Tadeusz Borowski Die steinerne Welt Erzählungen
Erzählungen, in denen der polnische Autor Stationen seines eigenen Lebe...
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Tadeusz Borowski Die steinerne Welt Erzählungen
Erzählungen, in denen der polnische Autor Stationen seines eigenen Lebenswegs nachzeichnet: Untergrundbewegung, KZ-Dasein und die Rückkehr in eine vergessende Umwelt.
Tadeusz Borowski Die steinerne Welt Erzählungen Aus dem Polnischen von Vera Cerny © Maria Borowska, Warschau, 1959 © der deutschen Ausgabe R. Piper & Co. Verlag, München, 1963
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DAS BUCH
Die Erzählungen Borowskis (1963 unter dem Titel „Die steinerne Welt“ erschienen) gehören zu den beklemmendsten Zeugnissen des 20.Jahrhunderts. Einer, der das Inferno der Konzentrationslager erlebt hat, berichtet über Bedrohung und Versuchung, Angst und Hoffnung. Die Einmaligkeit von Borowskis Werk besteht nicht nur darin, daß er die Greuel der Vernichtungslager mit literarischen Mitteln zu beschreiben versucht – ganz und gar eigenständig ist auch die Konzeption der Tragik, die einen Unterton von scheinbarem Zynismus, scheinbarer moralischer Indifferenz bedingt. Mit einer Genauigkeit, „die sich und uns nichts schenken will“ (Reinhard Baumgart), schildert er die Mutter, die bei der Selektion ihr Kind verleugnet, die „Muselmanen“, die sich an der Hinterlassenschaft jener gütlich tun, die ins Gas geschickt wurden, die Arroganz der alteingesessenen Häftlinge gegenüber den Neuankömmlingen im Lager: Im Kampf um die nackte Existenz macht sich auch das Opfer mitschuldig, wird der Mensch zum Wolf unter Wölfen. Um diese Situation begreiflich zu machen, wählt Borowski die Perspektive des Kapos, der in ein Zwischenreich gehört, weder Opfer ist noch Henker.
DER AUTOR
Tadeusz Borowski, geboren 1922 in Schitomir (Ukraine). Seit 1933 in Polen. Später Bauarbeiter, zugleich Studium der Polonistik an der Untergrund-Universität in Warschau. Im Februar 1943 Verhaftung. Häftling in Auschwitz, dann in anderen Lagern, zuletzt in Dachau. Nach dem Krieg Aufenthalt in München, wo 1945 sein Gedichtband »Die Namen der Strömung« und 1946 in Zusammenarbeit mit zwei Mitgefangenen die literarische Dokumentation »Wir waren in Auschwitz« erschien. 1946 Redakteur in Warschau, 1949/50 Korrespondent in Berlin. Starb 1951 in Warschau durch Selbstmord.
TADEUSZ BOROWSKI
DIE STEINERNE WELT ERZÄHLUNGEN MIT EINEM NACHWORT VON ANDRZEJ WIRTH
R. PIPER & CO VERLAG MÜNCHEN
Aus dem Polnischen von Vera Cerny
© Maria Borowska, Warschau, 1959 Schutzumschlag und Einband: Gerhard M. Hotop Gesamtherstellung: Ensslin-Druck Reutlingen © der deutschen Ausgabe R. Piper & Co. Verlag, München, 1963 Printed in Germany
INHALT
DAS BUCH .................................................................................... 2 DER AUTOR .................................................................................. 3 INHALT ......................................................................................... 6 AUS DEM VORWORT DER POLNISCHEN AUSGABE ......................... 8 ABSCHIED VON MARIA ............................................................... 10 I.............................................................................................. 10 II ............................................................................................ 25 III ........................................................................................... 44 DER KNABE MIT DER BIBEL........................................................ 57 EIN TAG IN HARMENCE .............................................................. 72 I.............................................................................................. 72 II ............................................................................................ 79 III ........................................................................................... 85 IV........................................................................................... 89 V ............................................................................................ 95 VI......................................................................................... 100 VII........................................................................................ 105 BITTE, DIE HERRSCHAFTEN ZUM GAS! ..................................... 111 BEI UNS IN AUSCHWITZ … ....................................................... 140 II .......................................................................................... 142 III ......................................................................................... 147 IV......................................................................................... 154 V .......................................................................................... 160 VI......................................................................................... 168 VII........................................................................................ 177 VIII ...................................................................................... 181 IX......................................................................................... 188 UND SIE GINGEN … .................................................................. 192 DIE STEINERNE WELT .............................................................. 210 Eine Erzählung, die das Leben schrieb................................ 214 Schillingers Tod ................................................................... 217 Der Mann mit dem Päckchen............................................... 221 Das Abendessen ................................................................... 225 Das Schweigen..................................................................... 230
Die Begegnung mit einem Kind ........................................... 233 Das Kriegsende.................................................................... 236 Independence Day ............................................................... 240 Oper! Oper! ......................................................................... 243 Die Reise im Pullman .......................................................... 247 Das Zimmer ......................................................................... 249 Sommer in dem Städtchen.................................................... 251 Das Mädchen aus dem verbrannten Haus ........................... 253 Der Vorschuß....................................................................... 256 Ein heißer Nachmittag ......................................................... 258 »Zum tapferen Partisan« ..................................................... 260 Tagebuch einer Reise........................................................... 263 Ein bürgerlicher Abend ....................................................... 268 Der Besuch .......................................................................... 271 DIE UNVOLLSTÄNDIGE RECHNUNG DES TADEUSZ BOROWSKI .. 274
AUS DEM VORWORT DER POLNISCHEN AUSGABE
Er starb – nicht ganz neunundzwanzig Jahre alt, und sein Leben war dramatisch und schwer. Die nazistische Okkupation und das Auschwitzer Lager erlebte er noch in seiner ersten Jugend – er gehörte zu jener Generation, die viel zu früh und allzu grausam gezwungen war, ihren »Schattenstreifen« zu durchschreiten. Er war der geborene Intellektuelle, aber trotzdem nicht frei von emotionellen Komplikationen. Nur wenige seiner Zeitgenossen verstanden es mit der gleichen Scharfsichtigkeit wie er, das dunkle Chaos menschlicher Schicksale zu erahnen: wahrscheinlich kam ihm niemand gleich in der künstlerischen Wiedergabe der Lagererlebnisse. Er war noch nicht einmal zwanzig, als er seine besten Erzählungen schrieb: Der Knabe mit der Bibel, Ein Tag in Harmence, Bei uns in Auschwitz, Bitte, die Herrschaften zum Gas … Schmächtig, kaum mittelgroß, mit dunklem, ewig zerzaustem Haar, mit lebhaften, klugen Augen, war er intelligent, aggressiv, beinahe impertinent in der Diskussion, kapriziös im Umgang mit seinen Kollegen, abwechselnd mißtrauisch und herzlich, eher geneigt, seine Gefühle zu verbergen, eine schwer zu beschreibende Fremdheit ausstrahlend und dabei doch oft ausgelassen und lustiger Kumpan. Er gehörte zu jenen ewig Unruhigen, die nach umfassendem Wissen dürsten, nach Erfahrungen, nach Ruhm, Größe und dem Erlebnis eines tiefen, von einer Idee getragenen Glaubens. Nur zu gut kannte er die weiten Räume des Lebens, in denen unzählige Fragezeichen war8
ten, wußte er, was Qualen bedeuten, die man umsonst erleidet, kannte er die Verachtung und den Egoismus eines gefährdeten Lebens. Sein kostbarster Besitz war seine Feder, mit ihr wollte er dienen. Über die Grenze des Lebens und des Todes schritt er mit der gleichen Gewaltsamkeit, mit der er alles tat. Er starb am 3. Juli 1951. Jerzy Andrzejewski
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ABSCHIED VON MARIA
I Ein Tisch, ein Telefon, ein eckiger Stoß Bücher. Dahinter ein Fenster und eine Tür. Die Tür hat zwei dunkle, glasige Augen, lichtlos wie die schwarze Nacht, die dahinter hockt. Ringsum Himmel, schwere, aufgedunsene Wolken, die am Fenster kleben, bis der Wind sie von den trüben Scheiben wischt und weiterjagt, immer weiter nach dem Norden, über die Mauern des niedergebrannten Hauses hinweg. Das ausgebrannte Haus steht schwarz auf der anderen Straßenseite, der Gartenpforte gegenüber. Es ist von einem schützenden Drahtnetz umgeben, an dessen oberem Ende silbriger Stacheldraht schimmert. Das zittrige, flackernde Licht der Straßenlaterne verfängt sich in den engen Maschen, zeichnet violette Reflexe, die zart und flüchtig sind wie verklingende Töne. Rechts von dem Haus ragt ein Baum in den Himmel. Seine nackten Arme greifen pathetisch nach den Wolken. Seltsam reglos steht der Baum, nur ab und zu hüllen ihn die milchigen Dampfschwaden einer vorbeistampfenden Lokomotive ein. Schwere, vollbeladene Güterzüge rattern vorüber, hinaus an die Front. Maria sah von ihrem Buch auf. Ein durchsichtiger Schatten lag auf ihrer Stirn, verdunkelte ihre Augen und schmiegte sich wie ein hauchzarter Schleier an ihre Wan10
gen. Auf dem Tisch, zwischen leeren Flaschen, Tellern mit Salatresten, dunkelroten, bauchigen Gläsern auf hohen, blauen Stielen, glühte eine kleine, pilzförmige Tischlampe. Maria umschloß sie mit ihren Händen. Das helle Licht, das die Konturen der Gegenstände nachzeichnete, ertrank in dem blauen Rauch, der wie eine dichte Nebelschicht unter der Decke hing, brach sich an den schmalen, zerbrechlichen Rändern der Gläser und funkelte in den Kelchen wie goldgelbe Blätter, die im Wind erbeben. Alles Licht schien in Marias behutsam geschlossenen Händen eingefangen, sie leuchteten wie eine kostbare Schale. Nur zwischen den Fingern, dort, wo dunkle Linien die lichte Form zerteilten, pulsierte fast unmerklich das Blut. Das winzige Zimmer versank in ein warmes, trauliches Halbdunkel, kuschelte sich noch mehr zusammen, bis es so klein wurde wie eine Muschel. »Schau, es gibt keine Grenze zwischen Licht und Schatten«, flüsterte Maria. »Der Schatten ist wie die Flut. Zuerst berührt er unsere Füße, dann steigt er immer höher, und schließlich gibt es nichts mehr auf der Welt. Nur dich und mich.« Ich beugte mich zu ihren Lippen, zu den winzigen Fältchen, die sich in ihren Mundwinkeln verbargen. »Deine Gedanken erinnern mich an einen jungen Baum, der immer neue Knospen trägt«, sagte ich halb im Scherz und schüttelte heftig den Kopf, um den widerlichen Rausch loszuwerden, von dem mir immer noch der Schädel brummte. Maria öffnete leicht den Mund. Zwischen ihren Zähnen schimmerte feucht die dunkle Zungenspitze. Sie lächelte, ihre Hände schlossen sich fester um die leuchtende Kugel der Lampe. Das Licht in der Tiefe ihrer Augen erlosch. »Junge Bäume … Poesie … Davon verstehe ich nichts. 11
Poesie begreife ich ebensowenig, wie ich eine Gestalt hören oder einen Laut berühren kann.« Sie lehnte sich zurück, stützte sich nachdenklich auf die Armlehne des kleinen Sofas. Ihr knapper, roter Pullover bekam eine saftige, purpurne Farbe. Dort, wo sich das Licht in den Falten brach, schienen kleine Flammen zu züngeln. »Aber nur die Poesie vermag das wahre Bild eines Menschen zu zeigen. Eines wahren Menschen, meine ich.« Ich trommelte mit den Fingerspitzen gegen ein Glas. Es gab einen unwirklichen, unendlich zarten Klang. »Ich weiß nicht, Maria«, sagte ich achselzuckend. »Ich glaube, Poesie, und vielleicht auch Religion, kann man nur daran ermessen, wieviel Liebe von Mensch zu Mensch sie zu wecken vermag. Das ist, glaube ich, die objektivste Beurteilung.« »Liebe. Natürlich, Liebe«, sagte Maria, und ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Draußen, hinter dem Fenster, hinter dem ausgebrannten Haus, ratterten die Straßenbahnen. Ab und zu schoß ein kurzer, violetter Blitz zum Himmel, das fahle Licht ergoß sich für einen Augenblick über die Straße, beleuchtete das Haus und das Tor und verlosch gleich darauf lautlos in der Dunkelheit. Nur den Bruchteil eines Augenblicks dauerte es noch, dann verklang auch das dünne, hohe Singen der vibrierenden Gleise. Hinter der Tür, im Nebenzimmer, lief der Plattenspieler wieder an. Die krächzende Melodie erstickte fast in dem schlurfenden Geräusch der tanzenden Füße. Ab und zu kicherte ein Mädchen. »Siehst du, Maria, es gibt noch eine andere Welt außer der unseren«, sagte ich lachend und stand auf. »Ja, so ist es nun mal. Könnte man die ganze Welt verstehen, wie 12
man die eigenen Gedanken versteht, könnte man die ganze Welt sehen, wie man ein Fenster sieht, das Tor drüben und die Wolken über dem Tor, könnte man alles zugleich und alles ganz klar sehen, dann …« Ich ging um das kleine Sofa herum, auf dem Maria saß, und blieb stehen. Zwischen ihr und dem Kachelofen, neben dem sich ein Sack mit Kartoffeln duckte. Schon im Herbst hatten wir sie für den Winter gekauft. »… dann wäre die Liebe nicht nur der einzig gültige Maßstab, sondern auch die letzte Instanz aller Dinge. Wir sind jedoch dazu verurteilt, den Weg des ewigen Suchens zu gehen, wir sind nur auf unsere eigenen, verwirrenden Erlebnisse angewiesen, auf die eigene, täuschende Erfahrung. Welch unvollkommenes, welch unzulängliches Maß!« Die Tür vom Nebenzimmer ging auf. Thomas kam herangewankt, schwer auf die Schulter seiner Frau gestützt. Ihr gewölbter Bauch erfreute sich seit geraumer Zeit des nie erlahmenden Interesses aller Freunde. Thomas torkelte zum Tisch, klammerte sich an die Tischkante und beugte sich schwankend über die Platte. Sein fleischiger Nacken bebte. »Du kümmerst dich schlecht um deine Gäste«, sagte er mit leisem Vorwurf. »Es gibt überhaupt nichts mehr zu trinken.« Er untersuchte sorgfältig jedes Glas auf dem Tisch, und als er sie alle leer fand, taumelte er unsicher zur Tür. Seine Frau schob ihn sachte voran. Er stierte sie mit leeren, stumpfen Augen an, als wäre sie ein Bild. Man sagte ihm nach, dies sei sein berufsmäßiger Blick, denn er handelte mit gefälschten Corots, Noakowskis und Pankiewiczs. Außerdem war er Redakteur, gab alle vierzehn Tage ein syndikalistisches Käseblättchen heraus und hielt sich für einen Linksradikalen. Als sie aus der Wohnung traten, klirrte der festgefrorene Schnee unter ihren Füßen. Dicke weiße Schwaden eisigen Dampfes wälzten sich ins 13
Zimmer und bauschten sich auf dem Boden wie frisch gepflückte Baumwolle. Die Tür zum Nebenzimmer stand immer noch offen. Einige Paare kamen ins Büro geschwebt, drehten sich verträumt um den Tisch, schlüpften zwischen dem Kachelofen und dem Kartoffelsack hindurch und umgingen sorgfältig die Wasserpfütze, die sich unter dem Fenster angesammelt hatte. Endlich verschwanden sie wieder im Nebenzimmer. Nur ein paar dunkle Schleifspuren blieben auf dem roten, frisch gebohnerten Fußboden zurück. Maria erhob sich hinter dem Tisch, schob mit einer unbewußten Handbewegung das Haar zurück und sagte: »Ich muß laufen, Tadek. Der Chef möchte etwas früher anfangen.« »Hast noch eine gute Stunde Zeit …«, versuchte ich sie aufzuhalten. Zwischen einem halbaufgerollten Plakat, auf dem ein Kreisausschnitt prangte, und einer Kohlezeichnung, die einen Blick durchs Schlüsselloch in die Ecke eines kubistischen Schlafzimmers freigab, tickte friedlich eine uralte, runde Uhr. Sie war an langen Schnüren aufgehängt, und ihr blechernes Zifferblatt war rostig und zerbeult. »Shakespeare nehme ich mit. Ich will schauen, daß ich den Hamlet bis Dienstag abend für unseren Geheimlehrgang noch fertigkriege. Vielleicht geht’s heute doch.« Maria ging ins Nebenzimmer und hockte sich vor das Bücherbrett. Es war aus groben, ungehobelten Brettern gezimmert, die sich unter der Last der Bücher bogen. Blaue und weiße Rauchschwaden ringelten sich in der Luft und vermischten sich mit dem schalen Geruch von Schnaps, dem Schweiß erhitzter Leiber und dem modrigen Geruch der feuchten, faulenden Mauern. Ein paar Farbkleckse schimmerten durch den blauen Dunst, sie hingen 14
an den Wänden und sahen aus wie leuchtende Korallen und Medusen auf dem Meeresgrund. In der Fensternische, nur durch den dünnen Vorhang von der Nacht getrennt, stand ein trauriger, beschwipster junger Mann mit einer Geige unterm Kinn. Er hatte sich hoffnungslos in die rötliche, zarte Spitze der Vorhänge verheddert, die wir für sündhaft teures Geld einer Eisenbahndiebin abgeschwatzt hatten, und – er hielt sich übrigens für impotent – bemühte sich seit zwei Stunden vergebens, mit seiner Geige gegen den krächzenden Plattenspieler anzukommen. Seit zwei Stunden spielte er immer die gleiche Passage: er übte hier für den Sonntag. Sonntags trat er nämlich auf, frisch gewaschen und mit seinem besten Anzug angetan, mit melancholischem Gesicht und verträumten Augen, als läse er irgendwo in unsichtbarer Ferne eine Partitur. Auf der Tischdecke, die aus der gleichen Quelle stammte wie die Vorhänge, nur noch etwas teurer war, blühten rote Blumen. Dazwischen, neben Gläsern, Büchern und angebissenen Brötchen, lagen die bloßen Füße von Apolonius. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, schaukelte behaglich hin und her und starrte auf die Couch, deren Holz zum Schutz gegen Wanzen weiß gestrichen war. Ein paar benebelte Gestalten lagen auf dem Polster, und Apolonius hielt ihnen eine tönende Ansprache. »Könnte Christus jemals ein guter Soldat sein? frage ich euch. Nein! Niemals! Viel eher ein Deserteur. Zumindest liefen die ersten Christen alle weg von der Armee. Weil sie sich dem Bösen nicht widersetzen wollten.« »Ich widersetze mich dem Bösen«, brummte Peter. Er lag breit ausgestreckt zwischen zwei jungen Damen und spielte mit ihrem Haar. »Nimm die Füße vom Tisch. Oder wasch sie dir wenigstens!« – »Wasch dir die Füße, Polek!« sagte eins der 15
Mädchen. Es hatte dicke, wabblige Schenkel und rote, fleischige Lippen. »Das könnte euch so passen! Ich denke nicht daran! Hört doch zu. Es gab den Stamm der Wandalen, ganz feige Brüder. Immer wieder wurden sie geschlagen. Man verjagte sie von Dänemark oder von Ungarn, genau weiß ich das im Augenblick nicht. Egal, man verjagte sie jedenfalls und drängte sie bis nach Spanien ab. Dort bestiegen sie große Schiffe, segelten nach Afrika und liefen immer weiter, bis sie vor Karthago standen. Dort war der heilige Augustin gerade Bischof. Der von der heiligen Monika.« »Und dann setzte sich der heilige Augustin auf seinen Esel und bekehrte die Wandalen«, sagte ein Jüngling, der neben dem Ofen saß, und zog an seiner Pfeife. Er hatte rosige Wangen, die er mächtig aufblies, bis sie wie reife, flaumige Pfirsiche aussahen. Unter den Augen hatte der Junge große, dunkle Ringe. Von Beruf war er Pianist, seit einiger Zeit lebte er mit einer begeisterten Pianistin zusammen, einem Mädchen mit verführerischen Grübchen und leidenschaftlichen, hungrigen Augen. Im Sommer hatten wir ihn getauft – bis dahin war er konfessionslos gewesen –, bei brennenden Kerzen, duftenden Blumen und mit einem ganzen Eimer Weihwasser. Der treuherzige Pfarrer hatte sich so weit vergessen, daß er dem Täufling darin ganz gehörig den Kopf wusch. Gleich nach der Taufe gerieten wir allesamt in eine Straßenrazzia und konnten wirklich nur mit knapper Not entkommen. Die Hochzeit der beiden folgte reichlich spät, erst im Winter schafften wir es, sie zu verheiraten. Beider Eltern gaben nur sehr widerwillig ihren Segen zu dieser Mesalliance. Schließlich blieb ihnen allerdings nichts anderes übrig, als den beiden Musikern ein Bett zum Schlafen und einen Flügel zum Üben zu überlassen. Als sie sich aber immer weiter dagegen sträubten, die Freunde des jungen 16
Paares zur Hochzeit einzuladen, entschlossen sich die Freunde, die Hochzeit selbst zu veranstalten und zu feiern. Die Braut saß dabei hochaufgerichtet auf ihrem Stuhl, steif wie das blaßblaue Kleid, das sie trug, reglos, als hätte sie einen Stock verschluckt, sehr schläfrig, sehr müde und sehr betrunken. »Schön ist es bei euch, wirklich schön, wißt ihr das?« Eine kleine, zierliche Jüdin kniete neben Maria und schlang den Arm um ihre Schultern. Sie war gestern aus dem Getto weggelaufen, und weil sie nicht wußte, wo sie sonst hätte schlafen sollen, kam sie einfach zu uns. »Ich komme mir vor wie in einem Traum … Es ist so lange her, und ich habe fast schon vergessen, wie eine Zahnbürste aussieht … Es ist alles so ungewohnt … Aber dann das Gefühl, daß ich wieder weg muß … Ich hab solche Angst!« Maria strich ihr schweigend über den kleinen, vogelartigen Kopf. Das dunkle, glatt zurückgekämmte Haar glänzte. »Sie waren doch Sängerin?« fragte ich. »Hatten Sie nicht alles, was Sie brauchten?« Sie sah mich erstaunt an. Auf ihrem gelben Kleid leuchteten riesige Chrysanthemen, aus dem gewagten Dekolleté lugte verführerisch schmale, cremefarbene Spitze. Ein schweres, massives Kreuz glitzerte an einer langen Kette zwischen ihren Brüsten. »Alles? Natürlich hatte ich alles –« Ihre großen Kuhaugen schimmerten feucht. Sie hatte die breiten, ausladenden Hüften jener Frauen, die zum Gebären bestimmt zu sein scheinen. »Sie müssen mich verstehen … Natürlich hatte ich alles. Sogar die Deutschen gehen mit einer Künstlerin anders um …« Sie stockte und starrte auf die Bücher. Plato, Thomas von Aquin, Montaigne … Der lange, tiefrot lackierte Na17
gel glitt über die zerschundenen Rücken der Bücher, die teils bei fliegenden Händlern gekauft, teils aus Antiquariaten geklaut waren. »Sie müßten all das sehen, was ich gesehen habe …« »Dreiundsechzig Bücher hat Augustin geschrieben«, predigte Apolonius mit der verbissenen Wut eines Besessenen. »Dreiundsechzig. Und als die Wandalen bei Karthago ankamen, las er gerade Korrektur. Dabei hat ihn dann der Tod erwischt.« »Von den Wandalen ist nichts übriggeblieben, Augustin wird heute noch gelesen. Ergo: Kriege vergehen, Dichtung bleibt. Und meine Vignetten sind unsterblich.« Unter der Decke waren lange Schnüre gespannt, und daran hingen die Einbanddeckel eines schmalen Gedichtbändchens zum Trocknen. Sie rochen nach feuchter Druckfarbe, das Licht irrte zwischen den roten und schwarzen Flecken herum, das Papier knisterte wie trokkenes Laub. Die kleine Jüdin ging quer durchs Zimmer und legte eine neue Platte auf. »Ich glaube, man wird auch noch ein Getto für die Arier aufmachen.« Sie sah Maria von der Seite an. »Nur, daß es dann kein Entkommen geben wird …« Sie schwebte davon, Peter hielt sie in den Armen. »Die Kleine ist nervös«, sagte Maria leise. »Ihre ganze Familie ist hinter den Mauern geblieben.« Die Nadel des Plattenspielers verfing sich in einem Sprung. Die Melodie verlor sich, nur das widerwärtige, monotone Kratzen nahm kein Ende. Thomas erschien in der Tür, sein Gesicht war gerötet. Hinter ihm stand seine Frau und zog sich das Kleid über dem gewölbten Bauch glatt. 18
»Nur der schwere Schleier einer Wolke, den die Pferdenase durchstößt …«, deklamierte Thomas und wies zum Fenster. »Ein Pferd! Da! Ein Pferd!« Seine Stimme klang wie eine Posaune. Das Licht über der Tür fiel in einem Kegel goldener Helligkeit auf den Schnee. Es sah aus, als hätte jemand einen strahlend weißen Teller auf eine graue Tischdecke gelegt. Im Schatten, außerhalb des Lichtkreises, schimmerte der Schnee in bläulichem Grau, als spiegelte sich der Himmel auf der Erde wider. Erst am Gartentor hellte sich der Pfad auf, dort brannte die Straßenlaterne. Ein schwerer, hochbeladener Wagen stand in der Dunkelheit zwischen der Tür und der Toreinfahrt, groß und unbeweglich wie ein Berg. Unter den Rädern baumelte eine rote Laterne, der schwankende Schein beleuchtete den Bauch und die Beine des Pferdes. Auch das Tier sah größer und schwerer aus als gewöhnlich. Dicke Dampfwolken ringelten sich um seine Flanken, es ließ müde und erschöpft den Kopf hängen. Der Kutscher stand neben dem Wagen, er wartete geduldig, der Frost konnte ihm nicht viel anhaben. Nur fror er an den Händen, denn er schlug unentwegt die Fäuste gegeneinander. Als wir mit Thomas die schweren Torflügel öffneten, griff er ohne Hast nach den Zügeln, zog an und schnalzte mit der Zunge. Das Pferd hob mit einem Ruck den Kopf und legte sich ins Geschirr, aber der Wagen rührte sich nicht vom Fleck. Die Vorderräder waren im Rinnstein steckengeblieben. »Pack den Gaul am Kopf und drück ihn zurück«, verlangte ich fachmännisch. »Ich lege gleich ein Brett unter die Räder.« »Na, denn …«, sagte der Fuhrmann und stemmte sich gegen die Deichsel. 19
Ein Gendarm im blauen Mantel, der das Nebengebäude bewachte, kam gemächlich näher. Früher einmal war das Nebenhaus eine städtische Schule gewesen, aber diese Zeiten waren längst vorbei. Jetzt war das ganze Gebäude bis unters Dach mit »Freiwilligen« vollgepackt, die zur Arbeit im Reich bestimmt waren und hier auf ihre Abreise warteten. Der Gendarm stapfte in den Lichtschein der Straßenlaterne, seine schweren, beschlagenen Stiefel schlugen hohl auf dem Pflaster auf. Er hatte einen kleinen, handlichen Scheinwerfer vor die Brust geschnallt. Den schaltete er jetzt ein und leuchtete uns bereitwillig bei der Arbeit. »Viel zuviel aufgeladen«, bemerkte er sachlich. Seine Augen glühten wie Wolfslichter im tiefen Schatten unter dem Rand seines Stahlhelms. Wir kannten uns ganz gut, er kam jeden Morgen zu uns ins Büro, um seine Ablösung anzufordern und zu melden, in der Nacht sei nichts Außerordentliches passiert. Das Pferd setzte sich schnaubend mit den Hinterbeinen ab und drückte den geladenen Wagen über die holprigen Katzenköpfe zurück. Ich legte die Bretter unter, der Kutscher schnalzte wieder mit der Zunge, und der Wagen, auf dem sich ganze Berge von Koffern, Kisten, Federbetten, Körben, Bündeln und sonstigen Klamotten türmten, ratterte unter dem blechernen Klappern der Aluminiumschüsseln und Töpfe in den Hof. Der Gendarm schaltete seinen Scheinwerfer wieder aus, rückte sich den Riemen zurecht und schritt gemessen in Richtung Schule davon. Wie sonst auch ging er an der Schule vorbei, zu der kleinen Kirche des Pallottinerordens, die schon fast wiederaufgebaut war. Damals, im September, brannte sie teilweise aus, und seitdem trugen wir nach Kräften dazu bei, den Wiederaufbau schneller voranzutreiben. Der Gendarm ging weiter, an der halbverfallenen 20
Mauer vorbei, die das Arbeitslosenlager abschloß. Hier war alles zu haben, en gros und en détail. Es gab Unterwäsche, Decken, Stoffe, Konserven, Socken, Porzellan, Vorhänge, Tischdecken und Handtücher und überhaupt alles, was aus den Güterzügen geklaut werden konnte, die dicht an dem Lager vorbei an die Front hinausratterten. Und was nicht geklaut war, stammte vom Zugpersonal, das die Lazarettzüge begleitete, die außer den Verwundeten auch Uhren, Möbel, Wäsche und Maschinen von der Front zurückbrachten. Ein letzter Peitschenschlag knallte als dekorativer Abschluß, dann nahm der Fuhrmann das Pferd an den Zügeln und schob es rückwärts unter das überhängende Dach des Holzschuppens. Das Tier atmete schwer, seine Flanken dampften. Auch als es schon ausgespannt war, blieb es noch eine Weile still stehen, als wäre es nicht mehr fähig, nur noch einen einzigen Schritt zu tun. Erst auf ein lautes, scharfes Wort ging es zur Pumpe und steckte die Nase in einen Wasserkübel. Es trank den ersten Eimer leer, nippte am zweiten und ging endlich schleppenden Schrittes in den Stall. »Einen schönen Haufen hast du da gebracht, Olek«, sagte ich und besah die Ladung. »Ja, sie wollte unbedingt, daß ich alles mitnehme«, nickte der Fuhrmann. »Schauen Sie, sogar die Küchenhocker mußte ich aufladen und die Bretter aus dem Bad. Und aufgepaßt hat sie wie ein Luchs.« »Hatte sie denn keine Angst, so am hellichten Tag?« »Ach wo! Ihr Schwiegersohn hatte ihr die Erlaubnis besorgt. Von seinen Kollegen«, erklärte Olek. Sein hageres, knochiges Gesicht hatte der Frost bläulich gefärbt. Er nahm die Mütze ab, um sich auf dem Kopf zu kratzen, und dabei fiel sein kalkverstaubtes Haar über der Stirn auseinander. 21
»Und die Tochter?« »Ist bei ihrem Mann geblieben. Haben sich ganz schön mit der Alten gezankt, aber die Junge blieb dabei, sie müsse noch einen Tag warten.« Olek spuckte sich in die Hände, die vom Kalk zerfressen waren. »Na denn – wollen wir mal!« Er kletterte auf den Wagen und lockerte die Schnüre, die die Ladung festhielten. Dann reichte er uns einen Stuhl nach dem anderen herunter. Nach den Stühlen folgten die Vasen, ein paar Kopfkissen, Körbe mit Wäsche, altmodische Truhen, gebündelte Bücher. Thomas und ich nahmen die Sachen in Empfang und trugen sie in den dunklen, muffigen Schuppen, wo die ganze Ladung auf dem Betonboden neben den Zementsäcken, Stößen schwarzer Pappe und anderen Baumaterialien gestapelt wurde. Es roch nach Pech und ungelöschtem Kalk. Feiner Staub wirbelte durch die Luft und stieg uns beißend in die Nase. Thomas japste, sein angeknackstes Herz machte ihm offenbar wieder einmal zu schaffen. »Sagen Sie mal«, fragte der Fuhrmann, als der Wagen endlich abgeladen war. »Warum hat sie der Chef eigentlich hergenommen?« »Weil sie ihn zum Menschen gemacht hat. Jetzt will er sich dankbar zeigen.« »Dankbarkeit ist was Schönes«, sagte Thomas. Er zog in langen Zügen die eiskalte, klare Luft ein, bückte sich, nahm eine Handvoll Schnee und rieb sich damit die Hände ein. Als er den Eindruck hatte, daß sie nun sauber genug seien, wischte er sie an der Hose trocken. »Aach war das ein harter Tag heute«, seufzte der Fuhrmann und kletterte langsam von der Plattform. Sein 22
schwerer Pelzmantel, den eine dicke Kruste von Kalk, Pech und Schmutz bedeckte, hinderte ihn daran, sich schneller zu bewegen. Er lehnte sich gegen den Wagen und wischte sich schnaufend die Stirn ab. »Ach, Herr Tadek, wenn Sie wüßten, was ich dort alles gesehen habe! Einfach nicht zu glauben! Die Kinder – und die Weiber – wenn es auch Juden sind – wissen Sie …« »Aber es ist doch alles gutgegangen, oder nicht?« »Das schon. Nur unterwegs hat uns der Ingenieur gesehen. Kann der uns was anhaben?« »Ach wo!« sagte ich geringschätzig. »Der kann uns gestohlen bleiben. All diese Kerle können uns gernhaben. Wenn der Chef so etwas machen will, müssen sie den Mund halten. Nicht wahr? Morgen früh fährst du los. Mit Kalk. Schwarz. Vor sieben bist du wieder zurück.« »In Ordnung. Ja, so etwas muß man zeitig erledigen. Ich werde jetzt das Pferd versorgen.« Mit schweren, schlurfenden Schritten ging Olek in den Pferdestall. Als er an der Bürotür vorbeikam, lüftete er seine Mütze. Von dem goldenen Lichtschimmer wie von einem Heiligenschein umgeben, stand dort Maria. Die dunkle Nacht umschloß sie wie mit weichen Armen, während an ihren Händen die Ringe wie Sterne funkelten. Sie hatte die Tür hinter sich zugezogen, still und schattenhaft stand sie da, abseits von Menschen und Musik, die Augen sehnsüchtig in die Dunkelheit gerichtet. »Wie ist es nun morgen mit dem Ausfahren?« Ich nahm sie am Arm und führte sie über den knirschenden Schnee. Der ausgetretene Pfad endete an der Gartenpforte. »Kannst du bis Mittag warten? Wir können dann zusammen ausfahren.« 23
Wir standen in der offenen Gartentür. Der Gendarm im blauen Mantel, der seine vollgestopfte Schule bewachte, schlenderte langsam über die verlassene Straße. Nur das trübe, zittrige Licht der Straßenlaterne begleitete seine dumpfen Tritte. Hoch über der Straße, über dem Licht der Laterne, über dem steilen Dach, das sich an den Schuppen schmiegte, brauste der Wind. Er trieb die Wolken vor sich her, wirbelte die feuchten Dampfschwaden der ratternden Züge auf. Und noch höher, über dem Wind und den Wolken, stand der Himmel, tief und dunkel, unbewegt wie klares, tiefes Wasser. Ab und zu schimmerte ein Mondzipfel zwischen den abgerissenen Wolkenfetzen hindurch, leuchtend wie eine Handvoll goldenen Sandes. Maria lächelte mir zu. »Du weißt doch ganz genau, daß ich das Ausfahren selbst besorgen kann.« Ein leiser, vorwurfsvoller Unterton schwang in ihrer Stimme, als sie mir den Mund zum Kuß hinhielt. Ein breiter, schwarzer Hut beschattete ihr Gesicht wie ein dunkler Flügel. Sie war einen halben Kopf größer als ich. Ich mochte es nicht, wenn sie mich vor fremden Leuten küßte. »Da siehst du, du poetischer Solipsist, was Liebe vermag«, belehrte mich Thomas gutgelaunt. »Denn lieben heißt leiden. Ich weiß, was ich sage. Aus eigener Erfahrung. Ich hatte mehr als eine Geliebte!« Die Dunkelheit verwischte unsere Züge. Thomas sah größer und wuchtiger aus, als er war, sein kantiges Gesicht wirkte plötzlich wie aus Granit gemeißelt, nur das kleine Muttermal unter dem linken Auge, das fast schwarz wurde im Dunkel, gab ihm einen verschmitzten Ausdruck, der so ganz und gar nicht zu der schweren Masse passen wollte. »Natürlich, Liebe«, lächelte Maria spöttisch. Mit einem leichten Kopfnicken ging sie davon, vorbei an dem schützenden Drahtnetz, immer weiter, immer näher zu den Wolken, die über unseren Köpfen dahinjagten, vorbei an 24
dem kleinen Krämerladen, in dem ich jeden Morgen meine Frühstücksbrötchen holte und in dem die Bauern ihre Kinder trafen, die in der Schule eingesperrt waren. Endlich verschwand sie um die Ecke. Ich sah ihr noch eine Weile nach, als suchte ich ihre Spuren in der Luft. »Liebe, natürlich, Liebe«, lächelte ich Thomas zu. »Gib dem Kutscher einen Schnaps, wenn du noch eine Flasche unter dem Bett versteckt hast. Und komm mit, es wird wieder langsam Zeit, daß wir uns unter das Volk mischen.«
II In der Nacht war etwas Schnee gefallen. Bevor ich die Tür und das Hoftor öffnete, als Zeichen dafür, daß die Geschäftszeit offiziell angefangen habe, bevor ich die letzten betrunkenen Gäste aus der Bude gefeuert und die Trümmer weggeräumt hatte, war der Fuhrmann wieder zurück. Er mußte noch vor dem ersten Morgengrauen aufstehen, den Kalk aus dem Keller heraufholen und zu der Baustelle fahren, die wir schwarz belieferten. Kurz vor sieben war er zurück, versorgte das Pferd und verwischte alle Spuren im Hof. So früh am Morgen war draußen noch alles grau und die Straße menschenleer. Vom Bahnhof trug der Wind das Rattern der Züge herüber. Der patrouillierende Gendarm wurde mit dem zunehmenden Tageslicht immer kleiner und immer unscheinbarer. Als der Morgen endlich die Dunkelheit aus der Straße getrieben hatte, sah der Mann wie eine Wasserpflanze aus, die von der Flut auf den Strand geworfen und zurückgelassen worden war. 25
In den Fenstern der ehemaligen Schule erschienen die ersten Köpfe, in dem kleinen Krämerladen tranken zwei Polizisten ihren ersten Schnaps. Der kleine Ofen glühte, der Krämer blinzelte aus roten, verschlafenen Augen. Seine zittrigen Hände legten Brot und Käse vor mich hin. Neben mir stand eine Bäuerin. Sie hatte eben einen Kranz Würstchen aus ihrem Korb gefischt, der im nächsten Augenblick hinter der Doppelwand der Theke verschwunden war. Durch die trüben Fensterscheiben kroch das Dämmerlicht des Morgens in den Laden. An den verrosteten Gitterstäben hingen schmutzige Wassertropfen. Ab und zu klatschte einer schwer auf die Fensterbank nieder, die kleine Pfütze, die sich dort angesammelt hatte, wurde immer größer, und schließlich lief ein dünnes Rinnsal an der Wand herab zum Boden. Die schmale, verlorene Gasse war mit runden, klobigen Katzenköpfen gepflastert. Es stank unerträglich, die Rinnsteine starrten vor Dreck und Schmutz. Auf beiden Seiten duckten sich kleine, niedrige Häuser mit winzigen, staubigen Fenstern, die eine Wäscherei beherbergten, einen Friseurladen, einen Seifensieder, zwei oder drei Lebensmittelgeschäfte und eine obskure Kneipe. Im Sommer wie im Herbst, im Winter und im Frühling stank die Gasse, immer gleich modrig und faul. Jetzt füllte sie sich Tag für Tag mit lärmenden, schreienden, hastenden Menschen. Die Menge sammelte sich unter den großen, breiten Fenstern der alten Schule. Sie waren das einzig Moderne an dem alten Gebäude, erst kürzlich eingesetzt und paßten ganz und gar nicht in das sonst einheitliche Bild. Die Leute auf der Straße verrenkten sich die Hälse, gestikulierten und schrien. Aus den offenen Fenstern der Schule winkten weiße Hände, es war wie in einem Hafen, wenn ein Schiff ausläuft. Laute Rufe begleiteten die Menge, die sich zwi26
schen zwei dichten Reihen von Polizisten bis zu dem kleinen Platz am unteren Ende der Gasse hinunterwälzte. Von dort sah man die gelben Häuser der Stadt vor dem lichten Hintergrund des blassen Himmels, die friedlichen Wiesen unten am Fluß, gesprenkelt mit kleinen weißen Schneeflächen, dicht bewachsen mit fransigen, hohen Sträuchern. Über dem schimmernden Wasserspiegel lag leichter Dunst, hoch darüber spannte sich der kühne Bogen der Brücke. Die Menge ergoß sich über den Platz, erstarrte für eine Weile in einer ratlosen Stille und zog dann schreiend wieder zur Schule zurück. Der kleine Krämerladen glich einer stillen, rettenden Bucht. Bei einem Glas selbstgebrauten Rübenschnapses freundeten sich die Polizisten mit den Bauern an, beim zweiten Glas begann der Handel mit den Menschen aus der Schule. In dunklen Nächten hoben die Polizisten ihre Handelsware aus den Fenstern der Schule über die Mauer, und die Ware verschwand im Handumdrehen in den dunkelsten Winkeln der Gasse oder kletterte mit unmenschlicher Anstrengung über den Stacheldraht in unseren Hof. Da mußte sie bis zum andern Morgen warten, weil unser Büro nachts immer abgeschlossen war. Meistens waren es Mädchen. Sie irrten dann nachts in unserm Hof umher, stolperten über die Haufen von Erde, Ziegelsteinen, Sand und Kies und verkrochen sich vor der Kälte. Wenn ich morgens aufwachte, warf ich sie dann regelmäßig hinaus, direkt dem Krämer in den Laden, und überließ ihm großzügig die Früchte der jeweiligen Verhandlungen mit der Polizei. Mit dem Gendarm zu sprechen war sinnlos, der war unempfänglich für jegliche Art von menschlicher Regung. Doch auch der Krämer zeigte sich keineswegs berührt von meinem überschäumenden Altruismus. Er fühlte sich mir gegenüber weder verpflichtet, noch hatte er das Bedürfnis, 27
mir dankbar zu sein. Jeden Morgen holte ich bei ihm mein Brot, meine hundert Gramm Gries und zwanzig Gramm Butter. Und jeden Morgen beschummelte er mich mit rührender Regelmäßigkeit um ein paar Gramm, rundete den Preis ganz schön nach oben auf, und obwohl er mich Morgen für Morgen ein bißchen verschämt angrinste, griff er doch immer wieder mit gierigen Fingern nach meinem Geld. Und überhaupt! Was sollen die ganzen Überlegungen. Sicher goß der Krämer niemals ein Glas Schnaps richtig voll, wie er auch niemals die Butter richtig auswog und den Bauern immer das Fell über die Ohren zog, wenn sie ihn darum baten, dies oder jenes Mädchen in der Nacht aus der Schule herauszuholen. Aber was hätte er sonst auch tun können? Er mußte ja leben, er und seine Frau, sein Sohn, der in die zweite Gymnasialklasse ging, seine Tochter, die die letzte Klasse einer Mädchenschule besuchte und gerade dahintergekommen war, wie begehrenswert schöne Kleider sind, wie nett junge Männer sein können, daß sogar Lernen schön und Konspiration reizvoll und das Leben überhaupt herrlich ist. Und um wieviel besser war unsere Firma? Wir verkauften Bauern und Baumeistern nasse Erde, versteinerten Zement, mischten Kalk mit Wasser und trugen im stillen Einverständnis mit der Eisenbahn bei der Übernahme der Ware bereits einen ansehnlichen Fehlbetrag in die Bücher ein. Der zuständige Amtmann hielt wohlweislich den Mund. Er hatte ebenfalls persönliche Geschäfte mit der Firma, die in keinen Büchern standen. Unsere Baufirma! Wie eine geduldige Milchkuh sorgte sie dafür, daß alle leben konnten. Der rechtmäßige Inhaber unseres Unternehmens war ein dickbäuchiger Mann mit patriarchalisch angegrauten Schläfen, eingezwängt in einen wildkarierten Sakko, mit blaurotem Gesicht, bei des28
sen Anblick wir jeden Tag zitterten, es könne ihn der Schlag treffen. Außer der Firma besaß er noch eine bigotte Frau, die ein ganzes Vermögen an Bettler, Kirchen und Mönche verschwendete, und einen beinahe noch kostspieligeren erotomanischen Sohn. In den schlechtesten Zeiten, als wir alle nichts mehr zu fressen hatten und uns mit Kartoffelschalen und Brot auf Lebensmittelmarken zufriedengeben mußten, zog er schwere Tausender aus dem Unternehmen, baute seine Lagerhäuser aus, kaufte einen Bauplatz, der einer im September niedergebrannten Firma gehört hatte, stampfte eine Filiale seines Unternehmens aus dem Boden, beschaffte einen neuen Lastwagen, ein Zugpferd und einen Kutscher mit dem dazugehörigen Wagen, erwarb zu alldem noch ein riesiges Grundstück dicht am Rande der Stadt und bezahlte dafür eine halbe Million, obwohl dies alles praktisch nutzlos war. Immerhin gehörte ein beachtliches Stück Wald dazu, und der Unternehmer fand, es sei prächtig geeignet für eine Jagd. Als er darauf Ton fand, träumte er von der Industrialisierung der ganzen Gegend. Schließlich, im dritten Kriegsjahr, machte sich der wahrhaft unternehmungslustige Unternehmer an die Deutsche Ostbahn heran, verhandelte eine Weile und hatte Erfolg. Er führte ein eigenes Nebengleis zu seinen Lagerplätzen, errichtete neue Lagerhäuser und schuf einen vielbenützten neuen Verladeplatz. Das Schicksal der Mitarbeiter dieses Mannes gestaltete sich ähnlich gnädig wie sein eigenes. Zwar bestand die Besatzungsmacht eisern darauf, daß der Wochenlohn der Arbeiter keinesfalls dreiundsiebzig Złoty übersteigen dürfe, doch scherte sich der Ingenieur einen Teufel darum. Er zahlte seinen Leuten runde hundert Złoty pro Woche, übernahm darüber hinaus die Steuern und die sozialen Abgaben und verlor kein einziges Wort über die sonstigen Unannehmlichkeiten, die sich nicht vermeiden ließen. 29
Es kam nämlich immer wieder vor, daß eine Familie ins Lager gebracht wurde, daß jemand erkrankte oder durch eine Razzia verlorenging. Bei solchen unvorhergesehenen Zwischenfällen übernahm er, ohne mit der Wimper zu zucken, die ganze Verantwortung. Mir zum Beispiel bezahlte er drei Monate lang das Studium an der Untergrund-Universität. Die einzige Bedingung, die er daran knüpfte, war seine Ermahnung, ich solle fürs Vaterland lernen. In der Zweigstelle des Unternehmens arbeitete man allerdings nach einer davon etwas abweichenden Methode. Die Fuhrleute verkauften den Kalk direkt auf der Straße, wobei die Käufer zwar immer für das volle Gewicht bezahlten, es aber niemals wirklich bekamen. Was übrigblieb, wurde auf eigene Rechnung an den Mann gebracht. Solange ich neu in der Firma war, trug ich noch ganze Körbe voll Kreide zu den Seifensiedern. Als ich dem Chef etwas näherkam, hatte ich das nicht mehr nötig. Wir wurden nicht nur aufrichtige Freunde, sondern auch Geschäftspartner. Mit der Zeit lag die ganze Arbeitseinteilung bei mir, außerdem war ich dafür verantwortlich, daß die Bücher stimmten. Obendrein verband uns noch eine gemeinsame Schnapsbrennerei, die ich finanzierte, die aber in der Wohnung meines Chefs aufgebaut war. Der Chef überließ mir neidlos den Löwenanteil aus dem Kleinverkauf. Er selbst stürzte sich in den reißenden Strom des Großhandels, benutzte die Firma als eine Art Umschlaghafen und den dienstlichen Apparat als eine außerbetriebliche Nachrichtenzentrale. Er verstand sich auf Gold und Kunsthandel, kaufte und verkaufte Möbel, kannte die Adressen einiger Wohnungsvermittler, betätigte sich oft und gern als Makler, unterhielt handfeste Beziehungen zu renommierten Eisenbahndieben, half ihnen, ihre Beute abzusetzen, hatte 30
zahlreiche Freunde unter den Lastwagenfahrern und Autoersatzteilhändlern und führte einen lebhaften Tauschhandel mit dem Getto. Dabei lebte er ewig in einem Zustand namenloser Angst, handelte wie unter einem unerklärlichen Zwang und war doch fest überzeugt, nichts Unrechtes zu tun. Halbe Tage und wahrscheinlich ganze Nächte trauerte er dem längstvergangenen gefahrlosen Leben der Vorkriegszeit nach. Damals hatte er als Lagerverwalter in einer jüdischen Firma gearbeitet. Unter den wachsamen Augen seiner Chefin hatte er sich hochgedient; er kaufte sich einen schnittigen Sportwagen und verdiente nebenbei mit einer Taxe seine dreihundert Złoty am Tag, den Lohn des Taxifahrers nicht inbegriffen. Es dauerte gar nicht so lange, bis er stolzer Besitzer eines Bauplatzes an der Autobahn wurde, nur ein kleines Stück außerhalb der Stadt. Ein paar Monate später kaufte er ein zweites Grundstück, diesmal in einem vornehmen Vorort. Seiner Meinung nach war das alles sein gutes Recht. Damals lebte er ein volles, sorgloses Leben, bar aller lästigen Konflikte eines zweifelnden Geistes. Und aus jener Zeit rettete er sich ein untrügliches Gefühl für Geld und Werte sowie eine tiefe Verbundenheit für die alte Doktorin, seine damalige Chefin. Die alte Doktorin saß am Fußende des Holzsofas, auf Marias Platz. Sie hatte ein altes, verbrauchtes Gesicht, das wie ein Klumpen Erde aussah, leer wie eine Stadt ohne Menschen. Ihr schwarzes Kleid war verschlissen, die Ärmel abgewetzt. Um den Hals trug sie ein samtenes Band, auf dem Kopf einen altmodischen, breitkrempigen Hut mit einem Veilchenstrauß. Die schmutziggrauen Haare hingen in dünnen, zottigen Strähnen unter dem Hut herab. Auf ihren Knien lag sorgsam gefaltet ein alter Mantel mit einem altersschwachen, ausgefransten Pelzkragen. Ihre ganze 31
Aufmachung war übertrieben schäbig für eine Frau, die vor dem Krieg unermeßlich reich gewesen sein mußte. Damals hatte sie ein Riesenlager mit Baustoffen besessen, eine ganze Reihe schwerer Lastwagen, ein eigenes Abstellgleis; sie beschäftigte an die hundert Arbeiter und verfügte über schier unerschöpfliche Konten bei jeder größeren inländischen und einigen Schweizer Banken. Selbst für den Haufen Klamotten, die der hochbeladene Wagen in den Hof gebracht, und für die vielen Buchungs- und Rechenmaschinen, die sie vorsorglich dem schweizerischen Konsulat zur Aufbewahrung übergeben hatte, wirkte sie zu armselig. Ganz abgesehen von dem vielen Gold und den unzähligen Brillanten, die – nach Meinung der Arier – ein jeder Jude aus dem Getto mitbrachte. Nun saß sie, zerknittert und bescheiden, auf dem Sofa und starrte auf das Spinngewebe, das sich unter der Decke spannte. Es zitterte ein wenig, weil die Spinne sich darin bewegte. »Jasiek, sie werden doch anrufen, nicht wahr?« fragte die Alte den Chef nach langem Schweigen. Erstaunt hob ich den Blick von den Seiten meines Buches über den mittelalterlichen Aberglauben. Die Alte sprach mit einer knarrenden, heiseren Flüsterstimme; es hörte sich an, wie wenn man zwei Steine gegeneinander reibt. Das Flüstern drang gleichzeitig mit ihren kurzen Atemstößen aus der Kehle. Dabei funkelten zwei Reihen massiver Goldzähne in ihrem Mund, die ich beinahe klirren hörte. »Sie müssen mich doch wissen lassen, ob sie kommen! Das müssen sie doch, nicht wahr?« Die Alte richtete ihre toten, ausgebrannten Augen auf den Chef. Ihr Blick war kalt und leblos wie Eis. »Ich glaube, es ist besser, wenn wir noch etwas warten, Frau Doktor«, beschwichtigte Jasiek. Er hauchte auf die vereiste Fensterscheibe. Unter den warmen Atemzügen bildete sich ein kleines, rundes Guckloch. Der Chef neigte den 32
Kopf und blickte hinaus auf die Straße, auf das offene Tor, hinter dem sich langsam eine Menschenmenge sammelte. Seine Finger trommelten auf den Fensterrahmen, etwas ungeduldig, weil der erwartete Kunde noch nicht da war. »Herr Direktor hat doch versprochen, anzurufen. Sicher kommt er heute mit dem Töchterchen von Frau Doktor heraus.« »Jasiek«, sagte die Alte tadelnd, »Er schwatzt ja nur so daher. Und wenn es nicht gelingt, was dann? Wenn sie nicht herauskommen, Jasiek?« Ihre Augen wanderten wieder von der Decke zum Fenster. Die welken, trockenen Hände spielten mit dem gelben Halstuch. Für einen Augenblick schlossen sich die Finger um den Stoff, als wollte sie das Tuch vom Hals ziehen, dann lockerte sich der Griff, und die Hände fielen kraftlos in den Schoß. »Aber, Frau Doktor, wie können Sie nur so reden?« Der Chef strich sich das blonde, wellige Haar zurück, das ihm in die Stirn fiel. Bei der Bewegung schob sich die Manschette seines Seidenhemdes zurück und gab das Handgelenk frei, auf dem ein Andenken an seligere Zeiten sichtbar wurde: eine breite, schwere Schweizer Armbanduhr, der Rundung des Gelenks angepaßt. »Wo denken Sie hin? Ihr Schwiegersohn, Direktor der Kaufhäuser, der schafft es schon! Der kann doch gehen, wie und wann er will. Der braucht ja nur seine Brieftasche zu zücken, da ein Wort und dort ein Wort, und schon ist der Fall erledigt! Warum machen Sie sich solche Sorgen? Das wissen Sie doch alles selbst!« Jasiek rückte sich seinen Stuhl zurecht und streckte behaglich die Beine aus. Sie steckten in hohen Offiziersstiefeln. »Überlegen Sie lieber, was wir weiter machen. Woher sollen wir eine Wohnung nehmen? Wissen Sie, Frau Dok33
tor, was eine Wohnung kostet? Fünfzigtausend verlangen sie dafür. Ein Glück, daß man sich selbst noch im ersten Kriegsjahr ein Loch besorgt hat. Was täte ich heute? In Untermiete könnte ich wohnen oder im Massenquartier.« »Jasiek wird sich schon zu helfen wissen«, die Alte lächelte aus den Mundwinkeln. »Ja, Gott sei Dank. Ich habe zwei Hände und zwei Füße und ein bißchen Verstand im Kopf. Damit kommt man schon durch. Tadek«, der Chef beugte sich zu mir, »Ihre Braut hat fünfundzwanzig Liter gebrannt und dabei nur die Hälfte Kohle verbraucht. Ein tüchtiges Mädel, alles was recht ist! Einen Kuß extra verdient sie dafür.« »Sie hat angerufen«, brummte ich von meinem Buch aus. »Ist in die Stadt gefahren, liefert den Schnaps aus. Muß jeden Augenblick zurück sein.« In der Ecke zwischen dem Kachelofen und dem Kleiderständer war es dämmrig und angenehm warm. Mein Kopf brummte noch vom gestrigen Rausch. Außerdem hatte ich wohl zu viele Eier gegessen, sie lagen mir noch schwer im Magen. Das Buch über das frühe Mittelalter schläferte mich ein, ich träumte mit brummendem Schädel von den dunklen Zellen mittelalterlicher Klöster, in denen durchgeistigte Mönche zwischen Folter, Gartenarbeit und dem Niederbrennen ganzer Städte immer noch Zeit genug fanden, das Seelenheil der Menschheit zu retten, oder es zumindest zu versuchen. »Jasiek, sind die Koffer alle in Ordnung? Es ist das einzige, was meine Tochter noch hat. Die Arme ist ja so unbeholfen. Sie ist so sehr daran gewöhnt, daß sich ihre Mutter um alles kümmert.« Der Ofen glühte behaglich hinter meinem Rücken. Ich starrte auf den Boden unter dem Sofa. Die Decke, mit der das alte Holzgestell zugedeckt war, reichte nicht ganz bis 34
hinunter und gab den Blick auf ein Stück der schwarzen Schutzhülle frei, mit der ich die Remington-Maschine zugedeckt hatte, bevor ich sie unters Sofa schob. Ich hatte sie lieber aus dem Lager herausgeholt. Hier war sie sicherer. »Frau Doktor«, sagte Jasiek geduldig und rieb sich dabei aus alter Gewohnheit die Hände. »Bei uns ist alles in Ordnung.« Er sah mich einen Augenblick an, bevor er weitersprach. »Bei uns klappts wie bei der Krankenkasse. Sie kennen mich doch lange genug.« »Und wenn sie mich hier nicht finden? So ein enges Gäßchen, und dann noch so weit draußen …« Die Alte war plötzlich unruhig geworden. »Ich will doch lieber anrufen …« Sie rutschte nervös auf ihrem Platz herum. »Sind Sie auf Ihre alten Tage denn ganz verrückt geworden?« zischte der Chef sie an. Das treuherzige Blau seiner Augen verschwand für einen kurzen Augenblick hinter den fast strohfarbenen Wimpern. »Wollen Sie uns die Deutschen auf den Hals hetzen? Sollen sie auch das noch mithören? Rufen Sie an, wenn Sie wollen, bitte sehr, aber nicht von hier aus!« Die Alte schrak zusammen, wie eine verärgerte Eule duckte sie sich in ihrer Ecke. Die dürren Finger spielten mechanisch mit der Brosche an ihrem Kleid. »Wie haben Sie das überhaupt angestellt, hierher zu kommen?« fragte ich, um das Gespräch im Gang zu halten. Die Tür knarrte. Jemand stand draußen und stampfte sich den Schnee von den Schuhen ab. Der erwartete Kunde. Jasiek schob seinen Stuhl zurück und ging hinaus. Die Alte hob den leeren Blick zu mir auf. »Siebenundzwanzigmal war ich in einem Kessel. Weiß Er, was das ist? Wahrscheinlich nicht, aber das macht nichts.« Sie winkte nachsichtig ab. 35
»Wir hatten unser Versteck in einer Wandnische. Wir hatten sie extra herausgebrochen. Zwanzig Menschen. Die ganz kleinen Kinder mußten es auch lernen. Wenn die Soldaten kamen und mit den Gewehrkolben die Wände abklopften, standen die Kinder ganz still. Sie weinten nicht, sie sahen uns nur mit großen Augen an. Auch wenn geschossen wurde, blieben sie still. Weiß Er, wie das ist? Ob sie herauskommen?« Ich ging zum Bücherbord und schob mein Buch zwischen zwei andere Bücher über das Mittelalter. »Die Kinder?« fragte ich verwundert. »Ach was! Kinder! Mein Schwiegersohn und meine Tochter! Ob sie herauskommen können? Er ist ein großer Freund vom Chef. Noch von der Heidelberger Universität her.« »Warum sind sie denn nicht mit Ihnen heraus?« Die Alte seufzte. »Er hatte noch ein Geschäft zu erledigen. Noch ein, zwei Tage … Dort ist bald alles aus. Immer nur aus – aus – aus … Die Häuser stehen leer, Bettfedern wirbeln durch die Straßen, die Menschen werden weggebracht … Immer mehr Menschen werden weggefahren …« Sie verstummte, ihr Atem ging schneller. Hinter der Tür stritten zwei Stimmen, laut und offenbar aufgebracht. Der Chef verhandelte über den Preis einer Holzlieferung. Es ging um die verlassenen jüdischen Häuser, das ganze Zeug wurde vom deutschen Kreishauptmann Hals über Kopf an einen polnischen Unternehmer verkauft. Endlich waren sich die beiden einig, die Tür fiel krachend ins Schloß. Jasiek und sein Kunde gingen zum Krämer, das Geschäft mußte begossen werden. Jasiek war zwar Abstinenzler, aber bei einem so fetten Fisch ließ er sich gern mal überreden. 36
»Ich will mir meine Sachen ansehen«, erklärte die Alte plötzlich. Bevor ich sie daran hindern konnte, schob sie ihren Mantel von den Knien, erhob sich und trippelte mit kleinen, eiligen Schritten auf den Hof hinaus. Das kleine Bürofräulein lächelte mir über den Tisch zu. Sie war schmächtig und vertrocknet, den ganzen Tag über kauerte sie in einer Sofaecke, die Beine untergeschlagen und auf den Knien ein offenes Buch. Sie verschlang ganze Berge von billigen Romanen, einen nach dem andern. Ursprünglich hatte der Ingenieur sie uns auf den Hals geschickt, sie sollte die Kasse überwachen. Aber schon am Ende der ersten Woche fehlten in der Kasse runde tausend Złoty. Jasiek bezahlte das Fehlende aus eigener Tasche, und der Ingenieur traute der Kleinen nicht mehr über den Weg. Uns störte sie nicht. Sie kam Tag für Tag und blieb immer ein paar Stunden im Büro sitzen. Ins Lager ging sie nie, sie konnte Sand von Kies nicht unterscheiden, aber mit einer Regelmäßigkeit, die mich an die Postbehörde erinnerte, versorgte sie mich mit sämtlichen Flugblättern der Konkurrenz. Manchmal beneidete ich sie um ihre Beziehungen zum Untergrund, denn ich spielte selber mit dem Gedanken, mich anzuschließen. Vorerst beschränkte sich meine Mitarbeit allerdings darauf, einige private Bulletins zu vervielfältigen. Ab und zu schrieb ich auch ein Gedicht, und hie und da nahm ich an einer mehr oder minder harmlosen Veranstaltung teil. »Was ist los mit der Alten? Hat sie viele Möbel?« fragte mich die Kleine. Ihre Stimme hatte einen ironischen Unterton. »Jeder tut, was er kann«, gab ich unbestimmt zurück. »Was die Nächsten können«, verbesserte sie mich mit einem Seitenblick. Sie trug ihr Haar unordentlich auf dem Hinterkopf aufgebauscht. Ihr Gesicht war schlecht zurechtgemacht, die dünne, schmale Nase glänzte. 37
»Sagen Sie mal, Herr Lagerverwalter, was machen eigentlich Ihre Gedichte? Sind die Einbanddeckel schon trocken?« Jasiek kam herein, an der Hand führte er die Alte wieder zurück ins Zimmer. Hinter ihnen trat der Fuhrmann über die Schwelle, draußen war es beißend kalt. Der Kutscher hockte sich neben den Ofen und streckte behaglich die blaugefrorenen Hände aus. Sein Pelz dampfte, es roch nach feuchtem Leder. »Die Grünen Minnas rasen durch die Stadt«, berichtete der Fuhrmann. »Ich war in der Zentrale. Die Straßen sind wie ausgestorben, es wird einem direkt unheimlich, so allein durch die Stadt zu fahren. Man erzählt sich, daß man uns aussiedeln will, sobald alle Juden weg sind. Bei uns geht die Jagd auch los. Am Bahnhof ist es schon ganz grün vor lauter Uniformen.« »Schön …«, kicherte das Büromädchen nervös. Sie war aufgestanden und ging mit hastigen Schritten um den Tisch herum. Ihre dünnen Beine steckten in schweren Schuhen, die ihr zu groß waren, und bei jedem Schritt wand sie sich unfreiwillig in den Hüften. »Wie komme ich jetzt heim?« Ich betrachtete den dünnen Rock, der sich über die knochigen Hüften spannte. »Per pedes«, sagte ich grob, warf mir meine Pelzjacke über und ging schnell hinaus. Der scharfe Wind fuhr mir ins Gesicht. Der Schnee wirbelte in kalten, nadelspitzen Kristallen durch die Luft. Über einen Trog gebeugt stand ein Arbeiter und löschte Kalk. Er wiegte sich von einem Bein aufs andere wie ein schlafendes Pferd. Sein Oberkörper schaukelte in weit ausholenden Bewegungen hin und her, dicke Rauchwolken stiegen aus dem Trog herauf und wehten ihm ins Gesicht. Der Mann arbeitete den ganzen Winter hindurch, 38
damit wir im Frühjahr, wenn die Bausaison wieder begann, genug Kalk vorrätig hatten. Tag für Tag schaffte er an die zwei Tonnen. Die Lagertür war nur angelehnt. Wenn die Razzia auch in der schmalen Gasse tobte, hängten wir immer ein Schloß vor. Betrunkene Polizisten jagten die Menge aus dem Gäßchen, die flüchtenden Menschen verliefen sich in den Feldern. Ein deutscher Gendarm, der die Masse um einen guten Kopf überragte, stapfte scheinbar gleichgültig durch die Straße, es entging ihm jedoch keine einzige Bewegung der Polizisten. Unten auf dem kleinen Platz wimmelte es noch von Menschen. Die Leute standen an den Hauswänden entlang, traten sich gegenseitig auf die Füße, stritten miteinander über jedes einzelne Brötchen in den riesigen Körben, handelten mit Zigaretten, Brot und Grieß. Der Lärm war unbeschreiblich, selbst die Mauern der alten Häuser schienen mitzuschreien und mitzubeben. Fast in jeder Haustür stand eine primitiv zusammengebastelte Waage, auf der hastig frisches Schweinefleisch gewogen wurde, an jeder Ecke goß jemand Schnaps in Gläser und leere Flaschen um. Auf dem großen, leeren Platz hinter der ehemaligen Schule krächzte unverdrossen ein uraltes Orchestrion. Ein paar Buden waren da aufgebaut, der Rummel ging weiter. Ein einziges Kind saß auf einem dämlich grinsenden Pferd des alten Karussells, aufgeplusterte Schwäne zogen majestätisch vorbei, hinter ihnen leere Autos und unbesetzte Fahrräder. Versteckt hinter bunt bemalten Holzplatten, trotteten die Leute, immer weiter im Kreis, und zogen das Karussell. Die Schießbude war leer, ebenso wie der Zoologische Garten, in dem laut der schreienden Plakate ein Krokodil, ein Kamel und ein Wolf friedlich zusammenwohnten. Ein paar unentschlossene Zeitungsjungen standen herum, jeder mit einem dicken Bündel Zeitungen un39
ter dem Arm, die keiner kaufte. Die Straßenbahnen fuhren leer heran, zogen ratternde Schleifen um den Platz und holperten leer wieder zurück, in die endlose Allee hinein. Die verschneiten Bäume glitzerten im strahlenden Sonnenschein, als hätte man sie aus zerbrechlichem Kristallglas geschliffen. Es war ein ganz normaler Markttag. In der Tiefe der Gasse schlossen graue Häusermauern und die hohen, kahlen Kronen der Bäume den Himmel ab. Drüben, hinter dem Viadukt, der mit Stacheldrahtverhau geschützt und von einem ganzen Kordon Gendarmen bewacht wurde, brodelte die Menschenmenge. Hie und da ragte ein großes Lastauto über die Köpfe hinaus. Nach und nach setzten sich die schweren Wagen in Bewegung und ratterten langsam und schwerfällig auf die Brücke. Sie waren alle mit großen Zeltplanen bedeckt. Hinter dem letzten Lastwagen stürzte eine Frau her. Sie hatte sich aus der Menge gelöst und lief mit ausgestreckten Armen, aber der Wagen fuhr immer schneller, die Räder gruben tiefe Spuren in den glattgefahrenen Schnee. Endlich sah die Frau ein, daß sie den Wagen nicht einholen konnte, sie blieb mit einer verzweifelten Bewegung stehen, taumelte und wäre gefallen, wenn nicht ein Polizist sie aufgefangen hätte. Er schob sie in die Menge zurück. ›Liebe, natürlich, Liebe‹, dachte ich erregt und lief zum Lager hinüber. Die Straße wurde leer, jeder versuchte, so gut er konnte, sich vor der drohenden Razzia in Sicherheit zu bringen. »Ihr Braut hat angerufen«, begrüßte mich der Chef, als ich wieder ins Büro kam. Er war in glänzender Laune, summte vergnügt ein Lied vor sich hin und lief mit federnden, tänzelnden Schritten im Büro umher. »Sie sagt, sie ist fertig und fährt zurück. Es geht nur langsam, überall ist die Jagd im vollen Gange. Gegen abend will sie wieder da sein.« 40
Die kleine, vertrocknete Angestellte warf mir einen kurzen, bösen Blick zu. »Offenbar sind wir jetzt an der Reihe, gleich nach den Juden.« Und als ich keine Antwort gab, fügte sie hinzu: »Machen Sie sich keine Sorgen?« »Sie kommt schon durch«, sagte ich zum Chef. Ich war vollkommen durchgefroren. Ich griff nach dem Schürhaken, stocherte im Ofen und legte nach. Der Ofen paffte eine dicke Rauchwolke ins Zimmer. »Ob wir auch diesmal Waggons bekommen? Wahrscheinlich gibt es diesen Monat eine Waggonsperre.« Der Chef verzog unwillig das Gesicht. Er hatte sich wieder auf seinen Stuhl gesetzt und trommelte mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte. Er hatte die schmalen, feingliedrigen Hände eines Pianisten. »Na schön. Und wenn wir Waggons kriegen, was haben wir davon? Der Ingenieur hat Angst, überhaupt etwas auf Lager zu halten. Gips und Zement haben wir so gut wie gar nicht, Kalk gibt es sowieso nur für die Deutschen und für ein paar Rüstungsbetriebe, und sonst? Wie soll es da mit der Firma noch aufwärtsgehn? Die anderen haben alles, was das Herz begehrt. Und wir? Ein paar popelige Steinchen, drei Ziegelsteine und vier Latten.« »Na, na«, sagte das kleine Bürofräulein. »Übertreiben Sie nur nicht. Im Lager liegt noch allerhand herum, wenn jemand bloß einmal gründlich nachschauen wollte …« »Sicher liegt da allerhand herum! Aber nur, weil ich die Sache selbst in die Hand genommen habe! Möchte wissen, wer sonst zu uns käme! Vielleicht der Krämer von nebenan, wenn er gerade mal die Dezimalwaage braucht.« Das Telefon klingelte. Der Chef drehte sich auf seinem Stuhl um, griff nach 41
dem Hörer, erwischte ihn den Bruchteil einer Sekunde vor der Beamtin und reichte ihn mit einer stummen Geste zu mir herüber. »Unser Wagen«, sagte ich und bedeckte die Sprechmuschel mit der Hand. »Was soll ich ausrichten?« »Fünfzig«, sagte der Chef lakonisch. »Fünfzig«, gab ich die Anweisung weiter. »Abends? Na schön, also abends.« »Herrlich. Darauf könnten wir eigentlich etwas essen.« Die Alte saß immer noch in ihrer Sofaecke, wie ein in die Enge getriebenes Tier. Der Chef erhob sich, ging ein paarmal auf und ab, räumte seinen Tisch ab und stellte einen Suppentopf auf den Ofen. »Sobald der Ingenieur merkt, daß unsere Umsätze kleiner geworden sind, feuert er die Schlampe da hinaus. Das als erstes. Und als zweites … Sagen Sie, Tadek, haben Sie sich schon etwas überlegt?« »Was soll ich Ihnen darauf antworten? Sie wissen doch am besten, daß ich ein armer Schlucker bin. Was wir hatten, hat alles die Brennerei geschluckt. Außerdem haben wir ein paar Bücher gekauft, ein paar Klamotten, Sie wissen doch, wie so etwas geht. Papier kostet auch allerhand Geld.« »Verkaufen Sie wenigstens die Gedichte, die Sie schreiben?« »Woher soll ich das wissen? Ich habe sie jedenfalls nicht dafür geschrieben, daß sie verkauft werden. Das sind keine Ziegelsteine«, sagte ich gekränkt. »Wenn sie gut sind, wird man sie auch kaufen«, sagte der Chef mit einer entwaffnenden Logik und biß in sein Brötchen. »Die paar Tausender, die Sie als Teilhaber brauchen, 42
werden Sie schon noch zusammenkriegen. Auf den Kopf sind Sie ja nun gerade auch nicht gefallen.« Die Alte aß langsam, mit sichtlichem Appetit. Die massiven Goldzähne gruben sich genießerisch in die weichen Brötchen. Ich sah ihr zu; ohne mir dessen bewußt zu sein, versuchte ich, das Gewicht und den Wert ihrer Goldzähne abzuschätzen. Die Tür knarrte wieder, ein Kunde war hereingekommen. Ein Pallottiner von der Nachbarkirche. Er trug eine breite Hornbrille und hatte ein scheues Lächeln aufgesetzt. Nach ein paar einleitenden Worten über die Razzia bestellte er Zement und Sand. Er bezahlte im voraus, mit säuberlich gebündelten Scheinen. »Gelobt sei …«, sagte er zum Abschied, und sein breiter Hut verschwand samt der knisternden Soutane hinter der Tür. »… in Ewigkeit«, antwortete die Kleine. Sie machte die Ofenklappe zu und wischte sich die Finger an einem Fetzen Zeitungspapier sauber. »Was meinen Sie, was die Alte jetzt tut?« »Der Chef wird schon eine Wohnung für sie finden. Sie hat zuviel Geld, er kann sie nicht einfach laufen lassen.« »Ach nee? Wissen Sie denn nichts? Vorher, als der Chef draußen war, hat die Alte ihre Tochter angerufen. Sie und ihr Mann können nicht mehr heraus aus dem Getto. Zu spät. Totalsperre.« »Na ja – wird halt die Alte eine Weile jammern und sich dann wieder beruhigen.« »Vielleicht …« Die Kleine zog den schäbigen Pelzmantel enger um ihre Schultern. Sie kuschelte sich in ihre Ekke und schlug das Buch wieder auf. Sie machte nicht den Eindruck, als wäre sie an einem weiteren Gespräch interessiert. 43
III Abends war ich meistens allein im Lager. Die Einbanddeckel des neuen Gedichtbändchens hingen immer noch wie nasse Wäsche an den Schnüren unter der Decke. Apolonius hatte sie alle eigenhändig zugeschnitten, und zwar im Folio-Format, damit sie auf die Matrizen des altertümlichen Vervielfältigungsapparates paßten. Die ehrwürdige Maschine war nur ausgeliehen. Normalerweise diente sie weit edleren Zwecken, nämlich der Herstellung von unendlich wertvollen Mitteilungen der Untergrundbewegung, in denen die neuesten Radionachrichten verbreitet und außerdem gute Ratschläge erteilt wurden, wie man Straßenkämpfe in mittelgroßen Städten führen soll. Davon abgesehen erwies sich die klapprige Maschinerie aber auch brauchbar für den Druck hochgestochener Hexameter, die meine Abneigung gegen den brausenden Wind der apokalyptisch vorbeihastenden Geschichte besangen. Der Einbanddeckel für mein Bändchen war sogar zweifarbig, und dieses Ereignis verdankten wir einem technischen Novum: Die Fetzen einer zerrissenen Wachsmatrize, die an der Walze klebten, lieferten uns die weißen Flecke, überall dort, wo das Netz nicht verklebt war, bildeten sich schwarze Flächen. Dieser Herstellungsvorgang war denkbar einfach, hatte aber einen beträchtlichen Nachteil. Ein solches Verfahren verschlang nämlich riesige Mengen schwarzer Farbe, und obendrein dauerte es eine ganze Ewigkeit, bis die Einbanddeckel trockneten. Die Schnüre unter der Decke baumelten bereits seit einer Woche, und die Farbe war immer noch naß wie am ersten Tag. 44
Ich nahm das Ganze also vorsichtig ab, legte starkes Pergamentpapier zwischen die klatschnassen Blätter, schnürte sie zu einem festen Bündel zusammen und schob sie unters Bett. Hinter der herabhängenden Bettdecke herrschte schon dichtes Gedränge. Da standen ein kaputtes Radio, das auf den Mechaniker wartete, eine handliche Vervielfältigungsmaschine im Taschenformat, flach wie eine Zigarrenkiste, die stabile Remington, die ich aus dem Schuppen hierher geschleppt hatte, damit sie drüben nicht naß wurde, und eine komplette Sammlung aller Publikationen einer bestimmten »imperialistischen« Organisation. Ein Bekannter, der seine Wohnung schnell verlassen mußte, es aber nicht übers Herz brachte, sich von diesen Schätzen zu trennen, hatte sie mir zur Aufbewahrung übergeben. An meinen einsamen Abenden vertrieb ich mir die Zeit mit Schrubben, Staubwischen und, so gut es eben ging, mit Fensterputzen. Wenn ich dann endlich den Eindruck hatte, daß das winzige Zimmerchen einigermaßen ordentlich und aufgeräumt war, stülpte ich der Lampe ihren blaßgrünen Schirm über, verschloß sorgsam die Tür, damit es schön behaglich warm wurde, und setzte mich ins Büro. Dort schrieb ich meine tiefsinnigen Sentenzen und treffenden Aphorismen, machte mir auf zahllosen Zettelchen bibliographische Notizen, sortierte die bekritzelten Papierchen in verschiedene Schächtelchen und lernte sie auswendig. Von Zeit zu Zeit blieb mein Blick an der Tür hängen. Ich wartete. Auf Maria. Der Schnee hinter dem Fenster verlor langsam sein leuchtendes Blau, die Dämmerung überzog ihn mit einem schmutziggrauen Zementton. Die ragende Wand des niedergebrannten Hauses färbte sich rot wie ein einziger nasser Ziegelstein, später stand sie schwarz und unbewegt, so als ließe die Stille der Dunkelheit sie erstarren. Über dem 45
Bahnhof wirbelte der Wind rosige Rauchschwaden hoch in die Luft, zerriß sie in lange, flatternde Fetzen und trug sie hinauf zu den Wolken, wo sie hängenblieben wie weiche große Flocken auf dem durchsichtigen Spiegel eines klaren, tiefen Wassers. Der Alltag mit seinen Sandhaufen, dem überdachten Fußpfad, dem Hoftor und den glanzlosen Häusern versank langsam in der steigenden Flut der Dämmerung. Nur die Stille war geblieben, jene tiefe Stille, die man singen hört, wenn man in sie hineinlauscht, und das unmerkliche, brennende Beben eines menschlichen Sehnens, eine Sehnsucht nach etwas, was ein Mensch niemals erleben und niemals ergründen wird. Im Vorhof bewegten sich noch die Schatten. Der Fuhrmann schleppte dicke, klobige Bündel aus dem Schuppen und lud sie eins nach dem anderen auf den Wagen. Oben stand breitbeinig der Betonfritze und stapelte die einzelnen Stücke fachmännisch auf. Bei jeder Bewegung half er sich mit der Zunge, die lustig von einer Backe zur anderen wanderte. Hinter dem Wagen, neben der Alten, stand der Chef. Er hielt sich mit einer Hand an der Latte des Wagens fest, seine Fingernägel kratzten gedankenlos über das splitternde Holz. »Ich habe keine Ahnung. Mir hat man es halt ganz anders beigebracht«, sagte er zu der Alten und schürzte die Lippen. Seine Stimme klang wütend. »Für meinen Verstand war das von Anfang an alles falsch. Was hat das für einen Sinn? Wofür die ganze Plagerei?« Die Alte neigte den Kopf. Der schwarze Hut beschattete das erdige Gesicht, auf dem rote Frostflecken glühten. Ihre Lippen zuckten vor Kälte, die Goldzähne funkelten. »Paß Er gut auf!« mahnte sie den Arbeiter, der auf dem Wagen stand. Bei jedem Paket, das oben landete, zuckte die Alte zusammen, als hätte man sie selbst hinaufgeworfen. 46
»Jasiek muß verzeihen«, wandte sie sich nach dem Chef um, »daß ich ihm so viel Mühe gemacht habe. Aber für Jasiek hat sich die Mühe gelohnt, nicht wahr?« »Ich weiß nicht, was Sie meinen, Frau Doktor«, sagte der Chef. »Das Geld, das ich von Ihnen bekam, habe ich für die Wohnung ausgegeben, und die paar Klamotten, die Sie mir hiergelassen haben, von denen werde ich auch nicht reich.« Die Alte duckte sich unter dem grauen Dach des Schuppens. Sie trat von einem Fuß auf den andern, offensichtlich fror sie wie ein Schneider, denn die abgetretenen dünnen Schuhe boten keinen Schutz gegen die Kälte. Sie blinzelte mit den geröteten, kurzsichtigen Augen, schniefte und lächelte verschmitzt vor sich hin. »Sie werden ihnen auch so keine große Hilfe sein, Frau Doktor«, spottete der Chef. Er starrte mißmutig auf seine Schuhspitzen. »Wissen Sie denn nicht, wie das weitergeht? Tod, Tod und Vernichtung. Sonst nichts! Ist es nicht besser, sich aus allem herauszuhalten und weiterzuleben? Ich glaube immer noch, daß es wieder Zeiten geben wird, in denen ein friedlicher Mensch ruhig seinen Geschäften nachgehen kann.« Ein schwerer Diesel mit Anhänger bog in die enge Gasse ein, hinter ihm flatterte die schwere, schwarze Fahne der Auspuffgase. Der Chef verzog das Gesicht zu einem erleichterten Grinsen und öffnete hastig den zweiten Schuppen. Ich war mit zwei langen Sprüngen am Hoftor. Der schwere Wagen drückte sich rückwärts bis an das gegenüberliegende Haus heran und kroch dann langsam in unseren Hof, bis an den zweiten Schuppen. Der Fahrer sprang aus seiner Kabine. Er trug einen schmutzigen, verschmierten Overall, auf dem kurzen, krausen Haar saß verwegen eine deutsche Mütze. 47
»Abend. Fünfzig?« fragte er, klatschte in die Hände und ging mit langen, wiegenden Schritten in den Schuppen. Mit flinken Augen sah er sich dort in allen Ecken um. »Oh – la – la! Alles verkauft?« Er schnalzte anerkennend mit der Zunge. »Großer Umsatz, großer Gewinn! Aber der Preis hat wieder angezogen. Zehn Złoty mehr pro Sack. Also, sagen wir fünfunddreißig?« »Nichts zu machen«, sagte der Chef und hob mit einer unmißverständlichen Geste die Hände. »Zweiunddreißig. Unten auf dem Platz zahlt man schon fünfundfünfzig und mehr«, meinte der Soldat geduldig. »Hat Er Leute zum Abladen?« wandte sich der Chef zu mir um. »Haben müssen wir’s.« »Keine Leute«, grinste der Soldat breit. Er hatte starke, gesunde Zähne und glattrasierte, glänzende Backen. Er drehte sich zum Wagen um und schnürte die Zeltplane hoch. »Meine Herren!« kommandierte er. »Alles raus! Abladen!« Zwei verschlafene Gestalten hockten auf den Zementsäcken. Bei dem Klang seiner Stimme warfen sie die Mäntel ab, mit denen sie sich zugedeckt hatten, und rappelten sich hoch. Der unsanfte Befehl hatte sie schnell auf die Beine gebracht, es dauerte keine Sekunde, bis sie an der Arbeit waren. Der eine schob die Säcke an den Rand des Wagens, der andere drückte sie flach an seine Brust, packte sie am unteren Ende und trug sie in den Schuppen. Dort ließ er sie einfach los, und die schweren Säcke fielen auf den Betonboden. Ich versuchte, ihn zu einer anderen Arbeitsweise zu bringen, denn ich wollte nicht, daß die Säkke platzten und das kostbare Material zum Teufel ging. Da streckte der Beifahrer, der in der Fahrerkabine geblieben war und wohl inzwischen ein Nickerchen gemacht hatte, den zerzausten Kopf zum Fenster heraus. 48
»Peter! Sag ihnen, daß sie sich beeilen sollen! Wir müssen gleich weiter!« Er stemmte sich mit dem Ellbogen gegen den Fensterrahmen und glotzte schläfrig in die dunkle Tiefe des Schuppens. Auf seinem groben, behaarten Handgelenk glitzerte ein schmales Damenarmband. Seine unrasierten Wangen mit den langen Stoppeln sahen fast schwarz aus. »Mach schnell, alter Slawe!« brummte er zwischen den Zähnen. Als er meinen fragenden Blick auffing, grinste er mich freundlich an. Ich ging wieder in den Schuppen. Einige Säcke waren doch geplatzt, und der Arbeiter drehte sich nach mir um. Er war von oben bis unten mit dem feinen grauen Staub bedeckt, sein Atem ging keuchend. Er hob die Hand, als wollte er sich die Stirn abwischen, und flüsterte mir verstohlen zu: »Sind fünf Sack mehr. Wollen Sie haben?« »Zwanzig pro Stück«, brummte ich, fast ohne die Lippen zu bewegen. »Komm mit ins Büro«, forderte ich den Soldaten auf, »wir rechnen ab.« Der blies sein Streichholz aus, warf es weg und zog gierig den Rauch seiner Zigarette ein. Seine Augen leuchteten für einen kurzen Augenblick gelb auf, die glimmende Zigarette erhellte eine Sekunde sein pausbäckiges Gesicht. »Fünfzig Stück?« Der Alte zeigte dem Arbeiter fünf gespreizte Finger. »Ja, Chef! Ich zähle mit«, nickte der Arbeiter eifrig. Unser Fuhrmann war mit dem Aufladen fertig. Sein Helfer stopfte noch das letzte Bündel zu den anderen und zog die Stricke, die die Ladung zusammenhielten, fester an. Alles war liebevoll verschnürt, die beiden hatten sich Mü49
he gegeben, als hätten sie zerbrechliches Glas verpackt. Die wertvollen Sachen waren in der Mitte, ringsherum befanden sich Koffer und Körbe, ganz oben schepperndes Geschirr und sonstiger Plunder. Der Wagen wartete geduldig. Die Alte trippelte unter dem schützenden Dach auf und ab, die blaugefrorenen Hände in ihren alten Muff vergraben. Als ein Soldat vorbeiging, versteckte sie sich blitzschnell hinter der offenen Schuppentür. »Umzug?« fragte der Soldat im Vorbeigehen. »Natürlich. Was denn sonst?« Der Himmel war ganz dunkel geworden, er stand hoch über den Wolken, lautlos wie ein kreisender Falke. Über dem Tor kämpfte der kahle Baum immer noch gegen den reißenden Wind, verbissen wie ein Mensch, der fest entschlossen ist, nicht kampflos nachzugeben. »So lebt ihr dahin, ruhig hinter dem Ofen versteckt«, sagte der Soldat mit gutmütiger Verachtung in der Stimme. »Und unsereins trägt seine Haut zu Markte für euren Frieden.« Der Chef bot uns Stühle an. Er telefonierte gerade mit seiner Frau. »Also was ist? Ist dir das Essen gelungen oder nicht? Was? Rüben? Ach was! Nimm doch Kraut!« Er lächelte versonnen. »Was? Der Kleine schläft immer noch? Weck ihn doch auf, er schläft schon länger als zwei Stunden.« Der Soldat öffnete die Tür zum Nebenzimmer und spähte hinein. »Neue Bücher dazugekommen, was? Hübsch! Und wie behaglich! Man müßte nur noch eine Platte auflegen. Und wie geht’s dem Fräulein Braut?« Er zeigte auf den roten Morgenmantel, der am Kleiderhaken hing. Dann besah er die beiden Bilder, die Apoloni50
us gemalt hatte. Von dem einen blickte ein Kind mit großen, erstaunten Augen ins Leere. Eine alte, magere Bettlerin hielt das Kleine an der Hand. Auf dem zweiten Bild leuchtete ein gelber Krug aus einem schmutziggrünen Stilleben. Als der Soldat die Tür wieder schloß, blieben ein bißchen Dreck und ein scharfer, soldatischer Geruch im Raum hängen. Der Chef fischte ein Bündel Banknoten aus der Tasche, zählte andächtig flüsternd die gefalteten Scheine ab und reichte sie dem Fahrer. »Nächste Woche Mittwoch, ja?« fragte der Soldat. »Ist gut. Sehr gut«, sagte der Chef. »Sehen Sie, Tadek«, wandte er sich an mich, »man müßte ein eigenes Lager haben, dann könnte man sich mit Ware eindecken, alles ein paar Tage stehenlassen und einen Haufen Geld verdienen.« »Die Schlampe rennt schon hin zum Ingenieur.« »Wenn er nichts findet, glaubt er ihr doch nicht. Alles, was da ist, geht gleich weiter. Ist schon vorbereitet. Und außerdem weiß er, daß er sich mit uns gut stehen muß. Sein Schäfchen hat er längst ins trockene gebracht, aber die Finger davon lassen kann er doch nicht«, sagte der Chef etwas neidisch. »Schauen Sie zu, Tadek, daß Sie die Bruchbude kaufen können. Die paar Tausender, die noch fehlen, lege ich dazu.« »Und wenn ein allgemeines Bauverbot kommt?« »Das haben wir jetzt auch, und trotzdem bauen die Leute weiter. Das, was Sie in der Schublade haben, reicht Ihnen zum Leben. Das Grundstück und der Schuppen darauf bleiben auch nach dem Krieg unser Eigentum. Als hätten wir’s gefunden. Na, sehen Sie. Und jetzt kommen Sie mit, wir müssen die Alte hinausbugsieren. Sie hat ihre Maschine bei Ihnen vergessen.« 51
Der Chef schob sich die Haare aus der Stirn und setzte mit einer fast übermütigen Geste die Straßenbahnermütze auf. Die Verkleidung als Straßenbahner war sehr praktisch. Erstens konnte er umsonst fahren, und zweitens fühlte er sich sicherer, wenn er in eine Razzia geriet. »Die Firma kann die Maschine ganz gut gebrauchen.« Der Soldat hatte sein Geld nachgezählt und schob es in die Hosentasche. »Geht in Ordnung«, sagte er, drückte uns die Hand und stapfte hinaus. Unser Fuhrmann nahm dem Pferd den Haferbeutel ab, zündete die rote Laterne an, hängte sie unten an den Wagen, griff nach den Zügeln und schnalzte mit der Zunge. Der Wagen schaukelte langsam auf die Straße hinaus, holperte über das Pflaster und versank in der Tiefe der Gasse, festlich wie ein Wagen im Karnevalsumzug im roten Licht seiner Laterne. Oben auf den Koffern und Bündeln, fest eingewickelt in eine rote Decke, saß die alte Jüdin. Sie hatte die Knie angezogen und den alten Pelzkragen hoch über die Ohren geschlagen. Über ihr stachen die Beine eines Tisches in den Himmel, es sah aus, als drohten vier starre, tote Finger den dunklen Wolken. Die Alte hielt die Augen geschlossen, vielleicht war sie eingenickt. Hinter dem Wagen liefen ein paar zerlumpte Kinder her; sie hofften wohl, daß sie während der Fahrt etwas stehlen könnten. Mit dem einbrechenden Abend belebte sich die Straße. Der goldene Mond spielte mit den federleichten Wolken, er hing wie eine Scheibe Ananas über den Dächern, sein Licht fiel in die Spitzenvorhänge der Baumkronen, auf die dunklen Häuser und auf den glitzernden Schnee, der auf den Gehsteigen lag. 52
Vor der Schule ging der Gendarm auf und ab, dunkelblau wirkte seine Gestalt. Die Wäscherinnen huschten durch den violetten Schimmer der Laterne und verschwanden im Dunkel des ausgebrannten Hauses. Aus dem Krämerladen kamen angeheiterte Polizisten, einer nach dem anderen trat seinen Nachtdienst an. Die Glocke an der Kirche, die dank unserem schwarz gehandelten Kalk und Zement im vollen Glanze strahlte, fing leise zu bimmeln an, verspielt und lachend wie ein Kind, und weckte die Tauben aus dem Schlaf. Sie flogen hoch, umkreisten mit lauten Flügelschlägen den Turm und fielen dann schwerfällig wieder auf das Dach herab. Der schwere Diesel umfuhr vorsichtig die Schlaglöcher, hupte nochmals zum Abschied und bog aus dem Hof auf die Straße hinaus. Ich sprang schnell zum Anhänger und drückte das Geld in die harte Hand, die unter der Zeltplane hervorragte. »Es waren zehn Stück!« rief mir der Arbeiter zu, aber gleich darauf verdeckte die Zeltplane wieder sein Gesicht. »Das war wieder mal ein Tag!« seufzte der Chef und zog sich den Riemen enger um seinen Straßenbahnermantel. Er wollte immer schlanker aussehen, als er wirklich war, auch wenn der enggeschnallte Riemen drückte. »So, jetzt bleiben Sie allein. Was ist, kommt Ihre Braut nicht?« »Ich sorge mich auch schon. Eigentlich müßte sie längst wieder dasein. Die Razzia dauerte heute den ganzen Tag. Sicher haben sie wieder eine Menge Leute erwischt.« »Was kann man da machen?« Der Chef schob seufzend ein großes Stück Fleisch in die Aktentasche. Das morgige Mittagessen. »Hoffentlich kommt sie durch.« »Warten Sie doch. Ich muß nur schnell etwas zum Abendbrot holen. Nach so einem Tag kriegt man Hunger.« 53
Wir traten zusammen auf die Straße hinaus. Der große Diesel versperrte gerade die Einfahrt in die enge Gasse. Er dampfte und spuckte, die Auspuffgase hüllten die Leute ein, die auf dem Gehsteig standen und auf den Platz hinunterschauten. Unser Fuhrmann wartete geduldig am Straßenrand, bis er freie Fahrt bekommen würde. Die Nacht sank immer tiefer herab. Hinter dem schwarzen Streifen der Felder, hoch über dem silbrigen Band des Flusses spannte sich die kühne Brücke über den Strom. Auf dem anderen Flußufer versank die schwere Masse der Stadt langsam im dickflüssigen Brei der Dunkelheit. Nur die schmalen, scharfen Strahlen der Scheinwerfer glitten lautlos über den Himmel, trafen sich wie steife Arme von Marionetten über der Stadt, fielen kraftlos zurück zur Erde. Für einen kurzen Augenblick sah es aus, als wäre die Gasse alles, was von der Welt noch übriggeblieben war. Hier pulste das Leben, hier staute sich die Menge. Ratternd, mit aufgeblendeten Scheinwerfern, fuhren die Lastwagen vorüber. Sie waren vollgestopft mit Menschen, unter den Zeltplanen schimmerten dicht nebeneinander die blassen Flecken der Gesichter. Wie Lichter, die im Wind verlöschen, verschwanden sie dann wieder im Dunkel. Hinter den Lastwagen knatterten Motorräder, die Fahrer hatten Stahlhelme auf, ihre langen, flatternden Schatten sahen wie häßliche Nachtfalter aus. Beißender Benzingestank füllte die enge Gasse. Wie ein Geisterzug bewegte sich die Kolonne auf die Brücke zu. »Bei der Kirche hatten sie die Leute geschnappt«, sagte der Krämer. Seine Stimme klang wie erstickt, seine Hände legten sich schwer auf meine Schultern. »Verdammtes Gesindel!« »Bald sind wir an der Reihe«, sagte der Polizist düster. Er hatte den Riemen dienstlich unters Kinn geklemmt, und diese amtliche Würde drückte ihn ganz erbärmlich. Als er 54
den Helm abnahm, um sich über den Kopf zu wischen, leuchtete seine Glatze matt auf. Quer über die Stirn zog sich ein breiter, roter Streifen, der vom Helm herrührte. »Ist die Jüdin schon wieder weg?« fragte der Krämer im vertraulichen Flüsterton. »So schnell?« »Sie ist woanders hingezogen.« »Und was ist aus der Wohnung geworden?« Er beugte sich zu meinem Ohr. »Ich habe schon vorgefühlt deswegen. Der Herr Chef wollte mir heute eine Anzahlung geben.« »Suchen Sie doch den Chef«, knurrte ich ihn an. »Entschuldigung«, flüsterte der Krämer. Das gleißende Licht der Scheinwerfer, das ihm in die Augen fiel, ließ ihn zusammenzucken. Unmittelbar darauf schob sich der stechende Lichtstrahl weiter in die Gasse hinein, und die Krämeraugen erloschen. »Sie geht zurück ins Getto. Ihre Tochter und deren Mann können nicht mehr heraus.« »Klar«, sagte der Krämer aus tiefster Überzeugung. »Stirbt wenigstens mit ihr wie ein Mensch …« Er seufzte und starrte in die Gasse. Unten in der Biegung war die Gasse verstopft. Die Kolonne blieb stehen, die Laster fuhren dicht hintereinander. Kehlige, unverständliche Rufe wurden laut. Die Motorräder fuhren aus der Reihe der Laster heraus, und ihre Scheinwerfer tauchten die Gasse, die Häuser und die Menge in weißes, flutendes Licht. Die Menschen sahen aus wie bleiche Knochengerippe, die leeren Fenster blinkten auf, nur die buntscheckigen Pferde auf dem Karussell grinsten … Die Scheinwerfer rutschten weiter, betasteten den leeren Zoologischen Garten, die schreienden Plakate, die Schießbude, die leeren Straßenbahnen unten 55
an der Haltestelle, schwankten zögernd von links nach rechts und blieben schließlich an den Lastwagen hängen. Marias Gesicht unter dem schwarzen Hut war kalkweiß. Sie hob in einer rührenden Bewegung die kalkweißen Hände, drückte sie gegen ihre Brust, um Abschied zu nehmen. Sie stand auf einem der Lastwagen, eingeklemmt in der Menge, dicht neben einem Gendarm. Wie eine Blinde sah sie in einen der Scheinwerfer hinein, und ich hatte das Gefühl, als blickte sie direkt in mein Gesicht. Ihre Lippen bewegten sich, vielleicht wollte sie noch etwas sagen, vielleicht wollte sie mich rufen. Sie schwankte, beinahe wäre sie gefallen. Dann erzitterte der Wagen, knurrte wie ein böses, gereiztes Tier und zog mit einem Ruck an. Ich wußte überhaupt nicht mehr, was ich tun sollte … Erst später erfuhr ich, daß Maria in ein berüchtigtes Lager am Meer gebracht worden war. Sie war Mischling. Man hat sie vergast. Und vielleicht zu Seife verkocht.
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DER KNABE MIT DER BIBEL
Der Aufseher schloß die Tür auf. Ein Knabe trat in unsere Zelle und blieb zögernd an der Schwelle stehen. Hinter ihm fiel die Tür wieder zu. »Wofür hat man dich denn eingesperrt?« fragte Kowalski, der Setzer aus der Bednarskastraße. »Für nichts«, sagte der Knabe und strich sich mit der Hand über den kahlgeschorenen Kopf. Er trug einen abgewetzten schwarzen Anzug wie die Internatsschüler. Über dem Arm hielt er einen Mantel mit schmalem Pelzkragen. »Wofür kann man den schon eingesperrt haben! Ist doch ein Fratz! Und sicher ein Jude«, sagte Kozera, der Schmuggler aus Małkinia. »Halten Sie den Mund, Kozera«, mahnte Schreier, der Beamte aus der Mokotowskastraße. Er streckte sich an der Wand aus. »Sieht nicht danach aus.« »Still jetzt! Sonst glaubt er, es säßen lauter Banditen hier«, befahl Kowalski. »Komm, Junge, setz dich hierher auf den Strohsack. Und denk nicht nach, das hat keinen Sinn.« »Nicht dahin! Der Platz gehört Mławski, und der kann jeden Augenblick vom Verhör zurückkommen«, sagte Schreier, der Beamte aus der Mokotowskastraße. Bei ihm hatte man illegale Schriften gefunden. »Sind Sie denn schon ganz verrückt geworden, Alter?« fragte Kowalski, der Setzer aus der Bednarskastraße, verwundert. Er rückte etwas zur Seite und machte dem Kna57
ben Platz. Der setzte sich hin und legte seinen Mantel auf die Knie. »Was glotzt du denn so? Das hier ist ein Keller, sonst nichts. Hast noch nie einen Keller gesehen?« fragte Matula, der als Gestapomann verkleidet bei den Bauern Schweine requiriert hatte. »So einen Keller nicht«, sagte unwillig der Knabe. Die Zelle war klein und niedrig. Wenn es dunkel wurde, glitzerten winzig kleine Wassertropfen an den Kellermauern. Die schmutzige, verzogene Tür war verkratzt und verschmiert, fast jeder ehemalige Insasse hatte seinen Namen und die Daten seines Aufenthaltes hineingeschnitzt. Neben der Tür stand ein Kübel. Auf dem Betonboden, dicht an der Wand, lagen zwei Strohsäcke. Die Menschen hockten hier eng aneinandergedrängt, ihre Knie berührten sich. »Na, dann schau dich gut um. So etwas siehst du so bald nicht wieder«, lachte Matula derb. Er rückte auf seinem Platz ein Stück zur Seite. »Noch eine?« »Noch eine«, sagte ich und nahm eine Karte. »Und du?« Er nahm drei Karten und sah hinein. »Von mir aus. Schluß.« »Zwanzig«, sagte ich und legte meine Karten auf. »Wieder verloren«, sagte Matula und klopfte sich den Staub von den Knien. Seine Reithose wies noch Spuren von Bügelfalten auf. »Der Brotkanten gehört dir. Und die Karten sind sowieso alle gezinkt.« Draußen auf dem Gang knackten die Lichtschalter. Unter der Decke flammte ein trübes Licht auf. In dem kleinen, vergitterten Fenster ganz oben an der Wand hingen 58
ein Stück Himmel und eine Ecke des Küchendachs. Die Gitterstäbe waren schwarz. »Wie heißt du, Junge?« fragte Schreier, der Beamte. Außer den Flugblättern hatte man bei ihm auch noch Quittungen gefunden, für Beiträge zu irgendeiner geheimen Organisation. Schreier hockte den ganzen Tag auf seinem Strohsack, rührte sich nicht vom Fleck und mahlte ununterbrochen mit seinem falschen Gebiß. Seine abstehenden Ohren wurden immer abstehender. »Ist doch egal, wie ich heiße. Mein Vater ist Bankdirektor.« »In diesem Fall bist du ein Bankdirektorsöhnchen«, sagte ich und wandte mich zu ihm um. Der Knabe saß leicht nach vorn gebeugt und hielt ein Buch dicht vor die Augen. Sein Mantel lag immer noch ordentlich gefaltet auf seinen Knien. »Ach, ein Buch. Was ist denn das für ein Buch?« »Die Bibel«, sagte der Knabe, ohne den Blick zu heben. »Die Bibel? Glaubst du, daß sie dir hier hilft? Einen Dreck hilft sie dir!« sagte Kozera, der Schmuggler, von der Tür her. Er ging mit langen, weitausholenden Schritten von Wand zu Wand, zwei Schritte auf, zwei Schritte ab, umdrehen, auf der Stelle. »Ich kriege so oder so eins aufs Dach.« »Je nachdem«, sagte ich und nahm neue Karten von Matula. »Siebzehn und vier.« »Bin gespannt, wer von uns heute dran ist«, sagte Schreier, der Beamte aus der Mokotowskastraße. Jeden Tag, wenn die Zellentür aufging, glaubte er, er sei nun an der Reihe, erschossen zu werden. »Schon wieder?« knurrte böse Kowalski, der Setzer. 59
»Noch einmal«, entschied Matula, der verhinderte Gestapomann. Bei der letzten Requirierung hatte sein Revolver versagt. »Mitgegangen, mitgehangen!« Unsere Karten waren aus Pappe, unsere Vorgänger hatten sie uns hinterlassen. Sie waren aus einer Schachtel gemacht, die von einem Freßpäckchen übriggeblieben war. Die Figuren waren mit Tintenstift gezeichnet. Jede einzelne Karte war gezinkt. »Dem kann nicht viel passieren«, sagte ich und legte mir die Blätter zurecht. »Pappi blecht, Mammi lächelt den zuständigen Herrn an, und der junge Herr spaziert nach Hause.« »Ich habe keine Mutter«, sagte der Knabe und hob das Buch noch näher an die Augen. »So, so«, sagte Kowalski, der Setzer, und legte dem Knaben seine schwere Hand auf den Kopf. »Wer weiß, ob wir morgen noch am Leben sind.« »Schon wieder?« zischte Schreier, der Beamte aus der Mokotowskastraße. »Mach dir keine Sorgen«, sagte ich zu dem Knaben. »Wichtig ist nur, daß man zu Hause keine Sorgen um dich hat, wenn du erst tot bist. Wann haben sie dich verhaftet?« »Mich haben sie überhaupt nicht verhaftet«, sagte der Knabe. »Bist du nicht auf der Polizei gewesen?« »Nein.« Der Knabe klappte das Buch zu und schob es vorsichtig in die Manteltasche. »Mich haben sie auf der Straße behalten.« »War heute wieder ›Haschen‹? Wo? In welcher Straße?« fragte Schreier beunruhigt. Bei ihm hatte man Flugblätter und Quittungen gefunden. Seine beiden Töchter nahmen am geheimen Schulunterricht teil. Jeden Tag hoffte er auf ein Freßpaket von zu Hause. 60
»Da stimmt was nicht«, erklärte Kowalski, der Setzer. »Wenn ›Haschen‹ gewesen wäre, hätten sie einen ganzen Haufen Leute eingeliefert, nicht nur einen. Das hätten wir bis hierher gehört.« »Denkst du vielleicht, daß du von diesem Loch bis zum Tor blicken kannst? Alles, was du siehst, ist das Küchendach und ein Stück der Werkstatt«, sagte ich und wies mit dem Kopf zu dem winzigen Fenster. Ich hielt Matula, dem »Gestapomann«, meine Karten hin: »Neunzehn.« »Das kommt darauf an«, sagte Kozera, der Schmuggler aus Małkinia. Er hatte Speck geschmuggelt, und man hatte ihn an der »klassischen Stelle«, an der Grenze, erwischt. Jetzt stand er neben der Tür und schaute durchs Fenster. »Hier sieht man mehr. Vor der Küchenbaracke geht ein Wachmann mit Hund auf und ab. Die Kartoffeln für morgen werden ausgeladen.« »Schon wieder nichts«, sagte Matula und warf seine Karten hin. »Ich hab heute kein Glück. Sicher bin ich dran. Warum hätten sie mich sonst hergebracht?« »Hast du gedacht, daß sie dich laufen lassen?« fragte Kozera, der Schmuggler. Er ging mit großen Schritten zwischen der Tür und dem Fenster hin und her. »Ja …«, seufzte Matula. »Vielleicht gewinne ich doch noch. Wenn nicht, kannst du auch mein Brot für morgen haben.« Er mischte die Karten, die aus einer Pappschachtel ausgeschnitten waren. »Wenn sie dich heute holen, hab ich von deinem Brot für morgen auch nicht viel«, ich streckte die Hand aus. »Du gibst!« »Ein Polizist hat mich auf der Koziastraße behalten«, sagte der Knabe. 61
»Ein Blauer?« fragte Kozera, der Schmuggler, interessiert. »Mich auch.« »Ein ganz gewöhnlicher Polizist. Und der brachte mich hierher.« »Einfach hierher? Durchs Tor? Übers Getto? Das gibt’s nicht«, sagte Schreier, der Beamte aus der Mokotowskastraße. »Er brachte mich in einer Droschke her. Dazu sagte er noch, es sei schon zu spät, um mich zur Polizei zu fahren. Er lieferte mich einfach hier am Tor ab«, sagte der Knabe und lächelte uns allen zu. »Der Polizist hatte Sinn für Humor«, sagte ich zu dem Knaben. »Hast wohl die Mauern mit Farbe beschmiert?« »Mit Kreide«, verbesserte er mich. »Das hast du nun von deiner Malerei«, sagte Kowalski, der Setzer aus der Bednarskastraße. »Hast Glück, daß ich nicht dein Vater bin.« Er strich dem Knaben über den kahlgeschorenen Kopf. »Kowalski, warum hast du eigentlich deine Zeitung gedruckt?« fragte Kozera, der Schmuggler. Er lief immer noch mit großen Schritten von Wand zu Wand. »Ich hab keine Zeitung gedruckt. Ich wollte eine Ottomane kaufen.« »Ausgerechnet in einer Druckerei des Untergrunds, was? Keine Mätzchen.« Ich reichte Matula meine Karten. »Du paßt hier herein wie ein französisches Goldstück in die Hand einer Straßendirne. Das ist frei nach Shakespeare, Setzer Kowalski.« »Noch mal, dann hab ich gewonnen«, sagte Matula und teilte die Karten wieder aus. »Ich mag nicht mehr. Zwei Brotkanten reichen mir«, ich schob die Karten zurück. 62
»Ich bin genauso unschuldig hineingeschliddert wie du auch«, sagte Kowalski, der Setzer aus der Bednarskastraße. »Du weißt doch ganz genau, daß ich nur meine Braut suchen ging, weil sie zwei Tage lang nicht nach Hause gekommen war.« »Ausgerechnet bei den Helden, die die Waffen schmieden, wie?« lachte Kowalski, der Setzer. Ich beugte mich zu dem Knaben hinüber und berührte seine Hand: »Leihst du mir nachher dein Buch?« Der Knabe schüttelte verneinend den Kopf. »Und überhaupt, woher sollte ich’s wissen?« sagte Kowalski, der Setzer. »Die Anzeige hing ja draußen.« Wir verstummten. Unter der Decke blinkte trübe das Licht. Wir saßen auf zwei zerrissenen Strohsäcken. In der Ecke, gleich unter dem Fenster, hockte Schreier, der Beamte aus der Mokotowskastraße, dessen zwei Töchter am geheimen Schulunterricht teilnahmen. Er hielt den Kopf auf die Knie gesenkt, seine Ohren standen weit ab. Matula, der verkleidete Gestapomann, der sich auf Requirieren spezialisiert hatte, saß mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt. Er betrachtete trübsinnig die Karten, die vor ihm auf dem Strohsack ausgebreitet lagen. Auf dem zweiten Strohsack saß Kowalski, der Setzer aus der Bednarskastraße, der in eine Untergrunddruckerei gegangen war, um dort eine Ottomane zu kaufen. Neben ihm der Knabe, der Mauern mit Kreide beschmiert hatte und in der Bibel las. Kozera, der Schmuggler, marschierte vom Fenster zur Tür und zurück. Die Tür war schwarz und niedrig, vollgekratzt mit Namen und Daten. Hinter den dunklen Gitterstäben des aus63
geschlagenen Fensters glänzte rot das Küchendach und verblaßte der violette Himmel. Ein Stück weiter stand die Mauer, und dahinter reihten sich die Wachttürme der Posten. Noch weiter hinter der Mauer lag das Getto. Die Häuser standen leer, in den blinden, toten Fenstern jagten sich zahllose Federn, der Wind spielte in aufgeschlitzten Polstern und Kopfkissen. Schreier, der Beamte aus der Mokotowskastraße, hob den Kopf und sah den Knaben mit der Bibel an. Der Knabe las schon wieder, er hielt das Buch ganz nahe an die Augen. Auf dem Gang hallten Schritte. Die Eisenplatten, mit denen der Boden belegt war, klirrten laut und hohl. Die Zellentüren knallten. »Endlich«, sagte Kowalski, der Setzer. Auch er hatte gelauscht. »Bin gespannt, wieviel Neue es diesmal gibt.« »Das ist die einzige Ware, die niemals knapp wird. Die braucht man nicht zu schmuggeln. Die kommt von allein«, meinte Kozera, der Schmuggler aus Małkinia. »Na, wenigstens werden wir hören, was sich draußen in der Welt tut«, fand Matula, der verkleidete Gestapomann, der Todeskandidat war und nur noch auf die Vollstreckung des Urteils wartete. »Vor zwei Wochen wart ihr noch draußen, in der Welt. Habt ihr viel gehört, was sich tut?« »Ich weiß aber nicht, ob ich in zwei Wochen immer noch auf der Welt bin«, gab Matula zurück. »Was kann’s dich dann noch interessieren, was sich draußen tut? So oder so ist es aus, oder?« »Wenn der Krieg ganz schnell zu Ende geht, muß es nicht unbedingt aus sein, meinst du nicht auch?« 64
»Ein polnisches Gericht hätte dir auch eins drauf gegeben. Raub ist Raub«, sagte Kowalski, der Setzer. »Ja. Und dir hätten sie einen Orden umgehängt, nur weil du eine Ottomane kaufen wolltest.« Die Zellentür flog auf. Mławski trat ein. Er kam von einem Verhör zurück. Die Zellentür fiel hinter ihm zu. »Na, Jungs, wie steht’s? Ich hatte Schiß. Sah schon fast so aus, als könnte ich über Nacht draußen bleiben. Aber dann kam doch noch ein zweiter Wagen.« »Die Bäume blühen schon, oder? Und die Leute draußen laufen herum, als wäre gar nichts geschehen?« fragte ich und drehte eine Karte in den Händen. »Hast du doch auch gesehen, als man dich herbrachte. Die Menschen leben halt einfach weiter.« »Hier, da hast du deine Suppe.« Setzer Kowalski reichte ihm den Napf mit dem Abendessen. »Das Mittagessen haben natürlich die anderen gegessen.« »Nicht schlimm«, sagte Mławski. »Ich hab mittags gegessen, gar nicht schlecht. Erbsensuppe mit Brot. Dafür haben sie mir mächtig eingeheizt.« Er stand neben dem Strohsack und schnitt mit dem Löffel die dickflüssige, breiige Masse. »Wie war’s? Kannst du überhaupt sitzen?« »Es ging. Dort habe ich so gut wie gar nichts abgekriegt. Erst im Vorzimmer der Gestapo ging’s los. Heute hatten wir einen Bekannten dabei. Er und mein Vater hatten früher mal geschäftlich zusammengearbeitet. Noch in Radom. Du weißt doch, wie so etwas ist.« Mławski aß langsam, ohne Hast. »Die Suppe schmeckt gut, ich mag sie gern, auch wenn sie kalt ist. Fast so viele Kartoffeln wie zu Hause.« 65
»Ich hab auch dem Kalfaktor gesagt, daß es für dich ist, und er hat den Schöpflöffel ganz schön tief in den Kessel getaucht«, erklärte ich. »Was sagt der Referent?« wollte Schreier wissen, der Beamte aus der Mokotowskastraße, bei dem sie Zeitungen und Quittungen gefunden hatten. »Nichts«, knurrte Mławski. Er stellte seinen Napf neben dem Kübel ab und zog sich den Mantel aus. »Deinetwegen habe ich ganz schön was in die Fresse gekriegt«, wandte er sich an mich. »Die Glasscherbe im Futter. Warum schleppst du das Zeug eigentlich mit? Willst du dir damit die Gurgel durchschneiden oder was?« »Für den Fall des Falles«, sagte ich und schob mir den Mantel ins Kreuz. Jedesmal, wenn Mławski zum Verhör mußte, nahm er meinen Mantel mit. Seine Lederjacke war fast neu, wie leicht hätte sie ihm einer abnehmen können. Mławski setzte sich neben mich auf den Strohsack. »Weißt du was? Er hat meinem Vater vorgeschlagen, als Spitzel zu arbeiten. Was meinst du dazu?« »Was meint dein Vater dazu?« »Er hat zugesagt, natürlich. Was blieb ihm anderes übrig?« Ich hob die Schultern. Mławski wandte sich um und sah den Knaben mit der Bibel an: »Neu, was? Hab ich dich nicht schon auf der Polizei gesehen? Oder warst du am Ende gar mit mir auf der Gestapo?« »Nein«, sagte der Knabe von seinem Buch herüber. »Ich war in keiner Zelle.« Kozera war bei seinem Spaziergang gerade wieder an der Tür angelangt. »Er sagt, ein blauer Greifer hat ihn in einer Kutsche hergebracht.« 66
»Ich könnte wetten, daß ich dich auf der Polizei gesehen habe«, überlegte Mławski. »Aber wenn du sagst – komisch, aber es mag stimmen …« Wir schwiegen. Zwischen dem Himmel und den dunklen Gitterstäben hing der laue Frühlingsabend, von unten angestrahlt, weil alle Lichter im Gefängnis brannten. Schreier saß da, das Gesicht in den Händen vergraben, seine Ohren standen ab. Kozera marschierte immer noch zwischen den Strohsäcken und der Tür hin und zurück. »Spielst du mit?« fragte mich Matula. »Man hockt hier herum wie ein Klotz. Vielleicht gewinne ich doch noch.« Der Knabe las immer noch in seiner Bibel. »Hört doch mit den ewigen Karten auf!« schimpfte Schreier ohne den Kopf zu heben. »Ihr würdet noch um die eigene Mutter spielen! Und ich …« Er verstummte und mahlte wieder mit seinem künstlichen Gebiß. »Na, na«, brummte Matula. »Der intelligente Zeitungsfritze hat natürlich wieder etwas zu meckern. Also, was ist? Spielst du mit?« »Laßt die Karten und macht euch fertig!« befahl Kowalski, der Setzer aus der Bednarskastraße. »Der Kalfaktor brüllt schon.« Wir erhoben uns von den Strohsäcken und stellten uns mit dem Gesicht zur Tür. Draußen auf dem Gang wurden Stimmen laut. »Der Ukrainer hat heute Dienst. Aber vielleicht geht doch noch alles glatt über die Bühne«, flüsterte ich Mławski zu. Unsere Zellentür wurde aufgeschlossen. Ein dicker, kleiner SS-Mann blieb an der Schwelle stehen. Er hatte ein rotes, viereckiges Gesicht und helles, schütteres Haar. Sein 67
Mund war fest zusammengekniffen, die kurzen, stämmigen Krummbeine steckten in hohen, glänzenden Schaftstiefeln. Im Gürtel trug er einen schweren Revolver, von der linken Hand baumelte eine lange, dünne Peitsche herab. Hinter ihm stand ein baumlanger Ukrainer und rasselte mit dem Schlüsselbund. Seine Mütze saß verwegen über einem Auge. Neben ihm duckten sich der Kalfaktor und ein kleines, schmächtiges Männlein. Der Schreiber, ein jüdischer Advokat aus dem Getto, hielt ein Bündel Papiere in den Händen. Schreier, der Beamte aus der Mokotowskastraße, leierte die paar auswendig gelernten deutschen Sätze herunter. Die-und-die Zelle, belegt mit so-und-soviel Mann, alle anwesend. Der rotgesichtige Wachmann deutete jeweils mit dem Finger. »Ja«, nickte er. »Stimmt. Schreiber, wer von hier?« »Benedikt Matula«, las der Schreiber und sah uns alle an. »Gott, jetzt krieg ich eins aufs Dach«, flüsterte Matula, der falsche Gestapomann, der auf eigene Faust requiriert hatte. »Los! Rauskommen!« brüllte ihn der Wachmann an, packte ihn am Hals und riß ihn aus der Zelle auf den Gang hinaus. Die Tür blieb sperrangelweit offen. Ein Stück weiter im Gang standen die Wachtposten, bis an die Zähne bewaffnet. Die Stahlhelme blinkten düster im trüben Licht der Birnen, in jedem Gürtel steckten ein paar Handgranaten. Der Wachmann drehte sich nach dem Schreiber um. »Alles? Gehen wir weiter?« »Nein, noch nicht alles«, lispelte der jüdische Schreiber, 68
ein ehemaliger Advokat. »Noch einer. Zbigniew Namokel.« »Hier«, sagte der Knabe mit der Bibel. Er drehte sich um und ging zu seinem Eckchen Strohsack. Dort bückte er sich, nahm seinen Mantel auf und legte ihn wieder über den Arm. Dann trat er zur Tür, blieb einen Augenblick stehen und sah sich um. Er schaute uns alle an, sagte aber nichts. Er ging hinaus auf den Gang. Hinter ihm fiel die Tür krachend zu. »Vorbei. Der Appell ist vorbei, der Tag ist um. Zwei Mann weniger. Wieder ein Tag mehr. Der nächste.« Das war Kozera, der Schmuggler aus Małkinia. »Es gibt noch ein paar«, sagte Kowalski farblos. »Ein Knabe war da, und nun ist er weg.« Er stellte sich breitbeinig über den Kübel. »Los! Alle Mann antreten! Es ist Zeit, daß wir die Strohsäcke auseinanderlegen, und ich mag nicht, daß mir dann einer über die Visage trampelt, wenn er mal muß. Los jetzt, solange es noch hell ist!« Wir zogen die Strohsäcke auseinander. »Schade, daß er die Bibel mitgenommen hat. Hätten wir wenigstens was zu lesen gehabt«, sagte ich zu Mławski. »Ach, laß doch! Hilft ihm auch nichts mehr. Aber ich hab ihn heute auf der Polizei gesehen, darauf könnte ich schwören«, sagte Mławski. »Was mag er bloß getan haben, der Bengel? Und warum hat er wohl gelogen? Warum hat er uns denn erzählt, daß ihn ein Polizist auf der Straße festgenommen und direkt hierher gebracht hat?« »Er sah wie ein Jude aus. Sicher war er ein Jude, sonst würden sie ihn nicht kaltmachen«, sagte Schreier unter dem Fenster. Er hatte sich schon hingelegt und wickelte sich stöhnend seinen Mantel um die Füße. Seine Stimme 69
klang anders als sonst, denn er hatte sein Gebiß schon herausgenommen, säuberlich in ein Papierchen eingepackt und in der Tasche verstaut. »Wozu braucht er dann eine Bibel?« »Sicher war er ein Jude. Sonst hätten sie ihn nicht mitgenommen. Obwohl Matula auch erschossen wird«, sagte Kowalski und streckte sich auf dem Strohsack aus. Er lag neben Kozera. »Krimineller! Lump, verdammter! Zog sich als Gestapomann an und ging, mit dem Revolver in der Faust, auf die eigenen Leute los! Geschieht ihm recht«, knurrte Kozera böse. Mławski und ich legten uns auch hin und deckten uns zu, mit Mławskis Lederjacke an den Füßen und oben mit meinem Mantel. Ich zog den Pelzkragen über den Kopf. Vom Fenster her zog es kalt und feucht. Der Himmel war inzwischen ganz dunkel geworden, fast schwarz. Das Stückchen Welt, das zwischen dem Himmel und dem ebenerdigen Fenster lag, schimmerte wie goldener Staub. Immer noch brannten alle Lichter im Gefängnis, und durch ihren Schein hindurch blinkten fern und verloren die Sterne. »Wie schön die Welt ist«, sagte ich halblaut zu Mławski. »Nur nicht für uns, wir gehören nicht mehr dazu.« Wir lagen dicht nebeneinander, einer wärmte den andern. »Ich möchte wissen, ob sie meinen Vater geholt haben«, flüsterte Mławski zurück. Ich drehte mich auf die Seite und sah ihm ins Gesicht. »Heute ist es herausgekommen, daß er ein Jude ist«, sagte Mławski sehr leise. »Der Referent hat ihn wiedererkannt. Sie haben zusammen Geschäfte gemacht, in Radom, im Getto.« 70
»Dann hätten sie dich auch mitgenommen«, versuchte ich ihn zu trösten. »Ich bin Mischling. Meine Mutter war Polin.« »Dein Vater soll doch als Spitzel arbeiten? In diesem Fall können sie ihn nicht holen.« »Hoffentlich tut er’s. Das wäre gut.« »Haltet doch den Mund!« Kozera reckte den Kopf. »Habt ihr noch nicht genug? Eine kleine Sportveranstaltung vor dem Schlafengehen gefällig?« Wir verstummten. Langsam schliefen wir ein. Plötzlich riß uns ein Schuß hoch, der irgendwo ganz in der Nähe fiel. Gleich danach ein zweiter. »Offenbar war es ihnen zu weit bis in den Wald. Sie legen sie gleich hier um.« Ich fing an zu zählen: »Vierzehn … fünfzehn … sechzehn …« – »Gleich neben dem Tor …«, sagte Mławski. Er drückte krampfhaft meine Hand. »Der Knabe mit der Bibel … Sicher ein Jude … Welcher Schuß mag ihm gegolten haben?« fragte Kowalski, der Setzer. »Legt euch hin und schlaft. Schlaft doch endlich!« zischte Schreier, der Beamte aus der Mokotowskastraße. »Ja, schlafen wir«, sagte ich zu Mławski. Wir legten uns wieder hin, deckten uns zu, mit seiner Lederjacke und meinem Mantel. Ganz eng schmiegten wir uns aneinander. Vom Fenster zog es. Kalt und feucht.
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EIN TAG IN HARMENCE
I Der Schatten der Kastanien ist grün und weich. Er wiegt sich sanft über der Erde, die noch feucht und schwarz ist, frisch aus der Furche ausgehoben. Oben, hoch über unseren Köpfen, schließt sich das Blättergewirr zu einer zarten, seidigen, blaßgrünen Kuppel, die nach dem morgendlichen Tau duftet. Die Bäume stehen wie ein hochgewachsenes Spalier auf beiden Seiten der Straße. Das zarte Grün löst sich fast ohne Übergang in dem blassen Blau des Himmels auf. Von den Teichen, drüben, zieht der eklige, modrige Geruch der Sümpfe herüber. Das Gras glitzert, es ist dicht und weich wie Plüsch, an jedem Halm hängt ein funkelnder Tropfen Tau. Die Erde ist noch silbrig, aber sie dampft schon. Der Tag wird heiß werden. Das Laub der Kastanien ist grün und weich. Ich sitze im Sand, im Schatten des Laubes, und ziehe mit einem großen ›Franzosen‹ die Schrauben an den Gleisen der Schmalspurbahn nach. Der Franzose fühlt sich angenehm kühl an, er liegt gut in der Hand, ab und zu hole ich aus und lasse ihn auf die Schiene sausen. Dann hallt der metallene, harte Klang über ganz Harmence und kommt nach einer Weile in einem singenden, unwirklichen Echo von fern her wieder zurück. Um mich herum, auf ihre Spaten gestützt, stehen Griechen. Sie kommen aus Mazedonien, aus Saloniki, aus den weiten, fruchtbaren Weingärten und haben Angst vor dem Schatten. Sie haben ihre Hemden 72
ausgezogen, die grelle Sonne brennt unbarmherzig auf ihre nackten Schultern und Lenden, die mit Geschwüren und Krätze bedeckt sind. »Was bist du heute fleißig, Tadek! Guten Morgen. Hast du keinen Hunger?« »Guten Morgen, Fräulein Hanna. Nein, danke, ich habe keinen Hunger. Und außerdem muß ich heute mächtig auf die Pauke hauen. Unser neuer Kapo … Ich bitte um Verzeihung, daß ich nicht aufstehen kann. Sie wissen ja, ›Krieg, Bewegung, Arbeit‹ …« Fräulein Hanna lächelt. »Aber natürlich, ich weiß. Wenn ich nicht wüßte, daß du es bist, ich hätte dich nicht erkannt. Weißt du noch, wie du die Kartoffelschalen weggeputzt hast, die ich für dich den Hühnern geklaut habe?« »Weggeputzt? Weggefressen habe ich sie, Fräulein Hanna! Achtung! SS-Mann in Sicht. Von rückwärts!« Fräulein Hanna warf ein paar Handvoll Körner unter die Hühner, die von allen Seiten herbeiliefen. Aber als sie sich wieder zu mir drehte, winkte sie nur ab. »Das ist bloß der Chef«, sagte sie geringschätzig. »Der frißt mir aus der Hand.« »Aus einer so kleinen Hand? Eine tüchtige Frau sind Sie geworden, Fräulein Hanna!« Ich holte wieder aus, der Franzose fiel dröhnend auf die Schiene nieder. Ihr zu Ehren ließ ich die Melodie La donna è mobile erklingen. »Mann! Hör doch auf mit dem Krach! Aber vielleicht möchtest du doch etwas essen? Ich gehe gerade in den Hof hinüber. Soll ich etwas mitbringen?« »Danke, danke, Fräulein Hanna. Sie haben mich wirklich genug gefüttert, damals, als ich so arm …« 73
»… aber ehrlich war«, ergänzte Hanna mit einem leicht ironischen Lachen. »Und hauptsächlich ungeschickt«, setzte ich hinzu. »A propos ungeschickt: Ich hatte zwei Stück Seife für Sie organisiert. Zwei wunderschöne Stück Seife, mit dem schönsten Namen der Welt: Warschau … Und …«. »… und nun sind sie weg. Geklaut, wie üblich.« »Geklaut, wie üblich. Solange ich nichts hatte, schlief ich ruhig wie ein Kind. Jetzt kann ich mein Bündel schnüren, wie ich will, aufpassen, wie ich will, am Morgen sind die Knoten doch auf, und alles ist beim Teufel!« Ich sah sie an. »Vor ein paar Tagen war es ein volles Glas Honig, heute die Seife. Aber wenn ich den erwische, der das getan hat! Der kann sich auf etwas gefaßt machen!« Fräulein Hanna lachte laut auf. »Kann ich mir vorstellen! Aber laß doch! Wegen der Seife brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich habe gerade heute zwei schöne Stück Seife von Iwan bekommen. Ach, beinah hätte ich’s vergessen. Hier, gib Iwan das Päckchen, es ist Speck.« Sie legte ein kleines Päckchen unter den Baum. »Schau, da ist die Seife.« Sie wickelte ein Päckchen aus, das mir sonderbar bekannt vorkam. Ich trat etwas näher heran und schaute zu. Zwei Stück Seife kamen zum Vorschein, auf jedem prangte der Name Warschau. Ich reichte sie Hanna zurück. »Schöne Seife, wirklich«, bestätigte ich. Meine Augen wanderten über das Feld. Über die weite Fläche verstreut, bewegten sich kleine Gruppen, alles arbeitende Menschen. Ganz hinten, am äußersten Ende, dort, wo das Feld an den Kartoffelacker grenzte, erspähte ich Iwan. Wie ein treuer Schäferhund lief er um die Herde herum, feuerte seine 74
Leute mit Rufen an, die ich nicht verstehen konnte, und schwang einen dicken Knüppel, den er sich selbst aus einem Ast zurechtgeschnitten hatte. »Der wird was erleben, der Dieb!« knurrte ich und merkte gar nicht, daß ich in die Luft sprach. Hanna war schon weitergegangen. Erst nach einigen Metern drehte sie sich nochmals um und rief mir über die Schulter zu: »Mittagessen wie gewöhnlich, unter den Kastanien.« »Danke.« Ich machte mich wieder an die Schrauben. Von Zeit zu Zeit sauste mein Franzose auf die Schienen, es klang noch härter als vorher. Für die Griechen ist Hanna eine kleine Sensation. Nicht zuletzt auch wegen der Kartoffeln, die sie ihnen ab und zu mitbringt. »Fräulein Hanna gut, extra prima. Ist deine Madonna?« »Ach wo, Madonna!« Aus Versehen habe ich mir mit dem Schraubenschlüssel auf die Finger geklopft. »Nix Madonna! Bekannte, na, camerade, filos, compris, Greco bandito?« »Greco nix bandito, Greco gut Mensch! Aber warum du nicht von sie essen? Kartoffel? Patatas?« »Ich bin nicht hungrig. Ich habe genug zu essen.« »Du nix gut, nix gut«, ein alter Grieche schüttelt den Kopf. Früher mal war er ein angesehener Kaufmann in Saloniki, er spricht fließend zwölf Sprachen, mit denen er hier nichts anfangen kann. »Wir Griechen haben Hunger, immer Hunger, ewig ewig.« Unter der räudigen Haut, die mit Krätze und Geschwüren bedeckt ist, bewegen sich die mageren Muskeln. Jeder einzelne Muskel scheint sein eigenes Leben zu führen, es ist ein seltsames, faszinierendes Spiel. Ein kleines Lächeln mildert den gespannten Aus75
druck seines Gesichts, nur die Augen glühen, das fiebrige Feuer in seinen Augen kann er nicht verbergen. »Sagt ihr’s doch, wenn ihr Hunger habt. Sie bringt euch was. Und jetzt tut endlich was, langweilige Bande! Laborando! Laborando! Ich gehe woandershin, mit euch ist nichts los!« »Das war falsch, Tadek, wirklich, das hast du nicht richtig gemacht«, tadelte ein alter, dicker Jude, der plötzlich hinter den anderen auftauchte. Er stützte sich auf seinen Spaten und schaute auf mich herunter. »Du hast doch auch Hunger gehabt, du solltest uns verstehen. Es kostet dich doch nichts, wenn sie mal einen Eimer Kartoffeln für uns mitbringt.« Die Betonung liegt eindeutig auf dem Wort »Eimer«. »Du, Beker, hau ab und laß das Philosophieren! Schau dir deinen Spaten an und mach dich an die Arbeit. Und laß mich in Ruh. Compris? Nur das eine noch: Wenn du am Verrecken bist, geb ich dir den Rest. Weißt du wofür?« »Wofür denn?« »Für Posen. Oder stimmt es nicht, daß du der Lagerälteste im jüdischen Lager in Posen warst?« »War ich. Und weiter?« »Hast du keine Leute totgeschlagen? Hast du keine Leute aufhängen lassen, für ein lächerliches Stück Margarine oder für ein jämmerliches Stück Brot?« »Ich habe Diebe aufhängen lassen.« »Beker, es heißt, dein Sohn ist in der Quarantäne.« Bekers Hände krampften sich um den Spatenstiel, sein Blick wanderte bedächtig von meinen Schultern über den Nacken bis zu meinem Kopf. »Du, laß den Spaten los und schau nicht so kriegerisch drein! Stimmt es etwa nicht, daß dein Sohn befohlen hat, dich zu erledigen, für die dort in Posen?« 76
»Stimmt. Und meinen zweiten Sohn habe ich aufhängen lassen. Nur nicht an den Händen, sondern am Hals. Weil er Brot gestohlen hat.« »Vieh!« brach es aus mir heraus. Aber Beker, ein älterer, angegrauter Jude, der etwas zur Schwermut neigte, war schon wieder vollkommen ruhig und beherrscht. Er sah mich an, von oben herab: »Wie lange sitzt du schon im Lager?« »Oh, ein paar Monate.« »Weißt du, Tadek«, sagte er völlig unerwartet. »Ich mag dich, ich mag dich sehr gern. Aber Hunger, wirklichen Hunger, den hast du noch nicht gehabt, was?« »Es kommt darauf an, was man darunter versteht.« »Wirklichen Hunger hat man erst dann, wenn man einen anderen Menschen als etwas Eßbares betrachtet. Ich hatte schon solchen Hunger, verstehst du?« Ich schwieg, schlug weiter auf die Schienen ein und sah ab und zu nach links und rechts, ob der Kapo nicht irgendwo unerwartet auftauchte. Währenddessen sprach Beker weiter: »Das Lager dort – unser Lager – war ganz klein. Es lag direkt neben der Straße. Leute gingen vorüber, gut angezogene Leute, auch Mädchen. Zum Beispiel sonntags, wenn sie in die Kirche gingen. Oder junge Pärchen. Ein Stückchen weiter lag ein Dorf. Ein gewöhnliches Dorf, und die Leute dort hatten alles. Nur eine halbe Stunde von uns weg … Und wir hatten Rüben … Mensch, bei uns wollten sich die Menschen bei lebendigem Leibe gegenseitig auffressen. Und da sollte ich die Köche nicht erschlagen, die Fett gegen Schnaps eintauschten und Brot für Zigaretten? Mein Sohn hat gestohlen, und darum habe ich ihn getötet. Ich bin Gepäckträger, ich kenne das Leben.« 77
Ich sah ihn an, als sähe ich ihn zum erstenmal. »Und du? Hast du nur deine Portion gegessen?« »Wieso? Das ist was anderes! Ich war doch der Lagerälteste!« »Aufpassen! Laborando, laborando! Presto!« brüllte ich plötzlich los. Aus der Straßenbiegung war ein SS-Mann auf einem Fahrrad aufgetaucht. Er radelte an uns vorbei, seine Blicke glitten über uns hinweg. Wie auf Befehl hatten sich alle Köpfe gesenkt, die bereitgehaltenen Spaten flogen durch die Luft, mein Schraubenschlüssel klirrte auf den Schienen. Der SS-Mann verschwand unter den Bäumen, die Spaten senkten sich wieder und verharrten. Die Griechen fielen in ihren gewohnten Scheintod zurück. »Wie spät ist es?« »Keine Ahnung. Noch weit bis zum Mittagessen. Noch was, Beker, zum Abschied: Heute gibt’s wieder ›Sieb‹ im Lager. Und ich hoffe, daß du samt deinen Geschwüren in den Kamin wanderst.« »Sieb? Woher weißt du das?« »Warum bist du so erschrocken? Es gibt Sieb, das reicht. Angst hast du, was? Man geht so lange zum Brunnen …« Mit einem boshaften Lächeln gehe ich weiter. Der Gedanke gefällt mir. Ich summe einen neuen Tango vor mich hin. Den neuesten Schlager. Krematorium-Tango heißt er. Zwei leere Augen blicken unbeweglich vor sich hin.
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II Die Schienen meiner Eisenbahn ziehen sich kreuz und quer über das Feld. Das eine Ende führt zu einem hohen Knochenhaufen, den die Lastwagen aus dem »Kremo« hier abgeladen haben, das andere mündet in einem Teich, wo alle diese Knochen schließlich landen werden. Mein Weg führte an einem großen Sandberg vorbei. Sein Sand wird eines Tages das ganze Feld bedecken, in einer dünnen Schicht, die alle überflüssige Feuchtigkeit aufsaugen soll. Außerdem passierte ich mit meinen Schienen noch einen hohen Berg frischer Erde. Auch die Erde wird später einmal über das Feld verteilt werden, doch das dauert noch, zuerst kommt der Sand. Kreuz und quer laufen meine Schienen. Und überall, wo sich die Gleise kreuzen, müßte eine große, eiserne Drehscheibe liegen. Wir haben aber nur eine, die tragen wir einmal dahin, einmal dorthin, je nachdem, wo sie gerade gebraucht wird. Ein Haufen halbnackter Gestalten bückte sich, griff nach der Scheibe, krallte die Finger hinein. »Hooooch! Hooooch!« brüllte ich und hob, wegen der besseren Wirkung, beide Arme in die Luft. Ich sah aus wie ein besessener Dirigent. Die Leute rissen an der Drehscheibe, einer fiel hin und plumpste schwer vornüber. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Die anderen beförderten ihn mit ein paar kräftigen Tritten aus dem Kreis. Der Unglückliche hob das Gesicht, in dem sich Tränen mit Sand vermischten, und stöhnte: »Schwer … Kollege … Ist zu schwer …« 79
Dann steckte er die zerschundene Hand in den Mund und leckte gierig das fließende Blut. »Los! An die Arbeit! Nochmals! Hooooch!« »Doguri!« Die Menge antwortet im Chor, und die Rükken krümmen sich wieder, die Wirbelsäulen sind scharfkantig wie die Rückenflosse eines Raubfischs, an den mageren Schultern spannen sich die Muskeln. Nur die Arme, die nach der Scheibe greifen, sind schlaff und hängen kraftlos herab. »Doguri!« »Doguri!« Plötzlich prasselt ein ganzer Regen Hiebe auf die gebückten Gestalten hernieder. Der Stiel trommelt durch die Luft, trommelt über die Schädel, die Haut auf den mageren Knochen platzt, die schlaffen Arme straffen sich. Ein wilder Tumult bricht plötzlich um die Platte herum aus, die Menge heult, verstummt ebenso jäh, und schließlich hebt sich die Platte, schwankend und zitternd, über die Köpfe der Gruppe und setzte sich unsicher in Bewegung. Jeden Augenblick droht sie zu fallen und die kahlgeschorenen Menschen, die sie weitertragen, unter sich zu begraben. »Ihr Hunde!« knurrte der Kapo im Weggehen. »Ich werd’s euch zeigen!« Er wischte sich schweratmend das rote, aufgedunsene Gesicht mit den gelben Flecken. Seine leeren, glanzlosen Augen blickten der Gruppe nach, als hätte er die Leute noch nie gesehen. Dann drehte er sich nach mir um: »Du, Eisenbahner, warm heute, was?« »Warm. Kapo, die Platte kommt doch zum dritten Inkubator, nicht? Und die Schienen?« »Direkt zum Graben.« 80
»Da liegt aber ein ganzer Berg Erde im Weg.« »Schau zu, wie du durchkommst. Bis Mittag bist du damit fertig. Und für heute abend machst du mir vier Tragbahren zurecht. Vielleicht muß jemand ins Lager getragen werden. Warm heute, was?« »Ja, warm … Aber, Kapo, Kapo! Weiter mit der Scheibe! Weiter! Zum dritten Häuschen! Kapo schaut zu!« »Eisenbahner, gib mir eine Zitrone!« »Schicken Sie den ›Pipel‹ zu mir! In der Tasche hab ich keine.« Der Kapo, um dessen Lieblingslaufburschen es sich handelt, nickt zerstreut, dann geht er hinkend davon. Ich weiß, wohin er geht. Zum Hof hin, in der Hoffnung, er könne irgendeinen leckeren Bissen erwischen. Doch die Hoffnung trügt, ich weiß es besser. Er kriegt nichts, weil ihn keiner mag. Er schlägt die Leute. Wir bringen die Drehscheibe an ihren Platz, ziehen mit letzter Kraft die Schienen nach, schieben die Schwellen darunter, drehen die Schrauben mit bloßen Händen fest. Die fiebernden, halbverhungerten Gestalten liegen herum, erschöpft, gehetzt und blutend. Die Sonne steigt immer höher, die Hitze wird immer unerträglicher. »Wie spät ist es, Kollege?« »Zehn«, sage ich, ohne die Augen von den Schienen zu heben. »Gott, noch zwei Stunden bis Mittag! Stimmt es, daß es heute ein Sieb fürs Krematorium geben soll?« Alle wissen schon davon. Verstohlen säubern sie ihre Wunden, damit sie besser und kleiner aussehen, sie reißen die Verbände ab, massieren die Muskeln, bespritzen sich mit Wasser, nur damit sie abends bei der Besichtigung frischer und strammer wir81
ken, als sie sind. So kämpfen viele um das nackte Leben. Anderen ist alles egal. Sie bewegen sich nur, wenn ein Hieb auf sie niedersaust und sie glauben, ihm noch entkommen zu können. Gras fressen sie und die lehmige, klebrige Erde, um das nagende Hungergefühl damit zu betäuben. So irren sie umher, nichts als lebende Leichname. »Wir alle – Krematorium. Aber Deutsche auch kaputt. Alle. Krieg fini: alle Deutsche Krematorium. Alle. Frauen, Kinder. Verstehst?« »Versteh, Greco gut. Aber stimmt nicht. Keine Auslese. Keine Angst.« Ich muß buddeln, ich muß durch den Erdwall hindurch, der meinen Schienen im Wege steht. Der leichte, kurze Spaten hüpft mir wie von selbst in den Händen. Die Erde ist weich und locker, mit jedem Spatenstich fliegt ein Erdhaufen in die Luft. Es arbeitet sich gut, wenn man zum Frühstück ein ganzes Viertel Speck verschlungen, mit Knoblauch gewürzt und mit einer ganzen Dose Kondensmilch nachgespült hat. In dem schmalen Schattenstreifen des dritten Inkubators hockt der Kommandoführer, ein vertrocknetes, runzliges SS-Männchen mit offenem Hemdkragen. Das Herumkriechen unter den Arbeitern hat ihn zu sehr angestrengt, erschöpft und hochgradig ermüdet sitzt er jetzt da und ruht sich aus. Seine Spezialität ist eine dünne, schwingende Rute. Gestern hat er mich damit zweimal erwischt, heute noch tut mir der Rücken weh. »Gleisbauer, was gibt’s Neues?« Ich schwinge meinen Spaten, die Erde fliegt hoch. »Dreihunderttausend Bolschewiken bei Orel gefallen.« »Das ist gut, meinst du nicht auch?« »Sicher. Weil dort doppelt soviel Deutsche gefallen sind. 82
Wenn es so weitergeht, sind die Bolschewiken in einem Jahr da.« »So? Glaubst du?« Er lächelt dünn und boshaft und stellt die obligate Frage: »Wie weit ist es noch bis zum Mittagessen?« Ich fische eine silberne Uhr aus der Tasche. Ein uraltes Stück, mit lächerlichen, römischen Ziffern. Irgendwie mag ich die Klamotte, sie erinnert mich an die Uhr meines Vaters. Ich habe sie für ein Päckchen Feigen gekauft. »Elf.« Das Männchen ist aufgestanden, nimmt mir seelenruhig die Uhr aus der Hand. »Gib mir die Uhr. Sie gefällt mir.« »Kann ich nicht. Ist ein Familienstück.« »Kannst du nicht? Na, dann eben nicht.« Er holt aus und schleudert die Uhr gegen die Mauer. Anschließend setzt er sich wieder in den Schatten, zieht die Beine unter sich. »Warm heute, was?« Ich hebe wortlos die Uhr auf, schwinge meinen Spaten und beginne zu pfeifen, weil ich sonst an meiner Wut ersticken müßte. Zuerst kommt der Fox von der lustigen Johanna. Dann folgt ein alter Tango zu Ehren der Rebecca, danach das »Warschauer Marschlied«. Als mir kein Schlager mehr einfällt, greife ich nach dem Repertoire von der Linken. Ich bin gerade bei der Internationale angelangt, als ein langer Schatten über mich fällt und eine schwere Hand sich auf meinen Nacken legt. Ich hebe den Kopf und erstarre. Über mir glänzt das breite, aufgedunsene Gesicht mit den gelben Flecken. 83
Darüber zittert bedenklich ein Spatenstiel. Die makellosen weißen Streifen heben sich scharf von dem dunklen Grün der fernen Bäume ab. An der breiten Brust bibbert das rote Dreieck mit der Nummer 3277, kommt immer näher, scheint immer größer zu werden. »Was pfeifst du da?« fragt der Kapo und schaut mir unverwandt in die Augen. »Das ist ein altes Lied, Herr Kapo, international bekannt.« »Kennst du das Lied?« »Ja – ein wenig – von verschiedenen Seiten …«, verbessere ich vorsichtig. »Und kennst du das?« fragt er und fängt mit krächzender Stimme die ›Rote Fahne‹ an. Er schmeißt den Spaten hin, in seinen Augen flackert ein gefährliches, unruhiges Feuer. Plötzlich bricht er ab, hebt den Spaten auf, nickt ein paarmal, halb bedauernd, halb verächtlich: »Wenn das ein richtiger SS-Mann gehört hätte, wär’s aus mit dir. Aber der Jammerlappen da …« Der Jammerlappen unter der Mauer grinst uns breit und gutmütig an. »So was heißt bei euch Zwangsarbeit?« »Kommandoführer, einen ganzen Teich haben wir schon mit Knochen vollgeschüttet, und was in die Weichsel ging, wissen weder Sie noch ich.« »Halt die Fresse, Schweinehund!« fährt mich der SSMann an, steht auf und greift nach seiner Rute. »Nimm die Leute und hau ab! Essen holen!« befiehlt der Kapo schnell. Ich werfe meinen Spaten weg und flitze um das Häuschen. Von weitem noch kann ich den Kapo hören: »Ja, Schweinehunde sind das. Alle, einer wie der andere, 84
erschlagen müßte man sie. Sie haben recht, Herr Kommandoführer.« Ich werfe den beiden einen letzten, haßerfüllten Blick zu.
III Wir gehen los. Die Straße führt nach Harmence und über Harmence hinaus. Die hohen Kastanien flüstern, das Laub ist dichter, noch grüner, aber irgendwie trockener. Es scheint zu knistern wie welke Blätter. Das ist der Schatten des Mittags. Die Straße führt dicht an einem winzigen Haus mit grünen Fensterläden vorbei. Winzige, ungeschickt geschnitzte Herzen zieren die Läden, in den kleinen Fenstern strahlen weiße Vorhänge, schmale, bunte Bänder halten die Gardinen in der Mitte zusammen. Unter den Fenstern blühen blasse, zarte Kletterrosen. Von den Blumenkästen hängen sonderbare violette Blüten herab. Auf den niedrigen Stufen vor dem Häuschen spielt ein kleines Mädchen mit einem großen, brummigen Hund. Das Spiel scheint ihm nicht viel Spaß zu machen, aber er läßt sich geduldig an den Ohren ziehen, nur ab und zu schnappt er gelangweilt nach einer allzu aufdringlichen Fliege. Das Mädchen trägt ein blütenweißes Kleidchen, die nackten, dicken Arme sind braungebrannt, sie glänzen in der Sonne. Der Hund ist ein Dobermann mit glatter, hellbrauner Kehle, das Mädchen ist die Tochter des Unterscharführers, des Hausherrn in Harmence. Und die blassen Kletterrosen, die blütenweißen Gardinen, das ist sein Heim. Bevor man auf die Straße gelangt, muß man einen breiten Streifen klebrigen, widerlichen Morasts überqueren. 85
Erde vermischt mit Torf, und das Ganze mit einer stinkenden, desinfizierenden Lösung übergossen. Dieser Streifen soll Harmence gegen Seuchen schützen. Ich gehe vorsichtig um den tiefen Dreck herum, dann klettern wir alle gemeinsam über die Böschung und sind endlich auf der Straße. Hier oben stehen, in Reihen aufgebaut und peinlich ausgerichtet, die Suppenkessel. Jedes Kommando hat eigene Kessel, die mit Kreide beschriftet sind. Ich gehe um die Kessel herum. Unsere Kessel stehen noch da, heute haben wir es als erste geschafft, noch keiner hat uns unsere Suppe geklaut. Heute sind wir dran, heute versuchen wir’s. »Vier sind uns, geht in Ordnung, mitnehmen. Diese zwei Reihen sind für die Frauen, da gibt’s nichts. Aha, hier«, denke ich laut und schleife einen Kessel vom Nachbarkommando heran. Dafür schiebe ich einen von unseren Kesseln zurück, er ist nur halb so groß. In meiner Hosentasche ist ein Stück Kreide, damit male ich neue Zeichen auf den vertauschten Kessel. »Los!« kommandiere ich. Die Griechen haben mit offenen Mündern, aber mit offensichtlichem Beifall die ganze Prozedur verfolgt. Das Nachbarkommando erscheint, nur noch einige zwanzig Meter entfernt. »Du! Halt! Warte! Du hast die Kessel vertauscht!« brüllen sie schon von weitem. »Wer hat dir was vertauscht? Halt die Fresse, Mann!« Sie haben Pech, denn wir sind heute die ersten gewesen. Die anderen fangen zu laufen an, aber die Griechen haben verstanden. Sie stöhnen und ächzen, der eine schubst den andern, sie treiben sich gegenseitig an, ich höre die wohlklingenden griechischen Worte »putare« und »porka«, aber die Kessel gelangen glücklich über den Streifen, der 86
die Welt von Harmence trennt. Ich klettere als letzter über den Schlagbaum, höre noch, wie lobend und anerkennend sich die vom anderen Kommando über mich und meinen Stammbaum äußern, aber das alles stört mich nicht. Das ist unser täglicher Sport, es geht streng nach den Spielregeln, und die heißen ganz eindeutig: Heute ich, morgen du. Die Suppe schwappt in den Kesseln. Die Griechen stellen alle paar Schritte die schwere Last ab, verschnaufen, japsen nach Luft wie Fische, die das Meer an den Strand gespült hat, wischen verstohlen über die Ränder der Kessel und lecken die heiße Flüssigkeit ab, die an ihren Fingern haftenbleibt. Ich kenne den Geschmack dieser dünnen Rinnsale, die unter den angeschraubten Deckeln hervordringen. Sie schmecken nach Staub, vermischt mit Dreck und dem Schweiß der Hände. Es ist noch gar nicht lange her, da habe ich selber diese Kessel geschleppt. Wieder ein paar Meter, dann stellen die Griechen die Kessel abermals hin und schauen mich erwartungsvoll an. Ich trete langsam an den mittleren Kessel heran, lockere bedächtig die Deckelschraube, halte für eine endlose halbe Sekunde den Deckel fest und hebe ihn endlich hoch. Die glühenden Augenpaare ringsum verlöschen. Brennessel. Dünnes, widerliches, weißliches Zeug schwappt im Kessel. Oben schwimmen ein paar gelbliche Fettaugen. Margarine. Aber alle kennen die Farbe, alle wissen, daß unter der dampfenden Oberfläche stinkige, faserige Stengel sind, unzerhackte Brennesseln, die mit ihrer schmutziggrünen Farbe an faulende Sümpfe erinnern. Von oben bis unten Wasser, nichts als Wasser … Für einen Augenblick verdunkelt sich die Welt vor den Augen der Menschen, die die schweren Kessel schleppen. Ich schraube den Deckel wieder fest. Schweigend tragen wir die Kessel hinunter. 87
In einem großen Bogen gehe ich um das Feld herum, bis zur letzten Gruppe am äußersten Rand, mit der Iwan die Wiesennarbe am Kartoffelacker abträgt. Eine lange Reihe Menschen in gestreiften Anzügen steht reglos neben einem schmalen, dunklen Streifen Erde. Ab und zu bewegt sich eine Schaufel, jemand beugt sich vor, erstarrt für eine Weile mitten in seiner Bewegung, richtet sich langsam wieder auf, hebt den Spaten, verharrt in der halben Umdrehung, reglos und ungerührt wie ein Faultier. Nach einer Weile regt sich ein anderer, ein Spaten bewegt sich, dann versinkt alles in stumpfe Reglosigkeit. Es ist unheimlich, wie sie arbeiten, nicht mit den Händen, sondern mit den Augen. Sobald ein SS-Mann oder ein Kapo am Horizont auftaucht, sobald ein Aufseher erscheint, schwirren die Spaten schneller durch die Luft, wenn sie auch, so oft es eben geht, leer sind. Die Figuren bewegen sich abgehackt, es mutet an wie ein schlecht gedrehter Film. Ich bin bis dicht an Iwan herangekommen. Er sitzt im Schatten, hält einen Hirtenstock und ist eifrig damit beschäftigt, kleine Vierecke, Dreiecke, Blumen und Schlangen in die Holzrinde zu schneiden. Ab und zu fügen sich ukrainische Worte in das zierliche Ornament. Neben ihm kniet ein alter Grieche, und ich kann gerade noch den weißen Hals einer Gans erspähen, die der Grieche in Iwans Tasche hineinstopft. Als Iwan mich erblickt, springt er auf und wirft blitzschnell seine Jacke über die Tasche. Ich habe einen häßlichen Fleck auf der Hose, der Speck ist warm geworden. »Von Fräulein Hanna«, sage ich nur. »Hat sie sonst was gesagt? Sie sollte mir Eier bringen.« »Sie dankt für die Seife. Hat sich sehr gefreut.« »Das glaube ich. Ich hab sie gestern von einem KanadaJuden gekauft. Drei Eier hab ich dafür gegeben.« 88
Iwan wickelt den Speck aus. Er sieht nicht sehr einladend aus, das fette Stück ist in der Wärme aufgeweicht, ist ziemlich ranzig und gelb. Mir wird schon vom Anblick übel, entweder habe ich zum Frühstück zuviel gegessen, oder sonst was, jedenfalls verspüre ich einen faden Geschmack im Mund. »Verdammtes Biest! Ist das alles, was sie schickt? Hat sie dir keinen Kuchen mitgegeben?« Er sieht mich mißtrauisch an. »Weißt du, Iwan, eigentlich hast du recht. Für die Seife hättest du mehr verdient. Ich hab sie gesehen.« »So? Hast du das?« Iwan rutscht unbehaglich hin und her. »Ich muß gehen, die Leute tun sicher wieder nichts.« »Ja, hab ich. Und du hast wirklich zu wenig dafür bekommen. Hast mehr verdient, vor allem von mir. Und das kriegst du auch, verlaß dich drauf!« Eine Weile blicken wir uns in die Augen.
IV Ganz oben an dem schmalen Rand des Grabens wächst Kalmus. Drüben, auf der anderen Seite, dort, wo der bärtige Posten mit dem blöden Gesicht steht, wachsen Himbeeren. Sie haben blasse Blätter, als wären sie verstaubt. Unten im Graben fließt Wasser, sonderbare, glitschige Pflanzen schimmern durch das trübe Wasser hindurch, ab und zu schlängelt sich ein erschrockener, kurzer, schwarzer Aal heraus. Die Griechen fischen ihn hastig aus dem Schlamm und essen ihn roh. Ich stelle mich breitbeinig über den Graben und lasse 89
meinen Spaten ganz langsam über den Grund gleiten. Dabei muß ich aufpassen, daß meine Schuhe nicht naß werden. Der Posten kommt heran und sieht mir schweigend zu. Nach einer Weile fragt er: »Was wird hier gemacht?« »Der Graben muß gesäubert werden.« »Woher hast du die schönen Schuhe?« Meine Schuhe sind wirklich wunderschön. Doppelte, handgenähte Sohle und versierte Kappe nach der neuesten ungarischen Mode. Meine Freunde haben sie mir von der Rampe mitgebracht. »Habe ich im Lager gekriegt. Und das Hemd auch«, ich zeige ihm stolz mein Seidenhemd, für das ich mindestens zwei Pfund Tomaten hergeben mußte. »Solche Schuhe kriegt man bei euch? Schau, wie ich herumlaufen muß!« Er zeigt mir seinen Fuß. Seine Schuhe sind verrunzelt und aufgesprungen, auf dem Blatt klebt ein großer Flicken. Ich nicke verständnisinnig. »Willst du mir die Schuhe nicht verkaufen?« Ich sehe ihn an, mit großen, kindlich erstaunten Augen. »Wie kann ich etwas verkaufen, was dem Lager gehört? Wie könnte ich?« Der Posten lehnt seinen Karabiner gegen die Bank und kommt noch näher heran. Als er sich zu mir beugt, spiegelt das Wasser seine dunkle, plumpe Gestalt wider. Ich steche mit meinem Spaten danach und zerstöre das Bild. »Man kann alles, nur darf es keiner sehen. Kriegst Brot von mir, ich habe genug.« Brot habe ich auch genug. Allein aus Warschau habe ich diese Woche sechzehn Laibe bekommen. Außerdem ko90
sten solche Schuhe unter Brüdern mindestens einen halben Liter Schnaps. Ich lache ihn also an. »Danke, aber Brot bekommen wir genug im Lager. Ich habe wirklich keinen Hunger. Brot und Speck habe ich genug. Wenn Sie aber zuviel Brot haben, Herr Posten, dann geben Sie etwas davon den Juden, die drüben am Graben arbeiten. Der Kleine dort, der das Gras trägt, das ist ein anständiger Kerl.« Ich zeige ihm ein mageres, kleines Kerlchen mit triefenden Augen. »Obendrein sind die Schuhe nicht viel wert, schauen Sie, die Sohle reißt schon ab.« Das stimmt, ein Stück Sohle klafft, aber das hat seinen Sinn. Der Zwischenraum zwischen den beiden Sohlen ist ein ideales Versteck, mal stecken ein paar Dollars drin, mal ein paar Mark, je nachdem, wie sich das gerade ergibt. Hie und da auch ein Brief. Die Augen des Postens haben sich zu schmalen Schlitzen verengt, er sieht mich unter zusammengezogenen Brauen an: »Wofür hat man dich eigentlich eingesperrt?« »Ich ging über die Straße und geriet in eine Razzia. Und da wurde ich festgenommen, eingesperrt und hergebracht. Völlig unschuldig.« »Das sagt ihr alle.« »O nein, nicht alle. Mein Freund, zum Beispiel, wurde eingelocht, weil er falsch gesungen hat. Verstehen Sie, Herr Posten, falsch gesungen.« Mein Spaten, der über den Grund gleitet, ist an etwas Hartes gestoßen. Draht. Ich fluche wie ein Droschkenkutscher, der Posten glotzt mich dämlich an. »Was? Falsch gesungen?« »Ach das … Ja, das ist eine lange Geschichte … Das 91
war noch in Warschau, in der Kirche. Die andern haben Kirchenlieder gesungen und mein Freund die Nationalhymne. Und da haben sie ihn eingesperrt, weil er falsch gesungen hat. ›Du wirst erst wieder entlassen‹, haben sie zu ihm gesagt, ›wenn du die Noten gelernt hast.‹ Geschlagen haben sie ihn auch, aber das hilft alles nichts, wahrscheinlich wird er bis Kriegsende sitzen müssen, denn er ist schrecklich unmusikalisch. Einmal hat er sogar einen deutschen Marsch mit einem Marsch von Chopin verwechselt.« Der Posten brummt etwas Unverständliches und geht zurück zu seiner Bank. Er setzt sich hin, nimmt seinen Karabiner, spielt mit dem Verschluß und repetiert. Dann hebt er den Kopf, offenbar ist ihm plötzlich etwas eingefallen. »Du, Warschauer, komm mal her, ich geb dir das Brot für die Juden.« Ich grinse ihn an, freundlicher kann ich bald wirklich nicht mehr. Drüben, auf der anderen Seite des Grabens, läuft der Todesstreifen. Dort dürfen die Posten ohne Warnung auf die Menschen schießen. Pro Kopf kassieren sie fünf Mark und drei Tage Urlaub. »Wir dürfen leider nicht hin, Herr Posten. Aber Sie können mir das Brot herüberwerfen, ich fange es ganz bestimmt.« Ich stehe da und warte. Aber der Posten läßt ganz plötzlich seinen Brotbeutel fallen, schnellt hoch und meldet einem vorbeikommenden Wachtkommandanten, daß »nichts Besonderes« vorgefallen sei. Neben mir arbeitet Janek, ein Warschauer Junge, der von dem Ganzen, was um ihn herum vorgeht, nichts versteht. Er hat ein sanftes, kindliches Gemüt, völlig unbelastet von irgendwelchen Gedankengängen. Er schuftet, sein Spaten 92
befördert riesige Klumpen glitschigen Schlamms direkt vor die Füße des Postens. Der Postenführer kommt heran und sieht uns an, wie man Pferde ansieht, die einen schweren Wagen ziehen, oder wie man weidendes Vieh auf einer Wiese mustert. Janek grinst ihn breit und freundlich an und erklärt: »Der Graben ist sauber, Herr Rottenführer. Er war schauderhaft verschlammt.« Der Rottenführer zuckt zusammen. Er blickt Janek so erstaunt an, als hätte tatsächlich ein Zugpferd gesprochen oder eine Kuh einen Tango gesungen. »Komm mal her!« fordert er Janek auf. Janek legt seinen Spaten hin, springt über den Graben und geht zu ihm. Der Rottenführer holt aus und schlägt Janek mit voller Wucht ins Gesicht. Janek taumelt, versucht, an einem Strauch Halt zu finden, aber seine Füße rutschen auf dem Schlamm aus, und er fällt ins Wasser. Das Wasser spritzt auf, ich verschlucke mich vor Lachen. Der Rottenführer sagt: »Es geht mich einen Scheißdreck an, was du machst. Von mir aus brauchst du gar nichts zu tun. Aber wenn du mit einem SS-Mann sprichst, nimm deine Mütze ab und halte deine Pfoten an die Hosennaht.« Er geht weiter, ich ziehe Janek aus dem Schlamm. »Warum hat er mich geschlagen? Was hab ich falsch gemacht?« Er versteht nichts, er wird nie verstehen. »Geh nicht zu deinem Fürst, bevor du nicht gerufen wirst«, sage ich kurz. »Und mach dich jetzt sauber.« Wir sind beinahe fertig mit dem Graben, als der Pipel, der junge Laufbursche vom Kapo, kommt. Ich greife nach meinem Brotbeutel, hole zuerst mein Brot, Speck und 93
Zwiebel heraus, dann eine Zitrone. Von drüben schaut mir der Posten schweigend zu. »Pipel, komm her. Ich hab was, du weißt, für wen.« »Ist gut, Tadek. Hör mal, hast du was zu essen dabei? Etwas Süßes. Oder Eier. Nein, nein, Hunger hab ich nicht, ich hab im Hof gegessen. Fräulein Hanna hat mir ein paar Rühreier gemacht. Prima Mädchen, die Hanna! Nur will sie alles über Iwan wissen. Du weißt ja, wenn der Kapo auf den Hof geht, kriegt er nichts.« »Soll er nicht schlagen, dann kriegt er auch was.« »Sag’s ihm doch!« »Wofür hat er dich? Aber du verstehst nichts davon. Schau dich doch um, andere fangen Gänse und braten sie abends im Block, und dein Kapo frißt Wassersuppe. Haben ihm gestern die Brennesseln gut geschmeckt?« Der Pipel blickt mich fragend an. Er ist noch jung, aber sehr gerissen. Nur vom Organisieren versteht er offenbar nichts. Ist ein Deutscher, erst sechzehn, war aber schon in der Armee. Er schmuggelte, deswegen ist er hier. »Tadek, sag, was los ist. Wir kennen uns doch. Auf wen willst du mich hetzen?« »Ich? Auf gar niemanden. Aber schau dich gut nach den Gänsen um!« »Du, gestern ist wieder eine Gans verschwunden. Der Kapo hat deswegen vom Unterscharführer eins in die Fresse gekriegt, aus lauter Wut hat ihm der Chef auch noch die Uhr abgeknöpft. Also gut, ich schau mal.« Wir gehen miteinander, es ist Mittagspause. Die an den Kesseln pfeifen und winken wie wahnsinnig mit den Armen. Überall stecken Spaten in der Erde. Von allen Seiten des Feldes kommen Leute her, langsam und schleppend, 94
jeder versucht, den langersehnten Augenblick vor dem Essen noch etwas zu verlängern. Es ist ein herrliches Gefühl, ein Hochgenuß, zu wissen, daß man jetzt gleich, sofort, seinen Hunger stillen kann. Iwan und seine Gruppe kommen als letzte. Iwan bleibt bei »meinem« Posten stehen, beide sprechen lange miteinander. Der Posten hebt den Arm, zeigt etwas, Iwan nickt. Die Rufe zwingen ihn weiterzugehen. Als er an mir vorbeikommt, brummt er: »Heute fängst du nichts mehr.« »Ist noch lange bis zum Abend«, sage ich. Er sieht mich gehässig und herausfordernd an.
V Im leeren Inkubator wischt der Pipel die Stühle ab, legt die Bestecke zurecht und deckt den Tisch. In der Ecke krümmt sich der Kommandoschreiber, ein Altsprachler, der sich auf Griechisch spezialisiert hatte. Er versucht, so wenig wie möglich aufzufallen, aber sein krebsrotes Gesicht und seine wässerigen Froschaugen sind schon von weitem zu sehen. Draußen, auf einem großen, viereckigen Platz, den ein hoher Erdwall säumt, sitzen die Gefangenen. Sie sitzen genauso, wie sie gestanden haben, ausgerichtet in Reihen zu fünf Mann und aufgeteilt in Gruppen. Sie haben die Beine gekreuzt, ihre Arme hängen schlaff am Körper herab, die Hände berühren den Boden. Während der Essensausgabe dürfen sie sich nicht bewegen. Später, nach dem Essen, können sie sich nach hinten legen, den Kopf 95
auf die Knie des Hintermannes stützen, aber wehe ihnen, wenn die ausgerichteten Reihen durcheinandergeraten. Etwas abseits, im Schatten des Erdwalles, sitzen die SSMänner, nachlässig auf die Ellbogen gestützt, die Maschinenpistolen auf den Knien. Sie haben Brot und Margarine aus ihren Brotbeuteln genommen, streichen bedächtig die Schnitten und essen langsam und feierlich. Rubin, ein Jude aus dem Kanada-Kommando, hockt neben einem der SSMänner, leise und eindringlich redet er auf ihn ein. Es ist eine rein geschäftliche Unterhaltung, der Jude verhandelt für sich und seinen Kapo. Der Kapo selbst, ein Riese mit rotem Gesicht, steht schweigend neben dem Kessel. Wir flitzen mit den Suppenschüsseln hin und her, die besten Kellner könnten nicht geschickter sein als wir. In atemloser Stille verteilen wir das Essen, in atemloser Stille winden wir die leeren Schüsseln aus den Händen, die sie krampfhaft festhalten, auch dann noch, wenn der letzte Tropfen längst verschwunden ist. Jeder versucht, den seligen Augenblick des Essens zu verlängern, nochmals die leere Schüssel auszulecken, nochmals mit dem Finger über den schon trockenen Rand zu fahren. Plötzlich springt der Kapo mit einem einzigen Satz vom Kessel weg und mitten in die Reihen. Er hat etwas gesehen: Dem Mann, der seine Schüssel ausgeleckt hat, versetzt er einen fürchterlichen Tritt ins Gesicht, noch im Umdrehen tritt er ein zweites Mal nach ihm, diesmal in den Bauch. Endlich geht er zurück, stapft achtlos über Hände und Knie, weicht aber vorsichtig denen aus, die gerade essen. Alle Augen hängen am Gesicht des Kapos. Zwei Kessel stehen noch da, es gibt Nachschlag. Jeden Tag genießt der Kapo diesen Augenblick, es ist sein heiliges Recht, diese Macht über Menschen auszuüben, und er hat sie mit zehn langen Jahren bezahlt, die er schon im Lager sitzt. Mit 96
dem Ende des Kochlöffels zeigt er auf die, die Nachschub bekommen sollen. Er irrt sich nie. Nur die, die besser arbeiten, die Kräftigeren, die Gesünderen erhalten einen zweiten Schlag. Ein kranker, ein schwacher Mensch hat kein Recht auf eine weitere Schüssel Brennesselsuppe. Es darf kein Tropfen verschwendet werden, nicht an Leute, die sowieso in den Kamin wandern werden. Den Vorarbeitern stehen von Amts wegen zwei Schüsseln Kartoffelsuppe mit Fleisch zu, ganz tief aus dem Kessel geschöpft. Mit der Schüssel in der Hand blicke ich unschlüssig um mich. Ich spüre, wie mich jemand durchdringend ansieht. In der ersten Reihe sitzt Beker, seine vorstehenden Augen hängen an der Schüssel in meiner Hand. »Hier, iß, hoffentlich wird dir schlecht davon.« Er nimmt schweigend die Schüssel und fängt an, die Suppe hinunterzuschlingen. »Stell die Schüssel nachher neben dich, damit sie der Pipel einsammeln kann, sonst kriegst du vom Kapo eine geschmiert.« Die zweite Schüssel bekommt Andrej. Er arbeitet im Garten und bringt mir immer ein paar Äpfel mit. »Rubin, was hat der Posten gesagt?« frage ich im Vorbeigehen. Ich will in den Schatten. »Der Posten sagt, sie haben Kiew genommen«, sagt Rubin leise. Ich bleibe verwundert stehen, aber Rubin drängt mich mit ungeduldigen Handbewegungen weiter. Also gehe ich in den Schatten, lege mich auf meine Jacke, damit ich mir das Seidenhemd nicht beschmutze, und schicke mich an, ein Nickerchen zu machen. Jeder ruht sich aus, so gut es eben geht. 97
Der Kapo ist zum Inkubator gegangen, hat zwei Schüsseln Suppe gegessen und sich ebenfalls aufs Ohr gelegt. Sobald er eingeschlafen ist, fischt der Pipel ein schönes Stück Schweinefleisch aus der Tasche, schneidet es in dicke, gleichmäßige Scheiben und legt sie aufs Brot. Er ißt ostentativ vor den Augen der hungrigen Menge, beißt in eine Zwiebel, wie wenn es ein Apfel wäre. Die Menschen auf dem Platz haben sich auch hingelegt, sie schlafen, die Köpfe mit den Jacken zugedeckt, den schweren, unruhigen Schlaf der Erschöpfung. Wir liegen im Schatten. Uns gegenüber lagert das Mädchenkommando. Alle haben schneeweiße Kopftücher. Von weitem rufen sie zu uns herüber, geben uns Zeichen. Hie und da antwortet einer, mit Nicken, mit Gesten, einige der Botschaften kann man verstehen. Eins der Mädchen kniet abseits von den anderen. Sie hat die Arme hochgestreckt und balanciert einen schweren, großen Balken über dem Kopf. Der SS-Mann, der das Kommando bewacht, hetzt jeden Augenblick seinen Hund auf das Mädchen. Die Leine spannt sich, das Tier springt wütend an der Knienden hoch und hechelt ihr ins Gesicht. »Eine Diebin?« frage ich ohne sonderliches Interesse. »Nein. Man hat sie mit Peter im Mais ertappt. Peter ist davongelaufen«, sagt Andrej. »Hält sie die fünf Minuten durch?« »Aber ja. Die ist stark wie ein Pferd.« Sie hält nicht durch. Ihre Arme knicken ein, der Balken fällt zu Boden, und das Mädchen wirft sich laut aufschluchzend mit dem Gesicht auf die Erde. Andrej wendet sich ab, sieht mich an. »Hast du eine Zigarette, Tadek? Schade um das Mädchen! Wieder ein Menschenleben.« 98
Dann zieht er sich die Jacke über den Kopf, streckt sich hin und schläft ein. Ich bin auch gerade am Einnicken, als mich Pipel hochreißt. »Kapo ruft nach dir. Vorsicht, er hat eine Stinkwut!« Der Kapo ist wach, er reibt sich die geröteten Augen und stiert ins Leere. »Du!« Sein Zeigefinger bohrt sich drohend in meine Brust. »Warum hast du deine Suppe weggegeben?« »Ich habe genug anderes zu essen.« »Was hat er dir dafür gegeben?« »Nichts.« Er wiegt ungläubig den dicken Kopf. Die schweren Kiefer mahlen. »Morgen kriegst du überhaupt keine Suppe. Deine Suppe bekommen die andern, die überhaupt nichts zu essen haben. Kapiert?« »Ist gut, Kapo.« »Warum hast du mir nicht die vier Tragbahren gemacht, wie ich dir befohlen habe?« schnauzt er mich an. »Hast du das vergessen?« »Nein. Aber ich kam nicht dazu. Sie haben doch selbst gesehen, was ich getan hab.« »Gut. Machst du gleich nach dem Mittagessen. Und paß auf, daß man dich nicht tragen muß auf einer der Bahren. Ich besorge das ganz gern.« »Kann ich wieder gehen?« Erst jetzt blickt er mich an. Sein Blick ist leer. Er sieht aus wie jemand, den man unvermittelt aus tiefen Gedanken gerissen hat. »Was willst du hier noch?« fragt er mich.
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VI Unter den Kastanien ertönt das halberstickte Schreien eines Menschen. Ich packe mein Werkzeug zusammen, lege die Tragbahren aufeinander und ermahne Janek: »Vergiß nicht den Kasten mitzunehmen, sonst wird Mutti böse.« Dann gehe ich zu den Kastanien. Beker liegt dort, wälzt sich auf der Erde, röchelt und spuckt Blut. Über ihm wütet Iwan, tritt ihn mit Füßen, in den Bauch, ins Gesicht, in den Unterleib … »Schau, was das Schwein gemacht hat! Dein Mittagessen hat er aufgefressen, der Dieb, der verdammte!« Neben Beker liegt die Schüssel von Fräulein Hanna, ein bißchen Grütze ist noch drin. »Ich hab ihn mit der Fresse in die Schüssel gestoßen«, erklärt Iwan, und sein Atem geht schwer. »Mach ihn fertig, ich muß weiter.« »Wasch die Schüssel aus«, sage ich zu Beker. »Und stell sie unter den Baum. Und paß auf, daß dich der Kapo nicht erwischt. Ich habe eben vier Tragbahren fertig gemacht, du weißt, was das bedeutet.« Ein Stück weiter weg auf der Straße exerziert Andrej mit zwei Juden. Der Kapo hat sie beinahe totgeschlagen, weil sie nicht marschieren können. Jetzt muß es ihnen Andrej beibringen, so hat es der Kapo befohlen. Andrej hat jedem der beiden einen Stock ans Bein gebunden und erklärt mühsam: »Siehst du, du Teufelsbraten, so ist es, ganz einfach, das ist links und das ist rechts. Links! Links!« 100
Die Griechen marschieren mit, die Augen weit aufgerissen, immer im Kreis herum. Eine dichte Staubwolke wirbelt durch die Luft. Am Graben, dort wo der dumme Posten steht, der mich nach den Schuhen fragte, arbeiten unsere Jungen. Sie »planieren« den Boden, schlagen ihn mit den Spaten fest und glätten die Oberfläche, als wäre es Teig. Wenn einer darübergeht und Spuren hinterläßt, erhebt sich ein aufgeregtes Geschrei. »Tadek, was gibt’s Neues?« »Nicht viel. Kiew haben sie genommen.« »Ist das wahr?« »Dumme Frage!« Laut schreiend gehe ich vorüber und weiter am Graben entlang. Plötzlich ruft eine Stimme hinter mir her: »Halt! Halt! Du, Warschauer!« Nach einer Weile ruft die Stimme wieder, diesmal unerwarteterweise auf Polnisch: »Stoj! Stoj!« Auf der anderen Seite des Grabens läuft »mein Posten« hinter mir her, er hält den Karabiner gesenkt, wie beim Sturmangriff. Ich bleibe stehen. Der Posten bahnt sich einen Weg durch das Gestrüpp, legt den Karabiner an, entsichert. »Was hast du eben gesagt wegen Kiew? Ihr habt hier bestimmt eine Geheimorganisation! Deine Nummer!« Der Posten zittert vor Wut und Empörung. Er zieht ein Stück Papier aus der Tasche, sucht nach einem Bleistift, findet keinen, die Suche dauert ewig. Ich fühle, wie mir der Schweiß ausbricht, aber schon habe ich mich wieder gefaßt. »Entschuldigen Sie, Herr Posten, aber Sie verstehen nicht genug Polnisch. Ich habe eben von etwas ganz ande101
rem gesprochen. Von Kije – nicht Kiew. Kije bedeutet die Stöcke, Andrej hat den Juden Stöcke an die Beine gebunden. Und das finde ich köstlich.« »Ja, Herr Posten«, meldet sich der Chor der Stimmen bereitwillig. »Das hat er eben gesagt.« Der Posten packt den Karabiner fester, es sieht aus, als wollte er mir damit den Schädel einschlagen. »Verrückter Hund! Ich melde dich heute noch bei der politischen Abteilung. Nummer? Deine Nummer!« »Hundertneunzehn! Hundert …« »Zeig her!« »Hier!« Ich strecke ihm über den Graben meinen Arm entgegen, auf dem die Nummer eintätowiert ist. Ich weiß, daß er sie auf die Entfernung nicht lesen kann. »Komm näher!« »Ich darf nicht. Sie können mich melden, aber ich bin nicht der ›Weiße Wania‹.« Der »Weiße Wania« war vor Tagen auf einen Baum geklettert, um ein paar Zweige herunterzuholen. Für Birkenbesen bekommt man im Lager Brot oder Suppe. Nur wuchs die Birke schon am Todesstreifen, und ein Posten legte an und schoß. Die Kugel traf Wania seitwärts in die Brust und flog im Nacken wieder heraus. Wir haben Wania dann ins Lager tragen müssen. Ich gehe wütend davon, aber schon am Kohlenhaufen holt mich Rubin ein. »Tadek, was hast du bloß getan? Was wird nun werden?« »Was soll denn werden?« »Wirst du nicht sagen, daß ich …« Er ist ganz außer sich. »Da hast du uns was eingebrockt! Wie kann man nur 102
so brüllen?« Er schlotterte vor Angst. »Willst du mein Grab schaufeln?« »Warum hast du Angst? Bei uns petzt man nicht.« »Ich weiß, und du weißt. Aber sicher ist sicher. Du, willst du die Schuhe nicht doch dem Posten geben? Er wird sicher mit sich reden lassen. Ich kann’s versuchen. Soll ruhig was kosten. Ich hab schon früher mit ihm verhandelt.« »Wunderbar. Hättst du auch gleich sagen können.« »Tadek, ich sehe schwarz. Gib die Schuhe her, ich werde mit ihm reden. Er ist ein prächtiger Kerl, wenn’s drauf ankommt.« »Kann sein, er lebt mir nur zu lange. Meine Schuhe gebe ich auf keinen Fall her, die sind mir zu schade. Aber eine Uhr habe ich. Sie geht zwar nicht, und das Glas ist gesprungen, aber dafür bist du ja da. Oder noch besser, gib ihm deine Uhr, hat dich ja nichts gekostet.« »Ach, Tadek, Tadek …« Rubin steckt die Uhr ein, ich höre von weitem: »Eisenbahner!« Ich renne quer übers Feld. Das Gesicht des Kapos ist rot angelaufen, seine Augen funkeln drohend, in seinen Mundwinkeln steht Schaum. Seine langen, riesigen Hände baumeln an seinem Körper herab, die Finger ballen sich zur Faust und strecken sich wieder wie im Krampf. »Was für ein Geschäft hast du da mit Rubin gemacht?« »Ich hab ihm meine Uhr gegeben. Sie haben es doch gesehen, Kapo, Sie sehen ja immer alles.« »Was?« Die Riesentatzen heben sich zu meinem Hals. Ich bin zu Stein erstarrt. Der Kerl ist wie ein wildes Tier. Ich lasse kein Auge von ihm, die Worte sprudeln mir von den Lippen: »Ich hab meine Uhr hergegeben, weil mich 103
der Posten bei der Politischen anzeigen will wegen Geheimarbeit.« Ganz langsam öffnen sich die Hände des Kapos, die Arme erschlaffen. Sein Unterkiefer hängt leicht herunter, er sieht aus wie ein Hund, dem es zu heiß ist. Er hört mir zu, der Stiel seines Spatens baumelt unschlüssig hin und her. »Geh an die Arbeit. Kann sein, daß man dich heute zurücktragen muß.« Im gleichen Augenblick springt er blitzschnell zur Seite und steht stramm. Ein Fahrrad hat ihn von hinten angefahren. Ich ziehe meine Mütze. Der Unterscharführer steigt von seinem Fahrrad ab. »Was ist denn schon wieder los bei diesem verrückten Kommando? Warum laufen die Kerle dort drüben mit Stöcken an den Füßen herum?« Er ist so aufgeregt, daß sich seine Stimme fast überschlägt. »Ist doch Zeit zum Arbeiten!« »Sie können nicht marschieren.« »Wenn sie nicht marschieren können, soll man sie töten. Wissen Sie, daß wieder eine Gans verschwunden ist?« »Warum stehst du noch rum?« brüllt mich der Kapo an. »Los! Lauf zum Andrej, er soll Ordnung schaffen!« Ich schieße davon. »Andrej, Schluß damit, der Kapo hat’s befohlen!« Andrej faßt seinen Knüppel. Der Grieche heult auf und fällt. Andrej legt ihm den Knüppel quer über den Hals, stellt sich drauf und fängt an zu wippen. Ich gehe schnell weiter. Von weitem sehe ich, wie der Kapo mit dem SS-Mann zu meinem Posten geht und lange mit ihm redet. Der Kapo gestikuliert wild mit dem Stiel seines Spatens. Die Mütze 104
hat er sich wieder auf den Kopf gestülpt. Als die beiden endlich weg sind, geht Rubin zu dem Posten. Der steht von seiner Bank auf, macht zwei Schritte zum Graben, geht endlich ganz nahe ran. Nach einer Weile winkt mir Rubin: »Bedank dich beim Herrn Posten, daß er keine Meldung machen wird.« Rubins Handgelenk ist leer, die Uhr ist verschwunden. Ich bedanke mich und gehe davon, in Richtung Werkstatt. Unterwegs hält mich der alte Grieche an, der von Iwan. »Camarade, camarade, der SS, das ist der aus dem Lager, nicht wahr?« »Ja, und?« »Dann stimmt es also, daß heute wieder gesiebt wird?« Der alte, graue Grieche hebt in einer sonderbar anmutenden Erregung beide Arme gegen den Himmel. »Nous sommes les hommes misérables, O Dieu, Dieu!« Seine blauen, blassen Augen blicken in den Himmel. Auch der Himmel ist blau und blaß.
VII Wir müssen den Waggon anheben. Vollbeladen mit Sand, wie er war, sprang er aus dem Gleis, direkt bei der Drehscheibe. Vier Paar magere Arme schieben den Waggon hin und her, schaukeln die Lore vor und zurück, heben die Vorderräder an, stellen sie aufs Gleis. Wir schieben etwas unter die Räder, der Waggon ist fast schon wieder auf den Schienen. Da! Plötzlich lassen wir den Waggon stehen und recken die Hälse. 105
»Appell! Antreten!« Rufe und Pfiffe. Die Lore ist wieder vom Gleis gerutscht, der Sand rieselt heraus, direkt auf die Drehscheibe. Aber das ist jetzt egal, das kann man morgen wieder aufräumen. Wir gehen, wir müssen antreten. Erst nach einer Weile fällt uns ein, daß es eigentlich noch viel zu früh ist. Die Sonne steht hoch, sie muß noch ein ganzes Stück an dem Baum hinaufwandern, an dessen Spitze sie sonst steht, wenn wir antreten. Es kann höchstens drei Uhr sein. Die Gesichter zeigen Unruhe, in aller Augen steht die gleiche bange Frage. Wir stellen uns auf, zu fünft, richten die Reihen aus, zupfen unsere Beutel und Schnallen zurecht. Der Schreiber zählt und zählt, immer wieder. Vom Hof her kommen die SS-Männer und unsere Posten. Sie stellen sich rings um uns auf. Wir warten regungslos. Am Ende der Reihen erblicken wir zwei Tragbahren, darauf zwei Tote. Auf der Straße ist es etwas lebhafter geworden als sonst. Die Menschen aus Harmence laufen hin und her, unser Aufbruch zu so ungewohnter Stunde hat sie beunruhigt. Den Lagerveteranen ist die Situation klar. Das alles kann nur eins bedeuten: Es wird gesiebt. Gleich hinter den SS-Männern kommt der Kapo, mit ihm der Kommandoführer. Ich sehe das helle Kopftuch von Fräulein Hanna leuchten. Sie steht an der Scheune, lehnt sich mit dem Rücken gegen die Mauer und blickt fragend zu uns herüber. Ich folge ihrem Blick, der ängstlich auf Iwan gerichtet ist. »Auseinandertreten! Arme hochheben!« kommandiert der Kapo. Da begreifen wir: Revision! 106
Wir knöpfen unsere Jacken auf, schnallen die Brotbeutel los. Der SS-Mann ist geschickt und schnell. Er tastet uns ab, greift in die Beutel. Außer Brot und Zwiebeln und einem Stückchen altem Speck habe ich noch ein paar Äpfel im Beutel, zweifellos aus dem Obstgarten. »Woher hast du die?« Ich hebe den Kopf, »mein« Posten! »Aus einem Päckchen, Herr Posten.« Er schaut mir einen Augenblick lang ironisch in die Augen. »Dieselbe Sorte Äpfel hatte ich heute zum Mittagessen.« Sie fischen alles mögliche aus unseren Taschen. Sonnenblumenkerne, Maiskolben, Krautköpfe, Äpfel, Gemüse. Jeden Augenblick ertönt ein erstickter Schrei. Hiebe und Schläge prasseln auf uns nieder. Plötzlich tritt der Unterscharführer heran, springt zwischen uns und zerrt den alten Griechen mit der prall gefüllten Tasche aus der Reihe. »Mach auf!« befiehlt er knapp. Der Grieche öffnet mit zitternden Händen die Tasche. Der SS-Mann schaut hinein und ruft den Kapo. »Kapo! Schau her! Unsere Gans.« Er zieht die riesige Gans aus der Tasche. Der Pipel ist auch da, er schreit: »Da! Hab ich’s nicht gesagt?« Der Kapo holt aus, aber der SS-Mann fällt ihm in den Arm. »Nicht schlagen!« Er zieht seinen Revolver und richtet die Waffe auf den Griechen. »Woher hast du das? Wenn du nicht redest, erschieße ich dich.« 107
Der Grieche sagt kein Wort. Der SS-Mann hebt die Waffe höher. Ich schaue Iwan an. Er ist leichenblaß. Unsere Augen treffen sich. Da beißt Iwan die Zähne zusammen und tritt aus der Reihe heraus. Er geht die paar Schritte, die ihn von dem SS-Mann trennen, nimmt seine Mütze ab und sagt: »Ich habe ihm die Gans gegeben.« Alle Augen wenden sich zu Iwan. Der Unterscharführer hebt langsam die Peitsche und schlägt zu. Iwans Gesicht färbt sich rot, das Blut rinnt in dünnen Strömen, Iwan verzieht vor Schmerz das Gesicht, aber er fällt nicht. Wie eine Statue steht er, hoch aufgerichtet, die Mütze in der Hand, beide Arme an den Seiten. Der Unterscharführer läßt den Arm sinken. »Nummer aufschreiben, Meldung erstatten. Kommando weggetreten!« Wir gehen, mit gleichmäßigen, militärischen Schritten. Hinter uns bleibt ein großer Haufen Gemüse, Sonnenblumenkerne, Äpfel, Fetzen und Beutel, obendrauf liegt eine große, dicke Gans mit weißem Hals und breiten Flügeln. Am Ende des Kommandos geht Iwan, keiner stützt ihn, er geht stramm und gleichmäßig wie alle andern. Hinter ihm schwanken die beiden Tragbahren mit den Toten. Die Träger haben sie mit grünem Laub zugedeckt. Als wir an Fräulein Hanna vorbeikommen, blicke ich sie an. Sie steht stumm da und hat die Hände gegen die Brust gedrückt, ihre Lippen beben. Als sie mich anschaut, sehe ich Tränen in ihren großen dunklen Augen schimmern. Nach dem Appell hat man uns in die Baracke getrieben. Wir liegen auf unseren Pritschen, spähen durch die Spalte und warten, bis alles vorüber ist. 108
»Ich hab das Gefühl, als hätte ich das ganze Theater verschuldet. Jedes Wort kann hier ein Schicksal bedeuten. In diesem verfluchten Auschwitz hat jeder böse Wunsch die Macht, sich zu erfüllen.« »Sei still und mach dir nichts draus«, mahnt Kaziek. »Gib mir lieber noch etwas, sonst schmeckt die Pastete nach gar nichts. Hast du keine Tomaten?« »Alle Tage ist nicht Sonntag.« Ich schiebe die belegten Brötchen zurück. »Ich kann nicht essen.« Draußen ist die Auslese getroffen. Der SS-Arzt hat die Listen mit den Nummern mitgenommen und geht nun weiter, zur nächsten Baracke. Kaziek steht auf. »Ich gehe Zigaretten holen. Weißt du, Tadek, eigentlich bist du ein Schlappschwanz. Wenn mir jemand mein Mittagessen weggefressen hätte, aus dem hätte ich Hackfleisch gemacht.« Im gleichen Augenblick taucht ein großer, grauer Kopf am Rand unserer Pritsche auf. Verlegen blinzelnde Augen sehen uns an. Erst danach erscheint das zerknitterte, alte Gesicht von Beker. »Tadek, ich habe eine Bitte.« »Los!« »Tadek, ich komme in den Kamin.« Ich neige den Kopf und blicke ihm in die Augen. Sie sind leer und friedlich. »Tadek, ich war so lange hungrig. Gib mir etwas zu essen, am letzten Abend.« Kaziek schlägt mir mit der flachen Hand aufs Knie. »Kennst du ihn?« »Das ist Beker«, sage ich leise. 109
»Du, Jud, komm hier herauf und friß! Wenn du genug gegessen hast, nimmst du den Rest mit für den Schornstein. Komm hier herauf. Das ist nicht meine Koje. Meinetwegen darfst du Läuse haben.« Er dreht sich nach mir um. »Komm, Tadek, gehen wir. Ich hab einen Kuchen in meiner Bude, so was haste noch nie gegessen. Direkt von der Mutti!« Er klettert von der Pritsche herunter und stößt mich mit der Schulter an. »Schau mal!« Ich drehe mich um. Beker hält die Augen geschlossen und tastet sich wie ein Blinder auf die Pritsche.
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BITTE, DIE HERRSCHAFTEN ZUM GAS!
Im Lager liefen alle nackt herum. Wir hatten zwar die Entlausung bereits hinter uns, und auch die Kleider waren uns wieder zurückgegeben worden, nachdem man sie sorgfältig in den riesigen Bottichen geschwenkt hatte, die mit jenem hervorragenden Mittel gegen Ungeziefer aller Art gefüllt waren, das Läuse in Kleidern genauso erfolgreich vertilgt wie Menschen in Gaskammern. Aber die in den Baracken drüben, hinter den Spanischen Reitern, hatten keine Kleider bekommen. So liefen eben alle nackt, die drüben und wir hüben. Die Hitze war kaum noch zu ertragen. Keine Laus und kein Mensch durften das Tor passieren, das Lager war hermetisch abgeschlossen. Die Arbeitskommandos hatten ihre Tätigkeit eingestellt. Tausende nackter Menschen lungerten den ganzen Tag über auf den Appellplätzen herum, wälzten sich über die Wege, lagen unter den Mauervorsprüngen und auf den Dächern. Strohsäcke und Decken waren in der Desinfektion, man schlief auf kahlen Brettern. Von der letzten Baracke aus war das Frauenlager zu sehen. Auch dort wurde fleißig entlaust. Achtundzwanzigtausend nackte Frauen hatte man aus den Baracken hinausgejagt, sie trieben sich draußen herum, entlang der Wege und auf den großen Plätzen. Seit dem frühen Morgen wartet man auf das Mittagessen. Man stochert in den Freßpaketen herum, besucht sich gegenseitig. Die Stunden vertropfen träge, in der Hitze scheint sogar die Zeit stillzustehen. Es gibt nicht einmal die üblichen Spektakel, die breiten Wege zum Krematori111
um dösen verlassen vor sich hin. Seit einigen Tagen kommen keine Transporte mehr. Das Kanada-Kommando wurde zum Teil aufgelöst und einem anderen Kommando zugeteilt. Weil die Männer bereits so fett und vollgefressen waren, hatte man sie zu schwererer Arbeit abgestellt, hatte sie nach Harmence geschickt. Eine unerbittliche, gnadenlose Gerechtigkeit herrscht im Lager. Wenn die Einflußreichen fallen, sorgen die Freunde dafür, daß sie auch tief genug fallen. Kanada, unser Kanada, duftet nicht nach Harz und würzig blauer Luft, hier riecht es nach französischen Parfüms; und die Tannen im wirklichen Kanada können nicht höher sein als die Berge von Gold und Brillanten, die man hier aus ganz Europa zusammengetragen und aufgetürmt hat. Ein paar von uns sitzen auf der Pritsche, unsere Beine baumeln trostlos herunter. Nachdenklich drehen wir unsere Brotschnitten in den Händen. Weißes, besonders stark ausgebackenes Brot. Es bröckelt und bricht, ist vielleicht eine Spur zu scharf im Geschmack, dafür aber hält es sich ganze Wochen, ohne zu schimmeln. Brot, Brot aus Warschau! Wenn ich daran denke, daß es vor kaum acht Tagen noch meine Mutter in den Händen hielt – ach Gott, lieber Gott … Wir holen uns noch Bauchspeck dazu, Zwiebeln, einer öffnet eine Dose Kondensmilch. Henri, groß und triefend von Schweiß, träumt laut von französischen Weinen, die die Transporte aus Straßburg, aus der Pariser Gegend, aus Marseille bringen … »Hör mal, mon ami, wenn wir wieder an die Rampe gehen, bringe ich dir Champagner mit. Original. Hast du sicher noch nie getrunken, was?« »Nein. Aber hör auf mit der ewigen Angeberei. Mit Champagner kommst du am Tor gar nicht durch. Versuch 112
lieber, mir ein Paar Schuhe zu organisieren. Du weißt ja, mit Doppelsohle und perforiertem Blatt. Vom Hemd will ich gar nicht erst reden, du weißt selbst, daß es eine Ewigkeit her ist, seit du es mir versprochen hast.« »Geduld, nur Geduld. Sobald neue Transporte kommen, sollst du alles haben. Dann gehen wir wieder an die Rampe.« »Und wenn es keine Kamintransporte mehr gibt?« warf ich ärgerlich ein. »Was dann? Siehst doch selbst, wie liberal es schon im Lager aussieht. Jede Menge Päckchen, Schlagen verboten. Es ist erlaubt nach Hause zu schreiben … Man spricht von neuen Richtlinien, du selbst hast auch schon davon geredet. Am Ende kommt’s noch so weit, daß es nicht genug Leute gibt.« »Was für einen Blödsinn du verzapfst«, sagt ein dicker Kerl aus Marseille mit vollem Mund. Er ist mein Freund, aber ich habe keine Ahnung, wie er heißt. Sein Gesicht sieht aus wie eine Miniatur von Cosway, nur daß er im Augenblick beinahe an einem belegten Brötchen erstickt. »So ein Blödsinn«, sagt er nochmals. Gott sei Dank, es ist ihm doch noch gelungen, die Sardinen hinunterzuwürgen. »Quatsch nicht so dämlich! Zu wenig Leute! Das gibt’s nicht, das darf es nicht geben, sonst müßten wir alle hier im Lager verrecken. Wir leben doch alle von dem, was sie mitbringen!« »Wieso alle? Alle nicht! Wir haben unsere Freßpakete!« »Du hast, dein Kollege, vielleicht noch zehn andere. Ihr Polen habt’s, und auch nicht alle. Aber wir Juden und Russen? Und glaubst du vielleicht, sie ließen euch eure Päckchen essen, wenn wir selbst nichts hätten? Glaubst du, wir würden ruhig zuschauen, wie ihr futtert, wenn wir selbst nichts organisieren könnten? O nein, mein Lieber, nie und nimmer!« 113
»O doch! Entweder ihr würdet zuschauen, oder aber ihr würdet verhungern wie die Griechen. Im Lager hat der die Macht, der was zu fressen hat.« »Ihr habt und wir auch. Wozu also der Streit?« Sicher, der Streit hat gar keinen Sinn. Ihr habt und ich habe, wir essen zusammen, wir schlafen zusammen auf einer Pritsche. Henri schneidet das Brot, dazu macht er Tomatensalat. Mit dem Senf aus der Kantine schmeckt er vorzüglich. Unten in der Baracke, unter unseren Füßen, wimmelt es von Menschen. Sie sind nackt und triefen von Schweiß. Sie liegen in den schmalen Gassen zwischen den Pritschen, um den riesigen Ofen, zwischen den verschiedenen Verbesserungen, die den ehemaligen Pferdestall (an der Tür hängt noch eine Tafel »Für verseuchte Pferde«) in ein gemütliches Heim für mehr als ein halbes Tausend Menschen verwandelten. Sie drängeln sich zu acht auf den untersten Pritschen, manchmal liegen sogar neun nebeneinander. Splitternackt sind sie, abgemagert bis auf die Knochen, stinken nach Schweiß und Ausdünstungen, haben tief eingefallene, hohle Wangen. Unter mir, ganz unten, liegt ein Rabbiner. Er hat sich den Kopf mit dem Zipfel einer Decke zugedeckt und brabbelt monoton seine hebräischen Gebete. Ganze Berge von Gebetbüchern gibt es hier im Lager. »Sollte man den da nicht lieber zum Schweigen bringen? Führt sich auf, als wollte er den lieben Gott an den Füßen schnappen.« »Ach laß doch! Bei der Hitze habe ich keine Lust hinunterzuklettern. Soll ruhig weitermachen, kommt wenigstens eher in den Schornstein.« »Religion ist Opium für das Volk«, sagt nachdenklich mein dicker Freund zur Linken. »Ich rauche ganz gern 114
Opium.« Er ist Kommunist und Rentier zugleich. »Wenn sie nicht an Gott glauben würden und an das Leben nach dem Tode, hätten sie längst das Krematorium kaputtgeschlagen.« »Warum tun Sie es denn nicht?« Es ist zwar nur bildlich gemeint, aber mein dicker Freund antwortet doch darauf. »Idiot!« sagt er und stopft sich eine ganze Tomate in den Mund. Es sieht so aus, als wollte er noch etwas sagen, aber er winkt nur ab und schweigt, offenbar hat er sich’s doch anders überlegt. Wir sind allmählich mit der Fresserei fertig, als es plötzlich eine heftige Bewegung in der Baracke gibt. Die Muselmanen flüchten sich zwischen die Pritschen, ein Melder flitzt in die Bude des Blockältesten. Nach einer Weile kommt der Blockleiter majestätischen Schrittes heraus. »Kanada! Antreten! Schnell! Ein Transport kommt!« »Großer Gott!« schreit Henri und springt von der Pritsche. Der Dicke verschluckt sich an der zweiten Tomate, brüllt denen, die unter ihm sitzen, ein kreischendes »raus!« zu, greift hastig nach seiner Jacke, und im nächsten Augenblick sind sie alle aus der Tür. Auf den anderen Pritschen gibt es ebenfalls einen plötzlichen Wirbel. Kanada geht an die Rampe. »Henri! Meine Schuhe!« rufe ich zum Abschied. »Keine Angst!« ruft er zurück, schon vom Hof her. Ich packte das Essen wieder ein, verschnürte sorgsam die Schachtel, in der Tomaten und Zwiebeln aus dem väterlichen Garten friedlich neben echten portugiesischen Sardinen liegen, neben dem Bauchspeck aus Bacutil (von meinem Bruder), vermischt mit Süßigkeiten aus Saloniki. Ich legte das Päckchen weg, zog mir die Hose an und kletterte hinunter. 115
»Platz!« brüllte ich und bahnte mir einen Weg zwischen den herumliegenden Griechen. Manche machten Platz, über andere mußte ich hinwegsteigen. In der Tür stieß ich mit Henri zusammen. »Allez, allez, vite, vite!« »Was ist los?« »Willst du mit uns an die Rampe?« »Warum nicht?« »Dann mach schnell! Nimm deine Jacke! Es fehlen ein paar Leute. Mit dem Kapo hab ich schon gesprochen.« Und er schubste mich aus der Baracke. Wir stellten uns an, jemand schrieb unsere Nummern auf, jemand schrie »marsch, marsch!«, und dann liefen wir zum Tor, begleitet von Zurufen und Bemerkungen in allen möglichen Sprachen. Die zurückgebliebene Menge wurde bereits wieder mit Peitschen und Knüppeln in die Barakken getrieben. Nicht jeder darf an die Rampe … Wir haben uns schon verabschiedet, jetzt stehen wir am Tor. »Links – zwei, drei, vier, Mützen ab!« Hoch aufgerichtet, die Hände an der Hosennaht, marschieren wir durch das Tor, zackig, mit federnden Schritten, beinahe graziös. Ein verschlafener SS-Mann hält eine große Tafel in der Hand und zählt die Leute. Mit einer schlaftrunkenen Handbewegung teilt er uns zu je fünf Mann ein. »Hundert«, schreit er, als die letzte Reihe an ihm vorbeigeht. »Stimmt«, brüllt eine heisere Stimme vorn. Wir gehen schnell, fast im Laufschritt. Alle paar Meter steht ein Posten, mit einer Maschinenpistole bewaffnet. Wir gehen an allen Abteilungen des Lagers II B vorbei, dem unbewohnten Abschnitt C, dem tschechischen Lager, 116
der Quarantäne, dann tauchen wir in das Grün der Apfelbäume und der Birnbäume, die das Krankenrevier umgeben. Das Laub, hervorgeschossen in den paar heißen Tagen, mutet uns wie eine unbekannte Mondlandschaft an. In großem Bogen marschieren wir um einige Baracken herum, passieren eine dichte Postenkette und erreichen endlich im Laufschritt die Landstraße. Wir sind da. Noch ein paar hundert Meter weiter, mitten unter den Bäumen, ist die Ausladestelle. Es ist wie überall in diesen gottverlassenen Winkeln: ein kleiner Platz, Schutt, ringsum hohe Bäume. Früher war hier eine winzige Bahnstation, irgendwo in der Provinz. Etwas abseits, dicht am Straßenrand, ein kleines, geducktes Haus, kleiner und häßlicher noch als das kleinste, häßlichste Haus, das ich jemals gesehen habe. Ein Stück weiter, hinter der hölzernen Bude, türmen sich ganze Halden von Schienenschwellen, Berge von Schienen, riesige Haufen von Brettern, zerbrochene Barackenwände, Ziegel, Steine, Brunneneinfassungen. Hier ist der Ladeplatz für alles, was nach Birkenau geht. Material zum Aufbau des Lagers und Menschenmaterial für die Gasöfen. Es ist ein Arbeitstag wie jeder andere: Lastwagen fahren vor, laden Bretter auf, Zementsäcke und Menschen … Die Wachen beziehen ihre Posten, entlang den Schienen, im Schatten der grünen schlesischen Kastanienbäume. Eine dichte Postenkette umschließt den Platz. Sie wischen sich die Schweißperlen von der Stirn, trinken aus den Feldflaschen. Die Hitze ist schrecklich, die Sonne nähert sich dem Zenit. »Rührt euch!« Wir sitzen in dem schmalen Schatten der Böschung. Die hungrigen Griechen (ein paar von ihnen sind doch dabei, weiß Gott, wie sie das geschafft haben) suchen zwischen den Gleisen nach verschimmelten Brötchen, nach einer 117
geöffneten Konservendose, nach Abfällen. Sie essen alles, was sie finden. »Drecksäue!« Ein junger Posten spuckt nach ihnen aus. Er hat blondes, welliges Haar und verträumte blaue Augen. »Gleich werdet ihr so viel zu fressen haben, daß euch der Wanst platzt! Dann werdet ihr endlich Ruhe geben!« Er rückt das Koppel zurecht und wischt sich mit einem Tuch das Gesicht ab. »Lumpenpack!« bestätigen wir. »Du, Dicker!« Die Schuhspitze des Postens berührt leicht Henris Hals. »Paß mal auf. Möchtest du was trinken?« »Möchte schon, aber Mark hab ich keine«, sagt der Franzose. Er ist Fachmann, er kennt sich aus. »Schade.« »Aber, aber! Herr Posten, ist Ihnen mein Wort nichts mehr wert? Haben wir noch nie miteinander Geschäfte gemacht? Wieviel?« »Hundert. Gemacht?« »Gemacht.« Wir trinken das abgestandene, lauwarme Wasser. Es schmeckt nach gar nichts, aber wir trinken, auf das Konto von Menschen, die noch gar nicht da sind. »Du! Paß auf!« sagt der Franzose zu mir und wirft die Flasche in weitem Bogen von sich. Sie schlägt berstend auf den Schienen auf. »Nimm kein Geld, es könnte eine Revision geben. Außerdem ist Geld sowieso für die Katz, und zu futtern hast du ja genug. Kleider darfst du auch keine nehmen, ein Anzug erweckt immer Fluchtverdacht. Ein Hemd kannst du nehmen, aber nur ein Seidenhemd und mit Kragen. Und ein Unterhemd darunter. Ruf mich nicht etwa, 118
wenn du etwas zum Trinken finden solltest. Ich paß schon selbst auf, und schau zu, daß du nichts abkriegst.« »Schlagen sie?« »Na klar. Mußt überall Augen haben. Auch im Hintern.« Um uns herum sitzen die Griechen. Ihre Kiefer mahlen gierig und unentwegt. Wie große, häßliche Insekten sehen sie aus, wie sie so dasitzen und das alte, aufgeschwemmte Brot kauen. Sie sind ein bißchen durcheinander, wissen offenbar nicht, was für eine Arbeit sie erwartet. Die Schienen und die Schwellen beunruhigen sie. Griechen mögen keine schwere Arbeit. »Was wir arbeiten?« fragen sie. »Nix. Transport kommen, alles Krematorium, compris?« »Alles verstehen«, geben sie im Krematorium-Esperanto zurück. Sie sind beruhigt, sie werden weder Schienen aufladen noch Schwellen schleppen müssen. Auf der Rampe wird es immer lebendiger. Vorarbeiter teilen die Leute ein. Es werden Gruppen gebildet, die erste zum Öffnen der Waggons, die zweite zum Ausladen, eine weitere soll die fahrbare Holztreppe bedienen, eine wirklich praktische Einrichtung, die wie die Stufenleiter zu einer Tribüne aussieht. Vorarbeiter geben die letzten Befehle, erklären ihren Männern den Arbeitsablauf. Mit lautem Gebrumm fahren Motorräder vor, immer mehr SS-Unteroffiziere springen ab. Es sind dicke, fettleibige Kerle, ihre Abzeichen glitzern in der Sonne, die blankgeputzten Stiefel glänzen, die roten, pausbäckigen Gesichter strahlen. Einige tragen große Aktentaschen, andere schwingen dünne, biegsame Gerten. Die mit den Gerten sehen dienstlicher aus, zackiger. Sie gehen direkt in die Kantine – eine schäbige Holzbaracke –, im Sommer trinken sie Mineralwasser, das sie 119
Studentenquelle nennen, im Winter wärmen sie sich durch Glühwein. Zuerst begrüßen sie sich mit der stolzen römischen Geste der erhobenen Rechten, aber gleich danach schütteln sie sich herzlich die Hände, lächeln sich an, erzählen sich die letzten Neuigkeiten, berichten von zu Hause, von den Kindern und Briefen, zeigen sich gegenseitig Bilder und Photos. Ein paar von ihnen gehen mit langen, gemessenen Schritten auf dem Platz hin und her. Der Kies knirscht unter den blankgeputzten Schuhen, die Abzeichen funkeln in der Sonne, die Gerten pfeifen dünn und ungeduldig durch die Luft. Die in gestreiftem Zeug lagen im schmalen Schatten der Böschung, ihr Atem ging schwer und stoßweise, sie tuschelten in allen Sprachen, ihre Augen folgten träge und gleichgültig den majestätischen Gestalten in den grünen Uniformen, irrten zum nahen und doch so unerreichbar fernen Grün der Bäume, zum spitzen Turm der Kirche, von der ein verspätetes Angelus-Läuten herüberklang. »Der Transport kommt!« sagte jemand, und alle Hälse reckten sich. Aus der Kurve krochen Güterwagen heran, der Zug fuhr rückwärts ein. Der Eisenbahner, der am Schlußlicht stand, beugte sich weit heraus, wedelte ein paarmal mit dem Arm durch die Luft, pfiff. Die Lokomotive antwortete mit einem langgezogenen, durchdringenden Pfeifen, paffte zwei dicke Dampfwolken, der Zug schlängelte sich langsam in die Station. Hinter den kleinen, vergitterten Fenstern sahen wir Gesichter, blaß, zerknittert und übernächtigt sahen sie aus, die zerzausten, erschrockenen Frauen, die Männer, die – es war wie ein Wunder – noch ihre Haare hatten. Der Zug schob sich langsam weiter, die Menschen blickten schweigend hinaus. Plötzlich fing es an, drinnen in den Waggons zu kochen. Hohle Schläge trommelten gegen die Wände. 120
»Wasser! Luft!« Verzweifelte Rufe, Geschrei, das Hämmern der Fäuste. Köpfe drängten sich an den Fenstern, offene Münder schnappten gierig nach Luft. Nach ein paar durstigen Zügen verschwanden die ersten Gesichter, neue erschienen an ihrer Stelle, und auch sie wurden wieder zurückgedrängt. Immer lauter wurden die Schläge, immer durchdringender das Geschrei. Ein Mann in grüner Uniform, mit mehr Silber behangen als die anderen, verzog angewidert das Gesicht. Er sog noch einmal an seiner Zigarette, dann warf er sie weg, nahm seine Aktentasche in die andere Hand und winkte einem Posten. Dieser nahm langsam die Maschinenpistole von der Schulter, legte sich bedächtig hin und überflog die Reihe der Waggons mit einer kurzen, knatternden Serie. Es wurde still. Lastwagen fuhren heran, wurden bei den Türen abgestellt, die Räder festgekeilt, die Arbeiter bezogen Stellung. Der Riese mit der Aktentasche hob die Hand. »Wer Gold nimmt oder sonst etwas, was nicht eßbar ist, wird wegen Diebstahl von Reichseigentum erschossen. Klar? Verstanden?« »Verstanden!« brüllte die Menge, zwar ungleich und individuell, doch aus innigster Überzeugung. »Also! Los! An die Arbeit!« Die Riegel knarrten, die Waggons wurden geöffnet. Eine Welle frischer Luft drang hinein, schlug den Menschen entgegen und warf sie fast um. Sie waren unendlich zerschlagen, beinahe erdrückt von der schweren Last der Koffer, Päckchen, Pakete, Ranzen und Bündel, Rucksäcke und Taschen jeder Art, denn sie brachten alles mit, was ihr früheres Leben bedeutete und ein neues Leben bedeuten 121
sollte. Sie waren auf unglaublich engem Raum zusammengepfercht, fielen um vor Hitze, erstickten selbst und erdrückten andere. Nun drängten sie alle zu den offenen Türen und japsten nach Luft wie Fische auf dem Strand. »Achtung! Alles mitnehmen beim Aussteigen! Alle Klamotten auf einen Haufen neben dem Waggon! Mäntel abgeben! Ist Sommer. Links antreten! Verstanden?« »Mein Herr, was wird aus uns?« Die ersten springen ab, unruhig, zitternd vor Angst. »Woher seid ihr?« »Sosnowiec, Bendzin.« Sie wiederholen immer wieder die angstvolle, bange Frage, gespannt forschen sie in fremden, müden Augen. »Was wird aus uns?« »Ich weiß nicht, ich kann kein Polnisch.« Es ist ein ungeschriebenes Gesetz des Lagers, daß man Menschen, die in den Tod gehen, bis zum letzten Augenblick belügt. Das ist die einzig zulässige Form von Mitleid. Die Hitze ist schrecklich. Die Sonne hat den Zenit erreicht, der glühende Himmel bebt, die Luft flimmert, der Wind, der ab und zu herüberweht zu uns, ist nichts als flüssige, siedende Glut. Wir haben schon gesprungene Lippen, der Mund schmeckt salzig, nach Blut. Vom langen Liegen in der Sonne sind unsere Leiber matt und steif. Trinken, oh, trinken … Aus den Waggons ergießt sich eine bunte Flut von Menschen, kopflos wie ein überschäumender Strom, der ein neues Flußbett sucht. Noch bevor sie Zeit haben, sich an die frische Luft und das ungewohnte Grün zu gewöhnen, noch bevor sie zu sich kommen, reißt man ihnen alles aus den Händen, zieht man ihnen die Mäntel aus, nimmt den Frauen Taschen und Schirme ab. 122
»Ach bitte, lassen Sie mir doch meinen Sonnenschirm! Mein Herz! Ich kann nicht …« »Verboten!« zischt man scharf durch die Zähne. Hinter uns, in unserem Rücken, steht ein SS-Mann. Ruhig und beherrscht schaut er zu. »Meine Herrschaften! Bitte die Sachen nicht so hinzuwerfen! Zeigen Sie doch wenigstens etwas guten Willen!« Seine Stimme klingt sanft, begütigend, die dünne Gerte in seiner Hand züngelt nervös, windet sich wie eine giftige, ungeduldige Schlange. »Ja – ja«, antworten die Menschen wie aus einem Mund und laufen noch schneller an den Waggons vorbei. Eine Frau bückte sich nach ihrer Tasche. Die Gerte pfiff durch die Luft, die Frau schrie auf, taumelte und fiel unter die Füße der Menge. Hinter ihr lief ein Kind. »Mamele …«, schreit es verzweifelt, ein liebes, kleines, zerzaustes Mädchen … Die Halde der weggeworfenen Sachen wächst. Koffer, Taschen, Bündel, Ranzen, Rucksäcke, Plaids, Kleider, Mäntel, Handtaschen, die sich geöffnet haben und aus denen bunte Banknoten hervorquellen, Gold, Uhren, Schmuck. Vor der Tür des Waggons türmt sich hoch aufgeschichtet Brot, daneben leuchten Gläser mit Marmelade, Powideln und eingemachtem Obst, noch ein Stück weiter wachsen Berge von Schinken, Wurst, Salami; Zucker liegt verstreut im Sand. Lastwagen, vollgestopft mit Menschen, fahren mit höllischem Getöse davon, weg von Tumult und Geschrei der Frauen, die nach ihren Kindern weinen, weg vom betretenen Schweigen der Männer, die plötzlich allein geblieben sind. Jene, die man nach rechts geschickt hat, sind jung und gesund. Die gehen ins Lager. Vom Gas werden sie nicht verschont bleiben, aber zuerst sollen sie arbeiten. 123
Autos fahren und fahren, immer wieder kommen neue Wagen, wie auf einem endlosen Fließband. Pausenlos jagt der Rotkreuzwagen hin und her. Das große rote Kreuz auf der Motorhaube weicht in der Sonne auf. Unermüdlich ist der Wagen. Immer wieder leuchtet das rote Zeichen auf, unter dem man das Gas heranfährt, mit dem Menschen vergiftet werden. Die vom Kanada-Kommando – das sind die, die an der tragbaren Treppe arbeiten –, haben keinen Augenblick Zeit zum Verschnaufen. Sie trennen die, die ins Lager gehen, von den anderen. Sie schubsen die ersten auf die Lastwagen, sechzig Stück pro Wagen, ein paar mehr oder ein paar weniger, darauf kommt es nicht so genau an. Einfach so, plus-minus. Neben ihnen steht ein SS-Mann. Er ist jung und glatt rasiert, hält ein Notizbuch in der Hand, macht für jeden Lastwagen einen Strich. Wenn sechzehn Lastwagen weggefahren sind, ist das Tausend voll, einfach so, plusminus. Der junge Herr arbeitet ohne Hast, bedächtig und gründlich. Ohne sein Wissen und ohne seinen Strich fährt kein einziger Wagen davon. Ordnung muß sein. Die Striche mehren sich, bald sind es ganze Tausender, die Tausender mehren sich, ganze Transporte werden daraus. »Aus Saloniki«, sagt man kurz. Oder »aus Straßburg« oder »aus Rotterdam«. Von diesem da wird man heute noch sagen können »aus Bendzin«. Ordnungsgemäß bekommt dieser Transport den Namen »BendzinSosnowiec«, und diejenigen, die ins Lager gehen, bekommen die Nummer 131. bis 132. Tausend, kurz 131-132. Die Zahl der Transporte wächst in den Wochen, Monaten, Jahren. Wenn einmal der Krieg vorbei sein wird, wird 124
man die Vergasten zählen. Viereinhalb Millionen werden sie zählen. Opfer der blutigsten Schlacht des Krieges, größter Sieg des solidarisch vereinten Deutschland. Ein Volk – ein Reich – ein Führer – und vier Krematorien! In Auschwitz wird es allerdings sechzehn Krematorien geben, runde fünfzigtausend pro Tag wird man dort verbrennen können. Das Lager wird immer größer, es wird bald so weit reichen, daß der Draht, der nicht elektrisch geladen ist, bis an die Weichsel stößt. Dreihunderttausend Menschen in sauberen gestreiften Anzügen werden dort wohnen. »Verbrecherstadt« wird das Lager heißen. Nein, es wird niemals soweit kommen, daß es zu wenig Leute geben wird. Juden werden verbrannt, Russen werden verbrannt. Vom Westen kommen die Menschen, vom Süden, vom Kontinent und von den Inseln. Menschen in gestreiften Anzügen werden kommen und die zerschlagenen deutschen Städte wieder aufbauen, sie werden das brachliegende Land pflügen, und wenn sie von der erbarmungslosen Arbeit der ewigen »Bewegung! Bewegung!« ermatten, werden sich die Türen der Gaskammern öffnen. Bis dahin wird man die Gasöfen verbessert haben, sie werden sparsamer im Verbrauch sein und besser getarnt, werden so sein wie die in Dresden, von denen man sich heute schon Legenden erzählt. Die Waggons sind leer. Ein magerer, pockennarbiger SSMann blickt ruhig hinein, nickt angewidert, sieht uns an und winkt mit der Hand. »Rein! Saubermachen!« Wir springen hinein. In den Ecken, zwischen den verlorenen Uhren und den Pfützen und Häufchen, die hier die Menschen hinterlassen haben, liegen totgetrampelte und erstickte Kinder, kleine, häßliche Leichen mit riesengroßen Köpfen und aufgedunsenen Bäuchen. Wir tragen sie hinaus wie Hühner, zwei in jeder Hand. 125
»Trag sie nicht auf den Wagen. Gib sie den Frauen!« sagt der SS-Mann und steckt sich eine Zigarette an. Das Feuerzeug nimmt seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, es will und will nicht anspringen. »Nehmt doch die Kinder! Barmherziger Himmel!« platze ich heraus, weil die Frauen erschreckt vor mir zurückweichen, den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Sonderbar, wie falsch sich hier das Wort »Gott« anhört! Die Frauen gehen doch auf den Lastwagen. Alle, ohne Ausnahme. Wir wissen genau, was das bedeutet, und spüren, wie der Haß in uns hochsteigt. »Was, sie will die Kinder nicht?« fragt der SS-Mann gedehnt. Seine Stimme klingt verwundert, vorwurfsvoll. Langsam zieht er seinen Revolver. »Sie brauchen nicht zu schießen, ich nehme sie.« Eine hochgewachsene, grauhaarige Frau nahm mir die kleinen Leichen ab. »Kind, Kind«, flüsterte sie lächelnd. Einen Augenblick sah sie mir gerade in die Augen, dann ging sie stolpernd über den Platz. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen den Waggon. Ich war sehr müde. Jemand reißt mich an der Hand. »En avant! Herunter vom Gleis!« Ich hebe den Blick, das Gesicht tanzt mir vor den Augen, verschwimmt, kommt wieder näher, wächst und wächst, wird immer größer und durchsichtiger, vermischt sich mit den Bäumen, wird so lang wie die Stämme, weiß Gott, warum die Biester auf einmal alle schwarz sind, warum sie mit der Menge verfließen, die sich an mir vorbeischiebt … Ein paarmal muß ich scharf blinzeln: Henri. »Du, Henri, ob wir gute Menschen sind?« »Warum fragst du so dumm?« 126
»Siehst du, Freund, in mir kocht eine vollkommen unverständliche Wut auf diese Menschen, weil ich ihretwegen dasein muß. Es tut mir gar nicht leid, daß sie vergast werden. Möge die Erde sich öffnen und sie alle verschlingen! Ich könnte auf sie losgehen, auf alle! Wahrscheinlich ist das pathologisch, ich verstehe es nicht.« »Ach wo! Ganz im Gegenteil! Das ist normal, vorgesehen und im voraus berechnet. Die Rampe geht dir auf die Nerven, du kriegst Wut, und die Wut kannst du am besten an den Schwächeren auslassen. Es wird sogar verlangt, daß du deine Wut ausläßt, compris?« Der Franzose spricht mit einer leisen Ironie und legt sich unterhalb der Böschung bequem hin. »Schau dir doch die Griechen an! Die wissen den Vorteil zu nutzen. Die fressen alles, was ihnen in die Finger kommt. Vorhin hat einer neben mir ein ganzes Glas Marmelade leergefressen.« »Schweine! Morgen kratzt die Hälfte von ihnen ab. Totscheißen werden sie sich!« »Schweine? Du hast doch auch Hunger gehabt.« »Schweine!« wiederhole ich verbissen. Ich schließe die Augen, höre immer noch das Geschrei, fühle, wie die Erde bebt, die heiße Luft streicht über meine Augenlider. Meine Kehle ist völlig ausgedörrt. Immer mehr Menschen gehen vorüber, die Lastwagen knurren wie gehetzte Hunde. An meinen Augen ziehen die Leichen vorbei, die aus den Waggons herausgetragen werden, die totgetrampelten Kinder, die Krüppel, die man mit den Toten auf einen Haufen wirft. Und die Menge – die Menge … Die Waggons rücken weiter, die Berge von Kleidern, Koffern und Gepäckstücken werden immer höher. Menschen steigen aus, blinzeln in die Sonne, atmen gierig die reine, fri127
sche Luft, betteln um Wasser, klettern auf die Lastwagen, fahren weg. Neue Waggons kommen, wieder Menschen … In meinem Innern überlagern sich die Bilder, ich weiß nicht mehr, was wirklich geschieht und was ich träume. Plötzlich sehe ich grüne Bäume, sie schaukeln, und eine ganze Straße schaukelt mit, die Menge schaukelt … Aber das sind doch die Alleen! Das ist doch Warschau! Mein Schädel brummt, ich fühle, daß ich mich erbrechen werde. Henri reißt mich am Arm. »Wach auf! Schlaf nicht! Wir gehen jetzt los! Klamotten aufladen!« Die Menschen sind weg. Eine dicke Staubwolke wirbelt hinter dem letzten Wagen auf der Straße her, der Zug ist weggefahren, auf der Rampe marschieren würdig und gemessen die SS-Männer auf und ab, das Silber glitzert in der Sonne. Die Stiefel glänzen, die roten Gesichter leuchten. Unter ihnen ist eine Frau, erst jetzt wird mir bewußt, daß sie die ganze Zeit über hier war. Sie ist knochig, hat ein grobes, vertrocknetes Gesicht und flache Brüste. Das schüttere, blonde Haar ist glatt nach hinten gekämmt, im Nacken hat sie es zu einem dünnen »nordischen« Knoten geschlungen. Ihre Hände stecken tief in den Taschen der breiten Rockhose. Sie geht auf und ab, von einem Ende der Rampe zum anderen, auf den weichen Lippen klebt ein hartes, giftiges Lächeln. Sie haßt weibliche Schönheit mit dem verzweifelten Haß einer häßlichen Frau, die weiß, wie häßlich sie ist. Ja, ich hab diese Frau oft gesehen, ich kann mich genau an sie erinnern. Es ist die Kommandantin des Frauenlagers, sie ist hergekommen, um sich den Zuwachs anzusehen, den ihr Lager bekommt. Ein Teil der Frauen wurde abgestellt und wird zu Fuß ins Lager gehen. Unsere Jungens, die Friseure von der Sauna, werden ihnen alle Haare wegputzen; sie haben ihre Freude an der Verlegenheit dieser Frauen. 128
Wir laden also Klamotten auf. Die schwereren Stücke werden mit großer Wucht auf die Wagen geworfen. Dort werden sie zu hohen Stößen geschichtet, zurechtgestupst, aufgeschlitzt und durchgestöbert. Einmal nur so, zum Spaß, und zum anderen auf der Suche nach Schnaps und Parfüm. Die Parfümflakons kippt man einfach über sich aus. Einer der Koffer springt auf. Anzüge fallen heraus, Kleider, Hemden und Bücher. Etwas Schweres, in ein Tuch eingewickelt, rollt vor meine Füße. Ich hebe es auf und wickle es neugierig auf. Gold, zwei Handvoll schwere Schmuckstücke, Ringe, Armbänder, Colliers, Brillanten … »Gib her«, sagt der SS-Mann hinter mir und hält mir seelenruhig seine offene Tasche hin. Sie ist voll, Gold und farbige Steine glitzern, daneben schimmern bunte Scheine, fremde Valuta. Er schließt die Tasche, reicht sie dem Offizier und bekommt von ihm eine neue, leere. Der Offizier geht mit der vollen Tasche davon, in die Holzbude. Das Gold ist fürs Reich. Hitze. Große Hitze. Die Luft steht, glühend heiß und unbewegt. Unsere Kehlen sind ausgetrocknet, jedes Wort, das wir sagen, tut weh. Trinken, ach, trinken … Wir arbeiten wie die Wilden, immer schneller, nur damit wir fertig werden, nur damit wir endlich im Schatten verschnaufen können. Schließlich sind wir fertig, die letzten Lastwagen fahren ab, jetzt müssen wir bloß noch alles das einsammeln, was auf den Gleisen herumliegt. Papier, Fetzen, alles, was als Abfall nach einem Transport übrigbleibt, damit keine Spur das »dreckige Geschäft« verrät. Als wir endlich auch damit fertig sind und uns ein bißchen im Schatten ausstrecken wollen – vielleicht kauft der Franzose wieder einen Schluck Wasser vom Posten –, pfeift hinter der Kurve ein Eisenbahner. Langsam, unendlich langsam schieben sich Waggons heran, ein langer, durchdringender Pfiff der Lokomotive zerreißt die Luft, hinter den 129
vergitterten Fenstern drängen sich blasse, müde Gesichter, flach, wie aus Papier ausgeschnitten, mit übergroßen, fiebrig glänzenden Augen. Auch die Lastwagen sind wieder da, hier kommt auch schon wieder der junge, ruhige Herr mit seinem Notizbüchlein, aus der Kantine schlendern die SS-Männer mit ihren Taschen für Gold und Geld herbei. Wir öffnen die Waggontüren. Nein, man kann sich nicht mehr beherrschen. Das Gepäck wird den Menschen brutal aus den Händen gerissen, ein Ruck, und der Mantel ist ausgezogen. Schneller! Schneller! Geht doch schon! Macht doch schneller, macht, daß ihr weiterkommt! Sie gehen, sie machen schneller, sie hasten weiter. Männer, Frauen, Kinder. Einige von ihnen wissen … Da, eine Frau. Sie geht sehr schnell, beeilt sich kaum merklich, aber sie fiebert. Hinter ihr läuft ein Kind, es hat ein Gesichtchen wie eine Putte, mit rosigen Pausbacken, die kurzen Beinchen können nicht Schritt halten mit den eiligen, leichten Füßen der Frau. Mit ausgestreckten Ärmchen läuft es hinter ihr her. »Mama … Mama …« »Du Weibstück, nimm doch das Kind auf den Arm!« »Es ist nicht mein Kind!« schreit die Frau, wild und hysterisch, bedeckt ihr Gesicht mit beiden Händen und fängt an zu laufen. Sie will unter denen untertauchen, die nicht auf die Lastwagen müssen, will zu Fuß gehen, mit denen, die leben werden. Sie ist jung, gesund und schön. Sie will leben. »Mama … Mama … Lauf nicht weg … Warte … Mama!« »Das ist nicht mein Kind!« Andrej, der Seemann aus Sewastopol, hat sie eingeholt. Seine Augen sind verschleiert, die Hitze und der Schnaps 130
haben sie getrübt. Er hat sie eingeholt, ein einziger Stoß seiner breiten Schultern wirft die Frau zu Boden. Noch im Fallen reißt er sie an den Haaren wieder hoch. Sein Gesicht ist wutverzerrt. »Du! Du Miststück! Jüdische Hure! Vor deinem Kind läufst du davon? Ich zeig dir’s, du Hure!« Er packt die Frau in der Mitte, drückt ihr mit der Hand die Kehle zu, aus der ein Schrei dringt, holt aus und wirft die Frau auf den Lastwagen. »Hier! Das auch! Das ist auch deins, du Hündin!« Und Andrej wirft ihr das Kind vor die Füße. »Gut gemacht! So straft man Rabenmütter«, sagt der SSMann, der neben dem Wagen steht. »Gut, gut, Russki.« »Schweig!« knirscht Andrej mit den Zähnen und geht zurück zum Waggon. Unter einem Haufen Lumpen holt er eine Feldflasche hervor, schraubt den Verschluß ab und hebt die Flasche zuerst an seinen, dann an meinen Mund. Der Fusel brennt wie Feuer in der Kehle. Mein Kopf dreht sich, die Beine knicken mir ein, der Oberkörper beugt sich nach vorn. Wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt, fließt der Menschenstrom zu den Lastwagen. Plötzlich taucht ein Mädchen aus der Menge auf. Sie springt leichtfüßig aus dem Waggon, sieht sich forschend um, wie jemand, der sich über etwas wundert. Das dichte, helle Haar fällt ihr in schweren Wellen bis auf die Schultern herab. Sie wirft es mit einer ungeduldigen Bewegung zurück. Ihre Hände zupfen automatisch das sommerliche Blüschen zurecht, streichen glättend über den Rock. Für einen Augenblick bleibt sie regungslos stehen. Endlich lösen sich ihre Augen von der Menge, ihr Blick wandert forschend über unsere Gesichter. Ohne es zu wissen, suche ich ihren Blick. Unsere Augen begegnen sich. 131
»Hör mal, sag, wohin bringt man uns?« Ich sehe sie an. Vor mir steht ein Mädchen mit dichtem, hellem Haar, die festen, jungen Brüste zeichnen sich unter dem leichten Batistblüschen ab, die klugen, wachen Augen blicken mich an, sie steht da und wartet. Und hier die Gaskammer: gemeinsamer Tod, häßlich, scheußlich, widerlich. Und dort das Lager: kahlgeschorener Kopf, wattierte sowjetische Hose für die Hitze, ekliger, stickiger Gestank der schmutzigen, erhitzten Leiber, tierischer Hunger, unmenschliche Arbeit und am Ende die gleiche Gaskammer. Nur der Tod ist noch häßlicher, noch scheußlicher, noch widerlicher als dieses Leben. Wer einmal hier hereinkommt, der bringt noch nicht mal seine Asche an der Postenkette vorbei wieder hinaus. Der kehrt nie wieder ins andere Leben zurück. ›Wofür hat sie das hergebracht‹, denke ich, als ich die kleine, schmale Uhr an dem dünnen, goldenen Armband erblicke, die an ihrem Gelenk glitzert. ›Man wird es ihr sowieso wegnehmen.‹ Genau die gleiche Uhr hatte seinerzeit meine Tuschka gehabt, nur trug sie sie an einem schmalen, schwarzen Band. »Sag doch was!« Ich schweige, und sie preßt die Lippen zusammen. »Ich weiß schon«, sagt sie, und etwas wie hochnäsige Verachtung klingt in ihrer Stimme. Sie wirft stolz den Kopf zurück. Dann geht sie mit freien, federnden Schritten auf die Lastwagen zu. Jemand will sie aufhalten. Sie schiebt die Hand einfach zurück und springt die Stufen hinauf, auf den Lastwagen, der schon mit Menschen vollgestopft ist. Ich sehe nur noch das lange, blonde Haar, das bei der schnellen Fahrt um ihren Kopf flattert. 132
Ich ging wieder in die Waggons hinein, trug Kinderleichen hinaus, warf Gepäckstücke aus der Tür. Ich berührte die Toten, aber die aufsteigende, wilde Angst konnte ich nicht mehr überwinden. Ich versuchte, vor den Leichen wegzulaufen, aber sie lagen überall. Aufgereiht auf dem Schotter, auf dem zementierten Rand des Bahnsteigs, in den Waggons. Kinder, häßliche, nackte Weiber, konvulsiv verdrehte Männerleiber. Ich lief, so weit ich konnte. Jemand schlug mit der Gerte auf mich ein. Aus dem Augenwinkel erspähte ich den wütend schreienden SS-Mann, ich riß mich los und tauchte zwischen den fetten »Kanadiern« unter. Endlich kann ich wieder die Böschung hinunterkriechen. Die Sonne hat sich tief über den Horizont geneigt, ihr blutrotes, sinkendes Licht überflutet die Rampe. Die Schatten der Bäume sind länger geworden, das Geschrei der Menschen hallt immer lauter und immer eindringlicher in den abendlich ruhigen Himmel. Sanfte Stille senkt sich langsam über die Natur. Erst hier, unterhalb der Schienen, kann man die Hölle des Gewimmels oben an der Rampe ganz ermessen. Zwei Menschen sind zu Boden gefallen, ineinander verkrampft in einer letzten, verzweifelten Umarmung. Er vergrub seine Finger in ihren Körper, seine Zähne zerreißen ihr Kleid. Sie stöhnt auf, stößt kurze, hysterische Schreie aus; erst als sie ein mit Nägeln beschlagener Stiefel trifft, wird sie still. Wie ein Stück Holz reißt man die beiden auseinander und treibt sie wie Schlachtvieh auf den Wagen. Vier »Kanadier« heben die aufgedunsene Leiche einer riesigen alten Frau. Alle vier schwitzen unter der schweren Last, sie fluchen und treten nach den Kindern, die ihnen im Weg sind. Kinder sind überall, sie laufen herum wie verirrte Hunde, von einem Ende der Rampe zum andern, suchen und wimmern, weinen und schreien. Die Männer fangen sie ein, schnappen sie, wo sie sie gerade erwischen, 133
am Kopf, am Hals, an den Händen, und werfen sie auf die Lastwagen. Die vier Kanadier schaffen die Frauenleiche nicht. Sie rufen Verstärkung herbei, endlich kann die schwere, leblose Masse auf die Plattform gehievt werden. Von überallher schleppt man Leichen herbei. Große, aufgequollene, gedunsene Kadaver. Dazwischen wirft man Krüppel, Gelähmte, Halberstickte. Der Berg der »Toten« bewegt sich, stöhnt und heult. Der Fahrer läßt den Motor an, der Wagen fährt los. »Halt! Halt doch!« Von weitem brüllt ein SS-Mann. »So halt doch, zum Teufel!« Ein alter Mann im Frack wird herangeschleift. Er trägt eine Armbinde, sein Kopf schlägt auf dem Boden auf, der Alte wimmert und jault. »Ich will mit dem Herrn Kommandanten sprechen!« Seine Stimme ist nur ein monotones Wimmern, starrsinnig wiederholt er immer die gleichen Worte. »Ich will mit dem Herrn …« Sie werfen ihn zu den anderen auf den Wagen. Jemand hat ihn zu Boden getreten, aber die alte Stimme jammert immer noch: »Ich will …« »Sei doch endlich still, Mensch!« lacht ihm der junge SSMann nach. »In einer halben Stunde wirst du mit dem Höchsten Kommandanten sprechen. Vergiß nur ja nicht, Heil Hitler zu sagen!« Zwei andere Männer tragen ein Mädchen herbei. Es hat nur ein Bein. Die Männer halten das Kind an den Händen und an dem einen Bein. Tränen kullern über das Kindergesicht. »Oh, das tut weh, meine Herren«, flüstert die Kleine kläglich. Man wirft sie zu den Leichen. Auch sie wird verbrannt, zusammen mit den Toten, bei lebendigem Leibe. 134
Der Abend senkt sich herab. Der kühle, dunkle Himmel ist mit Tausenden glitzernder Sterne übersät. Wir liegen auf den Schienen, es ist unendlich still. Auf den hohen Pfosten blinken schwache Lampen. Außerhalb der Lichtkreise liegt undurchdringliches Dunkel. Ein einziger Schritt in dieses Dunkel, und der Mensch ist unwiederbringlich verloren – oder gerettet. Aber die Posten haben aufmerksame, wache Augen. Die Maschinenpistolen sind schußbereit. »Hast du deine Schuhe vertauscht?« fragt mich Henri. »Nein.« »Warum?« »Mann! Mir reicht’s! Ich hab’s satt!« »Schon nach dem ersten Transport? Wenn ich es mir so überlege … Seit Weihnachten sind sicher an die Million Menschen durch meine Hände gegangen. Das schlimmste sind die Transporte aus der Pariser Gegend. Man trifft immer wieder Bekannte.« »Und was sagst du ihnen?« »Daß sie zuerst baden gehen und daß wir uns nachher im Lager sehen werden. Was würdest du ihnen sagen?« Ich schweige. Wir trinken Kaffee, gemischt mit Fusel. Jemand öffnet eine Dose Kakao, verrührt ihn mit Zucker. Die klebrige Masse muß aus der hohlen Hand geschleckt werden, der Kakao verklebt uns den Mund. Dazu trinken wir wieder Kaffee mit Fusel. »Henri, worauf warten wir?« »Es gibt noch einen Transport. Ist aber nicht sicher.« »Wenn er kommt, gehe ich nicht hin. Ich kann nicht.« »Hat dich schön mitgenommen, was?« 135
Henri lächelt, sanft und gütig. »Kanada ist eine prima Sache, was?« Er verschwindet lautlos im Dunkel. Nach einer Weile kommt er leise wieder zurück. »Ist gut. Paß nur auf, daß dich kein SS-Mann erwischt. Bleib hier sitzen und rühr dich nicht vom Fleck. Und die Schuhe werd ich dir besorgen.« »Laß mich doch in Ruhe mit den Schuhen!« Ich bin schläfrig. Es ist Nacht. Wieder antreten, wieder ein Transport. Aus der Dunkelheit tauchen einer nach dem anderen die Waggons auf, gleiten durch den Lichtkreis, versinken wieder im Dunkel. Die Rampe ist sehr klein, der Lichtkreis jedoch noch kleiner. Irgendwo brummen Motore, gespenstisch schwarze Autos fahren an die Treppe heran, Scheinwerfer tauchen die Bäume in gleißende Lichtkegel. »Wasser! Luft!« Es ist wieder dasselbe. Nur eine verspätete Wiederholung des gleichen Films: eine kurze, knatternde Serie aus der Maschinenpistole, dann Stille in den Waggons. Ein kleines Mädchen hat sich zu weit aus dem Waggon hinausgelehnt, verliert das Gleichgewicht und fällt vornüber auf den Schotter. Eine Weile bleibt die Kleine betäubt liegen. Dann erhebt sie sich und dreht sich im Kreis, immer schneller, immer rasender, die Arme schlagen wie lahme Flügel, sie japst nach Luft, wimmert leise und monoton vor sich hin. Das Kind ist beinahe erstickt, wahrscheinlich hat es einen Schock bekommen und den Verstand verloren. Sie fällt allen auf die Nerven. Plötzlich verliert ein SS-Mann die Beherrschung. Er springt herbei, versetzt dem Kind einen Tritt. Die Kleine fällt, der SS-Mann hält sie mit dem Fuß am Boden, zückt seinen Revolver und schießt, einmal, zweimal. Die kleinen Beine strampeln, scharren über den 136
Schotter, dann bleiben sie still. Das Kind bewegt sich nicht mehr. Der erste Waggon wird geöffnet. Ich war wieder an der Arbeit. Warmer, süßlicher Gestank schlug uns entgegen. Ein Berg menschlicher Leiber füllte den halben Waggon. Die Körper sind unentwirrbar ineinander verflochten, der Haufen rührte sich nicht mehr, aber er dampfte noch. »Ausladen!« erscholl die Stimme hinter uns im Dunkel. Der SS-Mann tauchte aus der Nacht auf. An seiner Brust hing ein handlicher Scheinwerfer. Er leuchtete in den Waggon. »Was steht ihr so dämlich herum? Ausladen!« Sein Knüppel fegt über unsere Rücken. Ich packe die Hand eines Toten, und die Finger krampfen sich um meine Hand wie ein Schraubstock. Mit einem Aufschrei reiße ich mich los und renne davon. Mein Herz schlägt wie ein Hammer, mein Magen dreht sich um, die Knie geben nach. Ich rollte mich unter einem Waggon zusammen und erbrach mich. Dann kletterte ich zitternd die Böschung hinunter. Ich lag auf kühlem, hartem Stahl und träumte davon, wieder ins Lager zurückzukehren. Ich träumte von der kahlen Pritsche ohne Strohsack, von den Splittern der Träume, die man gemeinsam mit den wenigen Freunden träumt, die heute nacht nicht vergast werden. Ganz plötzlich erschien mir das Lager wie ein Hafen der Sicherheit, der Geborgenheit. Immer sind es die anderen, die sterben. Man selbst lebt irgendwie weiter, hat immer noch etwas zu essen, hat immer noch die Kraft zu arbeiten, immer noch ein Zuhause, eine Heimat, ein Mädchen … Die Lichter flimmern, der Menschenstrom fließt unaufhörlich weiter, fiebernd, trüb und betäubt. Diese Menschen glauben wirklich, daß sie im Lager ein neues Leben beginnen werden, 137
sie schicken sich an, den harten Kampf ums nackte Dasein aufzunehmen. Sie wissen nicht, daß sie gleich sterben werden, daß sie all das Gold, all die Brillanten, die sie so sorglich und ängstlich in den Nähten ihrer Kleider versteckt haben, überhaupt nicht mehr brauchen werden. Geschulte, routinierte Leute werden in ihren Eingeweiden herumstochern, werden das Gold unter ihren Zungen hervorholen, die Brillanten aus der Scheide und aus dem After fischen. Sie werden ihnen die Goldzähne ausbrechen, und die ganze Beute wird sorgfältig verpackt in großen Kisten nach Berlin gehen. Die schwarzen Schatten der SS-Männer bewegen sich ruhig, mit fachmännischer Sicherheit. Der Herr mit dem Notizbüchlein malt die letzten Striche, überschlägt das Ergebnis: fünfzehntausend. Viele, sehr viele Autos sind zu dem Krematorium gefahren. Die Arbeit geht zu Ende. Der letzte Wagen sammelt die Leichen ein, die auf der Rampe aufgereiht waren. Auch die Klamotten sind schon alle verstaut. Die Kanadier stellen sich auf, zum Abmarsch. Sie sind schwer beladen. Mit Brot, Marmelade, Zucker, sie duften nach französischen Parfüms und nach frischer Wäsche. Der Kapo ist eifrig mit einem großen Teekessel beschäftigt. Er stopft Seide hinein, Gold und Kaffee. Das ist für die Wachtposten am Tor. Dafür werden sie das Kommando ohne Kontrolle passieren lassen. Ein paar Tage lang wird das Lager von diesem Transport leben, wird seine Schinken und seine Würste essen, seinen Schnaps und seine Liköre trinken, seine Wäsche tragen und mit seinem Geld und seinen Schmucksachen handeln. Eine ganze Menge Dinge befördern die Zivilisten aus dem Lager. Nach Schlesien, nach Krakau, vielleicht noch weiter. Dafür bringen sie Zigaretten, Eier, Schnaps und Briefe von zu Hause … Ein paar Tage lang wird das Lager vom 138
Transport »Bendzin-Sosnowiec« sprechen. Ein guter, reicher Transport ist es gewesen. Als wir ins Lager zurückmarschieren, verblassen schon die Sterne. Der Himmel wird immer durchsichtiger, immer höher, der Morgen dämmert herauf. Es wird ein schöner Tag werden, klar und heiß. Aus dem Krematorium steigen Rauchsäulen empor, die oben zu einer schweren, dunklen Wolke zusammenfließen. Unendlich langsam wälzt sich der schwarze, träge Strom über Birkenau und zieht über die Wälder dahin, bis er sich irgendwo in der Ferne verliert. Der Transport aus Bendzin-Sosnowiec brennt schon. Eine SS-Einheit kommt uns entgegen. Sie trägt Maschinengewehre und löst die Wachen ab. Sie marschiert in dichten, geschlossenen Reihen. Schulter an Schulter, eine Masse, ein Wille. »Und morgen die ganze Welt …«, singen sie aus vollem Hals. »Rechts ran!« ertönt das Kommando von vorn. Wir geben ihnen den Weg frei.
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BEI UNS IN AUSCHWITZ …
… und so bin ich also schon im Pflegerkurs. Man hat uns ausgewählt, uns paar Männer aus all den vielen von Birkenau, und jetzt werden wir geschult, fast so gut wie die Doktoren. Wir sollen wissen, wieviel Knochen der Mensch hat, wie das Blut kreist, was ein Bauchfell ist, wie man den Bandwurm bekämpft und die Parasiten, wie man keimfrei den Blinddarm operiert und wozu ein Ödem gut ist. Eine wahrhaft edle Aufgabe haben wir: Wir werden unsere Kollegen kurieren, die das »böse Schicksal« mit Krankheit straft, mit Apathie oder die keine Lust mehr haben, weiterzuleben. Wir – ausgerechnet wir paar Männer von den vielen Tausenden aus Birkenau – sollen die Sterblichkeit im Lager mindern und den Lebensmut der Gefangenen heben. Das sagte jedenfalls der Lagerarzt schon im Wegfahren, fragte uns noch nach unserem Beruf, und als ich ihm sagte: »Student«, hob er erstaunt die Brauen: »Was haben Sie studiert?« »Literaturgeschichte«, sagte ich bescheiden. Er nickte enttäuscht mit dem Kopf, stieg in seinen Wagen und fuhr davon. Dann marschierten wir auf einer sehr schönen Straße nach Auschwitz, sahen das weite Land, irgend jemand teilte uns irgendwo ein, als Gastpfleger im Krankenhausblock, glaube ich, aber ich habe mich nicht übermäßig dafür interessiert, weil ich mit Staschek (weißt Du, das ist der, der mir die braune Hose schenkte) ins Lager ging, ich 140
– um jemanden zu finden, der Dir diesen Brief bringen sollte, und Staschek zum Küchenblock und zum Magazin, um ein Stück Weißbrot zum Abendessen zu organisieren, ein Stück Margarine und wenigstens eine Wurst, weil wir zu fünft sind. Ich fand natürlich keinen, denn ich bin schon ein »Millionär«, und hier gibt es lauter alte, niedrige Nummern, und mich sieht man nur von oben herab an. Aber Staschek versprach, den Brief über seine Verbindungen wegzuschicken, nur dürfe er nicht allzu lang sein, weil »es doch langweilig sei, jeden Tag an sein Mädchen zu schreiben«. Sobald ich also gelernt habe, wieviel Knochen ein Mensch hat und was ein Bauchfell ist, werde ich Dir hoffentlich sagen können, was Du gegen Deine Pyodermie machen kannst und was Deine Bettnachbarin mit ihrem Fieber anfangen soll. Ich fürchte nur, daß ich – auch wenn ich weiß, wie man einen Ulcus duodeni behandelt – immer noch nicht imstande sein werde, für Dich ein Tiegelchen mit Wilkinson-Salbe zu klauen, weil es im Augenblick in ganz Birkenau kein Gramm Krätzesalbe gibt. Bei uns haben wir die Kranken mit Pfefferminztee begossen und dabei die Krätze beschworen, allerdings mit Worten, die man leider nicht wiederholen kann. Und was »Kampf dem Tod« anbelangt: ein Prominenter aus meinem Block erkrankte, es ging ihm schlecht, er fieberte, sprach immer öfter vom Sterben. Eines Tages rief er mich zu sich. Ich setzte mich zu ihm ans Bett. »Ich war doch bekannt im Lager, nicht wahr?« fragte er und sah mir unruhig in die Augen. »Wer könnte dich jemals vergessen«, sagte ich unschuldig. »Schau«, sagte er und wies mit der Hand auf die Fensterscheiben, die der Feuerschein gerötet hatte. 141
Es brannte, dort, hinter dem Wald. »Weißt du, ich möchte allein liegen. Nicht mit den anderen zusammen. Nicht auf dem Haufen. Verstehst du?« »Hab keine Angst«, sagte ich herzlich. »Ich werde dir sogar ein Bettlaken geben. Und mit den Totenträgern werde ich auch reden.« Er drückte mir schweigend die Hand. Aber es klappte nicht. Er wurde wieder gesund und schickte mir aus dem Lager ein Stück Margarine. Ich schmiere mir damit die Schuhe ein, weil sie aus Fischen gemacht ist. So habe ich zu der Minderung der Sterblichkeit im Lager beigetragen. Aber Schluß damit, das ist zu sehr aus dem Lager. Und es ist beinahe einen Monat her, daß ich keine Post von zu Hause habe …
II Herrliche Tage für uns: kein Appell, keine Pflichten. Das ganze Lager ist angetreten, und wir stehen am Fenster, halb hinausgelehnt, Zuschauer aus einer anderen Welt. Die Menschen lächeln uns zu, wir lächeln zurück, man nennt uns: »die Kollegen aus Birkenau«, halb mitleidig, weil unser Schicksal so schäbig ist, halb beschämt, weil das der anderen so gnädig ist. Der Ausblick aus dem Fenster ist ganz harmlos, das »Kremo« sieht man nicht. Die Leute sind in Auschwitz verliebt, stolz sagen sie »bei uns in Auschwitz …« Übrigens haben sie Grund genug, stolz zu sein. Versuche doch, Dir Auschwitz vorzustellen: Nimm den Warschauer Pawiak, diesen riesigen Gefängniskasten, dazu Serbien, 142
beides mal achtundzwanzig, dann stelle das Ganze so dicht zusammen, daß zwischen den einzelnen Pawiaks nur schmale Lücken bleiben, jage zweimal Stacheldraht um das Ganze, baue von drei Seiten eine hohe Mauer auf, belege den Schlamm mit festen Pflastersteinen, pflanze hier und da ein anämisches Bäumchen – und setze einige zigtausend Leute da hinein, die seit Jahren im Lager saßen, phantastische Qualen litten, die schlimmste Zeit überlebten und die jetzt messerscharfe Bügelfalten haben und beim Gehen die Hüften wiegen – wenn Du das alles getan hast, wirst Du begreifen, warum diese Menschen für uns nur ein mitleidiges Lächeln haben, für uns aus Birkenau, wo es nur Pferdebaracken aus Holz gibt, keinen einzigen gepflasterten Gehsteig und statt Bädern mit heißem Wasser – vier Krematorien. Vom »Pflegerheim« aus – der Betonboden erinnert an ein Gefängnis, außerdem gibt es viele, allzu viele dreistöckige Pritschen –, hat man eine prächtige Aussicht auf die Straße draußen, in der Freiheit. Ab und zu geht ein Mensch vorbei, manchmal fährt ein Wagen vorüber, ein Leiterwagen, und manchmal kommt jemand geradelt – sicher ein Arbeiter, der nach Hause fährt. Noch weiter, ganz weit entfernt (Du hast keine Ahnung, wieviel Raum in so einem kleinen Fenster Platz findet; nach dem Krieg – wenn ich überlebe – möchte ich in einem hohen Haus wohnen, mit Fenstern aufs Feld), sind ein paar Häuser und dann ein dunkler Wald. Die Erde ist schwarz und muß feucht sein. Wie in Staffs Sonetten »Spaziergang im Frühling«, weißt Du noch? Doch bei uns im Pflegerhaus gibt es auch durchaus zivile Sachen: Ein riesiger Kachelofen steht da, mit farbigen Majolika-Kacheln, wie sie bei uns im Lager gelegen hatten. Dieser Ofen hat ausgesprochen klug angeordnete Bratroste: Außen sieht man sie nicht, aber man könnte ein Schwein darauf braten. Auf den Pritschen 143
»kanadische« Decken, mollig wie Katzenfell. Weiße, faltenlose Bettlaken. Und auf dem Tisch eine Tischdecke, aber nur für die Feiertage und zum Essen. Unter dem Fenster führt ein von Birken eingesäumter Weg vorbei – der Birkenweg. Schade, daß es Winter ist und die kahlen Zweige »weinend« herabhängen wie ausgefranste Besen und daß der Rasen unter ihnen im Schlamm erstickt ist – genau wie draußen, in der »anderen« Welt jenseits des Weges, nur daß man ihn hier mit Füßen treten muß. Abends, nach dem Appell, spazieren wir den Birkenweg auf und ab. Gemächlich, würdevoll schreiten wir dahin, grüßen mit einem Kopfnicken Bekannte. An einer Kreuzung steht ein geschnitzter Wegweiser. Die Schnitzerei stellt zwei Gestalten dar, die nebeneinander auf einer Bank sitzen und miteinander flüstern, und eine dritte beugt sich zu ihnen herab und hält lauschend ein Ohr hin. Das Ganze ist eine Warnung: Jedes deiner Worte wird belauscht, kommentiert und hingebracht, wohin es gehört. Hier weiß jeder von jedem alles: was und von wem er organisierte, wen er verriet und mit bloßer Hand erwürgte, und jeder lächelt, sobald du über jemanden ein gutes Wort sagst. Stell Dir also Pawiak vor, mal soundsoviel, ein paarmal mit Stacheldraht umwickelt. Nicht wie in Birkenau, wo auch die Wachttürme auf hohen Pfählen stehen, wie Störche auf dünnen, langen Beinen; wo die Lampen nur an jedem dritten Pfosten hängen; wo der Stacheldraht nur einfach ist, dafür aber so viele Abschnitte hat, daß man sie gar nicht zählen kann. Hier ist es anders: die Lampen leuchten von jedem zweiten Pfosten, und die Türme sind solide untermauert, der Stacheldraht zweifach gezogen und außerdem noch die Mauer. Wir promenieren auf dem Birkenweg, angetan mit 144
unseren Zivilkleidern – die einzigen fünf Menschen in ganz Auschwitz, die keine Streifen tragen. Wir gehen den Birkenweg entlang, glattrasiert, frisch und unbekümmert. Grüppchen bilden sich, man bleibt stehen, oft vor dem zehnten Block, in dem hinter Gittern und schalldicht vernagelten Fenstern Mädchen sitzen – Versuchskaninchen; aber den größten Andrang gibt es vor der Schreibstube, nicht weil dort der Konzertsaal ist, die Bibliothek und das Museum, sondern ganz einfach deswegen, weil im ersten Stock der Puff untergebracht wurde. Was ein Puff ist, schreibe ich Dir ein andermal. Heute kannst Du ruhig ein bißchen neugierig sein … Du weißt gar nicht, wie sonderbar es ist, Dir zu schreiben, Dir, die ich so lange nicht mehr gesehen habe. Dein Bild verschwimmt in meiner Erinnerung und läßt sich auch bei großer Konzentration nicht mehr zurückrufen. Eigenartig, wie klar und deutlich ich Dich im Traum sehe! Weißt Du, ein Traum ist nicht wie ein Bild, sondern wie ein Erlebnis, man empfindet den Raum, und man fühlt die Schwere der Gegenstände und die Wärme Deines Körpers … Es fällt mir schwer, Dich zu sehen, wie Du jetzt auf einer Pritsche liegst, das Haar abgeschnitten nach dem Typhus. Ich erinnere mich an Dich noch vom Pawiak her: an das hochgewachsene, schöne Mädchen mit dem leichten Lächeln und den traurigen Augen. Im Gestapogebäude hast Du mit geneigtem Kopf dagesessen, ich sah nur Dein dunkles Haar, das sie jetzt abgeschnitten haben. Das ist das Stärkste, was mir aus der anderen, der fernen Welt geblieben ist: Dein Bild, obwohl ich mich kaum noch daran zu erinnern vermag. Deshalb schreibe ich Dir lange Briefe: Das sind meine abendlichen Gespräche mit Dir, wie damals in der Skaryszewskastraße. Und deshalb sind meine Briefe so behaglich, so heiter. Ich habe mir viel Heiterkeit bewahrt, und ich weiß, daß auch Du sie nicht 145
verloren hast. Trotz allem. Trotz Gestapo und gesenktem Kopf, trotz Typhus und Lungenentzündung und – kurzgeschorenem Haar. Und die Menschen … Schau, diese Leute haben eine schreckliche Schule hinter sich, die Schule des Lagers, so wie es am Anfang war, des Lagers, von dem man sich heute Legenden erzählt. Jeder von ihnen wog damals knapp dreißig Kilo, man schlug sie, sie wurden für die Gaskammern ausgewählt. Verstehst Du jetzt, warum sie heute in lächerlichen, taillierten Sakkos herumlaufen, warum sie sich beim Gehen in den Hüften wiegen und nichts als Lobeshymnen für Auschwitz haben? Ja, so ist es … Wir promenieren den Birkenweg entlang, elegant in unseren Zivilanzügen. Aber was hilft uns das alles, wenn wir doch Millionäre sind! Hundertdreitausend, hundertneunzehntausend, Jammer, nichts als Jammer. Schade, daß wir es nicht geschafft haben, eine kleinere Nummer zu erwischen. Jemand im gestreiften Anzug kommt heran, siebenundzwanzigtausend, alte Nummer, schwindlig kann man davon werden. Ein ganz junger Bengel mit dem leicht getrübten Blick eines Onanisten und dem vorsichtigen Gang eines Tieres, das Gefahr wittert. »Kollegen, woher kommt ihr?« »Aus Birkenau, Kollege.« »Aus Birkenau?« Er sah uns kritisch an. »Und da seht ihr so gut aus? Dort ist es doch schrecklich … Wie konntet ihr das bloß aushalten?« Witek, mein langer Freund, ein brillanter Musiker, zupfte sich die Manschetten zurecht und sagte: »Ja, Konzertflügel hatten wir allerdings nicht, aber aushalten konnte man’s schon.« Die alte Nummer sah ihn wie durch einen Nebelschleier an: »Wir fürchten uns vor Birkenau …« 146
III Die Kurse schleppen sich langsam dahin, wir warten noch auf die Pfleger aus der Umgebung: Janina, Jaworzu, Buna. Auch die Pfleger aus Gleiwitz und Mysłowice sollen kommen, das sind etwas abgelegene Lager, die noch zu Auschwitz gehören. Vorerst haben wir ein paar hochtrabende Reden des schwarzen Kursusleiters gehört; so ein kleines, vertrocknetes Männchen, unser kleiner Adolf, kam erst kürzlich aus Dachau und ist bis oben mit Kameradschaft vollgepumpt. Er will die Gesundheit im Lager durch die Ausbildung von Pflegern verbessern, die Sterblichkeit dadurch mindern, daß er uns das menschliche Nervensystem erklärt. Der kleine Adolf ist ein ungewöhnlich sympathischer Bursche und augenscheinlich nicht von dieser Welt, aber er ist ein Deutscher, und als solcher versteht er nicht den Zusammenhang zwischen den Begriffen und der Welt der Erscheinungen; sagt »Kameraden« und denkt wirklich und wahrhaftig, Kameradschaft sei hier möglich. Auf dem Lagertor besagen kunstvoll verflochtene Buchstaben: »Arbeit macht frei!« Vielleicht glauben sie tatsächlich daran, die SS-Männer und die deutschen Gefangenen. Die, die mit Luther, Fichte, Hegel und Nietzsche großgeworden sind. Da es also im Augenblick keine wirklichen Kurse gibt, bummele ich im Lager herum und sammele neue Eindrükke. Eigentlich bummeln wir zu zweit, manchmal zu dritt: Staschek, Witek und ich. Staschek meistens um den Küchenblock herum, ewig auf der Suche nach jemandem, dem er einmal etwas gegeben hat und der jetzt an der Rei147
he wäre, etwas dagegen zu leisten. Gegen Abend beginnt dann die Prozession. Sonderbare Typen kommen zu uns, mit unguten, tückischen Augen, aber mit freundlichem Grinsen in den glattrasierten Visagen, und fischen allerlei Dinge unter den knappsitzenden Jacken hervor: Einer bringt ein Stück Margarine, der andere ein Stück Weißbrot aus dem Krankenrevier, noch ein anderer hält uns eine lange Wurst hin, sein Freund hat Zigaretten. Sie schmeißen alles auf die untersten Pritschen und verschwinden wie im Film. Wir teilen die Beute auf; was noch fehlt, wird aus unseren Päckchen dazugetan, dann kochen und braten wir in unserem Kachelofen mit den schönen, farbigen Majolika-Kacheln. Witek hat keine Ruhe. Ihn zieht es zu dem Fortepiano. Der schwarze Kasten steht im Konzertsaal, im gleichen Block, wo der Puff ist, aber es ist verboten, während der Arbeitszeit zu musizieren, und nach dem Appell spielen die Musiker, die auch jeden Sonntag Sinfoniekonzerte geben. Da muß ich übrigens auch einmal hin. Gleich gegenüber dem Konzertsaal haben wir eine Tür mit der Aufschrift »Bibliothek« entdeckt, aber Eingeweihte behaupten, die sei nur für Reichsdeutsche und es gäbe dort nichts als ein paar Krimis. Ich konnte mich leider nicht selbst überzeugen, weil die Tür ewig verschlossen ist. Neben der Bibliothek, auch noch im Kulturblock, ist die Politische Abteilung und ein Stück weiter – das Museum. Dort werden die Bilder aufbewahrt, die man aus den Briefen herausgeholt hat, sonst nichts. Schade, der Platz würde sich hervorragend zur Aufbewahrung der halbgebackenen menschlichen Leber eignen, die mein griechischer Freund angeknabbert hatte und für die er fünfundzwanzig auf den nackten Arsch bekam. Doch das Wichtigste ist oben, im ersten Stock. Das ist der Puff. Da sind Fenster, die sogar im Winter halb offen148
stehen. In den Fenstern sieht man – nach dem Appell – Frauenköpfe in allen Farben und Schattierungen, und aus den blauen, rosafarbenen und hellgrünen (die Farbe mag ich am liebsten) Schlafröcken tauchen Arme auf, die weißer sind als Meerschaum. Fünfzehn Köpfe, glaube ich, und dreißig Arme, die alte Madame nicht mitgezählt, deren schwerer, epischer, legendärer Busen die Köpfe, Nakken, Arme und so weiter bewacht. Madame pflegt nicht am Fenster zu stehen, dafür amtiert sie wie ein Zerberus an der Pufftür. Um den Puff herum drängt sich die Lagerprominenz. Wenn es zehn Julias gibt, so kommen auf sie mindestens tausend Romeos, und bei Gott nicht die schlechtesten. Um jede Julia gibt es hier Gedränge und harte Konkurrenz. Die Romeos stehen in den Fenstern der gegenüberliegenden Blocks, schreien, signalisieren mit den Armen und locken. Der Lagerälteste gehört dazu, der Lagerkapo, die Ärzte aus dem Spital, die Kapos von den einzelnen Kommandos. Manche Julia hat einen festen Verehrer, und außer Beteuerungen der ewigen Liebe, außer Versprechungen eines besseren, glücklicheren, gemeinsamen Lebens nach dem Lager, neben Streit und Vorwürfen hört man auch konkrete Gespräche, die sich vorwiegend mit Seife, Parfüm, seidenen Höschen und Zigaretten beschäftigen. Eine gewisse Solidarität verbindet die Menschen hier; es gibt keinen unlauteren Wettbewerb. Die Mädchen in den Fenstern sind zwar reizend, aber, wie Goldfische im Aquarium, unerreichbar. So sieht der Puff von außen aus. Hinein kommt man nur über die Schreibstube, und zwar mit einer Karte, die man als Belohnung für gute und fleißige Arbeit bekommt. Wir, Gäste aus Birkenau, haben allerdings auch hier den Vortritt, aber wir lehnten ab, weil wir die roten Wimpel der »Politischen« tragen; sollen die Kriminellen haben, was 149
ihnen zusteht. Mag es Dir auch leid tun, mein Bericht muß ein Bericht aus zweiter Hand bleiben, selbst wenn er sich auf so verläßliche Zeugenaussagen und so alte Nummern stützt wie Pfleger M. (fast schon ehrenhalber) aus unserem Block, dessen Nummer dreimal kleiner ist als die letzten zwei Zahlen meiner Nummer. Verstehst Du? Einer von den Gründern! Darum watschelt er auch wie eine Ente und trägt breite Hosen mit Zwickeln, vorn mit Agraffen zusammengehalten. Abends pflegt er fröhlich zu sein. Er galoppiert in die Schreibstube, stellt sich auf, und sobald eine der »zugelassenen« Nummern aufgerufen wird und nicht da ist, schreit er »Hier!«, grabscht nach dem Passierschein und trabt zu Madame. Er drückt ihr ein paar Päckchen Zigaretten in die fetten Pranken, sie unterzieht ihn einer ganzen Reihe vornehmlich hygienischer Behandlungen, und der frischgespritzte Pfleger jagt mit großen Sätzen die Treppe hinauf. Im Gang spazieren die Julias aus dem Fenster, die Schlafröcke nachlässig um den Körper gewickelt. Hie und da kommt eine an den Pfleger heran und fragt so nebenbei: »Welche Nummer haben Sie?« »Acht«, sagt er und schaut sicherheitshalber auf seine Karte. »Ach, das bin ich nicht, das ist die Irma, die kleine Blondine«, haucht sie, etwas enttäuscht, und schwebt davon, zum Fenster hin. Und der Pfleger geht zu der Tür mit Nummer acht. Schnell liest er noch den Anschlag, der besagt, dies und jenes Vergnügen ist verboten, sonst gibt es Bunker, das und das ist erlaubt (einzeln aufgezählt), und soundsoviel Minuten darf man bleiben. Er schickt einen Stoßseufzer zum ›Judas‹ hin, durch den manchmal die Kolleginnen hineinlinsen, ab und zu mal die Madame und manchmal der Kommandoführer vom Puff oder sogar der Lagerführer selbst. Der Pfleger schließt die Tür, legt eine Packung 150
Zigaretten auf den Tisch, dann … Ach so, er bemerkt noch, daß auf dem Nachttischchen zwei Packungen englische Zigaretten liegen. Dann erst kommt es, und … danach geht der Pfleger wieder hinaus und steckt zerstreut die zwei Packungen englische Zigaretten ein. Draußen wird er wieder desinfiziert, und anschließend erzählt er uns glücklich und fröhlich jede Einzelheit. Ab und zu versagt die Desinfektion, und als Folge davon brach kürzlich im Lager eine Epidemie aus. Der Puff wurde gesperrt, sämtliche Nummern wurden geprüft, amtlich vorgeladen und behandelt. Da aber der Handel mit den Passierscheinen eine breit angelegte Aktion ist, wurden auch diejenigen behandelt, die keine Behandlung brauchten. Ja, so ist das Leben. Außerdem machten die Mädchen aus dem Puff auch Ausflüge ins Lager. Nachts kletterten sie aus ihren Fenstern und zogen los, als Männer verkleidet, zu Trinkgelagen und Orgien. Leider mißbilligte der Posten vom Wachtturm in der Nachbarschaft die Ausflüge der Damen, und das Vergnügen fand ein jähes Ende. Anderswo gibt es auch Frauen: im zehnten Block, dem Versuchsblock. Dort werden sie künstlich befruchtet (so sagt man jedenfalls), man impft ihnen Typhus ein, Malaria, chirurgische Eingriffe werden dort probiert. Ich habe den Mann, der es tut, flüchtig gesehen: Er trug einen grünen Jägeranzug, einen Tirolerhut mit Sportabzeichen, sein Gesicht sah aus wie das eines gutmütigen Satyrs. Anscheinend ein Universitätsprofessor. Die Frauen sind mit Gittern und Brettern gegen die Außenwelt geschützt. Aber es kommt recht häufig vor, daß einer einbricht und die Frauen befruchtet, und zwar keineswegs künstlich. Der alte Professor muß dann ganz schön wütend sein. Verstehe bitte: die Menschen, die so etwas tun, sind keineswegs abnormal. Das ganze Lager, sobald es gegessen 151
und geschlafen hat, spricht nur von Frauen, das ganze Lager träumt von Frauen, das ganze Lager ist hinter Frauen her. Der Lagerälteste wurde zum Straftransport geschickt, weil er durchs Fenster in den Puff gekrochen war. Ein neunzehnjähriger SS-Mann erwischte den Kapellmeister, einen würdigen, fetten, älteren Mann, und ein paar Ärzte in unmißverständlichen Positionen mit Frauen, die in die Ambulanz gekommen waren, um sich Zähne ziehen zu lassen. Der SS-Mann zögerte nicht, mit dem Knüppel, den er gerade in der Hand hielt, entsprechende Portionen auf entsprechende Körperteile zu verabreichen. So ein Ereignis ist keine Blamage: Sie hatten einfach Pech. Im Lager wächst die Frauenpsychose. Deswegen werden die Frauen aus dem Puff wie normale Frauen behandelt, man spricht mit ihnen von Liebe und vom häuslichen Glück. Zehn Frauen gibt es im Puff, und das Lager hat einige zigtausend Insassen. Deswegen reißt sich jeder darum, nach Birkenau zu kommen, ins Frauen-KZ. Diese Menschen sind krank. Und denke Dir: Es gibt nicht nur Auschwitz. Es gibt Hunderte großer Lager. Weißt Du, woran ich denke, während ich Dir das alles schreibe? Es ist später Abend; ein Schrank trennt mich von dem großen Schlafsaal, in dem die Kranken stöhnen, und ich sitze in dem winzig kleinen Zimmer, unter dem dunklen Fenster, in dessen Scheibe sich mein Gesicht spiegelt, der lichtgrüne Schirm der Lampe und die weiße Karte, die vor mir auf dem Tisch liegt. Franz, der Junge aus Wien, mochte mich schon am ersten Abend – und ich sitze jetzt an seinem Tisch, seine Lampe leuchtet mir, und auf seinem Papier schreibe ich Dir. Und doch schreibe ich nichts von dem, worüber wir heute mit Franz geredet haben: deutsche Literatur, Schuld, romantische Philosophie, Probleme des Materialismus. 152
Weißt Du, woran ich denke, wenn ich Dir schreibe? Ich denke an die Skaryszewskastraße. Ich blicke aus dem Fenster, sehe mein Gesicht, das sich in der Scheibe spiegelt, sehe die dunkle Nacht hinter dem Fenster und die jähen Blitze der Scheinwerfer von den Wachttürmen, die Fragmente der Gegenstände, die plötzlich erstrahlen. Ich schaue und denke an unsere Skaryszewskastraße. Ich erinnere mich an den Himmel, blaß und erloschen, an das ausgebrannte Haus gegenüber und an das Fenstergitter, das dieses Bild in Stücke schneidet. Ich denke daran, wie sehr ich mich nach Deinem Körper sehnte, und möchte lachen, wenn ich mir vorstelle, welchen Krach es gegeben haben muß, als sie uns verhaftet und neben meinen Büchern und Gedichten auch Deine Parfümfläschchen gefunden hatten und Deinen Morgenmantel, rot wie der Brokat auf Velazquez’ Bildern (ich habe den Morgenmantel sehr geliebt – darin hast Du immer am schönsten ausgesehen –, obwohl ich es Dir nie gesagt habe). Ich denke daran, wie reif Du warst, wieviel guten Willen und – verzeih, daß ich es Dir erst jetzt schreibe – wieviel andächtige Hingabe Du in unsere Beziehung gebracht hast, wie freudig Du in mein Leben kamst, in das kleine Zimmer ohne Wasser, in meine Abende mit kaltem Tee, mit den halbverwelkten Blumen, mit meinem Hund, der jeden biß, mit der Petroleumlampe meiner Eltern. Daran denke ich, und habe nur ein glückseliges Lächeln für all die hochtrabenden Reden von Moral, Recht, Tradition und Pflicht … Oder wenn sie jegliche Verweichlichung und jede Sentimentalität verpönen und mit geballter Faust das Zeitalter der Härte predigen. Ich lache und denke, daß ein Mensch immer wieder einen anderen Menschen finden wird – durch Liebe. Und daß Liebe das Wichtigste und das Dauerhafteste ist, was es im Leben eines Menschen gibt. 153
Daran denke ich und erinnere mich an meine Zelle im Pawiak. In den ersten Wochen konnte ich nicht begreifen, daß es einen Tag ohne Buch geben sollte, ohne den Lichtkreis der Abendlampe, ohne ein Blatt Papier, ohne Dich … Aber sieh, was die Gewohnheit vermag: Ich ging in meiner Zelle auf und ab, und der Rhythmus meiner Schritte formte sich zu Versen. Einen dieser Verse habe ich meinem Zellengenossen in seine Bibel geschrieben, aber von den anderen weiß ich noch einen, den für meine Freunde in der Freiheit: Freunde in Freiheit; mit meinem Gefangenenlied grüße ich euch, damit ihr wißt, ich bin nicht verzweifelt gegangen. Weil ich weiß: meine Liebe bleibt und meine Poesie, und, solange ihr lebt, die Erinnerung meiner Freunde.
IV Heute ist Sonntag. Vor dem Mittagessen waren wir spazieren, sahen uns von oben den Versuchsblock mit den Frauen an (sie steckten die Köpfe