Cover DIE-Reihe, Kriminalromane Delikte, Indizien, Ermittlungen Toelcke, Werner Das Gesicht des Mörders
Kriminalroman
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Cover DIE-Reihe, Kriminalromane Delikte, Indizien, Ermittlungen Toelcke, Werner Das Gesicht des Mörders
Kriminalroman
Diese Geschichte ist in der BRD angesiedelt und lotet in die Vergangenheit. Ein Mann, der sich seinerzeit fremdes Eigentum aneignete, indem er dessen Besitzer umbrachte, hat jetzt Grund, um sein Leben zu fürchten. Er muß verschwinden, und zwar spurlos. Damit das gelingt, soll ein anderer an seine Stelle treten und unter seinem Namen mit seinem Gesicht sterben. Wie sich dieser andere dagegen wehrt und dabei seine Persönlichkeit entdeckt, davon handelt dieser Kriminalroman.
Werner Toelcke
Das Gesicht des Mörders
Verlag Das Neue Berlin
1. Dichter Nebel zog durch die Straße und erschwerte die Sicht. Der Mann, der aus großer Höhe hinabblickte, konnte kaum etwas erkennen. Deutlicher hörte er die Geräusche: das Kreischen einer Straßenbahn und das Hupen von Autos. Aber dann riß der Nebel allmählich auf, und er nahm die Gegenstände immer besser wahr. Er sah nun den kleinen Jungen im Matrosenanzug und den schweren Mann daneben mit dem wiegenden Gang der Seeleute. Unter seinem Arm klemmte ein Violoncello, das er wie ein Spielzeug trug. Es war zwar nur ein Viertelinstrument, aber für den kleinen Jungen wäre es viel zu schwer gewesen. Mit unglücklichem Gesichtsausdruck trippelte er neben dem Vater her. Sie überquerten einen Damm, wo Straßenbahnen verkehrten, und marschierten weiter. Die Häuser links und rechts waren hier älter und wirkten verfallener als im oberen Teil, von woher sie kamen. Auf dem Fahrweg fuhren nur wenige Autos, eine blaue Wandererlimousine und ein dreirädriger Tempolieferwagen. Weit hinten folgte ein Kabriolett von Opel mit heruntergeklapptem Verdeck; es war heiß an diesem Nachmittag. Besonders gefiel dem Jungen das offene Kabrio, ein hochmodernes, schnittiges Auto, Bau6
jahr 1931. Er kannte alle Wagentypen, besser jedenfalls als die Griffe auf seinem Violoncello. Sie hatten es nicht mehr weit, im nächsten Block befand sich bereits das Haus, in dem der Musiklehrer Kaufmann wohnte. Der war ein schmächtiger älterer Herr mit freundlichem Lächeln, in das sich Mitleid mischte, wenn er die Griffe des Jungen auf dem Instrument korrigierte. Und das tat er unerbittlich; denn der Vater blieb während der Übungsstunde im Zimmer. Jedesmal saß er in dem einzigen Lehnstuhl beim Fenster und musterte Lehrer und Schüler mit mißtrauischen Blicken. Die Stunde kostete zwar nur eine Mark, aber das war viel Geld im Jahr der großen Arbeitslosigkeit. Und diese Summe wurde abgezweigt von siebzehn Mark Stempelgeld, die sie in der Woche bekamen. Der kleine Junge wußte das, und er wußte auch, daß der Vater das Rauchen aufgegeben hatte. Seinetwegen. Das machte den wöchentlichen Gang zum Musiklehrer Kaufmann nur noch schwerer. Die Sonne knallte mitten in die Häuserschlucht hinein. Der kleine Junge, der ihr entgegenging, mußte blinzeln in dem flirrenden Licht. Die Strahlen blendeten aber auch den Beobachter der Szene. Er konnte sich nicht recht zusammenreimen, von wo er die Bilder erblickte. Es schien eine entfernte Position zu sein. Aber er sah alles überdeutlich, die blaue Wandererlimousine und den dreirädrigen Tempolieferwagen und das offene Kabriolett von Opel. Vor allem aber sah er den schwerwüchsigen Seemann und dessen kleinen Sohn. Ab und zu glitt eine Hand mit einem Tuch über sein Gesicht und wischte ihm den Schweiß von der Stirn. Das nahm er dankbar hin. Er vermutete, daß die Hitze in seinem Inneren von der Sonne herrührte. Aber eigentlich begriff er nicht, wieso die Hand immer wieder über ihm erschien. Sie gehörte nicht in das Bild von der Straße mit dem Jungen, dem Vater und dem Violoncello. Er 7
nahm sich vor, ihren Weg zu verfolgen, wenn sie aus seinem Blickfeld verschwand. Er konnte es jedoch nicht. Er brachte es nicht fertig, den Kopf auch nur einen Zentimeter zur Seite zu bewegen. Ganz allmählich dämmerte ihm, daß er in einem Bett lag. Seine Hände, die über Tücher strichen, signalisierten es. Aber wo stand das Bett? Er hatte keinen blassen Schimmer. Er ahnte ja nicht einmal wesentlichere Dinge, wer er war zum Beispiel, oder wie er hieß. Sosehr er auch darüber grübelte, er wußte es nicht. Das schien ihm lächerlich, und gern hätte er laut gelacht. Aber auch das konnte er nicht, es war ihm nicht möglich, den kleinsten Muskel im Gesicht zu bewegen. Das kam ihm so unwirklich vor, wie die ebenfalls aus einer Geisterwelt zu stammende Hand, die immer wieder seine Stirn abtrocknete. Viel gegenständlicher war dann doch das Bild von der im Sonnenlicht liegenden Straße. Und wenn es überhaupt eine Identität für ihn gab, begriff er, dann war es die des kleinen Jungen dort unten. Eben verschwand der mit seinem Vater und dem Violoncello im Haus des Musiklehrers Kaufmann. Er wußte plötzlich, daß es Bilder aus seiner Kinderzeit waren, die er vor Augen hatte. Und dann begann er Töne zu hören, es mußte eine Folge aus einer der Solosuiten für Violoncello von Johann Sebastian Bach sein. Als diese Musik erklang, verstand er endlich den tieferen Sinn der Erinnerungsbilder. Da begriff er, daß er im Sterben lag. Professor Liebscher sagte: „Nach Meinung des Neurologen handelt es sich um eine Contusio cerebri, eine Hirnquetschung, die durch stumpfe Gewalteinwirkung auf den Schädel hervorgerufen wurde. Natürlich habe ich eine Fachkraft zugezogen, und Herr Schöller bestätigte im wesentlichen meine Diagnose. Es wäre angebracht, den Patienten ins Universitätskrankenhaus zu verlegen, 8
nur halten wir einen Transport gegenwärtig nicht für möglich. Die akuten Symptome bestehen hauptsächlich aus Bewußtseinsstörungen, wir nennen es ein delirantes Syndrom. Der Kranke befindet sich in einem dämmrigen Zustand und ist nur bedingt ansprechbar.“ Der Professor saß hinter dem Schreibtisch seiner Ordination. Die gefalteten Hände lagen auf der Tischplatte, sie strahlten Ruhe und Sicherheit aus. Der Arzt war über sechzig und hatte schlohweißes, volles Haar, das in dichten Wellen seinen Schädel einrahmte. Er trug eine Brille mit getönten Gläsern. Dahinter befanden sich Augen, die ein bißchen wirkten, als hätten sie zuviel ansehen müssen, und denen es geraten schien, zwischen sich und den Partnern Barrieren aufzurichten. In diesem Fall handelte es sich um drei Besucher, zwei Männer und eine Frau, die in der Sitzgruppe des Sprechzimmers Platz genommen hatten. Professor Liebscher fuhr fort: „Ich bezweifle, daß es etwas bringt, wenn Sie sich den Patienten anschauen. Weder Sie, noch der Kranke haben etwas davon.“ Die Augen wanderten hinüber zu den Gästen, von einem zum anderen, blieben schließlich bei der Frau hängen, musterten sie lange. Niemand sagte etwas. Schließlich fragte der Arzt: „Sie sind eine nähere Verwandte von Herrn Rosenau?“ Die Frau wich den Augen aus und wandte sich ihrem älteren Begleiter zu, aber der beschränkte sich darauf, ihr beruhigend zuzulächeln. Sie antwortete: „Es mag Ihnen merkwürdig erscheinen, aber ich weiß es nicht.“ „Sie wissen nicht, ob Sie seine Verwandte sind?“ „Nein.“ „Aber Sie tragen denselben Namen.“ „Vielleicht ist alles nur ein merkwürdiger Zufall, nicht wahr …“ Sie stockte. „Was soll ein Zufall sein?“ „Nun, ich komme in sein Haus, weil ich etwas Wichti9
ges von Herrn Rosenau erfahren möchte, und da höre ich, daß er nur wenige Stunden zuvor verunglückte und in Ihrer Klinik liegt.“ Wieder schwieg sie und wandte sich dem älteren Begleiter zu. Diesmal sprang ihr der jüngere Mann bei. „Frau Rosenau kam schon einmal zu uns und bat um eine Unterredung. Das war vor etwa vier Wochen. Damals hielten wir uns jedoch in Brasilien auf. Ich erklärte ihr schon, daß uns die Geschäfte dort stark in Anspruch nehmen.“ Der Professor sagte bekümmert: „Rosenau hat immer Raubbau getrieben. Er ist nicht mehr so jung, wie er gern sein möchte. Die ständigen Flugreisen zwischen den Kontinenten, die damit verbundenen Zeitverschiebungen. Der Wechsel zwischen tropischem und unserem Klima – alles Gift bei seinem chronischen Herzleiden!“ „Können Sie uns etwas über den Hergang des Unfalls sagen?“ meldete sich der Ältere von beiden Männern zu Wort. Er sprach mit deutlich angelsächsischem Akzent. „Herr Rosenau stürzte in seinem Haus die Treppe hinab. Gottlob war der Sekretär anwesend. Herr Wilhelm rief uns zu Hilfe, und so konnten wir den Patienten gleich fachgerecht versorgen.“ „Und wie kam es zu dem Sturz?“ Der Engländer wandte sich dem jüngeren Mann zu. Herr Wilhelm antwortete: „Es geschah kurz nachdem wir aus Brasilien zurückkehrten. Herr Rosenau war nach oben gegangen, er wollte sich frisch machen. Ich hielt mich im Arbeitsraum auf, um Papiere vorzubereiten. Da hörte ich Gepolter aus der Halle, lief hinaus und sah ihn liegen.“ „Die Herzanfälle kommen plötzlich“, erklärte Professor Liebscher. „Eine Benommenheit zunächst, dann Schwäche und starkes Schwindelgefühl. Es muß ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen haben.“ „Wird er durchkommen?“ fragte der Engländer. „Wir können nicht sagen, wie weit sich die inneren 10
Blutungen ausgebreitet haben und zu welchen Narbenbildungen es kommen wird. Wir wissen also nicht, ob die neurologischen Symptome reparabel sind oder nicht. Und sind sie es, bleibt die Frage nach dem Herzen des Patienten. Bedeutende Anstrengungen stehen noch bevor.“ „Wird er durchkommen?“ fragte der Engländer noch einmal. Die beiden älteren Männer sahen sich lange in die Augen. Schließlich sagte der Arzt: „Ob er es überstehen wird, liegt allein in Gottes Hand.“ Das Krankenzimmer befand sich gleich neben dem Ordinationsraum des Klinikchefs. Das Bett stand zwischen zwei Fenstern, die Vorhänge waren zugezogen. Ein Pfleger, der den Patienten nicht aus den Augen ließ, erhob sich, als sie hereinkamen. Professor Liebscher setzte sich neben das Bett, nahm flüchtig den Puls und sah dem Kranken ins Gesicht. Auf dessen Stirn lag Schweiß. Er hielt die Augen offen, den Blick zur Decke gerichtet. Er war unruhig, zitterte, und die Lippen bewegten sich unablässig. „Sieht so aus, als ob er sich mit jemandem unterhielte, nicht wahr? Irgendwelche Phantasien?“ Der Engländer kam interessiert näher. Der Patient schien die Bewegung im Raum aufzunehmen. Plötzlich formten seine Lippen Worte. Auch der Sekretär trat ans Bett, und sie starrten gebannt auf den Mund des Kranken. Aber außer einem Lallen verstanden sie nichts. Dann begann der Blick zu flackern, schließlich bäumte sich der Körper auf. Der Arzt drückte ihn zurück, benetzte die Lippen mit einem feuchten Tuch und wischte ihm den Schweiß von der Stirn. „Scheinen nicht gerade angenehme Bilder zu sein“, sagte der Engländer. „Er hat Angst!“ „Hm – vielleicht“, erwiderte der Arzt. 11
„Was geht in ihm vor?“ „Schwer zu erklären!“ Die Augen des Professors suchten die junge Frau, die neben der Tür zurückgeblieben war. „Möglicherweise meint er, ein anderer zu sein. Vielleicht fühlt er sich in seine Kindheit zurückversetzt. Wirklich schwer zu deuten.“ „Über den Unfallhergang weiß er nichts?“ „Mit Sicherheit nicht! Überhaupt nichts über seine unmittelbare Gegenwart. Wo er sich befindet, wo er herkommt; direkte Bezüge existieren nicht. Er weiß nicht einmal, wer er ist, kennt nicht seinen Namen. Das alles kommt erst später zurück.“ Und etwas vage schloß Professor Liebscher: „Wir müssen es zumindest hoffen.“ Wieder benetzte er die Lippen und tupfte den Schweiß von dem Gesicht. Dann ließ er seine Hand für eine Weile auf der Stirn liegen. Das schien den Kranken zu beruhigen. Seine Miene verzog sich zu etwas, das wie ein Lächeln aussah. Und plötzlich drangen Töne über die Lippen. „Er erinnert sich an seine Musik“, sagte der Sekretär aufgeregt. „Das sind Töne!“ „Hört sich so an.“ „Aber das ist doch positiv, das muß einfach ein gutes Zeichen sein.“ „Möglich“, erwiderte der Arzt. Und erklärend setzte der junge Mann hinzu: „Herr Rosenau spielt Klavier, müssen Sie wissen. Er hat nur noch wenig Gelegenheit, aber wenn er erschöpft ist oder ein Problem hat, setzt er sich manchmal an den Flügel. Früher soll er phantastisch gespielt haben. In seiner ersten Zeit in Brasilien hat er regelrechte Konzerte gegeben, im kleinen Kreis natürlich, vor privatem Publikum. Aber es muß ein gutes Zeichen sein, wenn er sich an seine Musik erinnert!“ „Wir wollen es hoffen!“ meinte der Arzt zuversichtlich, aber der Ausdruck in den merkwürdig leblosen Augen bekräftigte den Optimismus nicht. 12
Einige Augenblicke lauschten sie den Tönen. Sie standen ein wenig betreten da und genierten sich, weil ihnen der Kranke so schutzlos ausgeliefert war. Professor Liebscher beobachtete die Besucher, schließlich sagte er: „Warum kommen Sie nicht näher, Frau Rosenau? Sie wollten sich meinen Patienten doch anschauen, nun haben Sie Gelegenheit dazu!“ Die junge Frau trat widerwillig an das Bett heran. Ihr Blick wich dem Gesicht des Kranken aus, obwohl sie nicht viel davon erkennen konnte. Der Kopf war in Binden gehüllt, selbst über der Nase lag ein Pflaster. Am Fußende des Bettes war ein Gerüst aufgebaut, daran hing das linke Bein im Streck. Verwirrt starrte die Frau auf den hochgezogenen Fuß. Professor Liebscher erklärte: „Um das Maß voll zu machen, hat er sich bei dem Sturz auch noch das Bein gebrochen. Aber es ist ein glatter Bruch, und den kriegen wir schon wieder hin. Wenn nur alles so leicht zu behandeln wäre! Nun, Frau Rosenau, erkennen Sie ihn?“ „Nein.“ „Meinen Sie damit, daß Sie ihm zum ersten Mal gegenüberstehen?“ „Ja.“ „Was soll dann Ihr plötzliches Interesse? Wollen Sie mir das nicht endlich erklären?“ Die junge Frau antwortete nicht, sie befand sich in starker Erregung. Nun trat der Engländer neben sie und legte seine Hand auf ihre. Dann sagte er sehr höflich, aber auch sehr kühl: „Wir haben Grund zu der Annahme, daß Frau Rosenau die Tochter Ihres Patienten ist, Professor!“ Der Junge: „Wenn ich groß bin, werde ich dieses verdammte Cello nicht mehr anfassen!“ Die Mutter: „So darfst du nicht reden, Bübchen!“ 13
Der Junge: „Ich stell’ es in die Ecke und seh’ es nicht mehr an.“ Die Mutter: „Aber du liebst die Musik.“ Der Junge: „Ich will Klavier spielen!“ Die Mutter: „Ein Klavier können wir nicht kaufen, Bübchen, das weißt du ganz genau.“ Der Junge: „Ich muß auf diesem Ding lernen, weil Vater Musiker werden wollte. Aber er wurde es nicht!“ Der Junge stand vor dem Notenständer mit dem aufgeschlagenen Übungsheft. Dahinter lehnte das Cello gegen die Sitzfläche des Stuhls. Draußen schien die Sonne. Es war Nachmittag, ein freundlicher, wunderschöner Sommernachmittag. Die Mutter hatte die Balkontür herangedrückt, sie hatte sogar die Vorhänge halb zugezogen. Trotzdem hörte er das Lärmen der Kinder aus dem Hof. Der Junge fühlte Haß in sich aufsteigen, und da er noch klein war, kam der ungehemmt, in zügellosen Wellen. In dem kleinen Zimmer roch es nach feuchter Wäsche. Hinter ihm hatte die Mutter das Bügelbrett aufgebaut und plättete Oberhemden. Das tat sie an jedem Nachmittag, wenn er üben mußte. Sie hatten minutenlang geschwiegen, ebensolange hatte der Junge in kalter Wut das Cello angestarrt. Jetzt nahm er das Instrument, setzte sich und langte nach dem Bogen. Er probierte ein paar Griffe, jagte einige Läufe über die Saiten. Das Cello hatte einen warmen Ton. Er war selbst überrascht, wie gut es klang. Die Mutter blickte von ihrer Arbeit auf. „Du hast in den letzten Tagen Fortschritte gemacht, Bübchen, das mußt du doch selber merken.“ „Du und Vater“, sagte er grimmig, „ihr werdet es noch so weit bringen, daß ich eines Tages Konzerte gebe.“ Die Mutter begann zu träumen. „In der Musikhalle, Bübchen! Ich werde in der ersten Reihe sitzen und nur dich anschauen.“ „Und wie sollen die Leute die Eintrittskarten bezahlen? Sie haben nicht mal Geld, um Brot zu kaufen.“ 14
„Die Zeiten bleiben nicht so, die werden auch wieder besser.“ Die Mutter nahm das nächste Oberhemd, begann mit dem gestärkten Kragen und den gestärkten Manschetten. Sie holte sich die Hemden aus einer kleinen Wäscherei und bügelte sie für einen Hungerlohn. Es war Schwarzarbeit. Es durfte niemand etwas davon wissen, weil sie sonst weniger oder überhaupt kein Stempelgeld bekommen hätten. Die Mutter war keine Plätterin. Früher, als noch nicht alle Schiffe im Hafen festlagen, fuhr der Vater zur See, und die Mutter hatte in einem kleinen Laden gearbeitet. Der gehörte ihr selbst. Er lag in derselben Straße, schräg gegenüber von ihrer Wohnung. Der Junge war oft mit im Geschäft gewesen und hatte zugesehen, wenn verkauft wurde. Manchmal durfte er das Geld entgegennehmen und in die Kasse tun. Aber was waren das für Sachen, welche die Kunden mitnahmen? Er kam nicht darauf. Sosehr er sich abmühte, es fiel ihm nicht ein. Aber er erinnerte sich noch genau an den Tag, als sie ihr Geschäft zumachen mußte. In den letzten Wochen waren immer weniger Kunden gekommen, und schließlich bimmelte die Ladenglocke überhaupt nicht mehr. Die Mutter hatte geweint, und er hatte mitgeweint, obwohl er nicht verstand, weshalb keine Kunden mehr kamen. Die Mutter erklärte ihm, daß es an der Arbeitslosigkeit läge. Das war auch die Zeit, als der Vater seine Aufmerksamkeit auf ihn konzentrierte und er mit dem schrecklichen Cellospielen beginnen mußte. Vier Stunden hockte er nachmittags vor dem Notenpult, das schwere Instrument zwischen den Knien. Und immer wieder die gleichen langweiligen Übungen, die gleichen Passagen und Läufe. Vier Stunden lang. Daran schlossen sich die Schulaufgaben, und hinterher ging es mit schmerzenden, verkrampften Fingern ins Bett. Oft weinte er, wenn er endlich darin lag. Die Mutter kam regelmäßig, um ihn 15
zu trösten, und so weinte er auch manchmal, wenn ihm nicht sosehr danach zumute war. Sie setzte sich neben ihn, legte ihre Hand auf seine Stirn. Sie flüsterten nur miteinander, denn die Wände waren dünn, und nebenan hockte der Vater über einem Kreuzworträtsel. Ja, die Mutter war gut. Eine sanfte und zarte Frau. Unter dem riesenwüchsigen Mann, der sein Vater war, litt sie ebenso wie er. Wenn er ihre Hand auf seiner Stirn fühlte, beruhigte er sich schnell. Dann kamen ihre schlanken, leichten Finger, glitten über sein Gesicht und wischten die Nässe fort. Und dann beugte sie sich herab und küßte ihn auf den Mund. Manchmal war er da bereits eingeschlafen, immer beruhigt und irgendwie auch glücklich. Sterben war gar nicht so schwer, wie er geglaubt hatte. Wenn sich der Tod auf leisen Sohlen ins Zimmer schlich, wie in seinem Fall, schien es ein schwereloser, beinahe heiterer Zustand zu sein. Wie ein Schweben in lichten Höhen, in unermeßlichen Weiten. Er fühlte keinen Schmerz, höchstens ein wenig und ganz gedämpft in der Nase, durch die er keine Luft bekam. Er mußte durch den Mund atmen, und daher rührte auch das Röcheln, das aus seiner Kehle drang. Manchmal wurde es so laut, daß er darüber zur Besinnung kam. Und dann geschah etwas Merkwürdiges. Ihm schien es, als ob sich etwas aus seinem Körper loslöste, ganz zart und behutsam. Dieses Etwas stieg langsam auf im Raum, schwebte über dem Bett immer höher hinauf, bis es an der Decke anstieß. Dann war ihm zumute, als ob er auf sich selbst herabschauen konnte. Er sah seinen Körper im Bett liegen, den Kopf in Verbände gehüllt und die Nase mit Pflastern verklebt. Er hatte kein besonderes Interesse an dem Mann. Ebensowenig kümmerten ihn die Menschen, die um das Bett standen und ihn anstarrten. Er hörte deutlich ihre Stimmen. „Nun, Frau Rosenau, erkennen Sie ihn?“ fragte eine. Und eine andere erwiderte: „Nein.“ 16
„Meinen Sie damit, daß Sie ihm zum ersten Mal gegenüberstehen?“ „Ja.“ Es war eine Frauenstimme, die er hörte, und er gab sich große Mühe, etwas von ihrem Gesicht zu erkennen, denn die Stimme gefiel ihm. Aber es gelang nicht. So deutlich er sich selber im Bett liegen sah, von seiner Umwelt erkannte er nichts, und so verschwammen auch die Züge der jungen Frau in einer gesichtslosen, überhellen Wolke. Dann hörte er die Stimme eines Mannes: „Wir haben Grund zu der Annahme, daß Frau Rosenau die Tochter Ihres Patienten ist, Professor!“ Die Tochter des Patienten! Also seine Tochter! Das schien völliger Blödsinn zu sein, denn er konnte sich einfach nicht vorstellen, daß er jemals eine Tochter gehabt hatte. In diesem Augenblick verlor er alle Neugier an den Leuten im Raum und an dem Mann im Bett. Und dieses Etwas über ihm, was immer es auch sein mochte, war vom vielen Schweben müde geworden. Langsam senkte es sich herab und tauchte in seinen Körper ein. Gleich darauf spürte er die Hand seiner Mutter auf der Stirn, und ihre Stimme flüsterte: „Es bleibt nicht, wie es ist, Bübchen! Es kommen auch wieder bessere Zeiten.“
2. Yvonne Rosenau und ihr englischer Begleiter hatten Zimmer in einer kleinen Pension am Bellevue genommen, ganz in der Nähe der Stelle, wo der Lange Zug in die Außenalster einmündet. Das Haus lag versteckt hinter Bäumen in einem parkähnlichen Gelände. Sie waren spät aus der Klinik zurückgekehrt, und so wurde ihnen nur noch Aufschnitt angeboten. Aber auch davon aßen sie wenig. Sie hatten anstrengende Stunden hinter sich. 17
Nach einer halben Scheibe Brot, die Yvonne hinuntergewürgt hatte, fragte Mr. Patters, ob er eine Flasche Wein bestellen sollte. Sie lehnte ab, und er drängte sie nicht. Während der ganzen Zeit, in der sie ihn kannte, hatte er nichts von seiner Zurückhaltung aufgegeben. Dabei war er Frauen gegenüber sicher nicht unempfindlich, das verrieten die Augen. Ihr gefielen ältere Männer, auch wenn sie so alt waren wie Mr. Patters. Ohne weiteres hätte er ihr Vater sein können. Er begleitete sie aus der Restauration nach oben. Vor der Tür legte er ihr die Hand auf die Schulter, ließ sie dort für eine Minute, als ob er sie vergessen hätte, aber schließlich beschränkte er sich darauf, ihr zuzulächeln und ihr eine gute Nacht zu wünschen. Danach ging er zu seinem Zimmer, das neben ihrem lag. Yvonne machte sich nur ein wenig frisch; sie war viel zu müde, um noch zu duschen oder ein Bad zu nehmen. Sie stieg ins Bett, löschte das Licht und lag im Dunkeln. Es war Herbst. Sie hörte die Blätter in den Kronen der alten Bäume rauschen. Sie hatte Mr. Patters in einer schweren Phase ihres Lebens kennengelernt. Kurz vorher war die Scheidung von Philip ausgesprochen worden. Sie erinnerte sich genau an jenen Vormittag, als Patters zum ersten Mal in ihr Wiener Büro trat. Im Frühsommer war es gewesen. Er hatte sich lächelnd einen Stuhl vor ihren Schreibtisch gezogen und eine flache Brieftasche aus Krokodilleder auf die Platte gelegt. Hervor kam ein Scheck in Höhe von 75 000 Schilling. Eine phantastische Summe, zumindest für ihre Verhältnisse und für die Verhältnisse des Heimes, das sie leitete. Und sie konnten wirklich jedes Geld gut gebrauchen. „Was soll das?“ fragte sie, nachdem sie lange auf den Scheck gestarrt hatte. „Wie kommen Sie dazu, Mister …“ „Patters!“ erwiderte der Engländer und lächelte freundlich. „Archie Patters!“ 18
Yvonne erwiderte das Lächeln nicht, zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie fragte ernsthaft: „Wie kommen Sie dazu, Mister Patters, uns so viel Geld anzubieten?“ „Schon mal was von der ‚anti-alcohol-corporation‘ gehört?“ fragte Archie Patters grinsend. „Nicht ein Wort!“ „Aber Sie behandeln doch Alkoholiker in Ihrem Heim?“ „Alkoholiker und Tablettenabhängige. Vor allem aber ehemalige Fixer.“ „Dann ist die Adresse schon richtig.“ Archie Patters deutete auf den Scheck, der zwischen ihnen lag. „Vor reichlich einem Jahr verstarb unsere allseits verehrte Lady Chessman. Sie hinterließ eine Anzahl von Neffen und Nichten und rundgerechnet achthunderttausend Pfund Sterling. Zeitlebens hatte sie sich über ihre Verwandtschaft ärgern müssen, und so beschloß sie am Ende, es der Sippe zu besorgen. Sie gründete die ‚antialcohol-corporation‘ und ließ ihr Vermögen in sie eingehen. Eine der Satzungen besagt, daß jährlich eine Einrichtung auf der Insel oder dem Kontinent, die sich auf dem Gebiet besonders hervorgetan hat, mit einer bestimmten Summe zu bedenken sei. In diesem Jahr wurde die ‚Wiener Drogenhilfe e. V.‘ von der Foundation ausgewählt.“ „Aber warum gerade wir?“ „Wissen Sie nicht, daß Ihr Verein in letzter Zeit viel Publicity hatte, Frau Rosenau?“ Es stimmte schon. Die Zeitungen hatten über sie geschrieben, auch Blätter außerhalb von Österreich. Kaum zu bewältigen war die Flut von Anträgen jener Leute, die in das Heim aufgenommen werden wollten. Sie hatten an die siebzig Süchtige unterbringen können und waren bis unter das Dach voll. Die Aufnahmegespräche verliefen inquisitorisch. Sie wollten sich auf solche Abhängige beschränken, von denen sie glaubten, daß sie von dem Gift wirklich loskamen. Die Kosten jeder einzelnen Re19
habilitation lagen hoch, etwa so hoch, wie die Summe des Schecks da vor ihr auf dem Schreibtisch auswies. „Hätten Sie etwas dagegen“, fragte Archie Patters, „wenn ich mich mal auf dem Gelände umsehe?“ Yvonne Rosenau ließ ihren Blick zwischen dem Besucher und dem Scheck hin- und hergehen, schaute auf die Uhr an ihrem Gelenk. Dabei erschien eine Falte an ihrer Nasenwurzel, die sich allerdings noch nicht allzu tief eingegraben hatte. Schließlich erhob sie sich, machte Mr. Patters ein Zeichen, und gemeinsam wandten sie sich zur Tür. Dort blieb sie stehen und blickte zum Schreibtisch. Auf der Platte lag noch der Scheck. Sie ging zurück, öffnete die Schublade, tat das Papier hinein und schloß das Fach mit einer energischen Bewegung zu. Den Schlüssel ließ sie in die Tasche ihres karierten Hemdes gleiten. Dort ruhte er auf ihrem Busen, der prächtig entwickelt war. Die „Wiener Drogenhilfe e. V.“ hatte im vergangenen Jahr zwei halbverfallene Häuser angemietet. Die befanden sich in Weidlingsbach, im Nordwesten von Wien, und hatten früher einem Kloster gehört. Sie stammten aus dem sechzehnten Jahrhundert. Die Häuser waren überwiegend durch Selbsthilfe instand gesetzt worden. Unter der Anleitung eines Poliers arbeiteten verschiedene Bautrupps, die von Patienten gebildet wurden. So konnten sie einen Teil der Reparaturen aus eigener Initiative erledigen und sparten Geld. Außerdem gehörte diese Beschäftigung zu dem ausgeklügelten Programm einer ganzen Therapiekette. An einer Gebäudeseite hantierten junge Leute auf mehreren Plattformen eines Gerüstes. Die Vorderfront des Hauses war bereits renoviert bis auf Fenster und Türen, die gerade gestrichen wurden. „Alles Patienten?“ fragte Archie Patters. „Ja, ja, natürlich!“ „Die machen einen akzeptablen Eindruck, nicht so, als ob sie jemals süchtig waren.“ 20
„Es sind Fortgeschrittene“, erwiderte Yvonne. „Wenn sie zu uns kommen, wirken sie etwas anders.“ Sie gingen an der eingerüsteten Gebäudeseite vorüber. Die jungen Leute grüßten höflich und wurden von Yvonne dafür mit einem Lächeln beschenkt. Das schien ihren Einsatz zu verdoppeln. Die Frau führte ihren Besucher zu einer Mauer aus aufgeschichteten Feldsteinen, in die eine Tür eingelassen war. Als sie hindurchtraten, sahen sie ein etwa zehntausend Quadratmeter großes Gelände vor sich. Auf den sauber angelegten Beeten wurden Gemüse, vor allem aber Blumen gezogen. Im Hintergrund erhoben sich zwei Gewächshäuser, ein drittes befand sich im Bau. Auch hier arbeiteten mehrere Gruppen von Jugendlichen. Mr. Patters war beeindruckt. „Ich seh’ schon, daß wir unser Geld nicht besser hätten anlegen können.“ „Und wir haben auch jeden Schilling nötig.“ Yvonne sah ihren Begleiter an, und ihr Lächeln wurde offener. „Wir sind Ihnen dankbar, Mister Patters! Und noch mehr wären wir es, wenn Sie mit der Übergabe des Schecks keine Auflagen verbänden.“ „Auflagen welcher Art?“ „Nun, wie wir unsere Arbeit noch effektiver gestalten sollten, denke ich. An wohlgemeinten Ratschlägen fehlt es ja niemals auf dieser Welt.“ Archie Patters grinste. „Seien Sie unbesorgt, Frau Rosenau! Ich habe nur den Auftrag, bei Ihnen den Weihnachtsmann zu spielen. Staatliche Unterstützung erhalten Sie auch?“ „Ja, schon, aber damit könnten wir nicht überleben. Wir schaffen es auch nur, weil die Patienten während der Dauer ihres Aufenthaltes die Kosten in ansteigendem Maße selber finanzieren. Sie arbeiten mit auf dem Gelände, in der Gärtnerei, zuletzt sogar in Werkstätten und Betrieben der näheren Umgebung. So schlagen wir uns durch.“ „Das Ganze war Ihre Idee?“ 21
„Am Anfang schon, aber inzwischen sind wir hier ein schwaches Dutzend Sozialarbeiter. Ein eingespieltes Team, und da sprießen Einfälle und Gedanken.“ „Aber gestartet haben Sie es?“ Und als Yvonne nickte, fragte er: „Warum?“ Yvonne blickte über die Felder der Gärtnerei. Im Vordergrund wiegten sich Tausende von Margeriten im Sommerwind. „Ich glaube, daß die Beschäftigung mit dieser Art von Blumen schöner ist. Ich kann nicht einsehen, weshalb sich Menschen mutwillig zugrunde richten, besonders so junge Menschen.“ „Sie kommen nicht etwa selbst aus der Szene?“ „Sie sind neugierig, Mister Patters!“ „Unangenehm?“ „Nein, nein.“ Sie standen nah voreinander, und sie spürte, wie er sie einzuschätzen versuchte. Anscheinend gefiel sie ihm, sie merkte es an seinen Augen. Der Mann hatte Charme, trotz seines Alters – oder gerade deswegen? Das wußte sie nicht so genau. „Eines Tages werde ich Ihnen meine Story erzählen“, sagte sie. „Eines Tages, wenn Sie uns den nächsten Scheck bringen.“ „Oder den übernächsten?“ „Oder so!“ Sie lächelten sich an, dann nahm sie seinen Arm und führte ihn ins Haus zurück. Im Aufenthaltsraum trafen sie auf eine Gruppe von Patienten und Sozialhelfern. Stühle waren zu einem Kreis zusammengerückt worden, und in dessen Mitte hockte ein Junge, der sich von den anderen unterschied. Er trug grellbunte Kleidung, die Haare hingen ihm weit in den Nacken. Die Blicke aus der Runde, die ihn von allen Seiten trafen, waren nicht gerade freundlich. Yvonne Rosenau ging durch den Raum, bis sie ihm ins Gesicht schauen konnte. Es war sehr still; niemand hatte gesprochen, seit sie hereingekommen waren. Yvonne brach das Schweigen. „Wie alt bist du?“ 22
Bei der klaren, sehr bestimmten Frauenstimme, hob der Junge den Blick. „Wie wär’s mit einer Zigarette, meine Dame?“ „Das Rauchen wirst du dir abgewöhnen müssen, Kleiner. Das und vieles andere. Aber mit dem Rauchen ist es wohl am einfachsten.“ „Leck mich!“ „Wo hättest du es gern, Bonny?“ Yvonne Rosenau fragte es ganz sachlich, und es war auch nicht als Scherz gemeint, das merkte selbst der Junge auf dem Stuhl. Niemand lachte. Der Junge starrte sie provozierend an, aber er antwortete nicht. „Wie alt bist du, Kleiner?“ wiederholte Yvonne ihre Frage. Der Junge gab keine Antwort. Einer der Sozialhelfer, ein Mann von etwa dreißig Jahren, sagte: „Er ist neunzehn. Fixt seit zwei Jahren, bis zum vorigen Herbst hat er das Gymnasium besucht. Seitdem ist er ohne festen Wohnsitz und auf dem Trip.“ „Hat er keine Eltern?“ „Die können mich!“ „Ich weiß schon, was sie dich können, dein Wortschatz scheint nicht allzu groß zu sein.“ Der Sozialhelfer sagte: „Die Eltern haben ihn weggeschickt, eine schwierige Situation. Aber nun will er aus allem heraus.“ „Einen Scheiß will ich. Alles, was ich will, ist eine Zigarette!“ „Natürlich willst du ’raus, Bonny, sonst wärst du ja nicht hier.“ Yvonnes Stimme klang hart. „Die ‚Königin‘ hat dich bitter enttäuscht Kleiner, du weißt es! Und du weißt auch, daß sie dich immer wieder enttäuschen wird. Du mußt heraus, wenn du nicht krepieren willst. Und das will keiner, nicht einmal du willst es.“ „Was für eine … ‚Königin‘?“ fragte der Junge stockend. „Was soll das sein, dieser Blödsinn von der ‚Königin‘?“ 23
„Du kennst sie doch! Diese wunderschöne Person mit duftendem Haar und fließenden Gewändern. Die alles versprochen und nichts gegeben hat. Kein echtes Gefühl, keine Liebe, nicht einmal Sex. Auch keine Freundschaft. Nichts hat sie dir gegeben, sondern alles genommen! Dazu jede Selbstachtung, jede Freude, sogar die Gesundheit. Aber auch den Frühling, den Sommer und den Winter. Nichts hat sie dir gelassen, Kleiner, du weißt es doch. Was für ein Preis, wenn man dafür zu einem lebendigen Toten wird. Wenn man nur zum Leben aufwacht, sobald der Stoff aus dem Körper herausgeht, zu einem schmerzhaften Leben mit allzu grellen Farben und allzu schrillen Tönen. So daß man froh ist, wenn man nach dem nächsten Schuß ins Schattenreich zurückkehrt. Lohnt es sich um eine solche ‚Königin‘, Kleiner?“ „Ich hab’s so schwer …“ Plötzlich fing der Junge an zu schluchzen. „Diese Leute zu Haus … meine Eltern … diese Pauker … Ich hab’s so verdammt schwer.“ „Es gab mal eine Zeit, da hatten es Leute wirklich schwer“, erwiderte Yvonne kalt. „Dir geht es gut, du ertrinkst nur im eigenen Selbstmitleid.“ „Sie reden wie meine alte Dame zu Haus.“ Der Sozialarbeiter fragte: „Was soll mit ihm geschehen?“ Yvonne Rosenau und der Mann wechselten einen Blick, dann sagte sie: „Schickt ihn weg! Wann wird er sich zuletzt gewaschen haben, vom Friseur wollen wir ja gar nicht reden. Riecht ihr nicht, wie sehr er stinkt? Schmeißt ihn also ’raus!“ Yvonne wandte sich ab und ging zu dem Engländer, der bei der Tür stehengeblieben war. Als sie ihn erreicht hatte, stoppte sie ein Aufschrei. „Nein!“ Vehement brach die Hilflosigkeit aus dem Jungen heraus. „Keiner hat Verständnis für mich. Keiner auf dieser verdreckten und verschissenen Welt.“ 24
„Verständnis schon“, erwiderte Yvonne kühl. „Aber kein Mitleid!“ „Was soll ich tun?“ „Du wirst dir noch heute die Haare abschneiden. Selbst! Und du wirst eigenhändig deine stinkenden Klamotten verbrennen. Ab morgen wirst du um fünf Uhr aufstehen und bis zur völligen Erschöpfung arbeiten. Und das von nun ab jeden Tag. Bist du dazu bereit?“ Der Prüfling schaute verzweifelt in die Runde und wirkte auf einmal um fünf Jahre jünger. Er nickte mehrmals mit dem Kopf. „Was soll mit ihm geschehen?“ fragte der Sozialarbeiter noch einmal. Yvonne erwiderte: „Sie wissen doch, daß es die Entscheidung der Gruppe ist.“ Mehrere Minuten blieb es still, eine unheimliche, bedrückende Stille; der Junge in dem Kreis wagte sich nicht zu rühren. Endlich sagte einer, der nicht viel älter als der Neue war: „Wir sollten es riskieren mit ihm.“ „Na, schön! Wenn ihr meint, daß ihr es schafft, soll es uns recht sein.“ Auf Yvonnes Gesicht erschien ein kleines, triumphierendes Lächeln, aber da hatte sie sich schon abgekehrt. Und so sah es nur Mr. Patters. Er bemerkte aber auch den leichten Schweiß auf ihrer Stirn. Als er ihr die Tür aufmachte, tat er es mit Respekt. Am nächsten Abend gingen sie zusammen ins Burgtheater. Dort wurde der „Misanthrop“ von Molière gegeben, mit Joseph Meinrad in der Titelrolle. Sie saßen in einer der Logen im ersten Rang, nahe dem Proszenium. Es war schwierig, Karten für die Aufführung zu bekommen, besonders so gute, aber Yvonne hatte Beziehungen zu dem Theater. Sie selbst hatte die Inszenierung schon über ein dutzendmal gesehen. Nach dem Abend bat Mr. Patters Yvonne, noch ein wenig mit ihm zusammenzubleiben, und sie sagte zu. Sie gingen in eine kleine Bar in 25
der Nähe der Kärntnerstraße. Beim Tanzen brachte er die Rede auf das Theater. „Eine wirklich gute Aufführung“, meinte er. „Von geradezu atemberaubender Dichte. Ich habe das Stück noch nie mit so direkten Bezügen zu uns gesehen. Es waren Menschen wie wir, finden Sie nicht?“ „Die wirklichen Probleme in den Beziehungen ändern sich ja nicht.“ „Die Wiener können sich freuen, daß sie diesen Philip Krafft in ihrer Stadt haben. Von dem Regisseur läßt sich noch viel erhoffen.“ „Nichts läßt sich da mehr erhoffen.“ „Wieso nicht?“ „Weil er nach dieser Inszenierung alles hingeschmissen hat und auf und davon ist.“ „Wohin?“ „Nach Israel.“ „Aber warum?“ „Wer weiß es?“ Eine ganze Weile tanzten sie schweigend. Archie Patters verstand sich darauf, er hatte Rhythmus und führte gut. Wieder spürte sie, daß er mit Frauen umgehen konnte. Nach einer Weile sagte er: „Eines begreife ich nicht, Frau Rosenau!“ „Ja, Mister Patters?“ „Ich habe gestern beobachten können, wie Sie den kleinen Jungen zur Besinnung brachten.“ „Das ist mein Beruf!“ „Eben! Wieso gelang es Ihnen da nicht, jenen Philip Krafft zurückzuhalten, daß er nicht alles hinwarf?“ Plötzlich hörte Yvonne zu tanzen auf. „Sie wissen …?“ fragte sie und stockte. „Aber natürlich weiß ich das“, erwiderte Archie Patters gelassen. „Natürlich weiß ich, daß dieser wundervolle Regisseur Ihr Mann ist.“ Yvonne Rosenau wandte sich um und kehrte an den 26
Tisch zurück. Der Kellner kam und schenkte ihnen aus der Flasche nach. Als er gegangen war, fragte die junge Frau: „Sie scheinen allerlei zu wissen, Mister Patters!“ „Ja.“ „Gestern vormittag habe ich Ihnen gesagt, ich würde Ihnen vielleicht einmal meine Story erzählen.“ „Nach dem nächsten oder übernächsten Scheck für Ihr Heim.“ „Heute glaube ich, daß Sie mir meine Geschichte besser erzählen könnten als ich selbst. Ist es nicht so?“ „Vielleicht.“ Yvonne griff nach den Zigaretten auf dem Tisch, und der Engländer reichte ihr Feuer. Über den Rauch hinweg sah sie zu ihm hin. Schließlich sagte sie: „Fangen Sie schon endlich an!“ „Sie sind Jüdin!“ „Natürlich!“ „Und Sie sind Französin, in Paris geboren.“ „Weiter!“ „Aber Sie haben deutsche Eltern. Papa und Mama kamen im Jahre achtunddreißig nach Frankreich, wissen Sie, woher?“ „Aus Deutschland, das sagten Sie bereits, Mister Patters.“ „Ja, ja! Aber woher dort, aus welcher Stadt?“ Yvonne antwortete nicht, sie starrte ihr Gegenüber nur unverwandt an. „Sie wissen es nicht?“ „Nein!“ „Sie kamen aus Hamburg, zumindest vermute ich das. Im Jahre zweiundvierzig brachten Ihre Eltern Sie in einem Kinderheim in der Nähe von Paris unter. Das geschah bereits während der Naziokkupation, und deshalb gab es auch keine schriftlichen Unterlagen über Sie. Es wurde gerade mal Ihr Name, nämlich Yvonne Rosenau, und Ihr Geburtsdatum bekannt. Sie selbst waren damals 27
ein Jahr alt, und Sie haben die Eltern nicht wiedergesehen. Stimmt das?“ „Es stimmt!“ „Und weil Sie damals noch so klein waren, haben Sie auch keine Erinnerung an beide, nicht an die Mutter und nicht an den Vater. Richtig?“ Yvonne antwortete nicht. Auf ihrer Stirn zeichnete sich die steil aufragende Falte zwischen den Brauen ab, diesmal schien sie sich tiefer einzugraben. Nach einer Weile sagte sie: „Sie müssen mir eine Frage beantworten!“ „Jede, Frau Rosenau!“ Archie Patters lächelte warmherzig. „Weshalb sind Sie gestern zu mir gekommen? Weshalb haben Sie mir diesen Scheck überreicht? Sind es wirklich das Heim und dessen Insassen, die Sie interessieren? Oder bin vielmehr ich es und meine Vergangenheit?“ Mr. Patters schüttelte den Kopf, und das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Sachlich erklärte er: „Das Interesse für Sie kam später, Frau Rosenau! Wir verwalten die Hinterlassenschaft von Lady Chessman, und wir müssen das mit Verantwortung tun. Deshalb ziehen wir Erkundigungen ein über die Personen, denen wir das Geld übergeben. Wir wollen sicher sein, daß es in gute Hände kommt; das müssen Sie verstehen.“ Yvonne schien sich zu fragen, ob sie dem Mann vertrauen konnte. Ihr Blick glitt über die gefalteten und wettergegerbten Partien seines Gesichts zu den Augen. Nach einer langen Pause sagte sie widerstrebend: „Das ist wohl okay, Mister Patters. Und was wissen Sie noch?“ „Ich habe Ihre Eltern gefunden!“ Seine Stimme klang plötzlich sehr nackt. Nicht, weil er brutal sein wollte, sondern weil er einen scharfen, schnellen Schnitt sicher für heilsam hielt. Er fuhr fort: „Nicht Ihre Mutter, denn 28
die lebt nicht mehr. Wohl aber Ihren Vater! Zumindest halte ich es für möglich, daß er es ist.“ Yvonne antwortete nicht. Sie kam hoch, und ihr Körper lehnte sich auf dem Stuhl weit zurück. Dadurch verschwand das Gesicht aus dem Lichtkreis der Tischlampe und begann in Dunkelheit zu verschwimmen. Mr. Patters sagte: „Ihr Vater ist nach Deutschland zurückgekehrt und lebt jetzt wieder in Hamburg.“ „Ich kann das nicht glauben. Meine Eltern sind tot, ich weiß es!“ Mr. Patters’ Eröffnung löste ein Chaos in ihr aus. Plötzlich wurde alles, was mit der Scheidung von Philip zu tun hatte, in den Hintergrund gedrängt. Ebenso schien ihr die Arbeit im Drogenzentrum nicht mehr wichtig zu sein. Tagelang kam sie hinter dem Schreibtisch in ihrem Büro kaum hervor, und wenn sie es tat, ging sie mit abwesendem Gesichtsausdruck über das Gelände. Sie wußte, daß die Jüdische Gemeinde von Paris ihre Eltern gesucht hatte, kurz nach dem Krieg. Sie war gerade sieben Jahre alt gewesen, und so richtig hatte sie nicht begriffen, worum es damals ging. Das wurde ihr erst später klar, und dann mußte sie sich damit abfinden, daß ihre Eltern von den Faschisten ermordet worden waren. Besonders quälend war die Vorstellung, daß sie nicht erfuhr, wo es geschah. Sie konnte nicht einmal an das Grab gehen. Mit den Jahren gelang es, diese Gedanken zu verdrängen. Sie redete mit niemandem mehr darüber, auch mit ihrem Mann nicht. Vielleicht hielt Philip sie für gefühlskalt, aber das war sie nicht. Es war eher so etwas wie ein Schutzwall, mit dem sie sich umgeben hatte. Und nun kam dieser Engländer und rührte alles wieder auf. Niemals konnte sie glauben, daß jener David Rosenau in Hamburg ihr Vater war, aus ganz bestimmten Gründen nicht. Das sagte sie Mr. Patters, und er erwiderte, der einzige Weg, das herauszufinden, sei, nach Hamburg zu fahren. Das sah sie schließlich 29
ein, und so machte sie sich mit zwiespältigen Empfindungen auf den Weg. Die Anwaltspraxis befand sich in der Dammtorstraße gegenüber dem Opernhaus. Yvonne und Mr. Patters mußten über eine halbe Stunde im Vorzimmer warten, ehe sie vorgelassen wurden. Der Rechtsanwalt kam ihnen bis in die Mitte des Raumes entgegen, schüttelte ihnen die Hand und führte sie zu Stühlen vor seinem Schreibtisch. Darauf versank er in einem hochlehnigen Ledersessel dahinter. „Sie können sich ausweisen?“ fragte er. „Ich hoffe nur, daß Sie es nicht als besonderes Mißtrauen auffassen.“ „Das ist okay“, meinte Mr. Patters und legte seinen britischen Paß auf den Schreibtisch. Yvonne Rosenau tat ihren österreichischen dazu. Der Anwalt musterte seine Besucher. Von dem Engländer wurden die Blicke ebenso kühl und abschätzend erwidert, aber auch Yvonne gab sich reserviert. Der Mann ließ nicht erkennen, ob ihn die gutaussehende junge Frau beeindruckte. Er öffnete eine Zigarettendose und schob sie in Richtung seiner Gäste. Dann nahm er die Pässe auf. Den des Engländers durchblätterte er flüchtig, mit dem Yvonne Rosenaus beschäftigte er sich länger. Immer wieder drehte er die Seiten hin und her, verglich das Paßfoto mit dem Gesicht seines Gegenübers. Er lächelte nun zwar, aber es lag nicht viel Wärme darin. Dann begann er zu erklären: „Herr Wilhelm hat Sie mir avisiert und mich über Ihre Wünsche informiert. Schließlich habe ich unserer Begegnung zugestimmt. Aber über Herrn Rosenaus Vermögenslage kann ich Ihnen nicht viel sagen, weil es meine Kompetenz überschritte. Nur vielleicht soviel: Das Vermögen ist beträchtlich. Es gibt Werke in der Bundesrepublik und in 30
Südamerika. Ich begehe keine Indiskretion, wenn ich darüber spreche, denn dieses Wissen ist jedermann zugänglich. Ebenfalls ist richtig, daß Herrn Rosenaus Testament bei mir verwahrt wird. Darin sind ein paar Legate für enge Mitarbeiter enthalten, nicht sehr hoch, mehr als ideelle Anerkennung gedacht; auch Bücher, Porzellane, einige Bilder. Der überwiegende Teil der Erbmasse geht an eine allgemein nützliche Hilfsorganisation, über die ich keine Auskunft geben möchte. Herr Rosenau hat alles so verfügt, weil er keine lebenden Verwandten besitzt.“ Plötzlich lag das Mißtrauen wie eine trübe Dunstglocke über dem elegant eingerichteten Büro. Der Rechtsanwalt schob den österreichischen Paß in Yvonnes Richtung. Ob er den für echt oder gefälscht hielt, wurde aus seiner Miene nicht ersichtlich. Dann meldete sich Mr. Patters zu Wort. „Es geht nicht um Erbschaft und um eventuelle Ansprüche daraus. Die junge Dame lebt auch ohne Verwandten, und sie möchte lediglich wissen, ob es zwischen ihr und Herrn Rosenau irgendeine Verbindung geben könnte.“ Der Rechtsanwalt schaute dem Engländer mit kühlem Interesse in die Augen. „Und an was für eine Verbindung denken Sie?“ „An die Verbindung eines Vaters zu seiner Tochter, daran denken wir.“ Der Anwalt nickte, als habe er nichts anderes erwartet. „Finden Sie es nicht merkwürdig, daß sich die junge Dame genau zu dem Zeitpunkt meldet, in dem mein Mandant in Lebensgefahr schwebt, Mr. Patters?“ „Ganz so liegen die Dinge nicht“, antwortete Archie Patters höflich. „Und das wissen Sie auch, denn Herr Wilhelm wird Sie ja sicher in Kenntnis gesetzt haben. Frau Rosenau hat bereits vor Wochen in Hamburg vorgesprochen. Damals hielt sich Ihr Mandant in Brasilien auf, und zu der Zeit erfreute er sich bester Gesundheit. 31
Sie hinterließ eine Nachricht und fuhr nach Wien zurück. Eines Tages bekam sie dann einen Brief von Herrn Rosenau, in dem er sie praktisch zu sich nach Hamburg einlud. Erst darauf reiste sie ein zweites Mal her.“ „Dieser Brief …?“ fragte der Rechtsanwalt. „Ja, wollen Sie ihn sehen?“ „Merkwürdig, von einem Brief wußte ich bisher nichts.“ „Haben Sie ihn dabei?“ Mr. Patters wandte sich an Yvonne. Sie öffnete die Handtasche, aber der Rechtsanwalt winkte ab. „Lassen Sie das, um Gottes willen, ich glaub’ es Ihnen auch so.“ Yvonne starrte auf ihre Tasche und knetete deren weiches Leder. Ebenso wie gestern im Krankenhaus wirkte sie gehemmt und sehr viel jünger, als sie eigentlich war. „Eines verstehe ich nicht“, meinte der Rechtsanwalt nach einer Weile. „Und was?“ fragte Archie Patters. „Warum meldet sich die junge Dame erst jetzt, nach so vielen Jahren?“ Mr. Patters erklärte: „Sie konnte es gar nicht eher. Sie hatte keinerlei Kenntnis von Herrn Rosenau in Hamburg. Ich habe sie erst darauf aufmerksam gemacht. Es ist ein eigenartiges Schicksal, das man nur aus der Zeit des Krieges und des Unrechts heraus begreift. Frau Rosenaus Eltern waren deutsche Emigranten. Juden. Vor den Verfolgungen der Nazis flohen sie im Jahre achtunddreißig nach Frankreich. Sie lebten in Paris. Da ihre Tochter dort zur Welt kam, erhielt sie die französische Staatsbürgerschaft. Dann marschierten die Nazis in Frankreich ein, und die Rosenaus gingen in den Untergrund. In dieser Zeit war Yvonnes Mutter schwanger. Sie hat das Kind wohl unter sehr schwierigen Bedingungen zur Welt gebracht. Als das kleine Mädchen ein Jahr alt wurde, gaben es die Eltern in ein Heim und ließen es 32
dort zurück. Nach dem Kriege wurden Ermittlungen über deren Aufenthaltsort angestellt, aber sie blieben ohne Erfolg. So begann Frau Rosenau mit dem Gedanken zu leben, daß ihre Mutter und ihr Vater in einem Konzentrationslager der Nazis umgekommen seien. An dieser Vorstellung hat sich bis heute nichts geändert. Als sie aber nun von einem Herrn Rosenau erfuhr, der hier in Hamburg lebt, entstand in ihr der Wunsch, zu erfahren, ob es zwischen ihm und ihr nicht irgendeine Verbindung geben könne. Ist dieser Wunsch so unverständlich?“ „Nein, das ist er nicht!“ Der Rechtsanwalt hatte seinen Sessel zur Seite gedreht und angekippt. Er sah zum Fenster hinaus, beobachtete die schwächlichen Sonnenstrahlen, die sich durch die Vorhänge ins Zimmer schlichen. Mr. Patters fuhr fort: „Von Herrn Rosenaus Sekretär, Herrn Wilhelm, wissen wir, daß sein Arbeitgeber lange in Brasilien gelebt hat. Und von Ihnen kam die Bestätigung, daß er noch heute dort Fabriken unterhält. Könnten Sie uns nicht wenigstens sagen, wann Rosenau nach Südamerika ging und ob er dies von Frankreich aus tat?“ Eine Weile blieb es still. Der Rechtsanwalt hatte sich nicht gerührt in seinem Sessel. Aber er hatte zugehört, und sie sahen auch, daß er intensiv nachdachte. Mr. Patters griff nach den Zigaretten, reichte Yvonne eine hin, und gemeinsam zündeten sie sich die an. Sie rauchten schweigend. Schließlich sagte der Rechtsanwalt: „Ich kenne Herrn Rosenau ziemlich gut, wir arbeiten seit Jahren zusammen. Ein integrer, vornehmer Mann. Ich kann mir nicht denken, daß er irgendwo ein Kind zurückläßt und sich dann nicht mehr darum kümmert.“ „Die Leute befanden sich in Lebensgefahr.“ „Ja, ja, ich versteh’ schon. Aber der Krieg ging zu Ende und die Zeiten wurden wieder normal. Warum sollte 33
Herr Rosenau dann nicht alles unternommen haben, seine kleine Tochter wiederzufinden und in seine Arme zu nehmen? Wenn er eine hatte!“ Mr. Patters und Yvonne blickten sich an, und der Engländer spürte, daß sie in das Gespräch eingreifen wollte. Denn dies war der Punkt, über den sie in Wien lange gestritten hatten. Er legte seine Hand auf ihren Arm und antwortete für sie: „Das ist es gerade, was wir erfahren möchten.“ Der Anwalt fragte: „Kann ich jetzt doch einmal den Brief sehen?“ Yvonne öffnete ihre Tasche und zog ein Kuvert hervor, das sie über die Platte in Richtung der Anwaltshände schob. Dort blieb es liegen. Es war ein schmaler Umschlag aus blütenweißem, teurem Papier. Der Anwalt starrte darauf, dann nahm er ihn vorsichtig und mit spitzen Fingern, so als ob er keine Spuren hinterlassen wollte. Er überflog das Schreiben. „Es ist seine Schrift“, sagte er schließlich. „Aber der Inhalt ist ganz allgemein gehalten, kein Hinweis auf Ihr eigentliches Anliegen, Frau Rosenau.“ „Was haben Sie denn erwartet?“ fragte Mr. Patters. Der Anwalt beachtete den Einwurf nicht. Er sagte: „Es paßt ganz und gar zu Herrn Rosenau. Zu der Verantwortung, die er allem gegenüber empfindet. Er hat Ihren Kummer gespürt. Vielleicht wollte er Sie empfangen, um Sie zu beruhigen.“ Der Engländer fragte: „Ist Ihnen bekannt, ob Herr Rosenau bis Anfang der vierziger Jahre in Frankreich gelebt hat?“ „Haben Sie mit Herrn Wilhelm darüber gesprochen?“ „Er hat keinerlei Kenntnisse über diese Zeit.“ „Ich würde Ihnen wirklich gern helfen, Frau Rosenau“, sagte der Anwalt direkt in Yvonnes Richtung. Er stockte. „Warum tun Sie es dann nicht?“ fragte Mr. Patters. 34
Der Anwalt wandte seinen Blick zu dem Engländer. „Ich habe heute morgen mit der Klinik telefoniert. Ich nehme an, Sie taten es auch?“ „Ja.“ „Dann wissen Sie, daß Herr Rosenau die Nacht überlebt hat. Der Professor hat jetzt sogar mehr Hoffnung als gestern.“ „Aber er kann nicht sagen, wann der Patient ansprechbar ist, ob er überhaupt wieder zu klarem Bewußtsein kommt.“ „Wollen wir es nicht abwarten?“ Der Rechtsanwalt lächelte verbindlich. „Frau Rosenaus Fragen blieben so lange Zeit unbeantwortet, da kommt es doch auf ein paar Tage nicht an. Ich denke mir, daß alle in diesem Raum dem Kranken nur Gutes wünschen. Wollen wir nicht darauf hoffen und darum bitten? Und wenn es dann soweit ist, kann Frau Rosenau alle ihre Fragen dem Patienten selbst stellen.“
3. Sie hörten das Kratzen, als sie in der Küche beim Abendbrot saßen, es kam von der Etagentür. Draußen wurde es zeitig dunkel im Herbst 1932. Sie achteten nicht auf das Geräusch; vielleicht war es die Katze, welche die Leute über ihnen hielten. Auch die Katze bekam nicht genug zu fressen und wanderte im Haus umher, um zu betteln. Manchmal stellten sie ihr ein Schüsselchen mit Magermilch hin, denn die Mutter hatte mit jedem Mitleid. Das Kratzen an der Tür hörte nicht auf, kurz darauf klapperte es am Briefkasten. Die Katze konnte es also nicht sein, denn bis dahin langte sie nicht hinauf. Das Klappern hielt an, es war ein sanftes, zaghaftes Geräusch, nicht viel mehr, als ob ein Windhauch 35
über den Deckel strich. Schließlich stand der Junge auf, ging über den Korridor und öffnete. Draußen saß der Vater und fiel mit der Tür in den Flur hinein. Im ersten Moment dachte der Junge, er sei betrunken, wie es hin und wieder vorkam, wenn er das Geld von der Stempelstelle holte, aber dann entdeckte er das Blut. Die Mutter, die ebenfalls aus der Küche gekommen war, sah es auch. Sie schrie nicht auf, weinte und jammerte nicht. In der letzten Zeit war so viel geschehen, daß einen nichts mehr überraschte. Auch der Junge blieb stumm. Sie starrten nur auf das Blut, das überall hervorquoll und auf das Linoleum im Korridor tropfte. Gemeinsam schleppten sie den Vater ins Wohnzimmer und betteten ihn auf die Couch. Vorsichtig zogen sie ihm die Kleider vom Körper, dann holte die Mutter eine Schüssel mit Wasser und wusch die Wunden aus. Nazis hatten dem Vater im Hausflur aufgelauert, ihn in den Keller geschleppt und brutal zusammengeschlagen. Groteskerweise hatte die Prügel gar nicht ihm gegolten, sondern dem Nachbarn, der Kommunist war. Der Vater hatte sich bisher weder für die Roten noch für die Braunen besonders interessiert, aber seit dem Erlebnis im Keller ging eine Veränderung in ihm vor. Ohne sich direkt zu binden, nahm er von jetzt ab mehr Partei für die Kommunisten. Bei der nächsten Wahl, in jener Zeit mußte man oft wählen, machte er sogar sein Kreuz in deren Liste. Der Mann wunderte sich, wie gestochen scharf er diese Bilder sah. Er erkannte sie deutlicher als die Gegenstände des Zimmers, in dem er lag. Wie lange? Er wußte es nicht. Es mochten Tage oder Wochen sein. Die Zeit war ein endloses, trübes Band, kam aus der Unendlichkeit, zog an ihm vorbei und ging dorthin zurück. Es hatte keine Markierungen. Und das schien auch nicht wichtig. Von Interesse waren nur die Bilder aus seiner Kinderzeit 36
und die Erinnerungen, die sie weckten. Manchmal dachte er, daß es verdammt lange dauerte, bis man starb. Oder war es vielleicht so, daß sich die Zeit nur für ihn zerdehnte und daß in Wirklichkeit nur Stunden vergangen waren, seit man ihn hierhergebracht hatte? Meistens schlief er ohnehin. So kam es ihm zumindest vor. Wenn er aus den Tiefen seines Unterbewußtseins auftauchte, langsam und irgendwie taumelnd in immer höhere Schichten emporstieg, meldete sich zuerst der Schmerz. Dann empfand er Durst. Auch Schwindel. Der kam sicherlich vom Klettern aus der unermeßlichen Tiefe, in die sein Ich geworfen war. Der Durst wurde stärker. Und auch der Schmerz. Er versuchte die Augen zu öffnen, tat es blinzelnd. Die Umwelt empfing ihn mit grellem Licht. Nur schemenhaft nahm er die Gegenstände im Zimmer wahr. Einen Schrank. Daneben ein Waschbecken mit dem Spiegel darüber. Er hätte was dafür gegeben, einmal hineinschauen zu können. Sein Kopf war von Verbänden umhüllt; auch die Nase, die besonders weh tat, hatte man verklebt. Über dem Fußende des Bettes schwebte etwas. Er brauchte lange Zeit zwischen Schlaf und Wachsein, bis er herausfand, um was es sich handelte. Es war sein Bein. Sie hatten sein Bein aufgehängt. Ja, das gab es auch! Wenn sie sich besonders brutal gaben und perverse Lust am Töten hatten, hängten sie die Menschen an den Füßen auf. Lange hielt das keiner aus, er hörte die Schreie gellen. Diese Bilder existierten ebenfalls in ihm, aber er sah sie nicht so klar wie die aus seiner Kinderwelt. Es mußte eine Vorwegnahme auf eine spätere Zeit sein, die wohl auch zu ihm gehörte. Bisher lief der Film der Erinnerungen ganz chronologisch ab, und er fürchtete, daß er jene Bilder mit den Erhängten einmal so deutlich sehen könnte wie die anderen. Der Schmerz wurde stärker, auch der Durst und das Schwindelgefühl. Sicher kam es daher, weil er sich so 37
stark konzentrierte. Er versuchte sich zu besinnen, wer er war, wie er hieß. Plötzlich kriegte er keine Luft mehr, und es drang ein Schrei aus seiner Kehle. Er lag mit weit aufgerissenen Augen im Bett. Dann schwebte wie auf einer Wolke ein Kopf heran, der Kopf einer Frau. Er konnte sie nicht richtig erkennen, denn die Konturen des Gesichts verschwammen und zerfaserten an den Rändern. Schon einmal in der Endlosigkeit, die er hier zubrachte, war eine Frau in diesem Raum gewesen. Er erinnerte sich an die Stimme, warmherzige, gute Töne. Von Tönen verstand er etwas. Handelte es sich um die gleiche Person? Auch die Hände, die über sein Gesicht hinfuhren und ihm den Schweiß fortwischten, wirkten angenehm. Ein bißchen erinnerten sie ihn an die Mutter. Oder waren es die Hände seiner Mutter? Er versank in Bewußtlosigkeit. Die Stimme sagte: „Erkennen Sie die junge Dame, Herr Rosenau? Schauen Sie sich sie gut an, und versuchen Sie sich zu erinnern. Es ist wichtig! Geben Sie sich Mühe, auch wenn es anstrengt. Versuchen Sie sich zu erinnern!“ Eine zweite Stimme sagte: „Ist er nicht bei Bewußtsein?“ Und eine dritte Stimme sagte: „Aber er hat doch die Augen offen.“ Das stimmte. Er hatte die Augen offen, und er war auch bei Bewußtsein oder was man dafür halten mochte. Er erkannte eine Gruppe von Menschen um das Bett, aber er sah alles wie durch einen Schleier. Ein Kopf näherte sich langsam, hielt dicht vor seinen Augen an. Er blickte in die Pupillen des anderen und wußte, daß es sich um einen Mann handelte. Er hatte weißes, welliges Haar, das den Schädel wie einen Heiligenschein umrahmte. Plötzlich zerriß der Schleier, und er sah den Mann mit einer Deutlichkeit, wie man sie sonst nicht hat. Er kannte das Gesicht nicht, er hatte es niemals 38
vorher gesehen. Dann entfernte sich der Kopf, und er schloß, müde geworden, die Augen. Die Stimme sagte: „Zweifellos befindet sich der Patient in einem Durchgangssyndrom, das durch die Contusio hervorgerufen wurde. Seine Merkfähigkeit und sein Gedächtnis sind gestört. Daraus ergibt sich eine mangelhafte Orientierung, sowohl in zeitlicher als auch in örtlicher Beziehung. Dabei kann älterer Gedächtnisbesitz zur Verfügung stehen, während zuletzt erworbene Gedächtnisinhalte verlorengingen. Fehlender Gedächtnisbesitz wird nun meist durch freie Erfindung, die sogenannte Konfabulation, ausgefüllt.“ Darauf trat Stille ein, die wohltat. Eigentlich wünschte der Mann in seinem Bett nichts anderes, als zu schlafen und in seine Traumwelt zurückzukehren. Aber sie ließen es nicht zu. Die Stimme sagte: „Bitte, öffnen Sie die Augen, Herr Rosenau!“ Anscheinend tat er es, denn die Stimme lobte ihn. „So ist es gut! Können Sie mich erkennen?“ Auf einer Wolke schwebte der von weißen Haaren umflossene Schädel vor ihm, und der Mund darin sagte: „Schauen Sie sich einmal die junge Dame hier an!“ Langsam wandte er den Kopf, es war ein weiter, von Schmerzen begleiteter Weg. Neben seinem aufgehängten Bein schwebte ein Frauenkopf, ebenfalls auf einer Wolke. Seine Lippen bewegten sich, aber seltsamerweise hörte er keinen Laut. Die Stimme sagte: „Sie können sie nicht erkennen, nicht so, wie sie jetzt vor Ihnen steht. Sie haben sie zuletzt gesehen, als sie noch ein kleines Mädchen war. Aber wenn ich Ihnen sage, daß die junge Dame ihre Tochter ist, die Sie in Paris zurücklassen mußten, damals vor vielen Jahren, löst das etwas aus in Ihnen?“ Er unternahm die Anstrengung und begann die Lippen zu bewegen. Er fragte die Leute, wer er denn selber sei, aber wieder hörte er seine Stimme nicht. 39
Sie verstanden ihn jedoch auch so. „Wer Sie sind, fragen Sie?“ Der Mann nickte. Es war eine weite Strecke, die sein Kopf zurücklegen mußte, wirklich sehr weit. „Sie sind David Rosenau!“ „Ro… Ro…“ Auf einmal war der Mann glücklich, denn zum ersten Mal hörte er Laute aus seiner Kehle dringen. „David Ro-senau! Wissen Sie, in welcher Stadt Sie gerade sind?“ „M… m… Ha-m…“ „Ja, Sie leben in Hamburg, Herr Rosenau! Sehr richtig und sehr gut! Und nun noch einen Augenblick der Konzentration! Schauen Sie sich die junge Dame an! Ist es nicht Ihre Tochter, die Sie zuletzt als. kleines Mädchen in Paris gesehen haben? Könnte es nicht so sein?“ Vor langer Zeit war ihm gewesen, als ob sich etwas aus seinem Körper loslöste. Er hatte dieses Etwas für seine Seele gehalten, die aufstieg und frei über dem Raum schwebte. Aus großer Höhe hatte er herabblicken können auf das Bett und auf die Menschen, die sich darum scharten. Das gelang nicht mehr. Was sollte das heißen? Bedeutete es, daß er gar nicht im Sterben lag? Würde er weiterleben? In immer größeren und stärkeren Wellen jagte der Schmerz durch seinen Körper. Er schloß stöhnend die Augen. Den Einstich der Nadel fühlte er nur noch schwach, und er beruhigte sich auch schon, weil es gleich vorüber sein würde. „Schade, ich hatte mir von der Wirkung mehr versprochen. Nun, es war ein Experiment. Vielleicht sollten wir den Versuch in den nächsten Tagen wiederholen.“ Es war die Stimme des weißhaarigen Mannes, die da sprach. Er hörte deutlich das Bedauern aus ihr. Aber dann verlor er alles Interesse an seiner Umwelt. Beinahe heiter begann er in die Welt seiner Träume zu versinken.
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4. „Ich nehme an, daß die Jüdische Gemeinde von Paris Nachforschungen über den Verbleib Ihrer Eltern angestellt hat“, meinte die alte Frau. „Ja, natürlich“, bestätigte Yvonne. „Und wann war das? Können Sie sich daran erinnern?“ „In den ersten Jahren nach dem Krieg. Bis in die fünfziger Jahre hinein.“ „Und?“ „Nichts! Ohne jeden Erfolg!“ „Haben sich die Nachforschungen auch nach Übersee erstreckt? Nordamerika, Mexiko? Oder nach Südamerika? Dorthin gingen auch manche.“ Yvonne schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht mehr. Ich selbst war damals ein kleines Mädchen, nicht einmal zehn Jahre alt.“ „Verstehe!“ Die alte Frau saß ihnen am Schreibtisch gegenüber. Der befand sich in einem karg eingerichteten Büro in der Hamburger Innenstadt. Es roch muffig, nach alten Akten. Es war nicht dreckig im Raum, es lag nicht einmal Staub, aber den leichten Modergeruch von angejahrtem Papier vertreibt man nicht so leicht. Die alte Frau hatte einen Bogen vor sich. Darauf malte sie kleine Kreise, einen hinter den anderen. Mehrere Reihen hatte sie bereits angefertigt. Sie tat es ordentlich und dieser Beschäftigung schien sie sich ganz hinzugeben. Wenn sie doch einmal aufsah, kam ein erstaunlich klarer Blick aus jung wirkenden Augen über den Schreibtisch. Die Frau war von unbestimmbarem Alter und ziemlich dick. Auf ihr Äußeres schien sie keinen Wert zu legen. Sie trug ein dunkles Kleid von sackartigem Zuschnitt, darüber eine braune, wahrscheinlich selbstgestrickte Wolljacke. Es war kühl in dem Büro, entweder funktionierte die Heizung nicht richtig, oder man hatte sie noch nicht ange41
stellt. Die Frau fröstelte. Ihrer Frisur schien sie ebenfalls keinerlei Beachtung zu schenken. Strähnen von grauem Haar fielen auf die Schultern und in die Stirn, denn sie saß vorgebeugt über dem Bogen Papier mit den Kreisen. Auch auf diesem Schreibtisch lagen Mr. Patters britischer und Yvonnes österreichischer Paß. Aber die alte Frau hatte diese kaum beachtet. Vielleicht hielt sie nicht viel von solchen Dokumenten, weil man die nur allzu leicht fälschen konnte. Sie schien mehr auf die Stimmen ihrer Besucher zu achten. „Wissen Sie, in welcher Stadt Ihre Eltern gelebt haben“, fragte sie, „bevor sie aus Deutschland hinaus mußten?“ „Nein.“ „Aber es waren doch Deutsche?“ „So haben es mir meine Leute in Paris zumindest gesagt. Ich selbst habe mich natürlich niemals als Deutsche gefühlt.“ „Verstehe!“ Wieder kam ein Blick über den Schreibtisch und darauf ein Lächeln. Dann sagte die alte Frau: „Aber Sie beherrschen die deutsche Sprache gut.“ „Ich habe einen Österreicher geheiratet und ging mit ihm nach Wien. Dort habe ich es gelernt.“ „Sie sind zum ersten Mal in der Bundesrepublik Deutschland?“ „Zum zweiten.“ „Und wie gefällt es Ihnen hier?“ Darauf antwortete Yvonne nicht. Das Lächeln auf dem Gesicht der alten Frau verstärkte sich und begann ihr offensichtliches Alter immer weiter zurückzudrängen. Sie schenkte den Kreisen auf dem Bogen keine Aufmerksamkeit mehr, obwohl nur noch zwei oder drei Reihen davon herzustellen waren. Sie faltete die Hände über dem Papier, alte und runzelige Hände und ohne jeden Schmuck natürlich, und saß ganz friedfertig da. Dann fragte sie: „Und Sie, Mr. Patters, was treiben Sie in der Geschichte?“ 42
Archie Patters lächelte freundlich. „Ich brachte Yvonne Rosenau einen Scheck von einer Foundation, die ich mitverwalten helfe. Natürlich ziehen wir Erkundigungen über die Leute ein, denen wir Geld aus unserer Stiftung geben. So erfuhr ich von ihrer Vergangenheit. Durch einen kuriosen Zufall wußte ich aber auch von David Rosenaus Existenz hier in Hamburg.“ „Können Sie uns Näheres über die Kuriosität dieses Zufalls berichten?“ Die beiden alten Leute beobachteten sich mit heiter abschätzenden Blicken. Archie Patters zuckte schließlich die Achseln. „David Rosenaus Unternehmungen in der Bundesrepublik und in Brasilien bleiben auch auf den Inseln nicht ohne Interesse.“ „Sie selber sind kein Jude?“ Die Frage der alten Frau klang mehr wie eine Feststellung. „Nein.“ „Aber Sie sind an den Schicksalen jüdischer Menschen interessiert?“ „Ja. Haben Sie jemals mit dem Hamburger Rosenau zu tun gehabt?“ „Hab’ ich!“ „Dann müßten Sie uns doch Auskunft geben können. Alles was wir brauchen ist, ob er sich mit seiner Frau im Jahre einundvierzig, zweiundvierzig in Paris aufgehalten hat. Damals wurde Yvonne geboren, und ein Jahr später brachten die Eltern sie in ein Kinderheim.“ „Das ist lange her, als sich das Wiedergutmachungsbüro mit Rosenaus Fall beschäftigte“, sagte die alte Frau nachdenklich. „Über zehn Jahre. War es nicht in der Zeit der Flutkatastrophe? Ja, so etwa, aber ich erinnere mich nicht genau.“ „Auch nicht an David Rosenaus Geschichte?“ „Nicht in ihren Einzelheiten.“ „Aber Sie müssen doch Unterlagen haben.“ 43
Die Frau nickte. Ihre Augen hingen schon eine ganze Weile an Yvonne Rosenau. Aber ihr Blick, der sich mehr und mehr verschleierte, schien durch das Mädchen hindurchzugehen. Dahinter mußte eine Welt liegen, durch die sie vor langer Zeit selbst einmal gewandert war. Schließlich fragte sie: „Herr Rosenau liegt in einer Klinik, weil er einen Unfall hatte?“ „Ja.“ „Und er ist nicht ansprechbar?“ „Nein, gestern war er es zumindest noch nicht. Der Arzt gibt sich zwar hoffnungsvoll, aber wer weiß …?“ Niemand sprach, alle hingen ihren Gedanken nach. Schließlich sagte Archie Patters: „Solche Hirnquetschungen können heimtückisch verlaufen. Niemand weiß, ob er jemals wieder zu Bewußtsein kommt und Fragen beantworten kann.“ Die alte Frau nickte verständnisvoll. „Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Yvonnes plötzlichem Auftauchen in Hamburg und Herrn Rosenaus plötzlichem Unfall?“ „Nein, natürlich nicht!“ Yvonne sagte es beinahe empört. Und dann etwas schwächer: „Wie kommen Sie darauf?“ Die Frau antwortete mit einem Lächeln, das beinahe so alt war wie die Welt. „Gutes Kind! Wenn David stirbt und Sie seine Tochter sind, werden Sie eine bemerkenswert reiche Frau sein. Viele, sehr viele Millionen, ja, ja!“ Dann wandte sie sich dem Engländer zu und fragte sachlich: „Wer erbt?“ „Eine gemeinnützige Hilfsorganisation.“ „Welche?“ „Das wollte uns der Rechtsanwalt nicht sagen.“ „Natürlich nicht.“ Die alte Frau schien die Antwort vorausgesehen zu haben. „Sie können noch ein paar Tage warten, nicht wahr? Mal sehen, ob David aus dem Delir zurückfindet.“ 44
„Ich bin in London zu Hause und Yvonne in Wien“, antwortete Archie Patters. „Eigentlich müßten wir längst an unsere Arbeit zurück. Ist es nicht so?“ Yvonne nickte. Die alte Frau sagte: „Sie könnten mit der Klinik in Verbindung bleiben und in Stunden wieder hier sein. Es gibt Flugzeuge. In dieser Hinsicht hat sich die Welt ja fortentwickelt.“ „Ich kann nicht mehr warten“, sagte Yvonne leise. „Ich muß es jetzt wissen.“ Sie saß mit hängenden Schultern auf dem Stuhl und sah plötzlich wie ein kleines Mädchen aus. Und sehr hilflos. Die alte Frau schaute auf den Bogen Papier mit den Kreisen. Irgendwie wirkte er unvollkommen mit den zwei oder drei fehlenden Reihen darauf. Sie kniffte ihn sorgfältig in der Mitte, nahm ihn und zerriß ihn in mehrere Streifen. Die Schnipsel warf sie in den Papierkorb. Dann stand sie auf und wandte sich zur Tür. Als sie sich erhob, sahen sie erst richtig, wie dick sie war. Eigentlich hätte sie watscheln müssen wie eine Ente, aber sie tat es nicht. Merkwürdigerweise lag in ihrem Gang so etwas wie Musik. Auch Kraft. Und Dynamik. Mit einem Schwupp fiel die Tür hinter ihr ins Schloß. „Eine beeindruckende alte Dame“, sagte Archie Patters und zog Zigaretten hervor. „Sie werden sehen, daß wir hier an der richtigen Adresse sind.“ Yvonne antwortete nicht, nervös sog sie an ihrer Zigarette. Archie Patters, der sie beobachtete, fuhr fort: „Lausig kalt hier drin, und die schalten die Heizung nicht ein. Scheinen zu sparen, oder diese Organisation besitzt nicht viel Geld. Was meinen Sie?“ Wieder antwortete Yvonne nicht, und sie rauchten schweigend. Schließlich meinte der Engländer: „Ich muß mich über Sie wundern, meine charmante Freundin.“ „Warum?“ Yvonne gab sich alle Mühe, sein Lächeln zu erwidern. 45
„Die junge Dame, die ich in Wien beobachten konnte, war eine ganz andere Person. Voller Verve! Mit viel Esprit! Sie scheinen sich in wenigen Tagen um Jahre rückentwickelt zu haben.“ „Und diese Yvonne gefällt Ihnen nun nicht mehr?“ „Das könnte ich nicht sagen. Sie gefällt mir auf eine andere Weise.“ „Das kann ich mir denken. Hilflosigkeit ist doch etwas, das die Männer an Frauen besonders lieben.“ Sie stand auf und ging zum Fenster. Das Büro lag in einer der oberen Etagen des alten Geschäftshauses. Man sah auf ein Fleet hinunter, einen jener engen Kanäle, die die Hafenstadt durchziehen. Yvonne wurde am 21. März 1941 in Paris geboren. Das Heim, in dem sie aufwuchs, lag am Rande der Stadt. Es war eine ziemlich große Anlage, mehrere Häuser gehörten zu ihr. Dazwischen standen Bäume mit ausladenden Kronen, die im Sommer Schatten spendeten. Im Herbst sammelten sie Eicheln und Kastanien darunter, füllten sie in Säcke und brachten sie in den Tierpark. Es gab Wiesen, auf denen man toben oder sich sonnen konnte, und einen kleinen Teich mit Goldfischen. Und dann der große Gemüsegarten. Dort zogen sie Blumen und alle Sorten Gemüse, das in der Küche verarbeitet wurde. Die Beschäftigung im Schulgarten, in dem auch die Kleinen schon mithalfen und den die Großen in eigener Verwaltung hatten, gehörte zum Lernprogramm. Als sie Jahre später in Wien die Drogenhilfe gründete, flossen viele Erfahrungen aus ihrer Kindheit dort ein. Vielleicht wäre sie gar nicht auf die Idee mit dem Heim gekommen, wahrscheinlich hätte sie aber nicht den Erfolg gehabt, wenn sie nicht so aufgewachsen wäre. Eines Tages wurde sie in das Büro der Direktorin gerufen – auch jene Anstalt wurde von einer Frau geleitet –, und dort traf sie auf zwei freundliche ältere Herren. Die 46
schauten sie lange an und strichen ihr übers Haar. Sie hatten ernste Gesichter und irgendwie traurige Augen, daran erinnerte sie sich genau. Diese Traurigkeit bedrückte sie, denn draußen war Sommer, und die Sonne schien, und sie war, erhitzt vom Versteckspielen, in das Büro gerufen worden. Aber Yvonne war ein braves Mädchen, und so machte auch sie ein ernstes, bekümmertes Gesicht. Zum ersten Mal wurde die Frage nach ihren leiblichen Eltern gestellt, und mit großer Wahrscheinlichkeit waren die ermordet worden. Man sagte ihr das zwar nicht direkt, aber sie hörte es heraus, denn sie hatte feine Ohren, Yvonne lächelte. Unvorstellbar, wie sehr erwachsene Menschen das Gehör von Kindern unterschätzen. Als ob sie vergessen hätten, daß sie selbst einmal jung und ebenso empfindsam gewesen waren. Vom Krieg und dessen Ausgang, von der Befreiung durch die alliierten Truppen hatte Yvonne wenig mitbekommen. Sie erinnerte sich nur dunkel an Fahnen und Musik und daran, daß sich die Erwachsenen in den Armen lagen. Sie hatte fleißig mitgemacht, denn wenn es Grund zum Jubeln gibt, sind die Kinder dabei. Nur daß es der Ausgang des Krieges war, den sie bejubelten, davon verstand sie nicht viel. Und gerade in diesem Krieg sollten ihre Eltern ermordet worden sein. Sie erlitt bei der Nachricht keinen Schock. Sie erinnerte sich genau, daß das betroffene Gesicht, das sie machte, geschauspielert war. Bei allem Mitleid blieb es eine Geschichte, die sie über fremde Menschen hörte. Und doch bedeutete der Besuch jener alten Männer einen Einschnitt in ihrem Leben. Die Herren kamen von der Jüdischen Gemeinde von Paris, und auch sie selber, erfuhr sie, sollte Jüdin sein. Das sagte ihr wenig, aber damals erlebte sie zum ersten Mal, daß neben den Menschen im Heim noch andere existierten, die sich um sie kümmerten. Regelmäßig wurde sie nun an Festtagen abgeholt und verbrachte sie in den Räumen der Jüdi47
schen Gemeinde. Manchmal verlebte sie auch ein gewöhnliches Wochenende mit Leuten, die sie von dorther kannte. In den Ferien wurde sie mit aufs Land genommen, einmal sogar bis nach Spanien. In diesen Familien gab es ebenfalls Kinder, und sie erinnerte sich genau daran, wie sehr sie die bedauerte. Denn jene Kinder hatten keine oder nur wenige Geschwister, und sie hatte so viele. So vergingen die Jahre, und ihre leiblichen Eltern wurden niemals gefunden. Yvonne wollte Erzieherin werden. Es gehörte zum Programm des Heimes, daß sich die älteren Zöglinge mit den jüngeren abgaben. Yvonne leitete mit zwei oder drei anderen den Gemüsegarten, der machte ihr am meisten Spaß. Am frühen Morgen mußte sie mit Bus und Metro zur Stadt in eine andere Schule fahren, um sich auf das Abitur vorzubereiten. Und dann wurde sie eines Tages wieder in das Büro der Direktorin gerufen, die inzwischen um einige Jahre älter geworden war. Und die beiden Herren – es handelte sich auch bei denen noch um dieselben – waren nun sehr alt. Auf dem Schreibtisch der Leiterin lagen Yvonnes Zeugnisse. Die konnten sich sehen lassen. Ihr wurde eröffnet, daß sich die Jüdische Gemeinde entschlossen hatte, ihr das Studium der Pädagogik zu finanzieren. Yvonne war dankbar. Und sehr glücklich, weil es so viel Wärme unter den Menschen gab. Nach dem Abitur zog sie aus dem Heim aus und kam in einer kleinen möblierten Bude unter. Da sie es geschenkt bekam, nahm sie ihr Studium sehr ernst. Sie las viel, und sie ging nun auch oft ins Theater. Aber diese Besuche waren teuer, und so erfand sie einen Ausweg. Eines Tages ließ sie sich am TNP als Komparsin anstellen. Auf die Art kam sie auch ihrer großen Liebe Gérard Philipe näher, der an jenem Theater arbeitete, wenn er nicht gerade filmte. Einmal durfte sie ihm in einer Aufführung sogar eine Schüssel reichen, aus der er trank. 48
Die Schüssel war leer, aber sie stellte sich jedesmal vor, es sei ihre Liebe darin, die er gierig schlürfte. Yvonne lächelte. Nichts hatte sie von dem Gefühl vergessen, das sie dabei empfand. Gérard Philipe beachtete sie nicht besonders. Dafür tat es Philip Krafft, der am TNP als Regieassistent arbeitete, um so mehr. Das fiel ihr zunächst nicht auf. Und als es das endlich tat, kam es mehr durch den gleichen Namen, denn irgendwie waren die beiden ja Namensvettern. Aber darin erschöpfte sich jede Ähnlichkeit. Krafft hatte nichts von dem alles überwältigenden, jungenhaften Charme des großen Philipe. Zum anderen war er sehr viel älter als sie. Und doch wurde Philip Krafft zu ihrer großen Liebe. Yvonne lächelte. Und wahrscheinlich auch zu ihrer einzigen. Philip Krafft war österreichischer Jude. Als die Nazis kamen, um seine Eltern zu holen, hielt er sich gerade bei Verwandten in der Steiermark auf. In der Sommerfrische. Er ging nicht nach Wien zurück. Irgendwie gelang es ihm, sich in die Schweiz durchzuschlagen und von dort nach England. Während der Kriegszeit arbeitete er bei der BBC als Sprecher für deutschsprachige Sendungen. Und danach erfuhr er, daß seine Eltern und Geschwister, aber auch alle Onkel und Tanten, die ganze Familie eben, im Gas umgekommen waren. Yvonne teilte das gleiche Schicksal mit ihm, nur wußte sie nicht, wo ihre Eltern ermordet wurden. So entstand die erste Bindung zwischen ihnen. Mit der Zeit lernte sie ihn immer besser kennen, und eines Tages wußte sie, daß sie ihn liebte. Inzwischen hatte sie ihr Studium beendet und arbeitete in einem Heim für elternlose Kinder. Nicht im eigenen, das hielt man nicht für richtig, für die erste Zeit zumindest nicht. Aber sie nahm Philip mit dorthin. Sie verbrachte noch viel freie Zeit in der vertrauten Umgebung. Sie zeigte ihm alles. Das Bett, in dem sie geschla49
fen hatte. Den Tagesraum und ihre erste Schulklasse. Und natürlich den Gemüsegarten. Er ging mit merkwürdig abwesendem Gesichtsausdruck umher, und sie konnte nicht genau erkennen, was er empfand. In jenen Stunden begriff sie, daß sie in ihren Kinderjahren sehr viel Glück gehabt hatte. Den wenigsten Leuten war es so gut ergangen wie ihr. Außerdem war er zwanzig Jahre älter, und so hatte er die Zeit der Verfolgungen anders erlebt. Er konnte nichts vergessen. Möglicherweise rührte die Düsterkeit, die von ihm ausging, von diesen Erlebnissen her. Damals glaubte sie noch, daß er sich allmählich verändern könnte, und sie fühlte sich stark genug, ihm dabei zu helfen. Mit den ersten eigenen Inszenierungen, noch in Paris, hatte er viel Erfolg. Er galt als moderner Regisseur und als eine der Hoffnungen für das Theater. Eines Tages erhielt er den Ruf, nach Österreich zu gehen. Es war keine Frage, daß sie mit ihm ging, und damit alles seine Ordnung bekam, heirateten sie kurz vorher. Alles schien also gut zu sein. Nur in einem irrte sie sich: sein pessimistisches Lebensgefühl verließ ihn nicht. Das schien ein unveränderlicher Teil von ihm zu sein. An seinem Arbeitsplatz, in der neuen Wiener Wohnung, stand die lädierte Fotografie seiner Eltern. Die hatte er in der Brieftasche, als er damals aus Österreich floh. Es war der einzige gerettete Besitz aus jener Zeit. Sie sprachen wenig über den Krieg, die Nazis und all das, was die über ihre Leute gebracht hatten. Er hatte es zwar versucht, aber bald gemerkt, daß sie kühl darauf reagierte. Das mußte ihn sehr enttäuscht haben. Der Einschnitt der Generationen ging wohl gerade durch sie hindurch. Es schien ihn aber auch zu desillusionieren, weil ihre Frische ihm nichts von der eigenen Jugendlichkeit zurückbrachte. Sie lebten zwar gut miteinander, aber ein Rest blieb. Und eines Tages verstand Yvonne plötzlich, weshalb sie sich einen so viel älteren Mann genommen 50
hatte. Tief in ihrem Inneren mußte es das Suchen nach dem eigenen Vater gewesen sein. So schloß sich der Kreis. Yvonne stand noch beim Fenster und sah auf das Fleet hinunter. Heute war kein schöner Tag. Es regnete zwar nicht, aber ein Dunstschleier lag über der Stadt, der tief herabreichte und ins Wasser eintauchte. Mr. Patters hatte Yvonne nicht in ihren Gedanken gestört. Er saß still an seinem Platz, rauchte mehrere Zigaretten und beobachtete die junge Frau. Es verging eine reichliche halbe Stunde, bis die alte Dame zurückkehrte. Als sie hereinkam, trug sie einen prall gefüllten, mit Schnüren umwickelten Schnellhefter bei sich. Den legte sie auf den Schreibtisch und löste die Bänder. Dann setzte sie sich. Sie warf einen entschuldigenden Blick auf den Engländer und auf Yvonne, die unverändert am Fenster stand. Dann begann sie zu lesen. Seite für Seite blätterte sie um, und das dauerte weitere zehn Minuten. Als sie endlich fertig war, klappte sie die Akte zusammen. In ihr lag eine Geschichte aufgezeichnet, von der sie nicht recht zu wissen schien, ob die ihr Ende gefunden hatte. Mehrere Minuten starrte die Frau vor sich hin, niemand sagte etwas. Dann sog sie Mr. Patters’ Zigarettenrauch ein und schnüffelte. Schließlich meinte sie mit einigem Widerstreben: „Geben Sie mir mal so ein Ding. Ich hab’s zwar schon vor Jahren aufgegeben, aber hin und wieder hat man ein Gelüst darauf.“ Der Engländer reichte ihr lächelnd Schachtel und Feuer, und sie begann zu rauchen. Das dauerte wieder einige Minuten. Yvonne hatte sich längst abgekehrt und starrte zum Fenster hinaus. Dann zerdrückte die alte Dame unwillig die halbgerauchte Zigarette im Ascher. In die Stille hinein, die schwer über dem Raum lastete, sagte sie: „Kommen Sie her, Mädchen! Es macht mich närrisch, wenn Sie dort beim Fenster stehen.“ 51
Yvonne kam zurück und setzte sich der alten Frau gegenüber. Die hatte ihre Hände über der Akte gefaltet und blickte Yvonne mit undurchdringlicher Miene an. Sie sagte: „Sie sind zum zweiten Mal in Hamburg, nicht wahr, das haben Sie mir vorhin erzählt.“ „Ja.“ „Nicht erzählt haben Sie mir allerdings, wie es Ihnen hier gefällt.“ Yvonne antwortete nicht, sie zuckte nur mit den Achseln. „Vielleicht sollten Sie ein paar Tage länger bleiben und versuchen, die Stadt kennenzulernen. Sie ist nämlich schön. Die Rosenaus kommen von hier, und wenn Sie zu diesen Leuten gehören, mein Kind, dann ist es die Stadt Ihrer Väter. Sehr oft sind die Städte nicht gut zu einem, und doch reichen unsere Wurzeln in sie hinein.“ „Die Städte sollen nicht gut sein?“ fragte Yvonne verwundert. „Sie meinen die Menschen?“ „Ja, ja“, erwiderte die alte Dame, „das alles zusammen meine ich. Die Rosenaus waren eine alteingesessene Familie hier. Mit so etwas wie Tradition. Nur David ist übriggeblieben – und nun auch Sie, vielleicht. Sie haben am Eppendorfer Marktplatz ein Juweliergeschäft gehabt. David, der gleich nach dem ersten Weltkrieg geboren wurde, hat das Geschäft früh von seinen Eltern übernommen, aber er hat es nicht lange geführt. Obwohl die Rosenaus in den ersten Nazijahren nicht viel auszustehen hatten. Bis die Kristallnacht kam. Sie wissen, was damals in Deutschland geschah?“ „Ja, ja!“ erwiderte Yvonne. „Als die Synagogen brannten und die SA-Schläger die jüdischen Geschäfte schleiften, sagte David sich, daß die Zeit gekommen sei. Er nahm seine Frau, er hatte nämlich jung geheiratet, wahrscheinlich konnte er es nicht erwarten, jedenfalls nahm er seine Esther und ging mit ihr nach Frankreich.“ 52
„Also doch!“ entfuhr es Mr. Patters. „Ja, soweit paßt alles zusammen“, bestätigte die alte Dame. „Im November neunzehnhundertachtunddreißig zogen David und Esther nach Paris. Bis dahin hatten sie, wie gesagt, nicht gerade üppig, aber doch mehr oder weniger unbehelligt in Hamburg gelebt. Die Vergangenheit von Davids Papa hatte das bewirkt. Der ist nämlich im ersten Weltkrieg ein berühmter Seeoffizier gewesen. Als Kommandant eines Kanonenbootes hat er in der Skagerrakschlacht einen heldenhaften Einsatz, wie es so hübsch heißt, gefahren. Dafür bekam er den Pour le mérite, so ein Ding, das die Helden um den Hals trugen. Als Deutschnationaler und ehemaliger Vaterlandsverteidiger fühlte er sich sicher, und so mochten die alten Rosenaus dem Sohn und der Schwiegertochter nicht in die Emigration folgen. Schließlich hat der Pour le mérite dem gedienten Seeoffizier aber nichts genützt, auf den Dank des Vaterlandes ist eben kein Verlaß. Im Jahre dreiundvierzig mußten er und seine Frau nach Auschwitz und ins Gas.“ Die alte Dame sagte es ganz nebenbei, wie selbstverständlich. Diese Geschichten waren das Brot ihrer frühen und späten Jahre gewesen. Und während die Menschen um sie her gedankenlos und leichtfertig zur Tagesordnung übergingen, konnte sie es nicht. Sie lebte mit den Schicksalen ihrer Leute, die sich in dem von ihr betreuten Archiv stapelten, weiter. Und die Akte Rosenau war nur eine unter Tausenden. „Was geschah mit David und seiner Frau?“ fragte der Engländer nach einer Weile. „Sie wohnten seit achtunddreißig ständig in Paris, und es ging ihnen gar nicht schlecht. Die Familie war ja vermögend gewesen, und die Leute hatten seit eh und je ein Konto in der Schweiz gehabt. Also keinerlei Not, wenn man vom Verlust der Heimat und der Trennung von den Eltern absieht. Aber dann kam der Krieg, und eines Tages marschierten die Deutschen auf Paris. Da wurde es na53
türlich brenzlig für David und Esther. Als deutsche Juden mußten sie mit sofortiger Deportation rechnen. Sie gingen in den Untergrund. Das ist in großen Städten immer möglich, besonders wenn man Geld hat. Damals wurde Frankreich in zwei Zonen aufgeteilt, eine wurde von deutschen Truppen besetzt, die andere nicht.“ Die alte Dame sah Yvonne fragend an. „Sie müßten es im Geschichtsunterricht gelernt haben. Haben Sie?“ „Natürlich.“ „Na ja, dann haben Sie vielleicht auch erfahren, daß viele Emigranten versuchten, in die unbesetzte Zone zu entkommen. Manchen gelang es, so auch David mit seiner Frau. Viele Flüchtlinge hockten damals in Marseille und warteten auf die Gelegenheit, eines der Schiffe nach Übersee zu besteigen. Dazu brauchte man Geld, um die Passage zu bezahlen. Geld hatten David und Esther, aber man brauchte auch ein Affidavit, damit man in das Gastland hineinkam. Das war so eine Genehmigung, in der jemand im neuen Land für den Flüchtling gutsagte. Natürlich sollten die Leute den Behörden nicht zur Last fallen. Na, dieses Affidavit bekamen die Rosenaus schließlich von einem Freund, und eines Tages bestiegen sie ein Schiff in Richtung Brasilien. Der Dampfer kam wohlbehalten an, was wegen der deutschen U-Boote auf dem Atlantik auch eine Unsicherheit war. David, der Werte mit hinübergerettet hatte, beteiligte sich an Wirtschaftsunternehmen, und mit den Jahren wurde er ein reicher Mann. Und Esther? Ja, die kam im Jahre vierundvierzig bei einem Jagdunfall ums Leben. David hat nicht wieder geheiratet.“ Die alte Dame war am Ende ihres Berichts angelangt. Aber da blieb ein Rest, ein ziemlich großer sogar. Sie merkte es an den Gesichtern ihrer Besucher, und sie selbst schien auch alles andere als zufrieden zu sein. „Das steht alles darin?“ Archie Patters deutete auf den Aktendeckel unter ihren gefalteten Händen. 54
„Ja, ja“, erwiderte sie. „Als David im Jahre einundsechzig zu uns kam, es war doch nach der Flutkatastrophe, und einen Antrag auf Wiedergutmachung stellte, hat er uns alles erzählt. Und wir haben es aufgeschrieben. Die Abfindungssumme ist übrigens hoch gewesen, aber schließlich hatte die Familie Rosenau viel an Vermögenswerten verloren.“ Die alte Dame schwieg. Die eine Frage, die bisher nicht berührt wurde, lastete schwer über dem Raum. Schließlich stellte sie der Engländer. „Und das kleine Mädchen, das die Rosenaus in Paris zurücklassen mußten? Was ist mit dem?“ Die alte Dame erwiderte knapp: „Von einer Tochter ist keine Rede! Der Name Yvonne taucht in diesen Unterlagen nicht auf.“ Das Juweliergeschäft am Eppendorfer Marktplatz hatte Schaufenster und Türen aus metallgefaßten Rahmen. Auch die Fassade des Hauses wurde nach dem Krieg renoviert, sie erstrahlte in sauberem Glanz. Auf den früheren Besitzer von Haus und Laden deutete nichts. Schon seit einer Weile standen Archie Patters und Yvonne vor den Auslagen. Es war um die Mittagszeit, und in dem Geschäft hielt sich kein Kunde auf. Schließlich gingen sie hinein. Der Laden war nicht allzu groß. Flauschige Auslegware reichte bis in die entfernten Winkel. Darauf standen Hocker vor den Verkaufstischen. In den Schaukästen ruhten unter Glasplatten nur wenige Stücke auf samtenen Unterlagen. Lampen an Schnüren reichten herab bis knapp über die Tische. Sie hatten starke Birnen und vertrieben das Tageslicht aus dem Geschäft. Mr. Patters geleitete Yvonne zu einem Hocker, zog sich einen zweiten heran und setzte sich ebenfalls. Ein älterer Verkäufer, vielleicht der Besitzer, kam lächelnd näher. Archie Patters sagte: „Sie haben da einen netten klei55
nen Anhänger im Schaufenster. Kreisrund und mit seltsamen Zeichen darauf. Vielleicht Schriftzeichen?“ „Sie meinen den Mayakalender?“ „Wahrscheinlich den.“ „Der ist wirklich recht hübsch, ich hol’ ihn mal eben.“ Yvonne schaute Mr. Patters verblüfft an, denn zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, hörte sie ihn englisch sprechen. Und der Verkäufer erwiderte es fließend. Er brachte den Anhänger und legte ihn vor sie auf ein Tablett nieder. Er hatte die Größe eines mittleren Geldstücks. Die Platte war aus Silber gearbeitet, und in einzelnen Segmenten befanden sich jene merkwürdigen Zeichen. „Es soll eine Art Souvenir sein“, meinte Archie Patters. „Eine Erinnerung an Ihre Stadt. Das heißt, wenn es meiner Begleiterin gefällt.“ Yvonne antwortete nicht. „Sind Sie zum ersten Mal in Deutschland?“ „So kann man sagen! Denn das letzte Mal, ich weiß nicht recht, ob das noch zählt. Es war zur Olympiade.“ „Aber das ist doch nicht lange her.“ „Nicht die von München! Die andere, meine ich, die von sechsunddreißig in Berlin.“ Über dem Gesicht des Verkäufers breitete sich Lächeln aus. „Ja, damals waren wir noch jung!“ „Auf der Rückfahrt von Berlin kam ich nach Hamburg, und ob Sie es glauben oder nicht, ich kam sogar in diesen Laden.“ Der Engländer sah sich um, als ob er sich besinnen müßte. „Aber damals sah es hier anders aus.“ „So wie wir auch! Es ist, lassen Sie mich rechnen, ja, es ist genau fünfunddreißig Jahre her.“ „Waren Sie damals schon hier?“ „Nein.“ „Sind Sie der jetzige Besitzer?“ Der Mann lächelte. „Ich bin eine Verkaufskraft, Sir!“ 56
Archie Patters schien sich immer besser zu erinnern. „Auch der Name über dem Geschäft war ein anderer. Er hatte, glaub’ ich, etwas mit Rosen zu tun.“ Das Lächeln des Mannes blieb unverbindlich. „Sie erinnern sich aber gut, Sir!“ „Ja“, meinte Archie versonnen und blickte sich wieder um. „Damals standen hier überall Rosen, langstielige in Bodenvasen und Teerosen auf den Tischen. Der Besitzer sagte mir damals, dies sei seine Rosenaue, und so hieß er auch – Rosenau! Ich habe mich lange mit ihm unterhalten, ein freundlicher alter Herr, älter als wir beide heute. Ich glaub’, er war Jude.“ „Möglich“, erwiderte der Mann gleichgültig. „Der jetzige Besitzer heißt Steinkopf.“ „Sie haben den alten Herrn nicht zufällig noch gekannt?“ „Nein, Sir! Ich kam erst nach dem Krieg her, Anfang der Fünfziger, um präzis zu sein, als es mit Deutschland wieder nach oben ging.“ „Na ja“, meinte Archie, „es ist ja auch nicht so wichtig.“ „Nein, Sir, das ist es sicher nicht!“ Sie gingen zu Fuß zu ihrer Pension zurück. Es war ein ziemlicher Weg, den Patters sich von dem Mann hatte erklären lassen, aber Yvonne wollte kein Taxi. Sie gingen den Leinpfad hinunter, der entlang der Alster verläuft. Die war hier nicht breiter als die anderen Kanäle in der Stadt. Erst einige hundert Meter weiter ergoß sie sich in das mächtige Becken der Außenalster. Den Anhänger hatte Patters schließlich einpacken lassen, und da ihn Yvonne nicht nehmen wollte, hatte er ihn in die eigene Tasche gesteckt. „Waren Sie damals zur Olympiade in Berlin?“ fragte Yvonne, nachdem sie eine Weile gelaufen waren. „Natürlich nicht, wo denken Sie hin?“ „Es klang ziemlich zwingend, was Sie über die Rosen erzählten. Sie scheinen eine reiche Phantasie zu haben.“ 57
„O ja!“ Archie Patters lächelte. „Und ich glaube, der Mann im Laden hat sie auch.“ „Wieso?“ „Nun, ich könnte mir denken, daß er sehr wohl der Besitzer ist!“ Sie liefen einige Minuten schweigend, dann sagte Yvonne: „Wir hätten nicht hingehen sollen!“ „Sie müssen die Dinge nüchterner sehen“, antwortete Archie Patters. „Der kleine Anhänger kann ja nichts dafür.“ „Das meine ich nicht.“ „Ich weiß schon, was Sie meinen. Aber was glaubten Sie denn zu finden? Etwas von der Atmosphäre einer früheren Zeit? Die Vergangenheit ist tot, meine Freundin, sie starb mit den Leuten von damals.“ „Wer bekam jenen Besitz, den man den Juden raubte?“ „Parteigänger der Nazis natürlich, die kauften ihn für ein Butterbrot. Ich glaube, man nannte es Arisierung.“ Sie hatten etwa eine halbe Stunde zu marschieren, bis sie in die Pension zurückkamen. Auf dem Flur vor den Zimmern trennten sie sich. Eine Weile lang stand Yvonne mitten im Raum. Das Bett war gemacht, ihr Koffer befand sich auf der Gepäckablage. Alle Reiseutensilien lagen über das Zimmer verstreut, denn Yvonne war nicht besonders ordentlich. Das Stubenmädchen hatte zwar saubergemacht, aber die persönlichen Dinge so gelassen. Yvonne mußte plötzlich lächeln, weil sie an Philip dachte. Ihre Unordnung war einer der heißesten Streitpunkte ihrer Ehe gewesen. Um unwesentliche Dinge streitet man ja besonders laut. Sie wußte nicht recht, was sie jetzt anfangen sollte, und da es sich um einen Entschluß handelte, der leicht zu fassen war, ging sie erst einmal unter die Dusche. Während sie sich später frottierte, wanderten ihre Gedanken über die Alster in die Innenstadt bis zu jenem 58
Geschäftshaus, wo die alte Dame in dem Büro saß. Die Frau hatte ihr gefallen. Bei aller gedanklichen Schärfe hatte sie auch Mütterlichkeit gespürt. Dazu fühlte sie sich hingezogen, und ein bißchen wehmütig dachte sie daran, wieviel von solcher Empfindungsfähigkeit in ihr selbst brachlag. Die alte Dame erinnerte sich aber auch an die Frauen, die sie von der Gemeinde in Paris her kannte. Sie gehörte zu ihren Leuten. Yvonne machte ein paar Schritte vor dem Spiegel, blickte über den Rücken auf ihren Hintern. Sie ertappte sich dabei, daß sie den Gang der alten Dame nachahmte. Trotz ihrer Fülle hatte viel Musikalität in deren Bewegungen gelegen; die konnte sie an sich nicht entdecken und war ein bißchen enttäuscht. Während sie sich mit raschen und zielstrebigen Bewegungen anzog, kam sie zu einem Entschluß. Als es kurze Zeit später an der Tür klopfte und Archie Patters hereinkam, stand sie erneut vor dem Spiegel und kämmte sich. Der Engländer ging langsam durch den Raum, sah auf die verstreuten Gegenstände, stieg über das Badetuch am Boden, räumte Bücher, Zeitungen und ein aufgeklapptes Necessaire von einem Sessel und setzte sich. Yvonne beobachtete ihn durch den Spiegel. „Mir ist etwas eingefallen“, sagte Archie Patters. Yvonne fragte nicht, was. Der Engländer fuhr fort: „Bei dem Anwalt kam ja zum ersten Mal jene Hilfsorganisation zur Sprache, der David Rosenau sein Geld hinterläßt. Sie erinnern sich doch?“ „Ja“, meinte Yvonne gleichgültig. „Heute ließ nun die Dame im Wiedergutmachungsbüro anklingen, ob es nicht zwischen dem Unfall und unserem Erscheinen in der Stadt einen Zusammenhang geben könne. Sie hielten das nicht für möglich.“ „Nein.“ „Allen Ernstes nicht?“ „Ich hab’ nicht darüber nachgedacht.“ 59
„Dann tun Sie es doch mal!“ Yvonne stand mit ihrer Zigarette am Fenster und sah hinaus. Es hatte aufgeklart, und nun lag Sonne über dem Park und brachte die herbstlichen Blätter zum Leuchten. Yvonne schwieg sich gründlich aus. „Diese Hilfsorganisation“, sagte der Engländer nach einer Weile, „hat sich jahrelang an dem Gedanken gewärmt, David zu beerben. Und dann kommen plötzlich Sie und wollen seine Tochter sein. Das paßt den Leuten nicht, könnten Sie das nicht verstehen? Unter diesem Aspekt sollten wir den Unfall sehen.“ Yvonne antwortete nicht darauf, auch der Engländer sprach nicht weiter, und so ließen sie den Gedanken im Raum hängen. Dann ging Yvonne zum Schrank, der offenstand, holte Unterwäsche, ein zweites Kleid und ein Paar Schuhe hervor und schmiß alles in den Koffer. Etwas hilflos schob sie die Sachen hin und her, aber das machte noch keine Ordnung. Schließlich gab sie es auf und trat einen Schritt zurück. Archie Patters lächelte. „Was tun Sie da überhaupt?“ „Sie sehen wohl, daß ich zusammenpacke.“ „Und warum?“ „Ich geh’ nach Wien zurück!“ Yvonne klappte den Deckel herunter, stopfte Kleiderenden und Wäschestücke, die über den Rand hingen, in den Koffer hinein, und bekam tatsächlich die Schlösser zu. „Ich glaub’s nämlich nicht“, sagte sie, „daß ich etwas mit dem Hamburger David Rosenau zu tun habe. Das versuchte ich Ihnen schon bei unseren Gesprächen in Wien zu erklären. Und diese Akte im Wiedergutmachungsbüro gibt mir so etwas wie eine Bestätigung!“ Sie wurde unsicher unter Archie Patters Blick und begann im Zimmer hin und her zu gehen. „Die Juweliere Rosenau müssen nach meinem Verständnis eine intakte Familie gewesen sein. Viel geordnete Bürgerlichkeit, die alte Dame sprach von Tradition, vielleicht erinnern Sie sich. Da60
vid und Esther emigrieren nach Frankreich, während die alten Leute in der Stadt zurückblieben. Ich nehme es hin, wenn es mich auch wundert. Aber wir Nachgeborenen haben es ja immer leicht, uns über den Unverstand der Väter zu mokieren. David und Esther gehen also nach Paris, und sie bringt dort eines Tages ein Kind zur Welt. Hier beginnt schon mein Mangel an Verständnis, denn ich weiß nicht recht, ob man in solchen Zeiten überhaupt Kinder kriegen sollte. Nun werden aber die beiden nicht etwa von der SS gefaßt, wie wir immer gedacht haben. Nein, sie können fliehen. Sie gelangen in die unbesetzte Zone und lassen ihr kleines Kind in Reichweite der Deutschen zurück? Nein, Mister Patters, das kann ich mir einfach nicht vorstellen!“ Sie blieb vor dem Engländer stehen und sah ihm ins Gesicht. „Und nun kommt der Gipfel des Unmöglichen! David überlebt das Grauen, kehrt sogar nach hier zurück, ins Land der Mörder! Na, damit muß er fertig werden, ich nicht. Aber während der ganzen Zeit fragte er nicht ein einziges Mal nach seiner Tochter?“ Der Engländer erwiderte nichts. „Man mag uns Juden manches nachsagen, nur eines nicht!“ „Und was?“ „Wir hätten keinen Familiensinn. Wir haben ihn, sehr ausgeprägt sogar!“ Und da sie ihn lächeln sah, fragte sie aggressiv: „Sie glauben mir nicht, Mister Patters?“ „Aber ja, Yvonne!“ Sie griff hastig nach der Zigarette, die er ihr reichte, und zündete sie an. Dann nahm sie ihre Wanderung wieder auf. „Dieser Familiensinn ist aus unserer Geschichte erwachsen. Für Leute, die seit Jahrhunderten verfolgt werden, ist die Familie ein Refugium. Und die Kinder sind die einzige Hoffnung aufs Überleben. Denn die Art muß erhalten bleiben. Schauen Sie in die Natur, Mister Patters, dort ist es ebenso. Nein, nein! Diese Rosenaus waren niemals meine Eltern!“ 61
Sie schwieg. Nach einer langen Pause sagte der Engländer: „Haben Sie den Unfall vergessen, Yvonne? Das soll also nur ein Zufall sein, daß der gerade in dem Augenblick geschieht, als Sie nach Hamburg kommen?“ „Es ist mir egal“, antwortete Yvonne. „Natürlich tut mir der Mann leid im Krankenhaus, aber eines weiß ich: Mein Vater ist das nicht.“ „Er heißt Rosenau, genau wie Sie!“ Yvonne schüttelte den Kopf. „Was will das schon besagen. Als Sie heute morgen mit der Klinik telefonierten, habe ich mir die Mühe gemacht, im Hamburger Telefonbuch zu blättern. Der Name Rosenau taucht sechzehnmal auf. Es ist also kein ungebräuchlicher Name. Und niemand weiß mit letzter Sicherheit, ob ich wirklich Rosenau heiße. Meine Eltern, die mich im Kinderheim ablieferten, taten es in einem fremden Land. Es kann ein Schreibfehler unterlaufen sein, und da genügt ja eine Silbe. Statt Rosenau vielleicht Rosenbauer. Oder so ähnlich. In diesem Telefonbuch stehen Hunderte, die alle etwas mit Rosen zu tun haben. Da gibt es Bäche, Berge, Täler, Bäume, Felder, die alle Rosen vorneweg haben. Es gibt sogar den Namen Rosenkugel, was doch ein echter Schwachsinn ist. Das geht so über elf Spalten, ich habe sie gezählt. Hunderte von Namen, wie gesagt. Und ebenso wird es in anderen deutschen Städten sein. Niemand weiß doch wirklich, aus welcher Gegend meine Eltern kamen. Nein, nein, es ist ganz sinnlos, krampfhaft nach einer Verbindung zu suchen, wo keine vorhanden ist. Und deshalb will ich nach Wien zurück.“ Archie Patters sagte: „Es gibt noch eine ganz andere Möglichkeit!“ Aber sie hörte ihn nicht und fuhr fort: „In Wien wartet Arbeit auf mich. Unentwegt denke ich an meine Kinder dort, ich will sie nicht länger vernachlässigen.“ Der Engländer lächelte bei dem Gedanken, daß sie die 62
Drogenabhängigen für ihre Kinder ansah. Dann wiederholte er: „Es gibt noch eine andere Möglichkeit.“ Endlich hörte sie auf ihn. „Und welche?“ Archie druckste herum, offensichtlich fiel es ihm schwer, den richtigen Anfang zu finden. „Welche, Mister Patters?“ Der Engländer lächelte schief. „Sie ist vielleicht etwas unorthodox. Sie selbst, Yvonne, mögen Sie sogar für ungeheuerlich, halten.“ „Sagen Sie es schon!“ „Um es Ihnen plausibel zu machen, müßten Sie mir nach London folgen.“ Yvonne stieß schnaubend Luft aus. „Ganz undenkbar, Mister Patters!“ „Waren Sie mal dort?“ „Nein.“ „Na, sehen Sie! Sie haben mir so freundlich Wien gezeigt. Jetzt sind wir in dieser Stadt, in die vielleicht Ihre Wurzeln reichen, wie sich die alte Dame ausdrückte. Nun möchte ich Ihnen gern London zeigen, es ist eine hübsche, kleine Stadt!“ „Es ist ganz ausgeschlossen, Patters! Keine Stunde länger schwänze ich meine Arbeit.“ „Aber Sie haben sich acht Tage von Ihrem Jahresurlaub genommen, Sie härten also sehr wohl noch in paar Tage. Und wer weiß, vielleicht sind die Leute in Wien ganz froh, ihren Zerberus mal für eine Weile los zu sein.“ Sie grinsten beide, aber in Yvonnes Augen schien auch eine Frage zu liegen. Vielleicht überlegte sie, inwieweit es dem Engländer um die Sache ging oder lediglich um ihre Person. Der Ton, in dem sie miteinander sprachen, war mittlerweile recht intim geworden. Möglicherweise wollte er sie nach London mitnehmen, weil er sich ein paar unterhaltsame Tage erhoffte? Wer kannte sich schon aus in den Männern, sie jedenfalls nicht. Da hatte es neben Philip nicht viele andere gegeben. 63
„Wir könnten mal runtergehen in die Restauration und den Tee nehmen“, meinte er schließlich, weil sie gar nichts sagte. „Von mir aus auch Kaffee, wie Sie das von Wien her kennen.“ „Ich will jetzt keinen Kaffee“, sagte sie. Archie Patters lächelte. „Was wollen Sie dann, Yvonne?“ „Sie sollen mit mir über die andere Möglichkeit sprechen! Und ich sage Ihnen gleich, es müssen gewichtige Gründe sein, wenn ich Ihnen nach London folgen soll.“ Archie Patters zuckte gelassen die Achseln. „Also gut, ich will es mal so sagen! Ich habe auch daran gedacht, daß jener Kranke nicht Ihr Vater ist.“ „Na, was wollen Sie dann eigentlich? Das ist doch meine Rede die ganze Zeit!“ „Stopp, Yvonne, nicht so schnell! Jener David Rosenau, der achtunddreißig Deutschland verließ und dessen Ehefrau im Jahre einundvierzig in Paris ein Kind zur Welt brachte, ist schon Ihr Vater, da bin ich seit unserem Besuch im Wiedergutmachungsbüro sicher. Denn so viele Rosenaus, oder wie sie auch alle geheißen haben mögen, auf die jene Daten passen, kann es gar nicht geben. Und weshalb in jenen Unterlagen Ihr Name nicht auftaucht, das hätte eben einen anderen Grund.“ „Und welchen?“ „Es käme daher, weil jener Mann in der Klinik nicht Ihr Vater ist.“ „Und wer sonst sollte es sein?“ „Einer, der irgendwann einmal in die Figur des David Rosenau geschlüpft ist. Einer, der skrupellos genug ist, diese Rolle immer weiterzuspielen. Ein Verbrecher also!“
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5. Genaugenommen war es der eigene Vater, der ihn den Nationalsozialisten in die Arme trieb. Und das geschah so! Eines Tages kehrte er von einer Reise aus Südamerika zurück, und der Junge mußte das Cello aus der Ecke holen und vorspielen. Der Vater stand auf dem Balkon, während er sich mit dem Instrument abquälte. Es gelang ihm nichts an diesem Tag, nicht die einfachsten Griffe gelangen, nicht die lächerlichsten Passagen. Der Vater sagte zunächst nichts. Er nahm den Sohn und ging mit ihm zum Musiklehrer Kaufmann. Wieder marschierten sie schweigend die Straße hinauf in jenen Teil, wo die Häuser viel verfallener wirkten. Es war ein ähnliches Bild, wie es der Mann in seinem Bett schon einmal gesehen hatte, nur fuhren diesmal mehr Autos auf dem Fahrdamm. Es ging ja wieder aufwärts mit Deutschland. Und noch etwas war anders. Zu diesem Zeitpunkt mußte der Junge das Violoncello bereits selber tragen. Der Musiklehrer Kaufmann war noch immer derselbe freundliche und ein wenig mitleidige Herr. Er machte viele Ausflüchte, was jedoch nichts half. Schließlich mußte er mit der Wahrheit heraus, und er fragte, ob es denn niemanden gäbe, der den Jungen beim Üben beaufsichtige? Nein, den gab es nicht! Der Vater fuhr schon wieder lange zur See, kam nur hin und wieder nach Hause. Eigentlich hätten es fröhliche Tage sein können, denn der Vater lud abenteuerliche Dinge ab. Kisten mit Apfelsinen. Bananenstauden. In Leinwandsäckchen befand sich Rohkaffee. Der wurde in eine rauchgeschwärzte schwarze Trommel getan und über Feuer geröstet, wobei ein köstliches Aroma durch das ganze Haus zog. Auf dem Küchentisch lagen Dutzende von Hühnern und Enten, deren Bäuche zusätzlich mit Geflügelleber vollgestopft waren. 65
Einer jener dreirädrigen Tempolieferwagen mußte angemietet werden, damit die Dinge transportiert werden konnten. Die Mutter stand jedesmal hilflos inmitten des Warenlagers und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. In vielen Dingen war der Vater maßlos. Er konnte nicht verstehen, daß nicht alle Leute zu einer Mahlzeit eine Ente aufaßen. Es wurden auch bunte Stoffe ausgepackt, Kleider und Blusen in seltener Farbenpracht. Schuhe aus geflochtenen Lederriemen, wie die Brasilianer sie trugen. Ein Hauch von Abenteuer und Exotik zog in die kleine Wohnung ein. Es hätten heitere Tage werden können. Wenn nur nicht dieses schreckliche Cellospiel gewesen wäre. Die Mutter hatte längst ihren Laden geöffnet. Die Leute besaßen wieder Geld, um sich die Dinge dort zu kaufen. Aber um was es sich dabei handelte, wußte der Mann in seinem Bett noch immer nicht. Er erinnerte sich nur, daß er jeden Mittag nach der Schule in dem Geschäft auftauchte und herumstand, bis ihn die Mutter sanft zur Ladentür hinausschob und über die Straße schickte, wo ihre Wohnung lag. Dort strich er eine Weile um das Cello herum, aber meistens rührte er es nicht an. Wenn das Ding nur ein Klavier hätte sein können, dachte er. Oft stand er auf dem Balkon und sah den anderen Kindern beim Spielen zu, und manchmal ging er auch in den Hof, um mitzumachen. Aber diese Versuche scheiterten kläglich. Er spürte, daß er ein Einzelgänger war, und fand sich damit ab. Die größte Freude waren seine Bücher, besonders liebte er Reiseschriftsteller. Noch immer wollte er später auch so ein Leben führen, er wollte nach Übersee. Die Katastrophe kam, als sie vom Musiklehrer Kaufmann nach Hause zurückkehrten. Der Vater schlug ihn brutal zusammen. Als er bereits am Boden lag, tobte der Mann immer weiter, schimpfte den Jungen einen Feig66
ling und Schwächling, der es zu nichts bringen würde. Darauf ging er aus der Wohnung und schmiß die Tür hinter sich zu, daß das Haus erzitterte. Der Junge lag lange auf dem Linoleum im Korridor; er spürte, wie sich der Schmerz in seinem Körper ausbreitete. Endlich konnte er sich aufraffen, kroch auf allen vieren in sein Zimmer, zog sich am Bettpfosten hoch und ließ sich auf die Kissen fallen. In ihm war nur ein Gedanke. Er wollte sich an dem Vater rächen! Inzwischen wußte der Mann, daß er nicht sterben würde. Er fühlte keine Erleichterung deswegen, eher so etwas wie Entmutigung. Bei aller Unwissenheit ahnte er dunkel, daß sich das Leben für ihn nicht richtig gelohnt hatte. Und so wäre es vielleicht nicht schlecht gewesen, sich auf die Art daraus fortzustehlen. Immerhin mußte er ein ziemlich bedeutender Mann sein. Sein klarer werdender Blick wanderte durch den Raum. Er lag allein. Dies hier war sicher eine teure Privatklinik; denn staatliche Krankenhäuser boten nicht den Luxus von Kühlschrank und Fernseher und Telefon am Krankenbett. Und Auslegware auf dem Boden und lichtblaue Vorhänge an den Fenstern. Wodurch hatte er sich den Reichtum erworben? Er wußte es nicht. Sosehr er grübelte, die Kenntnis darüber befand sich in einem Raum mit einer festverriegelten Tür. Der Tresor einer Bank konnte nicht gesicherter sein. Er hatte kaum eine Gegenwart und gar keine Vergangenheit; nur die ganz frühe, aber die zählte ja nicht. Die Reinheit und Sauberkeit der Kinderseele! Diese verzauberte Welt, in der es das Böse nur im Märchen gibt. Aber was kam dann? Was für ein Mensch war er? Der Mann hatte schon seit Tagen zu dieser Art von Bewußtsein zurückgefunden. Außer dem Kopfschmerz, der immer wieder auftauchte, hatte er kaum Schmerzen. Die Nase fühlte sich noch geschwollen an, aber sie tat 67
nicht mehr weh. In seinem Bein, das im Streck hing, spürte er überhaupt nichts. Stundenlang lag er im Bett und starrte darauf. Der Knöchel war mit Leukoplast umwickelt, und von dort führten Stricke zu einer Art Gerüst. Das Ding hatte verfluchte Ähnlichkeit mit einem Galgen. Diese Vorstellung war so zwingend, daß sie eine andere hervorrief. Die Assoziation hatte was mit toten Menschen zu tun. Aber in welcher Beziehung stand er zu ihnen? Sie tauchten auch nachts in seinen Träumen auf, grauenhafte Szenen. Sie waren so erdrückend, daß er schreiend aufwachte. Dann saß er schweißgebadet da und starrte ins Dunkel des Zimmers, das nur schwach von einer Nachtlampe erhellt wurde. Und wie Wasser aus einem Becken läuft und gurgelnd im Abfluß verrinnt, verschwanden die Bilder in seinem Unterbewußtsein. Zurück blieb etwas Dumpfes, nur Geahntes. Diese Erinnerungen mußten noch einige Stockwerke tiefer in ihm ruhen. Eines Tages würden sie emporsteigen und die Tür aufstoßen, und dann würde er wissen, wer er war. Immer mehr begann er diesen Tag zu fürchten. „Sie dürfen nicht soviel nachdenken, Herr Rosenau“, sagte der Wärter. „Tue ich das denn?“ Der Mann konnte schon seit einiger Zeit zusammenhängend reden. „Aber ja! Man sieht es Ihnen an.“ Der Wärter war ein junger Mann von Mitte Dreißig, ein stämmiger, bulliger Typ. Der junge Mann kam interessiert näher. „Stimmt es, daß Sie alles vergessen haben?“ „Ja.“ „Und in Ihrem Kopf ist – nichts?“ Der Mann lächelte. „O doch! Die ganze Kindheit zum Beispiel.“ Der Pfleger stand am Fußende des Bettes und blickte Rosenau interessiert an. „Und war sie schön, die Kindheit?“ 68
„Ja, natürlich.“ Der Mann dachte an den Korridor der kleinen Wohnung, der mit Linoleum ausgelegt war. Und er sah sich darauf liegen. Er lächelte. „Außerdem sieht man die Dinge im Alter etwas anders.“ Der Pfleger sagte nachdenklich: „Es muß herrlich sein, wenn man mal alles vergessen kann und nur die Jugend übrigbleibt.“ „Nun, in Ihrem Leben, Herr … Wie heißen Sie eigentlich?“ „Sagen Sie Heinz zu mir!“ „Nun, Herr Heinz …“ „Einfach Heinz, Herr Rosenau, das ist mein Vorname.“ „Also gut, Heinz! Ich denke mir, in Ihrem Leben wird nicht allzuviel Böses passiert sein.“ „Trübes, das man gern vergessen möchte, gibt es in jedem Leben!“ Der Pfleger entstaubte den Nachttisch. Dann nahm er die Blumen und gab ihnen frisches Wasser. Es stand immer eine Vase neben dem Bett, und es waren immer Rosen darin. Vielleicht, weil er Rosenau hieß? Trotz des verstärkten Kopfschmerzes lächelte der Mann. „Wo wohne ich eigentlich, Heinz? Ich meine, wenn ich mir gerade nicht den Kopf aufgeschlagen habe und in einer Klinik liege? Wissen Sie das?“ „Aber natürlich, Herr Rosenau! Es ist auf dieser Straße, nur ein paar Grundstücke weiter. Deshalb waren wir ja auch gleich zur Stelle, ein Glück für Sie! Es geschah am späten Abend, und hier in der Klinik war kaum noch einer. Außer dem Professor, der ist ja immer da, und ich. So nahm er mich mit. Es war kein schöner Anblick, wie Sie unten an der Treppe lagen.“ Der Kranke horchte auf das pochende Blut in den Schläfen. Dann wanderte sein Blick zur offenen Tür, in der die Assistenzärztin stand. Sie hatte die letzten Sätze mit angehört. 69
„Sie sollen nicht soviel reden, Herr Müller. Sie müßten wissen, daß es den Patienten anstrengt.“ Der Pfleger antwortete nicht. Er ging zur Tür, und da ihm die Ärztin den Rücken zukehrte, tippte er sich gegen die Stirn. Dann verließ er grinsend das Zimmer. Die Ärztin war jung, noch unter Dreißig. Ein hübsches blondes Ding mit blühender Gesichtsfarbe. Viel hatte das Leben da noch nicht hineingemalt, wenig Kummer und noch weniger Erfahrung. Vielleicht gab sie sich deshalb besonders streng. „Stand es wirklich so schlimm mit mir?“ fragte der Mann. Die junge Frau setzte sich zu ihm und nahm den Puls. „Wir sind mit dem Verlauf zufrieden, Herr Rosenau, und Sie können es auch sein.“ „Aber ich erinnere mich an nichts.“ „Ein Durchgangsstadium, das vergehen wird. Normal bei einer Contusio.“ „Contusio? – Was soll das sein?“ „So nennt man das, was Sie erleiden mußten.“ Sie sah ihn so streng an, daß er trotz der Kopfschmerzen lachen mußte. „Was ist so lustig, Herr Rosenau?“ „Meine Güte, ich weiß nicht einmal, wie alt ich bin. Aber ich nehme trotzdem an, daß Sie bequem meine Tochter sein könnten, Mädchen!“ Das verwirrte sie. Sie griff nach dem Stethoskop um ihren Hals, ging mit der flachen Scheibe unter sein Pyjama und drückte ihm die Membrane gegen die Brust. In der Höhe seines Herzens. „Könnten Sie es nicht sein?“ fragte er. „Was?“ „Meine Tochter? Ich meine, was das Alter angeht.“ „Reden Sie nicht, Herr Rosenau, ich höre sonst nichts.“ Er schwieg also, und sie beendete die Untersuchung. Sie zog die Hörer aus den Ohren, ließ sie auf die Schultern gleiten. Sekundenlang saß sie schweigend da und 70
schien über etwas nachzudenken. Irgend etwas mußte ihr an seinen Herztönen nicht gefallen haben. Soweit war sie also noch nicht, das junge Ding, sie hatte noch nicht gelernt, ihre Gedanken zu verbergen. „Außerdem lassen die Kopfschmerzen nicht nach“, begann er zu nörgeln. Sie antwortete kurz angebunden: „Dafür bekommen Sie Ihre Medizin.“ „Aber die hilft nicht! Oder nur kurz! Auch die Spritze, die Sie mir abends geben, taugt nichts. Ich soll schlafen danach, aber es ist ein flacher, merkwürdiger Schlaf …“ Er stockte, weil er an die wirren Träume dachte. Sie ging darauf nicht ein, reichte ihm zwei Tabletten und ließ Wasser nachtrinken. Dann wandte sie den Blick zum Fußende. Eine Weile blickten sie beide schweigend auf das gebrochene Bein, das aufgehängt schwebte. „Und was ist mit Ihrem Oberschenkel?“ fragte sie schließlich. „Lächerlich! Dort hat es niemals weh getan.“ Sie erhob sich. „Wir sind mit dem Krankheitsbild zufrieden, Herr Rosenau. Und wenn wir es sind, sollten Sie es auch sein.“ Damit ging sie hinaus. Sie lächelte nicht dabei, und sie sagte auch nicht auf Wiedersehen. Der Mann schaute ihr nach und wußte nicht recht, ob sie über ihn und seine Krankheit wirklich so beglückt war. Er legte sich zurück und starrte zur Decke hinauf. Die Tabletten begannen bereits zu wirken. Der Kopfschmerz ließ nach. Es stimmte schon, was er dem Pfleger Heinz Müller vorhin gesagt hatte: In reiferen Jahren sieht man die Dinge aus der Kindheit in einem anderen Licht. Und je länger er darüber nachdachte, desto besser begriff er seinen Vater. Der hatte wohl nur etwas aus ihm machen wollen. Er sollte erreichen, was ihm selbst verschlossen geblieben war. Als kleiner Junge hatte er die Einsicht aller71
dings nicht. Besonders an jenem Tag nicht, als er auf dem Linoleum im Korridor lag. Damals war nur ein Gedanke in ihm – der Gedanke an Rache. Und eines Tages fand er heraus, wie er es dem Vater heimzahlen konnte. Als er von seiner nächsten Reise zurückkehrte, überraschte er ihn mit einer Nachricht. „Er hätte endlich erreicht“, sagte er, „was er sich immer gewünscht habe: Er sei in die Segelflieger-HJ aufgenommen worden.“ Das war eine Eliteeinheit der Hitlerjugend, und die nahmen keine, die schwach und feige waren. Auch keine Versager! Es wurden keine schönen Tage mit dem Vater. Zwar hielt auch diesmal der dreirädrige Tempolieferwagen vor der Tür, und Kisten mit Apfelsinen und Bananen wurden abgeladen. Säcke mit Kaffee und vollgestopftem Geflügel. Aber diesmal lachte der Vater nicht über das entsetzte Gesicht der Mutter. Mißmutig stampfte er durch das Warenlager, und als sie ihn aufforderte, sich eine Schürze umzubinden und ihr zu helfen, erwiderte er nur, sie solle ihren Scheiß alleine machen. Darauf nahm er seine Jacke, schmiß die Wohnungstür zu und marschierte in die Eckkneipe. Die Mutter, die ihm hinter der Scheibengardine des Küchenfensters nachsah, wandte sich um. Vorwurfsvoll sagte sie: „Junge, Junge, warum hast du das nur getan?“ „Was?“ fragte er harmlos, obwohl er es recht gut wußte. Darauf antwortete sie nicht. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und dann sank ihr Kopf auf den Tisch, mitten zwischen die gerupften Hühnerleiber. Das hatte der Junge nicht gewollt. Und etwas vertrug er ganz und gar nicht. Er konnte die Mutter nicht weinen sehen. Über die Nationalsozialisten wurde in der Familie nicht gesprochen, aber der Junge wußte, daß der Vater die neuen Machthaber verabscheute. Und so hielt er seine Rache für gelungen. Der Vater konnte gegen sein Vorhaben nichts tun. Die Eltern unternahmen nichts, wenn sich 72
die Kinder politisch betätigten. Im Sinne des Regimes, versteht sich. Zum offenen Protest hatten die wenigsten Mut. Sie mußten damit rechnen, daß sie angezeigt und abgeholt wurden. In den nächsten Jahren tat er sich in der Segelflieger-HJ hervor und gewann viele Preise. Aber was folgte darauf? Was geschah in der Zeit, die zwischen jenen Erlebnissen und dem Heute lag? Sie war in völliges Dunkel gehüllt. Er konnte sich an nichts erinnern!
6. Reg.-Nr. 42-17-04 Klemm, Walter SS-Obersturmführer Geboren 1918, Hamburg, Deutschland Nationalität: deutsch Pässe: Kennkarte Deutsches Reich, ausgestellt ’37 in Hamburg. Mitgliedsausweis der SS, Nr. 1 546 480, ausgestellt in Hamburg. / Dienstausweis Reichssicherheitshauptamt, Nr. D 653 714, ausgestellt ’41 in Berlin. / Diplomatenpaß, ausgestellt ’42. Lebenslauf: Oberrealschule, Abitur, Hitlerjugend, SS, Polizeischule, GESTAPO. Dienstrang: Oberkommissar. Nicht verheiratet. Arbeitsbereich: Reichssicherheitshauptamt Berlin. Im Jahre ’41 Versetzung in GESTAPO-Leitzentrale Paris. Referat Judenfrage. Interessen: Modellflugzeuge, Briefmarken, Musik, spielt Klavier. Persönliches: Geliebte Marion Schneider, Paris, Rue Blanche. (Achtung! Die Frau nicht gefährden, hat Kontakte zum Widerstand.) Antialkoholiker, Nichtraucher. 73
Vertraulich: Homophile Neigungen möglich, nicht nachgewiesen. Bestechlichkeit möglich, nicht nachgewiesen. Yvonne Rosenau ließ das Blatt Papier sinken. Es sah alt und vergilbt aus und hatte zwei Löcher an der linken Seite. Wahrscheinlich hatte es seit Jahrzehnten in einem Ordner gelegen, und der hatte in einem Archiv geruht. Bis er nun ans Tageslicht kam. „Ja, und warum geben Sie mir das?“ fragte sie unsicher. „Was soll ich damit?“ Mr. Patters erwiderte: „Wir glauben, daß dieser SSObersturmführer Walter Klemm Ihre Eltern gekannt hat, Yvonne. Wir halten sogar für möglich, daß er an deren Ermordung beteiligt war.“ Sie schob das Papier mit den Daten des SS-Führers über den Tisch in Patters’ Richtung, als ob es sich um ein Stück Unrat handelte. Dort lagen noch andere Akten. Patters fuhr fort: „Es gibt zwar weitere, die uns interessieren, ein gewisser Kodelke, ein gewisser Handtner, aber dieser Klemm hat für uns immer etwas von einem Drahtzieher gehabt.“ Er reichte Yvonne einen zweiten Bogen, den sie widerstrebend nahm. Zwei Fotos in Postkartengröße waren auf das Papier geklebt. Sie zeigten denselben Mann, in schwarzer SS-Uniform und in Zivil. Die Bilder schienen aus größerer Entfernung mit einer Kleinbildkamera aufgenommen und vergrößert worden zu sein. Sie waren nicht sehr scharf. Man erkannte darauf ein junges, etwas fades Gesicht. Unter den Fotos befanden sich weitere Angaben zur Person: Größe: 1,79 m. Gewicht: 66 kg. Blutgruppe: AB Zähne: Fehlen sämtlicher oberer Schneidezähne durch Unfall. Ersatz mittels Frontzahnbrücke. Alle vier Weis74
heitszähne vorhanden. Goldkrone rechts oben sechs. Ein rechter unterer Prämolar nicht angelegt. Narben: Blinddarm entfernt 1928. Narbenbildung vergrößert durch Verwachsungen. Yvonne schob auch diese Akte über den Tisch zurück. „Kommt Ihnen der Mann bekannt vor?“ fragte Mr. Patters. Yvonne schüttelte den Kopf. „Sollte er das?“ „Ich frage ja nur.“ Archie Patters lächelte freundlich. „Die Aufnahmen wurden in Paris gemacht. Etwa zu der Zeit, als Sie geboren wurden.“ „Wie könnte ich ihn also gekannt haben?“ „Damals nicht!“ Yvonne lauschte dem hintergründigen Ton in der Stimme des Engländers. Dann fragte sie stockend: „Sie meinen …?“ Darauf antwortete Archie Patters nicht, und seine Miene blieb undurchdringlich. Neben Patters saß noch ein zweiter Mann im Büro, der ihr als Reginald Sayers vorgestellt wurde und der außer einem „Hallo“ bisher nichts gesagt hatte. Er war im gleichen Alter mit Patters, ebenfalls grauhaarig und ebenso unauffällig konservativ gekleidet. Irgendwie sah er wie ein langgedienter Offizier aus, und ganz merkwürdig: in dieser Nachbarschaft wirkte Archie Patters plötzlich ebenso. Natürlich war Yvonne Rosenau schließlich doch mit dem Engländer nach London geflogen. Er brachte sie ins Heathrow-Hotel, das am Flughafen lag und in dem er für sie noch von Hamburg aus ein Zimmer gebucht hatte. Dann verabschiedete er sich, sagte, er würde sich im Laufe des nächsten Tages bei ihr melden. Bis dahin hätte er einige Dinge zu regeln. Sie ging gleich auf das Zimmer, nahm ein Bad und legte sich zu Bett. Ihr Abendbrot hatte sie im Flugzeug bekommen. Wider Erwarten schlief sie schnell ein, und sie wachte auch während der Nacht nicht auf. Die letz75
ten Tage in Hamburg waren anstrengend gewesen. Geweckt wurde sie am nächsten Morgen durch den Regen, der gegen das Fenster klatschte. Das sprichwörtliche Londoner Wetter hatte sie empfangen. Nach dem Frühstück saß sie in der Halle herum. Die Anonymität des modernen Heathrow-Hotels gefiel ihr. Niemand kümmerte sich um sie, und sie konnte die Ansammlung verschiedenster Hautfarben und Rassen beobachten. In einem hatte sie Archie Patters unrecht getan. Er war nicht mit ihr hergereist, um ein paar flotte Tage zu verbringen. Ganz im Gegenteil, er schien sie total vergessen zu haben. Gegen zehn hatte Yvonne das Warten satt. Sie hinterließ eine Nachricht an der Reception und fuhr mit Bus und U-Bahn in die City hinein. An der Victoria Station stieg sie aus, wanderte eine Straße hinunter und stand plötzlich an der Westminster Bridge, die sie sofort erkannte. Auf vielen Bildern hatte sie die gesehen. Verblüfft schaute sie auf die Themse. Für Sekunden kam ihr alles so vertraut vor, als sei sie bereits oft hier gewesen. Der Regen hatte inzwischen nachgelassen, aber es war alles andere als freundlich, es wehte ein scharfer, kalter Wind. Ihr Vertrautsein mit London hielt nicht lange an, und so wanderte sie auf derselben Straße zurück. Bei der Victoria Coach Station überlegte sie eine Weile, bis sie sich entschloß und einen Bus der „Sightseeing Tour“ bestieg. Darin waren noch Plätze frei, und bequem und warm war es auch. Nun ließ sie sich am Trafalgar Square, an Westminster und der Bank of England vorüberkutschieren. Schnell nahm sie das bunte Gewimmel in den Straßen gefangen. Auch der Charakter der Bauten, auf die sie hingewiesen wurde. Die Hauptstadt eines Weltreiches, empfand sie, wenn auch eines vergangenen, aber die Tradition spürte sie an jeder Straßenecke. Die Fahrt dauerte etwa zwei Stunden. Anschließend fuhr sie mit der Piccadilly-Linie nach Heathrow zurück, und 76
in der Hotelhalle traf sie auf Mr. Patters. Sie entschuldigte sich bei ihm, und er erwiderte, das bedeute gar nichts. Aber nun wollten sie mal schnell in sein Büro fahren, denn dort würden sie bereits erwartet. Sie sagte jedoch, sie habe seit dem Frühstück nichts weiter gehabt und müsse erst etwas essen. Auch das nahm er hin. Schließlich brachte sie ein Taxi nach Covent Garden in die Nähe des Leicester Square. In einem alten Geschäftshaus hatte Mr. Patters sein Büro. An der Tür fand sich seine Visitenkarte, sonst nichts. Kein Hinweis auf die Art von Geschäft, das er betrieb. Der Raum war altväterlich eingerichtet, aber irgendwie schien es zu Mr. Patters zu passen. Es gab einen Schreibsekretär mit geriffelten Rolladen, einen Arbeitstisch am Fenster, mit einem hochlehnigen Stuhl dahinter. Einen weiteren runden Tisch und Stühle, auf denen man merkwürdigerweise bequem sitzen konnte. Warm war es übrigens auch. Als sie hereinkamen, erhob sich Reginald Sayers, schüttelte ihr die Hand und sagte sein „Hallo“. Nun saßen sie bereits eine Weile zusammen, und Yvonne hatte die Papiere mit den Daten des SS-Obersturmführers Walter Klemm lange angesehen. „Kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges“, erklärte Mr. Patters, „war Paris mit Emigranten vollgestopft. Sozialisten und Kommunisten, Intellektuelle aller Schattierungen hatten sich versammelt. Wissenschaftler, Maler, Schriftsteller, Musiker und Schauspieler. Man kann ohne Übertreibung sagen: Ein wesentlicher Teil der geistigen Oberschicht Deutschlands war vertrieben worden, ein elitärer Kreis. Wir wollten es damals kaum glauben, denn kein Land kann sich solchen Aderlaß leisten, ohne Schaden zu nehmen. Das Leben in einer Gesellschaft erstirbt, wenn sie ihre kritischen Köpfe entläßt. Es waren auch viele Juden darunter, die allein wegen ihrer Rasse verfolgt wurden. So wie Ihre Eltern, Yvonne.“ Archie Patters unterbrach sich, sah zu der jungen Frau 77
hinüber, ob sie etwas sagen wollte, aber das wollte sie nicht. Auch Reginald Sayers hockte still und bescheiden auf seinem Stuhl. Patters deutete auf ihn. „Reginald und ich kannten uns schon damals. Wir saßen in einem Büro, diesem hier nicht unähnlich, und arbeiteten zusammen.“ „Was arbeiteten Sie damals, Mister Patters?“ fragte Yvonne beinahe wider Willen. Archie Patters lächelte gewinnend. „Wir registrierten unter anderem Flüchtlinge. Nicht gerade namentlich, so daß uns beispielsweise der Name Ihrer Eltern bekannt geworden wäre. Aber wir wußten über Tendenzen Bescheid, über die Schichten, aus denen sich der Exodus zusammensetzte. Prominente Leute, besonders Wissenschaftler und Künstler, kannten wir natürlich genau, wir wußten sogar deren jeweiligen Aufenthaltsort. Zunächst flüchteten nur Deutsche, aber dann legten die Nazis ihre Hand auf Österreich und die Tschechoslowakei, weil die Völker Europas dem nicht energisch genug widerstanden, und so veränderte sich das Bild an den Flüchtlingstreffs. In Westeuropa war die Insel hier, die Schweiz und Frankreich oft ihre letzte Zuflucht. Aber schon die Schweiz tat sich schwer mit den Emigranten. Die war ein kleines Land, und dort wollte man Nazideutschland nicht allzusehr reizen. Viele versuchten auch nach Übersee zu entkommen. Aber dazu brauchte man Geld und eine Einreisegenehmigung der amerikanischen Länder. Also blieb man, wo man gerade war, und hoffte, daß ein Brand nicht ausbrechen würde. Man konnte sich nicht vorstellen, daß Hitler wahnsinnig genug sei, einen Krieg gegen die ganze Welt anzuzetteln. Aber er war so wahnsinnig, und eines Tages standen deutsche Truppen in Paris. Sie wissen ja, Yvonne, was darauf geschah. Frankreich wurde geteilt. Nun zog ein Teil des Flüchtlingsstroms, nämlich der, der entwischen konnte, über die Demarkationslinie nach Südfrankreich und in die Hafenstädte am Mittelmeer. Nach den Unterlagen im Hamburger Wiedergutma78
chungsbüro müssen sich auch Ihre Mutter und Ihr Vater unter diesen Leuten befunden haben.“ Wieder schwieg Mr. Patters und sah Yvonne fragend an. „Weiter, Mister Patters!“ sagte sie schließlich. „Ich möchte, daß wir noch einmal über Ihre Eltern sprechen, Yvonne. Ich hoffe nur, es ist Ihnen nicht unangenehm, wenn ich es vor Mister Sayers tue. Aber er ist diskret, das versichere ich Ihnen, und er ist mit der Materie vertraut.“ Reginald Sayers war sogar sehr diskret, noch immer hatte er den Mund nicht aufgetan. „Reden Sie schon, Patters!“ stieß Yvonne hervor. Der Engländer lächelte ein wenig schief, er schien verlegen zu sein. „In einem unserer Gespräche, Yvonne, sagten Sie mir, Sie glaubten nicht, daß Ihre Eltern Sie in einem Kinderheim ablieferten und sich dann nicht mehr blicken ließen. Aber genau das haben sie wohl getan, und ich meine sogar, daß es das Beste war, was sie in jener Situation machen konnten. Ihre Eltern lebten im Untergrund. Aber was war das für ein Leben! In ständiger Furcht vor Spitzeln und Razzien. In der Gewißheit, daß es eines Tages aus sein würde. Ohne Lebensmittelkarten! Ja, auch die gab es damals, und nichtregistrierte Personen erhielten natürlich keine. Wie denn auch? Woher also die tägliche Milch für das Baby nehmen? Nein, es war schon vernünftig, daß man Sie ins Heim brachte, denn vor Ihren Eltern hatten Sie einen entscheidenden Vorteil. Durch Ihre Geburt in Frankreich wurden Sie französische Staatsbürgerin. Und wahrscheinlich haben die Leute im Heim Sie in den Jahren der Okkupation als nichtjüdisches, französisches Findelkind in den Listen geführt. Sie waren dort also – im wörtlichen Sinne – wohl behütet!“ Plötzlich hatte Yvonne Tränen in den Augen. Sie zerrte ein Taschentuch hervor und schnaubte hinein. Dabei schluchzte sie: „Entschuldigen Sie, bitte!“ 79
Patters antwortete: „Scheuen Sie sich nicht zu weinen, mein Kind! Wir können Ihre Erschütterung gut verstehen.“ Der Engländer stand auf und holte Zigarren vom Schreibtisch, die sich Sayers und er anzündeten. Darüber verging Zeit. Schließlich fragte Yvonne: „Und meine Eltern?“ „Lebten wohl weiterhin im Untergrund. Aber sie konnten dort nicht bleiben, und da gab es nur noch die Flucht über die grüne Grenze ins unbesetzte Frankreich. Eines Tages werden sie den Sprung gewagt haben. Und auch mit Ihnen, Yvonne, hatten sie sicher ihren Plan.“ „Welchen?“ „Mit meinem Wissen über die Dinge hätte ich an Stelle Ihrer Eltern folgendes getan: Glücklich in Marseille gelandet, hätte ich alles versucht, meine kleine Tochter nachkommen zu lassen. Das war selbst unter der deutschen Besatzung möglich. Hin und wieder wurden nämlich Transporte mit Kindern zusammengestellt, die man ins unbesetzte Frankreich hinüberleitete. Zwar ließ man keine Juden hinaus, aber in meinem Fall hätte es sich ja um ein arisches, in den Wirren des Krieges verlorengegangenes französisches Kind gehandelt.“ „Und im Fall meiner Eltern?“ fragte Yvonne. „Aus ihren Papieren ging doch hervor, daß sie Juden waren.“ „Die Beamten in Marseille hätten wohl mitgemacht. Und wennschon nicht aus Patriotismus, dann eben gegen ein entsprechendes Salär. Außerdem gibt es in Hafenstädten wie Marseille falsche Pässe jeder Art.“ „Aber meine Eltern haben das alles nicht versucht.“ Der Engländer seufzte. „Nein.“ „Und warum nicht?“ „Weil sie leider nicht bis nach Marseille gekommen sind!“ Yvonne stand auf. Es waren nur wenige Schritte zwischen der Tür und dem Fenster, und die ging sie mehr80
mals hin und her. Sie schien eine Menge Fragen zu haben, aber offensichtlich scheute sie sich, die zu stellen. Dann blieb sie vor dem Schreibtisch stehen und starrte abwesend auf einen Topf mit Tauchsieder darin. „Möchten Sie vielleicht Tee?“ fragte Patters. „Ja.“ Der Engländer nahm den Topf, verschwand auf den Flur und kam mit Wasser zurück. „Ich habe zwar nur Beuteltee“, meinte er mit forcierter Heiterkeit, „und der ist ganz abscheulich. Aber er ist wenigstens heiß.“ Patters holte Tassen und Tee und stellte alles hin. „Sahne hab’ ich auch nicht“, sagte er. „Nur Zucker. Ich gebe zu, daß es ein schlechtgeführtes Haus ist.“ Inzwischen kochte das Wasser, und Patters goß es in die Tassen. Dann tranken sie eine Weile schweigend, und Yvonne stellte ihre Fragen noch immer nicht. Schließlich brach der Engländer das Schweigen. „Damals saßen Reginald und ich in irgendeinem Büro irgendeines Ministeriums. Sagen wir mal, es war ein Büro für besondere Aufgaben. Eine schlimme Zeit, Yvonne, auch für uns! Wir hatten unsere Jungens zurücknehmen müssen, Dünkirchen war eine arge Schlappe. Eine Weile dachten wir sogar, die Nazis würden über den Kanal kommen. Aber sie wagten es dann doch nicht, dafür schickte uns Göring seine Bomber. Wir saßen also da und starrten nach Frankreich hinüber. Und dieser schweigsame Reginald war damals mein Boß.“ Er stieß Sayers in die Seite, und auch Yvonne wandte ihre Aufmerksamkeit dem anderen Mann zu. Und da tat er endlich den Mund auf; immerhin konnte er reden, ziemlich flüssig sogar. Er sagte: „Der Widerstand im besetzten Frankreich entwickelte sich nicht schlecht. Es gab tüchtige, waghalsige Leute. Sie arbeiteten in verschiedenen Gruppen. Unsere Aufgabe bestand darin, die Aktivitäten dieser Teams zu koordinieren, auch zu lenken, soweit das bei der Animosität der Franzosen uns 81
gegenüber möglich war. Wir hielten Funkkontakt, und wir schickten Flugzeuge hinüber. Die warfen Lebensmittel, Medikamente, Verbandstoffe ab. Vor allem aber Waffen und Dynamit. Die Nazis sollten es schwer haben. Und natürlich sammelten wir alles Material über Hitlers Leute, das wir nur kriegen konnten. Bei dieser Arbeit hat uns Mademoiselle Schneider sehr geholfen, Sie erinnern sich vielleicht?“ Reginald Sayers suchte den Bogen mit den Daten des SS-Obersturmführers Klemm heraus und deutete auf eine Stelle. Dort stand: ‚Persönliches: Geliebte Marion Schneider, Paris, Rue Blanche. (Achtung! Die Frau nicht gefährden, hat Kontakte zum französischen Widerstand.)‘ „Es war uns gelungen, diese Frau direkt in der Gestapo-Leitzentrale zu placieren“, fuhr Sayers fort. „Sie ließ sich als Kontaktperson anwerben. Die Familie stammte aus dem Elsaß und war deutschfreundlich. Marion Schneider beherrschte auch die deutsche Sprache. Sie fiel dem SS-Führer Klemm auf; nur kurze Zeit später war sie seine Geliebte und blieb es, bis er im Jahre vierundvierzig spurlos verschwand. Eines Tages konnte sie uns die Fotografie einer Landkarte herüberschicken. Auf ihr war die Demarkationslinie, die den besetzten Teil Frankreichs vom unbesetzten trennte, vermerkt. An bestimmten Punkten waren Kreise eingezeichnet, nachträglich, mit einem Stift. Wir haben damals lange gerätselt, was die Markierungen bedeuten könnten. Die Lösung fand sich erst sehr viel später.“ Der Mann schwieg. „Und?“ fragte Yvonne nach einer Weile. „Wie sah die Lösung aus?“ Nun fuhr Archie Patters fort: „Im Jahre vierundvierzig landeten die alliierten Truppen in der Normandie, und Reginald und ich gingen gleich mit unseren Jungens hinüber. Wir hatten die Fotografie jener Landkarte in unserem Gepäck, und sobald es möglich war, fuhren wir zur Demarkationslinie. Bei den Markierungen han82
delte es sich um Waldgebiete, weitab von Dörfern oder einzeln stehenden Gehöften. Wir ließen graben und stießen auf Leichen. Alle waren unbekleidet, also fehlten die äußeren Identifizierungsmerkmale. Die meisten lagen seit Jahren dort, und so war auch die Verwesung weit fortgeschritten. Sie können sich denken, um was für Menschen es sich handelte?“ Yvonne sah Patters entsetzt an, sie war unfähig zu sprechen. Der Engländer fuhr fort: „In den Registrierungslisten der französischen Verwaltung wurden keine Personen vermißt, zumindest nicht in dieser Anzahl. Es mußte sich also um im Untergrund lebende Flüchtlinge handeln, die ins unbesetzte Frankreich hinüber wollten und an der Demarkationslinie ermordet wurden. Aber wer waren die Täter? Wir wußten, daß sich die französische Unterwelt mit solchen Schleusungsaktionen befaßte. Hatten Gangster diese armen Menschen dorthin gelockt? Wir glaubten es nicht, denn wir erhielten die Karte ja von Marion Schneider. Nun konnte es allerdings so sein, daß Klemm mit der Aufdeckung jener Verbrechen beauftragt wurde. Aber diesen Gedanken verwarfen wir schnell, denn solche Recherchen gehörten nicht in das Ressort jenes SSObersturmführers. Er saß in der Gestapo-Leitzentrale von Paris und war mit der Deportation von Juden befaßt. Er ließ Razzien veranstalten, und durch seine Verbindung zur französischen Unterwelt hatte er intime Kenntnisse über nichtregistrierte Personen. Gab er ihnen vielleicht über diese Kanäle zu verstehen, er könne sie retten? Gegen entsprechende Bezahlung natürlich? Fuhr er mit ihnen zur Demarkationslinie und brachte sie um? Waren er und zwei weitere Personen, die wir als Kodelke und Handtner kennen, die Mörder?“ Wieder schwieg der Engländer und sah Yvonne nachdenklich an. „Und? Waren sie es?“ stieß sie hervor. Archie Patters zuckte die Achseln. „Wir konnten sie 83
nicht befragen. Kurz vor der Invasion unserer Truppen verschwanden die Verbrecher spurlos. Und das blieben sie bis heute!“ Archie Patters stand auf, brachte das Teewasser wieder zum Kochen und füllte die Tassen noch einmal. Dann steckten sich die beiden alten Herren neue Zigarren an. Als sie rundherum brannten, sagte Reginald Sayers: „Eines Tages, gar nicht lange her, besuchte mich Archie Patters in meinem Büro. Ich glaube, wir hatten uns Jahre nicht gesehen. Er fragte, ob ich mich an die SS-Banditen Klemm und Konsorten erinnere. Natürlich tat ich es. Darauf erzählte er mir von Ihnen, Madam, und von dem Schicksal Ihrer Kindheit. Und dann saß da in Hamburg ein Mann, der sich ebenfalls Rosenau nannte und der erst vor zehn Jahren aus Südamerika heimgekehrt war. Ein ehemaliger jüdischer Emigrant. Konnte es sich bei dem um Ihren Vater handeln? Schließlich trug er denselben Namen. Wir mußten also herausfinden, ob er Anfang der vierziger Jahre in Paris gelebt hatte. Und siehe da, es stimmte. War es dann aber nicht unglaublich, daß er niemals nach Ihnen gefragt hatte? Inzwischen sind dreißig Jahre vergangen. Er konnte also doch nicht Ihr Vater sein.“ „Klemm …?“ Yvonne fragte es mit schwerem Anlauf. „Ja!“ Sie griff nach den Akten auf dem Tisch, zog das Blatt mit den Bildern hervor. Sie starrte darauf. Schließlich sagte sie: „Ich erkenne ihn nicht.“ „Ein Gesicht verändert sich in so langer Zeit“, antwortete Archie Patters. Wieder einmal legte er seine Krokodilledertasche auf den Tisch, klappte sie auf. Hervor kamen andere Bilder in Postkartengröße, diesmal farbig und in gestochener Schärfe. Sie zeigten einen seriös wirkenden Herrn in mittleren Jahren. Die Bilder waren auf einem Flugfeld aufgenommen worden und stellten den Mann in verschiedenen Positionen dar. Einmal stieg er 84
gerade die Gangway herab, auf einem anderen ging er zu einem wartenden Bus. Jedesmal befand sich dicht hinter ihm der Sekretär Wilhelm. Eines der Fotos schien eine Vergrößerung aus einem der anderen zu sein. Sie zeigte den Kopf des Mannes allein. Eigentlich war es ein nichtssagendes Gesicht. Nicht einmal unsympathisch. Oder doch? Yvonne legte die Bilder neben jene aus der Akte. Sie starrte darauf, dann hob sie unsicher den Blick. „Ich sehe keine Ähnlichkeit.“ „Natürlich nicht“, meinte Archie Patters. „Zwischen den Aufnahmen besteht ein Abstand von dreißig Jahren.“ „Ich könnte nicht einmal sagen, ob dies der Mann aus dem Krankenhaus ist.“ Yvonne tippte gegen die Farbfotos. „Sie haben ihn mit Verbänden um den Kopf gesehen. Selbst die Nase war mit einem Pflaster verklebt. Aber in einem kann ich Sie beruhigen. Dieser Mann auf dem Flugplatz ist derselbe, der in der Hamburger Klinik liegt.“ Patters zog das Farbbild mit der Vergrößerung zu sich herüber. „Das Leben geht manchmal seltsame Wege, Yvonne!“ sagte er nach einer Weile. „Als ich in Lady Chessmans Auftrag zu Ihnen kam, wußte ich noch nicht, daß ich über diesen Umweg auf einen Mörder treffen würde. Jahrelang hatte ich geglaubt, er sei uns entkommen. Und nun ist er es doch nicht. Und mit Ihrer Hilfe fassen wir ihn noch. Sie werden uns helfen, nicht wahr, Yvonne?“ „Wenn er der Mörder meiner Eltern ist, ja!“ „Er ist es!“ erklärte Archie Patters überzeugt. „Es kann gar nicht anders sein.“ „Und wie soll meine Hilfe aussehen?“ „Dazu kommen wir noch, Yvonne! Um Ihnen die Dinge ganz klarzumachen, lassen Sie uns in Gedanken noch einmal in jene Kriegszeit zurückgehen! Die SS-Leute 85
Klemm und Konsorten waren nicht nur besonders skrupellos, sie waren auch clever. Sie mußten schnell erkannt haben, daß da etwas mit dem deutschen Vormarsch in Rußland nicht stimmte. Da war der Winter einundvierzig vor Moskau. Im folgenden Jahr siegten sich die deutschen Armeen zu Tode – dies muß schon die Zeit gewesen sein, in der sie Vorsorge für sich selbst trafen –, und dann kam Stalingrad! Unsere russischen Verbündeten versetzten den Deutschen Schläge, von denen sie sich nicht mehr erholten. Und endlich gingen auch unsere Jungens in die Normandie hinüber. Als das geschah, wußte Klemm, daß es aus war für ihn. Wenn er entkommen wollte, mußte er denselben Weg nehmen, den kurz vorher so viele Flüchtlinge gegangen waren. Er mußte nach Südamerika.“ „Und er ging als David Rosenau?“ fragte Yvonne mit tonloser Stimme. „Ob er es gleich unter diesem Namen tat und sich in Brasilien so registrieren ließ, wird sich wohl nicht aufklären lassen. Die südamerikanischen Behörden haben sich nie kooperativ gezeigt, wenn es um die Verfolgung von Nazis ging. Außerdem muß Klemm viele Pässe in seinem Gepäck gehabt haben. Fest steht allerdings, daß der Name Rosenau erst zu Beginn der fünfziger Jahre in Erscheinung trat. Im öffentlichen Leben, meine ich. Das war also lange nach dem Krieg, und die Jüdische Gemeinde wird ihre Nachforschungen zu dieser Zeit längst aufgegeben haben. Nun gingen die Jahre ins Land, und Rosenaus Werke in Brasilien begannen zu florieren. Es entwickelte sich aber auch die Bundesrepublik Deutschland. Es lohnte sich durchaus, dort zu investieren. Und noch etwas anderes konnte man beobachten. Für uns war es geradezu ein Phänomen. Nach einer kurzen Spanne, in der die Deutschen im Bewußtsein der Schande über die Nazigreuel lebten, restaurierten sich die alten Kräfte. Sie krochen aus ihren Schlupflöchern, lebten frei und unbehelligt. Es gab 86
sie überall in Wirtschaft und Politik, als Richter und Lehrer. Warum sollte also Klemm, der sich nun Rosenau nannte, nicht in die Bundesrepublik Deutschland zurückkehren? Möglicherweise wird er sich geniert haben, daß er es als Jude und Verfolgter der Nazis tun mußte. Aber diese neue Identität hatte er nun einmal, und sie war auch nicht mehr rückgängig zu machen. Und er muß sich sehr sicher gefühlt haben, denn er stellte ja sogar einen Antrag auf Wiedergutmachung. Nur eines, Yvonne, wußte jener angebliche David Rosenau eben nicht, und diese Unwissenheit wird ihm nun das Genick brechen. Er wußte nämlich nicht, daß er eine Tochter hatte! Als Klemm im Jahre zweiundvierzig Kontakt mit Ihren Eltern aufnahm, werden die ihm nichts von ihrem Baby erzählt haben. Übermächtig muß der Trieb in ihnen gewesen sein, Sie zu beschützen, Yvonne! Sie lebten sicher in einem Heim, und Sie sollten nicht gefährdet werden. Es kann sich anders gar nicht abgespielt haben. Denn hätte er es gewußt, daß es da noch ein kleines Mädchen gab, hätte er später nicht den Namen Rosenau angenommen. Dieses Risiko, daß da irgendwann ein Mensch auftauchen könnte, um unbequeme Fragen zu stellen, wäre er niemals eingegangen. Aus der Fülle von Pässen hätte er sich einen anderen herausgesucht. Er besaß ja genug!“
7. Der Mond ist eine kreisrunde Scheibe, die ihnen ein milchiges Licht entgegenschickt. Sie marschieren durch einen Wald. Es muß Mischwald sein, mit Unterholz und Büschen unter hohen Bäumen. Es ist eine einsame Gegend, weitab von menschlichen Siedlungen. Sie sind mit Autos hergebracht worden. Hinter dem letzten Dorf, durch das sie kamen, stiegen sie aus. Nirgendwo brannte 87
Licht, es war mitten in der Nacht. Nur ein paar aufgescheuchte Hunde begannen zu bellen, Menschen ließen sich nicht blicken. Das Hundegebell erinnerte an das Heulen von Wölfen, die Hunger hatten. Vielleicht hatte das Heulen auch weniger ihnen als dem Mond gegolten, dieser blassen, kreisrunden Scheibe. Zunächst sind sie ganz optimistisch gewesen, in freudiger Erwartung, weil bald alles ausgestanden sein würde. Aber dieses Gefühl weicht schnell einer beklemmenden Leere, denn der Marsch wird immer beschwerlicher. Bei jedem Schritt peitschen ihnen Zweige ins Gesicht, die Füße stoßen gegen herabgebrochene Äste, gegen Baumwurzeln. Sie schwitzen stark. Der Schweiß perlt auf der Stirn, läuft den Körper hinab. Dabei ist es empfindlich kühl in dieser Frühlingsnacht. Aber sie haben Gepäck dabei, in jeder Hand einen schweren Koffer; dazu noch Taschen, die sie an Gurten um den Hals tragen. Esther, die neben ihm geht, wird es nicht lange durchhalten, denkt er. Esther ist eine grazile Person, hat niemals besondere Körperkraft besessen. Schon jetzt knickt sie mit jedem Schritt ein. Er wird ihr sagen, daß sie das Gepäck fallen lassen soll. Es ist sehr still in diesem Wald. So wird das Knacken der Zweige zu einem überlauten Geräusch. Es muß sie verraten, denkt er. Schließlich wird es Wächter geben an dieser Grenze, der sie sich mit jedem Schritt nähern. Besorgt schaut er auf Esther, ihr Atem wird immer kürzer, immer gepreßter. ––– Halt –! ––– Das ist ein scharfer Befehl. Aber er kommt nicht von vorn, nicht aus Richtung der blassen Mondscheibe; der Befehl kommt von hinten! ––– Die Stimme: Warum verlangen Sie denn so etwas von 88
uns, meine Herren? Sie haben versichert, daß Sie uns über die Grenze bringen. Sie wollten unser Leben retten. Warum sollen wir uns jetzt ausziehen? Mitten im Wald? Und wozu? Meine Frau kann sich doch nicht vor Ihnen entkleiden, meine Herren, das müssen Sie einsehen. Und lassen Sie den Revolver! Wir sind auch unbewaffnet. Sei ganz ruhig, Esther, ich bin ja bei dir! Ich bin sicher, daß uns die Herren nichts Schlimmes antun werden. Sie waren die ganze Zeit über hochanständig. Komm, Esther, ich werde dir helfen. Ja, wir knien uns nieder. Gib mir deine Hand, Esther, halte sie fest, ich bin bei dir! Schau mir in die Augen, dann wird alles ganz leicht für uns. Ich liebe dich, mein Herz, ich habe dich … ––– Der Schuß –! ––– Er spürt überhaupt nichts. Er hört nur die Explosion. Und er sieht die blasse Scheibe des Mondes grell aufblitzen. Der Mond verwandelt sich in einen riesigen feuerroten Ball. Und dann beginnt er zu fliegen. Sein Körper wird von einer elementaren Gewalt emporgeschleudert, und er fliegt direkt auf den Mond zu. Und dann ist der plötzlich nicht mehr über, sondern unter ihm. Der Mond beginnt sich aufzulösen und zu zerfließen; er wird zu einem einzigen wabernden Feuermeer. Und er schwebt darüber. Er sieht Flammen aufzucken, einzelne schlagen hoch und greifen nach ihm. Das Licht wird immer greller, so gleißend, daß er die Augen schließen muß. Und er spürt die gewaltige Hitze. Und dann beginnt er zu fallen. Er fliegt nun nicht mehr, er fällt, langsam erst, dann schneller und immer schneller. Bis ihn das Flammenmeer umfängt und er darin versinkt. Und da weiß er, daß er tot ist. ––– Die Stimme: Warum haben Sie uns das angetan? Sie wollten unser Leben retten, meine Herren, das hatten Sie versprochen, und nun haben Sie uns erschossen! 89
––– Nein –! Er ist gar nicht der, der erschossen wurde! Er hat deutlich die Stimme gehört, und ein Toter redet nicht. Aber wer ist er, wenn nicht der Mann am Boden? Und dann beginnt er etwas zu ahnen, und das wird schließlich zur schrecklichen Gewißheit. Er ist der andere, der geschossen hat! Er will sich umwenden, um in das Gesicht des Mörders zu sehen. Aber hinter ihm steht niemand mehr. Er kann in das Gesicht nicht blicken, weil es sein eigenes ist. Er sieht nur den Toten, nackt und bloß auf dem Waldboden, und er hat ihn erschossen! ––– Der Mann saß hochaufgerichtet im Bett. Schweißgebadet. Seine Augen starrten ins Dunkel des Zimmers. Der Mond mit seinem blaßroten Schein war das Milchglas der Nachtlampe über der Tür. Er sank auf das Kopfkissen zurück, das von Schweiß durchtränkt war. Von seinem Angstschweiß! Dann begann er heftig zu zittern, seine Glieder schlugen, auch das Bein im Streck. Es war sehr still im Zimmer, in der ganzen Klinik. Es war mitten in der Nacht. Die Geräusche, die er gehört hatte, waren aus seinem Innern gekommen. Das Knacken der Zweige. Und der Schuß! Und diese Stimme! Diese gepeinigte und gequälte und in ihrer Hilflosigkeit erbarmungswürdige Stimme! Irgendwann, vor sehr langer Zeit, mußte er sie gehört haben. Schließlich war sie aus seinem Unterbewußtsein wiederaufgetaucht. Der Mann wußte nun, daß er ein Mörder war! „Sie müssen aufwachen, Herr Rosenau! Es ist schon acht Uhr. Machen Sie die Augen auf, und sehen Sie nur mal, was wir für feines Wetter haben. Draußen scheint die Sonne!“ Der Pfleger stand vor seinem Bett. Unter halbgeschlos90
senen Lidern hatte er ihn mit dem Frühstückstablett hereinkommen sehen. „Machen Sie die Augen auf, Herr Rosenau, ich weiß, daß Sie wach sind. Und es hilft Ihnen nichts, essen müssen Sie doch etwas!“ Der Mann hob langsam die Augendeckel, blinzelte. „Ich habe nicht den geringsten Hunger!“ würgte er hervor. „Und was soll ich dem Professor sagen, wenn er fragt? Und das tut er. Er erkundigt sich genau, ob Sie Ihre Mahlzeiten nehmen oder nicht. Und ich bekomme es dann ab. Sie haben in den letzten Tagen so schöne Fortschritte gemacht. Aber heute morgen gefallen Sie mir gar nicht. Sie wollen doch keinen Rückfall haben, oder? Also müssen Sie essen!“ Der Pfleger hatte recht. Er mußte zu Kräften kommen und gesund werden, denn er wollte aus dem Krankenhaus heraus. Jeder Tag, den er unter den Augen dieser Leute zubrachte, vergrößerte die Gefahr, in der er sich befand. Das wußte er seit der letzten Nacht. „Also gut!“ sagte er und versuchte zu lächeln. „Geben Sie mir was von dem verdammten Brot!“ „So ist es richtig, Herr Rosenau! Aber vorher wollen wir uns ein bißchen frisch machen.“ Der Pfleger kam mit einer Schüssel ans Bett und half dem Mann beim Waschen. Darauf träufelte er Honig auf Toastscheiben und reichte sie dem Patienten. Er blieb im Raum und wartete, bis alles vom Tablett verschwunden war. Danach schlief der Mann fast augenblicklich ein. Er fiel geradezu in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Er wußte nicht, wie lange, aber plötzlich wurde er von einer Sekunde zur anderen hellwach. Jemand saß an seinem Bett und schaute ihn an. Obwohl er die Augen geschlossen hielt, spürte er es deutlich. Und irgend etwas signalisierte ihm, daß es eine Frau sein müsse. Er wagte noch immer nicht, die Augen 91
zu öffnen. In ihm war eine große, schlotternde Angst. Er mußte aus dieser Klinik heraus. Aber wie? Welcher Arzt würde ihn gehen lassen? Mit einer Kontusion, den Kopf voller Verbände und das gebrochene Bein im Streck? Er fühlte sich ausgeliefert. „Herr Rosenau?“ fragte eine weibliche Stimme. In der Frage lag die deutliche Aufforderung, die Augen zu öffnen. Er hatte sich also nicht geirrt. Es saß eine Frau neben dem Bett. Er hörte die sachliche, beinahe strenge Stimme der Assistenzärztin. Er öffnete schließlich die Augen, und sie sahen sich an. Ihr Blick war ebenso streng wie ihre Stimme. Wußte sie etwas? „Wie spät ist es?“ fragte er, nur um etwas zu sagen. „Zehn Uhr.“ „Habe … ich gesprochen?“ fragte er stockend. Sie blickte ihn verständnislos an. „Im Schlaf, meine ich. Habe ich etwas gesagt?“ „Nein, das haben Sie nicht!“ Er wußte nicht, ob sie die Wahrheit sagte. Schließlich redete er im Schlaf. In der vergangenen Nacht war er von der eigenen Stimme aufgewacht. Wenn jemand von diesen Dingen hörte, die aus seinem Unterbewußtsein an die Oberfläche drangen, könnten sie als Geständnisse gewertet werden. Als Mordgeständnisse! „Sie haben nicht gesprochen, Herr Rosenau, sondern fest geschlafen. Aber wie ist es nachts? Ist es da ebenso? Ober haben Sie Träume? Liegen Sie wach?“ Der Mann antwortete knapp: „Ich schlafe sehr gut!“ „Ich weiß nicht“, meinte sie. „Sie lagen wie in tiefer Erschöpfung. Ich bin schon eine Weile hier und habe Sie beobachtet. Das brachte mich auf den Gedanken, daß Sie nachts nicht so schlafen, wie sie sollten. Wir geben Ihnen Mittel, damit Sie still und traumlos ruhen. Ihr Organismus soll sich kräftigen.“ Der Mann wiederholte ebenso wie vorher: „Ich schlafe nachts sehr gut! Still und traumlos!“ 92
Auf ihrem Gesicht lag ein skeptisches Lächeln. Oder war es blanker Hohn? Er wußte es nicht, Sie sagte: „Gestern beklagten Sie sich, daß die Spritze vor dem Einschlafen nicht richtig wirke. Sie verfielen in einen flachen, merkwürdigen Schlaf. Das jedenfalls haben Sie gestern behauptet. Was ist denn nun richtig?“ „Was stellen Sie hier eigentlich mit mir an? Ein Verhör?“ „Ich versuche, mir über Ihren Gesundheitszustand ein Bild zu machen. Weiter interessiert mich nichts.“ „Und ich bin nicht gewohnt, daß man in diesem Ton mit mir spricht, mein Kind!“ Er erschrak über die eigene Stimme; sie klang hart und irgendwie befehlsgewohnt. Wieder hatte er etwas Neues an sich entdeckt. Sie antwortete nicht, und wenn sie verletzt war, zeigte sie es nicht. Sie griff nach dem Stethoskop an ihrem Hals und ging mit der Membrane unter seine Pyjamajacke. Unterdessen betrat der Pfleger das Zimmer. Er brachte ein Glas Orangensaft herein, das er auf den Tisch neben dem Bett stellte. Dann trat er zurück und blieb abwartend stehen. „Ist noch was, Herr Müller?“ fragte sie. „Gar nichts, Frau Doktor“, meinte der Pfleger gutmütig. Sie zog die Membrane hervor und wandte sich um. „Worauf warten Sie dann noch?“ Einige Sekunden lang schauten sich die beiden an. Der Mann, der sie beobachtete, spürte die Rivalität zwischen ihnen. Waren es Spannungen, wie sie manchmal zwischen den Geschlechtern entstanden? Oder handelte es sich um anderes? Wollte ihn der Pfleger vor der Frau in Schutz nehmen? Plötzlich hatte er den Eindruck. Dann machte der Pfleger auf dem Absatz kehrt und ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen, aus dem Zimmer. Als die Tür hinter ihm ins Schloß fiel, spürte der Mann eine entsetzliche Leere in sich. Wieder hatte er das Gefühl 93
des Ausgeliefertseins. Die Ärztin fuhr in ihrer Untersuchung fort. Wie schon gestern hörte sie den Herzbereich gründlich ab, und wieder schien sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden zu sein. Plötzlich sagte er: „Ich lebe mit dieser Herzklappe schon lange Zeit. Machen Sie sich also keine Gedanken deswegen!“ „Sie wissen, daß Sie herzkrank sind?“ „Natürlich!“ „So natürlich ist das nicht. Denn Sie erinnern sich doch an nichts. Oder?“ Er lag wie erstarrt da. Wieder hatte sich ein Stückchen aus seinem Unterbewußtsein losgerissen. Aber es war nur ein winziger Stein aus einem Mosaik, von dem er nicht wußte, wohin er gehörte. Ja, er war herzkrank! Aber wie lange? Und war er deswegen in Behandlung gewesen? Er hatte keinen blassen Schimmer. Die Ärztin sagte: „Ich glaube, es ist ein gutes Zeichen, Herr Rosenau, wenn Sie sich an dieses Leiden erinnern. Ein erster Fortschritt, wie ich meine, ich werde es gleich Professor Liebscher mitteilen. Und Sie werden sehen: Mit der Zeit kommt Ihnen auch die Erinnerung an all das andere wieder.“ An all das andere! Er starrte in ihr lächelndes Gesicht, und er hörte auf ihre Stimme, aus der ihm Sarkasmus entgegenzuklingen schien. „Und was macht der Kopf heute morgen? Sind Sie schmerzfrei? Bitte, antworten Sie nur, wenn Sie sich nicht von mir verhört glauben.“ Ihr Lächeln wurde offener, fast ein wenig mädchenhaft. Er erwiderte es mit Anstrengung. „Ich habe keine Schmerzen!“ Das war eine Lüge. „Gestern hatten Sie noch starke.“ „Gestern vielleicht, heute nicht!“ „Nun, auch das ist sicher ein gewisser Fortschritt.“ Er 94
wußte nicht, ob sie ihm glaubte oder nicht. Dann fuhr ihre Hand leicht über das Pflaster, mit dem seine Nase verklebt war. „Und hier?“ „Keine Schmerzen, schon seit Tagen nicht mehr.“ „Sehr schön!“ Sie erhob sich. Eine Weile lang starrte sie auf sein Bein, und er folgte ihrem Blick. Jedesmal, wenn er auf den Fuß schaute, der im Streck hochgezogen war, kam ihm der Gedanke an aufgehängte Menschen. Bisher hatte er sich darüber gewundert, aber seit der letzten Nacht wunderte er sich über nichts mehr. Plötzlich faßte sie an seinen Oberschenkel und drückte fest zu. „Tut es hier weh?“ „Nein, auch das habe ich Ihnen schon gesagt.“ „Manche Dinge will der Arzt immer wieder hören, Herr Rosenau“, erwiderte sie lächelnd. Wenn sie es so mädchenhaft tat, sah sie beinahe gut aus. Dann ging sie zur Tür. „Frau Doktor …?“ rief er ihr nach. „Ja –?“ Sie blieb stehen und wandte sich um. „Ich … weiß nicht, wie Sie heißen!“ „Ellen Reinhardt! Aber das wollten Sie mich eigentlich nicht fragen.“ „Nein.“ „Was sonst?“ „Ist es ernst zu nehmen, das mit meinem Herzen?“ „Nicht sehr! Eine leichte Dysregulation, nichts weiter.“ Er wußte, daß sie log. Er sah es nicht nur am Ausdruck ihres Gesichts, aus dem das Lächeln verschwunden war. Irgend etwas in dem Dunkel seines Innern sagte ihm, dieser Schaden an der Herzklappe sei ernster zu nehmen. Er beobachtete, wie sie aus dem Zimmer ging. Dann starrte er lange an dem aufgehängten Bein vorbei auf das weißlackierte Türblatt. Er befand sich in großer Gefahr. Jeder Tag, den er weiter in der Klinik zubrachte, vermehrte sie. Er sprach 95
im Schlaf! Letzte Nacht war er allein gewesen. Aber das mußte nicht immer so sein. Wie leicht konnte der Pfleger mit anhören, was in seinen Träumen aus ihm hervorbrach. Oder die Assistenzärztin, wenn sie Nachtdienst hatte. Diese Träume! Noch jetzt stand ihm die scheußliche Szene aus dem Wald vor Augen. Er wollte die Bilder abschütteln, aber er konnte es nicht. In welcher Zeit mochte sich das abgespielt haben? Er wußte es nicht. Plötzlich fiel ihm ein, daß seit jenen Morden viele Jahre verstrichen waren. Und er war entkommen! Warum sollte es diesmal nicht gelingen? Er mußte sich nur an alles erinnern, um sich darauf einzurichten. Und er mußte schnell gesund werden und aus diesem Krankenhaus heraus, dann könnte sicher alles weiterlaufen wie bisher. Damals ging er nach Brasilien. Der sympathische Pfleger erzählte ihm, daß er dort gelebt hatte. Aber er war als Mörder geflohen! Oder nicht? War er nicht der Mörder in dieser Szene, sondern das Opfer? Er sah sich kofferschleppend durch den Wald laufen, und Esther, seine Frau, neben sich. Sie knieten nieder, und er faßte nach ihrer Hand. Dann der Schuß! Er fühlte, wie er emporgenommen und niedergerissen wurde. Von diesem Schuß! Und er wußte, daß er tot war. Auf einmal war er dann der andere, der geschossen hatte. Im Traum war er beides zugleich gewesen, Mörder und Opfer! Sollte er, durch den Unfall ausgelöst, verrückt geworden sein? Hatte sich seine Persönlichkeit gespalten? Alles schien möglich. Der Mann begann zu stöhnen. „Können Sie mir sagen, was eine Konfabulation ist, Doktor?“ „Wie kommen Sie auf Konfabulation, warum wollen Sie das wissen?“ „Irgendwann war einmal die Rede davon. Ich bin fast sicher, daß Sie es damals anderen Leuten erklärten.“ 96
„Daran erinnern Sie sich?“ „Ja.“ Es war am Nachmittag, und Professor Liebscher saß an seinem Bett. Der Arzt kam immer zu dieser Zeit, um den Patienten zu untersuchen und mit ihm zu sprechen. Der alte, weißhaarige Herr sah den Mann im Bett eine Weile lang nachdenklich an. Schließlich fragte er: „Wie verbringen Sie die Nächte?“ Der Mann wurde plötzlich sehr wachsam. Er erwiderte: „Gut!“ „Haben Sie Träume?“ „Nein! Zumindest erinnere ich mich an keine!“ „Doktor Reinhardt sagte mir, Sie ruhten vielleicht nicht so, wie Sie sollten.“ „Die junge Frau irrt sich.“ „Ja, ja! Sie ist jung und besonders beflissen. Ich denke auch, daß sie sich irrt. Denn Sie machen mir einen ganz gekräftigten Eindruck, mein Freund.“ „Was ist eine Konfabulation, Doktor?“ Der Ausdruck in den Augen des Arztes schien auf Distanz zu gehen, und der Mann spürte, wie er diesen Blick ebenso erwiderte. So schauten sie sich eine Weile lang an. „Es ist reine Spinnerei“, sagte der Professor endlich. „Eine Konfabulation?“ „Ja, ja!“ Der alte, weißhaarige Herr nickte. „Sie müssen sich das so vorstellen: Ihr Gedächtnis ist wie ein leerer Bogen, ein Stück weißes Papier, sonst nichts. Sie starren darauf, mein Freund, und ganz allmählich erscheinen ein paar Zeichen. Mal hier ein Satz, mal dort. Oft sind es nur einzelne Wörter, manchmal nur Buchstaben. Und sie stehen nicht etwa in einer Reihe, wie es sich gehört. Nein, so ist es nicht. Manche befinden sich auf Zeile drei, andere auf Zeile vierzehn. Dazwischen klaffen leere Räume, weißes Papier eben. Was Sie also notdürftig zusammenbuchstabieren, ergibt wenig Sinn. 97
Und dieser Zustand macht Sie kribbelig. Sie versuchen nun, in die Zwischenräume etwas hineinzuschreiben, damit alles einen Zusammenhang bekommt. Und genau das nennt man eine Konfabulation.“ Auf einmal war eine große Last von seiner Brust genommen. Der Mann spürte es körperlich, und er begann zu lachen. „Finden Sie es erheiternd, was ich Ihnen erzähle?“ fragte der Arzt verwundert. „Ja, Doktor, ich finde es einigermaßen lustig!“ Es war so einfach! Die Bilder aus der Kindheit signalisierten den Kindheitstraum, nach Südamerika zu gehen. Später hörte er, er habe dort gelebt, sei mit dem Flugzeug dauernd hin- und hergeflogen. Das mußten die Zeilen drei und vierzehn sein. Und weil er sich nicht vorstellen konnte, wie er nach Amerika gekommen war, hatte er den Zwischenraum auf diese Weise ausgefüllt. Mit solchen mörderischen Bildern? Ja, und nochmals ja! Sein Hirn war gequetscht, die Nase aufgeschlagen, das Bein gebrochen. Wenn man etwas seelischen Streß nannte, dann entstand er wohl aus solchem Zustand! Alles in ihm hatte sich von Anfang an dagegen gesträubt, daß er ein Mörder sein sollte. Nein, er mußte der andere sein, dieser Rosenau! Und die Bilder seiner Ermordung! Vielleicht war es so gewesen, daß er damals nur knapp dem Tode entronnen war. Ja, genau so! Schließlich fragte der Mann: „Wir kennen uns schon lange Zeit, nicht wahr, Doktor?“ „Gleich nachdem Sie aus Brasilien heimkehrten“, erwiderte Professor Liebscher. „Sie haben sich in der Nähe angesiedelt und suchten mich wegen Ihres Herzleidens auf.“ „Haben wir auch gesellschaftlichen Umgang, wie man sagt?“ Der Arzt lächelte. „Wir haben manche Flasche Rotwein in Ihrem Haus getrunken.“ 98
In seinem Haus! Er hatte keinen Schimmer, wo das lag und wie es aussah. „Sie erinnern sich nicht?“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Aber wenn wir uns näher kennen, muß ich Ihnen etwas von meiner Vergangenheit erzählt haben, das ergibt sich doch so. Außerdem sind Sie seit Jahren mein Arzt, also eine Vertrauensperson.“ „Was Ihre Vergangenheit angeht, waren Sie immer zugeknöpft, David. Und Vertrauensseligkeit liegt nicht in Ihrer Natur.“ Der Arzt formulierte vorsichtig, wie der Mann empfand. Zu vorsichtig? Wußte er mehr, als er sagte? „Ich nehme an, daß ich unverheiratet bin“, sagte er nach einer Weile, in der sie sich ansahen. „Wieso nehmen Sie das an?“ „Nun, meine Frau war noch nicht an meinem Bett.“ Der Mann lächelte. „Ja, es ist richtig. Sie leben allein!“ „War ich verheiratet?“ „Ihre Frau ist tot!“ Esther –! Gib mir deine Hand, Esther, halte sie ganz fest, ich bin ja bei dir! „Kinder –?“ fragte er. „Sie leben allein, David!“ Das war nur eine halbe Antwort und klang wie eine Ausflucht. Natürlich wußte der Arzt mehr, als er sagte. Denn er erinnerte sich genau daran, daß in diesem Raum von einer Tochter gesprochen wurde. Die war in den ersten Tagen sogar an seinem Bett erschienen. „Sie wissen nichts von alledem?“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Ich erinnere mich ziemlich deutlich meiner Kindheit.“ „Wieweit reicht die an das Heute heran?“ „Überhaupt nicht, leider! Ich war ein kleiner Junge damals. Dann gibt es Bruchstücke, die etwas später liegen, damals war ich vielleicht fünfzehn, sechzehn.“ 99
„Sie wissen also gar nicht, daß wir unter anderem auch einen Krieg hatten?“ „Hatten wir den?“ fragte der Mann leichthin. „Und was habe ich damals gemacht? War ich Soldat?“ „Sie sind schon vorher aus Deutschland hinausgegangen, im Jahre achtunddreißig. Der Krieg kam erst ein Jahr später.“ „Ich wollte immer nach Übersee“, erwiderte er beinahe fröhlich, weil alles so gut zusammenpaßte. „Es war ein Jugendtraum von mir.“ „Sie mußten auch gehen!“ „Ich mußte? Wieso?“ „Sie sind Jude, David!“ Ja, natürlich, er war Jude! Dieser Name – David Rosenau. Es kam ihm wie selbstverständlich vor. „Meine Mutter hat ein kleines Geschäft besessen“, sagte er. „Seit Tagen zermartere ich mir den Schädel, aber es fällt mir nicht ein, was sie dort eigentlich verkaufte.“ „Schmuck!“ erwiderte der Arzt. „Ihre Eltern sind Juweliere gewesen.“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Mein Vater war Seemann!“ „Richtig! Aber bereits im ersten Weltkrieg. Damals war er sogar so etwas wie ein Kriegsheld.“ Darauf antwortete er nicht, denn offensichtlich stimmte hier etwas nicht mit seiner Vorstellung überein. Er glaubte sich zu erinnern, daß sein Vater auch später zur See gefahren war. Der Arzt fuhr fort: „Und auch Sie selbst, David, haben das Goldschmiedehandwerk erlernt!“ Der Mann, den ein ungutes Gefühl beschlichen hatte, fühlte sich plötzlich erleichtert. Irgend etwas löste die letzte Bemerkung des Arztes in ihm aus. Goldschmiedehandwerk! Ja, das war es! Er sah sich in einem kleinen Zimmer sitzen, über einen Tisch gebeugt. Hatte er nicht eine Lupe ins Auge geklemmt? Stand nicht ein Mikro100
skop herum? Arbeitete er nicht mit kleinen Gerätschaften, die angenehm in der Hand lagen, an einem Material, das ebenfalls winzig war? Ja, natürlich! Aber er befand sich im Augenblick noch sehr weit weg von dem Raum, sah aus großer Entfernung zur Tür hinein. Und in dem Raum war nur wenig Licht. Professor Liebscher zog einen Brief aus der Anzugtasche und legte ihn auf die Bettdecke. „Hier habe ich etwas für Sie, David! Sehen Sie mal zu, was Sie damit anfangen können. Das Schreiben ging an Ihre Privatadresse, und Herr Wilhelm brachte es her.“ „Herr Wilhelm?“ „Ihr Sekretär! Er meinte, das würde Ihnen Freude machen.“ Es war ein größerer Umschlag aus festem, braunem Papier. Er nahm ihn zögernd, öffnete ihn und sah hinein. Es steckte ein weiteres Kuvert darin, das zog er hervor. Er erblickte eine Briefmarke, auf der ein Gebäude abgebildet war. Er starrte lange darauf, und plötzlich spürte er, daß etwas in ihm zu klingen begann. Auch der Stempel war schön, deutlich zu lesen und akkurat ins untere linke Drittel der Marke gesetzt. Der Mann spürte, daß er von dem Arzt aufmerksam beobachtet wurde. Sie sahen sich an. Es war das erste Mal, daß er Post im Krankenhaus empfing, irgend etwas mußten sie damit bezwecken. Ein Experiment vielleicht? „Warum schauen Sie nicht nach, David, was in dem Umschlag ist?“ fragte Professor Liebscher. Er tat es schließlich. Es befanden sich eine Steckkarte mit weiteren Briefmarken und ein Begleitschreiben darin. „Mexikanische …“, sagte er nachdenklich. Er begann sich zu freuen. Auf einmal war ihm zumute, als ob er auf diese Marken lange gewartet hatte. Dann griff er nach dem Briefbogen. Jemand schrieb ihm, er wolle seinen lieben Freund David überraschen. Er sei nach Brasilia 101
hinübergeflogen, um die Gedenkmarke mit dem Ersttagsstempel zu bekommen. Auch die mexikanischen Einzelwerte habe er endlich ergattert. Und da er wünsche, daß sein lieber Freund David sie gleich in Besitz nähme, warte er nicht darauf, bis sie sich in Rio wiedersähen, sondern schicke sie über den großen Teich. „Eine gute Nachricht, nicht wahr? Ich sehe es Ihrem Gesicht an.“ Der Mann wußte es nicht genau, er spürte nur so etwas wie Freude in sich. Noch immer starrte er auf den Bogen. Er hatte keine Ahnung, wer jener Schreiber war, der sich Senhor Sanchez nannte. Und dann merkte er, daß der Brief in portugiesisch abgefaßt wurde und daß er die Sprache fließend lesen und verstehen konnte. Es kam ihm seltsam vor, aber es brauchte ihn wohl nicht zu wundern, denn schließlich hatte er jahrelang in Brasilien gelebt. „Haben Sie mal eine Pinzette, Doktor?“ fragte er. Der Arzt gab ihm eine, und er fuhr damit unter die Folie. Er tat es vorsichtig, weil die Pinzette spitz war und man für diese Arbeit eigentlich eine mit abgeplatteten Enden benötigte. Er zog einen Wert hervor, wendete ihn, hielt die Marke gegen das Licht und prüfte die Zahnung. Er wunderte sich noch, mit welchem Sachverstand er es tat, aber da zuckte urplötzlich ein Blitz in ihm auf, und der zog eine Spur durch sein Hirn wie ein weißglänzender Pfeil. So hell und grell, daß sein Kopf zu schmerzen begann. Die Mutter: „Was suchst du da in den Alben mit den altdeutschen Marken?“ Der Junge: „Ich suche nach der ‚Sachsen-Drei‘, kann sie aber nicht finden.“ Die Mutter: „Aber Bübchen! Du weißt doch schon, daß die ‚Sachsen‘ zu den wertvollsten Marken überhaupt gehört. Wie könnten wir die wohl haben?“ 102
Der Junge: „Und wenn ein Kunde sie verlangt?“ Die Mutter: „Wenn das geschehen sollte, würde ich versuchen, eine aufzutreiben. Aber sei unbesorgt! In unserer Gegend kauft niemand solche Marken.“ Der Junge: „Wenn ich groß bin, werde ich eine ‚Sachsen-Drei‘ haben!“ Die Mutter: „Natürlich wirst du das, Bübchen! Da bin ich ganz sicher!“ Er sah das gütige Lächeln auf dem Gesicht seiner Mutter. Sie stand hinter der Theke des kleinen Ladens. Seit Stunden schon hatte die melodische Glocke über der Tür kein einziges Mal mehr gebimmelt. Seine Mutter hatte keinen Schmuck in ihrem Geschäft verkauft, und er hatte niemals das Goldschmiedehandwerk erlernt! Auch war sein Vater nicht als Kriegsheld zur See gefahren! Er war nicht dieser David Rosenau! Er teilte mit dem nur die Vorliebe für Briefmarken. Und was teilte er sonst mit ihm? Worin waren sie sich noch ähnlich? Irgendwann mußte er in die Rolle des Mannes geschlüpft sein, hatte dessen Leben weitergeführt. Das konnte nur heißen, daß David Rosenau tot war. Und er hatte ihn umgebracht! Es hatte sich alles abgespielt, wie er es in seinen nächtlichen Träumen wiedererlebt hatte. „Was ist mit meiner Tochter?“ fragte er. „Ich verstehe Sie nicht, David?“ antwortete der Arzt. Der Mann war auf einmal eiskalt. Er sagte: „Vor ein paar Tagen ist eine junge Frau hier im Zimmer gewesen. Habe ich das nur geträumt?“ Und zögernd von dem Arzt: „Nein –!“ „Ist sie meine Tochter?“ „Sie behauptet es.“ „Es stimmt aber nicht?“ Und da der Professor weiterhin zögerte, sagte er fordernd: „Rücken Sie schon heraus damit!“ „Ich habe es zunächst für möglich gehalten, David. Ich 103
weiß wenig über Ihre Vergangenheit; so habe ich Ihnen die junge Dame gegenübergestellt, weil ich hoffte, daß durch den plötzlichen Anstoß Ihr Erinnerungsvermögen zurückkehren könnte. Leider blieb es ohne Erfolg.“ „Das kann nur eins bedeuten!“ „Und was?“ „Sie ist nicht meine Tochter!“ „Das denke ich auch.“ „Und weshalb gab sie sich dafür aus?“ Auf dem Gesicht des Arztes lag ein Lächeln, nur die Augen hinter den getönten Brillengläsern lächelten nicht mit. Professor Liebscher sagte: „Sie sind ein reicher Mann, David! Und in den ersten Tagen haben wir kaum zu hoffen gewagt, daß Sie den Unfall überstehen könnten. Ich nehme an, die junge Frau wollte den Versuch unternehmen, an Ihr Vermögen heranzukommen.“ Der Arzt irrte sich. Natürlich war die junge Frau seine Tochter. Das heißt David Rosenaus Tochter! Des Mannes, den er getötet hatte. Der schöne euphorische Gedanke, er könne kein Mörder sein, war zerstoben. Er war es also, und merkwürdigerweise fand er sich rasch damit ab. Der Wunsch, aus allem heil herauszukommen, wurde übermächtig. Was wußte er schon von sich und von den Situationen, in denen er gesteckt hatte. Nur einen Fehler hatte er damals gemacht. Wenn er schon diesen David Rosenau töten mußte und dessen Ehefrau Esther sicher auch, weshalb hatte er dann die Tochter leben lassen? Das war ein verhängnisvoller Fehler gewesen, denn er spürte, daß ihm von dieser Frau Gefahr drohte.
8. Die Maschine schwebte vom Meer herein. Yvonne Rosenau, die am Fenster saß und hinausschaute, hatte plötz104
lich Angst, weil sie das Wasser so nahe kommen sah. Und trotzdem konnte sie sich dem Anblick nicht entziehen. Unter ihr lag die Côte d’Azur. Das Flugzeug vollführte eine mächtige Schleife, setzte auf der Landebahn auf, bremste ab und rollte aus. Mr. Patters und sie waren in Nizza gelandet. Als sie vor dem Flughafen in ein Taxi stiegen und sich in den Polstern zurücklehnten, spürte Yvonne zum ersten Mal die Hitze. Der Fahrer hatte alle Fenster heruntergekurbelt und saß im offenen Hemd da. Sie waren viel zu warm angezogen, dachte Yvonne. Sie sah ins flirrende Sonnenlicht hinaus und entdeckte überall Blumen, die in allen möglichen Farben blühten. Die Autostraße führte am Meer entlang. Immer wieder passierten sie Badestrände, und die waren auch noch zur Nachsaison besetzt. Die Sonne stand über dem Estérel-Gebirge, sie fuhren ihr direkt entgegen. Der Fahrer hatte die Sonnenblenden heruntergelassen und bahnte sich hupend den Weg, denn der Verkehr war dicht auf dieser Küstenstraße. Nach einer knappen Stunde kamen sie nach Cannes und erreichten das „Imperial“, in dem Mr. Patters Zimmer gebucht hatte. Es war eines jener Luxushotels mit Superbreiter Terrasse und Swimmingpool. Auch hier befanden sich ihre Zimmer nebeneinander. Nachdem sie Mr. Patters versprochen hatte, sich beim Umkleiden zu beeilen, fiel die Tür hinter ihr ins Schloß, und sie war allein. Noch niemals vorher hatte sie in einem solchen Hotel übernachtet, das hatte ihre Verhältnisse überstiegen. Seidentapeten an den Wänden und Teppiche, durch die man waten mußte. Als ihr Blick auf das breite Bett fiel, mußte sie merkwürdigerweise an Philip denken. Mit ihrem Mann war sie nicht in Urlaub gefahren. Doch, einmal! Von Wien aus in die Steiermark. Er wollte den Ort wiedersehen, von dem aus seine Flucht begann. Es wurde nicht lustig. Er lief die ganze Zeit über mit trübem Gesicht herum, und es waren nicht 105
einmal sosehr die Erinnerungen, die ihn quälten. Ihm hatte das Theater gefehlt. Philip war ohne Regiepult nicht denkbar; erst hinter der kleinen Lampe, unter der das Textbuch mit den vielen Eintragungen lag, entspannten sich seine Züge. Yvonne lächelte. Armer Philip! Sie ging nur kurz unter die kalte Dusche und suchte sich danach etwas Leichtes aus ihrem Koffer heraus. Wieder einmal wartete Mr. Patters in der Halle auf sie. Sie traten ins Freie, und der Portier winkte ihnen ein Taxi. Als sie in die Avenue du Gérard einbogen, mußte Yvonne an den Schwarm ihrer Mädchenjahre denken. An den großen Philipe, dem sie auf der Bühne eine leere Schüssel reichen durfte, aus der er dann ihre Liebe trank. Wie unbeschwert war sie damals gewesen. Wirkliche Ernsthaftigkeit kam erst mit dem anderen Philip in ihr Leben, der sich von dem charismatischen Schauspieler so grundlegend unterschied. Armer Philip? Ach, nein! Sie glaubte nicht, daß sie sich ohne ihren Mann jemals für die Drogenhilfe entschieden hätte. Sie wollte ihm auch dankbar sein. Der Wohnklotz erhob sich direkt vor ihren Augen. Die übereinandergetürmten Etagen waren jeweils um einige Meter nach rückwärts versetzt. Ein bißchen wirkte es, als würde das Haus vor ihrer Ankunft zurückweichen. Sie schritten durch die Halle und fuhren im Lift in die sechzehnte Etage hinauf. Sie wanderten einen endlos scheinenden Gang entlang, sahen nach den Namenschildern neben den Türen. Schließlich blieben sie stehen und läuteten. Aus dem Appartement drang laute Musik, dann brach die plötzlich ab, und es fielen zwei Schüsse. Darauf war es totenstill. Yvonne griff unwillkürlich nach Mr. Patters’ Arm. Gleich darauf hörten sie die Salve aus einer Maschinenpistole. Danach war es wieder still. 106
Die Hand des Engländers streckte sich aus, und Yvonne sah, daß sie nicht zitterte. Auch in seinem Gesicht rührte sich kein Muskel. Innen blieb alles ruhig, und so läutete Mr. Patters, gelassen wie immer, zum dritten Mal. Gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Im Rahmen stand eine etwa fünfzigjährige Frau und blickte sie höflich lächelnd an. „Madame Carpentier?“ fragte der Engländer und deutete auf das Türschild. „Ja, Monsieur?“ „Ich bitte um Vergebung, daß wir so unangemeldet kommen. Wie bei einem Überfall …“ Archie Patters lächelte. Aus dem Appartement drang erneut die Salve einer Maschinenpistole, diesmal wesentlich lauter, da die Tür offenstand. Yvonne starrte erschrocken in die Wohnung hinein. Die Frau sagte: „Machen Sie sich nichts daraus. Es ist nur dieses entsetzliche TV. Und was wünschen Sie, Madame, Monsieur?“ „Ich bin Archie Patters“, sagte der Engländer. „Ja, und?“ „Natürlich wissen Sie nicht mehr, wer ich bin. Man wird älter, obwohl man das von Ihnen nicht sagen kann.“ Es war nicht nur ein Kompliment. Die Frau trug Shorts, die ihre gutgewachsenen und braungebrannten Beine erkennen ließen. Die oberen Knöpfe der Bluse standen offen und gewährten einen großzügigen Blick auf ihren Busen. Sie hatte schulterlanges Haar von tiefem Schwarz. Wahrscheinlich färbte sie es, denn sie mußte wohl längst grau sein. Auf ihrem Gesicht lag ein dezentes Make-up. Sie lächelte. „Müßte ich mich denn erinnern, Monsieur?“ „Eigentlich schon“, meinte Archie bescheiden. „Wir lernten uns in Paris kennen.“ „Da habe ich lange Zeit gelebt.“ 107
„Es war vierundvierzig, als der Krieg zu Ende ging.“ Die Frau nickte, als ob sie es geahnt hätte. Das Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden und machte einem gequälten Ausdruck Platz. „Sie sind Engländer.“ „Ja, Madame!“ Für einen Moment hatte Yvonne den Eindruck, als wollte ihnen die Frau die Tür vor der Nase zuschlagen. Aber sie tat es nicht. Sie schien zu wissen, daß dies keine Lösung für das Problem brachte, das sie auf sich zukommen sah. Sie öffnete die Tür ein Stück weiter und forderte ihre Besucher auf: „Treten Sie näher, Madame, Monsieur!“ Sie kamen in eine Wohnhalle, und hier war der Lärm ohrenbetäubend; der Fernseher war voll aufgedreht. Davor hockten zwei Kinder, etwa zehn und zwölf Jahre alt, ein Knabe und ein Mädchen. „Françoise!“ brüllte die Frau. „Stell sofort dieses scheußliche TV aus! Wenn Papa aufwacht, gibt es ein Donnerwetter.“ „Für Papa ist es längst Zeit aufzustehen“, erwiderte das Mädchen. Madame Carpentier zuckte resigniert mit den Schultern. „Kommen Sie auf die Terrasse hinaus! Wollen mal sehen, ob wir dort unser eigenes Wort verstehen können. Sind das nicht schreckliche Kinder, Monsieur? Ich weiß nicht, wir waren früher anders.“ Sie gingen auf die Terrasse, die sich über die gesamte Fläche des Appartements erstreckte. Der Ausblick war von großer Schönheit. Yvonne lehnte an der Brüstung und sah tief unter sich die Bucht von Cannes und dahinter das tiefblaue Meer liegen. Von ebensolcher Farbe war auch der Himmel. Noch immer stand die Sonne über dem Estérel-Gebirge, aber die Hitze hatte inzwischen nachgelassen. Unter einem großen orangefarbenen Sonnenschirm befand sich ein Tisch mit Korbstühlen. Die Terrasse glich 108
einem blühenden Garten. Es gab Petunien und Geranien in Krügen, Hortensien und Rosen. In Kübeln standen Oleanderbüsche, und an der Hauswand rankten Klettergehölze, Efeu und Geißblatt und Clematis. Sie setzten sich unter den Sonnenschirm. Die Frau nahm einen Stuhl mit Blick auf die Kinder. Archie Patters fragte lächelnd: „Und Sie erkennen mich wirklich nicht, Madame?“ Sie erwiderte knapp und ohne sein Lächeln zu erwidern: „Doch!“ „Es tut mir leid, Madame, aber wir müssen über Vergangenes sprechen. Über Situationen, die Sie durchlebten, als Sie noch Marion Schneider hießen.“ „Ich dachte mir schon, Monsieur, daß Sie aus diesem Grund kommen. Ich habe es gleich gewußt, als ich die Tür öffnete und in Ihr Gesicht sah.“ Archie Patters legte seine Krokodilledertasche auf den Tisch und zog die Farbfotos hervor, die den SS-Obersturmführer Walter Klemm auf dem Flugplatz zeigten. Er schob die Aufnahmen in ihre Richtung, und sie warf einen Blick darauf. Ihr Gesicht blieb eine einzige undurchdringliche Maske. Schließlich griff sie nach der Vergrößerung mit dem Gesicht des Mannes. Sie wollte es gar nicht, aber ihre Hände gehorchten ihr einfach nicht. Sie starrte lange darauf. „Erkennen Sie ihn?“ fragte Archie Patters. Sie schüttelte den Kopf, reden konnte sie in diesem Moment nicht. Der Engländer zog zwei weitere Bilder hervor, die den jungen SS-Führer in Uniform und Zivil zeigten. Er legte die alten Fotos neben die neuen. „Und den hier?“ Sie warf nur einen Blick darauf, dann erhob sie sich. „Ich denke, Sie nehmen eine Erfrischung. Tonic-water oder Bitter Lemon? Mit ein wenig Alkohol?“ Mr. Patters sah Yvonne an und erwiderte: „Warum nicht?“ 109
Die Frau ging zu einem Bartisch und füllte Gläser, tat Eis aus einer Kühlbox hinzu. Damit kam sie zurück, und sie tranken. Darauf zündeten sie sich Zigaretten an, filterlose Gouloise, die ihnen die Frau reichte. Dann sagte sie: „Er hat es also überlebt?“ „Wenn es der Mann auf den Farbfotos ist, dann hat er es!“ „Er ist es!“ „Ich dachte mir schon, daß Sie ihn für uns identifizieren könnten.“ „Sieht erstaunlich gut aus, nicht wahr? Scheint ein feiner Herr geworden zu sein.“ „Geschäftsmann!“ sagte Archie Patters. Und sie erwiderte: „Natürlich!“ Sie blickten sich mit unbewegten Gesichtern an. Dann wandte sich die Frau Yvonne zu. „Und Sie, Madame, sind Sie auch Engländerin?“ „Ich bin Französin“, erwiderte Yvonne. „Ich heiße Yvonne Rosenau.“ Über das Gesicht der Frau huschte der Anflug eines Lächelns, erstarb aber schnell. „Stammen Sie etwa auch aus dem Elsaß?“ „Nein.“ Madame Carpentiers Blick kehrte zu dem Engländer zurück. „Und was wünschen Sie nun von mir, Monsieur?“ „Ich deutete es schon an! Wir wollen Sie bitten, diesen Mann für uns zu identifizieren!“ „Und wo soll das stattfinden?“ „Bei einem zu erwartenden Prozeß.“ „Nein!“ „Nein? Was heißt das: nein?“ „Das heißt, ich werde bei einem Prozeß nicht als Zeugin auftreten.“ „Sie wollen nicht, daß dieser Mann für seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen wird?“ „Natürlich! Aber ich sage trotzdem nein!“ 110
Der Engländer sah zu Yvonne hinüber, die weit zurückgelehnt saß und an ihrem Glas nippte. Ganz offensichtlich wollte sie sich nicht an dem Gespräch beteiligen. Ihr Blick ging in den Himmel der Côte d’Azur hinauf. Aus dem senkte sich gerade eine Passagiermaschine im Landeanflug auf Nizza herab. Auch dieses Flugzeug schwebte über das Meer herein. „Warum wollen Sie uns nicht helfen, Madame?“ hörte sie Archie Patters fragen. „Möchten Sie uns nicht die Gründe nennen?“ Die Frau antwortete sehr höflich und sehr entschieden: „Ich muß nicht einmal mit Ihnen reden. Kommen Sie im Auftrag einer Behörde?“ „Nein.“ „Na, sehen Sie!“ In diesem Augenblick stürmten die beiden Kinder auf die Terrasse. Wenn es ihre eigenen waren, mußte sie die erst spät bekommen haben. Besonders der kleine Junge sah ihr ähnlich. „Das sind Françoise und Marius, ganz drollig, auch artig, wenn man einmal von dieser scheußlichen Televisionsgeilheit absieht. Gebt den Herrschaften die Hand, Kinder!“ Das Mädchen und der Junge taten es höflich, dann stellten sie sich seitlich neben den Stuhl der Mutter. Auf einmal war in deren Gesicht ein weicher Zug zurückgekehrt. Sie fragte: „Und jetzt?“ „Wir möchten baden gehen“, bat Françoise. „Schulaufgaben?“ „Keine!“ „Soll ich nachschauen?“ „Aber Mama –!“ „Geht schon endlich!“ Die Kinder umarmten die Mutter leidenschaftlich, hingen an ihrem Hals und gaben ihr Küsse. Dann ließen sie ebenso schnell ab und stoben über die Terrasse davon. Die 111
Frau schien erleichtert zu sein, weil sie aus dem Appartement verschwanden. Sie wandte sich wieder den Gästen zu und fing einen Blick von Yvonne auf. Sie hatte den Kindern mit einem seltsamen Ausdruck hinterhergeschaut. Madame Carpentier sagte: „Vielleicht sind Sie überrascht, daß ich so kleine Kinder habe? Ich habe sehr spät geheiratet. Das hat mit meiner Vergangenheit zu tun.“ „Wir empfinden Ihr Glück mit Ihnen, Madame“, meinte Archie Patters. „Wir wollen, daß Sie es genießen, mit Ihrem Mann, mit Ihren entzückenden Kindern. In dieser schönen Wohnung, in dieser wirklich luxuriösen Umgebung …“ Sie lauschte auf den Klang seiner Stimme. „Wie Sie das sagen, Monsieur, klingt es beinahe wie eine Drohung.“ „Aber es ist eine Drohung, Madame!“ antwortete Archie Patters gelassen. Die Frau griff nach den Zigaretten, zündete sich eine an. Ihre Hände zitterten leicht. Ihr Ton dagegen blieb fest, beinahe hochmütig. „Lassen Sie mal hören, ob Sie das überhaupt können.“ „Ihr Mann arbeitet im Spielcasino als Croupier.“ „Ja, und?“ „Es ist eine sehr gut bezahlte Stellung. Hinzu kommen phantastische Trinkgelder. Und es ist vor allem eine Vertrauensstellung, der eines Bankbeamten nicht unähnlich.“ „Sie haben sich natürlich erkundigt.“ „Ja.“ „Der gute, alte Geheimdienst, nicht wahr?“ Archie Patters grinste nur. „Und was wissen Sie noch, Monsieur?“ „Wir wissen, daß Ihr Mann von Ihrem Vorleben keine Ahnung hat. Keinen Schimmer von den Begebenheiten, die Mademoiselle Schneider bis in die GestapoLeitzentrale in Paris geführt haben.“ Auf einmal saß Madame Carpentier kerzengerade auf112
recht. Wie zwei Bollwerke reckten sich ihre Brüste dem Engländer entgegen. Ihr Gesicht glich einer wächsernen Maske. „Monsieur …!“ Sie stockte. Und dann mit etwas festerer Stimme: „Ich habe für mein Land gearbeitet!“ „Natürlich, Madame, niemand weiß es besser als ich. Aber Sie haben nicht gerade Brücken gesprengt, nicht wahr? Keine Züge zum Entgleisen gebracht.“ „Seien Sie still, Monsieur!“ Archie Patters folgte ihrem Blick, und da sah er einen Mann durch die Wohnhalle gehen. Er trug ein Badetuch um die Lenden gewickelt, sonst nichts. „Du hast Besuch, Chérie? Ich beeil’ mich, nur ein paar Minuten!“ Damit verschwand er durch eine Tür. „Wir können hier nicht reden, Monsieur!“ Die Stimme der Frau hatte plötzlich einen flehenden Klang. Archie Patters fuhr ungerührt fort: „Ich nehme sicher an, daß Ihr Mann zu Ihnen hält, wenn etwas von Ihrer Liaison mit einem hohen SS-Offizier bekannt wird, einem gemeinen Mörder. Aber was wird die Casinoleitung sagen? Sie wissen doch, daß auf das Privatleben der Angestellten nicht einmal die Andeutung eines Verdachtes fallen sollte. Nicht eine Winzigkeit darf es von den Normen gesetzter Bürgerlichkeit abweichen. Das wissen Sie doch alles, Madame!“ „Um Gottes willen, hören Sie auf, Monsieur!“ „Es geht um die Entlarvung eines Mörders, Madame Carpentier, und da müssen Sie uns helfen. Sie sollten nur sehen, daß es mir ernst ist.“ „Madame, Monsieur, ich muß Sie bitten zu gehen. Wir können hier nicht sprechen.“ „Wo –?“ „Ich weiß es nicht.“ „Wann und wo? Aber es muß noch heute sein.“ Die Frau dachte einige Sekunden nach. Dann fragte sie: „Kennen Sie sich aus in Cannes?“ 113
„Wir finden uns schon zurecht.“ „Treffen wir uns bei ‚Felix‘. Das ist auf der Croisette. Sie können es gar nicht verfehlen.“ „Gut, Madame! Und wann?“ „Ich werde gegen neun Uhr kommen. Da ist mein Mann zum Dienst, und die Kinder sind im Bett.“ „Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen, Madame!“ Archie Patters hatte zu seinen Manieren zurückgefunden. „Und ich will Ihnen versichern, daß wir alles mit äußerster Diskretion unternehmen werden.“ Die Frau antwortete nicht. Sie erhob sich, und die beiden anderen mit ihr. Als sie durch die Wohnhalle schritten, kam ihnen der Mann wieder entgegen. Diesmal trug er eine Segeltuchhose und darüber ein leichtes, offenes Hemd. Er lächelte. „Sie wollen doch nicht schon gehen?“ „Wir müssen, leider.“ Auch Archie Patters strahlte. „Wir sind ohnehin viel zu lange geblieben.“ „Die beiden haben Grüße von den Pelletiers gebracht“, sagte die Frau, ebenso heiter und unbeschwert. „Aus Paris, weißt du? Madame Rosenau, Monsieur Patters, sie sind auf der Durchreise.“ Sie schüttelten sich die Hände. Der Mann hatte eine Glatze wie Yul Brunner, aber das Gesicht wirkte jugendlich. Er war mindestens fünf Jahre jünger als seine Frau. „Ich habe verdammt gut geschlafen“, sagte er und legte den Arm um ihre Schulter. „Aber trotzdem, habe ich nicht Schüsse gehört? Fand nicht mal wieder eine dieser Metzeleien statt?“ „Das war im TV. Du solltest mit den Kindern ein ernstes Wort reden.“ „Wozu, Chérie? Laß ihnen doch den kleinen Spaß!“ Von dem Appartement der Carpentiers brachte sie ein Taxi in die Stadt zurück. Im Wagen fragte Archie Patters: „Was hielten Sie davon, wenn wir ein Stück hinaus114
schwimmen? Irgendwie müssen wir die Zeit bis zum Abend hinbringen.“ „Von mir aus können Sie allein baden gehen, Patters“, sagte Yvonne so leise, daß der Fahrer sie nicht hörte. „Von mir aus können Sie sich auch im Meer ertränken.“ Der Engländer lachte vergnügt. „Ohne Sie macht mir nicht einmal das Spaß, meine charmante Freundin.“ Sie verließen das Taxi beim Alten Hafen und gingen ein Stück zu Fuß. Viele Segelboote lagen hier vertäut, es roch nach brackigem Wasser. Dahinter kamen sie an den Strand. Yvonne stürmte an Fischerbooten vorbei, die auf den Sand gezogen waren, vorbei an zum Trocknen aufgehängten Netzen. Unterdessen entlud sich ihre Wut. „Sie haben sich ganz abscheulich benommen, Mr. Patters!“ Der Engländer, der kaum mit ihr Schritt halten konnte, lächelte gütig. Wahrscheinlich war er viel zu alt, um sich zu erregen. „Diese Geheimdienste –!“ Yvonne zitterte vor Empörung. „Wenn die Maske fällt, sieht man die Fratze der nackten und brutalen Erpressung.“ „Sicher meinen Sie unser kleines Gespräch mit Madame Carpentier. Ich mußte die Frau aus ihrer Bürgerlichkeit aufschrecken. Ich verstehe, daß sie ruhen lassen möchte, was vergangen ist, aber es geht eben nicht. Unsere Sache ist zu wichtig.“ „Die Frau hat zwei kleine Kinder“, stieß Yvonne hervor. „Ich werde nicht zulassen, daß sie in Schwierigkeiten kommt.“ „Ja, sie hat eine nette Familie“, bestätigte Patters. „Und was haben Sie, Yvonne?“ Darauf erwiderte sie nichts, denn mit seinem letzten Satz hatte er ihren Nerv getroffen. Am Rande des Strandes sah sie zur Straße hin eine Bank. Darauf ging sie zu und setzte sich. Die Sonne sank immer tiefer und hüllte die Felsen des Estérel-Gebirges in bläuliches Licht. Es war aber noch immer sehr warm. 115
Yvonne fühlte sich erschöpft, ziemlich nah am Rande ihrer Kraft. Sie hatte sich nie für leichtfertig gehalten. Wie kam es dann aber, daß ihr erst seit dem Gespräch in London bewußt wurde, wie sehr ihre Eltern gelitten hatten? In der Emigration. Unter Okkupationstruppen, die auch Deutsche waren. Mit einem kleinen Kind, das sie vor den Mördern retten wollten. Was für Qualen waren das gewesen. Und was für ein Schicksal am Ende! Mußten wirklich erst diese Engländer kommen, um ihr das deutlich zu machen? Seitdem verstand sie auch Philip besser. Hatte sie ihn nicht mit diesen Problemen allein gelassen? Hatte er nicht etwas erwartet von ihr, was sie ihm nicht gegeben hatte? Obwohl darin sicher nicht der Grund für ihre Trennung lag. Sie hatten keine Kinder miteinander, und ohne Kinder entstand keine Familie. Das war ihre Überzeugung. Aber gerade deshalb würde sie nicht zulassen, daß den Carpentiers etwas geschah. Trotz allem nicht! Sie verstand Marion sehr gut. Der Prozeß würde Aufsehen erregen. Die Zeitungen würden sich darauf stürzen, die Illustrierten! Und diese Frau im Mittelpunkt einer Fortsetzungsreihe. Als Geliebte eines SS-Mörders! Und ihr Mann? Ihre Kinder? Nein, sie begriff, daß Marion ihr Inkognito schützen wollte. Und sie würde ihr dabei helfen. Yvonne und Patters saßen schon seit einer Weile schweigend auf der Bank. Der Engländer hatte die Beine von sich gestreckt und den obersten Hemdenknopf geöffnet, er schien zu dösen. Tat sie aber nicht auch dem alten Mann unrecht? Trotz seiner rüden Methoden? Im Grunde machte er alles ihretwegen. Und dennoch mußte er erkennen, daß sie seine Unterstützung unter solchen Bedingungen nicht akzeptieren konnte. Ihr Zorn war längst verraucht, und sie begann zu lächeln. „Mister Patters?“ fragte sie. Er öffnete die Augen. „Ja, Yvonne?“ 116
„Ein Geheimdienstmann bleibt man für immer, nicht wahr?“ „Gewissermaßen.“ „Und eine Lady Chessman hat es nie gegeben!“ Es entstand eine Pause. Schließlich sagte er: „Ich glaube, daß wir das Geld in Ihrer Drogenhilfe gut angelegt haben.“ Er drehte den Kopf in ihre Richtung, und eine ganze Weile schauten sie sich an. „Ich mußte mit Ihnen in Kontakt kommen, Yvonne, weil Sie beweisen können, daß jener Mann in Hamburg nicht der jüdische Emigrant David Rosenau ist.“ „So wie Madame Carpentier die Verbindung zwischen ihm und dem SS-Mörder Klemm herstellen kann?“ „Ja.“ „Bei mir haben Sie es mit Bestechung gemacht und bei der anderen mit Erpressung. Ein feiner Job!“ „Ein mieser Job, aber leider notwendig.“ „Ich will nicht, daß diese Familie in Schwierigkeiten kommt.“ Er antwortete nicht. „Haben Sie gehört, Patters? Damit ist es mir ernst.“ „Wer weiß, wann es zu einem Prozeß kommt“, meinte er schließlich. „Und ob überhaupt? Wer kann das sagen?“ „Wieso denn das?“ „Um Politik kümmern Sie sich nicht allzusehr?“ „Nein.“ „Ich habe es mein Leben lang getan, Yvonne, und der Nazismus ist so etwas wie ein Spezialgebiet von mir. Hängt wohl mit der Arbeit meiner frühen Jahre zusammen. Die bürgerliche Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland hat sich immer schwer getan mit der Abrechnung des Nazismus.“ „Sie meinen wohl, die haben es sich zu leicht gemacht?“ „Oder so! Aber in diesem Fall gibt es vielleicht doch 117
eine Chance. Klemm kann sich nicht auf Befehlsnotstand oder ähnlichen Blödsinn herausreden. Er ist ein gemeiner Mörder, nichts weiter!“ Vor dem Restaurant „Felix“ standen Tische unter einer Markise, und die meisten von ihnen waren frei. Yvonne, die an der frischen Luft bleiben wollte, ließ sich in einer Ecke nieder. Sie bestellten Bouillabaisse, die hervorragend schmeckte, und Wein. Während der Mahlzeit sprachen sie nicht. Sie hingen ihren Gedanken nach, aber im Grunde warteten sie. Madame Carpentier kam auf die Minute pünktlich. Sie glitt schweigend auf den Stuhl, den Patters ihr zurechtschob. „Möchten Sie etwas zu essen?“ fragte er. „Nein, danke!“ „Wir haben hier einen feinen Bordeaux, scheint nicht mal gepanscht zu sein.“ „Nicht bei ‚Felix‘!“ „Möchten Sie von dem?“ „Mir ist alles recht.“ Archie Patters schenkte ihr ein Glas ein. „Ich hoffe nicht, daß Sie Feinde in uns sehen, Madame.“ „Nein, ich hatte ja Zeit zum Überlegen. Aber ich weiß natürlich, daß Sie mich in große Schwierigkeiten bringen werden.“ Patters schüttelte lächelnd den Kopf, reichte ihr eine Schachtel Zigaretten hin, aber sie bestand auf ihren Gouloise. Während er ihr Feuer gab, sagte er: „Ich habe Sie während des Krieges bewundert, Madame! Wir saßen in London in relativer Sicherheit, aber Sie taten es nicht! Ich habe Ihren Mut bewundert!“ „Ich war damals verdammt jung. Und vielleicht hat mich das angenehme Leben inzwischen feige gemacht.“ „Nicht Sie, Madame!“ Archie Patters sagte es mit Überzeugung, und plötz118
lich begann sie zu lächeln. Irgendwie schien das Eis zwischen ihnen brüchig zu werden. „Bevor wir ins Gespräch kommen, Monsieur Patters“, meinte sie, „möchte ich etwas über Ihre Begleiterin erfahren.“ Der Engländer antwortete: „Sie ist die Tochter jüdischer Emigranten.“ Madame Carpentier wandte sich Yvonne zu. „Ich denke, Sie sind Französin, Madame, sagten Sie das nicht?“ „Ich bin in Paris geboren“, erwiderte Yvonne. „So wurde ich französische Staatsbürgerin.“ Und nach einer Pause setzte sie leise hinzu: „Ich bin Französin wie Sie, Marion!“ Die beiden Frauen blickten sich in die Augen. Immer weiter schien das Eis aufzubrechen. „Und was hatten Sie mit dem SS-Führer Klemm zu tun?“ Der Engländer antwortete für Yvonne: „Wir halten ihn für den Mörder ihrer Eltern.“ „Sie meinen, daß er sie deportieren ließ?“ „Nein, wir halten für möglich, daß er sie eigenhändig umbrachte.“ „In den Kellern unter der Gestapo-Leitzentrale?“ „Nein, an der Demarkationslinie.“ Etwas schien in Marion Carpentier aufzuzucken, ein Gedanke, eine Erinnerung, die sie erst einordnen mußte. Schließlich sagte sie leise: „Sie meinen die Fotokopie der Landkarte, die ich Ihnen schickte?“ „Ja.“ Marion dachte nach. „Es ist wirklich lange her, und ich war schließlich froh, als ich es vergessen konnte. Außerdem habe ich damals alles zu Protokoll gegeben. Berge von Akten.“ „Die haben wir nicht mehr zu Gesicht bekommen“, meinte Archie Patters. „Die Sûreté hat uns die Angelegenheit aus den Händen genommen.“ 119
Marion lächelte. „De Gaulle –!“ Patters lächelte ebenso. „Ja!“ „Sie waren auch zu mir nicht besonders nett. Sie haben mir zwar nicht das Haar abgeschnitten, aber einen Orden gaben sie mir auch nicht.“ Sie drückte die Zigarette aus und griff nach einer weiteren. „Er machte viele Reisen damals, seit zweiundvierzig etwa. Er sagte mir immer, er müsse nach Berlin ins Reichssicherheitshauptamt, aber es stimmte wohl in den seltensten Fällen.“ Sie schwieg. „Vielleicht fangen Sie ganz am Anfang an“, bat Archie Patters. „Wie meinen Sie das?“ „Wie Sie ihn kennenlernten, Marion, denke ich. So kommen die Erinnerungen am besten.“ „Am Anfang, ja, ja –!“ Sie schaute auf die Croisette hinaus. Draußen vor dem Restaurant hatte man Rabatten angelegt, die Blumen blühten prächtig unter den hohen Palmen. „Meine Familie stammt aus dem Elsaß, die eine Großmutter war Deutsche. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, sprach deutsch wie meine Muttersprache. Nach dem Krieg habe ich es irgendwie verlernt. Mein Vater hatte eine Exportfirma, seine Geschäfte wickelte er überwiegend mit Deutschland ab. Im vergangenen Herbst ist er verstorben, Gott hab ihn selig. Er war als deutschfreundlich bekannt, ich meine die Zeit vor dem Krieg und auch während des Krieges. Ich war es nicht. Ich war eine glühende Patriotin, wie es sich für einen sehr jungen Menschen gehörte. Meine Gruppe befahl mir, die Gestapo anzugehen. Durch meine Herkunft schienen die Voraussetzungen geradezu ideal zu sein. Ich ließ mich als Spitzel anwerben. Bald darauf lernte ich Klemm kennen, und wenig später lag ich in seinem Bett. Geben Sie mir noch einen Schluck zu trinken!“ Der Engländer füllte ihr das Glas voll, und sie nahm davon. Dann fuhr sie fort: „Ganz so unkompliziert ging 120
es dann allerdings doch nicht ab. Ich hatte eine ziemlich lebhafte Auseinandersetzung mit dem Leiter meiner Gruppe. Er bat mich dringend. Er war selbst ein guter Mann, waghalsig, er schonte sich auch nicht. Ich konnte es ihm also gar nicht abschlagen.“ „Lebt er noch?“ Im Gesicht der Frau stand plötzlich ein feines Lächeln. „Ich weiß es nicht, Monsieur!“ Archie Patters wechselte das Thema. „Wollen wir mal auf Klemm kommen. Was war er für ein Mensch? Auch ein Mörder läuft schließlich nicht immer schiefmäulig herum.“ „Er hatte durchaus Charme.“ „Haben Sie etwas für ihn empfunden?“ „Natürlich, Monsieur! Wie hätte ich ihn sonst nehmen können, über Jahre! Das wäre nicht gegangen. Sie müßten es ohnehin aus dem kleinen Brevier für angehende Spione wissen.“ Archie Patters lächelte nicht über den blanken Zynismus, er blieb eher nachdenklich. „Verstehe!“ „Natürlich verstehen Sie, Monsieur! Und Sie, Yvonne, verstehen Sie es auch?“ „Ich gebe mir Mühe!“ „Scheißpatriotismus!“ Sie griff nach dem Glas und trank einen großen Schluck. Darauf wurde sie wieder sachlich. „Man versucht zu kompensieren! So spielte er zum Beispiel Klavier. Er klimperte nicht nur herum, sondern er spielte großartig. Chopin! Ja – und Tschaikowski! Man stellt sich die Nazigrößen immer mit Wagner vor. Aber er liebte Tschaikowski heiß und innig. Ich glaube, er war reichlich sentimental. Wenn er am Flügel saß, hatte er ein anderes Gesicht. Er wollte mich auch heiraten, er liebte mich wohl wirklich. Nach dem deutschen Endsieg, sagte er, sei die Vermischung von Rassen möglich. Außerdem hätte ich eine deutsche Großmutter.“ „Hätten Sie ihn geheiratet?“ 121
„Natürlich, Monsieur! Und in der Hochzeitsnacht hätte ich ihn mit diesen meinen Händen erwürgt.“ Plötzlich lachte sie auf, laut und ungeniert. Yvonne begriff die widerstreitenden Gefühle der Frau. Irritiert wandte sie sich ab. Das Meer hinter der Croisette war längst in dunkle Nacht gehüllt. Marion Carpentier fuhr fort: „Alles in allem war es eine Profession, um die ich kein Mädchen beneiden möchte. Und mir selbst habe ich auch nur vergeben, weil wir einigen Leuten wirklich halfen. Es gelang, geplante Razzien aufzudecken, manche Personen konnten wir direkt warnen. Ich weiß von welchen, die entkamen. Nach dem Krieg habe ich sie getroffen. Ich glaub’ schon, daß sie mir auch dankbar gewesen wären.“ „Haben Sie es Ihnen denn nicht gesagt?“ „O nein, Monsieur! Nach dem Krieg, als alles publik wurde, habe ich mich sehr geschämt.“ Archie Patters nickte nachdenklich, und eine Weile schwiegen sie. Dann fragte er weiter: „Haben Sie andere SS-Führer aus seiner Umgebung kennengelernt?“ „Ich erinnere mich an zwei, mit denen er privat Umgang hatte. Ich wohnte ja bei ihm und mußte die Hausfrau machen, wenn sie zu Besuch kamen.“ „Handtner, Kodelke?“ „Ich weiß nicht mehr, Monsieur, kann sein. Einer war jedenfalls Arzt. Ich wunderte mich, was der im Judenreferat zu tun hatte. Wahrscheinlich untersuchten sie ihre Opfer, damit sie die Fahrt in die Vernichtungslager überstanden. Die Deutschen sind ja sehr korrekt. Kodelke –? Ja, möglicherweise hieß er so. Die Landkarte, von der Sie vorhin sprachen, fand ich übrigens zwischen Buchreihen. Es war eine Rilkeausgabe, das weiß ich genau. Sehr schöne Gedichte!“ Sie schwiegen, weil der Kellner mit einer zweiten Flasche Bordeaux an den Tisch trat. Sie warteten, bis er eingeschenkt hatte und wieder gegangen war. 122
„Jene Dienstreisen“, fragte Archie Patters dann, „begannen im Jahre zweiundvierzig?“ „So etwa. Und sie hielten an, bis er verschwand. Zur Demarkationslinie also –! Fand man nicht in jener Gegend …“ Sie stockte. „Ja, Madame!“ „Oh, mein Gott!“ Eine ganze Weile schauten sie sich nicht an. Dann griff sie entschlossen nach den Zigaretten und zündete sich eine an. Sie schien sich einen Ruck zu geben. Sie wollte wohl durch die Geschichte, in die sie sich zurückgerissen fühlte, möglichst schnell hindurch. „Eines Tages gelang es mir, seinen Safe zu öffnen. Es lagen Schmuck und Geld darin – und Briefmarken! Ja, so war es! Damals hatten wir Stalingrad erreicht. Schon lange vorher wußte er, daß es eines Tages aus sein würde. Er war alles andere als dumm, müssen Sie wissen. Und karrierebewußt! Schauen Sie mal, er war ja nicht viel älter als ich. Eine dieser schnellen Karrieren, die es manchmal gibt. Man müßte Vorsorge treffen für die Zeit nach dem Krieg, sagte er. Es gäbe viele Länder, in denen es sich leben ließe, und die brauchten nicht einmal in Europa zu liegen. Nach Stalingrad betrank er sich manchmal. Das hatte er vorher nie getan, auch nicht geraucht, plötzlich tat er beides. Einmal lag er im Vollrausch, und da kam ich an seine Schlüssel heran. Ich öffnete den Safe. In einem Lederbeutel fand ich Steine, Edelsteine, die offensichtlich aus ihren Fassungen herausgebrochen waren. Durch meine Familie verstand ich etwas von Schmuck. Die Steine waren von großem Wert. Und dann das Geld! Dollars, englische Pfunde, Gulden und Schweizer Franken. Sehr viele Währungen, außer der französischen und deutschen. Ich weiß nicht, wieviel, aber es muß ein Vermögen gewesen sein. Und schließlich viele alte Briefmarken! Aber davon verstand ich nichts.“ 123
„Was wußten Sie über seine Arbeit?“ „Er war so etwas wie ein Geheimdienstmann, Monsieur! Mehr muß ich Ihnen wohl nicht sagen. Meine Kenntnisse blieben also durchaus an der Oberfläche. Ich wußte aber immerhin, daß er Transporte mit Juden zusammenstellte.“ „Wohin kamen die?“ „Das dürfte Ihnen bekannt sein, Monsieur!“ Plötzlich wurde ihre Stimme eisig. „Was dachten Sie damals, Madame?“ „Er sagte mir, die Juden würden nach Osteuropa ausgesiedelt, wohin sie gehörten.“ „Glaubten Sie ihm?“ „Ja. Was wirklich geschah, war für ein normales Gehirn nicht faßbar.“ „Aber er hat es gewußt?“ „Natürlich!“ „Da sind Sie sicher?“ „Warum hätte er sonst auf diese Weise Vorsorge für sich treffen sollen?“ Sie überlegte einen Moment. „Ich habe eigentlich immer geglaubt, daß er einige Juden laufenließ, reiche natürlich nur. Als Rückversicherung und um Schätze für sich anzuhäufen. Ich hätte nicht gedacht, daß er eigenhändig … Sie haben Beweise dafür?“ „Madame Rosenau ist der Beweis!“ Sie blickte nachdenklich zu Yvonne hinüber. „Verstehe! Und nun lebt er ganz unbescholten? Auf den Fotos, die Sie mir zeigten, sieht er recht bedeutsam aus.“ „Er ist ein großer Mann geworden.“ „Und reich –!“ „Versteht sich!“ „Vom Geld der Leute, die er umbrachte!“ Sie schwieg und starrte lange vor sich nieder. Und dann, ohne den Blick zu heben, sagte sie: „Greifen Sie ihn, Monsieur! Nehmen Sie keine Rücksicht auf mich! Auch nicht auf meine Familie! Mein Mann und ich, wir 124
lieben uns, und in schweren Zeiten muß sich die Liebe beweisen. Ich komme zu Ihrem Prozeß. Und es wird mir eine Ehre sein, mit dem Finger auf ihn zu weisen!“
9. Der Mann in seinem Bett hatte die Straßen genau vor sich, durch die er als Junge gelaufen war. Er sah sie überdeutlich. Nur eins war eigenartig, er hatte alle Namen vergessen. Und er wußte auch nicht, in welcher Gegend der Stadt sich alles abspielte. Aber den Weg zur Hochbahn kannte er genau. Die lag in einer Wohnstraße, wurde von hübschen, modernen Backsteinhäusern eingerahmt. Zwei Fahrbahnen gab es, mit einem grünen Mittelstreifen, auf dem Kastanien standen. Der Junge lehnte an einem dieser Bäume, etwas abseits, gegenüber einer Eckkneipe, in die sein Vater sicher hineingehen würde. Kurz vorm Eingang wollte er ihn abfangen, und er freute sich schon auf das enttäuschte Gesicht. Er wartete lange unter der Kastanie. Jeder Hochbahnzug spuckte Familienväter aus, die von ihren Geschäften aus der Innenstadt heimkehrten. Der Vater kam nicht. Wahrscheinlich hatte er nicht einmal den Weg bis zur Bahn geschafft. Der Junge wollte gerade aufgeben, als er ihn dann doch noch auftauchen sah. Und an diesem Nachmittag steuerte er auch nicht die Wirtschaft an der Ecke an, sondern ging in entgegengesetzter Richtung davon. Er hatte einen energischen, ausholenden Gang, und daran erkannte der Junge, daß der Vater stocknüchtern war. Verblüfft folgte er ihm. Die Wohnstraße war noch etwa zweihundert Meter lang, dann hörte die Bebauung auf. Daran schloß sich ein großes Parkgelände an. Der Mann in seinem Bett erinnerte sich nicht, wie es hieß, aber er sah mit eigentümlicher, gläserner Klarheit 125
die Anlagen vor sich. Bäume und Büsche, Blumenrabatten. Dazwischen Parkwege. Sauber und gepflegt wie alles in dieser Stadt. Ein Wasserturm. Eine Liegewiese, saftiges Grün. Ein Planschbecken mit lärmenden Kindern. Dort standen Bänke, auf denen Mütter saßen und ihren Kindern zuschauten. Auf einer Bank hockte ein Mann allein. Der Vater ließ sich am anderen Ende nieder. Die beiden sprachen nicht miteinander, waren sich also fremd. Der Vater rauchte eine Zigarette, Golddollar, wie der Junge wußte, mit Virginiageschmack. Das war seine Marke. Auf einen Fremden mochte es wirken, als beaufsichtige er eins der Kinder im Planschbecken. Aber der Junge, der vom Rand der Liegewiese her alles beobachtete, wußte, daß es nicht so war. Nach einer Weile stand der zweite Mann auf und ging davon. Der Vater schaute ihm nicht einmal nach, er sog an seiner Golddollar und verfolgte das lärmende Treiben der Kinder. Schließlich warf er die Zigarette fort und erhob sich gleichfalls. Und als er nun zurückkam, sah der Junge, daß er eine schmale Aktentasche bei sich hatte. Er war ohne sie in den Park hineingegangen, und mit ihr kam er zurück. Er folgte ihm in großem Abstand durch die Straßen und schließlich ins Wohnhaus. Sie wohnten Parterre. Er stieg die wenigen Stufen hinauf und lauschte am Briefkasten. Er hörte von innen keine Stimmen. Da ging er die Treppe hinauf bis zum halben Absatz der ersten Etage. Der Vater kam wenige Minuten später aus dem Keller, die Aktentasche hatte er nicht mehr dabei. Sie bewahrten Eingemachtes dort unten auf, allerlei Gerümpel und Briketts. Er fand die Tasche hinter den Kohlen. Und in der Mappe Papiere. Einen ganzen Stoß. Er wußte nicht, was dies alles bedeuten sollte, aber irgendwas begann ihm zu dämmern. Und dann war auch plötzlich der Vater wieder im Keller. Kein Wort folgte, keine Erklärung. Aber auch keine Strafe wegen der Schnüffelei. Der Vater nahm ihm nur ruhig die Tasche 126
fort. Gemeinsam stiegen sie in die Wohnung hinauf. Der Vater legte die Tasche in den Schreibtisch, sperrte aber nicht ab. Der Junge lehnte in der Tür und schaute zu. Dann ging der Vater an ihm vorbei an sein Abendessen. Der Junge wußte, daß der „Antonio Delfino“ zwei Tage später vom Kai ablegen würde. Mit diesen Papieren in der schmalen Aktentasche? An dieser Stelle brach jede Erinnerung ab. Alles, was darauf geschah, war in Dunkel gehüllt. Und die Geschichte mußte ja Folgen gehabt haben, denn dieses Treffen im Park und das Verstecken jener Aktentasche hinter den Kohlen sah verdammt nach Konspiration aus. Und mit Leuten, die sich solcher Vergehen schuldig machten, fackelten die Nationalsozialisten nicht lange, deren Kopf fiel unter dem Beil. Der Kopf seines Vaters auch? Er wußte es nicht, sosehr er sich auch das Hirn zermarterte. Hatte er den Vater angezeigt? Möglich war es. Jeder war damals verpflichtet, solche Verbrechen zu melden, und Rücksichten auf die eigene Familie gab es nicht. Hatte er es getan? Er erinnerte sich nicht. Er spürte nur dumpf, daß er den Vater seit jenem Tag nicht wiedergesehen hatte. An diesem Vormittag erschienen gegen zehn Uhr statt der jungen Assistentin Professor Liebscher und der Pfleger Müller. Aufgekratzt kam der Arzt herein. „Heute ist ein wichtiger Tag, David!“ sagte er. „Wir werden die Verbände abnehmen und gucken, wie es darunter aussieht. Wie haben Sie geschlafen, mein Freund?“ „Gut!“ Es stimmte sogar, zumindest teilweise. Zwar hatte er diesen Traum wieder gehabt, aber kurz darauf war er erneut und irgendwie befreit fest eingeschlafen. Wahrscheinlich aus Erleichterung, weil er es hinter sich gebracht hatte. Denn der Traum kam regelmäßig jede 127
Nacht, wiederholte sich auf die gleiche Weise. Jedesmal mußte er als David Rosenau durch den Wald laufen und die schweren Koffer tragen. Er empfand die gleiche Angst um Esther, die ihm immer vertrauter wurde. Er sah sie niederknien und hielt ihre Hand und sagte jene sanften Worte. Darauf folgte der Schuß. Er fühlte sich emporgenommen und flog dem Mond entgegen. Der Mond verwandelte sich in ein Flammenmeer, das sich plötzlich unter ihm befand, und er stürzte mitten hinein. Darauf hörte er sich sprechen und wußte doch gleichzeitig, daß es die Stimme eines Toten war. Das war alles schlimm genug, aber der Schluß des Traums bot noch einmal eine grauenhafte Steigerung. Er wollte sich umdrehen, um in das Gesicht des Schützen zu blicken. Aber hinter ihm stand niemand mehr. Er hatte es selbst getan! Und in das Gesicht des Mörders konnte er nicht sehen! „Was macht der alte Schädel, David?“ hörte er Professor Liebscher fragen. „Sind wir auch da schmerzfrei wie in den vergangenen Tagen?“ „Völlig!“ Das war eine Lüge! Denn natürlich hatte er Schmerzen. Aber er gab es nicht mehr zu. Wie ein Gefangener lag er in dieser Klinik, mit den Verbänden um den Kopf und dem aufgehängten Bein im Streck. Er sprach im Schlaf, und ihn peinigte der Gedanke, jemand könnte es anhören und ihn verraten. Professor Liebscher setzte sich auf die Bettkante, und der Pfleger reichte ihm eine Schere. Der Mann fühlte zwei scharfe Schnitte in der Gegend seiner Schläfe, und dann fielen die Binden. Dabei plauderte der Arzt: „Ich hab’s Ihnen ja schon gesagt, David, daß wir uns bei dem dämlichen Sturz den Schädel aufgeschlagen haben. Aber der äußere Schaden war niemals prekär, ist auch inzwischen ganz verheilt, wie ich sehe. Und das andere Handicap, das ein wenig tiefer sitzt, dem kommen wir auch 128
noch bei. Sie sind ja in guten Händen, mein Freund, und können sich auf mich verlassen.“ Der Mann schaute Professor Liebscher an. Was wußte der schon von seiner Angst! Oder wußte er etwas? Er mußte auf der Hut sein, nur so würde er davonkommen. Der Arzt sagte weiterhin fröhlich: „Wollen wir uns nun mal Ihre Nase anschauen, David? Was meinen Sie?“ Der Mann fühlte einen heftigen Schmerz, als das Pflaster abriß, und verzog das Gesicht. „Ist schon vorbei, David“, beruhigte ihn Professor Liebscher. Mit den Mullagen darunter ging er vorsichtiger um. Er warf sie in eine Schale, die ihm der Pfleger reichte, dann beugte er sich zurück und sah seinem Patienten aufmerksam ins Gesicht. „Wirklich hübsch, David! Eine niedliche kleine Nase haben wir da, alles gut abgeheilt.“ „Geben Sie mir einen Spiegel!“ sagte der Mann. Wieder wunderte er sich über seinen befehlsgewohnten Ton. Professor Liebscher schüttelte den Kopf. „Warum nicht?“ „Es wäre nicht gut, David!“ „Warum nicht?“ Der Arzt überlegte einen Moment. „Haben Sie eine Vorstellung davon, wie Sie aussehen, mein Freund?“ Der Mann schaute ihn zweifelnd an. „Bitte! Ich möchte, daß Sie sich von innen her zum ersten Mal wiedersehen. Und das geschieht in dem Augenblick, sobald Ihr Erinnerungsvermögen zurückgekehrt ist.“ Es war irgendwie einleuchtend. Und dennoch fühlte sich der Mann unzufrieden. Außerdem wurde auch der Kopfschmerz wieder bohrender, und er wagte nicht, um ein Medikament zu bitten. Er fragte mißgelaunt: „Was ist mit meinem Bein?“ Der Arzt verstand ihn nicht. „Wieso? Was soll damit sein?“ 129
„Wann kommt der Streck ab?“ Professor Liebscher lächelte. „Nun, da müssen Sie sich noch vierzehn Tage gedulden.“ „Ich scheine keinerlei berufliche Verpflichtungen zu haben“, nörgelte der Mann. „Ihre Geschäfte sind bei dem Arbeitsteam, das Herr Wilhelm anleitet, in guten Händen, David! Er sagt es, und soweit ich es beurteilen kann, stimmt es auch.“ „Warum kommt der Mann niemals her?“ „Weil ich es ihm verboten habe! Sie müssen erst einmal gesund werden, das ist zur Zeit Ihre Aufgabe!“ Der Professor ging zur Tür, dort wandte er sich lächelnd um. „Ich schaue nachmittags noch einmal herein.“ Die Tür fiel ins Schloß. Dieses stereotype Lächeln und diese beruhigenden Worte machten den Mann erst wirklich krank. Er beobachtete den Pfleger, der auf leisen Sohlen durchs Zimmer strich und Binden, Pflaster und Verbandmull zusammenräumte und in den Abfalleimer warf. Der Mann öffnete die Lade an seinem Nachtschränkchen. Unter dem Kuvert mit den mexikanischen Marken lag seine Brieftasche, und in der befand sich ein Bündel Banknoten, alles Hunderter, genau 1 800 Mark. Vor ein paar Tagen hatte er es in der Hand gehabt und nachgezählt. Damals hatte er sich gewundert, weshalb er eine solche Menge Geld mit sich herumschleppte. Er mußte es bei dem Unfall dabei gehabt haben. Wahrscheinlich hatten sie den Anzug in den Schrank gehängt und die Brieftasche in die Schublade gelegt. Er zog einen der Hunderter hervor und legte ihn auf die Bettdecke. Der Pfleger war inzwischen mit seiner Arbeit fertig und wandte sich zur Tür. Der Mann sagte: „Heinz!“ Der Pfleger blieb stehen. „Ja, Herr Rosenau?“ „Ist das viel Geld?“ Der Mann wußte es wirklich nicht genau. „Ich muß eine Weile dafür arbeiten“, antwortete der Pfleger. 130
„Es gehört Ihnen!“ „Aber, Herr Rosenau –?“ Der Pfleger Müller kam langsam näher und blieb am Fußende des Bettes stehen. Zwischen ihnen befand sich das aufgehängte Bein und der Hundertmarkschein. „Ich will, daß Sie mir einen Spiegel bringen!“ Heinz Müller starrte das Geld an. „Das kann ich nicht machen, Herr Rosenau! Sie haben gehört, was der Professor gesagt hat.“ „Quatsch! Wir sind schließlich keine kleinen Kinder!“ Der Pfleger konnte keinen Blick von dem Geld lassen. Der Mann griff noch einmal in die Tasche und legte einen zweiten Schein daneben. „Wie soll ich denn so rasch an einen Spiegel kommen, Herr Rosenau?“ „Nehmen Sie den vom Waschbecken!“ Noch immer zögerte der Pfleger. „Nun aber endlich los, verdammt noch mal!“ Das war ein scharfer Befehl. Müller zuckte zusammen, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte zum Waschbecken. Der Mann beobachtete, wie der Pfleger den Spiegel herunternahm und zurückkehrte. Nah vor dem Bett blieb er stehen. In dem Augenblick, als er ihn herumdrehte, schloß der Mann die Augen. Plötzlich überfiel ihn Furcht. Und der Schmerz hinter seinen Schläfen wurde so bohrend, daß er ihn kaum ertragen konnte. Sehr lange, wie ihm schien, hielt er die Augen geschlossen. Er mußte an den nächtlichen Traum denken und an das Gesicht des Mörders. Dann hob er die Lider. Minutenlang blickte er in den Spiegel. Daraus sahen ihn völlig fremde Züge an. Diesen Mann, der ihn da anstarrte, das wußte er genau, hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen.
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10. Die Assistenzärztin Doktor Ellen Reinhardt beobachtete die Abfahrt des Professors vom Fenster aus. Es war früher Nachmittag. Der Pfleger Müller chauffierte den Chefarzt, das tat er immer, wenn Liebscher in die Stadt fuhr. Sie wußte, daß sie mindestens zwei Stunden lang Zeit haben würde. Das Fenster, von dem Sie der Abfahrt zusah, befand sich in der Ordination des Professors. Natürlich durfte sie sich in dem Raum nicht aufhalten, deshalb ging sie zur Tür und drehte den Schlüssel im Schloß herum. Etwas stimmte nicht an dem Krankheitsbild des Industriellen David Rosenau. Sie wußte nur noch nicht genau, was. Schon die Ankunft vor beinahe vierzehn Tagen gestaltete sich mysteriös; es war am späten Abend gewesen, und sie wollte gerade das Haus verlassen. Professor Liebscher und der Pfleger Müller brachten den Verunglückten im Mercedes des Arztes. Sie trugen ihn durch die Halle, in der nur noch die Nachtbeleuchtung brannte. Man konnte kaum etwas erkennen. Sie wollte mit anfassen, aber Liebscher lehnte ab. Sie kämen allein zurecht, sagte er. Er schickte sie also nach Hause, obwohl es ihr zugekommen wäre, ihm zu assistieren, und nicht dem Pfleger Müller. Das ganze Ausmaß des Unfalls erfuhr sie am nächsten Vormittag. Der Verunglückte hatte sich den Oberschenkel gebrochen, und neben den äußeren Verletzungen an Schädel und Nase handelte es sich immerhin um eine Contusio cerebri. Dies wurde ihr eröffnet, als Professor Liebscher sie zu sich rufen ließ. „Eine Hirnquetschung“, hatte sie gesagt und ein bedenkliches Gesicht gemacht. „Können Sie die hier behandeln?“ Und der Professor erwiderte: „Als wir es gesichert diagnostizierten, trauten wir uns nicht, ihn nach Eppendorf zu transportieren.“ 132
„Wir?“ fragte Ellen. Sie dachte daran, daß der Professor den Patienten unter der Assistenz des Pflegers verarztet hatte. Liebscher lächelte. „Ich habe noch in der Nacht Professor Schöller aus Eppendorf hergebeten. Er ist Neurologe. Auch er riet wegen des Allgemeinzustandes von einer Verlegung ab, zumindest in den ersten Tagen.“ „Das Herz –?“ „Ja.“ Ellen Reinhardt erinnerte sich. Der Geschäftsmann Rosenau kam regelmäßig in die Klinik, um eine EKGKontrolle vornehmen zu lassen. Und der Chefarzt war mit dem Ergebnis selten zufrieden, besonders dann nicht, wenn der Mann gerade aus Brasilien heimkehrte. Professor Liebscher fuhr fort: „Wenn er die nächsten Tage übersteht, hat er eine Chance durchzukommen. Sie ist zwar nicht besonders groß, aber er hat sie. Außerdem will Professor Schöller täglich hereinschauen.“ Es entstand eine Pause, in welcher der Chefarzt seine Assistentin nachdenklich ansah. Die Augen hinter den getönten Brillengläsern wirkten eigentümlich leblos. Schließlich sagte er: „Ich denke mir, Ellen, daß ich mich auf Sie verlassen kann.“ „Natürlich, Herr Professor.“ Sie fühlte sich hilflos unter seinem Blick. „Sie sind schon eine ganze Weile in der Klinik, und ich möchte Sie nur zu gern bei mir halten. Aber ich weiß, daß Sie nach Flensburg zurück wollen, um sich dort niederzulassen. Der Tag ist vielleicht sehr viel näher gerückt, als Sie es für möglich halten.“ Ellen lächelte. Es stimmte schon, der Professor wollte sie bei der Einrichtung einer eigenen Praxis unterstützen. Aber diese Hilfe war an die Bedingung geknüpft, zu dem alten Mann ins Bett zu steigen. Und das hielt sie nicht für die Grundlage, auf die sie ihren beruflichen Aufstieg stellen wollte. 133
Professor Liebscher deutete ihr Lächeln richtig und sagte geschäftsmäßig: „Herr Rosenau wird sich erkenntlich zeigen, wenn Sie tun, was wir Ihnen sagen.“ „Und was verlangen Sie von mir?“ „Niemand soll erfahren, daß dieser Patient in unserer Klinik liegt.“ Ellen sah den Chefarzt verständnislos an. Der Professor erklärte: „Es ist ganz einfach, Ellen! Rosenau besitzt Werke in Südamerika und hier. Dabei handelt es sich um weitverzweigte Unternehmen. Wenn nur das Geringste durchsickert, daß der Industrielle im Sterben liegt – und das tut er ja, leider –, würde es zu einer Katastrophe an der Börse führen. Der arme Mann könnte eines Tages aus dem Koma aufwachen und sich ruiniert finden. Das muß zunächst verhindert werden. Verstehen Sie, Ellen?“ „Ja.“ „Nur drei Personen im Klinikbereich werden überhaupt wissen, daß sich der Patient hier aufhält, nämlich ich, unser Heinz Müller und Sie. Wenn es dabei bleibt, soll es Ihr Schaden nicht sein.“ Sie verließ den Chefarzt an jenem Vormittag reichlich verwirrt. Einmal des Patienten wegen, zum anderen wegen der eigenen Aussichten, die ihr eröffnet wurden. Als sie durch die Halle schritt, kam ihr der Gedanke, sie habe von Rosenaus Aufenthalt nur deshalb etwas erfahren, weil sie zufällig Zeuge seiner Ankunft wurde. Der Patient erholte sich erstaunlich rasch. Bereits drei Tage später befand er sich außer Lebensgefahr, zumindest das Herz hatte die Hürde genommen. Das Koma wurde vom deliranten Syndrom abgelöst, in dem sich Bewußtseinstrübung, Desorientiertheit und psychomotorische Unruhe zeigten. Alles nicht mehr sehr dramatisch. Man wußte zwar noch nicht, ob die Symptome der Contusio reparabel waren, aber akute Lebensgefahr bestand nicht mehr. Insgesamt also ein ziemlich günstiger Verlauf. 134
Und trotzdem, irgend etwas stimmte nicht! Zuerst war es nicht mehr als ein Gefühl in ihr. Es entstand, als sich zwei Personen Zutritt zu dem abgeschirmten Industriellen verschafften. Ein englisch wirkender Mann, er sprach mit Akzent, und dessen wesentlich jüngere Begleiterin, die sich für die Tochter des Herrn Rosenau ausgab. Und es zweifellos doch nicht war! Damals hatte sie das seltsame Gefühl, der Patient habe sich aus Furcht vor seiner angeblichen Tochter ins Krankenbett gelegt. Ein Mann auf der Flucht sozusagen! Wenn es so war, mußte die Krankheit vorgetäuscht sein. Dem widersprachen jedoch die Symptome, und in der Art und Weise, wie sie auftraten, konnte Rosenau sie nicht simulieren. Nein, der Patient zeigte schon eine delirante Symptomatik. Aber trotzdem stimmte etwas nicht! Denn niemals ließ sich Professor Schöller hier blicken. Das war jener Neurologe, der jeden Tag einmal hereinschauen wollte. Schließlich raffte sich Ellen Reinhardt auf und wälzte das Hamburger Telefonbuch. Es standen acht Schöller darin, und einer von ihnen wies sich auch als Doktor aus. Aber als sie dort anrief, stellte er sich als wissenschaftlicher Assistent der theologischen Fakultät vor. Nun wollte sie es ganz genau wissen. Sie klingelte direkt in der neurologischen Klinik von Hamburg-Eppendorf an und erhielt endlich die Auskunft, die sie brauchte. Ein Professor Schöller existierte gar nicht. Im Grunde bestätigte dieser Anruf ihr Gefühl und auch die Wahrnehmungen, die sie von dem Patienten selbst gemacht hatte. So klagte er ständig über Kopfschmerzen, zumindest tat er es noch bis vor wenigen Tagen. Und als er damit aufhörte, glaubte sie ihm nicht. Warum gab er sie nicht zu? Sie gehörten ja zu dem Krankheitsbild, und sie spritzte ihn deswegen jeden Abend, damit er ruhige Nächte hätte. Der Pfleger Müller zog die Spritzen auf und schob die leere Ampulle über die Kanüle. 135
Stimmte etwas nicht mit dem Medikament oder seiner Dosierung? Als sie es zuerst beobachtete, damals hatte sie lediglich ein ungutes Gefühl, noch keinen Verdacht, sprach sie mit Professor Liebscher darüber. Er beruhigte sie. Sowohl das Medikament als auch die Dosierung seien richtig! Natürlich, er hatte es ja so verordnet. Sie hätte sich die Zunge abbeißen mögen. Einmal, als sie Nachtdienst hatte, kontrollierte sie die Wirkung des Medikaments. Sie trat ins Zimmer und sah Rosenau im Bett sitzen und die Nachtlampe über der Tür anstarren. Er erkannte sie nicht. Er sprach laut. Vom Mond war die Rede, von Schüssen und vom Ausziehen. Typisch Mann! Es waren alle Symptome des deliranten Syndroms vorhanden: Desorientiertheit, psychomotorische Unruhe, Angst und Halluzination. Bestes Demonstrationsmaterial für das, was sie in den letzten Tagen über die Contusio cerebri nachgelesen hatte. Nur hätte das Medikament, das sie ihm vor dem Einschlafen gegeben hatte, diese Unruhe dämpfen müssen! Zum anderen klagte er niemals über sein Bein. Dabei war der Oberschenkel gebrochen und hätte heftig schmerzen müssen. Auch bei der Behandlung des Bruches irritierte sie etwas. Es war kein Nagel durch die Ferse geschlagen worden, um das Bein ruhig zu legen. Der Professor hatte den Fuß mit Leukoplast umwickelt und daran die Schnüre zur Aufhängevorrichtung befestigt. Eine reichlich veraltete Methode. Sie hatte kopfschüttelnd davorgestanden. Und wieder einmal hatte sie sich gefragt, wie der Professor zu seinem Ruf und dem exklusiven Patientenkreis gekommen war. Nein, sie hatte ernste Zweifel an den Künsten dieses Medizinmannes, und das schien ihr ein Grund mehr zu sein, daß sie schleunigst nach Flensburg und in die eigene Praxis kam. Die Assistenzärztin Doktor Ellen Reinhardt hatte alle Röntgenaufnahmen, die sie entdecken konnte, auf dem Schreibtisch sortiert und durchgelesen. Diese Arbeit dau136
erte etwa zwanzig Minuten. Es waren ganze Stöße, aber Aufnahmen vom Patienten David Rosenau fanden sich nicht darunter. Das konnte nur eins bedeuten! Der Industrielle David Rosenau war nicht geröntgt worden. Weder sein Schädel noch das Bein! Im ersten Augenblick kam es ihr ganz ungeheuerlich vor, aber dann begann sie zu verstehen. Der Mann befand sich wirklich auf der Flucht, möglicherweise vor jenem Engländer und dessen Begleiterin, und die Contusio wurde vorgetäuscht. Und jene Nacht, in der sie in sein Zimmer kam und ihn phantasieren sah? Er war nicht ansprechbar gewesen, und er hatte alle Symptome eines deliranten Syndroms gezeigt. Ja, natürlich, auch das medizinische Personal mußte getäuscht werden, also der Pfleger Müller und sie selbst. Nein, der Müller nicht, der hatte eine recht eigenartige Vertrauensstellung in dieser Klinik und mußte eingeweiht gewesen sein. Konnte man aber eine Contusio überhaupt simulieren? Ellen Reinhardt überlegte lange. Dabei wanderte sie im Raum hin und her. Sie hatte starkes Bedürfnis zu rauchen, aber sie versagte es sich, denn der Professor war Nichtraucher und könnte es später merken. Dann stand sie eine Weile am Fenster und sah hinaus. Psilocybin, dachte sie! Oder Meskalin! Das waren Psycholytika, die Halluzinationen und Visionen, auch Störungen im Raum- und Zeitempfinden hervorriefen. Sie hatte dem Patienten also niemals Beruhigungsmittel, sondern immer Phantastica gespritzt. Dieser Müller, der die Spritzen aufzog, mußte jedesmal eine falsche leere Ampulle über die Kanüle geschoben haben. So bekam alles seinen Sinn. Und doch nicht! Es kam ihr alles zu abenteuerlich vor. Wieso sollte sich ein Mann wie Rosenau den Strapazen einer Pseudocontusio aussetzen. Da mußte es auch andere Wege geben, wenn er fliehen wollte. Zum Beispiel im Flugzeug nach 137
Hongkong. Eine Gegend, die sie sich gern einmal angesehen hätte. Höchst unzufrieden räumte Ellen Reinhardt die Röntgenaufnahmen in den Karteischrank zurück. Dann machte sie sich an die Krankenblätter. Sie hatte in den letzten Tagen mehrfach den Herzbereich des Patienten abgehört. Dabei war ihr der hebende Herzspitzenstoß und ein lautes systolisches Geräusch über der Herzspitze aufgefallen. Wahrscheinlich hatte Rosenau als Jugendlicher eine akute rheumatische Erkrankung durchgemacht und davon den Herzklappenfehler zurückbehalten. Die Krankenblätter fand sie übrigens rasch, und auf den ersten Blick schienen die auch sorgfältig geführt worden zu sein. Es handelte sich um mehrere Karteikarten. Die erste Eintragung stammte noch aus dem Jahre 1962. Sie zog sich mit den Blättern in den bequemen Sessel des Chefarztes zurück und begann zu lesen. Die Beschwerden des Patienten wurden ausführlich beschrieben, darauf folgte die erste Diagnose durch Professor Liebscher. Es waren auch die Ergebnisse der jeweiligen EKGs beigefügt. Zunächst verstand es die Assistenzärztin Doktor Ellen Reinhardt überhaupt nicht. Sie starrte auf die Karteikarten, wendete sie hin und her. Dabei spürte sie, wie sie immer blasser wurde. Sie mußte mehrmals schlucken, weil ihre Kehle ganz ausgetrocknet war. Sie ließ die Blätter sinken. Eine Weile lang saß sie untätig hinter dem Schreibtisch. Dabei begann ihr allmählich etwas zu dämmern. Und schließlich hatte sie die Lösung gefunden. Auf einmal wußte sie, wie abenteuerlich es auch scheinen mochte, wie sich alles abgespielt hatte.
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11. Der Mann sah die spitze Nadel auf sich zukommen. Sie war besonders fein, und er glaubte den Einstich schon lange vorher zu spüren. Er wollte die Spritze nicht, weil er die Nacht und die Träume, die sie brachte, fürchtete. Aber er wagte nicht zu protestieren. Wie hypnotisiert starrte er auf die Nadel, die sich seinem Arm näherte. Und dann geschah etwas Merkwürdiges. Kurz bevor sie die Haut berührte, wurde die Spritze angehalten. Der Mann hob den Blick. Nah vor seinem Bett saß die junge Assistenzärztin. Ihre Augen waren eindringlich auf ihn gerichtet, und dann formten ihre Lippen Worte. Sie taten es lautlos, aber er verstand sie. Es bedeutete etwa: ‚Sagen Sie nichts! Bleiben Sie ganz still!‘ Hinter der Ärztin stand der sympathische Pfleger Heinz Müller; den Einstich der Nadel konnte er aber nicht wahrnehmen, weil sie ihm den Blick darauf mit dem Rücken verwehrte. Und dann fühlte der Mann, wie Flüssigkeit an seinem Arm herunterlief. Die Ärztin hatte den Inhalt in die Luft entleert. Sie streifte den Pyjamaärmel herunter und erhob sich. „Fertig!“ sagte sie. Sie reichte dem Pfleger die Spritze und beobachtete, wie er sie zusammen mit der leeren Ampulle, die er die ganze Zeit über gut sichtbar gehalten hatte, auf einem Tablett ablegte. Die Ärztin fragte: „Wer macht heute nacht Bereitschaft?“ Der Pfleger antwortete: „Der Professor.“ „Und Sie, Herr Müller?“ „Ich will mal ins Kino.“ „Was sehen Sie?“ „ ‚Den letzten Tango von Paris‘!“ Ellen Reinhardt schien zu überlegen. „Ist das nicht mit dem Marlon Brando?“ 139
„Ja. Aber da spielt noch eine junge Schauspielerin mit, die soll nicht ohne sein. Oder besser gesagt: Mit sehr viel ‚ohne‘!“ Der Pfleger grinste. „Schneider heißt sie.“ „Hab’ davon gehört. Am liebsten würde ich mitkommen.“ Der Pfleger schaute sie überrascht an, so freundliche Worte hatte er lange nicht von der jungen Frau gehört. „Warum tun Sie es nicht?“ „Wenn Sie es nur früher gesagt hätten, Herr Müller! Leider habe ich eine andere Verabredung.“ Die Ärztin sah den Mann im Bett nicht an, aber er spürte, daß sie mit dieser Verabredung ihn meinte. Die beiden wünschten ihm eine ruhige Nacht, dann verließen sie das Zimmer. Eine ruhige Nacht! Der Mann wurde von neuen Ängsten geschüttelt, seit er in den Spiegel gesehen hatte. Sein Gesicht – das Gesicht des Mörders – war ihm völlig fremd! Wie kam es nur, daß es nicht die leiseste Erinnerung weckte? Er fragte sich ernsthaft, ob er verrückt geworden war. Und bei allem durfte er sich nichts anmerken lassen. Das gelang nur teilweise. Als sich Professor Liebscher am Nachmittag an sein Bett setzte, blieb er einsilbig. Er konnte nicht reden. Beim Abendbrot hatte er keinen Appetit, aber er aß! Sogar reichlich! Er mußte zu Kräften kommen! Und dann erschien die Ärztin mit der Spritze, und das Unfaßbare geschah! Sie gab ihm die Injektion nicht. Der Mann rätselte, was das zu bedeuten hatte. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Die Zeit verrann, in der er hilflos im Bett lag. Und wach! Sonst wurde er nach der Spritze schnell schläfrig und dämmerte ein. Doktor Ellen Reinhardt erschien gegen neun Uhr, sie hatte noch ihren Kittel an. Sie schloß behutsam die Tür und lehnte sich dagegen. Sie schauten sich in die Augen. „Warum haben Sie mich nicht gespritzt?“ brachte der Mann endlich hervor. 140
„Später, Herr Rosenau! Wie fühlen Sie sich?“ „Gut!“ Das entsprach der Wahrheit. Er fühlte sich seltsam wach, auch erleichtert. Trotz alledem! Und er spürte nicht den geringsten Kopfschmerz. „Der Professor sitzt über seinen Büchern, Geschäftsbüchern – seine liebste Lektüre. Und über französischem Kognak, den er nicht minder liebt. Ich denke, wir haben nichts zu befürchten von ihm. Wir müssen miteinander reden, Herr Rosenau!“ Sie zog einen Stuhl neben sein Bett und setzte sich. Aus der Kitteltasche nahm sie ein Päckchen Zigaretten. „Stört es Sie, wenn ich rauche?“ Er schüttelte den Kopf, sah zu, wie sie die Zigarette anzündete und den Rauch einsog. Plötzlich sagte er: „Ich möchte auch eine!“ Ellen Reinhardt reichte sie ihm und hielt Feuer gegen das Ende. Zum Glück lag er im Bett, weil ihn der erste Zug glatt umgeschmissen hätte. Fast augenblicklich fühlte er kalten Schweiß auf der Stirn. Er schloß die Augen. „Ich bin eine schlechte Ärztin“, hörte er sie sagen, „denn natürlich dürfen Sie in Ihrem Zustand nicht rauchen.“ Er hob die Augenlider und sah sie an. Auf ihrem Gesicht erschien ein merkwürdiges Lächeln. „Lassen Sie mal“, sagte er und nahm einen weiteren Zug. „Mit dem geht es schon besser.“ „Wahrscheinlich sind Sie starker Raucher!“ „Ja, wahrscheinlich!“ erwiderte er. Sie beobachtete, wie er einen dritten und vierten Zug machte und dabei vorsichtig inhalierte. Sie lächelten beide, und ein bißchen hatte er das Gefühl, als seien sie Verschwörer. Und dann sagte die Assistenzärztin Doktor Ellen Reinhardt: „David Rosenau hat niemals geraucht!“ Es entstand eine lange Pause, in der sie sich anstarr141
ten. Der Mann führte die Zigarette an die Lippen und zog noch einmal daran. Sie tat ihm wirklich nicht gut, merkte er, aber gleichzeitig wußte er auch, daß er immer geraucht hatte. Die Ärztin fuhr fort: „David Rosenau durfte es wegen seiner Angina pectoris nicht, aber das brachte keine Probleme für ihn. Er ist nämlich immer Nichtraucher gewesen. Sie verstehen, was ich damit sagen will?“ Der Mann schüttelte den Kopf. Und Ellen Reinhardt spürte, daß er es wirklich nicht wußte. Dann sagte sie: „Sie sind nicht David Rosenau!“ Darauf nahm sie ihm die Zigarette fort, drückte auch die eigene aus und warf die Enden nebst der Asche in den Abfalleimer. Dann öffnete sie das Fenster und ließ frische Luft herein. Einige Minuten, deren Sekunden lang und schwer vorübertickten, blieb sie dort und atmete tief ein und aus. Der Mann in seinem Bett tat es auch. Endlich schloß sie das Fenster und setzte sich ans Bett zurück. Wieder schauten sie sich an, und immer noch fiel kein Wort. Dann sagte Ellen Reinhardt: „Ich bin ebenso hilflos wie Sie, Herr … Rosenau! Ich kenne Sie recht gut, denn Sie kamen oft her, um ein EKG machen zu lassen. Der Professor hat mich zwar niemals da rangelassen, will sagen, er hat Sie immer selbst behandelt, aber ich habe Sie doch oft gesehen. Seit drei Jahren etwa, solange arbeite ich in dieser Klinik. Bis heute nachmittag hätte ich jeden Eid geschworen, daß Sie Rosenau sind.“ „Und nun nicht mehr?“ „Nein!“ „Warum nicht?“ „Weil David Rosenau an Angina pectoris leidet, darum nicht!“ Der Mann antwortete spontan: „Bei mir stimmt etwas mit der Herzklappe nicht!“ 142
„Daran erinnern Sie sich?“ Der Mann nickte. „Und woran noch?“ „An sehr wenig!“ „Keine Spur, wie es zu dem Unfall kam?“ „Ich stürzte in meinem Haus die Treppe hinab!“ „Das hat man Ihnen gesagt!“ Der Mann nickte. „Wie sieht es aus in Ihrer Villa?“ „Ich weiß es nicht!“ Sie sah ihn forschend an. Der Mann wiederholte: „Ich habe wirklich keinen blassen Schimmer!“ „Sie stürzten also, schlugen sich Nase und Schädel auf. Und Sie brachen sich den Oberschenkel.“ Sie sahen beide zu dem aufgehängten Bein hin. Und schwiegen. Dann zog die Ärztin eine Schere aus der Kitteltasche und näherte sich den Schnüren, die zur Aufhängevorrichtung führten. Der Mann folgte gebannt ihren Bewegungen. Er war unfähig, etwas zu sagen, er konnte sich nicht einmal bewegen. Er schaute nur wie hypnotisiert zu, was sie tat. Mit zwei energischen Schnitten durchtrennte sie nämlich die Stricke, und sein Bein fiel auf das Bett herunter. Es war wie bei einem Zaubertrick im Variete. Und doch handelte es sich um die Wirklichkeit, und die schmeckte reichlich bitter. Der Mann spürte es an seinem Bein, in das der Schmerz hineinfuhr. Auf dem Gesicht der Ärztin erschien so etwas wie Unsicherheit, beinahe Angst. „Tut es weh?“ fragte sie. „Ja –!“ stöhnte der Mann. „Wo?“ Der Mann, der nun aufrecht im Bett saß, faßte mit beiden Händen gegen die Wade. „Hier!“ „Es klopft?“ „Ja.“ 143
„Das ist normal“, meinte sie erleichtert. „Es ist das Blut, das wieder voll zirkuliert. Und der Oberschenkel?“ „Nichts! Ich habe immer wieder gesagt, daß ich dort keine Schmerzen habe.“ „Ja, und deshalb wollte ich mir heute mal die Röntgenaufnahmen anschauen. Es existieren aber keine. Ganz unwahrscheinlich bei einem Oberschenkelbruch. Es kann nur bedeuten, daß Ihr Bein niemals gebrochen war.“ Der Mann hockte verschreckt da und konnte nicht antworten. „Weshalb haben die das mit Ihnen gemacht? Es sieht aus, als ob man Sie möglichst unauffällig ans Bett fesseln wollte. Warum? Und wieso liegen Sie überhaupt hier?“ Der Mann starrte auf sein Bein, das sich heiß anfühlte. Das Blut in den Adern schien zu kochen. Mit gepreßtem Atem sagte er: „Möglicherweise bin ich hier, weil Rosenau ein Verbrecher ist.“ Aber dann fiel ihm ein, daß die nächtlichen Angstträume ja nicht die von David Rosenau, sondern seine eigenen waren. Nicht Rosenau, er war der Verbrecher! Und gleichzeitig sah er sich im Stadtpark hinter seinem Vater herschleichen. Ja – Stadtpark hießen die Anlagen, plötzlich fiel es ihm ein. Aber wo lag der? Wo genau in der Stadt? Den Vater mit der Aktenmappe, den er dort verfolgte, hatte er ihn angezeigt? Ja, er hatte es! Er glaubte es auf einmal ganz sicher. Er war der Verbrecher, nicht Rosenau, er allein! „Ich verstehe das alles nicht“, hörte er die junge Frau sagen. „Sie müssen ein Doppelgänger sein. Aber so etwas von Ähnlichkeit gibt es eigentlich nicht.“ Sie starrten auf das Bein, an dem der Mann herumrieb. „Tut es sehr weh?“ „Ja.“ „Wir lassen morgen eine Masseuse kommen.“ 144
„Morgen –?“ Der Mann lachte laut auf, trotz seiner Schmerzen. „Glauben Sie, daß der Herr Professor mit dieser Therapie einverstanden sein wird?“ Sie sah ihn entsetzt an. Zum ersten Mal schien sie sich zu fragen, wie es weitergehen sollte. Der Mann sagte: „Ich muß verschwinden! Schnellstens!“ „Sie werden nicht laufen können!“ „Ich muß!“ Sie nickte. Dann begann sie mit leichten Bewegungen über das Bein zu streichen. Ihre Griffe wurden fester, bis er es schließlich kaum noch aushielt. „Sie müssen einen Bruder haben“, sagte sie dabei. „Und zwar einen Zwillingsbruder, ein gewöhnlicher reicht bei weitem nicht. David Rosenau und Sie müssen Zwillinge sein. Haben Sie einen Bruder?“ „Ich weiß es nicht.“ „Verdammt noch mal!“ Sie hielt erschöpft ein. „Irgendwelche Erinnerungen müssen Sie doch haben?“ „Die liegen weit zurück, in der Kinderzeit. Ich habe Cello gespielt.“ „Taten Sie es gern?“ „Nein, mein Vater zwang mich dazu.“ „Woran erinnern Sie sich noch?“ „An meine Mutter!“ „Hatten Sie eine starke Bindung?“ „Ja.“ Bis zu diesem Moment war es ihm nicht klar bewußt gewesen. Leise setzte er hinzu: „Ja, sehr stark!“ „Sie müssen in Ihrer Jugend eine akute rheumatische Erkrankung durchgemacht haben. Daher stammt wahrscheinlich der Herzklappenfehler. Fällt es Ihnen ein?“ „Nein!“ „Es kann sich nicht stark eingegraben haben. Zur Zeit scheinen Sie sich nur an so etwas wie Schlüsselerlebnisse zu erinnern. Kommen Sie mal hoch jetzt?“ Er sah sie hilflos an. 145
Sie forderte energisch: „Na, los doch! Setzen Sie das Bein auf den Boden!“ Er tat es. „Und nun stehen Sie auf!“ Er tat auch das, belastete das Bein und fiel geradewegs in ihre Arme. In diesem Augenblick hörten sie Professor Liebscher sagen: „Du gehst durch den Wald, David, erinnerst du dich? Du hast schwer zu tragen, du trägst in jeder Hand einen Koffer. Die Koffer sind schwer. Du wirst es schon schaffen, David, aber Esther an deiner Seite, wird sie es auch …?“ Der Mann und die Frau standen engumschlungen wie ein Liebespaar, sie waren starr vor Schreck. Unterdessen füllte Professor Liebschers Stimme den Raum, sie klang leise und sehr eindringlich. Er sagte: „Du hast es nicht mehr weit, David, nur noch wenige hundert Meter. Du bist gleich da. Aber sei um Gottes willen vorsichtig! Du darfst nicht auf die Zweige treten. Das Geräusch kann dich verraten. Die Grenze wird bewacht …“ Langsam lösten sich der Mann und die Frau voneinander. Er torkelte zum Bett und fiel darauf. Die Stimme des Professors, die immer weiterredete, schien aus dem Nichts zu dringen. Für einige Sekunden glaubte der Mann, nur er hörte sie, in seiner Phantasie nämlich. Aber dann sah er am Gesicht der Frau, daß sie ebenso entsetzt war wie er. Plötzlich drehte sie sich um, lief zur Tür und auf den Gang hinaus. Sie ließ ihn allein. In seiner Angst! Professor Liebschers Stimme sagte: „Und nun der Schuß, David! Hörst du ihn? Hörst du diesen Schuß? Du bist getroffen, aber du fällst nicht! Du fällst nicht, David, du beginnst zu fliegen! Der Mond ist eine blaßrote Scheibe, und du fliegst ihr entgegen. Du kommst ihr immer näher, David, siehst du es? Und nun beginnt sie 146
zu zerfließen, diese Scheibe, und sie ist auch nicht mehr über, sondern unter dir. Es ist ein riesiges Flammenmeer, David, und du fällst mitten hinein. Aber du sprichst noch! Hörst du, was du sagst? Du sagst: ‚Warum haben Sie uns das angetan? Sie wollten unser Leben retten, meine Herren, das hatten Sie versprochen, und nun haben Sie uns erschossen …‘ “ Die schreckliche Stimme sprach weiter, aber der Mann hörte sie schon längst nicht mehr. Er lag hingestreckt auf dem Bett. Er konnte nicht mehr denken. Und er wußte auch nicht, wieviel Zeit verstrich, bis er wieder eine Stimme hörte, diesmal eine andere. Sie sagte lapidar: „Diese Schweine!“ Und nach einer Weile fuhr sie fort: „Der Herr Professor sitzen ruhig über seinen Büchern und dem Kognak. Ich bin ums Haus gelaufen und hab’ durchs Fenster geguckt. Er braucht wohl nur auf den Knopf eines Abspielers zu drücken. Irgendwo haben sie hier einen Lautsprecher versteckt. Und er scheint sicher zu sein, daß alles funktioniert, denn er rührt sich nicht von der Stelle.“ Die Assistenzärztin stand am Fußende des Bettes und beobachtete den Mann. Er kam ein Stück hoch, fiel aber gleich zurück. „Was …“, keuchte er. „Was … was …?“ Er wußte nicht, was er fragen wollte. Sie kam zu ihm, und er streckte sich ihr entgegen. Sie nahm seinen Kopf an ihre Schulter und begann ihn zu streicheln. Sein Kopf rutschte herunter, immer tiefer und lag in ihrem Schoß. Sie streichelte ihn weiter. Sie flüsterte: „Es ist vorbei, mein Lieber, du hast es hinter dir!“ Plötzlich wußte er wieder, was er fragen wollte: „Was … sollte das?“ „Sie haben dein Gehirn gefüttert. Wie einen Computer. Du solltest für etwas geradestehen, was du nicht getan hast!“ „Un… Unsinn! So etwas … das gelingt … doch nicht.“ 147
Sie streichelte ihn noch immer. „Es ist gelungen, und es gelingt immer wieder. Die Menschen sind Experten darin, sich zu quälen. Sie nennen es Gehirnwäsche.“ Er lag in ihrem Schoß, und er fühlte ihre Hand. Niemals hatte ihm die Hand einer Frau so wohlgetan, außer der seiner Mutter vielleicht. Aber noch nie, das wußte er, hatte er sie so bitter nötig gehabt. Er spürte, wie er zu Kräften kam. Sie sprach weiter: „Du bist wahrscheinlich eine Treppe hinabgestürzt und hattest eine Gehirnerschütterung. Keine Contusio, verstehst du? Nur eine Gehirnerschütterung! Darauf haben sie aufgebaut. Ich habe dich jeden Abend spritzen müssen, vielleicht mit Meskalin? Ich weiß es nicht. Ich meinte nämlich, es sei ein Dämpfungsmittel. Der Pfleger hat die Ampullen vertauscht. Diese Phantastica erzeugen Halluzinationen, und du hast gedacht, es sei dein Traum. Ein Stück deiner Wirklichkeit, an die du dich zu erinnern glaubtest. Hattest du den Traum jede Nacht?“ Er nickte in ihrem Schoß. Sie streichelte ihn noch immer. „Es ist vorbei! Die Gehirnerschütterung ist vierzehn Tage alt, die zählt schon nicht mehr.“ „Aber ich erinnere mich an nichts! Ich weiß nicht einmal, wie ich heiße.“ „Das kommt jetzt schnell zurück. Die letzte Spritze hast du vor über vierundzwanzig Stunden bekommen. Du wirst sehen, wie die Erinnerungen ins Kraut schießen werden!“ Er kam hoch aus ihrem Schoß und blickte in ihr Gesicht. Sie lächelte. Dann nahm sie ein Stück vom Laken und wischte ihm die Nässe fort. Er stand auf und war verwundert darüber, daß es ging. Er spürte gar keinen Schmerz im Bein. Die Wut deckte alles zu. Er humpelte zum Schrank hinüber. Er zog den Anzug, der darin hing, über den Pyjama. Dann 148
humpelte er zum Nachttisch neben dem Bett, in dem er vierzehn Tage zugebracht hatte, vielleicht die schwersten seines Lebens, wer weiß es? Er nahm den Umschlag mit der brasilianischen Marke und die Brieftasche darunter mit dem Geld. Er steckte beides zu sich. Dann humpelte er zur Tür, und dort fiel ihm ein, daß er etwas vergessen hatte. Er kam zurück, beugte sich ’runter zu ihr und küßte sie auf die Wangen. „D