus zwei Einzelsätzen, und wir sollten daher versuc hen, k + (20) auf ((k + (20a)) + (20b) zurüc kzuspielen. Dazu k erst mit der von (20a) und dann mit der von (20b) ausgedrü c kten Proposition zu cs hneiden, wäre allerdings intuitiv völlig inadäquat: Die von (20a) ausgedrüc kte Proposition ist die Menge aller Welten, in denen es einen Mann gibt, der auf dem Sofa sitzt; und die Wahrheitsbedingung von (20b) ist, gemäß den obigen Regeln, die Menge aller Welten, in denen es ein sc hlafendes männlic hes Individuum gibt. Betrac htete man den Satz (20b) losgelöst von jeglic hem Kontext, so wäre das keineswegs unerwünsc ht; denn wenn gänzlic h unbekannt ist, worauf sic h das er in (20b) bezieht, so ist es nic ht unplausibel, er als irgendjemand zu verstehen und (20b) diese Wahrheitsbedingung zuzuordnen. (Das entspric ht dem, was wir in Absc hnitt 3 als Diagonalisierung besc hrieben haben.) Doc h wollen wir (20b) in einem Kontext betrac hten, in dem zuvor (20a) geäußert wurde; und dann entspric ht diese Wahrheitsbedingung natürlic h gar nic ht dem Informationsgehalt, den (20b) in diesem Kontext hat. (20b) besagt dann ja nic ht, daß irgendein Mann sc hläft, sondern, daß „derselbe“ Mann, von dem in (20a) schon die Rede war, schläft. In der Tat sc heint sic h dieser Informationsgehalt von (20b) überhaupt nic ht propositional als eine bestimmte Menge von Welten besc hreiben zu lassen. Man könnte meinen, daß sic h die von (20b) vermittelte Information als die Proposition besc hreiben ließe, die von dem Satz Der Mann, der auf dem S ofa liegt, schläft ausgedrüc kt wird. Dies steht zum einen in Widerspruc h zu der gerade gesc hilderten Theorie anaphorisc her Pronomina, die diese ja als mit ihrem Antezedens koindizierte Variablen und nic ht als verkleidete Kennzeic hnungen analysierte. Zum anderen würde
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der obige Satz aber auc h insofern nic ht die ric htige Proposition liefern, da er — bei der gängigen Analyse von Kennzeic hnungen — eine Einzigkeitsbehauptung enthielte, die intuitiv in (20) nic ht vorhanden ist: (20) kann durc haus auc h in Situationen wahr werden, in denen zwei Männer auf dem Sofa liegen und einer davon sc hläft. Eine ausführlic here Begründung dafür, daß es nic ht angemessen ist, anaphorisc he Pronomina der obigen Art als Kennzeic hnungen zu analysieren, findet sich in Heim (1982, Kap. I, 1.4 und 2.3). Was (20b) zum Redekontext beiträgt, ist vielmehr eine zusätzlic he Besc hränkung für die Belegung der Variablen, die dem indefiniten Antezedens entspric ht; und so verhält es sic h mit allen Sätzen, die eine indefinite NP pronominal wieder aufnehmen. Dieser Gedanke läßt sic h in einer Kontextveränderungstheorie nur dann angemessen präzisieren, wenn man Redekontexte nic ht mehr als Mengen von möglic hen Welten, sondern als etwas von der gleic hen Art wie die oben für offene Sätze eingeführten Erfüllungsmengen auffaßt. Ein Redekontext ist demnac h eine Menge von Paaren aus einer Variablenbelegung und einer möglic hen Welt oder, anders gesagt, eine Eigensc haft von einer Folge von Individuuen. Daß Gespräc hsteilnehmer einen so aufgefaßten Redekontext k haben, heißt dann intuitiv, daß sie glauben, daß die durc h k gegebene Eigensc haft in der wirklic hen Welt instantiiert ist, daß es also eine Belegung j gibt, so daß das Paar aus j und der wirklichen Welt in k enthalten ist. Diese veränderte Auffassung von Redekontexten erlaubt es zudem, an unserer einfac hen Besc hreibung einer Kontextveränderung als einem mengentheoretisc hen Durc hsc hnitt festzuhalten. Der durc h einen Satz erzeugte neue Kontext ist nun eben der Durc hsc hnitt des alten Kontexts mit der Erfüllungsmenge des Satzes. Das Beispiel (20) ist damit völlig angemessen zu erfassen. In einem dritten Sc hritt können wir nun diese Darstellung von Redekontexten, die von unserer Analyse definiter und indefiniter NPs erzwungen wurde, nutzbringend auf diese Analyse rückbeziehen. Bisher haben wir ja den bestimmten und den unbestimmten Artikel semantisc h weitgehend gleic hbehandelt; der einzige Untersc hied, der sic h so weit ergab, war, daß nur indefinite Variablen im obigen Sinn quantifizierbare Variablen sind und definite nic ht. Auf der pragmatisc hen Ebene der Kontextveränderung läßt sic h mehr dazu sagen. Heim
IV. Kontexttheorie
erklärt nun nämlic h den Untersc hied zwisc hen definiten und indefiniten Nominalphrasen mittels eines einzigen pragmatisc hen Prinzips, der sogenannten Neu/Alt-Bedingung. Hinter diesem Prinzip steht eine Einsic ht, die sc hon aus der traditionellen Grammatik stammt: Indefinite Nominalphrasen haben die Funktion, neue, noc h nic ht erwähnte Gesprä c hsgegenstände einzuführen; definite Nominalphrasen dienen dazu, auf bereits bekannte Gespräc hsgegenstände zurüc kzuverweisen (vgl. dazu etwa die DudenGrammatik, § 360). Dieser noc h sehr vage Gedanke läßt sic h mit Hilfe der oben entwikkelten Begrifflichkeit angemessen präzisieren. Dazu gilt es zunäc hst die Rede von relativ zu einem Kontext neuen und alten Variablen zu erklären: Eine Variable x heißt genau dann bezüglic h eines Redekontexts k neu, wenn mit jedem 〈j,w〉 ∈ k auc h für jedes d ∈ D 〈jx/d,w〉 ∈ k ist — wobei jx/d die Belegung ist, die x mit d und alle anderen Variablen wie j belegt. Eine Variable, die bezüglic h k nic ht neu ist, heißt bezüglic h k alt; und die Menge der bezüglic h k alten Variablen nennen wir auch den Bereich von k. Neu sind in einem Kontext mithin die Variablen, deren Belegung durc h den Kontext in keiner Weise besc hränkt ist, über die der Kontext also keinerlei Information enthält; alt sind hingegen die Variablen, die in früheren, im Kontext sc hon aufgenommenen Sätzen unquantifiziert vorkommen und so durc h den Kontext in ihrer Belegung besc hränkt sind. Wir können damit nun Heims Neu/AltBedingung, im folgenden mit „NAB“ abgekürzt, formulieren: Neu - /Alt - Bedingung für Variablen: Eine atomare logisc he Form F ist in einem Redekontext k nur dann zulässig, wenn jede indefinite Variable von F neu und jede definite Variable von F alt bezüglich k ist. NAB bezieht sic h nur auf atomare logisc he Formen. In NAB von den definiten und indefiniten Variablen — und nic ht Variablenvorkommen — in F zu reden, ist dabei deswegen erlaubt, weil in atomaren logisc hen Formen, insoweit sie von umgangssprac hlic hen Sätzen herrühren, eine Variable nic ht sowohl definit als auc h indefinit vorkommen kann. Es stellt sic h nun natürlic h sofort die Frage, wie die Neu/Alt-Bedingung auf komplexe Formeln ausgedehnt werden kann. Die Antwort ist nic ht sc hwer, denn das Problem der
10. Kontextveränderung
Projektion von Zulässigkeitsbedingungen hatten wir ja sc hon im Absc hnitt 2 für die dort betrac hteten Fälle gelöst: wir mußten nur den Prozess der Kontextveränderung rekursiv über den Aufbau der Sätze besc hreiben und konnten dann die Zulässigkeitsbedingungen als Bedingungen für die Definiertheit der Kontextveränderungsfunktion auffassen. Dadurc h wurde der Tatsac he Rec hnung getragen, daß durc h einen (Teil)Satz Annahmen eingeführt werden können, von denen die Zulässigkeit eines darauffolgenden (Teil)Satzes abhängt. Genau die gleic he Strategie wird uns auc h hier zum Erfolg verhelfen. Wir definieren: Definition 2: 1. k + F = k ⋂ EM(F), wenn F atomar ist. 2. k + (A1,...,An) = (...(k + A1) ... + An). 3. k + (wenn A, dann B) = k + jeder (A,B) = {〈j,w〉 ∈ k ⋂ für jedes j’, das mit j bezüglich des Bereichs von k übereinstimmt und für das gilt: 〈j’,w〉 ∈ k + A, gibt es ein j”, das mit j’ im Bereich von k + A übereinstimmt, so daß gilt: 〈j”,w〉 ∈ (k + A) + B } Im Verbund mit dieser Definition liefert NAB eine Zulässigkeitsbedingung für alle logisc hen Formen unserer einfac hen Repräsentationssprac he. Wir können dies auc h als eine Besc hränkung für die möglic hen Lesarten umgangsspra c hli c her Sätze auffassen. Denn wenn wir uns die obigen Regeln zur Erzeugung logisc her Formen ansc hauen, so ist es klar, daß sie keineswegs jedem Satz genau eine logisc he Form zuordnen. Gemäß der Indizierungsregel, um die es uns hier geht, lassen sic h ja NPs mit beliebigen Indizes versehen. Zwar sind viele Indizierungen dabei einander gleic hwertig, da sie durc h Umbenennung der Variablen auseinander hervorgehen, do c h führen versc hiedene Koindizierungen auc h zu wesentlic h versc hiedenen logisc hen Formen. NAB ist nun gerade dazu da, Koindizierungen, die zu intuitiv unerwünsc hten Interpretationen führen, auszusc hließen. Um ein besonders krasses Beispiel zu geben: Ordnete man dem obigen Satz (19) die nac hfolgende logisc he Form (19d) zu so hieße das, (19) als (19′) zu verstehen — was sichtlich absurd ist: (19) d. Jeder (Bauer , Esel , besitzt ) ( schlägt ) (19′) Jeder Bauer, der ein Esel ist und sich selbst besitzt, schlägt sich.
247
Natürlic h kann die Neu/Alt-Bedingung zusammen mit ihrer rekursiven Ausdehnung auf komplexe logisc he Formen nic ht alle unerwüns c hten Koindizierungen auss c hließen. (Einige werden, so dürfen wir annehmen, bereits durc h rein syntaktisc he Bedingungen ausgesc hlossen — vgl. Art. 23 dieses Handbuc hs.) Aber sie erklärt wenigstens, wieso indefinite NPs nie anaphorisc h gebrauc ht werden können und wieso Definita sic h auf Indefinita beziehen können — gemäß NAB müssen sic h Definita sogar auf Indefinita beziehen, sofern der Kontext nur über frühere Äußerungen zu seinem Inhalt kommen kann. Mac hen wir uns das an einigen Beispielen klar: (21) Ein Mann hatte einen Schwamm. Er war naß. (21′) Mann , Schwamm , hatte , war naß. (22) Er war naß. Ein Mann hatte einen Schwamm. war naß, Mann , Schwamm , (22′) hatte Hier sagt unsere Theorie, daß man zwar in (21), aber nic ht in (22) er und ein S chwamm anaphoris c h aufeinander beziehen kann, d. h., in (21′), aber nic ht in (22′) t = s sein kann. Auf genau die gleic he Weise können wir den Kontrast zwisc hen (23) und (24) erklären: (23) Wenn ein Mann einen Esel besitzt, schlägt er ihn. (23′) wenn (Mann , Esel , besitzt ) dann ( schlägt ) (24) Wenn ein Mann ihn besitzt, schlägt er einen Esel (24′) wenn (Mann , besitzt ) dann (Esel , schlägt )) Hier wird zunäc hst der alte Kontext k durc h den Wenn-Satz zu einem hypothetisc hen Kontext k’ erweitert; in (23′) muß xt bezüglic h k’ alt sein, weswegen hier s = t gelten darf; in (24′) dagegen muß xt bezüglic h k’ neu sein, und deswegen muß dort t ≠ s gelten. Um nic ht-pronominale definite NPn angemessen zu behandeln, ist sc hließlic h der Neu/Alt-Bedingung noc h eine weitere Zulässigkeitsbedingung zur Seite zu stellen, die sogenannte Inhaltsbedingung, mit „IB“ abgekürzt. Sie verlangt, daß der deskriptive Gehalt einer definiten NP keine neue Information enthalten darf; z. B. ist die Verwendung von der Esel nur dann zulässig, wenn der Gespräc hsgegenstand, auf den sic h der Esel be-
248
zieht, als Esel bekannt ist. Dies ist so zu explizieren: Inhaltsbedingung für definite NPn Wenn F eine Formel ist, die gemäß obiger Regeln zur Erzeugung der logisc hen Form von dem (einfac hen oder komplexen) Nomen N einer NP der Form der N herrührt, so ist F nur in einem Kontext k zulässig, der F impliziert. Daß ein Kontext k eine logisc he Form F impliziert, ist dabei folgendermaßen definiert: k impliziert F genau dann, wenn es zu jeder Variablenbelegung j und jeder Welt w mit 〈j,w〉 ∈ k eine Variablenbelegung j’ gibt derart, daß j’ hinsic htlic h des Bereic hs von k mit j übereinstimmt und 〈j’,w〉 ∈ k + F. Diese Definition findet sic h erst in Heim (1987). In Heim (1982) wird k impliziert F einfac h als k + F = k bestimmt. Diese sc hlic htere Definition wäre jedoc h nic ht ganz korrekt, wie ein einfac hes Beispiel zeigt. Wenn wir in einem Kontext k bereits den Satz Ein Mann kauft ein Buch unter der logisc hen Form F = (Mann xr, Buc h xs, xr kauft xs) ausgewertet haben, so wollen wir, daß die NP der Mann, der ein Buch kauft bzw. ihre logisc he Form F’ = (Mann xr, Buc h xt, xr kauft xt) von k impliziert wird. Der NP ein Buch, die in der definiten NP enthalten ist, muß jedoc h in F’ eine bezüglic h k neue Variable entsprec hen; also ist t ≠ s und damit auc h auc h k + F ≠ k. Die verfeinerte Definition der Implikation kann hingegen diesen Fall adäquat erfassen: wenn es eine Variablenbelegung j gibt, die in einer Welt w den Kontext k und damit auc h F erfüllt, dann gibt es natürlic h auc h eine Variablenbelegung j’, die den Bereic h von k wie j belegt und k + F’ in w erfüllt; j’ brauc ht dazu lediglic h xt mit j(xr) und alle anderen Variablen wie j zu belegen. Worin besteht nun der Bedeutungsuntersc hied zwisc hen dem bestimmten und dem unbestimmten Artikel? Mit IB wird ganz deutlic h, daß er nur in den untersc hiedlic hen Präsuppositionen besteht, die die Artikel mit sic h führen. Das ist natürlic h kein neuer Gedanke. Etwas Neues entsteht daraus nur dadurc h, daß wir diesen Gedanken mit der in Abs c hnitt 2 entwi c kelten Präsuppositionstheorie und mit der Einsic ht, daß definite und indefinite NPs selbst keine Quantoren sind, kombinieren. Mit der neuen Auffassung von definiten und indefiniten NPs und demgemäß von Redekontexten wird es im übrigen auc h mögli c h, Präsuppositionsprojektion unterhalb der Satzebene zu behandeln, d. h. ins-
IV. Kontexttheorie
besondere die Präsuppositionen quantifizierter Sätze aus den Präsuppositionen ihrer offenen Teilformeln abzuleiten. (Vgl. dazu Heim 1983b, 3.2 und 3.3.). Eine letzte Wendung führt uns nun zur endgültigen Fassung der von Heim (1982) und (1983) vertretenen Theorie. Betrac hten wir dazu noc h einmal die Definition der Kontextveränderungsfunktion. Die semantis c hen Regeln, das heißt die Definition der Erfüllungsbedingungen geht in Definition 2 offenbar nur an einer Stelle ein, nämlic h in 2.1, der Rekursionsbasis. Setzen wir aber dort für EM(F) das Definiens von EM(F) aus Definition 1.1 ein, so ist es uns möglic h, ganz ohne die semantisc hen Regeln auszukommen. Auc h die Definition von QV(F) erweist sic h als überflüssig. Ihre Funktion wird von der Definition des Bereic hs eines Kontexts erfüllt, zusammen mit der in NAB formulierten Forderung, daß indefinite Variablen immer neu sein müssen. Denn daraus ergibt sic h, daß in Definition 2.2 gerade die noc h nic ht quantifizierten Variablen in der gewünsc hten Weise quantifiziert werden. Mit diesen Reformulierungen gelangen wir also zu einer Bedeutungstheorie, die lediglic h aus einer rekursiven Definition des Kontextveränderungspotentials von Sätzen und einer Reihe von pragmatisc hen Zulässigkeitsbedingungen besteht. Unsere Theorie sagt mithin für jede Formel F und jeden Redekontext k nur, wann und wie dann k + F definiert ist. Doc h lassen sic h daraus die Wahrheitsbedingungen von Sätzen zurüc kgewinnen, allerdings nur partiell und kontextrelativ: Zunäc hst ist ein Kontext k genau dann in einer Welt w wahr, wenn es ein j gibt, so daß 〈j,w〉 ∈ k. Und falls k in w wahr ist, so ist ein Satz S unter einer Lesart F genau dann in w und relativ zu k wahr, wenn k + F in w wahr ist. Die Kontextrelativität dieser Wahrheitsdefinition ist offenkundig; sie ist unumgänglic h, wenn man Sätzen mit anaphorisc hen Ausdrüc ken wie z. B. (20b) gerec ht werden will. Eine Wahrheitsbedingung im klassisc hen Sinn hat ein Satz S unter einer Lesart F nur dann, wenn F im tautologisc hen Kontext ko zulässig ist; seine Wahrheitsbedingung ist dann gerade {w es gibt j mit 〈j,w〉 ∈ ko + F}. Die Wahrheitsdefinition ist partiell, da sie die Wahrheit von Sätzen nur relativ zu wahren Kontexten erklärt. Darin kommt einfac h zum Ausdruc k, daß ein Satz, dessen Präsuppositionen nic ht erfüllt sind, gar keinen Wahrheitswert erhält. Allerdings rec hnet die obige Definition alle Prämissen eines Gespräc hs,
10. Kontextveränderung
eben den gesamten Kontext zu den Präsuppositionen eines Satzes, und das ist offenbar eine zu starke Annahme. In Heim (1982, Kap.III, 3.3) finden sic h Überlegungen, wie diesem Problem zu begegnen wäre. Sc hließlic h ist zu beac hten, daß eine Bedeutungstheorie von der gerade skizzierten Form das üblic he Verhältnis von Pragmatik und Semantik umkehrt. Gewöhnlic h verwendet eine pragmatisc he Theorie eine unabhängige semantisc he Komponente. Hier aber steht die pragmatisc he Komponente für sic h, aus ihr kann man, wenn man will, eine Teilkomponente aussondern, die dem entspric ht, was sonst Semantik heißt. Wir haben keine Begründung angegeben, die diese Umkehrung erzwingt. Aber wir haben immerhin vorgeführt, daß Heim diese Umkehrung auf elegante Weise möglich macht. Wir wollen uns absc hließend noc h kurz der Frage zuwenden, wie sic h die Überlegungen dieses Absc hnitts mit denen des vorangegangenen Absc hnitts vereinbaren lassen. Eine einheitlic he Behandlung von Deiktika und Anaphora ist ja ein offenkundiges Desiderat, handelt es sic h doc h weitgehend um die gleic hen Wörter und Phrasen, die eben sowohl deiktisc h als auc h anaphorisc h verwendet werden können. Allerdings fällt ein Gegensatz gleic h ins Auge. Für indexikalisc he Sätze hatte es sic h als nützlic h herausgestellt, zwisc hen der von der Äußerungssituation bestimmten objektiven und der auf den Redehintergrund bezogenen subjektiven Bedeutung zu untersc heiden. Bei Sätzen mit Anaphora ergibt diese Untersc heidung hingegen keinen Sinn — jedenfalls solange wir keine anaphorisc hen Ausdrüc ke mit deiktisc hem Antezedens berüc ksic htigen. Denn zu wissen, worauf sic h ein anaphorisc her Ausdruc k bezieht, erfordert ja gerade rein sprac hlic he Kenntnisse und keine Kenntnisse über die Welt. Bei anaphorisc hen Sätzen fallen also subjektive und objektive Bedeutung zusammen; beide sind nur vom Redekontext abhängig. Dieser Gegensatz mag eine Vereinheitlic hung unwahrsc heinlic h mac hen. Aber nac hdem wir sc hon zu Beginn dieses Absc hnitts gesehen haben, daß sic h Anaphora nic ht einfac h wie Deiktika behandeln lassen, wollen wir nun zumindest versuc hen, Deiktika in die hier entwic kelte Theorie der Anaphora einzupassen. Bei diesem Versuc h erhält z. B. der Satz Er schläft zunäc hst einfac h die logisc he Form schläft ganz unabhängig davon, ob er nun anaphorisc h oder deiktisc h verwendet
249
ist. Diese beiden Verwendungen untersc heiden sic h nur darin, wie die Variable xr in den Bereic h des Kontexts k, vor dem der Satz Er schläft betrac htet wird, eingeführt worden ist. Ist das er anaphorisc h, so ist dafür ein zuvor geäußerter Satz verantwortlic h. Ist das er deiktisc h, so ist dagegen davon auszugehen, daß die entsprec hende Prämisse, die die Variable xr in k eingeführt hat, situationell erzeugt wurde, z. B. durc h eine Zeigegeste und die entsprec henden Wahrnehmungen der Gespräc hsteilnehmer. In diesem Fall können wir also annehmen, daß k eine Formel P erfüllt, in der P diejenige Eigensc haft bezeic hnet, durc h die der mit er bezeic hnete Gegenstand den Gespräc hsteilnehmern gegeben ist — z. B. kann P so viel heißen wie ist ein Mann, den wir vor uns auf dem S ofa sitzen sehen, und auf den der Sprecher deutet. Diese Behandlung bedeutet allerdings, daß Deiktika als Deskriptionen und nic ht mehr als direkt referentielle Ausdrüc ke angesehen werden. Betrac hten wir dazu noc h einmal den Satz (11): (11) Hesperus ist Phosphorus. (11′) (Hesperus , Phosphorus , = ) Daß Hesperus und Phosphorus als Eigennamen indexikalisc he Ausdrüc ke sind, hatten wir ja sc hon im Absc hnitt 3 festgestellt. Nehmen wir nun an, daß Hesperus in einem Kontext k unter der Besc hreibung P = ist ein Stern, der „Hesperus“ heißt und abends an derund-der S telle am Himmel zu sehen ist und Phosphorus unter der Besc hreibung Q = ist ein S tern, der „Phoshorus“ heißt und morgens an der-und-der S telle am Himmel zu sehen ist eingeführt ist. Danac h erfüllt k die Formel ( , Q ). Wenn wir zudem annehmen, daß k sonst nic hts enthält, so gilt, gemäß obiger Wahrheitsdefinition, daß k + (11) und damit (11) selbst genau dann in einer Welt w wahr ist, wenn es in w ein P und ein Q gibt, die identisc h sind. Die Menge aller Welten, in denen k + (11) wahr ist, ist dann die von (11) in k ausgedrüc kte Proposition. Diese Proposition ist kontingent, und sie entspric ht in etwa dem, was wir im Absc hnitt 3 als die Diagonalproposition von (11) bezei c hnet haben. So gesehen, liefert unsere Theorie für die Besc hreibung der kontextverändernden Wirkung von (11) das richtige Ergebnis. Doc h bleibt als Problem, daß eine solc he Theorie uns vorderhand keinerlei Möglic hkeit bietet, die von (11) in einer Äußerungssituation objektiv ausgedrüc kte Proposition zu besc hreiben. Selbst wenn wir nur an einer Theo-
IV. Kontexttheorie
250
rie subjektiver Bedeutung interessiert wären, würde dieses Problem spürbar, sobald wir modale Sätze betrac hten wollten. Denn dann würden sic h gerade wieder die Sc hwierigkeiten auftun, die ursprünglic h den Anstoß dazu gaben, indexikalisc he Ausdrüc ke als direkt referentielle Ausdrüc ke zu analysieren. (Vgl. dazu Artikel 9.) Der oben festgestellte Gegensatz verhindert also in der Tat, Deiktika einfach wie Anaphora zu behandeln. Es bedarf demnac h noc h weiterer theoretisc her Modifikationen. Eine naheliegende Änderung besteht in der Forderung, daß eine deiktisc he Variable nur mit dem Gegenstand belegt werden darf, der von dem deiktisc hen Ausdruc k in einer Äußerungssituation tatsäc hlic h bezeic hnet wird; die womöglic h irrige Art und Weise des Gegebenseins dieses Gegenstandes tut es dann nic ht mehr. Solc he Bedingungen nennt man auc h externe Anker für Variablen; dieser Begriff wird zum Beispiel in Kamp (1986) eingeführt. Allerdings ist dann der Kontextbegriff erneut umzuinterpretieren. Wenn wir sagten, daß ein Kontext die gemeinsamen Überzeugungen der Gespräc hsteilnehmer repräsentiere, nun aber sol-
11. 1. 2.
5.1 5.2 6.
1.
Einleitung
4.1 4.2 4.3 5.
5.
Literatur (in Kurzform)
Asher 1986 · Asher 1989 · Gazdar 1979 · Heim 1982 · Heim 1983b · Heim 1987 · Kamp 1981a · Kamp 1985 · Kamp 1986 · Kartunnen 1974 · Kripke 1977 · Lewis 1979a · Link 1986 · Soames 1982 · Stalnaker 1973 · Stalnaker 1974 · Stalnaker 1976a · Stalnaker 1978 · Stalnaker 1987 · Stalnaker 1988 · van der Sandt 1987
Ulrike Haas-Spohn, München (Bundesrepublik Deutschland)
Vagheit und Ambiguität Einleitung Die Repräsentation semantischer Unbestimmtheit Dreiwertige Logiken Supervaluationssemantik Kommentare und Vergleich Metrische Vagheitstheorien Fuzzy Logic Probabilistische Vagheitssemantik Kommentare und Vergleich Zur Typologie der Unbestimmtheitsphänomene Vagheitstypen Ambiguität Zur Abgrenzung von Vagheit und Ambiguität Das Grenzziehungsproblem und topologische Vagheitstheorien Vagheit und Toleranz Topologisch basierte Vagheitstheorien Literatur (in Kurzform)
2.1 2.2 2.3 3. 3.1 3.2 3.3 4.
c he externen Anker für die Variablen im Bereic h des Kontexts zulassen, so hat dies zur Folge, daß diese Überzeugungen nic ht mehr als de-dicto-, sondern als de-re-Überzeugungen zu verstehen sind. Was diese Begriffe betrifft, so sei nur auf den Artikel 34 verwiesen. Um die Behandlung propositionaler Einstellungen im Rahmen einer Kontextveränderungstheorie geht es auc h in Stalnaker (1987, 1988), Kamp (1985), Asher (1986) und Asher (1989). Für uns ist aber offenkundig, daß die Theoriebildung hinsic htlic h all der angesprochenen Phänomene noch sehr im Fluß ist.
Vagheit und Ambiguität kommen in Ausdrüc ken natürlic her Sprac he fast durc hgängig
vor. Dabei handelt es sic h nic ht um zufällige und korrekturbedürftige Mängel, wie dies von der sprac hanalytisc hen Philosophie angenommen wurde. Vagheit und Ambiguität sind konstitutive Eigensc haften natürlic her Sprac hen, die maßgeblic h zu deren Eigensc haft als effizientem und universellem Kommunikationsmittel beitragen. Die Ausnutzung von systematis c hen Bedeutungsvarianten und Vagheitsspielräumen mac ht den flexiblen Einsatz von Sprac he möglic h: Ein Ausdruc k ist in versc hiedenen Situationen in einer Vielzahl untersc hiedlic her Lesarten bzw. Präzisierungen verwendbar, und zwar mit dem Grad an Präzision, der den jeweiligen Erfordernissen angemessen ist. Grundlegende Ausführungen und sc hlagende Beispiele für den Status von Vagheit und Ambiguität in natürlic hen Sprac hen finden sic h außer in den einsc hlägigen Passagen von Wittgenstein (1953: §§ 66—133) in Erdmann (1910) und Naess (1975). Für die Semantiktheorie sind Vagheit und Ambiguität Problemfälle: Sie verstoßen gegen die Prinzipien der eindeutigen Bedeutungszuweisung, der Bivalenz, ansc heinend sogar
11. Vagheit und Ambiguität
gegen die elementare Forderung der Konsistenz. Dieser Artikel wird versc hiedene Vorsc hläge behandeln, Vagheit und Ambiguität in einen formal-semantisc hen Besc hreibungsrahmen zu integrieren. Dabei geht es in einem ersten Durc hgang (Absc hnitt 2—3) um Theorien für semantisc he Unbestimmtheit im allgemeinen (unter diesem Terminus werden im folgenden Vagheit und Mehrdeutigkeit zusammengefaßt). Daran ansc hließend werden spezielle Fragen im Zusammenhang mit Ambiguität (Absc hnitt 4) und Vagheit (Absc hnitt 5) diskutiert. Vor der Vorstellung formaler Theorien sollen in diesem Absc hnitt die wesentlic hen Eigensc haften semantisc her Unbestimmtheit informell herausgearbeitet werden. Den Ausgangspunkt dafür bildet die klassisc he Definition des Vagheitsbegriffs, die Charles Peirc e 1902 in einem Wörterbuc hartikel formuliert hat: „A proposition is vague when there are possible states of things c onc erning whic h it is intrinsic ally unc ertain whether, had they been c ontemplated by the speaker, he would have regarded them as exc luded or allowed by the proposition. By intrinsic ally unc ertain we mean not unc ertain in c onsequenc e of any ignoranc e of the interpreter, but bec ause the speaker’s habits of language were indeterminate.“
In dieser Formulierung sind versc hiedene Aussagen über semantisc he Vagheit enthalten. Erstens ist Vagheit ‘intrinsisc he’, der Aussage inhärente Unbestimmtheit. Sie hat nic hts mit mangelndem Wissen über die Weltumstände, mit Ungewißheit oder ‘epistemisc her Unbestimmtheit’ zu tun. Zweitens ist für semantisc he Vagheit die Möglic hkeit von Grenzfällen entsc heidend, von Sac hverhalten, bei denen unklar ist, ob sie unter die Aussage fallen oder nicht. „It is indeterminanc y of the usage, not its extension, whic h is important (...). The finite area of the field of applic ation of the word is a sign of its generality, while vagueness is indic ated by the finite area and lac k of spec ific ation of its boundary.“ (Blac k 1937: 432).
(1) Hans hat einen roten Wagen. (2) Hans hat irgendeinen Wagen. Satz (1) ist semantisc h vage: dunkelrosa oder rotorange Fahrzeuge im Besitz von Hans sind Anwendungsgrenzfälle, die auf der intrinsisc hen Unbestimmtheit von rot beruhen. Satz (2) würde man umgangssprac hlic h wohl noc h eher als vage bezeic hnen als (1), jedenfalls wenn (2) als Antwort auf die Frage Was für einen Wagen hat Hans? geäußert wurde. Diese
251
Verwendung des Ausdruc ks ‘vage’ zielt jedoc h auf eine pragmatisc he Eigensc haft von Satz (2) bzw. seiner Äußerung: Er ist unangemessen allgemein und unspezifisc h, und daher zu wenig informativ. Semantisc h vage ist Satz (2) nicht. Ein dritter Gesic htspunkt, der die Definition von Peirc e ergänzt, ist der enge Zusammenhang von semantisc her Unbestimmtheit und Kontextabhängigkeit. Die Existenz unklarer Anwendungsfälle als Vagheitskriterium hat eine positive Entsprec hung: die Möglic hkeit untersc hiedlic her Verwendungen in verschiedenen Situationen. (3) Hans hat einen teuren Wagen. Je nac h den finanziellen Verhältnissen von Hans und den Standards der Kommunikationsteilnehmer wird das unbestimmte teuer rec ht präzise untersc hiedlic he Lesarten annehmen. Der Indefinitbereic h eines unbestimmten Ausdruc ks ist gleic hzeitig sein Präzisierungspotential. Die bisher genannten Eigensc haften semantisc her Vagheit gelten für Ambiguität in gleic her Weise. Ic h komme nun zu einer ersten Bestimmung des Untersc hiedes zwisc hen Vagheit und Ambiguität, und greife dazu wieder auf die Definition von Peirc e zurüc k. Dort wird Vagheit als Unbestimmtheit von Propositionen, nic ht von Sätzen, bestimmt. Ein Satz kann einerseits unbestimmt sein, weil er eine unbestimmte — vage — Proposition ausdrüc kt; er kann andererseits auc h deswegen unbestimmt sein, weil er zwei untersc hiedlic he Propositionen alternativ ausdrü c ken kann (Beispielsatz (4)), und dem Hörer die zur Desambiguierung nötige Information fehlt. (4) Fritz hat einen neuen Wagen. Im ersten Fall liegt Vagheit vor, im zweiten Ambiguität (wobei Satz (4) gleic hzeitig demonstriert, daß Vagheit und Ambiguität einander nicht ausschließen). Im Absc hnitt 4 wird sic h zeigen, daß es tatsäc hlic h nic ht ein klares Kriterium für die Untersc heidung von Vagheit und Ambiguität gibt, sondern eine Reihe von Untersc hieden, und dementsprec hend eine Palette von Übergangsformen zwisc hen reiner Vagheit und prototypisc her Mehrdeutigkeit. Im Absc hnitt 5 wird eine zentrale Eigensc haft vager Ausdrüc ke behandelt, die über das bisher Gesagte hinausgeht und in der formalen Besc hreibung zu besonderen Problemen führt: ihre prinzipielle ‘Unsc härfe’, die Unmöglic hkeit, in einer kontinuierli c hen Realität präzise Denotatgrenzen zu ziehen.
IV. Kontexttheorie
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Hier sollen zunäc hst, wie angekündigt, Theorien behandelt werden, die das Phänomen semantisc her Unbestimmtheit im allgemeinen betreffen (wenngleic h sie meist als ‘Vagheitstheorien’ formuliert wurden). Dabei wird, entsprec hend den Ausführungen dieses Absc hnitts, die folgende Charakterisierung von semantischer Unbestimmtheit zugrundegelegt: (5) a. Ein Satz ist semantisch unbestimmt genau dann, wenn ihm trotz hinreichend genauer Kenntnis der relevanten Weltumstände in bestimmten Kontexten weder ‘wahr’ noch ‘falsch’ eindeutig als Wahrheitswert zugeordnet werden kann. b. Ein Ausdruck ist semantisch unbestimmt, wenn er in Sätzen so vorkommen kann, daß er für deren semantische Unbestimmtheit verantwortlich ist.
2.
Die Repräsentation semantischer Unbestimmtheit
Vage und mehrdeutige Ausdrüc ke verstoßen gegen das Bivalenzprinzip der klassisc hen Logik, das die Zuordnung genau eines der beiden Wahrheitswerte ‘wahr’ oder ‘falsc h’ zu jedem Satz verlangt. Dies kann man sic h grundsätzlic h auf zwei Arten vorstellen: Entweder ist neben ‘wahr’ und ‘falsc h’ (mindestens) ein dritter Wahrheitswert vorhanden; oder es liegen Lüc ken in der Wahrheitswertzuweisung vor. Je nac hdem welc he Variante man im Falle semantisc her Unbestimmtheit als gegeben ansieht, wird man entweder mehrwertige Logiken als Repräsentationsformat verwenden, oder zweiwertige semantis c he Theorien, die mit partiellen Wertzuweisungen arbeiten. Es handelt sic h bei der Entsc heidung darüber nic ht um eine Frage der Notation: Die resultierenden Theorien des Indefiniten untersc heiden sic h in inhaltlic h wic htigen Punkten und sind grundsätzlich unvereinbar. Beide Zweige, mehrwertige und ‘Lüc kentheorien’, sind in der Literatur in versc hiedenen Varianten vorgesc hlagen worden. Von den mehrwertigen Logiken haben die minimale und die maximale Variante Beac htung gefunden: dreiwertige Logiken, die Indefinitheit mit einem zusätzlic hen Wahrheitswert ‘unbestimmt’ oder ‘indefinit’ repräsentieren, und unendlic hwertige Logiken, unter der Bezeic hnung ‘fuzzy logic ’ gekannt geworden, die
das reelle Interval (0, 1) zur Repräsentation des Indefinitbereic hes benutzen. Die Theorien, die partielle Wahrheitswertzuweisungen zugrundezulegen, gehören in der großen Mehrheit zur Familie der ‘Supervaluationssemantiken’. Analog zur dreiwertigen Logik arbeitet man hier mit den drei ‘Wahrheitszuständen’ ‘wahr’, ‘falsc h’ und ‘undefiniert’. Gelegentlic h sind Erweiterungen des Supervaluationsansatzes durc h Wahrscheinlichkeitsmaße vorgesc hlagen worden, die in etwa eine Entsprec hung zu den numerisc hen Wahrheitswerten der fuzzy logic ergeben. Quer zur Einteilung in mehrwertige und Lüc kentheorien laufen sc hließlic h einige neuere Vorsc hläge, bei der Besc hreibung vager Ausdrüc ke auf Denotate im üblic hen Sinne zu verzic hten und als Basisrepräsentation für ihre Bedeutung relationale, topologische Strukturen anzunehmen. Im weiteren Verlauf dieses Absc hnittes werden dreiwertige Vagheitstheorien und Supervaluationstheorien vorgestellt. Im dritten Absc hnitt sollen die beiden grundlegenden Zugänge zum Unbestimmtheitsphänomen verglic hen und anhand des Vergleic hs einige grundlegende strukturelle Eigensc haften von Vagheit und Ambiguität herausgearbeitet werden. Absc hnitt 3 befaßt sic h mit den unendlic hwertigen Varianten: fuzzy logic und probabilistisc he Vagheitssemantik. Topologisc he Ansätze werden in Absc hnitt 5 betrac htet. 2.1 Dreiwertige Logiken Versc hiedene Varianten dreiwertiger Logik sind seit den zwanziger Jahren vorgesc hlagen und untersuc ht worden, meist allerdings nic ht zur Modellierung semantisc her Unbestimmtheit, sondern aus den versc hiedensten Motivationen: zur Durc hführung von Unabhängigkeitsbeweisen (Post 1941), zur Repräsentation von Ungewißheit (Lukasiewic z 1930), und, in den siebziger Jahren, zur Behandlung von Präsuppositionen (Peters 1979, Blau 1978a; letzterer bezieht allerdings den Vagheitsaspekt mit ein). Eine ausführlic he Darstellung der älteren Systeme findet sic h in Rescher (1969). Die Einführung eines dritten Wahrheitswertes führt zu beträc htlic hen Freiheiten bei der Interpretation der logisc hen Konstanten. Die Wahrheitstafeln für die zweistelligen Junktoren der Aussagenlogik haben neun Positionen; nur für vier davon sind die Werte durch die klassische Logik vorgegeben.
11. Vagheit und Ambiguität
(6)
⋀ U I F
W I F W F F
F
Die Wertzuweisung an die übrigen fünf Positionen, bei denen jeweils mindestens ein Teilausdruc k indefinit ist, ist im Prinzip beliebig. Durc h intuitive Erwägungen läßt sic h der Spielraum jedoc h sc hnell und wirkungsvoll einsc hränken. Kleene (1952) sc hlägt ein dreiwertiges Symbol vor, das sic h aus der folgenden ‘Regularitätsbedingung’ ergibt: Ein komplexer Ausdruc k erhält W (bzw. F) als Wert, wenn die definiten Werte der Teilausdrüc ke in der klassisc hen Logik bereits ausreic hen würden, um W (bzw. F) zuzuweisen; sonst ist er indefinit (I). Die resultierenden Wahrheitstafeln für die aussagenlogisc hen Junktoren sind in (7) aufgeführt:
253
Eine Sonderstellung unter den dreiwertigen Ansätzen nimmt in zweifac her Hinsic ht das System von Ulric h Blau ein (Blau 1978a). Erstens ist es in einer gewissen Hinsic ht eine konservative Erweiterung der klassisc hen Logik; zweitens stellt es mit Abstand die am sorgfältigsten ausgearbeitete und von den natürlic h-sprac hlic hen Daten her am besten begründete mehrwertige Theorie der semantisc hen Unbestimmtheit dar. Unter den Begriff der semantisc hen Unbestimmtheit faßt Blau außer Vagheit auc h Fälle von Präsuppositionsverletzungen. Tatsäc hlic h ist die semantisc he Analyse der Präsupposition sogar sein primäres Anliegen; seine Theorie des Indefiniten ist von daher motiviert. Blau betrac htet I und F als sekundäre Ausdifferenzierungen des klassisc hen ‘falsc h’: F steht für ‘normale’ unmarkierte Falsc hheit, I im Präsuppositionsfall für Falsc hheit aufgrund einer verletzten Präsupposition. Entsprec hend fordert Blau für die dreiwertige Interpretation der klassisc h-logisc hen Konstanten, daß sie in die klassisc h-zweiwertige übergeht, wenn man I und F zu klassisc h ‘falsc h’ zusammenfallen läßt (Regularität). Die unter (7) angeführten Wahrheitswertetafeln für ⋀ und ⋁ sind regulär (im Sinne Blaus); für die Implikation ergibt Blaus Regularitätsbedingung dagegen in Abweic hung sowohl von Kleenes wie von Lukasiewic z’ System die folgende Wahrheitstafel.
Die Interpretationen für ⋀ und ∨ sind so plausibel, daß es in der Literatur keine nennenswerten Alternativvorsc hläge gibt. Insgesamt hat Kleenes System jedoc h Eigensc haften, die es als formal uninteressant und für die Modellierung semantisc her Unbestimmt(8) → W I F heit ungeeignet ersc heinen lassen: Die FolgeW W I F rungsbeziehung ist gegenüber der klassisc hen I W WW Logik stark reduziert, vor allem aber gibt es F W WW in Kleenes System keine gültigen Sätze: Bei c dur hgängig indefiniten Teilausdrü c ken Die wic htigste Konsequenz dieser Interprenimmt jeder Ausdruc k den Wert I an. Neuere tationsvariante ist, daß in besc hränkten AllArbeiten zur Vagheitssemantik knüpfen dessätzen (∀ x(Fx → Gx)) nurmehr die eindeutig halb eher beim dreiwertigen System von wahren Anwendungsfälle des Prädikats F Łukasiewicz an, das etwas stärker ist, indem zählen: Indefinite F-Instantiierungen bleiben es der Implikation A → B bei indefiniten A ebenso wie falsche außer Betracht. und B den Wert W zuweist. Damit bleiben Die Regularitätsbedingung garantiert Koneine Reihe von wic htigen Tautologien der servativität: Da die Verteilung des Wertes W klassisc hen Logik erhalten (z. B. A → A, durc h die Einführung von I unberührt bleibt, A → ﹁ ﹁ A, (A → B) → ((B → C) → sind Gültigkeit und Folgerung in Blaus Sy(A → C))). Andere klassisc h gültige Sätze, stem extensionsgleic h mit den klasssic hen Bez. B. das Tertium Non Datur (A ∨ ﹁ A) und griffen. Der explizite Bezug auf die differender Satz vom Widerspruc h (﹁ (A ⋀ ﹁ A)) gezierte Werteskala wird durc h die Einführung hen verloren. Ob dies als Nac hteil oder als eines zweiten, nic ht-klassisc hen Negationswünsc henswerte Konsequenz des aufgehobeoperators ‘—’ zusätzlic h zum regulären ‘﹁’ nen Bivalenzprinzips betrac htet werden sollte, c ermögli ht. wird in 2.2 zu diskutieren sein. Als allgemeines Resultat ist festzuhalten, daß die bisher betrac hteten dreiwertigen Systeme nic ht konservativ sind: Sie geben einen Teil des klassisc h-logisc hen Folgerungs- und Gültigkeitsbegriffs auf.
254
Es handelt sic h um die aus der Präsuppositionssemantik bekannte Untersc heidung zwisc hen starker (‘innerer’) und sc hwac her (‘äußerer’) Negation. Das Tertium Non Datur kommt entspre c hend in einer gültigen (A ∨ ﹁ A) und in einer kontingenten Version vor (A ∨ — A), letzteres in Übereinstimmung mit den anderen genannten dreiwertigen Systemen. Im Absc hnitt 3 wird die Frage diskutiert, wie weit Blaus System eine adäquate Theorie für den Vagheitsfall darstellt. 2.2 Supervaluationssemantik Im Gegensatz zu mehrwertigen Logiken interpretieren supervaluationsbasierte Theorien semantisc he Unbestimmtheit als das Vorliegen einer Wahrheitswertlüc ke. Vagheit wird nic ht durc h Erweiterung des Wertespektrums, sondern duc h das Zulassen partieller Wertzuweisungen modelliert. Die konsistente Integration partieller Funktionen in die prädikatenlogisc he Semantik leistet das Prinzip der Supervaluation. Supervaluationen sind erstmalig in van Fraassen (1968, 1969) zur Becs hreibung des Präsuppositionsphänomens eingesetzt worden, und dort mit bezug auf eine ‘Nezessitationsrelation’ definiert. Für vagheitssemantisc he Zwec ke ist die einfac here Version hinreic hend, die in Fine (1975) ausführlic h besc hrieben und diskutiert und in ähnlic her Form in Kamp (1975) vorgesc hlagen wird. Die Grundidee ist die folgende: Da die Denotate vager und mehrdeutiger Ausdrüc ke durc h deren Bedeutung nic ht vollständig determiniert sind, gibt es nic ht nur eine sc harfe Begrenzung / eine klassisch-logische Interpretation, sondern eine Menge von möglic hen Grenzziehungen / klassisc hen Interpretationen, die mit der Bedeutung dieser Ausdrüc ke verträglic h sind. Die Semantik einer Sprac he mit unbestimmten Ausdrüc ken kann durc h eine solc he Menge klassisc her Komplettierungen () repräsentiert werden, die ihrerseits eine ‘Supervaluation’ oder ‘Basisinterpretation’ (V) determiniert. Ein Satz ist wahr in V, wenn er wahr in allen V′ ∈ , falsch, wenn er falsch in allen V′ ∈ ist; er ist indefinit, wenn er Komplettierungen zuläßt, die zu untersc hiedlic hen klassisc hen Wahrheitswerten führen.
Die Beziehung unter (10) gilt nic ht nur für
IV. Kontexttheorie
Satzkonstanten, sondern für alle prädikatenlogisc hen Sätze (und, mit entsprec henden Modifikationen, für Ausdrü c ke beliebiger Kategorie): V(A) für einen komplexen Ausdruc k A ergibt sic h also nic ht unmittelbar aus den V-Werten seiner Teilausdrüc ke; die Beziehung ist immer über die Menge klassisc her Komplettierungen vermittelt. Dies soll am Beispiel der Disjunktion illustriert werden. Wenn V(A), V(B) ∈ {W, F}, so ergibt das Supervaluationsverfahren für A v B trivialerweise die klassisc hen Resultate: alle klassisc hen Komplettierungen von V stimmen für A und B, und damit auc h für A v B, im Wahrheitswert überein. (11a) zeigt die Bewertung der Disjunktion für ein wahres und ein indefinites Disjunktionsglied, (11b) den entsprec henden Fall für einen falsc hen und einen indefiniten Teilsatz. Die untere Zeile enthält die Werte für die Basisinterpretation V, die beiden oberen Zeilen die alternativen Möglic hkeiten der Wertzuweisung an A, B, A v B in den mit V verträglic hen klassisc hen Interpretationen. Die Pfeile deuten die Ric htung an, in der sic h der Wert des komplexen Ausdruc ks aus den Werten der Teilausdrüc ke berec hnet. Wahrheitswertlüc ken sind durc h I markiert.
Im Beispiel (a) erhält der Gesamtausdruc k den definiten Wert W, da die klassisc he Definition der Disjunktion für alle Komplettierungsalternativen übereinstimmend W ergibt. Im Beispiel (b) erhält man für die alternativen Komplettierungen abwei c hende Resultate; entsprec hend bleibt die Basisinterpretation für A v B hier undefiniert. — So weit dec ken sic h die Resultate des Supervaluationsverfahrens mit denen der dreiwertigen Logik. Das kritisc he Beispiel, das den Untersc hied zwisc hen beiden Ansätzen demonstriert, ist der Fall mit zwei unbestimmten Disjunktionsgliedern, der in (12) dargestellt ist.
11. Vagheit und Ambiguität
(12a) als die näc hstliegende Lösung geht von vier möglic hen Komplettierungen aus. Was eine möglic he klassisc he Komplettierung ist, hängt jedoc h nic ht nur vom Wahrheitszustand der unmittelbaren Teilausdrüc ke der Disjunktion ab, sondern auc h von deren Struktur (allgemeiner: von ihrer wec hselseitigen semantisc hen Beziehung, die sic h im einfac hen Fall aus ihrer Struktur ergibt). Ist B von der Form A, fallen V1 und V4 als möglic he Präzisierungen aus (s. (12b)): Der Satz vom Ausgesc hlossenen Dritten erhält — in Übereinstimmung mit der klassisc hen Logik, aber in Abweic hung vom allgemeinen Fall der Disjunktion mit indefiniten Teilsätzen W als Wert. Das Beispiel illustriert zwei wic htige Eigensc haften des Supervaluationsansatzes. Erstens ist er konservativ: Da die Bewertung komplexer Ausdrüc ke über klassisc he Komplettierungen erfolgt, und da alle Tautologien in den klassis c hen Komplettierungen dur c hgängig wahr sind, müssen sie unabhängig vom Wert der Konstituenten in der Supervaluation wahr sein (Entsprec hendes gilt für den Folgerungsbegriff). Zweitens ist er in bezug auf den dritten Wahrheitszustand nic ht ‘wahrheitsfunktional’: Wie (12) zeigt, läßt sic h der Wahrheitszustand der Disjunktion (W oder I) nic ht aus der Tatsac he vorhersagen, daß beide Teilsätze indefinit sind. Information über die Struktur der Teilausdrüc ke sowie lexikalisc he Bedeutungsrelationen ist zusätzlic h erforderlic h. Fehlende Wahrheitsfunktionalität gilt potentiell für genau diejenigen komplexen Ausdrüc ke, die mehr als einen indefiniten Teilausdruc k enthalten. V(A ⋀ B) variiert für V(A) = V(B) = I zwisc hen I und F, V(A → B) zwisc hen W und I, die Äquivalenz A ↔ B sogar zwisc hen W (für A = B), F (für A = ﹁ B) und I. Alle übrigen Wahrheitswertverteilungen (d. h. die Fälle mit maximal einem I) führen für die aussagenlogisc hen Junktoren zu Resultaten, die mit Kleenes Wahrheitstafeln übereinstimmen (s. o. (7)). Die Negation ist als einstelliger Operator unproblematisc h; sie entspric ht der dreiwertigen starken Negation. Definitheit und Indefinitheit können durc h einen Definitheitsoperator explizit ausgedrüc kt werden (D bei Fine 1975, ⊡ bei Pinkal 1983, 1985), der mit ‘eindeutig’ oder ‘in jeder Hinsic ht’ paraphrasierbar ist und wie folgt interpretiert wird:
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Am eben vorgestellten Standardansatz der Supervaluationstheorie stört, daß er mit fiktiven, in natürlic hen Sprac hen möglic herweise gar nic ht realisierbaren vollständig präzisen Interpretationen als Elementen von arbeitet. Dies ist jedoc h keine notwendige Eigensc haft supervaluationsbasierter Theorien. Im folgenden wird eine Variante vorgestellt, die ohne klassisc he Komplettierungen auskommt. Sie ist in Pinkal (1983, 1985) besc hrieben und der dort entwic kelten Präzisierungssemantik zugrundegelegt. Ein präzisierungssemantisc hes Modell ist ein geordnetes Paar 〈V, ), wobei V eine partielle Interpretation und eine Menge partieller Interpretationen ist. Die partiellen Definitionen müssen in ihren definiten Teilen konsistent sein (dürfen keinen klassisc hen Widerspruc h enthalten); außerdem muß das Paar 〈V, ) den folgenden Bedingungen genügen: (14) (i) V ∈ (ii) V ⊆ V′ für jedes V′ ∈ (iii) für alle V′ ∈ und Sätze A: wenn V′(A) undefiniert, so gibt es V″, V‴ mit V′ ⊆ V″, V′ ⊆V‴, V″(A) = W und V‴(A) = F V ist gemäß (14) ein Mengenverband, der durc h die ⊆ - Relation partiell geordnet ist, ein Infimum besitzt (nämlic h V), aber nic ht notwendig ein Supremum. Inhaltlic h kann man sic h als ein System von mehr oder weniger präzisen Interpretationen vorstellen, die durc h untersc hiedlic he Äußerungskontexte induziert werden, und durc h ⊆ bzw. die Umkehrung ⊆ als Präzisierungsrelation (‘mindestens so präzise wie’) geordnet sind. Die präzisierungssemantisc he Variante ergibt für die Basisinterpretation exakt die gleic hen Eigensc haften wie die Standardversion der Supervaluationstheorie. Sie untersc heidet sic h in mehreren Punkten in bezug auf Status und Eigensc haften von : Erstens fordert die Bedingung (14) (iii) nur die punktuelle Präzisierbarkeit jedes unbestimmten Ausdruc ks; global präzise Interpretationen brau c hen nic ht vorzukommen. Zweitens ist es möglic h, intermediäre Präzisierungszustände darzustellen, und damit den Prozeß der sukzessiven Präzisierung unbestimmter Ausdrü c ke im Diskurs als Ketten in darzustellen. Drittens ist nic ht durc h die Basisinterpretation determiniert: Es können bestimmte Präzisierungsalternativen (partielle Komplettierungen der Basisinterpretation) berüc ksic htigt, andere ausgesc hlossen werden. Damit kann in gewissem Ausmaß dazu verwendet wer-
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den, konkrete Präzisierungsgefüge im Lexikon natürlic her Sprac hen zu modellieren. Beispiele dazu folgen in 4. 2.3 Kommentare und Vergleich Dreiwertige und supervaluationsbasierte Ansätze interpretieren unbestimmte natürlic hsprac hlic he Prädikate in der Weise, daß der Individuenbereic h in drei Teilmengen (Positiv-, Negativ- und Indefinitbereic h) zerlegt wird. Die präzisierungssemantisc he Variante des Supervaluationsansatzes ist jedoc h, wie soeben ausgeführt wurde, strukturell in signifikanter Weise reic her als die mehrwertigen Logiken. Sie ermöglic ht es, die interne Strukturierung des Indefinitbereic hes zu modellieren, wie sie z. B. von K. O. Erdmann beschrieben wurde: „..., auf dem Grenzgebiet, das als Hauptgrenze den Kern einsc hließt, verlaufen mehr oder minder zahlreic he Untergrenzen, die zum Teil ebenfalls Grenzgebiete aufweisen, auf denen wieder Untergrenzen zweiter Ordnung sic h befinden. Häufig setzt sic h dieser Gliederungsvorgang noc h weiter fort, so daß sic h Untergrenzen dritter und höherer Ordnung nac hweisen lassen. Indem aber alle diese Grenzen Sonderbedeutungen eins c hließen, entsteht jene Vieldeutigkeit ...“ (Erdmann 1910: 8).
Dies ist ein Argument für den Supervaluationsansatz: In Absc hnitt 4 wird sic h zeigen, daß sic h in seinem Rahmen versc hiedene interessante Struktureigensc haften unbestimmter Prädikate präzise festmac hen lassen. Zunäc hst muß jedoc h die Frage gestellt werden, welc he Erklärung des Indefiniten grundsätzlic h adäquat ist: die mehrwertige, die zur Aufgabe des klassisc hen Theorembestandes tendiert, oder die ‘Lüc kentheorie’, die auf die elementare Eigensc haft der Wahrheitsfunktionalität verzichtet. Das dreiwertige System Ulric h Blaus ist das einzige, das gleic hzeitig die Eigensc haften der Konservativität und der Wahrheitsfunktionalität für sic h reklamiert. Der Grund für diese Sonderstellung ist das Regularitätsprinzip, dem Blaus dreiwertige Logik gehorc ht: I und F stehen als zwei Varianten von Falsc hheit dem Wert W gegenüber. Blaus System ist von der Konzeption her asymetrisc h, im Untersc hied sowohl zu den anderen dreiwertigen Systemen, bei denen I unabhängig neben W und F steht, als auc h zu den Supervaluationssystemen, in denen Unbestimmtheit zu W und F in der gleic hen (Präzisierungs-)Beziehung steht.
IV. Kontexttheorie
Supervaluation Kleene u. a. Blau Wenn man den I-Wert benutzt, um Präsuppositionsverletzungen semantisc h zu repräsentieren, ist die Asymetrie plausibel, im Gegensatz zur supervaluationsbasierten Präsuppositionstheorie von Fraassens: Satz (16) kann im Falle, daß Karl keinen Wagen besitzt, als falsc h, nie jedoc h als wahr betrac htet werden: (16) Karls Wagen ist rot. Für die Modellierung des Vagheitsfalles ist die asymmetrisc he Lösung jedoc h problematisc h. Vagheitsbedingte Unbestimmtheit ist nic ht ein markierter Fall von Falsc hheit, sondern — semantisc h bedingte — Unklarheit darüber, ob eine Aussage den wahren oder den falsc hen Fällen zuzurec hnen ist: Wenn die Farbe von Karls Wagen einen Grenzfall von rot darstellt, so ist Satz (16) gerade deshalb unbestimmt, weil man ihn mit gleic hem Rec ht unter die wahren und unter die falsc hen Fälle einordnen könnte, bzw. weil man ihn mit gleic hem Rec ht von den wahren und den falschen Fällen ausschließen könnte. Die beiden parallelen Formulierungen im letzten Satz markieren den Untersc hied zwisc hen supervaluationsbasierten Theorien des Unbestimmten (I ist ‘einerseits W, andererseits F’) und den symmetrisc hen mehrwertigen Systemen (I ist ‘weder W noc h F’). In Pinkal (1985) wird ausführlic h dafür argumentiert, daß es Indefinitheit ‘an sic h’ gar nic ht gibt; das Resultat der Argumentation ist in einem Präzisierungsprinzip zusammengefaßt, das in vereinfac hter Form in (17) wiedergegeben ist. Je nac h dem, ob man Präsuppositionsverletzungen als semantisc hes Phänomen oder bloß als eine Angelegenheit der Pragmatik betrac htet, ist (17) als abgrenzende Definition der vagheits- und ambiguitätsbedingten Unbestimmtheit oder als generelle Aussage über Indefinitheit zu interpretieren. (17) Semantische Unbestimmtheit ist alternative Präzisierbarkeit zu ‘wahr’ und ‘falsch’. Dieses Präzisierungsprinzip und damit eine Entsc heidung für den Supervaluationsansatz läßt sic h auf versc hiedene Weise motivieren. Ein Indiz liefert die Betrac htung, wie Unbestimmtheit umgangsspra c hli c h thematisiert wird, nämlic h typisc herweise mit ‘einerseits ja, andererseits nein’-Formulierungen. Dazu kommt die Beobac htung, daß sic h Unbestimmtheit durc h einen geeigneten Kontextwec hsel immer zu einem eindeutigen Fall (W oder F) auflösen läßt, eine Möglic hkeit, die
11. Vagheit und Ambiguität
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im Diskurs auc h durc hgängig genutzt wird. Das wesentlic he Argument für die Entsc heidung zwisc hen den alternativen Theorien des Unbestimmten ergibt sic h jedoc h aus der Betrac htung ihrer grundlegenden ‘nic ht-klassisc hen’ Struktureigensc haften: der Nic ht-Konservativität im einen und der fehlenden Wahrheitsfunktionalität im anderen Fall. Im folgenden soll die Angemessenheit dieser Eigensc haften diskutiert werden, ausgehend vom Standardbeispiel der Vagheitsliteratur, dem Tertium Non Datur. Wie im Absc hnitt 2 ausgeführt, erhält man in den ‘symmetrisc hen’ dreiwertigen Systemen V(A ∨ ﹁ A) = I für V(A) = I, in der Supervaluationssemantik ist in jedem Fall V(A ∨ ﹁ A) = W. Entsprec hendes gilt für den Satz vom Widerspruc h: A ⋀ ﹁ A ist kontingent in den mehrwertigen Logiken, kontradiktorisc h in Supervaluationssystemen. Daß diese den Gültigkeitsbegriff der klassisc hen Logik bewahren, hängt unmittelbar damit zusammen, daß die logisc hen Konstanten (auf der Ebene der Supervaluation) nic ht wahrheitsfunktional sind. Vertreter der mehrwertigen Logik können die Tatsac he anführen, daß in Übereinstimmung mit der nic ht-konservativen dreiwertigen Analyse natürlic hsprac hlic he Sätze wie (18) und (19) keineswegs eindeutig als wahr bzw. falsc h empfunden werden. (18) Dies Buch ist rot, oder es ist nicht rot. (19) Dies Buch ist rot, und es ist nicht rot.
indefiniten Teilsätzen I als Wahrheitswert möglic h. Mehrwertige Logiken haben keine Erklärung für das Verhalten von (20), und der Untersc hied zwisc hen (20) und (21) steht in direktem Widerspruc h zur Annahme der Wahrheitsfunktionalität. Die c ni ht-wahrheitsfunktionale Supervaluationssemantik wird diesen Beispielen offenbar besser gerecht. Das erste und das zweite Satzpaar (18)/(19) bzw. (20)/(21) liefern also entgegengesetzte Evidenz. Sie muß jedoc h untersc hiedlic h gewic htet werden. (18) und (19) sind logisc h determinierte Sätze, die keine direkte informative Lesart besitzen. Sie sind deshalb, im Gegensatz zu den unmarkierten Beispielsätzen (20) und (21), von vornherein zweifelhafte Quellen für semantisc he Intuitionen. Tatsäc hlic h bietet sic h als sekundäre Interpretation für (18) an, daß der Sprec her auf einer eindeutigen Wertzuweisung besteht, für (19) die Interpretation als implizite ‘einerseits-andererseits’-Formulierung. Beides läßt sic h gut mit dem Supervaluationsansatz in Einklang bringen. Die Evidenz spric ht demnac h eher für eine konservative, aber nic ht-wahrheitsfunktionale Semantik des Unbestimmten, und damit für die Supervaluationsalternative. Die Argumentation dieses Absc hnitts folgt im wesentlic hen den Ausführungen in Pinkal (1985). Die Gegenposition ist ausführlic h in Blau (1982) dargestellt.
Wenn es sic h bei dem bezeic hneten Gegenstand um einen Grenzfall von rot handelt, kann (18) sogar als falsc h und (19) als zutreffende Charakterisierung betrac htet werden. Zusammen mit dem strukturellen Vorteil der Wahrheitsfunktionalität spric ht dies für die mehrwertige Lösung. Zu einem anderen Resultat kommt man, wenn man die Sätze (20) und (21) betrachtet. (20) Dies Buch ist rot, und jenes ist nicht rot. (21) Dies Buch ist rot, und jenes ist nicht grün.
3.
Sie sind parallel zu (19) gebaut; dabei ist (20) ein kontingentes Gegenstüc k zu (19). Unter der Voraussetzung, daß die beiden Büc her gleic hfarbig sind, muß Satz (20) als falsc h beurteilt werden. Im Supervaluationsrahmen folgt dies direkt aus der Tatsac he, daß die Prädikate beider Teilsätze identisc h sind, die Wahrheitsbewertungen also strikt korrelieren: wie immer man präzisiert, kann (20) nic ht wahr werden. In (21) dagegen sind die Prädikate unabhängig, und entsprec hend ist bei
Metrische Vagheitstheorien
Im Absc hnitt 2 sind dreiwertige Logiken und ihr supervaluationstheoretisc hes Korrelat besproc hen worden. In diesem Absc hnitt geht es um unendlic hwertige Varianten bzw. Erweiterungen dieser Systeme, die als Wahrheitswerte reelle Zahlen aus dem Intervall [0, 1] verwenden. Der Übergang von drei Wahrheitswerten zu einem Wertespektrum ist versc hieden motiviert worden. Ein grundsätzlic hes Argument besteht darin, daß der kontinuierlic he Übergang vom Positiv- zum Negativbereic h bei vagen Prädikaten durc h ein dreiwertiges System nic ht dargestellt wird (vgl. z. B. Zadeh 1975). Weitere Argumente ergeben sic h aus der Anwendung auf den Komparativ von Adjektiven (Kamp 1975) und auf die Besc hreibung bestimmter sprac hlic her Hec ken (Gradmodifikatoren wie sehr und relativ; Lakoff 1973). Die Stic hhaltigkeit dieser Argumente wird im einzelnen in 3.3, im Ansc hluß an die Vorstellung der Formalismen, kommentiert. Es wird sic h zeigen, daß
258
die Notwendigkeit von Wahrheitsmetriken unter theoretis c hem Gesi c htspunkt ni c ht zwingend ist; dies gilt in besonderem Maße, wenn man in einem supervaluationsbasierten Rahmen arbeitet, in dem ja über die Dreiwertigkeit hinaus bereits zusätzlic he Struktur vorhanden ist. Allerdings gibt es ein praktisc hes Argument, das für beide Ansätze — dreiwertige Logik und Supervaluation — in gleic her Weise gültig ist. Unter den Grenzfällen eines vagen Prädikates kommen bessere und sc hlec htere Anwendungsfälle vor (man vergleic he ein fast-rotes Rotorange und ein blasses Rosa als Anwendungsfälle für rot). Zur Information, die mit der Äußerung eines vagen Prädikates vermittelt wird, trägt nic ht nur das Wissen um die Verteilung des I-Wertes und um die relative Position der Anwendungsfälle zu den extremen Werten W und F bei (die sic h im Supervaluationsrahmen darstellen läßt), sondern auc h das Wissen über die untersc hiedlic hen Grade, mit denen versc hiedene Objekte das Prädikat verifizieren. Ein konkretes Beispiel dafür, daß man dies Wissen für die Bewertung von Äußerungen benötigt, ist die Funktion vager Prädikate in definiten Deskriptionen (Pinkal 1979). Daß Wissen über Wahrheitsgrade seinerseits vage ist, soll vorerst unberüc ksic htigt bleiben. Die Frage wird, zusammen mit einer Reihe weiterer inhaltlic her Probleme, nac h der Vorstellung der fuzzy logic (in 3.1) und der probabilistisc hen Erweiterung des Supervaluationsansatzes (in 3.2) in 3.3 diskutiert. 3.1 Fuzzy Logic Unendlic hwertige Logiken sind seit den Sec hziger Jahren durc h Lofti Zadehs Arbeiten (z. B. 1965, 1975) unter dem Etikett ‘fuzzy logic ’ bekannt geworden; mit Lakoff (1973) wurden sie in die linguistisc he Diskussion eingebrac ht. Zur Popularität der fuzzy logic hat ihr Anwendungsbezug beigetragen, die Tatsac he, daß semantisc he Operationen sic h als arithmetisc he Funktionen problemlos implementieren lassen. Sätze erhalten Werte aus dem reellen Intervall [0, 1] direkt zugewiesen. Die Denotate von Prädikaten sind ‘fuzzy sets’, Abbildungen vom Individuenbereic h in die Menge [0, 1], in den Standardbeispielen als Funktionen bestimmter meßbarer Eigensc haften der Individuen definiert. (22) zeigt einen möglic hen Funktionsverlauf für das Adjektiv groß (tall), bei dem die Wahrheitsgrade der Prädikation von der Körpergröße abhängen.
IV. Kontexttheorie
Tatsäc hlic h ist das Konzept der unendlic hwertigen Logik älter als der Terminus ‘fuzzy logic ’. Es geht auf Lukasiewic z (1930) zurüc k, dessen Interpretation für die aussagenlogisc hen Standardoperatoren in (23) wiedergegeben ist. (23) V(﹁ A) = 1 — V(A) V(A ⋀ B) = min (V(A), V(B)) V(A ∨ B) = max (V(A), V(B)) V(A → B) = min (1, 1 — V(A) + V(B)) Die Definitionen unter (23) liefern auc h die Wahrheitstafeln des dreiwertigen Systems von Łukasiewic z, wenn man W = 1, I = ½ und F = 0 setzt; sie sind als generelle Definitionen der Junktoren in n-wertigen Systemen intendiert. Wie das dreiwertige System ist das unendli c hwertige c ni ht konservativ. Für V(A) = 0.3 erhält man z. B.: (24) V(p ∨ ﹁ p) = max (0.3,1—0.3) = 0.7 V(﹁ (p ⋀ ﹁ p)) = 1 — min (0.3,1—0.3) = 0.7 Goguen (1969) argumentiert im Blic k auf die natürli c h-spra c hli c he Anwendung für ein alternatives unendlic hwertiges System, dessen elementare Definitionen in (25) aufgeführt sind. (25) V(﹁ A) = 1 — V(A) V(a ⋀ B) = V(A) · V(B) V(A ∨ B) = V(A) + V(B) — V(A) · V(B)
Von der Negation abgesehen, ordnen (23) und (25) den aussagenlogisc hen Junktoren jeweils untersc hiedlic he Wahrheitsfunktionen zu. Für ⋀ und ∨ sind damit die gängigen Interpretationsvarianten bereits ersc höpft. Für die Implikation ist eine größere Anzahl von Definitionsalternativen vorges c hlagen worden, die in ihren Resultaten für spezifisc he Ausgangswerte z. T. erheblic h voneinander abweichen (vgl. Todt 1983). Die Anwendung im fuzzy reasoning, dem Sc hließen auf der Basis indefiniter, partiell zutreffender Information, soll den kurzen Überblic k über die fuzzy logic absc hließen.
11. Vagheit und Ambiguität
Folgerungsbeziehungen zwisc hen indefiniten Sätzen kann man in dreiwertigen oder Supervaluationssystemen formulieren, indem man Indefinitheit durc h die Einführung eines c ni ht-klassis c hen Operators ausdrü c kbar mac ht. Dies leistet z. B. der Definitheitsoperator D oder Blaus starke Negation (﹁ DA ⋀ ﹁ D ﹁ A bzw. ﹁ A ⋀ ﹁ — A für ‘A indefinit’). Dieser Weg ist für die fuzzy logic versc hlossen: Um sie expressiv vollständig zu mac hen, benötigt man unendlic h viele Operatoren (nämlic h je einen für jedes x ∈ (0, 1)), und Systeme mit unendlic h vielen Operatoren sind wiederum nic ht vollständig axiomatisierbar (Morgan/Pelletier 1977). Stattdessen kann man in der fuzzy logic mit Varianten der konventionellen Sc hlußregeln arbeiten, die für jedes klassisc he Sc hlußsc hema zusätzlic h eine arithmetisc he Operation über [0, 1] spezifizieren. Parallel zur Durc hführung der klassisc hen Sc hlüsse wird so der Wahrheitsgrad für jede neue Konklusion berec hnet. Die allgemeine Form für den fuzzy Modus Ponens sieht z. B. folgendermaßen aus: (26)
A i A→B j k = f(i,j) B
Die Spezifikation von f in den einzelnen Systemen der fuzzy logic hängt mit der Definition der Implikation zusammen. In (27a, b) sind die Operationen für die Systeme von Lukasiewicz und Goguen angegeben: (27) a. f(i,j) = max (0, i + j — l) b. f(i,j) = i · j 3.2 Probabilistische Vagheitssemantik Supervaluationsbasierte Wahrheitsmetriken sind in Kamp (1975) und Pinkal (1977, 1979) vorgesc hlagen worden. Man erhält sie, indem man ein Wahrsc heinlic hkeitsmaß P über der Komplettierungs-/Präzisierungsmenge etabliert, bzw. über einer Kontextmenge C, deren Elemente die Interpretationen in induzieren. Als Wahrheitsgrad eines Satzes A erhält man den P-Wert, die ‘Wahrsc heinlic hkeit’ der Menge von Kontexten, die verifizierende Interpretationen für A induzieren (im folgenden kurz: CA). ‘Wahrsc heinlic hkeit’ ist hier ein tec hnisc her Begriff, der für bestimmte formale Eigensc haften der zugrundegelegten Metrik steht; er darf nic ht inhaltlic h im Sinne von ‘Zutreffenswahrs c heinli c hkeit’ mißverstanden werden. Die V-Funktion ordnet Wahrheitsgrade zu, nic ht epistemisc he Wahrsc heinlic hkeiten.
259
(28) V(A) = P(CA) Die probabilistisc he Erweiterung der Supervaluationssemantik ist konservativ; eine klassisc he Tautologie hat nur verifizierende Komplettierungen; es gilt also CA = C und damit V(A) = P(C) = 1. Entsprec hend ist CA für einen klassisc hen Widerspruc h ∅, und deshalb V(A) = P(∅) = 0. Als Wahrsc heinlic hkeitsmetrik ist die Erweiterung jedoc h nic ht wahrheitsfunktional: Die kompositionelle Bestimmung semantisc her Werte erfolgt nic ht durc h den Bezug auf P-Werte, sondern über mengentheoretisc he Operationen auf der Kontextmenge. So erhält man als Wert für die Konjunktion: (28’) V(A ⋀ B) = P(CA ⋀ B) = P(CA ⋂ CB). Dies Resultat läßt sic h in Form von Wahrheitswertzuweisungen bestenfalls als V(A) · VA(B) reformulieren, wobei ‘VA(B)’ eine bedingte Wahrscheinlichkeit ausdrückt: den P-Wert von B unter der Voraussetzung, daß A wahr ist. Welc hen Wert A A B zugewiesen erhält, hängt davon ab, wie stark die Teilausdrüc ke miteinander korrelieren: Der Wert wird um so höher, je einheitlic her sic h A und B in versc hiedenen präzisierenden Kontexten verhalten. Entsprec hendes gilt für v und →: (29) V(A ∨ B) = V(A) + V(B) — P(CA ⋂ CB) V(A → B) = 1 — V(A) + P(CA ⋂ CB) 3.3 Kommentare Beim Vergleic h von fuzzy logic und probabilistisc her Vagheitstheorie zeigt sic h ein ähnlic hes Bild wie auf der Ebene der dreiwertigen Entsprec hungen, nur daß die Untersc hiede hier krasser heraustreten. Im einen Fall werden einzelne Wahrheitsfunktionen aus einem Kontinuum alternativer Mögli c hkeiten in sc hwer motivierbarer Weise herausgegriffen. Im anderen Fall liegt der Bewertungsmodus fest; die Werte variieren jedoc h in Abhängigkeit vom zugrundegelegten Wahrsc heinlic hkeitsmaß in sc hwer vorhersagbarer Weise. Um die Zusammenhänge deutlic her zu mac hen, soll für das Beispiel der Konjunktion betrac htet werden, wie der Spielraum aussieht, den die probabilistisc he Semantik für die Wertzuweisung überhaupt zuläßt. Erstens kann wegen CA ⋂ CB ⊆ CA, CB der P-Wert von A ⋀ B nic ht größer sein als der P-Wert eines seiner Konjunkte. Zweitens müssen auc h bei ungünstigster Korrelation CA und CB im Fall von P(CA) + P(CB) > 1 überlappen. Man erhält demnach:
260
(30) a. V(A ⋀ B) min (V(A), V(B)) b. V(A ⋀ B) max (0, V(A) + V(B) — 1) Im Extremfall maximaler Korrelation geht das in (30a) in Identität über, und entsprec hend das in (30b) bei minimaler Korrelation. Ein Sonderfall in dem von den Extremfällen aufgespannten Spektrum möglic her Werte ist der, bei dem die Konjunkte voneinander unabhängig sind (P ist Gleic hverteilung, und A und B enthalten durc hgängig untersc hiedlic he lexikalisc he Ausdrüc ke). Für diesen Fall ergibt sich: (31) V(A ⋀ B) = V(A) · V(B) Ein Blic k auf die unendlic hwertigen Systeme in 3.1 zeigt, daß Łukasiewic z den Sonderfall maximaler Korrelation, Goguen den Gleic hverteilungsfall zugrundelegt. Welc he der beiden Varianten gibt die natürlic h-sprac hlic hen Verhältnisse angemessen wieder? Es sc heint, daß die Beantwortung der Frage vom jeweiligen Einzelfall abhängt. Die Überlegungen in 2.3 hatten anhand von (quasi-)tautologisc hen und widersprüc hlic hen Sätzen gezeigt, daß unbestimmte Sätze natürlic her Sprac he nic ht wahrheitsfunktional sind. Die Argumentation gilt natürlic h ebenso für die unendlic hwertigen Erweiterungen der in Absc hnitt 2 besproc henen dreiwertigen Ansätze. Hier soll ein Beispiel angeführt werden, das auc h für normale Sätze mit Werten aus dem Zwisc henbereic h die Relevanz von Korrelationen unterhalb der Wahrheitswertebene nahelegt. (32) Hans und Otto sind groß. (33) Hans ist groß und intelligent. Wenn Hans und Otto gleic h groß sind, sollte man (32) mit demselben Resultat als wahr bezeic hnen können wie jedes seiner Konjunkte, und daran ändert sic h auc h nic hts, wenn beliebig viele ‘gleic hwahre’ Konjunktionsglieder hinzugefügt werden. Anders verhält es sic h mit (33): Der Satz ist, wenn Hans ein ec hter Grenzfall von groß und intelligent ist, problematisc her als seine Konjunkte, und er wird durc h Hinzufügen weiterer partiell zutreffender Eigensc haften immer fragwürdiger. Im Falle (32), bei dem die Teilsätze über das gemeinsame Prädikat groß korrelieren, sc heint die eine, im Fall (33), wegen der wenig ausgeprägten Korrelation von Größe und Intelligenz, die andere fuzzy-logisc he Variante angemessener. Beide zusammen legen die probabilistisc he Version nahe: sie erlaubt es im Gegensatz zur fuzzy logic , den Einfluß von Korrelationen zu repräsentieren.
IV. Kontexttheorie
Beim fuzzy reasoning hat man ein zusätzlic hes Problem: Korrelationen von fuzzySc hlüssen sind, wie in 3.1 ausgeführt, Paare bestehend aus einem Satz und einem Wahrheitsgrad, den der Satz aufgrund des Wahrheitsgrades der Prämissen zugewiesen erhält. Diese Konklusionen haben jedoc h einen anderen Status als die aus klassisc h-logisc hen Sc hlüssen: Sie sind nic ht endgültig, sondern geben in ihrem numerisc hen Bestandteil nur eine Untergrenze an. Der Wahrheitsgrad der ersc hlossenen Aussage kann tatsäc hlic h viel höher sein, als er sic h aufgrund der jeweils in den Prämissen verwendeten Evidenz ergibt. (34) Ottos Wagen ist rot. (35) Wenn Ottos Wagen rot ist, ist er nicht grün. (36) Ottos Wagen ist orange. (37) Wenn Ottos Wagen orange ist, ist er nicht grün. (38) Ottos Wagen ist nicht grün. Angenommen, die Farbe von Ottos Wagen liegt so zwisc hen rot und orange, daß (34) 0.4 und (36) 0.6 als Wahrheitswert erhält. (35) und (37) sollen eindeutig wahr sein. Die Modus-Ponens-Regel weist (in beiden oben spezifizierten Versionen) dem Satz (38) auf der Grundlage von (34)/(35) den Wert 0.4, auf der Grundlage von (36)/(37) den Wert 0.6 zu, obwohl (38) tatsäc hlic h 1 erhalten müsste. Fuzzy-logisc he Sc hlußsysteme müssen ‘Evidenzverstärkung’ dur c h Mehrfa c hableitung erlauben. Dabei muß allerdings verhindert werden, daß voneinander abhängige Prämissen in mehreren Sc hlüssen gleic hzeitig verwendet werden. In der Künstlic he-IntelligenzFors c hung sind komplexe Evidenzverstärkungssysteme sowohl für die Behandlung von Vagheit (Wahlster 1981) wie von unsic herem Wissen (Shortliffe 1976) entwic kelt werden. Das letztere System versteht sic h explizit als Approximation an ein wahrsc heinlic hkeitstheoretisc hes Sc hlußverfahren. Es ist wohl korrekt, wenn auc h nic ht im Sinne ihrer Initiatoren, die fuzzy logic insgesamt in dieser Weise zu interpretieren. Eine wic htige Motivation für die Einführung von Wahrheitsmetriken war die Möglic hkeit der einheitlic hen Behandlung untercs hiedli c her Adjektivkonstruktionen (Zadeh 1975, Kamp 1975): Der Komparativ läßt sic h in naheliegender Weise als Relation zwisc hen Wahrheitsgraden interpretieren (s. (39)), Gradmodifikatoren wie sehr und relativ durch arithmetisc he Operationen auf Wahrheitsgraden wie in (40):
11. Vagheit und Ambiguität
(39) V (a ist größer als b) = 1 gdw. V (a ist groß) > V (b ist groß) (40) V (a ist sehr groß) = [V (a ist groß)]2 Tatsäc hlic h muß man die Situationen differenzierter sehen: Komparative lassen sic h sc hon in der nic htmetrisc hen Supervaluationssemantik definieren, über die Inklusionsbeziehung zwisc hen verifizierenden Interpretationen/Kontexten: (41) V (a ist größer als b) = 1 gdw. Ca ist groß ⊃ Cb ist groß Allerdings erfaßt die Definition nur die Fälle, in denen unmittelbarer Vergleich möglich ist. (42) Hans ist begabter als Karl. (43) Hans ist größer als intelligent (mehr groß als intelligent). Vergleic he zwisc hen untersc hiedlic hen Dimensionen eines Adjektivs (wie in (42), wenn Hans ein sehr begabter Klavierspieler und Karl ein relativ begabter Sc hac hspieler ist) und Vergleic he, die versc hiedene inkommensurable Adjektive einbeziehen (‘Metakomparative’ wie in (43)) sind im Supervaluationsrahmen nur in der metrisc hen Erweiterung interpretierbar. Dies dec kt sic h gut mit der Intuition, daß (42) in der besc hriebenen Situation sowie (43) markierte, sekundäre Verwendungen des Komparativs sind. Die fuzzy logic mac ht keinen Untersc hied zwisc hen ordinären und Metakomparativen. Auc h dies Resultat würde also für die Supervaluationsvariante sprec hen. Allerdings läßt sic h gegen beide Ansätze einwenden, daß eine generelle Theorie des Komparativs auf der Basis von Wahrheitsgraden nic ht möglic h ist. Eines von mehreren Gegenargumenten illustriert das folgende Beispiel: (44) Der Tisch ist länger als breit. (44) kann auch dann wahr sein, wenn der Tisch relativ kurz, aber ziemlich breit ist: Verglic hen werden hier die Skalenwerte von Länge und Breite, nicht Wahrheitsgrade. Wahrheitsmetriken liefern demnac h keine vollständige Semantik für Adjektivkonstruktionen. Und auc h in den Bereic hen, wo sie anwendbar sind, sind sie nic ht unumgänglic h: Metakomparative werden in Klein (1980), Hoepelman (1986) ohne Rekurs auf Wahrheitsgrade besc hrieben, und die gleic hen Autoren liefern eine nic ht-metrisc he Interpretation für die Gradmodifikatoren sehr und relativ. Was sprachliche Hecken im allgemeinen betrifft, so eignet sic h die von Lakoff vorge-
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sc hlagene fuzzy-logisc he Behandlung ohnehin nur für sehr, relativ und einige präzisierende und depräzisierende Modifikatoren wie exakt und ungefähr. Andere Hec kenausdrüc ke, z. B. adadjektivisc he für-Phrasen (groß für einen Baskettballspieler) erfordern eine Supervaluation bzw. präzisierungssemantisc he Interpretation (vgl. Pinkal 1977). Wieder andere Hekken wie eigentlich, echt, typisch lassen sic h in einem reinen vagheitssemantisc hen Rahmen gar nicht beschreiben. Wahrheitsmetriken leisten zur Semantiktheorie natürlic her Sprac hen nur einen begrenzten Beitrag. Auf der anderen Seite führen sie in methodologisc he Probleme, die Ulric h Blau als Vagheitsdilemma folgendermaßen charakterisiert: „Wollen wir die klassisc he Logik anwenden, so sind wir zu einem sc harfen Sc hnitt gezwungen; führen wir zwisc hen wahr und falsch eine unbestimmte (neutrale) Zone ein, so kommen wir den Phänomenen vielleic ht etwas näher, aber die beiden nun erforderlic hen Sc hnitte sind ebenfalls willkürlic h; führen wir weitere Wahrheitswerte ein, so werden sie zunehmend nic htssagend und ziehen immer noc h willkürlic he Grenzen; lassen wir sc hließlic h unendlic h viele Wahrheitswerte zu, so ist die Klassifikation sc harf genug, aber auc h sc hon zu sc harf, also wieder willkürlic h, und überdies ist der Zusammenhang mit den ursprünglic hen Begriffen wahr, falsc h so ziemlic h verlorengegangen, wir wissen nic ht, was diese „Wahrheitswerte“ noc h bedeuten sollen.“ (Blau 1978a: 28)
Wie Todt (1980) ausgeführt, führt der Ausweg, die Wahrheitsbewertungen selbst zu ‘fuzzifizieren’, nic ht zu einer ec hten Lösung. Gleic h, ob man mit Werten aus [0, 1], mit Verteilungen über [0, 1] arbeitet (‘linguistisc he Variablen’ Zadeh (1975 a)), oder ob man im Supervaluationsrahmen Grenzziehungen durc h die Einführung von ‘Vagheit höherer Ordnung’ aufweic ht (Fine 1975): Man versc hiebt das Problem nur auf die näc hste Ebene, und muß dort wieder präzise — und noc h sc hwerer motivierbare — Werte bzw. Grenzen ansetzen. Der Grenzziehungskonflikt ergibt sic h grundsätzlic h, sobald man präzise Theorien auf eine kontinuierlic he Domäne anwendet. Es handelt sic h dabei nic ht nur um ein methodologisc hes Problem, das die Beziehung zwisc hen Theorie und natürlic h-sprac hlic her Vorgabe betrifft. Der Konflikt ist in der natürlic h-sprac hlic hen Bedeutung selbst angelegt, und für eine Eigensc haft verantwortlic h, um die es im Absc hnitt 5 gehen wird: die latente Inkonsistenz genuin vager Ausdrücke.
IV. Kontexttheorie
262
4.
Zur Typologie der Unbestimmtheitsphänomene
Na c h der Charakterisierung semantis c her Unbestimmtheit in Absc hnitt 1 fällt unter diesen Begriff das vage Prädikat rot ebenso wie Homonyme und syntaktisc he Skopusambiguitäten. In diesem Absc hnitt soll die interne Strukturierung des heterogenen Gegenstandsbereic hs betrac htet werden; versc hiedene in der Literatur zu Vagheit und Ambiguität gängige Untersc heidungen, die sic h primär auf vage Ausdrüc ke beziehen, werden vorgestellt und kommentiert. Ansc hließend wird der Bereic h der Ambiguitätsphänomene gesic htet und versc hiedene Kriterien für die Abgrenzung von Vagheit und Mehrdeutigkeit diskutiert. 4.1 Vagheitstypen Eine erste Klassifikation unbestimmter Ausdrüc ke betrifft das Verhältnis von Definitund Indefinitbereic hen in der ‘Basisinterpretation’. Bei relativen Ausdrücken ist der Indefinitbereic h umfassend. Jeder möglic he Anwendungsfall ist (tendenziell) durc h alternative Präzisierung relativierbar. Die auffälligste und gesc hlossenste Gruppe relativer Ausdrüc ke bilden die Gradadjektive; weiter gehören dazu relative Adverbien und Quantoren (oft und viel). Der zweite Typ ist unter dem Terminus Randbereichsunschärfe bekannt. Randbereic hsunsc harfe Ausdrüc ke besitzen ausgedehnte Bereic he definitiver Anwendbarkeit, die durc h eine mehr oder weniger ausgeprägte Übergangszone getrennt sind. Neben Adjektiven wie rot, Orts- und Zeitadverbien wie hier und bald gehört in diese Gruppe vor allem die Hauptmasse der Verben und Gattungssubstantive. Einen dritten Typ bilden sc hließlic h die punktuellen Prädikate, die durc h einen punktförmigen positiven Definitbereic h gekennzeic hnet sind, der über eine ‘Toleranzzone’ in den beinahe umfassenden Negativbereic h übergeht. Seine wic htigsten Vertreter sind die Ausdrüc ke, die gemeinhin als Prototypen für Präzision gelten: geometrisc he Prädikate (rechteckig) und Maßangaben (2 700 m hoch). Von ihnen wird im nächsten Abschnitt noch die Rede sein. Eine andere Unters c heidungsmögli c hkeit ergibt sic h aufgrund der Beobac htung, daß vage Prädikate unters c hiedli c he Präzisierungseigensc haften besitzen und deshalb dem Individuenberei c h vers c hiedene Ordnungsstrukturen aufprägen (vgl. Kamp 1975). Das Adjektiv schwer ist von eindimensionaler Prä-
zisierungsstruktur: Wenn in einer Präzisierung ein bestimmter Gegenstand unter das Prädikat schwer fällt und ein anderes nic ht, kann es keine andere Präzisierung geben, die das Verhältnis umkehrt. Das vieldimensionale begabt verhält sic h entgegengesetzt: Hier lassen sic h tendenziell immer Kriterien finden, die die ‘Begabungshierarc hie’ für zwei beliebige Personen umkehren. Zwisc hen den Extremen liegen die beschränkt- dimensionalen Ausdrüc ke (Pinkal 1985). Hier gibt es im Indefinitbereic h sowohl Objekte, deren Verhältnis präzisierungsunabhängig festliegt, als auc h Paare von Objekten, die an der Basis unvergleic hbar sind und deren Verhältnis sic h in unters c hiedli c hen Präzisierungen umkehrt. Ein Beispiel ist groß in der Anwendung auf nic ht-mensc hlic he Objekte: Ist ein Fahrrad größer als ein Kühlsc hrank? Die Mehrzahl der relativen Prädikate gehört in diese Gruppe, außerdem die meisten Gattungssubstantive. Die letzteren bilden wegen ihrer Vielfalt und Komplexität im Lexikon natürlic her Sprac hen einen Sonderfall. Entsprec hend intensiv sind sie in der Vagheitsliteratur erörtert worden. Eine ihrer eher harmlosen Eigensc haften wird in Quine (1960) besc hrieben. Quine führt aus, daß nic ht nur der Umfang eines Gattungsbegriffs, sondern auc h die Ausdehnung der unter ihn fallenden Objekte zur Unbestimmtheit führen kann: Einerseits ist zwisc hen den Prädikaten Berg und Hügel keine eindeutige Grenzziehung möglic h; andererseits lassen sic h Berg und Tal, Tag und Nacht als ‘Individuen’ nic ht sc harf gegeneinander abgrenzen. Beide Vagheitsarten führen in jeweils versc hiedenen syntaktisc hen Umgebungen Unbestimmtheit herbei: die erste in Prädikationen (‘vagueness of predic ation’), die zweite in lokalen bzw. temporalen Bestimmungen (‘vagueness of individuation’). Susan Haac k untersc heidet in ihrer Vagheitsübersic ht (1974: 111) drei Arten von Vagheit in bezug auf die Anwendungsbedingungen der betroffenen Ausdrüc ke (‘qualific ations’): „(a) The qualifications are complex ... and it is indeterminate how many of the qualifications must be satisfied ... (b) The qualifications are complex and in certain cases conflicting ... (c) The qualifications are simple ..., but in certain cases it is indeterminate whether the conditions, or one of the conditions, is satisfied.“
Der Untersc hied zwisc hen den ersten beiden Fällen und dem Fall (c ) kann unter Mehrdi-
11. Vagheit und Ambiguität
mensionalität vs. Eindimensionalität (bzw. Vagheit in einer Bewertungsdimension) verbuc ht werden. Interessant ist die Untersc heidung zwisc hen (a) und (b), die wiederum Gattungssubstantive betrifft. Mit (a) c harakterisiert Haac k das in Wittgenstein (1953) am Beispiel des Ausdruc ks S piel beschriebene Phänomenen der Familienähnlichkeit. (b) besc hreibt die Situation bei Termini wie dem Quinesc hen ‘tributary’ (Nebenfluß), wo alternative Definitionskriterien zu leic ht untersc hiedlic hen Begriffsextensionen führen (vgl. Quine 1960: 128). Der Fall (a) betrifft den alltagssprac hlic h-kognitiven Zugriff über stereotypisc he Merkmale, die für eine bestimmte Gattung c harakteristisc h, aber weder notwendig noc h hinreic hend sind. Fall (b) betrifft Probleme, die sic h beim Versuc h fac hsprac hlic h-verbindlic her Referenzbestimmung ergeben. Die beiden Vagheitsarten lassen sic h demnac h den beiden Komponenten des Putnamsc hen Bedeutungsbegriffs zuordnen (Putnam 1975b). Bei S piel ist die psyc hologisc he, bei Nebenfluß die referentielle Ebene dominierend. Zusätzlic he Unbestimmtheit ergibt sic h bei Ausdrüc ken, bei denen umgangssprac hlic he Verwendung und fac hsprac hlic he Präzisierung(en) konkurrieren, dur c h die Überlagerung der beiden Ebenen. Sc hließlic h wird im Zusammenhang mit Gattungssubstantiven gelegentlic h die Untersc heidung zwisc hen extensionaler und intensionaler Vagheit erörtert. Semantisc he Unbestimmtheit ist in diesem Artikel bisher nur auf der Ebene der Extensionen behandelt worden. Daß semantisc he Eigensc haften streng extensional von der zufälligen Existenz bestimmter Grenzfälle und ihrem Verhalten abhängig gemac ht werden, ist offenbar inakzeptabel. Aber auc h die intensionale Definition der Vagheit über ‘möglic he Grenzfälle’ ist nic ht problemlos möglic h. Waismann (1951) führt aus, daß bei genügender Abweic hung von den Gegebenheiten der realen Welt die Anwendung aller Gattungsbegriffe hoc h problematisc h wird; sie sind typisc herweise ostensiv, nic ht durc h Definition eingeführt, und behalten Stabilität und Präzision nur unter den ‘natürli c hen Bedingungen’ unserer Welt. Diese von Waismann als ‘open texture’ oder ‘Porosität’ bezeic hnete intensionale Eigencs haft natürli c h-spra c hli c her Begriffe ist spra c hphilosophis c h und wissens c haftstheoretisc h bedeutsam. Für die Semantik natürlic her Sprac hen ist jedoc h die Untersc heidung zwisc hen extensionaler und intensionaler Vagheit über das Grundsätzlic he hinaus nic ht sehr
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ergiebig. Stattdessen ist ein ‘realistisc her’ Begriff von Unbestimmtheit nötig, der möglic he Grenzfälle gerade so weit einbezieht, wie sie ‘plausibel vorstellbar’ sind. Die theoretisc he Bestimmung der realistisc hen Ebene ist ein offenes Problem mit starken philosophisc hen Implikationen. Praktisc h wird ein vagheitssemantisc her Realismus jedoc h in allen deskriptiven Analysen vorausgesetzt. ‘Natürlic he Gattungen’, wie sie z. B. durc h die Klassifikation der c hemisc hen Elemente gegeben sind, sind nac h Waismann porös, in realistisc her Sic ht jedoc h präzise. Der Bereic h der Artefakte und sozialen Institutionen mag in einem bestimmten Weltzustand und vor einem bestimmten soziokulturellen Hintergrund extensional präzise gegliedert sein. Die realistisc he Vorstellung von Alternativen weist die begrifflic he Gliederung dieser Bereic he als vage aus. Das bekannteste Beispiel ist das ‘Stuhlmuseum’ aus Blac k (1937), in dem eindeutige Stühle und Nic ht-Stühle durc h eine Kette gedachter Grenzfälle verbunden sind. 4.2 Ambiguität Ambiguität oder Mehrdeutigkeit tritt in versc hiedenen Formen und in den versc hiedensten Sprac hbereic hen auf. Lexikalische Ambiguität wird traditionell mit dem Begriffspaar Homonymie/Polysemie weiter untersc hieden. Homonyme sind untersc hiedlic he lexikalisc he Einheiten, die zufällig (oder aufgrund einer dem Sprec her nic ht mehr gegenwärtigen etymologisc hen Beziehung) identisc he phonetisc he (‘Homophone’) oder orthographis c he (‘Homographen’) Repräsentationen haben. Beispiele sind S chloß und Bank. Polyseme sind dagegen Wörter mit mehreren verwandten Lesarten, die typis c herweise dur c h metaphoris c he oder metonymis c he Prozesse aufeinander bezogen sind. Polysemien können idiosynkratisc h sein (grün für Farbe und Reifezustand, Birne für die Fruc ht und die Glühbirne, etc .). Es gibt jedoc h wic htige Formen systematisc her Polysemie, die das Lexikon durc hziehen. Nac h Bierwisc h (1979) ergeben sie sic h dadurc h, daß ein Konzept in versc hiedenen Domänen oder auf vers c hiedenen Abstraktionsstufen ‘realisiert’ wird. Beispiele für systematisc he Polysemien sind die aktual/dispositionell-Untersc heidung (etwa bei schnell und Klavier spielen) und die Gebäude/Institution-Ambiguität (z. B. Universität, Amtsgericht). Die Frage nac h konkreten Abgrenzungskriterien zwisc hen Homonymie und Polysemie wird weiter unten noc h einmal zur Sprac he kommen. Die
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Sc hwierigkeit, präzise Kriterien, die über den vagen Begriff der Worteinheit hinausgehen, mit konventionellen Mitteln zu formulieren, wird ausführlic h in Lyons (1977) kommentiert. Ambiguität kommt in versc hiedenen Formen auc h in der Syntax (im weiteren Sinne) vor. Hier sollen zwei wic htige Ausprägungen syntaktischer Ambiguität genannt werden. Bei Präpositionalphrasen ist oft die Stelle nic ht eindeutig vorgegeben, an der sie in die Konstituentenstruktur des Satzes eingehängt werden müssen (‘attachment ambiguity’). (46) Hans traf den Mann mit dem Aktenkoffer. Während hier die Ambiguität darauf beruht, daß für einen Satz untersc hiedlic he syntaktisc he Strukturen im engeren Sinne möglic h sind, betrifft der umfangreic here Komplex der Skopusambiguitäten Alternativen in der logischen Form. (47) Alle Linguisten lieben eine Theorie. Wie in (47) kann Skopusambiguität durch das gemeinsame Vorkommen mehrerer Quantoren entstehen; es können aber auc h Terme, Modal- und Temporaloperatoren und Einstellungsverben interagieren, wobei es zum Teil zu rec ht subtilen, vagheitsartigen Unterscheidungen kommt. Ein dritter prominenter Typ von Ambiguität ist die referentielle Mehrdeutigkeit von Pronomina und definiten Nominalphrasen, die hier stellvertretend für eine größere Gruppe steht: Alle indexikalisc hen Ausdrüc ke sind potentiell ambig; ihre Unbestimmtheit ist einfac h das Gegenstüc k ihrer Kontextabhängigkeit. Weiterhin kommt Ambiguität als funktionale Mehrdeutigkeit bei Komposita und Genitivattributen vor, als elliptisc he Mehrdeutigkeit bei mehrstelligen Prädikaten (Verben, relationale Substantive, Komparativ), bei denen einzelne obligatorisc he Argumente nic ht realisiert sind. Quantoren und quantifizierende Adverbien sind sc hließlic h oft im Hinblic k auf ihren Bezugsbereic h mehrdeutig. Die in dieser — keineswegs vollständigen — Aufzählung genannten Ambiguitätsphänomene stellen die Sprac htheorie vor untersc hiedlic he Probleme. Für deren Behandlung ist jedoc h nic ht die Semantik zuständig, sondern die linguistisc hen Teildisziplinen, in deren Gegenstandsbereic h die Ambiguitäten jeweils auftreten. Hier soll im folgenden nur die generelle Frage betrac htet werden, wie sic h Ambiguität insgesamt gegen Vagheit abgrenzen läßt. Die versc hiedenen in der Literatur
IV. Kontexttheorie
vorges c hlagenen Abgrenzungskriterien führen dabei zu einer zusätzlic hen, domänenabhängigen internen Differenzierung des Ambiguitätsbegriffs. 4.3 Zur Abgrenzung von Vagheit und Ambiguität Im Absc hnitt 1 ist eine Untersc heidung zwisc hen Vagheit und Ambiguität für die Satzebene grob umrissen worden, die sic h folgendermaßen verallgemeinern läßt: Vage Ausdrüc ke haben ein unbestimmtes Denotat; ambige Ausdrüc ke besitzen mehrere alternative Denotate. Kit Fine c harakterisiert die Beziehung zwisc hen den beiden Phänomenen folgendermaßen: „Vague and ambiguos sentenc es are subjec t to similar truth-c onditions; a vague sentenc e is true if true for all c omplete prec isific ations; an ambigous sentenc e is true if true for all disambiguations. (...) However, how we grasp the prec isific ations and disambiguations, respec tively, is very different. (...) disambiguations are distinguished; to assert an ambigous sentenc e is to assert, severally, eac h of its disambiguations. (...) prec isific ations are extended from a c ommon basis and ac c ording to c ommon c onstraints; to assert a vague sentenc e is to assert, generally, is prec isific ations. Ambiguity is like the super-imposition of several pic tures, vagueness like an unfinished pic ture, with marginal notes for c ompletion.“ (Fine 1975: 282 f)
Entsprec hend besitzen Vagheit und Ambiguität untersc hiedlic hen kommunikativen Status: Im Falle von randbereic hsunsc harfen Substantiven, Verben, Farbadjektiven ist die Unbestimmtheit ein von Sprec her und Hörer akzeptierter weitgehend unbemerkter Bestandteil des jeweiligen Wortsinnes. Bei Homonymen und referentiell mehrdeutigen Kennzeic hnungen dagegen legt der Sprec her immer einen bestimmten semantisc hen Wert zugrunde. Unbestimmtheit tritt nur unter der Hörerperspektive auf, und zwar in dem Fall, daß das Kontextwissen des Hörers nic ht die zur Desambiguierung erforderlic hen relevanten Kontextdaten umfaßt. Es gibt keine unbestimmte Lesart des ambigen Ausdruc ks. Unbestimmtheit als Wahrheitszustand ist zwar möglic h, aber nur als kommunikativer Unglüc ksfall, der umgehend behoben werden muß: Ambige Ausdrüc ke sind, im Gegensatz zu vagen, desambiguierungs- bzw. präzisierungsbedürftig. Dies Präzisierungsgebot als Eigensc haft ambiger Ausdrüc ke ist einleuc htend und auf die genannten Beispiele offenbar zutreffend. In weniger prototypisc hen Fällen können In-
11. Vagheit und Ambiguität
tuitionen über die Notwendigkeit von Desambiguierungen jedoc h problematisc h werden. In Lakoff (1970a) wird ein Test vorgesc hlagen, der die Untersc heidung zwisc hen Ambiguität und Vagheit auf die Wahrheitsbeurteilung von Sätzen reduziert. Lakoffs Beispiel ist (48). Der Test kann außerdem mit allen Konstruktionen durc hgeführt werden, in denen mit einem syntaktisc hen Vorkommen des fraglic hen Prädikats gleic hzeitig zwei oder mehrere Prädikationen vorgenommen werden (z. B. Satzteilkoordination, universelle Quantifikation). (48) John hit the wall, and so did Bill. (49) John schlug gegen die Wand, und Bill auch. Unter der Voraussetzung, daß John gegen die Wand prallt und Bill dagegen hämmert, besitzt Satz (48) (wie seine deutsc he Entsprec hung (49)) keine verifizierende Lesart. Es gibt nämlic h (nac h Lakoff wenigstens) keine umfassende Präzisierung des Verbs hit, die die Lesarten ‘Ereignis’ und ‘Aktion’ einsc hließt: hit ist ambig — im Gegensatz zu den vagen Prädikaten groß, begabt und S piel: Sie besitzen zu zwei untersc hiedlic hen Präzisierungen immer eine allgemeinere Lesart, die beide einbezieht, und es ist deshalb nic ht möglic h, mit ihnen unerfüllbare Sätze nac h dem Muster (48)/(49) zu konstruieren. Das Kriterium für Ambiguität, das dem Text zugrundeliegt, läßt sic h folgendermaßen formulieren: Ein Ausdruc k ist ambig, wenn er unvereinbare Präzisierungen besitzt. Dies Unvereinbarkeitskriterium und das zuvor formulierte Präzisierungsverbot cs heinen auf dasselbe hinauszulaufen. Tatsäc hlic h zieht das letztere die Grenzen jedoc h etwas enger als das erste: Unvereinbarkeit der Lesarten besagt, daß keine umfassende Lesart mit maximalem Umfang vorhanden ist. Das Präzisierungsgebot hängt darüber hinaus mit dem Fehlen einer maximal unbestimmten Basisinterpretation zusammen. Tatsäc hlic h sc heint es, vor allem im Bereic h systematisc her Polysemien, Beispiele für unbestimmte Ausdrüc ke zu geben, die zwisc hen die beiden Grenzen fallen: Ein Kind, das ‘zur Sc hule’ geht, brauc ht sic h im Normalfall nic ht zu entsc heiden, ob es die Institution oder das Gebäude meint; mit dem Satz Das war ein schneller Wagen, mit dem man auf der Autobahn einen rasant überholenden Ferrari kommentiert, legt man sic h nic ht unbedingt auf eine der Lesarten ‘aktual’ oder ‘dipositionell’ fest. Der Ambiguitätstest ist jedoc h positiv: Einen ab-
265
gestellten Ferrari und einen 2 CV, der mit 80 km/h durc h ein Wohngebiet rast, kann man sc hlec ht unter der Bezeic hnung zwei schnelle Wagen zusammenfassen. Die Sic htung der beiden Ambiguitätskriterien ergibt also im Resultat eine Unterteilung der Ambiguitätsphänomene: Bei einer starken Form der Ambiguität stehen die Lesarten isoliert nebeneinander; bei einer sc hwac hen Form existiert eine einheitlic he unbestimmte Basislesart. Diese Untersc heidung dec kt sic h zumindest in der Tendenz mit dem Wahrsc heinlic hkeitskriterium, das die traditionelle Philosophie für die Homonymie/ Polysemie-Distinktion bei lexikalisc h mehrdeutigen Ausdrüc ken verwendet. Beide Arten von Ambiguität grenzen sic h gegen den Rest der Unbestimmtheitsphänomene dadurc h ab, daß man ihre Lesarten nic ht zu einer umfassenden Lesart erweitern kann. Dieser Rest der Unbestimmtheitsphänomene würde, der bisher eingeführten Terminologie entsprec hend, insgesamt unter den Begriff ‘Vagheit’ fallen. Auc h hier muß jedoc h eine zusätzli c he Unters c heidung getroffen werden. Randberei c hsuns c harfe Substantive, bei denen bestimmte Standardpräzisierungen ausgeprägt sind, fallen nic ht unter das Unvereinbarkeitskriterium. Trotzdem kann man sie mit gleic hem Rec ht als mehrdeutig wie als vage bezeic hnen. Das Farbprädikat rot fällt dagegen eindeutig unter die vagen Ausdrüc ke. Hier sc heint ein Kriterium zu greifen, das im Absc hnitt 3 sc hon angesproc hen wurde: Ein Ausdruc k ist mehrdeutig, wenn er über eine begrenzte Zahl diskreter Lesarten verfügt, vage, wenn ein Kontinuum möglic her Präzisierungen vorliegt. Man darf dieses Anzahlkriterium nic ht sc hematisc h anwenden: Einfac hes Abzählen von Lesarten ist wegen fließender Übergänge und Überlagerungen sc hlec ht möglic h; man wird denselben Ausdruc k als mehrdeutig und als vage bezeic hnen, je nac hdem man auf die grundsätzlic he Unbestimmtheit des Zwisc henbereic hes oder auf faktisc h ausgeprägte Konturen in diesem Bereic h abhebt. Allerdings verweist die Kontinuitätsbedingung auf eine wesentlic he Eigensc haft vager Ausdrüc ke: Wegen des kontinuierlic hen Übergangs von positiven zu negativen Anwendungsfällen stellt bei ihnen jede präzise Grenzziehung einen ungerec htfertigt sc harfen Sc hnitt dar. In erster Näherung kann man diese Feststellung zu einem Präzisierungsverbot für vage Ausdrüc ke ummünzen, das dem Präzisierungsgebot bei ambigen Ausdrü c ken entspri c ht. Tatsä c hli c h
IV. Kontexttheorie
266
geht sie viel weiter: Sie läuft auf die Unmöglic hkeit hinaus, für vage Ausdrüc ke überhaupt Denotatgrenzen festzulegen, und damit auf deren inhärente Inkonsistenz. Von dieser wird im folgenden Abschnitt die Rede sein. Für den Zwisc henbereic h zwisc hen genuiner Vagheit und ec hter Ambiguität bietet sic h der Terminus ‘Verwendungsvielfalt’ an. Damit erhält man für den Gesamtbereic h indefiniter Ausdrüc ke das Klassifikationssc hema (50).
5.
Das Grenzziehungsproblem und topologische Vagheitstheorien
5.1 Unbegrenztheit und Inkonsistenz Vagheit im engeren Sinne liegt bei Ausdrükken vor, bei denen der Übergang zwisc hen Positiv- und Negativbereic h kontinuierlic h ist. Mit der Kontinuität des Übergangs ist eine Eigensc haft verknüpft, die für die Semantiktheorie problematisc her ist, als alle bisher behandelten Aspekte von Unbestimmtheit: Kontinuierlic he Übergänge lassen es nic ht zu, daß sinnvolle Denotatgrenzen gezogen werden. Dieser Sac hverhalt wird in einem Argumentationss c hema explizit gemac ht, das in einer Version als Sorites oder Haufenparadox bekannt ist. Sie wird im folgenden in umgangssprac hlic her Form wiedergegeben: Ein Körnc hen Sand bildet keinen Sandhaufen. Legt man ein zweites Körnc hen dazu, erhält man auc h noc h keinen Sandhaufen. Das gleic he gilt für das dritte und jedes wei-
tere Körnc hen. Was vorher kein Sandhaufen war, kann nic ht durc h Hinzufügen eines einzelnen Körnc hens ein Sandhaufen werden. Es gilt also: Wieviel Körnc hen Sand man auc h immer zusammenlegt, sie bilden keinen Sandhaufen. Plausible Prämissen ergeben hier ein offenbar falsc hes, mit der Realität unvereinbares Resultat. Die Inkonsistenz basiert auf der Vagheit des Prädikates S andhaufen (andere bekannte Versionen verwenden kahlköpfig und rot). Die Plausibilität der Prämissen beruht darauf, daß sie in kleinen Sc hritten von einem Anwendungsfall zum näc hsten, nur unwesentli c h davon vers c hiedenen Anwendungsfall übergehen. Wegen der Irrelevanz des Untersc hiedes kann man keinen einzelnen der Übergänge zurüc kweisen; zusammengenommen ergeben sie das offenkundig falsc he Resultat. Das Argumentationss c hema des Sorites läßt sic h auf zwei Arten formal repräsentieren, die unter (51) und (52) wiedergegeben sind.
(mit
Fx
x
ist
kein S andhaufen)
11. Vagheit und Ambiguität
(mit F* (n) = n Körnchen S and bilden keinen Sandhaufen) Auf die beiden Versionen wird im folgenden mit ‘Modus-Ponens-Variante’ bzw. ‘Allsatzvariante’ referiert. In (51) ergibt sic h das falsc he Resultat aus einer beliebig langen Folge von Modus-Ponens-Sc hlüssen. In (52) wird das Sc hlußverfahren der mathematischen Induktion angewandt. Metrisc he Vagheitstheorien legen eine einfac he Lösung des Problems nahe. Entsprec hende Vorsc hläge sind sowohl für die fuzzy logic (Goguen 1969) als auc h für die Supervaluationssemantik (Thomason 1973) gemac ht worden. Der Wahrheitsgrad der FakPrädikationen bzw. die Menge der verifizierenden Komplettierungen nimmt beim Übergang vom Positiv- zum Negativbereic h kontinuierlic h ab; die Prämissen Fak → Fak + 1 erhalten deshalb nic ht 1, sondern einen etwas niedrigeren Wahrheitswert zugewiesen. Die wiederholte Anwendung der fast-wahren Prämissen in der Modus-Ponens-Regel ergibt für die Resultate — in Übereinstimmung mit den Voraussetzungen — immer sc hwäc here Wahrheitsgrade. Dies gilt für die Modus-PonensVariante. Für die Allsatzvariante ergibt sic h im Supervaluationsrahmen ebenfalls eine überrasc hend einfac he Lösung: In jeder klassisc hen Komplettierung der Prämisse B ist genau eine Instantiierung falsc h, und damit der gesamte Allsatz. In der Supervaluation ist die Prämisse B also eindeutig falsc h, obwohl jede Instantiierung fast wahr ist. Ein anderer Weg, das Konsistenzproblem der Sorites-Argumentation zu lösen, besteht darin, daß man den Wahrheitswert der Prämissen nic ht generell zurüc knimmt, sondern ihre Bewertung vom Kontext abhängig mac ht. Dies wird in Kindt (1983) und ähnlic h in Veltman (1986) vorgesc hlagen: Im Normalfall erlaubt die Semantik vager Ausdrüc ke Sc hlüsse von einem Anwendungsfall auf einen nahe verwandten. Falls erforderlic h, kann sie so weit verfeinert werden, daß die Implikationen ungültig werden und damit die Ableitung falscher Resultate blockiert wird. Diesen Vorsc hlägen steht die Auffassung gegenüber, daß die Inkonsistenz, die im Sorites zutage tritt, eine inhärente Eigensc haft der Bedeutung vager Ausdrüc ke ist, die nic ht wegerklärt werden darf, sondern von der Semantiktheorie modelliert werden muß. Die
267
semantisc he Irrelevanz geringfügiger Untersc hiede ist als ‘semantisc he Toleranz’ konstitutiver Bestandteil vager Begriffe. Theoretisc h kann man für einen vagen Ausdruc k präzise Denotatgrenzen festlegen. Damit gibt man jedoc h wesentlic he Aspekte seiner natürlic hen Bedeutung und seine unproblematisc he Verwendbarkeit im normalsprac hlic hen Diskurs auf. Dummett (1975) und, mit Bezug darauf, Kamp (1981c ) führen das Farbprädikat rot als Beispiel an. Sein Denotat läßt sic h in Form eines Frequenzintervalls präzise festlegen. Wenn man dies tut, befinden sic h aber auf beiden Seiten der Denotatsgrenze Farbtöne, die wahrnehmungsmäßig nic ht untersc heidbar sind. Rot ist nic ht länger ein Beobac htungsprädikat; die Grundlage für die unproblematisc he Verwendung der Farbwörter — gleic haussehende Objekte fallen unter das gleic he Prädikat — entfällt. Wright (1975) führt zu den Prädikaten child und adult folgendes aus: „Without toleranc e these predic ates (...) c ould no longer substain the explanatory role whic h they now have for us (...) That predic ates of degree of maturity possess toleranc e is a direc t c onsequenc e of their soc ial role; very small differenc es c annot be permitted to generate doubt about their applic ation without c orrespondingly c oming to be assoc iated with a burden of moral and explanatory distinc tions whic h they are too slight to c onvey.“ (Wright 1975: 337)
Pinkal (1985) zeigt in Anlehnung an Quine (1960), daß auc h umgangssprac hlic he Maßangaben mit Toleranzen verwendet werden müssen. Interpretiert man Maßangaben wie 1,80 m groß (für Personen) und 687 km lang (für Flüsse) als völlig präzise, werden sie praktisc h unanwendbar. Das liegt in erster Linie nic ht daran, daß es Grenzen für die Meßgenauigkeit gibt, sondern an der Tatsac he, daß unterhalb gewisser Toleranzgrenzen die Meßvorsc hriften vage werden, und mit großem Aufwand in unnatürlic her Weise fixiert werden müßten. Die Konsequenz dieser Beispiele besteht darin, daß man eine Relation des ‘irrelevanten Untersc hiedes’ oder Toleranzrelation als topologisc he Bedeutungskomponente explizit in die semantisc he Besc hreibung vager Ausdrüc ke aufnimmt. Die Toleranzrelation ist symmetrisc h und reflexiv, aber nic ht transitiv. Sie wird im folgenden als notiert (mit FSuperskript für das jeweilige Prädikat). Die Sorites-Problematik ergibt sic h, kurz gesagt, daraus, daß die nic ht-transitive F-Relation
268
die transitiven Implikations- (bzw. Äquivalenz-) Beziehungen begründet, die zusammengenommen das inkonsistente Resultat ergeben.
Die wahrheitsmetrisc hen Ansätze lösen das Problem, indem sie die Begründungsbeziehung (⇒) relativieren und die -Relation damit für die Semantik unberüc ksic htigt lassen. Kindt und Veltman lassen zu, daß die -Relation kontextuell variiert (was sic her angemessen ist) und im Sorites-Fall beliebig verfeinert wird, was zu bedenklic hen Konsequenzen für die Semantik vager Ausdrüc ke führt, wie die oben angeführten Beispiele zeigen. Kamp (1981c ) und Pinkal (1985) entwikkeln dagegen Vorsc hläge für eine Vagheitssemantik, die die Beziehung unter (53) berüc ksic htigt, und damit die latente Inkonsistenz vager Ausdrüc ke akzeptiert. Indem die Theorien partielle Diskursmodelle und ein dynamis c hes Interpretationskonzept zugrundelegen werden, erhalten normale Verwendungen vager Ausdrüc ke jedoc h konsistente Interpretationen. 5.2 Topologisch basierte Vagheitstheorien Hier sollen die Ansätze von Kamp (1981c ) und Pinkal (1985) (erweitert in Pinkal 1990) skizziert werden. Ein topologisc h basierter vagheitstheoretis c her Formalismus wird außerdem in Kindt (1983) vorgesc hlagen; Kindts Theorie bezieht die ∼ -Topologie auf eine fuzzy-logisc he Wahrheitsmetrik und betrac htet sie, wie bereits erwähnt, als beliebig verfeinerbar. Ausgangspunkt von Kamps Vagheitstheorie (und in Anlehnung daran derjenigen von Pinkal (1985), (1990)) ist das Konzept der dynamisc hen Interpretation, das Kamp als Diskursrepräsentationstheorie für die Bewertung anaphoris c her Ausdrü c ke in Kamp (1981 a) entwic kelt hat. Im Diskursverlauf wird eine endlic he Repräsentation — ein Diskursuniversum zusammen mit einer Menge von ‘Bedingungen’ über dessen Elementen — sukzessive aufgebaut. Semantisc he Invarianten sind die Mengen definiter (positiver und negativer) Anwendungsfälle sowie eine Toleranzrelation für jedes Prädikat F. Die definiten Fälle sind automatisc h in jedem Kontext (jeder Diskursrepräsentation) enthalten. Die Toleranzrelation kommt über ein Tole-
IV. Kontexttheorie
ranzprinzip zur Geltung. Es verbietet grob gesagt, Fa und ﹁ Fa gleic hzeitig in einen Kontext zu integrieren, wenn für die denotierten Individuen und gilt. Der Formalismus sieht in groben Zügen folgendermaßen aus: Kamp definiert einen Kontext C als eine über ⊢ (Ableitbarkeit) abgesc hlossene Satzmenge. Der Ableitbarkeitsbegriff soll sc hwäc her sein als der klassisc he; er wird zunäc hst undefiniert vorausgesetzt. Wird im Kontext C ein neuer Satz A akzeptiert, erhält man als resultierenden Kontext C die ⊢-Hülle über C ⋃ {A}. Sätze erhalten ihren Wahrheitswert relativ zu Kontexten. Alle Sätze aus C sind wahr (relativ zu C), aber nic ht alle wahren Sätze (relativ zu C) sind in der Regel Elemente von C. Insbesondere ist mit Fa ∈ C und immer auc h Fb wahr, ohne daß Fb damit automatisc h zum Kontext gehört. In dem Fall, daß die Integration eines Satzes den Kontext inkonsistent mac hen würde, darf er nic ht in den Kontext integriert werden, auc h wenn er relativ zum Kontext wahr ist. In einer Implikation setzt der Vordersatz sc hließlic h analog zur Anaphernbehandlung in der Diskursrepräsentationstheorie den Kontext, der für die Interpretation des Hintersatzes maßgebend ist. Vage Prädikate lassen sic h im Diskurs konsistent verwenden, solange zwisc hen positiven und negativen Prädikationen ausreic hender Abstand (in bezug auf F) besteht. Für die Modens-Ponens-Variante des Sorites ergibt Kamps Theorie die folgende Analyse: Die Implikationen Fak → Fak + 1 sind wahr, da der Vordersatz jeweils einen Kontext setzt, in dem wegen k k+1 die Wahrheit des Hintersatzes garantiert ist. Durc h das Toleranzprinzip wird jedoc h die Integration der Prämissen in den Kontext verhindert, wenn sie zu F-Prädikationen über Individuen führen, die in der unmittelbaren Umgebung des negativen Definitbereic hes liegen. — Für die Allsatzvariante des Sorites nimmt Kamp an, daß die universelle Prämisse (B in 52) falsc h ist, obwohl alle Instantiierungen wahr sind. Diese Annahmen sind offenbar mit der klassisc hen Logik unvereinbar. Kamp spezifiziert keine alternative Logik, sondern stellt nur die folgende allgemeine Betrac htung an: Der Begriff der Folgerung ist sinnvollerweise auf die Menge konsistenter Kontexte zu definieren. Was ein konsistenter Kontext ist, hängt von der Spezifikation des — nur partiell festgelegten — Ableitungsbegriffs ab. Damit ist der Folgerungsbegriff eine Funktion des
11. Vagheit und Ambiguität
Ableitungsbegriffs: Es gibt eine Abbildung, die unters c hiedli c hen Ableitungsrelationen untersc hiedlic he Folgerungsrelationen zuordnet. Diese Abbildung ist, wie sic h zeigen läßt, monoton, besitzt also Fixpunkte. Die Fixpunkte (an denen sic h Ableitungs- und Folgerungsbegriff dec ken) wären Kandidaten für eine alternative Vagheitslogik. Pinkal (1985) übernimmt Kamps Konzept der kontextuellen Dynamik, entwirft aber eine Vagheitstheorie, deren Gültigkeits- und Folgerungsbegriff die klassisc hen Begriffe einsc hließen. Der Ansatz verbindet topologics he und supervaluationssemantis c he Elemente in der folgenden Weise: Die Semantik vager Ausdrüc ke wird einerseits durc h ein Präzisierungsmodell 〈V, 〉 (s. o. 2.2), andererseits mittels der -Relationen in einer topologis c hen Modellstruktur repräsentiert, wobei die Äquivalenzrelation für F in 〈V, 〉 mindestens so fein sein muß wie . Zulässigkeitsbes c hränkungen mit der allgemeinen Form (54) verlangen als lokale Konsistenzregeln, daß in der unmittelbaren Umgebung von explizit in den Diskurs eingebrac hten Individuen keine Denotatgrenzen verlaufen dürfen. (54) ⇒ V(Fa) = V(Fb) Sie etablieren einen automatisc hen Kontextwec hselmec hanismus, der unter Ausnutzung des Präzisierungsspielraums vager Ausdrüc ke jeweils für ein semantisc h homogenes Umfeld bei den Individuen des Diskursuniversums sorgt. In der Modus-Ponens-Variante des Sorites sind die Implikationen jeweils wahr, weil der Vordersatz eine Präzisierung erzwingt, die den Hintersatz wahr mac ht. Ähnlic h wie bei Kamp wird dabei die Grenze des Definitbereic hes immer wieder vorverlegt, bis sc hließlic h die lokalen Konsistenzregeln mit der globalen Semantik in Konflikt geraten. Anders als in Kamps Vorsc hlag wird die klassisc he Logik nic ht ersetzt, sondern für bestimmte topologisc he Strukturen jeweils erweitert. Der entstehende ‘praktisc he’ Gültigkeitsbegriff ist eine Erweiterung des klassisc hen, da er auf der Menge aller zulässigen Valuationen (also einer Teilmenge der Supervaluationen) definiert ist. Entsprec hendes gilt für den Folgerungsbegriff. Allerdings werden bei dieser Er-
269
weiterung wesentlic he formale Eigensc haften aufgegeben, als wic htigste die Transitivität des Folgerungsbegriffs. Der praktis c he Folgerungsbegriff spiegelt damit die strukturellen Eigenschaften der ~ -Relation. Die Zulässigkeitsbesc hränkungen im Ansatz von Pinkal (1985) werden nur im Falle expliziter Referenz auf ein Individuum aktiviert. Die Interpretation der universellen Prämisse in der Allsatz-Variante fällt deshalb mit der Standard-Supervaluation zusammen. Sie ist einfac h falsc h. In Kamp (1981c ) wird ihr der Wert F trotz Wahrheit aller Instantiierungen zugewiesen, mit der einzigen Begründung, daß sonst unmittelbare Inkonsistenz die Folge wäre. Beide Vorsc hläge sind in diesem Punkt nic ht zufriedenstellend. In Pinkal (1990) werden Überlegungen zur Allsatz-Variante angestellt, die auc h die Beziehung von Vagheit und Quantifikation im allgemeinen betreffen. Die Besc hreibung der Interaktion von Allquantor und lokalen Konsistenzregeln wird mithilfe von Tableau-Verfahren und ihrer Tec hnik der selektiven Instantiierung vorgenommen: Der Allsatz ist wahr, die Konklusion aufgrund der restriktiven Instantiierungsregel jedoch nicht ableitbar.
6.
Literatur (in Kurzform)
Ballmer/Pinkal 1983 · Bierwisc h 1979 · Blac k 1937 · Blau 1978a · Blau 1982 · Dummett 1975 · Eikmeyer/Rieser 1983 · Erdmann 1910 · Fine 1975 · van Fraassen 1969 · Goguen 1969 · Haac k 1974 · Hoepelman 1986 · Kamp 1975 · Kamp 1981a · Kamp 1981c · Kindt 1983 · Kleene 1952 · Klein 1980 · Lakoff 1970a · Lakoff 1973 · Lewis 1970 · Łukasiewic z 1930 · Lyons 1977 · Morgan/ Pelletier 1977 · Naess 1975 · Peirc e 1902 · Peters 1979 · Pinkal 1977 · Pinkal 1979 · Pinkal 1980/81 · Pinkal 1983 · Pinkal 1984 · Pinkal 1985 · Pinkal 1990 · Post 1941 · Putnam 1975b · Quine 1960 · Resc her 1969 · Russell 1923 · Shortliffe 1976 · Thomason 1973 · Todt 1980 · Ullmann 1957 · Veltmann 1986 · Wahlster 1981 · Waismann 1951 · Wittgenstein 1953 · Wright 1975 · Zadeh 1965 · Zadeh 1975
Manfred Pinkal, Saarbrücken (Bundesrepublik Deutschland)
270
V.
Semantische Grundlagen der Sprechakte Semantic Foundations of Speech Acts
12. Theorien der Satzmodi 1. 2. 2.1 2.2
3. 4. 5. 5.1 5.2 5.3 6. 7. 8.
Einleitung Der sprachphilosophische Hintergrund Freges Urteilsstrich Wittgensteins Grundlegung semantischer und pragmatischer Modustheorien Die Theorie der Sprechakte — Modus als Illokutionstyp Der Satzmodusbegriff Satzmodusprobleme Satzmodustheorien Ein-Ebenen-Theorien Zwei-Ebenen-Theorien Drei-Ebenen-Theorien Offene Fragen Literaturempfehlungen Literatur (in Kurzform)
1.
Einleitung
2.3
(1) (2) (3) (4)
Sie lesen dieses Buch. Lesen Sie dieses Buch? Lesen Sie dieses Buch! Daß Sie dieses Buch lesen!
Wer unter normalen Umständen einen der Sätze (1)—(4) äußert, nimmt damit in jedem Fall auf den Sachverhalt Bezug, daß sein Adressat ein situationell näher bestimmtes Buch liest, aber die Art, in der er darauf Bezug nimmt, ist von Fall zu Fall in charakteristischer Weise verschieden: Eine Äußerung von (1) ist typischerweise eine Feststellung, daß dieser Sachverhalt Tatsache ist, eine Äußerung von (2) gilt im allgemeinen als Frage nach der Tatsächlichkeit dieses Sachverhalts, Äußerungen von (3) als Versuche, den Adressaten zur Realisierung dieses Sachverhalts zu bewegen, und Äußerungen von (4) als Ausdruck des Erstaunens über das Bestehen dieses Sachverhalts. Woher die Gemeinsamkeit, woher die Unterschiede? Die inhaltliche Gemeinsamkeit, der Sachverhaltsbezug, basiert offenbar auf einer formalen Gemeinsamkeit, dem Vorkommen der Konstituenten lesen, Sie und dieses Buch in allen vier Sätzen. Die inhaltlichen Unterschiede gehen offenbar ebenfalls auf formale
Unterschiede zurück, nämlich in der Reihenfolge der Konstituenten, in der Interpunktion bzw. Intonation und im Vorkommen einer weiteren Konstituente. Die von solchen Unterschieden konstituierten Formtypen nennt man Satzmodi (in der traditionellen Grammatik meist Satzarten) oder syntaktische Modi, die damit korrelierten Funktionstypen (Arten der Bezugnahme auf den jeweiligen Sachverhalt) illokutionäre Rollen, Illokutionstypen oder semantische Modi. Von den Satzmodi streng zu unterscheiden sind die Modi des Verbs (Indikativ, Konjunktiv, Imperativ etc.), obwohl oder gerade weil hier zum Teil, z. B. beim Imperativ (Verb- und Satzmodus) enge Zusammenhänge bestehen. Ferner ist es überaus hilfreich, die Namen der Satzmodi von denen der damit typischerweise verbundenen Illokutionstypen strikt zu unterscheiden, z. B. für die Sätze (1)—(4) wie folgt: Satzmodus 1 deklarativ (Aussagesatz) 2 interrogativ (Fragesatz) 3 imperativ (Aufforderungssatz) 4 exklamativ (Ausrufesatz)
Illokutionstyp assertiv (Aussage) erotetisch (Frage) direktiv (Aufforderung) exklamatorisch (Ausruf)
Vor einer genaueren Diskussion des Satzmodusbegriffs, der damit verknüpften Probleme und der einschlägigen Theorien soll jedoch zunächst der sprachphilosophische Hintergrund der modernen Satzmodusforschung umrissen werden.
2.
Der sprachphilosophische Hintergrund
2.1 Freges Urteilsstrich Ausgehend von der Unterscheidung zwischen dem Ausdrücken eines Urteils und dem begrifflichen Inhalt, der mit einem Urteil aus-
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gedrückt wird, repräsentiert Frege in seiner Begriffsschrift (1879) Urteile wie folgt: Ein senkrechter Strich (der sog. Urteilsstrich) vor einer Zeichenverbindung, die für einen beurteilbaren Gehalt steht, gibt an, daß dieser Inhalt, der ansonsten eine „blosse Vorstellungsverbindung“ darstellt, als Urteil ausgedrückt wird. Freges Urteilsstrich wird bisweilen als eine erste formale Repräsentation eines Modus aufgefaßt: als Zeichen dafür, daß ein bestimmter Inhalt behauptet wird. Vor einer genaueren Deutung dieses Zeichens ist jedoch darauf hinzuweisen, daß Freges Urteilsstrich nicht an der traditionellen Unterscheidung grammatischer Modi orientiert war: Frege war nicht der Meinung, daß deklarative Sätze, Imperative und Interrogative wie (1)—(3) denselben Inhalt ausdrücken und sich lediglich im Modus (in dem jeweils vollzogenen sprachlichen Akt) unterscheiden. In Über Sinn und Bedeutung (1892) formuliert Frege den Unterschied zwischen deklarativen, interrogativen und imperativen Sätzen als Unterschied in ihrem Sinn (= Inhalt) und nicht als Unterschied in dem vollzogenen sprachlichen Akt: Deklarative Sätze drücken einen Gedanken aus, interrogative eine Frage und imperative einen Befehl; bei interrogativen Sätzen sind allerdings nur die Wortfragen gemeint, Satzfragen drücken denselben Gedanken aus wie Behauptungssätze (cf. Der Gedanke 1918/19). Wie etwa aus Funktion und Begriff (1891) hervorgeht, hat Freges Trennung des Urteilens von dem, worüber geurteilt wird, darin ihren Grund, daß „sonst eine bloße Annahme, das Setzen eines Falles, ohne gleich über sein Eintreten zu urteilen, nicht ausdrückbar wäre.“ Freges „Annahme“ kann allerdings im Sinne einer „bloßen Vorstellungsverbindung“ nur psychologisch gedeutet werden. Mit der später von Gentzen für seine Theorie des natürlichen Schließens entwickelten Idee, neben dem Behauptungsakt einen externen Akt des eine-Annahme-Machens einzubeziehen, ist eine solche Auffassung unverträglich. In späteren Arbeiten (z. B. Grundgesetze der Arithmetik, Der Gedanke, Gedankengefüge) formuliert Frege eine spezifischere und entpsychologisierte Version der Urteilslehre. „Urteilen“ ist danach „die Tat“ der „Anerkennung der Wahrheit eines Gedankens“ und „das Behaupten“ ist „die Kundgebung dieses Urteils“: „Das Urteil wird kundgemacht durch einen mit behauptender Kraft ausge-
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sprochenen Satz“ (cf. Gedankengefüge 1923/ 25). Worin besteht nun die distinktive Funktion des Urteilsstrichs, wenn diese weder zur Abgrenzung grammatischer noch handlungsbezogener Modi gedacht ist? Frege zufolge ist er Mittel zur Kundgebung des Urteils, dient also zum Vollzug der Behauptung, daß ein ausgedrückter, beurteilbarer und als wahr anerkannter Inhalt „das Wahre“ ist. Dennoch fungiert er nicht so wie etwa der Ausdruck „Es ist wahr, daß ...“. Wird letzterer einem Satz ohne Urteilsstrich vorangestellt, so kommt dadurch keine Behauptung zustande, sondern lediglich ein anderer Satz mit demselben Inhalt. Dieser Satz kann als Konstituent eines komplexen Satzes vorkommen. Der Urteilsstrich dagegen kann niemals vor einem Konstituentensatz innerhalb eines komplexen Satzes stehen. Dies ist auch der Grund, warum er nicht im Sinne von „Ich behaupte, daß ...“ gedeutet werden kann. Allerdings gibt es Parallelen mit Austins Auffassung explizit performativer Äußerungen (s. 2.3): Nur der Satz, dem der Urteilsstrich vorangestellt worden ist, kann als wahr oder falsch beurteilt werden; der gesamte Ausdruck mit dem Urteilsstrich drückt weder etwas (einen Inhalt) aus, noch bezeichnet er etwas: Er behauptet etwas, nämlich, daß der ihm folgende Inhalt wahr ist. Der Urteilsstrich kann daher auch nicht als deskriptiver Behauptungsoperator gedeutet werden: Seine Funktion besteht darin, den Akt der Behauptung zu konstituieren, nicht darin, ihn zu beschreiben. Freges Urteilsstrich kann somit als erste logische Repräsentation explizit performativer Äußerungen aufgefaßt werden, allerdings mit folgenden Unterschieden zu Austins diesbezüglicher Theorie: Er soll stets den erfolgreichen Vollzug des Behauptungsaktes garantieren, und als wahr nur behaupten, was auch wahr ist, also nie vor falschen Sätzen stehen. Mit dieser auf Freges System ausgerichteten Funktion des Urteilsstrichs erwies sich dieser allerdings als überfordert, wie durch Russells Paradoxie offenkundig wurde. 2.2 Wittgensteins Grundlegung semantischer und pragmatischer Modustheorien Freges Urteilsstrich ist von zwei sprachphilosophischen Traditionen her kritisiert worden, die als grundlegend für alle späteren Theorien des semantischen bzw. pragmatischen Modus angesehen werden können. Die
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Kernpunkte dieser Kritik finden sich in der Fregekritik von Wittgensteins Tractatus und in der Fregekritik von Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen. Erstere geht aus von einer Bildtheorie des Satzes und kritisiert den nicht-deskriptiven (performativen) Charakter von Freges Moduszeichen; letztere geht aus von einer Gebrauchstheorie des Satzes und kritisiert den deskriptiven (nicht-performativen) Charakter von Freges „Annahme“ sowie seiner anderen Modusbedeutungen. Peano hatte Freges Urteilsstrich als überflüssig zurückgewiesen, da er jedem Theorem vorangehe. Auch Wittgenstein bezeichnet im Tractatus Freges Urteilsstrich als „logisch bedeutungslos“, allerdings aus einem anderen Grund: Ein Satz könne nicht von sich selbst aussagen, daß er wahr ist. Diese Begründung hat Freges Urteilsstrich aber bereits im Sinne der Wittgensteinschen Bildtheorie des Satzes uminterpretiert: „Der Satz zeigt, wie es sich verhält, wenn er wahr ist. Und er sagt, daß es sich so verhält.“ (4.022) Da Wittgenstein den Modus hier dem deskriptiven Inhalt eines Satzes zurechnet, kann er Frege die genannte Selbstreferenz eines Satzes unterstellen. Eine solche Identifikation nimmt Wittgenstein jedoch nur im Fall deskriptiver Sätze („Sätze der Naturwissenschaften“) vor. Da nur diese Sätze für ihn Sinn haben, und da zu ihrem Sinn nicht nur gehört, was sie darstellen, sondern auch, daß sie dies darstellen, besteht ihr Modus gerade in ihrer Darstellungsfunktion/Abbildungsfunktion (cf. 4.031). Dieser Auffassung zufolge gibt es also gar keine sinnvollen Sätze mit anderem Modus, ein Verdikt, das auch Freges Urteilsstrich in seinem intendierten, nicht-deskriptiven Sinne trifft. Die linguistisch absurde Konsequenz der Bildtheorie für Sätze mit anderen Modi wurde von den logischen Empiristen dadurch zu vermeiden versucht, daß man für alle Sätze einen verkappten deklarativen Modus annahm, eine Auffassung, die in den ‘performativen Analysen’ der logischen Semantik weiterlebt, obwohl ihre Überwindung eigentlich schon bei Frege zu sehen sein müßte. Die Kritik, die Wittgensteins Spätphilosophie an der Bildtheorie des Tractatus vorbringt, steht daher — trotz der Fregekritik auch des späten Wittgenstein — partiell durchaus im Einklang mit Überlegungen Freges. Dies betrifft vor allem die Auffassung, daß ein Bild als solches keinen Modus besitzt. Eine Überlegung dieser Art war für Frege der
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Anlaß gewesen, den Urteilsstrich einzuführen. Wittgenstein illustriert seine Version wie folgt: „Denken wir uns ein Bild, einen Boxer in bestimmter Kampfstellung darstellend. Dieses Bild kann nun dazu gebraucht werden, um jemand mitzuteilen, wie er stehen, sich halten soll; oder, wie er sich nicht halten soll; oder, wie ein bestimmter Mann dort und dort gestanden hat; oder etc. etc. Man könnte dieses Bild (chemisch gesprochen) ein Satzradikal nennen. Ähnlich dachte sich wohl Frege die „Annahme“.“ (PU, S. 299).
Will man unter Satzradikal Freges begrifflichen Inhalt verstehen, so enthält das Satzradikal keinerlei modale (Modus-)Komponente. Will man das, was der Tractatus-Theorie zufolge ein Satz „darstellt“ (abbildet), als „Satzradikal“ bezeichnen, so enthält das Satzradikal eine Modus-Komponente, da der Sinn eines Satzes der Tractatus-Theorie zufolge im Sinne eines assertorischen Anspruchs (cf. 4.022) auf „wahr/falsch-Pole“ hin „gerichtet“ ist. Vor dem Hintergrund dieses Unterschieds und unter Berücksichtigung obiger Passage aus den P hilosophischen Untersuchungen muß der für spätere semantische Modustheorien einflußreiche Versuch von Stenius gedeutet werden, der Tractatus-Theorie eine ‘FregeVersion’ zu geben und sie dadurch mit Wittgensteins Spätphilosophie vereinbar zu machen. Stenius zufolge läßt sich die Bildtheorie des Satzsinnes nur auf das Satzradikal anwenden. Jener Teil des Satzsinnes, der durch das Satzradikal gegeben ist, ist sein deskriptiver Inhalt, also das, was ein Satz „zeigt“ und als Bild darstellt. Nun akzeptiert Stenius aber einerseits Wittgensteins Auffassung, daß das Satzradikal „gerichtet“ ist, und ist andererseits der Meinung, daß es mit einer modalen Komponente (etwa im Sinne von Freges Urteilsstrich) verbunden werden muß, um einen Satz zu bilden, und daß es mit verschiedenen Modi kombinierbar ist. Der Trick, mit dem Stenius hier Unverträgliches zu vereinbaren sucht, besteht in der Unterscheidung zwischen zwei Arten von Wahrheit: der deskriptiven Wahrheit eines Satzradikals und der modalen Wahrheit eines Satzes. Dieser Trick ist nun aber der Kritik sowohl des frühen, als auch des späten Wittgenstein ausgesetzt. Wenn nämlich das Satzradikal in Übereinstimmung mit 4.022 bereits eine modale Komponente enthält, dann ist nicht einzusehen, wieso es darüberhinaus noch mit einem Modus (etwa i. S. von Freges Ur-
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teilsstrich) kombiniert werden muß; auf der Basis von 4.022 würde dies geradezu in einen Regreß führen. Daß andererseits für das Satzradikal — unabhängig von dem Modus, mit dem es kombiniert ist — kein „gerichteter“ Sinn im Sinne von deskriptiven „wahr/falschPolen“ angenommen werden kann, soll Wittgensteins Bild des Boxers gerade demonstrieren. Danach können für ein Satzradikal erst dann Wahrheitsbedingungen identifiziert werden, wenn vorausgesetzt wurde, daß es in einem assertorischen Illokutionstyp gebraucht wird. Dem späten Wittgenstein zufolge läuft die Auffassung, die Bedeutung eines Satzes sei durch Angabe seiner Wahrheitsbedingungen zu spezifizieren, darauf hinaus, für jeden Satz einen assertorischen Typ anzunehmen. Aber genau diese Auffassung von der primär deskriptiven Funktion der Sprache, die nicht nur die Tractatus-Theorie, sondern auch die Theorie Freges kennzeichnet, hat er entschieden bekämpft. Seiner eigenen Auffassung nach muß man, um Sätze in der wahr/falschDimension bewerten zu können, die Bedeutung dieser Sätze schon kennen, und nicht jeder Satz hat eine Bedeutung, die es zuläßt, ihn in dieser Dimension zu bewerten. Der assertorische Modus (Typ) ist einer unter vielen, und wieviele Modi es gibt, bestimmt sich danach, wie Sätze gebraucht werden können. Damit wird der Modus von Sätzen von deren Form völlig abgelöst: Die (modale) Art eines Satzes bestimmt sich nach der Art seiner Verwendung (cf. PU § 21—24). Eine Theorie der Modi als Gebrauchsweisen von Sätzen impliziert, daß die Auffassung, jeder Satz ließe sich formal in einen Modusteil und einen Satzradikalteil mit korrespondierenden sprachlichen Handlungen analysieren, nicht aufrechtzuerhalten ist. Wittgensteins diesbezügliche Kritik an Frege, sein Urteilsstrich fungiere wie ein „Zeichen des Satzes“, nach dem der Behauptungsakt vollzogen werde, etwa so, wie man nach Noten singt (PU § 22), beruht allerdings auf einer Fehldeutung, die damit zusammenhängt, daß Wittgenstein noch nicht über eine Theorie der explizit performativen Äußerungen im Sinne Austins verfügte. Freges Urteilsstrich ist gerade nicht als ein Satzzeichen zu verstehen, das als Repräsentation des deskriptiven „Es wird behauptet, daß ...“ gedeutet werden kann. Eine Analyse jener Art von Ausdrücken, als deren formale Repräsentation Freges Urteilsstrich gelten kann, ist erst von J. L. Austin vorgenommen
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worden. Ebenso hat erst Austin in seiner Theorie der Sprechakte das Instrumentarium bereitgestellt, mit dem sich die Wittgensteinsche Vorstellung vom Modus als Art der Verwendung von Sätzen und d. h. als Typ sprachlicher Handlungen präzisieren läßt. 2.3 Die Theorie der Sprechakte — Modus als Illokutionstyp Wie Wittgenstein kritisiert Austin den deskriptiven Fehlschluß der philosophischen Tradition: daß die primäre Funktion der Sprache darin bestünde, über die Welt zu reden. Die vielfältigen Gebrauchsweisen der Sprache, die Wittgensteins Sprachspiele diesem Fehlschluß entgegenhalten, hat Austin in seiner Theorie der Sprechakte zu systematisieren versucht. Ausgehend von der Frage, in welcher Hinsicht man sagen kann, daß mit Äußerungen Handlungen vollzogen werden, unterscheidet er drei Aspekte solchen Handlungsvollzugs: (a) den lokutionären Akt als den Akt des Etwas-Sagens. Bei diesem Akt des Etwas-Sagens lassen sich die folgenden Aspekte unterscheiden: Der phonetische Akt besteht darin, daß Laute der Art geäußert werden, wie sie von der Phonetik beschrieben werden; der phatische Akt besteht darin, daß Wörter nach den grammatischen Konstruktionsregeln einer Sprache, mit einer bestimmten Intonation etc. geäußert werden; der rhetische Akt besteht darin, daß über etwas gesprochen wird (reference) und darüber etwas gesagt (sense) wird. (b) den illokutionären Akt als jene Handlungen, zu deren Vollzug das im lokutionären Sinne Gesagte gebraucht wird, also z. B. um eine Behauptung aufzustellen, ein Versprechen zu geben, eine Frage zu stellen, einen Befehl zu geben, zu warnen etc. Der illokutionäre Akt repräsentiert jenen Aspekt sprachlicher Handlung, auf den sich Wittgenstein primär bezog, wenn er über die Gebrauchsweise von Sätzen redete. (c) den perlokutionären Akt als einen Akt, der dadurch zustandekommt, daß mit einer Äußerung bestimmte kausale Wirkungen auf die Gefühle, Gedanken oder Handlungen der Adressaten erzielt werden. Beispiele sind: jemanden überzeugen, jemanden überreden, jemanden kränken, jemanden von etwas abhalten etc. Wittgensteins pragmatische Auffassung der Modi läßt sich in Austins Theorie wie folgt wiedergeben: Ein Modus ist ein illokutionärer Typ. Diese Charakterisierung setzt
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voraus, daß sich illokutionäre Akte in einer systematischen Weise in Typen klassifizieren lassen. Entsprechende Klassifikationen sind etwa von Austin oder Searle vorgeschlagen worden. Illokutionäre Akte und damit pragmatische Modi (diese lassen sich als Spezialisierungen der semantischen Modi auffassen) können auf unterschiedliche Art realisiert werden. Man kann sie auf explizite Weise vollziehen mit sog. explizit performativ en Äußerungen, bei denen durch eine bestimmte Verwendung (meist 1.Pers. Sing. Ind. Präs. Akt.) von Verben, die illokutionäre Akte bezeichnen, der betreffende illokutionäre Akt vollzogen werden kann. So kann z. B. mit „Ich verspreche dir, morgen zu kommen“ auf explizite Weise ein Versprechen gegeben werden. Man kann sie aber auch auf implizite Weise vollziehen mit Äußerungen, bei denen dem Kontext entnommen werden muß, welcher illokutionäre Akt vollzogen wird. So kann man etwa auch mit „Ich komme morgen“ ein Versprechen geben. Ein wesentliches Merkmal explizit performativer Äußerungen wie etwa „Ich vermache dir meine Uhr“ sah Austin darin, daß sie nicht wie etwa bestimmte deskriptive implizit performative Äußerungen, etwa „Ich zeige dir meine Uhr“, als wahr oder falsch beurteilt werden können. Im Gegensatz zur letzteren Äußerung, mit der man in bestimmten Umständen etwas feststellt, behauptet oder beschreibt, heißt die erste Äußerung machen, normalerweise, eine Uhr vermachen, und nicht behaupten, feststellen oder beschreiben, daß man eine Uhr vermacht. Austin wendet sich also nicht nur wie Wittgenstein gegen die Auffassung der logischen Empiristen, daß alle sinnvollen Äußerungen einen Assertionsmodus besitzen, er bestreitet auch speziell für den Typ explizit performativer Äußerungen die traditionelle Annahme, diese Äußerungen hätten wie gewöhnliche deklarative Äußerungen in der 1.Person generell einen assertorischen Modus (Typ). Er bestreitet insbesondere eine notwendige Voraussetzung dieser Annahme, nämlich daß Äußerungen wie „Ich verspreche dir, morgen zu kommen“ ein Satzradikal bzw. einen deskriptiven Inhalt der Art „daß ich dir verspreche, morgen zu kommen“ ausdrückten. Mit seiner Theorie der explizit performativen Äußerungen hat Austin die Voraussetzungen für eine sprachtheoretisch adäquate Interpretation des Fregeschen Urteilsstrichs
geschaffen; nicht nur, indem sich nun auf den explizit performativen Charakter dieses Moduszeichens verweisen läßt, sondern auch dadurch, daß die Art der Bewertung von Äußerungen von deren Illokutionstyp und damit ihrem Modus abhängig gemacht wird. In seiner „Zwei-Dimensionen-Theorie“ ist dies wie folgt zusammengefaßt: Zuerst ist zu fragen, welchen Illokutionstyp eine Äußerung realisiert, und erst dann läßt sich die Frage beantworten, auf welche Weise sie bezüglich der „Korrespondenz mit den Tatsachen“ zu bewerten ist.
3.
Der Satzmodusbegriff
Die Namen der Satzmodi in der traditionellen Grammatik — Aussagesatz, Fragesatz, Aufforderungssatz, Ausrufesatz — verweisen deutlich darauf, daß die intuitive Idee hinter dem Satzmodusbegriff die einer Korrelation von Formtyp (syntaktischer Modus: Subkategorie der Kategorie Satz) und Funktionstyp (semantischer Modus: Teilmenge der Menge möglicher Funktionen von Ausdrücken) ist. Einer Explikation dieser scheinbar klaren Intuition stehen aber mehrere erhebliche Hindernisse im Weg. (a) Die Vermischung von Form und Funktion ist die Hauptsünde der Modusbehandlung in den traditionellen Grammatiken, aber leider nicht nur in diesen. Es steht aber wohl außer Zweifel, daß die zu explizierende Form-Funktions-Korrelation nicht zu leisten ist, ohne daß die Relate, Formtyp und Funktionstyp, klar voneinander unterschieden werden. (b) Die unscharfen Grenzen des Formtypbegriffs bilden die nächste Schwierigkeit. Zwar herrscht Einigkeit darüber, daß zur Definition eines Formtyps nur strukturell-grammatische Eigenschaften wie Stellung der Konstituenten, ihre syntaktischen Kategorien und Funktionen sowie ihre morphosyntaktischen Eigenschaften, das Vorkommen von Strukturwörtern und schließlich die Intonation herangezogen werden dürfen (Altmann 1983, Zaefferer 1983a: 474), oder negativ und kürzer, daß lexikalische Information (im Sinne der Stammbedeutung von Wörtern der Hauptkategorien) ausgeschlossen bleiben muß. Auf der anderen Seite weiß man aber, daß die Grenze zwischen Funktions- und Inhaltswort und damit zwischen grammatischer und lexikalischer Bedeutung fließend ist. Eine Grammatik muß also für eine gegebene Sprachausprägung eine Entscheidung bezüglich lexikalischer vs. grammatischer Eigen-
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schaften von Sätzen treffen. Dann lassen sich in der Menge möglicher Sätze einer Sprache durch Abstraktion von lexikalischer Information Äquivalenzklassen strukturgleicher Sätze bilden und davon wieder nach gewissen Struktureigenschaften Äquivalenzklassen. Solche Formtypen wollen wir Konstruktionstypen nennen. Davon erfüllen aber längst nicht alle die Bedingungen des intuitiven Satzmodusbegriffs. Eine parataktische Reihung ist z. B. ein Konstruktionstyp, aber kein Satzmodus, denn ihr entspricht kein bestimmter Funktionstyp. Oder doch? Vielleicht der Funktionstyp der Verknüpfung von Sachverhalten? Das bringt uns zum nächsten Problem. (c) Die Unklarheit des Funktionstypbegriffs. Die Funktionen des Sprachgebrauchs sind derart vielfältig, daß hier eine Eingrenzung dringend notwendig erscheint. Die Einschränkung auf kommunikative Funktionen ist kritisiert worden, da sie den „kalkulativen Sprachgebrauch“ vernachlässige (Harman 1977:418). Sie erscheint aber gerechtfertigt, wenn man annimmt, daß dieser als verinnerlichtes selbstadressiertes Sprechen vom kommunikativen Sprachgebrauch abgeleitet ist (vgl. Wygotski 1964). Kommunikative Funktionstypen haben wiederum verschiedene Aspekte, die den Aspekten sprachlichen Handelns und somit zum Teil den linguistischen Beschreibungsebenen entsprechen. Der im Zusammenhang mit den Satzmodi relevante Funktionstypaspekt ist derjenige, der die Art der Handlung näher charakterisiert, die man vollzieht, indem man etwas sagt, oder, in Austinschen Termini, der Aspekt des illokutionären Aktes oder kurz der Illokution (vgl. oben 2.3). Illokutionstypen erhalten wir, wenn wir einerseits vom propositionalen Gehalt (dem rhetischen Aspekt des lokutionären Aktes) abstrahieren und andererseits von denjenigen beim Adressaten erzielten Effekten, die über das bloße Verstehen hinausgehen (dem perlokutionären Akt). — Standardbeispiele für Illokutionstypen sind Behauptungen, Fragen, Bitten (das würde gut zu den Satzmodi passen), aber auch Versprechen, Drohungen, Warnungen. Eine Definition des Begriffs „möglicher Illokutionstyp“ ist u. W. zum erstenmal von Vanderveken vorgeschlagen worden (Vanderveken 1985 b). — Doch selbst wenn die Begriffe Satzmodus und Illokutionstyp und damit Vor- und Nachbereich der von einer Theorie der Satzmodi zu definierenden Relation klar bestimmt sind, bleibt noch ein großes, allerdings aus der le-
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xikalischen Semantik wohlbekanntes Problem, das der (d) Mehrdeutigkeit in beiden Richtungen. Zum einen können demselben Satz (und damit natürlich auch Satzmodus) verschiedene Illokutionstypen entsprechen, z. B. dem Satz Sie können gehen der Illokutionstyp der Erlaubnis bzw. des Mitteilens einer Erlaubnis (nur in letzterem Fall wäre z. B. eine Rückfrage „Woher wissen Sie das?“ angebracht). Zum anderen können ein und demselben Illokutionstyp verschiedene Satzmodi entsprechen, z. B. dem Illokutionstyp der Bitte der interrogative und der imperative Satzmodus (Stellst du bitte das Radio etwas leiser?, Stell bitte das Radio etwas leiser!). Wie in anderen Bereichen der Ausdrucks- und Inhalts-Zuordnung müssen wir uns fragen: Liegt echte Ambiguität bzw. Synonymie vor? Oder nur Vagheit mit verschiedenen Präzisierungsmöglichkeiten? Und im Falle echter Mehrdeutigkeit: Sind die beiden Lesarten unabhängig voneinander? Oder ist eine Zuordnung primär und die andere abgeleitet?
4.
Satzmodusprobleme
Die meisten Theorien der Satzmodi befassen sich nicht mit der Frage, wie denn Satzmodus zu definieren sei, sondern nehmen die traditionellen Satzmodi als gegeben. Sie sind daher mit der angeführten Begriffsexplikation verträglich. Sie sind sich darüberhinaus darin einig, daß es zur strukturellen Bedeutung der deklarativen Sätze gehört, daß sie im allgemeinen wahrheitswertfähig sind, und daß darüberhinaus ein wesentlicher Teil der Bedeutung solcher Sätze in Termini von Wahrheitsbedingungen (im folgenden kurz WB) expliziert werden kann. Das Hauptproblem für jede WB-semantisch fundierte Satzmodustheorie sind also Sätze, auf die der Wahrheitsbegriff nicht so recht zu passen scheint: Nicht-deklarative Sätze vor allem, aber auch nicht-assertierend gebrauchte Deklarativsätze. Als der wichtigste Schlüssel zur Semantik der Nicht-Deklarative hat sich die Tatsache erwiesen, daß einige von ihnen eingebettete Entsprechungen haben (z. B. die Interrogative die sogenannten indirekten Fragesätze). Deren Semantik, soweit WB-relevant, läßt sich nämlich dadurch ermitteln, daß sie in wahrheitswertfähige Matrixsätze eingebettet werden. Schließlich kommen manche Theorien auf dem Umweg über die Nicht-Deklarative auch
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zu einer Neubewertung des deklarativen Satzmodus. Die Probleme, die eine Theorie der Satzmodi zu lösen hätte, lassen sich in Form von Adäquatheitskriterien formulieren (vgl. z. B. Zaefferer 1983a:467 f.), etwa wie folgt: Eine adäquate Theorie der Satzmodi einer natürlichen Sprache L sollte (AK 1)
(AK 1.1) (AK 1.2)
(AK 1.3)
(AK 1.4)
(AK 1.5)
die selbständigen L-Sätze nach den L-Satzmodi subkategorisieren, d. h. den Begriff des L-Satzmodus als Teilklasse der Klasse der L-Sätze extensional definieren, und dabei folgenden Phänomenen Rechnung tragen: den strukturellen Beziehungen zwischen L-Sätzen verschiedener Modi („Transformationen“); den strukturellen Beziehungen zwischen L-Sätzen der verschiedenen Modi und ihren eingebetteten Entsprechungen (so vorhanden); den syntaktischen Beziehungen zwischen solchen eingebetteten Entsprechungen (so vorhanden) und den einbettenden Strukturen; den satzmodus- oder illokutionstypspezifischen Vorkommensbeschränkungen für bestimmte Ausdrücke wie Negationspartikel, polarity items, Satzadverbien, Modalpartikeln etc. den spezifischen Beschränkungen der Verknüpfbarkeit von L-Sätzen verschiedener Modi mit Hilfe von Konjunktionen.
Eine solche Theorie sollte ferner (AK 2)
(AK 2.1) (AK 2.2)
(AK 2.3) (AK 2.4)
für jeden L-Satzmodus M die strukturelle Bedeutung von M auf eine Weise definieren, die es gestattet, beliebigen L-M-Sätzen eine intuitiv adäquate Bedeutung zuzuordnen, die folgenden Phänomenen Rechnung trägt: eventuellen Ambiguitäten von LM-Sätzen; den logischen Eigenschaften von LM-Sätzen sowie den logischen Beziehungen sowohl zwischen L-MSätzen, als auch zwischen L-M-Sätzen und L-M′-Sätzen; der Bedeutungsrelation zwischen LM-Sätzen und ihren eingebetteten Entsprechungen (falls vorhanden); der Tatsache, daß die Bedeutung solcher eingebetteter Entsprechungen die Bedeutung von Sätzen mit-
bestimmt, in die sie eingebettet sind; (AK 2.5) den satzmodusspezifischen Fokussierungsimplikaturen (vgl. unten 5.2.4). Abstrahiert man von der Relativierung auf eine bestimmte Sprache L, so kann man mit Zuber (1983:3) weiterhin fordern: (AK 3) Eine universelle Theorie der Satzmodi sollte Aussagen über die Anzahl und Identität der möglichen Satzmodi machen.
5.
Satzmodustheorien
Der folgende Überblick über eine Auswahl von Satzmodustheorien teilt diese nach den folgenden beiden Hauptkriterien in Gruppen ein: (a) die Anzahl der angenommenen Beschreibungsebenen für die Bedeutung von Sätzen einschließlich ihrer Modi (eine, zwei oder drei), (b) die Art der jeweils angenommenen Semantik (Modelltheorie, Spieltheorie, Merkmalstheorie etc.). 5.1 Ein-Ebenen-Theorien Die ersten sechs Gruppen von Theorien siedeln Satzmodusbedeutung und Restbedeutung auf einer Ebene an. 5.1.1 Die Methode der abstrakten Modusmorpheme In ihrem einflußreichen Buch An Integrated Theory of Linguistic Description stellen J. Katz und P. Postal die Behauptung auf, daß „spezielle Frage- und Imperativmorpheme in den zugrundeliegenden Phrasenstrukturen von Frage- bzw. Imperativsätzen vorkommen müssen“ (Katz/Postal 1964:74; Übers. G./Z.). Für das Imperativmorphem I wird ein Lexikoneintrag mit etwa folgender Bedeutung angesetzt: „Der Sprecher bittet darum (verlangt, besteht darauf etc.), daß“; für das Fragemorphem Q wird eine Bedeutung angenommen, die auf etwa folgende Paraphrase hinausläuft: „Sprecher verlangt eine Antwort, d. h. die Äußerung eines wahren Satzes, der entweder aus der positiven bzw. negativen Form des Fragesatzes minus Q besteht, oder aber bedeutungsmäßig mit dem Fragesatz übereinstimmt unter Abzug der Bedeutung von Q und nach Ergänzung der semantischen Bestimmung der W-markierten Konstituenten.“
Syntaktisch wird zunächst ein Deklarativsatz erzeugt, aus dem bei Anwesenheit von I oder Q obligatorische Transformationen dann einen Imperativ- bzw. Fragesatz machen.
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Die Argumente, die Katz und Postal für ihre Analyse anführen, sind syntaktischer und semantischer Natur und tauchen seither in der Literatur immer wieder auf. Die syntaktischen Argumente betreffen vor allem unser Kriterium (AK 1.4), also Kookkurrenzbeschränkungen, wie sie durch (5 ) vs. (6) und (7) vs. (8) illustriert werden: (5) Möglicherweise lesen Sie dieses Buch. (6) * Lesen sie dieses Buch möglicherweise! (7) Sie lesen dieses Buch wohl kaum. (8) * Lesen Sie dieses Buch wohl kaum? Die semantischen Argumente betreffen das Kriterium (AK 2.2), nämlich Paraphrasebeziehungen wie die zwischen (3) und (9) und semantische Anomalien wie die in (10): (3) Lesen Sie dieses Buch! (9) Ich bitte Sie, dieses Buch zu lesen. (10) ? Verstehen Sie dieses Buch! Der Einfluß des Buches von Katz und Postal war, wie erwähnt, groß, was sich auch daraus ablesen läßt, daß aus einer seiner Anmerkungen (Nr. 9, S. 149) eine alternative Satzmodustheorie entwickelt wurde, die sogenannte Performative Analyse. 5.1.2 Die Performative Analyse I Die Performative Analyse der Satzmodi verdankt ihren Namen den von J. Austin (1962) so genannten performativ en Verben, einer Klasse von Handlungsverben, die nicht nur dazu benutzt werden können, über die von ihnen bezeichnete Handlung zu sprechen, sondern in bestimmten Formen (im allgemeinen 1. Person Singular Indikativ Präsens Aktiv) auch dazu, sie zu vollziehen (vgl. oben, 2.3; z. B. bitten in (11)): (11) Ich bitte Sie, das Rauchen einzustellen. Die von Katz und Postal in der oben erwähnten Fußnote angedeutete Möglichkeit, statt z. B. eines abstrakten Imperativmorphems I einen abstrakten Matrixsatz I request that you will, also mit einem performativen Hauptverb, anzunehmen, wurde von Ross (1967) aufgegriffen und weiterverfolgt. Er schlägt vor, Fragesätze aus zugrundeliegenden Strukturen mit einem abstrakten Verb des Fragens abzuleiten, also z. B. (2) aus einer Struktur, wie sie etwa (12) zugrundeliegt: (2) Lesen Sie dieses Buch? (12) Ich frage Sie, ob Sie dieses Buch lesen. Die Grundidee der Performativen Analyse besteht darin, gewisse Parallelitäten zwischen selbständigen und eingebetteten Sätzen da-
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durch zu erklären, daß man annimmt, daß auch erstere im Grunde eingebettet sind, nur daß hier eben die einbettende Struktur getilgt wurde. So scheint z. B. die Anomalie in (10) die gleiche zu sein, wie die in (13): (13) ? Ich fordere Sie auf, dieses Buch zu verstehen! Nach diesem Muster erklärt R. Lakoff (1968) Bedeutungsparallelen von selbständigen und eingebetteten Konjunktivsätzen im Lateinischen. Sowohl die Methode der abstrakten Modusmorpheme,